Produced by Iris Schrder-Gehring, Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net [Illustration: Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf] [Illustration: Muhme Lenelies und ihre Freunde.] Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf [Illustration: Dekoration] Fnfzehn heitere Erzhlungen von Josephine Siebe Verfasserin der Oberheudorfer Buben- und Mdelgeschichten Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen von =Carl Schmauk= [Illustration: Wappen] _Stuttgart_ =Verlag von Levy & Mller= Nachdruck verboten. Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten. Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart. Inhalt. Seite Einleitung: Warum noch ein Buch geschrieben wurde 1 Ein Fastnachtsscherz 7 Vorsicht, Gespenster! 29 Es hat in der Zeitung gestanden 43 Ein kleiner Held 57 Das Hnengrab 76 Nachtwchter sein ist manchmal schwer 96 Schauspieler sind da! 114 Die schne Flickerin. (Ein Mrchen) 132 Das zornmtige Annchen 149 Wir wollen die Bahn! 164 Ein Wundervogel 176 Ferienarbeiten, und was manchmal daraus wird 195 Der unsichtbare Kaspar. (Ein Mrchen) 211 Traumfriedes Glck 229 [Illustration: Dekoration] [Illustration: Winter in Oberheudorf] Einleitung. Warum noch ein Buch geschrieben wurde. An einem Wintertag, an dem es drauen schneite und wehte, als htte der Winter Sehnsucht, ein paar erfrorene Nasen zu sehen, sa der Schullehrer von Oberheudorf in seinem Wohnzimmer und las seiner Frau aus einem Buche vor. Die Klte und der Sturm drauen kmmerten sie alle beide nicht, sie lachten einmal laut, einmal leise, und die Frau Lehrerin rief manchmal: Na, so etwas! und ihr Mann nickte dann und sagte vergngt zwischen Vorlesen und Lachen: Es stimmt, es stimmt! Wirklich, so ist es gewesen, ganz genau so! Einmal sahen beide auch traurig drein, und die Frau wischte sich verstohlen ein paar Trnlein aus den Augen, und dann wurden sie alle beide wieder vergngt und waren so eifrig zusammen, er beim Lesen und sie beim Zuhren und Strmpfestopfen, da sie gar nicht hrten, als es drauen klopfte. Erst als das Klopfen strker wurde, hrte der Lehrer auf zu lesen, und seine Frau ging und ffnete die Tre. Herein kam ein altes Weiblein, das hatte ein rotes Kopftuch um und ein so liebes, freundliches Gesicht, als wre die Sonne seine allerbeste Freundin. Die Lehrersleute riefen ihr auch recht vergngt entgegen: Ei, guten Abend, Muhme Lenelies! Das ist recht, da Sie sich mal sehen lassen. Sie kommen just auch gerade wie gerufen! Muhme Lenelies mute sich an den Ofen setzen, und die Hausfrau brachte ihr geschwind eine Tasse heien Kaffee und ein Stck Wecken, und als die Alte nun so recht vergngt und behaglich dasa, nahm der Herr Lehrer das Buch und las ihr etwas daraus vor. Da staunte aber die gute Muhme Lenelies. Sie schlug die Hnde zusammen und rief: Ih n, die Geschichte ist doch hier in Oberheudorf passiert, nu ganz gewi! Da mir mein Friede, mein Herzensjunge, in den Suppentopf gefallen ist, das mu ich doch wissen! Freilich, freilich, lachte der Lehrer und zeigte der alten Frau das hbsch eingebundene Buch. Da lesen Sie nur einmal! Ein bichen mhsam und stotternd buchstabierte die Muhme, denn es war schon lange, lauge her, seit sie in der Schule lesen gelernt hatte: Oberheudorfer Buben- und Mdelgeschichten. Was sagen Sie dazu, Muhme? Lauter Geschichten von unsern Buben und Mdeln stehen in dem Buch, rief die Lehrersfrau. Von Heine Peterle, wie er zum ersten Male in die Stadt gegangen ist, und von Schulzens Jakob, von den drei Frieden, von Annchen Amsee, Rse und Mariandel, selbst von Schnipfelbauers Fritz, diesem unntzen Strick, wird darin geschrieben. Und auch Sie kommen darin vor, Sie und Ihr Husel und mein Mann und ich und sogar, kaum zu glauben ist's, auch der Herr Schulrat. Jemine, jemine, rief die Muhme, so etwas ist mir in meinem Leben noch nicht passiert. Ein Buch, ein richtiges Buch ist ber Oberheudorf geschrieben worden? Potztausend noch mal, da wird ja unser Dorf bekannt werden wie ein bunter Hund oder wie die Schimmel von unserm Herrn Grafen, die auch jeder Mensch in der Gegend kennt. Pltzlich aber machte Muhme Lenelies ein ganz ngstliches Gesicht und fragte zaghaft: Aber liebste, beste Frau Lehrer, sagen Sie mir nur, kommt mein Husel auch sauber darin vor? 's wre mir doch zu schrecklich, wenn jemand sagen mchte, ich htte nicht reine gemacht. Na, wer sollte das wohl sagen? meinte die Lehrersfrau. Bei Ihnen sieht es doch immer blitzsauber aus, Muhme. Aber wissen Sie, die Geschichte, wie Ihre Ziege Friederike sich betrunken hat, steht auch im Buche. Du meine Gte! schrie die Alte entsetzt. Sie stellte in ihrer Verwirrung die Kaffeetasse neben die Bank,--plumps, lag die Tasse unten, und es gab eine kleine braune berschwemmung, worber die gute Muhme noch verlegener wurde. Sie stammelte tausend Entschuldigungen, und die Lehrersleute muten sie richtig trsten. Dann aber wollte Muhme Lenelies wissen, was fr Geschichten noch im Buch stnden, und der Herr Lehrer erzhlte und las vor, und alle drei staunten, lachten, freuten sich, schauten die Bilder an, und es war ihnen, als kmen so nach und nach alle Oberheudorfer Kinder hereinspaziert. Auf einmal sagte die Frau Lehrerin: Von dem Hnengrab steht doch nichts drin, und was die Mdel dabei fr eine Dummheit gemacht haben! Nein, erwiderte ihr Mann, die Geschichte fehlt. Ach, es fehlen berhaupt noch viele, viele Geschichten. Vom Theaterspiel ist nichts geschrieben worden und nichts davon, wie Heine Peterle und Schulzens Jakob Gespenster gesehen haben. Und die Geschichte fehlt auch, wie es dem Kohlbauern und unsern Kindern zu Fastnacht ergangen ist, rief die Muhme, und von dem Nachtwchter ist auch nichts erzhlt worden. Ein paar von Muhme Lenelies' Mrchen knnten auch noch drin stehen, meinte die Frau Lehrerin, die gefallen mir gerade so gut. Die Muhme wehrte bescheiden ab, aber der Herr Lehrer gab seiner Frau recht. Nachdenklich sagte er: Es gbe freilich ein sehr, sehr dickes Buch. Eigentlich knnte noch ein Buch geschrieben werden, Geschichten genug sind in den letzten Jahren in Oberheudorf passiert. Es passiert wirklich erstaunlich viel, rief Muhme Lenelies stolz. Ich sag's ja immer, unser Oberheudorf ist ein ganz besonderes Dorf. Wenn jemand angefangen hat, etwas davon zu schreiben, dann soll er es auch ordentlich tun, und wenn ich der Herr Lehrer wre, dann wte ich, was ich tte: Ich setzte mich hin, schrieb in die Stadt, dahin, wo das Buch gedruckt worden ist, es mchte geschwind jemand herkommen und noch alle die Geschichten aufschreiben, die hier nicht drin stehen. Muhme Lenelies hat recht, sagte die Lehrersfrau und go der Alten schnell die dritte Tasse Kaffee ein. Tu es doch, lieber Mann! Gefllt den kleinen Leuten in der weiten Welt =ein= Buch von Oberheudorf, so gefllt ihnen wohl auch ein zweites. Der Lehrer lachte herzlich; er nahm eine Feder, tauchte sie in sein Tintenfa und schrieb eins, zwei, drei den verlangten Brief. Er wird schon etwas ntzen, sagte die Muhme, stand auf und wickelte sich wieder fest in ihr Umschlagtuch, denn es war Zeit zum Heimgehen. Mit vielen Dankesworten nahm die Muhme Abschied. Den Brief versprach sie beim Wirt Kaspar auf dem Berge abzugeben, der fuhr am nchsten Morgen zur Stadt und sollte ihn dort zur Post bringen. Und Muhme Lenelies ging heim. An diesem Tage aber nahm der kurze Weg schier kein Ende, denn wen die alte Frau sah, wer nur seine Nase zur Haustr heraussteckte, der bekam geschwind die Geschichte von dem Buche zu hren. Alle staunten und freuten sich, waren stolz und sagten wie die Muhme: Hoffentlich gibt es noch ein zweites Buch! Wenn schon, denn schon. Von unsern Oberheudorfer Buben und Mdeln kann man wirklich noch mehr Geschichten erzhlen. [Illustration: Dekoration] [Illustration: Dekoration] Ein Fastnachtsscherz. Fr die Kinder von Oberheudorf gibt es mancherlei Feste, die Stadtkinder gar nicht kennen; freilich haben diese dafr auch Vergngungen und Freuden, von denen die Oberheudorfer kein Tipfelchen besehen. Denen nun war einer der liebsten Tage im Jahre der Fastnachtsdienstag. Potzwetter, ging es da lustig im Dorfe zu! Jeder Bube, jedes Mdel verkleidete sich, so nannten sie es wenigstens. Eins setzte sich einen Papierhelm auf, das andere eine aus bunten Flicken zusammengesetzte Narrenkappe oder zog gar ein Hanswurstrcklein an. Heine Peterle, den sie den Stdter nannten, weil er einmal hatte gern in die Stadt ziehen wollen, stolzierte immer als Knig auf der Dorfstrae herum. Er besa einen roten Lappen mit ein bichen Goldborte besetzt, das war der Knigsmantel, dazu hatte ihm seine Muhme Rese einmal eine Krone aus Goldpapier geschenkt. Hei, wie trug der Bube an diesem Tage seine kleine Stupsnase hoch, wie klapperte er mit seinen Holzpantoffeln! Ungeheuer wichtig kam er sich vor. Was wahr ist, mu wahr bleiben, sagte Muhme Rese einmal zu Muhme Lenelies, dieser guten Freundin aller Oberheudorfer Kinder, die in einem windschiefen Huschen am Dorfende wohnte, unser Heine Peterle hat was Vornehmes an sich, wenn er so als Knig herumrennt. Ja, hatte Muhme Lenelies lachend erwidert, nur da er sein halbes Musbrot im Gesicht hat, will mir nicht gefallen. So 'ne Kleinigkeit! hatte da Muhme Rese gebrummt. Sie war dann aber doch fix ins Haus gelaufen, hatte ein nasses Handtuch geholt, und als Heine Peterle wieder mit stolzer Knigsmiene am Haus vorbeikam, da hatte sie ihn geschwind erwischt und ihm eins, zwei, drei mit dem nassen Lappen den Musbart aus dem Gesicht gewischt. Heine Peterle hatte mchtig gebrllt,--welcher Knig lt sich aber auch so etwas gefallen! Nun war wieder einmal die Fastenzeit herangerckt. Etliche Tage vor dem Fastnachtstag stand ein Huflein Kinder auf der Dorfstrae zusammen, sie warteten alle auf Schulzens Jakob und seine Schwester Rse. Die Geschwister sollten von ihrem Vater eine Bestellung in Niederheudorf ausrichten, und die andern wollten sie begleiten. Nach Niederheudorf, das grer und stattlicher als Oberheudorf war, gingen die Buben und Mdel gern, obgleich sie eigentlich immer mit den Niederheudorfer Kindern Streit hatten. Einmal ging es um das Vogelschieen, das in Niederheudorf abgehalten wurde, und auf das alle Einwohner so stolz waren wie etwa die Berliner auf ihren Tiergarten; ein anderes Mal behaupteten die Oberheudorfer, ihre Schulweihnachtsfeier wre schner; dann wieder sagten die Niederheudorfer, bei ihnen knnte man alles einkaufen, denn es gab drei Krmer im Ort, Oberheudorf aber hatte nur einen. Trotz alledem liefen die Oberheudorfer Buben und Mdel gar geschwind, wenn sie in das Nachbardorf gehen durften. Sie gingen aber meist truppweise, denn man konnte nicht wissen, die Niederheudorfer verstanden das Balgen gar zu gut und teilten gern ein paar Pffe aus. Wo sie nur bleiben? sagte Schnipfelbauers Fritz, von dem Muhme Lenelies immer behauptete, er wre sehr naseweis. Heine Peterle, Anton Friedlich, der blaue Friede, der nicht blau war, nur seine Hosen waren es, und der dicke Friede, der auch nicht dick war, erhoben ihre Stimmen und schrieen: Jakob, Rse, wo bleibt ihr denn? Schreit doch nicht so! sagte Annchen Amsee, und ihre nubraunen Augen sahen wie lauter Vergngen drein. Waldbauers Mariandel, Krmers Trude und Bckermeisters Mariele, die natrlich auch dabei waren, quiekten: Wie ihr auch seid! Buben mssen immer brllen. Ehe sich die Buben noch grndlich und nachdrcklich gegen diesen Vorwurf verteidigen konnten, kamen die Schulzenkinder aus dem Hause gelaufen, Jakob schwenkte einen groen Brief in der Hand und sagte wichtig: Den mu ich abgeben! Na, dann mal los! schrie Anton Friedlich, und die Kinder marschierten vergngt die Dorfstrae hinab. Muhme Lenelies sa an ihrem Fenster, sie sah die Schar kommen und rief geschwind ihrem Pflegesohn zu, den sie im Dorf den Traumfriede nannten: Du, Friede, lauf schnell mit, die gehen nach Niederheudorf; kannst dort mal rumfragen, ob jemand etwas in der Stadt besorgt haben will. Muhme Lenelies tat nmlich mitunter Botengnge, und die Bauernfrauen lieen sich gern allerlei von ihr einkaufen, denn sie meinten, so gut wie die Muhme verstnde dies niemand sonst. Die schwierigsten Sachen besorgte die alte Frau, die in der Stadt so gut Bescheid wute wie in ihrem Husel. Was fr wichtige Dinge hatte sie aber da auch schon besorgen mssen! Sie war sogar mit der Niederheudorfer Schulzentochter das Brautkleid einkaufen gegangen, und die reiche Schnipfelbuerin sagte, die Muhme wre der reine Minister, so gut konnte sie Rat geben. Friede lie sich das Fortgehen nicht zweimal sagen, schwippdiwupp war er drauen. Dort wurde er mit groem Geschrei von den andern Kindern empfangen. Vor einem halben Jahr noch war Traumfriede immer einsam gewesen, da hatte er als Pflegesohn bei dem Kohlbauern ein gar jmmerliches Dasein gefhrt, seitdem er aber bei Muhme Lenelies sein durfte, war er ein lustiger Bube geworden, der nicht mehr scheu zur Seite stand, wenn die andern Kinder spielten. Unterwegs sprachen sie alle von Fastnacht. Es herrschte in Oberheudorf die Sitte, da die Kinder am Fastnachtstage von Haus zu Haus gingen, ein Sprchlein sagten und dafr Pfannkuchen, Fastnachtswecken, auch wohl einen Kreisel, bunte Tonkugeln oder dergleichen erhielten. Auf diesen Umgang freuten sie sich immer alle sehr und konnten es an diesem Tage noch weniger als sonst erwarten, bis die Schule aus war, denn gleich nach dem Mittagessen begann der Umgang. Merkwrdigerweise wuten die Kinder immer schon genau vorher, welche Kuchensorte diese und welche jene Buerin gebacken hatte, und da es da Zuckerstangen gab und dort getrocknete Pflaumen, dort viel zu holen sei, in jenem Hause weniger. Aber zum Kohlbauern gehe ich nicht wieder, sagte auf einmal Heine Peterle, n, da gibt's immer so wenig. Mir hat er voriges Jahr nur eine Backbirne gegeben, und die war madig, schalt der dicke Friede, noch jetzt darber emprt. Er rgert sich immer ber den Tag, sagte Traumfriede nachdenklich. Voriges Jahr war er noch bei dem geizigen Bauern gewesen; er hatte wie alle Kinder seinen Bittgang tun drfen, als er aber mit seinem gefllten Scklein heimgekommen war, da hatte es ihm der Bauer abgenommen, und er hatte nichts von all den Herrlichkeiten mehr gesehen. Wie jetzt die Kinder so miteinander sprachen, dachte er an jene bittere Enttuschung und erzhlte Waldbauers Mariandel, die neben ihm ging, die Geschichte. Annchen Amsee hatte auch zugehrt, und sie war es, die pltzlich entrstet rief: Nein, pfui, der Kohlbauer ist aber doch zu abscheulich, hrt nur! Trotzdem Friede bat, sie mchte schweigen, erzhlte Annchen doch emprt die Geschichte, und alle andern brachen in ein lautes Entrstungsgeschrei aus. Wir gehen nicht hin, riefen sie einmtig. Nur Schnipfelbauers Fritz sagte lachend: Ich gehe gerade hin. Wenn wir nicht kommen, freut sich doch der Kohlbauer nur. Sehr erstaunt sahen die andern Fritz an. Ja, der hatte wohl recht. Sie blieben vor lauter Aufregung mitten auf der Landstrae stehen, schalten auf den Kohlbauern, stritten, ob sie hingehen sollten, und merkten darber gar nicht, da ein Wagen angefahren kam. Darauf sa Friede Hopserling, der Mllerknecht, der groe Friede, wie ihn die Kinder nannten. Der Knecht war auf seinem Wagen ein bichen eingenickt, sein Pferd kannte den Weg so gut wie er, und da es bergauf ging, hatte die brave schwarze Grete auch keine Lust, sehr schnell zu laufen. Da man in eine schwtzende Kinderschar nicht mitten hineinfahren darf, wute Grete anscheinend, sie blieb pltzlich stehen, und darber wachte Friede Hopserling auf. Na, was gibt's denn? fragte er verdutzt. Friede, hr nur!--Pfui, der Kohlbauer!--So abscheulich ist er, schrieen die Kinder durcheinander, und es htte einer schon viel klger sein mssen, als Friede Hopserling war, um zu wissen, was das Geschrei eigentlich bedeuten sollte. Nach und nach bekam er es doch heraus, und nun machte Friede seine Zwinkeraugen. Das tat er gern, wenn es galt, jemand zu necken. Friede Hopserling war zwar nicht gerade ungeheuer klug, aber er hatte es hinter den Ohren, faustdick sogar. Er sagte auch jetzt mit einem heimlichen, verschmitzten Lachen: Freilich mt ihr hingehen, ihr und--die Niederheudorfer auch. Die sind doch immer dabei, wenn es etwas zu holen gibt. Aber beim Kohlbauern gibt es doch nichts! Muhme Rese sagt, so viel kann eine Maus allemal auf ihrem Schwanz forttragen, rief Heine Peterle entrstet. Na ja, eben darum! Friede Hopserling grinste vergngt, blinzelte und zwinkerte mit den Augen, sagte hhhott, sein Pferd zog den Wagen an, und fort ging es. Erst starrten die Kinder ihm ganz verblfft nach. Was meinte nur der Mllerknecht? Dann aber kam ihnen nach und nach das Verstndnis fr diese Schelmerei. Anton Friedlich und Schnipfelbauers Fritz begriffen zuerst, was Friede gemeint hatte. Sie brachen in ein frmliches Freudengeheul aus und schrieen: Wir wollen den Niederheudorfern sagen, beim Kohlbauern kriegten sie was Feines. Hurra, hurra, das wird ein Spa! Die Buben waren gleich alle dafr, selbst Traumfriede meinte, die Neckerei sei nicht schlimm; auch einige Mdel stimmten in den Jubel ein, nur Waldbauers Mariandel und Schulzens Rse wollten nicht recht mittun. Alte Zimpersusen, schrie Heine Peterle entrstet, und Annchen Amsee, die vor Vergngen ber diesen neuen Spa immer von einem Bein auf das andere hpfte, schalt: Ach, seid doch keine Spielverderber! So sehr zuzureden brauchten die andern nicht, die beiden Mdel willigten bald ein, und dann ging es weiter, so geschwind sie nur alle laufen konnten, auf Niederheudorf zu. Ganz atemlos kamen sie alle an den ersten Husern des stattlichen Dorfes an, und da standen auch gleich drei Buben. Die sahen die Oberheudorfer kommen und riefen spottend: Na, wo kommt ihr denn her? Wollt wohl Einkufe bei uns machen? Freilich, bei euch kriegt man ja nichts! Aber die Oberheudorfer lieen sich nicht verblffen, sie taten ganz freundlich, hatten nicht, wie es wohl sonst geschah, schnippische Widerreden, sondern erzhlten ganz friedlich, was sie vorhtten, und dann sprachen sie auch von Fastnacht. Es waren inzwischen mehr Kinder herangekommen; alle standen sie in einem Hmpelchen zusammen, und ber alle hinweg hrte man Anton Friedlichs Stimme gellen. Der Bube erzhlte von Fastnacht, und am Schlu sagte er: Beim Kohlenbauern gibt es den besten Kuchen! Na, ich denke, der ist geizig, rief ein langer Niederheudorfer Bube. Freilich, sagte Anton Friedlich geschwind, sonst schon, an Fastnacht aber, da lt er etwas draufgehen. Kommt ihr denn dieses Jahr etwa zu uns? Wir wissen es noch nicht, sagten die Niederheudorfer und schauten sich an. Mitunter nmlich gingen die Kinder auch in die Nachbardrfer; es gab zwar manchmal Streit darum, aber wenn die Kinder wuten, da in diesem oder jenem Hause besonders reichlich fr Fastnachtskuchen gesorgt worden war, dann kamen sie wohl auch dorthin aus einem Nachbardorf. Anton Friedlich, der wute,--er hatte es nmlich ausprobiert,--da Verbieten manchmal recht wenig ntzt, rief keck: Aber das sage ich euch, zum Kohlbauern drft ihr nicht, dem sein Kuchen gehrt uns. Es gibt Prgel, wenn ihr kommt. Ein Hohngelchter antwortete den Buben. Die Oberheudorfer aber scherten sich nicht daran, sie behaupteten pltzlich, sie mten geschwind heim, und eilten alle in das Dorf hinein, ihre Geschfte zu besorgen. Als sie auf dem Heimweg waren, liefen eine Anzahl Niederheudorfer Kinder ihnen nach und schrieen: Auf Wiedersehen zu Fastnacht, wir kommen zum Kohlbauern. Wir leiden's nicht, riefen die Oberheudorfer drohend zurck. Dann begannen sie zu rennen, damit nur die Niederheudorfer nicht sehen sollten, wie sehr sie lachten. Erst an einem groen Birnbaum, der auf halbem Wege zwischen den beiden Drfern stand, blieben sie stehen, um sich auszulachen. Von den Niederheudorfern war nichts mehr zu sehen, die hatten das Nachrennen aufgegeben, die standen zusammen und berieten, da sie zu Fastnacht nach Oberheudorf zum Kohlbauern gehen wollten. Der Kohlbauer war stets an Festtagen, an denen andere Leute vergngt und lustig sind, schlechter Laune. Er rgerte sich, da Knecht und Magd feierten, er rgerte sich ber den Festkuchen, der gebacken wurde, obgleich er immer tchtig davon a, er rgerte sich eigentlich ber die Fliege an der Wand. Am allerrgerlichsten war er aber zu Fastnacht. Seiner Meinung nach war das gar kein Fest, sondern ein Unsinn, und wenn jemand nur das Wort Fastnacht aussprach, dann zog er gleich ein Gesicht, als htte er einen Liter Essig auf einmal ausgetrunken. Seine einzige Freude war, wenn es an diesem Tage recht regnete oder schneite; je toller das Wetter dann war, desto vergngter schaute er drein. In diesem Jahre nun war das Wetter am Fastnachtsdienstag aber so schn, als htte es Muhme Lenelies, die immer allen Kindern nur Gutes gnnte, bestellt. Am frhen Morgen schon hatte die Sonne ihre Vorhnge weit aufgezogen. Kein Wlkchen war am blauen Himmel zu sehen, und die Sonnenstrahlen tanzten auf die Erde herunter, als wollten sie auch Fastnacht feiern. Man sprte schon den Frhling an allen Ecken und Enden, obgleich er doch eigentlich noch gar kein Recht zu kommen hatte. In Oberheudorf redeten alle von Fastnacht und Frhling durcheinander, Muhme Rese sagte: Er kommt, und Heine Peterle antwortete: Er ist doch schon da! Da meinte halt Muhme Rese den Frhling und Heine Peterle den Fastnachtstag. Der Herr Lehrer freilich schob die Unruhe an diesem Tage nicht auf den Frhling, sondern auf die Fastnachtsfreude, und wunderlicherweise schien er an diesem Tage manches heimliche Schwtzen und Kichern gar nicht zu hren; zum Schlu wnschte er auch allen Kindern noch viel Vergngen. Daran fehlte es auch nicht. Mit solchem Jubel und Geschrei strmten die Kinder heimwrts, da es selbst Schuster Pechdrahts Nero zu viel wurde, der sonst ein sehr duldsamer Hund war; bellend strzte er zwischen die Kinder. Ach, aber was kmmerten sich die darum. Die lieen den Nero bellen und die andern Hunde dazu. Fix waren sie in den Husern drin, und kaum hatten sie den letzten Bissen vom Mittagessen hinuntergeschluckt, da liefen sie schon hinaus, und vor dem Wirtshaus Zur himmelblauen Ente, das dem Wirt Kaspar auf dem Berge gehrte, trafen sie sich alle miteinander. Nun begann der Umgang. Immer drei und vier gingen zusammen, die einen rechts, die andern links, die einen geradeaus, die andern im Bogen, und bald erscholl vor den Tren das Singen: Wir gehen vor des Bauern Haus, Die Burin sieht zum Fenster raus, Sie schaut so freundlich drein-- Rira, freundlich drein. Ach, schenk uns was ins Beutelein, Ins Beutelein hinein. Schenk uns Wein, schenk uns Weck, Wir kehren euch morgen die Asche weg, Rira, Asche weg! Alle Kinder fanden dieses Verslein, das schon ihre Vter und Mtter in ihrer Jugend gesungen hatten, wundervoll und sangen es aus lauter Freude daran manchmal dreimal vor einem Haus. Die Buerinnen schauten auch wirklich meist freundlich zum Fenster hinaus, neckten auch wohl erst die Kinder ein Weilchen, taten, als verstnden sie den Bittgesang nicht, und brachten dann doch die Fastnachtsgaben herbei. Freilich, Wein gab es nie, das schadete aber auch nichts, die Kinder baten doch immer darum. So allgemach fllten sich die Scklein, auch der Magen wurde nicht vergessen, und mancher Pfannkuchen bekam erst gar nicht den Sack zu sehen.-- Als die Kinder so eine Stunde herumgezogen waren, sagte Heine Peterle zu Annchen Amsee: Ob sie wohl kommen? Zu gleicher Zeit reckte Schnipfelbauers Fritz seine Nase in die Luft und meinte: Na, nun knnten die Niederheudorfer bald da sein! Sie kommen vielleicht nicht, erwiderte Krmers Trude, sie haben es vielleicht gemerkt. Aber sie kamen doch. Anton Friedlich, der mit Schulzens Jakob immer mal zwischen dem Einsammeln bis zu Muhme Lenelies' Huschen gelaufen war, von wo aus man den Weg nach Niederheudorf ein Stckchen weit bersehen konnte, rief es zuerst: Sie kommen! Es war, als ob jemand mit einem Stock in einen Ameisenhaufen gestoen htte, so kribbelten und krabbelten die Kinder alle durcheinander; eins rief es dem andern zu, und mit einem Male sahen die Dorfbewohner zu ihrem groen Erstaunen, wie von berall her Buben und Mdel kamen und nach des Kohlbauern Hof liefen. Dieser groe, stattliche Bauernhof lag etwas ber dem Dorf auf einer migen Anhhe, weiter links davon lag dann der Waldbauern-Hof, wo das Mariandel daheim war. Nun mchte ich nur wissen, was die Kinder wollen, sagte die Waldbuerin zur Schulzenfrau, die als erster Gast zu einem Fastnachtskaffee zu ihr gekommen war. Die Kinder gingen aber nicht zum Kohlbauern hinein, sondern stellten sich alle auf eine Wiese, ein Stck abseits vom Hause. Sie zeigten einander ihre Sckchen, taten ganz ungeheuer wichtig und schienen gar nichts, auch rein gar nichts von dem zu merken, was um sie herum vorging. Dabei entstand nach einem Weilchen ein ziemlicher Lrm. Schwatzend und lachend kamen etwa zwanzig Niederheudorfer Buben und Mdel den Berg heraufgezogen. Die hatten gemeint, es sei doch vielleicht lohnend, dem Kohlbauern einen Besuch abzustatten. Sie schauten nicht links und nicht rechts, sondern zogen schnurstracks auf das Haus zu. Sie gingen immer paarweise, schwenkten ihre Scklein erwartungsvoll und begannen laut zu singen: Wir wnschen dem Bauern einen goldenen Tisch, Darauf soll stehen ein gebratener Fisch, Kuchen und Brot und gldener Wein. Eia, da wollt' ich zu Gaste sein! Mg' sich die Burin bedenken, Und uns nun auch was schenken! N, so ein dummer Vers, brummte der dicke Friede, und die andern stimmten ihm eifrig zu: Sehr dumm, unser Lied ist viel feiner! Die Niederheudorfer aber fanden wieder ihr Sprchlein, das auch schon ihre Vter und Mtter gesungen hatten, wundervoll und warteten sehr gespannt auf den Kuchen des Kohlbauern. Der Bauer war an diesem Tage noch griesgrmiger als sonst, er rgerte sich, da Fastnacht war, da die Sonne schien, da alle Leute vergngt aussahen, am meisten aber rgerte er sich, da alle Leute ihn geizig nannten. Er war es, aber wie das oft so geht, er wollte nicht dafr gelten. Nun hatte ihn am Tage vorher der Schulze so recht spttisch gefragt, ob er auch guten Fastnachtskuchen htte backen lassen. Des Kohlbauern Frau war schon lange tot, und eine Haushlterin, ein gutes, braves Weib, fhrte ihm die Wirtschaft. Zu der hatte er denn am Abend vorher fuchswild gesagt: Wenn Kinder kommen, gib reichlich! Das hatte sich Frau Marthe nun nicht zweimal sagen lassen, und in aller Morgenfrhe hatte sie schon eine tchtige Schssel Teig eingerhrt und kstliche groe Zuckerbrezeln gebacken. Den Bauern hatte das freilich sehr gergert, er wollte aber doch nicht sein Wort zurcknehmen. Seit ihm die Bauern den Traumfriede fortgenommen hatten, weil er den armen Waisenjungen zu schlecht gehalten, htte er dem Dorf gern einmal gezeigt: Seht, ich, der Kohlbauer, bin gar nicht so geizig, wie ihr denkt. Der Geruch des frisch gebackenen Kuchens durchzog an diesem Tage lecker das Haus, und der Bauer dachte ingrimmig: Hoffentlich kommen nicht viel Kinder. Es wre jammerschade, ihnen die Kuchen zu geben. Nach Tisch war der Bauer gleich hinter das Haus gegangen und hatte angefangen, Holz zu spalten. Mitten in seiner Arbeit hrte er pltzlich das Singen der Niederheudorfer. Bums, hieb er wtend mit der Axt auf ein groes Stck Holz, da es gleich auseinandersprang. So eine dumme Singerei! schimpfte er. Die Oberheudorfer Buben und Mdel hatten sich schon auf die langen Gesichter der Niederheudorfer gefreut, als sie auf einmal sahen, wie Frau Marthe ihnen Zuckerbrezeln austeilte. Potzwetter noch einmal, sahen die verlockend aus! Wir gehen auch hin, rief Heine Peterle strmisch, und rasch rannten alle auf das Haus zu. Dort aber standen die Niederheudorfer wie eine Mauer, sangen, so laut sie konnten, und lieen die Oberheudorfer einfach nicht heran. Jetzt sind wir da, sagten ein paar Buben patzig. Aber schlielich waren die Niederheudorfer doch mit ihrem Bittgesang fertig, und die Oberheudorfer drngten sich herzu. Frau Marthe erschrak; die schnen Kuchen waren schon verschwunden, und noch so viele, viele Kinder kamen, aber der Bauer hatte doch gesagt, sie sollte reichlich geben. Rasch lief sie darum in die Vorratskammer, holte Backobst herbei und begann damit die bittenden Hnde zu fllen. Das gab lange Gesichter. Backobst hatten die Oberheudorfer Kinder schon in ihren Beuteln genug, aber solche leckere Zuckerbrezeln noch nicht, und die verspeisten nun die Niederheudorfer vor ihren Augen mit rechtem Behagen. Es ist zu frech von ihnen, zu uns zu kommen, murrten die Buben, und die Mdel brummten mit, und dabei vergaen sie alle miteinander, da sie doch die Gste herbeigelockt hatten. Krach, krach, hieb hinten auf dem Hofe der Bauer wtend ein Stck Holz nach dem andern entzwei. Nahm denn die Singerei noch kein Ende? Endlich war es mit seiner Geduld vorbei; er strmte hinaus und erschien pltzlich mit einem so wtenden Gesicht vor den Kindern, da die Buben und Mdel aus Oberheudorf, die ihn kannten, geschwind ihr Backobst im Stich lieen und, so schnell sie konnten, ausrissen. Dem dicken Friede blieb vor Schreck eine Pflaume im Halse stecken, und Annchen Amsee verschluckte einen Birnenstiel. Wie schalt aber auch der Kohlbauer! [Illustration: Kinder aus Nieder- und Oberheudorf] N, seht nur, sagte drben die Waldbuerin zu ihren Besucherinnen, so ein alter, unwirscher Kerl! Den Niederheudorfer Kindern lt er Zuckerbrezeln geben und unsere jagt er weg! Na, der soll mir nur kommen, rief die Schulzenfrau emprt, der ist ja eine Schande fr das ganze Dorf. Das sagten an diesem Nachmittag alle Leute im Dorf. Frau Marthe, des Kohlbauern Haushlterin, sagte es auch, denn der Bauer schimpfte frchterlich, als er sah, da von allen guten Zuckerbrezeln kein Krmchen mehr brig geblieben war, und dazu hatten noch die Niederheudorfer alles bekommen. Nun wrden die Oberheudorfer ihn doch weiter geizig schelten und ihn weiter verchtlich anschauen; nicht einmal etwas gentzt hatten die teuren Brezeln. Es war zum Davonlaufen! Das dachte Frau Marthe ebenfalls; sie packte flink ihre Sachen und verlie am gleichen Tage das Haus, denn, meinte sie, bei einem Bauern, der den Kindern nicht einmal ihre Fastnachtsgaben gnnt, bleibe ich nicht; also zog sie fort. Nicht einmal die gute Frau hlt es bei ihm aus, sagten sie im Dorfe. Die Niederheudorfer Buben und Mdel zogen singend und vergngt wieder davon, sie hatten es bei der ganzen Geschichte am besten gehabt, und von den wundervollen Zuckerbrezeln sprachen sie noch lange. Die Oberheudorfer aber rgerten sich, sie nahmen sich vor, die Niederheudorfer nie mehr zu necken. Nie mehr bis zum nchsten Mal, sagte Muhme Lenelies, als sie das hrte. Trotz der nach Niederheudorf entfhrten Zuckerbrezeln aber verlief der Fastnachtstag doch sehr vergngt. Heine Peterle war ein sehr stolzer Knig, Annchen Amsee hielt sich fr eine Prinzessin, und Schulzens Jakob klirrte mit einem verbogenen Sbel und behauptete, er sei General. Der dicke Friede aber, der eine Leidenschaft fr Kasperlespiele hatte, dachte, er sei in seinem himmelblauen Kittel, den ihm die Gromutter aus einem alten Rock genht hatte, wirklich ein Kasperle und fing auf einmal an, als alle auf dem Dorfplatz standen, ganz frchterliche Gesichter zu schneiden, und quiekte wie ein Ferkelchen. Der Bube hat sich beressen, schrie Muhme Rese, die zusah, erschrocken, und alle Kinder umringten Friede und fragten mitleidig: Tut dir der Bauch weh?