Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Books project. Die Ostereyer. Eine Erzhlung zum Ostergeschenke fr Kinder. Von dem Verfasser der Genovefa. Leitmeritz. 1818. bey Carl Wilhelm Medau. Vorerinnerung an die Kinder. Die folgende kleine Erzhlung ward schon einmal vielen Kindern, die lngst zuvor ber den hohen Sinn und die schne Bedeutung des heiligen Osterfestes unterrichtet worden, zu einer lehrreichen und angenehmen Unterhaltung vorgelesen, und nicht nur die Kinder, sondern auch mehrere Erwachsene hrten sie mit Freuden an. Weil ich nun dachte, da diese Erzhlung auch euch, meine lieben Kinder -- ja wohl auch euren grern Geschwistern und selbst euren Aeltern -- Vergngen machen drfte, so ward sie als ein kleines Ostergeschenk fr euch gedruckt. Die Erzhlung handelt, wie es der Titel sagt, freylich nur von einer Kleinigkeit -- den Ostereyern; inde werdet ihr gewi gerne lesen, wie auch die kleinste Gabe Gottes -- ein Ey! -- ein groes Wunder der Allmacht und Weisheit Gottes und eine mannigfaltige Wohlthat fr die Menschen sey, ja wie Gott sich oft einer geringen Sache bediene, seine heilige Vorschrift und liebreiche Vatersorgfalt an den Menschen zu verherrlichen. Diese und andere gute Lehren sind in diesem Bchlein die Hauptsache; das brige soll blos dazu dienen, euch eine unschuldige Freude zu machen -- wie etwa eure Mutter euch auf das Osterfest ein Ey schenkt, das nicht nur durchaus voll krftiger Nahrung ist, sondern auch durch ein geflliges Aeueres und eine freundliche Farbe das Auge vergngt. Der Verfasser. Erstes Kapitel. O weh, da giebts noch nicht einmal Hhner! Es lebten einmal vor vielen hundert Jahren, in einem kleinen Thale tief im Gebirge, einige arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war rings von Wald und Felsen eingeschlossen. Die Htten der armen Leute lagen im Thale umher zerstreut. Einige Kirsch- und Pflaumenbume bey jeder Htte, etwas Ackerland mit Sommergetreide, Flachs und Hanf, eine Kuh und einige Ziegen waren all ihr Reichthum. Inde erwarben sie noch einiges mit Kohlenbrennen fr die Einschmelze im Gebirge. So wenig aber die Leute hatten, so waren sie dennoch ein sehr glckliches Vlklein; denn sie wnschten sich nicht mehr. Sie waren bey ihrer harten Lebensart, bey steter Arbeit und strenger Mssigkeit vollkommen gesund und man sah in diesen armen Htten -- was man in Pallsten vergebens suchen wrde -- alte Mnner, die ber hundert Jahre zhlten. Eines Tages, da schon der Haber anfing zu bleichen und es in dem Gebirge sehr hei war, kam ein Khlermdchen, das die Ziegen htete, fast auer Athem nach Hause gesprungen, und brachte den Aeltern die Nachricht, es seyen fremde Leute in dem Thale angekommen von gar wundersamer Tracht und seltsamer Redensart -- eine vornehme Frau, und zwey Kinder, und ein sehr alter Mann, der, ob er gleich sehr prchtige Kleider anhabe, doch nur ihr Diener scheine. Ach, sagte das Mdchen, die guten Leute sind hungrig und durstig, und sehr mde. Ich traf sie, als ich eine verlorne Ziege suchte, ganz abgemattet im Gebirge an, und zeigte ihnen den Weg in unser Thal. Wir wollen ihnen doch etwas zu essen und zu trinken hinaus tragen -- und sehen, ob wir sie die Nacht bey uns und den Nachbarn nicht unterbringen knnen. Die Aeltern nahmen sogleich Haberbrot, Milch und Ziegenkse und gingen hin. Die Fremden hatten sich inde in den Schatten einer buschigen Felsenwand gelagert, wo es sehr khl war. Die Frau sa auf einem bemoosten Felsenstcke, und hatte ihr Angesicht mit einem weien Schleyer von feinem Flor bedeckt. Eines der Kinder, ein zartes, wunderschnes Frulein, sa ihr auf dem Schooe. Der alte Diener, ein ehrwrdiger Greis, war damit beschftigt, das schwer beladene Maulthier abzupacken, das sie bey sich hatten. Das andere Kind, ein muntrer, schner Knabe, hielt dem Thiere einige Disteln hin, an denen es begierig fra. Der Kohlenbrenner und sein Weib nherten sich der fremden Frau mit Ehrerbietung. Denn an ihrer edlen Gestalt, ihrem Anstande und ihrem langen, weien Gewande merkte man sogleich, da sie von hohem Stande seyn msse. Sieh nur, sagte die Kohlenbrennerinn leise zu ihrem Manne, den zierlich ausgezackten, stehenden Halskragen, die feinen Spitzen, aus denen die zarten Hnde nur zur Hlfte hervorblicken, und -- der tausig! -- sogar die Schuhe sind so wei, wie Kirschenblthe, und mit silbernen Blmchen geziert! Der Mann tadelte aber sein Weib und sagte zu ihr: Dir steckt doch nichts im Kopfe, als die Eitelkeit! Den hhern Stnden geziemt eine vornehmere Kleidung. Inde macht das Kleid den Menschen um nichts besser, und mit den zierlichen Schuhen hat die gute Frau wohl schon manchen harten Tritt thun und manche rauhe Wege gehen mssen. Der Khler und die Khlerinn bothen der fremden Frau jetzt Milch, Brot und Kse an. Die Frau schlug den Schleyer zurck und beyde wunderten sich ber die Schnheit und die edle, sanfte Gesichtsbildung der Frau. Sie dankte freundlich, und lie sogleich das Kind auf dem Schooe aus der irdenen Schale voll Milch trinken -- und die hellen Thrnen drangen ihr aus den Augen, und benetzten die blhenden Wangen, als das Kleine die Schale mit beyden Hndchen festhielt und begierig trank. Auch der liebliche Knabe kam herbey und trank auch. Darauf theilte sie von dem Brote aus -- und dann trank sie erst selbst, und a von dem Brote. Der fremde Mann aber lie sich besonders den Ks' sehr gut schmecken. Whrend sie aen, kamen aus allen Htten gro und klein herbey, standen im Kreise umher, und betrachteten neugierig und wundernd die neuangekommenen Fremden. Nachdem der alte Mann satt war, bat er flehentlich, die Leute mchten der Frau doch in irgend einer Htte auf einige Zeit ein kleines Stbchen einrumen; sie werde ihnen nicht zur Last fallen, sondern alles reichlich bezahlen. Ach ja, sagte die Frau mit sanfter, lieblicher Stimme, erbarmt euch einer unglcklichen Mutter und ihrer zwey Kleinen, die durch ein schreckliches Schicksal aus ihrer Heimath vertrieben wurden. Die Mnner traten sogleich zusammen, und hielten Rath, wie das zu machen sey. Oben im Thale brach hoch aus rthlichen Marmorfelsen ein Bchlein hervor, strzte sich, schumend und wei wie Milch, von Felsen zu Felsen, und trieb eine Mhle, die gleichsam nur so an den Felsen dort hing. Auf der andern Seite des Bchleins hatte der Mller noch ein anderes nettes Huschen erbaut. Freylich war es, wie alle brigen Huser im Thale, nur ganz von Holz; aber gar freundlich anzusehen, von Kirschbumen lieblich beschattet, und von einem kleinen Grtchen umgeben. Dieses Huschen bot der Mller der fremden Frau zur Wohnung an. Mein neues Httchen da droben, sagte er, indem er mit der Hand hinauf zeigte, rume ich euch, wie es dasteht, herzlich gerne ein. Es ist spanneu, und noch kein Mensch hat darin gewohnt. Ich baute es eigentlich, um einmal dahin zu ziehen, wenn ich die Mhle meinem Sohne bergeben werde. Wie doch der liebe Gott -- Ihm sey Dank! -- so wunderbar fr euch sorgt! Erst gestern bin ich damit vollends fertig geworden, und heute knnet ihr nun schon einziehen. Es ist recht so, als wenn ich es gerade nur fr euch gebaut htte. Es wird euch gewi gefallen! Die gute Frau war ber dieses freundliche Anerbiethen hocherfreut. Nachdem sie etwas ausgeruht hatte, ging sie sogleich hinauf. Sie trug das kleine Frulein auf dem Arme, und der alte Mann fhrte den Knaben an der Hand. Der Mller aber besorgte das Maulthier. Die Frau fand das Huschen, zur groen Freude des Mllers, ganz unvergleichlich. Mit einem Tische, einigen Sthlen, und Bettsttten war es schon versehen. Schne Teppiche und prchtige Decken zur Nachtruhe hatte die Frau auf dem Maulthiere mitgebracht. Sie bernachtete daher sogleich da -- und dankte Gott mit ihren beiden Kleinen vor dem Schlafengehen noch herzlich, da er ihr nach langem Herumirren einen so angemessenen Zufluchtsort habe finden lassen. Wer htte es geglaubt, sagte sie, da ich, in Pallsten erwachsen, mich noch glcklich schtzen wrde, in eine solche Htte aufgenommen zu werden. Wie nthig hat auch der Hhere, gegen den Niedrigsten gut und gefllig zu seyn! Knnte er auch so hart seyn, es nicht aus Menschenfreundlichkeit zu thun, so sollte ihn doch die Klugheit dazu bewegen. Denn kein Mensch wei, was ihm bevorsteht. Den andern Morgen kam die Frau in aller Frhe mit ihren Kleinen aus der niedern Wohnung hervor, sich ein wenig in der Gegend umzusehen. Denn am Tage zuvor waren sie dazu allzumde. Mit Entzcken betrachtete sie die schne Aussicht ins Thal. Die Htten der Khler lagen tief unten im grnen Thale wie hingeset, nur immer zwey oder drey beisammen. Das Mhlbchlein schlngelte sich hell wie Silber mitten durchhin. Die bunten Felsen voll grner Gestruche, an denen die Ziegen nagten, htte man, so wie sie jetzt von der Morgensonne beleuchtet waren, nicht schner mahlen knnen. Der alte Mller kam, sobald er die Frau mit ihren Kindern erblickte, sogleich aus der Mhle heraus, und ber den schmalen Steg, der ber das Bchlein fhrte, herber. Aber nicht wahr, rief er, ein schneres Pltzchen als dieses, giebt es doch im ganzen Thale nicht! Hier scheint die Morgensonne immer am ersten hin. Wenn die Htten unten, wie eben jetzt, noch im schwarzen Schatten liegen, so ist da droben schon alles von der Sonne wie vergoldet. Ja oft, wenn in dem tiefen, feuchten Thal kaum die Kamine der Htten aus dem grauen Nebel hervorragen, hat man hier den klaren blauen Himmel. Den Kindern der Frau gefiel aber das Mhlrad, das sich bestndig