Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau; This Etext is in German. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. IN ST. JRGEN von THEODOR STORM Novelle (1867) Es ist nur ein schmuckloses Stdtchen, meine Vaterstadt; sie liegt in einer baumlosen Kstenebene, und ihre Huser sind alt und finster. Dennoch habe ich sie immer fr einen angenehmen Ort gehalten, und zwei den Menschen heilige Vgel scheinen diese Meinung zu teilen. Bei hoher Sommerluft schweben fortwhrend Strche ber der Stadt, die ihre Nester unten auf den Dchern haben; und wenn im April die ersten Lfte aus dem Sden wehen, so bringen sie gewi die Schwalben mit, und ein Nachbar sagt's dem andern, da sie gekommen sind.--So ist es eben jetzt. Unter meinem Fenster im Garten blhen die ersten Veilchen, und drben auf der Planke sitzt auch schon die Schwalbe und zwitschert ihr altes Lied: Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm; und je lnger sie singt, je mehr gedenke ich einer lngst Verstorbenen, der ich fr manche gute Stunde meiner Jugend zu danken habe. Meine Gedanken gehen die lange Strae hinauf bis zum uersten Ende, wo das St.-Jrgens-Stift liegt; denn auch unsere Stadt hat ein solches, wie im Norden die meisten Stdte von einiger Bedeutung. Das jetzige Haus ist im sechzehnten Jahrhundert von einem unserer Herzge erbaut und durch den Wohlttigkeitssinn der Brger allmhlich zu einem gewissen Reichtum gediehen, so da es nun fr alte Menschen, die nach der Not des Lebens noch vor der ewigen Ruhe den Frieden suchen, einen gar behaglichen Aufenthaltsort bildet.--Mit der einen Seite streckt es sich an dem St.-Jrgens-Kirchhof entlang, unter dessen mchtigen Linden schon die ersten Reformatoren gepredigt haben; die andere liegt nach dem innern Hofe und einem angrenzenden schmalen Grtchen, aus dem in meiner Jugendzeit die Pfrndnerinnen sich ihr Struchen zum sonntglichen Gottesdienste pflckten. Unter zwei schweren gotischen Giebeln fhrt ein dunkler Torweg von der Strae her in diesen Hof, von welchem aus man durch eine Reihe von Tren in das Innere des Hauses, zu der gerumigen Kapelle und zu den Zellen der Stiftsleute gelangt. Durch jenes Tor bin ich als Knabe oft gegangen; denn seitdem, lange vor meiner Erinnerung, die groe St.-Marien-Kirche wegen Bauflligkeit abgebrochen war, wurde der allgemeine Gottesdienst viele Jahre hindurch in der Kapelle des St.-Jrgens-Stiftes gehalten. Wie oft zur Sommerzeit, ehe ich in die Kapellentr trat, bin ich in der Stille des Sonntagsmorgens zgernd auf dem sonnigen Hofe stehengeblieben, den von dem nebenliegenden Grtchen her, je nach der Jahreszeit, Goldlack-, Nelken- oder Resedaduft erfllte.--Aber dies war nicht das einzige, weshalb mir derzeit der Kirchgang so lieblich schien; denn oftmals, besonders wenn ich ein Stndchen frher auf den Beinen war, ging ich weiter in den Hof hinab und lugte nach einem von der Morgensonne beleuchteten Fensterchen im obern Stock, an dessen einer Seite zwei Schwalben sich ihr Nest gebaut hatten. Der eine Fensterflgel stand meistens offen; und wenn meine Schritte auf dem Steinpflaster laut wurden, so bog sich wohl ein Frauenkopf mit grauem glattgescheiteltem Haar unter einem schneeweien Hubchen daraus hervor und nickte freundlich zu mir herab. "Guten Morgen, Hansen", rief ich dann; denn nur bei diesem, ihrem Familiennamen, nannten wir Kinder unsere alte Freundin; wir wuten kaum, da sie auch noch den wohlklingenden Namen "Agnes" fhrte, der einst, da ihre blauen Augen noch jung und das jetzt graue Haar noch blond gewesen, gar wohl zu ihr gepat haben mochte. Sie hatte viele Jahre bei der Gromutter gedient und dann, ich mochte damals in meinem zwlften Jahre sein, als die Tochter eines Brgers, der der Stadt Lasten getragen, im Stifte Aufnahme gefunden. Seitdem war eigentlich fr uns aus dem gromtterlichen Hause die Hauptperson verschwunden; denn Hansen wute uns allezeit, und ohne da wir es merkten, in behagliche Ttigkeit zu setzen; meiner Schwester schnitt sie die Muster zu neuen Puppenkleidern, whrend ich mit dem Bleistift in der Hand nach ihrer Angabe allerlei knstliche Prendelschrift anfertigen oder auch wohl ein jetzt selten gewordenes Bild der alten Kirche nachzeichnen mute, das in ihrem Besitze war. Nur eines ist mir spter in diesem Verkehr aufgefallen; niemals hat sie uns ein Mrchen oder eine Sage erzhlt, an welchen beiden doch unsere Gegend so reich ist; sie schien es vielmehr als etwas Unntzes oder gar Schdliches zu unterdrcken, wenn ein anderer von solchen Dingen anheben wollte. Und doch war sie nichts weniger als eine kalte oder phantasielose Natur. --Dagegen hatte sie an allem Tierleben ihre Freude; besonders liebte sie die Schwalben und wute ihren Nesterbau erfolgreich gegen den Kehrbesen der Gromutter zu verteidigen, deren fast hollndische Sauberkeit sich nicht wohl mit den kleinen Eindringlingen vertragen konnte. Auch schien sie das Wesen dieser Vgel genauer beobachtet zu haben. So entsinne ich mich, da ich ihr einst eine Turmschwalbe brachte, die ich wie leblos auf dem Steinpflaster des Hofes gefunden hatte. "Das schne Tier wird sterben", sagte ich, indem ich traurig das glnzende braunschwarze Gefieder streichelte; aber Hansen schttelte den Kopf. "Die?" sagte sie, "das ist die Knigin der Luft; ihr fehlt nichts als der freie Himmel! Die Angst vor einem Habicht wird sie zu Boden geworfen haben; da hat sie mit den langen Schwingen sich nicht helfen knnen." Dann gingen wir in den Garten; ich mit der Schwalbe, die ruhig in meiner Hand lag, mich mit den groen braunen Augen ansehend. "Nun wirf sie in die Luft!" rief Hansen. Und staunend sah ich, wie, von meiner Hand geworfen, der scheinbar leblose Vogel gedankenschnell seine Schwingen ausbreitete und mit hellem Zwitscherlaut wie ein befiederter Pfeil in dem sonnigen Himmelsraum dahinscho. "Vom Turm aus", sagte Hansen, "solltest du sie fliegen sehen; das heit von dem Turm der alten Kirche, der noch ein Turm zu nennen war." Dann, mit einem Seufzer meine Wangen streichelnd, ging sie ins Haus zurck an die gewohnte Arbeit. "Weshalb seufzt denn Hansen so?" dachte ich.--Die Antwort auf diese Frage erhielt ich erst viele Jahre spter, aus einem mir damals gnzlich fremden Munde. Nun war sie in den Ruhestand versetzt, aber ihre Schwalben hatten sie zu finden gewut, und auch wir Kinder wuten sie zu finden. Wenn ich am Sonntagmorgen vor der Kirchzeit in das saubere Stbchen der alten Jungfrau trat, pflegte sie schon im feiertglichen Anzuge vor ihrem Gesangbuche zu sitzen. Wollte ich dann neben ihr auf dem kleinen Kanapee Platz nehmen, so sagte sie wohl: "Ei was, da siehst du ja die Schwalben nicht!" Dann rumte sie einen Geranien- oder einen Nelkenstock von der Fensterbank und lie mich in der tiefen Fensternische auf ihrem Lehnstuhl niedersetzen. "Aber so fechten mit den Armen darfst du nicht", fgte sie dann lchelnd hinzu; "so junge muntere Gesellen sehen sie nicht alle Tage!" Und dann sa ich ruhig und sah, wie die schlanken Vgel im Sonnenscheine ab und zu flogen, ihr Nest bauten oder ihre Jungen ftterten, whrend Hansen mir gegenber von der Herrlichkeit der alten Zeit erzhlte; von den Festen im Hause meines Urgrovaters, von den Aufzgen der alten Schtzengilde oder--und das war ihr Lieblingsthema--von der Bilder- und Altarpracht der alten Kirche, in der sie selbst noch zur Enkelin des letzten Trmers Gevatter gestanden hatte; bis dann endlich von der Kapelle her der erste Orgelton zu uns herberbrauste. Dann stand sie auf, und wir gingen miteinander durch einen schmalen endlosen Korridor, welcher nur durch die verhangenen Trfensterchen der zu beiden Seiten liegenden Zellen ein karges Dmmerlicht empfing. Hier und dort ffnete sich eine dieser Tren, und in dem Schein, der einige Augenblicke die Dunkelheit unterbrach, sah ich alte, seltsam gekleidete Mnner und Frauen auf den Gang hinausschlurfen, von denen die meisten wohl schon vor meiner Geburt aus dem Leben der Stadt entschwunden waren. Gern htte ich dann dies oder jenes gefragt; aber auf dem Wege zur Kirche hatte ich von Hansen keine Antwort zu erwarten; und so gingen wir denn schweigend weiter, am Ende des Ganges Hansen mit der alten Gesellschaft auf einer Hintertreppe nach unten zu den Pltzen der Stiftsleute, ich oben auf das Chor, wo ich trumend dem sich drehenden Glockenspiel der Orgel zusah und, wenn unser Propst die Kanzel bestiegen hatte--ich will es gestehen--, seine gewi wohlgesetzte Predigt meist nur wie ein eintniges Wellengerusch und wie aus weiter Ferne an mein Ohr dringen fhlte; denn unter mir, gegenber, hing das lebensgroe Portrt eines alten Predigers mit langen schwarzkrausen Haaren und seltsam geschorenem Schnurrbart, das bald meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen pflegte. Mit den melancholischen schwarzen Augen blickte es so recht wie aus der dumpfen Welt des Wunder- und Hexenglaubens in die neue Zeit hinauf und erzhlte mir weiter von der Stadt Vergangenheit, wie es in den Chroniken zu lesen stand, bis hinab zu dem bsen Stegreifjunker, dessen letzte Untat einst das Epitaphium des Ermordeten in der alten Kirche berichtet hatte.