Produced by Inka Knirsch, Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net +--------------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription: | | | | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert, Fettdruck als $fett$. | | Die gesperrte Beschriftung der Abbildungen ist hiervon | | ausgenommen. Eine Liste der nderungen befindet sich am Ende des | | Texts. | | | +--------------------------------------------------------------------+ [Illustration: Der Verfasser und sein Begleiter vor dem Aufbruch] IM SATTEL DURCH ZENTRALASIEN 6000 KILOMETER IN 176 TAGEN VON ERICH VON SALZMANN LEUTNANT IM NEUMRKISCHEN FELD-ARTILLERIE-REGIMENT No. 54 MIT VIELEN BILDERN, MEIST NACH ORIGINALAUFNAHMEN DES VERFASSERS, EINER BERSICHTSKARTE UND 8 KARTENSKIZZEN 11.-13. TAUSEND BERLIN 1912 GLOBUS VERLAG G.M.B.H. Alle Rechte vorbehalten MEINEN ELTERN ZUGEEIGNET Inhaltsverzeichnis Seite Vorwort VII Kap. I. Nach der Mongolei und durch Schansi 1 Kap. II. Vorbereitungen zum grossen Ritt nach dem Westen 49 Kap. III. ber Taiyuanfu zur alten Kaiserstadt Hsi Ngan Fu 81 Kap. IV. In der Provinz Schensi 119 Kap. V. Kansus Steppen 143 Kap. VI. Durch die Wste Gobi zum Thien Schan 185 Kap. VII. Chinesisch-Turkestan 201 Kap. VIII. Von Kaschgar ber den Alai nach Russisch-Turkestan 279 Kap. IX. Zur Heimat zurck 305 VORWORT Hiermit bergebe ich mein kleines Buch der ffentlichkeit. Es soll kein Forschungswerk sein, sondern nur das erzhlen, was ich im fernen Osten und auf dem Wege ins Innere Asiens gesehen und erlebt habe. Es soll weitere Aufklrung darber bringen, was Mann und Pferd in 176 tgigem Ritt ber eine Strecke von annhernd 6000 Kilometern durch Wsten und Schneeberge, in Hitze und Klte und nur mit den denkbar einfachsten Hilfsmitteln ausgestattet, zu leisten vermgen, und es soll im besonderen auch fr den mongolischen Pony, meinen treuen Begleiter, eine Lanze brechen. _Berlin_, im November 1903. $ERICH VON SALZMANN$ ZUM 1. KAPITEL [Illustration: Routenkarte zum Distanzritt nach der Mongolei und durch Schansi] I. KAPITEL. Nach der Mongolei und durch Schansi. [Illustration: Erich von Salzmann] Von jeher bin ich ein groer Freund des Reit- und Rennsportes gewesen. Whrend des nicht sehr ereignisreichen Garnisonlebens in Peking und Tientsin hatte ich Gelegenheit, mich viel mit dem chinesischen Pferdematerial zu beschftigen. So lag der Gedanke nahe, zum Abschlu meiner Dienstzeit in China meinen bis dahin im Dienst unternommenen Rekognoszierungsritten einmal eine etwas grere Ausdehnung zu geben und auf dem Landwege nach Hause zurckzukehren. Im stillen hatte ich mich lngst darauf vorbereitet; zunchst durch planmige Erlernung der chinesischen Sprache. Sodann erbat ich mir einen 45 tgigen Urlaub zu einem Proberitt ins Innere, der sich vorlufig nur auf die Mongolei und die Provinz Schansi beschrnken sollte. Da ich bei dieser Gelegenheit wichtige Erfahrungen fr die spter auszufhrende groe Reise Tientsin-Andischan sammelte und auch sonst interessante Punkte berhrte, so habe ich es fr zweckmig gehalten, im ersten Kapitel die Schilderung dieses Rittes vorauszuschicken. Der photographische Apparat wurde auf diesem Ritt nicht mitgenommen, einer meiner Freunde hatte jedoch die Gte, mir fr dieses Kapitel seine Aufnahmen zur Verfgung zu stellen. Mit Bezug auf das Pferdematerial, das mir bei diesem, wie bei dem spteren groen Ritt zur Verfgung stand, verweise ich den Leser auf das zweite Kapitel, in dem ich das zusammengestellt habe, was mir ber den chinesischen Pony und den Rennsport in China bekannt geworden ist. Der Abmarsch von Tientsin war auf den 25. September 1902 festgesetzt. Zuvor mute ich mir noch einen Pa vom Taotai besorgen; es war anzunehmen, da dieser gengen wrde, denn Tschili wie Schansi, mein Reiseziel, waren vllig ruhig. Mit mir ging nur mein getreuer Mafu, ein schon lngere Zeit in meinen Diensten stehender Chinese aus besserer Familie. Als ich ihn fragte, ob er denn mit wolle, und ihm zugleich sagte, wohin ich ungefhr zu gehen gedchte, machte er zuerst ein recht zweifelhaftes Gesicht. Mitreiten wollte er schon gerne, nur wte er nicht, ob es seine Eltern erlauben wrden, auerdem schien ihm eine Partie in den Wu tai schan nicht recht geheuer, denn dort sollte es furchtbar kalt sein, und Klte schtzt der Chinese absolut nicht. Die Eltern hatten schlielich nichts gegen seine Abreise, nur die Taitai, seine Frau, behauptete mit einem Male, whrend seiner Abwesenheit nicht mit dem blichen Monatsgelde auskommen zu knnen. Ich legte aber einige Dollars zu, und als er dann noch die fr ihn bestimmten Ausrstungsstcke europischer Arbeit besichtigt hatte, war alles gut und er selbst Feuer und Flamme fr die Partie; im brigen bin ich berzeugt, da er weder seine Eltern noch seine bessere Hlfte gefragt hat, sondern nur etwas mehr Geld herauszuschinden hoffte. So ist nun einmal der Chinese, wo er einen Profit machen kann, und sei es der allerkleinste, da ist ihm kein Mittel zu schlecht. brigens ist es auerordentlich wichtig, einen Diener mit zu haben, dem man vertrauen kann, denn keine Gelegenheit ist gnstiger zum Ausbeuten eines Europers, als wenn dieser eine Reise ins Innere unternimmt. Ich glaube beinahe, da jeder Chinese, mit dem man unterwegs verhandeln mu, eine Art moralischer Verpflichtung fhlt, den fremden Teufel nach Mglichkeit zu plndern. Mein Mafu, der sich auch bisher stets ordentlich aufgefhrt hatte, hat sich auf dieser Reise aufs glnzendste bewhrt. Ohne ihn htte ich rettungslos das dreifache Geld ausgegeben, und jeder Mensch, mit dem ich spter ber den Geldpunkt sprach, war erstaunt ber meine Angaben, denn ich bin nie in meinem Leben billiger gereist als im Innern Chinas, natrlich abgesehen von den Ausgaben fr die Ausrstung. Diese waren fr mich auch nicht besonders hoch, da ich fast alle die fr den Feldgebrauch bestimmten Stcke benutzen konnte und als Reittiere bezw. als Packtier die in meinem Besitz befindlichen Rennponies mitnahm. Einen fertigen Reiseplan mit genauer Route stellte ich nicht auf, da ich eben dorthin gehen wollte, wohin es mir gerade pate und mich in keiner Weise irgendwie zu binden beabsichtigte. Viele meiner Kameraden schttelten den Kopf ber mich. So ganz allein, nur mit einem Chinesen, also ohne allen Komfort, im Lande herumzuziehen, das schien ihnen doch nicht geheuer. Aber gerade das reizte mich, und jetzt, wo ich die lange, anstrengende Tour hinter mir habe, bereue ich auch nicht im entferntesten, sie unternommen zu haben. [Illustration: Mein Bursche und mein Boy] Am 23. war alles fertig, viel war eben auch nicht zu besorgen, der Pa war eingetroffen, meine Redakteurstelle an unserm Tientsiner Wochenblatt, die ich in Vertretung bernommen hatte, wieder vom eigentlichen Inhaber besetzt und mit allen guten Freunden Abschied gefeiert, teilweise sogar recht intensiv. Aber ich hatte ja 45 Tage vor mir, um jeglichen Alkohol loszuwerden; denn auer einem ganz kleinen Flschchen Kognak fr einen mglichen Krankheitsfall wurde nichts mitgenommen. brigens htte ich auch keinen Platz gehabt, um etwa eine grere Anzahl Flaschen unterzubringen, denn mein schon auf ein Minimum beschrnktes Gepck war eine ziemlich schwere Last fr das Tragetier. Meine drei Ponies waren wochenlang vorher getrabt worden, so da sie ganz gut im Training waren. Ich hatte sie vom deutschen Schmied sehr sorgfltig beschlagen lassen, leider machte ich damit schlechte Erfahrungen, da der chinesische Beschlag, zu dem ich naturgem greifen mute, ein ganz anderer ist. Ich habe durch den Wechsel des Beschlages viel rger infolge Lahmen der Tiere gehabt, doch davon spter. Meine Ausrstung bestand in feldgrauem Anzug, lederbesetzter Reithose, englischen Gamaschen, schweren, ngelbeschlagenen Schnrstiefeln und grauem Filzhut, am Leibe trug ich mein Zei'sches Fernglas. Mein Mafu war ebenso ausgerstet, nur hatte er eine kleine Mtze auf dem Kopfe, da der chinesische Schdel gegen die Sonne weniger empfindlich ist als ein europischer; am Leib trug er eine Feldflasche, die mit Tee gefllt wurde. Die beiden Reittiere hatten englische Offizierssttel, jedes zwei wie Woylachs zusammengelegte Schlafdecken unter dem Sattel; am letzteren kleine Vorderpacktaschen. Mein Pony trug ferner Sbel und Mauserpistole am Sattel, ebendort der Mafu zwei Hinterpacktaschen und Mantelsack. Das Packtier war mit einem vorschriftsmigen Armeesattel ausgerstet, der sich als ganz vorzglich zum Packen geeignet erwies. Der Sattel selbst hatte vorn Packtaschen und hinten einen Mantelsack, quer ber den Sattel ganz schmal und lang zusammengelegt eine Kamelhaardecke sowie eine seidene Decke, beide in eine wasserdichte Zeltbahn eingeschlagen, ber diese, zu beiden Seiten des Sattels hngend, groe, ganz einfache schweinslederne Packtaschen. Oben darauf lag der Schlafsack, darin die Kartentasche mit Inhalt an Karten- und Schreibmaterial und ein Kochgeschirr, das ich brigens nie benutzt habe. ber das ganze ging ein Obergurt und ringsherum eine Art Umlaufriemen. Der Sattel hatte ein Vorderzeug, wie es die Maultiere im Gebirge tragen, nmlich einen einfachen breiten Riemen ohne Verbindung nach den Gurten, auerdem nach hinten einen Schwanzriemen. Diese Art zu packen, die ich erst nach mehrfachen Versuchen herausbekam, erwies sich als auerordentlich praktisch. Mir ist das Gepck von diesem Zeitpunkt ab niemals mehr gerutscht, trotzdem ich sehr viel getrabt habe und mir zweimal das Packtier entlaufen ist, und zwar in schrfster Gangart. Als Zaum nahm ich die vorschriftsmige Halfter mit Unterlegtrense, an der Halfter den Anbinderiemen, der jedoch nicht zusammengerollt wurde, sondern einmal um den Hals des Tieres geschlungen und nach einem einfachen Knoten mit seinem Ende in die Schnalle des andern Endes eingeschnallt wurde. Diese Art, die brigens die gesamte englische Kavallerie hat, ist sehr viel praktischer als die augenblicklich vorschriftsmige deutsche. Denn erstens ist sie weniger zeitraubend beim An- und Abbinden des Tieres und dann vermeidet man auch das Herumrutschen des aufgerollten Halfterriemens unter die Kehle des Tieres, wie man es bei uns im Manver nach einiger Zeit stets beobachten kann. Da es immerhin doch ganz interessant ist, zu wissen, was man so fr 45 Tage auerhalb jeglichen europischen Kulturbereiches braucht, will ich in aller Krze einmal den Inhalt meiner Packtaschen aufzhlen. Wie gesagt, mute ich mein Gepck auf den kleinsten Umfang beschrnken, und trotzdem mit allen Zufllen einer solchen Reise rechnen, bei der es, wenn etwas passiert, einfach heit: "Hilf dir selbst." Von vornherein lie ich daher jegliches Getrnk fort, ich habe es brigens auch nie entbehrt, sondern mich beim chinesischen Nationalgetrnk, dem Tee, uerst wohlgefhlt. Ebenso lie ich alles Rauchmaterial zu Hause; ich bin sowieso kein passionierter Raucher und habe sogar die mir beim Abschied in Peking geschenkte gute Zigarre wieder mit zurckgebracht, d. h. ich habe es einfach vergessen, sie zu rauchen. In den verschiedensten Packtaschen verteilt war ungefhr folgendes: Ein Reserverock, lederne Weste, eine Pelzlitewka, drei wollene Hemden, drei wollene Unterhosen, vier Paar wollene Strmpfe, sechzehn Taschentcher, vier seidene Hemden, vier Handtcher, wollenes Halstuch, Morgenschuhe, gesamtes Waschzeug mit Gummiwaschbecken, Silberwage, Kompa, Ebesteck, Lichter, Streichhlzer, Putzzeug fr Waffen, Putzzeug fr Ponies, Medikamente fr alle mglichen Krankheiten, Staubbrille, Nhzeug, Seife zum Waschen von Wsche, einige Bcher, ein Pack Zeitungen, silberner Becher, deutsche und chinesische Visitenkarten, Patronen, Schreibzeug, einige wenige Konserven fr Notflle. Mein Freund Dr. B. hatte mir zu den Medikamenten eine kleine Gebrauchsanweisung zusammengestellt, Gott sei Dank habe ich am eigenen Leibe niemals davon irgend welchen Gebrauch machen mssen. Nun kommt noch zuletzt der nervus rerum, das Geld. Besonders in betreff Unterbringung ist das hier in China das unangenehmste; denn abseits der groen Straen nimmt der Chinese kein Papiergeld, geschweige denn den gemnzten Dollar, nur das ungemnzte Silber und das durchlochte Kupfergeld gilt. Um von letzterem gengend Vorrat mitzunehmen, mte man mehrere Wagenladungen voll machen, man ist daher auf Silber in Schuhen -- so genannt, weil die Stcke in eine einem Schuh hnliche Form gegossen sind -- angewiesen. Ich hatte im ganzen fr 400 Dollar Silber mit. Ein Dollar ist ebenso gro wie unser deutsches Fnfmarkstck, man kann sich also einen Begriff davon machen, ein wie hohes Gewicht man da mitschleppt. Die Deutsche Ostasiatische Bank hatte mir alles in kleinen Stcken, jedes annhernd zu zwei Taels -- ungefhr sechs Mark -- eingewechselt und immer drei bis vier solcher Stcke in ein mit dem betreffenden Gewicht bezeichnetes Pckchen zusammengewickelt. Das erwies sich als sehr praktisch, denn erstens lie sich das Silber leichter verpacken, da ich es auf alle Packtaschen verteilen mute, um die drei Pferde gleichmig zu belasten und auch bei einem eventuellen Diebstahl nicht gleich alles auf einmal einzuben, zweitens war das Wechseln in Kupfergeld erleichtert, da grosse Stcke in kleinen Ortschaften im Gebirge wohl kaum gewechselt werden konnten. Mir ist es, allerdings nur ein einziges Mal, passiert, da sogar mein kleinstes Silberstck im Gewicht von 1 Tael nicht gewechselt werden konnte, weil einfach im ganzen Dorf nicht soviel Kupfergeld vorhanden war. Ich geriet dadurch in eine recht unangenehme Verlegenheit. Hinzufgen will ich noch, da der Tael nicht die Bezeichnung einer Mnze, sondern die Bezeichnung eines bestimmten Gewichtes ist, letzteres differiert aber auch in den verschiedenen Provinzen, worauf man mich bereits in Tientsin auf der Bank aufmerksam machte. Ebenso schwankt die Zahl der Cash, die man auf einen Tael erhlt, in den verschiedenen Gegenden recht erheblich, z. B. hat Tientsin recht schlechtes kleines Geld, und man erhlt ungefhr den dreifachen Betrag wie in Taiyuanfu. Peking hat wieder sehr groe Kupfermnzen, und man bekommt natrlich dementsprechend weniger. Gerade ber diese Geldverhltnisse sind die wenigsten hier zu Lande reisenden Europer orientiert, und haben sie unehrliche Dienerschaft, was man unter zehn Fllen neunmal annehmen kann, so werden sie berall entsprechend bestohlen. Am 24. September erledigte ich meine dienstlichen Abmeldungen, erhielt noch manchen freundlichen Wunsch mit auf den Weg und manchen guten Rat. Im brigen fand ich spter alles anders, als es mir geschildert worden war, denn seit den Zeiten der Okkupation und seitdem der Soldat nicht mehr unumschrnkt im Lande herrscht, hat sich vieles gendert, und gerade in Ortschaften, die frher ihrer liebenswrdigen Einwohner wegen bekannt waren, wurde ich am schlechtesten behandelt. Am 24. nachmittags hatte ich noch gerade Gelegenheit, die erste Schnitzeljagd unseres hiesigen Reitervereins -- von mir selbst als Piqueur-Offizier ausgesucht -- mitzureiten. Vor der Jagd hatte ich das Pech, mich mit meinem sonst so friedfertigen Peter zu veruneinigen, was ihn veranlate, mich in hohem Bogen herunterzusetzen, wobei mein Kopf in etwas unsanfte Berhrung mit Mutter Erde kam. Infolgedessen habe ich unterwegs recht viel an Kopfschmerzen gelitten. [Illustration: PEKING Blick von Hatamen nach Norden, links das Gesandtschafts-Glacis] Am 25. morgens nahm ich von meinen Batteriekameraden Abschied, dann gings per Ricksha zur Bahn, wo meine drei Ponies bereits fertig verladen im Waggon standen. Bei schnstem Wetter dampfte ich vergngt gen Peking, wo mich der liebenswrdige L., unser Batteriekamerad und Fhrer des Feldartilleriedetachements Peking, von der Bahn abholte. Es war alles aufs schnste vorbereitet, ich brauchte mich um gar nichts zu kmmern und mute nur sehen, bald wieder loszukommen, denn der gute L. wollte mich gleich fr mehrere Tage festnageln, whrend es mich begreiflicherweise hinauszog. [Illustration: Deutscher Soldatenfriedhof in Peking] Gelegenheit fand ich noch, die fortschreitenden Arbeiten am Ketteler-Denkmal zu sehen. Der groe Ehrenbogen ist im Stil der blichen chinesischen Ehrenbogen, er wird eine Inschrift mit Bezug auf die ruchlose Mordtat in deutscher, lateinischer und chinesischer Inschrift tragen. Das ganze Steinmaterial des Bogens wird an Ort und Stelle bearbeitet, und zwar werden geradezu enorme Blcke zum Bau verwendet. Ich sah an einem solchen Riesenblock ber 150 Ponies ziehen, und trotzdem kamen sie nur unter alleruerster Kraftanstrengung von der Stelle. Die fr den Bogen bestimmten Fundamente sind auerordentlich solide; sie sind wie fr die Ewigkeit gemauert, mchten sie den Bogen auch eine Ewigkeit tragen, den Chinesen zur Warnung, nicht wiederum einen derartigen Vlkerrechtsbruch zu begehen. Interessant ist es, zu beobachten, mit wie lcherlich einfachen Mitteln die Chinesen arbeiten. Zu dem Gerst z. B., an dem die mchtigen Blcke gehoben werden, und zwar unter sehr sinnreicher Ausnutzung der Hebelkraft, sind lediglich etwa 10 cm im Durchmesser messende Bambusstangen zusammengebunden. Merkwrdig ist, wie wenig bekannt die Tatsache der Ermordung des deutschen Gesandten im Volke ist, die meisten wissen berhaupt gar nicht, was der Grund zur Errichtung des Bogens ist; wie der Chinese bekanntlich sehr geschickt im Verdrehen der Wahrheit ist, so hat er es auch hier bewiesen. Mein Mafu z. B. behauptete, da die Deutschen dem hingerichteten Mrder zu Ehren diesen Bogen errichteten. Wen damals En Hai ermordet hatte, von den nheren Umstnden der Mordtat, sowie den daraus entstehenden Wirren hatte er keine Ahnung, trotzdem er whrend der ganzen Zeit in Tientsin die Unruhen miterlebt hatte. Auch das Gesandtschaftsviertel selbst hatte seit den wenigen Wochen meiner Abwesenheit von der Hauptstadt schon wieder sein Bild verndert. berall wurde eifrigst gebaut, und wenn man, wie ich, noch vor zwei Jahren den wsten Schutt- und Trmmerhaufen gesehen hatte, so mute man wirklich staunen, was in der Zwischenzeit fr ein schmuckes internationales Stdtchen entstanden war. Im Kasino der Gesandtschaftswache erlebte ich als Gast L.'s einen sehr hbschen Abend, um dann zum letzten Male auf sechs Wochen recht gut in einem Bett zu schlafen, denn von jetzt an sollte der harte chinesische Kang, das gemauerte Ruhelager, meine Bettstatt sein. [Illustration: Offizier-Kasino in Peking] Bei herrlichstem Sonnenschein ritt ich am 26. in Begleitung von drei Kameraden, mit Mafu und Packtier hinter uns, aus dem Gesandtschaftsviertel. Mir war so wohl zu Mute, wie selten, ich hatte ein ordentliches Glcksgefhl im Herzen, einmal die kleinen Sorgen des tglichen Lebens gnzlich hinter mir lassen zu knnen und vollkommen frei und unabhngig in Gottes schne Natur hinausreiten zu drfen. Im Schritt und Trabe ging es durch die mir noch aus der Okkupationszeit so wohlbekannten Straen nach dem Nordtor, doch schon innerhalb der Mauer kam die erste Havarie, der Packsattel rutschte, wir packten schnell um, dann gings weiter. Am Tor verabschiedeten sich meine Begleiter, mir nach Jgerart "Hals- und Beinbruch" wnschend. Mit mir zugleich passierte ein groes Leichenbegngnis mit der blichen, Menschen- und Pferdeohren beleidigenden Musik das von Juan-schi-kai'schen Truppen bewachte Tor. Ich nahm den Leichenzug als gutes Omen, notabene htte ich wahrscheinlich alles als gutes Vorzeichen genommen, da ich durchaus nicht die Absicht hatte, mir meine gute Laune durch irgend etwas stren zu lassen. Weiter gings im flotten Trabe quer ber den groen Exerzierplatz am gelben Tempel vorbei, um die groe, nach der Mongolei fhrende Karawanenstrae zu gewinnen. Doch gabs bald wieder Stopp; die groen Packtaschen rutschten, nochmals wurde umgepackt, um nach einem weiteren Kilometer wieder zu scheitern. Es ist nicht so einfach, ein Packtier, das Trab gehen soll, sachgem zu packen! Als wir uns so in der brennenden Sonne abmhten, erbarmte sich unser ein zufllig vorbeireitender Chinese. Obwohl ich natrlich seinen weisen Worten nicht traute, machte ich es doch nach seinen Angaben; es ist die vorher beschriebene Art, und siehe da, er hatte recht, denn nicht ein einziges Mal mehr ist mein Gepck gerutscht. Die Hauptsache liegt in dem genauen Abbalanzieren der beiden groen Packtaschen. Spter wute ich schon ganz genau auswendig, was in die linke und was in die rechte hineingehrte, kleinere Unstimmigkeiten im Gleichgewicht wurden dann durch das Kupfergeld, die Cash, ausgeglichen. Gegen 1 Uhr war ich in Scha-ho, wo ich Mittagsrast machen wollte. Das Gasthaus war gut und sauber, die Chinesen darin allerdings hchst unverschmt; sie sind durch den hier verhltnismig starken Fremdenverkehr, der nach der groen Mauer und den Ming-Grbern geht, verwhnt. Die Pferde wurden gefttert, das Packtier war schon hier infolge der ungewohnten Last recht mde. Nach zweistndiger Rast gings weiter auf Nankau zu, und zwar auf dem direkten Wege, Champing-chou rechts liegen lassend. Es herrscht lebhafter Verkehr auf dem teilweise recht schlechten steinigen Wege. Kamel-, Maultier- und Eselkarawanen mit Kohle, Hanf und andern Landeserzeugnissen kommen und gehen, einige Gebirgs-Snften, von Maultieren getragen, je eins vorn und hinten, begegnen uns, ebenso vereinzelte chinesische Kavalleristen. Allmhlich macht sich unsere Marschordnung von selbst, vorn reitet der Mafu, am langen Riemen das Handtier fhrend, so da dieses nicht neben ihm, sondern hinter ihm geht. Ich reite hinter dem Packtier, um auf dieses zu achten, und es eventuell zu treiben, wenn es faul wird. Durch die Schmalheit der Wege und den starken Verkehr wird man ganz von selbst zu dieser Reihenfolge gezwungen. An sich ist der Weg hier in der Ebene enorm breit, aber er zerfllt gewissermaen in lauter einzelne Fuwege, whrend das dazwischenliegende Gelnde sehr steinig oder sehr ausgefahren ist. Die chinesische Bevlkerung war berall bei der Ernte, sie kmmerte sich eigentlich gar nicht um uns, ist auch an den Anblick des Europers zu sehr gewhnt. Gegen 6,30 abends, es wurde schon dunkel, kamen wir glcklich in Nankau, unserm heutigen Reiseziel, an und ritten in das chinesische Gasthaus, das sich stolz Nankau-Hotel nennt. Den Wirt kenne ich schon seit Jahr und Tag als einen rechten Halsabschneider, daher war ich vorsichtig genug, jeden Preis vorher auszumachen und meinen Mafu nach auerhalb zum Einkauf des Pferdefutters zu schicken. Die ganze Nacht hindurch hrte man die Klingeln und Glocken der kommenden und gehenden Karawanen. Bei mir versuchte eine Katze mehrfach durchs Papierfenster einzubrechen, wahrscheinlich, um das auf dem Tisch liegende Huhn zu stehlen. Da ich jedoch mit harten Gegenstnden warf, zog sie es vor, sich zu verziehen. Nachdem ich so eigentlich recht wenig zum Schlafen gekommen war, kroch ich ziemlich frh am 27. September aus meinem Schlafsack. Letzterer, von Jacob aus Dinslaken, jetzt in Kln, hat sich nebenbei ganz vorzglich bewhrt. Zuerst sah ich nach meinen Ponies. Der eine, eigentlich meine Hoffnung fr zuknftige Rennen, stand bedenklich im "Rhrt euch", ihm taten die Hufe sehr weh, er schien auch schlecht geschlafen zu haben, denn er lie recht mimutig den Kopf hngen. Schnetz, das ist nmlich sein Name, wer htte das gedacht, da du mich so bald treulos im Stich lassen wrdest! Ich lie ihn mir im Trabe vorfhren, wobei sich denn auch ergab, da er recht klamm ging. Bis hierher hatte er das Gepck getragen. Das wurde nun dem andern Fuchs, mit Namen Dr. H., aufgepackt; er schtzte das zwar zuerst absolut nicht und benahm sich frech und gemein, aber es half ihm nichts, mit 1 Zentnern Gewicht auf dem Buckel springt man nicht lange herum, und bald war er ganz vernnftig und hat sich in der Folge als am besten zum Gepcktier geeignet erwiesen und mir vorzgliche Dienste geleistet. Nach dem blichen Theater mit dem Wirt ging's um 7,30 ab in die Berge. Wir muten den ersten Teil des Nankau-Passes fhren, da er sehr steinig ist. Von vorn kam ein recht kalter Wind, ein kleiner Vorgeschmack fr spter. Dauernd passierten wir Karawanen mit Erzeugnissen des Landes. Einige Mongolen in ihren Schafpelzen sahen uns recht verwundert nach, sonst kmmerte sich wie gestern kein Mensch um uns. Manche Strecke des Passes kann man ganz bequem traben. Gegen 11 Uhr passierten wir die Mauer bei Pataling und waren gegen 11,45 in Shatau. Der kalte Wind hatte aufgehrt, und die Sonne brannte unbarmherzig auf die steinige Ebene. Es herrschte ein recht lebhafter Verkehr, hauptschlich waren es Eselreiter. Hierzulande kann man per Esel noch billiger reisen; in der Unterhaltung mit einigen dieser Leute erfuhr ich, da sie auf 50 Li = 25 km nur fnf Cent, also zehn Pfennig bezahlen. Auch einige recht verdchtig aussehende Individuen, mit uralten Pistolen bewaffnet, kamen an uns vorbei. Mir fiel auf, da sie mich so sehr vertraulich angrinsten, etwa wie ein Strolch, der ein schlechtes Gewissen hat, den Gendarm begrt, und richtig sollten wir am nchsten Tage wieder von der Gesellschaft zu hren bekommen. Da wir meistenteils gefhrt hatten, waren die Tiere noch ganz frisch, ich beschlo also, nicht Mittagsrast zu machen und gleich bis Hweilei zu marschieren. Doch rentiert sich das nicht bei Ponies, z. B. beobachtete ich berall, da alle Reisenden, sei es per Snfte, Karren oder Pferd, sie mochten es auch noch so eilig haben, stets Mittagsrast machten. Die Leute haben hier die jahrhundertelange Erfahrung fr sich, und man soll es ruhig genau so machen, wie der Chinese, dann fhrt man sicher am besten. Gegen 3 Uhr nachmittags kam ich in Hweilei an; rechts lag das Kiming-Gebirge, in der Sonnenglut rtlich glnzend. Hweilei selbst mit seinem auf hoher Kuppe liegenden Tempel und seinen hohen Stadtmauern macht einen hbschen Eindruck. Fr uns Deutsche hat es eigentlich eine recht traurige Erinnerung, denn hier verstarb an Kohlenoxydvergiftung der Oberst Graf York. Das Gasthaus lag am andern Ende der Stadt, auerhalb der Mauern. Der chinesische Geschftsfhrer war sichtlich ber unser Kommen erfreut, versprach der Europer doch sicher eine lohnende Ausbeute. Ich wollte mir angebotenes, sehr schnes Obst kaufen und dabei mit gemnztem Gelde, das in dieser Gegend noch genommen wird, bezahlen. Der Chinese nahm anscheinend an, da ich nur gemnztes Geld htte, und wollte mich in der unverschmtesten Weise beim Wechseln bers Ohr hauen, d. h. ich htte fr einen Tael nur 60 Cent Kupfermnzen bekommen. Ich griff sofort zu meiner Geldwage und den Taels und wollte gerade wechseln, als Gott sei Dank mein Mafu dazu kam und sofort sah, da die Chinesen mich aufs schndlichste betrogen. Ich hatte keine bung im Umgehen mit der chinesischen Geldwage, und die Chinesen hatten dies, ohne nur eine Miene zu verziehen, sofort benutzt. Seitdem habe ich meinem Mafu die Bezahlung der Rechnungen und die endlose Feilscherei mit den Kaufleuten stets ganz selbstndig berlassen und bin dabei sehr gut gefahren. Mein Fuchs Schnetz war recht lahm; ich zog einen chinesischen Schmied hinzu, der gab den Rat, die Beine mit chinesischem Schnaps einzureiben; nolens volens tat ich das denn auch und hatte wenigstens momentan damit Erfolg. Heute gab's zum ersten Male chinesisch zu essen, es schmeckte ganz gut; spter habe ich mich sogar vollkommen daran gewhnt und manche Gerichte wohlschmeckend gefunden, nur der ewige Hammel war recht strend, ich konnte schlielich Hammelfleisch kaum noch hinunterbringen. Am Abend hatte ich noch eine spaige Begegnung. Ein Mann aus Fan-shan-pu stellte sich ein, um mich zu begren; wir waren voriges Jahr auf einer kleinen Expedition einen Tag dort gewesen, der Mann hatte mich im Vorbeireiten wiedererkannt und kam nun, mir seinen Besuch zu machen. Wenn man bedenkt, da es uns im Anfang auerordentlich schwerfiel, einen Chinesen vom andern zu unterscheiden, und man doch annehmen kann, da es den Chinesen umgekehrt mit uns genau ebenso geht, so ist es doch alles mgliche, da dieser Mann sich noch unser erinnerte. Anderseits ist es freilich auch nicht ausgeschlossen, da er einfach log und sich nur mit der europischen Bekanntschaft dicktun wollte. Letzteres nahm ich denn auch an und hielt ihn mir drei Schritt vom Leibe, er wollte nmlich recht vertraulich werden. Die Nacht schlief ich recht gut auf dem Kang. Zwei Decken, recht schmal und ganz glatt zusammengelegt, unter dem Schlafsack, eine Decke darber, das gibt ein ganz schnes Bett; der zusammengelegte Rock dient als Kissen, und als es klter wurde, legte ich die Pelzlitewka auf die Fe; so habe ich stets vorzglich geschlafen. Man mu nur die Decken recht glatt legen, denn jede, auch noch so kleine Falte wirkt strend. Das Lager ist zwar recht hart, aber jeden Tag Stroh als Unterlage zu kaufen, wrde auf die Dauer zu teuer werden, und dann glaube ich, da man sich in dieser Beziehung schnell gewhnt. Ich habe in der Garnison fast nie so gut geschlafen wie whrend meiner Reise auf den steinernen Kangs. 28. September 1902. Wir kamen heute ziemlich spt weg. Das Satteln und Packen dauert doch immerhin drei Viertelstunden; ich helfe dabei stets mit. Gerade als wir abmarschieren wollten, kamen acht chinesische Kavalleristen in den Hof. Ich dachte schon, da sie mich begleiten sollten, wie es den Reisenden hier meistenteils zu gehen pflegt. Sie nahmen aber gar keine Notiz von mir und lieen mich ungestrt abziehen. Der chinesische Mandarin stellt die Begleitung nicht etwa, um fr den Reisenden zu sorgen, sondern aus Angst, da dem Reisenden etwas zustoen knnte, weil es ihm dann an den Kragen geht. Ist der Reisende ber sein Machtbereich hinaus, so kann ihm umgehend der Kopf abgeschnitten werden, das schert ihn absolut gar nicht. Auf der groen Karawanenstrae sind berall Kavallerieposten aufgestellt, meist gegen 15 Mann stark; sie versehen den Patrouillendienst auf dem Wege und haben sonst gar nichts zu tun, als in den Kneipen herumzuliegen. Natrlich beranstrengen sie weder sich selbst, noch ihre Pferde im Dienst; zu ihrer Ehre mu ich sagen, da sowohl Pferd wie Mann in guter Verfassung waren und da sie sich mir gegenber stets anstndig und nicht aufdringlich benommen haben. Allerdings haben sie ja in den vergangenen Jahren gemerkt, da der deutsche Soldat nicht mit sich spaen lt. Im allgemeinen fiel mir auf, da die Pferde smtlich nicht in Kondition waren, sie hatten alle mchtige Heubuche oder hier vielmehr Strohbuche, denn Heu bekommen die Ponies nicht zu fressen. Die vom Wirt prsentierte Rechnung war nicht hoch, die lebhafte Ermahnung meines Mafu schien genutzt zu haben. In flottem Tempo ging's nun auf teils recht guten, teils auch steinigen Wegen nach Nordwesten zu, ber Fang-chan, Tu-mupu nach Tj-tse. Dort machte ich in einem groen sauberen Gasthof Mittagsrast. Auch hier lag wieder Kavallerie; ich lie mich in eine Unterhaltung mit den Leuten ein; hauptschlich interessierte sie meine am Sattel hngende Mauserpistole; es wollte ihnen absolut nicht in den Kopf, da zehn Patronen auf einmal geladen werden knnen. Einige der Leute waren vor zwei Jahren beim berfall von Tu-mu-pau durch Reiter unter Oberleutnant Kirsten und Hauptmann von Sandrart beteiligt gewesen, sie hatten einen heillosen Respekt vor den Deutschen und betonten hauptschlich, da sie so schnelle Soldaten noch nie gesehen htten. Unsere Reiter haben damals, von Norden kommend, die chinesische Kavallerie unter Major Wang berrascht und ihr einen gehrigen Denkzettel gegeben. Nach Angabe der Chinesen haben sie damals elf Mann verloren. Beim Weiterritt trafen wir einen Lama -- Priester --, der sich mit meinem Mafu in eine Unterhaltung einlie. Er klagte ihm sein Leid, da man ihm gestern abend sein ganzes Bargeld abgenommen htte; nach seiner Beschreibung waren es die drei blen Individuen gewesen, die wir gestern hinter Shatau getroffen hatten. Da der Lama sonst einen guten Eindruck machte, half ich ihm mit einigem Kupfergelde aus. Er war sehr dankbar dafr; spt am Abend langte er in unserm Quartier an und half sofort meinem Mafu zum Dank beim Reinigen des Sattelzeuges und beim Pferdepflegen. Dankbarkeit findet man sonst in China recht selten. Bis Liang-kia-tschwang hatten wir recht guten Lehmweg, von da ab war wieder alles steinig. Alle kleinen Stdtchen, die wir passierten, sind ringsum befestigt, trotzdem ist hier alles im Zerfall; spter in Schansi ist mir dies nicht im selben Mae aufgefallen. Bei Tung-pa-li traf ich die erste chinesische Infanterie, sie begleitete irgend ein hohes Tier nach Peking. Das Gelnde rechts und links des Weges ist berall angebaut mit Mais, Reis, Hirse, Kauleang; auch hier waren die Leute berall bei der Ernte. In den Stdtchen und Drfern schwangen sie die ausgedroschene Hirse noch einmal aus. Sie werfen dabei einfach die Krner mittels einer breiten Schaufel in die Luft, der Wind entfhrt die staubigen Bestandteile, whrend die Krner zur Erde fallen. Weniger angenehm ist dies fr den Reisenden, denn die feinen Staubpartikelchen bleiben lange in der Luft und sind nicht nur strend, sondern direkt gefhrlich fr die Augen. Gegend Abend kam Kiming in Sicht mit recht gut erhaltenen krenelierten Mauern. Am Sdrand lag ein nicht sehr verlockend aussehendes Gasthaus, vor dessen Tr der Geschftsfhrer stand und uns winkte, hereinzukommen. Stolz zogen wir vorber, nicht ahnend, da es das einzige Gasthaus im ganzen Orte war. Die Sdmauer hatte kein Tor; wir ritten bis zum Westtor und durch dieses in die Stadt und quer durch diese hindurch bis zum Osttor, ohne ein Gasthaus zu finden. Also zum Osttor wieder hinaus und durch die Sdmauer auf dem soeben gekommenen Wege in das Gasthaus. Dort empfing uns natrlich der Geschftsfhrer hohnlchelnd; er hatte ganz genau gewut, da wir ihm nicht entgehen konnten. Mein Mafu behauptete, wir htten uns nur schnell noch die Stadt ansehen wollen; so hatte er wenigstens "das Gesicht gewahrt", was beim Chinesen stets die Hauptsache ist. Es war die hchste Zeit gewesen, da wir in das Gasthaus kamen und dort die beiden besten Zimmer mit Beschlag belegten, denn kurz nach uns kam ein hoher Mandarin von Kalgan herunter mit einem unglaublich groen Tro. Er mute mit den weniger guten Stuben vorlieb nehmen, denn ich ging natrlich nicht mehr aus den meinigen heraus, obwohl mir der Wirt sofort klar zu machen versuchte, da ich in den schlechteren wre. Jetzt hohnlachten wir ber ihn, der natrlich dem hohen Beamten gegenber in Verlegenheit war, da er es nicht einmal fertig brachte, da der ganz allein ohne Dienerschaft reisende fremde Teufel sofort die guten Zimmer rumte. Genau wie bei uns zu Hause steigt in den Augen des Wirts die Vornehmheit der Reisenden mit der Anzahl der mitgebrachten Diener und Gepckstcke. Da ich nicht gerade fr einen hohen Herrn gehalten wurde, ist bei nur einem Diener und einem Packpferde wohl klar. Die erste Frage war eigentlich seitens der Wirte stets: "Kommen deine Wagen nicht bald nach?" Denn da ein Europer so ganz ohne Komfort reist, knnen sich die Leute berhaupt nicht vorstellen, er mu dann eben ein ganz armer Mann sein und wird dementsprechend ber die Achsel angesehen. Ohne da ich es ahnte, hat mein Mafu, den es jedenfalls wurmte, da man mich nicht gengend honorierte, mehrfach erzhlt, die Wagen kmen am nchsten Tage nach; mir selbst hat er das allerdings erst in den letzten Tagen meiner Reise eingestanden. Der ankommende vornehme Chinese kmmert sich um seine Tiere auch nicht eine Sekunde, er setzt sich sofort auf den Kang, steckt umgehend seine Tabakspfeife an und trinkt Tee, den er brigens, ebenso wie die Kanne dazu, selbst mitbringt. Allerdings mu man bedenken, da er meist mit gemietetem Material reist und daher auch wenig Interesse am Wohlergehen seiner Pferde hat. Das Essen war wieder ganz leidlich, es gab eine Art deutsches Beefsteak und Kartoffeln. Im Gasthaus lagen fnf chinesische Kavalleristen, die alle mit Schimmeln beritten waren. Mir war gleich zuerst ein schnes, krftiges Tier aufgefallen, das sich so recht fr meine Zwecke geeignet htte. Ich orientierte meinen Mafu, lie ihn die Kavallerie erst zu einem Schlckchen einladen und ihnen dann auf den Zahn fhlen, wie es mit einem eventuellen Pferdehandel stnde. Die Chinesen, die meinen lahmen Fuchs gesehen hatten, merkten gleich, wie der Hase lief, denn gerade fr ein gutes Geschft hat der Chinese eine lcherlich feine Nase. Verkaufen wollten sie sofort, aber die Preise waren gar nicht zu bezahlen, unter 100 Taels war berhaupt kein Tier zu haben. Gott sei Dank war mir bekannt, da Yuan-shi-kai die gesamte Kavallerie der Provinz auf dunkelfarbigen Pferden beritten machen will und da allmhlich die Schimmel, die augenblicklich brigens bei weitem in der Mehrzahl sind, ausscheiden sollen. Als daher mein Mafu mit dem glcklichen Besitzer des von mir in Aussicht genommenen Ponies ankam, schlug ich ihm einen Tausch mit meinem Fuchs vor. Ich erzhlte ihm, wie unglaublich schnell das Tier wre, da seine Lahmheit in sptestens drei bis vier Tagen vorbei sein wrde etc. etc.; er war auch gar nicht abgeneigt, zu tauschen und forderte nur einen sehr hohen Preis als Zuschlag. Ich stellte diesen Zuschlagspreis meinerseits auf fnf Taels fest und Lie mich durch nichts davon abbringen, auerdem erklrte ich ihm, da ich bermorgen in Kalgan sicher fr sehr viel billigeres Geld ein Tier bekommen wrde; notabene glaubte ich es in meinem Innern selbst nicht. Auf diese Weise kamen wir nicht zum Abschlu, und ich begab mich zur Ruhe, ohne mich durch das ununterbrochene Geklingel der vorbeiziehenden Karawanentiere stren zu lassen. -- Am 29. September, als ich frh aus meinem Zimmer trat, stand auch schon mein Kavallerist mit seinem gesattelten Schimmel vor der Tr, die anderen waren bereits weggeritten. Wieder fing die Handelei an, und schlielich einigten wir uns auf sieben Taels. Jeder war zufrieden, und vergngt zog der Chinese mit meinem "Schnetz" ab. Er hatte seinen Fuchs, ich ein gesundes Tier, auch habe ich den Tausch nie zu bereuen gehabt, denn der Schimmel, nebenbei ein sehr gutmtiges Pferd, hat bis zuletzt gut durchgehalten. Merkwrdigerweise hatte er von vornherein nicht die Abneigung gegen den Europer, die man eigentlich beim mongolischen Pony fast stets zuerst findet; nur beim Festgurten wurde er ungemtlich und bi dann, so z. B. mich in Kalgan, recht unangenehm. Unser Weg fhrte uns heute am Hun-Ho entlang auf meist hchst miserablen Wegen; auch heute wieder begegnete uns Karawane auf Karawane, abwechselnd mit Pony-, Schweine- und Schafherden; man kann auf diesem Wege sehen, einen wie enormen Bedarf die Ebene verschlingt. Auch einige Srge, von je zwei Maultieren getragen, begegneten uns; ich hielt sie fr solchen Leuten gehrig, die fern von der Heimat gestorben waren und nun als Leiche zurckgebracht wurden, um in heimatlicher Erde zur letzten Ruhe bestattet zu werden. Mein Mafu aber behauptete, da viele Kaufleute auf diese Weise Kostbarkeiten transportieren, um den Rubern, die recht zahlreich hier ihr Wesen treiben sollen, leichter zu entgehen. Allerdings erinnere ich mich aus der ersten Zeit unseres Aufenthaltes in China, da die schlauen Chinesen lange Zeit hindurch einen schwunghaften Gewehrhandel in Srgen nach dem Innern zu betrieben, bis die deutsche Dschunkenverwaltung eines Tages eine ganz groe Dschunke, die gerade auf dem Wege nach Pautingfu mit ihrer kostbaren Last segelte, mit Beschlag belegte und so diesem Gewehrhandel ein Ende machte. Jedenfalls sieht man, da, wenn der Chinese einen Profit machen kann, ihm jedes Mittel recht ist. Mitten im Pa -- dem sogenannten Kimingpa -- hinter Tsing-lung-kau ereilte mich das Schicksal, indem nmlich die Nhte an einem der beiden Verbindungsriemen der groen Packtaschen rissen. Da sa ich nun mitten in der de und wute mir zuerst tatschlich keinen Rat; doch da fiel mir ein, da bei meinem Nhzeug eine groe Stopfnadel war und ich eine Rolle Bindfaden mit hatte. Also wurde abgepackt, ich setzte mich auf einen Felsblock und fing vergngt an zu nhen. Ich bin zwar nicht gelernter Sattler, aber es ging ganz gut, bis mir die Nadel abbrach, als ich gerade halb fertig war. Nun war wieder guter Rat teuer; da kam ein vertrauenswrdig aussehender Eselsreiter des Weges, den ich durch Geld und gute Worte bestach, ins nchste Dorf zu reiten, dort den Schuster -- Pisiang -- beritten zu machen und eiligst hierher zu schicken. Viel Vertrauen hatte ich zwar nicht zu der Sache, aber es glckte doch; denn nach zwanzig Minuten ungefhr kam auf einem Grauchen der Schuster angetrabt und flickte meine Packtaschen geschickt und schnell zusammen, so da ich nach im ganzen einer Stunde Zeitverlust meinen Weg fortsetzen konnte. Die Pause hatte ich benutzt, um meinem neuen Schimmel das Gepck aufzupacken; er machte mir heute einen recht schlappen Eindruck, im Gegensatz zu gestern; ich vermute, da sein frherer Besitzer, in Voraussicht des Verkaufs, die Futterkosten gespart und ihm nicht zu fressen gegeben hatte. In Hsiau-schui-pu machte ich Mittagsrast; mein Schimmel strzte sich frmlich auf das Futter, was meine oben geuerte Vermutung zu besttigen schien. Kavalleristen, die ich hier traf, wuten bereits von dem Pferdehandel, lobten mein Pferd und machten sich ber ihren mit dem lahmen Pony hereingefallenen Kameraden lustig. Bei glhender Schwle marschierte ich weiter, und nachdem ich den letzten Bergrcken passiert hatte, konnte man in der Ebene nach Norden zum Staubsturm sehen, whrend es in den Bergen westlich regnete. Die Wege sind sehr schlecht, hauptschlich strt der dicke Staub in den Hohlwegen. Am Wege selbst sind Bettler mit allen mglichen Gebrechen, von denen sicher das meiste reiner Schwindel ist; einzelne hausen in tief in die Lehmwnde eingegrabenen Hhlen und fhren ein bejammernswertes Dasein; spter in Schansi traf ich solche Hhlen noch viel hufiger. Auch diese Ebene ist reich angebaut, berall sieht man, wie unter Aufbietung einer unendlichen Arbeitskraft die Felder bewssert werden. Ich habe die Kulis, die mittels eines einfachen Schpfapparates Wasser aus dem Brunnen in die Rinnen schpfen, stets bewundert. So etwas kann eben nur ein Chinese auf die Dauer, ein Mensch, der Nerven gar nicht kennt. Er arbeitet mit einem ganz lcherlichen Fleie an der Bestellung des Ackers; dabei sind die Mittel, die er anwendet -- z. B. die Pflge -- nach unsern Begriffen vorsintflutliche. In den Gemsefeldern wrde man stets vergeblich auch nach dem kleinsten Unkraut suchen; alle Straen sind stets von Leuten mit Krbchen und Hacke belebt, die jeden Dnger sofort aufsammeln, um ihn fr ihr Feld zu verwerten. Anderseits ist die Fruchtbarkeit des Bodens eine derartige, da bei dem unendlichen Flei in der Bestellung und der vortrefflichen Dngung eine gute Ernte stets gesichert erscheint, wenn nicht die Regen gnzlich ausbleiben. Es wirkt geradezu berraschend, wenn man z. B. gerade vor Hsuen Hwa mitten aus der eintnigen grauen Ebene ein sattgrnes Kohlfeld auftauchen sieht; ohne die stete Bewsserung wre dies natrlich auch unmglich. Links des Weges vor Hsuen Hwa lagen einige Soldatenlager, von Bumen umgeben; man sah Infanterie exerzieren und hrte Signale blasen. Dicht vor der Stadt am Wege mahnten zwei Kpfe in den blichen Holzkfigen an chinesische kurze Justiz. Die Stadt mit ihren hohen Mauern blieb rechts liegen. Ich entdeckte an einer Umzunung mit groen Buchstaben angeschrieben: German Hotel. Natrlich waren diese Worte das einzige, was "deutsch" an dem Gasthaus war, denn sonst war es gleich jeder andern chinesischen Kneipe, nur da die Leute auch die kleinste, sonst dem ankommenden Reisenden erwiesene bliche Hflichkeit, wie Heranbringen von warmem Waschwasser und heiem Wasser fr Tee, auer acht lieen. Dafr versicherte der Wirt aber, da alle durchkommenden Europer bei ihm logierten. Das Essen war auch erbrmlich, dafr forderte er die doppelten sonst blichen Preise. 30. September 1902. Morgens erwachte ich mit recht unangenehmen Kopf- und Magenschmerzen. Wahrscheinlich hatte ich mir an dem Chinesenfra, der mir sowieso nicht schmeckte, den Magen verdorben. Nachdem ich mich mit dem Wirt in Betreff seiner Forderungen geeinigt hatte, marschierten wir ziemlich pnktlich 7 Uhr ab, zuerst durch die Vorstadt Hsuen Hwa, dann entlang der Westfront auf Kalgan zu. Die Gegend, die hgelig ist, wurde immer mehr und mehr steppenhnlich. Sie wirkte in ihrer de direkt auf die Nerven, und da ich sowieso Kopfschmerzen hatte, befand ich mich bald in einer wenig erfreulichen Stimmung. Dazu wollte der neue Schimmel durchaus in jedes der wenigen am Wege liegenden Gehfte hinein. Er schien die Gegend ganz genau zu kennen und mute wohl mit seinem Vorbesitzer schon fter hier gewesen sein. Die Gehfte selbst sind rmlich, die Wege tief ausgefahren. Einmal lag links des Weges eine Mission; man sah eine groe Kirche fast vollendet, rings um diese die klglichsten chinesischen Lehmhtten. Die Missionare tten in diesem Punkte meiner Meinung nach besser, erst einmal den Bewohnern steinerne Huser zu erbauen, ehe sie eine derartig prunkende Kirche in solche Einde setzen. Es war auch heute glhend hei und die Ponies recht mde. Allmhlich nherten sich die Bergketten, die uns bis jetzt in ziemlicher Entfernung rechts und links begleitet hatten; am Horizonte schienen sie zusammenzuflieen, und auf der Kette links konnte man die groe Mauer und ihre Warttrme ganz gut erkennen. Allmhlich wurde, wie eine Oase in grnen Bumen gelegen, ein grerer Ort sichtbar. Gott sei Dank, es war Kalgan oder richtiger Tschang-kia-kan, denn Kalgan nennt es nur der Europer. Der Verkehr auf der Strae wurde immer lebhafter, gegen 1 Uhr waren wir an der Vorstadt angelangt und passierten bald die mchtige, mit Steinlwen und Gedchtnistafeln gezierte Brcke ber den fast wasserleeren Hun-Ho; sein Wasser ist abgeleitet und zur Bewsserung der Felder und Grten in hchst geschickter Weise ausgenutzt. Ich wute, da in Kalgan eine Art deutsches Hotel existierte und fragte daher sofort danach. Es dauerte eine Zeit lang, bis endlich ein Chimbo -- Polizist -- der nach Shanghaier Art uniformiert war, die Fhrung nach dem ihm bekannten Hause bernahm. Wir passierten die stark belebte Hauptstrae und ich entdeckte mit einem Male links ein Holzschild mit der Aufschrift "Schmelzers Hotel" und einer nach einer Nebenstrae weisenden Hand. Unser fhrender Chimbo steuerte auch schon, einige nicht schnell genug Platz machende Chinesen rcksichtslos prgelnd, in die bezeichnete Nebenstrae, und nach einiger Zeit standen wir vor einem Torbogen, der oben die angenehm berhrende Inschrift "Deutsches Hotel" trug. Der Fhrer wurde belohnt und entlassen, wir ritten in den viereckigen, von sauberen chinesischen Husern umgebenen Hof, um sofort von einigen klffenden deutschen Hhnerhunden begrt zu werden. An den ersten Hof reihte sich ein zweiter, an dem der Stall lag. Wir packten und sattelten ab, brachten die Tiere unter, man wies mir ein tadellos eingerichtetes Zimmer mit europischem Bette an, kurzum, es war mir alles so unerwartet, da ich wirklich starr war. Es wre sogar ideal zu nennen gewesen, wenn nicht im Hintergrunde eine Preisliste mit geradezu horrenden Preisen gewinkt htte. Ich wurde in nicht ganz 24 Stunden, ohne besondere Sprnge zu machen, 30 Dollar (ungefhr 60 Mark) los, was ich fr etwas viel halte, trotzdem man selbstredend die Schwierigkeiten der Einrichtung eines solchen Etablissements auch in Rcksicht ziehen mu. Der deutsche Besitzer war brigens nicht anwesend, das Geschft fhrte ein frherer Tientsiner Boy, der Pidgin-Englisch sprach und sonst ein ganz freundlicher Mensch war. Ich bekam schnell ein Tiffin serviert und versuchte dann, meine abscheulichen Kopfschmerzen im europischen Bette zu vergessen, was mir leider nicht gelang. Daher stand ich wieder auf und entdeckte hinten in einem weiten Hofe mit anschlieenden Stllen einen chinesischen alten Pferdehndler, der bereits mit meinem Mafu Freundschaft geschlossen hatte. Letzterer hatte dem hchst gerissenen Kunden von meinen Erfolgen im Sattel auf der Rennbahn erzhlt, so da mich der Chinese wie einen alten Bekannten begrte. Ich hatte nun Gelegenheit, seine Griffins -- siehe Kap. II -- zu bewundern. Nach seinen Erzhlungen schien er den Haupthandel in Rennponies, fr die Kalgan eine Art Zentralverkaufsstelle bildet, in Hnden zu haben. Er kannte nicht nur alle greren Rennleute in Shanghai und Tientsin, sondern war auch genau ber die Leistungen einzelner an den dortigen Pltzen berhmten Ponies orientiert, so z. B. ber den von mir im vergangenen Frhjahr mehrfach zum Siege gesteuerten "Totila". Als ich ihm dann erzhlte, da ich der Reiter von Totila gewesen wre, war er ganz Feuer und Flamme und zog mir sofort seine besten Ponies zur Begutachtung aus dem Stalle, Tiere, die er mir vorher gar nicht gezeigt hatte; ich mu allerdings gestehen, da ich soviel gutes Material auf einem Platze zu gleicher Zeit noch nicht zusammen gesehen hatte. Die Preise schwankten zwischen 60 und 500 Taels; letztere Summe forderte er fr einen bildschnen Schimmel mit schwarzen pfeln, der in der Tat die Points eines Flachrenntieres in der Vollendung aufwies. Ob er den Preis dafr erzielen wird, ist eine andere Sache; denn im allgemeinen mu er als bertrieben hoch bezeichnet werden. Diese zum Verkauf stehenden Ponies waren brigens alle in regelrechter Pflege und wurden sogar, wie ich beobachtete, mit Kardtsche und Striegel, die der Chinese sonst nicht kennt, geputzt. Die Tiere sahen auch smtlich gut aus. Wenn man aber nicht gerade fr diesen Sport sehr viel Geld brig hat, soll man lieber die Finger davon lassen; denn wie jeder Rennsport, ist auch der Ponyrennsport nicht gerade eine gewinnbringende Beschftigung. Schlgt z. B. der fr 500 Taels gekaufte Pony nicht ein, so kann man ihn beruhigt fr 50 bis 60 Taels veruern; denn mehr gibt dann kein Mensch dafr. Am Abend gegen 7 bekam ich mein Diner und zwar in der in den ostasiatischen Hotels blichen englischen Form ganz gut angerichtet, ich konnte ihm aber leider keine groe Ehre antun, da mir jeder Appetit fehlte. Mein neuer chinesischer Pferdefreund hatte sich auch eingefunden, so da sich die Unterhaltung nur um Ponies etc. drehte; gefhrt wurde sie in einem merkwrdigen Kauderwelsch von Englisch und Chinesisch, und wenn es manchmal durchaus nicht gehen wollte, mute der Pidgin-Englisch sprechende chinesische Manager, der brigens zu gleicher Zeit Koch und Boy war, aushelfen. Gegen acht kam ein Bote vom Prfekten, um sich nach meinen ferneren Absichten zu erkundigen. Er forderte sich zugleich meinen Pa, der, vom Taotai von Tientsin ausgestellt, ihm nicht zu gengen schien; er htte gern einen solchen vom Wei-wu-pu in Peking gesehen, den ich leider nicht hatte. Der Bote, brigens selbst mit Knopf und Pfauenfeder, also im Mandarinenanzug, brachte mir, als Zeichen der Hflichkeit, eine Visitenkarte des Prfekten, die ich mit der meinigen, der chinesischen natrlich, erwiderte. Zugleich gab ich ihm Aufschlu ber meine weiteren Reiseplne, und zwar der Wahrheit gem. Nach einiger Zeit kam er noch einmal, um mir Kavalleriebegleitung anzubieten, die ich jedoch dankend ablehnte, es hat sich auch am nchsten Tage kein Kavallerist blicken lassen. Ich versuchte es dann noch mit einem krftigen Punsch als Schlafmittel und zog mich bald zurck, um, Dank letzterem, ganz vorzglich zu schlafen. [Illustration: Meine chinesische Visitenkarte] 1. Oktober 1902. Den Vormittag benutzte ich, um mir Kalgan selbst etwas nher anzusehen. Kalgan, eine verhltnismig groe Stadt, deren Einwohnerzahl sich wie die aller bedeutenderen chinesischen Stdte auerordentlich schwer schtzen lt, ist die Zentrale fr Pelzhandel und fr Pelztransithandel nach Ruland. In seinem uern weicht der Ort wohl kaum irgendwie von dem Aussehen anderer chinesischer Stdte ab. Wie alles in China konservativ streng durchgefhrt ist, so auch der Baustil. Und she man nicht hier in den Straen die vielen in Felle gekleideten Mongolen, so knnte man sich ebenso gut im Sden Chilis oder Schansis zu befinden glauben. Kalgan hat eine innere, von hohen Mauern umgebene Stadt, und um diese herum eine uere Stadt. Man mu nun nicht glauben, da der Haupthandel und Verkehr sich im Stadtinnern abspielt; hier ist es gerade die uere, und zwar hauptschlich die sdliche und westliche Vorstadt, in der die Hauptverkehrsstraen mit ihrem hchst lebhaften Treiben liegen. Mir kam es vor, als ob im Innern des Mauervierecks der wohlhabende Patrizier se; hier herrschte Ruhe und man sah nur groe, schne, ganz massiv aufgefhrte Bauten. In dem Teil, wo der Deutsche Schmelzer sich Grund und Boden erworben und seine Hotelbauten aufgefhrt hat, wird in einigen Jahren die Bahn Peking-Kalgan ihren wohl auch nur vorlufigen Endpunkt finden, denn wenn sie erst einmal gebaut sein wird, wird es auch nicht mehr allzulange dauern, bis ihre Fortsetzung durch die Wste Gobi Anschlu an die transsibirische Bahn findet. Ich ging vom Hotel, das an der Westfront liegt, durch die Hauptverkehrsstrae an der Sdfront. Hier herrschte ein sehr interessantes Treiben. Auf offenem, tagaus, tagein fortbestehendem Markte, der sich auf beiden Seiten der Fahrstrae hinzieht, wurden alle mglichen und unmglichen Dinge feilgeboten. Da sah man Felle aller Art, Gemse, Obst, Fleisch, alte Kleider, ebensolche neue und hauptschlich Schundwaren europischen Ursprungs jeder erdenklichen Gattung. Letztere scheinen einen ganz erheblichen Absatz zu finden, ich sah meist solche deutscher Fertigung, aber auch sehr viele amerikanische, weniger englische. Hauptschlich waren Garne, Nhnadeln, bedruckte Kattune, Bnder vertreten, dann kleinere Blechwaren etc., auch Lffel, Lampen und anderes mehr. Dazwischen arbeiteten auf offener Strae Beschlag- und Kesselschmiede, Handwerker jeder Art, Garkchen verbreiteten ihre angenehmen Gerche, die mich nicht mehr strten; man gewhnt sich eben an alles hier in China. Pltzlich kam noch mehr Leben in das allgemeine Treiben. Der Prfekt selbst kam im Karren angefahren, mit einem groen Haufen von Beamten und Dienern zu Pferd und zu Fu um ihn herum. Vor der Gruppe einige schreiende und die Menge mit Hieben traktierende Polizisten. Alles flchtete schleunigst; chinesische Brtchen und pfel kollerten im Staube, Gassenjungen stahlen sie eilends, die Verwirrung benutzend -- kurzum, es war fr mich ein recht spaiger Anblick. Neben der Karre ritt mein Beamter von gestern abend, der den Prfekten sofort auf mich aufmerksam machte. Ich bekam nur einen etwas erstaunten Seitenblick, dann war der ganze, sich schnell vorwrts bewegende Zug schon vorber, und das Leben auf der Strae hatte sein altes Bild wiedergewonnen; nur der schimpfende Obstverkufer erinnerte noch daran, da irgend etwas Besonderes vorgefallen war. Ich ging weiter, vorbei am schnen, halb europisch erbauten Yamen -- einer Mission --, nach Norden durch ein an mittelalterliche deutsche Bauten erinnerndes doppeltes Tor in die innere Stadt. Hier interessierte mich besonders ein hochgelegener Tempel, von dessen oberer Plattform aus man einen herrlichen Rundblick ber die ganze Ebene und die zu Fen liegende Stadt hat. Der schmierige, uns ffnende Priester bekam sein Trinkgeld, mit dem er nicht zufrieden zu sein schien; es war nur Kupfergeld. Vom Europer erwartet er Silber, denn hier gilt eben jeder Europer von vornherein als reicher Mann. Es war recht hei geworden, so da ich an den Rckweg dachte. Vorbei am offiziellen, brigens total verkommenen Yamen, kam ich durch ein anderes hohes Tor, in dem die Wahrzeichen chinesischer Justiz, die Verbrecherkpfe in Kstchen, diesmal gleich fnf an der Zahl und ganz frisch abgeschlagen, hingen. Eine ganze andere Anzahl solcher Ksten barg nur noch die Schuhe der hingerichteten Verbrecher, die Kpfe sind wohl begraben worden oder haben vielleicht einen sonstigen Liebhaber gefunden. Chinesische Schdel sind sehr gesucht und verhltnismig schwer zu haben. Noch einmal passierte ich einen kurzen Teil der Hauptstrae; mir fiel dabei auf, da trotz der glhenden Hitze die Mongolen, kenntlich an der Gesichtsbildung, smtlich in enge Pelze, richtiger wohl Felle, gehllt waren. Sie machten meist einen beraus stumpfen, schmierigen Eindruck. Im Hotel erwartete mich bereits das fertige Frhstck und zum Dessert die schon erwhnte Rechnung. Man wundert sich nicht mehr so leicht in China ber irgend etwas ungewohntes Neues, ber diese Rechnung aber war ich denn doch etwas sehr erstaunt. Doch was halfs; im europischen Gasthause wird nicht gehandelt. Ich berappte, lie satteln und packen und zog ab gen Sden nach der groen Strae auf Tatung-fu zu. Zuerst gings durch Vorstdte, dann entlang einer Hgelkette, an der Drfer lagen. Dem Reisenden fllt hier recht unangenehm auf, da die Chinesen einfach den Weg als Leitung ihrer Bewsserung benutzen. Das mag ja fr den Bauern sehr praktisch sein, fr den Reisenden ist es alles andere als angenehm. Weiter fiel mir auf, da in dieser Gegend auch die Mnner silbernen Schmuck trugen, meist brigens nur in einem Armbande bestehend. Auch hier war alles bei der Ernte, so da man nicht in Verlegenheit kam, wenn man bei einer der vielfachen Wegkreuzungen nach der Route fragte. Nur einmal wurde ich, scheinbar absichtlich, falsch gewiesen; die Leute schienen das als einen recht guten Witz zu betrachten, denn nachdem ich die angegebene Richtung eingeschlagen hatte, wollten sie sich vor Lachen ausschtten. Ich hatte gleich die richtige Ahnung, da ich falsch ritt und machte sofort kehrt, worauf alles mit echt chinesischer Feigheit so schnell wie mglich ausri, ohne da ich auch nur ein Wort gesagt hatte. Gegen 5 Uhr kam ich nach Tapingtschwang, dem in Aussicht genommenen Nachtquartier. Ob es das richtige auf meiner Karte angegebene war, lie sich nicht feststellen, da derselbe Name hier in der Gegend sehr hufig ist. Das Hauptgasthaus war stark berfllt, so da ich in ein anderes, weniger volles einzog. Wie man mir spter erzhlte, erfreute es sich keines besonders guten Rufes in der Gegend, doch war mir das gleichgltig, denn ich hatte wenigstens ein Zimmer fr mich und meinen Mafu allein. Spt abends kam noch eine chinesische Partei an und htte gern in meinem Zimmer mit genchtigt, ich winkte aber ab, so da sie wieder abzogen. Zu essen bekam man nichts, so da ich zum ersten Male zu den wenigen mitgenommenen Konserven griff. Die ganze Nacht war Katzenmusik und Hundegebell, dazu fehlte alles Papier an den Fenstern, und als ich gegen Morgen gerade anfing einzuschlafen, wurden meine Ponies, die den neuen Schimmel nicht leiden konnten, lebendig und fingen an, sich unter frchterlichem Gequietsche zu keilen und zu beien, so da ich heraus mute, um sie auseinander zu binden. Natrlich hatte gerade der beste Pony, Dr. H., einige gottlob nur leichte Hautwunden bei dem Gefecht davongetragen. Es war jedenfalls eine recht geruhsame Nacht. 2. Oktober. Nachdem ich mich mit dem Wirt auseinandergesetzt hatte, marschierten wir gegen 7 Uhr ab. Zuerst ging es durch hgeliges Gelnde mit reicher Bebauung und vielen Ansiedelungen. Nach und nach vereinigten sich alle Wege in einer von den blichen baumlosen, steil ansteigenden Bergen eingefaten Schlucht, in der der Tai-schui, ein rasch flieender Gebirgsbach, hinstrmt, den man unzhlige Mal durchschreitet und der sich oft in mehrere Arme teilt. Viele Maultierkarawanen gingen mit Waren beladen nach dem Innern; man sah keine Kamele mehr. Uns entgegen kamen Maultiere mit Kohlen, sie trugen rechts und links am Packsattel je ein groes Stck. An den steilen Wnden waren kleine Tempel wie Schwalbennester angeklebt, nur noch vereinzelt tauchten Drfer auf, die Bebauung nahm mehr und mehr ab. Vor Taipingtschwang machten wir in einem Gasthause Mittagsrast, dann gings weiter, und bei dem Orte selbst hatten wir die Pahhe erreicht. Der Weg senkte sich schnell und wir gelangten in ein breites, reich angebautes Tal. Die Wege sind nun im L bis zehn Meter tief eingeschnitten, die Rnder haben oft verdchtige Neigungen. Vor Hwai-an kam uns ein Mann entgegen, angeblich aus Yang-liu-tsing. Er hatte an der rechten Hand und am Arm schrecklich eiternde Wunden und bat mich in herzzerreienden Worten um Hilfe. Wir waren bald an der ganz nett gelegenen Stadt und kamen in einem Gasthause leidlich unter. Der kranke Chinese qulte mich solange, bis ich ihm mit meinen Desinfektionsmitteln seine Wunden auswusch und verband. Um uns herum hatte sich bald eine grere Volksmenge versammelt, die jede Handhabung mit hohem Interesse verfolgte. In der Stadt hatte sich bald das Gercht von der Ankunft eines europischen Arztes verbreitet, und noch spt am Abend, als ich schon meine mden Glieder auf dem harten Kang ausgestreckt hatte, wurde ich herausgeklopft, um einer Frau beizustehen, die einer schweren Entbindung entgegensah. Leider war ich aber am Ende meiner Kenntnisse angelangt und mute dankend ablehnen. Die Nacht war recht kalt, so da ich mehrfach aufwachte. Der nchste Tag fhrte uns zuerst auf recht guten Wegen bis Lin-tsui-tun. Von da ab bis zu dem auf den Karten vermerkten Passe, der sich wenig als solcher markiert, war es recht steinig. Die Hohlwege wurden immer schrfer eingeschnitten. Dicht vor der Wasserscheide liegt ein hchst romantisches Dorf Dju-hsia-rr, hinter der Wasserscheide ein weiterer Flecken Tsirrling, in dem wir Mittagsrast machten. Wiederum ging es durch tiefe Lehmschluchten, deren Rnder in Abstzen bebaut waren, es gab sogar einige Baumschulen. Aus den Schluchten heraus bekam man zuweilen Einblick in eine sich weithin erstreckende Ebene, in der man den Yang-ho flieen und die Stadt Tientschnn liegen sah. Gegen 4 Uhr erreichten wir den Ort, der sich durch nichts von andern, ebenso groen Stdten unterscheidet. Der Wirt im Gasthause war hchst frech; zuerst wollte er uns in ein kleines Zimmer zusammen mit allem mglichen Gesindel stecken, ich wurde ihm recht deutlich und nahm mir einfach ein besseres Zimmer. Wiederum griff ich meine Konserven an; die mit Recht so beliebte Erbswurst schmeckte vorzglich und dementsprechend schlief ich auch endlich einmal gut ein. Gegen Morgen wachte ich infolge der Klte auf. Die Rechnung war recht milde, wofr dem sonst unliebenswrdigen Wirt, den ich um 7 Uhr von seinem Kang holen mute, viel verziehen wurde. Heute, am 4. Oktober, ging es weiter durch ein mehrfach von kleinen Bchen durchschnittenes Gelnde; rechts fliet der Yang-ho, der wenig Wasser hat, noch weiter zur Rechten sieht man auf den hohen Bergen die groe Mauer entlang laufen. Die Leute bauen hier Kartoffeln, ab und zu sieht man auch Birkenkulturen. Gegen 11 Uhr waren wir in Yangkau, in dessen Gasthusern man nur unter den denkbarsten Schwierigkeiten Tee bekommen konnte. Mein Essen beschrnkte sich auf einige gekochte Eier; nicht einmal Frchte waren aufzutreiben. In der Stadt war eine groe Begrbnisfeier mit obligater Musik, Klagegeschrei und Verbrennung von Papiergegenstnden. Unser Wirt empfahl uns Wangkwantun als Nachtquartier, wohin wir denn auch aufbrachen. In der Stadt ist nur noch die knappe Hlfte mit Husern bebaut. Die alten Ehrenbogen, der Yamen, der Mittelbau, alles verfllt. In letzterem hngen die blichen Ksten fr Verbrecherkpfe; augenblicklich scheint gute Zeit hier zu sein, denn man sieht keine Kpfe, sondern nur die zum Andenken an abziehende Mandarinen aufbewahrten Schuhe. Weiter nach Sden begegneten wir unserer Begrbnisgesellschaft, die in ihrer lustigen Stimmung einen merkwrdigen Eindruck machte. Die Landschaft wurde mehr und mehr herbstlich. Die Leute waren bei der Kartoffelernte, jedoch schien diese schon fast zu Ende zu sein. berall sah man zufriedene und ruhige Gesichter. In den meisten Drfern spielte sogar eine Theatertruppe; die Leute mssen eine gute Ernte gehabt haben. Gegen fnf Uhr kamen wir in Wangkwantun an, in dessen recht ansehnlichem Gasthaus Mann und Pferd gute Unterkunft fanden. Wir versuchten unsere Kochkunst und bekamen nach ziemlicher Anstrengung ein deutsches Beefsteak und Bratkartoffeln recht gut fertig. Bei bedecktem Himmel gings am 5. Oktober durch sandige Schluchten und weiches Gelnde weiter. Gegen Mittag fing es an zu regnen; da jedoch die Nester, die wir passierten, zu trostlos aussahen, marschierte ich, trotzdem der Regen allmhlich in einen regelrechten Landregen berging, weiter, und als die hohen Mauern von Tatung-fu in Sicht kamen, war ich trotz des Regenmantels vollkommen durchgeweicht. Tatung-fu liegt tief im Tale, man steigt von einer Hgelreihe herunter. Die etwa einen halben Kilometer breite Ebene vor Tatung-fu wird vom Y-ho durchflossen, zur Zeit war die Ebene ein groer See. Zuerst kommt man durch eine Art gemauerter Vorstadt, in der auch groe Gasthuser liegen, die smtlich berfllt waren. Das Tor, durch das wir in die eigentliche Stadt einritten, zeigt mchtige, an unsere mittelalterlichen Stdtebefestigungen erinnernde Bauformen. Nirgends war ein Quartier zu bekommen; augenscheinlich wollte man den fremden Teufel nicht aufnehmen. Schlielich fand ich in einer auerhalb der Mauer gelegenen kleinen Herberge ein schlechtes Zimmer, ich war aber trotzdem froh, da die sehr mden Pferde endlich unter Dach und Fach kamen. Um meine recht durchweichten Sachen in Ordnung zu bringen, machte ich am 6. Oktober einen Ruhetag, der Mann und Pferd auch sehr not tat. Den Nachmittag benutzte ich, um die Stadt etwas anzusehen. Es war das gewhnliche Bild, alles Zerfall und Schmutz; die Straen laufen berall rechtwinklig zu einander. Im Sdwesten ist ein groer Tempelkomplex, und nur in der Hauptstrae fllt eine sehr schne Mauer auf, die in blauen, braunen und gelben Porzellanziegeln kmpfende Drachen darstellt. Das Volk benahm sich im allgemeinen anstndig gegen mich. Aus den gegenseitigen Zurufen zu schlieen, hielt man mich fr einen Amerikaner, wohl infolge des Hutes, der dem der amerikanischen Truppen sehr hnlich sieht. Am nchsten Morgen hatten wir dichten Nebel und verfehlten zuerst mehrfach den Hauptweg, bis wir schlielich an den chinesischen groen Meilensteinen erkannten, da wir auf der rechten Strae waren; so gings weiter bis Hweijnn, wo wir vom groen Wege nach Sdosten auf Ying tschau zu abbogen. Gegen Abend versuchte ich in verschiedenen Drfern Quartier zu erhalten; es war nicht mglich, die Leute weigerten sich berall, uns aufzunehmen. Jeder wies uns nach dem nchsten Dorf, bis mir dies schlielich zu bunt wurde und ich mit der Mauserpistole in der Hand einen Mann aufgriff und mit dem strengen Befehl festhielt, uns zu einem Gasthause zu bringen. In Anbetracht der drohenden Waffe versprach er denn auch, sofort sein mglichstes zu tun. Es ging noch ein Dorf weiter. Ich sah schon von weitem das Gasthaustor offen; die Leute wollten es gerade schlieen und ich ritt schnell im Galopp hinein, um mich nicht wieder hinausweisen zu lassen. Der Gasthausbesitzer fing sofort mit unserm Fhrer einen groen Zank an; fr kein Geld war etwas zu bekommen, weder Pferdefutter, noch irgend etwas fr uns zu essen, nicht einmal Geld zu wechseln war mglich. Da es schon dunkelte, beschloss ich trotzdem zu bleiben und schickte meinen Mafu mit Pa und Visitenkarte zum Ortsvorsteher, um dessen Untersttzung zu erbitten. Natrlich lie sich dieser verleugnen, und als ich selbst hinging, war er verduftet. Der Besitzer des Gasthofes fand sich allmhlich in die Situation und wurde schlielich ganz freundlich. Wir schliefen alle in einem groen Zimmer mit der Familie zusammen, die von den ltesten bis zu den jngsten Mitgliedern einen unglaublich schlechten Tabak rauchte. Die armen Pferde bekamen nur Stroh zu fressen. Gegen 6 Uhr marschierten wir am 8. Oktober ab; der Wirt bekam die Cash, die wir in unserem Gepck auftreiben konnten. Vor der Tr hatte sich eine groe Volksmenge angesammelt, die uns laut hhnte; da sie nicht Platz machen wollten, zog ich die Mauserpistole heraus, worauf alles mit lcherlicher Schnelligkeit verschwand. Wir marschierten weiter durch Wiesengelnde nach dem 20 Kilometer entfernten Yingtschau. Die Drfer sind auch hier alle gleich; jedes hat einen zweistckigen Tempel und eine Art Ringwall, in den sich die Bewohner in unruhigen Zeiten zurckzuziehen pflegen. Alle Leute, klein und gro, rauchen die Pfeife mit langem Rohr und kleinem Kopf. Wir passierten den vom Regen stark angeschwollenen San-Kan Ho und wurden bis an die Knie na. Schon von weitem fllt die hohe Pagode von Yingtschau auf. Im Gasthause waren die Leute sehr freundlich, wenn auch entsetzlich neugierig. Die Pferde bekamen Futter und wir Essen; ich flickte zur allgemeinen Freude meine zerrissenen Reithosen. Mein Mafu wurde zu seiner groen Genugtuung vielfach, infolge seines Anzuges, fr einen Europer gehalten. Gegen Mittag ritten wir nach Sdwesten durch Wiesengelnde weiter und erreichten gegen Abend den Mantau Schan. Unser heutiges Ziel Hsiautschikau liegt ganz versteckt in einer Talschlucht und ist in seiner Art mit einer dreifachen Mauer stark befestigt. Wir kamen ganz gut unter, hatten jedoch den ganzen Abend eine Menge neugieriger Leute im Zimmer, whrend drauen auf der Strae eine grere Ansammlung fortwhrend laut nach dem Europer rief, bis mein Mafu hinausging und sie beschimpfte, worauf sie abzogen. Am Abend wimmelte dann mein Mafu mit lcherlicher Geschicklichkeit alle die hinaus, die noch mit uns auf demselben Kang schlafen wollten, so da wir schlielich allein waren. Die ganze Nacht ber tobte ein starker Sturm. Zum Abmarsch am 9. Oktober war wiederum die ganze Stadt versammelt, die Leute benahmen sich aber anstndig. Es ging weiter in die Berge hinein. Gleich am Nordtor muten wir absitzen und fhren, da der Weg gnzlich aufhrte. Gott sei Dank trafen wir einige Maultiertreiber, die uns zurechtwiesen, wir waren gerade auf einen falschen Weg am Eingange der Schlucht geraten. Die Strae fhrte zuerst in dem in der Talsohle flieenden Bach entlang; der Eingang der Schlucht wird durch Warttrme gesichert. Man konnte von hier aus sehen, wie gut die kleine Festung den Taldurchgang sperrt. Der Weg ist auch fernerhin sehr steinig, es herrschte so gut wie gar kein Verkehr; rechts und links sind fast senkrecht aufsteigende, gnzlich vegetationslose Wnde. Nach ungefhr einer Stunde Marsch gelangten wir zu einer kleinen Ansiedlung, hinter der sich das Tal teilte. Wir marschierten links ab, jetzt am Hang der steilen Talwnde entlang auf einem ganz schmalen Maultierpfade. Mehrfach muten wir das Packpferd abpacken, da wir sonst Gefahr liefen, da das Tier abstrzte. Einmal trafen wir einen Mnch aus Wutaischan, an den mein Mafu sofort die neugierige Frage richtete, ob es dort sehr kalt sei. Zu seiner Beruhigung meinte der Mnch, es sei dort auch nicht anders als hier. Weiterhin trafen wir einige Maultiertreiber, die uns wie bermenschliche Wesen anstaunten; sie hatten noch nie einen Europer gesehen. Der letzte Aufstieg war ganz besonders steil, und als wir um 11 Uhr die Pahhe erreicht und einen Einblick in das jenseitige Tal hatten, war ich sehr froh. Der Abstieg auf der Sdseite war leichter, da es auf lehmigen Wnden hinabging, und nach einer Stunde waren wir im Tal und einen letzten einsamen Kegel umgehend, an einem Gehft vorbei, im Dorf Paimatschwang. Die Leute waren auch hier wieder frech und zudringlich, es war keine Unterkunft zu erlangen, bis sich schlielich ein alter Mann unserer erbarmte und uns natrlich zu dem Gehft fhrte, das wir gerade passiert hatten, so da wir den letzten Teil des Weges umsonst gemacht hatten. Es gab kein Pferdefutter, die Tiere bekamen noch nicht reife, als Hcksel geschnittene Gerste. Hier wohnt ein hbscher Menschenschlag, der auffallend groe dunkle Augen und dunkle Haare hat und gegenber den Chinesen der Ebene sehr viel krftiger aussieht. Beim Weitermarsch ging es in der Talsohle entlang, zusammen mit freundlichen Maultiertreibern, die uns fhrten, dann weiter ber die sdlichen Berge. Um 3 Uhr passierten wir noch eine Pahhe und gewannen den Einblick in das wirklich imponierende etwa 1500 m hohe Wutai-Gebirge. Ein eisiger Wind pfiff uns entgegen, die Sonne war hinter Wolken verschwunden, und vor uns lag noch ein endloser Abstieg auf Serpentinen. Ich wollte eigentlich nach Schachoa, an der groen Strae nach Pautingfu, und bekam es allmhlich mit der Angst zu tun, als immer noch kein Haus in Sicht kam. Gegen 4 Uhr passierten wir rechts einen Tempel, der genau wie ein Schweizerhuschen aussah, eine halbe Stunde spter fanden wir endlich im Tale eine Ansiedlung mit einem Gasthause, Cho-cho. Es war zwar alles etwas teuer, und auerdem war das Unterhandeln mit Schwierigkeiten verknpft, da die Leute dieser abgelegenen Gebirgsgegend einen ganz merkwrdigen Dialekt sprechen; ich war aber froh, da ich untergekommen war und bezahlte daher gern etwas mehr. Am Abend nahm ich zum Entsetzen der versammelten Dorfjugend ein Bad in dem eiskalten, an dem Gasthaus vorberflieenden Bach. Der 10. Oktober brachte uns morgens nach dem ungefhr 15 Kilometer entfernten Schachoa. Wir marschierten zwischen senkrechten, bis 150 Meter hohen Lehmwnden, in denen groe Hhlen sind, die von den Bauern als Scheunen, zum Teil auch als Wohnungen benutzt werden. Das Wu tai-Gebirge war heute ganz in Wolken. Gegen 9 Uhr waren wir in Schachoa, das inmitten von Bumen hbsch gelegen ist. In einem der groen Gasthuser bekamen wir alles, was wir haben wollten, und Sattler wie Schneider wurden in Nahrung gesetzt. Entsetzlich war die Neugierde der Menschen; sie bohrten sich mit nassen Fingern stets kleine Lcher in die Papierfenster, bis ich, rcksichtslos das Fenster durchstoend, einen mit dem Stock mitten auf die Nase traf. Daraufhin erfolgte allgemeiner Rckzug auf zwanzig Schritte. Meine Ponies waren recht pflastermde, aber da uns gerade ein von Wu tai kommender Lama erzhlte, da in einer Entfernung von ungefhr 20 Kilometer eine gute Herberge lge, beschlo ich trotzdem, weiter zu marschieren. Die ganze Stadt begleitete uns bis hinaus. Im schnsten Sonnenschein ging es durch die vielleicht sieben Kilometer breite, leicht gewellte Ebene, aus der dann das Gebirge schroff und ganz pltzlich aufsteigt. Alle Steine, die die Leute von den Feldern aufsammeln, werden auf die Wege geworfen, so da sich diese in einem fr die Pferdebeine wenig angenehmen Zustande befinden. Ich konnte mich hier mit den Leuten berhaupt nicht verstndigen, meinem Mafu gelang es auch nur mit groen Schwierigkeiten; er mute alles erst ein- bis zweimal wiederholen. Ein lustiger Chinese, der scheinbar einen zu viel getrunken hatte, bot uns Schnaps an. Es scheint hier jeder sein Schnpschen tglich zu nehmen, wenigstens versicherte es der Chinese. Wir trafen merkwrdig viele Leute mit weien Trauerabzeichen; die Cholera soll hier im Volke ziemlich gehaust haben. Gegen 4 Uhr waren wir in Tung-hsi-nien, einem einzelnen Gehft, das einen recht verlodderten Eindruck machte. Neben dem Gehft liegt ein schner Besitz eines reichen Chinesen. Wir sollten im Kulischlafzimmer unterkommen, ich nahm aber lieber in der Kartoffelkammer Platz; jedoch auch hier erwischte mich das Ungeziefer. In der Gegend wird ein ganz leidlicher Hafer gebaut; das ganze Pltzchen ist wirklich idyllisch in dieser Felswste gelegen. Am nchsten Morgen, den 11. Oktober, gings ohne Frhstck weiter. Im Steingerll liegen zuweilen kleine Felder, die unter unendlicher Mhe dem felsigen Boden abgerungen sein mssen; rings herum haben sie hohe Steinwlle. Zu beiden Seiten des Tales steigen fast senkrechte Wnde Hunderte von Metern empor, im Grunde fliet ein Bach, den wir oft kreuzten. Ganz vereinzelt tauchten von weitem drftig bewaldete Kuppen auf. Der Himmel bezog sich mehr und mehr, und da es anfing leicht zu regnen, zog ich es um 10 Uhr vor, in der hbsch gelegenen Herberge von Sze-ping einzukehren. Wir hatten gerade den zehn Kilometer langen, hohen, beschwerlichen Pa vor uns. Bis auf unreif geschnittenen, unausgedroschenen Hafer gab es fr die Pferde nichts zu fressen. Nach langem Parlamentieren bekam ich fr uns etwas Mehl und sieben Eier, so da der Mafu wenigstens Brot backen konnte. Den Pferden gab ich als Zusatz noch gestampfte Kartoffeln, die sie zwar nicht gern fraen, aber schlielich doch nahmen. Der Erfolg war denn auch, da sie am Abend unglaublich dicke Buche hatten. Es regnete den ganzen Tag weiter, und dem Regen hatte ich es wohl zu verdanken, da ich nicht weiter belstigt wurde. Das Dorf hatte sowieso nicht viele Einwohner, und diese muten mich schlielich alle gesehen haben. Am Abend kam der Wirt und machte mich darauf aufmerksam, da die Sze-pinger recht gerne stehlen und schon einmal in demselben Zimmer einen Reisenden, jedenfalls wohl keinen Europer, ausgeplndert htten. Ich sagte ihm, er mchte den lieben Mitbewohnern mitteilen, da ich sofort schieen wrde, sowie einer es wage, nachts durch Tr oder Fenster hereinzuklettern. Natrlich legte ich vorsichtshalber meine Mauserpistole neben mein Lager, hatte aber nicht ntig, irgendwie davon Gebrauch zu machen. Am nchsten Morgen hatte der Regen aufgehrt, mir fiel jedoch auf, da die gesamte Maultiertreibergesellschaft, die, Stangenholz nach der Ebene bringend, mit uns in derselben Herberge bernachtet hatten, wohl die Packsttel aufgelegt, hatten, jedoch die Lasten noch im Hause unter Dach und Fach stehen lieen und gar keine Anstalt machten, aufzubrechen, obwohl sie sonst um diese Zeit lngst unterwegs zu sein pflegten. Auf mein Befragen zeigten sie nordwrts auf den Himmel. Der Mafu erklrte mir bald, da sie aus Furcht vor dem im Pa zu erwartenden Nebel nicht abzogen. Ich riskierte es, zu marschieren und geriet natrlich gerade mitten im Pa in den Nebel. Gott sei Dank ohne den Weg zu verfehlen. Wir muten die Pferde fhren, zumal die Strae sehr schlecht und kaum zu erkennen war, da der gestrige Regen alle Spuren fortgewischt hatte. Bei dem oftmaligen Kreuzen des heute ziemlich viel Wasser fhrenden Baches wurde man unten herum bald ganz na, da die Steine, auf denen man sonst bergeht, unter Wasser waren. Die Berge sind nicht mehr so schroff, und man sieht fter bewaldete Kuppen; an einigen Hngen war merkwrdig hoch hinauf Hafer angebaut, der jetzt noch nicht reif war. Nach zwei Stunden begann der Aufstieg zum Pa, nach einer ferneren Stunde kam es aus Norden wie eine dicke weie Wand, und binnen fnf Minuten waren wir im undurchdringlichsten Nebel; wir konnten nicht mehr fnf Schritte weit sehen. Ich ging, die beiden Reittiere fhrend, voran, immer dicht vor mich hin auf den Weg sehend. Ein paar Mal waren wir doch von den sich von fnf zu fnf Metern folgenden Serpentinen abgekommen, fanden uns aber immer wieder zurecht; ein Absturz wre wenig angenehm gewesen. Allmhlich lste sich der Nebel in Regen auf, und als wir noch hher kamen, wurde Hagel und Schnee daraus. Gegen 11 Uhr hatten wir die Pahhe erreicht. Wir merkten es schon vorher, denn der Wind sprang nach Sden um, also muten wir oben sein. Es herrschte eisige Klte, aber von Zeit zu Zeit hatten wir kurze Durchblicke. Ich machte kurze Rast und nahm mein karges Frhstck, aus einigen harten Eiern und pfeln bestehend, zu mir, dann gings an den Abstieg. Gegen 12 Uhr verzog sich der Nebel, und nach ganz kurzer Zeit schien die schnste Sonne. Vor uns lag das Wu tai schan-Tal. Von weitem sah man rote Tempelmauern und zwischen hohen Bumen gelegene weie Pagoden; nherkommend unterschieden wir viele auf Hgeln verstreute Tempelgruppen, die sich um einen Kessel, in dem die Stadt liegt, gruppierten. Auf einem vorspringenden Rcken lag eine lange Gruppe von Gebuden mit gelben und blauen Porzellandchern und goldenen Knufen, es war die Wohnung des Ta-lamas. An den Berghngen lagen unzhlige groe und kleine flaschenfrmige Pagoden; es waren die Grber der hier verstorbenen Mnche oder Pilger. berall und berall entdeckten wir weitere Tempelgruppen, und schlielich sahen wir, da alle das Tal umgebenden Hhen von Tempeln gekrnt waren, was ein ganz reizendes Bild bot. Ein freundlicher Chinese fhrte uns zu dem Gasthaus, in dem die Leute sehr entgegenkommend waren; auch hier hielt man mich fr einen Amerikaner. Wir bekamen alles, was wir wnschten; ein Schuster flickte meine infolge des vielen Watens durch die Bche in Brche gehenden Stiefel. Nach dem Essen ging ich in die Stadt. ber den das Tal durchstrmenden Bach geht eine breite Brcke, links liegt ein ummauerter Hain mit Lamagrbern, weiterhin die Stlle der Priester, jedoch ohne Tiere. Es folgen rechts wiederum Tempel, die Anlage ist unregelmig; wahrscheinlich ist sie zu verschiedenen Zeiten entstanden. Die Wohnungen der Priester sind hchst schmutzig und verkommen, auch sieht man sehr viele Kranke, besonders scheint eine Augenkrankheit verbreitet zu sein. Smtliche Straen sind mit Steinen gepflastert. Ich trat in einen der Tempelhfe, um mir die Anlage anzusehen. An sich ist sie regelmig, die Tempel im Innern wundervoll reich ausgestattet, auf der letzten Terrasse liegt ein ber und ber vergoldetes Tempelchen, ganz aus Metall erbaut. Ein uralter Priester ffnete es und zeigte uns stolz, wie tadellos sauber es berall darin war. Vor dem Tempelchen steht eine ganz vergoldete Pagode aus bereinander stehenden Kegeln. Ich hatte kein Geld bei mir, es wurde auch kein Trinkgeld gefordert, aber als ich nichts gab, laut hinter mir hergeschimpft. Es regnete wieder sehr viel. Am Abend nach der Rckkehr besuchten mich viele der Priester, bestndig Gebete murmelnd und den in den Hnden befindlichen Rosenkranz drehend. Wutaischan ist einer der Hauptwallfahrtsorte der Mongolen; es wird zu jeder Jahreszeit von diesen besucht. Sie beklagen sich meist sehr darber, da sie von den Chinesen, deren Land sie zu passieren gezwungen sind, rcksichtslos ausgebeutet werden. Natrlich mssen sie in allen Herbergen Pferdefutter und womglich noch frs Trnken zahlen, was drauen in ihrer freien Steppe nichts kostet. Viele alte Leute nehmen ihre letzten Krfte zusammen, um noch nach Wutaischan zu wandern, hier zu sterben und dann in der geheiligten Erde begraben zu werden. Andere vermachen ihr ganzes Vermgen den Tempeln, um dort leben zu knnen und so nach dem Tode einen hheren Grad von Glckseligkeit zu erlangen. Am 13. Oktober morgens regnete es zur Abwechslung wieder einmal. Ich schickte meinen Mafu mit Visitenkarte und Pa zur Polizei, um bei dem Ta-lama einen Besuch machen zu knnen, mute mich jedoch gedulden, da es den ganzen Vormittag regnete und schneite und auerdem der Polizeiprfekt ein Langschlfer zu sein schien, der mich ziemlich lange auf seine Karte warten lie. Gegen drei Uhr nachmittags hrte es auf zu schneien; der Schnee war jedoch liegen geblieben und die Berge ringsum ganz wei. Die Wolken fingen an zu treiben, und bisweilen hatte man schon Durchblicke. Ich machte mich sofort auf den Weg zu der vorher erwhnten, hochgelegenen Haupttempelgruppe, an deren Eingang ich gleich von einer ganzen Schar Lamas in Empfang genommen wurde. Bereitwilligst wurde mir alles geffnet und gezeigt. Um alle Tempel herum standen Schiefertafeln mit dankender Erwhnung von Geld spendenden Glubigen, meistens von Mongolen. Auch hier ist das Tempelinnere auerordentlich prunkvoll, und man sieht wundervolle alte Bronzen und Cloisonnes. Die Priesterwohnungen sind teils recht ppig, teils gleichen sie geradezu Schweinestllen. Schlielich wurde ich noch vom Ta-lama in seiner recht schnen Wohnung empfangen, jedoch Seine Herrlichkeit schien schlechter Laune zu sein, denn trotz meiner vorherigen Anmeldung durch Karte wurde mir nicht einmal Tee angeboten. Der Ta-lama war ein fetter kleiner Mann, in einem dick wattierten, gelben, gesteppten Anzug. Ich beschrnkte meine Aufwartung auf nur wenige Minuten und ging dann weiter durch endlose, unendlich schmutzige Gnge, an denen die Lamas in jedem Alter wohnen. Auch Tempelschler sah ich, die alle, im Gegensatz zu den Priestern, ein frisches und gesundes Aussehen hatten. In einer ziemlich hoch gelegenen Bergspalte wurde mir noch das nie schmelzende Eis gezeigt, das Wunder bewirken und jede Krankheit heilen soll. Am 14. Oktober morgens hatten wir eine ganz infame Klte, die Berge ringsum waren mit Schnee bedeckt und unten alles fest gefroren. Ich bezahlte meine recht hohe Rechnung und marschierte durch die Stadt ab. Auch weiterhin liegen an den Hngen berall Tempel und Grabsteinpagoden. Der Anstieg zum Tse-ko-ling-Pa ist sehr steil, und da das Packtier infolge des Glatteises mehrfach versagte, wurde ein mehrmaliger Halt notwendig. Bald waren wir im Schnee und erreichten gegen 11 Uhr die Pahhe, auf der eine hohe Pagode erbaut ist. Auch der Abstieg war sehr steil, und recht allmhlich erreichten wir ein steiniges Flutal, in dessen Grunde ein infolge des Regens ziemlich wasserreicher Bach flo. Wir passierten wenige kleine Drfer. Bewunderungswrdig ist es, mit welcher Geduld jedes Fleckchen Erde bis hoch hinauf ausgenutzt ist. Die Felsen traten immer nher zusammen und der Weg wurde immer schlechter. Schlielich marschierten wir eigentlich ununterbrochen im Bache. Bei einer besonders schlechten Passage sprang mir mein Pony aufs rechte Bein und trat mir den Absatz herunter. Ich mute ihn abschneiden, was fr das Fortkommen recht strend war. Die Sonne war hinter den hohen Bergen lngst verschwunden und vergoldete nur noch die schneebedeckten hohen Kuppen, und noch immer war das ersehnte Yie-tou nicht in Sicht. Wir marschierten so schnell wir konnten, ohne Rcksicht auf Bach und Steine, so da wir bald bis ber die Knie durchnt waren; bald trat die Dmmerung ein, und der Vollmond leuchtete uns auf unserm ferneren Wege. Endlich gegen 6 Uhr waren wir an einer Talverbreiterung angelangt und hatten vor uns Yie-tou, das im Mondschein ein entzckendes Bild bot. Die ganze Nacht ber war ein ewiges Kommen und Gehen von Maultieren und Eseltreibern mit ihren schellenbehangenen Schutzbefohlenen. Am 15. Oktober gings weiter nach Nankau, das das breite Quertal abschliet. Ich mute dorthin, um meine Stiefel reparieren zu lassen, und, o Schreck, wir konstatierten bei dieser Gelegenheit, da wir uns stark vermarschiert hatten und statt am Westrande am Nordrande des Wu tai schan, stlich von Taitschau, angelangt waren. Wir waren also hinter Wutaischan ber den falschen Pa gegangen. Zu ndern war das natrlich nicht mehr, ich konnte nur feststellen, da die Karte wieder einmal falsch gezeichnet war. Am 16. Oktober marschierten wir auf dem alten Wege nach Yie-tou zurck und bogen von dort in ein anderes Quertal ab. Wir passierten einen Pa, dessen letzter Anstieg sehr steil mit Felssteinen gepflastert ist; die Krnung des Passes ist ein Tempel, durch den man mitten hindurchreitet. Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Ein Pony verlor sein Eisen, so da wir ihn nur noch fhren konnten, da er stark lahmte. Wieder zogen wir von Dorf zu Dorf, ohne ein Gasthaus finden zu knnen; endlich kamen wir gegen Abend in Jin-tsia-pu, einem kleinen Neste, bei einem alten Mann unter. Die Leute sind hier ganz unglaublich neugierig; trotz mehrfachen Hinausbringens der ganzen Gesellschaft war binnen krzester Zeit das ganze Zimmer wieder voll. Es schleicht sich immer einer nach dem andern herein und baut sich auf, um mich mit mglichstem Stumpfsinn anzustarren; jede Bewegung wird beobachtet und bekrittelt und alles befhlt. Vorgestern sollen brigens drei deutsche Offiziere auf dem Wegs nach Wutaischan hier durchgekommen sein. Am 17., als ich mich gerade erheben wollte, fand ich schon wieder den ganzen Hof voller Neugieriger. In Ermanglung von etwas anderm go ich mit meinem Waschwasser um mich, was unbedingt zur Abkhlung der Neugierigen beitrug, denn wenigstens fr die Zeit des Anziehens hatte ich die Gesellschaft in respektvoller Entfernung. Nachher gab es ein groes Theater, als der Gasthausbesitzer kein Silber wechseln wollte; er spekulierte jedenfalls auf das gezeigte Zweitaelstck. Als ich dieses jedoch ruhig einsteckte und Miene machte, ohne Bezahlung abzuziehen, war sofort kleines Geld da. Nach Passieren weiterer drei Drfer fanden wir endlich einen Schmied, der den lahmen Pony, der bisher stets deutsche Eisen getragen hatte, nun auf chinesische Art beschlug. Nach chinesischer Sitte schlug er ihm vorn die Zehe ab, auerdem schien er ihn vernagelt zu haben, denn das Tier ging schlielich noch lahmer als es schon vorher gewesen war. Der alte Meister beschlug es nun noch einmal selbst und behauptete, die Lahmheit wrde sich nach kurzer Zeit verlieren. Er behielt Recht, denn nach weiteren drei Kilometern war tatschlich die Lahmheit weg. Nach 2 stndigem Marsch ber mehrere Gebirgsketten kamen wir in Wutai Hsien an, das einen merkwrdig sauberen Eindruck machte. Hier wollte uns wieder mal kein Gasthaus aufnehmen, bis schlielich ein Mann uns half, der die vor zwei Tagen hier weilenden deutschen Offiziere gesehen hatte und dem Gastwirt versicherte, da die Deutschen anstndige Menschen wren. Am Abend wrdigte mich ein Pekinger Kaufmann der Ehre, mich anpumpen zu wollen, jedoch mit krassem Mierfolg. Am 18. Oktober ging es weiter durch fruchtbare Tler ber mehrere Psse nach Tung-ye-tschnn. Wir kreuzten den ungefhr hundert Meter breiten, ganz flachen Hu-to-ho, der zur Bewsserung in unzhlige kleine Rinnen abgeleitet wird. Es ging noch ber einen letzten Pa, und die ersten Karren zeigten uns an, da die Ebene vor uns lag. Die Tragetiere mit ihren buntbeputzten Trensen und Halftern verschwanden, ebenso die Steinhuser, und bald hatten wir den Anblick der blichen schmierigen Nester mit ihren Lehmbuden. Auch hier war berall die Menge sehr neugierig und nur durch energisches Gieen mit Wasser vom Leibe zu halten. In den Feldern standen merkwrdig viele Peifangs (Grabsteine); sie haben alle dieselbe Form: ein hohes Rechteck mit am Kopf gegeneinander gewandten Drachen mit offenen Rachen. Ich scho auf 110 Schritte einen groen Bussard. Gegen 5 Uhr waren wir in Tinghsiang, wo die auf der Karte verzeichnete christliche Mission nicht vorhanden ist. Am nchsten Morgen hatten wir beim Aufstehen ganz dicken Nebel, aber trotzdem marschierte ich gegen 8 Uhr ab, die Richtung nach dem Kompa nehmend. Wir sahen in den Feldern sehr viele Wildgnse, an die man im Nebel auf ganz kurze Distanz herankam, wobei ich einmal eine scho. Gegen 11 Uhr verschwand der Nebel, und wir stellten fest, da wir auf dem richtigen Wege waren. Bald lag Hsintschau vor uns. Wir muten durch die ganze Stadt hindurch, in deren Hauptstrae eine ganze Menge Verbrecher im Holzkragen, mit Halsring und mit vier Meter langer, schwerer, eiserner Kette auffiel. Es war Markttag und die Straen sehr belebt; das Volk nahm jedoch kaum Notiz von mir, und nur einige Straenjungen liefen hinter uns her. Ich ritt zur Mission, in der ich jedoch nur einen chinesischen Pater antraf. Nach zweistndiger Ruhepause gings auf dem breiten, sehr zerfahrenen Hauptwege nach Taiyuanfu weiter. Wir blieben in Ma Hweitschnn ber Nacht, dessen Gasthuser mit einer Schwadron belegt waren, die auf die Ankunft der Frau des Hsintschauer Taotais wartete, um sie in Empfang zu nehmen und weiter nach Hsintschau zu eskortieren. Die hohe Dame hatte einen Ausflug nach Taiyuanfu gemacht; am Abend brachte ein reitender Bote jedoch die Nachricht, da in Taiyuanfu schwerer Regen gefallen sei und die Taitai nicht komme. Mein Pony war leider wieder sehr lahm und am nchsten Morgen, dem 20. Oktober, immer noch nicht besser, so da ich ihm die Eisen abnehmen lie, was wenigstens momentan Besserung schaffte. Die Leute im Gasthaus hatten mir versichert, da der Weg sandig wre, natrlich fiel ich herein, denn nach kurzer Zeit wurde er ganz steinig und schlielich gings ber Felsboden. Gegen Mittag passierten wir die Taitai des Mandarins in Begleitung einiger weniger Soldaten; sie mute nun ohne ihre Ehreneskorte in Hsintschau einziehen. Wir muten den ganzen Weg die recht mden Ponies fhren und noch mehrfach Pausen einlegen, da mein "Franz" ber und ber schwitzte. Allmhlich gings wieder in tief eingeschnittene Lehmschluchten; das Gelnde wurde sonst flacher, die Berge traten mehr und mehr zurck. Am Abend kamen wir in Hwangtuschei ganz gut unter. [Illustration: Gedenkstein der 1900 ermordeten Missionare] Am 21. Oktober ging es ganz frh weiter. "Franz" war etwas besser, er lahmte zwar noch, aber nicht mehr so schlimm wie gestern. Die Strae wurde immer ausgefahrener, der Verkehr strker, man merkte, da man sich der Hauptstadt nherte. Dorf reihte sich in kurzen Zwischenrumen an Dorf, sehr viele Wohnungen waren direkt in die hohen Lehmwnde hineingebaut. Viele dieser sogenannten Wohnungen waren infolge des schweren Regens eingestrzt, andere verlassen, man sah recht viel Elend und viele Bettler an der Strae. Gegen drei Uhr nachmittags kam eine hohe Pagode und bald darauf die Stadtmauer von Taiyuanfu in Sicht. Man hrte den langen Pfiff einer Dampfpfeife, die die Leute zur Arbeit rief, es mute also eine Fabrik hier sein. Wir ritten in die Stadt; gleich am Tore fragte uns ein Polizist in bescheidener Weise nach Namen und Nation. Die Einwohner schienen hier an die Fremden gewhnt zu sein, denn sie kmmerten sich eigentlich gar nicht um uns. In der Stadt war verhltnismig wenig Leben, jedoch scheint starke Garnison darin zu liegen, und ganz wie bei uns in Deutschland hrte man die Hornisten Signale ben. Mitten in der Stadt am Futai-Yamen kamen wir an einer steinernen Erinnerungstafel vorbei, auf der 26 Namen von den im Jahre 1900 hingemordeten Missionaren verzeichnet sind. Die Stadt ist durch eine hohe Mauer mit Toren in eine nrdliche und eine sdliche Hlfte geschieden. Wir kamen am mittleren Tor in einer groen Herberge unter und hatten bald alles, was wir brauchten. Nebenan war der Yamen, und sobald ein Mandarin kam oder ging, wurden am Tore drei Kanonenschlge gelst. Da das Geschiee den ganzen Nachmittag ging, mssen hier wohl sehr viele Mandarinen sein. [Illustration: Taiyuanfu. -- Beim Barbier] Den 22. Oktober benutzte ich, um Stiefel und Kleider flicken zu lassen; dann sah ich mir zu Fu die Stadt an und entdeckte sogar einen Uhrmacher, der meine zerbrochene Uhr reparieren wollte; als Lohn sollte ich ihm eins meiner Reittiere borgen, er wollte damit einen Ausflug in die Berge machen, eine Idee, die mir weniger zusagte. Nachmittags lie ich mich zur chinesischen Post fhren, wo mir ein gut Englisch sprechender Chinese meinen Einschreibebrief nach Deutschland abnahm. Dann gings weiter zu einer Mission, in der ich jedoch keinen Europer fand. Ein kleiner Junge fhrte mich weiter; unterwegs traf ich eine Europerin, der ich mich in der Annahme vorstellte, eine Missionarin vor mir zu haben. Sie fhrte mich in einen schnen groen Yamen, in dessen einem, europisch eingerichteten Raum mich eine Englnderin sehr liebenswrdig bewillkommnete und mich zu einer Tasse Tee einlud. Ich glaubte immer noch, bei Missionaren zu sein; bald kamen einige Herren dazu, darunter ein Deutsch sprechender Schwede, ein Herr Niestrm, und es stellte sich heraus, da ich bei den Professoren der hiesigen chinesischen Universitt war, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Ich wurde festgehalten und mute versprechen, umzuquartieren. Infolgedessen ritt ich zurck, packte meine Sachen in eine Karre und fuhr wieder zum Yamen der Europer, wo man mir zwei sehr hbsche Zimmer anwies, in dessen einem sogar ein Bett stand, mir ein lang entbehrter Anblick. Ich glaube, da ich dieses nur der auerordentlichen Liebenswrdigkeit eines der Herren verdankte. Spter wurde ich herumgefhrt und es wurden mir die Empfangs- und Schulrume gezeigt. Das europische Essen tat meinem etwas strapazierten Magen sehr wohl. [Illustration: Tempel in Taiyanfu zum Gedchtnis der 1900 ermordeten Missionare erbaut an der Stelle, wo sie hingerichtet wurden.] [Illustration: Herr und Frau Duncan und Herr Swallow von der Schansi-Universitt in Taiyuanfu.] Am 23. Oktober ritten wir gemeinsam aus, um uns die Stadt anzusehen. In der Hauptstrae marschierte viel Militr; es war heute die Feier des Herbstanfanges. Um 11 Uhr begann die groe Prozession. Zuerst kam viel Infanterie mit noch mehr Fahnen; die Offiziere waren sauber und gut angezogen, rauchten jedoch im Glied Zigaretten; dann kam die rot bekleidete Leibwache des Taotai sogar mit Musik, allerdings bler Sorte. Es folgten sehr viele Mandarinen, von denen ich bis gegen sechzig zhlte. In offenen Snften wurden eigentmliche Rstungen getragen, wieder kamen viele Fahnen, Ehrenschirme, Gongschlger, Trompetenblser usw. Wir ritten weiter; ich entdeckte in der Stadt einen groen Bazar mit europischem Kleinkram, meist "made in Germany". Nach dem Frhstck ritten wir nach den Militrlagern im Sdwesten der Stadt, wo die Soldaten selbst neue Kasernements bauen. Hier benimmt sich alles auffallend anstndig gegen den Europer; jeder einzelne Soldat erweist ihm den Gru. Sie haben keine europischen Instrukteure, jedoch einen Chinesen, der frher in Wutshang von den Deutschen gedrillt ist. Wir ritten noch zu zwei hohen Pagoden, mit schner Aussicht, dann zurck zum Neubau der Universitt, zum Rathaus der Kaiserin-Witwe und zur niedergebrannten alten Mission; dann verweilten wir kurze Zeit bei amerikanischen Missionaren und schlielich hatte ich den ungewohnten Anblick, chinesische Studenten Fuball spielen zu sehen. Interessant war mir am Abend, mit Herrn Duncan ber unsere Unternehmung gegen die Schansi-Psse zu sprechen. Er zollte der deutschen Unternehmung auf die Psse und der Erstrmung derselben hohes Lob. Die Chinesen hatten diese Psse fr absolut uneinnehmbar gehalten und sind daher, nachdem man sie praktisch vom Gegenteil berzeugt hat, jetzt in Schansi viel willfhriger. Er meinte, falls diese Psse nicht genommen worden wren, wrde in Schansi jetzt nichts fr die Fremden getan werden, sondern im Gegenteil, man wrde ihnen die Aufnahme gnzlich verweigern. Die liebenswrdige Frau Duncan packte mir am 24. frh noch Gott wei was ein, dann ritt ich ab in Begleitung von zwei der jngeren Herren der Universitt. Die Drfer am groen Wege waren alle ganz leer, die Einwohner waren fast smtlich an der Cholera gestorben oder vor ihr geflohen. Der Verkehr war ziemlich lebhaft, und man sah hauptschlich die von zwei Maultieren getragenen Gebirgs-Snften. Am Abend waren wir in Schetienyi; unterwegs hatte mein lahmer Pony wieder ein Eisen verloren und war noch lahmer als vorher. Im Orte fand sich ein Schmied, der behauptete, Roarzt zu sein und ganz besondere Eisen machen zu knnen. Ich traute dem Frieden zwar nicht, lie ihn aber doch machen; er wollte die Eisen am nchsten Morgen bringen und dem lahmen Pony aufschlagen. Am 25. Oktober morgens kam denn richtig der Schmied und schlug Franz die neuen Eisen auf, mit denen er allerdings viel besser laufen konnte als bisher. Ich mu zugeben, da der Mann in seiner Art ganz geschickt verfuhr; im brigen war es der erste chinesische Schmied, der die Tiere nicht nach Schema F behandelte. Leider brach unterwegs ein Eisen entzwei, so da ich am Abend ganz genau so dasa wie am Tage vorher. Es geht hier durch hohe Lberge; Mittagsrast machten wir in Tai-ngan-yi, wo gerade sehr lebhafter Gemsemarkt war. Es kmmerte sich kein Mensch um uns in den Straen, so da das Durchkommen sehr erschwert wurde. Abends gelangten wir noch bis Cho-mnn, dicht vor Schauyang. Die Gasthuser waren noch nicht sehr voll, fllten sich aber im Laufe des Abends derartig, da mehrfach nach Unterkunft suchende Leute ins Zimmer guckten; zuletzt war alles dicht besetzt. Ein Blick in die Kche belehrte mich, da Fritz -- mein Mafu -- zwei Etagen hoch von neugierigen Menschen belagert war. Maultiere fraen bei meinen Ponies aus den Krippen mit; den Treibern gefiel jedenfalls mein gutes Futter recht gut. Ich mute mir das erst sehr energisch verbitten. Man konnte hier so recht das Leben und Treiben der groen Verkehrsstrae beobachten, da im Laufe des Abends mehrere Reisende von Rang eintrafen. Zuerst kamen einige Bediente, die vorausgeritten waren; sie besahen die Zimmer, whlten eins aus, lieen die Lcher in den Fenstern frisch verkleben und den Kang heizen. Spter kamen dann die Karren und Snften unter entsetzlichem Geschrei und Peitschengeknalle der Treiber in den Hof gefahren und machten vor den betreffenden Zimmern Kehrt; es wurden Bcke unter die Deichseln geschoben und die Zugtiere aus dem Geschirr herausgenommen, letzteres verblieb an den Wagen. Den Tieren wurden die wie eine Mettwurst aussehenden Unterkumte abgenommen, sie wlzten sich dann im grten Schmutz. Ob dies ein Vorbeugungsmittel gegen Erkltung ist oder eine Art Massage, ist mir nicht recht klar geworden; jedenfalls lie sich bei dieser Gelegenheit feststellen, da eigentlich alle stark durchgezogen waren, und zwar so, da handgroe Stcke Fleisch zu sehen waren. Die Tiere wurden dann mit geschnittenem Stroh und Kleie abgefuttert, und zwar werden sie zu diesem Zweck nicht angebunden. Am Abend fangen sie dann an herumzuwandern und stren natrlich ber Nacht mit europischen Nerven begabte Reisende im Schlaf. Unterdessen erhebt die Herrschaft ein frchterliches Geschrei nach dem Schanguida, dem Geschftsfhrer des Gasthauses. Bald schreit einer hier, bald schreit einer dort, der arme Kerl luft den ganzen Abend herum, sei es mit heiem Wasser fr den Tee, sei es, um die elenden Oellampen anzustecken, oder um Oel auf die Lampen zu gieen, oder um Essen zu kochen. Manchmal wandert der Schmied herum, sich mit seinen eigentmlich klingenden Tnen anmeldend. Verkufer von Obst und Backwerk rufen ihre mehr oder weniger wohlschmeckenden Sachen aus. Um 9 Uhr schlielich tritt meist Ruhe ein. Alles futtert; die Treiber schnarchen auf dem allgemeinen Kang, man hrt nur noch das Geklingel der Maultierglocken, oder ab und zu beien sich zwei fremden Parteien angehrende Tiere um das Futter, bis um 2 Uhr nachts der Krach von neuem losgeht, wenn die ersten wieder weitermarschieren. Am 26. Oktober passierten wir Schauyang, wo ich das Unglckstier Franz wieder einmal beschlagen lassen mute. Schauyang ist eine Stadt mit Kavallerie-Garnison; hinter der Stadt fing der steinige Weg von neuem an. Ich schlo mit dem Polizeioffizier des Bezirkes Freundschaft, indem ich nmlich einen Pony, der ihm weggelaufen war, wieder einfing. Er wollte mir sofort Kavalleristen zur Begleitung mitgeben, was ich jedoch dankend ablehnte. Im Gesprch erzhlte er mir, da am Abend vorher ein Leopard mehrere Schafe aus einer Herde gerissen hatte. Ich nahm mir vor, morgen frh zu sehen, ob ihm vielleicht beizukommen sei; leider hatte ich zu wenig Zeit, um mehrere Tage fr die Jagd auf das scheue Tier zu verwenden. Die Wege wurden immer schlechter, der Verkehr immer strker, und da ich wegen Unterkunft Sorge bekam, schickte ich den Mafu so schnell wie mglich voraus, um ein Zimmer fr uns zu besorgen. Ich hatte recht, denn wir erhielten gerade noch im letzten Gasthaus ein kleines Zimmerchen. Noch am Abend versuchte ich, im Ort Leute zu finden, die mich auf den Leoparden bringen sollten; aber, wie stets, konnte keiner Auskunft geben. Am 27. Oktober morgens, schon ganz frh, setzte ich mich mit dem Hirten der Herde, die der Leopard angegriffen hatte, in Verbindung, jedoch auch dieser hatte keine Ahnung ber den Verbleib des Tieres, so da ich lieber weitermarschierte, da die Zeit drngte. [Illustration: Kukwan an der grossen Mauer] Es ging kurze Zeit im Flubett des Tau-ho entlang und dann rechts in die Berge, und zwar ber einen Pa, dessen letzter Aufstieg ganz mit groen Granitquadern belegt ist. Gegen Mittag passierten wir Pingtingtschau, eine ziemlich groe, sehr schmutzige Stadt mit auffallend vielen alten Ehrenbogen. Die nchsten beiden Tage, den 28. und 29. Oktober, gings weiter auf der Hauptstrae durch gebirgige Gegend. Die ganze Bevlkerung lebt hier nur vom Verkehr, der allerdings sehr rege ist. Wir kamen durch Kukwan an der groen Mauer. Sie ist hier sehr gut erhalten, hat ein doppeltes Tor und auf den Bergen auerdem noch vereinzelte Warttrme. Am 30. Oktober traten wir aus dem Gebirge heraus in die Ebene. In den Drfern sieht man noch franzsische Ortsbezeichnungen, die aus der Okkupationszeit herstammen. Wir setzten in einer groen Fhre ber den San-kan-ho, der von unzhligen Wildgnsen belebt ist; abends gelangten wir bis Tschntingfu, einer groen Stadt mit hbschen Tempeln und mehreren Pagoden. Mein Mafu war abends groes Titou, d. h. Rasieren und Zopfflechten, machen gegangen, was ungefhr 2 Stunden dauerte, so da ich es schon mit der Angst bekam, er wre eingesteckt worden. Am 31. Oktober frh beim Abmarsch go mir ein altes Weib schmutziges Wasser vor die Fe, was mein Mafu als ein sehr schlechtes Omen bezeichnete. Die Chinesen hatten heute Allerseelentag, berall sah man sie auerhalb die Grber und Grabsteine in Ordnung bringen und Papierdarstellungen an den Grbern verbrennen. Die Gegend hat vollkommen unsern Heide-Charakter. Der Verkehr war gering, da die neue Eisenbahn doch viel weggenommen hat; jeder des Weges Kommende fhlte sich bemigt, mich zu fragen, warum ich nicht die Eisenbahn benutzte, und begriff es nicht, wie man zu seinem Vergngen im Lande spazieren reiten knne. Am Abend sahen wir in Hsinlo eine groe Prozession nach dem Tempel gehen, die fr Abgeschiedene und Kranke beten wollte. Alle Teilnehmer trugen Papierlaternen, auerdem begleitete eine entsetzliche Musik den langen Zug, fernerhin sah man Gtzenbilder und Baldachine. Ab und zu wurden Papierdarstellungen von Geldstcken verbrannt. Am 1. November ging es durch ebenso langweilige, de Gegend; wir trafen viel Kavalleristen-Patrouillen, sie hielten gerade eine groe Razzia auf Ruber ab. Auch in dieser Gegend sah man berall noch an Husern die Spuren der franzsischen Einquartierungen. Abends gelangten wir bis Wangtu, und da wir uns mehrfach verritten hatten, trafen wir erst bei Dunkelheit ein; die Pferde waren ganz besonders mde, alle Gasthuser waren voll von hier gerade zusammengezogener Kavallerie, und kein Stall mehr frei. Unter dem blichen Gelchter muten wir mehrfach abziehen. Endlich lie mir ein mitleidiger Offizier ein kleines Zimmerchen von Kavalleristen rumen und in seinen Stllen Platz fr meine Pferde machen. Den ganzen Abend hrte man Signale und Getrommel auf den Straen; von halbe Stunde zu halbe Stunde ritten Nachtpatrouillen ab. Die Soldaten waren etwas neugierig, aber berall freundlich, einige halfen mir sofort, whrend sonst der Chinese immer herumsteht, alles sehen, aber nie helfen will. Derselbe Offizier, der uns Platz gemacht hatte, besorgte uns aufs liebenswrdigste auch Futter; spter in der Unterhaltung erzhlte er, da er bei Tientsin einen schweren Schu durch das Bein bekommen htte. Mehrfach in der Nacht kam ein revidierender Offizier, um, mit der Peitsche in der Hand, nachzusehen, ob die Patrouillenreiter rechtzeitig sattelten. Die hier zusammengezogene Kavallerie hat vor einigen Tagen ganz in der Nhe ein Gefecht mit Rubern gehabt und dabei mehrere Leute und Pferde verloren. Ihre Ponies sahen gut aus, waren aber meinem Geschmack nach alle etwas sehr dickgefttert, jedoch war kaum ein einziger gedrckter darunter. Am 2. November, einem Sonntage, gelangten wir endlich nach Pautingfu, das im Innern gerade auf Befehl Yuan-schi-kais nach europischem Muster gepflastert wurde. Man sah auffallend viel Soldaten auf den Straen. Wie stets in groen Stdten, waren alle Gasthuser voll besetzt, und erst nach langem, langem Suchen gelang es uns, unterzukommen. Die Stlle waren natrlich wieder miserabel, auerdem wollte der Geschftsfhrer mich gleich gehrig bers Ohr hauen und mit meinem Mafu paktieren; letzterer war anstndig genug, sofort abzuwinken. Abends hatte ich Besuch von einem Englisch sprechenden Chinesen, der sich mir als Besitzer des Gasthauses vorstellte. Wie sich nachher herausstellte, war es ein Schwindler, der durch anscheinende Bekanntschaft mit dem reisenden Europer irgendwo anders Kapital herausschlagen wollte. Pautingfu macht, wie ich am nchsten Tage feststellte, immer noch denselben sauberen Eindruck, wie zu Zeiten der Okkupation; man sieht, da die Chinesen auch darin etwas gelernt haben. Ein neuer kaiserlicher Palast ist im Bau und sieht seiner baldigen Vollendung entgegen. Wer wei, ob nicht die Kaiserin-Witwe eines Tages ihren gesamten Hofstaat aus Peking hierher verlegen wird. Nachdem ich schon um 3 Uhr morgens durch Signale geweckt worden war, marschierten wir am 4. November durchs Osttor weiter. Gleich vor der Stadt lagen viele Soldatenlager; der Vizeknig Yuan-schi-kai hat hier 4 Schwadronen Kavallerie, 5 Batterien und 20 Kompagnien, jede zu 500 Mann, vereinigt; eine Batterie exerzierte am Geschtz, auf dem groen Exerzierplatz bte die Infanterie. Hornisten bliesen ihre meist deutschen Signale, kurzum, es war ein Bild, genau wie bei uns in einer greren Garnison. In der Mitte des groen Exerzierplatzes ist ein Podium fr den besichtigenden General errichtet. Die Kompagnien waren gerade mit dem Dienst fertig und rckten nach den Quartieren. Vier Trommler und vier Hornisten bliesen zum Marschieren; der Tritt ist sehr langsam, im brigen haben sie sonst vollkommen deutsches Reglement. Die Griffe, die ich sah, wurden recht gut ausgefhrt. Mir fielen Leute mit roten rmeln auf; hiermit bezeichnet man Deserteure, also Leute im zweiten Grade des Soldatenstandes. Ich fragte einen der Offiziere, der sich mir als Major Wang vorstellte, ob ich sein Revier ansehen knne; dieses wurde gern erlaubt, und ich trat in eines der mit Wall und Graben versehenen Soldatenlager ein. In demselben lagen 504 Mann, Offiziere wohnten mit im Lager. Die Unterbringung war in einfachen, tadellos sauberen Lehmhusern. Der Major fhrte mich selbst herum, und ich war berrascht, welchen guten Eindruck die Leute machten; hier wurde das Soldatenspielen unbedingt mit Ernst betrieben. Die Leute waren alle mit Gewehr Modell 88 ausgerstet. Im brigen waren Montierungskammern, Unterrichtstube fr Kapitulantenunterricht, Kche, Esaal, Krankenstube, alles vorhanden. Nachdem mir noch Tee gereicht worden war, marschierte ich weiter und verritt mich in der Ebene mehrfach. Die Leute wiesen mich hier scheinbar absichtlich falsch. Abends gelangten wir nach Hsian tschnn. Am 5. November gings weiter auf Pa-tschau zu. Ich schickte meinen Mafu voraus und ritt selbst mit Franz und dem Schimmel als Packtier hinterher. Als ich antreiben wollte, ri mir der Strick und der Schimmel lief weg. Nach langer Hetze bekam ich ihn glcklich wieder, aber nun streikte die Bestie und war weder durch Hiebe noch durch gutes Zureden vorwrts zu bekommen; ich mute sie ganz langsam zu Fu vorwrts zerren und gelangte erst abends 9 Uhr nach Pa-tschau, wo mich mein Mafu voller Angst erwartete. Er hatte versucht, mit der Mauserpistole zu schieen, um mich ber die zu nehmende Richtung zu orientieren, hatte jedoch nicht mit ihr umzugehen verstanden. Am 7. November traf ich, ber Wang-cing-to-tschnn und Schiku-hotu reitend, in Tientsin ein und war doch recht froh, da ich wieder zu Hause war, denn der gute Franz war infolge des mangelhaften Beschlages so gut wie fertig. Die beiden anderen Tiere hatten die schwere Tour sehr gut bestanden und waren ganz frisch. Zu Kapitel II. [Illustration: Routenkarte zum Distanzritt Tientsin - Peking] II. KAPITEL. Vorbereitungen zum groen Ritt nach dem Westen. Am 5. Dezember 1902 erhielt ich die Nachricht, da meine Ablsung aus Ostasien dicht bevorstnde, und damit nahm mein lange gehegter Wunsch, einen Distanzritt in grerem Mastabe auszufhren, bestimmtere Formen an. Mir stand von Tientsin aus das gesamte Innere Asiens zur Wahl, und ich entschied mich bald dafr, quer durch Zentralasien zu reiten, also zu versuchen, auf bisher von Europern wenig betretenen Wegen den Anschlu an die transkaspische Bahn im russischen Turkestan zu erreichen. Sofort vertiefte ich mich in das geringe vorhandene Kartenmaterial, das sich auf die groen Atlanten von Andree und Debes beschrnkte; anderes war nicht aufzutreiben, und selbst Sven Hedins Werk, welches mir Aufschlu ber Land und Leute geben sollte, war in keinem der Bcherlden zu haben. Schlielich erhielt ich es durch die Liebenswrdigkeit meines Pekinger Kameraden Leonhardi. Man wute zwar, da einmal ein Professor Futterer dort gereist sei, ebenso, da der Russe Przewalski Zentralasien mehrfach durchquert hatte, ihre Werke waren aber leider nirgends zu haben, und im allgemeinen herrschte berall, wo ich anklopfte, ein merkwrdiger Mangel an Orientierung, ich mchte fast sagen Unkenntnis ber das von mir in Aussicht genommene Gebiet. Die meisten wandten sich kopfschttelnd und lachend von mir ab und hielten das ganze Unternehmen, wie man so sagt, fr eine Kateridee. Einer meiner guten Freunde, den wir Leutnants stets "Onkel" nannten, d. h. nur eine beschrnkte Anzahl durfte sich dieses erlauben, behauptete, er htte mich im Traum bereits bei Tung-fu-hsiang mit einem eisernen Ring um den Hals am Marterpfahl schmachten sehen und, was fr ihn das Schlimmste war, es gab dort nicht einmal einen Whisky-Soda; das hielt ihn aber nachher, als meine Expedition zur Wirklichkeit wurde, nicht ab, mir als Andenken eine sehr wertvolle Beigabe zur Ausrstung, in Gestalt einer guten Taschenuhr, zu schenken. Nur zwei waren gleich Feuer und Flamme fr die Sache und bedauerten, nicht selbst mitkommen zu knnen; den einen hielten allzu dringende Geschfte und seine pltzliche Versetzung nach Han-kau ab, das war mein guter Freund Otto Schweigardt, Manager der Ostasiatischen Handelsgesellschaft; den andern, meinen besten Freund, den ich im fernen Osten gefunden habe, Oberleutnant Graf v. Freyen-Seyboltstorff, lie der knigliche Dienst nicht fort; beide haben mir, wo sie nur konnten, bis zum letzten Augenblick mit Rat und Tat zur Seite gestanden und haben keinen Moment an dem Gelingen der Expedition gezweifelt. Sie waren auch die ersten, von denen ich, in der Heimat angelangt, einen telegraphischen und brieflichen Willkommensgru vorfand. [Illustration: "Auf Nepomuk"] Ich hatte mir meine beabsichtigte Reiseroute in groen Zgen ungefhr wie folgt festgelegt: Tientsin, Taiyuanfu, Lan tschau, Kan tschau, Ansifan, Hami, Karaschar, Aksu, Kaschgar und ber den Terek-Pa nach dem Endpunkt der Eisenbahn, der in den Atlanten noch in Khokand angegeben war, whrend er der Wirklichkeit entsprechend in Andischan lag. Am 11. Dezember machte ich meinen militrischen Vorgesetzten, ohne deren Einwilligung es selbstredend nicht ging, Meldung ber mein Vorhaben. Hierzu begab ich mich zum ersten Generalstabsoffizier der Brigade, Major v. Falkenhayn, der selbst in frheren Jahren grere Reisen in Ostchina gemacht hatte und der sofort das weitgehendste Interesse fr meine Plne kundgab. Whrend wir noch an der Hand der Karte berieten, kam unser Kommandeur, Generalmajor v. Rohrscheidt, dazu, und so war fr mich die Gelegenheit gnstig, auch diesem Vorgesetzten sofort von meinen Plnen Mitteilung zu machen. Ich stie bei beiden nicht auf die kurze Abweisung, die ich befrchtet hatte. Sowohl der General, wie auch der Generalstabsoffizier erklrten mir, da sie das Vertrauen zu mir htten, einen solchen im groen Mastab angelegten Distanzritt glcklich durchfhren zu knnen, was mir eine groe Genugtuung war, und ich erhielt Befehl, in nchster Zeit mit durchgearbeiteten Vorschlgen wiederzukommen. Denselben Abend benutzte ich, mich genauer ber den zu nehmenden Weg zu orientieren, und schon am nchsten Tage konnte ich den beiden Vorgesetzten mit einem neuen Plan unter die Augen treten. Ich hatte die Liste der Hauptortsnamen und der Distanzen festgestellt, hatte an der Hand meiner auf dem letzten Ritt gesammelten Erfahrungen eine Tagesleistung von etwa 40 Kilometer angenommen und wollte, diesen Durchschnitt einhaltend, in 118 Tagen Khokand erreichen, um von dort mittels Eisenbahn die Heimat in ferneren drei Wochen zu gewinnen. Ich ahnte damals noch nicht, wie wenig es mir mglich werden wrde, den angegebenen Zeitraum inne zu halten, denn unerwartete Hindernisse verschiedenster Art machten mir spter einen Strich durch die Rechnung. Der General erklrte sich schlielich mit meinen Vorschlgen einverstanden und versprach, fr mich bei Sr. Majestt in befrwortender Weise einen dreimonatlichen Urlaub telegraphisch erbitten zu wollen, was fr mich zuzglich der mir zustehenden Reisezeit von 45 Tagen gengt htte. Ehe die Genehmigung Sr. Majestt des Kaisers eingetroffen war, konnte ich selbstredend an die Beschaffung der notwendigen Ausrstung nicht denken, und da die Rckantwort unter zwei Wochen nicht zu erwarten war, benutzte ich die Zwischenzeit zu mehreren Ritten, die teils dem eigenen Training dienen, teils das mir gerade zur Verfgung stehende Pferde- und Ponymaterial auf seine Leistungsfhigkeit ausproben sollten. Mein erster Ritt fhrte mich zusammen mit einem Kameraden, der eine dienstliche Patrouille ber Wancingto-tschnn -- Yungtsing Hsien -- Kuan Hsien auszufhren hatte, in drei Tagen nach Peking. Von Peking aus legte ich an einem Tage die ganze Strecke von 130 Kilometer allein zurck. Ich benutzte hierzu Peter, einen australischen braunen Wallach, der mein Eigentum war; er hatte zwar whrend des dreitgigen Rittes nach Peking in den offenen chinesischen Stllen sehr gefroren und nebenbei noch das ungewohnte Futter schlecht angenommen; war aber sonst in ganz leidlicher Kondition und sollte am ersten Renntage des "Winter-Sport-Vereins" Ende Dezember herausgebracht werden. Ich will gleich hinzufgen, da es mir auch gelang, noch kurz vor meinem Weggange ein Rennen mit ihm zu gewinnen. Um 8 Uhr 50 Minuten vormittags ritt ich vom Gesandtschaftsgebude in Peking bei Schneetreiben und starkem Winde aus Ostsdost fort, passierte um 9 Uhr 10 Minuten das sdliche Osttor der Chinesenstadt und ritt nun, mich nur nach dem Kompa orientierend, nach Sdosten auf Ho hsi wu zu. Ein Zurechtfinden im Trabe mittels Kompa ist nicht ganz einfach, daher bin ich auch mehrfach von der Strae oder dem, was man hier darunter versteht, abgeirrt. Eine eigentliche Strae gibt es nicht, dafr, wie berall in der Provinz, eine grere Anzahl Wege, die sich mehr oder minder alle gleich sehen. Gegen 12 Uhr kam die Sonne hervor, und von da ab war ein Zurechtfinden sehr viel leichter. Um 1 Uhr erreichte ich Ho hsi wu, wo ich trnkte. Bis dorthin hatte ich abwechselnd getrabt und galoppiert, zweimal je eine Viertelstunde im Laufschritt gefhrt. Das Pferd war noch nicht mde, so da ich im Tempo zulegte. Um 3 Uhr 35 Minuten war ich in Yangtsun, abwechselnd Trab und Galopp reitend. Leider lie ich mich hier durch die Liebenswrdigkeit der Kameraden verfhren, im Kasino einen khlen Trunk zu nehmen, wodurch ich 30 Minuten verlor. Nachdem ich das Pferd getrnkt hatte, ritt ich von Yangtsun um 4 Uhr 5 Minuten ab. So lange es hell war, galoppierte ich; das Pferd war nicht auffallend mde, nur zuerst etwas steif. Um 4 Uhr war es dunkel, der Mond schien nicht, und daher kam nun der unangenehmste Teil der Reise. Ich trabte und verritt mich leider mehrfach in den winkeligen Drfern am Pei-ho. Um 6 Uhr 5 Minuten war ich in Tientsin und passierte die Pagode am Palast des Vizeknigs. Um 7 Uhr 2 Minuten traf ich bei der Wache am Artillerielager ein. Das Pferd war nicht mde und hatte kein nasses Haar. Nachdem es abgewartet war, fra es gut und legte sich um 11 Uhr hin. Am nchsten Morgen war es frisch und auf allen vier Beinen in Ordnung. Die Entfernung betrgt 130 Kilometer, ich hatte den Kilometer in 4,07 Minuten zurckgelegt. Schon am 14. Dezember fhrte mich zum zweiten Male mein Weg nach Peking. Dieses Mal zusammen mit meinem Freunde, Graf Seyboltstorff von der berittenen Infanterie, und zwar auf zwei Ponies aus meinem Stall. Der eine war ein kleiner Schimmel, Conte mit Namen, der andere ein Dunkel-Fuchs-Wallach, Dr. H., der bereits als vorzglicher Springer bekannt war und mir manchen schnen Ehrenpreis in Hindernisrennen eingebracht hatte. Wir starteten am 14. Dezember 8 Uhr 25 Minuten vormittags von Tientsin am Palaste des Vizeknigs Yuan-shi-kai in der Chinesenstadt und ritten auf dem Hauptwege nach Yangtsun, dem linken Pei-ho-Ufer folgend. Die Ponton-Brcke im Orte Yangtsun passierten wir um 10 Uhr 18 Minuten vormittags, saen dort ab, und fhrten 10 Minuten im Laufschritt, dann trabten wir weiter bis Ho hsi wu, unserm frheren Etappenort, woselbst wir um 12 Uhr 23 Minuten mittags anlangten. Den Ponies merkte man die 60 Kilometer noch gar nicht an, sie waren vllig frisch und kaum etwas warm geworden. Durch Ho hsi wu fhrten wir im Schritt und Laufschritt und gaben den Tieren dann etwas zu saufen, sie waren wenig durstig. Von Ho hsi wu ab ging es im schlanken Trabe weiter, einmal hatte ich hierbei das Pech, an einem glitschigen Hange mit dem Pferde hinzufallen; das Tier entlief mir, wir hatten es jedoch bald wieder. Nach einer Stunde fiel der Schimmel Conte ganz pltzlich und eigentlich unerwartet ab und konnte das Tempo mit Dr. H. nicht mehr halten. Wir ritten langsamer, aber da der Schimmel sich nicht erholte, trabte ich allein weiter. Einige Male kurze Galopps einlegend, erreichte ich um 3 Uhr 20 Minuten nachmittags die Brcke bei Hsin Ho. Ich sa ab und trnkte; Dr. H. nahm einen Vierteleimer Wasser. Dann fhrte ich 10 Minuten im Laufschritt, sa auf und trabte weiter, wiederum mehrfach galoppierend, wozu sich der Pony stets von selbst anbot. Als die Sonne im Untergehen war, verritt ich mich auf den schwierig zu findenden Wegen wiederholt. Letztere wurden, je nher ich an Peking herankam, infolge des Schneefalls der vergangenen Nacht immer schlechter, teilweise war sogar Glatteis. Um 5 Uhr 13 Minuten nachmittags war ich am Osttor der Chinesenstadt und fand dasselbe bereits geschlossen (wird um 5 Uhr geschlossen). Nach lngerem Unterhandeln mit den Torwchtern, wodurch ich 35 Minuten verlor und meine Geduld auf eine etwas harte Probe gestellt wurde, wurde das Doppeltor geffnet, und ich ritt auf dem noch ganz frisch gehenden Fuchspony durch die mir wohlbekannten Straen zum Hatamen, das ich um 6 Uhr erreichte und ebenso wie die Barrieren der vorbeigehenden Eisenbahn geschlossen vorfand. Hier ging das Unterhandeln schneller, nach acht Minuten konnte ich das geffnete Tor mit seinen lebensgefhrlichen Lchern im Torwege im Galopp passieren und war um 6 Uhr 10 Minuten am Offiziers-Kasino der Gesandtschafts-Schutzwache. Der Pony war in berraschend guter Kondition, was Oberleutnant Leonhardi auf meine Bitte hin feststellte. Beim Abwarten benutzte der etwas kitzliche Dr. H. die Gelegenheit, um aus dem Stall fortzulaufen und drauen vergngt herumzuspringen. Er fra dann mit auffallend gutem Appetit und legte sich bald hin. [Illustration: "Dr. H." 10j. mongolischer Fuchs-Wallach, Sieger vieler Hindernisrennen] Am 15. Dezember frh ergab sich bei der Besichtigung des Tieres, da ihm die gestrige Tour berhaupt nicht anzusehen war, im ganzen zeigte er dieselbe famose Munterkeit wie stets zu Hause. -- Graf Seyboltstorff hatte sich unterdessen in der Dunkelheit verritten; der Pony war ganz abgefallen, und er kam erst am nchsten Tage gerade noch richtig vor Abfahrt des Zuges nach Tientsin in Peking an. Fr beide Ponies ist die Leistung eine recht gute zu nennen. Dr. H. war in besserer Kondition als Conte, ferner mu man bei ersterem in Betracht ziehen, da er vor erst fnf Wochen von der langen Tour durch Schansi zurckgekehrt war; jedenfalls bin ich, der ich das Tier seit Jahr und Tag ganz genau kenne, der festen berzeugung, da er mit einem entsprechenden Training fr derartige Ritte seinen eigenen Rekord um mindestens noch eine Stunde wird drcken knnen. Der spter im Monat Februar des Jahres 1903 tatschlich ausgefhrte Distanzritt mit internationaler Konkurrenz brachte denn auch das Ergebnis, da die Gesamtstrecke von etwa 130 Kilometer von dem Sieger in 7 Stunden und 33 Minuten zurckgelegt wurde; leider war es mir nicht mehr mglich, an dieser hochinteressanten und ein so glnzendes Licht auf die Leistungsfhigkeit der mongolischen Ponies werfenden Konkurrenz teilzunehmen. Eine vergleichende Tabelle der von mir am 2. und 14. Dezember ausgefhrten Ritte, einmal zu Pferde, einmal zu Pony, ergibt folgendes. In Betracht bleibt zu ziehen, da derselbe Weg -- Brcke am Yuan-shi-kai Palast-Osttor der Chinesenstadt -- mit dem Pferde von Peking nach Tientsin, mit dem Pony von Tientsin nach Peking zurckgelegt wurde und da der Ritt mit dem Pony in der ausgesprochenen Absicht ausgefhrt wurde, die Leistungsfhigkeit der Ponies auf diese Distanz festzustellen. Distanz 130 Kilometer: Pferd Pony Pekingtor bis Ho shi wu 4 Stunden 20 Min. 4 Stunden 50 Min. Ho hsi wu bis Yangtsun (Brcke) 2 " 5 " 2 " 5 " Yangtsun (Brcke) bis Tientsin (Brcke) 2 " 30 " 1 " 53 " Ho shi wu bis Tientsin 4 " 35 " 3 " 58 " Ganze Strecke 8 " 55 " 8 " 48 " Nun einiges ber die Ponies, die wohl jedem, der lngere Zeit in China geweilt hat, sehr ans Herz gewachsen sind. Es gehrt zu den typischen Erscheinungen eines jeden neu aus Europa Ankommenden, da er zuerst, ungewohnt des Anblicks des hier allgemein als Fortbewegungsmittel dienenden Ponys, ber diesen lchelt. Ist man erst lngere Zeit im Lande, so lernt man den Pony immer mehr schtzen, und fr uns Soldaten ist die nhere Kenntnis des Ponys insofern noch von ganz besonderer Wichtigkeit, als unser hiesiger prdestinierter Gegner, der Chinese, seine gesamte Kavallerie und Artillerie mit Ponies beritten gemacht bezw. bespannt hat. Auch wir werden infolge der gemachten Erfahrungen vielleicht im nchsten Kriege nicht mehr auf das teure und nach der langen Seereise mehr der minder erholungsbedrftige Pferde- und Maultiermaterial Amerikas und Australiens zurckgreifen, sondern das landesbliche Tier, den mongolischen Pony und das Maultier benutzen. Da man brigens mit diesem Punkte schon lange rechnet, beweist die Bespannung smtlicher Fahrzeuge in Kiautschou und die Bildung berittener Kompanien in der Besatzungsbrigade der Provinz Chili. An der Hand der Erfahrungen im Herbst 1900 halte ich es fr erwiesen, da im Ernstfalle die Beschaffung gengender Massen von Tieren keine Schwierigkeiten bieten wrde. Dem Chinesen mangelt bekanntlich jedes nationale Empfinden, und gegen klingende Mnze wrden chinesische Unternehmer, mit denen man ja schon im Frieden akkordieren knnte, jede gewnschte Menge von Ponies und Maultieren zur Stelle schaffen. Ich mchte hier noch erwhnen, da ich den mongolischen Pony auch zum Export nach unsern afrikanischen Kolonien fr sehr geeignet halte, und eine recht interessante Frage wre es, ob nicht der nach Afrika, gleichviel Ost oder West, importierte chinesische Pony dem berhmten Kap-Pony durchaus gleichwertig zur Seite gestellt werden konnte und einschlielich aller berfahrtskosten doch noch billiger zu stehen kme als letzterer. [Illustration: "Teja" 8j. schwarzer mongolischer Pony-Wallach] Hierbei will ich gleich einem weitverbreiteten Irrtum entgegentreten. Man hrt stets einen Unterschied zwischen mongolischen und chinesischen Ponies machen, indem das schlechtere Material als chinesischen Ursprungs d. h. in den Ebenen diesseits des Gebirges geboren, bezeichnet wird. Dies ist insofern unrichtig, als in der groen Ebene, welche durch Gebirge und chinesische Mauer von der Mongolei getrennt ist, sehr wenig Pferdezucht getrieben wird. Der Pony, wie wir ihn hier sehen, kommt mit sehr vereinzelten Ausnahmen aus der Mongolei. Diese ist in Anbetracht ihrer ungeheuren steppenartigen Ebenen ganz vorzglich zur Pferdezucht geeignet und mu infolge ihrer heien Sommer und kalten Winter ein sehr hartes, widerstandsfhiges Material hervorbringen. Die Ponies leben dort in groen Herden, die manchmal nach Tausenden zhlen; ihre Besitzer sind Mongolen, besonders die Frsten jener Stmme. Sie haben unendlich groe Ponyherden, die ihr Vermgen und ihren Reichtum darstellen. Dieser Herden gibt es naturgem sehr viele, und auch nur einen ungefhren Anhalt durch Zahlen zu geben, wre schon deshalb unmglich, weil sie sich unter der Obhut ihrer Hirten meist auf der Wanderschaft von einem Weideplatz zum andern befinden. Im Winter beziehen die reicheren Besitzer meist ein stndiges Winterquartier; ein solches kennen zu lernen hatte ich spter in Turkestan bei Karaschar Gelegenheit. Der betreffende Prinz hat sich dort einen groen Yamen vollkommen im chinesischen Stil erbaut, in dem er den Winter ber lebt; im Frhjahr zieht er dann mit seinen Herden nach den groen Weidepltzen und wohnt, genau wie seine Untertanen, in einer Filzjurte, dem runden mongolischen Zelt, das ich spter in den Schneebergen zwischen Chinesisch- und Russisch-Turkestan bei den Kirgisen kennen und schtzen lernte. Auch die groen Weidegebiete sind natrlich nicht nach Belieben benutzbar, sondern sie haben ihre Grenzen, die durch alte berlieferung und Gewohnheit geheiligt sind. Die Fortpflanzung der Tiere geschieht durch Zuchtwahl; natrlich sieht der Mongole schon dem ganz jungen Tiere an, ob einmal etwas aus ihm werden wird oder nicht. Hengste mit schlechten Linien werden jung gelegt und gehen dann an die Hndler, Stuten werden fast nie verkauft und noch weniger zum Reiten benutzt, sie sind nur zu Zuchtzwecken da. Sowohl der Mongole wie auch der Chinese finden es unbegreiflich, wie man eine Stute reiten kann, und als ich auf meinem langen Ritt eine solche australischen Ursprungs mitbenutzte, die als Pferd oftmals bewundert wurde, kam jedesmal, beim Entdecken des Geschlechts des Tieres, die erstaunte Frage: "Du reitest eine Stute?" Immer im Ton mit dem Beigeschmack, "nein, so eine Tierqulerei!" Der Pony erscheint auf den Weiden unserm Auge natrlich lange nicht so schn, wie er sich spter im Besitz des Europers nach intensiver Stallpflege und einem sachgemen Training darstellt. Da drauen hat er Schweif- und Mhnenhaare bis auf die Erde reichend. Auch die sonstige Behaarung ist stark und sehr dicht, er braucht sie gegen die Winterklte und die alles durchdringenden Staubstrme. Der Kopf ist meist unschn, und im Vergleich zu dem sonstigen Krper erscheint er zu gro und hlich geformt. Dagegen hat der Pony ein groes lebhaftes Auge, das manchmal etwas bse aussieht. Auch der Hals ist sehr stark, und die Ganaschen zeigen schon in Freiheit, da dort spter einmal von Durcharbeiten, wie man es mit unseren Pferden macht, keine Rede sein wird. Mit andern Worten, der Pony erlangt unter dem Reiter selten dieselbe Wendigkeit, die ein gut durchgerittenes Pferd besitzen mu; er trgt den Kopf hoch, der Hals ist ziemlich lang und zeigt oft viel Aufsatz. Merkwrdig stark ist meist der Kamm. Die Schulterlinie ist fast stets schrg und lang, und dementsprechend besitzt der Pony meist ein schnes freies Gangwerk und bringt die Vorderbeine beim Galoppieren gestreckt heraus. Der Rcken ist kurz und krftig und eignet sich zum Tragen auch schwerer Lasten; ich habe gefunden, da den Packponies stets Lasten aufgepackt werden, wie sie ein Pferd nicht schwerer fortbringen knnte. Ebenso kann der Durchschnitts-Pony auch schwerere Reiter sehr gut und ohne besondere Schwierigkeiten tragen. Hauptschlich schn und krftig sind Kruppe und Hinterhand, und hier wieder besonders die Sprung-Gelenke. Wer in Tientsin und Peking die schweren und langen Jagden in dem sich so wundervoll zum Jagdreiten eignenden Gelnde mit geritten hat, wei, was die Ponies springen knnen, und noch jetzt erinnere ich mich mit Freuden des Tages, als ich zusammen mit Leutnant Brandt von der Jger-Eskadron infolge einer Wette zum Staunen aller Zuschauer mit der grten Leichtigkeit ber fr die Australier gebauten, ganz anstndigen Hindernisse unseres Tientsiner Rennplatzes wegging. [Illustration: "Flieger", 9j. brauner mongolischer Pony-Wallach] Langgefesselte Tiere findet man verhltnismig selten, dagegen sind Bockhufe ziemlich hufig, wahrscheinlich stammen solche Tiere aus besonders steinigen oder felsigen Gegenden, in denen sie viel auf harten Steinen klettern mssen. Diese Ponies eignen sich naturgem weniger fr den Gebrauch in der Ebene, da auch ihre Aktion nicht so schn ist. Mein guter Schorsch, der bis Kaschgar treu ausgehalten hat, besa solche Hufe. Der Schmied der Schwadron, bei der sein Vorbesitzer stand, hatte im Laufe der Zeit durch sehr geschickten Beschlag diesen Fehler fast gnzlich verschwinden lassen. Auf meinem Ritt hatte ich mit den chinesischen Schmieden dann immer zu kmpfen, da sie stets zu viel an der Zehe wegschneiden und so allmhlich die steilen Hufe, die sie sehr lieben, erzielen. Im allgemeinen hat der mongolische Pony einen kleinen, hbschen und sehr harten Huf; ich habe gefunden, da sich unser Beschlag nicht fr diese Hufe eignet und bin mit meinen Tieren reumtig zu dem brigens auch viel billigeren chinesischen Schmied zurckgekehrt. Spter im Innern gab ich fr Beschlag, rundum eines Tieres, ungefhr 40 Pfennig unseres Geldes. Die Gre des Ponies differiert zwischen 12 hands und 14 hands -- hands (4 Zoll) und inches (1 Zoll) sind englische Mae, nach denen stets der Verkauf an Europer stattfindet, z. B. bedeuten 13 hands 1 inch 53 Zoll 4 Fu 5 Zoll deutsch. -- Die Ausnahme besttigt die Regel und man findet selbstredend zuweilen sehr kleine und, allerdings seltener, grere Ponies als die angegebenen Mae. Sehr groe finden Abnehmer in den Mandarinen, die fr einen solchen Pony, der womglich bis auf die Erde reichenden Schweif und Mhne hat und Pagnger (Tsouma) ist, recht annehmbare Preise zahlen. Wir Europer nehmen solche sehr groen Ponies weniger gern, da wir aus Erfahrung wissen, da sie nicht so leistungsfhig sind, wie ein Pony mittlerer Gre, und ferner erhlt ein solcher bei Rennen nach der Gewichtskala ein derartig hohes Gewicht aufgepackt, da seine Chancen damit erledigt wren. An Farben findet man das denkbar Mgliche bei den Ponies. Auer den bei uns bekannten Farben, wie man sie gewhnlich bei Pferden antrifft, sieht man Tigerschimmel mit schwarzen Flecken, und gelb und braun geschippte, "spotted" -- wie der Englnder sagt -- sind hufig; auch gelblich-weie findet man sehr oft. Schecken und Schimmel gibt es in Mengen, Rappen verhltnismig selten; diese sind darum sehr geschtzt und hher im Preise. Wie gesagt, kann ein Liebhaber bunter Tiere beim mongolischen Pony voll auf seine Rechnung kommen. Der Charakter der Ponies ist im allgemeinen ein guter zu nennen, wenn man sich auch nie so recht auf einen Pony verlassen kann. Mir ist es z. B. bei sonst ganz ruhigen Tieren fters in der Box oder im Stande passiert, da sie ohne jede Veranlassung nach mir keilten. Die Abnehmer der Mongolen-Ponies sind die chinesischen Hndler und die Kavallerie, letztere wird es wohl in Zukunft noch mehr ohne Zwischenhndler werden, nachdem Yuan-schi-kai, Vizeknig von Chili, den Anfang damit gemacht hat, seine Kavallerie auf Dienstpferden beritten zu machen und mit dem alten Prinzip zu brechen, da der Kavallerist sein Pferd selbst mitbringt. Da letzterer natrlich nur sein Pferd schonte und dickmstete, ist klar. Nach europischem Vorbilde stellt Yuan-schi-kai Schimmel nicht mehr in die Truppe ein, so da diese Farbe spter wohl sehr billig werden wird. Natrlich kaufen auch nur die Kavallerie-Truppenteile direkt vom Mongolen, die mit letzteren infolge ihrer Standorte zusammenkommen knnen. Eine Remontierung der Truppe in den von der Mongolei oder den Pferdezucht treibenden Teilen des Reiches entfernten Provinzen findet nicht etwa so wie bei uns statt, sondern das Zwischengeschft liegt in den Hnden chinesischer Hndler. Fast zu jeder Jahreszeit kann man Herden von Ponies aus der Mongolei durch den Nankau-Pa heruntertreiben sehen. Sie gehen nach Peking, Tientsin, oder auch weiter nach Schantung, Honan, Schansi usw. Die Hndler kaufen meist eine ganze Herde, wobei sie nicht mehr als 10 Taels (30 Mark) fr den Kopf geben; wenn sie einzelne Tiere herauskaufen wollten, mten sie unverhltnismig viel mehr bezahlen. Die Mehrzahl der Tiere ist meist ganz roh und geht an die Karrentreiber fr hchstens 15 Taels weg, ihnen blht kein schnes Los, denn harte Arbeit wartet ihrer. Besser hat es die Auslese einer solchen Herde, die von Mandarinen oder Europern gekauft wird; die erste Frage eines Chinesen beim Pferdehandel lautet: "Pagnger oder nicht?" Ist letzteres der Fall, so ist der Pony schon erheblich billiger, zumal die meisten Mandarinen ein Pferd, welches keinen Pa geht, berhaupt nicht kaufen. Die Mongolen wissen das natrlich ganz genau und bringen den Tieren frhzeitig das Pagehen bei, indem sie ihnen beim Reiten ein Vorder- und Hinterbein (gleichseitig) zusammenfesseln. Bei diesen Pagngern fllt der Wurf im Trabe vollkommen fort, und je schneller solche Tiere traben, um so hher sind sie im Preise. Ich habe spterhin Patraber gesehen, bei denen ein Mittelgalopp gehendes Pferd sicher Not gehabt htte, mitzukommen. Wenn ein solches Tier dann noch die vorher erwhnten Eigenschaften betreffs Gre, Farbe usw. hat, so zahlt der reiche Mandarin sicher bis 1000 Taels, um mit seinem "tsouma" auch auf den Pekinger Straen Aufsehen zu erregen. Diese Tiere haben Galoppieren meist ganz verlernt. Spricht man z. B. mit einem Mandarin ber schnelle Ponies und er proponiert vielleicht ein Wettrennen, so meint er selbstredend ein Trabrennen und keins in unserm Sinne. [Illustration: Blick von der groen Tribne auf den Platz vor derselben] Nun noch einiges vom Rennpony; ich meine denjenigen Pony in europischen Hnden, der zu Rennzwecken, wie in Europa ein Rennpferd, ausgenutzt wird. Die Tauglichkeit zum Rennpony trgt jeder einzelne in sich, er mu nur gengend schnell sein. Eine eigentliche Zucht solcher Tiere gibt es nicht oder vielmehr noch nicht; denn wer wei, ob nicht einmal ein schlauer Mongole dahinter kommt, da der und der Hengst in seiner Herde besonders schnelle Kinder zeugt, und da er diesen dann als Vaterpferd bevorzugt, womit dann bald eine freie Zuchtwahl beendigt wre und der Anfang einer richtigen Zucht nach bestimmten Prinzipien gemacht wrde. So weit ist es noch nicht und wird es wohl vor der Hand auch noch nicht kommen. Ich kenne viele Ponies, denen ein anderer Ruf geblht hat, bevor sie sich auf der Rennbahn einen berhmten Namen machten. Ich erinnere nur an den jedem Shanghaier wohlbekannten "Charger", der bekanntlich direkt aus der Karre herausgekauft wurde. Aber sogar "Lippspringe alias Rotation", deutsche Siegerin im Distanzritt Berlin -- Wien, soll ja seinerzeit einmal in einer Karre gegangen sein. In jedem Jahre zweimal, und zwar in den Monaten Januar, Februar und auch noch Mrz, dann im Juli, August und Anfang September, kommen die neuen Ponies, die sogenannten "Griffins", in die Rennponies haltenden Stlle. Ich will an diesem Fleck speziell von den Tientsiner Stllen sprechen, deren Gepflogenheiten ich Gelegenheit hatte nher kennen zu lernen. Die Tiere werden auf die verschiedenartigste Weise gekauft. Jeder Stallbesitzer macht es natrlich anders. Die wenigsten gehen selbst in die Mongolei oder auch nur bis Kalgan, der Sammelstelle fr Ponies und dem Sitze vieler Hndler, hinauf, um selbst zu kaufen; die Reise ist zu beschwerlich. Fr den Herrn geht der erste Mafu des Stalles und kauft, oder der betreffende Besitzer hat eine Abmachung mit einem der vielen Hndler, der ihm die Ponies dann als erstem anbietet und vorstellt. Einige kaufen auch eine ganze Herde und heben dann das brauchbare aus den 35 - 40 Kpfen einer solchen aus, manchmal bleibt gar nichts ordentliches brig, nachdem schon das von vornherein ausgeschiedene Material fr ein Spottgeld weggegangen ist. Einige wenige Ponies haben schon in der Mongolei wegen ihrer Schnelligkeit einen bedeutenden Ruf. Dieser dringt dann stets bis Tientsin, wahrscheinlich nur durch geschickte Mache der interessierten Besitzer. Natrlich ist letzterer immer irgend ein mongolischer Prinz oder sowas, das macht sich besser. Erzhlt man einem der Sportsmen vielleicht bei der Morgenarbeit von diesem Tier, so wei er natrlich schon lngst ganz genau Bescheid, wei auch, da der und der Shanghaier Sportsman schon so und soviel geboten hat -- natrlich bietet ein Shanghaier stets mehr als ein Tientsiner --, das ist selbstverstndlich, denn die Shanghaier Races sind grer, also mssen die Tiere auch teurer bezahlt sein. Hinter dem Rcken handeln dann die Mafus schon lngst um das Tier, und sie verstehen es fast immer meisterhaft, ihrem Herrn die Vorzge des betreffenden Tieres ins hellste Licht zu stellen, so da der betreffende Besitzer eine anstndige Summe anlegt. Wieviel davon der Mafu einsteckt, bleibt natrlich Geschftsgeheimnis. Kommt das Tier nachher zum ersten Mal auf die Rennbahn und soll mal auf der letzten Viertelmeile (400 Meter) zeigen, was es kann, so staunt natrlich alles, whrend man spter in den wirklichen Rennen sehr oft gar nichts mehr von ihm hrt. Es war wieder einmal eine der vielen Enttuschungen, die dem Rennmanne hier genau so wie in Europa blhen. Solche Tiere kommen beim Ankauf bis 500 Taels, was man wohl als Hchstpreis bezeichnen kann. Man hrt manchmal von sehr viel teureren Tieren, aber das ist dann meist nur Reklame, und in Wirklichkeit, besonders wenn der Verkufer Bargeld sieht, ist das Tier bald sehr viel billiger. Das Gros der Ponies, "Griffins", und Griffin ist jeder auch noch so alte Pony, der noch in keinem ffentlichen Rennen auf einem der Pltze des Peking-, Tongschan- und Tientsin-Race-Clubs gelaufen ist -- unsere deutschen Rennen und die Rennen des Winter-Sport-Vereins rechnen nicht mit --, wird in Tientsin selbst an Ort und Stelle vom Hndler gekauft. Diese Tiere sind meist nicht unter sieben Jahren; man hat durch die Erfahrung herausgefunden, da der Pony die hchste Leistungsfhigkeit zwischen acht und zehn Jahren erreicht. Es spricht sich naturgem schnell herum, der und der Hndler -- die Namen sind bekannt -- hat "Griffins" angebracht; jeder einzelne kann dann nach Geschmack kaufen. Gott sei Dank sind die Geschmcker auch hier verschieden, und jeder, der kaufen will und das Geld dazu brig hat, kann voll auf seine Kosten kommen. [Illustration: 1 2 3 4 5 6 Unsere Renngesellschaft am Stall 1 Herr Sommer, Sieger im groen Distanzritt Tientsin -- Peking, 130 km in 7 Stunden 33 Min. 2 Herr Stang 3 Herr Felix Boos 4 Mr. Andersen 5 Leutnant v. Salzmann 6 Herr Otto Schweigardt] Die Ponies kosten dann je nach Gre und Points zwischen 60 und 150 Taels; man schtzt hierbei ein Durchschnittsma von 13,1 hands (dreizehn h. 1 inches) am meisten; fr einen kleineren Pony ist es schwer, einen Reiter zu finden, der das betreffende Gewicht reiten kann, und grere Ponies bekommen zu viel aufgepackt. Hinsichtlich Points sieht man genau auf dieselben Eigenschaften wie in Europa beim Vollblut, und da die Tiere fast ausschlielich in Flachrennen gehen sollen, so ist eine lange, schrge Schulter, in Verbindung mit einem nicht zu kurzen Rcken, besonders erwnscht. Trotz noch so schner Points kauft man aber stets die Katze im Sack, denn selbst der gewiegteste Kenner kann nicht im entferntesten ahnen, ob einmal aus dem Tier etwas wird, oder ob er sich nicht seines Temperaments halber oder aus sonstigen Grnden als absolut ungeeignet zu Rennzwecken erweist. Jeder Anhalt infolge Abstammung fehlt eben. Die meisten der aus der Mongolei kommenden Tiere weisen einen Brand auf einem der Hinterschenkel, der Schulter oder seltener am Halse auf. Diese Brnde sind entweder chinesische Charaktere, wie [Illustration] oder Phantasiezeichen, wie [Illustration] Ob dieses eine Art Gesttsbrand ist oder nur ein Hndlerbrand, habe ich nie so recht feststellen knnen. Eines wei ich jedoch bestimmt, da viele Hndler ihre Tiere brennen aus dem einfachen Grunde, um ihr Eigentumsrecht an diesen Tieren ad oculos zu demonstrieren. Ich habe dies bei Kalgan beobachtet, und ich denke, da, wenn Zchter ihre Tiere brennen, sie es nur aus dem oben angefhrten Grunde tun. Wenn unter Rennleuten zuweilen Tiere mit bestimmten Brnden vorgezogen werden, so halte ich dies insofern fr einen Zufall, als dem Betreffenden einigemale hintereinander Tiere mit demselben Brande in die Hnde geraten sind. Die neuen Ponies kommen nun in die Stlle, wo sie der Obhut der Mafus, chinesischen Pferdeknechte, anvertraut werden. Meist haben sie im Anfang eine starke Antipathie gegen den Europer, die sich beim Nhern des letzteren in Schnauben, ngstlichkeit, oft aber auch in Schlagen mit den Vorderbeinen und Annehmen mit dem Gebi uert, whrend sie gegen ihre Landsleute friedlich gesonnen sind. Die im Sommer kommenden Ponies werden sofort frisiert, d. h. man fesselt sie, bremst sie, wenn sie sehr ungeberdig sind, und dann werden sie mittels Klippschere geschoren. Die schne Mhne wird gekrzt, und gleichzeitig beschneidet der Schmied die Hufe und bringt sie in Ordnung. Die im Anfang des Jahres kommenden Tiere werden meist nicht sofort geschoren, da es ihnen in der Klte wohl schlecht bekommen wrde. Die Stallpflege ist sonst im allgemeinen genau dieselbe wie in Europa in einem Rennstall. Jeder Junge bekommt ein Tier zur Pflege zugeteilt, der erste Mafu verteilt das Futter und berwacht das Futterschtten. Da diese ersten Mafus meist jahrelange Erfahrungen hinter sich haben, wissen sie genau, wie sie die "Griffins" am besten an das ihnen noch ungewohnte Krnerfutter gewhnen, denn vorher haben die Tiere ja nur das Gras der Weiden bekommen. Selbstredend hat auch beim Futtern jeder Stall seine eigenen Grundstze. Der eine gibt mehr Kauliang (Heu), der andere fttert mehr Gerste oder schwarze Bohnen, oder gibt mehr oder weniger Hcksel. Jeder hat natrlich von seinem Standpunkt aus recht und hlt seine Methode fr die einzig richtige. Nur darin sind fast alle einig, da sie Hafer erst einige Wochen vor den Rennen futtern, da man die Erfahrung gemacht hat, da Hafer die Ponies sehr ungezogen und bockig macht. [Illustration: "Vitiges", 6j. mongolischer Schimmel-Wallach auf dem Wege zum Start] Die Tiere werden viel gefhrt, wozu bei den meisten Stllen eine runde Strohbahn vorhanden ist. Bald fngt dann die erste Trabarbeit an, denn diese ist das hauptschlichste Mittel, das Tier in der Muskulatur und im Atem zu frdern. Hierbei reiten die sogenannten Trainiermafus die Ponies auf dem Rennplatze; der betreffende Besitzer trinkt unterdessen seinen Kaffee auf der Tribne und beobachtet durch das Glas seine Lieblinge. Ich habe stets gefunden, da diese Mafus fast durchweg, wie man so sagt, "eine eiserne Klaue" haben; ich persnlich habe auch viel in der Trabarbeit geritten und bei manchem Pony Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie er in der Hand des Mafus von Woche zu Woche unempfindlicher im Maul wurde. Bei manchem geht das dann so weit, da er sofort in voller Fahrt losgeht, sowie man ihm auf der Bahn nur die Nase herumgedreht hat. Solche Tiere sind ihrer Heftigkeit wegen sehr schwer zu behandeln; man arbeitet sie am besten drauen im Gelnde ein und bringt sie nur zur Galopparbeit oder zu einem Trial auf die Bahn, denn sonst kann man spter beim Aufsitzen und beim Start Szenen erleben, gegen die ein schwieriger Start von Zweijhrigen in Deutschland eine Kinderei ist. Ist der Pony nun kurze Zeit in Arbeit, so berhrt man ihn einmal auf seine Leistungsfhigkeit und Galoppaktion. Vorausschicken mu ich, da der Tientsiner Flachrenn-Kurs genau 2000 Meter lang ist, da er ferner mittels Stangen in Viertelmeilen (also 400 zu 400 Meter) eingeteilt ist, und da es daher von der schnen groen Tribne aus mglich ist, die Zeit, die das Tier zum Durchmessen der verschiedenen Viertelmeilen braucht, mittels der Sekundenuhr, der Stopwatch, genau festzustellen. Das gesamte fernere Training geht an der Hand der Uhr. Die festgestellten Rekorde, die ich hier gleich auffhren will, sind jedem bekannt und bieten daher einen durchaus genauen Anhalt fr die Leistungsfhigkeit des Tieres. _Festgestellte Rekorde:_ Distanz Besitzer Pony Farbe Hhe Jahr Zeit Gewicht Min. Sek. 1/2 Meile (800 m) H. Detring Sendgraf schw. 13,1 11,1 H.99 58-1/4 3/4 " (1200") " " Set schw. 13,3 11,7 F.99 1,29-4/5 1400 Meter (1400") " Andrew Advance Grau- 13,1 11,8 F.99 1,48-3/5 schimmel 1 Meile (1600") " Detring Set schw. 13,3 11,7 F.99 2,05-1/5 1-1/4 " (2000") " J.M.D. Stray Grau- 13,2 11,4 F.97 2,37 Shot schimmel 1-1/2 " (2400") "Dr. Frazer Neophyte Schimmel 13,2 11,0 F.90 3,14 1-3/4 " (2800") " Munthe Palo dun. 13,1 11,1 F.97 3,47 Alto 2 " (3200") " Brenan Orion braun 13,1 11,1 H.92 4,26 Die Hhe sind englische hands und inches. 1 hand = 4 Zoll, 1 inch = 1 Zoll deutsch. Das Gewicht sind englische stones und pounds. 1 stone = 14 Pfund. 