Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. This Etext is in German. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. Hinzelmeier beim Theodor Storm Eine nachdenkliche Geschichte Die weie Wand Der Zipfel Die Rose Krahirius Der Eingang zum Rosengarten Ein Meisterschu Die Rosenjungfrau Nachbars Kasperle Der Stein der Weisen Die weie Wand In einem alten weitlufigen Hause wohnten Herr Hinzelmeier und die schne Frau Abel: sie waren nun schon ins zwlfte Jahr verheiratet, ja die Leute in der Stadt zhlten ihnen nach, da sie zusammen schon fast an die achtzig Jahre auf dem Nacken htten und noch immer waren sie jung und schn und hatten weder ein Fltchen vor der Stirn, noch ein Hahnepftchen unter den Augen. Da dies nicht mit rechten Dingen zugehe, war nun freilich klar genug und wenn die Hinzelmeierschen aufs Tapet kamen, so tranken die Stadtkaffeetanten drei Npfchen mehr als am ersten Ostersonntagnachmittage. Die Eine sagte: "Sie haben einen Jungbrunnen im Hofe!" Die Andere sagte: "Es ist eine Jungfernmhle!" Die Dritte sagte: "Ihr Bube, das Hinzelmeierlein, ist mit einer Glckshaube auf die Welt gekommen und nun tragen die Alten sie wechselweise, Nacht um Nacht!" Das kleine Hinzelmeierlein dachte nun freilich nicht dergleichen; es kam ihm im Gegenteil ganz natrlich vor, da seine Eltern immer jung und schn waren; aber gleichwohl bekam auch er sein Nchen, das er vergeblich zu knacken suchte. Eines Herbstnachmittags, da es schon gegen das Zwielicht ging, sa er in dem langen Korridor des oberen Stockwerks und spielte Einsiedler; denn weil die silbergraue Katze, welche sonst bei ihm zur Schule ging, eben in den Garten hinabgeschlichen war, um nach den Buchfinken zu sehen, so hatte er mit dem Professorspiel fr heute aufhren mssen. Er sa nun als Einsiedler in einem Winkel und dachte sich Allerhand, wohin wohl die Vgel flgen und wie die Welt drauen wohl aussehen mge und noch viel Tiefsinnigeres; denn er wollte der Katze darber auf den andern Tag einen Vortrag halten--als er seine Mutter, die schne Frau Abel, an sich vorbergehen sah. "Heisa, Mutter!" rief er; aber sie hrte ihn nicht, sondern ging mit raschen Schritten an das Ende des Korridors; hier blieb sie stehen und schlug mit dem Schnupftuch dreimal gegen die weie Wand. --Hinzelmeier zhlte in Gedanken "eins"--"zwei" und kaum hatte er "drei" gezhlt, als er die Wand sich lautlos ffnen und seine Mutter dadurch verschwinden sah; kaum konnte der Zipfel des Schnupftuches noch mit hindurchschlpfen, so ging alles mit einem leisen Klapp wieder zusammen und der Einsiedler dachte nun auch noch darber nach, wohin doch wohl seine Mutter durch die Wand gegangen sei. Darber ward es allmhlich dunkler und das Dmmern in seinem Winkel war schon so gro geworden, da es ihn ganz verschlungen hatte, da machte es, wie zuvor, einen leisen Klapp, und die schne Frau Abel trat aus der Wand wieder in den Korridor hinein. Ein Rosenduft schlug dem Knaben entgegen, wie sie an ihm vorberstrich. "Mutter, Mutter!" rief er; aber er hielt sie nicht zurck; er hrte, wie sie die Treppe hinab und in das Zimmer des Vaters ging. Wo er am Vormittag sein Schaukelpferd an den messingenen Ofenknopf gebunden hatte. Nun hielt es ihn nicht lnger, er sprang durch den Korridor und ritt wie der Wind das Treppengelnder hinab. Als er ins Zimmer trat, war es voller Rosenduft und es schien ihm fast, als wre seine Mutter selber eine Rose, so leuchtend war ihr Antlitz. Hinzelmeier wurde ganz nachdenklich. "Liebe Mutter", sagte er endlich, "weshalb gehst du denn immer durch die Wand?" Und als Frau Abel hierauf verstummte, sagte der Vater: "Ei nun, mein Sohn, weil die anderen Leute immer durch die Tr gehen." Das war dem Hinzelmeier schon einleuchtend; bald aber wollte er mehr erfahren. "Wohin gehst du denn, wenn du durch die Wand gehst", fragte er weiter, "und wo sind die Rosen?" Aber ehe er sich's versah, hatte der Vater ihn kopfber aufs Schaukelpferd gestlpt und die Mutter sang das schne Lied: "Hatto von Mainz und Poppo von Trier Ritten zusammen aus Lnebier; Hatto hott hott! immer im Trott! Poppo hopp hopp! immer Galopp! Eins, zwei, drei! Zelle vorbei; Eins, zwei, drei, vier! Nun sind wir schon hier." "Bind es los! bind es los!" rief Hinzelmeier; und der Vater band das Rlein vom Ofenknopf und die Mutter sang und der Reiter ritt hopp hinauf und hopp hinab und hatte bald alle Rosen und weien Wnde in der ganzen Welt vergessen. Der Zipfel Nun gingen manche Jahre hin, ohne da Hinzelmeier eine Wiederholung des Wunders erlebt htte; er dachte daher auch berall nicht mehr daran, obgleich seine Eltern jung und schn blieben, wie sie es immer gewesen waren und oftmals auch im Winter der wunderbare Rosenduft sie umgab. In dem einsamen Korridor des oberen Stockwerks war Hinzelmeier jetzt nur selten noch zu finden; denn die Katze war vor Alter gestorben und so war seine Schule aus Mangel an Schlern von selber eingegangen. Es war ihm nun schon fast so, als mte um einige Jahre der Bart zu wachsen anfangen; da ging er eines Nachmittags wieder in den alten Korridor hinauf, um die weien Wnde zu besichtigen, denn er wollte auf den Abend das berhmte Schattenspiel "Nebukadnezar und sein Nuknacker" zur Auffhrung bringen. In dieser Absicht war er an das Ende des Ganges gekommen und betrachtete die weie Querwand von oben bis unten, als er zu seiner Verwunderung den Zipfel eines Schnupftuches daraus hervorhngen sah. Er bckte sich, um es genauer zu betrachten; in der Ecke stand: 'A.H.'; das konnte nichts anderes heien als: 'Abel Hinzelmeier'; es war das Schnupftuch seiner Mutter. Nun fing's in seinem Kopfe an zu schnurren und die Gedanken arbeiteten rckwrts, weiter und weiter, bis sie bei dem ersten Kapitel dieser Geschichte pltzlich Halt machten. Hierauf suchte er das Schnupftuch aus der Wand herauszuziehen, was ihm auch nach einem etwas schmerzhaften