--Tut er sehr weh? Friede war so tiefbeleidigt, da er erst gar nichts sagen konnte, er schnappte ordentlich vor Wut nach Luft. Doch pltzlich erschien seine Mutter, packte ihn am Arm und rief: Komm, trink Kamillentee, da werden die Leibschmerzen besser. Muhme Rese hatte nmlich die Mutter herbeigeholt und ihr von des Buben Krankheit erzhlt. Ich bin doch ein Kasperle, ein Kasperle, schrie Friede entsetzt, huhuhu--ich habe gar keine Leibschmerzen. Und schwapp ri er sich los und rannte die Dorfstrae entlang, die Kinder alle hinter ihm her. Kasperle, Kasperle! schrieen sie und holten ihn endlich auch ein. Nach langem Hinundherreden und Bitten entschlo sich Friede, noch einmal vor ihnen Kasperle zu spielen. Sie fanden es alle wundervoll, nun sie wuten, da es keine Leibschmerzen waren, und zuletzt spielten alle miteinander Kasperle, und es war ein solches Geschrei, ein solcher Lrm auf der Dorfstrae, da alle Erwachsenen sagten: Gut, da nur einmal im Jahre Fastnacht ist. Der Kohlbauer brummte: Wenn doch die dumme Fastnachtsfeier abgeschafft wrde! und die Buben und Mdel seufzten abends in ihren Betten: Ach, wenn doch nchste Woche wieder Fastnacht wre! Wer hatte da nun recht? [Illustration: Brezeln] [Illustration: Dekoration] Vorsicht, Gespenster! Wenn in Oberheudorf Heine Peterle und Schulzens Jakob einmal fnf Minuten miteinander vernnftig sprachen, dann kam sicher eine Dummheit heraus. Waren gar noch Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich dabei, dann wurde sicher ein sehr dummer Streich ausgeheckt. Hinterher, wenn die Sache vielleicht bel ablief und es nachher Schelte, Nachsitzen oder dergleichen schlimme Dinge gab, wunderten sich die Buben freilich allemal sehr; sie hatten immer gedacht, ungeheuer klug oder ausnehmend witzig zu sein. An einem Herbsttage, an dem der Wind wie ein recht bermtiger Bengel durch die Dorfgassen jagte, saen Heine Peterle und Schulzens Jakob auf einer Gartenmauer und erzhlten sich Gespenstergeschichten. Weil es heller Tag war und es im Garten wohl fruchtbare Obstbume, aber keine Gespenster gab, graulten sich die Buben kein bichen, sondern waren sehr vergngt. Wie nun Heine Peterle mitten im Erzhlen einer hchst sonderbaren Geschichte war, die Muhme Rese noch von ihrer Urgromutter wute, und in der ein Gespenst sich ganz unpassenderweise in eine Milchschssel gesetzt hatte, bekam der Bube pltzlich einen derben Puff von rckwrts und sauste sehr geschwind in ein Gurkenbeet hinab. Im ersten Augenblick dachte er, trotz der hellen Mittagsonne, das Gespenst aus der Milchschssel habe ihn gepackt, aber bald merkte er, da der Puff von einer krftigen Mnnerhand gekommen war. An der Mauer stand Heinrich, der bei Heine Peterles Vater den Sommer und Herbst ber als Knecht diente. Der Bursche lachte ber das ganze Gesicht und sagte sehr behaglich: Na, ihr Dskppe, ihr knnt auch wirklich etwas Besseres tun, als euch solche dumme Geschichten erzhlen! Kommt, helft mit Kartoffeln hacken! Dazu hatten die Buben nicht die geringste Lust, Heine Peterle sah sogar sehr wtend aus und sagte patzig: Zu dir wird auch noch einmal ein Gespenst kommen. Du meine Gte, Heinrich lachte, da seine weien Zhne in dem gebrunten Gesicht nur so blitzten, ihr seid doch zu alberne Buben. Na, kommt ihr nur erst mal zu den Soldaten, da werden euch die Gespenstergedanken vergehen. Aber nun marsch, kommt helfen! Hops! war da auch Schulzens Jakob von der Mauer herunter in das Gurkenbeet gesprungen, und beide Buben sausten davon, als htte der Herbststurm sie zu seinen Boten ernannt. Heinrich sah ihnen etwas verdutzt nach, dann brummelte er: Faule Schlingel! und ging darauf selbst krftig und rstig an seine Arbeit. Die Buben hatten sich unterdessen am andern Gartenende wieder zusammengefunden. Statt ber das Gespenst, das Heine Peterle vorlufig grausam in der Milchschssel sitzen lie, sprachen sie beide ber Heinrich. Der war ein Bauernsohn aus einem drei Stunden weit entfernten Dorfe. Ostern war er von den Soldaten gekommen; er hatte bei der Kavallerie gedient und trug noch immer die Soldatenmtze auf seinem hbschen Blondkopf. Nach Weihnachten wollte er heiraten und selbst einen Hof bernehmen, bis dahin diente er bei Heine Peterles Vater, der ein besonders tchtiger Landwirt war. Heine Peterle mochte Heinrich gut leiden, aber doch rgerte er sich oft ber ihn. Sein Vater sagte immer wieder: Sieh dir den Heinrich an, Bube, so sauber und fix mut du auch einmal werden. Der arbeitet wie ein anderer tanzt. Heine Peterle fand es etwas beschwerlich, immer an knftige Arbeit gemahnt zu werden, er war berhaupt mehr fr Ferientage und Freistunden eingenommen, und Heinrich mit seinem Flei war ihm manchmal etwas unheimlich. Als wollte der Knecht ihm einen besonderen Schabernack spielen, so kam es ihm vor, und so sagte er auch an diesem hellen, strmischen Herbsttag beleidigt zu Schulzens Jakob: Dem Heinrich mte man mal einen Streich spielen. Ja, das knnte ihm nichts schaden, stimmte Schulzens Jakob zu und sah gespannt auf einen rotleuchtenden Apfel, der just vom Baume fiel. Er meinte, es sei gut, diesen aufzuessen, und weil noch mehr pfel am Boden lagen, fiel es auch Heine Peterle ein, da pfelessen eine ganz angenehme Beschftigung sei. Die Buben schmausten ein Weilchen, aber pltzlich hielt Heine Peterle inne und rief stolz: Jetzt wei ich was. Und nun bekam Schulzens Jakob eine ungeheuer komische, geheimnisvolle Geschichte zu hren, ber die er in ein wahres Freudengeheul ausbrach. Die Buben schttelten sich vor Lachen, redeten aufgeregt miteinander, vergaen das pfelessen und strzten zuletzt eifrig auf die Krbisbeete zu. Die trugen reichen Segen; es gab da Frchte in allen Gren, wie schwere goldene Klumpen lagen sie im Sonnenlicht. Rasch berschauten die Buben den Garten,--niemand war darin. ber dem Zaun, der den Garten vom Hofe schied, hing Wsche, und gerade sahen die Buben noch Muhme Rese im Hause mit dem leeren Korb verschwinden; sie hatte wohl gerade die Wsche ber den Zaun gebreitet. Auch auf dem Hofe war es still, ein paar Hhner gackerten schlfrig darauf herum, sonst war kein Laut zu hren. [Illustration: Krbisschnitzen] Geschwind nahmen die Buben jeder einen mittelgroen, lnglichen Krbis und verschwanden damit im uersten Winkel des Gartens, in einer kleinen Bretterbude, die zur Aufnahme von allerlei Gert diente. Am nchsten Tage sagte Heine Peterles Mutter beim Mittagessen rgerlich: Es fehlen zwei Krbisse im Garten, gerade zwei, die ich morgen zu Mus verkochen wollte. Na nun, sagte der Bauer erstaunt, wer sollte denn in unserm Garten Krbisse stehlen! In diesem Augenblick steckte Heine Peterle ein solches Riesenstck heie Bratwurst in den Mund, da er krebsrot wurde, so mute er an dem Bissen wrgen und schlucken. Schme dich doch, so gierig zu sein! schalt die Mutter. Man mu dich wirklich mal in die Stadt schicken, damit du dich anstndig benehmen lernst. Heine Peterle wre gewi noch rter geworden, wenn das nur gegangen wre, er fiel mit seiner Nase beinahe auf den Teller, und Heinrich, der ihn beobachtet hatte, dachte bei sich: Na, da stimmt doch etwas nicht. Von der Bratwurst ist der Bube doch nicht so verlegen geworden. Am Nachmittag des nchsten Tages kam die Schulzenfrau sehr aufgeregt zu Heine Peterles Mutter und erzhlte ihr, zwei von ihren guten, weien Bettchern seien vom Trockenplatz fortgeflogen. Oder sollten sie gar gestohlen worden sein? Es gab eine groe Aufregung im Dorfe. Die Schulzenfrau suchte nach ihren Bettchern, Heine Peterles Mutter erzhlte von den verschwundenen Krbissen, und kein Mensch konnte sich die Sache zusammenreimen. Wenn nur nicht eine Dummheit von ein paar Kindern dahinter steckt, sagte Muhme Lenelies, als sie die Sache erfuhr. Sie fragte daheim ihren Friede aus, aber der sah sie mit seinen schnen, blauen Augen treuherzig erstaunt an,--nein, der wute von nichts. An diesem Nachmittag war Heinrich nach seinem Heimatdorf gegangen und kehrte erst spt am Abend wieder heim. Es war ein dunkler, strmischer Herbsttag. In dem Dorfe waren schon alle Leute zu Bett gegangen; am besten schlief vielleicht Hans Rumps, der Nachtwchter, in einem Leiterwagen des Schnipfelbauern. Heinrich ging immer, wenn er aus seinem Dorfe heimkehrte, einen ganz schmalen Weg entlang, der zwischen des Schulzen und seines Bauern Garten hindurchfhrte, er brauchte dann nicht erst die breite Dorfstrae hinab zu gehen. An diesem Herbstabend war es sehr dunkel, der Mond war nicht verpflichtet zu scheinen, und die Sterne hatten keine Lust dazu. Doch Heinrich kannte den Weg gut, und so schritt er frhlich dahin. Pltzlich sah er in einem ungewissen Lichte etwas Weies flattern und schweben, und als er nher kam, tauchten aus dem Dunkel der Nacht zwei Paar glhende, funkelnde Augen auf. Da standen rechts und links am Wege zwei weie, hohe Gestalten, deren Gewnder im Winde hin und her wehten; gespensterhaft und unheimlich genug sah es aus. Potzwetter, rief Heinrich im ersten Augenblick erschrocken, aber gleich darauf sagte er laut: Ei, die verflixten Buben! Na wartet, euch zahl' ich's heim! Er ging beherzt auf die weien unheimlichen Gesellen zu, und bald darauf sah der Hofhund des Schulzenhauses einen Mann ber die Gartenmauer klettern, eine Leiter an das Haus anlehnen und oben vor einem Kammerfenster eine weie Gestalt befestigen. Den braven Sultan rgerte die Geschichte sehr, er begann wtend zu bellen. Aber das strte den Mann auf der Leiter gar nicht; er schlug mit der Faust einige Male so krftig an das Fensterchen, da die Scheiben nur so klirrten und drhnten, und dann stieg er geschwind von der Leiter herab und kletterte wieder zurck ber die Gartenmauer. Der arme Sultan bellte sich ganz heiser, und zuletzt erwachte der Schulze von dem Gebell, aber just in diesem Augenblick tnte ein so gellendes Geschrei durch das Haus, da alle Hausbewohner munter wurden. Der Jakob schreit, rief die Buerin und lief nach oben, ihr folgte ihr Mann und die Magd, die im Hause schlief, und alle strzten sie in Jakobs Kammer. Da sa der Bube in seinem Bett und brllte jmmerlich, und nebenan klang Rses und der kleinen Geschwister Schreien. Na Jakob, was... du meine Gte! Die Mutter starrte entsetzt nach dem Fenster,--in das Kmmerlein hinein schauten ein paar glhende Augen, und das schwebte und flatterte wei vor dem Fenster auf und nieder. Zum Kuckuck, was ist denn das? schrie der Schulze, sprang hin, ri das Fenster auf und holte das Gespenst herein. Die Magd schrie noch lauter als Jakob und wollte unter das Bett kriechen, wozu sie freilich zu dick war; sie mute es aufgeben und kauerte sich nur in einer Ecke zusammen. Mein Bettuch, rief die Buerin verdutzt, und ein Krbiskopf, ja, und Jakob--ist das nicht deine Laterne? Jakob war ganz jh unter das rotkarierte Federbett gekrochen, aus der Tiefe heraus tnte dumpf und unheimlich sein Geheul. Ih, du unntzer Bengel du, sagte der Schulze, mir scheint, du weit etwas von der Sache. Komm einmal hervor, aber rasch, sonst... Jakob hielt es fr geratener, dem vterlichen Befehl zu folgen. Schluchzend, jammernd, noch an allen Gliedern vor Schreck zitternd, beichtete er, da er und Heine Peterle fr Heinrich Gespenster aufgestellt htten, und da Gespenster entschieden weie Gewnder brauchen und Kpfe haben mssen und Augen, die unheimlich leuchten, da-- Unntzes Gesindel ihr! schalt der Schulze. Fr Jakob sah die Sache in diesem Augenblick hchst bedenklich aus, und er blickte sich gerade ngstlich um, vielleicht gelang ihm das Untersbettkriechen besser als der Magd. In diesem Augenblick trat die Gromutter ein. Auch sie war von dem Lrm erwacht, und ihr gutes, altes Frauengesicht trug einen ngstlichen Ausdruck. Was gibt es denn? fragte sie. Als sie die Jammergeschichte erfahren hatte, da lachte sie lieb und herzlich und sagte schelmisch: O du dummer Bube, nun hast du dich ja vor deinem eigenen Gespenst gefrchtet! Jakob nickte, und dicke, dicke Trnen rollten ber seine Pausbacken. Das Lachen der Gromutter aber fand Widerhall: des Schulzen Gesicht klrte sich auf, seine Frau lachte, die Magd kam aus ihrer Ecke heraus und lachte, und an der Tr, die zur Nebenkammer fhrte, stand Rse mit den zwei kleinen Geschwistern, und die drei Hemdenmtzchen lachten, da sie ordentlich wackelten, und Hansele, der kleinste Bub, schrie keck mit krhendem Stimmlein: Oh, is unse Jakob dumm, bitzdumm! Das war nun sehr beschmend fr Jakob, und da er nicht unter das Bett kriechen konnte, kroch er tief hinein, zog sich das Deckbett ber die Ohren und schluchzte und sthnte jammervoll. Der Vater meinte nun auch, der Bube sei durch die ausgestandene Angst schon genug bestraft, er zog ihn nur ein wenig an dem dicken schwarzen Schopf, der unter dem Deckbett hervorsah, und sagte anscheinend streng, whrend doch ein heimliches Lachen in seinen Augen lag: Die Gespenstergeschichten lt du mir aber jetzt, Bube, wenn ich noch einmal von dem Unsinn hre, dann... Weiter sagte der Vater nichts, Jakob verstand ihn aber auch so, und er war herzlich froh, als er endlich wieder allein in seiner Kammer war und es still im Hause wurde. Mit Nachdenken hielt er sich nicht weiter auf, er drehte sich um und schlief geschwind wieder ein, schlief galopp, denn er mute doch die versumte Stunde nachholen. Um die gleiche Zeit lag Heine Peterle in seinem Bett und sthnte vor Angst. Er war von einem schweren, dumpfen Poltern an seiner Kammertr erwacht, und aufschauend hatte er etwas ganz Schreckliches erblickt. An der Tre stand eine weie Gestalt, und zwei glhende Augen funkelten ihn an. Grlich sah das aus, ein Gespenst war es, nichts anderes. Heine Peterle kroch unter sein Deckbett, und es wurde ihm glhend hei darunter. Er pustete und chzte, und es war ihm, als kme leise, leise etwas auf ihn zu. Zu schreien wagte er gar nicht, er atmete nur schwer. Er meinte allerlei seltsame Gerusche zu hren, Tappen und Schreiten, das nher kam. Ach, sicher hatte irgend ein Gespenst es bel genommen, da Jakob und er Gespenster hatten nachahmen wollen, und kam nun, ihn zu bestrafen. Ein Weilchen lag er so da, endlich wagte er wieder unter seinem Bett hervorzuschauen. O Himmel, da stand das Gespenst ja immer noch! Nein--es kam doch nher! Es schwankte-- neigte sich und--plumps! fiel es polternd, klirrend zu Boden. Rutsch! war Heine Peterle wieder in seinem Bett verschwunden, immer heier wurde es ihm vor Angst. Nun wrde das Gespenst ihn anpacken, ihm den Hals umdrehen oder sonst etwas Schreckliches tun. Frchterliche Dinge fielen dem Buben ein. Er meinte schon eine kalte, harte Hand zu fhlen,--aber es blieb alles still. Nichts rhrte und regte sich in der Kammer, und endlich wagte der Bub doch wieder unter dem Deckbett hervorzusehen. Da sah er zu seinem malosen Erstaunen das Gespenst auf der Erde liegen. Es rappelte sich kein bichen, und die glhenden Augen waren erloschen. Das war doch ein seltsames Gespenst. Heine Peterle kroch wieder unter sein Deckbett, pustete und chzte wieder ein Weilchen und schaute dann wieder zum Bett heraus. Das Gespenst lag noch immer am Boden, muckstill lag es da. Da legte sich des Buben Angst etwas, da er aber kein Licht hatte, konnte er sich das weie Ding nicht nher ansehen. Eine Ahnung jedoch stieg in ihm auf, da Heinrich vielleicht nicht so ganz unschuldig an dieser Gespenstererscheinung sein mchte. Zur Sicherheit freilich kroch Heine Peterle aber doch wieder unter sein Deckbett,--man konnte nicht wissen! Zwei-, dreimal noch steckte er den Kopf aus dem warmen Nest heraus, immer lag das weie Ding still am Boden. Da gab der Bub das Nachsehen auf und schlief wieder ein. Am nchsten Tage beim Mittagessen--bis dahin hatte sich Heine Peterle ihm ferngehalten--fragte Heinrich so recht verschmitzt: Na, Heine Peterle, hast du gut geschlafen? Der Bube wurde so rot, da die Eltern, Muhme Rese und die Mgde ihn ganz erstaunt ansahen, und nun erzhlte Heinrich, der bse Heinrich, die ganze Gespenstergeschichte. Dabei gab es Kle mit Backobst, und Heine Peterle konnte vor Verlegenheit von dem guten Gericht gar nicht so viel essen als sonst, beinahe hungrig stand er vom Tisch auf. Es ist wirklich nicht schn, ausgelacht zu werden. Zum berflu kam nachher noch die Schulzenfrau und erzhlte, wie es bei ihnen gespukt htte, und da auch ihr zweites Bettuch frh auf einmal auf dem Zaun gehangen htte. Und Heine Peterle mute Abbitte im Schulzenhaus tun, und Schulzens Jakob kam zu Heine Peterles Mutter abbitten,--es war sehr peinlich. Seitdem wollen die Buben nichts mehr von Gespenstern wissen, die sind doch ein zu dummes Gesindel, und um Heinrich machten die Buben noch lange, lange einen weiten Bogen herum. [Illustration: Essen] [Illustration: Dekoration] Es hat in der Zeitung gestanden. Es ist doch wirklich toll, was alles auf der Welt passiert! brummte der Oberheudorfer Schulze an einem Sonntagnachmittag und schaute ber seine Zeitung weg seine Frau an. N, so was aber auch! Was gibt's denn? fragte die Buerin und hielt im Nhen inne. Der Oberknecht, der gerade seinen Sonntagsstritzel verzehrt hatte, und Jakob, der noch mit vollen Backen kaute, sahen auch beide gespannt auf den Bauern; wenn der die Zeitung las, wute er nachher immer etwas zu erzhlen. Der Schulze knurrte, lachte und rief kopfschttelnd: Potzwetter nochmal, so dumm! Nur gut, da sie noch Wagen und Pferd gefunden haben! Was fr einen Wagen? Was fr ein Pferd? fragte die Buerin ein wenig ungeduldig. Ihr Mann aber zog erst noch einmal krftig an seiner Pfeife, blies Jakob eine dicke Rauchwolke ins Gesicht, rckte sich dann die Brille zurecht und las endlich langsam und feierlich vor: Bei dem letzten Pferdemarkt in N.....burg ist der Lederhndler Matthias Haberland auf eigenartige Weise bestohlen worden. Er stand dicht neben seinem Wagen mit einigen Bekannten zusammen und merkte nicht, da sich ein Fremder auf den Wagen setzte und einfach davonfuhr. Bekannten des Hndlers, denen der Dieb unterwegs begegnete, rief der zu: Wir haben schon alles Leder verkauft. Pferd und Wagen fand man spter auf der Landstrae, alles Leder aber war spurlos verschwunden. N, so'n Dskopp, rief der Oberknecht lachend, steht neben seinem Wagen und merkt nicht, da der davongefahren wird! Er redete mit dem Bauern und der Buerin noch hin und her ber die sonderbare Sache, whrend Jakob geschwind hinauslief. Drauen erzhlte er seinen Kameraden auf der Dorfstrae sehr wichtig die Geschichte. So dumm, rief Heine Peterle, den Dieb davonfahren zu lassen! Ich htt's nicht getan. Ich auch nicht, n, bestimmt nicht, riefen drei, vier Stimmen, und alle Buben waren gleich miteinander einig, da eben nur in der Stadt solche Dummheiten passieren knnten. 's ist nischt los mit der Stadt, brummte Heine Peterle verchtlich und scho mitten auf der Dorfstrae, trotz Sonntagshosen und Sonntagskittel, einen so wundervollen Purzelbaum, da seine Kameraden ihn darum ordentlich anstaunten. Etliche Tage spter marschierten Schulzens Jakob und Rse, der dicke Friede und Schnipfelbauers Fritz im Frhlingssturm heimwrts. Sie kamen alle vier von Berenbach, einem Dorf, das etwa eine Stunde bern Berg von Oberheudorf entfernt lag. Die Berenbacher Kinder kamen nach Oberheudorf in die Schule, und darum sagten die Oberheudorfer Buben und Mdel gern: Pah, die Berenbacher, das sind die Rechten, nicht einmal eine Schule haben sie! Im ganzen aber konnten die Oberheudorfer Kinder die von Berenbach gut leiden, besser als die Niederheudorfer Buben und Mdel, denn die waren in ihren Augen eben dort schrecklich eingebildet auf die drei Kramlden im Dorf und auf sonst noch allerlei. Die vier Wanderer waren mit ihren Gedanken noch in Berenbach; sie waren dort bei des dicken Friede Muhme gewesen, die sie mit Kaffee und Kuchen gut aufgenommen hatte. Davon sprachen sie und von den beiden weien Ziegenbcken im Stall der Muhme, und da die Berenbacher Kinder es doch eigentlich recht gut htten, da die Schule nicht im Dorf wre. Wenn zum Beispiel einmal Hochwasser war oder im Winter haushoher Schnee lag, dann brauchten sie gar nicht in die Schule zu gehen. Nun lag an diesem Tage weder haushoher Schnee noch zeigte der Bach Lust, ein Hochwasser zu verursachen. Doch da der Frhling gekommen war, sah man schon berall. Bsche und Bume trugen feine Blttchen und dicke Knospen, und auf dem Boden des Waldes, durch den die Kinder gingen, blhten Anemonen, Himmelsschlssel, Kchenschellen und noch manch feines, zierliches Blmchen. Der Kuckuck lie trotz des brausenden Sturmes seinen lockenden Ruf ertnen, einmal rief er da, einmal dort, als wollte er die Kinder auffordern, ihm zu folgen. Schulzens Jakob wollte an diesen Frhlingswahrsager gerade allerlei Zukunftsfragen stellen, als Schnipfelbauers Fritz auf einmal rief: Guckt nur, da steht ein Wagen ganz allein! Im Nu waren alle vier am Wagen, standen und staunten, als htten sie in ihrem Leben noch keinen solchen Wagen gesehen. Dabei war es ein ganz einfacher Planwagen, wie ihn die Leute in der Gegend nahmen, wenn sie zum Markt fuhren. Darauf sa niemand, darin lag niemand, er htte gerade zwischen dem Stroh liegen mssen, das bis an den Kutschersitz heranreichte. Das braune Pferdchen, das vor den Wagen gespannt war, stand still und ergeben da und machte ein Gesicht, als wollte es sagen: Na, wit ihr, unterhaltsam ist die Sache nun gerade nicht. Den vier Kindern freilich war die Begebenheit sehr unterhaltsam. Ein bichen neugierig, ein wenig Hans Dampf in allen Gassen waren die Oberheudorfer Buben und Mdel fast alle, und so guckten, wisperten und tuschelten denn jetzt auch die vier sehr eifrig miteinander; alle Tage findet man ja selbst in Oberheudorf nicht einen Wagen ohne Fuhrmann auf der Landstrae. Der Wagen sieht wie der unsrige aus, meinte Schnipfelbauers Fritz. Wir haben auch so einen, sagte Rse eifrig, ganz genau so! Das ist so, wie es neulich in der Zeitung stand, rief der dicke Friede nach einem Weilchen. Ganz genau so ist's! Der Wagen ist sicher gestohlen worden. Huh, ist das graulich! rief Rse. Ich reie aus! Furchttrine, sagte ihr Bruder, wir--wir nehmen den Wagen einfach mit. Ja, schrieen Schnipfelbauers Fritz und Friede begeistert. Beide begannen geschwind auf den Bock zu klettern, Jakob folgte und Rse auch; sie hatte Angst, die drei Kameraden wrden sie allein im Walde lassen. Auf dem Bock war es zwar etwas eng, und jedes sa beinahe auf des andern Scho, aber das strte die vier weiter nicht, sie waren sehr befriedigt und fanden das Abenteuer wundervoll. Schulzens Jakob ergriff keck die Zgel, alle miteinander riefen hhhott! und weil das Pferd nicht gleich laufen wollte, nahm Fritz die Peitsche und knallte damit. In diesem Augenblick schrie jemand hinter dem Wagen laut auf. Die Kinder sahen sich entsetzt an. Der Dieb! jammerte Rse, aber schon hatte Fritz die Peitsche dem armen Pferdchen um die Ohren geschlagen, und das nahm dies gewaltig bel. Hhhott brauchte nun keiner mehr zu schreien, das Pferd raste wie besessen davon, und ein lautes Schreien tnte ihm nach. Der Dieb, der Dieb! tuschelten die Kinder, das Pferdchen rannte, und da der Weg bergab ging, wurde es eine tolle Fahrt. Jakob merkte bald, da das Pferd lief, wie es wollte, nicht, wie er wollte. Jakob fuchtelte mit der Peitsche verzweifelt in der Luft herum, und die beiden andern sthnten und klagten immer abwechselnd. Das Pferd kmmerte sich nicht im geringsten darum, es raste immer wilder bergab. Einmal flog der Wagen rechts herum, einmal links herum, einmal hopste er wie ein Frosch, der einen Tmpel sieht. Und innen im Wagen begann es seltsam zu klirren und zu poltern. Den Kindern wurde es himmelangst; zuletzt verlor Fritz die Peitsche, Jakob lie die Zgel sinken, und alle brllten miteinander, so laut sie nur konnten. Jetzt fallen wir alle in den Graben, dachte Friede verzweifelt, als Oberheudorf auftauchte und es kurz vor dem Dorf ziemlich steil bergab ging. Sie fielen aber nicht, es gab auf einmal einen Ruck. Friede Hopserling stand neben dem Wagen, hielt das Pferd am Zgel, und laut rufend und jammernd ffneten sich die Haustren, und alle, die daheim waren in Oberheudorf, kamen angelaufen; die meisten Mnner waren freilich drauen auf dem Felde. Etliche Frauen kamen an, Mdel und Buben, Hunde, Gnse, zwei Ziegen, Hhner, und wer sonst noch den Lrm gehrt hatte. Die vier Kinder auf dem Bock waren ganz verdattert und konnten zuerst auf alle Fragen gar keine Antwort geben. Endlich, nachdem der Vater des dicken Friede seinen Buben ein wenig hin und her geschttelt und seine Mutter ihm versprochen hatte: Nachher bekommst du ein Honigbrot, konnte der Bube die wunderbare Begebenheit erzhlen. Tut, tut! blies Hans Rumps rasch in sein Horn, denn die Sache schien ihm so ungeheuer wichtig, da er sie beblasen mute. Seid doch still! murrte der Bauer rgerlich. Was soll denn die dmliche Blaserei dabei? Hans Rumps schwieg gekrnkt, seiner Meinung nach gab das Blasen der Geschichte erst die ntige Feierlichkeit. Der Schulze mu her, sagten ein paar Stimmen, man mu doch wissen, wem Pferd und Wagen gehren. Ich meine, es sieht so--so bekannt aus, brummte Friede Hopserling und ging um den Wagen herum, das Schild zu lesen, das jeder Wagen haben mute. Es war keins da, und Schulzens Jakob, der sich jetzt auch darauf besonnen hatte, da er einen Mund besa und sprechen konnte, sagte wichtig: Das hat der Dieb abgemacht. Die Leute sahen sich an. Ja, so war es wohl, und Hans Rumps blies wieder in sein Horn. Tut, tut, tut, tut, der Schulze mu herbei. Der kam gerade mit etlichen Bauern und Knechten vom Feld, und als die Mnner beim ersten Haus vom Dorf das Blasen hrten, kamen sie sehr eilig angelaufen. Wenn Hans Rumps blies, da war etwas nicht in Ordnung, und der Schulze dachte: Na, was wird das wieder fr eine Dummheit sein! Die Bauern kamen von der einen Seite angerannt, von der andern kam die Schnipfelbuerin. Der hatte Mine, die Wirtsmagd, zugerufen: Buerin, Fritz hat beinahe ein Dieb mitgenommen. Auerdem ist er halbtot gefahren! Die arme Frau rannte in ihrer Angst alles um, was ihr in den Weg kam. Sie htte so auch beinahe den Schulzen umgerannt, doch der hielt sie fest und fragte, was los sei. Mein Fritz, mein Fritz! jammerte die Frau. Mine, die voran lief, drehte sich um und rief: Schulze, der Jakob ist auch dabei. Donnerwetter, rief der Schulze, na, ich dachte es doch! Sicher ist es eine Dummheit! Er lief auch dahin, wo der Wagen stand, er sah seine Kinder, Jakob erzhlte, Rse heulte, die Schnipfelbuerin hielt ihren Fritz im Arm, und ein paar Stimmen riefen dem Schulzen entgegen, was geschehen war. Verstehen konnte der zuerst in allem Geschrei und Gelrm nichts, endlich aber erzhlte Jakob stolz und leidlich vernnftig, was sich eigentlich zugetragen hatte. Der Schnipfelbauer kam auch vom Feld, auch er hrte den Lrm, und natrlich kam er so geschwind herbei, als er laufen konnte. Na nu, schrie er, was ist denn mit meinem Wagen passiert? Mit Eurem Wagen? fragte der Schulze, und etliche Stimmen wiederholten: Mit Eurem Wagen? Mit unserm Wagen? rief die Schnipfelbuerin, die bis dahin nur ihren Buben und nicht den Wagen angeschaut hatte. Na freilich mit unserm Wagen, mit dem die Kathrine nach Hohenstein zum Markt gefahren ist. Ich werde doch unsern Wagen kennen, wenn auch das Schild fehlt! Und die Kathrine fehlt auch, rief die Buerin entsetzt. Ach wo, die ist hier, schrie just da eine Stimme. Keuchend, prustend, puterrot und fuchsteufelswild kam die Magd angetrabt, unter dem einen Arm ein Wagenschild, unter dem andern eine Peitsche. So eine freche Bande! N, die Buben, und unser Fritz immer voran! Haue mssen sie haben, da es nur so klappt. So was, aber so was auch, mir armen Person solchen Schrecken einzujagen! Immer ungezogener werden sie, die heillosen Buben. Na, wenn ich der Herr Lehrer wre, ich brchte ihnen die Fltentne bei, ich.... Schwapp hatte Fritz einen Katzenkopf rechts, Schulzens Jakob einen links, und htte die Kathrine vier Hnde gehabt, dann htten Friede und Rse auch noch ihr Teil bekommen. Aber Kathrine, Kathrine, riefen Bauer und Buerin, was ist denn geschehen? Die Buben sagen doch, der Wagen htte allein auf der Strae gehalten. Nu freilich, murrte die Magd, dicht dabei hab' ich ein paar Kruter gepflckt, 's war noch so frh am Tage, und unsere arme Liese sollte sich ein Weilchen ausruhen. Ich sehe die drei Buben und Schulzens Rse kommen, die bleiben am Wagen stehen; na, ich denk' mir nichts dabei und geh' ein paar Schritte tiefer in den Wald. N, und auf einmal--ich denk', ein Muschen beit mich--hre ich die Peitsche knallen und sehe den Wagen haste nicht gesehen davonfahren. Ich schrei, aber ach, da htte ja wohl eher so eine alte dicke Tanne guten Tag gesagt, ehe die dreimal unntzen Buben gehrt htten. Sie rasten davon, ich hinterher, ich merkte doch, da unsere Liese durchgeht. Unterwegs habe ich dann die Tafel gefunden und die Peitsche, und wenn's gerecht zuging, dann kriegten jetzt alle vier mit der Peitsche tchtige Haue. Die vier Missetter entschuldigten sich: Wir dachten doch, er wre gestohlen, huhuhu, es hat doch so was in der Zeitung gestanden! Ach du meine Gte, nu denk' ich erst an unsere Tpfe, jammerte Kathrine in das Kindergeschrei hinein. Wenn die entzwei gegangen sind bei dem Gefahre! Sie sprang auf den Wagen, kauerte im Stroh und warf pltzlich klagend etliche Scherben heraus; drei von den neuen Tpfen waren wirklich entzweigegangen, kurz und klein zerschlagen bei der tollen Fahrt. Anton Friedlich stie Heine Peterle an, denn natrlich standen die beiden auch dabei und sahen zu, und tuschelte: Ausreien wre am besten! Heine Peterle nickte, er teilte des Kameraden Meinung vollstndig, und die vier Missetter wren sicher auch himmelgern ausgerissen, wenn sie nur gekonnt htten; sie standen aber so mitten drin im Gewhl, da sie sich gar nicht rhren konnten. Der braunen Liese nun schien das Ausreien an diesem Tage besonders zu gefallen, vielleicht war ihr auch das Geschrei zu gro, kurz, sie zog ganz pltzlich an und rannte heidi davon. Kathrine, die auf dem Wagen stand, fiel vor Schreck zwischen die neuen Tpfe, und alle andern rannten hinter der wilden Liese drein. Doch die kannte ihren Weg; sie bog rechts um und stand wenige Minuten spter auf dem Hofe des Schnipfelbauern. Sie hatte wohl an diesem Tage genug von aller Lauferei und wollte in ihren Stall zurck. In diesem Wirrwarr flsterte Rse ihrem Bruder zu: Wir wollen zu Muhme Lenelies gehen, sie mu doch die Geschichte wissen! Schnipfelbauers Fritz und Friede riefen gleich: Wir gehen mit! und trapp, trapp rannten alle vier links herum und langten bald atemlos bei Muhme Lenelies an. Die Muhme war daheim, sie freute sich auch und lachte auch sehr ber die Geschichte und fand es uerst nett, da die Kinder gleich zu ihr gekommen waren. Sie wunderte sich kein bichen darber; es kam fters vor, da sich Oberheudorfer Buben und Mdel, wenn sie eine Dummheit gemacht hatten, erst etwas bei Muhme Lenelies erholten. Das Huschen der Muhme lag so schn abseits wie eine Burg, in der man sicher und wohlbehtet sitzt, kam es den Kindern zu Zeiten vor, obgleich das windschiefe kleine Haus sonst gar keine hnlichkeit mit einer Burg hatte. [Illustration: Muhmes Huschen] Sehr spt verlieen die vier an diesem Tage ihre Burg, und in der Zeit, die verronnen war, hatte sich Kathrines Zorn etwas gelegt, ihr lautes Schelten hatte sich in leises Brummen verwandelt. Fritz kam also noch so leidlich bei der Sache fort. Der Schulze aber sagte: 's ist nur gut, da wir keine Zeitung in Oberheudorf haben, sonst kme die Geschichte noch hinein, denn Dummheiten lesen die Leute allemal gern, und eine Dummheit war's doch von den Kindern, potzwetter ja! Als die Berenbacher Kinder aber die Geschichte am nchsten Tage erfuhren, da fanden sie sie nicht dumm, sondern wundervoll, und sagten zu den Oberheudorfern: Das nchste Mal bringen wir euch heim, vielleicht passiert wieder was! [Illustration: Friedes, Fritz', Jakobs und Rses Kutschfahrt] [Illustration: Dekoration] Ein kleiner Held. Muhme Lenelies war allzeit eine flinke, fleiige Frau, immer wohlgemut und guter Dinge, und sie pflegte mitunter lachend zu sagen: Das Kranksein lasse ich gar nicht erst zur Tre hinein! Aber einmal, Traumfriede war noch nicht allzu lange ihr Pflegesohn, kam doch das Kranksein unversehens zur Tre hineingerutscht, und die arme Muhme Lenelies bekam einen bsen Husten, der sie arg qulte. Weil die Muhme nun aber die besondere Gabe hatte, alle Dinge, auch die schweren und trben, durch eine rosenrote Brille anzuschauen, so fand sie, auch das Kranksein habe seine freundlichen Lichtseiten. Sie sagte oft: Es ist doch behaglich, da ich bei dem bsen Sturm nicht hinausbrauche, aber am schnsten ist es doch, da man in Krankheitstagen sieht, wie gut doch eigentlich viele Menschen sind. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, Muhme, erwiderte ihr darauf einmal die Frau Lehrerin. Wret Ihr nicht allzeit so hilfsbereit, dann kmmerte sich just wohl niemand um Euch. Das mochte schon wahr sein, aber wenn es auch ehrlich verdiente Liebe und Teilnahme war, wohl tat sie der alten Frau sehr, denn obgleich sie die rosenrote Brille hatte, eine schwere Zeit war die der Krankheit doch fr sie. ber nichts aber freute sie sich in diesen Tagen so sehr wie ber ihres Pflegesohnes Liebe. Traumfriede tat der Muhme alles Gute an, was er ihr nur an den Augen absehen konnte; er arbeitete von frh bis abends, hielt das Huschen schmuck und sauber, ja er suchte noch da und dort ein paar Pfennige zu verdienen, damit nicht alle mhsam erworbenen Spargroschen daraufgingen. Wie eine Knigin hab' ich's, sagte die Muhme mitunter zu Friede. Ich habe einen Diener, das bist du, einen Koch, das bist du, eine Kammerzofe, das bist du, eine Magd, das bist du auch, und Hofmarschall und Mundschenk dazu,--soll einer sich so viele dienstbare Geister suchen.-- Der Winter war in diesem Jahre gleich mit viel Schnee und Klte eingezogen und blieb auch ein strenger Gast. Als der Februar herankam, da lag noch so viel Schnee in Oberheudorf, als htte der Winter erst angefangen. Acht Tage schneite es ununterbrochen. Alle Grben und Wege verschneiten, die Berenbacher Kinder konnten nicht mehr in die Schule kommen, und eines Sonnabends muten es die Oberheudorfer Bauernfrauen aufgeben, zum Markt zu fahren. Man kommt nicht mehr durch, sagten sie. Traumfriede erzhlte dies am Freitag nachmittag seiner Pflegemutter, und Muhme Lenelies, die in ihrem Lehnstuhl am Ofen sa, seufzte ein wenig: Ich dacht's mir balde! Na, da mu man auch zufrieden sein. Muhme, rief Traumfriede erschrocken, deine Tropfen sind doch alle, und wenn morgen niemand in die Stadt fhrt, mut du ja so lange noch warten? Freilich, mein Junge, sagte die alte Frau gelassen, die Tropfen werden mir schon fehlen, aber vielleicht geht der Husten auch ohne Tropfen weg. Schneide nicht so ein betrbtes Gesicht, man mu froh sein, wenn man eine warme Stube hat. Horch nur, wie drauen der Wind heult. Friede nickte stumm. Es tat ihm unendlich leid, da die Pflegemutter keine Tropfen mehr hatte. Sicher wurde der Husten noch schlimmer. Der Doktor hatte, als er vor acht Tagen dagewesen war, ihn sehr ermahnt, an die Tropfen zu denken, und gesagt, die Krankheit knnte leicht schlimmer werden, wenn die Kranke die Tropfen nicht pnktlich einnhme. In dieser Nacht heulte der Sturm so um das winzige Huschen herum, als wollte er es nehmen und wie eine Spielzeugschachtel forttragen. Dazu peinigte die arme Muhme Lenelies der Husten heftig, und erst lange nach Mitternacht schlief sie ermattet ein. Als sie am Morgen erwachte, brannte die Lampe, im Ofen war Feuer, und das Stbchen war ganz behaglich warm. Ei, der Friede, der Tausendsassa, hat sich aber dazugehalten, dachte sie und richtete sich etwas auf. Wo war denn der Bub? Sie klopfte an die Wand der Kammer, in der Friede schlief, aber alles blieb still. Sie richtete sich etwas auf, da sah sie, wie schon die Kaffeekanne auf dem Ofen stand, und auf dem Tisch an ihrem Bett stand die Tasse und ein Wecken lag daneben. Du meine Gte, murmelte die Muhme, da habe ich es richtig verschlafen, und der Bub ist schon in die Schule gegangen. Wie dunkel es aber noch ist! Es war in den Tagen ihrer Krankheit schon manchmal vorgekommen, da Friede bereits in die Schule gegangen war, wenn sie aufwachte. Der Bube besorgte immer alles so leise wie ein Heinzelmnnchen, und die Pflegemutter schlief oft erst gegen Morgen ein. Muhme Lenelies holte sich also ihren Kaffee herbei, trank ihn und blieb dann still in ihrem Bett liegen, denn die Brust tat ihr weh von dem Husten. Der Sturm heulte drauen immer noch, und sehr langsam nur wurde es hell. Die Muhme, die sonst nicht ungeduldig war, dachte an diesem Tage manchmal: Heute will es auch gar nicht Mittag werden! Endlich hrte sie drauen Schritte, jemand kam. Sie lauschte,--Friede war es nicht, also wohl eine Nachbarin, die nach ihr sehen kam. Gleich darauf trat auch, auf das Wetter scheltend, die Schnipfelbuerin ein. Sie wohnte ganz nahe und hatte der Muhme schon fters in den Tagen der Krankheit eine gute Suppe gebracht. Auch heute kam sie mit einem Topf Essen an. Sie stellte es der Kranken an das Bett, holte einen Teller herbei und sagte: Nun et nur, der Friede hat mich gestern abend noch himmelhoch gebeten, Euch ja nicht zu vergessen, weil er doch heute nicht daheim ist. Ei, rief Muhme Lenelies und verga vor Erstaunen fast das Dankeschn, wo ist denn mein Friede? Kein Sterbenswrtchen hat er mir vom Fortgehen gesagt. Na sehe einer den Buben an, sagte die Buerin, ganz heimlich geht er auf Arbeit. Wo er ist, hat er mir auch nicht gesagt, aber am Samstag gibt es halt berall Arbeit, und der Friede lt sich schon gebrauchen. 