E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by the Google Books Library Project (http://books.google.com) Note: Images of the original pages are available through the Google Books Library Project. See http://www.google.com/books?id=6vlq667Pj3YC Hinweise zur Transkription Symbole fr Schriftarten: _gesperrt_ =Antiqua= MEIN BESUCH AMERIKA'S IM SOMMER 1824. Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurck. Von S. v. N. Aarau, 1827. Bei Heinrich Remigius Sauerlnder. 1. Die Abreise. (20. bis 28. Mai.) Aber um aller Welt willen, Vetter, warum wollen Sie doch in alle Welt? riefen mir Vettern, Muhmen, Basen zu, als mein Entschlu bekannt ward. -- Die vereinten Staaten von Nordamerika sind ja nicht alle Welt! -- war meine Antwort. Wir sehen Sie in diesem Leben nicht wieder. -- Hm, ich denke, noch vor Weihnachten. Es ist von hier bis Amerika nicht gar weit. Morgen reis' ich ab. In sechs, acht Wochen geh' ich in Amerika schon spazieren. Und, Vetterchen, bedenken Sie doch die tausend Gefahren auf dem Meere! -- Ich sehe da deren nicht mehr, als auf dem Lande; nmlich, allenfalls ums Leben zu kommen. Gut, diese Gefahr ist die einzige, und wir bestehen sie vom Morgen bis zum Morgen alle Tage bei uns auf festem Boden. Ach, und Sie sind noch so blutjung. -- Sieben- bis achtundzwanzig Jahre, glaub' ich. In dem Alter hatte Napoleon schon Italien erobert. Nun, warum machen Sie nicht lieber eine Lustreise nach Italien? -- Erstlich lasse ich mich schlechterdings nicht im Piemontesischen mit meinen Paar Bchern als Transitgut plombiren; zweitens mich in Mailand schlechterdings nicht auf die Polizei schleppen, wenn unglcklicherweise an meiner Weste Carbonari-Farben zu sehen wren; drittens hab' ich einen Abscheu vor Stileten und Dolchen der Weglagerer, die im Kirchenstaat wieder mit der guten, alten Ordnung zurckgekehrt sind. Oder meinethalben gehen Sie nach Petersburg, wenn Sie etwa Berlin und Wien gesehen haben. -- Petersburg ist von hier so weit, als Boston und Philadelphia, und die chinesische Mauer der Paordnung ist am Fortkommen hinderlicher, als der Ocean. Ich mchte nicht, wegen der versumten Unterschrift irgend eines Paschreibers, ein Vierteljahr lang in einem russischen oder polnischen Grnzdorf verweilen. Reisen kostet Geld, Vetterchen! -- Ein Paar tausend Gulden fr die Lustfahrt, mehr nicht. Andere verlieren das noch behender und geschmackloser in Lotterien, am Spieltische, beim Weintische, in kaufmnnischen Spekulationen, durch lockere Weiber, ungerathene Kinder, niedertrchtige Falliten, belberechnete Bauplne und allerlei Neukufe. Aber welchen Nutzen knnen Sie von der Reise haben? -- Der liebe Nutzen ist nicht Alles in der Welt; es gibt auch Anderes und Besseres, wofr man lebt, z.B. das Gute, oder das Schne, oder das Wissen und Kennen. Dies abgerechnet, ist nicht auch Gesundheit und Lebensgenu etwas Ntzliches? Dafr reisen Englnder und Franzosen in die Schweiz, Deutsche nach Paris, Russen nach Neapel. Ich knnte auch wohl noch einen Nebenzweck beifgen. Und der wre? Eine Handelsspekulation? Unterwegs eine Braut finden? Ihren Oheim in Amerika sehen? -- Nein, fr alle Nothflle auch gelegentlich zu erfahren, ob Amerika fr unser eins einmal zum Vaterlande taugen knnte? Beht' uns der Himmel! Sie denken doch nicht an's Auswandern? -- Gerade jetzt nicht. Aber nehmen Sie mir nichts bel, es wird mir allgemach ein wenig unheimlich und unfrei hier zu Lande. Wie? wo knnen Sie freier leben, als hier im freien Vaterlande? -- Wo? das wei ich eben nicht, drum mcht' ich's gern wissen. Uebrigens rum' ich willig ein, wir sind hier, Gott sei Dank, so frei, als man irgend sein kann, wenn man sich mit Namen, Worten und Liedern begngt; jeden Rathsherrn sein Nabobchen spielen lassen mu; mit Nationalehre und Nationalunabhngigkeit von Fremden es nicht genau nimmt; und es ber sich bringt, dem gesunden Menschenverstande zuweilen ein Auge zuzudrcken. Lg' unser liebes Vaterland nicht in Europa, wre es gewi um die Hlfte mehr werth. Was geht Sie denn Europa an? -- Hm! doch etwas. Man lebt nicht blos in seinem Hause, sondern auch im Stdtlein mit den Leuten. Und gebildete Menschen leben heutiges Tages nicht blos in ihrem Lndlein, sondern auch im Welttheil, zu dem dasselbe gehrt. Wenns in Spanien brennt, fliegen Funken bis Ruland; und wenn man in London spricht, hrt mans gut in Berlin und Neapel. Ich gebe zu, Europa ist sehr glcklich fr viele, viele seiner vortrefflichen Bewohner; fr Geisterseher, Absolutisten, Ultra's, Mnche, Restauratoren, Gebetbuchmacher, Inquisitoren, Wetterhhne, Censoren, Polizeispione, Einnehmer, Zionswchter u.s.w. Leider hab' ich nicht die Ehre, zu einer dieser Znfte zu gehren.-- Als alles Zureden der lieben Vettern und Bschen eitel blieb, liessen sie mich gehen. Ich packte ein. Es kostete uns Allen beim Abschiede einige kstliche Thrnen. Ich bestieg den Postwagen. Nichts von meinem Flug durch Frankreich bis Paris. Ich sprach unterwegs den und diesen. -- Seid ihr glcklich, Leutchen? -- Jeder antwortete mit einem zusammengesetzten Gesicht, das meistens etwas in's Slichsaure schillerte: =Mais oui.= So, so! und dann gab's zu dem =Mais oui= Anekdoten, Bemerkungen, gar Flche, die insgesammt wie ein Kommentar zu dem Sprchwort aussahen: Vom Regen in die Traufe. Einige von den Pfiffigsten hielten mich offenbar fr einen Mouchard, oder Agent Provocateur. O die glcklichen Leutchen! Ich fand meinen Bruder in Paris. Er wollte mich bis _Havre_ begleiten. Am 27.Mai Abends 5Uhr fuhren wir die Barrieren hinaus ins Freie. Die Natur war von der Hand des Frhlings mit dem hchsten Zauber bekleidet. Von Zeit zu Zeit schimmerte zwischen artigen Landhusern und kleinen Gehlzen der gekrmmte Strom der Seine. Etwas weiter hin stiegen St.Cloud und Versailles mit den prachtvollen Schlssern empor. Nicht minder mannigfaltig prangten die Gegenden zu unserer Rechten. Die letzten Strahlen der Sonne hllten die Kirchthrme von St.Denis in Gold. Dann lie die Nacht ihren halbdurchsichtigen Schleier nach und nach ber das schne, groe Bild niedersinken. Am Morgen schwamm die Stadt _Rouen_ vor uns im Hintergrunde mit ihren Thrmen und Schiffsmasten, halb und halb im Rauch der Schornsteine verloren. Rouen hat viele protestantische Einwohner und vielen Gewerbsflei. Dadurch ward es blhend. Man ist jetzt sehr eifrig daran, die Kirchen besser zu bevlkern und durch Missionre den Glauben zu strken. Die Fabriken fangen an zu krnkeln und mit dem Glauben will der Kredit nicht wachsen. Das Land, auch hinter Rouen, als wir von einer Anhhe niederfuhren, ist herrlich. Die Seine verliert sich in zahllosen und weiten Windungen durch fruchtbare Gefilde in die blaue Ferne. -- Vier Uhr Nachmittags sahen wir Havre und das Meer; um sieben Uhr saen wir im Hotel _Bienvenu_ an guter Tafel. 2. Am Ufer des Meers. (29. Mai bis 1. Juni.) Ausgeschlafenen Sinnen ist das ganze Weltall frischer, lebendiger, lachender. Alle Mh' und Noth, welche ich mit den Spediteurs und Zollratzen in Havre wegen meines schon dahin vorausgesandten Reisegepcks hatte, ward mir wieder durch den Genu verst, welchen jeder hat, der zum erstenmal am Gestade eines Meeres steht. Als wir dahin gingen, kamen wir in ein sonderbares Feldgelager. Alles war mit Mnnern, Weibern, Kindern in fremden Trachten, alten Leuten mit Brten, Karren, Kisten und Pferden bedeckt. Gleich den Horden der Nomaden wohnten sie Tag und Nacht im Freien; der Himmel war ihr Dach und die nchtliche Finsterni der Umhang ihres Bettes. Ich erkannte sie bald fr Elsasser und Schweizer. Die Bartmnner mochten zu jenen stillen, gutmthigen Wiedertufern gehren, die Keinen beleidigen und so oft der Gegenstand der Bedrngung sind. Man sagte mir, da auch wohl nach und nach alle jene Wiedertuferfamilien, welche die wilden Berge des Mnster- und St.Imerthals fruchtbar machten, ihre Einsamkeiten verlassen wrden, um eine freiere Heimath zu suchen. Die ganze Schaar, die wir hier sahen, waren Auswanderer nach Amerika. Die Mnner hatten mit Geschirr, Wagen und Kasten zu schaffen. Andere schmauchten harmlos ihr Pfeifchen. Berner und Baseler Buerinnen, in ihrer Landestracht, hingen Wsche an Seilen auf zum Trocknen. Ein so ausserordentliches Schauspiel mochten die Leute von Havre wohl lange nicht gehabt haben. Sie standen zahlreich gaffend da. Ein Haufe muthwilliger, kleiner Buben hatte ein kleines Bernermdchen zwischen sich, das noch, wie in der Heimath gewohnt, die Haare seines Hauptes in zwei langen, mit Bndern durchflochtenen Zpfen niederhngen lie, whrend am Ende der Haarflechten unterwrts die Bnder bis fast zu den Waden niederflatterten. Nun hatte einer der Knaben beide Band-Enden erhascht und lie das arme Mdchen, wie am Leitseil, bald rechts, bald links trotten. Ich machte dem Auftritt ein Ende. Als ich von den Auswanderern einige deutsch anredete, riefen sie: Ach myn Gott, syd'r au ne Schwyzer? Ganget'r au in Amerika? Ich gab denen, welche wegen der Ueberfahrt noch nichts auf den Schiffen bedungen hatten, den wohlthtigen Rath, ganz unmittelbar mit einem Schiffskapitn den Vertrag selbst abzuschliessen, und keinem jener dienstfertigen Negozianten und Kommissionre zu trauen, sie mchten Landsleute sein oder nicht. Denn dergleichen Personen kennen selten, ausser ihrem Handels- und Kommissions-Ertrag, etwas Ertrglicheres; das Kontobuch ist die wahre Heimath ihres Herzens und Geistes; das Soll und Haben ihr Vaterland und Ausland. Wir kamen zum Hafen. Die Unermelichkeit und Majestt der ersten Erscheinung des uferlosen, lebendigen Meeres berfiel uns mit wunderbaren Schauern. Wir standen unverabredet pltzlich still, wie gebannt, und verloren die Sprache. Unser ganzes Wesen ward Auge; und doch ward mir, als wren meine Augen viel zu klein, das Bild der Unendlichkeit aufzunehmen. Wir bewanderten nun den Hafen von einem Ende zum andern, indem wir dem Becken folgten, welches drei Viertel der Stadt einfat. Von Schritt zu Schritt lag der Weg verrammelt: Seile, Holzbiegen, Kohlhaufen, ungeheure Ankertaue, Steine, Schiffsmasten, Sandhaufen, Fsser, umgekehrte Nachen und Khne, Kisten von aller Form und Gre, Waarenballen aufeinandergethrmt, Alles durcheinander. In den Zwischenrumen aufqualmendes Gewlk von Theerkesseln. Links und rechts Hmmern und Klopfen von hundert Schlgeln, Beilen, Aexten. Zwischendurch das Geschrei und Rufen der Matrosen am Ufer, wie auf Fahrzeugen, die ber den Wellen tanzten. Wie wir Nachmittags wieder dahin kamen, sahen wir eine berraschende Verwandlung. Das groe Wasserbecken war geschlossen; der brige Theil des Hafens bis zum Meere lag trocken. Mehrere kleine Schiffe ragten aus dem Sand hervor, andere ruhten mit einer Seite auf den beschlammten Steinen. Anfangs standen wir bei dem unerwarteten Anblick voll Erstaunens da; besannen uns aber bald, dies sei das Werk der _Ebbe_. In _Havre_ betragen Fluth und Ebbe, vom hchsten zum tiefsten Punkt, 22Fu; so wechseln sie binnen 25Stunden zweimal. Zu _Liverpool_ ist ein Unterschied des tiefsten Ebbe- und hchsten Fluthpunktes von 29Fu. In Amerika ist er weit geringer; in _Philadelphia_ z.B. 6Fu, in _Newyork_ nur 5Fu, in _Baltimore_ nur einen einzigen. Alles hngt davon ab, ob das Meer minder oder mehr eingeschlossen und beengt ist. Wir befanden uns bald auf dem Mola, der seine Erdzunge weit in die See hinausstreckt. Eine unzhlbare Menge Schiffe schwebte in allen Richtungen vor uns ber dem dunkeln, beweglichen Wasserspiegel und dem Horizont. Majesttisch, wie Schwne, zogen Dreimaster durch die Fluthen. Einige Rauchstreifen ber fernen Wellen lieen uns Dampfschiffe erkennen. Folgendes Tags, es war Sonntag, neues Schauspiel. Eine bunte Volksmenge fllte das Ufer des Hafens, beim herrlichsten Wetter. Ein neugebautes, groes Schiff sollte zum erstenmal in sein knftiges Element hinausgeschleudert werden. Wir gelangten zu dem gewaltigen Gebu. Ein Dampfschiff mit Musik und vielen Neugierigen war bereit, das todte Ungeheuer in den Hafen zu schleppen. Tausend und tausend Menschen drngten sich herbei; ihrer hundert wenigstens stiegen in's zu weihende Fahrzeug. -- Das Zeichen ward gegeben und bei zwanzig Mann, mit groen Aexten, schlugen Gerst- und Sperrwerk ein, welches dem Abrollen des Schiffs entgegenstand. Es hing nur noch schwach mit dem Boden zusammen. Die Lage schien in der Ordnung. Ein zweites Zeichen, und der Balken, welcher den Schiffrumpf noch festhielt, strzte zu Boden. Der Kiel, in einer Art Trag-Leitung, die wohl mit Seife bestrichen war, glitschte langsam vor, bald mit wachsender Geschwindigkeit, immer schneller, da ein schwarzer Rauch hinten nachfuhr. -- Pltzlich Geschrei um mich her: Das Schiff strzt auf die Seite! Ich stand mit meinem Bruder fnf Schritt von der Bahn. Das Schiff kmmt. Alles schreit im Gewimmel, wo wir waren; alles flieht, stolpert ber Seile, Fsser, Holz, fllt, reit andere fallend mit sich. -- Welch' ein Schlachtfeld, welche Niederlage! -- Als ich aufstand -- die ganze Verwirrung dauerte zwei Sekunden -- und mich umsah, schwamm das Schiff schon stolz im Meere hin. 3. Hyperion. Denselben Abend reisete mein Bruder nach Paris zurck. -- Ich hatte mir schon ein Schiff zur Ueberfahrt nach Amerika gefunden und die Bedingungen abgeschlossen. Es lagen eben drei Schiffe im Hafen segelfertig nach Amerika; der _Bayard_ und die _Elisabeth_ zur Fahrt nach Newyork, der _Hyperion_ nach Baltimore. Ich whlte mir den Hyperion aus, diesen mythischen Vater des Sonnengottes, mein Heil mit ihm zu versuchen. Es kamen noch andere kleine Umstnde dazu, die mich zu seinen Gunsten stimmten. Zwar der Bayard war das grte Schiff, aber Hyperion stand ihm an Schnheit nicht nach. Und wie ich an sein Bord ging, mit dem Schiffskapitn, einem Amerikaner, zu unterhandeln, hie er: _Albert de Valengin_. -- Von Valengin? was? Also eine Art Landsmann? -- In der That. Er erzhlte mir, sein Vater, von _Neuenburg_ in der Schweiz gebrtig, habe sich nach Amerika begeben gehabt, weil er mehr oder minder Theil an einem Brgeraufstande genommen hatte, der ihm mehr oder minder gerecht geschienen. Denn in den letzten Jahrhunderten der Eidsgenossenschaft, als diese durch innere Zwiste schwach in sich selbst, daher feige gegen das Ausland, daher friedliebend im Uebermaa gegen Fremde, aber trotzig, herrisch und unterthanschtig im eigenen Lndchen geworden, wren der Unruhen und Aufstnde so viel geworden, da man sie eher fr etwas Gerechtes als Ungerechtes htte ansehen mgen. Was gings mich an? Ich lie den Mann bei seinem Glauben. Er gefiel mir. Er mochte kein Schweizer sein, blos freier Amerikaner. Er sprach auch nur englisch. Er forderte fr die Ueberfahrt nach Baltimore 600 Franken von mir und begngte sich mit 500, wenn ich fr mein Bettgerthe und den Wein selber sorgen wrde. Die Kajte war zierlich; alle Vertfelung darin von Acajou-Holz; ebenso Tisch und Sthle. Ein groer Spiegel, mit breitem Goldrahmen, fllte den Raum zwischen beiden Fenstern im Hintergrund. In der Mitte des Zimmers schwebte ein Kompa an drei zierlichen Ketten hangend. Die Betten, in Form sauberer Kleiderkisten, befanden sich hinter Umhngen, an den Seiten. Die grte Sauberkeit war ber Alles verbreitet. Schlo und metallische Beschlge der Thr waren von glnzendem Messing. Ueber dem Fuboden lag ein groer trkischer Teppich ausgespannt, und ein zweiter, sehr schmaler deckte die Treppe. Das Gefllige und Reinliche dieser kleinen Wohnung ber den Wellen sprach mich gar freundlich an. Das Anmuthige und Schne gehrt zu den ersten Lebensgenssen, und veredelt Leben und Gemthsart. Das geistlose Thier hat keine Fhigkeit, vom Schnen gerhrt zu werden, eben weil es geistlos ist. Es hat nur Sinn fr Fra und Durststillung. Der rohe, bildungslose Mensch gleicht darin dem Thiere. Er kennt nichts Besseres, als was ihm in Gaumen und Magen wohlthut. Der erste Federschmuck und Nasenring der Wilden ist ein Zeichen vom Erwachen des Hhern. Das weibliche Geschlecht, immer frher reifend, als das mnnliche, ist auch dasjenige, welches die Vlker zuerst und am meisten aus dem Schlamm des Thierthums hervor ins _Menschliche_ heben. Will man Wilde, Halbwilde, Leibeigene und rohe Bauern gesitteter machen, bringe man den jungen Mdchen und Frauen Putzwaaren. Ein Hausirer mit buntem Bnderkram, Halstchern u.s.w. hat auf die Civilisation eines wsten Dorfes segensvollern Einflu, als Pfarrer und Schulmeister. -- Das wird freilich manchem Schulmeister unglaublich scheinen. Alle seefahrende Vlker haben ihre eigenthmliche Weise im Bau der Schiffe. Es ist damit, wie mit Nationaltrachten, Sitten, Sprachen. Ein Seekapitn, sobald er irgend ein Schiff nur deutlich erkennen mag, wird auch sogleich sagen, welcher Nation es angehrt. Die amerikanischen sind nach einer andern Einrichtung geformt; allgemein anerkannt, da sie die zierlichsten, und dabei die feinsten Seegler sind. Aber sie haben auch die wenigste Dauerhaftigkeit. Mir lag jetzt nicht viel an der letztern; desto mehr am Niedlichen und Schnellen. Der _Hyperion_ war eine Brick von 400 Tonnen. Wie lange knnen wir damit unterwegs sein? fragte ich den Herrn von Valengin. -- Ein Schiff, sagte er, das keine andere Mittel zum Fliegen hat, als seine Segel, hngt von der Huld der Winde ab. Der Hyperion hat die Ueberfahrt von Charlestown in Amerika nach Amsterdam in Holland auch schon in achtzehn Tagen gemacht. Zu den schnellsten Fahrten zhlt man diejenige einer amerikanischen Goelette, die von Newyork nach Havre nur vierzehn Tage brauchte; und eines Packbootes, das in dreizehn Tagen von Newyork nach Liverpool kam. Aber das, was bisher in den Jahrbchern der Seefahrer das Unerhrteste gewesen, erzhlte mir in Amerika einige Monate spter Herr _Gallatin_, wie ich ihn zu Geneva besuchte. Als er nmlich zu seinem Gesandtschaftsposten in Paris von Amerika abreisete, machte die Fregatte, welche ihn fhrte, den Weg bis Havre in vierzehn Tagen. Uebrigens ist bekannt, man fhrt von Europa nach Amerika nicht so geschwind, als umgekehrt. Dazu tragen einerseits die Sdwestwinde bei, die das Meer whrend zwei Drittheilen des Jahrs beherrschen, anderseits die Strmungen, welche vom mexikanischen Golf ausgehen, sich bis zum 45.Grad nordwrts fhlbar machen, und in mancher Gegend des Ozeans zwei bis vier Seemeilen in einer Stunde einbringen. Das Wasser dieser Strmungen ist auch bei sechs Grad wrmer, als das Wasser an den Ksten. Ich habe zwar nicht die Ehre, Seemann zu sein. Allein im Vertrauen auf das tgliche Fortschreiten menschlicher Wissenschaft und Kunst, darf ich mir, vielleicht mit grerm Recht, als mancher andere, die Ehre erlauben, Prophet zu sein. Schon jetzt ist eine Reise von Europa nach Amerika und wieder zurck nicht kostspieliger, nicht gefhrlicher, nicht unbequemer, als die Reise im Kasten einer Postkutsche zu Lande auf halb so langem Wege. Man ist da nicht zum Ueberflu noch von hungrigen Postillionen, groben Postbeamten, prellenden und schnellenden Wirthen, rohen Mauthknechten, Paschreibern, Visitatoren, Zoll- und Weggelderforderern und anderm Reise-Ungeziefer geplagt, das von der Polizei- und Finanzkunst des berglcklichen Europa zum Besten der Menschheit erfunden worden ist. Es wird eine Zeit kommen, da, wenn sich der Europer erholen, zerstreuen, frische Luft schpfen will, und umhersinnt, wohin eine kleine Lustreise thun? er kurz abbricht und sagt: Ich will ein wenig nach Amerika, und komme gleich wieder. Bis jetzt bewegen sich die Fahrzeuge ber das Meer entweder mit Segeln, oder Galeerenrudern, oder Dampfmaschinen. Im Allgemeinen sind die Segel freilich die vortheilhaftesten Schiffsfittige, am wohlfeilsten und raumsparendsten. Nur bei langen Windstillen machen sie traurige Miene. Es wird nicht fehlen, man wird mit der Zeit den Schiffsbau dahin vervollkommnen, da man zu den Segeln noch die Dampfmaschinen beihilfsweise gesellt, und sie in Fllen spielen lt, wo der Wind seine Huld versagt. 