Produced by Heike Leichsenring, Alexander Bauer, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net M. GONTARD-SCHUCK SEELENVERKUFER DAS SCHICKSAL EINER DEUTSCH-AMERIKANERIN VIERTES UND FNFTES TAUSEND [Illustration: F.F.&C.] BERLIN / F. FONTANE & CO. Das erste bis dritte Tausend erschien als erste Auflage im Juni 1914, das vierte und fnfte Tausend im darauffolgenden Monat. Auf Grund des U. G. vom 19. Mai 1909 gegen Nachdruck geschtzt. Copyright 1914 by F. Fontane & Co. Per me si va nella citt dolente, Per me si va nell' eterno dolore, Per me si va tra la perduta gente. Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen, Der Eingang bin ich zu den ew'gen Qualen, Der Eingang bin ich zum verlorenen Volke ... (_Dante, Inferno._) Inhalt I. Kindheit 1 II. Der neuen Welt zu 24 III. Nacht 36 IV. Sonnenaufgang 94 V. Als Stewarde 131 VI. Im sichern Hafen 183 VII. Eine Abrechnung 224 VIII. Ans Werk 255 I. Kindheit. Zum letzten Male liegst du vor mir, mein treuer Weggeno. Zum letzten Male, ehe ich dich hinausschicke in die Welt. Sinnend ruhen meine Blicke auf den ersten Aufzeichnungen aus jener Zeit, da die verschlossenen Tren des Lebens sich fr mich ffneten. Ein Kind war ich noch damals, und wie hart hat mich das Schicksal in die Schmiede genommen, um einen Menschen aus mir zu machen, der Menschen und menschliche Schwchen versteht. Und war es nicht gut, da ich noch so jung war? Wie wre es mir sonst mglich gewesen, die furchtbaren Erlebnisse meiner ersten Jugend so vollstndig verwinden zu knnen? Die kindlich unfertigen Schriftzge da vor mir, die noch so gar keine Charakteristik zeigen, wecken nur eine leise, wehmtige Rhrung in mir. Von dem Schmerz, der Bitterkeit jener Tage spre ich nichts, gar nichts mehr. Vielleicht, weil ich jetzt verstehe, wie alles kommen konnte, ja, wie alles kommen mute. Wie eine Schuld, die andere nach sich zog, und wie auch an mir der uralte Fluch sich erfllte, wie in mir das Vergehen der Eltern seine Shne fand. Und war es denn berhaupt ein Vergehen? War es Snde? Meine arme Mutter, was wute sie von Snde in ihrer Waldeinsamkeit? Ihre Eltern waren stille, wortkarge Menschen, und sie fhlte sich oft sehr einsam in dem groen, alten Jagdhause oben im Gebirge. Und der Erbprinz, der als leidenschaftlicher Jger oft ganze Wochen dort oben zubrachte, hatte nach den Pirschgngen am frhen Morgen Zeit und Mue genug, sich mit der schnen Frsterstochter zu beschftigen. Mehr als fr Ruhe und Glck des Mdchens gut war. -- -- -- Der Prinz war ein schner Mann, und das Frsterkind liebte ihn. Sie mute ihn ja lieben! Wie selten kamen Fremde in ihre Waldeinsamkeit; und wie begreiflich ist es, da ihr junges Herz dem ersten, der sich um sie bemhte, zuflog. Wer will da von Schuld und Snde sprechen? Aber der rosenrote Traumhimmel des jungen Mdchens wurde gar rauh zerstrt, als die Folgen sich zeigten. Und Lisbeth mute heiraten. Zwar nicht den Prinzen, wohl aber seinen Bchsenspanner. Alles Struben half nichts, der Vater war unerbittlich! Hoheit wnschte es, so war es fr ihn Befehl. Der Bchsenspanner erhielt die Pachtung der Domne Neuhof, und ich wurde als Tochter des Herzoglichen Domnenpchters Georg Albrecht geboren. -- Ich beneide jeden, der auf eine frohe, ungetrbte Kindheit zurckblicken kann. Meine ersten Erinnerungen haften an einzelnen hlichen Szenen im Elternhause. Die weinende, betrbt einherschleichende Mutter, der zornig scheltende Vater sind die am fernsten liegenden Bilder. Spter entsinne ich mich, da die Mutter immer krank war. Hliche Auftritte gab es auch da noch. Ich frchte, ich habe die Mutter nicht so geliebt, wie sie es um mich verdient hat. Ihr stilles Dulden lag meiner wilden, aufbrausenden Natur nicht. Am liebsten wre ich ihrem Peiniger an die Kehle gesprungen, wenn er ihr harte Worte gab, wenn er mich Wechselbalg oder Kuckucksei nannte. Obgleich ich die Bedeutung der Worte gar nicht verstand. -- Ich war noch nicht zwlf Jahre alt, als meine Mutter starb. Fr die arme Dulderin war es eine Erlsung -- fr mich ein Unglck, dessen Tragweite ich erst in spteren Jahren voll ermessen konnte. Erst viel spter, Jahrzehnte spter, habe ich verstehen gelernt, was mir an jenem Tage genommen worden war. Die Jahre nach dem Tode meiner Mutter, bis zu meinem fnfzehnten Jahre sind mir wie eine ununterbrochene Kette von Unannehmlichkeiten in Erinnerung. Lichtblicke waren es, wenn ich zu den Groeltern durfte. Bei ihnen war ich daheim. Und als ich eines Tages von meinem Vater gezchtigt worden war -- ungerecht, wie ich meinte -- da ri ich aus, und wanderte zu Fu die neun Stunden ber den Wald zu den Groeltern. Einige Tage durfte ich bei ihnen bleiben, dann kam mein Vater, und ich mute wieder mit nach Hause. Liebe zu mir war es nicht, die ihn dazu trieb, mich wieder zu holen. Erst viel spter habe ich begriffen, da, solange er mich bei sich hatte, immer eine gewisse Nachsicht mit ihm gebt wurde, wenn er mit der Pacht im Rckstande war. Und das war wohl meistens der Fall. Das flotte Leben, das er fhrte, verschlang zu viel. Oft hrte ich damals des Abends Glserklingen und lustiges Frauenlachen aus den unteren Rumen zu mir herauftnen. Ich war neugierig -- sehr neugierig. Aber die alte Rosine schalt mich aus, wenn ich sie fragte. Du hast getrumt, Kind! In der Nacht schlft man. Wo sollten hier denn Damen herkommen? Ich hatte aber doch nicht getrumt. Ich wei es jetzt. Mein Tagebuch. Ich habe mir ein Tagebuch gekauft, und heute will ich es einweihen, heute am Todestage meiner lieben, toten Mutter. Nun ich aber davorsitze, wei ich gar nicht, was ich schreiben soll. Ich erlebe so gar nichts. Soll ich schreiben, da ich sehr unglcklich bin? Das kann ich nicht! Ich bin mir selbst nicht recht klar ber mein Empfinden. Ich habe etwas sehr Bses getan und wei nicht, was aus mir werden wird, und darber mte ich doch traurig sein, aber ich bin es nicht. Die Groeltern werden schon fr mich sorgen, sie haben es ja immer getan. -- Und Rudolph? Wie kommt es, da ich so wenig an ihn denke in meiner Verbannung? Und wie kommt es, da ich keine Nachricht von ihm bekomme? Ist sein Vater noch immer nicht gesund? -- * * * * * Den 4. Februar. Ich sitze wieder vor meinem Tagebuch und wei nicht, was ich schreiben soll. Ich will deshalb eintragen, warum ich hier in E. bin und warum ich eigentlich unglcklich sein sollte. -- -- Ich war im Frhjahr fnfzehn Jahre alt und sollte Ostern konfirmiert werden. Unser Inspektor war zum 1. Januar gegangen, und Vater war immer in einer frchterlichen Laune. Ich ging mit den andern Dorfkindern zu Pastor Eckebrecht in die Konfirmandenstunde. Der Pastor war immer sehr gut zu mir, er fragte mich oft nach den Groeltern und auch, wie es bei uns zu Hause ginge. Auch ob Vater oft abends zur Stadt fhre. Am Palmsonntag kamen die Groeltern; das war mir das Liebste an der ganzen Konfirmation. Die Gromutter backte immer so schnen Rosinenkuchen. Wir haben aber gar nicht viel gefeiert, denn der Vater fuhr nach dem Kaffee gleich wieder in die Stadt, und darber schien Grovater rgerlich zu sein. Ich freute mich, als er weg war. Mit den Groeltern allein war es viel schner. Gromutter sagte mir, da ich bis zum Herbst im Hause bleiben solle, dann solle ich fort, um etwas zu lernen. Was, das wute ich nicht, war mir auch einerlei. Mir war die Hauptsache, da ich fortkam. Auch ber das Wohin machte ich mir keine Sorgen, jedenfalls in eine schne, groe Stadt, wo es Schaufenster gab, die man sich besehen konnte. Anna Marie Walter war einmal in Dresden gewesen und hatte mir so viel davon erzhlt, da ich ganz neugierig war. -- -- Ich bin auch fortgekommen -- aber schn ist es hier nicht. -- -- Am ersten April war ein Volontr bei uns eingetreten. Der Sohn eines Gutsbesitzers aus dem Hessischen. Er war sehr hbsch, so flott und lustig, da wir bald gute Freunde waren. -- Warum Rudolph Schnewald gerade zu uns gekommen war, wei ich nicht, denn lernen konnte er bei uns wahrhaftig nicht viel. Rosine sagte mir, da er schon auf verschiedenen Gtern gewesen sei, aber nirgends ausgehalten habe. Bei uns kam es nicht so genau darauf an. Er bezahlte eine schne Summe dazu, und das konnte mein Vater gut gebrauchen. -- -- Rudolph war noch nicht vier Wochen bei uns, als wir uns schon heimlich trafen. Bald im Feld, bald im nahen Gehlz. Ich liebte ihn sehr, und er nannte mich seine se, kleine Lotte. Ob er mich ebensosehr geliebt, wie ich ihn? Ich zweifle jetzt oft daran. Wenn ich darber nachdenke, ist mir, als ob er viel khler und ruhiger gewesen sei als ich. Er hat wohl schon mehr junge Mdchen gekannt und geliebt. -- Fr mich war es etwas Neues, berwltigendes. Ich war in jenen seligen, duftschweren Sommerwochen wie im Fieber. Ich war gar nicht ich selbst. Dieses heimliche Suchen und Finden. -- -- -- Ich war so selig, alles in mir drngte diesem Manne entgegen. -- -- Heuernte! Sonnenflimmer und Blumenduft! Seit Tagen war schnes Wetter; die Heuernte war im vollen Gange. Alles was Arme hatte, mute helfen. Auch ich half. Ob ich auch geholfen haben wrde, wenn der Verwalter nicht Rudolph Schnewald gewesen wre? -- Wir waren beim Heuabladen. Auf dem Wagen unten stand der Groknecht, und in der Luke stand Rudolph und nahm ab. Ich stand etwas zurck und nahm Rudolph das Heu ab. Oben auf dem Heu waren noch zwei Kleinmgde, die es verstauten. Alle anderen, Tagelhner, Knechte, Mgde und Schnitter, waren auf dem Feld beim Drren. Als der Wagen leer war, schickte Rudolph die beiden Mdchen nach dem Heuboden ber der groen Scheune, wo gerade ein Wagen vorfuhr. Im Scherz nahm er einen Arm voll Heu und warf es ber mich, so da ich ganz darunter begraben war. Ich krabbelte mich heraus, nahm einen Arm voll und tat das gleiche. -- Erhitzt und keuchend setzten wir das Spiel eine Zeitlang so fort, dann sank ich ermattet von der Anstrengung und dem betubenden Duft ins Heu. Rudolph warf sich ber mich und kte mich, hei, leidenschaftlich, sinnverwirrend -- -- -- -- Den nchsten Wagen lud ich nicht mit ab. -- -- Tagelang war ich wie betubt. Ob man mir etwas ansah? Ich wagte mich gar nicht aus dem Hause. Konnte mir denn nicht jeder von der Stirne lesen, was ich getan? Doch nichts geschah, alles war wie bisher. Alles war wie bisher, nur ich war eine andere. -- Drei Tage lie ich mich nicht vor Rudolph sehen, dann hielt ich es nicht mehr aus. Ich mute ihn sehen, ich mute wissen, was er von mir dachte. War er auch in einer solch klglichen Stimmung? Schmte er sich auch? Ich mute ihn sprechen, aber nicht am Tage. Ich wrde ihm nicht in die Augen sehen knnen. -- -- Gegen Abend, als es dunkel war, ging ich den gewohnten, ihm bekannten Weg. Meine Hoffnung trog mich nicht, schon nach kurzer Zeit kam er mir nach. Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, als er zu mir trat. Wo bist du gewesen, Lotte? Warum bist du die ganzen Tage nicht einmal herausgekommen? fragte er. Ich hob die Augen und sah ihm ins Gesicht. Doch da stand nichts als ein leichtes Verwundern ber mein ihm unerklrliches Fernbleiben. War es denn mglich! War das, was mich bis ins Innerste aufgerttelt, fr ihn gar nichts? Ich war eine andere seit jener Stunde, und er? Ich wute nicht, was ich sagen sollte und stammelte: Ich -- ich schmte mich. Du bist mein kleines Schfchen, sagte er lachend und schlo mich in die Arme. Komm, la uns noch ein wenig weitergehen. Wir trafen uns nun tglich und -- bald schmte ich mich nicht mehr. ---- Alles wird zur Gewohnheit, und Rudolph verstand es, meine Gewissensbisse und Selbstvorwrfe einzuschlfern. Liebten wir uns denn nicht? Wen ging es etwas an, wenn wir die heimliche Sigkeit der Liebe auskosteten? Wenn ich noch einige Jahre lter bin, wenn ich ausgelernt habe und vom Militr frei bin, dann wirst du ja doch meine Frau, meine se, kleine Frau! Ich war sehr jung, sehr verliebt, und die Sommernchte waren schwl und voller Dfte. -- -- Der Sommer ist hin und mit ihm meine rosenrote, geheimnisvolle Verliebtheit. -- -- In den ersten Oktobertagen kam eine Depesche an Rudolph, da sein Vater pltzlich sehr schwer erkrankt sei; er msse sofort nach Hause kommen. Wir konnten kaum Abschied nehmen, so rasch ging alles. Ich war ganz unglcklich. Kam er wieder, ehe ich fortging? Wrde ich ihn noch einmal sehen, ehe ich in ein Pensionat kam? Ich war berhaupt in einer ganz schrecklichen Stimmung. Schon seit einigen Wochen fhlte ich mich gar nicht besonders wohl. Mir war oft so bel des Morgens, da ich kaum den Kopf erheben konnte. Am liebsten wre ich jetzt hier geblieben. So sehr ich mich Ostern auf die Pension gefreut hatte, jetzt hatte ich gar kein Verlangen mehr danach. Rosine war auch gar nicht gut zu mir, den ganzen Tag schalt sie mit mir herum. Am liebsten wre ich zur Gromutter gegangen. Da, am zweiten Sonntag nach Rudolphs Abreise, kam pltzlich ganz unerwartet die Gromutter. Ich wei nicht, mir war seltsam beklommen, als sie mir in die Augen sah. Das gtige, alte Gesicht sah so kummervoll auf mich. Kind, Kind, was hast du getan, sagte sie dann weinend. Ich konnte nicht antworten, ich weinte mit; obgleich ich gar nicht wute worber. Mir war nur pltzlich so bange, so seltsam ahnungsvoll zumute. Und dann erfuhr ich den Grund von Gromutters Kommen. Rosine hatte ihr geschrieben: Sie habe schon den ganzen Sommer bemerkt, da der Windhund, der Schnewald, hinter mir hergelaufen sei, und sie habe lngst bemerkt, da nicht mehr alles mit mir in Ordnung sei. -- -- Erzhle, Kind, alles Weinen hilft nun nichts mehr, und verheimlichen lt es sich auch nicht, sagte die Gromutter. Ich erzhlte. Die Gromutter sa ganz still. Sie sah so gramvoll vor sich nieder, da ich htte laut aufschreien knnen. Als ich geendet, nickte sie einige Male still vor sich hin, dann lste ein Seufzer die beklommene Stille, und Gromutter sagte: Du gehst heut' abend mit mir, Lottchen. Mach' einstweilen deine Sachen fertig, ich werde mit dem Vater sprechen, was spter wird, das mssen wir noch sehen. Was dann da unten ber mich verhandelt wurde, ich wei es nicht. Oft drang die scheltende Stimme des Vaters zu mir herauf, aber auch die sonst so sanfte Stimme der Gromutter war seltsam hart und klar. Am andern Tage war ich in der Frsterei. Der tiefe Friede, der um das liebe, alte Haus lag, tat mir wohl. Der Waldbach, der durch den Garten rauschte, sang mir sein wundersames Lied. Ich fhlte mich geborgen. Nach einigen Tagen erwartete ich, da der Grovater oder die Gromutter mit mir sprechen, vielleicht mit mir schelten wrden. Doch nichts von alledem geschah. Der Grovater sagte gar nichts. -- Nur schien mir, sein Gang sei noch gebckter und sein Haar noch weier geworden. -- -- Was wrde aus mir werden? Ich wollte an Rudolph schreiben und wurde zu meinem Schrecken gewahr, da ich nicht einmal seine Adresse wute. Den Namen seines vterlichen Gutes wute ich, aber wo lag es? Oder war Rudolph schon wieder in Neuhof? Die Groeltern wagte ich gar nicht zu fragen. Htten sie mich doch gescholten, ich glaube, mir wre wohler gewesen. Diese schweigende Gte erdrckte mich. Am Ende der Woche reiste der Grovater nach E. Gromutter sagte mir, da er eine Pension fr mich suchen wolle; hier knne ich nicht bleiben, weil die Frsterei zu einsam im Walde liege. -- -- Eigentlich ist es gar keine Frsterei, es ist ein Jagdhaus, das einst ein Vorfahr des jetzigen Herzogs fr seine Geliebte erbaut hat. Wenn der Herzog im Sommer auf Schlo Ringhardt residierte, dann wollte er sie immer in der Nhe haben. Nach Schlo Ringhardt durfte er sie nicht bringen, dort wohnte seine Mutter, so baute er ihr mitten im Walde, dreiviertel Stunden entfernt von Schlo Ringhardt, das Jagdschlo Finsterberg. Es ist ein zweistckiges Gebude mit weit vorspringendem Dach und kleinen, bleigefaten Fensterscheiben. Im Untergescho wohnte jeweilig ein Frster, zu dessen Obliegenheiten es gehrte, die oberen Rume in Ordnung zu halten. -- -- Jene Zeiten sind lange vorbei. Es wohnt keine geheimnisvolle Unbekannte mehr da oben, und auf der schnen Chaussee, die damals angelegt wurde, klingt selten der Hufschlag eines Vollblutes. -- -- -- Weihnachten durfte ich noch bei den Groeltern bleiben, doch es war ein trauriges Fest; keines von uns dreien hatte Mut und Lust zur lauten Freude. Lautlos, als lge ein Toter im Hause, gingen wir aneinander hin. Es lag wie ein Bann ber uns allen. -- -- -- Einige Tage nach Neujahr hat mich der Grovater hierher gebracht. Hier, bei Frau Martin, soll ich bleiben bis Anfang Mrz, dann komme ich in die Entbindungsanstalt, die hier in der Stadt ist. Was dann mit mir werden soll, wenn alles vorber ist, ich wei es nicht. Mir ist unsglich bange. Als der Grovater von mir ging, meinte ich, das Herz mte mir brechen vor Weh. Und vergebens versuchte er mich zu trsten. Ihm selbst war auch gar weh ums Herz, denn kaum konnte er sprechen vor Rhrung. Gromutter soll mich bald besuchen. -- -- -- Nun bin ich allein. Ich habe ein ganz einfaches, sauberes Stbchen. Frau Martin, bei der ich wohne, ist die Witwe eines Beamten und lebt in ziemlich beschrnkten Verhltnissen. Sie ist vom Grovater wohl in meine Geschichte eingeweiht worden, sie qult mich nicht mit Fragen. Sie ist lieb und gut zu mir und trstet mich, wenn mich das Heimweh gar zu sehr packt. Ich helfe ihr ein wenig in der kleinen Wirtschaft, dann vergesse ich wenigstens fr kurze Zeit meinen Kummer. Was soll ich auch immer tun? Ich habe so viel berflssige Zeit zum Denken. Ich schreibe Briefe an Rudolph, ohne je einen abzusenden. Und nun habe ich mir sogar ein Tagebuch gekauft, obgleich ich sonst nicht fr solch berflssigen Kram bin. Tagebcher und Poesiealbums waren mir immer greulich. -- Aber die Langeweile! Die vielen unausgefllten Stunden! -- Mit wem soll ich sprechen? Wem soll ich mein Herz ausschtten? Wenn ich lter wre, htte ich wohl nicht solches Anlehnungsbedrfnis. Warum bin ich noch so jung? So furchtbar jung? Ob ich wohl auch hier wre, wenn meine Mutter noch lebte? -- -- -- * * * * * Den 8. Februar. Heute hatte ich einen Brief und ein Paket von der Gromutter. Ein schner, warmer Schlafrock fr mich war darin und dann noch eine Menge kleiner Schelchen. Kinderwsche! Ach, und von mir! Ich mute weinen. Das alles habe _ich_ angehabt, als ganz kleines Wrmchen. Ob wohl meine Mutter alles selbst gemacht hat? Ob sie sich wohl sehr gefreut hat, als sie mich in den Armen hielt? Ich freue mich gar nicht! Wie knnte ich auch! Ich wnschte, mein Kind wre tot. Frau Martin sagt mir auch, die bedauernswertesten Geschpfe auf der Welt seien diese unehelichen Kinder. Niemand liebe sie. berall wrden sie herumgestoen. Vielleicht nimmt Gromutter mich mit dem Kinde zu sich, ich wollte es schon recht gern haben. Aber es soll doch niemand wissen, da ich ein Kind habe, deshalb haben sie mich doch gerade hierher gebracht. Und Rudolph schreibt noch immer nicht! Ob er nicht wei, wo ich bin? -- -- -- * * * * * Den 20. Februar. Ich glaube, es war doch Unsinn, da ich mir ein Tagebuch gekauft habe. Manchmal abends, wenn ich es ffne und hineinschreiben will, dann wei ich nichts. Ich kann doch nicht blo hineinschreiben, was ich den Tag ber esse und trinke! Und sonst erlebe ich ganz und gar nichts. In die Stadt bin ich noch nicht einmal gekommen. Wenn ich abends im Dunkeln spazieren gehe, suche ich immer die Anlagen auf, die hierhinaus liegen. Da begegne ich fast nie einem Menschen. Am 1. Mrz soll ich wahrscheinlich schon in die Anstalt. Der Arzt kommt morgen und untersucht mich, dann wird er sagen, wann ich hinkommen soll. Wenn alles vorber ist, bleibe ich noch einige Wochen bei Frau Martin, bis ich mich wieder ganz erholt habe. Wenn ich nur wte, was dann aus mir werden soll! -- -- * * * * * Den 22. Februar. Ich darf noch acht Tage lnger bei Frau Martin bleiben. Gestern war der Doktor hier, es war grlich! Ich habe mich so geschmt. Aber als ich mich nicht anfassen lassen wollte, wurde er grob. Er ist ein widerlicher Kerl mit wsserigen Schellfischaugen, ich mag ihn gar nicht. Hoffentlich ist er gerade krank, wenn es so weit mit mir ist, und es ist ein anderer da. berhaupt fand ich es hlich von ihm, gleich so grob zu mir zu sein. Das kann er sich doch denken, da man sich schmt! Er ist doch ein Mann. Ob es wohl sehr schlimm ist? Es soll sehr wehe tun. Maria Rettberg sagte es einmal, als wir noch zu Frulein Fischer gingen. Ihre groe Schwester hatte ein Baby, und da hatte sie hinter der Portiere versteckt zugehrt, wie die es ihrer Freundin erzhlt hatte. Sie wre beinahe gestorben. Aber ich will nicht sterben! Ich bin noch so jung. -- -- -- * * * * * Den 28. April. Acht Wochen sind es her, seit ich zuletzt in mein Bchlein geschrieben. Nun ist alles vorber. Ich mute doch frher in die Anstalt, als bestimmt war; die Niederkunft kam etwas zu frh. Es war furchtbar! Zuletzt habe ich gar nichts mehr davon gewut, ich war besinnungslos. Und das war gut. Es wre vielleicht auch besser gewesen, wenn ich gar nicht wieder zu mir gekommen wre, ist doch auch mein Kind tot. Sie sagen wenigstens so. Aber ich glaub' es nicht, sie machen alle so sonderbare Gesichter dabei. Als ich fragte, ob es schon totgeboren sei, sagte die Schwester ja. Und als ich Frau Martin gestern fragte, wie lange es gelebt habe, da sagte sie, sie wisse es nicht genau, einige Stunden nur. Das widerspricht sich doch! Ein Knabe ist es gewesen. Mein Kind! Wie mir zumute ist bei dem Gedanken. Ich habe frher wohl oft gedacht, es sei besser, wenn es tot wre, und nun mchte ich es doch so gerne haben. Ich wrde es doch sehr liebhaben. Wenn ich nur die Wahrheit wte! Aber wer wird sie mir sagen? Seit gestern bin ich nun wieder bei Frau Martin. Ich sehe jetzt wie ein Junge aus, ganz kurze Haare habe ich. Das kommt von der Krankheit, sagt Frau Martin, da gehen einem immer die Haare aus. Ich bin sehr krank gewesen, Kindbettfieber! Es soll sehr schlimm sein, und manchmal haben sie nicht gedacht, da ich durchkommen wrde. Gromutter ist lange bei mir gewesen, ich hab's aber nicht gewut. Ich bin jetzt sehr mager und bla, und Frau Martin sagt, ich sei noch gewachsen. Das ist ja auch gut mglich, mit sechzehn Jahren kann man noch lange wachsen. Morgen will ich an Vater schreiben, damit er mir Rudolphs Adresse schreibt. Ich htte es schon frher tun sollen, denn Gromutter sagt's mir doch nicht. Wir mssen doch nun bald heiraten. Mir ist ganz sonderbar bei dem Gedanken. Ich wei nicht -- das alles liegt mir jetzt so weit ab -- so gar nicht mehr, als ob ich die wre, die in jenen schwlen, duftschweren Sommertagen heimliche Wege gewandelt. Mein Blut ist so ruhig, und wenn ich an Rudolph denke, ist mir gar nicht mehr sehnschtig zu Sinn. Es ist schrecklich! Ich glaube zuweilen, er ist mir ganz gleichgltig. Ich verstehe mich selbst nicht. Denn das ist doch unmglich! Ich mu ihn doch heiraten! Oder mu ich vielleicht gar nicht? Knnte ich doch einmal mit der Gromutter sprechen! Lange bleibe ich nicht mehr hier; im Walde unter meinen schnen Bumen kann ich mich viel besser erholen. Gibt es ein schneres Pltzchen, als unter meinen geliebten Tannen? Ich knnte Ziegenmilch trinken und weite Spaziergnge machen. Wo geht es sich schner, als auf den schmalen moosgepolsterten Pirschwegen, zwischen den schlanken Stmmen der Kiefern, wo es so khl und rein ist! Ich will schreiben, sie sollen mich heimnehmen, sonst werde ich wieder krank. -- -- -- * * * * * Ich habe viel zu schreiben diesmal. Ob ich noch alles genau wei? Schon acht Tage nach meiner Entlassung aus der Anstalt holte Grovater mich nach Hause. Sie waren noch immer sehr gut zu mir, alle beide. Viel zu gut, ich wei es wohl. Aber Gromutter sagt, ich sei zu jung und unerfahren gewesen, und Rudolph trge ganz allein die Schuld. Mu ich ihn denn nicht heiraten, Gromutter? fragte ich zagend. Ach Kind, das ist ja gerade das Schlimme. Er denkt nicht dran. Sein Vater ist doch gestorben, er hat nun zum Grovater gesagt, er msse seine beiden Schwestern auszahlen, knne also nur eine reiche Frau heiraten. Ein Landwirt, der kein Geld in den Hnden habe, knne sich nicht lange halten. Einen Augenblick sa ich ganz still, ich wute nicht, sollte ich mich freuen oder sollte ich betrbt sein. Was aber nun? Wieder zum Vater? Der wrde schn mit mir umspringen! Aber das war noch nicht alles, was die Gromutter mir zu sagen hatte. Vater ist gar nicht mehr auf Neuhof. Die ganze Geschichte ist bald nach meiner Abreise zusammengebrochen. Gromutter sagte: Du bist zwar noch sehr jung, aber in Anbetracht aller Umstnde und weil ich annehme, da dich das, was du jetzt hinter dir hast, ber deine Jahre hinaus gereift hat, so will ich dir erzhlen, was du, wenn alles anders gekommen wre, nie httest erfahren drfen. Und so erfuhr ich alles. Es wurde mir jetzt klar, was ich schon oft geahnt, wenn ich des Vaters Redensarten und Scheltworte hrte. -- Er ist gar nicht mein rechter Vater. Mein Vater ist ein ganz hoher Herr, der mein Mtterchen nicht hat heiraten drfen, weil sie nur ein armes Brgermdchen gewesen ist. Damit ich aber nicht als uneheliches Kind geboren wurde, hat die Mutter Georg Albrecht geheiratet. Dafr hat er die Pachtung der Domne Neuhof sehr billig bekommen. Fr mich selbst ist eine Summe von 50 000 Mark deponiert worden, von der er bis zu meiner Grojhrigkeit die Nutznieung gehabt htte. Und nun? Alles ist fort! Der Vater hat schon lange keine Pacht mehr bezahlt, immer ist sie ihm wieder gestundet worden, und jetzt ist es herausgekommen, da er auch mein Geld durchgebracht hat. Alles mit leichtsinnigen Weibern in Champagner umgesetzt. So geht es mir nun. Weil der Vater mein Geld mit leichtsinnigen Weibern durchgebracht hat, kann Rudolph mich nicht heiraten. Denn htte ich die 50 000 Mark, dann wre ich eine reiche Frau. Aber bin ich denn berhaupt traurig, da Rudolph mich nicht haben will? Eigentlich nicht! Wenn ich es mir recht berlege, dann fhle ich mich eher erleichtert bei dem Gedanken. Wenn ich nur erst wte, was aus mir werden soll! Ein anderer Mann wird mich auch nicht wollen, denn ich glaube, die Leute hier wissen doch alles. Und berhaupt, ich will auch gar keinen haben, die Mnner sind alle schlecht! Alle! Nur Grovater ist gut! -- Ich will etwas lernen, dann brauch' ich keinen Mann zu heiraten. -- -- Ob ich Gromutter mal frage, ob mein Kind wirklich tot ist? Warum mir nur so sonderbar ist, wenn ich daran denke. Ich habe doch in meiner Ohnmacht, in der halben Bewutlosigkeit das Schreien eines Kindes gehrt! -- -- Mein Haar wchst wieder! Ich fhle mich mit jedem Tage wohler. -- -- -- * * * * * Ich bin glcklich! Gerade, wenn man keinen Ausweg sieht, kommt manchmal von einer Seite, an die man am wenigsten gedacht, die rettende Hand. -- Ich gehe nach _Amerika_! Mit vier Worten ist es gesagt, und birgt doch so viel in sich. Aber nur ruhig und vernnftig! Also: Die Gromutter hat ihre einzige Schwester drben. Lange schon. Geschrieben haben die Schwestern sich zuweilen, aber sehr lebhaft ist der Briefwechsel gerade nicht gewesen in den letzten Jahren. Die Gromutter hat nun auch mein Unglck nach drben berichtet, und da hat die Grotante geschrieben, ich solle nach drben kommen. Sie habe sich schon immer ein Tchterchen gewnscht. Nach einigen Jahren, wenn ich Sehnsucht nach den Groeltern habe, knnte ich ja auch einmal wieder zu ihnen fahren. Ich freute mich sehr, ich lachte und weinte in einem Atem. Da war die Gromutter sehr traurig, aber dann sagte sie, auch sie she ein, da es das beste fr mich sei, und ich solle in Zukunft so leben, da ich tglich und stndlich bestrebt sei, das auszulschen, was ich unbewut gesndigt. Das sei die beste Shne. -- -- Nun wei ich nicht recht, wie mir ist. Ich freue mich und bin doch auch wieder traurig. Aber die Freude berwiegt. -- Ich werde sehr fleiig sein in Amerika, damit ich bald reich werde, dann komme ich wieder, aber Rudolph Schnewald heirate ich dann auch nicht. Ich hasse ihn! -- Gromutter kauft mir jetzt allerlei schne Sachen, Wsche und Kleider. Schon am 28. Mai soll ich fahren. Ein Brief an die Grotante ist schon fort, und ein Platz auf dem Dampfer ist auch bestellt. Die Groeltern fahren beide mit nach Bremen. Ich habe sehr viel zu tun jetzt, da werde ich lange nicht einschreiben knnen. II. Der neuen Welt zu. Den ersten Tag auf See. Der Abschied von den lieben Alten war schrecklich! Die Gromutter weinte zum Erbarmen. Und ich? Ich wei nicht, es tat mir ja auch sehr leid, aber trotzdem -- ich komme mir beinahe schlecht vor -- ich freute mich! Freute mich auf die groe, unbekannte Welt und auf all das Schne, das sie mir vielleicht bringt. Ich bin jung, und ein klein wenig von all den Herrlichkeiten der Welt ist das Leben mir doch auch schuldig.........?! Das Wetter ist sehr schn, nur gegen Abend wurde es etwas bewegter. Hoffentlich behalten wir es so, da ich nicht seekrank werde. Die Groeltern haben mich dem Kapitn sehr empfohlen, und er will gut auf mich aufpassen. Er ist ein reizender Mensch und auch noch gar nicht so alt. Ich habe frher immer gedacht, die Kapitne wren alle alt und grau. -- * * * * * Den 29. Mai. Ich habe kein Auge zugetan die ganze Nacht. Das Bett war entsetzlich hart. Ich bin nicht gewhnt, nur auf der Matratze zu liegen. Und die Wolldecken zum Zudecken sind auch nicht besonders hbsch. Ich bin mit einer Dame zusammen im Zimmer, einer Amerikanerin. Das heit, eigentlich ist sie aus Wien, aber sie ist schon sehr lange in Amerika. Sie fhrt jedes Jahr zweimal nach Europa. Ich glaube, sie ist sehr reich. Sie hat die ganzen Hnde voll feiner Ringe. Mit mir ist sie sehr freundlich und gibt mir allerlei gute Ratschlge. Hbsch ist sie nicht, aber sehr fein; sie hat so feine Nachthemden, wie ich noch gar keine gesehen habe. -- -- * * * * * Donnerstag, den 30. Heute ist schlechtes Wetter, tchtig Wind und Regen. Gegen Abend wurde es sogar sehr strmisch -- nach unsrer Ansicht. Zum Mittagessen lag schon alles krank. An unserem Tisch waren nur ganz wenige erschienen, und whrend des Essens verschwanden auch die noch zum Teil sehr rasch. Es war mir auch ein wenig sonderbar, ich hab' aber doch gut gegessen, nur keinen Fisch, der Geruch war mir zu widerlich. Ich bin gestern abend erst um elf Uhr zu Bett gegangen, habe dann aber ganz fein geschlafen. * * * * * Den 1. Juni. Heute war das Wetter wieder schn; den ganzen Tag sehr ruhig, und trotzdem sind noch Einige seekrank. Mir schmeckt jetzt wieder alles. Heute nachmittag zwischen vier und fnf Uhr fuhr auch ein Dampfer an uns vorbei, nach Hause zu. Mir war ein klein wenig sonderbar zumute, ob es wohl Heimweh ist? Ich habe recht nette Gesellschaft gefunden. Meine Zimmergenossin -- Frau Frhlich heit sie -- hat einen Neffen mit an Bord; gleich am ersten Tage hat sie ihn mir vorgestellt. Er sieht sehr gut aus, und ich glaube, er mag mich auch gern, denn er ist immer um mich herum. Ich glaube, wenn ich nicht so furchtbar viel durchgemacht htte mit den Mnnern -- ich meine mit Rudolph -- so knnte ich ihn vielleicht liebhaben, aber so! Nein! Ich werde niemals wieder einen Mann lieben. -- -- -- * * * * * Mr. Smith -- so heit der Neffe -- gibt sich sehr viel Mhe mit mir. Er will mich Englisch lehren. Die paar Brocken, die ich bei Frulein Fischer gelernt habe, die helfen mir gar nichts. An Deck haben wir immer viel Spa. Wenn wir in den Sthlen liegen, kommt zuweilen der Kapitn und fragt, ob wir auch gut zugedeckt seien oder ob er den vierten Offizier schicken solle, damit er den Damen die Fe schn einwickele. Dann gibt es immer groes Gelchter. -- -- -- -- * * * * * Den 2., abends. Endlich haben wir das lange prophezeite schlechte Wetter. Heut' gegen Abend waren wir auf der Brcke; es sah wunderschn aus, wenn das Wasser vorn ber Deck kam und sogar bis zu uns heraufspritzte. Herr Smith ist sehr aufmerksam, stets ist er in meiner Nhe. Heute frh sa er im Stuhl neben mir -- seine Tante war im Damenzimmer, da sie sich nicht besonders wohl fhlte. Er hat mir so viel dummes Zeug vorgeschwatzt. Er sagt, ich sei sehr schn -- ob das wohl wahr ist? -- Er ist der einzige Erbe seiner Tante, die sehr reich ist, und kann seiner Frau jeden Wunsch erfllen. Und wenn er eine so schne Frau htte, wie ich, so wrde er sie in Samt und Seide kleiden, das mu fein sein. -- Und Geld braucht sie gar nicht zu haben, er hat nicht ntig, darauf zu sehen. Wenn ich dagegen an Rudolph denke! Jetzt knnte ich mich schon rchen. Wenn ich Mr. Smith heiratete, so knnte ich schon nchstes Jahr wieder zu Besuch nach Hause reisen, und dann knnte ich Rudolph zeigen, da ich auch ohne Geld einen reichen und hbschen Mann bekommen habe. -- Denn hbsch ist Herr Smith, hbscher als Rudolph. Aber ich liebe ihn nicht, kann ihn also auch nicht heiraten. Das habe ich ihm auch gesagt. Er war sehr traurig -- und da tat er mir wieder leid. -- -- * * * * * Den 3., morgens. Die Nacht war schrecklich! Das Innere wurde mir frmlich umgedreht. Scheulich! Ich frchtete wirklich, ich wrde auch noch krank. Um zwei Uhr bin ich aufgestanden, ich konnte nicht mehr liegen, bald stand ich nahezu Kopf, bald wieder auf den Fen. Ich habe mich auf das Sofa gesetzt und eine Apfelsine gegessen, dann war mir etwas menschlicher. Frau Frhlich ist sehr krank, jetzt sieht sie gar nicht mehr fein aus. Auch viel lter kommt sie mir vor. Erst dachte ich, sie wre kaum dreiig. Aber natrlich, sie hat doch einen Neffen, der 27 Jahre alt ist. -- ---- * * * * * Den 4. Heute ist wieder prachtvolles Wetter. Trotzdem sind noch immer Einige krank. Ich selbst fhle mich groartig. Ich habe zwar noch nicht ein einziges Mal bei Tisch gefehlt, aber gestern war's doch nicht so ganz richtig. Riesigen Spa haben wir gestern nachmittag gehabt, als wir im Salon zum Kaffee waren. Ohne da man vorher viel gemerkt hatte, holte das Schiff pltzlich so stark ber, da unsere Kuchenteller, Kaffeetassen und alles was nicht fest war, mit einem Male auf der Erde herumflog. Natrlich groes Geschrei. Alle suchten Zwiebcke zusammen. Kaffee wurde dann nicht mehr getrunken. Heute abend ist groes Konzert, sogenanntes Seemannskonzert. Ich gehe auch hin. Alle wollen sich sehr elegant machen, und ich habe nur ein einfaches weies Kleid, das ich anziehen kann. -- * * * * * Da sitz' ich nun und halte schon eine ganze Weile die Feder in der Hand, ohne da ich wei, wo ich beginnen soll. Und doch habe ich so viel zu schreiben, wie noch nie whrend der ganzen Reise. Zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit oder ein ganzes Menschenschicksal, ich wei es nicht. Mir ist so sonderbar -- so bange. Ist es das Neue, das Unbekannte, dem ich entgegengehe? Es ist wohl hauptschlich der Gedanke: hast du auch recht getan, der mich qult. -- Ist es doch das erstemal, da ich bewut mein Schicksal in die eigenen Hnde genommen habe. -- -- Also ich habe mich nun doch mit Herbert Smith verlobt. -- Ich war gestern abend in dem Konzert und hatte mein weies Kleid an. Alle andern Damen waren feiner, denn das Kleid ist sehr einfach. Frau Frhlich und ihr Neffe saen mit mir am Tisch, auerdem noch eine junge Dame aus Baltimore, Mi Pfort, und ein Herr aus Kln. Schon als ich in den Salon kam, sah ich, da Herberts Augen aufleuchteten; er sprang auf und kam mir entgegen; er sagte mir gleich so viel Schnes, da ich ganz rot und verlegen wurde. Eine Schnheit wie ich, habe nicht ntig, sich noch mit kostbaren Kleidern zu schmcken, ich sei die Schnste im Saal trotz meiner Einfachheit. -- -- -- Ich mte kein Mdchen sein, wenn ich mich nicht gefreut htte. -- Zuweilen dachte ich wohl, es seien nur Redensarten, aber mir scheint doch, es ist etwas Wahres daran, denn ich habe wohl bemerkt, da alle Herren nach mir sahen. Und ich mu sagen, ich gefalle mir selbst, wenn ich im Gesellschaftszimmer an den groen Spiegeln vorbergehe. Ich bin gro und schlank, und mein goldbraun leuchtendes Haar sieht sehr apart aus. -- Ein bichen eitel darf ich wohl sein. -- Nach dem Konzert saen wir noch etwas zusammen, es kamen noch einige Herren dazu, und als im Salon die Lichter ausgelscht werden sollten, beschlossen alle, ins Rauchzimmer zu gehen. Frau Frhlich bat so lange, bis ich mitging. -- Wir haben sehr viel Champagner getrunken -- ich trinke ihn gern -- und ich glaube, ich habe einen regelrechten kleinen Schwips gehabt. Ja -- und heute frh war ich verlobt. -- Wenigstens sagen es alle. Und Herbert war