so geschftig umdrehte, am besten. Den Knaben ergtzte besonders das Klappern der Mhle, und das Rauschen des Wassers, das wie siedende Milch zu kochen schien. Das Mdchen hingegen hatte ihre vorzgliche Freude an den funkelnden Edelsteinen von allen Farben, die, wie sie sagte, im Sonnenglanze von dem immer trpfelnden Rade fielen. Die Frau brachte den Tag zu, sich einzurichten, so gut es in diesem armen Thale seyn konnte. Die Leute wetteiferten, sie mit Lebensmitteln, mit Brennholz, irdenem Kchengeschirre, und andern Kleinigkeiten zu versehen. Das Mdchen, das ihr zuerst den Weg in das Thal gezeigt hatte und Martha hie, kam zu ihr in den Dienst. Vor allem brauche ich Eyer! sagte die Frau, als sie sich zum Kochen anschickte. Sieh doch, da du mir fr Bezahlung einige auftreibest. Eyer? fragte Martha ganz verwundert. Je wozu denn? Nrrisches Mdchen, sagte die Frau, wozu? -- zum Kochen. Gehe nur, und mache, da du bald wieder kommest. Zum Kochen? sagte das Mdchen; aber die Vgelein haben ja nun keine Eylein mehr, und dann wre es doch auch Schade. Vier Personen htten ja wohl einige hundert Eylein von Finken oder Hnflingen nthig, sich satt zu essen. Was plauderst du da, sagte die Frau; wer redet denn von den Eyerchen der Vgelein. Ich meyne Hhnereyer. Das Mdchen schttelte den Kopf und sagte: Was das fr Vgel sind, wei ich gar nicht. In meinem Leben habe ich noch keine gesehen. O weh, sagte die Frau, so giebts bey euch noch nicht einmal Hhner! Denn da die Hhner erst aus dem Morgenlande zu uns gebracht wurden, so war damals in manchen Gegenden ein Huhn wirklich etwas so seltenes, als jetzt ein Pfau. Die Frau wute sich, da hier auch nichts von Fleischspeisen zu haben war, in ihrer kleinen Kche fast nicht zu helfen. Ich htte nie daran gedacht, sprach sie, was es um ein Ey fr eine Wohlthat Gottes ist, bis jetzt, da ich keines haben kann. So gings mir aber auf meiner Wanderung schon mit hundert Dingen. Mangel und Noth haben doch auch ihr Gutes, indem sie uns auf manche Gabe Gottes, die wir bisher nicht achteten, aufmerksam machen, und uns Dankbarkeit lehren. Die gute Frau mute sehr kmmerlich leben. Die Leute trugen ihr inde fleiig zu, was sie nur immer glaubten, da ihr angenehm seyn knnte. Wenn der Mller eine schne Forelle oder ein Khler ein Paar Krametsvgel fing, so brachten sie ihr dieselben sogleich. Die grten Dienste that ihr aber der alte Diener, der mit ihr gekommen war. Sie hatte noch einige goldene Kleinodien und kostbare Edelsteine. Von diesem gab sie ihm von Zeit zu Zeit, und er verreiste damit, und blieb oft mehrere Wochen aus. So oft er zurck kam, brachte er immer allerley mit, das er fr die kleine Haushaltung eingekauft hatte. Die Leute bemerkten inde, da die Frau nach seiner Zurckkunft oft sehr traurig war, und rothgeweinte Augen hatte. Sie wren gar gerne dahinter gekommen, wer sie denn eigentlich sey, und woher sie komme. Allein sie selbst zu fragen, hatten sie den Muth nicht. Der alte Mann aber sagte ihnen, wenn sie ihn fragten, so seltsame Namen, da sie dieselben kaum nachsprechen konnten, und sie in einer Viertelstunde schon wieder vergessen hatten, bis sie endlich merkten, da der muntere Greis sie nur zum Besten habe. Da machten sie sich an die Kleinen. Sag' uns doch, sagten sie zum Knaben, wie heit denn deine Mutter eigentlich? Wir wollen es nicht weiter sagen. Sag es uns nur ins Ohr. Da sagte ihnen denn das Kind sehr geheimnisvoll, aber auch sehr offenherzig und zutraulich: Sie heit eigentlich Mamma. Aehnliche Antworten gab auch das Mdchen. Die Leute muten es also der Zeit berlassen, dieses Geheimni zu enthllen. Zweytes Kapitel. Gottlob, nun sind doch einmal die Hhner da! Einmal kam der alte Diener, der Kuno hie, wieder von einer Reise heim, und trug einen Hhnerstall auf dem Rcken. In dem waren ein Hahn und einige Hennen. Als die Kinder im Thale den alten Mann kommen sahen, liefen sie alle zusammen; denn er brachte ihnen immer etwas mit -- weies Brot, getrocknete Pflaumen, ein Pfeifchen, ein Glcklein fr ihre Ziegen oder sonst eine Kleinigkeit. Diemal waren die Kinder sehr neugierig, was denn in dem vergitterten Kstchen sey, das fast ganz mit Tuch bedeckt war, so da man nicht recht hinein sehen konnte. Sie begleiteten ihn bis vor die Thre der Frau, die mit ihren zwey Kleinen sogleich freudig herauskam und ihn grte. Gottlob, rief das kleine Frulein und klatschte in die Hnde, nun sind doch einmal die Hhner da! Der Mann stellte den Kasten nieder, ffnete das Thrchen, und da kam denn zuerst ein prchtiger Hahn heraus. Die Kinder erstaunten. Was fr ein sonderbarer Vogel das ist! riefen sie; denn wie man ihn heie, wuten sie noch nicht. In unserm Leben haben wir noch keinen so schnen Vogel gesehen! Was er fr eine schne Krone auf dem Kopfe hat, noch schner roth, als Kornblumen; und wie wunderschn brunlich und gelblich seine Federn schimmern, noch schner als reifes Getreide in der Abendsonne; und wie wunderlich er den Schweif trgt, fast wie eine Sichel gekrmmt! Auch die Hennen gefielen ihnen sehr wohl. Es waren ein Paar Schwarze mit hochrothem Kamme, ein Paar Weie mit Schpfen, und ein Paar Rthlichbraune ohne Schweif. Die Frau streute den Hhnern einige Hnde voll Haberkrner hin. Die Hhner pickten sie geschftig hinweg, und die Kinder standen und knieten im Kreise umher, und sahen mit vergngten Gesichtern zu. Als der Haber aufgefressen war, da schwang mit einem Male der Hahn die Flgel und krhte -- und alle Kinder lachten laut zusammen, so freuten sie sich darber. Und im Heimwege schrien die Knaben alle: Kikeriki und die Mdchen machten es ihnen wohl auch nach, aber doch nicht gar so laut. Als die Kinder heimkamen, erzhlten sie von den Wundervgeln, die viel grer seyen, als die Ringeltauben, ja wohl grer, als die Raben, und wie sie so schne Farben htten, noch viel schner als alle Vgel im Walde. Und, sagte die kleine Marie, Marthas Schwesterlein, wie sie so ein rothes Kpplein auf dem Kopfe tragen, wie es bisher noch bey keinen Vgeln des Waldes gebruchlich gewesen. Auch die Aeltern wurden neugierig und kamen, die fremden Vgel zu sehen, und waren nicht weniger darber verwundert. Nach einiger Zeit lie sich eine der Hennen zum Brten an. Martha mute die Henne tglich fttern. Die Frau zeigte einmal den Kindern aus dem Thale das Nest, und die Kinder wunderten sich alle laut ber die Menge von Eyern. Funfzehn Eyer! riefen sie; die Holztauben legen nur zwey, andere Vgelein nur fnf Eyer. O wie wird die Henne so viele Junge auffttern! Da die Jungen anfingen auszukriechen, wollte die Frau den Kindern eine Freude machen, und lie sie rufen. Es kamen aber, da es eben Feyertag war, auch viele groe Leute mit. Sie zeigte ihnen ein aufgepicktes Ey. O wie freuten sich die Kinder, als das junge Hhnlein so geschftig pickte, herauszukommen. Die Frau half ihm vollends heraus. Nun war die Verwunderung noch grer, da das kleine Vgelein schon ber und ber so schne gelbe Flaumfederlein habe, so munter aus den schwarzen Aeuglein blicke, und sogleich davon laufen knne, da doch andere junge Vgelein nackt, blind und ganz hlflos zur Welt kmen. Das ist doch etwas unerhrtes, sagten die Kinder, solche Vgel giebt es in der ganzen Welt nicht mehr. Als die schne, glnzend schwarze Glucke mit dem purpurrothen Kamme, in Mitte ihrer fnfzehn gelbhaarigen Jungen, das erste Mal auf den grnen Rasen herausschritt, da war die Freude der Kinder und Aeltern gar ber alle Weise. Schneres kann man doch nichts sehen! sagte ein Khler. Und horcht nur, sprach die Khlerinn, wie die Alte den Jungen lockt, und wie die kleinen Dingerchen den Ruf verstehen, und sogleich folgen. Es wre zu wnschen, da ihr Kinder auch immer so auf den Ruf ginget. Ein Knabe wollte ein junges Hhnlein fangen, um es nher zu betrachten. Das kleine Dingelchen schrie aber klglich, und auf das Geschrey scho die Alte pltzlich und mit weitgeffneten Flgeln herbey, und flog dem Knaben, der heftig erschrack und jammernd um Hlfe schrie, auf den Kopf. Sie htte ihm wohl die Augen ausgekratzt, wenn er das Junge nicht augenblicklich wieder htte laufen lassen. Der Vater schmhte den Knaben, und die Mutter sagte: Wie das treue Thier sich seiner Jungen so eifrig annimmt! Menschen knnten sogar von ihm lernen. Wenn die Henne nun einen guten Bissen fand, so erhob sie sogleich ein Geschrey, und die Jungen eilten alle zusammen. Die Alte zerhackte ihn erst mit ihrem Schnabel und legte ihnen gleichsam vor. Jedermann wunderte sich, da so junge Thierchen, die kaum ber einen Tag alt wren, nicht nur sogleich laufen, sondern auch schon fressen knnten. Da jetzt die Sonne sich etwas unter die Wolken verbarg -- so sammelten sich alle Jungen unter die Alte, und versteckten sich da, um sich zu wrmen. Das ist noch das allerschnste, sagten die Leute. Es ist gar so artig und munter, wie hie und da ein Kpfchen unter den Flgeln der Henne hervorsieht, oder sich ein Junges hervorwagt, und sogleich wieder an einer andern Stelle unter sie hineinkriecht. Der Mller, der in seiner weibestubten Kleidung in Mitte der schwarzen Khler sich gar sonderbar ausnahm, aber auch an Einsicht sich eben so vor ihnen auszeichnete, sprach: Was das doch ein Wunderding mit diesen fremden Vgeln ist! Wir erblicken zwar Gott berall in der Natur; aber wenn wir etwas ungewhnliches sehen, fllt uns seine Allmacht, Weisheit und Gte doch noch mehr in die Augen. Bedenkt nur, wie gut es ist, da diese kleinen Vgelein sogleich laufen und fressen knnen; wenn