's ist recht von ihm, da er darauf sieht, ein paar Groschen zu verdienen. Ich wollte, mein Fritz wre nur halb so fleiig und anstellig, aber das ist ein richtiger Faulpelz. Nur wenn es gilt, dumme Streiche zu machen, da ist er dabei. Mein Mann sagt immer, ihm kme die Nichtsnutzigkeit noch mal zur Nasenspitze und zur kleinen Zehe heraus. Ja, ja, 's ist schlimm! Die Buerin seufzte tief, aber Muhme Lenelies trstete: Ein gutes Herz hat er aber doch, und das ist die Hauptsache. Pat auf, er wird noch ein braver, verstndiger Bube werden! Die Schnipfelbuerin nickte zufrieden, sie hrte es wie alle Mtter gern, wenn jemand ihrem Buben etwas Gutes nachsagte, und da der Fritz bei aller Naseweisheit und Frechheit, bei aller Faulheit und Dummenstreichelust eben doch ein gutes Herz hatte, das trstete sie immer wieder. Ganz vergngt nahm sie Abschied, versprach noch, mit der Magd einen Topf Kaffee zu schicken, und ging dann heim. Gerade vor der Haustr traf sie ihren Buben, der rief ihr gleich entgegen, da er sie aus Muhme Lenelies' Huschen kommen sah: Warum ist denn Traumfriede nicht in der Schule gewesen? Nicht in der Schule gewesen? wiederholte die Schnipfelbuerin erstaunt. Ja in aller Welt, was macht denn der Bube? Wer nimmt denn einen Schuljungen den ganzen Tag zur Arbeit? Der Herr Lehrer hat sich auch gewundert, sagte Fritz, der ordentlich froh war, da sich der Lehrer einmal ber etwas anderes als ber seine Faulheit zu wundern hatte. Na, der Friede wird schon kommen, und so arg bse wird der Herr Lehrer nicht auf ihn sein, meinte die Buerin und ging in das Haus, und da es Mittagszeit war, folgte Fritz ungerufen. Er hatte in der Rechenstunde von sechs Exempeln sechs falsch gerechnet und in der Schreibstunde drei Kleckse und dreiundzwanzig Fehler in zwanzig Wrtern gemacht, davon bekommt einer schon Hunger. Whrend alle Oberheudorfer Buben und Mdel vergngt ihr Mittagbrot verzehrten und Muhme Lenelies still in ihrem Stbchen lag und mit Mimi, ihrer Amsel, und Schnurpsel, dem Kater, zusah, wie drauen die weien Flocken in der Luft herumwirbelten, war Traumfriede weit, weit von Oberheudorf entfernt. Lange vor Tagesanbruch war er mit seinem Laternchen ausgezogen. Trotz haushoher Schneewlle, trotz Sturm und Klte wollte er doch nach der Stadt wandern, um fr seine Pflegemutter die Hustentropfen zu holen. Heimlich war er gegangen; er wute, Muhme Lenelies wrde sich um ihn sorgen, und die Sorge wollte er ihr ersparen. Es bedrckte ihn freilich schwer, da er nicht in der Schule sein konnte, aber er dachte: Wenn ich nachher den Herrn Lehrer bitte, wird er es mir schon verzeihen; ich mute doch gehen. Tapfer schritt er aus. Es war, als er fortging, noch so dunkel, da er kaum den Weg erkennen konnte. Dazu lag der Schnee so hoch, da er oft bis an den Hals einsank. Bis Niederheudorf ging es noch, da war am Tage vorher der Weg gebahnt worden, als Friede aber nachher in den Wald einbog, wurde das Vorwrtskommen immer schwerer, und er blieb manchmal fast verzagt stehen. Aber der Gedanke, Muhme Lenelies wrde vielleicht krnker werden, wenn er die Tropfen nicht brchte, trieb ihn immer wieder vorwrts. Nach und nach dmmerte der Tag herauf, und als er aus dem Walde wieder heraustrat, da lag das weite Land im blassen Morgenschein still und wei vor ihm. Es sah so schn aus, da er darber beinahe alle Beschwerden des Weges verga. Er blies hurtig sein Laternlein aus und stapfte unverzagt weiter. Nach vielstndiger Wanderung erreichte er endlich die kleine Stadt, in der die Apotheke war. Er fand sie bald, trat ein und verlangte die Hustentropfen fr Muhme Lenelies. Dabei wunderte er sich selbst ber seinen Mut; ganz vergngt dachte er: Na, Heine Peterle sollte sehen, wie ich mich zurecht finde. Heine Peterle konnte die Stadt nicht leiden, warum, ist schon in einem andern Buche erzhlt worden, aber auch die brigen Oberheudorfer Buben und Mdel wollten nicht viel von der Stadt wissen. Sie kannten sie nmlich gar nicht; wenn mal eins mitgenommen wurde, das war dann immer eine besondere Sache. Zum Vergngen fuhren die Oberheudorfer nicht in die Stadt, nur zum Kauf und Verkauf. Meist waren da, wenn sie von Oberheudorf abfuhren, die Wagen voll und fr Kindervolk kein Platz mehr. Auch Friede war noch nie mit in der Stadt gewesen, es gefiel ihm aber ganz gut darin, und die Leute, die er nach der Apotheke fragte, gaben ihm auch freundlich Auskunft. Der Apotheker freilich war nicht nett, der verlangte ein Rezept, und als Friede verlegen sagte, er htte keins, wollte er ihm die Tropfen nicht geben. Der Bube, der mde und hungrig war, stand ganz verdattert da. Ein alter Herr neben ihm sah es und fragte mitleidig, fr wen er die Tropfen wollte. Friede gab Auskunft, treuherzig erzhlte er alles, und der alte Herr riet ihm, er sollte doch zu Doktor Treumann gehen, der wohne ganz in der Nhe und wrde ihm sicher die Tropfen noch einmal verschreiben. Das tat denn Friede auch. Der Doktor, der just fortgehen wollte, war sehr erstaunt, den Buben zu sehen. Der freundliche Arzt kam nicht allzu oft nach Oberheudorf, denn viel Kranke gab es nicht im Dorf, er kannte trotzdem alle Leute dort, und die alte Muhme Lenelies mochte er besonders gern leiden. Er wute aber auch, wie weit es bis Oberheudorf war, und wie schwer es sich bei solchem Schneewetter ging. Junge, rief er ganz erstaunt, bist du denn zu Fu gekommen? [Illustration: Traumfriede auf dem Wege zur Apotheke.] Ja, sagte Friede treuherzig, die Pferde kommen doch nicht mehr durch, sonst htte die Schnipfelbuerin die Tropfen mitgebracht. Na, das ist gut, rief Doktor Treumann, die Pferde knnen nicht mehr durchkommen, und so ein Dreiksehoch luft den Weg, noch dazu in der Dunkelheit. Aber Junge, Junge, wie konnte deine Pflegemutter nur so unvernnftig sein und dich gehen lassen! Verlegen bekannte Friede, da er heimlich davongelaufen sei, weil die Muhme ihn sonst nicht htte gehen lassen. Und sie mu doch ihre Tropfen haben, flsterte er. Der Arzt strich ihm sacht ber den Kopf. Du bist ein braver Bursche, sagte er ernst, aber ich habe Angst um dich, du wirst nicht heim kommen. Bergauf brauchst du noch mehr Zeit, das ist noch schwerer; ich frchte, das wird zu viel fr deine Krfte sein. Ach n, rief Friede vergngt und mutig, es geht schon, ich bin gar nicht mde! Der Arzt berdachte die Sache. Er selbst mute eilig fort zu einem Schwerkranken, er hatte kaum Zeit, etwas fr den Buben zu sorgen. Kam der nun heute nicht heim, dann ngstigte sich Muhme Lenelies vielleicht so, da sie noch krnker wurde. Die Tropfen brauchte sie, ein Bote, der den Weg machte, wrde sich schwer finden, also mute Friede schon wieder zurckwandern. Er lie dem Buben heien Kaffee geben, dazu Butterschnitten, und dann ermahnte er ihn: Du darfst dich aber nicht ausruhen wollen unterwegs, und wenn du noch so mde bist, sonst schlfst du ein und erfrierst. Gib mir die Hand darauf, Junge, da du dich nicht hinsetzt! Friede gab dem gtigen Mann die Hand, und der mahnte noch einmal: Denk an dein Versprechen! Sein Wort mu man halten; ein Feigling, wer es nicht tut.-- Nach einer Stunde trabte Friede gut ausgeruht und satt, die Tropfen in der Tasche und noch ein Paketchen vom Arzt, das er dem Lehrer abgeben sollte, wieder der Heimat zu. Anfangs ging es leicht, bald aber merkte er, da Doktor Treumann recht gehabt hatte damit, da der Heimweg schwerer sein wrde. An manchen Stellen mute er durch den Schnee krabbeln wie eine Maus durch einen vollen Mehlsack. Mitunter stand er minutenlang still und meinte vor Mdigkeit umsinken zu mssen, dann trieb ihn aber immer wieder der Gedanke an sein Versprechen vorwrts. Er hatte sein Wort gegeben, das mute er halten, und Muhme Lenelies mute ihre Tropfen haben, sonst wurde sie krnker. Immer wieder raffte er sich auf und trabte weiter. Einmal versank er so im Schnee, da er sich nur an dem tief herniederhngenden Ast einer Tanne wieder emporziehen konnte. Dazu brauste der Wind und trieb ihm die Flocken in das Gesicht; das stach wie mit Nadeln, und mitunter konnte er gar nichts sehen. Als er endlich den Wald erreicht hatte, berfiel ihn eine solche Mattigkeit, da er stehen blieb und sich an eine Tanne lehnte; so mde war er, ach so mde. Da war es ihm pltzlich, als rufe jemand laut neben ihm: Sein Wort mu man halten; ein Feigling wer es nicht tut! Da raffte er sich wieder auf, um mit zitternden Hnden sein Laternchen anzuznden, denn schon war es dunkel geworden. Der Wind blies es ihm immer wieder aus, von den sorgsam mitgenommenen Streichhlzern verlschte eins nach dem andern, endlich das vorletzte zndete das Lichtlein an. Friede nahm das letzte Stck Brot, das er noch in der Tasche hatte, a es auf und wurde nun wieder etwas munter. Er stapfte weiter. Immer dichter fiel der Schnee. Der Sturm hatte sich ganz gelegt, und es war eine tiefe, tiefe Stille ringsum. Friedes Laternchen schwankte hin und her. Der Bube war so matt, da ihm jeder Schritt eine schwere Arbeit schien. Immer wieder blieb er stehen, immer wieder meinte er vor Mdigkeit fast umsinken zu mssen, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke an Muhme Lenelies und an sein gegebenes Wort empor. Endlich, endlich sah er Lichter durch die Dunkelheit schimmern. Niederheudorf, dachte er wie erlst, da kann ich mich ausruhen, jemand nimmt mich schon auf. Aber wie endlos sich der Weg noch dehnte! Noch immer kein Haus, noch immer kein Mensch zu sehen! Weiter mute er wandern, immer weiter! Und wieder lehnte sich Friede an einen Baum. Er fhlte, wie seine letzte Kraft schwand, aber die Tropfen, sein Wort! Taumelnd tat er einen Schritt vorwrts, da packte ihn pltzlich eine krftige Hand, und eine laute, schnarrende Stimme rief: Zum Donnerwetter noch einmal, wer treibt sich denn hier herum? Muhme Lenelies mu ihre Tropfen haben, stammelte Friede halb bewutlos vor Mattigkeit. Ihre Tropfen--ihre Tropfen--ich mein Wort---- weiter--weiter! Na das ist ja eine nette Bescherung! brummte Leberecht Sperling, der Waldhter, er war der Sprecher, und hob den Knaben auf. Sieh mal einer an, der Traumfriede ist's. Du, Bube, schrie er, wo kommst du denn her? [Illustration: Leberecht Sperling und Traumfriede] Aus--der--Stadt, lallte Friede. Bei dem Wetter? Bist du verrckt? schrie der Waldhter. Bist du etwa hin und zurck gegangen? Ja, murmelte der Bube schlaftrunken, die Tropfen,--Muhme Lenelies braucht sie doch! So eine unvernnftige Kreatur, schalt Leberecht Sperling, luft in die Stadt bei dem Wetter! Verwichsen mte man so einen Buben! Na, ich sag's ja, nichts als Dummheiten machen die Buben, dumm, dumm, ausnehmend dumm! Von diesem Schimpfen hrte Friede nichts mehr, er lag auf des Waldhters Arm, und der trug den Buben so sorgsam, als wre er dessen Mutter, durch den Schnee. Die bsen Worte meinte Leberecht Sperling nicht bse, je weicher es ihm ums Herz war, desto mehr schalt er, das war so seine Art, und wenn er alle Oberheudorfer Kinder fr ausnehmend ungezogen erklrte, so hatte er sie im Grunde doch eigentlich alle lieb--freilich sie merkten das nur selten. Als es dunkel wurde und Friede immer noch nicht kam, begann Muhme Lenelies sich zu ngstigen. Schnurpsel mochte noch so schnurren und Mimi noch so viel im Zimmer herumhpfen, der alten Frau erschien es heute doch bedrckend einsam. Sie atmete auf, als endlich drauen Schritte erklangen. Es war Heine Peterles Mutter, die kam, und nach einem Weilchen erschien auch die Frau Lehrerin. Von den beiden nun erfuhr Muhme Lenelies, da Friede an dem Tage gar nicht in der Schule gewesen war. Ich denke mir, der Bube ist zum Schulzen nach Niederheudorf gegangen, sagte Heine Peterles Mutter, dort sind zwei Mgde krank, und weil doch nchstens Hochzeit ist, haben sie alle Hnde voll zu tun. Muhme Lenelies schttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht, darum htte Friede nicht die Schule versumt. Ihr wurde es auf einmal so bang zumute, und angstvoll rief sie: Meinem Buben ist etwas passiert, ein Unglck ist geschehen! Die Frauen suchten sie zu beruhigen, aber ihnen kam die Sache jetzt selbst seltsam vor. Ja, wenn's mein Heine Peterle gewesen wre, murmelte dessen Mutter, der brchte es schon fertig, mal hinter die Schule zu gehen. Da erklangen drauen schwere Tritte und eine laute Stimme, Leberecht Sperling ri die Tre auf und setzte Friede mit einem Ruck mitten ins Zimmer. Da ist er, rief der Waldhter. So ein dummer Purzel luft bei dem Wetter in die Stadt! Friede ri krampfhaft seine Augen auf, sah sich verdutzt in dem hellen Zimmer um und murmelte halb im Traum: Die Tropfen--ich darf nicht ausruhen--mein Versprechen! Ich-- Bube, mein Bube, rief Muhme Lenelies, du warst in der Stadt? Ja, da war er, sagte Leberecht Sperling, und jetzt geht er ins Bett. Der schlft ja schon wie ein Hase mit offenen Augen! Er nahm dem Buben seinen Korb ab, zog ihm ritsch, ratsch die Stiefel aus, die Frauen halfen Jacke und Hslein herunterziehen, und weil der ganze kleine Kerl kalt wie ein Eiszapfen war, wickelten sie ihn in eine wollene Decke, dann legten sie ihn ins Bett. Schon halb schlafend trank Friede noch den heien Kaffee, den die Frau Lehrerin ihm reichte; von allem dem, was um ihn herum gesprochen wurde, hrte er aber gar nichts mehr. Er hrte nicht, da Muhme Lenelies unter Trnen rief: Gott sei Dank, da mein Goldjunge wieder da ist, und da Leberecht Sperling schalt und die beiden Frauen ihn lobten, er schlief und trumte wundervolle Dinge. Er ging im Traum an der weien Hand der Schneeknigin, die fhrte ihn in einen glitzernden, funkelnden Palast, und lchelnd nahm sie einen kstlichen Pelz und legte ihn ber seine Knie: Damit du nicht frierst. Wie weich und warm der Pelz war! Friede strich ihn sacht und wute nicht, da Schnurpsel, der Kater, der sich auf seine Fe gelegt hatte, der kstliche Pelz der Schneeknigin war. Um Mitternacht legte sich der Wind, es hrte auf zu schneien, und am nchsten Morgen schien hell die Sonne auf Oberheudorf herab. Sie schien dem Traumfriede so lange auf die Nase, bis der Bube erwachte. Muhme Lenelies stand vor seinem Bett. Sie hatte eine groe Kaffeekanne in der Hand und sah aus, als htte sie sich ein bichen mit Sonnenschein gewaschen. Muhme, stammelte Friede verwirrt, bist du denn gesund? Na, so ziemlich, rief die alte Frau. Die Tropfen haben mir gut getan, mein Goldjunge. Pa auf, nun reit das Kranksein aus! So wurde es auch, das Kranksein ri wirklich aus. Als nach einiger Zeit, als der Schnee nicht mehr haushoch lag und die Wege versperrte, Doktor Treumann nach Oberheudorf kam, da fand er Muhme Lenelies recht munter und vergngt. Ei, da scheint ja mal wieder der Arzt berflssig zu sein, sagte er lachend. Muhme Lenelies nickte: Ihre Tropfen waren gut, aber ich glaube, Herr Doktor, da mein Friede den schweren Weg fr mich gemacht hat, das hat mir noch mehr geholfen. Freude ist allemal gesund! Ja, Freude ist gesund, sagte auch der Arzt, und Euer Friede, Muhme Lenelies, das ist ein Staatsjunge. Pat auf, der sorgt noch oft fr Freude in Euerm Leben! Im Dorfe sagte dies noch mancher Bauer und manche Buerin, und Friede bekam jetzt jeden Tag so viele freundliche Blicke und Worte wie frher, als er noch beim Kohlbauern gewesen war, im ganzen Jahr nicht. ber nichts aber freute er sich mehr als ber Muhme Lenelies' Genesung und ber den Herrn Lehrer, denn der hatte gar nicht ber den versumten Schultag gescholten, kein Wort hatte er gesagt, nur den Traumfriede sehr, sehr gtig angeschaut. [Illustration: Muhme Lenelies] [Illustration: Dekoration] Das Hnengrab. In dem Kuhberger Walde, der Oberheudorfs Felder nach Sden und Westen abgrenzte, lag tief innen auf einer Wiese ein mchtiger Steinhaufen. Es war ein seltsam schner Platz da mitten im Walde, immer lag es wie eine stille Feierlichkeit darber; eigentlich war es so recht ein Erdenwinkelchen fr Leute, die einmal ein bichen trumen und ausruhen wollen. Mitunter kam der Lehrer von Oberheudorf hierher und sa dann wohl auf dem Steinhaufen und beobachtete still das Leben der Vgel und Insekten. Es kam auch vor, da er Traumfriede hier sitzen fand, denn auch der Knabe hatte eine besondere Vorliebe fr die einsame Waldwiese. Dann erzhlte der Lehrer dem Buben wohl allerlei von den Tieren und Blumen des Waldes, und Traumfriede hrte versonnen zu. Er selbst erzhlte freilich nie, warum er just so gern hier sa, denn er war, so munter er auch mit seinen Kameraden umging, seit er Muhme Lenelies' Pflegesohn geworden war, doch ein etwas schchterner Junge. Und der Lehrer bedrngte ihn nie mit Fragen, er dachte immer: Er wird schon zutraulich werden. Der Bube mit den schnen, blauen Trumeraugen war ihm lieb, und des Lehrers Gedanken beschftigten sich mehr mit Friede, als der und seine Pflegemutter ahnten. Muhme Lenelies lie ihren Buben gern seinen Lieblingsplatz aufsuchen, sie wute ja, nach solchen Freistunden war er dann doppelt fleiig. So verbrachte Friede manchen schulfreien Nachmittag auf der kleinen Wiese. Hier fand er dann auch immer allerlei besonders schne Dinge: die grten Erdbeeren wuchsen zwischen den Steinen des Hgels, so saftig und wrzig, da Muhme Lenelies, wenn ihr Pflegesohn die Beeren heimbrachte, allemal sagte: Das reine Festessen! Auch ein Stachelbeerbusch, der gelbe, se Beeren trug, hatte sich hier angesiedelt; niemand wute, woher er gekommen war, er wuchs und trug Frchte, als stnde er mitten in einem wohlgepflegten Garten. Ihn umdrngten noch Himbeeren und Brombeeren, dazwischen blhten bunte, leuchtende Blumen, und in all dem Wirrwarr hausten auch noch ein paar kleine, lustige Vogelfamilien. An einem warmen Sommertag sa Traumfriede wieder hier auf seinem Lieblingsplatz. Die Stille wurde manchmal durch ein Lachen, einen frhlichen Schrei unterbrochen, denn die Oberheudorfer Kinder suchten wieder einmal Erdbeeren im Kuhberger Walde. Friede hatte fleiig gesucht, nicht so viel in den Schnabel, und nun stand sein Tpfchen schon voll neben ihm. Er wartete hier auf seine Gefhrten und trumte noch ein wenig in den schnen Sonnentag hinein. Mitten in seinem Trumen und Sinnen strte ihn Schulzens Jakob, der herbeikam. Sein Tpfchen war noch ziemlich leer, aber dafr trug er im Gesicht deutliche Spuren davon, da ihm die Beeren gut geschmeckt hatten. Weit du, sagte er und blieb vor dem Steinhaufen stehen, auf dem Friede sa, das ist ein Hhnergrab. Was, rief Friede verdutzt, ein Hhnergrab? Ja wer hat hier denn Hhner vergraben? Das wei ich nicht, brummte Jakob, aber mein Vater hat einen Brief bekommen, in dem steht, es wollten Leute aus der Stadt kommen und das Hhnergrab aufmachen. Und Vater sagt, das hier wr's! Quatsch! sagte Friede rgerlich, doch da wurde Jakob wild. Quatsch lie er seine, des Schulzensohns, Weisheit nicht nennen. Er stellte geschwind sein Beerentpfchen auf den Boden und rstete sich zu einer regelrechten Balgerei. Es wre wohl auch dazu gekommen, wenn nicht auf einmal Heine Peterle, Schnipfelbauers Fritz, der blaue Friede, Annchen Amsee und Jakobs Schwester Rse herbeigekommen wren. Unter groem Geschrei erzhlten sie, da sie soeben drei Rehe im Walde gesehen htten. Darber verga Jakob ein Weilchen seine Wut, nachher aber kam sie wieder, und er erzhlte aufgebracht die Geschichte von dem Hhnergrab. Ein Hhnergrab ist das? riefen die Kinder alle verdutzt, und Annchen Amsee fragte ganz hausfraulich weise: Was sind's denn fr Hhner, die hier liegen, gewhnliche oder etwa Perlhhner? Auf diese Frage wute Jakob keine Antwort zu geben, es trstete ihn aber sehr, da die andern seine Weisheit anerkannten, und sein Zorn legte sich allmhlich. Friede, der den Kameraden nicht hatte krnken wollen, sagte nun auch einlenkend: Wenn es dein Vater sagt, wird es schon stimmen, aber warum sind nur hier gerade Hhner begraben? Das war wirklich eine schwere Frage, die sehr, sehr viel Nachdenken erforderte. Weil die Oberheudorfer Kinder mitunter recht viel Geschrei beim Nachdenken machten, so traten sie ziemlich lebhaft und aufgeregt ihren Heimweg an, und die vierfigen und gefiederten Waldbewohner verkrochen sich ngstlich in ihren Hhlen, Moosbettlein und Nestern ob dieses Geschreies. Am nchsten Tage gab es in der Schule eine sogenannte Plauderstunde, etwas, das alle Kinder wundervoll fanden. Verstanden die Kinder etwas nicht, wollten sie etwas wissen, dann durften sie nmlich den Herrn Lehrer vor Schulanfang fragen. Fand der Lehrer, da die Frage vernnftig sei und sich darber allerlei sagen lie, so schlo er die Schule ein wenig frher und hielt dann noch die Plauderstunde ab. In dieser gab er Antwort, die Kinder durften Gegenfragen stellen, und meist fanden die Kinder die Plauderstunde viel zu kurz, und sie lernten darin manchmal mehr als vorher aus den Bchern. An diesem Morgen hatten neun Buben und Mdel gefragt, ob der Steinhaufen im Walde wirklich ein Hhnergrab wre. Da erzhlte ihnen denn in der Plauderstunde der Lehrer, da es Hnengrab heie und nicht Hhnergrab, und da es solche uralte Grber noch in manchen Gegenden gebe. In Deutschland, aber auch in Dnemark, England, selbst in Palstina finde man solche riesenhafte Grabdenkmler. Viele habe man geffnet und darin alte Urnen, Steinhmmer, auch wohl Schwerter, Armringe, Pfeile und dergleichen gefunden. Aber unseres ist doch gar nicht so gro, rief Schulzens Jakob erstaunt dazwischen. Nein, erwiderte der Lehrer, das ist es auch nicht, und darum ist man auch noch im Zweifel, ob es wirklich ein Hnengrab ist. Vielleicht ist es nur ein groer Steinhaufen, der von Hirten zusammengetragen wurde. Es mgen auch die berreste menschlicher Wohnungen sein, denn der Sage nach soll dort frher ein Dorf gestanden haben. Etwas Genaueres lt sich darber allerdings nicht ermitteln. Die Kinder lauschten gespannt den Erklrungen; jetzt fanden sie es sehr dumm, da sie zuerst gedacht hatten, Hhner lgen unter den groen Steinen begraben. Schulzens Jakob tat wichtig und tuschelte seinen Nachbarn zu: Wie konntet ihr nur so dumm sein und denken, Hhner liegen da! Na, du hast es doch zuerst gesagt, rief Heine Peterle halblaut. Ein Weilchen gab es ein erregtes Tuscheln und Wispern, und der Lehrer lie die Kinder gewhren; er lchelte ber ihren Eifer und sah dabei Traumfriede an, der still und versonnen dasa. Der Bube fhlte den Blick des Lehrers, er hob seine schnen Augen zu ihm auf und fragte leise, traurig: Wird nun der Steinberg abgetragen werden? Der Lehrer nickte. Ja, Friede, es geht an unsern Lieblingsplatz, er wird wohl etwas zerstrt werden. Der Bube wurde rot. Da der Lehrer gesagt hatte, >unsern Lieblingsplatz<, das gab ihm eine heimliche Freude, aber dann wurde er wieder traurig, und whrend die andern Kinder nach Schlu der Schule laut und lustig auf die Dorfstrae eilten, ging er still seinen Weg. Die Buben und Mdel redeten daheim gewaltig klug von dem Hnengrab. Annchen Amsee meinte, vielleicht knnte ein Topf voll Gold darin gefunden werden. Oder eine Krone und ein goldenes Schwert, rief Heine Peterle, und zuletzt redeten alle nur noch von den goldenen Schtzen des Hnengrabes. Ganz rgerlich aber war Muhme Lenelies. Sie schalt aufgebracht darber, da auf der schnen, friedlichen Waldwiese gegraben werden sollte. Wirklich, brummte sie, die Stadtleute mssen ihre Nase auch in alles stecken. Es ist jammerschade um unsern hbschen Platz. Sie lie ihren Friede darum auch gleich am Nachmittag dahinlaufen; wer wei, wie lange der Bub seinen Lieblingsplatz noch haben wrde, mochte er ihn also noch genieen, soviel er konnte. So sa denn Traumfriede am Nachmittag wieder still auf einem der beiden Steinhgel dicht neben dem Stachelbeerbusch. Um ihn herum war ein Schwirren und Summen der Bienen und Kfer, bunte Schmetterlinge flogen ber die blhende Waldwiese, und dicht neben ihm saen auf einer Blumendolde vier Perlmutterfalter, ihre Flgel glnzten und flimmerten mrchenhaft im Sonnenlicht. Whrend der Knabe so still in der warmen Sommerschnheit sa, war es ihm, als lste sich pltzlich Stein um Stein von dem alten Grab und riesenhafte Mnner traten aus dunklen Hhlen hervor. Sie klirrten mit Schild und Schwert, goldene Kronen funkelten auf ihren Huptern, ihnen folgten schne Jungfrauen in schimmernden Gewndern, und pltzlich verschwand der Wald, ein hohes Schlo mit Trmen und Zinnen wuchs empor, auf der Brcke stand ein Torwchter und blies in sein Horn. [Illustration: Traumfriede] Mhmh mh, meckerte es pltzlich neben Traumfriede, und verdutzt schaute sich der Bube um. Alle Mrchenherrlichkeit war verschwunden, er sa wieder neben dem Stachelbeerbusch, und vor ihm stand Friederike, Muhme Lenelies' hchst kluge und gebildete Ziege. Sie war Friede nachgelaufen und schien sehr ungndig, da sie so wenig beachtet wurde. Der Bube schmte sich ein bichen, ihm war es immer, als knnte Friederike in seinem Herzen lesen, und gewi lachte sie heimlich ber all die Geschichten, die er immer zusammentrumte. Aber Friederike lachte nicht, sondern beschnupperte ein paar feine Blttchen und geruhte sie zu fressen. Komm heim, Friederike, rief Friede, du darfst hier nicht fressen! Wenn es Leberecht Sperling sieht, schreibt er uns auf. Leberecht Sperling, der gefrchtete Waldhter, der jedes Kind, das er im Walde traf, mitrauisch ansah, ob es nicht eine Dummheit gemacht hatte oder vielleicht eine machen wollte, schien auch Friederike zu erschrecken. Sie trabte geduldig neben Friede her, und bald lag der Wald mit aller Mrchenherrlichkeit hinter den beiden. Es vergingen viele, viele Tage, und die Herren aus der Stadt, die das Hnengrab erforschen wollten, kamen nicht. Die Kinder vergaen die Geschichte beinahe, nur Traumfriede nicht, der sa, so oft er konnte, auf dem Steinhaufen, aber auch seine Angst, die Zerstrer wrden kommen, legte sich nach und nach. Und dann waren die Herren auf einmal da. Als die Kinder an einem Mittwoch aus der Schule kamen, sahen sie vor dem Wirtshaus Zur himmelblauen Ente einen Wagen stehen. Natrlich liefen sie nun nicht heim, sondern rannten alle vor das Wirtshaus, und Heine Peterle, dessen Oheim der Wirt war, lief hinein und brachte die Nachricht: Es sind die da, die zu dem Hnengrab wollen. Wir gehen auch hin, sagten gleich zwei, drei Stimmen, und ein paar andere antworteten: Na ob! Natrlich! Die drei Herren, die inzwischen in der Wirtsstube saen und auf das bestellte Mittagbrot warteten, konnten gar nicht begreifen, warum der Wirt auf einmal sagte: 's ist schade, da Mittwoch ist!--Warum denn? fragte der lteste der drei Herren erstaunt, es war ein stattlicher Mann, mit weigrauem Vollbart und klugen Augen, das Wetter ist doch so gut? Na ja, brummte Kaspar auf dem Berge und lief hinaus, um nach dem Mittagessen zu sehen. Drauen schttelte er mit dem Kopfe und sagte: N, das wei man doch, da am Mittwoch die Kinder immer bei allem dabei sind und einem in die Quere kommen! Davon schienen nun die gelehrten Herren aus der Stadt keine Ahnung zu haben. Sie verzehrten ihr Mittagbrot, auf das sie noch recht lange warten muten, dann sprachen sie noch mit dem Herrn Lehrer und dem Schulzen. Der Herr Pfarrer war an diesem Tage nicht daheim, und der Herr Lehrer erwartete einen Kollegen, er versprach nachzukommen. Nur der Schulze konnte die Herren begleiten, auch der Wirt kam mit, ein paar Knechte folgten mit Hacken und Grabscheiten, und so zogen alle miteinander in den Kuhberger Wald. Als sie auf der Waldwiese anlangten, blieben die Herren verblfft stehen; auf dem Steinhgel saen smtliche Oberheudorfer Buben und Mdel, saen da, als mte es so sein, als wre dies der einzige Fleck, auf dem sie just diesen Nachmittag sitzen konnten. Ach so, sagte der Herr mit dem weien Vollbart, den seine Begleiter immer Herr Geheimrat nannten, darum bedauerte der Wirt, da wir an einem Mittwoch gekommen sind. Nun verstehe ich, warum! Ja, das Kindervolk, brummte der Schulze, immer ist es dabei, immer will es zusehen. Na, und wenn unsere Mdel und Buben nicht dabei sind, ist es auch nicht recht. Nach dieser Erklrung zog er seine Stirn in finstere Falten und schrie: Nun marsch runter von da oben! Die Kinder gehorchten, nicht sehr geschwind und nicht sehr vergngt, aber sie taten es doch; dann freilich blieben sie dicht an dem Steinhgel stehen. Sie wurden zwar immer wieder ermahnt, weiter zu gehen, einmal schalt der Herr Geheimrat, ein anderes Mal der Schulze, dann flogen die Buben und Mdel auseinander wie eine Spatzenschar, in die jemand mit einem Blasrohr hineingepustet hat. Fnf Minuten, ach nein, drei, nein, zwei Minuten spter standen alle schon wieder dicht am Steinhgel, und bei jedem Stein, der aufgehoben wurde, schrieen sie Oh! und Ah! als sei das etwas ganz Wunderbares. Leberecht Sperling kam herbei und Hans Rumps. Die beiden schalten auch ber das neugierige Kindervolk, aber Heine Peterle sagte patzig: Wir tun doch nichts, und ein Nachtwchter hat jetzt berhaupt nichts zu sagen, es ist doch Tag! Die andern Buben und Mdel gaben ihrem Beifall so laut Ausdruck, da der Herr Geheimrat und die beiden andern Herren ordentlich erschraken. Sagt mal, Kinder, fragte der Geheimrat, et ihr gern Schokolade, und hat der Krmer welche? Ja, schrieen smtliche Buben und Mdel und lachten, als erwarteten sie, da die Schokolade gleich vom Himmel herunterpurzeln sollte. Na, dann pat mal auf, sagte der Geheimrat, zog sein Portemonnaie hervor und suchte alles Kleingeld zusammen. Seine Begleiter taten es ihm nach, und jedes Kind erhielt einen Groschen. Dafr drft ihr gehen und euch Schokolade kaufen. Geht nach Niederheudorf, da gibt es bessere, riet der Schulze. Er dachte, Niederheudorf ist weiter, da sind sie nicht so rasch zurck. Die Kinder nickten, und eins, zwei, drei waren sie vom Steinhaufen weg und im Walde verschwunden. Zwei Minuten spter aber waren sie alle wieder da. Na nu, holt ihr denn keine Schokolade? riefen die Herren verdutzt. Krmers Trude ist gegangen, sie bringt uns alles, wir erzhlen ihr nachher, was los ist, riefen Buben und Mdel wie aus einem Munde und kamen geschwind so dicht heran, als mten sie durchaus mit ihren Nasen dabei sein. Mir scheint, es hilft uns nichts, wir mssen uns mit den Kindern abfinden, sagte der Geheimrat halb lachend, halb rgerlich, na, vielleicht wird ihnen die Sache bald langweilig! Diese Hoffnung sollte sich auch erfllen, den Kindern wurde das Zusehen wirklich langweilig. Sie hatten gedacht, es wrde ganz geschwind gehen, und die goldenen Schtze wrden aus der Erde gehoben werden wie die Kartoffeln im Herbst, statt dessen mahnte der Geheimrat immer zur Vorsicht, und nur langsam wurde ein Stein nach dem andern abgetragen. So kam es, da die Kinder gar nicht dabei waren, als am nchsten Tage gegen Abend endlich das Grab geffnet wurde. Es fanden sich wirklich allerlei Urnen und Bronzegerte darin, ein Schwert, Armringe und dergleichen. Die Sachen wurden in das Wirtshaus gebracht und dort aufgestellt. Kaspar auf dem Berge hatte heilig und teuer gelobt, er wollte alles sorgsam behten, whrend drauen im Walde die drei Herren das geffnete Grab noch weiter untersuchten. Ganz Oberheudorf war ber das Hnengrab in Aufregung. Freilich waren die meisten etwas enttuscht; sie hatten wie die Kinder erwartet, in dem Grab wrden kostbare Schmucksachen liegen, Gold und Edelsteine; die paar unansehnlichen Dinge wollten ihnen gar nicht recht gefallen. Sie konnten nicht begreifen, warum die gelehrten Herren so froh darber waren und taten, als htten sie Wunder was fr Kostbarkeiten gefunden. Wenn sie wenigstens ordentlich blank wren, sagte Annchen Amsee und deutete verchtlich auf einen fast schwarzen Armring. Etliche Buben und Mdel standen nmlich wieder einmal vor den ausgegrabenen Sachen. Es war Sonnabend nachmittag, aber obgleich schulfrei war, waren die Kinder nicht in den Wald gelaufen, wo die Herren das Grab wieder zuschtten lieen, nur ein paar ganz neugierige Buben waren mitgerannt, den andern war es eben zu langweilig. Morgen wollten die drei Herren abreisen, und der Wirt sagte wichtig zu den Kindern: Seht euch nur alles noch einmal grndlich an, die Sachen kommen nachher in ein Mu--se--um, ja, so hat der Herr Geheimrat gesagt! Was ist denn das fr ein Ding, Oheim? fragte Heine Peterle. Hm ja, Kaspar legte den Finger an die Nase, das ist, nun das ist eben eine groe Truhe. Aber so schmutzig, wie alles ist, rief Waldbauers Mariandel, die ein kleines, sauberes Mdel war und himmelgern putzte und wischte. Wir wollen es blank putzen, schrieen Annchen Amsee und Schulzens Rse begeistert, gelt ja, wir drfen? fragten sie den Wirt. Der Herr Geheimrat wird sich sicher arg freuen. Na ja, hm, ich wei nicht recht, gut wr's freilich schon, wenn der Schmutz runter kme, sagte Kaspar nachdenklich. Die Mdel bettelten und baten, die Buben halfen ihnen, und endlich erlaubte es der Wirt; er dachte auch, die Gste wrden sich schon freuen. Flink holten nun Annchen Amsee und Mariandel Sand, Seife, Scheuerbrsten und Lappen herbei, die Buben standen mit den Hnden in den Hosentaschen da und sahen zu, und Heine Peterle befahl, als sei er mindestens ein General: Zuerst den Sbel! Damit meinte er das Schwert, aber das wollten die Mdel nicht anfassen, davor graulten sie sich. Vielleicht ist mal jemand damit totgestochen worden, brr, n, rief Annchen Amsee und schttelte sich, als sei sie ein Apfelbaum, von dem alle pfel herunterfallen sollten. Mariandel ergriff einen Armring und sagte: Wir wollen erst mal sehen, ob es geht. Pfui, ist das Ding schmierig! Das kleine, handfeste Mdel rieb tapfer mit Seife, Sand