Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, eine Liste der vorgenommenen nderungen befindet sich am Buchende. Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersetzt: Sperrung: =gesperrter Text= Antiquaschrift: _Antiquatext_ Rmerinnen Zwei Novellen von Stendhal Im Insel-Verlag zu Leipzig Vanina Vanini Es war an einem Frhlingsabend des Jahres 1829. Ganz Rom war in Bewegung. Der Duca di Bracciano (der berhmte Bankier Torlonia) gab in seinem neuen Palazzo an der Piazza di Venezia einen Ball. Was die Knste Italiens, was der Luxus von Paris und London an Prunk und Pracht nur aufbieten konnten, hatte zum Schmucke des Palastes beigetragen. Britanniens khle blonde Schnheiten waren ob der Ehre der Einladung in Wallung geraten. Sie kamen in Menge, und die schnsten Rmerinnen machten ihnen den Ruhm ihrer Schnheit streitig. So war auch eine junge Dame in Begleitung ihres Vaters erschienen, der man ihre rmische Herkunft auf den ersten Blick an ihrem ebenholzschwarzen Haar und ihren flammenden Augen ansah. Die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich ihr zu. Aus jeder ihrer Bewegungen sprach seltsamer Hochmut. Angesichts all des Glanzes waren die anwesenden Auslnder sichtlich verblfft. Kein Knig in ganz Europa gibt solch ein Fest! sagten sie. Die europischen Potentaten haben aber auch keine Palste in rmischer Architektur, und sie mssen ihre Damen nach der Hofrangordnung einladen, whrend der Duca di Torlonia nur hbsche Frauen in sein Haus bittet. An diesem Abend hatte er dabei besonderes Glck. Die Mnner waren wie geblendet, und es war nur die Frage, welche unter so vielen schnen Frauen die allerschnste sei. Eine Zeitlang war man sich hierber nicht einig; aber schlielich erklrte man die Principessa Vanina Vanini, jene junge Dame mit dem tiefschwarzen Haar und den Glutaugen, fr die Knigin des Abends. Alsobald strmten Fremde wie Rmer in den Saal, in dem sie sich gerade aufhielt. Gem dem Wunsche ihres Vaters, des Frsten Asdrubale Vanini, tanzte Vanina zunchst mit etlichen deutschen Prinzen aus regierenden Husern. Darauf lie sie sich von einigen bildschnen hochvornehmen Englndern auffordern. Das steife Gebaren dieser Gentlemen langweilte sie. Mehr Vergngen bereitete es ihr, den jungen, sichtlich malos verliebten Livio Savelli zu qulen, den glnzendsten jungen Rmer, gleichfalls frstlichen Blutes. Allerdings, einen Roman htte man ihm nicht zu lesen geben drfen; er htte ihn nach den ersten zwanzig Seiten in die Ecke geworfen und behauptet, er bekme Kopfschmerzen davon. In Vaninas Augen war dies sein Fehler. Gegen Mitternacht verbreitete sich unter der Ballgesellschaft eine Neuigkeit, die ziemliches Aufsehen erregte. Ein junger Karbonaro, der in der Engelsburg gefangen gehalten worden war, hatte sich soeben gerettet. Dank seiner Verkleidung und seiner romantischen Tollkhnheit war er bis zu den Auenposten gedrungen. Mit einem Dolche war er auf die Soldaten losgestrmt und, wenn auch verwundet, durchgekommen. Sbirren folgten seinen Blutspuren durch die Gassen Roms. Man hoffte, ihn wiedereinzufangen. Als diese Geschichte die Runde machte, fhrte Livio Savelli Vanina, mit der er getanzt hatte, gerade zu ihrem Platz zurck. Im Banne ihrer Schnheit und stolz auf den Eindruck, den sie ringsum machte, flsterte er ihr, fast toll vor Liebe, zu: Bitte, sagen Sie mir einmal, wer knnte Ihnen denn eigentlich gefallen? Der junge Karbonaro, der eben entronnen ist! erwiderte ihm Vanina. Er hat zum mindesten etwas mehr getan, als sich blo ins irdische Dasein bemht ... Ihr Vater, der an die beiden herantrat, machte der Unterhaltung ein Ende. Frst Hasdrubal Vanini war ein reicher Mann, der sich von seinem Verwalter seit zwanzig Jahren keine Abrechnung vorlegen lie. Wer ihm auf der Strae begegnete, hielt ihn fr einen alten Schauspieler. Seine beiden Shne waren Jesuiten geworden und in Verrcktheit gestorben. Der Frst hatte sie vergessen. Sein grter Schmerz war der Umstand, da seine Tochter Vanina keine Lust zum Heiraten zeigte. Sie war schon neunzehn Jahre alt und hatte die glnzendsten Partien ausgeschlagen. Welchen Grund hatte sie dazu? Den nmlichen, der Sulla zur Abdankung veranlate: sie verachtete die Rmer. Am Tage nach dem Balle fiel es Vanina auf, da ihr Vater, sonst der sorgloseste Mensch von der Welt, der nie in seinem Leben von einem Schlssel Gebrauch gemacht hatte, die Tre zu einer kleinen Treppe sorglich abschlo, die in ein Zimmer des dritten Stockes fhrte. Dieses Gemach lag nach einer Terrasse hinaus, auf der Orangenbume standen. Vanina machte ein paar Besuche in der Stadt. Als sie wieder nach Hause kam, war das Hauptportal des Palastes infolge der Vorbereitungen zu einer Illumination versperrt. Der Wagen mute deshalb durch das Hoftor einfahren. Dabei berblickte Vanina die Rckfassade des Hauses und sah, da eins der Fenster des von ihrem Vater abgesperrten Zimmers offen stand. Nachdem sie ihre Gesellschafterin weggeschickt hatte, stieg sie auf den Oberboden des Palastes und fand nach langem Suchen ein vergittertes Fensterchen, von dem aus man auf die Terrasse mit den Orangenbumen hinabsehen konnte. Das offene Fenster, das Vanina vom Hofe aus gesehen hatte, lag von hier nicht weit. Ohne Zweifel war das Zimmer bewohnt. Aber von wem? Am Tage darauf war Vanina im Besitze des Schlssels zu einer Tre, die auf die mit Orangenbumen besetzte Terrasse ging. Wie ein Luchs schlich sie an das Fenster, das noch immer offen stand. Der Vorhang war dicht zugezogen. Trotzdem ersphte Vanina, da im Hintergrunde des Gemaches ein Bett stand und da jemand darin lag. Unwillkrlich fuhr sie zurck. Da erblickte sie einen Frauenrock auf einem der Sthle. Nunmehr lugte sie schrfer nach der im Bette liegenden Person. Sie war blond und sichtlich sehr jung. Vanina war berzeugt, es msse ein weibliches Wesen sein. Der auf den Stuhl geworfene Rock hatte Blutflecke. Auch an den Frauenschuhen, die auf einem Tische standen, waren Blutspuren zu sehen. Als die Unbekannte eine Bewegung machte, bemerkte Vanina, da sie verwundet war. ber ihrer Brust lag ein groes blutgetrnktes Stck Leinwand, nur mit Bndern befestigt. So sah ein von einem Wundarzt angelegter Verband nicht aus! Vanina stellte fest, da sich ihr Vater tglich um vier Uhr in seine Zimmer zurckzog und regelmig kurz darauf die Kranke besuchte. Er verlie sie stets sehr bald wieder und pflegte sodann zur Grfin Vitelleschi zu fahren. Sobald er fort war, ging Vanina hinauf nach der Terrasse und beobachtete die Fremde. Ihre empfindsame Natur entflammte sich rasch fr die unglckliche junge Frau. Was fr ein Abenteuer hatte sie bestanden? Ihr blutiges Kleid war augenscheinlich von Dolchsten durchbohrt. Man konnte die Lcher zhlen. Eines Tages sah Vanina die Unbekannte deutlicher. Ihre schnen blauen Augen starrten gen Himmel. Offenbar betete sie. Sodann kamen ihr Trnen. Die junge Prinzessin konnte sich kaum noch bezwingen. Am liebsten htte sie die Unglckliche angesprochen. Am nchsten Tage wagte sich Vanina drauen auf der Terrasse zu verstecken, ehe ihr Vater kam. Von da aus beobachtete sie, wie Frst Hasdrubal ins Zimmer der Unbekannten trat. Er brachte einen Korb mit Lebensmitteln und sah beunruhigt aus. Er sprach wenig und so leise, da die Lauschende die einzelnen Worte nicht verstand, obwohl das Fenster offen war. Bald verschwand er wieder. Die arme Frau mu furchtbare Feinde haben, sagte sich Vanina. Mein sonst so sorgloser Vater wagt niemanden ins Geheimnis zu ziehen und lt sichs nicht verdrieen, tglich die enge steile Treppe hinaufzugehen. Eines Abends, als Vanina ihren Kopf zwischen die Vorhnge des offenen Fensters hindurchsteckte, hatte die Unbekannte ihren Blick gerade dahin gerichtet. Vanina sah sich entdeckt. Ich habe Sie in mein Herz geschlossen! rief sie aus. Die Unbekannte winkte ihr einzutreten. Ich mu Sie vielmals um Entschuldigung bitten, erklrte Vanina. Meine trichte Neugier mag Ihnen sehr rgerlich sein. Ich schwre Ihnen Geheimhaltung, und wenn Sie es verlangen, komme ich niemals wieder her. Wer sollte Ihren Anblick nicht als Glck empfinden? erwiderte die Fremde. Wohnen Sie hier im Palaste? Gewi! antwortete Vanina. Sie kennen mich also nicht! Ich bin Vanina, die Tochter des Hauses. Die Unbekannte machte ein erstauntes Gesicht und wurde rot. Gnnen Sie mir die Hoffnung, Sie alle Tage hier zu sehen, sagte sie. Nur mchte ich nicht, da der Frst von Ihren Besuchen erfhrt. Vanina, die starkes Herzklopfen hatte, fand das Benehmen der Unbekannten vornehm. Gewi hatte die arme junge Frau irgendeinen Machthaber beleidigt, oder vielleicht in einem Anfalle von Eifersucht ihren Liebhaber umgebracht. Einen gemeinen Grund hatte ihr Unglck sicherlich nicht. Die Unbekannte gestand ihr, da sie an der Schulter verwundet sei. Die Wunde reiche bis in die Brust und sei sehr schmerzhaft. Und Sie haben keinen Wundarzt? rief Vanina aus. Wie Sie wissen, sind in Rom die rzte verpflichtet, der Polizei ber alle Wunden, die sie behandeln, genau zu rapportieren. Der Frst hat mir diesen Verband hier eigenhndig anzulegen geruht. Mit vollendetem Geschick vermied die Unbekannte jegliche Rhrseligkeit. Vanina war toll verliebt. Etwas freilich strte die junge Prinzessin stark. Sie machte nmlich die Wahrnehmung, da die Fremde einmal mitten in der doch so ernsten Unterhaltung Mhe hatte, eine pltzliche Lachlust zu unterdrcken. Ich mchte Ihren Namen gern wissen, sagte Vanina zu ihr. Ich heie Clementina. Also, liebe Clementina, morgen um fnf komme ich wieder! Am nchsten Tage traf Vanina ihre neue Freundin in verschlimmertem Zustande an. Ich werde einen Wundarzt holen lassen, schlug Vanina vor, indem sie die Kranke umarmte. Lieber will ich sterben, erwiderte diese, als da ich meinen Wohltter in Gefahr brchte. Vanina redete ihr eifrig zu: Der Wundarzt von Monsignore Savelli-Catanzara, dem Stadtkommandanten Roms, ist der Sohn eines unsrer Dienstboten. Er ist uns ergeben und braucht in seiner Stellung vor niemandem Furcht zu haben. Mein Vater tut ihm unrecht, indem er ihn nicht fr unbedingt zuverlssig hlt. Ich werde ihn rufen lassen ... Nein, nein! Ich will keinen Arzt! rief die Unbekannte mit einer Lebhaftigkeit, die Vanina htte stutzig machen mssen. Nur Sie sollen kommen und mich besuchen. Und wenn es Gott gefllt, mich zu sich zu rufen, so werde ich glcklich sterben in Ihren Armen. Am folgenden Tage war ihr Befinden noch schlechter. Beim Weggehen sagte Vanina: Wenn Sie mich lieben, dann erlauben Sie mir, da ich endlich einen Wundarzt holen lasse. Wenn er kommt, ist mein Glck dahin. Ich mu es tun, erklrte Vanina. Die Unbekannte hielt sie zurck, indem sie ohne ein Wort zu sagen ihre Rechte ergriff und Ksse darauf drckte. Lange sprach keins von beiden. Der Fremden standen Trnen in den Augen. Endlich gab sie Vaninas Hand frei und sagte in einem Tone, als gehe sie in den Tod: Ich mu Ihnen ein Gestndnis machen. Vorgestern, als ich Ihnen sagte, ich hiee Clementina, da hab ich gelogen. Ich bin ein unglcklicher Karbonaro ... Vanina war tief betroffen. Sie rckte ihren Stuhl zurck, und bald darauf erhob sie sich. Der Kranke seufzte. Ich wei wohl, sagte er, mein Bekenntnis beraubt mich des einzigen Glckes, das mich noch ans Leben bindet. Aber es wre meiner unwrdig, wenn ich Sie weiter tuschte. Ich heie Pietro Missirilli und bin neunzehn Jahre alt. Mein Vater ist ein armer Arzt in San Angelo in Vado, und ich bin Karbonaro. Wir