die Alte so vielen Jungen das Futter im Schnabel zutragen mte, wie eine Schwalbe, da wrde sie nicht fertig! Wie gut ists, da es schon die Natur der Jungen so ist, der Alten nachzulaufen und ihrer Stimme zu folgen. Liefen sie, weil sie doch auf der Stelle laufen knnen, sogleich auseinander; die Alte knnte sie nicht mehr zusammen bringen, und die Jungen gingen verloren. Besonders wundert mich aber, wo die Henne den Muth hernimmt, ihre Jungen so tapfer zu vertheidigen! Habe ich mich doch oft schon ber die Hhner gergert, und sie dumme Thiere gescholten, weil sie allemal, so oft ich an ihnen vorbey ging, vor Furcht scheu auseinander flogen, obwohl sie lngst merken konnten, da ich ihnen nichts zu leid thue. Und nun ist die Natur des Thieres ganz verndert, und sie setzt sich gegen einen Mann zur Wehre. Oft hat es mich ergtzt, wie die Hennen um einen Bissen zanken, oder wie diejenige, die ein greres Brcklein fand, so neidig ist, und sogleich davon luft, und wie die andern ihr nachlaufen, und es ihr nehmen wollen. Jetzt aber hat sie ihre Gefrssigkeit ganz abgelegt, und ruft den Jungen selbst und rhrt nichts an, bis alle satt sind. Ich glaube das gute Thier strbe lieber selbst Hungers, als da sie eines ihrer Jungen verhungern liee. Diese zrtliche Sorgfalt, mit der die Henne ihre zarten Jungen umherfhrt, Futter fr sie aufsucht, sie ernhrt, sie beschtzt, sie unter ihren Flgeln wrmt -- hat Gott dem Thiere eingepflanzt. So zrtlich ist Gott fr diese jungen Hhnlein besorgt! Und wie sollten nun wir verzagen? Sollte Er nicht noch mehr fr uns besorgt seyn? Freylich sorgt Er noch mehr fr uns. Darum nur guten Muth, lieben Leute! Gott macht alles wohl. Er sorgt fr alle seine Geschpfe -- am meisten aber fr den Menschen, der in seinen Augen mehr ist, als alle Hhner und alle andern Vgel in der ganzen Welt. Drittes Kapitel. Jetzt giebt es Eyer im Ueberflu. Weil die guten Leute im Thale gegen die fremde Frau immer gar so gefllig gewesen, so war sie schon lange darauf bedacht, ihnen auch wieder eine Freude zu machen, und ihre rmliche Haushaltung zu erleichtern. Die gute Frau hatte daher Eyer und Hhner sehr geschont, und da sie nun einen schnen Vorrath von Eyern und auch mehrere Hhner beysammen hatte, schickte sie Martha ins Thal, alle Hausmtter auf den morgigen Tag, der ein Sonntag war, einzuladen. Sie kamen mit Freuden, und in ihrem schnsten Aufputze. In dem kleinen Grtchen hatte der alte Diener einen lndlichen Tisch mit einigen Bnken bereitet. Hier muten sie Platz nehmen. Martha brachte hierauf einen groen Korb voll Eyer. Die waren alle so reinlich, da man kein Flecklein daran sah, und wei wie Schnee. Die Kohlenbrennerinnen erstaunten und wunderten sich nicht wenig ber die Menge von Eyern. Gottlob! sagte die Frau, jetzt giebt es Eyer im Ueberflu, und es ist allerdings ein schner Anblick, so viele reinliche Eyer beysammen zu sehen. Nun will ich euch aber auch zeigen, wie man sie in der Haushaltung ntzen kann. In einer Ecke des Baumgrtchens, unten an einem Felsen, war Feuer aufgemacht. Eine groe Pfanne voll Wasser hing ber dem Feuer. Die Frau schlug zuerst ein Ey auf, um zu zeigen, wie es innen aussehe, bevor es in das heie Wasser komme. Alle betrachteten mit Aufmerksamkeit die schne kristallhelle Feuchtigkeit, in der gleich einer gelben Kugel der Dotter schwamm. Nun wurden so viele Eyer, als es Gste waren, weich gesotten. Auf dem Tische war Salz und weies lnglich geschnittenes Brot in Bereitschaft. Die Frau lehrte sie die Eyer ffnen, und nun wunderten sich alle, wie das durchsichtige des Eys so schn wei wie Milch aussah, und eben so, wie das Gelbe, fester geworden. Alle lobten, indem sie nach Anweisung der Frau die Eyer mit dem Brote austunkten, die treffliche Speise. Da hat man, sagten sie, Geschirr und Speise sogleich beysammen. Und wie schn und reinlich, wie lieblich wei und gelb alles aussieht! Wie schnell, ohne Kunst, ohne allen Aufwand ein Ey gekocht ist. Auch fr Kranke knnte man nicht leicht eine wohlfeilere und nahrhaftere Speise finden. Die Frau schlug hierauf Eyer in heies Schmalz. Dieses war fr die Khlerinnen wieder eine neue Erscheinung. Wie das Gelbe so schn vom Weien umgeben ist, sagten sie, wie bey den groen wei- und gelben Wiesenblumen, die man Ochsenaugen nennt. Die Eyer wurden nach und nach auf grnen Spinat gelegt, der in einer groen flachen Schssel bereit stand -- und auch diese Speise wurde von allen gelobt. So machte die Frau noch andere Eyerspeisen, und unterrichtete die Khlerinnen, wie die Eyer nicht nur an und fr sich eine gesunde Speise seyen, sondern mit noch grerm Vortheil zur bessern Bereitung anderer Speisen bentzt werden knnen. Zuletzt wurde schner grner Ackersalat aufgetragen. Kuno brachte einen Teller voll Eyer, die schon frher hart gesotten wurden, damit sie inde wieder kalt wrden. Der frhliche Alte lie aus Scherz die Eyer fallen, da sie auf dem steinigen Boden herumrollten. Die Khlerinnen am Tische erschracken, da sie laut aufschrien. Sie meynten, die Eyer wrden ausflieen. Aber wie wunderten sie sich alle, als die Frau die Schalen rein ablste, und jedes Ey so durchaus hart erschien, da es sich schneiden lie. Die Sache schien ihnen ein Wunder. Inde sagte ihnen die Frau, wie man die Eyer hart siede und legte die zierlich geschnittenen Eyer auf den Salat, und auch diese Speise schmeckte den Gsten sehr gut. Nachdem die Mahlzeit geendet war, vertheilte die Frau einige Hhne und mehrere Hennen unter die Hausmtter. Sie sagte ihnen, da eine Henne des Jahres hundert, bis hundert fnfzig Eyer lege -- worber alle erstaunten. Ueber hundert Eyer! riefen sie. Welch ein Vortheil in der Haushaltung! Die guten Hausmtter brachten mit den Hhnern eine groe Freude ins Thal. In allen Htten war Jubel. Alle Leute im Thale segneten die Frau, und dankten Gott fr so schne wohlthtige Geschenke. Die Hhner waren lange Zeit das tgliche Gesprch. Immer bemerkten die Leute noch etwas neues daran, das sonderbar und zugleich ntzlich war. Die Eigenschaft, da der Hahn morgens krhe, war den Hausvtern besonders lieb. Er verkndet so, sagten sie, den nahen Tag und fordert die Menschen auf, an ihr Tagwerk zu gehen. Es ist ein ganz neues Leben im Thal, wenn am Morgen die Hhne so zusammen krhen, und man geht ordentlich munterer an die Arbeit! Freylich wohl! sagte der Mller. Wenn der Hahn aber gegen Mitternacht das erste Mal krht, so ruft er den lustigen Gesellschaften mit lauter Stimme zu, jetzt sey es die hchste Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. Den Hausmttern gefiel es noch besonders, da die Henne es gatzend ankndete, wenn sie ein Ey gelegt hatte. Allemal war Freude im Hause, wenn sie sich hren lie. So wei man es doch gleich, sagten sie, und kann das ntzliche Geschenk sogleich in Empfang nehmen. Hausvter und Hausmtter sagten oft unter einander: Diese Vgel sind wahrhaftig von Gott recht eigentlich zu Hausthieren geschaffen. Sie halten sich so treulich an das Haus, entfernen sich nie weit davon, kommen, sobald man ihnen lockt, sogleich alle zurck, ja, sie gehen am Abende von selbst heim, und warten an Hausthr oder Fenster, bis man sie hereinlasse. Nicht nur bringen sie in der Haushaltung einen groen Nutzen; ihr Unterhalt kostet auch sehr wenig. Sie nehmen mit Kleye, mit dem Abfalle vom Gemse, und mit andern schlechten Dingen vorlieb, die man im Hause sonst nicht weiter ntzen knnte. Ja sie gehen vom Morgen bis Abend auer dem Hause berall umher und scharren und suchen ihr Futter selbst auf. Viele tausend Krnlein, die besonders zur Erntezeit und bey dem Dreschen verloren gingen, kommen so noch den Menschen zu gut. Die Hennen lesen sie fleiig auf und geben uns Eyer dafr. Die rmste Wittwe, die sonst kein Hausthier halten konnte, vermag doch noch eine Henne, und das tgliche Ey ist ein tgliches Almosen fr sie. Auch die zwey Kinder der Frau sahen nun ein, woran sie im Ueberflusse nie gedacht hatten, was die Eyer fr gtige Geschenke Gottes seyen. O wie froh waren sie, als sie hie und da morgens ein Ey in Milch essen konnten! Wie gut fanden sie nun manche Speise, die ihnen vorhin nicht recht geniebar schien, weil das Ey daran fehlte. Wie sehr dankten sie Gott dafr! Viertes Kapitel. Das Fest der bemahlten Eyer, ein Kinderfest. Inde gingen Sommer und Herbst vorber, und der Winter kam. Er war, zumal in dieser rauhen Gegend, sehr hart. Die kleinen Htten im Thale lagen Monate lang, wie im Schnee vergraben. Nur die rauchenden Kamine und etwas von den Dchern schauten noch aus der weien Hlle hervor. Von dem Hohlwege zwischen den Felsen herauf sah man gar nichts mehr. Die Mhle stand still, und die Wasserflle hingen starr und geruschlos an den Felsen da. Man konnte nur wenig zusammen kommen. Desto grer war die Freude, als der Schnee schmolz, und es wieder Frhling ward. Die Kinder aus dem Thale kamen sogleich wieder herauf, und brachten den beyden fremden Kindern, Edmund und Blanda, die ersten blauen Veilchen und gelben Schlsselblmchen, die sie im Thale finden konnten. Ja sie flochten ihnen, sobald es mehrere dieser holden Frhlingsblmchen gab, die schnsten blauen und gelben Krnze. Ich mu, sagte die edle Frau, den guten Kindern doch auch eine Freude machen. Ich will ihnen auf den kommenden Ostertag ein kleines lndliches Kinderfest geben. Denn es ist gar schn, da man solche Tage den Kindern, so gut man nur immer kann, zu Freudentagen mache. Aber was soll ich ihnen geben? Auf Weihnachten konnte ich sie mit