4. Haushaltung auf dem Meere. (2. Juni bis 13. Juli.) Ich war am Bord. Mittags den 2.Juni wurden die Anker des Hyperion gelichtet, alle Flaggen und Wimpel aufgezogen. Die im Hafen bleibenden Schiffe erwiederten auf dieselbe Art das Abschiedszeichen. Es blieb nicht bei dieser stummen Sprache: Hurrah! brllten unsere Matrosen; Hurrah! scholl es links und rechts von den andern Fahrzeugen zurck. Das Wetter war angenehm. Ein sanfter Wind strich furchend ber die spiegelnde Wasserebene. Mehrere kleinere Fahrzeuge folgten dem unsern. Andere kamen uns entgegen, und zwar mit demselben Winde, und segelten dabei nicht langsamer, manche geschwinder, als wir. Das amerikanische Packboot, die _Queen-Maab_, kam so eben von New-York her. Mit entfalteter Flagge und dem Hurrah-Gru der Matrosen, fuhr es zehn Schritte weit an uns vorber. Das Verdeck desselben war voller Reisenden, deren Aeusseres schon verkndete, wie vergngt sie waren, am Ziel ihrer Fahrt zu sein. Das Land wich hinter uns zurck. Der Zuschauer-Haufe am Ufer verschwand. Die Ksten schienen sich auf den Wellen zu bewegen, und auf- und niederzusteigen. Endlich wurden sie zu einem schwarzen Striche, der sich zwischen der zitternden Wasser-Ebene und dem Himmel entlang zog. Ich sah mich nun nach den Reisegefhrten um, die mit mir im engen Raum des Hyperion den Abgrund des Ozeans, von einem Welttheil zum andern, berschiffen wollten. Der Kapitn, zwei Lieutenants, zehn Matrosen, ein Stewart, ein Koch, ein Schiffsjunge, bildeten die Bemannung des Fahrzeugs. Ich war der einzige Reisende in der Kajte und am Tische des Kapitns. Die brigen waren Auswanderer von Europa, Mnner, Weiber, Kinder, 68 an der Zahl, die unten im brigen Schiffsraum herbergten und ihre Kche selbst besorgten. Der Kapitn, die beiden Lieutenants und ich speiseten zusammen. Man hlt drei Mahlzeiten des Tags. Zum Frhstck gibt's schwarzen Kaffee, Fleischschnitte, Geflgel, kleine Kuchen u.s.w. Mittags speist man um 1Uhr, Fleisch auf verschiedene Art zubereitet und Gemse; zum Nachtisch Kse oder Frchte; Bier, Wein, gebrannte Wasser mit natrlichem verdnnt. Sieben Uhr Abends nimmt man den Thee, wieder mit Nebengerichten von Fleisch, Backwerk u.s.w. begleitet. Fast alle Schiffe haben lebendige Schweine, Schafe, Hhner und Enten in Flle an Bord. Einige Packboote, zwischen Havre und New-York, halten auch der Milch wegen eine Kuh. -- Die Matrosen speisen in ihrer Kajte am andern Ende des Schiffes eine Stunde frher, als der Kapitn. Dieser hat wenig Langeweile. Er und einer seiner Lieutenants schreiben von Stunde zu Stunde Richtung des Windes, Lnge des zurckgelegten Weges, die Hhe, welche man gefunden, die Schiffe, welche man gesehen oder gesprochen hat und hundert andere Beobachtungen und Bemerkungen auf. Zu unbestimmten Zeiten, des Nachts wie des Tags, ging der Kapitn aufs Verdeck und musterte Sachen und Arbeiten. Das Steuer fhrt ein Matrose, der alle zwei Stunden abgelst wird; die Augen stets auf zwei vor ihm befindliche Kompasse geheftet, die des Nachts durch eine Lampe beleuchtet sind. Bei gutem Wetter hatten die Matrosen von vierundzwanzig Stunden nur sechs zur Ruhe; bei bsem Wetter blieb Alles auf den Beinen wach. -- In den meisten Reisebeschreibungen wird ber die Rohheit der Matrosen geklagt. Man schildert sie, wie einen Auswurf des menschlichen Geschlechts. Ich fand das bei unsern Matrosen nicht. Sie waren insgesammt Amerikaner, sehr gefllig, dienstfertig, sauber gekleidet, sittsam und immer thtigen Gehorsam. Freilich man mu diese braven Leute nicht wie Knechte und Bediente behandeln und ihnen Befehle zuherrschen wollen. Aeusserte ich bittweise nur einen Wunsch, schnell sprangen zwei und mehr, mir zu helfen. In Baltimore begegnete ich nachher einigen von ihnen wieder auf der Gasse. Sie waren aber so zierlich gekleidet, da ich sie im ersten Augenblick nicht kannte. Einer lud mich sogar zu seinen Eltern ein. Der Empfang berraschte mich durch das Anstndige, Feine und Herzliche. Wenn wir in der brgerlichen Gesellschaft noch brutale, ekelhafte Menschenklassen haben, wahrlich, so sind daran nur die hhern Stnde mit ihrer brutalen, ekelhaften Vorbildung schuld. Braucht nur hufig bei den Kriegsleuten und Vaterlandsvertheidigern die Korporal-Fuchtel, in den Schulen den Stock, werft die Juden mit Koth, und kehrt dem Handwerksmann und Landmann hochmthig den Rcken zu, wenn sie euch gleichgeboren zu sein glauben, so habt ihr bald eine europische Pariah's-Kaste gebildet. Dann schreibt Bcher ber Bcher ber Verbesserung der Juden, ber Schulwesen, ber Volksbildung; dann erlat Sitten- und Sonntagsmandate, Gesetze und Dekrete zur Befrderung der Zivilisation! Das wird helfen, wie ein Pflaster auf die Todeswunde des Erschlagenen. -- Wie treibt man's aber in jenen Lndern, wo die Barbaren mit Tituskpfen und Fraks nach der neuesten Mode wohnen? 5. Die Seefahrt nach Baltimore. (2. Juni bis 13. Juli.) Ueber das spielende, wechselnde, gewaltige, majesttische Element der Wellen, durch die Dienstbarkeit der Winde, wie von unsichtbaren Geistern, hingetragen zu werden, ist ein Hochgenu ganz eigener Art, besonders eh' die Gewohnheit, die auch den strksten Wein endlich verwssert, dafr die Sinne stumpf macht. Verwunderung, Grausen und Stolz auf die Gewalt des menschlichen Geistes, bemchtigen sich des ganzen Gemths. Leider verstimmte sich dies Hochgefhl bald durch die sogenannte Seekrankheit, von welcher, mit Ausnahme der Kinder unter zwlf Jahren und ganz alter Personen, alle Reisende ergriffen wurden, und ich, wie mirs vorkam, am rgsten. Es war ein bald widerlicher, bald lcherlicher, Anblick, fnfzig bis sechszig Menschen um sich her die seltsamsten Gesichter schneiden zu sehen, weil ihr Magen in bestndiger Insurrektion gegen Anstand und Sitte war. -- Ein Paar Tage lang muten die Auswanderer aller warmen Speisen entbehren, weil das Uebel ihre smmtlichen Kochknstler ausser Stand setzte, den Herd zu besorgen. Das Wetter blieb schn, der Wind gnstig, zuweilen verwandelte er sich sogar in sturmartige Ste; wir befanden uns am vierten Tag der Abfahrt schon weit ausser der Meerenge von Frankreich und England. Allein Lust und Freude gingen im ewigen Uebelsein verloren. Man kann und mag sich mit Niemandem unterhalten, nicht einmal lesen. Der Geist qult sich mit Denken und Trumen. Aus den besten Trumen aber strt auch wieder das bestndige Krachen und Girren des vielbewegten Schiffes auf. Es ist einem zu Muthe, als wrde man, in einen groen hlzernen Kasten gesperrt, mit Schnelligkeit ber und zwischen Steingerll fortgeschleppt. Man hlt zuletzt keinen Gedanken und Wunsch fester, als den, bald Land zu erreichen und ruhigen Boden unter den Sohlen zu haben. Kein Essen erquickt; vielmehr es erneuert nur den Jammer. Ich sehnte mich blos nach Mehlsuppe. Unser schwarzer Schiffskoch aus Afrika machte sie nach meiner Angabe und endlich ziemlich gut. Aber wenn er mich davon essen sah, bezeugte er mir sein herzlichstes Mitleiden und betheuerte, weder in noch zwischen den drei Welttheilen seiner Bekanntschaft je ein elenderes Essen gekocht zu haben. Die Erhabenheit der unendlichen Wasserwste, welche uns umgab, und mich anfangs tief erschttert hatte, ward, ich mu es gestehen, zuletzt mit seiner majesttischen Einfalt mir sehr langweilig. Es wundert mich jetzt gar nicht mehr, wenn die meisten Reisebeschreiber mit dem, wodurch sie sich ihre Langeweile vertreiben, ihren Lesern die grte verursachen, nmlich mit Aufzeichnung des Windes, der geblasen hat. Die einzige Abwechselung in der weiten Einde des Ozeans bringt entweder ein Schiff, das in der Ferne erscheint, sich nhert und verschwindet; oder von Zeit zu Zeit das Spiel der Fische auf der Oberflche des ungeheuern Wasserbeckens. Die Delphine bildeten da oft stundenlange Linien, indem sie regelmig einer nach dem andern zwei bis drei Schuh ber der nassen Flche hoch sprangen. Die Boniten und Doraden, mit allen Farben des Regenbogens geschmckt, schwammen traulich neben dem Fahrzeug her; whrend der Haifisch unbeweglich auf dem Wasserspiegel lag und die Beute erwartete, die seinem unersttlichen Rachen zuschwimmen sollte. Der Spritzfisch blieb auch nicht aus, uns seine Knste zu zeigen; und so stellten sich uns immer neue Arten von den Bewohnern des feuchten Abgrundes dar. Eines Abends nherte sich sogar dem Schiffe einer von den Riesen der Tiefe, ein Wallfisch. Dann und wann wieder flatterten Tauben und Meerschwalben ber und zwischen den Segeln umher. Die Schwalben wandelten lustig ber die Wogen und pickten mit den langen Schnbeln nach den Stckchen Zwieback, die wir ihnen hineinwarfen. Der Wiedertufer _Hermann_ versah bei den Ausgewanderten die Stelle eines Schiffspredigers. Jeden Sonntag verrichtete er ein ffentliches Gebet und hielt aus dem Stegreif ber irgend eine Bibelstelle eine Rede, die darin vor mancher Predigt gelehrter Pfarrer den Vorzug hatte, da sie aus reinem, frommem Gemth hervorging, und verstndig, kunstlos und erbaulich zum Gemth drang. Den Schlu dieser Andachtsstunde, die gewhnlich zwei Stunden dauerte, machte ein Psalmengesang. -- Dieser Wiedertufer und seine Frau zeichneten sich unter allen Ausgewanderten durch ihre feinen, geistvollen Gesichtszge aus. Ich fand seine Frau eines Tages bla und leidend sitzend, mit dem Rcken gegen das Schiffsbord gelehnt. Ich bot ihr ein Glas Wermuth-Extract zur Strkung an. Sie trank es und stieg dann in's Zwischenverdeck hinunter. Kaum zwei Stunden nachher verkndete mir ihr Mann die glckliche Entbindung seiner Frau von einem Tchterlein. Ein Paar Tage spter kam sie selbst aufs Verdeck und zeigte mir ihren lieben Sugling. Auf meine Frage, wie es nun um Taufe und Namen des Kindes stehen werde? erwiederte sie: Wir weihen unser Kind in das Christenthum ein, wenn es die Wichtigkeit und Heiligkeit der Sache begreifen kann. Zu Ehren unsers guten Kapitns wollen wir es aber nach ihm _Albertine_ heien. Wre es ein Knblein gewesen, wrden wir es _Hyperion_ oder _Ozean_ genannt haben. Wir waren schon zwanzig Tage auf dem Wasser. Die Hitze der Sonne ward unausstehlich; das se Trinkwasser in kleinern Portionen vertheilt, da es oft Streit darum gab. Wir hatten bestndige Westwinde uns entgegen; die Azoren sdwrts gelassen, ohne sie zu erblicken, und uns der Bank von Terre-neuve genaht. Sobald das Senkblei hier, bei 45Klafter Tiefe, feinen Sand fand, gab der Kapitn dem Schiffe die Richtung nach Sden. Wir kamen ziemlich nahe bei den Bermuden vorber. Es ist auf dieser weiten, einsamen Wasserstrae den Schiffen Bedrfni, wenn sie einander begegnen, Frage und Antwort zu tauschen. Sie steuern sich gegenseitig zu. Man hisst die Flagge; legt einige Segel bei, und fragt sich durchs Sprachrohr, von wannen? wohin? welche Ladung? u.s.w. Am gewissesten aber ist die Frage nach der Lnge und Breite, unter der man sich befindet. Ist zwischen den Berechnungen beider ein Unterschied, so hlt man sich gewhnlich an die, welche auf dem Schiff gemacht ward, das noch die krzere Zeit unterwegs ist. Es ist noch nicht immer ganz leicht, mit einander zu sprechen, besonders wenn der Wind stark, das Meer unruhig geht; denn man kann sich dann einander nicht wohl gehrig nhern, ohne Gefahr zu laufen. Schon war es der 6.Juli und seit einigen Tagen die tiefste Windstille. Kein Wimpel spielte. Das weite Meer stand unbeweglich und glatt, wie spiegelndes Eis. Das Schiff schien angefesselt. Die entfalteten Segel hingen schlaff nieder. Wolkenlos glhten Luft und Himmel um und ber uns. Die Sonne warf stechende Strahlen. Die Lebensmittel nahmen sichtbar ab. Jeder theilte dem andern nur Furcht und Besorgni mit. Ein Orkan auf dem Meer ist das Frchterlichste. Wir aber htten jetzt lieber einen Orkan bestanden. Die todte Ruhe whrte schon acht Tage und das Leben der Segel und Wogen wollte nicht wiederkehren. Ich stieg jeden Morgen sogleich auf den Mastkorb, in Hoffnung, Ksten des Festlandes zu erblicken. Oft rief mich die Ungeduld schon vor Tagesanbruch aufs Verdeck, wenn die Sterne noch, in geheimnivollen Ordnungen am Himmel, ihr blasses Licht durch das stille Reich der Nacht ausgossen. Ich zitterte hoffend dem Tag entgegen; ich fand mich immer getuscht, doch immer durch die Herrlichkeit des Sonnenaufgangs fr die Tuschungen entschdigt. Endlich, es war an einem Sonntage, gewann die Natur dieser ewigen Einden des Ozeans wieder Odem. Die Segeltcher wlbten sich nach und nach, und wir flogen wieder acht bis neun Seemeilen in einer Stunde. Welche Freude lchelte von allen Antlitzen; wie andchtig sprach der Wiedertufer das sonntgliche Abendgebet mit lauter Stimme, und mit welcher stummen Inbrunst in allen Zgen beteten die Andern vor sich hin! Der glnzende Sonnenball senkte sich den zitternden Wellen der Ferne entgegen. Das Schiff schien ihm in heiterer Sehnsucht tanzend auf den Wogen nachzueilen, und das Tagesgestirn selbst tndelnd seine Bahn und Sttte zu verlassen. Bald verbarg es sich hinter dem Busen des einen, bald des andern Segels; bald durchlief es der ganzen Breite nach die leichten Streifen des aufgespannten Tauwerks und der Seile. Masten, Linnen und Wimpel, Bord und alles Schiffsgerth tauchten sich in wunderbaren Goldschimmer, von tiefern Schatten begrenzt. Eine breite, blendende Lichtbrcke ging vom Hyperion ber das Meer bis zur Sonne, die zu zgern schien, aus diesem Tempel der Schpfungsherrlichkeit zu scheiden. Still sumsete zwischen Segeln und Seilen der Wind sein Abendlied. Die Wogen brachen sich tnend am Schiff zum Gesang. Die Menschen, in verschiedenen Stellungen, beteten. Der unendliche, schweigende Himmel horchte. Am 11.Juli sagte Herr _Valengin_: Ich denke, wir werden morgen einen Ksten-Lootsen am Bord sehen. Frohe Botschaft. Wirklich entdeckte man ihn folgendes Tages frh um neun Uhr vermittelst des Fernrohrs. Wir steckten die Flagge auf. Nach zwei Stunden kam das leichte, winzige Fahrzeug bei uns an, worin sieben Mann wie festgenagelt saen, alles groe, wohlgewachsene Leute. Jede Welle schien das gebrechliche, niedrige Boot wie eine Nuschale verschlucken zu wollen. Was doch der Mensch wagt; er der da wei, was er wagt! Welche Hingebung, zumal in strmischen Wettern! Schiffe, welche durch einen Windsto gegen die Kste getrieben, oder auf langen Fahrten irre wurden, sind oft schon durch diese unerschrockenen Mnner gerettet worden, die alle Untiefen und heimlichen Gefahren der Seegegend, und jedes Anlndepltzchen des Gestades kennen. Einer der Lootsen kletterte an einem ihm zugeworfenen Seil zu uns ans Bord hinauf, grte uns freundlich, drckte dem Kapitn die Hand und jedem, der ihm nahe kam, und fragte: Wie stehts? Geht alles gut? Diese herzliche Frage, so natrlich in dem Verhltni, und dabei so wohlwollend, hat fr den, der nach vielen Wochen wieder den ersten unbekannten Menschen sieht, etwas Erquickendes. Es war die erste, unmittelbare Erscheinung eines Bewohners der neuen Welt, die wir selbst noch nicht sahen. Der Lootse nahm vom Kapitn den Befehl ber smmtliche Matrosen und sagte: wir wren noch ohngefhr 150 Seemeilen (etwa drei derselben bilden eine Wegstunde) entfernt von der Chesapeak-Bai, und wenn der Wind, der gerade gnstig und stark blies, tapfer anhielte, wrden wir den andern Morgen an Ort und Stelle unsers Wunsches sein. Und am folgenden Morgen um neun Uhr scholl das Geschrei: Land! Land! -- Ein freudiges Schrecken fuhr Allen durch die Glieder. Die Vorufer des jungen Welttheils stiegen aus dem Schoos des Ozeans. 