10 englische Pfunde = 9 deutsche Pfund. H = Herbst, F = Frhjahr. Die Zeit sind Minuten, Sekunden und Bruchteile der Sekunde. Zeigt das Tier nun eine gute Aktion und eine annehmbare Zeit auf der last quarter, der letzten Viertelmeile, ich will mal sagen 28 bis 29 Sekunden, manchmal sogar darunter, so ist es dasjenige, was man verlangen kann. Wenn der Pony diese Zeit nicht geht, oder mangelhafte Aktion zeigt, so wandert er meist an den Hndler, vielleicht mit einem kleinen Verlust zurck; dieser schickt ihn dann in die Mongolei, von wo er vielleicht nach Jahren wieder einmal "wie neu" zurckkommt, um dann mehr Gnade vor den Augen eines Besitzers zu finden; vielen blht aber auch das wenig beneidenswerte Los des Karrentieres. So geht das Training weiter, sehr viel Trab, verhltnismig wenig Galopparbeit; zu letzterer setzt sich meist der Herr -- es gibt nur Herrenreiten in China --, der das Tier spter im Rennen steuern soll, selbst darauf. Die Ponies, die meist zu zweien oder dreien herumgeschickt werden, mssen stets auf der Geraden in der letzten Viertelmeile vollkommen ausgeritten werden, auch wenn sie hoffnungslos geschlagen, ganz hinten liegen. Man sagt, da ein Pony sich sofort merkt, wo er angehalten wird, und spter dort streikt, also zum "Stinker" wird. Die Ponies entwickeln sich mehr und mehr in der Muskulatur, man massiert sie abends viel und gibt ihnen allmhlich Hafer, sie sehen prachtvoll aus, und so mancher nimmt die Figur eines Vollblters, allerdings en miniature, an. Fr den Sportsman ist es eine reine Freude, zu sehen, was aus den Tieren bei sachgemer Arbeit werden kann. Nun naht allmhlich der Nennungsschlu; der Besitzer mu sich schon klar darber sein, und hat dies auch in Trials ausprobiert, fr welche der verschiedenen Distanzen sich seine Tiere eignen, um nicht einen Flitzer in ein langes Rennen zu stellen und einen ausgesprochenen Steher in ein kurzes. Der Nennungsschlu ist vier Wochen vor dem ersten Renntage, Nachnennungen gibt es nicht; zugleich findet die Messung der Ponies durch einen der Stewards statt. [Illustration: "Totila", nach gewonnenem Derby auf dem Wege zur Wage, von Herrn Felix Boos gefhrt (Frhjahr 1902)] Die Rennen finden an drei meist aufeinander folgenden Tagen statt, denen sich dann oft noch ein vierter Tag, ein sogenannter "off day" anschliet, an dem alles geschlagene Material um von den hauptschlich gewinnenden Stllen ausgesetzte Preise konkurriert. Die Regel des Tientsin Race Club schlieen sich im allgemeinen den sogenannten Newmarket rules an, im besonderen in solchen Fllen, wo die Bestimmungen des Tientsin Race Club nicht ausreichen. Die Gewichte sind zehn stones fr zwlf hands, fr jeden Zoll mehr drei Pfund, fr den letzten Zoll zu 14,3 hands (59 Zoll) gibt's fnf Pfund. Grere Ponies drfen nicht laufen. Die Propositionen der einzelnen Rennen sind an der Hand von jahrzehntelangen Erfahrungen zusammengestellt und bieten nach Mglichkeit jedem einzelnen Pony eine Gewinnchance. Smtliche Sieger konkurrieren am dritten Renntage zusammen in den Champion stakes, einem Rennen ber 2000 Meter. [Illustration: 1 2 Richter-Huschen 1 General Soucillon, Commandeur de la brigade d'occupation franaise 2 General de Wogack (Ruland), Verteidiger Tientsins 1900] Das Training geht indessen weiter; man wei schon naturgem von gewissen Ponies, da sie auerordentlich gute Zeiten gezeigt haben. Einige halten ihre Ponies dunkel oder geben sich wenigstens Mhe, es zu tun, sie halten ihre Trials in der Dmmerstunde ab, und man erzhlt sich, da ein bereifriger sogar bei Nacht seine Trials abmachte und, um das Passieren der Viertelmeilen-Pfhle zu markieren, an jedem der letzten einen Chinesen mit einer Laterne aufgestellt hatte, die beim Passieren des Points heruntergenommen wurde, um so den Anhalt fr den die Sekundenuhr Haltenden zu geben. Sonst steht am letzten Viertelmeilenpfosten stets ein Chinese mit einer roten Flagge, die er herunter nimmt, wenn ein Pony im Canter passiert. Eng verbunden mit dem Rennen sind groe Lotterien. Zu diesem Zwecke liegen in den Clubs und ffentlichen Lokalen numerierte Listen der einzelnen Rennen mit verschiedenen Preisen der Lose aus; jede Nummer, hinter die man seinen Namen setzt, ist gleichsam ein Los. In gewhnlichen Rennen kostet eine Zeichnung zwei oder drei Dollar, in der Champion-Lotterie 10 Dollar. Leider sind auch hier sehr viel mehr Nieten als Gewinne. Kurze Zeit vor den Rennen werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen, entsprechend den Rennen der drei Tage, die Lotterien ffentlich im Tientsin-Klub gezogen, zu welcher Haupt- und Staatsaktion sich alles, "was so ein bichen was ist", zusammenfindet, um zu gewinnen, zu verlieren oder um auch nur aus der Hhe der Angebote der Stall-Besitzer fr die zur Versteigerung gestellten Gewinnlose zu ersehen, ob der Besitzer seinem Pony etwas zutraut oder nicht. Soviel Ponies in einem Rennen genannt sind, so viel Gewinnlose werden gezogen; diese werden hinterher versteigert. Der Ersteigerer mu die Summe, die er geboten, einmal an den Glcklichen zahlen, der das Los gezogen hat, und einmal der Rennkasse zuweisen. Er wird damit Besitzer des Loses. Besonders in der Champion-Lotterie versucht natrlich jeder Stall-Besitzer sich das auf seinen Stall gefallene Los zu ersteigern. Dabei kommen fast immer ganz anstndige Summen in Umsatz. So war z. B. im Frhjahr 1902 4153 Dollar der Inhalt der Champion-Lotterie. Nach einem Abzug fr die Rennkasse bekam 75% von dieser Summe der Besitzer des Loses, das die Nummer des gewinnenden Ponys zeigte, 25% gab es ebenso fr den zweiten. Ich hatte mit einem andern Herrn zusammen den zweiten Pony, den ich notabene selbst ritt. [Illustration: "Totila", 7j. -- Frhjahr 1902 -- Sieger im Northern Cup Tientsin Derby, 2. Champion stakes] Nun kommen die Renntage selbst, ein wahres Volksfest fr die Bevlkerung; alle Lden schlieen, jedes Geschft, und sei es auch noch so dringend, wird aufgeschoben, die Rennen entschuldigen alles. Der schne Rennplatz, dessen Tribne und Richterhuschen wiederhergestellt sind, nachdem sie von den Boxern 1900 gnzlich heruntergebrannt waren, prangt im Fahnenschmuck. Paddocks, Stlle und Toto usw. sind noch provisorisch, werden aber jetzt wohl, wo ich dieses schreibe, auch schon massiv hergestellt sein, denn die Mittel fr die neuen Bauten waren schon seinerzeit sichergestellt. Der deutsche Klub hat sein eigenes Erfrischungszelt drauen, in dem auch er noch eine Privatlotterie fr die Championstakes aufgelegt hat. Alles wandert zu Ro, Rad, Wagen oder zu Fu, die Damen natrlich in groer Toilette, zum Rennplatz, deutsche, franzsische oder englische Militrmusik lt ihre frhlichen Weisen ertnen, kurzum, es ist genau so wie bei uns zu Hause, nur vielleicht mit dem Unterschiede, da sich alles gegenseitig kennt. Vormittags sind drei Rennen, dann gibt es Lunch oder vielmehr Tiffin im groen Saale der Haupttribne, wonach die Rennen ihren weiteren Verlauf nehmen. Man mu sich zu dem Tiffin, an dem alles, was sich zur guten Gesellschaft rechnet, teilnimmt, vorher ein Billet kaufen. Das Saal-Innere bietet ein hbsches buntes Bild. An langen Tafeln mit numerierten Pltzen sowie auch an einzelnen kleinen Tischen sitzen die Damen in luftigen Toiletten, die Herren in hellen Sportanzgen, und dazwischen die Offiziere in Uniformen aller Lnder. Dem nicht entsprechend ist gewhnlich das Tiffin; man bekommt so gut wie nichts, wenn man nicht seinen eigenen Boy zur Bedienung mitbringt, und mu zufrieden sein, wenn man eine kalte Schssel erreicht. An ein Aufstehen ist nicht zu denken, wenn man nicht einen Sturm der Entrstung hervorrufen will, da alles sich gegenseitig fast auf dem Scho sitzt, und um zu seinem Platz zu gelangen, mu man eine halsbrechende Kletterpartie unternehmen. Aber trotzdem herrscht angeregteste, heitere Stimmung, der selbst kein Eintrag geschieht, wenn inzwischen sich ein recht unangenehmer Staubsturm entwickelt. Ein Teil der Rennstall-Besitzer schlgt in reservierten Boxes der Stlle selbst Buffets auf, wozu kalte Kche und Getrnke mitgebracht werden. Die Preise der Rennen bestehen meist in Geldpreisen, zuweilen in Ehrenpreisen, die jedoch stets an den Besitzer des siegenden Tieres gehen. [Illustration: Publikum auf dem Rennplatze an einem Renntage] An den kleineren Renntagen im Winter gab es regelmig ein sogenanntes "Ladies Nomination-Rennen". In diesem ritt man fr eine vorher angegebene Dame der Gesellschaft, der von dem siegenden Reiter der Preis als Geschenk berreicht wurde. Ich hatte im Winter 1901/02 zweimal das Glck, auf diese Weise Damen einen silbernen Ehrenpreis zu Fen legen zu knnen. -- An diesen Renntagen wurden auch einige scherzhafte Rennen eingeschoben. So z. B. ein Hrdenrennen, bei dem man zum Schlu durch einen Schirm von Seidenpapier springen mute, was nicht so einfach ist; ferner gab es sogenannte "leading races", in welchen man ein zweites Tier an der Hand mitnehmen mute. Zuweilen fhrten auch die Kosaken ihre hbschen Reiterspiele auf. Auf dem Platze fehlen natrlich die Buchmacher nicht. Nach Schlu der Rennen sucht jeder so schnell als mglich nach Haus zu kommen -- tout comme chez nous --, und den Abend und die ganze Nacht herrscht im Astor House (dem vornehmsten Hotel Tientsins) und den Klubs reges Leben; das gewonnene Geld mu eben untergebracht werden. [Illustration: "Jakob", brauner australischer Wallach Frhjahr 1902 -- den Tientsin Race Club Cup im Canter gewinnend] Ich hatte das Glck, im Frhjahrsmeeting 1902 mehrere Rennen mit Totila zu gewinnen, und war damit bis zu diesem Zeitpunkte der einzige deutsche Offizier, dem es seit unserer Ankunft in China geglckt ist, ein Rennen in den offiziellen Tientsiner Meetings zu gewinnen. Als Favorit ging ich mit Totila in das Hauptrennen, die Champion stakes, wurde aber leider von einem Pony, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte, auf den zweiten Platz verwiesen. Fr mich werden diese Ponyrennen stets eine der schnsten Erinnerungen in China sein. Wir deutschen Herrenreiter gingen zuerst mit einem etwas berlegenen Lcheln an die Rennen auf dem mongolischen Pony heran und sahen uns bei unserm ersten Auftreten fast stets auf die letzten Pltze verwiesen. Das Lcheln verschwand bald. Wir sahen ein, da nicht zu scherzen war, da diese Konkurrenzen zur peinlichsten Vorbereitung und zum schrfsten Kampf herausforderten und da der gesamte, so auerordentlich intensive Training auf der in Jahrzehnten gemachten Erfahrung beruhte. Wir muten vollkommen neu lernen, denn auch das Reiten des Tieres, und hier wieder besonders das Finishreiten, ist ein ganz anderes als beim Pferde. Das Reiten strengt auf dem Pony sehr viel mehr an, als auf dem groen Pferde, und es gehrt dazu fr den eigenen Krper ein ebenso scharfes Training wie fr den Pony. Ich habe die letzten sechs Wochen vor dem Rennen berhaupt keinen Alkohol zu mir genommen, brigens mich nebenbei niemals wohler gefhlt als in dieser Zeit. Sehr vieles Zufugehen brachte den Lungen die gengende Arbeit. Mein Gewicht brauchte ich nicht herunterzubringen, denn ich war sowieso schon zu leicht und mute dies meist durch Gewichte oder schweren Sattel ausgleichen. Mein Lehrmeister in allen das Pony-Training angehenden Sachen war Herr Felix Boos, dem ich nicht genug dankbar sein kann, denn ohne seine tglichen Ermahnungen und Ratschlge htte ich niemals die oben erwhnten schnen Erfolge errungen. Schwer genug ist es Herrn Boos, glaube ich, manchmal gefallen, denn ich war nicht gerade der folgsamste Schler, sondern hatte meist meine eigenen Ansichten, die ja nicht immer die richtigsten waren, was ich aber erst hinterher einsah. Wie manches Mal wollte ich den Pony nicht mehr besteigen, wenn mich unser bester chinesischer Reiter im Stall "Li-san" wieder einmal mit dem schlechteren Pony in der Arbeit im Finish um einen Kopf schlug, und ich hab's schlielich doch gelernt. Aber auch hier gilt das Sprichwort: "Aller Anfang ist schwer." [Illustration: "Nickel", 13j. mongolischer Pony-Wallach, Sieger vieler Rennen] Neben dem von Englndern gegrndeten und von der gesamten Fremden-Kolonie unterhaltenen Verein, dem "Tientsin Race Club", gab es noch einen "Deutschen Reiter-Verein", der jhrlich an zwei oder drei Tagen Rennen abhielt, in denen es sich zum Teil um Rennen fr groe Pferde, zum Teil um Hindernisrennen fr Ponies handelte. Also Hoppegarten und Karlshorst im Kleinen. Der Rennplatz des "Deutschen Reiter-Vereins" war nur ein provisorischer und lag innerhalb des von den deutschen Truppen besetzten Gelndes. Diese Renntage trugen mehr einen intimen Charakter, da die hauptschlichsten Konkurrenten aus deutschen Offizierstllen kamen und nur vereinzelt fremde Uniformen oder der Dre auftauchte. Es wurde hier lediglich um Ehrenpreise geritten, die Lotterien und der Totalisator fielen fort. Auch hier hatte ich das Glck, viele Erfolge zu haben. Besonders mein australischer Wallach "Jakob" wird noch in aller Erinnerung sein, der unter andern "Signorita", bis zu diesem Zeitpunkt Tientsins bestes Pferd, spielend schlug, ebenso der Fuchspony "Dr. H.", ferner "Flieger", "Nickel", "Teja" und andere mehr. Der gute Schimmelwallach Nickel (13 Jahre) hatte mir schon in Peking im ersten Jahre manch schnen Ehrenpreis eingebracht. Jetzt habe ich eine ganze Anzahl solcher Preise in Silber, Bronze und Cloisonn zusammen, schne und liebe Andenken an den Rennsport in China von 1900 bis 1902. * * * * * Unter Hangen und Bangen verstrichen die Tage nach dem letzten Pekinger Ritt. Ich beantragte bei der Gesandtschaft einen Pa vom Wei-wu-pu -- dem Auswrtigen Amte Chinas --, aber noch ging eine Woche der Ungewiheit hin. Endlich am 24. Dezember traf ich zufllig auf der Victoria Road, der Hauptverkehrsstrae, Herrn Major v. Falkenhayn, der mir im Vorbeireiten zurief: "Soeben ist Telegramm aus Berlin gekommen, Ihr Urlaub nach Zentralasien ist genehmigt." Das war fr mich das schnste Weihnachtsgeschenk. Niemand war glcklicher als ich, da ich nun alle Schwierigkeiten berwunden glaubte. Ich bestellte sofort den Pa zur Reise durch Ruland im deutschen Konsulat, sah mich nach geeigneten Tieren fr mich um und dachte an meine Ausrstung. Doch noch manches unerwartete Hindernis stellte sich mir entgegen, ehe ich Tientsin endgltig verlie. Am 27. Dezember wurde ich wieder einmal zur Brigade gerufen und erhielt die Mitteilung, da mir der General infolge der politischen Lage in den Westprovinzen des Reiches nicht gestatten knne, meinen Urlaub anzutreten. Mein Gesuch um den chinesischen Reisepa war auf der Gesandtschaft eingelaufen und auch an das chinesische Auswrtige Amt weitergegeben worden. Inzwischen waren vom englischen Generalkonsul aus Hankau telegraphische Nachrichten eingetroffen, da die Provinzen Kansu und Schensi sich im Aufstande befnden, und zwar infolge erneuter Umtriebe des Generals Tung-fu-hsiang und des Prinzen Tuan, sowie da die dortigen Missionare ihre Frauen zurckgezogen htten und selbst bereit seien, jeden Moment die Flucht zur Kste anzutreten. Auf diese Nachricht hin schrieb der stellvertretende Gesandte, Legationsrat v. d. Goltz, an das Brigade-Kommando, wie er es unter solchen Umstnden nicht fr erwnscht halten knne, da ein Offizier durch jene Provinzen ritte, und da ich entweder einen andern Reiseweg whlen oder warten msse, bis beruhigendere Nachrichten vorlgen. Das war ein recht harter Strich durch die Rechnung, aber ich gab die Hoffnung trotzdem nicht auf, da sich solche Alarmnachrichten meistenteils hinterher als weit bertrieben oder sogar als ganz falsch erwiesen hatten. Wir hatten an diesem Tage den ersten Renntag des "Winter-Sport-Vereins", und es sollte mir zum letzten Male auf chinesischem Boden gelingen, eins meiner Tiere zum Siege zu steuern. "Peter" kanterte in einem 1200 Meter Flachrennen einfach dem ganzen Felde weg und gewann leicht wie er wollte. "Dr. H." wurde einmal dritter hinter einem totes Rennen laufenden Ponypaar und einmal zweiter. Das war wenigstens noch ein hbscher Abschlu, der meine etwas gesunkene Laune wieder hob. In den nchsten Tagen machte ich mich daran, eine neue Reiseroute mit der sibirischen Eisenbahn zu studieren, aber ich hatte Glck, denn schon die Zeitungen brachten Dementis der Alarmnachrichten, und am 29. Dezember erhielt ich Nachricht, da ein neues Schreiben seitens der Gesandtschaft eingelaufen sei, welches alle frheren Angaben als erfunden bezeichnete, da die Provinzen Schensi und Kansu ruhig seien und da somit meinem beabsichtigten Ritte nichts mehr im Wege stnde. Auf Befragen blieb ich selbstredend bei meinen frheren Absichten bestehen und hatte nur noch die endgltige Genehmigung des Generals abzuwarten. Diese traf am 30. Dezember ein, und zugleich wurde mir mein chinesischer Reisepa ausgehndigt. Ich stie einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich diesen endlich in Hnden hatte, denn nun konnte ich wirklich fort. Es war aber auch hchste Zeit, denn ich hatte noch keinen Pony und mute auch noch meine gesamte Ausrstung zusammenstellen. Letztere war fast dieselbe wie im Herbst zum Ritt durch Schansi, nur einiges kam hinzu, wobei ich als wesentlichstes den Karabiner, photographischen Apparat und mehr Pelzsachen anfhren will[1]. Dank der Liebenswrdigkeit und dem Entgegenkommen der Kameraden war ich bald im Besitz guter, erprobter Tiere, von denen sich spter besonders der von Leutnant Brandt erstandene und nach ihm "Schorsch" getaufte Pony, der gute Dicke, besonders bewhren sollte. Es war ein Dunkelfuchs, 8 Jahr alt und 13 hands (52 Zoll) gro; als zweiten Pony nahm ich einen 13jhrigen, 13,1 hands (53 Zoll) groen Dunkelbraunen, namens "Nepomuk" mit. Dieser war als Beier und Schlger bekannt, hatte aber vier tadellose Beine und galt als sehr ausdauernd. "Schorsch" war ein gutes Gebrauchstier, sehr gutmtig, nicht schnell, hat mir aber von meinen drei Tieren, zu welchen eine edle 8jhrige dunkelbraune australische Stute "Witwe Bolte" gehrte, die bei weitem besten Dienste geleistet. [1] Die Gesamtausrstung siehe S. 78. [Illustration: Englischer Krankenwagen (Djanjibhoy) von den Offizieren als Krmperwagen benutzt] Der Pa vom Konsulat traf ein, ebenso erhielt ich durch die liebenswrdige Vermittlung unseres Konsuls ein offenes Empfehlungsschreiben des russischen Konsuls fr die russischen Behrden, und einen geschlossenen Brief an das Generalkonsulat zu Kaschgar, die erste russische Behrde, die ich auf meinem langen Wege antreffen wrde. Die wenigen mir noch fehlenden Ausrstungsstcke waren bald besorgt, und das Abschiedfeiern, ohne das es hier in Ost-Asien einmal nicht geht, fing an, um bis zum 4. Januar 1903, dem Tage meines Abrittes, zu dauern. Das offizielle groe Abschiedsessen fr alle Anfang Januar nach der Heimat Zurckkehrenden war schon am 23. Dezember gewesen. Eine um so grere Freude bereitete es mir, als zehn meiner Freunde am 1. Januar mir noch ein besonderes Abschiedsdiner gaben. Am 2. Januar meldete ich mich dienstlich berall ab und erhielt von meinen Vorgesetzten manches liebenswrdige Wort mit auf die Reise. Am 3. Januar wurde alles probeweise fertig gepackt und mit Hilfe unseres Batteriesattlers noch manches gendert. Am Abend war ich nochmals ins allgemeine Kasino eingeladen; Oberstleutnant von Kronhelm hielt eine mir zu Herzen gehende Rede, und ich merkte erst jetzt, wie schwer mir der Abschied von so vielen liebegewordenen Freunden und Kameraden fiel, mit denen ich hier Jahre lang zusammen gelebt und gewirkt hatte. Bis zum frhen Morgen saen wir zusammen, Parademarsch auf Sthlen und der bliche Abschiedsschnaps im Korridor machten den Abschlu der unvergelichen Feier. Es war hchste Zeit, denn Frau Sonne frbte den Horizont schon leicht purpurn, und ich mute mich ans Satteln der Pferde machen, da um Punkt 9 Uhr abmarschiert werden sollte. Mir kam es so vor, als ob ich statt drei Tiere deren sechs mitnahm; aber es war der letzte Tropfen Alkohol bis zum Kaspischen Meere gewesen. Verzeichnis der auf dem Ritt durch Zentral-Asien mitgefhrten Pferde und Ausrstungsstcke. Witwe Bolte, australische Stute, 8jhrig, dunkelbraun. Schorsch, chines. Pony, 8 Jahr, Dunkelfuchs, 13 Hands. Nepomuk, chines. Pony, 12 Jahr, dunkelbraun, 13,1 Hands. 2 Offizierbocksttel mit kleinen Vorderpacktaschen. 1 Armeesattel mit Packtaschen, Vorder- und Hinterzeug. 1 englischer Sattel. 3 Halfter mit Trensen und Anbinderiemen; Reserveriemen. 6 groe Woilachs. 1 Paar Hinterpacktaschen. 1 Paar groe schweinslederne Packtaschen. 1 Mantelfutteral aus Leder. 1 Kamelhaardecke, 1 halbseidene Decke. 1 Pferdedecke. 2 Filzunterlegedecken. 1 Schlafsack. 1 Katzenfelldecke mit Tuch gefttert. 1 Obergurt. 1 langer lederner Fhrriemen. 1 wasserdichte Lagerdecke. 1 schwerer (englischer Winterkhaki) Rock mit Biberkragen und Pelzfutter. 1 graue Rockbluse. 2 graue Reithosen mit Lederbesatz. 1 Schafspelz. 1 Paar Pelzhandschuhe. 1 Lederjacke. 2 blaue Sweater. 4 wollene Hemden. 1 seidenes Hemd. 3 wollene Unterhosen. 2 Paar hohe Kniestrmpfe. 4 Paar wollene Strmpfe. 1 Dutzend Taschentcher. 4 seidene Halstcher. 1 Paar Pulswrmer. 2 groe, 6 kleine Handtcher. 2 Pelzmtzen. 1 Kopfkissen. 1 Regenmantel. 1 Baschlik. Waschzeug, Rasierzeug, Nhzeug, Verbandzeug, Bindfaden, Sattlernadeln. 1 Paar hohe Filzstiefel. 1 Paar schwere Schnrstiefel. 1 Paar englische Gamaschen. 1 silberne Uhr mit Kette. 1 Nickeluhr. 1 Brustbeutel mit 4 Zwanzigmarkstcken. 1 Kodak mit 16 Dtzd. Films in lederner Tasche. 1 Thermometer in Lederfutteral. 1 Feldflasche mit Becher und Riemen. 1 Zei-Fernglas mit Futteral. 1 Patronengrtel fr 8 Rahmen Karab. 8 mm und 2 Rahmen Mauserpistole. 1 langes Jagdmesser in Lederscheide mit Gehenk zum Anbringen am Sattel. 2 Taschenmesser (Nicker). 1 Kompa. 1 chinesische (groe) Visitenkartentasche. Deutsche und chinesische Visitenkarten. 4 Kneifer. 2 Staubbrillen. 1 Handspiegel. 1 Laterne mit Lichtern und Streichhlzern. 1 Paar Hausschuhe. 1 Geldwage. 1 Ebesteck im Beutel. 1 Aluminiumbecher. 1 Koppel als Leibgurt. 1 Paar Hosentrger. 1 Gummiwaschbecken. Schreibpapier. Tintenfa, Tinte. Federhalter, Bleistifte, Buntstifte, Zirkel, Siegellack, Krokiertasche mit Block, Federn, Notizbuch, Glyzerin. 2 Bnde Sven Hedin "Durch Asiens Wsten". Mllendorfs Chinesische Grammatik. Feller: Deutsch-Englisch, Franzsisch-Chinesisches Wrterbuch. Karten aus dem groen Debesschen Atlas. Eine Banknotentasche, enthaltend: Chinesischen Reisepa, Reisepa vom Deutschen Konsulat in Tientsin, visiert vom russischen Konsul, Reisepa von der Besatzungsbrigade, Reisepa vom russischen Konsulat Tientsin, Soldbuch, einen Kreditbrief ber 850 Rubel auf die Banque Russo-Chinoise in Kaschgar. 1 Mauserkarabiner, neuestes Militrmodell, als Jagdkarabiner umgendert, mit 120 Patronen. 1 Mauserpistole im Holzfutteral mit 160 Patronen. Gewehr-Putzzeug. Konserven fr 20-30 Tage. 372 Taels Silber (etwa 1000 Mark). Alles in Silberschuhen der verschiedensten Gren. (Siehe Kap. I.) Zum III. Kapitel. [Illustration: ber Taiyuanfu zur alten Kaiserstadt Hsi Ngan Fu 32 Marschtage - 1280 Kilometer. Durchschnittsmarschleistung 40,0 Kilometer] III. KAPITEL. ber Taiyuanfu zur alten Kaiserstadt Hsi Ngan Fu. 4. Januar. Allmhlich sammelte sich in meiner Wohnung eine Menge guter Freunde und Kameraden, die mir noch zum Abritt das Geleit geben wollten. Pnktlich war alles fertig, der unvermeidliche chinesische Photograph nahm einige Bilder auf, und in Begleitung von zehn Freunden gings ab nach dem Westtor der Chinesenstadt. Dort bekam ich noch drei Hurras auf den Weg, dann zog ich mit dem Grafen Seyboltstorff, der mich zwei Tage weiter begleitete, ab, dem weiten Ziele am andern Ende Chinas zu. [Illustration: Mit dem Wachtmeister der Batterie ber den am ersten Tage zu nehmenden Weg beratschlagend] Wir ritten heute nur eine mige Strecke, da die Tiere zu wenig einmarschiert sind, im brigen gingen diese recht gut. In Yangliu-tsing, dem alten Boxernest, kamen wir leidlich unter. Am Abend hatte uns der Wirt, da es empfindlich kalt war, eines von den mit glhenden Holzkohlen gefllten Kohlenbecken ins Zimmer gestellt. In der Nacht wachte ich mit entsetzlichem Herzklopfen auf und sah, wie Graf Seyboltstorff, der sich vom Kang erhoben hatte, mehrfach hinfiel, erst jetzt wurde mir klar, in welch schwerer Lebensgefahr wir beide geschwebt hatten, wir wren um ein Haar an den Kohlenoxydgasen erstickt. Gott sei Dank war ich noch rechtzeitig erwacht, um die Tren aufzumachen und so nicht von demselben Schicksal ereilt zu werden, wie einst der unglckliche Graf York. Den ganzen nchsten Tag litten wir noch unter den entsetzlichsten Kopfschmerzen. [Illustration: Die Witwe Bolte, gepackt] Nepomuk erwies sich als ein ganz gefhrlicher Beier; gleich beim Satteln morgens ri er einem unglcklichen Chinesen ein groes Stck Fleisch aus dem Arm heraus; die Stute bewhrte sich sehr gut. Wir waren gegen 8 Uhr abmarschiert, und schon nach einer Stunde befanden wir uns in einem starken Staubsturm aus Norden. Da der Sturm immer strker wurde, versuchten wir in einem der am Wege liegenden Drfer unterzukommen und fanden schlielich fr Mann und Pferd in dem Nebengebude eines Dorftempels Unterkunft. Die Leute waren sehr freundlich und brachten alles, was wir wnschten. Wir delektierten uns an einer von einem Kameraden von den Pionieren geschenkten sehr schnen Wurst. Das Unwetter wurde gegen Abend ganz toll, so da wir schlielich im Sand halb erstickten. Trotzdem schliefen wir ganz gut und sogar ohne Ungeziefer. Am 6. Januar morgens, bei herrlichstem Wetter und 16 Grad Klte, ging es weiter. Ich sagte dem Grafen Lebewohl; der Abschied von meinem besten Freunde fiel mir recht schwer, aber wir hofften auf ein vergngtes Wiedersehen in Deutschland. Whrend er nach Tientsin zurckritt, marschierte ich nach Sdwesten weiter. Mein dicker Schorsch hatte ber Nacht einen schweren Hieb rechts hinten gegen das Schienbein bekommen und lahmte leider; trotzdem trabte ich weiter, immer nach dem Ta-dau (groer Weg) fragend, jedesmal ein verstndnisvolles "ang-ang" (ja, ja) zur Antwort erhaltend; also das Geschft mute richtig sein. Da ich mich aber auf dem groen Wege nach Pautingfu und nicht nach Ho-kien-fu, wo ich eigentlich hin wollte, befand, ahnte ich in meiner Unschuld nicht. Bei Wegteilungen drngte ich stets nach Sdwesten, wurde aber immer wieder mit einer lcherlichen Beharrlichkeit auf den alten Weg zurckgewiesen. Schlielich waren wir vor einer Stadt, die sich auf Befragen zu meinem nicht geringen rger als Wnn An herausstellte. Da mir, als altem erfahrenen "Chinakenner", so etwas zustoen mute, war eigentlich ein Skandal. Nachdem ich meinen rger an dem armen Mafu, der gar nichts dafr konnte, gengend ausgelassen hatte, ging die Reise weiter, nunmehr auf Jnn kiu zu. [Illustration: Leutnant v. Salzmann, Oberleutnant Graf Seyboltsstorff] Kurz hinter Wnn An kam mir ein Mandarinkarren entgegen, und aus demselben sprangen zwei recht gut angezogene junge Chinesen, die mich mit deutschen Worten freundlichst begrten. Ich bekannte sofort, da, ich Deutscher sei, zumal ich in meiner Nordpolfahrerausrstung immerhin fr alles andere gehalten werden konnte, als fr einen Offizier. Die Freude war gro, ich mute umdrehen, um der sehr liebenswrdigen Einladung in das Haus des einen nach Wnn An Folge zu leisten. Noch niemals bin ich von gnzlich unbekannten Chinesen mit einer derartigen Herzlichkeit aufgenommen und weiterhin behandelt worden. Man sieht also, da der Umweg noch zu einem guten Ende fhrte. Mein Mafu grinste, wahrscheinlich schadenfroh, ich wei es aber nicht genau, da er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit grinste. Jedenfalls glaubte er, infolge meiner so pltzlich umgeschlagenen Laune, nun auch seinerseits etwas dazu beitragen zu mssen, indem er das Pferdeputzen am andern Morgen durch einen verlngerten Schlaf ersetzte. Die beiden jungen Chinesen hatten in Peking Deutsch gelernt; natrlich muten sie sich in mein unvermeidliches Fremdenbuch eintragen, was denn auch in deutscher Schrift, mit einem Riesenklecks als Beigabe, erfolgte. Ich wurde nun erst ordentlich abgefttert, was mir sehr wohl tat; dann mute ich die ganze Stadt unter ihrer Leitung besichtigen und wurde noch einigen Verwandten und Bekannten, alles sehr gut gestellte Kaufleute, vorgefhrt. Den Abend verbrachte ich so in ganz angenehmer Gesellschaft; natrlich mute ich alle Schreibstudien usw. ansehen und kann nur meine Hochachtung vor dem Flei der erst sechzehnjhrigen Menschen ausdrcken. [Illustration: Abmarsch von Tientsin] Am nchsten Morgen, den 7. Januar, nahm ich Abschied. Mein Mafu verga noch den Zei, wahrscheinlich in seinem Trennungsschmerz; Gott sei Dank wurde er mir im Galopp nachgebracht, es wre doch ein sehr harter Verlust gewesen. In den nchsten Tagen marschierte ich nun ber Jnn kiu, S-ning, Anping nach Tschnn ting fu. Ich nahm immer noch nicht mehr als 30 Kilometer tglich, da die Tiere infolge des ungewohnten harten Nachtlagers recht mde waren, auch war der gute dicke Pony, wie schon erwhnt, von der Witwe rechts hinten lahm geschlagen, so da er uns etwas aufhielt. Viel zu erzhlen ist aus den kleinen Lchern eigentlich nicht. Die Menschen waren berall dort, wo fremde Garnison gelegen hatte, und das war fast bei allen der Fall, geradezu ekelhaft zudringlich, wie es mir niemals frher in gleichem Mae begegnet ist. Sehr gut zog sich der Mandarin von Anping aus einer Affre; er schickte mir, als ich kaum zehn Minuten im Orte war, ein ganz vorzgliches Diner, das ich dankend annahm. Der Mafu erwies sich nicht gerade als eine Perle besonderen Ranges. Pferdeputzen vermied er mglichst, nebenbei war es ihm ganz gleichgltig, ob die Pferde getrnkt waren oder nicht, so da man ihm dauernd auf die Finger sehen mute. Auerdem sprach er ein Chinesisch, das mir reichlich unverstndlich war, Kalganer Platt. Er war nicht nur schmierig, sondern auch feige; jeden Abend kam er untersuchen, ob ich auch die Mauserpistole unter das Kopfkissen gelegt habe. [Illustration: Abmarsch von Tientsin] Am 8. und 9. Januar hatten wir Staubsturm, am 10. Januar fanden wir in Wu-die ein miserables Unterkommen. Das Volk ist hier ganz besonders frech; berall hrte man das Yang-quetze (fremder Teufel), und mehrfach wurde mit Steinen nach mir geworfen, bis ich mir einen der Hauptbeltter herausgriff und ihn etwas unsanfte Bekanntschaft mit meiner Reitpeitsche machen lie. Auerdem schickte ich zum Yamen und lie dem Mandarin sagen, da, falls ich nicht sofort Ruhe bekme, ich mich direkt bei dem Vizeknig in Tientsin beschweren wrde; das half, denn ich bekam einige Infanteristen als Posten und hatte von nun an Ruhe. Am 11. Januar kamen wir in Tschnn ting fu an und in demselben Gasthaus, wie im Oktober, unter. Ich wurde auch sofort wiedererkannt und freundlich bewillkommnet. Am Abend traf noch ein sehr hoher Mandarin, der nach Hsi Ngan Fu zog, mit unendlichem Tro ein. Die Diener spielten sich als Hauptstdter ganz besonders wichtig auf. Am nchsten Morgen stellte sich Kavalleriebegleitung ein, die mir der Yamen gegen meinen Willen geschickt hatte. Die Leute benahmen sich sehr anstndig und halfen mir, wo sie nur konnten. Ich kann auch den Kavalleristen, die ich fernerhin zur Begleitung bekam, nur dasselbe Zeugnis ausstellen; nie hat mich einer angebettelt, im Gegenteil, sie verweigerten sogar die Annahme von Essen oder Futter fr ihre Pferde und waren stets ngstlich besorgt, da ich ihnen auf die zur Rckkehr als Ausweis mitgegebene Visitenkarte etwas Anerkennendes schrieb. [Illustration: Mafu Tsai Ming Y auf "Schorsch"] Wir berschritten den Hu to Ho auf einer neu erbauten Brcke, die im vergangenen Herbst noch nicht vorhanden war, dann ging es wieder durch die entsetzlich staubigen Hohlwege auf Huolu zu. Unterwegs gab es mehrfach Aufenthalt durch entgegenkommende Wagen. Die Kavalleristen zwangen die Fhrer jedesmal, die Karren bis an die nchste Ausweichestelle zurckzustoen. Schon der steile Pa von Huolu fiel der Witwe sehr schwer, sie stolperte mehrfach und sah recht mde aus. In Huolu lie ich abfttern und wurde in dem Gasthause von Leuten, die mir alles mgliche aufhalsen wollten, umlagert; natrlich ohne Erfolg. Ich kaufte nur einige Portionen vorzgliches geruchertes Fleisch fr die nchsten Tage. Es war hier ein sehr gutes Gasthaus, dessen erster Bedienter mir seine Verachtung, wegen meines gnzlichen Versagens als melkende Kuh, durch vlliges "Schneiden" ausdrckte. Da wir einen sehr schwierigen Aufstieg zum beabsichtigten Nachtquartier hatten und doch auf den felsigen Wegen nicht reiten konnten, verteilte ich das Gepck auf alle drei Tiere, und trotzdem wurde ihnen der Marsch recht schwer. Ich bekam vier Kavalleristen zur Begleitung mit; wir begegneten unterwegs einer Eselkarawane nach der andern, meist Kohlen zu Tal bringend. Vereinzelt trafen wir Gebirgs-Snften. [Illustration: Kavallerist in Chili] Am Abend mietete ich noch fr 200 Cash einen Esel zum Gepcktragen nach Tsing-hsing. Beim Abmarsch am 13. Januar frh war der Mann mit dem Esel natrlich nicht da; die Frau hatte sich geweigert, dem fremden Teufel den Esel zu borgen, also wurde das Gepck wieder auf die Stute gepackt, und in Begleitung eines Kavalleristen -- die drei andern hatten sich verkrmelt -- ging es weiter. Die Psse waren ein Herauffallen und Herunterfallen fr die des Kletterns ber die Felsblcke gnzlich ungewohnten Pferde, hauptschlich die Stute und der dicke Pony brachten sich beinahe um. Es hatte sich noch ein Reisebegleiter eingefunden, der schon gestern da war und in demselben Gasthause bernachtet hatte; es schien so eine Art Yamenbeamter aus Tschnn ting fu zu sein, der mir zur Aufsicht mitgegeben war; im brigen sorgte er ganz gut fr uns und zeigte uns den Weg. In Tsing-hsing erschien ein neuer, whrend der alte Beamte die bliche Bescheinigung ber anstndiges Benehmen seinerseits verlangte und auch erhielt. Der Weg hatte sich mehr und mehr belebt; groe Maultier- und Eselkarawanen kamen uns entgegen, meist mit Kohlen beladen. Jedes einzelne Tier dieser Karawanen kannte seinen Weg ganz genau, denn selten sah man die Fhrer einmal eingreifen; nur von hinten hrte man ihr "Hoho, tata", oder "wowo"; jeder dieser Laute hat seine besondere Bedeutung, die die Tiere ganz genau kennen. Wenn eines mal nicht gehorchte, bekam es einige, kaum zu wiederholende Schimpfworte zu hren, seltener eins mit der Peitsche bergehauen; dann ging es sofort wieder ordentlich auf seinem Fleck. Fast alle hatten Maulkrbe um, damit sie unterwegs nicht stehen blieben, fraen und dadurch die Marschordnung strten. An bestimmten Stellen des Weges werden Misthaufen angelegt, an denen die Tiere Halt machen, um sich zu erleichtern. Das ist tatschlich kein Mrchen, denn ich habe oft Gelegenheit gehabt, es zu beobachten. Dnger ist hier recht teuer, und es darf nichts verloren gehen; auerdem sah man berall kleine Jungen, die Mist aufsammelten. Beladen waren die Tiere mit zwei kreuzweise ber den Sattel gelegten Scken, oder mit zwei rechts und links am Packsattel befestigten Krben. In Tsing-hsing lie ich mir vom Yamenbeamten ein Maultier zum Gepckschleppen besorgen. Der Weitermarsch war uerst anstrengend, und als wir am Abend in Ho-tau-yen, einem kleinen Gebirgsnest, anlangten, waren die Tiere derartig mde, da sie sich sofort hinlegten und zuerst nicht fressen wollten. Nach dem blichen Zank mit dem Wirt, der anfangs Silber nicht wechseln wollte und mich dann beim Wechseln zu betrgen versuchte, ging es am 14. Januar bei eisigem Winde weiter; Soldaten, Yamenbeamter, alles zog weiter mit. Die Kavalleristen wechselten mehrfach. Mir kamen die Wege sehr viel schlechter vor als im vergangenen Herbst; es mochte daran liegen, da ich das letzte Mal mit in Gebirgstouren eingebten Pferden marschierte. Der Verkehr war wie gestern; wir begegneten einem durch einen Infanteristen eskortierten Dieb, der auf dem Yamen Bambus-tschau-tschau[2] bekommen hatte. Er wurde von zwei Kulis in einem an einer Stange hngenden Korbe getragen und sthnte ganz jmmerlich. Das Tragetier wurde einmal gewechselt, was sehr schnell ging. Meine kleine Karawane war jetzt schon ganz gut eingespielt: vorn marschierte ein Kuli mit dem Packpferde, alles andere lief lose hinterher ohne Fhrer, immer ein Tier hinter dem andern; jedes suchte sich so selbst seinen Weg zwischen den Felsblcken. Hinten ging der Mafu, dann kam ich, zuletzt der Kavallerist. [2] Bambus-tschau-tschau nennt der Europer in China die auf dem Yamen verabreichte Prgelstrafe mit dem Bambusstock. Ich blieb die Nacht in Hsilau-tou, und zwar in derselben Herberge, die ich im Herbst inne hatte; in der Nacht stand ich einmal auf, da die Pferde sehr unruhig waren, und fate einen Chinesen beim Futterstehlen ab. Ich denke, er wird es ein zweites Mal nicht wieder tun. Merkwrdig war es, da die meisten Leute meine groe Stute zuerst fr ein Maultier hielten; allmhlich erst kamen sie dahinter, da es ein Pferd war. Am 15. Januar ging es weiter nach Pingting tschau. Einmal hatten wir links eine Tempelanlage, von einem bewaldeten Berge berragt; der Anblick bildete eine sehr angenehme Abwechslung in dem ewigen den Grau in Grau. Allmhlich trat Staubsturm ein. Merkwrdig ist hier der auergewhnliche Unterschied von Ort zu Ort in Maen, Gewichten und Preisen; man wei daher beim Einkauf auch nie, woran man eigentlich ist. In Pingting tschau schickte der kommandierende Offizier zu mir und lie fragen, ob ich die Stute nicht verkaufen wollte. Ich forderte 500 Taels, was ihm etwas teuer zu sein schien; denn er lie dann nichts mehr von sich hren. [Illustration: Meine beiden Ponies] Abends waren wir in Ching Ching, wo die Leute im Orte eine Art Ring geschlossen zu haben schienen, denn die Preise waren wirklich geradezu unverschmt. Mir hatten sie meinen Kang berheizt, so da ich infolge der Hitze sehr schlecht schlief und mich auch obendrein noch erkltete. Auch am 16. Januar hielt der Staubsturm noch an. Wir gingen fast den ganzen Weg zu Fu, halb im Laufschritt, um uns einigermaen warm zu halten; so kamen wir ziemlich schnell vorwrts. Hinter Tu-hsi-ling ging es ber einen hohen Pa, und mit einem Schlage waren wir aus den Felsbergen heraus und mitten im Lss mit seinen scharf eingeschnittenen, tiefen Schluchten, in die der Wind nicht mehr hineinkommen konnte. Wir landeten heute in Schau yang, in dem ich zum ersten Male die unangenehme Entdeckung machte, da mein groes Pferd leicht am Widerrist gedrckt war. Abends lie der Yamen noch anfragen, warum ich nicht dort Logis genommen htte. Jetzt war es zu spt dazu, etwas frher wre ich ganz gern hingegangen. Bei der Stute hatte sich ein Schwein einlogiert, was das Pferd sehr aufregte, das Tier war aber nicht wegzubringen. Der 17. Januar brachte uns am Morgen 15 Grad Klte; die armen Pferde in ihren offenen Stllen froren sehr und waren beim Abmarsch ganz steif. Es ging weiter durch Lschluchten auf staubigen, wenig belebten Wegen; nur ab und zu kam uns ein Karren oder ein einzelner Reisender entgegen. Jeder fhrt seine Hausfahne, ein dreieckiges, berandetes und mit seinem Namen bezeichnetes Stck Zeug, mit sich, je nach Geldlage in reicher oder einfacherer Ausfhrung; bei den Reitern, die es hinten am Gepck herausstecken haben, sieht das ganz spaig aus. [Illustration: Taiyuanfu. Mauer am Futai Yamen] Nach einer recht schlecht verbrachten Nacht, mir mute irgend etwas im Magen gelegen haben, ging es weiter. Zweimal wurde ich in kleinen Ortschaften angehalten und nach meinem Pa gefragt; schlielich gelangten wir ganz in die Ebene, und gegen vier Uhr nachmittags ritten wir in das ersehnte Taiyuanfu ein und wurden von dem liebenswrdigen Direktor der Schansi-Universitt und seiner ebenso liebenswrdigen Gemahlin willkommen geheien und aufgenommen. Es war alles da, was der Mensch zu seiner Bequemlichkeit gebrauchte, und bei der Herzlichkeit, mit der es gegeben wurde, fhlte man sich gleich wie zu Hause. Wie ich schon im ersten Kapitel berichtet habe, hatte ich die gastfreien Leute auf meinem letzten Ritt im Herbst 1902 kennen gelernt. Zuerst unterzog ich meinen ueren Menschen einer grndlichen, ebenso notwendigen wie angenehmen Reinigung; dann schwelgte der innere Mensch in den Genssen der hervorragend geleiteten Kche. Die Stadt sah noch genau so aus wie im Herbst. Ich war dieses Mal auch in mehreren Kuriosittenlden und kann nur jedem Sammler zuraten, einen Ausflug nach Taiyuanfu zu machen; denn hauptschlich in Jett, Bronze und Porzellan findet er hier eine Auswahl zu billigen Preisen, wie wir sie nur seiner Zeit im letzten Drittel des Jahres 1900 in Peking erlebt haben. Das waren damals noch schne Zeiten fr den Sammler, als man, ahnungslos vom wirklichen Wert, die vom klugen Chinesen sorgfltig zusammengestohlenen Schelchen billig kaufte. Aber auch fr den Briefmarkenfreund hat die chinesische Regierung liebevoll gesorgt. Da besteht ein nett eingerichtetes Postamt, auf dem man sein smtliches Geschreibsel zu billigem Preise an einen vorzglich Englisch sprechenden Chinesen zur Befrderung los werden kann. Sonst ist hier wenig Interessantes; da die Tempel zusammenfallen, die Lwen oder Hunde vor denselben schon halb in die Erde versunken sind, ist ja eigentlich selbstverstndlich in China. Erwhnenswert ist hchstens eine Waffenfabrik, die nach Kruppschen Modellen schlechte Gewehre und Kanonen fertigt. Ich mchte nicht unter der Bedienung desjenigen Geschtzes stehen, das zum ersten Male scharf feuert; ich halte fr sicher, da infolge der glnzenden Wirkung auf die eigene Bedienung der Rest der Batterie auf ein weiteres Schieen verzichten wird, doch: ut desint vires tamen est laudanda voluntas. [Illustration: Taiyuanfu. Drachenmauer aus Porzellan im Chang Chuang Miau (Groer Stadttempel)] Die Universitt, in der ich so freundlich aufgenommen wurde, blht und gedeiht; sie zhlt jetzt schon 200 Studierende, gegen 45 im Oktober vorigen Jahres. Sie erfreut sich der Gunst des Gouverneurs, was viel, wenn nicht alles fr eine derartige Anstalt bedeutet. Bemerken mu ich dabei, da man den schlechten Sekt, den er zu seinen sonst opulenten Diners gibt, auch hier im Innern nicht schtzt; die Kopfschmerzen sollen von denen, die man von der gleichen Marke in Deutschland bekommt, nicht zu unterscheiden sein. Die Studenten machen in Jura, Chemie, Sprachen, Ingenieurwesen usw. ihre Studien, nebenbei treiben sie auch Sport; ich sah Fuball, Tennis usw. spielen. Die Hrsle sind mit den modernsten Erzeugnissen ausgestattet, man sieht da unter anderm ein Lesezimmer mit einer sehr reichhaltigen Zeitungsauslage, ein chemisches Kabinett, ein naturwissenschaftliches und anderes mehr. Vorlufig sind die Studenten noch in einem gemieten Yamen, mit brigens sehr schnen Rumen, untergebracht. Die Neubauten auf eigenem Grund und Boden sind schon im Gange und ihre Fertigstellung steht noch im Laufe dieses Jahres zu erwarten. Schlechte Beispiele verderben gute Sitten, so sagt man auch hier; denn, nachdem der Gouverneur Chau-fu in Tsing-tau die Schulen besichtigt und Prmien ausgeteilt hat, konnte der hiesige Gouverneur dies natrlich auch nicht unterlassen, sehr zum Leidwesen der Studenten. Selbstredend sind auch chinesische, fremder Sprachen mchtige Hilfslehrer vorhanden. Einer derselben beteiligte sich am Fuballspiel, ohne seinen kostbaren Pelz auszuziehen; natrlich trat er sich bald auf seinen langen Frack und fiel zum allgemeinen Gaudium lang hin; tout comme chez nous. Von Tung-fu-hsiang und Tuan waren wiederum erneute Gerchte, die sich mehr und mehr verdichteten, hierher gelangt; erster wirbt im weiten Umkreise um seinen jetzigen Standort Heichengtse in Kansu Rekruten. Er kauft Getreide und Tiere im Lande auf, und da es dabei mehrfach zu Ttlichkeiten zwischen seinen Parteigngern und der Bevlkerung gekommen ist, zog ich vor, ihm nach Sden zu auszuweichen und hierbei die Gelegenheit zu benutzen, mir Hsi Ngan Fu, die alte berhmte Kaiserstadt, anzusehen. Meine Pferde hatten sich in zwei Ruhetagen sichtlich erholt und waren frisch und munter. Am 21. Januar frh nahm ich Abschied von der gastfreien Universitt, um mich meinem neuen Reiseziele Hsi Ngan Fu zuzuwenden. Ich beabsichtigte, die Stadt in 18 Tagen zu erreichen. Drei Herren der Universitt begleiteten mich zu Pferde noch bis zum Tor hinaus. Auerhalb desselben fand gerade eine Parade der gesamten Garnison statt. Diese sahen wir uns schnell noch an, dann verabschiedete ich mich auch von meinen Begleitern und zog auf den knietiefen staubigen Wegen weiter. Auch mir wre ein Regen nicht unangenehm gewesen, das Land hatte denselben dringend notwendig. Der Staub berzieht bald alles grau in grau, man kann sich durch nichts vor ihm schtzen. Die Snftentrger der Kaiserin-Witwe, die hier vor einem Jahre entlang gezogen ist, sind nicht zu beneiden gewesen, wenn man bedenkt, da jedem Versagenden ohne weiteres der Kopf heruntergeschlagen wird. [Illustration: Infanterie im Marsch. Taiyuanfu] Beim Geldwechseln wurden mir eine Menge zu kleiner Cash in den Cashrollen gegeben; ich hatte es zuerst nicht gemerkt, erst spter fiel es mir unangenehm auf, da kein Mensch das zu kleine Geld nehmen wollte. Das ganze Land ist hier von Kanlen durchzogen, die quadratisch angelegt sind; augenblicklich sind die meisten derselben vllig versandet, ebenso wie die hier berall vorhandenen Schleusen gnzlich vernachlssigt sind; wie es zur Zeit der Frhjahrsbestellung aussehen mag, wei ich nicht, wahrscheinlich auch nicht anders. Die Kanle werden vom Fnn-Ho gespeist, in dessen Tale wir jetzt entlang marschierten. Der Verkehr war nicht sehr stark, aus dem Sden kommende Karren zogen nach Kalgan mit Tabak, Fett in Behltern, die wie unsere groen Petroleumbehlter aussehen, auerdem noch Salz. Aus Norden wird Seife in groen Stcken gebracht; die Chinesen nennen es Seife, in Wirklichkeit ist es ein schwammartiger, weicher Stein, der in Formen gepret ist mit der Firmenmarke darauf. In den Gasthusern und auf den Straen war das ausschlieliche Interesse der Leute auf mein groes Pferd gerichtet, wo ich mich nur sehen lie mit meiner Witwe Bolte, brllte alles gleich: "meio jiba" (der Schwanz fehlt). Das gute Tier hatte nmlich eine kupierte Rbe, war also nach chinesischem Schnheitsbegriff vollkommen entstellt. Ach, wenn die gute Witwe einen langen Fasanenschweif gehabt htte, dann htte ich mich nicht tglich ber die entsetzliche Freude der Chinesen ber das "schwanzlose" Tier zu rgern brauchen. Das ist eben Geschmacksache, wir Europer lieben nun einmal kurze Schwnze beim Pferd, und deswegen gleich zu behaupten, das Tier htte gar keinen Schwanz, war eigentlich unverschmt. [Illustration: Chinesische Gebirgsartillerie in Taiyuanfu] Meine tgliche Speisekarte war meist hchst einfach. Leider bin ich selbst kein groer Koch, und mein Mafu Tsai war auch alles andere eher, als ein Kochknstler. Heute z. B. war hier wieder einmal kein Fleisch aufzutreiben; es gab Hsiau-mi (Grtze) mit Zucker, dann fnf Eier, Brtchen und Tee; zum Nachtisch gabs gefrorene Kakis, die bekannten gelben Frchte. Mit meiner braven Sttze kmpfte ich einen tglichen Kampf um das allmorgendliche Pferdeputzen. Er meinte, es wre nicht notwendig, ich meinte das Gegenteil, leider sah ich es schon kommen, da ich bei der bekannten Dickfelligkeit des Chinesen in solchen Sachen doch noch unterliegen wrde. Wahrhaft glnzend dagegen war sein Appetit zu nennen, um den ich ihn beneidete; seine allmorgendliche Rechnung fr Essen betrug immer die Hlfte mehr als die meinige, obwohl er mich nicht beschwindelte. Die nchsten Tage brachten keine Abwechslung; am 23. Januar morgens entlie ich meine beiden Kavalleristen aus Taiyuanfu. Sie waren sehr besorgt, da ich ihnen auch etwas Gutes auf die als Ausweis mitgegebene chinesische Visitenkarte schrieb. Da sie sich in jeder Beziehung als ntzlich und hlfreich erwiesen hatten, tat ich es auch gern. Der Druck der Stute war wieder derartig angelaufen, da ich es vorzog, mir vom Yamen eine Karre geben zu lassen. Da smtliches Gepck, auch die Packtaschen der Pferde, auf die Karre gepackt wurden, ging die Reise jetzt sehr viel schneller vorwrts. Ich hatte auch wieder die alte Regel eingefhrt, da der Mafu zum Quartiermachen vorausgeschickt wurde; abends fand ich dann einen geheizten Kang vor, das Pferdefutter war eingekauft, und er hatte sich bereits erkundigt, was es zu essen gab. [Illustration: Chinesischer Ehrenbogen in Schansi Ping yang schng] Man sah schon viele gnzlich zerstrte Drfer; denn der letzte Aufstand der mohammedanischen Chinesen hat seine Schrecknisse bis hierher getragen. Auch am 24. Januar gab es keine Abwechslung, hchstens wurde der Weg noch staubiger. Die in den Feldern verteilten Grabdenkmler wurden ansehnlicher, teilweise waren es wunderhbsche Ehrenbogen. Die Grber selbst sind meist von den alten Bumen umstanden. Einmal begegneten wir einem Trupp Infanterie, der einen guten militrischen Eindruck machte, weniger gut sah die Bagage aus, auf der sich eine Menge faules Volk herumsielte. In Li-hsing-hsien, wo ich bernachtete, schickte mir der Yamen eine Wache ber Nacht. Es geht hier wieder in die Berge. Am 25. Januar fing es kurz nach dem Abmarsch an zu schneien. Man begreift es kaum, wie die Maultiere die schweren, mit Waren beladenen Karren die steilen Bschungen herauf bekommen. Allmhlich frbte sich alles wei; Pa folgte auf Pa, und man konnte hier beurteilen, welche Schwierigkeiten eine Expedition nach Hsi Ngan Fu im Frhjahr 1901 gehabt htte. Alle paar hundert Schritte bieten sich Stellungen, die schon an sich natrliche Festungen sind und von geringen Krften gegen eine Armee verteidigt werden knnten. Nebenbei htte die Verpflegung grerer Truppenmengen in diesem Landstrich die grten Schwierigkeiten gemacht, und diejenigen, welche glaubten, da nach Erstrmung der sogenannten Schansi-Psse der Weg nach Hsi Ngan Fu frei lag, waren meiner Meinung nach stark im Irrtum. Die Schwierigkeiten htten hinter Taiyuanfu erst recht begonnen. Das Schneetreiben wurde immer strker, und als wir gegen 4 Uhr den letzten Pa hinter uns hatten, schickte ich den Mafu voraus. In den Hohlwegen blieb der Karren im hohen Schnee mehrfach stecken, die Dunkelheit brach herein, und die Tiere waren so mde, da sie kaum noch vorwrts kommen konnten. Ich war daher sehr froh, als wir gegen 6 Uhr in Cho Hso Hsien anlangten, wo alles schon vorbereitet war. Die Gegend hier soll sehr unsicher sein; Ruberbanden trieben gerade zu jetziger Zeit ihr Unwesen und plnderten die Reisenden aus. Mir gab der Yamen daher zwei mit langen Spieen bewaffnete Infanteristen und fnf Kavalleristen mit. Wir hatten am 26. Januar kaum die Stadt verlassen, als uns laut schreiend ein Mann nachgelaufen kam, der behauptete, vom Yamen zu sein und in der unverschmtesten Weise Geld forderte. Ich verlangte den Ausweis von ihm, natrlich hatte er nichts, womit er sich ausweisen konnte, und mute schlielich unter dem Gelchter meiner Begleiter und ohne Geld wieder abziehen. Es schneite heute noch dichter als gestern, dabei hatten wir schrfsten Nordwind. Rechts war wieder der Fnn-Ho, der hier schon bedeutend breiter ist. Einmal lag in einem der schmalen Hohlwege ein krepierendes Maultier; die Karrenfhrer fuhren ihm rcksichtslos ber die Beine, mich dauerte das arme Tier, und ich gab ihm den Gnadenschu. Die Chinesen lachten natrlich und begriffen meine Handlungsweise nicht. In Hung-tung-hsien, wo wir abends ankamen, war das Volk unhflich und frech, so da ich erst recht deutlich werden mute. Die Leute drngten sich an mich heran und befhlten meine Sachen; das dauerte so lange, bis ich einem ordentlich ber die Finger hieb, dann lieen sie mich in Ruhe. Der Mandarin ist ein Tientsiner, von mir nahm er gar keine Notiz. Wir standen dicht vor dem chinesischen Neujahr und die Kaufleute wollten schon nichts mehr verkaufen. Wie sollte das erst bermorgen am Neujahrstage werden! Die Nacht zum 27. Januar kam mir recht kalt vor. Trotz der miserablen Wege hatten wir doch tglich meist zwischen 50 und 60 Kilometer gemacht. Da der Mafu auf dem Karren fuhr, wenn ich ihn nicht vorausschickte, konnten zwei von meinen Tieren immer gefhrt werden, daher waren ihnen die anstrengenden Tage sehr gut bekommen, sie sahen frisch aus und waren munter. Der Weg war auch fernerhin scheulich, teilweise berschwemmt und mit einer dnnen Eisdecke bedeckt, durch welche die Tiere durchbrachen und sich die Fesseln verletzten. Meinem Mafu hatte man die europischen Handschuhe gestohlen; da der Chinese Handschuhe nicht kennt, mute er von jetzt ab zur Strafe seiner Eitelkeit an den Fingern frieren; er hatte sich nmlich einen Rock mit kurzen Aermeln nach europischer Sitte machen lassen. Ausserdem gaben ihm die Handschuhe stets ein hheres Ansehen vor seinen Landsleuten; er legte sie fast nie ab. Ich bekam auf dem ferneren Wege Zank mit meinem Fuhrknecht, der seine eigenen Wege fahren wollte; ich zwang ihn, auf der Hauptstrae zu bleiben. Natrlich gerieten wir in einen scheulichen Sumpf; man mu eben die Chinesen machen lassen, was sie wollen. Ich beobachtete auch hier wieder, da die meisten Leute quer ber die Felder fuhren, der eigentliche Weg wurde fast nie benutzt. [Illustration: Neujahrs-Glckszettel an allen Husern zu Neujahr] berall bereitete man sich auf Neujahr vor; die Bcker backten Brot in Buddha- und Pagodenform, die Fenster wurden berall neu geklebt und fromme Sprche auf rotem Papier an alle Pfosten, Ecksteine und Tren angemacht. Das Volk, besonders die Jugend, hielt Umzug mit Musik, teilweise in Verkleidungen, und berall wurden Bller und Flintenschsse gelst zur Vertreibung der bsen Geister. Meine beiden Ponies waren am Abend weggelaufen; das Einfangen dauerte eine gute Stunde; hinterher gab es eine gehrige Tracht Prgel. Am 28. Januar morgens hatten wir wieder einmal 20 Grad Klte, mit aufgehender Sonne aber wurde es ganz angenehm. Die Gasthuser waren teilweise schon geschlossen. In einem Hohlwege blieben wir stecken; die zur Fahrtrichtung schrge Rampe war so glatt, da der Karren bei jedem Versuch, an einem andern, ihm entgegenkommenden, vorbeizufahren, gegen diesen rutschte; es half nichts, wir muten den Abhang abgraben. Auch das Reiten war infolge der schlpfrigen Wege sehr unangenehm. Vor mir reiste ein Japaner, von dem mir in allen Drfern erzhlt wurde, da er eine sehr groe Exzellenz sei. Spter in Hsi Ngan Fu stellte er sich als ein ganz kleiner Hlfslehrer an der dort neu zu errichtenden Hochschule heraus. Jedenfalls hatte er es gut verstanden, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Wahrscheinlich befand er sich im Besitz einer sehr zahlreichen Bagage, was ihn in den Augen der Chinesen sofort zu einem groen Mann stempelte; denn auch hier gilt das Sprichwort: Kleider machen Leute. Unser Karrenfhrer fuhr heute wie wild, so da wir schon gegen 5 Uhr in Chu ma tscheng anlangten. Er wollte noch am Abend bei seiner Familie zurck sein. Wir muten erst die ganze Stadt absuchen, ehe wir ein annehmbares Zimmer fanden; um 7 Uhr hatten die armen Pferde noch immer kein Futter. Die Chinesen rhren eben zu Neujahr keinen Finger fr einen Fremden. berall haben sie kleine Altre aufgebaut, vor denen sie ihren Kotau machen und beten. Der Mandarin des Ortes, der jedenfalls dachte, da fr mich nichts zu bekommen wre, schickte mir eine groe Portion Hammelfleisch, die ich dankend annahm. Die ganze Nacht ber ging das Geknatter des Feuerwerks zur Neujahrsfeier; ich kam kaum zum Schlafen. Morgens hatten wir 22 Grad Klte; ich hatte vergessen, ber Nacht meine Tinte einzupacken, die natrlich ausgefroren war, ebenso war mein Schwamm gleich einem Stein. Alles war heute geschlossen, man konnte nichts zum Frhstck bekommen, erst am Mittag wurde auf Klopfen hin geffnet; die Chinesen waren heute faul und mde, da sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatten; der Fuhrmann schlief auch unterwegs mehrfach ein, was sich jedesmal dadurch bemerkbar machte, da die Karre stehen blieb. Um vier Uhr nachmittags waren wir in Wnn Hsi Hsien, dessen Yamenbeamter seit drei Tagen aus Tientsin hier angelangt war. Liebenswrdigerweise schickte er mir Holz, Kohlen, Licht und ein sehr gutes Essen. Am Abend war wieder dasselbe Geknalle und Feuerwerk wie gestern. Reisende oder sonstige Karren kamen nicht an. Ich hatte mir ein Kohlenbecken zum Heizen ins Zimmer stellen lassen, bekam aber, als ich mich hinlegte, infolge der sich entwickelnden Kohlenoxydgase solches Herzklopfen, da ich es wieder hinaustun mute. In der Stadt wurden am 30. Januar morgens wenigstens Fleisch und die weichen, weien, runden Brtchen verkauft, sonst blieb auch heute alles noch geschlossen, und nur ab und zu sah man eine halb geffnete Tr. Wir hatten morgens bei ungefhr 10 Grad Klte wundervolle klare Luft, so da man im Osten die schwach bewaldeten Berge und dahinter die hohen schneebedeckten Bergkuppen sehr gut erkennen konnte; bald jedoch verschwanden sie wieder im Dunst. Die Leute bewegten sich in Feiertagskleidern auf der Strae, berall wurde ffentlich Karten gespielt, die Tai-tais (Frauen) hielten groen Klatsch ab. Der Tag blieb auch weiterhin schn. Im Gasthause, in dem wir Mittagsrast machten, mute ich unsern Karrenfhrer anborgen, da kein Mensch Silber wechseln konnte. Uns angeschlossen hatte sich ein Mann, der Steuern nach Pu tschau fu brachte. Meinem Mafu hatte er gesagt, die Gegend wre sehr unsicher und ich mchte doch mein groes Gewehr, das ich verpackt hatte, herausnehmen, damit die Leute es shen. Ich glaube, er war sehr froh, seiner eigenen Sicherheit halber mit uns reisen zu knnen. ber Mittag tauten die Wege auf und befanden sich schlielich in einem ganz unbeschreiblichen Zustande. Gegen 4 Uhr langten wir in Pe-chau-hsien an, wo sich alsbald ein Yamenbeamter einstellte, der mir irgend etwas begreiflich machen wollte, was ich nicht verstand, da er Sdchinesisch sprach. Schlielich kam mein Mafu dazu, und nachdem sich dieser mit dem Beamten verstndlich gemacht hatte, verwandelte sich die Angelegenheit in ein Diner. [Illustration: bergang ber den Hoang Ho] Der Karrenfhrer behauptete, zu wenig Geld bekommen zu haben, wurde frech und warf mir das Geld vor die Fe. Ich belehrte ihn handgreiflich darber, da mit Europern nicht zu spaen sei, er war schlielich ganz kleinlaut geworden und mit dem Gelde zufrieden. In der Stadt fielen mir an manchen Husern Glckszettel auf blauem Papier auf, sie sind an solchen Husern angebracht, die Trauer haben. Es wurde heute ziemlich spt, ehe wir eine geeignete Unterkunft fanden. Wir hatten ungefhr 70 Kilometer zurckgelegt. Meine Stube war ohne Tr; ich konstruierte einen Vorhang aus Decken; es gab nichts zu essen, und durch das beschdigte Dach schien zuerst der Mond herein, spter schneite es, so da ich eine recht ungemtliche Nacht hatte. Dabei fate ich wieder einmal den Karrenfhrer beim Futterstehlen ab, d. h. nicht ihn selbst, sondern seine beiden Maultiere, die meinen Vorrat auffraen, whrend er vergngt zusah; die Tiere waren so gierig, da ich von dem Gerusch aufwachte. [Illustration: Hoang Ho-Fhre] Gegen Mittag des 1. Februar kamen wir in Pu tschau fu an. Mir war schon mehrfach in den letzten Tagen aufgefallen, mit welcher Bereitwilligkeit mein Mafu stets nach dem Yamen wanderte und da er jedesmal mit einem Diner zurckkam; ich schpfte Verdacht, da er in meinem Namen darum gebettelt habe, daher wies ich von jetzt ab die Diners zurck, sehr zum Leidwesen meines Mafu. Die Tiere waren heute wieder einmal von dem gestrigen schweren Marsch sehr mde. Der Druck des Nepomuk war sehr viel schlimmer geworden, der dicke Pony hatte eine Hornspalte bekommen, die ihn jedoch nicht weiter strte. Am 2. Februar morgens gings weiter durch glatte Ebene, die reich angebaut war. Die Bauern waren hier berall bei der Feldarbeit, die Neujahrsfeier schien auf dem Lande beendigt zu sein. Wir kamen heute an den Hoang Ho; die letzten zehn Kilometer vor dem Flue ging es durch die Auslufer des Fnn tiau schan, der dann steil zu dem Hoang Ho abfllt. An der Fhre angelangt, muten wir ziemlich lange warten, ehe die Fhrleute sich entschlossen, an die Arbeit zu gehen. Sie treidelten dann die Fhre ungefhr 100 Meter stromauf und legten ein Laufbrett hinauf. Pferde und Maultiere muten die fnf Meter bis zum Boot durchs Wasser gehen und dann ber den ziemlich hohen Bord weg hineinspringen. Jedesmal gab es ein Theater, bis man glcklich eines der Tiere drinnen hatte, da die meisten natrlich nicht springen wollten. Trotzdem die Sache ziemlich lebensgefhrlich aussah, kam nichts vor; schlielich waren zwei Karren, elf Tiere und gegen 60 Menschen im Boot; mit viel Geschrei wurde abgestoen und die Fhre in dem reienden, eistreibenden Strom mittels zweier mchtiger, von je fnf Mann gehandhabter Ruder ans andere Ufer gebracht. Der Strom ist hier gegen 220 Meter breit, man hat einen schnen Blick auf die jenseitigen Berge und auf Tung kwan, welches mit seinen mchtigen alten Festungsmauern das gegenberliegende Tal sperrt. Das rechte Ufer ist ziemlich flach, und schlielich muten zwei bis zum Grtel nackte Menschen in das eiskalte Wasser hinaus, um das Boot am Ufer entlang zu einer besseren Anlagestelle zu ziehen; auch dies geschah wieder unter entsetzlichem Geschrei. Das ganze bersetzen hatte wohl eine Stunde gedauert. Man balancierte dann auf dem hochkant gelegten Ruder ans Land, da sie natrlich die Laufstege am anderen Ufer vergessen hatten. Die Pferde muten wieder ins Wasser springen, wobei einige ausrissen. Es gab beim Ausladen hchst spaige Szenen, zumal sich beim Berichtigen des Fhrgeldes einige Leute drcken wollten. Ich selbst brauchte auf meinen Pa hin nichts zu bezahlen, gab den Leuten aber ein anstndiges Trinkgeld. [Illustration: Spieler auf ffentlicher Strae zu Neujahr] In Tung kwan, wo wir Mittagsrast machten, schickte der Yamen, der von meiner Anwesenheit jedenfalls gehrt hatte, unaufgefordert ein Diner; also schien mein Mafu auch frher nicht darum gebettelt zu haben. Auf der Strae herrschte berall noch Festtrubel. Beim Verlassen der Stadt hatte ich den fr China ziemlich berraschenden Anblick einer Rauferei, zu der Hasardspiel die Ursache gewesen war. Wir sind brigens in die Provinz Schensi eingetreten; berall wird viel Reis gebaut. Fr einen Jger wre hier eine schne Ausflugsgelegenheit, besonders Federwild ist recht zahlreich; ich sah zum Beispiel heute Wildgnse, rostbraune groe Enten in Menge, Bussarde, Falken, wilde Tauben, Elstern, ganz schwarze Krhen, solche mit weiem Halsring, Mandelkrhen, Dohlen, Strche, Fischreiher, Spechte, Paradiesvgel und eine Menge kleine Vgel; dann noch einen groen rtlichen Vogel, der aufgebumt war und, als ich ihm mit der Mauserpistole eins aufbrennen wollte, mit mitnendem Geschrei langsam abstrich, ich kenne seinen Namen nicht. Alle diese Tiere, deren Mannigfaltigkeit der Arten ich tatschlich nicht bertreibe, sind lcherlich vertraut; es scheint sie auer mir hier kein Mensch mit dem Schieprgel zu ngstigen. In den Bergen haust der Wolf und der Leopard, ob in ebensolchen Mengen, habe ich nicht feststellen knnen; mir haben es nur die Leute erzhlt, ich hoffe es im Interesse derselben nicht. Da ich mir meine wenigen Patronen fr spter sparen wollte, unternahm ich noch nichts; Hasen sah ich berhaupt noch nicht, bei Tung kwan einmal einen Fuchs. Bei Pu tschau fu fand ich Trappen oder Bastarde, die hier vorkommen sollen. [Illustration: Mittagessen in Tung kwan] Am 2. Februar abends in Chuarry miau angekommen, besah ich mir am nchsten Morgen einen schnen alten Stadttempel, in dem als besondere Sehenswrdigkeit eine ungefhr acht Meter lange, aus einem Stck geschnittene Schwarzsteintafel mit Fu und Kopf gezeigt wird; leider ist sie durch scheulich hliche daran geklebte Zettel vollkommen entstellt. Sie erzhlt von den Heldentaten des Kaisers Kien-lung. Beim Weitermarsch freute ich mich auf der Strae ber die Menge von hbsch angeputzten, auf Eseln reitenden Frauen, bis ich erfuhr, da es nicht Tai-tais, sondern von Kunstreisen ber Neujahr zurckkehrende Damen der Halbwelt seien. Mittagsrast machten wir in einem kleinen Nest, in dessen Tempel oder vielmehr davor viele Hunderte von Menschen, besonders Weiber, um ein gesegnetes neues Jahr beteten; es war das reine Volksfest. Spter, auf dem Rckwege, konnte man manchmal bis vier Menschen auf einem Ochsen oder Maultier reiten sehen. [Illustration: Eine hbsche Chinesin] Wir trafen auf dem weiteren Wege einen Reiter auf einem bildhbschen Schimmel; der Chinese hatte sofort erkannt, da mir das Tier gefiel, und bot es mir fr 150 Taels zum Kaufe an. Er behauptete, sein Pferd sei das schnellste in der ganzen Gegend; ich meinte dagegen, meine groe Stute sei schneller, er wollte sofort um 50 Taels wetten. Ich berlegte schon, ob ich nicht auf die Wette eingehen sollte, als mein Mafu hinter mir sagte: "Herr, la dir erst das Geld vorzeigen." Natrlich hatte der Kerl keinen Pfennig, machte dumme Ausreden und drckte sich baldigst. Die Felder wurden in dieser Gegend schon grn, und wir hatten eine angenehme, warme Frhlingsluft. Nachmittags waren wir in Chua Dscho, wo das Unterkommen wieder einmal sehr viel Schwierigkeiten machte. Als wir schlielich unter Dach und Fach waren, fragte der Yamen an, ob wir nicht dort wohnen wollten. Nun war es natrlich zu spt, dafr schickte er Essen und Beleuchtung. Am 4. Februar legten wir annhernd 50 Kilometer zurck. Am folgenden Tage dachte ich eigentlich direkt nach Hsi Ngan Fu zu marschieren, aber gewhnlich kommt es anders, als man denkt, wie es ja meistenteils im Leben zu sein pflegt, besonders in demjenigen des Soldaten. Ich hatte meinen Mafu nach Ling tun vorausgeschickt, um das Karrenwechseln, was ich dort beabsichtigte, zu beschleunigen. Bei bedecktem Himmel und 2 Grad Klte zog ich morgens los. Ein alter Mann, den ich nach dem Wege fragte, lie sich mit mir in eine Unterhaltung ein, und als ich ihm erzhlte, ich ritte nach Hsi Ngan Fu, riet er mir, unbedingt vorher Ling tun mit seinen heien Quellen anzusehen. Ich folgte seinem Rat und bereue es keineswegs. Wir ritten links ab vom Wege auf die sdlich gelegene Gebirgskette zu, deren Abhnge stellenweise noch mit Schnee bedeckt sind. Zuerst ging es durch hgeliges Gelnde mit ausgedehnten Obstpflanzungen, dann durch ein Vorplateau mit Ackeranbau, hbsch unterbrochen durch Busch- und Baumparzellen, die die Grber umgeben. Die cker waren schon leicht grn, bei einem bichen Phantasie konnte man sich in eine Art englischen Park versetzt glauben. Gegen 10 Uhr ritten wir in die Stadt Ling tun Hsien ein, die in ihrem ueren sich durch nichts von anderen chinesischen Stdten unterscheidet. Die uns Deutschen so lieben, charakteristischen Baustile bei alten Husern in den verschiedenen Provinzen unserer schnen Heimat fehlen hier gnzlich. [Illustration: Familie, vom Neujahrsgebet zurckkehrend] Ich schickte meinen Mafu mit Pa und Visitenkarte zum Yamen, um das Bad benutzen zu drfen. Sofort wurde mir ein uerst hflicher Beamter mitgesandt, der uns durch die Stadt fhrte. Ungefhr einen halben Kilometer auerhalb der Stadtmauer, gerade am Fue der Berge, gelangten wir an einen groen Gebudekomplex mit teilweise roten Mauern, also kaiserliches Eigentum. Wir ritten durchs Tor in einen Yamen, wo ich einem andern ebenso hflichen Beamten anvertraut wurde, der meinen Mafu nach den Stllen wies und meine fernere Fhrung bernahm. Durch zwei weitere Hfe gelangte ich zu einer geschlossenen Halle mit vier kleinen Nebenrumen. Man bot mir sofort Tee und einen der Nebenrume zur Wohnung an, was ich dankend annahm. Auf meine Bitte, mir nun die Anlage ansehen zu drfen, wurde sofort alles zur Besichtigung geffnet. In den an dem ersten Hof gelegenen Rumen befindet sich ein mchtiges Bassin mit einer Quelle, die einen circa 25 cm starken, ziemlich starken Strahl sprudelt. Dieser Baderaum ist fr die mittleren Klassen der Bevlkerung mnnlichen Geschlechts vorbehalten. In Adamskostmen planschen sie riesig vergngt in dem heien Wasser herum und spritzen und ducken sich unter, genau so, wie wir es als Jungen in der Schwimmanstalt getrieben haben. Durch mich und meinen Photographenapparat lieen sie sich nicht im mindesten stren. Auerdem sind an diesem Hof Kchen- und Dienerschaftsrume. Der zweite Hof mit seinen Rumlichkeiten ist fr die "oberen Zehntausend" bestimmt. Drei Nebenrume der oben erwhnten Halle sind zu Wohnzwecken hergerichtet und dementsprechend ausgestattet, den Kang ersetzt eine hlzerne Pritsche. Der vierte Raum ist Baderaum; eine circa 20 cm starke Quelle strmt in ein 1 m langes und 2 m breites Bassin aus Stein, zu dem eine breite steinerne Treppe herabfhrt. An den zweiten Hof schliet sich ein weiterer offener Raum, in dem wieder eine Quelle in ein in chinesischem Stil unregelmig geformtes groes Bassin fliet. Daran nach Sden folgt ein hoher berwlbter Raum, der wiederum ein Bassin mit Quelle umschliet; letzteres ist acht mal zehn Meter gro. ber der Wlbung ist ein Tempel, an dessen uerer Seite, der Quelle zugekehrt, Unmengen von Dankgebeten Geheilter, auf rote Seide oder Papier geschrieben, angebracht sind. Auerdem befinden sich in dem ganzen Komplex noch mehrere Quellen; sie sind alle gleichmig warm, ich ma sie auf 42 Grad Celsius; das Wasser ist ganz leicht schwefelhaltig, sonst kristallklar. Es badet sich sehr angenehm darin. Nach Osten zu schliet sich ein Gebudekomplex an, der besonders fr Angehrige des kaiserlichen Hauses vorbehalten ist, er wurde mir bereitwilligst geffnet. Es ist ein reizendes Durcheinander von pittoresken Pavillons auf kleinen Inseln, von Felsaufbauten, Tempelchen und Baderumlichkeiten. Das flieende Wasser ist in Teiche geleitet, die natrlich nicht gefroren sind und in denen Scharen von Goldfischen munter spielen. An einem besonderen Hof befinden sich die fr die Allerhchsten Herrschaften bestimmten Wohnrume, denen sich noch solche fr die Leibwache anschlieen. Die Einrichtung smtlicher Rume ist einfach, aber in recht guter Ordnung gehalten und -- recht sauber. Da ich durch meinen Besuch beim Yamen offizielle Persnlichkeit war, wurde ich auch weiterhin dementsprechend behandelt; wo ich hinging, hatte ich stets mehrere, meiner Wnsche wartende Leute hinter mir. Vergessen habe ich noch zu erwhnen, da sich nach Westen zu ein Bade-Yamen fr die holde Weiblichkeit anschliet; der Kuli badet auerhalb im abflieenden Wasser, sein Bad beschrnkt sich meist auf ein Abwischen des Gesichts und auf ein Fubad. Der Gebrauch des Bades ist berall frei, abgesehen natrlich von dem hier in China fast noch mehr als in Europa blichen Trinkgeld. Nachdem ich meine Sachen untergebracht hatte, strzte ich mich sofort in die heien Fluten, dankbar dem Geschick, das mich hierher fhrte, und ich mu sagen, da ich mich nicht erinnern kann, jemals so angenehm gebadet zu haben wie hier im Innern Chinas. Unterdessen war bereits in meinem Wohnraum das vom Yamen gesandte unvermeidliche Diner aufgebaut, das brigens ganz vorzglich war. Als Nachmittagsspaziergang wanderte ich, mit photographischem Apparat und Zei bewaffnet, zum Lau-mutjin-miau, dem auf einem die Stadt berhhenden Berggipfel gelegenen hbschen Tempel. Meine Hoffnung auf einen Sonnenstrahl erfllte sich leider nicht, so da mir dadurch die berhmte Fernsicht von des Tempels Terrasse aus entging und auch mein Apparat keine Arbeit bekam. Fr uns Europer ist nur eins an der ganzen Anlage zu bedauern, nmlich, da sie nicht nahe der Kste liegt und damit fr uns die Heilkraft der Quellen nicht ausgenutzt werden kann. Der Chinese benutzt die Bder sehr eifrig; zu Ro, zu Fu und zu Karren sah ich von allen Seiten Leute heranstrmen; dementsprechend ist denn auch der Trubel vor der Anlage, wo sich natrlich eine Unmenge fliegender Hndler niedergelassen hat und ihre mehr oder minder duftenden Waren ausbietet. Wer den zweiten Hof unbefugt betritt, wird von einem sonst sehr freundlichen alten, weibrtigen Diener mittels drei Meter langem Bambus sofort wieder hinausbefrdert. Diese Beschftigung, nebenbei seine einzige, scheint ihm einen Riesenspa zu machen, denn ich sah ihn den ganzen Tag auf der Lauer sitzen. Bei herrlichstem Wetter marschierten wir am 6. Februar gegen sieben Uhr morgens ab; das Thermometer zeigte plus vier Grad, und man fhlte sich in der wrmenden Sonne sehr wohl. Der Weg ist auch ferner schlecht, recht steinig und ausgefahren. Wir berschritten auf einer 300 m langen Steinbogenbrcke den Ba-ho. Der bergang war sehr schlpfrig, so da die Tiere fortwhrend am Hinfallen waren; ich lie sie an den Kpfen fhren. Leute dazu bekam man berall, da an beiden Enden der Brcke sich Verkufer niedergelassen hatten, die den sowieso schmalen Durchgang noch mehr erschwerten. Das Flutal ist hier mehrere Kilometer breit, und in ihm tummeln sich unendliche Scharen von Wildgnsen, Strchen und groen, wohlschmeckenden, rostbraunen Enten. Letztere waren schon paarweise zusammen, eigentlich recht frh. Ich scho einmal, natrlich vorbei, da es fr eine Mauserpistole doch etwas zu weit war. Einmal kamen wir an einem Rasthaus des Kaisers vorbei, das er auf seinem Rckzug nach Peking eine Nacht bewohnt hat; es war noch leidlich in Stand gehalten. Eigentlich ist es durch das Wohnen des Kaisers darin geheiligt und darf von keinem gewhnlichen Sterblichen mehr benutzt werden. Ganz genau scheint man es jedoch hiermit nicht zu nehmen. Durch einen Hohlweg gelangten wir steil aufsteigend zu einem etwa 50 Meter sich ber die Talsohle erhebenden Plateau, und vor uns lag auf etwa 5 Kilometer Hsi Ngan Fu. Der bis jetzt stinkend faule Karrenfhrer schien durch den so lange ersehnten Anblick ermutigt zu sein, denn mit einem Male fuhr er im schlanken Trabe los. Vorbei an einigen Soldatenlagern, gelangten wir zur Ling tuner Vorstadt. Unterwegs hatte ich schon viele Leute nach dem bekannten alten Christenstein gefragt, der hier stehen mu, es konnte mir aber keiner Auskunft geben. Spter erst stellte sich heraus, da der Stein auf der Westfront liegt. Am Haupttore angelangt, hielt uns die Wache auf, fragte uns nach Namen, Nation, woher und wohin, dann ging es durch das mchtige dreiteilige Tor auf der mit breiten Steinquadern gepflasterten, ostwestlich laufenden Hauptstrae in die Stadt. Die Wache hatte uns einen Beamten als Fhrer mitgegeben. Auch hier findet wieder scharfe Scheidung zwischen Chinesen und Mandschu statt, letztere nehmen das nordstliche Viertel ein. Da diese Scheidung eine tatschliche ist, sah man gleich an den unverkrppelten Fen der Frauen auf der Mandschu-Stadtseite. So gelangten wir bis zur Mitte der Stadt, ber die ein vierteiliger Bogen erbaut ist. Wir bogen links ab in die Chinesenstadt, in ein Gewirr von Gchen mit unendlich lebhaftem Treiben. Hsi Ngan Fu macht hier unbedingt den Eindruck der Grostadt; weniger grostdtisch kamen mir die Herbergen vor, vor denen wir bald hielten. Trotzdem sie meist den stolzen Namen Ta-kuan-dienn fhrten, also groe Beamtenherberge, waren es doch meist nur schmutzige, dumpfe Lcher mit ganz unglaublichen Stllen. Die besten Zimmer waren stets von reisenden Mandarinen besetzt. Weiter vorbei am Futai-Yamen, wo Tausende sich um kleine Verkaufsstnde herumdrngten, um bunten Neujahrs-Krimskrams zu kaufen, vorbei an der vizekniglichen Wache, die sich in ihrer hochroten, bestickten Uniform sehr hbsch ausnahm und laut unverschmte Bemerkungen ber mich machte, kamen wir schlielich zur Westfront und fanden endlich nach langem Suchen eine einigermaen annehmbare Unterkunft fr Mann und Pferd in einer kleinen Herberge. Mein Fhrer meinte zwar, sie sei keineswegs standesgem, das strte mich jedoch weniger. Ich lie zuerst die Wohnung etwas subern, die Fenster neu kleben, lie dann die Pferde fttern und mir selbst einen Happen besorgen. Ein Mann, der gerade nicht den besten Eindruck machte, drngte sich an mich heran, er hatte gehrt, da ich nach Kaschgar ging und wollte mich durchaus dorthin begleiten. Ich nahm ihn als Fhrer zu Dr. Smith, an den mich eine Empfehlung aus Taiyuanfu wies. Den Mafu schickte ich mit Pa und Visitenkarte zum Yamen, um mich anzumelden. Durch unendlich viele Straen mit einem bunten Getriebe, wie ich es kaum jemals in Peking gesehen habe -- es wurden meist Laternen in den unmglichsten Formen, wie Drachen, Vgel, Fische, zu dem in fnf Tagen stattfindenden Laternenfest verkauft --, gelangten wir zum Yamen des Dr. Smith, der hier ein sehr gutgehendes Hospital aufgemacht hat. Natrlich war er gerade gestern abgereist; also weiter zum Missionar Shorrock, der in der stlichen Vorstadt wohnte, gerade dort, wo wir hereingekommen waren. Ich wurde von dem Missionar und seiner Frau, die beide chinesische Kleidung trugen, auf das liebenswrdigste empfangen. Natrlich sollte ich das Neueste erzhlen, wute aber weniger als die Leute selbst; dagegen hrte ich von unserm Freunde Tung-fu-hsiang, da er sich zur Verteidigung und nicht zum Angriff rstete und zusammen mit Prinz Tuan sich in Heichengtse fest verschanzt habe. Missionar Shorrock versprach mir fr morgen einen Fhrer durch die Stadt. Ich selbst mute gleich zurck, da mit Eintritt der Dunkelheit die Stadttore geschlossen werden und man ohne Gnade ausgesperrt wird. Bemerken mu ich hierzu, da der Missionar in der Vorstadt wohnte, whrend ich selbst innerhalb der Stadt untergekommen war. [Illustration: Missionar Shorrock, Hsi Ngan Fu] In der Stadt wurde berall getrommelt und Gongs zur Neujahrsfeier geschlagen. Der Mafu hatte meine Briefe nach der Kste auf dem Yamen abgegeben; mir selbst schickte der Yamen wiederum ein Diner. Neben meiner Stube hatte im nchsten Zimmer eine Hndin Junge, die die ganze Nacht quarrten; erst opferte ich mein Fleisch, um sie zu beruhigen, das half nichts; daraufhin stand ich wieder auf und befrderte sie hinaus ins Freie. Die Mutter hatte sie bald wieder zurckgeschleppt, und sie quarrten noch mehr, woraufhin ich mich in mein Schicksal ergab. Am 7. Februar morgens holte mich einer der chinesischen Hilfslehrer aus der Mission zum Fhren durch die Stadt ab. Ich fand in ihm einen freundlichen, des Ortes bis ins kleinste kundigen Mann und erhielt auch die Aufschlsse ber die Stadt, die ich haben wollte. Die Stadt ist eingeteilt in fnfzehn Bezirke, hat 40 Li Mauerumfang und gegen 300 000 Einwohner, jedoch sind die Angaben darber sehr schwankend, wie stets bei chinesischen Stdten; 20 000 davon sind Mohammedaner, 20 000 sind Mandschu, der Rest Chinesen. Die Stadt hat sowohl in der Politik wie im Handel stets eine bedeutende Rolle gespielt, im Handel weniger selbst produzierend, wie als Zentralsammelstelle und Durchgangspunkt fr Waren. Ihre Grndung reicht bis in unbekannte Zeiten zurck, sicher steht fest, da die erste Han-Dynastie von 202 vor Christo bis 24 nach Christo regiert hat und Schangan, das war der damalige Name, den man brigens heutzutage auch noch recht hufig hrt, besonders als Hauptstadt vorzog. Neben Schangan bestanden damals noch andere Hauptstdte. Spter residierte hier die Sui-Dynastie von 589 bis 613 und die Tang-Dynastie von 618 bis 906. Unter letzterer erreichte die Stadt ihre hchste Blte. Wir finden unter ihr die Einfhrung des Christentums, ber dessen Verbreitung ein im Jahre 781 errichteter, beim Ausheben eines Grabes 1625 zufllig wieder aufgefundener Stein Kunde gibt. Er berichtet ber "die berhmte Religion von Tatsin". Als Missionen wirken hier: die englische Baptist-Mission, die schwedische Alliance-Mission und rmisch-katholische Missionen. Die Ttigkeit der Missionen liegt mehr auerhalb der Stadt, auf dem Lande; soweit ich die Sache beurteilen konnte, schien mir die protestantische Mission keinen groen Erfolg zu haben, whrend die katholischen Missionen schon seit Generationen arbeiten und sehr fest fundiert sind. Die zu oder von der Stadt fhrenden Hauptstraen sind: von Peking, Honan, Lantschau Fu, Sze-tschuan, Hankau; auf diesen Straen werden besonders ausgefhrt: Felle, Tabak, Schuhwerk, Opium, Tee, Papier, Obst und auch sehr viel medizinische Sachen, die aus dem Westen kommen; als Einfuhrartikel sah ich meistenteils nur europischen Schund. Whrend des mohammedanischen Aufstandes von 1871 bis 1875 durch welchen alle Drfer auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern verwstet wurden -- man sieht sie noch jetzt berall in Trmmern liegen --, waren alle Landleute in die Stadt geflchtet. Man hielt die mohammedanischen Einwohner in der Stadt als Geiseln fest, gab ihnen Essen und Soldaten als Wache, drohte jedoch den auerhalb der Stadt die undenkbarsten Scheulichkeiten verbenden mohammedanischen Horden, sofort alle Glaubensgenossen in der Stadt hinzurichten, falls auch nur versucht werden sollte, die Stadt zu strmen. Wer chinesische Verhltnisse kennt, wei ganz genau, da die Chinesen sofort ihre Drohung erfllt htten, und dadurch entging die Stadt der Belagerung und Erstrmung. In dem Unterdrckungsfeldzug kaiserlicher Truppen hat sich der General Tung-fu-hsiang infolge seines rcksichtslosen Vorgehens gegen die Mohammedaner einen Namen gemacht. Er ist auch hier noch von den kaiserlichen Truppen lcherlich gefrchtet, und man hofft, da, im Falle eines angriffsweisen Vorgehens des jetzt aufrhrerischen Generals, die Mohammedaner gegen ihren alten Unterdrcker aufstehen werden; denn auf die kaiserlichen Truppen ist doch wenig Verla. Der Gouverneur von Pingliang Fu und der kaiserliche General in Kuyuen sollen bereits Waffen unter die Mohammedaner verteilt haben, nachdem die eigenen Truppen zum Teil zu dem besseren Sold zahlenden Tung-fu-hsiang desertiert sind. In ganz Hsi Ngan Fu sind nur 16 000 Soldaten und 16 schwere Kanonen und gar keine Feldartillerie. Als vor ungefhr einem halben Monat die Gerchte auftauchten, da Tung-fu-hsiang binnen kurzem angreifen wrde, und sich bereits eine Panik der Bevlkerung bemchtigte, wurden zur Ermutigung des Volkes tglich von den Wllen Salven geschossen und den ganzen Tag exerziert, was denn auch seine Wirkung zur Beruhigung der Bevlkerung nicht verfehlt hat. Die Missionare haben durch Spione, die sie im feindlichen Lager unterhalten, sicher festgestellt, da Tung-fu-hsiang augenblicklich 20-30 000 Gewehre besitzt und ber 200, teils moderne Kanonen verfgt. Goo-ta-jen, der oberste Beamte fr auswrtige Angelegenheiten in Hsi Ngan Fu, erklrte mir auf meine Frage, woher denn Tung-fu-hsiang das Geld zur Unterhaltung seiner Truppen und zum Einkauf von Waffen habe, da er im Jahre 1900, als er noch der mchtige Freund der Kaiserin-Witwe war, bei der Plnderung von Tientsin ber eine Million Taels bar geraubt und die Arsenale geleert habe. Nebenbei ist bekannt, da Tung-fu-hsiang sein smtliches, nicht unbetrchtliches Vermgen, bestehend aus Grundstcken und Kapitalanlage, in Pfandhusern flssig gemacht hat. Welche Stellung der kaiserliche General in Kuyuen ihm gegenber einnimmt, zeigt folgendes: Der General hatte aus Peking Befehl, ihn zu fangen; er hatte nichts Eiligeres zu tun, als Tung-fu-hsiang um eine Unterredung unter freiem Himmel zu bitten und ihm das Schreiben aus Peking zu zeigen. Sowohl der General wie der erste Beamte in Pingliang Fu hngen das Mntelchen nach dem Wind, sie knnen es mit beiden Seiten nicht verderben; denn wenn Tung-fu-hsiang eines Tages marschiert und die beiden fngt, schlgt er ihnen unbedingt den Kopf herunter. Im brigen baut er Befestigungen um Heichengtse und kauft alles Getreide im Lande auf, so da die Preise trotz der voraussichtlich guten Ernte um 70 bis 80 % gestiegen sind. [Illustration: Goo-ta-jen, Mandarin in Hsi Ngan Fu] Hsi Ngan Fu besitzt Telegraphen nach Hankau und Tientsin. Die groe Linie nach Westen hat Telegraphenanschlu nach Kuyuen. [Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler] Wir wanderten zuerst zu dem vorerwhnten Nestorianischen Gedenkstein, der ungefhr 1 Kilometer vor dem westlichen Vorstadttore steht. Ich hatte mir diesen weltbekannten Zeugen der Einfhrung des Christentums in China in bezug auf seine Aufbewahrung ungefhr so vorgestellt, wie man bei uns zu Hause mit derartigen ehrwrdigen, hochinteressanten Zeugen einer vergangenen Zeit verfahren wrde, und fand ihn mit noch einigen andern Grabsteinen abseits der Strae inmitten des Schutt- und Trmmerhaufens eines alten taoistischen Tempels. Da man von dieser Sorte tglich eine grere Menge und stets im gleichen Zustande sehen kann, wrde man beim Vorbeireiten nie auf den Gedanken kommen, da hier der Gedenkstein steht, ber den Bcher geschrieben und Vorlesungen auf Universitten gehalten worden sind. Ohne meinen Fhrer htte ich ihn wahrscheinlich auch nie gefunden. Bezeichnend fr die Interesselosigkeit chinesischer Behrden ist es, da z. B. Goo-ta-jen, der Vorstand des Yamens fr die auswrtigen Angelegenheiten Hsi Ngan Fus, auch nicht die entfernteste Ahnung von der Existenz des Steines hatte, obwohl er sonst in seiner Art ein hochgebildeter Chinese ist. Spter erzhlte mir Missionar Shorrock, da auf Reklamationen katholischer Missionare hin in Peking 1000 Taels fr eine wrdige Aufstellung des Steines und ein Schutzdach gegen Regen und Wind bewilligt worden sind. Doch bis Peking ist es weit. Man baute einfach aus schlechten Ziegeln im Hchstwerte von 25 Taels ein Huschen darber, das jetzt schon lange wieder verfallen ist. Der Rest des Geldes blieb wahrscheinlich auf dem langen Wege von Peking nach Hsi Ngan Fu in den verschiedensten Taschen hngen. Ich finde diesen Vorgang bezeichnend. [Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler] Der Stein selbst ist in Form und Ausstattung wie die noch jetzt blichen chinesischen Grabsteine. Die beiden Figuren am oberen Ende, anscheinend Drachendarstellungen, umschlieen ein christliches Kreuz. Die Inschrift ist in chinesischen Schriftzeichen, jedoch sind stellenweise Stze in syrischer Schrift eingefgt, besonders auf den schmalen Seiten des Steins. Wir sahen uns die Reste des uralten Tempels an und wanderten dann zurck, vorbei am Exerzierplatz, wo kompanieweise, wahrscheinlich zur Ermutigung der Soldaten und des Volkes, Salven mit Platzpatronen geschossen wurden, oder wie man das zur Zeit der Vorderlader bei uns bezeichnet haben mag, denn solche fhrt die hiesige Infanterie. Auerdem wurde mit einer Unmenge Fahnen gearbeitet, aber nicht etwa Winkerflaggen. Die meisten Kompanien, es war hier eine ganze Anzahl ttig, gaben ihre Salven ab, als ich mitten vor der Front war. Ob sie mich erschrecken wollten oder ob es eine Ehrung sein sollte, konnte ich nicht feststellen; ich knipste sie dafr mit dem Kodak. Offiziere waren nirgends dabei; wahrscheinlich war es noch zu frh, oder der heute wehende kalte Wind hielt sie ab. Unser Weg fhrte uns unterdessen weiter zum Arsenal in die Sdwestecke der Stadt. Dabei ging es eine Zeitlang an der Stadtmauer entlang, und ich hatte Gelegenheit, zu sehen, da auch Hsi Ngan Fu einst eine nicht unbedeutende Kanalisation gehabt hat, die jetzt im Verfall ist. Das Arsenal bot absolut keinerlei Sehenswertes; warum es eigentlich Arsenal heit, wei ich nicht, denn es hat nichts von denjenigen Sachen in seinen recht sprlichen Rumen, die man sonst darin vermuten wrde. Der Vorstand im Mandarinenrange entschuldigte sich ununterbrochen bei mir, da gar nichts Interessantes zu sehen wre; ich konnte ihm eigentlich nur beistimmen. Auer einigen Schraubstcken und einigen nicht im Betrieb befindlichen, gnzlich verkommenen amerikanischen Maschinen fr Waffenreparatur konnte ich nichts entdecken. berall klebten Neujahrszettel an den Maschinen; Neujahr entschuldigte jetzt ihren Nichtbetrieb. In der brigen Zeit wartet man wahrscheinlich sehnschtig auf Neujahr und betreibt sie ebenso wenig. Das Hauptgebude ist im europischen Stil solide erbaut. Der Vorstand erzhlte, da schon lange Maschinen erwartet wrden, aber der Weg ber die Berge sei so furchtbar schwierig; warum man sie nicht auf dem Wasserwege schickt, leuchtete mir nicht ein. Am Ende knnten sie dann womglich ankommen, und das wre doch recht unangenehm, da ist es so schon besser. Nachdem ich meine hchste Bewunderung ber den hervorragenden Zustand des Arsenals ausgedrckt und mein Fhrer erklrt hatte, da ich als deutscher Artillerieoffizier das gewi ganz genau beurteilen knne, wobei ich mir kaum das Lachen verbeien konnte, empfahlen wir uns, ohne dem schlechten Tee und dem noch schlechteren Zuckerwerk des Vorstandes entgehen zu knnen; das ist eben beim Chinesen unvermeidlich. [Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler.] Unser weiter Weg fhrte uns zu den schwedischen Missionaren, obwohl ich im allgemeinen solche Besuche nicht