und der Scheuerbrste an dem uralten Reif. Na, das geht aber schwer, sthnte sie, rieb und rieb und siehe da, der Schmutz ging wirklich etwas ab. Macht nur nichts entzwei, warnte der Wirt die Eifrigen. Bewahre, riefen die Buben, als wren sie es, die putzten, wir passen schon auf! Na, euch brauchen wir gar nicht, erwiderte Annchen Amsee schnippisch, ihr steht uns ja nur im Wege. Schulzens Jakob wollte gerade seine Entrstung ber diese Frechheit aussprechen, als sich die Tre ffnete und der Herr Geheimrat eintrat. Zum Donnerwetter, was macht ihr denn da? schrie er so laut und so wtend, da Mariandel vor Schreck gleich mit ihrer Scheuerbrste hintenber purzelte. Wir putzen, stammelten Annchen Amsee und Krmers Trude, wir... Weiter kamen sie nicht, der Geheimrat ri ihnen die Reifen aus den Hnden, und dabei schalt und wetterte er so, da es den Buben und Mdeln himmelangst wurde und der Wirt mit puterrotem Gesicht erschrocken zur Tre hereinsah. Was gibt's denn, was gibt's denn? rief er. Die dummen Dinger hier, schrie ihn der gelehrte Herr an, putzen an den Sachen herum. Nennen Sie das aufpassen, Herr Wirt? Hm ja, murmelte Kaspar ganz verdattert, schmutzig genug ist doch das Zeug, und die Mdel wollten dem Herrn Geheimrat doch eine Freude machen! Eine Freude! Der Geheimrat schaute drein, als wte er nicht, ob er lachen oder vielleicht jemand eine Ohrfeige geben sollte, und die Mdel brachen vor Angst in ein so furchtbares Jammergeschrei aus, da der Geheimrat sie entsetzt anstarrte. Sein Zorn legte sich ein wenig, da er sah, da der angerichtete Schaden noch nicht gro war, und er sagte etwas freundlicher: Aber Kinder, weint doch nicht so! Wenn die Oberheudorfer Mdel aber einmal heulten, dann besorgten sie das gleich grndlich. Mit drei Trnlein vielleicht war bei ihnen die Sache nicht abgetan, Taschentuch und Schrze muten zum Ausringen na sein, und an Geschrei durfte es auch nicht fehlen. Zum berflu stand noch Mine an der Tre und heulte mit, Kastor, der Haushund, bellte dazu, die Buben schnitten grimmige Gesichter, und drauen auf der Dorfstrae schnatterten die Gnse, bellten die Hunde, und Schuster Pechdraht schaute zu dem offenen Fenster hinein und fragte: Was haben denn die Mdel, was fehlt ihnen denn? Der Geheimrat sah sich ratlos um: der Lrm war ja grlich, die Ohren htte man sich zuhalten mgen bei diesem Geschrei. Ihm ri schlielich die Geduld, und er schrie emprt: Hinaus, macht, da ihr alle hinauskommt! Er haut! schrie Anton Friedlich erschrocken, und hops! war er an der Tr. Er rannte Mine und Kastor beinahe um, und wie die wilde Jagd folgten ihm die andern. Ein Scheuereimer wurde umgeworfen, ein Stck Seife flog in eine Ecke, eine Scheuerbrste fiel dem Geheimrat vor die Fe, und der alte Herr fing da pltzlich an zu lachen, laut und herzlich. Er ist bergeschnappt, jammerte Mine und flchtete in die Kche. Dem Geheimrat aber kam die Geschichte nun doch sehr komisch vor, er lachte noch, als seine beiden Gefhrten zurckkamen. Er zeigte ihnen die Putzversuche und sagte: So etwas ist mir auch noch nicht vorgekommen, nein, so dumme Mdel! Im Dorf sagten ihm spter dies Wort nur etliche Leute nach, die meisten fanden, die Mdel wren doch aber sehr brav gewesen, und dem schmutzigen, alten Kram wre das Putzen schon recht gewesen; viel dmmer sei es, ihn schmutzig zu lassen! N, schmutzig mssen die in der Stadt aber sein, sagte Heine Peterle verchtlich und wischte sich mit seinem Jackenrmel seine kleine Stupsnase ab. Pfui, nicht mal putzen lassen die die alten Sachen! Pfui! riefen auch die Mdel verchtlich, die noch immer tief beleidigt waren. Die drei gelehrten Herren aber packten ihre ausgegrabenen Sachen geschwind sorgsam ein; sie hatten Angst, es knnte sie noch jemand mit Sand und Seife abscheuern wollen. Am nchsten Morgen, der sonntglich hell und schn war, ging der Geheimrat noch einmal nach dem Hnengrab hinaus, das wieder sorgfltig zugeschttet worden war. Als er hinaus kam, fand er Friede drauen. Der Bube sa auf den Steinen, er hatte den Stachelbeerstrauch, den man achtlos beiseite geworfen hatte, neben sich liegen und weinte bitterlich. Warum weinst du denn? fragte der alte Herr den Knaben mitleidig. Der hob seine blauen Augen zu dem gelehrten Herrn empor und sagte leise, zaghaft: Der Busch hier ist ausgerissen worden und alles zerstrt. Und--es war doch so schn! Dann sprang er rasch auf, nahm den Stachelbeerbusch und lief davon. Kopfschttelnd sah der Geheimrat ihm nach: Eine wunderliche Gesellschaft, diese Oberheudorfer Kinder, hchst merkwrdig! Ein Bube, der weint, weil man ein paar Bsche ausgerissen hat, ist wirklich sehr merkwrdig; ich glaube beinahe, in dem steckt ein Dichter. Na, ich werde den Kindern eine groe Zuckertte schenken! Das tat der Geheimrat auch, und seitdem finden ihn alle Oberheudorfer Buben und Mdel sehr nett. Annchen Amsee aber sagte: Er hat sich halt doch ber unsere Putzerei gefreut. In Muhme Lenelies' winzigem Garten fand der Stachelbeerbusch von dem Hnengrab noch ein Pltzchen, und Friede pflegte ihn, als sei er der kostbarste Strauch der Welt. [Illustration: Dekoration] [Illustration: Dekoration] Nachtwchter sein ist manchmal schwer. In Oberheudorf sagten die Leute wohl manchmal von einem, der recht, recht gut schlft: Er schlft so fest wie Hans Rumps. Darber war dann allemal Hans Rumps, der Nachtwchter, sehr rgerlich; er wollte das nicht gern hren, weil doch eigentlich ein Nachtwchter wachen und nicht schlafen soll. Aber freilich, viel zu wachen gab es in Oberheudorf nicht, es passierte selten ein Unheil. Wenn es wirklich einmal brannte, dann war das Feuer meist so freundlich, am Tage auszubrechen, oder andere Leute merkten es und schrieen gleich so gewaltig, da selbst Hans Rumps aufwachte und dann immer noch Zeit hatte, in sein Horn zu blasen. Spitzbuben und anderes lichtscheues Gesindel lie sich kaum in Oberheudorf sehen. Hans Rumps meinte, weil sie alle Angst vor ihm htten, die Dorfbewohner aber dachten, wohl weil ihr Dorf abseits von der groen Landstrae liegt und selbst Spitzbuben manchmal zu faul sind, erst Umwege zu machen. Mitunter hatten der Schulze und andere Bauern schon gesagt, eigentlich brauchten sie gar keinen Nachtwchter mehr, einen Nachtwchter zu haben, sei berhaupt gar nicht mehr Mode. Potztausend, dann schimpfte aber Hans Rumps, wenn er so etwas hrte. Er meinte, ein Nachtwchter sei etwas ungeheuer Notwendiges und Wichtiges; wenn die Leute in den Stdten so dumm wren und statt Nachtwchter Polizisten htten, na gut, das mochten sie, aber ein Nachtwchter sei eben doch am besten, und Oberheudorf ohne Nachtwchter sei gar nicht auszudenken. Im Ernst dachte schlielich auch niemand daran, Hans Rumps seinen Posten zu nehmen. Von seiner Wichtigkeit waren freilich nur wenige berzeugt, aber das schadete nichts, er selbst war es desto mehr. Weil nun Hans Rumps schlielich doch nicht Tag und Nacht schlafen konnte, spazierte er in der Zeit, in der er wachte, gern auf der Dorfstrae herum und tat, als htte er tausend notwendige Dinge zu tun. Passierte irgend etwas im Dorf, und der Nachtwchter erfuhr es, dann konnte man sicher sein, da es eine halbe Stunde spter alle andern Leute auch wuten. Mit den Kindern war Hans Rumps meist gut freund, die erzhlten ihm gern alle ihre Schulgeschichten, und wenn der Nachtwchter langsam und feierlich durch das Dorf ging, dann hopsten meist ein paar Buben und Mdel neben ihm herum und schwtzten mit ihm. Muhme Lenelies sagte manchmal: Es hat halt jeder Mensch mitunter seinen Linksaufstehtag, an dem er nicht wei, ob er mit der Sonne Streit anfangen oder dem Wind das Blasen verbieten soll. So einen Linksaufstehtag hatte nun Hans Rumps auch mitunter, und dann war mit ihm nicht gut Kirschen essen, dann brummte und schalt er ber alles, dann schrie er die Gnse an, sie sollten das Schnattern lassen, die Hhner sollten mehr Eier legen, und die Kinder htte er dann am liebsten den ganzen Tag in der Schule nachsitzen lassen. An einem solchen Tage nun fand der Nachtwchter einmal mitten auf der Dorfstrae ein paar Holzpantoffel. Heine Peterle hatte sie stehen lassen, weil es ihm einfiel, da das Barfulaufen an einem heien Tage behaglicher sei. Die Pantoffel erst nach Hause zu tragen, das war ihm zu anstrengend gewesen, er hatte sie einfach auf der Strae stehen lassen und gedacht: Wenn ich zurckkomme, nehme ich sie mit. Schulzens Jakob, Anton Friedlich und noch einige andere Buben hatten ihn nmlich zum Indianerspielen aufgefordert, und dazu war es ihm gerade nicht zu hei. Hans Rumps sah auch die Holzpantoffel an, schttelte mit dem Kopf, zog die Stirn in Falten, bckte sich endlich, hob die Pantoffel auf und trug sie finster bis an den Dorfteich und--warf sie hinein. Es mu Ordnung auf der Dorfstrae sein, murrte er, mit dem Kindervolk ist's auch nicht mehr auszukommen. Annchen Amsee und Bckermeisters Mariele, die am andern Ufer sehr eifrig mit ihren kleinen Geschwistern Puppenwsche abhielten, sahen die Untat; sie schrieen laut auf vor Emprung, und Annchen Amsee wre beinahe vor Schreck in das Wasser gefallen. Hans Rumps rgerte sich ber das Geschrei, hob drohend die Hand empor und sagte scheltend: Ich werde euch in das Spritzenhaus sperren, wenn ihr so schreit! Das war doch arg! Die Mdel sahen sich ganz entsetzt an ob dieser Grobheit, dann nahmen sie eins, zwei, drei Wsche, Puppen und kleine Geschwister und zogen heim. Unterwegs trafen sie die Buben, die gerade in voller Indianeraufregung ankamen. Ihnen erzhlten die Mdel emprt, was geschehen war, und nicht lange nachher standen smtliche Oberheudorfer Buben und Mdel um den Teich herum, auf dem Heine Peterles Pantoffel schwammen, und lrmten, als zge der Feind mit hundert Kanonen auf Oberheudorf los. Hans Rumps aber war in seiner schlechten Laune erst zum Schulzen und dann zum Herrn Lehrer gegangen und hatte die Kinder verklagt; sie wren ausbndig ungezogen. Der Schulze war gerade arbeitsmde vom Felde heimgekommen und hatte ein groes Amtsschreiben vorgefunden, das er beantworten sollte. Nun kam auch noch der Nachtwchter mit seiner Klage. Das war ihm zu toll. Er lief hinaus und hielt den Buben und Mdeln eine solche Strafrede, da es denen zumute war, als prasselten Hagelkrner auf ihre Kpfe hernieder. Sie waren anfangs so verdutzt, da sie berhaupt nichts sagen konnten, als aber der Herr Lehrer auch noch dazukam, gefolgt von Hans Rumps, und auch noch schelten wollte, da erhoben Mdel und Buben ein furchtbares Jammergeheul. Sie schrieen und klagten: Wir haben ja nichts getan! Heine Peterles Holzpantoffel, die eigentlich das ganze Unheil angerichtet hatten, schwammen inzwischen ganz vergngt auf dem Teich herum. Ein leichter Wind hatte sich erhoben und bewegte ein wenig das Wasser. Schnipfelbauers Fritz, dem das Schelten und Klagen etwas langweilig geworden war, hatte eine Bohnenstange am Teichrand gefunden. Damit bemhte er sich in allem Wirrwarr, die Pantoffel an das Land zu ziehen, und gerade als Hans Rumps seine Anklage vorbringen wollte, platschte es, das Wasser spritzte hoch auf, und--zwei Bubenbeine ragten einige Sekunden zappelnd in die Luft. Entsetzt sprangen der Schulze und der Lehrer herbei, und so schnell als er hineingefallen war, so schnell kam Schnipfelbauers Fritz auch wieder aus dem Wasser heraus. Er schluckte, pustete, spuckte und schrie, der Schulze aber fuhr ihn an: Mach, da du nach Hause kommst, dummer Bengel du! Und ihr andern schert euch auch fort, sonst fallen noch ein paar von euch ins Wasser. Nun marsch, kehrt, drckt euch! Damit endete die Geschichte. Hinterher fand der Schulze, da eigentlich nur Heine Peterle einen Rffel verdient htte, denn Holzpantoffel drfen eben nicht auf der Dorfstrae stehen. So ein Gezeter um ein Paar Holzpantoffel, brummte er Hans Rumps an, was soll denn das heien? Haben die Dinger vielleicht gebissen? Der Nachtwchter zog beschmt von dannen, ging heim und legte sich schlafen, um sich fr den Nachtdienst zu strken. Die Kinder aber waren emprt, sie waren alle miteinander bitterbse auf Hans Rumps. Am rgerlichsten war Heine Peterle. Der Bube bekam daheim noch einmal Schelte, und das wre alles nicht gewesen, wenn der Nachtwchter die Pantoffel nicht in den Teich geworfen htte. Hans Rumps nimm dich in acht! murmelten die Buben in den nchsten Tagen, und die Mdel flsterten und tuschelten einander zu: Sie spielen ihm einen Streich. Dem Nachtwchter selbst war es gar nicht behaglich zumute. Als sein Linksaufstehtag zu Ende war, sah er ein, da er den Kindern doch eigentlich unrecht getan hatte; er rgerte sich darber und war darum noch dreimal schlechterer Laune als vorher. Er schnitt ein Gesicht, als sollten alle Nachtwchter der Welt auf eine wste, einsame Insel verbannt werden, und jeder, der in diesen Tagen Hans Rumps traf, erschrak vor dessen bitterbser Miene. Etliche Tage vergingen, und der Freitag kam heran. An diesem Tage butterten alle Oberheudorfer Bauernfrauen, zhlten ihre Eier zusammen, pflckten Obst und Gemse ab, denn am Sonnabend fuhren immer etliche in aller Morgenfrhe in die nchste Stadt, um dort auf dem Markt ihre Sachen zu verkaufen. Meist fuhren drei bis vier Frauen, und die andern gaben ihnen ihre Waren mit. Die Buerinnen wechselten meist mit dem Fahren ab, sie sparten auf diese Art viel Zeit. Hans Rumps konnte den Sonnabend gar nicht leiden, der begann immer viel frher als andere Tage, und meist wurde er gerade im schnsten Morgenschlummer gestrt, was er nicht gut vertragen konnte. Er wollte aber auch dabei sein, wenn die Buerinnen abfuhren, er hielt das fr seine Pflicht. Die Buerinnen sagten zwar, es sei Neugier, und neugierig war nun Hans Rumps wirklich sehr. Der Freitagabend war sehr schn und warm, ja man konnte schon sagen hei. Hans Rumps, der sich sonst gern in eine Scheune legte, wenn er die zehnte Stunde abgeblasen hatte, legte sich an diesem Abend auf die Bank unter der Linde, die gerade vor dem Wirtshaus Zur himmelblauen Ente stand. Hier pflegten sich am Morgen alle Bauernfrauen zu versammeln, hierher kamen sie mit ihren Wagen, und die andern, die daheim blieben, brachten ihre Waren. Der Nachtwchter war also gleich dabei, und verschlafen konnte er es nicht; die Frauen sprachen meist lebhaft miteinander, da wurde er schon munter. Es war ein heller Sommerabend. Der Mond stand rund und voll am Himmel und guckte recht behaglich auf Oberheudorf hinab. Das war so ein kleines Nest, an dem der Mond immer seine besondere Freude hatte; er schaute darum auch stets ordentlich liebevoll in alle Ecken und Winkel hinein. Jedes Haus, jeder kleine Schuppen, jeder Baum, ja selbst jeder Strauch im Gartenwinkel bekam ein Scheinchen Himmelsglanz. Und in manches Mdchenstbchen und Bubenkmmerlein lugte der Mond hinein, sah sich die Schlafenden an und dachte wohl: Wenn sie so friedlich schlafen, sieht man es ihnen gar nicht an, was fr wilde, unntze Buben und Mdel es eigentlich sind. An diesem Sommerabend nun machte der Mond so ein verwundertes Gesicht, da ein berhmter Professor, der das liebe Himmelslicht gerade durch ein Fernrohr betrachtete, erstaunt ausrief: Alle Wetter, ja, was fllt denn dem Mond ein? Bei dem scheint etwas nicht in Ordnung zu sein. An des Mondes verndertem Aussehen war aber niemand weiter schuld als Heine Peterle, Schulzens Jakob, der dicke und der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz. Die fnf Buben kamen barfu und nur mit Hemd und Hschen bekleidet sacht aus den Husern heraus. Vor Anton Friedlichs Vaterhaus blieben sie ein Weilchen stehen und warteten, aber drinnen rhrte und regte sich nichts, nur der Hofhund begann zu bellen, und da wurde es den Buben unheimlich, und sie zogen ab. Drinnen im Hause aber sa Anton auf der obersten Treppenstufe und traute sich nicht hinabzugehen, weil die Treppe so knarrte, da er meinte, alle im Hause mten davon aufwachen. Ach, und er wre so gern dabeigewesen bei dem dummen Streich, den seine Kameraden jetzt leise im Mondschein unter heimlichem Wispern und Kichern ausfhrten. Die Geschichte kam allen fnf Buben unendlich komisch vor. Heine Peterle steckte einmal beide Hnde in den Mund, um nicht herauszuplatzen, und der dicke Friede fhrte die wunderlichsten Sprnge aus vor Vergngen, Schnipfelbauers Fritz gar legte sich platt auf die Erde, versteckte sein Gesicht im Gras und strampelte mit den Beinen, so mute er lachen. Hans Rumps aber schlief tief und fest, schlief einen rechten, guten Nachtwchterschlaf und merkte gar nichts von allem dem, was um ihn herum vorging. Er trumte sogar allerlei hchst angenehme Dinge, von einem riesengroen Kalbsbraten und einer Leberwurst, und im Traume hrte er jemand sagen: Hans Rumps soll nchstens Nachtwchter in Berlin werden, der Kaiser hat es gewnscht! Aber dann wollte ihm jemand die Leberwurst wegnehmen, und irgend etwas kitzelte ihn an der Nase, heizih! nieste er und schlief dann weiter. Er hat nichts gemerkt, wisperte und tuschelte das neben ihm, und dann krachte es oben in den Zweigen der Linde, huschte hierhin und dahin, und der Mond wurde immer runder vor Erstaunen. Was war nur heute in Oberheudorf los? Sehr frh am Morgen, die Sonne trumte noch hinter lichtroten Wolkenschleiern, wurde es auf dem Dorfplatz lebendig. Die Buerinnen kamen, um die Wagen zur Marktfahrt zu rsten. Die Schulzin war zuerst zur Stelle, gleich nach ihr kam die Schnipfelbuerin, die ein braunes Pferdchen am Zgel fhrte. Schnipfelbuerin, kommt nur und seht, rief die Schulzenfrau, und der Waldbuerin, die hinterdrein kam, rief sie es auch zu. Und nun kamen die andern Frauen auch, eine nach der andern, und alle stellten sich um die Bank herum, auf der Hans Rumps noch immer im tiefen Schlaf lag, und lachten, lachten so laut und herzhaft, da der Nachtwchter erschrocken aufsprang. Es brennt, rief er, es brennt! Er griff nach seinem Horn und wollte blasen. Potztausend, schrie er verdutzt, was ist denn das? Statt des Hornes hielt er einen alten hlzernen Hampelmann im Arm. [Illustration: Nachtwchter in der Wasserbtte] Er sprang auf und platschte mit beiden Beinen in eine Wasserbtte. Das Wasser spritzte hoch auf, die Frauen wichen lachend und schreiend zurck, Hans Rumps aber griff nach seinem Kopf und rief: Das ist verhext, das ist verhext! Plumps rutschte ihm ein dicker, gelber Ringelblumenkranz ber die Nase und lag dann wie eine Krause um seinen Hals. Hilflos starrte der Nachtwchter um sich. Was war nur mit ihm geschehen? Da fiel sein Blick auf seinen Stock, an dem seine Laterne sonst hing. Nein, sein Stock war das doch nicht, auf einer Bohnenstange hing ein alter Blechtopf. Und keine Knpfe hat er am Rock, rief die Schulzenfrau, und die andern Frauen wiederholten: Keine Knpfe! Hans Rumps sah seinen Rock an, auf dessen blanke Knpfe er so stolz war: Tannenzapfen bammelten daran, von Knpfen war nichts zu sehen. Ich trume, ja, ja, das ist eben ein Traum, murmelte er, natrlich, na freilich, ich trume! Unsinn, rief die Schulzenfrau, das ist kein Traum, das ist ein Schabernack, den die Buben Euch gespielt haben, Hans Rumps. Ganz sicher, die Buben sind's gewesen, denn das da ist unser alter Kaffeetopf, den ich erst vor ein paar Tagen fortgeworfen habe. Die Btte gehrt auch uns, na, und Schnipfelbuerin, den Hampelmann mt Ihr doch kennen. Na ob, sagte die Schnipfelbuerin, der gehrt meinen Kindern. So gewi, wie ich die Schnipfelbuerin aus Oberheudorf bin, so gewi sind das die Buben gewesen, die dies angerichtet haben. Meint Ihr nicht auch, Muhme Lenelies? Die Muhme war als letzte herbeigekommen, sie nickte: Freilich, freilich sieht das wie ein Bubenstreich aus, oder vielleicht sind's gar Heine Peterles Holzpantoffel gewesen! Darum, murmelte Hans Rumps, darum! N, so eine verflixte Bande! Und dann schrie er angstvoll: Ach du meine Gte, n, nun haben die ja wohl mein Horn und meine Knpfe in den Teich geschmissen. So was, n, so was! Ich bin ja gar kein Nachtwchter mehr, ich habe kein Horn, ich habe keine Knpfe, ich habe keine Laterne! Ich beschwere mich, ich gehe zum Herrn Grafen, dem Gericht zeige ich es an, unserem Herzog sage ich es, ich, ich, ich-- Hier ging Hans Rumps vorlufig die Luft aus, er sank wieder auf die Bank zurck und starrte die Frauen verzweifelt an. Seht doch nach oben, sagte da auf einmal Muhme Lenelies mit leisem Lachen, und alle schauten empor in das Blttergewirr der Linde. Es sah aus, als htte die gute, dicke Linde in der warmen Sommernacht durchaus ein Weihnachtsbaum werden wollen. Sie hatte sich allerlei aufhngen lassen: da baumelte eine Laterne, eine Mtze und ein Horn, und mit bunten Wollfden waren einzeln die blanken Knpfe vom Nachtwchterrock angebunden. Potztausend, das nenne ich einen guten Schlaf, rief die Schulzenfrau. Da liegt der Nachtwchter und merkt nicht, da ihm die bsen Buben seine Knpfe abschneiden! Ich soll geschlafen haben, ich--ich? stotterte Hans Rumps verlegen. Es schien ihm selbst sehr unglaublich, am liebsten htte er sich gleich wieder auf die Bank gelegt und darber nachgedacht, ob er wirklich geschlafen habe; da dies aber doch nicht anging, begann er, seine Sachen von der Linde herabzuholen. Er seufzte und sthnte dabei jmmerlich und schalt rgerlich vor sich hin, whrend die Frauen unter Lachen sich daran machten, ihre Wagen zu rsten. Jeden Knopf sah Hans Rumps ngstlich darauf an, ob die Buben ihn auch nicht verdorben hatten, und immer dachte er: Wenn es nur wenigstens niemand gemerkt htte, dann wre es ja weiter nicht schlimm. Ob die Frauen wohl davon still sind, wenn ich sie darum bitte? Er schleuderte rgerlich den Kranz weit fort und stlpte sich seine Mtze auf. Nun hing nur noch sein Horn auf der Linde, sein geliebtes Horn. Verflixte Buben, wie die auch klettern knnen, seufzte er und griff nach dem Horn. Heil und unversehrt kam es in seine Hnde, er dachte aber doch: Vielleicht haben sie es verdorben und gar was hineingesteckt. Er setzte es an und blies hinein, so leise, da er selbst nichts hrte. Er blies noch einmal, etwas strker, ein Ton kam heraus, aber er meinte, der klnge gar nicht so wie sonst. Hans Rumps wurde es ganz unheimlich zumute, sein Horn war vielleicht kaput. Und auf sein Horn war er doch so stolz, ohne Horn war er doch gar kein richtiger Nachtwchter mehr, auf das Horn kam es doch an und nicht auf das dumme Wachbleiben. Er sthnte schwer, dann setzte er mit aller Kraft an und blies in sein Horn hinein, da es nur so schmetterte. Ha, es geht, frohlockte Hans Rumps und blies und blies im Eifer, da es die Leute in jedem Hause hrten. Die Frauen waren erschrocken zusammengefahren. Mein Himmel, was macht Ihr denn? rief die Schnipfelbuerin, und die Waldbuerin chzte: Mir ist der Schreck in die Beine gefahren, Hans Rumps, was soll denn das? Feuer, Feuer, es brennt, es brennt! schrie in diesem Augenblick Kaspar auf dem Berge und kam zur >Himmelblauen Ente< herausgestrzt. Magd und Knecht folgten ihm. Auch aus den andern Husern strzten die Leute heraus. Muhme Rese kam mit der Kaffeekanne in der Hand, und der Schulze zog sich noch auf der Gasse seine Weste an. Auch der Pfarrer und der Lehrer kamen herbei, und alle wollten sie wissen, wo es brenne. Hans Rumps stand ganz verdattert da. Er hielt sein Horn ngstlich an sich gedrckt und stammelte, immer verlegener werdend: Daran sind nur die verflixten Buben schuld, oh n, die Buben, die Buben, die Buben! Nehmt mir das nicht bel, Hans Rumps, sagte die Schulzenfrau lachend, aber ein bichen dsig scheint Ihr mir zu sein. Ja, nun blast Ihr noch das ganze Dorf zusammen, damit alle erst erfahren, wie es Euch ergangen ist! Nun erfuhren es wirklich alle, was die Buben dem armen Nachtwchter fr einen Streich gespielt hatten. Und das soll nun ein Nachtwchter sein! rief der Bcker. Der merkt es ja nicht einmal, wenn das ganze Dorf weggetragen wird! Doch, doch, brummelte Hans Rumps, ich merk's schon, ich merke alles. Aber die Buben, n, die heillosen Buben, die sind zu unntz! Von diesen unntzen Buben nun lie sich merkwrdigerweise kein einziger sehen, und sie waren doch sonst berall, aber auch berall, wo es was zu sehen gab, dabei. Selbst die, die nicht mitgemacht hatten, blieben fern, es war doch sicherer. Und in der Schule waren sie alle an diesem Morgen so erschrecklich brav, da der Herr Lehrer dachte: Ja, man merkt das schlechte Gewissen! Der arme Hans Rumps aber ging tiefbetrbt nach Hause. Dort trank er Kaffee, a sechs Klappbrote dazu und legte sich danach zu Bett, er mute sich ausschlafen von den Anstrengungen der Nacht. Nachher wollte er selbst die Buben bestrafen, hatte er gesagt. Als er mittags aber aufstand, stieg er mit dem rechten Bein aus dem Bett. Natrlich hatte er da gleich gute Laune, und dann hatte ihm die Schulzenfrau ein Gericht Schweinefleisch mit Sauerkraut geschickt und eine andere Buerin ein Stck Wurst, da wurde Hans Rumps noch vergngter. Es tat ihm daher ordentlich leid, da er die Buben bestrafen wollte, und als er sie nachher auf der Dorfstrae sah, ging er ihnen aus dem Wege. Die Buben machten es ebenso, denn sie hatten ein sehr schlechtes Gewissen. Drei Tage lang gingen sich Nachtwchter und Buben aus dem Wege, Hans Rumps, weil er nicht wute, wie er die Buben bestrafen sollte, und diese, weil sie nicht wuten, ob sie bestraft werden wrden. Und dann waren sie auf einmal alle miteinander wieder gute Freunde. Wie es gekommen war, das wuten sie selbst nicht recht, aber sie waren es. Hans Rumps hatte gelchelt, als er Heine Peterle sah, und Heine Peterle hatte gelacht, und dann war Schulzens Jakob dazugekommen, und der hatte gesagt: Das Feuerlrmblasen, das war mal ein feiner Spa! Na freilich, sagte der Nachtwchter stolz, ich kann auch Spa machen. ber diesen Witz lachten die Buben so sehr, da geschwind noch ein paar andere dazukamen, und dann standen sie alle miteinander eintrchtig auf der Dorfstrae, schwatzten und lachten, und niemand dachte an eine Strafe. Hans Rumps blieb Nachtwchter und ist es immer noch. Was sollte ohne ihn auch aus Oberheudorf werden! [Illustration: Dekoration] [Illustration: Dekoration] Schauspieler sind da! Was ist denn das? fragte Schnipfelbauers Fritz, als er an einem Maitag so geschwind aus der Schule herauskam, wie er nie hineinlief. Das Herauskommen war dem Fritz nmlich das Angenehmste von der ganzen Schulgeschichte. Er ri seine Augen so weit auf, als mten durchaus ein paar Suppenteller daraus werden. Nein, diese berraschung! Was ist denn das? riefen nun auch alle Buben und Mdel, die nach Fritz aus der Schule kamen, und es gab an diesem Tage erstaunlich viele aufgerissene Augen und offene Mnder in Oberheudorf. Es war aber auch etwas sehr, sehr Seltsames, was da auf der Dorfstrae stand. Ein groer grner Wagen war es, der Fenster hatte mit kleinen Gardinen daran, und vor dem Wagen standen etliche Damen und Herren, richtige Stdter. Die sprachen mit dem Schulzen; der sah sehr wichtig drein und sagte endlich laut und vernehmlich, er htte nichts dagegen. Wie in Niederheudorf zum Vogelschieen sieht es aus, sagte Heine Peterle bewundernd. [Illustration: Schauspieler sind da] Aber ach, was waren alle Wunder des Niederheudorfer Vogelschieens, was waren Karussell, Pfefferkuchen, ja selbst das Kasperletheater gegen die Herrlichkeit, die jetzt in Oberheudorf ihren Einzug hielt! Schauspieler waren gekommen, es sollte in dem groen Saal des Wirtshauses Zur himmelblauen Ente Theater gespielt werden. Kaspar auf dem Berge, der Wirt, war unendlich stolz; der Herr Schauspieldirektor hatte zu ihm gesagt, so einen wundervollen Wirtshausnamen htte er noch nie gehrt, berhaupt scheine ihm das Oberheudorfer Publikum sehr viel Interesse fr die Kunst zu haben. Das war nun wahr, wenigstens die Kinder standen unentwegt und starrten das Wirtshaus an, als htten sie es noch nie gesehen. Und wenn einer der Schauspieler nur die Nasenspitze zur Tre hinaussteckte, gleich gab es ein frchterliches Geschrei, die Buben und Mdel stieen und drngten, als wollten sie die himmelblaue Ente umreien. Der Schulze hatte nichts gegen das geplante Spiel, und die Dorfleute freuten sich. Sie hatten gerade genug Zeit, in das Theater zu gehen, denn die Heuernte sollte erst in der nchsten Woche beginnen. Die Kinder aber fanden es ber alle Maen wundervoll, denn der Herr Theaterdirektor hatte gesagt, das Stck, das gespielt wrde, sei fr Erwachsene und fr Kinder. Da wurden Sparbchsen geleert, und mancher Bube oder manches Mdel, das in der nchsten Zeit Geburtstag hatte, wnschte sich das Eintrittsgeld im voraus als Geburtstagsgeschenk. Gab das einen Lrm und ein Geschrei unter den Kindern! Hatte eins die Erlaubnis erhalten, in das Theater zu gehen, dann schrie es die Neuigkeit die ganze Dorfstrae entlang. Von allen Buben aber war keiner aufgeregter als der dicke Friede und Heine Peterle. Die beiden vergaen zuerst gnzlich, da sie Schularbeiten zu machen hatten, ja sie vergaen fast Essen und Trinken darber, sie standen und bohrten beinahe Lcher in den grnen Wagen mit ihren Blicken. Am Freitag waren die Schauspieler in Oberheudorf eingezogen, und am Sonntag sollte gespielt werden. Als die Kinder am Samstag wieder aus der Schule kamen und natrlich alle am Wirtshaus vorbeirannten, als sei das der einzig richtige Heimweg, da kam ihnen gerade der Herr Direktor entgegen. Der blieb stehen und schaute die Kinder so forschend an, als wre er ein Schulrat und wollte prfen, was sie gelernt htten. Einigen war das Ansehen unheimlich, die liefen fort, etliche aber blieben stehen, darunter natrlich der dicke Friede und Heine Peterle. Und als htte der Herr Direktor ihre allergeheimsten Wnsche erraten, so war es, er lchelte pltzlich und fragte sehr freundlich: Wollt ihr beide mitspielen, ja? Heine Peterle, der sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen war, brachte kein Wort heraus, der dicke Friede aber schrie aufgeregt: Ja! Es klang, als wollte er das Dorf in Feuersbrunst und Wassergefahr zusammenschreien. Der Herr Direktor trat vor Schreck einige Schritte zurck. Dann aber lchelte er doch wieder und sagte: Na, dann kommt nur mit mir, ich will euch sagen, was ihr zu tun habt. An diesem Nachmittag sprachen die Oberheudorfer Buben und Mdel von nichts weiter als von Heine Peterles und des dicken Friedes Theaterspiel. Wenn sich einer der beiden Buben sehen lie, und die rannten immer mit hochroten Gesichtern und ungeheuer wichtigen Mienen vor der himmelblauen Ente auf und ab, liefen hinein und kamen heraus, dann strzten gleich ein paar Buben und Mdel auf sie zu und schrieen: Erzhlt uns doch was! Seid ihr ein Knig? Was zieht ihr denn an? Mt ihr ein Gedicht sagen? Aber die beiden neuen Schauspieler blieben stumm und taten, als wren sie bis an den Rand vollgestopft mit Geheimnissen. Sie lchelten nur gndig, als wre ohne sie in Oberheudorf eine Theatervorstellung nicht mglich. Von der Wichtigkeit ihrer Mitwirkung hatten sie beide auch ihre Eltern berzeugt; die hatten erst gar nicht ja sagen wollen, besonders den Mttern war es nicht recht. Es ist und bleibt ein Unsinn, sagte Heine Peterles Mutter. Wer wei, was dabei fr eine Dummheit herauskommt. Aber Muhme Rese meinte: Unser Heine Peterle wird seine Sache schon machen. Wenn der Bengel nur sagen wollte, wen er eigentlich im Spiel vorstellt. Dem ist sein Mund zugeklebt vor lauter Einbildung, sagte Heinrich lachend. Damit tat der Knecht dem Buben bitteres Unrecht; sie htten alle beide himmelgern etwas erzhlt, wenn sie nur gewut htten, was. Sie hatten blo dreimal ber die Bhne gehen mssen, dann hatte der Direktor gesagt, sie sollten sich neben den einen Stuhl stellen, und hinzugefgt: Haltet nur das Maul und macht keine dummen Gesichter, das ist die Hauptsache. Der dicke Friede sagte: Es kommt noch. Was, verriet er nicht, aber Heine Peterle trstete sich auch mit dem Wort: Es kommt noch. Irgend etwas Wunderbares, Herrliches mute doch geschehen. Der dicke Friede bte sich in dieser Erwartung schon allerlei Kasperlessprnge ein, vielleicht konnte er sie gebrauchen. Am Sonnabend abend erzhlte der Wirt, der Direktor und alle Schauspieler allen, die es hren wollten, und manche hrten dreimal zu, da Grafens auch zur Vorstellung kommen wrden. Der Herr Graf Dachhausen auf Schlo Friedheim, das etwa eine Stunde vom Dorf entfernt lag, hatte dem Direktor fr sich, seine Familie und seine Gste gleich acht Billets abgekauft. Dabei hatte er gesagt, er freue sich sehr auf die Vorstellung. Wenn Grafens kamen, durften die Oberheudorfer nicht fehlen, ja selbst von Niederheudorf kamen etliche Bauern hinauf, und der Wirt sagte stolz: Es wird rappelvoll werden. Es wurde auch rappelvoll. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung war der Saal besetzt, nur die Pltze fr Grafens waren frei, und immer, wenn die Tr aufging, dachten alle: Jetzt kommen sie! Endlich kamen sie auch, und der Wirt begleitete die vornehmen Gste unter vielen Verbeugungen in den Saal hinein. Er verneigte sich rechts und verneigte sich links, und jedesmal, wenn ein Herr oder eine Dame sich setzen wollte, griff der Wirt in seiner Aufregung nach dem Stuhl, zog ihn weg und lie den auch eine Verbeugung machen. Dabei htte sich die Frau Grfin beinahe auf die Erde gesetzt, im rechten Augenblick aber griff die Schnipfelbuerin, die auf der zweiten Reihe sa, zu, und so setzte sich die Grfin auf deren Scho statt auf den Stuhl. Die Gste lachten, die Oberheudorfer lachten, zuletzt lachte der Wirt auch, obgleich er gar nicht recht wute, warum. Er war heilfroh, als Grafens saen, die waren es auch, und jeder im Saal dachte: Nun kann es losgehen! Es war eine kleine Bhne aufgebaut worden. Ein roter Vorhang schlo den Raum gegen den Saal hin ab, und neugierig, gespannt starrten alle auf den roten Vorhang. Als der einmal ein bichen wackelte, riefen ein paar Buben aus dem Hintergrund des Saales: Nun geht es los! Es ging aber noch nicht los. Der Vorhang zitterte eine Weile, dann verhllte er wieder ruhig die Bhne, und aus der Ecke, wo Buben und Mdel miteinander saen, tnte ein klagendes Stimmlein: Es dauert so lange! Abwarten und dann Tee trinken, sagte Leberecht Sperling, der auch gekommen war, brummig. Aber da ging auch schon der Vorhang auseinander, und alles Warten hatte ein Ende. Das Stck begann. Noch heute wei niemand recht in Oberheudorf, was eigentlich gespielt worden ist. Auf dem Zettel, der drauen an dem Tor des Wirtshauses klebte, stand zwar Die Jungfrau von Orleans. Eine romantische Tragdie von Friedrich von Schiller. Das klang ja sehr verheiungsvoll, aber alle, die das Stck kannten, meinten, es wre es eben nicht. Erstens war die Jungfrau kein Hirtenmdchen, sondern eine Prinzessin, dann waren die Franzosen keine Franzosen, sondern Deutsche, und dann dachten im ersten Akt alle Zuschauer, es wrde vielleicht ein Lustspiel werden. Muhme Rese sagte, es wrde vielleicht Genoveva gespielt, dies war nmlich das einzige Stck, das sie je gesehen hatte. Die Hauptsache aber war, da das Stck den Zuschauern gefiel, und das tat es. Besonders entzckt waren die Kinder; sie fanden alles wundervoll, nur waren sie enttuscht, da Heine Peterle und der dicke Friede nicht gleich von Anfang an auf der Bhne waren. Doch die lieen sich erst im zweiten Akt sehen. Mit denen wird es ganz was Groartiges, sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies, neben der sie sa. N, n, mein Herze zittert vor Angst, wenn ich an unsern Heine Peterle denke. Wenn er's nur recht macht! Gemtlich war es just eben Heine Peterle nicht zumute. Der stand mit dem dicken Friede hinter der Bhne, und beide starrten ngstlich und ehrfurchtsvoll auf die Schauspieler, die hin und her gingen und so seltsam redeten. Die beiden Buben steckten in rosenroten Pagenanzgen, dazu hatten sie gelbe Mtzen auf, und goldene Leuchter, die aber nur aus Blech waren, sollten sie tragen. Ganz wundervoll kamen sie sich vor. Der dicke Friede fand freilich seine Hslein, die er sonst trug, viel bequemer als die rosenroten, die waren so eng, da er sich gar nicht zu rhren wagte. Und Heine Peterle sah auch schon krebsrot aus, so prete und drckte ihn das Wmslein. Die Frau Direktor aber hatte beim Anziehen gesagt: Ja, wer der Kunst dienen will, hat es nicht leicht. Fr so ein Paar dicke Dorfbuben sind unsere Pagenanzge auch freilich nicht gemacht! Im zweiten Akt sollten die beiden Pagen auf der Bhne erscheinen, sie sollten neben dem Knigsthron stehen ganz still und feierlich, und je nher der Augenblick kam, da sie hinausgehen sollten, desto bnglicher schlugen ihre Herzen. Heine Peterle trat schon immer von einem Bein auf das andere, und dem dicken Friede lief der Angstschwei ber das Gesicht, als stnde der Bube unter einer Regenrinne. Ich rei aus, chzte Friede einmal, und Heine Peterle seufzte tief. Ach, so schwer hatte er sich das Theaterspielen doch nicht vorgestellt. Wenn's doch erst vorbei wre! murmelte er. Jetzt kommt! rief in ihr Seufzen, Sthnen und heimliches Klagen hinein der Direktor und zog die Buben etwas unsanft auf die Bhne hinaus. Der Vorhang war noch geschlossen, aus dem Zuschauerraum tnte wie ein Brausen das Stimmengewirr. Friede seufzte laut, Heine Peterle leise, seufzen taten beide, und beide hrten vor Angst und Aufregung kaum, da der Herr Direktor, der als Knig auf einem Thronsessel sa, sie ermahnte: Steht still, zappelt nicht immer hin und her! und dann: Donnerwetter, Jungens, macht nicht so schrecklich dumme Gesichter! Die Mahnung war kaum verklungen, da schrillte eine Klingel, und schnurr ging der Vorhang auf. Da sind sie, n, seht doch, seht doch! brllten im Zuschauerraum etliche Buben und Mdel. Ach wie fein! quiekte Annchen Amsee. N, unser Heine Peterle, da ist er, da ist er! schrie Muhme Rese. Sie verga ganz, da so vornehme Gste anwesend waren, stand auf und winkte mit ihrem Taschentuch. Guten Tag, Heine Peterle, n, was siehst du fein aus! Muhme Lenelies zog die Aufgeregte rechts am Rock, Heine Peterles Mutter links, und endlich setzte sich Muhme Rese, whrend alle im Saal laut lachten. Heine Peterle hatte gar nichts gehrt. Den Buben da oben auf der Bhne war es zumute, als wren sie auf einmal in einem fremden Lande. Wie die Schauspieler nur redeten! Ein Mann, der mit einem Schwert immer an einen Schild schlug, schrie pltzlich den Herrn Direktor so an, da Heine Peterle vor Schreck seinen Leuchter ganz schief hielt. Halte das Licht doch nicht so schief, brummte ihn ein Ritter an, du bekleckst mir ja mein Wams. Erschrocken drehte Heine Peterle sein Licht nach der andern Seite und hielt es gerade einem andern Ritter unter die Nase, der eben auch etwas sagen wollte. Kruzitrken, schimpfte der, Bengel, du brennst mich ja an! Schwapp, fuhr Heine Peterle wieder mit seinem Leuchter herum, und pardauz, kollerte die Wachskerze auf den Boden, lschte aus und rollte bis an die Brstung vor. Heine Peterle hat sein Licht verloren! tnten von unten ein paar Stimmen herauf. Da liegt's, da liegt's! riefen Schnipfelbauers Fritz und Annchen Amsee eifrig. Heine Peterle blieb ganz verdattert stehen, aber Friede sprang diensteifrig zu, rannte dem Licht nach, bckte sich und-- O Jammer und Graus! Mitten hinein in des Knigs bewegliche Klage um sein Land und der Knigin sanftes Trsten klang ein scharfes Reien. Unwillkrlich hielt der Knig betroffen in seiner Rede inne, und aus der Kinderecke des Zuschauerraumes gellte es: Friede, deine Hosen sind geplatzt. Friede, Friede, n, Friede, deine Hosen! In das Rufen mischte sich Lachen, von der ersten Reihe kam es, da wo die vornehmen Gste saen, und bald lachten alle Zuschauer, drhnend, herzhaft, lachten so, da die Schauspieler nicht weitersprechen konnten, weil ihre Stimmen in dem Lrm verhallten. Zieht den Vorhang zu! sthnte der Direktor auf seinem Knigsthron, und schnurr verschlo der rote Vorhang die Bhne, und Friede mit den geplatzten Hosen war den lachenden Blicken entrckt. Jemand wollte schelten, aber der Direktor sagte seufzend: Lat nur die Buben, sie fangen sonst noch an zu heulen, und ein paar Pagen mssen wir doch haben! Viel fehlte auch nicht, und Friede und Heine Peterle htten geheult; es zuckte ihnen schon bedenklich um die Mundwinkel, und beiden war die Bhne nachgerade recht unheimlich geworden. Friede hielt krampfhaft seine Hslein zusammen, und Heine Peterle starrte hilflos auf sein Licht, das noch immer am Boden lag, und das er nicht zu holen wagte. Was tun? Weitergespielt mute werden, die Pagen wurden gebraucht, aber einen Pagen mit geplatzten Hosen und einen, dem sie vielleicht noch platzten, konnte man doch nicht an einem Knigshofe brauchen. Die Frau Direktorin war es, die in dieser Not Rat wute. Sie holte geschwind ein Paar grasgrne Schrpen herbei, band jedem Buben eine um und steckte breit und voll eine Schleife ber die geplatzte Naht. Nun sieht es niemand, sagte sie befriedigt, nun steht nur hbsch still und bckt euch nicht. Der Vorhang ging wieder auf. Steif und unbeweglich, die Leuchter kerzengerade in den Hnden, so standen die beiden Pagen rechts und links vorm Knigsthron und ein lautes Ah! der Bewunderung ertnte ob der Pracht der grnseidenen Schrpen. Man sieht's gar nicht, flsterte Annchen Amsee halblaut, und Waldbauers Mariandel sagte begeistert: Nun sehen sie aber noch feiner aus! Der Akt ging nun ohne Zwischenfall zu Ende. Alles war sehr rhrend und schn, und alle waren zufrieden. Die Zuschauer waren es und die Schauspieler, weil es eben die Zuschauer waren. Und der Wirt war zufrieden, weil er sah, wie Grafens lachten und vergngt dreinsahen. Am allervergngtesten aber waren die beiden Buben oben auf der Bhne, sie meinten, sie wren bei der Auffhrung eben doch die Hauptsache. Beim nchsten Akt hatten Heine Peterle und Friede dreimal ber die Bhne zu rennen. Ihr mt sehr aufgeregt und ngstlich tun, hatte der Direktor zu ihnen gesagt. Und die beiden befolgten seine Worte so getreulich, da unten im Saal Muhme Rese sehr ngstlich zu Muhme Lenelies sagte: Was haben denn nur die beiden, sind sie denn nrrisch geworden? N, n, die machen noch 'ne Dummheit, und der Friede denkt auch gar nicht an seine Hosen! Die haben was verloren, behauptete Schulzens Jakob, und seine Schwester Rse sagte ngstlich: Sie werden noch alles umrennen! Aber die Buben rannten nichts um, die Hosen platzten nicht weiter, und der Direktor sagte freundlich: Das habt ihr brav gemacht! Der nchste Akt sollte einen feierlichen Krnungszug bringen, und weil die Schauspielergruppe nur klein war, muten alle immer rund um die Bhne herum, dicht an der Rampe entlang gehen und zur einen Tre hinaus- und zur andern hineinspazieren, es sollte aussehen, als ob viele, viele Menschen ber die Bhne gingen. Drauen auf einem Tisch lagen allerlei Mtzen und Hte, einmal setzten sich die Schauspieler welche auf, das nchste Mal kamen sie ohne Kopfbedeckung ber die Bhne. Sie taten dies, damit man denken sollte, es wren immer andere Leute. Auch Heine Peterle und Friede setzten ihre Mtzen einmal ab. Als sie wieder an dem Tisch vorbei kamen, lagen aber obenauf allerlei andere Hte. Unsere Mtzen! rief Friede suchend. Schnell, schnell, nehmt ein paar andere! sagte ein Schauspieler hinter ihnen ungeduldig, und die Buben ergriffen rasch, was gerade dalag. Heine Peterle erwischte dabei einen groen Federhut, der ihm, als er ihn aufsetzte, fix auf die Nase rutschte. Seht doch den Heine Peterle an, was der fr einen Hut hat! ertnten unten gleich wieder etliche Kinderstimmen. Da man seinen Hut bewunderte, schmeichelte Heine Peterle zwar sehr, aber wenn er nur etwas htte sehen knnen! Der Hut war ihm ber die Augen gerutscht, er wollte ihn zurckschieben, und dabei stolperte er. Bengel, du fllst ja hinunter, flsterte ihm ein Schauspieler erschrocken zu. Es war schon zu spt: Heine Peterles linkes Bein schwebte bereits in der Luft; der Bube war an die Rampe gekommen, er schwankte, rutschte, und fallend griff er nach einem Halt. Dabei packte er einen Ritter am Bein, der verlor auch das Gleichgewicht; auch er griff unwillkrlich nach etwas und erwischte die Schleppe einer Hofdame. Der dicke Friede wollte seinen Kameraden halten, auch er wurde mitgezogen, und mit einem wahren Donnergepolter sausten alle vier ber die Rampe und plumpsten in den Zuschauerraum hinab, Grafens gerade vor die Fe. Ein wahrer Hllenlrm erhob sich. Oben auf der Bhne stockte der Festzug, unten schrieen, heulten und lachten alle durcheinander. Der Wirt und der Schulze kamen herbei, die Gestrzten aufzurichten. Heine Peterle heulte, seine Mutter und Muhme Rese, die nicht gleich zu ihm gelangen konnten, jammerten laut. Friede chzte und hielt krampfhaft seine Hslein fest, die nun vllig geplatzt waren, und seine Mutter stieg ber zwei Stuhlreihen hinweg, um ihren Buben zu trsten. Aus der Kinderecke kam klgliches Schreien und angstvolles Fragen. Ein paar Mdel weinten, ein paar Buben lachten, und oben auf der Bhne sagte der Direktor grimmig: Kruzitrken nochmal, sind das ein paar dmliche Bengel! Und dann sa Heine Peterle auf einmal auf dem Scho der Frau Grfin und Friede auf dem einer andern Dame, und die beiden Damen trsteten die Buben, steckten ihnen Schokolade in den Mund und sagten, eigentlich htten sie ihre Sache doch sehr gut gemacht. Da versiegten die Trnen der beiden, ganz stolz und wichtig schauten sie sich um. Man sa doch nicht alle Tage auf dem Scho einer Frau Grfin und a wunderfeine Schokolade. Potztausend, war das fein! Weh getan hatten sie sich nicht weiter, ein paar blaue Flecke und Schrammen rechnet ein echter Oberheudorfer Bube nicht erst, auch die Schauspieler hatten sich nichts gebrochen, und so konnte das Spiel weitergehen. Die Buben waren dazu bereit, aber der Direktor sagte, jetzt brauchte er keine Pagen mehr, sie sollten lieber unten bleiben. So kamen denn die beiden nach einem Weilchen in ihren eigenen Sonntagshslein in den Zuschauerraum hinab und schauten sich den Schlu des Stckes an. Ohne Unfall ging es nun zu Ende, aber Heine Peterle und Friede und Muhme Rese und noch manch andere sagten: Die Pagen htten bis zuletzt oben bleiben mssen, dann wre es viel lustiger gewesen. Die Oberheudorfer meinen nmlich, in einem richtigen Trauerspiel msse man herzhaft lachen knnen. Noch heute aber sagen die Oberheudorfer Kinder bei jedem Theaterspiel: Damals war es fein, als Heine Peterle und Friede mit Theater spielten! [Illustration: Heine Peterle und Friede] [Illustration: Dekoration] Die schne Flickerin. (Ein Mrchen.) Wenn Muhme Lenelies den Kindern, die eigentlich alle miteinander ihre Freunde und Freundinnen waren, Mrchen erzhlte, dann fing sie meist an: Es war einmal ein Knig, eine Knigin, ein Prinz, eine Prinzessin oder doch wenigstens ein Graf. Anders tat es Muhme Lenelies nicht. Die Kinder waren darum ganz unzufrieden, als die Muhme ihnen, als sie an einem regennassen Herbstnachmittag zum Mrchenhren kamen, erzhlte: Es war einmal eine Waschfrau! Das ist nicht hbsch! rief Annchen Amsee gleich entrstet, und der blaue Friede sagte: Mit 'nem Knig mu es anfangen! Es fngt an, wie es anfngt, und wenn es eine Waschfrau ist, die zuerst kommt, dann ist es eben eine Waschfrau, erwiderte Muhme Lenelies freundlich. Ihr braucht aber nicht zuzuhren. Wer gehen will, kann gehen, wer zuhren will, mu den Schnabel halten. Also wer will gehen? Niemand wollte das. Die Kinder fanden es wieder einmal ungeheuer gemtlich bei Muhme Lenelies. Drauen flo der Regen in wahren Giebchen vom Himmel herunter, der Herbststurm zerrte noch die letzten rotgelben Bltter von den Bumen und brauste dazu: Gib her, gib her! Mut alles geben, mut alles geben! An solchen Tagen besannen sich immer etliche Oberheudorfer Buben und Mdel darauf, da es doch eigentlich wundervoll bei Muhme Lenelies sei, und da sie mit der alten Frau doch sehr befreundet wren. Im Sommer, wenn die langen Tage schier zu kurz fr alle lustigen Freispiele waren, kehrten bei Muhme Lenelies meist nur die Kinder ein, die sich zufllig mal irgend etwas zerrissen hatten; die gute Muhme heilte geschwind die Schden und nahm es nicht weiter bel, wenn Buben oder Mdel das Wiederkommen nachher ein Weilchen vergaen. Sie kannte ihre Freunde schon, sie wute, da Sturm und Regen und dunkle Wintertage sie ihr wieder zufhrten. Muhme Lenelies konnte so viele Mrchen erzhlen, da selbst der Herr Lehrer ihr manchmal zuhrte und dann sagte, Muhme Lenelies sei eigentlich eine Dichterin. Von allen Kindern aber hrte der alten Frau niemand lieber zu als ihr Pflegesohn Traumfriede. Der lauschte auch an sonnenhellen Sommertagen gern allein, was seine gute Pflegemutter ihm erzhlte. Er war es auch, der an diesem Nachmittag, an dem Muhme Lenelies die Geschichte von der Waschfrau begann, nochmals rgerlich rief: Ja, geht doch, wenn ihr nicht zuhren wollt! Es ging aber auch jetzt niemand, alle saen muschenstill, und so begann Muhme Lenelies wieder: Es war einmal eine Waschfrau. Sie war arm, wie es Waschfrauen oft sind, aber sie war zufrieden und froh, was selbst Kniginnen nicht immer sind. Freilich mute sie von frh bis abends arbeiten, denn sie hatte vier Kinder zu ernhren, ein Mdel und drei Buben. Liebelinde, die Tochter, schaffte fleiig in der Wirtschaft, versorgte die drei kleinen Brder und half der Mutter, soviel sie konnte. Es war eine fleiige, frhliche kleine Familie, die da am uersten Stadtende wohnte. Die drei Buben waren, wie kleine Buben eben sind, oft recht wild und bermtig, und der Tag, an dem einer nicht mit einem Ri im Hslein oder in der Jacke heimkam, war noch nicht dagewesen. Seht ihr, wie ihr seid, sagte Schulzens Rse ein bichen wichtig und guckte die Buben ordentlich strafend an. Die taten, als htten sie das gar nicht gehrt. Nur Heine Peterle brummte: Mdel mssen immer dreinreden! Muhme Lenelies achtete nicht auf die Zwischenreden, sondern fuhr fort: Liebelinde stopfte immer alle Risse bereitwillig zu, und weil sie nicht wollte, da ihre Brder unordentlich aussehen sollten, gab sie sich immer besondere Mhe, und manchmal sagte die Mutter: >Ei, wenn nur alle Mdel so gut flicken knnten wie du!< ber Land und Stadt herrschte ein mchtiger Knig. Der hatte drei Shne, die alle drei gut und brav waren und ihren Eltern viel Freude bereiteten. Bei der Geburt der Shne war, wie das frher manchmal vorkam, schnurstracks eine bse Fee gekommen und hatte die armen Prinzlein verwnscht. Aber so geschwind wie hinter einem rechten Gewitter manchmal der Sonnenschein kommt, war gleich eine gute Fee erschienen, die hatte der Knigin fr jeden Sohn zwlf wunderfeine Hemden aus goldgelber Seide geschenkt, die sollten die Prinzlein immer tragen: so lange wrden sie gesund und glcklich sein, und alle Zaubersprche der bsen Fee knnten ihnen nichts anhaben. Die Knigin tat wie die Fee ihr geraten hatte, und seitdem trugen die Prinzlein immer die Hemden von goldgelber Seide. Das ist fein, das mchte ich auch, zwitscherte Annchen Amsee dazwischen. Wenn du mal eine Prinzessin bist, kannst du es ja tun, spottete Anton Friedlich. Seid doch still, sonst erzhle ich nicht weiter, rief Muhme Lenelies. Da waren alle gleich wieder ganz still, und Annchen Amsee hielt sich den Mund zu, damit nur ja kein vorwitziges Wrtlein entschlpfte. Die Muhme aber erzhlte: Weil nun die Knigin wute, da Glck und Gesundheit ihrer Kinder von den Hemden abhingen und Hemden, selbst wenn sie von Seide sind und von einer Fee stammen, doch manchmal reien, gab sie selbst jedesmal der Wscherin die Hemdlein und nahm sie ihr auch wieder ab und sah sie sorgfltig durch, ob auch kein Ri darin wre. Du lieber Himmel, zwlf Hemden, wenn sie ein ganzes Leben halten sollen, sind wirklich nicht viel, zumal fr einen Prinzen. Das ist wahr, sagte Waldbauers Mariandel bedchtig, meine Mutter hat--. Heine Peterle legte ihr geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund, so krftig, da Mariandel beinahe mitsamt ihrem Schemelchen umgefallen wre. Nein, zwlf Hemden sind wirklich nicht viel fr das ganze Leben, fuhr Muhme Lenelies fort, da hie es eben achtsam sein, und als die drei Prinzen Karlemann, Hannemann und Friedemann noch drei kleine Mnnlein waren, da sagten sie mitunter ganz klglich: >Ach, wir mchten lieber ohne Hemden gehen. Es ist so langweilig, da wir uns immer in acht nehmen mssen.< Einmal zog auch Prinz Karlemann sein Hemdlein heimlich aus, flugs bekam er einen Schnupfen, und die Frau Knigin sagte: >Siehst du, wie recht die gute Fee hatte? Nun bist du ohne dein goldgelbseidenes Hemd gleich krank geworden.< Auch Prinz Hannemann zog einmal heimlich sein Hemdlein aus, und an diesem Tage schttete er einer fremden Frstin, die zu Besuch da war, Himbeersauce auf ihr himmelblaues Atlaskleid. Er bekam dafr zur Strafe einen Katzenkopf und keinen Nachtisch, und alles kam nur davon, da er das goldgelbseidene Hemdlein nicht trug. Als die Prinzen erwachsen und mutige, khne Jnglinge geworden waren, zogen sie nacheinander in die Welt hinaus; sie sollten einmal sehen, wie es wo anders ist, und sollten sich dabei gleich eine schne Prinzessin zur Gemahlin aussuchen. >Sie mu aber sehr gut stopfen knnen,< sagte allemal die Frau Knigin, >denn wit ihr, mit euren Hemden ist das so eine Sache, wer wei, ob sie halten!< Prinz Karlemann kam heim und brachte eine wunderschne Frau mit. Es war die reiche Prinzessin Gerlinde, die konnte singen, Klavier spielen, reiten und tanzen, aber stopfen, nein, stopfen konnte sie nicht. Als die alte Knigin es einmal von ihr verlangte, da lachte sie und rief: >Aber Frau Mutter, eine Prinzessin braucht doch nicht zu stopfen.< Die Knigin seufzte und dachte, vielleicht bringt mein Sohn Hannemann eine Frau heim, die stopfen kann. Prinz Hannemann brachte die wunderschne Prinzessin Theolinde als Gemahlin mit. Die konnte malen, Schlittschuh laufen und noch besser tanzen als Gerlinde, aber stopfen, nein, stopfen konnte sie nicht. Sie wollte sich halbtot lachen, als es die Knigin von ihr verlangte. Die seufzte sehr und dachte sorgenvoll: >Vielleicht bringt mein Sohn Friedemann die rechte Frau mit.< Aber Prinz Friedemann kam eines Tages lustig und guter Dinge heim. Er brachte einen Papagei, einen Affen, ein Nashorn, ein Kamel, ein Knguruh, prchtige Kleider fr seine Mutter und noch viele andere schne Dinge mit, eine Frau aber hatte er vergessen. Er war sehr betrbt, als ihn seine Eltern ausschalten, und sagte: >Oh, Frau Mutter, ich mute nur immer und immer an Euch denken, und darber hat mir keine andere Frau gefallen.< Die Knigin strich ihrem Sohn ber das dunkle Lockenhaar und sagte gtig: >Ja, mein Prinzlein, das ist nun nicht anders, eine Frau mut du haben, und eine mu es sein, die stopfen kann, eher werde ich nicht ruhig sein. Vielleicht ist es ganz gut, da du keine Prinzessin genommen hast, die sind heute gar zu verwhnt; wir wollen es einmal mit einer Grafentochter versuchen.< Dem Prinzen war das sehr recht. Er dachte, wie es meine Mutter macht, wird es schon richtig sein. Er sorgte sich nun nicht weiter um die Sache, die Knigin aber gab mit ihren beiden Schwiegertchtern zusammen einen groen Kaffee und lud smtliche Grafentchter des Landes dazu ein. Whrend sie nun alle saen und Kaffee tranken und Kuchen aen, muten sie erzhlen, was sie alles konnten. Oh, sie konnten sehr viel, ungeheuer viel sogar. Sie konnten malen, singen, Laute spielen, reiten, jagen, schwimmen, tanzen, turnen, sie konnten gelehrte und ungelehrte Bcher lesen und schreiben, konnten alle Sprachen der Welt, eine konnte smtliche Lnder, Stdte, Flsse und Gebirge der Erde wie das Abc hersagen, schnurr ging das wie ein Spinnrad; eine wute, wieviel Edelsteine jeder Knig der Welt in seiner Krone hatte; eine andere sagte immer ein Gedicht nach dem andern auf und erzhlte, sie knnte tausend Tage ununterbrochen Gedichte sagen und wte immer noch neue. Bei dieser sagte Prinz Friedemann gleich: >Die will ich nicht, nein, die will ich bestimmt nicht.< Eine andere wieder verstand alle Vogelstimmen nachzuahmen und sagte, jetzt wre sie dabei, die Sugetiere zu studieren, wie ein Esel knnte sie schon schreien. Wirklich, die Grafentchter waren sehr gebildet. Als die Knigin aber fragte, ob sie auch stopfen knnten, da fingen sie alle an zu lachen, verneigten sich sehr ehrerbietig und sagten: >Euer Majestt machen sehr gute Witze! Stopfen, eine Grafentochter stopfen! Hihihi, hahaha, das ist zu drollig!< Die Knigin wurde sehr bse, schalt die Grafentchter, und die gingen sehr gekrnkt und betrbt heim. Den Prinzen htte nun schon jede gern geheiratet, aber stopfen lernen, nein, stopfen lernen, das wollten sie doch nicht. Unter den Hausmdchen im Knigsschlo nun war eine, die war boshaft und zankschtig. Mit allen andern Mgden hatte sie Streit, und wenn sie jemand etwas zuleide tun konnte, so tat sie es mehr als gern. Just an dem Tage, an dem alle Grafentchter zum Kaffee im Schlo waren, hatte sie von der Frau Oberkchenmeisterin Schelte bekommen, weil sie von der allerschnsten Torte die Frchte abgegessen hatte. Darber war sie so wtend, da sie geschwind ihre Sachen packte und davonlaufen wollte. Vorher freilich gedachte sie allen noch etwas recht Bses anzutun. Sie schlich sich in die Wschekammer und fand dort den Schrank offen, in dem die goldgelbseidenen Hemden der Prinzen lagen. Da nahm die bse Magd geschwind eine Schere und schnitt eins, zwei, drei lauter Lcher in die Hemden, ritsch, ratsch ging das, und sie htte die Hemden gewi ganz und gar zerschnitten, wenn sie nicht die Stimme der Frau Oberwschebesorgerin gehrt htte. Da ri die bse Magd eilig aus, nahm ihre Sachen, lief zum Schlo hinaus und wanderte in die weite Welt hinein. Noch an diesem Abend aber wurden die zerschnittenen Hemden entdeckt, und ein groes Wehklagen erhob sich. Die Knigin sandte verzweifelt nach der guten Fee, und die kam auch sehr geschwind herbei, aber ach, helfen konnte sie nicht. Und wenn gute Feen nicht helfen knnen, ist das sehr betrblich, denn natrlich wollen sie doch allen Menschen etwas Liebes antun. >O weh, o weh,< klagte die schne, gute Fee, >das ist wirklich ein rechtes Unglck. Die Hemden kann ich nicht ersetzen, und wenn sie zerrissen sind, ntzen sie auch nichts gegen all die bsen Verwnschungen. Sie mssen so geflickt sein, da man den Schaden kaum sieht. Sucht eiligst die geschickteste Flickerin im Land und lat sie die Hemden flicken. Freilich,< setzte die gute Fee traurig hinzu, >ich wei schon, eine rechte Flickerin wird jetzt schwer zu finden sein. Ach, es ist wirklich ein groes, groes Unglck!< Der Knig und die Knigin, Prinzen und Prinzessinnen, ja der ganze Hof waren unendlich betrbt. Noch hatte ja jeder Prinz ein unzerrissenes Hemd an, aber wehe, wenn das kaput ging. Gerlinde und Theolinde fingen gleich an, sich im Stopfen zu ben, aber das ging gar nicht, es wurde frchterlich, man sah es schon von groer Weite, da da ein Ri geflickt war, und die Fee sagte immer wieder, man drfe es nicht sehen. Die Fee verlie sehr traurig das Schlo und ging zurck in ihren Wunderwald. Ganz langsam ging sie durch die Straen der Stadt, niemand achtete auf sie, niemand wute, da die Frau in dem grauen Mantel eine gute, mchtige Fee war. Ein Mgdlein ging vorber und dachte: >Wenn ich eine Fee wte, dann ging ich zu ihr und wrde sie sehr bitten, mir ein wunderfeines Ballkleid zu schenken.< Dabei streckte das Frulein die Nase in die Luft und rannte die gute Fee beinahe um. Ebenso erging es einem jungen Mann, der auch das Herz voller Wnsche hatte, ihm mute die Fee sogar noch ausweichen. >Die Menschen sind doch manchmal zu ungeschickt,< sagte sie ordentlich rgerlich, und just in diesem Augenblicke purzelte vor ihr ein Bbchen mit seinem Schulranzen hin. Er hatte mit einem andern Buben Kriegsspiel gespielt, aber nun standen alle beide, Freund und Feind, etwas verdattert da, und der Hingefallene heulte laut: >Meine Jacke, meine Jacke! Wenn ich nach Hause komme, kriege ich Haue. Huhuhuhu!< >Ach, heule doch nicht,< sagte der andere, >komm rasch mit, meine Schwester flickt dir geschwind deine Jacke. Sie kann es so gut, da man nichts mehr von dem Loch sieht. Komm nur, sie tut es schon, sie ist sehr gut.< Nun htte die Fee dem Bbchen schon schnell eine neue Jacke schenken knnen, denn so etwas ist fr eine Fee natrlich nicht schwer, sie tat es aber nicht, sondern folgte eiligst den Buben, die beide bis an das Stadttor gingen dorthin, wo die Waschfrau mit ihren vier Kindern wohnte. Liebelinde sa vor dem Haus unterm Fliederbaum; sie nannten es das Grtchen, obgleich es nur den einzigen Busch gab. Sie nhte und sang dabei vergngt ein Liedchen. Eile, Nadel, hin und her Ganz geschwind, doch nicht zu sehr, Fdchen darf nicht reien. Hei, das geht ja wie im Nu, Lchlein schau, du bist schon zu, Hslein ist nun heil! Als die Buben ankamen und ihr ihre Not klagten, lachte sie und rief: >Komm her, du Schelm! Ach du lieber Himmel, ich wollte, ich htte fr jeden Ri, den ich in Bubenhosen und -Jacken schon gestopft habe, ein Goldstck, ei, da sollte es unserer Mutter gut gehen.< Dabei nahm sie rasch Nadel und Faden und begann das Jcklein zu stopfen; es ging wie ein Mhlrdchen. Die Fee war nher getreten, tat, als sei sie eine mde Wanderin, fragte dies, fragte das, und Liebelinde gab ihr bereitwillig Auskunft. Sie erzhlte heiter und zufrieden von ihrem stillen, rmlichen Leben, und dabei hatte sie im Umsehen den Ri zugestopft, kein Linschen war mehr zu sehen. Der Bube zog vergngt sein Jcklein an, verga auch seinen Dank nicht und lief dann so schnell nach Hause, als sei er Sturmwinds Lehrjunge. Die Fee nahm ein goldenes Ringlein und sagte zu Liebelinde: >Mdchen, oben auf dem Schlosse braucht die Frau Knigin eine gute Flickerin; ich sollte meinen, du wrst die Rechte. Geh nur hinauf, gib das Ringlein ab und sag', Gutenberga schicke dich, dann wird dich die Frau Knigin schon vorlassen.< >Liebe Frau, aber liebe Frau,< rief Liebelinde erschrocken, >was denkt Ihr Euch? Ich, einer Waschfrau Tochter, sollte so ohne weiteres auf das Schlo gehen? Nicht den Mund knnte ich aufmachen vor lauter Verlegenheit, und meine liebe Mutter wrde sicher denken, ich sei nrrisch geworden.< Die Fee aber redete zu, eine Nachbarin kam herbei, und als sie alles hrte, redete sie mit zu, sie versprach auch, auf Haus und Buben zu achten. So schlpfte denn Liebelinde in ihr Sonntagsrcklein, nahm Abschied von den Brdern, der Nachbarin, dem Huschen und der Katze, als ginge sie auf Nimmerwiedersehen davon, und lief ins Schlo hinauf. Oben wollte man sie erst gar nicht vorlassen. Erst rmpfte der Torwart die Nase, dann der Diener, die Mgde, die Hofdamen, und wer sonst noch herumlief. Liebelinde dachte gerade, dies sei wohl Hofsitte, und begann auch ihr feines Nslein zu rmpfen, als die beiden Prinzessinnen Gerlinde und Theolinde vorbeikamen. Sie sahen schrecklich traurig aus, denn sie hatten es wieder vergeblich versucht zu stopfen und hatten doch kein Loch zubekommen. >Ei, die sehen gut aus,< dachte Liebelinde, machte einen Knicks und richtete ihren Auftrag aus. >Sie kann stopfen,< schrie Gerlinde, und Theolinde fiel Liebelinde gleich um den Hals und jubelte: >Sie kann stopfen, sie kann stopfen!< >Na nu,< dachte die kleine Waschfrauentochter, >das ist doch nicht so etwas Absonderliches.< Sie lie sich zur Knigin fhren, gab ihren Ring ab, und die Knigin beschlo gleich, die Probe zu machen. Sie lie eins der zerschnittenen goldgelbseidenen Hemden holen, dazu Seide und die allerfeinsten goldenen Nhnadeln und fragte Liebelinde, ob sie das wohl stopfen knne. >Ei freilich,< rief diese, nahm eine Nadel und zog sich kurz entschlossen eins ihr goldblonden Haare aus, denn die waren feiner als die allerfeinste Seide und schimmerten gerade so wie die Wunderhemdlein. Mit ihrem Haar stopfte Liebelinde, und es ging so schnell, da die Nadel rascher hin und her flog als ein Bienchen am Sommertag. Nach einem Weilchen rief Liebelinde: >So, ein Loch ist gestopft. Freilich, zu dem ganzen Hemd werde ich schon etliche Tage brauchen!< Die Knigin sah auf den Ri und fragte: >Wo ist er denn?< Das fragten auch die Prinzessinnen und alle Hofdamen, die zugesehen hatten, und alle staunten und verwunderten sich und sagten, so etwas htten sie noch nie gesehen. Liebelinde wurde nun sehr feierlich zur Geheimen Oberhofstopfmeisterin ernannt. Sie sollte auf dem Schlo wohnen bleiben, und ihre Mutter und Brder durften auch hinaufziehen; mitten im Schlogarten bekamen sie alle ein wunderfeines kleines Haus zum Wohnen. Freilich war es Tag und Nacht von Wachen umstanden, damit nicht etwa eines der kostbaren Hemden geraubt wrde. Als Liebelinde alle Hemden sah, die sie stopfen sollte, seufzte sie ein wenig, dann nahm sie eine Schere und schnitt sich ritsch, ratsch ihre beiden blonden Zpfe ab. >Ich mu doch ordentliches Stopfgarn haben,< sagte sie. Sechs Monate lang stopfte Liebelinde, dann waren alle Hemden heil, niemand sah auch nur einen kleinen Fehler daran. Inzwischen waren Liebelinde lauter goldblonde Ringellocken gewachsen, und sie sah so wunderlieblich aus, da alle vornehmen Hofherren, die noch keine Frau hatten, sie heiraten wollten. Prinz Friedemann aber lachte alle aus, denn er bekam die Braut. Die alte Knigin wollte eben durchaus eine Schwiegertochter haben, die stopfen konnte. Und sie lebten alle glcklich und zufrieden miteinander. Die goldgelbseidenen Hemden hielten bis an der Prinzen Lebensende. Die bse Fee, die die Prinzen verwnscht hatte, rgerte sich darber so, da sie vor lauter Wut das Verwnschen aufgab. Na, und die bse Magd? fragte Schulzens Jakob, als Muhme Lenelies schwieg, neugierig. Ach so, sagte die Muhme, die htte ich beinahe vergessen, und der ging es doch sehr, sehr schlecht. Sie wurde gefangen genommen, in einen Turm gesteckt, und dort mute sie sitzen und ungeschickten Mgdlein das Stopfen beibringen. Erst wenn eine es einmal so gut knnte wie Prinzessin Liebelinde, dann sollte die Magd frei werden. Sie hat aber beinahe hundert Jahre in ihrem Turm gesessen und ist dann gestorben, und kein Mgdlein hat das Stopfen so gut gelernt wie Liebelinde. So, nun ist die Geschichte zu Ende, und nun geht geschwind nach Hause, ich glaube, es ist gleich Abendbrotzeit. [Illustration: Turm in dem die bse Magd gefangen ist] [Illustration: Dekoration] Das zornmtige Annchen. Was ist immer munter, geht bei Tag und Nacht und wird von allen gern gelitten? Dieses Rtsel gab einmal Schuster Pechdraht etlichen Buben und Mdeln auf, und selbst die, die eigentlich keine guten Rater waren, riefen gleich: Unser Dorfbrunnen. Schulzens Jakob fgte ganz hochmtig hinzu: Solche leichte Rtsel sollte man gar nicht aufgeben. Schuster Pechdraht konnte, so oft er wollte, sagen, er htte die Turmuhr gemeint, die Kinder glaubten es ihm doch nicht. Das Brnnlein auf dem Dorfplatz, das Tag und Nacht leise pltscherte, war ihnen allen viel, viel lieber als die Turmuhr, die dummerweise immer anzeigte, wann Schulzeit war. Was hatten die Buben und Mdel schon fr lustige Sachen am Brunnen erlebt! Welch ein prchtiger Rettungshafen war der bei Ritter- und Ruberspielen! Am Brunnen konnte man spritzen, da wagte sich die feindliche Partei nicht so leicht heran. Wollten sich ein paar Mdel oder Buben treffen, immer hie es: Am Brunnen. Da war schon mancher dumme Streich erdacht worden, und wie oft war schon ein Bube oder Mdel, ein Schulbuch, eine Wasserkanne, ein Puppenkind oder eine Schrze, eine Bubenmtze oder gar ein Vesperbrot in den groen Steintrog des Brunnens gefallen. Ja, der Brunnen konnte etwas erzhlen. Lustige und ernsthafte, kurze und lange Geschichten wute er, viel dumme, aber herzlich wenig kluge. Hans Rumps hatte ordentlich Mitleid mit dem vielgeplagten Brunnen; er hatte oft gesagt, es sei unausstehlich, da die Kinder fortwhrend am Brunnen herumspielten. An einem Linksaufstehtag hatte er einmal den Schulzen so lange gebeten, bis der wirklich das Spielen am Brunnen verbot. Hans Rumps selbst hatte sthnend und seufzend ein Plakat geschrieben, auf dem stand: =Es is ferbohden hiher zu schpieln un Uhnsinn un Lerm magen. Wr das nich duht wirtt beschtrafft. Di Ohrdsbollezeih.