Aepfeln und Nssen beschenken, die ich fr sie hatte bringen lassen. Allein zu dieser Zeit hat man nichts im Hause, als etwa ein Ey. Noch bringt die Natur nichts hervor, das zu genieen wre. Alle Bume und Struche stehen ohne Frchte und Beeren. Eyer sind die ersten Geschenke der wieder auflebenden Natur. Aber, sagte Martha, wenn die Eyer nur nicht so ganz ohne alle Farben wren! Wei ist wohl auch schn. Allein die allerley Farben der Frchte und Beeren, zumal die schnen rothen Wangen der Aepfelein, sind doch noch schner. Du bringst mich da auf einen Einfall, sagte die gute Frau, der nicht gar bel seyn mag. Ich will die Eyer hart sieden, und sie, was sich whrend des Siedens leicht thun lt, zugleich frben. Die mancherley Farben machen den Kindern gewi groe Freude. Die verstndige Mutter kannte verschiedene Wurzeln und Moose, die man zum Schnfrben brauchen kann. Sie frbte nun die Eyer auf verschiedene Art. Einige wurden schn himmelblau, andere gelb wie Zitronen, andere so schn roth wie das Innere der Rosen. Einige hatte sie mit zarten grnen Blttchen eingebunden, die sich dann auf den Eyern abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schnes buntes Aussehen gaben. Auf einige setzte sie auch einen kleinen Reim. Die bemahlten Eyer, sagte der Mller, als er sie erblickte, sind gerade recht fr das Fest, wo die Natur ihr weies Kleid ablegt, und sich mit allerley Farben schmckt. Die gute Mutter macht es gerade wie der liebe Gott, der uns nicht nur schmackhafte Frchte giebt, sondern sie auch noch fr das Auge schn und freundlich macht. Wie er die Kirsche roth, die Pflaume blau, die Birne gelb frbt, so macht sie es mit den Eyern. Der Ostertag war diesesmal ein beraus schner Frhlingstag -- ein wahrer Auferstehungstag der Natur. Die Sonne schien so schn und warm, der Himmel war so rein und blau, da es eine Lust war, und alles neues Leben fhlte. Die Wiesen im Thale waren bereits schn grn und hie und da schon bunt von Blumen. Schon lange vor Anbruch der Morgenrthe hatten die Frau und der alte Kuno sich auf den Weg zur Kirche gemacht, die ber zwey Stunden weit entfernt jenseits mehrerer Berge lag. Die Vter und Mtter aus dem Thale, und die grern Kinder, die so weit gehen konnten, zogen auch mit dahin. Gegen Mittag kam die Frau mit Hlfe des Maulthieres, das Kuno fhrte, wieder zurck; die brigen Leute aber kamen mit ihren Kindern erst lange nach Mittag, oder gar erst gegen Abend nach Hause. Sobald die Frau angelangt war, eilten jene Kinder, die man daheim gelassen hatte, und die mit Edmund und Blanda ungefhr von einerley Alter -- und schon lange eingeladen waren, voll Freude herauf. Die Frau fhrte sie in das Grtchen, das Kuno im vorigen Jahre sehr verschnert hatte. Nahe an der Felsenwand, auf einem zierlich mit Kiese beschtteten Grunde, war ein lnglicht runder Tisch. Der war jetzt mit einem farbigen Teppiche belegt. Rasensitze von jungem, frischen Grn umgaben ihn. Die Kinder setzten sich rings um den Tisch, und mitten unter ihnen Edmund und Blanda. Alle sahen freundlich und frhlich aus den Augen und waren voll Erwartung der Dinge, die da kommen wrden. Es war wirklich ein ungemein lieblicher Anblick, den schnen Kreis von gelb- und braunlockichten Kpfchen und alle blhenden Gesichtchen zu sehen. So schn ist kein Blumenkranz, sagte die Frau bey sich selbst, und wre er auch aus den schnsten Rosen und Lilien gewunden. Nun erzhlte ihnen die Frau zuerst sehr schn und deutlich, warum der heilige Ostertag ein so groes Freudenfest sey -- und dann wurde eine groe irdene Schssel voll heier Milch aufgetragen, darein Eyer geschlagen waren. Jedes Kind hatte ein neues irdenes Schsselchen vor sich stehen. Jedes bekam nun seinen Theil und lie sichs trefflich schmecken. Hierauf fhrte die Frau die Kinder durch eine Seitenthr des Grtchens in das kleine Tannenwldchen, das an den Garten stie. Zwischen den jungen Tnnchen waren hie und da schne grne Rasenpltze. Da sagte die Frau den Kindern, jedes solle aus Moos, mit dem die Felsen und Bume umher reichlich bewachsen waren, ein kleines Nestchen machen. Sie gehorchten mit Freuden. Denjenigen Kindern, die nicht zurecht kommen konnten, muten die geschicktern helfen. Jedes mute sich sein Nestchen recht wohl merken. Nun kehrten die Kinder wieder in den Garten zurck. Aber sieh -- da erblickten sie auf dem Tische einen groen Kuchen von Eyerbrot, der wie ein groer gewundner Kranz gestaltet war. Jedes bekam nun ein groes Stck Kuchen. Inde nun die Kinder aen, schlich Martha mit einem groen Korbe voll gefrbter Eyer heimlich in das Wldchen, und vertheilte die Eyer in die Nestchen, und die blauen, rothen, gelben oder bunten Eyer nahmen sich in den zierlichen Nestchen von zartem, grnlichem Moose ungemein schn aus. Nachdem die Kinder genug gegessen hatten, sagte die Frau: Nun kommt, jetzt wollen wir nach den Nestchen sehen. In jedem Nestchen lagen fnf gleichfarbige Eyer, und auf Einem derselben stand ein Reim. Was da die Kinder fr ein Freudengeschrey erhoben! Die Freude und der Jubel ging ber alle Beschreibung. -- Rothe Eyer! Rothe Eyer! rief das eine, in meinem Nestchen sind lauter rothe Eyer. Und in dem meinigen blaue, rief ein anderes, o alle so schn blau, wie jetzt der Himmel. Die meinigen sind gelb, schrie ein drittes, noch viel schner gelb, als die Schlsselblmchen, oder der hellgelbe Schmetterling, der dort fliegt. Die meinigen, rief das vierte, haben gar alle Farben! O das mssen wunderschne Hhner seyn, rief ein kleiner Knabe, weil sie so schne Eyer legen. Die mchte ich einmal sehen. Ey, sagte Martha's Schwesterchen, das Kleinste aus allen Kindern, die Hhner legen freylich keine so schne Eyer. Ich glaube gar, das Hschen hat sie gelegt, das aus dem Wachholderbusche heraussprang und davon lief, als ich dort das Nestchen bauen wollte. Und alle Kinder lachten zusammen, und sagten im Scherze, der Haase lege die bunten Eyer. Ein Scherz, der sich in manchen Gegenden bis auf unsere Zeiten erhalten hat. O mit wie wenigem, sagte die Frau, kann man den Menschen eine groe Freude machen! Wer sollte nicht gerne geben; indem ja geben seliger ist, als empfangen! -- Wer doch noch ein Kind seyn knnte! Eine solche Freude empfinden unter den Erwachsenen nur diejenigen, die ihr Herz rein und schuldlos bewahrten. Nur die leben noch in dem Paradiese der Kindheit -- diesem Gottesreiche schuldloser Freude. Nun machte die Frau den Kindern wieder eine andere Unterhaltung. Manches Kind, das nur blaue Eyer bekam, htte gerne auch ein rothes oder gelbes gehabt. Denen, mit den rothen, gelben oder bunten Eyern ging es eben so. Die Frau sagte daher den Kindern, sie sollen mit einander tauschen. Nur das Ey mit dem Sprchlein durfte nicht vertauscht werden. Das war jetzt eine neue Freude, da jedes Kind auf diese Art Eyer von allen Farben erhielt. Seht, sagte die Frau, so mu man einander aushelfen. Wie es mit den Eyern hier ist, so ist es mit tausend andern Dingen. Gott theilte seine Gaben so aus, da die Menschen einander davon wechselweise mittheilen knnen, und so einander Freude machen und einander lieber gewinnen sollen. Mchte doch jeder Tausch oder Kauf, wie euer kleiner Eyerhandel beschaffen seyn, da immer beyde Theile gewinnen, und keiner verliere. Der kleine Edmund las seinen Reim. Ein Khlerknabe war darber voll Erstaunen. Denn damals gab es noch wenige Schulen, und mancher Erwachsene wute kaum, da es um das Lesen und Schreiben etwas Schnes und Ntzliches sey. Der Khlerknabe wollte nun sogleich wissen, was denn da auf _seinem_ Ey geschrieben stehe. O ein unvergleichlich schnes Sprchlein! sagte die Frau. Hre einmal! _Fr Speis und Trank -- dem Geber dank!_ Sie fragte die Kinder, ob sie dieses immer gethan htten? Jetzt fiel es ihnen erst ein, Gott fr die frhliche Mahlzeit und die schnen Eyer zu danken, was sie denn nach Anleitung der Frau auch sogleich von Herzen thaten. Nun wollte aber jedes Kind wissen, was auf seinem Ey stehe. Alle drngten sich um die Frau. Alle die kleinen Hndchen, und in jedem der Hndchen ein Ey, waren gegen sie ausgestreckt. Alle riefen wie mit einem Munde: Was steht auf meinem? Was auf meinem? Wie heit meines? O meines zuerst lesen! Die Frau mute Friede machen, und die Kinder in einen Kreis stellen. Jetzt las sie in der Reihe herum ein Sprchlein nach dem andern. Jedes Kind war voll Begierde zu wissen, wie sein Reimlein heie. Alle horchten auf die Frau, und wandten kein Auge von ihr, wenn sie wieder ein Sprchlein las. Die Reimlein bestanden nur immer aus einigen Wrtchen. Alle zusammen, sowohl auf den Eyern, die sie jetzt, als auf jenen, die sie nachher noch austheilte, waren ungefhr folgende: 1. Nur Eins ist noth, Kind, liebe Gott! 2. Gott sieht dich, Kind, Drum scheu die Snd. 3. Fr Speis und Trank Dem Geber dank'. 4. Ein dankbar Herz Flammt himmelwrts. 5. Vertrau' auf Gott, Er hilft in Noth. 6. Hchst elend ist, Wer Gott vergit. 7. Wer Jesum ehrt, Thut, was Er lehrt. 8. Gebet und Flei Macht gut und weis'. 9. Fromm, gut und rein, Drey Edelstein. 10. Ein gutes Kind Gehorcht geschwind. 11. Beym Eigensinn Ist kein Gewinn. 12. Ein reines Herz Erspart viel Schmerz. 13. Kind, wirst du roth, So warnt dich Gott. 14. Wie Rosen blht Ein rein Gemth. 15. Bescheidenheit Das schnste Kleid. 16. Wer Lgen spricht, Dem glaubt man nicht. 17. Die Heucheley Ein faules Ey. 18. Verdientes Brot, Macht Wangen roth. 19. Unmig seyn Bringt Schmach und Pein. 20. Geiz macht ein Herz Zu Stein und Erz. 21. Ein frommer Mann, Hilft wo er kann. 22. Zorn, Ha und Neid Bringt dir nur Leid. 23. Still, sanft und mild, Ein goldner Schild. 