This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. Friedrich Schiller Kabale und Liebe Ein brgerliches Trauerspiel. --------------------------------------------- Personen: Prsident von Walter, am Hof eines deutschen Frsten. Ferdinand, sein Sohn, Major. Hofmarschall von Kalb. Lady Milford, Favoritin des Frsten. Wurm, Haussecretr des Prsidenten. Miller, Stadtmusikant oder, wie man sie an einigen Orten nennt, Kunstpfeifer. Dessen Frau. Luise, dessen Tochter. Sophie, Kammerjungfer der Lady. Ein Kammerdiener des Frsten. Verschiedene Nebenpersonen. Erster Akt. Erste Scene. Zimmer beim Musikus. Miller steht eben vom Sessel auf und stellt sein Violoncell auf die Seite. An einem Tisch sitzt Frau Millerin noch im Nachtgewand und trinkt ihren Kaffee. Miller (schnell auf- und abgehend). Einmal fr allemal! Der Handel wird ernsthaft. Meine Tochter kommt mit dem Baron ins Geschrei. Mein Haus wird verrufen. Der Prsident bekommt Wind, und kurz und gut, ich biete dem Junker aus. Frau. Du hast ihn nicht in dein Haus geschwatzt--hast ihm deine Tochter nicht nachgeworfen. Miller. Hab' ihn nicht in mein Haus geschwatzt--hab' ihm 's Mdel nicht nachgeworfen; wer nimmt Notiz davon?--Ich war Herr im Haus. Ich htt' meine Tochter mehr coram nehmen sollen. Ich htt' dem Major besser auftrumpfen sollen--oder htt' gleich Alles Seiner Excellenz, dem Herrn Papa, stecken sollen. Der junge Baron bringt's mit einem Wischer hinaus, das mu ich wissen, und alles Wetter kommt ber den Geiger. Frau (schlrft eine Tasse aus). Possen! Geschwtz! Was kann ber dich kommen? Wer kann dir was anhaben? Du gehst deiner Profession nach und raffst Scholaren zusammen, wo sie zu kriegen sind. Miller. Aber, sag mir doch, was wird bei dem ganzen Commerz auch herauskommen?--Nehmen kann er das Mdel nicht--Vom Nehmen ist gar die Rede nicht, und zu einer--da Gott erbarm?--Guten Morgen!--Gott, wenn so ein Musje von sich da und dort, und dort und hier schon herumbeholfen hat, wenn er, der Henker wei! was als? gelst hat, schmeckt's meinem guten Schlucker freilich, einmal auf s Wasser zu graben. Gib du Acht! gib du Acht! und wenn du aus jedem Astloch ein Auge strecktest und vor jedem Blutstropfen Schildwache stndest, er wird sie, dir auf der Nase, beschwatzen, dem Mdel Eins hinsetzen und fhrt sich ab, und das Mdel ist verschimpfiert auf ihr Lebenlang, bleibt sitzen, oder hat's Handwerk verschmeckt, treibt's fort. (Die Hand vor der Stirn) Jesus Christus! Frau. Gott beht' uns in Gnaden! Miller. Es hat sich zu behten. Worauf kann so ein Windfu wohl sonst sein Absehen richten?--Das Mdel ist schn--schlank--fhrt seinen netten Fu. Unterm Dach mag's aussehen, wie's will. Darber guckt man bei euch Weibsleuten weg, wenn's nur der liebe Gott parterre nicht hat fehlen lassen--Stbert mein Springinsfeld erst noch dieses Kapital aus--he da! geht ihm ein Licht auf, wie meinem Rodney, wenn er die Witterung eines Franzosen kriegt, und nun mssen alle Segel dran, und drauf los, und--ich verdenk's ihm gar nicht. Mensch ist Mensch. Das mu ich wissen. Frau. Solltest nur die wunderhbsche Billeter auch lesen, die der gndige Herr an deine Tochter als schreiben thut. Guter Gott! da sieht man's ja sonnenklar, wie es ihm pur um ihre schne Seele zu thun ist. Miller. Das ist die rechte Hhe. Auf den Sack schlgt man, den Esel meint man. Wer einen Gru an das liebe Fleisch zu bestellen hat, darf nur das gute Herz Boten gehen lassen. Wie hab' ich's gemacht? Hat man's nur erst so weit im Reinen, da die Gemther topp machen, wutsch! nehmen die Krper ein Exempel; das Gesind macht's der Herrschaft nach, und der silberne Mond ist am End nur der Kuppler gewesen. Frau. Sieh doch nur erst die prchtigen Bcher an, die der Herr Major ins Haus geschafft haben. Deine Tochter betet auch immer draus. Miller (pfeift). Hui da! Betet! Du hast den Witz davon. Die rohen Kraftbrhen der Natur sind Ihro Gnaden zartem Makronenmagen noch zu hart.--Er mu sie erst in der hllischen Pestilenzkche der Belletristen knstlich aufkochen lassen. Ins Feuer mit dem Quark. Da saugt mir das Mdel--wei Gott, was als fr?--berhimmlische Alfanzereien ein, das luft dann wie spanische Mucken ins Blut und wirft mir die Handvoll Christenthum noch gar auseinander, die der Vater mit knapper Noth soso noch zusammenhielt. Ins Feuer, sag' ich. Das Mdel setzt sich alles Teufelsgezeug in den Kopf; ber all dem Herumschwnzen in der Schlaraffenwelt findet's zuletzt seine Heimath nicht mehr, vergit, schmt sich, da sein Vater Miller der Geiger ist, und verschlgt mir am End einen wackern ehrbaren Schwiegersohn, der sich so warm in meine Kundschaft hineingesetzt htte--Nein! Gott verdamm mich! (Er springt auf, hitzig.) Gleich mu die Pastete auf den Herd, und dem Major--ja ja, dem Major will ich weisen, wo Meister Zimmermann das Loch gemacht hat. (Er will fort.) Frau. Sei artig, Miller. Wie manchen schnen Groschen haben uns nur die Prsenter-Miller (kommt zurck und bleibt vor ihr stehen). Das Blutgeld meiner Tochter?--Schier dich zum Satan, infame Kupplerin! --Eh will ich mit meiner Geig' auf den Bettel herumziehen und das Concert um was Warmes geben--eh will ich mein Violoncello zerschlagen und Mist im Sonanzboden fhren, eh ich mir's schmecken lass' von dem Geld, das mein einziges Kind mit Seel' und Seligkeit abverdient. --Stell den vermaledeiten Kaffee ein und das Tobackschnupfen, so brauchst du deiner Tochter Gesicht nicht zu Markt zu treiben. Ich hab mich satt gefressen und immer ein gutes Hemd auf dem Leib gehabt, eh so ein vertrackter Tausendsasa in meine Stube geschmeckt hat. Frau. Nur nicht gleich mit der Thr ins Haus! Wie du doch den Augenblick in Feuer und Flammen stehst! Ich sprech ja nur, man mss' den Herrn Major nicht disguschthren, weil Sie des Prsidenten Sohn sind. Miller. Da liegt der Haas im Pfeffer. Darum, just eben darum mu die Sach noch heut auseinander. Der Prsident mu es mir Dank wissen, wenn er ein rechtschaffener Vater ist. Du wirst mir meinen rothen plschenen Rock ausbrsten, und ich werde mich bei Seiner Excellenz anmelden lassen. Ich werde sprechen zu seiner Excellenz: Dero Herr Sohn haben ein Aug auf meine Tochter; meine Tochter ist zu schlecht zu Dero Herrn Sohnes Frau, aber zu Dero Herrn Sohnes Hure ist meine Tochter zu kostbar, und damit basta!--Ich heie Miller. Zweite Scene. Secretr Wurm. Die Vorigen. Frau. Ah guten Morgen, Herr Sekertare! Hat man auch einmal wieder das Vergngen von Ihnen? Wurm. Meinerseits, meinerseits, Frau Base! Wo eine Cavaliersgnade einspricht, kommt mein brgerliches Vergngen in gar keine Rechnung. Frau. Was Sie nicht sagen, Herr Sekertare! Des Herrn Majors von Walter hohe Gnaden machen uns wohl je und je das Blsier; doch verachten wir darum Niemand. Miller (verdrielich). Dem Herrn einen Sessel, Frau. Wollen's ablegen, Herr Landsmann? Wurm (legt Hut und Stock weg, setzt sich). Nun! nun! und wie befindet sich denn meine Zuknftige--oder Gewesene?--Ich will doch nicht hoffen--kriegt man sie nicht zu sehen--Mamsell Luisen? Frau. Danken der Nachfrage, Herr Sekertare. Aber meine Tochter ist doch gar nicht hochmthig. Miller (rgerlich, stt sie mit dem Ellenbogen). Weib! Frau. Bedauern's nur, da sie die Ehre nicht haben kann vom Herrn Sekertare. Sie ist eben in der Me, meine Tochter. Wurm. Das freut mich, freut mich. Ich werd' mal eine fromme, christliche Frau an ihr haben. Frau (lchelt dumm-vornehm). Ja--aber, Herr Sekertare-Miller (in sichtbarer Verlegenheit, kneipt sie in die Ohren). Weib! Frau. Wenn Ihnen unser Haus sonst irgend wo dienen kann--mit allem Vergngen, Herr Sekertare-Wurm (macht falsche Augen). Sonst irgendwo! Schnen Dank! Schnen Dank!--Hem! hem! hem! Frau. Aber--wie der Herr Sekertare selber die Einsicht werden haben-Miller (voll Zorn seine Frau vor den Hintern stoend). Weib! Frau. Gut ist gut, und besser ist besser, und einem einzigen Kind mag man doch auch nicht vor seinem Glck sein. (Burisch-stolz.) Sie werden mich ja doch wohl merken, Herr Sekertare? Wurm (rckt unruhig im Sessel, kratzt hinter den Ohren und zupft an Manschetten und Jabot). Merken? Nicht doch--O ja--Wie meinen Sie denn? Frau. Nu--nu--ich dchte nur--ich meine, (hustet) weil eben halt der liebe Gott meine Tochter barrdu zur gndigen Madam will haben-Wurm (fhrt vom Stuhl). Was sagen Sie da? Was? Miller. Bleiben sitzen! Bleiben sitzen, Herr Secretarius! Das Weib ist eine alberne Gans. Wo soll eine gndige Madam herkommen? Was fr ein Esel streckt sein Langohr aus diesem Geschwtze? Frau. Schmhl du, so lang du willst. Was ich wei, wei ich--und was der Herr Major gesagt hat, das hat er gesagt. Miller (aufgebracht, springt nach der Geige). Willst du dein Maul halten? Willst du das Violoncell am Hirnkasten wissen?--Was kannst du wissen? Was kann er gesagt haben?--Kehren sich an das Geklatsch nicht, Herr Vetter--Marsch du, in deine Kche!--Werden mich doch nicht fr des Dummkopfs leiblichen Schwager halten, da ich oben aus woll' mit dem Mdel? Werden doch das nicht von mir denken, Herr Secretarius? Wurm. Auch hab' ich es nicht um Sie verdient, Herr Musikmeister. Sie haben mich jederzeit den Mann von Wort sehen lassen und meine Ansprche auf Ihre Tochter waren so gut als unterschrieben. Ich habe ein Amt, das seinen guten Haushlter nhren kann; der Prsident ist mir gewogen; an Empfehlungen kann's nicht fehlen, wenn ich mich hher poussieren will. Sie sehen, da meine Absichten auf Mamsell Luisen ernsthaft sind, wenn Sie vielleicht von einem adeligen Windbeutel herumgeholt-Frau. Herr Sekertare Wurm! Mehr Respect, wenn man bitten darf-Miller. Halt du dein Maul, sag' ich--Lassen Sie es gut sein, Herr Vetter! Es bleibt beim Alten. Was ich Ihnen verwichenen Herbst zum Bescheid gab, bring' ich heut wieder. Ich zwinge meine Tochter nicht. Stehen Sie ihr an--wohl und gut, so mag sie zusehen, wie sie glcklich mit Ihnen wird. Schttelt sie den Kopf--noch besser--in Gottes Namen wollt' ich sagen--so stecken Sie den Korb ein und trinken eine Bouteille mit dem Vater--Das Mdel mu mit Ihnen leben--ich nicht.--Warum soll ich ihr einen Mann, den sie nicht schmecken kann, aus purem klarem Eigensinn an den Hals werfen?--Da mich der bse Feind in meinen eisgrauen Tagen noch wie sein Wildpret herumhetzt--da ich's in jedem Glas Wein zu saufen--in jeder Suppe zu fressen kriege: Du bist der Spitzbube, der sein Kind ruiniert hat. Frau. Und kurz und gut--ich geb meinen Consenz absolut nicht; meine Tochter ist zu was Hohem gemnzt, und ich lauf' in die Gerichte, wenn mein Mann sich beschwatzen lt. Miller. Willst du Arm und Bein entzwei haben, Wettermaul? Wurm (zu Millern). Ein vterlicher Rath vermag bei der Tochter viel, und hoffentlich werden Sie mich kennen, Herr Miller? Miller. Da dich alle Hagel! 's Mdel mu Sie kennen. Was ich alter Knasterbart an Ihnen abgucke, ist just kein Fressen frs junge naschhafte Mdel. Ich will Ihnen aufs Haar hin sagen, ob Sie ein Mann frs Orchester sind--aber eine Weiberseel' ist auch fr einen Kapellmeister zu spitzig.--Und dann von der Brust weg, Herr Vetter--ich bin halt ein plumper gerader deutscher Kerl--fr meinen Rath wrden Sie sich zuletzt wenig bedanken. Ich rathe meiner Tochter zu Keinem--aber Sie mirath ich meiner Tochter, Herr Secretarius! Lassen mich ausreden. Einem Liebhaber, der den Vater zu Hilfe ruft, trau' ich--erlauben Sie--keine hohle Haselnu zu. Ist er was, so wird er sich schmen, seine Talente durch diesen altmodischen Kanal vor seine Liebste zu bringen--Hat er's Courage nicht, so ist er ein Hasenfu, und fr den sind keine Luisen gewachsen--Da! hinter dem Rcken des Vaters mu er sein Gewerb an die Tochter bestellen. Machen mu er, da das Mdel lieber Vater und Mutter zum Teufel wnscht, als ihn fahren lt,--oder selber kommt, dem Vater zu Fen sich wirft und sich um Gotteswillen den schwarzen gelben Tod oder den Herzeinigen ausbittet--Das nenn' ich einen Kerl! das heit lieben!--und wer's bei dem Weibsvolk nicht so weit bringt, der soll--auf seinem Gnsekiel reiten. Wurm (greift nach Hut und Stock und zum Zimmer hinaus). Obligation, Herr Miller! Miller (geht ihm langsam nach). Fr was? fr was? Haben Sie ja doch nichts genossen, Herr Secretarius! (Zurckkommend.) Nichts hrt er, und hin zieht er--Ist mir's doch wie Gift und Operment, wenn ich den Federfuchser zu Gesichte krieg'. Ein confiscierter widriger Kerl, als htt' ihn irgend ein Schleichhndler in die Welt meines Herrgotts hineingeschachert--Die kleinen tckischen Mausaugen--die Haare brandroth--das Kinn herausgequollen, gerade als wenn die Natur fr purem Gift ber das verhunzte Stck Arbeit meinen Schlingel da angefat und in irgend eine Ecke geworfen htte--Nein! eh ich meine Tochter an so einen Schuft wegwerfe, lieber soll sie mir--Gott verzeih mir's-Frau (spuckt aus, giftig). Der Hund!--aber man wird dir's Maul sauber halten! Miller. Du aber auch mit deinem pestilenzialischen Junker--Hast mich vorhin auch so in Harnisch gebracht--Bist doch nie dummer, als wenn du um Gotteswillen gescheidt sein solltest. Was hat das Getrtsch von einer gndigen Madam und deiner Tochter da vorstellen sollen? Das ist mir der Alte! Dem mu man so was an die Nase heften, wenn's morgen am Marktbrunnen ausgeschellt sein soll. Das ist just so ein Musje, wie sie in der Leute Husern herumriechen, ber Keller und Koch rsonnieren, und springt einem ein nasenweises Wort bers Maul--Bumbs! haben's Frst und Mtre und Prsident, und du hast das siedende Donnerwetter am Halse. Dritte Scene. Luise Millerin kommt, ein Buch in der Hand. Vorige. Luise (legt das Buch nieder, geht zu Millern und drckt ihm die Hand). Guten Morgen, lieber Vater. Miller (warm). Brav, meine Luise--Freut mich, da du so fleiig an deinen Schpfer denkst. Bleib immer so, und sein Arm wird dich halten. Luise. O! ich bin eine schwere Snderin, Vater--War er da, Mutter? Frau. Wer, mein Kind? Luise. Ah! ich verga, da es noch auer ihm Menschen gibt--Mein Kopf ist so wste--Er war nicht da? Walter? Miller (traurig und ernsthaft). Ich dachte, meine Luise htte den Namen in der Kirche gelassen? Luise (nachdem sie ihn eine Zeitlang starr angesehen). Ich versteh' ihn, Vater--fhle das Messer, das Er in mein Gewissen stt; aber es kommt zu spt.--Ich hab' keine Andacht mehr, Vater--der Himmel und Ferdinand reien an meiner blutenden Seele, und ich frchte--ich frchte--(Nach einer Pause.) Doch nein, guter Vater. Wenn wir ihn ber dem Gemlde vernachlssigen, findet sich ja der Knstler am feinsten gelobt.--Wenn meine Freude ber sein Meisterstck mich ihn selbst bersehen macht, Vater, mu das Gott nicht ergtzen? Miller (wirft sich unmuthig in den Stuhl). Da haben wir's! Das ist die Frucht von dem gottlosen Lesen. Luise (tritt unruhig an ein Fenster). Wo er wohl jetzt ist?--Die vornehmen Frulein, die ihn sehen--ihn hren--ich bin ein schlechtes, vergessenes Mdchen. (Erschrickt an dem Wort und strzt ihrem Vater zu.) Doch nein, nein! verzeih' Er mir. Ich beweine mein Schicksal nicht. Ich will ja nur wenig--an ihn denken--das kostet ja nichts. Dies Bischen Leben--drft' ich es hinhauchen in ein leises, schmeichelndes Lftchen, sein Gesicht abzukhlen;--dies Blmchen Jugend--wr' es ein Veilchen, und er trte drauf, und es drfte bescheiden unter ihm sterben!--Damit gengte mir, Vater! Wenn die Mcke in ihren Strahlen sich sonnt--kann sie das strafen, die stolze majesttische Sonne? Miller (beugt sich gerhrt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das Gesicht). Hre, Luise--das Bissel Bodensatz meiner Jahre, ich gb' es hin, httest du den Major nie gesehen. Luise (erschrocken). Was sagt Er da? was?--Nein, er meint es anders, der gute Vater. Er wird nicht wissen, da Ferdinand mein ist, mir geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden. (Sie steht nachdenkend.) Als ich ihn das Erstemal sah--(rascher) und mir das Blut in die Wangen stieg, froher jagten alle Pulse, jede Wallung sprach, jeder Athem lispelte: er ist's!--und mein Herz den Immermangelnden erkannte, bekrftigte: er ist's! und wie das wiederklang durch die ganze mitfreuende Welt! Damals--o damals ging in meiner Seele der erste Morgen auf. Tausend junge Gefhle schossen aus meinem Herzen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Frhling wird. Ich sah keine Welt mehr, und doch besinn' ich mich, da sie niemals so schn war. Ich wute von keinem Gott mehr, und doch hatt' ich ihn nie so geliebt. Miller (tritt auf sie zu, drckt sie wider seine Brust). Luise--theures--herrliches Kind--nimm meinen alten mrben Kopf--nimm Alles--Alles!--den Major--Gott ist mein Zeuge--ich kann dir ihn nimmer geben. (Er geht ab.) Luise. Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Vater! Dieser karge Thautropfen Zeit--schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wollstig auf. Ich entsag' ihm fr dieses Leben. Dann, Mutter--dann wenn die Schranken des Unterschieds einstrzen--wenn von uns abspringen all die verhaten Hlsen des Standes--Menschen nur Menschen sind--Ich bringe nichts mit mir, als meine Unschuld; aber der Vater hat ja so oft gesagt, da der Schmuck und die prchtigen Titel wohlfeil werden, wenn Gott kommt, und die Herzen im Preise steigen. Ich werde dann reich sein. Dort rechnet man Thrnen fr Triumphe und schne Gedanken fr Ahnen an. Ich werde dann vornehm sein, Mutter--Was htte er dann noch vor seinem Mdchen voraus? Frau (fhrt in die Hhe). Luise! der Major! Er springt ber die Planke. Wo verberg' ich mich doch? Luise (fngt an zu zittern). Bleib Sie doch, Mutter! Frau. Mein Gott! Wie seh' ich aus; ich mu mich ja schmen. Ich darf mich nicht vor seiner Gnaden so sehen lassen. (Ab.) Vierte Scene. Ferdinand von Walter. Luise. (Er fliegt auf sie zu--sie sinkt entfrbt und matt auf einen Sessel--er bleibt vor ihr stehn--sie sehen sich eine Zeitlang stillschweigend an. Pause.) Ferdinand. Du bist bla, Luise? Luise (steht auf und fllt ihm um den Hals). Es ist nichts! nichts! Du bist ja da. Es ist vorber. Ferdinand (ihr Hand nehmend und zum Munde fhrend). Und liebt mich meine Luise noch? Mein Herz ist das gestrige, ist's auch das deine noch? Ich fliege nur her, will sehen, ob du heiter bist, und gehn und es auch sein--Du bist's nicht. Luise. Doch, doch, mein Geliebter. Ferdinand. Rede mir Wahrheit. Du bist's nicht. Ich schau durch deine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten. (Zeigt auf seinen Ring.) Hier wirft sich kein Blschen auf, das ich nicht merkte--kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte. Was hast du? Geschwind! Wei ich nur diesen Spiegel helle, so luft keine Wolke ber die Welt. Was bekmmert dich? Luise (sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmuth). Ferdinand! Ferdinand! Da du doch wtest, wie schn in dieser Sprache das brgerliche Mdchen sich ausnimmt-Ferdinand. Was ist das? (Befremdet.) Mdchen! Hre! wie kommst du auf das?--Du bist meine Luise. Wer sagt dir, da du noch etwas sein solltest? Siehst du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen mu. Wrest du ganz nur Liebe fr mich, wann httest du Zeit gehabt, eine Vergleichung zu machen? Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine Vernunft in einen Blick--in einen Traum von dir, wenn ich weg bin, und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe?--Schme dich! Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem Jngling gestohlen. Luise (fat seine Hand, indem sie den Kopf schttelt). Du willst mich einschlfern, Ferdinand--willst meine Augen von diesem Abgrund hinweglocken, in den ich ganz gewi strzen mu. Ich seh' in die Zukunft--die Stimme des Ruhms--deine Entwrfe--dein Vater--mein Nichts. (Erschrickt und lt pltzlich seine Hand fahren.) Ferdinand! Ein Dolch ber dir und mir!--Man trennt uns! Ferdinand. Trennt uns! (Er springt auf.) Woher bringst du diese Ahnung, Luise? Trennt uns?--Wer kann den Bund zweier Herzen lsen, oder die Tne eines Accords auseinander reien?--Ich bin ein Edelmann--La doch sehen, ob mein Adelbrief lter ist, als der Ri zum unendlichen Weltall? oder mein Wappen gltiger, als die Handschrift des Himmels in Luisens Augen: dieses Weib ist fr diesen Mann?--Ich bin des Prsidenten Sohn. Eben darum. Wer, als die Liebe, kann mir die Flche versen, die mir der Landeswucher meines Vaters vermachen wird? Luise. O wie sehr frcht' ich ihn--diesen Vater! Ferdinand. Ich frchte nichts--nichts--als die Grenzen deiner Liebe. La auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie fr Treppen nehmen und drber hin in Luisens Arme fliegen. Die Strme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen, Gefahren werden meine Luise nur reizender machen.--Also nichts mehr von Furcht, meine Liebe. Ich selbst--ich will ber dir wachen, wie der Zauberdrach ber unterirdischem Golde--Mir vertraue dich! Du brauchst keinen Engel mehr--Ich will mich zwischen dich und das Schicksal werfen--empfangen fr dich jede Wunde--auffassen fr dich jeden Tropfen aus dem Becher der Freude--dir ihn bringen in die Schale der Liebe. (Sie zrtlich umfassend.) An diesem Arm soll meine Luise durchs Leben hpfen; schner, als er dich von sich lie, soll der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, da nur die Liebe die letzte Hand an die Seelen legte-Luise (drckt ihn von sich, in groer Bewegung). Nichts mehr! Ich bitte dich, schweig! --Wtest du--La mich--du weit nicht, da deine Hoffnungen mein Herz wie Furien anfallen. (Will fort.) Ferdinand (hlt sie auf). Luise? Wie! Was! Welche Anwandlung? Luise. Ich hatte diese Trume vergessen und war glcklich--Jetzt! jetzt! von heut an--der Friede meines Lebens ist aus--Wilde Wnsche--ich wei es--werden in meinem Busen rasen.--Geh--Gott vergebe dir's--Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Herz geworfen, und er wird nimmer, nimmer gelscht werden. (Sie strzt hinaus. Er folgt ihr sprachlos nach.) Fnfte Scene. Saal beim Prsidenten. Der Prsident, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern an der Seite, und Secretr Wurm treten auf. Prsident. Ein ernsthaftes Attachement! Mein Sohn?--Nein, Wurm, das macht Er mich nimmermehr glauben. Wurm. Ihro Excellenz haben die Gnade, mir den Beweis zu befehlen. Prsident. Da er der Brgercanaille den Hof macht--Flatterieen sagt--auch meinetwegen Empfindungen vorplaudert--das sind lauter Sachen, die ich mglich finde--verzeihlich finde--aber--und noch gar die Tochter eines Musikus, sagt Er? Wurm. Musikmeister Millers Tochter. Prsident. Hbsch--Zwar das versteht sich. Wurm (lebhaft). Das schnste Exemplar einer Blondine, die, nicht zu viel gesagt, neben den ersten Schnheiten des Hofes noch Figur machen wrde. Prsident (lacht). Er sagt mir, Wurm--Er habe ein Aug auf das Ding--das find' ich. Aber sieht Er, mein lieber Wurm--da mein Sohn Gefhl fr das Frauenzimmer hat, macht mir Hoffnung, da ihn die Damen nicht hassen werden. Er kann bei Hof etwas durchsetzen. Das Mdchen ist schn, sagt Er; das gefllt mir an meinem Sohn, da er Geschmack hat. Spiegelt er der Nrrin solide Absichten vor? Noch besser--so seh' ich, da er Witz genug hat, in seinen Beutel zu lgen. Er kann Prsident werden. Setzt er es noch dazu durch? Herrlich! das zeigt mir an, da er Glck hat.--Schliet sich die Farce mit einem gesunden Enkel--unvergleichlich! so trink' ich auf die guten Aspecten meines Stammbaums eine Bouteille Malaga mehr und bezahle die Scortationsstrafe fr seine Dirne. Wurm. Alles, was ich wnsche, Ihr' Excellenz, ist, da Sie nicht nthig haben mchten, diese Bouteille zu Ihrer Zerstreuung zu trinken. Prsident (ernsthaft). Wurm, besinn' Er sich, da ich, wenn ich einmal glaube, hartnckig glaube; rase, wenn ich zrne--Ich will einen Spa daraus machen, da Er mich aufhetzen wollte. Da Er sich seinen Nebenbuhler gern vom Hals geschafft htte, glaub' ich Ihm herzlich gern. Da Er meinen Sohn bei dem Mdchen auszustechen Mhe haben mchte, soll Ihm der Vater zur Fliegenklatsche dienen, das find' ich wieder begreiflich--und da er einen so herrlichen Ansatz zum Schelmen hat, entzckt mich sogar--Nur, mein lieber Wurm, mu Er mich nicht mit prellen wollen.