--Freilich, wenn dann pltzlich die Orgel das "Unsern Ausgang segne Gott" einsetzte, so schlich ich mich meist verstohlen wieder ins Freie; denn es war kein Spa, dem Examen meiner alten Freundin ber die gehrte Predigt standhalten zu mssen. Von ihrer eigenen Vergangenheit pflegte Hansen nicht zu erzhlen; ich war schon ein paar Jahre lang Student gewesen, als ich bei einem Ferienbesuch in der Heimat darber zum ersten Mal etwas von ihr erfuhr. Es war im April, an ihrem fnfundsechzigsten Geburtstage. Wie in frheren Jahren, so hatte ich ihr auch heute die beiden hergebrachten Dukaten von der Gromutter und einige kleine Geschenke von uns Geschwistern berbracht und war von ihr mit einem Glschen Malaga bewirtet worden, den sie fr solche Tage in ihrem Wandschrnkchen aufbewahrte. Nachdem wir ein Weilchen geplaudert hatten, bat ich sie, mir heute, wie ich schon lange gewnscht, den Festsaal zu zeigen, in dem seit Jahrhunderten die Vorsteher der Stiftung nach der jhrlichen Rechnungsablage ihre Schmuse zu feiern pflegten. Hansen willigte ein, und wir gingen miteinander den dunkeln Korridor entlang; denn der Saal lag jenseits der Kapelle am andern Ende des Hauses. Als ich beim Hinabsteigen der Hintertreppe ausglitt und die letzten Stufen hinabstolperte, wurde unten auf dem Flur eine Tr aufgerissen, und der unheimliche nackte Kopf eines neunzigjhrigen Mannes reckte sich daraus hervor. Er murmelte ein paar halbverstndliche Scheltworte und stierte uns dann, bis wir durch die Tr der Kapelle traten, mit den verglasten Augen nach. Ich kannte ihn wohl; die Stiftsleute hieen ihn den "Spkenkieker"; denn sie behaupteten, er knne "was sehen". "Die Augen knnten einen frchten machen", sagte ich zu Hansen, als wir durch die Kapelle gingen. Sie meinte: "Er sieht dich gar nicht; er sieht nur noch rckwrts in sein eignes trichtes und sndhaftes Leben." "Aber", erwiderte ich scherzend, "er sieht doch dort in der Ecke die offenen Srge stehen, whrend die darin liegen, noch lebend unter euch umherwandern." "Das sind auch nur Schatten, mein Kind; er tut nichts Arges mehr. Freilich", setzte sie hinzu, "ins Stift gehrte er nicht und hat auch nur auf eine der Freistellen des Amtmanns hineinschlpfen knnen; denn wir andern mssen unsere brgerliche Reputation nachweisen, ehe wir hier angenommen werden." Wir hatten inzwischen den Schlssel bei der Wirtschafterin abgelangt und stiegen nun die Treppe zu dem Festsaal hinauf.--Es war nur ein mig groes, niedriges Gemach, das wir betraten. An der einen Wand sah man eine altertmliche Stutzuhr aus dem Nachla einer hier Verstorbenen, an der gegenberstehenden hing das lebensgroe Bild eines Mannes in einfachem rotem Wams; sonst war das Zimmer ohne Schmuck. "Das ist der gute Herzog, der das Stift gebaut hat", sagte Hansen; "aber die Menschen genieen seine Gaben und denken nicht mehr an ihn, wie er es doch bei seiner Lebzeit wohl gewnscht hat." "Aber du gedenkst ja seiner, Hansen." Sie sah mich mit ihren sanften Augen an. "Ja, mein Kind", sagte sie, "das liegt so in meiner Natur; ich kann nur schwer vergessen." Die Wnde nach der Strae und nach dem Kirchhofe hatten eine Reihe Fenster mit kleinen in Blei gefaten Scheiben; und in jeder fast war ein Name, meist aus mir bekannten angesehenen Brgerfamilien, mit schwarzer Farbe eingebrannt; darunter: "Speisemeister dahier Anno--", und dann folgte die betreffende Jahreszahl. "Siehst du, das ist dein Urgrovater", sagte Hansen, indem sie auf eine dieser Scheiben wies; "den vergesse ich auch nicht; mein Vater hat bei ihm die Handlung gelernt und spter oft Rat und Tat bei ihm geholt; leider, in der schwersten Zeit, da hatte er schon seine Augen zugetan." Ich las einen andern Namen: "Liborius Michael Hansen, Speisemeister Anno 1799." "Das war mein Vater!" sagte Hansen. "Dein Vater? Wie kam es denn eigentlich--?" "Da ich mein halbes Leben gedient habe, meinst du, whrend ich doch zu den Honoratiorentchtern gehrte?" "Ich meine, was war es eigentlich wodurch das Unglck ber deine Familie kam?" Hansen hatte sich auf einen der alten Ledersthle gesetzt. "Das war nichts Besonderes, mein Kind", sagte sie; "es war Anno sieben, zur Zeit der Kontinentalsperre; damals florierten die Spitzbuben, und die ehrlichen Leute gingen zugrunde. Und ein ehrlicher Mann war mein Vater!--Er hat den Namen auch mit ins Grab genommen", fuhr sie nach einem kurzen Schweigen fort. "Ich sehe es noch, wie er mir einst, da wir miteinander durch die Krmerstrae gingen, ein altes, nun lngst verschwundenes Haus zeigte. "Merke dir das", sagte er zu mir, "hier wohnte Anno 1549, da am Sonntage Jubilate die groe Feuersbrunst ausbrach, der fromme Kaufmann Meinke Graveley. Da die Flammen heranbrausten, sprang er mit Elle und Waage auf die Gasse und flehte zu Gott, wenn er je mit Wissen und Willen seinen Nchsten um eines Krnleins Wert geschdiget, so mge sein Haus nicht verschont bleiben. Aber die Flamme sprang darber hin, whrend alles rings in Asche fiel. "Siehst du, mein Kind", setzte mein Vater hinzu, indem er seine Hnde in die Hhe hob, "das knnte auch ich tun; und auch ber unser Haus wrde die Strafe des Herrn hinweggehen."--Hansen sah mich an. "Der Mensch soll sich nicht rhmen", sagte sie dann. "Du bist nun alt genug, da ich dir es wohl erzhlen mag; du mut doch von mir wissen, wenn ich nicht mehr bin. --Mein guter Vater hatte eine Schwche; er war aberglubig. Diese Schwche brachte ihn dahin, da er in den Tagen der uersten Not etwas beging, das ihm bald das Herz brach; denn er konnte seitdem die Geschichte von dem frommen Kaufmann nicht mehr erzhlen. In dem Hause neben uns wohnte ein Tischlermeister. Als er mit seiner Frau frhzeitig verstarb, wurde mein Vater der Vormund seines nachgelassenen Sohnes. Harre--diesen friesischen Namen fhrte der Knabe--las gern in den Bchern und war auch schon in der Tertia unserer Lateinischen Schule; aber die Mittel reichten doch nicht zum Studieren; und so blieb er denn bei dem Handwerk seines Vaters. Als er spter Geselle wurde und nach zweijhriger Wanderung wieder eine Zeitlang bei einem Meister gearbeitet hatte, wurde es auch bald bekannt, da er zu den feineren Arbeiten in seinem Fach ein besonderes Geschick habe. Wir beide waren miteinander aufgewachsen; als er noch in der Lehre war, las er mir oft aus den Bchern vor, die er sich von seinen frheren Schulkameraden geliehen hatte. Du weit, wir wohnten am Markt in dem Erkerhause dem Rathause gegenber; da steht noch jetzt ein mchtiger Buchsbaum im Garten. Wie oft haben wir mit unserem Buche unter diesem Baum gesessen, whrend ber uns die Bienen in den kleinen grnen Blten summten!--Nach seiner Rckkehr war das nicht anders geworden, er kam oft in unser Haus; mit einem Wort, mein lieber Junge, wir beiden hatten uns gern und suchten das auch nicht zu verbergen. Meine Mutter lebte nicht mehr; was mein Vater dazu dachte und ob er berhaupt etwas darber gedacht, das hab ich nie erfahren. Auch kam es nicht so weit, da es ein rechtes Verlbnis wurde. Eines Morgens in den ersten Frhlingstagen war ich in unsern Garten gegangen; die Krokus und die roten Leberblumen schickten sich schon an zu blhen, es war alles ringsumher so jung und frisch; aber mir selbst war schwer zu Sinne; die Sorgen meines Vaters drckten auch mich. Obwohl er niemals ber seine Angelegenheiten zu mir geredet, so fhlte ich doch, da es immer schneller abwrts ging. In den letzten Monaten hatte ich den Stadtdiener oft und fter in die Schreibstube gehen sehen; war er fort, so verschlo mein Vater sich stundenlang; und von manchem Mittagessen stand er auf, ohne die Speisen berhrt zu haben. In der letzten Woche hatte er einen ganzen Abend damit zugebracht, sich die Karten zu legen; auf meine wie im Scherz hingeworfene Frage, worber er denn Auskunft von seinem Orakel erwarte, hatte er mich stumm mit der Hand zurckgewiesen und war dann spter mit einem kurzen "Gute Nacht" in seine Kammer gegangen. Das alles lag mir auf dem Herzen; und meine Augen, die nach innen sahen, wuten nichts von dem klaren Sonnenschein, der drauen die ganze Welt verklrte. Da hrte ich unten von der Marsch herauf die Lerchen singen; und du weit es ja wohl, mein Kind, in der Jugend ist das Herz noch so leicht, der kleinste Vogel trgt es mit empor. Mir war pltzlich, als she ich ber allen Dunst der Sorge hinweg in eine sonnige Zukunft; als brauchte ich nur den Fu hineinzusetzen. Ich wei noch, wie ich an den Beeten hinkniete und mit welcher Freude ich nun die Knospen und das junge Grn betrachtete, das berall aus dem Scho der Erde hervortrieb. Ich dachte auch an Harre und zuletzt, glaub ich, nur an ihn. Indem hrte ich die Gartentr aufklinken, und wie ich aufsah, kam er selber mir entgegen. Ob auch ihn die Lerche froh gemacht hatte--er sah aus wie die Hoffnung selbst. "Guten Morgen, Agnes", rief er, "wei du was Neues--?" "Ist's denn was Gutes, Harre?" "Versteht sich, was sollt es sonst wohl sein! Ich will Meister werden und das in allernchster Zeit." Kannst du wohl denken, da ich ordentlich erschrak! Denn ich dachte doch gleich: Mein Gott, nun braucht er auch die Frau Meisterin! Ich mag wohl ganz verdutzt ausgesehen haben; denn Harre fragte mich: "Fehlt dir etwas, Agnes?" "Mir, Harre? Ich glaube nicht", sagte ich. "Der Wind wehte so khl ber mich hin."--Das war nun wohl gelogen; allein der liebe Gott hat es nun einmal so eingerichtet, da wir in solchem Fall nicht sagen knnen, was der andere eben hren will. "Aber mir fehlt nun etwas", sagte Harre, "das Allerbeste fehlt mir!" Ich antwortete nichts hierauf, kein Wrtlein. Auch Harren ging eine Weile schweigend neben mir; dann fragte er auf einmal: "Was meinst du, Agnes, ob es wohl schon geschehen ist, da eine Krmerstochter einen Tischlermeister geheiratet hat?" Als ich aufsah und er mich mit seinen guten braunen Augen so bittend anblickte, da gab ich ihm die Hand und sagte ebenso: "Das wird wohl nun zum erstenmal geschehen." "Agnes", rief Harre, "was werden die Leute sagen!" "Ich wei nicht, Harre.