24. Geduld im Leiden Bringt Himmelsfreuden. 25. Gutseyn, nicht Gold, Macht lieb und hold. 26. Ein gut Gewissen, Ein sanftes Kissen. 27. Wer Gutes thut, Hat frohen Muth. 28. Zur Ewigkeit Sey stets bereit. 29. Weltlust vergeht, Tugend besteht. 30. Den Frommen lohnen Dort ew'ge Kronen. Jedes Kind gab sich alle Mhe, sein Reimlein zu merken, und wiederholte es in der Stille immer bey sich selbst, um es nicht zu vergessen. Die Frau fragte nun in der Reihe herum, ob jedes sein Sprchlein noch wisse. Hie und da mute sie ein wenig nachhelfen. Aber bald wute jedes Kind das seine schn und deutlich zu sagen. Ja viele merkten auch die Reimlein der brigen. Nach und nach wute fast jedes Kind alle Reime auswendig. Wenn man nur das erste Wort nannte, so wuten sie fast allemal das Sprchlein bis ans Ende zu sagen. Und wenn man die erste Hlfte sagte, so wuten sie die zweyte ganz sicher. So viel auf einmal, und so leicht, unter Lust und Lachen, hatten die Kinder noch nie gelernt. Die Vter und Mtter und die andern Kinder, die indes nach Hause gekommen waren, und den lauten Jubel, der in das Thal hinabscholl, vernahmen, eilten herauf, zu sehen und zu hren, was es denn gebe, und waren ganz erstaunt. So viel, sagten sie, lernen ja die Kinder zu Hause kaum in einem halben Jahre auswendig, als hier in einer halben Stunde. Es bleibt doch wahr, Lust und Lieb zu einem Ding, macht alle Mh und Arbeit gering. Aber den Kindern Lust zu machen, sagte der Mller, das ist das Kunststckchen. Da steckts! -- Das heit einmal viel gelernt. Das ist ja eine ganze Sittenlehre fr Kinder im Kleinen. Wie die Frau doch mit Kindern umzugehen wei! Die Frau beschenkte nun auch die brigen Kinder mit bunten Eyern und mit Kuchen, und sagte noch zu allen: Die gefrbten Eyer mgt ihr zu Hause essen; und die mit dem Sprchlein, mt ihr zum Andenken aufbewahren. Die essen wir freylich nicht! sagten die Kinder. Die heben wir auf. Das Sprchlein ist ja mehr werth, als das Ey. Das ist's wahrhaftig, sagte die Frau, wenn ihr das befolgt, was es euch lehrt. Sie ermahnte die Aeltern nun, die Kinder bey guter Gelegenheit an die Sprchlein zu erinnern. Die Aeltern thatens. Wenn ein Kind nicht sogleich auf das Wort folgen wollte, erhob der Vater den Finger und sagte: _Ein gutes Kind_ -- und das Kind sprach: _gehorcht geschwind!_ und gehorchte dann auch geschwind. Wenn ein Kind Miene machte, zu lgen, sprach die Mutter: _Wer Lgen spricht_ -- _dem glaubt man nicht!_ fuhr das Kind fort, errthete und schmte sich zu lgen. Und so machten die Aeltern es auch mit den brigen Reimen. Die Kinder sagten noch gar oft, in ihrem Leben htten sie keinen so vergngten Tag gehabt. Nun, sagte die Frau allemal, so thut nur fleiig, wie es in den Sprchlein heit, und dann gebe ich euch alle Jahre ein solches Eyerfest. Wer aber bse ist und nicht folgt, darf nicht dazu kommen. Denn es soll nur ein Fest fr gute Kinder seyn. O, wie da die Kinder im Thale so gut und so folgsam wurden! Fnftes Kapitel. Ein Paar Eyer -- mehr werth, als wenn sie von Gold wren. Unter den Zuschauern, die dem kleinen Kinderfeste beywohnten, hatte die Frau einen fremden Jngling bemerkt, der in dem Kreise frhlicher Menschen ganz traurig dastand. Der Jngling mogte etwa im sechzehnten Jahre seyn. Er war nur sehr rmlich gekleidet, allein von einem sehr edlen Aussehen und von einer blhenden, unverdorbenen Gesichtsfarbe; seine schnen gelben Haare hingen bis auf die Schultern herab, und in der Hand hatte er einen langen Wanderstab. Nachdem sich die meisten Zuschauer zerstreut hatten, fragte ihn die Frau voll Mitleids, warum er denn so traurig sey. Ach, sprach der Jngling, und die hellen Thrnen standen ihm in den Augen, mein Vater, der ein Steinhauer war, ist erst vor drey Wochen gestorben. Meiner Mutter geht es nun mit meinen zwey kleinen Geschwistern, einem Knaben und einem Mdchen, sehr hart. Mich will der Bruder meiner Mutter annehmen, und mich das Handwerk des Vaters, das er auch treibt, lehren, damit ich die Mutter erhalten und mich in der Welt fortbringen knne. Zu diesem reise ich jetzt. Ich komme schon zwanzig Stunden weit her und habe fast noch so weit zu gehen. Denn der Vetter wohnt weit hin in einer andern Gegend des Gebirges. Die Frau wurde, besonders da ihr eignes Schicksal dem Schicksale der armen Wittwe des Steinhauers in etwas hnlich war, sehr gerhrt. Sie gab ihm Milch mit Eyern und Eyerkuchen zu essen, und schenkte ihm einiges, seine Mutter damit zu untersttzen. Edmund und Blanda hatten auch groes Mitleiden mit ihm. Da, sagte Blanda, bring dieses rothe Ey deinem kleinen Schwesterchen und gre sie mir recht freundlich. Und, sagte Edmund, dieses blaue Ey bringe deinem Brderchen zum Grue, und sag ihm, er soll uns einmal heimsuchen! Wir wollen ihm dann auch Milchsuppe und Eyerkuchen auftischen. Die Mutter lchelte, holte noch ein bemahltes Ey, und sagte: Dieses Ey da gieb deiner Mutter. Das Sprchlein darauf ist der beste Trost, den ich ihr geben kann: _Vertrau auf Gott, -- Er hilft in Noth!_ und so wird ihr das Ey kein unangenehmes Geschenk seyn; ja wenn sie das Sprchlein befolgt, so ist es das beste Geschenk von der Welt, das man ihr nur immer machen knnte. Der Jngling dankte herzlich. Der Mller behielt ihn ber Nacht, und am andern Morgen, da die Spitzen der Felsen, die das Thal einschlossen, sich errtheten, setzte er seinen Stab weiter, nachdem der Mller ihm noch zuvor Haberbrot und Ziegenkse in seinen Queersack gesteckt hatte. Fridolin, denn so hie der Jngling, wanderte durch das Gebirge, ber hohe Felsen und durch tiefe Thler, rstig fort. Am Abende des dritten Tages war er nur noch ein Paar Stunden von der Wohnung des Vetters entfernt. Aber sieh da -- als er so auf schmalem Wege, lngs einer himmelhohen Felsenwand hinkletterte, und in die tiefe schauerliche Kluft zwischen den buschigen Felsen mit Grausen hinabschaute, erblickte er auf einmal ein aufgezumtes und gesatteltes Pferd; die Decke war schn purpurroth und der Zgel schien lauter Gold. Das Pferd aber schaute zu ihm herauf und wieherte, als freute es sich, einen Menschen zu sehen, und als wollte es ihn mit lautem Jubel willkommen heien. Alle Welt, sagte der Jngling, wie kommt das edle Thier in diese tiefe Schlucht hinab. Allem nach gehrt es einem Ritter zu. Wenn dem Herrn, dem es angehrt, nur kein Unglck begegnet ist. Ein gesatteltes Pferd ohne Reiter an einem solchen Orte ist immer ein Anblick, ber den man erschrickt. Mir wird ganz bange; ich mu doch einmal nachsehen. Er versuchte lange vergebens hinab zu klettern, wiewohl er im Bergsteigen sehr gebt war. Endlich fand er einen engen Steig zwischen den Felsen, den ein wildes Bergwasser ausgehhlt hatte, der aber jetzt trocken lag, und kam glcklich hinunter. Da sah er einen Mann von edlem Aussehen und in ritterlicher Kleidung unter einem berhangenden Felsen liegen. Sein glnzender Helm mit dem prangenden Federbusche lag neben ihm, und der Spie steckte darneben. Der Mann aber sah sehr bla aus, und der Jngling wute nicht, ob er nur schlafe oder gar todt sey. Mitleidig ging er zu ihm hin, fate ihn freundlich bey der Hand und sagte: Fehlt euch etwas lieber Herr? Der Mann schlug die Augen auf, blickte den Jngling starr an, seufzte, und versuchte zu reden. Aber er konnte kein Wort hervorbringen. Da deutete er mit der Hand auf den Mund, und dann auf den Helm, der neben ihm lag. Fridolin verstand, da er trinken wolle, nahm den Helm, und ging, Wasser zu holen. Ein paar graue Weidenbume tief in einem Winkel der Schlucht verriethen ihm, da Wasser in der Nhe seyn msse. Er ging hin, fand feuchten Grund, wand sich eine Strecke zwischen Felsen und Gestruchen hinauf, und sieh -- da rann ein kleines Quellchen, hell wie Kristall, aus einem moosigen Felsen hervor. Fridolin fllte den Helm, und eilte dem Durstenden zu. Er trank fter und in langen Zgen. Nach und nach kam ihm die Sprache wieder. Gott sey Dank! war sein erstes Wort. Und auch dir sey Dank, freundlicher Jngling, fuhr er mit heierer Stimme fort, indem er den Kopf auf die Hand sttzte. Dich hat mir Gott zugesendet, damit ich nicht verschmachte. -- Aber, wie mich jetzt hungert! Hast du nicht einen Bissen Brot bei dir? O du mein Gott, rief Fridolin, wenn ich es nur frher gewut htte. Haberbrot und Ziegenkse, die ich da im Queersacke trug, sind rein aufgezehrt. Doch halt, halt! rief er jetzt freudig aus, da habe ich ja noch die Eyer. Die sind eine gesunde, nahrhafte Speise. Er setzte sich zu dem Manne auf den reichlich mit Moos bewachsenen Boden, langte die gefrbten Eyer hervor, machte sogleich eines von der Schale los, schnitt es mit seinem Taschenmesser, gleich Aepfelschnitzchen, in lnglichte Stcklein, und gab ein Stckchen nach dem andern dem Manne. Der Mann a begierig, trank dann wieder dazwischen, und a dann wieder. Fridolin wollte das dritte Ey auch aufklopfen. Aber der Mann sagte: La es gut seyn. Zuviel auf einmal essen, besonders nachdem man lange gehungert, ist nicht gut. Ich habe fr jetzt genug. So gut hat es mir in meinem Leben noch nicht geschmeckt. Es war ein Knigsmahl. Ich fhle mich, Gott sey Dank, schon krftiger, fuhr er fort und setzte sich vollends auf. O wenn du nicht gekommen wrest, so wre ich diese Nacht sicher verschmachtet. Aber, sagte Fridolin, indem er den hellen Panzer und die Kleidung von prchtigen Farben nher betrachtete, wie