Experimente glcklich gelang; dann schlug er, wie einst die schne Frau Abel, dreimal mit dem Tuche gegen die Wand; und "eins--zwei--drei--!" tat sie sich lautlos von einander, Hinzelmeier schlpfte hindurch und stand--wohin er am wenigsten zu gelangen dachte--auf dem Hausboden. Aber es war nicht daran zu zweifeln; dort stand der Urgromutterschrank mit den wackelkpfigen Pagoden, daneben seine eigne Wiege und weiterhin das Schaukelpferd, lauter ausgedientes Gert; unter dem Balken lngs an eisernen Haken hingen wie immer des Vaters lange Mntel und Reisekragen und drehten sich langsam um sich selbst, wenn der Zug durch die offenen Bodenluken hereinstrich. "Sonderbar!" sagte Hinzelmeier, "warum ging die Mutter denn doch immer durch die Wand?" Da er indessen auer den bekannten Gegenstnden nichts bemerken konnte, so wollte er durch die Bodentr wieder ins Haus hinabgehen. Allein die Tr war nicht da. Er stutzte einen Augenblick und meinte anfnglich, sich nur geirrt zu haben, weil er von einer anderen Seite, als gewhnlich, hinaufgelangt war. Er wandte sich daher und ging zwischen die Mntel durch nach dem alten Schranke, um sich von hier aus zurechtzufinden; und richtig! dort gegenber war die Tr; er begriff nicht, wie er sie hatte bersehen knnen. Als er aber darauf zuging, erschien ihm pltzlich wieder alles so fremd, da er zu zweifeln begann, ob er auch vor der rechten Tr stehe. Allein so viel er wute, gab es hier keine andere. Was ihn am meisten verwirrte, war, da die eiserne Klinke fehlte und auch der Schlssel abgezogen war, der sonst immer aufzustecken pflegte. Er legte daher sein Auge an das Schlsselloch, ob er vielleicht Jemanden auf der Treppe oder dem Vorplatz gewahren knne, der ihn herabliee. Zu seinem Erstaunen sah er aber nicht auf die dunkle Treppe, sondern in ein helles, gerumiges Zimmer, von dessen Dasein er bisher keine Ahnung gehabt hatte. In der Mitte desselben gewahrte er einen pyramidenfrmigen Schrein, der von zwei goldschimmernden Tren verschlossen und mit wunderlicher Schnitzarbeit verziert war. Hinzelmeier wute nicht recht, ob das enge Schlsselloch seinen Blick verwirrte, aber es war ihm fast, als wenn die Gestalten der Schlangen und Eidechsen in der braunen Laubgirlande, welche sich an den Kanten hinunterzog, auf und ab raschelten, ja mitunter sogar die geschmeidigen Kpfe auf den Goldgrund der Tr hinberreckten. Dies alles beschftigte den Knaben so, da er nun erst die schne Frau Abel und ihren Eheherrn bemerkte, welche mit geneigtem Haupte vor dem Schreine niedergekniet waren. Unwillkrlich hielt er den Atem an, um nicht bemerkt zu werden; und nun hrte er die Stimmen seiner Eltern in leisem Gesange: Rinke, ranke, Rosenschein, Tu dich auf, du goldner Schrein! Tu dich auf und schlie uns ein, Rinke, ranke, Rosenschein! Whrend des Gesanges erstarrte in dem Laubwerk das Leben des Gewrmes; die goldenen Tren gingen langsam auf und zeigten in dem Innern des Schrankes einen kristallenen Becher, in welchem eine halberschlossene Rose auf schlankem Schafte stand. Allmhlich ffnete sich der Kelch; weiter und weiter, bis eins der schimmernden Bltter sich ablste und zwischen die Knieenden hinabfiel. Ehe es aber den Boden erreichte, zerstob es klingend in der Luft und fllte das Gemach mit rosenrotem Nebel. Ein starker Rosenduft quoll durch das Schlsselloch; der Knabe prete sein Auge an die ffnung, aber er gewahrte nichts, als dann und wann ein Leuchten, das in der roten Dmmerung aufbrach und wieder verschwand. Nach einer Weile hrte er Schritte an der Tr; er wollte aufspringen, aber ein heftiger Schmerz an der Stirn raubte ihm die Besinnung. Die Rose Als Hinzelmeier aus der Betubung erwachte, lag er in seinem Bette; Frau Abel sa neben ihm und hielt seine Hand in der ihren. Sie lchelte, da er die Augen zu ihr aufschlug und der Abglanz einer Rose lag auf ihrem Antlitz. "Du hast zu viel erlauscht, um nicht noch mehr erfahren zu mssen", sagte sie. "Nur darfst du fr heute dein Bett nicht verlassen; aber whrenddessen will ich dir das Geheimnis deiner Familie mitteilen. Du bist jetzt gro genug, um es zu wissen." "Erzhle nur, Mutter", sagte Hinzelmeier und legte den Kopf zurck in die Kissen; und dann erzhlte Frau Abel: "Weit von dieser kleinen Stadt liegt der uralte Rosengarten, von dem die Sage geht, er sei am sechsten Schpfungstage mit erschaffen worden. Innerhalb seiner Mauer stehen tausend rote Rosenbsche, welche nie zu blhen aufhren; und jedes Mal, wenn in unserem Geschlechte, welches in vielen Zweigen durch alle Lnder der Welt verbreitet, ein Kind geboren wird, springt eine neue Knospe aus den Blttern. Jeder Knospe ist eine Jungfrau zur Pflegerin bestellt, welche den Garten nicht verlassen darf, bis die Rose von dem geholt worden, durch dessen Geburt sie entsprossen ist. Eine solche Rose, welche du vorhin gesehen hast, besitzt die Kraft, ihren Eigentmer zeitlebens jung und schn zu erhalten. Daher versumt denn nicht leicht Jemand, sich seine Rose zu holen; es kommt nur darauf an, den rechten Weg zu finden; denn der Eingnge sind viele und oft verwunderliche. Hier fhrt es durch einen dicht verwachsenen Zaun, dort durch ein schmales Winkelpfrtchen, mitunter"--und Frau Abel sah ihren Eheherrn, der eben ins Zimmer trat, mit schelmischen Augen an--"mitunter auch durch's Fenster!" Herr Hinzelmeier lchelte und setzte sich neben das Bett seines Sohnes. Dann erzhlte Frau Abel weiter: "Auf diese Weise wird die grte Zahl der Jungfrauen aus ihrer Gefangenschaft erlst und verlt mit dem Besitzer der Rose den Garten. Auch deine Mutter war eine Rosenjungfrau und pflegte sechzehn Jahre lang die Rose deines Vaters. Wer aber an dem Garten vorbergeht ohne einzukehren, der darf niemals dahin zurck; nur der Rosenjungfrau ist es nach dreimal drei Jahren gestattet, in die Welt hinaus zu gehen, um den Rosenherrn zu suchen und sich durch die Rose aus der Gefangenschaft zu erlsen. Findet sie in dieser Zeit ihn nicht, so mu sie in den Garten zurck und darf erst nach wiederum dreimal drei Jahren noch einmal den Versuch erneuern; aber Wenige wagen den ersten, fast Keine den zweiten Gang; denn die Rosenjungfrauen scheuen die Welt und wenn sie ja in ihren weien Gewndern hinausgehen, so gehen sie mit niedergeschlagenen Augen und zitternden Fen; und unter hundert solcher Khnen hat kaum eine einzige den wandernden Rosenherrn gefunden. Fr diesen aber ist dann die Rose verloren; und whrend die Jungfrau zu ewiger Gefangenschaft zurckgegangen ist, hat auch er die Gnade seiner Geburt verscherzt und mu wie die gewhnliche Menschheit kmmerlich altern und vergehen.