--Nur, versteht Er mich, mu Er den Pfiff nicht bis zum Einbruch in meine Grundstze treiben. Wurm. Ihro Excellenz verzeihen. Wenn auch wirklich--wie Sie argwohnen--die Eifersucht hier im Spiel sein sollte, so wre sie es wenigstens nur mit den Augen und nicht mit der Zunge. Prsident. Und ich dchte, sie bliebe ganz weg. Dummer Teufel, was verschlgt es denn Ihm, ob Er die Karolin frisch aus der Mnze oder vom Bankier bekommt. Trst' Er sich mit dem hiesigen Adel--wissentlich oder nicht--bei uns wird selten eine Mariage geschlossen, wo nicht wenigstens ein halb Dutzend der Gste--oder der Aufwrter--das Paradies des Brutigams geometrisch ermessen kann. Wurm (verbeugt sich). Ich mache hier gern den Brgersmann, gndiger Herr. Prsident. berdies kann Er mit Nchstem die Freude haben, seinem Nebenbuhler den Spott auf die schnste Art heimzugeben. Eben jetzt liegt der Anschlag im Kabinet, da, auf die Ankunft der neuen Herzogin, Lady Milford zum Schein den Abschied erhalten und, den Betrug vollkommen zu machen, eine Verbindung eingehen soll. Er wei, Wurm, wie sehr sich mein Ansehen auf den Einflu der Lady sttzt--wie berhaupt meine mchtigsten Springfedern in die Wallungen des Frsten hineinspielen. Der Herzog sucht eine Partie fr die Milford. Ein Anderer kann sich melden--den Kauf schlieen, mit der Dame das Vertrauen des Frsten anreien, sich ihm unentbehrlich machen--Damit nun der Frst im Netz meiner Familie bleibe, soll mein Ferdinand die Milford heirathen--Ist Ihm das helle? Wurm. Da mich die Augen beien--Wenigstens bewies der Prsident hier, da der Vater nur ein Anfnger gegen ihn ist. Wenn der Major Ihnen eben so den gehorsamen Sohn zeigt, als Sie ihm den zrtlichen Vater, so drfte Ihre Anforderung mit Protest zurckkommen. Prsident. Zum Glck war mir noch nie fr die Ausfhrung eines Entwurfes bang, wo ich mich mit einem: es soll so sein! einstellen konnte.--Aber seh' Er nun, Wurm, das hat uns wieder auf den vorigen Punkt geleitet. Ich kndige meinem Sohn noch diesen Vormittag seine Vermhlung an. Das Gesicht, das er mir zeigen wird, soll Seinen Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen. Wurm. Gndiger Herr, ich bitte sehr um Vergebung. Das finstre Gesicht, das er Ihnen ganz zuverlssig zeigt, lt sich eben so gut auf die Rechnung der Braut schreiben, die Sie ihm zufhren, als derjenigen, die Sie ihm nehmen. Ich ersuche Sie um eine schrfere Probe. Whlen Sie ihm die untadelichste Partie im Lande, und sagt er Ja, so lassen Sie den Secretr Wurm drei Jahre Kugeln schleifen. Prsident (heit die Lippen). Teufel! Wurm. Es ist nicht anders! Die Mutter--die Dummheit selbst--hat mir in der Einfalt zu viel geplaudert. Prsident (geht auf und nieder, pret seinen Zorn zurck). Gut! Diesen Morgen noch. Wurm. Nur vergessen Ew. Excellenz nicht, da der Major--der Sohn meines Herrn ist! Prsident. Er soll geschont werden, Wurm. Wurm. Und da der Dienst, Ihnen von einer unwillkommenen Schwiegertochter zu helfen-Prsident. Den Gegendienst werth ist, Ihm zu einer Frau zu helfen?--Auch das, Wurm! Wurm (bckt sich vergngt). Ewig der Ihrige, gndiger Herr! (Er will gehen.) Prsident. Was ich Ihm vorhin vertraut habe, Wurm! (Drohend.) Wenn Er plaudert-Wurm (lacht). So zeigen Ihr' Excellenz meine falschen Handschriften auf. (er geht ab.) Prsident. Zwar bist du mir gewi! Ich halte dich an deiner eigenen Schurkerei, wie den Schrter am Faden. Ein Kammerdiener (tritt herein). Hofmarschall von Kalb-Prsident. Kommt wie gerufen.--Er soll mir angenehm sein. (Kammerdiener geht.) Sechste Scene. Hofmarschall von Kalb in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid, mit Kammerherrnschlsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und frisiert la Hrisson. Er fliegt mit groem Gekreisch auf den Prsidenten zu und breitet einen Bisamgeruch ber das ganze Parterre. Prsident. Hofmarschall (ihn umarmend). Ah guten Morgen, mein Bester! Wie geruht? wie geschlafen?--Sie verzeihen doch, da ich so spt das Vergngen habe--dringende Geschfte--der Kchenzettel--Visitenbillets--das Arrangement der Partieen auf die heutige Schlittenfahrt--Ah--und dann mut' ich ja auch bei dem Lever zugegen sein und Seiner Durchleucht das Wetter verkndigen. Prsident. Ja, Marschall, da haben Sie freilich nicht abkommen knnen. Hofmarschall. Oben drein hat mich ein Schelm von Schneider noch sitzen lassen. Prsident. Und doch fix und fertig? Hofmarschall. Das ist noch nicht Alles.--Ein Malheur jagt heut das andere. Hren Sie nur! Prsident (zerstreut). Ist das mglich? Hofmarschall. Hren Sie nur! Ich steige kaum aus dem Wagen, so werden die Hengste scheu, stampfen und schlagen aus, da mir--ich bitte Sie!--der Gassenkoth ber und ber an die Beinkleider spritzt. Was anzufangen? Setzen Sie sich um Gotteswillen in meine Lage, Baron! Da stand ich. Spt war es. Eine Tagreise ist es--und in dem Aufzug vor Seine Durchleucht! Gott der Gerechte!--Was fllt mir bei? Ich fingiere eine Ohnmacht. Man bringt mich ber Hals und Kopf in die Kutsche. Ich in voller Carrire nach Haus--wechsle die Kleider--fahre zurck--Was sagen Sie?--und bin noch der erste in der Antichambre--Was denken Sie?-Prsident. Ein herrliches Impromptu des menschlichen Witzes--Doch das beiseite, Kalb--Sie sprachen also schon mit dem Herzog? Hofmarschall (wichtig). Zwanzig Minuten und eine halbe. Prsident. Das gesteh' ich!--und wissen wir also ohne Zweifel eine wichtige Neuigkeit? Hofmarschall (ernsthaft, nach einigem Stillschweigen). Seine Durchleucht haben heute einen Merde d'Oye Biber an. Prsident. Man denke!--Nein, Marschall, so hab' ich doch eine bessere Zeitung fr Sie--Da Lady Milford Majorin von Walter wird, ist Ihnen gewi etwas Neues? Hofmarschall. Denken Sie!--Und das ist schon richtig gemacht? Prsident. Unterschrieben, Marschall--und Sie verbinden mich, wenn Sie ohne Aufschub dahin gehen, die Lady auf seinen Besuch prparieren und den Entschlu meiner Ferdinands in der ganzen Residenz bekannt machen. Hofmarschall (entzckt). O mit tausend Freuden, mein Bester!--Was kann mir erwnschter kommen?--Ich fliege sogleich--(Umarmt ihn.) Leben Sie wohl--in drei Viertelstunden wei es die ganze Stadt. (Hpft hinaus.) Prsident (lacht dem Marschall nach). Man sage noch, da diese Geschpfe in der Welt zu nichts taugen--Nun mu ja mein Ferdinand wollen, oder die ganze Stadt hat gelogen. (Klingelt--Wurm kommt.) Mein Sohn soll hereinkommen. (Wurm geht ab, der Prsident auf und nieder, gedankenvoll.) Siebente Scene. Ferdinand. Prsident. Wurm, welcher gleich abgeht. Ferdinand. Sie haben befohlen, gndiger Herr Vater-Prsident. Leider mu ich das, wenn ich meines Sohns einmal froh werden will--La Er uns allein, Wurm!--Ferdinand, ich beobachte dich schon eine Zeitlang und finde die offene rasche Jugend nicht mehr, die mich sonst so entzckt hat. Ein seltsamer Gram brtet auf deinem Gesicht. Du fliehst mich--du fliehst deine Zirkel--Pfui!--Deinen Jahren verzeiht man zehn Ausschweifungen vor einer einzigen Grille. berla diese mir, lieber Sohn! Mich la an deinem Glck arbeiten und denke auf nichts, als in meine Entwrfe zu spielen.--Komm! umarme mich, Ferdinand! Ferdinand. Sie sind heute sehr gndig, mein Vater. Prsident. Heute, du Schalk--und dieses Heute noch mit der herben Grimasse? (Ernsthaft.) Ferdinand!--Wem zu lieb hab' ich die gefhrliche Bahn zum Herzen des Frsten betreten? Wem zu lieb bin ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen?--Hre, Ferdinand!--Ich spreche mit meinem Sohn--Wem hab' ich durch die Hinwegrumung meines Vorgngers Platz gemacht--eine Geschichte, die desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfltiger ich das Messer der Welt verberge! Hre! sage mir, Ferdinand! Wem that ich Dies alles? Ferdinand (tritt mit Schrecken zurck). Doch mir nicht, mein Vater? Doch auf mich soll der blutige Widerschein dieses Frevels nicht fallen? Beim allmchtigen Gott! es ist besser, gar nicht geboren zu sein, als dieser Missethat zur Ausrede dienen! Prsident. Was war das? Was? Doch ich will es dem Romanenkopfe zu gut halten!--Ferdinand!--ich will mich nicht erhitzen, vorlauter Knabe--Lohnst du mir also fr meine schlaflosen Nchte? Also fr meine rastlose Sorge? Also fr den ewigen Scorpion meines Gewissens?--Auf mich fllt die Last der Verantwortung--auf mich der Fluch, der Donner des Richters--Du empfngst dein Glck von der zweiten Hand--das Verbrechen klebt nicht am Erbe. Ferdinand (streckt die rechte Hand gen Himmel). Feierlich entsag' ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater erinnert. Prsident. Hre, junger Mensch, bringe mich nicht auf!--Wenn es nach deinem Kopf ginge, du krchest dein Lebenlang im Staube. Ferdinand. O, immer noch besser, Vater, als ich krch' um den Thron herum. Prsident (verbeit seinen Zorn). Hum!--Zwingen mu man dich, dein Glck zu erkennen. Wo zehn Andre mit aller Anstrengung nicht hinaufklimmen, wirst du spielend, im Schlafe gehoben. Du bist im zwlften Jahre Fhndrich. Im zwanzigsten Major. Ich hab' es durchgesetzt beim Frsten. Du wirst die Uniform ausziehen und in das Ministerium eintreten. Der Frst sprach vom Geheimenrath--Gesandtschaften--auerordentlichen Gnaden. Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir!--Die ebene Strae zunchst nach dem Throne--zum Throne selbst, wenn anders die Gewalt so viel werth ist, als ihr Zeichen--das begeistert dich nicht? Ferdinand. Weil meine Begriffe von Gre und Glck nicht ganz die Ihrigen sind--Ihre Glckseligkeit macht sich nur selten anders, als durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwnschung sind die traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belchelt. --Thrnen, Flche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran diese gepriesenen Glcklichen schwelgen, von der sie betrunken aufstehen und so in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln--Mein Ideal von Glck zieht sich gengsamer in mich selbst zurck. In meinem Herzen liegen alle meine Wnsche begraben.-Prsident. Meisterhaft! Unverbesserlich! Herrlich! Nach dreiig Jahren die erste Vorlesung wieder!--Schade nur, da mein fnfzigjhriger Kopf zu zh fr das Lernen ist!--Doch--dies seltne Talent nicht einrosten zu lassen, will ich dir Jemand an die Seite geben, bei dem du dich in dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exercieren kannst.--Du wirst dich entschlieen--noch heute entschlieen--eine Frau zu nehmen. Ferdinand (tritt bestrzt zurck). Mein Vater? Prsident. Ohne Complimente.--Ich habe der Lady Milford in deinem Namen eine Karte geschickt. Du wirst dich ohne Aufschub bequemen, dahin zu gehen und ihr zu sagen, da du ihr Brutigam bist! Ferdinand. Der Milford, mein Vater? Prsident. Wenn sie dir bekannt ist-Ferdinand (auer Fassung). Welcher Schandsule im Herzogthum ist sie das nicht!--Aber ich bin wohl lcherlich, lieber Vater, da ich Ihre Laune fr Ernst aufnehme? Wrden Sie Vater zu dem Schurken Sohn sein wollen, der eine privilegierte Buhlerin heirathete? Prsident. Noch mehr! Ich wrde selbst um sie werben, wenn sie einen Fnfziger mchte--Wrdest du zu dem Schurken Vater nicht Sohn sein wollen? Ferdinand. Nein! So wahr Gott lebt! Prsident. Eine Frechheit, bei meiner Ehre! die ich ihrer Seltenheit wegen vergebe-Ferdinand. Ich bitte Sie, Vater! Lassen Sie mich nicht lnger in einer Vermuthung, wo es mir unertrglich wird, mich Ihren Sohn zu nennen. Prsident. Junge, bist du toll? Welcher Mensch von Vernunft wrde nicht nach der Distinction geizen, mit seinem Landesherrn an einem dritten Orte zu wechseln? Ferdinand. Sie werden mir zum Rthsel, mein Vater. Distinction nennen Sie es--Distinction, da mit dem Frsten zu theilen, wo er auch unter den Menschen hinunterkriecht? Prsident (schlgt ein Gelchter auf). Ferdinand. Sie knnen lachen--und ich will ber das hinweggehen, Vater. Mit welchem Gesicht soll ich unter den schlechtesten Handwerker treten, der mit seiner Frau wenigstens doch einen ganzen Krper zum Mitgift bekommt? Mit welchem Gesicht vor die Welt? Vor den Frsten? Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaschen wrde? Prsident. Wo in aller Welt bringst du das Maul her, Junge? Ferdinand. Ich beschwre Sie bei Himmel und Erde! Vater, Sie knnen durch diese Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes so glcklich nicht werden, als Sie ihn unglcklich machen. Ich gebe Ihnen mein Leben, wenn das Sie steigen machen kann. Mein Leben hab' ich von Ihnen, ich werde keinen Augenblick anstehen, es ganz Ihrer Gre zu opfern. --Meine Ehre, Vater--wenn Sie mir diese nehmen, so war es ein leichtfertiges Schelmenstck, mir das Leben zu geben, und ich mu den Vater wie den Kuppler verfluchen. Prsident (freundlich, indem er ihn auf die Achsel klopft). Brav, lieber Sohn. Jetzt seh' ich, da du ein ganzer Kerl bist und der besten Frau im Herzogthum wrdig. Sie soll dir werden--noch diesen Mittag wirst du dich mit der Grfin von Ostheim verloben. Ferdinand (aufs Neue betreten). Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz zu zerschmettern? Prsident (einen lauernden Blick auf ihn werfend). Wo doch hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird? Ferdinand. Nein, mein Vater! Friederike von Ostheim knnte jeden Andern zum Glcklichsten machen. (Vor sich in hchster Verwirrung.) Was seine Bosheit an seinem Herzen noch ganz lie, zerreit seine Gte. Prsident (noch immer kein Auge von ihm wendend). Ich warte auf deine Dankbarkeit, Ferdinand-Ferdinand (strzt auf ihn zu und kt ihm feurig die Hand). Ihre Gnade entflammt meine ganze Empfindung--Vater! meinen heiesten Dank fr Ihre herzliche Meinung--Ihre Wahl ist untadelhaft--aber--ich kann--ich darf--bedauern Sie mich--ich kann die Grfin nicht lieben! Prsident (tritt einen Schritt zurck). Holla! Jetzt hab' ich den jungen Herrn! Also in diese Falle ging er, der listige Heuchler--Also es war nicht die Ehre, die dir die Lady verbot?--Es war nicht die Person, sondern die Heirath, die du verabscheutest?-Ferdinand (steht zuerst wie versteinert, dann fhrt er auf und will fortrennen). Prsident. Wohin? Halt! Ist das der Respect, den du mir schuldig bist? (Der Major kehrt zurck.) Du bist bei der Lady gemeldet. Der Frst hat mein Wort. Stadt und Hof wissen es richtig.--Wenn du mich zum Lgner machst, Junge--vor dem Frsten--der Lady--der Stadt--dem Hof mich zum Lgner machst--Hre, Junge--oder wenn ich hinter gewisse Historien komme?--Halt! Holla! Was blst so auf einmal das Feuer in deinen Wangen aus? Ferdinand (schneebla und zitternd). Wie? Was? Es ist gewi nichts, mein Vater! Prsident (einen frchterlichen Blick auf ihn heftend). Und wenn es was ist--und wenn ich die Spur finden sollte, woher diese Widersetzlichkeit stammt--Ha, Junge! der bloe Verdacht schon bringt mich zum Rasen! Geh den Augenblick! Die Wachtparade fngt an! Du wirst bei der Lady sein, sobald die Parole gegeben ist--Wenn ich auftrete, zittert ein Herzogthum. La doch sehen, ob mich ein Starrkopf von Sohn meistert. (Er geht und kommt noch einmal wieder.) Junge, ich sage dir, du wirst dort sein, oder fliehe meinen Zorn! (Er geht ab.) Ferdinand (erwacht aus einer dumpfen Betubung). Ist er weg? War das eines Vaters Stimme?--Ja! ich will zu ihr--will hin--will ihr Dinge sagen, will ihr einen Spiegel vorhalten--Nichtswrdige! und wenn du auch noch dann meine Hand verlangst--Im Angesicht des versammelten Adels, des Militrs und des Volks--Umgrte dich mit dem ganzen Stolz deines Englands--Ich verwerfe dich--ein deutscher Jngling! (Er eilt hinaus.) Zweiter Akt. Ein Saal im Palais der Lady Milford; zur rechten Hand steht ein Sopha, zur linken ein Flgel. Erste Scene. Lady in einem freien, aber reizenden Neglig, die Haare noch unfrisiert, sitzt vor dem Flgel und phantasiert; Sophie, die Kammerjungfer, kommt von dem Fenster. Sophie. Die Officiers gehen auseinander. Die Wachtparade ist aus--aber ich sehe noch keinen Walter. Lady (sehr unruhig, indem sie aufsteht und einen Gang durch den Saal macht). Ich wei nicht, wie ich mich heute finde, Sophie--Ich bin noch nie so gewesen--Also du sahst ihn gar nicht?--Freilich wohl--Es wird ihm nicht eilen--Wie ein Verbrechen liegt es auf meiner Brust--Geh, Sophie--Man soll mir den wildesten Renner herausfhren, der im Marstall ist. Ich mu ins Freie--Menschen sehen und blauen Himmel, und mich leichter reiten ums Herz herum. Sophie. Wenn Sie sich unplich fhlen, Milady--berufen Sie Assemblee hier zusammen. Lassen Sie den Herzog hier Tafel halten, oder die l'Hombretische vor Ihren Sopha setzen. Mir sollte der Frst und sein ganzer Hof zu Gebote stehen und eine Grille im Kopfe surren? Lady (wirft sich in den Sopha). Ich bitte, verschone mich! Ich gebe dir einen Demant fr jede Stunde, wo ich sie mir vom Hals schaffen kann! Soll ich meine Zimmer mit diesem Volk tapezieren?--Das sind schlechte, erbrmliche Menschen, die sich entsetzen, wenn mir ein warmes herzliches Wort entwischt, Mund und Nasen aufreien, als shen sie eine Geist--Sklaven eines einzigen Marionettendrahts, den ich leichter als mein Filet regiere!--Was fang' ich mit Leuten an, deren Seelen so gleich als ihre Sackuhren gehen? Kann ich eine Freude dran finden, sie was zu fragen, wenn ich voraus wei, was sie mir antworten werden? Oder Worte mit ihnen zu wechseln, wenn sie das Herz nicht haben, andrer Meinung als ich zu sein?--Weg mit ihnen! Es ist verdrielich, ein Ro zu reiten, das nicht auch in den Zgel beit. (Sie tritt zum Fenster.) Sophie. Aber den Frsten werden Sie doch ausnehmen, Lady? Den schnsten Mann--den feurigsten Liebhaber--den witzigsten Kopf in seinem ganzen Lande! Lady (kommt zurck). Denn es ist sein Land--und nur ein Frstenthum, Sophie, kann meinem Geschmack zur ertrglichen Ausrede dienen--Du sagst, man beneide mich. Armes Ding! Beklagen soll man mich vielmehr! Unter Allen, die an den Brsten der Majestt trinken, kommt die Favoritin am schlechtesten weg, weil sie allein dem groen und reichen Mann auf dem Bettelstabe begegnet--Wahr ist's, er kann mit dem Talisman seiner Gre jeden Gelust meines Herzens, wie ein Feenschlo, aus der Erde rufen.--Er setzt den Saft von zwei Indien auf die Tafel--ruft Paradiese aus Wildnissen--lt die Quellen seines Landes in stolzen Bgen gen Himmel springen, oder das Mark seiner Unterthanen in einem Feuerwerk hinpuffen--Aber kann er auch seinem Herzen befehlen, gegen ein groes, feuriges Herz gro und feurig zu schlagen? Kann er sein darbendes Gehirn auf ein einziges schnes Gefhl exequieren?--Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne; und was helfen mich tausend bere Empfindungen, wo ich nur Wallungen lschen darf? Sophie (blickt sie verwundernd an). Wie lang ist es denn aber, da ich Ihnen diene, Milady? Lady. Weil du erst heute mit mir bekannt wirst?--Es ist wahr, liebe Sophie--ich habe dem Frsten meine Ehre verkauft; aber mein Herz habe ich frei behalten--ein Herz, meine Gute, das vielleicht eines Mannes noch werth ist--ber welches der giftige Wind des Hofes nur wie der Hauch ber den Spiegel ging--Trau' es mir zu, meine Liebe, da ich es lngst gegen diesen armseligen Frsten behauptet htte, wenn ich es nur von meinem Ehrgeiz erhalten knnte, einer Dame am Hof den Rang vor mir einzurumen. Sophie. Und dieses Herz unterwarf sich dem Ehrgeiz so gern? Lady (lebhaft). Als wenn es sich nicht schon gercht htte?--Nicht jetzt noch rchte?--Sophie! (Bedeutend, indem sie die Hand auf Sophiens Achsel fallen lt.) Wir Frauenzimmer knnen nur zwischen Herrschen und Dienen whlen, aber die hchste Wonne der Gewalt ist doch nur ein elender Behelf, wenn uns die grere Wonne versagt wird, Sklavinnen eines Mannes zu sein, den wir lieben. Sophie. Eine Wahrheit, Milady, die ich von Ihnen zuletzt hren wollte! Lady. Und warum, meine Sophie? Sieht man es denn dieser kindischen Fhrung des Scepters nicht an, da wir nur fr das Gngelband taugen? Sahst du es denn diesem launischen Flattersinn nicht an--diesen wilden Ergtzungen nicht an, da sie nur wildere Wnsche in meiner Brust berlrmen sollten? Sophie (tritt erstaunt zurck). Lady! Lady (lebhafter). Befriedige diese! Gib mir den Mann, den ich jetzt denke--den ich anbete--sterben, Sophie, oder besitzen mu. (Schmelzend.) La mich aus seinem Mund es vernehmen, da Thrnen der Liebe schner glnzen in unsern Augen, als die Brillanten in unserm Haar, (feurig) und ich werfe dem Frsten sein Herz und sein Frstenthum vor die Fe, fliehe mit diesem Mann, fliehe in die entlegenste Wste der Welt-Sophie (blickt sie erschrocken an). Himmel! Was machen Sie? Wie wird Ihnen, Lady? Lady (bestrzt). Du entfrbst dich?--Hab' ich vielleicht etwas zu viel gesagt? O so la mich deine Zunge mit meinem Zutrauen binden--hre noch mehr--hre Alles-Sophie (schaut sich ngstlich um). Ich frchte, Milady--ich frchte--ich brauch' es nicht mehr zu hren. Lady. Die Verbindung mit dem Major--Du und die Welt stehen im Wahn, sie sei eine Hof-Kabale--Sophie--errthe nicht--schme dich meiner nicht--sie ist das Werk--meiner Liebe! Sophie. Bei Gott! Was mir ahnete! Lady. Sie lieen sich beschwatzen, Sophie--der schwache Frst--der hofschlaue Walter--der alberne Marschall--Jeder von ihnen wird darauf schwren, da diese Heirath das unfehlbarste Mittel sei, mich dem Herzog zu retten, unser Band um so fester zu knpfen!--Ja! es auf ewig zu trennen! auf ewig diese schndlichen Ketten zu brechen! --Belogene Lgner! Von einem schwachen Weib berlistet! Ihr selbst fhrt mir jetzt meinen Geliebten zu! Das war es ja nur, was ich wollte--Hab' ich ihn einmal--hab' ich ihn--o dann auf immer gute Nacht, abscheuliche Herrlichkeit- Zweite Scene. Ein alter Kammerdiener des Frsten, der ein Schmuckkstchen trgt. Die Vorigen. Kammerdiener. Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Milady zu Gnaden und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen so eben erst aus Venedig. Lady (hat das Kstchen geffnet und fhrt erschrocken zurck). Mensch! was bezahlt dein Herzog fr diese Steine? Kammerdiener (mit finsterm Gesicht). Sie kosten ihn keinen Heller! Lady. Was? Bist du rasend? Nichts?--und (indem sie einen Schritt von ihm wegtritt) du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wolltest--Nichts kosten ihn diese unermelich kostbaren Steine? Kammerdiener. Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika fort--die bezahlen Alles. Lady (setzt den Schmuck pltzlich nieder und geht rasch durch den Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener). Mann! Was ist dir? Ich glaube, du weinst? Kammerdiener (wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle Glieder zitternd). Edelsteine, wie diese da--ich hab' auch ein paar Shne drunter. Lady (wendet sich bebend weg, seine Hand fassend). Doch keinen gezwungenen? Kammerdiener (lacht frchterlich). O Gott!--Nein--lauter Freiwillige! Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch' vor die Front heraus und fragten den Obersten, wie theuer der Frst das Joch Menschen verkaufe. --Aber unser gndigster Landesherr lie alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschieen. Wir hrten die Bchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe! nach Amerika!-Lady (fllt mit Entsetzen in den Sopha). Gott! Gott!--Und ich hrte nichts? Und ich merkte nichts? Kammerdiener. Ja, gndige Frau--Warum mutet ihr denn mit unserm Herrn gerad' auf die Brenhatz reiten, als man den Lrmen zum Aufbruch schlug?--Die Herrlichkeit httet ihr doch nicht versumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkndigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wthende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spieen, und wie man Brutigam und Braut mit Sbelhieben auseinander ri, und wir Graubrte verzweiflungsvoll da standen und den Burschen auch zuletzt die Krcken noch nachwarfen in die neue Welt--Oh, und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hren-Lady (steht auf, heftig bewegt). Weg mit diesen Steinen--sie blitzen Hllenflammen in mein Herz. (Sanfter zum Kammerdiener.) Mige dich, armer alter Mann. Sie werden wieder kommen. Sie werden ihr Vaterland wieder sehen. Kammerdiener (warm und voll). Das wei der Himmel! Das werden sie! --Noch am Stadtthor drehten sie sich um und schrieen: "Gott mit euch, Weib und Kinder!--Es leb' unser Landesvater--Am jngsten Gericht sind wir wieder da!"-Lady (mit starkem Schritt auf und nieder gehend). Abscheulich! Frchterlich!--Mich beredet man, ich habe sie alle getrocknet, die Thrnen des Landes--Schrecklich, schrecklich gehen mir die Augen auf--Geb du--Sag deinem Herrn--Ich werd' ihm persnlich danken! (Kammerdiener will gehen, sie wirft ihm ihre Geldbrse in den Hut.) Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest-Kammerdiener (wirft sie verchtlich auf den Tisch zurck). Legt's zu dem brigen. (Er geht ab.) Lady (sieht ihm erstaunt nach). Sophie, spring ihm nach, frag' ihn um seinen Namen! Er soll seine Shne wieder haben. (Sophie ab. Lady nachdenkend auf und nieder. Pause. Zu Sophien, die wieder kommt.) Ging nicht jngst ein Gercht, da das Feuer eine Stadt an der Grenze verwstet und bei vierhundert Familien an den Bettelstab gebracht habe? (Sie klingelt.) Sophie. Wie kommen Sie auf das? Allerdings ist es so, und die mehresten dieser Unglcklichen dienen jetzt ihren Glubigern als Sklaven, oder verderben in den Schachten der frstlichen Silberbergwerke. Bedienter (kommt). Was befehlen Milady? Lady (gibt ihm den Schmuck). Da das ohne Verzug in die Landschaft gebracht werde!