kommt ihr, edler Ritter, mit eurem Pferde denn in diese schauerliche Schlucht herab? Ich bin nur ein Edelknecht, sagte der Mann, und reise schon mehrere Wochen in Angelegenheit meines Herrn weit umher. Da hab ich mich in diesem waldigen Gebirge verirrt. Die Nacht berfiel mich. Auf einmal strzte ich in der Finsterni, samt meinem Pferde, den steilen Abhang dort herunter in diese Tiefe. Dem Pferde, das gut auf den Beinen ist, geschah nichts. Aber ich habe mich da an dem Fue beschdigt, da ich nicht mehr gehen, und mich nicht einmal mehr auf das Pferd schwingen kann. Inde ists ein Wunder, da Mann und Ro nicht sogleich zu Grund gingen. Ich kann Gott nicht genug danken! Ich verband mir die Wunde; aber das Wundfieber setzte mir hart zu. Ich hatte mich schon darein ergeben, zwischen diesen Felsen Hungers zu sterben. Da erschienst du mir, guter Jngling -- wie ein Engel des Himmels. Sag doch an, wie kommst du hieher in diese menschenleere, einsame Wste? Fridolin erzhlte, und der Mann hrte aufmerksam zu, und that dazwischen allerley Fragen. Wunderlich, sagte er, indem er auf die Eyerschaalen zeigte, die auf dem Moose umherlagen, da sie so schn roth und blau sind. Ich habe noch nie solche Eyer gesehen. Wie, la mich das Ey, das noch ganz ist und das du wieder in den Queersack stecktest, doch einmal nher betrachten! Fridolin gabs ihm, und erzhlte, wie er dazu gekommen. Der Mann betrachtete das Ey sehr aufmerksam, und die Thrnen drangen ihm in die Augen. Mein Gott, sagte er, was da auf dem Ey steht, ist wohl recht wahr: _Vertrau auf Gott, -- Er hilft in Noth._ Das habe ich jetzt erfahren. Mit heier Inbrunst flehte ich in diesem Abgrunde zu Gott um Hlfe, und Er hat mein Flehen erhrt. Seine Gte sey dafr dankbar gepriesen. Gesegnet seyen die guten Kinder, die dir das Paar Eyer schenkten. O sie dachten wohl nicht, da sie damit einem fremden Manne das Leben retten wrden. Gesegnet sey die gute Frau, die auf dieses Ey hier den trstlichen Reim schrieb. Du, fuhr er fort, gib das Ey mir. Ich will es aufheben, damit ich den schnen Spruch, der sich an mir so schn bewhrte, immer vor Augen haben kann. Ja, meine Kinder und Kindeskinder sollen noch im Vertrauen auf Gott gestrkt werden, so oft sie das Ey erblicken und den Spruch lesen. Vielleicht erzhlen nach hundert Jahren meine Urenkel noch davon, wie wunderbar Gott ihren Urgrovater durch ein Paar Eyer vom Hungertode gerettet habe. -- Ich will dir fr die Eyer etwas anders geben. Er zog seinen Geldbeutel heraus, und gab ihm fr jedes Ey, das er gegessen, hatte, ein Goldstck -- fr das mit dem schnen Reim aber zwey. Fridolin wollte ihm das Ey zwar nicht lassen. Der Mann aber bat so lange, bis er es ihm gab. Doch sieh, sagte der Mann jetzt, indem er an der Felsenwand hinauf blickte, es will Abend werden, und die Felsen und Gestruche da oben schimmern in der Abendsonne schon wie rothes Gold. Versuch es doch einmal, mir auf das Pferd zu helfen. Der Weg, auf dem du herabkamst in diese frchterliche Schlucht, wo die Sonne nie hinscheinet, lt mich doch einen Ausgang hoffen. Fridolin half ihm auf das Pferd, und fhrte es am Zgel. Sie kamen durch den Hohlweg mit vieler Mhe, aber dennoch glcklich hinauf. O wie sich da der Mann freute, als er die Sonne wieder erblickte, und Wald und Gebirg umher, von ihren glhendrothen Strahlen herrlich beleuchtet. Zu meinem Vetter, sagte Fridolin, kommen wir jetzt wohl noch. Ich gehe einen starken Schritt und euer Pferd bleibt gewi nicht zurck. Der Vetter wird euch mit Freuden aufnehmen. Er ist ein braver Mann. Ihr findet nicht nur eine gute Nachtherberge, sondern sicher auch, bis ihr wieder hergestellt seyd, eine liebreiche Pflege. Mit anbrechender Nacht kamen sie vor der Htte des ehrlichen Steinhauers an. Er nahm den Edelknecht mit Freuden auf, und klopfte seinem jungen Vetter Fridolin auf die Schulter, da er so brav und gut gehandelt habe. -- Fridolin trug seine Bedenklichkeit vor, da er nicht Wort halten und seiner Mutter und seinen Geschwistern die gefrbten Eyer nicht senden knne. Ach was, Eyer, sagte Fridolins Vetter, ich wei zwar nicht, was du alles von rothen und blauen und bunten Eyern daher schwatzest, oder was diese Eyer vor andern Vogeleyern, deren viele gewi noch weit schner und zarter bemahlt sind, besonders haben sollen; aber wren sie auch pures Gold, so wren sie dennoch wohl fort -- da nur der brave Mann hier nicht hungers sterben durfte, und du einmal ein braver Kerl wirst. Du hast gehandelt, wie der wohlthtige Samariter -- und ich will nun den Wirth machen. Aber bezahlen darfst du mir nichts, setzte er noch lchelnd hinzu. Hrst du? Der Edelknecht zeigte das Ey mit dem Spruche. Es ist wunderschn, sagte der Vetter zu Fridolin. Inde la ihm's nur; das Gold da wird deiner Mutter lieber seyn. Komm, ich will es dir auswechseln! Der Jngling erstaunte ber die Menge Mnze, die er dafr bekam; denn er hatte das Gold nicht gekannt. Sieh, sagte der Vetter, auch an deiner Mutter wird der Spruch wahr: _Gott hilft in Noth!_ Der Spruch ist mehr werth, als all das Gold. Es ist inde gut, da man den Spruch auch ohne das Ey merken kann. Vergi ihn daher dein Lebenlang nicht. Der Edelknecht blieb so lange, bis er ganz gesund war, und beschenkte, ehe er aufsa, noch alle im Hause reichlich. Sechstes Kapitel. Ein Ey, das wirklich in Gold und Perlen gefat wird. Den Frhling und Sommer ber fiel in dem Thale nichts besonders vor. Die Kohlenbrenner bauten ihr kleines Feld und gingen fleiig in den Wald, Kohlen zu brennen; ihre Weiber besorgten die Haushaltung und zogen viele Hhner; und die Kinder fragten sehr oft, ob es wohl nicht bald wieder Ostern sey. Die edle Frau aber war jetzt manchmal sehr traurig. Ihr alter, treuer Diener, der sie hieher begleitet hatte, und anfangs von Zeit zu Zeit bald grere, bald kleinere Reisen machte, und ihre Geschfte besorgte, konnte das Thal schon lange nicht mehr verlassen. Denn er fing an zu krnkeln. Ja, als es Herbst ward und die Gestruche an den Felsen umher bereits bunte Bltter hatten, konnte er kaum mehr vor die Thre, um sich, was er sonst so gerne that, ein wenig zu sonnen. Die Frau vergo aus Mitleid mit dem guten, alten Manne, und aus Besorgni, ihre letzte Sttze zu verlieren, manche stille Thrne. Auch das fiel ihr sehr schwer, da sie nun durch ihn von ihrem Vaterlande keine Nachricht mehr erhalten konnte, und in diesem abgelegenen Thale von der ganzen brigen Welt wie abgeschieden war. Um diese Zeit setzte aber noch ein anders Ereigni die gute Frau in nicht geringe Aengste und Schrecken. Die Kohlenbrenner kamen eines Morgens aus dem Walde heim, und erzhlten, als sie die vergangene Nacht wohlgemuth bey ihren brennenden Kohlhaufen gesessen wren, da seyen auf einmal vier fremde Mnner zu ihnen gekommen, die eiserne Kappen auf dem Kopfe und eiserne Wammse angehabt, und groe Schwerter an der Seite und lange Spiee in der Hand gefhrt htten. Sie htten sich Dienstleute des Grafen von Schroffeneck genannt, der mit vielen Reisigen in dem Gebirge angekommen sey. Sie htten sich auch nach allem in der Gegend wohl erkundigt. Der Mller eilte mit dieser Neuigkeit sogleich zu der Frau, die eben an dem Bette des kranken Kuno sa. Sie wurde, als der Mller den Namen Schroffeneck nannte, todtenbleich, und rief: O Gott, der ist mein schrecklichster Feind! Ich glaube nicht anders, als er stellt mir nach dem Leben. Die Kohlenbrenner werden den fremden Mnnern meinen Aufenthalt doch ja nicht entdeckt haben! Der Mller versicherte, so viel er wisse, sey von ihr gar nicht die Rede gewesen. Die Mnner htten sich an dem Feuer nur gewrmt und seyen gegen Tag wieder weiter gegangen. Da sie aber noch in dem Gebirge umherstreifen, sey dennoch gewi. Lieber Oswald! sagte die Frau zum Mller, Ich habe, seit ihr mich in euer Haus aufnahmet, euch immer als einen gottesfrchtigen, rechtschaffenen, redlichen Mann kennen gelernt. Euch will ich daher meine ganze Geschichte anvertrauen, und auch die groe Angst entdecken, die jetzt mein Herz erfllt; denn auf euern guten Rath und auf euern treuen Beystand mache ich sichere Rechnung. Ich bin Rosalinde, eine Tochter des Herzoges von Burgund. Zwey angesehene Grafen warben um meine Hand -- Hanno von Schroffeneck und Arno von Lindenburg. Hanno war der reichste und mchtigste Herr weit umher, und hatte viele Schlsser und Kriegsleute; allein er war nicht gut und edel. Arno war wohl der tapferste und edelste Ritter im Lande; allein im Vergleich mit Hanno arm; denn er hatte von seinem edlen, uneigenntzigen Vater nur ein einziges alterndes Schlo geerbt, und war auch gar nicht darauf bedacht, durch Gewalt mehrere an sich zu reien. Ihm gab ich, mit Gutheien meines Vaters, meine Hand, und brachte ihm eine schne Strecke Landes mit mehreren festen Schlssern zum Brautschatze. Wir lebten so vergngt, wie im Himmel. Hanno von Schroffeneck fate aber einen grimmigen Ha gegen mich und meinen Gemahl, und wurde uns todtfeind. Inde verbarg er seinen Groll, und lie ihn nicht in ffentliche Feindseligkeiten ausbrechen. Nun mute mein Gemahl mit dem Kaiser in den Krieg gegen die wilden heidnischen Vlker ziehen. Hanno htte den Zug auch mitmachen sollen. Allein unter allerley Vorwnden wute er seine Rstungen zu verzgern, blieb zurck, und versprach blos, dem Heere sobald mglich zu folgen. Whrend nun mein Gemahl mit seinen Leuten an den fernen Grenzen fr sein Vaterland kmpfte, und alle genug zu thun hatten, den bermchtigen Feind abzuhalten, brach