--Auch du, mein Sohn, gehrst zu den Rosenherren und kommst du in die Welt hinaus, dann vergi den Rosengarten nicht." Herr Hinzelmeier neigte sich zur Frau Abel und kte ihre seidenen Haare; dann sagte er, freundlich des Knaben andere Hand ergreifend: "Du bist jetzt gro genug! Mchtest du wohl in die Welt hinaus und eine Kunst erlernen?" "Ja", sagte Hinzelmeier, "aber es mte eine groe Kunst sein; so eine, die sonst noch niemand hat erlernen knnen!" Frau Abel schttelte sorgenvoll den Kopf; der Vater aber sagte: "Ich will dich zu einem weisen Meister bringen, der viele Meilen von hier in einer groen Stadt wohnt; da magst du dir selbst eine Kunst erwhlen." Da war Hinzelmeier zufrieden. Einige Tage darauf packte Frau Abel einen groen Koffer mit unzhlig vielen Kleidern und Hinzelmeier selber legte noch ein Rasierzeug hinein, damit er den Bart, wenn er kme, sogleich wieder abschneiden knne. Dann fuhr eines Tages der Wagen vor die Tr und als die Mutter ihren Sohn zum Abschied umarmte, sagte sie unter Trnen zu ihm: "Vergi die Rose nicht!" Krahirius Als Hinzelmeier ein Jahr bei dem weisen Meister gewesen war, schrieb er seinen Eltern, er habe sich nun eine Kunst erwhlt, er wolle den? Stein der Weisen? suchen; nach zwei Jahren werde der Meister ihn lossprechen, dann wolle er auf die Wanderschaft und nicht eher zurckkehren, als bis er den Stein gefunden habe. Dies sei eine Kunst, welche noch von Niemandem erlernt worden; denn auch der Meister sei eigentlich nur ein Altgesell, da der Stein noch keineswegs von ihm gefunden sei. Als die schne Frau Abel diesen Brief gelesen hatte, faltete sie ihre Finger ineinander und rief: "Ach, er wird nimmer in den Rosengarten kommen! Es wird ihm gehen wie unseres Nachbarn Kasperle, der vor zwanzig Jahren ausgezogen und nimmer wieder nach Hause gekommen ist!" Herr Hinzelmeier aber kte die schne Frau und sagte: "Er mute seinen Weg gehen! Ich wollte auch einmal den? Stein der Weisen? suchen und habe statt dessen die Rose gefunden." So blieb denn Hinzelmeier bei dem weisen Meister; und allmhlich ging die Zeit herum.-Es war schon tief in der Nacht. Hinzelmeier sa vor einer qualmenden Lampe ber einen Folianten gebckt. Aber es wollte ihm heute nicht gelingen; er fhlte es in seinen Adern klopfen und gren, es berfiel ihn eine Angst, als knne ihm auf immer das Verstndnis fr die tiefe Weisheit der Formeln und Sprche verloren gehen, welche das alte Buch bewahrte. Mitunter wandte er sein blasse Gesicht ins Zimmer zurck und starrte gedankenlos in den Winkel, wo die grmliche Gestalt seines Meisters vor einem niedrigen Herde zwischen glhenden Kolben und Tiegeln hantierte; mitunter, wenn die Fledermuse an den Scheiben vorberstrichen, sah er verlangend in die Mondnacht hinaus, die wie ein Zauber drauen ber den Feldern lag. Neben dem Meister kauerte die Kruterfrau am Boden. Sie hatte den grauen Hauskater auf dem Scho und stubte ihm sanft die Funken aus dem Pelz. Manchmal, wenn es so recht behaglich knisterte und das Tier vor angenehmem Grausen maunzte, langte der Meister liebkosend nach ihm zurck und sagte hustend: "Die Katze ist die Genossin des Weisen!" Pltzlich schon von auen her, von der First des Daches, das unter dem Fenster lag, ein langgezogener, sehnschtiger Laut, wie dessen von allen Tieren nur die Katze und nur im Lenze mchtig ist. Der Kater richtete sich auf und krallte seine Klauen in die Schrze des alten Weibes. Noch einmal rief es drauen. Da sprang das Tier mit einem derben Satz auf den Fuboden und ber Hinzelmeiers Schultern durch die Scheiben ins Freie, da die Glasscherben klingend hinterdrein stoben. Ein ser Primelduft strich mit dem Zug ins Zimmer. Hinzelmeier sprang empor. "Es ist Frhling, Meister!" rief er und warf seinen Stuhl zurck. Der Alte senkte seine Nase noch tiefer in den Tiegel. Hinzelmeier ging auf ihn zu und packte ihn an der Schulter. "Hrt Ihr's nicht, Meister?" Der Meister griff sich in den graugemischten Bart und stierte den Jungen- bld durch seine grne Brille an. "Das Eis birst!" rief Hinzelmeier, "es lutet in der Luft!" Der Meister fate ihn ums Handgelenk und begann die Pulsschlge zu zhlen. "Sechsundneunzig!" sagte er bedenklich.--Aber Hinzelmeier achtete dessen nicht, sondern verlangte seinen Abschied; und noch in selber Stunde. Da hie der Meister ihn Stab und Ranzen nehmen und trat mit ihm vor die Haustr, von wo sie weit ins Land hineingehen konnten. Die unabsehbare Ebene lag in klarem Mondenlicht zu ihren Fen. Hier standen sie still; das Antlitz des Meisters war gefurcht von tausend Runzeln, sein Rcken war gebeugt, sein Bart hing tief ber seinen braunen Talar hinab; er sah unsglich alt aus. Auch Hinzelmeiers Gesicht war blo, aber seine Augen leuchteten. "Deine Zeit ist um", sprach der Meister zu ihm. "Knie nieder, damit du losgesprochen werdest!" Dann zog er ein weies Stbchen aus dem rmel und dem Knieenden dreimal damit den Nacken berhrend, sprach er: "Das Wort ist gegeben Unter die Geister; Ruf es ins Leben, So bist du der Meister. Vorhanden ist es in keinem Reich. Es ist ein Name, ein Dunst; Finden und schaffen zugleich, Das ist die Kunst!" Dann hie er ihn aufstehen. Ein Frsteln durchfuhr den Jngling, als er in das greise, feierliche Angesicht des Meisters blickte. Er nahm Stab und Ranzen vom Boden und wollte von dannen gehen, aber der Meister rief: "Vergi den Raben nicht!" Er griff mit der hageren Faust in seinen Bart und ri ein schwarzes Haar heraus. Das blies er durch die Finger; da schwang es sich als Rabe in die Luft. Nun schwenkte er den Stab im Kreise um sein Haupt und wie er schwenkte, flog der Rabe; dann streckte er den Arm aus und der Vogel setzte sich auf seine Faust. Hierauf hob er die grne Brille von seiner Nase; und whrend er sie auf des Raben Schnabel klemmte, sprach er: "Wege sollst du weisen, Krahirius sollst du heien!