schtze, da ich mir immer etwas aufdringlich vorkomme. Jedoch mein Fhrer lie nicht locker, ich mute heran, ob ich wollte oder nicht, und richtig hat mir diese Missionarsgruppe von der Swedish Alliance Mission gar nicht gefallen. Gleich beim Eintritt hatte ich genug: ein kleiner Hof, Schmutz, Unordnung und eine Menge kleiner Kinder. Ich wurde hereingentigt, die Tische waren ohne Decken, die schleunigst erst aufgedeckt wurden; in der einen Sofaecke schlief ein Sugling, in der anderen ein Kter. Allmhlich versammelten sich zwei Herren und drei Damen, natrlich alle in chinesischer Kleidung, und nachdem ich kurzen Bescheid ber woher und wohin gegeben und eine Tasse Kaffee dankend angenommen hatte, drckte ich mich schleunigst, um eine Erfahrung reicher und das besttigt findend, was schon andere, z. B. Sven Hedin, vor mir gesehen haben. Wir gingen dann zum kaiserlichen Palast; eigentlich sollten Kaiserin und Kaiserin-Mutter im Fu-tai-Yamen, als dem grten und gerumigsten Yamen der Stadt, wohnen. Der Fu-tai hatte alles zur Aufnahme hergerichtet, aber der Kaiserin-Witwe war die Lage nicht zur Verteidigung geeignet genug; sie zog den spter vom Hofe bewohnten Yamen vor, der schon viele, viele Jahre leer stand und von dem man im Volksmunde sagte, es spuke darin. Das scheint die Kaiserin jedoch nicht zurckgehalten zu haben, und wie man jetzt sieht, hat ihr der Spuk auch nichts angehabt. Der Yamen liegt in dem Teil der Stadt, in dem vorherrschend Mohammedaner wohnen, also im nordwestlichen Viertel; er besteht ebenso aus mehreren hintereinander liegenden Hfen mit Gebuden dazwischen, wie jeder andere chinesische Yamen auch. Man sieht ihm an, da es noch nicht sehr lange her ist, da er gerumt wurde, denn alle Malereien usw. sind noch wie neu; anderseits sah ich mehrfach in den Rumen oder auerhalb Renovierungsarbeiten vollziehen. Schwarzseher schlssen daraus auf einen baldigen neuen Aufstand und eine abermalige Verlegung des Hofes nach Hsi Ngan Fu. Der Kenner wei, da vom Kaiser auch nur kurze Zeit bewohnt gewesene Rume dadurch geheiligt sind und gleichsam als Tempel auf Staatskosten in Ordnung gehalten werden. Haarscharf nimmt man es hiermit jedoch nicht, denn ich sah auf dem Herwege mehrfach kaiserliche Rasthuser bewohnt und Hund und Schwein vergngt in den Hfen herumlaufen, in denen der Sohn des Himmels ber die Wandelbarkeit des Schicksals, also ber seine liebe Mutter nachgedacht hatte. Der kaiserliche Yamen liegt nicht etwa auf freiem Platze, sondern ist von Gebuden dicht umgeben. Man sieht zuerst einen langen offenen Hof mit Sperrbumen umgeben; im Hofe zwei Steinlwen, die "Wchter", vor einem Tor, das geschlossen ist. Ich ging durch eine Seitentr auf der stlichen Seite hinein; mein Fhrer zeigte oder bergab einem Beamten Herrn Shorrocks und meine chinesische Visitenkarte mit der Bitte, uns den Palast ansehen zu drfen. Die englischen Missionare scheinen sich hier eines guten Rufes zu erfreuen, denn sofort wurde alles geffnet. Wir traten ein und schritten durch ein weiteres dreiteiliges Tor in einen zweiten Hof, der an beiden Seiten Dienerschaftsgebude hat. Ein ferneres Tor in der natrlich roten Mauer brachte uns in einen dritten Hof, der, zuerst schmal, nach ungefhr 30 Metern rechtwinklig nach beiden Seiten ausspringt, und vor uns lag der erste Thronsaal, einfach ausgestattet im Innern, mit einem ganz einfachen, hlzernen, breiten, vergoldeten Sessel und einem Wandschirm dahinter, der sehr schne eingelegte Arbeiten zeigte. Auerdem waren in diesem Raume viele mit Drachenstickereien berdeckte Sthle und einige Spiegel. Rechts und links, in je zwei kleineren, aber auch hchst einfach eingerichteten Nebenrumen konnte man einige sehr schne Porzellanvasen auf Tischchen sehen. Die Wnde zierten von der Kaiserin-Mutter selbst auf Seide gemalte riesige Schriftzeichen. Die brigen Kuriositten scheint man nach Peking mitgenommen zu haben, denn in fast allen Zimmern konnte man die einstigen Behlter aufgeschichtet stehen sehen. [Illustration: Partie aus dem Kaiserpalast Hsi Ngan Fu] Die Dimensionen der Rume und der Hfe sind nicht entfernt so kolossal wie in Peking, aber wenn mir auch dort die Grenverhltnisse imponiert hatten, so gefiel mir dieser Palast doch besser, er ist, ich mchte sagen, gemtlicher und zeigt nicht solche "kalte Pracht" wie jener in Peking. Doch weiter: Hinter dem ersten Thronsaal liegt ein weiterer Hof und ein zweiter, hnlich ausgestatteter Thronsaal, fr Empfnge der Kaiserin-Witwe bestimmt, mit kleinem Thron und in heller Farbe gehaltenen, mit Seide ausgeschlagenen Nebenrumen, in dessen einem zur Linken das kaiserliche Bett steht. Ein einfaches, nicht sehr langes, drei viertel Meter hohes Holzbett mit in Holz geschnitztem Himmel darber, im Bett selbst nicht etwa eine Springfedermatratze, sondern eine wattierte dicke Decke als Unterlage. Auch hier einige Wandbehnge, Vgel im Baum darstellend, unter Glas, einige blue and white-Vasen, eine herrliche groe Sang de boeuf und einige Kuriositten, Schrnke mit Intarsienarbeit, das ist alles. Hinter dem Schlafzimmer befindet sich ein dunkler, leerer Raum, der als Badezimmer gedient hat. An den zweiten Thronsaal nach Osten schliet sich ein weiterer Hof an, in den man, durch das Seitengebude gehend, gelangt. Hier ist ein Felsengarten, am sdlichen Ende ein langes Gebude, das kaiserliche Privatrume enthlt. An dieses Gebude, wiederum nach Sden, entsprechend dem dritten Hauptsaal, reiht sich ein Gebude an, das fr die Kaiserin-Witwe bestimmt ist. Die Rume sind steif und einfach ausgestattet, einige Sthle, Hocker, Spiegel, Tischchen, auf diesen meist groe Uhren oder Vasen, auf dem Boden der bliche groe Drachenteppich, weiter enthalten sie nichts. In den Nebenrumen ist auch die Ausstattung nichts als Schund. Nach Osten folgt noch ein zu Wohnzwecken bestimmtes kaiserliches Privatgebude, vor ihm liegt ein hbscher, groer Felsengarten mit Wasserbassin, hoher knstlicher Terrasse mit schner Aussicht und einem Gartenhuschen. Man hrt den Straenlrm bis hierher schallen, und oft wird der Kaiser wohl hier gesessen und den ihm bis dahin unbekannten uerungen des Volkslebens gelauscht haben. [Illustration: Kaiserpalast Hsi Ngan Fu. Zweiter Thronsaal] Auf dem Rckweg begegnete mir Goo-ta-jen, der mir sofort sehr freundlich die Hand gab. Er war mit groem Gefolge hier; wahrscheinlich trieb ihn nur die Neugierde her, den Fremdling zu sehen. Wir gingen nun ber den mchtigen freien Platz, wo vor tausend Jahren und mehr stets der Kaiserpalast gestanden hat und der jetzt nicht mehr bebaut werden darf, nach dem mitten in der Stadt liegenden Hospital von Dr. Smith. Das Hospital ist ein groer, schner Yamen, dessen Zwischenrume nicht, wie sonst, schmutzige Hfe, sondern hbsche Grten zieren. Das Hospital geht augenblicklich ein, da Dr. Smith Familienverhltnisse halber nach England verreist ist. Ich frhstckte mit Missionar Shorrock, der mich hier erwartete, im Yamen, dann erhielt ich den Besuch Goo-ta-jens, der unter den blichen Frmlichkeiten von 2 bis 6 Uhr abends dauerte. Ich erkltete mich hierbei schauderhaft und hatte nebenbei das Gefhl, von dem Missionar als willkommenes Mittel betrachtet zu werden, um mit einem hohen, einflureichen Mandarin recht eingehend Rcksprache zu nehmen. Auch den Abend verbrachte ich bei Missionar Shorrock. Den ganzen nchsten Morgen, am 8. Februar, wurde ich wiederum durch den Besuch Goo-ta-jens festgehalten, so da ich zu meinem groen rger vierundzwanzig Stunden verlor. Da ich auerdem der Andacht in der Mission beiwohnen mute, bte ich noch weitere mir wertvolle 1 Stunden ein. [Illustration: Hsi Ngan Fu Goot-ta-jen] Schlielich empfahl ich mich und ritt zu meinem Gasthaus zurck, wo mein Mafu bereits in grter Angst auf meine Rckkehr wartete. Er hatte Auftrag erhalten, den gedrckten Pony womglich zu verkaufen und sich nach einer billigen Karre zur Gepckbefrderung nach Lantschau Fu umzusehen. Fr den Pony, der Schlger und Beier und nebenbei auch ziemlich bejahrt war, waren ihm nicht mehr als 10 Taels geboten worden, was mir zu wenig war. Praktisch, wie der Chinese zu sein pflegt, hatte sich der Mafu, der Karre wegen, an den Yamen Goo-ta-jens gewandt, und letzterem mu ich unbedingt gefallen haben, denn er stellte mir eine seiner eigenen Karren bis Lantschau Fu zur Verfgung, was ich nach chinesischer Sitte nicht zurckweisen konnte. Auerdem hatte Goo-ta-jen anfragen lassen, ob ich nicht mein groes Pferd verkaufen wollte. Der Mafu hatte es in seinem Leichtsinn gleich hingebracht und dort gelassen, worber ich weniger erfreut war; nebenbei war er auf der Strae hingefallen und hatte sich das Knie verletzt, so da er nicht reiten konnte und entsetzlich wehleidig tat. Ich glaube, das Fahren auf der Karre, wobei er tagsber so schn schlafen konnte, hatte ihm gefallen. Gott sei Dank hatte ich noch einen Begleiter vom Yamen mit, den ich sofort mit einem englischen Brief zu Goo-ta-jen mit der Bitte sandte, mir entweder 500 Taels oder das Pferd zurckzuschicken. Die 500 Taels kamen nicht, dafr aber das Pferd. Am nchsten Morgen wartete ich von 7 bis 8 Uhr auf den mir von Goo-ta-jen versprochenen, ganz besonders guten Karren, der natrlich nicht ankam; schlielich machte ich mich selbst auf den Weg zum Yamen, traf aber auf der Hauptstrae einen mir bekannten Beamten, der behauptete, der Karren kme sofort. Wir gingen zum Gasthause zurck, und ich erhielt den Pa fr den Wagen mit der Anweisung, den Fhrer ordentlich zu verhauen, wenn er sich widerspenstig zeigen sollte. Unterdessen wurde es 9 Uhr, und statt der Karre erschien Goo-ta-jen auf der Bildflche. Er kam sicherlich nur aus Neugierde, lie sich meine Waffen zeigen und stellte sich, als ob er von dem gestrigen Pferdehandel nichts mehr wte. Unterdessen kam der Karren, der erbrmlich aussah und noch miserabler bespannt war. Goo-ta-jen hatte natrlich keine Ahnung, da es sein Karren sei, und mute erst darber belehrt werden. Dann war es ihm sichtlich unangenehm, da er mir vorgelogen hatte, er htte Karren und Tier aus seinem eigenen Stall selbst ausgesucht. In Wirklichkeit hatten seine Leute fr ganz billiges Geld irgendeinen gerade zufllig nach Lantschau Fu fahrenden Karrenfhrer halb gepret. Ich dachte, einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul, und lie aufladen. Wir marschierten durch das Westtor ab. Die Witwe, die ich heute ritt, hatte seit gut drei Wochen keinen Reiter mehr gehabt und ging daher sehr unruhig. Goo-ta-jen bat mich, das Tier doch einmal vorzutraben, aber die Stute galoppierte ununterbrochen und war nicht zum Trabe zu bringen. Die Chinesen lachten und hatten sicher ein Gefhl der Genugtuung, nicht auf das fremde Pferd hineingefallen zu sein. Ich rgerte mich grndlich, wahrte aber nach chinesischer Sitte das Gesicht und lachte mit. Am Tore verabschiedete ich mich und erhielt von Goo-ta-jen nochmals den Rat, den die Karre treibenden Chinesen ordentlich zu prgeln, da er sonst nichts tte. Ich sagte ihm, da ich, auer in Notwehr, niemals einen Menschen schlge, wodurch sich Goo-ta-jen gar nicht rhren lie, sondern nunmehr meinem Mafu denselben Rat erteilte. [Illustration: In der Provinz Schensi 16 Marschtage = 692 Kilometer. Tgliche Durchschnittsleistung 43,25 Kilometer.] IV. KAPITEL. In der Provinz Schensi. Am nchsten Morgen erwachte ich in Hsienanyi mit greulichen Kopfschmerzen infolge des die ganze Nacht rauchenden Kangs. Die alte Druckstelle der Witwe war wieder derartig dick angelaufen, da sie nicht mehr geritten werden konnte. Das glcklichste wre doch gewesen, wenn sie mir der Mandarin abgekauft htte, dann wren beide Teile befriedigt gewesen; denn der Chinese htte sich niemals daraufgesetzt, sondern nur vor seinen Freunden mit dem teuren europischen Pferde renommiert, und die gute Witwe htte sicher in dem chinesischen Stall ein beschauliches Leben gefhrt. Es ging heute weiter auf einem recht langweiligen Wege; berall sah man noch vom Dunganenaufstande her zerstrte Drfer. Rechts am Horizont wurden Hgelreihen sichtbar. Mittagsrast hielten wir in Yang-kia-tschwang, und abends waren wir in Fung Hsia. Es war zuletzt recht langsam gegangen. Die beiden speziell von Goo-ta-jen ausgesuchten Maultiere erwiesen sich als ein paar uralte, faule, mde Tiere, der Karren fiel halb auseinander, dagegen zeigte sich der mir so warm empfohlene Fhrer als ein netter, anstndiger Mensch; wenigstens ein Trost. Als wir abends in dem Gasthaus ankamen, fielen die Tiere in der Schere vor Mdigkeit um, sie fraen beide berhaupt nichts. Mein Mafu brachte mir zum Nachtisch eine ganze Menge wundervoller Feigen, meine Vorliebe fr diese Frucht kennend. In dieser Gegend gab es sonst nur noch die gelben Kakis. Er hatte die Feigen unserm Fuhrmann gestohlen, der damit in Lantschau Fu ein Privatgeschft machen wollte. Ich erfuhr erst, woher sie waren, als ich sie lngst gegessen hatte. [Illustration: Meine Karawane. Nepomuk eingespannt] Bei mir fing jetzt die Erkltung an herauszukommen, ich hatte etwas Fieber und fhlte mich recht unwohl. Die Nacht schlief ich kaum. Das Zimmer war mitten in den Lehm hineingebaut, wie hier allgemein blich; es war aber gerumig und sehr sauber. Es ging weiter durch langweiliges Gelnde, das nur zuweilen durch sehr tief eingeschnittene L-Schluchten unterbrochen wurde. berall war terrassenfrmiger Anbau, ich zhlte einmal bis 28 Terrassen bereinander. Auf jeder derselben liegen die Hhlen-Wohnungen immer eine neben der anderen. In Yung-dju-hsien machten wir Mittagsrast, und bald versammelte sich eine groe Volksmenge um mich. Die Mistsammler benutzten die Gelegenheit, um hinter uns den Misthaufen des Gasthauses zu stehlen, was zu einer rechthandgreiflichen Auseinandersetzung mit dem Wirte fhrte. Da die beiden Maultiere des Karrens trotz der leichten Last am Umfallen waren, spannte ich meinen Nepomuk noch dazu in die Karre. Ein Freund des Karrenfhrers hatte die Geschirre geliehen; Nepomuk ging so, als ob er nie etwas anderes getan htte, sicher war er frher schon einmal eingespannt gewesen. Auch auf dem weiteren Wege waren die Drfer stets in den Lehm hineingebaut. Abends kamen wir nach Tai ye. Mir war sehr elend zumute, nur fehlte merkwrdigerweise der Appetit nicht. ber Nacht tat mir ein Prienitz-Umschlag sehr gute Dienste, und am 12. Februar morgens fhlte ich mich erheblich besser. Je hher wir kamen, um so klter wurde es. Whrend um Hsi Ngan Fu herum eine milde, angenehme Temperatur geherrscht hatte, in der kalte Tage sehr selten waren, fiel hier das Thermometer morgens wieder auf minus 12 Grad, und wir hatten dazu einen unangenehmen Nordwest. Die Chinesen schlugen die ganze Nacht ber Gongs und Trommeln zur Neujahrsfeier und brannten Feuerwerk ab, so da ich wiederum kaum zum Schlafen kam. [Illustration: Teil der groen Mauer bei Fing-tschall] Nepomuk eingespannt, ging es ber zwei hohe Psse nach Kingtschau, wo ein Nebenzweig der groen Mauer ber die Berge geht, und von dort marschierten wir zum Kin Ho hinab und in seinem Tale aufwrts, entlang dem Sdhange der Berge. Das Tal ist zwei bis drei Kilometer breit und berall mit groen Obstpflanzungen bestanden. Ganz besonders werden Birnen und Aprikosen angebaut, die im getrockneten Zustande ausgefhrt werden. Die an den Talhngen im Lehm eingebauten Wohnungen liegen zum Teil in Etagen bereinander. Ich kann mir das nur so erklren, da zur Hochwasserzeit das Wasser sehr hoch steigt, die Leute daher mglichst hoch wohnen wollen. Eine andere Erklrung bietet der Holzmangel der Gegend, so da dadurch die Einwohner gezwungen werden, sich in dem sehr haltbaren Lehm Wohnungen zu graben. Manche der vorspringenden Bergnasen waren wie durchsiebt von menschlichen Wohnungen, und zwar meist ganz unregelmig durcheinander. In den Sandsteinfelsen sah man zuweilen runde Strudel oder Windlcher. Die Bevlkerung treibt etwas Rindviehzucht; jedoch war Milch im Verkauf nicht zu haben. [Illustration: Wohnungen im L bei Kingtschau] Nach 55 Kilometern Marsch langten wir in Tschangwu Hsien, einer ziemlich groen Stadt, an; trotzdem war Fleisch nicht zu kaufen. Die Straen und alle Lden waren mit Laternen erleuchtet, Gruppen von Menschen in allen mglichen Verkleidungen zogen unter endlosem Getrommel herum, genau so, wie bei uns zur Fastnacht. Ich mischte mich in meinem Schafspelz unter die Menge; die Leute erkannten mich zwar, kmmerten sich aber weiter gar nicht um mich. Meine Pferde waren heute recht mde, ebenso ging es auch mir; ich schlief die Nacht trotz des Lrms ganz vorzglich und wachte am 13. Februar morgens frisch und gesund auf, meine schwere Erkltung war vollkommen berwunden. Es ging weiter durch eine ganz glatte, kaum von einigen Hgeln unterbrochene Ebene. In einem Orte war Theater, zu dem hauptschlich geschmckte Weiber, auf Karren, auf Eseln reitend, von allen Himmelsrichtungen zusammenstrmten; sie trugen hier einen Kopfputz, der wie eine Ulanen-Tschapka aussah, nur ist der Deckel nicht quadratisch, sondern lnglich. Es war entsetzlich staubig, was sich besonders unangenehm fhlbar machte, als wir am Abend nach Kingtschau, im Tale des Kin Ho, durch unendlich lange, in den L tief eingeschnittene Hohlwege hinabstiegen. [Illustration: Meine Karawane im Kin Ho-Tal] Kingtschau ist eine groe Stadt. Auch hier war wieder alles illuminiert, teilweise sogar die Einwohner, die dem auf allen Straen feilgebotenen, bis zum Kochen heien Schnaps tchtig zugesprochen hatten. Aber nirgends sah man einen Krakeeler, alles ging friedlich vor sich wie stets beim Chinesen. Die Stadt ist an einem Berge gelegen, und am Abend machte sich das Lichtmeer der Illumination am Berge herauf und herunter wunderhbsch. Smtliche Preise, sowohl was Essen als was Pferdefutter anbetrifft, gingen, entgegen den Angaben der Missionare, stets herunter. In dieser Gegend waren sie einfach lcherlich niedrig. ber Nacht waren wieder einmal die Karrenmaultiere ber mein Futter geraten, und da der Mafu auf kein Rufen hrte, mute ich selbst hinaus und die Tiere wegjagen. Nebenbei verschlief der Mafu am 14. Februar morgens die Zeit, meine Stiefel waren nicht geschmiert, ich hatte wieder Kopfschmerzen, kurzum, die lieblichste Laune war fertig. Es ging weiter im Kin Ho-Tale aufwrts; die Gegend war wenig wechselnd, auf der Strae herrschte lebhafter Karrenverkehr; meist waren es solche, die in viereckige Blcke zusammengeprete Tabakpacken von Lantschau Fu nach der Kste bringen. Mittagsrast machten wir in Wangtu, wo ich alte Bekannte traf, die ich seiner Zeit in Tschntingfu kennen gelernt hatte; es waren Kaufleute aus Urumtschi, die von Peking kamen und nach ihrer Heimat zurckgingen. Sie boten mir gleich an, mich ihnen anzuschlieen, aber sie marschierten mir zu langsam. Von Vorteil fr mich wren allerdings ihre mongolischen Sprachkenntnisse gewesen; einer unter ihnen sprach auch Trkisch und ein anderer radebrechte Russisch. Wir waren heute schon frh im Quartier in Peitseyu, ich setzte daher zum Schmerze meines Mafu groes Sattelreinigen an. Der Karrenfhrer wollte mich anborgen, ich verstand aber mit einem Male kein chinesisch mehr und wies ihn an den Mafu, dem es ebenso zu gehen schien wie mir. In dieser Gegend begann auch schon die Frhjahrsbestellung, man merkte es an den berschwemmten Wegen; das Wasser trat von den schlecht gehaltenen Bewsserungsgrben der Felder aus. Im Orte war abends unter groem Zulauf ein Schattenbildtheater auf einer einfachen, erhhten Bhne; hinter einem weien Gazerahmen lie ein alter, ganz heiserer Schauspieler die sehr gut gemalten bunten Figuren ihre Mtzchen machen. Jungen waren unter die Bhne gekrochen und kniffen den alten Kerl in die Beine, was natrlich, als der alte Mann es schlielich merkte, sehr komisch wirkte. Die Figuren auf der Bhne rauchten und aen, was sich sehr spaig machte. Am 15. Februar morgens hatte ich wieder Kopfschmerzen, und die Nacht ber hatte ich sehr schlecht geschlafen. Ich schrieb dies dem mit Pferdemist geheizten Kang zu; in den Zimmern war ein durchdringender, scharfer Geruch, der auch, wenn man die Feuerung hinaustragen lie, blieb und europischen Nasen wenig zusagte. Unser Weg war heute von zwei Reihen hoher, dicht beieinander stehender Bume eingefat. Um 1 Uhr mittags waren wir in Pingliang Fu. Vor der Stadt stand auf einem einsamen Hgel eine Art Kastell mit Tempel und hoher Pagode darin; das Kastell beherrscht die Stadt und den Anmarschweg von Lantschau Fu. Da ich mich nunmehr dem Hauptquartier Tung-fu-hsiangs bis auf wenige Mrsche genhert hatte, war es fr mich von ganz besonderem Interesse, etwas Neues ber ihn zu erfahren. Ich begab mich daher sofort zu dem hier anwesenden Missionar, einem Herrn Johnson; in der Stadt, die ich auf dem Wege zur Mission passierte, bekam ich von Tung-fu-hsiangs Schwarzrcken nichts zu sehen; dagegen hatte ich Gelegenheit, einer Pferdeoperation auf offener Strae beizuwohnen. Der Missionar wohnte auerhalb des Tores, ich innerhalb desselben, so da ich nicht bei ihm bleiben konnte, da nach Toresschlu gegen 6 Uhr nicht mehr geffnet wird und ich anderseits den Mafu mit Geld und Waffen nicht allein lassen wollte. Jedenfalls fand ich hier genau das, was ich mir dachte, nmlich eine chinesische Stadt genau wie alle andern, mit dem lebhaften Kommen und Gehen, wie es stets auf der groen Verkehrsstrae zu sein pflegt, und keinen Menschen, der sich auch nur eine Minute fr Tung-fu-hsiang interessiert htte. Man sagte mir, alle Gerchte ber ihn und seine Truppenteile seien weit bertrieben; er sitze ruhig in Heichengtse, drei Tagemrsche nrdlich von dieser Stadt, verschanzt, und tue keinem Menschen etwas zuleide. Im Gegenteil, er solle in letzter Zeit die Absicht geuert haben, sich noch weiter nach dem Innern zurckziehen zu wollen, da er sich hier immer noch den Grenzen der Zivilisation zu nahe fhle. Er habe nur 13 schwache Kompanien (eine chinesische Kompanie hat 504 Mann), im ganzen 5000 Mann, dazu alte Kanonen und gengend Reit- und Bespannungsmaterial. Ferner habe er sehr viel Proviant aufgekauft; da in den letzten Jahren gute Ernten gewesen seien, habe dieses nicht weiter auf die Preise gedrckt, wie ich selbst feststellen konnte. Man war in den hiesigen Kreisen fest berzeugt, da er nichts unternehmen wrde; der Missionar lie gerade jetzt seine Frau aus Hsi Ngan Fu hierherkommen, was doch sicher als ein Zeichen des Friedens anzusehen war. Missionare sind stets gut orientiert und unterhalten nebenbei Spione bei Tung-fu-hsiang. [Illustration: Pingliang Fu] Am 16. Februar morgens gab ich einige Briefe und Karten an den Missionar Johnson mit der Bitte um Weiterbefrderung ab. Die Missionare schicken ungefhr alle vierzehn Tage einen verllichen Mann, der bis zur nchsten Station reitet, von wo aus die Briefe dann auf ebendieselbe Weise nach Hankau weiterbefrdert werden. Kurz bevor ich wegging, lie sich der Mandarin noch einmal angelegentlichst nach meinen ferneren Absichten erkundigen und anfragen, ob ich etwa den Wunsch htte, zu Tung-fu-hsiang zu gehen. Ich sagte ja, um zu sehen, was die Leute wohl tun wrden. Der Bote ging zurck, bat mich jedoch, bevor ich abmarschierte, den Bescheid seines Herrn abzuwarten. Bald kam er wieder in Begleitung von 16 Kavalleristen und 20 Infanteristen; zugleich sagte er mir im Auftrage seines Herrn, da diese Leute dazu bestimmt wren, mich von meinem Vorhaben ntigenfalls abzubringen, woraufhin ich ihm erwiderte, da ich sofort das Feuer erffnen wrde, sobald auch nur einer es wage, mich zurckzuhalten. Der Mandarin hatte jedenfalls sehr viel mehr Angst um seinen Posten und seine reichen Einnahmen, falls mir etwas zustoen sollte, als um meine eigene Person, die ihm gnzlich gleichgltig war. Ich vertrug mich spter sehr gut mit den Soldaten, scho ihnen etwas mit meiner Mauserpistole vor und bin berzeugt, da auch nicht einer im entferntesten gewagt htte, mich zurckzuhalten, falls ich doch Tung-fu-hsiang aufgesucht htte. Die Mauserpistole, die immer scho und gar nicht geladen zu werden brauchte, flte ihnen einen Heidenrespekt ein. Da nur zehn Patronen darin seien, erzhlte ich ihnen natrlich nicht, nebenbei hatte ich vorsichtshalber auf nur 20 Schritt Entfernung geschossen, so da die sechs abgegebenen Schsse alle dicht beieinander saen. Meine Begleitung verkrmelte sich nach und nach bis auf zwei Kavalleristen und einen Begleiter vom Yamen. [Illustration: Pferdeoperation in Pingliang Fu] Bei bezogenem Himmel ging es talaufwrts, mehrfach den gefrorenen Flu kreuzend, was sehr unangenehm war, da die Tiere einbrachen und sich die Fesseln durchschnitten. Das Tal war mit mannshohem Gestrpp bewachsen und hatte viel Steingerll. Wir sahen zum ersten Male die schnen Knigsfasanen, die bekanntlich hier heimisch sind. Ich hatte das Glck, einen mit der Kugel zu schieen, was eine sehr willkommene Abwechslung in unsern etwas einfrmigen Kchenzettel brachte. Nach 70 Li machten wir Rast. Der Karrentreiber veruneinigte sich mit seinem Stangenmaultier, was eine recht unerquickliche Szene gab, da er es rcksichtslos mihandelte, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil das unglckliche Tier nicht fressen wollte. brigens trat heute doch eine merkbare Preissteigerung in allem ein. Weiterhin verengerte sich das Tal fortwhrend, und es kamen sehr hbsche Felspartien zu beiden Seiten vor. [Illustration: Bergtempel in Kansu] Ich war gerade dabei, eine solche mit meinem Kodak aufzunehmen, als mich in voller Fahrt ein groer schwarzer Hund anfiel, der anscheinend toll war. Die Lage war kritisch, denn ich mute meinen Apparat retten, den ich auf keinen Fall geopfert htte. Der Kter sprang mich an und schnappte ber meine linke Hand hinweg nach meinem Rock; ich fiel auf die steinerne Brstung des Weges, den Apparat in der rechten Hand hochhaltend. In demselben Moment stach einer der mich neugierig umgebenden Soldaten nach dem Vieh, worauf es das Weite suchte. Die ganze Episode spielte sich in vielleicht zwei Sekunden ab. Die Chinesen beglckwnschten mich, da mich der Hund nicht gebissen hatte; ich htte ihm gern hinterher noch eins aufgebrannt, aber er war lngst verschwunden. [Illustration: Flubergang vor Huacing, halb vereist] Der Weg wurde fr die Tiere immer anstrengender, die Karren blieben bei den bergngen alle Augenblicke stecken, wobei dann die Fhrer gegenseitig mit Vorspann aushalfen. Gegen 5 Uhr berschritten wir einen hohen, sehr beschwerlichen Pa und hatten dann im Tale Huacing eine Sperrfestung vor uns. Hier scheiden sich die Wege nach Lantschan Fu und Kuyuen. Der Karrenfhrer wollte die Stadt links umgehen, um gleich den Lantschau Fuer Weg zu gewinnen. Er war erst nach recht energischem Zureden meinerseits zu bewegen, in die Stadt zu fahren; natrlich hatte er nur Angst, da ich zu Tung-fu-hsiang gehen wrde, und wollte mglichst schon heute in einem Orte auf dem Lantschau Fuer Wege bernachten. Der Yamen erkundigte sich sofort nach meinen ferneren Absichten, und zwar lie mich der junge Beamte nicht zufrieden, sondern wollte immer mehr wissen, so da ich schlielich die Geduld verlor, berhaupt keine Antwort mehr gab und fr fernere Soldatenbegleitung dankte. Ich nahm am Abend mit einem alten Lama, der gerade von Tung-fu-hsiang herzukommen behauptete, Rcksprache. Wir gingen durch die Stadt spazieren, wobei er mir die Parteignger des Rebellen-Generals zeigte. Sie tragen stets ganz schwarze Kleidung, im brigen handelte es sich hier nur um solche, die Getreide oder Pferde ankaufen wollten; eigentliche Soldaten Tung-fu-hsiangs habe ich kaum zu Gesicht bekommen. Ich fragte den alten, freundlichen Mann, ob es fr mich irgendwie lebensgefhrlich sei, nach Heichengtse zu gehen. Er meinte, da keinerlei Gefahr damit verbunden wre, riet mir aber insofern ab, als dort nichts, rein gar nichts von Interesse zu sehen sei. Man wrde mich ruhig in die Befestigungen, die genau so ausshen wie alle anderen, hineinlassen, und mir nichts tun; auf keinen Fall aber wrde ich den alten Tung-fu-hsiang zu sehen bekommen. Er halte sich streng abgeschlossen, und selbst von seinen eigenen Leuten htten ihn die allerwenigsten jemals erblickt. Auf diese Nachrichten hin stand ich von meiner ursprnglichen Absicht, nach Heichengtse zu gehen, ab und nahm damit meinem Mafu und meinem Karrentreiber einen schweren Stein vom Herzen. Ich glaube, sie fhlten ihren Kopf in der letzten Zeit nicht mehr sicher auf den Schultern, und meinem Mafu war der sonst sogar recht betrchtliche Appetit vergangen. [Illustration: Am Rasthaus im Liu pan schan] Die Nacht war wieder einmal sehr kalt, die armen Pferde hrte ich neben meiner Stube fortwhrend hin- und hertreten, die Klte lie sie nicht schlafen. Ich wollte ihnen noch eine Decke berlegen und warf beim Aufstehen meine silberne Zigarettentasche, die ich als Behlter fr Kompa und Kneifer benutzte, herunter. Der Kneifer blieb ganz, der Kompa zerbrach leider, ein recht herber Verlust. Beim Abreiten meldeten sich noch zwei Infanteristen; wir marschierten zuerst bis an den Hauptpa im Liu pan schan, zu dem es sehr steil bergauf ging, so da die armen Zugtiere schwer zu ziehen hatten; ohne Nepomuk htten die beiden Muli allein die gar nicht so groe Last wohl nicht heraufgebracht. Wie gefhllos die Chinesen den Tieren gegenber sind, konnte man heute wieder beobachten, denn gerade an der schwierigsten Stelle setzten sich die Infanteristen, der Treiber und der Mafu in die Karre, aus der ich sie sofort wieder herausbesorgte. Auf halber Hhe liegt ein hbsches Rasthaus mit Tempel, der, wie alle solche hier, Lauyemiau heit. Da er eine kleine Soldatenbesatzung hat, ist seinem Namen hinten noch ein Ping angehngt (Ping heit nmlich Soldat). Der Wirt hatte drei hbsche Tchter, die schleunigst photographiert wurden, sie waren ausnahmsweise ganz vernnftig dabei. Ich benutzte bei den Serpentinen immer die Richtwege, um auf Fasanen zu pirschen, sah auch mehrfach welche, kam jedoch nicht zum Schu. Die Soldaten nahmen recht eifrig an der Jagd teil. Nach Aussage der Leute sind Wildschwein, Wolf und Leopard hier gar nicht so selten, leider verbot mir meine kurz bemessene Reisezeit, grere Jagdausflge zu machen. Den Pa krnt wie gewhnlich ein Tempel. Beim Abstieg hatten wir eine riesenhafte Windhose vor uns, die von den Wolken trichterfrmig erwidert wurde. Im Tale liegt Lung-hsi-hsien mit befestigtem Bergfort auf der Ostfront vorgelagert. Die Pferde bekamen hier zum ersten Male wieder Hafer, den sie sehr gern nahmen. Meinem Karrenfhrer war nun das Geld endgltig ausgegangen, er klagte mir sein Leid, und es stellte sich heraus, da er von der anfangs vereinbarten Summe von 19 Taels nur 15 erhalten hatte, den Rest hatten die Leute Goo-ta-jens eingesteckt, und ich staunte nur, da er berhaupt noch so viel erhalten hatte. Von dem empfangenen Gelde hatte er noch die Hlfte an die Taitai abzugeben. Wenn seine Tiere besser gewesen wren, htte ich ihn nach Kaschgar engagiert, da er durchaus mit mir gehen wollte; die Maultiere waren aber zu alt, die Karre zu schwer, auerdem wute kein Mensch zu sagen, wie fernerhin die Wege eigentlich seien und ob berhaupt Karren so weit fahren knnten. Nun borgte er den Geschftsfhrer des Gasthauses an. Das soll allgemein so Sitte sein bei den Karrenfhrern, die durch dieses Verfahren niemals auf einen grnen Zweig kommen, da sie stets in irgendeinem Gasthause hngen. brigens hatte ich meinen Fhrer in falschem Verdacht mit dem Feigensack gehabt, er hatte die Frchte nur als Geschenk fr Freunde mitgenommen und verteilte sie nun, wie ich mehrmals sehen konnte. Mittags verlangte ich Schweinefleisch, worauf alles lachte und mich abwies. Ich ahnte nicht den Grund; erst spter fiel mir ein, da hier meist schon Mohammedaner wohnen. Am Nachmittag trafen wir beim Weitermarsch eine ganze Kamelkarawane, mit Hirschgeweihen beladen. Sie kamen aus Si-ning-fu, das Hirschhorn geht zur Kste und wird zu Arzneizwecken verwandt. Am Abend in Tschnning pu sollte ich eine Frau rztlich behandeln, die den Anzeichen nach an Herzkrmpfen litt. Ich verordnete kalte Abreibungen morgens und abends und beim Eintritt der Krmpfe kalte Umschlge; jedenfalls war ich sicher, damit keinen Schaden anzurichten, denn ehe der Chinese zum kalten Wasser greift, geht die Welt unter. [Illustration: Einziehende Kavallerie] Am 18. Februar morgens ging es durch die Ebene weiter. In Tsching Hsing tschau, wo wir rasteten, hatte sich eine entsetzlich neugierige Menge um mich gesammelt, die sich weder durch Wassergu, noch durch sonstige Schreckmittel abhalten lie, bis laute Signale einrckende Kavallerie meldeten, die einen malerischen Anblick gewhrte. Vier Trompeter bildeten Spalier und bliesen Fanfaren, voraus ritten drei Falkentrger, dann kamen die Fahnen und schlielich die Mannschaften in bunten, meist roten Uniformen. Ich photographierte die Gesellschaft, wobei sie mich rcksichtslos anritten. Unterdessen hatte sich Staubsturm erhoben, der beim Weitermarsch recht unangenehm war. Wir kletterten ber drei Psse mit beraus starken Steigungen, so da die entgegenkommenden Tabakkarren aus Lantschau Fu sich gegenseitig Vorspann bis zu 16 Tieren gaben, um die einzelnen Wagen die Berge herauf zubringen. Die Luft war derart mit Staub erfllt, da wir bei Biegungen oder an den Hunderte von Metern hohen, steilen Abfllen die vorn gehenden Tiere am Kopf fhren muten, da man den Weg gar nicht mehr sehen konnte und ich frchtete, bei der gelnderlosen Strae abzustrzen. Entgegenkommende Karawanen meldeten sich stets durch Glockenklang ihrer Tiere an. Um sie an den Ausweichestellen festzuhalten, damit wir glatt vorwrts kommen konnten, hatte ich die mich begleitenden Soldaten vorausgeschickt; es klappte auch ganz gut. Gegen Abend legte sich der Staubsturm, der diesmal nur vier bis fnf Stunden gedauert hatte. Als wir noch etwa zwei Kilometer vor unserm beabsichtigten Nachtquartier waren -- ich ritt hinten --, rief der Karrenfhrer pltzlich: Sa lauye, Lhang! (Wlfe.) Rechts am Abhnge einer Lehmschlucht, auf etwa 600 Meter, trottete langsam ein groes graues Tier; ich hielt es fr einen Hund, lie aber doch meinen Zei auspacken, um einmal hinzusehen. Unterdessen traten aus der Schlucht drei und dann noch ein ebensolches Tier heraus. Jetzt sah ich, da es unzweifelhaft Wlfe waren. Sofort lie ich mir Karabiner und Patronengrtel geben und trabte querfeldein auf eine andere Lehmschlucht zu, um mich durch diese heranzupirschen. Der gute Dicke machte seine Sache sehr gut. Als ich absa und mich nher schlich, ging er sehr vernnftig im Schritt zurck. Das Rudel, das sich zusammengeschlossen hatte, sicherte nach mir hin, hielt nicht mehr und zog von dannen. Es waren mindestens noch 300 Meter, und diese Entfernung war mir zum Schieen zu weit, auerdem verschwanden sie zu schnell. Abends in Gau-dia-pu kamen wir gerade zum Schweineschlachten zurecht. Zuerst bekam ich die Nieren gebraten, und dann lie ich mir ein recht schnes Kotelett herausschneiden, das der Mafu leider gnzlich verdarb. Die Leute knnen nur auf eine einzige Art kochen, und ob das Schwein, Hammel oder sonst Beliebiges ist, bleibt ihnen vollkommen gleich; es wird nach Schema F hergerichtet. Bei gnzlicher Windstille und leichtem Schneefall ging es am 19. Februar weiter, am Tsauli Ho in Windungen an den Bergwnden entlang. Der Schnee blieb liegen, und die Wolken hingen tief in die Tler. In einem Dorfe gab es prachtvolles Schweinefett, von dem ich gleich eine ganze Bchse kaufte. Dies erwies sich schon am selben Abend als sehr angenehm, denn in unserm Nachtquartier Tsai dia tse war die Unterkunft schlecht, alles sehr teuer, und man bekam nichts zu essen. Zweimal ber Nacht erhielt ich Besuch von groen Ktern, die sich durch die Tr zwngten und mir mein Stiefelfett stahlen. Als ich morgens nach der Dose suchte, fand ich noch einen Hund, dieselbe ausleckend; ich wollte sie ihm wegnehmen, woraufhin er mich in meine Ledergamasche bi; ein Schu machte bald darauf seinem Leben ein Ende. Wir hatten in den letzten Tagen recht erhebliche Mrsche gemacht, ich ritt abwechselnd die Stute und den dicken Pony, und beide befanden sich ausgezeichnet. Das Tier, welches nicht geritten wurde, ging hinten an der Karre angebunden oder wurde von einem der begleitenden Kavalleristen an der Hand gefhrt. Am wohlsten von allen dreien fhlte sich jedenfalls Nepomuk, der als Zugtier in der Karre ganz in seinem Element war und alle beln Gewohnheiten der Maultiere angenommen hatte. Am 20. Februar brachen wir bei 14 Grad Klte auf und marschierten, um abzukrzen, nicht ber die Berge, sondern in einem Flubett entlang. Ich wre gerne abgesessen und htte etwas gefhrt, um mich zu erwrmen; das war aber nicht mglich, da wir fast ununterbrochen durch Wasser ritten. Es war der Chu-ning-ho. Kaum waren wir aus den Flutale heraus, so befanden wir uns wieder im dicksten Staube, der die Tiere auerordentlich ermdet; trotzdem wollte der Karrenfhrer morgen siebzig Kilometer marschieren, um in drei Tagen in Lantschau Fu zu sein. Wer natrlich am 21. Februar morgens nicht aufstand -- es waren hier 15 Grad Klte --, waren meine beiden Genossen. Um 6 Uhr mute ich sie vom Kang herunterbesorgen; zu ihrem Glck hatten sie wenigstens die Pferde rechtzeitig gefttert. Bei unangenehmem Sdost, der sich allmhlich zum Staubsturm steigerte, ging es weiter. Es gab einige nicht unerhebliche Steigungen zu nehmen; ich benutzte immer die Richtwege und verritt mich einmal so, da ich froh war, nach einer Stunde meinen Karren wieder zu haben. Die Tiere waren bei der Ankunft in Nanting Hsien sehr mde, besonders die groe Stute, die heute gefhrt wurde, hatte sich schon den ganzen letzten Teil zerren lassen. Fr die Menschen gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen, nachdem wir die letzten zwei Tage nur von Reis und Brot gelebt hatten. Der Staub ist hier besonders fein und dringt durch alles hindurch; ich befrchtete das Verderben meiner photographischen Aufnahmen, wegen der stets verstaubten Linse des Apparates. In der Ebene mute der Staubsturm noch toller gewesen sein, denn die uns entgegenkommenden Leute waren vor Schmutz berhaupt nicht zu erkennen. Die Stute bekam hier zum ersten Male chinesischen Beschlag; sie hatte so schne, gesunde Hufe, da auch ein chinesischer Schmied kaum etwas daran verderben konnte. Als Bezahlung bekam er die alten deutschen Eisen, die seine hchste Bewunderung erregten; er machte dabei immer noch ein sehr gutes Geschft, wenn man die hiesigen Schundeisen bedenkt. Am 22. Februar waren wir wieder in Lbergen mit ihrem terrassenfrmigen Anbau. Das Gebirge hie Ta-lang-tsue-schan, der groe Wolfsrachenberg, auf deren Spitzen mehrfach kleine Kastelle lagen. Die Leute leben hier nur von der bekannten Wassersuppe mit Nudeln, dem Mien-tang; dazu Graubrot und kleine runde Brtchen, sehr selten gibt es Reis; Fleisch ist ein fast unbekannter Luxusartikel. ber Nacht zum 23. Februar hatte ich wieder einmal Hundebesuch, dem ich mittels eines schweren Knppels ein pltzliches Ende machte. Der Staub lag heute in den Hohlwegen bis ein viertel Meter tief, ber Mittag wurde es angennehm warm, plus 27 Grad, ein Temperaturunterschied von 40 Grad in 24 Stunden. -- Wir durchschritten Tsing-hsui-dschiau, eine einstmalige Stadt, von der nur noch der mittlere Ehrenbogen und die Stadtmauern stehen. Die Chinesen im Vorort, bei denen wir Birnen kauften, behaupteten, es wolle sie keiner mehr aufbauen, da es drinnen spuke. Nebenbei zeigten sie mir das groe Loch in der Stadtmauer, wo seinerzeit die Mohammedaner Bresche gesprengt hatten. [Illustration: Befestigtes Dorf in Kansu] Auf der Strae wurden sehr wohlschmeckende Reiskuchen, mit Pflaumen darin, und Honig-Aufgu ausgeboten; fr uns waren sie einfach eine Delikatesse. Ich beobachtete hierbei die Reinigungsmethode der Teller. Der Verkufer leckte sie zuerst nach Rckgabe hchst eigenmulig rein, denn entnahm er einem Behlter einen breiten Pinsel und strich mit einer unbestimmbaren Flssigkeit ber den Teller; abgetrocknet wurde er dann am hinteren Teil der Hose. Sehr ermutigend sah das zwar nicht aus, hielt mich aber nicht ab, doch zu essen; man gewhnt sich eben an vieles, und Hunger tut weh. Die Gegend hier hat gemischte Bevlkerung, Chinesen und Mohammedaner, manchmal sogar innerhalb der Drfer selbst, die Weiber der letzteren gehen verschleiert, sonst habe ich keinen Unterschied herausgefunden. Auf den Bergen lag auch heute wieder ein zerstrtes Dorf neben dem andern. Was hier an Wohlstand durch den Aufstand vernichtet worden ist, lt sich kaum beurteilen. brigens mu auch der gesamte Verkehr vor den Kmpfen grer gewesen sein, denn viele der groen Absteigehfe -- sofort an der Anlage erkennbar -- sind nicht wieder aufgebaut worden. Nach der Mittagsrast berschritten wir den Hsiau-sche-ho und folgten seinem rechten Ufer; es wurde immer wrmer und wir hatten gegen drei Uhr 30 Grad Celsius. Mir war schon beim Reiten mein Pelzrock zu warm geworden, und als ich beim Anpirschen wilder Enten wie ein Radfahrer schwitzte, zog ich den Rock aus und trennte kurz entschlossen den ganzen Pelz heraus zur unendlichen Freude meiner beiden Chinesen und des brigen Publikums. Auf dem rechten, zehn Meter hohen, steil zum ungefhr einen Kilometer breiten Flubette abfallenden Ufer liegt ein Dorf neben dem andern. Die meisten haben ein Kastell; ob dieses fr Soldatenbesatzung bestimmt ist oder nur als Zufluchtsort bei berfllen fr die Einwohner dienen soll, konnte ich nicht erfahren, jedenfalls waren recht viele vorhanden, ein Zeichen, wie unsicher hier die Gegend noch immer sein mu. Die Leute rekeln sich faul in der Sonne; berall sieht man sie vor ihren Husern kauern und nichts anderes tun, als sich gegenseitig die Luse absuchen, Karten und ein Brettspiel mit Steinen wie unser Damespiel spielend, schlafend oder spinnend. Hierbei haben sie in einer Hand ein birnenfrmiges Krbchen, in dem die Baumwolle sich befindet, unten ziehen sie den Faden heraus, der um ein Stckchen Holz gewickelt wird, das einen Meter tiefer hngt; dieses Stck drehen sie durch Anstoen mit den Fen. Meist sieht man alte Menschen mnnlichen Geschlechts bei dieser ntzlichen Ttigkeit. Wo der Flu nicht alles mit Kieselsteinen versandet hat, wird etwas Ackerbau betrieben, dessen Bewsserung durch die von den Bergen herabkommenden, geschickt aufgefangenen Schneewsser bewirkt wird. Die Leitungen hierzu gehen ber die Hohlwege in Holzrinnen, die fast alle undicht sind. Marschiert man daher nicht im Staube, so watet man im knietiefen Schlamm. Gegen vier Uhr abends, nachdem ich mich mehrmals, jedoch vergeblich, an die sehr schnen Enten herangemacht hatte, verengerte sich das Tal, rechts und links traten felsige steile Berge heran, ber die nur Maultierpfade fhrten. Wir marschierten im Flubette entlang, den Flu auf den Kilometer gegen vierzigmal kreuzend. Er hatte infolge der Schneeschmelze viel ganz trbes Wasser, was bis ber die Achsen der Karre ging. Mein Pony, der von dem langen Marsche sehr mde war, stolperte im Flusse mehrfach ber die darin liegenden groen Steine, die er nicht sehen konnte; mitten in den gelben Fluten war das kein sehr angenehmes Gefhl. Gegen 5 Uhr erreichten wir Hsiau-Suitse, und richtig war alles in dem Neste besetzt, es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn etwas aberglubisch ist am Ende jeder, und ich hatte heute Morgen meine Salzbchse umgeworfen. Der chinesische General von Lantschau Fu befand sich auf dem Wege nach Hsi Ngan Fu, wohin er versetzt war. Gerade heute war er abmarschiert, und sein Riesentro hielt jedes Zimmer und jeden Stall besetzt. Mit Not und Mhe und viel Geschimpfe auf den gnzlich ratlosen Mafu, der sich von den Kavalleristen verhhnen lie, bekam ich ein Zimmer, an dem Fensterrahmen und Tr fehlten, dann eine Krippe fr die Pferde und zu geradezu horrenden Preisen etwas Stroh, den Hafer brachte ich selber mit. Das Fenster wurde mit der "wasserdichten" Lagerdecke verhngt, bei welcher Gelegenheit ich die Lcher in derselben zu meinem Kummer zhlen konnte; sie hatte sich auf dem Packsattel durchgescheuert. Schlielich erkmpfte ich mir auch noch ein Stck Herd zum Kochen; diesen in seiner vollen Ausdehnung hatte ein unverschmter Koch irgend eines ganz geringen Herrn aus der Begleitung des Generals besetzt. Da gutes Zureden nicht wirkte, zeigte ich ihm meine Hand mit einer nicht mizuverstehenden Geberde; das Mittel half vorzglich. Er wollte mir nun sogar Essen schenken, aber stolz wie ein Spanier wrgte ich, ihm dankend, meinen Reis hinunter. Fr den Chinesen war es nur Formsache, "Wahren des Gesichts", er htte sich wahrscheinlich sehr gewundert, wenn ich etwas genommen htte. [Illustration: Im Gebirge vor Lantschau] Neben uns in einem hnlichen Zimmer wohnten zwei Yamenbeamte, die soeben aus Tsin-tsiang kamen. Mein Mafu kam angsterfllt an, dort gebe es nichts zu essen und alles wre malos teuer. Ich ging hinber und stellte fest, da die beiden bel aussehenden Brder ungefhr den Weg gekommen waren, den wir nehmen wollten, setzte aber meinem Mafu, um ihn zu beruhigen, an der Hand der Karte auseinander, da wir eine ganz andere Strae marschieren wrden, als diese beiden; denn wenn es nichts zu essen gibt, macht er nicht mehr mit, und ich glaube, da er schon auf dem besten Wege war, nach Tientsin zurckzukehren. Der Mafu und der Karrentreiber waren am nchsten Morgen ordentlich durchgefroren und klagten ber alle mglichen Schmerzen, weil sie eine Nacht einmal nicht auf ihrem glhenden Kang geschlafen hatten, sondern mit einem ungeheizten Zimmer ohne Tr und Fenster hatten vorlieb nehmen mssen. Ich ahnte schon, was folgen wrde, und richtig pumpte mich der Karrenfhrer schon wieder an. Die Gesamtsumme des geborgten Geldes hatte jetzt gerade die Hhe seines Trinkgeldes erreicht, so da von nun an der Geldladen geschlossen wurde. [Illustration: Tor von Lantschau] Im Weitermarsch durch felsige Berge bekamen wir auf eine kurze Strecke den Hoang Ho in Sicht, den ich mir hier eigentlich mchtiger vorgestellt hatte. Dann ging es wieder durch Lehmberge und zuletzt in sehr steilem Abstieg zur Ebene hinunter. Auf zehn Kilometer hatten wir Lantschau Fu vor uns; man merkte bereits die Annherung an die groe Stadt; ber ihr lag eine Dunstwolke, lebhafterer Verkehr herrschte auf der Strae, und auch die unendlich ausgedehnten Grberfelder kndigten sie an. Es ging den letzten Teil durch groe Tabakfelder; vorbei an einigen Soldatenlagern und hohen roten Tempelmauern gelangten wir zum Osttor, das wie alle anderen Tore von weithin sichtbaren Trmen gekrnt ist. Vor der Stadt kam uns im Galopp ein laut heulender Diener nachgeritten und fragte, ob wir nicht etwa den Mantelsack seines Herrn gesehen htten, der ihm gestohlen worden war, whrend er in einer Kneipe sa. Er ritt weiter, jeden Menschen am Wege fragend. Die Sachen waren natrlich lngst verschwunden und der Kuli wird zur Strafe fr seine Unachtsamkeit wohl ordentlich Prgel gesehen haben. Am Tore stellte die Wache die blichen Fragen an mich, noch hinzufgend, ob ich dienstlich hier wre. Zum hchsten Erstaunen der Leute erwiderte ich, da ich zu meinem Vergngen reise. Ich wute damals noch nicht, da jeder, der im Besitze, eines Passes vom Auswrtigen Amt ist, sich auf Dienstreisen befindet. Das Unterkommen war leidlich. Ich lie sofort alle Sachen auspacken, die Decken wurden gesonnt, Wsche zum Waschen gegeben, ein Schuster reparierte meine Schnrstiefel, ein Friseur schnitt mir mit meiner kleinen Nagelschere die Haare kurz. Er wollte mir durchaus nach chinesischer Sitte den Kopf halb rasieren, ich streikte jedoch energisch, und er machte seine Sache recht gut, wenn auch etwas langsam. Ich hatte mich auf den Hof in die pralle Sonne gesetzt; das Thermometer zeigte plus 31 Grad, und um uns herum hatten sich eine Menge Zuschauer gesammelt. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn es dauerte zwei Stunden, bis er fertig wurde. Dann rasierte er mich noch einschlielich Schnurrbart. Gott sei Dank, da meine gute Mutter mich nicht so sehen konnte. [Illustration: Lantschau am Hoang Ho. Ausgefahrene Schiffsbrcke im Eise.] Whrend der Mafu zum Yamen wanderte, um die blichen Frmlichkeiten zu erledigen, ging ich mit einem kleinen Jungen als Fhrer zur Mission und traf dort drei Englisch sprechende Missionare und zwei Frauen. Ich lie mich anmelden, wurde aufgefordert, nher zu treten und bekam Kaffee und Kuchen, die mir sehr wohl taten. Nebenbei gab es nichts von Interesse zu hren, eher umgekehrt; sie suchten aus mir herauszuholen, was es Neues in der Welt gab; der hier ansssige deutsche Missionar Blsner nebst Frau war leider gerade jetzt nach Si-ning-fu verreist. Ich wurde fr den nchsten Tag zum Lunch eingeladen und verabschiedete mich dann bald. Das Leben hier drauen macht zweifellos stumpfsinnig, htte ich nicht fortwhrend neue Gedanken fr das Gesprch hervorgesucht, so htten wir alle schweigend dagesessen; Mnner und Frauen waren in chinesischer Kleidung. Als einzige Neuigkeit erzhlten sie, da in Lantschau Fu seit krzester Zeit ein russischer Laden in der Hauptverkehrsstrae aufgemacht worden sei, in welchem Russen, die fertig Chinesisch sprchen, jedoch ihre russische Kleidung weitertrgen, verkauften. Die Missionare vermuteten Regierungsgeld hinter der Sache und den Beginn eines Attentates auf diese Provinz. Merkwrdig ist die Sache allerdings. Der lteste der Missionare, zugleich Superintendent fr Kansu, befragte mich, ob ich auch eine Bibel mit htte, was ich leider verneinen mute; daraufhin mute ich gleich mitgehen, um wenigstens hier fleiig in Herrn Blsners Bibel zu lesen. -- In dem Gasthaus hatte der Mafu unterdessen aufgerumt, und zwar zum ersten Male unaufgefordert. Auerdem konnte er mir auch noch eine andere Delikatesse fr morgen ankndigen, nmlich frische Kuhmilch. [Illustration: Lantschau am Hoang Ho und der Tempelberg gegenber] Am 25. Februar morgens, als ich gerade aus dem Schlafsack gekrochen war, erschien bei meinem Wirt die Steuerkommission, um die Steuern zu erheben. Auch hier sind diese Leute gar nicht gern gesehen, da die Steuern recht hoch sind. Eine an allen Ecken angeschlagene Proklamation des Vizeknigs mahnt zur ordnungsgemen Zahlung. Ich gab dem Mafu meine Auftrge und wanderte dann zur Mission, wo ich Mr. Kenneth beim Unterricht einiger Chinesen fand. Wie anderswo sucht man auch in China zuerst Arme und Elende zu bekehren. Ich hrte zu, verstand jedoch wenig, habe auch wahrscheinlich nur gestrt, da bei Anwesenheit des Europers die Aufmerksamkeit fehlte. Nach dem Kaffee begab ich mich mit einem der jngeren Missionare zur Nordfront, an der der Hoang Ho entlang fliet. Eine Pontonbrcke verbindet sonst die beiden Ufer; da jedoch das Eis gerade im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, war sie aus- und am Sdufer aufgefahren. Es war sehr zweifelhaft, ob ich morgen noch hinberkommen wrde, was dann womglich einen Aufenthalt von mehreren Tagen bedeutet htte, da die Chinesen nicht wagen, ber den eistreibenden Strom mittels der Fhre hinberzusetzen. Am jenseitigen Ufer liegt, auf vielen Terrassen verteilt, eine malerische Tempelgruppe, Pai-ta-schan. Fr mich zum Trost zog gerade von drben ber das Eis eine aus Tibet kommende Ponyherde; die Tiere waren krftig und in guter Kondition, trotz des 3 monatlichen Marsches. Die Treiber waren schmierig, in Felle gewickelt und grundhlich. Wir gingen die Nordfront entlang; den Weg besserten Soldaten aus; sie machten Witze ber uns und wollten sich krank lachen. Dann kamen wir zu einer Wasserpumpe mit Dampfbetrieb, die einst ein fremdenfreundlicher Vizeknig hatte kommen lassen, um den Yamen mit Wasser zu versorgen; Gebude und Maschinen stehen noch, daneben aber hat man das alte ursprngliche chinesische Wasserschpfrad angebracht. Man sieht, der jetzige Vizeknig Song, ein Mandschu, schtzt europische Sachen nicht; das uert sich sogar auch hier; jetzt standen brigens beide Werke des Eises halber still. Wir wanderten weiter durch das Wassertor in die stliche Vorstadt und auf einer von verschttetem und gefrorenem Wasser glatten Passage zum Pferdemarkt, wo kein einziges Pferd war; der Markt beginnt brigens schon um 6 Uhr morgens; weiter zum vizekniglichen Yamen in der Mitte der Stadt, der nichts Besonderes bietet, und dann zu einer Tabakmanufaktur. In der ersten, an der wir klopften, wollte man uns nichts zeigen; in der zweiten war man freundlicher. Auf den Dchern sortierten Weiber die Bltter, von denen es zweierlei Sorten, grne und braune, gibt. Der grne Tabak ist besser, folglich frbt man den braunen mit einer hier gewonnenen Pflanzenfarbe grn. Die Bltter werden erst getrocknet, dann ausgeschwungen, zerkleinert und kommen schlielich in eine Presse, wo sie zu einem ungefhr einen Kubikmeter enthaltenden Block zusammengedrckt werden. Von diesen Blcken wird dann der Tabak mittels eines Hobels, der genau so aussieht wie unser Tischlerhobel, abgehobelt und in kleinere Pakete gepret; diese wiederum werden in Papier eingeschlagen, um entweder nach Schang-hai ausgefhrt oder in der Stadt verkauft zu werden. In den unteren Rumen standen die Hobel, deren Bedienung sich auf kleinen fen Opium zum eigenen Gebrauch auskochte. Entsprechend ihrer Ttigkeit sahen die Leute ganz grn aus, so da man sie auf der Strae sofort herauskannte. Hier liegen viele solcher Fabriken. Ich photographierte die Anlage und empfahl mich. [Illustration: Besitzer einer Tabakmanufaktur in Lantschau auf dem Dache seines Hauses, rechts tabaksortierende Frau] [Illustration: Frauen sortieren Tabakbltter auf dem Dache der Fabrik in Lantschau Fu] [Illustration: In der Tabakfabrik in Lantschau Tabakpresse] Wir kamen allmhlich wieder zum Mittelpunkt der Stadt, wo in einem offenen Laden Missionare der China-Inland-Mission predigten, was brigens vom alten Vizeknig nicht sehr gebilligt wird. Man erzhlt sich hier, da Song, Tuan, Tung-fu-hsiang und Yung-lu in Verbindung sind und ein neues Knigreich grnden wollen. Dieses wrde aus Kansu, Schensi, Tsin-tsiang, Sze-tschuan bestehen und Tuan zum Knig whlen, der in Hsi Ngan Fu, als seiner Hauptstadt, residieren wrde. Ich halte dies fr unmgliche Trume der sehr ngstlichen Missionare. Im brigen ist jetzt, wo ich dies niederschreibe, der alte Yung-lu schon lngst im Grabe und damit die mchtigste Persnlichkeit aus dem Quartett geschieden. Ich sah noch ein Arsenal, in das mir nicht erlaubt wurde, einzutreten, ferner eine Universitt im Bau, in der es uns ebenso ging, und die russischen Lden in der Hauptstrae. Die Verkufer waren Sarten aus Turkestan, wahrscheinlich Untergebene irgend eines chinesischen Grohndlers, die seine Waren aus Kaschgar hierher gebracht hatten. Von den ngstlichen Missionaren waren sie schon fr Russen gehalten worden. Zugeben mu ich allerdings, da ihre Waren meist russischen Ursprungs waren. Lantschau Fu soll gegen 250 000 Einwohner haben, doch auch hier ist die Zahl nur schtzungsweise festzustellen. [Illustration: Kansus Steppen. Lantschau bis Ansifan (Ngan Hsi Tschau). 28 Marschtage, 3 Ruhetage. Durchschnittsleistung 43,5 km.] V. KAPITEL. Kansus Steppen. Ich ging am 26. Februar morgens ganz frh schon zum Hoang Ho und stellte mit groer Freude fest, da das Eis noch stand. Die neue Karre war unterdessen, leidlich bespannt, eingetroffen, der Treiber war ein uralter Mann mit einer Riesenbrille, durch die er nichts sah. Ich beobachtete nmlich mehrfach, da er sie abnahm, wenn er etwas genauer sehen wollte, aber die Brille gibt ein gelehrtes Aussehen. Nach blichem Zank mit dem Wirt wegen des Bezahlens fuhren wir zuerst zur Mission. Wir kauften unterwegs noch Fleisch und Frchte fr die nchsten Tage ein. An der Mission erhielt ich ein Briefpaket fr den Missionar in Liang tschau fu, das ich versprochen hatte, mitzunehmen, ferner eine Bchse mit gutem Tee, der hier schon recht teuer ist, sowie einen Kuchen europischer Herkunft geschenkt, alles sehr willkommene Beigaben. Der alte Mister Hunter, der mir die Sachen bergab, gefiel mir sehr, er ist ein einfacher Mann, der in seinem selbstgewhlten Berufe aufgeht und sich nicht um Politik kmmert, er hat brigens seinerzeit Sven Hedin bei seiner Durchreise begrt. Wir ritten weiter zum Nordtor, an dem ich heute ungefhr zum zwanzigsten Male nach woher und wohin, Stand und Visitenkarte gefragt wurde: "Ob ich nicht Missionar wre?" "Nein." "Dann also Kaufmann?" "Auch das nicht." Da ich Offizier sei, begriffen sie nicht; ein solcher mu mit groem Tro reisen, sonst kann es kein richtiger sein. Da sind wir Chinesen doch ganz andere Menschen, dachte sicherlich der weibrtige Torwchter, milde und berlegend lchelnd. Wir kamen glcklich ber den gefrorenen Hoang Ho. Ganz dicht oberhalb war schon eine breite Rinne eisfrei; hier konnte es auch nur noch Tage dauern, bis der Flu offen war. Von der anderen Seite, am Fue des von vielen Tempelchen gekrnten Pei-ta-schan macht sich Lantschau Fu sehr hbsch. Man sieht hier erst, wie gro es mit allen seinen Vorstdten eigentlich ist. Sdwestlich, auf einem Berge, einen halben Kilometer vor der Stadt, liegen vier mchtige quadratische Wachttrme, auf dem nchsten Berge die stark befestigte Mandschustadt; die Trme haben wahrscheinlich einst mandschurische Banner-Truppen beherbergt, die Chinesenstadt beobachtend. Lantschau Fu mit seinen vorgeschobenen Befestigungen sperrt das Hoang Ho-Tal vollkommen nach Westen zu ab. Wir durchschritten ein Tor, bei dem die Felsberge dicht an den Strom herantreten, dann erweitert sich das Tal, in dem Tabak- und Obstplantagen liegen, die mittels Schpfrder vom Hoang Ho aus bewssert werden. Weiterhin geht es rechts ab in felsige Berge mit rtlicher Grundfarbe, die teils ganz merkwrdige Formationen zeigen. Kegelfrmige Kuppen fallen in einem Teil ihres Abhanges ringsum senkrecht ab, so da sie unersteigbar sind; mehrfach liegen Befestigungen lngs des Weges. Am Abend kamen wir nach Y-dia-wan in dem der "Dau"[3] Erbsen, mit denen man hier die Pferde fttert, ber 3 Taels kostet, ein geradezu unverschmter Preis. Der Himmel sah den ganzen Tag nach Schneefall aus, das Wetter hielt sich aber noch. Der Mafu verlor zum ungefhr zehnten Male den Anbindestrick fr den dicken Pony. Ich drohte ihm an, von jetzt ab das Geld dafr von seinem Lohn abzuziehen. [3] Dau = Raumma (sehr wechselnd). In der ganzen hiesigen Gegend bis Ping fan war seit vollen zwei Jahren kein Tropfen Regen gefallen, dementsprechend die enormen Preise, da alles angefahren werden mute. Es waren viele Leute gestorben, viele ausgewandert, mit einem Worte, es herrschte Hungersnot; doch davon hatten die Missionare in Lantschau Fu keine Ahnung. Man sah viele Felder brach liegen: was ich zuerst von weitem fr Schnee hielt, entpuppte sich als Salpeter, auch wird in hiesiger Gegend Salz gewonnen. Selbst in den tief eingeschnittenen Schluchten war kein Wasser mehr vorhanden, das wenige ganz bittere verweigerten sogar die Pferde. Unser Koch- und Trinkwasser wurde meilenweit vom Hoang Ho hergetragen; ich mute fr die Kanne Teewasser 30 Cash zahlen. Mein Mafu benutzte die Gelegenheit, um das Waschen gnzlich ausfallen zu lassen. Das Land blieb auch weiterhin bergig; man sah zuweilen Ziegen- und Schafherden; letztere sind Fettschwanzschafe, ganz wei bis auf wenige schwarze Flecken. Die Ziegen findet man in allen Farbenschattierungen. Der Boden zeigte groe Sprnge vor Trockenheit; Staub lag auf den Wegen mehr als fuhoch, man konnte sich gar nicht davor schtzen. Der Verkehr war gering, nur wenige Reisende, ab und zu ein Karren mit Getreide, das war alles. Zuweilen lag auf einem der Gipfel ein einzelnes Gehft, wie eine Burg; es sind Mohammedaner, die sich da oben so absondern. In einem Nest, durch das wir kamen, wurde immer noch Neujahr gefeiert, beinahe so, wie bei uns zu Fastnacht. Da tanzten vier als Nachen kostmierte Leute eine Quadrille, einer mit einem Mond als Maske dirigierte mit einem Stock, je zwei Violinspieler und Trompetenblser, Pauken, Becken und Trommeln bildeten die Musik. Der Tanz war hchst grazis und dabei doch hochkomisch. Auf einer andern Stelle tanzten zwei als Mdchen verkleidete, mit einem als "alten Mann" kostmierten eine sehr niedliche Pantomime und man sah noch viele andere hbsche Gruppen. Durch mich lieen sie sich gar nicht stren, nur meine Pferde wollten nicht vorbei; schlielich bildete die ganze Gesellschaft einen langen Zug, zog in den Ort und machte bei jedem Kaufmann solange Katzenmusik, bis dieser eine Flssigkeit, welche der Chinese Wein nennt, herausrckte. Abends in Tschun-tschnn-pu kamen wir in einem sauberen, hbschen Gasthof sehr gut unter. Gegen 7 Uhr war auch hier zur Neujahrsfeier groe Illumination; ich ahnte hinten in meinem Zimmer gar nichts davon, bis mich der Mafu herausrief. Der Anblick war wirklich wunderhbsch, alle Straen waren beleuchtet, vor jedem Hause hingen in vier Felder geteilte lange Laternen, und zwar ber die Straen hinweg von Haus zu Haus, bei den Wohlhabenderen aus weier, bemalter Seide, bei rmeren aus bunt bemaltem Papier. Die Tempel waren mit offen brennenden, Kreise, Zickzacklinien und chinesische Schriftzeichen darstellenden Lmpchen erleuchtet, ebenso der Mittelbau der Stadt, die hohen Stadttore und der daran stoende Teil der Mauer. Kein Haus hatte sich ausgeschlossen. Ich habe selten eine so vollkommene Beleuchtung gesehen. Ich wanderte in Hausschuhen und Lederjacke durch die Straen; es berhrte sehr angenehm, da man keine betrunkenen oder skandalmachenden Menschen unter der auf- und abwogenden Menge sah; jeder war vergngt und lustig, ohne Radau zu machen. Die Kinder waren meist in Begleitung der Eltern oder vielmehr der Vter, die sie an der Hand fhrten. berall wurde mir hflich Platz gemacht, und als ich einer mit Musik herumziehenden maskierten Gesellschaft aus freien Stcken einige Cash als Trinkgeld opferte, war allgemeiner Jubel. Man sieht hier so recht, was fr ein friedfertiger und harmloser Mensch der Chinese ist, wenn er nicht aufgestachelt und verhetzt wird. Spt am Abend war noch groes Feuerwerk, in dem die Chinesen ja bekanntlich Meister sind. Entlang dem Ping fan Ho ging es am nchsten Tage weiter; es ist staubig und die Gegend ziemlich flach. In der Ferne sah man hohe, schneebedeckte Berge erscheinen, es werden wohl die Berge zwischen Ping fan und Liang tschau fu gewesen sein. Beim Abreiten rissen die Stute und der Dicke aus; ich lie nmlich in der letzten Zeit immer diejenigen beiden Pferde, die nicht geritten wurden, lose nebenher laufen, was sie bis dahin auch ganz gut getan hatten. Der Mafu konnte seines verletzten Knies halber immer noch nicht reiten oder gab es wohl nur vor, da es ihm bequemer war, auf der Karre zu fahren. Wir hatten die Pferde bald wieder, waren jedoch kaum 8 Kilometer von dem Ort entfernt, als sie in voller Karriere in den Ort, der ihnen unbedingt sehr gut gefallen haben mute, zurckliefen. Ich ritt eiligst hinterher und fand sie, nachdem ich ungefhr eine Stunde gesucht hatte, wieder, aber der Dicke wollte nicht mit. Da Umsatteln mit den drei Tieren an der Hand nicht mglich war und die Chinesen nicht helfen wollten, setzte ich mich kurz entschlossen auf den blanken Pony und ritt in schlankem Galopp zurck. Halbwegs zur Karre traf ich den Mafu, der nun den ungesattelten Pony weiter reiten mute, was ihm sehr wenig Spa machte. Unterdessen hatte sich Staubsturm aufgemacht, so da wir vllig unkenntlich um 4 Uhr in Ping fan, einem kleinen Ackerbrgerstdtchen, anlangten. Die Leute hatten gehrt, da ich einen Pony verkaufen wollte; sie kamen in mein Gasthaus und boten mir fr Nepomuk 10 Taels, was mir zu wenig war. Der Mandarin schickte mir Essen, auerdem gab es wieder einmal Milch, die allerdings stark verdnnt war. Ich kaufte dann noch fr die nchsten Tage, da es im Gebirge voraussichtlich nichts gab, Hafer ein. Am 1. Mrz morgens mute ich erst den Karren, mit dessen Inhaber ich akkordiert hatte, durch Leute vom Yamen holen lassen; schlielich stellte sich ein offener, mit zwei wie Mastschweine fetten Ponies bespannter Karren ein. Sie sthnten schon beim Anziehen, bewhrten sich aber schlielich ganz gut. Um 9 Uhr kamen wir glcklich weg und marschierten dem Ping fan Ho entlang. Auffallend waren hier die unzhlig vielen Wildtauben. In Wu-tschang-yi machten wir kurze Rast; in unserer Herberge waren zwei entsetzlich schmutzige, wandernde Lamas, die aus Lhassa kamen. Sie hatten zwei von den entzckenden "Peking-Hndchen" mit sich, die sie an mich verkaufen wollten; ich htte sie auch ganz gern genommen, konnte mich aber jetzt mit solchen verwhnten Tierchen nicht einlassen. Weiterhin nahm die Gegend einen steppenartigen Charakter an. Unten am Flusse waren sehr viele Fasanen, von denen ich einmal einen scho. Auf den Berghngen weideten starke Schaf-, Ziegen-, Rindvieh- und Pferdeherden, meist alles durcheinander gemischt. Gegen 5 Uhr nachmittags fingen die groen Steppenmuse an zu pfeifen; ich wute zuerst gar nicht, was das eigentlich war und dachte, die Laute kmen von irgend einer Vogelart, bis ich die Tiere laufen sah. Auch hier lagen alle Drfer in Trmmern, in denen nur die Hirten hausten; man sah kaum noch einen Acker, alles wurde allmhlich wieder zur Weide. Der Sonnenuntergang war wunderschn, die mit Schnee bedeckten Berge im Westen waren ganz purpurn, dann lila, bis sie schlielich in der Dunkelheit verschwanden. Von fern hrte man die tiefen Tne der Kamelglocken und das Klingeln der Pferdeglocken, was einen feierlichen Eindruck machte. Man merkte, da man in ein ganz anderes Land gekommen war, "die Steppe". [Illustration: Am Dorftheater] Gegen Abend, es war schon vollkommen dunkel, waren wir in Za koyi. Wir suchten in allen Husern und fanden kein Unterkommen, berall waren Mongolen mit ihren Pferden und Karren. Am kommenden Tage sollte hier Theater und groer Pferdemarkt sein; auerdem besorgten sie ihre Frhlingseinkufe hier; ich war also gerade zur rechten Zeit gekommen. Schlielich rumte mir ein liebenswrdiger Schanguida sein eigenes Zimmer ein, so da ich wenigstens ein Unterkommen hatte; es stie an den groen allgemeinen Raum. Ich verhing gleich die Tr mit einem Woylach, denn auf dem allgemeinen Kang lagen mindestens fnfzehn Opium rauchende Kaufleute, und ich habe den slichen Geruch der Opiumpfeife nie vertragen knnen. In einer anderen Ecke des Hofes waren die Mongolen um ein groes offenes Feuer, mit brodelnden Kesseln darber, versammelt. Ich wurde wie ein Wundertier angestaunt; jedoch sind auch die Mongolen freundliche Menschen. Ich bekam einen Pferdestall, etwas Stroh, Tee und zwei alte Brtchen, mehr war nicht aufzutreiben, nicht einmal ein Licht gab es. Trotz Gestank und ewigem Radau schlief ich recht gut und wurde morgens nach meiner Toilette durch die liebenswrdige Gabe einer Flasche guter Milch vom Oberlama der Mongolen berrascht. Da ich seit 24 Stunden nichts Ordentliches bekommen hatte, kann man sich denken, wie mir die Milch schmeckte. [Illustration: Am Dorftheater] Wir marschierten weiter, und zwar an einem Teil der groen Mauer entlang, die sich im Grunde des Flusses dahinzieht. Sie ist hier aus Lehm, 3 Meter hoch, nicht sehr breit und gnzlich im Zerfall; groe Stcke fehlen gnzlich, die Wachttrme sind alle eingefallen; man erkennt noch von Kilometer zu Kilometer die alten befestigten Soldatenlager. Die Chinesen sagen, die Mohammedaner htten die Mauer zerstrt, letztere behaupten das Gegenteil. Ich persnlich glaube, da keiner von beiden der Tter ist, sondern da der Zahn der Zeit auch hier seine Macht gezeigt hat. Der Flu bildet jetzt die Scheidegrenze; drben, also nrdlich, wohnen die Mohammedaner. Za koyi war vor dem groen Aufstand mohammedanisch, jetzt ist es ganz chinesisch. Die Mohammedaner sind damals hinausgeworfen worden, wie mir die Chinesen schadenfroh erzhlten. Merkwrdig ist es eigentlich, da zwischen Mohammedanern und Konfuzianern sich derartig scharfe Unterschiede herausgebildet haben; im Aussehen sind sie berhaupt nicht auseinanderzuhalten. Heute strmte alles zum Theater, meist reitend, und in was fr einem Tempo! Hier konnte man allerdings Patraber sehen, bei denen ein galoppierendes Pferd, um mitzukommen, schon guten Mittelgalopp laufen mte. Die meisten Pferde waren sehr hbsch aufgeputzt, mit Schleifen in Mhne und Schweif, mit Silberbeschlag am Sattel und am Zaumzeug, bei manchen waren die Schweife in einen dicken Zopf geflochten, die Mhne in viele kleine Zpfe. Die Weiber der Mongolen, wie die Mnner reitend, tragen das Haar gescheitelt, in der Mitte und zu beiden Seiten in viele kleine Zpfchen geflochten und in diese auf beiden Seiten einen 15 Zentimeter breiten, bis zu den Fen reichenden Behang mit verschiedenen Querverbindungen eingeflochten. Letzterer ist teils mit kleinen Muscheln, teils mit Messingzieraten, selbst mit Korallen und Silber reich bestickt. Wie die Mnner tragen sie Mtzen aus Fuchspelz, hinten mit zwei langen, fliegenden Bndern, auerdem hohe, lederne Stiefel; das Ganze sieht sehr hbsch aus, nur sind sie zu schmutzig. Sie hatten gar keine Scheu vor mir, nur das Photographieren litten sie nicht, whrend sich die Mnner dazu drngten. [Illustration: Gefhrliche Passage im Wu schy ling schan] Ich sah unterwegs Pferde einbrechen. Erst wurden sie gefesselt, nachdem sie aus der Herde eingefangen waren; dann wurde ihnen die Trense aufgelegt; man hielt ihnen dazu das Gebi so lange vor die Lippen, bis sie danach bissen, dann hatten sie die Trense sicher im Maul. Nun kam ein Junge darauf, der wie eine Klette festhing; zwei Leute fhrten das Pferd und longierten es an einem langen Strick, bis es mde war, dann ritt es der Junge ohne Longe weiter. Die meisten Pferde benahmen sich hierbei sehr vernnftig. Wir hatten scharfen Nordwest, so da man trotz 25 Grad Wrme in der Sonne fror. Mittagsrast machten wir in Tsing-hsiang-pu, wo es wieder prachtvolle Milch gab, dann muten wir ber den Flu, was bei jedem der verschiedenen Arme desselben einen Auftritt mit dem Pony gab, welcher in der Karre als Ttenpferd zog. Ich ritt schlielich immer vorn weg, der Fhrer den Pony im Geschirr hinter mir her, whrend der Mafu auf der Karre die Peitsche handhabte. Der Weg ging dann, den Flu verlassend, in die Berge. Das Tal sperrt auf jeder Fluseite eine Befestigung; die nrdliche ist mit achtzig Soldaten besetzt. Auch die groe Mauer kreuzt den Flu und geht ebenso wie der Weg in die Berge. Schon als wir noch im Tal waren, kam von Nordwesten ein weier, dichter Nebelschleier ber die hohen Bergspitzen, und im Begriff, den steilen Paweg zu ersteigen, war der Staubsturm da, einer von denen, die den Sand schon in der Luft mitbringen und nicht erst aufwirbeln. Die Sonne verschwand bald und wurde nur zeitweilig wie ein roter, glanzloser Ball sichtbar. brigens ist die hiesige Gegend wegen ihrer auffallenden Temperaturschwankungen und Staubstrme berchtigt. Das Thermometer fiel sofort bis 0C und hielt sich darauf. Mir war hchst unbehaglich zu Mute, die Milch war zu kalt gewesen und wirkte reiend. Weder fr die Fasanen noch fr Steinhhner hatte ich Augen, dafr aber scheuliche Bauchschmerzen. Gegen 3 Uhr waren wir oben; ein Tempel krnte auch hier den Pa. Leute kamen uns mit einem mchtigen toten Wolfe entgegen, der in der letzten Nacht im Dorfe jenseits des Passes erschlagen worden war. [Illustration: Gefhrliche Passage im Wu schy ling schan] Bergab ging es nun schneller, aber wir hatten den Wind gerade von vorn. Die Bche waren alle aus den Ufern getreten und ganz gefroren; sie sahen aus wie Gletscher und waren beim berschreiten recht unangenehm. Am Abend langten wir in dem von hohen Bergen eingefaten Lung-go-pu an. Nrdlich liegt der Ho-di-wan-schan, sdlich der Scha-tsui-tai-schan, der Pa, den wir hinter uns hatten, heit der Wu schy ling. Die steilen Abhnge zeigten rtliche Farbe, vereinzelt sah man kleine Waldparzellen. Der Lung-go-pu-ho, der in das Liang-tschau-sui fliet, war offen und hatte ziemlich viel Wasser; unterwegs trieb er viele Mhlen. Das Unterkommen machte wiederum groe Schwierigkeiten, da alle Gasthuser besetzt waren; schlielich muten wir smtlich mit einem kleinen Zimmer vorlieb nehmen. Der Wirt hatte einen europischen Nachttischleuchter, den er auch gleich herbeibrachte; wie mag dieser nur hierher gekommen sein! Nachdem ich einen Riesentopf voll Reis gegessen hatte, wurde mir abends wohler, so da ich noch die grte Lust hatte, auf Wolfsjagd zu gehen, jedoch war kein Chinese zu bewegen, sogar fr Geld, als Fhrer mitzukommen. Der Wind hatte am Morgen des 3. Mrz aufgehrt, der Himmel war noch halb bedeckt und es herrschte eine Klte von minus 9 Grad. Es ging im Tal weiter abwrts, und da der Flu unterhalb noch teilweise gefroren war, mute man beim berschreiten sehr vorsichtig sein, um nicht in eines der Lcher zu fallen. Dort, wo die kleinen Nebenflsse mndeten, war der bergang ber das Eis sehr schwierig. Ich sah einen Maultierkarren dabei ins Rutschen kommen und gleich fnfzig Schritte abwrts sausen; wir kamen berall glatt hinber. Die Mauer begleitete uns rechts ber die Berge. Mitten am Wege steht ein kolossaler Felsblock, auf den die meisten Vorbergehenden mit Steinen anschlagen, so da der Stein ber und ber von den kleinen Anschlagstellen wei ist, es soll gegen Krankheit helfen. Der Stein weist auch mehrfach alte, fast verlschte Inschriften auf. Gegen Mittag wandte sich das Tal nach Norden zu und man hatte einen Einblick in die unermeliche Ebene; das Tal wird von einer Sperrfestung, Gulang Hsien, abgeschlossen, bis wohin unsere Karre verpflichtet war. Gegen 11 Uhr vormittags langten wir dort an. Ich sandte meinen Mafu mit Visitenkarte und Pa zum Yamen, wo man ihn ungefhr zwei Stunden warten lie und mit dem Bescheide zurckschickte, der Yamen gbe heute keine Karren. Ich versuchte nun selbst eine solche zu mieten, fand aber nur Ochsenkarren. Daher schickte ich den Mafu nochmals zum Yamen, um unter Hinweis auf den Pa und unter der Erklrung, da ich keinen Karren bekommen knnte, ihn zu bitten, mir beim Mieten eines solchen behilflich zu sein. Man lie den Mafu wiederum 1 Stunden warten, dann kam er in Begleitung eines Schreibers zurck, der nicht gerade sehr hflich war und mir erklrte, der Yamen gbe keine Karren, sein Herr wnschte jedoch meine Photographie zu haben. Ich wies das Ansuchen und den Mann zurck, der mich vollkommen als seinesgleichen behandelte, obwohl er meinen Pa gesehen hatte. Ich sandte den Mafu nun zum dritten Male zum Yamen und lie ihn um die Visitenkarte des Beamten ersuchen; man hatte mir dieselbe nicht mitgesandt. Die Leute in der Stadt hatten mittlerweile gehrt, da die hohe Obrigkeit mich schlecht behandelte, und jetzt weigerten sich selbst die Ochsenkarrenfhrer, zu fahren. Ich verfgte mich nun selbst zum Yamen, meinen Mafu mit meiner Visitenkarte vorausschickend, um mich anzumelden. Da es mir zu lange dauerte, bis er zurckkam -- der Mafu hatte augenscheinlich Angst vor dem chinesischen Beamten --, ging ich selbst hinein, wo ich eine Gerichtssitzung vorfand. Die Diener wollten mich sofort hinausweisen; da ich durchaus nicht beabsichtigte, die Gerichtssitzung zu stren, ging ich in einen Nebenraum rechter Hand. Dort schrien mich sofort Schreiber und Bediente auf die unverschmteste Weise an. Nachdem ich mir dieses sehr energisch verbeten hatte, legte ich noch einmal meinen Wunsch klar; man antwortete mir, ich solle warten, bis der Beamte mich empfangen wrde. Da dies wahrscheinlich mehrere Tage gedauert htte, antwortete ich, da ich nicht eher den Yamen verlassen wrde, als bis man mir das Mieten einer Karre ermglicht htte. Nun merkten die Leute, da ich Ernst machte und gaben mir daraufhin zwei Diener mit, die den ersten des Weges kommenden, Dnger fahrenden, mit einem elenden Pony bespannten Karren zwangen, in den Hof meines Absteigequartiers mitzukommen. Der Fhrer spannte dort sofort aus und war nur durch doppelte landesbliche Bezahlung im voraus zu bewegen, zu fahren. Um berhaupt vorwrts zu kommen, war ich gezwungen, spter Nepomuk in die Karre einzuspannen. Da mir das Benehmen des Beamten doch zu unverschmt erschienen war, sandte ich ber dieses Erlebnis einen Bericht an die kaiserliche deutsche Gesandtschaft nach Peking; auerdem schrieb ich es meinem Freunde Goo-ta-jen nach Hsi Ngan Fu. Ich glaube, da besonders der letzte Brief seine Wirkung nicht verfehlt haben wird, da Goo-ta-jen mir sehr wohlgesinnt war und genug Einflu hat, um die schlechte Behandlung eines mit Regierungspa reisenden fremden Offiziers zu shnen. Ich war schlielich so in Wut gebracht, da ich am liebsten einen verhauen htte. Die Chinesen amsierten sich ber meinen rger ungemein. Es war natrlich sehr spt geworden, bis wir unser beabsichtigtes Nachtquartier Schan-ta-tschwang erreichten; denn in dem ungastlichen Gu lang Hsien wollte ich keinesfalls bleiben. Wieder einmal gab es nichts zu essen, und auch am 4. Mrz morgens muten wir hungrig abziehen, da ich sehr frh aufbrach, um zeitig nach Liang tschau fu zu kommen. Der Weg war mehr als schlecht, die Felder lagen brach und die Drfer waren zerstrt. Unterwegs trafen wir den Liang tschau fuer Taotai, der mit groem Gefolge nach Lantschau Fu reiste, um dem Vizeknig dort seine Aufwartung zu machen. In Liang tschau fu angekommen, versuchten wir erst, im Innern Unterkunft zu finden; wir fanden jedoch kein groes Gasthaus, muten umkehren und kamen dann auerhalb, dicht am Osttor, das Sven Hedin in seinem Werk abgezeichnet hat, ganz gut unter. Ich nahm die bliche groe Reinigung mit mir vor und ging dann zur Mission, um mein Paket und die Briefe abzugeben. Ich wurde dort auf das Liebenswrdigste empfangen und blieb ungefhr eine Stunde. Liang tschau fu ist recht gro und hat ganz chinesische Bevlkerung, ohne Mohammedaner; Mongolen sieht man hier nicht. Die Mandschustadt liegt 2 Kilometer auerhalb, abgesondert fr sich; dort fhren die Mandschus ihr faules Dasein, nichtstuend und noch vom Staate untersttzt. Ich packte am Abend mein gesamtes Zeug um und hielt Generalrevue ber die Vorrte ab, um die fr die Wstenreise ntigen Einkufe zu machen. Mein Mafu mute dann Kochtpfe, Lichte, Reis, Mehl, Zucker, Salz, Brot etc. etc. besorgen. Der Betrieb in den Straen war sehr lebhaft. Ich erkundigte mich ber die Mission, oder vielmehr es kamen Chinesen zu mir, die sich bei mir ber die Mission unterrichten wollten. Sie erzhlten mir, da die protestantischen Missionare so gut wie gar keinen Erfolg haben, whrend die katholischen, die auerhalb wohnen, eine feste Stellung besitzen und zu ihrer Gemeinde Chinesen gehren, die schon in der fnften Generation sich zum christlichen Glauben bekennen. Die Missionare verschiedener Bekenntnisse verkehren gar nicht untereinander, und die Chinesen fragten mich nun: "Sage einmal, wer hat von den beiden recht? Der katholische Missionar sagt: dasjenige, was der protestantische Missionar predigt, sei falsch, und der protestantische in der Stadt behauptet wieder das Gegenteil." Ich mute ihnen die Antwort darauf schuldig