= [Illustration: Dorfbrunnen] Mit der Rechtschreibung standen die Oberheudorfer Kinder nun zwar selbst manchmal auf dem Kriegsfu, Hans Rumps' Plakat erregte aber doch ihr allergrtes Vergngen. Sogar Heine Peterle, der es meist unter zehn Fehlern im Diktat nicht tat, sagte: Na, wenn das der Herr Lehrer sieht! Der bekam es aber nie zu sehen, denn als Hans Rumps diese schne Verordnung eben am Brunnen befestigen wollte und dazu auf den Rand des Troges trat, verlor er pltzlich das Gleichgewicht und plumpste mit seinem Plakat ins Wasser. Er kam wieder heraus und wurde auch wieder trocken, seine schne Verordnung aber war aufgeweicht, die Schrift ineinander gelaufen und alles unbrauchbar geworden. Hans Rumps schrieb kein zweites Plakat, der Schulze dachte: Ach, mgen sie doch spielen! und so blieb der Brunnen den Kindern unverboten. Etliche Tage, nachdem Muhme Lenelies die Geschichte von der schnen Liebelinde erzhlt hatte, sa Annchen Amsee am Brunnen und nhte. Es war wieder schnes Wetter geworden. Ein bichen kalt war es zwar, aber das kmmerte Annchen nicht weiter, sie nhte mit vielem Eifer an ihrem Rckchen und war rot und hei dabei geworden. Annchen Amsee war ganz fleiig in der Schule, war flink mit den Beinchen und noch flinker mit dem Znglein, aber Nhen, Stricken, Sticken und Stopfen wollte und wollte ihr nicht gelingen. In der Handarbeitsstunde war sie die schlechteste Schlerin, und es gab Ermahnungen und Strafen ohne Ende. Seit Muhme Lenelies aber von der geschickten Flickerin erzhlte hatte, war in Annchen der Wunsch erwacht, auch so fleiig und geschickt zu werden, um dann vielleicht einen Prinzen zum Mann zu bekommen. So sa sie denn am Freitag nachmittag und stopfte. Natrlich hatte sie gerade ein Loch im Kleid, sie hatte sich auch geschwind etliche Haare ausgerissen und versuchte damit ihr Heil. Es ging aber nicht so einfach, immer wieder rissen die Haare, und das Loch war wie ein groes hungriges Maul, das sich nicht schlieen will, selbst beim grten Butterbrot nicht. Neben der Kleinen standen zwei Mgde, Mine aus der Himmelblauen Ente, die gekommen war, Wasser zu holen, und Amsees Laura, die wusch Eier am Brunnen ab. Morgen sollte zum Markt gefahren werden, und Laura meinte, den Stdtern msse man die Eier schn sauber bringen. Ihre Buerin fand zwar immer, dies sei eine berflssige Arbeit, Laura aber lie nicht gerne davon ab, Oberheudorfs Sauberkeit sollte in der Stadt gerhmt werden. Krmers Trude hatte sich auch eingefunden, und die groen und kleinen Mdel schwatzten gerade eifrig miteinander, als fnf Buben die Dorfstrae entlang kamen. Natrlich blieben sie stehen, und natrlich sahen sie zu, was die Mdel taten. Schnipfelbauers Fritz war es, der zuerst rief: Annchen stopft, seht doch nur! N, sie will wohl 'nen Prinzen heiraten? Annchen Amsee wurde rot. Sie neckte sonst gern und lie sich necken, aber nur nicht mit ihren Nhknsten. Sie sagte darum sehr schnippisch: Was geht's euch an? So dumme Buben, wie ihr seid, will ich freilich nicht heiraten. Sie stopft, sie will 'nen Prinzen, riefen nun auch die andern Buben hhnend. Sie kriegt gar keinen, sie mu auch hundert Jahre lernen! schrie Heine Peterle. Seid doch still, ihr, schalt Mine, die gerade fortgehen wollte, und spritzte die Buben. Haltet den Mund! gebot Laura, und auch Trude schalt und fing an zu spritzen; nur Annchen tat, als bemerkte sie die Buben nicht mehr, eifrig stopfte sie weiter. Sie nimmt ihre Haare, n, seht doch! rief Schulzens Jakob, der sich gar nicht um das Spritzen kmmerte. Die fnf Buben brachen in ein lautes, hhnisches Gelchter aus, und soviel auch Laura und Trude schalten, sie neckten das arme Annchen immer weiter. Die dachte tapfer: Sie werden es schon satt kriegen, dabei kamen ihr aber doch die Trnen in die Augen, und immer ri der Faden. Darber wollten sich nun die Buben ausschtten vor Lachen. Bei jedem Stich, den Annchen tat, schrieen sie: Es reit, es reit! Aufgepat, der Prinz rennt fort! Nun hrt aber endlich auf, sagte Laura und schwang drohend einen nassen Lappen, sonst bekommt ihr den an den Kopf! Erst treffen! rief Heine Peterle schnippisch und stellte sich breit und keck vor den Brunnen hin. [Illustration: Das zornmtige Annchen.] Ritsch! ri Annchens Haar entzwei und damit auch ihre Geduld. Sie besann sich einen Augenblick, sollte sie spritzen oder ihr Rckchen den Buben an die Kpfe werfen. Da fiel ihr Blick auf Lauras Eierkorb. Hastig griff sie hinein und--platsch! flog ein Ei Heine Peterle gerade mitten auf seine kleine, dicke Stupsnase. Das halbe Gesicht wurde gelb, es sah aus, als hinge dem Buben ein Eierkuchen an der Nase. Ehe sich die andern noch besannen, ergriff das zornmtige Annchen zwei andere Eier. Platsch! flog das eine dem dicken Friede in den offenen Mund, der Bube schluckte und pustete, und da hatte Schulzens Jakob schon ein Ei gerade vorn auf seinem Buchlein, als htte er eine groe Sonnenblume vorgesteckt. Bist du denn nrrisch, Mdel? schrie Laura erbost und rettete jammernd ihren Eierkorb. N, zum Kuckuck, was fllt denn dir ein? Das ist ja wohl eine neue Mode, mit Eiern Fangball zu spielen? Warte, ich werde dir zeigen, was es heit, Eier aus Vergngen andern an die Kpfe zu werfen! Ehe Laura aber noch ausgeredet und die Buben sich von ihrem Schreck erholt hatten, war Annchen Amsee schon auf und davon. Wie gejagt eilte sie nach Hause, Trude rannte schluchzend hinterdrein. Annchen raste, Trude raste, und so kamen sie unbemerkt in Amsees Holzstall hinein. Dort kauerten sich beide Mdel in den dunkelsten Winkel und heulten erst ein Weilchen um die Wette. Hrte Annchen einmal auf, so schluchzte Trude Huhuhu! und hrte Trude auf, dann jammerte Annchen Achachachach! Eigentlich hatte es Krmers Trude doch gar nicht ntig zu weinen, sie war jedoch eine viel zu gute Freundin, um Annchen in ihrem Kummer allein zu lassen. Auf einmal flsterte aber Trude ngstlich: Es kommt jemand! Ganz geschwind krochen beide hinter einen Reisigberg. Trude schob noch rasch ein paar Bndel vor, und so saen sie wie in einer kleinen Kammer. Aber da lugten auch schon etliche bitterbse Bubengesichter in den Holzstall hinein, und tuschelnde Stimmen wurden laut: Ob sie hier sind?--N, die sind sicher ins Haus gelaufen, die Bangbxen, sagte Heine Peterle verchtlich. Eine Weile standen die Buben beratend an der Tre. Einer sagte: Wir mten sie doch sehen! Der dicke Friede meinte: Vielleicht sind sie hinters Holz gekrochen, ich gehe rein und suche! Die Mdel zitterten wie Espenlaub in ihrem Versteck, und beinahe htten sie beide losgeschrieen, als pltzlich eine barsche Stimme rief: Was macht ihr denn da? Ein Knecht kam ber den Hof, und ein wenig verlegen brummelten die Buben, da sie Annchen und Trude suchten. Die sind nicht hier, rief der Knecht, kam in den Holzstall hinein und rief: Mdel, seid ihr da? Alles blieb still, die beiden wagten in ihrem Reisigkmmerlein kaum zu atmen, sie frchteten sich schrecklich, und Annchen hatte das Gefhl, eine furchtbare Tat begangen zu haben. Na seht ihr, sie sind nicht drin, sagte der Knecht, also marsch hinaus! Er trieb die Buben aus dem Holzstall, schlo die Tre und schob den Riegel vor. Die beiden Mdel hrten, wie die Buben fortgingen, und nach einem Weilchen flsterte Annchen: Wir wollen jetzt ins Haus gehen, da sind wir sicherer. Sie versuchten die Tre zu ffnen, aber o weh, sie war verschlossen. Betroffen schauten die beiden einander an. Wir sind--eingesperrt! Einen Augenblick standen sie beide ratlos an der Tr; sie wuten erst nicht recht, sollten sie lachen oder weinen. Weil nun das Trnenbrnnlein aber schon einmal aufgezogen war, fingen sie ein jmmerliches Weinen an. Sie hockten beide im dmmerigen Holzstall und schluchzten wieder abwechselnd Huhuhuhu! und Achachachach!, schluchzten, bis Krmers Trude auf einmal an ihr Vesperbrot dachte, das sie in der Tasche hatte. A--a--annchen, heulte sie, i--i--ich haabe was zu essen! Dies Wort wirkte sehr beruhigend auf Annchen, denn ihr fiel ein, da sie eigentlich Hunger und kein Vesperbrot hatte. Sie trocknete daher ihre Trnen, und beide Mdel begannen Trudes Schnitten zu verzehren. Sie wurden leidlich satt zusammen und waren nun imstande, etwas ruhiger ber ihre Lage nachzudenken. Zu schreien wagten sie nicht, sicher trieben sich die Buben in der Nhe herum. Nachher holt unsere Laura noch Holz, sie tut das immer gegen Abend, sagte Annchen, dann knnen wir raus. Sie ist schon nicht mehr bse, die brummt nie lange! Wenn--wenn nur keine Ratten hier sind, flsterte Trude bnglich. Hu hu, quiekte Annchen und hopste so hoch, als se ihr schon eine auf dem Scho, Ratten, pfui! Ich glaube, da krabbelt was, tuschelte Trude und kletterte geschwind auf einen Sto Reisigbndel hinauf. Komm hierher, hier kommen sie vielleicht nicht hinauf. Annchen folgte dem Rat. Oben sa es sich ganz behaglich, nur etwas stachlig, aber wie sie beide gerade recht berlegten, wie sie sich setzen wollten, geriet der Reisighaufen ins Rutschen, und die beiden Mdel kamen sehr fix wieder unten an. Ich habe mir mein Kleid zerrissen, sthnte Trude, und Annchen barmte: Ich habe mich gekratzt. Selbst in einem Holzstall lt sich allerlei erleben, dies merkten Annchen und Trude an diesem Nachmittag. Die Rattenfurcht veranlate sie immer wieder zu neuen Klettereien; waren sie oben, so purzelten sie wieder herab. So ging es hin und her, und sie vergaen beinahe, da sie eingesperrt waren. Es wurde dunkler und dunkler, und als die Mdel nun genugsam heruntergefallen waren, gaben sie es auf, vor den Ratten zu flchten; sie kauerten sich in eine Ecke und begannen, sich leise allerlei Geschichten zu erzhlen. Die fnf Buben waren unterdessen im ganzen Dorfe herumgezogen und hatten die Mdel gesucht. Dreimal hatten sie beim Krmer und bei Amsees gefragt, ob Trude oder Annchen da wren, aber niemand wute etwas von ihnen. Inzwischen war Annchens Tat auch im Dorfe bekannt geworden. Ihre Mutter hatte sie ebenfalls erfahren, und alle dachten: Die Mdel haben sich versteckt. Es wurde dunkel, die Hausfrauen rsteten das Abendbrot, und Hans Rumps stand seufzend aus seinem Bette auf und berlegte, wo er in dieser Nacht wohl am besten schlafen knnte. Jetzt begannen Annchens Mutter und die Krmerin doch ngstlich nach ihren Mdeln auszuschauen. Es wurde im Dorfe herumgeschickt, aber niemand wute etwas von den beiden. Die Turmuhr schlug sieben. Das war die Zeit, in der in jedem Oberheudorfer Haus das Abendessen auf dem Tische stand, aber kein Annchen, keine Trude lieen sich sehen. Amsees Laura kam zum Schulzen, fragte nach Annchen und sagte zrnend zu Jakob: Daran seid nur ihr Buben schuld. Wer wei, was den Mdeln passiert ist! Und die Krmerin jammerte in Heine Peterles Elternhaus: Wo nur mein Mdel ist! Da lieen alle Buben, auch die, die gar nicht dabei gewesen waren, ihr Abendbrot im Stich und rannten hinaus, die vermiten Mdel zu suchen. Sie vergaen allen Zorn und suchten sehr eifrig und aufgeregt, denn sie hatten wirklich Angst, den Mdeln knnte etwas passiert sein. Nach und nach geriet das ganze Dorf in Aufregung, die Erwachsenen schalten und klagten, die Kinder schrieen, und Hans Rumps tutete etliche Male in sein Horn. Bei Amsees hatten sie das Haus schon dreimal abgesucht, nun kamen wieder etliche Buben und sagten: Vielleicht sind sie hier doch wo! Wir wollen noch einmal in den Holzstall gehen, meinte Laura. Friedrich behauptet zwar, sie wren nicht dort, aber je ja, der bringt es fertig, zu Himmelfahrt nach dem Ostersonntag zu suchen! So ein dummes Gewsch, schrie Friedrich erbost, ging mit schweren Schritten voran nach dem Holzstall, ri die Tre auf und rief: Na seht her, nischt ist da! Du meine Gte, n, da liegen ja alle beide und schlafen wie'n paar Ratten! rief Laura, und die Buben brllten los: Sie sind da, sie sind da! Mit diesem Jubelruf rannten die Buben hinaus und erfllten die Dorfstrae mit ihrem Geschrei. Laura aber sagte kurz entschlossen zu Friedrich, der ganz verdutzt dastand und sich immerfort wunderte, da die Mdel im Holzstall waren: Nimm du Krmers Trude und trag sie rasch heim, ich nehme unser Annchen, sonst kommen die Buben zurck, und es gibt ein groes Getratsch! Friedrich tat ganz stillschweigend, wie es Laura anordnete, und als wirklich nach einigen Minuten eine ganze Schar Buben ankam, die nun alle die beiden Mdel sehen wollten, da lagen diese bereits in ihren Betten, und die Buben muten abziehen. Sie waren sehr entrstet darber, sie htten zu gern gewut, wie die Mdel eigentlich in den Holzstall hineingekommen waren, denn Heine Peterle und Schulzens Jakob behaupteten noch immer, sie wren bestimmt nicht darin gewesen. Am nchsten Morgen gingen Annchen und Trude mit etwas schwerem Herzen zur Schule. Trude hatte ja eigentlich keinen Grund dazu, aber aus lauter Freundschaft war sie mit verlegen und schaute mit ngstlich nach den Buben aus. Vor dem Brunnen trafen sie wieder alle fnf Kameraden, die gestern dabeigewesen waren. Einige Augenblicke standen Mdel und Buben stumm einander gegenber, die Mdel verlegen, die Buben nicht wissend, ob sie gut oder bse sein sollten. Auf einmal platzte Schulzens Jakob heraus: Wie seid ihr denn reingekommen? Annchen und Trude waren heilfroh, da sie sprechen konnten und ihre wunderbaren Abenteuer im Holzstall erzhlen durften. Sie taten es sehr eifrig, erzhlten von ihrem Versteck, von den Ratten, die vielleicht dagewesen wren, und von der Purzelei, und die Buben lauschten, lachten, fanden die Holzstallgeschichte sehr vergnglich und bedauerten eigentlich, da sie nicht mit dringewesen waren. Pltzlich rief Krmers Trude kichernd: Ach, Heine Peterle, dir sa das Ei gerade auf der Nase! Wie ein Zauberwort wirkte dies. Sie brachen alle in ein lautes Lachen aus, Schulzens Jakob und der dicke Friede schrieen ordentlich stolz: Mir sa es hier!--Mir sa es hier! Trude hopste vor Vergngen hin und her, Annchen kicherte in ihre Schrze hinein, und Schnipfelbauers Fritz und Heine Peterle fhrten einen reinen Indianertanz auf. Die Schulranzen gerieten in Gefahr, in den Brunnen zu fliegen, und die Bcher und Federkasten polterten wie wild in den Ranzen herum. Die Kinder hatten allen Zorn, alles Beleidigtsein vergessen und htten wohl bis Mittag am Brunnen gestanden und gelacht, wenn nicht pltzlich mahnend die Schulglocke getnt htte. Da liefen sie eilig alle Hand in Hand der Schule zu; sie waren wieder gute Freunde, wie sie es bisher gewesen waren, und waren vergngt, da sie den Berenbachern eine so furchtbar komische Geschichte erzhlen konnten. Das Brnnlein aber rann und gluckste, tropf, tropf, tropf, tropf! Es freute sich auch, da es wieder etwas gesehen und gehrt hatte. [Illustration: Oberheudorfer Schulkinder] [Illustration: Dekoration] Wir wollen die Bahn! Wer in Oberheudorf eine Reise tun wollte, der mute erst zwei oder drei Stunden laufen, je nachdem er lange oder kurze, flinke oder mde Beine hatte, um die Bahnstation zu erreichen. Die Erwachsenen fanden das beschwerlich, aber die Kinder entrsteten sich darber, als wre ihnen das Eisenbahnfahren so notwendig wie das liebe Brot. Da hie es nun auf einmal: Die Eisenbahn kommt! Ganz dicht an Oberheudorf sollte sie vorbeifahren, ja Oberheudorf sollte sogar Bahnstation werden. So sagten sie in Oberheudorf, in Niederheudorf sagten sie wieder, sie bekmen die Station. Um diese Zeit war es, da einmal etliche Oberheudorfer Buben und Mdel mit ein paar Niederheudorfer Kindern beim Erdbeerpflcken im Kuhberger Walde zusammentrafen. Wir kriegen die Bahn! schrie ein langer Niederheudorfer Bube, als er kaum die Oberheudorfer erblickt hatte, und seine Genossen stimmten ihm zu: Ja, wir kriegen die Bahn! N, wir kriegen sie, schrie Schulzens Jakob patzig; er als Schulzensohn mute es doch wissen. Ja, drei Meilen am Mund vorbei, hhnten die Niederheudorfer, und die Oberheudorfer gaben keck zurck: Wir sind Ober, ihr seid Nieder, und Ober kommt allemal zuerst. Pah, ihr! So 'n kleines Dorf! Nicht mal 'n richtiges Vogelschieen habt ihr, trumpften die Niederheudorfer auf, und die von Oberheudorf spotteten: Wir haben Grafens und ihr nicht, und wir haben 'n Theater gehabt und ihr nicht, etsch! Der Streit wre wohl noch eine Weile hin und her gegangen, und wer wei, ob es nicht zu einer Prgelei gekommen wre, aber Leberecht Sperling, der Waldhter, erschien in der Ferne, da liefen die Oberheudorfer geschwind links, die Niederheudorfer rechts, und nur von weitem noch brllten sie sich gegenseitig zu: Wir kriegen sie!--N, wir! Daheim erzhlten dann die Oberheudorfer Buben und Mdel, wie frech die Niederheudorfer gewesen wren, und diese erzhlten das gleiche von den Oberheudorfern. Die Erwachsenen nahmen Partei: jedes Dorf wollte gern die Bahn, jedes Dorf hielt sich fr berechtigt, jedes meinte, besonders gut zur Bahnstation zu passen, und es dauerte nicht lange, da standen sich die beiden Drfer wie Hund und Katze gegenber. Kriegen wir die Bahn? das war die Frage, die in dieser Zeit die Alten und die Jungen, die Groen und die Kleinen beschftigte. Standen zwei auf der Dorfstrae zusammen, dann redeten sie ber die Bahn, die Kinder sprachen sogar davon in der Schule, und der Herr Lehrer sagte mitunter seufzend zu seiner Frau: Ich wollte, die Bahn fhre schon am Dorf vorbei und nicht immer meinen Schulkindern im Kopf herum. Smtliche Buben und Mdel hatten schon die wunderbarsten Reisegedanken, und die Sparbchsen hatten es in dieser Zeit gut, sie durften so tchtig Pfennige schlucken, da sie ganz fett wurden. Es war Mode unter den Buben und Mdeln, Reisegeld zu sammeln, und wer einen Pfennig oder gar einen Fnfer in seine Sparbchse tun konnte, der krhte wie ein Hhnlein bei Sonnenaufgang. Auch bei den Erwachsenen fing beinahe jedes Gesprch mit den Worten an: Wenn wir erst die Bahn haben! Nun wird's Ernst, sagte in dieser Zeit einmal der Oberheudorfer Schulze, die Bahnlinie soll jetzt vermessen werden. Die gleichen Worte sagte an diesem Tage der Niederheudorfer Schulze, und mehr noch als sonst wurde nun in den Drfern vom Bahnbau gesprochen. Als ein reisender Handwerksbursche durch Oberheudorf kam, dachten sogar etliche Buben und Mdel, der Mann knnte vielleicht etwas mit dem Bahnbau zu tun haben, und dem armen Handwerksburschen wurde himmelangst, weil ihm auf Schritt und Tritt eine Anzahl Buben und Mdel nachliefen. In Niederheudorf ging es zur gleichen Zeit einem Handelsmann nicht besser, aber der war ein Schelm und erzhlte den Kindern: Ja freilich, ihr kriegt schon die Bahn, pat nur ordentlich auf! Wenn einer von der Bahn kommt, dann mt ihr ihm nur gut zureden. Eine Stunde spter sagte der Handelsmann dies auch zu den Oberheudorfern, und seitdem warteten smtliche Buben und Mdel in Ober- und Niederheudorf auf den Mann, dem sie gut zureden konnten. In diesen Sommertagen wurde es einem Studentlein in einer groen Stadt zu schwl. Er packte seinen Rucksack und zog hinaus ins weite Land, ging ber die Berge und durch Wlder, um sich einen recht stillen Erdenwinkel auszusuchen, wo er in aller Ruhe arbeiten konnte. Das arme Studentlein mute im Herbst sein Examen machen, und nun zuguterletzt fiel ihm ein, da er recht, recht oft das Studieren vergessen hatte. Es galt nun, das Versumte nachzuholen, und weil ihn in der Stadt allerlei von der Arbeit abgezogen hatte, wanderte er mit sehr ernsthaften Fleigedanken auf das Land hinaus. Er wanderte etliche Tage hin und her und gelangte an einem besonders warmen Nachmittag an eine Wassermhle, die ein wenig abseits von einem freundlichen, schmucken Dorf im Tale lag. Wie ein silbernes Band, das irgend eine Riesenjungfrau verloren hatte, flo das Bchlein durch den grnen Wiesengrund, die Mhle klapperte, das Wasser rauschte, und im blhenden Grtchen neben der Mhle sa eine freundliche Frau und nhte. Sie grte den Studenten mit einem so guten Lcheln, da er stehen blieb und rasch fragte, wie der Ort heie. Oberheudorf, sagte die Frau. Ob er hier wohl etliche Wochen wohnen knnte, forschte der Fremde weiter. Wir sind kein Gasthaus, sagte die Frau freundlich, was will denn der Herr? Arbeiten, sagte das Studentlein, studieren. Das ist eine sehr wichtige Sache, und Ruhe mu ich dazu haben. Freilich schon, das stimmt, Ruhe mu eins zur Arbeit haben, gab die Frau zu. Und ruhig ist's hier, noch nicht einmal die Bahn fhrt, sagte das Studentlein und lachte. Der ist von der Bahn, dachte die Mllerin, dem mu ich schon ein Quartier geben, sonst luft er noch nach Niederheudorf. Sie erklrte sich also bereit, den Studenten aufzunehmen, rumte ihm eine gerumige Stube im Oberstock ein und sorgte fr den Gast, als sei das ein lieber heimgekehrter Sohn. Dem Studenten gefiel es sehr in der Mhle. Er packte seinen Rucksack aus, schrieb in die Stadt, man sollte ihm Bcher nachschicken, und dachte: Na, das habe ich mal gut getroffen! Am Abend wuten es schon alle Leute in Ober- und Niederheudorf, da der Herr von der Bahn in der Wassermhle wohnte. Allweil 'n bichen jung sieht er aus, sagte der Schulze, dem einfiel, wie man einmal einen Maler fr den Schulrat in Oberheudorf gehalten hatte. Man mu sehen, ob's stimmt, meinten auch die andern Bauern. Am Abend sagte der Mller zu seinem Mieter: Hm, 's wr schon recht, wenn wir die Bahn kriegten, nicht die Niederheudorfer! Freilich, erwiderte der Student, der recht hflich sein wollte. Als er am andern Tage erst den Schulzen, dann den Schnipfelbauern, den Kaspar auf dem Berge, den Waldbauern und zuletzt Hans Rumps hintereinander traf und jeder sagte: Hm, 's wr schon gut, wenn wir die Bahn kriegten und nicht die Niederheudorfer, erwiderte er allemal sehr freundlich: Natrlich, Oberheudorf mu die Bahn haben. Er meinte das auch wirklich so, Niederheudorf kannte er gar nicht, und da die Oberheudorfer sich so sehr eine Bahn zu wnschen schienen, wnschte er sie ihnen auch. Die Niederheudorfer waren wtend, denn natrlich erzhlten es ihnen die Oberheudorfer gleich: Wir bekommen die Bahn! Am zweiten Tage lief darum der Niederheudorfer Schulze so lange im Walde herum, bis er den Studenten traf. Der sammelte gerade Blumen, denn er war Botaniker, und das Blumensuchen gehrte zu seiner Arbeit. Hm, brummte der Niederheudorfer Schulze grimmig, die Bahn soll wohl hierher kommen? Bewahre, die kommt doch nach Oberheudorf, erwiderte der Student und lie den Schulzen stehen, seine Pflanzen gefielen ihm besser als der dicke Schulze. Der lief wtend heim, und die Niederheudorfer beschlossen, eine Eingabe an die Regierung zu machen, die Bahn solle ber ihr Dorf gehen. Am nchsten Morgen trafen zufllig etliche Oberheudorfer Buben und Mdel mit einigen aus Niederheudorf zusammen, und die Oberheudorfer taten sich so gewaltig mit der Bahn, da es den Niederheudorfern zu viel wurde; sie behaupteten, es sei noch gar nicht sicher, gingen wie die Kampfhhne auf die andern los, und mit lautem Geschrei prgelten sie sich alle lustig untereinander. Der Student geriet bei seiner Heimkehr aus dem Walde gerade unter die Streitenden. Er rief: Aber Kinder, aber Kinder, was tut ihr denn? Schmt euch doch! Da ist er! schrieen die Oberheudorfer, und die Niederheudorfer riefen ebenfalls: Da ist er! Ihnen allen fiel die Mahnung ein, da sie gut zureden sollten, und sie dachten, jetzt sei die Gelegenheit gnstig, und auf einmal begannen die Niederheudorfer zu bitten: Wir mchten die Bahn, ach bitte, bitte, wir mchten sie! Wtend schrieen die Oberheudorfer: Gelle, wir kriegen sie, uns ist sie versprochen! Der Student schttelte erstaunt den Kopf. Die Leute schienen hier sonst so nett zu sein, wenn sie nur nicht die unglckliche Bahn im Kopf gehabt htten; er konnte mit niemand reden, ohne da gleich von der Bahn gesprochen wurde. Und dabei war es doch gerade so schn still. Gut, da es noch keine Bahn gab! Das wilde Geschrei der Kinder rgerte ihn, und nun begannen noch die unntzen Buben und Mdel an ihm herumzuzerren und baten immer lauter: Wir wollen die Bahn, gelle, wir kriegen die Bahn! Niemand kriegt sie, rief der Student rgerlich und versuchte, die Kinder von sich abzuwehren. Aber die dachten an das Wort des Handelsmannes, sie sollten nur zureden, und so baten sie immer strmischer: Wir wollen die Bahn, nein, wir, wir, gelle, wir kriegen sie? Dem Studenten wurde die Sache zu bunt, er schttelte sich wie ein ins Wasser gefallener Pudelhund und schalt frchterlich. Aber alles half ihm nichts, am Rockzipfel hingen ihm zwei, an der Botanisiertrommel eins, rechts und links an jedem Arm gleich immer drei, und alle bettelten und baten: Wir wollen die Bahn, bitte, bitte, uns! [Illustration: Student und Oberheudorfer Kinder] Niemand kriegt sie, niemand, brllte der Student, da ri der Riemen seiner Botanisiertrommel, und pardauz flogen Pflanzen, Notizbuch, Frhstcksbrot, alles in einem weiten Bogen herum, und ritsch, ri dem Studenten auch noch ein rmel aus. Wenn ihr mich jetzt nicht los lat, dann--dann drft ihr nie mit der Bahn fahren, rief der Geplagte wtend. Da bekam er endlich etwas Luft, raffte seine Sachen zusammen und rannte, was er konnte, der Mhle zu. Die Kinder ihm nach, heidi, wie der Wind, sie sahen aber nur gerade noch des Fremden Rockzipfel in der Mhle verschwinden, als sie ankamen, und hinein wurden sie nicht gelassen. Sie zogen also jammernd nach Hause, und dort erzhlten sie klagend, was geschehen sei. Darber gab es eine mchtige Aufregung in beiden Drfern. Zuerst bekamen alle Buben und Mdel, die dabeigewesen waren, so heftige Schelte, da sie die Nase bis auf die Erde hingen und sich nur wunderten, da an diesem Tage nicht auch drauen Blitze und Donner herniedergingen. Wenn wir die Bahn nicht kriegen, seid ihr schuld daran, sagten sie in Ober- und Niederheudorf. Es wre schon am besten, einmal zu dem Herrn hinzugehen, sagte am nchsten Morgen seufzend der Schulze von Oberheudorf, und der von Niederheudorf dachte das auch. Aber freilich, es mu noch jemand mitgehen, sagte der Oberheudorfer Schulze, und der von Niederheudorf forderte gleich zwei reiche Bauern auf. Die Niederheudorfer hatten sich etwas schneller besonnen, und so kam es, da die Bauern alle miteinander an der Wassermhle zusammentrafen. Sie schauten sich ein bichen verlegen an, es wute gleich jeder vom andern, warum er gekommen war. Die Mllerin kam den Gsten mit betrbter Miene entgegen und klagte: Er ist fort! Gestern ist er fuchswild heimgekommen, und heute in aller Morgenfrhe hat er seine Sachen gepackt und ist abgezogen. Er hat gesagt, hier wr's sonst schon recht, und die Mhle gefiele ihm besonders gut, aber da die Leute alle den Bahnrappel htten, das wre schlimm. Die Mllerin trocknete sich die Augen mit der Schrze ab, die Sache ging ihr nahe; da das Studentlein fort war, tat ihr bitter leid, sie htte dem blassen Stadtherrn doch himmelgern rote Backen angepflegt. Wie er schon ein Stckchen weg gegangen war, fuhr sie klagend fort, hat er sich noch umgedreht und gerufen: >Besser wr's, wenn gar keine Bahn herkme!< Die Bauern sahen sich betroffen an. Na, das wre ja eine schne Geschichte! ber diesen Schreck vergaen sie allen gegenseitigen Zorn und redeten ganz vernnftig zusammen. Nachher zogen sie sehr verstimmt, sehr gergert heimwrts. Die Mllerin sagte zwar, sie glaube, der Herr habe gar nichts mit der Bahn zu tun gehabt, aber trau' einer den Stadtleuten. Nach drei Tagen bekamen der Ober- und Niederheudorfer Schulze je einen Brief, in dem stand, da die Bahn ber Langenrode gehen wrde, das lag etwa eine Stunde von jedem Dorf landeinwrts. Schockschwerenot, da haben wir's! An der ganzen Geschichte sind nur die Kinder schuld, das unntze Gesindel, rief der Niederheudorfer Schulze, und der von Oberheudorf schalt nicht minder, nur sagte er: Hagelwetter! Die Buben und Mdel, die dabeigewesen waren, hatten keine guten Tage. Immer hie es: Da seid ihr daran schuld! Ach, und sie hatten es doch so gut gemeint und hatten sich selbst so sehr auf die Bahn gefreut. Wieder nach einigen Tagen erfuhren es die Leute in beiden Drfern, da das Studentlein ganz unschuldig an der Sache war. Da atmeten die Kinder auf: nun konnten sie doch nichts dafr, da es keine Bahn gab. Sie sagten auch gleich sehr keck: Na, auszureien brauchte der Herr auch nicht gleich, wir waren doch so nett mit ihm! Und flugs waren sie wieder lustig und unntz wie vorher. Die Mllerin meinte auch, nun knnte ihr Stadtherr eigentlich wiederkommen. Aber der kam nicht, der hatte genug von der Oberheudorfer Ruhe. [Illustration: Dekoration] [Illustration: Leberecht Sperling und der Papagei] Ein Wundervogel. Wieder einmal war die Zeit der groen Sommerferien gekommen. An einem Sonnabend saen alle Buben und Mdel, die fleiigen und die faulen, sehr vergngt und feierlich zum letzten Male in der Klasse. Drei Wochen Ferien lagen vor ihnen, eine lange, wundervolle Zeit! Smtliche Buben- und Mdelfe zappelten an diesem Tage unter den Tischen hin und her wie Muslein, wenn sie in eine Falle gegangen sind, sie konnten das Hinauslaufen gar nicht mehr erwarten. Und das tuschelte und wisperte in den Reihen, und die Augen blitzten und blinkerten wie frisch geputzte Fensterscheiben im Sonnenglanz. Mdelzpfe wippten auf und ab, und bald kicherte es hier, bald dort, ein Federhalter, der zu Boden fiel, brachte die ganze Schar zum Lachen, und Anton Friedlich tunkte beinahe mit seiner Nase in das Tintenfa vor Vergngen. Die Spatzen, die auf dem Fenstersims saen und Frhstckbrotreste verspeisten, dachten sicher: Na, das sollen nun brave, gesittete Schulkinder sein! Potztausend, ja, anders geht es in unserer Spatzenschule auch nicht zu! Ob wir viel Ferienarbeiten kriegen? flsterte auf der Mdelseite Annchen Amsee ihrer Nachbarin Mariandel zu, und drben auf der Bubenseite seufzten Heine Peterle, Anton Friedlich und noch einige andere: Hoffentlich gibt's nichts auf! In diese Fragen hinein sagte der Herr Lehrer pltzlich: Ferienarbeiten will ich nicht viel geben, nur einen Aufsatz sollen die Groen schreiben, von irgend etwas erzhlen, was ihr erlebt habt, oder etwas beschreiben, was euch sehr gefllt; die Kleinen mgen... Was die Kleinen sollten, darauf hrten die Groen gar nicht mehr, sie waren nur heilfroh, da sie selbst nicht viel aufbekommen hatten. Ein Aufsatz! Pah, die Arbeit war nicht gro, die strte nicht die Ferienfreude, und so strmten denn die Kinder mit lautem Jubelgeschrei nach Schlu der Schule auf die Dorfgasse hinaus. Bewahr' mich! sagte Muhme Rese, die mit ihrem Strickstrumpf vor der Haustre sa, heute schreien aber die Kinder wie die Hottentotten! Muhme Rese hatte zwar in ihrem ganzen Leben noch keinen Hottentotten gesehen, und wo die eigentlich lebten, wute sie auch nicht, aber Hottentottengeschrei galt ihr als etwas Frchterliches. N, der Lrm! Wozu es auch nur Ferien geben mu! murrte Schuster Pechdraht. Nun, wenn es der Schuster auch nicht wute, die Buben und Mdel wuten es ganz genau, wozu Ferien da sind; sie hatten so viele lustige Ferienplne, wuten so viele Spiele, die sie spielen wollten, da sie auch mit sechs Wochen Ferien fertig geworden wren. Als Traumfriede heimkam und seine Bcher in den Schrank legte, kam Muhme Lenelies rasch aus dem Grtchen heraus und sagte: Du, Friede, die Wassermllerin war vorhin da, sie lt fragen, ob du die Ferien ber Hirt bei ihr sein willst; ihr Peter soll bei der Ernte helfen. Magst du? Die gute Muhme fragte ein bichen mitleidig, sie htte ihrem Pflegesohn gern die Ferienfreiheit gegnnt. Friede aber machte gar kein betrbtes Gesicht, sondern sah sehr vergngt drein. Des Wassermllers Khe austreiben und den lieben langen Tag drauen sein zu drfen, erschien ihm ein kstliches Ferienvergngen. Er sagte darum hell und froh: Ei gewi, Muhme, ich tu's gern! Am Montag in aller Morgenfrhe zog der Bube mit seiner kleinen Herde nach dem Buchberg, einem nicht allzu hohen Berg, der gutes Weideland hatte. Alle andern Oberheudorfer Buben und Mdel lagen noch in ihren Betten und genossen Ferienruhe, aber Friede beneidete sie nicht, es dnkte ihm wundervoll, so an einem taufrischen Sommermorgen auszuziehen, einen langen, sonnigen Tag vor sich. In seinem Rucksckchen hatte er Brot und ein Buch, das ihm der Lehrer geborgt hatte, damit kam er sich reich und glcklich wie ein Prinz vor.-- Ferien sind eigentlich kuriose Dinger, sie haben so lange Beine, da sie weglaufen, ehe Buben oder Mdel noch recht wissen, da sie da sind. Hui, wupp! sind sie um die Ecke herum, und das arme Schulkind steht da und hat das Nachsehen. Den Oberheudorfer Kindern erging es gerade so. Erst hatten sie gemeint, die Ferienwochen wren endlos lang, und auf einmal war schon die dritte Woche da, sie wuten nicht wie. Es sind gar keine richtigen Ferien, schalt Heine Peterle am Montag dieser letzten Ferienwoche; er hatte nmlich dreimal auf dem Felde helfen mssen, und nun sthnte der kleine Faulpelz ber die viele Arbeit. An diesem Montagmorgen nun hatte er so viel zu tun, da er, die Hnde in den Hosentaschen, vor der Haustr stand und--ghnte. Er wute nicht, was er zuerst anfangen sollte. Die Mutter hatte gesagt: Fange heute einmal deinen Aufsatz an, es wird Zeit! Muhme Rese hatte geraten: Hilf mir heute etwas im Garten, das ist gesund, und der Vater hatte den Vorschlag gemacht: Erst schreibe etwas, dann komm und hilf beim Einfahren, das mu ein knftiger Bauer lernen. Heine Peterle fand nun alle diese Plne nicht sonderlich verlockend, viel vergnglicher fand er Schulzens Jakobs Vorschlag, mit nach dem Buchberg zu gehen und Traumfriede zu besuchen. Wenn nur der Aufsatz nicht gewesen wre, die Gartenarbeit und das Einfahren, dann---- Heine Peterle, rief just in diesem Augenblick seine Mutter, du knntest heute erst einmal nach Niederheudorf laufen und dort beim Krmer Schnelle Strke holen, unserer hat keine mehr! So, das war nun eine Arbeit, die Heine Peterle gut gefiel, zu der fanden sich auch Genossen, und schon nach etlichen Minuten trabte eine vergngte Schar auf Niederheudorf zu. Dicht hinter dem Dorfe trafen die Kinder einen Boten des Grafen Dachhausen, der hielt sie an und erzhlte ihnen, der Papagei der Grfin sei ausgerissen; sie mchten unterwegs aufpassen, wer ihn wiederbrchte, sollte eine Belohnung erhalten. Der Vogel habe eine feine goldene Kette am Fu, an der sei er vielleicht zu fangen. Dies war eine aufregende Sache. Wir suchen ihn, sagten die Kinder gleich sehr eifrig. Schulzens Jakob meinte sogar ganz kaltbltig: Heine Peterle kann ja allein nach Niederheudorf gehen, wir laufen in den Wald und suchen den Vogel. Heine Peterle war sprachlos ber diese Treulosigkeit, Annchen Amsee aber rief fix: Nein, das tue ich nicht, der Vogel kann ja ebenso gut an der Strae auf einem Baum sitzen. Ich hab's Heine Peterle versprochen mitzugehen und gehe mit! Schulzens Jakob schwieg, er schmte sich ein bichen, die andern Kinder aber sagten alle: Annchen hat recht. Sie zogen also miteinander nach Niederheudorf, liefen sehr still und eilig ins Dorf hinein, kauften Strke ein und rannten wieder hinaus, sie wollten nicht erst von den Niederheudorfer Kindern gesehen werden. Auf dem Wege nach Niederheudorf hatten sie keinen blaugrnen Papagei gesehen, soviel sie auch geguckt hatten, und auf dem Rckwege durch den Wald war auch kein fremder Vogel zu erblicken. Nahe am Buchberg, wo Traumfriede seine Herde htete, kam Hans Rumps den Kindern entgegen. Wit ihr schon, rief er bereits von groer Weite, daß ---- Ja, schrieen die Kinder alle, wir wollen ihn suchen! Suchen, warum denn suchen? fragte Hans Rumps verdutzt. Ist er denn schon da? riefen die Kinder enttuscht. Na freilich ist er da, ist immer dagewesen. Warum sollte er auch nicht da sein? Er hat es doch gesehen, wie der Wagen umfiel, erklrte der Nachtwchter. Ist denn der Papagei in einem Wagen gefahren? Die Kinder sahen Hans Rumps verwundert an, und Hans Rumps sah die Kinder verwundert an und brummte: Was redet ihr denn da von einem Papagei? Was ist das berhaupt fr ein nrrisches Ding? Ein Vogel ist das, riefen die Kinder und redeten dann alle durcheinander: Davongeflogen ist er. Manchmal kann ein Papagei auch sprechen, sagt der Herr Lehrer.