-- Da schrie der Rabe: "krahira! krahira!" und hpfte mit ausgespreizten Flgeln auf Hinzelmeiers Schulter. Der Meister aber sprach zu diesem: "Wanderspruch und Wanderbuch Hast du nun; und nun genug!" Dann wies er mit dem Finger in das Tal hinab, wo der unendliche Weg ber die Ebene lief und whrend Hinzelmeier, mit dem Reisehute grend, in die Frhlingsnacht hinausging, schwang Krahirius sich auf und flog zu seinen Hupten. Der Eingang zum Rosengarten Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Hinzelmeier hatte einen Richtweg ber ein Feld mit grner Wintersaat eingeschlagen, das sich unabsehbar vor ihm ausdehnte. Zu Ende desselben fhrte der Steig durch eine ffnung des Walles auf einen gerumigen Platz hinaus und Hinzelmeier stand vor den Gebuden eines groen Bauernhofes. Es hatte zuvor geregnet; nun dampften die Strohdcher in der herben Frhlingssonne. Er stie seinen Wanderstab in den Boden und blickte zum First des Wohnhauses hinauf, wo ein Volk von Sperlingen sein Wesen trieb. Pltzlich sah er aus einem der beiden weien Schornsteine eine glnzende Scheibe in die Luft steigen, sich langsam im Sonnenscheine wenden und darauf wieder in den Schornstein hinabfallen. Hinzelmeier zog seine Taschenuhr hervor. "Es ist Mittag!" sagte er, "sie backen Eierkuchen."--Ein lieblicher Duft verbreitete sich; und wieder stieg ein Eierkuchen in den Sonnenschein hinauf und sank nach einer kurzen Weile in den Schornstein zurck. Der Hunger meldete sich; Hinzelmeier trat ins Haus und gelangte ber einen breiten Flur in eine hohe, gerumige Kche, wie solche in greren Gehften zu sein pflegen. Am Herde, auf dem ein helles Reisigfeuer brannte, stand eine stmmige Buerin und tat den Teig in die zischende Pfanne. Krahirius, der lautlos hintendrein geflogen war, setzte sich auf den Herdmantel, whrend Hinzelmeier fragte, ob er fr Geld und gute Worte eine Mahlzeit hier bekommen knne. "Hier ist kein Wirtshaus!" sagte die Frau und schwang ihre Pfanne, da der Eierkuchen prasselnd in den schwarzen Schlot hinauffuhr und erst nach einer ganzen Weile mit der Oberseite in die Pfanne zurckklatschte. Hinzelmeier griff nach seinem Stecken, den er beim Eintritt an die Tr gestellt hatte; allein die Alte fuhr mit der Gabel in den Eierkuchen und stlpte ihn rasch auf eine Schssel. "Nun, nun!" sagte sie, "so war es nicht gemeint; setz Er sich nur; hier ist just einer fertig." Dann schob sie ihm einen hlzernen Stuhl an den Kchentisch und setzte den dampfenden Kuchen nebst Brot und einem Kruge jungen Landweins vor ihn hin. Das lie Hinzelmeier sich gefallen und hatte bald die derbe Speise und ein gut Teil des festen Roggenbrots verzehrt. Dann setzte er den Krug an den Mund und tat einen herzhaften Zug auf die Gesundheit der Alten und dann zu seiner eigenen Gesundheit noch manchen anderen hinterher. Das machte ihn so vergngt, da er ganz wie von selber zu singen anhub. "Er ist ja ein lustiger Mensch!" rief die Alte von ihrem Herde hinber. Hinzelmeier nickte; ihm fielen auf einmal alle Lieder wieder ein, die er vor Zeiten im elterlichen Hause von seiner schnen Mutter gehrt hatte. Nun sang er sie, eines nach dem andern: "Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen; Da sind von ihrem sen Schall, Da sind von Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen. Sie war doch sonst ein wildes Blut, Nun geht sie tief in Sinnen; Trgt in der Hand den Sommerhut Und duldet still der Sonne Glut, Und wei nicht, was beginnen. Das macht, es hat die Nachtigall Die ganze Nacht gesungen!"-- Da wurde in der Wand, dem Herde gegenber, unter den Reihen der blanken Zinnteller, ein Schiebefensterchen zurckgezogen und ein schnes blondes Mdchen, es mochte des Hauswirts Tochter sein, steckte neugierig den Kopf in die Kche. Hinzelmeier, der das Klirren der Fensterscheiben vernommen hatte, hrte auf zu singen und lie seine Augen an den Wnden der Kche umherwandern; ber das Butterfa und die blanken Ksekessel und ber den breiten Rcken der Alten bis an das offene Schiebefensterchen, wo sie an zwei anderen jungen Augen hngen blieben. Das Mdchen wurde ganz rot.--"Er singt schn!" sagte sie endlich. "Es kam mir nur so", erwiderte Hinzelmeier. "Ich singe sonst gar nicht." Dann schwiegen beide eine Weile und man hrte nur das Zischen der Pfanne und das Prasseln der Eierkuchen. "Caspar singt auch schn!" hub das Mdchen wieder an. "Freilich wohl!" meinte Hinzelmeier. "Ja", sagte das Mdchen, "aber so schn wie Er macht er's doch nicht. Wo hat Er denn das schne Lied her?" Hinzelmeier antwortete nicht darauf, sondern trat auf einen umgestrzten Zuber, der unter dem Schiebefenster stand und sah an dem Mdchen vorbei in die Kammer. Drinnen war voller Sonnenschein. Auf den roten Fliesen der Diele lagen die Schatten von Nelken- und Rosenstcken, welche seitwrts vor einem Fenster stehen mochten. Pltzlich wurde im Hintergrund der Kammer eine Tr aufgerissen. Der Frhlingswind brauste herein und ri dem Mdchen ein blauseidenes Band von der Riegelhaube; dann fahr er durchs Schiebefenster und trieb seine Beute kreiselnd in der Kche umher. Hinzelmeier aber warf seinen Hut danach und fing es wie einen Sommervogel. Das Fenster war ein wenig hoch. Er wollte