E-text prepared by Inka Weide and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team VON DER SEELE Essays CARL LUDWIG SCHLEICH 1922 INHALT Der Rhythmus Humor Schlaf und Traum Unterbewutsein Seelische Hemmungen und Schmerzen Der Sitz der Seele Instinkt und Spiel Temperament Tierseele und Menschenseele Glaube und Wissenschaft Rausch Die Musik als Erzieherin Mutter Erde ber Grbchen und Falten Das Wunder der Wundheilung Das Mysterium der Ernhrung Die Haut als ein Organ der Seele DER RHYTHMUS Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht die Furcht vor dem gewohnheitsmigen berschumen, eines wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse fr das Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu berwindende Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche, mich seinem letzten Sinn zu nhern, zurckgeworfen hat. Ist doch das Feld des Rhythmischen fr jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, da seinen dunklen Hainen die Quellen entrauschen mssen, die allen Erscheinens, allen Bewegens, allen Lebens unermessene Strme speisen! Statt trocken aufzuzhlen, was alles fr unser letztes Streben und fr unsere letzten aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzmigkeiten dem Rhythmus unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein, von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufbumen und Verlschen tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen Beziehungen trocken aufzuzhlen, kann man khn fragen: was ist denn eigentlich nicht rhythmisch?--und es gibt auf diese Frage nur eine Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt, da ist es schon in Gefahr, vom Rderwerk des Weltallgetriebes zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht schleunigst wieder sich einfgt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so mehr erkennen wir, da wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von gttlichen Gesetzen trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und grundumfassendste Gedanke, den wir der schpferischen Natur nachzudenken vermgen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der gigantischen Weltkrper nicht weniger am Werke sehen, als in den wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneeflckchen, drfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verstndlichen Sein des Weltganzen erschreckend nahe fhlen. Wir atmen gerade hier im Rhythmischen gleichsam mit den Atemzgen des Weltganzen; das Rhythmische ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein letztes unbekanntes Ewiges bindet. Knnen wir uns doch das Chaos nur vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, nmlich durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans v. Blows Paraphrase auf Faust im Anfang war der Rhythmus ein verblffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine Mglichkeit, wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewiheit zu nhern. Wrde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenstrzen lassen. Der Rhythmus ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles mit Bewegung weckendem Odem durchstrmt. Und, wie unser persnliches Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufhren, so mte auch die Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillstnde! Wie sollte nicht eine ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche unserer technischen Klassizitt greifbar vor Augen gercktes, da es an der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden, rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich groen oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen, unser Fhlen und Denken, unsere Ethik und sthetik, unser Handeln und Schaffen, unsere Liebe und unser Ha, Sympathie und Reaktion vom Grundgesetz des Rhythmischen beeinflut und beherrscht werden, um daran die psychophysischen Mglichkeiten zu erwgen, welcher Mechanismen wohl die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden Ringen des Ganzen einzufgen. Da bei der unendlichen Reihe der Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht erschpfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begrndung. Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: _Die treibende Kraft des Weltganzen ist fr den Menschengeist ewig unerkennbar, undefinierbar, unverstndlich, kann niemals der Gegenstand wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben, ist nur ihr Verhltnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst knstlich einschalten, um dann ihre von den Widerstnden erzwungenen uerungen zu studieren_. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, berall und unvergnglich, allgegenwrtig und allmchtig, wird zu einem sich nur scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus, nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. _Die Art der Widerstnde bestimmt die Art der uerung der an sich unvernderlichen Urkraft_. Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerstnden. Die Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilitt der Krpereigenschaften unter der Variabilitt der Bedingungen, unter denen sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den fallenden Krften die verschiedenartig abgenderte Luft entgegensetzt. Wir wten nichts von der Elektrizitt, wenn wir nicht gelernt htten, der Gesamtkraft spezifische Widerstnde einzuschalten, welche sie zwingen in einer Form sich zu uern, welche wir elektrisch nennen. Die Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie herumzukommen sucht, ist entscheidend fr die neuen Eigenschaften, welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen befhigt ist. Die Faust der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerstnde des Milieus ihre universelle Macht tglich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig umsonst bemhen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt--sein fhlbares Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben, die Kraft und ihr religiser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar unserer experimentellen, knstlichen Abnderung der Weltbedingungen unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerstnden: das ist eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den Mttern des Wissens vordringen will. _Der Rhythmus ist nmlich eine Art Kompromi zwischen Kraft und Widerstand_, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen, Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung und Hemmungsbettigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie ganz vereinbarer Gegenstze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein stndiges wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und seine eigentliche Ursache? _Die Aktivitt der Kraft auf der einen Seite und die Elastizitt der Materie auf der andern_. Die Kraft, nach allen Seiten gleichmig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese Verdichtung komprimiert sein innerstes Gefge, wodurch wiederum der Widerstand erhht wird, den er der Kraft bietet, so da diese nicht wie eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom starren Felsen schumend zurckgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres rckstogebenden Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in alle Adern, die ihm die Widerstnde lassen, und alle Strme rinnen, abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zurck in ihre anfngliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist der Puls der Welt, der Rhythmus! War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und Strungen des Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und Wetter, von Ha und Liebe--kurz von jeder Form der Polaritt her bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens, dieses Pendelns der Erscheinungen sinnfllig beobachtet, so ist doch erst den neuesten Forschungen ber Elektrizitt, nmlich der Lehre von den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, da auch die festesten Krper der Erde nur scheinbar fest sind, da wir annehmen mssen, im inneren Gefge des starren Steins eines Felsens kreisen Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und einer so vollkommen harmonischen Gleichmigkeit, da unseren Sinnen so ein innerlich von rasender Bewegung durchstrmter Krper eben fest nur _erscheint_, hnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt, die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in die mikroskopischen Skelettgefge hinein, mehr oder weniger in schwingender Bewegung, so da der Unterschied der Aggregatzustnde der Krper, fest, flssig, luftfrmig, sich als ein ganz rmlicher Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen statt des Brotes der Wahrheit den Stein grbster Sinnentuschung hinzureichen. Es mte fr einen phantasiebegabten Mathematiker eine seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen Gedankens sein, fr jeden sogenannten festen Krper die Idealformel finden zu wollen, gewissermaen die unendlich schnell rotierende lineare Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht minder wie der tastenden Hand den Eindruck des Krperlichen hervorruft. Nach _Gramann_ hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall, aber auch jede amorphe Gestalt eines Krpers gewissermaen ihr ideelles Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden kann durch einen Komplex unzhliger konzentrischer Kreise, welche alle in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. Htte Gramann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt, die uns zwingend gelehrt hat, da tatschlich alle Eigenschaften der Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, da durch diese gleichmige, bis in das feinste Krpernetz ausgedehnte, symmetrische Atombewegung Farbe, Gefge, Aussehen und das ganze Heer der physischen und chemischen Eigenschaften der Krper bedingt ist. Wir Modernen wissen also auch, da der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren oder auch nur Erschliebaren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der Dne verrinnen lt, nur um im mikroskopischen Gefge des Sandes, der Luft, der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als Elektrizitt und Wrme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "ther", von dem Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten Krperchen zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tatschlich nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend, rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautrpfchen des Alls, die nach ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der schpfende Eimer ist der Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizittslehre ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden ther, aus dessen unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des Krperlichen alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es knnte dem Denker schwindeln bei der Vorstellung, da das Sandkorn mit seinen Milliarden schwingender therklmpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein Weltall fr sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich Befreiendes htte. Es gibt eben kein Gro und Klein in der Welt, die Sorgfalt des Gesetzmigen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Grten noch im Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen, denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen Leid und Glck dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine grandiose Piett nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das Mitunbelebte? Da es nun also feststeht, da aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren (alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren lt, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches geben kann, so mu auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abhngigkeit auch alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des ueren zusammentrifft. Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden Bedingungen angepat, so kann man das bis in die gleichsam mikroskopische Denkweise auch so ausdrcken, da der Rhythmus der organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensfhig zu sein, stets dem Rhythmus der Gesamtheit einfgen mute. Leben konnte also nur bestehen in gleichsam konzentrischer Einfgung des Einzelrhythmus in den kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte, so mute also auch der Sonderrhythmus folgen, und so lst sich fr uns die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht unweigerlich folgen muten und noch mssen. Solche Hemmungsfortflle und rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken und Erlschen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich in diesem Sinne ohne Zgern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer Arten vielmehr buchstblich im Himmel beschlossen wird als auf unserem winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns einzig und allein verstndlich mit dem Bilde der rhythmischen Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenrhren einer Mayonaise. Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und quator zu und gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingefgt, das stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht gehrt, was meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen lt als in direkter Abhngigkeit von der Rhythmik der Atome. Die gesamte Morphologie wird sich einst auflsen lassen in eine ideelle Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns berhaupt die Rhythmik des Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens loslsen? Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz, die Chemie der Eiweivorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem Kristalleben sprechen, wie von Ha und Lieben der Elemente. Die Wahlverwandtschaft im _Goethe_schen Sinne ist lngst ein chemischer Begriff, und schon lange hat man das Lcheln verlernt ber den alten _Fechner_, welcher khn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben deutlich ein Sonderrhythmus brig, der mit der vielleicht nur scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen sichert. Mglich, da keine anderen Gesetze im Organischen walten als im Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des Krftekreises mu doch stattgefunden haben, damit die Materie zum Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schlielich zum Denken gelangte. Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues Mrchen der Schpfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der Bibel und dem Traum _Goethes_ und _Darwins_, dieser beiden Patriarchen des Entwicklungsgedankens, anmalich anzureihen--um ein Mrchen mit dem Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Schpfungsphantasien nie herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen knnen: "wir waren selbst dabei"--: ich will nur auf die Mglichkeit hinweisen, da ein Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann fr eine bis dahin neue, aber doch im Wesen der allmchtigen Krfte liegende Variante kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen. Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gefge des Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepret, gleichsam zu einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte Hemmung der aufgespeicherten latenten Krfte fortfiel: gleichsam wie lebendiges Gewrm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schlssel, ein Funke, ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen Veranlassung gibt. Schliet nicht die befruchtende Samenzelle, das Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schlssel die Hemmungen auf, so da sich die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporblhen zu kniglichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schlft nicht alles Leben im Mutterscho wie Dornrschen in den Hecken, bis ein einziger Ritterku den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung aufschliet und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und Ernhrung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster rhythmischer Spannkrfte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen zusammengepret, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher Rhythmentrger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders, als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter Spannkrfte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine Auenkraft dem inneren Gefge anders ntzen, als indem sie Schwungkraft den ermattenden Rhythmen hinzufgt? Das Leben wird nur vom Leben gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der Flssigkeiten, in die ein Trpfchen Sure fllt. Auch in chemischen Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Krfte zu neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild, wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen, nicht weiter ausspinnen, es gengt mir, die Mglichkeit betont zu haben, da das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall ermglichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Krfte. In diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die Hemmung fiel, und die junge Majestt des Organischen stieg auf den Thron der Erde. Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden fhlen, so mu natrlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des menschlichen Betriebes, krperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist lngst bekannt, welche Rolle die Periodizitt im Krperlichen und Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abhngigkeit vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als da er in Harmonie mit dem Welttakte sein mu, um nicht einfach hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein Sonnenstubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der Aufzhlung aller physiologischen und pathologischen Periodizitten, den Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubertt und Adynamie, Ein- und Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanflle, der Krmpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergrnden suchen, auf dem sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik, aufbauen lt. Ich mu hier bemerken, da ich alles seelische Geschehen in Abhngigkeit setze von einer Aktion der Nervenstrme und einem Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die Neuroglia, bzw. von dem sie durchstrmenden Blutsafte, welcher ja nach _Ritters_ Untersuchungen aus _Biers_ Schule in der Tat stromhemmende, Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich vorzustellen, da das mit dem Herzpulse einstrmende Blut periodisch die Ganglien auer Kontakt setzt und da die Pause der Herzbewegung diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlufreiheit besitzen. Die rzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien fr die Art der Anschlsse im Gehirn spielen, wie ein verdnntes, hemmungsarmes Blut naturgem zu Erregungen und Unruhen, ngsten und Wahnvorstellungen und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, vernderte innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenstrungen hervorrufen kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddrse unter berladung des Blutes mit Hemmungssften, wie bekannt, auch den geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, da die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den Irrenrzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus fr den Bestand der Seele ist. Es kann keine Frage sein, da, wenn der Blutsaft die ihm von mir vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche Wesen der Persnlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen greren oder geringeren Reaktionsfhigkeit der Nervenzentren sein mu, da die Zahl der aufgenommenen Eindrcke and ihre Verarbeitung zu Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abhngigkeit von rhythmischen Individualitten sein mu, die wiederum in Abhngigkeit von der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftfllung des Gehirns steht. Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begrndung; das Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe fr Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch fr das Nerven- und Gemtsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig gewrdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon _Ernst v. Baer_ hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen sich anders gestalten wrden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren fhig wren, in einem Zeitraum, der durchschnittlich genau bereinstimmt mit dem Ablauf eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, da schon die Fhigkeit, innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu knnen, uns zwingen wrde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir wrden die Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelskrper als leuchtende Kreise wahrnehmen knnen, und wrden von jedem Sinne her der Welt als total anders erkennende Wesen gegenberstehen. Wir knnen jetzt hinzufgen, da wir schon mit bloem Auge die festen Gegenstnde nicht mehr als fest bezeichnen knnten, sondern da wir etwas von ihrer innerlichen, rasenden Bewegung wahrzunehmen vermchten. Wir sind also mit unserm rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und Sinneseindrcken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt, da unser Harmoniegefhl direkt abhngig ist von diesem rhythmischen Ma unserer Wahrnehmung in Sekunden. Natrlich erklrt sich auf diese Weise am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. _Zeit ist eben die mit dem Ma unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene und empfundene Bewegung des Alls._ Das fhrt uns direkt zu einem Verstndnis des _sthetischen_. Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Auenwelt den Eindruck des Lebenfrdernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus unserer inneren Aktionen harmonisch einfgen, richtiger, sofern wir sie in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im sthetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm persnlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne Widerstand und Disharmonie zu erhhen imstande sind. Das schliet nicht aus, da auch der Konflikt der Rhythmen auer uns mit denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich lusterhhend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu einer sthetischen Freude die Einfgung der lusterweckenden Rhythmen in den Rhythmus unserer Nervenstrme unerllich. Insofern hat alles deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden, freudewirkenden Einflu, berall besteht ein geheimes Verhltnis seiner Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun an einer schngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgefhl sich bettigen. Die Rhythmen der schnen Dinge mssen einfgbar sein in die Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um sthetisch zu wirken, das ist das Grundgesetz der Kunst, so variabel fr den einzelnen, weil eben diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus persnliche Gleichung ist. Ist in diesem Verhltnis doch auch der eminente Einflu alles Rhythmischen, seine suggestive bertragbarkeit begrndet. Der Redner, der Dichter, der Schauspieler reit mich darum in seinen Bann, weil dem Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenrder sich im geheimen Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die ganze Macht der Imitation, ja der hnlichkeiten, beruht auf diesem Einstellungsverhltnis zwischen Auenwirkung und Innenbewegung. Und fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt, so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einflu auf Herzbewegungen und Gefspannungen die rzte lange kennen. Hat aber die Herzbewegung Einflu auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische Auenweltrhythmus erhlt seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die Vorgnge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist. Ein zndendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen, weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, schn gefgten Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus zugrunde, und es wre eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus den mglichen Atmungsvarianten sich die Versmae herleiten lassen. Ist doch nicht, wie _Bcher_ meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des Atmungsrhythmus, so da dieser selbst fr Melodie und Rhythmus des Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur Funktionre unserer Atmungsmechanik, die Csuren einer Melodie sind ursprnglich die naturgemen Pausen zum Atemholen. Wir wissen, da es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, da wir sie mit dem Ohre allein nicht wahrnehmen knnen. Wir hren nicht mehr das Geigenspiel gewisser Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar ist, hnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein, so da schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten lt, der Rhythmus unserer Nervenschwingungen bermittelt uns nur einen Teil der Weltallsrhythmen, und dieses Verhltnis lt uns die Mglichkeit nicht von der Hand weisen, da es Menschen mit einer Feinheit der Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der Durchschnitt.--Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen, die die Auenwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem, vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch brig, dem rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen als ein System rhythmischer Durchflutungen fr sich, abgetrennt vom Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele eine fr sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise befhigt, mit den Eindrcken der Auenwelt innen frei zu schalten und zu walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen Ttigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den Rhythmus des Andern auer uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo wre der Knstler, der einen Gegenstand voll und berzeugend darzustellen vermchte, wenn er nicht zuvor vllig eins geworden wre mit dem Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte, wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des persnlichen Ichs verschmelzen fhlt mit dem erschauten Objekt? Das ist aber nur mglich, wenn er gleichschwingend den Einklang fhlt, in dem der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik verschmilzt. Sich "hineinversetzen" heit doch nichts anderes, als sich das Gefhl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen Lebens betrachtend zu erfllen. Wehe dem Knstler, der nicht rhythmisch verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er mu ein Stein sein knnen, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches Schnheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern lassen will. Der echte Knstler steckt in Woge und Wald, die er malt, ist Knig und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren Hunger, trgt ihren Szepter und ihren Bettelstab. Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel ber unsere Seele legt, so da schlechterdings nichts unerreichbar wird! Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensitt seines Einfhlens in die Materie ihn befhigt, den Rhythmus des zu Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen und das Geschaute auch anderen, weniger Einfhlungsfhigen zu bermitteln. Wo wre der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken knnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die Fhigkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzstckchen in den gurgelnden Schlund! Wie wre eine Ethik denkbar, die sich nicht den Rhythmus des hherstehenden, anbetungswrdigen Ideals zu eigen machte, das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines kniglichen Gefhls der inneren Harmonie vorhlt? Wie knnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom entfesselter Leidenschaften hineinrisse? Ich bin am Ende meiner Ausfhrungen. Wollte ich alle Beziehungen des Rhythmischen zur Seele auch nur aufzhlen, so wrde wohl kaum ein Gebiet seelischer Aktionen unerwhnt bleiben. Ich mu mich mit diesen kurzen Andeutungen begngen. Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen Geschehens. Der Puls des Universums schlgt in allem, was ist und lebt. Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem Strahlenbschel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All zurcksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter, organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der Menschengeist,--sondern die eigentmliche Hemmung, die die Weltkraft zwingt, sich in uns so rtselhaft zu spalten, ist der Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entzndet an der atomistischen Reibeflche des Organischen, da blitzt das Leben auf und erlischt wie der Meteorstein, der aufglht, wenn sein Sturz ins Chaos hineingert in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosphre. HUMOR Die Menschheit hat stets um so mehr Worte ber eine Angelegenheit gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese bedchtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein suberlich zu Millionen Aktenbndeln geordnet, in den Schubfchern der ffentlichen Bureaus einer kniglichen Logik aufbewahren lt, um nur hier und da die Aktenste anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln, bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange wei: je dunkler ein Proze ist, desto hher trmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf ber die drolligste Sache der Welt, ber das Lachen, zerbrochen haben, um ein Exemplar vermehren, natrlich ohne jeden Anspruch, damit den Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor und die humoristischen Zustnde von einer Seite beleuchten kann, die vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die schon ber diese Dinge nachgedacht haben, vorbergehend festzuhalten. Dabei mu ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange Reihe der geistigen Vter von vor und nach Christi Geburt, die einmal ber dasselbe Thema gestolpert sind, herzuzhlen, um endlich zu einem eigenen Krnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin. Die meisten bisherigen Arbeiten ber den Humor, diese "lachende Trne", ber das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), ber die "realsthetische Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), ber die "Kontrastempfindung" (Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das Psychische bei dieser Form der Gemtsverfassung vor dem rein physischen Akt der Humorsuerung, in Summa dem Lachen in allen Formen, unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben zu haben. Was uns zunchst nottut, ist eine gengende, rein physiologisch-funktionelle Definition der Vorgnge im Gehirn und im Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen Vorgnge im Seelenorgan gibt erst eine einigermaen sichere Basis, von der aus auch das rein Seelische im Humor berschaut werden kann. Ich will daher mit einer Analyse der allgemein blichen Ausdrucksform humoristischer Zustnde beginnen, dem Gelchter. Erst nach einer Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und versteckten Arten kann es mglich sein, auf das in der Seele einen Rckschlu zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden Atmungs- und Zwerchfellsttigkeit veranlat. Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende, rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungsttigkeit, begleitet von gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen Gemtszustnden. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gelchter ist durchaus unwillkrlich und nur schwer durch Willensttigkeit zu hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu lachen ist am schnsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz explosiven, gewaltsamen Ausbrchen des Vulkanes ber unserm Zwerchfell, deren Unwillkrlichkeit etwas Verblffendes, Elementares, Unhemmbares an sich trgt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabhngige, von dem jeweiligen Gemtszustande erzwungene, rhythmisch-muskulre Handlung, wie sie hnliche unter weniger erfreulichen Umstnden die Ohrfeige, der Dolchsto, der Faustschlag, oder aber das Ghnen, das Niesen, das Husten sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in unhemmbare Muskelttigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise in der Nasenschleimhaut zu einer allmhlich zentral ausgelsten Reizhhe fhrt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkansto der Ausatmung unwillkrlich sich erhebt, mit dem Zweck, die lstigen Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest werden mu. Gute Erziehung und groe Energie vermgen zwar hier und da diesen psychischen Nieseffekt zu unterdrcken, aber die Seele ist verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gewhnlichste Form des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden, provozierenden Charakter, wie im hhnischen Angriff, gewinnt. Betrachten wir zunchst eine Person, die _unwillkrlich_ lachen mu. Was tut sie? Unter Nackenstellung des Kopfes, bei geffneten Nstern, breiter Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme smtlicher Atmungsmuskeln, auch der auxillren, der sogenannten Reservemuskeln fr besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillkrliche sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf der Hhe dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll hlt der Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt fr eine Sekunde aus (wobei weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der Snger, der vor dem Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom durch den Kehlkopf passieren lt. Hat dieser Zustand der Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gewhrt, so schlieen sich die Stimmbnder krampfhaft zu, und nun folgen unter rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmbnder durch die Blasebalgste, die das Zwerchfell auf die gefllten Lungen ausbt, Zug um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der Stimmbandverschlu, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft schlieend, bringen wiederholte Zwerchfellerschtterungen sie zu immer neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes, also der Rachen, die Mundhhle, der Zungengrund, in sogenannter grter Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens == a vorhanden, und der Hauch der ausgepreten Luftste macht daraus ha, ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch persnliche Rachen- und Gaumenbildung, ist abhngig von der Resonanz eines kleinen oder groen Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So nuanciert ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen, zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das Silberlachen der Soprane, das s wie Zauberglckchen klingen kann, und die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung, Verharren auf der Atmungshhe, stoweise Ausatmen unter Glottissprengung und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion: Mundffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Grbchenbildung der Wangen, Nsternspiel, Augenschlu und Ttigkeit aller auch bei der Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der maltrtierten Leibespresse Einhalt gebietet: "Hren Sie auf, ich kann nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, da Trnenstrom nicht allzu selten diesen die hchste Lebenslust bettigenden Akt begleitet. Wie merkwrdig: hchste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Brderschaft von Freud und Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verstndnis des ganzen Vorganges werden kann. Es ist nicht Zufall, da man weint, whrend man lacht. Hier steckt einer der Schlssel zum Verstndnis des Humors. Halten wir zunchst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine affektive Handlung rhythmisch-muskulrer Atmungsttigkeit. Welche Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit? Um diese Frage zu beantworten, mu ich erstens Analogien herbeiziehen und zweitens mich auf den Weg entwicklungsgeschichtlicher Analyse begeben. Da auch andere affektive Spannungen im Gehirn mehr oder weniger rhythmische Muskelaktionen in Szene setzen, beweist, da auch bei anderen als den humoristischen Motiven im Gehirn die explosiv-elektrische Ladung, gleichsam die Seelenzndung, den Muskelapparat in Bewegung bringen kann. Was ist die Affekthandlung berhaupt anderes als die Entladung von ungehemmten Seelenspannungen auf das Muskelgebiet? Viele energische Reize treffen vor der Affekthandlung, im Spiel der Motive, das Gehirn; es vermag nicht gleich im logischen Gebiet Herr der Problemstimmungen zu werden und die entstandene Qual in Logik, Phantasie oder Willensaktion aufzulsen; eine ungemtliche Spannung entsteht, bei gleichzeitigem Kampf verschiedener, unhemmbarer Vorstellungen: "Was soll ich tun, was lassen?" Unorientiertheit, Verblfftheit, Abwehr und Duldung, Stachelung, Trieb und Gegentrieb prallen in der Seele aufeinander: nach dem Gesetz der Erhaltung der Kraft mu auch jeder psychische Reiz seinen logischen oder muskulren Ausgleich finden, denn es _gibt gewi ebenso ein psychisches quivalent, wie es ein physisches gibt_. Wie benimmt sich da ein also um Rat Verlegener: er pellt an den Lippen, dreht den Schnurrbart, durchwhlt die Haare, trommelt an den Fensterscheiben, stampft mit den Fen, luft unruhig auf und ab, hin und her, d.h. er versucht seine Affektspannung im Gemt durch Umsetzung in Muskelaktion loszuwerden. Oder aber: eine schallende Ohrfeige, oft auch in rhythmischer Wiederholung nach rechts und links, ein jhes Wort, eine rasche Tat lst pltzlich ohne Kontrolle der mahnenden und hemmenden Mutter Vernunft die mehr als ungemtliche, meist gefhrliche Seelenbeklemmung. Dann erst wird die Denkbahn frei: "Herr Gott, was hast du getan!" und nur der Konfliktsschmerz, die Reue, das Gefhl, der Situation unterlegen zu sein, und der Mut, die Folgen dulden zu wollen, vermgen die Wirkungen des seelischen Sturmwindes zu beschwichtigen und das kstliche l friedlichen Verzichtes ber die hohen Wogen der psychischen Ekstase zu breiten. Was geschieht beim Ghnen? Auch hier wird ein Konflikt zwischen Hirnhemmung und Hirnaktion, der berschu geistiger Spannung, der unter der aufgestlpten Tarnkappe der Mdigkeit (Hirnhemmung) keinen Ausgleich mehr im Denkorgan finden kann, durch Muskelkrmpfe (Ghnkrampf) nach auen abgeleitet, gleichsam wie man mit der Leydener Flasche die Konduktoren einer Elektrisiermaschine in einzelnen Phasen entldt. Beim Ghnen ist also ein oft wiederkehrender Vorgang physischer Spannungen im Gehirn gewohnheitsmig auf eine bestimmte Bahn der automatischen Muskelttigkeit abgelenkt, wozu auch das Recken und Strecken vor Mdigkeit abends und morgens gehrt. Wir haben hier also eine Analogie mit dem Lachen, die so weit geht, da auch beim Ghnen die Gehirnspannung auf einer besonderen Bahn, gerade der Atmungsfunktionen, ihre Entladung findet. Da auch das Ghnen, wie jede Affekthandlung, unwillkrlich ist, d.h. gar nicht oder nur mit Anstrengung vom Willen gehemmt werden kann, und da beide, Ghnen und Affekthandlungen, auf einen unvollzogenen Spannungsausgleich im Gehirn gedeutet werden mssen, so knnen wir einen zwingenden Rckschlu auf das Lachen wagen, d.h. wir sind gentigt, anzunehmen, da auch das Lachen einen muskulren Ausgleich besonderer Spannungen im Gehirn darstellt. Welcher Art sind diese? Mit der Beantwortung dieser Frage werden wir zu einer Definition des Humors, d.h. der humoristischen Reizungen des Seelenorgans, gelangen. Dazu bedrfen wir aber noch eines Ausblickes auf die Entwickelungsgeschichte. Nehmen wir den Menschen nicht als ein Gebild aus Gottes Hand, fertig mit all seinen erhabenen Eigenschaften, Fehlern und Tugenden, mit einem Schlage erschaffen, sondern nehmen wir in _Darwins_--brigens gottglubigem--Sinne an, da der Schpfer eine allmhliche Entwicklung zugelassen und gewollt hat, so wre es denkbar, da das Lachen eine Funktion war, die jetzt im Stadium schon weit vorgeschrittener Entwicklung unter ganz anderen Bedingungen, aber doch vielleicht unter Festhaltung der ursprnglichen, rohen und primitiven Grundbedeutung zustande kommt. Mir will es scheinen, da, wie es rudimentre Organe gibt, Organe, die in frheren Daseinsperioden einen vollen Funktionswert im Haushalt des Organismus gehabt haben, jetzt aber durch eine diese Ttigkeit berflssig machende Entwicklung entbehrlich geworden sind, es so auch _rudimentre Funktionen_ geben knnte. Es ist denkbar und sogar beweisbar, da gewisse Funktionen, die frher einen sehr zweckgemen Sinn im Daseinskampf gehabt haben, in weiteren Stadien zwar noch vorhanden sind, aber doch eine ganz andere Stellung gewonnen haben. Dafr einige Beispiele. Die Bewegung unserer Nstern im Liebes- oder Lebenskampf hatte augenscheinlich ursprnglich den ganz ausgesprochenen Sinn der Witterung von Freund und Feind, den Sinn der passenden Auswahl, wie es noch heute bei Tieren beobachtbar ist. Und jetzt, da niemand mehr seiner Nase die Entscheidung berlt, ob sich ein Herz zum Herzen findet oder ob ein Gegner Eigenschaften besitzt, die ihm gefhrlich werden knnen, noch heute sehen wir trotzdem auf der Mensur die Paukanten mit zuckenden Nstern ihre Hiebe austeilen, wir sehen bei dem Ausstoen einer tdlichen Beleidigung, bei geistigem Hieb, dem Angreifer die Nasenflgel zittern,--und auch einem liebestrunkenen Freier fliegen im Feuer seiner berredungskunst die bebenden Nstern. Das ist rudimentr! Es hat eigentlich keinen Sinn mehr; und doch: es hatte einst einen tiefen Sinn, den Zweck der Orientierung im Daseinskampfe und fr die passende Auswahl: Orientierung und Auswahl durch Witterung. Von _Gildemeister_, dem geistvollen Essayisten, ist in einem Aufsatze ber die Hflichkeit sehr zutreffend das Hutabnehmen und der militrische Gru zurckgefhrt auf das Visierhochheben bei der Begegnung zweier Ritter, die nichts miteinander auszufechten haben, und der Handschlag war nach _Gildemeister_ gewi frher, wie noch jetzt etwa bei den Logenbrdern, eine kompliziertere Form der Bekundung aller Abwesenheit feindlicher Bestrebungen. Auch hier ursprnglicher Sinn im Daseinskampf und jetzt eine rudimentre Hflichkeitsform. Wer ist sich heute noch beim Adieusagen vllig bewut, den Scheidenden Gott zu befehlen? Sagen sich doch auch Atheisten dieu. Die hchsten Liebeszeichen selbst, der Ku, die Umarmung, mgen im Bedrfnis einer vorsichtig tastenden Diagnose entstanden sein: drum prfe, wer sich ewig bindet! Liebkosen sich doch manche asiatischen Vlker noch heute, indem sie direkt Riechorgan an Riechorgan reiben. Es gibt also rudimentre Funktionen. Kann nicht auch das Lachen zum Teil in einer solchen rudimentren Funktion seinen Ursprung haben? Hatte es vielleicht ursprnglich einen ganz anderen Sinn als den, den wir bei oberflchlicher Betrachtung heute in ihm zu sehen gewohnt sind? Stellen wir uns einmal vor, es sei ein Hhlenmensch, ein Urwaldbewohner, in stetem Kampf mit Ungetmen, Schiebegerll und erratischen Blcken pltzlich auf einer einsamen Wanderung vor eine groe Gefahr gestellt: ein Ungetm, wie er solches noch nie gesehen, streckt pltzlich, einen fauchenden Rachen aufsperrend, sein schreckliches Haupt aus dem Gebsch. Was wird unser Urmensch tun? In jhem Schreck reit auch er den Mund auf, so weit es gehen will, tut einen tiefen Atemzug und verharrt starr erwartend eine Weile in Inspiration. Das kann man noch heute bei jedem sehen, dem ein furchtbarer Schreck in die Glieder fhrt. Das ist auch ganz verstndlich. Denn wenn sich ein Mensch berhaupt wehren will, braucht er Muskelkraft, dazu aber vor allem Sauerstoff; denn bei jeder Muskelaktion ist Sauerstoffverbrauch en masse ntig. Er ldt also mit dieser tiefen Inspiration gleichsam seine Muskelzentren zu noch nicht nher erkennbarer Aktion. Nun trete aber bei unserem Urahnen blitzschnell ein Wechsel in der bedrohlichen Situation ein: das launische Ungetm hat vielleicht keinen Hunger, es besinnt sich; ein Lwe, ein Riesenbr trollt lustig um die Ecke. Nun ist die Gefahr vorbei. Ein jher Wechsel von Lebensbedrohung in der Idee und pltzlicher Lebensbejahung, d.h. Abzug der Gefahr, prallen ihm fast gleichzeitig in seinem Gehirn aufeinander, und zwei Assoziationen entgegengesetzter Art treffen sich in seiner Seele: idealer drohender Tod, reelles wahrhaftiges Lebensgefhl. Unter freudigster Gemtsverfassung entldt er, gleichsam spottend der Gefahr, stoweise seinen nun berflssig aufgespeicherten Sauerstoff. Unter Jubelempfindungen entweicht stoweise die berschssige Lebenskraft. Noch heute wird jeder bemerken, da nach pltzlich berstandener Lebensgefahr oder Gemtsbedrckung eine Neigung zu fast hysterischen Heiterkeitsausbrchen eintritt. Das Gefhl, einem Unglck entronnen zu sein, sein Leben bejaht zu fhlen, wo es eben noch auf das Dringlichste verneint erschien, erzeugt eine halb automatische Heiterkeit, die sehr verwandt ist dem, was wir humoristische Stimmung nennen. Dabei beachte man die Tatsache, da Trnen leicht flieen knnen, wo eben noch im Moment der Gefahr die stockende Zirkulation bei tiefster Einatmung die Trnendrse unabweislich strotzend fllen mute, und da ihr Gebrauch sicher in Aussicht stand, wenn das Messer dem Lebensfaden so ganz nahe kam, falls man Zeit genug gehabt htte, noch ber den jhen Scherenschnitt der Parzen zu klagen. Man holt in der Freude nach, was der Kummer vorbereitet hat. Auch die Trne, dieser tauende Reif aus Edens Bltenkelchen, hat trotz ihrer Poesie ihre ganz materielle und physische Entstehungsursache. Freude und Leid sind wechselnd die Schleusenwchter am Strom der Trnen, und in der Begleiterscheinung des Trnenflusses bei Humorstimmung sehen wir einen zwingenden Beweis fr den Ursprung des Lachens in einem