schon um acht Uhr an unserer Zimmertre und nannte mich seine schne Braut, seinen stolzen Schwan und was der dummen Dinge mehr sind. -- Aber gern hr' ich's doch. -- -- Ich kann's jetzt verstehen, da mein Vater gern Champagner trinkt; mir hat er auch geschmeckt. -- Herbert sagt, wenn ich erst seine Frau sei, knne ich trinken, so viel ich wolle. -- Ich bin doch etwas stark benommen im Kopf. Frau Frhlich sagt, das komme vom ungewohnten Trinken; sie lie eine Flasche Sherry kommen, da habe ich auch ein Glas mitgetrunken, und es ist mir wirklich etwas besser geworden. -- Wenn ich ber alles klar nachdenke, dann ist mir ganz miserabel zumute. -- Soll ich Herbert mein -- mein -- ja was ist es eigentlich, was hinter mir liegt? Ein Erlebnis -- ein Unglck -- oder was sonst? Es ist schrecklich! Nein, ich kann es nicht sagen. Wrde er dann noch zu mir sagen -- mein stolzer Schwan? Schwne sind rein -- wei -- unnahbar. Ach, ich komme mir manchmal so gar nicht mehr rein vor. -- Ich sage nichts, lieber will ich ihn berhaupt nicht heiraten. Aber wird er mich wieder freigeben? Er hat mir heute nachmittag schon seinen Plan entwickelt. -- Sowie wir in New York ankommen, fahren wir beide im Automobil zum Pfarrer und lassen uns trauen. Das geht in Amerika ganz leicht. Herbert kennt einen Pfarrer in der 2. Avenue, zu dem fahren wir. Papiere brauchen wir nicht. Die Tante besorgt whrenddessen das Gepck, und ehe alles fertig ist, sind wir schon wieder zurck, dann kann ich meinen Groonkel, der mich abholen will, immer noch begren. Herbert meint, es wre mglich, da wir beide mit zur Grotante reisten, aber es sei besser, da wir uns sofort trauen lieen, dann knne der Onkel nichts mehr daran ndern. Wenn wir nicht gleich mit dem Onkel gehen, dann wollen wir aber spter einige Wochen zu ihm und der Tante. -- Und nchstes Jahr kann ich schon wieder nach Deutschland zu Besuch. -- * * * * * Herbert hat mich gebeten, dem Kapitn nichts von unserem Plan zu erzhlen. Es wre ihm vielleicht nicht recht, weil ich noch so jung sei, und weil er doch den Groeltern versprochen habe, auf mich zu achten. Ich werde es ihm nicht sagen, ich sehe ihn ja auch so selten. -- Ich qule mich immer mit dem Gedanken, da ich Herbert doch meinen Fehltritt sagen mte. Ich warte immer auf einen gnstigen Augenblick. Wenn ich einmal lngere Zeit ganz allein mit ihm wre, dann htte ich den Mut. Aber hier am Schiff ist man ja nie allein. -- Ob ich Herbert liebe, wei ich wirklich nicht. Manchmal glaube ich es ja, aber trotzdem -- wenn er jetzt pltzlich von mir gehen wrde, ich glaube kaum, da es besonders wehe tt'. -- Es ist vielleicht gut so. -- -- * * * * * Morgen sind wir dort. Eben sagte mir der Kapitn im Vorbergehen, da wir morgen frh 10 Uhr am Pier in Hoboken sind. Jetzt sitzt nun alles im Salon und schreibt Briefe, und auch ich will die letzten Zeilen in mein Buch schreiben, ehe ich es weglege. Vielleicht komme ich in nchster Zeit doch nicht zum Schreiben. Und wenn ich wieder schreibe, bin ich schon Frau. Frau! Komisch. Mir ist, als knnt ich's kaum glauben. -- Gleich will ich noch einen Brief an die Groeltern schreiben, denen werde ich aber doch alles berichten, obgleich Herbert mich bat, vorlufig noch nichts davon zu erwhnen. -- Um mich herum sitzt alles und schreibt. Briefe und Karten. Adressen werden ausgetauscht, Versprechungen gemacht usw. Ich mchte wohl wissen, wie viele von diesen Adressen benutzt werden. Wer denkt nach einem halben Jahre noch an die geschlossene Freundschaft? Es sind auch eine ganze Anzahl Liebesprchen hier an Bord, alle erst von dieser Reise. Die Seeluft mu eine stark aufreizende Wirkung haben. Bei manchen sollte man es kaum glauben, da sie sich erst seit kaum acht Tagen kennen. Da ist zum Beispiel ein Prchen an unserem Tisch. Alle Anzeichen sprechen dafr, da sie sehr intim miteinander sind. -- Ich hielt sie fr Mann und Frau. Gestern sprach ich mit dem Zahlmeister darber, der lachte. -- Das ist jede Reise so, zuweilen mehr, zuweilen weniger. Diese beiden haben sich vordem nie gesehen. Sie ist Rheinlnderin und er ist aus Thringen. berdies wird sie von ihrem Brutigam erwartet. -- -- Der Zahlmeister wird wohl recht haben. -- -- Ich mchte keinen Seemann heiraten. Die Damen hier am Schiff sind teilweise sehr entgegenkommend gegen die Herren. -- -- Herbert, der schon oft gefahren, lacht mich aus und sagt, das sei nicht so schlimm. Ein bichen amsieren drfe sich jeder Mann. -- -- Die See wird manchmal so unruhig, lange wird's nicht dauern, dann gibt's wieder Seekranke. Allzu schlimm kann's nicht mehr werden, denn es sind jetzt nur noch zwlf Stunden. -- Wenn ich dann wieder einschreibe, ist es in der Neuen Welt. -- -- III. Nacht. Vier Wochen spter. Ach ja, es ist eine neue Welt, in der ich lebe -- aber was fr eine! Furchtbare Wochen liegen hinter mir -- frchterlichere vielleicht noch vor mir! Ich will schreiben -- und wei nicht, wo beginnen -- ich wei weder Anfang noch Ende. Mit einem einzigen Schrei der Qual mchte ich alles in die Welt hinausrufen. -- In die Welt! In welche Welt? Die Welt, die mich jetzt umgibt, lacht ber meine Klagen. Und eine andere aufzusuchen, in der ich nicht verlacht werde, liegt nicht in meiner Macht. -- -- Ich bin gefangen! Wo? Ich wei es nicht. -- Doch ich will es dir schlicht und der Reihe nach erzhlen, kleines Buch. Du allein bist ohne Falsch. -- Alles spielte sich so ab, wie Herbert es mir gesagt. Wir beide gingen nach Ankunft des Schiffes sofort ohne Aufenthalt durch die Zollschranke. Gepck hatten wir nicht. Im Automobil fuhren wir dann ein ziemliches Stck, auch auf einem groen Fhrboot ber den Flu und dann noch eine kurze Strecke weiter. Wir sind dann in ein groes Haus gegangen. Wie Herbert mir sagte, zu seinem Freunde, dem Pfarrer. -- Ob es eine Vorahnung war? -- Als die Tr hinter mir zuschlug, berkam mich pltzlich eine Angst, da ich am liebsten wieder hinausgelaufen wre. Doch Herbert legte den Arm um mich und fhrte mich in ein auf der linken Seite des Flures gelegenes Zimmer. Sonderbar, ich sah keinen Menschen, und Herbert schien hier wie zu Hause zu sein. Auch im Zimmer war niemand. Herbert geleitete mich zu einem Sessel, welcher der Tr gegenberstand. -- Ich war pltzlich so mde. -- Einen Augenblick nur solle ich ihn entschuldigen, er komme sofort zurck, sagte er mir, und ging durch eine andere Tr hinaus. Ich sah mich im Zimmer um. Die Wnde waren mit einigen Bildern geschmckt -- Dutzendware --, gegenber der Tr stand eine Chaiselongue, kein Tisch, nur noch einige Sessel. -- Aber was mir jetzt erst auffiel -- das Zimmer hatte ja gar kein Fenster! Eine elektrische Krone erhellte es, es war aber doch Tag. Es konnte hchstens zwlf Uhr sein! -- Noch immer kam Herbert nicht wieder. Hinter mir rauschte ein Seidenkleid -- eine Tr hatte ich nicht gehen hren. Ich drehte mich aufhorchend um, eine Dame stand vor mir und lchelte mich an. Es war eine groe, krftig gebaute Frau im Alter von ungefhr fnfzig Jahren. Sie war sehr elegant gekleidet, sah aber trotzdem sehr gewhnlich aus, denn ihr Gesicht war unangenehm und brutal. -- Sie mssen Herrn Smith einen Augenblick entschuldigen. Er hat erst noch rasch etwas zu erledigen, wird aber sofort hier sein. Darf ich Ihnen einstweilen eine kleine Erfrischung anbieten? Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, trat sie an einen kleinen Seitenschrank und go zwei Glser voll Wein, von denen sie mir das eine anbot; das andere stellte sie auf ein kleines Ziertischchen, in dessen Nhe sie sich niederlie. -- Ich hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen. Ich sa da mit meinem Weinglas in der Hand und sah mich hilflos um. Ich htte es gern hingesetzt, aber ein Tisch schien in diesem Zimmer ein berflssiges Mbel zu sein. -- Trinken Sie, liebes Kind, Sie werden erschpft sein. Ich nehme Ihnen dann das Glas wieder ab, sagte meine liebenswrdige Wirtin -- die Gattin des Pfarrers, wie ich damals annahm. Ich war wirklich durstig, aber noch mehr hungrig. Ich hatte seit dem Frhstck nichts mehr genossen, und auch da vor lauter Aufregung nur wenig. Ich tat deshalb einen guten Zug aus meinem Glase, dann nahm sie mir das Glas ab und setzte sich mir gegenber. Was sie zu mir gesprochen, wei ich nicht; mich berfiel eine seltsame, bleierne Mdigkeit, ich ri einige Male mit Gewalt die Augen auf, aber dann konnte ich nicht mehr dagegen ankmpfen. Ich bin dann wohl eingeschlafen. -- -- Als ich erwachte, war es Nacht. Ich lag ausgezogen auf einem Bett. Im Zimmer war es ganz finster. Ich versuchte mhsam, meine Gedanken zu sammeln. Wo war ich? Was war mit mir geschehen? War ich krank gewesen? Mir war sonderbar benommen im Kopf. Ich sann und sann und kam zu keiner Klarheit. Mde schlief ich endlich wieder ein. -- -- Das Gerusch einer schlieenden Tr weckte mich. Als ich die Augen aufschlug, war es Tag, und die Frau von gestern stand vor meinem Bett. Nun, ausgeschlafen? fragte sie. Ich sah sie verstndnislos an. Wo ist Herbert? fragte ich, nachdem ich meine Gedanken einigermaen gesammelt hatte. Sie meinen Herrn Smith? Der hat noch gestern wieder abreisen mssen, liebes Kind. Aber er kommt wieder, sobald er nur irgend kann. Seien Sie nur zufrieden, Sie sind bei Freunden. Sie werden es gut bei uns haben, wenn Sie schn artig und vernnftig sind. Aber wo bin ich denn! Bei wem? fragte ich dringend. Ich mu doch zu meiner Tante! Es ist leider niemand gekommen, der Sie hat abholen wollen. Wir haben gestern sofort nachfragen lassen. Sie mssen deshalb schon bei uns bleiben. Nun ruhen Sie sich nur noch recht schn aus, ich schicke Ihnen gleich etwas Frhstck herauf. Spter kommen Sie dann auch mal herunter in den Salon. Vorlufig ruhen Sie noch. -- -- Sie ging, und ich war wieder allein. Doch nicht lange. Ein Mdchen kam und brachte mir Kaffee und Gebck. Aber wie sah die Person denn aus! Schrecklich! Wie konnte man denn so ein Geschpf um sich haben? Ganz entzndete Augen und auch sonst so ekelhaft. Sie sah mir den Widerwillen wohl an und lachte hlich. Wenn du Glck hast, mein Engel, so siehst du eines Tages auch so hbsch aus, sagte sie frech. Wie meinen Sie das? fragte ich. Sie antwortete nicht, drehte sich um und ging hinaus. Ich mochte nichts anrhren von dem, was dieses Geschpf in den Hnden gehabt hatte. Der Kaffee wurde kalt. Doch in meinen Eingeweiden whlte der Hunger; ich war jung und gesund und hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen. Nach und nach trank ich den kalten Kaffee und a auch das Gebck. Ich wollte endlich aufstehen und mich nach meinen Wirten umsehen. -- Ich suchte nach meinen Kleidern, sie waren nicht da. Ich sah mich um, nichts war zu sehen, auch keine Klingel, um jemand herbeizurufen. Mein Gott, was bedeutete das alles?! Wo war ich nur? Ich tat das einzige, was mir brig blieb, ich kroch wieder ins Bett. Wie lange ich gelegen -- ich wei es nicht, ich mute wohl wieder eingeschlafen sein. -- Ein Gerusch schreckte mich auf, meine Wirtin stand wieder vor mir. Ich sprang rasch aus dem Bett und fragte nach meinen Kleidern. Ihre Kleider sind ganz verdorben, liebes Kind. Sie sind ein wenig krank gewesen gestern. Aber ich habe Ihnen hier ein schnes neues Kleid mitgebracht, das ziehen Sie an. Mit diesen Worten legte sie ein wunderbares Gebilde von Spitzen und durchsichtigem Mull auf das Bett. In meiner grenzenlosen Dummheit freute ich mich ber das schne Zeug. Oh, von Herbert! rief ich erfreut. Ich dachte an die versprochenen Kleider aus Samt und Seide. -- -- Meine Wirtin antwortete nicht, sie lchelte nur zustimmend. -- Ich zog mich rasch an, es pate wie fr mich gemacht. Ich suchte mit den Augen nach einem Spiegel, denn ich htte mich gern gesehen in meiner neuen Herrlichkeit, aber ich sah keinen. Kommen Sie, Kind, sagte die Frau, die meinem Blick gefolgt war, und fate mich um. Wenn Sie recht vernnftig und artig sind, bekommen Sie bald ein schnes groes Zimmer mit groen Spiegeln. Wenn ich artig und vernnftig bin -- schon wieder diese Redensart. Was soll das? Weshalb sollte ich _nicht_ artig sein? -- -- Lange dachte ich aber nicht ber dieses Rtsel nach, ich verstand es einfach nicht. -- Ich ging mit meiner Fhrerin eine schne, breite Treppe hinunter -- ich war also in meinem gestrigen Zustand die Treppe hinauf getragen worden -- dann trat sie mit mir in einen Salon, der, nach meiner Berechnung, in entgegengesetzter Richtung von dem Eingang liegen mute. Ein merkwrdiges Haus. Auch hier brannten wieder die elektrischen Flammen. Anscheinend war gerade eine grere Gesellschaft. Im Zimmer saen elegante Damen und Herren. -- Und fein war es hier, berall standen bequeme Sofas und Tischchen. -- Lauschige Ecken, schwellende Polster; kurz und gut, ich kam mir vor wie im Mrchen. Meine Fhrerin, deren Namen ich noch nicht einmal wute, stellte mich mit den Worten vor: Meine Herrschaften, hier bringe ich Ihnen Frulein Lotti. Gestern erst frisch von Europa angekommen. Das war ja eine sonderbare Sitte hier in diesem Lande. Aber alle schienen das in der Ordnung zu finden. Alle lachten und schwatzten durcheinander. Einige kamen auf mich zu und sprachen einige Worte mit mir. Doch ich verstand sehr wenig, sie sprachen fast alle englisch. Ich war ganz verlegen. Ich setzte mich auf ein Sofa in der Nhe der Tr. Bald setzte sich ein Herr zu mir, ein kleiner, dicker Kerl mit einer Glatze und vorstehenden, wsserigen Augen. Ein ganz frecher Patron! Setzte sich sofort zu mir auf das Sofa, ganz dicht an mich heran. Ich rckte von ihm ab, da lachte er so widerlich und sagte: Na, Kleine! Noch so sprde? Wird bald besser. Komm, wir trinken ein Flschchen zusammen. Dann gibt's Mut. Ich sah mich hilflos um. Was bedeutete das? War ich in einem Narrenhaus? Da sah ich an der anderen Seite des Salons meine Wirtin. Ich wollte aufspringen, sie fragen, um Aufklrung bitten. Aber ich wei nicht, wie mir pltzlich war; auf halbem Wege blieb ich stehen. Die Frau sah mich so sonderbar stechend, so lauernd an. -- -- Ich mute an den Blick einer Schlange denken, die ihr Opfer hypnotisiert. Ich sah mich um. Alle hatten jetzt Wein auf den Tischen, nur noch einige Damen saen so da. Ich machte ein paar Schritte und wollte zu einer alleinsitzenden Dame hingehen, da stand der alte, eklige Kerl wieder neben mir. Mach' keine Dummheiten, Kleine, komm setz' dich, sagte er zu mir und fate zugleich nach meinem Arm. Ich ri mich los und strmte nach der Tr. Als ich drauen stand, wute ich nicht wohin. Ich hatte den Gedanken, nach unten zu laufen, hinaus aus diesem sonderbaren Hause -- da stand die Frau neben mir. Was soll das? sagte sie kurz, warum laufen Sie weg? Ich will mich nicht von dem alten Kerl anfassen lassen! Ich kenne ihn ja gar nicht! Man ist doch nicht gleich so dreist! Da wirst du dich dran gewhnen mssen, liebes Kind. Das ist bei uns nun mal so. Und berhaupt, gerade mit diesem Herrn wirst du sehr freundlich sein, der hat sehr viel Geld. Komm! Jetzt sagte sie schon Du zu mir! Und wie schroff sie war! Hier blieb ich nicht! Dann will ich hier fort, sagte ich rasch. Ich kenne ja die Leute alle gar nicht. Lassen Sie mich gehen, ich laufe ans Schiff zu dem Kapitn, der wird an meine Verwandten telegraphieren. Schlag dir das aus dem Kopf, sagte die Frau. Du kannst hier nicht fort. Ich habe gestern deine Koffer holen lassen, die standen noch drben am Pier, das kostet Geld. Das Kleid hier habe ich fr dich bezahlt, kannst du mir das alles wiedergeben? -- -- Ach Gott, mein Geld! Da ich daran nicht gedacht hatte! -- Ich hatte ja noch zweihundert Mark gehabt. Wo war meine Tasche? Alles fort! Wo ist mein Geld, meine Tasche! Ich hab' es doch mit hierher gebracht! rief ich angstvoll. Du glaubst doch nicht, da du hier bestohlen worden bist? sagte die Frau hhnisch. Wenn du Geld bringst, kannst du gehen; so lange bleibst du hier. Mit diesen Worten fate sie mich an der Hand und zog mich wieder in den Salon. Da ging es jetzt lustig zu. Sie sangen und tanzten wild durcheinander. -- Und wie waren die Mdchen angezogen! Das war mir vorhin noch gar nicht so aufgefallen. -- Ich setzte mich ratlos wieder hin. Da kam auch schon wieder dieser Mensch und setzte sich neben mich. Ich sah ihn gar nicht an. -- Es wurde Champagner gebracht, ich nippte kaum. So gut er mir unterwegs geschmeckt hatte, der Appetit war mir vergangen. -- -- Wre ich nicht gar so dumm gewesen, htte ich nur einmal ber etwas derartiges gelesen oder gehrt, ich wrde endlich gewut haben, wo ich war. So aber sa ich noch immer und zermarterte mir den Kopf, was das eigentlich fr eine Gesellschaft sei, in der ich mich befand. -- -- -- Es gab an dem Abend noch einen furchtbaren Skandal. Ich begriff endlich, wo ich mich befand und was man von mir wollte. Als der alte Kerl einige Glas Champagner getrunken hatte, wurde er zudringlich, und ich schlug ihn ins Gesicht. Da wurde er wtend, er tobte wie ein Wahnsinniger. Mir war es einerlei, ich verstand auch nicht, was er sagte. Die Frau verstand ich dann um so besser. Sie wurde furchtbar heftig und lie endlich die Maske fallen. Ich sei in diesem Hause zu keinem anderen Zweck, als den Herren, die hierher kmen und die ihr schweres Geld dafr bezahlten, gefllig zu sein. Sie habe ein anstndiges Stck Geld fr mich bezahlt und sie wrde schon dafr sorgen, da sie keinen Schaden habe. Sie wolle mich schon zahm kriegen. Sie habe da ganz schne Mittelchen. Sie gebe mir aber den guten Rat, mich gleich zu fgen, denn ntzen wrde mir mein Widerstand doch nichts. -- Ein paar Tage frher oder spter, es sei nur mein eigener Schaden. -- Willst du also vernnftig sein und mit dem Herrn recht freundlich sprechen? Nein! Lieber spring ich aus dem Fenster! rief ich auer mir. Wie du willst! Dann spring aus dem Fenster! rief sie, fate mich am Arm und schob mich in ein Zimmer. Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast, rief sie mir nach und schlo die Tr zu. Im Zimmer war es dunkel, ich konnte nicht die Hand vor den Augen sehen. Ich tastete umher, ich suchte an der Wand entlang, vorsichtig schritt ich weiter. Ein Bett war da. Gott sei Dank. Ich zog das feine Kleid aus und legte mich nieder. Ich sann und sann, was konnte ich tun? Hier im fremden Land, in der groen fremden Stadt, ohne Geld, ohne Freunde! Und doch! Wenn ich nur hinaus knnte, jemand wrde sich schon meiner annehmen. Zuletzt kamen die Trnen, ich weinte so hei und schmerzlich, da ich gar nicht wieder aufhren konnte. Sie mssen mein verzweifeltes Weinen gehrt haben, aber kein Mensch kmmerte sich um mich; die sind alle hart wie Stein. -- Zuletzt bin ich wohl vor Ermattung eingeschlafen. Als ich erwachte, war es noch immer dunkel um mich. Ich wute gar nicht mehr, war es Tag oder Nacht. Wie lange war ich schon hier? War es ein Tag oder waren es mehrere? Mich qulte schon wieder der Hunger. War ich denn immer hungrig? Bei all meinem Elend und bei all dem Kummer -- die Natur verlangte ihr Recht. In Geschichten hatte ich so oft gelesen, wenn sie traurig waren oder Kummer hatten, dann nahmen sie tagelang keine Nahrung zu sich. Ich hatte immer Hunger. Ich konnte nicht mehr schlafen, vorsichtig erhob ich mich und tastete nach der Tr, sie war noch immer verschlossen. Ich klopfte, niemand kam. Ich klopfte strker, alles umsonst. Ich ging wieder ins Bett und wartete. Ich meinte, Stunden gelegen zu haben, und nichts lie sich hren. Ich konnte es zuletzt gar nicht mehr aushalten und stand wieder auf. Ich hatte Kopfschmerz und war ganz zittrig auf den Beinen, so elend war ich. Was hatte man mit mir vor? Wollte man mich hier verhungern lassen? Ich schlug mit den Fusten gegen die Tr und schrie aus Leibeskrften. Niemand kam. Jetzt kam die Furcht langsam gekrochen! Was wollte man mit mir machen? Oder hatten sie mich vergessen? Wieder kroch ich ins Bett. -- Ob ich dann vor Erschpfung ohnmchtig geworden bin oder ob ich wieder eingeschlafen bin, ich wei es nicht. Nur da ich, als das schreckliche Weib wieder zu mir kam und mich fragte, ob ich gehorchen wolle, ganz apathisch zu allem ja gesagt habe. Ich glaube, sie haben mich lange hungern lassen, denn ich bekam zuerst ein wenig warmen Wein und dann ein rohes Ei. -- -- Zwei Tage danach war ich wieder im Salon. Der ekelhafte Kerl war wieder da, und alles ging seinen Gang. -- -- Jetzt habe ich ein schnes Zimmer, und der Mensch kommt jeden Abend. Es ist ein reicher Pelzhndler aus der 8. Strae. Ich wei jetzt auch, wo ich bin. -- Es ist ein Mdchen hier -- die schwarze Katze sagen alle zu ihr -- sie ist vom ersten Tage an sehr freundlich zu mir gewesen. Sie riet mir auch, als ich wieder in den Salon kam, mich zu fgen. Ich sei doch machtlos. Jedenfalls bist du Mdchenhndlern in die Hnde gefallen, sagte sie. Ich erzhlte ihr alles. Von Frau Frhlich, von Herbert Smith, von der Heirat, alles! Es ist so! Das saubere Paar ist mit frischer Ladung von Europa gekommen. Entweder, sie haben im Zwischendeck noch Mdchen gehabt, oder aber sie haben auf einem anderen Dampfer, der langsamer fhrt, die Mdchen eingeschifft und sind dann selbst mit dem Schnelldampfer gefahren, um die Ware hier in Empfang zu nehmen. Du bist ihnen als Leckerbissen unterwegs noch in die Arme gelaufen. Aber knnen wir denn nicht zur Polizei? Die Polizei? Du kommst vorlufig berhaupt nicht an die Luft, eher nicht, bis du erst richtig zahm bist. Und dann! Die Polizei! Da mach dir nur nicht zu viel Hoffnung. Weit du, ich knnte dir Sachen erzhlen. Die Policeleute hier im Viertel werden alle von ihr bezahlt. Denn die versteht ihr Geschft. -- Und uns glaubt man ja doch nicht. Aber trotz alledem, wenn wir Geld htten, und du bist nach einigen Monaten noch derselben Ansicht, so will ich dir wohl helfen. Nur jetzt ist noch nichts zu machen. -- Und warum gehst du nicht fort, wenn du doch kannst? fragte ich sie. Gott, ich! Wo soll ich hin? Es ist immer noch besser als auf der Strae, da laufen hier in New York sowieso genug herum. Ich bin ja mal 'ne Zeitlang 'raus gewesen; solange man ein festes Verhltnis hat, mag's gehen. Hat man das nicht, dann gibt's Tage, da kann man hungern. Ich war ganz benommen. Das war ja schrecklich. Aber du kannst doch in Stellung gehen. Nicht immer so etwas, sagte ich beschwrend. Du bist ein kleines Schfchen, lachte sie mich aus. Das ist bei mir zu spt. Ich habe dies Leben schon zu lange gelebt. -- Und -- ich will auch nichts anderes mehr. Wir werden ja sehen, vielleicht geht es dir eines Tages ebenso. Nein, o nein. Ich will hier nicht bleiben, lieber sterben, rief ich verzweifelt. Na, na, nur ruhig, Kleines. Ich gebe dir einen guten Rat: Lerne vor allen Dingen Englisch, das ist die Hauptsache. Dann sauf' nicht zu viel, das ist auch 'ne Hauptsache. Dann halte die Augen gut offen, mglich, da mal einer kommt, der so viel Gefallen an dir findet, da er dich auskauft. Alles schon dagewesen. Und hbsch bist du ja, das mu dir der Neid lassen. Du hast so was Besonderes, so was Vornehmes an dir. Vielleicht hast du Glck. Ich fate wieder Hoffnung. Ich war dem Mdchen so dankbar fr seine Ratschlge und habe sie bisher getreulich befolgt. -- -- -- -- Bis jetzt gehre ich noch immer dem alten, dicken Ekel. Er scheint groes Gefallen an mir zu finden, denn er bezahlt alles, was sie verlangt. Ich hatte einige Tage die Hoffnung, da er mich vielleicht herausnehmen wrde. Als er einmal sehr guter Laune war, bat ich ihn darum. Ich versprach, bei ihm zu bleiben, so lange er mich haben wolle -- natrlich sagte ich das nur, denn ich wre sofort ausgerissen, wenn ich das Haus hinter mir gehabt htte. Aber er lachte mich nur aus. Nee, Kleine, auf den Leim kriech' ich nicht. Ich habe das hier viel besser und bequemer. Solange ich nicht will, kriegt dich kein anderer. In dieser Weise ist die Rottmann anstndig, da betrgt sie nicht. -- Bis jetzt habe ich also nur diesem einen gehrt, aber wie lange wird es dauern und ich gehre jedem, der mich will! Der Gedanke ist mir furchtbar! Ich liebe das Leben so sehr. Ich bin jung, und jede Kreatur hngt am Leben. Und doch -- wenn ich irgendein Mittel htte, ich wrde mich tten. -- Aber hier ist auch auf solche Stimmungen Rcksicht genommen, ich bin gewi nicht die erste Anfngerin. -- Wenn ich jetzt einmal an die lieben, alten Groeltern denke, so knnte ich laut aufweinen vor Qual. Nie wieder werde ich sie sehen, nie wieder die lieben, alten Gesichter kssen drfen. -- Auch wenn ich Glck habe und wieder herauskomme, es soll kein bekanntes Gesicht das meine wiedersehen. -- Ich will tot sein, tot fr alle! -- -- Es ist eine furchtbare Einrichtung, da es Menschen gibt, denen erlaubt wird, andere Menschen gegen ihren Willen festzuhalten und Geld mit ihnen zu verdienen. -- -- -- * * * * * Es ist schrecklich! Ich fange an, mich vor mir selbst zu frchten. Ich habe oft den kaum zu unterdrckenden Wunsch, diesem Menschen die Hnde um den Hals zu krallen und ihn so lange zu wrgen, bis er tot ist. Es zuckt mir dann frmlich in den Fingern vor Begierde. -- Ob wohl einem Manne nie der Gedanke kommt, da er eigentlich in Lebensgefahr schwebt, wenn er sich so ein geknechtetes Wesen leibeigen macht? Wre es nicht mglich, da in einem solchen Geschpf einmal der Rachedurst berschumt? Sich und ihr ganzes zertretenes Geschlecht wrde sie rchen. -- Ach, ich glaube, ich werde wahnsinnig oder schlecht. -- -- Da ein Mensch sich in kurzer Zeit so sehr verndern kann! Noch vor einem Jahre war ich ein dummes, leidenschaftlich verliebtes Ding. Und nun? Mir ist zuweilen, als ob ich das gar nicht bin. Mir ist, als sei das alles schon eine Ewigkeit. Bin ich es wirklich, deren Herz einst aufjubelte bei den trichten Liebesworten, die man mir ins Ohr flsterte? Und jetzt! Ich glaube, ich kann nie wieder Liebe und Leidenschaft empfinden. -- Mgen sie mit meinem Krper Schacher treiben, meine Seele gehrt mir. Meine Seele bleibt rein. -- Ich bin keine Dirne und will auch keine werden. -- * * * * * Ich sinne und sinne, wie aus diesem Hause herauszukommen ist, aber alle meine Bemhungen sind erfolglos. In einem Gefngnis knnte ich nicht sicherer verwahrt sein. Die Tr ist Tag und Nacht gut bewacht, und Neuankmmlingen wird nur unter gewissen Vorsichtsmaregeln geffnet. Nur alte Bekannte, die das bestimmte Klingelzeichen geben, knnen ohne weiteres herein. Ich habe mir gestern die Rckseite des Hauses angesehen, ich hoffte, vielleicht von da auf ein Nebengrundstck kommen zu knnen, aber auch diese Hoffnung mu ich aufgeben. Eine glatte, hohe Mauer umgibt einen kleinen, dreieckigen Hof, und die Fenster, die nach diesem Hofe gehen, sind nicht zu ffnen, sondern haben nur oben eine kleine Luftscheibe. Jenseits der Mauer sind sehr hohe Huser; auf der einen Seite ein kleineres, das aber, wie es scheint, unbewohnt ist. An dem einen groen Hause laufen schmale eiserne Leitern empor, wenn ich die erreichen knnte, dann wre Rettung mglich. Aber die Mauer ist hoch und der Zugang zum Hofe ist bewacht. -- Das Schlimmste aber sind die Kleider! Kann ich halbnackt auf die Strae gehen? Es ist ein raffiniert einfaches Mittel, uns unsere Straenkleider wegzuschlieen, um uns an der Flucht zu hindern. -- * * * * * Heute erzhlte mir die Bronja aus ihrem Leben. Bronja, so heit die schwarze Katze. -- Sie ist verheiratet gewesen und hat sogar ein Kind, ein kleines Mdchen. Es lebt noch, bei ihren Eltern in Posen. Ihr Mann hat Gelder bei irgendeiner Kasse unterschlagen, und als es entdeckt wurde, haben sie ihn eingesperrt. Als er dann wieder freigekommen ist, sind die beiden nach Amerika gegangen, da der Mann nirgends wieder eine Stelle bekam. Bronja ging mit ihm. Sie hat ihn sehr geliebt! Das Kind sollte bei den Eltern bleiben, bis die beiden hier festen Fu gefat hatten. -- Aber hier in Amerika ist es fr solche verkrachten Existenzen auch schwer. Die beiden muten sich trennen. Bronja nahm eine Stelle als Empfangsdame bei einem Arzte an, und ihr Mann lie sich vorlufig von ihr ernhren. Schlielich fand er eine Stelle in einer deutschen Wirtschaft als Kellner. Doch dann fing er das Trinken an und sank immer tiefer. Als er die Stelle verloren, trieb er sich berall herum, war bald da, bald dort an der Ostseite. Und jetzt sitzt er wegen Einbruchdiebstahls im Gefngnis. -- Bronja lernte in ihrer Stellung einen reichen Herrn kennen und wurde dessen Freundin -- ein Wunder ist es ja nicht, denn sie ist eine Schnheit in ihrer Art. Als ihr Gnner ihrer eines Tages berdrssig geworden war, verlor sie allen Halt und alle Selbstachtung. Durch den Verkehr in den Lokalen, wo der Herr sie hingefhrt, war sie in der Lebewelt bekannt geworden, und es fehlte ihr nicht an Zuspruch. Sie bekam Geld, kaufte sich feine Kleider und Schmuck und war eines der am meisten gesuchten Mdchen in dem berchtigten Viertel New Yorks. -- Eines Abends war sie noch ziemlich spt in der 14. Strae ohne Begleitung, als ihr ein Seemann in die Hnde fiel. Sie geht mit ihm in eines der bekannten Huser, wo sie sich ein Zimmer geben lt, nachdem natrlich vorher frchterlich getrunken worden war. -- In der Nacht ist dann dem Fremden seine ganze Barschaft gestohlen worden. Bronja sagt, sie habe es nicht getan, sie sei selbst viel zu betrunken gewesen. Der Fremde schlug aber Lrm, die Polizei kam ins Haus, und Bronja wurde verhaftet. Man lie sie nach einiger Zeit wieder frei, da man ihr nichts nachweisen konnte. Zu allem Unglck war aber ihre Wirtin whrend der Zeit mit ihrem ganzen Kram, Kleidern und Wsche und ihren paar Dollars verschwunden. Um wenigstens ein Unterkommen zu haben, ging sie in ein ffentliches Haus.-- Diese Huser knnen unsereinen immer gebrauchen, wenigstens solange man gesund und hbsch ist. Und was ist denn auch weiter dabei? Mir gefllt es! Frher, als ich mit meinem Manne noch zusammen war, war es auch nicht viel besser, wenn er besoffen nach Hause kam. Aber was soll aus dir werden, wenn du lter bist? fragte ich sie mitleidig. Dann mache ich's wie die Rottmann. Glaub' mir, das bringt am meisten Geld. Je feiner, desto besser. Was bringen allein die Getrnke schon. Nur mit Mdchenhndlern la ich mich nicht ein, da werde ich, glaub' ich, nie hart genug dazu. Du solltest klug sein und deinem alten Pelzhndler richtig um den Bart gehen, da er dir ordentlich was schenkt. Nur wenn du Geld hast, kannst du hier herauskommen. Und willst du nie mehr zu deinem Manne, wenn er wieder freikommt? fragte ich sie. Nie wieder! Er wird mich hoffentlich nicht finden. Ich glaube nicht mehr an ihn. Und wenn er so lange in Sing-Sing gewesen ist, dann ist es berhaupt ausgeschlossen. Arme Bronja. -- -- * * * * * Den 4. Juli. Nun bin ich schon ber vier Wochen in diesem Hause und bin heute zum ersten Male in der frischen Luft gewesen. Mit Madame zusammen. Wir haben im Automobil eine Ausfahrt gemacht, ganz weit hinaus nach Bronxpark. Die Bronja sagt, das sei alles Berechnung von ihr. Amerika feiert heute ein groes Nationalfest, da zeigt sie den Herren, was sie fr gutes und schnes Material auf Lager hat. Denn unter der Herrenwelt ist sie gut bekannt. Sie frchtet also wohl, da mein Dicker bald wegbleibt. Ich wollte mich freuen, denn widerlicher kann keiner sein. Und er hilft mir ja doch nicht heraus. -- -- Ich habe also heute zum ersten Male dieses Land gesehen. Gesehen? Nein! Gesehen habe ich nichts davon. Ich wagte kaum aufzublicken. Ich meine, jeder Mensch mu es mir vom Gesicht ablesen, was ich bin. Sehr hohe Huser sind hier, so viel wenigstens habe ich gesehen. Als ich die Bume und Bsche im Bronxpark sah, mute ich an zu Hause denken, und das Heimweh packte mich furchtbar. Ich habe mich nachher sattgeweint. -- -- -- * * * * * Den 5. Juli. Gestern abend ist es toll hergegangen. Es war furchtbar voll, denn es ist nichts Seltenes, da auch Herren mit fremden Mdchen kommen, ordentlich zechen und dann ein Zimmer nehmen. So auch gestern abend. Es waren sehr viele und auch sehr elegante Damen da. Aber Bronja sagt, ich steche alle aus. Wenn ich so dabei bliebe, sei ich mit zwanzig Jahren eine knigliche Schnheit. Wenn ich dann nicht schon tot bin. -- -- Mir kommt es vor, als ob auch zuweilen verheiratete Frauen hierher kmen, und Bronja meint, das sei schon so. Das seien solche, denen es zu gut ginge, oder auch solche, die sich etwas Taschengeld nebenbei verdienten. Ich mchte sie an meine Stelle wnschen. -- -- Der Dicke war auch da gestern abend. Ich habe wohl bemerkt, da die Herren sehr viel nach mir guckten, aber er wich nicht von meiner Seite. Er war ordentlich stolz, da er der Besitzer war. Als ob er das seiner Schnheit zu verdanken htte. Ich dachte an Bronjas Mahnung, ich solle schn mit ihm tun -- ich kann es nicht. Ich werde Gott danken, wenn er nicht mehr kommt. Ich habe gestern auch zu viel getrunken. Es lt sich nicht ganz vermeiden, so sehr ich mich auch in acht nehme. Und dann die Hauptsache: man kommt besser darber weg, wenn man nicht ganz bei Sinnen ist. -- Wie soll man es sonst nur auf die Dauer aushalten? Die Madame schimpft noch dazu immer, da ich nicht genug trinke. * * * * * Den 16. Gott sei Dank, das Scheusal ist fort. Vorgestern war er zum letzten Male hier. Er ist heute nach Europa gefahren. Ich habe ihn noch einmal gebeten, fufllig habe ich ihn angefleht, mich herauszunehmen. Ich habe die Zhne zusammengebissen und habe getan, als ob ich ihn furchtbar gern htte, als ob mich sein Fortgehen ganz unglcklich machte -- es war alles umsonst. -- Da war ich zuletzt so wtend, da ich ihm ins Gesicht gespuckt habe. Es war mir auch alles einerlei. Aber er ist doch dageblieben, der furchtbare Mensch! Ich wei nicht, ob sich jemand das Widerliche, das in einer solch erzwungenen Vereinigung liegt, voll ausdenken kann. Ich fhle Gott sei Dank nichts dabei, das ist ein Glck fr mich. Aber ich liege dann und analysiere jede Bewegung des Verhaten, der glaubt, durch sein Geld mir meinen Krper abkaufen zu knnen. -- Wenn die Liebe oder der Sinnenrausch die Ursache einer Vereinigung sind, so ist sie geadelt durch das Gefhl. Hier aber! Es ist mir unfabar, wie Mnner -- Mnner mit Geist und Herz -- eine solch furchtbare Snde begehen knnen und kraft ihres Geldes und ihrer physischen berlegenheit diese armen Geschpfe so foltern. -- Denn freiwillig oder nicht -- die hier sind, haben alle einmal den Anfang machen mssen -- und der ist furchtbar. Gewohnheit und Alkohol tun viel -- doch bis man so weit ist -- --. * * * * * Den 17. Ein bel bin ich los und dem andern bin ich verfallen. In meinem Ha gegen den alten dicken Kerl habe ich nicht daran gedacht, da noch Widerlichere kommen knnten. Jetzt mu ich jeden nehmen, der mich begehrt, und wenn es in einem Abend ein Dutzend sind. Bronja gibt mir gute Ratschlge. Gut essen und trinken. Geld sparen und Englisch lernen. Geld sparen -- bis jetzt habe ich noch keinen Cent zu sehen bekommen. Ich brauche nichts -- sagt Madame. Sie will es fr mich sparen. -- Die ist immer noch nicht mit mir zufrieden. Ich trinke nicht genug und animiere nicht genug zum Trinken. -- Obgleich es ja wirklich das beste ist, man kommt aus dem Alkoholdusel gar nicht heraus. Das Schlimme ist: ich gefalle --, alle wollen mich haben. Ich mchte nur wissen, was sie an mir finden. Einige von den Mdchen sind schon neidisch. Die dummen Gnse, als ob ich etwas dazu knnte! Ich wre zufrieden, wenn keiner zu mir kme. Nur Bronja hlt treu zu mir. Als ich ihr gestern meine Not klagte, lachte sie mich aus. Du bist ein kleines Schaf, sagte sie. Deine hoheitsvolle, unnahbare Miene und deine groartige Figur reizen die Mnner. Freue dich! Denn, wenn eine keinen Anklang findet, ist es erst recht schlimm. Die schaffen sie dann fort in ein anderes Loch. Frei kommt sie deshalb doch nicht. Erst mu sie ausgenutzt sein. Die ganze Bande hier im Land steckt unter einer Decke. Die Mdchenhndler, die Wirte und, nicht zu vergessen, die wohllbliche Polizei. Ich bin berzeugt, der Policemann, der hier an der Ecke patrouilliert, verdient mehr als ein Bankdirektor. Er hrt nichts, er sieht nichts, kurz und gut, er versteht sein Geschft. Deshalb wrde es dir auch nichts helfen, wenn du wirklich fortlaufen knntest. Keine Viertelstunde wrst du drauen. Unter dem Vorwand, dich zu beschtzen und Erkundigungen einzuziehen, liefert er dich wieder dahin ab, woher du gekommen. Ich wei ja, wie's gemacht wird. Die ganze Bande ist organisiert. Es ist