bleiben. Am 5. Mrz, 8 Uhr, war ich zum Frhstck in der Mission eingeladen und mute der Andacht der Missionare und schlielich noch der Andacht mit drei Chinesen beiwohnen, die bestimmt sind, dereinst Christen zu werden. Es waren Bediente aus der Mission, die wahrscheinlich, sobald sie diese verlassen, gar nicht daran denken, Christen zu werden oder zu bleiben, sondern jetzt nur heucheln. Die Andacht wurde im englischen Stil abgehalten und reihum ein Kapitel aus der Bibel gelesen. Da jeder sich natrlich seinen Absatz vorbereitend ansah, um nachher beim Vorlesen keine Fehler zu machen, fehlte die Andacht vollkommen. Darauf hielt einer der Missionare eine kurze Predigt ber das Gelesene, und der Schlu war ein von einem der Chinesen gesprochenes endloses Gebet, bei dem man knien mute. Die Mission besitzt hier einen schnen Yamen mit reichlich gengendem Raum, darunter zwei Betsle und Wohnrume. Die Rume sind einfach und geschmackvoll eingerichtet, nur die Christen fehlen. Ich hatte meinen Mafu wieder einmal ausgeschickt, um Nepomuk, dessen Widerristdruck aufgegangen war, zu verkaufen. Er fand einen Chinesen, mit dem ich nach einiger Zeit fr zwlf Taels handelseinig wurde. Jetzt sollte also der gute Nepomuk nach Hsi Ngan Fu zurckwandern; seinen neuen Besitzer bi er als erste Begrung gleich in den Arm. Spter brachte mir der Mafu anstatt der zwlf Taels Verkaufsgeld fr den Pony nur zwei Taels in bar und fr zehn Taels Arzneien; er behauptete, da der Kufer kein Geld htte. Ich wollte ihm sofort auf die Bude rcken, mittlerweile war aber das Tor geschlossen worden und der Kerl natrlich lngst entwischt; alles Schimpfen half nichts; der Mafu begriff mich brigens nicht und behauptete, wir wrden spter 60 bis 80 pCt. an den Latwergen verdienen. Da mein Mafu immer noch nicht reiten konnte oder wollte, schaffte ich vorlufig keinen neuen Pony an und sparte dadurch eine Menge Futterkosten. [Illustration: Nepomuk in Liang tschau] Abends besuchten mich Chinesen, die auch nach Tsin-Tsiang reisten; sie kamen aus Hunan bzw. Hupeh und gingen nach Maralbaschi, welches ich spter auch zu berhren gedachte. Mein Mafu war mit der neuen Reisegesellschaft sofort sehr einverstanden, whrend ich vermutete, da die Chinesen sich meiner nur als Beschtzer in den unsicheren Gegenden versichern wollten. Der Yamen hier ri sich die Beine fr mich aus. Der Mandarin war von meinem Vorfall in Gu lang Hsien unterrichtet worden, hatte denselben sehr bedauert und war nun doppelt entgegenkommend und liebenswrdig gegen mich. Schlielich kaufte ich noch einen Sack Kartoffeln und ein groes Stck Butter mongolischen Ursprungs, das mir in einem Kuhmagen angebracht wurde. Alles ging am 6. Mrz morgens ausnahmsweise glatt von statten. Der Karren war zur Zeit da, der Geschftsfhrer war mit seinem Gelde zufrieden und ich hatte sehr gut geschlafen. Wir zogen erst mit einem Gefolge von ungefhr zehn Yamenmenschen, nach chinesischer Sitte immer einer hinter dem andern reitend, ich in der Mitte, was sich sehr prunkend ausnahm, durch die ganze Stadt. Als wir zum Westtor kamen, hatten sich aber alle, bis auf einen einzigen, verkrmelt; es fand sich schlielich noch ein berittener Beamter ein, der mich sofort nach meinem alten Rennfreunde, Felix Boos, fragte. Er hatte ihn vor Jahren in dieser Gegend begleitet. Zuerst ging es durch unendliche Grberfelder, jedes Grab ein kleiner Steinhgel, dann durch die langweilige, ber und ber mit Steinen bedeckte Ebene, bei weitem der schlechteste und fr Mann und Pferd ermdendste Teil der ganzen bisherigen Reise. Man kam nur sehr langsam vorwrts, und meinen armen Tieren taten die Beine sehr weh, was sich in Se-sche-li-pu whrend der Mittagsrast dadurch uerte, da sie beim Fttern fortwhrend hin- und hertraten. Abends in Fung lo pu trafen auch unsere neuen Freunde von gestern Abend ein, fr die der Mafu schon ein Zimmer reserviert hatte. Er hatte ein auffallendes Interesse an diesen Leuten. Weiter am 7. Mrz durch de, steinige Gegend; links lagen hohe Berge; wir muten schon nach 15 Kilometern rasten, da es auf dem ganzen ferneren Weg kein Gasthaus gab; der Ort hie Baba. Es war trotz der 30 Grad Celsius in der Sonne kalt und man fror. Die Berge sdlich verschwanden allmhlich in einer dicken schwarzen Wolkenwand. Auch die Sonne verschwand, nur nrdlich war noch ganz klarer blauer Himmel. Allmhlich wurden rechts und vor uns Hgelreihen sichtbar; wir marschierten wieder im Steppengelnde mit dicken Grasbscheln. Der Weg war immer noch schlecht, auf der Karre schlief alles, alle paar Minuten mute ich die Gesellschaft anrufen, sonst wren wir berhaupt nicht mehr von der Stelle gekommen. Die einzeln liegenden Hfe waren auch hier festungsartiger als frher, mit an den Ecken vorspringenden Trmchen und einem getrennt liegenden, mehrstckigen, hohen, zur Verteidigung bestimmten Wartturm. Gegen 4 Uhr langten wir in Yung chang Hsien an. Gleich hinter den Toren rief mir ein Mann ein paarmal "Yang quetze!" (fremder Teufel) nach. Ich stieg ab, ging hin und verwies es ihm, woraufhin er mich mit der Faust vor die Brust schlug. Leider war er an den Falschen gekommen, denn ich boxte ihm sofort einige Abfuhren ins Gesicht, so da er unter dem Gelchter der sich allmhlich versammelnden Leute blutend abzog und den Mund hielt; wer den Schaden hat, braucht fr den Spott nicht zu sorgen. Wir kamen in einem Gasthaus unter, in dem fr irgend ein erwartetes hohes Tier mehrere Zimmer tadellos hergerichtet waren. Der Mandarin des Ortes schickte sofort Lichte und Tee, und versprach auch Essen zu schicken, leider kam nichts. Man hatte zuerst angenommen, die erwartete Exzellenz wre angekommen, was aber nicht der Fall war, auch der Tee und die Lichte waren fr die hohe Persnlichkeit bestimmt gewesen, ebenso die schne Einrichtung der Zimmer. Als die Yamenleute nun merkten, da nicht der Mandarin, sondern ein Europer gekommen wre, schnitten sie mich gnzlich. Ich sandte den Mafu zum Yamen mit der Aufforderung, den Mann, der mich beschimpft htte, zu bestrafen, im gegenteiligen Falle wrde ich den Vorfall sofort nach Peking melden. Wie ich spter hrte, hat der Bambus an demselben Abend noch ntzliche Arbeit getan. Bei sturmartigem Nordost ging es am 8. Mrz weiter. Der Himmel sah nach Schnee aus. Um 9 Uhr fing es an zu schneien, erst wenig, dann schrfer, der Wind nahm zu, kam aber, Gott sei Dank, von rckwrts; es war schlielich ein richtiger Schneesturm. Wie der uns begleitende Mann vom Yamen den Weg in der Steppe fand, ist mir unklar. Gegen 2 Uhr wurde der Wind schwcher, der Schnee blieb liegen, denn es schneite erheblich strker. Gegen 3 Uhr waren wir am Ziel, und es war gnzliche Windstille eingetreten. Im Schneesturm zogen groe Mengen von Wildgnsen sdwestwrts. Im Liang-Tale pirschte ich mich vergeblich an Enten heran, des Schneetreibens wegen war mir der Schu zu unsicher. Es soll hier schon viele Antilopen geben, aber trotzdem ich den Leuten fr die Fhrung ein ganz ansehnliches Trinkgeld bot, wollte mich keiner begleiten; der Chinese ist eben gnzlich ohne Passion fr die Jagd. Unterwegs sahen wir zweimal Fchse. In unserm Gasthause trafen wir anscheinend wohlhabende Kaufleute aus Hami; zuerst taten sie sehr vornehm und zurckhaltend, aber sowie mein Thermometer drauen hing, war alle Vornehmheit wie weggeblasen, und die chinesische Neugierde berwog alle Selbstbeherrschung. Am 9. Mrz war herrlicher, klarer Himmel und drauen eine groe Schneeflche, aus welcher nur die Spitzen der hohen Steppengrasbschel vorguckten. Die andern Fuhrleute wollten nicht fahren, nur der meinige kannte mich schon so weit, da er meinem Befehl, abzurcken, nicht zu widersprechen wagte. Es ist mir stets geglckt, meine Chinesen schnell an unbedingten Gehorsam zu gewhnen. Hatte mein Mafu einmal einen Befehl von mir erhalten, so wute er schon, dann gab es keine andere Mglichkeit, als zu gehorchen. Der Schnee lag ungefhr dreiviertel Meter hoch und ging bis an die Achsen. Zuerst streikten die Tiere; manchmal blieben wir auch stecken, oder eines der Rder fiel in ein tiefes Loch, aber es ging doch. Der Weg war natrlich nicht zu erkennen, man fuhr eben einfach den hohen, weithin sichtbaren Meilensteinen entlang. Ich fror schauderhaft an den Fen und kroch auf die Karre, um mich in den Decken etwas zu erwrmen. Der Dicke benutzte die Gelegenheit, um sich gesattelt, samt Mauserpistole, im hohen Schnee zu wlzen. Wir waren gerade damit beschftigt, den Pony mglichst eindringlich auszuschimpfen, was ihn nebenbei gar nicht rhrte, denn er trottete abseits und wlzte sich auf der andern Seite, wo das Jagdmesser hing, als der Karrenfhrer in aller Gemtsruhe sagte: "Lauye, chuang yang!" (Herr, Antilopen). "Wo?" Ich war wie elektrisiert, sah aber in der angegebenen Richtung zuerst nichts. Diese Kerle haben eben Falkenaugen. Ich lie den Zei auspacken und entdeckte nun vielleicht 3000 Meter entfernt sechs Antilopen, gegen welche ich sofort losziehen wollte, aber der Karrenfhrer meinte, vor uns wren noch sehr viel mehr, also Ruhe und weiter. Unterdessen wurden Karabiner und Munition ausgepackt, und bald wurden links von uns wieder sechs Antilopen sichtbar. Ich ging nun los, mich wie ein Indianer in dem offenen, sehr wenig Deckung bietenden Gelnde heranpirschend. Die Sonne war schon hoch und ich schwitzte wie ein Reserveoffizier bei der Sommerbung; meine hohen Filzstiefel waren mit Schnee gefllt und ebenso die rmel, infolge des Herunterrutschens ber die Abhnge, die ich einfach sitzend auf meinen lederbesetzten Reithosen nahm. Wir muten schon dicht heran sein, als links von uns ein Rudel, das wir nicht bemerkt hatten, in voller Flucht abging, leider mit der Wirkung, da das unsrige auch absprang; ich zhlte 22 Stck. Als sie auf fnfhundert Meter in einem dichten Haufen standen, hielt ich einmal hin; es war aber zwecklos, denn ich fehlte natrlich. Nun ging es wieder zur Karre, wobei ich zu meinem Schaden die Beobachtung machte, da das Gelnde doch nicht so offen war, wie es von weitem aussah. Eine nordsdlich laufende Schlucht folgte der andern, alles schneeverweht. Ich war ziemlich erschpft, sah aber meinen Mafu schon von weitem, aufgeregt winkend, auf der Karre stehen. Auf der andern Wegseite, vielleicht 1500 Meter entfernt, stand nmlich ein Rudel von mindestens 100 Kpfen. Ich kostmierte mich schnell leichter, indem ich den Rock abwarf, bestieg einen Pony und lie mich erst einmal von einem der Soldaten bis an die groe, hier meist in Trmmern liegende Mauer fhren. Dort legte sich der Pony mit mir in ein tiefes Schneeloch, was mir einige blaue Flecke eintrug und dem Karabiner nicht sehr dienlich war. Auch hier war das Heranpirschen uerst schwierig, da das ganze Rudel auf freiem Felde stand und alle Deckung bietenden Grben in diesem Tale nordsdlich zu verlaufen schienen, so da man sehr schwer herankommen konnte. Ich arbeitete mich vorwrts, solange es ging, dann schtzte ich die Entfernung ber freies Feld immer noch auf 600 Schritt. Mir war der Schu zu schwer, auerdem hatten die Antilopen mich auch schon erugt und flchteten, lange, schwarze Streifen im Schnee zurcklassend. Es sah aus, als ob eine Schwadron ber das Feld gezogen wre, so viele waren es. Ich ging zum Pony zurck und dann zur Karre, wo der alte chinesische Fhrer meinte, zu Pferde oder zu Fu wrde ich nie eine Antilope zu Schu bekommen. So gehe es allen, die es auf diese Weise versuchten. Die Mongolen fhren in einem kleinen Ochsenwagen heran und schssen dann aus der Karre, aber so lange der hohe Schnee lge, kme man berhaupt nicht heran. Warum, leuchtete mir zwar nicht ein, wahrscheinlich nur, weil bei Schneewetter bekanntlich kein Chinese ohne Not die Nase zur Tr hinaussteckt. [Illustration: Einmarsch in ein Dorf in Kansu] Wir fuhren weiter und kauften in einem elenden Nest einige Eier zum Frhstck. Es gab hier nicht einmal Wasser zum Tee, dieses mute erst von weither geholt werden; jetzt schmolzen sie den Schnee zu Wasser und kochten damit. Je weiter nordwestlich wir kamen, desto geringer wurde der Schnee. ber Mittag hatten sich die Berge mit einem dichten weien Wolkenschleier auf halber Hhe bedeckt, was hchst merkwrdig aussah. Als wir gegen drei Uhr das Gebirge vor Dsia kau yi durchschritten, waren die Berge rechts und links fast schneefrei, whrend die schneebedeckten Spitzen hinter uns blieben. Gegen vier Uhr waren wir im Dorfe. Mein Gewehrputzen lockte eine groe Volksmenge zusammen; ich machte dabei die unangenehme Entdeckung, da das Gewehrl ausgelaufen war, Schweinefett mute aushelfen. Meine Reisebegleitung aus Liang tschau fu hatte heute einen groen Zank im Hause, in dessen Verlauf man eine Mustersammlung chinesischer Schimpfworte zu hren bekam. Ich dachte: Pack schlgt sich, Pack vertrgt sich; morgen werden sie wohl alle wieder gut Freund sein. Vielleicht kam die schlechte Laune daher, da das Antilopenfleisch, auf das man sich schon gespitzt hatte, ausgefallen war. Mir ging es ebenso, ich htte auch anstatt des ewigen Reis ganz gern einmal Antilopenfilet gegessen, doch was nicht ist, kann ja noch werden. Ich ging mit einem Soldaten am 10. Mrz frh weg, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nichts, bis der Wagen uns einholte. Dieser fuhr heute so schnell, da ich mich lieber anschlo, denn was die Augen des Soldaten entdeckten, das sahen mein Mafu und der Karrenfhrer schon lange. Leider zeigte sich nichts. Hier war der Schnee schon ganz verschwunden, die Schneewasser kamen in kleinen Bchen von den Bergen; an jeder der schmalen, tief eingeschnittenen Rinnen gab es einen Kampf mit dem Dicken, der stets Versuche machte, zu streiken. Wir kamen in eine Gegend, wo Reis angebaut wurde und die Bauern gerade dabei waren, ihre Felder zu berschwemmen. Da sie dabei den Weg mitbewssern, scheint ihnen ganz gleichgltig zu sein. Heute war ein ereignisreicher Tag. Wir waren nach der Mittagspause in einem breiten steinigen Tale nach Nordwesten weitergeritten, stets Schneewasser fhrende Rinnen kreuzend. Links von uns sah ich pltzlich bei einer groen Schafherde ein Gewhl von Krpern, welches ich anfangs fr eine groe Hundeschlacht hielt. Erst beim Nherkommen entdeckten wir, da fnf Hunde sich mit elf groen Wlfen um ein Schaf bissen, scheinbar zum Nachteil der in der Minderheit befindlichen Hunde. Und das am hellichten Tage, eigentlich direkt an der Landstrae. Die drei Schafhirten hatten vorsichtshalber die Herde zwischen sich und die Wlfe gebracht. Ich zog sofort meinen schweren Rock aus und machte den Karabiner fertig. Die Wlfe waren durch das Halten der Karre stutzig geworden und trabten im Rudel ab, das Schaf war tot, die Kter bellten hinterher. Mir war die Entfernung schon zu weit zum Schu; ich lie daher schleunigst die Stute satteln und galoppierte in Rennpace los. Die Witwe ging prachtvoll und nahm die vielen kleinen Grben und Feldereingrenzungen, als ob es ein richtiges Hindernisrennen wre. In weniger als einer halben Minute hatte ich die Wlfe in Sicht, sie drehten sich von Zeit zu Zeit um, um zu sehen, was da so schnell angesaust kam. Ich konnte das Pferd, das sehr passioniert ging, mit der dnnen Trense nicht so schnell bremsen und war pltzlich mitten zwischen den erstaunt stehenbleibenden Wlfen. Wenn ich es nicht selbst erlebt htte, wrde ich es nicht glauben. Die Witwe stand, spreizte alle Viere von sich und schnob die ebenso erschrockenen Tiere an. Ich war wie der Wind herunter, und im nchsten Augenblick wlzte sich, nicht zehn Schritt entfernt, ein Wolf mit Blattschu am Boden; die andern teilten sich in zwei Parteien und galoppierten ab. Ich sa auf, hatte sie nach tausend Meter wieder eingeholt und scho einen waidwund. Er lag und ich wollte ihm nun den Fang geben. Die Witwe hatte es vorgezogen, mit meinem groen Jagdmesser am Sattel wegzulaufen; ich hatte also nur einen kurzen Nicker bei mir, und jedesmal, wenn ich die wtend um sich schlagende Bestie abfangen wollte, schnappte sie derartig nach mir, da ich es lieber unterlie. Einen festen Bi ber den rechten rmel und ber die rechte Hand hatte ich aber doch weg. Ich ging nun zurck und sah bald, in vollster Fahrt durchgehend, meinen Mafu am Horizont erscheinen. Er konnte die gute Australierin, die in der letzten Zeit nichts getan hatte, nicht halten; ein so edles Pferd ist doch ein anderes Tier als ein Pony. Schlielich geriet er in meiner Nhe in ein tiefes Reisfeld und konnte das Pferd stoppen. Ich ritt nochmals zum ersten geschossenen Wolf und sagte herbeieilenden Hirten, ihn nach der groen Strae zur Karre, die man am Horizont herankommen sah, zu bringen. Den zweiten Wolf fand ich nicht wieder, er mute sich in eine der unzhligen tiefen Wasserrinnen verkrochen haben. Ich ging nun, schrg abschneidend, auf Schan tan Hsien zu nach der groen Strae oder nach dem, was man hier groe Strae nennt, und wartete auf die Karre, die bald heranrollte. Von Westen her kam Staubsturm auf, die Sonne verschwand und es wurde bitter kalt. Schon von weitem rief mir der Fhrer zu: "Lauye, dein Rock ist weg!" und richtig hatte die Gesellschaft meinen schnen schweren Winterrock verloren, der meinen Fllfederhalter, Bleistifte, mein Notizbuch mit einer Unmasse wichtiger Notizen, kleiner Karte, Grundri- und Ansichtszeichnungen, Visitenkarten, Patronen, Taschenbuch usw. enthielt. Ich sandte sofort alle zur Verfgung stehenden Leute zurck. Sie hatten entsetzliche Angst, da sie annahmen, ich wrde sie nun totschieen, und machten, einschlielich der beiden Kavalleristen, unter Beteuerung ihrer Unschuld, fortwhrend Kotau. Dann galoppierte ich selbst bis zu dem Dorfe zurck, wo wir gefuttert hatten, unterwegs jeden Karren, jeden Menschen anhaltend und ausfragend; nichts war wiederzufinden. Leute erzhlten mir, da ein des Weges kommender Reiter den Rock aufgenommen htte und eiligst nach Sden, auf die Berge zu abbiegend, fortgaloppiert wre. Meine beiden Kavalleristen schickte ich nach Dsia kau yi zurck, um dort zu suchen; natrlich sind sie nie hingeritten. Als ich, zurckkommend, kurz vor der Karre anlangte, brach die arme Stute unter mir zusammen mit allen Zeichen einer schweren Kolik; das war ausgerechnet das, was mir noch fehlte. Der Tag verdiente einen roten Strich im Kalender. Ich sa sofort ab, brachte das Pferd noch glcklich bis zur Karre und tat dann alles, was irgend mglich war; das arme Tier warf sich mit solcher Gewalt, da es gar nicht zu hindern war; ich setzte nicht mehr viel Hoffnung auf sein Wiederaufkommen. Nach und nach stellten sich, bis auf den Karrenfhrer, alle wieder, ohne den Rock, ein und taten derartig dumm und ngstlich vor dem sich vor Schmerzen krmmenden Tiere, da ich vollends die Laune verlor. Um 3 Uhr setzte sich der trbselige Zug in Bewegung. Erst beim Abmarsch bemerkte ich, da die Chinesen die allgemeine Aufregung benutzt hatten, um den Wolf, der neben der Karre gelegen hatte, auch zu stehlen. Trotz meiner recht traurigen Stimmung mute ich doch ber die freche Gesellschaft lachen. So gings weiter, voran die Karre, dann ich, das Pferd fhrend, und dahinter der Mafu mit einer langen Peitsche, um das Werfen zu verhindern. So gelangten wir allmhlich um 6 Uhr, gegen den Staubsturm ankmpfend, nach Schan tan Hsien. Als wir eintrafen, hatten sich die Schmerzanflle gemindert, das Tier erleichterte sich und ich schpfte wieder Hoffnung. Schlielich fra es etwas und nahm Wasser; ab und zu kam noch ein Anfall, dann legte es sich um 8 Uhr hin und war, soweit ich die Lage beurteilen konnte, gerettet. Mir war es schon lieber, meinen Rock und die brigen Sachen zu verlieren, als die gute Witwe Bolte, die mir doch sehr ans Herz gewachsen war. Ich sa traurig neben dem Tier in der steinernen Krippe, fror dabei scheulich und hatte Hunger. Den Mafu hatte ich, um nichts unversucht zu lassen, nach dem Yamen geschickt, um Untersttzung zu erbitten. Der Mandarin schickte sofort seine 30 Kavalleristen aus und versprach, alles zu tun, leider gnzlich ohne Erfolg, woran ich nie gezweifelt hatte. Um neun Uhr kam der Mandarin selbst angeritten; ich mute auch noch den Liebenswrdigen spielen, opferte eine Schachtel Schokolade, die ganz verschwand und hrte dazu -- recht widerwillig -- die guten Ratschlge des brigens sehr freundlichen Chinesen an, der mich trsten wollte. Spter stellte sich auch noch der gnzlich verngstigte Karrenfhrer ein; natrlich ohne den Rock. Er machte einen Kotau nach dem andern unter entsetzlichem Geheul, da er annahm, da es jetzt Prgel setzen wrde. Schlielich brachte er mir als Ersatz seinen alten Lausepelz angeschleppt, den ich dankend ablehnte. Um 10 Uhr nahm der Beamte Abschied, mit der recht deutlichen Anspielung, da ihm eine Taschenuhr als Geschenk nicht unangenehm sein wrde; ich versprach ihm meine zweite, kurz vorher zerbrochene Nickeluhr, falls ich meine Sachen wiedererhielte. Der Stute ging es am 11. Mrz morgens gut, sie hatte sich wieder ganz erholt, war aber natrlich sehr abgefallen. Ich schrieb im Laufe des Vormittags Briefe an die Missionare im Lantschau Fu, Hsi Ngan Fu und Liang tschau fu, um sie von dem Verluste des Rockes in Kenntnis zu setzen, da ich es nicht fr ausgeschlossen hielt, da er an einem dieser Pltze zum Verkauf angeboten werden wrde. Um 12 Uhr kam die mit nur einem Pony bespannte Karre; das andere Pferd sollte an einem Hause am Wege stehen, was mir merkwrdig vorkam. Der Mandarin erschien auch wieder, natrlich nur wegen der Uhr; da aber der Rock nicht wieder eingetroffen war, gab es auch keine Uhr. Mitten auf der Strae im Ort lie uns der Karrenfhrer stehen und war sofort in der Menge verschwunden; der Mandarin drckte sich hinten weg, da er voraussah, da es nur Zank geben wrde. Ich lie den Mafu sich einige Zeit mit der Gesellschaft herumzanken, dann griff ich ein, stellte fest, wo das Pferd sein sollte, und holte es aus dem Misthofe, in dem es stand, heraus. Es ging nur auf drei Beinen, aber das gengt ja beim chinesischen Pony. Ich lie anspannen, immer noch ohne Karrenfhrer. Die Menge um mich herum lachte mich aus, da sie jedenfalls erwartete, mich bald hilflos dastehen zu sehen. Ich aber fragte gar nicht mehr viel, sondern fuhr einfach mit dem Mafu los und hatte sofort die Lacher auf meiner Seite. Der neue Fhrer kam nun schleunigst zum Vorschein. Er hatte, wie mir der Mafu hinterher erzhlte, erst um die Hhe des Trinkgeldes mit den Yamenleuten gehandelt, nicht ahnend, da ich fr die unverschmte Gesellschaft nicht einen Cash gebe, was ich ihm jetzt mit dem Bemerken erffnete, da er auerdem; falls er etwa jetzt noch fortzulaufen beabsichtigte, frchterliche Prgel bekommen wrde. Mein Mafu gab ihm die Erluterungen dazu; diese mssen sehr berzeugend gewirkt haben, denn er fuhr spterhin sehr gut. [Illustration: Witwe Bolte nach schwerer Kolik in Schan tan Hsien] Zur Strafe warf ich smtliche Yamenleute, die es sich auf der Karre bequem gemacht hatten, aus dieser hinaus und lie sie laufen, was ihnen sehr peinlich war. Vorbei an dem auf hohem Berg liegenden Tempel Fa-ta-tse, durch ein gut angebautes Tal gelangten wir nach Dung-lo-hsien. Der dortige Beamte lie mir gleich sagen, er knne keinen Karrenfhrer schicken, denn derselbe wrde sicher Karre und Tier unterwegs verkaufen und ausrcken. Angenehme Zustnde! Am 12. Mrz kam der Mafu schon um 4 Uhr morgens, um mich zu wecken. Ich trumte gerade von dem schnen Diner, das ich nicht bekommen hatte, und kroch aus meinem Schlafsack, um drauen einen schauderhaften kalten Ostwind, der durch Mark und Bein pfiff, vorzufinden, aber sonst keinen Menschen. Alles schlief noch; auer dem meinigen war kein Pferd gefttert. Der Karrenfhrer hatte das ganze vorausbezahlte Geld fr die Fahrt, einschlielich Futtergeld fr die Tiere, in Opium angelegt und lag nun irgendwo im Dusel. Die Yamenleute hatten das ganz genau gewut, sie rauchten aber smtlich auch Opium und hatten daher ein Auge zugedrckt. Hier huldigte berhaupt alles, einschlielich der Weiber, diesem schrecklichen, nervenzerrttenden Laster. Die Leute rannten nun die Strae herauf und herunter, laut den Namen des Treibers schreiend, um die Kneipe ausfindig zu machen, in der er seinen Rausch ausschlief. Nichts meldete sich; ich lie den Pferden daher etwas Stroh geben und dann anspannen. [Illustration: Meine Pferde in Schan tan Hsien, rechts der Bruder des Mandarins von Schan tan Hsien] Ein Soldat, der Mitleid mit mir hatte -- ich fror nmlich stark --, brachte mir Tee und einige der kleinen, in Blattumhllungen befindlichen Pakete Reis mit Pflaumen darin; sie schmeckten mir heute besonders gut. Unterdessen war aus einer andern Opiumhhle ein Yamenmann herausgeholt worden, der aussah wie ein Strolch von der Landstrae, ungewaschen -- hier waschen sich von zehn Leuten berhaupt hchstens zwei --, zerlumpt, noch halb im Dusel. So zogen wir denn mit dem Kerl um 5 Uhr im Schritt los, denn zum Trab waren die Tiere nicht zu bewegen. Unterwegs fanden wir eine neue Futterschwinge, die ich annektierte. Einmal ging der Karrentreiber nach einer der kleinen, am Wege befindlichen elenden Lehmhtten, in denen Tee ausgeschenkt wird. Zu meinem Leidwesen tun dies alle Treiber, nur machte dieser den Unterschied, da er einfach nicht wiederkam. Ich ritt nach einiger Zeit zurck und fand ihn sanft ruhend auf dem Kang. Ich weckte ihn ebenso unsanft mit einem Gu kalten Wassers auf; dann ging es im Trabe der Karre nach, die mittlerweile wohl vier Kilometer weiter war. Der Kerl hatte eine so heillose Angst vor mir, da er wie besessen lief und schweiberstrmt die Karre erreichte. [Illustration: Chinesische Kavallerie-Eskorte vom Leichenzuge Djau-ta-jens] Die Gegend war de und sandig, der Wind sprang um 8 Uhr nach Westen um, und bald hatten wir den schnsten Staubsturm, den strksten von allen solchen bisher, ausgenommen den am 5. Januar. Auf der Strae kamen uns im rasendsten Tempo Yamenreiter entgegen. Sie gehrten zu dem Leichenzug Djau-ta-jens, des ehemaligen Futais von Tsin-tsian, der vor einem Jahre gestorben war und jetzt als Leiche mit groem Gefolge nach Peking zurckgebracht wurde. Die ersten waren die Quartiermacher, denn der mitgefhrte Tro ging wohl in die Hunderte. Die Gegend nahm immer mehr einen wstenhnlichen Charakter an. Sanddnen wechselten mit steinigen, weiten Flchen ab. Ich mute die Staubbrille und den Kopfschutz herauskramen, um mich wenigstens einigermaen gegen den alles durchdringenden Staub zu schtzen. Man sah die hohen Sanddnen ordentlich wandern, derartig wird der Sand weitergeweht. Der groartige Leichenzug nahte. Ganz bunte Kavallerie eskortierte ihn; voran ritten einige Mandarinen in Staatsgewndern, dann folgte, befestigt an einer langen Stange mit ausgeschnitzten, bunt gemalten, erhobenen Drachenkpfen an den Enden, der Sarg, von vielleicht dreiig Trgern an schweren hlzernen Querstangen getragen. Auf dem Deckel sa in einem kleinen Kfig der bliche, ganz weie Hahn, dann kam in Karren, deren ich 58 zhlte, das Gefolge, darunter eine Menge Weiber, deren Gefhrte wie kleine Huser mit Tren und Fenstern versehen sind. Alle beguckten natrlich sehr neugierig den fremden Teufel, von dem allerdings in der Vermummung nicht viel zu sehen war, und lachten, wie immer, wenn der Chinese nicht wei, was er sagen soll. Der Staubsturm wurde unterdessen immer toller, die Pferde fingen an zu streiken und wollten sich mit der Kruppe gegen den Wind stellen. In einem Bachbett mit schmaler Ein- und Ausfahrt und steilen Ufern sa ein Karren fest, wir muten unsere Tiere als Vorspann geben, sonst htten wir nicht weitergekonnt, da die Ausfahrt gesperrt war. Endlich tauchten Bume auf, es war rr-sche-li-pu, das als Schutz gegen den Staub und zur Befestigung des wandernden Sandes rings von Bumen umgeben ist. Wir futterten schnell auf der Strae ab, dann ging es weiter durch sumpfiges Gelnde mit vielen offenen, moorigen Lchern. [Illustration: Missionar Weiys in Kan tschau fu] Gegen 3 Uhr kam Kan tschau fu in Sicht; der Sturm lie nach. Wir fuhren durch ein Tor in ein weites Grberfeld mit einem sogleich in die Augen fallenden Grabhgel in der typischen Sargform, von ganz kolossalen Dimensionen. Die Vorstadt durchreisend, gelangten wir durch das Sdtor in die eigentliche Stadt, die viele kleine sumpfige Pltze hat. Leute ber 60 Jahre gibt es hier nicht, das Klima ist zu ungesund. Alle Mauern strzen bald wieder ein und man sieht sofort an den greren Tempelbauten, da der Untergrund schlecht sein mu, denn die Gebude haben kaum einen ordentlichen rechten Winkel aufzuweisen. Vorbei an der halb europisch, halb chinesisch gebauten Kirche der katholischen Mission, gelangten wir endlich in ein schnes, groes Gasthaus. Die groe Suberung vollzog sich vor einer durch alle verfgbaren ffnungen guckenden Zuschauermenge. Dann ging der Mafu zum Yamen, ich zur Mission. Sie hat schon seit 20 Jahren eine Kirche am Ort, die aber auch infolge des sumpfigen Untergrundes Abweichungen zeigt, sonst ist sie wie eine katholische Kapelle in Deutschland gehalten. Die Mission unterhlt noch eine Schule, ein Waisenhaus und betreibt in geringem Umfange Gartenbau und Landwirtschaft. In Pater L. Weiys, einem liebenswrdigen Hollnder, fand ich einen Deutsch sprechenden, sehr natrlichen Menschen, der mir gut gefiel. Er war allein hier; sein Kamerad, Pater Kissels, war vor einem halben Jahr an Wassersucht gestorben, als ein Opfer des hiesigen Klimas, nachdem er, Kissels, ber 20 Jahre auf seinem Posten gewesen war. Der jetzige Missionar war zufrieden mit seinem Beruf und seinen Erfolgen; man sah es ihm auch sofort an. Er hat gegen 600 Christen unter sich, die Gemeinde in Su tschau fu eingeschlossen. Auch hier scheint mir die katholische Mission mit viel mehr Erfolg zu arbeiten als die protestantische. Ich bekam selbstgekelterten, sehr guten Wein vorgesetzt. Die Katholiken sind vernnftigerweise nicht derartig strenge Abstinenzler wie die englischen Missionare, die ich bis jetzt gesehen habe. Der Wein schmeckte mir sehr gut, ungefhr wie leichter spanischer Wein; ebensogut war das mir angebotene Abendbrot, das natrlich, der Fastenzeit entsprechend, keine Fleischgerichte enthielt. Drauen in der Kapelle hrte man die Christen ihre Abendgebete laut absingen, und ich fhlte mich eigentlich hier mehr zu Hause als bei den Englndern, trotzdem ich Protestant bin und im allgemeinen die Englnder sehr gern habe. [Illustration: Alter Tempel in Kan tschau fu, aus der mongolischen Dynastie stammend] Gegen 8 Uhr suchte ich mein hartes Lager auf und schlief wie ein Toter, wahrscheinlich infolge des ungewohnten Weingenusses. Der 13. Mrz war ein Ruhetag; der Schneider kam, um mir einen chinesischen Rock fr den gestohlenen anzufertigen. Die Sachen wurden gesonnt und der Lebensmittelvorrat fr die nchsten Tage ergnzt. Um 12 Uhr ging ich wieder zur Mission, wo ich vom Pater Weiys ein fr hiesige Verhltnisse gutes Essen vorgesetzt bekam. Dann ritten wir auf seinen Ponies zu einem alten Tempel, der noch aus der Zeit der mongolischen Herrscherdynastie stammt und in dem besonders ein mchtiger schlafender Buddha in recht unverhltnismiger Darstellung auffllt. Am Ende des Tempels befindet sich eine der hohen, flaschenfrmigen Pagoden. Von dort ging es zum Garten der Mission, drei Li sdwestlich der Stadt. In diesem wird hauptschlich Obst- und Weinbau betrieben; ferner liegt in ihm das provisorische Grab des hier verstorbenen Paters Kissels. [Illustration: Katholische Mission in Kan tschau fu] Der Pater Weiys erklrte mir, da er Gemeindeglieder habe, die bereits in der fnften Generation christlich wren. Seine Stellung zu dem Mandarin ist eine recht gute, aber durchaus unabhngige. Er befat sich weniger mit der Belehrung der Heiden, als mit der Seelsorge in der bereits vorhandenen christlichen Gemeinde. Im brigen klagte er sehr ber das Opiumrauchen und besonders ber das Opiumessen der Weiber. Der Hauptgrund fr letzteres sei darin zu suchen, da sie zu frh heiraten und ihre Mnner vor der Hochzeit nicht kennen lernen. Die Folge sei dann oft eine herbe Enttuschung, welche die junge Frau zum Selbstmord treibe. Dann werde der Missionar zu Hilfe gerufen, und unter den wenigen rztlichen Instrumenten in den Missionen knne man stets eine Magenpumpe fr den vorgenannten Zweck finden. Er erzhlte noch auerdem, er habe sehr damit zu kmpfen, da z. B. neu bekehrte Eheleute Kinder htten, die infolge der leidigen Unsitte des frhen Verlobens schon an Heiden vergeben seien, was natrlich zu groen Unzutrglichkeiten fhre. Ich empfahl mich bei dem liebenswrdigen Missionar, nicht ohne noch einen besseren Jahrgang des selbstgekelterten Weines gekostet zu haben. [Illustration: Grab des Pater Kissels im Garten der Mission zu Kan tschau fu] Auf dem Rckwege zu meinem Gasthause sah ich vor demselben eine groe Menschenmenge auf der Strae; ich ging hin und fand die ffentliche Leichenschau eines Ermordeten. Die Leiche, mit einem Stich unterhalb des Herzens, lag gnzlich nackt auf einem Brett mitten auf der Strae. Auf einer Seite war ein Mattenverschlag, in dem Yamenbeamte, scharlachrot kostmiert, ein Protokoll aufnahmen, whrend ein anderer Beamter an der Leiche herumma und den im Verschlag befindlichen Kollegen Angaben zurief, die diese in das Protokoll notierten. Rings umher sowie auf allen Dchern war eine neugierige Menge versammelt, die nur mit Not von den Yamendienern zurckgehalten werden konnte. Zehn Schritte davon, in einem nach vorn zu offenen Hause, lrmte eine vergngte, trinkende Hochzeitsgesellschaft. Man kann sich wohl kaum schrfere Gegenstze denken. Der Schneider kam am 14. Mrz etwas zu spt; trotzdem ist es eigentlich zu verwundern, da er so schnell gearbeitet hatte. Der Rock war natrlich um die Brust, um den Hals und in den rmeln etwas eng, da wir Europer doch anders gebaut sind als der Durchschnitts-Chinese. Die rmellose berziehweste, Kandjrr, sa dagegen recht gut. Der Preis fr den Stoff betrug 2500 Cash, der Arbeitslohn 500 Cash, alles in allem ungefhr 7,20 Mark, also wirklich recht wenig. [Illustration: Verbrecher in Kan tschau fu] Es schneite ziemlich stark, und der Geschftsfhrer wollte mich berreden, noch zu bleiben. Ich konnte es aber nicht, da jeder Tag fr mich von Wert war. Um dem bervorteilen seitens der Leute, bei denen ich Lebensmittel usw. kaufte, zu entgehen, hatte ich dem Geschftsfhrer eine bestimmte Summe in Silber eingehndigt; davon bezahlte er jeden, der eine Forderung an mich hatte. Ich vermied dadurch den ewigen Zank wegen guten und schlechten Geldes, kam sicher billiger weg und der Geschftsfhrer machte zugleich sein Geschft, da er natrlich jedem Hndler Prozente abzog. Er mu sich dabei ganz gut gestanden haben, denn er war zufrieden und beklagte sich nicht, wie alle andern seinesgleichen, ber zu geringe Bezahlung. Auch die Yamenleute benahmen sich anstndig. Drauen, mitten auf der Strae, stand immer noch der Sarg mit dem Ermordeten. Es ging durch Heide, die vielfach moorig und von vielen kleinen Wasseradern durchzogen war, in denen sich eine unendliche Menge von Wasser- und Sumpfvgeln tummelte. Nach Durchschneiden einiger ganz wstenartiger Striche kamen wir am Abend nach Scha Ho, wo wir gute Unterkunft fanden. Eine alte Frau mute die Fehler, die der Schneider in Kan tschau gemacht hatte, verbessern, da mich der Rock doch etwas drckte. Auch am 15. Mrz durchzogen wir eine wstenhnliche Gegend. Die Dnen laufen von Nordost nach Sdwest, westliche Winde schienen vorzuherrschen, da die Abhnge nach dieser Himmelsrichtung flach, diejenigen nach Osten zu steil und sehr schwer passierbar sind. Die Karre mit den zwei Meter hohen Rdern kam nur in mehreren Abstzen hinauf; die Tiere keuchten schwer und sanken tief im Sande ein. Um 11 Uhr erreichten wir Fu-ji-ting, bis wohin meine Karre gemietet war. Im ganzen Ort lie sich kein neues Gefhrt auftreiben, aber der Beamte war so liebenswrdig, mir seine eigene, nur mit einem Pony bespannte Karre zu geben, so da ich wenigstens fortkommen konnte. Die Gegend blieb weiterhin wechselnd; wstenartige Strecken folgten unmittelbar auf fleiig bewirtschaftete Lndereien, jedoch war der angebaute Strich stets nur sehr schmal und ging mit den Flulufen. berall sah man Hecken und Wlle, die dem Versanden wehren sollten. [Illustration: Karre bei Su tschau] Wir befanden uns gegen 3 Uhr in einer weiten Sandflche, als links in den Dnen Antilopen auftauchten. Ich lie die Stute satteln, mit der Absicht, mich in vollster Fahrt zu nhern und so vielleicht eine derselben zu Schu zu bekommen. Es klappte ganz gut; ich kam an die ruhig stehenbleibenden Antilopen bis 150 Meter heran, als ich kurz vor mir einen breiten Graben sah. Getreu meinem alten Prinzip, lieber das Genick gebrochen, als gekniffen, ging ich, was ich konnte, gegen und -- lag prompt drinnen, oder vielmehr samt Pferd drben im hohen, weichen Sande. Die Mauserpistole fiel in einen Grasbschel, sonst war nichts passiert. Ich sa wieder auf und ritt hinter den abspringenden Antilopen her, jedoch war ihr Vorsprung zu gro; ich kam nochmals bis etwa 150 Meter heran, dann versagte die Stute. Ich sa daher ab und fhrte sie zurck, als links vor mir drei Wlfe auftauchten. Mein Tier war zu mde und die Entfernung fr die Mauserpistole zu weit, daher lie ich heute Isegrim laufen, was er sehr langsam, oft stehenbleibend, denn auch tat. Der Wildreichtum in dieser Gegend ist einfach verblffend. Besonders sind Wasser- und Sumpfvgel in groen Massen vorhanden; unter diesen schwarze Strche, weie Reiher, unsere Wildenten, groe, rostbraune Enten, Krickenten, Gnse und viele kleine Wat- und Schwimmvgel. Die Chinesen schieen die Tiere nicht; sie sind daher ganz vertraut, und besonders die groen Enten kann man hufig in den kleinen Grben unmittelbar am Wege finden. Unser Ziel, Gau tai Hsien, war noch 20 Li entfernt. Der Abend war herrlich, kein Lftchen regte sich, und der Verkehr war schwach. Die Bauern pflgten noch berall auf den Feldern, vom Flu her tnte der Schrei des Storches und der Gnse, ab und zu hrte man die Weihe, die ungestrt, meist mitten im Dorfe, auf irgend einem hohen Baume nisten. Allmhlich wurde es dunkel, nur noch vereinzelte Krhen zogen ostwrts. Da sah man am Horizont helle Punkte am Himmel auftauchen; es waren erleuchtete kleine Drachen, die die Kinder aufsteigen lassen, also konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Bald befanden wir uns zwischen den Husern der Vorstadt und die Stadtmauer lag vor uns. Eine barsche Stimme fragt: "Wer ist da?" damit ist der Pflicht gengt, es ist die Torwache. Einige vorsichtige Geschftsfhrer von Gasthfen waren nicht zu bewegen, das groe Tor aufzumachen. Die Gegend ist unsicher, und wer so spt am Abend noch reist, der kann nichts Ordentliches sein. Endlich fanden wir doch noch ein Unterkommen. Der viel geplagte Mafu wanderte zum Yamen und erhielt das Versprechen, da die Karre pnktlich erscheinen werde; dann gab es das karge Abendessen, und bald konnte man das mde Haupt auf dem harten Kang zur Ruhe legen. Nebenan strte ein chinesischer Snger, der tausendmal dieselbe Melodie sang; aber auch dieser bekam die Sache satt. Drei Bller kndeten, da das Stadtoberhaupt zur Ruhe gegangen sei, nur ein vereinzelter Eselsschrei noch in der Ferne, dann trat Ruhe ein und man trumte vom schnen Vaterlande im fernen Westen. Natrlich kam am 16. Mrz morgens keine Karre. Zweimal mute ich zum Yamen schicken, ehe wir alles beisammen hatten. Unterwegs futterten wir in Scheziang yi, wo der Fhrer in seinem Vaterhause durchaus alles mgliche abgeben wollte. Ich hatte den Verdacht, da er sich zu drcken beabsichtigte und lie ihn daher, bevor er ging, seine Sachen als Pfand deponieren. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, bis ich einfach die Sachen wegnahm. Nunmehr erschien auch der zugehrige Vater und versicherte berlegen, da, wenn sein Sohn versprochen habe, wiederzukommen, er sicher auf die Minute da sein wrde. Leider war ich, trotz reichlicher Erfahrung, so dumm, ihn fortzulassen, denn wer natrlich nicht wiederkam, war der Schelm, so da ich, zu meinem Verdru, in dem Loche bernachten mute. Den Abend ging ich dafr auf Entenjagd und scho eine, die aber so tranig war, da man sie nicht essen konnte. Am folgenden Tage marschierten wir gegen sechs Uhr bei sieben Grad Klte in die Wste ab. Wir sahen links in den Dnen mehrfach Antilopen und ich ritt nher heran, um mich zu berzeugen, wie viele es wren. Beim Absteigen blieb ich mit dem linken Fu im Bgel hngen und mein guter Dicker ging sofort pleine chasse mit mir durch, mich schleifend. Ich fhlte noch Hufschlge am linken Schienbein, am rechten Spann, am rechten Ellenbogen und am Kopfe, dann vergingen mir die Sinne und ich kam erst zu mir, als mich mein Mafu auf richtete. Gottlob war der Sand knietief und kein Steinchen darin. Der Pony hatte den Karrenfhrer, der ihn aufhalten wollte, berrannt und dabei eine kurze Wendung gemacht, wobei mein Fu aus dem Bgel ging und ich liegen blieb. Der tiefe Sand, der wattierte chinesische Rock sowie die dicke Pelzmtze hatten die Hufschlge gemildert, so da ich mit einigen Hautabschrfungen und leicht gezerrten Muskeln davonkam. Merkwrdigerweise stellten sich auch gar keine Kopfschmerzen ein, und nachdem ich einige 100 Schritt am Stock gewandert war, konnte ich schon wieder glatt gehen, wenn auch mit Schmerzen. Die Strecke, die der Pony mich geschleift hatte, betrug gegen 400 Meter. Die Bewutlosigkeit kann kaum zwei Minuten gedauert haben. Der Pony und die Chinesen hatten einen viel greren Schreck bekommen, als ich selbst. Sie erzhlten mir hinterher, da sie mich anfangs fr tot gehalten htten und waren sehr um mich besorgt, was mich einigermaen rhrte, denn im allgemeinen kennt der Chinese kein Mitleid. Bald hatten wir wieder Antilopen vor uns. Ich pirschte nochmals heran, sie sprangen aber zu frh ab, so da ich nicht zum Schu kam. Nach weiteren fnf Kilometern war ein zweiter Sprung vor uns, den Weg langsam kreuzend. Ich blieb ruhig bei der Karre und wartete, bis wir in gleicher Hhe waren, dann scho ich auf die nchste, vielleicht 130 Schritt entfernte, ein vorzgliches Ziel bildende Antilope. Das Tier zeichnete und brach im Feuer zusammen, begleitet vom Freudengeheul meiner Chinesen. Es war die erste Antilope, die ich erlegte. Ich eilte mit meinem Jagdmesser hin, um das Tier abzunicken, als es aufsprang und flchtig wurde; ich nahm zu Pony die Verfolgung auf, verlor aber bald die Fhrte und stand zu meinem nicht geringen rger wiederum vor einem Mierfolg. Wir suchten noch eine gute halbe Stunde, da das Tier mit diesem Schu unmglich weit gelaufen sein konnte, aber vergeblich. Es fehlte eben der Hund, und aller Eifer meiner Chinesen konnte eine gute Nase nicht ersetzen. Abends gelangten wir dann in einem kleinen Heidedorf inmitten von Salzsmpfen an. Yan tsche ist nur eine Station an der groen Strae. Das ganze Dorf besteht nur aus einigen Gasthusern und wenigen Handwerkern, die vom Durchgangsverkehr leben. Da der Europer als willkommenes Objekt betrachtet wurde, ist klar; man bot mir Essen zu unmglichen Preisen an, so da ich schlielich gar nichts kaufte, sondern Konserven kochte. Doch bekam mir das europische Essen nicht gut, da ich am 18. Mrz, nach einer fast schlaflosen Nacht, mit Kopfschmerzen erwachte. Nachdem uns der Pony durch Weglaufen ungefhr eine halbe Stunde aufgehalten hatte, kamen wir glcklich durch die Wste gegen Mittag nach Fang-Hsia, wo mich ein Mensch um Hilfe anbettelte, der letzte Nacht in unserm Dorfe vollkommen ausgeplndert worden war und mit einem anscheinend stumpfen Instrument einen schweren Hieb ber das Schienbein erhalten hatte. Ich verband unter Assistenz des ganzen Dorfes die bel aussehende Wunde. Wie der Mensch mit einer derartigen Verletzung noch weiter marschieren konnte, ist mir unklar, das kann eben nur ein Chinese. Bei scharfem Nordwestwinde und bedecktem Himmel hatten wir einen recht unangenehmen Weitermarsch. Der Wind ging schlielich durch alles durch und wechselte merkwrdig oft zwischen West und Nord, so da man fortwhrend im Staube war, wenn man hinter der Karre Schutz suchen wollte. In der Ebene konnte man zeitweise 40 bis 50 Windhosen zugleich beobachten. Kam man in eine solche, so war sofort alles fingerdick mit Staub bedeckt. Dazwischen wieder war die Luft so klar, da man auffallend weit sehen konnte. Dabei rckten die entferntesten Gegenstnde ganz nah heran. Schon gegen Mittag lag unser heutiges Ziel, das noch etwa 30 Kilometer entfernt war, in greifbarer Nhe. Gegen 7 Uhr hatten wir die Wste hinter uns, wir kamen wieder in steppenartiges Gelnde, und bald sah man auch angebaute Stellen. Ich war froh, denn ich hatte etwas Fieber und litt stark an Durchfall, der wahrscheinlich von dem hiesigen sumpfigen Wasser herrhrte, denn auch meinen Leuten ging es so. In Ling fi nahm ich abends den ersten Kognak whrend der ganzen Reise und trank keinen Tee, sondern a nur Reis. Ich war so erschpft, da ich sofort, als ich mich hinlegte, einschlief. Ich glaube, man htte das ganze Zimmer ausrumen knnen, ohne da ich es gemerkt htte. Am nchsten Morgen kamen sechs Mohammedaner zu mir, die nach Tsin-Tsiang wollten. Sie machten Kotau und redeten mich mit "Tajen" an, so da ich sofort erriet, was sie wollten. Ich sollte ihnen bei Dzia y kwan durchkommen helfen, indem ich sie fr meine Leute ausgab. Ich erklrte ihnen, da ich, als Europer, mich niemals darauf einlassen wrde, die chinesischen Behrden zu betrgen, worauf sie betrbt wieder abzogen. Die chinesische Regierung lt nmlich Mohammedaner ohne Pa nicht die groe Mauer berschreiten, da sie ein recht unruhiges Element der Bevlkerung darstellen und berall Unruhen stiften. [Illustration: Hndler mit Jettwaren] Mir ging es heute bedeutend besser, und da die Sonne wieder schien, fhlte ich mich, trotz der 14 Grad Klte, recht wohl. Wir hatten nur kurzen Marsch, 40 Li, bis nach Su tschau fu, das wir, dem Laufe des Pei-lung-sui folgend, um 11 Uhr erreichten: Su tschau fu ist zur Zeit des Mohammedaneraufstandes gnzlich heruntergebrannt worden. Noch jetzt sieht man viele Trmmer; im brigen sieht es genau wie die anderen Stdte aus. Zuerst suchten wir innerhalb der Mauer nach einem guten Gasthause, da es aber keins gab, lie ich, zum Schmerz meiner Begleitung, wieder umdrehen und auerhalb derselben einkehren. Nachmittags erschien ein reisender Chinese, den ich bereits frher getroffen und der mit seiner gesamten Dienerschaft hier auf mich gewartet hatte. Die Gegend galt fr unsicher und die Karrenfhrer wollten tatschlich nicht einzeln fahren, weshalb er mich bat, auch fr ihn beim Yamen eine Karre zu fordern, was ich zusagte. Merkwrdig war es, da viele Leute kamen, um sich zu erkundigen, ob ich Mausergewehre htte. Wie mag dieser Name hier bekannt geworden sein? Ein Mandarin besuchte mich im Laufe des Nachmittags und erkundigte sich, wann Su tschau fu Eisenbahn bekme. Leider war mir der Zeitpunkt augenblicklich unbekannt; ich vertrstete ihn also auf das nchste Jahr, alsdann wrde er sicher Eisenbahn haben. Nach meinem Gasthaus fand eine reine Vlkerwanderung statt; das Volk war harmlos, freundlich und neugierig dabei. Im brigen wird der Europer hier als hherstehendes Wesen betrachtet. Mir fiel entgegen frheren Berichten auf, da sie ihre Sachen von vornherein als schlecht und alle europischen Waren als gut bezeichneten. Hier ist eine lebhafte Industrie in Jetsachen. Ich kaufte denn auch fr recht wenig Geld verschiedene Kleinigkeiten. Am nchsten Morgen erschien die Karre erst um 11 Uhr, der Treiber war der Einfachheit halber weggelaufen, so da einer der Yamenleute fahren mute. Mit der Karre stellte sich noch unser Yamenmann von Gau tai Hsien ein. Er behauptete, kein Trinkgeld bekommen zu haben und bettelte in unverschmter Weise, indem er versprach, das Opiumrauchen von nun an zu lassen. Mir machte der zwanzigjhrige Mensch Spa, selten habe ich so viel Gutmtigkeit und Leichtsinn vereinigt gesehen. Er redete so lange, bis er ein Trinkgeld bekommen hatte, das er sofort in der nchsten Bude in Nschereien anlegte, um dann, vergngt singend und mit den Straenjungen Unfug treibend, die Strae entlang zu schlendern. Wir packten auf, hielten aber in der Stadt noch mindestens zehnmal, um den Karrenfhrer alle seine Geschfte erledigen zu lassen, und kamen dann glcklich durch das Nordtor und, durch die nrdliche Vorstadt nach Westen abbiegend, in eine von vielen Fluarmen durchzogene, ganz glatte, mit Steingerll bedeckte Ebene. Wir waren noch nicht 200 Meter von der Stadt entfernt, als rechts ein mchtiger Wolf stand. Er beobachtete eine Hammelherde, wurde von dem Hunde wtend angeklfft und von dem Hirten durch Zurufe zu verscheuchen gesucht. Ich ritt heran, sa ab, kniete hin und scho ihn in aller Gemtsruhe auf noch nicht 35 Schritte Entfernung; er hatte gar nicht daran gedacht, auszukneifen. Es war wiederum eine Szene, die ich nicht glauben wrde, wenn ich sie nicht selbst erlebt htte. Leider war er im Fell nicht sehr gut, so da ich ihn den mich begleitenden Soldaten berlie. Es war heute reichlich warm, 30 Grad Celsius, die Sonne blendete auf dem endlosen Steinfelde recht unangenehm; dieser Glanz wirkte geradezu einschlfernd, so da mir auf dem Pony mehrfach die Augen zufielen und ich deshalb lieber zu Fu wanderte. Wir sahen noch mehrfach Antilopen und einmal einen jagenden Wolf, jedoch in ziemlicher Entfernung. Erst um 7 Uhr kamen mchtige Mauern auf einer Anhhe vor uns in Sicht, es war Dzia y kwan an der groen Mauer, das Ausgangstor des eigentlichen China nach Westen. Gegen 10 Uhr berschritten wir einige Fluarme, dann ging es die Anhhe hinauf und durch zwei Tore in die Vorstadt, in der das Gasthaus liegt. Nach einer schlecht verbrachten Nacht marschierten wir am 21. Mrz bei leicht bedecktem Himmel und der stets den Staubsturm ankndenden Schwle weiter. [Illustration: Reisender Sarg (nach der Heimat), Kansu] Es ging zuerst durch die nach chinesischen Begriffen uerst stark befestigte Stadt; die Steinhaufen auf den Mauern zeigen an, da man gegen etwaigen berfall durch die Mohammedaner mit Wurfgeschossen versehen ist. Die groe Mauer, die wir hier berschritten, ist nur ein elender Lehmwall und wohl mehr Grenz- als Verteidigungsmauer. Der Weg fhrte durch eine ebensolche Steinwste wie gestern, nur da die Gegend heute etwas hgelig war. Ich versuchte mehrfach, an Antilopen heranzukommen, aber das Gelnde war zu offen. Als wir in Chui-Chui-pu eintrafen, brach gerade der Sandsturm los. Das Dorf ist eine kleine Oase in der Wste, von kaum fnf Menschen bewohnt. Auer altem Brot und frischem Wasser gab es auch nichts zu beien und zu brechen. Am 22. Mrz hatte der Staubsturm noch nicht nachgelassen. Es ging weiter durch Steppen, zuweilen an einzelnen zerstrten Husern, den berbleibseln frherer Ansiedelungen, vorbei. Das Gelnde wurde steiniger, die Bergformen schroffer, und bald sahen wir uns inmitten von Felswnden. Nach 60 Kilometern Marsch langten wir abends in Tschy-Djin-Hsia an. Nachts wurde ich durch anhaltendes Schnauben der Stute aufmerksam und fand in ihrer Krippe eine groe Ziege, die die Stute auerdem noch mit den Hrnern angriff, was dieser doch wohl etwas zu viel war. Der Wind sprang in der Nacht zum 23. Mrz nach Norden um, und der Staubsturm nahm noch zu. Die 50 Kilometer Wste, die wir heute bis Y Mnn Hsien zurcklegen muten, kamen mir endlos vor. Um 3 Uhr hatten wir einen zugefrorenen Flu, mit einer einen Meter breiten Eisspalte in der Mitte, vor uns. Die Karren muten weit ausbiegen, um einen bergang zu finden. Ich ritt voraus und suchte Quartier. In smtlichen Gasthusern innerhalb der Stadt war kein Pltzchen frei; wir kamen auerhalb unter. Die Tren fehlten zwar, aber es war immer noch besser als biwakieren. Die mitreisenden Chinesen setzten mir ein Diner vor, fr mich das Zeichen, da ich ihnen wieder einen Karren besorgen sollte. Merkwrdig ist es doch, da hier im Innern der Europer mehr erreicht, als der Chinese selbst. In unserm Gasthaus logierte auch ein nach der Heimat im Osten reisender Sarg mit dem in einem Kfig befindlichen weien Hahn darauf. Man erzhlte mir, es herrsche hier fnf Monate lang tglich derselbe Wind; eine angenehme Gegend! Die armen Pferde froren in den offenen Stllen sehr; man mute ihnen das Futter in ganz kleinen Portionen geben, da es der Wind sonst sofort wieder aus der Krippe hinwegfegte. Bei noch strkerem Staubsturm warteten wir am 24. Mrz bis Mittag; es war nicht mglich, die Nase nur aus der Tr hinauszustecken. Gegen Mittag kam die Karre, doch fiel beim Umdrehen das eine Rad ganz auseinander; wir saen also wieder fest. Dazu hatte der Mafu Leibschmerzen und kam alle fnf Minuten, um mir sein Leid zu klagen, verweigerte aber das Kalomel, das ich ihm verordnete, und nahm statt dessen irgendeine unbestimmbare chinesische Arznei, wonach die Schmerzen nicht besser, sondern schlimmer wurden. Meine Reisebegleitung ftterte mich hier mit den schnsten Sachen, deren Zubereitung ausgezeichnet war, wenn man die mehr als drftigen Hilfsmittel zum Kochen bedenkt. Jeder Reisende kochte sich sein Essen selbst, und zwar an einem mitten in der Stube auf der Erde angemachten Feuer. Feuergefhrlich sind diese Rume allerdings nicht, da auch nicht das geringste Stck Mbel sich darin befindet und man berall nur die kahlen Lehmwnde sieht. Um 2 Uhr kam die Nachricht, es knne kein Karrenfhrer aufgetrieben werden. Wie blich, war der Karrenfhrer weggelaufen, weil es ihm nicht pate, zu fahren. Vor dem nchsten Tage war also nichts zu machen. Da der Staubsturm inzwischen ein wenig nachgelassen hatte, zog ich in sdlicher Richtung auf die Antilopenjagd und hatte auch bald einen Sprung von 13 Stck nicht weit von der Stadtmauer aufgetrieben. Die Tiere lieen mich hchstens 800 Meter herankommen, trotzdem ich, ohne Mtze, wie ein Indianer auf dem Bauche kroch, um in den das Gelnde durchziehenden Rinnen vorwrts zu kommen. Wir bewegten uns eigentlich fortwhrend im Kreise. Schlielich scho ich auf 400 Meter und zerscho einer Antilope den linken Vorderlauf, trotzdem entkam mir das Tier auf drei Lufen. Ich ritt hinterher, fand es aber nicht mehr vor. Mit Antilopen habe ich jedenfalls kein Jagdglck. Beim Rckwege fing es an zu schneien, und als sich gegen 7 Uhr abends der Wind legte, blieb der Schnee liegen. Ich beschftigte mich am Abend damit, einem jungen Chinesen meiner Reisebegleitung zur allgemeinen Freude deutsche Freibungen beizubringen. Bis jetzt hatten die andern meinen allabendlichen Gewehr bungen mit Kopf schtteln zugesehen. Am 25. Mrz um 8 Uhr langten glcklich die beiden Karren an, so da wir endlich fortkamen. Morgens war mein Thermometer verschwunden, fand sich aber in einem zusammengekehrten Schneehaufen wieder. Die Gegend war unverndert, teils steinige, weite Flchen, teils Steppe. Der Schnee blendete derartig, da wir unsere schwarzen Schutzbrillen heraussuchen muten. Der Mafu klagte noch immer ber Leibschmerzen, wollte nichts essen und war schlechter Laune. Ein Chinese, der einmal nichts gegessen hat, versagt sofort vollkommen; von irgend welcher Selbstbeherrschung ist nicht die Rede. Gegen 2 Uhr erreichten wir einen ziemlich groen Ort, namens San-tan-gu, an einem augenblicklich ziemlich wasserreichen Flusse gleichen Namens. Mit uns zugleich kam von der anderen Seite ein groer Pferdetransport aus Turfan an. Die Tiere gefielen mir nicht, sie waren hochbeinig, ohne Gurtentiefe, mit kurzer Schulterlinie und in den Sprunggelenken wenig schn; alle hatten Ramsnasen, es war das berhmte turkestanische Pferd. Die Leute aus Turfan erzhlten, da sie 27 Tage geritten wren, danach brauchte ich nach Kaschgar mindestens noch 70 Tage. Dem Mafu ging es heute besser; er hatte gestern abend infolge seiner Krankheit weder gefuttert noch geputzt, hingegen sich den Bauch massieren lassen. Meiner chinesischen Reisebegleitung war der Karrentreiber mit einem Maultier ausgerckt. Einen nahm ich mit, einer fuhr die Karre mit nur einem Tier, die andern gingen zu Fu, was ihnen, meiner Meinung nach, nur dienlich sein konnte, da sie sich zu wenig Bewegung machten und fr zwei aen. Es ging heute den ganzen Tag durch Steppe, durchzogen von mehreren Bchen, die augenblicklich ziemlich viel Wasser fhrten. Mehrfach waren lange Strecken sumpfig. Ich sah Fasanen, sonst nichts an Wild. Der Abend war angenehm milde; wir rasteten unter hohen, schnen Bumen an einer Quelle, in den Ruinen einer Ansiedlung. Etwas nach Mitternacht traf der ausgerissene Karrenfhrer per Esel ein, und zwar mit einem solchen Lrm, da ich davon erwachte. Kaum war Ruhe eingetreten, als der neue Esel zu singen anfing, und zwar ohne Zwischenpause. Ich stand auf, holte mir den Besitzer und lie ihn sein Tier wegbringen, alles in etwas beschleunigtem Tempo. Gutes deutsches Zureden verfehlt auch in China seinen Eindruck nicht. Der Esel fand Kameraden und war ruhig. Dafr machte sich Staubsturm auf, und bald war man in Sandwolken eingehllt. Ich klappte meinen Kopfschutz im Schlafsack hoch und schlief sogleich, trotz Eselsgeschrei und Staubsturm, fest ein. [Illustration: Ngan Hsi Tschau -- Packtiere fr den Wstenritt] Wir passierten am 27. Mrz Po lung Hsia, und waren am Abend in Hsiau-wang-pu, wo nur ein groer, gemeinsamer Raum zu haben war, den ich mit vielen Chinesen teilen mute. Bei ganz bedecktem Himmel kam von Zeit zu Zeit ein Schneeschauer; hin und wieder war sdlich das Nan Schan-Gebirge sichtbar, von dem die Chinesen sagen, da es sich bis nach Kaschgar hin erstrecke, womit sie nicht unrecht haben, da sowohl das Humboldt-Gebirge, wie der Altyn Tagh und Kwen-Lun als Fortsetzung des Nan Schan angesprochen werden knnen. Um frhzeitig in Ngan Hsi Tschau zu sein, wurde am 28. Mrz schon um 5 Uhr abmarschiert; wie gestern, ging es durch Steppe unter einem endlich einmal wolkenlosen Himmel. Als wir in die Stadt kamen, sah man, da sdlich eine zweite, jetzt gnzlich verlassene Stadt liegt. Sie war infolge des sumpfigen Untergrundes zu ungesund, daher haben sich die Bewohner nrdlich neu angebaut. Der Ostwind hat den Sand so an die Stadtmauer herangeworfen, da er an einzelnen Stellen bis an den oberen Rand liegt und sogar auf der inneren Seite noch eine Art Rampe bildet, die Stadt selbst, vollkommen chinesisch, bietet nichts Interessantes. Wir konnten wieder einmal keine Karre bekommen, Kamele waren berhaupt nicht zu haben, und die Packponies, die mir angeboten wurden, sahen derartig elend aus, da ich nicht wagte, mit ihnen die jetzt vor uns liegende Wste zu kreuzen. Ich mute mich also in Geduld fassen und Ruhetage machen. Meine Reisebegleitung spendete wieder einmal, wahrscheinlich infolge des Karrenwechsels, ein Diner; ich hatte aber genug von der Sache und schlug ihnen rundweg ab, mich noch weiter um ihre Karren zu bemhen. [Illustration: Ngan Hsi Tschau] Am Morgen des 29. Mrz zog ich mit einem Begleiter zum Sdtor hinaus auf die Antilopenjagd. Vorher gab es noch einen kleinen Auftritt. Ich hatte meine smtlichen Decken im Freien aufgehngt, um sie zu sonnen, als ein Quartier machender Mafu hereingeritten kam und sie einfach in den Schmutz ri. Ich versetzte ihm sofort eine Zchtigung und zwang ihn, alle Decken wieder fein suberlich zu reinigen und aufzuhngen. Das umstehende Volk nahm gegen mich Partei, und nur dem gerade zur Jagd umgehngten Karabiner hatte ich es zu verdanken, da es nicht einen greren Skandal gab. -- Wir zogen zum Sdtor hinaus, nach Sden zu, sahen aber lange nichts, bis wir hinter einer Sandhgelreihe ein Rudel von elf Antilopen aufstberten, welche sofort absprangen. Nun ging es wieder wie gewhnlich; ich kroch stundenlang hinter den einen halben Meter hohen Sanddnen herum, ohne nher als 400 Meter an die Tiere herankommen zu knnen. Einmal scho ich unterwegs mit dem Erfolg, da der ganze Sprung wieder flchtig wurde und verschwand. Erst nach einer Weile hatte ich sie mit dem Zei wiedergefunden, doch sehr weit entfernt. Es bot sich aber eine ausgezeichnete Gelegenheit zum Anpirschen durch ein ausgetrockenetes Bachbett, in dem ich in gebckter Haltung, ber Schlamm, Gestrpp und gefallene Bume, manchmal auf allen Vieren kriechend, schnell vorwrts kam. Von Zeit zu Zeit vergewisserte ich mich, ob sie noch da wren; sie zogen ganz langsam, ruhig send, weiter. Nach ungefhr drei Viertelstunden war ich heran; die Tiere hatten mich nicht bemerkt. Vorher hatte ich schon Zei, Pelzmtze und Patronengrtel meinem Begleiter abgegeben. Nun schob ich mich sachte an der steilen Bschung in die Hhe, aber schon hatte mich der Leitbock erblickt. Die Tiere schlossen zusammen und ugten nach mir hin; ich war wieder untergetaucht. Dann von neuem hinbersehend, nahm ich mir das nchste Tier aufs Ziel und scho. Es lag im Feuer, und als ich hinkam, -- die Entfernung betrug 148 Schritt -- waren auer ihm noch zwei zur Strecke die ersten beiden hatten Blattschu, das dritte Halsschu; ich nickte es ab, der Rest war flchtig, alle drei waren Bcke. Natrlich war groe Freude ber den schon so lange ersehnten Erfolg. In der Nhe weidete eine Kamelherde, deren Hirten jedoch um kein Geld zu bewegen waren, ihre Herde zu verlassen und die Jagdbeute in die Stadt zu bringen. Mein Begleiter lief daher nach Ngan Hsi Tschau zurck, um eine Karre zu holen, nachdem der Versuch, die gekoppelten Tiere am Karabiner zu tragen, wegen ihrer Schwere miglckt war. Nach zwei Stunden langem Warten erschien am Horizont ein Ochsenkarren, auf dem wir die drei Tiere glcklich heimtransportierten. Auf dem Rckwege sahen wir noch zweimal Fchse und Antilopen. In der Stadt war helle Aufregung, als wir mit den drei Antilopen ankamen, eine reine Vlkerwanderung flutete nach meinem Gasthause, und jeder wollte das Gewehr nher besichtigen, mit dem ich den glcklichen Schu getan hatte. Ich machte Strecke, photographierte meinen Begleiter mit den Tieren und schenkte ihm eine Antilope, eine schickte ich dem Yamen und eine behielt ich selbst nebst allen drei Gehrnen. Wir waren nun wenigstens fr die nchsten Tage mit Fleisch versorgt. Abends gab es Antilopen-Gulasch, von der wieder ganz vershnten chinesischen Freundschaft sehr gut zubereitet. [Illustration: Eine hbsche Chinesin] Irgend ein Mandarin war mit groem Gefolge aus Hami eingetroffen, darunter zwei hbsche, junge Frauen; sie wohnten neben mir und benutzten jede Spalte und Ritze, mich zu beobachten. Ganz besonderen Spa schienen ihnen meine eingehenden Waschungen zu machen; der Chinese kennt so etwas nicht. Sie kamen aus dem Kichern und dem "Nican, nican!" (sieh nur, sieh nur) nicht heraus. Abends schickte mir der Yamen Nachricht, da er noch keinen Karren htte auftreiben knnen und Kamele bis Hami unter 15 Taels pro Stck nicht zu haben wren. Das war mir zu teuer, besonders wenn man bedenkt, da ein gut bespannter Karren fr dieselbe Strecke nur 18 Taels kostet. Dies war der Dank fr die geschenkte Antilope! Es blieb mir also nichts weiter brig, als am nchsten Tage wieder die Antilopen zu ngstigen. Beim Schlafengehen bemerkte ich, da mein groer Pelz fehlte, der drauen gesonnt worden war und den mein Mafu vergessen hatte, hereinzubringen. Alles wurde sofort alarmiert; ich drohte bereits mit Abzgen vom Gehalt und Prgel vom Yamen, als er sich endlich in einem der Karren des Herrn aus Hami wiederfand. Einer der fremden Mafus hatte ihn bereits als willkommenes Beutestck annektiert. [Illustration: Ngan Hsi Tschau -- Antilopenstrecke] ber Nacht setzte aus Osten ein kolossaler Staubsturm ein, der strkste, den wir bisher gehabt hatten. Ganze Wolken von Sand, mit Streu und kleinen Steinen gemischt, flogen mir ins Gesicht, so da ich davon erwachte. An eine Weiterreise war, auch wenn die Karre pnktlich gekommen wre, gar nicht zu denken. Die Chinesen rhrten sich nicht aus ihren Zimmern und hockten berall auf den Kangs, frierend und faulenzend oder rauchend. Einige von ihnen vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen, was ich zu ihrem groen Vergngen als recht schlechte Unterhaltung brandmarkte. Auerdem sprachen sie den ganzen Tag von nichts anderm als von Weibern und von den Freuden, die ihrer in Hami warteten, was ich zu ihrer noch greren Belustigung als vllig verwerflich bezeichnete. Meine schne Nachbarschaft rauchte Opium, eines der Weiber stillte dabei einen Sugling, und das alles bei offener Tr. Wir kochten uns Antilopenfleisch, dessen wundervolle Bouillon der Mafu den Schweinen geben wollte, die Chinesen mgen sie nicht; er begriff gar nicht, da ich mir eine groe Schssel davon zurckstellen lie und mir auch die Gehrne zurckbehielt. Mehr als einmal bat mich einer der Chinesen um ein Gehrn mit der Bemerkung, da es ja fr mich wertlos sei. Der zu berschreitende Su lei ho war durch den Sturm angestaut und weit aus den Ufern getreten, so da Mongolen, die ihn am Abend mit ihren Kamelen berschreiten wollten, zurckkehren muten. Am nchsten Tage hielt der Staubsturm, wenn auch nicht mehr ganz so stark, doch noch an, es war aber noch mehr Staub in der Luft, so da man nicht quer ber den Hof sehen konnte. Der Karren kam selbstverstndlich wieder nicht; dafr war niemand ausgefahren und das Gasthaus bis auf den letzten Platz gefllt. Zum Entsetzen des Mafu beschlo ich, selbst zum Yamen zu gehen; er wute schon, da ich mit dem Yamengesindel kurzen Proze zu machen pflegte, und frchtete, da seine eigene Schwche der Gesellschaft gegenber herauskommen wrde. Im Yamen angekommen, griff ich mir sofort den Unverschmtesten im Dienerschaftszimmer heraus und sagte ihm, da ich ihn nicht eher loslassen wrde, als bis er mir die Karre gezeigt htte, die ich bekommen sollte. Er wollte anfangs nicht hren; als ich ihn aber, ohne ein Wort zu sagen, ruhig festhielt, wurde er doch gefgig, und richtig bekam ich in einem ziemlich entfernten Gehft die fr mich bestimmte Karre zu sehen, vorlufig noch ohne Rder; letztere sollten beim Stellmacher und noch in Arbeit sein; also weiter, dorthin. Die Rder waren seit vierzehn Tagen fertig, nur hatte kein Mensch danach gefragt oder sie abgeholt. Ich lie sofort die Rder zur Karre bringen und diese zusammensetzen, dann wurde der Yamenmann entlassen; er war sehr hflich geworden, nachdem ich ihm mit der Peitsche gedroht hatte, falls er mich nicht mit "Lauye" (Herr) anrede, was er vorher nicht fr ntig gehalten habe. [Illustration: Karrenreparatur in der Wste Gobi] Nun hatte ich zwar meine Karre, an Ausrcken war aber nicht zu denken. Gegen 1 Uhr versuchte ich einmal mit der Bchse zum Sdtor hinauszugehen, mute indessen bald wieder umkehren, da man nicht zehn Schritt weit sehen konnte und es ganz aussichtslos war, an Antilopen heranzukommen. [Illustration: Durch die Wste Gobi zum Thien Schan 11 Marschtage = 525 Kilometer. Durchschnittsmarschleistung 47,7 Kilometer] VI. KAPITEL. Durch die Wste Gobi zum Thien Schan. Der 1. April brachte uns endlich bei ganz bedecktem Himmel und warmer feuchter Luft abwechselnd Regen und Schnee; der Staubsturm hatte sich gelegt. Wir packten auf und marschierten um 6 Uhr ab, als gerade die Kavallerie, dreiig Kpfe stark, einrckte. Angesichts des drohenden Regens hatten sie es vorgezogen, am Tore kehrt zu machen und sich das Exerzieren zu schenken. Wir ritten zum Nordtore hinaus auf die als breiter dunkler Streifen am Horizont sichtbare Wste zu. Mit uns zugleich kamen eine Menge Ochsenwagen, die hier die Fhre ber den Su lei ho ersetzen. An diesem angelangt, fanden wir einen breiten, reienden Strom, der weit aus den Ufern getreten war. Diesseits stand eine Menge Chinesen teils mit, teils ohne Karren, jenseits eine Anzahl Mongolen auf Kamelen beritten, beide Teile wartend, wer es zuerst wagen wrde, den Strom zu kreuzen. Die Chinesen machten sich dabei laut ber die Mongolen lustig, da sie nicht ins Wasser wollten, whrend diese sich schweigend verhielten. Als ich eintraf, bot ich einem Kuhwagenfhrer die hohe Summe von 5 Cash, wenn er fahren wollte, aber erst, als ich mein Gebot auf 8 Cash steigerte, entschlo sich einer, fr diese Riesensumme sein Leben zu riskieren; unter einem wahren Indianergeheul der versammelten Menge fuhr der Karren durch. Der Ochse mute seinen Kopf zwar sehr hoch halten, aber es gelang. Das Wasser ging an der tiefsten Stelle ber den niedrigen Wagen hinweg; ich schtzte es auf 1,10 Meter. Mit demselben Geschrei fuhren wir nun hinein, ich selbst auf der Karre, die Pferde hinten angebunden. Einen Augenblick drohte der Strom die vorderen Pferde wegzureien, aber wir schlugen, was wir konnten, mit den Peitschen darauf los und kamen noch gerade an der uersten Kante der Einfahrt zur Furt heraus. Weiter unterhalb war das Ufer hoch und sehr steil, so da wir dort in eine recht unangenehme Lage geraten wren. Der Karrenfhrer benutzte den Erfolg, um eine halbstndige Pause einzulegen und den Vorfall erst einmal grndlich zu errtern. Unterdessen ritten die Mongolen ins Wasser hinein. In der Mitte des Flusses stoppten die Kamele, und es schien, als ob sie nicht mehr weiter knnten, daraufhin allgemeines Freudengeheul der Chinesen. Aber sie kamen doch durch, was mich sehr freute. [Illustration: Weg durch die Wste (Wagenspuren)] Nun ging es hinein in die Wste. Kein Baum, kein Strauch, kein Vogel, nichts als weite, steinige Flche, dazu Regen und kalter Wind aus Nordwesten, es war wirklich zu traurig. Der Weg kommt dem Reisenden endlos vor, er bietet zu wenig Abwechslung; nur von Zeit zu Zeit mahnt ein Kamel- oder Pferdegerippe, da der Pfad nicht ganz gefahrlos ist. Als wir noch 35 Li von unserm beabsichtigten Rastorte entfernt waren, wurde die Gegend hgelig und vereinzelte Steppengrasbschel und Wstenpflanzen tauchten auf. Ich trabte voraus, da zu viele Menschen demselben Ziel zustrebten und ich mir eine Stube sichern wollte. Infolge des dreitgigen Sandsturmes in Ngan Hsi Tschau hatte sich eine ziemliche Menge wandernden Volkes angesammelt, die alle dem ersehnten Turkestan zueilten. Die meisten waren kleine Handwerker, die im fremden Lande ihr Glck versuchen wollten, das ihnen wahrscheinlich in der Heimat nicht geblht hatte. Ich fand denn auch in der einzigen vorhandenen Herberge alles gepfropft voll, mir wurde aber doch nach Rcksprache mit dem Geschftsfhrer ein Zimmer eingerumt. [Illustration: Rast in der Wste Gobi] Am 2. April ging es weiter bei kaltem Nordwest ber steinige Hgel. Die Gegend bietet gar keine Abwechslung. Abends lagerten wir an einer Wasserstelle, um die herum einst einige Gebude gestanden haben, die jetzt vollkommen in Trmmern liegen. Das Wasser war bitter und wurde auch von den Pferden nur ungern genommen. ber Nacht war es hundekalt. Halb bedeckter Himmel und stetig zunehmender eisiger Nordwest-Wind kennzeichneten den 3. April. Die armen Pferde kamen mit der schweren Karre kaum gegen den Wind an. Ich ritt immer mglichst dicht dahinter, um mich etwas zu schtzen, war aber bald so durchgefroren, da ich es vorzog, zu Fu zu gehen, und zwar so schnell, da ich ber eine Stunde frher als die Karre in Ta tschuan eintraf. Mir fiel es auf, da die Rder der Karren hier fast alle ohne Radreifen sind; da sie bei den steinigen Wegen berhaupt noch zusammenhalten, ist mir unbegreiflich. Abends fate ich wieder meinen Karrenfhrer beim Futterstehlen ab; dafr konnte ich ihm hinterher eines seiner Pferde kurieren, das leichte Kolik hatte. Gegen neun Uhr legte sich der Wind, es wurde ganz still, aber sehr kalt; das Thermometer zeigte minus 12 Grad Celsius. Wir hatten am nchsten Tage wundervolles Wetter mit schwachem Nordwest. Gleich hinter dem Dorf standen zwei Antilopen, denen ich im Jagdeifer so weit folgte, da ich den Karren erst um 11 Uhr wieder einholte. Gegen Mittag kamen wir nach Malan Dschinzo, einem aus zwei Gasthusern bestehenden Ort an einer leicht salzhaltigen kleinen Quelle. Die Freundschaft war beleidigt, weil ich immer vorauseilte und mir die besten Zimmer aussuchte, auerdem ihnen durch meinen Mafu hatte sagen lassen, da ich ein Zusammenwohnen in einem Zimmer nicht schtzte. Nachmittags ging ich wieder auf Antilopenjagd, bekam auch drei ganz entfernt zu sehen und versuchte zwei Stunden lang, jedoch ohne Erfolg, an sie heranzukommen. An die paar Huser des Nestes stt eine kleine, zerfallene, mit einigen Soldaten besetzte Befestigung, die dem Ruberunwesen steuern soll. Das Dorf besitzt zwar eine groe Rinderherde, aber keine einzige milchgebende Kuh. [Illustration: Ansiedlung Chin Chin-Hsia] Nach 45 Kilometer Marsch durch hgelige, teils steppenartige, teils gnzlich wste Gegend gelangten wir am 5. April nach Chin Chin-Hsia, einer kleinen Ansiedlung innerhalb hoher Felsberge, die eine Quelle mit wirklich gutem Wasser aufweist. Die Kuppen rings um sind mit kleinen Steinpyramiden gekrnt, die nur zur Verschnerung der Gegend dienen sollen. berall lag hier noch Schnee. Wir passierten heute die Grenze zwischen Kansu und Tsin Tsiang, die durch einige behauene Steine bezeichnet ist, auerdem durch ein kleines, mitten in der Wste stehendes Tempelchen, an dem die Karrenfhrer ihren Kotau machten und dabei zwei in der Erde stehende Pfhle mit Achsenschmiere bestrichen, um gute Fahrt bittend. Die Pfhle sahen aus, wie mit dem dnnen Ende in der Erde steckende Keulen, denn oben waren sie von der vielen daran haftenden Schmiere ganz dick. Die Nacht schlief ich endlich einmal wieder recht gut unter Dach und Fach. [Illustration: Tempel und Opferstcke in der Wste Gobi] Beim Abmarsch am 6. April gab es eine recht unerquickliche Szene. Ich hatte meine Rechnung so bezahlt, wie es vom Geschftsfhrer verlangt wurde. Es war nicht zu teuer fr diese, so viele Tagereisen von jeder Zivilisation entfernte Gegend. Meine Reisebegleiter nun hatten gar nichts gekauft, nicht einmal Brennholz, welches sie unterwegs in Gestalt von Dornenstruchern und Kamelmist, mit dem man hier heizt, gesammelt hatten. Dabei war von ihnen die Kche benutzt worden und sie hatten auch einen Raum fr sich allein beansprucht. Jeder reisende Kuli gibt fr die Unterkunft mindestens 20 Cash und schlft dafr auf dem allgemeinen Kang. Die fnf Kpfe starke Gesellschaft aber gab dem alten freundlichen Chinesen nur 27 Cash im ganzen, also viel zu wenig. Darauf wollte der alte Mann sie nicht fortlassen und wandte sich an mich mit der Bitte, ihm doch zu seinem Gelde zu verhelfen, wofr er seinem Herrn einstehen msse. Ich gab ihm vollstndig Recht, wollte mich aber nicht einmischen, da die Sache mich schlielich nichts anging. Ich lie daher fr meinen Karren das Tor ffnen und ritt weiter. Kaum waren wir gegen 300 Meter weg, als wir hinter uns lautes Geschrei hrten. Die Gesellschaft hatte die Durchfahrt erzwungen und verhieb nun noch obendrein zu vieren den einzelnen alten Mann. Das ging mir denn doch zu sehr gegen mein Gerechtigkeitsgefhl. Ich kehrte um, ri den einen zurck, die andern aber entwichen schleunigst, als sie mir ansahen, da ich Ernst machte. Ich rief ihnen zu: "Wer den alten Mann noch einmal anfat, den schlage ich nieder." Die vier Feiglinge wagten auch nicht zu mucksen, sie hatten den armen alten Kerl blutig geschlagen und ihm der Zopf halb ausgerissen. Ich spuckte vor der Gesellschaft aus und sagte ihnen, da ich ihre Handlungsweise fr grundgemein hielte, im brigen wrde ich dem alten Mann sein Geld geben. Im Hintergrunde widersprach einer der Gesellschaft und schimpfte; ich sprang auf ihn zu und hielt ihm die Faust unter die Nase, worauf er schleunigst hinter seine Karre floh. Dann nahm ich den Alten mit und brachte ihn in sein Haus. Er war ganz glcklich, machte fortwhrend Kotau und wollte das Geld durchaus nicht nehmen. So sind die Chinesen, einer wie der andere. [Illustration: Quelle und Tempel Chin Chin-Hsia in der Wste Gobi vor Hami] Nach fnf Kilometern hatten wir einen in die Felsen gebauten, kleinen, hbsch gelegenen Tempel vor uns. Alles stieg die Stufen hinauf. Das Innere war ganz mit Weihgeschenken behngt, rot- und gelbseidenen Fahnen, die mit Schriftzeichen bemalt waren. ber dem Altar hing die ewige Lampe. Ein alter Priester schlug eine schn klingende Glocke an, jeder machte einzeln seinen Kotau, dann schttelte er einen Wrfelbecher mit Wrfeln in Steinchenform vor dem Kotaumachenden aus und sagte ihm die Anzahl der gewrfelten Augen, es ist seine Glckszahl. Ein anderer Priester verlas aus einem dicken alten Buche die auf diese Zahl sich beziehende Deutung. Das Innere des Tempels machte ohne Frage einen feierlichen Eindruck. Von seiner kleinen Terrasse, auf der in Gestellen Fahnen, die blichen Waffen, ferner Pauken und Sttel stehen, hat man auf das Felsenmeer ringsum eine schne Aussicht. Alle Abhnge sind mit kleinen, bis einen Meter hohen Steinpyramiden bedeckt, die von den nach dem Tempel Wallfahrenden errichtet werden, es sind viele, viele Tausende. [Illustration: Chin Chin-Hsia-Tempel in der Wste Gobi vor Hami] Gleich hinter dem Tempel hatten wir einen sehr blen Abstieg, dann kreuzten zwei Antilopen den Weg, hinter denen ich mich sofort hermachte. Ich berschritt, immer auf den handbreiten Wechseln der Antilopen entlang laufend, drei Bergketten, ohne zum Schu kommen zu knnen; einmal hatte ich sie auf ungefhr hundert Schritte vor mir, war aber so auer Atem von dem Klettern ber die Felsblcke und von dem Rutschen ber die Schneeflchen, da ich nicht schieen konnte. Nach ungefhr einer Stunde gab ich die unntze Jagd auf, denn ich sah mit dem Glase die Tiere schon Kilometer weit abspringen, auerdem wurde ich fr den Rckweg besorgt, denn in diesem Felsenmeer verluft man sich sehr leicht. Ich nahm Marschrichtung nach Westen mittels Kompa, wobei ich die groe Strae unbedingt kreuzen mute. Nach einer Stunde strammen Marsches sah ich mit dem Zei die Telegraphenstangen vor mir und hatte bald die richtige Route erreicht. Leute, die gerade des Weges kamen, sagten mir, die Karre warte weit hinten auf mich. Ich setzte mich in die Sonne auf den Sand und malte zur bung chinesische Schriftzeichen. Gegen 10 Uhr kam die Karre; der Mafu hatte mich schon verloren geglaubt und war in Todesangst. Wir hatten mittlerweile bei unbedecktem Himmel Sandsturm aus Nordwesten bekommen, so da der Weitermarsch mehr als ungemtlich, wurde. Ich trabte voraus und machte in Ta tschuan tse Quartier, das heit, wir muten mit einer Stallecke vorlieb nehmen, etwas anderes war nicht zu haben, da aus Hami kommende Reisende alles besetzt hatten. Die chinesische Freundschaft oder jetzt vielmehr Feindschaft hatte mehr Glck. Ein Zimmer wurde gerade frei, als sie kamen, auf das sie sofort Beschlag legten. Ihr Karrenfhrer, der heute morgen fr mich Partei genommen hatte, frchtete sich vor ihnen und kam mit seinen Tieren zu mir; er fhlte sich unter meinen Fittichen sicherer. brigens hatten auch alle anderen Chinesen nach der Affre beim Abmarsch mir ihre Zustimmung fr mein Eingreifen mit erhobenem rechten Daumen ausgesprochen. Alles Gerechtigkeitsgefhl ist also bei ihnen nicht erloschen. Der Abend war ruhig und nicht sehr kalt. Hier war wieder eine Quelle mit sehr schnem Wasser, so da wir unsere Wasserscke und ausgehhlten Krbisse neu fllen konnten. Durch die steinige