--Aber wenn nun die Krmerstochter arm wre?" "Arm, Agnes?" und er fate mich so recht lustig bei beiden Hnden, "ist denn jung und hbsch noch nicht genug?" Es war ein glcklicher Tag damals; die Frhlingssonne schien, wir gingen Hand in Hand; und whrend wir schwiegen, sangen ber uns die Lerchen aus tausend hellen Kehlen. So waren wir unmerklich an den Brunnen gekommen, der an der Holunderwand des Gartens dem Hause gegenber lag. Ich blickte ber die Brettereinfassung in die Tiefe hinab. "Wie drunten das Wasser glitzert!" sagte ich. Das Glck macht mutwillig; Harre wollte mich necken. "Das Wasser?" sagte er. "Das ist das Gold, das aus der Tiefe funkelt." Ich wute nicht, was er damit meinte. "Weit du denn nicht, da ein Schatz in eurem Brunnen liegt?" fuhr er fort. "Guck nur genau zu; es sitzt ein graues Mnnlein mit dreieckigem Hut auf dem Grunde. Vielleicht ist's auch nur das brennende Licht in seiner Hand, das drunten so seltsam glitzert; denn er ist der Hter des Schatzes." Mir flog die Not meines Vaters durch den Sinn. Harre hob einen Stein auf und warf ihn hinab, und es dauerte eine Weile, ehe ein dumpfer Schall zu uns zurckkam. "Hrst du, Agnes?" sagte er, "das traf auf die Kiste." "Harre, red vernnftig!" rief ich, "was treibst du fr Narrenspossen!" "Ich spreche nur nach, was die Leute vorsprechen!" erwiderte er. Aber meine Neugierde war geweckt, vielleicht auch die Begierde nach den unterirdischen Reichtmern, die aller Not ein Ende machen konnten. "Woher hast du das Gerede?" fragte ich nochmals, "ich habe doch nie davon gehrt." Harre sah mich lachend an: "Was wei ich! von Hans oder Kunz, ich glaub, am letzten Ende kommt es von dem Halunken, dem Goldmacher." "Von dem Goldmacher?"--Mir kamen allerlei Gedanken. Der Goldmacher war ein herabgekommener Trdler; er konnte segnen und raten, Menschen und Vieh besprechen und alle die andern Geheimnisse, womit derzeit noch bei den Leichtglubigen ein eintrgliches Geschft zu machen war. Es ist derselbe, den sie jetzt den Spkenkieker nennen, welchen Namen er grade so gut wie seinen damaligen verdient hat. Er war in den letzten Tagen, da ich eben auf der Auendiele zu tun hatte, ein paarmal in meines Vaters Schreibstube gegangen und hatte sich dann, ohne auf sein demtig gesprochenes "Herr Hansen bei der Hand?" meine Antwort abzuwarten, mit scheuem Blick an mir vorbeigeschoben. Einmal war er fast eine Stunde drinnen gewesen; kurz vor seinem Fortgehen hatte ich das mir wohlbekannte Pult meines Vaters aufschlieen hren; dann war mir gewesen, als vernehme ich das Klirren von Geldstcken. Das alles kam mir jetzt in den Sinn. Aber Harre rttelte mich auf. "Agnes, trumst du?" rief er, "Oder willst du Schtze graben?" Ach, er kannte nicht die Not meines Vaters; ihm lag nur die eigene Zukunft in Gedanken, in die auch ich hineingehrte. Er ergriff meine beiden Hnde und rief frhlich: "Wir brauchen keine Schtze, Agnes; mein kleines Erbteil hat dein Vater schon fr mich erhoben; das reicht hin, um Haus und Werkstatt einzurichten. Und fr das Weitere", fgte er lchelnd hinzu, "la diese nicht ganz ungeschickten Hnde sorgen!" Ich vermochte seine hoffnungsreichen Worte nicht zu erwidern; der Schatz und der Goldmacher lagen mir im Sinn; ich wei nicht, war es eine tollkhne Hoffnung oder der Schatten eines drohenden Unheils, was mir die Brust beklemmte. Vielleicht ahnte es mir, da kurz darauf der Schatz meines ganzen Lebens in diesen Brunnen fallen wrde. Am andern Tage war ich nach einem benachbarten Dorfe hinausgefahren, wo die uns verwandte Predigerfrau sich wegen Erkrankung eines Kindes meine Hlfe erbeten hatte. Aber ich hatte keine Ruhe dort; mein Vater war in den letzten Tagen so still und doch wieder so unruhig gewesen; ich hatte ihn im Garten auf und ab rennen, dann wieder am Brunnen stehen und in die Tiefe hinabstarren sehen; mir wurde angst, er knne sich ein Leides antun. Am dritten Tage glaubte ich mich zu entsinnen, da er mich auf eine seltsam hastige Weise zu der Reise hingedrngt hatte; je mehr es gegen die Nacht ging, je beklommener wurde mir. Da gegen zehn Uhr der Mond aufging, so bat ich meinen Vetter, mich noch heute zur Stadt fahren zu lassen. Und so geschah es; nachdem er mir vergebens meine Unruhe auszureden gesucht hatte, wurde angespannt; und als es Mitternacht vom Turme schlug, hielt der Wagen vor unserm Hause. Es schien alles zu schlafen; erst als ich eine Zeitlang geklopft hatte, wurde drinnen die Kette abgehakt, und der Lehrling, der seine Kammer unten auf dem Flur hatte, ffnete die Haustr. Es war alles, wie es immer gewesen. "Ist der Herr zu Haus?" fragte ich. "Der Herr ist schon um zehn Uhr schlafen gegangen", war die Antwort. Ich stieg leichteren Herzens nach meiner Kammer hinauf, deren Fenster nach dem Garten lagen.--Die Nacht drauen war so hell, da ich, ohne Licht zu machen, noch einmal ans Fenster trat. Der Mond stand ber der Holunderwand, deren noch unbelaubte Zweige sich scharf gegen den Nachthimmel abzeichneten; und meine Gedanken gingen mit meinen Augen ber diese Erde hinaus zu dem groen liebreichen Gott, dem ich all meine Sorgen anvertraute.--Da, wie ich eben in das Zimmer zurcktreten wollte, sah ich pltzlich aus der Rhre des Brunnens, welcher dort im Schatten lag, eine rote Glut emporlodern; ich sah die am Rande wuchernden Grasbschel und dann darberher die Zweige des Gebsches wie in goldenem Feuer schimmern. Mich berfiel eine aberglubische Furcht; denn ich dachte an die Kerze des grauen Mnnleins, das drunten auf dem Grunde hocken sollte. Als ich aber schrfer hinblickte, bemerkte ich eine Leiter an der Brunnenwand, von der jedoch nur das oberste Ende von hier aus sichtbar war. Im selben Augenblicke hrte ich einen Schrei aus der Tiefe; dann ein Gepolter; und ein dumpfes Getse von Menschenstimmen scholl herauf. Mit einem Male erlosch die Helligkeit; und ich hrte deutlich, wie es sprossenweise an der Leiter emporklomm. Die Gespensterfurcht verlie mich; aber statt dessen beschlich mich eine unklare Angst um meinen Vater. Mit zitternden Knien ging ich nach seiner Schlafkammer, die neben der meinen lag. Als ich behutsam die Gardine von seinem Bette zurckzog, da beschien der Mond die leeren Kissen; sein armer Kopf hatte wohl schon lngst nicht mehr die Ruhe darauf gefunden; jetzt waren sie gnzlich unberhrt. In Todesangst lief ich die Treppe hinab nach der Hoftr; aber sie war verschlossen und der Schlssel abgezogen. Ich ging in die Kche und zndete Licht an; dann nach der Schreibstube, die ebenfalls ihre Fenster nach dem Garten hatte. Eine Zeitlang stand ich ratlos am Fenster und starrte hinaus; ich hrte Tritte zwischen den Holunderbschen, aber ich konnte nichts unterscheiden; denn die dahinterstehende Planke verbreitete trotz des Mondscheins tiefen Schatten. Da hrte ich drauen die Hoftr aufschlieen, und bald darauf wurde auch die Stubentr geffnet. Mein Vater trat herein.--Ich bin so alt geworden, aber ich habe es nicht vergessen; sein langes graues Haar triefte von Wasser oder Schwei; seine Kleider, die er sonst so peinlich sauber hielt, waren berall mit grnem Schlamm besudelt. Er fuhr sichtbar zusammen, als er mich erblickte. "Was ist das! Wie kommst du hieher?" sagte er hart. "Der Vetter lie mich herfahren, Vater!" "Um Mitternacht?--Das htte er knnen bleibenlassen." Ich sah meinen Vater an; er hatte die Augen niedergeschlagen und stand unbeweglich. "Es lie mir keine Ruhe", sagte ich, "Mir war, ich sei hier ntig, als msse ich zu dir." Der alte Mann lie sich auf einen Stuhl sinken und bedeckte sein Gesicht mit beiden Hnden. "Geh in deine Kammer", murmelte er; "ich will allein sein." Aber ich ging nicht. "La mich bei dir bleiben", sagte ich leise. Mein Vater hrte nicht auf mich; er erhob den Kopf und schien nach drauen hinzuhorchen. Pltzlich sprang er auf. "Still!" rief er, "hrst du's?" und sah mich mit weit offenen Augen an. Ich war ans Fenster getreten und sah hinaus. Es war alles tot und stille; nur die Holunderzweige schlugen, vom Nachtwinde bewegt, gegeneinander. "Ich hre nichts!" sagte ich. Mein Vater stand noch immer, als hre er auf etwas, das ihn mit Entsetzen erfllte. "Ich meinte, es sei keine Snde", sprach er vor sich hin; "es ist kein gottloses Wesen dabei, und der Brunnen steht, bis jetzt wenigstens, auf meinem Grund." Dann wandte er sich zu mir. "Ich wei, du glaubst nicht daran, mein Kind", sagte er, "aber es ist dennoch gewi; die Rute hat dreimal geschlagen, und die Nachrichten, die ich nur zu teuer habe bezahlen mssen, stimmen alle berein; es liegt ein Schatz in unserm Brunnen, der zur Schwedenzeit darin vergraben ist. Warum sollte ich ihn nicht heben!--Wir haben die Quelle abgedmmt und das Wasser ausgeschpft, und heute nacht haben wir gegraben." "Wir?" fragte ich. "Von welchem andern sprichst du?" "Es ist nur einer in der Stadt, der das versteht." "Du meinst doch nicht den Goldmacher? Das ist kein guter Helfer!" "Es ist nichts Gottloses mit dem Rutenschlagen, mein Kind." "Aber die es treiben, sind Betrger."--Mein Vater hatte sich wieder auf den Stuhl gesetzt und sah wie zweifelnd vor sich hin. Dann schttelte er den Kopf und sagte: "Der Spaten klang schon darauf; aber da geschah etwas"; --und sich unterbrechend, fuhr er fort: "Vor achtzehn Jahren starb deine Mutter; als sie es inne wurde, da sie uns verlassen msse, brach sie in ein bitteres Weinen aus, das kein Ende nehmen wollte, bis sie in ihren Todesschlaf verfiel. Das waren die letzten Laute, die ich aus deiner Mutter Mund vernahm." Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er zgernd, als scheue er sich vor dem Laut seiner eignen Stimme: "Heute nacht, nach achtzehn Jahren, da der Spaten auf die Kiste stie, habe ich es wieder gehrt. Es war nicht blo in meinem Ohr, wie es all die Jahre hindurch so oft gewesen ist; unter mir, aus dem Grund der Erde kam es herauf.--Man darf nicht sprechen bei solchem Werk; aber mir war, als schnitte das Eisen in deiner toten Mutter Herz.