die reine Aktiengesellschaft. -- -- -- -- -- * * * * * Welch seltsame Verirrungen doch das Tier im Menschen haben kann! -- Es ist hier im Hause eine Wienerin, Kathinka heit sie. Ein Monstrum von einer Frau. Sonst ist sie gar nicht auergewhnlich gro und dick, aber einen Busen hat sie -- unbeschreiblich! Und ist es zu glauben, da dieses Mdchen, das weder schn ist noch sonst besondere Anziehungskraft besitzt, nur wegen ihres abnormen Busens eine Art Zugnummer dieses gesegneten Hauses ist? Sie selbst ist dabei kreuzfidel und spart sich Geld. Es gibt halt Mannsleut', die gern auf'm Fettpolster liegen, wann's viel getrunken haben, sagt sie lachend. -- -- -- Wenn ich doch auch erst etwas gleichgltiger werden knnte. -- Aber nein -- ich will es gar nicht werden. Ich will nicht jeden moralischen Halt verlieren. Ich mu hier wieder fort oder sterben. -- Ich darf gar nicht denken -- nicht nach Hause an die alten Leute, dann schme ich mich furchtbar, obgleich ich schuldlos an meiner Schande bin. Ich habe nun schon wiederholt versucht, einen meiner Kufer fr meine Lage zu interessieren. Keiner glaubt mir. Sie lachen und sagen: Das sagt jede. -- -- -- * * * * * Den 22. Wie soll ich es ertragen! Gestern abend war es wieder einmal recht voll, aber es wurde der Alten nicht genug verzehrt. Hauptschlich Mixed-drinks sollen viel verkauft werden, denn daran wird verdient. An mir lie sie ihre Wut wieder aus, weil an meinem Tisch am wenigsten verzehrt worden war. Ich war bis elf Uhr schon viermal oben im Zimmer gewesen und hatte keine Lust mehr. -- Sie hat mich nun beobachtet. Und behauptet, ich sei viel zu unfreundlich. Kurz und gut, sie hat mir gedroht, wenn ich mich nicht bessere, kme ich nchste Woche ins Hafenviertel, an den Eastriver, da haben sie auch noch ein Haus. Bronja kennt es. Es sei frchterlich dort. Heizer und Kohlenzieher, betrunkene Seeleute aus aller Herren Lnder. Kein weibezogenes Bett, schmutzige Schlafsofas und dazu an manchem Tage zwanzig Besucher. Krankheiten unausbleiblich. Kontrolle gibt's nicht. -- brigens gibt es die auch hier nicht, denn ich habe noch nie einen Arzt gesehen. -- Aber das tue ich nicht, nein, das nicht! Dann wird sich schon ein Weg finden, wie ich ein Ende machen kann. -- Ich bete zu Gott, aber ich glaube, es gibt gar keinen mehr. Wenn es wirklich einen allmchtigen Gott im Himmel gbe, dann knnte er nicht zugeben, da so furchtbare Dinge auf seiner Erde geschhen. Bronja trstet mich. Sei nur nicht bange, du kommst hier nicht fort, sie will dich nur erschrecken. Aber du solltest wirklich ein klein wenig mehr trinken. Es ist besser. Du brauchst deshalb immer noch nicht zu saufen. Du kommst aber viel besser ber alles fort. Ich will es tun, ja, ich will es tun. Spter, wenn ich wieder frei bin, werde ich desto enthaltsamer sein. Ich mochte frher nie Bier und Wein, nur der Champagner hat mir geschmeckt -- zu meinem Verhngnis. Htte ich an Bord nicht zu viel Sekt getrunken, so htte ich mich nicht von dieser Bande umgarnen lassen. berhaupt der Alkohol. Ich habe nun schon manche hier kennen gelernt -- wir sind fr bestndig fnfundzwanzig bis achtundzwanzig, ohne die Vorbergehenden -- und es sind wenige darunter, bei denen der erste Fehltritt -- der erste Fall -- nicht im Alkohol geschehen ist. -- In der Bibel ist die verbotene Frucht der Apfel -- wollten doch alle nur pfel essen, es wre besser. Es ist vielleicht auch nicht recht berichtet, es war vielleicht auch schon der Sekt. * * * * * Seit vierzehn Tagen ist eine Neue da. Ein kleines zartes Ding von kaum Mittelgre. Solange sie nichts getrunken hat, sieht sie immer so traurig aus, aber abends ist sie die Schlimmste. Sie trinkt wie ein Irlnder und kann furchtbar viel vertragen. Sie hat mir vor einigen Tagen ihre Geschichte erzhlt. Sie ist glcklich verheiratet gewesen. Ihr Mann, der fr eine groe Firma jedes Jahr zweimal nach Berlin reiste, um Herrenstoffe einzukaufen, war gut und lieb zu ihr. Im vergangenen Herbst, als sie wieder fr einige Wochen allein war, ging sie mit einer befreundeten Familie zu einem Picknick. Ein Herr, der mit von der Partie war, hatte sich den ganzen Tag sehr aufmerksam gegen sie gezeigt. Am Tage haben sie noch fast nichts getrunken, doch abends, als sie in einem Auto nach Hause fuhren, sind sie noch am Broadway in einem Hotel eingekehrt, um zu Abend zu essen. Bis in die Nacht hinein ist gegessen und getrunken worden. -- -- Als sie am andern Morgen aufwachte, lag der Herr neben ihr im Bett. -- Ihr Mann hat es erfahren, und sie sind geschieden. Hat mich der Alkohol hineingebracht, soll er mich auch wieder herausbringen, ich sauf' mich tot, sagt sie lachend. Aber dabei knnte man weinen. -- -- -- * * * * * Ich bin krank, und ich mchte sagen, Gott sei Dank. Zumal auch der Arzt sagt, da es nicht schlimm sein soll. Nur einige Tage Ruhe. Der Doktor war erst recht ungezogen zu mir. So barsch und grob, da mir die Trnen in die Augen traten. Ich drehte mein Gesicht nach der Wand, damit er -- und hauptschlich die Madame -- nichts sehen sollten. Denn sie ist nicht aus dem Zimmer gegangen, solange der Arzt da war. Wahrscheinlich frchtete sie, da ich etwas sagen wrde. -- Nachher war er ganz nett und manierlich. Ich schmte mich aber doch ganz frchterlich. Es sei nicht so schlimm. berreizung -- was Wunder. Einige Tage Ruhe, dann sei alles wieder gut. Er kommt noch einmal wieder. -- -- Wenn er dann doch allein ins Zimmer kme. Ich wrde ihn bitten, mir herauszuhelfen. Aber er wird's auch nicht wollen. Die Menschen machen sich nicht gern Unannehmlichkeiten mit Leuten, die sie nichts angehen.-- Wenn ich so allein hier liege, mache ich mir allerlei Gedanken. Dumm bin ich doch gewesen, sehr dumm. Wie kann man als junges Mdchen mit einem wildfremden Menschen in die Welt hineingehen! Wenn ich auch erst sechzehn Jahre alt bin, so viel htte ich doch bedenken mssen. Freilich, besser wre es gewesen, ich htte schon frher etwas von solchen Sachen gelesen, dann wre mir vielleicht doch der Gedanke gekommen, knnten das womglich auch solche Menschen sein? -- -- Aber soviel wei ich, komme ich je hier aus diesem Hause -- und ich habe den festen Glauben daran -- dann soll das, was ich hier erlebt, nicht umsonst gewesen sein. -- -- Ich freue mich jetzt so, da ich mein Tagebuch habe; da kann ich doch so recht mein Herz ausschtten. Etwas mu der Mensch haben. Briefe kann ich nicht schreiben, und ich glaube auch kaum, da ein Brief von mir aus dem Hause gelassen wrde. An wen sollte ich auch schreiben? Fr die Groeltern bin ich tot, und hier im Lande habe ich keine Seele, die sich um mich sorgt. Was mgen wohl die lieben, alten Leute fr Kummer gehabt haben, als sie erfahren haben, da ich nicht bei den Verwandten angekommen bin? Vielleicht haben sie gedacht, ich bin kurz vorher ber Bord gefallen. Denn ich bin doch spurlos verschwunden. Nur Frau Frhlich und ihr sauberer Neffe knnten Auskunft geben, und die werden sich hten. * * * * * Ich mchte nur wissen, wo mein Koffer ist. Die Rottmann sagte doch damals, sie htte ihn holen lassen. Mich wundert nur, da die beiden ihn nicht behalten haben, jedenfalls ist ihnen der Inhalt zu gewhnlich gewesen. -- Wie froh wre ich, knnte ich meine Wsche anziehen, die darin war. Wie gern wrfe ich den ganzen Plunder von mir. Damit will ich nicht sagen, da ich die feinen Sachen nicht mag, ganz gewi nicht! Schn ist es, so zarte Stoffe zu tragen -- aber unter diesen Umstnden! Ja, wenn ich reich wre -- recht reich --, dann wrde ich auch feine seidene Hemden tragen und mich an meiner Schnheit freuen -- aber so! Ich sei schn, sagen sie -- und wenn ich mich zuweilen im Spiegel betrachte, komme ich mir so unrein vor, so fleckig, so -- pfui Teufel, habe ich dann einen merkwrdigen Geschmack auf der Zunge. -- Dann htte ich auch Lust, mir dicken Puder an Gesicht und Hals zu schmieren, wie sie's alle hier machen. -- -- -- * * * * * Ich hab's gewagt! Also, der Doktor war wieder da. Die Madame stand dabei, und trotzdem habe ich sie angefhrt. -- Ach, ich bin so froh, so glcklich, vielleicht hilft es was. Weil ich mir denken konnte, da die Alte wieder dabeistehen wrde, hatte ich schon vorher ein kleines Stckchen Papier ganz eng beschrieben. Alles hatte ich darauf geschrieben, was wichtig war. -- Ich flehte den Doktor an, mir zu helfen. -- Als er mich nun wieder untersuchte und gerade mit einem Arm ber mich hinreichte, habe ich ihm das Rllchen in die Hand geschoben. Er verstand meine Absicht sofort, schlo die Hand und fuhr in seiner Untersuchung fort. -- -- Die Alte hat nichts bemerkt, und ich bin so froh, so glcklich. Wenn er mir doch helfen wollte! Er brauchte ja nur zur Polizei zu gehen. -- -- Ich glaube, ich kann nicht eher wieder ruhig schlafen, ehe ich nicht wei, ob ich mich an keinen Unwrdigen gewandt habe. * * * * * Den 4. August. Gestern war ich wieder im Salon. Ich bin wieder gesund, nun kann die Tierqulerei von neuem beginnen. Tierqulerei! -- Ich sage das so leichtsinnig -- ein Tier wrde sich nicht gefallen lassen, was ich mir gefallen lassen mu. Und was das beste ist, sein Artgenosse wrde es auch nicht in dieser Weise mibrauchen. Die Tiere sind klger und besser als die Menschen. Ich komme auf ganz, ganz dumme Gedanken. Frher habe ich zu wenig nachgedacht und jetzt denke ich zuviel. Wre ich frher mehr zum Nachdenken gezwungen gewesen, so brauchte ich jetzt meine Gedanken nicht auf diese Weise spazieren zu fhren. -- -- * * * * * Von dem Doktor habe ich noch nichts gehrt, aber eine andere interessante Bekanntschaft habe ich gemacht. Ein junger Landsmann war da, ein lieber Mensch. Er gefiel mir gleich, als er kam, und weil ich gerade allein sa, ging ich sofort zu ihm. Er bestellte eine Flasche Rdesheimer. Aber echten, rief er mir noch zu. Wir kamen ins Gesprch und pltzlich entdeckten wir, da wir Landsleute waren. Gar nicht weit voneinander zu Hause. In meiner Freude und Aufregung verga ich ganz, da ich ja nie jemand hatte sagen wollen, wer ich war. Er ging dann mit mir nach oben, und da -- als wir allein waren -- fate ich mir ein Herz und erzhlte ihm alles, mein ganzes Unglck. Er glaubte mir gleich und lachte gar nicht ber mich. Ich habe ihn auch gefragt, ob er mir nicht heraushelfen knne. Er meinte, leicht wrde es nicht sein, ich sei noch zu kurze Zeit hier, und die Besitzer dieser Huser mten die Schlepper wohl gut bezahlen und wollten dann natrlich ihr Geld auch wieder heraus haben. Gutwillig wrde mich die Rottmann nicht gehen lassen, auch wenn sie Geld geboten kriegte. Er will sich alles berlegen. Mit der Polizei sei nichts zu machen, da msse man Geld haben, sehr viel Geld. Denn da hiee es, wer am besten bezahlt, wird am besten bedient. Und die Rottmann kenne ihre Leute, die wrde schon anstndig bezahlen. -- -- -- -- Das ist ja ganz schrecklich! Das sieht ja trostlos fr mich aus. Aber mein neuer Freund kommt wieder -- heute noch nicht, damit es nicht auffllt, aber morgen. Dann werden wir weiter beraten. Ich habe jetzt Hoffnung. Dem kann ich vertrauen, er hat ein so gutes Auge. Als ich ihm sagte, wie alt ich sei, da sah er mich so mitleidig an und sagte: Du armes Ding. Da mute ich natrlich weinen. Das Mitleid mit mir selbst trieb mir die Trnen in die Augen. Und habe ich nicht wirklich ein Recht, ber mich zu weinen? Gibt es ein zweites Geschpf, das so unglcklich, so armselig ist wie ich! Mit noch nicht siebzehn Jahren eine Dirne, eine Verworfene! Und doch bin ich das Kind eines Frsten! Aber das ist ja gerade mein Unglck. -- Ich fhle einen Ha in mir, ich kann es gar nicht sagen. Ich wei nur nicht, wen ich mehr hassen soll: die Rottmann, Herbert Smith, Rudolph Schnewald oder den Urheber meines Daseins. Ich bin berhaupt zuweilen ganz wirr von all dem Denken. -- Ich bin wohl auch noch zu jung und habe zu wenig praktischen Verstand. * * * * * Ich habe jetzt doch wenigstens etwas Schnes, an das ich denken kann. Ich freue mich so darauf, da mein neuer Freund wiederkommt. Ob er Wort hlt? Wenn ich daran denke, da er nicht kommen knnte, dann wird mir siedendhei vor Angst. -- -- * * * * * Er war da! Schon am zweiten Abend kam er wieder. -- So frh er aber auch kam, ich war schon vergeben. Aber ich hatte dann doch noch Glck, ich konnte mich freimachen und zu ihm gehen. Er hatte keine andere angenommen. Ich konnte ihm an den Augen ansehen, wie widerlich es ihm war, da ich direkt aus den Armen eines anderen Mannes zu ihm kam. Aber ich kann's doch nicht ndern, ist es mir doch nicht weniger widerlich. Es war trotzdem ein so glcklicher Abend. -- Wir saen noch nicht lange zusammen, da kam der Doktor -- mein Doktor. Er ging nicht gleich zu mir, er sa erst eine Zeitlang bei Lizzi und hat mit der eine Flasche Wein getrunken. Dann trat er ganz harmlos auf uns zu und rief schon von weitem: Ah, da ist ja auch meine Patientin! Wie geht's uns denn? Dann hat er sich zu uns gesetzt. Wie bin ich glcklich! Wie ist es gut, da ich ihn gebeten habe. Der ist klug und kennt die hiesigen Verhltnisse. Er spricht ganz nett Deutsch, da seine Eltern geborene Deutsche sind. Er sagt, auf geradem Wege, mit der Polizei, sei gar nichts zu machen. Wir mten berhaupt uerst vorsichtig sein. Wendeten wir uns an die Polizei, so bekomme die Rottmann sofort einen Wink, und wenn dann die Polizei offiziell ins Haus komme, sei ich verschwunden. Entweder wrde ich versteckt oder ich sei schon an ein anderes Haus verschickt, was noch viel schlimmer sei. Denn dieses Haus hier am Broadway sei noch eines der besten. Herr Werner, mein neuer Freund, fragte, ob ich nicht herauszukaufen sei. Da meinte der Doktor, auch das habe wenig Aussicht. Erstens wrde sie einen unverschmten Preis fordern, und zweitens sei noch die Frage, ob sie es berhaupt tue. Ich verdiene ihr vorlufig doch ein gutes Stck Geld, und so sehr junge Mdchen bekme sie auch nicht alle Tage. -- -- Aber er hat doch einen Plan. Sie wollen mich entfhren. -- Wenn Herr Werner jetzt wieder kommt, will er all sein Geld mitbringen, das er auf der Sparkasse hat. Aber es soll nicht fr die Rottmann, sondern zu andern Zwecken verwendet werden. Geld mten wir in Hnden haben, sonst sei nichts zu machen. Der Doktor will alles besorgen in der Zeit, da Werner fort ist, und er will whrenddem auch noch einige Male wiederkommen. Ich htte laut aufjubeln mgen, dabei mute ich ein gleichgltiges Gesicht machen. -- -- Werner ging mit mir nach oben, und der Doktor wartete unten, bis wir wiederkamen. Ich habe Werner fast erdrckt vor Zrtlichkeit, und gern gab ich mich ihm an diesem Abend. -- Ich hab' ihm soviel gelobt, heiraten darf er mich nicht -- obgleich er eine Andeutung machte -- dazu bin ich zu schlecht. Aber dienen will ich ihm, dienen wie eine Magd, damit ich die Schuld abtrage. -- Ich htte so gern einmal aufgejubelt, nur einmal -- aber ich mute still sein. -- -- Als wir nach unten kamen, sa der Doktor noch da. Er ist dann zum Schein mit mir nach oben gegangen. Er hat sein Geld aber umsonst bezahlt, wir haben nur noch ein wenig geplaudert. -- Die beiden Herren sind dann zusammen fortgegangen, sie wollten nach Lchow, um noch ein Glas Pilsener zu trinken und alles Ntige zu besprechen. -- -- Die Augusta Viktoria fhrt morgen, und mein Freund kommt nicht wieder. Aber nchste Reise! Ob ich es wohl aushalte? Und dabei mu ich so gleichgltig tun, damit nichts auffllt, sonst bin ich womglich fort, wenn das Schiff wiederkommt. -- Aber wenn ich allein im Zimmer bin und an die Zukunft denke, dann krieche ich oft unter die Bettdecke, balle das Taschentuch vor dem Munde zusammen und schreie laut auf; und wenn es auch nur ein undeutliches Grunzen wird, ich habe mich doch erleichtert. -- -- * * * * * Den 20. August. Schrecklich ist es doch, was das Leben aus all diesen Mdchen gemacht hat. Sie betrachten ihr Handwerk als etwas ganz Selbstverstndliches. Alle wollen Geld verdienen, und die Wenigsten haben etwas. -- Bronja sagt auch, da es nur sehr Wenige gibt, die sich hier wieder herausarbeiten. Die weitaus Meisten enden an der Ostseite, am Flu unten, in den Verbrecherkellern. Wenn sie zu nichts sonst mehr taugen, dann verdienen sie immer noch einige Cents fr ihre Zuhlter, bis sie eines Tages abgefangen werden oder bei einer Schlgerei umkommen. -- Mir ist das unbegreiflich. Es mu herauszukommen sein, wenn der feste Wille da ist. Ich glaube nur, die meisten der Mdchen wollen auch nicht ernstlich. Das faule Leben, das Saufen -- denn trinken kann man es wirklich nicht mehr nennen -- gefllt ihnen. Des Nachts wird gefeiert dann bis in den Nachmittag hinein geschlafen und dann geht's von neuem los. -- Viele sind auch schon nach kurzer Zeit derart verdorben, da sie fr ein anstndiges brgerliches Leben gar nicht mehr zu gebrauchen sind. Auch die Mdchen untereinander sind oft widerlich. Das ist ein Kssen und Umarmen, als ob sie noch nicht genug an dem aufgezwungenen Verkehr htten. -- Ich bin nicht genug in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht, aber so viel merke ich doch, da da etwas vorgeht, was _nicht_ sein darf. Etwas Unerlaubtes, Anormales. Die Rottmann pat aber auf, und ich habe schon verschiedene Male gehrt, wie sie die eine aus dem Zimmer der anderen holte. Ich glaube sogar, sie schlgt sie, schimpfen tut sie wenigstens genug. Mir ist die ganze Sache beraus widerlich! berhaupt mag ich das ewige Kssen untereinander nicht. Die Ulli ist darin schrecklich. -- Krzlich fragte sie mich sogar, ob ich nicht ihre Freundin sein wolle. Ich habe mich bestens bedankt. Ich bin mit Bronjas Freundschaft vollstndig zufrieden. -- * * * * * Gestern habe ich wieder etwas erlebt -- eine traurige Abwechslung in diesem Geist und Krper mordenden Einerlei. Ich glaube, wenn ich noch lange in diesem Hause bin, dann bleibt mir kein Abgrund der Natur verborgen. Zu den stndigen Besuchern gehrt ein Herr Vaillant, der Besitzer eines groen Warenhauses. Die Mdchen sagen alle Bobbi zu ihm. Wenn er kommt, dann ist ordentlich was los. Er lt immer so viel anfahren, da sich bald alles auf dem Teppich wlzt. -- Gestern wollte er nun haben, die Sofia und die kleine, zarte Mary sollten im Evakostm vor ihm tanzen. Es reize ihn nichts mehr, und nun wolle er sehen, wer mehr Reiz auf ihn ausbe, die groe, stattliche Sofia, oder die kleine, zierliche Mary. Jede bekam zehn Dollar extra. Erst natrlich ordentlich getrunken und dann ging es los. -- Die Rottmann sa an der Seite, mit einem alten verkommenen Kerl -- es soll ein frherer Lehrer sein, jetzt fhrt er ihr die Bcher. Ihre Augen funkelten wie bei einer Katze; wenn ich es nicht zu unglaublich fnde, so mchte ich sagen, da sie selbst das ekle Schauspiel mit lsternen Blicken betrachtete. Die beiden Mdchen hatten sich bei ihrem Tanzen und Drehen derartig erhitzt und aufgeregt, da ihnen die Haare wirr ums Gesicht flogen. Pltzlich stie die kleine Mary einen Schrei aus und strzte hin. Dann lachte und schrie sie immerzu. Sie hatte Krmpfe. Es war schrecklich! -- Die allgemeine Lust wurde aber nicht dadurch gestrt. -- Mary wurde weggetragen und Bobbi ging mit Sofia nach oben. -- Sie habe noch zehn Dollar Strumpfgeld von ihm bekommen, sagte sie uns spter. -- * * * * * Den 28. Jetzt sind es schon beinahe drei Wochen, seit ich Werner kenne. Ich verfolge im Geiste seine Reise nach Deutschland. Zwlf bis vierzehn Tage dauert die Fahrt, dann die Zeit, da das Schiff im Hafen liegt, und endlich die Herreise. -- Ich habe zuweilen solche Angst, da Werner nicht wiederkommt. Wenn auch diese Hoffnung scheitert, dann glaube ich an nichts mehr. -- Aber nein, diese Augen knnen nicht lgen. Er ist ein guter Mensch, einer von den Wenigen, die es gibt. -- -- -- -- -- Der Doktor hat auch nicht Wort gehalten. Noch nicht ein einziges Mal war er hier, und ich hatte doch so darauf gehofft. Er wird mich vergessen haben oder er will nicht kommen. -- * * * * * Mir kommt es vor, als ob wieder irgend etwas im Hause vor sich ginge. Wenn mich nicht alles tuscht, sind wieder Neue eingebracht worden. Das alte, schreckliche Geschpf, das mir am ersten Morgen mein Frhstck brachte, begegnete mir heute frh auf der Treppe. Ich habe es Bronja erzhlt, und die meint, das wrde wohl so sein. Wenn neu Aufgegriffene ankommen, dann mu immer diese Person die Bedienung besorgen. Sie ist der Rottmann ergeben auf Tod und Leben, weil sie sonst nirgends mehr hin kann. Sie ist unheilbar geschlechtskrank. -- Die Rottmann behlt sie aber, weil sie fr diese Henkersdienste jemand haben mu, der verschwiegen und ihr blindlings ergeben ist. Und dieses Mdchen -- anstatt jede Geschlechtsgenossin zu warnen und ihr Gelegenheit zu geben, aus diesem Hause wieder hinauszukommen -- hilft mit einer wahren Wollust dabei, sie zu verderben. -- Sonderbare Seelenabgrnde sind es, die das Leben zeitigt. -- * * * * * 4. September. Ich habe richtig vermutet. Gestern waren zwei Neue im Salon. -- Die armen Dinger! Ich bin berzeugt, es sind ein paar arme Dienstmdchen vom Lande oder so was hnliches. Sie waren so schchtern und linkisch, und an ihren Hnden und Armen konnte man noch sehen, da sie bis jetzt wenig gepflegt worden waren. Mein eigenes Unglck steht mir mit erneuter Klarheit und Strke wieder vor Augen. Knnte ich doch mit ihnen sprechen, sie fragen, ob sie sich in ihr Schicksal ergeben, oder ob sie auch versuchen wollen, hier wieder fortzukommen. Aber ich darf noch nicht einmal gleich zu ihnen hingehen, sonst erwecke ich das Mitrauen der Rottmann, und ich mu jetzt doppelt auf der Hut sein. -- Die Viola sagte krzlich zu mir, ich sei noch gut behandelt worden, wenn ich blo htte hungern mssen. Sie selbst sei noch viel schlimmer hereingefallen. -- Vor fnf Jahren hatte sie eine Stelle als Erzieherin nach New Orleans angenommen. Alles sei sehr schn abgemacht gewesen, freie berfahrt auf einem franzsischen Dampfer. Drben sei sie von einem Diener in Livree abgeholt worden, kurz und gut, alles habe sich aufs feinste angelassen. Auch beim Betreten des Hauses sei ihr noch kein Zweifel gekommen. Aber dann! Schon am ersten Abend wollte man sie einkleiden, und da waren ihr pltzlich die Augen geffnet worden. Sie hatte dann sofort gewut, wo sie war, da sie schon fter derartige Sachen gelesen hatte. Sie hat geweint, gebeten, gedroht und Gott wei was versucht, es hat alles nichts gentzt. Und als sie sich geweigert hat, Dienst zu tun, da hat sie ein Kerl -- jedenfalls der extra dafr angestellte Bndiger -- gebunden und geknebelt und derart mit einem Gummischlauch geschlagen, da sie tagelang nicht hat liegen knnen ohne die frchterlichsten Schmerzen. Als sie nach sechs Tagen wieder aufstehen konnte, hat die Madame gesagt: Na, mein Kind, hast du dich besonnen? Da hat sie schaudernd zu allem ja gesagt. Sie sagt, nie in ihrem Leben wrde sie diese Zchtigung vergessen; sie habe das Gefhl gehabt, als hinge ihr das Fleisch in Streifen vom Krper. -- Also ist es mir im Verhltnis noch gut ergangen. -- -- Die Viola will aber auch nicht beim Gewerbe bleiben. Sie spart sich etwas Geld und will dann sehen, ob sie nicht heiraten kann. Irgend jemand, und wenn es der geringste Arbeiter ist, nur damit sie wieder in anstndige Umgebung kommt. Sie spricht nie von ihren Eltern oder ihrer Heimat. Ich glaube aber, sie ist aus ganz guter Familie, man merkt es an der Sprache. -- * * * * * Gestern war Marys Geburtstag. Als die letzten Besucher in der Nacht oder vielmehr gegen Morgen fortgingen, war es eben nach fnf Uhr. Nun wird Geburtstag gefeiert, sagte Mary. Keine darf zu Bett, ich halte alle frei. -- Da haben wir denn gefeiert! Gegen neun Uhr hatte Mary schon eine Zeche von dreiig Dollar und noch dachte keine ans Schlafengehen. Auch ich habe tchtig mitgetrunken -- man wird wirklich so langsam in den Strudel gezogen. Es wird hchste Zeit, da ich fortkomme. -- Zuletzt konnten wir uns kaum noch auf den Beinen halten, und die Alte, die sich sonst immer freut, wenn gut verzehrt wird, gab nichts mehr heraus. Wir sollten zu Bett, damit wir abends wieder frisch wren. -- Ja, ja, das Geschft! Das ist die Hauptsache. Ob dabei sonst etwas zugrunde geht, das kmmert sie wenig. -- Heut' tut mir die arme Mary leid, sie hat sicher den Verdienst von einigen Wochen geopfert und niemand gentzt. -- -- * * * * * Ich glaube, ich liebe Werner. Ich sehne mich so nach ihm, da ich es bald nicht mehr aushalte. Oder ist es die Sehnsucht nach Freiheit? Ich wei es wirklich nicht. Meine Gedanken gehen zuweilen ganz absonderliche Wege. Wenn er mich liebte! Wenn er mich doch heiratete! Ich selbst mag ihn gern leiden -- sollte es Liebe sein? Es wre ein groes Glck fr mich. Aus aller Not und allem Schlamm wre ich heraus. Und niemand kennt mich dort, wo er mich hinfhrt, niemand wei, woher ich komme. -- Aber nein, das darf nicht sein. Ich darf seine Gte nicht mibrauchen. Es wre schlechter Lohn fr ihn -- und vielleicht auch fr mich, wollte ich den lockenden Stimmen meines Innern nachgeben. -- Das Bewutsein, wo ich gewesen -- von welchem Ort er mich geholt, wrde in jede Stunde, auf jede harmlose Freude einen Schatten werfen. Meine Trume aber kann mir niemand rauben. Sie sind so trstend, aber ach so unwirklich, wenn ich meinen jetzigen Aufenthalt bedenke. Die Nchte sind so hei -- so wollstig -- so voll prickelnder Unruhe. Ist es Snde, wenn ich an den fernen Freund denke, wenn mein Blut aufgepeitscht wird durch aufreizende Getrnke und die Berhrung heier, sinnenzuckender Krper? Ist es Snde, wenn ich ihn vor mein geistiges Auge zaubere, um damit die erzwungene Umarmung ertrglicher zu machen? -- Ich liebe ihn! Ganz gewi, ich liebe ihn. -- -- -- * * * * * Noch zwei Tage, dann mu Werners Schiff wieder hier sein, und meine Erlsung ist nahe. Dann ist alles berstanden, auch diese letzten ekelhaften Episoden sind vergessen. Den Gedanken, was werden soll, wenn Werner nicht Wort hlt, kann ich gar nicht ausdenken. Ich habe dann ein Gefhl, als ob mir jemand die Kehle zuschnrt. Hei und kalt berluft es mich. * * * * * Der Doktor war hier. Er ist doch treu. -- Aber klug ist er, das mu ich sagen; na, er mu es ja am besten wissen, er kennt die Verhltnisse hier im Lande und wird schon alles gut einrichten. Zuerst kmmerte er sich scheinbar gar nicht um mich, trank mit der Mary ein Flasche Wein und kam dann erst zu mir. Er hatte einen Brief fr mich -- von Werner -- nur einige Zeilen. Ich bin so glcklich, obgleich es nun noch etwas lnger dauert. Werner schreibt mir, da sein Schiff zehn Tage berliegt, aber dann holt er mich bestimmt, ich soll ihm vertrauen. Der Doktor war sehr vorsichtig, er gab mir den Brief erst, nachdem er mit mir im Zimmer war, und als ich ihn gelesen, mute ich ihn zerreien, und er steckte die Stckchen in die Tasche. -- Er selbst hat Werner geraten, nicht an mich direkt zu schreiben, denn es htte auffallen mssen, wenn ich einen Brief von Europa bekommen htte. Er hat recht, daran habe ich gar nicht gedacht. berhaupt habe ich mir noch gar nicht berlegt, da ja niemand meinen Familiennamen wei. Man vergit ihn hier beinahe. Man ist wie im Zuchthaus -- nur eine Nummer. Ich hatte berhaupt meinen guten Tag heute, nur anstndigen Besuch. Von einem habe ich sogar ein wunderschnes Geschenk bekommen, eine reizende, brillantenbesetzte Uhr. Ich war ganz sprachlos. Ich habe sie spter Bronja gezeigt, die hat aber meine Freude mchtig gedmpft. Der hat sie sicher erst gestohlen, sagte sie trocken. Denn sonst verschenken sie nicht so leicht so kostbare Dinger. Meinetwegen, ich freue mich trotzdem. Aber recht knnte Bronja schon haben, etwas sonderbar ist es. Kennt mich nicht weiter und schenkt mir gleich eine Uhr? Na einerlei! * * * * * Es gibt auch kleine Lichtblicke im Dunkel unserer Existenzen. Wenigstens mu ich es so nennen, wenn ich jemand sagen hre, da er gern hier ist. Die Lilly wenigstens sagt, ihr gefiele das Leben ganz gut und sie wnsche sich auch nie etwas anderes. -- Geschmacksache ist es natrlich, aber ihr bekommt es ja auch anscheinend, denn sie wird dick und fett dabei. -- Wie ein Roman hrt sich's an, wenn sie ihre Geschichte erzhlt. -- -- In einem kleinen mhrischen Drfchen im Armenhaus gro geworden, wird sie von Deutsch-Amerikanern, die zu Besuch in der Heimat weilen, als Mdchen fr alles mit nach Amerika genommen. Sie, die bis dahin kaum satt zu essen bekommen, blht bei der guten Kost auf wie eine Rose. -- Sie hatte es gut in ihrer Stelle. Der Mann, der eine gutgehende Bckerei in Pittsburg hatte, hielt die Familie gut -- aber -- aber. -- Die Frau war ziemlich verblht -- war wohl auch nie eine Schnheit gewesen -- und nun gar -- neben der ppig aufblhenden achtzehnjhrigen Lilly! Was Wunder, da die Augen des Mannes immer hufiger und unruhiger auf Lilly hafteten. -- Lilly schlief mit der ltesten Tochter ihrer Herrschaft in einem Bett, einem jener breiten amerikanischen Betten, in denen bequem ein halbes Dutzend Kinder liegen knnte. Die Sommernchte waren schwl und hei. Die gute Kost hatte alles in ihr zur Entfaltung gebracht, die Sinne forderten ihr Recht. Und eines Nachts -- genau als ob es in ihren wollstigen Traum pate, kommt ihr Dienstherr und nimmt sich, was ihm ohne Widerstreben gegeben wurde. -- Wie eine Frucht, die sich berreif vom Baume lst, so fllt Lillys Jungfrulichkeit dem alternden Manne in den Scho. -- Die Tochter daneben ist nicht einmal gestrt worden in ihrem kindlichen Schlummer. -- -- Doch die inbrnstige Umarmung hatte Folgen -- was nun? Der Mann war nicht schlecht, er versprach fr Lilly zu sorgen. Als die Frau merkte, was los war, mute sie aus dem Hause. -- Als ein Glck betrachteten es beide, da der Geselle, ein hlicher, pockennarbiger Ungar, der Lilly schon immer gern gesehen hatte, ihr aber nicht hbsch genug gewesen war, nun aufs neue um sie warb. -- Lilly war froh, mit seinem Namen ihre Schande zudecken zu knnen. -- Der Meister gab eine gute Aussteuer und Lilly wurde Frau Allasch. Sie erffneten einen Laden, und alles wre gut gewesen, wenn nicht der junge Ehemann so eiferschtig gewesen wre. Er war sich wohl bewut, da er Lillys Besitz nicht nur seiner Schnheit zu danken hatte. -- Es gab hliche Szenen, und da zudem das Kind kurze Zeit nach der Geburt gestorben war, lie Lilly eines Tages ihren pockennarbigen Herrn Gemahl sitzen und fuhr nach New York. -- Hier ist sie zuerst in einem deutschen Haushalt in Brooklyn in Stellung gewesen, es hat ihr aber gar nicht gefallen. Die Deutschen wollen nichts bezahlen, aber arbeiten soll man wie ein Pferd, sagt sie. -- Dann war sie in einem Hotel in der 8. Strae Zimmermdchen, und da hat sie so nach und nach Geschmack am leichten Leben gefunden. Sie fhlt sich ganz wohl dabei und legt sich sogar noch Geld zurck. Doch ich glaube, es gibt nicht viele Lillys. -- -- Ich mu oft darber nachdenken, was zu tun ist, um solch armen Teufeln zu helfen, die in diese Huser verschleppt werden. Das einzig Richtige wrde sein, wenn diese Huser gesetzlich nicht geduldet wrden. Es wrde trotz alledem noch genug derartige Mdchen geben, wie man an Lilly sehen kann. Aber Leute wie die Rottmann, die sich von der Schande und dem Elend anderer msten, die drfte es nicht geben. -- Und wenn es wirklich nicht ohne diese Huser geht, dann sollte der Staat sie bauen, genau wie er Gefngnisse, Zuchthuser und Idiotenanstalten baut. -- Doch ich phantasiere. Mit meinen siebzehn Jahren fange ich an und will die Welt verbessern. -- Man hrt so vieles in diesem Hause, so manches Schicksal geht an einem vorber, und immer, oder doch zum weitaus grten Teil, ist an dem ersten Fall die Hauptschuld auf seiten des Mannes und des Alkohols. Mag die Gefallene spter werden wie sie will -- zuerst ist sie verfhrt worden. -- * * * * * Ich fhle mich seit einigen Tagen gar nicht wohl. Ist es die Unruhe wegen Werner, die mich qult, oder steckt mir eine Krankheit in den Gliedern? Das Essen will mir gar nicht schmecken, obgleich es im allgemeinen ganz gut ist. Auch Bronja meint, da es in dieser Weise bei der Rottmann recht anstndig sei. Es gibt reichlich und gut zu essen und wenigstens einmal am Tage -- abends um sechs Uhr -- eine gemeinsame Tafel. Wie ich von den anderen schon gehrt habe, gibt es Huser, wo die Mdchen noch nicht einmal ausreichend bekstigt werden und wo sie sich noch zum Teil von ihrem eigenen Geld unterhalten mssen. -- -- * * * * * Ich werde immer unruhiger. Wenn ich richtig rechne und sonst nichts dazwischen kommt, mu das Schiff bald ankommen. Ich bin frmlich wie im Fieber, es kann nicht allein die Sehnsucht nach Freiheit sein. Wenn ich an Werner denke, berluft mich ein so sonderbares Gefhl, ein traumhaftes Glcksempfinden berkommt mich, das ich aber immer rasch wieder abschttele. -- Ich bin aberglubisch geworden, ich frchte, wenn ich schon zu fest an mein Glck glaube, so zerrinnt es wie eine Fata Morgana vor meinem sehnschtigen Blick. -- -- Die beiden zuletzt Angekommenen habe ich auch einmal unbeobachtet gesprochen. Es sind ein paar Sddeutsche. Sie haben sich unterwegs bereden lassen, als Kellnerinnen hierher zu kommen. Anfangs sind sie ziemlich unglcklich gewesen, ergeben sich aber jetzt in ihr Schicksal. Die eine, die Sepha, anscheinend die Schlauere, sagt: Mir werden uns halt a Geld sparen und hernach gehn m'r wieder ham, da wa ka Mensch net, wo m'rs Geld her ham. -- Auch ein Standpunkt. -- -- * * * * * Ich habe heute die Madame um Geld gebeten und habe ihr gesagt, da die Mdchen alle ihr Geld selbst aufbewahrten, nur ich bekme keinen Pfennig. So, Geld willst du haben? Dann komm mal mit ins Garderobenzimmer, da will ich dir zeigen, wo dein Geld ist, war die Antwort. -- Ach ja, das Garderobenzimmer. Ein riesenhaftes Kapital steckt in diesem Raum. Alle vierzehn Tage heit es: es mssen neue Kleider angeschafft werden, in diesen vertragenen Fhnchen kannst du nicht jeden Abend dasitzen. -- Ich habe Kleider ber Kleider, und doch nicht ein einziges, um als anstndiger Mensch auf die Strae gehen zu knnen. -- -- * * * * * Heute war der Doktor wieder da, und morgen kommt Werner! Ich bin wie von Sinnen. Ich mu wenigstens mein Buch zum Vertrauten machen, sonst, glaube ich, sprengt es mir die Brust. Heute abend mu ich wieder unter die Decke kriechen und mein Glck in diese kleine Welt hinausschreien. -- Ach, wenn es doch gelingen wollte! -- An ein Scheitern darf ich gar nicht denken, dann stockt mein Herzschlag. Es mu gelingen oder -- ich werde wahnsinnig. -- O, guter Gott, guter Gott, ich will wieder an dich glauben, wenn du mir diesmal hilfst -- nur dies eine Mal hilf mir, ich bin doch auch dein Geschpf. -- Ich mu aufhren mit Schreiben, meine Sinne verwirren sich, ich glaube, ich habe in Wirklichkeit Fieber. Wenn ich doch ein Mittel htte, um schlafen zu knnen, ich werde sonst morgen ganz krank und elend sein, und vielleicht habe ich meine Krfte ntig. -- Ob auch kein Mensch etwas ahnt? Hat mich nicht die Rottmann vorhin so sonderbar angesehen? Oder bilde ich es mir nur ein? Wenn es milingt, gibt es ein Unglck! Mir ist dann alles einerlei -- ich knnte das Weib kalten Blutes ermorden. Mag man mich dann ins Gefngnis stecken, wenigstens ist eines dieser Scheusale weniger auf der Erde. -- -- Ich kann nicht mehr -- ich glaube, ich bin krank. IV. Sonnenaufgang. Auf See, den 2. November. Seit fnf Tagen habe ich dich nicht geffnet, mein kleiner Trster in der Not. Jetzt will ich dir aber auch sehr vieles, sehr Schnes und sehr Wichtiges erzhlen. -- Ich bin auf der Fahrt nach Deutschland. Das sagt eigentlich alles. Trotzdem will ich ausfhrlich erzhlen, wie alles zugegangen ist; ist es mir doch selbst noch wie ein Mrchen. Als Werner kam, hielt er sich nicht lange unten auf, sondern ging gleich mit mir hinauf. Die Flasche Wein, die er hatte bringen lassen, blieb fast unberhrt stehen. Er rief dem Charly zu, er solle alles so stehen lassen, er kme gleich wieder. Oben teilte er mir hastig seinen Plan mit. Ich mute rasch zu mir stecken, was ich gerne mitnehmen wollte. Es war wenig genug. Dich, mein kleines Buch, steckte Werner in die Brusttasche, dann saen wir atemlos und warteten. Das Schlimmste war, da ich keine Kleider hatte. Ich mute in dem dnnen, spitzenbersten Kunstwerk, das meinen Krper mehr preisgab als verhllte, auf die Strae. Alles war auf die Minute festgelegt. Werner war um zehn Uhr gekommen, bis um einhalb