--Man soll es sogleich zu Geld machen, befehl' ich, und den Gewinst davon unter die Vierhundert verteilen, die der Brand ruiniert hat. Sophie. Milady, bedenken Sie, da Sie die hchste Ungnade wagen! Lady (mit Gre). Soll ich den Fluch seines Landes in meinen Haaren tragen? (Sie winkt dem Bedienten; dieser geht.) Oder willst du, da ich unter dem schrecklichen Geschirr solcher Thrnen zu Boden sinke?--Geh, Sophie--Es ist besser, falsche Juwelen im Haar und das Bewutsein dieser That im Herzen zu haben! Sophie. Aber Juwelen wie diese! Htten Sie nicht Ihre schlechtern nehmen knnen? Nein, wahrlich, Milady! es ist Ihnen nicht zu vergeben. Lady. Nrrisches Mdchen! Dafr werden in einem Augenblick mehr Brillanten und Perlen fr mich fallen, als zehn Knige in ihren Diademen getragen, und schnere-Bedienter (kommt zurck). Major von Walter-Sophie (springt auf die Lady zu). Gott! Sie verblassen-Lady. Der erste Mann, der mir Schrecken macht--Sophie--Jetzt sei unplich, Eduard--Halt--Ist er aufgerumt? Lacht er? Was spricht er? O, Sophie! Nicht wahr, ich sehe hlich aus? Sophie. Ich bitte Sie, Lady-Bedienter. Befehlen Sie, da ich ihn abweise? Lady (stotternd). Er soll mir willkommen sein. (Bedienter hinaus.) Sprich, Sophie--Was sag' ich ihm? Wie empfang' ich ihn?--Ich werde stumm sein.--Er wird meiner Schwche spotten--Er wird--o was ahnet mir--Du verlssest mich, Sophie?--Bleib!--Doch nein! Gehe!--So bleib doch! (Der Major kommt durch das Vorzimmer.) Sophie. Sammeln Sie sich! Er ist schon da! Dritte Scene. Ferdinand von Walter. Die Vorigen. Ferdinand (mit einer kurzen Verbeugung). Wenn ich Sie worin unterbreche, gndige Frau-Lady (unter merkbarem Herzklopfen). In nichts, Herr Major, das mir wichtiger wre. Ferdinand. Ich komme auf Befehl meines Vaters-Lady. Ich bin seine Schuldnerin. Ferdinand. Und soll Ihnen melden, da wir uns heirathen--So weit der Auftrag meines Vaters. Lady (entfrbt sich und zittert). Nicht Ihres eigenen Herzens? Ferdinand. Minister und Kuppler pflegen das niemals zu fragen. Lady (mit einer Bengstigung, da ihr die Worte versagen). Und Sie selbst htten sonst nichts beizusetzen? Ferdinand (mit einem Blick auf die Mamsell). Noch sehr viel, Milady! Lady (gibt Sophien einen Wink, diese entfernt sich). Darf ich Ihnen diesen Sopha anbieten? Ferdinand. Ich werde kurz sein, Milady! Lady. Nun? Ferdinand. Ich bin ein Mann von Ehre. Lady. Den ich zu schtzen wei. Ferdinand. Cavalier. Lady. Kein berer im Herzogthum. Ferdinand. Und Officier. Lady (schmeichelhaft). Sie berhren hier Vorzge, die auch Andere mit Ihnen gemein haben. Warum verschweigen Sie grere, worin Sie einzig sind? Ferdinand (frostig). Hier brauch' ich sie nicht. Lady (mit immer steigender Angst). Aber fr was mu ich diesen Vorbericht nehmen? Ferdinand (langsam und mit Nachdruck). Fr den Einwurf der Ehre, wenn Sie Lust haben sollten, meine Hand zu erzwingen. Lady (auffahrend). Was ist das, Herr Major? Ferdinand (gelassen). Die Sprache meines Herzens--meines Wappens--und dieses Degens. Lady. Diesen Degen gab Ihnen der Frst. Ferdinand. Der Staat gab mir ihn durch die Hand des Frsten--mein Herz Gott--mein Wappen ein halbes Jahrtausend. Lady. Der Name des Herzogs-Ferdinand (hitzig). Kann der Herzog Gesetze der Menschheit verdrehen, oder Handlungen mnzen wie seine Dreier?--Er selbst ist nicht ber die Ehre erhaben, aber er kann ihren Mund mit seinem Golde verstopfen. Er kann den Hermelin ber seine Schande herwerfen. Ich bitte mir aus, davon nichts mehr, Milady.--Es ist nicht mehr die Rede von weggeworfenen Aussichten und Ahnen--oder von dieser Degenquaste--oder von der Meinung der Welt. Ich bin bereit, Dies alles mit Fen zu treten, sobald Sie mich nur berzeugt haben werden, da der Preis nicht schlimmer noch als das Opfer ist. Lady (schmerzhaft von ihm weggehend). Herr Major! das hab' ich nicht verdient. Ferdinand (ergreift ihre Hand). Vergeben Sie. Wir reden hier ohne Zeugen. Der Umstand, der Sie und mich--heute und nie mehr--zusammenfhrt, berechtigt mich, zwingt mich, Ihnen mein geheimstes Gefhl nicht zurck zu halten.--Es will mir nicht zu Kopfe, Milady, da eine Dame von so viel Schnheit und Geist--Eigenschaften, die ein Mann schtzen wrde--sich an einen Frsten sollte wegwerfen knnen, der nur das Geschlecht an ihr zu bewundern gelernt hat, wenn sich diese Dame nicht schmte, vor einen Mann mit ihrem Herzen zu treten. Lady (schaut ihm gro ins Gesicht). Reden Sie ganz aus! Ferdinand. Sie nennen sich eine Brittin. Erlauben Sie mir--ich kann es nicht glauben, da Sie eine Brittin sind. Die freigeborne Tochter des freiesten Volks unter dem Himmel--das auch zu stolz ist, fremder Tugend zu ruchern--kann sich nimmermehr an fremdes Laster verdingen. Es ist nicht mglich, da Sie eine Brittin sind,--oder das Herz dieser Brittin mu um so viel kleiner sein, als grer und khner Britanniens Adern schlagen. Lady. Sind Sie zu Ende? Ferdinand. Man knnte antworten, es ist weibliche Eitelkeit--Leidenschaft--Temperament--Hang zum Vergngen. Schon fters berlebte Tugend die Ehre. Schon Manche, die mit Schande in diese Schranke trat, hat nachher die Welt durch edle Handlungen mit sich ausgeshnt und das hliche Handwerk durch einen schnen Gebrauch geadelt--Aber woher denn jetzt diese ungeheure Pressung des Landes, die vorher nie so gewesen?--Das war im Namen des Herzogthums. --Ich bin zu Ende. Lady (mit Sanftmuth und Hoheit). Es ist das Erstemal, Walter, da solche Reden an mich gewagt werden, und Sie sind der einzige Mensch, dem ich darauf antworte--Da Sie meine Hand verwerfen, darum schtz' ich Sie. Da Sie meine Hand lstern, vergebe ich Ihnen. Da es Ihr Ernst ist, glaube ich Ihnen nicht. Wer sich herausnimmt, Beleidigungen dieser Art einer Dame zu sagen, die nicht mehr als eine Nacht braucht, ihn ganz zu verderben, mu dieser Dame eine groe Seele zutrauen, oder--von Sinnen sein--Da Sie den Ruin des Landes auf meine Brust wlzen, vergebe Ihnen Gott der Allmchtige, der Sie und mich und den Frsten einst gegen einander stellt.--Aber Sie haben die Englnderin in mir aufgefordert, und auf Vorwrfe dieser Art mu mein Vaterland Antwort haben. Ferdinand (auf seinen Degen gesttzt). Ich bin begierig. Lady. Hren Sie also, was ich, auer Ihnen, noch Niemand vertraute, noch jemals einem Menschen vertrauen will.--Ich bin nicht die Abenteurerin, Walter, fr die Sie mich halten. Ich knnte gro thun und sagen: ich bin frstlichen Geblths--aus des unglcklichen Thomas Norfolks Geschlechte, der fr die schottische Maria ein Opfer ward. --Mein Vater, des Knigs oberster Kmmerer, wurde bezichtigt, in verrtherischem Vernehmen mit Frankreich zu stehen, durch einen Spruch der Parlamente verdammt und enthauptet.--Alle unsre Gter fielen der Krone zu. Wir selbst wurden des Landes verwiesen. Meine Mutter starb am Tage der Hinrichtung. Ich--ein vierzehnjhriges Mdchen--flohe nach Deutschland mit meiner Wrterin--einem Kstchen Juwelen--und diesem Familienkreuz, das meine sterbende Mutter mit ihrem letzten Segen mir an den Busen steckte. Ferdinand (wird nachdenkend und heftet wrmere Blicke auf die Lady). Lady (fhrt fort mit immer zunehmender Rhrung). Krank--ohne Namen--ohne Schutz und Vermgen--eine auslndische Waise, kam ich nach Hamburg. Ich hatte nichts gelernt, als das Bischen Franzsisch--ein wenig Filet und den Flgel--desto besser verstund ich, auf Gold und Silber zu speisen, unter damastenen Decken zu schlafen, mit einem Wink zehn Bediente fliegen zu machen und die Schmeicheleien der Groen Ihres Geschlechts aufzunehmen.--Sechs Jahre waren schon hingeweint.--Und die letzte Schmucknadel flog dahin--Meine Wrterin starb--und jetzt fhrte mein Schicksal Ihren Herzog nach Hamburg. Ich spazierte damals an den Ufern der Elbe, sah in den Strom und fing eben an zu phantasieren, ob dieses Wasser oder mein Leiden das Tiefste wre?--Der Herzog sah mich, verfolgte mich, fand meinen Aufenthalt,--lag zu meinen Fen und schwur, da er mich liebe. (Sie hlt in groen Bewegungen inne, dann fhrt sie fort mit weinender Stimme.) Alle Bilder meiner glcklichen Kindheit wachten jetzt wieder mit verfhrendem Schimmer auf--Schwarz wie das Grab graute mich eine trostlose Zukunft an--Mein Herz brannte nach einem Herzen--Ich sank an das seinige. (Von ihm wegstrzend.). Jetzt verdammen Sie mich! Ferdinand (sehr bewegt, eilt ihr nach und hlt sie zurck). Lady! o Himmel! Was hr' ich? Was that ich?--Schrecklich enthllt sich mein Frevel mir. Sie knnen mir nicht mehr vergeben. Lady (kommt zurck und hat sich zu sammeln gesucht). Hren Sie weiter. Der Frst berraschte zwar meine wehrlose Jugend--aber das Blut der Norfolk emprte sich in mir: Du, eine geborene Frstin, Emilie, rief es, und jetzt eines Frsten Concubine?--Stolz und Schicksal kmpften in meiner Brust, als der Frst mich hieher brachte und auf einmal die schauderndste Scene vor meinen Augen stand!--Die Wollust der Groen dieser Welt ist die nimmersatte Hyne, die sich mit Heihunger Opfer sucht.--Frchterlich hatte sie schon in diesem Lande gewthet--hatte Braut und Brutigam zertrennt--hatte selbst der Ehen gttliches Band zerrissen--hier das stille Glck einer Familie geschleift--dort ein junges unerfahrenes Herz der verheerenden Pest aufgeschlossen, und sterbende Schlerinnen schumten den Namen ihres Lehrers unter Flchen und Zuckungen aus--Ich stellte mich zwischen das Lamm und den Tiger, nahm einen frstlichen Eid von ihm in einer Stunde der Leidenschaft, und diese abscheuliche Opferung mute aufhren. Ferdinand (rennt in der heftigsten Unruhe durch den Saal). Nichts mehr, Milady! Nicht weiter! Lady. Diese traurige Periode hatte einer noch traurigern Platz gemacht. Hof und Serail wimmelten jetzt von Italiens Auswurf. Flatterhafte Pariserinnen tndelten mit dem furchtbaren Scepter, und das Volk blutete unter ihren Launen--Sie alle erlebten ihren Tag. Ich sah sie neben mir in den Staub sinken, denn ich war mehr Kokette, als sie alle. Ich nahm dem Tyrannen den Zgel ab, der wollstig in meiner Umarmung erschlappte--dein Vaterland, Walter, fhlte zum erstenmal eine Menschenhand und sank vertrauend an meinen Busen. (Pause, worin sie ihn schmelzend ansieht.) O da der Mann, von dem ich allein nicht verkannt sein mchte, mich jetzt zwingen mu, gro zu prahlen und meine stille Tugend am Licht der Bewunderung zu versengen!--Walter, ich habe Kerker gesprengt--habe Todesurtheile zerrissen und manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkrzt. In unheilbare Wunden hab' ich doch wenigstens stillenden Balsam gegossen--mchtige Frevler in Staub gelegt und die verlorene Sache der Unschuld oft noch mit einer buhlerischen Thrne gerettet--Ha, Jngling, wie s war mir das! Wie stolz konnte mein Herz jede Anklage meiner frstlichen Geburt widerlegen!--Und jetzt kommt der Mann, der allein mir Das alles belohnen sollte--der Mann, den mein erschpftes Schicksal vielleicht zum Ersatz meiner vorigen Leiden schuf--der Mann, den ich mit brennender Sehnsucht im Traum schon umfasse-Ferdinand (fllt ihr ins Wort, durch und durch erschttert). Zu viel! zu viel! Das ist wieder die Abrede, Lady. Sie sollten sich von Anklagen reinigen und machen mich zu einem Verbrecher. Schonen Sie--ich beschwre Sie--schonen Sie meines Herzens, das Beschmung und wthende Reue zerreien-Lady (hlt seine Hand fest). Jetzt oder nimmermehr! Lange genug hielt die Heldin Stand--das Gewicht dieser Thrnen mut du noch fhlen. (Im zrtlichsten Ton.) Hre, Walter--wenn eine Unglckliche--unwiderstehlich, allmchtig an dich gezogen--sich an dich pret mit einem Busen voll glhender, unerschpflicher Liebe--Walter!--und du jetzt noch das kalte Wort Ehre sprichst--wenn diese Unglckliche--niedergedrckt vom Gefhl ihrer Schande--des Lasters berdrssig--heldenmig emporgehoben vom Rufe der Tugend--sich so--in deine Arme wirft (sie umfat ihn, beschwrend und feierlich)--durch dich gerettet--durch dich dem Himmel wieder geschenkt sein will, oder (das Gesicht von ihm abgewandt, mit hohler bebender Stimme) deinem Bild zu entfliehen, dem frchterlichen Ruf der Verzweiflung gehorsam, in noch abscheulichere Tiefen des Lasters wieder hinuntertaumelt-Ferdinand (von ihr losreiend, in der schrecklichsten Bedrngni). Nein, beim groen Gott! ich kann das nicht aushalten--Lady, ich mu--Himmel und Erde liegen auf mir--ich mu Ihnen ein Gestndni thun, Lady! Lady (von ihm wegfliehend). Jetzt nicht! Jetzt nicht, bei Allem, was heilig ist--in diesem entsetzlichen Augenblick nicht, wo mein zerrissenes Herz an tausend Dolchstichen blutet--Sei's Tod oder Leben--ich darf es nicht--ich will es nicht hren! Ferdinand. Doch, doch, beste Lady! Sie mssen es. Was ich Ihnen jetzt sagen werde, wird meine Strafbarkeit mindern und eine warme Abbitte des Vergangenen sein--Ich habe mich in Ihnen betrogen, Milady. Ich erwartete--ich wnschte, Sie meiner Verachtung wrdig zu finden. Fest entschlossen, Sie zu beleidigen und Ihren Ha zu verdienen, kam ich her--Glcklich wir Beide, wenn mein Vorsatz gelungen wre! (Er schweigt eine Weile, darauf leise und schchterner.) Ich liebe, Milady--liebe ein brgerliches Mdchen--Luise Millerin, eines Musikus Tochter. (Lady wendet sich bleich von ihm weg, er fhrt lebhafter fort.) Ich wei, worein ich mich strze; aber wenn auch Klugheit die Leidenschaft schweigen heit, so redet die Pflicht desto lauter--Ich bin der Schuldige. Ich zuerst zerri ihrer Unschuld goldenen Frieden--wiegte ihr Herz mit vermessenen Hoffnungen und gab es verrtherisch der wilden Leidenschaft Preis--Sie werden mich an Stand--an Geburt--an die Grundstze meines Vaters erinnern--aber ich liebe.--Meine Hoffnung steigt um so hher, je tiefer die Natur mit Convenienzen zerfallen ist.--Mein Entschlu und das Vorurtheil!--Wir wollen sehen, ob die Mode oder die Menschheit auf dem Platz bleiben wird. (Lady hat sich unterde bis an das uerste Ende des Zimmers zurckgezogen und hlt das Gesicht mit beiden Hnden bedeckt. Er folgt ihr dahin.) Sie wollten mir etwas sagen, Milady? Lady (im Ausdruck des heftigsten Leidens). Nichts, Herr von Walter! Nichts, als da Sie sich und mich und noch eine Dritte zu Grund richten. Ferdinand. Noch eine Dritte? Lady. Wir knnen mit einander nicht glcklich w. Wir mssen doch der Voreiligkeit Ihres Vaters zum Opfer werden. Nimmermehr werd' ich das Herz eines Mannes haben, der mir seine Hand nur gezwungen gab. Ferdinand. Gezwungen? Lady? gezwungen gab? und also doch gab? Knnen Sie eine Hand ohne Herz erzwingen? Sie einem Mdchen den Mann entwenden, der die ganze Welt dieses Mdchens ist? Sie einen Mann von dem Mdchen reien, das die ganze Welt dieses Mannes ist? Sie, Milady--vor einem Augenblick die bewundernswrdige Britten?--Sie knnen das? Lady. Weil ich es mu. (Mit Ernst und Strke.) Meine Leidenschaft, Walter, weicht meiner Zrtlichkeit fr Sie. Meine Ehre kann's nicht mehr--Unsre Verbindung ist das Gesprch des ganzen Landes. Alle Augen, alle Pfeile des Spotts sind auf mich gespannt. Die Beschimpfung ist unauslschlich, wenn ein Unterthan des Frsten mich ausschlgt. Rechten Sie mit Ihrem Vater. Wehren Sie sich, so gut Sie knnen.--Ich lass' alle Minen springen. (Sie geht schnell ab. Der Major bleibt in sprachloser Erstarrung stehen. Pause. Dann strzt er fort durch die Flgelthre.) Vierte Scene. Zimmer beim Musikanten. Miller. Frau Millerin. Luise treten auf. Miller (hastig ins Zimmer). Ich hab's ja zuvor gesagt! Luise (sprengt ihn ngstlich an). Was, Vater? was? Miller (rennt wie toll auf und nieder). Meinen Staatsrock her--hurtig--ich mu ihm zuvorkommen--und ein weies Manschettenhemd! --Das hab' ich mir gleich eingebildet! Luise. Um Gotteswillen! Was? Millerin. Was gibt's denn? was ist's denn? Miller (wirft seine Perrcke ins Zimmer). Nur gleich zum Friseur das! --Was es gibt? (Vor den Spiegel gesprungen.) Und mein Bart ist auch wieder fingerslang--Was es gibt?--Was wird's geben, du Rabenaas?--Der Teufel ist los, und dich soll das Wetter schlagen! Frau. Da sehe man! ber mich mu gleich alles kommen. Miller. ber dich? Ja, blaues Donnermaul! und ber wen anders? Heute frh mit deinem diabolischen Junker--Hab ich's nicht im Moment gesagt?--Der Wurm hat geplaudert. Frau. Ah was! Wie kannst du das wissen? Miller. Wie kann ich das wissen?--Da!--unter der Hausthre spukt ein Kerl des Ministers und fragt nach dem Geiger. Luise. Ich bin des Todes! Miller. Du aber auch mit deinen Vergimeinnicht-Augen! (Lacht voller Bosheit.) Das hat seine Richtigkeit, wem der Teufel ein Ei in die Wirthschaft gelegt hat, dem wird eine hbsche Tochter geboren--Jetzt hab' ich's blank. Frau. Woher weit du denn, da es der Luise gilt?--Du kannst dem Herzog recommendiert worden sein. Er kann dich ins Orchester verlangen. Miller (springt nach seinem Rohr). Da dich der Schwefelregen von Sodom!--Orchester!--Ja, wo du Kupplerin den Discant wirst heulen und mein blauer Hinterer den Conterba vorstellen! (Wirft sich in seinen Stuhl.) Gott im Himmel! Luise (setzt sich todtenbleich nieder). Mutter! Vater! Warum wird mir auf einmal so bange? Miller (springt wieder vom Stuhl auf). Aber soll mir der Dintenkleckser einmal in den Schu laufen?--Soll er mir laufen? Es sei in dieser oder in jener Welt--Wenn ich ihm nicht Leib und Seele breiweich zusammendresche, alle zehen Gebote und alle sieben Bitten im Vaterunser, und alle Bcher Mosis und der Propheten aufs Leder schreibe, da man die blauen Flecken bei der Auferstehung der Todten noch sehen soll-Frau. Ja! fluch du und poltre du! Das wird jetzt den Teufel bannen! Hilf, heiliger Herregott! Wo hinaus nun? Wie werden wir Rath schaffen? Was nun anfangen? Vater Miller, so rede doch! (Sie luft heulend durchs Zimmer.) Miller. Auf der Stell zum Minister will ich. Ich zuerst will mein Maul aufthun--ich selbst will es angeben. Du hast es vor mir gewut. Du httest mir einen Wink geben knnen. Das Mdel htt' sich noch weisen lassen. Es wre noch Zeit gewesen--aber nein!--Da hat sich was makeln lassen; da hat sich was fischen lassen! Da hast du noch Holz obendrein zugetragen!--Jetzt sorg' auch fr deinen Kuppelpelz. Fri aus, was du einbrocktest! Ich nehme meine Tochter in Arm, und marsch mit ihr ber die Grenze! Fnfte Scene. Ferdinand von Walter strzt erschrocken und auer Athem ins Zimmer. Die Vorigen. Ferdinand. War mein Vater da? Luise (fhrt mit Schrecken auf). Sein Vater! Allmchtiger Gott! Frau (zugleich; schlgt die Hnde zusammen). Der Prsident! Es ist aus mit uns! Miller (zugleich; lacht voller Bosheit). Gottlob! Gottlob! da haben wir ja die Bescherung! Ferdinand (eilt auf Luisen zu und drckt sie stark in die Arme). Mein bist du, und wrfen Hll' und Himmel sich zwischen uns! Luise. Mein Tod ist gewi--Rede weiter--Du sprachst einen schrecklichen Namen aus--Dein Vater? Ferdinand. Nichts. Nichts. Es ist berstanden. Ich hab' dich ja wieder. Du hast mich ja wieder. O, la mich Athem schpfen an dieser Brust! Es war eine schreckliche Stunde. Luise. Welche? Du tdtest mich? Ferdinand (tritt zurck und schaut sie bedeutend an). Eine Stunde, Luise, wo zwischen mein Herz und dich eine fremde Gewalt sich warf--wo meine Liebe vor meinem Gewissen erblate--wo meine Luise aufhrte, ihrem Ferdinand Alles zu sein-Luise (sinkt mit verhlltem Gesicht auf den Sessel nieder). Ferdinand (geht schnell auf sie zu, bleibt sprachlos mit starrem Blick vor ihr stehen, dann verlt er sie pltzlich, in groer Bewegung). Nein! Nimmermehr! Unmglich, Lady! Zu viel verlangt! Ich kann dir diese Unschuld nicht opfern--Nein, beim unendlichen Gott! ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels Donner aus diesem brechenden Auge mahnt--Lady, blick hieher--hieher, du Rabenvater--Ich soll diesen Engel wrgen! Die Hlle soll ich in diesen himmlischen Busen schtten? (Mit Entschlu auf sie zueilend.) Ich will sie fhren vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe Verbrechen ist, soll der Ewige sagen. (Er fat sie bei der Hand und hebt sie vom Sessel.) Fasse Muth, meine Theuerste!--Du hast gewonnen! Als Sieger komm' ich aus dem gefhrlichsten Kampf zurck. Luise. Nein! Nein! Verhehle mir nichts. Sprich es aus, das entsetzliche Urtheil. Deinen Vater nanntest du? Du nanntest die Lady?--Schauer des Todes ergreifen mich--Man sagt, sie wird heirathen. Ferdinand (strzt betubt zu Luisens Fen nieder). Mich, Unglckselige! Luise (nach einer Pause, mit stillem bebenden Ton und schrecklicher Ruhe). Nun--was erschreck' ich denn? Der alte Mann dort hat mir's ja oft gesagt--ich hab' es ihm nie glauben wollen. (Pause, dann wirft sie sich Millern laut weinend in die Arme.). Vater, hier ist deine Tochter wieder--Verzeihung, Vater!--Dein Kind kann ja nicht dafr, da dieser Traum so schn war, und--so frchterlich jetzt das Erwachen-Miller. Luise! Luise!--O Gott, sie ist von sich--Meine Tochter, mein armes Kind--Fluch ber den Verfhrer!--Fluch ber das Weib, das ihm kuppelte! Frau (wirft sich jammernd auf Luisen). Verdien' ich diesen Fluch, meine Tochter? Vergeb's Ihnen Gott, Baron!--Was hat dieses Lamm gethan, da Sie es wrgen? Ferdinand (springt an ihr auf, voll Entschlossenheit). Aber ich will seine Kabalen durchbohren--durchreien will ich alle diese eisernen Ketten des Vorurtheils--Frei wie ein Mann will ich whlen, da diese Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe hinaufschwindeln! (Er will fort.) Frau (eilt ihm nach, hngt sich an ihn). Der Prsident wird hieher kommen--Er wird unser Kind mihandeln--Er wird uns mihandeln--Herr von Walter, und Sie verlassen uns? Miller (lacht wthend). Verlt uns! Freilich! Warum nicht?--Sie gab ihm ja Alles hin! (Mit der einen Hand den Major, mit der andern Luisen fassend.) Geduld, Herr! der Weg aus meinem Hause geht nur ber diese da--Erwarte erst deinen Vater! wenn du kein Bube bist--Erzhl' es ihm, wie du dich in ihr Herz stahlst, Betrger, oder, bei Gott! (Ihm seine Tochter zuschleudernd, wild und heftig.) Du sollst mir zuvor diesen wimmernden Wurm zertreten, den Liebe zu dir so zu Schanden richtete! Ferdinand (kommt zurck und geht auf und ab in tiefen Gedanken). Zwar die Gewalt des Prsident ist gro--Vaterrecht ist ein weites Wort--der Frevel selbst kann sich in seinen Falten verstecken, er kann es weit damit treiben--weit!--Doch aufs uerste treibt's nur die Liebe--Hier, Luise! Deine Hand ist die meinige! (Er fat diese heftig.) So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlassen soll! --der Augenblick, der diese zwei Hnde trennt, zerreit auch den Faden zwischen mir und der Schpfung! Luise. Mir wird bange! Blick' weg! Deine Lippen beben! Dein Auge rollt frchterlich-Ferdinand. Nein, Luise! Zittre nicht! Es ist nicht Wahnsinn, was aus mir redet. Es ist das kstliche Geschenk des Himmels, Entschlu in dem geltenden Augenblick, wo die geprete Brust nur durch etwas Unerhrtes sich Luft macht--Ich liebe dich, Luise--Du sollst mir bleiben, Luise--Jetzt zu meinem Vater! (Er eilt schnell fort und rennt--gegen den Prsident.) Sechste Scene. Der Prsident mit einem Gefolge von Bedienten. Vorige. Prsident (im Hereintreten). Da ist er schon. Alle (erschrocken). Ferdinand (weicht einige Schritte zurck). Im Hause der Unschuld. Prsident. Wo der Sohn Gehorsam gegen den Vater lernt? Ferdinand. Lassen Sie und das-Prsident (unterbricht ihn, zu Millern). Er ist der Vater? Miller. Stadtmusikant Miller. Prsident (zur Frau). Sie die Mutter? Frau. Ach ja, die Mutter! Ferdinand (zu Millern). Vater, bring Er die Tochter weg--sie droht eine Ohnmacht. Prsident. berflssige Sorgfalt! Ich will sie anstreichen. (Zu Luisen.) Wie lang kennt Sie den Sohn des Prsidenten? Luise. Diesem habe ich nie nachgefragt. Ferdinand von Walter besucht mich seit dem November. Ferdinand. Betet sie an. Prsident. Erhielt sie Versicherungen? Ferdinand. Vor wenig Augenblicken die feierlichste im Angesicht Gottes. Prsident (zornig zu seinem Sohn). Zur Beichte deiner Thorheit wird man dir schon das Zeichen geben. (Zu Luisen.) Ich warte auf Antwort. Luise. Er schwur mir Liebe. Ferdinand. Und wird sie halten. Prsident. Mu ich befehlen, da du schweigst?