--Ich schrie laut auf, da erlosch die Lampe, und--siehst du", setzte er dumpf hinzu, "deshalb ist alles wieder verschwunden." Ich warf mich vor meinem Vater auf die Knie und legte meine Hnde um seinen Nacken. "Ich bin kein Kind mehr", sagte ich, "la uns zusammenhalten, Vater; ich wei, das Unglck ist in unser Haus gekommen." Er sagte nichts; aber er lehnte seine feuchte Stirn an meine Schulter; es war das erste Mal, da er an seinem Kinde eine Sttze suchte. Wie lange wir so gesessen haben, wei ich nicht. Da fhlte ich, da meine Wangen von heien Trnen na wurden, die aus seinen alten Augen flossen. Ich klammerte mich an ihn. "Weine nicht, Vater", bat ich, "wir werden auch die Armut ertragen knnen." Er strich mit seiner zitternden Hand ber mein Haar und sagte leise, so leise, da ich es kaum verstehen konnte: "Die Armut wohl, mein Kind, aber nicht die Schuld." Und nun, mein Junge, kam eine bittere Stunde; aber eine, die noch jetzt in meinem Alter mir als die trostvollste meines Lebens erscheint. Denn zum ersten Male konnte ich meinem Vater die Liebe seines Kindes geben; und von jenem Augenblicke an blieb sie ihm das Teuerste und bald auch das letzte, was er auf Erden noch sein nannte. Whrend ich neben ihm sa und heimlich meine Trnen niederschluckte, schttete mein Vater mir sein Herz aus. Ich wute nun, da er vor dem Bankerott stand; aber das war das Schlimmste nicht. In einer schlaflosen Nacht, da er vergebens auf seinem heien Kissen nach einem Ausweg aus dem Elend gesucht, war ihm die halbvergessene Sage von dem Schatz in unserem Brunnen wieder in den Sinn gekommen. Der Gedanke hatte ihn seitdem verfolgt; tags, wenn er ber seinen Bchern sa, des Nachts, wenn endlich ein schwerer Schlummer auf seiner Brust lag. In seinen Trumen hatte er das Gold im dunkeln Wasser brennen sehen; und wenn er morgens aufgestanden, immer wieder hatte es ihn hinaus an den Brunnen getrieben, um wie gebannt in die geheimnisvolle Tiefe hinabzustarren. Da hatte er sich dem argen Gehlfen anvertraut. Aber der war keineswegs sogleich bereit gewesen, sondern hatte vor allem eine bedeutende Summe zu den notwendigen Vorbereitungen des Werkes verlangt. Mein Armer Vater hatte schon keinen Willen mehr; er gab sie hin, und bald eine zweite und dritte. Das Traumgold verschlang das wirkliche, das noch in seinen Hnden war; aber dieses Gold war nicht sein eigen; es war das anvertraute Erbe seines Mndels. An Ersatz war nicht zu denken; wir rieten hin und wider; Verwandte, die uns zu helfen vermocht, hatten wir nicht; dein Grovater war nicht mehr; endlich gestanden wir uns, da von auen keine Hlfe zu hoffen sei.--Das Licht war ausgebrannt, ich hatte meinen Kopf an meines Vaters Brust gelegt, meine Hand ruhte in der seinen; so blieben wir im Dunkeln sitzen. Was dann weiter im geheimen Zwiesprach dieser Nacht zwischen uns gesprochen wurde, ich wei es nicht mehr. Aber niemals zuvor, da noch mein Vater unfehlbar vor mir stand, wie fast nur unser Herrgott selber, habe ich solch heilige Zrtlichkeit fr ihn gefhlt wie in jener Stunde, da er mir eine Tat vertraut hatte, die wohl nicht blo vor den Augen der Menschen ein Verbrechen war.--Allgemach erblichen am Himmel drauen die Sterne, ein kleiner Vogel sang aus den Holunderbschen, und der erste Schein des Morgenrots fiel in das dmmerige Zimmer. Mein Vater stand auf und trat an das Pult, auf dem seine groen Kontobcher lagen. Das lebensgroe lbild des Grovaters, mit dem Haarbeutel und dem lederfarbenen Kamisol, schien strenge auf den Sohn herabzusehen. "Ich werde noch einmal rechnen", sagte mein Vater, "bleibt das Fazit dasselbe", setzte er zgernd hinzu, indem er wie um Vergebung flehend zu dem Bilde seines Vaters aufblickte, "dann werde ich einen schweren Gang tun; denn ich bedarf der Barmherzigkeit Gottes und der Menschen." Auf seinen Wunsch verlie ich jetzt das Zimmer, und bald wurde es laut im Hause; der Tag war angebrochen. Als ich die ntigen Geschfte besorgt hatte, ging ich in den Garten und durch das Hinterpfrtchen auf den Weg hinaus; Harre pflegte hier vorbeizukommen, wenn er morgens nach der Werkstatt ging, in der er bis jetzt noch arbeitete. Ich brauchte nicht lange zu warten; als die Uhr sechs geschlagen, sah ich ihn kommen. "Harre, einen Augenblick!" sagte ich und winkte ihm, mit mir in den Garten zu treten. Er sah mich befremdet an; denn meine bse Botschaft war wohl auf meinem Gesicht geschrieben; auch stand ich, als ich ihn in eine Ecke des Gartens gezogen hatte, eine ganze Zeit und hatte seine Hand gefat, ohne da ich ein Wort hervorbringen konnte. Endlich aber sagte ich ihm alles, und dann bat ich ihn: "Mein Vater will zu dir gehen; sei nicht zu hart mit ihm." Er war totenbla geworden, und in seine Augen trat ein Ausdruck, vielleicht nur der Verzweiflung, der mich erschreckte. "Harre, Harre, was willst du mit dem alten Mann beginnen?" rief ich. Er drckte die Hand gegen seine Brust. "Nichts, Agnes", sagte er, indem er mich traurig lchelnd ansah; "aber ich mu nun fort von hier." Ich erschrak.--"Weshalb?" fragte ich stammelnd. "Ich darf deinen Vater nicht wiedersehen." "Du wirst ihm ja doch vergeben, Harre!" "Das wohl, Agnes; ich schulde ihm mehr als das; aber--er soll sein graues Haupt vor mir nicht demtigen. Und dann"--das setzte er wie beilufig noch hinzu--, "ich glaube auch, es geht jetzt mit dem Meisterwerden nicht." Ich sagte nichts hierauf; ich sah nur, wie das Glck, nach dem ich gestern schon die Hand gestreckt, in unsichtbare Ferne schwand; aber es war nichts mehr zu ndern; es war jetzt am besten so, wie es Harre wollte. Nur das sagte ich noch: "Wann wirst du gehen, Harre?" Ich wute selbst kaum, was ich sprach. "Sorge nur, da dein Vater mich heute nicht aufsucht", erwiderte er; "bis morgen frh bin ich mit allem fertig, was ich noch hier zu tun habe. Krnke dich auch nicht um mich, ich finde leicht ein Unterkommen." Nach diesen Worten trennten wir uns; das Herz war wohl zu voll, als da wir Weiteres htten sprechen knnen."--Die Erzhlerin schwieg eine Weile. Dann sagte sie: "Am andern Morgen sah ich ihn noch einmal, und dann nicht mehr; das ganze lange Leben niemals mehr." Sie lie den Kopf auf ihre Brust sinken; die Hnde, die auf ihrem Scho geruht hatten, wand sie leise umeinander, als msse sie damit das Weh beschwichtigen, das, wie einst das Herz des jungen blonden Mdchens, so noch jetzt den gebrechlichen Leib der Greisin zittern machte. Doch sie blieb nicht lange in dieser gebrochenen Stellung; sich gewaltsam aufraffend, erhob sie sich vom Stuhl und trat ans Fenster. "Was will ich klagen!" sagte sie und zeigte mit dem Finger auf die Scheibe, die ihres Vaters Namen trug. "Der Mann hat mehr gelitten als ich. La mich auch das dir noch erzhlen."--Harre war fort; er hatte von meinem Vater in einem herzlichen guten Briefe Abschied genommen; gesehen haben sie sich nicht mehr. Bald darauf waren die letzten gerichtlichen Schritte gegen uns getan, und die Erffnung des Konkurses sollte in nchster Zeit erfolgen. Es war damals Sitte in unserer Stadt, da alle ffentlichen Bekanntmachungen nicht wie jetzt durch den Prediger in der Kirche, sondern aus dem offenen Fenster des Ratssitzungssaales durch den Stadtsekretr verlesen wurden; bevor aber dies geschah, wurde eine halbe Stunde lang mit der kleinen Glocke vom Turm gelutet. Da unser Haus dem Rathause gegenber lag, so hatte ich dies oft beobachtet, und auch, wie sich unter dem Glockenschall Kinder und mige Leute vor den Rathausfenstern und auf der Treppe ber dem Ratskeller versammelten. Das nmliche geschah bei der Publizierung eines Konkursurtels; aber die Leute legten dann der Sache eine ble Bedeutung unter, und das Wort "Die Glocke hat ber ihn gelutet", galt fr einen Schimpf.--Ich hatte auch in solchen Fllen ohne viel Gedanken hingehrt; jetzt zitterte ich vor dem Eindruck, den dieser Vorgang auf das Gemt meines ohnehin tiefgebeugten Vaters machen wrde. Er hatte mir vertraut, da er sich deshalb durch einen befreundeten Ratsherrn an den Brgermeister gewandt habe; und der Ratsherr, ein gutmtiger Schwtzer, hatte ihm die Zusicherung gegeben, da die Publikation diesmal ohne die Glocke geschehen wrde. Ich selbst aber wute aus sicherer Quelle, da diese Zusicherung eine grundlose war. Dennoch lie ich meinen Vater in seinem arglosen Glauben und bemhte mich nur, ihn fr diesen Tag zu einer kleinen Reise aufs Land zu unsern Verwandten zu bereden. Aber er wollte, wie er mit schmerzlichem Lcheln sagte, sein sinkendes Schiff nicht vor dem vlligen Untergang verlassen. Da, in meiner Angst, fiel mir ein, da ich in dem hintersten Verschlage unseres sehr tiefen und gewlbten Kellers die Glocke niemals hatte schlagen hren. Darauf baute ich meinen Plan. Es gelang mir auch, meinen Vater zu bereden, mit mir gemeinschaftlich ein Verzeichnis ber die dort lagernden Waren aufzunehmen, wodurch, wenn spter die Gerichtspersonen zur Aufnahme des Inventars kmen, eine Abkrzung dieses traurigen Geschfts herbeigefhrt wrde. Als die verhngnisvolle Stunde kam, waren wir schon lngst unter der Erde bei unserer Arbeit. Mein Vater sortierte die Waren, ich beim Schein einer Laterne schrieb auf ein Blatt Papier, was er mir diktierte. Ein paarmal war mir wohl gewesen, als hrte ich von fern das Summen einer Glocke; dann sprach ich ein paar laute Worte, bis das Schieben und Rcken mit den Fssern und Kisten allen von auen eindringenden Schall wieder verschlang. Alles schien gut zu gehen, mein Vater war ganz in seine Arbeit vertieft. Da hrte ich pltzlich droben die Kellertr aufreien; die alte Magd rief, ich wei nicht mehr weshalb, nach mir, und zugleich drangen auch die klaren Schallwellen der Glocke zu uns herab. Mein Vater horchte auf und setzte die Kiste, die er in den Hnden hatte, auf den Boden. "Die Schandglocke!" sthnte er und fiel wie kraftlos gegen die Wand. "Es wird mir nichts erspart."