6. Die Landung. Wir fuhren in die _Chesapeak-Bai_ mit vollen Segeln ein. Links hob sich das _Kap Henry_, mit einem weien Thurm, auf welchem allnchtlich den Seefahrern ein Feuer brennt. In grerer Ferne rechts zeigte sich noch ein Leuchtthurm, es war der des _Kap Charles_. Das Gewsser der Bai fanden wir mit Holz, Krutern und Stroh bedeckt. Wir erfuhren, es habe auf dem Lande fnfzehn Tage lang anhaltend geregnet. Noch befanden wir uns sechszig Wegstunden (oder 180 Seemeilen) von Baltimore. Aber der Wind ging stark mit uns. Wir fdelten binnen einer Stunde zehn Knoten ab, das heit, legten 3 Wegstunden zurck, und noch dazu gegen die Strmung des Meers. Es zeigten sich, seit wir Land sahen, der Schiffe immer mehr vor unsern Augen und immer mehr, je nher wir den Ufern der Bai kamen. Schon unterschied man von den Fluren ungeheure Waldungen; bald da und hie angebautes Land mit einzelnen Wohnungen der Menschen. Frhliches Schauspiel fr uns. Eine Viertelstunde fern von uns zog ein Dampfschiff vorbei. Ein schwarzer Rauchstreifen bezeichnete durch die Luft den verlassenen Weg desselben. Silberbrandung umgab die Dampfrder. Die Nacht kam. Bald unterschied man nichts mehr. Das Schiff flog rasch durch die Wogen. Wir machten eilf Knoten in der Stunde. Ein Matrose, an der Schiffsseite draussen angebunden, warf bestndig das Senkblei und rief jedesmal an, wie tief. Das hielt uns, und auch die Freude, spt wach. Kaum war es Tag, rief mir der Kapitn zu: Wir sind in der Rhede von Baltimore! -- Ich wagte es kaum zu glauben, und doch stand das Schiff unbeweglich. Ich sprang aus dem Bett und warf mich hastig in die Kleider. Als ich aufs Verdeck kam, lag die Stadt Baltimore vor mir. Durch den lichten Wald der Schiffsmasten unterschieden wir Kirchthrme und die Wipfel hoher Pappeln in allen Theilen der Stadt. Die Thrme sind von weiem Marmor, sehr zierlich; die Huser von Backsteinen gebaut. Zwischen dem schnen Grn der Pappelbume, stellten sie sich mit ihrem gelben, rthlichen, blulichen Anstrich dem Auge gar gefllig hin. Wir sahen zu unserer Rechten Felder mit Korngarben bedeckt. Das Glockengetn der Heerden sang uns vom Ufer an, wo halb sichtbar zwischen Obstbumen die Khe in den Wiesen weidend umherirrten. Der Himmel klrte sich auf und die ersten Strahlen der Sonne rtheten alle Hhen und Berge. Um sieben Uhr Morgens nahte sich uns ein Kanot. Es brachte einen Arzt, der den Gesundheitszustand Aller auf unserm Schiff untersuchen mute, das den Tag zuvor, mehr als gewhnlich, gesubert und gewaschen worden war. Er grte uns mit einem guten Morgen! ohne dabei den Hut abzuziehen. Es war ein geflliger, angenehmer Mann; sehr sauber gekleidet. Nachdem er in der Kajte beim Kapitn ein kleines Frhstck genommen, kam er nach zehn Minuten wieder aufs Verdeck. Der Namensausruf Aller im Schiffe erfolgte. Er beschftigte sich mit jedem einzeln; untersuchte noch zwei Personen, die unplich in ihren Betten geblieben waren, und schied zufrieden von uns, auf die nmliche Art grend, wie er gekommen war. Ich vermuthete, unsere Quarantne wrde wenigstens noch vierundzwanzig Stunden auf dem Schiffe dauern. Darum rief ich einem Seemann, der auf einem Kanot mit Doppelsegel nicht weit von unserm Hyperion vorbeifuhr, zu, ob er mich nicht zum nchsten Bauerhause fahren wolle, um Milch und einige frische Nahrung einzukaufen. Er kam heran; ich stieg von der Seite des Schiffs, wo man eine Treppe angebracht hatte, hinab zu ihm. Er nderte an den Segeln, und obgleich kein fhlbarer Wind ging, flog doch das kleine Fahrzeug schneidend durch den Wasserspiegel ans Ufer. Ich sprang ans Land. Mir ward wunderbar zu Muth, da ich den langentbehrten festen Grund unter meinen Fen fhlte; einen Boden unter meinen Sohlen, den der weite Ozean von meiner Heimath trennte; den der groe Columbus die Khnheit hatte zu suchen und das Glck ihn zu finden; den Jahrhunderte lang die Grausamkeit raubschtigen Kriegsgesindels, golddrstiger Kaufleute und herrschlustiger, dummglubiger Pfaffen mit Menschenblut besudelt hatte, bis Muth und Gefhl der Menschenwrde das Joch zerbrach, welches der europische Despotismus fr unvergnglich hielt. Von meinen Gedanken und Empfindungen in diesen Augenblicken Rechenschaft zu geben, ist mir unmglich. Ich kam zu einem artigen Bauerhause. Eine Frau trat mir entgegen. Sie sprach deutsch; sie stammte aus dem Bernerland in der Schweiz. Nun richtete sie hundert und tausend Fragen an mich, da mir zuletzt bange ward, keine Milch zu bekommen. Sie gab mir endlich, was ich begehrte; ich mute ihr aber versprechen, sie noch einmal zu besuchen. Als ich zum Schiff zurckgekommen war, und meinen Fhrmann fragte: was ich denn schuldig sei? antwortete er: O durchaus nichts. Es machte mir ein Vergngen, Sie einen Augenblick ans Land zu fhren. Er lehnte sehr hflich Alles ab. Wie die Kinder auf dem Hyperion, es waren derer wohl zwanzig, meinen groen Topf voller Milch erblickten, liefen alle auf mich zu. Ich konnte jedem nicht geschwind genug davon geben. Um sie zu sttigen, htt' ich viermal mehr haben mssen. Aber das war auch eine Schwelgerei fr die guten Kleinen, und ein Genu fr mich ihre Freude! Der Kapitn hatte den Arzt in die Stadt begleitet. Sein Nachen kam Nachmittags zurck, aber ohne ihn; statt seiner ein Briefchen an mich, worin er mir ankndigte, ich knne ans Land gehen, wann ich wolle; der Nachen stehe zu meinem Befehl. Ich sumte keinen Augenblick. 7. In Baltimore. (13. bis 24. Juli.) Die ersten Schritte am Lande, durch die Straen der Stadt, reichten hin, um mich zu belehren, ich sei in einem fremden Welttheil. Ich konnte nicht mde werden, diese Reihen zierlicher Gebude, diese Handelsgewlbe und Kauflden, diese Gruppen von Negern und Mulatten zu sehen. Baltimore war vor fnfundvierzig Jahren noch ein gar geringes Stdtchen, mochte kaum ein halbes hundert Huser haben, viele noch von Holz. Jetzt steht da, einer Hauptstadt hnlich, eine regsame Welt. Baltimore zhlt schon 75,000 Einwohner. Die Straen sind gepflastert und mit breiten Trottoirs eingefat; reinlich, heiter, angenehm mit Pappelbumen besetzt, deren Gipfel mit den Kirchthrmen um die Wette in die Lfte aufstreben. Die Huser sind meistens von Backsteinen, manche von Marmor gebaut, geschmackvoll und edel ausgefhrt, von zwei und drei Stockwerken. Die grnen Fensterlden berall, die Hausthren von Rothholz und Acajou, die glnzenden Messingbeschlge daran, die hohe Reinlichkeit berall -- Alles gibt diesen Wohnungen, diesen breiten, lichten, saubern Straen, ein geflliges, freundliches, frisches Ansehen, wie ich mich dessen von keiner europischen Stadt erinnerte. Whrend der heien Sommerzeit werden die Straen tglich mit Wasser besprengt. Die schnste und lngste derselben ist die _Baltimorestrae_, beinahe eine halbe Stunde lang. In der Mitte derselben steht seitwrts die Douane, ein Gebu von ausserordentlichem Umfang, aus weiem Marmor aufgefhrt. Zwlf mchtige Sulen tragen einen Theil vom Innern des Gebudes, welches hier von oben herab durch eine sehr hohe Kuppole erleuchtet wird. Links und rechts sind die Amts- und Geschftzimmer, die Wohnungen der Angestellten u.s.w. Die Beamten selbst, einfach, aber usserst zierlich gekleidet, zeichnen sich durch ihr zuvorkommendes, geflliges Betragen aus.-- Mein erster Gang war in einen Gasthof. Man sa eben zum Mittagsessen. Ich brachte eine Elust mit, als htt' ich auf dem Meere vier Wochen gefastet. -- Lndlich, sittlich! Ich mute mich bequemen, um nicht auffallend zu werden, mit dem Messer in der rechten, mit der Gabel stets aber in der linken Hand zu essen, und beide queer ber den Teller zu legen, wenn man mir keine Speisen mehr darbieten sollte. Ich war noch nicht halb gesttigt, als meine Tischgenossen schon Feierabend machten. Ueberhaupt bemerkte ich durchgehends nachher auf meinen Reisen im Lande, da die Amerikaner am Tische sehr mig sind. Selten nimmt man beim Frhstck oder Nachmittags mehr, als zwei Tassen Thee oder Kaffee. Aber beim Thee und Kaffee wird jedesmal zugleich Geflgel, Fisch, Backwerk, Brod, Butter u.s.w. aufgetragen. Die Frau des Hauses bedient die Gste. Bei der Mittagstafel wird Bier zum Trinken gegeben und guter Branntwein mit Wasser verdnnt. Der Sauberkeit und Zierde der Straen und des Aeussern der Huser entspricht berall das Innere der Wohnungen. Man wird wenig Wohnungen finden, wo der Fuboden nicht mit einem schnen trkischen Teppich bedeckt, und von der Hausflur bis zum obersten Gemach des Hauses nicht jede Treppe es ebenfalls wre. Von den ffentlichen Denkmlern zeichnete sich das zu Ehren Washingtons, und ein anderes, nicht weit von einem Brunnen, zum Gedchtni jener Brger aus, die bei Vertheidigung der Stadt gegen die Englnder im letzten Kriege das Leben frs Vaterland opferten. Ihre Gebeine ruhen unter dem Denkmale. Ihre Namen alle sind in den Marmor des Fugestells eingegraben. Die katholische St.Pauls-Kirche knnte neben den schnsten Tempeln Europens aufgezhlt werden. Der Kirchen fr die andern christlichen Konfessionen mgen etwa noch achtzehn sein. Zuweilen stehen sie dicht neben einander. Jeder, ohne Groll gegen den Nachbar, geht in das Gotteshaus, wohin ihn sein Herz und sein Glaube rufen. Das ist die Wirkung der wahren Religionsfreiheit, whrend man in Europa hchstens in den gebildeten Lndern nur die Duldung kennt und sich mit religiser Toleranz, als wre sie eine groe Tugend, brstet. -- Das ist in Amerika die Wirkung einer weisen, vernnftigen Gesetzgebung. Die Menschen sind sich hier, wie vor dem weltlichen, so vor dem gttlichen Gesetz in ihren Rechten gleich. Die Europer werden noch lange Zeit groe und kleine Bcher ber das Verhltni der Kirche zum Staat schreiben, indem die einen den Staat in die Kirche, als in das Hhere und Allumfassende, hineinstellen, andere die Kirche dem Staat unterordnen, und wieder andere Staat und Kirche, Kaiser und Papst, in gleichen Wrden neben einander setzen. Die Amerikaner haben die Streitfrage der europischen Staatsmnner und Professoren lngst und auf die naturgemeste Weise gelst. Der Staat, diese groe Anstalt fr Rechtssicherheit und Entwickelung der brgerlichen Gesellschaft, hat kein Befugni, ber religise Ueberzeugungen, ber das innere Verhltni des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Den Brgern ist es anheimgestellt, in derjenigen Form oder kirchlichen Ordnung ihre gemeinschaftlichen Gottesverehrungen zu veranstalten, die ihren Ueberzeugungen am meisten entspricht. Wie mannigfaltig und verschieden dieselben sein mgen, der Staat hat nicht darber zu entscheiden, welche Form die bessere, welche Kirche die alleinseligmachende sei. Allein alle Brger sind Eigenthmer gleicher Rechte; der Staat ist da, um sie alle in den kirchlichen Verhltnissen ihrer Wahl zu schtzen. Von der andern Seite aber darf auch keinerlei Kirchenthum zerstrend auf die ffentliche Ordnung des brgerlichen Lebens einwirken, noch weniger sich, durch priesterschaftlichen Stolz geleitet, weltliches Recht und Ansehen in Staatsverfassung oder Staatsfhrung anmaen. Lauheit, Indifferentismus! rufen dabei in Europa unsere geistlichen _Herren_ (denn Herrn wollen sie gern sein!). Merkwrdig ists, da eben diese _Herren_ fort und fort ber Verfall der Religion, Abnahme der Andacht, schlechten Besuch des Gottesdienstes schreibend und predigend klagen. In Amerika klagt man nicht ber Indifferentismus. Hier wetteifern alle christlichen Kirchenparteien auf oft rhrende Weise in gottesdienstlicher Frmmigkeit. Hier sind in den grern und kleinern Stdten die Kirchen stets von Betern erfllt, und in den weiten Einsamkeiten junger Pflanzungen sieht man Pflanzerfamilien oft lange Tagreisen bis zur nchsten Kapelle oder Kirche machen. Wenn sich eine Stadt bildet oder ein Dorf -- so weit ich gekommen bin--, und alle Htten noch gebrechlich und hlzern sind, stehen zuerst immer zwei groe Gebude massiv und kostbar aufgefhrt da: das Rathhaus und der Tempel. Den ersten Sonntag, welchen ich auf amerikanischer Erde erlebte, tnte von allen Seiten das Gelut der Kirchenglocken. Es war der 18.Juli. Ich verlie meinen Gasthof und folgte dem ersten Zuge von Menschen, den ich sah, zu einer der Kirchen. Der Prediger war auf der Kanzel; ihm zur Rechten sa der mnnliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Man sang die Psalmen mit vieler Harmonie. Dann las der Prediger einen Bibeltext und sprach ber die Unerfahrenheit und Ungeduld der Menschen, indem sie ihre Glcks- und Unglcksflle dem Vertrauen auf eigene Krfte anheimstellen, ohne die tiefer liegenden Ursachen zu bemerken. Er sprach sehr erwecklich und belehrend. Ich bemerkte, da ich in einem Tempel der _Methodisten_ war, der sich, wie die Art der ffentlichen Andachtsbung, wenig von der reformirten Form unterschied. Von da begab ich mich in eine andere Kirche. Es war die der _Neger_. Auch der Geistliche war ein Neger. Er ereiferte sich sehr gegen die, seinem schwarzen Menschenschlage gewhnlichen Untugenden. Seine Stimme war sehr stark; seine Bewegung ganz schauspielerhaft. Die Kleidung der Zuhrer und Zuhrerinnen zeichnete sich durch hohe Sauberkeit, Geschmack und Feinheit aus. Die Frauenzimmer trugen sich meistens wei; doch manche auch in farbigen Kleidern und mit feinen Strohhten. Aber welche Ueberraschung fr einen Europer, wenn sich eine der schlanken Grazien mit dem Kpfchen wandte, und dem Neugierigen eine ganz schwarze Gestalt wies! Den folgenden Tag ging ich in eine katholische Kirche. Es wurde hier eben ein ausserordentliches Seelen-Amt wegen dem Tode eines Herrn _Moranville_ gehalten. Bei der ansteckenden Seuche, die im Sommer 1819 zu Baltimore so viele Menschen wegraffte, und durch die Wrme der Luft von 26 bis 28 Grad Reaumur am furchtbarsten geworden war, opferte dieser Herr _Moranville_ Vermgen, Zeit und Krfte fr die leidende Menschheit auf. Er theilte Arzneien aus, er trstete die Sterbenden, er half die Todten forttragen, so lange die Seuche wthete. Die meisten Verwstungen richtete sie in dem Theil der Stadt an, der _Fellspoint_ heit, und in den niedern Gegenden, whrend der hher gelegene Theil der Stadt sich gesund bewahrte, obgleich man auch von den Kranken da hinauf verlegt hatte. Herr Moranville fhlte sich zuletzt auch nicht wohl. Er glaubte, das Klima Frankreichs, seines Vaterlandes, werde ihm Besserung geben. Er reisete ab, kam nach _Amiens_ und starb da. Der _Hyperion_ hatte die Nachricht von seinem Tode mitgebracht, den ganz Baltimore mit lauter Stimme beklagte. Die Kirche hatte kaum Raum genug, die ungeheure Menschenmenge zu fassen. Mit welchem kalten Pomp sah ich in Europa oft Menschen begraben, die zu den Hchsten und Bedeutendsten gehrten. Hier weinten tausend und tausend dankbare Augen still vor sich hin. Und als der Prediger vom Leben des Wohlthters sprach, ward der Schmerz laut. Man hat jetzt seit Kurzem einen Theil des Hafens ausgetrocknet, wodurch die Luft reiner und gesunder geworden ist. Es sind Flugraben geffnet, so, da die Fahrzeuge in der Nhe der Vorrathshuser landen knnen. Diese Kanle ziehen sich manchmal eine halbe Wegstunde vor bis in die meisten Straen der Stadt. Neben den Kanlen sind auf beiden Seiten Hochstraen fr Fuhrwerk. Zwischen den Husern ber den Dchern ragen daher die Masten der Schiffe mit ihren flatternden Wimpeln empor. An den Ufern rollen prchtige Lust- und Reisewagen entlang, Karren von Negern gezogen und gestoen; zierliche Kauflden sind seitwrts geffnet, deren Reichthum den europischen nicht nachsteht. Eine regsame Menschenmenge schwrmt durch die lichten Straen. Der Grotheil der Wandelnden ist immer in sauberer und geschmackvoller Kleidung. Es hat Alles alle Tage sonntgliches Ansehen. Jeden Morgen, ehe noch die Thrme im Goldstrahl der Sonne leuchteten, erwacht' ich vom verworrenen Gesang mehrerer Stimmen. Ich ward neugierig, woher diese Klnge, und ging ihnen eines Tages nach. Sie kamen vom Hafen. Ich sah auf einem Schiff acht Neger beschftigt, es auszuladen. Alle ihre Bewegungen geschahen im strengen Zeitma und begleitet von einem Sang, den einer von ihnen angestimmt hatte. Die Tne, mit weniger Abwechselung, erhoben oder senkten sich, je nachdem der Waarenballen mehr oder minder schwer war, der bewegt wurde. Ich fand diese Art melodisch zu arbeiten nachher noch fter bei den Negern. Man sagte mir, da diese Unglcklichen sich in den ersten Monaten ihrer Gefangenschaft einer solchen Schwermuth berliessen, da sie zuletzt gegen die Mahnungen ihrer Herren, selbst gegen Schlge ganz unempfindlich wrden. Nichts knnte sie dann erheitern, als ihr Gesang. Man nthige sie, zu Allem zu singen. So singen sie nachher zu aller Arbeit und bewahren dadurch ihre Munterkeit. 