sind bei unsrer letzten Venta berrumpelt worden. Man hat mich in Ketten von der Romagna nach Rom geschleppt. Dreizehn Monate lag ich in einem Kerkerloche, Tag und Nacht bei trbem Laternenlicht. Da geriet eine barmherzige Seele auf den Gedanken, mich retten zu wollen. Man zog mir Frauenkleider an. So entrann ich meiner Zelle und war schon an der Auenwache vorbei, da hrte ich, da einer der Posten auf die Karbonari schimpfte. Ich verabreichte ihm eine Ohrfeige. Ich versichere Sie: das war nicht etwa eitle Prahlerei. Es geschah aus Geistesabwesenheit. Nach dieser Unbesonnenheit wurde ich durch die Straen Roms verfolgt. Es war Nacht. Ich bekam Bajonettstiche und schon verlieen mich meine Krfte ... Da laufe ich in ein Haus, dessen Tre offen stand. Ich hre, wie die Soldaten hinter mir die Treppe hinaufrennen. Ich springe in den Nachbargarten und falle zu Boden, ein paar Schritte vor einer Dame, die dort spazieren geht ... Das war die Contessa Vitelleschi, die Freundin meines Vaters ... unterbrach ihn Vanina. Was! Sie hat es Ihnen erzhlt? rief Missirilli aus. Wie dem auch sei: diese Dame, deren Name nie genannt werden soll, hat mir das Leben gerettet! Als die Soldaten in ihr Haus drangen, um mich zu ergreifen, brachte mich Ihr Herr Vater in seinem Wagen hierher ... Es geht mir gar nicht gut. Der Bajonettstich in der Schulter erschwert mir seit mehreren Tagen das Atmen. Ich werde sterben ... und zwar, wenn ich Sie nicht wiedersehe, in der unseligsten Stimmung ... Vanina hatte geduldig zugehrt. Eilends ging sie dann fort. Missirilli glaubte in ihren schnen Augen nicht die Spur von Mitgefhl, sondern nichts als gekrnkten Stolz gesehen zu haben. In der Nacht stellte sich ein Wundarzt ein. Er kam allein. Missirilli war in Verzweiflung. Er frchtete, Vanina nie wiederzusehen. Er fragte den Arzt aus. Der waltete seines Amtes, gab aber keine Antwort. Ebenso schweigsam blieb er an den nchsten Tagen. Unverwandt ruhten Pietros Augen auf der Fenstertre nach der Terrasse, durch die Vanina eingetreten war. Er fhlte sich sterbensunglcklich. Einmal, gegen Mitternacht, kam es ihm vor, als husche ein Schatten ber die Terrasse. War das Vanina? Allnchtlich prete Vanina ihre Wangen an die Fensterscheibe des Gemachs des Karbonaro. Wenn ich mit ihm spreche, bin ich verloren! sagte sie sich. Nein! Ich darf das niemals wieder tun. Nachdem sie diesen Entschlu gefat hatte, kam ihr wider willen die Freundschaft in den Sinn, die sie fr den jungen Mann gefhlt, als sie ihn trichterweise noch fr ein Weib gehalten hatte. Erst habe ich mich ihm so zrtlich und zutraulich gezeigt, und jetzt meide ich ihn vollstndig! warf sie sich vor. In vernnftigen Augenblicken erschrak sie ber den Wandel, der in ihrer Seele vorgegangen war. Seit sich Missirilli entdeckt hatte, war ihre ganze bisherige Gedankenwelt wie in Nebel verhllt und in weite Ferne gerckt. Noch waren keine acht Tage verronnen, als Vanina, bleich und zaghaft, zusammen mit dem Arzt in das Gemach des Kranken trat. Sie verblieb nur ein paar flchtige Augenblicke. Aber nach einigen Tagen erschien sie nochmals, wieder mit dem Arzte: aus Menschlichkeit. Und schlielich, als es Missirilli wieder viel besser ging und Vanina nicht mehr den Vorwand hatte, sich um sein Leben zu ngstigen, wagte sie eines Abends allein zu kommen. Als Missirilli sie erblickte, war er namenlos glcklich; aber er suchte seine Liebe zu verbergen. Um alles in der Welt wollte er die Manneswrde nicht verletzen. Vanina war mit schamrotem Gesicht zu ihm gegangen. Sie frchtete, Liebesbeteuerungen zu hren. Um so mehr wunderte sie sich ber die edle, demtige, fast zu wenig zrtliche Freundschaft, die er ihr erwies. Als sie von ihm schied, machte er keinen Versuch, sie zurckzuhalten. Ein paar Tage spter kam Vanina abermals. Pietro verhielt sich genau wieder so. Er versicherte sie seiner verehrungsvollen Ehrerbietung und ewigen Dankbarkeit. Da Vanina auch nicht das geringste getan hatte, was den jungen Karbonaro htte veranlassen knnen, seinen Gefhlen Zwang anzutun, so fragte sie sich: Bin ich der allein liebende Teil? Voll Bitternis empfand das bis dahin so stolze junge Mdchen, wie ungeheuerlich toll sie war. Sie heuchelte Frohsinn und sogar Gleichgltigkeit. Sie erschien seltener, brachte es indessen nicht ber sich, den jungen Kranken gar nicht mehr zu besuchen. Missirilli war halb wahnsinnig vor Liebe, aber er verga weder seine niedere Herkunft noch das, was er sich selbst schuldig war. Er hatte sich fest vorgenommen, nur dann aus sich herauszugehen und seine Liebe zu verraten, wenn Vanina ihn acht Tage lang nicht besuchte. Der Hochmut der Prinzessin kmpfte den letzten Kampf. Schlielich sagte sie sich: Wenn ich ihn besuche, so tue ich das meinetwegen, weil es mir Freude bereitet. Nie und nimmer werde ich ihm das Mitgefhl eingestehen, das er in mir erweckt hat. Fortan verweilte sie lnger und lnger bei Missirilli, aber er sprach mit ihr, als ob ein Dutzend andrer Menschen dabei sei. Eines Abends, nachdem sie ihn den ganzen Tag ber verwnscht und sich gelobt hatte, noch klter und herber denn bisher gegen ihn zu sein, gestand sie ihm ihre Liebe. Bald hatte sie ihm nichts mehr zu versagen. Die Torheit war gro, aber Vanina war glckselig. Missirilli verga, was er seiner Manneswrde schuldig zu sein whnte. Er liebte, wie ein Neunzehnjhriger unter Italiens Himmel zum ersten Male liebt. Er machte alle Wirren der Liebe aus Leidenschaft durch; ja, er gestand der stolzen jungen Frstin, durch welche Politik er sie erobert hatte. Das berma ihres Glckes war ihm erstaunlich. Vier Monate eilten dahin. Eines Tages erklrte der Arzt seinen Patienten fr vllig wiederhergestellt. Was soll ich nun beginnen? fragte sich Missirilli. Bei einer der schnsten Rmerinnen versteckt bleiben? Aber dann bilden sich die schnden Tyrannen, die mich dreizehn Monate lang im stockdunklen Kerker haben schmachten lassen, am Ende gar ein, sie htten meinen Mut gebrochen. Italia, du hast wirklich kein Glck, da dich deine Kinder so leicht im Stiche lassen! Vanina zweifelte nicht daran, da Pietro das hchste Glck darin erblickte, stets mit ihr vereint zu bleiben. Dies schien in der Tat so zu sein. Aber in seiner jungen Seele hatte ein bittres Wort des Generals Bonaparte Widerhall gefunden und ihn von jeher in seinem Verhalten gegen Frauen beeinflut. Als Bonaparte im Jahre 1796 aus Brescia marschierte, versicherten ihn die Hupter der Stadt, die ihm das Geleit bis ans Stadttor gaben, die Brescianer liebten die Freiheit mehr denn alle anderen Italiener. Das wei ich! gab der Korse zur Antwort. Das sagen sie mit Vorliebe ihren Liebsten! In beklommenem Tone erklrte Pietro: Wenn die Nacht kommt, mu ich fort. Sieh aber zu, da du bei Tagesanbruch wieder im Palast bist, erwiderte Vanina. Ich werde aufbleiben. Bei Tagesanbruch bin ich schon mehrere Meilen weg von Rom. So! sagte Vanina kalt. Wohin gehst du? Nach der Romagna, um mich zu rchen. Da ich reich bin, sagte Vanina im ruhigsten Tone, nimmst du hoffentlich Waffen und Geld von mir an. Ein paar Sekunden schaute Missirilli sie starr an; dann fiel er ihr um den Hals. Stern meines Lebens! rief er aus. Deinetwegen knnte ich alles vergessen, selbst meine Pflicht! Aber je edler dein Herz ist, um so mehr mut du mich verstehen! Vanina begann heftig zu weinen. Sie kamen berein, da Pietro erst am bernchsten Tage Rom verlassen solle. Am andern Morgen sagte Vanina: Pietro, du hast bereits mehrfach gesagt, eine bekannte Persnlichkeit, ein rmischer Frst zum Beispiel, der ber viel Geld verfgt, knnte der Sache der Freiheit den grten Dienst leisten, sobald sterreich einmal mit irgendeiner Gromacht im Kriege lge. Gewi! gab Missirilli erstaunt zur Antwort. Hre! Mut hast du. Dir fehlt es nur an Macht. Ich biete dir meine Hand und ein Jahreseinkommen von zweimalhunderttausend Lires. Die Einwilligung meines Vaters verpflichte ich mich zu bringen. Pietro sank ihr zu Fen nieder. Vanina strahlte vor Freude. Ich liebe dich von ganzem Herzen, sagte er. Aber ich bin ein armer Diener meines Vaterlandes. Und je unglcklicher Italien ist, um so treuer mu ich an ihm hngen. Um deines Vaters Einwilligung zu erringen, mte ich jahrelang eine traurige Rolle spielen ... Vanina, ich schlage deine Hand aus! Missirilli klammerte sich an seinen Patriotismus. Sein Mut brach fast zusammen. Es ist mein Unglck, fuhr er fort, da ich dich mehr liebe als das Leben. Rom verlassen zu sollen, ist mir frchterlich. Ach, warum ist Italien noch immer nicht von den Barbaren befreit! Mit welcher Wonne wrde ich dann mit dir ber den Ozean gehen, um in Amerika zu leben! Vanina stand da wie eine Marmorstatue. Pietro hatte ihre Hand ausgeschlagen! Ihr Stolz bumte sich. Dann aber warf sie sich in seine Arme. Nie bist du mir liebenswerter gewesen! rief sie. Mein Landdoktorchen, ich bin doch dein auf ewig! Du bist ein ganzer Mann, ein wahrer alter Rmer! Alle Zukunftsgedanken, alle die trbseligen Regungen des gesunden Menschenverstandes waren zunichte. Vanina wie Pietro waren voll reinster Liebe. Als sie wieder vernnftig zu reden vermochten, sagte die Principessa: Ich werde dir sehr bald in die Romagna nachfolgen. Ich lasse mir die Bder von Poretto verordnen. In unserm Schlosse zu San Nicolo bei Forli mache ich Station ... Dort will ich mein Leben mit dir verbringen! beteuerte Missirilli. Mein Schicksal ist fortan, alles aufs Spiel zu setzen, sagte Vanina und seufzte. Ich werde mich fr dich zugrunde richten. Was tuts? Kannst du eine Entehrte lieben? Bist du nicht mein Weib? sagte Missirilli. Mein immerdar angebetetes Weib! Ich werde dich lieben und schtzen! Vanina hatte gesellschaftliche Pflichten. Kaum war sie fort, da dnkte es Missirilli, er habe sich wie ein Barbar benommen. Was heit Vaterland? fragte er sich. Es ist kein lebendiges Wesen, dem wir fr eine Wohltat Dank schuldeten. Wenn wir unsre angebliche Pflicht ihm gegenber nicht erfllen, wird es nicht unglcklich. Es kann uns nicht verfluchen. Vaterland und Freiheit, das ist, nicht anders wie ein Mantel, ein Ding, das mir ntzlich ist. Ich mu es mir erwerben, wenn ich es nicht von meinem Vater ererbt habe. Im Grunde liebe ich beides nur, weil es mir ntzliche Dinge sind. Wenn ich sie zu nichts gebrauchen knnte -- etwa wie einen Pelzmantel im Hochsommer -- wozu wollte ich sie mir erwerben. Um einen so ungeheuerlichen Preis? Vanina ist wunderschn. Sie hat eine erlesene Seele. Andere werden um sie werben. Sie wird mich vergessen. Welche Frau htte es je bei einem Liebhaber belassen? Die rmischen Frsten, die ich schlichter Brger verachte, haben so manches vor mir voraus. Sie =mssen= verfhren. Ach, wenn ich scheide, so vergit mich Vanina, und ich habe sie auf ewig verloren! Mitten in der Nacht kam sie zu ihm. Er gestand ihr seinen Wankelmut und den Kampf, der zwischen seiner Liebe und dem groen Worte =Vaterland= tobte. Vanina war glckselig. Sie sagte sich: Htte er die reine Wahl zwischen dem Vaterland und mir, so entschiede er sich fr mich. Die Uhr des nahen Kirchturms schlug drei. Der Augenblick des letzten Abschieds war gekommen. Pietro entri sich den Armen seiner Geliebten. Eben wollte er die kleine Treppe hinunterschleichen, als Vanina unter Bezwingung ihrer Trnen zu ihm sagte: Wenn dich eine arme Burin in einem Dorfe gepflegt htte, wrdest du dich ihr nicht irgendwie erkenntlich zeigen? Vielleicht wrdest du sie bezahlen wollen ... Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Du begibst dich mitten unter deine Feinde. Schenk mir aus Dankbarkeit drei Tage. Nimm an, ich wre ein armes Weib, das du fr deine Pflege bezahltest! Missirilli blieb. Endlich verlie er Rom mit einem Pa, der auf einer auslndischen Gesandtschaft erkauft war. So gelangte er in seine Heimat. Die Freude der Seinen war gro. Man hatte ihn tot gewhnt. Seine Freunde wollten zur Feier seiner Wiederkehr sogleich ein paar Karabinieri tten. So hieen die Gendarmen im Kirchenstaat. Missirilli hielt sie davon ab: Ttet ohne Not keinen Italiener, der sich auf das Waffenhandwerk versteht. Unser Vaterland ist keine Insel wie das glckliche Britannien. Es fehlt uns an Soldaten, um die Einmischungen der europischen Monarchen abzuwehren. Kurz darauf ward Missirilli von Karabinieri angehalten. Zwei von ihnen scho er mit den Pistolen nieder, die ihm Vanina gegeben hatte. Jetzt setzte man einen Preis auf seinen Kopf aus. Vanina erschien nicht in der Romagna, so da sich Missirilli vergessen whnte. In seiner Eitelkeit verletzt, begann er sich hufig Gedanken ber den Standesunterschied zu machen, der ihn von seiner Geliebten trennte. In einem Anfall von zrtlicher Sehnsucht nach dem verlorenen Glcke geriet er auf den Einfall, nach Rom zurckzukehren, um nachzusehen, was Vanina treibe. Dieser tolle Gedanke triumphierte ber das, was ihn seine Pflicht deuchte ... Da lutete eines Abends die Glocke eines Bergkirchleins den Angelus auf seltsame Weise. Es klang, als wrde der Glckner mitten beim Luten abgerufen. Dies war das Zeichen zur Venta der Gruppe Karbonari, zu der Missirilli gehrte, seit er in seine Heimat zurckgekehrt war. In der folgenden Nacht versammelten sich alle Verschwrer in einer Einsiedelei im Gebirge. Die beiden Einsiedler waren durch Opium eingeschlfert worden, so da sie nicht wahrnahmen, wozu man ihr Huschen benutzte. Missirilli kam in trber Stimmung hin. Er erfuhr, da das Haupt der Venta verhaftet worden und da er, trotzdem er erst zwanzig Jahre zhlte, zum Fhrer des Geheimbundes gewhlt war, der Mnner zu seinen Mitgliedern zhlte, die Fnfziger waren und bereits seit Murats Expedition vom Jahre 1815 an der Verschwrung teilnahmen. Als Pietro die unverhoffte Ehre entgegennahm, pochte sein Herz heftig, und als er wieder allein war, fate er den Entschlu, nicht mehr der jungen Rmerin zu gedenken, die ihn offenbar vergessen hatte. Er gelobte sich, all sein Tun und Denken der Pflicht zu weihen, =Italien von den Barbaren= zu befreien. Man wei, da dieses geflgelte Wort von Petrarka stammt, von Julius dem Zweiten und Machiavell wiederholt und zu guter Letzt vom Grafen Alfieri von neuem auf das Banner geschrieben worden ist. Zwei Tage danach ersah Missirilli aus einem der Ankunfts- und Abgangs-Rapporte, die man ihm als Karbonarifhrer von allen Orten der Umgegend regelmig zusandte, da die Prinzessin Vanina Vanini eben in ihrem Schlosse zu San Nicolo eingetroffen war. Beim Lesen ihres Namens erfllte sich seine Seele eher mit Wankelmut denn mit Freude. Wohl glaubte er, seine Treue gegen das Vaterland sei felsenfest, dieweil er sich vornahm, nicht noch am nmlichen Abend nach dem Schlosse San Nicolo hinzueilen. Aber es war nicht an dem. Die Sehnsucht nach Vanina, die er zu bezwingen sich Mhe gab, zog ihn doch von der vollen Erfllung seiner Pflicht ab. Am Tage darauf suchte er Vanina auf. Sie liebte ihn noch genau so wie in Rom. Aber ihr Vater, der sie verheiraten wollte, hatte ihre Abreise verzgert. Vanina brachte zweitausend Zechinen mit. Dieser unerwartete Zuschu festigte Pietros Ansehen in seiner neuen Wrde in erstaunlicher Weise. Man bestellte Dolche in Korfu. Ferner bestach man in Forli den Geheimsekretr des ppstlichen Legaten, der mit der Verfolgung der Karbonari betraut war, wodurch man die Liste der Pfarrer in die Hnde bekam, die fr die Regierung spionierten. Um diese Zeit bildete sich eine der am wenigsten trichten Verschwrungen, die je im unglcklichen Italien versucht worden sind. Einzelheiten hierber wrden zu weit abseits fhren. So viel aber sei erwhnt: wenn das Unternehmen von Erfolg gekrnt worden wre, htte Missirilli einen guten Teil des Ruhmes fr sich beanspruchen knnen. Es wre sein Verdienst gewesen, da sich auf ein zu gebendes Zeichen mehrere Tausend Rebellen erhoben und sich gutbewaffnet einem hheren Fhrer zur Verfgung gestellt htten. Der entscheidende Augenblick war bereits ganz nahe: da wurde die ganze Verschwrung durch die Verhaftung der Rdelsfhrer vllig lahmgelegt, wie dies meist zu geschehen pflegt. Vanina weilte noch nicht lange in der Romagna, aber schon glaubte sie zu erkennen, da die Liebe zum Vaterlande jede andere Leidenschaft im Herzen ihres Geliebten verjagt habe. Die hochmtige stolze Rmerin war emprt. Umsonst versuchte sie sich Vernunft zu predigen. Sie verfiel dem dstersten Kummer. Ja, sie ertappte sich bei einer Verwnschung der Freiheit ihres Vaterlandes. Eines Tages begab sie sich nach Forli, um Missirilli aufzusuchen. Bis dahin war ihr Hochmut strker gewesen. Jetzt war sie nicht mehr Herrin ihres Herzeleids. Wahrlich, sagte sie zu ihm, du liebst mich, als seien wir Eheleute. Das ist nicht nach meinem Geschmack. Alsbald flossen ihre Trnen, Trnen der Scham, sich so weit erniedrigt zu haben, da sie Worte des Vorwurfs geuert hatte. Missirilli antwortete auf diesen Ausbruch wie just ein Mann, der ganz andre Dinge im Kopfe hat. Pltzlich bekam Vanina den Gedanken, ihn zu verlassen und nach Rom zurckzukehren. Es bereitete ihr grausame Freude, sich fr die Schwachheit zu strafen, nicht stumm geblieben zu sein. In wenigen Augenblicken des Schweigens war ihr Entschlu gefat. Sie htte sich Missirilli nicht fr ebenbrtig gehalten, wenn sie ihn nicht htte verlassen wollen. Und schon weidete sie sich an der Vorstellung, wie schmerzlich berrascht er wohl wre, wenn er sie vergeblich im Schlosse zu San Nicolo suchte. Der Gedanke, da sie die Liebe des Mannes, fr den sie so viele Torheiten begangen, nicht hatte erringen knnen, lie sie nicht los. Jetzt brach sie das Stillschweigen und begann alles erdenkliche, um ihm ein paar Liebesworte abzulocken. Zerstreut sagte er ihr einige berzrtliche Dinge. Aber mit viel herzlicherem Tone sprach er alsbald von seinem politischen Vorhaben. Schmerzerfllt rief er aus: Wenn mir auch diese Unternehmung miglckt, wenn die Regierung abermals dahinter kommt, dann mache ich nicht mehr mit! Vanina hrte regungslos zu. Seit einer Stunde hatte sie das Gefhl, da sie den Geliebten zum letzten Male she. Was er eben gesagt hatte, brachte ihre Gedanken in eine neue, verhngnisvolle Richtung. Vanina sagte sich: Die Karbonari haben von mir ein paar tausend Zechinen bekommen. Niemand zweifelt daran, da ich die Verschwrung begnstige. Sie verlor sich in Grbeleien, von denen sie sich nur losri, um Pietro zu sagen: Willst du vierundzwanzig Stunden mit mir im Schlo San Nicolo verbringen? Die Venta wird wohl deine Anwesenheit eine Nacht entbehren knnen. Morgen frh werden wir im Parke des Schlosses spazieren gehen. Das wird deine Erregung mildern und dir die Kaltbltigkeit verschaffen, die du bei deiner groen Unternehmung ntig hast. Pietro willigte ein. Alsbald verlie ihn Vanina unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Fahrt nach San Nicolo zu treffen. Sie eilte zu einer ihrer frheren Kammerjungfern, die geheiratet und einen kleinen Handel in Forli begonnen hatte. Bei dieser Frau schrieb sie in ein Gebetbuch, das sie im Schlafzimmer liegen sah, in aller Hast die genaue Ortsangabe, wo die Verschwrer in der kommenden Nacht ihre Venta abhalten wollten. Ihre Denunziation schlo mit den Worten: Die Versammlung wird aus folgenden neunzehn Teilnehmern bestehen: .... Es folgten die Namen und Wohnungsangaben. Als Vanina die Liste fertig hatte, in der einzig und allein Missirillis Name fehlte, sagte sie zu der Frau, deren Zuverlssigkeit ihr sicher war: Bring dieses Buch zum Kardinal-Legaten. Er soll lesen, was hineingeschrieben worden ist, und dir das Buch dann zurckgeben. Hier hast du zehn Zechinen. Wenn der Legat jemals deinen Namen erfhrt, bist du des Todes. Aber du rettest mir das Leben, wenn du ihm das darin beschriebene Blatt zu lesen gibst. Alles ging tadellos nach Erwarten. Der Legat war dermaen furchtsam, da er auf die Rolle eines groen Herrn verzichtete. Er erlaubte der Frau aus dem Volke, die ihn so dringend zu sprechen begehrte, maskiert vor ihm zu erscheinen, allerdings mit gebundenen Hnden. So wurde die Krmersfrau vor den Machthaber gefhrt. Als sie eintrat, sa er verschanzt hinter einem mit grnem Tuche berzogenen groen Tische. Der Legat las das beschriebene Blatt des Gebetbuches, wobei er es weit von sich abhielt, aus Angst vor einem Gifte. Alsdann reichte er es der Frau zurck. Auch lie er sie nicht verfolgen. Vanina hatte auf die Wiederkehr ihrer ehemaligen Jungfer gewartet. Keine dreiviertel Stunde, nachdem sie den Geliebten verlassen, stellte sie sich wieder bei ihm ein, fest berzeugt, da er ihr fortan allein gehre. Sie erzhlte ihm, in der Stadt herrsche ungewhnliche Bewegung. Karabinieripatrouillen ritten durch Gassen, in die sie sonst nie kmen. Wenn du mir Gehr schenken willst, fgte sie hinzu, so brechen wir sofort nach San Nicolo auf. Missirilli war damit einverstanden. Zu Fu erreichten sie den Wagen der Prinzessin, der ebenso wie ihre Gesellschaftsdame, eine verschwiegene, gutbezahlte Vertraute, eine halbe Wegstunde vor der Stadt wartete. Im Schlosse von San Nicolo angelangt, war Vanina zrtlicher denn je zu Pietro. Die sonderbare Tat lastete auf ihrem Gemt. Und so kamen ihr ihre Liebesworte selber wie Komdie vor. Der Verrat am Tage zuvor hatte ihr keine Skrupel bereitet. In den Armen des Geliebten sagte sie sich: Ich brauche ihm nur ein einziges Wort zuzurufen, und von Stund an hat er mich bis in alle Ewigkeit! Mitten in der Nacht drang einer von Vaninas Dienern pltzlich in das Zimmer. Ohne da es Vanina geahnt, war auch er Karbonaro. Missirilli hatte also Geheimnisse vor ihr, sogar in derlei Nebensachen. Sie erbebte. Der Mann meldete Pietro, da in Forli in der Nacht die Huser von neunzehn Karbonari umstellt worden seien. Im Augenblick, da die Verschwrer von der Venta heimkehrten, habe man sie verhaftet. Von den berrumpelten htten sich trotz alledem neun retten knnen. Zehn seien von den Karabinieri nach der Zitadelle abgefhrt. Beim Betreten des Burghofes habe sich einer der Gefangenen in den tiefen Brunnen gestrzt. Er sei tot. Vanina verlor vllig ihre Fassung. Zum Glck bemerkte es Pietro nicht; sonst htte er ihr die Untat an den Augen abgelesen. Der Diener berichtete einige weitere Einzelheiten. Die ganze Garnison von Forli sei alarmiert. Als er hinaus war, versank Missirilli in Nachdenken, aber nur ein paar Minuten. Im Augenblick ist nichts zu machen, erklrte er. Vanina war halbtot. Sie zitterte unter den Blicken des Geliebten. Was regt dich denn das so auf? fragte er. Aber schon dachte er wieder an andre Dinge und sah Vanina nicht weiter an. Gegen Mittag wagte sie ihm zu sagen: Schon wieder eine entdeckte Venta! Ich denke, du hast nun fr eine Weile genug ... bergenug! unterbrach er sie und lachte, da es Vanina graute. Sie machte dem Pfarrer von San Nicolo einen Anstandsbesuch. Er konnte ein Spion der Jesuiten sein. Als sie um sieben Uhr zum Pranzo wieder heimkam, fand sie das Gela leer, das sie dem Geliebten zum