elf Uhr kamen vier junge Mnner, die in den groen Salon gingen. Bis drei viertel elf kamen vier, die in den kleinen Salon hinter der Bar gingen. Alle diese Leute waren vom Doktor angeworben und wurden mit dem Gelde Werners bezahlt. -- Fnf Minuten vor elf muten die im kleinen Salon untereinander Streit anfangen, einer davon mute einen blinden Schu abgeben, zu gleicher Zeit muten die im groen Salon so agieren, da alles nach dem kleinen Salon hinstrzte. Und genau auf die Minute -- elf Uhr -- gab der Doktor an der Eingangstr das bekannte Einlazeichen, so da der Portier wute, es war ein eingeweihter Besucher. Genau in diesem Augenblick kamen wir, Werner und ich, die Treppe herunter. Die Tr durfte nicht wieder ins Schlo fallen. Ein Auto stand drauen, und fort ging es -- ich war _frei_!!! Alles klappte. Der Doktor hatte noch einen handfesten Kerl bei sich, und als der Schlieer auf mich zustrzen wollte, fate ihn der Begleiter des Doktors an der Kehle und sagte leise aber bestimmt: Keep quiet! Einen Laut und du bist ein toter Mann! Der Doktor sprang zurck und war mit einem Satz bei uns im Auto, dann ging es vorwrts. Wir sind erst ganz nach oben bis zur 128. Strae gefahren, um etwaige Verfolger irrezufhren, dann ging es durch den Zentralpark und an der anderen Seite herunter nach Hoboken. Es war bereits nach Mitternacht, als wir im Zentralhotel ankamen. Der Doktor hatte an alles gedacht. Im Auto lag ein Mantel, in den ich schlpfen mute, damit meine Kleidung bei den Hotelbediensteten nicht auffiele und etwaigen Nachforschungen Vorschub geleistet wrde. Ich bekam ein Zimmer, Werner lie sich eines daneben geben, dann schlo er mich ein und, ich war allein -- allein und in Freiheit. Am anderen Morgen -- Werner hatte einen Tag Urlaub genommen -- telephonierte er an ein Konfektionsgeschft und lie mir etwas anstndige Garderobe kommen. Unter dem Vorwand, da ich mit dem Schiff gekommen sei und unglcklicherweise meinen Koffer eingebt habe, wurde ich vollstndig neu ausgestattet. Ein einfaches, dunkelblaues Kostm, ein Reisehut und Stiefel waren das Ntigste. Dann bekam ich noch ein einfaches Straenkleid, und die brgerlich einfache Dame war fertig. Ich nahm alles widerspruchslos an. Es waren Wohltaten, die ich vielleicht nie wrde vergelten knnen; ich mute sie annehmen. Vorlufig dachte ich nur an den Augenblick. -- Als ich mit allem fertig war, und wir in meinem Zimmer beim Lunch saen, sagte Werner: Heute nachmittag fahren wir nach New York hinber zu Pastor Schneider und lassen uns trauen. Nein, o nein! rief ich, tun Sie das nicht! Nun, nun, sagte Werner, warum denn nicht? Sie -- werden es spter bereuen, bitter bereuen. Ich darf Ihre Gte so nicht ausnutzen. Das Mitleid mit meiner verzweifelten Lage hat Sie handeln lassen, aber nun ist es genug. Und meinen Sie, ich htte dies alles getan, wenn ich nicht von Anfang an die Absicht gehabt htte, Sie zu heiraten? Ich wei alles, was Sie mir sagen wollen; ich wei, da Hunderte von jenen Mdchen nicht verdienen, da ein anstndiger Mann auch nur den Finger um sie rhrt, ich wei aber auch, da Sie keine von denen sind. Sie haben Unglck gehabt -- es wird bei Ihnen liegen, zu beweisen, da es unverdientes war. -- -- Es ist nicht schwer fr einen jungen Mann, ein junges Mdchen, das ihm sowieso schon zugetan ist, zu bereden, ihn zu heiraten, ihr plausibel zu machen, da sie nicht zu schlecht fr ihn ist. Ich erinnerte mich so mancher, mit der ich zusammen war, die sich keinen Augenblick besonnen haben wrde. Ich dachte auch an manche, die wirklich besser war, als so viele verheiratete Damen, die geachtet dastanden und doch innerlich nichts taugten, und all meine groen und festen Vorstze schmolzen dahin wie Butter an der Sonne. -- -- Wenn ich von jetzt ab ein tadelloses Leben fhrte, war dann nicht alles gut? Was aber, wenn spter bei Werner die Reue kam? Sie werden es spter bereuen, lieber Freund! Gesetzt den Fall, es kme durch irgendeinen Zufall heraus, wo Sie mich hergeholt haben, ich knnte es nicht ertragen, Schande ber Sie gebracht zu haben! Das brauchen wir nicht zu befrchten. Kein Mensch von unserem Schiff ist drben in jenem Hause gewesen, keiner hat Sie gesehen. Und wenn doch? Sie kennen die Menschen nicht, mein Freund! Ich will Ihre Freundin sein, Ihre Dienerin, alles will ich fr Sie tun, und wenn Sie mich nicht mehr wollen, dann schicken Sie mich fort -- dann -- Ich fing an zu weinen. Das ganze Elend meiner jungen Jahre kam mir mit Allgewalt zum Bewutsein. Wre es nicht besser, ich wre tot? Wem ntzte mein Dasein? Weine nicht, Liebling! Du mut mein Weib werden. Es ist unmglich, wie du dir das denkst. Ich kann so nicht neben dir leben, ich habe dich lieb -- komm, sei vernnftig und gib nach. Magst du mich denn nicht auch ein wenig leiden? Ich schwre dir, ich rhre dich nicht eher wieder an, bis du mein Weib bist; bedenke -- ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut -- und ich liebe dich -- qule mich nicht lnger. Wenn ich nur wte, da es zu deinem Glcke wre, da ich dadurch nur etwas von der groen Schuld abtragen knnte, wie gern wrde ich dir gehren. Aber deine Zukunft, dein Glck! entgegnete ich, nur noch schwach widerstrebend. Mein Glck und meine Zukunft bist du! La die Menschen sagen und tun was sie wollen, wenn nur wir beide zufrieden sind. Komm, sag' ja! Aber -- -- -- Kein Aber mehr, Liebling, sagte da Werner und nahm mich in seine Arme. Und jauchzend flog ich an seinen Hals, und er vergrub sein Gesicht in meinen Haaren. Mein Liebling, mein alles! flsterte er, und kte mich immer und immer wieder. Wie schn du bist! Und jetzt bist du mein! Jetzt gehrt diese Schnheit, dieser entzckende Krper mir -- mir ganz allein! Willenlos hing ich in seinem Arm. Mein ganzes Herz schlug ihm entgegen. Wie war er gut! Das war endlich ein Mann von jener Sorte, die wir ntig haben. Nun war auch fr mich die Sonne eines besseren Tages aufgegangen. Ja, ich wollte sein Weib sein, und mein ganzes ferneres Leben sollte ein einziges Dankgebet -- ein einziges Opferfeuer fr meinen Retter sein. -- -- -- Zwei Stunden spter waren wir Mann und Frau. Der alte, wrdige Pfarrer und seine Gattin nahmen uns sehr liebevoll auf. Werner kannte das Ehepaar schon seit langem, da sie schon wiederholt mit seinem Schiff gefahren waren. Nach der Trauung hatten wir ein schnes Diner bei Reienwebers, und fuhren dann wieder nach Hoboken. Ich hatte groe Angst, und Werner mute ein geschlossenes Auto nehmen, weil ich immer noch Sorge hatte, da ich entdeckt wrde. -- Auch als wir wieder im Hotel waren, wollte die Ruhe noch nicht kommen; erst hier auf dem Schiff, als einige Meilen Wasser zwischen mir und jener Stadt mit den hohen Husern lagen, konnte ich aufatmen. Also wirklich und wahrhaftig frei! Frei, und so Gott will, ein anstndiger Mensch! -- -- -- * * * * * Es gefiel mir erst sehr auf dem Schiff, aber das hat nicht lange gedauert. Wir hatten Sturm, und ich bin tchtig seekrank gewesen, jetzt geht es aber wieder. Ich fahre in der zweiten Kajte, und Werner hat dafr gesorgt, da ich allein im Zimmer bin. Ich freue mich sehr darber, ich mute immer wieder an meine Herfahrt denken und an meine Zimmernachbarin, diese alte Seelenverkuferin. Ich bin aber doch auch zu dumm gewesen, jetzt knnte mir das nicht wieder passieren, jetzt kenne ich den Geruch. Ich bilde mir immer ein, ich selbst rieche auch noch nach diesem verfluchten slichen Zeug, mit dem die ganze Luft in jenem Hause durchtrnkt war. Es kann aber gar nicht mglich sein -- denn ich habe nichts mehr von jenem Zeug am Leibe und habe schon drei Bder genommen -- und doch -- sehen mich nicht auch die Mnner mit besonderen Blicken an? Werner, dem ich meine Befrchtungen mitteilte, lachte. Ich glaub' es wohl, da sie dich angucken, Ses! Du weit wohl gar nicht, wie schn du bist! -- Ich bin sehr glcklich! Werner und ich machen Plne -- wonnige Plne fr die Zukunft. Eine kleine Wohnung werden wir uns mieten, drei Zimmer nur, denn Werner verdient noch nicht viel -- aber wir werden trotzdem glcklich sein -- so glcklich. Wir brauchen niemand, ganz allein fr uns beide wollen wir sein. Ich werde sehr viel zu tun haben fr die erste Zeit, die ganze Wohnung mu eingerichtet werden, und ich habe doch so gar nichts. rmer als ich ist wohl nie ein Mdchen in die Ehe gegangen. Alles verdanke ich der Gte dieses Mannes -- es wird mir schwer -- meines Mannes zu sagen, es ist mir, als ob ich noch kein Recht dazu htte. Und doch habe ich es, er selbst hat es mir gegeben. -- Wenn ich alles recht berdenke, dann mchte ich seine Hnde kssen, er macht vieles wieder gut, was andere gesndigt. -- Wenn ich doch nicht immer wieder ins Grbeln kommen wollte! Wenn ich mich doch uneingeschrnkt der Stunde freuen knnte! Aber ich kann es nicht. Eine Angst verzehrt mich, fr die ich keinen Namen habe. Bald sind wir in Deutschland -- wenn ich nach der Heimat knnte! Nur einmal meinen Kopf im Schoe der lieben alten Frau zu vergraben. Aber nein, fort mit diesen Gedanken -- ich bin tot -- mu tot sein! Wrden sie mich nicht fragen? Wrde ich der Gromutter in die lieben, alten, reinen Augen sehen knnen? Ach, htte ich doch meine Mutter noch! Zu ihr knnte ich kommen! -- Htte ich meine Mutter noch, dann wre alles anders, und ich brauchte nicht so vor sie zu treten. -- -- * * * * * Morgen kommen wir an. Man merkt es an der Unruhe unter den Passagieren. Alle haben zu packen, zu schreiben und zu besprechen; wie in einem Bienenkorb ist es. Ich allein habe nichts zu packen und zu schreiben -- ich besitze nichts, auch habe ich mich dieses Mal mit keinem Menschen bekanntgemacht. Ich bin mitrauisch geworden. Was ich frher zu offen und zu vertrauensselig war, bin ich nun zu scheu. -- -- Ich wei nicht, wie mir ist -- ein sonderbares Angstgefhl qult mich die letzten Tage. Ich will mir mit Gewalt das Glcksempfinden, das mich zu Beginn der Reise beseelte, zurckzwingen -- ich kann es nicht. Ich sollte mich freuen, der Heimat nherzukommen und kann es nicht. Schlaflos wlze ich mich des Nachts auf meinem Lager, sonderbare bengstigende Trume qulen mich, ich habe versucht zu beten -- ich kann es nicht. Will Gott nichts mehr von mir wissen, weil ich sein Dasein angezweifelt habe? Aber hatte ich nicht ein Recht dazu? Kann man an Gott und seine Allmacht glauben, wenn man so entsetzliche Dinge erlebt? Warum lt dieser Gott, der doch ein Gott der Liebe sein soll, zu, da ein schuldloses, unerfahrenes Mdchen so vergewaltigt, gemartert und gepeinigt wird! Und doch will ich mir Mhe geben, aufs neue an seine Gte und Allmacht zu glauben. Ich will gut sein. Doch dann darf ich nicht mehr an das Vergangene denken. Erst wenn ich das Entsetzliche ganz aus meiner Erinnerung ausgelscht habe, wird es mir mglich sein, den alten Kinderglauben wiederzufinden. -- * * * * * Im eigenen Heim! Wer kennt nicht den Zauber dieses Wortes? Fr mich ist es doppelt heilig: Daheim! Ich, die Ausgestoene, bin daheim. Und doch ist mein Glck nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn ich bin schon wieder allein. Allein im eigenen Heim, ohne ihn, der es mir geschaffen. Du mut dich daran gewhnen, Lottchen! Sieh, du hast nun einmal einen Seemann zum Manne, da mut du dir sagen, da es unmglich fr ihn ist, zu Hause zu bleiben. Und mit der Zeit gewhnst du dich daran. Alle Seemannsfrauen mssen sich darein finden; in vier Wochen bin ich ja wieder da und dann ist es um so schner. -- Er hat recht, ich mu mich daran gewhnen. Aber schwer ist es doch. Daran habe ich gar nicht gedacht, an dieses immerwhrende Alleinsein. Aber selbst wenn ich daran gedacht htte, wrde es nichts gentzt haben, Werner kann eben nicht an Land bleiben. Sobald er aber Oberzahlmeister ist, kann er mich einmal mitnehmen. * * * * * Wenn ich nur nicht gar so fremd hier wre! Und doch, bin ich nicht kindisch mit meinen unntzen Klagen? Ist es nicht im Gegenteil recht gut, da ich fremd bin? Wie furchtbar wrde es fr Werner sein, wenn mich jemand erkennen sollte. -- Zum Glck habe ich nicht viel Zeit zu dummen Gedanken und nutzlosen Klagen. Ich mu arbeiten, mu meine Wohnung einrichten. Vorlufig haben wir nur Kche und Schlafzimmer. Alles in Eile und provisorisch hingestellt. Aber wenn Werner wiederkommt, soll er alles hbsch und gemtlich vorfinden, er soll sich freuen ber seine Frau und sein Heim. -- Eine ganze Menge Geld hat er mir hier gelassen. Zweihundert Mark! Was kann ich dafr alles kaufen! Tpfe und Pfannen, auch einige Deckchen und Lufer, um alles recht schn zu machen. -- Die Mbel fr das Wohnzimmer kaufen wir erst, wenn Werner wiederkommt, die mssen wir auf Abzahlung nehmen, Werner hatte gar kein Geld mehr. -- Eigentlich ist es schrecklich, da er all das viele Geld fr mich hat ausgeben mssen; was htte man alles dafr kaufen knnen! Eine Wut berkommt mich, wenn ich an die Rottmann denke -- nur einmal mchte ich sie wiedersehen, einmal mchte ich ihr gegenbertreten, um ihr meinen ganzen Zorn, meine ganze Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Aber was ntzt es, wenn ich gegen dieses Weib wte, ist sie doch nicht allein schuld an diesen Zustnden. -- Nicht ein Unternehmer allein, das ganze System mu bekmpft werden. Ich will klug und reich werden, ich will Geld sammeln. berall mssen Warnungstafeln angebracht werden. Es mu anders werden, ganz anders. -- * * * * * Eine Woche lang habe ich nicht an mein Bchlein gedacht, aber heute ist ein so kalter, strmischer Tag, da habe ich mir Feuer im Herd angezndet, damit die Kche schn durchwrmt ist, und nun will ich mich wieder einmal mit dir unterhalten. -- Ich habe mich nun schon ganz nett und behaglich eingerichtet. Auch auerhalb meiner kleinen Wohnung habe ich mich schon umgesehen. Die Stadt ist nicht gro, und man ist bald zu Ende mit den Sehenswrdigkeiten. Landschaftliche Reize kann ich an der flachen, eintnigen Gegend wenig entdecken. Trotz alledem wre es unrecht, ihr jede Schnheit absprechen zu wollen. Wie wunderschn allein ist ein Spaziergang bei Sonnenuntergang am Auendeich. Ein ganz wunderbares Schauspiel ist es, wenn der Sonnenball langsam im Wasser versinkt. Der Horizont, das Wasser, alles glht tiefrot, um dann langsam, blasser und blasser werdend, in rosa und blulichen Tnen zu verglimmen. Und dann der Heimweg; hier und da auf dem Wasser ragt gespenstisch ein Mast empor, dann blitzt da und dort ein Lichtlein rot, grn oder grellwei, das Blinklicht des Leuchtturmes alles berragend, und weit, weit unten in ununterbrochener Reihe die Lichter des Hafens. Aber diese einsamen Spaziergnge sind nichts fr mich, sie machen mich melancholisch und heimwehkrank. Heimwehkrank nach einer Heimat, die ich nicht habe. Meine Heimat ist jetzt hier, ist bei dem Manne, der mir einen ehrlichen Namen gab. -- Ich bin immer noch ngstlich, wenn ich auf der Strae gehe. Wie leicht ist es mglich, da mich jemand gesehen hat. Es ist eine Hafenstadt, und der Weg nach Amerika ist sehr kurz -- ber die Planken eines Dampfers. -- Nicht um mich bin ich besorgt, um ihn. Und noch etwas anderes macht mir Sorge. Fast htte ich ber dem letzten groen Unglck, das mich betroffen, meinen Fehltritt von zu Hause vergessen. Nicht ein einziges Mal in den letzten Wochen habe ich daran gedacht. Aber nun, wo ich in Ruhe bin, qult es mich um so mehr. -- Mu ich es Werner sagen? Hat er ein Anrecht an das Leben, das so weit zurckliegt? So weit! Und doch ist es noch kein Jahr her, seit ich von den Groeltern fort bin. -- Mir scheinen es Ewigkeiten. Ich bin in einem furchtbaren Zwiespalt. Ist es meine Pflicht, es meinem Manne zu sagen oder darf ich schweigen? Wird er nicht an mir zweifeln, wenn ich es sage? Wird er nicht denken, da der Ort, an dem er mich getroffen, dann gar nicht so unrecht fr mich gewesen sei? Htte ich doch einen einzigen Menschen, mit dem ich sprechen knnte! -- Ich glaube nicht, da ich den Mut habe, es ihm zu sagen; ich frchte seine Liebe und Achtung -- jawohl seine Achtung, so paradox es auch klingen mag -- zu verlieren. -- Denn trotz alledem und alledem, Werner achtet mich. Er wei, ich war unschuldig dort hingekommen; und er achtet mich deshalb, weil ich mit allen Mitteln versucht habe, herauszukommen. -- Erfhre er meinen ersten, dummen, kindischen Streich -- wer wei, ob dann nicht dieses Gefhl, das mich so sehr erhebt, fr immer verloren wre. Ich mu das Geheimnis mit mir herumtragen. -- -- * * * * * Der Schlaf, der mich auch in den schlimmsten Augenblicken meines Lebens nicht verlassen, scheint mich jetzt zu fliehen. Ich liege oft stundenlang und grbele ber Dinge, die ich nicht ndern kann. Ruhelos wlze ich mich hin und her. -- Ist es die Einsamkeit um mich? Ist es das geheime innere Schuldgefhl, das mich qult? Diese stillen, schwarzen Nchte erdrcken mich. Wre doch Werner erst wieder hier! Ich eigne mich nicht zur Seemannsfrau. Immer allein! Abends beim Schlafengehen und morgens beim Aufstehen. -- Oft schrecke ich Nachts aus unruhigem Schlummer auf, dann ist mir, als hrte ich ruhige, schwere Atemzge neben mir -- ich fasse hinber, aber da ist nichts, ich bin allein -- immer allein. -- * * * * * Letzte Nacht hatte ich einen entsetzlichen Traum. Mir trumte, ich stand allein auf einem weiten, endlos weiten Platz und wute nicht, wohin ich mich wenden sollte. Da kam ein Mann in einem langen, schwarzen Mantel, den groen Hut tief in die Stirn gedrckt, so da ich nichts von dem Gesicht sehen konnte, und fate mich bei der Hand. Er fhrte mich ber Felder und Auen weit, weit, und dann zuletzt in ein groes, palastartiges Haus, viele, viele Treppen empor. Als wir schon sehr hoch gestiegen waren, ffnete mein Fhrer eine Tr, lie mich los und sagte mit dumpfer Stimme: Gehe diesen Weg, und du wirst rein wie eine Lilie sein. Ich hob den Fu und wollte vorwrts schreiten, doch mit einem entsetzten Schrei fuhr ich zurck. Vor mir breitete sich endlos, unabsehbar das Meer. Durch den Schrei war ich erwacht, entsetzt starrte ich ins Dunkel. Ich frchtete mich so, da ich nicht einmal wagte, mir Licht anzuznden. -- Was bedeutete dieser unheimliche Traum? Was wollte dieser unheimliche Mensch? Und dieses groe Wasser? Soll ich sterben? Soll ich im Wasser sterben? Aber ich will nicht! Jetzt nicht! Dann htte mich das Wasser vor sieben Monaten verschlingen sollen! Ach Werner, mein Liebster, ich sehne mich nach dir, wrest du bei mir, du wrdest mich trsten. Die Sehnsucht, das Verlangen nach dir brennt mir wie Feuer in den Adern. -- -- * * * * * Schon wieder einmal bin ich allein. Selige Tage waren es, als Werner hier war, ach, wie ist er gut! So gut, da ich fast beschmt bin. Ich wei nicht, wie ich ihm danken soll. -- Nun haben wir auch die Mbel fr unsere Wohnstube, fein! Wie knnt' ich glcklich sein, wenn -- ja wenn die bsen Gedanken nicht wren. Ein jedes Vergehen trgt die Strafe gleich in sich -- habe ich einmal irgendwo gelesen. Wie wahr das ist, das fhle ich jetzt nur zu gut. Ich bin bestraft durch die fortwhrende Angst, da Werner auch _das_ noch erfahren knnte. Ich machte eine kleine Andeutung, da ich gern einmal die Heimat sehen wrde. Gleich war er bereit. Warum nicht, Lieb! Nchste Reise, oder Pfingsten. Fahre ruhig hin; wenn ich wiederkomme, bist du lngst wieder hier. Denn zu den Groeltern willst du ja doch nicht. Ich knnte also reisen! Aber nein, es geht nicht! Das habe ich auch Werner gesagt; ich habe ihm gesagt, da es Wnsche bleiben mssen. Mir ist es recht, Lieb, sagte er, ich will nur dich zufrieden wissen. Ich soll mir ein Hndchen kaufen, damit ich nicht mehr so verlassen bin. Ich freue mich, ich mag Tiere so gern. Gleich heute werde ich ausgehen und mir einige ansehen, die in der Zeitung standen. * * * * * Meine einsamen Spaziergnge am Auendeich mu ich aufgeben. Es ist hier wie berall. -- Ein Weib, das allein auf einsamen Wegen geht, ist ein Stck Freiwild. Oder habe ich etwas an mir? Trage ich ein Kainszeichen mit mir herum? Wie kann ein Mann sich einfach erlauben, einer Frau, die ruhig ihres Weges geht, seine Begleitung anzubieten! Woher nimmt er sich das Recht? Ist das auch ein Stck Herrenmoral? Mich kostet es leider eine schne, liebgewordene Gewohnheit. -- -- * * * * * Wenn ich doch einmal nach Hause in meine Berge knnte! Jetzt liegt wohl noch Schnee, aber nicht lange mehr, und es beginnt zu grnen und zu blhen. Die Tler fangen frh an, sich zu schmcken, wenn auch die Berge noch lange ihre winterliche Haube aufbehalten. -- In Gromutters Garten die Schneeglckchen und Veilchen haben es immer am eiligsten. Wie schn wrde es sein, knnte ich hingehen! Zu schn, um wahr zu werden. -- -- * * * * * Nun habe ich wirklich einen kleinen vierfigen Hausgenossen. Wie ist das schn! So gesellig! Jetzt kann ich wenigstens mal ein Wort sprechen. Pit, mein kleiner Pit versteht alles. Er ist so klug, und wenn er sich erst vollstndig an mich gewhnt hat, versteht er gewi jedes Wort. Abends stelle ich sein Krbchen vor mein Bett -- nun bin ich doch nicht mehr so allein. -- Ob Werner ihn auch mag? Ganz sicher! Er ist zu niedlich. Wenn ich im Bett liege, kann ich ihn immer beobachten, wie er sein Bettchen fr die Nacht zurecht macht. Und wenn ich seine Decke noch so schn hingelegt habe, er fngt doch noch selbst an, alles zurechtzuzerren. Er kratzt mit den Fchen und stuppst mit dem Nschen, bis alles nach Wunsch ist, dann legt er sich sehr befriedigt hin und wirft mir einen Blick zu aus seinen blanken ugelchen, als wollte er sagen: So gehrt sich das, du verstehst auch rein gar nichts davon. -- Ich bin so zufrieden, das Leben ist doch ganz schn. * * * * * Morgen kommt Werner. Heute will ich alles schn sauber machen, damit unser kleines Reich wrdig ist, seinen Herrn aufzunehmen. Wenn das Wetter schn ist, werde ich an den Hafen gehen, um das Schiff hereinkommen zu sehen. Pit geht mit. -- Was Werner wohl sagen wird ber meinen kleinen Freund? Noch eine Nacht, dann ist er bei mir. Ich freue mich sehr auf ihn. Ob er sich ebenso nach mir sehnt? Ich will ihn doch fragen, ob er auch so unruhig nach mir ist. Werner macht so wenig Worte; es ist mir schon wiederholt aufgefallen. Seine Handlungen sind um so besser. -- -- * * * * * Da ist es, das Geahnte, Gefrchtete. Meine Angst, meine Scheu vor den Menschen war berechtigt. Wre ich nicht mit ausgegangen! -- -- -- Werner kam vorgestern von See. Er war so glcklich und zufrieden, er hatte eine schne Reise gehabt und auch gut verdient, da er hin und zurck sein Zimmer vermietet hatte. -- Gestern Abend wollte er eine Stunde mit mir in ein Caf gehen. Ich hatte keine rechte Lust und bat: La uns zu Hause bleiben, da ist es viel schner. Er hrte nicht auf mich. Du mut auch mal raus, Schatz; du wirst mir sonst noch ganz melancholisch. Um ihm die Freude nicht zu verderben, gab ich nach, und wir gingen nach dem Viktoria-Caf. Anfangs war es nur schwach besucht, spter setzte sich an den Tisch neben uns ein Trupp Herren. Ich kannte niemand im ganzen Lokal. Pltzlich fhlte ich, da mich jemand beobachtete. Mir wurde unbehaglich, ohne zu wissen, warum. Ich wandte den Kopf etwas zur Seite und sah, da ein Herr mich ziemlich ungeniert anstarrte. Ich kannte ihn nicht; aber -- mein schlechtes Gewissen! Ich wurde blutrot und drehte den Kopf zur Seite; wie unter einem hypnotischen Zwang mute ich nach einiger Zeit wieder hinsehen; noch immer dieses fatale Anstarren. -- Ein bartloses Gesicht mit einigen Schmissen an der linken Backe und hellen, erbarmungslosen Augen. Wer war es nur? -- La uns gehen, Werner, bat ich. Werner, der nichts von meiner Not merkte, sagte: Aber warum denn, Schatz? 's ist doch ganz nett hier! Ich mu hier heraus, sagte ich angstvoll und sah ihn flehend an. Sofort sprang er auf und beugte sich ber mich. Ist dir nicht gut, Lieb? fragte er besorgt. -- Da stand der Herr, der wohl bemerkt hatte, da ich fort wollte, auf und ging langsam an unserem Tisch vorber, mich immerzu scharf und dreist anstarrend. Auch Werner wurde aufmerksam. Er fate sich an die Stirne, warf dann einen Blick auf mich, der zu fragen schien: Kennst du ihn? Ich schttelte den Kopf und sah ihn hilflos an. -- Wie ist mir denn, murmelte Werner vor sich hin, den mu ich doch kennen! Dann wandte er sich und schritt dem andern nach zur Toilette. Ich wollte ihn zurckhalten, doch meine Hand fiel kraftlos in den Scho. Was htte es auch gentzt. Ich hatte geahnt, da es so kommen mute. Die Welt ist so gro, so unendlich gro, und doch zu klein fr ein wundgeschossenes Geschpf, um sich verkriechen zu knnen. -- -- Als Werner kam, stand ich sofort auf; schweigend half er mir in den Mantel; schweigend verlieen wir das Lokal. Als wir einige Schritte gegangen waren, nahm er meinen Arm und zog ihn unter den seinen; ich wagte kaum, ihm in die Augen zu sehen. -- Es war ein Schiffsarzt, sagte er nach einigen Minuten, ich habe ihn zur Rede gestellt wegen seiner Ungebhrlichkeit; er kennt dich -- leider; er ist einmal drben gewesen bei der Rottmann. Na, weine nur nicht, diesem edlen Herrn knnen wir ja aus dem Wege gehen. Aber meine Meinung habe ich ihm wenigstens gesagt! Ich antwortete nicht. Ich schluchzte krampfhaft in mein Taschentuch. Die Vorbergehenden sahen uns nach, sie hielten uns wohl fr ein Liebespaar, das sich verzankt hatte. -- Als wir zu Hause ankamen, warf ich mich angekleidet aufs Bett und schluchzte jammervoll; Werner hatte Mhe, mich zu beruhigen. Was ist denn weiter geschehen, Liebling? Rege dich doch nicht so furchtbar auf. Was liegt an diesem Laffen? Wir beide sind zufrieden, das ist die Hauptsache. Du Armer! Zufrieden, ich und zufrieden! Ja, wenn die Schatten der Vergangenheit nicht so unbarmherzig auf das bichen Licht fielen, das mich jetzt umleuchtet. Nun mache ich auch ihn noch unglcklich! Diesen Einzigen, der mir den Glauben an die Menschheit wiedergeben konnte. Es ist zum Wahnsinnigwerden! Immer und immer wieder mchte ich rufen: Warum mir das alles? Warum dies bervolle Ma fr mich? Ach, knnt' ich schlafen, schlafen, um nie mehr aufzuwachen. -- -- * * * * * Nun bin ich wieder allein. Das bichen Ruhe, in das ich mich nach und nach hineingetrumt habe, ist wieder hin. Auch um Werner bin ich sehr in Sorge, er war gar nicht besonders auf dem Posten die letzten Tage; eine starke Erkltung hatte ihn befallen. Wenn er mir nur nicht ernstlich krank wird! Er freilich lachte mich aus, als ich ihn bat, zu Hause zu bleiben. Das wrde eine schne Geschichte werden, wenn jeder Seemann wegen einer kleinen Erkltung gleich an Land bleiben wollte; da knnten unsere Dampfer bald leer losfahren, sagte er lachend. -- Er hat recht, aber trotzdem -- was kann nicht alles passieren whrend einer solchen Reise. -- Und lt sich nicht alles besser tragen, wenn man es gemeinsam trgt? An _die_ Schattenseiten des Seemannslebens habe ich nicht gedacht. Als ich auf dem Schiff war und dort alles wie am Schnrchen ging, als die Besatzung mit immer freundlichen Mienen auf die manchmal recht unsinnigen Wnsche der Passagiere einging, da habe ich nicht daran gedacht, da diese Leute ein Doppelleben fhren, um das sie wirklich nicht zu beneiden sind. Ich mchte meinen Mann gerne an Land behalten; lieber wenig Verdienst, aber beisammen. -- Wie ist das zum Beispiel schrecklich mit meiner Flurnachbarin: der Mann fhrt nach Ostasien; whrend der letzten Reise hat sie ein Tchterchen bekommen und hat es auch wieder verloren; das Kindchen ist nur sechs Wochen alt geworden. Der Vater aber hat das Kind gar nicht gesehen. Und das alles hat die arme Frau allein durchmachen mssen. -- Wirklich, auch eine Art Heldentum, von dem die Auenwelt nichts wei. Ich werde Werner bitten, doch lieber im Bureau der Gesellschaft zu arbeiten, wenn er auch weniger verdient, es wird schon gehen. Oder vielleicht knnen wir ganz von hier fort, an einen Ort, wo niemand uns kennt. Hier kennt mich nun doch schon ein Mensch, und nicht lange wird es dauern, so kennen mich noch mehr. Was habe ich diesem Menschen getan, da er mich so brandmarkt? Mu ich immer auf der Flucht vor meiner Vergangenheit sein? Wenn ich anders geartet wre! Gleichgltiger gegen das Urteil der Menschen. Nein, nein, das kann ich nicht -- ich kann nicht leben ohne die Achtung meiner Mitmenschen. -- -- * * * * * Wre doch die Reise erst zu Ende. -- Ich bin in einer furchtbaren Unruhe. Kommt es davon, da Werner nicht ganz wohl war, oder kommt es, weil ich gar nicht aus dem Hause komme? Beides wirkt wohl zusammen. Ich gehe auch des Morgens nicht mehr aus; wie leicht knnte mir dieser Mensch begegnen und mich auf offener Strae insultieren. -- Und doch kann ich nicht immer eingeschlossen sein! Was soll nur werden? -- -- -- * * * * * Soeben war ein Herr vom Kontor bei mir. -- Was mag das nur zu bedeuten haben? Ich verstehe das gar nicht. Ich bin wie betubt. -- Das Schiff ist drben angekommen, und unter den telegraphischen Berichten, die an die Direktion gekommen sind, ist auch die Nachricht gewesen, da mein Mann erkrankt ist und wahrscheinlich in Hoboken ins Hospital msse; ich solle mich nicht ngstigen, wenn das Schiff ohne ihn zurckkme, er sei drben sehr gut aufgehoben. -- -- Nicht ngstigen! -- Wie ruhig er das sagt! -- Ich soll mir keine Sorgen machen, es sei nicht schlimm! Mein Mann komme vielleicht schon mit dem nchsten Dampfer. -- Sind das nun Worte -- nur Worte? Was ist daran wahr? -- Was kann ich tun? Nichts! Knnt' ich rasch hinlaufen; aber ich kann ja nicht! Und wenn ich wirklich Geld htte und hinfahren knnte, so wre Werner mglicherweise schon wieder fort, wenn ich dort ankme. -- Aber wenn man mir nun gar nicht die Wahrheit gesagt hat? Wenn es schlimm ist -- viel schlimmer? Ach, wer gibt mir Klarheit? Ruhig warten, wenn jeder Blutstropfen kocht vor Angst. Die Hnde in den Scho legen, wenn man Berge versetzen mchte. -- * * * * * Zwei Stunden spter. Ich kann nicht schlafen. Es ist eine so warme, schwle Nacht. Ich bin wieder aufgestanden und sitze im Nachthemd am offenen Fenster. Kein Mondstrahl durchbricht das Dunkel; der Himmel hngt wie eine groe, grauschwarze Glocke ber der Erde. Nirgends ein heller Schein. Ist diese dunkle, schwle Nacht das Abbild meines Lebens -- meiner Zukunft? -- -- * * * * * Mutter! Meine liebe tote Mutter, woher pltzlich der Gedanke an dich! Bist du mir nah? Wenn du es bist, o, so gib mir ein Zeichen von deiner Nhe; sage mir, da du bei mir bist und mich leitest. -- Ich war dir ein schlechtes, liebloses Kind, ich fhle es. Gedankenlos ging ich neben dir -- gedankenlos und ohne rechtes Verstndnis nahm ich dein frhes Scheiden. Und doch hast du so viel um mich gelitten. Ach, Mutter, htte ich dich jetzt, du wrdest mir helfen und raten. -- Mutter, komm zu mir, ich brauche dich, nie brauchte ich eine liebende Hand ntiger. Ich fhle, etwas Schreckliches steht vor mir und droht, sich auf mich zu strzen. Mutter, hilf mir! -- -- -- -- * * * * * Noch einmal habe ich versucht, zu schlafen, ich kann es nicht. Der Morgen dmmert schon im Osten, und noch fand ich keinen Schlaf. -- Auch mein kleiner Freund findet keine Ruhe. Oder ist es nur meine Aufregung, die sich ihm mitteilt? Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem Krbchen, und jetzt luft er ruhelos umher und heult zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube, ich frchte mich. Aber wovor? Ich wnschte, ich wre anders geartet; wre gleichgltiger, dann knnte ich ruhig schlafen und se nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines Schlafzimmers und starrte mit brennenden, bernchtigen Augen in den langsam heraufsteigenden Tag. -- Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lsung sein? Stehe ich jetzt vielleicht vor der endlosen Wasserwste, die mir mein Alles verschlungen hat? -- Ich frchte, ich bin krank, sonst wrde ich mich nicht so entsetzlich ngstigen -- um ein Nichts vielleicht. Mein Mann ist wohl lngst wieder gesund, und wenn ich ihm meine Sorgen erzhle, wird er mich schelten, da ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. -- -- * * * * * Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner wirklich liebte, so wie man sich Gattenliebe untereinander vorstellt, so sind diese Zweifel jetzt geschwunden. Wre es nur Dankbarkeit gewesen, ich wrde nicht so um sein Leben zittern. Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist du? Wie lange hrte ich nichts von dir! Bist du noch krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um dich zu pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt wre. -- Ich mu Gewiheit haben, ich ertrage keine Nacht mehr wie die vergangene. -- Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! Was kann sie tun? Ein Telegramm wird mir Erlsung und Gewiheit bringen. -- * * * * * Nun habe ich Gewiheit. Entsetzliche Gewiheit! Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unntz und von niemand gewollt. Was soll ich damit? Wem frommt es? Nun er _tot_ ist! Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an mich geglaubt, der mich dem Schlamm entrissen hat. Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? Wo bist du, um dein Kind zu schtzen? Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel oder nimm auch mich zu dir! Ich kann nicht mehr -- wrde ich doch krank -- knnte ich sterben --. * * * * * Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen. -- Gestern kam sein Schiff zurck -- ohne ihn -- ohne ihn! Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, da er gewesen. -- Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen Sachen: Briefe -- sein Taschenbuch -- seine Brieftasche -- eine Photographie -- meine eigene. Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen mit den groen, fragenden Augen? Nein, ich bin es nicht. Seine Brse, das alte, abgegriffene Ding, von dem er sich nicht trennen mochte. Sonst nichts, nichts! Kein letzter Gru, kein Zeichen, da er mein gedacht in seiner letzten Stunde. In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen, mir unverstndlich. -- Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmglich! Ein Wort, ein letztes Wort! La mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein gedacht. Der Gedanke lt mich nicht los, foltert mich bis zu krperlicher Pein, da du freiwillig gingst. Jene Begegnung im Caf -- war sie dir so furchtbar? Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die dein Weib traf? Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und gib mir Gewiheit. -- Ah, ein Brief! Ich kann ihn kaum ffnen, so zittern mir die Finger. Ein Brief von ihm, mit zitternder Hand geschrieben: Gott schtze Dich, Liebling! Ich frchte, ich bin sehr krank. -- Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten? -- Lotti, mein ses Weib, ich habe Dich sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen sollte. Du bist ein seltenes Geschpf, la Dich nicht zerbrechen, la den Gedanken an mich Dein Leitstern sein, damit Du nicht wieder untergehst. Mchtest Du nicht doch zu Deinen Groeltern gehen? -- Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe ich nicht oft an meinen Gott gedacht -- ich hatte ihn fast vergessen; heut' ist er mir nah, darum bin ich gefat. Er wird auch Dich beschtzen. Was er tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und ksse Deinen sen, warmen Mund und Deine strahlenden Augen. Gott schtze Dich! Dein Werner. Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist ja nicht mglich -- nicht mglich! Er kann mich nicht verlassen haben! Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht? Wo ist es? Wo ist sein lieber Krper? Wo ist das, was von ihm brig blieb? -- Ich will zu ihm. Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an seinem Grabe knien und will ihm mein Leid klagen. Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe sein! -- * * * * * Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine Zentnerlast von mir genommen. -- Er ging nicht freiwillig; eine bsartige Mandelentzndung hat ihn dahingerafft. -- Die besten Menschen sterben frh, heit es. An ihm hat es sich bewahrheitet. Er war der Besten einer. -- -- Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen, und lege mein mdes Haupt darauf. Ich will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt er zu mir und hlt geheime Zwiesprache mit mir. Ich werde inbrnstig flehen, da er zu mir kommt. Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem er geruht, und denke an ihn und seine groe Liebe, und er wird kommen und wird mir raten, wohin ich mein Lebensschifflein steuern soll. -- Zur Gromutter gehe ich nicht; wei ich doch nicht einmal, ob sie noch lebt. -- -- * * * * * Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all mein Flehen war umsonst. Niemand kommt wieder, der in jene geheimnisvollen Fernen ging. -- Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe. Er ist tot, und ich habe ihn verloren. Ich habe oft darber gelchelt, wenn ich hrte, da es Leute gibt, die vermeinen, sich mit ihren toten Lieben in Verbindung setzen zu knnen, jetzt verstehe ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost. -- Nur zu mir kommt niemand, weder die Mutter noch er. Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben in meiner Erinnerung und in meinem Herzen. -- Der Tote ist tot und nur der Lebende hat Rechte, sagt man ja wohl. Bei mir soll auch der Tote sein Recht behalten. -- -- * * * * * Ich bin so fremd hier geblieben, und das rcht sich jetzt. Kein Mensch kommt zu mir, niemand sagt mir ein liebes, trstendes Wort. In solchen Zeiten merkt man doch, da es gut ist, wenn der Mensch zum Menschen geht. Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu mir. Er hat mir auch Werners noch ausstehendes Gehalt gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft erhlt. Ich bin also nicht ganz mittellos, fr einige Monate htte ich zu leben. Aber was dann? Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist brutal in seinen Forderungen. In meinen Schmerz und in meine Trauer drngt sich gewaltsam die Sorge ums tgliche Brot. -- * * * * * Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete, da ich so gern nach drben an das Grab meines Gatten mchte, macht er mir einen Vorschlag, der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei lngerem Nachdenken aber gar nicht so bel erscheint. Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewarde fahren. -- Ein verlockender Vorschlag. Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wnsche, und wenn es mir auf dem Schiff nicht gefllt, so kann ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine passende Stelle wird sich finden. Ein unangenehmes Gefhl beschleicht mich zwar, wenn ich an New York denke, doch die Verlockung ist zu gro. Und bin ich jetzt nicht gefeit gegen alles? Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner Ausreise kann mir nicht wieder passieren. -- -- Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen Posten gewachsen sein? -- -- * * * * * Die Wrfel sind gefallen. Ich komme auf einen neugebauten Dampfer, der noch im Herbst seine erste Reise macht. -- Nun habe ich wieder alle mglichen neuen Sorgen. Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was nicht so leicht sein wird, denn ich will meinen kleinen Pit behalten, und mu mir Leute aussuchen, die gut zu ihm sind. Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich ihm erzhle, da Frauchen ausgehen mu, dann weint er wie ein Kind. Er kuschelt sich in meinem Scho wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes, das ich um mich habe. Hoffentlich finde ich gute Pflege fr ihn. Es gibt mir wirklich ein wenig das Gefhl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich habe fr etwas zu sorgen, ich mu Geld verdienen -- und wenn es auch nur ein Hund ist. Nur ein Hund -- man sagt das so -- und welch ein Trost war er mir! Wenigstens ein Geschpf, das mich lieb hatte, das mein war und nicht mit unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit fragte. Oft sind Tiere besser als Menschen. V. Als Stewarde. Eine neue Phase meines Lebens. Seit drei Tagen bin ich auf der Nirwana als Stewarde. -- Noch kann ich nicht viel sagen, es wre verfrht, schon jetzt ber irgend etwas urteilen zu wollen. Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht. Kranke Damen bedienen, ihnen etwas zu essen bringen und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei denen sie keine mnnliche Bedienung brauchen knnen, ab und zu ein Bad fertig machen und den Damensalon in Ordnung halten, das wren so bis jetzt meine Pflichten. Ob noch andere dazu kommen, mu ich abwarten. Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe ich durch einen weien Kragen etwas freundlicher gestalten mssen. Ich gebe zu, da das ntig war, man mu doch leicht kenntlich sein zwischen den vielen Passagieren, aber es hat so was Zofenmiges an sich, und das mag ich nicht. -- Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist eine ltere Frau, die Witwe eines frheren I. Offiziers der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder grozuziehen, und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollstndig ohne Mittel zurckgeblieben ist, so hat sie die gnstige Gelegenheit benutzt. Sie hat recht, was soll eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt hat als einen Haushalt zu fhren, wenn sie in eine derartige Situation gert? Die Beschftigung hier kommt der huslichen am nchsten. -- Und von den weien Hubchen kann man auch eine andere Auffassung haben. Auch Krankenschwestern tragen Hubchen. -- Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine zwei Seiten. -- * * * * * Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst. Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das hlt die Mnner nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen. Ich tue doch nun gewi nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir Schutz genug zu sein. Oft mu ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die Mnner reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere Frauen auch. Haben die Mnner eine besonders feine Nase fr gewisse Dinge? Es ist doch beinahe ein Jahr, da ich aus jener Atmosphre heraus bin. -- Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand wei etwas, niemand kann etwas wissen. -- * * * * * Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine Jugend und Schnheit. -- Also mu ich wirklich schn sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen es unumwunden zugeben. Ich knnte stolz darauf sein, denn Schnheit ist bekanntlich die grte Macht eines Weibes. Aber Schnheit ist auch eine Gefahr, und fr mich war sie die letztere. -- Gewi, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht, aber ich war bislang eben nicht klug. -- Doch werde ich mir jetzt Mhe geben, es zu sein. Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich noch etwas Gutes und Ntzliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es Zeit. -- Ich mu fr mich selbst denken und handeln, ich mu das Andenken meines Mannes ehren. Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm, zu Werner, zu meinem Retter. -- -- * * * * * Gestern war ich endlich bei ihm. Sie haben ihn schn gebettet, und noch waren die Schleifen und Krnze nicht zerstrt, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte. Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm gehalten. Er hat mich gehrt und verstanden. Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf den Weg. Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich sein. -- -- * * * * * Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also nicht sehr beschftigt. Ich bin froh, da die Tage in New York vorber sind, ich hatte doch immer noch etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist. -- Und wenn mich wirklich jemand erkannt htte, was wollten sie mir tun? berhaupt, wo drben die Frauen so viel Rechte haben -- das heit -- wenn sie frei sind und Gebrauch davon machen knnen; denn ich habe damals sehr wenig davon bemerkt. -- Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der Kapitn ist ein vornehmer alter Herr, der mir immer sehr freundlich zunickt, wenn er mir mal begegnet. Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter, ist ganz nett. Sie haben alle Mitleid mit mir, weil ich nach so kurzer Ehe und so jung schon auf mich selbst angewiesen bin. berhaupt finde ich, die Mnner knnen unter Umstnden ganz nett sein, wenn sie nur nicht immer gleich das Weibchen in der Frau suchen wrden. -- -- * * * * * Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus Patterson; schon am dritten Tage machte er mir einen regelrechten Heiratsantrag. Er will meinetwegen wieder mit der Nirwana zurck, dann will er mich auf einen Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw. Ich sage zu allem ja. Er kann lange warten; lieber gehe ich nach der Reise gar nicht an Land. -- Gebranntes Kind scheut's Feuer. -- Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berhmter Snger mit seiner Frau. Er ist in Amerika auf einer Gastspieltournee gewesen. Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine Frau krank, und ich mute verschiedene Male zu ihr ins Zimmer. Gegen Abend traf ich auch den berhmten Mann. Er war sehr freundlich und sagte dann zu seiner Frau: ich sei viel zu schade fr dieses Leben hier, ob ich kein Talent htte, um zur Bhne zu gehen. Ich htte eine wundervolle elegante Figur und sei sehr schn. -- Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir keine Dummheiten in den Kopf setzen. -- Eiferschtig scheint sie aber nicht zu sein. Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, da ich so jung schon einen solchen Platz einnehme, da habe ich ihr von meiner kurzen Ehe und von meinem Verlust erzhlt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen. Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine Angehrigen mehr habe? Ich sagte: Nein. Wozu soll ich mehr sagen? Ich mu lernen, Herz und Zunge im Zaume zu halten. -- -- * * * * * Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. Die Abende sind so lang, wenn man nicht genug zu tun hat, und fr Handarbeiten war ich nie. Es ist ein englisches Buch und heit: Wenn die Liebe stirbt. Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige Erkalten zwischen zwei Menschen, die sich einst so hei geliebt. Ist das immer so? Und mu das sein? Dann mte ich ja glcklich sein, da Werner von mir gegangen ist. Unsere Liebe war neu, gro, noch tglich im Wachsen. Sie war wie ein Sonnenaufgang. Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht an mein Glck, bis es dann strahlend wie das Sonnenwunder vor mir stand. Aber doch -- etwas lnger htte es schon whren drfen. -- -- * * * * * Wieder zu Hause. Ich habe mich so ber meinen kleinen Pit gefreut, da ich wohl geweint habe. Wie war das Tier glcklich! Es konnte mir gar nicht genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen Abend ist es nicht von meinem Scho gegangen. Und fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra ein blaues Schleifchen umgebunden. -- -- Ich knnte nun eigentlich ganz zufrieden sein; verdient habe ich auch ganz schn -- aber trotzdem, bleiben werde ich nicht in dieser Stellung. Ich betrachte sie nur als bergang. Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine Kost an Bord habe, brauche ich ja wenig, und ich will mich offenen Auges umsehen, um vor allen Dingen einige Bekanntschaften zu machen. -- Wenn ich mit einer lteren Dame aus der ersten Kajte gehen knnte, wre es das beste. Ich mu doch wieder drben bleiben, so bse mir auch das erste Mal die Neue Welt mitgespielt hat. Nur drben ist die Mglichkeit fr mich, hoch zu kommen. Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher und Wohin gefragt wie in Deutschland. -- * * * * * Weihnacht auf See. Es war wunderschn. In jedem Salon war ein Baum auch im Zwischendeck und in den Mannschaftsrumen. Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch das groe Skylight. Die Musik spielte berall den Weihnachtschoral, der Kapitn hielt eine kleine Ansprache, es war wirklich wunderschn. Ich habe natrlich geweint, ganz furchtbar, ich mute der beiden vergangenen Weihnachten gedenken. -- Als alles vorber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen und bin noch fr einige Augenblicke auf Deck gegangen. Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und kein Schnee, hoch und rein wlbte sich der Himmel ber der unendlichen Weite. -- Es sind meine schnsten Augenblicke, die ich mir auch beim schlechtesten Wetter nicht nehmen lasse. Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschnes Pltzchen zwischen dem Maschinenskylight und dem Rauchzimmer. Hier ist es stets geschtzt, auch bei dem schlechtesten Wetter. Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen Pltzchen, um mich die Unendlichkeit, lt es sich trumen. Mir ist dann, als ob meine Seele Schwingen bekme und ber die Wellen eilte, um gleichgestimmte Genossen zu suchen. -- Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm um den eisernen Pfeiler und lasse mich von den Wellen hin und her wiegen. Es ist ein Gefhl des Gehobenseins in mir. Losgelst von aller Erdenschwere schwebe ich mit meiner Seele ber die unendlichen Weiten.-- Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht schlft, sitzt in den Rauchzimmern und feiert Weihnachten. -- -- Auch ich feiere Weihnacht -- heimlich und still mit meinem Liebsten. Ob er wohl um mich ist heute? Und du, Mutter? Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im unendlichen Raum? Dann mten jene beiden, die mir die liebsten waren auf dieser Welt, zusammen sein. -- Ich mu so viel an das denken, was hinter jenem undurchdringlichen Vorhang liegt, seit er von mir ging. Und doch werde ich auch mit all meinem Grbeln nichts erforschen. Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte, als ob eine strahlende Gestalt auf dem hellen Streif stnde, der ber dem Wasser liegt? -- Und der Geist Gottes schwebte ber den Wassern. Kinderglaube -- du bist so trstlich. -- Ich bin mde, so mde! Ich will schlafen gehen. -- Ich wei nicht -- ich war immer so gesund und stark. Hunger und Schlaf verlieen mich auch in den schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und nun? Ich grble und habe schlaflose Nchte. Was ist mit mir? * * * * * Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, einen behbigen Herrn in mittleren Jahren. Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Er scheint zu glauben, da die Pflichten einer Stewarde, noch dazu wenn sie jung und hbsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet erstrecken. Er ist strenger Temperenzler -- nur Champagner trinkt er ziemlich viel -- because the Doctor says so. Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat mir einen kleinen Vortrag ber seine Gesundheit gehalten, und was ihm auer dem Champagner der Arzt noch verordnet hat. Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich lehnte ab, auch sein anderes Angebot mute ich leider ablehnen. Ich fhlte ganz und gar kein Bedrfnis, bei dem geistlichen Herrn als Medizin zu fungieren. -- Aber natrlich ist mir mein Erholungspltzchen fr diese Reise verleidet. -- Wir legen auf -- vielmehr das Schiff legt auf --: vier Wochen. Ich knnte mich eigentlich auch ein wenig freuen und im Grunde meines Herzens tue ich es wirklich, denn es ist doch ganz schn, wenn man wieder einmal ganz sich selbst gehrt, nur wird diese Auflegezeit wieder ein kleines Loch in meine Ersparnisse reien. Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, zum Drbenbleiben langt es aber noch nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen, hat sich noch nicht geboten. -- Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor allen Dingen mu ich Werners Sachen einmal gut durchsehen. Ich mu mich ber mich selbst wundern, da ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor einigen Monaten htte ich nichts anrhren knnen ohne vor Schmerz zu vergehen. Und nun! Sein liebes Bild rckt in immer weitere Fernen. Die Zeit ist doch die beste Trsterin. Nie htte ich geglaubt, als ich mein Haupt verzweiflungsvoll in sein Kissen grub, da ich einmal wieder so ruhig an ihn denken knnte. Oder bin ich gar nicht fhig, die rechte Liebe zu empfinden und Treue zu halten? Bald werde ich an mir selbst irre. Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergrndliches Geschpf, wie die Buddhisten sagen? Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klger? * * * * * Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind aus, und ich bin ganz allein. Pit liegt auf meinem Scho, und ich freue mich der Nhe des kleinen, warmen Geschpfes. Soeben las ich in einem franzsischen Buche den Satz: Glcklich sein ist eine Kunst. -- Eine Kunst? Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der Gtter. Ich bin leider kein Liebling der Gtter! -- -- * * * * * Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorber ist. Ich bin nicht geschaffen fr ein stilles, ruhiges Leben ohne Zweck und Ziel. -- Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn. Was ich tat, tat ich fr ihn und freute mich immer, wenn alles recht schn bei seiner Heimkehr war. Jetzt hab' ich niemand, fr den ich sorge, nur meinen kleinen, sen Pit, und der braucht so wenig. * * * * * Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, da die einsamen Tage vorber sind. Es geht auf das Frhjahr zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun bald viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang von drben. Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann keine Zeit zum Grbeln, und die Unruhe in mir wird durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld und komme meinem Ziele immer nher. -- -- * * * * * Seit Tagen fhle ich mich nicht recht wohl. Es ist eine Hitze im Schiff zum Ersticken, an Schlaf ist kaum zu denken. Dazu diese Unruhe in mir! Ich fhle mich so unsicher, eine unbestimmte Sehnsucht qult mich, wonach? -- -- -- Ich will meinen Schlafrock berwerfen, um noch ein Stndchen auf Deck zu gehen. -- -- * * * * * Das hilft immer. Es ist etwas Groes um diese unendliche Einsamkeit. Nur das Stampfen der mchtigen Riesen im Innern des Schiffes strt. Wie schn mu es auf einem Segler sein! * * * * * Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen Tagen. Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein unbestimmtes Sehnen liegen mir wie eine Krankheit in den Gliedern. Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben? Ist es nicht wirklich etwas Bedauernswertes, so ein einsames, verlassenes, junges Geschpf, wie ich es bin?! Ein wenig Liebe, ein wenig Gte und Selbstlosigkeit wrden mir gut tun, aber wo sie finden? Man sagt: die Jugend ist nur glcklich in der Erwartung all des Groen und Schnen, was das Leben bringen soll, und das Alter ist glcklich, da alles vorber ist. -- Ich habe nicht bemerkt, da ich jung war, soll ich mir wnschen, alt zu sein? -- -- * * * * * Ich habe eine neue Bekanntschaft gemacht. Ein Deutschamerikaner, der zu Besuch nach der alten Heimat geht. Vom ersten Tage an habe ich bemerkt, da er nach mir sah, wenn ich ber Deck oder durch den Salon ging. Schon zu verschiedenen Malen hat er versucht, mit mir zu sprechen. Seine Augen hngen voll unverhohlener Bewunderung an meinem Gesicht. Wenn er jetzt wieder mit mir anfngt, werde ich ihn fragen, warum er ohne seine Frau reist. Ich mu auf der Hut sein, nicht noch einmal darf ich das Recht zu Selbstvorwrfen haben. -- * * * * * Mr. Siegel ist nicht verheiratet. Ich habe ihn gefragt, als er heute mit mir zu sprechen anfing. Ich glaube, er hatte mich abgefangen, als ich von der alten Frau Fletcher kam. Sie ist so krank, da sie gar nicht aus dem Bett kann, ich mu sie nun immer fr die Nacht fertig machen und tue das meist so gegen neun Uhr. -- Als ich nun vorhin von der alten Dame kam, stand Mr. Siegel vor dem Salon und wartete. Er fragte sofort, warum ich ihm aus dem Wege gehe. Er scheint ziemlich gerade auf sein Ziel los zu steuern. Ich sagte ihm, da ich mich nicht entsinnen knne, ihm aus dem Wege gegangen zu sein, ich wte aber auch nicht, da es zu meinen Pflichten gehre, mich mit den Herren zu beschftigen. -- -- Sie wissen ganz genau, was ich von Ihnen will. Sie wissen, da ich Sie suche vom ersten Tage an. Sie mten kein Weib sein, wenn Sie das nicht bemerkt htten. Und wenn ich es bemerkt htte? Was dann? Dann mssen Sie einen Grund haben, mir auszuweichen. Bin ich Ihnen unsympathisch? Das wei ich nicht! Darber nachzudenken hatte ich keine Gelegenheit. Im brigen kann es Ihnen ja auch gleichgltig sein, ob ich Sie gern oder weniger gern mag. In einigen Tagen sind wir in Europa, dann gehen Sie fort und denken nicht mehr an uns hier. Und fr uns kommen andere Passagiere, so da auch wir nicht mehr lange ber die Fortgegangenen nachdenken knnen. Ich werde aber an Sie denken! Und damit auch Sie mich nicht so rasch vergessen, gebe ich Ihnen hier ein kleines Andenken. In zwei Monaten komme ich zurck, ich hatte eigentlich schon einen Platz auf dem Moltke belegt, aber das mache ich sofort rckgngig. Ich fahre wieder mit diesem Dampfer. Das wird wahrscheinlich nichts werden; wir sind ausverkauft bis zum Herbst hinein. Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sofa schlafen soll, ich komme schon mit. Es kamen Passagiere, und ich lief durch den Salon, unwillkrlich das lange, flache Kstchen, das Mr. Siegel mir in die Hand gedrckt hatte, unter der Schrze verbergend. Ich lief in mein Zimmer; ich war neugierig, was es war. Eine wunderhbsche kleine Tasche aus rtlichem Leder mit altsilbernen Beschlgen -- so wie sie die Damen in Amerika statt des Portemonnaies tragen, war in dem Kasten. Wunderhbsch! Ja, aber -- warum habe ich es angenommen? Ich darf das Ding doch nicht behalten, auf keinen Fall! Und wie kommt dieser Mensch dazu, mir ein solches Geschenk zu machen? Ob er die Tasche an Bord gekauft hat? Oder drben? Einerlei, was geht es mich an. Sofort morgen frh werde ich mich erkundigen, wo er wohnt, und werde ihm die Tasche durch seinen Zimmersteward wieder zurckgeben lassen. Schade! Sie ist reizend! -- -- -- -- * * * * * Ich war noch ein Stndchen auf Deck. Ach, es ist wundervoll. Allein mit der Natur! Gibt es etwas Erfrischenderes als diese herbe, krftige Seeluft? Wenn man barhuptig dasteht und sich anblasen lt? Ich fhle mich dann wie ein Mann, stark, krftig, unternehmungslustig. Ach ja, ein Mann! Ich mchte ein Mann sein. Ein Seemann! Fechten mit Sturm und Wetter. Die Krfte messen an den Aufgaben, die Natur und Technik uns stellt. -- Aber ich bin nur ein Weib -- ein schwaches Weib -- wie man sagt. Warum sind wir schwcher als die Mnner? Und sind wir es denn wirklich? Knnte ich nicht ebensogut mit lrock und Sdwester da oben stehen, wie der vierte Offizier, dieser kleine dicke Junge, der aussieht wie ein recht gut gefttertes Muttershnchen? Aber nein, ich bin ein Mdchen, ich mu recht schn hier unten bleiben, mu zufrieden sein, wenn ein Mann sich herbeilt, mir seine Aufmerksamkeit zu schenken. -- Der Teufel hole sie alle! Was will nun dieser Siegel wieder von mir? Warum strt er meine Ruhe? Ich knnte ihn schon leiden, er ist ein rechter Mann. -- Ein offenes, schnes Auge, kurzes, starkes Haar und einen wunderhbschen Mund, eigentlich viel zu schn fr einen Mann. Auch seine ganze Art und Weise gefllt mir. Wie alt er wohl sein mag? Nicht mehr sehr jung. Fnf-, sechsunddreiig? Viel zu alt fr mich mit meinen achtzehn Jahren. -- Lotte, Lotte, wohin verirrst du dich! Geh schlafen, dann vergehen dir die dummen Gedanken. -- -- * * * * * Der Steward hat mir die Tasche wiedergebracht, Mr. Siegel kenne sie nicht; es sei wohl ein Irrtum. -- Nun liegt sie wieder in meiner Koje. Was mache ich damit? Ich kann das hbsche Ding doch nicht einfach ber Bord werfen! Der Mann zwingt mich wirklich dazu, an ihn zu denken. -- * * * * * Morgen kommen wir an. Mr. Siegel hat mich diese Tage nicht wieder angesprochen, nur heute abend war er mir auf Deck gefolgt. Er mu doch also gewut haben, da ich abends immer noch nach oben gehe. Nett von ihm, da er mich bis jetzt nicht gestrt hat. Er will allen Ernstes mit uns zurck und hofft, da ich dann etwas liebenswrdiger zu ihm bin. Ich habe ihm gesagt, da ich niemals anders zu ihm sein wrde. berhaupt solle er mich in Ruhe lassen. Die Mnner seien alle schlecht, er auch -- gewi, er auch! -- Liebes Kind, wer sagt Ihnen, da die Mnner so schlecht sind? Haben Sie so frh schon bse Erfahrungen gemacht? Ich antwortete nicht. Ich wurde ganz verlegen -- -- wenn er wte -- --! Ich habe gehrt, da Ihnen Ihr Mann nach kurzer Ehe gestorben ist. War er nicht gut zu Ihnen? Undenkbar! Oh, mein Mann! rief ich, und stockte, in diesem Ausruf lag schon viel zu viel. -- Ich will Ihnen jetzt Lebewohl sagen, fuhr Mr. Siegel fort. Lebewohl und auf Wiedersehen. Denn ich werde Sie wiedersehen. Und versuchen Sie einstweilen, ohne Vorurteil an mich zu denken. Ich war bis jetzt noch nie schlecht gegen eine Frau. -- Ich hatte keine Zeit, mich mit ihnen zu beschftigen, weder im Guten noch im Bsen. Jetzt habe ich Zeit, da drfen Sie es mir nicht verdenken, wenn ich mich freue, da mir ein solches Prachtexemplar in die Hnde luft. Doch nun Adio. Auf Wiedersehen in acht Wochen. Er gab mir nicht die Hand, er zog nur seinen Hut und blieb stehen, bis ich die Treppe zum Bootsdeck hinauf war. -- * * * * * Zwei Stunden spter. Ich kann wieder mal nicht schlafen. Ich liege und simuliere und grble, bis mir die Schlfen hmmern. Diese Mnner! Warum beunruhigt mich nur das alles? Was will er von mir? Welche Frage! Was sie alle von uns wollen. Auer ihm, auer Werner. Schtze du mich, Liebster, schtze mich vor mir selbst, vor meinen eigenen, jungen, sehnschtigen Gedanken. -- * * * * * Herrn Siegel habe ich nicht mehr gesehen bei der Ankunft. Es war solch ein Trubel. Die Empfangs- und Zollhalle ist viel zu klein bei so vielen Passagieren. Ein prachtvoller Rosenstrau wurde mir heute frh von einem Grtnerburschen gebracht. Nur eine Karte war dabei. C. W. Siegel -- sonst nichts. Herr Siegel sorgt also dafr, da ich ihn nicht vergesse. -- Mein kleiner Pit freut sich immer, wenn ich komme. Es ist merkwrdig, wie anhnglich so ein Tier ist. Es ist fr mich ein Trost, doch etwas zu haben, was mir ganz und gar gehrt; ich mchte mich nie von ihm trennen, ist es doch auch noch ein Stck Erinnerung an mein kurzes Eheglck. -- * * * * * Seit drei Tagen sind wir wieder auf See. Ich habe diesesmal ein kleines, dreijhriges Mdchen in meinem Zimmer, ein reizendes, kleines Ding. Die Mutter ist in New York und erwartet dort ihren Liebling. Eine ltere Dame brachte das Kind in Southampton an Bord. Ich habe sehr viel zu tun, jede freie Minute mu ich dem Kinde widmen. Es ist nur gut, da wir nach drben zu jetzt nicht so viel Passagiere haben, so bleibt mir doch etwas mehr Zeit fr die Kleine. -- * * * * * Tagsber setze ich die Kleine oft ein Stndchen in den Damensalon. Die Damen beschftigen sich dann alle gern ein wenig mit ihr, und ich kann in dieser Zeit etwas anderes erledigen. Auch ein Herr ist zwischen den Passagieren, der sich oft eine ganze Weile mit dem Kinde beschftigt. So nett und lieb spielt er mit ihm, wie ich es einem Manne gar nicht zugetraut htte. Heute Nachmittag habe ich ihm eine Zeitlang zugesehen, ohne da er mich bemerkte. -- Mir kam Werner in den Sinn. Wie schn, wenn mir dieses Glck beschieden gewesen wre. -- Vorbei -- fr mich scheint kein ruhiges Glck im Schoe der Zeit zu harren. -- * * * * * Heute morgen um zehn Uhr waren wir bei Sandy Hook Feuerschiff und sollten schon gegen zwlf Uhr am Pier in Hoboken sein. Aber es wurde nachmittags zwei Uhr, ehe wir anlegten. Wie auf Bestellung kam ein Nebel, dick wie ein Londoner Novembernebel. Wir muten warten, bis es sich wenigstens ein klein wenig aufgeklrt hatte, um durch die hier stets massenhaft aus- und einfahrenden Schiffe durchzukommen. Schrecklich ist so eine Verzgerung. Die Passagiere stellen sich dann an, als wre der Kapitn und die ganze Schiffsbesatzung fr das Wetter verantwortlich, und sie verlren durch die kleine Verzgerung mindestens ein halbes Vermgen. Unangenehm ist das Warten ja, aber am unangenehmsten doch fr die am Pier stehenden Angehrigen. Diesesmal speziell fr die in Angst und Sorge wartende Mutter der kleinen Elsie. Sie stand unten, als das Schiff anlegte. Ich hatte das Kind auf dem Arm und lehnte mich an die Reeling. Durch ihr heftiges Winken wurde ich aufmerksam und zeigte der Kleinen die Mutter, doch das Kind schien sie nicht mehr zu kennen. Der Steg war noch nicht fest, da versuchte die Mutter als erste heraufzulaufen; man hielt sie fest. Der erste Offizier, der am Fallreep stand, hatte Mitleid mit der rmsten und holte sie herauf. Nie werde ich den Schrei vergessen, mit dem sie auf mich zustrzte. Sie wollte mir das Kind aus dem Arm nehmen, brach aber buchstblich vor meinen Fen zusammen. -- O, Mutterliebe, du rtselvolles Heiligtum, wirst du auch mir noch aufgehen? -- -- Den Bemhungen des Arztes gelang es bald, die junge Frau zur Besinnung zu bringen. Sie sa dann noch ein Stndchen im Damensalon, ihr kleines Mdchen neben sich, und freute sich, es glcklich hier zu haben. Sie wute gar nicht, wie sie mir danken sollte, da ich ihr ihren Liebling gebracht. Als sie fortging, wollte sie mir etwas geben -- Geld -- ich habe es nicht genommen. So gern ich Geld verdiene, hier war es mir unmglich, etwas zu nehmen. Die Frau sah berdies nicht danach aus, als ob sie mit Glcksgtern allzu reichlich gesegnet sei. -- Sie will mich in den nchsten Tagen noch einmal besuchen. Darauf freue ich mich. * * * * * Mr. Siegel hatte ich ganz vergessen ber meinem kleinen Passagier. Heute wurde ich wieder an ihn erinnert. Ein Korb wundervoller Rosen wurde fr mich abgegeben. Alle tiefdunkelrot. -- Der Brief, der die Bestellung enthalten hat, mu mit uns gegangen sein. Es ist doch wirklich zu reizend von ihm! Aber -- Vorsicht! War nicht Herbert Smith auch sehr aufmerksam? Wir sind in Amerika, im Lande der Freiheit! Man hte sich also! * * * * * Wir haben noch mehr Passagiere auf der Rckfahrt als wir erwartet hatten. Alles drngt aus diesem Fegefeuer fort. Uns wird es schon die paar Tage zu viel. Im Pier ist aber die Hitze auch zeitweise unertrglich. Kein Luftzug, dazu nachts diese hochbeinigen Plagegeister, die Moskitos.-- Am Tage vor der Abfahrt war ein Kohlenzieher an Land gewesen und hatte des Guten etwas zuviel getan; in seinem Dusel legt er sich zwischen die Warenballen im Pier und schlft ein. Am andern Morgen konnte er nicht aus den Augen sehen, so zerstochen war er. Sein Gesicht sah aus wie eine riesige Melone. -- * * * * * Bald sind wir wieder daheim. -- Ich bin wirklich begierig, ob mich auch da wieder ein blhender Gru erwartet. Es wrde mir etwas fehlen, wenn dem nicht so wre.......... Dieser Mann kennt die Frauen, obgleich er sagt, da er bis jetzt noch keine Zeit fr sie gehabt habe. -- Ich kann mich gar nicht mehr darauf besinnen, was er fr Augen hat. In den Augen liegt das Herz........ Ich bin eine zu schlechte Menschenkennerin, da wird es mir wohl mit den Augen ebenso gehen. -- * * * * * Wir haben nichts Besonderes an Bord diese Reise. Nach und nach habe ich mich auch schon so eingelebt, da ich gar nicht mehr nach dem Einzelnen hinsehe. Irgend etwas passiert ja jede Reise. Auch nette Damen, die den Herren gern gefllig sind, gibt es fast immer dabei, man wird als Stewarde doch so manches gewahr. -- Ich bin ja nun auch nicht mehr so dumm. -- Diesesmal ist in Nr. 42 eine Jdin, ein schnes, ppiges Weib, ich mchte darauf wetten, da der Geigenvirtuose aus Nr. 10 nicht nur zu einer Tasse Tee zu ihr geht, wenn er abends um zehn Uhr immer so rasch ins Zimmer schlpft. -- -- * * * * * Morgen sind wir da. Ich bin ganz unruhig vor lauter Erwartung, ob ein duftender Gru da ist. Dieser bse Mensch bringt mit seinen Rosen meine ganze, mhsam erzwungene Ruhe wieder in Aufruhr. Was er wohl ist? Ob er ein Geschft hat? Oder vielleicht Farmer? Das wre schn! Ich mochte immer gern auf dem Lande sein, nur einmal hatte ich Sehnsucht nach der Stadt. -- Aber was fllt mir denn ein! Ich glaube, ich trume wachenden Auges. Was geht es mich an, was dieser Mann ist? Aber seine Rosen sind doch schn. * * * * * Rote Rosen! Rot wie Rubinen oder wie Blutstropfen, die aus dem Herzen eines liebenden Weibes strmen. Gleich bei meiner Ankunft wurde mir ein Korb gebracht. Ich war ordentlich zufrieden als sie ankamen. Als ob ich ein Recht darauf htte. Das Herz ist ein sonderbares Ding, die besten Vorstze wirft es ber den Haufen. -- Ich will noch bis Oktober fahren, dann bleibe ich drben. -- Ich werde auf dieser Reise einmal zu den Pfarrersleuten gehen in der II. Avenue; die sind lange im Lande, ber dreiig Jahre, die werden mir gewi raten. Bis jetzt war ich noch nicht ein einziges Mal in New York; es war mir immer noch etwas unbehaglich bei dem Gedanken. Nur Hoboken und der Kirchhof auf dem Berge, das waren meine Ausgehziele. Nach Werners Grab mochte ich die letzte Zeit gar nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. -- Ich habe immer das Gefhl, als ob Werner es wissen mte, da ich ihm untreu war, wenn auch nur in Gedanken. Doch wenn er es wei und als verklrter Geist oder als Astralkrper um mich ist, dann wird er auch mein Inneres kennen, wird die Leidenschaften und Triebe verstehen, die die Natur in mich gelegt -- und mir verzeihen. -- * * * * * Der Rechtsanwalt ist diese Reise wieder hier. Er kam gleich auf mich zu, als die Passagiere ankamen, und schien sich wirklich zu freuen. Es kann ja sein, da er ein ganz guter Mensch ist und absolut nichts Bses mit mir im Sinne hat, aber nach meiner schlimmen Erfahrung von damals sehe ich beinahe in jedem mnnlichen Wesen einen Schuft. -- Wir haben auch schon wieder allerlei Passagiere nach drben zu, da die Heimkehr der Vergngungsreisenden bereits wieder einsetzt. -- * * * * * Abends elf Uhr. Ich habe wieder einmal ein Stndchen auf meinem Lieblingspltzchen gesessen. Wir haben so wunderbar schnes, klares Wetter, da man meint, die hellen, leichten Wlkchen, die da und dort eilend am Himmel hinziehen, wren von der Hand eines gottbegnadeten Knstlers auf diesen durchsichtigen Hintergrund gemalt. Mit sehnschtigen Blicken folgen ihnen meine Augen. Was drngt und treibt in meiner Brust? Wo liegt fr mich die Zukunft? Die Zukunft und das Glck? Wenn ich nur nicht mehr so gar jung wre! Wie ruhig und zufrieden ist meine Kollegin, sie freut sich, wenn sie so viel verdient, da sie gut fr ihre Kinder sorgen kann, weiter gehen ihre Wnsche nicht. Wre ich wenigstens vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre! Eine lange Wegstrecke liegt vor mir bis dahin. Werde ich sie allein zurcklegen oder --? Die Luft ist klar und rein, ich aber stehe wie in einem dicken, undurchdringlichen Nebel. Was verbirgt er vor mir? -- Geh schlafen, Lotte, geh schlafen! Was hilft dein Grbeln ber Jugend und Alter, solange noch das Blut hei und verlangend durch die Adern pulst. Ach, es ist schwer, den ruhig abgemessenen Schritt der reiferen Jahre zu wandern. -- -- * * * * * Mr. Turner, der Rechtsanwalt, bat mich heute, ihm einen Tag zu bestimmen, an dem ich mit ihm ausgehen wolle. Ich habe ihm gesagt, ich ginge nicht mit fremden Herren spazieren. Er machte mir darauf den Vorschlag, noch jemand von Bord mitzunehmen, falls ich nicht mit ihm allein gehen wolle. Wir sollten bei ihm zu Mittag essen und Nachmittags wrden wir eine schne Ausfahrt machen, in den Centralpark oder nach Coney Island hinber. Da htte ich nun wirklich Lust. Von Coney Island habe ich schon so viel gehrt. -- Aber wen soll ich mitnehmen? Ich mu mal mit meiner Kollegin sprechen. -- * * * * * Gestern abend hatten wir ein tragikomisches Erlebnis in der zweiten Kajte. Im zweiten Salon war Konzert; ich ging ber den Vorplatz, um noch einige Minuten auf Deck zu gehen; da wurde gerade der Brautchor aus Lohengrin gespielt. Ich blieb an der Treppe stehen und hrte zu. Da kam eine Dame aus dem Salon und verwickelte mich in ein Gesprch; wir setzten uns auf das Sofa und plauderten immer weiter. Im Salon wurde mittlerweile ein Gassenhauer oder so etwas hnliches gespielt, bei dem die Musiker mitsangen. Am Schlu kam immer der Refrain: Aujust, sollst mal runter kommen! Aujust! Aujust! -- Neben dem Salon am Fue der Treppe liegt auf der Backbordseite die Herrentoilette. -- In dem Augenblick als im Salon das Singen aufhrte, flog die Tr zur Toilette auf; der Rechtsanwalt, notdrftig sein Beinkleid mit den Hnden haltend, strzt angsterfllt einige Stufen die Treppe herauf auf uns zu und stammelt: Feuer? Feuer im Schiff? Dann brach er zusammen. Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was los war, dann begriff ich den Zusammenhang. -- Aujust -- Feuer. So hatte er miverstanden. Der arme Kerl, er schmte sich hernach seiner Furcht, und am andern Tage war er ganz krank, er hatte einen richtigen Nervenchock gehabt. Der Vorfall kam auch vor den Kapitn, und in Zukunft drfen solche Sachen nicht mehr gespielt werden. Obgleich die Passagiere, wenn sie in Stimmung sind, immer gerade diesen Bldsinn haben wollen. -- -- * * * * * Mr. Turner ist wieder wohlauf. Zuerst schien es ihm ein wenig peinlich zu sein, da ich ihn in dieser Verfassung gesehen, aber am zweiten Tage hatte er sein ganzes Selbstbewutsein wiedergefunden. Er lt nicht nach mit Bitten, einen Tag mit ihm auszugehen. -- Frau Martens, meine Kollegin, will mich begleiten, und auerdem will unser Kapellmeister, der ein Landsmann von Frau Martens ist, auch noch mit. Er sagte zwar zu mir: Wenn der Mensch etwas Bses im Schilde fhrt, ntzt unsere Begleitung auch nichts. Wenn er mit Ihnen allein sein will, braucht er blo einen Schutzmann anzurufen und ihm zu sagen, da wir ihn belstigen, und sofort werden wir beide mitgenommen. Der Rechtsanwalt gibt seine Adresse an, und der ehrenwerte Hter des Gesetzes wei, da er am anderen Tage ein schnes Geschft macht. -- Uns beide lassen sie nach einigen Stunden laufen, sie haben sich dann eben geirrt. -- Ja, ja, in Amerika wird alles gemacht. -- -- * * * * * Wir gehen doch! Der Kapellmeister ist schon fter in Coney Island gewesen und sagt, es sei sehr interessant. Und ich mchte zu gern mal hin. Seit ich hier an Bord bin, war ich noch nicht ein einziges Mal an Land, auer auf dem Kirchhof. Auch da will ich hin in diesen Tagen. Ich mu zu Werner, um in seiner Nhe meine Gefhle zu prfen. Ich bin ber mich selbst in Unruhe. Acht Monate sind es her, seit Werner tot ist; ich dachte damals, ich wrde nie wieder lachen knnen, wrde nie wieder an ein Vergngen denken, und jetzt? Ich schme mich manchmal meiner selbst. -- * * * * * Heute, am Ankunftstag, war auch wieder ein Korb Rosen fr mich da. Ich hatte beinahe nicht daran gedacht ber all dem Ankunftstrubel. -- Wir hatten einen Ausreier an Bord und wuten nichts davon. Erst als bei Sandy Hook Bundesmarschall Bernhard an Bord kam, erfuhren wir, was wir fr interessante Ladung gehabt hatten. Einen Bankdirektor mit seiner Geliebten. Dieser Bernhard ist ein schrecklicher Sprhund, er hatte die beiden sofort. Der Herr, der unter anderm Namen in die Passagierliste eingetragen war, wurde leichenbla, als Bernhard ihn pltzlich ganz jovial mit seinem rechten Namen anredete. Er tat mir ordentlich leid. Nun mssen beide wieder mit zurck, aber dieses Mal nicht in der ersten Kajte. -- -- * * * * * Ich habe erst heute, nachdem wir schon wieder zwei Tage auf See sind, einige Minuten Zeit, ein wenig mit dir zu plaudern. -- Ich bin also wirklich mit Mr. Turner ausgewesen. Frau Martens und der Kapellmeister sind mit mir gegangen. Mr. Turner holte uns am Ferryboot ab und ging erst mit uns nach dem Hoffmannhaus, wo wir ein Glas Wein tranken. Dann rief er ein Auto und fuhr mit uns durch den Park. -- Ich wre furchtbar gern mal den Broadway hinauf gefahren und htte nach dem Hause gesehen, aber ich wagte nicht, etwas davon zu sagen. Wer wei auch, ob ich es gefunden htte. Ich bin bei Nacht heraus, ich wei nicht mal, wie es aussieht. -- Nach der Fahrt haben wir dann am oberen Broadway gegessen; geluncht, wie man hier sagt. Mittags um eins lunchen sie und abends um sechs essen sie zu Mittag. -- Nachdem fuhren wir hinber nach Coney Island. Mr. Turner war sehr nett und ganz anstndig zu mir. Aber -- aber -- ein Wolf im Schafspelz ist er doch. -- Unterwegs hat er mir erzhlt, er habe keine Frau, und nun ist er doch verheiratet, deshalb hat er auch im Restaurant mit uns gegessen. Er sagt natrlich, er lebe schon seit Jahren getrennt von seiner Frau, innerlich seien sie schon lngst geschieden und nur der Kinder wegen drnge er auf keine ffentliche Scheidung. Bis jetzt ist es mir auch gleichgltig gewesen, sagte er im Laufe des Gesprchs. Aber seit ich Sie gesehen, drckt mich die Fessel. Noch nie habe ich ein Weib gekannt, das all meine Sinne und Gedanken so gefangen genommen hat wie Sie. Knnten Sie mich lieben? Knnten Sie vergessen, da ich kein freier Mann bin, und knnten Sie trotzdem Ihr Geschick in meine Hnde legen? Ich wrde alles fr Sie tun! Wie meinen Sie das? Sie sagten doch selbst, da Ihre Frau noch lebt. Ich sagte Ihnen doch, heiraten kann ich Sie nicht, so gern ich auch mchte. Aber trotz alledem, Sie sollen leben wie eine Frstin, wenn Sie mich nur ein klein wenig wiederlieben......... Ich bin reich, reicher als die Welt vermutet. Sie sollen alles haben, was Ihnen das Leben angenehm machen kann. Reisen, Schmuck, Toiletten, eine reizende kleine Wohnung, und nichts anderes sollen Sie mir dafr geben als sich selbst, Ihren schnen jugendlichen Krper, Ihre Liebe. -- Nichts anderes?!! -- Ah! Und Ihre Frau? Oh, meine Frau! sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Was geht sie mich an? Ich gebe ihr genug, da sie ein vornehmes Leben fhren kann, mehr verlangt sie nicht von mir. Das einzige, was mich an unser Haus fesselt, sind die Kinder. Keinen Augenblick wrde ich mich besinnen, meine Ehe zu lsen, wenn die Kinder nicht wren. -- -- Er sprach gut, der Herr Rechtsanwalt, und vielleicht htte er Erfolg gehabt, htte eine andere neben ihm gesessen, ein harmloses, dummes Ding. Aber so! Doch es hie vorsichtig sein, ihn nicht vor den Kopf stoen, damit unser schner Ausflug nicht mit einem Miton endete. -- Frau Hrtens und Herr Lnsberg saen auf der andern Seite des Fhrbootes -- wir waren auf der Rckfahrt von Coney Island -- und unterhielten sich; sie ahnten nicht, was Herr Turner fr wunderschne Luftschlsser vor mir aufbaute. Sie sind sehr liebenswrdig, Herr Turner. Aber Sie werden verstehen, es ist eine Sache, die berlegt sein will. Geben Sie mir eine Reise Bedenkzeit, ich will mit mir zu Rate gehen, es ist doch immerhin eine einschneidende Frage, die Sie da an mich stellen. Gewi, gewi, das kann ich verstehen. Nur sagen Sie mir das eine, lieben Sie einen andern Mann? Nein, sagte ich mit voller berzeugung, ich liebe keinen Lebenden. Der einzige, den ich geliebt, der liegt drben in Jersey City unterm khlen Rasen. Er schwieg einen Augenblick, die Erinnerung an den Tod war ihm wohl etwas unbehaglich. Dann fuhr er rasch fort: Dann bin ich beruhigt. Wenn mir sonst nichts im Wege steht, werden Sie mich lieben lernen. Ich werde so gut zu Ihnen sein, da Sie gar nicht anders knnen. Ich schwieg. Was sollte ich darauf erwidern? Mochte er glcklich sein in dem Gedanken. -- Als wir in New York ankamen, war es bereits neun Uhr. Doch Mr. Turner in seiner frohen, siegesgewissen Stimmung lie uns noch nicht los. Wir muten noch mit ihm dinieren. Er fuhr uns zum Atlantic-Garden, einer kleinen Oase in dem Steinmeer der Grostadt, und da haben wir noch ein paar wirklich vergngte Stunden verlebt. New York kann also auch schn sein, wenn man es in der rechten Gesellschaft und in der rechten Beleuchtung sieht. -- Unser splendider Gastgeber lie ein Men zusammenstellen, das sich essen lie. Dazu einen wirklich guten Chambertin. -- Wir waren alle in bester Stimmung, unser Kapellmeisterchen hatte sogar einen regelrechten kleinen Spitz. Alle unsere guten Vorstze waren vergessen, und wenn jetzt der Rechtsanwalt etwas Bses im Schilde gefhrt htte, wre es ihm nicht schwer geworden, es auszufhren. -- Aber er selbst war viel zu selig, zweimal selig: vom Wein und von der Liebe. -- -- * * * * * Es war ein schner Tag, ich kann nicht anders sagen, und es hat mich nicht gereut, mitgegangen zu sein. Die Arbeit geht noch einmal so gut von der Hand, wenn man dazwischen auch einmal ein wenig Vergngen hat. Schwarzbrot allein schmeckt auch nicht immer. -- Wir haben zur Heimreise das Schiff nicht mehr sehr voll; im August flaut es immer stark ab. Auf der nchsten Ausreise werden wir dafr um so mehr Passagiere haben; sicher sind auch alle Offizierszimmer vermietet. -- Ob wohl Mr. Siegel mitkommt? Ob er noch einen Platz erhalten hat? Ich mu doch sehen, da ich so bald wie mglich eine Passagierliste bekomme.-- Ich bin wirklich neugierig -- nur neugierig. -- -- * * * * * Ich will froh sein, wenn diese Reise zu Ende ist. Ich habe eine Unruhe in mir, die mich kaum schlafen lt. -- Ist es die Ahnung vor etwas Unbestimmtem? Wenn ich jemand htte, der mir nahe stnde, so wrde ich frchten, es sei etwas passiert, aber so? Wessen Geschick geht mich etwas an? Nur mein kleiner Pit freut sich auf mein Kommen, sonst niemand. -- -- * * * * * Der bliche Rosenstrau erwartete mich, aber kein Wort, ob er kommt. Ich bin so erregt, da ich gar nicht wei, wie ich die Tage hinbringen soll. Warum beunruhigt mich dieser Mann so mit seinen Blumen? Eine leichtsinnige Tndelei sieht ihm nicht hnlich. Dieser breitschultrige, krftige Mann mit den scharfen Zgen hat mir nicht den Eindruck gemacht, als ob er seine Zeit mit Nichtigkeiten hinbrchte. Wre es doch schon Mittwoch! Die Tasche habe ich noch nicht ein einziges Mal gebraucht, wann sollte ich auch? Noch bin ich in Trauer um meinen Gatten, und meine schwarzen Kleider vertragen keine so prunkvollen Beigaben. -- -- * * * * * Morgen fahren wir ab. Ich bin in einer Unruhe, fr die ich mir selbst am liebsten die Erklrung schuldig bliebe. Ich kann nicht sagen, da ich mich glcklich fhle, im Gegenteil, mir ist ganz miserabel zumute. -- Ich habe mir die Passagierliste beim Obersteward durchgesehen, sein Name ist nicht darin. -- Aber was geht es schlielich auch mich an, mit welchem Schiff Mr. C. W. Siegel aus Chikago nach Hause fhrt. Kmmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Lotte, und schme dich! Jawohl, schme dich! Schreib' es ruhig nieder, damit du es schwarz auf wei vor dir hast. Gefllt es dir? Ganz ohne beschnigendes Mntelchen? Denkst schon wieder an einen Mann und lt dich durch den Gedanken an ihn beunruhigen, noch ehe dein Gatte ein Jahr tot ist! Er, der so gut zu dir war und den du nie vergessen wolltest! -- Gewi, ich schme mich. Aber gibt es nicht doch eine Entschuldigung fr mich? Ist es nicht natrlich, wenn ich in meinem Alter den Wunsch habe, noch einmal wieder in andere Verhltnisse zu kommen. Und da ich dies nur an der Hand eines guten, starken Mannes kann, wei ich jetzt. Htte ich etwas Tchtiges gelernt, dann wre es etwas anderes, aber so? Ich mchte recht stark und selbstndig sein. Ein Weib wie Katharina die Zweite oder, um in der Jetztzeit zu bleiben, wie Henriette Goldsmith. Zielbewut und kraftvoll. Vielleicht werde ich es noch. Schicksal und Schicksalsschlge schmieden Charaktere. Und ich will mir Mhe geben, ein ganzer Mensch zu werden. -- Die Mnner sind besser daran als wir Frauen, schon von klein auf wird mehr Selbstbewutsein in sie hineingepflanzt. -- An uns rcht sich die alte Vernachlssigung. -- Nur ein Mdchen! Ich habe mir immer gewnscht, ein Mann zu sein, nun will ich mein Bestes tun, um ein kraftvolles, selbstbewutes Weib zu werden. -- * * * * * Er ist doch da. Und ich habe mich gefreut, als ich ihn das Fallreep heraufkommen sah, als ob mir Gott wei was widerfahren wre. -- Wenn ich mir selbst Rechenschaft ablegen sollte, warum ich mich so gefreut, so kann ich es nicht sagen, und doch ist es so; dich, mein kleines Buch, brauche ich ja nicht zu belgen. Es war mir, als wrde ein Druck von meinem Herzen genommen. Auch seine Augen leuchteten auf, ich sah es wohl, bin dann aber rasch nach unten gegangen in mein Zimmer. Mittags ein Uhr gingen wir in See, und jetzt ist es vier Uhr. Ich habe eine aberglubische Furcht, aus der Kabine zu gehen, und doch mu ich mich jetzt nach meinen Passagieren umsehen. Also geh' an die Arbeit, Lotte, wovor frchtest du dich? Frchtest du dich vor etwas, das du herbeigesehnt? Das Herz ist ein sonderbares Ding, es will oft ganz etwas anderes als -- als -- Lotte, Lotte -- sag' ruhig die Wahrheit. -- * * * * * Mr. Siegel hat meine Gewohnheit nicht vergessen. Nachdem ich ihn den ganzen Nachmittag nicht gesehen, stand er auf Deck, als ich etwas nach neun Uhr nach oben ging. -- Um die Wahrheit zu sagen -- ich hatte es erwartet. Es wre widersinnig gewesen, wenn er mich nicht gesucht htte. -- Die Rosengaben wren dann nur einer Laune entsprungen, und danach sieht er mir nicht aus. -- Als ich die Treppe zum Bootsdeck heraufkam, war ich vom Licht noch etwas geblendet und konnte die dunkle Gestalt an der Ecke des Skylights nicht gleich entdecken. -- Guten Abend, Frau Lotti, scholl eine gedmpfte Stimme aus dem Halbdunkel. Ich war im Augenblick doch etwas erschrocken. Oh! Sie sind es, Mr. Siegel! Wie geht es Ihnen? Ausgezeichnet! Und Ihnen? Haben Sie zuweilen an mich gedacht? Dafr haben Sie ja gesorgt. Ich mu mich wohl bedanken fr die schnen Blumen -- aber -- warum haben Sie das getan? Warum --. Warum? Das fragen Sie noch? Aber ich will es Ihnen erklren, wenn es einer Erklrung bedarf, wenn Ihnen Ihr Herz nicht selbst die Antwort gibt. Sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Lotti, mu ich Ihnen wirklich mein Tun mit drren Worten erklren? Ich wurde ber und ber rot, es war gut, da es dunkel war, so sah er meine Verlegenheit nicht. Ich wute nicht, was ich ihm antworten sollte. Es ist schrecklich! Vorlufig bin ich noch weit von meinem Ideal entfernt. -- Mr. Siegel fuhr fort: Sagen Sie mir nur das eine: Haben Sie zuweilen an mich gedacht? Das mute ich schon. Ihre schnen Rosen sorgten dafr, da ich den Spender nicht verga. Und haben sie Ihnen Freude gemacht? Gewi, das heit bedingungsweise. Um die Wahrheit zu sagen, haben sie mich mehr beunruhigt als erfreut. Kurz und gut -- Sie htten es nicht tun sollen, Mr. Siegel. -- Ich hatte meine Verlegenheit berwunden und sprach nun ruhig und sachlich. Einen Augenblick schwieg er und sah mich forschend an, dann sagte er kurz und ohne Umschweife: Wollen Sie meine Frau werden? Das war kurz und bndig. Einen Augenblick blieb es still zwischen uns, dann sagte ich langsam: Wissen Sie denn auch, wen Sie zu Ihrer Frau begehren? Einen Moment stutzte er, dann sagte er: Ich frage nicht nach dem Woher. Ich verlasse mich auf meine Augen und auf meinen Instinkt. Ich habe mich bis jetzt noch nie geirrt, wenn ich mir jemand fr eine wichtige Sache ausgesucht habe. Ich nehme auch hier die Verantwortung auf mich. Und da ich nach Woher und Wohin fragen knnte, daran denken Sie wohl nicht? Leiden Sie auch an der allgemein verbreiteten Einbildung der Herren, wonach ein Weib froh sein mu, wenn ein Mann es begehrt? Aber, teure Frau, Sie tun mir unrecht. Im Gegenteil, ich wrde es als ein ganz unerhrtes Glck betrachten, wenn Sie mich nur ein wenig, ein ganz klein wenig lieben knnten. Und alles, was Sie ber meine Person wissen mssen, das sollen Sie erfahren. Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber das mu ich Ihnen sagen: vom ersten Sehen an stand es bei mir fest: Die soll es sein. -- Ich glaube, Sie knnen ein guter Kamerad sein, Frau Lotti! Nicht wahr? Ich stand wortlos da. Was sollte ich sagen? Hier war Erlsung aus dem jetzigen Verhltnis. Aber -- noch liebte ich diesen Mann nicht, so sehr ich mich auch auf ihn gefreut hatte. Noch liebte ich ihn nicht, das war mir klar. Er ist mir sehr sympathisch, er hat ein schnes Organ, und berhaupt sein ganzes Wesen ist mir beraus angenehm. Er ist nicht hbsch, kein sogenannter schner Mann. Aber das ist auch nicht ntig; meist sind schne Mnner unausstehlich eitel. -- Haben Sie keine Antwort fr mich, Frau Lotti? fragte die Stimme neben mir. Ich wei nicht, was ich sagen soll. Geben Sie mir Zeit. Und dann -- Sie wissen, da mein Mann erst seit elf Monaten tot ist, ich habe ihn sehr geliebt. Ich wei es. Ich bin nicht eiferschtig auf den Toten. Ich gnne ihm gern Ihr schmerzliches Gedenken. Sie selbst aber gehren dem Leben, dem roten, leuchtenden, vollpulsierenden Leben. Er griff nach meiner schlaff herniederhngenden Hand und drckte einen feurigen Ku darauf. Hastig zog ich sie zurck. Lassen Sie mich jetzt allein, Mr. Siegel. Ich mu noch ein Stndchen allein mit dem Meere sein. Morgen, bermorgen, sprechen wir weiter darber. Lassen Sie mich nicht zu lange warten, teure Frau. Ich warte, warte mit Ungeduld. Als er gegangen, lehnte ich mich ber die Reeling und sah in das schumende Wasser. Wie Myriaden kleiner Fnkchen brach es sich in den Wellen am Bug des Schiffes. -- Auch das Meer hat seine Sterne! Oder sind es Sterne, die vom Himmel gefallen sind? Gefallene Sterne? Gefallene Sterne -- und doch leuchten sie noch. Knnte ich es als Sinnbild betrachten! Als Sinnbild meines Lebens?......... Was fr eine Antwort werde ich diesem Manne geben? Was fr eine Antwort darf ich ihm geben? Ist es Betrug, wenn ich sein Weib werde, ohne ihm zu sagen, was hinter mir liegt? Hat er ein Recht auf meine Vergangenheit? -- -- Nein, er hat kein Recht darauf. -- -- Ich wei, ich stehe im Widerspruch mit unseren herrschenden Anschauungen, ich wei, ich mu diesen Entschlu mit meiner Ruhe erkaufen. -- Sei es drum! Nie wrde es dem Manne einfallen, dem Weibe, das er erwhlt, vor der Hochzeit alle dunklen Punkte seiner Vergangenheit aufzudecken. Er fhlt sich viel zu wohl in der Rolle des Helden, zu dem man hinaufsieht, um diesen Nimbus von selbst zu zerstren. -- Warum soll ein Weib nicht dieselben Rechte haben? Gleiches Recht fr alle! Der Mann ist aus genau demselben Stoff wie die Frau. Das, was er als Vorrecht fr sich in Anspruch nimmt, hat er sich selbst angemat. Ich will dieselben Rechte beanspruchen. -- Das Weib befindet sich dem Manne gegenber sowieso in stndiger Notwehr -- und da sind alle Mittel erlaubt. -- -- * * * * * Liebe und Glck! Sind sie immer zusammen, diese beiden? Oder kann ich auch ohne Liebe ein wenig Glck in der Ehe finden? Ich bin schon jetzt entschlossen, den Antrag dieses Mannes anzunehmen. Ich bin ihm zugetan und ich glaube, er ist ein Mann, den man achten mu. Da ich zu ihm aufsehe, wie zu einem Halbgott, wie man es so oft in berschwenglichen Romanen liest, das verlangt er nicht von mir. -- Und ich wrde es auch nicht tun. -- * * * * * Mr. Siegel schickt mir soeben einen Brief. -- Nicht eigentlich einen Brief, es sind vielmehr Aufzeichnungen ber sein Leben und Wirken. Kurz und prgnant, ganz wie er selbst. -- Als sechzehnjhriger Junge aus Deutschland ausgewandert, hat er in Amerika so ziemlich alles versucht, was Arbeit heit, bis er durch Zufall nach Chikago verschlagen worden ist. Mit fnf Cents in der Tasche ist er dort angekommen, heute besitzt er eine groe Fleischkonservenfabrik und beschftigt bereits ber hundert Personen. Das ist gewi etwas! Fr mich ist es die erste Staffel auf der Leiter. -- Ich bin mir bewut, da wir, falls ich die Gattin dieses Mannes werde, auf dieser Staffel nicht stehen bleiben werden. -- Hat mich das Leben um das Schnste betrogen, so soll es mir dafr etwas anderes geben: Reichtum. Und dieser Mann ist dazu wie geschaffen, mit ihm mu es sich gut und sicher wandern lassen. -- Aber noch will ich warten. Ein Jahr wenigstens will ich den Witwenschleier tragen. Obgleich -- wenn ich mir gegenber ehrlich sein will -- es ja doch nur uerlich ist. In Wirklichkeit war ich dem Toten doch schon lngst untreu. Denn auch der Gedanke an einen anderen Mann ist Treulosigkeit.-- * * * * * Heute, am Tage vor der Ankunft in New York habe ich mich mit Mr. Siegel ausgesprochen. Ich bin sehr zufrieden, ich glaube, da ich diesen Schritt nicht bereuen werde. Mr. Siegel ist ein Mann von auergewhnlicher Regsamkeit, den das Leben ganz gehrig zwischen die Scheren genommen hat. Da er sich nicht hat unterkriegen lassen, ist ein gutes Zeichen. Wir passen in gewisser Weise sehr gut zusammen, auch ich habe mich nicht zermalmen lassen. Nur darf er das nicht wissen. -- Hoffentlich fragt er mich nie nach meiner Vergangenheit. Sagen wrde ich ihm doch nichts, aber es ist gut, wenn ich nicht zu lgen brauche. -- * * * * * Wir haben soeben einen recht heftigen Gewittersturm gehabt. Niemand dachte mehr an schlechtes Wetter so kurz vor der Ankunft, und alles freute sich schon auf morgen, da kam noch einmal ganz unerwartet die Seekrankheit. Beim Diner waren fast alle Pltze leer, sogar die Herren konnten nicht widerstehen. -- Ich bin nachher noch auf Deck gewesen, es war wunderbar klare, schne Luft, nachdem es ausgetobt. Mr. Siegel suchte mich auf und hat allerlei mit mir besprochen. Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine berflssigen Sachen verkaufen und als Passagier mit der Nirwana zurckkommen. -- Das erstere werde ich tun, das letztere nicht, wozu? Ich fahre als Stewarde und mustere in New York ab, wozu unntz Geld ausgeben? Vorlufig habe ich sowieso nicht allzu viel, und es widerstrebt mir, etwas von ihm anzunehmen, bevor ich sein Weib bin. Auf der Rckreise knnen sie mich an Bord ganz gut entbehren, wir haben nach drauen zu jetzt doch wenig Passagiere. -- Aber meinen sen, kleinen Pit mu ich mitnehmen. Ob er wohl seekrank wird? * * * * * Gestern bin ich noch einmal an Werners Grab gewesen. Ich habe Abschied genommen auf lange Zeit, vielleicht fr immer. Es war, trotz aller schlimmen Erfahrungen, ein seliges Stck meiner Jugend, das da oben auf dem stillen Friedhof auf der Hhe ruht. Die schmerzlichen Trnen, die ich geweint, bringen es mir nicht zurck. Und doch, wie wandelbar ist der Mensch! Wer mir vor elf Monaten gesagt htte, da ich einmal wieder so ruhig ber alles denken wrde, ich htte ihn fr roh und gefhllos gehalten. Und nun? Ja, ja, es ist schon so, das Leben ist brutal. -- * * * * * Zum letzten Male zu Hause. Noch einmal bin ich um den Auendeich gegangen. -- Es wird Herbst. Kalt und unfreundlich blst der Wind ber das Wasser. Die Sonne hat ihre strahlende Glut verloren, fahl und glanzlos versinkt sie in den Wellen. Lange starre ich in die verglimmenden Farben. Knnte ich schauend vergessen, was mir das Leben getan! Doch Kopf hoch! Ich werde es vergessen, denn ich mu. Das Leben ist zu hart, um nur zu schauen und zu trumen. -- Das alles sage ich mir, und doch wende ich mich traurig um und lenke meine Schritte heimwrts. -- Wie das Laub zu meinen Fen starb mein schner Sommertraum. -- * * * * * Die letzte Reise! Eigentlich ist es mir trotz alledem etwas wehmtig zu Sinn. Es war doch ein interessanter Abschnitt meines wechselvollen Daseins. -- Was fr Gestalten gehen an einem vorber! In wie manches Schicksal sieht man hinein! Glck und Unglck, Ha und Neid, Liebe und Abneigung, Gleichgltigkeit und Verachtung -- wie nahe kommt es einem, und wie eng zusammengedrngt ist es zwischen den Wnden dieser schwimmenden Riesen. Mancher Bund wird geschlossen und manches noch so fest scheinende Band lst sich. Kaleidoskopartig wechselt es von Reise zu Reise. Vorbei! -- Meinen kleinen Pit darf ich leider nicht bei mir haben. Er ist ganz oben auf dem obersten Deck in der Hundevilla. Noch zwei kleine reizende Kerls sind bei ihm und eine prachtvolle siamesische Katze, die einer lteren Dame gehrt. Gesellschaft hat er also genug. Trotzdem sitzen alle Bewohner der Villa verdrossen in ihrem Kfig, und Pit ist immer halb wahnsinnig, wenn ich hinaufkomme und ihn ein halbes Stndchen auf Deck lasse. * * * * * Um zehn Uhr waren wir am Pier; Mr. Siegel war schon da und winkte von weitem. Als die Passagiere gelandet, kam er sofort an Bord und brachte mir einen Strau roter Rosen, dieselbe Farbe wie immer. Ich freute mich doch sehr, ihn zu sehen; obgleich ich keinen Augenblick daran gezweifelt habe, da er Wort halten wrde, war es mir doch immer, als ob es gar nicht wahr sein knnte. -- Heute nachmittag mustere ich ab und morgen gehe ich vom Schiff. Mr. Siegel war beim Kapitn und hat mit ihm gesprochen, er wird morgen mit uns fahren und unser Trauzeuge sein. Es war mir sehr angenehm, denn trotz aller Vernunftgrnde beschlich mich zuweilen doch ein unangenehmes Gefhl, wenn ich an meine erste amerikanische Trauungsfahrt dachte. -- Dies ist nun die dritte, der Himmel mag mir beistehen, da es zum Guten ausfllt. VI. Im sichern Hafen. In der kleinen evangelischen Kirche auf dem Berge sind wir getraut. Nach der Trauung sind wir alle -- Kapitn Heymann, Pastor Morris, seine Frau und wir beide -- nach New York gefahren, wo Mr. Siegel, vielmehr mein Mann, im Astoria ein exquisites kleines Diner bestellt hatte. Wir waren recht vergngt zusammen, und Kapitn Heymann hielt sogar noch eine launige Rede, in der er bedauerte, da er nicht jede Reise eine junge, hbsche Stewarde zu verheiraten habe. -- Ich frchte nur, es wird auch nicht oft einen Mr. Siegel geben. -- Nach dem Essen, als wir allein waren, bat ich meinen Mann, noch eine kleine Ausfahrt mit mir zu machen. -- Ich bin mir selbst nicht klar ber das, was in mir vorging. Ein beinahe krankhaftes Verlangen beherrschte mich, jenes Haus einmal wiederzusehen. Wie es den Verbrecher unwiderstehlich an den Ort seiner Schandtat treibt, so geht es mir mit jenem Hause. Langsam fuhren wir am Broadway hinauf, durch den Centralpark und die fnfte Avenue wieder herunter. Aufmerksam habe ich jedes Haus geprft, ich konnte es nicht finden. Manchmal meinte ich wohl, das mu es sein, dann wurde ich wieder irre. Alle Huser haben Fenster, und ich meine, dieser Kerker habe nach der Strae zu keine Fenster gehabt. -- Auch an den Doktor mu ich denken; wte ich nur seinen Namen und seine Adresse, so wrde ich ihn von meinen vernderten Verhltnissen in Kenntnis setzen. Auch Werners Tod htte ich ihm melden mssen, er hat es um mich verdient. Es ist schade, da ich nicht wei, wie er heit. -- -- Heute Abend fahren wir weiter. -- Leb' wohl fr einige Zeit, mein treuer Weggeno; mchte es nur Gutes sein, was ich dir ferner anzuvertrauen habe. -- -- -- * * * * * Sechs Wochen spter. Wir sind noch fr drei Wochen in dem idyllisch gelegenen Seebad Bar Harbour gewesen. Wie ein kleines Paradies ist dieses Fleckchen Erde, und ich war glcklich, restlos glcklich. Keine Angst, keine Sorgen, ein Gatte, der mir jeden Wunsch an den Augen absieht -- es ist doch schn auf der Welt. -- Schn, solange man jung ist. Auch ohne die vielgepriesene Liebe. * * * * * Chikago, den 28. Oktober. Mein Gatte mu doch reicher sein als ich gedacht. Das kleine Huschen, das er nach seiner Rckkehr von Europa gekauft, ist ein ganz stattlicher Bau und liegt in einem prachtvollen, alten Garten am Lake Shore Drive. Das Haus hat frher einem reichen Schweinezchter gehrt, und mein Mann hat es hauptschlich meinetwegen gekauft, da ihm sein altes Haus an Sheridan Road nicht hbsch genug war. Ich bin ihm sehr dankbar, wir leben in glcklichster Gemeinschaft und kein Schatten trbt unser Leben. Ich will ihm eine treue und gute Gefhrtin sein. Nie soll er empfinden, da nicht mein volles Herz ihm gehrt. -- * * * * * Ich habe dich lange nicht in Hnden gehabt, kleines Buch. Mein Leben luft so glatt und ereignislos dahin, da ich kaum etwas aufzuzeichnen habe. Ich lebe, wie eine Amerikanerin der besseren Stnde lebt. -- Mit meinem Manne verbindet mich innigste Freundschaft. Er bespricht alles mit mir und freut sich, da ich seinem Wirken und Schaffen so lebhaftes Interesse entgegenbringe. -- Und mir wiederum macht es Freude, da ich teilhaben darf an seiner Arbeit. -- Trotzdem bin ich nicht voll befriedigt, ich habe noch zu viel unausgefllte Zeit. Ja, wenn ich ein Kind htte! Ob ich vergebens auf dies hchste Glck warte? Auch mein Mann wrde sich freuen, und ich wrde ihm doch so gern einmal eine recht groe Freude machen. -- Ich mu jetzt oft wieder an den 20. Februar vor zwei Jahren denken. Welches Glck empfnde mein Mann, wenn ich ihm einen Knaben schenkte, und wie unwillkommen war das arme Kind damals! Ob es wirklich tot ist? Ich habe ein so sonderbares Gefhl, eine Art Unterbewutsein, das mir sagt, mein Kind lebt. -- Wer gibt mir Gewiheit? -- * * * * * Ich bin einige Monate recht faul gewesen. -- Im Unglck und in der Einsamkeit habe ich mich immer zu dir geflchtet, jetzt, in meinem wohleingerichteten Leben vergesse ich dich oft, kleiner Freund. Eine Entschuldigung habe ich wenigstens: ich hatte keine Zeit. Wir sind einige Monate auf Reisen gewesen. Drei Wochen in gypten und drei Wochen in Italien, von wo aus wir einen kleinen Abstecher nach Paris gemacht haben. -- Mein Mann ist zu gut, die ganze Welt mchte er mir zeigen, er wei gar nicht, was er mir alles Liebes erweisen soll. Und ich stehe so bettelarm daneben und kann ihm gar nichts geben, nicht einmal ein ganzes volles Herz. -- Ob er nie etwas vermit? Glhende Ksse, strmische Umarmungen? Ich bin ihm sehr gut -- aber ich bin mir zuweilen selbst ein Rtsel. Nichts treibt mich zum Manne. Ich bin doch jung, sehr jung! Aber nie mehr seit jenen heien, schwlen Sommernchten auf dem heimatlichen Gut fiebert mein Blut dem Manne entgegen. -- Auch bei aller Liebe zu Werner, es war nichts Strmisches, kein leidenschaftliches Begehren in meiner Liebe. Ruhig und still wie ein linder Sommerabend. Oft denke ich, ich habe zu frh vom Baume der Erkenntnis gegessen. Vielleicht war mein Krper doch noch nicht entwickelt genug, um den Anforderungen ohne Schaden gerecht zu werden, die das Mutterwerden an das Weib stellt. -- -- Oder ist es das verdorbene, degenerierte Blut des Vaters, das dies sonderbare Wesen aus mir gemacht hat? Ich erzhle dir wieder allen mglichen Unsinn, du mein kleiner, verschwiegener Freund; und ich wollte dir doch nur sagen, da ich sehr, sehr glcklich sein knnte, wenn -- * * * * * Mein kleiner, ser Pit. Ich hatte ihn zurckgelassen, nun war er wie von Sinnen, als ich heimkam, und ging mir nicht vom Scho. Ich werde ihn jetzt immer mitnehmen, wenn ich auf Reisen gehe. -- * * * * * Heute ist mein zwanzigster Geburtstag; ich wollte, es wre der vierzigste. Ich fhle mich auch viel eher wie vierzig. -- Ich wei nicht, ich kann in der letzten Zeit gar nicht so recht von Herzen froh sein. Ich bin im Gegenteil sonderbar trb gestimmt. Ich mchte schreiben und kann nicht. Ein geheimnisvolles Glcksgefhl keimt leise, ganz leise in meinem Innern. -- * * * * * Ich habe nie leicht geweint. Es war mir immer unsympathisch, wenn Frauen um jede Kleinigkeit in Trnen zerflossen. Aber jetzt bin ich selbst die reine Trauerweide. Um nichts mu ich weinen. -- Pit trstet mich, er will mir immer die Trnen von den Wangen kssen. Sonderbar, gerade als ob er wte, da Trnen an den Wimpern etwas Schmerzliches bedeuten. -- Und mde bin ich, so mde. -- Mein Mann ist von einer Aufmerksamkeit, die geradezu rhrend ist. Ob er etwas ahnt? Noch habe ich ihm nichts gesagt, die Enttuschung wre sonst zu gro. Spter. -- -- * * * * * Weihnachten! Ich bin beschenkt worden wie eine Frstin, und doch sagt mein Mann, ich habe ihm noch viel mehr gegeben. Er ist auer sich vor Glck. Aber ich glaube, er wnscht sehr, da es ein Junge ist. Ich nicht, ich mchte viel lieber ein Mdchen. Jungens gehren der Mutter nie so lange wie ein Mdchen. -- Und doch sollte ich andererseits gar nicht den Wunsch haben, der Welt ein solches Wesen zu schenken. Wie leicht kann ihm einmal mein eigenes Schicksal zustoen. -- Aber nein! Das sind Hirngespinste. Ich werde dafr sorgen, da meine Tochter einst gewappnet ins Leben tritt. Meine Tochter! Meine Tochter! Welch ser Klang in meinem Ohr! * * * * * Heute bin ich zum ersten Male wieder vollstndig auer Bett, und da sollst du, mein geduldiger Freund, auch sogleich mein neues Glck erfahren. Ich bin Mutter! Weit du, was dieses Wort bedeutet? Was es fr mich bedeutet? Und auch mein innigster Wunsch ist erfllt. Es ist ein Mdchen, ein kleines, ses Mdchen. Ob mein Mann enttuscht war? Ich wei es nicht, gefhlt habe ich es nicht. Seine Liebe und Frsorge gehen ins Ungemessene. -- Und ich? Mu ich dir sagen, _wie_ glcklich ich bin? Das se, kleine Geschpf, dem ich jetzt alles bin! Mein Mann wollte eine Amme, um mich zu schonen, aber ich gebe mein Kind keiner fremden Person; das hchste Glck, das kleine Wesen an der Brust zu haben, gnne ich niemand. -- Drollig ist es, Pit zu beobachten. Er ist richtig eiferschtig. Wenn ich das Kind auf dem Scho habe, weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und geberdet sich ganz unsinnig. Lege ich das Kind in sein Bettchen, so springt er mit einem Seufzer der Erleichterung auf meinen Scho und kuschelt sich umstndlich zurecht, dabei fortwhrend entrstete Blicke nach dem kleinen Eindringling werfend. * * * * * Mein Mann findet, da mich die Pflege des Kindes zu sehr anstrengt. Ich soll es nicht mehr stillen oder soll an einen schnen Platz aufs Land, wo ich gute, frische Milch und reine Luft habe. Ich gehe also lieber aufs Land, damit ich meinen kleinen Liebling noch lnger ganz fr mich allein habe. Das Kind entwickelt sich prchtig, und mein Mann ist ganz vernarrt. Seine Enttuschung ber den ausgebliebenen Thronfolger hat er verschmerzt. Oder hofft er noch? -- Nein, ich mchte keinen Jungen haben. Ein Junge, der mir aus den Hnden wchst und vielleicht auch einmal Wege geht, auf denen die Weiblichkeit durch den Schlamm gezogen wird. -- -- * * * * * Mowbray, Rocky Mountains, den 6. Juni. Ich habe heute eine Begegnung gehabt, die mich bis ins Innerste erschttert hat. Alles, die ganze Vergangenheit ist mit einem Schlage wieder lebendig geworden. -- Ich habe den Doktor getroffen, meinen Doktor! Er ist fr einige Wochen hier zur Erholung. -- Nun wei ich auch seinen Namen. Curtis heit er. Doktor Curtis freute sich sehr, als er mich sah, war aber natrlich ebenso sehr verwundert, mich hier im Westen zu sehen. Zuerst war ich natrlich doch etwas beunruhigt, aber ich brauche ihn nicht zu frchten, er ist ein anstndiger Mensch, und niemand wird etwas durch ihn erfahren. Warum htte er sich auch wohl so viel Mhe mit meiner Rettung gegeben? Ich bin jetzt auch lange nicht mehr so in Sorge wegen meiner Vergangenheit; wer soll mich hier wohl erkennen? In einer Hafenstadt ist es doch schon anders. -- Lange haben wir auf der Bank gesessen, meine ganze Geschichte habe ich ihm erzhlt, und herzliche Worte sprach er ber den armen Werner. Auch ber die schrecklichen Verhltnisse in diesen Husern, hauptschlich in den Hafenstdten, haben wir gesprochen. Eine nderung wre nur mit Hilfe der Regierung und einer eingreifenden Gesetzgebung mglich. Der Doktor ist nie wieder bei der Rottmann gewesen. Auf meine Bitte will er nach seiner Heimkehr einmal hin. Wenn die Bronja noch da ist und sie will heraus, soll er ihr behilflich sein. Ich habe Geld genug, und mein Mann gibt mir gern ein paar tausend Dollars, wenn ich ihn darum bitte, ohne zu fragen wofr. Nur meinen Namen darf der Doktor nicht nennen. -- -- * * * * * Ich bin ganz allein im Wald. Mein Tchterchen ist mit der Wrterin im Garten; ich war so unruhig, ich mute eine Strecke laufen. -- Hier ist es himmlisch, die Unruhe fllt von mir wie ein schwerer, stickender Dunst. Wie ein Dom wlben sich die Jahrhunderte alten Bume ber mir. Die Hnde eines Knstlers htten es nicht schner schaffen knnen. Wie sanft spielt das grnliche Licht in den Zweigen. Von Baum zu Baum winden sich Schmarotzerpflanzen mit leuchtenden Blumen. Eine fast tropische berschwenglichkeit herrscht. Der Fu versinkt wie in dicken Teppichen. Kann man sich unglcklich fhlen in solcher Umgebung? -- -- * * * * * Der Doktor ist abgereist, er wird mir schreiben, sobald er mir etwas zu berichten hat. Auch ich werde mich zur Heimkehr rsten, ich sehne mich nach meinem Heim und seinem Herrn. * * * * * -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Lange Jahre sind es her, seit ich nicht mehr in mein Bchlein geschrieben habe. Oft hatte ich es in Hnden und lie die eng beschriebenen Seiten durch die Finger gleiten, doch nichts, was mir des Aufzeichnens wert schien, ist in diesen Jahren durch mein Leben gegangen. -- Einfache tgliche Erlebnisse, kleine Freuden, kleine Leiden. -- Mein Tchterchen wchst heran und verspricht krperlich und geistig das Beste. Meinem Manne bin ich in den letzten Jahren immer unentbehrlicher geworden bei seinen ausgedehnten Geschften, und das erfllt mich mit ganz besonderem Stolz. Es zeigt mir, da ein Weib doch auch zu etwas anderem zu gebrauchen ist, als nur zu inhaltlosen Tndeleien. Ich habe also in gewisser Weise