8. Die Auswanderer. Um mehr in der Mitte der Stadt zu sein, wohin ich von meinem Gasthof wohl eine halbe Stunde Wegs hatte, whlte ich einige Tage nach meiner Ankunft den Gasthof zur _Indian Queen_. Im ersten hatte ich wchentlich, bei tglichen drei Mahlzeiten, 4Dollars (ungefhr 1Louisd'or) bezahlt; in diesem war der Preis tglich 1Dollar. Die Reisenden wurden durch sechs Neger und Mulatten bedient; dreimal des Tages war die Tafel gedeckt, mit ausgewhlten Speisen besetzt und die Gesellschaft am Tisch zahlreicher. Es waren mit mir etwa achtzig Reisende da und sehr wenig Europer unter denselben. Der Wirth hlt ein Buch, worin der Name seiner Fremden eingetragen ist. Das aber ist keine Polizeimaregel, wie in Europa, sondern Uebung. Die Polizei drngt sich hier nicht in Alles ein. Man setzt voraus, die Mehrheit der Reisenden bestehe aus rechtlichen Menschen, und unterwirft diese nicht den demthigenden und beleidigenden Verfgungen, die man einiger Schelmen willen erfunden hat. Man reiset durch alle Staaten Amerika's, ohne auch nur eines Passes zu bedrfen, und sich damit beim Thor jedes Stdtleins und jeder Polizeibehrde ausweisen, verzgern und oft plump genug behandelt sehen zu mssen. Kmmt ein Reisender ans amerikanische Ufer, mu er erst seinem Schiffskapitn den Werth seiner Waaren genau angeben, dann hernach beim Zollamt den Werth des Verkauften. Ein jhrlich vom Kongre bestimmter Tarif bezeichnet, was davon zu entrichten ist. Uebersteigt die Abgabe fnfzig Piaster, gewhrt man Zahlungsfristen von sechs, neun und zwlf Monaten. Man hlt sich an das gegebene Wort. Und Alles geht ganz gut dabei. -- Es ist dies allerdings merkwrdig. Werden denn die Leute ehrlicher und rechtlicher, wenn sie amerikanische Luft athmen? -- Ich mchte beinahe glauben, es wrden die Unterthanen der europischen Regierungen viel besser werden oder sein, wenn die Regierungen ihnen mehr Redlichkeit zutrauten. Man verkrppelt Vlker nicht nur, wie in der Trkei, durch rohe, gesetzlose Hrte und Grausamkeit zu sklavischen Wesen, die mit den Lastern des Sklaventhums behaftet stehen, sondern auch durch unbesonnene Gesetzgebungen, in denen kein Glaube an die menschliche Tugend, keine Achtung des jedem Menschen eigenthmlichen Ehrgefhls, keine Schonung der Wrde des Menschen, auch im Aermsten, vorherrscht. Mustert die Gesetzgebungen der meisten Lnder: sie scheinen fr Botany-Bai-Leute geschaffen zu sein. Die heitere, freie, anstndige Bewegung der Einwohner Baltimore's auf Straen, ffentlichen Pltzen u.s.w. fand ich im Innern der Familien wieder. Ich ward einigemal in die Abendgesellschaften eines der ersten Huser, bei Herrn G...., eingeladen. Die Frauenzimmer machten nach dem Thee Musik mit Gesangbegleitung; man plauderte, scherzte, spielte. Es war hier Alles ohngefhr wie bei uns in hnlichen guten Gesellschaften; nur weniger gezwngt, steif und gesucht, viel heiterer und jeder mehr sich hingebend. Noch mu ich doch auch ein Wort von meinen europischen Reisegefhrten, den Auswanderern, sagen. Den Tag nach der Ankunft im Hafen, gingen die Auswanderer ebenfalls ans Land und schickten sich an, in die westlichen Gegenden der Vereinstaaten zu reisen, meistens in kleinen Caravanen von acht bis zehn Personen. Manche waren schon ganz von Geld entblt. Sie wandten sich an eine sehr achtungswrdige Gesellschaft in Baltimore, und die beiden rmsten Familien, die eilf Personen stark waren, erhielten ein Pferd fr sich und 40Piaster. Sie zogen, wie der grte Theil solcher Ankmmlinge, den Ufern des Ohiostroms zu. Auch das amerikanische Schiff _Elisabeth_ war in New-York, und frher, als der Hyperion, mit mehr denn vierzig Reisenden angekommen, wie ich erfuhr. Diese, meistens Schweizer, zogen an den Ufern des Hudson aufwrts und folgten dem groen Kanal bis zum Erie-See. Das Schiff _Boston_ kam fast gleichzeitig mit 120 Kolonisten, Elsassern und Schweizern, grtentheils Wiedertufern, in Alexandria in Virginien an. Auch diese wanderten vom Ufer des Potomak zum Ohio. Eben so andere Auswanderer, die einige Wochen spter auf zwei Schiffen von Havre ankamen. -- Jhrlich strmt aus Europa eine unglaubliche Menge arbeitsamer, gewerbfleiiger Familien nach Amerika. Und doch -- wie groe Strecken Landes entbehren in Europa noch des Pfluges und des Kunstfleies! Wie schon gesagt, sind in jedem Fall die amerikanischen Schiffe allen andern zur Ueberfahrt vorzuziehen. Sie brauchen gewhnlich von Europa nach dem neuen Welttheil nicht mehr, als zwanzig bis vierzig Tage, und zur Rckfahrt nach Europa etwa zwanzig bis dreiig. Zwlf Schiffe, die den Namen Packboote tragen, machen zwischen Havre und New-York den regelmigen Dienst; zwlf andere eben so von Grenok nach New-York; zwlf von London und sechszehn von Liverpool eben dahin. Jedes dieser Schiffe macht die Hin- und Herfahrt dreimal im Jahre. In jedem derselben ist der Preis fr einen Platz in der Kajte zu dreiig Guineen (ohngefhr dreiig Louisd'or) oder 140 Dollars. Man hat dafr tglich drei wohlgewhlte Mahlzeiten nebst dem Wein; zum Nachtisch Madera; Sonntags Champagner. Diejenigen, welche weniger Bequemlichkeit verlangen und unterwegs sparen wollen, finden beim Kapitn eines Kauffahrteischiffes leicht den Platz zu zwanzig Louisd'or. Die Auswanderer auf dem Hyperion zahlten fr die Person nur ohngefhr sechs Louisd'or; bekstigten sich aber selbst; schliefen im Zwischenverdeck, hatten aber Holz zum Kochen und ses Wasser frei. Matratzen, Fleisch, Wein, Schiffszwieback, hatten sie von Havre mitgenommen, und auf die Person fr vier Louisd'or Lebensmittel berechnet. Noch vor wenigen Jahren war die Ueberfahrt kostspieliger und bei der Unerfahrenheit der damaligen Schiffskapitne langsamer. Sie gebrauchten dazu oft sechszig bis achtzig Tage, manchmal sogar drei bis fnf Monate. Viele der Auswanderer waren sodann ausser Stand zu zahlen; hatten ihr Geld oft schon beim langen Aufenthalt im Hafen verzehrt. Dann pflegten sie sich, um die Ueberfahrt zu zahlen, dem Kapitn auf lngere oder krzere Zeit in Arbeit zu verdingen, und dieser verkaufte sie, oder vielmehr ihre Arbeitsverpflichtung, wenn er nach Amerika kam, an Andere, die das Meiste boten. Die Regierung von Amerika hat diesen schndlichen Handel durch ein Gesetz verboten, und alle dergleichen Vertrge zwischen Kapitnen und Reisenden aufgehoben. Seitdem nimmt kein Kapitn mehr Ueberfahrende an, ohne das Frachtgeld vorher baar erhalten zu haben. Viele von den Ankmmlingen, die ich nachmals in verschiedenen Gegenden Amerika's sprach, und welche die Ueberfahrt auf Schiffen anderer Stationen gemacht hatten, erzhlten mir von seltsamen Meer-Abentheuern, denen ich kaum Glauben schenken konnte. Ein Aargauer, der im Jahr 1817 mit 450 Wrtembergern und Schweizern die Ueberfahrt von Holland aus gemacht hatte, erzhlte: da man nach sechs Wochen auf dem Meere endlich die Portionen Lebensmittel habe auf ein Drittel einschrnken mssen; da sich deswegen viele dem Kapitn verkauft htten; da bei 150 Menschen durch Hunger und Krankheit auf dem Meer umgekommen wren, und erst nach einem Vierteljahre New-York erreicht htten. Gewi ist, da einige, die ihre Ueberfahrt bezahlt hatten, nachher ihre Klage gegen den Kapitn aufsetzten und sie Regierungsgliedern berreichten. Der Kapitn wurde vor den Richter berufen, und da er sich nicht ganz rechtfertigen konnte, zu einjhriger Gefangenschaft und zum Verlust seines Schiffes verurtheilt. Die Reisenden wurden von den eingegangenen Vertrgen frei gemacht. Und seit dieser Zeit ists auch, da jenes Gesetz erschien, um alle Mibruche dieser Art abzuschaffen. 9. Eine Tagreise nach Philadelphia. (24. Juli.) Wie weit ists von hier bis zur Hauptstadt Pensylvaniens? fragte ich. Vormals ziemlich weit, war die Antwort; man mute mehrere Tage unterwegs zubringen. Jetzt aber knnen Sie bei uns in Baltimore frhstcken und in Philadelphia zu Abend speisen. Die beiden Stdte sind einander sehr nahe gerckt worden. Es sind, von Baltimore dahin, dreiunddreiig Stunden. In der That, wohin man bald gelangen kann, das ist nicht sehr entfernt. Je mehr sich die Vereinstaaten beleben, mit Kunststraen, Kanlen und Schifferflssen durchschnitten werden, Eilwagen und Dampfboote sich vervielfltigen und vervollkommnen, je kleiner wird dies ungeheure Gebiet, in welches man ziemlich bequem den grten Theil Europas hineinlegen kann. Ich bestieg an einem schnen Morgen um fnf Uhr das Dampfschiff Richmond, welches, mit der Kraft von siebenzig Pferden, regelmig die Fahrt von New-York nach Albany macht. Ob ich gleich manches Dampfboot schon gesehen hatte, berraschte mich doch dieses durch seine Sauberkeit, innere Schnheit und die Pracht der Zimmergerthe und Verzierungen. Der Dampf hrte auf zu zischen; das Rderwerk gerieth in Bewegung, und mit wunderbarer Geschicklichkeit flog das Boot mitten durch die Menge der Fahrzeuge, welche das Gewsser des Hafens bedeckten. Kaum von der Rhede etwas entfernt, kam uns das Dampfschiff =the Maryland= entgegen, das von Charlestown und Norfolk nach Baltimore gehend, uns einen Reisenden abgab, welcher nach New-York wollte. Wenn man aus dem Hafen kmmt, mag die _Chesapeakbay_ eine starke Viertelstunde breit sein und nimmt dann den Namen _Susquehanna_ von dem Flu an, der aus den Alleghanybergen in zwei verschiedenen Strmen kmmt. Diese Strme vereinigen sich zu _Sunbury_ ehe sie in die Chesapeakbay fallen. Um acht Uhr wurde zum Morgenmahl gelutet. Jedermann setzte sich zum Tisch, wie ihm gefiel. Es waren der Reisenden ohngefhr sechszig Personen. Das Frhstck war, wie gewhnlich, in ppiger Flle aufgetischt; Kaffee, Rindfleisch, Geflgel, Fisch, auf mancherlei Weise bereitet; Backwerk, Butter und die =sweah patatoes=, oder se Erdpfel nicht zu vergessen, vom feinsten Geschmack, welche mein Lieblingsbissen blieben, so lange ich in Amerika war. Das Schiff ging rasch; in einer Stunde stromaufwrts zwei Wegstunden. Beide Ufer, die sich einander allmlig nherten, waren mit artigen Landhusern und wohlgebauten Feldern geschmckt. Im Hintergrunde unendlicher Wald. Um eilf Uhr hielt das Schiff an. Wir muten ans Land. Jeder Reisende erhielt eine Karte, welche die Nummer eines Wagens trug, in dem jeder nun vom Ufer der Susquehanna zum Delavareflu fahren sollte, wo uns ein anderes Dampfschiff erwartete. Sechs schne Wagen, jeder mit vier krftigen zierlich geschirrten Rossen bespannt, brachten uns in vierthalb Stunden von _Newcastle_ ans Delavare-Ufer in den Delavarestaat. Es ist dies ein Weg von ohngefhr neun Stunden Lnge. Man sa im Wagen bequem, obgleich immer drei Personen nebeneinander. Wir hrten schon in der Ferne, ehe wir das Dampfboot sahen, den Dampf pfeifen. Eilfertig, als wre Alles auf der Flucht begriffen, stieg man aus ins Schiff; das Gepck kam sogleich mit, und wir flogen den Delavarestrom aufwrts. Die Ufer desselben sind so lieblich, wie die der Susquehanna. Wlder, durchschnitten von schnen Pflanzsttten, saubere Huser von Back- und Felssteinen, mit Grten, verkndeten freudigen Wohlstand und noch Raum genug fr manchen Ansiedler. -- Zwischen Gehlzen, Maisfeldern und ppigen Wiesen sahen wir auch zwei kleine Stdte an uns vorberschweben: _Chester_ und _Wilmington_. Sie hatten freundliches Aeusseres; die Huser mit vielem Geschmack erbaut, aus Steinen, Backsteinen und getnchtem Holz. Rechts lag uns der Staat _Jersey_, weniger volkreich, als Pensylvania zu unserer Linken. Eine Menge Schiffe, Sloops und anderer Fahrzeuge begegneten uns, oder folgte uns. Ueberall Leben und Verkehr. Aber kein Schiff konnte mit unserm Boot gleichen Lauf halten; es legte in einer Stunde, gegen den Strom, ber 2 Wegstunden zurck. Es war sechs Uhr Abends vorbei, als wir schon den Wald von Schiffsmasten sahen, welcher den Hafen von Philadelphia besumt. Bald erblickten wir am Ufer des Flusses, beim Eingang des Hafens, ein ungeheures steinernes Bauwerk, breit und schwerfllig. Es war die Veste Mifflins. Am Landplatz lagen schon fnf andere Dampfboote. Wir befanden uns dem Marktplatz gegenber. Eine Menge schaulustiger Menschen standen am Ufer. Neger erboten sich, mein Gepck zu tragen. Nur 200 Schritte vom Hafen ist der Gasthof _Brandson_, wo ich einkehrte, und fr einen Dollar tglich mich ganz wohl befand. So war ich nun in der Stiftung des unsterblichen und ewig ehrwrdigen William Penn; in der Stadt, welche bis zum Jahre 1800 die Stadt des Kongresses gewesen, der dann nach Washington im Columbiastaat verlegt wurde. General _Lafayette_ kannte sein Amerika, fr dessen Unabhngigkeit er einst als Jngling gefochten hatte, nicht wieder, da er zum letztenmale dessen Gast ward. Und jeder Reisende, der nur einige Jahre spter kmmt, als der frhere, findet Verwandlungen ber Verwandlungen, neue Kolonien im Innern, wo sonst Einden, neue Stdte, wo sonst einzelne Bauerhfe lagen, und kleine Ortschaften in Gewerbs-, Handels- und Prachtstdte verwandelt. Laut der letzten Zhlung steigt die Bevlkerung jetzt auf 12,508,000 Einwohner in den gesammten achtundzwanzig Staaten des Bundes. Ich will hier die Uebersicht von gegenwrtiger Bevlkerung der Vereinstaaten, nebst den Jahren ihrer Kolonisation und Aufnahme in den Bund, als selbststndige Republiken, beifgen. Namen. Kolonisation. Eintritt in Bevlk. den Bund. Seelen. Virginien 1610 1776 1,100,000 New-York 1614 1776 1,220,000 New-Jersey 1614 1776 314,000 Massachusetts 1620 1776 548,000 Newhampshire 1623 1776 274,000 Pensylvanien 1627 1776 1,078,000 Delavare 1627 1776 100,000 Maine 1630 1819 10,000 Connecticut 1635 1776 316,000 Rhode-Island 1635 1776 100,000 Maryland 1638 1776 450,000 Vermont 1664 1776 300,000 Nordkarolina 1669 1776 504,000 Sdkarolina 1710 1776 662,000 Georgien 1732 1776 366,000 Louisiana 1734 1812 158,000 Tennesee 1750 1796 430,000 Allabama 1770 1822 85,000 Columbia 1638 1800 56,000 Kentuky 1773 1792 1,100,000 Indiana 1787 1816 130,000 Ohio 1780 1803 540,000 Illinois 1790 1818 55,000 Missouri 1790 1820 106,000 Missisippi 1780 1817 156,000 Ostflorida } } 1822 1,000,000 Westflorida } Michigan 1810 1823 50,000 Die Lnder westwrts Illinois u.s.w. zhlen auch etwa 1,000,000. Man sieht daraus, da bei uns zu Lande die Geographien, welche erst vor einigen Jahren gedruckt sind, wo sie von den Vereinstaaten reden, durch die Riesenschritte, welche Bevlkerung und Anbau dort thun, unvollstndig geworden sind. Noch ein Vierteljahrhundert, und die Vereinstaaten sind durch ihre Lage, durch ihre Bevlkerung, durch ihren Reichthum, durch ihre vortrefflichen Einrichtungen, durch ihre weisen Gesetzgebungen eine Riesenmacht, die des gesammten Europens Trotz spotten kann, und auf unsern Welttheil mehr Einflu haben wird, als er auf sie. Da, wo jeder Brger fr sein Vaterland das Gewehr trgt, wo beinahe eine Million Milizen in den Waffen gebt werden, wo Freiheitsgefhl, Nationalstolz und Miachtung der alteuropischen Einrichtungen begeistern, ist schon jetzt nichts mehr von schweren Anfechtungen aus Amerika zu frchten, obgleich die gesammten achtundzwanzig Republiken nicht mehr, als kaum 6000 Soldaten, das heit in Sold und Lohn stehendes Kriegsvolk, unterhalten. Da die Amerikaner ihr Glck fhlen im Verhltni zu den Europern, mu uns gar nicht wundern. Denn ungerechnet die natrliche Liebe der Eingebornen zu ihrer Heimath, bringen die jhrlichen Einwanderer und neuen Ansiedler wenig Lobreden auf den alten Welttheil mit, welche die Neigung fr Europa erhhen knnten; und dann erfahren sie wchentlich aus zahllosen Zeitungen nur zu viel vom Bunterlei unserer Schick- und Drangsale. 10. Die Stadt der Freunde. (24. bis 30. Juli.) _Philadelphia_ trgt wohl seinen Namen mit Recht. Der Grotheil ihrer Bewohner besteht aus Personen, die zur Kirchpartei, oder wie sie es nennen, zur _Gesellschaft der Freunde_ gehren, die man gemeinlich mit dem Spottnamen der _Quakers_ und _Zitterer_ bezeichnet. Es war mir gleich anfangs, da ich durch die Stadt ging, auffallend, welche anstndige, ich mchte sagen sonntgliche Stille in den volkreichen Gassen Philadelphia's herrschte, einer Stadt von ohngefhr 120,000 Seelen. Und doch durchkreuzte sich das Volk in lebendigem Verkehr nach allen Richtungen. Der Markt war voll Getmmels, von einem Ende zum andern mit Gartenfrchten und Gemsen jeder Art, wohlgeordnet besetzt; seitwrts mit ganzen Reihen von Bauerwagen und wohlgenhrten Rossen; die Wagen waren mit Fleischwaaren, gerupftem und in saubere Leinwand eingeschlagenem Geflgel u.s.w. angefllt, von Kufern und Kuferinnen umringt. Jene Stille, die mich berraschte, hatte die nmliche Wirkung auf einen englischen Schriftsteller hervorgebracht, der sich darber so ausdrckt: Was mir, nicht nur zu Philadelphia, sondern in allen Stdten der Vereinstaaten, ungewohnt entgegentrat, war das anstndige, besonnene Wesen der Brger. Da ist in den Straen kein Lrmens, Schreiens, Zankens; und doch bezeichnet dieser Mangel des Lrmens so wenig einen Mangel an Lebhaftigkeit, als das Nichtdasein von Grausamkeit die fehlende Tapferkeit andeutet. Wer daran zweifelt, besuche den nordamerikanischen Bundesstaat. Am Sonntage ward die Luft von allen Seiten durch das Gelut der Glocken bewegt. Ich ging in die erste Kirche, die ich antraf; sie war sehr gro und doch schon von Personen beiderlei Geschlechts angefllt. Ich bemerkte an den aufrecht stehenden Rockkragen der Mnner, an den feinen aber blumen- und federlosen Strohhten der Frauenzimmer, an der mangelnden Kanzel, die ich vergebens mit den Augen suchte, da ich in einem Tempel der Gesellschaft der Freunde war. Die Kirchenglocken schwiegen. Im weiten Raum des der Andacht geweihten Gebudes entstand eine tiefe, anhaltende Stille. Alles schien in fromme Betrachtung untergegangen. Ich wartete geduldig anderthalb Stunden, und es nderte sich nichts. Ich war schon im Begriff fortzugehen, als eine gute alte Frau vom Sitz aufstand, und mit zitternder doch vernehmlicher Stimme das Schweigen brach, indem sie ein Gebet sprach. Dies mochte wohl eine Viertelstunde dauern; dann bedeckte sie sich das Gesicht mit beiden Hnden und sa wieder nieder. Ich verweilte noch ein halbes Stndchen. Als niemand aber das Wort nahm, ging ich wieder und besuchte eine andere Kirche. Es ist in der Art und Weise dieser Gesellschaft der Freunde viel Eigenes, Hartes, Schwrmerisches und Ueberspanntes. Wer knnte das ganz lugnen? Aber doch mu ich bekennen, keine von allen christlichen Kirchenpartheien hat dabei so viel Milde, Menschenfreundlichkeit, Selbstverlugnung, Selbstaufopferung und Wahrhaftigkeit, als eben diese. Sie leben freundlich unter allen Menschen, ohne deren wilde Thorheiten und Leidenschaften anzunehmen. Sie wenden die Vorschriften des Christenthums streng, ja _buchstblich_ auf das wirkliche Leben an, und werden dadurch auffallend, sonderlingsartig in den Augen derer, die eine andere Erziehung genossen haben, sogar lcherlich. Sie zanken nicht, wie andere Christen, um Formen und Dogmen; ihr Glaube liegt mehr sprechend in ihren Handlungsweisen. Das stammt schon von erster Erziehung her, die ihnen nachher das Gewohnte zum lieben Bedrfni macht. Diese Erziehung weicht