--Nahm Sie den Schwur an? Luise (zrtlich). Ich erwiederte ihn. Ferdinand (mit fester Stimme). Der Bund ist geschlossen. Prsident. Ich werde das Echo hinaus werfen lassen. (Boshaft zu Luisen.) Aber er bezahlte Sie doch jederzeit baar? Luise (aufmerksam). Diese Frage verstehe ich nicht ganz. Prsident (mit beiendem Lachen). Nicht? Nun! ich meine nur--Jedes Handwerk hat, wie man sagt, einen goldenen Boden--auch Sie, hoff' ich, wird Ihre Gunst nicht verschenkt haben--oder war's Ihr vielleicht mit dem bloen Verschlu gedient? Wie? Ferdinand (fhrt wie rasend auf). Hlle! was war das? Luise (zum Major mit Wrde und Unwillen). Herr von Walter, jetzt sind Sie frei. Ferdinand. Vater! Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im Bettlerkleid. Prsident (lacht lauter). Eine lustige Zumuthung! Der Vater soll die Hure des Sohns respectieren. Luise (strzt nieder). O Himmel und Erde! Ferdinand (mit Luisen zu gleicher Zeit, indem er den Degen nach dem Prsidenten zckt, den er aber schnell wieder sinken lt). Vater! Sie hatten einmal ein Leben an mich zu fordern--Es ist bezahlt. (Den Degen einsteckend.) Der Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt zerrissen da-Miller (der bis jetzt furchtsam auf der Seite gestanden, tritt hervor in Bewegung, wechselweis vor Wuth mit den Zhnen knirschend und vor Angst damit klappernd): Euer Excellenz--Das Kind ist des Vaters Arbeit--Halten zu Gnaden--Wer das Kind eine Mhre schilt, schlgt den Vater ans Ohr, und Ohrfeig um Ohrfeig--Das ist so Tax bei uns--Halten zu Gnaden. Frau. Hilf, Herr und Heiland!--Jetzt bricht auch der Alte los--ber unserm Kopf wird das Wetter zusammenschlagen. Prsident (der es nur halb gehrt hat). Regt sich der Kuppler auch?--Wir sprechen uns gleich, Kuppler. Miller. Halten zu Gnaden. Ich heie Miller, wenn Sie ein Adagio hren wollen--mit Buhlschaften dien' ich nicht. So lang der Hof da noch Vorrath hat, kommt die Lieferung nicht an uns Brgersleut'. Halten zu Gnaden. Frau. Um des Himmels willen, Mann! Du bringst Weib und Kind um. Ferdinand. Sie spielen hier eine Rolle, mein Vater, wobei Sie sich wenigstens die Zeugen htten ersparen knnen. Miller (kommt ihm nher, herzhafter). Deutsch und verstndlich. Halten zu Gnaden. Euer Excellenz schalten und walten im Land. Das ist meine Stube. Mein devotestes Compliment, wenn ich dermaleins ein pro memoria bringe, aber den ungehobelten Gast werf' ich zur Thr hinaus--Halten zu Gnaden. Prsident (vor Wuth bla). Was?--Was ist das? (Tritt nher.) Miller (zieht sich sachte zurck). Das war nur so meine Meinung, Herr--Halten zu Gnaden. Prsident (in Flammen). Ha, Spitzbube! Ins Zuchthaus spricht dich deine vermessene Meinung--Fort! Man soll Gerichtsdiener holen. (Einige vom Gefolge gehen ab; der Prsident rennt voll Wuth durch das Zimmer.) Vater ins Zuchthaus--an den Pranger Mutter und Metze von Tochter!--Die Gerechtigkeit soll meiner Wuth ihre Arme borgen. Fr diesen Schimpf mu ich schreckliche Genugthuung haben--Ein solches Gesindel sollte meine Plane zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn aneinander hetzen?--Ha, Verflucht! Ich will meinen Ha an eurem Untergang sttigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will ich meiner brennenden Rache opfern. Ferdinand (tritt gelassen und standhaft unter sie hin). O nicht doch! Seit auer Furcht! Ich bin zugegen. (Zum Prsidenten mit Unterwrfigkeit.) Keine bereilung, mein Vater! Wenn Sie sich selbst lieben, keine Gewaltthtigkeit!--Es gibt eine Gegend in meinem Herzen, worin das Wort Vater noch nie gehrt worden ist--Dringen Sie nicht bis in diese. Prsident. Nichtswrdiger! Schweig! Reize meinen Grimm nicht noch mehr! Miller (kommt aus einer dumpfen Betubung zu sich selbst). Schau du nach deinem Kinde, Frau. Ich laufe zum Herzog--Der Leibschneider--das hat mir Gott eingeblasen!--der Leibschneider lernt die Flte bei mir. Es kann mir nicht fehlen beim Herzog. (Er will gehen.) Prsident. Beim Herzog, sagst du?--Hast du vergessen, da ich die Schwelle bin, worber du springen oder den Hals brechen mut?--Beim Herzog, du Dummkopf?--Versuch' es, wenn du, lebendig todt, eine Thurmhhe tief, unter dem Boden im Kerker liegst, wo die Nacht mit der Hlle liebugelt und Schall und Licht wieder umkehren. Rale dann mit deinen Ketten und wimmre: Mir ist zu viel geschehen. Siebente Scene. Gerichtsdiener. Die Vorigen. Ferdinand (eilt auf Luisen zu, die ihm halb todt in die Arme fllt). Luise! Hilfe! Rettung! Der Schrecken berwltigt sie! Miller (ergreift sein spanisches Rohr, setzt den Hut auf und macht sich zum Angriff gefat). Frau (wirft sich auf die Kniee vor dem Prsident). Prsident (zu den Gerichtsdienern, seinen Orden entblend). Legt Hand an, im Namen des Herzogs--Weg von der Metze, Junge--Ohnmchtig oder nicht--wenn sie nur erst das eiserne Halsband um hat, wird man sie schon mit Steinwrfen aufwecken. Frau. Erbarmung, Ihro Excellenz! Erbarmung! Erbarmung! Miller (reit seine Frau in die Hhe). Knie vor Gott! alte Heulhure, und nicht vor--Schelmen, weil ich ja doch schon ins Zuchthaus mu. Prsident (beit die Lippen). Du kannst dich verrechnen, Bube. Es stehen noch Galgen leer! (Zu den Gerichtsdienern.) Mu ich es noch einmal sagen? Gerichtsdiener (dringen auf Luisen ein). Ferdinand (springt an ihr auf und stellt sich vor sie, grimmig). Wer will was? (Er zieht den Degen sammt der Scheide und wehrt sich mit dem Gef.) Wag' es, sie anzurhren, wer nicht auch die Hirnschale an die Gerichte vermiethet hat. (Zum Prsident.) Schonen Sie Ihrer selbst! Treiben Sie mich nicht weiter, mein Vater. Prsident (drohend zu den Gerichtsdienern). Wenn euch euer Brod lieb ist, Memmen-Gerichtsdiener (greifen Luisen wieder an). Ferdinand. Tod und alle Teufel! Ich sage: Zurck!--Noch einmal! Haben Sie Erbarmen mit sich selbst. Treiben Sie mich nicht aufs uerste, Vater. Prsident (aufgebracht zu den Gerichtsdienern). Ist das euer Diensteifer, Schurken? Gerichtsdiener (greifen hitziger an). Ferdinand. Wenn es denn sein mu (indem er den Degen zieht und einige von denselben verwundet), so verzeih mir, Gerechtigkeit! Prsident (voll Zorn). Ich will doch sehen, ob auch ich diesen Degen fhle. (Er fat Luisen selbst, zerrt sie in die Hhe und bergibt sie einem Gerichtsknecht.) Ferdinand (lacht erbittert). Vater, Vater! Sie machen hier ein beiendes Pasquill auf die Gottheit, die sich so bel auf ihre Leute verstund und aus vollkommenen Henkersknechten schlechte Minister machte. Prsident (zu den brigen). Fort mit ihr! Ferdinand. Vater, sie soll an den Pranger stehen, aber mit dem Major, des Prsidenten Sohn--Bestehen Sie noch darauf? Prsident. Desto possierlicher wird das Spektakel--Fort! Ferdinand. Vater, ich werfe meinen Officiersdegen auf das Mdchen. --Bestehen Sie noch darauf? Prsident. Das Porte-Epe ist an deiner Seite des Prangerstehens gewohnt worden--Fort! Fort! Ihr wit meinen Willen. Ferdinand (drckt einen Gerichtsdiener weg, fat Luisen an einem Arm, mit dem andern zckt er den Degen auf sie). Vater! Eh Sie meine Gemahlin beschimpfen, durchsto' ich sie--Bestehen Sie noch darauf? Prsident. Thu' es, wenn deine Klinge noch spitzig ist. Ferdinand (lt Luisen fahren und blickt frchterlich zum Himmel). Du, Allmchtiger, bist Zeuge! Kein menschliches Mittel lie ich unversucht--ich mu zu einem teuflischen schreiten--Ihr fhrt sie zum Pranger fort, unterdessen (dem Prsidenten ins Ohr rufend) erzhl' ich der Residenz eine Geschichte, wie man Prsident wird. (Ab.) Prsident (wie vom Blitz gerhrt). Was ist das?--Ferdinand--Lat sie ledig! (Er eilt dem Major nach.) Dritter Akt. Saal beim Prsidenten. Erste Scene. Der Prsident und Sekretr Wurm kommen. Prsident. Der Streich war verwnscht. Wurm. Wie ich befrchtete, gndiger Herr. Zwang erbittert die Schwrmer immer, aber bekehrt sie nie. Prsident. Ich hatte mein bestes Vertrauen in diesen Anschlag gesetzt. Ich urtheilte so: Wenn das Mdchen beschimpft wird, mu er, als Officier, zurcktreten. Wurm. Ganz vortrefflich. Aber zum Beschimpfen htt' es auch kommen sollen. Prsident. Und doch--wenn ich es jetzt mit kaltem Blut berdenke--Ich htte mich nicht sollen eintreiben lassen--Es war eine Drohung, woraus er wohl nimmermehr Ernst gemacht htte. Wurm. Das denken Sie ja nicht. Der gereizten Leidenschaft ist keine Thorheit zu bunt. Sie sagen mir, der Herr Major habe immer den Kopf zu Ihrer Regierung geschttelt. Ich glaub's. Die Grundstze, die er aus Akademien hieher brachte, wollten mir gleich nicht recht einleuchten. Was sollten auch die phantastischen Trumereien von Seelengre und persnlichem Adel an einem Hof, wo die grte Weisheit diejenige ist, im rechten Tempo, auf eine geschickte Art, gro und klein zu sein! Er ist zu jung und zu feurig, um Geschmack am langsamen, krummen Gang der Kabale zu finden, und nichts wird seine Ambition in Bewegung setzen, als was gro ist und abenteuerlich. Prsident (verdrielich). Aber was wird diese wohlweise Anmerkung an unserm Handel verbessern? Wurm. Wie wird Ew. Excellenz auf die Wunde hinweisen, und auch vielleicht auf den Verband. Einen solchen Charakter--erlauben Sie--htte man entweder nie zum Vertrauten, oder niemals zum Feind machen sollen. Er verabscheut das Mittel, wodurch Sie gestiegen sind. Vielleicht war es bis jetzt nur der Sohn, der die Zunge des Verrthers band. Geben Sie ihm Gelegenheit, jenen rechtmig abzuschtteln; machen Sie ihn durch wiederholte Strme auf seine Leidenschaft glauben, da Sie der zrtliche Vater nicht sind, so dringen die Pflichten des Patrioten bei ihm vor. Ja, schon allein die seltsame Phantasie, der Gerechtigkeit ein so merkwrdiges Opfer zu bringen, knnte Reiz genug fr ihn haben, selbst seinen Vater zu strzen. Prsident. Wurm--Wurm--Er fhrt mich da vor einen entsetzlichen Abgrund. Wurm. Ich will Sie zurckfhren, gndiger Herr. Darf ich freimthig reden? Prsident (indem er sich niedersetzt). Wie ein Verdammter zum Mitverdammten. Wurm. Also verzeihen Sie--Sie haben, dnkt mich, der biegsamen Hofkunst den ganzen Prsidenten zu danken, warum vertrauen Sie ihr nicht auch den Vater an? Ich besinne mich, mit welcher Offenheit Sie Ihren Vorgnger damals zu einer Partie Piquet beredeten und bei ihm die halbe Nacht mit freundschaftlichem Burgunder hinwegschwemmten, und das war doch die nmliche Nacht, wo die groe Mine losgehen und den guten Mann in die Luft blasen sollte--Warum zeigten Sie Ihrem Sohne den Feind? Nimmermehr htte dieser erfahren sollen, da ich um seine Liebesangelegenheit wisse. Sie htten den Roman von Seiten des Mdchens unterhhlt und das Herz Ihres Sohnes behalten. Sie htten den klugen General gespielt, der den Feind nicht am Kern seiner Truppen fat, sondern Spaltungen unter den Gliedern stiftet. Prsident. Wie war das zu machen? Wurm. Auf die einfachste Art--und die Karten sind noch nicht ganz vergeben. Unterdrcken Sie eine Zeit lang, da Sie Vater sind. Messen Sie sich mit einer Leidenschaft nicht, die jeder Widerstand nur mchtiger machte--berlassen Sie es mir, an ihrem eigenen Feuer den Wurm auszubrten, der sie zerfrit. Prsident. Ich bin begierig. Wurm. Ich mte mich schlecht auf den Barometer der Seele verstehen, oder der Herr Major ist in der Eifersucht schrecklich, wie in der Liebe. Machen Sie ihm das Mdchen verdchtig--Wahrscheinlich oder nicht. Ein Gran Hefe reicht hin, die ganze Masse in eine zerstrende Ghrung zu jagen. Prsident. Aber woher diesen Gran nehmen? Wurm. Da sind wir auf dem Punkt--vor allen Dingen, gndiger Herr, erklren Sie sich mir, wie viel Sie bei der ferneren Weigerung des Majors auf dem Spiel haben--in welchem Grade es Ihnen wichtig ist, den Roman mit dem Brgermdchen zu endigen und die Verbindung mit Lady Milford zu Stand zu bringen? Prsident. Kann Er noch fragen, Wurm?--Mein ganzer Einflu ist in Gefahr, wenn die Partie mit der Lady zurckgeht, und wenn ich den Major zwinge, mein Hals. Wurm (munter). Jetzt haben Sie die Gnade und hren--Den Herrn Major umspinnen wir mit List. Gegen das Mdchen nehmen wir Ihre ganze Gewalt zu Hilfe. Wir dictieren ihr ein Billetdoux an eine dritte Person in die Feder und spielen das mit guter Art dem Major in die Hnde. Prsident. Toller Einfall! Als ob sie sich so geschwind hin bequemen wrde, ihr eigenes Todesurtheil zu schreiben? Wurm. Sie mu, wenn Sie mir freie Hand lassen wollen. Ich kenne das gute Herz auf und nieder. Sie hat nicht mehr als zwo tdtliche Seiten, durch welche wir ihre Gewissen bestrmen knnen--ihren Vater und den Major. Der letztere bleibt ganz und gar aus dem Spiel; desto freier knnen wir mit dem Musikanten umspringen. Prsident. Als zum Exempel? Wurm. Nach Dem, was Ew. Excellenz mir von dem Auftritt in seinem Hause gesagt haben, wird nichts leichter sein, als den Vater mit einem Halsproce zu bedrohen. Die Person des Gnstlings und Siegelbewahrers ist gewissermaen der Schatten der Majestt--Beleidigungen gegen jenen sind Verletzungen dieser--Wenigstens will ich den armen Schcher mit diesem zusammengeflickten Kobold durch ein Nadelhr jagen. Prsident. Doch--ernsthaft drfte der Handel nicht werden. Wurm. Ganz und gar nicht--Nur in so weit, als es nthig ist, die Familie in die Klemme zu treiben--Wir setzen also in aller Stille den Musikus fest--Die Noth um so dringender zu machen, knnte man auch die Mutter mitnehmen,--sprechen von peinlicher Anklage, von Schaffot, von ewiger Festung, und machen den Brief der Tochter zur einzigen Bedingung seiner Befreiung. Prsident. Gut! Gut! Ich verstehe. Wurm. Sie liebt ihren Vater--bis zur Leidenschaft, mcht' ich sagen. Die Gefahr seines Lebens--seiner Freiheit zum Mindesten--die Vorwrfe ihres Gewissens, den Anla dazu gegeben zu haben--die Unmglichkeit, den Major zu besitzen--endlich die Betubung ihres Kopfs, die ich auf mich nehme--es kann nicht fehlen--sie mu in die Falle gehn. Prsident. Aber mein Sohn? Wird er nicht auf der Stelle Wind davon haben? Wurm. Das lassen Sie meine Sorge sein, gndiger Herr--Vater und Mutter werden nicht eher freigelassen, bis die ganze Familie einen krperlichen Eid darauf abgelegt, den ganzen Vorgang geheim zu halten und den Betrug zu besttigen. Prsident. Einen Eid? Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf? Wurm. Nichts bei uns, gndiger Herr! Bei dieser Menschenart Alles--Und sehen Sie nun, wie schn wir Beide auf diese Manier zum Ziele kommen werden--Das Mdchen verliert die Liebe des Majors und den Ruf ihrer Tugend. Vater und Mutter ziehen gelindere Saiten auf, und durch und durch weich gemacht von Schicksalen dieser Art, erkennen sie's noch zuletzt fr Erbarmung, wenn ich der Tochter durch meine Hand ihre Reputation wieder gebe. Prsident (lacht unter Kopfschtteln). Ja, ich gebe mich dir berwunden, Schurke! Das Geweb' ist satanisch fein. Der Schler bertrifft seinen Meister--Nun ist die Frage, an wen das Billet mu gerichtet werden? Mit wem wir sie in Verdacht bringen mssen? Wurm. Nothwendig mit Jemand, der durch den Entschlu Ihres Sohnes Alles gewinnen oder Alles verlieren mu. Wurm (nach einigem Nachdenken). Ich wei nur den Hofmarschall. Wurm (zuckt die Achseln). Mein Geschmack wr' es nun freilich nicht, wenn ich Luise Millerin hiee. Prsident. Und warum nicht? Wunderlich! Eine blendende Garderobe--Eine Atmosphre von Eau de mille fleurs und Bisam--und jedes alberne Wort eine Handvoll Ducaten--und alles Das sollte die Delicatesse einer brgerlichen Dirne nicht endlich bestechen knnen? O, guter Freund! so scrupuls ist die Eifersucht nicht! Ich schicke zum Marschall. (Klingelt.) Wurm. Unterdessen, da Ew. Excellenz dieses und die Gefangennehmung des Geigers besorgen, werd' ich hingehen und den bewuten Liebesbrief aufsetzen. Prsident (zum Schreibpult gehend). Den Er mir zum Durchlesen heraufbringt, sobald er zu Stand sein wird. (Wurm geht ab. Der Prsident setzt sich zu schreiben; ein Kammerdiener kommt; er steht auf und gibt ihm ein Papier.) Dieser Verhaftsbefehl mu ohne Aufschub in die Gerichte--ein Andrer von euch wird den Hofmarschall zu mir bitten. Kammerdiener. Der gndige Herr sind so eben hier angefahren. Prsident. Noch besser--aber die Anstalten sollen mit Vorsicht getroffen werden, sagt ihr, da kein Aufstand erfolgt. Kammerdiener. Sehr wohl, Ihr' Excellenz! Prsident. Versteht ihr? Ganz in der Stille! Kammerdiener. Ganz gut, Ihr' Excellenz! (Ab.) Zweite Scene. Der Prsident und der Hofmarschall. Hofmarschall (eilfertig). Nur en passant, mein Bester!--Wie leben Sie? Wie befinden Sie sich?--Heute Abend ist groe Opra Dido--das sperbeste Feuerwerk--eine ganze Stadt brennt zusammen--Sie sehen sie doch auch brennen? Was? Prsident. Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt--Sie kommen erwnscht, lieber Marschall, mir in einer Sache zu rathen, thtig zu helfen, die uns Beide poussiert, oder vllig zu Grund richtet. Setzen Sie sich. Hofmarschall. Machen Sie mir nicht Angst, mein Ser. Prsident. Wie gesagt--poussiert, oder ganz zu Grund richtet. Sie wissen mein Project mit dem Major und der Lady. Sie begreifen auch, wie unentbehrlich es war, unser Beider Glck zu fixieren. Es kann Alles zusammenfallen, Kalb. Mein Ferdinand will nicht. Hofmarschall. Will nicht--will nicht--ich hab's ja in der ganzen Stadt schon herumgesagt. Die Mariage ist in Jedermanns Munde. Prsident. Sie knnen vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen. Er liebt eine Andere. Hofmarschall. Sie scherzen. Ist das auch wohl ein Hindernis? Prsident. Bei dem Trotzkopf das unberwindlichste. Hofmarschall. Er soll so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich stoen? Was? Prsident. Fragen Sie ihn das und hren Sie, was er antwortet. Hofmarschall. Aber, mon Dieu! was kann er denn antworten? Prsident. Da er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle, wodurch wir gestiegen sind--da er unsere falschen Briefe und Quittungen angeben--da er uns Beide ans Messer liefern wolle--das kann er antworten. Hofmarschall. Sind Sie von Sinnen? Prsident. Das hat er geantwortet. Das war er schon Willens, ins Werk zu richten--Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine hchste Erniedrigung abgebracht. Was wissen Sie hierauf zu sagen? Hofmarschall (mit einem Schafsgesicht). Mein Verstand steht still. Prsident. Das knnte noch hingehen. Aber zugleich hinterbringen mir meine Spionen, da der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei, um die Lady zu werben. Hofmarschall. Sie machen mich rasend. Wer sagen Sie? von Bock sagen Sie?--Wissen Sie denn auch, da wir Todfeinde zusammen sind? Wissen Sie auch, warum wir es sind? Prsident. Das erste Wort, das ich hre. Hofmarschall. Bester! Sie werden hren, und aus der Haut werden Sie fahren--Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen--es geht jetzt ins einundzwanzigste Jahr--wissen Sie, worauf man den ersten Englischen tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heie Wachs von einem Kronleuchter auf den Domino trpfelte--Ach Gott, das mssen Sie freilich noch wissen! Prsident. Wer knnte so was vergessen? Hofmarschall. Sehen Sie! da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des Tanzes ein Strumpfband verloren--Alles kommt, wie befreiflich ist, in Allarm--von Bock und ich--wir waren noch Kammerjunker--wir kriechen durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen--endlich erblick ich's--von Bock merkt's--von Bock darauf zu, reit es mir aus den Hnden--ich bitte Sie!--bringt's der Prinzessin und schnappt mir glcklich das Compliment weg--Was denken Sie? Prsident. Impertinent! Hofmarschall. Schnappt mir das Compliment weg--Ich meine in Ohnmacht zu sinken. Eine solche Malice ist gar nicht erlebt worden.--Endlich ermann' ich mich, nhere mich Ihrer Durchlaucht und spreche: Gndigste Frau! von Bock war so glcklich, Hchstdenenselben das Strumpfband zu berreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte, belohnt sich in der Stille und schweigt. Prsident. Bravo, Marschall! Bravissimo! Hofmarschall. Und schweigt--Aber ich werd's dem von Bock bis zum jngsten Gerichte noch nachtragen--der niedertrchtige, kriechende Schmeichler!--Und das war noch nicht genug--wie wir beide zugleich auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen Ball. Prsident. Das ist der Mann, der die Milford heirathen und die erste Person am Hof werden wird. Hofmarschall. Sie stoen mir ein Messer ins Herz. Wird? wird? Warum wird er? Wo ist die Nothwendigkeit? Prsident. Weil mein Ferdinand nicht will und sonst Keiner sich meldet. Hofmarschall. Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, den Major zum Entschlu zu bringen?--Sei's auch noch so bizarr, so verzweifelt!--Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt nicht willkommen wre, den verhaten von Bock auszustechen? Prsident. Ich wei nur eines, und das bei Ihnen steht. Hofmarschall. Bei mir steht? Und das ist? Prsident. Den Major mit seiner Geliebten zu entzweien. Hofmarschall. Zu entzweien? Wie meinen Sie das?--Und wie mach' ich das? Prsident. Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Mdchen verdchtig machen. Hofmarschall. Da sie stehle, meinen Sie? Prsident. Ach nein doch! Wie glaubte er das?--da sie es noch mit einem Andern habe. Hofmarschall. Dieser Andre? Prsident. Mten Sie sein, Baron. Hofmarschall. Ich sein? Ich?--Ist sie von Adel? Prsident. Wozu das? Welcher Einfall!--Eines Musikanten Tochter. Hofmarschall. Brgerlich also? Das wird nicht angehen. Was? Prsident. Was wird nicht angehen? Narrenspossen! Wem unter der Sonne wird es einfallen, ein paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu fragen? Hofmarschall. Aber bedenken Sie doch, ein Ehmann! Und meine Reputation bei Hofe. Prsident. Das ist was anders. Verzeihen Sie. Ich habe das noch nicht gewut, da Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr ist, als der von Einflu. Wollen wir abbrechen? Hofmarschall. Seien Sie klug, Baron. Es war ja nicht so verstanden. Prsident (frostig). Nein--nein! Sie haben vollkommen Recht. Ich bin es auch mde. Ich lasse den Karren stehen. Dem von Bock wnsch' ich Glck zum Premierminister. Die Welt ist noch anderswo. Ich fordre meine Entlassung vom Herzog. Hofmarschall. Und ich?--Sie haben gut schwatzen, Sie! Sie sind ein Studierter! Aber ich,--mon Dieu!--was bin dann ich, wenn mich Seine Durchleucht entlassen? Prsident. Ein Bonmot von vorgestern. Die Mode vom vorigen Jahr. Hofmarschall. Ich beschwre Sie, Theurer, Goldner!--Ersticken Sie diesen Gedanken! Ich will mir ja Alles gefallen lassen. Prsident. Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den Ihnen diese Millerin schriftlich vorschlagen soll? Hofmarschall. Im Namen Gottes! Ich will ihn hergeben. Prsident. Und den Brief irgendwo herausfallen lassen, wo er dem Major zu Gesicht kommen mu? Hofmarschall. Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von ungefhr, mit dem Schnupftuch heraus schleudern. Prsident. Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten? Hofmarschall. Mort de ma vie! Ich will ihn schon waschen! Ich will dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden. Prsident. Nun geht's nach Wunsch. Der Brief mu noch heute geschrieben sein. Sie mssen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen und Ihre Rolle mit mir zu berichtigen. Hofmarschall. Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die von allerhchster Importance sind. Verzeihen Sie also, wenn ich mich ohne Aufschub beurlaube. (Geht.) Prsident (klingelt). Ich zhle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall. Hofmarschall (ruft zurck). Ah, mon Dieu!--Sie kennen mich ja. Dritte Scene. Der Prsident und Wurm. Wurm. Der Geiger und seine Frau sind glcklich und ohne alles Gerusch in Verhaft gebracht. Wollen Ew. Excellenz jetzt den Brief berlesen? Prsident (nachdem er gelesen). Herrlich! herrlich, Secretr! Auch der Marschall hat angebissen!--Ein Gift wie das mte die Gesundheit selbst in eiternden Aussatz verwandeln--Nun gleich mit den Vorschlgen zum Vater, und dann warm zu der Tochter. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.) Vierte Scene. Zimmer in Millers Wohnung. Luise und Ferdinand. Luise. Ich bitte dich, hre auf. Ich glaube an keine glcklichen Tage mehr. Alle meine Hoffnungen sind gesunken. Ferdinand. So sind die meinigen gestiegen. Mein Vater ist aufgereizt; mein Vater wird alle Geschtze gegen uns richten. Er wird mich zwingen, den unmenschlichen Sohn zu machen. Ich stehe nicht mehr fr meine kindliche Pflicht. Wuth und Verzweiflung werden mir das schwarze Geheimni seiner Mordthat erpressen. Der Sohn wird den Vater in die Hnde des Henkers liefern--Es ist die hchste Gefahr--und die hchste Gefahr mute da sein, wenn meine Liebe den Riesensprung wagen sollte--Hre, Luise--Ein Gedanke, gro und vermessen wie meine Leidenschaft, drngt sich vor meine Seele--Du, Luise, und ich und die Liebe!--liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu? Luise. Brich ab. Nichts mehr. Ich erblasse ber Das, was du sagen willst. Ferdinand. Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn ihren Beifall erbetteln? Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und Alles verloren werden kann?--Wird dieses Aug nicht eben so schmelzend funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt, oder im baltischen Meer? Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt. Deine Futapfe in wilden, sandigten Wsten mir interessanter, als das Mnster in meiner Heimath--Werden wir die Pracht der Stdte vermissen? Wo wir sein mgen, Luise, geht eine Sonne auf, eine unter--Schauspiele, neben welchen der ppigste Schwung der Knste verblat. Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, so ziehet die Nacht mit begeisterndem Schauern auf, der wechselnde Mond predigt uns Bue, und eine andchtige Kirche von Sternen betet mit uns. Werden wir uns in Gesprchen der Liebe erschpfen?--Ein Lcheln meiner Luise ist Stoff fr Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist aus, bis ich diese Thrne ergrnde. Luise. Und httest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe? Ferdinand (sie umarmend). Deine Ruhe ist meine heiligste. Luise (sehr ernsthaft). So schweig und verla mich--Ich habe einen Vater, der kein Vermgen hat, als diese einzige Tochter--der morgen sechzig wird--der der Rache des Prsidenten gewi ist.-Ferdinand (fllt rasch ein). Der uns begleiten wird. Darum keinen Einwurf mehr, Liebe. Ich gehe, mache meine Kostbarkeiten zu Geld, erhebe Summen auf meinen Vater. Es ist erlaubt, einen Ruber zu plndern, und sind seine Schtze nicht Blutgeld des Vaterlands?--Schlag ein Uhr um Mitternacht wird ein Wagen hier anfahren. Ihr werft euch hinein. Wir fliehen. Luise. Und der Fluch deines Vaters uns nach?--ein Fluch, Unbesonnener, den auch Mrder nie ohne Erhrung aussprechen, den die Rache des Himmels auch dem Dieb auf dem Rade hlt, der uns Flchtlinge unbarmherzig wie ein Gespenst von Meer zu Meer jagen wrde?--Nein, mein Geliebter! Wenn nur ein Frevel dich mir erhalten kann, so hab' ich noch Strke, dich zu verlieren. Ferdinand (steht still und murmelt dster). Wirklich? Luise. Verlieren!--O, ohne Grenzen entsetzlich ist der Gedanke--grlich genug, den unsterblichen Geist zu durchbohren und die glhende Wange der Freude zu bleichen--Ferdinand! dich zu verlieren! Doch, man verliert ja nur, was man besessen hat, und dein Herz gehrt deinem Stande--Mein Anspruch war Kirchenraub, und schaudernd geb' ich ihn auf. Ferdinand (das Gesicht verzerrt und an der Unterlippe nagend). Gibst du ihn auf. Luise. Nein! Sieh mich an, lieber Walter. Nicht so bitter die Zhne geknirscht. Komm! La mich jetzt deinen sterbenden Muth durch mein Beispiel beleben. La mich die Heldin dieses Augenblicks sein--einem Vater den entflohenen Sohn wieder schenken--einem Bndni entsagen, das die Fugen der Brgerwelt auseinander treiben und die allgemeine ewige Ordnung zu Grund strzen wrde--Ich bin die Verbrecherin--mit frechen, thrigten Wnschen hat sich mein Busen getragen--mein Unglck ist meine Strafe, so la mir doch jetzt die se, schmeichelnde Tuschung, da es mein Opfer war--Wirst du mir diese Wollust mignnen? Ferdinand (hat in der Zerstreuung und Wuth eine Violine ergriffen und auf derselben zu spielen versucht--Jetzt zerreit er die Saiten, zerschmettert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes Gelchter aus). Luise. Walter! Gott im Himmel! Was soll das?--Ermanne dich! --Fassung verlangt diese Stunde--es ist eine trennende. Du hast ein Herz, lieber Walter. Ich kenne es.--Warm wie das Leben ist deine Liebe, und ohne Schranken wie das Unermeliche--Schenke sie einer Edeln und Wrdigern--sie wird die Glcklichste ihres Geschlechts nicht beneiden--(Thrnen unterdrckend.) Mich sollst du nicht mehr sehn--Das eitle betrogene Mdchen verweine seinen Gram in einsamen Mauern, um seine Thrnen wird sich Niemand bekmmern--Leer und erstorben ist meine Zukunft--Doch werd' ich noch je und je am verwelkten Strau der Vergangenheit riechen. (Indem sie ihm mit abgewandtem Gesicht ihre zitternde Hand gibt.) Leben Sie wohl, Herr von Walter. Ferdinand (springt aus seiner Betubung auf). Ich entfliehe, Luise. Willst du mir wirklich nicht folgen? Luise (hat sich im Hintergrund des Zimmers niedergesetzt und hlt das Gesicht mit beiden Hnden bedeckt). Meine Pflicht heit mich bleiben und dulden. Ferdinand. Schlange, du lgst. Dich fesselt was anders hier. Luise (im Ton des tiefsten inwendigen Leidens). Bleiben Sie bei dieser Vermuthung--sie macht vielleicht weniger elend. Ferdinand. Kalte Pflicht gegen feurige Liebe!--Und mich soll das Mrchen blenden? Ein Liebhaber fesselt dich, und Weh ber dich und ihn, wenn mein Verdacht sich besttigt. (Geht schnell ab.) Fnfte Scene. Luise allein.--(Sie bleibt noch eine Zeit lang ohne Bewegung und stumm in dem Sessel liegen, endlich steht sie auf, kommt vorwrts und sieht furchtsam herum.) Wo meine Eltern bleiben?--Mein Vater versprach, in wenigen Minuten zurck zu sein, und schon sind fnf volle frchterliche Stunden vorber--Wenn ihm ein Unfall--wie wird mir?--Warum geht mein Odem so ngstlich? (Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen, ohne von ihr bemerkt zu werden.) Es ist nichts Wirkliches--Es ist nichts als das schaudernde Gaukelspiel des erhitzten Geblths--Hat unsre Seele nur einmal Entsetzen genug in sich getrunken, so wird das Aug in jedem Winkel Gespenster sehn. Sechste Scene. Luise und Secretr Wurm. Wurm (kommt nher). Guten Abend, Jungfer. Luise. Gott! Wer spricht da? (Sie dreht sich um, wird den Secretr gewahr und tritt erschrocken zurck.) Schrecklich! Schrecklich! Meiner ngstlichen Ahnung eilt schon die unglckseligste Erfllung nach. (Zum Secretr mit einem Blick voll Verachtung.) Suchen Sie etwa den Prsidenten? Er ist nicht mehr da. Wurm. Jungfer, ich suche Sie. Luise. So mu ich mich wundern, da Sie nicht nach dem Marktplatz gingen. Wurm. Warum eben dahin? Luise. Ihre Braut von der Schaubhne abzuholen. Wurm. Mamsell Millerin, Sie haben einen falschen Verdacht-Luise (unterdrckt eine Antwort). Was steht Ihnen zu Diensten? Wurm. Ich komme, geschickt von Ihrem Vater. Luise (bestrzt). Von meinem Vater?--Wieder ist mein Vater? Wurm. Wo er nicht gern ist. Luise. Um Gotteswillen! Geschwind! Mich befllt eine ble Ahnung--Wo ist mein Vater? Wurm. Im Thurm, wenn Sie es ja wissen wollen. Luise (mit einem Blick zum Himmel). Das noch! Das auch noch!--Im Thurm? Und warum im Thurm? Wurm. Auf Befehl des Herzogs. Luise. Des Herzogs? Wurm. Der die Verletzung der Majestt in der Person seines Stellvertreters-Luise. Was? was? O ewige Allmacht! Wurm. Auffallend zu ahnden beschlossen hat. Luise. Das war noch brig! Das!--Freilich, freilich, mein Herz hatte noch auer dem Major etwas Theures--das durfte nicht bergangen werden--Verletzung der Majestt--Himmlische Vorsicht! Rette! o rette meinen sinkenden Glauben!--Und Ferdinand? Wurm. Whlt Lady Milford, oder Fluch und Enterbung. Luise. Entsetzliche Freiheit!--Und doch--doch ist er glcklicher. Er hat keinen Vater zu verlieren. Zwar keinen haben, ist Verdammni genug!--Mein Vater auf Verletzung der Majestt--mein Geliebter die Lady oder Fluch und Enterbung--Wahrlich bewundernswerth! Eine vollkommene Bberei ist auch eine Vollkommenheit--Vollkommenheit? Nein! dazu fehlt noch etwas--Wo ist meine Mutter? Wurm. Im Spinnhaus. Luise (mit schmerzvollem Lcheln). Jetzt ist es vllig!--Vllig, und jetzt wr' ich ja frei--Abgeschlt von allen Pflichten--und Thrnen--und Freuden. Abgeschlt von der Vorsicht. Ich brauch' sie ja nicht mehr--(Schreckliches Stillschweigen.) Haben Sie vielleicht noch eine Zeitung? Reden Sie immerhin. Jetzt kann ich Alles hren. Wurm. Was geschehen ist, wissen Sie. Luise. Also nicht, was noch kommen wird? (Wiederum Pause, worin sie den Secretr von oben bis unten ansieht.) Armer Mensch! du treibst ein trauriges Handwerk, wobei du unmglich selig werden kannst. Unglckliche machen, ist schon schrecklich genug, aber grlich ist's, es ihnen verkndigen--ihn vorzusingen, den Eulengesang, dabei stehn, wenn das blutende Herz am eisernen Schaft der Nothwendigkeit zittert und Christen an Gott zweifeln--Der Himmel bewahre mich! Und wrde dir jeder Angsttropfe, den du fallen siehst, mit einer Tonne Golds aufgewogen--ich mchte nicht du sein--Was kann noch geschehen? Wurm. Ich wei nicht. Luise. Sie wollen nicht wissen?--Diese lichtscheue Bothschaft frchtet das Gerusch der Worte, aber in der Grabesstille Ihres Gesichts zeigt sich mir das Gespenst--Was ist noch brig?--Sie sagten vorhin, der Herzog wollte es auffallend ahnden? Was nennen Sie auffallend? Wurm. Fragen Sie nichts mehr. Luise. Hre, Mensch! Du gingst beim Henker zur Schule. Wie verstndest du sonst, das Eisen erst langsam bedchtlich an den knirschenden Gelenken hinaufzufhren und das zuckende Herz mit dem Streich der Erbarmung zu necken?--Welches Schicksal wartet auf meinen Vater? Es ist Tod in Dem, was du lachend sagst; wie mag Das aussehen, was du an dich hltst? Sprich es aus. La mich sie auf einmal haben, die ganze zermalmende Ladung. Was wartet auf meinen Vater? Wurm. Ein Criminal-Proce. Luise. Was ist aber das?--Ich bin ein unwissendes, unschuldiges Ding, verstehe mich wenig auf eure frchterlichen lateinischen Wrter. Was heit Criminal-Proce? Wurm. Gericht um Leben und Tod. Luise (standhaft). So dank' ich Ihnen! (Sie eilt schnell in ein Seitenzimmer.) Wurm (steht betroffen da). Wo will das hinaus! Sollte die Nrrin etwa?--Teufel! Sie wird doch nicht--Ich eile nach--ich mu fr ihr Leben brgen. (Im Begriff, ihr zu folgen.) Luise (kommt zurck, einen Mantel umgeworfen). Verzeihen Sie, Secretr. Ich schliee das Zimmer. Wurm. Und wohin denn so eilig? Luise. Zum Herzog. (Will fort.) Wurm. Was? Wo hin? (Er hlt sie erschrocken zurck.) Luise. Zum Herzog. Hren Sie nicht? Zu eben dem Herzog, der meinen Vater auf Tod und Leben will richten lassen--Nein! nicht will--mu richten lassen, weil einige Bswichter wollen; der zu dem ganzen Proce der beleidigten Majestt nichts hergibt, als eine Majestt und seine frstliche Handschrift. Wurm (lacht berlaut). Zum Herzog! Luise. Ich wei, worber Sie lachen--aber ich will ja auch kein Erbarmen dort finden--Gott bewahre mich! nur Ekel--Ekel nur an meinem Geschrei. Man hat mir gesagt, da die Groen der Welt noch nicht belehrt sind, was Elend ist--nicht wollen belehrt sein. Ich will ihm sagen, was Elend ist--will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des Todes, was Elend ist--will es ihm vorheulen in Mark und Bein zermalmenden Tnen, was Elend ist--und wenn ihm jetzt ber der Beschreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch zum Schlu in die Ohren schrei'n, da in der Sterbestunde auch die Lungen der Erdengtter zu rcheln anfangen und das jngste Gericht Majestten und Bettler in dem nmlichen Siebe rttelt. (Sie will gehen.) Wurm (boshaft freundlich). Gehen Sie, o gehen Sie ja. Sie knnen wahrlich nichts Klgeres thun. Ich rathe es Ihnen, gehen Sie, und ich gebe Ihnen mein Wort, da der Herzog willfahren wird. Luise (steht pltzlich still). Wie sagen Sie?--Sie rathen mir selbst dazu? (Kommt schnell zurck.) Hm! Was will ich denn? Etwas Abscheuliches mu es sein, weil dieser Mensch dazu rathet--Woher wissen Sie, da der Frst mir willfahren wird? Wurm. Weil er es nicht wird umsonst thun drfen. Luise. Nicht umsonst? Welchen Preis kann er auf eine Menschlichkeit setzen? Wurm. Die schne Supplicantin ist Preises genug. Luise (bleibt erstarrt stehen, dann mit brechendem Laut). Allgerechter! Wurm. Und einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um diese gndige Taxe nicht berfordert finden? Luise (auf und ab, auer Fassung). Ja! ja! Es ist wahr! Sie sind verschanzt, eure Groen--verschanzt vor der Wahrheit hinter ihre eigenen Laster, wie hinter Schwerter der Cherubim--Helfe dir der Allmchtige, Vater! Deine Tochter kann fr dich sterben, aber nicht sndigen. Wurm. Das mag ihm wohl eine Neuigkeit sein, dem armen verlassenen Mann--"Meine Luise," sagte er mir, "hat mich zu Boden geworfen. Meine Luise wird mich auch aufrichten."--Ich eile, Mamsell, ihm die Antwort zu bringen. (Stellt sich, als ob er ginge.) Luise (eilt ihm nach, hlt ihn zurck). Bleiben Sie! bleiben Sie! Geduld! Wie flink dieser Satan ist, wenn es gilt, Menschen rasend zu machen!--Ich hab' ihn niedergeworfen. Ich mu ihn aufrichten. Reden Sie! Rathen Sie! Was kann ich? was mu ich thun? Wurm. Es ist nur ein Mittel. Luise. Dieses einzige Mittel? Wurm. Auch Ihr Vater wnscht-Luise. Auch mein Vater?--Was ist das fr ein Mittel? Wurm. Es ist Ihnen leicht. Luise. Ich kenne nichts Schwereres, als die Schande. Wurm. Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen. Luise. Von seiner Liebe? Spotten Sie meiner?--Das meiner Willkr zu berlassen, wozu ich gezwungen ward? Wurm. So ist es nicht gemeint, liebe Jungfer. Der Major mu zuerst und freiwillig zurcktreten. Luise. Er wird nicht. Wurm. So scheint es. Wrde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen knnten? Luise. Kann ich ihn zwingen, da er mich hassen mu? Wurm. Wir wollen versuchen. Setzen Sie sich. Luise (betreten). Mensch! Was brtest du? Wurm. Setzen Sie sich. Schreiben Sie! Hier ist Feder, Papier und Dinte. Luise (setzt sich in hchster Beunruhigung). Was soll ich schreiben? An wen soll ich schreiben? Wurm. An den Henker Ihres Vaters. Luise. Ha! du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu schrauben. (Ergreift die Feder.) Wurm (dictiert). "Gndiger Herr"-Luise (schreibt mit zitternder Hand). Wurm. "Schon drei unertrgliche Tage sind vorber--sind vorber--und wir sahen uns nicht" Luise (stutzt, legt die Feder weg). An wen ist der Brief? Wurm. An den Henker Ihres Vaters. Luise. O mein Gott! Wurm. "Halten Sie sich dewegen an den Major--an den Major--der mich den ganzen Tag wie ein Argus htet" Luise (springt auf). Bberei, wie noch keine erhrt worden! An wen ist der Brief? Wurm. An den Henker Ihres Vaters. Luise (die Hnde ringend, auf und nieder). Nein! nein! nein! das ist tyrannisch, o Himmel! Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich reizen, aber warum mich zwischen zwei Schrecknisse pressen? Warum zwischen Tod und Schande mich hin und her wiegen? Warum diesen blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen?--Macht, was ihr wollt. Ich schreibe das nimmermehr. Wurm (greift nach dem Hut). Wie Sie wollen, Mademoiselle! Das steht ganz in Ihrem Belieben. Luise. Belieben, sagen Sie? In meinem Belieben?--Geh, Barbar! Hnge einen Unglcklichen ber dem Abgrund der Hlle aus, bitt' ihn um etwas, und lstre Gott, und frag' ihn, ob es ihm beliebe?--O du weit allzu gut, da unser Herz an natrlichen Trieben so fest als an Ketten liegt--Nunmehr ist Alles gleich. Dictieren Sie weiter! Ich denke nichts mehr. Ich weiche der berlistenden Hlle. (Sie setzt sich zum zweitenmal.) Wurm. "Den ganzen Tag wie ein Argus htet"--Haben Sie das? Luise. Weiter! weiter! Wurm. "Wir haben gestern den Prsidenten im Haus gehabt. Es war possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich wehrte"-Luise. O schn, schn! o herrlich!--Nur immer fort. Wurm. "Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht--zu einer Ohnmacht--da ich nicht laut lachte" Luise. O Himmel! Wurm. "Aber bald wird mir meine Maske unertrglich--unertrglich--Wenn ich nur loskommen knnte"-Luise (hlt inne, steht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt weiter). "Loskommen knnte" Wurm. "Morgen hat er den Dienst--Passen Sie ab, wenn er von mir geht, und kommen an den bewuten Ort"--Haben Sie "bewuten?" Luise. Ich habe Alles! Wurm. "An den bewuten Ort zu Ihrer zrtlichen.... Luise" Luise. Nun fehlt die Adresse noch. Wurm. "An Herrn Hofmarschall von Kalb." Luise. Ewige Vorsicht! Ein Name, so fremd meinen Ohren, als meinem Herzen diese schndlichen Zeilen. (Sie steht auf und betrachtet eine groe Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht sie es dem Secretr mit erschpfter, hinsterbender Stimme.) Nehmen Sie, mein Herr. Es ist mein ehrlicher Name--es ist Ferdinand--es ist die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Hnde gebe--Ich bin eine Bettlerin. Wurm. O nein doch! Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle. Ich habe herzliches Mitleid mit Ihnen. Vielleicht--wer wei?--Ich knnte mich noch wohl ber gewisse Dinge hinwegsetzen--Wahrlich! Bei Gott! Ich habe Mitleid mit Ihnen. Luise (blickt ihn starr und durchdringend an). Reden Sie nicht aus, mein Herr. Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu wnschen. Wurm (im Begriff, ihre Hand zu kssen). Gesetzt, es wre diese niedliche Hand--Wie so, liebe Jungfer? Luise (gro und schrecklich). Weil ich dich in der Brautnacht erdrosselte und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten liee. (Sie will gehen, kommt aber schnell zurck.) Sind wir jetzt fertig, mein Herr? Darf die Taube nun fliegen? Wurm. Nur noch die Kleinigkeit, Jungfer. Die mssen mit mir und das Sacrament darauf nehmen, diesen Brief fr einen freiwilligen zu erkennen. Luise. Gott! Gott! und du selbst mut das Siegel geben, die Werke der Hlle zu verwahren? (Wurm zieht sie fort.) Vierter Akt. Erste Scene. Saal beim Prsidenten. Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt strmisch durch eine Thre, durch eine andere ein Kammerdiener. Ferdinand. War kein Marschall da? Kammerdiener. Herr Major, der Herr Prsident fragt nach Ihnen. Ferdinand. Alle Donner! Ich frag', war kein Marschall da? Kammerdiener. Der gndige Herr sitzt oben am Pharotisch. Ferdinand. Der gndige Herr soll im Namen der ganzen Hlle daher kommen. (Kammerdiener geht.) Zweite Scene. Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald wthend herumstrzend. Es ist nicht mglich! nicht mglich! Diese himmlische Hlle versteckt kein so teuflisches Herz--Und doch! doch! Wenn alle Engel herunter stiegen, fr ihre Unschuld brgten--wenn Himmel und Erde, wenn Schpfung und Schpfer zusammentrten, fr ihre Unschuld brgten--es ist ihre Hand--Ein unerhrter, ungeheurer Betrug, wie die Menschheit noch keinen erlebte!--Das also war's, warum man sich so beharrlich der Flucht widersetzt!--Darum--o Gott! jetzt erwach' ich, jetzt enthllt sich mir Alles!--Darum gab man seinen Anspruch auf meine Liebe mit so viel Heldenmuth auf, und bald, bald htte selbst mich die himmlische Schminke betrogen! (Er strzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend still.) Mich so ganz zu ergrnden!--Jedes khne Gefhl, jede leise schchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung--An der feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu fassen--Mich zu berechnen in einer Thrne--Auf jeden ghen Gipfel der Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem schwindelnden Absturz--Gott! Gott! und alles Das nichts als Grimasse?--Grimasse? O, wenn die Lge eine so haltbare Farbe hat, wie ging es zu, da sich kein Teufel noch in das Himmelreich hineinlog? Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch berzeugender Tuschung erblate die Falsche da! Mit welch siegender Wrde schlug sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem Augenblick fhlte das Weib sich doch schuldig!--Was? hielt sie nicht selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus--die Heuchlerin sinkt in Ohnmacht. Welche Sprache wirst du jetzt fhren, Empfindung? Auch Koketten sinken in Ohnmacht. Womit wirst du dich rechtfertigen, Unschuld?--Auch Metzen sinken in Ohnmacht. Sie wei, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele gesehen. Mein Herz trat beim Errthen des ersten Kusses sichtbar in meine Augen--und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den Triumph ihrer Kunst?--Da mein glcklicher Wahnsinn den ganzen Himmel in ihr zu umspannen whnte, meine wildesten Wnsche schwiegen--vor meinem Gemth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das Mdchen--Gott! da empfand sie nichts? fhlte nichts, als ihren Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt? Tod und Rache! Nichts! als da ich betrogen sei? Dritte Scene. Der Hofmarschall und Ferdinand. Hofmarschall (ins Zimmer trippelnd). Sie haben den Wunsch blicken lassen, mein Bester-Ferdinand (vor sich hinmurmelnd). Einem Schurken den Hals zu brechen. (Laut.) Marschall, dieser Brief mu Ihnen bei der Parade aus der Tasche gefallen sein--und ich (mit boshaftem Lachen) war zum Glck noch der Finder. Hofmarschall. Sie? Ferdinand. Durch den lustigsten Zufall. Machen Sie's mit der Allmacht aus. Hofmarschall. Sie sehen, wie ich erschrecke, Baron. Ferdinand. Lesen Sie! Lesen Sie! (Von ihm weggehend.) Bin ich auch schon zum Liebhaber zu schlecht, vielleicht lass' ich mich desto besser als Kuppler an. (Whrend Jener liest, tritt er zur Wand und nimmt zwei Pistolen herunter.) Hofmarschall (wirft den Brief auf den Tisch und will sich davon machen). Verflucht! Ferdinand (fhrt ihn am Arm zurck). Geduld, lieber Marschall. Die Zeitungen dnken mich angenehm. Ich will meinen Finderlohn haben. (Hier zeigt er ihm die Pistolen.) Hofmarschall (tritt bestrzt zurck). Sie werden vernnftig sein, Bester. Ferdinand (mit starker, schrecklicher Stimme). Mehr als zu viel, um einen Schelmen, wie du bist, in jene Welt zu schicken! (Er dringt ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Schnupftuch.) Nehmen Sie! Dieses Schnupftuch da fassen Sie!--Ich hab's von der Buhlerin. Hofmarschall. ber dem Schnupftuch? Rasen Sie? Wohin denken Sie? Ferdinand. Fa dieses End' an, sag' ich! sonst wirst du ja fehl schieen, Memme!--Wie sie zittert, die Memme! Du solltest Gott danken, Memme, da du zum ersten Mal etwas in deinen Hirnkasten kriegst. (Hofmarschall macht sich auf die Beine.) Sachte! dafr wird gebeten sein. (Er berholt ihn und riegelt die Thr.) Hofmarschall. Auf dem Zimmer, Baron? Ferdinand. Als ob sich mit dir ein Gang vor den Wall verlohnte?--Schatz, so knallt's desto lauter, und das ist ja doch wohl das erste Gerusch, das du in der Welt machst--Schlag an! Hofmarschall (wischt sich die Stirn). Und Sie wollen Ihr kostbares Leben so aussetzen, junger, hoffnungsvoller Mann? Ferdinand. Schlag an, sag' ich. Ich habe nichts mehr in dieser Welt zu thun. Hofmarschall. Aber ich desto mehr, mein Allervortrefflichster. Ferdinand. Du, Bursche? Was, du?--Der Nothnagel zu sein, wo die Menschen sich rar machen? In einem Augenblick siebenmal kurz und siebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel? Ein Register zu fhren ber die Stuhlgnge deines Herrn und der Miethgaul seines Witzes zu sein? Eben so gut, ich fhre dich, wie irgend ein seltenes Murmelthier mit mir. Wie ein zahmer Affe sollst du zum Geheul der Verdammten tanzen, apportieren und aufwarten und mit deinen hfischen Knsten die ewige Verzweiflung belustigen. Hofmarschall. Was Sie befehlen, Herr! wie Sie belieben--Nur die Pistolen weg! Ferdinand. Wie er dasteht, der Schmerzenssohn!--Dasteht dem sechsten Schpfungstag zum Schimpfe! Als wenn ihn ein Tbinger Buchhndler dem Allmchtigen nachgedruckt htte!--Schade nur, ewig Schade fr die Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schdel wuchert. Diese einzige Unze htte dem Pavian noch vollends zum Menschen geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht--Und mit Diesem ihr Herz zu theilen?--Ungeheuer! Unverantwortlich!--Einem Kerl, mehr gemacht, von Snden zu entwhnen, als dazu anzureizen. Hofmarschall. O! Gott sei ewig Dank! Er wird witzig. Ferdinand. Ich will ihn gelten lassen. Die Toleranz, die der Raupe schont, soll auch Diesem zu gute kommen. Man begegnet ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge Wirthschaft des Himmels, der auch mit Trbern und Bodensatz noch Creaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Hfling im Schlamme der Majestten den Tisch deckt--Zuletzt erstaunt man noch ber die groe Polizei der Vorsicht, die auch in der Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des Gifts besoldet--Aber (indem seine Wuth sich erneuert) an meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es (den Marschall fassend und unsanft herumschttelnd) so, und so, und wieder so durcheinander quetschen. Hofmarschall (fr sich hinseufzend). O mein Gott! Wer hier weg wre! Hundert Meilen von hier, im Bictre zu Paris, nur bei Diesem nicht! Ferdinand. Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist? Bube! wenn du genossest, wo ich anbetete? (wthender) Schwelgtest, wo ich einen Gott mich fhlte. (Pltzlich schweigt er, darauf frchterlich.) Dir wre besser, Bube, du flhest der Hlle zu, als da dir mein Zorn im Himmel begegnete!--Wie weit kamst du mit dem Mdchen? Bekenne! Hofmarschall. Lassen Sie mich los. Ich will Alles verrathen. Ferdinand. O! es mu reizender sein, mit diesem Mdchen zu buhlen, als mit andern noch so himmlisch zu schwrmen--Wollte sie ausschweifen, wollte sie, sie knnte den Werth der Seele herunterbringen und die Tugend mit der Wollust verflschen. (Dem Marschall die Pistole aufs Herz drckend.) Wie weit kamst du mit ihr? Ich drcke ab, oder bekenne! Hofmarschall. Es ist nichts--ist ja Alles nichts. Haben Sie nur eine Minute Geduld. Sie sind ja betrogen. Ferdinand. Und daran mahnst du mich, Bsewicht?--Wie weit kamst du mit ihr? Du bist des Todes, oder bekenne! Hofmarschall. Mon Dieu! Mein Gott! Ich spreche ja--so hren Sie doch nur--Ihr Vater--Ihr eigener, leiblicher Vater-Ferdinand (grimmiger). Hat seine Tochter an dich verkuppelt? Und wie weit kamst du mit ihr? Ich ermorde dich, oder bekenne! Hofmarschall. Sie rasen. Sie hren nicht. Ich sah sie nie. Ich kenne sie nicht. Ich wei gar nichts von ihr. Ferdinand (zurcktretend). Du sahst sie nie? Kennst sie nicht? Weit gar nichts von ihr?--Die Miller ist ist verloren um deinetwillen; die leugnest sie dreimal in einem Athem hinweg?--Fort, schlechter Kerl! (Er gibt ihm mit der Pistole einen Streich und stt ihn aus dem Zimmer.) Fr deines Gleichen ist kein Pulver erfunden! Vierte Scene. Ferdinand nach einem langen Stillschweigen, worin seine Zge einen schrecklichen Gedanken entwickeln. Verloren! ja, Unglckselige!--Ich bin es. Du bist es auch. Ja, bei dem groen Gott! wenn ich verloren bin, bist du es auch! Richter der Welt! Fordre sie mir nicht ab! Das Mdchen ist mein. Ich trat dir deine ganze Welt fr das Mdchen ab, habe Verzicht gethan auf deine ganze herrliche Schpfung. La mir das Mdchen.--Richter der Welt! dort winseln Millionen Seelen nach dir--dorthin kehre das Auge deines Erbarmens--mich la allein machen, Richter der Welt! (Indem er schrecklich die Hnde faltet.) Sollte der reiche, vermgende Schpfer mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner Schpfung ist?--Das Mdchen ist mein! Ich einst ihr Gott, jetzt ihr Teufel! (Die Augen gra in einen Winkel geworfen.) Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammni geflochten--Augen in Augen wurzelnd--Haare zu Berge stehend gegen Haare--auch unser hohles Wimmern in eins geschmolzen--und jetzt zu wiederholen meine Zrtlichkeiten und jetzt ihr vorzusingen ihre Schwre--Gott! Gott! die Vermhlung ist frchterlich--aber ewig! (Er will schnell hinaus. Der Prsident tritt herein.) Fnfte Scene. Der Prsident und Ferdinand. Ferdinand (zurcktretend). O!--mein Vater! Prsident. Sehr gut, da wir uns finden, mein Sohn. Ich komme, dir etwas Angenehmes zu verkndigen, und etwas, lieber Sohn, das dich ganz gewi berraschen wird. Wollen wir uns setzen? Ferdinand (sieht ihn lange Zeit starr an). Mein Vater! (Mit strkerer Bewegung zu ihm gehend und seine Hand fassend.) Mein Vater! (Seine Hand kssend, vor ihm niederfallend.) O mein Vater! Prsident. Was ist dir, mein Sohn? Steh auf. Deine Hand brennt und zittert. Ferdinand (mit wilder, feuriger Empfindung). Verzeihung fr meinen Undank, mein Vater! Ich bin ein verworfener Mensch. Ich habe Ihre Gte mikannt! Sie meinten es mit mir so vterlich!--O! Sie hatten eine weissagende Seele--jetzt ist's zu spt--Verzeihung! Verzeihung! Ihren Segen, mein Vater! Prsident (heuchelt eine schuldlose Miene). Steh auf, mein Sohn! Besinne dich, da du mir Rthsel sprichst. Ferdinand. Diese Millerin, mein Vater--O, Sie kennen den Menschen--Ihre Wuth war damals so gerecht, so edel, so vterlich warm--nur verfehlte der warme Vatereifer des Weges--diese Millerin! Prsident. Martre mich nicht, mein Sohn. Ich verfluche meine Hrte! Ich bin gekommen, dir abzubitten. Ferdinand. Abbitten an mir! Verfluchen an mir!--Ihre Mibilligung war Weisheit. Ihre Hrte war himmlisches Mitleid--Diese Millerin, Vater-Prsident. Ist ein edles, ein liebes Mdchen.--Ich widerrufe meinen bereilten Verdacht. Sie hat meine Achtung erworben. Ferdinand (springt erschttert auf). Was? auch Sie?--Vater! auch Sie?--und nicht wahr, mein Vater, ein Geschpf wie die Unschuld?--Und es ist so menschlich, dieses Mdchen zu lieben? Prsident. Sage so: es ist Verbrechen, sie nicht zu lieben. Ferdinand. Unerhrt! Ungeheuer!--Und Sie schauen ja doch sonst die Herzen so durch! Sahen sie noch dazu mit Augen des Hasses! --Heuchelei ohne Beispiel--Diese Millerin, Vater-Prsident. Ist es werth, meine Tochter zu sein. Ich rechne ihre Tugend fr Ahnen und ihre Schnheit fr Gold. Meine Grundstze weichen deiner Liebe--Sie sei dein! Ferdinand (strzt frchterlich aus dem Zimmer). Das fehlte noch! --Leben Sie wohl, mein Vater. (Ab.) Prsident (ihm nachgehend). Bleib! Bleib! Wohin strmst du? (Ab.) Sechste Scene. Ein prchtiger Saal bei der Lady. Lady und Sophie treten herein. Lady. Also sahst du sie? Wird sie kommen? Sophie. Diesen Augenblick. Sie war noch im Hausgewand und wollte sich nur in der Geschwindigkeit umkleiden. Lady. Sage mir nichts von ihr--Stille--wie eine Verbrecherin zittre ich, die Glckliche zu sehen, die mit meinem Herzen so schrecklich harmonisch fhlt--Und wie nahm sie sich bei der Einladung? Sophie. Sie schien bestrzt, wurde nachdenkend, sah mich mit groen Augen an und schwieg. Ich hatt mich schon auf ihre Ausflchte vorbereitet, als sie mit einem Blick, der mich ganz berraschte, zur Antwort gab: Ihre Dame befiehlt mir, was ich mir morgen erbitten wollte. Lady (sehr unruhig). La mich, Sophie. Beklage mich. Ich mu errthen, wenn sie nur das gewhnliche Weib ist, und wenn sie mehr ist, verzagen. Sophie. Aber, Milady--das ist die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu empfangen. Erinnern Sie sich, wer Sie sind. Rufen Sie Ihre Geburt, Ihren Rang, Ihre Macht zu Hilfe. Ein stolzeres Herz mu die stolze Pracht Ihres Anblicks erheben. Lady (zerstreut). Was schwatzt die Nrrin da? Sophie (boshaft). Oder ist es vielleicht Zufall, da eben heute die kostbarsten Brillanten an Ihnen blitzen? Zufall, da eben heute der reichste Stoff Sie bekleiden mu--da Ihre Antichambre von Heiducken und Pagen wimmelt und das Brgermdchen im frstlichen Saal Ihres Palastes erwartet wird? Lady (auf und ab voll Erbitterung). Verwnscht! Unertrglich! Da Weiber fr Weiberschwchen solche Luchsaugen haben!--Aber wie tief, wie tief mu ich schon gesunken sein, da eine solche Creatur mich ergrndet! Ein Kammerdiener (tritt auf). Mamsell Millerin-Lady (zu Sophien). Hinweg, du! Entferne dich! (Drohend, da diese noch zaudert.) Hinweg! Ich befehl' es! (Sophie geht ab, Lady macht einen Gang durch den Saal.) Gut! Recht gut, da ich in Wallung kam! Ich bin, wie ich wnschte! (Zum Kammerdiener.) Die Mamsell mag hereintreten. (Kammerdiener geht. Sie wirft sich in den Sopha und nimmt eine vornehm-nachlssige Lage an.) Siebente Scene. Luise Millerin tritt schchtern herein und bleibt in einer groen Entfernung von der Lady stehen; Lady hat ihr den Rcken zugewandt und betracht sie eine Zeit lang aufmerksam in dem gegenber stehenden Spiegel. (Nach einer Pause.) Luise. Gndige Frau, ich erwarte Ihre Befehle. Lady (dreht sich nach Luisen um und nickt nur eben mit dem Kopfe, fremd und zurckgezogen). Aha! Ist Sie hier?--Ohne Zweifel die Mamsell--eine gewisse--wie nennt man Sie doch? Luise (etwas empfindlich). Miller nennt sich mein Vater, und Ihro Gnaden schickten nach seiner Tochter. Lady. Recht! Recht! ich entsinne mich--die arme Geigerstochter, wovon neulich die Rede war. (Nach einer Pause vor sich.) Seht interessant, und doch keine Schnheit--(Laut zu Luisen.) Treten Sie nher, mein Kind. (Wieder vor sich.) Augen, die sich im Weinen bten--Wie lieb' ich sie, diese Augen! (Wiederum laut.) Nur nher--Nur ganz nah--Gutes Kind, ich glaube, du frchtest mich? Luise (gro, mit entschiedenem Ton). Nein, Milady. Ich verachte das Urtheil der Menge. Lady (vor sich). Sieh doch! und diesen Trotzkopf hat sie von ihm. (Laut.) Man hat Sie mir empfohlen, Mamsell. Sie soll was gelernt haben und sonst auch zu leben wissen--Nun ja. Ich will's glauben--auch nhm' ich die ganze Welt nicht, einen so warmen Frsprecher Lgen zu strafen. Luise. Doch kenn' ich Niemand, Milady, der sich Mhe gbe, mir eine Patronin zu suchen. Lady (geschraubt). Mhe um die Clientin oder Patronin? Luise. Das ist mir zu hoch, gndige Frau. Lady. Mehr Schelmerei, als diese offene Bildung vermuthen lt! Luise nennt sie sich? Und wie jung, wenn man fragen darf? Luise. Sechzehn gewesen. Lady (steht rasch auf). Nun ist's heraus! Sechzehn Jahre! Der erste Puls dieser Leidenschaft!--Auf dem unberhrten Clavier der erste einweihende Silberton--Nichts ist verfhrender--Setz dich, ich bin dir gut, liebes Mdchen--Und auch er liebt zum ersten Mal--Was Wunder, wenn sich die Strahlen eines Morgenroths finden? (Sehr freundlich und ihre Hand ergreifend.) Es bleibt dabei, ich will dein Glck machen, Liebe--Nichts, nichts als die se, frhe verfliegende Trumerei. (Luisen auf die Wange klopfend.) Meine Sophie heirathet. Du sollst ihre Stelle haben--Sechzehn Jahr! Es kann nicht von Dauer sein. Luise (kt ihr ehrerbietig die Hand). Ich danke fr diese Gnade, Milady, als wenn ich sie annehmen drfte. Lady (in Entrstung zurckfallend). Man sehe die groe Dame!--Sonst wissen sich Jungfern Ihrer Herkunft noch glcklich, wenn sie Herrschaften finden--Wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare? Sind diese Finger zur Arbeit zu niedlich? Ist es Ihr Bischen Gesicht, worauf Sie so trotzig thut? Luise. Mein Gesicht, gndige Frau, gehrt mir so wenig, als meine Herkunft. Lady. Oder glaubt Sie vielleicht, das werde nimmer ein Ende nehmen?--Armes Geschpf, wer dir das in den Kopf setzte--mag er sein, wer er will--er hat euch Beide zum Besten gehabt. Diese Wangen sind nicht im Feuer vergoldet. Was dir dein Spiegel fr massiv und ewig verkauft, ist nur ein dnner, angeflogener Goldschaum, der deinem Anbeter ber kurz oder lang in der Hand bleiben mu--Was werden wir dann machen? Luise. Den Anbeter bedauern, Milady, der einen Demant kaufte, weil er in Gold schien gefat zu sein. Lady (ohne darauf achten zu wollen). Ein Mdchen von Ihren Jahren hat immer zween Spiegel zugleich, den wahren und ihren Bewunderer--die gefllige Geschmeidigkeit des letztern macht die rauhe Offenherzigkeit des erstern wieder gut. Der eine rgt eine hliche Blatternarbe. Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein Grbchen der Grazien. Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch dieser gesagt hat, hpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die Aussagen beider verwechselt--Warum begaffen Sie mich so? Luise. Verzeihen Sie, gndige Frau--Ich war so eben im Begriff, diesen prchtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wissen mu, da seine Besitzerin so scharf wider Eitelkeit eifert. Lady (errthend). Keinen Seitensprung, Lose!--Wenn es nicht die Promessen Ihrer Gestalt sind, was in der Welt knnte Sie abhalten, einen Stand zu erwhlen, der der einzige ist, wo Sie Manieren und Welt lernen kann, der einzige ist, wo Sie sich Ihrer brgerlichen Vorurtheile entledigen kann? Luise. Auch meiner brgerlichen Unschuld, Milady? Lady. Lppischer Einwurf! Der ausgelassenste Bube ist zu verzagt, uns etwas Beschimpfendes zuzumuthen, wenn wir ihm nicht selbst ermunternd entgegen gehn. Zeige Sie, wer Sie ist. Gebe Sie sich Ehre und Wrde, und ich sage Ihrer Jugend fr alle Versuchung gut. Luise. Erlauben Sie, gndige Frau, da ich mich unterstehe, daran zu zweifeln. Die Palste gewisser Damen sind oft die Freisttten der frechsten Ergtzlichkeit. Wer sollte der Tochter des armen Geigers den Heldenmuth zutrauen, den Heldenmuth, mitten in die Pest sich zu werfen und doch dabei vor der Vergiftung zu schaudern? Wer sollte sich trumen lassen, da Lady Milford ihrem Gewissen einen ewigen Skorpion halte, da sie Geldsummen aufwende, um den Vortheil zu haben, jeden Augenblick schamroth zu werden?--Ich bin offenherzig, gndige Frau--Wrde Sie mein Anblick ergtzen, wenn Sie einem Vergngen entgegen gingen? Wrden Sie ihn ertragen, wenn Sie zurckkmen?--O besser, besser, Sie lassen Himmelsstriche uns trennen--Sie lassen Meere zwischen uns flieen!--Sehen Sie sich wohl fr, Milady--Stunden der Nchternheit, Augenblicke der Erschpfung knnten sich melden--Schlangen der Reue knnten Ihren Busen anfallen, und nun--welche Folter fr Sie, im Gesicht Ihres Dienstmdchens die heitre Ruhe zu lesen, womit die Unschuld ein reines Herz zu belohnen pflegt. (Sie tritt einen Schritt zurck.) Noch einmal, gndige Frau. Ich bitte sehr um Vergebung. Lady (in groer innrer Bewegung herumgehend). Unertrglich, da sie mir das sagt! Unertrglicher, da sie Recht hat! (Zu Luisen tretend und ihr starr in die Augen sehend.) Mdchen, du wirst mich nicht berlisten. So warm sprechen Meinungen nicht. Hinter diesen Maximen lauert ein feurigeres Interessen, das dir meine Dienste besonders abscheulich malt--das dein Gesprch so erhitzte--das ich (drohend) entdecken mu. Luise (gelassen und edel). Und wenn Sie es nun entdeckten? Und wenn Ihr verchtlicher Fersensto den beleidigten Wurm aufweckte, dem sein Schpfer gegen Mihandlung noch einen Stachel gab?--Ich frchte Ihre Rache nicht, Lady--Die arme Snderin auf dem berchtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang. Mein Elend ist so hoch gestiegen, da selbst Aufrichtigkeit es nicht mehr vergrern kann. (Nach einer Pause sehr ernsthaft.) Sie wollen mich aus dem Staub meiner Herkunft reien. Ich will sie nicht zergliedern, diese verdchtige Gnade. Ich will nur fragen, was Milady bewegen konnte, mich fr die Thrin zu halten, die ber ihre Herkunft errthet? Was sie berechtigen konnte, sich zur Schpferin meines Glcks aufzuwerfen, ehe sie noch wute, ob ich mein Glck auch von ihren Hnden empfangen wollte?--Ich hatte meinen ewigen Anspruch auf die Freuden der Welt zerrissen. Ich hatte dem Glck seine bereilung vergeben--Warum mahnen Sie mich aufs Neu an dieselbe?--Wenn selbst die Gottheit dem Blick der Erschaffenen ihre Strahlen verbirgt, da nicht ihr oberster Seraph vor seiner Verfinsterung zurckschaure--warum wollen Menschen so grausam-barmherzig sein?--Wie kommt es, Milady, da Ihr gepriesenes Glck das Elend so gern um Neid und Bewunderung anbettelt?--Hat Ihre Wonne die Verzweiflung so nthig zur Folie?--O lieber! so gnnen Sie mir doch eine Blindheit, die mich allein noch mit meinem barbarischen Loos vershnt--Fhlt sich doch das Insekt in einem Tropfen Wassers so selig, als wr' es ein Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm von einem Weltmeer erzhlt, worin Flotten und Wallfische spielen!--Aber glcklich wollen Sie mich ja wissen? (Nach einer Pause pltzlich zur Lady hintretend und mit berraschung fragend:) Sind Sie glcklich, Milady? (Diese verlt sie schnell und betroffen, Luise folgt ihr und hlt ihr die Hand vor den Busen.) Hat dieses Herz auch die lachende Gestalt Ihres Standes? Und wenn wir jetzt Brust gegen Brust und Schicksal gegen Schicksal auswechseln sollten--und wenn ich in kindlicher Unschuld--und wenn ich auf Ihr Gewissen--und wenn ich als meine Mutter Sie fragte--wrden Sie mir wohl zu dem Tausche rathen? Lady (heftig bewegt in den Sopha sich werfend). Unerhrt! Unbegreiflich! Nein, Mdchen! Nein! Diese Gre hast du nicht auf die Welt gebracht, und fr einen Vater ist sie zu jugendlich. Lge mir nicht. Ich hre einen andern Lehrer-Luise (fein und scharf ihr in die Augen sehend). Es sollte mich doch wundern, Milady, wenn Sie jetzt erst auf diesen Lehrer fielen, und doch vorhin schon eine Condition fr mich wuten. Lady (springt auf). Es ist nicht auszuhalten!--Ja denn! weil ich dir doch nicht entwischen kann. Ich kenn' ihn--wei Alles--wei mehr, als ich wissen mag. (Pltzlich hlt sie inne, darauf mit einer Heftigkeit, die nach und nach bis beinahe zum Toben steigt.) Aber wag' es, Unglckliche--wag' es, ihn jetzt noch zu lieben oder von ihm geliebt zu werden--Was sage ich?--Wag' es, an ihn zu denken oder einer von seinen Gedanken zu sein--Ich bin mchtig, Unglckliche--frchterlich--so wahr Gott lebt! Du bist verloren! Luise (standhaft). Ohne Rettung, Milady, sobald Sie ihn zwingen, da er Sie lieben mu. Lady. Ich verstehe dich--aber er soll mich nicht lieben. Ich will ber diese schimpfliche Leidenschaft siegen, mein Herz unterdrcken und das deinige zermalmen--Felsen und Abgrnde will ich zwischen euch werfen; eine Furie will ich mitten durch euren Himmel gehen; mein Name soll eure Ksse, wie ein Gespenst Verbrecher, auseinander scheuchen; deine junge blhende Gestalt unter seiner Umarmung welk, wie eine Mumie, zusammenfallen--Ich kann nicht mit ihm glcklich werden--aber du sollst es auch nicht werden--Wisse das, Elende! Seligkeit zerstren ist auch Seligkeit. Luise. Eine Seligkeit, um die man Sie schon gebracht hat, Milady. Lstern Sie Ihr eigenes Herz nicht. Sie sind nicht fhig, Das auszuben, was Sie so drohend auf mich herabschwren. Sie sind nicht fhig, ein Geschpf zu qulen, das Ihnen nichts zu Leide gethan, als da es empfunden hat wie Sie--Aber ich liebe Sie um dieser Wallung willen, Milady. Luise (die sich jetzt gefat hat). Wo bin ich? Wo war ich? Was hab' ich merken lassen? Wen hab' ich's merken lassen?--O Luise, edle, groe, gttliche Seele! Vergib's einer Rasenden--Ich will dir kein Haar krnken, mein Kind. Wnsche! Fordre! Ich will dich auf den Hnden tragen, deine Freundin, deine Schwester will ich sein--Du bist arm--Sieh! (Einige Brillanten herunternehmend.) Ich will diesen Schmuck verkaufen--meine Garderobe, Pferd und Wagen verkaufen--Dein sei Alles, aber entsag' ihm! Luise (tritt zurck voll Befremdung). Spottet sie einer Verzweifelnden, oder sollte sie an der barbarischen That im Ernst keinen Antheil gehabt haben?--Ha! So knnt' ich mir ja noch den Schein einer Heldin geben und meine Ohnmacht zu einem Verdienst aufputzen. (Sie steht eine Weile gedankenvoll, dann tritt sie nher zur Lady, fat ihre Hand und sieht sie starr und bedeutend an.) Nehmen Sie ihn denn hin, Milady!--Freiwillig tret' ich Ihnen ab den Mann, den man mit Haken der Hlle von meinem blutenden Herzen ri. --Vielleicht wissen Sie es selbst nicht, Milady, aber Sie haben den Himmel zweier Liebenden geschleift, von einander gezerrt zwei Herzen, die Gott aneinander band; zerschmettert ein Geschpf, das ihm nahe ging wie Sie, das er zur Freude schuf wie Sie, das ihn gepriesen hat wie Sie, und ihn nun nimmermehr preisen wird--Lady! ins Ohr des Allwissenden schreit auch der letzte Krampf des zertretenen Wurms--Es wird ihm nicht gleichgltig sein, wenn man Seelen in seinen Hnden mordet! Jetzt ist er Ihnen! Jetzt, Milady, nehmen Sie ihn hin! Rennen Sie in seine Arme! Reien Sie ihn zum Altar--Nur vergessen Sie nicht, da zwischen Ihren Brautku das Gespenst einer Selbstmrderin strzen wird--Gott wird barmherzig sein--Ich kann mir nicht anders helfen! (Sie strzt hinaus.) Achte Scene. Lady allein, steht erschttert und auer sich, den starren Blick nach der Thre gerichtet, durch welche die Millerin weggeeilt; endlich erwacht sie aus ihrer Betubung. Wie war das? Wie geschah mir? Was sprach die Unglckliche?--Noch, o Himmel! noch zerreien sie meine Ohren, die frchterlichen, mich verdammenden Worte: nehmen Sie ihn hin!--Wen, Unglckselige? das Geschenk deines Sterberchelns--das schauervolle Vermchtni deiner Verzweiflung? Gott! Gott! Bin ich so tief gesunken--so pltzlich von allen Thronen meines Stolzes herabgestrzt, da ich heihungrig erwarte, was einer Bettlerin Gromuth aus ihrem letzten Todeskampfe mir zuwerfen wird?--Nehmen Sie ihn hin! und das spricht sie mit einem Tone, begleitet sie mit einem Blick--Ha! Emilie! bist du darum ber die Grenzen deines Geschlechts weggeschritten? Mutest du darum um den prchtigen Namen des groen brittischen Weibes buhlen, da das prahlende Gebude deiner Ehre neben der hheren Tugend einer verwahrlosten Brgerdirne versinken soll?--Nein, stolze Unglckliche! nein!--Beschmen lt sich Emilie Milford--doch beschimpfen nie! Auch ich habe Kraft, zu entsagen. (Mit majesttischen Schritten auf und nieder.) Verkrieche dich jetzt, weiches, leidendes Weib!--Fahret hin, se, goldene Bilder der Liebe--Gromuth allein sei jetzt meine Fhrerin!--Dieses liebende Paar ist verloren, oder Milford mu ihren Anspruch vertilgen und im Herzen des Frsten erlschen! (Nach einer Pause, lebhaft.) Es ist geschehen!--Gehoben das furchtbare Hinderni--zerbrochen alle Bande zwischen mir und dem Herzog, gerissen aus meinem Busen diese wthende Liebe!--In deine Arme werf' ich mich, Tugend!--Nimm sie auf, deine reuige Tochter Emilie!--Ha! wie mir so wohl ist! Wie ich auf einmal so leicht, so gehoben mich fhle!--Gro, wie eine fallende Sonne, will ich heut vom Gipfel meiner Hoheit heruntersinken, meine Herrlichkeit sterbe mit meiner Liebe, und nichts als mein Herz begleite mich in diese stolze Verweisung. (Entschlossen zum Schreibpult gehend.) Jetzt gleich mu es geschehen--jetzt auf der Stelle, ehe die Reize des lieben Jnglings den blutigen Kampf meines Herzens erneuern. (Sie setzt sich nieder und fngt an zu schreiben.) Neunte Scene. Lady. Ein Kammerdiener. Sophie, hernach der Hofmarschall, zuletzt Bedienter. Kammerdiener. Hofmarschall von Kalb stehen im Vorzimmer mit einem Auftrag vom Herzog. Lady (in der Hitze des Schreibens.) Auftaumeln wird sie, die frstliche Drahtpuppe! Freilich! Der Einfall ist auch drollig genug, so eine durchlauchtigte Hirnschale auseinander zu treiben!--Seine Hofschranzen werden wirbeln--Das ganze Land wird in Ghrung kommen. Kammerdiener und Sophie. Der Hofmarschall, Milady-Lady (dreht sich um). Wer? Was?--Desto besser! Diese Sorte von Geschpfen ist zum Sacktragen auf der Welt. Er soll mir willkommen sein. Kammerdiener (geht ab). Sophie (ngstlich nher kommend). Wenn ich nicht frchten mte, Milady, es wre Vermessenheit (Lady schreibt hitzig fort.) Die Millerin strzte auer sich durch den Vorsaal--Sie glhen--Sie sprechen mit sich selbst. (Lady schreibt immer fort.) Ich erschrecke--Was mu geschehen sein? Hofmarschall (tritt herein, macht dem Rcken der Lady tausend Verbeugungen; da sie ihn nicht bemerkt, kommt er nher, stellt sich hinter ihren Sessel, sucht den Zipfel ihres Kleides wegzukriegen und drckt einen Ku darauf, mit furchtsamem Lispeln). Serenissimus-Lady (indem sie Sand streut und das Geschriebene durchfliegt). Er wird mir schwarzen Undank zur Last legen--Ich war eine verlassene. Er hat mich aus dem Elend gezogen--Aus dem Elend?--Abscheulicher Tausch! --Zerreie deine Rechnung, Verfhrer! Meine ewige Schamrthe bezahlt sie mit Wucher. Hofmarschall (nachdem er die Lady vergeblich von allen Seiten umgangen hat). Milady scheinen etwas distrait zu sein--Ich werde mir wohl selbst die Khnheit erlauben mssen. (Sehr laut.) Serenissimus schicken mich, Milady zu fragen, ob diesen Abend Vauxhall sein werde oder deutsche Komdie? Lady (lachend aufstehend). Eines von beiden, mein Engel--Unterdessen bringen Sie Ihrem Herzog diese Karte zum Dessert! (Gegen Sophie.). Du, Sophie, befiehlst, da man anspannen soll, und rufst meine ganze Garderobe in diesem Saal zusammen-Sophie (geht ab voll Bestrzung). O Himmel! Was ahnet mir? Was wird das noch werden? Hofmarschall. Sie sind echauffiert, meine Gndige? Lady. Um so weniger wird hier gelogen sein--Hurrah, Herr Hofmarschall! Es wird eine Stelle vacant. Gut Wetter fr Kuppler! (Das der Marschall einen zweifelhaften Blick auf den Zettel wirft.) Lesen Sie, lesen Sie!--Es ist mein Wille, da der Inhalt nicht unter vier Augen bleibe. Hofmarschall (liest, unterdessen sammeln sich die Bedienten der Lady im Hintergrund): "Gndigster Herr! Ein Vertrag, den Sie so leichtsinnig brachen, kann mich nicht mehr binden. Die Glckseligkeit Ihres Landes war die Bedingung meiner Liebe. Drei Jahre whrte der Betrug. Die Binde fllt mir von den Augen. Ich verabscheue Gunstbezeugungen, die von den Thrnen der Unterthanen triefen.--Schenken Sie die Liebe, die ich Ihnen nicht mehr erwiedern kann, Ihrem weinenden Lande und lernen von einer brittischen Frstin Erbarmen gegen Ihr deutsches Volk. In einer Stunde bin ich ber der Grenze. Johanna Norfolk." Alle Bedienten (murmeln bestrzt durcheinander). ber der Grenze? Hofmarschall (legt die Karte erschrocken auf den Tisch). Behte der Himmel, meine Beste und Gndige! Den berbringer mte der Hals eben so jcken, als der Schreiberin. Lady. Das ist deine Sorge, du Goldmann--Leider wei ich es, da du und deines Gleichen am Nachbeten Dessen, was Andre gethan haben, erwrgen!