--Der Frau Grfin gehrt er.--Wenn wir ihn finden, sollen wir was kriegen. Helft uns doch suchen. Na, ich sag's doch, rief Hans Rumps hchlichst erstaunt, bei uns passiert immer mehr, als ein Mensch vertragen kann. Dem Schulzen ist sein Erntewagen umgefallen, pardauz! da lag er, und nun fliegt auch noch ein Papagei im Walde herum. Du meine Gte, was soll das nur werden, wenn es so fortgeht! Schafskopp, Schafskopp, halt den Schnabel, kreischte neben Hans Rumps pltzlich eine Stimme, und der brave Nachtwchter erschrak so, da er sich rittlings in das Moos setzte. Was ist denn das, was schreit hier denn so? jammerte er ngstlich. Kinder, erbarmt euch, hier ist ja wohl am hellichten Tage ein Gespenst! Mach die Tr' zu, mach die Tr' zu, kreischte es wieder, und nun sahen die Kinder einen blaugrnen Vogel, der ber ihnen auf einer Buche sa und sich Nachtwchter und Kinder ganz vergngt von oben herab ansah. Es ist der Papagei, der Frau Grfin ihr Papagei! Er kann sprechen, ach, er kann sprechen! Wir kriegen was, schrieen die Kinder aufgeregt und sprangen an dem Baum hoch, um die feine goldene Kette zu fassen, die an dem Fu des Wundervogels hing. Hans Rumps, sieh doch, da ist er, da sitzt er! Wo denn? murmelte Hans Rumps und sah immer an einer Tanne hinauf. Er zitterte ordentlich, so war ihm der Schreck in die Glieder gefahren. Schafskopp, Schafskopp, mach die Tr' zu, kreischte der Papagei wieder. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Hans Rumps sprang wtend auf. Ein Vogel sollte das sein, der da sprach und ihn, den Nachtwchter von Oberheudorf, einen Schafskopf nannte,-- das war ihm doch zu toll. Was fllt dir denn ein, du dummes Vieh du? brllte er und sprang auf. Was hast du denn zu sprechen? So eine Frechheit, mich Schafskopf zu nennen! N, nu sag' noch ein Wort, dann sollst du... Mach die Tr' zu, geschwind, geschwind! schnarrte der Papagei und hopste wild von Ast zu Ast. Unten sprangen die Kinder ebenso wild nach der Kette, um den Vogel zu fangen, der Nachtwchter aber sagte beleidigt: Das ist ein unverschmtes Tier, n, das ist gar kein richtiger Vogel. Ich geh' nach Hause, schimpfen lasse ich mich nicht. Er warf dem Papagei einen verchtlichen Blick zu, bckte sich, hob seine Mtze auf, die zu Boden gefallen war, und schickte sich an heimzugehen. Hahahahaha, willst du ein Kchen? kreischte der Vogel. [Illustration: Traumfriede und der Papagei.] Na, nun schlgt's dreizehn, nun will mir das unvernnftige Biest gar noch einen Ku geben! Na warte! rief Hans Rumps emprt. Er nahm sein Horn, das er immer bei sich trug, denn es htte doch wirklich einmal brennen knnen, und tutete laut hinein. Tuttut, klang es durch den Wald, und erschrocken flog der Papagei auf--und weg war er. Verblfft starrten ihm die Kinder nach. Nachtwchter, riefen sie klagend, du hast ihn verjagt, nun kriegen wir vielleicht nichts! Schadet nischt, sagte Hans Rumps ungerhrt, nun hat das Untier doch mal gesehen, wer ich eigentlich bin. Geht lieber nach Hause, 's ist gleich Mittagszeit. Wenn ihr zu spt kommt, kriegt ihr Schelte, und nachmittags ist der Vogel, der gewi gar kein Vogel ist, sicher noch da. Marsch, lauft, sonst bekommt ihr nichts zu essen! Brummelnd, sehr verdrielich und doch recht mittagshungrig traten die Kinder den Heimweg an. Der Nachtwchter tat, als bemerkte er ihren rger gar nicht, er ging stolz voran. Da er dem Vogel Respekt eingeblasen hatte, befriedigte ihn ungemein; wie ein rechter Held kam er sich vor.-- Muhme Lenelies' Pflegesohn sa an diesem stillen Sommertag hchst vergngt unter einer alten Eiche und gab auf seine Herde acht. Sonderlich schwer machten es die fnf Khe und drei Ziegen ihrem Hter nicht, sie in Ordnung zu halten, und der Bube war wieder einmal recht der Traumfriede, er trumte mit offenen Augen wundervolle Dinge. In den Zweigen des Baumes rauschte es, und dem Buben war es, als flsterten die leise aneinanderschlagenden Bltter ihm allerlei seltsame Geschichten zu. Der Herr Lehrer hatte den Kindern in der Schule von den alten Germanen erzhlt, die im heiligen Eichenhain dem Gott Donar geopfert hatten, und von diesen lngst vergangenen Tagen rauschte und raunte es in dem alten Baum, von den Helden, die einst in seinem Schatten von ihren Kriegstaten berichtet und die Schdel der geopferten Kriegsrosse am Stamme befestigt hatten. Aber auch von Elfen und Waldweibchen flsterte es, von Sommernchten, in denen hier auf weichem Wiesengrund sich ein lustiges Mrchenvolk im Tanze drehte. Aus diesen Trumen schrak der Bube pltzlich empor. ber ihm rief eine schnarrende Stimme: Schafskopp, gib mir ein Kchen, hahaha, gib mir ein Kchen! Friede fate sich unwillkrlich an seine Nase und zog krftig daran,--trumte oder wachte er? Mach die Tr' zu, mach die Tr' zu! kreischte es da wieder, und nun sprang Friede doch auf und sah sich um. In dem Gezweig der Eiche sa ein blaugrner Vogel, der mit schief gehaltenem Kopf den Buben sehr prfend ansah. Friede mute an das Mrchen vom blauen Vogel des Glcks denken, das Muhme Lenelies ihm erzhlt hatte. War das nun ein Glcksvogel? Er fate sich wieder an die Nase: nein, er war doch wach und trumte nicht mehr, und der Wundervogel gehrte ins Mrchenland, also mute das wohl hier doch ein anderer sein. Nun sah der Bub aber auch die feine, goldene Kette, die von dem Fu des Vogels herabhing. Gewi war der Vogel irgendwo ausgerissen. Lola hat Hunger, Hunger, kreischte der Vogel und schlug mit den Flgeln, als wollte er davonfliegen. Friede besann sich nicht lange. Er nahm rasch sein Brot aus dem Sack, zerbrckelte ein Stck und streute es fr den seltsamen Gast hin. Der besah sich etwas erstaunt die Sache, hpfte aber doch auf einen niedrigen Ast, legte den Kopf auf die andere Seite und schien sich zu berlegen, ob die Mahlzeit wohl fr ein so vornehmes Tier gut genug sei. In diesem Augenblick griff Friede rasch nach der Kette und zog daran den Vogel vom Baum. Der war erst so verblfft, da er sich ruhig greifen lie, pltzlich aber besann er sich und hackte wtend nach Friedes Hand. Au! schrie der Bube laut, hielt den Vogel aber trotz des heftigen Schmerzes fest und steckte den zappelnden und laut Schafskopp schimpfenden Gesellen kurz entschlossen in seinen Rucksack. Da war der Herr Papagei gefangen; es half ihm nichts, da er schnarrte: Schafskopp, Schafskopp, mach die Tr' zu, mach die Tr' zu! Friede lachte: Sie ist ja zu! Sei du nur still, es wird schon herauskommen, wem du ausgerissen bist. Der Bube war nicht so empfindlich wie Hans Rumps, und die vielen Schafskpfe, die ihm der Papagei in seiner Wut zurief, rgerten ihn nicht. Er lachte darber, wie drollig das war, da ein Vogel sprechen konnte. Gewi war es ein Papagei, von diesen Vgeln hatte der Herr Lehrer auch erzhlt. ber des Buben Hand aber rann das Blut, und die Wunde schmerzte heftig. Friede nahm einen Krug mit Wasser, den er sich immer an der Quelle, an der er frh vorbeikam, fllte, und wusch die Wunde ab. Der Papagei hatte ein ganzes Stck Fleisch aus dem Ballen der linken Hand gehackt, und so weh es tat, Friede dachte doch: Gut, da es die linke Hand ist, da kann ich wenigstens was anfassen. Der Papagei zappelte in seinem Gefngnis hin und her, bald fuhr er hier, bald dort mit seinem Schnabel durch den Stoff und suchte sein Gefngnis zu zerreien. Friede hatte einen Bindfaden genommen und damit die Kette an einem niedrigen Ast angebunden; kam der Vogel aus dem Sack heraus, so mute er immer noch eine Weile zerren und beien, ehe er ganz frei wurde. Etwas hilflos sah sich Friede nun um. Er wute nicht recht, was er tun sollte; seine Herde konnte er nicht verlassen, sie heimzutreiben, war es zu frh, aber die Hand tat ihm sehr, sehr weh, und er sehnte sich nach Muhme Lenelies, die so gut solche Schden zu heilen wute. Es war recht gut, da an diesem Tage Leberecht Sperling auch einmal aus dem Walde heraus nach dem Buchberg ging, sonst wre dem armen Friede die Zeit doch wohl recht lang geworden. Seit ihn der Waldhter heimgetragen, war zwischen ihnen beiden eine stille Freundschaft, und so rief Friede heute auch laut, als er diesen von ferne erblickte: Herr Waldhter, Herr Waldhter! Na, was soll's denn? brummte der und kam nher. Friede rannte ihm entgegen und erzhlte ihm rasch von seinem Fange. Den suche ich doch gerade, diesen Ausreier, schalt Leberecht Sperling. Unsere Frau Grfin ist ganz traurig, und die junge Grfin heult wie--wie eine Dachrinne. Da eine weinende Grfin und eine tropfende Dachrinne doch recht verschieden sind, strte den Waldhter nicht, und Friede fand den Vergleich sehr schn. Leberecht Sperling aber schimpfte auf den Papagei, auf Friede, auf die verletzte Hand, auf des Waldmllers Ziegen, weil die neugierig herbeikamen, auf die Sonne, die zu hei brannte, und noch auf alles Mgliche und Unmgliche. Als er genug geschimpft hatte, sagte er, Friede solle noch ein wenig warten, er wrde nach seinem Hause gehen, das nahe lag, und einen Korb holen und darin den Papagei selbst nach dem Schlosse tragen. Es dauerte auch nicht lange, da kam Leberecht Sperling wieder zurck. Er brachte in dem Korb ein reines Tuch und eine Flasche Arnika mit und verband Friede unter vielem Sthnen und Brummen sehr sanft und ordentlich die Hand, dann holte er aus dem Korb noch einen Topf Kaffee und ein Stck Striezel heraus, sagte zu Friede mit einer Stimme, als wollte er den Buben selbst aufessen, er sollte jetzt essen und trinken, nachher wrde er wiederkommen und ihm erzhlen, wie er den Papagei nach dem Schlo gebracht htte. Mach die Tr' zu, mach die Tr' zu, schrie der Gefangene in seinem Korb. Freilich wird sie zugemacht, brummte Leberecht Sperling ungerhrt und trabte los. Friede sa nicht mehr lange in Einsamkeit und Stille unter der Eiche. Schwatzend, lrmend, Musbrote schmausend, sehr aufgeregt und hoffnungsvoll kamen ungefhr zwanzig Buben und Mdel angelaufen. Friede, wir suchen einen Papagei! Friede, denke nur, er kann sprechen, und wenn wir ihn fangen, dann kriegen wir was! Traumfriede lachte und erzhlte nun von seinem Fang, und da Leberecht Sperling den Papagei nach dem Schlo getragen htte. Das ist doch ein Mrchen, sagte Annchen Amsee, und ein paar Stimmen riefen: Er neckt uns nur. Aber Friede verteidigte sich, er zeigte seine verletzte Hand und erzhlte, was der Papagei gesprochen hatte, da muten es ihm die andern freilich glauben, da der Wundervogel bereits gefangen sei. Anton Friedlich, Krmers Trude und noch ein paar andere sagten ein bichen enttuscht: Ach, nun kriegt Friede alles und wir nichts! Pfui, murrte der dicke Friede, ihr seid neidisch, das ist hlich. Auch Annchen Amsee, Mariandel, Heine Peterle und noch andere riefen: Der Friede verdient's doch, gnnt's ihm doch! Da schwiegen die kleinen Neidhammel beschmt. Friede aber war rot geworden, an eine Belohnung hatte er gar nicht gedacht; nun kam's ihm auf einmal in den Sinn, wie schn das wre, wenn er Muhme Lenelies etwas mitbringen knnte. Darber verga er fast die Schmerzen an seiner Hand, und als Annchen Amsee ihn mitleidig fragte: Tut's sehr weh? da lchelte er tapfer: Es ist nicht so schlimm! Die Kinder beschlossen, auf Leberecht Sperling zu warten. Er wrde zwar brummen, aber das schadete nichts, die Neugier war doch grer als die Angst vor seinem Schelten. Aber ach, Leberecht Sperling kam freilich wieder, doch er erzhlte gar nichts, er sagte nur ganz kurz und brummig zu Friede: Sie lassen schn danken, das Schwatztier ist gut angekommen! Dann wandte sich der Waldhter zu den Kindern: Da ihr mir nicht in den Wald kommt! Hier knnt ihr bleiben. Ob die Khe, Ziegen oder ihr auf dem Buchberg herumtrampeln, ist ja gleich! Weg war Leberecht Sperling, und alle miteinander sahen ihm gergert nach. Das ist alles? schrie Heine Peterle endlich emprt, und Anton Friedlich schalt: Der tut gerade so, als ob jeden Tag ein Papagei im Walde herumfliegt. Nun gehen wir doch in den Wald. Er fand aber keinen rechten Beifall mit seinem Vorschlag. Die Kinder fanden es viel besser, auf der andern Seite des Buchberges, dort, wo sich eine kleine Hhle befand,--Leberecht Sperling nannte es ein Loch,--Indianer zu spielen, da man doch einmal drauen war. Schulzens Jakob orakelte: Wenn wir jetzt heimgehen, mssen wir Aufsatz schreiben. Dazu hatten sie alle miteinander herzlich wenig Lust, und so zogen sie lachend und schwatzend weiter, und bald klang ihr frhliches Spielgeschrei zu Friede hin, der still unter der Eiche sa. Er war ein wenig betrbt und enttuscht und fhlte wieder heftiger die Schmerzen in seiner Hand. Auf einmal raschelte es neben ihm: Waldbauers Mariandel war es, die zurckkehrte. Friede, sagte sie ein wenig verlegen, ich will dir frisches Wasser holen fr deine Hand, weil du doch nicht fortkannst. berrascht sah der Bube auf. Mit dem Mariandel hatte er immer nur wenig gesprochen; mal vor einiger Zeit, als der Kleinen ein Buch in den Schmutz gefallen war, da hatte er sie getrstet und sie heimgebracht. Mariandel nahm Friedes Wasserkrug, lief zur Quelle und kam vergngt wieder; sie tat ordentlich wichtig wie eine kleine Krankenpflegerin. Dann saen sie beide unter der Eiche, und Friede begann seiner Gefhrtin von den Geschichten zu erzhlen, die er am Morgen getrumt hatte. Mariandel lauschte andchtig, sie sah mit ihren groen Kornblumenaugen ernsthaft zu Friede auf, und wenn der einmal Atem holte, flsterte sie rasch: Ach, bitte, weiter! So saen die beiden friedlich zusammen. Sie sagten es einander nicht, aber sie fhlten es beide, da sie von dieser Stunde an gute Freunde waren. Der Nachmittag verging ihnen schnell genug, und sie waren beinahe erstaunt, als die andern spielmde zurckkamen und mahnten, es sei Zeit heimzukehren. Friede trieb seine Herde zusammen, und vergngt zogen alle dem Dorfe zu. Als Friede dann Muhme Lenelies sein Abenteuer erzhlte und von der entgangenen Belohnung sprach, fragte die sonst so freundliche Muhme ganz ernst und streng: Hast du's um eine Belohnung getan? Nein, sagte Friede beschmt. Na, das wre auch noch schner gewesen, schalt die Muhme. N, n, nur nicht immer alles gleich aufs Belohnen ansehen, dabei kommt nischt Rechtes raus. Und nun geh ins Bett und sei vergngt, da du jemand hast einen Gefallen tun drfen! Damit basta! Und Friede kroch geschwind und frhlich in sein Bett und verschlief selbst die Schmerzen an seiner Hand. Es war doch ein reicher, schner Tag gewesen: er hatte einen Wundervogel gefangen und eine liebe kleine Freundin gefunden. [Illustration: Papagei] [Illustration: Dekoration] Ferienarbeiten, und was daraus wird. Man fngt nicht immer einen seltenen Vogel, und nach sehr ereignisreichen Tagen kommen mitunter recht stille Stunden. Dies merkte Traumfriede so recht am Tage nach seinem glcklichen Fange. Er sa wieder am Buchberg und war ein bichen unruhig und erwartungsvoll, weil er dachte, irgend etwas oder irgend jemand mte kommen. Aber kein Papagei, kein Waldhter, keine frhlichen Schulkameraden lieen sich sehen, ja selbst die Sonne kam den ganzen Tag nicht zum Vorschein. Frh war es trbe gewesen, und am Nachmittag war es immer noch grau und trbe, es regnete nicht, der Wind wehte auch nicht, und alle Vgel, Eichhrnchen und Hslein, und was sonst einmal an Friede vorbeigehuscht war, blieben ebenfalls unsichtbar. Alles in allem war es eigentlich etwas langweilig. Zum ersten Male fand es Friede recht still und einsam, und schlielich nahm er sich seine Bcher vor und begann seine Ferienarbeit ins Unreine zu schreiben. Um die gleiche Zeit wanderte Muhme Lenelies nach Schlo Friedheim. Am Morgen, bald nach Friedes Weggang, war Leberecht Sperling bei der alten Frau gewesen und hatte ihr gesagt, sie mchte doch einmal zur Frau Grfin kommen. Warum, das sagte der Waldhter nicht, das war ihm zu beschwerlich, er war schon wieder drauen, ehe sich die Muhme von ihrem Erstaunen erholt hatte. Na, ist recht, dachte diese, werd's schon erfahren. Sie versorgte noch ihre Ziege Friederike, brachte ihr Husel in Ordnung und trat dann ihren Weg an. Muhme Lenelies war eine schlichte, bescheidene Frau, gehrte aber nicht zu den Menschen, die vor einem, der reicher und hher gestellt ist, gleich allen Freimut verlieren. Jedem die Ehre, die ihm gebhrt, aber nicht vergessen, da wir Menschen vor unserm Herrgott alle gleich sind, pflegte sie wohl zu sagen. Unter allerlei guten, freundlichen Gedanken verging der Muhme der Weg rasch, und bald lag das Schlo vor ihr. Sie fragte hflich und bescheiden nach der Frau Grfin, und ein Diener fhrte sie gleich in ein hohes, schnes Zimmer. In einem blanken Messingkfig sa nun wieder gefangen der Papagei. Als der die fremde Frau erblickte, schlug er mit den Flgeln und rief recht unhflich: Schafskopp, Schafskopp! Na, sagte Muhme Lenelies ganz ruhig, ich dchte, du wrst eher einer. Wozu brauchst du denn auszureien? Das stimmt, sagte lachend jemand hinter der Muhme. Es war die Grfin selbst, die leise eingetreten war. Freundlich reichte sie der alten Bauernfrau die Hand, und dann sa Muhme Lenelies, sie wute selbst nicht wie, auf einmal auf einem wunderschnen, weichen Samtstuhl und erzhlte vergngt, als mte es so sein, von ihrem Friede. Sie erzhlte, wie der Bube zu ihr gekommen war, und wie lieb, brav und fleiig er sei, und weil die Frau Grfin so aufmerksam zuhrte, erzhlte sie auch von dem Wintertag, an dem der Bube im Schneesturm den weiten, weiten Weg gelaufen war, um ihr die Medizin zu holen. Ganz still hrte die Grfin zu, dann fragte sie noch allerlei, auch, was der Friede wohl einmal werden wollte. Du meine Gte, sagte Muhme Lenelies bescheiden, was soll er werden! Ein rechtschaffener Arbeiter hoffentlich. Freilich, freilich, so'ne Buben die haben immer mchtig groe Rosinen im Kopf. Da ist der Heine Peterle, der sagt, er mchte mal General werden, und Schnipfelbauers Fritz, dem die Unntzigkeit schon aus den Jackenrmeln herausguckt, meint, zu einem Doktor wrde er's schon bringen. Und der Friede? fragte die Grfin noch einmal. Muhme Lenelies wurde ein wenig rot, dann sagte sie halb lachend, halb verlegen: Na ja, der ist erst recht ein Hochhinaus, obgleich er ja sonst ein ganz bescheidener Bube ist, der--der--n, die Frau Grfin mssen ihn dann nicht fr eingebildet halten, er mchte ein Lehrer oder ein Bcherschreiber werden. Die Grfin lachte und meinte: Da wird er freilich noch viel lernen mssen. Sie fragte sie noch dies und das, dann brachte ein Diener einen vollgepackten Handkorb herein, den bergab die Grfin der alten Frau und sagte freundlich: Lassen Sie und Ihr Friede sich das gut schmecken, was in dem Korbe ist. Muhme Lenelies war ganz verwirrt; sie dankte etliche Male, hrte es gar nicht, da der Papagei sie um ein Kchen bat, und dann war sie wieder drauen und war ordentlich niedergeschlagen, weil sie ihrer Meinung nach nicht genug gedankt hatte. Als Friede am Abend heimkam und alle Herrlichkeiten anschaute,--es waren Kaffee, Zucker, Schokolade, Wurst und noch viele andere gute ebare Dinge in dem Korb gewesen,--tanzte er vor Freude in der Stube herum. Nun war der Papagei doch ein Glcksvogel! jubelte er. Oh, Muhme Lenelies, was fr wunderschne Ferien habe ich! Die Ferien benahmen sich nun nicht mehr anders, als sich Ferien leider benehmen. Schwipp, schwapp waren sie zu Ende, und an einem Montagmorgen liefen die Oberheudorfer Kinder wieder ihrem roten, leuchtenden Schulhause zu. Sie saen wieder auf ihren Bnken, hier die Mdel, da die Buben, hinten die Groen, vorn die Kleinen. Und der Herr Lehrer, der verreist gewesen war, stand da, schaute in all die blinkeblanken Kinderaugen und fragte: Na, waren die Ferien schn? Ja! schrieen alle miteinander, und alle Ferienlust und Ferienfreude klang in dem Ruf noch mit. Am lautesten aber schrie Friede, und seine Augen strahlten wie ein Paar Sterne. Dann begann die Stunde. Zuletzt sprach der Herr Lehrer: Nun sollen noch einige von euch uns ihren Aufsatz vorlesen. Heine Peterle, fang mal an! Heine Peterle bekam einen Kopf, so rot wie ein ganzes Bschel Feuernelken, und stotternd las er: Es war furchtbar schn. Dreimal mute ich aufs Feld. Viermal gab's Kuchen. Es hat mir am besten gefallen, da der Papagei immerfort Schafskopf schriete. Schreite! tuschelte Schulzens Jakob. Schreite, stotterte Heine Peterle. Hat geschriet! flsterte der dicke Friede. Hat geschriet! stammelte Heine Peterle. Schrie! sagte der Herr Lehrer und runzelte ein wenig die Stirn. Nun lies weiter! Heine Peterle ri die Augen weit auf, seufzte schwer und murmelte bedrckt: Ich--bin fertig. Na, das mu man sagen, rief der Herr Lehrer, angestrengt hast du dich nicht. N, bekannte Heine Peterle ehrlich und fiel mit der Nase beinahe auf sein Pult. Wir sprechen nachher noch miteinander, sagte der Lehrer streng. Annchen Amsee, lies du vor! Annchen las. Sehr lang war ihr Aufsatz auch nicht, auch sie hatte von dem verflogenen Papagei geschrieben. Dann kam der blaue Friede dran, der hatte die gleiche Geschichte erzhlt. Ein Berenbacher Bube hatte eine Fahrt nach der Stadt beschrieben, ein Mdel einen Besuch bei der Gromutter. Zuletzt rief der Herr Lehrer Traumfriede auf, und rasch wisperten ein paar Stimmen: Der hat auch den Papagei. Aber Friede hatte den Papagei nicht in seinem Heft. Der Bube hatte einen Tag im Walde beschrieben. Von Bumen und Blumen, von der Sonne, dem Wind, dem Gesang der Vgel und den schneeweien Ziegen hatte er erzhlt; von dem alten Hnengrab und denen, die darin schliefen, und deren Singen und Sagen an sonnenhellen Tagen im Walde zu hren war. Wie ein Mrchen klang es. Alle hrten ganz andchtig zu, und als Friede geendet hatte, da sahen ihn alle verwundert an. Nein, so einen Aufsatz hatte kein anderes Kind geschrieben, das war ja beinahe, als htte Muhme Lenelies eine Geschichte erzhlt. Der Lehrer sagte nichts weiter, er nickte Traumfriede nur sehr freundlich zu, so freundlich, da in dem Herzen des Buben die Hoffnung erwachte, eine besonders gute Zensur zu erhalten. Nun gebt mir alle eure Hefte ab, gebot der Lehrer, und da ertnte auch schon drauen das Bimbaum der Schulglocke. Etliche Minuten spter standen alle Buben und Mdel drauen vor der Schule und schwatzten noch ein Weilchen hin und her, denn so ein erster Schultag nach den Ferien ist doch eine wichtige Sache. Pltzlich rief Anton Friedlich ganz laut und patzig: Traumfriede kann gut Aufstze schreiben, wenn er sie sich von Muhme Lenelies machen lt. Und gleich riefen ein paar andere Buben- und Mdelstimmen: Pfui, das darf man doch nicht! Traumfriede war totenbla geworden. Er war so ein ehrlicher, aufrichtiger Junge, da der Gedanke, seine Arbeiten nicht allein zu machen, ihm nie gekommen wre. Der leichtfertig ausgesprochene Verdacht krnkte ihn so tief, da er gar nicht sprechen konnte. Als sei ihm die Kehle zugeschnrt, so war es ihm, und er kmpfte mit den hei aufsteigenden Trnen. Da sagte auch Heine Peterle, der sich wegen seiner schlechten Arbeit schmte, ein bichen hochfahrend: Na, abschreiben wrde ich nicht. Pfui, wie ruppig! Schwapp hatte er eine Ohrfeige bekommen, er wute nicht wie, und Traumfriede wandte sich nach dieser Tat bleich mit funkelnden Augen von Heine Peterle zu Anton Friedlich: der flog in den Sand wie ein Gummiball. Die andern Kinder stoben erschrocken auseinander, so hatten sie den sonst so freundlichen, sanften Traumfriede noch nie gesehen. Der Bub sah aus, als wollte er seine smtlichen Schulgenossen in den Sand werfen, und alle Buben und Mdel erhoben ein wildes Geschrei. Er hat doch abgeschrieben, schrieen einige, und Anton Friedlich, der wieder aufgestanden war, brllte laut: Jawohl, sonst wre er nicht so wild. Pfui, pfui! In all das laute Stimmengewirr hinein tnte ein sanftes Stimmlein: Er hat es bestimmt nicht getan, er schreibt gewi nicht ab! Niemand hrte sonderlich auf Waldbauers Mariandel, nur Friede hatte der Freundin Stimme gehrt. Die brachte ihn etwas zur Besinnung, und er begann sich seiner Heftigkeit zu schmen. Er sagte kein Wort, aber er drehte sich verchtlich um und rannte weg, so blitzschnell, da die andern ihm erst ganz verdutzt nachsahen. Aber dann erhoben Anton Friedlich und Heine Peterle ihre Stimmen: Er reit aus, er reit aus, pfui, er reit aus! Und Mdel und Buben, die Groen und die Kleinen rannten alle lrmend hinter Friede her. Der Bube aber war bei seiner eiligen Flucht auf ein unerwartetes Hindernis gestoen. Mitten auf der Dorfstrae vor der Schmiede stand ein stattlicher Wagen, und an dem Wagen stand die Frau Grfin Dachhausen und sprach mit dem Schulzen. Etliche Dorfleute standen dabei, auch Muhme Lenelies hatte sich dazugesellt. Die Grfin kam mit ihrer Begleiterin von einer Spazierfahrt zurck. Unterwegs hatte das eine Pferd ein Hufeisen verloren, nun sollte der Schmied das Tier frisch beschlagen. N, Friede, rief Muhme Lenelies entsetzt und hielt ihren Pflegesohn geschwind am Jackenrmel fest, warum rennste denn so? Man luft doch die Menschen auf der Strae nicht um! Friede blickte sich ganz verstrt um; er sah die Frau Grfin, die erstaunten Gesichter der andern, hrte das immer nher kommende Geschrei seiner Kameraden, und eine wilde Verzweiflung ergriff ihn. Nun wrden es alle hren, da man ihn fr einen Abschreiber, einen Lgner hielt. Er klammerte sich an Muhme Lenelies an und brach in ein verzweifeltes Schluchzen aus. Friede, mein Junge, ih, was fehlt dir denn? rief die alte Frau besorgt, und die Grfin fragte freundlich: Ist das der Bube, der meinen Papagei gefangen hat? Warum weint er denn so? Die ganze lrmende, schreiende Schuljugend war jetzt herangekommen. Als sie die allen bekannte Grfin erblickten, blieben sie aber doch ganz verdattert stehen, und ihr Schreien verstummte. Nur ein Stimmlein hob sich wieder mutig aus der Schar heraus, und diesmal wurde es von allen gehrt; Mariandel rief: Er hat es nicht getan, er tut so etwas nicht. Was soll denn mein Friede getan haben? Warum verfolgt ihr ihn? fragte Muhme Lenelies aufgeregt. Ihre sonst so freundlichen Augen blitzten drohend die Kinder an, und die wurden ganz verlegen; eins sah betreten das andere an, und etliche, die vorn standen, suchten sich hinter den andern zu verstecken. Endlich aber trat doch Anton Friedlich vor und wollte erzhlen, was Friede getan haben sollte. Gleich fielen zwei, drei andere Stimmen ein, und dazwischen rief Mariandel wieder: Er hat es nicht getan. Annchen Amsee und Krmers Trude riefen nun auch der Freundin nach: Er hat es nicht getan! Potzwetter noch einmal, macht nicht so'n Geschrei, brllte jetzt der Schulze die Kinder an. Was soll denn die Frau Grfin von unserm Dorf denken? Jakob, komm mal vor und sag, was los ist, aber geschwind und kurz, sonst sperre ich euch alle zusammen ein! Das half. Jakob trat vor und erzhlte etwas stotternd und verlegen von Friedes Aufsatz, und was Anton Friedlich und Heine Peterle gesagt htten, und da Friede gleich wild geworden sei. Es ist nicht wahr! Friede lste sich aus Muhme Lenelies' Armen, rot, hei, mit blitzenden Augen stand er da. Er schmte sich unsagbar, da er so verklagt wurde, aber Mariandels Ruf und Muhme Lenelies' Nhe hatten ihm seinen ganzen Mut zurckgegeben. Er reckte sich stolz und gerade auf, wie ein kleiner Held schaute er sich um und rief noch einmal laut mit klingender Stimme: Es ist nicht wahr, was sie sagen, ich habe die Arbeit bestimmt allein gemacht, aber--er stockte einen Augenblick, dann fuhr er tapfer fort-- Heine Peterle habe ich geschlagen und Anton Friedlich hingeworfen! Nu guck einer den Buben an, brummelte vergngt der Schulze, wie ein richtiger kleiner Kampfhahn steht er da. Seine Arbeit hat er allein gemacht, erklrte Muhme Lenelies laut und ernst, das mu ich doch wissen. Lgen tut mein Friede berhaupt nicht. Freilich so wild um sich zu hauen, das brauchte er nicht. Ich denke, sagte nun die Grfin, die still zugehrt hatte, ihr vertragt euch miteinander. Wer einen Kameraden unrecht beschuldigt, ihn gar einer Falschheit und Lge zeiht, verdient zwar mehr Strafe als eine Ohrfeige und einen Puff, aber weil Friede auch gleich zu heftig war, werdet ihr euch wohl gegenseitig verzeihen. Das gtige Wort stellte den Frieden wieder her. Die meisten Buben und Mdel schmten sich ohnehin, da sie gleich Anton Friedlichs bsem Wort geglaubt hatten, besonders Heine Peterle. Er war herzlich froh, da er mit dem Kameraden wieder gut sein konnte, und schttelte Friede ganz vergngt die Hand, so herzlich, als sei eine Ohrfeige mindestens ein Stck Kuchen. Anton Friedlich aber ri aus. Er war ein Trotzkopf und ging mitunter tagelang einsam und verrgert herum, ehe er es fertig brachte, sich mit jemand auszushnen. Er fhrt am schlimmsten dabei, sagte Muhme Lenelies, als sie mit Friede und Mariandel heimging. Trotz qult allemal den, der trotzig ist, am meisten. Und nun, Friede, bringe Mariandel heim, und dann komm geschwind zum Essen. Hand in Hand liefen die Kinder nach dem Waldbauernhof. Friede war ordentlich stolz auf seine tapfere Freundin, und an dem Hoftor sagte er treuherzig: Ich danke dir! Du, Friede, ich wei was! Mariandel hopste von einem Beinchen auf das andere, und ihre Kornblumenaugen strahlten den Freund lustig an. Was weit du denn? Ach, was Feines, was Feines! Rate mal! Aber ehe Friede noch seinen Mund auftun konnte, flsterte Mariandel schon rasch: Die Frau Grfin liest deinen Aufsatz. Ich hab's gehrt, sie hat's zu der andern Dame gesagt. Friede wurde blutrot und sah so unglcklich drein, da Mariandel erschrocken fragte: Freust du dich nicht? Der Bube schttelte den Kopf. Ich schm' mich so, ich schm' mich so, stammelte er, und dann lief er geschwind weg und lie Mariandel stehen. Die Kleine sah ihm traurig nach, ihr war es zumute, als sei sie mit ihrem Sonntagskleid ins Wasser gefallen. Friede kam so niedergeschlagen heim und gab so kurze Antworten, da Muhme Lenelies rgerlich sagte: Na, das ist schon wie beim Bader, wenn der'n Zahn rausziehen will, just grad' so mu ich dir die Worte aus dem Mund ziehen. Jetzt red' mal fix und sag, warum du so ein Gesicht machst, als mtest du sechs Mhlsteine als Vesperbrot verzehren! [Illustration: Muhme Lenelies und Friede] Da erzhlte Friede kleinlaut, was Mariandel ihm verraten hatte. Muhme Lenelies lachte herzhaft: Na, was schadet das? Eine Arbeit, die man recht getan hat, braucht man doch nicht zu verstecken. Wenn die Frau Grfin die Arbeit liest und ist zufrieden, dann freue dich, aber bilde dir nicht gleich ein, ein wichtiger Bube zu sein. Na, und wenn die Arbeit der Frau Grfin nicht gefllt, dann mut du dir halt immer noch mehr Mhe geben. So, und nun i dich ordentlich satt, und nachher wollen wir beide Kruter und Pilze suchen gehen. Nach dieser Rede der Muhme schmeckte dem Friede das Essen gleich prachtvoll, und frhlich rstete er sich dann zum Waldgang. Er durfte Mariandel dazu holen, und die Kleine wurde darber auch wieder vergngt; mit Muhme Lenelies in den Wald zu gehen, war eine lustige Sache. Die alte Frau wute so viel zu erzhlen von allen Bumen und Blumen des Waldes, es war immer, als bltterte sie Seite fr Seite eines groen Bilderbuches um. An diesem Tage sagte Friede mit nachdenklicher Bewunderung: Weit du, Muhme, wenn du mir wirklich bei meiner Arbeit geholfen httest, da wre sie schon besser geworden. Ich glaube, niemand auf der ganzen Welt kann feiner erzhlen als du. Die Muhme lachte schelmisch: Na, seh einer den Schmeichler an! Aber wer wei, Friede, gar lernst du's auch noch mal. Aus einem Traumfriede kann schon ein Geschichtenerzhler werden. Doch nun flink, Kinder, sucht Pfifferlinge! Dort wachsen welche, und wenn ihr brav sucht, erzhle ich euch zum Schlu noch eine Geschichte. 