--Aber nur einen Augenblick; dann richtete er sich auf, und ehe ich noch Zeit bekam, ein Wort zu reden, hatte er schon den Raum verlassen, und gleich darauf hrte ich ihn die Kellertreppe hinaufsteigen. Auch ich ging jetzt in das Haus hinauf und fand meinen Vater, nachdem ich ihn vergebens in der Schreibstube gesucht, im Wohnzimmer mit gefalteten Hnden am offnen Fenster stehen. In diesem Augenblick hrte das Glockenluten auf; im Rathaus drben, das von der hellen Morgensonne beleuchtet war, wurden die drei Fensterflgel aufgestoen, und ich sah den Stadtdiener die roten Polster auf die Fensterbnke legen; an dem Eisengelnder der Ratstreppe hing schon ein ganzer Schwarm von halberwachsenen Buben. Mein Vater stand unbeweglich und sah mit gespannten Augen zu. Ich wollte ihn mit sanften Worten fortziehen. Aber er wehrte mir. "La nur, mein Kind", sagte er, "das geht mich an, ich mu das hren." So blieb er denn. Der alte Stadtsekretr mit seinem weigepuderten Kopf erschien drben in dem Mittelfenster, und whrend ihm zur Seite zwei Ratsherren auf den roten Kissen lehnten, verlas er mit seiner scharfen Stimme aus einem Blatt Papier, das er in beiden Hnden vor sich hielt, das Konkursurtel. Bei der klaren Frhlingsluft drang jedes Wort verstndlich zu uns herber. Als mein Vater seinen vollen Namen ber den Markt hinaussprechen hrte, sah ich ihn zusammenzucken; aber er hielt dennoch stand, bis alles vorber war. Dann zog er seine goldene Uhr, die er von seinem Vater ererbt hatte, aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. "Sie gehrt zur Konkursmasse", sagte er, "Schliee sie in die Schatulle, damit sie morgen mit versiegelt werde." Am andern Tage kamen die Herren zur Versiegelung; aber mein Vater konnte das Bett nicht verlassen; er war in der Nacht vom Schlage getroffen worden. --Als einige Monate spter unser Haus verkauft war, wurde er in einem Tragkorb, den wir aus dem Krankenhause geliehen, nach der kleinen Wohnung gebracht, die wir am Ende der Stadt fr uns gemietet hatten. Dort hat er noch neun Jahre gelebt; ein gelhmter und gebrochener Mann. In seinen guten Stunden besorgte er kleine Rechnungen und Schreibereien fr andere; das meiste habe ich mit meiner Hnde Arbeit verdienen mssen. Dann aber ist er in fester Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes in meinen Armen sanft verschieden.--Nach seinem Tode kam ich zu guten Leuten; es war das Haus deiner Groeltern." Meine alte Freundin schwieg. Ich aber dachte an Harre.--"Und hast du denn", fragte ich, "whrend der ganzen Zeit auch niemals eine Nachricht von deinem Jugendfreunde erhalten?" "Niemals, mein Kind", erwiderte sie. "Weit du, Hansen", sagte ich, "dein Harre gefllt mir nicht, er war kein Mann von Wort!" Sie legte die Hand auf meinen Arm. "So darfst du nicht sprechen, Kind. Ich habe ihn gekannt; es gibt noch andere Dinge als den Tod, die des Menschen Willen zwingen.--Aber wir wollen nach meinem Zimmer gehen; du hast deinen Hut noch dort, und es mag bald Mittag werden." So schlossen wir denn den einsamen Festsaal wieder ab und gingen denselben Weg zurck, den wir gekommen waren. Diesmal ffnete sich die Tr des Spkenkiekers nicht; nur hinter derselben, auf den sandigen Dielen, hrten wir seinen schlurfenden Schritt. Als wir in Hansens Zimmer waren, wo noch der letzte Strahl der Vormittagssonne in die Fenster schien, zog sie eine Schublade ihrer Schatulle auf und nahm daraus ein Mahagonikstchen, sauber poliert, aber im Geschmack einer vergangenen Zeit. Es mochte einst ein Geschenk des jungen Tischlers an einem Geburtstage ihrer Jugend gewesen sein. "Das mut du auch noch sehen", sagte Hansen, indem sie das Kstchen aufschlo. Es lagen Wertpapiere darin, welche smtlich auf Harre Jensen, "Sohn des verstorbenen Tischlermeisters Harre Christian Jensen dahier", lauteten, deren Datum aber nicht ber die letzten zehn Jahre hinabreichte. "Wie kommst du zu diesen Papieren?" fragte ich. Sie lchelte. "Ich habe nicht umsonst gedient." "Aber die Papiere lauten nicht auf deinen Namen!" "Es ist die Schuld meines Vaters, die ich zurckerstatte. Deshalb, und weil mein Nachla, wie aller, die hier versterben, an das Stift fllt, habe ich das Geld sofort auf Harre Jensens Namen schreiben lassen."--Einen Augenblick noch, ehe sie es wieder einschlo, wog sie das Kstchen auf der Hand. "Der Schatz ist wieder beisammen", sagte sie, "aber das Glck, mein Kind, das Glck, das einst darin gewesen ist. Das ist nicht mehr darin." Als sie diese Worte sprach, scho drauen ein Schwalbenzug mit lautem Geschrei vorber, und gleich darauf flatterten zwei dieser Vgel bis nahe an die Scheiben und setzten sich dann zwitschernd auf den offnen Fensterflgel. Es waren die ersten Schwalben, die ich in diesem Frhjahr sah. "Hrst du die kleinen Gratulanten, Hansen?" rief ich, "just zu deinem Geburtstag sind sie heimgekommen!" Hansen nickte nur. Ihre noch immer schnen blauen Augen blickten traurig auf die kleinen singenden Freunde. Dann legte sie die Hnde auf meinen Arm und sagte freundlich: "Geh nun, mein Kind; ich danke allen, da sie an mich gedacht. Ich mchte nun allein sein." Es war mehrere Jahre spter, als ich mich von einer Reise nach dem mittleren Deutschland auf dem Heimwege nach meiner Vaterstadt befand. Auf einer Hauptstation der Eisenbahn--denn die Zeit des Dampfes war damals schon hereingebrochen--stieg ein alter Mann mit weiem Haar zu mir in das Coup, worin ich mich bisher allein befunden hatte. Er lie sich einen kleinen Reisekoffer nachreichen, den ich ihm unter den Sitz schieben half, und setzte sich dann mit den freundlichen Worten: "Wir haben auch noch nie beisammengesessen", mir gegenber. Als er dies sagte, erschien um den Mund und um die braunen Augen ein Ausdruck der Gte, ich mchte sagen der Teilnahme, der unwillkrlich zu traulichem Gesprche einlud. Die Sauberkeit seiner uern Erscheinung, die sich nicht blo in dem braunen Tuchrock und dem weien Halstuch ausprgte, das feinbrgerliche Wesen des Mannes, alles heimelte mich an, und es dauerte nicht lange, so hatten wir uns in gegenseitige Mitteilungen ber unsere Familienverhltnisse vertieft. Ich erfuhr, da er ein Klaviermacher und in einer mittelgroen Stadt Schwabens ansssig sei. Dabei fiel mir eines auf; mein Reisegefhrte sprach den sddeutschen Dialekt, und doch hatte ich auf seinem Koffer den Namen "Jensen" gelesen, der meines Wissens nur dem nrdlichsten Deutschland angehrte. Als ich ihm das bemerkte, lchelte er. "Ich mag schon ziemlich eingeschwbelt sein", sagte er, "denn ich wohne nun seit ber vierzig Jahren in diesem guten Lande und habe es in dieser Zeit niemals verlassen; meine Heimat aber liegt im Norden, und daher stammt denn auch mein Name." Und nun nannte er meine eigene Vaterstadt als seinen Geburtsort. "So sind wir Landsleute so sehr als mglich", rief ich, "dort bin auch ich geboren und eben im Begriff, dahin zurckzukehren." Der alte Herr ergriff meine beiden Hnde und sah mich liebevoll an. "Das hat der liebe Gott gut gemacht", sagte er, "so reisen wir, wenn es Ihnen recht ist, zusammen. Auch mein Ziel ist unsere Vaterstadt; ich hoffe auf ein Wiedersehen dort--wenn Gott es zult." Ich nahm mit Freuden diesen Vorschlag an. Nachdem wir den derzeitigen Endpunkt der Eisenbahn erreicht hatten, lagen noch fnf Meilen Weges vor uns, und bald saen wir zusammen in den bequemen Kissen eines Federwagens, dessen Bedachung wir bei dem schnen Herbstwetter zurckgeschlagen hatten. Die Gegend wurde allmhlich heimatlicher; die Wlder verschwanden, bald auch die lebendigen Zune zur Seite des Weges, ja sogar die Wlle, auf denen sie standen, und die weite baumlose Ebene tat sich vor uns auf. Mein Gefhrte blickte still vor sich hinaus. "Ich bin dieser Unendlichkeit des Raumes so entwhnt", sagte er einmal; "mir ist jetzt hier, als she ich nach allen Seiten in die Ewigkeit." Dann schwieg er wieder, und ich strte ihn nicht. Als wir etwa auf der Mitte des Weges aus einem Dorfe, durch das die Landstrae fhrte, wieder ins Freie kamen, bemerkte ich, da er den Kopf vorbeugte und eifrig auszulugen schien. Dann beschattete er die Augen mit seiner Hand und wurde sichtbar unruhig. "Ich sehe doch sonst noch so gut in die Ferne", sagte er endlich, "aber ich bemhe mich umsonst, unsern Turm von hier in Sicht zu bekommen, und doch hab ich ihn in meiner Jugend von hier aus immer zuerst begrt, wenn ich von einer Wanderung heimkehrte." "Sie mssen sich irren", erwiderte ich, "der niedrige Turm kann in solcher Entfernung noch nicht sichtbar sein." "Niedrig!" rief der Alte fast unwillig, "der Turm hat seit Jahrhunderten auf viele Meilen in die See hinaus den Schiffern zum Wahrzeichen gedient!" Da fiel es mir bei. "Sie denken am Ende", sagte ich zgernd, "noch an den Turm der alten Kirche, die vor reichlich vierzig Jahren abgebrochen wurde." Der Alte sah mich mit seinen groen Augen an, als ob ich faselte. "Die Kirche abgebrochen--und vor ber vierzig Jahren! Mein Gott, wie lange bin ich fort gewesen; ich habe niemals etwas davon erfahren!" Er faltete seine Hnde und sa eine ganze Weile wie mutlos in sich zusammengesunken. Dann sagte er: "Auf jenem schnen Turm, der also nur in meinen Gedanken noch vorhanden war, habe ich vor nun bald fnfzig Jahren der das Wiederkommen versprochen, um deren willen ich jetzt diese weite Reise mache. Ich will Ihnen, wenn Sie hren mgen, dies Stck meines Lebens mitteilen; vielleicht, da Sie mir dann ber die Hoffnung, die ich hege, eine Auskunft zu geben vermgen." Ich versicherte den alten Herrn meiner Teilnahme; und whrend unser Postillion in der warmen Mittagssonne auf seinem Sitze einnickte und die Rder langsam durch den Sand mahlten, begann er seine Erzhlung: "In meiner Jugend htte ich gern den Weg einer gelehrten Bildung eingeschlagen; da aber nach dem frhzeitigen Tode meiner Eltern die Mittel dazu nicht vorhanden waren, so blieb ich bei dem Handwerk meines Vaters, das heit, ich wurde Tischler. Schon whrend ich als Geselle auf der Wanderschaft war, hatte ich nicht bel Lust, mich drauen anzusiedeln; denn es fehlte mir nicht ganz an Mitteln; aus dem Verkauf des vterlichen Hauses war mir ein rundes Smmchen briggeblieben, das fr den Anfang schon gengte. Aber ich kehrte doch wieder heim, und das geschah um eines jungen blonden Mdchens willen.--Ich glaube nicht, da ich jemals wieder so blaue Augen gesehen habe. Eine Freundin sagte einmal im Scherz zu ihr: "Agnes, ich pflck dir die Veilchen aus den Augen!" Die Worte hab ich nimmer vergessen knnen."