Wste ging es am 7. April weiter nach Ku schui; das Gelnde war leicht wellenfrmig. Wir hatten denselben Wind wie gestern, aber es war nicht so kalt dabei. Das Thermometer zeigte um 6 Uhr morgens plus 5 Grad. Es ist spaig zu beobachten, wie es die Karrenfhrer verstehen, sich stets irgend einen der mit uns denselben Weg ziehenden Kulis zur Hilfe heranzuziehen. Der Herr Karrenfhrer sitzt bequem auf der Karre, die Sttze mu die Pferde antreiben, mu im Gasthaus kochen, Pferde trnken usw. Dafr darf der helfende Chinese sein geringes Gepck auf die Karre legen. Das Wasser war heute ungeniebar, wir muten erst ein tiefes Loch graben, um berhaupt welches zu bekommen. Zum Kochen nahmen wir das von uns mitgefhrte Wasser und marschierten abends gleich weiter, weil der nchste Wasserplatz ber 70 Kilometer entfernt lag. Ich litt wieder an Verdauungsstrungen, wahrscheinlich weil ich gestern, als ich sehr durstig war, unabgekochtes kaltes Wasser getrunken hatte. Im allgemeinen pflegte ich nach chinesischer Sitte stets heies Wasser zu trinken; die eine Ausnahme hatte gleich ble Folgen. Unsere Reisegefhrten wollten eigentlich auch ber Nacht marschieren, zankten sich jedoch im letzten Moment mit ihrem Karrenfhrer. Dieser bat mich, zu vermitteln, ich htete mich jedoch, mich noch einmal mit diesen Leuten einzulassen. [Illustration: Aufbruch aus dem Biwak (Gobi)] Wir hatten die Nacht zum 8. April hindurch einen recht schweren Marsch in tiefem Sande. Ich war froh, als wir um Mittag am nchsten Tage Punkt 12 Uhr die lange Strecke hinter uns hatten und in Yen tun gutes Unterkommen fanden. Die Oase besitzt vier oder fnf Gasthuser, die natrlich die einzigen vorhandenen Gebude sind, auer einem Tempel, in dem die wandernden Bettler unterkommen. Ich hatte auf dem Marsche wieder einmal Gelegenheit, zu sehen, was fr zhe Menschen diese schlecht genhrten, eigentlich nur von Grtze lebenden Chinesen sind. Mit unserer Karre liefen drei nach Hami wandernde Handwerksburschen die ganze Strecke mit, dazu noch in ihrer unpraktischen Kleidung, ohne hinterher etwa besondere Mattigkeit zu zeigen, trotzdem auf dem Marsch keine Ruhepause gemacht worden war. Whrend das Thermometer in der Nacht unter dem Gefrierpunkt gewesen war, zeigte es um 3 Uhr nachmittags plus 42 Grad. Im Laufe des Tages trafen dann gruppenweise, je nachdem sie abmarschiert waren, alle Mitreisenden hier ein. Viele derselben kannten mich jetzt schon und begrten mich stets freundlich. Gegen Abend bemerkte ich drauen vor dem Tor einen Auflauf. Eine mit uns die gleiche Strecke reisende Familie, ein Mann, zwei Frauen und vier kleine Kinder, denen ich neulich schon einmal Geld geschenkt hatte, waren inzwischen vllig mittellos geworden und wurden jetzt vom Geschftsfhrer gezwungen, einen ihrer drei Esel zu verkaufen. Dies war fr die Leute ein harter Schlag, denn die Frauen konnten mit ihren verkrppelten Fen nicht laufen und den dritten Esel gebrauchten sie zum Transport ihrer kleinen Kinder, die in zwei Kisten, an jeder Seite des Sattels eine, untergebracht waren. Ich kaufte sofort den Esel fr denselben Preis zurck und stellte ihn den berglcklichen Leuten wieder zu. Ein anderer Mitleidiger schenkte ihnen noch 1000 Cash, so da sie nun wohl bis Hami, ihrem Bestimmungsort, gelangen konnten. Der Mann war ganz betubt von dem pltzlichen unerwarteten Glck. Mir taten die armen kleinen Kinderchen besonders leid und ich schickte ihnen noch Essen, da sie den ganzen Tag nichts bekommen hatten; auerdem berlie ich ihnen einen Sack Wasser. [Illustration: Rasthaus in der Wste Gobi] Tschanglu sui war das Ziel des 9. April. Die Wste war nicht mehr ganz vegetationslos, an einzelnen Stellen traten Grser auf, und einmal kam sumpfiges Wasser zutage, um welches herum einige Bume wuchsen, die ersten, die ich seit vielen Tagen wieder zu Gesicht bekam. Ich ging die ganze lange Strecke zu Fu, es wurde allmhlich drckend schwl; da ich Gamaschen, Pelzmtze und Pelzweste trug, so war ich beim Eintreffen in Tschanglu sui einem Hitzschlag nahe. Auf der Strae hatte sich eine grere, Hasard spielende Gesellschaft niedergelassen; es ging um geringe Betrge. Um fnf Uhr nachmittags spielten sie immer noch; die Kpfe waren rot und die Summen waren recht bedeutend gestiegen. Es lag viel Silber auf dem als Unterlage benutzten Tuch. Im Norden wurden die hohen, meist mit Schnee bedeckten Auslufer des Thien Schan sichtbar. Um 5 Uhr setzte aus Nordwesten Staubsturm ein, nachdem den ganzen Tag ein heier Ostwind geweht hatte; noch um 8 Uhr abends zhlte ich 22 Grad. Am nchsten Morgen hatte der Staubsturm abgenommen, und da wir den Wind im Rcken hatten, lie ich aufpacken und abmarschieren. Die Gegend war Steppe, von Zeit zu Zeit sah man sumpfige Stellen, auch vereinzelte Bume. Viele Pony- und Kamelherden grasten unter Aufsicht berittener Hirten, welche Luntenflinten, mit dem gabelfrmigen Auflegegestell am Gewehr, auf dem Rcken trugen. Es waren malerische Gestalten. Der Sturm lie mehr und mehr nach und es wurde wieder drckend schwl, fr die Leute, die, in ihre Schafpelze gehllt, von Ngan Hsi Tschau abmarschiert waren, nicht angenehm. Hinter uns fiel ein Karren in ein Sumpfloch. Die Mulis konnten weder vor- noch rckwrts und htten leicht ertrinken knnen. Ich lie halten, um zu helfen, half auch selbst mit; denn ich mochte den Su tschau fu'er Kaufmann, der, wie ich schon fter Gelegenheit gehabt hatte zu beobachten, rhrend fr seine Tiere sorgte, nicht sitzen lassen. Der Erfolg war, da die Tiere zwar herauskamen, ich selbst aber von oben bis unten mit gelbem Lehm beschmiert war. Dicht vor unserm heutigen Ziele, Chonnega, sah man das erste bestellte Feld. Wir kamen in der, eigentlich als Soldatenlager erbauten, aber nicht mit Soldaten besetzten, Herberge sehr gut unter. Die Anlage ist praktisch und, da sie neu ist, auch tadellos sauber, im Viereck erbaut mit zwei Stllen in je zwei Ecken. Ich hatte zum ersten Male seit Ngan Hsi Tschau einen Raum, den man als Zimmer bezeichnen konnte, und den Luxus eines Tisches und einiger Sthle, sogar frische Semmeln gab es am Abend. Durch das offene Fenster beobachtete ich, wie der Mafu den dicken Pony, meinen besonderen Liebling, schlug, weil er sich den zhen gelben Lehm nicht von den Beinen waschen lassen wollte. Da ich in diesem Punkte sehr kitzlich bin, gab es eine recht scharfe Auseinandersetzung und ich htte ihn beinahe schon heute entlassen; bald sollte er ohnehin den Rckweg antreten. Es war eigentlich meine Absicht, um 2 Uhr nachts schon abzumarschieren; ich war jedoch der einzige, der wach wurde. Der Karrenfhrer lag im Opiumdusel und mein Mafu war berhaupt nicht zu finden; ich mute warten, und wir konnten erst um 5 Uhr aufbrechen. Am Wege tauchten Drfer auf. Der typische Kuppelbau der Tempel und die Grber, die nicht, wie im eigentlichen China, runde Hgel sind, sondern, wie bei uns, eine lngliche Form haben, lieen erkennen, da wir bei Trken angelangt waren. Die Chinesen nennen diese Leute Schantus; es sind wohl Dschaggatai-Trken. Sie haben auffallend viel Bartwuchs im Gesicht und ziehen sich sehr bunt an; charakteristisch sind ihre Lederstiefel mit weicher Sohle ohne Absatz. Mit diesem Stiefel fahren sie dann in einen Pantoffel mit Absatz, den sie, sobald sie die Zimmer betreten, einfach ausziehen. In der Gesichtsbildung fllt sofort die starke Nase auf. In der Nhe von Hami wurde der Verkehr strker. Gegen 11 Uhr waren wir an der Stadt, durch die hindurch wir zur Beamtenherberge ritten, wo kein Unterkommen zu finden war. Von da aus ging es zur nrdlichen Vorstadt, in der wir ganz gut unterkamen; doch gab es gleich Skandal, denn die Menge benahm sich unverschmt und zudringlich. Als einige der Leute "Fremder Teufel!" riefen, griff ich mir einen von den Schreiern heraus. Schlielich nahmen aber die brigen Leute fr mich Partei und beschimpften den Betreffenden auch noch, so da ich ihn laufen lie. Man erzhlte mir, da noch ein Europer augenblicklich in Hami sei. Nachdem ich gegessen hatte und die Pferde besorgt waren, schickte ich den Mafu zum Yamen; ich selbst lie mich zu dem Gasthaus fhren, wo der Europer wohnen sollte. Man war sich ber Nationalitt und Beruf nicht einig; die einen behaupteten, es sei ein Russe, andere sagten, es sei ein Deutscher; jedenfalls sei er sehr grob. Ich wanderte durch die Stadt, eigentlich mu man hier schon Basar sagen, zum Gasthaus des Fremden, den ich gerade mit Waschen seiner Pferde beschftigt fand; sie hatten, ebenso wie die meinigen, Luse, und da auf die chinesische Bedienung kein Verla ist, machte er es ebenso wie ich und wusch sie selbst. Ich redete ihn an: "Sprechen Sie deutsch?" "Jawohl", sagte er, worauf ich erwiderte: "Ich bin ein Deutscher, und freue mich, einen Landsmann zu treffen." Er teilte mir mit, da er Bode heie und Kapitnleutnant auer Dienst sei, worauf ich mich ihm als deutscher Offizier vorstellte. Nun waren wir gleich im richtigen Fahrwasser, und als Kameraden fhlten wir uns wie alte Bekannte. Ich fand in Kapitnleutnant Bode einen weit gereisten Mann, der viel von der Welt gesehen hatte und sehr Interessantes zu erzhlen wute. Er reiste, wie ich, ohne greren Komfort und wechselte seine Begleitung und Dienerschaft von Ort zu Ort. Der hiesige Yamen hatte ihm zuerst jegliche Untersttzung verweigert. Daraufhin hatte er nicht lange gefackelt, sondern sofort mittels des ausnahmsweise funktionierenden Telegraphen die russischen Behrden in Urumtschi um Untersttzung gebeten. Die Russen hatten diese Gelegenheit benutzt, um ebenfalls telegraphisch irgendwelche hohen Chinesen zu drcken, und der hiesige Yamenbeamte schien eine scharfe Zurechtweisung erhalten zu haben; jedenfalls war er zahm geworden wie ein Lamm, was auch mir zugute kam. Man ersieht hieraus, wie weit der russische Einflu reicht, bis zur uersten Ostgrenze von Turkestan. Bode war ein unabhngiger, sehr energischer Mann, der zu seinem Vergngen reiste. Er beabsichtigte, ungefhr bis Hsi Ngan Fu den von mir genommenen Weg zu verfolgen und von dort aus spter nach Sden zu gehen. Ich sa bis spt abends bei ihm, trank aber leider zu viel von seinem vorzglichen, an der Quelle gekauften Ceylon-Kaffee, der mir solches Herzklopfen verursachte, da ich mich spter lange schlaflos herumwlzte. Meiner braven Sttze, dem Mafu, redete ich zu, mit Kapitnleutnant Bode wieder zurckzuwandern; auf diese Weise wurde ich ihn besser los, als wenn ich ihn spter hinaussetzte, was doch bald htte geschehen mssen, weil er von Tag zu Tag mehr verbummelte und ich fr das Geld, das ich ihm gab, drei Leute bekommen konnte. Frh morgens am 12. April, einem Sonntage, kam der Mann an, dem ich in der Wste seinen Esel zurckgekauft hatte; er brachte mir ein schnes, groes Stck Hammelfleisch zum Dank. Ich habe mich ber dieses Zeichen der Dankbarkeit ganz besonders gefreut, kam es doch von einem Chinesen, bei dem diese Eigenschaft sehr selten ist, und von einem ganz armen Mann. Ich ritt dann mit der Stute zu Kapitnleutnant Bode, um ihn zu einem gemeinsamen Besuche beim hier residierenden Schantu-Sultan abzuholen. Der Yamen des Sultans lag in der westlichen Vorstadt, die nur von Mohammedanern bewohnt ist. Da ich mich vorher hatte anmelden lassen, erwartete man mich bereits. Die Mitteltren wurden mir zu Ehren geffnet, und ich trat in einen langen, von Gebudereihen flankierten Hof. Am Kopfende befand sich ein hheres Gebude. Der Prinz kam selbst heraus und bewillkommnete mich aufs liebenswrdigste. Wir traten in eine schne Halle, deren Einrichtung ganz im chinesischen Stil gehalten war; man sah gemalte Schriftzeichen auf Rollen an den Wnden, geschnitzte Gitterfenster, sehr schne seidene Teppiche aus Chotan, Rotlacksachen, Jettgegenstnde und gute Porzellane. Wir bekamen Tee, Biskuits und kleine Konfitren russischen Ursprungs vorgesetzt. Ich fand in dem Sultan einen Mann mittleren Alters von sehr angenehmem Wesen, der bei weitem besser orientiert war, als der vornehme Durchschnitts-Chinese es zu sein pflegt. Ich unterhielt mich mit ihm Chinesisch, whrend Bode Trkisch mit ihm sprach; der Sultan beherrschte beide Sprachen. Wir blieben wohl anderthalb Stunden; er erkundigte sich nach woher und wohin und nach europischen Verhltnissen, besonders interessierten ihn die mehr oder minder freundschaftlichen Beziehungen der Vlker zueinander, und hierbei namentlich die englisch-russische Frage in bezug auf die Aufteilung Mittel-Asiens. Natrlich wollte er gern wissen, welche der beiden Mchte spter einmal sein Herr sein wrde; denn da dieses eintreten msse, hielt auch er nur noch fr eine Frage der Zeit. Nach meiner Ansicht wird es wohl der Russe sein. Mein Freund Boos war vor fnf Jahren auch bei ihm gewesen. Er zeigte uns sein Geschenk, ein Gewehr Modell 88, das gut im Stande war. Leider konnte ich mich mit solchen Geschenken nicht beliebt machen, da ich derartige Sachen nicht mit mir fhrte. Wir empfahlen uns dann, und der Sultan begleitete uns noch hinaus, um die beiden groen, fremden Pferde zu besichtigen. Kapitnleutnant Bode ritt einen sehr schnen arabischen braunen Hengst, den er selbst bei Mekka gekauft hatte. Ich ritt meine australische Stute. Natrlich zog der Sultan den Hengst vor, da dieser einen sehr schnen, langen Fasanenschweif hatte; meine arme Witwe fand infolge ihres kurzen Schwanzes nirgends Gnade vor den Augen der Besichtigenden. [Illustration: Kapitnleutnant Bode mit seinem arabischen Hengst "Lotto" in Hami] Ich hatte den Eindruck, da sich dieser halb selbstndige Frst mehr zu Stambul gehrig fhlt, als zu China; er erkennt aber den Kaiser von China als sein Oberhaupt an und wird par ordre de mufti, jedenfalls wohl nicht freiwillig, Ende dieses Jahres nach Peking reisen, um den Kaiser oder vielmehr die Kaiserin-Witwe mittels Kotau zu Neujahr seiner Ergebenheit zu versichern und den Tribut, bestehend in Geld, Teppichen und Ponies, sowie in Jett-, Silber- und Goldsachen abzuliefern. Wir ritten zurck. Ich fand in meinem Gasthause ein Diner vom Yamen vor; bald kam auch der Beamte selbst, der hier schon nach trkischer Sitte Amban heit, um mir seinen Besuch zu machen. Kaum war er hinaus, als der Taotai auch noch in Begleitung eines kleinen Shnchens erschien, der mich eine ganze Schachtel Schokolade kostete. Beide Mandarinen waren uerst liebenswrdig, nahmen mir aber mit ihrem Geschwtz eine Menge Zeit weg. Ich rechnete dann mit dem zurckgehenden Mafu ab; er bekam ber 40 Taels, was ein ordentliches Loch in meinen Beutel machte; aber besser, heute die Summe, als spter in Kaschgar annhernd die doppelte und noch einen Pony zum Zurckreiten, was ich mit ihm verabredet hatte. Ich packte dann alles auf, schickte den Mafu zum Yamen, der Packtiere halber, und engagierte mir einen mit mir von Ngan Hsi Tschau gekommenen weiter nach Westen wandernden Mann als Sttze. Er sah zwar ziemlich schmierig aus, machte aber einen ehrlichen Eindruck; er ging spter mit mir bis Kaschgar und hat sich stets als guter, ordentlicher Diener erwiesen, der am liebsten mit mir nach Deutschland gekommen wre. Den Abend verbrachte ich sehr angenehm bei Kapitnleutnant Bode; er hatte auer seinem arabischen Hengst Lotte noch vier andere Pferde, die teils aus Karaschar stammten, teils Kalmckentiere waren. Ich half ihm mit einigen Kleinigkeiten aus, die er mit ebensolchen erwiderte, auerdem gab er mir eine schwarze Liste smtlicher Mandarinen auf dem ferneren Wege bis Kaschgar mit, so da ich schon jetzt in der angenehmen Lage war, ber jeden derselben orientiert zu sein. Am 13. April morgens, kurz bevor ich abmarschieren wollte, kam vom Sultan als Geschenk ein Hammel, ein Sack Erbsen, ein Sack Reis, Heu, Stroh und Feuerholz. Zurckschicken konnte ich die Sachen nicht, also gab ich sie fr meine Rechnung in Zahlung und tauschte den Hammel gegen Pferdefutter ein. brigens ist ein Hammel hier nicht mehr als vier Mark wert. Kapitnleutnant Bode kam noch, um mir Lebewohl zu sagen. Er stand neben meinem Pferde, als ein etwa zehnjhriger Junge versuchte, ihm einen Beutel mit Goldstcken aus der Tasche zu ziehen. Bode ertappte ihn dabei und strafte ihn grndlich. Das Volk verhielt sich ganz teilnahmslos dabei. Ich zog weiter nach Westen durch die Mohammedanerstadt mit ihrer groen schnen Moschee und ihren charakteristischen Begrbnispltzen, hinaus in die Steppe, die hier jedoch nicht so trostlos de ist wie nach Sden zu, da sie von ziemlich vielen kleinen Wasseradern durchschnitten wird. Nach Norden zu bildet der Thien Schan mit seinen schneebedeckten Gipfeln einen wirkungsvollen Abschlu. Zu Kapitel VII. [Illustration: Chinesisch-Turkestan 26 Marschtage, 4 Ruhetage = 1215 km -- Durchschnittsmarschleistung 46,4 km] [Illustration: Chinesisch-Turkestan 23 Marschtage, 6 Ruhetage = 952 km -- Durchschnittsmarschleistung 41,3 km] VII. KAPITEL. Chinesisch-Turkestan. Abends waren wir in Tru foa, wo wir sehr gut unterkamen. Meine neue Sttze war willig und schnell. In glhender Hitze zogen wir am 14. April durch Steppe und Wste; wir hatten ber Mittag in der Sonne plus 45 Grad, und ich war froh, als ich die ersten Obstbume, die teilweise schon Blten angesetzt hatten, bei unserm heutigen Ziel, San foa, erblickte. Am nchsten Morgen hatten wir nur plus 1 Grad, es wurde aber bald wieder drckend hei. Wir hatten wieder nur einen kleinen Marsch nach San to lin, wo wir auch gutes Unterkommen fanden. Hier in Turkestan sind von 30 zu 30 Kilometer offizielle, von der Regierung erbaute Rasthuser, die, soviel ich gesehen habe, stets gut instand gehalten sind. Kurz nach der Ankunft bemerkte ich, da mein Thermometer fehlte. Der Ortsvorsteher stellte sofort einen Reiter, der nach dem letzten Quartier zurckritt, um dort danach zu suchen. Am Nachmittag wusch ich, zum Gaudium der Bevlkerung, besonders der Weiber, zuerst meine Stute, dann meine Wsche im Dorfbach. [Illustration: Mein Diener Djang tsche Tschang] Wir nherten uns nun allmhlich dem Thien Schan, der felsig und kahl ist, genau wie alle anderen Gebirge im Osten Chinas. Merkwrdig war der stete Wechsel der Temperatur whrend des Marsches. Kurz hintereinander ging es durch heie und dann wieder ganz kalte Luftschichten. Das Gelnde war heute ziemlich quellenreich, doch gehen die kleinen Bche meist nicht sehr weit, sondern versiegen im Sande. Wir waren oft gezwungen, erhebliche Umwege zu machen, um nicht in dem durchweichten Boden stecken zu bleiben. Einmal saen wir doch fest und muten alles abladen, um die Karre mit vereinten Krften wieder herauszuziehen. Gegen 3 Uhr erreichten wir Lo tung, das einen Kavallerieposten von 30 Mann in einem Lager hat. Die Kavalleristen sind fast alle verheiratet. Der Ort hat eine schne groe Quelle und eine ganze Menge Bume. Mein, neuer Diener, mit Namen Djang tsche Tschang, bewhrte sich durchaus; er war fleiig und aufmerksam, ob auch ehrlich, das konnte natrlich erst die Zeit lehren. Ich merkte jetzt erst, was fr ein unglaublich fauler Mistfink mein alter Mafu gewesen war und rgerte mich, da ich den Menschen fr mein teures Geld so weit mitgeschleppt hatte. [Illustration: Lo tung] Es ging heute durch Auslufer des Thien Schan bergauf und bergab. berall war steinbeste Wste. An einer Stelle war der Telegraph zerrissen und Kavalleristen flickten ihn; das mag etwas schnes geworden sein! Mitten in der Wste stand ein Gasthof und ein Pferdestall, an dem die Yamenreiter ihre Pferde wechselten. Natrlich war alles teuer und schlecht, wir aen das letzte Stck Fleisch aus Hami, von nun ab muten wir uns wieder auf Reis beschrnken. Gegen Abend setzte Staubsturm ein, der die ganze Nacht ber wehte und durch die das Fenster darstellende ffnung in der Wand ganze Staubwolken hineinwarf. Wir ritten weiter durch steile Felsberge. Unser beabsichtigtes Quartier, das wir gegen Mittag erreichten, war derartig berfllt, da ich beschlo, den Marsch noch fortzusetzen, nachdem ich eines der eingespannten Tiere im kaiserlichen Ponystall hatte umtauschen lassen. Man brachte uns ein noch ganz rohes Tier, das erst gefesselt werden mute; die Chinesen lieen den sehr unruhigen Pony so lange mit der Fessel ziehen, bis er beinahe zusammenbrach, erst dann machten sie die Fessel ab; das Tier hatte sich die Lehre gemerkt und ging nun sehr gut. Wir passierten noch einige Kilometer Felsberge und gelangten dann in eine schrge Ebene, in der uns der Sturm wieder voll fate. In den Bergen war es dafr drckend schwl gewesen. Gegen Abend langten wir in Kosch an, wo wir die Nacht blieben. Am 19. April herrschte noch immer eisiger Sturm, trotzdem das Thermometer gar nicht tief stand; man wurde beinahe vom Pferde herabgeweht. Zuerst ging es 20 Kilometer durch mit vereinzelten Tamarisken, bestandene Ebene; an einem kleinen, hbsch gelegenen Orte wechselten wir die Pferde, dann fing wieder der steinige Weg an; es war vollkommen so, als ob man ber Schotter auf einer neuen Chaussee marschiert und fr die armen Pferde sehr anstrengend. Der Wind lie nicht nach und benahm einem vollkommen den Atem. [Illustration: Kleines Felsennest hinter Kosch (Turkestan)] [Illustration: Rasthaus in der Wste] Gegen drei Uhr nachmittags langten wir in einem einzelnen kleinen Hof, mitten in den Felsbergen, an. Hier wohnte der Beamte, der die kaiserliche Post besorgt und die posttragenden Reiter kontrolliert. Er ist ein Hunanese, und wie alle Leute aus dieser Provinz, auerordentlich freundlich. Da den Pferden die Beine sehr wehtaten, beschlo ich, zu bleiben und wurde von dem Beamten sofort liebenswrdig aufgenommen. Natrlich mute ich mit der ganzen Gesellschaft in einem Raume wohnen; von sieben Menschen rauchten sechs Opium, und obgleich ich trotz Staubsturm die Tre nicht zumachen lie, war es vor Gestank kaum auszuhalten. Die Nacht fror es wiederum stark; der arme Dicke war am Morgen ganz steif gefroren, wollte durchaus nichts fressen und lie bedenklich den Kopf hngen. Da kein Stroh zu haben war, muten die Tiere auf den nackten Steinen stehen. Heute ging es durch ganz kahle Berge und dann in einen weiten Kessel, der von hohen Felsbergen eingefat war. Am jenseitigen Ausgang lag unser heutiges Reiseziel, Tu Dundse, ein Hof, in dem die Pferdestation sich befindet. Wir wurden auch hier von dem betreffenden Beamten freundlich aufgenommen, die Tiere bekamen schnes Heu und einen guten Stall, legten sich bald hin und fhlten sich sehr wohl. Es blieb den ganzen Tag ber kalt und windig. Der Beamte klagte mir sein Leid, es sei fast das ganze Jahr ber nicht anders. Nachmittags ging ich noch einmal auf Antilopenjagd, sah auch einmal einen Sprung von vieren, die aber schon auf 2000 Meter absprangen und bald in den hohen Felsen verschwanden. Ich kroch noch stundenlang umher, entdeckte aber nichts mehr. In jedem dieser Hfe, in denen die Pferde gewechselt werden, befindet sich stets noch ein Mann, der die Telegraphenlinien in Ordnung halten _soll_! Wie alle in Turkestan befindlichen Chinesen, rauchen sie Opium. Ich habe keinen angetroffen, der es nicht tat. Mein Men bestand hier morgens, mittags und abends aus Reis, etwas anderes war nicht aufzutreiben. [Illustration: Rasthaus in der Wste zwischen Hami und Turfan] Bei groer Klte und Staubsturm brachen wir am 21. April frh auf. Zuerst ging es drei Stunden lang durch hohe Berge, dann in die Ebene, wo uns der aus Norden kommende Sturm erst recht fate. Es war einer der schlimmsten, die ich erlebt habe. Man kam nur noch mit Not vorwrts. Um 3 Uhr hatten wir 70 Kilometer hinter uns und langten an einem einsam in der Wste liegenden Gehft an, in dem die Pferde gewechselt werden sollten. Das Haus sah zu elend aus, und da ein grerer Ort nur noch 20 Kilometer entfernt sein sollte, lie ich weiter marschieren. Um 6 Uhr trafen wir in Tschy-go-tai ein, hatten mithin eine Tagesleistung von 90 Kilometern hinter uns, ohne da die Pferde auffallende Mdigkeit zeigten. Der Ort hatte ein stark befestigtes Soldatenlager, das wie eine Zitadelle die Gegend beherrschte. Das Lager war mit 30 Kavalleristen besetzt. Nachdem ich die letzten vier Tage nur von Reis gelebt hatte, waren Eier und Hammelfleisch, die es hier fr teures Geld gab, willkommene Beigaben des Kchenzettels. [Illustration: Heiligengrab vor Pitschan] ber Nacht legte sich endlich der Sturm. Am 22. April morgens hatte ich wieder einmal groen Zank, da mir nur ein Pferd zur Karre gestellt wurde. Es geht hier durch Wste, in der vereinzelt an Quellen kleine Oasen liegen. Um Mittag, als wir endlich bebaute Gegend erreichten, zeigte das Thermometer plus 49 Grad. Die Zugpferde hatten bereits mehrfach versagt, man sah es allen Tieren an, da sie einem Hitzschlag nahe waren. Es war merkwrdig, wie belebend auf Mann und Pferd der Anblick der grnen Felder und Bume, zwischen denen wir nun durchmarschierten, wirkte. Gegen drei Uhr langten wir in Pitschan, einem groen Orte mit gemischter Bevlkerung, an. Die Chinesen wohnen in einem befestigten Mauerviereck, auerhalb desselben die Mohammedaner. Ich setzte groes Reinemachen an; die Pferde wurden smtlich gewaschen, die Sachen geklopft und gesonnt und der Beschlag dort, wo es ntig war, von einem geschickten Schmied fr billiges Geld erneuert. In der Gegend, in die wir jetzt kamen, gilt anderes Geld; auf den Tael gehen nur noch 400 Kupfer-Cash, so da letzterer fast annhernd unserm Pfennig entspricht. Besonderen Spa machte meinem neuen Chinesen am Abend das Brsten meiner Katzenfelldecke, weil sie elektrische Funken abgab; er begriff gar nicht, was das wre, und hielt es wahrscheinlich fr irgendwelche Hexerei. Genau wie in der Trkei ruft hier abends der Muezzin sein Gebet, allerdings nicht vom hohen Minaret, sondern vom Dach seines Hauses. Ich hatte den Abmarsch am 22. April, der Hitze wegen, morgens um 5 Uhr befohlen, aber wie stets, waren die Chinesen nicht pnktlich und wir kamen erst um 6 Uhr fort. Zuerst ging es durch das breite, im hchsten Anbau befindliche Pitschan-Tal; berall fhrten die kleinen, geschickt geleiteten Kanle das Wasser in die Felder. Die Aprikosen blhten bereits und unterbrachen mit ihren roten Blten sehr angenehm das satte Grn der Pappeln, Weiden und Tamarisken. Als wir das Tal durchkreuzt hatten und wieder in der Ebene waren, hrte mit einem Schlage jede Vegetation auf und wir befanden uns wieder in der sdlich von hohen, kahlen Bergen begrenzten Wste. Nur ab und zu traf man in tief eingeschnittenen Tlern kleine Oasen. Gegen Mittag wurde es wieder glhend hei, plus 49 Grad. Die armen Pferde kamen kaum noch vorwrts, und ich war froh, als wir von weitem das mit grnem Bltterschmuck umgebene Liang mutjin endlich vor uns sahen. In den Herbergen war alles besetzt; daher forderte ich unter Vorzeigung meines Passes bei dem Verwalter der kaiserlichen Pferdewechselstelle Quartier. Er hatte nur ein schlechtes Zimmer zur Verfgung, weshalb er mich gern abgewiesen htte, ich hrte jedoch nicht auf ihn und blieb, sonst htte ich biwakieren mssen. Nachmittags sa ich drauen und schrieb, was eine wahre Vlkerwanderung von Schantus und Chinesen durcheinander veranlate. Jeder von ihnen hatte eine Frage zu stellen und schlielich malte ich zur allgemeinen Freude jedem seinen Namen mit deutschen Lettern in die Hand. Der Kavallerist, der uns seit Tschy-go-tai begleitete, war ein ganz durchtriebener Geselle. Wenn wir nicht mehr weit vor dem Quartier waren, trabte er voraus, und wenn wir ankamen, trat er uns schon als Gentleman in Zivil entgegen, d. h. er hatte die Zeichen seiner Uniform abgelegt, irgendeinen Jungen zum Pferdeabwarten engagiert, und tat, als ob er mich nie gesehen htte. Zu seinem Kummer rief ich ihn heute heran, um ihm einen Auftrag zu geben. Er wollte zuerst nicht kommen, bis ich sehr deutlich wurde. Die Menge lachte ihn natrlich aus. Der Abend war drckend schwl, wie ein Gewitterabend zu Hause. Staubsturm und wieder einmal der bliche Zank wegen der Pferde leiteten den 24. April ein. Trotz meines Passes vom Auswrtigen Amt, des Begleitschreibens vom Yamen Hami, des mitgegebenen Beamten und des Kavalleristen, tat der Verwalter der Pferdewechselstelle so, als ob ich ihn berhaupt nichts anginge. In meinem Begleitschreiben vom Yamen Hami stand, da mir die Pferdewechselstelle stets einen mit drei Tieren bespannten Karren zu stellen htte. Ich hatte diese um vier Uhr morgens beordert, jedoch erst um 6 Uhr erschienen zwei elende Kracken mit der Karre. Mein Beamter war natrlich im Opiumdusel und zu schlapp, um irgend etwas zu sagen; kurzum, ich mute selbst wieder eingreifen. Erst zankte ich mich eine Weile mit den sehr wenig Chinesisch verstehenden Schantus herum, die ihrerseits wieder mit meinem Yamenbeamten Hflichkeiten austauschten. Sie warfen ihm vor: "Du verstehst ja unsere Sprache nicht", woraufhin er erwiderte: "So eine Frechheit. Ihr versteht meine Sprache nicht", was die ganze berhebung des Chinesen kennzeichnet. Schlielich liefen die Schantus weg, weil sie Angst vor Prgel hatten; der Verwalter aber lie sich immer noch nicht sehen. Ich schickte in das Haus, er mchte herauskommen; er kam nicht. Das war mir nun doch zu viel, ich ging hinein und hielt ihm meinen Pa unter die Nase mit dem Bemerken, da, wenn nicht binnen fnf Minuten 3 Ponies und Leute zur Stelle wren, ich dafr sorgen wrde, da er seinen Posten verliere. Das half endlich, sofort war alles da und wir kamen glcklich fort. Es ging durch meist unbebautes Gelnde und schlielich einen in tief eingeschnittener Schlucht flieenden Bach entlang. Der Staubsturm wurde immer schlimmer, dicke Wolken des hier rtlichen Staubes wirbelten durch die Luft und erschwerten das Atmen und das Sehen. Auch in Tschnn-tschin-kau, wo wir gegen 1 Uhr ankamen, mute ich wieder auf der Pferdewechselstelle Unterkunft suchen. Der Verwalter tat hchst grospurig; doch achtete ich nicht darauf und berhrte gnzlich seine unverschmte Anrede: "Niti mingtse!" (Dein Name)! Als ihm dann einer von den Leuten erzhlte, da ich Offizier sei, war er pltzlich wie ausgewechselt, lud mich zum Essen ein und war sehr freundlich. Er war schon 60 Jahre alt und hatte eine hbsche junge Frau, die blo nach mir guckte und vor Neugierde beinahe verging, bis ich ihr schlielich meine europischen Sachen zeigte. Der Dicke wollte nicht fressen, lie den Kopf hngen und schien Leibschmerzen zu haben; wahrscheinlich hatte er zu kalt gesoffen. Der Staubsturm lie auch am 25. April nicht nach, im Gegenteil, er nahm zu, er kam aber jetzt aus Osten, also von hinten, so da man es nicht so schlimm empfand. Durch steinige Ebene, bedeckt von unzhligen kleinen Erdhgeln, die wie Brunnen aussahen, zogen wir weiter. Ich konnte mir zuerst ihre Bedeutung gar nicht erklren, bis ich herausfand, da die ganze Wste ber und ber von nord-sdlich gehenden unterirdischen Wasserleitungen durchzogen ist. Die Erdhgel sind durch Herausschaffen der Erde aus den unterirdischen Kanlen entstanden. Sie haben oben ffnungen, um in die meterhohen Kanle hineinzusteigen. Letztere bringen das von den nrdlichen Bergen herunterkommende Wasser zu den menschlichen Ansiedelungen. ber der Erde geleitet, wrde es wohl bald im Sande versiegen. Mehrfach an verfallenden unbewohnten Gehften vorbei erreichten wir gegen Mittag endlich Turfan. Schon von weitem sah man einen hohen Turm bei einem mohammedanischen Grabmal. Es ging durch Vorstdte mit landwirtschaftlichen Betrieben und den blichen kleinen Bewsserungsgrben, die zum Leidwesen der Reisenden oft mit ihren hohen Ufern die Strae kreuzen, so da der Wagen festsitzt. Die eigentliche Stadt ist mit Wall, Graben und Tortrmen im chinesischen Stil versehen. Wir kamen am Yamen vorbei und zu einem Gasthaus, welches mir nicht gefiel; also weiter. Noch zwei andere Herbergen sagten mir ebensowenig zu. Der Hamier Yamenbeamte, dem es zu lange dauerte, wurde unverschmt, so da er nur mit knapper Not der Strafe entging. Schlielich langten wir wieder beim Yamen an. Ich benutzte die Gelegenheit und gab Pa und Visitenkarte ab, um mich anzumelden. Ein chinesischer Junge bernahm nun die Fhrung und brachte uns nach einem in der Vorstadt, nicht weit vom Tore, gelegenen Schantu-Gasthaus, das gleich einen sehr guten Eindruck machte. Es war tadellos sauber, hatte ein festes Sonnendach ber dem ganzen Hof und einen guten Stall. Ich war froh, endlich untergekommen zu sein und lie sofort auspacken. Der Hamier Yamenbeamte bekam kein Trinkgeld und wurde entlassen. Ich machte Toilette und lie mir von einem Schantufriseur die Haare schneiden, wofr er 120 Cash, also ungefhr 30 Pfennig forderte; er bekam natrlich nur ein Viertel davon und zog schimpfend ab. Bald darauf kamen Leute vom Yamen Turfan und brachten mir als Geschenk ihres Herrn Pferdefutter und Essen, was ich sehr zuvorkommend fand. Um 5 Uhr ging ich hin, lie mich anmelden und wurde von Wnn ta lauye empfangen. Ich fand einen vornehmen, liebenswrdigen Hunanesen, der sehr leidend war. Nach den blichen Fragen nach woher und wohin, Alter, Eltern usw. lie ich als Dank mein Geschenk, eine Halfter mit Trense, berreichen. Ich ahnte nicht, da der alte Herr nicht mehr reitet, sonst htte ich ihm etwas anderes geschenkt. Beim Abschied lie er mir zu Ehren die Haupttore ffnen und begleitete mich noch hinaus. Wahrscheinlich war er sehr erstaunt, da ich ohne jeglichen Dienertro, also ganz entgegen chinesischer Sitte, angekommen war; er fragte mich sofort, wo denn meine Leute und Pferde seien. Der Staubsturm wurde immer bler; namentlich litten die armen Pferde darunter. Mein guter Dicker wollte noch immer nichts fressen und war ganz schwach. Ich hatte fortwhrend eine Unzahl Jungen um mich, die sich aber viel anstndiger benahmen als die chinesischen Rangen gleichen Alters. In dem Gasthaus kaufte ich von einer Trkin zwei der hier blichen Mtzen, von denen ich eine zum allgemeinen Jubel aufsetzte. Abends sandte mir der Yamen einen Hammel, eine Ente, ein Huhn, Reis und Brennholz als Geschenk. Die Trkinnen hier sind hbsch und sehr viel freier als die Chinesinnen, man sieht sie berall unverschleiert auf der Strae. ber dem offenen oder in zwei bis drei Zpfe geflochtenen Haar tragen sie als Kopfbedeckung rote, grne oder blaue Velvetmtzen, als Anzug ganz bunte Kleider mit weiten Hosen und ber alles ein bis an die Knie gehendes Oberkleid. Die Kleider bestehen meistenteils aus Kattun in den schreiendsten Farben; hier mte fr unmodern gewordene Farbenzusammenstellungen ein gutes Absatzfeld sein. Als Schuhwerk tragen sie entweder hohe, weiche Kniestiefel mit Pariser Hacken oder Pantoffeln; viele gehen auch barfu. Silberne Ohr- und Fingerringe in chinesischem Geschmack dienen als Schmuck. Die Mnner tragen einen langen, vorn offenen, gesteppten Rock und ein ber die Hosen gehendes Hemd, bunte Kappe, bunten Grtel und hohe rindslederne Stiefel. [Illustration: Wen Li Schan, Mandarin in Turfan] Am nchsten Morgen kam mit groem Pomp Wnn la lauye, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Der alte Herr, dem das Gehen und besonders das Treppensteigen schwer fllt, war wieder sehr liebenswrdig. Natrlich interessierte er sich ganz auerordentlich fr meine europischen Sachen. Leider verstand ich ihn sehr schlecht, da er Sdchinesisch spricht und nebenbei auch noch stottert. Er sa wohl ber eine Stunde bei mir und fuhr dann ab, nicht ohne sich erkundigt zu haben, ob ich alles Notwendige bekommen htte und ob ich nicht irgendeinen Wunsch htte. ber Mittag schickte er mir wieder ein Diner, das mir sehr gut schmeckte. Nachmittags wanderte ich durch die Stadt, die auch in ihrem mohammedanischen Teil einen vollkommen chinesischen Eindruck macht, wenn nicht die anders gearteten Kostme und die brtigen Mnner wren. brigens trgt man hier schon sehr viel den Turban. Im Innern zeigen die Huser, die von auen wie chinesische Bauten aussehen, orientalischen Charakter, gewlbte Decken mit viereckigem Loch als Rauchfang, kein Fenster, oder nur ein ganz kleines vergittertes, Teppiche am Fuboden, die Feuerstelle mit dem Fuboden in gleicher Hhe und vor dem Feuer eine viereckige Vertiefung, von der aus geheizt wird und in welcher Kohlen und Holz aufbewahrt werden. [Illustration: Waschende Trkin] Als ich zurckkam, fand ich den Turfaner Yamenbeamten im Streit mit einem alten Schantu. Dieser hatte das Pferdefutter fr mich zu liefern und behauptete, 40 Cash zu wenig erhalten zu haben. Der Mann vom Yamen wollte mich veranlassen, zu seinem Herrn zu gehen, um den Streit zu schlichten, in der Annahme, da ich fr ihn Partei nehmen wrde. Mir fiel es aber gar nicht ein, mich in den Zank der Gesellschaft zu mischen. In diesem Augenblick kam ein junger Schantu dazu und sagte mir: "Der vom Yamen hat gestern drei Viertel deines Essens fr einen Tael verkauft und das Brennholz gestohlen." Mir war sofort klar, da er die Wahrheit sprach; ich drohte dem Beamten, wenn er nicht binnen krzester Zeit die Sachen zur Stelle schaffe, wrde ich zum Yamen gehen, wo sein Herr dann entscheiden solle, wer die Prgel zu bekommen habe. Das Holz kam umgehend zum Vorschein, das Essen war in einer halben Stunde da. Die Schantus waren nun doppelt liebenswrdig gegen mich, weil sie gesehen hatten, da ich unparteiisch Recht sprach. Die Frau des Geschftsfhrers brachte mir europischen Zucker, also einen groen Luxusartikel, der Alte brachte mir Tee und der Junge bettelte so lange, bis ich ihm versprach, ihn fr freie Station und 2 Taels in bar, also herzlich wenig, mit nach Kaschgar zu nehmen. Auch mein Chinese Djang tsche Tschang, der eigentlich nach Urumtschi (Chung Miautse) zu seiner Mutter wollte, entschlo sich, mich nach Kaschgar zu begleiten. Da er recht abgerissen aussah, schenkte ich ihm, praktisch damit sein Trinkgeld verbindend, fr die letzten zwlf Tage 1 Tael und gab ihm 2 Taels Zuschu, damit er sich anstndig anziehen knne. Jetzt konnte ich mich doch mit meinen beiden Genossen als richtiger Lauye sehen lassen, denn ohne mindestens zwei Diener gilt hier in China ein Mensch gar nichts. Der Schantu hie Emin, war gegen 18 Jahre alt, anscheinend aus besserer Familie und machte einen offenen Eindruck. Mein Chinese redete zwar etwas viel, war aber ehrlich; dafr konnte ich schon manche schlechte Eigenschaft mit in den Kauf nehmen. [Illustration: Geschftsfhrer und seine Frau Trken aus Turfan in meinem Gasthaus] Dem armen Pony ging es dauernd schlechter, er hatte ausgesprochenen Verschlag, die Beine waren dick angelaufen, die Augen trieften und er hatte starke Kreuzschmerzen, dabei war er ganz stumpfsinnig und wollte nichts fressen. Fr mich war das ein harter Schlag, da der gute Dicke, der mich so treu bis hierher geschleppt hatte, nun mit einem Male versagte, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen. Ganz spt kam noch ein Brief vom Yamen, in dem ich fr den 27. April zu einem kleinen Frhstck eingeladen wurde. Am nchsten Morgen spazierte ich also dorthin, nicht ahnend, da man mir zu Ehren ein greres Essen angeordnet hatte. Zuerst mute ich warten, da der Mandarin sich noch nicht erhoben hatte. Unter blichem Trommelwirbel stand er endlich auf. Nach einer weiteren Stunde des Wartens trommelte es zum zweiten Male, ein Zeichen, da der Mandarin bereit sei, seine Gste zu empfangen. Ich kam als erster an. Allmhlich stellte sich eine ganze Anzahl von Chinesen aus der Haute vole Turfans ein. Wir bekamen zuerst Sigkeiten und Mandelmilch, dann rauchte alles. Hierauf schlug die Trommel zum dritten Male und der erste Diener meldete, da angerichtet sei. brigens war die sehr zahlreiche Dienerschaft nicht nur sehr gut angezogen, sondern auch vorzglich geschult. Wir wurden zum Ezimmer geleitet, wo uns ein Diner allerersten Ranges vorgesetzt wurde. Peinlich war mir, da ich in meinem nichts weniger als salonfhigen Reisekostm erschienen war, aber das lie sich nun nicht mehr ndern und hinderte mich auch nicht, es mir recht gut schmecken zu lassen. Whrend des Essens erschien meine Sttze in seinem neuen Anzug und meldete, da es dem Pony immer noch nicht besser gehe; zugleich fragte er an, ob wir nicht lieber erst morgen aufbrechen wollten, da es ohnedies sehr hei sei; das Thermometer zeigte 37 Grad. Ich bestellte den Karren auf abends, um die Nacht durchzumarschieren. Mein Chinese beging nun einen groben faux pas, indem er es sich in dem Ezimmer in einem der Lehnsthle bequem machte. Da er auch noch Lust zeigte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, schickte ich ihn sofort mit einem Auftrag nach Hause. Um 12 Uhr empfahl ich mich, nochmals fr die vielen mir erwiesenen Aufmerksamkeiten dankend. Der Boden brannte mir unter den Fen, des kranken Ponys halber. Zu Hause fand ich das arme Tier vllig teilnahmslos vor und berlegte schon, ob ich es nicht lieber erschieen sollte, denn verkauft htte ich es in diesem Zustande keinesfalls. Aber man klammert sich ja auch bei kranken Tieren stets, wie der Ertrinkende an den Strohhalm, an die Hoffnung auf Besserung. Der Pony, der mich persnlich ganz genau kannte, nahm von mir etwas altes Brot und dann geschnittenes Stroh mit Kleie gemischt an, legte sich aber nicht hin, da er anscheinend Angst vor dem Aufstehen hatte. Nachmittags ging ich zum Telegraphenamt, um nach Deutschland zu melden, da ich noch am Leben sei; da ich den chinesischen Ausdruck fr Telegraph nicht wute, irrte ich erst eine Zeitlang umher, ohne ihn zu finden. Schlielich malte ich in einem Laden einem intelligenten Kaufmann denselben auf, er verstand auch sofort, wohin ich wollte, und bald waren wir an Ort und Stelle. Hier gab es nun einen ergtzlichen Auftritt. Zuerst war der Draht bei Karaschar gerissen; einem on dit zufolge soll er immer gerissen sein. Dann verstand kein Mensch europische Schrift, und ich selbst beherrsche nicht soviel chinesische Schriftzeichen, um ein Telegramm aufsetzen zu knnen. Schlielich bequemte sich einer der Beamten doch dazu, notdrftig Englisch zu knnen. Nach Deutschland zu telegraphieren, war unmglich; ich schrieb daher ein Telegramm nach Kaschgar an das russische General-Konsulat auf, in dem ich bat, das Telegramm an meinen Vater nach Deutschland weiter zu geben. Selbstverstndlich bezahlte ich dafr, obwohl es sehr zweifelhaft war, ob es berhaupt abgehen, und ebenso ungewi, ob es unverstmmelt in Kaschgar ankommen wrde. Wie ich dann spter in Kaschgar erfuhr, ist das Telegramm dort unverstmmelt angekommen und in der liebenswrdigsten Weise vom russischen General-Konsul Exzellenz Petrofsky nach der Heimat weitergegeben worden. Die Kosten waren nicht hoch, das ziemlich lange Telegramm kostete nur 1,89 Taels. Zu Hause packte ich dann, lohnte meinen groen Stab von wirklich netten hilfsbereiten Jungen ab und bedachte auch die schne Frau des Geschftsfhrers, die mir den Zucker geschenkt hatte, mit 200 Cash Trinkgeld. [Illustration: Derwisch in Tocktsun] Mein Diener wanderte zum Yamen, um nochmals meinen Dank zu bestellen und zu melden, da ich abmarschiere. Der Mandarin erwiderte dies sofort durch seinen Abgesandten mit der Visitenkarte des Beamten und dem Wunsche einer glcklichen Reise. Nach und nach trafen dann noch ein Begleiter vom Yamen, zwei Kavalleristen, sowie mit einem alten Schantumann vier Karrenponies, dieses Mal auffallend gute, ein. Der arme Dicke wurde hinten angebunden und unter allgemeinem Wunsche der Schantus fr glckliche Reise ritt ich in die dunkle Nacht ab. Vorbei an der Turfaner Neustadt, wo die Chinesen wohnen, ging es auf hchst beln, in der Nacht doppelt unangenehmen Wegen nach Westen. Wir konnten die Pferde, wenigstens solange es durch angebaute Gegend ging, nicht fhren, da uns die Hunde von allen Seiten wie toll anfielen. Bald wurde es empfindlich kalt, nach der hohen Tageshitze doppelt unangenehm. Mir schien, als habe ich noch nie eine so lange Nacht erlebt; ich fror wie ein Schneider und war froh, als wir morgens gegen 8 Uhr die ersten Huser von Tocktsun erblickten. Merkwrdig gut bekam dem Dicken der lange Marsch; er entwickelte morgens einen gewaltigen Appetit und legte sich nach dem Fressen hin, um famos zu schlafen. Ich war ganz glcklich darber, da das Tier durchgekommen war. Diese Ponies sind ein ganz merkwrdig zher Schlag Tiere, ich glaube, ein Pferd wre sicher dabei eingegangen. Tocktsun ist ein Stdtchen mit gemischter Bevlkerung, es hat eine Kavallerie-Garnison von 80 Mann. Emin hatte schon heute Heimweh und wollte wieder zurck. Natrlich dachte ich nicht daran, ihn wegzulassen, ohne da er das Geld, das ich ihm dummerweise als Vorschu bezahlt hatte, wieder herausgab. Als ich ihm drohte, ihn sofort zum Yamen zu schicken, heulte er mir etwas lngeres vor, doch lie ich mich dadurch gar nicht rhren, sondern entschied, da er weiter mitgehen msse. Die Chinesen meinten, er sei eben noch ein Kind, dabei war der Bengel 18 Jahre alt und einen vollen Kopf grer als ich. Bei empfindlicher Klte ritten wir am 29. April morgens 4 Uhr ab, zuerst durch steinige Ebene bis an einen Gebirgszug, der den Weg kreuzt. Ich trabte mit meinem Yamenbegleiter und den Kavalleristen voraus. Wir passierten am Anfang der Berge eine der einsamen Poststationen, dann waren wir zwischen fast senkrechten, sehr hohen Felswnden. Der Boden der Schlucht war uerst steinig, auerdem ging es die ersten 15 Kilometer dauernd in einem Bachbett entlang. Die Berge sind gnzlich vegetationslos, die nrdlichen Wnde an flacheren Stellen teilweise mit bergewehtem Wstensande bedeckt. Einmal sahen wir eine vereinzelte Wildente. Wir marschierten unaufhrlich, die Schlucht nahm kein Ende. Die Sonne brannte glhend hei herunter, das Thermometer zeigte plus 49 Grad; nirgends fand man ein bichen Schatten. Die Pferde lieen bedenklich die Kpfe hngen und der arme Dicke mute schon getrieben werden. Zuweilen trafen wir grere Eselherden, die als Lasttiere fr Waren benutzt werden. Der Esel kostet hier nur einen Tael, sehr gute bis 3 Taels. Merkwrdig ist, da groe Herden von ungefhr 100 Stck nur von einem einzigen Manne geleitet werden. Ich sah in den Eselkarawanen nur Hengste. Einmal passierten wir eine Karre ohne Bespannung, die Tiere hatten versagt und der Fhrer war mit smtlichen Tieren vorausgeritten, um sie zu trnken. Gegen ein Uhr erreichten wir die ersehnte Trnke. Aus einer hundert und mehr Meter hohen Felswand kam an einer pors aussehenden Stelle klares Quellwasser heraus. Es war nicht viel, aber trotzdem lagerten an dieser Stelle Hunderte von Eseln, viele Karren und eine Menge Reisende auf Pferden; es war ein hbsches buntes Bild. Was jedoch noch angenehmer in unsern Ohren klang, war, da unser heutiges Ziel, die Poststation Orwulac, nicht mehr fern sein sollte. Um 1 Uhr waren wir zur Stelle. An einer Erweiterung der Schlucht lag eine Husergruppe, bestehend aus dem Posthause und dem Gung Kwan, dem Rasthause fr mit Regierungspa versehene Reisende. Man findet diese Einrichtung in den meisten greren Stdten, auf den Zwischenstationen seltener, und eigentlich braucht man hier nichts zu bezahlen. Diesen Gung Kwan hatte der kommandierende Offizier aus Karaschar mit seiner Sippschaft ganz mit Beschlag belegt. Ich zog trotzdem mit meinen Tieren in den noch leeren Stall, aus dem mich seine Herrlichkeit sofort wieder herausbefrdern wollte. Da er nicht sehr hflich war, wurde ich grob; seine Leute sprangen ein und belehrten mich, da ich einen Ta-jen (Exzellenz) vor mir htte. Hierauf erklrte ich, das treffe sich ausgezeichnet, denn auch ich sei ein deutscher Ta-jen; im brigen wrde jeder, der meine Pferde auch nur anfasse, sofort von mir hchst persnlich Hiebe besehen; natrlich wagte keiner mehr, etwas zu sagen. Spter zog ich selbst um, weil ich einen noch besseren Stall fand; fr die Menschen aber war durchaus kein Unterkommen zu finden. Inzwischen verging Stunde auf Stunde und die Karre kam nicht. Meine armen Tiere waren ganz verhungert; sowie sich nur ein Mensch sehen lie, wieherte die Stute, in der Hoffnung, er bringe Fressen. Ich legte mich hin und schlief mit dem Sattel als Kopfkissen bald ein. Endlich um 9 Uhr langte die Karre an; die Tiere hatten unterwegs in der Hitze versagt. Nun bekamen die Pferde Futter und auch wir etwas zu essen. brigens war der alte Schantu, den mir der Yamen Turfan mitgegeben hatte, rhrend gut zu mir. Er suchte mich immer zu trsten, teilte redlich sein bichen Stroh und sein Brot mit mir und trieb von irgendwo noch Tee und heies Wasser auf. Der alte Mann verdient wirklich einen Ehrenplatz in meinem Reiseberichte, denn auch weiterhin sorgte er stets fr mich, ehe er irgendwie an sich selbst dachte. Der Verkehr war hier sehr stark, es war gerade Reisezeit. Die ganze Nacht ber hrte das Kommen und Gehen von Menschen, Karren usw. nicht auf. Mehrfach wurde mir zu meinem nicht geringen rger von Unterkunft Suchenden ins Gesicht geleuchtet, obwohl meine kmmerliche Schlafstelle in der Stallecke keineswegs mit einem Zimmer in der ersten Etage des Berliner Zentralhotels zu vergleichen war. Natrlich konnte sich jedesmal der Betreffende von dem Anblick des schlafenden fremden Teufels nicht trennen, dazu kam noch das Geschrei der unzhligen Esel, es war eine recht herzerquickende Nacht! Auch am 30. April ritt ich voraus. Es ging noch ein Stck in der Schlucht weiter, die einmal durch einen enormen Felssturz ein ganzes Stck lang verschttet war. Man sieht noch die Spuren des alten Weges; der neue windet sich jetzt zwischen den abgestrzten Blcken hindurch. Das Tal erweitert sich, und nach 40 Kilometer Marsch hatten wir die Ebene vor uns, in der man in der Ferne wiederum hohe Berge sah. Auffallend viele Tierkadaver lagen am Wege, ein Zeichen, wie schwer es die armen Tiere hier in dem tiefen, steinigen Sande haben. Es war wieder glhend hei, plus 50 Grad C; um ein Uhr waren wir in Kmmisch, einem kleinen Dorf mit ganz gemischter Bevlkerung, wo Schantus, Dunganen und Bekenner der konfuzianischen Lehre bunt durcheinander wohnen. Ich fragte, ob hier Mischheiraten vorkmen, was mit Entrstung von allen Seiten zurckgewiesen wurde. Kaum zwei Wochen weiter, konnte ich mich wiederholt von dem Gegenteil berzeugen, alles heiratete lustig durcheinander. Mein Schantudiener wollte nicht mehr mit dem Chinesen in einem Zimmer schlafen, natrlich nur, um mir Schwierigkeiten zu machen. Letzterer erwies sich als ein sehr brauchbarer Diener, whrend der andere ein buerischer und noch dazu ganz kindischer Mensch war. Die Chinesen haben hier an einem Bergabhang eine schne groe Quelle, die in ein Becken fliet; letzteres ist vollkommen verschlammt und morastig, und das berflieende Wasser ist infolgedessen gar nicht mehr geniebar. Trotzdem denkt kein Mensch daran, das ganz flache Becken einmal zu reinigen. [Illustration: Poststation im Gebirge vor Kmmisch] 1. Mai. Unsere heutige Tagesleistung betrug 70 Kilometer. Wir marschierten wieder ganz frh ab; ich ritt voraus, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nur einmal solche ganz in der Ferne. Bald befanden wir uns in den Bergen, die aber nicht so hoch und steil waren wie die letzten. Nach 45 Kilometer Marsch erreichten wir Kara Kysyl, das die Chinesen Lu-fu-gu nennen; auf den Karten ist ein Flecken gezeichnet, in Wirklichkeit ist es nur ein groes Gehft in einer Talerweiterung. Das Gasthaus war gestopft voll, ich zhlte allein ber 100 Ponies, ohne die Maultiere und Esel. Der Geschftsfhrer des Gasthauses wollte mit meinem Karren einige Kisten nach Karaschar mitsenden, was ich jedoch untersagte, da ich kein Mietskutscher sei. Am Nachmittag schlief ich etwas Vorrat, da wir die Nacht durch marschieren wollten. Dann ging es weiter in die nur schwach vom zunehmenden Monde erleuchtete Nacht. Der Weg war gut und im schlanken Trab kamen wir schnell vorwrts. Um 11,45 Uhr hatten wir bereits 45 Kilometer hinter uns und waren an einer Poststation, in der noch Licht brannte. Nach lngerem Klopfen wurde uns geffnet und wir bekamen von dem natrlich eifrig Opium rauchenden Beamten sehr guten Tee vorgesetzt. In keiner der vielen Poststationen, die ich passierte, habe ich einen Beamten getroffen, der nicht rauchte. Der Weg blieb auch weiterhin gut und hell genug, obwohl der Mond verschwand. Einmal sahen wir in der Dunkelheit einen Fuchs, dessen Krper phosphoreszierte, so da wir zuerst glaubten, es sei ein Licht. [Illustration: In der Herberge Kara Kysyl] Um 4 Uhr morgens waren wir in Usch Dalla und kamen leidlich gut unter. Mein Pferd war trotz der gewaltigen Anstrengung nicht sehr mde; wir hatten innerhalb der letzten 24 Stunden 270 Li, etwa 135 km, zurckgelegt. Vier Stunden spter traf die Karre ein; meine Leute hatten mehrfach Antilopen gesehen, die uns in der Dunkelheit entgangen waren. Unangenehm bemerkbar machten sich jetzt schon die vielen Fliegen, besonders die Stute war sehr empfindlich dagegen und schttelte den ganzen Weg ber den Kopf; brigens ging sie jetzt ganz vorzglich und von dem alten Widerristdruck war gar nichts mehr zu merken; auch der gute Dicke befand sich wohler, so da ich daran denken konnte, ihn in einigen Tagen wieder zu reiten. [Illustration: Kara Kysyl Pferdefttern mittels eines zwischen zwei Karren gebundenen Sackes] Am nchsten Morgen merkte man den Tieren doch etwas den langen Marsch an. Emin stand wieder einmal nicht auf und machte damit sein Ma voll. Ich rgerte mich dabei noch weniger ber ihn, als ber mich selbst, da ich mich so hatte ber die Ohren barbieren lassen. Schon morgens war es drckend schwl. Es ging durch Steppe, die viele sumpfige Stellen aufwies und teilweise mit Bumen bestanden ist. Ich war recht froh, als wir um 12 Uhr in Tsching sui choa anlangten, einem Nest mit schlechtem Gasthause. Emin bekmmerte sich, wie blich, um nichts und da er auerdem, anstatt mein Essen zu besorgen, ausging, ri mein Geduldsfaden und er ward entlassen. Zur Strafe nahm ich ihm die fr mein Geld gekauften Decken weg und gab sie meinem chinesischen Diener. Merkwrdig war nun zu beobachten, wie sich sofort zwei Lager bildeten, die den Vorgang besprachen. Die einen meinten, ich tte ganz recht, da der Bengel faul und schmutzig wre, die andern erklrten, es sei unrecht, so ein Kind hier hilflos auszusetzen. Ein alter Kavallerist bat mich, Emin wenigstens noch bis Karaschar mitzunehmen, aber als ich ihm vorschlug, sein Pferd zu diesem Zweck herzugeben, zog er doch lachend ab. Im Laufe des Abends erschien Emin noch ein paar Mal, um ein Trinkgeld zu erbetteln, jedoch ohne Erfolg. [Illustration: Rasthaus in der Steppe vor Karaschar] Die Stute hatte leider hinten rechts eine angelaufene Sehnenscheide; wahrscheinlich infolge von beranstrengung. Durch sumpfige Gegend, in der wir auffallend viel graue, unsern Ringelnattern gleichende Schlangen sahen, von denen die Chinesen behaupten, sie seien sehr giftig, zogen wir weiter. Die Bauern hatten hier zur berschwemmung ihrer wenigen Felder wieder einmal die Wege als Wasserleitung benutzt, so da man gezwungen war, stets abseits im Sumpfe zu reiten. Infolgedessen verloren meine Tiere mehrere Eisen. Die Gegend hatte auffallend viel Wasserwild. Mehrfach kamen wir an Filzjurten der Mongolen vorbei. Hier residieren zwei Frsten, denen auch die groen, hier weidenden Pferdeherden gehren. Diese Gegend stellt hauptschlich den Pferdebedarf bis Schansi, von dort ab findet man den nordmongolischen Pony wieder hufiger vertreten. Der hiesige Pony hat mehr Exterieur als der nordmongolische; er erinnert in seinem ganzen Bau mehr an unser Pferd, zeigt also ein edleres Geprge als unser alter Freund aus dem Norden. Er hat einen feineren Kopf und lngeren Hals, Schopf, Mhne und Schweif sind sehr stark; letzterer reicht bis auf die Erde, und gelegentlich findet man auch ebenso lange Mhnen. Die Farben sind genau so bunt, wie die der nordmongolischen Ponies. Die Tiere werden im allgemeinen gut gehalten, verhltnismig selten findet man gedrckte oder lahme; der Preis ist erheblich niedriger als im Osten. Ein leidlich guter Pony mittlerer Klasse kostet zwischen 18 und 25 Taels, aber auch fr 10 bis 15 Taels kann man schon einen ganz annehmbaren bekommen. Das sogenannte Ili-ma also im Kreise Ili gezogene Pferd, das sich nur durch besondere Gre auszeichnet, gefiel mir weniger, da die beim Pony nun einmal vorhandenen hlichen Points infolge der Gre beim Pferde mehr hervortreten. Besonders der unverhltnismig groe Kopf fllt auf. Maultiere kommen hier weniger vor. Gegen Mittag nherten wir uns Karaschar; das eigentlich mitten im Sumpfe liegt. Meine beiden Begleiter baten mich, doch das groe Pferd zu reiten, was ich ihnen zu Gefallen denn auch tat; natrlich machte es bei der Bevlkerung sehr viel Eindruck. Die Stadt an sich ist nicht gro und war fast vollkommen verlassen. Ganze Huserreihen standen leer; das infolge des sumpfigen Untergrundes herrschende Fieber hatte die Leute vertrieben. Wir ritten zuerst in die sdliche und dann in die westliche Vorstadt, in denen sich das Hauptleben abspielt. Alle Gasthuser waren berfllt oder die Leute wollten mich nicht aufnehmen, und dazu herrschte eine schreckliche Hitze; doch ich hatte in China schon Geduld gelernt und suchte ruhig weiter. Sowie man nmlich heftig wird oder zu schimpfen anfngt, ist es vorbei und man bekommt berhaupt kein Quartier. Schlielich hatten wir alle vorhandenen Herbergen abgeklappert und kamen zum Ausgangspunkt zurck. Dort war in einem groen Gasthofe gerade ein Zimmer frei geworden, das ich sofort mit Beschlag belegte. Zwei chinesische Lauyes mit ihrem gesamten Gesinde hatten alles brige besetzt; der eine kam von Urumtschi (Chung Miauts) der andere aus Aksu. Mein Diener mute sofort ausgehen und sich noch einige Sachen kaufen, um im Yamen anstndig auftreten zu knnen. Ich besorgte unterdessen, von etwa hundert Zuschauern umgeben, in Hemdsrmeln die Pferde. Der Lauye aus Aksu kam, um mich zu besuchen, und konnte sich nicht genug wundern, da ich diese Arbeit selbst verrichtete, obwohl ich doch auch ein Lauye sei. Er begriff nicht, da es mir viel wichtiger war, meine Tiere nicht unversorgt zu lassen, als was die Leute ber mich dchten. Bald erschien einer vom Yamen und brachte Mais und Stroh als Pferdefutter. Gegen 4 Uhr kam auch Dschang zurck; es hatte zwar etwas lange gedauert, aber er war wirklich, nach chinesischen Dienerbegriffen, tadellos angezogen, was mich 3 Taels kostete. Er wanderte gleich zum Yamen, um meinen Besuch dort anzumelden. Ich a einen Bissen Brot und einige Eier, sattelte dann, zog mich um und ritt auf dem groen Pferde, mit meinem Turfaner Begleiter als Vorreiter und dem guten Dicken blank hinterher, zum Yamen. Die Wirkung war die gewnschte, bei meiner Ankunft wurde ich mit drei Bllerschssen empfangen und die groe Mitteltr wurde geffnet. Mein Diener war besser angezogen, als die ganze Yamengesellschaft, was ich mit Genugtuung feststellte. Ich tauschte mit dem Mandarin die blichen Redensarten aus und zog mich dann zurck, erhielt wieder meine drei Bllerschsse und ritt auf meiner Stute stolz an der gesamten aufmarschierten Yamengesellschaft vorbei, whrend die Stute einen groen Kter, der sie hinten in die Beine bi, ebenso wie die Bller mit Verachtung strafte. [Illustration: Mandarin in Karaschar] Im Gasthaus machte ich dem Mandarin aus Aksu meinen Gegenbesuch. Er schien ein Lebemann zu sein, denn das einzige, was ihn interessierte und wonach er sich sofort sehr eingehend erkundigte, waren die Verhltnisse der Demimonde in Europa. Whrend wir uns unterhielten, kam der Ortsmandarin, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Die Sache verlief wie blich; ich zeigte ihm meine Waffen, das Fernglas, den photographischen Apparat und die Landkarte, was denn auch meist gengt. Er lud mich fr morgen frh zum Essen ein, was ich dankend annahm. Abends engagierte ich dann noch einen zweiten Chinesen, einen gewesenen Kavalleristen, als Diener fr 4 Taels monatlich. Nach dem Abendessen besuchte mich wieder der Mandarin aus Aksu. Am 5. Mai frh bekam ich ein schnes heies Bad, whrend ich sonst immer mit einem kalten Bade vorlieb nehmen mute. Der Yamen hatte mir Leute geschickt fr sogenannte kleine Arbeit; ich verteilte diese und ritt um 7 Uhr mit Vor- und Nachreiter und mit einem Begleiter vom Yamen zu dem Mandarin zum Frhstck. Der Empfang war wie gestern, dann gab es ein verhltnismig kurzes Essen, zu dem auer mir noch sechs Personen geladen waren. Der Mandarin mute sich in mein Fremdenbuch eintragen, ich photographierte ihn und ging dann zurck in die Stadt, in der ich einige Besorgungen erledigte. Mir fiel hierbei ein alter Mann auf, den ich nach seinem Alter fragte. Er war 98 Jahre alt, hatte noch alle Zhne im Munde und ging aufrecht und stolz wie ein Dreiigjhriger. [Illustration: Karaschar -- Mongole] Die Leute hier waren alle sehr freundlich. Ich hrte mehrmals die Bemerkung fallen: "Dieser Europer ist sehr friedfertig"; mir schien das ein schlechtes Licht auf meine Vorgnger zu werfen. ber Mittag schickte der Yamen einen Diener. Ich mute meinem neuen Diener seine smtlichen Sachen aus dem Leihhause auslsen; das war wieder ein schner Reinfall fr mich! Im ganzen kostete mich der Scherz 3 Taels; von jetzt ab mute er aber seine Sachen in meinem Zimmer deponieren, sonst wre er wohl bald mit samt den Sachen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Karaschar hat ganz gemischte Bevlkerung. In der Umgegend leben sehr viele Mongolen, die von den Chinesen "Dase" genannt werden; ob dies ein Spottname ist, konnte ich nicht feststellen, jedenfalls werden die Mongolen nicht nur von den Chinesen und Trken grndlich ausgebeutet, sondern auch berall verhhnt. Die Stadt liegt am Chai du gol, dessen schmutziges, ganz trbes Wasser die Tiere merkwrdig gern saufen. Das Brunnenwasser ist berall schlecht. Die groe Stute hatte ein stark entzndetes Auge und auch die Sehnenscheidenentzndung hatte sich noch nicht gebessert, so da ich noch einen Ruhetag zugab, der auch dem Dicken, der sich sonst gut auffhrte, sehr zu gute kam. [Illustration: Mandarin mit Familie] Fr den folgenden Tag mietete ich mir Ponies zur Antilopenjagd, und beschlo, einem der Mongolenfrsten einen Besuch zu machen. Wir ritten mit meinem Turfaner Yamenbegleiter und zwei Kavalleristen am 6. Mai ganz frh los, ich auf einem ganz netten Pagnger-Schimmel, in nrdlicher Richtung hinaus in die Steppe. Nach 20 Kilometer hatten wir die ersten mongolischen Jurten vor uns, deren groe, schne Hunde uns sofort wtend anfielen. Die Hunde wurden festgehalten und wir fanden bei den Mongolen freundlichste Aufnahme. Ihre Jurten sind rund und mit Filzdecken belegt, die Tr ist ungefhr einen Meter hoch und drei Viertelmeter breit. Von dem etwa drei Fu hohen, gitterfrmigen Rand laufen aufwrts zu einem Reifen von ungefhr einem Meter Durchmesser Stbe zusammen, die das Dach bilden. Die ffnung hat einen Windschutz; in der Mitte des Zeltes steht auf einem Dreifu ein groer Kessel; das Feuer wird mit Kamelmist genhrt. An den Wnden hngen die Gebrauchsgegenstnde, und unten sind die Filzdecken und die Pelze wie eine Bank zusammengelegt. Gegenber der Tr sieht man einen Altar mit Ruchergefen, auf dem kleine Metallbecken stehen; in diesen befindet sich Fett. Ich bekam sofort Milch vorgesetzt, ferner Milchtee und in kleinen Holzgefen Mehl in Tee aufgeweicht. Ein Kavallerist diente als Dolmetscher. Als wir abritten, muten wiederum alle Hunde festgehalten werden; sie sind dunkelfarbig, so gro wie unsere Schferhunde und gehen rcksichtslos auf jeden Fremden los. [Illustration: Straenbild aus Karaschar] Mitten im hohen Grase fanden wir weiter nrdlich ein menschliches Skelett, von der merkwrdigen Bestattungsart der Mongolen herrhrend. Diese berlassen ihre Toten einfach den wilden Tieren in der Steppe Einmal sahen wir flchtige Antilopen, sonst bemerkten wir nur groe Herden von Ziegen, Schafen, Pferden, Rindvieh und Kamelen. berall sah man die runden Jurten noch gerade ber das hohe Gras hinwegragen. Nach weiteren 25 Kilometern kamen wir an ein Dorf, an dessen Eingang ein gefallenes Maultier von Hunden herumgezerrt wurde. Das Dorf beherbergt einige Kaufleute, Schantus und Chinesen, die die Mongolen ordentlich bers Ohr hauen. Wir wandten uns nach Westen und waren nach etwa vier Kilometern am Lauwang-fu, dem Yamen des mongolischen Frsten, der sich jedoch nicht zu Hause befand, sondern mit seinen smtlichen Leuten und Herden nrdlich in den Bergen frisches Weideland bezogen hatte. Wahrscheinlich bewohnt er auch dort nur eine Jurte. Der im chinesischen Stil gro angelegte Yamen war unglaublich verwahrlost; berall nisteten Scharen von Tauben, nicht eine einzige Wand stand gerade, fast alle waren eingefallen oder im Einfallen begriffen. Die Rume waren meist leer, nur einige Prunkgemcher waren eingerichtet; es standen aber Karren, Geschirre usw. darin. Einige Mongolen als Wache hatten in einem der Hfe ihre Jurten aufgeschlagen. Wir bekamen wieder Milch und Tee vorgesetzt. In einem neu erbauten Tempel schien sich eine Art Druckerei zu befinden, wenigstens sah ich eine Unmenge von Holzclichs, mit denen die bekannten Tempelfahnenbilder hergestellt werden. Auf dem Rckweg veranstaltete einer der Kavalleristen ein Privatwettrennen mit einem Kamelreiter; das Kamel erwies sich als schneller. [Illustration: Karaschar -- Schuster] Wir futterten im Dorf ab, und ich ging dann voraus, um noch auf Antilopen zu pirschen. Da sich die Sonne inzwischen hinter Wolken verkrochen hatte und ich ohne Kompa war, machte es mir groe Mhe, die Richtung zu halten. Ich erinnerte mich, beim Herausreiten an einem Hgel vorbeigekommen zu sein, auf dem drei Bume standen. Diesen Hgel fand ich mit dem Zei wieder und steuerte darauf los. Spter traf ich noch einen mongolischen Hirten, der mich zurechtwies. Da keiner die Sprache des andern verstand, war die Unterhaltung ziemlich spaig. Ich sagte: "Karaschar", woraufhin er einen groen Sprung vorwrts machte und dann zischend eine Linie auf der Erde zog. Ich mute also ein Wasser berschreiten. Groe Freude seitens des Mongolen, als ich begriffen hatte. Mehrfach fielen mich noch die groen Hunde an; ich mute jedesmal mit schufertigem Karabiner warten, bis sie abgerufen wurden, denn nur ber ihre Leiche htte der Weg weitergefhrt, und unntig wollte ich den Mongolen ihre treuen Wchter nicht wegschieen. Ich passierte den Bach und hatte bald einen befahrenen Weg vor mir, der nach Sden fhrte. Es regnete leise. Endlich war ich bei unsern ersten Mongolen, die mich sehr freundlich bewillkommneten. Alles suchte mich schon; der Schantu war bereits vorausgeritten, um die Kavallerie in Karaschar zum Suchen zu requirieren. Allmhlich stellten sich die beiden Kavalleristen ein und wir ritten heimwrts; es war die hchste Zeit, da meine Pferde vor Mdigkeit zusammenzubrechen drohten. Gegen neun Uhr kamen wir ins Gasthaus, wo auch schon ber mein langes Ausbleiben groe Aufregung herrschte. Der Mandarin hatte bereits die ganze Schwadron alarmiert, und diese war gerade aufgebrochen, um nach mir zu fahnden, als die Nachricht von meiner Rckkunft eintraf. [Illustration: Trken in Kurla] Bei glhender Hitze marschierten wir am 7. Mai frh ab. Mittels Fhre ging es ber den Chai du gol und dann in die Steppe, an deren Anfang gerade ein Mongolendorf lag. Die Stute lief weg und mitten in eine groe weidende Pferdeherde hinein. Die Mutterstuten schlossen sich sofort zum Kreise zusammen und nahmen die Fllen in die Mitte. Der Leithengst griff die Stute an und bi ihr einen groen Fetzen Fleisch in der Sattellage heraus. Gegen Mittag wurde die Hitze immer schlimmer, wir hatten um ein Uhr 55 Grad Celsius. Um 3 Uhr lste sich die Schwle und es trat Staubsturm ein. Am Nachmittag gelangten wir in Felsberge und marschierten dem Kurla-gol entlang, der hier als reiender Gebirgsstrom das Gebirge durchbricht. Wir machten bei einem Kaufmann, der unterwegs sein Zelt aufgeschlagen hatte, kurze Rast und bekamen Milch, Tee und Brot. Um 6 Uhr abends gelangten wir nach einem Marsch von 70 Kilometer nach Kurla, wo wir ganz gut unterkamen. Der Bek des Ortes schickte mir Pferdefutter. In meinem Gasthaus hatten sich zwei Damen der Demimonde etabliert. Ich ahnte zuerst gar nicht, wen ich vor mir hatte, und sagte zu einem neben mir stehenden Chinesen: "Was habt ihr hier fr hbsche Frauen," woraufhin er nur kurz antwortete: "Einen Tael". Da wute ich genug. Den ganzen Abend ber hrte ich ihren Gesang zur Mandoline. Sie schienen gar nicht abgeneigt, mit mir Freundschaft zu schlieen, aber sowie ich nur hinsah, hatte ich sofort eine ganze Herde von Neugierigen um mich herum. Die Pferde waren am 8. Mai morgens von dem gestrigen Marsch in der Hitze und ber die felsigen Wege derartig ermdet, da ich beschlo, erst am Abend aufzubrechen, um so mehr, da wir einen Marsch von 90 Kilometer vor uns hatten. Es war schon um vier Uhr morgens so schwl, da man nicht mehr schlafen konnte. Im Laufe des Vormittags erhielt ich Besuch von den beiden Mdchen, die vor Neugierde fast umkamen, meine europischen Sachen zu sehen. Heute war hier Basartag; ich mischte mich mitten in die Volksmenge auf den Straen. Was war das fr ein buntes Treiben! Dazu die farbigen Kostme beider Geschlechter, es gab wirklich ein hbsches Bild. Wie bei uns auf den Jahrmrkten schreit alles durcheinander, seine Waren anpreisend. Man sieht sehr viel Bettler, die, meist zu dreien, singend um eine Gabe betteln. Sie begleiten ihren Gesang mit der Gitarre und einer Klapper; diese besteht aus einem Stock mit einem groen Ring, an dem mehrere kleine Ringe hngen. Hauptschlich werden Ewaren, Kattune, Obst, Fleisch, Mtzen, Stiefel und Sigkeiten feilgeboten. Mitten durch die Stadt fliet der Chro-ma-gol, in dem die gesamte Stadtjugend badet. Der Flu hat ganz klares, durchsichtiges Wasser, das sehr kalt ist. Ich besuchte eine Kwantse, d. h. ein Restaurant, in dem zwei Gitarrespieler und ein Tamburinschlger Musik machten. Drei hbsche, junge Schantumdchen forderten mich gleich auf, Platz zu nehmen. Es gab Frchte wie getrocknete Weinbeeren, Lotoskerne, Mandeln, dann Tee und Reiswein, der dem Mohammedaner anscheinend nicht als Wein gilt. Eines der Mdchen fhrte zur Musik einen aus einzelnen Pas bestehenden grazisen Tanz auf, der jedesmal in einer Pose wie beim Bauchtanz, mit der Front nach irgendeinem der Anwesenden, endigte. Ich kam zuerst an die Reihe; man rief mir von allen Seiten zu: "C lai, c lai" (steh auf, steh auf), was ich denn auch tat. Einer nach dem andern kam nun daran und erhob sich mit einer Verbeugung gegen das Mdchen. Ich gab fr die Musik und fr die Tnzerinnen Geld und kehrte dann in meinen Gasthof zurck. Bald darauf erschien ein Chinese bei mir und forderte mich auf, in sein Zimmer zu kommen, er habe dort etwas fr mich. Richtig war es die hbsche Tnzerin, die sie herbeigebracht hatten, in der Hoffnung, sich einen Kupplerlohn zu verdienen. Ich lie mich jedoch nicht erbitten; das Mdchen fhlte sich verschmht und weinte, aber ich konnte ihr nicht helfen. [Illustration: Melkende Frau] Um 6 Uhr, das Thermometer zeigte immer noch plus 31 Grad, marschierten wir ab. Zuerst durch Kurla mit allen seinen hbschen kleinen Grten, dann an den Bergen entlang. Nach 40 Li machten wir kurze Rast in einem einzelnen Gasthause; nach 110 Li ebenso in einem Posthause, in dem eine einzelne Schantufrau waltete; sie kochte uns Tee und Eier. Ich war todmde und schlief auf dem Lager der Frau eine halbe Stunde vorzglich. Gegen 8 Uhr morgens -- es war schon wieder drckend schwl und die Tiere infolgedessen sehr mde -- langten wir endlich in Tschot Wu an. Wir hatten einen Marsch von 90 Kilometer hinter uns. Der uns begleitende Mann vom Yamen war ein Schantu, der jedoch, als bei einer chinesischen Behrde Angestellter, vollkommen als Chinese angezogen war. Er hatte das Gesicht ganz und den Kopf halb rasiert und trug nach chinesischer Sitte einen Zopf, so da ich den Unterschied tatschlich nicht bemerkt haben wrde, wenn mein Diener mich nicht darauf aufmerksam gemacht htte. Gegen Mitternacht vom 9. zum 10. Mai brachen wir bei Vollmond wieder auf. Wenn die Saaten bei den Drfern hoch sind, soll es hier massenhaft Wildschweine geben, jetzt waren leider keine da; sonst durchquerten wir nur reichlich mit Bumen bestandene Steppe. Um 9 Uhr erreichten wir Hsia-jen-kou, wo wir gut unterkamen und ich die Pferde baden lie. Der eine der mich begleitenden Kavalleristen bot mir fortwhrend seinen hbschen Schimmel zum Kauf an, doch sollte ich 35 Taels geben, was mir zu viel war. Um 7 Uhr abends ritten wir weiter, durch angebaute Gegend. In einem der Drfer hing ein menschlicher Kopf am Wege; meine Leute hielten sich lange darber auf; man ist es hier weniger gewhnt, die Kpfe so schnell fallen zu sehen, wie im Osten. Fr die Gasthuser war jetzt schlechte Zeit, da die Reisenden alle im Freien schliefen und die Pferde einfach grasen lieen. Fast alle Huser haben in dieser Gegend an der Auenfront Kangs; wenn es noch heier wird, schlft alles drauen. Am 11. Mai, bald nach Sonnenaufgang, waren war in Yang Hsa. Smtliche Gasthuser hatte der aus Kaschgar kommende Taotai belegt; dabei wute kein Mensch, ob er selbst berhaupt kommen wrde. Ich mute mich mit einer ziemlich beln Bude begngen; dafr erschien bald der Ortsvorsteher, ein Trke, um sich bei mir zu entschuldigen, da kein besseres Quartier vorhanden sei; brachte auch gleich Mais, Stroh, Heu und Eier als Geschenk mit, was ich sehr anerkannte. [Illustration: Kavallerist in Bugur, dessen Pony ich spter kaufte] Eine groe Unannehmlichkeit, unter der ich hier litt, waren die Luse, von denen ich mich nie ganz freizuhalten vermochte. Trotzdem ich Tag fr Tag badete und so sauber wie nur irgend mglich war, verging kaum ein Tag, wo ich nicht eines dieser widerlichen Tiere fing. So lange ich im eigentlichen China war, geschah dies nicht, was eigentlich fr die so oft angezweifelte Reinlichkeit der Chinesen spricht. Den ganzen Nachmittag kamen Leute, die mich um meinen rztlichen Rat baten. Die meisten litten an einer Augenentzndung, die sich besonders in eiternden Trnendrsen uerte. Die ersten, die ankamen, wusch ich mit einer ganz leichten Sublimatlsung sauber aus. Kaum hatten die Leute nur die Sublimat-Pastillen gesehen, als jeder etwas von der wertvollen Medizin haben wollte. Natrlich mu der Europer Sachen haben, die gegen jeden Schaden helfen. Dieses blinde Vertrauen zu einem Europer, wie zu einem hherstehenden Wesen, das in jedem Falle helfen kann, obwohl ich persnlich mehr als tausend Mal erklrt habe, da ich nicht Arzt sei, ist einfach lcherlich. Ich konnte nur peinliches Reinhalten und Khlen mit kaltem Wasser empfehlen, da ich selbst nichts an Arzneien hatte, ein Rat, der ungefhrlich war und vielleicht auch half. Gegen 8 Uhr abends marschierten wir weiter. Die Strae war mit hohen Bumen dicht eingefat, man ritt wie in einer Laube. Um 4 Uhr morgens waren wir in Bugur, in dessen Gasthaus meine Stube wiederum von Kranken, besonders von Weibern, gestrmt wurde. Mein Kavallerist lag mir dauernd mit seinem Pony in den Ohren, bis ich schlielich das hbsche Tier fr 22 Taels kaufte. Es erwies sich als etwas stolprig und scheute vor jeder Kleinigkeit, war also wohl ein Blender. [Illustration: Bugur] 13. Mai. Ich ritt, wie stets, voraus und war schon gegen 2 Uhr am Ziel in Arbatai, wo ich bald mit dem Sattel unterm Kopf fest schlief. Man lernt das sehr schnell: Tag fr Tag schlief ich die Hlfte meiner Ruhezeit, nmlich bis die Karre kam, auf den harten Steinen ohne jede Bequemlichkeit und gewhnte mich vollkommen daran. Der folgende Tag war wohl der bisher schwlste, und es war unmglich, den Tag ber zu schlafen. Als wir um 5 Uhr nachmittags abmarschierten, brach denn auch der Staubsturm los, legte sich aber gegen 9 Uhr wieder. Um 1 Uhr hatten wir nach sehr scharfem Ritt die 70 Kilometer bis Tocken hinter uns und kamen gut unter. Ich schlief trotz unzhliger Moskitos bald ein, um am 14. Mai frh, am ganzen Leibe zerstochen, von ihrem abscheulichen Surren geweckt zu werden. Es war gerade hell geworden und die Karre kam an. Die Abkhlung nach dem Staubsturm war ganz besonders angenehm, trotz der 18 Grad fror ich beinahe und zog mir meinen dicken Sweater an. Dann nahm ich ein Bad im Fluwasser, was mir aber nicht bekam, denn mein ganzer Krper zeigte bald kleine Blschen, die auf das unangenehmste juckten. Es war der allen Tropenreisenden bekannte Ausschlag, "roter Hund" genannt, der mir noch mehrere Tage zu schaffen machte. Ich dachte jetzt nur noch daran, so schnell als mglich aus dieser Moskitohlle fortzukommen. Denn trotzdem ich den ganzen Tag ber ein qualmendes Strohfeuer im Zimmer unterhielt, so da mir die Augen trnten, waren die Moskitos nicht zu verscheuchen. Gegen Mittag fing es leicht an zu regnen, und als wir um 4 Uhr nachmittags abritten, hatte ein richtiger Landregen eingesetzt. Der Kavallerist und der Yamenbegleiter wren nur zu gern dageblieben, denn der Chinese hat den Regen wie die Pest, aber ich lie mich auf nichts ein. Bald waren wir wie die Katzen na, was mir sehr angenehm vorkam. Den Weg schnitten von Norden kommende, teils flache, teils bis einen Meter tiefe, schnell flieende Wsser von dunkelroter Farbe. Einmal trafen wir unterwegs zwei etwa 14jhrige hbsche junge Schantumdchen, die gerade von einem im schrfsten Trab reitenden Manne eingeholt und angehalten wurden. Auf unsere Frage, um was es sich denn da handle, kam als Antwort: "die Liebe"; also zwei Durchgngerinnen. Es hatte gerade aufgehrt zu regnen, als wir um 8 Uhr abends an den inmitten von Grten gelegenen Vorstdten von Kutscha anlangten. Noch eine ganze Zeit lang ritten wir durch Vorstdte, ehe wir den Basar erreichten, in dem noch lebhaftes Treiben herrschte. berall sah man die Leute auf den mit Filzteppichen bedeckten Kangs vor den Husern sitzen, allenthalben hrte man zur Gitarre singen; die Verkufer schrien ihre Ewaren aus, Kinder spielten auf den Straen, und man hatte das Gefhl, bei einem friedlichen, glcklichen Volk zu sein. Die Weiber gehen hier alle ganz wei gekleidet. Durch die Mitte der Stadt fliet ein Bach, dessen Brckenbelag abgenommen war, wahrscheinlich aus Furcht vor dem infolge des starken Regenfalles zu erwartenden Hochwasser. Guter Rat war teuer; der Kavallerist benutzte die Gelegenheit, um im Dunkel zu verschwinden, wofr ich ihm morgen beim Yamen zu verklagen beschlo. Endlich wies uns ein des Weges kommender Karrenfhrer nach einer einen halben Kilometer oberhalb liegenden Furt, die wir glcklich in der Dunkelheit passierten. Dann ging es durch eine Menge dunkler Gchen und endlich hielten wir am Ziel, dem Hause des Aksakals, der hier die russischen Interessen vertritt. Ich hatte den alten Mann in Bugur getroffen und er hatte mich gebeten, in seinem Hause in Kutscha Wohnung zu nehmen, was ich gern annahm. Die Leute im Hause waren bereits durch einen vorausgesandten Brief ber mein Kommen unterrichtet. Man nahm mich sehr freundlich auf und gab mir ein hbsches Zimmer, Tee, Brot und Sigkeiten. Der Stall war allerdings weniger gut. Infolge meines Ausschlages konnte ich leider nicht schlafen und wlzte mich bis zum Morgengrauen ruhelos