erreicht, was ich erreichen wollte, und knnte dich nun endgltig zur Seite legen, mein kleiner papierener Freund. Aber -- ich kann es doch nicht. Es ist mir wie ein Unrecht, das ich an dir begehe. -- Und dann, ich mchte, falls ich frher sterbe als mein Mann, das Buch in seine Hnde legen, damit er sieht, wen er an sein Herz genommen hatte. Stirbt mein Mann vor mir, so soll meine Tochter die Aufzeichnungen ihrer Mutter lesen, sie wird daraus ersehen, wie viel ein Weib ertragen kann, ohne da es seelisch zugrunde geht. -- Der Vollstndigkeit halber will ich noch erwhnen, da Bronja wieder in ihrer Heimat ist. Der Doktor hat ihr zweitausend Dollars gegeben, hat ihr ein Billett besorgt und sie auch nach dem Dampfer gebracht. Sie hat so groe Sehnsucht nach ihrem Kinde gehabt. Mgen die guten Wnsche, die sie fr die unbekannte Wohltterin ausgesprochen, sich an ihr selbst erfllen! -- * * * * * Wir gehen in diesem Frhjahr nach Europa. Mein Mann ist gar nicht recht wohl; ein Herzleiden, das er schon lngere Jahre hat, macht ihm viel zu schaffen. Die Geschfte bringen zuviel Aufregung, er mu deshalb einmal vollstndig ausspannen. -- In Bad Nauheim werde ich dafr sorgen, da ihm jede Aufregung fern bleibt. Wir sind reich, sehr reich. Daran, da ich mir in keiner Weise Beschrnkungen aufzulegen brauchte, merkte ich schon frher, da wir ber reiche Mittel zu verfgen hatten. In den letzten Jahren, wo ich mich um alle geschftlichen Angelegenheiten kmmere, wei ich, da wir nicht mehr zu arbeiten brauchten. Aber es geht mir genau wie meinem Manne, ich knnte mich nicht darein denken, da alles, sein ganzes Lebenswerk, fr andere geschaffen sein sollte. Und ist nicht die Arbeit eine herrliche Trsterin? * * * * * Lou freut sich furchtbar auf unsere Reise. Sie ist nun zehn Jahre alt und hat schon einiges Verstndnis dafr. -- Doch fr mich gibt es nun wieder allerlei heikle Punkte. Das Fragen nimmt kein Ende. Wo ist deine Heimat, Pa? Bist du in einem Dorf zu Hause oder in einer Stadt, Ma? Was soll ich antworten? Ich frchte auch, mein Mann denkt sich etwas dabei, wenn ich zu sehr ausweiche. Ich selbst fiebere frmlich bei dem Gedanken, da ich von Bad Nauheim aus in einigen Stunden da sein kann, wo das stille alte Haus der Groeltern im dunkeln Tannenwald trumt. Ob ich es einmal wage? Unerkannt knnte ich sie vielleicht sehen. -- Ach, ich glaube, ich wrde mich verraten, wenn ich sie vor mir she. -- Und Prinz, der alte Hhnerhund! Er wrde mich sofort erkennen, wenn er noch lebt. -- -- * * * * * Dienstag, den 28. Mai sind wir mit der Spree von New York abgefahren. Mein Mann hat ein hbsches Pullmanset fr uns belegt, und wir sind ganz begeistert von der Bequemlichkeit und Eleganz der Einrichtung. Man merkt kaum, da man auf See ist. Lou ist ganz und gar aus dem Huschen. Ihr Vater erfreut sich, glaub' ich, zum ersten Male vollkommen ohne irgendwelche Ablenkung an ihrer frischen, kindlichen Heiterkeit. Ich finde, er erholt sich schon jetzt von Tag zu Tag. Mir selbst geht es sonderbar. Von der ersten Stunde an, da ich das Schiff betrat, ist mir so sonderbar unruhig zu Sinn. Ich suche etwas und wei nicht was. -- Gleich am ersten Abend bin ich ein Stndchen auf Deck gewesen. Wie wunderbar ist die reine, salzige Luft! Welch wunderbare Farben verglimmen am Horizont und wecken tausend Erinnerungen, se und schmerzliche, in meiner Brust! Sonnenuntergang! Der ganze Horizont ist von einem satten, tiefen Rot. Der Himmel scheint wie ein einziger groer ausgehhlter Rubin ber uns zu hngen. Das Wasser ist so ruhig wie ein See, nur hie und da tanzen rotgoldene Lichter; gibt es Schneres? Doch alles Schne ist vergnglich. Kaum eine halbe Stunde, und grau und fahl, gespensterhaft liegt die unabsehbare Flche vor mir. -- Mich friert trotz des warmen Wetters. Es macht traurig, immer an die Vergnglichkeit alles wahrhaft Schnen erinnert zu werden. -- -- * * * * * Bad Nauheim. Deutschland bekommt mir nicht. Mein Mann erholt sich von Tag zu Tag, und ich verzehre mich selbst vor Unruhe. Die Luft hier ist erfllt von Erinnerungen. Diese ganzen Jahre hatte ich alles vergessen, die Heimat, die Groeltern und -- die Schuld! Nun wacht alles wieder auf, und ich stehe schwindelnd am Wege und wei nicht, wohin er mich fhren wird. Ich sehe ein, da eine Schuld wie ein Schmutzfleck auf der Vergangenheit liegt, der sich nie wieder auslschen lt. Mag man zuweilen glauben, da er verblat, mag man sein Vorhandensein fr einige Zeit vergessen, er kommt wieder. -- * * * * * Ich kann es nicht mehr aushalten, ich mu hin! Ich mu wenigstens versuchen, die alten Leute von weitem zu sehen. Ob sie noch leben? Aber warum nicht? Vierzehn Jahre sind es her, seit ich von ihnen ging, und die Leute in meiner Heimat werden alt. -- Ob ich es wage und unter dem Deckmantel einer Fremden das Jagdschlo besehe? Werde ich mich beherrschen knnen? * * * * * Ich war da! Unter dem Vorwand, etwas in Frankfurt besorgen zu wollen, bin ich hingefahren. Ich habe meinen Mann belogen; diesen besten, gtigsten aller Mnner habe ich belogen! So gebiert noch nach Jahren die alte Schuld neue Konflikte und Verwicklungen. Ich bin froh, da ich es getan. Ich werde Ruhe finden, nun ich die alten lieben Groeltern gesehen. -- Und doch htte ich aufschreien knnen, als ich die gebckte Gestalt des Grovaters an mir vorbergehen sah. Ob sie sich gewundert haben ber die fremde Frau, die so gern das alte Jagdschlo sehen wollte, und die gar so dicht verschleiert war?...... Wie glcklich wrde es mich machen, wenn ich ihnen meine Lou bringen knnte, mein prchtiges, liebes Mdchen! Und wie wrden sie sich freuen! Aber das ist alles fr mich unmglich, es ist ein verlorenes Paradies, in das ich mit brennenden, sehnschtigen Augen starre. Und warum? War es nur _meine_ Schuld, da ich diesen Weg der Lge und der Verstellung wandern mu? * * * * * Morgen fahren wir nach E., um von da aus die Heimat meines Mannes zu besuchen. Lou freut sich kniglich. Sie denkt sich wohl das Huschen, in dem ihr Vater geboren, als eine niedliche, kleine Villa. -- Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttuscht. -- -- * * * * * Seit fnf Tagen sind wir auf Capri. Der Arzt hlt die Fahrt von hier aus fr besser. Ich freue mich ber das gute Aussehen meines Mannes; hoffentlich hlt es an. Am Siebzehnten fahren wir von Genua aus mit der Prinze Irene wieder nach Hause. -- Die letzten Tage in Deutschland sind uns wie im Fluge vergangen. -- Die paar Stunden, die wir in der Heimat meines Mannes zugebracht haben, waren auch fr mich eine Erquickung. Lou war gar nicht enttuscht. Im Gegenteil, alles war ihr neu und kstlich. Und ich? Ich beneide meinen Mann um seine arme, aber fleckenreine Vergangenheit. Welch ein Triumph war es fr den armen, herumgestoenen Waisenknaben, da er so vor seine Landsleute hintreten konnte! -- * * * * * Ich bin des Reisens mde und freue mich, heimzukommen. Heim? Wohin zieht es mich? Bald reit die alte Heimat an meinem Herzen, bald die neue. Ich habe Heimweh und bin nirgends zu Hause. -- Und doch ist meine Heimat da drben in dem Lande, das mich trotz aller Schuld der brgerlichen Gesellschaft wiedergegeben hat. * * * * * Nach zwei Jahren. Amerika hat nicht gehalten, was Europa versprochen. Das Befinden meines Mannes ist wieder ebenso schwankend wie vor unserer Reise. Er mu sich schonen, und um ihm dazu Gelegenheit zu geben, habe ich nach und nach die Geschfte fast ganz in meine Hnde genommen. Es war ein schweres Stck Arbeit, aber es ist mir gelungen. Der alte Thomas, der schon seit Jahren meines Gatten rechte Hand ist, bespricht alles mit mir. Und nur wenn etwas ganz besonders Wichtiges vorliegt, mssen wir erst seinen Rat einholen. Aber wir sorgen schon dafr, da es keine aufregenden Sachen sind, die wir mit ihm besprechen. -- Oft sagt mein Mann zu mir: Du hast mich schon gar nicht mehr ntig, Liebling. Du bist so entschlossen und umsichtig, wie nur je ein Mann es sein knnte. Das macht mich stolz. Es erfllt mich mit ungeahnter Befriedigung, da ich meine Krfte so entfalten kann. Da ich diesem Manne, der mich genommen, ohne viel zu fragen, einen Teil der Schuld abtragen kann. * * * * * Nun mu ich die Geschfte Thomas berlassen und mich ganz meinem Manne widmen. Werde ich ihn mir erhalten? Er ist sehr krank. * * * * * Meine Lou, mein liebes, gutes Kind; sie ist mir ein rechter Trost in diesen schweren Tagen. Wie liebt sie ihren Vater! Sie weicht kaum von seinem Lager. Ich htte dem kleinen, lustigen Vogel gar nicht so viel tiefes Gefhl zugetraut.-- * * * * * Das Schlimmste ist vorber. Es waren lange, schwere Wochen, aber noch einmal haben wir gesiegt. Und nun gehen wir wieder nach Europa; noch einmal soll Nauheim seine Wunderkraft beweisen. Lou freut sich wieder sehr auf die Fahrt, wenn auch die Freude etwas gedmpft wird durch des guten Vaters Krankheit. -- * * * * * Wieder einmal bin ich auf meiner geliebten See. Sie zeigt sich mir diesmal nicht von der besten Seite. Wir haben Sturm und Regen, und der Wind rast ber Deck, da es kaum mglich ist, nach oben zu gehen. -- * * * * * Ich habe eine Begegnung gehabt, die alles, was langsam zur Ruhe gekommen war, wieder in Aufruhr gebracht hat. Ich mte mich sehr irren, wenn nicht Smith, Herbert Smith, an Bord wre. Er trgt einen kurz verschnittenen Vollbart, und doch habe ich ihn sofort erkannt. Wie ein elektrischer Schlag ging es durch meinen Krper. Und auch er mu mich erkannt haben, denn ein leichter Schreck huschte ber seine Zge. Das Geschft mu sehr viel einbringen, denn er fhrt erste Kajte. -- Was soll ich tun? Soll ich diesen Menschen ungehindert seines Weges ziehen lassen? Ist es nicht vielmehr meine Pflicht, ihn zu entlarven? Alles in mir ist in Aufruhr. Wird man mir glauben? Nein, man wird mir nicht glauben, oder doch nur dann, wenn ich mich selbst preisgebe. Und mein Mann! Wie wrde er es ertragen? Ach, und mein Kind, meine Lou! Nein, ich kann es nicht, jetzt noch nicht! Ich kann in den reinen Augen meines Kindes nicht als eine Verworfene dastehen! -- Ein Vorfall kam mir ins Gedchtnis, den ich vor einigen Jahren erlebte. Qulende Selbstvorwrfe peinigten mich; ich fhlte mich unsglich elend und unglcklich und weinte still in meinem Zimmer. Da kam Lou zu mir herein, und als sie meine Trnen sah, war sie ganz Mitleid. Strmisch umschlang sie meinen Hals. Mama, se Mama, warum weinst du? rief sie zrtlich. Ich schttelte mit dem Kopfe, ich konnte kein Wort hervorbringen vor lauter Schluchzen. Als ich mich etwas gefat hatte, sagte ich: La mich, Kind, la mich allein! Mama, sei gut; sage mir, warum du weinst. Wer hat dir etwas zuleide getan? Niemand, Liebling. Mama mu an frher denken. Damals als sie noch nicht ihren Liebling, ihre Lou, hatte. Darber brauchst du doch nicht zu weinen, se Ma! Aber Mama hat damals sehr viel Schweres durchgemacht, und darber mu sie weinen. Aber du sollst nicht weinen, Ma. Wer hat dir etwas getan? Ich werde es Pa sagen. Niemand darf dir etwas tun! Aber die Mama war nicht gut gewesen und hatte Strafe verdient, Liebling. Aber Mama! Wenn das der Papa hrte! Du bist doch meine liebste, beste, einzigste Mama. Hast du mich denn so lieb, mein Engel? So lieb! jauchzte das kleine Geschpf und umschlang mich mit ihren Armen. -- -- Nein, ich kann es nicht von mir wlzen. Um des Kindes willen nicht. Was sollte aus ihr werden, wenn sie den Glauben an die Mutter verlieren mte? -- -- -- * * * * * Meinem Manne geht es schlecht. Er leidet stark an Atemnot. Wren wir erst in Nauheim. Ich darf ihn nicht verlieren, jetzt noch nicht. Ich wrde wieder ganz einsam sein -- denn noch kann mir mein Kind, meine Lou, den Gatten nicht ersetzen. -- Ich habe mich nie nach einer Freundin gesehnt, mein Gatte war mir alles. Doch sollte er von mir gehen, und ich allein die Strecke wandern mssen, die ich noch vor mir habe, so werde ich Trost in der Arbeit und bei meinem Kinde suchen. Nur jetzt la ihn mir noch, noch ist es zu frh. -- Wenn es wahr ist, da _die_ Ehen am glcklichsten sind, in denen die Liebe des Mannes grer ist als die der Frau, so mag es davon kommen, da die unsere so beraus glcklich war. Sicher mu aber auch die Frau danach sein, wenn eine solche Ehe wirklich glcklich sein soll. Was ihr an Liebe fehlt, mu sie durch Pflichtgefhl ersetzen. -- * * * * * Mein Mann erholt sich nicht wieder. Der Arzt lt mir keine Hoffnung. Es kann noch Monate whren, es kann auch pltzlich kommen, ich mu auf alles gefat sein. -- Es ist Arterienverkalkung dazugekommen. Der rmste, er hat in seiner Jugend zu viel gearbeitet und entbehrt. Ich bin jetzt ganz gefat und zeige meinem Manne immer ein frhliches Gesicht; er darf nicht ahnen, wie es um ihn steht. Ob er wirklich nichts ahnt? -- Seine sonderbaren Reden machen mich manchmal stutzig. Du hast mich sehr glcklich gemacht, Liebling, sagte er krzlich zu mir. Tu' ich es denn jetzt nicht mehr, Liebster? fragte ich scherzend. Immer! Aber wenn ich einmal von dir gehen sollte, Lotti, wirst du mich auch nicht so bald vergessen? Ich dich vergessen? Wie redest du nur? Du bleibst noch lange bei uns. Denk' an Lou! An deine Lou! Du mut noch bei uns bleiben! Hrst du? Trnen liefen mir ber die Wangen, und auch ihm verging vor Rhrung die Stimme. Wie gerne mchte ich! Und doch, kann ich nicht ohne Sorge gehen? Ruht nicht mein Lebenswerk in guten Hnden? Du bist ein ganzer Mensch geworden, meine Lotti. Du warst mein Lehrer, ich war in guten Hnden. * * * * * Ich mchte gern wieder einmal in meinen Wald, darf aber nicht wagen, meinen Mann zu verlassen. * * * * * Gestern hatte ich eine Begegnung, die mich gleicherweise erschreckte und erfreute. Der Herzog ist hier, der Herzog von B. Das also ist mein Vater! Dieser blasse, schmale Herr! Ich hab' ihn mir anders vorgestellt. Als einen ritterlichen, sieghaften Mann. -- Er wird anders gewesen sein, als meine Mutter ihn geliebt hat. Nun ist er krank, herzleidend natrlich. Er hat keine Kinder und eine kalte, unsympathische Gattin. Das ist die Strafe! Die gerechte Strafe fr meine zerstrte Jugend und den frhen Tod meiner Mutter. Ich mchte ihn hassen -- und doch -- ich kann es nicht. -- -- * * * * * Gestern hat er mit Lou gesprochen, mit meiner Lou. Ob wirklich etwas daran ist, an dem Mrchen von der Stimme des Blutes? Ich glaub' es nicht. Wenn ihm Lou gefllt, so ist das nur natrlich. Jedermann mag das entzckende, natrliche Geschpfchen gern. * * * * * Wir saen gestern abend auf der Terrasse, mein Mann und ich. Wenn es nicht so sonderbar wre, so mchte ich sagen, mein Mann ist mir jetzt teurer als je zuvor. Es ist ein solch inniges Verhltnis zwischen uns, wie es kaum zwischen jungen Liebesleuten sein kann. Ich mag gar nicht von seiner Seite gehen. Ist es das nahe Scheiden, das uns so innig vereint? Hat uns etwas, das mehr ist als Liebe, zusammengefhrt? Der Rckblick auf meine Ehe lt mich keinen Augenblick den Schritt bereuen, den ich getan, trotzdem es ohne Liebe geschah. Knnte ich ebenso sagen von dem, was frher geschah! -- -- -- * * * * * Heute waren wir zusammen im Wald. Lou suchte Blumen, und wir beide waren allein unter dem grnen Gewlbe. Die Luft schien geschwngert mit Wohlgerchen, und die Ruhe, die uns umgab, hob uns ber den Alltag hinaus. Gibt es etwas Schneres als unseren deutschen Wald? sagte mein Mann sinnend, nachdem er eine Weile regungslos den Blick nach oben gewandt hatte. Mir traten die Trnen in die Augen. Wer wute es besser als ich, wie schn er war. Mit einem Schlage stand alles vor mir. Das Forsthaus, die Groeltern, die dunkeln Tannen, alles, alles! Ich mchte im deutschen Walde ruhen, wenn ich einmal nicht mehr bin, Lottchen. Versprich mir, da du mir hier oder in der Heimat ein schnes Pltzchen unter den rauschenden Tannen aussuchen willst, fuhr er fort. Sprich nicht immer vom Sterben, Liebster, sagte ich schluchzend. Weine nicht, Lotti. Ich will nicht mehr davon sprechen, wenn es dich aufregt. Nur versprich mir, da du mir meinen Wunsch erfllen willst. Willst du, Liebling? Ich verspreche es dir. Du sollst unter den schnsten Tannen schlafen, die unser deutscher Hochwald hat, sagte ich feierlich. Wie eine Vision stieg der Platz vor mir auf. Ich kannte ihn! Oh, ich kannte ihn! * * * * * Ich sehe den Herzog fast tglich. Ich mchte vor ihn hintreten und ihm sagen, wer ich bin. Doch wem wrde es ntzen! Mir? Ich brauche ihn nicht. Meiner Lou? Auch in Deutschland duckt man sich vor amerikanischen Millionen genau so sehr wie vor Herzogskronen, das habe ich kennen gelernt. Und wenn mein Sinn nach einer Krone stnde, so knnte ich einst eine kaufen fr meinen Liebling; tun es doch so viele. -- Kronen drcken schwer, das sehe ich jetzt wieder an dem Frsten und seiner Gattin. Sie sehen beide nicht eben glcklich aus. Und mein Kind soll glcklich sein. * * * * * Das Verhngnis kommt zusehends nher. Mein Mann hat seine Anflle immer hufiger. Es ist mir entsetzlich, ihn so leiden zu sehen und nicht helfen zu knnen. Aber hier mu auch die Kunst der rzte Halt machen. Nur erleichtern lt sich sein Leiden. Rhrend ist seine Mhe, mit der er mir seine Schmerzen zu verbergen sucht. -- Er frchtet, mir wehe zu tun. Gibt es grere Liebe? -- * * * * * Wie langsam und bleiern die Stunden in die Ewigkeit rinnen! Wie furchtbar mu ein Mensch kmpfen, ehe er die Hlle abwerfen kann, die doch zuweilen so unsglich schwer drckt. Stunden hatte ich bereits am Lager meines Mannes gesessen. Er schien zu schlummern, langsam und stoweise nur ging sein Atem. Pltzlich bewegte er sich, sah mich einen Augenblick sinnend an und sagte dann langsam und schwerfllig: Ksse mich, Lotti, und ksse unsere se Lou von mir. Sie soll nicht hierherkommen jetzt. Es ist kein Anblick fr ein Kind, wenn ein Mensch mit dem Tode ringt. Er machte eine kleine Pause und winkte abwehrend mit der Hand, als ich ihn unterbrechen wollte. Dann fuhr er fort: Du hast mich sehr glcklich gemacht, Lotti. Du hast die Sonne in den grauen Alltag meines Lebens gebracht, ich danke dir dafr. Mit der Fabrik wirst du gut fertig werden, Thomas steht dir zur Seite. Es wre mir sehr lieb, wenn du sie behalten wolltest, meine besten Jahre hat sie mir gekostet. Mich aber la hier in der Heimat, und willst du lieber bei mir bleiben, so sei auch dafr gesegnet. Erschpft schwieg er. Sanft strich ich ihm den Schwei von der Stirn und drckte einen Ku auf die Lippen, die nur Worte der Liebe und Gte fr mich gehabt hatten. Alles soll werden, wie du es wnschest, sagte ich trstend, ich werde in allem deinem Sinne gem handeln. Er lag still und ruhig in den Kissen. Die Atembeschwerden schienen etwas nachzulassen, das Atmen ging leichter. Um zwlf Uhr wollte der Arzt noch einmal kommen. -- Ich nahm seine Hand in die meine und sa still und bewegungslos neben ihm. Die Hand wurde klter und klter. Ruhig und ohne weiteren Kampf schlief er hinber. Als der Doktor kam, war alles vorbei. -- Ich kann nicht weinen, und doch sitzt es mir in der Kehle, da ich ersticken mchte. Zu lange habe ich es kommen sehen, um ungefat dem Entsetzlichen gegenberzustehen. -- Doch ich habe keine Zeit zum Klagen, ich mu den Platz suchen, wo mein Gatte ruhen soll im rauschenden Tannenwald. * * * * * Mein armes Kind, sie ist ganz aufgelst. Ihr junges Herzchen ist gebrochen von dem ersten, schweren Leid. Ihr Vater! Ihr einziger, lieber Vater! Sie kann es nicht fassen. -- Die Natur ist grausam in ihrer ausgleichenden Arbeit. -- * * * * * Ich will heute noch nach Jagdhaus Finsterberg, zu den Groeltern. Dort in ihrem Walde soll mein Mann ruhen. -- Ich habe keine Zeit zu migem, tatenlosem Jammern. -- * * * * * Ob ich mein Kind mit mir nehme? Nein! Ich will noch warten! Den ersten Ansturm will ich allein ertragen. Spter vielleicht -- vielleicht kann ich mein Kind in die Arme der Groeltern legen. -- * * * * * Unser Chauffeur hat gute Tage gehabt. Seit Wochen ist das Auto nicht aus der Garage gekommen, heute soll es mich hinbertragen in die Heimat, in das dunkle, heimliche Grn des Waldes. Ob ich unvermutet vor sie hintrete? Nein, ich wrde sie zu sehr erschrecken, den Tod knnten sie davon haben! Den Tod! Mich friert trotz der Sonnenglut. Wenn ich niemand mehr fnde? Wenn fremde Gesichter mir entgegenshen! ---- Ich bin nervs; die lange, aufreibende Pflege hat mich selbst auch krank gemacht. Und doch darf ich nicht schwach werden. Ich mu meine Krfte hochhalten, bis ich dich gebettet habe, du guter, du treuer Weggeno. Wie ein Zwang ist es ber mir, seit er den Wunsch geuert. Ich mu ihn unter die Tannen der Heimat betten. Ich bin inkonsequent, ich wei es. Nie wieder wollte ich in der Heimat weilen als die, die ich wirklich bin. Und doch fhle ich schon jetzt eine Freudigkeit, eine Zuversicht in mir, wie seit langem nicht. Es mu also doch wohl das Rechte sein, trotz der scheinbaren Inkonsequenz. -- Umstnde ndern die Sache. * * * * * Nun ist auch das vorber. Mein Wagen trgt mich rasch wieder zu meinem Kinde, das ich schon morgen den Groeltern bringen will. Wenn ich alles berdenke, dann wei ich selbst nicht, wie es gekommen ist. Unter dem Vorwande, Gre von einer Dame aus Amerika berbringen zu wollen, bat ich um eine Unterredung. Ich vermochte kaum zu sprechen vor Aufregung, als ich endlich den lieben Alten gegenbersa. Wiederholt fing ich an, ohne doch ein Wort ber die Lippen zu bringen. Wohl sah ich den prfenden Blick des Grovaters, die nervs zitternden Hnde der Gromutter. Und als mir dann statt aller Worte Trnen aus den Augen strzten, da war es auch um die Zurckhaltung der Gromutter geschehen. Mit dem schluchzenden Ruf: Lottchen, du bist es, Lottchen, mein Kind! hielt sie mich umschlungen, und ich schluchzte den Jammer meiner Seele an ihrer treuen Brust aus. Wre ich doch schon frher zu ihnen gegangen! Keine Frage nach dem, was ich gefrchtet! Ihnen war es genug, da ich da war. -- Ach, ich bin so froh, so glcklich! Ich habe einen Platz gefunden, wo ich meinen Schmerz ausweinen kann. -- -- Zeit zu langem Reden hatten wir nicht, dafr wird spter bergenug Mue sein. Ich mute vor allem meine Bitte anbringen, mir ein Pltzchen zu geben fr meinen armen, toten Gatten. Der Grovater wurde ernst. Das kann ich nicht, Liebling. Ich habe hier keine Rechte zu vergeben. Hier hat nur der Herzog zu bestimmen. Der Herzog? Oh, mein Gott! Da ich daran nicht gedacht! Mein Kopf brannte, meine Augen glhten. Der Herzog! So gehe ich zum Herzog! rief ich aus. Du wolltest? rief der Grovater. Weit du, zu wem du gehst? fragte die Gromutter. Ich wei es. Und eben deshalb hoffe ich keine Fehlbitte zu tun. Und warum sollte ich nicht gehen? Nicht ich bin es, die sich hier zu schmen hat. Der Grovater neigte das Haupt. Mach' was du willst, Kind. Ich bin alt, ich habe nicht mehr viel zu verlieren. Ach, Grovater! Was sollte dir denn passieren? Und wenn der hohe Herr wirklich unzufrieden sein sollte, so kommst du mit mir. Nein, nein, mein Kind! Alte Bume verpflanzt man nicht mehr. Bring' uns dein Kind, damit wir uns an ihm freuen knnen. Aber bald! So komm mit und hole sie! sagte ich rasch. Du wrdest auch mir eine Sttze sein in diesen Tagen. -- -- -- Er ist mitgekommen, und Lou ist ganz glcklich ber den prchtigen, alten Grovater. -- Morgen gehe ich zum Herzog. Sonderbares Gefhl! Ob sich etwas regt in seiner Brust bei meinem Anblick? Ob ich meiner Mutter gleiche? Ich wei nicht, soll ich ihn hassen oder lieben? -- Keines von beiden! Er ist mir gleichgltig. Wenn er mir meinen Wunsch erfllt, bin ich zufrieden. Sonderbar: mein Vater! Es verbinden sich mir gar keine lieben, herzlichen Gefhle mit diesem Wort. Eine unharmonische Kindheit, eine schmutzige, traurige Jugend, und doch -- wie wunderschn ist es, einen Vater zu haben. Einen Vater, wie er meiner Lou starb. -- * * * * * Auch dieser Schritt ist getan: ich habe mein Ziel erreicht. Ich habe an gar nichts gerhrt. Ich habe nur gebeten. Als die Enkelin des alten Frsters Ruhland. -- Um den letzten, innigen Wunsch meines sterbenden Gatten zu erfllen, sei ich hier, ich wisse keinen schneren und passenderen Platz als den in der Heimat, die ich nie vergessen knne. -- Frster Ruhland hatte nur ein Kind, eine Tochter? fragte der Frst mit unterdrckter Stimme. Nur eine Tochter, Hoheit. Sie war meine Mutter. Ihre Mutter! flsterte er. Wie alt sind Sie, gndige Frau? Wie alt? Ich bin schon sehr alt! Geboren bin ich im Juni 1872. Achtzehnhundertzweiundsiebzig, murmelte er und sttzte sich schwer auf die Lehne seines Sessels. Dann ruhten seine Augen einige Minuten forschend auf meinem Gesicht. Ihr Wunsch ist Ihnen erfllt. Suchen Sie sich den schnsten Platz aus, gndige Frau -- oder darf ich liebes Kind sagen? Sie sind doch die Enkelin meines alten, treuen Ruhland....... Ich werde mich bei der Beerdigung Ihres Gatten vertreten lassen. Er reichte mir die Hand, und ich drckte dankbar meine Lippen darauf. Ein sonderbares Gefhl arbeitete in mir. Ich hatte ihn hassen wollen. Und nun? Dieser Mann war nicht schlecht, er hatte im jugendlichen Leichtsinn gesndigt. -- -- Und jetzt war er nicht glcklich. Kronen drcken schwer. -- -- -- * * * * * Die Schrulle eines Millionrs nennen sie hier den Wunsch meines Gatten. Mein lieber, einfacher Mann. Kann ein Mensch anspruchsloser sein? Er beanspruchte so wenig fr sich von seinem Reichtum. Ist er nicht ganz natrlich dieser Wunsch nach einem stillen, einsamen Ruhepltzchen, wenn man ein so arbeitsreiches, unruhiges Leben hinter sich hat? -- Nun haben wir ihn gebettet. Nichts wird ihn stren als der Schrei eines Nachtvogels oder das Brllen der Hirsche in ihrer Kampfzeit. Die Vgel in den Zweigen singen ihm das Schlummerlied. Ihm ist wohl, fr uns ist es hart. Wer sich zu der Religion flchten kann mit seinem Schmerz, der ist wohl daran. Ach, ich beneide mein Kind, das voller Inbrunst und Hingebung am Grabe des geliebten Vaters betet. * * * * * Nun ist wieder Ruhe um mich her. Wir bleiben noch einige Tage hier bei den Groeltern. Lou wrde am liebsten immer hier bleiben, hier, bei dem toten Vater und bei den lieben alten Leuten. Nur mir whlt die Unruhe im Blut. Eine Aussprache ist unvermeidlich, und ich -- ich frchte sie. * * * * * Die Groeltern haben mir das Gestndnis leicht gemacht. Sie schienen zu ahnen, was hinter mir lag. Ich hatte den Brief vergessen, den ich am Vorabend jenes unseligen Ankunftstages an sie geschrieben hatte. Dieser Brief war das letzte Lebenszeichen von mir. -- War es verwunderlich, da sie ahnten, in welche Hnde ich gefallen? Sie haben Erkundigungen angestellt, der Onkel in Amerika hat mit Hilfe des deutschen Konsuls alles mgliche versucht -- ohne Erfolg. Mich hatten sie fest und sicher hinter den Mauern jenes verfluchten Hauses. -- -- -- -- Und whrend meine Lou, mein Liebling, drauen im Walde umherstreift, rollt sich noch einmal die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen vor mir auf. -- -- -- Wir haben uns ausgesprochen und alles ist -- oder vielmehr soll begraben sein. Zu vergeben hatten sie mir im Grunde nichts -- der alte Fluch hatte sich auch an mir erfllt. -- Die Snden der Vter. -- -- Mir liegt auch alles so weit ab jetzt, der erneute schwere Verlust lt mir alles klein erscheinen. Ich habe kein rechtes Glck in der Welt. Alles wird mir genommen. Ich mu daran denken, wie hoffnungsfreudig ich war, als mein Mann damals um mich warb. Noch einmal lag das Leben schn und begehrenswert vor mir. Nun liegt auch das wieder eingesargt drben unterm Rasen. -- -- Habe ich mein Gelbnis gehalten? War ich ihm ein gutes, treues Weib? Ein guter Kamerad? Ich war es! Ich habe meine Pflicht erfllt. Nicht einmal den Mangel an Liebe hat er empfunden. Ich habe ihn sehr hoch geschtzt, er war der Besten einer. -- Da ich ihm keinen Sohn schenken konnte, einen Erben fr sein Lebenswerk! Trotzdem ich zuerst erfreut darber war, keinem Jungen das Leben geschenkt zu haben, hat es mich die letzten Jahre doch oft betrbt. So sehr er auch sein Mdchen geliebt, ein Sohn hat ihm doch gefehlt. Dort kommt der Mond langsam ber die Wipfel der Tannen und wirft sein blasses, kaltes Licht auf das schmale Bett da drben. Wo stand ein Bett wie dieses, so schmal, so kalt und schmucklos! Und ich lag darin -- vor langen, langen Jahren -- oder war ich es nicht? War es mein Schatten? Morgen werde ich vor die Gromutter hintreten und Rechenschaft ber jene Tage fordern. -- Was man dem Kinde damals vorenthielt, der reifen, geprften Frau wird man es nicht mehr weigern. Ich will Aufschlu ber Leben und Tod meines Kindes. -- In all den langen Jahren bin ich das qulende Bewutsein nicht losgeworden, da ich damals nicht die Wahrheit erfahren habe. Ich bin jetzt auf einem Punkt angelangt, da ich auf nichts und niemand mehr Rcksicht nehme. Noch kurze Zeit, und das groe Wasser liegt wieder zwischen mir und der Heimat. * * * * * Ich kann nicht schlafen. Die Geister der Vergangenheit umschweben mich und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. -- Bist auch du mir nahe, teure Mutter? Und du, Werner, mein Geliebter, mein Retter? Seid ihr zufrieden mit mir, so gebt mir ein Zeichen! Fern, ganz fern und schwach tnt feines Klingen im Dunkel des Waldes, wie eine Stimme aus dem Jenseits. Oder fiel ein Stern klingend vom Himmel? Ich will schlafen und trumen, vielleicht kommen im Traum die Lieben zu mir, die mir das Wachen versagt. -- -- VII. Eine Abrechnung. Meine Ahnung hat mich nicht betrogen, ich habe einen Sohn! Er lebt, ist gesund, und ich -- ich wute es nicht! Warum hat man es mir verheimlicht? -- Sie haben es gut mit mir gemeint, sagen die Groeltern. Ich sollte, selbst noch ein Kind, nicht diese Brde tragen. -- Spter, wenn ich lter geworden, wenn die Umstnde danach waren, htten sie mir die Wahrheit sagen wollen. Und dann sei ich verschollen gewesen. -- Sie haben es gut gemeint! Gewi, ich mu wohl noch dankbar sein. -- Aber nun? Wo ist mein Kind? Jetzt hlt mich nichts mehr zurck, fhrt mich hin! -- Sie schweigen -- sind verlegen -- was soll das bedeuten? -- Und so erfahre ich denn das Unglaubliche, das Unfabare! Mein Sohn, mein Kind, ist auf Gut Koppenbruch, bei Rudolph Schnewald, seinem Vater! Es ist kaum auszudenken, und doch ist es wahr! Es klingt gleich einem Mrchen, und doch ist es Wahrheit. Der Mann, der vor allen anderen daran schuld ist, da ich in dieses Labyrinth geriet, der es ablehnte, der Mutter seines Kindes einen ehrlichen Namen zu geben, dieser Mann nimmt den Sohn eben dieser Frau an Kindes Statt an, weil seine Gattin ihm keinen Erben geschenkt. Meinen Sohn! -- -- Meine Gedanken wandern hinweg, weit fort, zu den Tagen, wo mein Mann hoffte -- vergebens hoffte, da ihm ein Erbe fr sein Lebenswerk geboren wrde. _Er_ hoffte vergebens! Und Rudolph Schnewald sollte sich in meinem Sohne den Erben heranziehen? Das Kind der Frau, die er verschmht, weil sie nicht Geld genug hatte, um die Gattin eines Gutsbesitzers zu werden! Nein! Ich werde es nicht zugeben! Ich selbst will mein Kind zu mir nehmen, und keine Macht der Welt wird mich daran hindern. -- Vor acht Jahren erst hat er den Knaben zu sich genommen, als ihm selbst keine Hoffnung geblieben, da ihm ein Erbe geboren wrde. Die Groeltern haben es als die glcklichste Lsung der ganzen Angelegenheit betrachtet. Kann ich sie tadeln? Nein, gewi nicht! Die Mutter verschollen, sie selbst alt und gebrechlich, ist es da nicht zu begreifen, wenn sie es als ein Glck ansahen, da der Knabe auf diese Weise gewissermaen zu seinem Rechte kam? -- Seine Gattin wei natrlich nichts von der Herkunft ihres Adoptivsohnes. Fr sie ist es ein entfernter Verwandter. -- Nun aber bin ich da, und sofort werde ich Schritte tun, um mir mein Kind zurckzuholen. -- Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Niemand. Meiner Lou? Frchte ich die fragenden Augen meines Tchterchens? Es wird sich ein Ausweg finden; spter, wenn sie es besser versteht, soll sie alles erfahren, die ganze Wahrheit. Nur jetzt noch nicht, noch ist sie nicht reif genug dafr. -- * * * * * Ich habe an Rudolph Schnewald geschrieben und ihn ersucht, mir Zeit und Ort anzugeben, wo ich mein Kind in Empfang nehmen kann, um es mit nach Amerika zu nehmen. -- Wer mir gesagt htte, da ich noch einmal an diesen Mann schreiben wrde! Ich versuche vergebens, mir sein Bild ins Gedchtnis zurckzurufen. Weit, weit ab, in fernem, undurchdringlichem Nebel liegen jene heien, schwlen Tage, in denen zuerst meine Sinne erwacht. -- Nichts regt sich mehr in mir, was fr diesen Mann spricht. Nur ein Gefhl der Genugtuung beschleicht mich bei dem Gedanken, ihm wehe zu tun. -- Er wird den Knaben liebgewonnen haben. Er wird ihn mir nicht geben wollen. Aber er mu! Das Recht ist auf meiner Seite. Und wre es nicht so, dann wrde ich mich nicht scheuen, noch einmal die Hilfe des Herzogs in Anspruch zu nehmen. -- -- * * * * * Was ist es, das mich so rastlos macht, seit ich den Brief geschrieben? Ist es die Sehnsucht nach dem Kinde, das ich nicht kenne? Nein! Vor mir selbst will ich wahr sein! Gewi, ich sehne mich nach dem Knaben. Wie wird er sein? Werde ich ihn lieb haben -- und er mich? Er wird mich lieben lernen. Ob man ihm je von seiner Mutter sprach? Ich wage gar nicht zu fragen, wem er hnlich sieht. Nur nicht jenem Menschen, dem ich jetzt mit Freuden die grte Enttuschung seines Lebens bereite. Vielleicht nicht nur eine Enttuschung, vielleicht einen Schmerz, einen wirklichen, groen Schmerz. -- Ja, das ist es! Ich freue mich darber! Ich will ihm wehe tun! -- Ist das schlecht? Es ist nur menschlich! Wer hat nach _meinen_ Gefhlen gefragt? -- * * * * * Heute frh war er da! So rasch hatte ich die Wirkung meines Briefes nicht erwartet. -- Ich war sehr erschrocken, als mir Rudolph Schnewald gemeldet wurde. Ich warf einen Blick in den Spiegel und erschrak noch mehr ber das blasse Gesicht, das mir aus der schwarzen Umrahmung doppelt bla entgegenschien. Es klopfte an die Tr. Ich trat einen Schritt vor -- es war mir nicht mglich, Herein zu rufen -- da stand er auch schon vor mir. -- Was hatte ich mir alles vorgenommen! Was wollte ich diesem Manne ins Gesicht schleudern, jahrelang angehuften Groll, Verachtung, alles, alles -- und nun sagte ich gar nichts. Er stand vor mir, den Hut in der Hand, das blonde Haar an den Schlfen stark gelichtet, mit unsicheren, ngstlichen Augen, und sagte ebenfalls nichts. So mute ich anfangen. Sie wnschten mich zu sprechen, Herr Schnewald? Ja -- Sie schrieben mir, gndige Frau, und -- da -- ich -- dachte -- Er stotterte und schwieg. Da wollten Sie mir meinen Jungen selbst bringen, nicht wahr? sagte ich khl. Ich hatte mich gefat und mich darauf besonnen, wer vor mir stand.-- Er zog sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schwei von der Stirn, dann sagte er: Warum wollen Sie mir das antun, gndige Frau? Sie kennen den Jungen gar nicht, und ich, ich habe ihn lieb. Sie htten ihn seinerzeit fr immer haben knnen, nun ist es zu spt. Uneheliche Kinder gehren, soviel ich wei, der Mutter. Und ich gedenke mein Recht geltend zu machen. Aber ich habe ihn adoptiert! Ohne meine Einwilligung! Er wird nicht von mir wollen, haben Sie Erbarmen! Haben _Sie_ Erbarmen gehabt? Ich tue nur, was die Bibel lehrt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. So kann Sie nichts von Ihrem Vorhaben abbringen? Nichts! Es ist nutzlos, weiter darber zu reden. Adieu! Er ging. Merkwrdig gebckt, trotz seiner noch jungen Jahre. -- Mir ist so wohl! Es ist ein schnes Gefhl, wenn man so abrechnen kann. -- -- -- Nur drfte der Grund zu dieser Abrechnung nicht das Schicksal meines Kindes sein. Das ist der bittere Nachgeschmack. Aber das wei nur ich allein. -- -- * * * * * Ich will heute nachmittag nach Nauheim fahren und alles zur Abreise vorbereiten. Wenn ich meinen Sohn bei mir habe, will ich so bald als mglich nach drben. Es ist auf alle Flle besser, diese Entfernung zwischen ihn und seinen Vater zu legen. -- Mir ist ganz sonderbar zumute, wenn ich mir vergegenwrtige, wie es werden wird. Wenn er nicht zu mir will? Mglich wre auch das. Wie soll er diese so pltzlich aufgetauchte Mutter lieben? Aber er ist noch jung, ist aufnahmefhig fr alles Neue und Absonderliche. Lou ist fnfzehn Jahre und er achtzehn. -- Achtzehn Jahre! Was hatte ich mit achtzehn Jahren schon alles hinter mir! -- -- * * * * * Die Groeltern gehen mit sonderbar vorwurfsvollen Blicken einher. Sie scheinen nicht mit meinem Tun zufrieden. -- Bis zu seinem zehnten Jahre ist der Knabe hier bei ihnen gewesen. Ich glaub' es wohl, da sie ihn ungern hergegeben haben, da sie nur das Wohl des Knaben im Auge hatten. Sie knnen mich nicht begreifen, da ich ihn nicht dort lasse, wo nach ihrer Meinung sein rechter Platz ist. Sind es nur Rachegefhle, die mich leiten? Gilt mir das Wohl meines Kindes nicht in erster Linie? Wenn ich ganz wahr gegen mich sein will, so wei ich es selbst nicht einmal. Ich will mein Kind haben, will es umarmen, herzen, kssen, und frchte mich doch vor diesem Augenblick. Das aber wei ich gewi, da mich ein wohliges Gefhl beschleicht, wenn ich an den Schmerz denke, den ich dem Vater dieses Kindes zufge. * * * * * Lou will im Walde bleiben, bis alles fertig zur Abreise ist. Mich trgt mein Wagen schnell zur Stadt; es ist schn, so schnell zum Ziele zu kommen. Ich lehne mich im Wagen zurck und lasse meine Augen ber die alten, vielhundertjhrigen Bume gleiten. Es trumt sich gut unter euch. Und du wirst still und friedlich ruhen, mein treuer Freund. Ich aber will dir noch jetzt den Mann erziehen, den du dir fr deine Werke so oft gewnscht hast. -- * * * * * Die Dmmerung zieht herauf. Die Stimmen der spielenden Kinder tnen von der Strae zu mir ins Zimmer. Selige Tage der Kindheit. So gut es meine Lou hat, etwas hat sie nicht kennen gelernt. Diese wundervollen Spiele an lauen Sommerabenden, wenn jeder Augenblick vorm Zubettgehen noch im Spiel mit den Nachbarskindern ausgenutzt wird.