--Der Alte schwieg eine Weile und blickte verklrt vor sich hin, als she er noch einmal in diese Veilchenaugen seiner Jugend. Darauf, whrend ich fast unwillkrlich den Namen meiner alten Freundin in St. Jrgen bei mir selber sprach, begann er wieder: "Sie war die Tochter eines Krmers, meines Vormundes. Wir wuchsen als Nachbarkinder miteinander auf, whrend das Mdchen von dem frh verwitweten Vater ziemlich streng und einsam erzogen wurde. Daher mag es gekommen sein, da sie sich immer mehr dem einzigen Jugendgespielen anschlo. Bald nach meiner Rckkehr waren wir unter uns beiden so gut als verlobt, und es war schon ausgemacht, da ich in unserer Vaterstadt ein Geschft begrnden sollte, als ich durch einen unerwarteten Zufall mein ganzes kleines Vermgen verlor.--Es kam so, da ich wieder fort mute. Am letzten Tage hatte Agnes mir versprochen, abends noch einmal auf den Weg hinter ihrem Garten hinauszukommen und dort ein letztes Wort mit mir zu reden. Als ich mich aber mit dem bestimmten Glockenschlage einfand, war sie nicht dort. Ich stand lauschend an der Planke unter dem berhngenden Lindengezweig, aber ich wartete vergebens. Das Haus ihres Vaters konnte ich damals nicht betreten; nicht da ein Zwiespalt zwischen uns gewesen wre, ich glaube im Gegenteil, da er mir die Hand seiner Tochter ohne groes Bedenken wrde gegeben haben; denn er hielt etwas auf mich und war kein hochmtiger Mann. Es hatte einen andern Grund, den ich nicht gern der Vergessenheit entreien mchte.--Ich wei es noch gar wohl. Es war ein dunkler, strmischer Aprilabend; mehrmals tuschte mich die Wetterfahne auf dem Dache, da ich glaubte, die mir wohlbekannte Hoftr ffnen zu hren, aber es kam kein Schritt den Gartensteig herab. Noch lehnte ich an der Planke und sah die schwarzen Wolken am Himmel vorberfliegen; endlich ging ich schweren Herzens fort.--Am andern Morgen hatte es eben fnf vom Turme geschlagen, als ich nach einer schlaflosen Nacht die Treppe von meiner Kammer hinabstieg und von meinen Hauswirten Abschied nahm. In den engen, schlecht gepflasterten Straen war noch die Dunkelheit und der Schmutz des Winters. Die Stadt schien noch im Schlaf zu liegen; von allen bekannten Gesichtern wollte mir keins begegnen, und so ging ich einsam und trbselig meinen Weg. Da, als ich eben nach dem Kirchhof einbiegen wollte, brach ein scharfer Sonnenstrahl hervor, und das alte Haus der Ratsapotheke, das unten mit seinem Lwenschnitzbild noch in dem Dunst der Gasse stand, war oben mit der Spitze des Treppengiebels auf einmal wie in Frhlingsschein gebadet. Zugleich, als ich eben aufschaue, schallt ber mir hoch in der Luft ein langgezogener Ton; dann noch einmal und noch einmal, als riefe es weit in die Welt hinaus. Ich war auf den Kirchhof hinausgetreten und blickte an dem Turm hinauf; da sah ich oben auf der Galerie den Trmer stehen und sah, wie er sein langes Horn noch in der Hand hielt. Ich wute es nun wohl; die ersten Schwalben waren gekommen, und der alte Jakob hatte ihnen den Willkommen geblasen und es laut ber die Stadt gerufen, da der Frhling ins Land gekommen sei. Dafr bekam er seinen Ehrentrunk im Ratsweinkeller und einen blanken Reichstaler vom Herrn Brgermeister.--Ich kannte den Mann und war oft droben bei ihm gewesen; als Knabe, um von dort aus meine Tauben fliegen zu sehen, spter auch wohl mit Agnes; denn der Alte hatte ein Enkeltchterchen bei sich, zu dem sie Pate gestanden und deren sie sich auf allerlei Art anzunehmen pflegte. Einmal, am Christabend, hatte ich ihr sogar ein vollstndiges Weihnachtsbumchen den hohen Turm hinaufschleppen helfen.--Nun stand die wohlbekannte Eichentr offen; unwillkrlich trat ich hinein, und in der Finsternis, die mich pltzlich umgab, stieg ich langsam die Treppen und, wo diese aufhrten, die schmalen leiterartigen Stiegen hinan. Nichts hrte ich als das Rasseln der groen Turmuhr, die hier in der Einsamkeit ihr Wesen trieb. Ich wei es noch gar wohl, mir grauete dermalen vor diesem toten Dinge, und ich htte, als ich daran vorbeikam, in die eisernen Rder greifen mgen, nur um es stillzumachen. Da hrte ich den alten Jakob von oben herabklettern. Er schien mit einem Kinde zu sprechen, das er zur Vorsicht ermahnte. Ich rief ihm einen "Guten Morgen" in die Dunkelheit hinauf und fragte, ob er die kleine Meta bei sich habe. "Bist du's, Harre?" rief der Alte zurck, "freilich, die mu mit zum Herrn Brgermeister." Endlich kamen die beiden zu mir herab, whrend ich seitwrts in eine Schalluke getreten war. Als Jakob mich so reisefertig neben sich sah, rief er verwundert: "Was soll das bedeuten, Harre? Was steigst denn da mit Knttel und Wachstuchhut in meinen Turm hinauf? Bist doch nicht wieder fremd geworden bei uns daheim?" "Es ist nicht anders, Jakob", erwiderte ich, "'s wird hoffentlich nicht auf lange sein." "Hatt's mir ganz anders mit dir ausgedacht!" brummte der Alte. "Nun, wenn's denn einmal sein mu, die Schwalben sind wieder da; es ist jetzt schon die beste Zeit zum Wandern. Und hab auch Dank, da du noch mal gekommen bist!" "So lebt wohl, Jakob!" sagte ich. "Und wenn Ihr mich von Eurem Turm herab einmal im hellen Sonnenschein wieder ins Tor hineinwandern seht, so blast auch mir einen Willkommen wie heute Euren Schwalben!" Der Alte schttelte mir die Hand, indem er sein Enkelchen auf den Arm nahm. "Soll gelten, Meister Harre!" rief er lchelnd; er pflegte mich im Scherze so zu nennen. Als ich mich aber anschickte, wieder mit ihm hinabzusteigen, fgte er noch hinzu: "Wenn du einen guten Weg von der Agnes haben willst, sie ist oben, schon seit frh; sie hat noch ihr Gefallen an den Vgelchen." Wohl niemals bin ich so schnell die letzten halsbrechenden Stiegen hinaufgekommen, obgleich mir der Herzschlag fast den Atem versetzte. Als ich aber oben auf die Plattform und in den blendenden Himmelsschein hinaustrat, blieb ich unwillkrlich stehen und tat einen Blick ber das Eisengelnder. Da sah ich unter mir in der Tiefe meine Vaterstadt im ersten Schmuck des Frhlings liegen; berall zwischen den Dchern standen die Kirschbume in Blte, welche das warme Frhjahr so zeitig hervorgetrieben hatte. Dort der Giebel, dem kleinen Turme des Rathauses gegenber, gehrte dem Hause meines Vormundes. Ich sah den Garten, den Weg dahinter; mir quoll das Herz, und von Heimweh berwltigt, mag ich unwillkrlich einen Laut ausgestoen haben; denn ich fhlte pltzlich meine Hand ergriffen, und als ich aufblickte, stand Agnes neben mir. "Harre", sagte sie, "kommst du noch einmal!" Und dabei flog ein glckliches Lcheln ber ihr Gesicht. "Ich dachte nicht, dich hier zu finden", erwiderte ich, "nun mu ich fort; weshalb hast mich gestern so vergebens warten lassen?" Da war alles Glck aus ihrem Antlitz verschwunden. "Ich konnte nicht, Harre; mein Vater wollte mich nicht von sich lassen. Spter bin ich in den Garten hinabgelaufen; aber du warst schon fort, du kamst nicht; da bin ich heute frh auf den Turm gestiegen--ich dachte, ich knnte dich doch zum Tor hinauswandern sehen." Die Zukunft lag verworren vor mir, aber doch hatte ich einen Plan gefat. Schon frher war ich in einer Klavierfabrik beschftigt gewesen; nun wollte ich wieder diese Arbeit suchen, um dann mit Hlfe des zu erwartenden Verdienstes vielleicht spter selbst ein solches Geschft zu begrnden; denn diese Instrumente begannen schon damals eine groe Verbreitung zu finden.--Das alles sagte ich jetzt dem Mdchen, und auch, wohin ich mich zunchst zu wenden beabsichtigte. Sie hatte sich auf das Gelnder gelehnt und wie abwesend in den leeren Himmelsraum hinausgeblickt. Jetzt wandte sie langsam den Kopf zurck. "Harre", sagte sie leise, "geh nicht fort, Harre!" Als ich sie aber ohne Antwort anblickte, rief sie wieder: "Nein, hr nicht auf mich; ich bin ein Kind, ich wei nicht, was ich rede." Der Morgenwind hatte ein paar der blonden Haare gelst und wehte sie ber ihr blasses Gesicht, das jetzt geduldig zu mir aufblickte. "Wir mssen warten, Agnes", sagte ich, "das Glck liegt nun in weiter Ferne; ich will versuchen, ob ich es wieder heimbringen kann. Schreiben werd ich nicht; ich komme selber, wenn es Zeit ist." Sie sah mich eine Weile mit groen Augen an; dann drckte sie mir die Hand. "Ich warte", sagte sie mit fester Stimme; "geh denn mit Gott, Harre!" Ich ging noch nicht. Der Turm, der uns beide trug, ragte so einsam in den blauen therraum; nur die Schwalben, auf deren stahlblauen Schwingen der Sonnenschein wie Funken blitzte, schwebten um uns her und badeten in dem Meer von Luft und Licht.--Ich hielt noch immer ihre Hand; mir war, als knne ich nicht fort von hier, als wren wir beide, sie und ich, schon jetzt hinausgehoben ber alle Not der Welt.--Aber die Zeit drngte; unter uns schlug drhnend die Viertelglocke. Da, als noch die Schallwellen den Turm umfluteten, kam eine Schwalbe geflogen, da sie uns fast mit ihren Flgeln streifte; furchtlos, nur auf Armeslnge von uns, setzte sie sich auf den Rand des Gelnders, und whrend wir wie gebannt in das kleine glnzende Auge blickten, schmetterte sie pltzlich mit geschwellter Kehle ihre Frhlingslaute in die Luft. Agnes warf sich an meine Brust. "Vergi das Wiederkommen nicht!" rief sie. Da breitete der Vogel seine Schwingen aus und flog davon.--Wie ich durch den dunkeln Turm zur Erde gekommen bin, das wei ich nicht. Als ich drauen vor dem Stadttor auf der Landstrae war, blieb ich stehen und blickte zurck. Da erkannte ich noch deutlich auf dem von Sonnenglanze umflossenen Turm ihre liebe Gestalt; mir schien, als lehne sie sich weit ber den Rand des Gelnders hinaus, so da ich unwillkrlich einen Schreckensruf ausstie. Aber die Gestalt blieb unbeweglich. Und endlich wandte ich mich und ging, ohne noch einmal wieder umzusehen, mit raschen Schritten auf der Landstrae fort." Der Alte schwieg eine Weile. Dann sagte er: "Sie hat vergebens auf mich gewartet; ich bin niemals wieder heimgekommen.