--Mein Rath wre, man backt den Zettel in eine Wildpretpastete, so fnden ihn Serenissimus auf dem Teller-Hofmarschall. Ciel! Diese Vermessenheit!--So erwgen Sie doch, so bedenken Sie doch, wie sehr Sie sich in Disgrace setzen, Lady! Lady (wendet sich zu der versammelten Dienerschaft und spricht das Folgende mit der innigsten Rhrung). Ihr steht bestrzt, guten Leute, erwartet angstvoll, wie sich das Rthsel entwickeln wird?--Kommt nher, meine Lieben!--Ihr dientet mir redlich und warm, sahet mir fter in die Augen, als ich die Brse; euer Gehorsam war eure Leidenschaft, euer Stolz--meine Gnade!--Da das Andenken eurer Treue zugleich das Gedchtni meiner Erniedrigung sein mu! Trauriges Schicksal, da meine schwrzesten Tage eure glcklichen waren! (Mit Thrnen in den Augen.) Ich entlasse euch, meine Kinder--Lady Milford ist nicht mehr, und Johanna von Norfolk zu arm, ihre Schuld abzutragen--Mein Schatzmeister strze meine Schatulle unter euch--Dieser Palast bleibt dem Herzog--Der rmste von euch wird reicher von hinnen gehen, als seine Gebieterin. (Sie reicht ihre Hnde hin, die alle nach einander mit Leidenschaft kssen.) Ich verstehe euch, meine Guten--Lebt wohl! Lebt ewig wohl! (Fat sich aus ihrer Beklemmung.) Ich hre den Wagen vorfahren. (Sie reit sich los, will hinaus, der Hofmarschall verrennt ihr den Weg.) Mann des Erbarmens, stehst du noch immer da? Hofmarschall (der diese ganze Zeit ber mit einem Geistesbankerott auf den Zettel sah). Und dieses Billet soll ich Seiner Hochfrstlichen Durchlaucht zu Hchsteigenen Hnden geben? Lady. Mann des Erbarmens! zu Hchsteigenen Hnden, und sollst melden zu Hchsteigenen Ohren, weil ich nicht barfu nach Loretto knne, so werde ich um den Taglohn arbeiten, mich zu reinigen von dem Schimpf, ihn beherrscht zu haben. (Sie eilt ab. Alle brigen gehen sehr bewegt auseinander.) Fnfter Akt. Abend zwischen Licht im Zimmer beim Musikanten. Erste Scene. Luise sitzt stumm und ohne sich zu rhren in dem finstersten Winkel des Zimmers, den Kopf auf den Arm gesunken. Nach einer groen und tiefen Pause kommt Miller mit einer Handlaterne, leuchtet ngstlich im Zimmer herum, ohne Luisen zu bemerken, dann legt er den Hut auf den Tisch und setzt die Laterne nieder. Miller. Hier ist sie auch nicht. Hier wieder nicht--Durch alle Gassen bin ich gezogen, bei allen Bekannten bin ich gewesen, auf allen Thoren hab' ich gefragt--mein Kind hat man nirgends gesehen. (Nach einigem Stillschweigen.) Geduld, armer, unglcklicher Vater! Warte ab, bis es Morgen wird. Vielleicht kommt deine Einzige dann ans Ufer geschwommen--Gott! Gott! Wenn ich mein Herz zu abgttisch an diese Tochter hing?--Die Strafe ist hart. Himmlischer Vater, hart! Ich will nicht murren, himmlischer Vater, aber die Strafe ist hart! (Er wirft sich gramvoll in einen Stuhl.) Luise (spricht aus dem Winkel). Du thust recht, armer alter Mann! Lerne bei Zeit noch verlieren. Miller (springt auf). Bist du da, mein Kind? Bist du?--Aber warum denn so einsam und ohne Licht? Luise. Ich bin darum doch nicht einsam. Wenn's so recht schwarz wird um mich herum, hab' ich meine besten Besuche. Miller. Gott bewahre dich! Nur der Gewissenswurm schwrmt mit der Eule. Snden und bse Geister scheuen das Licht. Luise. Auch die Ewigkeit, Vater, die mit der Seele ohne Gehilfen redet. Miller. Kind! Kind! Was fr Reden sind das? Luise (steht auf und kommt vorwrts). Ich hab' einen harten Kampf gekmpft. Er wei es, Vater. Gott gab mir Kraft. Der Kampf ist entschieden. Vater, man pflegt unser Geschlecht zart und zerbrechlich zu nennen. Glaub' Er das nicht mehr. Vor einer Spinne schtteln wir uns, aber das schwarze Ungeheuer Verwesung drcken wir im Spa in die Arme. Dieses zur Nachricht, Vater. Seine Luise ist lustig. Miller. Hre, Tochter! ich wollte du heultest. Du gefielst mir so besser. Luise. Wie ich ihn berlisten will, Vater! Wie ich den Tyrannen betrgen will!--Die Liebe ist schlauer als die Bosheit und khner--das hat er nicht gewut, der Mann mit dem traurigen Stern--O, sie sind pfiffig, so lang sie es nur mit dem Kopf zu thun haben; aber sobald sie mit dem Herzen anbinden, werden die Bswichter dumm--Mit einem Eid gedachte er seinen Betrug zu versiegeln? Eide, Vater, binden wohl die Lebendigen, im Tode schmilzt auch der Sacramente eisernes Band. Ferdinand wird seine Luise kennen--Will Er mir dies Billet besorgen, Vater? Will Er so gut sein? Miller. An wen, meine Tochter? Luise. Seltsame Frage! Die Unendlichkeit und mein Herz haben mit einander nicht Raum genug fr einen einzigen Gedanken an ihn--Wenn htt' ich denn wohl an sonst Jemand schreiben sollen? Miller (unruhig). Hre, Luise! Ich erbrechen den Brief. Luise. Wie Er will, Vater--aber Er wird nicht klug daraus werden. Die Buchstaben liegen wie kalte Leichname da und leben nur dem Auge der Liebe. Miller (liest). "Du bist verrathen, Ferdinand!--Ein Bubenstck ohne Beispiel zerri den Bund unsrer Herzen, aber ein schrecklicher Schwur hat meine Zunge gebunden, und dein Vater hat berall seine Horcher gestellt. Doch, wenn du Muth hast, Geliebter,--ich wei einen dritten Ort, wo kein Eidschwur mehr bindet und wohin ihm kein Horcher geht." (Miller hlt inne und sieht ihr ernsthaft ins Gesicht.) Luise. Warum sieht Er mich so an? Les' Er doch ganz aus, Vater. Miller. "Aber Muth genug mut du haben, eine finstre Strae zu wandeln, wo dir nichts leuchtet, als deine Luise und Gott--Ganz zur Liebe mut du kommen, daheim lassen all deine Hoffnungen und all deine brausenden Wnsche; nichts kannst du brauchen, als dein Herz. Willst du--so brich auf, wenn die Glocke den zwlften Streich thut auf dem Carmeliterthurm. Bangt dir--so durchstreiche das Wort stark vor deinem Geschlechte, denn ein Mdchen hat dich zu Schanden gemacht." (Miller legt das Billet nieder, schaut lange mit einem schmerzlichen, starren Blick vor sich hinaus, endlich kehrt er sich gegen sie und sagt mit leiser, gebrochener Stimme.) Und dieser dritte Ort, meine Tochter? Luise. Er kennt ihn nicht? Er kennt ihn wirklich nicht, Vater?--Sonderbar! Der Ort ist zum Finden gemalt. Ferdinand wird ihn finden. Miller. Hum! rede deutlicher. Luise. Ich wei so eben kein liebliches Wort dafr--Er mu nicht erschrecken, Vater, wenn ich Ihm ein hliches nenne. Dieser Ort--O warum hat die Liebe nicht Namen erfunden! den schnsten htte sie diesem gegeben. Der dritte Ort, guter Vater--aber Er mu mich ausreden lassen--der dritte Ort ist das Grab. Miller (zu seinem Sessel hinwankend). O mein Gott! Luise (geht auf ihn zu und hlt ihn). Nicht doch, mein Vater! Das sind nur Schauer, die sich um das Wort herum lagern--Weg mit diesem, und es liegt ein Brautbette da, worber der Morgen seinen goldenen Teppich breitet und die Frhlinge ihre bunten Guirlanden streun. Nur ein heulender Snder konnte den Tod ein Gerippe schelten; es ist ein holder, niedlicher Knabe, blhend, wie sie den Liebesgott malen, aber so tckisch nicht--ein stiller, dienstbarer Genius, der der erschpften Pilgerin Seele den Arm bietet ber den Graben der Zeit, das Feenschlo der ewigen Herrlichkeit aufschliet, freundlich nickt und verschwindet. Miller. Was hast du vor, meine Tochter?--Du willst eigenmchtig Hand an dich legen. Luise. Nenn' Er es nicht so, mein Vater. Eine Gesellschaft rumen, wo ich nicht wohl gelitten bin--an einen Ort vorausspringen, den ich nicht lnger missen kann--ist denn das Snde? Miller. Selbstmord ist die abscheulichste, mein Kind--die einzige, die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Missethat zusammenfallen. Luise (bleibt erstarrt stehn). Entsetzlich!--Aber so rasch wird es doch nicht gehn. Ich will in den Flu springen, Vater, und im Hinuntersinken Gott den Allmchtigen um Erbarmen bitten. Miller. Das heit, du willst den Diebstahl bereuen, sobald du das Gestohlene in Sicherheit weit--Tochter! Tochter! Gib Acht, da du Gottes nicht spottest, wenn du seiner am meisten vonnthen hast. O! es ist weit, weit mit dir gekommen!--Du hast dein Gebet aufgegeben, und der Barmherzige zog seine Hand von dir. Luise. Ist lieben denn Frevel, mein Vater! Miller. Wenn du Gott liebst, wirst du nie bis zum Frevel lieben--Du hast mich tief gebeugt, meine Einzige! tief, tief, vielleicht zur Grube gebeugt.--Doch, ich will dir dein Herz nicht noch schwerer machen--Tochter, ich sprach vorhin etwas. Ich glaubte allein zu sein. Du hast mich behorcht; und warum sollt' ich's noch lnger geheim halten? Du warst mein Abgott. Hre, Luise, wenn du noch Platz fr das Gefhl eines Vaters hast--Du warst mein Alles. Jetzt verthust du nichts mehr von deinem Eigenthum. Auch ich hab' Alles zu verlieren. Du siehst, mein Haar fngt an grau zu werden. Die Zeit meldet sich allgemach bei mir, wo uns Vtern die Kapitale zu statten kommen, die wir im Herzen unsrer Kinder anlegten--Wirst du mich darum betrgen, Luise? Wirst du dich mit dem Hab' und Gut deines Vaters auf und davon machen? Luise (kt seine Hand mit der heftigsten Rhrung). Nein, mein Vater. Ich gehe als Seine groe Schuldnerin aus der Welt und werde in der Ewigkeit mit Wucher bezahlen. Miller. Gib Acht, ob du dich da nicht verrechnest, mein Kind? (Sehr ernst und feierlich.) Werden wir uns dort wohl noch finden?--Sieh! wie du bla wirst!--Meine Luise begreift es von selbst, da ich sie in jener Welt nicht mehr wohl einholen kann, weil ich nicht so frh dahin eile, wie sie. (Luise strzt ihm in den Arm, von Schauern ergriffen--Er drckt sie mit Feuer an seine Brust und fhrt fort mit beschwrender Stimme.) O Tochter! Tochter! gefallene, vielleicht schon verlorene Tochter! Beherzige das ernsthafte Vaterwort! Ich kann nicht ber dich wachen. Ich kann dir die Messer nehmen, du kannst dich mit einer Stricknadel tdten. Vor Gift kann ich dich bewahren, du kannst dich mit einer Schnur Perlen erwrgen. --Luise--Luise--nur warnen kann ich dich noch--Willst du es darauf ankommen lassen, da dein treuloses Gaukelbild auf der schrecklichen Brcke zwischen Zeit und Ewigkeit von dir weiche? Willst du dich vor des Allwissenden Thron mit der Lge wagen: Deinetwegen, Schpfer, bin ich da--wenn deine strafbaren Augen ihre sterbliche Puppe suchen?--Und wenn dieser zerbrechliche Gott deines Gehirns, jetzt Wurm wie du, zu den Fen deines Richters sich windet, deine gottlose Zuversicht in diesem schwankenden Augenblick Lgen straft und deine betrogenen Hoffnungen an die ewige Erbarmung verweist, die der Elende fr sich selbst kaum erflehen kann--wie dann? (Nachdrcklicher, lauter.) Wie dann, Unglckselige? (Er hlt sie fester, blickt sie eine Weile starr und durchdringend an, dann verlt er sie schnell.) Jetzt wei ich nichts mehr--(mit aufgehobener Rechte) stehe dir, Gott Richter! fr diese Seele nicht mehr. Thu, was du willst. Bring deinem schlanken Jngling ein Opfer, da deine Teufel jauchzen und deine guten Engel zurcktreten--Zieh hin! Lade alle deine Snden auf, lade auch diese, die letzte, die entsetzlichste auf, und wenn die Last noch zu leicht ist, so mache mein Fluch das Gewicht vollkommen--Hier ist ein Messer--durchstich dein Herz und (indem er lautweinend fortstrzen will) das Vaterherz! Luise (springt auf und eilt ihm nach). Halt! halt! O mein Vater! --da die Zrtlichkeit noch barbarischer zwingt, als Tyrannenwuth! --Was soll ich? Ich kann nicht! Was mu ich thun? Miller. Wenn die Ksse deines Majors heier brennen als die Thrnen deines Vaters--stirb! Luise (nach einem qualvollen Kampf mit einiger Festigkeit). Vater! Hier ist meine Hand! Ich will--Gott! Gott! Was thu' ich? was will ich?--Vater, ich schwre--wehe mir, wehe! Verbrecherin, wohin ich mich neige!--Vater, es sei!--Ferdinand--Gott sieht herab!--So zernicht' ich sein letztes Gedchtni. (Sie zerreit ihren Brief.) Miller (strzt ihr freudetrunken an den Hals). Das ist meine Tochter! --Blick' auf! um einen Liebhaber bist du leichter, dafr hast du einen glcklichen Vater gemacht. (Unter Lachen und Weinen sie umarmend.) Kind! Kind! das ich den Tag meines Lebens nicht werth war! Gott wei, wie ich schlechter Mann zu diesem Engel gekommen bin! --Mein Luise, mein Himmelreich!--O Gott! ich verstehe ja wenig vom Lieben, aber da es eine Qual sein mu, aufzuhren--so was begreif' ich noch. Luise. Doch hinweg aus dieser Gegend, mein Vater--Weg von der Stadt, wo meine Gespielinnen meiner spotten und mein guter Name dahin ist auf immerdar--Weg, weg, weit weg von dem Ort, wo mich so viele Spuren der verlorenen Seligkeit anreden. Weg, wenn es mglich ist-Miller. Wohin du nur willst, meine Tochter. Das Brod unsers Herrgotts wchst berall, und Ohren wird er auch meiner Geige bescheren. Ja! la auch Alles dahingehn--Ich setze die Geschichte deines Grams auf die Laute, singe dann ein Lied von der Tochter, die, ihren Vater zu ehren, ihr Herz zerri--wir betteln mit der Ballade von Thre zu Thre, und das Almosen wird kstlich schmecken von den Hnden der Weinenden- Zweite Scene. Ferdinand zu den Vorigen. Luise (wird ihn zuerst gewahr und wirft sich Millern laut schreiend um den Hals). Gott! Da ist er! Ich bin verloren. Miller. Wo? Wer? Luise (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Major und drckt sich fester an ihren Vater). Er! er selbst--Seh' Er nur um sich, Vater--Mich zu ermorden, ist er da. Miller (erblickt ihn, fhrt zurck.) Was? Sie hier, Baron? Ferdinand (kommt langsam nher, bleibt Luisen gegenber stehen und lt den starren forschenden Blick auf ihr ruhen, nach einer Pause). berraschtes Gewissen, habe Dank! Dein Bekenntni ist schrecklich, aber schnell und gewi, und erspart mir die Folterung.--Guten Abend, Miller. Miller. Aber um Gottes willen! Was wollen Sie, Baron? Was fhrt Sie her? Was soll dieser berfall? Ferdinand. Ich wei eine Zeit, wo man den Tag in seine Secunden zerstckte, wo Sehnsucht nach mir sich an die Gewichte der zgernden Wanduhr hing und auf den Aderschlag lauerte, unter dem ich erscheinen sollte--Wie kommt's, da ich jetzt berrasche? Miller. Gehen Sie, gehen Sie, Baron--Wenn noch ein Funke von Menschlichkeit in Ihrem Herzen zurckblieb--wenn Sie Die nicht erwrgen wollen, die Sie zu lieben vorgeben, fliehen Sie, bleiben Sie keinen Augenblick lnger. Der Segen war fort aus meiner Htte, sobald Sie einen Fu darein setzten. Sie haben das Elend unter mein Dach gerufen, wo sonst nur die Freude zu Hause war. Sind Sie noch nicht zufrieden? Wollen Sie auch in der Wunde noch whlen, die Ihre unglckliche Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinde schlug? Ferdinand. Wunderlicher Vater, jetzt komm' ich ja, deiner Tochter etwas Erfreuliches zu sagen. Miller. Neue Hoffnungen etwa zu einer neuen Verzweiflung?--Geh, Unglcksbote! Dein Gesicht schimpft deine Waare. Ferdinand. Endlich ist es erschienen, das Ziel meiner Hoffnungen! Lady Milford, das furchtbarste Hindernis unsrer Liebe, floh diesen Augenblick aus dem Lande. Mein Vater billigt meine Wahl. Das Schicksal lt nach, uns zu verfolgen. Unsere glcklichen Sterne gehen auf--Ich bin jetzt da, mein gegebenes Wort einzulsen und meine Braut zum Altar abzuholen. Miller. Hrst du ihn, meine Tochter? Hrst du ihn sein Gesptte mit deinen getuschten Hoffnungen treiben? O wahrlich, Baron! es steht dem Verfhrer so schn, an seinem Verbrechen seinen Witz noch zu kitzeln. Ferdinand. Du glaubst, ich scherze. Bei meiner Ehre nicht! Meine Aussage ist wahr, wie die Liebe meiner Luise, und heilig will ich sie halten, wie sie ihre Eide--Ich kenne nichts Heiligeres--Noch zweifelst du? noch kein freudiges Errthen auf den Wangen meiner schnen Gemahlin? Sonderbar! die Lge mu hier gangbare Mnze sein, wenn die Wahrheit so wenig Glauben findet. Ihr mitraut meinen Worten? So glaubt diesem schriftlichen Zeugni. (Er wirft Luisen den Brief an den Marschall zu.) Luise (schlgt ihn auseinander und sinkt leichenbla nieder). Miller (ohne das zu bemerken, zum Major). Was soll das bedeuten, Baron? Ich verstehe Sie nicht. Ferdinand (fhrt ihn zu Luisen hin). Desto besser hat mich Diese verstanden. Miller (fllt an ihr nieder). O Gott! meine Tochter! Ferdinand. Bleich wie der Tod!--Jetzt erst gefllt sie mir, deine Tochter! So schn war sie nie, die fromme, rechtschaffene Tochter--Mit diesem Leichengesicht--Der Odem des Weltgerichts, der den Firni von jeder Lge streift, hat jetzt die Schminke verblasen, womit die Tausendknstlerin auch die Engel des Lichts hintergangen hat--Es ist ihr schnstes Gesicht! Es ist ihr erstes wahres Gesicht! La mich es kssen. (Er will auf sie zugehen.) Miller. Zurck! Weg! Greife nicht an das Vaterherz, Knabe! Vor deinen Liebkosungen konnt' ich sie nicht bewahren, aber ich kann es vor deinen Mihandlungen. Ferdinand. Was willst du, Graukopf? Mit dir hab' ich nichts zu schaffen. Menge dich ja nicht in ein Spiel, das so offenbar verloren ist--oder bist du auch vielleicht klger, als ich dir zugetraut habe? Hast du die Weisheit deiner sechzig Jahre zu den Buhlschaften deiner Tochter geborgt und dies ehrwrdige Haar mit dem Gewerb eines Kupplers geschndet?--O! wenn das nicht ist, unglcklicher alter Mann, lege dich nieder und stirb--Noch ist es Zeit. Noch kannst du in dem sen Taumel entschlafen: ich war ein glcklicher Vater!--Einen Augenblick spter, und du schleuderst die giftige Natter ihrer hllischen Heimath zu, verfluchst das Geschenk und den Geber und fhrst mit der Gotteslsterung in die Grube. (Zu Luisen.) Sprich, Unglckselige! Schriebst du diesen Brief? Miller (warnend zu Luisen). Um Gottes Willen, Tochter! Vergi nicht! Vergi nicht! Luise. O dieser Brief, mein Vater-Ferdinand. Da er in die unrechten Hnde fiel?--Gepriesen sei mir der Zufall, er hat grere Thaten gethan, als die klgelnde Vernunft, und wird besser bestehn an jenem Tag, als der Witz aller Weisen--Zufall, sage ich?--O die Vorsehung ist dabei, wenn Sperlinge fallen, warum nicht, wo ein Teufel entlarvt werden soll?--Antwort will ich!--Schriebst du diesen Brief? Miller (seitwrts zu ihr mit Beschwrung). Standhaft! Standhaft, meine Tochter! Nur noch das einzige Ja, und Alles ist berwunden. Ferdinand. Lustig! lustig! Auch der Vater betrogen! Alles betrogen. Nun sieh, wie sie dasteht, die Schndliche, und selbst ihre Zunge nun ihrer letzten Lge den Gehorsam aufkndigt! Schwre bei Gott, bei dem frchterlich wahren! Schriebst du diesen Brief? Luise (nach einem qualvollen Kampf, worin sie durch Blicke mit ihrem Vater gesprochen hat, fest und entscheidend). Ich schrieb ihn. Ferdinand (bleibe erschrocken stehen). Luise!--Nein! So wahr meine Seele lebt! du lgst--Auch die Unschuld bekennt sich auf der Folterbank zu Freveln, die sie nie beging--Ich fragte zu heftig--Nicht wahr, Luise--Du bekanntest nur, weil ich zu heftig fragte? Luise. Ich bekannte, was wahr ist. Ferdinand. Nein, sag' ich! nein! nein! Du schriebst nicht. Es ist deine Hand gar nicht--Und wre sie's, warum sollten Handschriften schwerer nachzumachen sein, als Herzen zu verderben? Rede mir wahr, Luise--Oder nein, nein, thu' es nicht, du knntest Ja sagen, und ich wr' verloren--Eine Lge, Luise--ein Lge!--O wenn du jetzt eine wtest, mir hinwrfest mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur mein Aug berredetest, dieses Herz auch noch so abscheulich tuschtest--O Luise! Alle Wahrheit mchte dann mit diesem Hauch aus der Schpfung wandern und die gute Sache ihren starren Hals von nun an zu einem hfischen Bckling beugen! (Mit scheuem bebendem Ton.) Schriebst du diesen Brief? Luise. Bei Gott! bei dem frchterlich wahren! Ja! Ferdinand (nach einer Pause, im Ausdruck des tiefsten Schmerzes). Weib! Weib!--Das Gesicht, mit dem du jetzt vor mir stehst!--Theile mit diesem Gesicht Paradiese aus, du wirst selbst im Reich der Verdammni keinen Kufer finden--Wutest du, was du mir warst, Luise? Unmglich! Nein! Du wutest nicht, da du mir Alles warst! Alles! --Es ist ein armes verchtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Mhe, es zu umwandern; Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin--Alles! und so frevelhaft damit zu spielen--O, es ist schrecklich!-Luise. Sie haben mein Gestndni, Herr von Walter. Ich habe mich selbst verdammt. Gehen Sie nun! Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglcklich waren. Ferdinand. Gut! gut! Ich bin ja ruhig--ruhig, sagt man ja, ist auch der schaudernde Strich Landes, worber die Pest ging--ich bin's. (Nach einigem Nachdenken.) Noch eine Bitte, Luise--die letzte! Mein Kopf brennt so fieberisch. Ich brauch Khlung--Willst du mir ein Glas Limonade zurecht machen? (Luise geht ab.) Dritte Scene. Ferdinand und Miller. (Beide gehen, ohne ein Wort zu reden, einige Pausen lang auf den entgegengesetzten Seiten des Zimmers auf und ab). Miller (bleibt endlich stehen und betrachtet den Major mit trauriger Miene). Lieber Baron, kann es Ihren Gram vielleicht mindern, wenn ich Ihnen gestehe, da ich Sie herzlich bedaure! Ferdinand. La Er es gut sein, Miller. (Wieder einige Schritte.) Miller, ich wei nur kaum noch, wie ich in Sein Haus kam--Was war die Veranlassung? Miller. Wie, Herr Major? Sie wollten ja Lection auf der Flte bei mir nehmen? Das wissen Sie nicht mehr? Ferdinand (rasch). Ich sah Seine Tochter! (Wiederum einige Pausen.) Er hat nicht Wort gehalten, Freund. Wir accordierten Ruhe fr meine einsamen Stunden. Er betrog mich und verkaufte mir Skorpionen. (Da er Millers Bewegung sieht.) Nein, erschrick nur nicht, alter Mann. (Gerhrt an seinem Hals.) Du bist nicht schuldig. Miller (die Augen wischend). Das wei der allwissende Gott! Ferdinand (aufs neue hin und her, in dstres Grbeln versunken). Seltsam, o unbegreiflich seltsam spielt Gott mit uns. An dnnen unmerkbaren Seilen hngen oft frchterliche Gewichte--Wte der Mensch, da er an diesem Apfel den Tod essen sollte--Hum!--Wte er das? (Heftiger auf und nieder, dann Millers Hand mit starker Bewegung fassend.) Mann! Ich bezahle dir dein Bischen Flte zu theuer--und du gewinnst nicht einmal--auch du verlierst--verlierst vielleicht Alles. (Gepret von ihm weggehend.) Unglckseliges Fltenspiel, das mir nie htte einfallen sollen! Miller (sucht seine Rhrung zu verbergen). Die Limonade bleibt auch gar zu lang auen. Ich denke, ich sehe nach, wenn Sie mir's nicht fr bel nehmen-Ferdinand. Es eilt nicht, lieber Miller. (Vor sich hinmurmelnd.) Zumal fr den Vater nicht--Bleib' Er nur--Was hatt' ich doch fragen wollen?--Ja!--Ist Luise Seine einzige Tochter? Sonst hat Er keine Kinder mehr? Miller (warm). Habe sonst keins mehr, Baron--wnsch' mir auch keins mehr. Das Mdel ist just so recht, mein ganzes Vaterherz einzustecken--hab' meine ganze Baarschaft von Liebe an der Tochter schon zugesetzt. Ferdinand (heftig erschttert). Ha!--Seh' Er doch lieber nach dem Trank, guter Miller. (Miller ab.) Vierte Scene. Ferdinand allein. Das einzige Kind!--Fhlst du das, Mrder? Das einzige! Mrder! hrst du, das einzige?--Und der Mann hat auf der groen Welt Gottes nichts, als sein Instrument und das einzige--Du willst's ihm rauben? Rauben?--rauben den letzten Nothpfenning einem Bettler? Die Krcke zerbrochen vor die Fe werfen dem Lahmen? Wie? Hab' ich auch Brust fr das?--Und wenn er nun heimeilt und nicht erwarten kann, die ganze Summe seiner Freuden vom Gesicht dieser Tochter herunter zu zhlen, und hereintritt und sie da liegt, die Blume--welk--todt--zertreten, muthwillig, die letzte, einzige, unberschwngliche Hoffnung--Ha, und er dasteht vor ihr, und dasteht und ihm die ganze Natur den lebendigen Odem anhlt, und sein erstarrter Blick die entvlkerte Unendlichkeit fruchtlos durchwandert, Gott sucht, und Gott nicht mehr finden kann und leerer zurckkommt--Gott! Gott! Aber auch mein Vater hat diesen einzigen Sohn--den einzigen Sohn, doch nicht den einzigen Reichthum--(Nach einer Pause.) Doch wie? Was verliert er denn? Das Mdchen, dem die heiligsten Gefhle der Liebe nur Puppen waren, wird es den Vater glcklich machen knnen?--Es wird nicht, es wird nicht! Und ich verdiene noch Dank, da ich die Natter zertrete, ehe sie auch noch den Vater verwundet. Fnfte Scene. Miller, der zurckkommt, und Ferdinand. Miller. Gleich sollen Sie bedient sein, Baron! Drauen sitzt das arme Ding und will sich zu Tod weinen. Sie wird Ihnen mit der Limonade auch Thrnen zu trinken geben. Ferdinand. Und wohl, wenn's nur Thrnen wren!