pltzlichen Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung. Wir werden gleich sehen, in welcher Weise diese beiden Salpetermischungen fr die Explosionswirkungen des Humors in jeder Form des Lachens noch heute auffindbar sind. Zunchst soll noch auf eine Beziehung hingewiesen werden, die auer dem pltzlichen Abzug einer Gefahr noch andere rein physische Vorgnge zur Erregung von Heiterkeitausbrchen haben. Bei der pltzlichen Bedrohung und fast gleichzeitigen Errettung des Lebens liegt es ja erfahrungsgem auf der Hand, da dieser Vorgang eine Disposition zu freudigen, muskulr-rhythmischen Lebensbettigungen im Gefolge hat. Munter, wie ein spielendes Reh, hpft ein Knabe davon, den schon das Rad des Wagens streifte; man kann ihn kurz nachher erst recht pfeifend, trllernd, tnzelnd finden. Wenn beim bergieen mit kaltem Wasser, bei kalten Duschen, eine pltzliche tiefe Inspiration erzwungen ist, so habe ich bei mir stets unmittelbar danach eine fast unberwindliche Neigung zum Lachen bemerken knnen und habe dem Triebe nie gewehrt,--gewi ein trefflicher Beweis fr die Verwandtschaft von physischem Schreck, seelischem Wohlgefhl und Lachen, fr die Verwandtschaft tiefer, lebenfrdernder Inspiration und Entladung der Atmung durch das Zwerchfell. Wer die ngstlichen Brsenleute im Anprall brandender Wogen im Seebade beobachtet hat, sah auch gewi, wie ich, ihre Ausbrche zappelnder, hpfender und kullernder Heiterkeit. Auch beim Kitzeln ist ein unwillkrlicher Zusammenhang von peripherischem Reiz, tiefer Inspiration und exspiratorischen Atemsten zu bemerken. Ganz junge Kinder kann man nicht kitzeln, dazu gehrt schon eine gewisse Ausbildung des Bewutseins, das erkennen lt, da die lebensfreundliche, mehr zrtliche, neckende Berhrung im Kontrast zu der starken, das Atmungszentrum reizenden Wirkung steht. Man beachte auch, da man das Kitzeln leichter aushalten kann, wenn man die Atmung gewaltsam unterdrckt. Daraus geht hervor, da das Atmungszentrum, also das eigentliche Lebenszentrum, als eine Art von Lachzentrum funktionieren kann, da es also _sowohl peripher von der Haut aus, wie beim Duschen und Kitzeln, als auch zentral vom Gehirn aus, wie beim Witz, erregt werden kann_. Fr unsere Auffassung von dem Ursprung des Lachens aus einem Kontrast von Lebensbedrohung und Lebensbejahung ist es interessant, zu erfahren, da der scharf umschriebene Punkt am Zentralorgan, der, von einem Nadelstich getroffen, das Leben aufhebt, von der Wissenschaft noeud vital, Lebensknotenpunkt, genannt wird und da wir hier auch die Fden finden, die zur Erregung des muskulren Ausgleiches fr die Zwerchfellerschtterung die elektrischen Strme senden. Hier finden wir eine anatomische Besttigung der Beziehung des Lachens zur Lebensbejahung und -verneinung. Nun gibt es noch Lachformen, die an sich mit dem Humorgefhl ganz und gar nichts zu tun haben. Es sind jene Lachste, die im Bellen und Brllen der Tiere ihr physiologisches Vorbild haben; sie bedeuten eine _willkrliche_ Ttigkeit, welche die Feindschaft herausfordert: das hhnische, krnkende, verletzende Lachen oder die Andeutung davon: das Lcheln. Das ironische, kritisierende, erhabene Lachen werde ich bei den besonderen Formen des Humors definieren: _denn Satire, Witz, Ironie, Spott, Hohn sind nur vom Temperamente gebrochene Formen des Humors_. Bei vielen dieser Lacharten ist ein berlegenheitsgefhl magebend, d.h. die Lebensverneinung oder -minderung gilt fr andere, fr den Lacher nur das Gefhl eines hheren, berlegenen Standpunktes. Das Grinsen und Greinen ist eine Kombination von Ohnmachtsgefhl und Feindseligkeit und das schadenfrohe Lachen die Wirkung der berzeugung eigener Unversehrtheit bei fremdem Unglck, von dem wir aber die unbestimmte sympathische Empfindung haben, wir konnten ebensogut in die Falle gehen. Wir identifizieren uns in der Idee mit dem Leidenden, nehmen aber den Kontrast von unserem realen Unberhrtheitsgefhl her. Ich gehe einen Schritt weiter und will die Beziehungen der Zwerchfellsentladungen zur Mimik und Rhythmik einer kurzen Betrachtung unterziehen. Da das Atmungszentrum an sich mit dem Gesichtsausdruck verwandtschaftliche, koordinierte Berhrungen hat, ist eine allbekannte Tatsache. Bei der Dyspnoe, dem Atmungshunger, ist der Ausdruck des Gesichtes ein so typischer, da man diesen Krankheitszustand erkennen kann, ohne die Atmungsttigkeit direkt zu beobachten. Wichtig fr die Theorie des Lachens ist auch, _da bei der Atemnot, also wieder einer Lebensbedrohung, ganz dieselben mimischen und Atmungsmuskeln in Aktion sind wie beim Lachen._ Aus dieser Beteiligung der mimischen Muskeln beim Lachen ist die Ansteckungstendenz des Lachens erklrlich. Alle rhythmisch muskulren, d.h. gleichmig und oft wiederholten Muskelttigkeiten haben etwas stark die Nachahmung Herausforderndes: das Ghnen, das Lachen, das Tanzen, Marschieren, Singen, die Kampfbewegungen,--sie alle sind ansteckend, d.h. sie reizen zur Entfaltung gleicher Bewegungen, und zugleich sind wir geneigt, daraus eine heitere, humoristische Lebensstimmung zu entnehmen. Der Mensch ist brutal genug, sich selbst der Komik krankhaft rhythmischer Zuckungen nicht zu entziehen. Der Veitstanz, der Gang der Rckenmrker, die Epilepsie knnen Formen annehmen, die manche unwillkrlich zu schuldlosem Lachen zwingen, ebenso wie einige solcher Krankheiten direkt ansteckend wirken knnen. Die rhythmische Muskelaktion ist am zwingendsten Heiterkeit und Nachahmung erregend bei den Rhythmen der Musik. Der Rhythmus an sich hat also eine suggestive Kraft, gleichartige Spannungen im Gehirn auch des andern zu erregen. Wir Menschen nehmen an, da der springende Fisch, die hpfende Bachstelze, der tnzelnde Araberhengst in heiterer Gemtsverfassung sich befinden, obwohl wir es nicht beweisen knnen; es stimmt uns aber gleichmige Rhythmik auf starke Lebensbejahung. Das ist das Heitere in der Kunst; denn alle Kunst ist Rhythmus: Rhythmus die schnen Linien, Rhythmus die Schwingungszahl der Tne und Farben, Rhythmus jegliche Harmonie und arhythmisch jede bleibende Disharmonie, weil ohne Ma und Regelmigkeit. Darum ist auch in der Musik vor allem etwas der Lebensbettigung, der Lust, dem Humor Verwandtes, und zwar ist nur bei schrfster Ausprgung schnellerer Rhythmen eine humoristische Musik denkbar, also Tanz, Marsch, Scherzo, Capriccio, Sarabande, Gigue. Ein humoristisches Adagio ist schwer denkbar. Darum ist bei den grten musikalischen Rhythmikern, Haydn, Mozart, Mendelssohn, Schubert, Loewe, auch die Heiterkeit und die Freude zu Hause, whrend bei den groen Reflektierern, den Grblern in der Musik, bei Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner und Strau, das affektive Problem seine Heimat fand. Diese Ausweichung auf das Gebiet des Rhythmus bezweckt den Nachweis, da auch die rhythmischen Zwerchfellste innig anderen rhythmischen Heiterkeitsbettigungen verwandt sind und da die Heiterkeit sich typisch des Ausdruckes rhythmischer Muskelaktionen bedient. Ich wage, in diesem Sinne das Lachen als die wahrscheinliche _Quelle der Musik_, als der Seele ersten Jodler, zu bezeichnen. Nun sind wir so weit gelangt, etwas nher zu betrachten, was in einem Gehirn, in dem ein humoristischer Zustand, ein Scherz, ein Witz, eine komische Bewegung zur Wirkung kommt, fr materielle Alterationen vorgehen mgen, dergestalt, da ohne Zutun des Willens jener rudimentre Atmungsrhythmus ausgelst wird, den wir "Gelchter" nennen. Wir haben gesehen, da die ursprngliche Bedeutung der rhythmischen Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen Anprall zweier direkt _entgegengesetzter Formen der Vorstellungen_ vom Leben zurckzufhren sein drfte: auf einen Strom der Lebensangst und auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt entgegengesetzter Art, da sie, fr den Augenblick unvereinbar, eine Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie wird berrumpelt, verblfft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und gewohnheitsmig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewi nicht mehr der Fall, wenn wir heutzutage einen Kitzel verspren, zu lachen. Unser Leben erscheint weder bedroht noch besonders untersttzt, wenn ein Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt, die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen lie, oder wenn einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majestten durchaus sich in die erste Reihe drngen mute, gerade im entscheidenden Moment der Zylinder ber Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder wenn der kleine, ganz preuische Hauptmannssohn die heikle Frage aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie" stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch fhlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit, wenn wir bei Fritz Reuter lesen, da ein unruhiger Schlfer die groe Zehe seines Mitschlfers fr eine feine Havannazigarre hlt,--und doch liegt allen diesen unaufzhlbaren Formen komischer Wirkungen eine Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen solchen Konflikt mit verblffender Unlogik enthlt, wie er in deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung auftritt. Schon Kant hatte gefunden, da der Humor im Kontrast wurzelt. Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, da schwarz und wei, klein und gro, trocken und na an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und doch: unter Umstnden kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken. _Aber zum Kontrast mu noch etwas hinzukommen_. Vor zehn Jahren hat in der Revue des deux mondes _Mlinand_ in einem Artikel "Pourquoi rit-on?" hier fr das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden, der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen umfat. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von der anderen Seite lange gewohnt, ganz natrlich, "familir", alltglich sich prsentiere. Man kann diesen glcklichen Gedanken dahin vervollstndigen und ins Psychophysikalische bersetzen, da erst dann Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realitt so in pltzlichen Widerspruch gert, da sich beide an Reizstrke ihrer psychischen Spannung ungefhr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der Beschauer einer komischen Situation und der Hrer einer komischen Schilderung mu beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein zweites Wesen reprsentiert oder zu reprsentieren sich bemht, zweitens mu er diese Idee pltzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen fhlen. Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder berhebende Gedankengang, auer uns oder in uns erzeugt, schlgt in verblffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso pltzlich berzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasiettigkeit des Gehirns, die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgemer Reflexion. Beides trifft zusammen: es findet _eine Knickung, eine Kreuzung der Assoziation statt_, beide Spannungen kontrastieren so elementar unlogisch, da die pltzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gefhl hilfloser Erregung, die gewohnheitsmig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellste entladen wird. Diese Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten, und zwar deshalb, weil ursprnglich das Zusammenprallen von Nein und Ja des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen Herbeischaffen und Auslassen wehrkrftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgem und das stoweise Entladen der Lungen eine natrliche Konsequenz, wenn die Gefahr pltzlich entwich. Bei der berrumpelnden Logiklosigkeit und bei der pltzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die Gehirnfunktion in dynamisch hnliche, wenn auch fr die Erhaltung des Individuums gleichgltige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr. Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der Hirnmechanismus fr seine Stellungnahme gegenber einer Bedrohung fand, auch fr die funktionell verwandten Zustnde, Schtteln beim Frost und Duschen und Kitzeln, beim Ghnen und Lachen beibehalten ist. Der Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt realen Vorstellung, die das Gehirn unmglich zugleich verarbeiten kann, diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-mglichen Seiten des Lebens gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich von der harten Nu, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lasttrger Zwerchfell abldt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. Whrend dieser geduldige Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein unbeschreiblich wohliges Gefhl der erleichterten Klarheit und Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische Dickhutergefhl. So kann schwarz und wei als Kontrast komisch wirken, wenn zwischen eine Schar die Idee der Wrde aufntigender schwarzer Priester pltzlich ein feister, weier Kuchenbcker in gleichem Tritt sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und gro humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, da wir im Trocknen sind!" jemand in einen Waschkbel stolpert oder wenn mit einer Riesenbulldogge ein winziges Schohndchen trippelnd Schritt zu halten sich vergeblich bemht. So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die Fhigkeit, berraschend schnell und berraschend suggestiv die zwei Seiten jedes Dinges aufzuspren und die Januskpfigkeit alles Irdischen vor aller Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der Zuschauer oder Zuhrer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden Gelchters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos, durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung, die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realitt zugedeckt werden knnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden und in reinlichen Asbest hllen knnte. Darum ist vom Erhabenen zum Lcherlichen der Schritt so klein, weil, je hher der Kothurn steigt, um so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im Lcherlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden. Darum gehrt zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese Himmelsgttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt wie auf der Heerstrae der Trivialitten. An einer absolut realen Sache, an einer allgemein gltigen Wahrheit schnell ihre Unzulnglichkeit in khner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu gehrt ebenso Phantasie wie dazu, eine gespreizte Idealitt im Handumdrehen vor den verzerrenden Spiegel der Realitt zu stellen. Der Humor wirft der Idealitt einen Knppel von realem Holz zwischen die Beine, sie mu stolpern und damit die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das Ideal steht auf einem Fa mit dnnem Deckel: ein leiser Futritt der Realitt, und der Gtze liegt im Waschfa. Die Idee ist eine Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit lt sie platzen. Warum tat sie auch so schn und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen Fen gegenber der Khnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die unsere Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere Diesseitsgltigkeit in Jenseitsnebel aufzulsen vermgen. Der echte Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur vernnftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein mu, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugehrt. Die phantasievolle Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getrnkt. Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und Leben pulst der Humor erst in ihre starren Zge. Der geistvolle Narr und der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie lassen sie das Leben wgen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche Quelle rein physischen Gesundheitsgefhles liegt in der Freude aus Herzensgrund! Ich halte die Komdie direkt fr hygienischer als die Tragdie. Jene entldt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese fgt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes. Gerade in diesem herrlichen Gefhl erhhter Lebenslust beim Lachen liegt brigens ein Hinweis auf die atavistische, frher um Lebensbejahung und -verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen, auf denen sich das Gelchter auslst, assoziiert mit dem positiven Gefhl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude. Fr das Verstndnis der einzelnen Formen des Humors ist zu bemerken, da der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne humoristischer Lebensbeleuchtung ergiet, in gar verschiedenen Medien seelischer Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr auch im einzelnen die Tatsache der Kontrastierung von zwei Phantasie- und Wirklichkeitsstrmen, dieser _Assoziationsknick im Gehirn_, dieser knorrige Ast, gegen den die Sge der Logik aufkreischt, sich berall nachweisen lassen mu, wenn anders unsere Definition von dem gleichzeitigen Anprall kontrastierender Doppelvorstellungen berzeugungskraft haben soll. Allerdings mu dabei festgehalten werden, da jede humoristische Spannung der Seele entwicklungsgeschichtlich im Gefhl der eigenen Lebensbejahung wurzelt. So sind denn in der Tat manche Formen humoristischer Stimmung nichts als die uerungen des Gefhles einer berlegenheit ber andere. Die Schadenfreude ist deshalb die reinste Freude, weil mein eigenes Unversehrtheitsgefhl im strksten Kontrast zu der unbestimmt sympathischen Ahnung steht, da auch ich unter gleichen Bedingungen htte meinen Rock mir zerreien, meinen Hut aufbeulen lassen, meinen Heller verlieren mssen. Allerdings wirkt auch hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit erregend, wenn die besondere vom Geschdigten prtendierte Form seiner knstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche Gegenstimmung von vornherein aufkommen lt. Dann gnnt man dem Prtendenten eines angematen Thrones so recht von Herzen den Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein Gefhl fr humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist eben Schadenfreude direkt durch prtentise, egoistische Aufgeblasenheit und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier fhrt der Humorist zur Zertrmmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die Idee: der Stahl der Realitt trifft die helle Glasglocke, da die Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den ursprnglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur noch das _berraschend Unlogische_ brig geblieben: so sehr hat sich die Funktion des Lachens von ihrem ursprnglichen Vollwert entfernt. So losgelst, gibt es natrlich tausend Varianten desselben Themas. Ich will versuchen, diese Variationen des berraschend Unlogischen zu formulieren. Zunchst kann der _Assoziationsknick_ einzig und allein _durch ein Wort_ erregt werden. Die roheste Form dieses vorzglich auf berraschende Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist die Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das Bonmot. Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske eingefhrt und pltzlich die Maske rckwrtsgedreht, dann ist die Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind natrlich Synonyma und erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Trger besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verhller scheulicher Trivialitten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen Kalauern beweist, da bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung, eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht nher auseinanderzusetzen ntig hat. brigens ist es geradezu verhngnisvoll, wenn jemand sein Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann frmlich zu einer Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit, ausarten. Wird der _Kontrast durch ganze Stze_ ausgedrckt, so erhalten wir die Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aperu. Auch hier werden logisch unvereinbare Dinge mit verblffender Sicherheit in gegenseitigen Kontrast gestellt. Die Fliegenden Bltter enthalten eine Fundgrube solcher Weisheitssprche in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie sammelte, knnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als er in unser aller Bewutsein ursprnglich lautete: "Lerne zu! Leyden!" (Lerne zu leiden!) Hierher gehren auch die frchterlichen Imperative: "Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber doch ein Beweis fr die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, da man solches Zeug nicht hren kann, ohne wenigstens zu lcheln. Der Kontrast ist erzwungen im Gehirn,--man kann ihn nicht abwehren, gerade so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die Netzhaut getroffen hat. Wird die _Kontraststimmung_ erzwungen durch _raffiniertere und behutsamere Irrefhrung der Logik_, so wird, wie in der Anekdote, der humoristischen Erzhlung, knstlich die Phantasie in eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,--und pltzlich gelangt der Zuhrer an den Assoziationsknick, an die Gedankengabelung, weil der Erzhler mit pltzlichem Ruck der elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung bedingt sein. Es ist nur natrlich, da die obsznen Witze hier eine hervorragende Stellung haben. Ich gebe gern zu, da diese Witze manchmal von besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, da die prde Verhllung aller, auch der natrlichen und an sich nicht obsznen Realitten es dem Sptter so leicht macht, die _Idee der guten Sitte_ und das _Bedrfnis der Natur_ in eine Art sensationeller, rasch berrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist natrlich die Zote, bei der es nur auf obszne Kontrastierung von Einzelvorstellungen ankommt, whrend ein fein sexualistischer Kontrast auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge mssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu knnen, doch einen dezenten und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. brigens gibt es durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von Prderie und Naturbestimmung, wie der franzsische Sexualismus (Zola, Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter Zorn gegen die kulturelle Verkmmerung und Verschnrung menschlicher Natrlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des Naturrechtes aufflammt. Wird nun der _Kontrast zweier Weltanschauungen_ dauernd von dem Humoristen festgehalten und dauernd dem Hrer oder Leser aufsuggeriert, so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman, zum Lustspiel. Unbedingt gehrt auch hier zur Humorwirkung immer das berraschende, Pltzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der Behandlung ergibt die Variante: die Tragik errtert langsam und unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und lt die eine oder die andere Weltanschauung scheitern; das Problemstck kommt berhaupt zu keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die Humoreske lt pltzlich in berraschender Weise das Ideale am Felsen alltglicher Vernnftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen mu wie die Butter an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des Teufels zerzaust wird. Fr den knstlerischen Humor, d.h. fr die aktive Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses unerllich. Jeder groe Humorist ist auch ein groer Dichter. Die dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer groen, frei schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut zu Hause ist wie auf den Gletscherhhen des Idealen. "Wurzelnd mit festen, markigen Knochen auf der wohlgegrndeten, dauernden Erde", darf nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, da auch jenseits von Gut und Bse nur mit Wasser gekocht wird. Der die humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden Suggestionsfhigkeit: er mu sein knnen, was er scheint. Versagt dem Dichter oder dem Mimen die Fhigkeit, ihre innere Anschaung zu suggerieren, so verfallen sie dem _passiven Humor_, der tragische Seiten hat. Ihm verfllt auch jedes ernste Wollen, wenn dem prtentisen Anlauf die Unzulnglichkeit des Menschlichen unvermutet und pltzlich ein Bein stellt ... Ich mu leider darauf verzichten, an dieser Stelle nher auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die _Situationskomik_ nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der Bhne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewi leicht, in jedem Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische Stimmungen erzeugt, warum ein Lcheln mit prasselnden Lachsalven von oft lawinenhnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je schrfer und pltzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene Phantasiettigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigefhrt und um so energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendrhte zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung, Tuschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor, dem grazisen Schferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die gewagtesten Situationen erlauben drfen, bis hinauf zum echten _Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu stellen versucht_: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen wie im Ganzen Bewutsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu fortwhrenden gegenseitigen Bocksprngen zu zwingen vermgen. Eine richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der wechselndsten, pltzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu, so da uns die kontrastierenden Ideen im Schdel herumfliegen wie die Erbsen in einem geschttelten Topf. brigens will ich nicht vergessen, zu erwhnen, da im gewhnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten Gemtsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen der Humor, dieser Dieb aller Wrde, einen wahren Einbruch in das Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich komisch, als meine Grotante am Sarge einer Verwandten bei einem Rhrungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der Eile eingesteckte Nachtmtze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich damit die Trnen zu trocknen. Es war von rhrender Komik, als ein treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder _Galgenhumor_ streift. Sicher ist, da Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht umspringende, humoristische, spttische, komische Gegenstrme freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter Kontrastierung erhalten knnen. Es ist nicht schn, aber wahr, da die Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer groen Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbettigungstrieb selbst angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt. Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die der Humor erfhrt durch die vielstrahlige _Brechung an der psychischen Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse_, durch das Prisma des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, da vom Wesen des Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realitt wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik, Possierlichkeit, Hohn, Geielung, Ironie, Satire, Spott, Witz, Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische Exzentrizitt, direkt abhngig sind. Je nachdem ein Individuum von sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem, resigniertem, pedantischem, nervsem, phantastischem Grundtemperament ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament vorherrscht: in zwingend paralleler Weise uert sich auch sein Humor in besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei natrlich, wie bei den Temperamenten, die bergnge und verwandte Dispositionen eine Kombinationen-und Variationenreihe vllig unbegrenzter Buntscheckigkeit zult. Auch mu bemerkt werden, da auch bei derselben Person die Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges Prisma, nicht immer eine gleichmige Grunddisposition in unserem Gemt; wir knnen eben noch phlegmatisch sein: im nchsten Augenblick macht uns ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und unsern Aufstehpessimismus stimmt ein Tchen Kaffe, ein Glschen Kognak zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die Komplementrfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz, Phlegma und Resignation. Unstreitig ist auch das Komische nur eine besondere Form des Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive _Gemtsverfassung_, die Komik ist ein subjektives oder objektives _Mittel_, diese Gemtsspannung herbeizufhren. Mir will scheinen, da zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus der Aktionen gehrt, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung ausbt. Der gewissermaen verhaltene, scheinbar unbekmmerte, unengagierte, trockene Humor ist um so komischer, je gleichmiger und verhaltener seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist. Er verzieht keine Miene, der Trger des trockenen Humors; eine beinahe apathische Typizitt seines Gesichtsausdruckes trgt dazu bei, den Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem, Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verstrken. Man betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery, Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte Gleichfrmigkeit und schalkhafte, absichtliche Lssigkeit ihres Gesichtsausdruckes: hngende Mundwinkel, pedantische, schlfrige oder nrrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schlrfender, ziehender Gang, schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im Indifferenzton, dazu womglich refrainartige, immer wiederkehrende Gesten und sprichworthnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist der besonders kontrastierende, gleichmige, scheinbar trge, _pedantische Rhythmus, der die Komik macht_, auch beim Tappen des Bren, bei den Bewegungen der Dickhuter, bei denen wir eben wie beim passiv oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere nrrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die Muse, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und frben. Entscheidender aber ist fr die uerungsweise der empfundenen oder dargestellten Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen, wie auch der geistreiche Witz, das Aperu, fast das ausschlieliche Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem Choleriker ist der Hohn, die Geielung, die Ironie, die Satire das Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem unverwstlich ehernen Monument humoristisch-wehmtiger Weltanschauung. Die sanfte Melancholie der Germanen uert sich in dem einzigen, herzenstiefen, gemtvoll sentimentalen Humor, dem wir die berquellenden Labetrnke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter, Gottfried Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen Bltenstrue, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind, darin wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner, dessen Seele nach groen Dimensionen hastet, erzeugte auch einen phantastischen, grodimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar Po, Mark Twain, Bret Harte die schpferischen Organe erhalten hat. Endlich fhrt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form der _Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer bewut ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung_, zum _Galgenhumor_, dessen Typus jener Verbrecher verkrpert, der, auf dem Karren zum Schaffot gefhrt, der herbeistrmenden Menge zurief: "Kinder, lauft nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der Kontrast geradezu umgekehrt. Whrend sonst der Humorist tief innerlich sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet, fhlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur in der Idee. Das ist typisch fr jede Form von Galgenhumor. In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen Betrachtungsfhigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit ber alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten Schachte des Gemtes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter, er ist eine Majestt, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betrgern den Lgenflitter und die Maske vom Antlitz reit, ein Evangelist, der es versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem Himmelslcheln zu lsen, und ein Trster, der ber alle Not Goldkrner des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Persnlichkeit streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge kreuzt; und fr manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des Volkes, ein Dokument seines Gemtslebens, eine Schatzkammer des Reichtumes seiner Seele. SCHLAF UND TRAUM I. Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zurckzublicken das Glck hat--das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins--, der macht es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, da es mindestens fnfundzwanzig Jahre waren, die er buchstblich verschlafen hat,--selbst wenn er die kummervollen Nchte, in denen die Sorge oder der Schmerz neben ihm am Bettrand sa, oder auch die Nchte abrechnet, die er weniger kummervoll als deutscher Student verlebte. Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie weiland Friedrich dem Groen, da sie auf die freilich unhygienische Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugewhnen; scheinen doch auch unsere Ministerien der Meinung zu sein, da fr festangestellte Beamte der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von Sicherheitsbeamten, Nachtwchtern, Telegraphisten, Lokomotivfhrern usw. sogar, da sie geflligst ihren eigenen Kalender umstellen, die Nchte zhlen und die Tage aus ihrem Bewutsein streichen, sich also gleichsam zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden versuchen. Das wre eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der Gesellschaft und ein strflicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu leben, durch Abzge am Schlaf zu verlngern sinnt, wenn es nicht tatschlich sogar recht wohlgenhrte Individuen in der Natur gbe, die, wie Raubvgel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: fr die erdrckende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz fr den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er whrt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit ihrem ersten stlichen Gru, der schon vor unserem Erwachen die Hhne veranlat, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine Mrderin der Elfen und Waldgtter schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch Tranfunzel, Docht, Steinl und Gas und jetzt durch das starre, geisterhafte Licht der Glhbirnen und leuchtenden Strmpfe, deren Strahl auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augenrzte spterer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verlngern,--wie man eine krftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Natrlichen, die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen, wrden von dem Lrm der auf knstliches Licht eingestellten Mitwelt unsanft aufgerttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erhben, in ihrem Hause wie des Begrbnisses unwrdige Bewohner von Vineta oder Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. Mglich, da dieser Rhythmus sich ndern lt, da wir uns allmhlich anzupassen vermgen an die knstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich nicht verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von Hypersensibilitt und Neurasthenie erreichbar ist. Nervositt ist vielleicht nur die bergangsform--im Sinne Darwins--zu einer knftigen Norm von bleichschtig-therischer, hypersensitiver Weie-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch erleuchtete Hhlen verlegt hat; vielleicht sogar lt sie sich vor lauter Produktion berfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal am eigenen Lichte gengen, wie die entzckenden Glhwrmchen im Moose oder die groen Laternentrger der Tropen. Man sollte meinen, da die Menschheit keinen Grund htte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Grben und Smpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog, wie Nachtinsekten, Kfer und Schmetterlinge; man sollte sich auch scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen, den Eulen und Raubvgeln, die auf den Gedanken kamen, da die Finsternis ein trefflicher Mantel fr lichtscheue Taten sei. Vorlufig aber bleibt es hoffentlich dabei: fr unser Planetensystem ist es die Sonne, die als die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder der Rckprall der Sonnenmacht. Tatschlich ist der Schlaf an ihr Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen, und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und her. Denn da auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches Leben erst nachts beginnen. Die rmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen knnen, sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen--und die Wissenschaft wiederholt es zuweilen noch heute--: dasjenige, was uns Schlaf bringt, hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der Ermdung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives Zurckfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein natrlicher, rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der Nervenspannungen. Ja, noch khner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen; man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der Kche des Muskelhaushaltes gerade infolge der Ermdung jeder sich selbst bereite, das sich allmhlich ins Blut mische und schlielich uns einschlfre. Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische Narkose! Dann htte also das Sonnenlicht nur ganz zufllig mit Schlaf und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen und damit das Fleischmilchsuregift whrend des Sonnenlichtes produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einflu auf den Rhythmus von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses Muskelopiums--die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem Schlaf ganz unhnlichen Zustnde fast mit dem Extrakte jedes anderen Organes, ja, sogar aus dem ganz unttigen Muskel des neugeborenen Tieres herauspressen; sie beweisen eben nur, da auch Muskelsfte fremde Beimengungen zum Blut sind,--abgesehen also von der hypothetischen Natur dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengrnde gegen die Mglichkeit einer solchen periodischen Ermdungsvergiftung. Wie sollte ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne da fr diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkwrdige Narkose des Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem Wissen vom knstlichen Schlaf wre und nur in der periodischen Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiesttzpunkt gewinnen knnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der eine--dann doch notwendige--besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder whrend der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchsure in keinem Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die doch noch herzlich wenig mit Muskelknsten zu paradieren pflegen, das Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich fr unbefangene Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern sen Himmelsfriedens, aus dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und zher Kater, der auf einen Sturm durchwachter Prgelnchte folgte, worauf allerdings das Antlitz des eben einpassierten Mitbrgers mitunter hinzudeuten scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hindmmern des werdenden Menschleins das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes? Lt sich ernstlich behaupten, da man, je mehr Muskelaktion man ausbt, desto besser schlafe? Ist nicht gerade beranstrengung das beste Mittel, um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde geistige Arbeiter eines ungestrten, tiefen Schlummers? Will man behaupten, da auch sie alle Gift produzieren? Die ganze Ermdungstheorie, die das Leben auffat wie ein Kautschukband, das man hier und da abspannen mu, um es funktionstchtig zu erhalten (wobei noch nicht bewiesen ist, da es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und festgegrndetesten und wahrlich "beschftigten" Organe, das Herz, die Lungen, der Magen--diese eigentlichen Motoren unseres krperlichen und seelischen Betriebes--entbehren des Schlafes gnzlich. Sie hmmern, blasen und whlen unbekmmert um Nacht und Tag und ermden erst, wenn das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines Traumes, die Mglichkeit eines Bewutseins im Traum spricht gegen die absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Ermdungsgefhl nennen, kann sehr wohl das Gefhl gestrten Gleichgewichtes der wechselnden Lebensbettigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel nach langen Mrschen die so lange unttigen, den Muskelzentren nahe benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbeschftigung verlangen. Sie wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es knnte also ebensogut das Gefhl der Ermdung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie ja so oft Schmerz und Unlustgefhle die Rolle der Signalwchter fr Strung und Gefahr bernehmen. Wo diese Wchter schweigen, wie bei eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten (Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Ermdung als etwas Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten krperlich oft physiologisch Unfabares an Muskelaktion, und vor der ra der vier Tage lang radelnden Dauerfahrer htte man die Sache nach den Gesetzen der Ermdung fr Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts von besonders produktiven Kpfen, die auf solchen Athletenschultern sen, gehrt. Ganz und gar keine Anwendung lt aber die Hypothese von der Ermdung oder der Selbstvergiftung auf die Formen knstlichen Schlafes zu, die uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es mte schon eine sonderbare Ermdung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die Hirnganglien berfielen und ertrnkten. Einer Mutter, der sorgsamsten Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, da ihr summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein ermdendes Gift hinter die geschlossenen Lider schttet. Wie nun, wenn man diese ganze Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die Wissenschaft noch heute definiert, ber Bord wrfe? Sehen wir zunchst zu, was die Physiologie ber den Schlaf aussagt. Landois, wohl der geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich ber den Schlaf in den folgenden Stzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizitt des ttigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden." "Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln." Auffallend ist, da man bei diesen Grundstzen ber die Physiologie des Schlafes so vllig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die psychologische Tatsache des Traumes und seiner gewhnlichsten Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen smtlich auf. Der Schlaf kann nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt werden, denn es gibt Trume; Trume sind aber "Ttigkeiten" des Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erhhte Erregbarkeit des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus unter unruhigen Trumen beweist. Auerdem ist die vorhandene Erregbarkeit smtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar. Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase, bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so wre damit bewiesen, da sein Nervensystem erregbar war, auch whrend er schlief,--und es wre doch schwer festzustellen, ob strker oder schwcher als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf Erfolg diese Frage vorlegen knnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus der Funktion des Traumes, die Ichbewutsein, Seh-, Hrwahrnehmungen usw. nicht ausschliet, da die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die Ganglien der Hirnkugeln, in voller Ttigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln, einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewute und durch die Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckmigkeitshandlungen, die nur durch die Ttigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen" Hirnkugeln vermittelt sein knnen. Im Widerspruch mit diesen Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen elastischer Spannung knnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach der Schlaf eintrte, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe ber die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich ber die olsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen hinberzieht wie ein vielgestaltiger Dmpfer, der die Tne erstickt, die Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen heit und die Welt und ihre Umgebung zeitweise versinken lt. _In Wirklichkeit ist der Schlaf eine Form der aktiven Bewutseinshemmung_. Wir wissen aber--und das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise--, da Hemmungen, Isolation, Ausschaltungen im Bewutsein durchaus aktive Vorgnge, den Nerventtigkeiten vllig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir knnen sogar mit einigem Recht behaupten, da ganz allgemein, biologisch gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende fr die Formierung des berall vorhandenen und zur Bettigung drngenden Lebens sein drfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben hat, gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verstrkung der ihm gegenbergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem gegebenen Strom rtselhafter, jeder Anschmiegung fhiger Materie, es quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser Lcke, und die Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die Widerstnde lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte System der seelischen Nerventtigkeit lt es erkennen. Jeder hat schon an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die Abhngigkeit seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom Meere ruft, und das Glcklein, das vom Kirchturm tnt und "Bleib daheim!" lutet. Gott und Teufel, Wei und Schwarz, Ich und Du, der andere in mir, Lust und Abscheu--immer um so nher beieinander, je hher die Wogen des Empfindens gehen--sie sind nicht auseinanderzureien. Wie ein Pendel seine Schwingungsweite innehlt und um so hheren Ausschlag gibt, je hher der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der Erregung ins Tal zu reien. Kein Wunder, da es so ist! Denn, rein mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des Gehirnes mu in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit knnen nur wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die brigen aber abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung mten ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander schwingen. Wir finden also, da wir in zeitlich nacheinander geordneten Systemen nur deshalb denken knnen, weil uns im Augenblick immer nur eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die Aufmerksamkeit konzentrieren" heit, ist nichts als das Gefhl und Bewutsein davon, da von der ewig schwankenden, Anschlsse bald hier erzwingenden, bald dort abdmpfenden Hemmung nur eine--die Augenblicksempfindung vermittelnde--Bahn freigelassen ist. So ist also der eigentliche Spiritus rector, _die Seele ber der Seele_, nicht in den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in dem Mechanismus dieser Hemmung wre das Prinzip zu erforschen, das gleich immer wechselnden Registerzgen in der groen Hirnorgel bald diesem, bald jenem System die Ventile ffnet, so da der einstrmende Hauch des Lebens die fnfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in unfabar reicher Kombinationsmglichkeit zu seelischen Akkorden erklingen lt. An einem Hause seien Millionen kleiner Glhlmpchen angebracht, deren Drhte alle in eine stille Klause unter dem Dache auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den Hnden hlt. Er lt Millionen Flmmchen erlschen, und ein kleiner Rest leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gru, ein Willkommen, ein ganzer Satz erstrahlt,--und so knnte der Ingenieur der Hemmungen unter dem Dach gewi jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls er den Strom seiner Batterien, der in alle Lmpchen zu flieen strebt, zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die anderen verschliet. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtkrper ausgespannt, viel zahlreicher als die Sterne am Himmel, die fr uns auch nur aufflammen, wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun keineswegs gleiche, scheinbar willkrliche Macht ber alle Formen zentraler Hirn- und Seelenttigkeit; ihr wechselnder Einflu nimmt mit dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven, dem Bewutsein ganz entzogenen Seelenttigkeiten, namentlich in denen der Regulation von Herz- und Atmungsttigkeit, schwankt die Hemmung nicht mehr; sie ist immer gegenwrtig, sie hat sich selbsterhaltungsgem[1] herausgeprft, welche koordinierten Bahnen das Beste, Unabnderlichste fr den Haushalt des Ganzen darstellen. So werden auch unsere, heute nicht mehr bewuten Seelenhandlungen in festen, definitiv und stets gleichmig gehemmten Bahnen reguliert, und nur in den jngsten Phasen des Bewutseins tastet die Hemmung, gleichsam nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgeme Lsung sei. Die jngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h. instinktiver Lsung ringt. Funote 1: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingefhrter Begriff. In uns geht sehr vieles unbewut seinen nicht mehr abzundernden psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien z.B. knnen wir nicht mehr ohne Rest im Bewutsein begrnden; wir tun vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,--mit einem Wort: es gibt in uns Verstndigeres als den Verstand, Bewuteres als das Bewutsein, Besseres als das Beste![1] Das sind jene unterbewuten, schon definitiv vom schwankenden Bewutsein des Ichs und der Situation abgelsten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht mit der tastenden Orientierung der hchsten Ganglienschichten assoziiert werden knnen. Die jngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausstlpungen nach auen, sie horchen, fhlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im Weltganzen. Das Gefhl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize, die die Widerstnde auf meine Sinne ausben, wirkt das, was mein Empfinden von mir selbst und mein Bewutsein von meiner Stellung in der Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen. Manchmal fhlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner Macht inne und fhlt doch nur einen Widerschein von seinem Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die der Schlaf dem Bewutsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes bezieht sich nur auf jene krnenden Funktionen geistigen Geschehens, die im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenwrtigen Phase der Hirnentwicklung zugehren. Funote 1: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, da wir von einer Erkrankung trumen knnen, deren Herannahen im Wachen noch nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschwr kann im Entstehen schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen zu veranlassen. (Moll.) Was ist es nun, das diese Hirnhemmung[1], die das Dunkel des Schlafes erzwingt, vermittelt? Funote 1: ber das mutmaliche Wesen dieser selbst siehe Ausfhrlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der schlafhnlichen Zustnde". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin. Wir stellen uns vor, da um die Ganglienzellen des Gehirnes ein Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet, und da dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die bisher als eine einfache Sttzsubstanz aufgefat wurde. Wir denken uns diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch erfllbar und entleerbar, so da je ihre Fllung oder Entleerung imstande ist, Anschlsse (Assoziationen) unter den Zellen zu unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den Ganglienkrpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den berspringenden Funken oder induzierten Strmen greren und geringeren Widerstand entgegensetzt. So geschhe auch das Denken in der Richtung des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere Bewegungsform. _Die Ttigkeit der Ganglien ist die der spezifischen Transformation (Umbildung) der Auenweltreize, ihre prismatische Strahlenzersplitterung, und die Ttigkeit der Hemmung ist die der Widerstandserzeugung fr die Assoziation dieser transformierten Reize._ Sicherlich gibt es auch ein psychisches quivalent, d.h. jeder Reiz, der das Zentralorgan trifft, verlangt seinen vlligen Umsatz in Spannkrfte der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenbndel zu weiem Licht, die Rckgabe der unveruerten Pfunde an die Auenwelt. Die Hemmung gibt die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht. Diese, wie ich gern gestehe, fr eine Plauderei schwerflligen Deduktionen waren ntig, um den Mechanismus des Schlafes vllig verstndlich zu machen. Sie ermglichen eine hypothetische Einheit des Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu betrachten. Da die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung, die ber den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zurckzuziehen, vermge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso begreiflich, wie da ihr Loslassen von der Gefspannung dieser am Abend gestattet, die Tarnkappe ber das Bewutsein zu ziehen. Man beobachte nur einen Mden. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes gegen seine Bewutseinszentren anbranden, fhlt er eine Neigung, nicht mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend festzuhalten, er vergit sich und sie, seine Muskelaktionen werden schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes Ghnen gibt kund, da der Reizberschu, den das Leben in seiner Hirnrinde zurckgelassen hat, eine gewohnheitsmige Ablenkung auf ein gewisses Gebiet der Atmungsttigkeit erfhrt. Ghnen heit, das Gehirn von Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der berfhrung geistiger Spannkrfte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung splt immer weiter ber den lichten Strand des Bewutseins, in dessen Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildflche wird immer trber, und schlielich versinkt wie mit einem Schlage die Auenwelt vor seinen inneren und ueren Blicken: er ist in ihr und hat doch kein Gefhl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen eines eben noch strahlenden Glhkrpers, da der Begriff des "Erlschens" des Bewutseins zu dem Treffendsten gehrt, was unsere Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchstblich nehmen. _Die Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus) vermittelter Reflex_, den die Periodizitt des tglichen Lichtwechsels durch Anpassung erzwungen hat, der aber--und das spricht deutlich fr die hier vorgetragene Auffassung--ebenso gut durch andere Einflsse nervser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht--und sie ist ja eine Hypothese, wie andere auch--: Niemand kann leugnen, da Schlaf durch Reizung der Hemmungsvorgnge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, auslsbar durch die Manahmen der Hypnose: Streicheln ber die Stirn und Augenlider, starres Fixieren, Kmmen, Wiegen, das gleichmige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen, die Monotonie des Schlafliedes,--das alles sind Reizformen der sanften, suggestiven Abblendung des Bewutseins auf einen einzigen Punkt, wodurch es natrlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird, rings um diese letzte Stelle des Bewutseins ihr Zeltdach des Schlummers zusammenzuziehen. Eindmmung des Bewutseins auf einen Punkt und Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, da zum Einschlafen auch der feste Wille dazu gehrt und da Gewohnheit und Erziehung einen so erheblichen Einflu haben. Man zwinge sich bei erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der berlegung, der Vorstellung und halte ihn ja fest--der Gedanke ist ein Springinsfeld, er will rechts und links ber die Zune setzen--: dann wird es der Hemmung schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das se Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel--einschlielich der Mittel der Narkose--betuben in gleicher Weise, sie lhmen die Gefnerven aktiv; und die Folge ist die Fllung der hemmenden Gespinste um die Ganglien und die Erzwingung der Unmglichkeit ihrer gegenseitigen Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenu. Der anfangs die Gefe treffende Giftreiz verengt zunchst das Stromgebiet der hemmenden Zwischenschicht; der Anschlu der geistigen Verknpfung der Ideen erfolgt zunchst mit deutlicher, gern gefhlter, die Lebenslust erhebender Leichtigkeit; ber alle Hhen und Tiefen der Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der Gedanken; der Dmmste dnkt sich ungeheuer geistreich und traut sich Fhigkeiten zu, von denen er nie geglaubt, da er sie sein eigen nennt, wobei er oft sogar Kundige zu tuschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber um so mehr Gewalt, je hher die Dosis steigt, sie engt wie beim Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewutsein immer mehr ein, der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erzhlt dieselbe Geschichte fnfmal, zehnmal, murmelt schlielich immerfort dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen Schwrmers blutgeflltes Haupt schwer auf den Tisch, und die volltnende Harfe lt dem Sgegerusch des Schnarchens das Feld. Whrend aber bei diesen knstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht nur die obersten Schichten des Bewutseins umfat, sondern auch ihre eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie um die anderer Formen von Bewutsein schlgt, scheint uns fr den physiologischen Schlaf charakteristisch, _da eigentlich nur das Bewutsein fr Zeit und Ort, fr Orientierung in der Umgebung und der betreffenden zeitlichen und rtlichen Situation fehlt_. Da der Schlafende im Traum sein Bewutsein von sich selbst, den Begriff der Persnlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur orientierungsunfhig fr das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so kann man sagen: _Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des Situationsbewutseins; er ist die periodische Ausschaltung der Orientierung fr die Umgebung, die Zurck- und Einziehung aller Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung wurzelt_. Alles brige, sein Ich-Bewutsein, seine Bewegungsfhigkeit, seine Phantasiettigkeit, seine Vorstellungssphre, unterbewutes Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert, als diese Funktionen ihren verstrkten Ansto eben aus jenem Situationsbewutsein zu ziehen gewhnt sind. Wir verlassen fr gewhnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar nichts wissen, wir greifen nach nichts ber und um uns, weil wir nichts von dem "ber und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle Muskelttigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung beziehen, irgend etwas auf diese Bezgliches zu unternehmen. So weit aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden Bewutsein des Traumes erregt werden knnen, bleibt ihre Beeinflubarkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben, in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den verschiedenen Formen des gestrten, pathologischen Schlafes erkennen lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werksttten besitzen, in mehr oder weniger groer Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die feinere Art der Bewutseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der natrlich sehr erheblich durch Auenwelteinflsse zu verndern ist. Der Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums, und seine grte Intensitt fllt zusammen mit der Vollreife, was wiederum stark fr meine Auffassung von der Aktivitt des Schlafmechanismus sprechen drfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so ungeheuer die Anstze von Ganglienzellen berwiegt; denken lernen, heit eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgeme Hemmung hineinwachsen und ihre Anschlsse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund, warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie in die Kpfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas Selbstverstndliches erfat werden; deshalb ist es auch fr originelle Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen, wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zunchst dreiig Jahre ins Grab zu legen. Es ist berall das Verhltnis von Ganglienaktion zur Aktivitt der Hemmung, das Originalitt, Intelligenz, Charakter, Genie, Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie beranstrengung, Sorge, berlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht, Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen Fllen die Gangliensysteme der zur Nachtzeit anrckenden Hemmung widerstehen. Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht mde zu sein, die glcklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlgebten Kabel der Bewutseinsleitungen,--und der Schlaf beginnt. Diese Regelmigkeit des Ein-und Ausschaltens von Bewutsein und Schlaf selbst ohne jedes Ermdungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen, die Sinn fr Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausflgler nicht einmal andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen die Ermdungs-und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine alte Weisheit, da der Vormitternachtsschlaf der strkendste ist. Weil wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je nher der Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht liegt dem Scheiden der Sonne am nchsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und jede Stunde nach Mitternacht fhrt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz des Bewutseins nher. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Glttung der erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er vermag Rtsel der Lsung nahe zu fhren in wenigen Stunden, und oft steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette, wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrau. Weinend legt der Knabe sich nieder, weil er die Lektion nicht bewltigen konnte, und morgens sagt er sie her, erstaunt und verblfft ob der Heinzelmnnchenarbeit, die ber Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist, der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner inneren Gestaltungskraft--vergeblich, denn es wollte keine Schnheit dem heien Nebel entsteigen--: eine stille Nacht tiefen, erquickenden Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein weies, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben die jngsten Entwicklungsphasen des Bewutseins sind, in denen das Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken--der Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht--immer neue Systeme an alte Bahnen anschliet, so sind hier auch gleichsam die leicht verletzlichen, zartesten Blten des Seelenlebens ausgebreitet. Das stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel. Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und Kabelstation fertigbauen, den Schlustein setzen, einen sammelnden Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes mhsam vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so ntige Bewutseinsverhllung versagt! Was gibt es Frchterlicheres als die Schlaflosigkeit, in der das geistige und krperliche Auge in die Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines Dmons annimmt? Dabei die Gedankenflucht hinter dem Schdel, diese springenden, jagenden und nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichgltig sind und uns so gar nichts angehen, die sich aber unaufhrlich durcheinanderschieben,--diese grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat: Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die gereizten und zur berfunktion gepeitschten Ganglienzellen schlielich alle Widerstnde durchbrechen, die blinden Affekte und die Bocksprnge im Geist, die geistigen Veitstnze beginnen. In der schonenden Hlle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die der berwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und Haschischvertilger verschaffen sich knstlich diese Verschleierung des Bewutseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gewhrt, nicht nur, weil es angenehm ist, die qulende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen, sondern auch, weil sie instinktiv fhlen, da eine erhaltungsgeme Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt. Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der Ermdungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und Vgel, die pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen mgliche Verschiebung des natrlichen Schlaftypus (alle Sorten Nachtwchter einbegriffen), sie alle werden verstndlich, wenn wir sie betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nervser Bahn nur zeitlich verstellt, soweit berhaupt noch ein Rhythmus erkennbar ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz natrlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen wre, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt sein knnen. So ist der Schlaf also die Ttigkeit eines besonderen Organsystemes, der Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der Narkotika, gehorcht diese rtselhafte Funktion so lange, bis schlielich die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen lt, wie unsere definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana fr immer. Heute versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines Stckchen unter die Oberflche; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine Sphre gleichsam frherer Daseinsepochen zurckgezogen, sowohl unseres persnlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben minus Situationsbewutsein und ohne die Fhigkeit, die Umgebung logisch mit unserem Geiste zu verknpfen. Das gibt unserer Phantasie die Mglichkeit, uns einen Teil des nur halb bewuten Tierlebens vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in spteren Geschlechtern vielleicht zu noch hheren, wundervollen Bewutseinsformen weiter sprengen werden. II. Wenn es richtig ist, da im Schlaf alle diejenigen Saiten unseres Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Auenwelt greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos, schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewutsein der Stellung des Ichs in der umgebenden Welt der Realitten ist, das aus der Reihe psychischer Bewegungen im Schlafe entfllt, so ist es begreiflich, da alle noch in der brigen Sphre der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der Phantasie ihren Reigen fhren mssen. Schon wenn im Wachen jemand die Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach innen kehrt und sich nicht entschlieen kann, Rinnsteine, Laternenpfhle und Mitmenschen fr Realitten zu halten, wenn Dichter und Denker uns begegnen, das Auge fr den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze Energie gleichsam zum Wachedienst fr das ewige Feuer der Vestalin nach innen gepret, so sagen wir ja wie Josephs Brder: "Seht, da kommt der Trumer!" Die Seele hat eben zwei groe Orgelregisterzge: "Real" und "Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander Harmonien geben, so schn sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des Daseins frben. Wenn die mehr oder minder ausgeprgte Schnelligkeit der Leitungsanschlsse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die unwillkrliche Zhigkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register "Gemt und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener andern Fhigkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen Orientierungs-und Anpassungskraft fr die Umgebung. Hat doch unstreitig die halb unbewute Ttigkeit des Knstlers, das Versinken der Welt um ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf den echten Knstler die Realitten des Lebens erst recht intensiv wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang sieht, gleichsam durchglht von dem Lichte seiner inneren Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, dnkt ihn ein Beweisstck fr die Idee einer Schnheit, die durch ihn Gestalt gewann. Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert lebhaften Kinderaugen betrachtete Besttigungen seines inneren Traumes. Wenn aber auch die von Musen nie gekte Stirn eines Bankiers im Wachen keine anderen Besttigungen seiner Idee sucht, als da gerade seine Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht ihn dennoch zum Dichter, er lst ihn sanft von seinen begehrlichen Sinnen, und wenn er nun dennoch trumt von Dividenden, Giro und Diskont, so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines Bangens auf eine Bhne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist. Wie aber ist es berhaupt mglich, da vor unserem Traumesblick ein Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch die Sinne, die diese Realitten bermitteln, in Hemmung sind? Nun, die Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum wren nicht denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen smtlich auch in umgekehrter Richtung schwingen knnten, wie das die Physiologie unwiderleglich festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer Schwingungsfigur bermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" auslst, so kann umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis rckwrts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir "Pferd" zu nennen bereingekommen sind, unserer Phantasie in voller Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realitt der Umgebung ungestrt zum Gehirne geleitet werden, so da wir schwren knnen, wir sind im Bett; wir wachen,--und dennoch erregt die gestrte und verwirkte Traummechanik von rckwrts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur trben und erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren Wahrnehmungen fr wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber natrlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere Sttze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die Fhigkeit habe, die rckwrts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der Wirklichkeit am Mastab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine Logik in den Lften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der Tr und vom Bellen des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu ffnen, die Hemmung zu berwinden, wodurch wir wach wrden, so springt er nach dem Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewutseins ab, wie eine Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen Ganglienschicht in andere Empfindungskrfte umgesetzt (transformiert) werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelmnnchen ber die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der Phantasie. So wird ein Gerusch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug, ja ein berfllter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten Seelengebiet,--oft unter phantastischer Vergrerung der wahrgenommenen Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schu, das Rcken eines Stuhles zum Donner. Da das Gefhl meiner Persnlichkeit, mein "Ich"-Bewutsein gar nicht mehr direkt abhngt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito, ergo sum), sondern bis tief in die unterbewuten Schichten hinabreicht, bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch fr mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so ist verstndlich, da der Persnlichkeitsbegriff mit allen mglichen halluzinatorischen Traumbildern verknpft werden kann: man fhlt sich und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt, als Leiche aufgebahrt, als Knig oder Bettler, als Engel oder Teufel. Das doppelte Bewutsein erklrt sich leicht aus dieser wechselnden Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegemer Seelenerregungen. Man hat im Traum durch phantasiegeme Assoziationen vom Ich mit Muskelgefhlen und dunklen Sehnsuchtsrichtungen Fhigkeiten, die uns fliegen lassen, schwebend durch den ther und die Luft, die uns Probleme spielend lsen lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, lst sich die neue Kunst, die Problemlsung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene Barriere der Schlafhemmung in die Hhe steigt. Man kann aber doch die Mglichkeit nicht ganz bestreiten, da manche Menschen Verse, Lsungen von Rtseln, Plne usw. unmittelbar so niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben glaubten; denn es ist ja keine Frage, da der Traum Erinnerungen hinterlt, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir trumte einst, ich sei ein groer Knig", gelegentlich wohl ein wenig flunkern. brigens ist es wegen der Abschlieung der Gegenwart, die uns zeitlich und rumlich umflutet, charakteristisch, da wir den Schauplatz unserer Trume so oft in die Vergangenheit verlegen mssen, wenn wir berhaupt Spuren eines Gefhles fr Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten; wir sehen uns daher fast stets jnger, als wir sind, oft direkt als Kinder, Angehrige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als Tote und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten und Rumlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch, ob jemand sagen knnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher geographischen Zone sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen Raum- und Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der Gegenwartsempfindung untrennbar gehrt. Sich zeitlich oder rtlich orientieren, heit eben, rckwrts tasten aus der kontrollierbaren Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit oder Ferne. Die Phantasie hat es nicht ntig, mit Zeit und Raum sich abzuqulen; darum hat sie auch etwas Gttliches an sich. Unstreitig haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schlgt uns meistens die ergnzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen, denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und namentlich bei Traumerzhlungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine Knstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Trume werden oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch, seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfrulein von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. brigens hat man beim Traumerzhlen auch ein Gefhl der heiligen Scheu; man sieht Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne auer dem inneren Sehvermgen betrifft, im Traume ziemlich geruschlos zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls ber Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume deutlicher, als wir hren, riechen, schmecken, fhlen. Ja "die Stimme, die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen hufiger als im wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen phantastischer Gebilde sind hufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen vieler Trume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Gehrs- oder Gefhlswahrnehmung stattfinden mte. Sehr viele Trume schlieen wie das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt gerade mte der Schmerz eintreten,--da sind wir schon wach, bebend und transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, da im Schlafe tatschlich eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufzngelt, zerreit er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das Gefhl davon, da auch der Phantasie eine Fesselung nach rckwrts geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten, womglich vor der Franzsischen Akademie, einer feierlichen Versammlung, und wir stehen schon mitten auf dem Podium,--was ist das? Wir knnen ja nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die man von der Sache behlt, erblicke ich den strksten psychologischen Beweis fr die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sphre des Situationsbewutseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, da im erneuten Traume das Bewutsein frherer Traumphantasien, ja schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne logische Assoziation hat eben ihr Bewutsein fr sich. So erklrt es sich, da Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Gedchtnis gerufen werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewutsein des Gegenwrtigen, des sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewutseins sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere Fhigkeit, morgens zu einer bestimmten Zeit zu erwachen, gehrt zu den verbreitetsten Formen eines doppelten Bewutseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den Sphren unseres Zeitbewutseins langt pnktlich zur Sekunde an die Einschaltung des Bewutseins: so weit geht die Automatie, der Selbstwille unserer Ganglien, da sie ohne Zutun des Gesamtbewutseins Zeitbegriffe bermitteln. Beim Suchen der nheren Ursache des Trumens finden wir, da durchaus nicht gerade die Dinge, die den Tag ber den strksten Eindruck auf uns gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so verbreitet auch diese Ansicht sein drfte. Denn das, was uns tiefsten Schmerz oder hchstes Glck fr die Seele gebracht hat, wird nicht direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden ebensowenig wie Worte oder Lieder Trume. Es kann im Gegenteil ein jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen, da dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage flchtig gestreift hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder gehrt im Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Dafr gibt es eine sehr plausible Erklrung. Die tiefgreifenden, erschtternden Sensationen, die uns das Schicksal sendet, whrend wir wachen, verlangen mit starkem psychischem quivalent fast augenblicklich einen seelischen Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust im Sturm und rttelt an den Sulen und Gewlben unseres ganzen Wesens. Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Grbeln vorbereitet, oft ungestm, wie mit explosiver Gewalt ausgelst, gibt den psychischem Insult an die Auenwelt zurck, oder, wo mit lhmender Gewalt das schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgewhlter Wellen gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze, abgerissene Trume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid sah. Es ist keine Mglichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft bernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu sehr mitten in der Welt der Realitt, als da die Seele unter Hemmung der Realitt im Schlafe sich mit ihm befassen knnte. Mich fragte einst ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint mir Mutter nie im Traum?" Und Vter, die ihre ganze Hoffnung begruben, sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer whlende Schmerz verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie mild von der Natur, da nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns gnnt, bis der Tag zum Kampfe mit den Leiden ruft! Der Mrder trumt nicht von seiner Tat; und das liegt nicht nur an seiner Gemtsroheit, sondern hat allgemein psychomechanische Grnde. Was im Brausen des Tages aber an flchtigen Eindrcken vorberschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das verfngt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und lt uns erkennen, wie bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur weder Klein noch Gro, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch fr unsere Seele, und was das Bewutsein nicht registriert, das ist deshalb doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst empor und beginnt mit dem Wind nchtlichen Reigen. Das Traummotiv ist wie eine vergessene Goldmnze im Portemonnaie des Studenten; so lange es gefllt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte, nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude ber ihren ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekrftigen, dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, da sie "immer", die "ganze" Nacht, davon trumen mten, so ist das meist eine sentimentale Lge: man trumt nicht vom Geliebtesten,--auch nicht davon, was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der Strae der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich. Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Gedchtnis, pltzlich, unvermutet, verblffend ein. So taucht pltzlich beim Kartenspiel unsere liebe Gromutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten Dendron" begiet, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die gleichen willkrlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und in beiden Fllen sind es Nebenstrme, induzierte elektrische Strme, wie die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen gruppierenden Funken springen da ber, wo sie den geringsten Widerstand finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewut gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schlft, abhngig ist. Ich war einst in einer Versammlung von rzten, und wir sprachen vom Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, da alle schon davon getrumt haben wrden, nur die nicht, die einmal durchgefallen seien, und zur groen Verblffung aller waren zwei, die nie jenen Traum gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erklrung ist einfach. Das vielgequlte Primanergehirn erhlt eine Examensfurche von Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange Spannung. Ist man aber regulr durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr da; die Lsung war betrbend zwar, aber logisch, den psychischen Ausgleich hat das Leben selbst bernommen. Daraus knnen wir entnehmen, da erstens psychische Erwartungsspannungen lnger haften als gehabte Freude oder Schmerz und da zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche Gemtserregungen, wenn berhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem Eintritt als Traummotive wieder: sie mssen erst abklingen, erst untersinken auf den Grund des Bewutseins und gleichen dann eben den bertnten Motiven, ber die das tgliche Leben rcksichtslos dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obertnen in der Musik, man hrt sie ber dem Pianoton deutlicher als im Forte. Auch der erwhnte Examenstraum taucht erst lange nach berstandenem Examen auf. Sonderbar ist, da manche Menschen periodische Wiederholungen bestimmter Arten von Trumen erleben; sie trumen eine Zeitlang immer dasselbe. Das hngt wohl mit periodischen Strungen der Krperorgane, die nchtlich gleiche oder hnliche Stromschwankungen in der Seele auslsen, zusammen. Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen Geschehens hlt. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gestrtem Schlafe leicht auch die unterbewute Spannung im Bestreben, restlose quivalente zu schaffen, auf das muskulre Gebiet berzuzucken, eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewuten Muskelttigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewissermaen Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sphre der Phantasie Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und Erregbarkeit des Auenweltsinnes eingestellt ist, desto leichter vermgen auch Funken auf Muskeldrhte berzuspringen. So sehen wir Trumende lcheln, ja, wir hren sie lachen; sie weinen, sie sthnen, sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf ber eine ideelle Wand, die senkrecht zur Erdoberflche zu stehen scheint. Ganz allgemein aber erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich fhlbaren Ruck aller, namentlich der Rckenmuskeln,--dem Schlu irgendeines getrumten Absturzes aus groer Hhe. Ist es nicht sonderbar, da dieses Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und logisch konsequent der natrliche Schlu eines bestimmten Traumes ist? Die schlagartige Muskelzuckung pat ganz genau in das Traumesereignis. Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner Meinung nach eine interessante psychische Tuschung vor, die fr viele Trume charakteristisch sein drfte. In Wirklichkeit liegen nmlich die Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewutseinswahrnehmung liegt die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische Vorgang, der beide auslst. In dem Augenblick, in dem die berladung der psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einreit, wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der Seele zurckgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenbschel kann ber den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das Wetterleuchten ber den Abendhimmel. Wie viel Bilder knnen da entstehen in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abstrzende in den wenigen Sekunden des Falles, whrend dessen in einer Art hypnotischer Lhmung des Hemmungsapparates alle Drhte unbesetzt sind, ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu denen die Bergkraxelei, diese bewuten Selbstexperimente ber Absturz und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in Gletscherspalten bemhen. Man kann als sicher annehmen, da auf diesem Mechanismus des "Traumblitzes" whrend der Sekunde des halbbewuten Erwachens gut die Hlfte aller Trume beruhe. Ich erinnere mich eines langen Schlertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, weigekleidete Jungfrauen und weie Thronhimmel eine groe Rolle spielten; und als ich, von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abstrzte und aufwachte, sah ich am Fenster eine Krhe den dichten Schnee verstuben. Damals hielt ich das fr ein merkwrdiges Problem--den Raben, das Wei im Traum und in der Wirklichkeit--; jetzt glaube ich zu wissen, da die Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen Schnee und die Krhe, und beide wurden das Motiv eines Traummrchens. Wird der Auenweltreiz, der die zentral verbarrikadierten Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die Willensimpulse und ihre Muskelanschlsse unter berspringen der Bewutsein vermittelnden Zonen bergeleitet, so entsteht jene eigentmliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und lockt und trgt die besonders empfngliche Seele des Schlfers. Der Mond suggeriert ihm gewissermaen den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der Umgebung, ist vllig bersprungen von den betrgerischen Mondstrahlen und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsfhigkeit das Bewutsein fr Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen whrend des Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln fhlt, das heit: die Orientierung allein dem Muskelgefhl berlt. In gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer ber gefhrdete Stellen; aber sie knnen nicht mehr als andere, weder an Wnden hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei ihnen mit der Orientierung fr den Moment auch das Bewutsein der Gefahr ausgeschaltet, und es mag schon sein, da ein Somnambuler, der im Fenster sitzt, angerufen und pltzlich die Situation wahrnehmend, im ersten lhmenden Schreck herabstrzt; meist aber kriechen sie mit einem charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als schmten sie sich, so monddumm gewesen zu sein, zurck in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die grere Sicherheit der unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuositt der Knstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung verwirrt werden. Der produzierende Knstler gleicht in etwas den Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander. Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in seiner Selbstbiographie ber sein Erwachen aus somnambulischen Promenaden, zu denen ihn zeitweilige berarbeitung disponierte, in dem Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein hbsches Beispiel dafr, da im unruhigen Schlaf Sinneseindrcke geleitet werden knnen, ohne dem Bewutsein assoziiert zu werden. Da geistige Arbeit aber den Schlaf unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie berreizt die Ganglienaktion gegenber der Hemmung, daher ist bei Nervsen oft kurz vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,--der Ausdruck der Entladung des Gehirnes von berschssiger Spannkraft, die die sich zusammenziehende Hemmung auspret: ein Analogon zum Ghnen und Strecken vor dem Einschlafen. Halten wir die Fhigkeit, uns an Trume zu erinnern, zusammen mit der Tatsache, da im Traum so leicht etwas vor dem ungestrten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung fr die Zukunft kam. Wir haben ein Gefhl dafr, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen der Phantasiettigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des Erlebten bermitteln das Gefhl des schon Vergangenen. Wie ja perspektivisch unser Auge sich auch gewhnt hat, das Kleine fern, das Groe nah zu deuten, so verknpfen wir mit dem Gefhl leichten, ungehinderten Anschlurhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene; mit der Empfindung des Anschluwiderstandes aber das Problematische, Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund, warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen" erscheinen: der durchlebte Moment schliet frhere Traumesbilder in leichtem, flssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an, und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugehren. Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gefhlte Traumbild legt uns aber das Gefhl einer Lsung in der Zukunft nahe. So sind wir alle mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei fr mglich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen Charakter an sich, und wenn die hnlichkeit, die der Vergleich eines Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur uerlich ist, so ist das Unterbewutsein, d.h. die Form des Bewutseins unterhalb der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst entdecktes Gebiet, als da sich hier gewisse wunderbare psychische Tatsachen so ganz von der Hand weisen lieen. Der Spiritismus und Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug, Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, da aus dem Chaos der Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie herauskristallisiert hat; mglich doch, da aus dem Nebel des Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen. Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung fr wunderbare Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens fr unwert halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der Kathederdogmatismus wre doch in arge Verwirrung geraten, wenn die X-Strahlenwahrheit _Rntgens_ zuerst in spiritistischen Hnden gewesen wre. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam gewesen sein knnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht der Beobachtung zu rcken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder Zeit die Unbegreiflichkeiten grer sein werden als die Summe dessen, was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem Bannfluch der Verachtung und Lcherlichkeit. Man braucht nicht an das Traumbchlein fr zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und kann doch meinen, da in der Seele Mechanismen ttig sind, von denen wir vorlufig gar nichts aussagen knnen, weil hier vielleicht ganz unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. Knnte man die Zahl der nicht erfllten Trume mit in Anschlag bringen, so wrde vielleicht die Zahl der "Erfllungen" in ein mit den Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verhltnis zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen Vorbedeutungen, von der leisesten hnlichkeit ein groes Geschrei gemacht, whrend von den Millionen Trumen ohne jede Erfllung in der Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung haben fr das Problematische und Wunderbare selbst des Alltglichen; fr die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollstndig die Erklrung. So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare Gesetzmigkeiten, wenn sie auch vorlufig nur der logischen Hypothese und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewut, da die von mir versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der Probleme aufzulsen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. Mglich sogar, da dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zurckfhrung auf einfachere, erfahrungsgeme Mechanismen durch Analogieschlsse, es ist sogar denkbar, da der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie ber rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch: er wei, da mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht erklrt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese Feststellung einfachster Gesetzmigkeiten keinen Abbruch tun. Die Schnheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzmigkeiten. Wir bestreiten niemand das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede Behandlungsweise zu vertragen. Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die Anerkennung der menschlichen Unzulnglichkeit gegenber den letzten, entscheidenden Rtseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach dem Ma der Ehrfurcht, deren er fhig ist, im Angesicht der Erhabenheit und der rings vorhandenen Wunder der Welt. UNTERBEWUSSTSEIN Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine dmmernde Ahnung von Dingen in uns, fr die wir noch keinen Namen haben, ein Gefhl fr geheimnisvoll schwebende Schatten, fr etwas dmonisch in uns Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen knnen! Ein Sammelwort fr alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht Zugngliche, fr etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares! Denn wie sollte mit bewuten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen und deuten knnen, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewutseins liegt? Woher nhme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen Flut im Sonnenglanz?--Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen Vorgnge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: da unser seelischer Apparat, whrend seine Millionen kleinster Spulen, Rder und Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und ber sich aussagen kann! Knnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt werden, whrend den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen vor uns ausgespannten Schmetterling, so wre jeder Versuch zur Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorgnge, auch der einfachsten, ein vergebliches Bemhen, denn ich kann meinem Nachbarn nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines seelischen Geschehens, und knnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen Nervenstrngen zu empfinden, so vermchte ich nicht das wirre Bild der Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele, das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in mich selbst hineinblickend, vermag ich dem flchtigen Spiel der Sinne etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzmiges, Rhythmisches abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewutsein: diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufbumende Macht, die uns schwanken lt auf dem geraden Pfad unseres gewollten Wegs, die pltzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdrckt, wieder und wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend, lauernd, bedrngend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos rtselhafter Ziele, unerhrter Torheiten, nie gefhlter Versuchungen! Das ist der sinnlose Drang, hinabzustrzen von den hohen Zinnen eines Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopfber zu versinken in den grnen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren Fen, dieser Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner schnsten Balladen, "Der Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der Zeit, nicht zu bersehen, da es auch einen Selbstvernichtungstrieb gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die Mcke ins Licht, was den Mrder gegen die Stelle seiner Tat, was die Vgel an die Leuchttrme, an deren Kuppel die zarten Schdel zerschellen? Was sind die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgelste anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer htte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen und Nicht-Drfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gesprt und sich deshalb schon nicht selbst gehat und sich gefrchtet vor dem Anderen, dem feindlich tckischen, zum Untergang lockenden Gesellen in uns? Woher stammt dieses Zweiheitsgefhl in unserem einheitlichen Organismus? _Ich meine, es ist der psychische Gefhlsausdruck fr eine ganz offenbare anatomische und physiologische Tatsache._ Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren im Prinzip gegenstzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorgngen der Ein- und Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Bestnde nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die Assoziationen (Ideenverknpfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so mte in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewutseins hin- und herrasen--ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium ohnmchtiger Bewutlosigkeit den rzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch das rumlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf _eine_ freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden Saftdruck der Blutflssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und Rckenmarks, knnen wir zu einem Gefhl der intensiven Einstellung der Objekte kommen, einem Gefhl, welches wir Konzentration unserer Gedanken auf einen Punkt, bewute Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen und handeln, in Wirklichkeit schaffen Auenwelt und Innenreize die Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgelst werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gefhl, er ist nichts als eine Gefhlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit, objektiv ist das "Auer uns" stets bestimmend fr das "In uns", denn selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die kontrre Reaktion auf eine Einwirkung ist doch immer von auen erzwungen. Der Gedanke gehorcht also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente solche Hemmungslcken, welche den elektroiden Anschlu erst ermglichen, entstehen. Je schwcher nmlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto leichter findet ein Schlu im Sinne der Elektrizitt statt. Diese Hemmung besorgt die den Nervenstrom eindmmende (isolierende) Blutflssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders fr diese Funktion eingestellten Apparates, der seinerseits von dem entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nerventtigkeit, dem sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde, d.h. befhigt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom Automaten) zu antworten vermge innerer Molekularbewegung, da empfing sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig rtselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren Hhen organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nervser Differenzierung in der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd, war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher spter mit seinen Ranken alle Blutgefe, alle Organzellen, alle Kanle umspinnt und durchdringt, des Herzens Pulsschlag auslsend, die Welle des Blutes durch ringfrmige Zusammenziehung der derchen fortschiebend in rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienhllen mit Hemmungssften umsplt, das Durchlassen von elektroiden Funken gestattend oder den Kontaktstrom durch Verstrkung des Hemmungssaftes vom Blutadersystem aus absperrend. Alle Auenweltsreize wirken zunchst auf diesen Herrn des Lebens, von dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nerventtigkeit sind es allein Ernhrungs-, bzw. Stoffwechselvorgnge, welche dem Problem der Seelenttigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen Stckchens Papier, das ihn berfhrt, ohnmchtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel, wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen, den er vielleicht liebte, im Affekt erwrgt oder erschlgt? Wo ist der Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren mu (ein rhrender Versuch des Lebens, das zarteste Wunderorgan zu schtzen)? Das alles sind Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorgnge Analogien finden, und deren bermittler, ursprnglich der Ahne allen Gefhls, von den Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe aber nicht direkt Nervenstrme ein- und ausschalten kann, weil er anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so ist im Blutgefsystem des Gehirns und Rckenmarks ein uerst labiler, saftfrmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im Anschlu an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend, wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willensttigkeiten frei macht oder hemmt. Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-weiliche Gebilde mit der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine, in welchem noch vor kurzem das zarteste Flgelwesen, Psyche, ihren Wohnsitz gehabt haben soll, so berkommt uns ein ehrfurchtsvoller Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen letztes Geheimnis, die Persnlichkeit. Und doch kndet seine trge, kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da drngt sich der unabweisbare Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchflo, war es Seele, tot ist es Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem Spiel gespenstiger, huschender Flstergeister in seinen Gewlben, Hhlen und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Fabares, Zustndliches, Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend und unwiederbringlich aufsteigend in die Lfte, ein Spiel der Krfte, ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerstcken oder zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem wir keine Antwort entreien. Das geistige Band fr ihre tausend Teile ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gefhlten Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder Rckenmark. Wir bezweifeln auch, da es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der Herdfunktionen einzelner Seelenttigkeiten an ganz bestimmten Stellen des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so beweist das noch nicht, da an den getroffenen Stellen allein die spezifische Fhigkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist berall in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn sehaft. Beispielsweise kann die Entfernung der Schilddrse mit konstanter Sicherheit den Getroffenen seelenlos machen. Andererseits knnen betrchtliche Mengen von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne da der Persnlichkeit, dem Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ fr den Sitz der gesamten seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele, und die Pflanzen beweisen, da es nervse Funktionen gibt, bei denen es seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzuspren. Eins aber ist das Gehirn ganz gewi: es ist der Trger alles dessen, was wir Bewutsein nennen, in seiner Wlbung hat die ganze Auen- und Innenwelt ihre symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und auer uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit Wrme wird, so bildet es den groen Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen Reize in psychische. Hier entspricht jedem krperlichen Dinge sein psychisches Korrelat, jedes physische quivalent hat auch ein psychisches! So ist von der Welt auer uns gleichsam in uns ein hin- und herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt an, da sich diese Fhigkeit, die Welt in uns in einem Symbole aufleuchten zu lassen, erst allmhlich entwickelt hat und immer noch in Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandkrnchen zusammenzuziehen, lernen mssen, sich zu bewegen, in besonders dazu entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu hren, sich zu orientieren in der Umgebung usw. Was frher den alleinigen Inhalt des Bewutseins ausmachte, wird dann spter immer automatisch, unbewut, und die hchsten Staffeln des Bewutseins sind danach jedesmal auf dem Wege zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die ursprnglich tastenden, gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal jngsten Keime des Gehirns sind allmhlich als fixierte, unverrckbare, nur von den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile Fhigkeiten dem Bestand des Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer gerckt, unbewut, instinktiv, erhaltungsgem, unabnderlich eingestellt, und der Kreis des Bewutseins ist jedesmal diejenige Sphre unseres Orientierungsvermgens gewesen, welche zugleich auch die entwicklungsgeschichtlich jngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war. So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gefhls des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerklfteten, Zusammengesetzten in unserer Seele. Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorgnge, hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsfhige, ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung wechselnde Ttigkeit, die eng verknpft ist mit der sogenannten bewuten Willenssphre, und zweitens eine festgefgte, nicht mehr wechselnd in willkrlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete, definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also berkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes peripheres Nervensystem, der nach auen gestlpte Teil des Gehirns, fhig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur Ortsvernderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, da wir vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nervsen Ausbreitungen im Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden Einzelzellen)--als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn. _Bewutsein nenne ich somit den Gefhlskomplex, welchen die Summe aller Auen- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nervsen Registrier- und Orientierungsapparate ausbt._ Wie es kommt, da ein Auen- oder Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gefhl auslst, bzw. sich in Gefhl transformiert--diese Frage enthlt freilich das letzte, vielleicht unlsbare Mysterium der Seele. Wir mssen uns damit begngen, es als Tatsache hinzunehmen, da bei der Berhrung das Eis kalt und das Feuer hei ist. Gefhl ist eben die Fhigkeit, zu differenzieren, Unterschiede von der allergrten Feinheit zu registrieren. Unsere gegenseitige Verstndigung wird nur durch die Konvention der Sprache, durch immer gleiche Symbolverwendung fr gleiche Empfindungen gewohnheits- und nachahmungsgem ermglicht. Wir setzen also das Lautsymbol fr ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten. So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgem mit einem Symbol registrieren knnen: _bewut_. Das Bewutsein ist darum in demjenigen Teile unserer Nerventtigkeit enthalten, der sich in dauerndem Kontrollzustand gegenber allen das Nervensystem treffenden Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, mgen sie von auen oder innen stammen, lst in uns ein Allgemeingefhl der Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nervsen Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmefhigkeit gegenber allen Strahlungen, in welche unser Ich gert, nennen wir gewohnheitsgem _Bewutsein_, nicht anders als wie wir den blauen Lichtreflex ber uns Himmelsgewlbe, den Rand unseres Sehkreises Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Krfte den Strom der Seele um die Widerstnde dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um seine Felsenwiderstnde windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern aufsprhend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben sich: Reize, die von auerhalb, und Reize, die von innerhalb des Organismus stammen. Es stehen sich also in unserer Seele zwei groe Gebiete verschiedener Nervenaktionen gegenber: die eine, welche in vlliger Automatie ohne unsern bewuten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen atmen, die Drme sich bewegen, die Drsen arbeiten, die Saftstrme flieen und den intimen Stoffwechsel an ungezhlten Arbeitsstellen sich vollziehen heit, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend, orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die eine in definitiv gehemmten, ein fr allemal regulierten Bahnen ohne Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich vergreifend, irrend, tastend, das Gefhl des Gewollten und Bewuten auslsend. _Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewut._ Was wohl fr Trume kommen mgen--aus diesen dunklen Wldern, Schluchten und Hhlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die Bildung ihrer typischen Formation unzhligen Geschlechtern, einer endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammvtern und Keimgebilden verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie auch zugeben sollte, da durch dieses Jahrmillionen alte Weben und Werden des Lebens ihm nichts von seiner bersinnlichkeit und Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen, die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und sterben muten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine instinktiven Fhigkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf mich und mein Keimplasma ausmndender Vorbungen und Vorbildungen waren, so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal jngsten Sprossen an einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner, fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es grade unser Skulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit rtselhaftem Gefhl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verhngnisses! Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Schdels, meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die hnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso groen Gehalt an funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung in sich verbergen. Werden doch Menschen hnlich im Gesichtsausdruck, die lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur funktionell entstanden sein! So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den festen Knollen, Strngen und Hgeln auf der Tiefe des Gehirns, in der Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden hllenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester, wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und whrend der Griffel des Anatomen sich vergeblich mht, die Rinde mit ihrem, einem System aneinandergepreter Schluche mit Furchen und Windungen vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgefgte Architektur zu finden. Das entspricht dem Gewordenen, unabnderlichen berkommenen der hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regulren Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen Fhigkeiten. Und nun ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die geheimnisvolle Zeichnung der Hemisphren des Gehirns gegenber den geformten Wlsten der Basis! Dort ein weichlicher, weilich-grauer Brei ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und Gebilde, die bestimmte, bisweilen obszne Vergleichungen mit allen mglichen, przisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der Wlbung der Kuppe waltet Willkr, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gefgt das Unabnderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den anatomischen Ausdruck fr das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele! Ein Teil, der des bewuten Seins, strebt vorwrts, khn bis zur Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerhrten, der genialen Assoziation entgegen, und ein anderer konservativer Teil reit uns stets zurck in die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns steckt ein Neuerer und ein Reaktionr, beide miteinander oft in wtendem Kampf. Hier reit das Genie sich los von seiner Neugeburt nie dagewesener Assoziationen, denen ganz gewi neue Hirnsprossen in der typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und strmt dahin ohne Rcksicht auf den Bestand des berlieferten; ihn kmmert nicht das Fundament, mit Fen tritt er seine vitalsten Eigeninteressen danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte Kraft seines wohlgegrndeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Betubung. Der Bauer in ihnen lockt mit der Mglichkeit, auch einmal knstlich ein Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenflle zu entrinnen, wenn auch nur fr kurze Zeit. Das Behagen, mit sem Gift die vorwrts drngenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene Faust, losgelst aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph des aufwrts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen die Herrschaft ber den Bestand des geistigen Erbes von Generationen erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist wirklich die Persnlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie wnschen mu--das ist der krftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder, meinethalb direkt buerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine lebenerhaltende Faust dmpfend und migend auf die zarten, jungen Triebe neuer, nie geahnter Gedankenbermittler legt, damit sie ruhig gedeihen und blhen und eine ganze Menschheit beglcken! Wie konnte man je daran denken, Genie und Wahnsinn Brder zu nennen! wie jemals das erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch die alle Nachkommenden hindurch mssen, wie durch ein neues Kanaan, das ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung, welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der Lebensunfhigkeit in sich trgt! Nur, weil das unterbewute System auch im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen. Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig fr den Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis fr alle Scheinneuerungen und genialen Irrtmer. Nicht umsonst war der Philister einem _Nietzsche_ so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten das einfache Verhltnis bewuter und unterbewuter Seelenfunktionen. Am dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide Systeme einander zu beeinflussen vermgen. In ihren Funktionen gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine Mglichkeit einer unvorhergesehenen, pltzlichen Entladung von einem Gebiet in das andere, knnen beide Systeme getrennt ungestrt ihren Dienst tun, bis die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, da gerade Strungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des unterbewuten Gangliensystems Beziehungen haben zu pltzlichen, reflexhnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, da erbliche Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schwche der eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen Ganglienapparate haben kann, dergestalt, da Kurzschlsse elektroider Spannungen hier pltzliches berfllen von fern liegenden Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an Reizen dem Gehirn bermittelt wird, direkt das System der bewten Denksphre. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen nicht immer von bewuten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewutseinsschwelle abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst spter bewuten Handlung werden. Dafr einige Beispiele. Ich stand an der Ausgangstr einer elektrischen Bahn, die nchste Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschbume, Wlder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel--wie lebhaft ich ihn vor mir sah. Da drehe ich mich von ungefhr in das Wageninnere, das ich soeben passiert habe, zurck. Wahrhaftig, welche hnlichkeit--der gute, alte Onkel--da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist gewi, da seine Zge, im Unterbewutsein, als ich durch den Wagen ging, abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden. Ich gehe eine ziemlich lange Strae hinauf. Mir kommt ein befreundeter Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewi vorher schon unterbewut gesehen. (Ich glaube, bei hnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.) Solche Vorkommnisse beweisen direkt, da es ein Filtriersystem fr Wahrnehmungen, vielleicht in den groen Hirnknollen, gibt, welches verhindert, da alle Beobachtungen bewut werden. Wenn man sich genau kontrolliert, knnen Farben, Formen, Gerche usw. ganze Gedankenketten auslsen, ohne da man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag ferner tatschlich pltzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen unterbewuten Assoziationen beruhen, wie oft mgen schnelle Entschlsse solchen unterbewuten Einflssen ihren Ansto verdanken! Auffallend ist, wie selten unsere entscheidenden Entschlsse direkt logischer Analyse entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt--und nach dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft mu es ja wohl so sein--so kann sehr wohl das meiste unserer Willensaktion unterbewut ausgelst werden. Wie viel mehr nun aber bei pathologischen, gewissermaen schadhaften Einbettungen und Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme. Der triebhafte Verbrecher mag bei allen mglichen Innenreizen stets dem Zwange eines pltzlich ihn berrumpelnden Affektes erliegen (Kleptomanie). Strme, welche normalerweise sonst im Sinne der koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die Aktionszentren und lsen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende Bewutsein nicht zurckgedmmt werden. Da auch bei den Epileptikern die Hemmungsfortflle die Ursachen der Krmpfe sind, kann es nicht wunder nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Berhrungspunkte haben. Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden Anfall durch Abblendung seines Bewutseins geradezu in eine entwicklungsgeschichtlich frhere Daseinsperiode zurckgeworfen wird, in welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim Raubtier, herrschten, so da die schauerliche Bestialitt mancher Verbrechen allein durch diesen Rckschlag in seelische Gebiete, die einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erklrbar wird. Der Somnambule und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung des Bewutseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein Dmpfer ber dem Bewutsein, so da Raum und Zeit und ihre kausale Verknpfung doch wie aus Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sphre wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns), so da ein Trumender daherwandelt, friedlich im schlrfenden Gange seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher tritt aber die Abblendung des Bewutseins pltzlich ihn selbst berrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden Bewutseinsstrung auf, und zwar bis in die Region der zurckgelegensten Instinkte, so da jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen resultieren. Dem widerspricht nicht, da solche Verbrechen lange vorbereitet, oft versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausfhrung kam. Der in seinen Hemmungen eben defekte, unterbewute Apparat lockt durch aufleuchtenden Kurzschlu in die bewute Sphre bergreifender Entladungen den Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gelste. Es sind ja hauptschlich die beiden Systeme der Ernhrung und der Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer unterbewuten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in krankhaftem Anschlu regellos einbrechen in die Willenssphre. Whrend der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch stndige Bewutseinskontrolle ihren dmmenden Wall sichert, bricht die ganze Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdrckter Gelste pltzlich wie eine reiende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet begleitet ist von der Bewutlosigkeit, d.h. von der Unfhigkeit, sich in Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher "im Anfall" auch nicht fhig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht ihr oft ebenso hilflos gegenber, wie der nach Motiven suchende Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat nher zu begreifen, sie sinnen selbst nach Aufklrung und hoffen vom Orte, an dem das Frchterliche geschah, irgend ein erlsendes Verstndnis. Das ist der Magnetismus des Entsetzlichen, den brigens auch geistig Gesunde andeutungsweise sehr wohl verspren. Das Grauen vor einer entsetzlichen Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier ausbt, lassen sich wohl nur erklren durch eine Ttigkeit der Phantasie, welche im geheimen sich selbst als den Verber der Tat unwillkrlich setzt und damit jene Sphren des Unterbewutseins in leises Erzittern bringt, welches Disponierten schon so oft gefhrlich geworden ist. Das ist die Gefahr der Berichte ber Straftaten und der oft gewi verderbliche Einflu schlechter Kriminallektre auf nicht vllig taktfeste Instinkte, da sie oft das labile Gleichgewicht gestrter und nicht ganz schlufhiger Hemmungen des unterbewuten Systems ins Wanken und Erzittern bringen. Pathologische, durch Hemmungsdefekte bermittelte Anschlsse aus dem Gebiet der automatischen Instinkte in die Sphre bewuter Aktionen scheinen die einzige befriedigende Erklrungsformel fr das dunkle Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der Trieb auf die Vernichtung oder Beschdigung des anderen zu gehen, diese Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Beschdigung der eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversitten der Nahrungsaufnahme und der Erfllung sexueller Funktionen. Aber auch alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Flche, schauerliche Tiefe, der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische, bewutseintrbende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre dmonische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der Gefahr gegenber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz hypnotisieren ja nicht nur Motten und Mcken, sondern auch den Homo sapiens. Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht ber die Seele gegeben. Ganz allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu unseren Trieben, Neigungen und direkt bewuten Handlungen. Unter der inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung des Nervus sympathicus geleistete Sftebildung in verschiedenen Organsystemen, welchen smtlich spezifische Funktionen zufallen: so dienen Galle und Magensfte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere zielen auf die Vorgnge der Neubildung eines Individuums ab, und drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft fr die Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von allergrter Wichtigkeit sind. Die Schilddrse und ihr Sekret haben bekanntlich einen groen Einflu auf den Zustand des Gemtes. Ein erhhter Zuschu ihrer Produkte ins Blut--und eine groe Erregbarkeit, Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem Bilde der Basedowschen Krankheit), whrend andererseits ein Zuwenig der Beimischung eines fr die Hirnfunktion unbedingt ntigen Saftes der Drse, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des Sympathicus bei diesen Funktionen, sind brigens nur zu erklren mit Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als Hemmungsregulator. hnlich wie bei der Schilddrse, mssen wir auch fr alle anderen inneren Sekretionen annehmen, da ihre Produkte zum Teil fr die Konstitution der Gesamtkrpersfte von allergrter Wichtigkeit sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuhufige Folge. Sftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem Zusammenhang. Es ist keine Frage, da ein groer Teil zunchst dunkler und unklarer Impulse, welche wir im Bewutsein erhalten, Meldungen aus diesen unterbewuten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen, wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden groen Richtungen der Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewutseinssphre umdunkelt, verhllt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines Edelsteins, eines Goldstckes, wie berhaupt die Hypnose die reflexartige Abblendung des Bewutseins darstellt, und zwar von der Umgebung her, so knnen auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung des Bewutseins fhren. Ebenso wie etwas von auen suggeriert werden kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige berspannung eines berladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem Unterbewutsein her die ganze geistige Sphre sexuell frben, so da der Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile, nicht fest eingedmmte Hemmungsverhltnisse im Unterbewuten bestehen: es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. hnlich kann auch bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschlsse und Reflexe ausgelst werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer Theorie beschdigt werden und damit die Beziehungen zwischen Bewut und Unterbewut sich verschieben. Auch in diesen Fllen neurasthenisch-hysterischer Bewutseinsbeeinflussungen spielt eine Blendung des realen Erkennens, der Gegenwrtigkeit der Seele und ihrer Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen Menschen ist ein Gefhl der Andersartung, des Deplacements eigen, gleichsam als gehrten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und knnten sich nie hineinfinden in die Bedrfnisse ihrer Zeit. Es ist gar nicht so selten, da schwere Hysterie zur vlligen Teilung des Persnlichkeitsgefhls fhrt und da dieser unertrgliche Zustand, dem ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir erscheint der so hufige Selbstmord bei gedoppelter Persnlichkeit stets wie die Erfllung einer Sehnsucht in eine frhere Gemeinschaft Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf frhere Entwicklungsstufen zurck. Viele Menschen mit nicht vorwrts strebendem Intellekt haben oft das Gefhl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam rckwrts tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die Testamente der Vergangenheit, sie sind Reprsentanten funktioneller Rckschlge (Atavismen) in frhere Entwicklungsstufen. Bei dieser Sachlage ist es nur ein Glck, da nicht nur die Snden, sondern auch die Tugenden unserer Vter in unser drittes und viertes Glied hineinfluten. Es ist verlockend, an dieser Stelle die Frage des Gewissens in uns aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der Hemmungslehre auch diesen gewi gleichfalls unterbewuten Vorgang einer inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den dmonischen Gewalten mit unheimlichem, zerstrendem Charakter entgegen zu stellen. Ich mu mich hier mit Andeutungen begngen, weil eine eingehendere Behandlung der unterbewuten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die vollstndige Analyse der Ethik berhaupt erforderte. Obwohl nun gerade aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf physiologischer Basis unschwer entwickeln lt, so mu ich doch hier darauf verzichten und kann fr die Frage nach unserem Gewissen, nach der Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam machen, da das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit vorbildlich Beziehendes und besonders lebensfhig sich Erweisendes an sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Persnlichkeit Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, da unsere arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande frderlichen Triebe in Konflikt geraten knnen mit den egoistischen Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig exzessive Inanspruchnahme bewuter Willenshandlungen aus egoistischem Zwecke die unterbewute Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten, schon berkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensfhig erwiesenen Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu reprsentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der Richtungslinie der naturgemen Fortentwicklung befand. Von Milliarden Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu lsen, wird nur das Beste eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste Lsung vorbildlich und dauernd jedem neuen Spro des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns jetzt als Problem beschftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach vielen Millionen von unzulnglichen Versuchen zur definitiven Lsung gefhrt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden mu, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem Wege der Instinkte gelst sind. So ist unser Bewutsein stets auf dem Wege der Neubildung und Umbildung von willkrlichen Handlungen zu Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen Hirnschichten war die jedesmal jngste willkrlich und lie hinter sich den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann nicht mehr abgendert werden, ohne den ganzen Bau zu gefhrden. Darum, wo der bewut wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen des Lebens solche heraufbeschwren) eindringt mit Umbildungstendenzen in die Automatie der unterbewuten Funktionen, da entsteht eine Erschtterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles Gewesenen verschwunden sind, fhlen wir hnlich dem physischen Schmerz bei Strung des organischen Gefges der Nervenenden als eine Mahnung, als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann drften wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen entsprechen, die der Hemmung im Unterbewuten geschlagene Lcke durch neue heilende Gewebssprossen zu verschlieen, und je mehr ein fester, freier, ehrlicher Entschlu im Bewutsein die Strme und Zuckungen von defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichmiger kann der Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich, da hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der Luterung nicht ausbleibt, selbst wenn es dem Bewutsein klar ist, da die Reue, etwa ein mannhaftes Gestndnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, da es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Blten, sondern da ber der einen Persnlichkeit die rein erhaltene Art siegend hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewute, der fertig erworbene Besitz, an dem die Natur nicht rtteln lt, und dessen Erhaltung ihr ber den Wert auch der erhabensten Persnlichkeit geht. Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und durchaus lebensfhig durchgefhrt werden soll zu Hhen, die, unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als Mglichkeit beigegeben wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen mssen. Daher die schier unbegreiflich dnkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in der Liebe und dem Ha, den beiden tyrannischen Herren des Lebens? Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, da der Intellekt mit seinem absichtlichen Wahlvermgen ganz und gar gegenber der Masse der gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekundre Rolle spielt, wie er berhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer unterbewuten Konstitution herabsinkt berall da, wo es sich um Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung, vorgefate Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorgnge, die vor dem Urteil liegen: _Vor_urteile! Der absolut gescheiteste und gebildetste Mensch mte genau genommen fr jede logische Angelegenheit genau so viel Grnde wie dagegen beibringen knnen, und ehrliche Leute gestehen fr die meisten Veranlassungen zu, da es durchaus nicht immer Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich fr oder gegen eine Manahme entscheiden. Gegenber den sicheren, verllichen Funktionen des Unterbewuten ist eben der Verstand ein Stmper, tastend, immer im Versuchsstadium, nachgiebig und immer bertlpelbar. Selbst der Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des Bewutseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und Intelligenzmangel. Ist so bei gewhnlichen Emotionen schon der Intellekt fesselbar durch die Jongleurkunststcke des Wortschwalles und der berrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die vitalsten Spannungen von innen her ihn berrennen und verwirren. Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten Liebesverhltnis nicht stets etwas fr die Unbeteiligten Unbegreifbares, warum gerade diese zwei Menschen der verhngnisgleichen Fesselung der Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares Mssen empfinden? Wahllos fhlen gerade diese beiden die verschmelzende Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft lnger geschrt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam erreichbaren, hheren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der Natur, zur Erfllung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen Seele, zur Hingabe eines neuen Bltensprossen vom eigenen Stamm. Wer Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf. Hier vor allem, beim Durchglhtwerden der Seele in wahllosem Verlangen, zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewutseins in vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer Anschauung fr Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so da geheiligte Wesen aus den Erkrten werden, da sich unscheinbare, leblose Gegenstnde der Erinnerung, wie Taschentcher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das alles ohne jedes Zutun des Bewuten, ja oft direkt gegen jede Vernunft, Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, da die Wahl der Entflammten rein nach dunkel gefhlten, der Bewutseinskontrolle ganz entzogenen, innerlichen Ergnzungsgesetzen sich vollzieht, und da die Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so hufig begegnet, oft erst durch den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachtrglich sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewuten Kalkulatoren unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets berhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was fr Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien ntig sind, um einen mglichst leistungsfhigen Reprsentanten der Art aufkeimen zu lassen in dem mtterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche berall andeutungsweise zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewuten diese Schichten als den Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen zutage treten lt: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es ruhig ein, da wir das rtselhafte Getriebe unbekannter Krfte im Labyrinth des Unterbewutseins nicht kontrollieren knnen, da wir die Existenz von Krften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten gar nichts gemein haben, nicht ableugnen knnen; da es durchaus mglich ist, da solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen, unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres Bewutseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem unerforschten Gebiet oft auf lcherlichen Umwegen nahe zu kommen (Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren Brutsttten in der Hand betrogener Betrger zwar nicht direkt das gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie, ihre Geburtssttte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei der die sogenannte reale Exaktheit ihre hchsten Triumphe schlielich nicht zuletzt in der Umgestaltung in preuisch Kurant gefeiert hat. So hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die Psychologie die allerwertvollsten Anste erfahren; lassen wir also das Vlkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und klopfen wir nur den berbewuten Schwindlern ernstlich auf die Finger, welche raffiniert den vllig berechtigten inneren Glauben der Mitmenschen an die oft zitierten "Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel" teils aus Ulk und Fastnachtsgelst, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit gehrig auszunutzen stets am Werke sind. Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Ha Mysterien zugestehen, denn sie sind ja die Funktionre der Aushebung zum groen Marsch der Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht. Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die Ergnzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium, welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der Beimischung notwendigsten, befhigtsten Elemente herauszuwittern, sie macht uns zu Gefhrten und Geschobenen trotz dem Gefhl subjektivsten Willens; vielleicht aber ist das Gefhl des freien Willens nichts als eine gndige Illusion, eine fromme Lge der Natur. Die Natur mischt immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt, zerstampft, lst auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anfngen der Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst spter die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des Mutterbodens durch das mnnliche Saatkorn auftritt, kann es nicht wundernehmen, da dieser Trennung des keimfhigen Lebensplasmas in zwei Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der Geschlechtsreprsentanten entspricht. Kein Emanzipationsgelst der Frau kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des Bewuten und Unbewuten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder gleichsetzen wollen. Die unterbewuten Funktionen der Frau, ausmndend alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des Menschensprossen, des neuen Reprsentanten der Unsterblichkeit, der Menschheitsidee,--denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches Glied der Kette, welche uns hinberbindet in die Ewigkeit--haben ganz sicher einen berragenden Anteil am Seelenleben gegenber dem Manne. Die berraschende Ursprnglichkeit der Frau wurzelt eben in der Fhigkeit unterbewuter, schneller und zwingender Kurzschlsse. Whrend des Mannes Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des Intellektuellen, des Bewuten, des zur Automatie erst sich Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewut Lsenden zuneigt, hat die Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven, Automatischen dem Nachgeborenen einzuprgen (zu vererben). So ist es naturgewollt, da die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist, wenigstens ganz gewi vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir--es hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen Geburtenberschu weiblicher Wesen klingt--nun einmal in der Natur als das durchgreifendste Leitmotiv berall fhrend und lebendig finden. Wenn jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den unterbewut dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den bewuten und zwar konomischen Nten der Erhaltung und Ernhrung des Individuums, so glaube ich, mu man die Frage aufwerfen, ob diese Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht doch etwas rttelt an den Grundbedingungen der natrlichen Ordnung, und ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, da eben es der Natur berall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungestrte Fortentwicklung des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich, vergnglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewi, da von dem Gewhl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, nmlich nur der auslsende Ansto zur Willenshandlung, in unser Bewutsein ausstrahlt, so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, da sie doppelt angeschlossen sind: teils mnden sie in automatische Sphren, und zum anderen Teil im Bewutsein, wo sie gleicherweise Kontakte d.h. Anste zur Regulation der bewuten und unbewuten Mechanismen auslsen, wie das auch vollstndig nachweisbaren anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was als Licht oder Schall oder Gefhl auf unsere Sinnestasten wirkt, als Lichtempfindung bertragen, sondern es mgen ultraviolette Strahlen ebenso wie Tne ber und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem unterbewuten Getriebe zugefhrt werden zur dynamischen Auslsung verschiedener Automatien, ohne da auch nur ein leise wehender Hauch von den Tiefen der Unterseele ber die Tasten unserer Bewutseinsklaviatur dahinfhrt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft natrlich auf alle Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es uere oder innere, vom vegetativen Organsystem gegebene. So lsen Strungen der Bauchorgane zum Teil Gefhlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, da ein Mensch sich schon leidend fhlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem Ablauf seiner seelischen Registrierung versprt, lange ehe sein Bewutsein oder der Arzt von dem Herd der Strung etwas aussagen kann. So erklren sich die allgemeinen Unlustgefhle der Neurastheniker, Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der trge, adynamische, schleichende Ablauf der ernhrenden Funktionen ohne jede organische Vernderung gengt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu vergllen. Wie im Traume bei der Abblendung des Bewutseins von Raum und Zeit durch die rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive auslsen zu Ideenverknpfungen ganz bezglichen Inhaltes, so kann bei Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Auenreize immer wieder hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr, einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Unglck der Hypochondrischen, da sie recht haben, wenn sie behaupten, da doch auch alle schweren Zustnde von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das heit mit dem dunklen Gefhl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens annagenden Sensationen zu gewhnen und sie im Bewutsein ganz auszuschalten: immer wieder kndet die grmliche Miene, da die gequlte Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren und Nagen des bsen Wurmes tief in geheimen Gewlben. Umgekehrt wirken die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer Auslsungen im Organsystem befruchtend und lebensgefhlerhhend auf unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enthlt eine Unzahl solcher uns unbewut einverleibten Impulse, die wie kleine Peitschenhiebe auf die Zugkrfte unserer inneren Bewegungen wirken, wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die Atmosphre reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer auf unser Unterbewutsein, je mehr der strende Einflu der Kontrolle durch das Bewutsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich haben, so oft schon als Beweisvorgnge bernatrlicher Gewalten, als das Wirken dmonischer Krfte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr Dinge, die natrlicher sind als viele andere Erscheinungen des Seelenlebens, ber die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte Fhigkeiten der Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewutsein fr gewhnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben direkt nach Ausschaltung des Bewutseins, ber dem solange ein hllender Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen, altberkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit, Zweckmigkeit, Unmittelbarkeit, Zielgefhl und Innenklarheit bei deutlichen Anzeichen von psychischer Bewutlosigkeit auftreten oft in einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese Aktionen unter Beihilfe des oft nur strenden Bewutseins zu vollbringen imstande wre. "Ja, wie ist das mglich, er ging doch ganz sicher", "er schwankte nicht einen Augenblick" "und war doch augenscheinlich ohne klares Denken!"--Das sind die gewhnlichen, staunenden Fragen, auf die es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher, eben weil er nicht bewut war. Wir wissen jetzt, da die Automatie eben dem Problematischen des Bewutseins in vielen Punkten berlegen ist. Das Unterbewutsein hat also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. Fr die beiden ersten Fhigkeiten, denen durch Abblendung des Bewutseins unter Umstnden gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzustnde aller Art beweiskrftig, und fr den Zeitsinn des Unterbewutseins sei bemerkt, da fr mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein Problem mehr ist, seit ich wei, da Helligkeit und Morgengrauen, Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie ber den Umweg durch mein Bewutsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens und da man daher nicht zu glauben braucht, da die in uns stetig pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer aus Menschenhand. Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, da es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen flchtigen Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so unbekanntes Gebild, da man sich erschaudernd davon abwenden oder erzittern mte vor dem Ding da, welches, ein Wesen fr sich, nirgends in der Erfahrung eine Analogie hat. Fr viele Menschen hat das Unterbewute hnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der Mystizitt seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, knnen hier und da nachweisen, da das gefrchtete Ungeheuer weder eine Schlange noch ein Ungetm ist, sondern eine auf realen Vorgngen natrliche Spiegelung von Gesetzmigkeiten, die sich im Grunde der See ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele. SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN Nicht ohne Verwunderung werden einige, welche vielleicht schon hier und da meinen Namen in irgendeiner Beziehung zu chirurgischen Dingen nennen hrten, die Ankndigung dieser Essays ber Kapitel aus der Seelenlehre vernommen haben. Aber es scheint bei nherer Betrachtung doch auch gerade der Chirurg unter den rzten alle Veranlassung zu haben, sich mit dem Wunder aller Wunder, der Menschenseele, recht eingehend zu befassen. Welch ernste Beziehung von Seele zu Seele, wenn ein leidender Mensch ohne Bangen und Zagen dem Wundarzt seiner Wahl Leib und Leben vertrauensvoll fr Augenblicke hchster Gefahr in die Hnde legt, in Hnde, an deren Knnen und Vollbringen sich oft genug das Schicksal hngt! Wer mte wohl mehr lernen, das leise und laute Bangen der Seele zu beschwichtigen und von irgendeiner geheimnisvollen, vielleicht oft gefhrlichen Macht der Persnlichkeit Gebrauch zu machen, als der menschlich fhlende Operateur? Wer she fter die Menschenseele in ihrer echten Heldengre und in ihrer zitternden Unzulnglichkeit frei von aller konventionellen Maskerade, als ein Chirurg mit offenen Augen und lebhaftem Anempfinden! Eins aber qualifiziert meiner Ansicht nach uns Chirurgen mehr als fast alle anderen Mediziner zur Psychologie, sofern wir nur wollen, _das ist das psychologische Experiment im groen Stil_, welches wir tglich anzustellen von Berufs wegen gezwungen sind: die Narkose, die gewaltsame Betubung der Seele. Ja, ein psychologisches Experiment allergrten Stiles nenne ich es, wenn wir durch Verabfolgung von flchtigen Gasen die Seele zwingen, alle ihre fhlenden Polypenarme Schritt fr Schritt zurckzuziehen, damit sie bis in die Tiefe eines selbst traumlosen Schlafes sich selber unbewut verharre im schwankenden Gleichgewicht zwischen Sein und Nichtsein so tief und so lange, wie es dem Operateur gefllt. Wer Tausende von Malen aufmerksam den zu Betubenden in die Fensterchen der Seele, in die Pupillen geblickt hat, der sollte doch wohl auch etwas wissen und sagen knnen vom Labyrinth der Brust und von den Trumen, die der Seele auf dem Wege in die Ewigkeit kommen mgen. Eine Narkose ist ja wie eine Ouvertre zur Tragdie des Todes, wenn Gott sei Dank auch nur selten das Stck bis zu Ende gespielt wird! Was Wunder aber, wenn bei diesem, ich mchte sagen, brutalen Eingriff in ein Getriebe der Seele, gegen welches das Zauberwerk eines Przisionsinstrumentes aus Menschenhand ein jmmerliches Stmperding ist, so leicht der filigranene Schleier nervser Spinngewebe, um welche die Seele schwebt, zerreit und zerflattert! Was Wunder aber auch, wenn gerade dem Chirurgen immer wieder der Gedanke sich aufdrngt, da hier ein _Mechanismus_ vorliegt in dem Vorgange des knstlichen Einschlferns in wenigen Minuten, oft in Sekunden, welcher dem Einschnappen einer Bremse, eines Kontrestromes, einer Hemmung in sehr wesentlichen Zgen gleicht. Es ist mir natrlich nicht fremd, da es unter den Psychologen eine mchtige Gruppe gibt, welche die mechanische Analyse jeglicher Gehirnttigkeit im Prinzip ablehnt, und ich will im Verlauf dieser Auseinandersetzungen einmal das Gestndnis ablegen, da ich nicht der Meinung bin, da jemals die Physiologie uns den letzten Aufschlu ber das Wesen der Seele und des menschlichen Bewutseins geben knne. Das vermag sie ebensowenig, wie etwa die Physik das Wesen der Schwerkraft zu entrtseln imstande ist; aber sie kann auf dem Wege des Experimentes und der Beobachtung immer eindringlicher die Bedingungen _beschreiben_, unter welchen dieses oder jenes psychische Ereignis eintreten kann oder mu. Durch diese Einschrnkung will ich mich ein fr alle Male gegen den Vorwurf eines anmalichen Materialismus verwahren. Ich mchte um keinen Preis diejenigen, welche erkenntnis-theoretisch tiefer in diese Materie eingedrungen sind, als ich, verstimmen; mit der Aufdeckung eines Mechanismus ist ja aber nicht zwingend eine materielle Deutung verbunden. Fr mich ist der Mechanismus der Seele, wie der Mechanismus berhaupt, als Weltanschauung gedacht, eine _ideale_ Betrachtungsweise. Durch Kenntnis des Kontrapunktes und der Harmonielehre ist der Genius eines Beethoven nicht beleidigt. Gott und seine Werke sind nicht weniger erhaben, wenn man nach Gesetzen sprt, unter denen sie sich offenbaren. Bei dem Wunderwerk der Seele kann unmglich eine Betrachtungsweise erschpfend sein, und wie ein tiefer Bergsee gleichsam in jedem Lichte neue Zauber kundgibt, so vertrgt es wahrlich das Geheimnis der "fnfzehnhundert Millionen Ganglien" geduldig, ob man von dieser oder jener Ecke des Gelehrtenschreibtisches aus die Brille darauf einstellt. Frei ber die Seele reden kann ja schlielich doch nur der Knstler, der in der glcklichen Lage ist, dazu keiner Worte zu bedrfen oder doch nur von Begeisterung und Ehrfurcht durchrauschter! Vielleicht gelingt es dem Thema auf eine kurze Spanne Zeit die verschiedenen philosophischen Richtungen zu vereinigen, und ich will mich jedenfalls bemhen, den Leser mglichst ohne Fachlupe gleichsam mit bloem Auge heranzufhren an das Tatschliche meiner Feststellungen, die ich mir erlaubt habe unter einem einheitlichen Gesichtswinkel zu gruppieren. Welche ungeheure Rolle spielt in der gesamten Erscheinungswelt, in dem Spiel der Krfte die Hemmung, der Widerstand! Ein Weltgesetz knnte man daraus formulieren; zu einem philosophischen System knnte man ihr Walten, die Idee von ihr ausgestalten! Ist nicht jede Form ein Resultat der Bewegung der Materie gegen einen Widerstand? Was ist die Anpassung anders, als Wirkung von Hemmung und Widerstand auf das vorwrtstreibende Leben? Was ist der Rhythmus anders, als die periodisch gehemmte Bewegung! Was ist Bewegung anders, als die durch einen Widerstand in bestimmte Bahnung gezwungene Kraft! Und wie anders wre Kraft zu erforschen und wirksam zu machen, als durch knstliche und bewute Einschaltung von spezifischen Widerstnden! Vielleicht knnen wir berhaupt niemals etwas wissen von dem Wesen der Kraft, sondern lernen und studieren nur immer feiner die Widerstnde und die Hemmungen, welche die Urkraft zwingen, in so verschiedener Form in Erscheinung zu treten. Wer rief die Elektrizitt in die Erscheinung, wenn nicht die Einschaltung geeigneter Widerstnde (Isolation)? Wrde das Licht ohne Existenz eines thers bertragbar, ohne das brechende Medium analysierbar sein? Wird es nicht sichtbar am Widerstand unserer Nervenmaterie? Was sagt das Newtonsche Weltgesetz anderes, als da die rtselhafte Eigenbewegung der Gestirne durch Anziehung und Abstoung in bestimmten Bahnen dauernd gehemmt ist? Vollenden nicht auch Sonnen ihre "_vorgeschriebene_ Reise"? Wohin wir sehen: Krfte, Eigenschaften, Bewegungen, die wir noch nicht, ja niemals verstehen knnen, und Hemmungen, Widerstnde, die wir erforschen, ja willkrlich verndern knnen. Nur das Studium der Hemmungen enthllt die Gesetzmigkeiten. Erst die Herrschaft ber die Widerstnde gibt dem Menschen die scheinbare Gewalt ber die Krfte oder bermittelt die Ahnung von ihrer Gesetzmigkeit. So hat sich denn auch bei der rtselhaften Natur der seelischen Kraft fr die Psychiatrie und die Psychologie der Gedanke an das Walten der Hemmung in der Seele als beraus dankbar erwiesen; liegt doch in dieser Betrachtungsweise eine kluge und fruchtbare Beschrnkung. Ich mchte sagen, da erst mit der weiteren Ausbildung der Hemmungslehre ein neutraler Boden geschaffen werden wird, auf dem Philosophen jeder Richtung miteinander verhandeln knnen, ohne sofort bei der Frage nach der Natur der Seele in einige Dutzend feindlicher Heere gespalten zu werden. Wer die Hemmungen, unter denen sich die seelische Kraft uert, studiert, prjudiziert ja nichts ber das Wesen, ber Gttlichkeit und Unsterblichkeit der Seele, nichts ber Geisterwesen und Transzendenz, sondern, da er das Bild nicht zu entblen vermag, begngt er sich an dem Studium der Schleier, welche die Himmlische umwallen, und hofft vielleicht durch leises Betasten der dunklen Hllen ihre Formenschnheit zu ahnen. Freilich wrde die bisherige Annahme der Physiologie, wonach die Hemmungen im Nervensystem eingeschaltet wrden gleichsam durch Kontrestrme wiederum nervser Natur, nicht viel Terrain gewinnen lassen, weil wir ja dann wieder angewiesen sind auf das Studium nervser Kraft, die wir eben nicht entrtseln knnen. Wenn wir uns das Gehirn des Menschen oder besser sein gesamtes Nervensystem vorstellen als einen Sternenkomplex von Milliarden kleinster schwingender Sonnenstubchen, die durch ein unnennbar feines Maschennetz von leitenden Fdchen, den Ganglien und ihren Fortstzen, miteinander verbunden sind (wobei wir denken mssen, da dieses Milliardensystem im kleinen Raume des Schdels wunderbar zusammengefgt ist), und wenn wir annehmen, da es Strme und Erzitterungen elektroider Bewegung sind, welche Empfindungen, Begriffe, Handlungen auslsen--so ist es klar, da niemals alle diese kleinen Sinnesspulen, Begriffstaster, Telephone und Markoniapparate smtlich zu gleicher Zeit auf- und niedergehen und sich die goldenen Eimer reichen, sondern wir mssen annehmen, da immer nur eine oder sehr wenige Bahnen frei sein knnen; alle anderen mssen im Augenblicke des Erklingens einer einzelnen Gruppe ausgeschaltet, gehemmt sein. Das ist genau so, als wenn ich an meinem Telephon nur dann mit einem andern Teilnehmer sprechen kann, wenn alle brigen tausend Nummern des Anschlusses fr mich beraubt sind. Nur immer ein Gedanke ist zeitlich frei, die Milliarden anderen gleichzeitig gehemmt. Alle unsere Wahrnehmungen, Gedanken, Bewegungen, Willensimpulse sind aus zeitlich aufeinanderfolgenden Aktionen zusammengesetzt, und in dem schnellen Wirbel des Ablaufens der Gedankenspule folgt doch immer die Ttigkeit eines Systems der eines anderen, wenn auch mit Blitzesschnelle. Was wir die Konzentration des Gedankens nennen, ist in die Sprache der Hemmungslehre bersetzt Ausschaltung aller Systeme bis auf eine Gruppe. Es leuchtet ein, da also der Ingenieur, welcher unter dem Dache der Intelligenz sitzt und welcher die Systeme ein- und ausschaltet, der eigentliche Herr unserer Seele ist. Nimmt man nun mit der allgemein gltigen Lehre an, da auch dieser Maschinenmeister nervser Natur ist, so kommen wir mit unserer Assoziationslehre, mit der Lehre, da Seelenleben eine Kette von Ganglienzellenbewegungen bedeutet, meiner Ansicht nach in die Brche. Dann ist nicht das Gangliensystem, nicht das Gehirn der eigentliche Sitz der Seele, sondern dann ist der eigentliche Spiritus rector animae nur der Teil der Nervensubstanz, welcher der Hemmung vorsteht, dann sitzt der eigentliche Prsident unserer Seele in den brigens hypothetischen Hemmungszentren, und es wird noch rtselhafter, woher denn eigentlich gerade diese kleinen Bezirkskommandos ihre die ganze Armee beherrschende berlegenheit beziehen. Solche Seelenquartiere ber der Seele, solche Oberseelen vermehren also meiner Meinung nach nur die Rtsel, statt sie zu vereinfachen. Das wre ein Spiel von Seelenttigkeiten, bei welchem man niemals klar wird, wer nun eigentlich die Trmpfe in der Hand hlt, wer einschaltet und wer ausschaltet, dann gbe es nur eine gnzlich verborgene mystische Einheit, und jegliche mechanische Analyse der Seelenttigkeit wrde zu einem zwecklosen Spiel mit Worten. Ich mu es mir leider versagen, an dieser Stelle des weiteren die Unhaltbarkeit der Lehre vom Strom und Gegenstrom in unserem Gehirnapparat darzutun, und mu mich neben diesen kurzen Andeutungen damit begngen, auch auf den Mangel aller Analogie aus der Elektrizittslehre hinzuweisen: erklrt man die Gruppenerzitterungen der Ganglienzellen fr das Wesen der seelischen Vorgnge, so kann man nicht ihre Hemmung als einen analogen Vorgang auffassen, ohne gleich noch eine Seele ber der Seele zu fordern, und ohne zu behaupten, da der in das Gehirn eindringende Reiz gleichzeitig zur Erregung und Erttung der Nervenstrme dient. Dann mte also dieselbe Ursache auch den Grund ihres Nichtseins darstellen. Das ist meiner Ansicht nach nur die Maskierung eines metaphysischen Prinzipes mitten in einer mechanistischen Analyse. So unbefriedigt mich nun die bisherige Form der Hemmungslehre, wonach also ein Nervenstrom den anderen aufhebt, gelassen hat, so fruchtbar erwies sich mir eine andere Betrachtungsweise, welche die hemmende Ttigkeit einem ganz anderen System _nicht_ nervser Natur berweist, nmlich dem an den Ganglien vorberkreisenden Blute. Da das Blutwasser tatschlich stromhemmende Kraft hat, kann man, wie wir noch sehen werden, direkt beweisen, und es mu nur aufgezeigt werden, in welcher Weise es an die Gangliensysteme herangelangt. Dazu bedarf es des Nachweises eines besonderen Apparates, der, an das Blutsystem angeschlossen, den Blutsaft gegen die Hirnzelle bewegt. Dieser wichtige Apparat, welcher nach meiner Auffassung die Rolle isolierender, zwischen die Ganglienzellen eingeschobener feuchter Platten spielt, ist der Lymphapparat des Gehirns und Rckenmarks, die _Neuroglia_. Bisher war man der Meinung, da dieses feine Maschennetz bindegewebiger Fasern, in welchem die nervsen Apparate im Gehirn und Rckenmark aufgehngt sind, eben ein Sttzapparat sei, um welchen sich die Ganglienketten wie Schlinggewchse, wie etwa Winden um Drahtschlingen, sttzend ranken, ein Gitterwerk, das gleichzeitig die Bahnen der ernhrenden Blutgefchen trgt. Die Neuroglia sei, wie die Wissenschaft sich ausdrckt: Sttz- und Nhrgewebe. Dagegen spricht mancherlei: vor allem die hchst komplizierte und differenzierte Form dieses Abkmmlings des Bindegewebes. Sttz- und Nhrgewebe finden wir berall im Krper: es gibt ebenso, wie es ein knchernes Skelett gibt, ein bindegewebiges. Der Leib ist, wenn man alle spezifische Organmaterie hinwegdenkt, ein geformter Bindegewebsschwamm, d.h. alle Organe, Muskeln und Weichteile sind aufgehngt gleichsam in fasergewebigen, zhstrhnigen Maschen und Netzen, gleichwie das Fleisch einer Orange hngt in einem harmonischen Gitterwerk der Fasern. berall in jedem Organ ist die feine Struktur dieses Gewebes dieselbe: _nur_ im Gehirn und Rckenmark ist dieses Sttzgewebe von unerhrt kompliziertem Bau. Die Hirngefe, und nur sie, umspinnt eine feine geschlossene Drainage und Rhrenmasse von Geweben, in welchen Blutwasser von den Gefen durchsickernd und gleitend gelagert ist; von diesen muffartigen Gefrumen gehen unzhlige Kanlchen an alle Gangliensysteme und liegen in sternfrmigen Umhllungen, genau den Formen der vielgestaltigen Ganglienzellen angepat, um die kleinen elektrischen Zentralkrper, etwa wie ein allseitig geschlossener Handschuh um die Finger. Diese Strahlen und Sterne begleiten Fasern und Kugeln der Nervensubstanz und sind fllbar und entleerbar von dem plasmatischen Blutsaft, wie Milliarden kleiner Schwmme und rispenartiger Futterale. Meine Annahme gipfelt nun darin, da diese Neuroglia das ist, was in der Elektrizitt das umhllende Seidengespinst um einen elektrischen Draht, was die Isolierung der Kabel und Akkumulatoren darstellt, da ihr funktioneller Fllungsgrad mit Blutwasser den Kontakt der Ganglien verhindert, und da ihr wechselndes Leersein das berspringen der Seelenfunken begnstigt, Mittels des Blutgefsystemes also vollzieht sich das, was wir vorher Ein- und Ausschalten des Seelenstromes genannt haben. Es sei mir gestattet, hier auf den feineren anatomischen Nachweis der Mglichkeit einer solchen Funktion der Neuroglia, welche ein absolutes Novum in der Medizin ist, zu verzichten; ich habe in meinem Buche "Schmerzlose Operationen" diesem Nachweise gengend Raum gegeben, hier will ich mich an die Probe auf das Exempel machen, nmlich die Anwendbarkeit dieser Anschauung auf einige besondere Bewutseinsformen prfen. Wre also der gewissermaen gefilterte Blutsaft von einer solchen Beschaffenheit, da seine Anwesenheit zwischen den Ganglien ihre Kontakte aufhebt, so mten, wenn meine Anschauung richtig wre, die Vorgnge, welche Blutwasser im Gehirn pltzlich und ohne Ausgleichsmglichkeit anstauten, unweigerlich Bewutlosigkeit zur Folge haben. Denn denken wir uns berall um die Ganglien eine Flssigkeitsschicht, welche stromhemmend wirkt, aussickern, so mssen ja die Assoziationen unmglich werden, weil nirgends Erregungsstrme kommunizieren knnen. In der Tat: das ist der Fall. Dr. _Jordan_ hat in einer Arbeit ber ein auf der Insel Java von den Eingeborenen gebtes Narkoseverfahren berichtet, welches darin besteht, da von rckwrts her dem Kranken am Halse beide groen Drosseladern fest zugedrckt werden. Dann ist der Abflu des gesamten Blutes vom Gehirn gehemmt und es entsteht das, was am Finger nach einer festen Umschnrung mit einem Gummiring sich bildet: ein bertritt von Blutwasser in die Gewebsmaschen. Der Finger wird taub, und nicht anders ist es im Gehirn, es wird auch taub unter dieser gewaltsamen Vollpressung mit Blutwasser, es verliert die Fhigkeit, seine Apparate spielen zu lassen, bewut zu sein: der Betroffene liegt fhllos und bewutlos, wie narkotisiert. Aber es gibt noch andere Mglichkeiten zur berstauung des Gehirns. Strzt jemand so unglcklich, da ein erheblicher Blutergu sich zwischen Schdelkapsel und Gehirn ansammelt, so verhindert das sich bildende feste Gerinnsel in hnlicher Weise den Abflu des Gehirnblutes aus der Ader des Galenus und aus den Drosselvenen; die Folge ist wieder berschwemmtwerden des Gehirns mit Hemmungssaft, Aufhebung des Ganglienkontaktes, Bewutlosigkeit! Nicht anders, wenn ein Gehirngef, verkalkt und brchig, unter einer pltzlichen Wallung beim sogenannten Schlaganfall birst, und nun das pressende Blutgerinnsel in ganz gleicher Weise von innen her den Abflu hemmt; es entsteht wiederum die tiefe und langdauernde Bewutlosigkeit, die so lange whrt, bis der Abflu reguliert ist und die Ganglien durch Fortfall der umklammernden Hemmung anschlufhig geworden sind, wobei die entstehenden Lhmungen auf Rechnung der direkten Aufwhlung von Hirnsubstanz kommen. Die Mediziner werden mir gleich zurufen: Halt! es gibt doch Bewutlosigkeiten ohne gehemmten Blutabflu! Sehr richtig! Es gibt aber auch zwei Formen von Bewutlosigkeit, welche theoretisch und praktisch gerade auf Grund dieser Anschauungen ganz scharf voneinander zu trennen sind. Wenn in den erwhnten Fllen das Bewutsein schwindet, weil eine komplette berschwemmung mit hemmender Blutflssigkeit die Ganglien festbannt und ruhigstellt, so ist es klar, da auch noch auf eine andere Weise gerade unter Fortfall der Hemmungsfunktion eine Bewutlosigkeit denkbar ist, nmlich die, bei der smtliche Ganglien mit einem Male gleichzeitig miteinander in Kontakt stehen. Das wre so, als wenn pltzlich in einer Telephonzentrale alle Meldeglocken gleichzeitig erklngen; auch dann wrde die Seele der Station, das Meldefrulein, wahrscheinlich jegliche Fassung verlieren. Im Krankenhausdienst konnte ich nicht genug auf diese Form der Bewutlosigkeit, welche sich also unter einer vollstndigen Entleerung aller Hemmungsmaschen vollzieht, aufmerksam machen. Unter dem Anprall des Schdels gegen eine harte Unterlage entsteht bei der Gehirnerschtterung, ohne direkte Verletzung der Substanz des Gehirns, ein nervser Chok der Blutgefe, sie erblassen, werden krampfartig ausgepret, und die Folge ist eine reflektorische Starre der Gefe, vllige Leere, Volumenverminderung des Gehirns und Massenkontakt aller sich nahe berhrenden Ganglien. Bewutsein ist nicht mglich, weil alle Walzen gleichzeitig schnurren und die ganze Hirnorgel in allen Registern und Pfeifen gleichzeitig erbraust ohne Rhythmus und ohne Melodie. Diese Harmonielosigkeit ist eben Bewutlossein unter Neurogliakrampf und vlliger Blutleere des Gehirns. Wie mit einem Schlage erhellt sich uns nun das ganze Gebiet der Bewutlosigkeiten, vom Schwindel bis zur Ohnmacht, die bei Hirnerschtterung, beim Chok und bei allen erheblicheren funktionellen Blutdruckschwankungen auftreten, und bei denen die ganze Symptomengruppe direkt entgegengesetzt ist jenen Formen der Bewutlosigkeit durch Behinderung des Abflusses. Whrend bei den Formen der Bewutlosigkeit durch Blutleere (beim Verbluten, bei Ohnmacht durch Schreck und Schmerz) Krmpfe und Herzflattern, flache Atmung und Gesichtsblsse, weite Pupille und Muskelzittern das Bild vervollstndigen, sehen wir bei der Bewutlosigkeit durch Hemmungseinschaltung Regungslosigkeit und Herzstrotzen, tiefe, schnarchende Atmung, blaues Gesicht und Pupillenenge in Erscheinung treten. Mangelndes Bewutsein aber in beiden Fllen: einmal, weil alle Ganglien gehemmt, das andere Mal, weil alle zugleich ungehemmt sind. Wie wunderbar stimmen zu dieser Anschauung die Ergebnisse des Experimentes! _Albert_, einer der bedeutendsten sterreichischen Chirurgen, hat in seinen berhmten Hmmerungsversuchen am Schdel trepanierter Tiere nicht eher Bewutlosigkeit auftreten sehen, als bis die Blutgefe in Krampf und Entleerung durch Reflex gerieten. Und _Deutsch_ in Wien sah bei einem Kinde mit traumatischem Schdeldefekt und freiliegendem Gehirn bei jedesmaligem Eintritt von Schlaf die Hirnrinde tiefblau werden. Viele Chirurgen behaupten auf Grund direkter Beobachtung whrend der Operation, da das Gehirn in der Narkose blutberfllt sei, andere behaupten noch heute das strikte Gegenteil. Mit einem Schlage wird durch meine Annahme der Widerspruch guter Beobachtungen aufgehellt: es gibt eben zwei Formen der Bewutlosigkeit: eine hypermische mit komplettem Blutberschu und eine anmische mit komplettem Blutmangel. So konnte auch in meinem Sinne mit Leichtigkeit eine Theorie des Schlafes und der schlafhnlichen Zustnde gegeben werden, welche befriedigen drfte. Der Schlaf ist ein aktiver Vorgang der Neurogliattigkeit, eine rhythmisch-periodische Funktion der Neuroglia, ursprnglich ausgelst durch Sonnenuntergang und normal unterbrochen durch Sonnenaufgang. Er besteht in einer Abblendung des Bewutseins fr Raum und Zeit, in einer Aufhebung des Orientierungsvermgens fr unsere Umgebung, und vollzieht sich durch eine Blutfllung der Hirngefe und der Neuroglia auf reflektorischem Wege, gleichsam durch eine Dehnung des Gefherzens, durch einen Akt der Gefmuskeln, welche sich erweitern und damit buchstblich die hemmende Tarnkappe ber die Gangliensysteme stlpen. Es leuchtet ein, warum, wenn diese Grundanschauungen richtig sind, der Schlaf keine vllige Aufhebung des Bewutseins erzwingen kann. Da nur die jngsten Sprossen des Gehirnstammes, die Zonen des assoziativen Denkens, nachweislich anatomisch von solchen komplett fllbaren Neurogliamaschen umhllt sind, kann sich die Schlafhemmung nicht bis auf die tiefen, unterbewuten und automatischen Gebiete unseres Gehirnlebens, welche durch starres Bindegewebe definitiv isoliert sind, erstrecken. Mein Ichbewutsein ist im Traum vllig wach, meine Erinnerung ist lebendig, meine Phantasie steht in vllig von der Logik ungefesseltem Spiel und ist im Traum deshalb um so beweglicher, als alle Arten von Auenweltreizen, ein bellender Hund, eine schlagende Tr, ein Schu, ein Ruf, ein Lichtschein, durch meine Lider einfallend zeitweise und ruckartig imstande sind, die Hemmung zu durchbrechen und unter dem Spiel zwischen Aktion und Ausschaltung das Kaleidoskop des Traumes immer von neuem zu schtteln. Ein ewiger Strom von Lebensreizen flutet auch unter dem Zeltdach des Schlummers durch die Gemcher unserer Seele. Strme, die mit aller Gewalt, wie starke Affekte, unsere Harfe in der Seele durchtoben, Erregungen, die im Laufe des Tages ihren Ausgleich erzwingen in entschlossenem Willen und Handlungen, sind gemeinhin nicht Gegenstnde unseres Traumlebens. Die feinen, schnell verrauschten Motive, welche der brausende Strom des Lebens leicht fr den Augenblick bertnen kann, sind es, welche sich im Netz der sinnenden Seele bei Tage fangen wie schillernde Fliegen im Gespinst der Spinne und nun des Nachts ihre luftigen Schwingen wieder heben. Ein tiefer Schmerz, ein Ereignis, das uns laut aufschluchzen oder jauchzen lt, ist gewhnlich kein Traummotiv, aber wenn wir uns belauschen, die kleinen, die verlorenen, die nur gestreiften Dingelchen sind es, die bei Nacht der Bildnerin Phantasie die bunten Fdchen in die Hnde spielen. Sie webt nun im Gegensatz zur registrierenden Logik des wachen Bewutseins in einer unter dem Teppich der Hirnhemmung whlenden, umgekehrten Richtung die Ganglienbildchen aneinander, flickt dieses Glied an jenes, aus allen Tierreichen Torso an Torso, bis Wunderwesen mit Flgeln und Flossen, Schuppen und Hckern entstehen, bis gespiegelte Taten und Ereignisse sich reihen zur sinnigsten Unsinnigkeit. Nur wer ganz tief schlft, trumt nicht, natrlich: weil die Hemmung zu fest die Tasten niederdrckt, als da ein Nachtelfchen der Idee ber die Klaviatur dahinhuschen knnte. Whrend also im Wachzustande die Registerzge und Stimmentaster unserer Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen Spiel der Gefverengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da ein leiser Akkord unter dem Dmpfer der Hemmung auf. Whrend dem wachen Gehirn die Reize von auen in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen der Ganglien zugefhrt werden und sich in elektroiden Anhufungen zu Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden Reiz sein seelisches quivalent entspricht, entstehen im Schlafe die Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen ohne Ausgleich, wie gefangene weie Muschen, im Gehege und Gitterwerk der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine Lcke, ein Spalt von der Hemmung freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Trume immer vor und zurck stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, da der Hemmungsfortfall in der zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, da wir unsere Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert dieses Etwas uns. Das was wir "bewut aufmerken" nennen, ist das Gefhl von dem Zug und Zgel, welches die Dinge an unseren Nervenfdchen ausben. Auf den feinsten Nervensaiten Prft ein Spielmann sein Gedicht, Wohl fhlst du die Finger gleiten, Doch den Spielmann siehst du nicht! Dieser groe Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein, wie die unfabare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob ohne Draht und Nervenfdchen. Die Seele des Menschen gleicht einem Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht, therwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen, welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie in den Saiten einer olsharfe entgegengespannt sind, und knnen nur in uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die Frhgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den hchsten seelischen Funktionen, die Widerstnde aufzufinden, unter welchen die Seele dieses tut und jenes lt: das ist einzig, ohne vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und Schpfer dieses Weltsystemes ist. Fr mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen Auerbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir Ganglien nennen. Ein Dmpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr. Die diesen Reiz bermittelnden Nervenfasern gehren nicht zum Zentralnervensystem, sondern sie gehren zu dem Sonnengeflecht des Sympathikus und zu seinen Abkmmlingen, welche berall die Gefe vom Herzen bis in die feinen stchen des Lebens umranken. In den Auslufern des Hirngefsystemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders dazu gebildetes Gewebe durchtrnkend die Ganglien an gegenseitigem Kontakt verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der, entwicklungsgeschichtlich gedacht, frheste Nerv, die erste in der Tierreihe auftauchende Andeutung eines nervsen Apparates, der Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und erhabensten Gedanken eines schpferischen Gehirns werden in Schranken gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden und schtzenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus! Hier liegt die einzige, anatomisch begrndete Grenzscheide zwischen Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit die Hemmungen fortfallen, welche der lebenfrdernden Harmonie der seelischen Erregungen bergeordnet sind. Die Psychiatrie wei genug zu berichten von der Entgtterung der menschlichen Seele, die Platz greift, wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese Anschauung auch Aufschlu gegeben ber die Natur des Temperamentes, indem danach sehr wohl eine geringere oder strkere Hemmungsfhigkeit des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache fr die grere oder geringere Schnelligkeit der Auslsungen seelischer Kontakte sein kann. Ja diese Anschauung vershnt einigermaen die Wissenschaft mit der tief in allen Vlkern lebenden Vorstellung vom "guten und schlechten Herzen" als einem Teil seelischer Ttigkeit. _Das Herz ist danach nicht so unbeteiligt am Gemts- und Seelenleben, als man gemeinhin denkt._ Nicht nur, da seelische Erregungen sich nachweislich dem Herzen mitteilen, sondern auch die Ttigkeit des Herzens und die Beschaffenheit des Blutes hat danach verstndlichen Einflu auf unsere Allgemeingefhle. Die sprachliche Wendung: "das liegt ihm im Blute" ist also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie berhaupt die Sprache ja oft fr den Hellhrigen die alleinige Verrterin tiefster, geheimnisvoller Vorgnge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer gro ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zustnde mit der krankhaften Vernderung der Blutsfte! Schritt fr Schritt knnen wir in der Pathologie verfolgen, wie der Gemtszustand direkt in Abhngigkeit steht von der Beschaffenheit der _Blutmischung_. Wie fein reagiert das Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverhltnisses der einzelnen Komponenten! Die Vorgnge dabei sind viel zu pltzlich und reflexhnlich, als da sie allein durch eine chemische Alteration erklrt werden knnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine groe Freude reit mit der Erhhung des Blutdruckes im Gefsystem und der Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom Antlitz unseres vergrmten Gemtes. Der Gefnerv (Sympathikus) und die durch ihn erzwungene wechselnde Flle der Neurogliazotten lt eben die Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination vor sich gehen. Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliafllung in Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen Schlssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches Grundgefhl fr Rhythmus und Gegenstzlichkeit, fr Dualismus, fr die Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien, gegeben, da sie ursprnglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim Nachla und Abstrmen des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird dabei reguliert vom Spiel der Gefnerven, welche, das mu immer wieder direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus angehren, der einen gleichsam zwischen Hirn- und Rckenmark eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den Millionen Pfaden der Sinnesstraen strmen unaufhaltsam und ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den unzhligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia stromdurchlssig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System zu System, immer die Lcken erhaschend, welche die geschwchte Hemmung offen lt. Das ist die Bahnung, die bung, die Einschleifung in meiner Auffassung. Darin, da die ffnung und Schlieung dieser Bahnen rhythmisch erfolgt, liegt der Grund fr die Rhythmik unseres Tuns und Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur schnen Linie, zur Architektur, genug zur Gesamtsthetik. Denn im Grunde ist alles das meinen Sinnen wohlgefllig, was ihrem natrlichen Rhythmus von seelischer Ein- und Ausschaltung sich einfgt, und unlustgebend dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, da der sthetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus etwas durchaus Persnliches, an mein Temperament, an meine Apperzeptionsfhigkeit in einer gewissen Zeiteinheit, nmlich der zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich kann hier natrlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit von 60 Schlgen in der Minute der Mensch sein Zeitbewutsein hergeleitet hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr Ticktack schlug, genau so, wie er den Fu und das Fingerglied zum Raumma und die fnffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus unter den allerverschiedensten Einflssen schwankt, wie die Wirkung von Mensch auf Mensch direkt am Pulse mebar wird, so versteht man besser als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung eines persnlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuhrer oder Beschauer vllig in den Bann des Schpfers schner Rhythmen zwingt. Das Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein mchtiges fremdes, die Seele neu erfllendes Durchwogen und Durchglhen ist eben die Quelle jedes echten sthetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz dauernd sehnt. Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen, naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewutseins abgibt, so mu es ja auch auf andere Weise durch Reflexhypermie im Gehirn mglich sein, Schlaf und schlafhnliche Zustnde zu erzeugen. Nun, das Streicheln, das Wiegen, das Kmmen, das Fixieren, das Zhlen, das Ticken der Uhr--das alles sind deshalb schlaffrdernde Mittel, weil vermge der gleichmig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter bergewicht ber die Zellaktion erhlt, je mehr durch Konzentration auf einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch der nchtliche Schwrmer schlielich immer dieselbe Geschichte erzhlt, ehe sein mdes Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so lt der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverstrkung das Bewutsein seitlich ringsumstellen und von den Hschern flchtiger Gedanken umgeben. Alle Vorgnge eben, welche geeignet sind, dauernd die Neurogliazotten in Erweiterung und Fllung zu halten, bringen Kontakthemmung und bei lngerer Dauer den Schlafzustand, also auch die _reflektorische_ Gefweite. Alle schlafhnlichen Zustnde knnen auf _mechanische_ Weise einheitlich erklrt werden, selbst Morphium und Chloroform wirken zunchst nur als Entfalter einer durchaus physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol im Beginn Gefverengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte Anschlsse, spielende Gedankenflucht ber alle Problemhhen und -tiefen, und mit der Leichtigkeit der Auslsung von Ganglienfunktionen eine hohe Steigerung des Ichgefhls hervorbringen, erst dann mit der allmhlichen lhmenden Erschlaffung der Gefe, in welchen das Gift kreist, die Einengung und Abblendung des Bewutseins zuwege bringen, so da der knstliche Schlaf so auf ein Haar dem natrlichen gleicht. Man hat eine allzu bertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten Hirnstruktur, wenn man meint, da z.B. eine Auslaugung des Fettes aus den Hirnzellen durch das strmende Chloroform der eigentliche Grund der Narkose sei, wonach also das Bewutsein ausgewischt wrde, etwa wie ein Fettfleck durch Benzin. Trte wirklich das Gift ohne diesen segensvollen Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch aktive Substanz heran, so wre stets eine direkte Verleimung des Gehirns, die Zertrmmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr Gift im Krper kreisen zu lassen braucht, als gerade gengt, damit das Spiel des auch im natrlichen Schlaf ttigen Mechanismus ausgelst werde. _Eine_ schlafbringende Ursache will ich noch erwhnen, welche allen Schlaftheoretikern groe Mhe gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim Erfrieren. Soll hier, whrend ein vor Frost erstarrender Organismus langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so frisch und wach machende Abkhlung der Haut hier ausnahmsweise hchste Mdigkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im schnsten Einklang mit unseren Vorstellungen, da durch allseitige extremste Verengerung der Blutgefe in Haut und Gliedern die inneren Organe blutberfllt und damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein mu? So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder Abkhlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, da die der Abkhlung schnell nachfolgende Blutflle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir, warum man im dauernd khlen Zimmer besser schlft als im berhitzten, ja sogar, warum wir beim Umwlzen der Bettdecke von der Khlung der Haut die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch erklrt es sich, da die Inanspruchnahme groer Blutmengen zur Verdauung bei berflltem Magen das Gehirn blutrmer und darum aufgeregter und ruheloser macht und da irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen aus dem Gehirn unruhiges Trumen zur Folge hat. So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der Giftwirkungen immer zwischen Erregung und Lhmung hin und her schwankt, weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die Ttigkeit der Neuroglia, welche wie ein schtzendes Filter vor den feinsten Teilen des eigentlichen Rderwerkes ausgespannt ist. Wre die pathologische Anatomie nicht allzusehr im Banne von der Sttznatur der Neuroglia, sie htte schon lngst vielleicht nheren Aufschlu ber die Funktionsstrungen als Folge primrer Neurogliaerkrankungen geben knnen. Wenn Fllung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen geprft sein werden, drfte auch fr die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden knnen. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die Mglichkeit der direkten Durchsplung der Neuroglia vom Blutgefsystem, die Wirkung des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirndems, der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die Mglichkeit, da man durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzlsungen in das Venensystem, mit der Schaffung einer knstlichen Plethora zusammen mit dem nachfolgenden energischen Aderla berall im Krper, also auch im Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorgnge anregen kann, steht fr mich schon heute auer allem Zweifel. Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen bedurfte es, um einigermaen im Rahmen dieser locker gesammelten Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter Rcksichtnahme auf diejenigen Leser, welche nicht gengend Physiologen sind, wodurch meine Definitionen leider schwerfllig und unbeholfen werden muten. Ich kann mich dafr aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden. Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes mu meiner Meinung nach jede Beantwortung _beide_ Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie die krperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine Definition wirklich erschpfend sein drfte, und weil beide Formen der schmerzhaften Bewegungen in unserem Krper eine groe Flle von rein physischen Berhrungsflchen darbieten; ich erinnere nur an die mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und krperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an Pupillenvergrerung in seelischer _und_ krperlicher Angst und an andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzustnde, um die Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begrndung zu betonen. Was ntzt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele Neurologen, mit der Ansicht uns begngen wollten, da der Schmerz eine ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, da also in unseren seelischen Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam Wchterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art bernehmen? Abgesehen davon, da man auf diese Weise notwendig zu dem tief pessimistischen Prinzip einer Schpfungstheorie kommt, die den Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt, wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch des Erzengels einige Berechtigung gbe, abgesehen von dieser khnen und gefhrlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz ausgeliefert und vorbestimmt, lt die Lehre von der Spezifitt der Schmerznerven eben den psychischen Schmerz vllig in der Luft schweben. Aber auch sonst lt sich vieles gegen eine solche Anschauung vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur Schmerz leitender Nerven--spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z. B. der Sehnerv nur Licht leiten kann--will ich eine Beobachtung anfhren, welche ich als erster bei Operationen unter meiner rtlichen Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche spter hufig, so namentlich von _Lenander_ in Stockholm, besttigt ist. Als ich am Bauchfell operierte ohne Narkose bei vollem Bewutsein des Patienten unter Anwendung nur rtlicher Betubung, bemerkte ich, da das normale, blasse, nichtentzndliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, da aber nach wenigen Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger Rtung Schmerz auch gegen leiseste Berhrung auftritt. Ist der Schmerz ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgefhl, wie ihn die moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so mssen in einer Spanne Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen knnen, denn Krperzonen, die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den Hnden. Hier ist mit der Annahme, da der Schmerz nur auf vorgebildeten Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im Bauchfell gnzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch gewinnt es bald die Fhigkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen annimmt, mu sich vorstellen, da diese Leitungsdrhte des Wehgefhls innerhalb der Bndel der hinteren Rckenmarksnerven zusammen mit den anderen Strngen fr das Tast-, Wrme- und Muskelgefhl verlaufen, und mte unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen Bndel auch als eigentliche _Schmerzzentren_ im Gehirn nachweisen. Hier aber gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die Neurologen so ausschlielich als den Sitz der allgemeinen seelischen Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch eigenen Beobachtungen, da das Gehirn selbst absolut ohne Schmerzempfindung ist. Der berhmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der Hirnhute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht mehr dem eigentlichen Gehirn angehrt. Es wrde also bei diesen gewichtigen Einwnden gegen die Theorie von der Spezifitt der Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifitt nicht bedrfte und doch alle bekannten Phnomene des Schmerzes verstndlich zu machen vermchte, entschieden den Vorzug verdienen. Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem Hemmungsmechanismus geben zu knnen. Der Schmerz ist ein Allgemeingefhl der Unlust. Ist der gleichmige und harmonische Ablauf der gesamten Krperfunktionen die Quelle vom Gefhl der Gesundheit und der Lust, so mu bei den Unlustempfindungen dieser im naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftstrmungen im Organismus gestrt sein. Schon das besondere rein funktionelle Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gefhlte Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, da er die seelische Orientierungsspannung von der Auenwelt weg auf eine Lokalitt des Krpers zurckzulenken zwingt, Strungen des Allgemeingefhls im Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gefhl der Flle im Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken, kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr, Kribbeln in der Haut, kann bei lngerer Dauer mit dem Gefhl der Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. _jeder Funktionsstrung ist der Gedanke an eine nahende oder doch mgliche Gefahr assoziiert_. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur fr Licht empfnglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen seelischen Sto, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen Sinnesorgane knnen wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im Gehirn und Rckenmark auslsen. _Schmerz aber vermgen nur die Nervenbahnen zu leiten, deren Berhrung an sich normaler_weise _Tast_gefhle auslst. Das sind die sensiblen Nerven und der Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen nervsen Huten und der Krperhlle Platz gefunden hat. Wann entsteht nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch die abnorme, gehufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist, Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Annherungen und Sprengungen, durch seitliches berspringen und Defektwerden der Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgelst werden. _Der Schmerz ist ein Kurzschlu elektroider Spannungen im Nervensystem._ Drcke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unzhlige Tastkrperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zunchst Kribbeln und Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck und in ganz gleicher Weise bei tzung und Brand ein Defektwerden der Bindegewebshllen der Nervenapparate, welche hier genau der Funktion der Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich stre den Isolationsmechanismus, so da seitlich elektroide Funken berspringen. Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h. gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form und Intensitt, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und Gefahr, dieses Anzeichen der beginnenden Lsion der peripheren Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgefhl durch irre geleitete Reize im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir "Schmerz". Dieser Kurzschlu der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig ldiert sind oder je dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenhlle defekt wird ganz gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also pltzlich in der Zentrale turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ertnen, entsteht eine Unfhigkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust, welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in gnzlich ungewhnlicher Richtung ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu Affekthandlungen, oder wenn diese selbst bertnt werden, zur Ohnmacht und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal vllig jungfrulichen Boden, und es spricht gewi fr meine Auffassung, wenn seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert ber das, was nun kommen wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen knnte, ist oft grer, als die Klage ber den Augenblicksschmerz allein ausfallen wrde. Wre der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so wre nicht abzusehen, warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden Schmerzes relative Gewhnung bei Wiederkehr auch nach lngerer Zeitpause beobachten lt, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, da man von zwei Schmerzen stets nur den strkeren wahrnimmt, spricht gegen die Theorie der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer Farbe alle Nancen gleichzeitig wahrnehmen. Die groe Summe der entwicklungsgeschichtlich eingebten und koordinierten Reflexe einer schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung, zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der Schliemuskeln aller Art beweist, da die pltzliche berladung gewisser Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso pltzlichen Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn drngt: ein Schrei, ein Sto, ein starrer Blick, die fahle Blsse des Gesichts, sie alle sind der Beweis fr das Bestehen einer blitzschnellen, kurzschluartigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung zum Atmungszentrum, schon pltzliche Abkhlung, durch die Dusche etwa, bringt tiefe Atemzge und Neigung zu Stimmbandschlu und stoartiger Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der Atmung, einschlielich der Mund- und Nasenffner, womit der mimische Anteil an der Schmerzwirkung erklrt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja jede Erregung lt die Pupille weit werden, um dem vielleicht hilfreichen Licht die ganze Flche frei zu geben, und ein schnell pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion gleichsam sprungbereit durch Heranwlzen der Ionen des Sauerstoffes auszursten. Ich wrde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gestrten Hemmungsmechanismus fr die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen, wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir tglich aufs neue zu beweisen geeignet ist. Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die Infiltrationsansthesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr berall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige Bercksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die Lsung, mit welcher ich rtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine Flssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation, die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu verstrken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunfhig zu machen. Ein ansthetischer Mckenstich, wie ich ihn mit meinen ungiftigen Lsungen in der Haut anlege, lt die einzelnen Nerven durchaus tastleitungsfhig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den Schmerz macht, den seitlichen Kurzschlu der Nerven, durch Hemmungsverstrkung unmglich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven einen Dmpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am Rckenmark direkt mit bewunderungswrdiger Khnheit wiederholt hat, ohne da wir die Nervensaiten selbst irgendwie ldieren oder gefhrden. Es wird fr mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, da ich diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens. Professor Bier hat auch den Nachweis gefhrt, da in der Tat das Blut den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einflu auf die peripheren Nerven hat, und ich selbst habe schon frher angegeben, da bertritt von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. dem) unter Umstnden gengt, um die Nerven smtlich fr Schmerz leitungsunfhig zu machen. Alle diese gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene Deutung zu, und wir haben nur ntig, diese an der Peripherie des Krpers gewonnenen Erfahrungen auf das Gefge der Zentrale im Nervensystem zu bertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim psychischen Schmerze zu gewinnen. _Auch in der Seele gibt es einen Kurzschlu elektroider Spannungen._ Auch hier enthlt die unsere Seele brutal berfallende maximale Anspannung, die nach dem quivalenzgesetz der Krfte ebenso materiell wirksam sein kann wie eine uere Gewalt am Leibe, bergroe Ladungen im Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel fr solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist fr mich diejenige Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen von nicht auflsbaren Spannungen statt, nicht auflsbar, weil die narbig verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nervser Kraft die Hemmung entgegenhlt. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu einer Hhe, da sie den Wall durchbricht, so brausen in die unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall lst sich aus, verstrkt durch den Chok der Gefe, der seinerseits allein, wie wir sahen, das Bewutsein schwer zu alterieren vermag. Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzauslsung, wenn wir eine Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Glck greifendes Moment erleben. Die Spannungen in der Phantasie, welche schlielich strker sind als jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gefhl des Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen Obstruktion des krperlichen Schmerzes findet die Entladung in Schluchzen und Trnenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektstrmen einen Damm entgegenwlbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung resultieren. Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchstblich errten und erblassen. Ich bin am Ende meiner Ausfhrungen und schliee mit Zagen, da ich es gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen Hemmungen umfat, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen. Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptzge dieser, wie ich zugebe, khnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu fhren. DER SITZ DER SEELE Als der Zeitgenosse Friedrichs des Groen _La Mettrie_ seinen berhmten Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, da dieser kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich verbreiteten, aber ganz unsglich den Weltanschauung werden sollte: des jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das heit: der Lehre von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer Probleme. hnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der Persnlichkeit Christi aufzulsen meinten in platt-alltgliche, nur durch die Phantasie der Glubigen verzerrte Begebenheiten, so war fr die Ritter von "Kraft und Stoff" es eine ausgemachte Sache: Geist, Seele, Gemt, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der nervsen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie Niere, Leber und andere Drsen die Abfallstoffe des Heizmaterials unserer menschlichen Maschine abstoen (sezernieren), so sezerniert der Wunderball in unserer Schdelkapsel einfach ein luftiges Etwas und dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens! Nicht drastischer lt sich die Kmmerlichkeit dieser Weltanschauung, die man besser eine _Weltblindheit_ nennen knnte, darstellen, als mit dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie nmlich rundweg diese Fragen fr der Wissenschaft nicht zugnglich und fr keinen Gegenstand der "exakten" Forschung erklrten, womit dann die Exaktheit gerade da aufhren mte, wo das Interesse fr jeden Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage: "woher? wohin?" Und nicht nur Narren warten auf Antwort. Ich will versuchen nachzuweisen, da es auf diese Frage eine leidlich befriedigende Antwort gibt. Nmlich aus der unumstlichen Wahrheit heraus, da die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus vorangegangenen Irrtmern entsprungenen Frage gegenber ist sie, die Gtige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verblfften und verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten mgen. Fragt man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding ist, das aber trotzdem vielleicht berall und ewig ist, so mu die Antwort eine kindliche, nrrische und trichte sein. Und doch ist es ein Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache fr Unzhlige: die Seele sitze im Gehirn! Prfen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich halten lt. Es ist Tatsache, da viele unserer seelischen Fhigkeiten, z.B. die Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten Bezirkes des Gehirns; da Geruch, Geschmack, Gesichtssinn, Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind durch Verletzung oder organische Zerstrung ganz umschriebener, oft nur pfenniggroer Teile unseres Gehirns. Es kann nimmermehr bestritten werden, da diese Teile den Mechanismus bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch unzhlige, untrgliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am Krankenbett, ist festgestellt, da ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine Seele einfach nicht vorhanden ist. Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre geschlossen, da Gehirn- und Rckenmark der Sitz aller seelischen Funktionen sein msse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der Beobachtung stndige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer Funktionen. Es wre eine Torheit, an diesen Tatsachen zu rtteln, aber die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer zugehrigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, da diese Stelle des Gehirns allein diese Fhigkeit produziert. Es kann vergleichsweise die Durchschneidung eines Bndels von Telephondrhten einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch bleibt die Zentrale unberhrt. So knnte auch das Sehen, das Sprechen, das Hren und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion scheinbar verletzenden Lsionen der sogenannten Zentren knnten nur zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nervser Ttigkeiten treffen, welche ihre unzhligen letzten Ursprungsquellen weit ber das Gehirn verstreut haben knnten. Diese berlegung ist von groer Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erklrt wird, warum solch Verlust des Sehens, Hrens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht immer ein dauernder ist. Denn es ist unumstlich wahr, da Hunde, denen man das "Sehzentrum" herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder sehen "lernten", und es mu ein schlechter Beobachter sein, dem nicht auffiele, da Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln, verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation--die Leitungen (wohl gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus diesen und zahlreichen anderen Grnden hat man die Theorie der Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der Universalitt der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede Ganglienzelle durch bung schlielich zu jeder Funktion wesentlich und stellvertretend herangebildet werden kann, so da also nach dieser Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen Funktionen anzusprechen wre. Mir scheint es, als wenn in der Lokalisationslehre nur die Zettelchen von _Lavater_ und _Gall_, die diese auf das Schdeldach klebten, allzu khn nunmehr auf das Gehirn selbst aufgedrckt wrden, da also keineswegs der Nachweis lokalisierter Seelenttigkeiten irgend etwas ber den Sitz dessen, was wir Seele nennen, aussagen knnte. Sagt man aber nun: so ist eben das Gehirn und Rckenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann gehrt zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und nervsen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem kleinen Finger, wie in der Nase. Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, fr welche man Herde im Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was wir gemeinhin "Seele" nennen. Dazu gehrt vor allem die ganze Skala der Allgemeingefhle, Lust, Schmerz, Gemt, Phantasie, Logik, Willenskraft usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises dafr erbracht, da auch diese, wesentlich seelischen Funktionen irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder Rckenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das Gehirn, das doch der Herr der Gefhle sein soll, in sklavischer Abhngigkeit von jeder Verdauungsstrung, vom Stoffwechsel des brigen Leibes, von Strungen und rein vitalen Vernderungen aller Art. Wenn man nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge fat, da z.B. das Herausschneiden der gesamten Schilddrse, welche um die Luftrhre gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen wre, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allmhlich die Hirnfunktion erlischt, so erfhrt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Sto. Ebenso wie also irgendein Zentrum ntig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch dringend der Schilddrsensaft vonnten. Also auch hier, in einer Drse, sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.--Ferner: Wenn wirklich alle Eindrcke, die man empfngt, zu den Gehirnganglien geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die fnfzehn Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch Tausende von Auenweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr durcheinander brausen, als wrden die Tasten einer Orgel alle gleichzeitig niedergedrckt? Das ist nur mglich durch Hemmungsvorgnge, welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so da, wenn eine Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist im Innern des Schdels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind. Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellenttigkeit ist, so wre das Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nervse Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden wird. Ich selbst bin der Begrnder einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem Blutsaft und dem Herzen, so da ich hier zum Bekenner eines alten Volksbewutseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur hhnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollgltigsten Beweise dafr erbracht, da das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was fr den elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als grne Seidenhlle um den Kupferdraht bekannt, darstellt. Es wrde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis erbringen, da ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenfden und Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein Sttzgerst, an dem die Nervenzellen ranken. Es ist fr mich unumstlich, da die mit Blutsaft gefllte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abhngigen Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erwhne ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, da unmglich das Gehirn und Rckenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der Traum, die Narkose als aktive Ttigkeit der Seele verstndlich, wie ich das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bemht habe, erst mit ihr wird die Phantasie, das Unterbewutsein, die Lehre von den Affekten und Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann wird es ganz und gar hinfllig, der Seele einen bestimmten Wohnort im Leibe zuzusprechen, dann ist sie berall bei uns zu Haus, in den Nerven, in dem Blute, in den Drsen, in dem Sonnengeflecht, und wird von unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit des Gehirns. Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele fr sich; in der Republik, dem Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe bilden, hat jeder winzige, mikroskopische Brger einen Hauch der belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat fr sich zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als Thronsessel der Knigin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser ebenso zugeteilt werden mssen, wie diesen Prtendenten einer angematen Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die Knstler formulieren, fllt die Frage nach seiner Seele von selbst zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle Probleme, und hier mndet eben die Frage nach der Seele ein in das groe Rtsel des Lebens berhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke ber die Seele ist eins mit dem Gedanken ber das Leben. INSTINKT UND SPIEL Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen Sprsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der schpferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Krnung des Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine beantwortet den Reiz, den auslsenden Ansto stets in derselben Weise, zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willkr, eine Freiheit. Aus einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an solche Zellen ist das hchste, wie das niedrigste Leben geknpft; denn geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtkfers nicht minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies! Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis zur Feinfhligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der _Nervus Sympathicus_, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation chaotischer Bewegungsmglichkeiten. Nach ihm kam Rckenmark und Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein Geringerer als Goethe sah, da das Schdeldach ein entwickelter Wirbel sei, und die Hlle mute sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der Rckenmarksule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte. Dessen jngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres Bewutseins. Ein jeder von uns trgt also in sich die organischen Niederschlge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe fr Stufe aufsteigend alles das bewut, was jetzt unbewut, automatisch gleichsam "von selbst" sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewuten Gehirnteilen mu also ein sich selbst berlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gefhle stammen, die wie dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele. Diese fernen, unterbewuten Triebkrfte, das Resultat der Daseinskmpfe aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit dem Namen "Instinkt" belegen. Wahl also, das bewute Gefhl, so oder so zu handeln, steht dem "Mu" gegenber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewutsein entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ _Kants_, das Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorwrts gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, da wir entwicklungsfhig ("vorbildlich" Kant) werden knnen, andernfalls wir als lebens- und entwicklungsunfhig abzutreten haben vom Schauplatz des immer spielenden Dramas: Leben. Wir vermgen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewut denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist. Um ein Bild aus der Elektrizitt zu geben,--wir denken und sinnen mit willkrlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu ntigen Anschlsse sind ein fr allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie sind in den Hnden einer abgeschlossenen Hemmung. Wenn wir dem ebengeborenen Sugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen; wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich seine Pupille: das Getriebe der nervsen Reize hat keine andere Wahl, es mu die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise auslsen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angewhnten Reize stets dieselben Bahnen entlang durchlaufen mssen, weil alle anderen Mglichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die zweckmigste und immer wiederkehrende fr uns erlernt haben. Die automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgemesten herausgestellt, und sie gehren zu dem definitiven Bestande unseres nervsen Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nervse Nebenleitungen unmglich machte. Da wir niesen, erbrechen, lachen mssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind zwingende Beweise fr die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten Wasserstrahl, das Verschluckenmssen selbst gefhrlicher Gegenstnde (Mnzen, Gebisse, Grten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben, der Lidschlu bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit hchster Willenskraft nicht hemmen knnen, weil das Spiel der Krfte eben fr diese Aktionen unabnderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter, aber irrtmlicher Glaube, da man unser ganzes Seelenleben in dieser Weise meint auflsen zu knnen in die eine Frage nach den Reflexbewegungen. Fr weniger elementare und kompliziertere Handlungen, fr unser Gedankenspiel und fr unsere Empfindungen kommt eben noch ein anderes, uns die Freiheit des Willens aufntigendes Etwas hinzu. Liegt vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen lassen und habe dabei stets das Gefhl ganz freier Wahl, zu tun, was mir beliebt. Gegenber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das Gefhl der Freiheit, mich fr dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb. Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei Quellen: Aus einer bewuten, kontrollierbaren und aus einer nicht kontrollierbaren, unter- oder unbewuten Auslsung von Reizen. Antriebe, deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns beherrschen, nennen wir "Instinkte". In zwei groe Gruppen, denke ich, sollte man die Instinkte, die unterbewuten Antriebe zur Handlung einteilen: In solche, welche uns berkommen sind, aus frheren Stufen der Entwicklung, welche also gewissermaen Rckschlagtriebe aus einer frheren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der unaufhaltsamen Vorwrtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen. Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden (aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus, d.h. sie knnen die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese ausgelsten Willensaktionen knnen uns persnlich ntzlich oder schdlich sein, sie knnen aber auch fr die Entwicklung der Menschheit als Ganzes frdernd oder hindernd, also erhaltungsgem oder entwicklungshemmend sein. Wo knnte der Seelenforscher fr das berkommene und Eingeborene tiefere Zge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen, dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber ist des Kindes tiefste Bettigung? Das Spiel, dieses fr die Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig, so mu ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen Worten: Die Geschichte der Menschheit mu sich gedrngt, konzentriert, im Wesensabdruck wiederholen in den Lebensuerungen des jungen Brgen fr die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es mu also am Geborenen funktionell das frhere Geschehen in groen Zgen bemerkbar sein! Und ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem heien Triebe Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverstndlichen Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, Khen, Schafen und Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem mu sich der Gedanke aufdrngen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen lngst in ihm schlummernder Gefhle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja selbst den Hang zu Lge und Betrug, so fllt es uns wie Schuppen von den Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewi: hier prgte die formende Hand der Entwicklung Fhigkeiten und Gelste vor, die nun wie eine Zwangsvorstellung, wie ein stetes Mssen die Willensaktion wie zugeboren zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Zhlt man nun die dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie, ein Talent der letzte markante Auslufer in Generationen vorgebter Fhigkeiten war, so mu man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als das Kind und seine Seele, da es Triebe und Instinkte gibt, welche wie Reproduktionen, Rckschlge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der Stammesvorfahren sich geradezu aufdrngen. Der daseinkmpfende Urmensch _mute_ Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, Kmpfer sein, er mute List, Lge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur wahrlich nher, als ein Grostadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld, Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit eifergerteten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Blmlein pflcken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern, seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die Hndchen heben--man mu es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses Wiedererkennen, dieses Zugehrigkeitsgefhl zu der umgebenden Natur und zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verlt nun auch den aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende Leben neue, erst zu bewltigende Aufgaben an uns stellt und ganz allmhlich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken lt in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber doch die Wrme, Licht und Glanz strahlenden Quaderzge im abgelagerten Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung lngst entzogenen Urgefhle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm Ha und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, bsen und guten Lsten mag ferner in der Tiefe des Unterbewuten seine unverschttbaren Quellen haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gefhl der Disharmonie gegen allen Bestand des berlieferten, in welche uns eine Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns mahnt uns, da wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen rtteln knnen, was alle Vter vor uns aufgebaut! Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie drngt unaufhaltsam an gegen die hemmenden Mchte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser Vorwrtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen fr die nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel dafr, wie mchtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Geschpfe, Maschinen, Werkzeuge, Krfte nach einem in sich selbst gefhlten Ebenbilde! Er spinnt ein Netz gleichsam nervser, elektrischer Verbindung von Menschengehirn zu Menschengehirn ber die ganze Erde, er durchfliegt Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht und Wrme und neue Krfte liefern, und hlt im bewegten Bilde (Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt spteren Generationen die Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem klassischen Zeitalter, Zeugen unerhrten Gestaltens, und unser Trieb ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden Ansturm der aufsteigenden, aufwrtsfhrenden Instinkte die Probleme des Herzens, der Sittlichkeit, der Religiositt, der Ehrfurcht, der Behaglichkeit, des sich Gengeseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr schnell vorwrts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte sind im Kampf mit den erworbenen. Mglich, da an diesem Konflikt die moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, da auch diese Triebe eben einrcken knnen in den definitiven Bestand des zu berliefernden. Wre das nicht der Fall, so wre der Weg der Kultur ein einziger groer Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen Probleme fhig sind, zu dauernden Instinkten sich einzufgen in den Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als eines auf der Erde dauernd lebensfhigen Organismus garantiert. TEMPERAMENT Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrtmer sind, welche leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so gibt es auch berkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch haften, je irrtmlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung verdanken. Ja fr viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn verbinden. Und doch mu man erstaunen, wie oft bei weiterer Fortentwickelung unserer Kenntnisse schlielich solchen alten Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Schnheit man oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die "Elemente", der "ther" der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizitt geworden sind. Man sieht daraus, da die Wissenschaft die berlebten Worte gebrauchen kann wie alte Huser, die man nur modern einzurichten braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort "Temperament" verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der Saftmischungslehre war man der Ansicht, da die Temperatur des Krpers abhngig sei von dem bertritt gewisser Sfte ins Blut. Rotes Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebruche erinnern noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen Lehre, d.h. der Lehre von der Erklrbarkeit aller Krankheitszustnde aus Blutvernderungen. Das "gallige Blut", die "versetzten Hmorrhoiden", der "zurckgetretene Salzflu", der "nach innen geschlagene Ausschlag", die "nicht herausgekommenen Masern" usw. sind solche noch lange nicht ausgestorbenen, ein bichen Wahrheit bergenden Schlagworte. So haben des alten _Galen_ vier Kardinalsfte (Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger spezifischer Blutwrme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des melancholischen, cholerischen, noch heute ihren dnnen, wissenschaftlichen Schimmer von tatschlichem Verhalten, nicht weil sie einen Tatbestand ausdrcken, sondern weil dem Kenner der menschlichen Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den offenen Blick frs Wesen des Menschenherzens nicht zu trben vermochte. Nicht allzu selten ist derjenige ja der strkste Wissenschaftler, dem der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der zndenden Suggestivkraft eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in der Psychologie. Ist es also ganz sicher falsch, da das berwiegen des roten Blutes, des Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist es doch unstreitig richtig, da die Zustnde der wechselnden Erregbarkeit unseres "Blutes" ganz gut sich in diese vier kardinalen Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerbltigkeit, seine Einteilung der Menschen in Warm- und Kaltbltige, kommt der Wahrheit schon recht nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der greren oder geringeren Schnelligkeit der Auslsung unserer Grund- und Stimmungsgefhle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf "leichtsinnig" und "schwerfllig", "gutmtig", "schwermtig", "hitzkpfig", "Feuergeist" und verschieben den Vorgang richtiger auf Zustnde der Gesamtstimmung einer Seele. Dieser Widerspruch wrde schwer zu berbrcken sein, wenn nicht die in diesen Blttern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als eines Stromregulators, hier klrend eingriffe. Wir wollen sie an dieser Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein Orientierungsorgan fr die Auen- und Innenwelt. Diese Orientierung geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewute oder unterbewute Vorstellungen, Empfindungen, Impulse auslsen. Dem Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Ma gesetzt, vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den Ganglienapparat bestrmen, sondern hintereinander ausgelst werden. Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen vermittels eines stndig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. Wre in unseren wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am Werke, so mten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen Organen der Sensibilitt auftreten, und statt einer tastenden Orientierung wrde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie qulend es sein mte, zwei Gedanken von gleicher Strke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr wrde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur mglichen Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitma unser Bewutsein vllig aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht, Orientierungsunfhigkeit mit absoluter Sicherheit berall da auftreten, wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgefe ihre rhythmische berflutung ber das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, da eine fahle Blsse des Gesichts solche Zustnde anzeigt, weil die Gefnerven alle solche Betriebsstrungen mit Krampf und folgender Blutentleerung beantworten. Da das Gehirn an diesen Blutleerezustnden tatschlich teilnimmt, kann man bei Operationen an erffnetem Schdel direkt beobachten. Da sieht man auch, da im Schlafe das Gehirn ganz entgegengesetzt der bisher landlufigen Meinung blutvoll ist und da diese Blutflle umschlgt in Blsse, sowie der Betreffende erwacht. Das konnte man bei einem Kinde mit entbltem Gehirn viele Male beobachten, d.h. Blutflle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. Hlt man dazu die Tatsache, da alle Zustnde des erhhten Blutgehaltes des Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewutseinsstrungen im Sinne der Schlafhemmung begleitet sind, so drngt sich ein Gedanke auf, der fr die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergrter Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und Schwerbltigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande ist. Nmlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einflu auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist nmlich die Nerventtigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen hnliche Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar, ableitungs- und zuleitungsfhig, d.h. beeinflubar im hchsten Mae durch die Natur der eingeschalteten Widerstnde. Nun wissen wir, da um die Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein Flssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und zwar in dazu vorgebildeten Rumen. Wir wissen ferner aus direkten Beobachtungen am Widerstandsmesser fr elektrische Strme, da das Blut und die Blutsfte hemmende Kraft besitzen. Darum mu das mit dem Blute in Verbindung stehende Hllgewebe der Nervenzellen ein Nervenstromeindmmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle ein- und ausgeschaltet, und Anschlsse sind nur da mglich, wo im Spiel der Gefmuskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschlsse dann unmglich, wenn die Lcken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gefllt sind. Das dieses Entleerungs- und Fllungssystem beherrschende Organ ist die Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner Neurogliatheorie. An der Hand dieser berlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einflu des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der Nervenelemente von Natur starke Widerstnde einschaltet, weil eben ein solcher Saft eine Flssigkeitssule darstellt, durch welche nur schwerfllig elektrische Entladungen stattfinden knnen, so hat der Trger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam aufnehmendes, schwerbltiges, erst nach vielfachem Anprall zndendes Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchstblich eine ein bichen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter Durchschlagbarkeit fr die elektroiden Spannungszustnde im Nervensystem, so wrde sein Trger leicht empfnglich, schnell auslsend, schnell kombinierend, leichtbltig, sanguinisch sein. Da htten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir Temperament nennen: Temperament ist ein Ma fr die grere oder geringere Schnelligkeit der Auslsbarkeit und der Anschlufhigkeit der Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedrckt: Temperament ist Sache der Widerstandsfhigkeit gegen Eindrcke. Man kann also als gewi annehmen, da jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger schnell Reize, Impressionen, Eindrcke, seelische Attacken aller Art verarbeitet, und da dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine andere Nance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses Widerspiel zwischen Erregung von Nervenstrmen und dem Widerstand, welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also, was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, da dieser Zustand nur ein im groen und ganzen konstanter sein kann, weil ja der Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man begreift sofort, da es ein absolutes Gleichma des Temperamentes nicht zu geben vermag, da wir heute morgen melancholisch und nachmittags sanguinisch sein knnen, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein mu, und da hier der Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an Sauerstoff oder Kohlensure, die Beimengung fremder Substanzen, alles Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln knnen, auch von Einflu auf das Dynamometer unseres Temperamentes sein mssen. Wir begreifen nun auch leicht, warum ein bichen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen, schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten Strmen eminent erleichtert ist, und es ist verstndlich, da man die Gifte alle einteilen knnte nach dem psychologischen Prinzip der greren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen Bestandteile zum Gehirn trgt und hier die nderungen der Nervenanschlsse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Auengifte (Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte (Harnsure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber) geliefert sein. Man sieht gerade durch geschrften Blick fr das Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im Abhngigkeitsverhltnis zueinander stehen. Nur mu man sich die Angelegenheit nicht allzu mechanisch vorstellen. Kompliziert wird die Sache dadurch, da das Spiel der greren oder geringeren Zufuhr von hemmungsfhigen Sften auer von dem Pulse auch vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung aufzufassen. In ihm, in seinen berall ausgedehnten Geflechten, welche den ganzen Krper durchsetzen, wie ein Urgehirn fr sich, das schon alles in sich trgt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch unserer Allgemeingefhle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden durch die Strahlenaktivitt der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso beschftigt ist, wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormolekle oder an der Geburtssttte der Saatkrner fr die unzhligen, vielleicht nie geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob lebensfroh zur Entwicklung und zur Schnheit drngend, oder dster auf Vernichtung, Ha oder Verneinung grbelnd, das ist natrlich dafr entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser Krfte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt. Das ist auch die Erklrung, warum man schlielich ganzen Familien, Sippen und Vlkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt, bestimmend ist fr die grere oder geringere Flle, mit der eben der eindmmende Blutsaft die Hirnzellen umsplt. TIERSEELE UND MENSCHENSEELE Fr die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte Sache, da der Mensch ein hher organisiertes Tier, da er gewissermaen nur die letzte, erhabene Krnung des Lebens sei, hervorgegangen aus den unendlich mannigfaltigen Formungen und Abnderungen, welche die Widerstnde des Daseins auf die vorwrtstreibende, dem Leben nun einmal anhaftende Gestaltungskraft ausgebt haben. Die hohen Geistesgaben, so meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen berall auch im Tierleben ttiger Seelenkrfte; die Seele des Menschen sei also nur dem Ma nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur quantitativ, nicht qualitativ). Da die Naturforscher dieser Entthronung des bisher souvernen, vllig unbestritten als Zentrum der Welt aufgefaten Menschengeistes die Feindschaft aller Mnner des Glaubens an Gott und den gttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur die Schpfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn behalten knnte, sondern es strzte auch rettungslos die jedem Einzelnen instinktiv innewohnende, brigens uralte und noch lange nicht ausgestorbene berzeugung, da der Mensch doch das Ma aller Dinge sei. _Copernikus_ gab mit seiner Einreihung der Erde als eines Krnchen Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, _Darwin_ den zweiten Sto: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung. Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist lngst ins Land der naturwissenschaftlichen Mrchen gewandert: denn auch die Naturbibeln haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der Religionsbcher.) Eine Schpfung aus dem Erdenklo zwar auch, aber nicht mit einem Schlage aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der Trieb zur Vermehrung, das "Seid fruchtbar!" immer als etwas Selbstverstndliches ohne Erklrung gelassen wird. Es ist schlechterdings unmglich, den Entwicklungsgedanken in den Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendfltigen Gesetzmigkeiten, Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden mu, da der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den Schpfungsbegriff umstt. Bekanntlich war Darwin gottesglubig und mu wohl angenommen haben, da der schaffende Gott eben die langsame Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch das Schpfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich erschiene. Was dem glubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das Wunder der unendlichen Entwicklungs_mglichkeit_ des Lebens, der Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unerschpflichkeit der Mittel zum Anpassen an unzhlige Widerstnde und geheime Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck_bewutsein_ der sich vorwrts entwickelnden lebendigen Masse. Die Schpfung, die der Gottesmann im Herzen trgt als _einmalige_ fr ihn denkbare Mglichkeit der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben fr den Naturforscher stndig fr einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar unberbrckbar, uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der Menschengeist als eine hhere Stufe Tiergeist definiert werden? Es mge mir erlaubt sein, einige Grnde beizubringen, welche gegen eine solche Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nervsen Apparaten, welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine groe Anzahl Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche vllig identisch arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewuten oder unbewuten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die Mechanismen der Liebe und des Hungers--alle diese anatomischen und funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und hher entwickelt, manchmal--und das ist sehr bemerkenswert--auch in entschieden hherer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und Pferd[1]. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, da von einem Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, da es offenkundig genug ist, da solche essentiellen (wesentlichen) Unterschiede in Hlle und Flle bestehen, welche alle auf ein einheitliches Prinzip zurckzufhren sind. Der Unterschied wird bemerkbar zunchst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte beweisen, da der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitlufe grndlich verndert, da er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen aktiv vorrckt, whrend das Tier von Anbeginn seines Auftretens auf der Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel war, aktiv an seiner Lebensart nicht das geringste gendert hat. Nicht einmal Ortsvernderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben, Wohnungsverhltnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten, aktiven Variationen erfahren. Funote 1: Ein Beispiel dafr war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert. Whrend die Herren der Schpfung sehr bald abgeschleudert wurden, vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung "auf dem Platz" mhelos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe galloppierend zu halten. Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in historischen Zeiten konstant, whrend ein berirdischer Historiograph den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich fr zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen wrde. Ebenso stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, whrend der Mensch sein Verhltnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu gefhrt hat, Herr von Tieren und von Naturkrften zu werden, wovon bei Tieren in beiden Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. Fgen wir hinzu, da bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewuten Kunst und bewuten Ethik (alle darauf bezglichen Beispiele gehren in das Gebiet automatischer, reflektorischer Nerventtigkeiten, sind also Handlungen aus _Mechanismen_, nicht aus _Motiven_ heraus), so meinen wir die hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede? Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so mu mit dem Menschen eine durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es mu mit ihm ein Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip mglich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, da wirklich das, was wir Menschenseele nennen, ein Ding fr sich ist, ein metaphysisches, unerhrtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat--eine Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein drfte als die eine denkbare Mglichkeit--so mssen wir zum Erfassen einer anderen Mglichkeit eine Hypothese einfhren, welche vielleicht wahrscheinlicher und einfgbarer in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens einer bernatrlichen Macht in den Ablauf der Dinge. Machen wir uns zuvrderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verblffendste an dem Verhltnis einer schpferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: da sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele) geschaffen hat, die fhig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch Entwicklungen seelischer Kraft dazu gefhrt haben, _da die entwickelte Materie sich selbst begreift_. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu gebrauchen: Die Sonne wre der Quell aller Dinge, so bestnde das Wunder darin, da die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer eigenen Schnheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst und ihrer Gesetze allmhlich ganz bewut zu werden. Es knnte fraglich sein, ob dieses Wunder nicht _nur_ auf der Erde und keinem anderen Gestirn geschehen ist, so da die kleine Erde doch der geistige Mittelpunkt des Universums sein knnte, sein _einziger_ Spiegel. Denn unstreitig ist der Mensch fhig, sich von der Gesamtnatur, von den letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, da jeder unserer Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein mu wie eine vorbeifliegende Bleikugel, da er sekundre Wirkungen haben kann, welche die gresten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen die Natur in der Hinzufgung der seelischen Kraft zur Entwicklung gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, da eben diese Kraft der sich selbst bewute Geist des Schpfers ist, womit alle Forschung aufhren wrde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger bernatrlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen Fhigkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu erklren. Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen Ttigkeiten nicht ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser Ausbungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts brig, _als der Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben_. Diese neue Funktion ist die Fhigkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu werden. Auf dieser Funktion beruht unsere Fhigkeit, z.B. ein Pferd mit Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche Form und Bewegung eines tatschlichen Bildes entsteht, so ist der Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem, was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen. Mit einem Worte: die _Phantasie_, als eine besondere Funktion der menschlichen Nervensubstanz erfat, ist es was den Menschen aus dem Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, da man wohl sagen darf: gewi ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das hchste Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu hheren Wesen. Das letzte Tier der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch! GLAUBE UND WISSENSCHAFT Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zugnglichen im Weltganzen zu begreifen--diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame Quell alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende Kniginnen im Geisterreiche stehen sie sich gegenber und sind doch Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis--der Kausalitt--geboren, Glaube und Wissenschaft. Da bisher nie ein ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren Vertretern mglich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige berzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte Gesetzmigkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen Falle zu einer unverrckbaren Einstellung unserer logischen Ttigkeiten auf einen bestimmten Zentralpunkt fhren, der in der Art zwingender Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlufolgerungen darstellt? Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie reit den einzelnen in unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat infektise Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erlsenden Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden Begriffes sein? Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so gehrt ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer ntige Resonanzflche zu schaffen. Das geschieht, "wenn die Zeit gekommen" ist, wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des organischen Saatfeldes vorbereitet ist fr den neuen Keim. Das Aufdmmern neuer Kombinationen von Ganglienttigkeiten in einem Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlubereiter, bisher nicht durchleuchteter Gebiete wrde verlschen wie eine Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewutseins der Mitlebenden, wenn nicht im Stillen gleichmig eine Zndflche in mitgeborenen Gehirnen geschaffen wre; wie es ja oft genug geschehen ist, da entwicklungsgeme Gedanken erst Jahrhunderte spter ein tragfhiges Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese Zndkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichmig herangediehen ist an die letzte, entscheidende Auslsung, die nur Einem, manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen berraschend durch ihre Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst Goethe gesagt hat: das Auge mu sonnenhnlich sein, wenn es die Sonne zu sehen vermag, so fllt dieser Funke auch in nervse Systeme, welche spezifisch empfnglich sind fr das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist, weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des Ansteckungsstoffes vorangehen mu. Formeln also, welche in der Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen Anschlureiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von dem buchstblichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu sttzen, so kann man sagen, da alles Objektive, alles sogenannte Allgemeingltige naturgem einem Wandel unterworfen ist und da das Objektive bei seinem erstmaligen Auftreten zunchst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h. etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis eine noch zwingendere subjektive Kombination diese "Wahrheit auf Zeit" ablst. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die Wissenschaft. In groen Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das Rtsel der Welt zu lsen, in jedem Glubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache der Annahme dieser oder jener ihn ganz erfllenden berzeugungen ist, so kann es nicht wundernehmen, da eine groe Reihe von Parallelen sich aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in beiden Fllen handelt, so kann die Berufsfrbung, welche unabnderliche Vorgnge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen. Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen Wissenschaftlern und Glaubensmnnern bis ins Einzelne durchfhren, es mge gengen, auf einige naheliegende hnlichkeiten hinzuweisen, um wieder einmal daran zu erinnern, wie mig es eigentlich im Grunde ist, wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten erffnet werden. Ich wrde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spie mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische Schrfe nehmen knnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete: "Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du nur den Gottesgedanken." Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen wrde, es bisher auch nicht mglich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so mu man zugeben: auf beiden Seiten ist ein groer Unbekannter, und je nach Temperament und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und symbolisiert und auf der anderen Seite mit khler Logik analysiert, was brigens die Ehrfurcht nicht ausschliet. In beiden Fllen aber ist eine gedachte, substituierte, der ueren Erfahrung nicht zugngliche, nicht beschreibbare, fabare und erkennbare Grundmacht der Urgrund aller Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit dem ther, seine Erfllung des Weltraumes an jeder Stelle etwas anderes als die Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher Formel? Ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung? Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft nhert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser Mglichkeit, so ist die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr auer dem Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte hnlichkeit mit dem Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem Monismus eine auf viele Einzelkrfte aufgebaute Kraftlehre? Und weiter--der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die Gegenberstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen fr funktionelle Vorgnge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt bleiben, mag Zufall und Wahl seine Trger nun zur Gemeinschaft von Priestern oder von Naturwissenschaftlern gefhrt haben? Es ist eine nicht mehr zu bestreitende Tatsache, da die Naturwissenschaft ebenso dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an Voreingenommenheiten, berlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben ein allgemein menschliches Hindernis fr den Fortschritt, ganz gleich, ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die Ppste der Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche und sind es noch. Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbrder der Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei, die Verketzerung anders Glubiger und tausend andere Menschlichkeiten hier wie dort. Alle diese Beispiele beweisen schlagend, da die allgemein menschlichen Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert werden knnen, da die menschliche Seele als Funktion eine Einheit bedeutet, da alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen mssen und da im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda seiner Lehren nicht anders verfhrt als der Wissenschaftler. Nirgends wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich zwischen Priestern und rzten, die beide als die praktischen Verwirklicher religiser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben. Es mge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet sein. Weniger die Priester als die rzte drften erstaunt sein, wenn man den Nachweis versucht, da diese beiden Ttigkeiten tief im Wesen verwandt und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame Frsorge um den Einzelnen, dort in seelischer, hier in krperlicher Beziehung; ein Vergleich, der sich geradezu aufdrngt und nicht nur in der Forderung wurzelt, da in jedem Arzt etwas Priesterliches sein msse, sondern viel mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und krperlich Notleidenden bei nherem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers, der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester trstet die Seele und hypnotisiert sie, reit sie hinweg mit den befreienden Ideen des Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im Reiche hherer als irdischer Mchte, psychologisch gesprochen, er erhebt die Seele ber die Gegenwart mit der Suggestion einer groen Hoffnung, gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit Morphium, Narkose und Anstheticis eine funktionell der Hypnose ganz nahe stehende Bewutseinstuschung ber den Zustand der Gegenwart. In dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch Gedankenbertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben mchte. Verfasser hat den Versuch unternommen, fr die Narkose, fr die Schmerzlosigkeit Prinzipien aufzustellen, welche auch fr die Giftwirkungen die Auslsung physikalischer Vorgnge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der Bewutseinseinschlferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der physikalischen Hirnhemmung zurckgefhrt zu haben, so da einem Menschen auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, fr den Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser beruhigender Medikamente: in beiden Fllen geschieht ein Appell an denselben Mechanismus: Eindmmung, Einengung, Blendung, Hemmung des Bewutseins. Was Priester und Arzt gro und mchtig macht, ist dasselbe: die starke, suggestive Kraft ihrer Persnlichkeit, welche in beiden Fllen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion, der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht allein im religisen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich begrndet, sondern bedarf in beiden Fllen der Zutat tiefgreifender Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele ffnet fr den Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung mu von beiden gleichermaen belebend in das Dunkel der verzagten Seele ausstrahlen. Wie oft ist die fromme Lge, die Heiligung der Mittel durch den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen rzten vorgeworfen worden, und welchen Arzt gbe es, der um ein Stck "frommer" Lge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumkme? Nein, ganz gewi ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewut und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensmnner in gerechter Wrdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von dem "Lourdes" der Glubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines Ablazettels fr Snden des Genues, hat nicht die Medizin immer noch den alten, psychologisch auch tief begrndeten Brauch, hier und da Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Glubige pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung, die hier vergebene Snde im folgenden Winter reichlich nachholen zu knnen! Die Medizin kennt Ppste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten sind dagewesen, wo wissenschaftliche berzeugungen die Herrschergewalt von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und Andersglubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott, das Abrcken, das Verfehmen, das in modernen Zeitlufen, nur scheinbar schonender, dem "Protestanten" den Strick oft genug gedreht hat. Die Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik, Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.-- Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer Anwendung Wissenschaft und Glaube berhren, so ist ihre Verkettung in ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden drfte von dem Gefhl der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets ein Staunen ber den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die durchforschte Auenwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der sprende Spaten auch reicht, berall wird er auf Granit des Unergrndlichen im letzten Sinne stoen und wird, falls er gerecht ist und fhig, die Probleme psychologisch zu begreifen, in hchster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich ber undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er wei, da Dinge des Gemtes und der Phantasie weder zu sttzen noch zu widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des wissenschaftlichen und des religisen Denkens, die sie beide der Kunst nhert: die Phantasie. Ohne sie gbe es keinen neuen, fruchtbaren Gedanken, ohne sie wre aber auch kein Glaube mglich. Dieser schpft aus den Tiefen des Gemtes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird eine Wissenschaft das religise Empfinden auslschen knnen, nie aber auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der khnsten Gedanken der Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strengglubiger Kirchengnger sein. RAUSCH Rausch--welch ein wunderbares, eine Flle tonmalerischer Anklnge in sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkwrdigster und tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans Ohr, die an ein schumendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein im Sturme zitterndes Blttermeer gemahnen, hnlich wie ein diskretes Parfm von Veilchen die dazu gehrige Wiese und den Wald, Himmelsblau und Freiheitsgefhl der Seele aufzuntigen vermag. Wie treffend, ja erschpfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand, der den "Rausch" bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden, direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun vermchten. Woher stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgrndige Weisheit, da sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche die grbelnde Wissenschaft auf mhsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, da unsere Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische Projektion psychologischer Vorgnge im inneren Rderwerk der Seele nach auen. Frwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre Schtze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter kleinster Teilchen, mgen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des Grases, schwingende Saiten der olsharfe oder die zitternden Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns, sein. Wer doch einen Blick hinein tun knnte in den feinmaschinellen Przisionsbetrieb der fnfzehn Millionen schwingender, webender, gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines _Goethe_, eines _Helmholtz_, eines _Beethoven_ ebenbrtig wre! Wer nur, wie der denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in seine Trume sehen knnte--dem wre alles, alles klar! Denn, was nutzt es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in feinste Scheibchen zu zerschneiden--im lebendigen Spiel, in jauchzender Arbeit, im Rausch des Lebens mten wir es schauen, wollten wir den ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gef erhabenster Gedanken berblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift zu einer Werkstatt gar fr Menschenflgel durch das Reich der Luft, an ihrer Spitze die Elektrizitt, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.--Da hngen die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem Maschennetz, so zart, da Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder Ankerketten sind; wie feinste Trubchen im Spalier, wie Windenblten am Drahtgitter sind sie ausgest und senden aufleuchtend ihre Feuerstrhlchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Auenweltreizen oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufhngeschnrchen rhrt, dann blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die gibt's jetzt nmlich auch), zittern und machen es wie die Sender und Empfnger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen, irgendeine Form der Milliarden Mglichkeiten von Bewegungswellen, von Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen Vorgngen auerhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher Sandkrnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann wei es die Seele: der Menschenfinger hat eben etwas glhend Heies gefat, 5000 Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend fr blitzschnelles Rckwrtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: heie Ofentr, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, l aufstreichen, zum Doktor gehen! Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die Knigin der Seele, die Phantasie, aus den Himmelsrumen herniedersteigt, denn nur vom Geist der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberfllhorns in die Menschenseele trufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen und Verlschen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz hnlich wie eben geschildert, nur da hier das Spiel innerlich vom Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder lsender Erinnerungen erregt wird. Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, whrend 1000 Zellen "Stiefel" leuchten, knden andere "Mondkalb", "Schweinebraten", "Fis dur"; die Finger- und Armkrne zucken, die Beinregister wirbeln durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals, ohne die fliehenden Dinge fassen zu knnen--das Struwwelpeterbild eines berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, hnlich wie an einer pltzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem brllenden, zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die Hemmungen, die in der Elektrizittszentrale wie im Gehirn die Ordnung garantieren, sind kaput. So wrde der Bescheid eines kundigen Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion) hat nmlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material (Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der groen Pumpstation aller Sfte und Krfte, dem Herzen, her. Je nach Fllung und Entleerung dieser Berieselungshllen der Nervenkntchen in Gehirn und Rckenmark sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, da man immer so weit ausholen mu, wenn man Fachgelehrsamkeit populr machen will; die dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen, bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln, -pltschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Blttchen im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen her mit dem Alkohol. Die kleinen, anfnglich vom Willen des ganz vernnftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend solid zu sein, noch gut beschrnkbaren Dosen des mehr Leiden- als Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen Gezweigen des Blutgefsystemes auch die letzten, kleinen, feinen Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme Beimengung lt die Gefnerven ihre Fhler einziehen, die Gefrhrchen werden enger und damit die Ganglien austauschbereiter, anschlu(assoziations-)lsterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser eben noch ganz in seiner Wrde eingekapselter Tischgeno wird merkwrdig lebhaft, spricht flssiger als sonst, ihm fllt auch wohl gar eine hbsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, ber die er beinahe selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude rter wird als sonst; das gibt ihm ein Gefhl von Huttenscher Lust, zu leben, obwohl ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser Lebensfreudenberschu gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht so zimperlich zu sein, dem schnen Stoff mal kraftvoll auf den Leib zu rcken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher wird, sein "ungehemmter" Geist schwebend leicht ber Hh'n und Tiefen aller Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender Schnheitsinnigkeit; das alles macht die mit den "Einzeldosen" steigende Anschlufhigkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind durchlssiger geworden, sie sprhen sich Welle um Welle zu, in lustig hpfendem Tanz, indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden Schwanz der munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von Kontaktmglichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort heit) gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht unseren Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender; Selbstberschtzung, Renommiersucht, Grenwahn verderben die geistige Atmosphre. Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gefnerven, welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil, in Lhmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainagerhrchen um, und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser lchelnder, jauchzender Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum tppischen Mllersknecht mit trgster, langsamster, bldester Telephonleitung. Die uglein blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und kndet nur noch die bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt sinkt und endlich--ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht mit jenem unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgelscht, Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewutseins verwiesen. Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen Exzentrizitten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. heit. Ja, die Herkunft des Alkohols schon frbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist brigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte, anhaften bleibt, so da in der berauschten Seele des Menschen sich etwas von der Heimat der Trnke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So haben Haschisch und Morphiumtrume immer etwas Orientalisches in ihren Motiven, und der Kartoffelspiritus verrt pommersche Derbheit und Kraft nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs Schaumwein seinen perlenden Geist. Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserhhung, Anschluleichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich ganz hnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes, als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die brausenden, rauschenden Wellen einer vollaustnenden, bermenschlich schnen Sprache, in das gleiende Spiel einer geistsprhenden Gedankenkunst, in das se Wogen und Wiegen einer hinreienden Melodik und Harmonie? Im Mittelma schwingt meine Seele, aber die extremen Rhythmen reien sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Alltglichen von meiner Seele reit, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Bltter meiner schnen Mglichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir glhende Nebel von Sonnen der Kleopatra, die ohne des Knstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir ihren mystischen Spiegel erhalten htten, sie gibt mir Farbensymphonien, die mit mir vielleicht htten sterben mssen, wenn nicht eines Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall gemacht htte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen, exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den schnen, von weicher Hand gespendeten Berhrungen und Streichelungen bis zu dem des Auges, das schne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt--immer dasselbe daseinfrdernde Lustgefhl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen, schmelzender Erstarrung. Da tnt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert, der sonnenwrts gerichteten Seele gereicht werden knnen. Seid von der Schnheit dieser Welt berauscht--das ist wohl die beste Lehre eines Kmpfers gegen den Teufel Alkohol! Treibt mein Blut ein Himmelswirbel? Zukunft steigt aus Vlkerschmerz, Ewiges aus Lebensglut, Menschheit, dir gehrt mein Herz! (Franz Evers) DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, da der ganze groe Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer Nervenfden und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen, kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist zweifellos der Trger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange bleiben. Ist doch die ganze groe, geistig-humane Idee der sozialen Frsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem glcklich berwundenen Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen drngte, sie, welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit lngst berstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene, die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und lngst in ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese Knigin des Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der groen Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst, diesem einst so mchtigen Wrmfeuer menschlicher Gemter und Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, da ihre schn gewirkten Fahnen schlaff am Maste hngen, whrend ein frischer Wind dem stolzen Schiff der Technik alle Segel fllt? Wohl ist es eine Zeit der fast gttlichen Verehrung groer Knstler, die nicht einmal immer den Vergleich mit ihren greren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflute, unserem Willen und Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und berstrahlt alles. Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, da auch in der modernen Kunst das technische "Wie?" fast alles ist. Das ist nirgends offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten werden, da wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer vertrumten, gefhlsinnigen und grbelnden Seele--vielleicht gerade deshalb--das musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit uns bisher konkurrieren um den Preis der grten Leistungen, der ewigsten Werke der tnenden Kunst, dieser Fhigkeit, von Seele zu Seele zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Schnheit des wirkenden Gtterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen knnten. Die Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten. In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Flu, der Friede der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer ihrer schwebenden Akkorde. Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles Naturerscheinen ist ihr ausdrckbar. Jedem Menschenschicksal, jedem Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist wie ein allen Fhlenden gemeinsamer, dem Hchsten und dem Geringsten offener Tempel, in dem ein Glaube verkndet wird, vor dem ohne Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist wie eine unbewute, stille friedliche Einigung ber alles Zwiespltige von Menschenbrust zu Menschenbrust. Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher Besitz von etwas berirdischem, wie ein verstecktes Stckchen Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines gttlichen Wanderers ber irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein Kstlichstes bewahrt--wie sollte man nicht bedauern, da die Art, wie man heutzutage die Musik zu etwas unerhrt Khnem, knstlich Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu entfremden! Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen, so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache des Gefhls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst schlielich ein Bildungsvorrecht der Begterten, einer kleineren Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der Seele der groen Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere ursprnglichsten, innigsten Empfindens, mu sie auch Eigentum des Volkes bleiben. Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der Knste und Wissenschaften ist die Siegeslaufbahn der Musik. Whrend alle anderen Zweige geistiger Kultur, alle anderen Knste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel der Klassicitt aufzusteigen, durchma sie, diese empfindsame Interpretin einer Logik des schnen Gefhls, den Zeitraum ihres Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die erhabensten Menschheitshhen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von Bach bis Wagner und welches berschumen in unseren Tagen! Und das alles im schnellsten Tempo berreichen Wachstums, so da gleichsam im Umsehen die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen Domen und Palsten emporwlbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur pflegt auch den edelsten Gewchsen die Entartung zu drohen! War die Musik der alten Meister eine unpersnliche Anbetung eines selbstgeschaffenen, nackten, schnen Weibes, so scheint man in der Zeit der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser Gttin mit eitel Schmuck und bunten Gewndern zu berschtten. Den Kultus des Leibes lste ein Kultus der Trachten ab. Statt des schnen Gemldes ein Chaos bunter, gleiender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln ingeniser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundri ist der Trger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken verdeckt die reinen Linien des innersten Gefges. Dieses berwuchern des Technischen in der Musik hat, so verblffend die Resultate in bezug auf die Freiheit aller selbstndig gefhrten Stimmen (Polyphonie und Kontrapunktik) sein mgen, eine groe Gefahr: die des Ausweichens der Musik auf das Gebiet tonmalerischer Gerusche! Das Exzentrische der verblffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets langsam nachrckenden Verstndnis der breiten Massen vorlufig viele Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die moderne Musik berhaupt Anwartschaft hat, bis zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verblffen und hypnotisieren, fanatische Anhnger und unerbittliche Gegnerschaft erwecken--erwrmen, vertiefen, rhren, erschttern und das Heiligste in uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand, zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gemt des Hrers, diese Knige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende, erhebende Kraft fr das Volk hat. Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturstrmungen unserer Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die mden Verfolgten jederzeit fliehen knnen und wo ihnen keine Macht der Erde kraft himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir keine Mglichkeit, den Strmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen entgegenzusetzen, als die, dem nervsen Impuls unserer Zeit durch gesunde musikalische Gensse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht nur, da die Irrenrzte wissen, da einfache Musik beruhigt und sanft stimmt, Illusionen zerstrt und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat an sich schon dies innerliche Aufatmen der gengstigten Seele, dies Stillewerden der Dmonen vor den heiligen Klngen versprt. Wahrlich, gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen, beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen auf das Gemt des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden, die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es ist, als gbe es in unserer Riesenstadt pltzlich Tausende, die der Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die Militrmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein Rattenfngerlied an den Herzen reit und lockt zur willenlosen Nachfolge ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefat, ist die Musik eine Kulturmacht ersten Ranges, sie ist fhig, dem Gemtsleben unserer Zeit eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie ist die gefhlvolle, snftigende Schwester der vorwrtsstrmenden Technik. Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begrt werden, als die Absicht, den breitesten Volksmassen die Mglichkeit zu geben, gute Musikauffhrungen zu genieen. Man mag darber streiten, ob die Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann nicht zweifelhaft sein, da der Erziehungswert gerade der Oper fr das Volk ungemein hoch einzuschtzen ist. Gewi, es mag dem scharfen Denker unnatrlich erscheinen, da die dramatische Handlung durch Gesang, Chre und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verzgert wird, aber liegt nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuhrer die Seelenspannungen der Handelnden einzuprgen? Ist es nicht die beste Art, auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verstndnis fr alle Menschlichkeiten, fr jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung bertroffene Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche Flle von Volkstmlichkeit spriet uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen! Wie unmittelbar verstndlich aber auch reprsentiert sich der fremde Volkscharakter in der italienischen und franzsischen Oper! Fr die breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell beraus wichtige Mglichkeit, auf die angenehmste Art ein Stck Vlkerpsychologie und Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen, phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unerschpfliche Flle von fruchtbaren Bildungsansten erhlt. Mit der ganzen Zauberlockung, die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor dem Genieenden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena aller Knste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkstmlich blieb: im Lohengrin, Tannhuser, Fliegenden Hollnder und dem deutsch-nationalsten Werke neben dem Faust: den Meistersingern? Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in Flle, um ihr Amt als Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erfllen. Gerade unsere deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen Kulturfaktoren unserer groen Zeit zu erringen. Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verrckenden Einflu der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen Verblffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die groe Oper noch viel mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der Tne zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des Besitzstandes der Musik von ihrer Heimsttte, der Volksseele. Wo sind die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm volkstmlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon mit gleicher Selbstverstndlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, da die schwerste Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen zchtend, von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend ntig, eine heilsame Rckkehr zur erprobten, altvterlichen Klassizitt dringend geboten. Wieviel Heil knnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes mte sie bieten knnen, wenn sie den zirzensischen Vergngungen der Menge, den Varits, den Ausstattungsstcken, den Ringkmpfen und anderen sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man mte ein schlechter Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, da die Volksseele zwar leicht auf Irrwege zu fhren, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten Sinne vom geraden Wege der Aufwrtsentwicklung abzubringen ist. So kann sie sich lange von verblffenden uerlichkeiten blenden lassen, aber schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern. Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast berfllt, die Seele, das Gemt in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber knnte die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, gelutert, gerhrt und auf menschliche Gte gestimmt werden, als vor dem Altar der Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Schnheit verkndet haben! MUTTER ERDE Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich hinauszogen vor die Tore, ber die junggrnende Heide hinweg, am Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub, haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das Frhlingsgrn! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren oder die Nase, nicht blo durch die Augen dringt, und so das Mark mit jauchzendem Optimismus fllt! Etwas "Betrinkliches" mu dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der Natur, als dem tglichen Umgang mit "stofflichen" Dingen. Dennoch war sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit ihrer bebrillten Detektivnase herausgetftelt: es gibt im Chlorophyll (grnes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns bergehen und sonderbar schwellende, prickelnde, se Unruh schaffende Wellenkreise an unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie aufgebaut, so da man von nun an vorsichtig sein mu mit Leutchen, die es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzpltzchen. Leuchtendes Dunkel, dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz, Reibungsleuchten, Rntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen Leuchtkferchen der Natur alle benamst sein mgen. Sie alle kann das arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der groe _Helmholtz_ einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen, und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten Glasrhren, in welchen elektrische Flammengarben sprhen, von denen sich das unsichtbare Licht abstt wie Ru von der Kohlenflamme (im Rntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen weniger durchlssig sind als die menschliche Netzhaut, und rckwrts sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend andere haben nun gelehrt, da eigentlich alles, was ist, auf Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und da die Reihe der Strahlen mit den sichtbaren Strmen von Glanz, welche die Sonne ber unsern finstern Planeten ausgiet, lange nicht abgetan ist, sondern da eben auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte Wellenbewegungen des thers alles, was ist, auch das Leben, mit hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unzhligen Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse anpeitscht, wie ein Wasserfall des Mllers Rad. Das Leben des Kosmos, der leuchtende Odem der Welt, bertrgt sich auf die Materie in Gestalt rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuhufen, um auch nachts und im Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im Grn der Pflanzen, im Rot des Blutes. Der grte medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, _Ottomar Rosenbach_, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularstrme bis ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar vorausgesagt. "Die reichlich flieenden, unsichtbaren, feinsten Strme der Auenwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch somatischen Energieformen!" Da haben wir des Rtsels Lsung: Das Grn des Frhlings, der Glanz der Bltter und Blten, das Himmelsblau, das Spiel des Lichtes, sie alle haben berall gleichsam hinter sich unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in die geheimen Werksttten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die Triebkraft die im Meere gelsten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall all ihrer Krfte zusammengeschweit hatte, da gab die in erster Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft in der gleichen Form zurck. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen die Kiellinie seines Schiffes aufglhen im Fluoreszenzlicht des leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So glht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von bestellender Hand aufgelockerten Erde im Frhling das Licht der Welt zurck. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht Luna, die kalte, kraterstrotzende Schnheit ist die Gattin der Sonne, nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (brigens schwerlich in Einehe lebenden) Knigsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere nach _Fechner_ durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und Kreislauf der Gewsser zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren atmosphrischen Nebelschleiern berall Wiegen und Brutsttten fr ungezhlte Geschpfe trgt, von denen die kleinsten nicht weniger Wundertrger sind als die grten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges Grab deiner Geschpfe, die vorgeschriebenen Kreise, hllst dich ins hochzeitliche Grn und schlfst unter dem Linnen des hllenden Schnees. Du reckst die Kuppen deiner Berge und die schumenden Arme der See empor zu den Feuerstrmen deines Gebieters, und in deinen Tiefen und Hhen, in deinen Schlnden, deinen Hllen glht es allberall von den Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott tglich aufs neue berstrahlt. Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die wir dich niemals ganz in voller Schnheit sehen--denn eine Weltreise selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib--bist du an jeder Stelle die hllende, liebende, prgende Mutter! Denn unsere Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns prgt die Scholle, uns fesselt die Scholle und lt uns nie mehr los mit tausend und abertausend Fden, die aus dem Boden stammen. Welch eine geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gemtes. Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine Lieder, seine Sehnsuchten abhngig sind von dem Boden, der ihn geboren? Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schlielich abstimmt auf eine biologische oder sthetische Einheit, die so klar hervortritt an den autochthonen Poeten der Heimat. BER GRBCHEN UND FALTEN Wer aufmerksam einem Portrtmaler bei der ersten Skizzierung eines menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig Linien eine "schauende Hand" ntig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig armselige Kohlenstrichelchen gengen, um die Wunder der Persnlichkeit auf das schrfste und zwingendste zu umschreiben. Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen ber dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der Knstler tastend nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern rechnende Ausweichung, Verlngerung oder Verkrzung eine schon vollendete hnlichkeit gnzlich ber den Haufen werfen. Sonderbar: es sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien, Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen ber den starren Wlbungen des Kopfskeletts, die die Persnlichkeit fr das Auge blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer individualisierbaren Linien der knchernen Grundlage des Kopfes. Es ist ein eigentmlicher, aber doch richtiger Gedanke: man wrde ein geliebtes Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer Schar von Totenkpfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin herauszufinden imstande wre. Auch wird zur Rekognoszierung der Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten Schdelmae eines die knchernen Verhltnisse bercksichtigenden Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte, mystische Trgerin der Persnlichkeit, hat keine Gewalt ber ihr aus Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare, stumpfleuchtende, hllende Mantel des Krpers, dies schmiegsamste natrliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner Muskelstrhnen, die auf das feinste und vielfltigste die zarte Decke der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht unaufhrlich spielt, oder der Spiegelflche eines Sees, ber den Wind, Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende, nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen knnen, die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in Qualen verzerrtes Antlitz erhlt, ist wohl nicht der Abglanz einer zum ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits--ach! wenn es doch so wre!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger Muskelspannungen, das sanfte Zurckgleiten aufgewhlter Muskelwellen in die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel laufenden Bgen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel treiben,--die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das Charakteristische, das Verrterische, das Snftigende oder das Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch Abstoende oder den berirdischen Liebreiz, das Dmonische oder das Gttliche geben. Vor die starrenden Hhlen des grinsenden Schdels breitete uns Natur eine weiche, zart getnte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und hngend ihr Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Wei des sehnigen Gewebes erhlt. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche Modelleur ist das Fett, die Fllsubstanz, die Abrundung gebende Masse, die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus feinen, gelben Trubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische Substanz in der Hand der grten Bildnerin Natur. Die unendlich wandlungsfhige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, da das Gesicht oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion, allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und entleerungsfhigsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten Zge der Wangen und der Gesamthaut beim pltzlichen Absinken der Krfte im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im hchsten Schmerz! Ohne da ein Muskel zuckt, fllt der Tonus der Haut, das mittlere Ma gesunder Spannkrfte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die strotzende Fllung der Fett-Trubchen, und das hohle Polster entzieht der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen ber die physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser "blauen Ringe der Venus". Die Lagerung der Augpfel ist vom Gehalt der Augenhhlen an Fett abhngig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei Gram und Grbeln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett die beiden Augpfel abwrts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenhhle, die das dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des Zurcksinkens der Augpfel kann so momentan vor sich gehen, da eine schwere Anstrengung, ein vorbergehendes Ermatten des Herzens, ein Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die hchste Wonne der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz pltzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge erkennbar machen. Wir verstehen also, da ein Schwinden des Fettes z.B. im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der nutzlose Kampf gegen Runzeln und Krhenfe wrde nicht so verbreitet sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilitt, nicht so verrterisch fr die Zahl der Jahre wre, die ber ein Antlitz ihre Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Da hier ein feinerer seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall besteht, beweist, da es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe ist, die Faltung und Runzelung verhtet, weil das Alter ja im allgemeinen fett macht, sondern da es eine gewisse Schwellbarkeit des Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die jung erhlt, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende Intensitt den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische Potenz nimmt. Und nun zu den Grbchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein knnen, so weich wie die von dem Flaum einer Mwen- oder Schwalbenbrust im Seesand eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Trubchen zu tun; sie sind nicht, wie ein Poet sagt, "die frohen Tippstellen einer mit ihrem Werk zufriedenen Gotteshand", sondern sie sind an sich prosaisch genug Hauteinziehungen ber Schmelzlcken des inneren Fettgusses. Wo Muskelgruppen gegenseitig Lcken lassen, die nicht wie sonst durch die plastische Fllmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil diese Polsterlcken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren unaufhrliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben. Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten, huschenden Beschattungen des Gemts dem Seelenforscher verrterische Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelbndel erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so komplizierte Mechanismen, da es denkbar ist, da zwei Menschen der Sprache entraten knnten, um sich ber alles Wesentliche zu verstndigen, und da die Mglichkeit besteht, da viele Tiere nur durch eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden Meinungsaustausch und Verstndigung erzielen. Man denke an die mimische Nachahmbarkeit der Gesichtszge bei Schauspielern, um sich ein Bild von der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird es doch immer wahrscheinlicher, da die oft zu beobachtende hnlichkeit miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht. Und auch die hnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag hufig mehr funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten der Eltern lassen die Kinder hnlicher erscheinen, als sie es in mebaren Formverhltnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich sind. Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne bertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdrcke nach, auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So schreibt die Seele mit flchtigem Griffel ihre Neigungen, Wnsche und geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unschne Zge durch heien Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus der Hand des Gttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr in Gesichtern als in Bchern lesen lernen! DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die Gewohnheit. Sie versteht es, Rtsel, Merkwrdigkeiten und Probleme des Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so da nur wenige von uns hinter ihren Kunststckchen die Mglichkeit eines noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung vollkommen die Erklrung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu begreifen, und Phnomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon und Biograph, den Enkeln als die selbstverstndlichsten Dinge von der Welt erscheinen. Dem groen Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht anders: Gewohnheit und Routine ntigen uns eine Brille auf, die in dem Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten Mchten, allen Mrchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns vorbeisehen lt. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewi so sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das trumerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergrndung sehnschtige Gemt in den Bann der "Bedrfnisse des praktischen Lebens" zurckbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von merkwrdigen Dingen, ber die er anders zu denken, als es die Tyrannei "allgemeine Ansicht" mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl einen tief verborgenen Trieb versprt. So ist fr die meisten die Tatsache, da Wunden heilen, eine naturgegebene und selbstverstndliche Eigenschaft des Lebendigen, ber die es fr die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als die Forschung Mittel und Wege verheit, den Ausgleich einer Gewebsdurchtrennung sich mglichst schnell und grndlich vollziehen zu lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgem viel mehr, als das Problem der dabei ausgelsten Krfte: die geheime Spinnstube des Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren Zustand prfend abwgt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem Ersatz des Verlorenen, _einem Versuch zur Unsterblichkeit_. Wenn er ein bichen Knstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von der Ehrfurcht berhren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen Tren naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung, einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer aufs neue, auch ohne da es uerer Gewalt zum Opfer fllt: unsere Fingerngel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollstndig neu erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4 Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner Krperoberflche sein, die heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere Seele fllt, wird immer neu gefgt vom Rand her und immer neu geputzt vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen Krper durchstreifen Millionen wandernder Semnner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte aller organischen Gebilde mit neuen Keimen berschtten. So ist das Wunder des Sens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am Werk. Die winzigen Handlanger dieser stndigen Arbeit bei Tag und bei Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abkmmlinge jener Wunderzellen, die eine rtselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das Dasein eines jeden von uns sprang: die Trger der erhabenen Idee der Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis fr die Unvernichtbarkeit des Lebendigen, fr die kontinuierliche Erhaltung auch der kompliziertesten Krfte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als der Nestor der Anatomen, der greise _Klliker_ in Wrzburg, als direkte berbleibsel des befruchteten Eies auffate, die sich zu Millionen Individuen, zu weien Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm Krper vermehrt haben, springen nun berall ein, wo es eine Neuarbeit, eine Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie kmpfen mit Bakterien, produzieren Heilkrper, sie stillen die Blutungen durch Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten Geweben aus den groen Drsenarsenalen der Verdauungshfen zu, sie sind die Lasttrger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Gerste aufbauen und Ruinen abtragen, berall gegenwrtig und immer bereit, aus den tausend Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen lt, hinauszuschlpfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner Hygieniker, Krieger und Friedensfrderer zugleich. Wo organisches Leben sich erhlt und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der Ergnzung des Verbrauchten. Diese Fhigkeit ist merkwrdigerweise fr die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine hchst wechselnde, d.h. der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann, scheint in umgekehrtem Verhltnis zur Ausprgung eines erhhten, individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur Artreprsentant ist, desto weiter geht die Ersatzfhigkeit des Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen zugehrigen Teilen abgeschnittene Fhler, Beine und Scheren; Schnecken erhalten ganze Teile des Kopfes mit Fhlern und Augen wieder; Fische vermgen die verlorene Schwanzflosse vllig wieder auszubilden. Bei Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des Rckenmarks, ja bei jungen Eidechsen fhrt seitliches Einkerben des Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung ber den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt. Es ist beinahe, als htte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach schnere Augen einsetzen zu lassen. Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstqulerischem Grbeln ber die eigene unzulngliche Schnheit, kann mit diesen hohen Gaben der Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mibrauch treiben. Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir erfahren, da man den Schirm der gelatinsen Meerqualle (Meduse) in beliebig viele Stckchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes, neues Quallenindividuum hervorwchst, sofern nur an dem Torso ein Stck des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, Swasserpolypen, Ringelwrmer die Fhigkeit zeigen, aus zerstckelten Trmmern eines Individuums ebenso viele Shne und Tchter zu bilden? Man denke an das in diesem Fall glckliche Opfer des berhmten Schwert- und Schwabenstreichs--die zur rechten und zur linken herabgesunkene Trkenhlfte htte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar erhoben--wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt wren! Fr uns Warmblter ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltblter knnen sich also im Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enthlt in sich alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte Mensch so arm: die Narbe, diese rtliche, spter grauweie Marke, dieses Kainszeichen eines Unglcks, einer von auen wirkenden Gewalt, bei Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer Heldenhaftigkeit--dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige, womit im gnstigsten Falle die Krone der Schpfung zum Ausgleich beschdigter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerstrten, in diesem scheinbar so unvollkommenen Surrogat hher organisierten Gewebes stecken so viele merkwrdige, abgelaufene Prozesse, eine solche Flle bildnerischer und zum Teil problematischer Vorgnge, da es sich wohl auch fr den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre Entstehung zu werfen. Wohl jeder trgt irgendeine Narbe an sich, deren Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf. Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder reiender Gegenstand in unsere Krpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung oder Durchtrennung die Oberflche oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen Rckenmarks, durch deren Lsion das Leben wie an einem geffneten Ventil ausstrmt, stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die berall sind: Lymph-, Blutgefe und das sttzende Gerst, die Bindesubstanz, in die smtliche hheren Organe, Drsen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn neben dem knchernen Skelett durchsetzt, hlt und sttzt unsern Krper ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich funktionierenden Substanzen aufgehngt sind. Dieses Maschennetz stellt zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgefe und Nerven ihre Strme zu den Zentralorganen hin- und zurckleiten. Diese drei Faktoren werden also berall getroffen, wo die Kontinuitt des Gewebes gewaltsam durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und sprungbereite Wchter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht seinerseits das herausstrmende Blut die eingedrungenen Schdlichkeiten abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gelste Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte produzieren wrden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes mit der Luft, beim Aufhren der gewohnten Berhrung mit der inneren Glasur der Gefrhren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage fr die Organisation der spteren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die weien Blutkrperchen aus, die dem zerrissenen und aufgewhlten Mutterboden die neuen Saatkrnchen zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufhrlich, Zelle um Zelle des Mutterbodens, die Gefhutchen, die Saftlckenauskleidungen, die Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den Fhlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos vorwrtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten berhren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis cellula e cellula, auf deutsch: Art schlgt sich zu Art, wie hier bei der Wundheilung. Allmhlich entwirrt sich das Chaos; was zu Gefen gehrt, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gefllt ist mit den roten und weien Ernhrungszwischenhndlern, den Blutkrperchen; das Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkrftigen Spinngewebe zusammen, dessen Elastizitt gleichsam wie mit eingelassenen Stricken die Wundrnder stndig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie einander nhert; die Nerven senden ihre Fhler kontinuierlich aus und finden sich sicher in dem Wirrwarr bereinandergehufter Mauersteine zurecht. Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die Hnde und bilden die Strebepfeiler des neugefgten Lebens. Es legt sich Gefkolben an Gefkolben, Nervenbndel gegen Nervenbndel, und das immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene Lcken und Kanle, so da schon in weniger als zehn Tagen, bei ungestrter Heilung, Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des provisorischen Gerinnsels herber und hinber rollen. Darber deckt sich schlielich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem Muttergewebe aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und Kanalisierungssystems--wunderbar genug--nicht frher und nicht spter, wie auf ein bewutes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und ber die noch etwas erhaben rtliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Ansto zu all diesen mit dem Mikroskop mhsam durch die Arbeiten eines _Virchow_, eines _Thiersch_, eines _Billroth_ erforschten Keimungs-, Sprossungs- und Reparaturvorgngen? Ist es nicht merkwrdig, zu denken, da der pltzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Ri bedingt, gleichsam ungezhlte Spaltlcken hervorquellenden Lebens ffnet und da von den reich ausstrmenden Saatkrnern auch dem winzigsten etwas anhaftet, das wie ein Bewutsein einer Pflicht, einer Berufstreue, einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser unmittelbar sich uernde, regulierende, mahaltende, sich in Reih und Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel des scheinbar Wahllosen und Zuflligen hchste Organisationen, wundersamste Funktionen herausbildet? Da drngt sich dem dazu disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen wie im Groen Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren geht, obwohl gerade er so vielen Anlssen zu ihr begegnet. So ist auch dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern dienlicher, als ein gleichgltiges "Das mu so sein!" Beim allzu khnen Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so natrliche Dankgefhl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister, es sind alles Seine hohen Werke! Da unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkrfte zu machen, ist der Schlssel zum Verstndnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat sie es gelernt, die Hemmungen eines ungestrten, natrlichen Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis, Asepsis), indem sie die berall drohende Wundsaftzersetzung verhten lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran ein _v. Langenbeck_, _Billroth_, _Thiersch_, _Mikulicz_, _Czerny_, _v. Bergmann_, haben die Technik der Benutzung der natrlichen Hilfsquellen wahrhaft erstaunlich gefrdert. Hier hat sich der Flei und das Genie des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt. Gleichsam als htte eine bewute Arbeitsteilung Talent und Energie je nach der Individualitt vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst mit besonderem Glck auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ, am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie, Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des Unterleibs technisch zu erschlieen, Thiersch, Reverdin und Gluck waren Begrnder der knstlichen Gewebsberpflanzung, und noch neuerdings haben Rehn in Frankfurt und Kmmel in Hamburg gelehrt, da man selbst Wunden des Herzens und der grten Gefe zur Heilung zu bringen vermag. So ist denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast fr jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die glckliche operative Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch grerer Teile von Darm- und Magenstcken, die zweckmige Wiedervereinigung und Umschaltung der rhren- und sackfrmigen Gebilde des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen ebenso zugnglich, wie das Herz, die Lunge, die grten Gefe, in denen das Leben an seiner Wurzel strmt und atmet. Das alles wre nicht mglich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der Wundheilung, zu denen das bloe Auge nicht ausreichte, sondern sich mit den schrferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mute. So wurden denn von den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werksttten die Geheimnisse enthllt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung so ungeheure Erfolge brachten. DAS MYSTERIUM DER ERNHRUNG Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden Weltanschauung mu es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz nchtern klar zu machen, da das Leben nur bestehen kann, indem es Leben vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und Pflanzenvernichtung! Dieses mrderische Gesetz vom Werden durch Sterben ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und fhllos von Mutter Natur gedacht, wie es unsthetisch ist. Eine Art Lebewesen scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und gefressen zu werden: das wre so eigentlich die Quintessenz des Kampfes ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine vershnlichere, dem menschlichen Fhlen weniger schmerzliche und peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden knnen? Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur, aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine schnheitleuchtende, schpferische Gttin, die Mglichkeit, uns Menschen von diesem Bannfluche alles Lebendigen--der brigens schon im Paradiese am Werke gewesen sein mu--zu befreien durch knstlich hergestellte Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiwei? durch Synthese von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein mu, um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie vom Standpunkte der Eiweichemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem Eiwei sehr hnliche Verbindungsreihe von Krpern, nmlich die Peptonoide, eigentlich Eiweie, wie sie im Magen zur Verdauung umgearbeitet werden, tatschlich herzustellen und damit Tiere zu fttern. Mit welchem Effekt? _Mit dem des langsamen Verhungerns!_ Ich habe mich vor dieser Tatsache erschttert gefhlt wie vor einem gedanklichen Elementarereignis! Es mte etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe, wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen, wenn diese Tatsachen wirklich besttigt wrden. Die Mehrzahl der Naturwissenschaftler steht selbstverstndlich auf dem Standpunkte, da, wenn es gelnge, das Eiwei chemisch rein aus seinen Elementen aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gelst wre. Dann reit man Schlachthuser nieder und baut den kchen-chemischen Grobetrieb! Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit knstlichem Eiwei nach meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten knnen, was schon die scheinbar gnzlich milungenen Versuche der Hundeftterung mit peptonhnlichen Krpern beweisen drften; was aber erst wrde fr eine Verblffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiwei knstlich durch Aufbau im Laboratorium gewonnen--kein Nahrungsmittel wre? Hier ist ein Rhodus fr unser naturwissenschaftliches Denken, das wir berspringen oder berwinden mssen. Hier ist eine Probe auf die Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen berzeugung! Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, _das Mysterium in der Ernhrung_ vergessen! So mu eines Tages die Lehre von den Wrmeeinheiten (Kalorien), die der Krper zu seinem Betriebe aus der Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der Ernhrungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil ber seinem chemischen Mechanismus noch ein Rtsel, ein Wunder, ein Sonderbares schwebt, das erst erklrt, warum Leben nur durch Leben sich erhalten kann. Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken darber auszusprechen, nicht allein weil ich sie fr interessant genug auch fr ein breites Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung fr durchaus neu und wichtig halte. Meine Ansicht ist, da die Ernhrung eigentlich eine stetige Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen uns stndig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich neu, nachdem sie abgestoen und verbraucht sind. Wir werden immer von neuem geboren, tglich, stndlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr dieselben, welche wir waren. (Welch Trost fr veredlungs- und besserungsbedrftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen, sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und Schpfungsweben das Bewutsein unseres Ichs zuflstert, dieser ganze Zellstaat des Individuums stirbt fortwhrend ein bichen und wird fortwhrend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach der Herkunft aller der Saatkrner, die nun einmal fr eine Zeugung unerllich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben, so da der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von auen irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes wirksame Saat? Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle ntig. Aber sie selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine merkwrdige chemisch-physiologische Zhigkeit. Er besteht aus Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier unzerstrbar. Keine Sure, keine Lauge, keine Verdauung kann es vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. _Hier im Nuklein der Kerne steckt das Mysterium der Ernhrung._ Dieses ist in jeder Pflanze--in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es ist aber auch der Trger aller Befruchtungsvorgnge. Durch einen Zufall sah ich einst ein Stckchen Schleimhaut von einem Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff war, zu verdauen. Ich war aufs hchste erstaunt. Die ganze Schleimhaut nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit weien Blutkrperchen, dieser Armee von Heinzelmnnchen und Liliputanerpolizei in unserem Leibe, in so auffallender Weise, da ich das fr eine Entzndung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei einem vllig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er schttelte den Kopf und meinte, das mte ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich wei jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, da jede Magenwand im Zustand der Verdauung prall gefllt mit diesen weien Ameisen des Lebens ist und da sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie berall mit dem Blutstrom und treten durch die Geflcken ins Gewebe und streuen, die echten Semnner des Geheimen, die Samen aus, die sie aus der Nahrung nahmen, berall wo es nottut, wo der wallende, wogende, rollende Teppich des kleinsten Lebens eine Lcke, einen Defekt erhalten hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der Maschinenheizung und nach dem quivalent von Wrme und Arbeit, die Millionen Nukleinkrnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung und ewigen Gebarens, wrden ganz verloren sein und nur die cker dngen, wenn diese kleinen Wchter des Zellbestandes sie, die sonst Unverdaulichen, nicht abfangen wrden, als die eigentlichen Trger des Wunders der Ernhrung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen Wiesen und Zellrasenflchen, denen im kleinen Mastabe das menschliche und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des Lebens sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die Himmelsschlsselein, die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das ganze Wunderwerk der Zeugung aufschlieen, die die Wunderfedern und Zaubermotoren anspringen lassen zum Ablauf alles kleinen und riesengroen Lebens. Nuklein ist sogar der Trger der Persnlichkeit, der Artcharaktere, der Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Geprge, von einer beispiellosen, durch alle Generationen, alle Wandlungen fortwirkenden Konstanz. Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene berzeugung, da die Ernhrung nicht erschpft ist durch die Bilanz von Aufnahme von Wrme und Umsatz in Arbeit, sondern da neben diesen betriebstechnischen Vorgngen noch ein Proze einherluft, welcher das Rtsel des Lebens in sich schliet und darum mysteris und wundervoll ist. So aufgefat ist die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines allmchtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Genge finden konnte an dem schon Erreichten, sondern das unablssig am Werke ist zu variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein Wesen, fr das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die Staubflge des Sonnenstubchens und das Lieben und Zeugen der allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von Mensch, Tier und Pflanze. DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie lt nichts hllenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten Prachtexemplaren: an Krperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein natrliches Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, ber die schillernde Schuppen, leuchtende Farbenglut, Bltenschmelz und schmckende Zier verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender Abwehrpanzer, ein schtzender Wall von Hckern, Stacheln, Borken und Horngersten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schliet die Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun knnte. Wir sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und Krperhllen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la nature der eingeborenen Hlle hinzugefgt, wiederum in analoger Verquickung von Schutz und Schmuck--nmlich unsere Kleidung, bei welcher die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges Trikot, in dem wir immer herum gehen mssen und das wir niemals ablegen knnen! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und reichem Glanz, das hinreiend schn sein kann, solange der Jugend Bltenschmuck ber ihm gebreitet liegt, und das im Alter die Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die Krperwrme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht, Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte und sondert schtzende le ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander unterscheiden lt, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin wei, der Trger eines gut Teils unserer Persnlichkeit ist, sie hat eine Farbenskala von groem Reichtum und trgt ein mikroskopisches, Wiesendecken gleiches Feld feinster Hrchen, das sich zu Busch und Wald verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensrtsel sich verbergen, das unser Gttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nervsestes Organ! Nicht allein, da sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des Gefhls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der Mhe lohnen drfte. Die Haut erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gefhlen der Lust und des Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann erglhen vor Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens, der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins, und der Rckschlsse, welche der Kundige allein aus ihrem Befhlen auf unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen kann, sind unzhlige. Und nun dies Befhlen selbst. Welche Flle seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite bermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungsknuel, die als sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastkrperchen ausgest sind und von Mensch zu Mensch ihre Strme senden! Welche Wunder der Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchstblich nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das Nervensystem nach auen in die Welt ausgestlpt hat. In der Haut schuf sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen, hier wogen und wallen die feinsten Nervenstrme hin und her, die uns orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum einschlrft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine Dusche,--welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie bermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel berst mit Nervenflitter und Glhlmpchen von ebenso geheimnisvoller wie schnheitdurchleuchteter Zweckmigkeit. Es ist meines Wissens noch niemals gengend betont, da die Haut, diese Hlle und diese Offenbarung unserer Persnlichkeit, nachweisbar anatomisch und entwicklungsgeschichtlich ein echtes _Seelenorgan_ ist. Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die mtterliche Eizelle befruchtet ist, wenn mit goldenem Schlssel des werdenden Menschen erste Blte aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen bereinander: den sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Baugerst des Leibes, das Skelett mit seinen Sulen, Rhren und Kapseln, Schdel und Rckgrat, aus dem anderen Herz, Gefe, groe Drsen und der Ernhrungsweg, und aus dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und--Haut! Da haben wir des Rtsels Lsung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich khn den Satz: unsere Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von unserer Seele ebensoviel zu knden, wie von der des anderen zu empfangen vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie ist nach auen gestlptes Gehirn, sie enthlt, entladet und empfngt einen betrchtlichen Teil des seelischen Geschehens berhaupt. Jetzt erkennen wir deutlich--und das ist das Wichtigste dieser ganzen Betrachtung--warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus mglich sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens sein--eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Schnheit ist, warum Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann gemessen werden an dem Ma von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der Haut verwenden. Zur Kultur der Seele gehrt untrennbar die Kultur der Haut. Die Zeiten sind fr immer vorber, in denen struppiger Bart, ungepflegte Hnde, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht fr das Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs uere", pflegte man frher von einem solchen teutonischen Kraftmeyer entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen, wobei man eben verga, da das "uere" unseres Leibes, die Haut, durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewi knnen wir es durch keine Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Bltenschmelz zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht schner gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den Hhepunkt ihrer Elastizitt, Leuchtkraft, Frische und dynamischen Strahlenwirkung--denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-, Y-oder Z-Strahlen--abzwingen. Ein Blick auf eines Menschen Haut--brigens instinktiv zur Abschtzung der Persnlichkeit ebensooft gebt wie der forschende Blick in die viel weniger durchschaubaren Augen--kann uns von der Seele mehr verraten, als viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der Kampf ums Dasein aufntigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Trgers Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen: seht! wie mein Herr mich hlt, so ist sein ganzes Wesen! Welch armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur Lge zu zwingen, durch Puder, Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt mu uns Mnner fr lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann, es gbe jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer nicht tglich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad, Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, versumt ja nicht nur, den natrlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die unerllichsten Kraftquellen zu erschlieen. Es ist wissenschaftlich noch nicht vllig geklrt, warum die tglichen kalten und wechselnden Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern--ich glaube an eine Art Turnbung der kleinsten Gefmuskeln der Haut und sekundr des Gehirns, welche unsere Willenskrfte zu beeinflussen imstande sind--aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat Mhlenwind fr die Flgel unserer Seele, es hat die Fhigkeit, Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens zunchst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel am Automobil, es sind direkte physische Krftespannungen, welche von der Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim Abreiben ausgelst werden und die direkt von der Haut in die Seele einstrmen wie unzhlige Bche in den brausenden Strom, der unsere Persnlichkeit in den Ozean des Lebens trgt. Wie hbsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturvlker hindurchgehende Sitte, die Haut zu schmcken mit Farben, Perlen, Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in konzentriertestem Mae zum Bewutsein bringen wollte: da ist die Perle obenan ein Symbol fr den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol fr die funkelnde schillernde Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol ihrer Durchstrmung mit der flssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel schnere Haut besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schmcken, die, was Schnheit der Hlle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos dastehen, mit den Pflanzen und Blten! Auch hier symbolisiert die Weichheit des Flaums im Bltenkelch und Bltenblatt einen Reiz, der der menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Bltenschmuck ist ja eine Art Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken schner Umhllung darbringt; denn, wenn Grovater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Trger aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Bltenhaut in ihrem Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen, denken wir daran, da sie von Blten stammt und ihr Ebenbild ist, da sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden, das ganze Leben verschnenden Ahnen aus dem Reich der Blumen. License: Share Alike