--Ich will Ihnen nun erzhlen, wie das geschehen konnte. Meine erste Arbeit fand ich in Wien, wo damals die besten Klavierfabriken waren; von da kam ich nach anderthalb Jahren ins Wrttembergische, nach meinem jetzigen Wohnort. Ein Nebengeselle von mir hatte dort einen Bruder, von dem er um die Besorgung eines zuverlssigen Gehlfen gebeten war.--Es war ein noch junges Ehepaar, zu dem ich ins Haus kam. Das Geschft war klein, aber der Inhaber ein freundlicher und geschickter Mann, bei dem ich bald mehr in diesen Dingen lernte als in der groen Fabrik, wo ich immer nur zu einzelnen Arbeiten gelassen wurde. Da ich mich der Sache nach Krften annahm und doch auch aus meinen Wiener Erfahrungen manches hinzubrachte, so gewann ich bald das Vertrauen dieser guten Leute. Besondere Freude machte es ihnen, da ich in meinen Freistunden den ltesten ihrer beiden Knaben in der deutschen Sprache unterrichtete; denn ihnen gefiel meine damals noch norddeutsche Aussprache, und sie wnschten, da die Kinder auch einmal, wie sie meinten, so reines Deutsch sprechen mchten. Bald wurde auch der jngere Bruder in den Unterricht hineingezogen, und nun blieb es nicht bei der trockenen Grammatik; ich wute mir Bcher zu verschaffen, aus denen ich ihnen allerlei Unterhaltendes und Wissenswertes vorzulegen pflegte. So kam es, da auch die Kinder mit groer Liebe an mir hingen. Als ich nach Jahresfrist zum ersten Mal ohne Beihlfe ein Klavier von besonders schnem Klang zustande gebracht hatte, gab es eine Freude im ganzen Hause, als habe der liebste Angehrige sein Meisterstck gemacht.--Ich aber dachte nun an die Heimkehr. Da erkrankte mein junger Meister. Aus einer Erkltung entwickelte sich endlich ein ernstliches Brustbel, dessen Keim schon lange in ihm gelegen haben mochte. Die Leitung der Geschfte kam wie selbstverstndlich fast ganz in meine Hnde. Ich konnte jetzt nicht fort. Dabei sah ich tiefer in die Verhltnisse der Familie, mit der mich eine immer innigere Freundschaft verband. Eintracht und Flei wohnten unter ihrem Dache. Aber es war dennoch ein bses Ding, der dritte Hausgenosse, das diese guten Geister nicht zu vertreiben vermocht hatten. In jedem Winkel, wohin nicht gerade die Sonne schien, sah der kranke Mann es sitzen.--Dieses Ding war die Sorge.--"Nimm den Kehrbesen und feg es weg", sagte ich oft zu meinem Freunde, "ich will dir helfen, Martin!" Dann drckte er mir wohl die Hand, und eine wehmtige Heiterkeit flog fr einen Augenblick ber sein blasses Gesicht, bald aber sah er wieder die schwarzen Spinngewebe auf allen Dingen. Leider waren es keine bloen Hirngespinste. Das Kapital, womit er sein Geschft begonnen, war von vornherein zu gering gewesen. In den ersten Jahren hatte er durch schlechte Arbeiter Verluste erlitten, die nicht in Rechnung genommen waren, und auch der Absatz der fertigen Ware wollte nicht so rasch erfolgen, wie es solche Umstnde erforderten; nun kam ein aussichtsloser Krankheitszustand noch dazu. Auf mir lag endlich nicht nur die ganze Sorge fr den Unterhalt der Familie, ich mute auch noch der Trster der Gesunden sein. Die Knaben lieen meine Hand nicht los, wenn wir am Bette des Vaters saen, das er bald nicht mehr verlassen konnte. Bei diesem aber schien das Erlschen der Krperkraft die Unruhe des Geistes nur zu steigern; grbelnd lag er auf seinem Kissen und baute Plne fr die Zukunft. Mitunter, wenn die Schauer des nahenden Todes ihn anwehten, richtete er sich pltzlich auf und rief: "Ich kann nicht sterben, ich will nicht sterben!" und dann wieder leise mit gefalteten Hnden: "Mein Gott, mein Gott, ich will auch, wenn du willst!" Und endlich kam die Stunde der Erlsung. Wir waren alle an seinem Bette; er dankte mir, er nahm von uns allen Abschied. Dann aber, als she er vor sich etwas, vor dem er sie beschtzen msse, ri er seine Frau und die beiden Knaben hastig an sich, blickte sie mit trostlosen Augen an und sthnte laut. Und als ich ihm zuredete: "Wirf deine Sorgen auf den Herrn, Martin!", da rief er verzweifelnd: "Harre, Harre, das sind nicht mehr die Sorgen, das ist die Armut selbst! Bald wird sie ber meine Leiche wegkriechen; mein Weib, o meine lieben Kinder, sie werden ihr nicht entrinnen!" Es ist ein eigen Ding um ein Sterbebett; ich wei nicht, ob Sie es kennen, mein junger Freund. Aber in diesem Augenblick versprach ich meinem sterbenden Meister, bei den Seinen auszuhalten, bis das Gespenst, das seine letzte Stunde strte, sie nicht mehr wrde erreichen knnen. Und als ich das versprochen, lie auch der Tod nicht mehr auf sich warten. Leise schritt er zur Tr herein. Martin streckte die Hand aus; ich meinte, er wolle sie mir noch reichen, aber es war der unsichtbare Bote des Herrn, der sie ergriff; denn ehe ich sie berhrte, hatte das Leben meines jungen Meisters aufgehrt." Mein Reisegefhrte nahm seinen Hut ab und legte ihn vor sich auf den Scho; sein weies Haar wehte in der lauen Mittagsluft. So sa er schweigend, als weihe er diese Augenblicke dem Andenken des lngst verstorbenen Freundes.--Ich aber mute der Worte gedenken, die meine alte Hansen einst zu mir gesprochen: "Es gibt noch andere Dinge als den Tod, die des Menschen Willen zwingen." Es war dennoch der Tod gewesen, der die Lebenden getrennt hatte. Denn es versteht sich, da ich ber die Person dessen, der an meiner Seite sa, nicht mehr in Zweifel sein konnte. Nach einiger Zeit begann der Alte seine Erzhlung wieder, indem er langsam sein Haupt bedeckte. "Ich habe mein gegebenes Wort gehalten", sagte er, "aber da ich es gab, brach ich ein anderes; denn ich habe nun nicht wieder fort gekonnt. Es zeigte sich bald, da die Verhltnisse noch zerrtteter waren, als ich bisher gewut. Einige Monate nach dem Tode des Mannes wurde noch ein drittes Kind, ein Mdchen, geboren; unter diesen Umstnden eine neue Sorge zu den alten. Ich tat das Meinige; aber Jahr auf Jahr verging, und das Glck wollte immer noch nicht einkehren. Unerachtet ich nicht nur meine ganze Kraft, sondern auch die Ersparnisse der letzten Jahre hingab, gelang es mir noch immer nicht, den Kampf mit jenem Gespenste der Armut siegreich zu beendigen; ich sah es klar, wenn eine auch nur etwas weniger treue und sorgsame Hand an meine Stelle trat, so waren meine Schutzbefohlenen ihm verfallen. Oft freilich mitten in der Arbeit berfiel mich das Heimweh und nagte und zehrte an mir; mehr als einmal, wenn der Meiel, ohne da ich darum gewahr wurde, mig in meiner Hand lag, bin ich erschreckt vor der Stimme der guten Frau zusammengefahren; denn meine Gedanken waren fort in die Heimat, und eine ganze andere Stimme war in meinen Ohren. In meinen Trumen sah ich den Turm unserer Vaterstadt; anfnglich im hellen Sonnenschein, umkreist von einem Heer von Schwalben; spter, wenn der Traum mir wiederkam, sah ich ihn schwarz und drohend in den leeren Himmel ragen, der Herbststurm tobte, und ich hrte die groen Glocken anschlagen; aber immer, auch dann, lehnte Agnes oben auf dem Gelnder der Plattform; sie trug noch das blaue Kleid, worin sie dort von mir Abschied genommen hatte; nur war es ganz zerrissen, die leichten Fetzen flatterten in der Luft. "Wann kommen die Schwalben wieder?" hrte ich es rufen. Ich erkannte ihre Stimme, aber sie klang trostlos in dem Wehen des Sturmes.--Wenn ich nach solchen Trumen erwachte, so hrte ich wohl im Zwielicht die Schwalben auf der Dachrinne ber meinem Fenster zwitschern. In den ersten Jahren hatte ich den Kopf aufgesttzt und mir das Herz vollsingen lassen von Sehnsucht und Heimweh; spter konnt ich's nimmer ertragen. Mehr als einmal, wenn das Gezwitscher kein Ende nehmen wollte, habe ich das Fenster aufgerissen und die lieben Vgel fortgejagt. An einem solchen Morgen erklrte ich einmal, da ich nun fort msse, da es jetzt endlich Zeit sei, auch an mein eignes Leben zu denken. Aber die beiden Knaben brachen in laute Wehklagen aus, und die Mutter setzte, ohne ein Wort zu sagen, ihr Tchterchen auf meinen Scho, das sogleich die kleinen Arme fest um meinen Hals schlang.--Mein Herz hing an den Kindern, lieber Herr; ich konnte die Kinder nicht verlassen. Ich dachte. "Bleib denn noch ein Jahr." Der Abgrund zwischen mir und meiner Jugend wurde immer tiefer; zuletzt lag alles wie unerreichbar hinter mir, wie Trume, an die ich nicht mehr denken drfe.--Ich war schon ber die Vierzig hinaus, da schlo ich auf den Wunsch der schon herangewachsenen Kinder das Ehebndnis mit der Frau, deren einzige Sttze ich so lange gewesen war. Und nun geschah mir etwas Seltsames. Ich war der Frau, wie sie es auch gar wohl verdiente, stets von Herzen gut gewesen; nun aber, seit sie mir unauflslich angehrte, begann in mir ein Widerwille, ja fast ein Ha gegen sie zu wachsen, den ich oft nur mit Mhe zu verbergen wute. So sind wir Menschen; ich warf in meinem Herzen auf sie die Schuld von allem, was doch nur die Folge meiner eignen Schwche war. Da fhrte Gott zu meinem Heil mich in Versuchung. Es war eines Sonntags in der Hochsommerzeit. Wir machten eine Landpartie nach dem benachbarten Gebirgsdorfe, wo ein Verwandter der Familie wohnte. Die beiden Shne mit ihrem Schwesterchen waren uns beiden Alten weit voraus; ihr Plaudern und Lachen war in dem Walde, durch den der Weg fhrte, schon ganz verschollen. Da machte meine Frau mir den Vorschlag, einen ihr bekannten Richtsteig entlang eines Steinbruches einzuschlagen, um so wo mglich den Jungen auf dem Hauptwege noch zuvorzukommen. "Ich bin als Braut mit Martin hier gegangen", sagte sie, als wir seitwrts in die Tannen bogen; "etwas weiterhin pflckten wir damals eine dunkelblaue Blume; ich mchte wissen, ob sie noch dort zu finden ist." Nach kurzer Zeit hrte an unserer einen Seite der Wald auf, und der Fuweg lief nun dicht an dem Rande des abschssigen Gesteins hin, whrend von der andern Seite sich Brombeerranken und anderes Gebsch dicht herandrngte. --Meine Frau schritt rstig vor mir auf. Ich folgte langsam und war bald in meine alten Trumereien versunken. Wie die verlorne Seligkeit lag die Heimat vor meinen Sinnen, und grbelnd, aber vergebens suchte ich nach einem Weg dahin. Nur wie durch einen Schleier sah ich, da es nach dem Bruche zu ganz blau von Genzianen wurde und da meine Frau sich ein Mal um das andere nach diesen Blumen bckte. Was kmmerte mich das alles!