freilich von der gewhnlichen ab; ist vielleicht in Manchem zu ngstlich. Aber vielleicht ist eben diese Aengstlichkeit das beste Verwahrungsmittel gegen die sptere Leichtigkeit, mit dem, was unehrbar und lasterhaft ist, in Unterhandlung zu treten. Tanz, Musik, Jagd, Hazardspiel und Theater sind untersagt. Die erzieherische Gesetzgebung William _Penns_ scheint mir unendlich edler, in sich selbst weiser und in ihren Wirkungen nicht minder bewundernswrdig, als die vielbewunderte des _Lykurg_. Wer dies bezweifelt oder nicht begreift, mte Pensylvanien, mte die entlegensten Einsamkeiten Amerika's besuchen. Hier ist nicht Heuchelei, auf den Schein gemachte Frmmigkeit, verlarvter Stolz, wie bei manchen hnlichen Sekten in Europa, sondern Ueberzeugung, die ins Leben durch die That tritt, und durch Erziehung und Gewohnheit Bedrfni wird. Es scheint mir, da die Einfalt, Wahrhaftigkeit, Anspruchlosigkeit und Rechtlichkeit der Gesellschaft der Freunde, auf Denkart und Ton, Gesetzgebung und Verfassung der Amerikaner in den Vereinstaaten einen sehr bedeutenden Einflu gehabt habe und noch immer be. Ueberall bin ich den Spuren ihrer Gesinnungen begegnet. Auch geniessen sie allgemeine und wohlverdiente Achtung. Unter ihnen herrscht vollkommene Gleichheit der Rechte; Reichthum und Armuth geben darin keinen Unterschied. Die Hupter ihrer Versammlungen beziehen keine Besoldungen, empfangen keine besondere Ehrenbezeugungen, und finden fr ihre Meinungen kein Uebergewicht bei den Andern. Das weibliche Geschlecht hat, wie bei allen andern Kirchenpartheien, dieselbe Stellung, und geniet derselben Achtung und Ehrfurcht. Die liebenswrdige Bescheidenheit, Einfachheit, husliche Ordnungsliebe und feine Verstndigkeit der Frauenzimmer macht, da diese auch von den achtbarsten Familien anderer Sekten gesucht werden. -- Erfllt einer von ihnen nicht seine Pflichten gewissenhaft, wird er von einem seiner nchsten Verwandten oder vertrautesten Freunde im Stillen gewarnt; ist dies fruchtlos, geschieht es von mehrern Seiten; zeigt sich alle Mhe eitel, ihn zu seinen Pflichten zurckzufhren, wird er aus der Gesellschaft der Freunde ausgeschlossen. Das Alles geschieht ohne Aufsehn im Stillen. Die Verbesserung der Strafanstalten, die Versittlichung der Verbrecher, die Verhtung des Verarmens und der aus Armuth entspringenden Uebelthaten, die Verbreitung des Christenthums unter den Heiden, die menschlichere Behandlung der Indianerstmme, die Abschaffung des Negerhandels und der Sklaverei hat dieser Kirchpartei mehr, als allen andern in der Christenheit, zu danken. -- Wenn man die Genossen derselben auch nicht schon an ihrer ussern, einfachen Tracht erkennen wrde, die Mnner an ihren breitkrmpigen schwarzen oder weien Hten, und schwarzen, braunen, dunkelfarbigen Rcken; die Frauenzimmer an der Abwesenheit aller bloen Schmucksachen, der Ohrgehnge, Ringe, Armbnder, Federn, Kunstblumen u.s.w. -- Trauer um die Todten legen sie nie an -- so wrde man sie an der strengen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit im Handel und Wandel erkennen; an ihrer Treue im gegebenen Wort, an der Verschmhung jeder Art Betrugs und Ueberlistung. Die Stadt _Philadelphia_ hat etwas ungemein Geflliges im Aeussern. Die Straen sind gerumig und breit, manche achtzig bis hundert Schuh; alle sauber mit Plattsteinen gepflastert. In der Mitte stehen Hallen, oder zum Marktverkauf bestimmte, berdeckte Pltze, wo die Landleute, die ihre Erzeugnisse bringen, gegen das Wetter geschirmt stehen. Manche dieser Hallen sind ber eine Viertelstunde lang. Die Fugnge an den Seiten sind von Zeltdchern beschattet, viele der Kauflden und Gewlbe gleichen an Flle und Schnheit der Verzierung den schnsten in Paris. _Penn_ selbst hat den Ri zur Stadt der Freunde im Jahr 1682 entworfen. Sie ist wohl eine Wegstunde lang. Es ziehen vierundzwanzig breite, schnurgrade, oft seitwrts mit Fugngen versehene Straen neben einander hin, die von zwanzig andern hnlichen im rechten Winkel durchschnitten sind. Die Huser haben meistens weien, gelblichen oder rthlichen Anstrich. Die Begrbnipltze sind hier noch, wie in allen amerikanischen Stdten, bei den Kirchen. Es fehlt nicht an vielen Sehenswrdigkeiten. Ich darf nur an das herrliche Museum erinnern, wo auch das vor einigen Jahren zu Bigbone in Kentuky, ohnweit Cincinnati gefundene Mammuthskelet aufbewahrt wird, das 18Schuh lange, 11Schuh hohe Riesenthier der Vorwelt. Neben allen schnen Gebuden der Stadt zeichnen sich immer die Kirchen durch ihre Pracht und Majestt aus. Und ihrer sind nicht wenige. Und alle sind doch nur auf Kosten der verschiedenen Kirchpartheien gebaut. Denn, wie gesagt, hier ist keine herrschende, sogenannte Landesreligion. Der Staat hat den weisen und wohlthtigen, und Religiositt befrdernden Grundsatz vollkommener Glaubensfreiheit anerkannt. Er zwingt niemanden zum Kirchenbesuch, und doch sind alle Tempel stets beim ffentlichen Gottesdienst angefllt, whrend in Europa die Pfarrer ber Verfall der ffentlichen Andacht und die Leerheit der Gotteshuser hufig jammern. Der Staat gibt kein Geld zum Kirchenbau, besoldet keinen Geistlichen, und doch gibt es kaum ein Land, wo so viel Kirchen sind. Im Jahr 1817 hatte die Stadt Philadelphia bei ohngefhr 100,000 Einwohnern achtundvierzig Kirchen; _Boston_, damals bei etwa 40,000 Seelen dreiundzwanzig Kirchen; _New-York_, bei damals etwa 120,000 Einw., dreiundfnfzig Kirchen. Und heute sind berall, nach Magabe der gestiegenen Bevlkerung, auch der Tempel mehr geworden. -- Worauf deutet das? Weil der Staat ohne Unterschied jeder christlichen Glaubensgenossenschaft gleiches Recht und gleichen Schutz gewhrt, hrt man auch nichts von den ekelhaften Religionsznkereien, mit denen sich die Europer ermden und qulen. Es herrscht gegenseitige Achtung und Schonung. Man spricht nicht gern ber Glaubensverschiedenheit. Man ist so verstndig, zu begreifen, da man keine fremde Glaubenslehre tadeln und beschimpfen knne, ohne die eigene dem Tadel und der Beschimpfung preis zu geben. Noch weniger darf sich das Kirchliche irgendwo in die Politik mengen, da beide durch die Grundgesetze des Staates so scharf und fest von einander geschieden stehen. Unter den Sehenswrdigkeiten, die erst seit Kurzem ihr Dasein empfangen haben, zog mich ganz besonders das Kunstwerk am Shuykillstrom, eine Stunde von Philadelphia, an, durch welches die ganze Stadt mit Wasser versehen wird. Auf dem Wege dahin sah ich eben an einem neuen _Zucht-_ und _Besserungshause_ arbeiten. Ein weiter Platz war dazu geebnet und der ganze, groe Raum mit einer mchtigen Mauer umgeben. Man sollte meinen, hier werde an einem Festungswerk gebaut: so schwer und stark ist alles aufgefhrt. Das Thor ist eine mchtige Arbeit, und soll mit eisernen Gitterthren geschlossen werden, die wohl mehr, als eines Mannes Arm vonnthen haben drften, um sich in ihren Angeln zu bewegen. Eine halbe Stunde von da ist am Shuykill die Wassermaschine. Ein Vorbau drngt das Wasser des Flusses vom Ufer ab. Rder von 16Schuh Durchmesser bewegen eine Pumpe mit doppeltem Stempel, wodurch das Wasser 120Schuh hoch gehoben in ein ungeheures Becken gegossen wird. Die Pumpe liefert binnen vierundzwanzig Stunden bei 500,000 Gallonen Wasser. Sie steht erst seit zwei Jahren. Vorher hatte man eine durch Dampf getriebene, die man aber nun nicht mehr gebraucht. Durch eine Menge Rhren und Kanle fliet das Wasser aus dem ersten Behlter nach allen Stadtvierteln, ja fast in jedes Haus, wo man mit einem angebrachten Hahn so viel abzapft, als man will. In jeder Strae sind mehrere Brunnen, die man, im Fall einer Feuersbrunst, nach Belieben laufen lt. Man legt nur den Schlauch der Feuerspritze an, die dann zweimal mehr Wasser schleudert, als die sonst bliche. 11. Der Ausflug nach New-York. (30. Juli.) Wie gern htte ich noch in Philadelphia verweilen mgen! Ich mute mich immer recht ernsthaft daran erinnern, da ich nur zum Besuch in Amerika sei und versprochen habe, vor Weihnachten wieder in meiner Heimath zu sein. Wie viel hatte ich noch zu sehen! _New-York_, der Hauptplatz des nordamerikanischen Handelsverkehrs, ist nur zweiunddreiig Stunden von Philadelphia entlegen. Kleinigkeit! Ich konnte also Abends dort sein. Um halb sechs Uhr Morgens stieg ich ins Dampfboot, das an Bequemlichkeit und Zier allen frhern nicht wich. Der Reisenden waren ohngefhr achtzig auf dem Boot; Herren und Frauenzimmer; alle, ohne Ausnahme, sehr sauber und mit Sorgfalt gekleidet, als wren sie nicht zur Reise, sondern zu einem geselligen Vergngen zusammengekommen. Auch, als man sich um sieben Uhr zum Frhstck setzte, am reich mit allerlei Speisen beladenen Tisch, glich die Reisegesellschaft einer freundlichen Vereinigung eingeladener Gste. Wir fuhren den Delaware aufwrts und erblickten nach einer halben Stunde die Schiffswerfte von Philadelphia, auf welcher neun groe Fahrzeuge bereit lagen, ins Wasser gelassen zu werden. Die pensylvanische Kste bot uns aller Orten das Schauspiel fleiigen Anbaus dar. Zwischen zerstreuten Wldchen und lichtstehenden Pappeln lachten uns freundliche Landhuser an. Nicht so groe Mannigfaltigkeit zeigte das zum Staat Jersey gehrige Ufer. Das Dampfboot lief in einer Stunde zwei Wegstunden stroman. Schon um neun Uhr kamen wir an _Burlington_ vorber, wo Reisende von uns gingen, andere zu uns kamen. In _Bristol_, sechs bis sieben Stunden von Philadelphia, stiegen wir ans Land, wo neun Wagen warteten, um uns weiter zu bringen. Jeder suchte den seinigen nach der Nummer der empfangenen Karte. Der lange Zug unserer zierlichen Reisewagen machte sich sehr artig und rollte, wie durch einen weiten Garten, von Zeit zu Zeit neben hbschen Landhusern und Bauerhfen vorber, die, gut unterhalten, einen behaglichen Wohlstand zu verrathen schienen. Nach zwei Stunden hielt man in _Trenton_ an, um die Rosse zu erfrischen, was man jedesmal alle zwei Stunden beobachtete. Die Stadt -- bekanntlich ist sie die Hauptstadt von Jersey -- macht den Augen ein ganz angenehmes Bild. Die Huser stehen nicht in strenger Regelmigkeit, sind aber meistens in gutem Geschmack gebaut. Besonders ist die bedeckte Brcke, welche ber die Delaware fhrt, von besonderer Schnheit. Zu _Princetown_, wo die Pferde gewechselt wurden, begegneten uns zehn volle Reisewagen, die von New-York kamen, um das Dampfboot zu erreichen, welches wir verlassen hatten; dagegen wir in Brunswik ein anderes finden sollten, von dem sie herkamen. Immer und immer berraschte mich tglich die Menge der Reisenden. Hier schien mir fast Alles unterwegs zu sein. Die Gasthfe hatten der Reisenden oft so viel zu beherbergen, wie etwa in Europa sonst nur groe Badeanstalten. Welch ein Verkehr und Leben auf diesen noch vor vierzig bis fnfzig Jahren halbden Ksten! Auch Princetown schien mir eine sehr artige Stadt. Ich konnte sie nicht nher besichtigen. Noch vor wenigen Jahren war hier aber die berhmteste Hochschule der Vereinstaaten. -- Ueber Kingstown gelangten wir endlich nach der Stadt _New-Brunswik_, anmuthig am Rariton gelegen, ber welchen eine 400Schuh lange Brcke fhrt, die, wie gewhnlich, auf den Seiten Fugnge und in der Mitte zwei Fahrwege hatte. Die Hitze war sehr stark gewesen. Unsere lange Wagenreihe hatte dicke Staubwolken aufgetrieben, und wir alle, wie wir zum Dampfboot kamen, trugen mehr oder weniger die Spuren dieser Wolken. Allein jetzt erschienen sogleich einige Mulatten und Neger, mit Brsten, Handtchern, Wasserbecken, und luden jeden, der ihre Dienste verlangte, in ein Zimmer ein, um sich da wieder entstuben und schn machen zu lassen. Auch einige Barbierer waren mit ihren Waffen bereit, die Mnner zu verjngen. Fast alle Reisende unterwarfen sich dieser Purification, die weniger ngstlich, als die spanische unter dem Scheermesser der Apostolischen ist. -- In Europa, selbst in England und Holland, kennt man diesen hohen Grad der Reinlichkeitsliebe nicht. Sie ist ein Beweis der gegenseitigen Achtung, welche sich selbst Fremde untereinander im geselligen Leben schuldig sind, und die bei uns oft tlpisch genug vernachlssigt zu werden pflegt. Ich halte mich bei diesem kleinen Umstand gern auf, der selbst im Unbedeutenden auf ein regeres, sittliches Feingefhl hindeutet. So lange man in der Nhe von New-Brunswik ist, zeigt sich die Landschaft wohlbevlkert in malerischer Abwechselung. Je weiter hin, werden die Ufer flach, und von Ebb' und Fluth verschwemmt, die sich bis Brunswik fhlbar macht. -- Links lagerte _Perth-Amboy_ seine niedliche Huserreihen vor uns auseinander; besonders stellte sich der Sommersitz der Familie _Brun_ von New-York, Brightonhouse, anmuthig dar. Es liegt schlohnlich auf einer kleinen Anhhe und schaut von da weit durch die Ebenen. Rechts hatten wir _Staaten-Island_ oder _Richmond_, welches uns im Vorberfluge nichts Ausgezeichnetes in seinen Lndereien darbot, aber gegen New-York zu an Bevlkerung reicher zu werden schien. Nachdem wir noch am linken Rariton-Ufer, bei _Elisabeth-Town_, einige Reisende aufgenommen hatten, fuhren wir gegen sechs Uhr Abends, beim lieblichsten Wetter, in die Bai von New-York ein. Da stieg pltzlich in der Tiefe des Hintergrundes vor uns eine, ich mchte sagen von tausend Schiffsmasten halbverschleierte Stadt aus den Wellen. Nur die Zinnen der Huser, die Thrme, die Pappeln-Reihen, welche auf die Richtungen der Straen deuteten, liessen sich ber den Wimpeln wahrnehmen. Wie wir nher rckten, hatten wir die sogenannte Batterie vor uns. Es ist dies ein ffentlicher Lustplatz, von Linden und Pappeln berschattet, deren Zwischenrume am Boden wohlunterhaltenes Rasengrn deckt. Alles wimmelte von Lustwandelnden. Die schne Welt war im schnsten Sommerschmuck dort versammelt. Am ussersten Ende, ohngefhr hundert Schritte vorwrts in der Bai, hat man ein niedliches, kreisfrmiges Pavillon aufgefhrt. Es ist zwei Stockwerke hoch; das Dach mit einer Gallerie umgeben. Man hat von diesem Belvedere in der That, wie ich nachher sie selbst geno, eine wunderliebliche Aussicht. Ueber dem Bau erhebt sich ein dreiig Schuh hoher Mastbaum, mit der Flagge der Vereinstaaten. Der Hafen von New-York ist voll ewiger Bewegung. Tglich, stndlich laufen Schiffe ein, segeln andere ab. Bei dreiig Dampfschiffe schwrmen ab und zu, von den verschiedensten Formen und Bestimmungen. Flchtige Rauchsulen, die sich bald in den Lften zerstreuen, schweben des Tags ber ihnen; Nachts sind eben so viel Feuersulen, gleich jenen, die in der Wste den Kindern Israels leuchteten. Als wir um sieben Uhr ans Land traten, boten Weie, Mulatten und Schwarze ihren Dienst an, unser Reisegepcke in die Stadt zu tragen; aber nicht mit jener frechen oder plumpen Zudringlichkeit, deren man von Leuten dieser Klassen in Europa gewohnt ist. Lngs dem Quai stand eine lange Reihe eleganter Kutschen und Halbwagen, die wahrlich mit den Fiacren oder Lohnkutschen von Paris oder Wien wenig Aehnlichkeit, dennoch die nmliche Bestimmung, hatten. Sie sind geschmackvoll gestaltet, meistens gondelfrmig. Die Lohnkutscher, wie alle Personen aus der arbeitenden Klasse, sind mit vieler Sorgfalt angekleidet, in ihrem Betragen gefllig, zuvorkommend, ohne jenes knechtisch-hfliche Wesen, welches bei uns die Wrde des Mannes so oft entweiht. Ein Sprung vom europischen Ufer ber den Ozean, ans amerikanische, macht, beim schnellen Wechsel der Welttheile, jenen Gegensatz der Sitte und Lebensweise ungemein fhlbar. Andern vielleicht scheint eine Beobachtung dieser Art unbedeutend; mir bedeutsamer aber, als die Beschreibung von Bildergallerien, Kunstkabineten und Bibliotheken, die wir Reisende gern besuchen. Es ist in den amerikanischen Stdten durch alle Volksklassen eine gewisse Sittenfeinheit, ein Gefhl fr das Anstndige und Edle verbreitet, welches nicht aus Tanzmeisterlektionen, sondern aus dem Bewutsein des eigenen Rechtes und der Achtung fr fremdes stammt. Selbst die Einwanderer schleifen nach und nach die rohen Seiten ihres Betragens ab, welches sie von dem Stande oder der Kaste noch mitbrachten, der sie im andern Welttheil eingebrgert waren; das grobe Hochfahren des Adelmanns und Beamten, die stolze Leutseligkeit des Vornehmen gegen den Geringen, die Rang-Seligkeiten des spiebrgerischen Kleinstdters, die unbehilfliche Steifheit des Handwerkers, die unterthnige Kriecherei und patzige Frechheit der Herrendiener. Wo der Mensch als Mensch gilt, ist chter Adel -- Menschenadel daheim. Wer Freiheit und Recht hat, wie jeder, ehrt beides gern im Andern, um beides geehrt in sich zu bewahren. Ein Mulatte, mit einem Nummerschild am Rocke, trug mein Gepck in die Beaver-Street, wo ich bei einer Privatperson einkehren mute, der ich schon durch einen Freund in Philadelphia empfohlen war. Die Gastlichkeit der Familie bedrckte mich fast. Eine Woche lang mute ich bei ihr verweilen; dann aber bezog ich den schnen Gasthof Columbian-House. 