auf den Filzteppichen herum. Die Karre kam am 15. Mai erst gegen 7 Uhr morgens an; die Tiere waren in dem teils knietiefen Schlamm nur langsam vorwrts gekommen. Fr den Vormittag setzte ich groes Reinemachen an, dann wanderte Dschang zum Yamen, um mich anzumelden. Er erschien wieder in Gala, und beguckte sich fortwhrend im Spiegel. Kleider machen Leute, man ahnt gar nicht, was bei anstndiger Behandlung, gutem Essen und guter Kleidung alles aus einem schmutzigen, verlausten Kuli werden kann. Gegen 11 Uhr ritt ich dann selbst mit Vorreiter und einem berittenen Schantu als Fhrer durch die stark belebten Straen zum Yamen. Man lie mich erst warten, die Bllerschsse und das ffnen des Haupttores fielen weg. Dagegen war eine ganze Unzahl von Dienern, darunter mehrere mit Mandarinenknopf, aufmarschiert. Zum ersten Male sah ich hier auch Schantus mit dem Abzeichen der chinesischen Mandarinen, es sind solche, die eine Art Dolmetscherposten am Yamen innehaben und bei den Gerichtsverhandlungen gegen Schantus den Beamten untersttzen. Bald kam auch der Mandarin, wieder ein Hunanese. Er ist lange in Peking gewesen und spricht ein sehr schnes Hochchinesisch, so da wir uns die kurze Zeit unseres Zusammenseins sehr gut unterhielten. [Illustration: Mein Diener Djo Kutscha -- Leute sehen durch meinen Zei] In Kutscha waren gerade zwei japanische Offiziere anwesend, ber deren Mission und Absichten man sich im Yamen nicht ganz klar war. Man bat mich um Auskunft, die ich natrlich nicht geben konnte. Sie gaben vor, hier den Buddhismus studieren zu wollen und gruben augenblicklich in einem Dorfe sdlich Kutscha alte Grabdenkmler aus. Man schien sie nicht fr voll zu rechnen, aber der Mandarin war seiner Sache nicht ganz sicher und fragte sehr vorsichtig. Beim Abschied begleitete er mich nach chinesischer Sitte bis zu dem geffneten Haupttor; natrlich wurde das groe Pferd gebhrend angestaunt. Im Quartier war inzwischen schon das bliche Deputat des Yamen, bestehend aus Pferdefutter, einem Hammel und zwei Hhnern angekommen. Ich lie meinen Dank sagen und schickte dann zum hier residierenden Schantufrsten, um anzufragen, wann ihm mein Besuch angenehm sei. Er bat mich, morgen zu kommen, da er heute, am Basartage, sehr beschftigt sei. Ich a zu Mittag und empfing mehrere angesehene Schantus, die mir ihren Besuch machen wollten. Unter andern kam auch der erwachsene Sohn des Besitzers meiner hbschen Wohnung, der ber den fremden Eindringling sehr erstaunt war, denn man hatte ihn von meinem Kommen nicht in Kenntnis gesetzt. Nachmittags wanderte ich mit einem Chinesisch sprechenden Schantu und meinen beiden Chinesen in die Stadt, um den Basar zu besichtigen. Das war ein buntes Treiben; jede Gilde hat ihr besonderes Viertel, da waren solche, die Kattune und andere leichte Stoffe, smtlich europischer Herkunft, feilhielten, dann Schuster, Lederhndler, Schmiede, ferner Mtzenhndler mit reizenden Mustern, meist Taschkenter Herkunft, und Schneider; vielfach sah man hier schon Nhmaschinen russischen Ursprungs. Salz wurde in groen grauen Stcken, ungereinigt, feilgehalten. Dazu erfllten allerlei Ewaren mit ihrem Fettgeruch die Luft. Hier hielt einer mit lebhaften Geberden einen Vortrag ber Konstantinopel an der Hand eines Planes. berall trieben sich unzhlige Bettler herum. Auch das weibliche Geschlecht war reichlich vertreten, teils verschleiert, teils unverschleiert, die letzteren in der Mehrzahl. Auch solche, die sich in Samt und Seide kleiden und einen frechen Blick haben, waren da. Alle Weiber trugen groe, weie Nackenschleier und viele an der Mtze hbsche Silberverzierungen. In Betslen hielten Derwische vor einer zahlreichen Menge mnnlichen Geschlechts Vortrge. Auch eines der mit Hirschgeweihen, Widderkpfen und unzhligen Fhnchen geschmckten heiligen Grber sahen wir uns an. Dann wurde eingekauft; natrlich hatte jeder einen Wunsch. Dschang wollte neue Schuhe haben, Dscho, mein anderer Diener, einen langen Rock und eine berziehweste, und ich mute natrlich das Geld dazu hergeben, da die Gesellschaft keinen Pfennig besa. Wir konnten uns mit dem Schneider nicht einigen, da er infolge meiner Gegenwart unverschmte Preise machte. Weiter wandernd, kreuzten wir den gelbe Fluten sdwrts wlzenden Bach auf einer Brcke, die nur aus den zum Tragen des Belags bestimmten Balken bestand, die obendrein nicht einmal vierkantig waren. Unter Lachen und Jauchzen balancierte alles die 30 Meter lange Strecke hinber und herber. Drben schkerten drei Arm in Arm wandernde Kavalleristen mit hbschen Schantumdchen tout comme chez nous. Wir statteten dann noch einer Kwantse einen Besuch ab, in der drei Musikanten mit ihren melancholischen Weisen die Schmausenden unterhielten. Dann ging es zurck nach meinem Hause, da sich der Amban um 5 Uhr zum Besuche angemeldet hatte und ich diesen nicht verfehlen wollte. Unterwegs sahen wir noch ein Bad, das recht sauber gehalten war und in dem man von einem Mdchen bedient wurde. Pnktlich um 5 Uhr, wie ich auf eine Anfrage seinerseits gebeten hatte, erschien mit groem Gefolge der Mandarin. Das bliche Programm wurde abgewickelt; er schwindelte mir leider noch zum Schlu eine meiner eigenen Photographien ab. Abends a ich bei einem vornehmen Dunganen, der mich eingeladen hatte; ich machte dabei noch die Bekanntschaft des chinesischen Vorstehers des Telegraphenamtes. Derselbe, ein geborener Tientsiner, war fnf Jahre lang in Amerika gewesen und sprach gelufig Englisch, ohne irgendeinen Anklang an das sogenannte Pidgin-Englisch. Er klagte mir sein Leid ber diese weltentlegene Gegend, natrlich aber hatte er nicht Geld genug, um in die Heimat zurckkehren zu knnen. Am 16. Mai ritt ich um 8 Uhr frh zum Yamen des Schantufrsten, bei dem ich mich zum Besuch angemeldet hatte. Ich wurde sehr liebenswrdig empfangen und hatte Gelegenheit, in den verschiedenen Rumen besonders die schnen Teppiche und die alten Waffen des Frsten zu bewundern. Der Frst war schon zweimal in Peking gewesen und erkundigte sich lebhaft nach dem Aussehen Pekings und den infolge der Unruhen im Jahre 1900 hervorgerufenen Vernderungen. Mit einer gewissen Schadenfreude fragte er immer wieder nach dem Jahre der Verbannung des kaiserlichen Hofes aus Peking. Er trgt den dunkelroten Rangknopf der kaiserlichen Prinzen und machte in Auftreten und Aussehen einen durchaus vornehmen und dabei gewinnenden Eindruck. Er ist unverheiratet, so da diese Linie der alten Nachkommen der frheren Herrscher einmal aussterben wird, was den Chinesen wohl nicht unangenehm sein wird. Von dort aus ritten wir zur Ordu, d. h. zur alten Burg. Diese besteht nur noch aus einigen Lehmkegeln, die frher vorspringende Punkte in einem langen Befestigungswalle, der die gesamte Oase umgab, gewesen sind. Die Zwischenteile sind vollkommen verschwunden. Von der Hhe aus hat man eine herrliche Fernsicht auf das sich wie ein groer Garten ausbreitende Kutscha und Umgebung. Die Einwohner Kutschas sind nicht mit Unrecht stolz auf die Menge ihrer Grten und betonen dies bei jeder Gelegenheit. Dann ritt ich weiter zu dem Hause, in dem die beiden Japaner wohnen sollten, traf sie aber leider nicht an; sie wurden erst abends zurckerwartet. Daher hinterlie ich einen Zettel, da ich die Absicht gehabt htte, ihnen meinen Besuch zu machen und mich sehr freuen wrde, sie noch vor meiner baldigen Abreise zu sehen. [Illustration: Masar kutscha -- Wildschaf-Schdel] Nicht weit entfernt von dem Hause liegt das grte Heiligengrab von Kutscha, ein uraltes Heiligtum. Durch eine von hohen alten Pappeln beschattete Tr und durch einen Hof gelangte man zum Eingang, an dem einige alte Mohammedaner auf den Knien lagen und Gebete murmelten. Wir hatten einen zweiten Hof vor uns, an den sich Betsle anschlossen, dann ging es durch eine an beiden Seiten mit Tughs, Stcken mit bunten Lappen und den zu Haufen geschichteten Kpfen des Argali (Wildschaf) verzierten Tr zum Grabe selbst. Dieses liegt in einem einfachen, mit breiter vorspringender Galerie und Gitterfenstern versehenen Hause, das auch wieder mit Tughs und Argalikpfen geschmckt ist; ringsum stehen alte Bume. Die Dunganen und Schantus zogen sich vor dem Eintreten ihre berziehpantoffeln aus und verrichteten kniend ein kurzes Gebet. Drauen im Hofe war eine Schule fr Knaben und Mdchen, bunt durcheinander, die laut und mit einer beneidenswerten Ausdauer ihre Lektionen hunderte von Malen wiederholten. Die Schule war nur augenblicklich im Freien, sonst befindet sie sich in einem anschlieenden Hofe mit vielen kleinen Rumen, in denen mehrere alte, graubrtige Mollahs jngeren Priestern aus dem Koran vortrugen. Nachmittags benutzte ich eines der Badehuser. Das sehr heie Bad tat mir uerst wohl und trug merkwrdig zur Beruhigung meiner durch den "roten Hund" und die damit verbundene anhaltende Schlaflosigkeit erregten Nerven bei. Der Ausschlag hatte meinen ganzen Krper ergriffen, und zwar sehr viel schlimmer, als es den meisten Leuten auf der Seefahrt infolge des Salzwassers ergeht. Nebenbei bemerkt, habe ich bei der langen berfahrt nach China berhaupt nicht daran gelitten. Abends bekam ich wieder Besuch von dem Telegraphenbeamten, dagegen erschienen die beiden Japaner nicht. Mit der Karre gab es wieder die blichen Schwierigkeiten; ich befahl schlielich kategorisch: "Morgen kommt sie!" und das wirkte. Der hiesige Yamen weigerte sich zum ersten Male, meine Briefe zu befrdern. Ich lie dem Mandarin sofort zurcksagen, da ich seinem Vorgesetzten, dem Taotai in Aksu, davon Mitteilung machen wrde, woraufhin sofort zwei Kavalleristen kamen, die er persnlich zur Befrderung meiner Briefe beordert hatte. Bei bedecktem Himmel herrschte am 16. Mai eine ganz angenehme Temperatur. Ich fhlte mich auch bedeutend wohler, da infolge fehlender Sonne die Augenschmerzen, die mich in letzter Zeit etwas geplagt hatten, nachlieen und ich auch endlich einmal gut geschlafen hatte. Im Laufe des Vormittags besuchte ich einen reichen Kaufmann aus Tientsin, der schon 16 Jahre hier ist und ganz gute Geschfte macht. Er freute sich ganz auerordentlich ber meinen Besuch und schenkte mir sofort eine Sonnenbrille und einen hbschen Fcher. Am Nachmittag kam endlich die Karre. Ich erledigte meine Verpflichtungen gegenber dem mit komischer Hartnckigkeit aufmarschierten und nicht von der Stelle weichenden Dienstpersonal, das sich pltzlich verzehnfacht hatte und am Hause Spalier bildete; jedoch belohnte ich nur nach Verdienst. Ein Dungane, der sich besonders um mich bemht hatte, erhielt einen vollen Tael, die andern nur 50 Cash pro Kopf. Man sah recht lange Gesichter. Um 6 Uhr nachmittags marschierten wir ab; zuerst durch die Stadt, dann durch die Grten der Vorstadt und schlielich hinaus in die Wste, die in wilde, zerrissene Lehmberge bergeht. Die Berge zeigen merkwrdige Schichtformen und sind alle in einem Winkel von ungefhr 15 Grad nach Westen zu geneigt. Mehrfach fand ich Quellen, die sich in salzhaltige Lagunen ergossen und bald versiegten. Ich ritt wieder mit meinen Begleitern voraus. Wir passierten einmal eine Telegraphenstation, wo der Posthalter uns liebenswrdig mit Tee und Brot bewirtete. Es mochte wohl gegen 2 Uhr nachts sein, als wir hinter uns -- wir waren gerade mitten in den Bergen -- mehrere Schsse fallen hrten. Ich befrchtete einen berfall auf meine Karre und ritt so schnell wie mglich zurck. Richtig trafen wir die Karre haltend, whrend sich meine beiden Leute und der Fhrer seitwrts in die Berge in Deckung begeben hatten. Sie behaupteten, es wre auf sie geschossen worden, augenscheinlich von Rubern. Ich ritt, mit dem Karabiner bewaffnet, die ganze Umgegend, soweit es mglich war, ab, fand aber nichts. Dann schickte ich den einen Kavalleristen zur Telegraphenstation zurck, um dort von dem Vorfall Meldung zu machen, da die betreffenden Schtzen auf ihrem Weiterwege dort jedenfalls durchkommen muten. Spter hrten wir noch einmal ganz von weitem schieen. Der Kavallerist behauptete am nchsten Morgen, er habe sich mit Rubern herumgeschlagen; ich glaube, da er sich nur selbst Mut geschossen hatte, im brigen war ihm nichts zugestoen. In einem kleinen Gasthause rasteten wir eine Stunde, dann zogen wir weiter in die Steppe und um 8 Uhr morgens waren wir nach 90 Kilometer Marsch in Chrotsy, wo wir gute Unterkunft fanden. Natrlich hatten meine Chinesen nichts Eiligeres zu tun, als sofort den ganzen Ort von der Schieerei in Kenntnis zu setzen und vor jedem einzelnen mit dem Abenteuer zu prahlen. Die Gebrdensprache, die ich von weitem beobachtete, wirkte hchst komisch. Nun kamen die Chinesen zu mir, um mich auszufragen. Ich lie sie zuerst einmal meine Nationalitt erraten; sie waren lange im Zweifel, bis schlielich einer meinte, ich knne nur ein Deutscher sein, denn die andern seien zu faul, ihre Sprache zu lernen. Das Kompliment ging mir glatt herunter und ich bekannte Farbe. Ein Offizier war auch in dem Dorfe und besuchte mich sofort, um sich ber die Ruber zu erkundigen. Mit seinem Mute schien es nicht weit her zu sein, denn, wie ich spter hrte, hatte er den Abmarsch sofort um zwei volle Tage verschoben und seine gesamte Begleitung zum Erkunden vorausgeschickt. Ich freundete mich unterdessen mit seinem netten kleinen Sohne an, als mit einem Male der weniger nette Vater erschien und das Shnchen aus meiner Stube heraushieb, leider merkte ich die Absicht zu spt, sonst htte ich mir diese Exekution in meinem Zimmer auf das energischste verbeten. Wir marschierten wieder die Nacht hindurch und waren am 19. Mai morgens um 8 Uhr in Bait scheng am gleichnamigen Flusse, der jetzt wenig Wasser fhrte. Bei starkem Regen, der hier allerdings nur alle paar Jahre einmal eintritt, soll er regelmig die smtlichen, niedrig gelegenen Huserreihen wegschwemmen, was die Leute jedoch nicht hindert, sie immer wieder aufzubauen. Die Stadt ist schmutzig und eng ineinander gebaut. Ich kam im besten Gasthause unter, in dem drei andere Zimmer von Damen der Halbwelt besetzt waren. Ein Kaufmann aus Andischan brachte mir als Geschenk 50 Eier, Salz und Radieschen, der Yamen sandte sofort Pferdefutter und Leute, kurzum, ich wurde auch hier ebenso gut und liebenswrdig aufgenommen, wie stets in Turkestan. Ich lie mich beim Yamen anmelden und sagen, da ich ungefhr um 4 Uhr meinen Besuch machen wolle. Die Zwischenzeit benutzte ich, um mich endlich einmal etwas auszuschlafen. Auf dem Yamen fand ich einen ganz jungen, sehr angenehmen Beamten, der mir meinen Besuch bald erwiderte und sich natrlich in das unvermeidliche Fremdenbuch eintragen mute. Zu meinem Schmerz entdeckte ich, da die Chinesen meinen einzigen Thermometer zerbrochen, auerdem zwei gute deutsche Riemen verloren und dann noch ohne meine Erlaubnis mit meinem Gelde eingekauft hatten. Sofort wurde wieder die alte strenge Wirtschaft eingefhrt und kein Cash herausgerckt. Da mich trotzdem der zuletzt engagierte Chinese Dscho hinten und vorn betrog, war mir lngst klar, nur konnte ich es ihm nicht beweisen, da ich nicht jedem Verkufer nachlaufen konnte, um ihn auszufragen, nebenbei wird sich wohl Dscho mit den Verkufern den Profit geteilt haben. Er mu es aber ziemlich schlau angefangen haben, da ich die landesblichen Preise ganz genau kannte. Bai tscheng hat auch einen Schantu-Prinzen, von denen es hierzulande eine ganze Anzahl gibt. [Illustration: Er will nicht -- Bai tscheng] Lcherlich ist es, was fr gute Geschfte die Halbweltdamen hier machen. Ich beobachtete, da das Zimmer der einen, eines allerdings sehr hbschen Mdchens, den ganzen Nachmittag von Chinesen besetzt war; man hrte ohne Unterla das Geklimper der Gitarre, und jeder lie einen Obolus da, wofr er nur eine Tasse Tee bekam und allenfalls eine Pfeife rauchen durfte. Am Abend war das Mdchen dann auerhalb vergeben. Besonders die hbscheste von den dreien war frmlich mit Goldschmuck behngt. Was das Mdchen an Ohrringen, Fingerringen, einem mit Gold und Steinen besetzten Grtel an sich trug, mute mindestens einen Wert von 1000 Mark darstellen. brigens sind diese Mdchen smtlich Trkinnen; eine Chinesin wrde dies Gewerbe niemals so ffentlich betreiben, whrend bei den Trkinnen kein Mensch Ansto daran nimmt. Am 20. Mai war wieder einmal ein derartiger Staubsturm, da ich beschlo, erst am Abend weiter zu marschieren. Ich ging ber Mittag in die Stadt und kaufte als Andenken einige silberne Fingerringe und einen kupfernen, auen verzinnten Wasserkrug, auf den ich mir auf der einen Seite in chinesischen, auf der andern in trkischen Lettern den Namen der Stadt einritzen lie. Dann machte ich dem Kaufmann aus Andischan meinen Gegenbesuch. Er verhandelt Stoffe russischen Ursprungs gegen Felle, die dann nach Ruland gehen; es wird hier wenig mit barem Geld gearbeitet. Trotzdem der Staubsturm nicht nachgelassen hatte, marschierte ich um 4 Uhr ab. Unterwegs trafen wir den von der Jagd zurckkommenden Schantuprinzen, vor dem alle des Weges Kommenden oder vielmehr Reitenden, denn zu Fu geht hier kein Mensch, schleunigst den Sattel rumten und ihre Verbeugung machten. Nach dem Thien Schan zu sah man berall die Feuer der Hirten lodern; im brigen waren wir hier in der Steppe, die zu dieser Zeit sehr gute Weide hatte. Unser Ziel hie Chonesse. [Illustration: Hbsche Turkestanerin in Bai tscheng] Wir kreuzten, nachdem wir am 21. gegen drei Uhr aufgebrochen waren, einen reienden, etwa einen Meter tiefen Flu in einer Furt, durch welche die Sutschis, d. h. Wassermnner, vorausgingen, um den Weg zu zeigen. Weiterhin ging es in Lehmberge mit den merkwrdigsten Formen. Nach ungefhr 30 Kilometer Marsch hatten wir eine um eine kleine Quelle herum entstandene Ansiedlung vor uns. Die Quelle entspringt unterhalb einer weit vorspringenden Bergnase, ist mittels eines ausgehhlten Stammes in ein Becken geleitet und hat herrliches ses Wasser, was in dieser Gegend immerhin eine Seltenheit ist. Ringsherum ist sonst vollkommene Wste. Manche Berghnge sehen infolge der Salzablagerungen ganz wei aus. Frher hat dicht bei der Quelle ein groes Rasthaus der Frsten von Kaschgar gestanden; seit der chinesischen Eroberung zerfllt der Yamen und man sieht jetzt nur noch die Grundmauern. Zwanzig Kilometer von hier, in den rtlich erscheinenden Bergen, befindet sich ein groes Kupferbergwerk, in dem gegen 1000 Menschen arbeiten sollen. Dieses Bergwerk deckt den Hauptbedarf an Kupfer im ganzen westlichen Turkestan bis zum Pamir. Tag und Nacht, zu jeder Stunde sind nach der oben erwhnten Quelle Eselkarawanen unterwegs, um in Fssern das Wasser nach dem Bergwerk zu schleppen; das dortige ist schlecht, und da der Bedarf naturgem sehr gro ist, sind Hunderte von Eseln mit dieser Arbeit beschftigt. Das Gasthaus ist, wie alle in Turkestan, gro angelegt und sauber gehalten, wie man im eigentlichen China kaum ein gleiches findet, darin haben die Chinesen fr die Reisenden glnzend gesorgt. Auch in diesem einzeln gelegenen Gasthaus befand sich wieder ein Frauenzimmer, welches auf die Gunst der Reisenden spekulierte. Bei mir fand sie keinen Anklang. Am 22. Mai hatten wir einen langen beschwerlichen Marsch durch Wste und durch ebensolche Lehmberge wie gestern, in denen mehrfach salzige Quellen entspringen. Unter der drckenden Hitze hatten die armen Tiere schwer zu leiden. Von meinen Begleitern waren sowohl der vom Yamen als auch einer der Kavalleristen erbrmlich schlecht beritten, ich ritt daher stets mit dem zweiten Kavalleristen voraus, und zwar heute den guten Dicken, der vorzglich ging. Das Tier war wirklich eine wahre Perle, das geborene Distanzpferd, das sich durch nichts aus seiner Ruhe bringen lt. Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 70 Kilometer hinter uns und Hala jrgun erreicht, das schon in der Aksu-Ebene liegt. ber Nacht sprang der Wind nach Norden um und brachte etwas Khlung; ich marschierte daher am 23. Mai schon morgens weiter; zuerst nach Sametei, wo mittags gefuttert und gerastet wurde. Man sieht hier in der Gegend auffallend viele Leute mit Kropf, Boghra, wie sie sagen; fast mchte ich behaupten, da von 40 Jahren aufwrts jeder einen Kropf hat. Die Leute fhren diese entsetzliche Krankheit, die sie aber weiter gar nicht strt, auf die sumpfige und bittere Beschaffenheit des Wassers zurck. Das Land war schon wieder teilweise angebaut, zwischendurch kamen aber gelegentlich noch ganz wste Striche. Die kleinen Bche, die nordsdlich gehen, fhrten jetzt alle Wasser, das meist dunkelbraun gefrbt war. Den Abend benutzten wir zum Weitermarsch nach Aksu. Im Norden stand eine schwarze, regendrohende Wand, in der es unablssig blitzte. Wir kamen aber trocken morgens um 2 Uhr mit mden Pferden vor Aksu an, durchritten weit ausgedehnte Vorstdte und hielten schlielich am verschlossenen Stadttore, das ausnahmsweise schnell geffnet wurde. Durch leere Straen, angeklfft von ganzen Herden von Ktern, vorbei am Tamtam schlagenden Nachtwchter, ging es zur groen Kwann-dienn, fr die "Schweinestall" noch eine sehr milde Bezeichnung ist. Dazu war bis auf ein Zimmer alles besetzt. Ich befahl, weiter zu reisen. Wir lieen uns die inneren Abschlugatter der einzelnen Stadtteile ffnen und versuchten es bei andern Gasthfen mit noch weniger Erfolg; sie waren noch schmieriger als der erste und bertrafen in dieser Beziehung alles, was ich bis jetzt gesehen hatte. Schlielich kehrten wir doch in den ersten Gasthof zurck, der immerhin noch der beste war. Ich lie das einzige freie Zimmer im wahrsten Sinne des Wortes ausmisten, brachte die Pferde unter und schlief wie blich auf den Steinen, bis die Karre kam. [Illustration: Aksu -- Siesta] Als ich mir Geld geben lie, fiel es mir auf, da die Cashrollen gegen gestern recht mager geworden waren. Ich fate zuerst Dschang, der natrlich vorgab, von nichts zu wissen, aber an dessen Benehmen ich sofort merkte, da nicht alles in Ordnung war. Echt chinesisch schob er alles auf seinen Kameraden, wollte jedoch den Verlust von 100 Cash, den ich angab, aus seinem eigenen Gelde ersetzen, woraus ich schlo, da das Gestohlene mindestens dreimal soviel betrug. Ich hatte bald Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Ansicht zu berzeugen. Als Dscho, den ich ausgeschickt hatte, zurckkam, stellte ich sofort Haussuchung an; in seinen Decken, in seinen Kleidern, berall kamen gestohlene Cashrollen zum Vorschein. Er war aber derartig im Vorschu bei mir, da ich ihn, um nicht noch mehr Geld zu verlieren, weiter mitnehmen mute. Dann fehlten meine Photographien. Ich setzte sofort Himmel und Erde in Bewegung; der Yamen hatte bereits Reiter gestellt, die nach dem letzten Quartier zurckreiten sollten, um nachzufragen, als sie sich doch noch fanden und der ganze Lrm umsonst gewesen war. [Illustration: Blick aus Aksu] Der Yamen schickte, wie blich, alles zum Leben Notwendige. Ich wollte mich bald dort melden und befahl meinen Leuten, sich zu beeilen. Aber wenn ein Chinese Toilette macht, so dauert das meist lnger als bei einer unserer verwhntesten Damen in Deutschland. Erst gingen sie essen, denn ohne etwas im Magen ist der Chinese unbrauchbar, dann muten sie Schuhe kaufen, dann lieen sie sich den Kopf rasieren und den Zopf neu machen, kurzum, es dauerte volle vier Stunden, bis sie glcklich bereit dastanden, um zum Yamen zu wandern. Ich engagierte in der Zwischenzeit auf Empfehlung des Aksakals hin, den Sven Hedin in seinem Buche im Bilde verewigt hat, noch einen Schantu, der sich mir anbot, so da mein Hofstaat nun auf drei Diener angewachsen war. Ich nahm den Mann nur, da er neben seiner Muttersprache, dem Trkischen, auch noch Chinesisch vollkommen beherrschte und mir so weiterhin von Nutzen sein konnte. Wir ritten nun zuerst zum Taotai, einem jovialen alten Herrn mit rotem Rangknopf. Er war sehr liebenswrdig; mir fiel auf, da er merkwrdig familir mit seinen Untergebenen umging. Zum Besuche war, wahrscheinlich als Dolmetscher, der Beamte der hiesigen Telegraphenstation geholt worden. Auer "how do you do" konnte er aber nichts, so da wir uns bald wieder chinesisch unterhielten. Der alte Herr begleitete uns zum Abschied aus dem Hause hinaus. Wir ritten weiter zum Amban, wo ich einen groen Volkshaufen in ungeheurer Aufregung vorfand. Im Hofe bildete bis zum Haupttor Infanterie Spalier, die mit ihrer altertmlichen Bewaffnung einen hchst spaigen Eindruck machte. Als ich durchritt und mit meiner etwas hohen Stimme mehrfach "Platz!" rief, wurde ich von allen Seiten verspottet und nachgeahmt. Ich erfuhr nun endlich auch, was eigentlich vorging. Ein Mann sollte hingerichtet werden, und das Volk war darber vor Erregung wie toll. Ich lie mich beim Amban anmelden und wurde sofort gebeten, nherzutreten. Er ist ein geborener Ningpoer; ich verabschiedete mich bald wieder, da auch der alte Herr von der Hinrichtung ganz hingenommen schien und mit seinen Gedanken gar nicht bei der Sache war. Beim Herausreiten aus dem Yamen benahmen sich die Soldaten frech gegen mich, so da ich zurckritt und mir den ersten Bedienten des Beamten kommen lie, der sofort mit Knppeln energisch fr mich Platz schaffen lie. [Illustration: Ich wollte den Scharfrichter photographieren, wobei er den Kopf des Verbrechers fallen lie] Kaum hatte ich den Yamen verlassen, so fuhr eine Karre in den Hof. Der Deliquent, ein Chinese, erschien und wurde unter dem Geheul der Menge von vier bis fnf Yamenleuten auf die Karre geladen. Die beiden Trompeter bliesen Fanfaren, und der Zug mit der Infanterie an der Spitze ging los. Es folgte die Karre mit dem Deliquenten, dann kam der Kommandeur des hiesigen Infanterie-Bataillons im scharlachroten Mantel mit einigen andern Offizieren und Mafus dahinter. Der Marsch ging nach dem ganz nahen Westtor. Die Menge tobte und brllte ohne Unterla: "Scha! scha!" (tte ihn! tte ihn!) Ich ritt ganz hinten und konnte von der Stute aus alles bersehen. Als der Wagen am Tor war, konnte die Menge es nicht mehr erwarten, alles griff zu und im Laufschritt wurde die Karre vorwrts gestoen. Am Richtplatz wurde der Deliquent heruntergerissen, in die Knie gedrckt, und schon rollte der Kopf im Sande unter allgemeinem "Ah" der Menge. Einer der mich umstehenden Chinesen meinte zu mir: "Das ist doch noch schner, als das Theater." Die Trompeter bliesen nach der Exekution langgezogene Fanfaren, es klang beinahe wie zum Halali. Die Menge drngte sich um den Krper, der Kopf wurde sofort weggetragen, wobei sich die damit beauftragten Soldaten den Scherz machten, ihn so am Zopf zu schlenkern, da alle Umstehenden mit Blut bespritzt wurden, dann kam der Kopf in das bliche Kstchen, um an seinem Heimatsorte zur Warnung aufgehngt zu werden. [Illustration: Scharfrichter, Schwert in der rechten Hand] Ich hatte unterdessen den Gegenbesuch des Taotais verfehlt, den ich unterwegs in seiner Karre, von meinem Hause zurckkehrend, traf. Bald darauf kam auch der Amban zum Besuch. Abends machte mir Dscho, der sich in seiner Dummheit noch immer nicht ber das gestohlene Geld beruhigen konnte, eine Szene, erklrte, da er nach Karaschar zurck wolle, und forderte im unverschmtesten Tone Geld. Ich setzte ihn etwas unsanft hinaus, nahm ihm seine Sachen weg, damit er nicht fortlaufen konnte und erklrte ihm, da wir unsere Angelegenheiten morgen auf dem Yamen vor dem Amban ordnen wrden. Ich war recht mde, da man mich den ganzen Tag belagert hatte, und schlief wie ein Toter. Frhmorgens am 25. Mai kam Dschang, um fr seinen Kameraden zu bitten, der natrlich Angst vor den Prgeln hatte, die ihm bei der Klarheit des Falles mit Sicherheit auf dem Yamenhofe bevorstanden. Meine drei Pferde waren so sauber wie noch nie, das Essen ganz besonders gut hergerichtet. Dscho hatte sich die uerste Mhe gegeben, obwohl er auch sonst nicht faul war. Vorlufig lie ich ihn noch etwas zappeln, was ihm nur dienlich sein konnte. Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg nach dem alten Aksu, das ungefhr 50 Kilometer nrdlich gelegen ist. Wir durchritten die umwallte Stadt und die nrdliche Vorstadt, in der der Hauptverkehr und Handel sich abspielt, dann ging es entlang dem Aksu darga, dessen Tal reich angebaut ist. Die Talwnde steigen in senkrechten, hohen Lehmmauern zu einer staubigen, lehmigen Ebene auf, durch die eine Zeit lang der Weg fhrt. Man kann sich kaum einen greren Gegensatz denken, als dieses reich angebaute Tal und die de Ebene. Der Boden im Tale ist hier sehr wertvoll, die Begrbnissttten liegen daher alle oben im schlechten Boden. Wir ritten eine ganze Zeit lang zwischen Kirchhfen mit ihren kleinen Kuppelbauten und ihren unzhligen wrfelfrmigen Grbern, genau wie man sie in Konstantinopel sieht. Unten im Tale wird ein sehr guter Reis angebaut, die berschwemmten Felder lieen dies schon von weither erkennen. Beim Eintritt in die Stadt fiel sofort an hoher Stange im Kfig der Kopf des gestern Hingerichteten auf, zu dem noch immer viele Neugierige strmten. Wir ritten durch viele, lange, wundervoll khle Bazarstraen, die so gut oben eingedeckt sind, da es fast dunkel darin ist, zum Yamen des Wangtsy[4] Hadyr. Er war nicht zu Hause, sondern erwartete uns in seinem Garten auerhalb der Stadt. Trotzdem mich einer der Beamten vom chinesischen Yamen schon vorher angemeldet hatte, kam in voller Fahrt ein Diener angeritten, um uns zu fhren. [4] Wangtsy = Prinz Am Garten, der noch im Entstehen begriffen ist, erwartete mich auerhalb der Prinz, ein Mann im besten Alter mit Schnurrbart und rasiertem Kinn, in der Kleidung eines vornehmen Chinesen. Er knnte jederzeit fr einen Chinesen besseren Standes gelten. Ich wurde zu einem nach allen Seiten offenen Pavillon gefhrt, dessen Fuboden mit Teppichen belegt war. Wir setzten uns auf Feldsthle, und es wurde Tee und russisches Zuckerwerk gereicht. Die Unterhaltung drehte sich um die blichen Fragen. Das Pltzchen ist hier sehr angenehm, auf zwei Seiten rieselt ein Khlung spendender Bach; fnf Musikanten fhrten Musik auf einer derselben sang dazu. Ich bekam dann noch Schlagsahne, eine Art Kalbfrikassee und Rhrei mit Frchten darin vorgesetzt. Man brachte zuerst den Teller mit dem Fleisch, auf dem ein kleiner hlzerner Lffel lag. Da man mir keine Estbchen gab, fing ich an, mit dem Lffel zu essen, nicht ahnend, da ich damit einen groben faux pas beging, denn es war der Vorlegelffel. Nach dem Essen fragte man mich, ob ich nicht noch den Aksakal besuchen wollte, der sehr weit entfernt wohnte, offenbar ein Wink mit dem Zaunpfahl, mich zu empfehlen, dem ich schleunigst Folge leistete. Natrlich wurde beim Abschied die nach chinesischen Begriffen schwanzlose Stute gebhrend bewundert, nicht ohne den blichen erstaunten Seitenblick, da ich eine Stute reite. [Illustration: Trkischer Prinz in Aksu -- Hadyr] Wir ritten nun zum Aksakal, der nicht zu Hause war; dann versuchte ich im Bazar mehrfach, kupferne Krge zu erstehen; es war aber infolge unverschmter Forderung nicht mglich. Weiter fhrte mich ein gewandter Chinese nach dem Serail der Chotaner Teppichhndler. Hier bekam ich sehr schne, mit der Hand geknpfte Kamelhaarteppiche zu sehen. Wir handelten lange; der Verkufer, ein junger Mann aus Chotan, war eigensinnig und wollte mit dem Preise von 10 Taels das Stck nicht heruntergehen, obwohl ich ganz genau wute, da er zu hoch war. Schlielich kam der lteste des Serails herzu. Mein Chinese und der Alte steckten sich gegenseitig die rechte Hand in den langen weiten rmel, um nun mit einem sehr geschickten, gegenseitigen Fingerspiel den Preis zu bestimmen. Sie einigten sich auf 15 Taels fr zwei Stck. Der Alte erklrte dem Jungen, der noch immer nicht einwilligte, da er noch ein Kind sei, im brigen wurde er gar nicht weiter gefragt und der Kauf war abgeschlossen. Bei einem andern Verkufer in demselben Hofe kaufte ich zu demselben Preise noch zwei andere sehr hbsche Teppiche, dann ritten wir zurck. Der vermittelnde Chinese erhielt einen Tael Trinkgeld. Ich wollte eigentlich die ganze Gesellschaft mit einem Stck Silber auszahlen, jedoch belehrte mich mein Fhrer, da dies eine Torheit wre, da der chinesische Bankier auf je ein Zehntaelstck Silber, das man bei ihm wechselt, ungefhr 1/3 Tael in Kupfermnzen zugibt. Ich lie daher erst bei dem Bankier die Gesamtsumme in Kupfer wechseln und bezahlte die Teppichhndler in Kupfer. Auf diese Weise sparte ich ungefhr einen Tael. Spter kaufte ich noch kleine Jetsachen sowie chinesische Schuhe und Strmpfe, da ich es in meinen schweren Schnrstiefeln mit den wollenen Strmpfen nicht mehr aushalten konnte. Doch bewhrten sich die Strmpfe nicht, denn da sie aus Leinen sind, sind sie noch weniger durchlssig als wollene. Der Scharfrichter, den ich photographiert hatte, stellte sich ein und qulte mich um sein Bild. Natrlich konnte ich es ihm nicht geben, da mir alles zum Entwickeln der Films fehlte, was die Leute niemals begreifen konnten. Sie dachten immer, wenn man sie photographierte, mten sie auch immer gleich ihr Bild zu sehen bekommen. Es hatte sich herumgesprochen, da ich Teppiche gekauft hatte, und nun wurde ich den ganzen Tag ber von Leuten bestrmt, die mir den verschiedenartigsten Schund aufhngen wollten. Der europische Geldbeutel gilt eben als unergrndlich. Mein neuer Diener Nasr bat um ein Darlehn von 2 Taels, da er seine Sachen im Pfandhause habe; anscheinend bei diesen Leuten ein chronischer Zustand. Ich gab sie ihm infolge schlechter Erfahrungen ungern, lie mich aber schlielich erweichen, da er nichts Ordentliches zum Anziehen hatte. Nach und nach brachte er mir einen Teil des Geldes zurck, den er sich wahrscheinlich von seiner Freundschaft zusammengeborgt hatte. Um fnf Uhr nachmittags marschierten wir ab. Wir waren noch nicht zehn Li weit, als ein abscheulicher Staubsturm losbrach. In dem sandigen Tale des Aksu darga reitend, kreuzten wir zwei oder drei Arme desselben, die ungefhr einen Meter tief, und, da man nicht die Hand vor Augen sehen konnte, recht unangenehm zu durchschreiten waren. Schlielich gelangten wir an den Hauptarm, dessen gelbe, reiende, sich sdwrts wlzende Flut mittels Fhre berschritten wird. Die Fhre lag am rechten Ufer etwa 10 Meter von diesem entfernt. Man ritt durch das Wasser heran und balanzierte vom Pferd aus hinein; die Tiere muten dann ber den einen Meter hohen Bord hineinspringen. Ich sah die meinigen schon mit gebrochenen Knochen bei dem lebensgefhrlichen Manver. Aber es ging besser als man dachte; die Stute und der Schimmel sprangen glatt hinein, nur der Dicke streikte, und wenn der einmal nicht will, ist nichts mit ihm anzufangen. Ich lie nun aus einigen Bohlen eine Art Laufsteg ins Wasser bauen, redete meinem guten Dicken gut zu, und siehe da, er kletterte gutwillig hinein. Als wir glcklich alle darin waren, erklrten die Fhrleute, wir mten noch einige Stunden warten, bis der Sturm sich gelegt htte. Natrlich allgemeine Entrstung. Auf meine Frage, warum sie uns das nicht gleich gesagt htten, erwiderten sie, wir htten sie ja gar nicht gefragt, sondern wren gleich in die Fhre gestiegen. Ich lie mir das nicht gefallen und befahl, loszufahren, aber ich htte es mir sparen knnen. Sechzehn Mann arbeiteten mit dem dazu gehrigen Geschrei, ohne das Boot weiter als bis in die Mitte des gar nicht sehr breiten Flusses bringen zu knnen. Der gewaltige Sturm drckte derartig gegen, da wir nicht vorwrts kamen, dabei trieb uns die sehr starke Strmung fortwhrend fluabwrts. Schlielich saen wir auf einer Sandbank fest. Nach vieler Mhe kamen wir wieder los und landeten zuletzt an demselben Ufer an einer Fluwindung, ungefhr zwei Kilometer vom Ausgangspunkt. Der Sturm nahm eher zu als ab. Ich lie daher ausladen und beschlo, zurckzureiten. Zuerst ging es zur Karre, um meine Leute zu benachrichtigen, dann fhrten uns die Kavalleristen zu einem nicht sehr weit entfernten Dorf, bei dessen Ortsvorsteher wir uns einquartierten und recht gut unterkamen. Die Pferde hatten einen sehr guten Stall, und ich bekam etwas zu essen. Das beste Zimmer war von einem Opium rauchenden Mandarinen, dem es ebenso wie uns gegangen war, besetzt. Ich sollte die eine Hlfte bekommen, verzichtete aber lieber, da der Opiumgeruch der einzige Geruch ist, an den ich mich in China nicht gewhnt habe. Ich nahm mit einem kleinen, aber sauberen Raume vorlieb. Unser Nachtquartier hie Tschochtan. ber Nacht legte sich der Sturm. Am 27. Mai morgens hatten wir an der Fhre wieder dasselbe Theater wie gestern. Der Dicke streikte heute gnzlich, und ich war schon drauf und dran, mich auszuziehen und ins Wasser zu steigen, als mir zum Glck noch ein alter Trick einfiel, mit dem wir unsere Pferde in die Eisenbahn besorgen, nmlich, sie einfach mittels hinten angespannten Obergurts hineinzuziehen. Ich lie einen Strick hinten anlegen und an beiden Seiten Leute ziehen, worauf mein Dicker ganz willig hineinspazierte. Die berfahrt an das andere, einen Meter hohe Ufer mit steiler Bschung ging glatt von statten; die Pferde sprangen direkt ans Land, und wir trabten bald lustig auf Humpasch zu. Der Weg verschlechterte sich zusehends; da es im Gebirge stark geregnet hatte, standen lange Strecken ganz unter Wasser. Viele der kleinen Brcken waren weggerissen, so da wir uns oft gezwungen sahen, groe Umwege durch das seichte Wasser zu machen. Einmal fingen wir einen fast meterlangen Fisch, der im seichten Wasser nicht vorwrts konnte. Er bildete eine sehr angenehme Abwechslung der Speisenkarte. Um 2 Uhr waren wir in Ajikur, wo wir gut unterkamen. Bald nach uns langte eine Karre mit einer Halbweltdame an, die mir sofort in die Stube lief. Inzwischen entwischte ihr der bereits bezahlte Karrenfhrer, und es gab drauen eine Szene, bei der man eine Sammlung der gemeinsten Schimpfworte zu hren bekam. Merkwrdig und recht bezeichnend fr die nicht allzu hohe Sittlichkeit des Volkes ist es, da die verheirateten Frauen mit dieser Sorte Weiber wie mit ihresgleichen verkehren. Den ganzen Abend spielten sie drauen auf dem Kang Karten, was schlielich auch mit einem Streit endigte. [Illustration: Trkin aus Chotan] Vom Amban in Aksu hatte der mich begleitende Yamenbeamte ein Begleitschreiben mitbekommen, wonach die Ortsvorsteher uns Pferdefutter, welches sich die Reisenden im allgemeinen mitzubringen pflegen, zu liefern hatten. Der hiesige Ortsvorsteher verstand sich jedoch erst dazu, nachdem die Kavalleristen eine lngere Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatten. Ich persnlich habe brigens niemals daran gedacht, etwas zu fordern: lieferten die Leute etwas, so nahm ich es dankbar an und vergalt es mit einem Geldgeschenk, gaben sie nichts, so mute ich eben kaufen, was ich gebrauchte. Da es am 28. Mai wieder sehr hei war, beschlo ich, ber Nacht zu marschieren und rastete noch bis zum Nachmittag. Gegen 4 Uhr ritten wir ab. Im nchsten Dorfe entstand ein Streit zwischen einem meiner Kavalleristen, meinem Yamenbeamten und dem Ortsltesten. Da ich die Trkisch sprechenden Leute nicht verstand, lie sich nicht feststellen, um was es sich handelte, doch konnte ich den Verdacht nicht unterdrcken, da die Gesellschaft hinter meinem Rcken meinen Namen zu Erpressungen benutzte. Es ging weiterhin durch knietiefen Sand, einen im Bau befindlichen Kanal entlang, der das berflssige Wasser des Aksu darga ableiten soll, um einerseits neue Strecken urbar zu machen und andrerseits berschwemmungen vorzubeugen. Am Ende war ein Riesenbiwak von ungefhr 3000 Arbeitern, berall lohten die Feuer, anstatt des Pferdegewiehers hrte man den klangvollen Schrei des Esels. Die Arbeiter waren beim Kochen des Abendessens, es herrschte ein lebhaftes Treiben im Lager. Von weitem konnte man sich einbilden, an ein deutsches Manver-Biwak heranzureiten. Gegen 1 Uhr nachts kamen wir nach einer einsamen Posthalterei; die Pferde waren sehr mde und infolge des knietiefen Sandes warm geworden. Bis der Wagen kam, warteten wir, dann marschierten wir noch bis zur nchsten Posthalterei an einer salzhaltigen Quelle. Man sagte uns, es gbe bis Kaschgar kein gutes Wasser mehr. In der Tat schmeckte das Wasser schauderhaft bitter, und selbst die Pferde wollten es nicht saufen. Der Ort hie Tschyrchuduch. Das Frauenzimmer von gestern fuhr mit ihrer Karre bestndig hinter der meinigen her. Sie hatte natrlich gehofft, an mir einen guten Fang zu tun, und mag recht enttuscht gewesen sein, denn ich lie einfach das Haupttor sperren, so da sie drauen bleiben mute. ber Nacht kam Staubsturm aus Nordwesten auf; es war morgens so ungemtlich, da ich bis 2 Uhr nachmittags wartete, zu welcher Zeit sich der Staubsturm etwas gelegt hatte. Auch als wir abmarschierten, war es noch immer drckend schwl. Der Weg fhrte wie gestern durch Wste mit vereinzelten Kamischbscheln. Gegen 4 Uhr kam es aus Osten bei kaltem Winde wie eine schwarze Wand angesaust, es war ein neuer Staubsturm, der bedeutend strker war als der erste; er brachte Abkhlung, und da er von hinten kam, wirkte er nicht unangenehm. Der Umbasch in Tschylangtai, wo wir ber Nacht bleiben wollten, lie mir sagen, da ich mich zu ihm bemhen solle, um ihm meinen Pa zu zeigen. Dies war insofern eine Unverschmtheit, als ihm der Beamte vom Yamen Aksu bereits das Begleitschreiben seines Herrn vorgezeigt hatte. Ich lie ihm zurcksagen, er mge zu mir kommen. Da er nicht erschien, schickte ich Nasr hin, worauf er sofort kam und alles Vorhergegangene bestritt. Wahrscheinlich hatten sich die Kavalleristen mit dem in Wirklichkeit ganz gutwilligen Alten einen Witz erlaubt, weil er auf ihre Anzapfungen, betreffend Pferdefutter usw., nicht eingegangen war. Am 30. Mai marschierten wir frh ab; es ging durch Wste, die allmhlich in Steppe mit Baumwuchs berging. Am Rande der Wste steht ein altes verlassenes Soldatenlager aus den Zeiten der Frsten von Kaschgar. Wir rasteten und futterten in einem kleinen Nest mit einer salzigen Quelle und marschierten um 5 Uhr abends weiter nach Scheitai, d. h. elfter Meilenstein. Es ging im mahlenden Sande meist durch dichten, Schatten spendenden Wald, abwechselnd mit drei bis vier Meter hohen, auf kleinen Erdhgeln stehenden Kamischstruchern. Ich kann mir die Entstehung der Erdhgel nur so erklren, da Jahrhunderte lang die Verwitterungsprodukte desselben Strauches diesen Hgel gebildet haben, auf dem dann der Strauch fortwuchert. Eine kurze Zeit lang hatten wir sdlich den jetzt kaum Wasser fhrenden Kaschga darga in Sicht. Im Norden traten die Sanddnen der Wste hervor. Der Weg ging teilweise auf einem recht gut erhaltenen Knppeldamm mit vielen Wasserdurchlssen, die sich auch alle in gutem Zustande befanden. Abends kamen wir nach Scheitai, wo ich aus den besten Zimmern des Gasthofs erst einige Landstreicher herausbesorgen mute, um Unterkommen zu finden. Leider gab es ber Nacht eine groe Pferdeschlacht. Ich hatte am Abend allein neun Hengste im Hofe gezhlt, von denen, nach der blen Sitte der Karrenfhrer, ber Nacht keiner angebunden war. Ich wachte von dem Geschrei der Hengste auf, nachdem ich schon am Abend vorher hatte Ruhe stiften mssen, da die Hengste natrlich alle zu meiner Stute, der einzigen im Hofe, gelaufen kamen. Mein Schimmel, der sich mit der Stute sehr angefreundet hatte, geberdete sich wie toll und hatte Streit mit allen Hengsten. Ich stand auf und fand die ganze Gesellschaft bei meinen Pferden; der Schimmel war los und blutete bereits mehrfach. Auch die Stute war hinten rechts verletzt. Nun lief mir doch die Galle ber, ich trieb mit der Peitsche alle Karrentreiber heraus und lie die Hengste anbinden. Auch heute, 31. Mai, ging es durch Wald, der aber teilweise abgestorben ist; wahrscheinlich hat ihm der vordringende Sand die Lebensbedingungen genommen. Weiterhin sahen wir wieder viel Kamisch. Wir waren schnell geritten und ich kam mit meinen Leuten schon gegen 12 Uhr in Scheitai an. Die Karre folgte erst um 4 Uhr. Der Ortsvorsteher besuchte mich und erzhlte, da es hier sehr viele Wildschweine gbe. Ich bat sofort um Pferde, die mir auf das liebenswrdigste zugesagt wurden. Man brachte mir einen Hengst, der bereits rechts am Bauche schwere Narben aufwies, die ihm ein verwundeter Keiler bei der Jagd auf Schweine beigebracht hatte. Als das Pferd in den Hof gebracht wurde, bemerkte ich, da die Chinesen grinsten, und auf meine Frage, was sie zu lachen htten, meinten sie: "Herr, das Pferd ist din bu lausche" (ein gemeiner Verbrecher). Mir machte das nichts, ich sa ruhig auf und ritt mit meinem Diener und noch zwei andern Schantus nach Osten, auf dem Wege, auf dem wir hergekommen waren, acht Kilometer durch angebautes Land zurck. Unterwegs erzhlten die Leute viel von ihren Schweinsjagden; sie hassen das Tier, welches sie als Mohammedaner nicht einmal essen, wie die Pest, weil es ihre Saaten zerwhlt, und sie jagen es, wann und wo sie nur knnen. Zu dieser Jagd ziehen sie bis zu 20 Reiter stark aus, von denen nur einer eine alte primitive Bchse hat; die andern haben Lanzen oder auch nur Stangen. In langer Linie reiten sie durch das Unterholz, und kommt dann ein Schwein auf, so geht es in Pace hinterher, bis das Schwein gestellt wird. Dann erhlt es den Schu, der fast nie fehlgehen soll. Wir machten es hnlich, verteilten uns auf eine Linie und ritten durch sehr dichtes Unterholz, das mit frisch gerodetem Land und Saaten abwechselte. berall sah man die Fhrten des Wildschweines, es mute hier Hunderte von Schwarzkitteln geben. Im Trabe ging es ber viele Grben und Dmme und durch ein Stck Sumpf. Mein Pony ging sehr gut und benahm sich vorlufig ganz anstndig. Nasr hatte den linken Flgel und rief pltzlich: "Herr, Herr, ein sehr groes!" und schon kam es wie eine Maschine durchs Unterholz. Ich sah nur einen Moment die weien Gewehre des Keilers blitzen, kam aber nicht zum Schu, und nun ging die Jagd los, eine Parforcejagd, wie sie in Deutschland nicht schner sein kann. Die Ponies gingen totsicher und beinahe in Rennpace durch das Dickicht, da es eine reine Freude war. Ich bemerkte nun, warum die Chinesen mich vor dem Tiere gewarnt hatten, denn mein Brauner kannte das Geschft ganz genau und pullte wie besessen. Ich glaube, da die Mohammedaner gehofft hatten, mich beim ersten Graben im Schmutz liegen zu sehen; den Gefallen tat ich ihnen aber nun nicht. Ich nahm die Zgel in die eine Hand und hielt mit der anderen das Gewehr hoch. So ging die Jagd mehrere Kilometer weit, immer das durch das Gebsch brechende Wild vor uns. Mit einem Male hrte ich nichts mehr von dem Schwein; wir waren an einen Sumpf, die Pferde sanken tief ein. Wir muten leider umkehren, da die Sonne schon bedenklich tief stand und wir einen weiten Rckweg hatten. Auf dem Hauptwege angelangt, proponierte einer der Schantus noch ein Wettrennen; ich glaube, sie wollten mich auf meine Sattelfestigkeit hin prfen. Natrlich war ich gleich dazu bereit und bestimmte, um einer unntzen Hetzerei vorzubeugen, als Ziel ein Haus am Wege, wohin ich meinen Diener als Richter vorausschickte. Ich hatte richtig gerechnet, die Schantus strmten vom Platz weg, was die Tiere laufen konnten, whrend ich, nachdem ich mein Gewehr an Nasr abgegeben hatte, mit beiden Hnden meinen alten Puller hinten halten konnte. Kurz vor dem Ziel fing ich an zu reiten und schlug die andern um eine gute Lnge, was sie natrlich nicht erwartet hatten; sie waren etwas verblfft, und ich konnte ihnen nun meinerseits sagen: "Seht ihr, so reiten die Europer." Die Leute haben mir sonst gefallen, sie gehen in einer Pace und mit einer Ruhe durchs Dickicht und ber schwere Hindernisse, die ganz vortrefflich ist. Dabei haben sie wirkliche Jagdpassion und einen scharfen Blick, um welch letzteren ich sie besonders beneide. Man merkte ihnen brigens die Dankbarkeit fr gute Behandlung an. Dieser Herr schlug die Leute nicht, ritt wie sie selber und hatte auch noch fr ihre Angelegenheiten Interesse; das war noch nicht dagewesen, denn der chinesische Herr verkehrt nur per Peitsche mit den Schantus. [Illustration: Bettler in Uchur Masar] Am 1. Juni morgens marschierten wir nur 25 Kilometer, weil in der Gegend viele Schweine sein sollen. Aus der Ebene, die sehr sumpfig wird und mehrfach Seen-Bildung aufweist, erheben sich ganz unvermittelt Felsgruppen zu ziemlich betrchtlicher Hhe. Ich pirschte die ganze Gegend ab, ohne auch nur eine Fhrte eines Wildschweines zu sehen; es wurde drckend schwl, und die Luft war wie in einem Treibhause. Auf einem der Felsen, unmittelbar am Dorfe, liegt ein Heiligengrab, Uchur Masar, das dem Dorfe den Namen gegeben hat. Der hier ruhende Heilige ist vor ungefhr 200 Jahren begraben worden. Ich kletterte auf einem fr Nichtschwindlige berechneten Pfade hinauf und geno von oben eine herrliche Fernsicht. Unten im Dorfe erzhlten die Leute, da vor ein paar Tagen ein Tiger hier gewesen sei und einige Pferde und Rinder zerrissen habe. Leider mute ich mich von der Unmglichkeit einer Jagdexpedition zur Zeit berzeugen. Abgesehen davon, da mich kein Mensch begleiten wollte und ohne Fhrung an den Tiger gar nicht heranzukommen gewesen wre, bietet die Jagd selbst auch noch sehr groe Schwierigkeiten. Das Schilf ist drei Meter hoch und der Untergrund fast durchweg Wasser, so da die Treiber nicht durchkommen knnen. Die Leute behaupteten, der Tiger se auf dem andern Ende des Sees im Sumpf; Entenjger htten ihn gestern Abend vom See aus brllen hren. Im brigen wird der Tiger hier eigentlich nur im Winter geschossen, da dann seine Decke sehr viel schner und die Jagd weniger schwierig ist. Man brennt das trockene Schilf herunter und treibt ihn so auf den Fleck, wo man ihn haben will, was er sich ruhig gefallen lassen soll, und schlielich schiet ihn der beste Schtze des Dorfes mit der nie fehlenden Kugel oder vielmehr der Ladung aus Bleistcken aus der primitiven Luntenflinte. Die Decke bringt im Bazar ungefhr 60 Taels, jeder Knochen und jedes Stckchen Fleisch wird verwertet, da es die Apotheken fr Medizin sehr hoch bezahlen. So zahlen sie z. B. fr einen Rhrknochen drei Taels. [Illustration: Uchur Masar Das Heiligengrab ist auf der Spitze des Felskegels] Am Nachmittag wanderte ich, um die Pferde zu baden, zum See und entdeckte hierbei in einem Abflukanal drei Einbume, jeder vielleicht 4 Meter lang, ausgehhlt und ohne Kiel, Bug usw. Die Leute bewegen das Boot sehr geschickt mit einem einfachen, ganz kurzen Handruder. Ich unternahm sofort eine Gondelpartie und stieg mitten im See zu einem herrlichen Bade in das nur ganz schwach salzhaltige Wasser. Der See soll sehr fischreich sein. Das Heraus- und Hereinbalanzieren beim Einbaum war ein ziemlich gefhrliches Unternehmen, da der Kahn jedesmal zu kentern drohte. Als wir landeten, planschten die Pferde vergngt im Wasser herum; der Dicke hatte sich losgerissen und es schien ihm ganz besonders gut im Wasser zu gefallen, denn er wollte gar nicht mehr herauskommen. Gegen Abend aufbrechend, passierten wir auf einem Bergabhang hohe Ruinen von Gebuden, teils Ziegel-, teils Lehmmauern. Die Chinesen behaupteten, es seien zerfallene Tempel, die Schantus sagen, es sei eine alte, verlassene Stadt. Es mochte gegen 2 Uhr nachts sein, als wir kurz vor uns im hohen Schilfe das Brllen eines Panthers hrten. Die Pferde standen an alle Gliedern zitternd und waren nicht mehr einen Schritt vorwrts zu bringen. Meine Kavalleristen wollten sofort kehrt machen, und erst als sie sahen, da ich mir den Karabiner geben lie, um dem Panther zu Leibe zu gehen, faten sie wieder Mut. Leider war auch hier wieder ein Eindringen in den Sumpf so gut wie unmglich, und fernerhin hrten wir nichts mehr von dem Panther. Die Pferde beruhigten sich und wir marschierten weiter auf Maralbaschi zu. Frh gegen 3 Uhr waren wir im Ort. Beim Auspacken der Karre vermite ich meine Antilopenkpfe, die stets in einem Sack hinten an der Karre gehangen hatten. Zu meinem nicht geringen rger waren sie gestohlen. Wahrscheinlich hatte sie bei den Nachtmrschen einer hinten abgeschnitten; natrlich wollte keiner von der Gesellschaft etwas wissen. Der Yamen schickte mir sofort als Geschenk 50 Eier, Hhner und Pferdefutter. Ich traf es gut, denn der Amban hatte gerade heute sein Amt angetreten und sein Vorgnger soll ein fremdenfeindlicher, unhflicher Mensch gewesen sein. Ich schlief erst aus, dann lie ich mir die Haare schneiden und mich rasieren, was ein Schantu recht gut besorgte. Ich gab ihm nach unserm Gelde 80 Pfennig, was im Vergleich zu den hiesigen Lebensbedingungen sehr viel mehr bedeutet. Dennoch war der Kerl nicht zufrieden und verlie den Hof erst, als ich ihm vorschlug, mit mir zum Yamen zu kommen. Dort htte man ihm sofort zwei Drittel des Geldes, als zu viel, wieder abgenommen, so wenigstens versicherten mir die anderen Schantus. Am Nachmittag erhielt ich vom Aksakal und einem reichen indischen Kaufmann Besuch. Um 5 Uhr ritt ich selbst zum Yamen und revanchierte mich dabei mit Geschenken in Gestalt einer Handlaterne mit europischen Lichten und einer Flasche Glycerin, die ich noch brig hatte. Ich sollte eines der Kinder, das Zahnweh hatte, kurieren, was ich natrlich nicht konnte. Der Bengel hatte zur Feier des Tages zu viel Zuckerzeug gegessen, das von den Kaufleuten des Ortes neben tausend anderen Sachen zum Amtsantritt des Vaters geschenkt worden war. Der Yamenhof, alle Eingnge, Sulen usw. waren mit roten Tchern drapiert, die nur notdrftig die Schden der zerfallenden Lehmgebude verdeckten. Am Abend gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen: Suppe, ein richtiger, guter, in Butter gebratener Fisch, gebratenes Huhn und als Nachtisch frische Maulbeeren. Am Abend kam wieder der indische Kaufmann, um mich zu besuchen. Er stammt, wie viele seiner Landsleute in der Gegend, aus Lahore, reist jedes Jahr einmal nach seiner Heimat und macht im brigen hier recht gute Geschfte. Seine Handelsartikel sind: gemusterte und gestreifte Seide, Kaliko in den verschiedensten Farben, Porzellan, Zuckerzeug und auf Verlangen jedenfalls alles, was die Kufer bezahlen knnen. Nebenbei verleiht er gegen hohe Zinsen auch Geld. Er behauptete, da seine Waren alle aus Indien stammten, whrend ich mich nach eingepreten oder auch aufgemalten Firmen berzeugte, da sie ohne Ausnahme russischen Ursprungs waren. Die Leute waren hier sehr hflich; wenn ich auf der Strae ging oder den Gasthof verlie, standen sie berall aus ihrer gewhnlichen Hockstellung auf und machten Platz. Der Ort ist nicht sehr gro; an die umwallte Stadt, in der die Chinesen wohnen und in der der Yamen liegt, schliet sich nach Osten zu eine lange Bazarstrae mit vielen Lden an. Ich sah auerdem zwei Moscheen und ein Heiligengrab. [Illustration: Chinesinnen mit unverkrppelten Fen] Den ganzen Abend wartete ich auf den mir angekndigten Gegenbesuch des Ambans, der mir erst sehr spt sagen lie, er kme am nchsten Morgen. Bei meinem abendlichen Rundgang fand ich meine Stute und den Schimmel so kurz angebunden, da sie sich nicht legen konnten. Der zur Beaufsichtigung der Pferde engagierte Schantu behauptete, da der eine der Kavalleristen sie kurz angebunden htte, weil sie sein Pferd geschlagen htten. Ich befrderte den Opium rauchenden Krieger recht unsanft vom Kang in den Stall, wo er eigenhndig meine Pferde wieder lang binden mute. Wegen einiger fehlender Eisen war es unmglich, wie ich es eigentlich wollte, am nchsten Tage weiter zu reiten; ich beschlo also, Masar Alldi zu besichtigen, ein Heiligengrab, das sehr hbsch auf einem einzelnen Felskegel in der Ebene gelegen sein sollte und einen der Hauptausflugsorte bildet. Um meine Tiere zu schonen, mietete ich mir im Orte drei andere Pferde. Wir wollten gerade abreiten, als einer vom Yamen kam und den Besuch des Ambans anmeldete. Ich sa wieder ab und lie die Pferde wegfhren, um ihn zu empfangen. Der groe Eintrittsraum der mir zur Verfgung stehenden Zimmer war mit meinen schnen, neulich gekauften Teppichen ausgestattet und machte sich sehr hbsch. Wir warteten und warteten, der Amban kam nicht. Die Sonne stieg immer hher, und es wurde drckend hei; endlich, um neun Uhr, nach zweistndigem Warten, erschien der alte Herr und hielt mich noch eine halbe Stunde auf, so da es nunmehr eine Tierqulerei gewesen wre, noch zu reiten. Daher gab ich den Ritt auf und besuchte statt dessen den Aksakal und den indischen Kaufmann, die mir beide nach Landessitte Zuckerzeug vorsetzten. Dem Schmied, der mittags noch nicht angefangen hatte, die Eisen zu machen, hetzte ich den Umpasch (trkischer Ortsvorsteher) auf den Hals. Die Karre mit meinen Sachen sollte auf dem groen Weg nach Kaschgar gehen, whrend ich selbst ber Terem, Lailik und Ordan Padscha sdlich der groen Heerstrae zu reiten beabsichtigte. Da wir zu Pferde ohne jegliches Gepck schneller vorwrts kommen konnten, war anzunehmen, da wir ungefhr zu derselben Zeit wie die Karre in Kaschgar eintreffen wrden. Die fr heute schon bezahlten Pferde bestellte ich fr morgen zur Jagd. Der Schmied erschien noch ganz spt abends, weil es aber schon zu dunkel war, verschob ich das Beschlagen auf morgen und gab ihm, da ich nicht selbst anwesend sein konnte, meine Wnsche ganz genau an. Um 4 Uhr morgens ritten wir, fnf Mann hoch, zur Schweinejagd. Ich hatte eine falbe Stute, die vier anderen hatten Hengste, so da das Gegrunze und Gequietsche kein Ende nahm. Es fllt anfangs auf, da in hiesiger Gegend nur Hengste geritten werden und man gar keine Wallache findet. Dies hat aber seinen Grund darin, da der Wallach die Stute gegen den angreifenden Wolf oder Tiger auf der Weide nicht schtzt. Greift ein Raubtier die Herde an, so schlieen sich smtliche Stuten zum Kreise zusammen und nehmen die Fllen in die Mitte, wobei sie den Kopf nach innen haben, die Hengste bleiben drauen und sollen den Tiger oder Wolf rcksichtslos mit Gebi und Hufen angreifen. Meine Begleiter waren Nasr, der Umpasch und zwei vom Yamen, alle gut beritten. Es ging in der blichen tollen Fahrt zur Stadt hinaus in westlicher Richtung, allmhlich etwas nach Sden wendend, zuerst durch bebautes Land, dann durch heideartige, schwach mit Tamarisken bestandene Steppe. Bei einem einzelnen Gehft machten wir Halt und saen ab. Es gehrt einem wohlhabenden Schantu, Namens Togda Mehrab, eine Art Vertrauensperson des Yamens. Ich lernte in ihm einen Mann kennen, wie man ihn wohl selten findet. Der alte ehrwrdige Vater, der ber 100 Jahre alt ist und auf fnf Generationen herabblickt, wie seine ganze Familie waren alle gleichmig angenehm. Der Greis hat das Glck, nicht einen einzigen ungeratenen Nachkommen zu besitzen. Ich wurde mit einer Herzlichkeit aufgenommen, wie ein alter, lang erwarteter Freund, und bekam sofort Tee, Milch und gersteten Fisch vorgesetzt. Der Hof zeigte bald ein Bild, wie bei uns im Herbst ein Gutshof im schnen Schlesien: vor Versammlung zur Jagd. Die Frau des Hauses, das Muster einer guten Hausfrau, sorgte fr alle, dabei hatte sie noch ein freundliches Wort fr jeden und neckte sich mit allen herum. Wir ritten nun zur Jagd, unter Fhrung des mit einer uralten Luntenbchse und Gabel versehenen Togda Mehrab. Jeder bekam noch zum Abschied von der Hausfrau oder ihrer hbschen Enkelin einen Strau Rosen geschenkt. Sdwrts ging es im Pulk galoppierend durch die nicht sehr dicht mit Tamarisken bestandene Heide, weiter durch mehrere, hoch aufspritzende Bche, bis wir an dem mit ganz dichtem hohen Schilf bewachsenen Sumpfgrtel ankamen. Togda Mehrab nahm nun die Tete, und einer hinter dem andern, ich als zweiter, ritten wir im Schritt hinein in den Sumpf. Wir waren meist bis an den Bauch der Pferde im Wasser und kamen nur verhltnismig langsam vorwrts, da das sehr dicht stehende Schilf natrlich ein schnelles Vorwrtskommen hinderte. Unzhlige Schweinsfhrten durchkreuzten das Schilf, ab und zu kam die Fhrte eines Hirschrudels, und Togda Mehrab zeigte mir die Fhrte eines starken Zehners, den er ganz genau kannte. Im Sumpf erheben sich von Zeit zu Zeit kleine sandige Kuppen, hnlich wie die Kanzeln, die man bei uns zum Schieen hat; hier waren sie selbstredend natrliche. An einer dieser Kuppen saen wir ab, koppelten den Pferden die Vorderbeine und machten es uns bequem, whrend Togda Mehrab auf Kundschaft auszog. Bald kam er zurckgelaufen und meldete zwei Schweine, ein groes und ein kleines. Ich zog seine hohen Stiefel an, und vorwrts ging es zu Fu durch den Sumpf bis zu einer groen, im Frhjahr heruntergebrannten Strecke, auf der jetzt junges grnes Schilf wucherte. Wir setzten uns an einer vorspringenden Ecke auf Anstand an und warteten. Bald kamen sie, ich sah aber nur ihre hellbraunen Rckenlinien ber den Schilfspitzen und zgerte deshalb zu schieen. Die Schweine sten die jungen Schilfspitzen im Vorbeitrotten ab und nherten sich bedenklich der gegenberliegenden Schilfwand. Togda Mehrab sagte leise: "Schie, Herr, sie laufen sonst fort." Ich scho auf das Schwein, welches ich am besten sah, konnte aber nicht unterscheiden, ob es das groe oder das kleine war; es lag im Feuer, der Schu sa Hochblatt. Der groe mchtige Keiler trollte ab; ich hatte leider die kleine geringe Sau geschossen. Togda Mehrab ging wieder auf Kundschaft aus, kam aber bald zurck mit der Meldung, die Schweine htten sich verzogen. Er brachte mir als Geschenk einen Schweinsschdel mit, den er irgendwo vergraben haben mute. Wir saen auf und zogen immer tiefer in den Sumpf hinein. Einige Male kamen wir an offene Stellen, wo die Pferde mehrere Meter weit schwimmen muten, so da ich bis an die Schultern na wurde; mich mit der einen Hand an der Mhne festhaltend und mit der andern das Gewehr hochhaltend, ging es aber doch ganz gut. Schlielich langten wir an einer in Krmmungen durch den Sumpf laufenden Sandhgelkette an. Togda Mehrab kannte jede kleine Bucht, wute von jedem der hier horstenden groen Bussarde, wie viel Junge er hatte, ich htte mich in diesem Labyrinth nicht mehr zurechtgefunden. Wir galoppierten weiter; die Junisonne trocknete uns bald gnzlich. Wir sahen noch mehrfach Schweine, aber vom Pferd aus ist stets schwer schieen. Einmal saen wir noch ab, ich hatte Glck und scho einen groben Keiler, der im Sumpf ruhig auf vielleicht 15 Schritt stand. Dann ritten wir allmhlich heimwrts. Ich war um eine interessante Jagderfahrung reicher und hatte zugleich auch gelernt, da Smpfe, so unzugnglich sie aussehen mgen, fr den Gebten doch passierbar sind. Zu bewundern waren auch hier wieder die Ponies, die mit einer Ruhe und Sicherheit berall hingingen, die geradezu groartig war. [Illustration: Nasr Togda Mehrab Meine Jagdgenossen in Maralbaschi] Beim Hause angelangt, wurde uns ein kstliches Mahl vorgesetzt. Die Frau hatte mir zu Ehren einen jungen Hammel geschlachtet und gekocht; Brhe und Fleisch waren delikat; ich lernte hier zum ersten Male besonders den Fettschwanz schtzen. Dann nahmen wir Abschied von dem gastfreien Hause. Ich schenkte dem Besitzer mein Jagdmesser mit ledernem Gehnge, woraufhin er mir sein turkestanisches Messer mit Ledergehnge zur Erinnerung gab. In Begleitung des Hausherrn ritten wir zurck; im schlanken Trabe ging es durch die Stadt, auf deren Straen heute am Bazartage ein lebhaftes Treiben herrschte. Im Gasthause wurde zuerst die Jagdgesellschaft photographiert, dann der Beschlag besichtigt, der ganz gut ausgefallen war. Dschang klagte ber furchtbare Kopfschmerzen. Wie sich spter herausstellte, hatte er unsere Abwesenheit benutzt, um mit einem "Freunde" ein "Glschen Wein", also nach unsern Begriffen gemeinen Fusel, zu trinken, und dann wunderte er sich noch ber den Katzenjammer und die Strafpredigt, die er von mir bekam. Togda Mehrab besuchte mich noch in dem Gasthause und erhielt von mir eins der von allen Chinesen und Trken vielbegehrten Frottierhandtcher fr seine Hausfrau. Ich habe allmhlich, bis auf zwei ganz groe, meine smtlichen Frottierhandtcher verschenkt. Das Gepck wurde verteilt, die leider wieder recht umfangreiche Trinkgelderfrage erledigt und die Karre mit dem Gepck entlassen. Bald darauf ritten wir, fnf Mann und sieben Pferde stark, ab. Meine beiden Pferde wurden an der Hand gefhrt, eins trug die Hinterpacktaschen, das andere die mit den notwendigsten Ausrstungsstcken gepackte chinesische Satteltasche aus Aksu. Es ging heute nur 60 Li weit, die mir aber in Anbetracht der sich allmhlich einstellenden Mdigkeit endlos vorkamen. Beim Abritt begleitete uns Togda Mehrab noch fnf Kilometer und empfahl sich dann, wobei er mich sehr bat, doch ja zurckzukehren und dann in seinem Hause und nicht im Gasthause zu wohnen; doch mchte ich erst im Winter kommen, da die Jagd auf Tiger sonst zu schwierig sei und deren Fell auch whrend der heien Jahreszeit lange nicht so schn sei wie in der kalten. Wir berschritten unendlich viele Brcken, lieen einen nicht unbetrchtlichen See links liegen und befanden uns meist auf sandigen Wegen im lichten Walde. Um elf Uhr abends waren wir in Chamal, wo uns der Umpasch, ein Bruder Togda Mehrabs und diesem sprechend hnlich, sehr gut und ebenso freundlich aufnahm. Ich schlief vor allen Dingen ordentlich aus, und zwar in dem Bette der Dame des Hauses, was ich zwar erst nicht annehmen wollte, aber nicht abschlagen konnte. Nach dem letzten anstrengenden Tage bedurfte ich allerdings dringend der Ruhe. Auch die hiesige Gegend war ein einziger, fruchtbarer, groer Garten, in dem alle Arten Obst, Mais usw. angebaut wurden. Es herrschte ein berflu an Holz, den ich der Tientsiner Gegend wnschte. Jedermann wute mit der Bchse umzugehen, wie ein alter gelernter Jger; jeder war ein guter Schtze, hatte Jagdpassion und Jagdverstndnis. Nachmittags ging ich wieder, dieses Mal zu Fu, mit Togda Mehrabs Bruder auf Schweinsjagd, kam jedoch nicht zum Schu. Um 5 Uhr marschierten wir weiter, kreuzten den Yarkand darya und waren um 9 Uhr in Achsach Maral, wo wir beim Umpasch unterkamen. Leider plagte mich ber Nacht Ungeziefer, so da ich nicht schlafen konnte. Morgens ging ich mit einem Mann des Dorfes auf Antilopenjagd. Die Gegend ist hier sandiger, und Antilopen kommen viel vor. Wir hatten Glck und kamen, auf dem Bauche zwischen den Sanddnen entlang kriechend, an einen Sprung auf vielleicht 30 Schritt heran, ohne da die Tiere uns bemerkt htten. Ich scho den Leitbock weg; er lag im Feuer. Die Tiere waren so bestrzt, da sie alle durcheinander liefen und nicht wuten, woher und wohin. Die zweite Kugel brachte einem geringeren Bock einen schweren Halsschu bei; er lief noch 50 Schritte und brach dann zusammen, ich gab ihm den Fang. Wir pirschten weiter, und nochmals hatte ich das Glck, an einen Sprung heranzukommen und auf ungefhr 110 Schritte ein Tier umzulegen. Die Hitze war inzwischen unertrglich geworden, so da wir zum Dorf zurckgingen und die Jagdbeute hereinholen lieen. Nachmittags ritten wir weiter durch das mit Bschen und Baumgruppen bestandene Weideland. Einmal sahen wir einen Hirsch, der jedoch schon flchtig wurde, als wir auf ungefhr 400 Meter heran waren; es war ein guter Zehner, den die Leute aus dem Dorfe ganz genau kannten. Gegen Abend wurde es empfindlich kalt; wir marschierten auf einem Damm, links lag ein flacher See. Um 10 Uhr waren wir in Ala Argi, wo wir wiederum beim Umpasch gut unterkamen. Wenn man in dieser Gegend nicht von den Leuten aufgenommen wird, mu man biwakieren, denn Gasthuser gibt es hier nicht. Ich hatte indessen, wie stets in Turkestan, ein Begleitschreiben vom Yamen mit, welches die Ortsvorsteher anwies, mir jede gewnschte Untersttzung zuteil werden zu lassen. Frh morgens am 7. Juni brachen wir nach Meinet auf. Der Weg fhrte teils durch vollkommenen Urwald, teils durch Ackerland, welches stets gegen das hier sehr zahlreiche Wild stark eingezunt ist. Auf einer berschwemmten Strecke ungefhr 5 Kilometer lang muten wir durch knietiefen, zhen Schlamm, so da Mann und Pferd hinterher im wahrsten Sinne des Wortes wie aus dem Morast gezogen aussahen. Auch hier bemerkte ich sehr zahlreiche Fhrten von Schweinen, zuweilen auch solche vom Hirsch, Wolf und Fuchs. Der noch in Maralbaschi gar nicht seltene Tiger kommt hier nicht mehr vor. Der Damm war sehr schlecht gehalten, die Brcken smtlich eingefallen. Vereinzelt traf man an gerodeten Strecken kleine Ansiedlungen, meist nur aus einem alten Lehmhaus bestehend. [Illustration: Trkinnen] Gegen 3 Uhr waren wir in Meinet, einem aus verstreut liegenden Gehften bestehenden Dorf. Die armen Pferde waren infolge des Marsches durch den Sumpf und infolge des Staubes sehr mde. Die meinigen waren besser in Training, man merkte es ihnen nicht so sehr an, whrend die vom Yamen ganz abgefallen waren und gar nicht fressen wollten. Wir kamen auch hier wieder beim Umpasch unter. Mein Wirt war mehrfacher Grovater, und im Hause waren elf kleine Kinder, die abwechselnd ununterbrochen schrien. Sonst waren die Leute die Hflichkeit selbst und ich wurde in jeder Beziehung als groer Herr behandelt, was teilweise gar nicht bequem war. Wenn ich z. B. nur die Nase zur Tr hinaussteckte, um nach meinen Ponies zu sehen, stand sofort alles ehrerbietig auf. Im brigen zeigte sich hier wieder, da die Neugierde eine weibliche Eigenschaft ist. So hatte eines der jungen Weiber durch eine Trritze beobachtet, wie ich in einem Holzbottich badete; nun amsierte sich alles groartig darber, und das Gekicher wollte kein Ende nehmen. Auch in dieser Gegend fand ich nur Hengste; brigens sind dieselben gegen den Menschen durchweg gutartig, nur untereinander fangen sie sofort Streit an. Vor dem Hause liegt ein flacher See, der in manchen Jahren ganz austrocknen soll. Da er andererseits zuweilen sehr viel hher stehen mu, konnte man an den verschiedenen alten Uferlinien erkennen. Wir machten frh nur eine deutsche Meile nach Awott, wo die Pferde gewechselt und gefttert werden sollten, um fr den Marsch durch die 55 Kilometer lange Wste nach Mogal frisch zu sein. Die Pferde standen im Garten unter dichten Aprikosenbumen, wo es angenehm khl war, whrend man es im Freien vor Hitze nicht aushalten konnte. Mein Kchenzettel wurde hier recht einseitig, meist bestand er nur aus Hirse und Eiern. Gott sei Dank hatte ich einen kleinen Sack mit Reis und einige, allerdings schon sehr trocken gewordene Brtchen mit. Die Leute waren wieder lcherlich freundlich. Der alte Umpasch, ein Mekkapilger mit dem grnen Turban, kam alle fnf Minuten, um nachzusehen, ob auch alles ntige da sei. Der mchtig groe Raum, der wohl 12:12 Meter ma und in der Decke ein Luft- und Lichtloch von einem Quadratmeter hatte, war schn khl. In ihm hielt sich die ganze Familie mit Knechten und Mgden auf, es war eine Art Diele, wie man sie bei uns in Westfalen findet. Man sah hier schon die hbschen, ziselierten Wasser- und Teekrge aus Chotan; der brige Hausrat war denkbar einfach. Einige Filzteppiche, Kopfpolster in Rollenform, einige wenige irdene Tpfe und Teller, die Metallspiegel und llampen, alles war noch ganz so, wie zu Zeiten Christi Geburt. Die Leute essen hier verhltnismig viel Fleisch, sind dafr aber auch viel muskulser als die Chinesen. Opiumraucher habe ich, auer einigen Damen der Halbwelt, unter den Schantus noch nicht gesehen; jedoch soll es eine ganze Menge geben, die diesem Laster huldigen. Dafr hat jeder seinen kleinen, ausgehlten Flaschenkrbis mit Tabak im Grtel hngen, aus dem er ab und zu eine Prise kaut. Ich versuchte das dunkelgrne Zeug; es ist beiend scharf; da es auf die allgemeine Gesundheit des Krpers denselben schwer schdigenden Einflu hat wie das Opium, glaube ich nicht. Die kleinen Flaschenkrbisse sind auen meist hbsch geschnitzt, teilweise mit Silberbeschlag versehen. [Illustration: Bek von Terem] Um 5 Uhr ritten wir ab. Den nahenden Staubsturm sah man schon an der Frbung der Horizontes. Der Himmel war ganz grau geworden und die Sonne nur noch eine glanzlose Scheibe. Es ging durch ein kleines Stck bebautes Land, das bald in Wste mit abgestorbenem Walde berging. Leichte Sanddnen, vielleicht drei Meter hoch, nordsdlich laufend, kreuzten den Weg. Trotzdem sie nur klein waren, machten sie den Pferden viel Beschwerde. Ich konnte mir recht gut vorstellen, wie es Sven Hedin im Tschong Kum, dem groen Sande in der Taklamakan, die wir dicht vor uns haben, ergangen ist. An tiefer gelegenen Stellen stehen vereinzelt grne Bume. Um 6 Uhr ging der Sturm los, es wurde stockfinster. Wie unser, vom letzten Ort mitgenommener Fhrer den Weg fand, der sich im Sande ohnehin kaum abzeichnete, ist mir noch heute unklar; diese Leute mssen eine Art Instinkt haben. Im rcksichtslosen Inspektortrabe ging es vorwrts, dicht aufgeschlossen; hinten galoppierte alles, um nur mitzukommen. Nach 1 Stunden war der Sturm vorber, und nach einer weiteren Stunde schrfsten Trabes hatten wir die Wste hinter uns und waren im steppenartigen, mit Gebschgruppen besetzten Lande. Ab und zu kam noch eine hohe Sanddne, die wir umgingen, und um 11 Uhr waren wir am Hause des Dorfltesten von Mogal, wo Mann und Pferd bald gut untergebracht waren und wir bei einer Tasse Tee unsern recht betrchtlichen Durst lschen konnten. Als ich frh um 9 Uhr aus meinem Zimmer trat, fand ich drauen eine groe Menge versammelt. Mogal hatte seit vollen zwei Jahren seinen Anteil an Wasser aus dem Kaschgar darya nicht erhalten. Jedes dieser Drfer hat nmlich fr eine bestimmte Zeitdauer im Jahre, fr Mogal sind es 20 Tage, das Recht, seinen Bedarf an Wasser aus dem Flusse zu decken. Da es hier nie regnet, so ist den Leuten einfach die Lebensader unterbunden, wenn das Wasser aus dem Flusse fehlt. Nun klagten sie mir ihr Leid, der Umpasch von Terem, dem sie unterstellt sind, enthalte ihnen ihren Anteil an Wasser vor, und baten mich, dem Taotai in Kaschgar den Sachverhalt mitzuteilen. Sie selbst hatten natrlich zu dem hohen Herrn nicht vordringen knnen, es kostete zu viel Geld. Es sah allerdings hier bse aus: alles war verdorrt und versengt, und die meisten Felder waren unbestellt. Ich versprach, bei Gelegenheit dem Taotai zu erzhlen, was ich gesehen htte, bemerkte aber im brigen, da ich als Auslnder keinerlei Einflu auf die ganze Angelegenheit habe. [Illustration: Ordan Padscha -- Alter Molla] Wir ritten dann weiter nach Terem. Als wir gegen zehn Kilometer entfernt waren, bemerkte ich, da mein Taschenmesser, ein Nicker, fehlte. Mir fiel ein, da ich einen Mann aus meinem Zimmer hatte kommen sehen, der schnell etwas in seinem langen Rock versteckte. Ich hatte mir sein Aussehen gemerkt und schickte nun schleunigst zurck, um nachsuchen zu lassen. Nach drei Stunden war das Messer richtig wieder da, es hatte sich tatschlich bei dem betreffenden Manne gefunden. Wir ritten durch die den, vertrockneten Felder weiter; alle die kleinen Wasseradern waren ausgetrocknet. Ich hatte erwartet, als wir auf Teremer Gelnde kamen, alles in Fruchtbarkeit strotzen zu sehen, aber im Gegenteil, es war alles ebenso verdorrt wie in Mogal. Der alte weibrtige Umpasch der mich sehr freundlich aufnahm, schien wirklich keine Schuld zu haben, denn seine Felder sahen genau so schlecht aus wie die brigen auch. Ich bekam in einem wunderschnen khlen Zimmer gleich "Asch" (in Hammelfett gekochten Reis und Hammelfleisch) sowie russisches Zuckerzeug vorgesetzt. Auch die Pferde wurden gut untergebracht und versorgt. [Illustration: Kaschgar -- Strohverkufer] Unter groer Eskorte brachen wir am Abend auf. Der Umpasch stellte mir eines seiner eigenen Pferde zur Verfgung, er wollte spter selbst nachkommen. Unsere Karawane war schlielich elf Pferde stark. Durch Steppe und Wste reitend kamen wir um zwei Uhr in einem schon auf Kaschgarer Gebiet liegenden Dorfe unter. Gegen Abend kam der alte Umpasch an; wir wechselten wieder die Pferde und ritten um acht Uhr nach dem berhmten Masar Ordan Padscha, dem vielbesuchtesten Heiligengrab Turkestans. Bald umgab uns vllige Wste. Links lag einmal ein Masar. Auch passierten wir mehrmals einzelne Stationen, die alle mit ihrer Kochgelegenheit auf Pilgerkarawanen berechnet sind. Nach zwlf Kilometern waren wir in hohen Sanddnen, in denen die glhende Hitze noch schwerer zu ertragen war; die armen Pferde litten sehr. In der Tiefe waren zuweilen harte, lehmige Stellen, auf denen man besser vorwrts kam. Nachdem wir ungefhr acht Kilometer durch die Sanddnen geritten waren, sahen wir von der Hhe aus vereinzelte Bume und eine Husergruppe. Diese liegen um zwei salzige Quellen; Jakub Bek hat sie seinerzeit in Holz gefat und ein Haus darber erbaut. Hier liegen mehrere kleinere Heiligengrber. Bald darauf erreichten wir Ordan Padscha selbst. Dieses ist eine an einer Quelle entstandene Ansiedlung aus mehreren Husern, die entweder den Mollas zur Wohnung dienen oder fr die Unterkunft von Pilgern berechnet sind. Um letztere mit Essen zu versorgen, hat man in einem Hause fnf groe Tpfe eingemauert, die ich mir nach Sven Hedins Beschreibung eigentlich anders und groartiger vorgestellt hatte. Die sogenannten Tpfe sind flache kupferne Kessel; ein ganz groer, ein mittlerer, der zerbrochen war, und kleinere, die zur Zeit benutzt wurden. Der oberste Molla setzte uns in seinem Hause Tee vor. Mir fiel hier wieder die merkwrdige Art, die Pferde zu behandeln, auf. Die Tiere wurden trotz der glhenden Hitze mit dem Kopf hoch gebunden und erhielten kein Wasser. Allerdings mag letzteres seinen Grund darin gehabt haben, da das gesamte Wasser salzhaltig ist. [Illustration: Quelle in der Wste in Ordan Padscha] [Illustration: Betende Trken am Masar Ordan Padscha] Allmhlich versammelten sich viele Mollas, die mich mit ihrem scheinheiligen, leidensvollen Wesen anwiderten und meiner Meinung nach das Trinkgeld mglichst hoch zu schrauben suchten. In der glhenden Hitze wanderten wir durch tiefe Sandberge nach dem 1 Kilometer entfernten Masar. Wir passierten einen im Bau befindlichen Betsaal, ferner eine Quelle, die durch das Vorrcken des Sandes mitsamt den drei sie umgebenden Bumen wohl bald verschwinden wird. Dann waren wir an dem Masar, die Stiefel voller Sand und einem Sonnenstich nahe. Den Masar hatte ich mir viel groartiger vorgestellt; er besteht aus Bndeln von Stangen mit Fhnchen. Jeder der Pilger bringt eine solche Stange mit, so da das Ganze im Laufe der Jahrhunderte schon eine ansehnliche Strke erreicht hat. Einige Versuche, die umliegenden Sanddnen zu befestigen, scheinen keinen rechten Erfolg gehabt zu haben. Die Mollas und meine Begleiter sprachen ein lautes Gebet. Ich schenkte fr den Masar einen Wildschafschdel und gab dem Molla einen halben Tael Trinkgeld, nachdem ich durch einen der Diener daran erinnert worden war. Der Dank wurde mir durch ein fr mich gesprochenes Gebet abgestattet. Auch hier fiel mir das salbungsvolle Getue der Leute auf; mehr gefiel mir ein gewandter Trke, der uns eine Kanne mit Tee in die hohen Sanddnen nachgebracht hatte. Meine smtlichen Begleiter gaben hohe Trinkgelder; der Molla hatte beide hohlen Hnde zusammengehuft voller Silbermnzen. Fr jede einzelne Gabe wurde mit einem gemeinsamen Gebet quittiert. Zurckgekehrt gab es im Hause des Molla Reis und Hammelfleisch. Maulbeeren und Ziegenmilch wollten sich in meinem Magen nicht recht vertragen; ich drngte daher zum