es dem Mdchen hinauflangen, sie bckte sich zu ihm heraus; da fahren beide mit den Kpfen aneinander, da es krachte. Das Mdchen schrie; die Zinnteller klirrten, Hinzelmeier wurde ganz konfus. "Er hat einen gar wackeren Kopf!" sagte das Mdchen und wischte sich mit ihrer Hand die Trnen von den Wangen. Als aber Hinzelmeier sich das Haar aus der Stirn strich und ihr herzhaft ins Gesicht schaute, da schlug sie die Augen nieder und fragte: "Er hat sich doch kein Leid's getan?" Hinzelmeier lachte. "Nein, Jungfer!" rief er--er wute selbst nicht, wie es ihm auf einmal einfallen mute--"nehm Sie mir's nicht bel, aber Sie hat gewi schon einen Schatz?" Sie setzte die Faust unters Kinn und wollte ihn trotzig ansehen, aber ihre Augen blieben an den seinen hngen. "Er faselt wohl", sagte sie leise. Hinzelmeier schttelte den Kopf; es wurde ganz still zwischen den Beiden. "Jungfer!" sagte nach einer Weile Hinzelmeier, "ich mchte Ihr das Band in die Kammer bringen!" Das Mdchen nickte. "Wo geht denn aber der Weg?" Es klang ihm in den Ohren: "Mitunter auch durchs Fenster!"--Das war die Stimme seiner Mutter. Er sah sie an seinem Bette sitzen; er sah sie lcheln; es war ihm pltzlich, als stehe er in einem rosenroten Nebel, der aus dem offenen Schiebefenster in die Kche hereinzog. Er trat wieder auf den Zuber und legte seine Hnde um den Nacken des Mdchens. Da sah er durch die offene Kammertr in einen Garten, darinnen standen die blhenden Rosenbsche wie ein rotes Meer und in der Ferne sangen kristallne Mdchenstimmen: "Rinke, ranke, Rosenschein, Tu dich auf und schlie uns ein!"-- Hinzelmeier drngte das Mdchen sanft in die Kammer zurck und stemmte die Hnde auf das Fensterbrett, um sich mit einem Satz hineinzuschwingen; da hrte er es: "krahira, krahira!" ber seinem Kopfe schwirren; und ehe er sich's versah, lie der Rabe die grne Brille aus der Luft und gerade auf seine Nase fallen. Nur wie im Traume sah er noch das Mdchen die Arme nach ihm ausstrecken; dann war auf einmal alles vor seinen Augen verschwunden; aber in weiter Ferne sah er durch die grnen Glser eine dunkle Gestalt in einem tiefen Felsenkessel sitzen, welche mit einem Stemmeisen eifrig in den Grund zu bohren schien. Ein Meisterschu "Der sucht den Stein der Weisen!" dachte Hinzelmeier; und seine Wangen begannen zu brennen; er schritt wacker auf die Erscheinung los; aber es war weiter, als es durch die Brillenglser aussah; er rief dem Raben, der mute mit seinen Flgeln ihm die Schlfe fcheln. Erst nach Stunden hatte er den Grund der Schlucht erreicht. Nun sah er eine schwarze, rauhe Gestalt vor sich, die hatte zwei Hrner an der Stirn und einen langen Schwanz, den lie sie hinter sich ber das Gestein hinabhngen. Bei Hinzelmeiers Ankunft nahm sie das Stemmeisen zwischen die Zhne und begrte ihn mit dem verbindlichsten Kopfnicken, whrend sie mit der Schwanzquaste den Bohrstaub zusammenfegte. Hinzelmeier wurde fast um die Anrede verlegen, deshalb nickte er jedesmal mit gleicher Verbindlichkeit wieder, so da also diese Komplimente von beiden Seiten eine Zeitlang fortdauerten. Endlich sagte der Andere: "Sie kennen mich wohl nicht?" "Nein", sagte Hinzelmeier. "Sind Sie vielleicht ein Pumpenmeister?" "Ja", sagte der Andere, "so etwas hnliches; ich bin der Teufel." Das wollte Hinzelmeier nicht glauben; aber der Teufel sah ihn mit zwei solchen Eulenaugen an, da er am Ende grndlich berzeugt wurde und ganz bescheiden sagte: "Drfte ich mir die Frage erlauben, ob Sie mit diesem ungeheueren Loche ein physikalisches Experiment beabsichtigen?" "Kennen Sie die ultima ratio regum?" fragte der Teufel. "Nein", sagte Hinzelmeier. "Die ratio regum hat nichts mit meiner Kunst zu schaffen." Der Teufel kratzte sich mit dem Pferdehuf hinter den Ohren und sagte dann, einen berlegenen Ton annehmend: "Mein Kind, weit du, was eine Kanone ist?" "Freilich", sagte Hinzelmeier lchelnd; denn das ganze hlzerne Arsenal aus seiner Knabenzeit sah er pltzlich im Geiste vor sich aufgepflanzt. Der Teufel klatschte vor Vergngen mit seinem Schwanze auf den Felsen. "Drei Pfund Schiepulver, ein Fnkchen Hllenfeuer dazu; dann--!" Hier steckte er die eine Tatze in das Bohrloch und indem er die andere auf Hinzelmeiers Schulter legte, sagte er vertraulich: "Die Welt ist unregierbar geworden. Ich will sie in die Luft sprengen." "Alle Wetter!" schrie Hinzelmeier, "das ist ja aber eine Radikalkur, eine wahr Pferdekur!" "Ja", sagte der Teufel, "ultima ratio regum! versichere Sie, es gehrt eine bermenschlich gute Natur dazu, um so etwas auszuhalten! Aber nun entschuldigen Sie ein Weilchen; ich mu ein wenig inspizieren." Mit diesen Worten zog er den Schwanz zwischen die Schenkel und sprang in das Bohrloch hinab. Da berfiel den Hinzelmeier auf einmal eine ganz bernatrliche Courage, so da er bei sich beschlo, den Teufel aus der Welt zu schieen. Mit fester Hand zog er seine Zunderbchse aus der Tasche, pinkte Feuer und warf es in das Bohrloch; dann zhlte er: "eins zwei--"; aber er hatte noch nicht "drei" gezhlt, so entlud sich diese grundlose Pistole ihres Schusses samt ihrer Vorladung. Die Erde machte einen frchterlichen Seitensprung durch den Himmel. Hinzelmeier strzte in die Knie; der Teufel aber flog wie eine Bombe durch die Luft, von einem Planetensystem in das andere, wo ihn die Anziehungskraft unseres Weltkrpers nicht mehr erreichen konnte. Hinzelmeier blickte ihm eine Weile nach; als er aber immer weiter und weiter flog und gar nicht damit aufhren wollte, so gingen ihm endlich die Augen ber. Sobald daher die Erde sich insoweit beruhigt hatte, da mit zwei Beinen wieder auf ihr zu stehen war, sprang er auf und blickte um sich her. Zu seinen Fen ghnte ihn der schwarze ausgebrannte Mrser an; von Zeit zu Zeit quoll eine Wolke braunen Rauchs heraus und zog sich trge an den Felsen hin. Aber schon brach die Sonne durch den Dunst und vergoldete berall