's ist mir just eine eingefallen. Flink suchten alle drei. Die Muhme fand Kruter und die Kinder jedes ein Scklein Pfifferlinge. Ganz stolz schaute Mariandel auf ihren Fund: Das gibt ein Abendessen! Ehe sie heimgingen, setzten sie sich noch alle drei am Waldrand nieder. Ein Baumstamm lag da, der krzlich gefllt worden war, und auf dem noch mehr Buben und Mdel Platz gehabt htten. Es war, als htten das des Schulzen Kinder Jakob und Rse und Heine Peterle gewut, sie kamen gerade von Niederheudorf heim, am Waldrand entlang. Kommt her, Muhme Lenelies erzhlt uns was, rief Friede. Das lieen sich die drei nicht zweimal sagen. Sie waren da, als htte ein Windsto sie hergeweht, und setzten sich auch auf den Baumstamm, Heine Peterle so eintrchtig neben Friede, als htten sie sich nie gestritten. Muhme Lenelies nickte: so war es recht, Bsesein und Unfrieden konnte sie nicht leiden, und mit einem kleinen lustigen Schelmenlachen begann sie die Geschichte vom unsichtbaren Kaspar zu erzhlen. [Illustration: Dekoration] [Illustration: Burg von Berenbach] Der unsichtbare Kaspar. (Ein Mrchen.) Oben bei Berenbach, ein bichen weiter in den Wald hinauf, stand, wie ihr wit, vor Zeiten eine Burg. Jetzt ist nur noch ein kmmerliches Mauerrestchen davon da, frher aber war es eine stattliche Burg. Sie gehrte einem reichen Grafen, der rings im Lande noch viele Schlsser besa. Auf der Burg wohnte er nur selten; sein Vogt, ein braver, schlichter Mann, bewohnte mit den Seinen darin etliche Zimmer. Des Vogtes einziger Bube hie Kaspar. Das war ein Bube, der immer zu hundert Dingen Lust hatte, aber nie zur Arbeit, wie das ja manchmal bei Buben vorkommen soll. Am liebsten trieb er sich im Walde herum, immer mit dem heimlichen Wunsch, einmal ein Abenteuer zu erleben. Damals gab es noch Zwerge, Wichtlein, Waldweiblein und Nixen, und der Kaspar htte zu gern mal so ein kleines, seltsames Mnnlein oder Weiblein gefangen. Und einmal, es war gerade am Johannistag, lief dem Buben wirklich so ein kleiner Wichtel in den Weg, und Kaspar ergriff ihn flink und hielt ihn fest, so sehr das Mnnlein auch zappelte und schrie. Was willst du denn von mir? rief der Wichtelmann bse, la mich doch gehen! Dummer Bube du, mit deinen groben Tatzen zerdrckst du mich ja! N, sagte Kaspar, los lasse ich dich nicht, erst mut du mir was schenken. Meine Gromutter hat erzhlt, die Wichtelleute wten Farnsamen zu finden, der unsichtbar machen soll; gib mir etwas davon. Meinetwegen, sagte der Wichtelmann, den sollst du haben. Heute ist Johannisnacht, da werde ich welchen fr dich suchen, morgen um diese Zeit kannst du ihn dir holen. Hier auf diesem Baumstumpf wird ein silbernes Dschen liegen, darin ist Farnsamen. Aber merke wohl, wenn du einem Menschen davon erzhlst, verliert der Samen seine Kraft; solange du schweigst, kannst du dich immer unsichtbar machen, wenn du das Dschen bei dir trgst. So, nun la mich los! Kaspar lie das Wichtelmnnlein los; er wute, die kleinen Waldleute hielten, was sie versprachen. Am nchsten Tage konnte er es kaum erwarten, wieder in den Wald zu kommen. Endlich war es Zeit, und er rannte so geschwind in den Wald, als htte er mit einem Hasen einen Wettlauf verabredet. Da war die Stelle, wo er gestern den Wichtelmann gefangen hatte, da der Baumstumpf, und richtig lag das silberne Dschen darauf. Kaspar nahm es, steckte es ein und rannte nicht minder geschwind heim; er mute doch sehen, ob er wirklich unsichtbar war. Der Vogt war mit den beiden Knechten zur Heuernte ausgezogen, die Mutter war in der Waschkche mit den Schwestern, und nur die Magd kam gerade ber den Hof, als Kaspar zurckkehrte. Geschwind stellte der sich im Haus auf und dachte: Ich will sie mal erschrecken. Die Magd trug einen Korb voll Holz, und mit krftigem Schwung schttete sie das Holz gerade dahin, wo Kaspar stand. Au! schrie der Bube, denn die dicken Buchenscheite waren ihm auf die Fe gefallen. Na, wer schreit hier denn? rief die Magd und sah sich erstaunt um. Da merkte Kaspar, da er wirklich unsichtbar war. Er rieb sich sein Knie, das ganz wund gestoen war, und humpelte nach der Waschkche; er gedachte nun den Schwestern einen Schabernack zu spielen, von der Magd hatte er vorlufig genug. Als er die Waschkche betrat, go seine Mutter gerade das schmutzige Waschwasser aus. Man machte das damals sehr einfach: schwapp! wurde es zur Tre hinausgeschttet, es konnte ja dann, wenn es Lust hatte, den Burgberg hinunterlaufen. So ein voller Eimer Waschwasser traf nun gerade Kaspar; seine Mutter sah ihn ja nicht, und so bekam er das warme Seifenwasser ber den Kopf. Huhuhu! heulte er. Der Kaspar schreit drauen, riefen seine Schwestern und schauten hinaus, erstaunt, da der Bruder nicht da war. So ein Wildfang, sagte die ltere, nichts als Dummheiten hat er im Kopf. Er knnte wahrlich schon dem Vater helfen. Ja, es ist schlimm mit ihm, er ist ein rechter Tunichtgut, erwiderte die jngere. Da lief Kaspar wtend fort; patschna war er, und gescholten wurde er auch noch, das ging ihm doch ber den Spa. Er legte sich in das Burggrtlein und schaute sich die Wolken an. Es sah ja niemand, da er faulenzte. Zum Abendessen kam er erst wieder. Jetzt sollen sie einmal alle staunen, dachte er und nahm sich vor, sich eiligst die besten Bissen aus der Schssel zu nehmen. Er setzte sich vergngt auf seinen Platz. Der Vater sprach das Tischgebet und sagte dann: Nehmt Kaspars Stuhl weg! Wer nicht zur rechten Zeit kommt, braucht nicht zu essen. Schweigend nahm der Knecht Hermann den Stuhl mit dem unsichtbaren Kaspar und stellte ihn in eine Ecke. Potzwetter, ist der Stuhl schwer, rief er verblfft und schttelte ihn ordentlich, da plumpste Kaspar ziemlich unsanft herunter. Alle sahen erstaunt auf. Was war das eben gewesen? Kaspar stand wtend auf. Er hatte sich den Arm verrenkt, dazu war er noch immer na, sein Bein tat ihm weh, und sein Magen knurrte gewaltig. An den Tisch wagte er sich nicht mehr, obgleich er sehr hungrig war. Er schlich sich hinaus, suchte sich ein Stck Brot in der Kche, und dann dachte er patzig: Nun werde ich Hermann zur Strafe recht rgern! Er legte sich also in das Bett des Knechtes und schlief auch bald ein. So fest schlief er, da er gar nicht hrte, als der Knecht in die Kammer kam, sich auszog und sich auch in das Bett legte. Uff! sthnte Kaspar, denn Hermann hatte sich ihm gerade auf das Buchlein gelegt. Hui, fuhr der Knecht empor. Zum Kuckuck, was ist denn das hier? schalt er. Das schreit ja, und etwas liegt im Bett, und dabei seh' ich doch nichts! Bums, drehte er sich rechts herum, bums, links herum, er puffte und stie, und Kaspar flog jh in einem weiten Bogen wie ein Federball zum Bett hinaus. Er rollte an die Kammertr, die flog auf, der Bube rollte hinaus, die Treppe hinunter, und auf einmal lag er jmmerlich zerschlagen und zerbleut im Hausflur. Oben schrie der Knecht: Hier spukt es im Hause! Unten jammerten die Schwestern und die Magd, vom Hofe her tnte der Mutter Stimme: Kaspar, Kaspar, wo bist du denn? Der blieb stumm, er dachte: Wenn ich mich jetzt melde, mu ich alles erzhlen, und erzhlen darf ich nichts, sonst verliert der Farnsamen seine Kraft. Er seufzte tief, er fand es eigentlich ziemlich schwer, unsichtbar zu sein. Es ist am besten, ich gehe in die weite Welt zu einem Knig. Vielleicht kann ich in eine Schatzkammer kommen und mir viel Geld holen, dachte er. Vorlufig kroch er in eine Scheune; dort schlief er, bis es Tag wurde, dann nahm er sich noch ein Stck Brot und wanderte ziemlich niedergeschlagen in die weite Welt hinaus. Sehr unterhaltsam war es auf die Dauer wirklich nicht, unsichtbar zu sein, und manchmal htte Kaspar gern sein Dschen fortgetan, aber er wagte es doch nicht, weil er dachte, es knnte ihm gestohlen werden. Am schwersten hielt es, etwas zu essen zu bekommen. Anfangs hatte Kaspar auch mal da, mal dort um ein Stck Brot gebeten, da waren die Leute immer schreiend davongelaufen, und natrlich hatte niemand daran gedacht, einem, der unsichtbar war, Brot zu geben. Dem Kaspar blieb nichts weiter brig, als selbst in die Speisekammern der Hausfrauen zu gehen, um sich etwas zu holen. Das drckte ihn schwer. Er schmte sich recht und merkte sich immer die Huser und dachte: Ich zahle es spter zurck! Einmal ging er auch in ein Bauernhaus und betrat eine Kammer, weil er meinte, dies sei wohl die Speisekammer. Er war aber in eine Waschkammer geraten, und ehe er noch wieder hinaus konnte, wurde drauen zugeschlossen, und er mute die ganze Nacht in der Kammer sitzen; es gab nicht einmal eine Bank, auf der er sich htte richtig ausstrecken knnen. Nach etlichen Wochen gelangte der Bub schlielich doch in die Knigsstadt. Am Eingang der Stadt lag ein groes Kloster, wohlverwahrt wie eine Festung. Hier will ich mich ausruhen, dachte Kaspar und schlpfte neben einem Mnch in die Klosterkche. Ein guter Bratengeruch zog ihm entgegen. Das Kloster hatte vornehmen Besuch erhalten, und der Klosterkoch wollte zum Abendessen Ehre einlegen mit seiner Kochkunst. Am Spie steckte ein saftiger Wildbraten, und in der Pfanne schmorten junge Hhnchen. Kaspar war nicht faul, er nahm eine Gabel, fuhr in die Pfanne, nahm sich ein Hhnchen heraus und setzte sich damit in eine Ecke. Der Koch schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen, als eine Gabel in seine Pfanne fuhr und ein gebratenes Hhnchen durch die Luft flog, als wre es ein lebender Sperling. Der brave Mann erhob ein so furchtbares Geschrei, da Kaspar gewaltige Angst bekam und am liebsten durch das Fenster gesprungen wre. Aber das war fest vergittert, und die Tr konnte der Bube nicht erreichen. Der Koch hatte einen Rubesen genommen, stberte damit in allen Ecken herum und brllte: Hinaus mit dem Teufel, hinaus mit dem Teufel! Ritsch fuhr er Kaspar mit dem schwarzen Besen ber das Gesicht und merkte es gar nicht. Nun drehte sich der Bube um, ritsch bekam er eins ber die Jacke, und schlielich war er heilfroh, als es ihm endlich gelang, aus der Kche zu flchten. Drauen begegneten ihm sehr viele Mnche, die alle auf des Kochs Geschrei herbeikamen, und Kaspar flchtete in seiner Verwirrung in die Bcherei des Klosters. Ganz still und niedergeschlagen kauerte er dort und knabberte an seinem Hhnchen herum, aber das wollte ihm trotz seines Hungers gar nicht recht schmecken. Und wieder, wie so manches Mal in den letzten Tagen, dachte der Bube sehnschtig: Wre ich doch daheim! Nach und nach verstummte der Lrm im Kloster, und dann ertnte das Abendgelut fromm und feierlich. Das hrte Kaspar noch halb im Traum, dann schlief er fest in seinem Winkel ein. Er schlief bis zum nchsten Morgen, da schlich er sich leise zum Kloster hinaus, an einem Pilger vorbei, der gerade zur Rast einkehrte. Kaspar war zwar sehr hungrig, er wagte aber nirgends, in eine Kche oder Speisekammer einzudringen; noch zitterte er vor Angst, wenn er an den gestrigen Auftritt in der Klosterkche dachte. Er schlug den Weg nach dem Schlo ein, und unterwegs hrte er, da heute ein groes Fest stattfinden sollte. Bald stand der Bube auch vor dem goldenen Schlotor und staunte ber die Pracht ringsum. Keine Wache sah ihn, niemand hinderte ihn daran, in das Schlo hineinzugehen, trotzdem war es ihm sehr beklommen zumute, und immer, wenn jemand an ihm vorbeikam, drckte er sich an die Wand. Sein Bchslein mit Farnsamen hatte er in die Hand genommen und hielt es ngstlich fest, denn er hatte eine gewaltige Angst, er knnte es verlieren. Bei dem Herumwandern im Schlo kam er auch in den groen Festsaal. Heisa, ri er da die Augen auf, denn in dem Saal blinkte es nur so von Gold. Viele Diener liefen geschftig hin und her, sie trugen goldenes und silbernes Geschirr herbei, wundervolle Torten und groe Schalen, auf denen herrliche Frchte und andere leckere Sachen lagen. Dem Kaspar lief das Wasser im Munde zusammen. Am liebsten htte er gleich eine ganze Torte aufgegessen, aber das wagte er doch nicht. Er schlich sich vorsichtig an eine Tafel heran und wollte sich heimlich ein paar Frchte nehmen. Doch o weh, die Schale geriet ins Wanken, sie wackelte hin und her, und dann purzelte sie mit groem Gepolter um, und alle kstlichen Frchte und Bonbons kollerten auf den Fuboden. Die Diener schalten einer auf den andern, er htte die Schale schlecht hingestellt. Kaspar hatte sich ngstlich in eine Ecke geflchtet. Einen einzigen Apfel hatte er aufzuheben gewagt, er hielt ihn in der Hand und dachte bedrckt: Wenn ich ihn esse, hren sie es vielleicht. Wie er nun so stand und sich ngstlich im Saale umschaute, fiel sein Blick auf den goldenen Baldachin ber dem Platz des Knigspaares. Wenn er dort oben se, dann wrde er sicher ganz ungestrt das ganze Fest mit ansehen knnen. Er sah sich den Baldachin an und fand, da es gar nicht so schwer war hinaufzukommen, und whrend sich die Diener noch gegenseitig stritten, kletterte er geschwind hinauf. Dabei verlor er aber seinen Apfel; das drhnte ordentlich, als der herunterfiel und durch den ganzen Saal rollte. Hier spukt es, o Himmel, hier spukt es! schrie der alte Haushofmeister. Hier ist doch kein Apfelbaum, von dem die pfel herunterfallen knnen! Nein, ein Apfelbaum ist wirklich nicht hier, sagte der Obertellerabwischer und drehte sich wie ein Kreisel auf seinen Abstzen herum, ich sehe keinen. Seht doch nur, wie der Thronhimmel wackelt, schrie pltzlich der Obermesserputzer so laut, da Kaspar beinahe von seinem hohen Sitz heruntergefallen wre. Vor Schreck blieb er mucksstill sitzen, und als alle Diener hinaufsahen, wackelte der Baldachin nicht mehr. Du hast getrumt, lieber Obermesserputzer, sagte der Obermesserbnkchenverwahrer spttisch. Ich bin noch nicht so kurzsichtig wie du, der neulich einer echten Prinzessin nur ein silbernes Messerbnkchen hingelegt hat, hhnte der Obermesserputzer. Sputet euch, sputet euch! schrie der Haushofmeister erschrocken, in zwei Minuten kommt der Knig. Geschwind, geschwind! Oh, die Schande, wenn nicht alles zu rechter Zeit fertig ist! Da vergaen der Obermesserputzer und der Obermesserbnkchenverwahrer ihren Streit, und alle rannten aufgeregt durcheinander, hierhin und dahin,--nach dem Thronhimmel sah niemand mehr. Darber war Kaspar herzlich froh. Er setzte sich behaglich zurecht, und wenn er nur etwas zu essen gehabt htte, dann wre ihm die ganze Sache recht gemtlich gewesen. Er staunte aber und verga ein Weilchen allen Hunger, als endlich der Knig und die Knigin mit ihrem ganzen Hofstaat und vielen edlen Gsten in den Saal zogen. Potzwetter, das war eine Pracht! Der Knig und die Knigin trugen Kronen, die funkelten wie zwei Sonnen, und es war ein solches Rauschen von Seide im Saal, ein solches Funkeln von edlen Steinen, da dem Kaspar ordentlich Ohren und Augen weh taten. Das war doch eine andere Sache als das Erntefest daheim im Dorf! Neben dem Knig sa seine Tochter, eine wunderholde, liebliche Prinzessin, schn wie ein Frhlingsmorgen. An der konnte sich Kaspar gar nicht satt sehen. Ganz verwegen dachte er, die mchte ich mal heiraten; es hat doch schon mancher arme Bube spter eine Prinzessin bekommen, warum soll es mir nicht gelingen? Darber wurde er so lustig, da er zu pfeifen begann. Unten an der Tafel sahen sich die edlen Herren und Frauen ganz erstaunt um, auch der Knig horchte auf. Ist denn hier eine Amsel im Saal? Nein, gewi nicht, sagte der Haushofmeister und verbeugte sich ganz tief. Ein Apfelbaum ist auch nicht im Saal, und doch ist vorhin ein Apfel durch die Luft geflogen. Ei, das spukt hier wohl? rief der Knig. Na, das wre ja eine nette Sache, wenn es in unserm kniglichen Speisesaal spuken sollte. Die holde Prinzessin rief kichernd: Ach, das wre so schn! Ich habe mir schon immer gewnscht, einmal ein Gespenst zu sehen, und heute ist mein Geburtstag. Wenn doch gleich eins kme! Nun, wenn heute ein Gespenst erscheint, dann schenke ich es dir, sagte der Knig lachend, und die Prinzessin klatschte in ihre schneeweien Hndchen und jubelte: O wie freue ich mich, o wie freue ich mich! Ich heirate sie ganz gewi, sie gefllt mir zu gut, dachte Kaspar und beugte sich weit vor. Nein, wie gut das roch! Er schnupperte wie ein Muschen, das eine Speckschwarte riecht. Ach, der Bratenduft! Er sprte wieder gewaltigen Hunger, und sein Magen knurrte so laut, da unten die Prinzessin rief: Es ist ein Wolf im Saal, ich hre ihn knurren! Nein, eine Katze schnurrt, sagte ein alter Graf, der Katzen nicht leiden konnte. Ich glaube, es ist ein Frosch, der quakt, flsterte ein Hoffrulein zimperlich, vor Frschen graulte sie sich sehr. Inzwischen hatten zwei Diener eine mchtige goldene Schssel voll Kompott gebracht, die stellten sie vor die Frau Knigin hin. Kompott teilte diese immer selbst aus, es wurde sonst zu viel davon gegessen. Ach, wie fein! dachte Kaspar. Knnte ich doch mitessen! Das roch so kstlich wie ein groer Obstgarten und ein groer Zuckerladen dazu. Noch weiter beugte sich der Bube vor, und als die Knigin dem Diener immer einen gefllten Kompotteller nach dem andern reichte, da griff er unwillkrlich danach, und dabei rutschte ihm sein silbernes Dschen mit dem Farnsamen aus der Hand, und platsch fiel es in die goldene Kompottschssel hinein. Die Knigin schrie laut auf: Wo ist denn meine Schssel hin? Sie war doch eben da, sagte der Knig betroffen und setzte sich geschwind seine Brille auf. Hm ja, liebe Frau, wo ist denn die Schssel? Jeder schaute hin, niemand sah sie, denn weil nun der Farnsamen darin lag, war die Schssel auf einmal unsichtbar geworden. Da oben sitzt das Gespenst, es sieht wie ein schmutziger Junge aus! quiekte die Prinzessin mitten in alles Verwundern und Erstaunen hinein. Erschrocken sahen alle zum Thronhimmel hinauf,--da oben sa der nun nicht mehr unsichtbare Kaspar und heulte. Bist du ein Gespenst? rief der Knig zrnend. Der Bube heulte nur, er brachte vor Angst kein Wort heraus. Holt ihn herunter! gebot der Knig, und zwei Diener kletterten geschwind hinauf und brachten den zitternden Kaspar vor den Knig. Der sah ihn so bse an, da der Bube dachte: Nun werde ich gewi ins Gefngnis geworfen! Ach, es war jammervoll, und sein Bchschen lag in der Kompottschssel, und sehen konnte er es nicht, weil ja die ganze Schssel unsichtbar war. Bist du das Gespenst, das erst gepfiffen und dann geknurrt und jetzt die Kompottschssel verzaubert hat? fragte der Knig streng. Und warum siehst du wie ein schmutziger Straenjunge aus und spukst am hellen Tage in meinem Schlo herum? Gespenster drfen doch nur in der Nacht erscheinen, und auerdem sehen sie wei aus! Halten zu Gnaden, mit pfeln hat es auch geschmissen, sagte der Haushofmeister. Ich--ich--bin--ja kein Gespenst, ich-- bin ja der Kaspar, schluchzte der Bube. In seiner Herzensangst und Verzweiflung begann er die Geschichte von dem Farnsamen zu erzhlen. Als er von dem Geschenk des Wichtelmannes anfing, rief die Knigin erstaunt: Jetzt ist meine Kompottschssel wieder da! Da stand wirklich die Schssel wieder breit und golden, halb gefllt mit kstlichen Frchten auf dem Tisch--das Farnsamenbchslein hatte seine Kraft verloren. Kaspar jammerte laut und erzhlte heulend von seiner Wanderung und all seinem Ungemach. Hm, sagte der Knig und legte ernsthaft sein Szepter an die Nasenspitze, eigentlich mte ich dich jetzt aufhngen, kpfen oder mindestens in das Gefngnis stecken lassen. Du bist ja ein heilloser Bube! Ach bitte, bitte, lieber, guter Herzensvater, tu das nicht, flehte die Prinzessin, deren Herzchen voll Mitleid war. Du hast mir doch das Gespenst zu meinem Geburtstag geschenkt, das gepfiffen und geknurrt hat. Aber mein liebes Kind, das ist doch ein Junge und kein Gespenst, sagte der Knig noch immer sehr ernst. Er hat aber doch gepfiffen und geknurrt, rief die Prinzessin, und dicke, dicke Trnen flossen ber ihre Rosenwangen. Dem Knig tat sein Kind leid, und weil nun doch einmal Geburtstag war, sagte er: Na meinetwegen, entscheide du, was mit dem Buben werden soll. Willst du bei mir bleiben oder nach Hause gehen? fragte die holdselige Prinzessin den Kaspar frhlich. Heim, schluchzte der, heim will ich, heim! So lauf, rief die Prinzessin und klatschte in die Hnde. Da lief der Kaspar wie gejagt zum Schlo hinaus, er frchtete, sie kpften ihn vielleicht doch noch. Er rannte ber die Straen und Pltze, am Kloster vorbei, bis er drauen im Walde war; da fiel er um vor Mdigkeit und Hunger und schlief bums ein. Es war eine beschwerliche Wanderung fr den Buben. Um ein Stckchen Brot mute er oftmals lange bitten, nichts bekam er als Brot und Wasser; die Schuhe hatte er sich auch schon durchgelaufen, und seine Fe wurden wund, und ganz krank und elend kam er eines Tages wieder daheim an. Im Abendsonnenglanz sah er die Heimat vor sich liegen, und sie kam ihm viel, viel schner vor als die weite Welt da drauen. Weil der Kaspar nun nicht mehr unsichtbar war, erblickten ihn gleich seine Schwestern. Die riefen laut ber den Burghof: Unser Kaspar ist wieder da! Der Bube mute nun seine Erlebnisse erzhlen, und der Vater meinte, eigentlich htte er tchtige Prgel verdient, er htte aber wohl schon Strafe genug gehabt, darum sollte ihm verziehen sein. Die Mutter nahm ihren Buben in die Arme und sagte nur leise: Ich habe so viel um dich geweint! Dieses Wort tat dem Kaspar weher als aller Hunger, alle Schmerzen und alle Angst, und er gelobte sich still im Herzen, den Eltern fortan ein guter Sohn zu sein. Das hat er auch gehalten. Er hat auch nie wieder in seinem Leben einen Wichtelmann gesehen und gefangen, nur manchmal, wenn er Beeren oder Reisig im Walde suchte, dann hrte er ein leises, leises Kichern; das waren die Geistlein, die ihn auslachten. Mitunter rief auch wohl neckend ein feines Stimmlein: Willst du wieder Farnsamen? Willst du wieder unsichtbar sein? Dafr aber bedankte sich der Kaspar sehr, er dachte: Einmal und nicht wieder! [Illustration: Kaspar] [Illustration: Dekoration] Traumfriedes Glck. Eines schnen Tages, als sich der Sommer gerade wieder in vollem Behagen in seinem Reich umsah, erblickte er pltzlich den Herbst, der in seinem rotgoldenen Prachtkleid einhergewandert kam. Schnell kte da der Sommer noch einmal seine Lieblinge, die Rosen, da sie wieder aufblhten wie im Juni, und dann zog er, groe Rosenstrue in den Hnden tragend, von den Hhen herab, aus den Tlern heraus, dem heien Sden zu. Der Herbst trat seine Herrschaft an. Zu seinem Empfang blhten in den Grten Astern und dicke Georginen auf, die Herbstzeitlosen standen bla und zart auf den Wiesen, und pfel, Birnen und Pflaumen bekamen groe Lust, von den Bumen herab ins Gras zu fallen. Fr die Oberheudorfer Kinder war das eine vergngliche Zeit. Jedes Haus hatte sein Grtchen, jedes Grtchen hatte seine Obstbume, und auf der Landstrae nach Niederheudorf standen die Pflaumenbume wie Soldaten. Sie hingen so voll, da niemand schalt, wenn sich die Buben und Mdel die herabgefallenen Frchte auflasen. Am Buchberg waren die Haselnsse reif; die Kinder zogen miteinander zur Nuernte hinaus, was freilich die Eichktzchen im Walde hchst berflssig fanden. So ein alter Eichkatzenonkel sagte einmal ingrimmig: Was die Oberheudorfer Buben und Mdel futtern knnen, das ist unglaublich. Ob andere Kinder wohl auch so gern etwas Gutes essen? An einem dieser reichen, schnen Herbsttage, an dem der Himmel so klar und blau war wie ein einziger groer Saphir, gingen Muhme Lenelies und Traumfriede nach Schlo Friedheim. Die Frau Grfin hatte sagen lassen, sie mchten beide an diesem Nachmittag zu ihr kommen. Sie wuten beide nicht, warum, und sie waren beide ein wenig unruhig. Vielleicht hat sie Friedes Arbeit gelesen und will ihm etwas sagen, dachte die Muhme, und der Bube hatte den gleichen Gedanken, nur meinte er, loben wrde ihn die Frau Grfin sicher nicht. Ziemlich bedrckt ging er hinter der Muhme her, als ein Diener beide in ein groes Zimmer lie. Gib mir ein Kchen, gib mir ein Kchen! tnte ihnen gleich eine schrille Stimme entgegen, und Muhme Lenelies sagte lachend: N, das ist richtig wieder der verrckte Vogel! Der Papagei! jubelte Friede, der alle Scheu verga. Bewundernd schaute er den bunten Vogel an. Wie schn er ist! Meine Mimi ist mir lieber, sagte Muhme Lenelies, an ihre lustige kleine Amsel denkend. Das mchte ich nicht, so 'n Vogel, der mich jeden Tag um einen Ku bittet. Schafskopp, Schafskopp, schnarrte der Papagei so laut, da die Muhme ordentlich erschrak. Mal schimpft er, mal will er 'n Ku, das wre mir zu unruhig, sagte die Muhme. Aber nun pass' auf, Friede, dort durch die Tre kommt die Frau Grfin. Diesmal kommt sie durch eine andere Tre, sagte die Grfin lachend, die von einer groen Veranda aus das Zimmer betrat. Sie reichte der alten Frau und Friede freundlich die Hand und fhrte beide hinaus auf die Veranda. Dort saen der Graf, der Pfarrer von Oberheudorf und Friedes geliebter Herr Lehrer. Dem Buben wurde es ganz seltsam feierlich zumute, denn die drei Herren sahen ihn so ernsthaft prfend an, und geschwind berlegte er, was er alles in der letzten Zeit getan hatte, und atmete erleichtert auf, als ihm kein sonderliches Unrecht einfiel; in der Schule hatte er nur gute Nummern gehabt, das war ihm ein Trost. Dann sprach der Herr Graf zu ihm. Friede hrte es, aber doch meinte er, der Graf sagte das alles zu einem andern Buben, ihn konnte er doch nicht meinen. Ihm konnte er doch nicht sagen, da er in die Stadt kommen sollte auf eine Schule, auf der er viel, viel mehr lernen mte, und da er dann spter einmal auch ein Pfarrer, ein Lehrer oder sonst ein gelehrter Mann werden knnte. Nein, sicher, das galt nicht ihm, dem armen Waisenjungen, der noch vor einem Jahr der jmmerlichste, schmutzigste Bube von Oberheudorf gewesen war. Doch da rief Muhme Lenelies: Lieber Gott, das Glck! So gut soll's mal mein Friede haben, mein Junge! N, wo soll ich nur da zu danken anfangen! Nun wagte Friede erst aufzusehen. Er sah, wie ihn alle freundlich anschauten, sah, wie der Herr Lehrer ihm ermunternd zunickte, und da wurde es ihm erst zur Gewiheit, da er wirklich der Bube sein sollte, dem ein so groes Glck geboten wurde. Lernen sollte er drfen, soviel er mochte. Schon der Vater des Grafen hatte eine Stiftung fr arme begabte Knaben gemacht. Seit vielen Jahren aber hatte kein Oberheudorfer Bube Lust gehabt, etwas anderes als ein tchtiger Bauer zu werden. Einmal war einer zur See gegangen, und ein anderer war Tischler geworden, das bestimmte Geld aber hatte keiner verstudiert. Nun war so viel da, da Friede in einer Stadt lernen und studieren konnte. Bis Ostern sollst du noch bei Muhme Lenelies bleiben, sagte der Graf, der Herr Lehrer will dich besonders unterrichten, zu Ostern sollst du dann in die Stadt kommen. In die Stadt! Pltzlich durchfuhr es Friede: dann mute er doch von Muhme Lenelies fort, mute seine Pflegemutter verlassen. Erschrocken sah er zu der Muhme auf, sah in das gute, freundliche Gesicht, und die Stunde fiel ihm ein, in der die Muhme ihn in all ihrer Armut in ihr Haus genommen hatte, fort von dem harten, geizigen Kohlbauern, und an den Winter dachte er, an die Krankheit der Muhme, und wie oft sie da sagte: Wie gut, mein Friede, da ich dich habe! Traumfriede senkte den Kopf, und ganz leise sagte er: Das geht nicht. Schafskopp, Schafskopp, kreischte drinnen im Zimmer der Papagei, und der Graf sah den Buben rgerlich an. Hr mal, unsere Lola scheint recht zu haben. Was ist denn das fr eine dumme Rede: Es geht nicht? Es ging Friede wieder wie damals auf der Dorfstrae, als seine Kameraden ihn einen Abschreiber genannt hatten: er fand jetzt pltzlich den Mut zu sprechen. Er richtete sich auf und sah mit seinen klaren, blauen Augen den Grafen an und antwortete: Ich kann doch Muhme Lenelies nicht verlassen! Nein, das geht nicht! Wenn sie wieder krank wird--sie hat niemand-- nein--nein, ich will immer bei ihr bleiben. Und rasch trat Friede neben die alte Frau und sah diese treuherzig an. Muhme Lenelies legte ihren Arm um den Buben und sagte, und in ihrer Stimme klang es wie heimliches Lachen und heimliches Weinen: N, mein Friede, da sage ich nun, das geht nicht. Du mut in die Stadt und lernen. Es ist ein groes, groes Glck fr dich, da der Herr Graf fr dich sorgen will, dafr wollen wir beide von Herzen dankbar sein. Da du hast bei mir bleiben wollen, das, Friede, werde ich nie vergessen, das ist akkrat so, als httest du mir ein groes Schlo, ach, noch viel mehr geschenkt. Aber fort mut du, da hilft nun nichts. Es gibt ja auch Ferien, sagte der Lehrer freundlich. Nu richtig! rief die Muhme. N, Friede, wird das schn, wenn du dann heimkommst! Du meine Gte, ich freu' mich jetzt schon auf die Ferien wie Faulpelze, die's auch immer nicht erwarten knnen. Ich mache dann auch Striche in meinem Kalender und zhle die Tage, bis Ferien sind. Die Grfin und die drei Herren lachten laut ber die groe Ferienfreude der Muhme. Der Graf gab Friede die Hand und sagte freundlich: Also, mein Junge, es geht doch; was die Muhme sagt, mu geschehen. Da heit es folgen. Wirst du nun auch fleiig sein? Ja, rief Friede so fest und froh, da seine Beschtzer wuten, der Bube wrde wirklich ein guter Schler werden. Nun muten Muhme Lenelies und Friede noch Kaffee trinken und Kuchen essen, aber so gut alles war, die beiden konnten vor Freude kaum essen. Es kam ihnen beiden vor, als trumten sie einen schnen Traum, als wren sie ins Mrchenland gekommen, und noch als sie schon heimwrts gingen, sagte die Muhme: Friede, Friede, ich kann's noch gar nicht fassen, du sollst in die Stadt, sollst ein gelehrter Herr werden! In den Ferien darf ich aber immer, immer zu dir kommen? bat Friede, dem der Gedanke an den Abschied von seiner treuen Pflegemutter, trotz aller Freude, bitter schwer auf dem Herzen lag. Muhme Lenelies nickte nur und blieb stehen. Sie waren jetzt beide auf der Hhe des Weges angekommen und sahen unten ein wenig im Tal Oberheudorf liegen. Wie Kchlein an die Henne, so kuschelten sich die Huser behaglich an die kleine, weie Kirche an, und die herbstlich gefrbten Bume standen im goldenen Kranz um das Dorf herum. In der Luft aber war ein seltsames Schwirren und Tnen: groe Scharen von Zugvgeln flogen ber Dorf und Wald dem fernen Sden zu. Sie fliegen fort und kommen wieder, denn hier ist ihre Heimat, sagte Muhme Lenelies nachdenklich. Schau, Friede, so soll es dir auch gehen; du sollst wegziehen und wiederkommen, und was auch aus dir wird, Oberheudorf soll immer deine Heimat bleiben, trag sie immer im Herzen. Friede nickte und sagte leise und andchtig, wie ein Gelbnis klang es: Immer. Da sind sie, da sind sie! brllte es in diesem Augenblick los. Vom Walde her kamen Buben und Mdel, alle mit Krben, Tpfen und Sckchen, sie hatten Waldernte gehalten und Beeren, Pilze und Tannenzapfen gesucht. Dabei hatten sie Leberecht Sperling getroffen, und der hatte sie erst angebrummt und ihnen dann erzhlt, Muhme Lenelies und Friede wren von der Frau Grfin zu Kaffee und Kuchen eingeladen worden. Ist das wahr, ist das wahr? schrieen sie alle durcheinander. Hat's viel Kuchen gegeben? War der Papagei da? Was hat er gesagt? Muhme Lenelies nickte: Na ja, Kaffee und Kuchen gab's schon, aber noch was viel Besseres. Nun erzhlte sie den Kindern von Friedes Glck, und die rissen Mund und Augen auf. In die Stadt sollte Friede und ein gelehrter Herr werden; so etwas war ja noch gar nicht dagewesen! Heine Peterle fuhr sich durch sein Strubbelhaar und murmelte: Das mchte mir nicht gefallen, n,--na berhaupt die Stadt! Geh nicht hin, Friede, da ist's dumm! Schulzens Jakob aber sagte nachdenklich: Nachher wirst du gar nichts mehr von uns wissen wollen. Dafr httest du nun was auf deinen Schnabel verdient, rief Muhme Lenelies rgerlich. So ein albernes Gerede! Seine Heimat und seine alten Freunde vergit man nicht in der Fremde, merk dir das, Jakob. Wer das tut, der ist gar nicht wert, so eine schne Heimat wie Oberheudorf zu haben! Gibt's in der Stadt auch Ferien? flsterte Waldbauers Mariandel und ergriff Friedes Hand. Freilich gibt's Ferien, sagte Muhme Lenelies, die die Frage gehrt hatte, und dann besucht uns Friede allemal. Aber nun kommt heim, die Sonne geht unter! Die gute Sonne hatte wirklich schon die rosenroten Vorhnge ihres Wolkenbettes zugezogen; nur ein wenig, blinzelte sie noch hervor und grte mit einem letzten Scheinen und Glnzen die Heimkehrenden. Sie warf noch etwas strahlendes Licht ber das Dorf, da alle Fensterscheiben wie Diamanten blitzten und auf allen Dchern ein Rosenschimmer lag. Die Kinder schwatzten und lachten, schmiedeten Zukunftsplne und bauten turmhohe Luftschlsser. Nur Friede und Mariandel schwiegen und schauten versonnen auf das Dorf, das so schn und friedlich im Abendschein vor ihnen lag. Das Bild grub sich Friede fest ins Herz und nahm es spter mit in die Fremde. Er trug fortan seine Heimat im Herzen, wie Muhme Lenelies gesagt hatte. [Illustration: Oberheudorf] Anmerkungen zur Transkription: Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit = markiert. Im Original _fett_ gesetzter Text wurde mit _ markiert. Doppelte Anfhrungsstriche wurden durch (unten) und (oben) ersetzt. Einfache Anfhrungsstriche wurden durch > (unten) und < (oben) ersetzt. Abbildungen wurden aus der Mitte von Abstzen zum Anfang bzw. Ende derselben verschoben. Das Format der Abbildungsunterschriften wurde vereinheitlicht. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Beibehalten wurde: Einige Ausdrcke wurden in beiden Schreibweisen bernommen: Burin (Seiten 19 und 22) und Buerin (15fach verschiedene Seiten) Eurem (Seite 51 2fach) und Euerm (Seite 75) Himmelblauen Ente (Seiten 111 und 153) himmelblauen Ente (Seiten 19, 85, 103, 115 und 118) Waldbauernhof (Seite 207) und Waldbauern-Hof (Seite 21) Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert: gendert wurde "guten, weien Betttchern seien vom" in "guten, weien Bettchern seien vom" (Seite 34) gendert wurde "Hans Rumpf sah auch die Holzpantoffel an," in "Hans Rumps sah auch die Holzpantoffel an," (Seite 98) gendert wurde "sie die himmelblaue Ente umreien." in "sie die himmelblaue Ente umreien." (Seite 116) gendert wurde "Dorf in Feuersbrunst und Wassergegefahr zusammenschreien." in "Dorf in Feuersbrunst und Wassergefahr zusammenschreien." (Seite 117) gendert wurde "Feuersbrunst und Wassergegefahr zusammenschreien. Der" in "Feuersbrunst und Wassergefahr zusammenschreien. Der" (Seite 117) gendert wurde "vor der himmelblauen Ente auf und" in "vor der himmelblauen Ente auf und" (Seite 118) gendert wurde "neben dem Knigstron stehen ganz still" in "neben dem Knigsthron stehen ganz still" (Seite 123) gendert wurde "darum gan uznzufrieden, als die Muhme" in "darum ganz unzufrieden, als die Muhme" (Seite 132) gendert wurde "Annchen raste, Trudel raste, und so" in "Annchen raste, Trude raste, und so" (Seite 155) gendert wurde "Annchen und Trudel waren heilfroh, da" in "Annchen und Trude waren heilfroh, da" (Seite 162) gendert wurde "fuhr sie klagend fort, hat er sich noch umgedreht und gerufen: >Besser wr's, wenn gar keine Bahn herkme!<" in "fuhr sie klagend fort, hat er sich noch umgedreht und gerufen: >Besser wr's, wenn gar keine Bahn herkme!<" (Seite 174) gendert wurde "Schwatzend, lrmend, Mubrote schmausend, sehr aufgeregt" in "Schwatzend, lrmend, Musbrote schmausend, sehr aufgeregt" (Seite 190) gendert wurde "Der Bube aber war" in "Der Bube aber war" (Seite 203) End of the Project Gutenberg EBook of Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf, by Josephine Siebe License: Share Alike