--Weil wir vorhin von der Musik sprachen, Miller--(Eine Brse ziehend.) Ich bin noch Sein Schuldner. Miller. Wie? Was? Gehen Sie mir, Baron! Wofr halten Sie mich? Das steht ja in guter Hand, thun Sie mir doch den Schimpf nicht an, und sind wir ja, will's Gott, nicht das letzte Mal bei einander. Ferdinand. Wer kann das wissen? Nehm' Er nur. Es ist fr Leben und Sterben. Miller (lachend). O dewegen, Baron! Auf den Fall, denk' ich, kann man's wagen bei Ihnen. Ferdinand. Man wagte wirklich--Hat Er nie gehrt, da Jnglinge gefallen sind--Mdchen und Jnglinge, die Kinder der Hoffnung, die Luftschlsser betrogener Vter--Was Wurm und Alter nicht thun, kann oft ein Donnerschlag ausrichten--Auch Seine Luise ist nicht unsterblich. Miller. Ich hab' sie von Gott. Ferdinand. Hr' Er--Ich sag' Ihm, sie ist nicht unsterblich. Diese Tochter ist Sein Augapfel. Er hat sich mit Herz und Seel' an diese Tochter gehngt. Sei Er vorsichtig, Miller. Nur ein verzweifelter Spieler setzt Alles auf einen einzigen Wurf. Einen Waghals nennt man den Kaufmann, der auf ein Schiff sein ganzes Vermgen ladet--Hr' Er, denk' Er der Warnung nach--Aber warum nimmt Er Sein Geld nicht? Miller. Was, Herr? die ganze allmchtige Brse? Wohin denken Eure Gnaden? Ferdinand. Auf meine Schuldigkeit--Da! (Er wirft den Beutel auf den Tisch, da Goldstcke herausfallen.) Ich kann den Quark nicht eine Ewigkeit so halten. Miller (bestrzt). Was beim groen Gott? Der klang nicht wie Silbergeld! (Er tritt zum Tisch und ruft mit Entsetzen.) Wie, um aller Himmel willen, Baron? Baron? Wie sind Sie? Was treiben Sie, Baron? Das nenn' ich mir Zerstreuung! (Mit zusammengeschlagenen Hnden.) Hier liegt ja--oder bin ich verhext,--oder--Gott verdamm mich! Da greif' ich ja das baare, gelbe, leibhaftige Gottesgold--Nein, Satanas! Du sollst mich nicht daran kriegen! Ferdinand. Hat Er Alten oder Neuen getrunken, Miller? Miller (grob). Donner und Wetter! Da schauen Sie nur hin!--Gold! Ferdinand. Und was weiter? Miller. Ins Henkers Namen--ich sage--ich bitte Sie um Gottes Christi willen--Gold! Ferdinand. Das ist nun freilich etwas Merkwrdiges. Miller (nach einigem Stillschweigen zu ihm gehend, mit Empfindung). Gndiger Herr, ich bin ein schlichter, gerader Mann, wenn Sie mich etwa zu einem Bubenstck anspannen wollen--denn so viel Geld lt sich, weit Gott, nicht mit etwas Gutem verdienen. Ferdinand (bewegt). Sei Er ganz getrost, lieber Miller. Das Geld hat Er lngst verdient, und Gott bewahre mich, da ich mich mit Seinem guten Gewissen dafr bezahlt machen sollte. Miller (wie ein Halbnarr in die Hhe springend). Mein also! mein! Mit des guten Gottes Wissen und Willen, mein! (Nach der Thr laufend, schreiend.) Weib! Tochter! Victoria! Herbei! (Zurckkommend.) Aber du lieber Himmel! Wie komm' ich denn so auf einmal zu dem ganzen grausamen Reichthum? Wie verdien' ich ihn? lohn' ich ihn? Heh? Ferdinand. Nicht mit Seinen Musikstunden, Miller.--Mit dem Geld hier bezahl' ich Ihm, (von Schauern ergriffen hlt er inn) bezahl' ich Ihm (nach einer Pause mit Wehmuth) den drei Monat langen glcklichen Traum von Seiner Tochter. Miller (fat seine Hand, die er stark drckt). Gndiger Herr! Wren Sie ein schlechter, geringer Brgersmann--(rasch) und mein Mdel liebte Sie nicht--erstechen wollt' ich's, das Mdel! (Wieder beim Geld, darauf niedergeschlagen.) Aber da hab' ich ja nun Alles und Sie nichts, und da werd' ich nun das ganze Gaudium wieder herausblechen mssen? Heh? Ferdinand. La Er sich das nicht anfechten, Freund--Ich reise ab, und in dem Land, wo ich mich zu setzen gedenke, gelten die Stempel nicht. Miller (unterdessen mit unverwandten Augen auf das Gold hingeheftet, voll Entzckung). Bleibt's also mein? Bleibt's?--Aber das thut mir nur leid, da Sie verreisen--Und wart, was ich jetzt auftreten will! Wie ich die Backen jetzt vollnehmen will! (Er setzt den Hut auf und schiet durch das Zimmer.) Und auf den Markt will ich und meine Musikstunden geben und Numero fnfe Dreiknig rauchen, und wenn ich wieder auf dem Dreibatzenplatz sitze, soll mich der Teufel holen. (Will fort.) Ferdinand. Bleib' Er! Schweig' Er! und streich' Er sein Geld ein! (Nachdrcklich.) Nur diesen Abend noch schweig' Er und geb' Er, mir zu Gefallen, von nun an keine Musikstunden mehr. Miller (noch hitziger und ihn hart an der Weste fassend, voll inniger Freude). Und, Herr! meine Tochter! (Ihn werden loslassend.) Geld macht den Mann nicht--Geld nicht--Ich habe Kartoffeln gegessen oder ein wildes Huhn; satt ist satt, und dieser Rock da ist ewig gut, wenn Gottes liebe Sonne nicht durch den rmel scheint--Fr mich ist das Plunder--Aber dem Mdel soll der Segen bekommen; was ich ihr nur an den Augen absehen kann, soll sie haben-Ferdinand (fllt rasch ein). Stille, o stille-Miller (immer feuriger). Und soll mir Franzsisch lernen aus dem Fundament und Menuet-Tanzen und Singen, da man's in den Zeitungen lesen soll; und eine Haube soll sie tragen, wie die Hofrathstchter, und einen Kidebarri, wie sie's heien, und von der Geigerstochter soll man reden auf vier Meilen weit-Ferdinand (ergreift seine Hand mit der schrecklichsten Bewegung). Nichts mehr! Nichts mehr! Um Gotteswillen, schweig' Er still! Nur noch heute schweig' Er still! Das sei der einzige Dank, den ich von Ihm fordre. Sechste Scene. Luise mit der Limonade, und die Vorigen. Luise (mit rotgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem sie dem Major das Glas auf einem Teller bringt). Sie befehlen, wenn sie nicht stark genug ist. Ferdinand (nimmt das Glas, setzt es nieder und dreht sich rasch gegen Millern). O beinahe htt' ich das vergessen!--Darf ich Ihn um etwas bitten, lieber Miller? Will Er mir einen kleinen Gefallen thun? Miller. Tausend fr einen! Was befehlen-Ferdinand. Man wird mich bei der Tafel erwarten. Zum Unglck hab' ich eine sehr bse Laune. Es ist mir ganz unmglich, unter Menschen zu gehn--Will Er einen Gang thun zu meinem Vater und mich entschuldigen? Luise (erschrickt und fllt schnell ein). Den Gang kann ja ich thun. Miller. Zum Prsidenten? Ferdinand. Nicht zu ihm selbst. Er bergibt Seinen Auftrag in der Garderobe einem Kammerdiener--Zu Seiner Legitimation ist hier meine Uhr--Ich bin noch da, wenn Er wieder kommt.--Er wartet auf Antwort. Luise (sehr ngstlich). Kann denn ich das nicht auch besorgen? Ferdinand (zu Millern, der eben fort will). Halt, und noch etwas! Hier ist ein Brief an meinen Vater, der diesen Abend an mich eingeschlossen kam--Vielleicht dringende Geschfte--Es geht in einer Bestellung hin-Miller. Schon gut, Baron! Luise (hngt sich an ihn, in der entsetzlichsten Bangigkeit). Aber, mein Vater, Dies alles knnt' ich ja recht gut besorgen. Miller. Du bist allein, und es ist finstre Nacht, meine Tochter. (Ab.) Ferdinand. Leuchte deinem Vater, Luise! (Whrend dem, da sie Millern mit dem Licht begleitet, tritt er zum Tisch und wirft Gift in ein Glas Limonade.) Ja, sie soll dran! Sie soll! Die obern Mchte nicken mir ihr schreckliches Ja herunter, die Rache des Himmels unterschreibt, ihr guter Engel lt sie fahren- Siebente Scene. Ferdinand und Luise. Sie kommt langsam mit dem Lichte zurck, setzt es nieder und stellt sich auf die entgegengesetzte Seite vom Major, das Gesicht auf den Boden geschlagen und nur zuweilen furchtsam und verstohlen nach ihm hinberschielend. Er steht auf der andern Seite und sieht starr vor sich hinaus. (Groes Stillschweigen, das diesen Auftritt ankndigen mu.) Luise. Wollen Sie mich accompagnieren, Herr von Walter, so mach' ich einen Gang auf dem Fortepiano. (Sie ffnet den Pantalon.) (Ferdinand gibt keine Antwort. Pause.) Luise. Sie sind mir auch noch Revanche auf dem Schachbrett schuldig. Wollen wir eine Partie, Herr von Walter? (Eine neue Pause.) Luise. Herr von Walter, die Brieftasche, die ich Ihnen einmal zu sticken versprochen--ich habe sie angefangen--Wollen Sie das Dessin nicht besehen? (Wieder eine Pause.) Luise. Ich bin sehr elend! Ferdinand (in der bisherigen Stellung). Das knnte wahr sein. Luise. Meine Schuld ist es nicht, Herr von Walter, da Sie so schlecht unterhalten werden. Ferdinand (lacht beleidigend vor sich hin). Denn was kannst du fr meine blde Bescheidenheit? Luise. Ich hab' es ja wohl gewut, da wir jetzt nicht zusammen taugen. Ich erschrak auch gleich, ich bekenne es, als Sie meinen Vater verschickten--Herr von Walter, ich vermuthe, dieser Augenblick wird uns Beiden gleich unertrglich sein--Wenn Sie mir's erlauben wollen, so geh' ich und bitte einige von meinen Bekannten her. Ferdinand. O ja doch, das thu'. Ich will auch gleich gehn und von den meinigen bitten. Luise (sieht ihn stutzend an). Herr von Walter? Ferdinand (sehr hmisch). Bei meiner Ehre! der gescheidteste Einfall, den ein Mensch in dieser Lage nur haben kann. Wir machen aus diesem verdrielichen Duett eine Lustbarkeit und rchen uns mit Hilfe gewisser Galanterieen an den Grillen der Liebe. Luise. Sie sind aufgerumt, Herr von Walter. Ferdinand. Ganz auerordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter mir her zu jagen! Nein! In Wahrheit, Luise! dein Beispiel bekehrt mich--du sollst meine Lehrerin sein. Thoren sind's, die von ewiger Liebe schwatzen. Ewiges Einerlei widersteht, Vernderung nur ist das Salz des Vergngens--Topp, Luise! Ich bin dabei--Wir hpfen von Roman zu Roman, wlzen uns von Schlamme zu Schlamm--Du dahin--ich dorthin--vielleicht, da meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell wieder finden lt--Vielleicht, da wir dann nach dem lustigen Wettlauf, zwei modernde Gerippe, mit der angenehmsten berraschung von der Welt zum zweiten Mal aufeinander stoen, da wir uns da an dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter verleugnet, wie in Komdien wieder erkennen, da Ekel und Scham noch eine Harmonie veranstalten, die der zrtlichsten Liebe unmglich gewesen ist. Luise. O Jngling! Jngling! Unglcklich bist du schon; willst du es auch noch verdienen? Ferdinand (ergrimmt durch die Zhne murmelnd). Unglcklich bin ich? Wer hat dir das gesagt? Weib, du bist zu schlecht, und selbst zu empfinden--womit kannst du eines Andern Empfindungen wgen?--Unglcklich, sagte sie?--Ha! dieses Wort knnte meine Wuth aus dem Grabe rufen! Unglcklich mut' ich werden, das wute sie. Tod und Verdammni! das wute sie und hat mich dennoch verrathen--Siehe, Schlange! das war der einzige Fleck der Vergebung--Deine Aussage bricht dir den Hals--Bis jetzt konnt' ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beschnigen, in meiner Verachtung wrst du beinahe meiner Rache entsprungen. (Indem er hastig das Glas ergreift.) Also leichtsinnig warst du nicht--dumm warst du nicht--du warst nur ein Teufel. (Er trinkt.) Die Limonade ist matt wie deine Seele--Versuche! Luise. O Himmel! Nicht umsonst hab' ich diesen Auftritt gefrchtet. Ferdinand (gebieterisch). Versuche! Luise (nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt). Ferdinand (wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, mit einer pltzlichen Erblassung weg und eilt nach dem hintersten Winkel des Zimmers). Luise. Die Limonade ist gut. Ferdinand (ohne sich umzukehren, von Schauer geschttelt). Wohl bekomm's! Luise (nachdem sie es niedergesetzt). O wenn Sie wten, Walter, wie ungeheuer Sie meine Seele beleidigen. Ferdinand. Hum! Luise. Es wird eine Zeit kommen, Walter-Ferdinand (wieder vorwrts kommend). O! mit der Zeit wren wir fertig. Luise. Wo der heutige Abend schwer auf Ihr Herz fallen drfte-Ferdinand (fngt an strker zu gehen und beunruhigter zu werden, indem er Schrpe und Degen von sich wirft). Gute Nacht, Herrendienst! Luise. Mein Gott! Wie wird Ihnen? Ferdinand. Hei und enge--Will mir's bequemer machen. Luise Trinken Sie! Trinken Sie! Der Trank wird Sie khlen. Ferdinand. Das wird er auch ganz gewi--Die Metze ist gutherzig; doch, das sind alle! Luise (mit dem vollen Ausdruck der Liebe ihm in die Arme eilend). Das deiner Luise, Ferdinand? Ferdinand (drckt sie von sich). Fort! Fort! Diese sanften schmelzenden Augen weg! Ich erliege. Komm in deiner ungeheuern Furchtbarkeit, Schlange! spring an mir auf, Wurm!--Krame vor mir deine grlichen Knoten aus, bume deine Wirbel zum Himmel!--so abscheulich, als dich jemals der Abgrund sah--nur keinen Engel mehr--nur jetzt keinen Engel mehr--Es ist zu spt--Ich mu dich zertreten, wie eine Natter, oder verzweifeln--Erbarme dich! Luise. O! da es so weit kommen mute! Ferdinand (sie von der Seite betrachtend). Dieses schne Werk des himmlischen Bildners--Wer kann das glauben?--Wer sollte das glauben? (Ihre Hand fassend und emporhaltend.) Ich will dich nicht zur Rede stellen, Gott Schpfer--Aber warum denn dein Gift in so schnen Gefen?--Kann das Laster in diesem milden Himmelstrich fortkommen?--O, es ist seltsam. Luise. Das anzuhren und schweigen zu mssen! Ferdinand. Und die se melodische Stimme--Wie kann so viel Wohlklang kommen aus zerrissenen Saiten? (Mit trunkenem Aug auf ihrem Anblick verweilend.) Alles so schn--so voll Ebenma--so gttlich vollkommen!--berall das Werk seiner himmlischen Schferstunde! Bei Gott! als wre die groe Welt nur entstanden, den Schpfer fr dieses Meisterstck in Laune zu setzen!--Und nur in der Seele sollte Gott sich vergriffen haben? ist es mglich, da diese emprende Migeburt in die Natur ohne Tadel kam? (Indem er sie schnell verlt.) Oder sah er einen Engel unter dem Meiel hervorgehen und half diesem Irrthum in der Eile mit einem desto schlechteren Herzen ab? Luise. O des frevelhaften Eigensinns! Ehe er sich eine bereilung gestnde, greift er lieber den Himmel an. Ferdinand (strzt ihr heftig weinend an den Hals). Noch einmal, Luise!--Noch einmal wie am Tag unsers ersten Kusses, da du Ferdinand stammeltest und das erste Du auf deine brennenden Lippen trat--O eine Saat unendlicher, unaussprechlicher Freuden schien in dem Augenblick wie in der Knospe zu liegen--Da lag die Ewigkeit wie ein schner Maitag vor unsern Augen; goldne Jahrtausende hpften, wie Brute, vor unsrer Seele vorbei--Da war ich der Glckliche!--O Luise! Luise! Luise! Warum hat du mir das gethan? Luise. Weinen Sie, weinen Sie, Walter. Ihre Wehmuth wird gerechter gegen mich sein, als Ihre Entrstung. Ferdinand. Du betrgst dich. Das sind ihre Thrnen nicht--Nicht jener warme, wollstige Thau, der in die Wunde der Seele balsamisch fliet und das starre Rad der Empfindung wieder in Gang bringt. Es sind einzelne--kalte Tropfen--das schauerliche ewige Lebewohl meiner Liebe. (Furchtbar feierlich, indem er die Hand auf ihren Kopf sinken lt.) Thrnen um deine Seele, Luise--Thrnen um die Gottheit, die ihres unendlichen Wohlwollens hier verfehlte, die so muthwillig um das herrlichste ihrer Werke kommt--O mich ducht, die ganze Schpfung sollte den Flor anlegen und ber das Beispiel betreten sein, das in ihrer Mitte geschieht--Es ist was Gemeines, da Menschen fallen und Paradiese verloren werden; aber wenn die Pest unter Engel wthet, so rufe man Trauer aus durch die ganze Natur. Luise. Treiben Sie mich nicht aufs uerste, Walter. Ich habe Seelenstrke, so gut wie Eine--aber sie mu auf eine menschliche Probe kommen. Walter, das Wort noch und dann geschieden--Ein entsetzliches Schicksal hat die Sprache unsrer Herzen verwirrt. Drft' ich den Mund aufthun, Walter, ich knnte dir Dinge sagen--ich knnte--aber das harte Verhngni band meine Zunge wie meine Liebe, und dulden mu ich's, wenn du mich wie eine gemeine Metze mihandelst. Ferdinand. Fhlst du dich wohl, Luise? Luise. Wozu diese Frage? Ferdinand. Sonst sollte mir's leid um dich thun, wenn du mit einer Lge von hinnen mtest. Luise. Ich beschwre Sie, Walter-Ferdinand (unter heftigen Bewegungen). Nein! nein! Zu satanisch wre diese Rache! Nein! Gott bewahre mich! In jene Welt hinaus will ich's nicht treiben--Luise! Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr aus diesem Zimmer gehen. Luise. Fragen Sie, was Sie wollen. Ich antworte nichts mehr. (Sie setzt sich nieder.) Ferdinand (ernster). Sorge fr deine unsterbliche Seele, Luise! --Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr aus diesem Zimmer gehen. Luise. Ich antworte nichts mehr. Ferdinand (fllt in frchterlicher Bewegung vor ihr nieder). Luise! Hast du den Marschall geliebt? Ehe dieses Licht noch ausbrennt--stehst du--vor Gott! Luise (fhrt erschrocken in die Hhe). Jesus! Was ist das?--und mir wird sehr bel. (Sie sinkt auf den Sessel zurck.) Ferdinand. Schon?--ber euch Weiber und das ewige Rthsel! Die zrtliche Nerve hlt Freveln fest, die die Menschheit an ihren Wurzeln zernagen; ein elender Gran Arsenik wirft sie um-Luise. Gift! Gift! O mein Herrgott! Ferdinand. So frchte ich. Deine Limonade war in der Hlle gewrzt. Du hast sie dem Tod zugetrunken. Luise. Sterben! Sterben! Gott Allbarmherziger! Gift in der Limonade und sterben!--O meiner Seele erbarme dich, Gott der Erbarmer! Ferdinand. Das ist die Hauptsache. Ich bitt' ihn auch darum. Luise. Und meine Mutter--mein Vater--Heiland der Welt! Mein armer, verlorener Vater! Ist keine Rettung mehr? Mein junges Leben, und keine Rettung! Und mu ich jetzt schon dahin? Ferdinand. Keine Rettung, mut jetzt schon dahin--aber sei ruhig. Wir machen die Reise zusammen. Luise. Ferdinand, auch du! Gift, Ferdinand! Von dir! O Gott, vergi es ihm--Gott der Gnade, nimm die Snde von ihm-Ferdinand. Sieh du nach deinen Rechnungen--Ich frchte, sie stehen bel. Luise. Ferdinand! Ferdinand!--O--Nun kann ich nicht mehr schweigen--Der Tod--der Tod hebt alle Eide auf--Ferdinand!--Himmel und Erde hat nichts Unglckseligeres als dich!--Ich sterbe unschuldig, Ferdinand. Ferdinand (erschrocken). Was sagt sie da?--Eine Lge pflegt man doch sonst nicht auf diese Reise zu nehmen? Luise. Ich lge nicht--lge nicht--hab' nur einmal gelogen mein Lebenlang--Huh! wie das eiskalt durch meine Adern schauert--als ich den Brief schrieb an den Hofmarschall-Ferdinand. Ha! Dieser Brief! --Gottlob! Jetzt hab' ich all meine Mannheit wieder. Luise (ihre Zunge wird schwerer, ihre Finger fangen an gichterisch zu zucken). Dieser Brief--Fasse dich, ein entsetzliches Wort zu hren--Meine Hand schrieb, was mein Herz verdammte--dein Vater hat ihn dictiert. Ferdinand (starr und einer Bildsule gleich, in langer todter Pause hingewurzelt, fllt endlich wie von einem Donnerschlag nieder). Luise. O des klglichen Miverstands--Ferdinand--man zwang mich--vergib--deine Luise htte den Tod vorgezogen--aber mein Vater--die Gefahr--sie machten es listig. Ferdinand (schrecklich emporgeworfen). Gelobet sei Gott! noch spr' und das Gift nicht. (Er reit den Degen heraus.) Luise (von Schwche zu Schwche sinkend). Weh! Was beginnst du? Es ist dein Vater-Ferdinand (im Ausdruck der unbndigsten Wuth). Mrder und Mrdervater!--Mit mu er, da der Richter der Welt nur gegen den Schuldigen rase. (Will hinaus.) Luise. Sterbend vergab mein Erlser--Heil ber dich und ihn (Sie stirbt.) Ferdinand (kehrt schnell um, wird ihre letzte sterbende Bewegung gewahr und fllt in Schmerz aufgelst vor der Todten nieder). Halt! Halt! Entspringe mir nicht, Engel des Himmels! (Er fat ihre Hand an und lt sie schnell wie fallen.) Kalt, kalt und feucht! Ihre Seele ist dahin. (Er springt wieder auf.) Gott meiner Luise! Gnade! Gnade dem verruchtesten der Mrder! Es war ihr letztes Gebet!--Wie reizend und schn auch ihr Leichnam! Der gerhrte Wrger ging schonend ber diese freundlichen Wangen hin--Diese Sanftmuth war keine Larve, sie hat auch dem Tod Stand gehalten. (Nach einer Pause.) Aber wie? Warum fhl' ich nichts? Will die Kraft meiner Jugend mich retten? Undankbare Mhe! Das ist meine Meinung nicht. (Er greift nach dem Glase.) Letzte Scene. Ferdinand. Der Prsident. Wurm und Bediente, welche alle voll Schrecken ins Zimmer strzen, darauf Miller mit Volk und Gerichtsdienern, welche sich im Hintergrund sammeln. Prsident (den Brief in der Hand). Sohn, was ist das?--Ich will doch nimmermehr glauben-Ferdinand (wirft ihm das Glas vor die Fe). So sieh, Mrder! Prsident (taumelt hinter sich. Alle erstarren. Eine schreckhafte Pause.) Mein Sohn, warum hast du mir das gethan? Ferdinand (ohne ihn anzusehen). O ja freilich! Ich htte den Staatsmann erst hren sollen, ob der Streich auch zu seinen Karten passe?--Fein und bewundernswerth, ich gesteh's, war die Finte, den Bund unsrer Herzen zu zerreien durch Eifersucht--Die Rechnung hatte ein Meister gemacht, aber Schade nur, da die zrnende Liebe dem Draht nicht so gehorsam blieb wie deine hlzerne Puppe. Prsident (sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreise herum). Ist hier Niemand, der um einen trostlosen Vater weint? Miller (hinter der Scene rufend). Lat mich hinein! Um Gottes willen! Lat mich! Ferdinand. Das Mdchen ist eine Heilige--fr sie mu ein Anderer rechten. (Er ffnet Millern die Thre, der mit Volk und Gerichtsdienern hineinstrzt.) Miller (in der frchterlichsten Angst). Mein Kind! Mein Kind! --Gift--Gift, schreit man, sei hier genommen worden--Meine Tochter! Wo bist du? Ferdinand (fhrt ihn zwischen den Prsident und Luisens Leiche). Ich bin unschuldig--Danke Diesem hier. Miller (fllt an ihr zu Boden). O Jesus! Ferdinand. In wenig Worten, Vater--Sie fangen an mir kostbar zu werden--Ich bin bbisch um mein Leben bestohlen, bestohlen durch Sie. Wie ich mit Gott stehe, zittre ich--doch ein Bsewicht bin ich niemals gewesen. Mein ewiges Loos falle, wie es will--auf Sie fall' es nicht--Aber ich hab' einen Mord begangen, (mit furchtbar erhobener Stimme) einen Mord, den du mir nicht zumuthen wirst, allein vor den Richter der Welt hinzuschleppen. Feierlich wlz' ich dir hier die grte, grlichste Hlfte zu; wie du damit zurecht kommen magst, siehe du selber. (Ihn zu Luisen hinfhrend.) Hier, Barbar! Weide dich an der entsetzlichen Frucht deines Witzes, auf dieses Gesicht ist mit Verzerrungen dein Name geschrieben, und die Wrgengel werden ihn lesen--Eine Gestalt wie diese ziehe den Vorhang von deinem Bette, wenn du schlfst, und gebe dir ihre eiskalte Hand--Eine Gestalt wie diese stehe vor deiner Seele, wenn du stirbst, und drnge dein letztes Gebet weg--Eine Gestalt wie diese stehe auf deinem Grabe, wenn du auferstehst--und neben Gott, wenn er dich richtet. (Er wird ohnmchtig. Bediente halten ihn.) Prsident (eine schreckliche Bewegung des Arms gegen den Himmel). Von mir nicht, von mir nicht, Richter der Welt, fordre diese Seelen, von Diesem! (Er geht auf Wurm zu.) Wurm (auffahrend). Von mir? Prsident. Verfluchter, von dir! Von dir, Satan!--Du, du gabst den Schlangenrath--ber dich die Verantwortung--ich wasche die Hnde. Wurm. ber mich? (Er fngt grlich an zu lachen.) Lustig! Lustig! So wei ich doch nun auch, auf was Art sich die Teufel danken.--ber mich, dummer Bsewicht? War es mein Sohn? War ich dein Gebieter?--ber mich die Verantwortung? Ha! bei diesem Anblick, der alles Mark in meinen Gebeinen erkltet! ber mich soll sie kommen!--Jetzt will ich verloren sein, aber du sollst es mit mir sein--Auf! Auf! Ruft Mord durch die Gassen! Weckt die Justiz auf! Gerichtsdiener, bindet mich! Fhrt mich von hinnen! Ich will Geheimnisse aufdecken, da Denen, die sie hren, die Haut schauern soll. (Will gehen.) Prsident (hlt ihn). Du wirst doch nicht, Rasender? Wurm (klopft ihn auf die Schulter). Ich werde, Kamerad! Ich werde! --Rasend bin ich, das ist wahr--das ist dein Werk--so will ich auch jetzt handeln wie ein Rasender--Arm in Arm mit dir zum Blutgerst! Arm in Arm mit dir zur Hlle! Es soll mich kitzeln, Bube, mit dir verdammt zu sein! (Er wird abgefhrt.) Miller (der die ganze Zeit ber, den Kopf in Luisens Schoo gesunken, in stummem Schmerz gelegen hat, steht schnell auf und wirft dem Major die Brse vor die Fe). Giftmischer! Behalt dein verfluchtes Gold! --wolltest du mir mein Kind damit abkaufen? (Er strzt aus dem Zimmer.) Ferdinand (mit brechender Stimme). Geht ihm nach! Er verzweifelt--Das Geld hier soll man ihm retten--Es ist meine frchterliche Erkenntlichkeit. Luise!--Luise!--Ich komme--Lebt wohl--Lat mich an diesem Altar verscheiden-Prsident (aus einer dumpfen Betubung zu seinem Sohn). Sohn Ferdinand! Soll kein Blick mehr auf einen zerschmetterten Vater fallen? (Der Major wird neben Luisen niedergelassen.) Ferdinand. Gott dem Erbarmenden gehrt dieser letzte. Prsident (in der schrecklichsten Qual vor ihm niederfallend). Geschpf und Schpfer verlassen mich--Soll kein Blick mehr zu meiner letzten Erquickung fallen? Ferdinand (reicht ihm seine sterbende Hand). Prsident (steht schnell auf). Er vergab mir! (Zu den Andern.) Jetzt euer Gefangener! (Er geht ab, Gerichtsdiener folgen ihm, der Vorhang fllt.) Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kabale und Liebe, von Friedrich Schiller. License: Share Alike