12. Von New-York. (30. Juli bis 14. August.) Vor etwa 200Jahren schickten die Hollnder Ansiedler hieher, die bauten am Zusammenflu des Hudson- und Ostflusses am Meere, auf der ussersten Morgenseite der Insel _Manhattan_, ihre Niederlassung _New-Amsterdam_; spter empfing die Pflanzsttte den Namen _New-Stockholm_; und seit sie in Besitz der Englnder kam, hie sie _New-York_. Die Insel ist etwa vier Wegstunden lang und eine halbe breit. Jetzt steht hier eine reiche blhende Stadt von 130,000 Einwohnern, die nach allen Welttheilen Handel treibt, fr Wissenschaften und Knste mehr Anstalten, Gesellschaften, Sammlungen, Bibliotheken u.s.w. hat, als der Mehrtheil kniglicher Hauptstdte in andern Welttheilen, und daneben eine ausserordentliche Menge Fabriken in thtiger Bewegung sieht. Von der Batterie, deren ich schon erwhnte, hat man die Aussicht auf mehrere Inseln. Die grten sind Richmond oder Staaten-Island rechts und Long-Island links. Governor-, Ellis- und Gill-Island, worauf Vesten zur Vertheidigung der Bai angelegt sind, haben geringen Umfang. -- In der Ferne, doch etwa nur einer Stunde, sieht man die Stadt _Jersey_, Hauptort vom Staate dieses Namens; noch eine schwedische Grndung. Die Hhen alle herum sind da mit Windmhlen bepflanzt, die ihre luftigen Flgel rhrig herumtreiben. Das Innere von New-York hat keinen so regelmigen Straenbau, als Philadelphia. Die bald breiten, bald engen Kreuz- und Quer-Gassen europern ein wenig. Doch eine Strae, wie der _Broadway_ zu New-York, von solcher Breite, eine volle Stunde Wegs lang, die Fugnge an den Seiten mit Pappelbumen eingefat, links und rechts schne Gebude, prachtvolle und reiche Kaufmannsgewlbe -- findet man in Europa nicht leicht. Das schnste Gebu aber steht in der Mitte des Broadway, ganz von weiem Marmor, in groen, riesenhaften Parthien. Es ist das Rathhaus. Davor liegt ein ffentlicher Lustplatz, mit Gelndern eingefat. Er heit der Park, ist aber nur ein weitluftiger, mit Gngen durchschnittener und von einigen Bumen leichtbeschatteter Rasenplatz. Verschiedene Huser haben Ebendcher und Balkone, die an lieblichen Sommerabenden gern benutzt werden, um der Aussicht auf den Hafen zu geniessen, der drei Viertel der ganzen Stadt begrenzt, und wohl der grte der Vereinstaaten ist. Ueberhaupt liegt New-York in einer usserst anmuthigen Landschaft. Man sieht hier nur wenige Neger, und die man sieht, sind frei. Zahlreicher werden sie in den sdlichern Staaten gefunden, und wiewohl man sie auch dort schon sehr menschlich behandelt, rckt doch schon der bloe Gedanke an ihr Sklaventhum diese Unglcklichen zur dienstbaren Thierklasse nieder. Dieser Stand der Neger ist noch ein Nachla, eine Hefe von der Herrschaft der christlichen Europer. Ach, man sollte sich doch bei uns zu Lande nicht brsten mit Zivilisation und Christenthum, sollte nicht die Grausamkeit der Araber, Trken, Mauren, nicht die Barbareien des Orients stolz verdammen, so lange man noch nicht auf europischen Schiffen den verruchten Menschenhandel abgethan hat! -- In den Vereinstaaten ist jetzt wahrer Wetteifer, das Loos der Schwarzen zu verbessern, ihnen allmlig die volle Freiheit zu geben und sie zu vermenschlichen. Man wei, die ersten wurden im Jahr 1503 in die neue Welt aus Afrika hinbergeschleppt. Jahrhunderte lang wurden diese beklagenswrdigen Mitmenschen wie Hausthiere behandelt; oft schlechter. Wie lange wird es dauern, ehe die moralischen Narben der Sklavenkette ganz verwachsen sind? Die in Amerika gebornen Neger sind weniger schwarz, als die, welche unmittelbar aus Afrika kommen. Man behauptete mir, das Schwarz vermindere sich von Geschlechtsfolge zu Geschlechtsfolge. Es ist mglich. Denn auch die Europer in Amerika scheinen mir mit den Jahrhunderten ihre Farbe allmlig zu ndern. Ich glaubte ziemlich gut eingeborne Amerikaner von neuen Ansiedlern schon an Farbe, Bau und im ganzen Wesen unterscheiden zu knnen. Sie sind im Allgemeinen wohl geformt. Selten erblickt man einen Miwuchs, wie man wohl in Europa oft genug sieht. Aber die Farbe ihres Gesichts hat nicht das Leben und die Frische, wie bei uns; die Stadtbewohner haben eine, ich mchte sagen krnklichblasse Haut; die Landbewohner sind freilich brauner, ohne darum frischer und farbiger zu sein. Die Gesichter sind gewhnlich mehr lnglich, als rund; und die Zge derselben, die meistens zusammengesetzter, als bei uns, sind, verrathen so wenig, als das brige Aeussere der Gestalt, Gewerb und Beruf, die man in Europa so leicht bei den verschiedenen Volksklassen unterscheiden kann. Eine zuvorkommende, edle Gastfreundlichkeit ist wohl die herrschendste Tugend unter den Amerikanern. Sie sind im Umgange gefllig, fein und offen. Man mu sie nicht nach dem rohen, leidenschaftlichen Ton ihrer zahllosen Zeitungen beurtheilen. Da treibt der politische Parteigeist sein freies und derbes Spiel. Aber das schadet niemandem; denn man kennt das Gekltsch und Treiben der Publizisten, und wei, da die, welche die zarten Verfdelungen der Diplomatik und Politik auseinanderschlichten wollen, dazu gern die grbsten Finger gebrauchen. Diese Sonderbarkeit dort ist, wie bei unsern europischen Gelehrten, einheimisch. Bei uns zwar nicht berall in der Politik, aber doch in andern Fchern. Welche Klasse von Schriftstellern pudelt sich ungezogener und ungeschliffener vor dem Publikum herum, als die der Jugenderzieher, der Pdagogen und Philologen? Wer zeigt weniger die Wirkungen der Humanitt, als die Klasse derer, die Humaniora treiben? Wer handelt wthender und unchristlicher wider fremde Meinungen, als die Lehrer der Religion der Liebe? Wer schreibt besser ber Landwirthschaft, als wer dadurch konomisch zu Grunde ging? Wer hat unphilosophischern Stolz, als die Philosophen? 13. Der Besuch beim Oheim. Zwlf Stunden von New-York, am linken Hudson-Ufer, wohnte ein Oheim von mir, der sich schon vor vielen Jahren dort niedergelassen hatte. Ich nahm mir vor, ihn zu besuchen, und bestieg ein Fahrzeug von der Gre unserer grten Schiffe auf Seen und Flssen, mit zwei Segeln, das heit, einen _Sloop_. Dies Fahrzeug hatte ein Verdeck, wie andere Schiffe, und eine niedliche Cajte. Meine Reisegefhrten waren meistens Weiber und Mdchen, die zur Stadt gekommen waren, einzukaufen oder zu verkaufen. Obgleich in Amerika geboren, sprachen sie doch noch das Hollndische, ihre Stamm-Landessprache, untereinander. Mehrere rauchten Tabak aus kurzen, irdenen Pfeifen. Das wunderliche Schauspiel dieser Schmaucherinnen, und der ernsthaften, nachdenklichen Geberden, die sie dazu machten, fing an mich zu belustigen. Ein Landmann erklrte mir, das sei so Brauch bei den Hollnderinnen; indessen bei den Mdchen kme jetzt das Rauchen ganz ab. Gegen Abend langten die Weiber ihre Krbe vor mit Speisevorrath gefllt, und machten Thee. Eine der Frauen trank ihre Tasse voll aus, fllte sie dann wieder und bot sie mir. Ich mute annehmen. Jede der Andern reichte mir nun noch von ihrem Vorrath, eingemachte Pfirsiche, Brdchen, Honig, Butter, Kse. Nun gings ans Fragen: It man bei Euch in Europa auch dergleichen? Wie sind dort die Weiber? Ist das, was Ihr tragt, bei Euch Landestracht? Sehen die Mnner alle so munter bei Euch aus? Wie kleiden sich die Frauen? -- Eine sagte: Ihr seid ein krftiger, starker Mann, und werdet ein guter Landbauer werden. Nach dieser Bemerkung ber mein Krperliches rckte sie stockend mit der zarttastenden Neugier aus: ob ich verheirathet sei? -- Als ich mit Nein antwortete, war sie ausser sich vor Erstaunen; Was? rief sie lebhaft: Mu man denn bei Euch so spt heirathen? Wir kamen spt nach _Tapan_. Der Oheim wohnte noch eine Stunde Wegs weiter. Ein hablicher Landmann, der desselben Wegs fuhr, erbot sich, mich in seinem Wagen mit dahin zu nehmen. Ich setzte mich in seinen Gig, den zwei brave Rosse zogen, und ein schwarzer Diener fhrte. -- Unterwegs gaukelten die Flmmlein unzhliger Irrwische zu allen Seiten, ber vermuthlich sumpfigen Wiesen, als wollten sie mit den Gestirnen des Himmels ber sich wetteifern. Der Oheim war sehr berrascht, pltzlich einen europischen Neffen um Mitternacht erscheinen zu sehen. Er erquickte diesen indessen gastfreundlich mit Speis' und Trank und gutem Nachtlager und sparte die Fragen einer verzeihlichen Neugier dem folgenden Tage auf. Der Aufenthalt hier war fr mich, wenn gleich kurz, doch belehrend, und, einen Unfall abgerechnet, angenehm. Ich wurde in die Bekanntschaft aller Nachbarn eingefhrt; auch in die Familie dessen, der mich von Tapan hierher gebracht hatte. Als wir diesem einen Besuch machen wollten, gab man mir ein Reitpferd. Ich hatte es aber kaum bestiegen, gebehrdete es sich so wild, schlug aus, bumte sich, da ich zehn Schritte weit aus dem Sattel flog und drei Stunden ohne Besinnung, doch ohne weitern Schaden, blieb, als da ich einige Tage lang Rippenschmerz fhlte. Ich machte nun meine Besuche zu Fu. Als ich zu meinem obenerwhnten nchtlichen Fuhrmann kam, stellte er mir seine Frau, seine Mutter und seine Gromutter und seine Urgromutter vor. Letztere mochte etwa hundert Jahre alt sein, und sprach, als geborne Hollnderin, nur hollndisch. Vater und Sohn waren in dieser Familie die einzigen mnnlichen Geschlechts. Bei Tische setzten sich die beiden alten Frauen. Die beiden jngern standen hinter den Sthlen ihrer Mtter, um sie zu bedienen. Das feinste Tischzeug von schneeweiem Linnen und glnzendes Silbergeschirr deckte die Tafel. Ich fhlte mich in dieser patriarchalischen Familie sehr glcklich. Der grte Theil des Tages verflo unter Gesprchen ber den Unterschied der alten und neuen Welt. Es wird gewhnlich den Amerikanern schwer zu fassen, da wir Europer das Vernnftige, Naturgeme und Volksbeglckende ihrer Verfassungen, Gesetze und Einrichtungen anerkennen, und doch bei uns an das Beengende und Zwngende des oft zweckwidrigen, verderblichen Herkommens und Erbes aus den Zeiten mittelalterischer Barbarei festhalten. Europa, wenn es sich pltzlich der alten Einrichtungen und Gewohnheiten entledigen wollte, wrde in ein hundertjhriges, namenloses Elend versinken und sich doch nicht der tausendjhrigen Banden ganz entstricken knnen. Eine allgemeine, gewaltsame Umgestaltung der Verfassungen, Gesetze und Sitten wrde eine allgemeine, gewaltsame Verheerung alles ffentlichen und huslichen Glcks, eine Hemmung des ruhigen Fortschreitens zur Vollendung, ja eine Verwilderung der Sitten und Lebensansichten werden, und doch zuletzt, nach Erschpfung aller Krfte, von zweifelhaftem Ausgang sein. Wer kennt die Wege der Leidenschaften? -- Sie lassen sich nicht vorher berechnen, gleich den Wegen der Vernunft. Nordamerika dankt seine Vorzge der gesellschaftlichen Ordnung eigentlich keiner Revolution. Die sogenannte amerikanische Revolution war ein Kampf fr Unabhngigkeit gegen drckende Ministerialwillkhren, Regierungsunbesonnenheiten und Handelsdespotismus, und half nachher zur Gestaltung des Bessern als erleichterndes Mittel. Amerika dankt jene Vorzge der Eigenthmlichkeit seines Werdens. Hier schuf kein _altes Volk_ sich einen _neuen Staat_; nein, hier entsprang in weiten, fruchtbaren Einsamkeiten ein neues Volk, das sich den Staat und die Gesetzgebung, bereichert mit den Gedanken der Weisen des achtzehnten Jahrhunderts und aller Jahrhunderte, getrieben vom tiefgefhlten Bedrfni des Zeitalters, unbeengt durch bestehende positive Rechte Anderer, nach Einsichten und Umstnden beliebig bilden konnte. Es wrde vielmehr ein ewiger Schimpf fr den Verstand der Amerikaner geblieben sein, wenn sie ohne alle Noth das bei sich aufgenommen htten, was sie bei alten Vlkern Verwerfliches gefunden. Nun ist es zwar richtig, da unter den gebildeten Nationen Europens die Erkenntni und das Bedrfni dessen, was und wie es sein sollte, im Widerspruch steht mit dem, was wirklich vorhanden ist und gilt. Dieser Widerspruch erregt Mimuth und Kampf. Aber _das_ scheint mir eben der richtige, naturgeme Gang der Menschheit zu ihrer Veredelung. Vernunft und Leidenschaft begegnen sich feindselig. Im Streit um Verbesserungen der brgerlichen Gesellschaft mag die Partei derer, die aus Unwissenheit, oder Schchternheit, oder Eigennutz das Schlechtere festhalten, durch Macht, Reichthum, Stellung und Volksvorurtheil die berwiegende sein; aber sie wird unmerklich geschwcht und besiegt, weil sie, eben durch ihren Kampf, wider Willen, die Erkenntni des Bessern ausbreiten hilft. So schreitet die europische Menschheit allmlig zum Bessern vor, ohne es zu ahnen. Hundert Wahrheiten, sonst als Ketzereien verdammt, sind jetzt Alltagsgedanken der Priester und Edelleute, und sie selbst erstaunen ber die Verkehrtheit und Unmenschlichkeit der Alten, die das Gegentheil behaupten konnten. 14. Die Gesandtschaft der Indianer. Da ich nach Newyork zurckgekehrt war, hatte sich unterdessen in dieser Stadt die Gesandtschaft von sechs indianischen Stmmen eingefunden, die an den Quellen des Missisippi und an den Westksten Amerika's wohnen. Die Gesandtschaft bestand aus vierundzwanzig Huptern der Stmme, nebst vier Weibern und zwei kleinen Kindern. Sie waren, nur um bis zur Vereinigung des Ohio mit dem Missisippi zu gelangen, sechs Monate unterwegs gewesen. Dort hatte man sie in Dampfboote aufgenommen und wieder stromaufwrts bis Pittsburg gefhrt. Von Pittsburg waren sie in Wagen nach Washington gebracht, wo sie vom Prsidenten der Vereinstaaten mit Auszeichnung empfangen wurden. Mit Hilfe von vier Dollmetschern, die unter ihnen gewohnt hatten, ward mit ihnen ein Bundesvertrag abgeschlossen. Um ihnen eine Vorstellung von hherer Landesgesittung zu geben, lie der Prsident diese Mnner der Wildni, begleitet von zwei Gliedern der Regierung, durch die vornehmsten Stdte des Landes reisen. Sie kamen durch Baltimore und Philadelphia nach Newyork. Hier gab man ihnen auf der Batterie ein Fest. An Wein, Branntewein und Leckereien durft' es nicht fehlen. Eine ausgewhlte Musik spielte den ganzen Abend. Ein Feuerwerk beschlo das Tagwerk. Ich begegnete ihnen unter einem Haufen Neugieriger beim Eintritt des Lustgangs der Batterie. In demselben Augenblick liessen sich die ersten Tne der Musik hren. Auf der Stelle erhoben diese Gesandten ihrerseits einen Fest- oder Kriegsgesang, mit solcher Macht, da sie fast den Odem darber verloren. Sie begannen und endeten ihr Geheul immer mit einem Laut, der wie _Hu!_ oder _Kohu!_ klang, da den Hrern in der Nhe davon die Ohren gellten. Der Gesang selbst hatte eine Art Melodie. In verschiedenen Zeitrumen fuhren sich die Snger dabei, und alle zugleich, mit der Hand ber den Mund. Ihr Gebrll hatte etwas Furchtbares. Dabei waren ihre Geberden und Leibesbewegungen mit den Streitxten in den Fusten so drohend und schrecklich, da Jeder, der diese ihre Artigkeiten zum ersten Mal sah, jeden Augenblick frchtete, die Erde mit Blut und verstmmelten Menschen bedeckt zu sehen. Um einen Schelling erhielt ich Erlaubni, in die Batterie einzutreten. Da war ein runder Tisch, rings mit Sthlen, fr sie bereitet. Vier- bis fnfhundert neugieriger Zuschauer bildeten einen Kreis. Als sich die Wilden gesetzt hatten, war ihr erstes Geschft, die brennenden Kerzen auszulschen. Man bat sie, es nicht zu thun; reichte ihnen gefllte Glser zum Trinken, und bot nun dem Obersten der Gesandtschaft eine von den Schsseln dar, sich selber davon zu bedienen. Er legte den Schurz, den er um die Hften trug, ber die Knie auseinander, leerte die Schssel darein aus und gab sie wieder zurck. Von nun an htete man sich wohl, Jedem die gefllte Schssel darzubieten, sondern gab jedem Einzelnen seinen Theil davon. Die Gste hrten essend immer der Musik aufmerksam zu. Als nach dem Schlu derselben alle Zuschauer freudig mit den Hnden Beifall klatschten, wurden die Indianer gleich beim ersten Klatschen unruhig, sahen sich unter einander an und fuhren mit den Fusten nach den Streitxten. Ihre Furcht verlor sich, als die Musik wieder begann; und da sie schlo, erhoben sie zum Zeichen ihrer Zufriedenheit ein gar entsetzliches Geschrei. Man lie endlich das Feuerwerk aufsteigen, was ihnen eine angenehme Verwunderung zu erregen schien, und um acht Uhr zogen sie sich zurck. Beim Heimgehen war ich dem Zuge dieser Gesandten sehr nahe gekommen. Einer dieser Naturmenschen, neben welchem ich zufllig ging, betrachtete mich seitwrts so neugierig, wie ich ihn. Ich bot ihm lchelnd die Hand dar; er schttelte sie mir treuherzig. Sein Haupthaar war, wie meistens auch bei den brigen, zur Hlfte weggeschoren, und der Schopfbschel mit buntfarbigen Federn ausgeschmckt; andere trugen die Haare lang, bis auf die Achseln niederfallend; in der Nase Metallringe; die Arme und den ganzen Oberleib unbedeckt, eben so die Beine. Einigen hing ein Wildthierfell von der Schulter herab. Es waren wohlgebaute, starkgemuskelte Leute, ungefhr sechs Schuh gro, von schmutzig rother Hautfarbe, die durch das Beschmieren mit Fett und rother Erdfarbe noch schmutziger geworden war. Einige von ihnen hatten Tatowirungen. Ihr Gang war ganz eigen. Es kam mir vor, als htten sie ihn bei den Wanderungen auf dem Boden ihrer Urwlder zur Gewohnheit angenommen. Stets haben sie die Augen vor sich nieder auf die Erde geheftet; so gehen sie, ohne rechts noch links umherzuschauen. Die Weiber, etwas kleiner und in Felle gehllt, schienen sehr furchtsam zu sein. In der ihnen angewiesenen Wohnung wollten sie sich nie von einander trennen lassen. Sie schliefen alle beisammen. Sie sind nachher mit Dampfschiffen auf dem Hudsonflu und ber die groen Seen in ihre Heimath zurckgekehrt. Als zu Albany eins ihrer Hupter starb, legten sie seinen Leichnam in einen doppelten Kasten und nahmen ihn mit sich. Die amerikanischen Zeitungen enthielten die Namen dieser Gesandten, mit der Uebersetzung. Ich fge sie hier bei. Sie sind alle bezeichnend: Ganzgift, Wind, hockender Adler, Fuchswach, Wolkenaufgang, Matt-Auge, Sperling im Gehen jagend, Lffel, Bffel, fliegendes Tubchen, Br brllend da Felsen zittern, weinasiger Fuchs, Fuchssprung linksum, geduckter Fuchs, Sonne, Weinebel, krausgeschwnzter Fuchs, Starklufer, Donnerschnell. Leider mute ich mich stets daran erinnern, da ich nur zum Besuch in Amerika sei. Ich hatte noch so viel zu sehen und geno so angenehme Tage. Ich war durch Empfehlung in eins der ersten Huser in Newyork eingefhrt. Das Haupt der Familie, der Vater, wohnte auf einem Landgut am Ufer des Rariton. Ich ward auch dort mit groem Wohlwollen aufgenommen. Der alte Herr fhrte mich unter andern in seine Bibliothek und rollte da einen Haufen Pergamente und Karten auf, um mir Titel und Umfang seiner gesammten Lnderbesitzungen zu zeigen. Demzufolge besa er einen ungeheuern Flchenraum Landes, der zusammen beinah soviel an Gre betrug, als etwa ein kleines deutsches Knigreich. Er bat mich, wenn ich durch Virginien kme, einige seiner Besitzungen zu besuchen und besonders ihm Schweizer zum Anbau zu verschaffen. Sein weitluftiges Wohngebu auf dem Landgut, eine Viertelstunde von der Amboy-Bay, zhlt achtzig Gemcher und beherrscht eine der reizendsten Aussichten. Zwei seiner Shne fhren in Newyork eine der ersten Grohandlungen. Sie besitzen zwei Zge Schiffe, von denen der eine regelmig nach Livorno, der andere nach Ostindien die Fahrt macht. Ein dritter Sohn hat sich der Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden gewidmet und ist schon seit vielen Jahren Missionr. Er verschmht den bequemen Genu eines groen Reichthums und duldet mit apostolischem Muthe die grten Entbehrungen, um durch die unwirthbaren Einden der Wilden die Saat christlicher Gesittung auszustreuen. 