Aufbruch, besichtigte noch eine von Jakub Bek gefate Quelle, dann fhrte ein langer heier Rckweg, in dem uns noch ein Staubsturm fate, nach unserem Quartier zurck. [Illustration: Ordan Padscha] Dort schlief ich ein Stndchen und ritt dann 8 Uhr abends weiter nach Chan Arik, wo wir frh morgens am 11. Juni anlangten und die Pferde wechselten. Die neuen Pferde waren smtlich Hengste, die sich sehr bockig benahmen. Gleich, beim Aufsitzen rumten mein Diener und ein Mann vom Yamen unfreiwillig den Sattel; beiden Hengsten rutschte der Sattel hinten unter den Bauch, sie gingen nur noch auf den Hinterbeinen spazieren und bissen sich herum, bis alles Sattelzeug zerrissen war. Die Leute hatten nebenbei noch eine lcherliche Angst vor den Tieren, so da der Aufbruch eine volle Stunde verzgert wurde. Dann ging es weiter die groe Landstrae nach Kaschgar-Neustadt entlang. Unterwegs machten wir in einer Maulbeerallee kurze Rast und pflckten uns zum Frhstck die frischen Frchte von den Bumen, was die Landessitte erlaubt, whrend das Besteigen der Bume verboten ist. Dann ging es in die Neustadt hinein. In einem elenden Gasthause fand ich meine Karre vor; Dschang hatte zwar alles von Maralbaschi hierher gebracht und war sehr stolz auf diese Leistung, behauptete aber, in Kaschgar-Altstadt, wo ich eigentlich unterkommen wollte, kein besseres Gasthaus finden zu knnen. Da ich meine smtlichen Angelegenheiten in der Altstadt zu erledigen hatte und auch alle hier ansssigen Europer dort wohnten, beschlo ich, dorthin berzusiedeln und sandte meinen trkischen Diener und einen vom Yamen voraus, mit dem Befehl, sich beim Taotai-Yamen zu melden und um Untersttzung beim Aussuchen eines geeigneten Quartiers zu bitten. Ich machte drei Stunden Rast, benutzte die Zwischenzeit, um zu essen und mich rasieren zu lassen, und ritt gegen drei Uhr nachmittags nach Kaschgar-Altstadt. Dort traf ich auf der Strae einen indischen Diener in Kaki, sprach ihn englisch an und erfuhr von ihm, da er bei Colonel Miles, den ich noch aus Tientsin her kannte, im Dienste sei. Ich trug ihm Gre an seinen Herrn auf. [Illustration: Kaschgar] Ein entgegengesandter Mann vom Taotai-Yamen bernahm nun die Fhrung und brachte uns nach einem Serail nicht weit vom russischen Generalkonsulat. Es war nur ein ganz kleiner Raum, aber khl und schattig, und besonders bestach mich der gute Stall. Kaum war ich im Gasthause, als auch schon mit oben erwhnten Diener ein Brief von Colonel Miles eintraf, ich mchte sofort kommen und bei ihm Wohnung nehmen. Ich konnte nur antworten, da ich infolge meines wenig schnen Anzuges nicht wagen knnte, mich augenblicklich sehen zu lassen. Der liebenswrdige englische Offizier, der hier militrisch-politischer Agent ist, kam nun selbst, um mich zu holen. Ich leistete seiner Aufforderung selbstredend sehr gern Folge. Die Pferde blieben in dem Gasthause. Oberst Miles bewohnte eine schne, groe Gebudegruppe, die sehr hoch und vollkommen fieberfrei gelegen war. Die Gebude waren im europischen Stil, natrlich unter Bercksichtigung des heien Klimas, erbaut worden, und zwar fr den Vorgnger des Obersten, einen Mr. Macartney. Ich meldete mich nun brieflich sofort bei dem russischen Generalkonsul, Exzellenz Petrofsky, "dem Knig von Kaschgar", an, mit der Bitte, mir eine Zeit zu bestimmen, wann ich meinen Besuch machen knne. Endlich kam auch meine Karre an. Spaig war es, die Neugierde meines Chinesen zu beobachten, der noch nie ein europisches Haus gesehen hatte. Ich bekam im Garten ein sehr hbsches Zimmer angewiesen und packte meine smtlichen Sachen aus, lohnte meine Begleiter ab und erhielt bald vom Generalkonsul die Antwort, da ich jederzeit zwischen 10 und 12 Uhr willkommen sei. Da es mit meiner Toilette ziemlich bel bestellt war, half mir mein Gastfreund in der liebenswrdigsten Weise mit der seinigen aus. Ich erhielt einen Kakianzug, einen weien Anzug und Wsche und sah schlielich vollkommen wie ein englischer Offizier aus. Wir saen den ganzen Abend zusammen, und ich erzhlte von meiner langen Reise. Schlielich geleitete er mich zu seinem mitten im herrlichsten Garten gelegenen Zelt, das er mir zum Schlafen anwies. berall durch den Garten, der viele schattenspendende Bume hat, fliet in kleinen Rinnen Wasser, so da es angenehm khl ist. Von seiner Terrasse ans geniet man eine entzckende Aussicht auf die Berge. Die ganze Anlage liegt so hoch, da Moskitos nicht mehr herkommen. Ich schlief zum erstenmal seit langer, langer Zeit im wei bezogenen Bette und war sehr erstaunt, als ich am nchsten Morgen um 8 Uhr von Colonel Miles geweckt wurde. Ich benutzte den Morgen des 12. Juni, um im Gasthause meine Pferde zu besichtigen, lie mir von einem Schneider Ma zur Wsche nehmen, meine Uhr reparieren usw. Am 1. Februar, 10 Uhr, wanderte ich zum russischen Generalkonsulat, wo mir gleichfalls eine ganz reizende Aufnahme zuteil wurde. Der Generalkonsul kam mir mit einer Liebenswrdigkeit entgegen, die ich niemals erwartet htte. Ebenso nett und liebenswrdig war sein Sekretr, Herr Lavroff. Exzellenz Petrofsky, dem schon Sven Hedin ein so glnzendes und wohlverdientes Denkmal in seinem groen Werke gesetzt hat, ist hier schon seit vielen Jahren Herrscher, denn dieses Wort pat allein auf seine Stellung. Man spricht jetzt viel von seiner Ablsung, infolge zu hohen Alters. Ich glaube, da Ruland, wenigstens augenblicklich noch, einen Migriff tun wrde, den hohen Herrn hier wegzunehmen; denn von einem Abnehmen seiner Krfte habe ich in keiner Beziehung etwas gemerkt, im Gegenteil, mir imponierte seine Geistesfrische, die Lebhaftigkeit seiner Auffassung und sein hohes Interesse fr alles und jedes auerordentlich. Ich konnte kaum noch einen Wunsch oder auch nur eine Bitte uern, so war sie schon erfllt, und ich mchte hier in diesen Zeilen noch einmal meiner groen Dankbarkeit fr die viele, mir erwiesene Gte Ausdruck geben. [Illustration: Im russischen General-Konsulat -- Diner fr vornehme Trken] Exzellenz Petrofsky bernahm sofort meine Telegramme in die Heimat, eines an meine Eltern, mit der Mitteilung meiner Ankunft in Kaschgar und eines an meine vorgesetzte Behrde in Berlin, auf dem russischen Staats-Telegraphen. Kosacken ritten umgehend mit den Telegrammen nach Guldscha -- ber 300 Kilometer --, von wo aus sie der Draht in die Heimat befrderte. Ebenso meldete ich meine Ankunft in Kaschgar an meinen Kommandeur in Tientsin, General-Major v. Rohrscheidt, auf dem gerade heute ausnahmsweise funktionierenden chinesischen Telegraphen. Im Konsulat zeugte eine reichhaltige Menagerie von der Tierliebe des Generalkonsuls; da liefen Steinbcke, Antilopen, Hirsche, Tibetschafe usw., frei im Garten herum; alle so zahm, wie ich sie sonst nirgends gesehen habe. Man sieht, wie gute Behandlung auch aus den scheuesten Tieren Freunde der Menschen zu machen vermag. Ich ging nun zur russischen Bank, um mir auf meinen Kreditbrief Geld zu holen. Da ich selbst nicht Russisch kann, war es mir leider nicht mglich, mich mit den Leuten zu verstndigen; ich mute warten, bis der augenblicklich unpliche Vorsteher der hiesigen Filiale, ein Deutsch-Russe aus den Ostseeprovinzen, Namens Hammerbeck, wieder hergestellt war. Am Nachmittag hatte ich das Glck, ein groes chinesisches Diner beim Obersten Miles mitzumachen, zu dem derselbe smtliche vornehmen, im hheren Range befindlichen Chinesen Kaschgars und der Umgegend eingeladen hatte. Genau nach Rangordnung, von unten anfangend, stellten sich alle mit groem Gefolge ein. Schlielich verkndeten Bllerschsse, da der Taotai kme. Das Diner wurde im Garten serviert und nahm den blichen Verlauf aller chinesischen Diners, nur vielleicht mit dem Unterschiede, da sich einige der alten Herren einen grndlichen Schwips an dem guten Champagner des Gastgebers antranken. [Illustration: In den Straen Kaschgars Turkestaner, Essen auf offener Strasse feilbietend] Am 13. Juni machte ich dem Taotai und dem Stadt-Prfekten, der noch seinen Rausch von gestern ausschlief, meinen Besuch. Dann ging ich auf die Bank, um nochmals zu versuchen, meinen Kreditbrief einzulsen. Ich fand den Vorsteher in seiner Privatwohnung, die etwas sehr tief zu liegen scheint, denn Herr Hammerbeck litt an Malaria. Die ganze russische Kolonie schien brigens auf etwas gespanntem Fue zu leben, wie ich hier erfuhr. Spter suchte ich Herrn Hammerbeck in seinem Geschftszimmer auf, wo mir die unangenehme berraschung zuteil wurde, da die russische Bank den Kreditbrief nicht auszahlen wollte, da er berfllig war. Ich mute daher, um nicht Geld borgen zu mssen, versuchen, meine Pferde zu verkaufen. Schon jetzt stellten sich groe Schwierigkeiten heraus, die geforderte Anzahl Tragetiere nach dem russischen Turkestan zu bekommen. Ich erhielt den Eindruck, da die meisten hier durchreisenden Europer infolge zu anspruchsvollen Auftretens Zank gehabt haben, denn sowohl bei den Russen wie bei den Englndern wurde darber geklagt. [Illustration: Musikanten in einem Gasthaus Kaschgars] Am 14. Juni frh ritt ich mit Oberst Miles nach Hasrett-Afack, einem Heiligengrabe. Der Heilige heit Bodscha Deied Tula Bek, mit dem Beinamen "Knig der Heiligen von Kaschgar" und ist im Jahre 1693 gestorben. Die Moschee liegt in einem schnen Hain rings von Begrbnispltzen umgeben; dicht dabei hat Jakub Bek eine Bethalle erbaut. Sein Grab, wo er ohne Kopf liegen soll, da die eindringenden Chinesen denselben verbrannt haben, nachdem sie die Leiche wieder ausgegraben hatten, sieht wie die andern aus, wird aber nicht instand gehalten, sondern verfllt vollkommen. Als wir zurckgekehrt waren, machte mir Exzellenz Petrofsky seinen Gegenbesuch. Mir zu Ehren hatte er den ihm von Seiner Majestt dem Deutschen Kaiser verliehenen Roten Adlerorden angelegt. Er bot mir ber die Berge Kosakenbegleitung an und versprach, durch den russischen Aksakal Trage-Ponies besorgen zu lassen, ferner bat er mich, meine drei Pferde vorzustellen, die er vielleicht kaufen wollte. Spter besuchte ich den bekannten Pater Hendricks, der in der Eingeborenen-Stadt ein zerfallenes Haus ohne den geringsten Komfort bewohnt. Ich bekam alten, selbst gekelterten Kaschgaer Wein vorgesetzt, der wie Malaga schmeckte und sehr ins Blut ging. Am Abend stellte ich auf dem russischen Generalkonsulat meine drei Tiere vor, die mir schlielich alle zu einem annehmbaren Preise vom Generalkonsul und seinem Sekretr abgekauft wurden. Ebenso verkaufte ich einen Sattel und meine Mauserpistole. [Illustration: Markt in Kaschgar] Ich wurde vom russischen Generalkonsul auch fernerhin mit Liebenswrdigkeit berhuft. Bei einem Besuch am 15. Juni schenkte er mir eine ganze Reihe selbst aufgenommener, vorzglicher Photographien, ferner wurden meine smtlichen andern Angelegenheiten auf seinen Befehl hin beschleunigt, mein Pa visiert, der Pa fr meine Diener fertig gestellt, die Tragetiere fr den 17. Juni bereits zum festen Preise von 55 Rubel gemietet und ebenso den Leuten, die mitgingen, Psse ausgestellt. Ich unterhielt mich jederzeit gern mit dem allerorts hochverehrten Generalkonsul. An der Art, wie er die gesamte Situation beherrscht, erkennt man, da die Einverleibung Turkestans durch Ruland wohl nur noch eine Frage der Zeit ist. Mit dem hchsten Mandarin springt der Konsul wie mit einem Untergebenen um. So beklagte ich mich bei ihm, da der Taotai mir noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht htte, was gegen alle Regeln der chinesischen Etikette verstoe. Sofort sandte der Konsul einen Diener zum Yamen und lie anfragen, warum der Taotai dem europischen Offizier noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht htte, und da er wnsche, da der Beamte morgens um 8 Uhr bei mir antrete. Der Taotai gehorchte umgehend, denn am 16. Juni morgens um 8 Uhr war er bei mir. [Illustration: Groer chinesischer Leichenzug in Kaschgar] Nachdem der Taotai wieder verschwunden war, ging ich zum Zollamt, um meine Sachen vorzuzeigen und dadurch einer Revision an der russischen Grenze zu entgehen. Ich bekam von dem hiesigen Beamten einen Brief an die Zollstation mit. Den Nachmittag benutzte ich, um alles in gleichmige Pakete zu verpacken. Mein Diener Dschang wurde ausbezahlt und mit 7 Taels Trinkgeld entlassen. Er schien nicht recht zufrieden zu sein, obwohl das Trinkgeld seinen Lohn berstieg. Nebenbei hatte er es doch noch fertig gebracht, mich in den letzten Tagen zu bestehlen. Um 5 Uhr ging ich zum russischen Generalkonsul, um meinen Abschiedsbesuch zu machen. Der Konsul schenkte mir zum Abschied fr die Reise eine ganze gebratene Hammelkeule, 6 Hhner, Eier, sowie eine Flasche guten Wodka. Spter kam er noch selbst, um mir Lebewohl zu sagen und brachte mir als weiteres Geschenk Kaviar, Hummer und als besondere Kuriositt einen Teller aus Salz, von dem man z. B. kaltes Fleisch ohne es mit Salz zu bestreuen, essen kann. Am 17. Juni um 5 Uhr morgens schickte ich die Bagage weg und wechselte mein Geld in Rubel, da von jetzt an mit russischem Gelde gerechnet werden mu. Dann nahm ich Abschied von dem gastfreien englischen Obersten und trat meinen Ritt in die Berge an. [Illustration] [Illustration: Von Kaschgar ber den Alai nach Russisch-Turkestan 12 Marschtage = 375 Kilometer. Tgliche Durchschnittsmarschleistung 31,2 Kilometer] VIII. KAPITEL. Von Kaschgar ber den Alai nach Russisch-Turkestan. Wir kreuzten die unzhligen Arme des Kaschgar darya und gelangten, allmhlich ansteigend, in ein steiniges, breites Tal, das rechts und links von hohen, steil aufsteigenden Felsen begrenzt wird. Um 4 Uhr waren wir nach 35 Kilometer Marsch in Mynyoll, dessen einziges groes Gasthaus im Dezember 1902 vom Erdbeben vollkommen vernichtet worden ist. Die Besitzer leben nun in einer Kirgisen-Jurte im Hofe; zwei Rume fr Gste sind notdrftig aufgebaut. Nach Norden zu hat sich in einer Riesenfelswand ein Loch gebildet. Bei meinen Pferdebesitzern hatte ich wieder mit der hlichen Angewohnheit zu kmpfen, da sie die unglcklichen Tiere bis zum Abend hochgebunden stehen lassen und erst bei Dunkelwerden fttern. Es gab hier viel Ungeziefer, das mich nicht schlafen lie. Meine Leute litten schon hier, in einer noch verhltnismig geringen Hhe an einer Bergkrankheit, die sich in Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und einer merkwrdigen Schlaffheit des ganzen Krpers uerte. Gegen 7 Uhr morgens marschierten wir ab. Das Auflegen der Bagage ging sehr schnell, da ich alle Lasten selbst sorgfltig gleichmig abgewogen hatte. Es ging allmhlich in einem breiten Tale mit Bach auf der Sohle in die Hhe. Wenn die Sonne aus den treibenden Wolken einmal herauskam, war es glhend hei, sonst empfindlich kalt. Mehrfach trafen wir Karawanen, die die weie russische Baumwolle, die allmhlich, aber sicher die indische verdrngt, nach Turkestan bringen. Einmal passierten wir zwei verfallende Soldatenlager, die wohl als Talsperren dienen sollen. Gegen 2 Uhr, es drohte Regen, waren wir in Kandjoram, wo wir wie gewhnlich beim Umpasch -- wir waren noch auf chinesischem Gebiet -- unterkamen. Ich erhielt die schne, groe Hauptjurte angewiesen, die genau wie die mongolischen gebaut war. Der glckliche Besitzer hatte zwei Frauen, die beide sehr artig waren, wie mir mein Diener versicherte. Im brigen hatte der Umpasch groe Schaf- und Ziegenherden und auch eine ganze Anzahl Kamele, Pferde und Rinder, mit anderen Worten, er war ein reicher Mann. Den ganzen Abend fhrten die jungen, noch saugenden Tiere ein ununterbrochenes Konzert auf. Die kleinen Lmmer und Ziegen sind vor den Zelten an einem langen Strick, der viele kleine feste Schlingen hat, angebunden. Wenn die Herden dann heimkommen, wird erst allen Muttertieren etwas Milch abgemolken, und alsdann wird das Kleine zur Mutter gelassen, auf die es sich natrlich wie ein Wolf strzt. Die Jungen und Mdchen fangen die Tiere zum Melken ein, whrend die Frauen sie melken. Mir zu Ehren wurde eine junge Ziege geschlachtet; die Bouillon davon war sehr gut, das Fleisch bekam ich erst am nchsten Morgen kalt vorgesetzt; es war nicht schlecht, aber sehr ausgekocht. Abends setzte stoweise Wirbelwind ein, der nur einige Minuten dauerte, aber vollkommen gengte, um meine zum Lften aufgehngten Decken zu beschmutzen. Die Nacht ber wurde es empfindlich kalt. [Illustration: Zum Markte] [Illustration: Kirgisen] Am 19. Juni passierten wir, weiter reitend, ein Heiligengrab, dann ging es steil aufwrts, manchmal durch richtige Klammen. Das Gestein ist weich und rtlich mit vielen runden Windlchern. An einer Wand fanden sich viele Inschriften in russischen Buchstaben; meine Trken fhlten sich natrlich verpflichtet, auch ihre Namen dort zu verewigen. Weiter ging es ber den im tief eingeschnittenen Tale flieenden Kysil Su, der wenig, aber kristallklares Wasser fhrte. Der Weg ging bergauf und bergab, manchmal traten Quellen mit stets vorzglichem Wasser zutage. Wir trafen, wie gestern, viele Eselkarawanen mit Baumwolle fr Fergana, ich zhlte hintereinander 200 Esel, dann hrte ich auf zu zhlen, es waren noch viele, und zwar alles Hengste. Diese Riesenkarawanen sind nur von ganz wenigen Leuten begleitet. Ein Esel trottet immer hinter dem andern her; merkwrdigerweise kommen kaum Marschstrungen vor. Gegen 4 Uhr erweiterte sich das Tal, an einem Bach standen einzelne Pappeln, und bald kamen einige Jurten in Sicht. Der Ort hie Uchsalar. Bei freundlichen Kirgisen kamen wir, wie gestern, gut unter. Die Eseltreiber biwakieren stets mit ihren Karawanen; sie bauen dann aus Baumwollballen eine Art Ring, in dem es sich ganz schn wohnt. Mein Karawan-Baschi, d. h. Fhrer, gab den Pferden einfach gar nichts zu fressen, sie bekamen nur Gras, das sie sich selbst suchen muten, und ein Tier war daher schon am Zusammenbrechen. Erst auf meine ernstlichen Vorstellungen hin entschlo er sich, wenigstens etwas Mais zu kaufen. Auch am 20. Juni ging es weiter ber Berg und Tal, vorbei an einer ganzen Karawane von aus Mekka zurckkehrenden Pilgern, ber einen sehr steilen Pa, den eine von Jakub Bek geschickt angelegte Talsperre krnt. Dicht an der kleinen Festung liegen drei Heiligengrber mit den blichen Stangen und Fhnchen. Um 1 Uhr machte ich Frhstckspause. Von Westen her zog es schwarz herauf; die Temperatur war in den letzten Tagen schon sehr gefallen und ich fror wie ein Schneider; bald wurde es noch klter und fing an zu scheinen, zu hageln und zu regnen, alles durcheinander, noch dazu aus unserer Marschrichtung her. Die Pferde wollten nicht mehr vorwrts und drehten sich immer mit der Kruppe nach dem Winde. Ich war vollkommen durchnt; meine "wasserdichte" Lagerdecke gewhrte gar keinen Schutz mehr. Wir zogen weiter am Rande des Urchat darya. Der Weg ist durch Faschinen befestigt und recht pittoresk, nur bei diesem Wetter alles andere als angenehm. Rechts hatten wir himmelhohe Wnde, links den reienden Strom. Manchmal ging es dicht am Wasser entlang, manchmal hoch ber ihm. Gegen 3 Uhr nachmittags kamen wir durchgefroren und hungrig nach Kgn, an einer breiten Stelle des Tales. Kirgisen nahmen uns auf, und wir konnten unsere nassen Sachen trocknen. Natrlich waren die trockenen Untersachen im letzten Ballen, den ich aufmachte. Meine ganz anstndige Bezahlung fr das Quartier wurde mrrisch und ohne Dank am nchsten Morgen angenommen; jedenfalls war es zu wenig. Bei bedecktem Himmel und schneidendem Sdwest marschierten wir am 21. Juni weiter stromauf, den Urchat darya entlang. Schon kurz hinter den Jurten hatte der Weg an einer hohen Felswand ein Ende; wir muten den Flu kreuzen; sehr einladend sahen seine gelben Fluten, die reiend nach Osten schossen, nicht aus. Ich schickte zuerst den Mann vom Taotai-Yamen Kaschgar hinein, um nach einer Furt zu suchen. Er versuchte an verschiedenen Stellen durchzureiten, behauptete aber schlielich, der bergang sei unmglich. Da ich aber sah, da er nur Angst hatte, ritt ich selbst hinein und kam auch glcklich durch, allerdings bis ber die Knie, die ich verzweifelt hochgezogen hatte, na. Nun muten die Bagagetiere durch. Sie gingen ganz willig, der untere Teil der Packen war zwar durchnt, aber das lie sich nicht ndern. ber steinige Halden am rechten Ufer marschierten wir schnell vorwrts. Rechts lag einmal ein chinesisches Soldatenlager, es war einer der Grenzposten. Ich wollte nicht verfehlen, noch schnell einen Blick hineinzuwerfen; tiefer Friede herrschte darin, nichts regte sich. Endlich, nach langem Suchen, zeigte sich ein verschlafener Kavallerist, der nach meinen Wnschen fragte. Ich forschte nach seinem Herrn, der aber noch schlief. Der Kavallerist, der einzige, den ich zu Gesicht bekam, war recht feist und sah nicht aus, als ob er sich im Dienst beranstrengte. Er wollte familir werden, woraufhin ich es vorzog, mich zu entfernen. Das Lager war sonst hbsch und sauber angelegt und auch gut in Ordnung gehalten. [Illustration: Chinesische Grenze -- Thingpan, Alai-Gebirge (Soldatenlager)] Weiterhin kamen wir an einem einzelnen Rasthause Jakub Beks vorbei, das langsam, aber sicher zerfllt. Der Flu teilt sich hier in viele Arme und fllt das ganze Tal aus. Die von den verschiedenen Fluarmen gebildeten Inseln sind mit lichtem Pappelbestand bewaldet und haben teilweise gute Wiesen, auf denen die Kirgisen ihre Kamele und andere Tiere weiden; auch an den Ufern stehen berall Pappeln. Unterhalb des Rasthauses von Jakub Bek passierten wir den Flu. Ein Packpferd legte sich ins Wasser, stand aber schnell wieder auf, so da die Sachen, die es trug, kaum na wurden. Wir wanderten in das Tal nach Norden zu, das, wie man gleich an den viel gerader und hher gewachsenen Bumen sehen konnte, gegen den Wind geschtzt lag. Nach zwei Stunden Marsch, gegen Mittag, verbreiterte sich das Tal zu einem weiten, wiesenartigen Plan, auf dem uns der Wind wieder voll fate. Am Nordrande trafen wir ein hbsch gelegenes Soldatenlager, umgeben von einer Menge Gebuden. Das Lager war nicht besetzt, nur zwei Chinesen langweilten sich darin, natrlich vom frhen Morgen bis zum spten Abend Opium rauchend. Der Ort heit Jirn. Wir machten eine kurze Pause in einer Kirgisenhtte, wo man uns freundlich bewirtete. Ich hatte kein kleines Geld mehr, an wechseln war nicht zu denken, und da ich nicht ohne Bezahlung abreiten wollte, schenkte ich der Frau des Hauses einen Fcher von Adlerfedern aus Kutscha, der groen Beifall fand. Im Tale sah man einige schwache Versuche von Haferanbau. Der Hafer war jetzt, im Juni, noch ganz grn und kaum handhoch. Bergauf, bergab reitend trafen wir wieder Karawanen von aus Mekka zurckkehrenden Pilgern, und endlich hatten wir die hohen, schneebedeckten Trans-Alai-Berge in Sicht. Die uns umgebenden Kuppen waren auch schon leicht mit Schnee bedeckt. Nach kurzer Zeit muten wir in steilem Abstieg in das Alai-Tal hinab, das hier in seinem Ostende vielleicht 1 Kilometer breit und ganz steinig ist. Wir kreuzten das Tal und den es durchflieenden Kysil Su, der auch sehr steinig, aber ganz klar ist. Dann stiegen wir den jenseitigen Hang hinauf, wo bald der chinesische Grenzpfahl in Sicht kam. Es ist ein einfacher Pfosten in einem Steinhaufen, whrend auf russischer Seite ein senkrechter Stein steht. Kurz hinter den Pfhlen bekommt man Einsicht in ein Quertal, und vor uns liegt freundlich mit seinen weien Mauern die russische Grenz- und Zollstation Irkechtam. Wir ritten hinunter und stiegen vor dem im Grunde liegenden, zur Zollstation gehrenden Gebude ab. Oben auf der Hhe liegt der Kosakenposten und, alles berhhend, fllt sofort ein Reduit mit seinen Schiescharten auf. [Illustration: Grenzfestung im Alai-Gebirge (Chinesisch)] Ich war trotz meiner Pelzsachen total durchgefroren, und es schien mir recht lange zu dauern, bis mein in die Station vorausgeschickter Diener zurckkam; endlich erschien er in Begleitung eines untergeordneten Angestellten, dem ich den Brief aus Kaschgar fr den Kommissar, ferner meinen Pa und mein Tientsiner Begleitschreiben vom russischen Konsulat zur Aushndigung an Herrn Jusefowitsch bergab. Er ging zurck, kam aber bald wieder mit dem kurzen Befehl: "Alles ffnen." Da man mir in Kaschgar versichert hatte, da dies nicht ntig sein wrde, verlangte ich den Kommissar selbst zu sprechen. Aber als er kam, sah ich an seiner Nase bald, was die Glocke geschlagen hatte; nebenbei roch er stark nach Fusel. Er gab mir freundlich die Hand und versetzte in demselben Augenblick meinem Diener, der ihn nicht verstand, eine Ohrfeige. Das war mir zu bunt, und ich fuhr ihn grndlich an. Darauf wurde er sehr hflich und ging zurck, kam aber bald wieder in Begleitung eines in ebenso vorgeschrittener Stimmung befindlichen Kosakenoffiziers und eines Zivilisten. Ich hatte mittlerweile alles ffnen lassen, und die Angestellten des Zollamts kramten jede Kleinigkeit durch, fanden aber tatschlich nichts zu verzollen. Der Zivilist sprach mich franzsisch an, stellte mir den Kosakenoffizier, einen alten verwitterten Haudegen, vor und bat mich im Namen des Herrn Jusefowitsch, doch mit in seine Wohnung zu kommen. Ich lehnte ab, ersuchte ihn, Herrn Jusefowitsch mitzuteilen, da ich mich sofort beim Gouverneur in Taschkent beschweren wrde, falls er noch einmal ohne Grund meine Leute schlge, und bat gleichzeitig um Aufklrung, warum man mein Gepck trotz des Schreibens des Kaschgarer Zollamtes durchsuchte. Man brachte mir sofort ein Plakat in allen Sprachen und meinte, meine Sachen htten keine Plomben; das lie sich allerdings nicht leugnen, und da die Leute sonst wirklich freundlich waren, ging ich mit ins Haus, wo ich natrlich auf dem Tisch die Wodka-Flaschen vorfand. Alles Struben half nichts, ich mute daran glauben. Ich wute ganz genau, welchen entsetzlichen Jammer ich am nchsten Morgen haben wrde, zumal ich seit einem halben Jahre berhaupt keinen Alkohol getrunken hatte. Aber da zuerst die Gesundheit des Deutschen Kaisers ausgebracht wurde, mute ich austrinken. Ich erwiderte sofort mit einem Toast auf den russischen Zaren. Die Russen hatten zuerst meine auf den Zaren in franzsischer Sprache gesprochene Rede nicht verstanden und machten faule Witze. Als der Zivilist ihnen dann meine Worte bersetzte, sprangen sie bestrzt auf und brachen in ein endloses Hurra aus. Ich bekam darauf von jedem nach russischer Sitte einen Ku. Weiter kam die Gesundheit der Eltern, die eigene, gute Reise usw. usw., und immer mute ausgetrunken werden. Der gute Kosakenoffizier leerte, um seinen guten Willen zu zeigen, stets ein halbes Wasserglas, whrend ich noch bei den kleinen Schnapsglsern zu mogeln suchte. Schlielich bekam er das heulende Elend und prgelte sich mit dem Zollkommissar, welche Gelegenheit ich benutzte, um zu entschlpfen und mir den wirklich wunderbaren Sonnenuntergang anzusehen. Bald waren sie alle auf der Suche nach mir, ich mute zurck; fr Wodka dankte ich, bekam aber eine vorzgliche Bouillon und Hammelgehirn und ging, sobald die beiden sich von neuem prgelten, schlafen. [Illustration: ber den Kysil Su im Alai-Tal] Am 22. Juni erwachte ich natrlich mit einem entsetzlichen Brummschdel. Mein Diener hatte schon alles aufgepackt; ich bekam bei Herrn Jusefowitsch, dem der Wodka vorzglich bekommen zu sein schien, Tee mit Fergana-Rotwein darin vorgesetzt. Dann verabschiedete ich mich von dem gutherzigen Menschen und ritt mit dem Zivilisten, einem Moskauer Kaufmann, ab, am sdlichen Rande des Alai-Tales, also am Nordhange des Trans-Alai-Gebirges entlang. Nach einer Stunde Marsch kreuzten wir das hier schon ziemlich breite und teilweise Wiesengrund zeigende Tal und kletterten nun in die nrdlich gelegenen, mit Schnee bedeckten Berge, die recht steile Hnge hatten. Dazu setzte der Wind von Westen, also gerade von vorn, ein; es war mehr als ungemtlich. Nach weiteren zwei Stunden Marsch kamen wir an die Schneegrenze, dafr taute aber die Sonne die obere Schneeschicht auf, so da das Reiten mehr einem Schlittern glich. Dort, wo der Schnee nicht hoch lag, marschierte man im knietiefen Schlamm, dort, wo er zusammengeweht war, fiel man alle Augenblicke in ein Loch. Dabei mute man sich noch fortgesetzt vorsehen, da man nicht in eine der durch Schmelzwasser entstandenen Bodensenkungen rutschte. Um uns herum pfiffen die Murmeltiere; einmal sahen wir weit entfernt zwei Tiere grasen, die wir fr Steinbcke hielten. Beim Heranpirschen stellte sich aber mit Hilfe des Zei heraus, da es zwei entlaufene Pferde waren, die sehr scheu waren und sofort wegliefen. Ich merkte bei dieser Gelegenheit die Wirkung der Hhe, etwa 3600 Meter; ich bekam Herzklopfen und Atemnot und mir zitterten die Hnde so, da ich den Karabiner kaum halten konnte. Mein Diener und mehrere andere bekamen Nasenbluten. Fugnger, die sich uns angeschlossen hatten, spannten aus und konnten nicht mehr weiter. Um 12 Uhr erreichten wir eine Pahhe, wo eine Kaufmanns-Karawane im Schnee biwakierte. Wir nahmen dankbar eine Tasse Tee, Brot und Fleisch an, whrend die Bagage weiter vorausmarschierte. Beim Weitermarsch versuchte ich, auf Murmeltiere zu schieen; die drei ersten scho ich nur krank, so da sie im Bau verschwanden, trotzdem jedesmal sehr reichlich Schwei im Schnee war. Ich merkte dabei, wie unsicher ich scho, wenn ich auch nur zehn Schritte gegangen war; daher scho ich die nchsten Tiere stets direkt am Pferde stehend. Auerdem beobachtete ich, da krank geschossene Tiere, die nicht einen Kopfschu hatten, jedes Mal unrettbar im Bau verschwanden. Ich scho nun einige Male vorbei, denn das Ziel ist recht klein, und man mu schnell schieen, wenn sie den Kopf aus dem Bau herausstecken, aber ich erlegte doch schlielich drei Tiere, die alle gut im Fell waren, sie hatten auffallend lange Schneidezhne und gut entwickelte Grabepfoten. Die Tiere sind sehr possierlich; weiterhin trafen wir eine solche Unzahl und sie waren so vertraut, da sie mir leid taten und ich keine mehr scho. Das eigentmliche Pfeifen tnte dauernd von allen Seiten. [Illustration: Alai-Gebirge -- Rast im Schnee] Mittlerweile hatten wir die Karawane lngst aus den Augen verloren und eilten ihr in dem knietiefen Sumpf so schnell als mglich nach. Es war drckend hei geworden, und ich packte nach chinesischer Sitte schlielich alles, was ich an Pelz usw. an mir trug, bis auf die Lederweste, auf den Sattel. Als wir den letzten Berg hinter uns hatten und in das wellige Alai-Hochtal eintraten, war kein weies Fleckchen mehr zu sehen, alles prangte im schnsten Grn, im Sden begrenzt durch die weien Trans-Alai-Berge; ein herrlicher Anblick. Weniger schn war es, da wir nichts von unserer Karawane entdecken konnten. An den Spuren stellten wir fest, da zwischen den Pferdespuren diejenigen von einem Esel und einem barfigen Menschen waren, also waren wir vielleicht auf falschem Wege; es wurde 5 Uhr, die Pferde kamen vor Mdigkeit kaum noch vorwrts. Ich ritt auf einen inmitten des Tales sich erhebenden, einen guten berblick bietenden Felsen zu und erkletterte die Spitze, um mit dem Zei zu erkunden, wo die Karawane steckte. Das famose Glas zeigte mir bald drei ziemlich gleich aussehende Trupps; einer nach Osten marschierend kam nicht in Betracht, ein zweiter nach Westen ziehender mitten im Tale hatte, wie ich ganz deutlich sah, keine Schimmel, also konnte es sich nur noch um den im letzten Moment entdeckten, gerade in den nordwestlichen Bergen verschwindenden, sehr weit entfernten handeln. Es war hchste Zeit, denn die Sonne tauchte gerade hinter die Berge. [Illustration: Lager im Alai -- Reisende Baumwollhndler] Ich nahm mir als Artillerist einen genauen Marschrichtungspunkt mit Zwischenpunkten und dann ging es los, so schnell, als die sehr mden Tiere vorwrts konnten. Sobald wir in die noch etwa 7 Kilometer entfernte Gegend kamen, wo ich die Karawane gesehen hatte, suchten wir wie die Indianer eine ganze Zeit lang an feuchten Stellen nach den Eindrcken der Hufe. Aber, o weh, es waren wieder die Eselhufe und der barfige Menschenfu dazwischen! Doch, was war zu machen, wir wollten doch wenigstens abends bei Menschen landen, um Feuer, Holz und Kochgelegenheit zu haben. Ich verga zu erwhnen, da im ganzen Alai-Tal keine Kirgisenhtten zu sehen waren; die Kirgisen kommen erst ungefhr vierzehn Tage spter hierher. Die Pferde fhrend und scharf auf die Spuren achtend, berschritten wir einige kleinere Psse und kamen schlielich an einen Punkt, wo die Spuren sich teilten. Beide Spuren zeigten Eselhufe; der barfige Mensch schien mittlerweile an den Fen gefroren zu haben, seine Fuspuren waren nicht mehr zu entdecken. Wir whlten die nach rechts laufende Spur und bald machte mich mein Diener auf eine Rauchsule aufmerksam, die hinter einem Hgel hervorkam; also endlich waren wir am Lager, und nach Passieren einer Ecke hatten wir ein Biwak von aus Kaschgar nach Andischan ziehenden Baumwoll-Kaufleuten vor uns; unsere Karawane war nicht dabei. [Illustration: Lager im Alai -- Reisende Baumwollhndler] Wir wurden freundlich willkommen geheien und suchten nun so gut wie mglich unterzukommen. Den Pferden wurden die Vorderbeine gekoppelt, dann wurden sie zum Grasen geschickt. Durch einen glcklichen Zufall hatte mein Diener gerade an diesem Tage die groen Packtaschen auf sein Pferd genommen und wir fanden darin eine Kleinigkeit zu essen, so da wir wenigstens nicht zu hungern brauchten. Fr Geld und gute Worte bekamen wir ferner einige uralte Brtchen, heies Wasser und einen Jungen zum Helfen. Ich borgte mir zwei der groen flachen Baumwollballen und schlug auf diesen mein Lager auf. Um 10 Uhr wurde gefuttert, dann legte ich mich schlafen. Was an Sachen da war, hatte ich angezogen; zwei Hemden, zwei Paar Strmpfe, Lederweste, Rock und Regenmantel, so da ich ber Nacht nicht sehr fror, trotzdem es empfindlich kalt war. Dummerweise versumte ich aber, mir den Baschlik ber den Kopf zu ziehen und erfror mir die Backen, die Nase, Kinn und Lippen; sie brannten mir bald wie Feuer und wurden purpurrot. Ich hatte zum Schutz gegen die teilweise recht verdchtig aussehende Gesellschaft meinen geladenen Karabiner im Arm; er wurde aber nicht notwendig. Von drei Uhr morgens ab wurden die Hengste wieder lebendig und fingen an, sich mit dem blichen Geschrei zu balgen, dazu schneite es leicht, so da an schlafen nicht mehr zu denken war. Alles war dick bereift und das Wasser des kleinen Bachs im Grunde vollkommen gefroren. Eigentlich ist es merkwrdig, da ich die Klte so wenig sprte; es war aber vollkommen windstill, und bis auf die erfrorenen Stellen im Gesicht fhlte ich mich ganz wohl. Zum Frhstck gab es heies Wasser mit hineingebrocktem Weibrot. Den Pferden ging es weniger gut, sie waren sehr abgefallen; das eine, ein noch sehr junges Tier, wollte den Mais, den ich fr schweres Geld erstanden hatte, nicht einmal fressen. Die Leute satteln berhaupt nicht ab, einesteils der Klte wegen -- die Packsttel sind riesig gro und gewhren etwas Schutz -- andernteils der Druckstellen wegen. Auch mein Diener wollte um keinen Preis absatteln, wurde aber von mir dazu gentigt. [Illustration: Im Alai -- Reisende Hndler mit Baumwolle] Nachdem ich die Gesellschaft photographiert hatte, zogen wir ab, und zwar auf der zweiten gestrigen Fhrte, die bald in einen weiten Wiesenplan fhrte. Dort trafen wir eine seit gestern Mittag lagernde Gesellschaft, die nichts von unsern Leuten gesehen haben wollte. Sie konnten uns auch nicht ber den ferneren Weg nach dem Talldikpa orientieren, nur die ungefhre Richtung wuten sie anzugeben; diese schlugen wir dann auch ein. An einem Kreuzungspunkt von mehreren Tlern veruneinigte ich mich mit meinem Diener, der im hchsten Grade schlechter Laune war. Als ich ihm jedoch den Vorschlag machte, ihn auf der Stelle abzulohnen und uns zu trennen, hielt er es doch fr geraten, mit mir weiter zu gehen und verhielt sich von da ab still. Wir nahmen von den uns zur Verfgung stehenden Tlern den Weg zur Linken, den ich fr den richtigen hielt; wie sich spter herausstellte, htten wir sogar noch mehr links ausbiegen mssen. Es ging in die Berge, der Weg wurde immer kleiner, schlielich ging er meist in einem Bach und nur zuweilen waren noch einige Spuren am Ufer sichtbar. Mit einem Male standen wir an der Schneegrenze vor einer unbersehbaren Schneewand, die unten Eis zeigte, also einem Gletscher. Wir konnten nicht weiter, und ich kam zu der berzeugung, da wir die ganze Zeit, anderthalb Stunden lang, auf einem stark ausgetretenen Hirschwechsel geritten waren. Von allen Seiten hhnten uns die pfeifenden Murmeltiere; auch weie Finken, Wildtauben und Dohlen gab es in dieser betrchtlichen Hhe von etwa 4000 m noch. Ein Entenprchen strich im Tal entlang, und hoch oben zogen Bussarde ihre Kreise. Mit schwerem Herzen entschlo ich mich, umzukehren und denselben Weg zurckzureiten. Es war drckend hei geworden. Schlielich entdeckte ich mit Hilfe des Zei weit unten im Alaitale Menschen; also dorthin, denn das unntze Herumirren fhrte zu nichts. Als wir die Leute anhielten und ausfragten, zeigte es sich, da sie zu denen gehrten, die wir frh morgens lagernd getroffen hatten; sie gingen ebenso wie wir nach Andischan und hatten uns offenbar am Morgen falsch gewiesen. Sie entschuldigten sich damit, da sie es selbst nicht besser gewut und erst von andern Leuten Auskunft ber den einzuschlagenden Weg erhalten htten. Wir schlossen uns ihnen an, lieen ber Mittag die Pferde eine Stunde grasen und frhstckten sprlich etwas uraltes Brot, an dem man sich die Zhne ausbeien konnte. Gegen 1 Uhr gelangten wir an den Anfang eines Fahrweges mit russischen Bezeichnungen an den Pfhlen; es war der groe Weg nach Osch ber den Talldik, nach Sven Hedin 3537 m. Er war recht belebt, man sah Kaufleute, ab und zu Kosaken und auch eine Menge zu Fu gehende Leute, die teils nach Kaschgar, teils nach der andern Seite, gen Andischan wanderten. Die Strae steigt in Serpentinen an den Talhngen hoch zur Pahhe; von der Schneegrenze ab war sie teilweise durch groe Schneemassen gesperrt, so da man sich selber einen Weg am jenseitigen Hange suchen mute. Das Schmelzwasser schadet der Strae sehr, die ein hbsches Stck Arbeit gekostet haben mu und ein Wahrzeichen des russischen Vordringens in Zentral-Asien ist; ganze Strecken sind unterwaschen oder weggerissen. Nach anderthalbstndigem Steigen hatten wir die Hhe des Talldik erreicht. Hier ist eine Plattform geschaffen, in deren Mitte an einer Stange zwei eiserne Inschrifttafeln angebracht sind. Man hat eine herrliche Aussicht von dort oben nach beiden Seiten. Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Die Karawanen benutzen kaum den neuen Weg, sondern krabbeln lieber auf den alten, schmalen Saumpfaden entlang. brigens entdeckte ich im Schnee Rderspuren, also mu ein Wagen ber den Pa gefahren sein, was immerhin eine Leistung ist. Je tiefer wir auf den Serpentinen kamen, desto romantischer wurde die Umgebung. Man sah an den Abhngen Knieholz, und auf den Uferwiesen des Baches wuchs herrliches Gras. Die Karawanenfhrer hatten Mhe, ihre Tiere davon abzuhalten. Zwei- oder dreimal hrten wir von Heraufmarschierenden, da sie frh morgens meine drei Bagagetiere im Marsch gesehen htten. Unsere beiden Pferde waren sehr mde und auch Nasr klagte ber alle mglichen Schmerzen, die er sich wohl beim Biwak zugezogen hatte, so da ich beschlo, bei der ersten, nicht mehr weit entfernten Kirgisen-Jurte zu bernachten. [Illustration: Im Alai-Gebirge vor dem Talldik] Gegen fnf Uhr erreichten wir eine Mulde mit herrlichem Grase, auf der gerade aus Osch kommende Kirgisen ihre Jurten aufschlugen. Sie befanden sich zu dieser Zeit auf dem allmhlichen Vormarsch zu den schnen Weiden des Alai. Im September wandern sie dann ebenso in Etappen nach Osch zurck. Wir kamen schnell und gut unter. Gegen Abend gab es Asch[5], dazu frische Yakmilch. Nasr war gnzlich unbrauchbar, er schien etwas Fieber zu haben und glaubte sich aus diesem Grunde noch berechtigt, unverschmt zu werden. [5] Asch = in Hammelfett gekochter Reis. Am 24. Juni brachen wir sehr frh auf. Das Tal erweiterte sich zu einem weiten Wiesenplan, auf dem berall Kirgisen-Jurten standen und Yak-, Hammel- und Ziegenherden weideten. Wir begegneten etwa 50 Kosaken, die zur Ablsung der Kaschgarer Konsulatswache dorthin zogen. Nasrs Zustand verschlimmerte sich heute; er verlor ganz und gar den Kopf und wollte durchaus nach Kaschgar zurckwandern. Als ich ihm das Unsinnige dieser Absicht vorhielt, heulte er wie ein kleines Kind, bestand auf seinem Vorhaben und wollte nicht einmal Geld von mir nehmen. Schlielich berredete ich ihn doch, mit nach Andischan zu gehen, da ich ihn in diesem Zustande nicht allein zurckkehren lassen konnte. Wir passierten zweimal Felsdurchbrche des Syr darya. Das Tal verbreiterte sich allmhlich, der Flulauf selbst ist tief eingeschnitten. Auf einem Wiesenplan stieen wir endlich auf unsern Karawan-Baschi mit seinen Tieren, der ganz vergnglich bei meinem Gepck lagerte, unschuldig wie ein Kind tat und gar nicht auf den Gedanken gekommen war, auch nur eine Minute auf uns zu warten. Sonst war alles in schnster Ordnung. Leider fing es an zu regnen, ich wollte aber noch nach Guldscha weiter und lie deshalb aufpacken, obgleich mir kein Mensch angeben konnte, wie weit es eigentlich bis dort noch war. Schlielich, als es vom Himmel wie mit Kannen go, krochen wir doch gegen drei Uhr bei Kirgisen unter, die behaupteten, es sei nur noch vier Kilometer bis Guldscha. Indessen konnte es mir gleichgltig sein, denn mit meiner Bagage hatte ich hier alles, was ich brauchte. Bei den Kirgisen kaufte ich fr billiges Geld kleine Webereien aus Kamelwolle, die man nur vereinzelt in den Jurten fand; sie sind stets von der Hausfrau selbst geknpft. Leider sind von den vier von mir erstandenen Stcken nicht zwei im Muster gleich. Den ganzen Nachmittag regnete es lustig weiter. Nasr litt an Fieber und Durchfall; ich gab ihm Kalomel und spter Chinin, was die erwnschte Wirkung hatte. In einer solchen Kirgisen-Jurte ist es ganz gemtlich. Drauen grunzen die Yaks, blken und meckern Schafe und Ziegen. Zuweilen bekommt man einen Spritzer durch ein Loch in der Filzbekleidung, aber das in der Mitte lodernde Feuer hlt alles warm und trocknet schnell ab. Natrlich schlft man nachts mit der ganzen Familie in einer Jurte. Stets sind mehrere Weiber und eine Menge Kinder mit im Zelt, was aber keinen strt; es sind eben noch Naturmenschen. Gegen 6 Uhr morgens marschierten wir weiter. Nach vier Kilometern hatten wir das vermeintliche Guldscha erreicht. Es war nur ein Kosakenposten, der in der Einmndung des Weges vom Terek davon aufgestellt und in einigen Baracken untergebracht ist. Den ganzen Tag begegneten uns Kirgisenfamilien, die mit ihrer ganzen Habe nach dem Alai zogen. Es war das bunteste und farbenprchtigste Bild, das ich je gesehen habe, leider etwas durch den ununterbrochen fallenden Regen beeintrchtigt. Den Zug jeder Familie erffnete eine auf einem Pony reitende Frau, die ein Kamel fhrte. So folgte eine Reiterin der anderen, jede ein Kamel an der Hand. Schon Jungen und Mdchen von vier Jahren sind beritten; dazu kommt noch die bunte Ausstattung. Die Reittiere der Frauen sind vollkommen in rotes Zeug eingekleidet, ungefhr so, wie wir unsere Rennpferde eingepackt zur Morgenarbeit schicken. Die Satteldecken sind reich bestickt, ber diese liegen noch Teppiche. Trensen, Vorder- und Hinterzeug haben Silberbeschlag; die Bgel sind schwer versilbert. Die Frauen und besonders die erwachsenen Mdchen sind in vollem, hchst buntem Staat, die Mdchen mit merkwrdigen Kappen, die mit Silber- und Korallenketten verziert sind, welche ber das Gesicht fallen, die Frauen in der typischen weien Haube mit zwei durch Silberbeschlag verzierten Korallenketten, die zu beiden Seiten des Kopfes herabhngen. Die Suglinge -- eine Frau ohne solchen sah ich kaum -- werden in einer kleinen Wiege mit berzug vorn auf den Sattelknpfen transportiert. Die Fllen werden an den Schweif der zugehrigen Mutter gebunden, die jungen Kamele laufen an reich gestickten Halftern an der Seite ihrer Mtter. Manche waren mit Hals- und Rckenschutzdecken versehen. Die Kamele tragen den Hausrat, ber dem stets einer der von uns so sehr geschtzten herrlichen Teppiche befestigt ist, an beiden Seiten bis zur Erde reichend. Hinterher kommen dann, von den berittenen Mnnern und greren Jungen getrieben, die Pferde, das Rindvieh und die Schafherden, unter letzteren meist einige Ziegen. Die besonders schwachen Fllen, Klber oder kleinen Hammel werden vorn ber den Sattel gelegt. Die Mnner fhren stets einen langen Stock zum Treiben. Manche hatten an diesem Stock eine lange Schlinge zum Einfangen der Tiere. Natrlich gehren zu jeder Herde mehrere Hunde. [Illustration: Kirgisen auf dem Marsch zum Alai] So zogen sie vorbei, Karawane auf Karawane in unbersehbaren Reihen, Tausende und aber Tausende von Haustieren nach dem Nahrung spendenden Alai treibend. Den ganzen Tag ber ging das fort, und wenn es auch stets dasselbe Bild blieb, so war es doch immer wieder infolge seiner Farbenpracht interessant; Zirkus Busch knnte unbedingt eine Zugnummer daraus machen. Leider regnete es -- wie gesagt -- wie mit Bindfden, und der bergauf und bergab gehende, mehrfach den Syr darya auf Holzbrcken kreuzende Weg glich einem tiefen Sumpf. [Illustration: Kirgisen auf dem Marsch zum Alai-Hochtal] Gegen 3 Uhr waren wir an dem Talkessel, in dessen Mitte Guldscha liegt, angelangt. Man bemerkt hier schon die ersten Vorbereitungen zum Telegraphenbau nach Irkechtam, auerdem sah ich Eisenbahnmaterial in Menge anfahren. Sollte Ruland etwa seine strategischen Bahnen bis hierher ins Gebirge verlngern wollen? Wir ritten zwischen den einstckigen, hbsch angelegten Kasernen der Garnison durch nach dem dicht dabei gelegenen Basar oder vielmehr nach dem Schmutzloch, das sich Basar nennt. Nach einigem Suchen bekam ich glcklich einen dunkeln Raum ohne Fenster, in einem Torweg gelegen. Zum Trost hielt wenigstens das Dach dicht. Mein smtliches Gepck war vollstndig durchnt, und dabei regnete es ununterbrochen weiter. Mein Zimmer war derartig feucht, da die Tropfen an den Wnden herunterliefen. Auch am 26. Juni regnete es noch; der feuchte Raum verstimmte mich derart, da ich nichts mehr essen konnte und zur geringen Freude meiner Leute befahl, da aufgebrochen werden sollte. Um 2 Uhr hrte es auf zu regnen, und um Punkt 3 Uhr marschierten wir bei schnster Sonne, allerdings im knietiefen Sumpfe, ab. [Illustration: Kamel der Kirgisen] Gleich hinter dem Orte ging es ber den Syr darya, der recht unangenehm aussah. Am jenseitigen Ufer standen Reiter, die herber wollten. Ich dachte: lassen wir die andern die Kastanien aus dem Feuer holen und warten wir ab. Die drben dachten wahrscheinlich genau dasselbe, saen ruhig ab und warteten auch. Schlielich strzte sich ein Kirgise mit einem Handpferde mutig in die Fluten; er war fast drben, als er auf eine tiefe Stelle geriet; sein Pferd schwamm, das Handpferd dagegen machte sich los und lief weg, aber der Kirgise kam herber. Nun wuten wir Bescheid und ritten ins Wasser, sorgfltig die schlechte Stelle vermeidend. Nasr ging voran, wurde jedoch immer langsamer. Pltzlich machte sein Pferd kehrt und ich sah schon ein allgemeines ple-mle mit den Packpferden folgen; daher trieb ich meinen Schimmel mit der Peitsche so schnell wie mglich nach vorn. Er ging auch willig, doch sa ich mit der linken Seite bis ber die Hfte im Wasser, so mute er sich gegen den Strom legen; aber ich kam durch. Die Bagage folgte nun schnell. Die Partie am andern Ufer freute sich sichtlich, als ich nur mit einem Stiefel weiter ritt, den andern mit Strumpf hatte ich zum Trocknen auf die Bagage gebunden. [Illustration: Landschaft bei Guldscha im Alai-Gebirge] Es ging nun gleich auf steilen, schlpfrigen Wegen in die grnen Berge, vorbei an einem groen Erdsturz, der vom Erdbeben Ende 1902 herrhrte. Gegen Abend kamen wir an ein allein stehendes Huschen, anscheinend einen Patrouillen-Unterschlupf. Ein hchst verdchtiges Individuum war drinnen, und schlielich kam noch ein ebensolcher Kerl zum Vorschein. Mein Diener bot, ganz gegen seine Gewohnheit, sofort an, nach Kirgisen zu suchen; woran ich merkte, da er eine Mordsangst vor den beiden hatte; ich lie ihn aber fortreiten, da hier doch unseres Bleibens nicht war. Er fand auch einige gerade aus Osch gekommene Kirgisen, doch als wir an das Lager kamen, stellte sich heraus, da wir im Freien schlafen sollten. Ich befahl sofort: Kehrt und zurck, worauf hin allgemeiner Protest folgte. So gingen wir in der Dunkelheit erneut auf Kirgisensuche; denn es sollten noch mehr da sein. Schlielich trafen wir auch noch welche; sie waren schon von weitem an den Lagerfeuern zu erkennen. Die Frau protestierte gegen das Betreten des Zeltes, wir kampierten daher in einem Leinenzelt, welches zum Schutz der noch nicht verstauten Sachen aufgeschlagen war. Man gab uns zum Abendessen warme saure Milch mit gekochtem Reis darin. Ich hatte tchtigen Hunger und wrgte eine groe Portion herunter; dann packte ich mich nach Mglichkeit warm ein und schlief recht gut, jedenfalls sehr viel besser, als in der feuchten Hhle in Guldscha. Am 27. Juni frh brachen wir nach Osch auf. Es gab einige kleine Psse zu erklettern; nach dreistndigem Marsch hatten wir den groen Hauptweg erreicht und zogen langsam in der glhenden Hitze auf Osch zu, wo wir gegen vier Uhr eintrafen. Es war gerade Basartag und dementsprechend ein unendliches Gewimmel in den Straen. Wir erhielten jedoch schnell in einem groen, bervollen Gasthaus ein Zimmer mit Ausgang nach dem Garten. [Illustration: Auf dem Wege nach Osch -- Meine Bagage] Nasr, der sich in Ruland viel sicherer fhlte, als im Lande der Chinesen, weil er genau wute, da der Yamen mich hier nicht mehr untersttzte, wurde immer frecher und fauler. Er kmmerte sich um nichts mehr, kaufte sich fr mein Geld Essen, Tee, Brtchen und Frchte und hatte die Unverschmtheit, mich zum Mitessen aufzufordern. Ich sagte nichts, dachte mir aber mein Teil, da ich ihn mit der Ablehnung in Andischan sicher in der Hand hatte. Was fr Schmutzfinken die Trken sind, konnte man hier so recht sehen. Der ganze Wasserbedarf des riesigen Gasthauses wurde aus einer durch den Garten flieenden Wasserrinne, die nicht etwa gemauert war, gedeckt. Diese Rinne durchflo zwei kleine Bassins, aus denen jeder sein Koch-, Trink- usw. Wasser entnahm, ferner wurde Wsche darin gewaschen. Jeder Neuangekommene splte sich darin die Fe ab, und drei Meter oberhalb flo aller Unrat hinein. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie nach dem Genu dieses Wassers krank werden! Die Nacht ber fra mich das Ungeziefer fast vollkommen auf. Es war frh um 6 Uhr schon glhende Hitze, als wir am 28. Juni zu unserm letzten Marsche auf der langen Reise aufbrachen. Ich hatte eigentlich beabsichtigt, schon um 4 Uhr abzumarschieren, meine Leute waren aber nicht herauszubringen. Zur Strafe gab es nichts zu essen; ich selbst begngte mich natrlich auch mit einer trockenen Semmel; mir schadet das nichts, die Leute aber sind gar nicht zu gebrauchen, wenn sie sich nicht den Bauch grndlich vollgeschlagen haben. [Illustration: Auf dem Wege nach Osch -- Meine Bagage] Der Wirt des Gasthauses hatte meinem Ponytreiber ein Tier gepfndet, weil er seine Rechnung nicht bezahlen konnte. Dabei wute ich genau, da der Kerl noch ein Goldstck bei sich hatte, denn ich hatte es im vorletzten Quartier gesehen. Schlielich mute ich doch einen Rubel herausrcken, um wenigstens das zum Weitermarsch notwendige Tier herauszubekommen. Die Stimmung war allmhlich eine derartig gereizte geworden, da ich alle Augenblicke einen ernsthaften Streit befrchtete; aus diesem Grunde hngte ich mir die Mauserpistole wieder an den Sattel, denn bei diesen verwegenen Menschen ist man seines Lebens nicht sicher. Es war hchst komisch, den gegenseitigen stillen Kampf zu beobachten. Nasr suchte mich auf jede Weise zu schikanieren; dabei war er doch unter allen Umstnden der Reingefallene, denn sein Trinkgeld wurde nur immer schmler. Wir zogen eine lange, uerst steinige, mit Baumreihen eingefate Landstrae entlang. Die Huser sind hier schon mit Nummern bezeichnet und ab und zu sieht man russische Firmenschilder und Annoncen. Es war drckend hei, und bei der entsetzlichen Mdigkeit der Tiere, die nichts Ordentliches zu fressen bekommen hatten, wurde der Weg geradezu zur Qual. Im chinesischen Turkestan sind Pferde sehr viel billiger, als im russischen Turkestan; daher pflegen die Leute, die mit Karawanen ber das Gebirge gehen, in Ruland ihre smtlichen Tiere zu verkaufen. Da sie in den letzten Tagen die Tiere nicht mehr ordentlich fttern, ist bei der Herzlosigkeit der Trken gegen ihre Tiere begreiflich. Ich glaube, da mein Karawan-Baschi die ganze Reise ber nicht drei Rubel fr Futter ausgegeben hat. Er lie die Tiere stets nur grasen, und ich mute hinterher das Trinkgeld an die Kirgisen bezahlen. Auf dem weiteren Wege begegneten wir mehrfach russischen Damen in Troikas; sie sahen sich erstaunt nach mir um. Gegen 11 Uhr, nach 22 Kilometer Marsch, rastete ich in einem Nest mit Basar, es war dringend ntig fr die bermdeten Tiere; ich mute wieder fr mein Geld Futter kaufen. Die Karren hierzulande sind merkwrdig: sie laufen auf zwei Rdern mit einer Art fester, sich nach vorn verjngender Plane; bespannt sind sie mit einem in der Schere gehenden Pony. Dieser trgt einen Sattel, auf dem der Kutscher mit hoch angehockten Knien und auf die Scherendeichsel gestellten Fen sitzt. Vom Karren selbst aus sah ich nicht fahren. Die Frauen gehen smtlich verschleiert. Nach einer Stunde Rast, whrend der ich mich an Aprikosen, pfeln sowie jungen Gurken delektiert hatte, ging es weiter. Wir kreuzten noch zwei Hgelreihen und nherten uns allmhlich Andischan, das sich durch mehr und mehr vom letzten Erdbeben zerstrte Ortschaften ankndigte. Es sah trostlos aus in diesen Drfern; die Einwohner wohnten in Strohhtten, in Jurten, und wo sich immer nur ein geschtztes Stckchen Erde bot. Gegen 3 Uhr hatten wir Andischan erreicht. Einige in Trmmern liegende Villen und eine Menge provisorischer Baracken gemahnten mich an die erste Zeit meines Tientsiner Aufenthaltes; es sah hier ganz hnlich aus. Wie die schnste Opernmelodie tnte mir von weitem der Pfiff und das Stampfen der Lokomotive in das Ohr, ein sehr lange entbehrter Genuss. Kein Mensch konnte uns Auskunft geben, wo Unterkunft zu finden sei. "Sie mssen eben suchen", war die stereotype Antwort, "wir wohnen drauen, es ist alles zerstrt." So zogen wir eine ungefhr 300 Meter breite, von hohen Pappeln eingefate Strae entlang zum Basar. Auch hier riesiges Gewimmel von kleinen Holzhuschen, Buden, aber nirgends ein freier Platz. In Zelten war ein Lazarett aufgeschlagen. Alle Gewerbe waren hier eifrig bei der Arbeit, einige Gasthuser waren schon wieder aufgebaut, und in denselben, hockte auf Filzteppichen, wie berall, die rauchende Nichtstuergesellschaft. Eine Gruppe hbscher Jdinnen, jedenfalls bucharischer Herkunft, konnte mir in keiner der mir gelufigen Sprachen Antwort geben. Schlielich fragte ich nach den Soldatenbaracken; man wies uns in der Richtung nach dem Bahnhof zurck. In der Nhe des letzteren gelangten wir auf eine Art russischen Basars, auf dem eine Menge russischer und armenischer Kaufleute handelte, zwischen denen viele Soldaten mit ihren weien, sehr sauberen Uniformen herumspazierten. Ich lie in einem Teehause abpacken, um mich selbst nach Quartier auf die Suche zu begeben, und fand bald inmitten einer groen Menschenmenge smtliche Offiziere des hier garnisonierenden Bataillons mit ihren Damen um einen Tisch versammelt, an dem Waren aus einem gerade zusammengestrzten Magazin ffentlich verkauft wurden. [Illustration: Erdbeben in Andischan] Ich ging heran und stellte mich dem ltesten Offizier auf franzsisch vor; er verstand mich jedoch nicht. Die neben ihm sitzende Dame aber sprach franzsisch, und gleich darauf, als ich erklrte, da ich deutscher Offizier sei, sagte der eine der Offiziere neben mir: "Ich spreche deutsch." Es war der Distrikts-Chef Baron Stackelberg. Ich hatte Glck, denn auf meine Bitte, mir zu einem Quartier behilflich zu sein, drngte sich ein junger Mensch durch die neugierige Menge und sagte: "Ich bin Deutscher, ich werde den Herrn fhren." Ich bedankte mich nun bei den Offizieren und lie mich nach einem Hotel bringen. Dieses war in Barackenstil neu aufgebaut, machte einen sauberen Eindruck und wurde von einem Armenier gehalten. Das Zimmer kostete pro Tag einen Rubel. Ich lie sofort meine Sachen hierher bringen, packte aus und fhlte mich wieder als Mensch. Mein neuer Fhrer nannte sich Modrow, war fnf Jahre russischer Soldat gewesen und augenblicklich hier als Fleischer ttig. Er erwies sich sofort als sehr ntzlich, nebenbei war ich mit einem Schlage von dem ganz kleinlaut gewordenen Nasr, der mir bisher als Dolmetscher gedient und sich fr unentbehrlich gehalten hatte, ganz unabhngig. Wir wanderten in die Stadt, um Einkufe zu machen: Wsche, Stiefel, ein Fa zur Verpackung meiner Sachen, Photographien zum Andenken; es gab alles, aber natrlich zu entsprechenden Preisen. Ich sah ein Stck der Stadt, die im groen Stil, mit breiten langen Straenlinien und sehr vielen Grten angelegt ist. Beim Erdbeben sind nur die Kapelle und die einem Deutschen gehrige Bierbrauerei stehen geblieben; letztere machte natrlich jetzt glnzende Geschfte und verkaufte ein recht angenehmes Bier, fr mich seit sechs Monaten wieder das erste. Wir aen in einer provisorischen Kneipe gut und billig. [Illustration: Mein Gehilfe Modrow in Andischan] Die russische Militrverwaltung hielt alles unter schrfster Kontrolle, und berall herrschte musterhafte Ordnung. Die reichlich vorhandenen Polizeisoldaten mit aufgepflanztem Bajonett sahen auch nicht so aus, als ob sie mit sich spaen lieen. Smtliche Preise, sowohl was die Zimmermiete, als auch was den Nahrungsmittel- und Alkoholverkauf anbetraf, standen unter Kontrolle. Viele Wirtschaften durften berhaupt weder Bier noch Schnaps verschnken; gestohlen soll hier so gut wie gar nicht werden, und auch unmittelbar nach der Katastrophe soll, dank dem sofort reichlich hergesandten Militr, keinerlei Unordnung eingerissen sein. Ich sah noch einen hbschen, groen, ffentlichen Park, in dem abends die Militrkapelle frei konzertierte, als Erffnungsstck die Marseillaise spielend. In meinem Gasthause wohnte eine ganze Menge zweifelhafter Personen weiblichen Geschlechts. Der Wirt jedoch bte strenge Aufsicht und so lange die Lampen brannten, war keine Annherung erlaubt. Was nachher geschah, dafr schien er sich weniger verantwortlich zu fhlen, denn er verschwand gegen 10 Uhr. Am 29. Juni morgens schickte ich meinen Pa zur Polizei, die dann selbst in Gestalt eines Offiziers erschien und meine Angelegenheiten als geordnet bezeichnete. Bis dahin hatte mir mein Wirt nicht recht ber den Weg getraut. Zwar hatte mir der "Baron" (Stackelberg) auf offenem Markte die Hand gegeben, auch hatte von mir in der hiesigen "Gazetta" gestanden, aber bis die Polizei nicht ihr endgltiges Urteil abgegeben hatte, schien ihm die Sache doch nicht geheuer. Ich veranstaltete eine Generalrevision meiner Sachen; aus allen, nicht zum Mitnehmen bestimmten wurde ein groes Bndel gemacht, mit dem Modrow zum ffentlichen Verkauf auf den Basar ging. Unterdessen schrieb ich Briefe und Tagebuch, a zu Mittag bescheiden in einem Garten und brachte dann bei der in einem Eisenbahnwaggon untergebrachten Post meine Briefe unter. Am Nachmittag packten wir Kisten und um 4 Uhr ging ich zum Obersten und zum Distrikts-Chef, um meine Besuche zu machen. Ich wurde liebenswrdig aufgenommen und meist im mangelhaften Franzsisch von den zugehrigen Damen ber meine Reise ausgefragt. [Illustration: Blick aus dem durch Erdbeben zerstrten Andischan -- Baumwollspeicher Im Vordergrund "Jurte"] Modrow benutzte den Abend, um sich einen tchtigen Rausch zu holen; noch am 30. Juni frh war er vollkommen betrunken, auerdem hatte er sich ein blaues, verschwollenes Auge von einer Prgelei mitgebracht. Ich hatte am vorhergehenden Abende brigens Gelegenheit, mich von der ziemlich laxen Moral des niedrigen Volkes zu berzeugen. Die Zustnde grenzen in dieser Beziehung allerdings nahe an das Unmgliche. Ein Tischler schlo meine Kisten und wir brachten sie zu einem Speditionsgeschft zum Versenden nach Deutschland. Das Erledigen der Formalitten dauerte dort so lange, da ich den einzigen am Tage fahrenden Zug verpate und noch einen Tag bleiben mute. Ich benutzte diesen, um mir die deutsche Brauerei anzusehen und wurde vom derzeitigen Manager, einem Herrn Kilb, sofort sehr freundlich aufgenommen. Die liebenswrdige Familie hielt mich bis zum spten Abend fest, worauf mich der Besitzer in seinem eigenen Fuhrwerk zum Hotel zurckschickte. Dort berreichte mir mein Diener einen Brief vom Baron Stackelberg. Nasr hatte sich bei der Polizei ber mich beschwert und verlangte auer seinem Lohn und den 5 Rubeln Trinkgeld noch fernere 20 Rubel. Nebenbei wurde er unverschmt, und da sich der Gastwirt weigerte, ihn aus meinem Vorzimmer zu entfernen, zog ich es vor, das Hotel zu rumen und nach einem andern, von einem Deutschen gehaltenen Hotel berzusiedeln. Von dort aus schrieb ich an Baron Stackelberg einen Brief mit der ntigen Aufklrung ber meinen Nasr und begab mich dann zur Ruhe. [Illustration] IX. KAPITEL. Zur Heimat zurck. Ganz frh schon kam der ausnahmsweise nchterne Modrow an; ich bezahlte im Hotel meine Rechnung und wollte gerade zur Bahn gehen, als noch Herr Kilb ankam, um mir Lebewohl zu sagen. Dann setzte ich mich in den Zug, der mich in nicht ganz vier Tagen nach Krasnawoldsk brachte. Ich brauchte nur einmal umzusteigen und fand im brigen die erste Klasse, die man hier benutzen mu, billig und gut. So bezahlte ich fr die ganze lange Strecke in der ersten Klasse nur 31 Rubel. Unterwegs lernte ich mehrfach sehr nette Leute kennen, die stets hilfreich einsprangen, wenn ich darum bat; so einige italienische und englische Kaufleute, spterhin auch ein russischer Offizier, Herr von Bockscha-Roczewski, der mir versprach, mich im Herbst in Deutschland aufzusuchen. Die eingeborene Bevlkerung fand ich im allgemeinen frech und zudringlich, besonders die Sarten fielen mir unangenehm auf. Ich hatte den Eindruck, da sie von den Russen viel zu gut behandelt werden, whrend dasselbe Volk jenseits der chinesischen Grenze hflich und entgegenkommend ist, weil es von seinen Unterdrckern, den Chinesen, sehr kurz gehalten wird. So sitzt man z. B. im nicht besonders gut eingerichteten Speisewagen mit allem mglichen schmutzigen Volke zusammen. Hoch bewunderungswrdig ist das, was die Russen hier in kolonisatorischer Beziehung geleistet haben; berall entlang der durch Steppe, Wste und zeitweise auch fruchtbare Landstriche fhrenden Eisenbahn liegen russische Ansiedlungen, die im Aufblhen begriffen sind. Der letzte Teil der Bahn, dicht vor Krasnawoldsk, fhrt am Kaspischen Meere entlang; im Norden liegen hohe Felswnde, whrend im Sden von der herrlichen blauen See her ein khler Luftzug nach der langen, heien Reise Erfrischung bringt. Die Stadt ist am gleichnamigen Golf hbsch angelegt. Mein neuer Freund, der Rittmeister von Bockscha-Roczewski, brachte mich gleich zum Dampfer "Imperatrice", mit dem wir ber den Kaspischen See gehen wollten. Whrend ein anderer Bekannter von der Eisenbahn, ein jdischer Kaufmann aus Baku, die Billetts und das Gepck besorgte, stellte mich Herr von Roczewski dem Kapitn vor, mit dem wir einen Willkommenstrunk nahmen. Um 11 Uhr ging das Schiff ab. Nachmittags setzte leichter Wellengang ein und man sah manche recht beklommene Gesichter. Ich selbst hatte auch eine miserable Nacht, denn mein Mitreisender wollte nicht, da das Fenster offen bliebe, und ich, der an frische Luft gewhnt war, kam mir vor wie im Gefngnis. Einer der russischen Offiziere uerte laut die Vermutung, da ich ein Spion sei, man msse mir meinen Pa nachsehen; dabei hatte ich keinen Augenblick ein Hehl daraus gemacht, da ich deutscher Offizier sei. Die mitreisende Frau eines Generals zeigte mir, wo sie nur immer konnte, recht auffllig ihre Verachtung, jedenfalls galt diese wohl in der Hauptsache dem Kakianzug, nach welchem man mich meist fr einen Englnder hielt. [Illustration: Krasnawoldsk -- Rittmeister von Bockscha-Roczewski an Bord der "Impratrice"] Als ich am 6. Juli morgens aufwachte, stoppte der Dampfer gerade am Kai von Baku; ohnedies htte der durchdringende Naphthageruch die Nhe der Stadt schon verraten. Ich zog mich an, bezahlte und wanderte mit einem andern Bekannten von der Eisenbahn, einem Herrn von Z., russischer Titularrat, nach dem Hotel de l'Europe; unsere Sachen hatten wir einem franzsisch sprechenden Kommissionr des Hotels anvertraut. Im Hotel aen wir fr teures Geld recht gut und sahen uns dann Baku nher an. Es bietet bis auf einige Kirchen durchaus nichts von Interesse und macht immer noch den Eindruck einer im Entstehen begriffenen Stadt. Berhmt ist es wegen seiner ewigen Staubstrme, von denen uns gleich eine unangenehme Probe zuteil wurde; es wohnen daher nur Geschftsleute und Arbeiter hier, und jeder flieht so bald er nur kann den ungemtlichen Aufenthalt. [Illustration: Krasnawoldsk -- Hafen] Gegen 11 Uhr fuhren wir in einer der ebenso gut bespannten wie gefahrenen Droschken zum Nobelschen Naphthawerk, wo wir uns die Fabrikation oder vielmehr die Gewinnung des natrlichen Erdls bis zum Versand erklren lieen. Eine groe Kalamitt ist hier die Wasserfrage. Man pumpt Seewasser in die Berge, wo es gereinigt und destilliert wird und als Leitungswasser zurckkommt. Die die Werke besitzenden Gesellschaften bedecken mit ihren Anlagen einen unendlichen Raum. Wir fuhren zum Hotel zurck, aen dort und befanden uns bald auf der Fahrt nach Batum, passierten am 7. Juli frh Tiflis, von wo aus die herrliche Fahrt durch den Kaukasus beginnt. Bewaldete Hnge, Wasserflle, Wiesen, Tler, hohe Brcken, Ruinen, groe und kleine Ortschaften, alles zog in buntester Abwechslung an uns vorber. Am Abend fuhren wir dicht am Meere entlang in einer herrlichen Landschaft. Als wir um 8 Uhr frh in Batum landeten, war uns gerade der Dampfer nach Konstantinopel vor der Nase weggefahren. Ich belegte daher mit meinem Bekannten zusammen auf dem nach Odessa fahrenden Dampfer "Grofrst Konstantin" eine Kabine, um von dort aus Konstantinopel zu erreichen, da wir in Sebastopol auch gerade um zwei Stunden den Anschlu verfehlt htten. In der Nacht zum 8. Juli ging der Dampfer in See. Als ich an Deck kam, hatten wir Poti bereits hinter uns und fuhren dicht an der Kste entlang, die mit ihren Fischerdrfern, vielen bewaldeten und Schneegipfeln im Hintergrund einen abwechslungsreichen Anblick bot. Die Ausstattung des Schiffes war ganz leidlich; die Kabinen, ebenso wie die Bedienung waren nicht besonders gut, auch war berall Ungeziefer. Unangenehm ist, da die gesamte zweite und dritte Klasse sich auf dem Promenadendeck der ersten Klasse aufhalten darf, so da man eigentlich niemals einen freien Platz findet. Ich machte die Bekanntschaft mit Angehrigen einer Rigaer deutschen Schule, die einen Ausflug nach dem Kaukasus gemacht hatte. Eine besonders auffallende Figur auf dem Schiff war ein alter Tscherkessen-Offizier, der nicht weniger als vier Georgenkreuze, die bekanntlich nur fr persnliche Tapferkeit verliehen werden, trug. Das Publikum war sonst recht gemischt. [Illustration: Krasnawoldsk am Kaspisee] Vorbei an mehreren Badeorten, an dem griechischen Kloster Neu-Athos, erreichten wir am 9. Juli ber Noworossisk Kertsch, wo wir ausstiegen und ein sehr schnes Bad nahmen. Am 10. Juli, bei ebenso schner Fahrt -- es war hnlich wie am Mittellndischen Meer -- gelangten wir bis Feodosia, einer im Aufblhen begriffenen, hbsch angelegten kleinen Stadt. Das Meer war stets glatt, oft von Delphinen belebt. Am 11. Juli frh waren wir in dem nach Norden zu geschtzt gelegenen Yalta, welches infolge seines milden Klimas besonders als Zufluchtsort fr Lungenkranke aufgesucht wird. Dann fuhren wir weiter nach Sebastopol, in dessen Hafen bereits viele Kriegsschiffe zu den Herbstbungen versammelt waren. Viele Leute behaupteten, sie lgen unter Dampf, um sofort nach Konstantinopel fahren zu knnen. Vom Hafen aus kann man den internationalen Friedhof, den Malakoff und die andern bekannten Orte sehr gut sehen. Ich machte einen Spaziergang durch die Stadt und besuchte die Begrbnissttte der im Krimkriege gefallenen Admirle und Generle, ebenso das Museum, das viele Andenken an den blutigen Feldzug birgt. [Illustration: Krasnawoldsk am Kaspisee -- Hafen] Unsere Weiterfahrt brachte uns ziemlich starken Seegang, so da das Deck bald gerumt war; nur ganz wenige seefeste Leute, darunter ich, blieben oben. Man konnte unter den Passagieren allerhand spaige Beobachtungen machen. So lernte ich einen deutsch sprechenden Reisenden kennen, der, nachdem er mir die Seele aus dem Leibe gefragt hatte ber meine Reisen, meine Stellung als Offizier usw., mir schlielich seine Tochter mit 100 Mille Vermgen zur Heirat anbot und obendrein noch sehr erstaunt war, als ich lachend abschlug. Er hatte geglaubt, ich wrde sofort zugreifen und wollte mich gleich mitnehmen, um mich mit seiner Familie in Odessa bekannt zu machen. Einem andern Russen, der Adelsmarschall irgendeines kleinen Kreises bei Kiew war und vorzglich englisch sprach, schlo ich mich an, da er auch einen Tag in Odessa zu bleiben beabsichtigte und ich infolge meiner Unkenntnis der russischen Sprache auf die freundliche Untersttzung meines Mitreisenden angewiesen war. Gegen 11 Uhr vormittags, nach einer ziemlich strmischen Fahrt, kamen wir in dem groen Hafen Odessas, in dem viele Schiffe aller Nationen liegen, an. Wir fuhren zum Hotel Bristol, in dem man fr teures Geld gut unterkommt. Wir hatten einige Mhe, ber die nchste Verbindung nach Konstantinopel Auskunft zu erhalten. Endlich, nach langem Herumfragen, erfuhren wir im Hafen, da morgen der Dampfer "Memphis" der Messagerie Maritime gehe; das pate mir recht gut, da ich zur Erledigung der Paformalitten doch bis morgen bleiben mute. Nebenbei wurden mir von dem trkischen Konsulat fr das einfache Visieren des Passes 4,50 Rubel abverlangt, was ich fr mehr als reichlich halte. Der Kommissionr des Hotels besorgte mir schnell und gut die Pakontrolle durch die russischen Behrden, denn ohne visierten Pa wird kein Mensch aus Odessa heraus- und noch viel weniger in Konstantinopel hereingelassen. Dann ging es zum Schiff, das schmierig, alt und dabei noch um 50 pCt. teurer war als die russischen Linien. Mein Pa wurde wiederum von der russischen Polizei visiert; im brigen war ich der einzige Passagier whrend der ganzen, anderthalb Tage dauernden Fahrt. Das Schiff hatte viel Mais geladen und auf Deck viele Tausende von Hhnern in Ksten, die fr Frankreich bestimmt waren. Nach der allgemeinen Suberung machte es auch einen besseren Eindruck als anfangs; die Kabinen waren besser eingerichtet und gerumiger als auf dem russischen Schiff, dagegen der Salon und das Essen weniger gut. Da wir abends nicht in den Bosporus hineindurften und der Kapitn nicht unntz herumliegen wollte, fuhren wir den ganzen Weg mit halber Kraft. Frh gegen 5 Uhr am 15. Juli kam ich an Deck, um die herrliche Einfahrt, die leider spter durch Nebel etwas beeintrchtigt wurde, zu genieen; sie war doch das Schnste, was ich bis jetzt in meinem Leben gesehen habe! Um 7 Uhr waren wir am Kai. Ich vertraute mich einem Kommissionr des Hotel Kontinental an. Zuerst muten wir zur Parevision, dann zur Zollrevision. Ich hatte nichts Verzollbares, jedoch nahm man mir meine smtlichen Bcher, meist franzsische und englische, weg. Einen Teil derselben bekam ich auch spter nicht wieder. Nun ging es zum Hotel und weiter zur deutschen Post, wo ich Briefe von meinen Eltern vorfand, ebenso die Scheine der Pakete, deren Inhalt mich uerlich endlich in einen anstndigen Menschen verwandeln sollte. Die Pakete selbst mute ich bei der Steuer abholen. Ich habe wohl manches umstndliche Bureauverfahren erlebt, aber etwas derartiges, wie auf dieser Steuer ist mir denn doch noch nicht vorgekommen. Jeder einzige der Beamten mute erst geschmiert werden, sonst wren wir wahrscheinlich mit den verschiedenen Formalitten in drei Tagen noch nicht fertig gewesen. Schlielich forderte man auf meine schon getragenen Zivilanzge Zoll und fr die kurze Zeit des Lagerns der vier kleinen Postpakete 78 M. Lagergeld. Ich htte natrlich beim Konsulat reklamieren knnen, das htte aber wieder mehrere Tage Aufenthalt gegeben, auch htte ich noch lnger in meinem etwas auffallenden Kostm in Konstantinopel umhergehen mssen. Ich war daher tatschlich froh, da ich die Sachen berhaupt bekam und bezahlte gutwillig ber vier Goldfchse. Mein Kommissionr meinte dazu, ich wre noch billig weggekommen, andern wre es in dieser Ruberhhle noch schlimmer ergangen. Nun ging es zum Hotel zurck, wo ich mich umzog, um bei dem in trkischen Diensten stehenden deutschen Offizier, Generalleutnant Imhoff Pascha, General-Adjutant Seiner Majestt des Groherrn, an den mich ein Brief meines Vaters wies, meinen Besuch zu machen. Ich wurde in der Familie, die zwei Tchter hat, auf das liebenswrdigste aufgenommen und fhlte mich bald ganz wie in der Heimat. Am Abend machte ich mit Exzellenz Imhoff Pascha einen Ausflug per Boot nach Eyub, es war die reizendste Bootfahrt, die ich je gemacht habe. Zurckgekehrt, sahen wir im Klub dem Tennis der Damen zu, whrend ich spter den Abend bei Imhoffs verlebte. Da ich wegen Paangelegenheiten doch noch einen Tag zugeben mute, hatte ich am 15. Juli Zeit mir Konstantinopel mit allen seinen Herrlichkeiten anzusehen; es ist so oft von berufeneren Federn beschrieben worden, da ich nicht weiter darauf eingehen werde. Im brigen hatte ich von Konstantinopel denselben Eindruck, den die meisten andern Reisenden auch gehabt haben. Das Volk auf den Straen ist frech, die Lden sind unerschwinglich teuer; jedoch die verschiedenen Denkmler der alten Kultur sind hochinteressant und lohnen die Strapazen der Besichtigung doppelt und dreifach. Am 17. Juli mittags hatte ich Gelegenheit, den Selamlik, das bekannte Freitagsgebet des Sultans, anzusehen. Eigentlich mu man dazu seitens der betreffenden Gesandtschaft angemeldet werden; dazu war es zu spt, aber ich gelangte doch noch durch die liebenswrdige Vermittlung von Imhoff Pascha auf die fr die Fremden bestimmte Balustrade gegenber der Moschee, in der der Sultan sein Gebet verrichtet. Ich konnte das ganze imponierende Schauspiel mit seinem bunten orientalischen Pomp sehr gut sehen. Die Truppen, die hierbei zum Vorschein kommen, machten einen recht guten Eindruck, sowohl was Ausrstung als auch Disziplin anbetrifft. Bei der Infanterie sah ich als Bewaffnung das neueste Mausergewehr. Hinterher wurde ich Schakir Pascha vorgestellt und sah noch viele andere europische, in trkischen Diensten befindliche Offiziere, ebenso eine Menge hoher trkischer Wrdentrger. Nach dem Essen fuhr ich per Dampfer nach Terapia, dem Sommerquartier der Gesandtschaft, wo ich von Baron Wangenheim, dem stellvertretenden Botschafter, empfangen wurde. Am 18. Juli morgens erhielt ich endlich meinen Pa von den trkischen Behrden zurck und konnte also abfahren. Imhoff Pascha nahm mich noch im Wagen mit zu Seki Pascha, dem Gromeister der Artillerie, welcher gewnscht hatte, mich kennen zu lernen. Dann verabschiedete ich mich von den Damen, bezahlte im Hotel und bahnte mir durch ungezhlte, Trinkgeld fordernde Bedienstete den Weg zu meinem Abteil. Ich hatte Schlafwagen genommen, fuhr glatt bis Deutschland durch und war am 21. Juli mittags um 12 Uhr endlich in der Heimat, wo ich auf dem Anhalter Bahnhof nach dreijhriger Abwesenheit von meinen lieben Eltern und meiner Schwester in Empfang genommen wurde. Wenn ich auch froh war, wieder zu Hause und bei meinen Angehrigen zu sein, so beschlich mich doch bald ein wehmtiges Gefhl bei der Rckerinnerung an die lange Reise, und am liebsten wre ich nach einem oder zwei Tagen wieder umgekehrt und in die asiatische Wildnis zurckgewandert. Aber der knigliche Dienst ruft, und ich kann nur hoffen, da es mir in meiner ferneren Zukunft ein anderes Mal gelingen wird, meine schon jetzt vorhandenen Zukunftstrume, die wiederum in Asien kreuz und quer gehen, zu verwirklichen. [Illustration] [Illustration: Erich von Salzmann "Im Sattel durch Zentralasien." ASIEN Zur Darstellung der Reiseroute d. Verfassers. Geogr. Verlagshdlg. D. Reimer (E. Vohsen) Berlin Wilhelmstr. 29. ] +--------------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription: | | | | Inkonsistente Schreibweisen des Autors, wie | | | | beschlo -- beschloss | | Billet -- Billetts | | Futai-Yamen -- Fu-tai-Yamen | | Geberde -- Gebrde | | Han-kau -- Hankau | | Lotte -- Lotto (Hengst von Kapitnleutnant Bode) | | nordsdlich -- nord-sdlich | | Speisenkarte -- Speisekarte | | Sprung-Gelenke -- Sprunggelenke | | Tajen -- Ta-jen | | Wang-cing-to-tschnn -- Wancingto-tschnn | | | | wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebruchlich waren, | | oder die richtige Schreibweise unklar ist (dies betrifft alle | | chinesischen Begriffe und Ortsnamen). | | | | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen: | | | | S. 12 "lebafter" in "lebhafter" gendert. | | S. 20 "Warttme" in "Warttrme" gendert. | | S. 21 "Karttsche" in "Kardtsche" gendert. | | S. 21, 22 "Pidgin-englisch" in "Pidgin-Englisch" gendert. | | S. 59 "dass" in "da" gendert. | | S. 74 "Cloisonnee" in "Cloisonn" gendert. | | S. 78 "Filzstifel" in "Filzstiefel" gendert. | | S. 81 "Ueber" in "ber" gendert. | | S. 83 "Sadt" in "Stadt" gendert. | | S. 88 "anlegt" in "angelegt" gendert. | | S. 95 "mohamedanischen" in "mohammedanischen" gendert. | | S. 96 "Fnn-H" in "Fnn-Ho" gendert. | | S. 135 "Fluss" in "Flu" gendert. | | S. 137 "augedehnten" in "ausgedehnten" gendert. | | S. 163 "Opiumhlle" in "Opiumhhle" gendert. | | S. 171 "Isegrimm" in "Isegrim" gendert. | | S. 186 "heinein" in "hinein" gendert. | | S. 199 "teilnahmlos" in "teilnahmslos" gendert. | | S. 207 "Pferdewecheslstelle" in "Pferdewechselstelle" gendert. | | S. 215 "vorausgerittten" in "vorausgeritten" gendert. | | S. 224 "Oeffnung" in "ffnung" gendert. | | S. 237 "angeneheme" in "angenehme" gendert. | | S. 242 "zu berzeugen" in "zu berzeugen" gendert. | | S. 266 "mcih" in "mich" gendert. | | S. 278 "Trinkgld" in "Trinkgeld" gendert. | | S. 278 "Einrduck" in "Eindruck" gendert. | | S. 278 "purpurrort" in "purpurrot" gendert. | | S. 300 "Plaue" in "Plane" gendert. | | S. 306 "Naphtageruch" in "Naphthageruch" gendert. | | S. 309 "beabichtigte" in "beabsichtigte" gendert. | | | +--------------------------------------------------------------------+ End of Project Gutenberg's Im Sattel durch Zentralasien, by Erich von Salzmann License: Share Alike