die Spitzen des Gesteins. Da nahm Hinzelmeier seine Tabakspfeife aus der Tasche und die blauen Wolken vor sich hinblasend, rief er triumphierend: "Den Stein des Anstoes habe ich aus der Welt geschossen; wohlan! der Stein der Weisen kann mir nicht entgehen!" Dann setzte er seine Wanderung fort und Krahirius flog zu seinen Huptern. Die Rosenjungfrau Aber er wanderte hin und her, kreuz und quer, er wurde mder und mder, sein Rcken wurde gekrmmt; aber immer fand er doch den Stein der Weisen nicht. So waren neun Jahre dahingegangen, als er eines Abends in ein Wirtshaus einkehrte, welches am Eingange einer groen Stadt gelegen war. Krahirius nahm sich mit der Klaue die Brille herunter und putzte sie an seinen Flgeln; dann setzte er sie wieder auf und hpfte in die Kche. Als die Hausleute ihn sahen, lachten sie ber seine Brille, nannten ihn? Herr Professor? und warfen ihm die fettsten Bissen vor. "Wenn Ihr der Herr des Vogels seid", sagte der Wirt zu Hinzelmeier, "so ist nach Euch gefragt worden." "Freilich bin ich das--" sagte Hinzelmeier. "Wie heit Ihr denn?" "Ich heie Hinzelmeier." "Ei, ei", sagte der Wirt, "Ihren Herrn Sohn, den Gemahl der schnen Frau Abel, den kenne ich recht wohl." "Das ist mein Vater", sagte Hinzelmeier verdrielich, "und die schne Frau Abel ist meine Mutter." Da lachten die Leute und sagten, der Herr sei auerordentlich spahaft. Hinzelmeier aber sah vor Zorn in einen blanken Kessel. Da starrte ihm ein grmliches Angesicht entgegen, voll Runzeln und Hahnepftchen und er gewahrte nun wohl, da er abscheulich alt geworden sei. "Ja. ja!" rief er und schttelte sich, als gelte es aus einem schweren Traum zu kommen; "wo war es doch? Ich war ja dicht davor." Dann erkundigte er sich bei dem Wirte, wer nach ihm gefragt habe. "Es war nur eine arme Dirne", sagte der Wirt, "sie trug ein weies Kleid und ging mit nackten Fen." "Das war die Rosenjungfrau!" rief Hinzelmeier. "Ja", antwortete der Wirt, "ein Struermdel mag es wohl sein, sie hatte aber nur noch eine Rose in ihrem Krbchen." "Wohin ist sie gegangen?" rief Hinzelmeier. "Wenn Ihr sie sprechen mt", sagte der Wirt, "so werdet Ihr sie schon in der Stadt an einer Straenecke finden knnen." Als Hinzelmeier das gehrt hatte, schritt er eilig zum Hause hinaus und in die Stadt hinein; Krahirius, die Brille auf dem Schnabel, flog krchzend hinterher. Es ging aus einer Strae in die andere und an allen Ecksteinen standen Blumenmdchen; aber sie trugen plumpe Schnallenschuhe und boten schreiend ihre Ware feil. Das waren keine Rosenjungfrauen.--Endlich, als schon die Sonne hinter den Husern hinab war, gelangte Hinzelmeier an ein altes Haus, aus dessen offener Tr ein zartes Leuchten auf die dmmerige Gasse herausdrang. Krahirius warf den Kopf zurck und schlug ngstlich mit den Flgeln; Hinzelmeier aber achtete dessen nicht und trat ber die Schwelle in einen weiten Hausflur, der ganz von rotem Schimmer erfllt war. Tief im Hintergrunde, auf der untersten Stufe einer Wendeltreppe, sah er ein blasses Mdchen sitzen; in einem Krbchen, das sie auf ihrem Schoe hielt, lag eine rote Rose, aus deren Kelch das zarte Licht hervorbrach. Das Mdchen schien ermdet; denn sie setzte eben die Lippen von einem irdenen Wasserkruge, der ihr von einem kleinen Knaben mit beiden Hnden vorgehalten wurde. Ein groer Hund, der neben ihr an der Treppe lag und wie das Kind, hier zu Hause zu gehren schien, legte den Kopf an ihr weies Gewand und leckte ihre nackten Fe.--"Das ist sie!" sagte Hinzelmeier; und seine Schritte wurden unsicher vor Hoffen und Erwarten. Und als die Jungfrau nun ihr Antlitz gegen ihn erhob, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und er erkannte mit einem Mal das Mdchen aus der Bauernkche; nur trug sie heute nicht das bunte Nfieder und das Rot auf ihren Wangen war nur der Abglanz von dem Rosenlichte. "O du!" rief Hinzelmeier, "nun wird noch alles, alles gut!" Sie streckte die Arme nach ihm aus; sie wollte lcheln, aber die Trnen sprangen ihr in die Augen. "Wo ist Er denn so lange in der Welt umhergelaufen?" sagte sie. Und als er nun in ihre Augen sah, da erschrak er vor lauter Freude; denn dort stand sein eigenes Bild, aber kein Bild, wie es ihn kurz vorher aus dem kupfernen Kessel angeglotzt hatte; nein, ein Gesicht, so jung und frisch und lustig, da er laut aufjauchzen mute; er htte es um alle Welt nicht lassen knnen.-Da quoll von der Strae her ein Menschenstrom ins Haus, schreiend und mit den Hnden fechtend. "Hier steht der Herr des Vogels!" rief ein untersetztes Mnnlein; dann drangen alle auf Hinzelmeier ein. Dieser fate die Hand des Mdchens und fragte: "Was ist es mit dem Raben?" "Was es ist?" sagte der Dicke, "dem Herrn Brgermeister hat er die Percke gestohlen!"--"Ja, ja!" riefen Alle, "und nun sitzt es drauen auf der Dachrinne, das Ungetm und hat die Percke in den Klauen und glotzt ihre Wohlweisheit durch seine grnen Brillenglser an!" Hinzelmeier wollte reden, aber sie nahmen ihn in ihre Mitte und schoben ihn gegen die Tr. Mit Schrecken fhlte er die Hand der Rosenjungfrau aus der seinen gleiten. So kam er auf die Strae. Droben auf der Dachrinne des Hauses sa noch immer der Rabe und sah mit seinen schwarzen Augen lauernd auf die aus dem Hause Kommenden hinab. Pltzlich ffnete er die Klaue; und whrend die Brger mit Stcken und Schirmen nach der Percke ihres Brgermeisters in der Luft umherlangten, hrte Hinzelmeier es "krahira, krahira!" ber seinem Haupte schwirren und in demselben Augenblicke sa auch die grne Brille schon auf seiner Nase. Da war auf einmal die Stadt vor seinen Augen verschwunden; aber durch die Brillenglser sah er zu seinen Fen ein grnes Tal mit Meierhfen und Drfern. Sonnenbeschienene Wiesen zogen sich rings umher, auf welchen barfige Dirnen mit blanken Milcheimer durch das Gras schritten, whrend in weiterer Entfernung von den Drfern junge Kerle die Sense