15. Die Fahrt nach Albany und Saratoga. (14. bis 16. Aug.) Kein Monarch Europens kann sich rhmen, einen glnzendern und grern Triumphzug gefeiert zu haben, von den Vlkern mit hhern Ehren begrt worden zu sein -- selbst _Napoleon_ nicht, wenn er die bezwungene Welt durchreisete--, als General _Lafayette_, der Mitstifter amerikanischer Unabhngigkeit, da er das Vaterland seines Ruhmes zum letzten Male sah. Ungeboten, ja unaufgefordert rstete sich Alles, den edeln und geliebten Gast zu empfangen. Arm und Reich ward fr ihn thtig. Die ganze Nation wollte ihn empfangen, ihn sehen, ihn segnen. Was sind daneben die kalten Feierlichkeiten, mit welchen prunklustigen Groen der andern Welttheile, unter steten Einmischungen der Polizei, geschmeichelt und gehuldigt werden mu! Wie der greise _Lafayette_ diese Reihe von rhrenden Auftritten und gerusch- und prachtvollen Festen ohne Zerstrung seiner Gesundheit ertragen konnte, bleibt mir noch immer unbegreiflich. Und dieser groe Edelmann, als er wieder in sein Geburts- und Vaterland Frankreich zurckkehrte, wo er der Gegenstand des Hasses oder Widerwillens des Hofes, der Minister, der Groen und ihrer Diener und Beamten war -- wie anders mute ihm da Alles erscheinen! Ein Welttheil bringt ihm Verwnschungen fr dieselben Gesinnungen, derentwillen ihm ein anderer dankbar den unsterblichen Lorbeer reichte. Die Nachwelt wird strenges Gericht ber die Menschen unserer Tage halten. Gern wre ich Zeuge von Lafayettens Empfang in Newyork gewesen, wo schon groe Zubereitungen veranstaltet wurden. Da sich seine Ankunft aber von Tag zu Tag verzgerte, wollte ich nicht lnger verweilen und bestieg ein Dampfschiff, welches nach Albany ging. Tglich fahren drei Dampfboote von Newyork dahin, die auf dem Hudson binnen achtzehn bis vierundzwanzig Stunden die fnfzig Wegstunden lange Strecke bis Albany zurcklegen. Diese Boote, welche zu den grten der Vereinstaaten gehren, gehen nicht ber Albany hinaus, sondern werden von minder groen abgelset, die dann den Hudson hinauf durch den Georgs- und Champlainsee auf dem Lorenzenstrom nach Canada gehen. Der Hudson, oder Northriver, wie er auch heit, und bei New-York, wo er sich ins Meer ausmndet, drei Viertelstunden, bei Albany beinah noch eine kleine halbe Stunde breit ist, bildet sich eigentlich in seiner Gre erst durch die einfallenden Gewsser des Sacondaga und Mohawk. Seine Ufer sind an einigen Orten sehr schroff, von weigrauen Kalkfelsen, mit Tannen und Eichen besumt. Von Zeit zu Zeit erscheinen artige Landhuser, Bauerhfe und kleine Ortschaften auf fruchtbarem Gefilde. Weil ich immer auf dem Verdeck geblieben war, hatte ich nicht bemerkt, wie groe Gesellschaft sich mit mir auf dem Boote befand. Es waren hundert und achtzig Reisende. Frauenzimmer und Herren hatten ihre besondern Sle; wer mit jenen speisen wollte, mute, mit Angabe seines Namens, beim Kapitn um Erlaubni bitten. Er fhrte mich also in ihren Saal. Man setzte sich in bunter Reihe an zwei langen Tafeln zum Frhstck, welches mit ausgewhlten Platten versorgt war. Auch hier schien weniger eine vom Zufall zusammengefhrte Reisegesellschaft, als eine Versammlung eingeladener Gste beisammen zu sein; so sorgfltig und anstndig war der Anzug Aller, so gesellig, fein und ungebunden war die gegenseitige Unterhaltung. Wir kamen am Stdtchen _Orange-Town_, dreizehn Stunden von Newyork, dann fnf Stunden weiter bei _West-Point_ vorbei, wo das vorzglichste Kollegium fr die Jugend der Vereinstaaten ist. Unter den hiesigen Zglingen befinden sich auch zweihundert und fnfzig meistens Shne von Wittwen, oder von Militrpersonen, die den letzten Krieg mitgemacht hatten. Sie werden hier fr den Land- und Seedienst der Vereinstaaten auf ffentliche Kosten erzogen. Der Hudson wimmelt von Sloops und Fahrzeugen, die sich nur mit dem Winde, oder der Fluth und Ebbe fortbewegen, welche noch ber dreiig Stunden von der Flumndung sprbar ist. Man sagte mir, es wren tglich wohl bei zweitausend solcher Sloops auf dem Hudson thtig. Die drei grten Dampfboote dieses Flusses waren damals der _Chancellor Levington_ von achtzig Pferdestrken, und gerumig genug, um fnfhundert Reisende bequem zu halten; der _Richmond_ zu siebenzig Pferdestrken, fr vierhundert Reisende; und der _Kent_ von sechszig Pferdestrken, der dreihundert Reisende aufnehmen konnte. Alle diese Fahrzeuge sind in verschiedene Gemcher getheilt. Das schnste derselben ist fr die Frauenzimmer, und zwar als ihr ausschlielich eigenes, bestimmt; das nachschnste ist fr sie und fr die jungen Mnner, denen der Kapitn Zutritt gestattet. Zwei andere, grere Sle sind einzig fr Mnner. Alle diese Zimmer sind, wie auf andern Schiffen, seitwrts mit Betten versehen, von denen stets eins ber ein anderes angebracht und mit Umhngen, einen auswrts gehenden Bogen bildend, verdeckt sind. In der Schiffsmitte und zur Seite befinden sich noch kleine Gemcher zu besonderm Zweck, z.B. ein Badstbchen, ein Lesezimmer mit den Werken amerikanischer und britischer Schriftsteller; die Kchen, die Gemcher der Schiffsmannschaft, der Mechaniker, Matrosen, Kche, Mgde und Bedienten, deren zusammen etwa zwanzig Personen sind. Des Nachts verbreiten groe Hngeleuchter die mglichste Heiterkeit rings ums Schiff und warnen die Sloops schon von Weitem, auszuweichen. -- Die Seitenrder haben zweiunddreiig Schuh im Durchmesser, und geben dem Schiffe die Geschwindigkeit, binnen einer Stunde Zeit stromauf zwei Wegstunden, und stromab drei Wegstunden zurckzulegen. Das Ausschiffen und Aufnehmen von Reisenden unterwegs raubt wenig Zeit. Die Schiffsglocke ruft an. Ein am Aussenbord hangender Nachen, gro genug, acht Personen zu fassen, wird schnell ins Wasser gelassen. Die Reisenden steigen bequem auf einer eisernen Gelnderstiege vom Schiff ein. Zwei Ruderer bringen den Nachen schnell ans Ufer, whrend der Matrose am Steuer hinten ein Seil, das am Dampfboot befestigt ist, allmlig abrollen lt. Aus- und Einladen des Nachens am Ufer ist Sache weniger Minuten. Der Pilot gibt dem Dampfschiff ein Zeichen; sogleich setzt sich dort durch den Mechanismus ein Zylinder in Bewegung, der das Seil des Nachens aufrollt und diesen an sich zieht. Es war an einem schnen Sonntagsmorgen um fnf Uhr (15.Aug.), als wir vor dem Stdtchen _Hudson_ anlangten. Es stellt sich dem Auge gar freundlich dar. Es mag drei- bis viertausend Einwohner haben. Von Zeit zu Zeit tnten den ganzen Vormittag die Kirchenglocken ber die Landschaft, welche die Bewohner der umherliegenden Hfe zur Andacht riefen. Um eilf Uhr Morgens kamen wir endlich zu _Albany_ an. Diese Stadt zhlt jetzt vierzehntausend Bewohner und ist ganz in Art und Weise der brigen neuen Stdte Amerika's gebaut. Albany's Handelsverkehr ist sehr bedeutend, weil sich hier der Stapelplatz aller Erzeugnisse vom Norden des Newyorker Staates bis Canada befindet, besonders seit dem Bau des herrlichen Kanals, der vom Hudson bei Albany bis zum Erie-See luft. Dies Meisterstck der Kunst und des amerikanischen Gemeingeistes verdient gekannt zu sein. Man denke sich, da dieser Kanal hundert und zehn Stunden lang ist; da man ber demselben fnfhundert und sechsundfnfzig hlzerne Brcken zhlt, und siebenundvierzig Schleusen, jede sieben Schuh hher (denn dies ist der Fall vom Eriesee bis zum Hudsonufer); man denke sich, da mehrere Leitungen angebracht sind, die das Wasser ber Smpfe und kleine Seen fhren (die grte bei Rochester, mehr denn sechsundsechszig Stunden von Albany, ganz von Stein, mit einer Seitenstrae fr die Rosse, um die Schiffe zu ziehen) -- man denke sich diesen groen, festen Bau des Ganzen, und dann -- da das Alles in Zeit von zwei Jahren vollendet ward. Ich verweilte in Albany nicht lange; begngte mich mit einer Besichtigung des Innern der Stadt, nahm einen Reisewagen, bernachtete in Skenectady und befand mich andern Morgens in den berhmten Bdern von _Saratoga_. 16. Saratoga's Heilquellen. Utica. (16. bis 19. Aug.) Ein junger, gebildeter, sehr unterrichteter Quaker war mein Reisegefhrte bis hierher gewesen. Wir gewannen einander lieb und blieben in Saratoga bestndig beisammen. Alle Religionen und alle Kirchpartheien haben ihren heiligen Grund und sind wahrlich in ihrem Wesentlichen und Gttlichen nicht so sehr von einander verschieden, als die Menschen in denselben, welche aus Religion und Kirche Werkzeuge ihrer Selbstsucht, ihres Hochmuths, ihrer Milzschtigkeit machen und die dummglubige Unwissenheit Anderer fanatisiren und leiten. Die Umgegenden von _Saratoga_ schienen mir gar wild. Die Stadt selbst besteht nur aus einer einzigen, sehr breiten aber noch ungepflasterten Strae. Baumstcke, die hin und wieder mit Wurzelstcken ber einander liegen, deuten an, vor wie weniger Zeit noch der Platz, wo der Ort aufgebaut ist, ein finsterer Wald gewesen, den die Bren bewohnten, die auch jetzt noch oft in der Nachbarschaft sichtbar sind. Jger entdeckten vor etwa zehn Jahren zuerst hier die Mineralquellen. Erst seit vier Jahren baute man die prchtigen, pallastartigen Gasthuser auf, deren nun schon zehn vorhanden sind. Das vornehmste derselben ist ohne Zweifel _Congre-Hall_; dann folgen _Union-Hall_, _United-Staten-Hall_ und der _Pavillon_. Die Anzahl der Kurgste, welche sich bei meiner Ankunft hier befand, betrug 1230 Personen, Leute aus allen Staaten des Vereins und Sdamerika's, auch einige Europer. Der Heilquellen sollen um Saratoga bei zwanzig sein. Begleiter von meinem Freunde, dem Quker, besucht' ich und kostete ich mehrere. Man bemerkte uns jedesmal, bei welcher die Kur begonnen, bei welcher sie beendet werden msse. Einige lauwarme Quellen hatten den Geschmack von denen zu _Baden_ im Kanton Aargau; andere glichen dem Selterserwasser; die Quelle von _Balston_, zwei Stunden von Saratoga, hatte die grte Aehnlichkeit mit der vom _Schwarzbrnnli_ bei _Gurnigel_ im Kanton Bern. Nur wenige Gste baden; die meisten begngen sich mit Trinken des Wassers. Des Morgens sieht man in dieser werdenden Stadt Alles von Gehenden und Kommenden belebt. An jeder Quelle stehen ein paar Kinder, die mit einem Stabe, an dessen Ende drei Glser in eisernen Reifen oder Kfigen hngen, das Wasser schpfen und den sie umringenden Trinkern bieten. Unter den Trinkern befand sich auch der ehemalige Knig von Spanien, _Joseph Bonaparte_. Er scheint sich als freier harmloser Bewohner eines Freistaats weit glcklicher zu fhlen, denn vor Zeiten im kniglichen Glanz. Er, von etwas mehr als mittlerer Strke, hat ein volles, ausdrucksreiches Gesicht und angenehmere, freundlichere Zge, als sein Bruder, der groe Napoleon. Noch ist in Saratoga nur Alles erste, rohe Anlage; Sorge fr das dringendste Bedrfni. Noch fehlt es selbst an Lustgngen fr die Gste. Die Umgegend hat indessen viel Anmuth, obgleich sie von Wldern und kleinen Hgeln umringt ist. Auf einem dieser Hgel, nicht weit vom Orte, hat man eine Aussicht bis zum St.Georgensee. Dennoch fehlt es in dieser Gegend, wo sonst die Wilden, vom Stamm der Irokesen, hauseten, wo man in den nahen Waldungen noch die Ueberbleibsel ihrer zahlreichen Befestigungen, ihrer Grber u.s.w. erblickt, nicht an Mitteln des geselligen oder einsamen Genusses. -- In einem Lesesaal fand ich die Werke der besten amerikanischen und englischen Gelehrten, und bei hundert verschiedene Zeitungen aus allen Staaten des Vereins. Der Saal war von stillen Lesern angefllt. Ueber demselben ist ein anderer Saal, in welchem man Liebhabern eine Sammlung von Mineralien und andern Naturmerkwrdigkeiten, oder Kunsterzeugnissen der Indianer vorzeigt, die man in den Umgegenden gefunden hat. Auch Schauspiel fand sich. Eine Gesellschaft kommt zu gewissen Zeiten von Newyork hierher und giebt ihre Vorstellungen. Ich hatte sie schon in Newyork gesehen und sehr mittelmig gefunden. In Congre-Hall gab es, durch Unterschriften, Abends einen Ball. Man walzt in Amerika wenig; desto mehr sind Quadrillen beliebt und eine Art Hopser. In _Skenectady_, wo ich einen Preussen mit seiner Gemahlin fand, der von St.Thomas kam, wo er Consul war, und nach Saratoga reisete, bestieg ich ein langes, bedecktes Schiff, um den groen Kanal hinauf zu fahren. Zwei Jagdhrner gaben das Zeichen zur Abreise; sie waren es auch, welche den Schleusenwchtern die Ankunft des Schiffes verkndeten, so wie den beiden Zugpferden, die alle zwei und eine halbe Stunde gewechselt wurden, da sie in dieser Zeit im scharfen Trott fnf Wegstunden zurckgelegt hatten. -- Der Uebergang von einer Schleuse in die andere ist Geschft von zwei Minuten. In vierundzwanzig Stunden hatten wir vierzig Wegstunden gemacht. Bei _Utica_, einem Stdtchen von zweitausend Seelen, am Ufer des Mohawkflusses, hielten wir an. Der Kanal geht ber diesen sich viel schlngelnden Strom mehrmals hinber, oft zwanzig Schuh mit der Wasserleitung ber der Oberflche des Flusses. Und immer ist dabei seitwrts doch Raum zu einem Weg fr die Rosse gespart, die das Schiff ziehen. Wir waren unserer sechsunddreiig Reisende auf dem Fahrzeuge. Von der Gegend war selten viel zu sehen, der Kanal schneidet meistens schnurgrade durch Thler und unermeliche Waldungen. Hier ist noch der Boden in uralter Wildni; wenig bevlkert. In der Nhe des kleinen Fleckens _Frankfurt_ hrten wir das Tosen eines Wasserfalles, der ziemlich betrchtlich sein soll. Aber diese Einden werden durch die Nhe des Kanals bald lebendig und urbar werden. Schon jetzt wird die Stadt _Utica_ blhend. An einer Seite derselben, wo vor Kurzem noch der finstere Rest eines Waldes verschont stand, ist jetzt ein breites Wasserbecken gebaut, in welchem zierliche Schiffe, beladen mit Waaren und Menschen, landen. Tglich brachten in den Monaten Juli und August, der Zeitung von Utica zu Folge, zwei Schiffe fnfzig bis sechszig Reisende, von denen die mehrsten nach dem Erie- und Ontario-See gingen. Nicht so zahlreich, wie ich nachher aus der Newyorker Zeitung ersah, sind die Reisenden im Sptjahr. Hingegen der Waarenverkehr zeigte sich noch im Oktober 1824 so lebhaft, wie im August, da ich selbst in Utika war.*) *) Es kann Liebhabern der Statistik vielleicht lieb sein, zu erfahren, welche Arten Waaren vorzglich nach Utica gebracht wurden. In einem Jahrzehend ist's gewi anders; aber dann knnte es noch geschichtlich anziehend werden. Ich will also das Verzeichni der in Utica whrend der ersten Oktoberwoche 1824 eingefhrten Waaren hersetzen, wie ich dasselbe in mein Reisetaschenbuch aus der Newyorker Zeitung damals eintrug. Die in erwhnter Woche zu Utica eingelaufenen 127Fahrzeuge fhrten: 3310Fa Mehl, das Fa zu 6Scheffel; 1686Fa Salz; 315Fa Lebensmittel; 460Fa Asche; 6300Scheffel Getreide; 130Scheffel Leinsamen; 763Scheffel Pfirsiche zum Destilliren; 9094 Gallonen Whisky (Kornbranntwein, der Gallon hlt 2 Maas); 105,844 Fu Brett- und Zimmerholz; 10,000 Latten- und Schindelbnde; 158Zentner Speck und Butter; 323Tonnen Gyps; 500Tonnen anderes Material; 27Tonnen Kse; 30Tonnen Hopfen; 953Kisten Glaswaaren; 19Zentner Smereien; 91Tonnen Porzellanthon; 15Kisten Kleider; 3Kisten rohe Hute; 3Tonnen Gnsefedern. Ausserdem viele andere Kleinigkeiten. 