-- Auch Millionre knnen ihren Kindern nicht alles geben. -- -- * * * * * Nun ist alles erledigt. Ich bin wieder im Walde und erwarte nur noch meinen Jungen. Grovater ist gestern hingefahren, ihn zu holen. Schnewald hat an ihn geschrieben, es ginge ber seine Kraft, selbst den Jungen aus seinem Hause zu bringen. Ich will es glauben, es ist vielleicht auch besser so. Grovater kann ihn wenigstens etwas vorbereiten unterwegs. Und Lou? Ich mu es ihr endlich sagen, da sie einen Kameraden bekommt, einen Bruder! Wird es mir doch zu schwer, das rechte Wort zu finden -- -- * * * * * Nun ist es gesagt! Sie ist doch noch ein rechter Kindskopf. Sie freut sich! Freut sich unbndig ber den Bruder, und fragt nicht nach dem Wie und Wo. Schon immer hat sie sich einen Bruder gewnscht, mit dem sie Spaziergnge und Streifzge unternehmen knne. Es ist gut so. Spter, wenn sie vernnftiger ist, werde ich es ihr besser erklren knnen. * * * * * Nun ist er da! Mein Junge! Mein groer, schner Junge! Ach, ich bin doch glcklich. So hatte ich ihn mir nicht vorgestellt, so gro und hbsch. Ein rechter Herr schon! Ach, und gottlob nichts, aber auch gar nichts von dem, was ich gefrchtet. Sein Aussehen ruft mir keine unangenehmen Erinnerungen wach. Dunkelbraunes Haar, schne Nase, etwas gebogen, und prchtige, dunkle Augen. Aber so scheu, so ungelenk ist der groe Bursche, immer und immer wieder guckt er sich die neue Mutter an. -- Ich war ganz aufgeregt. Ich habe gelacht und geweint, und all meine Ruhe war verflogen. Htte ich ihn doch schon frher gehabt, meinen Jungen! Wird er sich jetzt noch an mich gewhnen? Frher? Aber ich vergesse ja ganz, da mein Mann von der Existenz dieses Kindes gar nichts htte wissen drfen. So war es also gerade die rechte Zeit. -- Ja, ja, ich finde mich durch mein eigenes Leben bald nicht mehr hindurch. * * * * * Morgen reisen wir ab. Ich freue mich diesmal sehr auf die Reise. Die letzten Tage waren unertrglich. Der Knabe ist mir fremd, und alle meine Annherungsversuche waren erfolglos. Noch ist kein gemeinsames Band zwischen uns. Nur mit Lou ist er bereits gut Freund. Doch ist wenigstens sein Name mir vertraut. Sie haben ihm Grovaters Namen gegeben. Konrad, ein schner Name, und so echt deutsch. Und ich will seinen Trger zum Amerikaner machen! Ob es mir gelingen wird? Ich hoffe es, ist er doch noch jung. -- Ich glaube berhaupt, es ist in erster Linie die Freude an der Reise, an dem Unbekannten, die ihn bewogen hat, so rasch und widerstandslos einzuwilligen. Steckt doch in jedem jungen Menschen der Hang zum Abenteuerlichen. Mag es sein, ich mu es hinnehmen. Spter, im steten Umgang, und drben, wo er ganz auf mich angewiesen ist, werden wir schon das heimliche Band finden, das uns verbindet. Es mu gelingen! Es war mir ein unertrglicher Gedanke, die Fabrik und die groen Viehzchtereien in fremde Hnde zu legen, wenn ich einmal gehe. -- Lou? Sie wird heiraten, und ich mchte ihr keinen Mann aufzwingen aus Rcksicht aufs Geschft. Ergibt es sich von selbst, da sie eine passende Heirat macht, dann um so besser; es ist Platz fr zwei Herren. -- Auch die groen Weideflchen brauchen Aufsicht, und wir knnten etwas mehr Ruhe walten lassen. Aber Ruhe in Amerika, und noch dazu in einem Geschft -- das ist beinahe ein Ding der Unmglichkeit. Es wre deshalb doppelt gut, wenn die Arbeit geteilt wrde. -- * * * * * Auf See. Wieder einmal die goldene Klarheit eines schnen Herbsttages auf See. Die Luft ist mild und wunderbar rein. Erquickende Tage, erquickende Nchte, noch einmal ist es eine Zeit fr mich, von der ich sagen kann, das Leben ist doch lebenswert. -- Der Kinder wegen nehmen wir die Mahlzeiten im groen Salon, was wir in den letzten Jahren wegen meines Mannes Krankheit nie getan haben. Die schn geschmckten Tische, der Luxus der Ausstattung, die harmonisch abgestimmten Farben, das ist stets wie ein Fest. Wir sitzen am Kapitnstisch, sind also bevorzugt, gewissermaen. -- Mein Junge kommt aus der Verwunderung gar nicht heraus. Er staunt noch immer die Annehmlichkeiten des Reichtums als etwas Unwirkliches an. Lou ist das gewhnt, sie nimmt es als selbstverstndlich hin. Was wohl der Kapitn und all die hohen Herrschaften sagen wrden, speziell der deutsche Gesandte Graf B., der mir gegenber sitzt, wenn ich ihnen verriete, da ich vor nun sechzehn Jahren auf genau solchem Schiff als Stewarde ttig war? Das Geld ist doch eine groe Macht. -- -- * * * * * Ich kann mich nicht berwinden, ich mu auch diesmal wieder nach alter Gewohnheit des Abends ein Stndchen auf Deck. Heute abend traf ich Konrad, allein und auf meinem alten Pltzchen. Es berhrt mich sonderbar; begegnen wir uns hier in einem Empfinden? Ich legte den Arm um ihn und sah ihm in die Augen. Heimweh? Armer Junge! Ich htte es mir denken knnen...... Nchstes Jahr gehen wir wieder nach drauen, mein Junge! Wenn du brav lernst, dann sollst du als Belohnung eine Europareise haben. Auch Lou wird gern wieder mitgehen, meinst du nicht auch? Es leuchtete freudig auf in seinem von Trnen verdunkelten Blick. Ich selbst habe auch den Wunsch, schon nchstes Jahr wieder an mein geliebtes Grab zu eilen. Bin ich doch jetzt, durch die Umstnde gezwungen, viel zu frh fortgegangen. * * * * * Ich habe mich entschlossen, erst noch einige Wochen in New York zu bleiben. Es ist besser fr Konrad, er mu erst einigermaen die Sprache beherrschen. Wir haben schon unterwegs nur noch Englisch mit ihm gesprochen. Ich glaube, es wird ihm leicht werden. Nur mu er einen tchtigen Lehrer haben. Wir beide, Lou und ich, wir sind nicht energisch genug. Wenn er es gar nicht verstehen kann, dann sprechen wir doch immer wieder Deutsch. Am besten ist es aber, wenn er berhaupt kein Wort Deutsch mehr hrt. Ich werde den Doktor aufsuchen, er wird mir raten. -- * * * * * Nun bin ich doch schon zu Hause. Aus den Wochen in New York sind nur einige Tage geworden. Aber ich bin allein mit Lou, denn Konrad ist in New York geblieben. Doktor Curtis hielt es fr das beste, und ich mu ihm recht geben. Htte ich doch auch nicht gedacht, da es sich so wunderschn einrichten liee. -- Doktor Curtis ist verheiratet, schon seit vierzehn Jahren. Er hat eine liebe, kleine Frau und ein Tchterchen, das an Ausgelassenheit meiner Lou nichts nachgibt. Ich habe ihn in alles eingeweiht, was Konrad betrifft. Und er meint, da es auf alle Flle besser ist, wenn der Junge erst noch einige Zeit fr sich hat. Eine Zeit des Besinnens, der Einkehr. Er wchst auch leichter in das Fremde hinein, das ihn dort erwartet, wenn er die Sprache schon einigermaen beherrscht. -- Ich bin zuweilen voller Hoffnung fr die Zukunft, zuweilen bin ich wieder ganz mutlos. -- Und doch -- war der Abschied von meinem groen Jungen nicht ganz vielversprechend? Kann ich mehr verlangen? -- -- Ich will arbeiten, dann vergehen die Grillen. Zu lange hat der Herr gefehlt, ich mu viel nachholen. -- Nach dem Westen will ich erst, wenn Konrad hier ist, es soll mein erstes Alleinsein mit ihm werden. Lou mu diesmal in Chikago bleiben, obgleich sie fr ihr Leben gern in den Ranchos herumwirtschaftet; sie mu diesmal verzichten. Ich mu die Gelegenheit wahrnehmen, um endlich das Vertrauen meines Jungen zu gewinnen. -- Auch im Betrieb habe ich bereits vorgearbeitet. Den alten Thomas habe ich ins Vertrauen gezogen. Es schien mir, als ob er im Anfang etwas verstimmt sei, doch es wird sich geben, er ist ein treuer Diener. Auch ihm ist am letzten Ende _ein_ Herr lieber als mehrere. Und was wre uns schlielich weiter brig geblieben als eine Aktiengesellschaft? Denn ganz will ich meine Krfte nicht aufreiben und ich mchte auch gern endlich an die Verwirklichung meiner lange gehegten Plne gehen. -- * * * * * Nun ich allein bin, komme ich erst wieder so recht zu mir selbst und denke die letzten Monate noch einmal in Ruhe durch. Der Tod meines Mannes -- es ist, als ob schon eine Ewigkeit seitdem verflossen wre. Zuweilen bin ich ber mich selbst verwundert, da mich das alles nicht tiefer getroffen hat. Gewi, es war mir sehr schmerzlich, es hat sehr wehgetan, ein Stck meines besseren Ich ist von mir gegangen. Und doch -- ich meine, andere Frauen empfinden viel tiefer, sind viel untrstlicher. Ich glaube, in mir ist eine Saite zerbrochen, die nie mehr klingen kann. -- Es ist schade, man wird so hart und liebt die Menschen so wenig. Die Menschheit im allgemeinen will ich damit sagen -- denn im besonderen habe ich einige recht innig in mein Herz geschlossen. Und doch mu ich noch zufrieden sein. Denn besser hart und kalt als untergehen im Sumpf. -- * * * * * Ich habe eine lange Pause in meinen Aufzeichnungen gemacht. Monate sind seitdem vergangen, nun bin ich mit Konrad im Westen. Ich freue mich ber meinen Entschlu, hier geht das Herz des Jungen so recht auf. -- Heimweh und Fremdheit sind verschwunden, das Kind hat sich zur Mutter gefunden. Wenn wir abends nach stundenlangem Umherstreifen mde und hungrig in unser Blockhaus kommen, wo uns ein einfaches, aber leckeres Mahl erwartet, dann sind wir so glcklich, da wir mit keinem Knige tauschen mchten. Am meisten freut sich Konrad ber die schne Bchse, die ich ihm geschenkt. Er ist schon so gebt und ein so passionierter Jger, da ich manchmal glaube, er wrde am liebsten immer hier bleiben. Aber das geht nicht. Chikago bleibt vorlufig die Hauptsache. Nur manchmal einige Wochen der Erholung hier im Westen, das will ich ihm versprechen. -- * * * * * Ein Jahr ist Konrad nun schon bei uns, und, Gott sei Dank, er scheint nicht mehr nach Hause zu denken, wenigstens sagt er nie etwas davon. Wir kommen sehr gut miteinander aus. Natrlich ist das Verhltnis nicht so, wie zwischen mir und Lou, das kann ich auch nicht verlangen, aber ich darf zufrieden sein. -- -- * * * * * Heute kam ein Brief vom Grovater mit einer Einlage, einem amtlichen Schriftstck. Konrad mu Soldat werden. Wer htte daran gedacht? -- Was nun? Ich will zum Konsul gehen, er wird mir helfen. -- -- * * * * * Es ist alles nicht so schlimm. Der Junge hat zum Glck sein Einjhrigenzeugnis, braucht also nur ein Jahr zu dienen. Er lt sich nun noch vorlufig zwei Jahre zurckstellen und fhrt dann im August oder September hinber, damit er im Oktober eintreten kann. Er ist jetzt neunzehn Jahre, also auch noch jung genug, wenn er mit zweiundzwanzig Jahren wieder zurckkommt. Es ist gut, da er als Einjhriger dienen kann; im anderen Falle htten wir doch wohl vorgezogen, nicht auf die Zuschrift zu antworten. Besser ist es natrlich so, dann ist ihm wenigstens spter der Aufenthalt in Deutschland zu jeder Zeit gestattet. Lou macht die Sache am meisten Spa. Es ist ihr ganz was Neues, da ihr Bruder Soldat sein soll, und sie will ihn durchaus besuchen whrend seiner Dienstzeit. Dieser Wunsch soll ihr erfllt werden. Nach Ablauf seines Dienstjahres werden wir uns unseren Jungen wieder holen. Schon lange habe ich Sehnsucht nach dem stillen Pltzchen unter den dunkeln Tannen. Nur die Arbeit hlt mich zurck. -- * * * * * Zwei Jahre spter. Nun ist Konrad schon seit Wochen fort, und wir merken beide so recht, wie sehr wir ihn lieben, wie sehr er uns fehlt. Sogar der alte Thomas sthnt zuweilen und sagt: Wenn doch der junge Herr erst wieder hier wre! He is the smartest young chap, I ever saw. -- Das will gewi viel sagen. -- * * * * * Den 10. Juli. Wir sind schon auf der Reise, wir knnen es gar nicht mehr erwarten, wir mssen unsern Jungen besuchen. Lou zumal lie keine Ruhe mehr. I should like to see the boy in this funny uniform ist ihr stndiger Ausspruch. Er dient in Hannover, und ich freue mich, die Stadt bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen. -- * * * * * Meine Lou ist eine erwachsene junge Dame geworden, und ich habe es beinahe nicht bemerkt. Es wird mir schwer, mich darein zu finden, fr mich ist sie noch immer das Kind, mein kleiner Liebling, mein Wildfang. -- Aber was hilft es mir? Sie ist neunzehn Jahre, und ich denke mit Schrecken daran, da eines Tages ein Mann kommt und sie mir fortnimmt. Elternlos! Man zieht die Kinder fr andere gro, um im Alter einsamer zu sein als je zuvor. -- Ich werde in Cherbourg den Dampfer verlassen und mich einige Wochen in Paris aufhalten. Wir mssen neue Kleider haben, damit mein Junge mit seiner Schwester Staat machen kann. Und fr Lou will ich eine gewandte Zofe engagieren, die auch mir etwas behilflich sein kann. Meine alte Hannah wird zu steif, ich konnte sie diesmal gar nicht mitnehmen. Ich mu die alte, treue Seele sowieso etwas entlasten. Wenn wir nach Hannover kommen, mu Lou als vollendete Dame auftreten, und diese Franzsinnen verstehen ihr Geschft. -- -- * * * * * Das Wiedersehen zwischen Konrad und uns beiden war sehr herzlich. Gott sei Dank, der Junge hat mich doch lieb! Kein Gedanke daran, da er wieder in Deutschland bleiben mchte, wie ich oft im stillen befrchtet. Nun kann ich ruhig sein, dies war der Prfstein. -- Wir haben es gut getroffen. Das Regiment, bei dem Konrad dient, hat irgendeine Gedenkfeier. Es gibt allerlei Festlichkeiten und Auffhrungen, und Konrad freut sich, seine schne Schwester berall zeigen zu knnen. -- Lou ist natrlich ganz Feuer und Flamme. Ich selbst bin davon weniger erbaut, doch ich mu dem Kinde auch etwas gnnen; habe ich doch drben viel zu zurckgezogen gelebt. Ich wollte Lou recht lange ihre Kindheit erhalten. Wenn ich daran denke, was ich in dem Alter hinter mir hatte, dann berluft's mich hei und kalt. War ich denn das wirklich? Ich wollte, es wre ein Traum gewesen. -- * * * * * Konrad ist befrdert worden. Ich verstehe nicht viel davon, aber hier scheinen sie ja groes Gewicht auf diese Auszeichnung zu legen. -- Es hat wenig Zweck, aber mag es sein, den Jungen freut's. -- * * * * * Alle die Einladungen und Festlichkeiten habe ich gestern mit einem Diner im Bristol erwidert. Einige Kameraden, die Konrad besonders nahegetreten waren, einige Offiziere des Regiments mit ihren Damen und sogar der Herr Oberst waren erschienen. -- Wir sind ja Amerikaner, und anscheinend schweben unsere paar Millionen tausendfach vergrert um uns. Ich knnte mir sonst die bergroe Liebenswrdigkeit von allen Seiten nicht erklren. Alles ist sehr gut gelungen. Der Wirt hatte alles aufgeboten, da ich ihm in pekunirer Beziehung keinerlei Beschrnkung auferlegt hatte. -- Und doch bin ich verstimmt heute. Lou ist wie ausgewechselt in den letzten Wochen. Ich frchte, ich frchte, es hngt mit dem Oberleutnant von Foltmer zusammen. -- -- In aller Frhe schon kam ein Strau dunkelroter Rosen. -- Ich wei, was diese Rosen fr eine Sprache reden. Mir rufen sie die Jahre der Vergangenheit mit Allgewalt zurck. Lou selbst wurde wie ein Rschen so rot. Es ist Zeit, da wir abreisen, ehe es zu spt ist. -- Htte ich nur nicht versprochen, noch zu dem Feste zu gehen, das der Oberst nchste Woche auf seinem Gut in Wolfshagen geben will. -- Es ist nur dreiig Minuten von Hannover, und es werden sehr viele aus der Stadt dasein. Gewi auch dieser Foltmer. Er scheint ja ein ganz netter Mensch zu sein, aber er sollte sich nicht um meine Lou kmmern, dann wre er mir noch viel angenehmer. Auf alle Flle werden wir nach dem Fest gleich abreisen. Ich will das Glck meines Kindes; doch es wre mir lieber, wenn sie es jenseits des groen Wassers finden wrde. -- -- * * * * * Meine Befrchtungen waren nicht unbegrndet. Und der Herr Oberst oder vielmehr seine Gattin scheinen mit den Wnschen des jungen Offiziers vertraut zu sein. Schon als er Lou den Arm bot, um sie zu Tisch zu fhren, sah ich, wie es in ihren Augen aufleuchtete. Bei Tisch konnte ich wenig von ihr sehen; da mich der Oberst zu Tisch gefhrt, war ich ziemlich weit von ihr entfernt. Als aber die Tafel aufgehoben war, und ich sie zuerst wiedersah, da strahlten ihre groen Augen wie zwei Sonnen. Glckliches Kind! -- -- Ich kam einen Augenblick in Versuchung, den Leuten da zuzurufen, _wen_ sie als hochgeehrten Gast hier in ihrer Mitte hatten. -- Schrecklich! Da mir in den schnsten Augenblicken meines Lebens immer wieder diese Gedanken kommen. Es ist wie ein unertrglicher Zwang. -- -- * * * * * Lou schlft noch, doch ich sitze schon seit Stunden hier am Fenster. Wir wollen mit Schlu dieser Woche abreisen. Einen Platz auf dem Dampfer habe ich bestellt, wir werden uns aber erst in Cherbourg einschiffen, um vorher noch ein oder zwei Tage fr Paris zu haben. -- * * * * * Doch schon zu spt! Als Lou erwachte, flsterte sie mir verschmt ins Ohr, da Oberleutnant Foltmer mir heut' frh einen Besuch machen wolle. -- Also doch! Und so rasch! Das lag nicht in meiner Berechnung. Soll ich alles widerstandslos gehen lassen, wie es will, oder soll ich ihn gar nicht empfangen? Doch nein, das darf ich nicht tun. Will ich denn nicht das Glck meines Lieblings? Darf ich es ihr wehren, wenn sie es an der Seite dieses Mannes zu finden hofft? Ich werde mich eines Tages damit abfinden mssen, da sie von mir geht. Nicht fr uns erziehen wir unsere Kinder. -- Aber es ist trotzdem so schwer, auch wenn ich es mir tglich vorsage. Ich will mich nicht unntz qulen, ich will abwarten, was mir der Oberleutnant zu sagen hat. Es wre ja immerhin mglich, da ich mich irre. Und doch -- Lou war sonst so ganz anders. Das Kindliche, das harmlos Frhliche ist verschwunden, das Weib in ihr ist erwacht. Ich werde trotz alledem sehr vorsichtig sein. Ich werde mich nicht berrumpeln lassen. Ich mu wissen, ob der Charakter dieses Mannes Garantien bietet. Ist es nicht auch mglich, da die berseeischen Reichtmer ihn locken? Man sagt, da Offiziere viel Geld gebrauchen knnen. -- -- * * * * * Meine Lou ist so glcklich, anscheinend ist der Oberleutnant ein tchtiger Mann; er ist selbst sehr wohlhabend, da fllt wohl von selbst der Gedanke fort, ihn fr einen Mitgiftjger zu halten. Er ist der Sohn eines Groindustriellen, der erst neuerdings geadelt worden ist. Ich freue mich, da er aus denselben Kreisen stammt wie Lou; es pat besser als wenn er der Abkmmling irgendeines verarmten, feudalen Geschlechts wre, um nun mit den Millionen seiner Frau sein Wappen neu zu vergolden. Nur da ich mein Kind in Deutschland lassen soll, das wird mir schwer. Ob Foltmer gern Soldat ist? Ob er sich vielleicht entschlieen knnte, die glnzende Uniform auszuziehen? This funny uniform, jetzt sagt's der Schlingel nicht mehr. -- * * * * * Mit der Abreise ist es nun doch nicht so schnell gegangen. Wir haben erst noch einen Besuch bei Foltmers Eltern gemacht. Ich bin mit einigem Widerstreben hierhergegangen, konnte aber auch keinen triftigen Grund fr eine Ablehnung finden. -- Mit offenen Armen, uerst liebenswrdig hat man uns aufgenommen. Sonderbar, lebten wir hier in Deutschland, so wre gewi des Fragens kein Ende gewesen nach der Familie, der Herkunft und so weiter. Nun wir aber Fremde sind, fragt man uns nicht. Ich bin, trotzdem ich nie wieder fr immer in Deutschland leben mchte, im Herzen gut deutsch geblieben, und da verdriet es mich doch manchmal, da der Deutsche alles, was aus dem Ausland kommt, als etwas Besonderes ansieht. -- Im brigen freue ich mich doch, hierher gekommen zu sein. Wenn der Betrieb auch nicht an die amerikanischen Verhltnisse heranreicht, so mu ich doch gestehen, da ich gestaunt habe ber die Einrichtungen, deren endgltige Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Aber die Automobilfabrikation ist hier ja auch noch lange nicht so weit wie drben bei uns. -- -- Der Abschied des Brautpaares war recht schwer. Ich habe mich tglich mehr davon berzeugt, da mein Kind wirklich von Herzen um seiner selbst willen geliebt wird. Was bei diesem lieben, sonnigen Geschpf ja auch kein Wunder ist. Am liebsten htte Foltmer schon jetzt geheiratet. Aber da war ich unerbittlich. Ein Jahr mssen sie noch warten. Es wre berhaupt mein grter Wunsch, da Foltmer erst einmal zu uns nach Chikago kme, vielleicht liee er sich dann dazu bewegen, seinen Abschied zu nehmen. Wir werden sehen. -- -- -- Nach einem kleinen Abstecher in die Heimat zu den Groeltern wollen wir am 28. Oktober mit dem Kaiser Wilhelm wieder nach New York. -- -- * * * * * Es ist wie ein Verhngnis auf dieser Reise. Nicht allein, da mein Liebling, meine Lou, mich verlassen will, hat sich jetzt auch Konrad noch verlobt. Und gerade jetzt, wo ich mich so gefreut habe ber seine Heimkehr. Eigentlich habe ich mir schon in Deutschland Gedanken gemacht ber Konrads Sehnsucht nach Amerika, die mir, offen gestanden, etwas unnatrlich war -- nun habe ich die Erklrung dafr. -- Helen Curtis war der Magnet. Helen, das Tchterchen meines alten Freundes. -- So leid es mir einerseits tut, da ich den Jungen, den ich so spt erst gefunden, nun schon wieder an eine andere verlieren soll, so sage ich mir doch auch, da es sich gar nicht glcklicher htte gestalten knnen. Schon damals, als Konrad im Hause des Doktors gewesen ist, haben sich die ersten Anzeichen der jungen, knospenden Liebe bemerkbar gemacht. Im vergangenen Jahre, ehe er nach Deutschland fuhr, um seiner Militrpflicht zu gengen, war er noch einige Tage als Gast am Madison Square, und schon damals haben die beiden sich ausgesprochen. Doktor Curtis ist sehr zufrieden. Er setzt groe Hoffnungen in Konrads Knnen und ist berzeugt, da er noch einmal einer der ersten Mnner unserer Industrie sein wird. -- Schon im Frhjahr mchte Konrad heiraten. Mir ist es etwas zu rasch, aber der Doktor meint, allzu langes Warten sei nicht nach seinem Geschmack. Wenn ich aber triftige Grnde habe, so wolle er sie selbstverstndlich respektieren. Die habe ich nicht, und ich knnte mir auch keine Liebere als Ersatz fr meine Lou wnschen als die zierliche, blonde Helen. -- * * * * * Es gibt Arbeit daheim, und das ist gut. Wenn Konrad heiraten will, so mu ich zuvor genau wissen, was ich Lou als der Tochter ihres Vaters schuldig bin. Mein Gerechtigkeitsgefhl lt es nicht zu, da ich meinen Sohn, der doch meinem Gatten vllig fremd war, als seinen Erben hier hinsetze. Ich habe mit Thomas darber gesprochen, und er billigt meine Ansicht vollstndig. Ist mir doch sogar, als ob er seit der Zeit merklich wrmer gegen Konrad sei. Ich habe immer das Gefhl gehabt, als empfnde er es als ein Unrecht gegen Lou, da ich Konrad als zuknftigen Herrn hierhergebracht habe. -- Der gute Alte! Ich habe selbst zu viel Unrecht erlitten, um leichtsinnig mit den Rechten anderer zu spielen. Lous Anteil soll ihr ungeschmlert werden, und nur das, was mein Rechtsanteil an dem Vermgen meines Mannes ist, soll die Basis bilden, auf der Konrad weiterbauen kann. Habe ich mich nicht in ihm getuscht, so wird er ganz im Sinne meines Mannes weiterarbeiten und wird in nicht zu ferner Zeit auf eigenen Fen stehen knnen. Vier bis fnf Jahre werde ich noch allein Herrin der Werke bleiben, bis dahin wird es sich gezeigt haben, ob ich mich ohne Sorgen zur Ruhe setzen kann. -- VIII. Ans Werk. New York, Dezember 1906. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer. Das Haus ist still, wie ausgestorben. Nach Jahren halte ich mein altes Tagebuch wieder einmal in den Hnden. Erinnerungen! Die lieben Gste der Einsamkeit. Sind es auch mir liebe Gste? Sie sind es! Aus vollem, aufrichtigem Herzen kann ich es sagen. Die Einsamkeit, die viele Menschen lastend empfinden, mir ist sie eine Erholung; ein kstliches Insichselbstversenken. -- Auch die bsen Erinnerungen meiner frhesten Jugend schrecken mich nicht mehr, obgleich es ein kstlich Ding sein mu, beim Rckblick auf die durchwanderte Strecke nur Gutes und Schnes zu sehen. Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl wenigen beschieden, nur Rosen im Garten des Lebens zu pflcken. -- Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Gromutter stand -- und sie mir sagte: Du hast alles wieder gut gemacht, mein Kind, da habe ich mich sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde tat mir wohl. * * * * * Auch ich selbst habe das Bewutsein, da ich vor dem strengsten Richter bestehen knnte, wenn die Abrechnung kommt. -- Ich wohne nun in New York und widme mich ganz meinen schon lange gehegten Lieblingsplnen, der Bekmpfung des Mdchenhandels. -- Wo fnde sich ein dankbareres Feld als gerade hier? Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig Entgegenkommen von Seiten der Behrden, besonders der Polizei. -- Ich wei nicht, wie schlimm es in anderen Grostdten ist, ich wei nur, da es hier sehr schlimm ist. Ich habe jetzt gelernt, da da, wo ich einst war, noch der Himmel unter diesen Hllen ist. Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the Stovepipe und wie diese entsetzlichen Orte alle heien, hat mir gezeigt, wie schlimm ich es htte treffen knnen. Frchterliche Zustnde herrschen auch in den sogenannten Teehusern des Chinesenviertels. Das sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwchsige Kinder hinverschleppt werden. Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie wieder den Weg zurck.-- Mit einem zuverlssigen Detektiv als Fhrer, in einen Herrenmantel gehllt, habe ich selbst es gewagt, in ein solches Haus zu gehen, in dem kein Mensch ohne das bestimmte Pawort Einla findet. Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen engen, schmutzigen Hof. Am Ende des Hofes stiegen wir eine steile Treppe hinan und kamen in einen schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel war; nur am Ende brannte eine gedmpfte rote Ampel. Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel brannte, muten wir um eine Ecke biegen und anscheinend denselben Weg zurckgehen. Dann, nach einer kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor einer schweren eichenen Tr. In ungefhr Kopfhhe war eine kleine Klappe in der Tr, nicht grer als zwanzig Zentimeter im Geviert. -- Ich klopfte und wartete. Da ffnete sich geruschlos die Klappe, ein verwittertes Gesicht mit scharfen, stechenden Augen wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sich die ffnung schon wieder geschlossen. Lassen Sie mich einmal klopfen, flsterte mein Begleiter, dieser Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat sofort gemerkt, da Sie ein Fremder sind. Ich trat zurck und lie ihn vortreten. Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde hrbar, die Klappe flog auf, einige leise geflsterte Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich die schwere Tr lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir standen in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick gar nichts unterscheiden konnte. Ein ungewisses Dmmer herrschte, und ich hrte nirgends einen Laut. -- Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen, flsterte mein Begleiter. Man ist hier sehr vorsichtig. Dafr bieten diese Huser aber auch, was man an keinem Platze der Welt schner haben kann. Hier findet jeder seine Rechnung. Sogar der -- -- Ein Gerusch lie ihn verstummen. Wir drehten uns nach der Seite, ein blagrner Vorhang ging auseinander, und dahinter, auf schwellendem Diwan, wie aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen ein Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte die Arme nach uns aus. Ich wollte darauf zutreten um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter hielt mich zurck. Warten, flsterte er, es kommt noch besser. Und es kam besser. -- Die armen Wesen! Ich bin gewi, nicht ein einziges von all den armen Kindern hat gewut, was man mit ihm vorhatte, wohin man es bringen wrde. Das alte Lied, das alte Leid. -- Wir verlieen das Haus auf einem anderen Wege, nicht ohne vorher fnfzig Dollars fr den Besuch bezahlt zu haben. Die ganze Einrichtung dieser Huser lt unschwer erkennen, da es vollstndig ausgeschlossen ist fr jemand, der wider seinen Willen darin festgehalten wird, zu entkommen. Auch die Polizei wrde nie etwas anderes finden, wenn sie wirklich suchen wrde, als eine harmlose Teestube im unteren Stock. Alles, was nicht gesehen werden soll, wird ber die Leiter entfernt. Aber der Polizei ist all dies bekannt! Es ist ihr bekannt, da gerade diese Pesthhlen in Chinatown das Schlimmste sind, was es in diesem Genre geben kann. Und doch werden sie geduldet. * * * * * Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch noch einmal durchgelesen und, obgleich mein Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern fliet, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen Ausfhrungen zu: Da ein Hauptteil der Schuld an den unseligen Verhltnissen auf dem Gebiete der Prostitution auf Seiten des Mannes liegt. -- Die Konjunktur richtet sich hier, wie berall, nach Angebot und Nachfrage. Hier allein liegt der Kern des bels. Wrden die Mnner jene Huser nicht so frequentieren, so wre ihre Existenzmglichkeit stark beschrnkt. Der Mdchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur, mte naturgem von selbst aufhren. -- Nun habe ich so oft die Entgegnung hren mssen: der Mann kann nicht anders, er mu in diese Huser gehen, will er nicht seine Gesundheit arg gefhrden. Zugegeben, dem wre so, warum heiratet er nicht, wenn er nicht ohne geschlechtlichen Verkehr leben kann? Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der Herren, da auf Kosten ihres Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genusucht, die andere Hlfte der Menschheit Opfer bringen mu? Wer fragt die unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen Verkehr ntig hat? Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoen aus der Gesellschaft, wenn sie ihren Sinnen gehorcht. Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann volle Berechtigung hat.-- Aber angenommen, man knnte wirklich nicht ohne ffentliche Huser auskommen -- was ich, wie gesagt, bestreite -- so wre es immerhin das Beste und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie verstaatlicht wrden. Man komme nicht mit Einwnden, da es nicht geht. Es geht alles! Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. -- Natrlich mten internationale Abkommen getroffen werden, deren wir ja auf allen anderen Gebieten bergenug haben. Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau handelt, um die eigentliche Trgerin der Zukunft, da ist man lssig. Wrden alle, aber auch alle derartigen Pesthhlen pltzlich aufgehoben, und diejenigen, die freiwillig ihren Krper den Lsten des Mannes zur Verfgung stellen wollen, in staatlich verwaltete Huser gesteckt, wo es keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie Getrnke geben drfte, man wrde staunen, wie sehr die Unsittlichkeit abnehmen wrde. Hier allein wre der Weg fr die Regierungen, um Abhilfe zu schaffen. Dem Mdchenhandel wre damit ein fr allemal der Nhrboden entzogen. Warum wird dieser Weg nicht beschritten? * * * * * Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein treuer Helfer in meinen Bestrebungen. Er findet da, wo die Frau nur verschlossene Tren finden wrde, immer noch einen Weg. Der grte Erfolg unserer Bestrebungen, die Aufhebung eines der schlimmsten Nester -- des sogenannten Katzenkellers in der unteren Bowery -- ist sein Werk. Wenn die Mchtigen dieser Erde lssig sind, so mssen die Frauen sich selbst helfen, sie mssen kmpfen fr diese rmsten der Frauen. * * * * * -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich erfllt. Ich habe die Mittel und auch die Zeit, mich jenen Unglcklichen zu widmen. Meine Kinder sind glcklich. Bei Konrad durfte ich im vergangenen Frhjahr das erste Enkelchen bei der Taufe halten, und auch mein Liebling, meine Lou, die eine prchtige deutsche Offiziersfrau ist, hat bereits einen Jungen und ein Mdchen. -- Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine Kraft und meine Zeit ungehindert den Unglcklichen widmen, die mich ntig haben. Wir leben in einer Zeit, in der man von berkultur redet. Die Nordstaaten haben Millionen geopfert, um die Neger zu befreien. In den Augen der humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei eine Schande. Was aber sind die allein hier in New York lebenden 35000 unglcklichen Geschpfe anderes? Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser als sie. Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgrnde menschlicher Schwchen versenken. Mein ganzes Blut emprt sich gegen das unheilvolle System. Nur das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam mssen sie vorgehen gegen diese Schurken, die sich in so unerhrter Weise gegen die heiligsten Gter der Menschheit versndigen. Die da Wucher treiben mit Krper und Seele ahnungsloser Geschpfe. -- Denn sie gehren ja doch zu uns, diese Armen -- trotz alledem und alledem. -- -- _Ende._ Druck: Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin SW 48 -- Zossen (Mark) F. FONTANE & Co., BERLIN/DAHLEM (Post Grunewald) ------------------------------------------------ AMERIKA-LITERATUR ------------------------------------------------ =Kurt Aram:= =Mit 100 Mark nach Amerika= Ratschlge und Erlebnisse Ausg. A. (mit einem Katechismus fr Auswand.) cart. M. 1.-- Ausg. B. Brosch. M. 3.--, gebund. M. 4.-- ------------------------------------------------ =Ludwig Max Goldberger:= =Das Land der unbegrenzten Mglichkeiten= VIII. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50 ------------------------------------------------ =Geh. Reg.-Rat Dr. Hintrager:= =Wie lebt und arbeitet man in den Vereinigten Staaten?= Nordamerikanische Reiseskizzen II. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50 ------------------------------------------------ =Orla Holm:= =Aus Mexiko= Reisebriefe Brosch. M. 3.50, geb. M. 5.-- ------------------------------------------------ =Wilhelm von Polenz:= =Das Land der Zukunft= (Was knnen Amerika und Deutschland von einander lernen?) VIII. Aufl. Brosch. M. 4.--, geb. M. 5.-- =Dasselbe Werk auch in englischer bersetzung= ------------------------------------------------ =Ernst von Wolzogen:= =Der Dichter in Dollarica= IV. Aufl. Brosch. M. 5.--, geb. M. 6.50 =Was Onkel Oskar mit seiner Schwiegermutter in Amerika passierte= VII. Aufl. Brosch. M. 1.--, cart. M. 2.-- ------------------------------------------------ Anmerkungen zur Transkription: Mit _ umschlossene Texte sind im Original "gesperrt" gedruckt, Umschlieungen mit = zeigen fett gedruckten Text an. Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt. Im Satz "Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sopha schlafen soll" "Sopha" gendert zu "Sofa" (wie andernorts im gleichen Buch) Im Satz "Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine berflssigen Sachen verkaufen und als Passagier mit der Nirvana zurckkommen." "Nirvana" gendert zu "Nirwana" (wie andernorts im gleichen Buch) Im Satz "weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und geberdet..." ist "geberdet" als frher verwendete Schreibweise erhalten geblieben. End of the Project Gutenberg EBook of Seelenverkufer, by M. Gontard-Schuck License: Share Alike