schwangen. Was aber Hinzelmeiers Augen fesselte, war die Gestalt eines Menschen in rot und weier Bluse, mit einer spitzen Kappe auf dem Kopfe, welcher inmitten einer Wiese mit auf den Knien gestutzten Armen in nachdenklicher Stellung auf einem Steine zu sitzen schien. Nachbars Kasperle Da dachte Hinzelmeier: "Das ist der Stein der Weisen!" und ging geradewegs auf ihn zu. Der Mensch aber beharrte in seiner nachdenklichen Stellung, nur da er zu Hinzelmeiers Erstaunen seine groe Nase wie Gummi elasticum ber das Kinn herabzog. "Ei, lieber Herr, was treibt Ihr denn da?" rief Hinzelmeier. "Das wei ich nicht", sagte der Mann, "aber ich habe da eine verwnschte Glocke an der Mtze, die mich abscheulich im Denken strt." "Warum zupft Ihr Euch denn aber so entsetzlich an der Nase?" Oh", sagte der Mensch und lie den Nasenzipfel fahren, da er mit einem Klapps wieder in seine alte Form zurckschnellte--"da bitte ich um Entschuldigung; aber ich leide oftmals an Gedanken, denn ich suche den Stein der Weisen." "Mein Gott!" sagte Hinzelmeier, "da seid Ihr wohl, gar des Nachbars Kasperle; der gar nicht wieder nach Haus gekommen ist?" "Ja", sagte der Mensch und reichte Hinzelmeier die Hand, "der bin ich." "Und ich bin Nachbars Hinzelmeier", sagte dieser, "und suche auch den Stein der Weisen." Hierauf reichten sie sich noch einmal die Hnde und kreuzten dabei die Finger auf eine Weise, woran sie sich gegenseitig als Eingeweihte erkannten. Dann sagte Kasperle: "Ich suche den Stein der Weisen jetzt nicht mehr." "Da reist Ihr vielleicht nach dem Rosengarten?" rief Hinzelmeier. "Nein", sagte Kasperle, "ich suche den Stein nicht mehr; aber ich habe ihn bereits gefunden." Da verstummte Hinzelmeier eine ganze Zeit lang; endlich faltete er andchtig die Hnde und sagte feierlich: "Es mute schon so kommen, ich wute es wohl; denn ich habe vor neun Jahren den Teufel aus der Welt geschossen." "Das mu sein Sohn gewesen sein", sagte der Andere, "dem alten Teufel bin ich noch vorgestern begegnet." "Nein", sagte Hinzelmeier, "es war der alte Teufel; denn er hatte Hrner vor der Stirn und einen Schwanz mit schwarzer Quaste. Aber erzhlt mir doch, wie Ihr den Stein gefunden habt. "Das ist einfach", sagte Kasperle; "dort unten im Dorfe wohnen lauter dumme Leute, die nur mit Schafen und Rindvieh verkehren; sie wuten nicht, welchen Schatz sie besaen; da habe ich ihn in einem alten Keller gefunden und mit drei Sechslingen das Pfund bezahlt. Und nun denke ich bereits seit gestern darber nach, wozu er ntze sei und htte es vermutlich schon gefunden, wenn mich die verwnschte Glocke nicht dabei gestrt htte." "Lieber Herr Kollege!" sagte Hinzelmeier, "das ist eine hchst kritische Frage, woran vor Euch wohl noch kein Mensch gedacht hat! Aber wo habt Ihr denn den Stein?" "Ich sitze darauf", sagte Kasperle und zeigte aufstehend Hinzelmeiern den runden, wachsgelben Krper, worauf er bisher gesessen hatte. "Ja", sagte Hinzelmeier, "es ist kein Zweifel, Ihr habt ihn wirklich gefunden; aber nun lat uns bedenken, wozu er ntze sei." Damit setzten sie sich einander gegenber auf den Boden, indem sie den Stein zwischen sich nahmen und die Ellenbogen auf ihre Knie sttzten. So saen und saen sie; die Sonne ging unter, der Mond ging auf und noch immer hatten sie nichts gefunden. Mitunter fragte der Eine: "Habt Ihr's" aber der Andere schttelte immer mit dem Kopfe und sagte: "Nein, ich nicht; habt Ihr's?" und dann antwortete der Andere: "Ich auch nicht." Krahirius ging ganz vergngt im Grase auf und nieder und fing sich Frsche. Kasperle zupfte sich schon wieder an seiner schnen, groen Nase; da ging der Mond unter und die Sonne kam herauf; und Hinzelmeier fragte wieder: "Habt Ihr's?" und Kasperle schttelte wieder den Kopf und sagte: "Nein, ich nicht, habt Ihr's?" und Hinzelmeier antwortete trbselig: "Ich auch nicht." Dann dachten sie wieder eine ganze Weile nach; endlich sagte Hinzelmeier: "So mssen wir erst die Brille polieren, dann werden wir hernach schon sehen, wozu er ntze sei." Und kaum hatte Hinzelmeier seine Brille abgenommen, so lie er sie vor Erstaunen ins Gras fallen und rief: "Ich hab es! Herr Kollege, man mu ihn essen! Nehmt nur geflligst die Brille von Eurer schnen Nase." Da nahm auch Kasperle die Brille herunter und nachdem er seinen Stein eine Weile betrachtet hatte, sagte er: "Dieses ist ein sogenannter Lederkse und mu mit des Himmels Hilfe gegessen werden. Bedienen Sie sich, Herr Kollege!" Und nun zogen beide ihre Messer aus der Tasche und hieben wacker in den Kse ein. Krahirius kam herbeigeflogen und nachdem er die Brille aus dem Grase aufgesammelt und ber seinen Schnabel geklemmt hatte, setzte er sich gemchlich zwischen die Essenden und schnappte nach den Rinden. "Ich wei nicht", sagte Hinzelmeier, nachdem der Kse verzehrt war, "mir ist unmageblich zumute, als wre ich dem Stein der Weisen um ein Erkleckliches nher gerckt." "Wertester Herr Kollege", erwiderte Kasperle, "Ihr sprecht mir aus der Seele. So lat uns denn ungesumt unsere Wanderung fortsetzen." Nach diesen Worten umarmten sie sich; Kasperle ging nach Westen, Hinzelmeier nach Osten und zu seinen Hupten, die Brille auf dem Schnabel, flog Krahirius. Der Stein der Weisen Aber er wanderte hin und her, kreuz und quer, sein Haar ergraute, seine Beine wurden wankend; am Stabe ging er von Land zu Land und immer fand er doch den Stein der Weisen nicht. So waren noch einmal neun Jahre vergangen, als er eines Abends, wie er es jeden Abend zu tun pflegte, in ein Wirtshaus trat. Krahirius putzte wie gewhnlich seine Brille und hpfte dann in die Kche um sich sein Abendbrot zu betteln. Hinzelmeier trat in die Stube und lehnte seinen Stab in die Kachelofenecke; dann setzte er sich still und mde in den groen Lehnstuhl. Der Wirt stellte einen Krug Wein vor ihn hin und sagte freundlich: "Ihr scheint mde, lieber Herr; trinket nur, das