der treulose Hanno in unser Land ein -- und niemand war, der sich ihm widersetzen konnte. Er verwstete alles weit umher, und erstrmte ein festes Schlo nach dem andern. Mir blieb nichts brig, als mit meinen zwey lieben Kindern heimlich zu entfliehen. Mein guter alter Kuno war mein einziger Schutzengel auf dieser gefhrlichen Flucht, auf der ich keinen Augenblick vor Hanno's Nachstellungen sicher war. Er fhrte mich in dieses Gebirg, wo ich in diesem vor aller Welt verborgenen Thale einen so ruhigen Aufenthalt fand. Hier wollte ich nun weilen, bis mein Gemahl aus dem Kriege zurck kommen, und unsre Habe dem unrechtmigen Besitzer wieder entreien wrde. Von Zeit zu Zeit zog Kuno aus dem Gebirge in die bewohntere Welt, Kunde von dem Kriege einzuholen. Allein immer kehrte er mit traurigen Nachrichten zurck. Immer noch waltete der bse Hanno in unserm Lande, immer noch dauerte der Krieg an den Grenzen mit abwechselndem Glcke fort. Nun aber ist schon bald ein Jahr, da mein guter Kuno krank ist, und seit der Zeit wei ich nichts mehr von meinem theuren Vaterlande, und von meinem lieben Gemahl. Ach, vielleicht fiel er schon lange unter dem Schwerte der Feinde! Vielleicht kam Hanno, der mir mit seinen Leuten so nahe ist, meinem geheimen Aufenthalte auf die Spur -- und was wird dann aus mir werden? Der Tod wre noch das Beste, was mir begegnen knnte! -- O redet doch mit den Khlern, lieber Oswald, da sie mich doch nicht verrathen! Was verrathen! sagte der Mller. Ich stehe euch gut fr alle; jeder gbe sein Leben fr mich. Ehe der von Schroffeneck euch etwas zu leid thun sollte, mte er es mit uns allen aufnehmen. Seyd daher auer Sorgen, edle Frau! Eben so sprachen die Kohlenbrenner, als ihnen der Mller die Sache vortrug. Er soll nur kommen, sagten sie, dem wollen wir mit unsern Schrhacken den Weg weisen. Die gute Frau brachte inde ihr Leben unter bestndigen Sorgen und Aengsten zu. Sie getraute sich kaum mehr aus der Htte, und lie auch keines ihrer Kinder vor die Thre. Ihr Leben war sehr betrbt und kummervoll. Da es aber in dem Gebirge wieder ruhig wurde, und man von den geharnischten Mnnern nichts mehr sah und hrte, wagte sie es einmal, einen kleinen Spaziergang zu machen. Es war nach langem Regen gar ein schner, lieblicher Tag spt im Herbste. Einige hundert Schritte von ihrer Htte war eine Art lndlicher Kapelle. Sie war nur aus rohen Tannenstmmen erbaut, und an der Vorderseite ganz offen. In der Kapelle sah man die Flucht nach Aegypten, ein sehr liebliches Gemhlde, das Kuno einmal von einer seiner Wanderungen mitgebracht hatte, die gute Frau ber ihre eigene Flucht zu trsten. Hinter der Kapelle erhob sich eine hohe Felsenwand, und vor der Kapelle standen einige schne Tannen, und beschatteten den Eingang derselben. Das Pltzchen hatte noch etwas Stilles und Trauliches, da man mit Wehmuth und Freude hier verweilte. Ein angenehmer Weg ber grnen Rasen, zwischen mahlerischen Felsen und Gestruchen fhrte dahin. Dies war ihr liebster Spaziergang. Sie ging -- nicht ganz ohne Bangigkeit -- auch dieses Mal dahin. Sie kniete mit ihren Kindern einige Zeit auf dem Betstuhle am Eingange der Kapelle. Die Aehnlichkeit ihres Schicksals mit dem der gttlichen Mutter, die auch mit ihrem Kinde in ein fremdes Land flchten mute, rhrte sie, und manche Zhre flo von ihren Wangen. Sie betete eine Zeit, und setzte sich dann auf die Bank. Ihre Kinder pflckten inde an den Felsen umher Brombeeren, freuten sich, da jede Beere gleichsam ein kleines, glnzendschwarzes Trubchen bilde, und entfernten sich nach und nach ziemlich weit. Als nun die Frau so einsam da sa -- sieh, da kam ein Pilgersmann zwischen den Felsen hervor und nherte sich der Kapelle. Er hatte nach Art der Pilger ein langes, schwarzes Gewand an und einen kurzen Mantel darber. Sein Hut war mit schnfarbigen Meermuscheln geziert, und in der Hand fhrte er einen langen, weien Stab. Er war, wie es schien, schon sehr alt, aber doch ein stattlicher, sehr wohlaussehender Mann. Seine langen Haare, die auf beiden Seiten der Scheitel schlicht herab hingen, und sein langer Bart waren wei wie Schleeblthe, aber seine Wangen noch rther, als die schnsten Rosen. Die Frau erschrack, als sie den fremden Mann sah. Er grte sie ehrerbietig und fing ein Gesprch mit ihr an. Sie aber war in ihren Reden sehr vorsichtig und zurckhaltend. Sie blickte ihn nur sehr schchtern an, als wollte sie ihn erst ausforschen, ob sie ihm -- als einem ganz Fremden -- wohl auch trauen drfe. Edle Frau, sagte endlich der Pilger, habt keine Furcht vor mir. Ihr seyd mir nicht so fremd, als ihr denket. Ihr seyd Rosalinde von Burgund. Ich wei auch gar wohl, was fr ein hartes Schicksal euch zwang, zwischen diesen rauhen Felsen eine Zufluchtssttte zu suchen. Auch euer Gemahl, von dem ihr nun schon drei Jahre getrennt seyd, ist mir recht wohl bekannt. Seit ihr hier in dieser abgelegenen Gegend wohnet, hat sich in der Welt vieles gendert. Wenn euch je noch daran liegt, von dem guten Arno von Lindenburg zu hren, und das Andenken an ihn in eurem Herzen noch nicht erloschen ist, so kann ich euch die frhlichsten Nachrichten von ihm mittheilen. Es ist Friede! Mit Siegeskrnzen geschmckt kehrte das christliche Heer zurck. Euer Gemahl hat seine geraubten Festen wieder erobert. Der Bsewicht Hanno rettete sich mit genauer Noth in dieses Gebirg, und auch aus diesem hat er sich schon weiter flchten mssen. Der innigste Wunsch eures Gemahls ist nun, euch, seine geliebte Gemahlinn, wieder aufzufinden. O Gott! rief jetzt die Frau, welch eine Freudenbothschaft! O wie dank ich Dir, lieber Gott! Sie sank auf die Knie, und reichliche Thrnen flossen ber ihre Wangen. Ja, sprach sie, Du, guter Gott, hast meine heien Thrnen gesehen, meine stillen Seufzer vernommen, mein unaufhrliches Flehen erhrt! -- O Arno, Arno, da mir doch bald der selige Augenblick wrde, dich wieder zu sehen, und dir deine Kinder, die bey deiner Abreise noch ganz unmndig waren, vorzufhren, damit du nun aus ihrem Munde das erste Mal den holden Vaternamen vernehmest! Ja wohl zweifeln, du frommer Mann, sagte sie zum Pilger, ob ich meines Gemahls noch gedenke -- ob nicht sein Andenken in meinem Herzen erloschen? -- O meine Kinder, rief sie jetzt ihren zwey Kleinen zu, die schchtern in einiger Entfernung standen, und den fremden Mann neugierig betrachteten -- o kommt hieher! Beyde Kinder kamen eilig. Du, Edmund, sprach sie jetzt zum Knaben, indem sie das Kind kte und ermunterte, nicht scheu, sondern hbsch dreist zu seyn, sage dem Manne hier das kleine Gebet, das wir alle Morgen fr den Vater beten. Der Kleine faltete, als ob es allzeit so seyn mte, auch wenn man es nur auswendig hersagte, andchtig die Hnde, und sprach mit sichtbarer Rhrung, die Augen zum Himmel gerichtet, laut und mit Ausdruck: Lieber Vater im Himmel! Sieh auf uns zwey arme Waislein herab! Unser Vater ist im Kriege. O la ihn nicht umkommen! O wir wollen auch recht fromm und gut seyn, damit der liebe Vater Freude habe, wenn er uns einmal wiedersieht! Ach ja, erflle unsre Bitte! Und du, Blanda, sagte sie zum gelblockigten Mdchen mit den Rosenwangen, sag, wie beten wir Abends fr den Vater, ehe wir uns schlafen legen? Das Kind faltete eben so wie der Knabe die kleinen Hndchen, schlug die blauen Augen zum Himmel auf, und betete schchtern mit sanfter, leiser Stimme: Lieber Vater im Himmel! Ehe wir zur Ruhe gehen, flehen wir noch zu Dir fr unsern Vater auf Erde. La ihn sanft ruhen und dein Engel beschtze ihn vor feindlichem Ueberfall. Schenke auch der lieben Mutter sanften Schlaf, damit sie ihres tiefen Kummers ein wenig vergesse. Oder wenn Du ihr auch den sen Schlaf entziehen willst -- so la ihn auf die Augenlieder des Vaters sanft herabsinken. O mchte dieser Abend der letzte unsrer traurigen Trennung seyn -- mchte bald der frohe Morgen jenes Tages anbrechen, an dem wir ihn wiedersehen! Amen, Amen! sagte die Mutter, indem sie die Hnde faltete, und weinend zum Himmel aufblickte. -- -- Jetzt fing der Pilger mit einem Male an laut zu weinen. In einem Augenblicke hatte er die Verkleidung -- Haare und Bart, Pilgermantel und Pilgerrock hinweg geworfen -- und stand nun in prchtiger, ritterlicher Tracht, in Gold und Purpur, in jugendlicher Schnheit, voll Kraft und Leben da, und breitete seine Arme weit gegen Frau und Kinder aus, und rief mit lauter, tiefgerhrter Stimme: O Rosalinde, meine Gemahlinn -- o Edmund und Blanda, meine liebsten Kinder! Die Frau war vom pltzlichen Freudenschrecken ganz betubt. Die Kinder, die bey dem lauten Weinen des Pilgers eben zu ihrer Mutter aufgeblickt hatten, als wollten sie um Hlfe fr den Mann flehen, schauten, als sie jetzt ihren Namen hrten, um -- und erschracken ber das Wunder, das sie zu sehen glaubten; denn sie meinten, da die Mutter ihnen fters aus der Legende erzhlt hatte, nicht anders, als der Greis habe sich mit einem Male in einen schnen Jngling des Himmels -- in einen Engel verwandelt; so schn kam ihnen ihr Vater vor. Denn wirklich war er auch der schnste Mann unter dem ganzen christlichen Heere. O wie entzckt waren sie, als die Mutter ihnen nun sagte, der schne Herr sey ihr lieber Vater, von dem sie ihnen so oft erzhlt habe. Vater und Mutter und Kinder fhlten sich so glcklich, als wren sie schon im Himmel, und ein Paar Stunden verschwanden ihnen wie ein Paar Augenblicke. Rosalinde hatte aus den Reden ihres Gemahls vernommen, da er unter starker Bedeckung spornstreichs hieher geritten sey, um sie hier abzuholen; da er aber wegen der steilen, gefhrlichen Felsenwege sein Gefolge von Reitern zurckgelassen habe, und in Pilgertracht, deren sich die Vornehmen damals oft bedienten, wenn sie unbekannt reisen wollten, zu Fue vorausgeeilt sey, schneller bey ihr zu seyn, sich unter dieser fremden Gestalt von ihrem Wohlbefinden und von dem Wohlverhalten seiner Kinder zu berzeugen, und sie auf seinen Empfang vorzubereiten. Rosalinde fragte, wie es gekommen sey, da er ihren Aufenthalt so sicher erfahren habe. O Rosalinde, sagte er, unser Wiedersehen ist die Frucht deiner Wohlthtigkeit gegen die armen Leute, besonders gegen die Kinder in diesem Thale. Darum hat Gott deinen Kindern den Vater wieder geschenkt. Ohne diese deine wohlthtigen Gesinnungen htten wir uns nicht so bald, ach vielleicht gar nicht mehr gesehen! Denn berall warest du von unsren Feinden umgeben, und leicht httest du in ihre Hnde fallen knnen. Erst nachdem ich mit meinen Leuten im Gebirge angekommen war, entfloh Hanno mit den Seinigen ber alle Berge. Sieh da, sprach er, und zeigte ihr das gefrbte Ey mit dem Spruche: _Vertrau auf Gott, Er hilft in Noth!