--Da hr ich pltzlich einen Schrei und sehe, wie sie mit den Hnden in die Luft greift; ich sehe auch schon, wie unter ihren Fen das Gerll sich lst und zwischen den Klippen fortpoltert, und zehn Schritt weiter abwrts steht der Fels lotrecht ber dem Abgrund. Ich stand wie gelhmt. Es brauste mir in den Ohren: "Bleib; la sie strzen; du bist frei!" Aber Gott half mir. Nur einen Sekundenschlag, da war ich bei ihr; und mich ber den Rand des Felsens werfend, ergriff ich ihre Hand und hatte sie glcklich zu mir heraufgezogen. "Harre, mein guter Harre", rief sie weinend, "schon wieder hat deine Hand mich vom Abgrund gerettet!" Wie glhende Tropfen fielen diese Worte in meine Seele. In all den Jahren war kein Wort der Vergangenheit ber meine Lippen gekommen; zuerst aus jugendlicher Scheu, das Heiligste hinauszugeben, spter wohl in dem unbewuten Bedrfnis, den innern Zwiespalt zu verhehlen. Jetzt pltzlich drngte es mich, alles ohne Rcksicht zu offenbaren. Und am Rande des Abgrundes sitzend, schttete ich mein Herz aus vor der Frau, die ich kurz zuvor darin begraben gewnscht hatte. Auch das verschwieg ich ihr nicht. Sie brach in heftige Trnen aus; sie weinte ber mich, ber sich selbst, am lautesten klagte sie ber Agnes. "Harre, Harre", rief sie, aber sie legte ihren Kopf an meine Brust; "das habe ich nicht gewut, aber es ist nun zu spt, und niemand kann diese Snde von uns nehmen!" Es war nun an mir, sie zu beruhigen; und erst mehrere Stunden spter trafen wir in dem Dorfe ein, wo unsere Kinder uns schon lngst erwartet hatten. Aber seit jener Zeit war meine Frau mit ihrem milden und gerechten Herzen meine beste Freundin und kein Geheimnis mehr zwischen uns. --So gingen die Jahre hin. Allmhlich schien sie es vergessen zu haben, da ich ihre und der Kinder Wohlfahrt mit einem fremden Glck bezahlt hatte, und auch in mir wurde es stiller. Nur wenn im Frhling die Schwalben wiederkamen, oder auch spter im Jahr, wenn sie in der Dmmerung noch so allein von allen Vgeln ins Abendrot hineinsangen, dann berfiel's mich mit der alten Pein, und ich hrte noch immer die liebe junge Stimme, noch immer klang es mir in den Ohren: "Vergi das Wiederkommen nicht!" So war's auch heuer eines Abends. Ich sa vor unserer Haustr auf der Bank und blickte in den vergehenden Tagesschein, der durch eine Lcke der Strae ber den jenseitigen Rebhgeln sichtbar war. Ein Tchterchen unseres jngsten Sohnes war mir auf den Scho geklettert und hatte es sich spielmde in Grovaters Arm bequem gemacht. Bald fielen die kleinen Augen zu, und auch das Abendrot verschwand, aber drben auf des Nachbars Dach sa noch im Dunkeln eine Schwalbe und zwitscherte leise wie von vergangener Zeit. Da trat meine Frau aus dem Hause. Sie stand eine Weile schweigend neben mir, und als ich nicht aufblickte, fragte sie mich sanft: "Alter, was ist dir?", und da ich nicht antwortete und nur der Vogelgesang aus der Dmmerung herbertnte: "Ist's denn wieder einmal die Schwalbe?" "Du weit's ja, Mutter", sagte ich, "du hast ja allezeit mit mir Geduld gehabt." Aber ich kannte sie noch nicht ganz; sie hatte mehr als das fr mich getan. Sie legte beide Hnde auf meine Schultern. "Was meinst?" rief sie, indem sie mich mit ihren alten guten Augen anblickte. "Wir knnen's jetzt ja leisten, du mut die Agnes wiedersehen, du httest ja sonst keine Ruh im Grab bei mir!" Ich war fast erschreckt durch diesen Vorschlag und wollte Einwendungen machen, sie aber sagte: "Stell's Gott anheim!"--Das hab ich denn getan; und so ist es gekommen, da ich noch einmal heimkehre; aber wenn wir durchs Tor fahren, der alte Jakob wird wohl nicht mehr blasen." Mein Reisegefhrte schwieg. Ich aber hielt nun nicht lnger zurck, denn ich war im Innersten bewegt. "Ich kenne Sie", sagte ich, "ich kenne Sie sehr wohl, Harre Jensen; auch Agnes kenne ich; sie hat viele Jahre im Hause meiner Gromutter gelebt, sie ist mir selbst wie meiner Mutter Mutter. Aus ihrem eignen Munde habe ich alles erfahren, auch das, was Sie verschwiegen haben." Der Alte faltete die Hnde. "Groer, gndiger Gott!" sagte er, "so lebt sie noch und kann mir noch vergeben!" Mir ahnte wenig, da ich eine Hoffnung angeregt hatte, deren Erfllung schon im Reiche der Schatten lag. Ich erwiderte nur: "Sie kannte ihren Jugendfreund; sie hat ihn niemals angeklagt."--Und nun erzhlte ich. Er hrte in atemlosem Schweigen und nahm begierig jedes Wort von meinen Lippen. Da klatschte der Postillion mit seiner Peitsche. Der stumpfe Turm unserer Vaterstadt war am Horizonte aufgetaucht. Als ich mit dem Finger dahin wies, fate der Alte meine Hand. "Mein junger Freund", sagte er, "ich zittre vor der nchsten Stunde." Nicht lange, so rasselte unser Wagen ber das Steinpflaster der Stadt. Bei dem schnen Herbstwetter waren viele Leute auf den Straen, und da ich lange fort gewesen, so erhielt ich als allbekanntes Stadtkind fortwhrend lebhafte Gre von den Vorbergehenden. Den fremden Greis an meiner Seite streifte hchstens ein Blick der Verwunderung oder wohl auch der Neugierde. Endlich hielten wir am Gasthofe, und hier dachte ich fr heute von meinem Freunde Abschied zu nehmen, denn er wnschte, seinen ersten Gang nach St. Jrgen allein zu machen. Ein paar Minuten spter war ich zu Hause, umringt von Eltern und Geschwistern. "Alles wohl?" war meine erste Frage. "Du siehst es, hier ist alles gesund", erwiderte meine Mutter, "sonst aber--eine findest du nicht mehr." "Hansen!" rief ich; denn an wen anders htte ich denken sollen. Meine Mutter nickte. "Aber was erschreckt dich so, mein Kind? Ihre Jahre waren daher; heut in der Frhe ist sie in meinen Armen sanft entschlafen." Ich erzhlte, wen ich mitgebracht, in fliegenden Worten, und whrend alle noch tief erschttert standen, verlie ich ohne meine Kleider zu wechseln, das Haus; jetzt durfte ich den alten Mann nicht allein lassen. Ich ging zuerst nach dem Gasthofe und, nachdem ich dort erfahren, da er fort sei, gradeswegs die Strae hinauf nach St. Jrgen. Als ich dort anlangte, sah ich den Spkenkieker, den der Tod zu verschmhen schien, mitten auf der Strae vor dem Stiftshause stehen. Die Hnde auf dem Rcken, wiegte er sich behaglich in den Knien, whrend er unter dem breiten Schirme seiner Mtze nach dem einen Giebel hinaufstierte. Als ich mit den Augen der Richtung folgte, sah ich dort auf den obersten Treppen, ja sogar auf der Glocke, die oben in der durchbrochenen Mauer hing, eine groe Menge Schwalben eine neben der andern sitzen, whrend einzelne um sie her schwrmten, sich hoch in die Luft erhoben und dann wieder schreiend und zwitschernd zu ihnen zurckkehrten. Einige von diesen schienen neue Gefhrten mitzubringen, die dann neben den andern auf den Mauerzinnen Platz zu finden suchten. Es hielt mich unwillkrlich fest. Ich sah es wohl, sie rsteten sich zur Reise; die Sonne der Heimat war ihnen nicht mehr warm genug.--Der alte Mensch neben mir ri die Mtze vom Kopf und schwenkte sie hin und her. "Husch!" lallte er, "fort mit euch, ihr Sakermenters!"--Aber noch eine Weile dauerte das Schauspiel dort oben auf dem Giebel. Da pltzlich, wie emporgeweht, erhoben sich smtliche Schwalben fast senkrecht in die Luft, und in demselben Augenblick waren sie auch schon spurlos in dem blauen Himmelsraum verschwunden. Der Spkenkieker stand noch und murmelte unverstndliche Worte, whrend ich durch den dunkeln Torweg in den Hof des Stiftes ging.--Der eine Fensterflgel von Hansens Stube stand wie einstens offen; auch das Schwalbennest war noch da. Zgernd stieg ich die Treppe hinan und ffnete die Stubentr. Da lag meine alte Hansen friedlich und still; das Leintuch, womit man sie bedeckt hatte, war zur Hlfte zurckgeschlagen. Auf der Kante des Bettes sa mein Reisegefhrte, aber seine Augen waren ber den Leichnam weg auf die nackte Wand gerichtet. Ich sah es wohl, dieser starre Blick ging ber eine leere ungeheure Kluft; denn am jenseitigen Ufer stand das unerreichbare Luftbild seiner Jugend, das jetzt mit reiender Schnelle in Dunst zerflo. Ich hatte mich, anscheinend ohne von ihm bemerkt zu werden, in den Lehnstuhl an das offene Fenster gesetzt und betrachtete das leere Schwalbennest, aus dem noch die Halme und Federn hervorsahen, die einst der nun flgge gewordenen Brut zum Schutze gedient hatten. Als ich wieder ins Zimmer blickte, war der Kopf des alten Mannes dicht ber dem der Leiche. Er schien wie sinnverwirrt dies eingefallene Greisenantlitz zu betrachten, das mit dem drohenden Ernst des Todes vor ihm lag. "Knnte ich nur einmal noch die Augen sehen!" murmelte er. "Aber Gott hat sie zugedeckt." Dann, als msse er es sich beweisen, da sie es dennoch selber sei, nahm er eine Strhne des grauen glnzenden Haares, das zu beiden Seiten vom Haupte auf das Leintuch herabflo, und lie es liebkosend durch seine Hnde gleiten. "Wir sind zu spt gekommen, Harre Jensen", rief ich schmerzlich. Er blickte auf und nickte. "Um fnfzig Jahre", sagte er, "das Leben ist auch so vergangen." Dann, whrend er langsam aufstand, schlug er das Laken zurck und deckte es ber das stille Antlitz der Toten. Ein Windsto fuhr gegen das Fenster. Mir war, als hre ich von drauen, fern aus der hchsten Luftstrmung, darin die Schwalben ziehen, die letzten Worte ihres alten Liedes: Als ich wiederkam, als ich wiederkam, War alles leer. Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes In St. Jrgen, von Theodor Storm. End of the Project Gutenberg EBook of In St. Juergen, by Theodor Storm License: Share Alike