Versteck angewiesen hatte. Auer sich suchte sie ihn sofort im ganzen Schlosse. Er war nicht mehr da. In ihrer Verzweiflung lief sie nochmals in seine Stube. Jetzt erst fand sie einen Zettel, auf dem geschrieben stand: Ich stelle mich dem Legaten, weil ich an unsrer Sache verzweifle. Der Himmel ist wider uns. Wer mag uns verraten haben? Offenbar der Schurke, der sich in den Brunnen gestrzt hat. Da mein Leben dem armen Italien nichts ntzt, so will ich nicht, da mich meine Kameraden allein auf freiem Fue sehen und sich am Ende gar einbilden, ich sei der Verrter. Lebe wohl! Wenn Du mich liebst, so sei darauf bedacht, mich zu rchen! Wenn Du den Verrter entdecken solltest, so vernichte den Nichtswrdigen, und wre es mein Vater! Halb von Sinnen und in den Tod unglcklich sank Vanina in einen Stuhl. Sie war keines Wortes mchtig. Die trnenlosen Augen brannten ihr. Schlielich fiel sie in die Knie. Allmchtiger! betete sie. Nimm mein Gelbde an! Ich will den nichtswrdigen Verrter strafen. Aber vorher mu ich Pietro die Freiheit verschaffen! Eine Stunde spter war sie unterwegs nach Rom. Ihr Vater hatte sie schon lange zur Heimkehr gedrngt und hatte in ihrer Abwesenheit dem Principe Livio Savelli ihre Hand fest versprochen. Kaum war Vanina wieder zu Hause, als der Frst zaghaft davon zu sprechen begann. Zu seinem groen Erstaunen ging Vanina sofort darauf ein. Noch am selbigen Abend ward ihr Savelli im Hause der Grfin Vitelleschi feierlich als Brutigam zugefhrt. Vanina zeigte sich ihm sehr gesprchig. Er war der eleganteste Mensch und besa die schnsten Pferde; aber wenn man ihn auch fr sehr intelligent hielt, so galt er doch fr derartig leichtsinnig, da er der Regierung niemals verdchtig werden konnte. Damit rechnete Vanina. Wenn sie ihm den Kopf verdrehte, konnte sie ihn bequem zu allerhand gebrauchen. Ihm, dem Neffen des Monsignore Savelli-Catanzara, des Stadtkommandanten und Polizeiprsidenten von Rom, wagte kein Spion nachzustellen. Nachdem Vanina den galanten Livio mehrere Tage auf das beste behandelt hatte, erklrte sie ihm, sie werde nie seine Gattin. Er wre ihr viel zu leichtsinnig. Wenn Sie nicht das reine Kind wren, sagte sie zu ihm, htten die Beamten Ihres Onkels keine Geheimnisse vor Ihnen. Wissen Sie zum Beispiel, was mit den Karbonari geschehen wird, die man neulich in Forli erwischt hat? Nach zwei Tagen kam Livio und meldete Vanina, alle in Forli verhafteten Karbonari seien entwischt. Vanina sah ihn mit ihren groen schwarzen Augen eindringlich an, lchelte bitter und unsagbar verchtlich und wrdigte ihn den ganzen Abend keines Wortes. Zwei Tage danach kam Livio abermals und gestand, man habe ihn vor zwei Tagen falsch unterrichtet. Jetzt aber, erzhlte er, habe ich mir einen Schlssel zum Arbeitszimmer meines Onkels verschafft. Aus den Akten, die ich daselbst in den Hnden gehabt habe, wei ich, da eine Kommission von Kardinlen und hochangesehenen Prlaten in einer Geheimsitzung errtert hat, ob es besser sei, den Karbonari in Ravenna oder in Rom den Proze zu machen. Die neun in Forli festgenommenen Verschwrer und ihr Fhrer, ein gewisser Missirilli, der so dumm gewesen ist, sich selbst zu stellen, werden augenblicklich im Kastell San Leo gefangen gehalten ... Bei den Worten so dumm kniff Vanina den jungen Frsten mit aller Kraft in den Arm. Ich will die offiziellen Akten selber einsehen. Nehmen Sie mich mit in das Arbeitszimmer Ihres Onkels! Sie haben sich jedenfalls beim Lesen geirrt. Livio erschrak zu Tode. Vanina forderte etwas geradezu Unmgliches von ihm; aber ihr seltsames Wesen verdoppelte seine Verliebtheit. Nach einigen Tagen konnte Vanina, als Lakai verkleidet, in der kleidsamen Livree der Casa Savelli, eine halbe Stunde lang in den geheimsten Papieren des Polizeiprsidenten herumkramen. Als sie den Tagesbericht ber pp. Pietro Missirilli las, empfand sie einen Anflug von Glck. Kaum vermochten ihre zitternden Hnde das Schriftstck zu halten. Als sie den Namen des Geliebten las, ward sie fast ohnmchtig. Als sie den Palast des Polizeiprsidenten wieder verlieen, durfte Livio sie kssen. Sie bestehen die Proben, die ich Ihnen auferlege, recht gut, erklrte ihm Vanina. Im Besitze dieses Lobes htte der junge Principe Vanina zu Gefallen den Vatikan angesteckt. Am Abend war Ball in der franzsischen Gesandtschaft. Vanina tanzte viel und fast stets mit Livio. Er war trunken vor Glck. Vanina durfte ihn nicht zur Besinnung kommen lassen. Des war sie entschlossen. Mein Vater ist manchmal wunderlich, sagte sie eines Tages zu ihm. Heute morgen hat er zwei von seinen Leuten von dannen gejagt. Sie sind weinend zu mir gekommen. Der eine hat mich gebeten, ihm eine Stelle bei Ihrem Onkel, dem Stadtkommandanten von Rom, zu verschaffen. Der andre, ein ehemaliger napoleonischer Artillerist, mchte auf der Engelsburg angestellt werden. Ich nehme sie alle beide in meine Dienste, erklrte der junge Principe eifrig. Habe ich Sie darum gebeten? fragte Vanina hochmtig. Ich habe Ihnen die Bitte der beiden armen Schelme wrtlich wiederholt. Sie sollen bekommen, was sie wnschen, und nichts andres! Das war nichts weniger als einfach. Monsignore Catanzara war ein hchst eigenwilliger Herr, der nur Leute in sein Haus nahm, die er sehr gut kannte. Inmitten von tausend uerlichen Vergngungen ward Vanina von Reue geqult. Sie fhlte sich grenzenlos unglcklich. Die so langsame Entwicklung der Dinge brachte sie beinahe um. Der Bankier ihres Vaters hatte ihr Geld versorgt. Sollte sie aus dem Vaterhause fliehen, nach der Romagna gehen und ihren Geliebten zu befreien suchen? So unvernnftig dieser Gedanke war, so htte sie ihn doch wohl ausgefhrt, wenn sich der Zufall nicht ihrer erbarmt htte. Livio vermeldete ihr: Missirilli und seine neun Mitverschworenen werden nach Rom berfhrt, nachdem sie in Ravenna abgeurteilt worden sind. Das hat mein Onkel heute abend beim Papste durchgesetzt. Sie und ich, wir sind in ganz Rom die einzigen, die dieses Geheimnis wissen. Sind Sie zufrieden mit mir? Sie werden ein Mann! erwiderte Vanina. Schenken Sie mir Ihr Bild! Am Tage, ehe Missirilli in Rom eintreffen sollte, fand Vanina einen Vorwand, nach Civita Castellana zu fahren. Im Gefngnis dieser Stadt wurden Gefangene, die man von der Romagna nach Rom befrderte, stets eine Nacht verquartiert. In der Tat sah Vanina ihren Missirilli, als er aus dem Gefngnis herausgebracht ward. Er sa kettenbelastet auf einem Karren fr sich. Er kam ihr sehr bleich, aber durchaus nicht gebrochen vor. Eine alte Frau warf ihm ein Veilchenstruchen zu. Pietro lchelte ihr Dank zu. Nachdem Vanina den Geliebten gesehen hatte, fhlte sie sich erstarkt und von neuem Mut beseelt. Bereits seit geraumer Zeit hatte sie den Abbate Cari, den Almosenier der Engelsburg, in der Pietro nunmehr eingekerkert war, in seiner Karriere ein gutes Stck vorwrts gebracht, indem sie ihn zum Beichtvater genommen. Er war ein gutmtiger Mensch. Es ist in Rom nicht unwichtig, Beichtiger einer Prinzessin zu sein, deren Onkel Stadtkommandant ist. Mit den Karbonari von Forli wurde nunmehr kurzer Proze gemacht. rgerlich darber, da die Sache nach Rom abgewlzt worden war, sorgte die reaktionre Partei dafr, da die Kommission, der das Urteil oblag, aus den ehrgeizigsten Prlaten bestand. Den Vorsitz fhrte der Polizeiprsident. Das Gesetz gegen den Karbonarismus ist klipp und klar. Den Rebellen von Forli blieb keine Hoffnung. Trotzdem verteidigten sie ihr Leben durch alle nur mglichen Ausflchte. Die Richter verurteilten sie nicht nur zum Tode, sondern obendrein zu allerlei schrecklichen Nebenstrafen. Es sollten ihnen die Hnde abgehauen werden usw. Der Polizeiprsident, der keine Streberei mehr ntig hatte (man vertauscht diesen Posten nur mit dem Kardinalshut), hatte kein Begehr nach abgehauenen Hnden. Als er das Urteil Seiner Heiligkeit vorlegte, befrwortete er die Verwandlung smtlicher Strafen in bloes Gefngnis. Nur mit Missirilli ward eine Ausnahme gemacht. In diesem jungen Manne erblickte der Polizeiprsident einen gefhrlichen Fanatiker. berdies hatte er wegen der Ermordung der beiden Karabinieri den Tod verdient. Vanina erfuhr das Urteil und dessen Umwandlung wenige Augenblicke, nachdem Monsignore Catanzara den Vatikan verlassen hatte. Als er am Abend darauf gegen Mitternacht in seinen Palast zurckkam, war sein Kammerdiener nicht zur Stelle. Erstaunt klingelte Catanzara mehrmals. Endlich erschien ein alter gebrechlicher Lakai. Der Prsident verlor die Geduld und beschlo, sich selbst auszukleiden. Als der Diener hinaus war, verschlo er die Tr. Es war sehr hei. Er zog den Rock aus und warf ihn achtlos auf einen Stuhl, warf ihn aber mit solcher Wucht, da er ber den Stuhl hinwegflog, gegen den Musselinvorhang eines der Fenster. Da ward die Form eines hinter dem Vorhang stehenden Menschen erkennbar. Monsignore strzte nach dem Nachttisch und ergriff seine Pistole. Als er sich dem Fenster nherte, trat ein junger Mann in der Livree des Hauses hervor, ebenfalls eine Pistole in der Hand. Catanzara erhob die seine und wollte losdrcken. Da rief ihm der junge Mann lachend zu: Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht? Was soll der schlechte Scherz? fragte er zornig. Sprechen wir in aller Ruhe! sagte die Principessa. brigens ist Ihre Pistole entladen. Der betroffene Prsident berzeugte sich von der Tatsache. Dann zog er einen Dolch aus seiner Westentasche. Setzen wir uns, Monsignore! schlug Vanina mit einer entzckend gebieterischen Gebrde vor und nahm ruhig auf einem Sofa Platz. Sind Sie wenigstens allein? fragte der Polizeiprsident. Gnzlich allein! Das schwr' ich Ihnen, rief Vanina. Monsignore stellte dies genauestens fest, indem er im ganzen Zimmer herumging und alles durchsuchte. Darauf setzte er sich in einen Lehnstuhl, drei Schritte von Vanina entfernt. Sie sagte im friedlichsten Tone: Welches Interesse knnte ich wohl haben, einem politisch mavollen Manne nach dem Leben zu trachten, damit an seine Stelle hchstwahrscheinlich ein jhzorniger Schwachkopf trte, der imstande wre, sich und die anderen zugrunde zu richten? Was wollen Sie eigentlich, Principessa? fragte Catanzara rgerlich. Die Geschichte pat mir nicht. Sie hat schon lange genug gedauert. Hochmtig und ihre Grazie pltzlich verlassend, entgegnete ihm Vanina: Was ich noch zu sagen habe, ist fr Sie wichtiger als fr mich. Man will, da der Karbonaro Missirilli mit dem Leben davonkommt. Wenn er hingerichtet wird, ist es binnen acht Tagen auch um Sie geschehen. Ich selbst habe keinerlei Interesse an der Sache. Die Torheit, die Ihnen unangenehm ist, begehe ich erstens zu meinem Vergngen und zweitens, um einer meiner Freundinnen gefllig zu sein ... Indem sie ihren frheren artigen Ton wieder annahm, fuhr sie fort: Auch wollte ich einem klugen Manne einen Dienst erweisen, der demnchst mein Onkel wird und offenbar den Glanz seines Hauses noch strahlender machen kann. Der Polizeiprsident verlor seine rgerliche Miene. Vaninas Schnheit trug zweifellos zu diesem pltzlichen Stimmungswechsel bei. Monsignore Catanzaras Vorliebe fr hbsche Frauen war stadtbekannt, und in ihrer Maskerade als Lakai mit straffsitzenden seidenen Strmpfen, roter Weste und kokettem himmelblauen silberbetreten Rocke, die Pistole in der Hand, sah Vanina verfhrerisch aus. Meine liebe Nichte _in spe_, sagte Catanzara, fast lachend. Sie begehen eine groe Torheit. Es wird wohl nicht die letzte sein. Vanina erwiderte: Ich hoffe, ein so kluger Grandseigneur wird mein Geheimnis wahren, besonders vor Ihrem Neffen Livio. Um Sie darauf zu verpflichten, verehrter Onkel, und wenn Sie dem Schtzling meiner Freundin das Leben retten wollen, sollen Sie einen Ku von mir bekommen. In diesem halb scherzhaften Tone, mit dem die vornehmen Rmerinnen die wichtigsten Angelegenheiten zu behandeln verstehen, fhrte Vanina die Unterhaltung fort. Dadurch wurde aus der Pistolenszene schlielich eine Art Besuch, den die knftige Principessa Savelli ihrem Onkel, dem Stadtkommandanten von Rom, machte. Wenn Monsignore Catanzara auch den Gedanken, man knne ihn durch Furcht einschchtern, stolz von sich wies, so war er doch bald so weit umgestimmt, da er seiner Nichte genau darlegte, welche groen Schwierigkeiten es mit sich brachte, dem Karbonaro das Leben zu erhalten. Schlielich aber versprach er ihr beinahe Missirillis Rettung. Unser Geschft ist gemacht! frohlockte Vanina. Zur Besiegelung haben Sie hier Ihren Lohn! Sie fiel ihm um den Hals, und Monsignore nahm seinen Lohn entgegen. Meine liebe Vanina, sagte er, Sie mssen wissen, da ich kein Freund vom Blutvergieen bin. Auerdem bin ich noch jung, wenngleich ich Ihnen wohl recht alt erscheine. Ich kann sehr wohl noch die Zeit erleben, wo das heute vergossene Blut auf mein Haupt kommt. Es schlug zwei Uhr, als Monsignore Catanzara die schne Vanina nach dem Gartenpfrtchen seines Palastes geleitete. Zwei Tage darauf erschien er vor dem Papst, ein wenig ber sein Anliegen verlegen. Seine Heiligkeit empfing ihn mit den Worten: Vor allem erwarte ich, da Sie mir eine Begnadigung unterbreiten. Einer der Karbonari von Forli ist zum Tode verurteilt. Der Gedanke daran hat mich nicht schlafen lassen. Der Mann mu gerettet werden! Als der Polizeiprsident sah, da der Papst dasselbe wollte wie er, machte er allerlei Einwnde. Schlielich setzte er aber eine Verfgung auf, die der Papst ganz gegen seine Gewohnheit _motu proprio_ unterzeichnete. Vanina glaubte zwar an die Mglichkeit, die Begnadigung ihres Geliebten zu erreichen, aber sie befrchtete, man knne ihn vergiften. Schon am Tage vor der Begnadigung erhielt Missirilli durch den Abbate Cari ein paar Pakete Zwiebcke und die Warnung, die Gefngniskost nicht mehr anzurhren. Nunmehr erfuhr Vanina, da die gefangenen Karbonari wieder nach dem Kastell San Leo berfhrt werden sollten. Sofort fate sie den Entschlu, Pietro bei seinem Durchzuge durch Civita Castellana zu sehen. Vierundzwanzig Stunden vor den Gefangenen langte sie daselbst an, wo sie mit dem Abbate Cari zusammentraf, der bereits einige Tage dort verweilte. Er hatte den Kerkermeister dazu gebracht, da Missirilli um Mitternacht in der Gefngniskapelle der Messe beiwohnen durfte. Ja, wenn Missirilli damit einverstanden wre, sich Arme und Beine in Ketten legen zu lassen, so war der Kerkermeister bereit, sich in den Hintergrund der Kapelle zurckzuziehen, allerdings ohne den Gefangenen auer Sehweite zu lassen. Hren konnte er da nichts von dem, was mit Missirilli gesprochen werden wrde. Endlich kam der Tag, an dem sich Vaninas Schicksal entscheiden sollte. Ganz frh am Morgen schlo sie sich in der Gefngniskapelle ein. Sie litt tausend Qualen. Immer wieder fragte sie sich, ob Missirillis Liebe gro genug sei, um ihr zu verzeihen. Sie hatte seine Mitverschworenen denunziert, aber ihm selbst hatte sie das Leben gerettet. Jedesmal, wenn die Vernunft in ihres Herzens Kmpfen die Oberhand gewann, war sie voller Hoffnung, er wrde einwilligen, mit ihr zusammen aus Italien zu fliehen. Wenn sie auch Bses getan hatte, so war es doch aus berma von Liebe geschehen. Als es vier Uhr schlug, hrte Vanina von weitem auf dem Straenpflaster die Hufschlge der Karabinieri. Bei jedem einzelnen Schlag erzitterte ihr Herz. Bald vernahm sie auch das Rollen der Karren, auf denen die Gefangenen befrdert wurden. Auf dem kleinen Platze vor dem Gefngnis machte der Zug halt. Vanina beobachtete, wie zwei Karabinieri Missirilli herunterhoben. Er befand sich allein in einem der Karren und war derart mit Ketten belastet, da er sich nicht rhren konnte. Er ist wenigstens noch am Leben, sagte sich Vanina, Trnen in den Augen. Man hat ihn nicht mit Gift aus der Welt geschafft. Der Abend war grauenhaft. Die dstere Kapelle ward nur beleuchtet durch eine hochhngende Altarlampe, an der man mit dem l sparte. Vaninas Augen irrten ber die Grabmler etlicher Grandseigneurs des Mittelalters, die vor Zeiten im benachbarten Kerker umgekommen waren. Die Steinbilder starrten sie grimmig an. Lngst waren alle Gerusche verstummt. Vanina war einsam und allein, in ihre finsteren Grbeleien versunken. Kurz nachdem es Mitternacht geschlagen hatte, vernahm sie ein leises Gerusch, als ob eine Fledermaus durch den Raum schwirre. Sie wollte ein paar Schritte machen, sank aber halb ohnmchtig an die Balustrade des Altars. Im nmlichen Augenblick sah sie dicht vor sich zwei nebelhafte Gestalten, deren Herannahen sie nicht gehrt hatte. Es war der Kerkermeister mit Missirilli. Der letztere war mit Ketten geradezu umwickelt. Der Kerkermeister klappte seine Laterne auf und stellte sie in Vaninas Nhe auf die Altarbalustrade. Dann zog er sich nach der Tr zurck. Kaum war er verschwunden, da fiel Vanina dem Gefesselten um den Hals. Sie drckte ihn an sich, aber sie sprte nichts als seine kalten harten Ketten. So empfand sie nicht die geringste Freude. Aber ihrem Schmerze darber folgte noch ein viel schlimmerer. Missirillis Benehmen war so eisig, da Vanina einen Augenblick lang glaubte, er wisse alle ihre beltaten. Schlielich begann er zu sprechen: Liebe Vanina, ich bedaure, da du dich in mich verliebt hast. Vergeblich suche ich an mir nach Vorzgen, durch die ich deine Liebe verdient htte ... Reden wir von christlicheren Dingen! Vergessen wir die Illusionen, die uns einstmals in die Irre gefhrt haben! Ich darf nicht mehr der Deine sein. Das fortgesetzte Unglck, das meine Unternehmungen verfolgt, hat seine Ursache vielleicht darin, da ich mich dauernd im Zustande der Todsnde befunden habe. Es fllt mir schwer, das alles vom Standpunkte der nchternen Vernunft zu beurteilen. Warum ward ich in jener verhngnisvollen Nacht in Forli nicht ebenso verhaftet wie meine Genossen? Warum war ich in der Stunde der Gefahr nicht auf meinem Posten? Warum hat meine Abwesenheit den allerschrecklichsten Verdacht aufkommen lassen: ich htte eine andre Leidenschaft als die Befreiung Italiens? Vanina vermochte sich nicht von ihrer Verwunderung zu erholen, Missirilli so gewandelt zu sehen. Er sah eigentlich nicht magerer aus als frher, aber er erschien ihr wie zehn Jahre lter geworden. Sie schob diese Vernderung auf die schlechte Behandlung, die er offenbar in der Gefangenschaft erfahren hatte. In Trnen ausbrechend, sagte sie: Ach, die Kerkermeister haben ihr Wort nicht gehalten, dich gut zu behandeln! In Wirklichkeit hatten sich angesichts des sicheren Todes in der Seele des jungen Karbonaro allerhand fromme Skrupel zu seiner Leidenschaft fr die Befreiung Italiens gesellt. Allmhlich begriff Vanina, da die erstaunliche Vernderung, die sie an ihrem Geliebten wahrnahm, rein innerlicher Art war, keineswegs aber die Wirkung von schlechter krperlicher Behandlung. Wenn sie erst schon geglaubt hatte, ihr Schmerz sei ungeheuer, so fhlte sie ihn jetzt ins Malose wachsen. Missirilli war verstummt. Vanina erstickte fast vor Schluchzen. Ein wenig bewegt begann er von neuem: Vanina, wenn ich hienieden etwas geliebt habe, so bist du das gewesen! Aber gottlob hat mein Dasein nur noch ein Ziel: den Tod, sei es im Kerker, sei es bei neuen Versuchen fr Italiens Freiheit! Wiederum herrschte Stillschweigen. Vanina vermochte kein Wort hervorzubringen. Das sah man ihr an. Vergeblich machte sie Anstrengungen, zu reden. Missirilli fuhr fort: Liebe Vanina, die Pflicht ist grausam, aber wenn ihre Erfllung gar nicht schwer wre: wo gbe es dann Heldentum? Gib mir dein Wort, da du nie wieder den Versuch machen wirst, mich zu sehen! Soweit das ihm seine Ketten gestatteten, machte er eine Bewegung und reichte Vanina die Finger. Wenn du dem, der dir lieb und wert war, Gehr schenkst, so sei vernnftig und heirate irgendeinen angesehenen Mann, den dir dein Vater whlen wird! Mach ihm kein peinliches Gestndnis! Aber ebensowenig versuche, mich wiederzusehen! Seien wir fortan einander fremd! Du hast dem Wohle des Vaterlandes eine betrchtliche Summe gespendet. Wird es je von seinen Tyrannen befreit, so wird dir dieses Geld aus dem Nationalgut getreulich wiedererstattet. Vanina war trostlos. Whrend Pietro so sprach, hatten seine Augen nur einmal aufgeleuchtet: bei dem Worte =Vaterland=. Schlielich brach der Stolz der jungen Rmerin durch. Sie hatte sich mit einem Pckchen Diamanten und etlichen kleinen Feilen versehen. Dies bot sie Missirilli an, ohne ihm etwas zu erwidern. Ich nehme es an, sagte der Karbonaro, denn das erheischt meine Pflicht. Ich mu zu entkommen suchen. Aber ich werde dich nie wiedersehen. Das schwre ich dir angesichts deiner neuen Wohltat! Lebe wohl, Vanina! Versprich mir, niemals an mich zu schreiben und keinen Versuch zu machen, mich wiederzusehen! La mich ganz dem Vaterlande! Ich bin fr dich gestorben. Lebe wohl! Nein! rief Vanina in Raserei. Du sollst erfahren, was ich getan, aus Liebe zu dir! Nun erzhlte sie ihm alle ihre Handlungen von dem Augenblick ab, da Missirilli das Schlo von San Nicolo verlassen hatte, um sich dem Legaten zu stellen. Als sie ihren Bericht beendet hatte, sagte sie: Aber alles das ist noch nichts. Aus Liebe zu dir hab ich noch mehr getan! Jetzt erzhlte sie ihm ihren Verrat. Bestie du! schrie Missirilli voller Emprung. Er strzte auf sie los, um sie mit seinen Ketten zu erschlagen. Es wre ihm auch gelungen, wre nicht der Kerkermeister bei seinem ersten Aufschrei herbeigeeilt. Er packte den Wtenden. Bestie! Dir will ich nichts zu danken haben! Da! Er warf ihr die Feilen und die Edelsteine, so gut er konnte, vor die Fe. Sodann ward er rasch abgefhrt. Vanina blieb besinnungslos zurck. Dann kehrte sie heim nach Rom. Kurz darauf vermeldeten die Zeitungen ihre Heirat mit Livio Savelli. Die Frstin von Campobasso Es war im Jahre 1726, also zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, in Rom. Der Nepotismus trieb seine belsten Blten. Aber zu keiner Zeit war der rmische Hof glnzender gewesen. Benedikt der Dreizehnte aus dem Hause Orsini regierte, oder vielmehr sein Neffe, der Frst von Campobasso, der im Namen des Papstes alle Geschfte fhrte, die groen wie die kleinen. Von berallher strmten die Fremden in die ewige Stadt. Italienische Nobili und spanische Granden, damals noch im berflusse des Goldes der Neuen Welt, kamen in Scharen. Jeder Reiche und jeder Machthaber stand ber den Gesetzen. Galanterie und Prunk waren offenkundig die einzigen Bettigungen im Gewimmel der Fremden und der Einheimischen. Die beiden Nichten des Papstes, die Grfin Orsini und die Frstin von Campobasso, teilten sich in die Macht ihres Onkels und in die Huldigungen des Hofes. Die Schnheit beider Frauen wre aufgefallen, selbst wenn sie der Hefe des Volkes angehrt htten. Die Orsini, wie man in Rom familir zu sagen pflegte, war heiter und lebenslustig, die Campobasso vertrumt und fromm. Aber gerade diese zarte Seele war der wildesten Leidenschaft fhig. Ohne erklrte Feindinnen zu sein, wiewohl sie sich tagtglich beim Papste trafen