_ Dieses Ey ward in der Hand Gottes das Mittel, uns wieder zu vereinigen. Ich hatte lange Zeit her Leute ohne Zahl ausgesendet, dich zu suchen -- aber immer vergebens. Da kam einmal Eckbert, einer meiner Edelknechte, den ich schon fr verloren hielt, weil er mir gar lange ausblieb, von einem Ritte zurck. Er war in einen Abgrund gestrzt, und wre da bald verhungert. Ein fremder Jngling rettete ihn mit einem Paar Eyer vom Hungertode, und lie ihm noch obendrein dieses Ey mit dem schnen Spruche zum Andenken an seine Rettung. Eckbert zeigte mir das Ey. Aber, lieber Himmel, wie erstaunte ich! Auf den ersten Blick erkannte ich deine Hand. Augenblicklich saen wir auf, und ritten dem groen Marmorbruche zu, in dem der gute Jngling arbeitete. Dieser zeigte mir den Weg hieher. Httest du den schnen freundlichen Gedanken nicht gehabt, den Kindern mit den bunten Eyern ein Fest zu machen; httest du bey den leiblichen Wohlthaten nicht auf den Geist so schn Bedacht genommen, und die schnen Denkreime nicht auf die Eyer geschrieben, wret ihr alle -- du mein lieber kleiner Edmund da, und du meine kleine holde Blanda hier, gegen einen fremden Jngling nicht so wohlthtig gewesen: o so wre uns der heutige Freudentag nicht geworden. Auf jeder milden Gabe -- sie sey auch noch so klein -- ruht doch immer der Segen des Hchsten, wenn sie aus reinem Herzen und ohne Hoffnung einer Vergeltung gegeben wird. Sie ist ein Samenkorn, das reichliche Frchte trgt. Unter Gottes Leitung bringt sie uns oft auf Erden schon groes Heil. Merkt euch das euer Leben lang, ihr lieben Kinder! Gebt den Armen gerne, sucht andern einen frohen Tag zu machen, gleicht eurer Mutter! Helft andern aus der Noth, und euch wird auch geholfen werden! Erbarmet euch, und ihr werdet auch Erbarmen finden. Freudig werdet ihr dann auf Gott vertrauen knnen, und die felsenfeste Wahrheit auf der zerbrechlichen Eyerschale da, die heute so schn in Erfllung ging, wird auch fernerhin an euch herrlich in Erfllung gehen. Er wird euch nie ohne Hlfe lassen. -- Die seht ihr aus dieser Geschichte. In Gold und Perlen werde ich dehalb dieses Ey fassen, und zum steten Andenken in unsrer Burgkapelle am Altare aufhngen. Inde war es Abend geworden, und schon glnzte hie und da ein Sternlein am klaren Himmel. Graf Arno ging mit seiner Gemahlinn am Arme ihrer lndlichen Wohnung zu, und die zwey Kleinen gingen voraus. Hier erwartete sie neue Freude. Der Edelknecht und Fridolin, sein Erretter, waren hier und hatten sich inde mit Kuno unterhalten, den die Ankunft seines geliebten Herrn schon fast gesund gemacht hatte. Der gute Jngling Fridolin, dem die Grfin die Eyer geschenkt hatte, kam zuerst herbey, und grte sie und die Kinder als alte Bekannte auf das freundlichste und freudigste. Dann trat Eckbert, der Edelknecht, den die Eyer vom Hungertode gerettet hatten, ehrerbietig herbey und sagte: Lat mich, theure Grfin, die wohlthtige Hand kssen, die mir unter Gottes Leitung das Leben rettete. Den braven Kuno umarmte der Graf als seinen treusten Diener, und auch dem wackern Mller, der festlich geputzt in seinem hellblauen Sonntagsrocke dastand, schttelte er mit dankbarer Rhrung treuherzig die Hand. Sie speisten den Abend alle zusammen und waren von Herzen frhlich und vergngt. Am andern Morgen aber war groer Jubel im ganzen Thale. Die Nachricht, der Gemahl der guten Frau, ein vornehmer -- vornehmer Herr, sey angekommen, setzte alles in Bewegung. Gro und Klein kam herauf, ihn zu sehen, und die kleine Htte ward ganz von Leuten umringt. Der Graf trat mit seiner Gemahlinn und seinen Kindern heraus und grte die Leute auf das liebreichste, und dankte ihnen fr alles Gute, das sie seiner Gemahlinn und seinen Kindern erwiesen htten. O nicht wir sind ihre Wohlthter, sagten die Leute mit Thrnen in den Augen, sie ist unsre grte Wohlthterinn! Der Graf unterhielt sich lange mit den guten Leuten, und sprach mit einem jeden aus ihnen, und alle waren ber seine Freundlichkeit entzckt. Inde hatte das Gefolg des Grafen, mit Hlfe einiger Kohlenbrenner einen Weg in das Thal gefunden. Unter dem Klange der Trompeten kamen mehrere Ritter, und eine Menge Knappen zu Pferd und zu Fu zwischen zwey waldigen Bergen hervor, zogen in das Thal herein, und ihre Helme und Spiee leuchteten im Glanze der Sonne wie Blitze. Alle begrten ihre wiedergefundene Gebietherinn mit hoher Freude -- und ihr Freudenruf hallte rings von den Felsen zurck. Graf Arno blieb noch ein Paar Tage hier; am Abende, bevor er mit seiner Gemahlinn und seinen Kindern, mit Kuno und dem brigen Gefolge abreiste, gab er noch allen Bewohnern des Thales eine groe Mahlzeit. Der Mller und die Khler saen zwischen Rittern und Knappen, und die Tafel sah sehr bunt aus. Am Ende der Mahlzeit beschenkte der Graf seine lndlichen Gste, vorzglich den Mller, noch sehr reichlich. Martha blieb in den Diensten der Grfinn. Fr die Mutter und Geschwister des guten Jnglings Fridolin sorgte er noch ganz besonders. Zu den Kindern der Khler aber sagte er: Fr euch, ihr lieben Kleinen, will ich zum Andenken an den Aufenthalt meiner Gemahlinn unter so guten Leuten eine kleine Stiftung machen. Jedes Jahr sollen auf Ostern allen Kindern Eyer von allen Farben ausgetheilt werden. Und ich, sprach die gute Grfinn, will diesen Gebrauch in unsrer ganzen Grafschaft einfhren, und dort zum Andenken meiner Befreyung alle Jahre auf Ostern gefrbte Eyer unter die Kinder austheilen lassen. Die geschah auch. Die Eyer nannte man Ostereyer, und die schne Sitte verbreitete sich nach und nach durch das ganze Land. Die Leute an andern Orten, die den Gebrauch nachmachten, sagten: Die Erlsung der guten Grfinn aus ihrem Felsenthale und jenes Edelknechtes aus dem Abgrunde vom nahen Tode, geht uns zwar nicht so nahe an, ihr Andenken jhrlich zu feiern. Die bunten Eyer sollen daher unsre Kinder an eine grere, herrlichere Erlsung erinnern, die uns _sehr nahe_ angeht -- an unsre Erlsung von Snde, Elend und Tod, durch Denjenigen, der vom Tode auferstand. Das Osterfest ist das rechte Erlsungsfest -- und die Freude, die wir da den Kindern machen, ist ganz dem Sinne des Erlsers gem. Die Liebe, die gerne gro und klein erfreut, ist ja die Summe seiner heiligen Religion, und das schnste Kennzeichen seiner wahren Verehrer. Ja, die Sitte, den Kindern Eyer zu schenken, kann auch den Aeltern und allen Menschen eine schne Erinnerung an die Vaterliebe Gottes gegen uns Menschen, gleichsam ein Pfand der wohlwollenden Gesinnungen seines treuen Vaterherzens seyn. Denn der Mund der Wahrheit hat es ja selbst gesagt: Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohne, der ihn um ein Ey bittet, einen Skorpion geben knnte? Wenn nun ihr euren Kindern gute Gaben zu geben wit, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen, die Ihn darum bitten -- (die beste aller Gaben) den guten Geist geben? Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 5]: ... armen Kohlenbrenner. Das enge Thal war ... ... arme Kohlenbrenner. Das enge Thal war ... [S. 16]: ... wunderlich er den Schweif trgt, fast wie ein ... ... wunderlich er den Schweif trgt, fast wie eine ... [S. 20]: ... merken konnten, das ich ihnen nichts zu leid ... ... merken konnten, da ich ihnen nichts zu leid ... [S. 24]: ... aufgetragen. Kuno brachte ein Teller voll ... ... aufgetragen. Kuno brachte einen Teller voll ... [S. 29]: ... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schnen ... ... abbildeten, und ihnen ein unvergleichlich schnes ... [S. 29]: ... schner Frhlingtag -- ein wahrer Auferstehungstag ... ... schner Frhlingstag -- ein wahrer Auferstehungstag ... [S. 50]: ... Ereigni die gute Frau in nicht geringe Aengsten ... ... Ereigni die gute Frau in nicht geringe Aengste ... [S. 54]: ... wagte er es einmal, einen kleinen Spaziergang ... ... wagte sie es einmal, einen kleinen Spaziergang ... [S. 56]: ... ob sie ihm -- als einen ganz Fremden -- ... ... ob sie ihm -- als einem ganz Fremden -- ... [S. 60]: ... ber das Wunder, da sie zu sehen glaubten; ... ... ber das Wunder, das sie zu sehen glaubten; ... [S. 64]: ... dankte ihnen fr alles Gute, da sie seiner ... ... dankte ihnen fr alles Gute, das sie seiner ... End of the Project Gutenberg EBook of Die Ostereyer, by Christoph von Schmid License: Share Alike