wird Euch strken!" "Ja", sagte Hinzelmeier und fate den Krug mit beiden Hnden, "sehr mde; ich bin lange gewandert, sehr lange." Dann schlo er die Augen und tat einen durstigen Zug aus dem Weinkruge. "Wenn Ihr der Herr des Vogels seid, so glaube ich fast, es ist nach Euch gefragt worden", sagte der Wirt. "Wie heit Ihr denn, lieber Herr?" "Ich heie Hinzelmeier." "Nun", sagte der Wirt, "Euren Enkel, den Gemahl der schnen Frau Abel, den kenne ich recht wohl." "Das ist mein Vater", sagte Hinzelmeier, "und die schne Frau Abel ist meine Mutter." Der Wirt zuckte mit den Achseln und indem er sich nach seiner Schenke wandte, sagte er bei sich selber: "Der arme alte Mann ist kindisch geworden." Hinzelmeier lie den Kopf auf seine Brust sinken und erkundigte sich, wer nach ihm gefragt habe. "Es war nur eine arme Dirne", sagte der Wirt, "sie trug ein weies Kleid und ging mit nackten Fen." Da lchelte Hinzelmeier und sagte leise: "Das war die Rosenjungfrau, nun wird es bald besser werden. Wohin ist sie gegangen?" "Es schien ein Blumenmdchen zu sein", sagte der Wirt, "wenn Ihr sie sprechen wollt, Ihr werdet sie leicht an den Straenecken finden knnen." "Ich mu ein Weilchen schlafen", sagte Hinzelmeier, "gebt mir eine Kammer und wenn der Hahn krht, dann klopft an meine Tr." Nun gab der Wirt ihm eine Kammer und Hinzelmeier legte sich zur Ruhe. Er trumte von seiner schnen Mutter; er lchelte, sie sprach im Traum zu ihm. Da flog Krahirius durch das offene Fenster und setzte sich zu seinen Hupten auf das Bett. Er strubte seine schwarzen Federn und hackte mit seiner Klaue sich die Brille von dem Schnabel. Dann stand er unbeweglich auf einem Bein und sah auf den Schlafenden hinunter. Der trumte weiter und seine schne Mutter sprach zu ihm: "Vergi die Rose nicht!" Der Schlafende nickte leise mit dem Kopfe; der Rabe aber ffnete die Klaue und lie die Brille auf seine Nase fallen. Da verwandelten sich seine Trume; seine eingefallenen Wangen begannen zu zucken, er streckte sich lang aus und sthnte.--So kam die Nacht. Als im Zwielicht der Hahn gekrht hatte, klopfte der Wirt an die Kammertr; Krahirius reckte die Flgel und zupfte seinen Federbalg zurecht; dann schrie er "krahira! krahira!" Hinzelmeier richtete sich mhsam auf und starrte um sich her; da sah er durch die Brille, die noch auf seiner Nase sa, zur Kammertr hinaus, ber ein weites, des Feld; dann weiterhin auf einen mhlich ansteigenden Hgel; auf diesem, unter dem Rumpfe einer alten Weide, lag ein grauer, flacher Stein; die Gegend war einsam, kein Mensch zu sehen. "Das ist der Stein der Weisen!" sagte Hinzelmeier zu sich selber. "Endlich, endlich wird er dennoch mein werden!" Hastig warf er seine Kleider ber, nahm Stab und Ranzen und schritt zur Tr hinaus. Krahirius flog zu seinen Hupten, knappte mit dem Schnabel und schlug beim Fliegen Purzelbume in der Luft. So wanderten sie viele Stunden. Endlich schienen sie ihrem Ziele nher zu kommen; aber Hinzelmeier war ermdet, seine Brust keuchte, der Schwei troff von seinen weien Haaren; er stand still und sttzte sich auf seinen Stab. Da kam aus der Ferne, hinter ihm, ganz aus der Ferne, fast wie ein Traum, ein Gesang zu ihm herber: Rinke, ranke, Rosenschein, La ihn nicht allein, allein! Halt ihn fest und hol ihn ein, Rinke, ranke, Rosenschein. Das spann sich wie ein goldenes Netz um ihn her; er lie den Kopf auf seine Brust sinken; aber Krahirius schrie: "krahira! krahira!" da war das Lied verschollen und als Hinzelmeier die Augen wieder aufschlug, stand er am Fue des Hgels. "Nur eine kleine Weile noch", sagte er zu sich selber und lie noch einmal seine mden Fe wandern. Als er aber den groen, breiten Stein allmhlich in der Nhe sah, da dachte er: "Den wirst du nimmer heben." Endlich hatten sie die Hhe erreicht, Krahirius flog voran mit ausgebreiteten Schwingen und lie sich auf den Baumstamm nieder; Hinzelmeier wankte zitternd hinterher. Als er aber den Baum erreicht hatte, brach er zusammen, der Wanderstab glatt aus seiner Hand, sein Kopf sank auf den Stein zurck; doch in demselben Augenblick fiel auch die Brille von seiner Nase. Da sah er tief am Horizonte, am Rande der den Ebene, die er durchwandert hatte, die weie Gestalt der Rosenjungfrau; und noch einmal hrte er aus weiter Ferne: Rinke--ranke--Rosenschein. Er wollte aufstehen, aber er vermochte es nicht mehr; er streckte seine Arme aus, aber ein Frsteln lief ber seine Glieder; der Himmel wurde grau und grauer, der Schnee fing an zu fallen, Flocke um Flocke, es schimmerte und flirrte und zog weie Schleier zwischen ihm und der fernen, nebelhaften Gestalt. Er lie die Arme fallen, seine Augen sanken ein, sein Atem hrte auf. Auf dem Weidenstumpf zu seinen Hupten steckte der Rabe den Schnabel zum Schlaf in seine Flgeldecken.--Der Schnee fiel ber sie beide. Die Nacht kam und nach der Nacht kam der Morgen und mit dem Morgen kam die Sonne, die schmolz den Schnee hinweg und mit der Sonne kam die Rosenjungfrau; die lste ihre Flechten und kniete neben dem Toten, da die blonden Haare sein bleiches Antlitz ganz bedeckten und weinte, bis der Tag verging. Als aber die Sonne erlosch, gurrte der Rabe im Schlaf und rauschte mit den Federn. Da richtete die zarte Gestalt der Jungfrau sich vom Boden auf, mit ihrer weien Hand ergriff sie den Raben bei den Flgeln und schleuderte ihn in die Luft, da er krchzend in den grauen Himmel hineinflog, sie pflanzte die rote Rose an den Stein und sang dazu: "Nun streck die Wrzlein tief hinab, Nun wirf die Blttlein bers Grab, Und singt der Wind im Abendschein, Dann sprich auch du ein Wort darein, Mit rinke, ranke, Rosenschein!" Dann zerri sie ihr weies Kleid vom Saum bis an den Grtel und ging zu ewiger Gefangenschaft in den Rosengarten zurck. Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hinzelmeier, von Theodor Storm. 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