und sich oft besuchten, waren die beiden Damen Nebenbuhlerinnen in allem, in ihrer Schnheit, ihrem Ansehen, ihrem Reichtum. Die Grfin Orsini war weniger schn, aber sie war verfhrerisch, leichtlebig, tatenlustig, intrigant. Sie hatte Liebhaber, aber ihr Herz blieb ewig frei. Keiner herrschte lnger denn einen Tag. Ihr Glck bestand darin, zweihundert Menschen in ihren Slen zu empfangen und unter ihnen als Knigin zu erscheinen. Arg spottete sie ihrer Kusine, der Campobasso. Diese hatte die Ausdauer gehabt, sich drei Jahre lang allerorts mit einem spanischen Granden zu zeigen, bis sie ihm zu guter Letzt sagen lie, er mge Rom binnen vierundzwanzig Stunden verlassen, wenn ihm sein Leben lieb sei. Seit dieser Grotat, scherzte die Orsini, hat meine erhabene Kusine das Lachen ganz verlernt. Das ist nun schon etliche Monate her. Zweifellos geht die rmste an Mimut oder Liebessehnsucht langsam zugrunde. Und ihr Gatte, dieser Schlaukopf, verfehlt nicht, Seiner Heiligkeit, unserm Onkel, diese Gemtsde als das Ideal frommen In-sich-gehens zu preisen. Ich denke, eines schnen Tages unternimmt die fromme Berin eine Wallfahrt nach Hispania. Die Campobasso war indessen himmelweit davon entfernt, sich nach ihrem spanischen Herzog zu sehnen. Sie hatte sich whrend seiner Regierungszeit zu Tode gelangweilt. Htte sie Verlangen nach ihm gefhlt, so htte sie ihn einfach wieder holen lassen. Sie gehrte zu den in Rom nicht raren Menschenkindern, die in der Alltglichkeit wie in der Leidenschaft immerdar natrlich und naiv sind. Obgleich kaum dreiundzwanzig Jahre alt und in der vollen Blte ihrer Schnheit, war sie in der Tat fanatisch fromm. Es geschah, da sie vor ihrem Onkel auf die Knie sank und seinen ppstlichen Segen erflehte. Man wei sattsam genug, da der gute Benedikt der Dreizehnte von jedweder Gewissenslast, mit Ausnahme von zwei oder drei Todsnden, auch ohne Beichte absolvierte. Er weinte vor Rhrung. Stehe auf, liebe Nichte! sprach er. Du bedarfst meines Segens nicht. In den Augen des Herrn stehst du hher als ich. Hierin tuschte sich Seine Heiligkeit trotz aller Unfehlbarkeit. Und mit ihm ganz Rom. Die Campobasso war toll verliebt. Ihr neuer Liebhaber liebte sie ebenso leidenschaftlich wie sie ihn. Aber trotzdem war sie tief unglcklich. Seit mehreren Monaten sah sie bei sich fast tglich den Attach Chevalier von Senec, einen Neffen des Herzogs von Saint-Aignan, des damaligen Gesandten Ludwigs des Fnfzehnten in Rom. Der junge Senec war als Sohn einer Favoritin des Regenten Philipp von Orleans der Empfnger ausgesuchter Ehren. Er war kaum zweiundzwanzig Jahre alt und schon lngst Oberst. In seinem Wesen hatte er etwelche dandyhafte Angewohnheiten, aber er war nicht anmaend. Heiterkeit, nimmermde Vergngungssucht, Unbesonnenheit, Schneid und Gutmtigkeit waren die Haupteigenschaften seines eigenartigen Charakters, und man konnte zum Lobe seiner Nation sagen, da er ein vollauf mustergltiger Vertreter von ihr war. Gerade das typisch Gallische hatte die Frstin vom ersten Augenblick an bestochen. Ich traue dir nicht ber den Weg, sagte sie einmal zu ihm. Du bist Franzose. Und eines erklre ich dir im voraus: An dem Tage, wo Rom erfhrt, da ich dich manchmal heimlich bei mir habe, wei ich, da du mich verraten hast. Dann ist meine Liebe aus. Sie hatte mit der Liebe gespielt und war dabei der wildesten Leidenschaft verfallen. Auch Senec hatte sie geliebt, wie bereits gesagt, aber das Einvernehmen beider whrte bereits acht Monate, und in der Zeit, da sich die Liebe einer Italienerin verdoppelt, stirbt die eines Franzosen. Die Eitelkeit trstete den Chevalier ein wenig in seiner Langenweile. Bereits hatte er zwei oder drei Portrts der Frstin nach Paris gesandt. brigens war er von Jugend auf in jeder Hinsicht ein begnadetes Glckskind, so da er seine sorglose Natur selbst in Dingen der Eitelkeit nicht verleugnete, die doch sonst die Herzen seiner Landsleute nicht in Ruhe lt. Senec hatte fr den Charakter seiner Geliebten nicht das geringste Verstndnis. Infolgedessen kam ihm ihre Bizarrerie bisweilen spaig vor. Sehr oft, ganz besonders am Festtage der Heiligen Balbina, deren Namen sie trug, hatte er die Herzenskmpfe und Gewissensbisse dieser aufrichtig frommen Schwrmerin zu beschwichtigen. Bei aller Liebe und Leidenschaft hatte sie, gerade wie eine Frau aus dem Volke, ihren Glauben nicht vergessen. Der Chevalier hatte diese Regung nur mit Gewalt besiegt und mute sie so immer von neuem besiegen. Dies Hindernis war das erste, das dem mit allen Gaben des Zufalls berschtteten jungen Mann in seinem Leben begegnete. Es war der Anla, da er der Frstin gegenber zrtlich und aufmerksam blieb. Von Zeit zu Zeit hielt er es fr seine Pflicht, sie zu lieben. Er hatte in Rom nur einen Vertrauten. Das war sein Gesandter, der Herzog von Saint-Aignan, dem er durch die Campobasso, der er alles erzhlte, ein paarmal Dienste leistete. Nicht zu vergessen: die Wichtigkeit, die er dadurch in den Augen des Gesandten gewann, schmeichelte ihm ungemein. Die Campobasso war auch hierin so ganz anders als Senec. Die gesellschaftlichen Vorzge des Geliebten machten gar keinen Eindruck auf sie. Geliebt oder nicht geliebt werden war ihr ein und alles. Ich opfre ihm auf ewig mein Seelenheil, dachte sie oft bei sich. Er ist ein Auslnder. Ein Ketzer. Er kann mir derlei Opfer gar nicht entgelten. Aber wenn dann der Chevalier erschien, in seinem Frohsinn, der so entzckend und so ungezwungen war, dann staunte sie wie vor einem Wunder und lie sich so gern bezaubern. Bei seinem Anblicke verga sie alles, was sie sich vorgenommen hatte ihm zu sagen, und alle ihre dsteren Gedanken waren verflogen. Das war fr sie ein Zustand, den ihre erdenferne Seele noch nie erlebt hatte. Er dauerte weiter, wenn Senec lngst von ihr wieder fort war. Schlielich ward sie sich klar, da sie ohne den Geliebten nicht denken, nicht leben konnte. Die Mode, die in Rom zwei Jahrhunderte hindurch die Spanier bevorzugt hatte, begann sich schon damals den Franzosen zuzuwenden. Man fing an, ihren Charakter zu verstehen, der Freude und Glck berall hintrgt, wo er sich zeigt. Diesen Charakter gab es einstmals nur in Frankreich. Seit der groen Revolution von 1789 ist er nirgends mehr zu finden. Denn ein so bestndiger Frohsinn gedeiht nur bei Sorglosigkeit. Heutzutage gibt es in Frankreich fr niemanden mehr eine sichere Laufbahn und ruhige Lebensentwicklung, nicht einmal mehr fr das Genie, das so seltene. Zwischen den Angehrigen der Kaste Senecs und dem Reste der Nation herrscht Kriegszustand. Auch in Rom war es damals bei weitem anders als in unsren Tagen. Im Jahre 1726 ahnte man nichts von dem allen, was sich daselbst zwei Menschenalter spter zutragen sollte, als das Volk, von etlichen Pfaffen bestochen, den Jakobiner Basseville umbrachte, der die Hauptstadt der Christenheit angeblich zivilisieren wollte. Dem Chevalier gegenber hatte die Campobasso, was ihr noch nie widerfahren, die Vernunft verloren. Dinge, die der gesunde Menschenverstand nicht billigt, hatten sie himmelhoch jauchzend und zu Tode betrbt gemacht. Nachdem Senec einmal die Religiositt ihres strengen ehrlichen Herzens besiegt hatte, also etwas, was ihr hehrer und hher gewesen als die irdische Vernunft -- seitdem war ihre Liebe lodernde Leidenschaft geworden. Die Frstin hatte einem Monsignore Ferraterra ihr Wohlwollen geschenkt und sich vorgenommen, ihn emporzubringen. Ihr ward ganz seltsam zumute, als Ferraterra ihr eines Tages vermeldete, Senec ginge nicht nur auffllig viel zur Orsini, sondern er wre auch daran schuld, da die Grfin ihrem offiziellen Liebhaber, einem berhmten Snger, den Laufpa gegeben hatte. Es war an dem Abend, da die Campobasso diese schicksalsschwere Nachricht erhalten hatte. Regungslos sa sie im Erdgescho ihres Palastes in einem riesigen Lehnstuhl von vergoldetem Leder. Neben ihr, auf einem Tischchen mit schwarzer Marmorplatte, stand ein mchtiger zweiarmiger Leuchter auf hohem Fu, ein Meisterwerk von Benvenuto Cellini. Das Licht der dicken Kerzen durchhellte das weite Gemach und lie Einzelheiten aus der Finsternis hervortreten. An den Wnden hingen Gemlde, vom Alter gedunkelt; denn die Zeit der groen Meister war lngst vorber. Der Frstin gegenber, fast zu ihren Fen, auf einem niedrigen Ebenholzschemel, der mit massivem Goldzierat geschmckt war, hockte die rassige Gestalt des jungen Franzosen. Die Rmerin schaute ihn an. Ununterbrochen. Seit er den Saal betreten, hatte sie noch kein Wort an ihn gerichtet. Sonst war sie ihm immer entgegengeeilt und ihm in die Arme geflogen. Im Jahre 1726 war Paris bereits die Knigin der Eleganz und des Schicks. Der Chevalier lie sich von dort durch die Post regelmig allerlei kommen, was das schmucke Aussehen auch des feschesten Franzosen noch erhht. Senec hatte seine weltmnnische Schulung durch die groen Mondnen am Hofe des Regenten und unter der Anleitung des berchtigten Canillac, eines Rous am Hofe Philipps, empfangen. Aber trotz seiner bei einem Manne seines Ranges so natrlichen Sicherheit war er einigermaen verlegen. Seine Miene verriet es deutlich. Er sah ihr ins Gesicht. Ihr schnes blondes Haar war nicht ganz in Ordnung. Ihre groen schwarzblauen Augen starrten ihn an. Aber er verstand nicht, was ihr dsterer Ausdruck besagte. Sann sie auf tdliche Rache? Oder war es nur der tiefe Ernst leidenschaftlicher Liebe? Also du liebst mich nicht mehr? stie sie endlich hervor. Dieser Kriegserklrung folgte neues langes Schweigen. Es fiel der Frstin schwer, auf diesen verfhrerischen entzckenden Mann verzichten zu sollen. Wenn sie ihm keine Szene machte, war er stets bereit, ihr tausend Torheiten zu sagen. Des war sie berzeugt. Aber sie war viel zu stolz, als da sie die Aussprache hinausgeschoben htte. Eine gefallschtige Frau ist eiferschtig aus Eigenliebe. Eine leichtlebige, weil sie das so gewohnt ist. Eine Frau jedoch, die wahrhaftig und leidenschaftlich liebt, hegt das Bewutsein ihrer Rechte. Die sonderbare Art ihres Blickes, die der rmischen Leidenschaft eigentmlich ist, belustigte Senec. Er sah in eine Tiefe voller Geheimnisse und Rtsel. Das war Seelennacktheit. Die Orsini besa diesen Reiz nicht. Trotz dieser Entdeckung dauerte dem jungen Franzosen das Stillschweigen ber die Maen an. Da er in der Kunst, die geheime Innenwelt eines italienischen Herzens zu ergrnden, so gar kein Meister war, fand er seine ruhige vernnftige Miene wieder und geriet in sein gewohntes Wohlbehagen. Das heit: einen Kummer hatte er in diesem Augenblick doch. Beim Durchschreiten des Kellerganges, der aus einem Nachbarhause in den tiefgelegenen Saal fhrte, in dem die Frstin ihn empfing, war an der blitzsauberen Stickerei seines wunderfeinen, erst gestern aus Paris angekommenen Rockes eine Spinnewebe hngengeblieben. Das verdro ihn. Vor Spinnen hatte er Abscheu. Senec bildete sich ein, in den Augen der Geliebten die Stille vor dem Sturm zu erkennen. Um einen Auftritt zu vermeiden, dachte er, gehe ich ihren Vorwrfen aus dem Wege. Dann brauche ich nicht Rede und Antwort zu stehen. Dann aber, in einem Stimmungsmischmasch von rgerlichkeit und Ernst, sagte er sich folgendes: Wre hier nicht eine gnstige Gelegenheit da, ihr die Wahrheit leise anzudeuten? Sie wirft die Frage aus freien Stcken auf. Damit ist schon der halbe Verdru berstanden. Ganz bestimmt: ich bin wirklich nicht fr die Liebe geschaffen. Aber nie habe ich etwas Schneres gesehen als diese Frau mit ihren Sphinxaugen. Sie hat schlechte Manieren. Sie lt mich durch abscheuliche Keller schleichen. Andrerseits ist sie die Nichte des Souverns, an dessen Hof mich mein Knig und Herr gesandt hat. Mehr noch: sie ist blond in einem Lande, wo alle Frauen brnett sind. Das ist ein ganz besonderer Vorzug. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht hrte, da sie himmlisch schn sei, und das sagen Leute, deren Zeugnis unparteiisch ist, Leute, die nicht im entferntesten ahnen, da sie mit dem glcklichen Besitzer so vieler Reize sprechen. Was die Macht anbelangt, die ein Mann ber seine Geliebte haben soll, so brauche ich mir in dieser Hinsicht keine Sorgen zu machen. Wenn ich es darauf ankommen lassen wollte, so gengt ein einzig Wort und ich entfhre sie aus diesem Palaste mit seinen Goldmbeln, weg von ihrem Onkel und all dem Glanz seines Hofes, nach Frankreich, nach einem meiner Gter, in einen Winkel der Provinz, in ein obskures Dasein ... Hol mich der Teufel: die Aussicht auf diese selbstlose Treue veranlat mich zu dem festen Entschlu, sie lieber nicht zu fordern. Die Orsini ist lange nicht so hbsch. Wenn sie mich liebt, liebt sie mich eben. Vielleicht ein bichen mehr als den Kastraten Butafoco, den sie gestern in Gnaden entlassen hat, mir zu Ehren. Aber sie ist ein Weltkind. Sie hat Lebensart. Man kann bei ihr im Wagen vorfahren. Und eins wei ich ganz bestimmt: eine Szene wird sie mir niemals machen. Dazu liebt sie mich viel zu wenig. Whrend des langen Schweigens hatte die Frstin ihren starren Blick nicht abgewandt von der sonnigen Stirn des jungen Franzosen. Ich sehe ihn zum letzten Male, klagte sie bei sich. Und urpltzlich warf sie sich in seine Arme und drckte heie Ksse auf seine Stirn und auf seine Augen, die lngst nicht mehr leuchteten, wenn er sich bei ihr einstellte. Der Chevalier htte sich selber verachtet, htte er nicht augenblicklich all seine Plne, mit ihr zu brechen, vergessen. Sie freilich, sie war zu erregt und emprt, um von ihrer Eifersucht zu lassen. Im nchsten Augenblick sah Senec zu seiner Verwunderung, da Trnen der Wut ber ihre Wangen jagten. Halblaut redete sie mit sich selbst: Wie? Ich erniedrige mich so sehr, da ich ihm seinen Wankelmut vorwerfe! Ich, die ich mir geschworen habe, mir nie etwas davon anmerken zu lassen! Ach, meine Niedrigkeit ist noch viel schlimmer. Ich mu der Leidenschaft nachgeben, mit der mich dieser Verfhrer vergiftet hat! Ach, ich verworfene, verworfene, verworfene Frstin! Ich mu ein Ende machen. Sie trocknete ihre Trnen und gab sich den Anschein, als beruhige sie sich. Chevalier, sagte sie fast friedsam, wir mssen ein Ende machen! Sie gehen oft zur Grfin ... Hier ward sie totenbleich. Wenn du sie liebst, so gehe alle Tage hin! Meinetwegen. Aber komme nie wieder hierher ... Sie hielt inne, als ob es ihr schwer fiele, weiter zu reden. Sie wartete auf ein Wort des Chevaliers. Aber dieses Wort ward nicht gesprochen. Sie mute einen leichten Krampf in sich berwinden, und aus aufeinandergebissenen Zhnen drangen ihre weiteren Worte hervor: Das ist mein Todesurteil und das Ihre! Diese Drohung machte die schwankende Seele des Chevaliers wieder fest. Zunchst war er ber den unvermittelten Wandel von zrtlicher Liebkosung zu Zorn erstaunt gewesen. Jetzt begann er zu lachen. Rasche Rte berflutete die Wangen der Frstin, bis sie scharlachrot wurden. Jetzt erstickt sie vor Wut, dachte Senec. Sie kriegt einen Schlaganfall. Er eilte auf sie zu, um ihr das Kleid am Halse zu ffnen. Sie stie ihn zurck, mit einer Entschlossenheit und einer Kraft, die er nicht gewohnt war. Spter erinnerte er sich, da sie mit sich selber gesprochen hatte, als er den Versuch gemacht, sie in seine Arme zu nehmen. Im Moment trat er ein wenig zurck, ohne recht zu wissen, warum. Seine halb unbewute Diskretion war unntig. Offenbar sah sie ihn gar nicht mehr. Er war ihr tausend Meilen fern. Halblaut, aus zusammengepreter Kehle, stammelte sie: Er beschimpft mich. Er hhnt mich. Ich wei, jung wie er ist, und bei der Plauderhaftigkeit, die hierzulande herrscht, wird er der Orsini meine ganze Wrdelosigkeit erzhlen, meine Selbsterniedrigung ... Ich bin meiner nicht mehr sicher. Ich habe nicht einmal mehr die Macht ber mich, vor seinen hbschen Augen kalt zu bleiben ... Wiederum ward sie schweigsam. Der Chevalier langweilte sich grlich. Endlich erhob sich die Frstin und sagte abermals in noch unheilvollerem Tone: Wir mssen ein Ende machen! Senec, der unter ihren Kssen auf den Gedanken einer ernsten Erklrung verzichtet hatte, sagte ein paar Scherzworte, die ein Ereignis betrafen, ber das man in Rom zurzeit gerade viel redete. Lassen Sie mich, Chevalier! unterbrach sie ihn unwillig. Ich fhle mich nicht wohl. Diese Frau ist milaunig, dachte Senec bei sich und beeilte sich zu gehorchen. Nichts ist so ansteckend wie schlechte Laune. Die Frstin folgte ihm mit den Augen, bis er aus dem Saale verschwunden war. Mit bitterem Lcheln sagte sie sich: Und ich wollte blindlings ber mein Lebensgeschick entscheiden! Es war ein Glck, da mich seine unangebrachten Scherze aufgerttelt haben. Wie beschrnkt ist dieser Mann! Wie kann ich ein Wesen lieben, das mich so wenig versteht? Er will mich durch einen Scherz erheitern, zu einer Stunde, da mein und sein Leben auf dem Spiele steht! Ach, wie klar wird mir hierbei das unheimliche dunkle Element in meiner Natur, das mein Unglck ist! Sie fuhr wild aus ihrem Lehnstuhl auf. Wie herrlich waren seine Augen, als er mir jene heiteren Worte sagte! Ja, ich kann es nicht leugnen: die Absicht des armen Jungen war liebenswert. Er kennt den Unglckszug meines Charakters. Er wollte mich ber das schwarze Herzeleid hinwegtrsten, das mich qult. Andre htten mich nach dem Grund gefragt. Liebenswrdiger Franzose! Mein Gott, was wute ich vom Glck, eh ich ihn liebte? Der Gedanke an die guten Seiten ihres Geliebten verfhrte sie zu kstlicher Trumerei. Dann aber fielen ihr die Vorzge der Grfin Orsini ein. Wiederum ward ihr die Seele finster. Die Qualen der schrecklichsten Eifersucht peinigten ihr das Herz. In Wahrheit stand sie seit zwei Monaten im Banne dsterer Vorahnung. Ertrgliche Augenblicke hatte sie nur in der Gegenwart des Chevaliers gehabt, und doch hatte sie ihm beinahe immer, wenn sie in seinen Armen gelegen, bittere Worte gesagt. Der Abend war furchtbar fr sie. Erschpft und durch den Schmerz gewissermaen sanfter gestimmt, erwog sie den Gedanken, noch einmal mit dem Chevalier zu reden. Er hat wohl gesehen, da ich emprt bin, aber er kennt den Grund meiner Klage nicht. Vielleicht liebt er die Grfin gar nicht. Vielleicht geht er nur zu ihr, weil er als Fremder die geselligen Zustnde des Landes kennen lernen, insonderheit in der Familie des Herrschers verkehren mu. Wenn ich mir Senec offiziell in mein Haus einfhren lasse, wenn er vor aller Augen hierher kommen kann, dann bleibt er vielleicht ebenso stundenlang bei mir wie bei der Orsini. Nein! rief sie in Raserei. Ich erniedrige mich, wenn ich spreche. Er wrde mich verachten. Weiter kme nichts dabei heraus. Der Flattersinn der Orsini, den ich in meiner Tollheit oft verachtet habe, ist wahrlich angenehmer als mein Charakter, zumal in den Augen eines Franzosen. Ich bin dazu geschaffen, mrrisch mit einem Spanier dahinzuleben. Was ist verrckter, als immer ernst zu sein, als ob die Tatsachen des Daseins nicht schon an und fr sich ernst genug wren! Was soll aus mir werden, wenn ich meinen Chevalier nicht mehr habe, der frohes Leben in mich bringt, der die warme Sonne in mein Herz trgt, die sonst nicht drinnen scheint? Sie hatte befohlen, niemanden vorzulassen auer Monsignore Ferraterra. Er kam, um ihr Bericht zu erstatten, was sich im Hause der Grfin Orsini bis ein Uhr nachts zugetragen hatte. Der Prlat hatte der Frstin in ihrer Liebesgeschichte ehrlich gedient. Er zweifelte seit gestern nicht mehr, da Senec sehr bald mit der Orsini die allerintimsten Beziehungen haben wrde, ja, vielleicht bereits htte. Sein Gedankengang war nun folgender: Die Frstin wird mir mehr ntzen, wenn sie sich von ihrer Snde kehrt, denn als Dame der groen Welt. Dort wird sie immer einen haben, der ihr lieber ist als ich, einen Liebhaber. Eines Tages kann diese Rolle ein Rmer spielen. Er kann einen nahen Verwandten haben, der Kardinal werden will. Bekehre ich sie aber zu einem frommen Wandel, so wird sie immer zuerst an ihren Gewissensrat denken, und bei ihrem leidenschaftlichen Sinn ... was kann ich da nicht alles von ihrem Onkel erhoffen! So wiegte sich der ehrgeizige Prlat in den verlockendsten Zukunftstrumen. Im Geiste sah er, wie sich die Frstin dem Papste zu Fen warf und den Kardinalshut fr ihn erbat. Seine Heiligkeit wrde ihr dies allergndigst gewhren, schon aus Erkenntlichkeit gegen ihn. Er hatte nmlich die Absicht, sobald die Frstin bekehrt wre, Benedikt dem Dreizehnten unwiderlegliche Beweise ihres Verhltnisses mit dem jungen Auslnder vorzulegen. Der Papst, fromm, sittenstreng und voller Abscheu vor den Franzosen, wrde demjenigen ewige Dankbarkeit bewahren, der eine Seiner Heiligkeit so mifllige Sache aus der Welt geschafft htte. Ferraterra gehrte dem Hochadel von Ferrara an. Er war reich und schon ber fnfzig Jahre alt. Durch die nahe Aussicht auf den Kardinalshut vollbrachte er Wunder. Alsbald nderte er seine Rolle bei der Campobasso. Der Prlat, der sich in Senecs Charakter schlecht zurechtfand, hielt ihn fr ehrgeizig. Es war zwei Monate her, da der Chevalier die Frstin vernachlssigte. Ihm zu nahe zu treten, dnkte ihn gefhrlich. Der Prlat hatte eine sehr lange Zwiesprache mit der vor Liebe und Eifersucht tollen Frstin. Er begann mit einem ausfhrlichen Gestndnis der traurigen Wahrheit. Nach dieser wuchtigen Einleitung war es nicht schwierig, die religisen und moralischen Gefhle, die im Herzensgrund der Rmerin schlummerten, in Bewegung zu bringen. Es war echte Frmmigkeit in ihr. Jedwede gottlose Leidenschaft mu mit Unglck und Schande enden! sagte Ferraterra salbungsvoll. Als er den Palazzo Campobasso verlie, war es hellichter Tag. Er hatte der Bufertigen das Gelbde abgenommen, Senec an diesem Tage nicht einzulassen. Dies zu versprechen, war der Frstin nicht schwer gefallen. Sie wollte fromm sein. Auerdem frchtete sie, sich in den Augen des Geliebten verchtlich zu machen, wenn sie sich schwach zeigte. Ihr Entschlu hielt bis vier Uhr nachmittags an. Das war die Stunde, da der Chevalier sie zu besuchen pflegte. In der Tat erschien er auf dem Wege, der an der Rckfront des Palazzo Campobasso vorbeifhrte. Als er das Zeichen bemerkte, das ihm kundtat, sein Eintritt sei unmglich, ging er hchst zufrieden von dannen, zur Orsini. Die Einsame fhlte, wie der Wahnsinn sie langsam berkam. In ihrem Hirn jagten sich die seltsamsten Plne und Entschlsse. Pltzlich lief sie wie eine Rasende die groe Treppe ihres Hauses hinunter, befahl ihren Wagen und rief dem Kutscher zu: Palazzo Orsini! Das berma ihres Leids zwang sie, ohne rechten Willen, ihre Kusine aufzusuchen. Sie traf sie in einer Gesellschaft von fnfzig Personen. Alles, was in Rom Witz und Ehrgeiz hatte, ging im Palazzo Orsini ein und aus. Im Palazzo Campobasso fand man nicht so leicht Eingang. Das pltzliche Erscheinen der Frstin erregte groes Aufsehen. Ehrerbietig machte ihr alle Welt Platz. Sie bemerkte das gar nicht. Sie sah nichts als ihre Rivalin und staunte sie an. Zu ihrer Qual und Pein fand sie eine Menge reizender Dinge an ihr. Stumm und versonnen sa sie da. Nach ein paar Hflichkeitsphrasen begann die Orsini wie vorerst in ihrer witzigen, munteren losen Art zu plaudern. Die Campobasso dachte bei sich: Dieser Frohsinn pat tausendmal besser zum Chevalier als meine tolle grblerische Liebe. In einer ihr selber unerklrlichen Aufwallung von Bewunderung und Ha fiel sie der Grfin um den Hals. Sie hatte fr nichts Augen als fr den Charme ihrer Kusine. Aus der Nhe wie von ferne schien sie ihr in gleichem Mae anbetungswrdig. Sie verglich ihr Haar, ihren Teint, ihre Augen mit den eigenen. Das Ergebnis dieser wunderlichen Prfung war, da die Frstin an sich selbst alles hlich und abscheulich fand. An ihrer Rivalin hingegen dnkte sie alles unvergleichlich und kstlich. Starr und finster sa die Campobasso inmitten der schwatzenden und gestikulierenden Menschenmenge wie eine Basaltstatue. Man kam und ging, laut und lrmend. Alles das verursachte ihr Unbehagen, geradezu Pein. Da hrte sie, da man den Chevalier von Senec meldete. Es wurde ihr ganz seltsam zumute. Zu Beginn ihrer heimlichen Beziehungen war sie mit ihm bereingekommen, da er in Gesellschaft wenig mit ihr reden und sich so benehmen solle, wie sich das fr einen auslndischen Diplomaten geziemt, der einer Nichte des Souverns, bei dem er beglaubigt ist, just zwei- oder dreimal den Monat begegnet. Senec begrte die Frstin mit dem gewohnten Respekt und Ernst. Sodann gesellte er sich wieder zur Grfin Orsini, bei der er den heiteren, fast vertraulichen Ton anschlug, dessen man sich vor einer lebhaften Frau bedient, die einen gern und tglich sieht. Die Campobasso war zu Tode verwundet. Die Grfin zeigt mir, wie ich htte sein sollen, sagte sie sich und ging hinweg. Sie hatte die letzte Leidensstation erreicht. Unglcklicher konnte kein menschliches Wesen werden. Sie war entschlossen, Gift zu nehmen. Alle Wonnen, die ihr der Geliebte je geschenkt, vermochten die Wagschale mit den grenzenlosen Herzensqualen nicht zu halten, die sie in der Nacht heimsuchten. Rmerinnen haben tausendmal mehr Leidenschaft als andere Frauen. Am nchsten Tage kam Senec wiederum am Palast vorber. Wiederum grte ihn das Zeichen der Ablehnung. Wiederum ging er frhlich von dannen. Trotzdem war er gekrnkt. Also war das neulich doch der Laufpa! meinte er, und seine Eitelkeit flsterte ihm zu: Du mut sie in Trnen sehen! Bei dem Gedanken, ein so schnes Weib, die Nichte Seiner Heiligkeit, auf immerdar verloren zu haben, empfand er eine verliebte Regung. Er kroch in den wenig sauberen Kellergang, der ihm jedesmal grlich unangenehm war, und trat die Tr ein, die zu dem Saale des Erdgeschosses fhrte, in dem ihn die Frstin zu empfangen pflegte. Unerhrt! rief die Frstin, die in diesem Raume ihrem Leid nachhing. Sie wagen es, hier zu erscheinen? Ihre Entrstung ist Heuchelei! dachte der junge Franzose bei sich. Diesen Saal betritt sie nur, wenn sie meiner harrt. Der Chevalier ergriff ihre Hand. Sie zitterte. Ihre Augen fllten sich mit Trnen. Er sah sie an. Nie war sie ihm hbscher erschienen. Im Augenblick liebte er sie. Sie aber verga alle die frommen Gelbde der letzten zwei Tage und warf sich in seine Arme. Und dieses Glck soll fortan die Orsini haben! rief sie. Senec, der wie immer die rmische Seele miverstand, whnte, sie wolle sich von ihm in guter Freundschaft trennen, wolle einen Bruch unter Wahrung des ueren Scheins. Dies wre so recht nach seinem Sinn gewesen. Als Attach der kniglichen Gesandtschaft, sagte er sich, wre es inkorrekt von mir, wenn ich mir die Nichte des Souverns, bei dem ich beglaubigt bin, zur Todfeindin machte. Viel fehlte dazu nicht. Im voraus stolz auf den glcklichen Ausgang, zu dem er es hchstwahrscheinlich, wie er meinte, bringen wrde, begann er der Frstin Vernunft zu predigen. Sie wrden im angenehmsten Verein leben. Warum sollten sie nicht sehr glcklich sein? Was htte sie ihm eigentlich vorzuwerfen? Die Liebe mache einer guten traulichen Freundschaft Platz. Er bte instndig um das Vorrecht, von Zeit zu Zeit an diesen lieben, alten Ort zurckkehren zu drfen. Ihre Beziehungen wrden immer zrtlich sein ... Zuerst verstand ihn die Frstin nicht. Als sie endlich zu ihrem Entsetzen begriff, erstarrte sie. Unbeweglich, stieren Blicks stand sie da. Schlielich, bei seiner letzten Torheit, den immer zrtlichen Beziehungen, unterbrach sie ihn mit dumpfer, wie aus der untersten Tiefe ihres Herzens dringender Stimme, wobei sie langsam Wort fr Wort betonte: Sie wollen wohl sagen, Sie finden mich immer noch hbsch genug, um mich als Dirne zu gebrauchen! Aber beste, teuerste Freundin, erwiderte ihr Senec in ungeheuchelter Verwunderung, habe ich denn Ihre Eigenliebe verletzt? Wie kann es Ihnen nur in den Sinn kommen, Worte des Vorwurfs zu uern? Glcklicherweise ahnt ja kein Mensch etwas von unserm Einverstndnis. Ich bin ein Edelmann. Ich gebe Ihnen von neuem mein Ehrenwort: niemals soll ein lebendes Wesen von dem Glck erfahren, das Sie mir geschenkt haben! Auch die Orsini nicht? fragte sie in so khlem Tone, da des Chevaliers Verblendung weiterwhrte. Naiv gab er die Antwort: Habe ich Ihnen je die Namen derer genannt, die ich vielleicht geliebt habe, ehe ich Ihr Sklave ward? Bei aller meiner Hochachtung vor Ihrem Ehrenworte, stehe ich hier doch vor einer Gefahr, die ich vermeiden mchte. Das klang so fest und feierlich, da der junge Franzose endlich stutzte. Leben Sie wohl, Chevalier! Ihre Stimme zitterte mit einem Male. Aber schon wiederholte sie klar und bestimmt: Leben Sie wohl, Chevalier! Er ging. Die Frstin lie Ferraterra holen. Es gilt, mich zu rchen! erklrte sie ihm. Der Prlat war hocherfreut. Jetzt gibt sie sich in meine Hnde! frohlockte er. Nun ist sie mein fr ewig! Zwei Tage spter, nach einem erdrckend heien Tage, ging Senec um Mitternacht auf dem Korso spazieren, um frische Luft zu schpfen. Ganz Rom war auf den Beinen. Als er wieder in seinen Wagen steigen wollte, vermochte ihm sein Diener kaum zu antworten. Er war betrunken. Der Kutscher war verschwunden. Der Diener meldete ihm lallend, der Kutscher htte einen Streit mit einem Feinde gehabt. Groartig! Mein Kutscher hat Feinde! lachte der Chevalier und schickte sich an, zu Fu nach Haus zu gehen. Unterwegs, kaum zwei oder drei Straen vom Korso weg, nahm er wahr, da er verfolgt wurde. Drei, vier oder fnf Mnner blieben jedesmal stehen, sobald er haltmachte. Wenn er weiterging, setzten auch sie ihren Weg fort. Ich knnte einen Bogen machen und auf einer andern Strae nach dem Korso zurckkehren, berlegte sich Senec. Unsinn! meinte er dann wieder. Was stren mich diese Kerle? Ich bin ja bewaffnet. Er nahm den blanken Dolch in die Hand. Mit diesen Gedanken schritt Senec weiter, durch mehrere abgelegene Straen, von denen eine immer einsamer war als die andere. Er hrte, da die Mnner hinter ihm schneller gingen. Er sphte nach vorwrts. Da bemerkte er gerade vor sich eine kleine Kirche, die den Franziskanermnchen gehrte. Seltsamer Schimmer leuchtete hinter den hohen Fenstern. Senec strzte auf das Portal und pochte mit dem Holzknauf stark an die Tr. Die Mnner, die ihm nachgegangen, waren fnfzig Schritt von ihm entfernt. Jetzt begannen sie auf ihn zuzulaufen. In diesem Augenblick ffnete ein Mnch die Tr. Senec trat eilends in die Kirche. Der Mnch schlug die Tr rasch zu. Gleich darauf donnerten die Banditen mit den Fen gegen die Tre. Gottlose Buben! murmelte der Mnch. Senec gab ihm eine Zechine. Offenbar wollten sie mir ans Leben, sagte er. Die Kirche strahlte im Glanze von mindestens tausend Kerzen. Seltsam! Messe zu dieser Stunde? fragte der Chevalier den Mnch. Zu Befehlen, Eccellenza! Mit besonderer Erlaubnis Seiner Eminenz des Herrn Kardinal-Vikar. Das Chor der kleinen Kirche -- genannt _San Francesco a Ripa_ -- war auf das prchtigste zu einer Trauerfeier hergerichtet. Man sang die Totenmesse. Wer ist der Verstorbene? erkundigte sich Senec. Ein Frst? Ich glaube, antwortete der Priester. Denn man hat nichts gespart. Wahrlich, das ist Geld- und Lichtverschwendung! Der Herr Pfarrer hat uns brigens erzhlt, der Entschlafene sei ohne das Sakrament gestorben. Senec ging nher heran und erblickte ein Wappenschild von franzsischer Form. Seine Neugier steigerte sich. Er trat dicht an den aufgebahrten Sarg und erkannte sein eigenes Wappen und las die lateinische Inschrift: +---------------------------+ | _NOBILIS HOMO | | IOANNES NOBERTVS SENECE | | EQVES | | DECESSIT ROMAE | | A. D. MDCCXXVI_ | +---------------------------+ Zu deutsch: Der edle Herr Johann Norbert Chevalier von Senec, gestorben zu Rom im Jahre des Herrn 1726. So habe ich also den Vorzug, meiner eigenen Leichenfeier beizuwohnen, sagte sich Senec halblaut. Bisher hat sich meines Wissens nur Kaiser Karl der Fnfte dieses Vergngen geleistet. Mir scheint, hier weiter zu verweilen ist vom bel. Er gab dem Mesner ein zweites Goldstck. Pater, lat mich durch das Hinterpfrtchen Eures Klosters hinaus! Sehr gern, Eccellenza! erwiderte der Mnch. Kaum war der Chevalier auf der Strae, da begann er, in der Linken den Dolch, in der Rechten sein Pistol, zu laufen, was er nur konnte. Bald hrte er wiederum hinter sich Verfolger. Als er vor seinem Haus anlangte, schien ihm die Tre verschlossen zu sein. Ein Mann stand davor. Jetzt gibts einen Kampf! dachte der junge Franzose. Eben wollte er den Dastehenden niederknallen, da gewahrte er, da es sein Kammerdiener war. Schlie auf! rief er ihm zu. Die Tre war offen. Beide huschten hinein und verriegelten die Tre. Gndiger Herr, meldete der Diener. Ich habe Euer Gnaden berall gesucht. Ich habe Trauriges zu berichten. Der arme Johann, der Kutscher, ist erdolcht worden. Die Mrder stieen Flche auf Euer Gnaden aus. Der Dolchsto hat dem gndigen Herrn gegolten ... Der Diener wollte noch mehr sagen. Da schlugen ein halbes Dutzend Flintenschsse gleichzeitig durch eins der offenen Fenster, die von der Halle des Hauses nach dem Garten hinaus gingen. Senec und sein Kammerdiener strzten tot nieder, beide von mehreren Kugeln durchbohrt. Zwei Jahre spter stand die Frstin von Campobasso im Gercht, die frmmste Frau Roms zu sein. Monsignore Ferraterra war lngst Kardinal. Bemerkung des bersetzers Die beiden Novellen, die Stendhals Ideal in der _arte di novellare_ so recht reprsentieren, den kahlen reflexionslosen Chronikenstil, sind um die gleiche Zeit, um 1829, wie sein groer Roman Rot und Schwarz entstanden. Beide gehen sie auf tatschliche Geschehnisse zurck. Beider Heldinnen sind Schwestern der Mathilde von La Mole, gleichsam Vorstudien. Stendhals Vanina Vanini hat Paul Heyse den Stoff zu einem vieraktigen Trauerspiel Vanina Vanini (gedruckt 1896) gegeben. Arthur Schurig. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig nderungen Seitenangabe originaler Text genderter Text Seite 4 In Vaninis Augen war dies sein Fehler. In Vaninas Augen war dies sein Fehler. Seite 39 Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht! Monsignore, erkennen Sie Vanina Vanini nicht? Seite 68 Gefhle, die im Herzensgrund der Rmerin schlummerte Gefhle, die im Herzensgrund der Rmerin schlummerten Seite 69 fr nichts Augen als fr die Charme ihrer Kusine fr nichts Augen als fr den Charme ihrer Kusine Seite 74 schickte sich an, zu Fu nach Haus zugehen schickte sich an, zu Fu nach Haus zu gehen End of the Project Gutenberg EBook of Rmerinnen, by Stendhal License: Share Alike