17. Die Fahrt zum Niagara. (20. bis 22. Aug.) Ich stieg mit acht andern Reisenden, die ebenfalls den groen Fall des Niagarastromes besuchen wollten, in die Postkutsche. Denn bei der Fahrt auf dem Schiffe, das Tag und Nacht geht, verlor ich zu viel Gelegenheit, das Land, das ich durchreisete, zu sehen. Die Postkutsche macht tglich zwanzig Stunden Weges, fhrt bei Tagesanbruch ab, und kehrt bei nchtlicher Dunkelheit ein. Ein anderer Reisewagen, der eine halbe Stunde nach uns von Utica abging, holte uns zu _Oneida_ ein, wo wir dar Frhstck nahmen. Kaum waren wir eine Strecke hinter Oneida, ward ich durch etwas berrascht, was in Europa, wo vortreffliche Polizei herrscht, keinen Reisenden berrascht, und schwerlich als Merkwrdigkeit in eine Reisebeschreibung aufgenommen wird. Ich aber will's gern hier eintragen. So weit ich bisher in Amerika gekommen bin, hatte ich keine Straenbettler gefunden. Hier liefen uns die ersten Bettelbuben nach. Es waren kleine Indianer. Bald auch kamen wir durch das Dorf der Wilden. Es bestand aus den erbrmlichsten Htten, die hie und da im Wald, oder auf schlecht angebautem Erdreich herumlagen. Links von unserm Weg sah ich einen artigen grnen Rasenplatz von alten Bumen berschattet. Dort, sagte man mir, pflegen die Hupter der Wilden ihre Rathsversammlungen zu halten. Die hiesigen Indianer waren vom Stamm _Cayagua_, und nicht von der schnen Art. Sie hatten runde Gesichter, langgeschlitzte Augen, dicke Nasen, lange auf die Schultern niederhngende Haare, und elende Lumpen um die Hlfte ihres schmutzigen, gelben Leibes gewickelt. Das waren nicht mehr die kecken, krftigen Gestalten, die ich in Newyork bewundert hatte. Das Land wurde, je weiter wir kamen, wilder, und mit Ausnahme einzelner Ortschaften, weniger bevlkert. Selten sah man Huser von Backsteinen, sondern nur von leichtbehauenen Baumstmmen, sogenannte Blockhuser. Sie sind leicht und wohlfeil zu erbauen. Ein junges Ehepaar, das sich als Pflanzer in den neuen Staaten ansiedeln will, hat oft, statt alles Vermgens, nichts als ein oder zwei Rosse, ein wenig Linnenzeug im Bndel und hundert Dollars Mnze im Geldbeutel. Damit wandert es in die Einsamkeit und whlt sich eine Gegend, einen Boden, wie er ihm eben zusagt. Es hat an fnfzig Morgen Landes genug; zahlt den Morgen mit einem bis zwei Dollar zum Theil baar, zum Theil verzinset es das Uebrige mit sechs Prozent. Dann werden die nchsten Nachbarn, die oft drei und vier Stunden Wegs entfernt wohnen, besucht und vom Tag benachrichtigt, wenns an Erbauung des Hauses gehen soll. Am bestimmten Tag kommen alle Nachbarn mit ihren Pferden, Ochsen, Aexten, Beilen u.s.w. um Holz zu fhren; bringen auch Smereien mit und Vorrthe von Lebensmitteln zum Geschenk fr die neuen Pflanzer. -- Dann werden die Baumstmme gefllt, entastet; an ihren beiden Enden mit Einschnitten und Zapfen zum Zusammenfugen versehen, und auf einander gelegt, wie wenns einen groen Kfig geben sollte. Allfllige Lcken zwischen den Balken fllt man mit Steinen, Moos und Erde aus. Ehe der Tag ganz zu Ende ist, steht die Wohnung schon fertig. Dann werden die Eingeladenen noch mit Speise und Trank bewirthet, und ihre Zahl ist immer ziemlich gro; und jeglicher kehrt zu den Seinen zurck, oder wohnt er allzu entfernt, nimmt er unterwegs beim ersten besten Pflanzer dessen Gastfreundschaft in Anspruch, die herzlich gern bewilligt wird. Ist der junge Pflanzer irgend rhrig und arbeitsam auf dem neuen Gute: so ist er am Ende von zwei bis drei Jahren schon im Stande, eine Wohnung von Backsteinen aufzufhren. Auch das wieder ist nicht so gar kstlich. Denn zu dem Behuf gibt es Ziegelbrenner, die von einem Ort zum andern wandern. Auf dem Bauplatz selbst legen sie ihre Werkstatt an, kneten, formen und brennen die Backsteine, die sie zu vier bis sechs Dollars das Tausend liefern. Die neuen Huser sind dann ein Stockwerk hoch, mit zwei bis vier Fenstern in der Breite. Zu einem Gebu von drei Fenstern vorn gehren vierzigtausend Steine. In Stdten haben diese Steinhuser auch einen Anstrich von aussen, und die Dachung ist mit Schiefer gedeckt. Jenseits des indianischen Dorfes sieht man von einer kleinen Hhe den ganzen Oneida-See, und bis zum Ontario-See, der an den Horizont grenzt. Wir kamen durch zwei Stdtchen, _Manlieus_ und _Odanagua_; zwischen beiden dehnte sich zu unserer Rechten ein See aus, acht Stunden lang, ungefhr eine Stunde breit, an dessen gegenberliegendem Ufer wieder die Huser von zwei Stdtchen hervorschimmerten. Ich fragte, wie sie hieen, und ward von Ehrfurcht durchdrungen, als ich ihre Namen, _Rom_ und _Syrakus_, hrte. Durch das niedliche Stdtchen _Skenektedes_, am Ende eines kleinen Sees hingelagert, gelangten wir Abends acht Uhr nach der kleinen Stadt _Auburn_, etwa einundzwanzig Wegstunden von Utica. Das Wirthshaus, wo wir abstiegen, war schon voller Reisenden, die vom Niagara in zwei Wagen zurckgekommen waren. Ich sprte gemach, da ich mich in Nordamerika den Grenzen der zivilisirten Welt nherte. Das Wirthshaus hatte nichts Erquickliches. Die Schlafgemcher, worin immer fnf Betten beisammen standen, glichen den Kasernen. Das Stdtchen selbst zhlte schon eine Bevlkerung von etwa zweitausend Seelen. Andern Tages ward es nicht besser. Die Landschaften wurden immer einsamer und wilder. Von einer Stadt zur andern fhrt man oft vier bis zehn Stunden Weges durch ewige Wlder, in denen man nur dann und wann hlzerne Htten zwischen weiten Strecken uralter, hoher, dicker Bume erblickt, die aber alle verdorrt sind und einen traurigen Anblick gewhren. Die Pflanzer nmlich, welche ohnehin der Arbeit in den ersten Jahren genug haben, geben sich nicht die Mhe, die riesenhaften Bume selbst zu fllen, die sie wegschaffen mchten. Sie schlen nur unterhalb ber der Wurzel Rinde und Splint bis aufs Holz ab, lassen den Baum absterben und, wie er fault, vom Wind und Regen umwerfen. Man benutzt aber hufig das Land schon, ehe die Stmme gefallen sind; jtet unter den drren Aesten, die nichts mehr verschatten, das Gestruch aus, pflgt den Boden mit einem einzigen Pferde auf, streut den Samen aus und erfreut sich der Aernte, die auf einem an Lebenskraft so reichen Boden nie schlecht sein kann. Durch das Stdtlein _Geneva_, am nrdlichen Ende des Seneca-Sees ungemein anmuthig hingebaut, und durch _Canandaigua_, wo wir zu Mittag speiseten, kamen wir Abends in das Stdtchen _Rochester_, welches zwar nur erst 1800 Einwohner hat, aber auch erst zehn Jahre alt ist. Wir sahen folgendes Tages unterwegs einzelne Huser ganz mit Menschen angefllt, und mit gesattelten Pferden und Wagen umringt. Es war Sonntag. Man hatte sich da zum Gottesdienst versammelt, und manche Familie wohl deswegen eine halbe Tagereise gemacht und mehr. Hier zu Lande sind keine Zwangsanstalten, Beichtzettel, Sonntagsmandate und dergleichen Nothbehelfe erforderlich, um die Kirchen zu fllen und wrdige Feier des Tages zu erzwecken. Alles erfolgt von selbst, wo wahre Freiheit daheim ist. Erzwungene Gottesdienstlichkeit ist das sicherste Mittel, die Kirche und ihre Priester verhat zu machen, Irreligiositt zu verbreiten und eine geheuchelte, darum eben lstige ussere Ehrbarkeit, statt frommer Sitten, herrschend zu machen. Es ist unglaublich, wie weit man in manchen Lndern Europens noch zurck ist, nach so vielen Erfahrungen und Thatsachen, die einfachsten Stze des gesunden Verstandes zu begreifen. Man hrt den Sturz des Niagarafalls, wenn der Wind von daher kommt, sechs Stunden Wegs weit. Ich hrte sein Brausen aber erst in einer Entfernung von zwei Stunden, und nur dumpf. Bei einbrechender Nacht kamen wir nach _Lewistown_, am Ufer des Niagara. Drei englische Lords und ein ehemaliger britischer Admiral saen im Wirthshause am Kaminfeuer und sprachen mit andern amerikanischen Reisenden. Sie waren eben vom Wasserfall zurckgekommen. Natrlich, wir, die wir ihn erst schauen wollten, sponnen die Unterhaltung darber gern fort. Als mir der Wirth mein Schlafzimmer anwies, machte er mich auf ein anhaltendes Sumsen aufmerksam, welches aber meine Ohren mchtiger schlug, wenn er die Fenster ffnete. Es war das Tosen des ungeheuern Stromfalles, dessen einfrmiger Donner aus den weiten Urwldern wiederhallte, bald nher heranzuwandeln, bald wieder sich zu entfernen schien, je nachdem der Wind das majesttische dstre Rauschen mit sich hintrieb. Ich stand lange am Fenster und horchte der wunderbaren Natur-Musik. Der Nachthimmel war heiter und hing voller Sterne. Empfindungen, die sich in kein Wort kleiden lassen, bewegten mich. Ich stand da beinahe zweitausend Stunden weit von meiner Heimath, in jenen unermelichen Wldern, die noch vor wenigen Jahren nur von Wilden bewohnt, oder von Abentheurern und verwegenen Reisenden besucht waren, welche fr Handelsgewinn oder Kenntnibereicherung jedes Wagstck bestanden. 18. Der Wasserfall des Niagara. (23. Aug.) Noch lag ich im tiefsten Schlaf, als mich der Wirth schon frh Morgens nach 3Uhr mit angezndeter Kerze ermunterte, aufzustehen; der Wagen werde sogleich vorfahren. Kaum hatte ich Zeit mich anzukleiden. Der Reisewagen rollte heran. Wir stiegen ein. In kurzer Zeit hatten wir den Fu eines migen Hgels erreicht. Aber auf der Hhe droben angekommen, faltete sich pltzlich vor unsern trunkenen Blicken eins der reizendsten Schauspiele auseinander. Der Himmel glhte in allen Farben des Morgens; der Erdball schien sich vom Schlummer aufzurichten und verschmt errthend dem Gott des Tages entgegen zu lcheln. Zu meinen Fen wallte, wie ein dunkler, stellenweis funkelnder Teppich weithin der _Ontario-See_. Einzelne Nebelsulen wandelten ber diesen wehenden Teppich wie versptete Geister der Nacht; sie wandelten und verschwanden. Nordwrts umfate den See der breite, schwarze Saum von Canada's unbersehbaren Wldern; westwrts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. Mehr in der Nhe hoben sich bei der Ausmndung des Niagarastroms zwei Vesten, die sich gegenseitig zu bewachen schienen. Drben am canadischen Ufer die _St.Georgs-Veste_; hierben, auf dem Gebiet der Vereinstaaten, die _Niagara-Veste_. Im Hintergrunde, am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, glnzten im ersten Sonnenstrahl Kirchthrme und Gebude aus der Ferne. Ich vernahm vom Postkutscher, es sei das canadische Stdtlein _York_, acht Stunden Wegs von uns. Sehen Sie auch seitwrts! setzte er hinzu und wies nach der Mittagsseite. Ich wandte mich dahin und sah eine ungeheure Dampfsule in der Ferne aus dem Schoos der Erde gegen die Wolken auffahren, wie von einem Vulkan ausgekocht. Dort war der Niagarafall. Erst nach ungefhr einer Stunde sahen wir von diesem zwischen den Bumen einige Wassermassen erscheinen und verschwinden. Aber das dumpfe Getse ward mit jedem Augenblick deutlicher und lauter. Um neun Uhr hielt der Wagen vor einem artigen Wirthshause still, wo wir uns mit gutem Frhstck erquicken konnten, und freundliche Fhrer zum Wasserfall erhielten. Wir begaben uns dahin. Auf einer Brcke, die ber einen Arm des Flusses geworfen ist, gelangten wir zu einer Insel, _Goat-Island_, welche den Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt. Wir verweilten hier, uns auf der Insel zerstreuend, die ungefhr eine halbe Stunde Umfang hat, bis drei Uhr Nachmittags, um den Wasserfall und seine Pracht in aller Mue zu genieen. Die Kalklager, von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind, bilden oft Berge und Hgel von betrchtlicher Hhe. Ein Zweig dieser Gebirgsverstung, der sich durch Maryland, Pensylvanien und Newyork streckt, durchschneidet den Niagaraflu in die Queere und verursacht den ungeheuern Sturz dieses Gewssers. Der Niagara, einziger Abflu der groen Seen und des Erie-Sees, bildet bis zu seiner Mndung in das weite Becken des Ontario, einen mchtigen Strom von tausend bis zwlfhundert Schuh Breite und groer Tiefe. Bis zum _Chippewaystrom_, der zwischen dem Erie- und Ontariosee in ihn hineinstrzt, (vor Zeiten hat hier auch eine Veste gestanden), fliet er langsam und still. Dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt, von den Wassern des _Chippeway_ verstrkt, wird er unruhig, sein Fall reissender. Er strmt schumend gegen Klippen und Felsen, die ihm den Weg verrammeln. Zwei Inseln spalten ihn in drei Theile. Aber strmisch vereinigt er sich wieder, nahe dem weit ber hundert Schuh tiefen Abgrund, in welchen er hinab mu. Die Felsen haben ihm hier bis auf viertausend Schuh weiten Spielraum gelassen. Es ist ein heulendes Meer, dessen Wogen, unter einander kmpfend ihrem zermalmenden Sturze entgegenrasen. Der Wasserfall hat die Form eines Hufeisens. Der stliche Theil ist der vollere, gewaltigere, malerischere. Die Masse der niederstrzenden Fluthen, von unten auf angesehen, scheint aus den Himmeln herabzufahren und sich in einen bodenlosen Abgrund vergraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige Abstze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersulen zu zersplittern und zu verstuben. Die Erde und der Felsenboden drhnen und zittern unterm Fu des Menschen. Man steht in der Mitte eines ewigen, betubenden Donners, whrend rings umher die ganze Natur schweigt, wie vom Entsetzen erstarrt. Aus der Tiefe, wo Alles kocht und ghrt, silbergraue Staubwolken und Wasserbndel und Strahlen hastig auffliegen, und von nachkommenden wieder ereilt und zerstrt werden, heulen in allerlei Tnen zwischen den Klippen die grlichen Stimmen des Abgrunds durch das einfrmige Tosen der Donner. Ich begab mich vom amerikanischen Ufer auf _Goat-Island_; eine lange, schmale Brcke, mit groer Khnheit ber die Strmungen hingebaut, fhrt zu diesem Eiland. Und auf demselben befindet sich ein artiges Wohnhaus, wo man nicht nur Erfrischungen findet, sondern, was mich verdro, ich mchte sagen, anekelte -- sogar ein _Billard_! -- Pfui! Da, wo vor der Majestt des Schpfers, vor der erschtternden Herrlichkeit der Natur Alles klein wird, will die erbrmlichste aller menschlichen Leidenschaften, die Spielsucht, noch gro thun und sich auf den Zehen in die Hhe strecken und gelten. Da, wo Alles zur Bewunderung und Andacht ruft, will man noch -- gemeine Unterhaltung, um der Langenweile zu entgehen. Ich knnte unmglich mit einem Reisenden Freundschaft schlieen, den ich hier Billard spielen she. Ich she in ihm das vollendete Zerrbild europischer Zivilisation; jene sittliche Verkrppelung, die wieder in stumpfes, gemthloses, freches Thierthum bergeht. Es gibt Stellen auf Erden, die den Menschen aller Zonen und Religionen durch sich selbst Heiligthmer sind, heiliger, als ihre von Kalk und Steinen gebauten Kirchen und Tempel. Man sollte deren Entweihung nicht dulden. Das Haupt eines indianischen Stamms hatte, so erzhlte man mir, von den Alten gehrt, es sei zwischen den Seen ein groes Wunder. Er machte sich auf; begleitet von seinen vornehmsten Kriegern kam er zum Niagarafall. Nachdem er eine Weile mit Erstaunen und Schweigen dagestanden war, nahm er seinen Tamoak, mit Silber belegt, seinen Bogen und die schnsten seiner Zierden, warf sie in den Schlund der Wogen, und sagte zu seinen Gefhrten: Frwahr! Hier ist ein Haus des groen Geistes! Man hat auf der Insel die bequemste Ansicht des Wasserfalls; und wie man auf einen andern Punkt derselben tritt, verwandelt sich dem Auge das nie ermdende Riesenspiel der Natur zu neuen Erscheinungen. Ich lebte in einer Wunderwelt. Recht anmuthig war es, da auf dem grnen Teppich der Wiesen einige Hirsche und Rehe zahm und traulich um das Haus gingen und sich uns arglos nherten. Ein junger Amerikaner war bisher immer mein Gefhrte gewesen. Er blieb es auch, als ich bis zum Tiefsten des Wasserfalls niederstieg. Dies geschieht auf hlzernen Leitern, die man am senkrechten Felsen angebracht hat, die aber unter jedem Schritt schwanken. Zwei Mnner, schon an diese schwierige Kletterei gewhnt, trugen unsere Bndel. Denn wir hatten mit uns selbst genug zu schaffen, uns an Gestruchen, Klippen und was uns unter die Hnde kam, festzuklammern. Jeden Augenblick durchnetzte uns ein Sto und Brast von Wasserstaub, durch den Wind gegen uns getrieben. Das Geheul der Wogen betubte uns die Ohren. Unten nahm uns ein kleiner Nachen auf. Einer der Fhrer stieg zugleich ein und schiffte uns mit Hilfe eines Ruders mitten durch die wthenden Wellen. Wir brachten ber eine halbe Stunde zu, ehe wir das canadische Ufer erreichen konnten. Whrend dieser Ueberfahrt genossen wir gemchlich und umfassend das groe Bild ewiger Verwandlungen. Die brennenden Farben des Regenbogens umgaukelten uns, bald in der schumenden Nhe, bald ber uns. So erreichten wir unten am Wasserfall, wo uns bestndig dicke Wolken aufsteigenden Wasserstaubes verschlangen, das canadische Ufer. Aber das Erklimmen dieser schroffen Felsen war fr uns so gefahrdrohend und mhselig, als es das Herabsteigen am jenseitigen Ufer gewesen war. Droben erreicht man in einer Viertelstunde ein groes, schnes Wirthshaus. Hier fanden wir Alles belebt. Jeden Augenblick zeigten sich uns andere Gesichter; Reisende kamen, Reisende gingen. Ganze Karavanen durchkreuzten sich. Die Fenster des Speisesaals gingen gegen den Fall hinaus. Man zeigte mir von da den _Table-Rock_ (Tafelfelsen), wo die schnste Ansicht des ganzen Falles sein soll. -- Ich begab mich dahin, und sah mich keineswegs getuscht. Dieser Felsen streckt sich betrchtlich weit in den ungeheuern Schlund vor. In der That, das Auge umfat hier mit einem Blick das Ungeheure des groen Schauspiels. Es ist dem Geiste zu gro. Er will Alles umfassen und wird von dem erhabenen Ganzen verschlungen. Er verliert sich. Er schwebt zwischen Grausen und Entzcken. 19. Ein Besuch bei den Seneca-Wilden. Nichts widerlicher, als der Uebergang von prachtvollen Naturszenen, aus denen man in der Trunkenheit stiller Begeisterung zurckkehrt, zur Gemeinheit von Wirthshausszenen. Es ist die schmerzlichste Verletzung der Andacht. Es ist mehr, als Kirchenraub. Ich zauderte auch nicht lange, und lie anspannen. Es war erst vier Uhr Nachmittags, und ich konnte noch bequem nach dem Stdtchen _Buffalo_, sechs bis sieben Stunden von da, gelangen. Der Weg dahin, auf canadischem Boden, folgt den gekrmmten Ufern des Niagara, der oberhalb Chippeway einen sanften Lauf hat. Als wir beim ussersten Ende des Erie-Sees, bei der Erie-Veste angekommen waren, muten wir in einem Fahrzeuge ber den Flu setzen. Vor uns lagen in einiger Entfernung zwei Stdtchen, _Blackrock_ und _Buffalo_. _Buffalo_ liegt an der stlichen Ausspitzung des Erie-Sees und war whrend des letzten Krieges fast ganz zerstrt worden. Am meisten hatte es aber von der Rohheit der Indianer gelitten, deren sich die Englnder hatten gegen die Amerikaner bedienen wollen. Es ist gefhrlich, solche Bundesgenossen im Hause zu haben. Jetzt ist Buffalo freilich wieder aus der Asche neu aufgestanden, aber nicht als ein Phnix. Das Stdtchen ist nichts weniger als hbsch. Indessen, was nicht ist, kann noch werden; denn der Ort ist zum Waarenverkehr trefflich gelegen. Der groe Kanal des Erie-Sees, der mit dem Hudsonflu verknpft ist, geht von Buffalo aus, wo Fahrzeuge aus dem Michigan- und Erie-See landen mssen. Auch herrscht hier im Hafen schon viel Thtigkeit und Leben. Herr L**, dem ich von New-York aus empfohlen war, empfing mich sehr zuvorkommend. Aus einer achtbaren franzsischen Familie stammend, war er schon vor vierzig Jahren nach Amerika ausgewandert. Whrend des Krieges zwischen England und Nordamerika hatte er, wie er mir erzhlte, Buffalo verlassen und sich mit seiner Frau bei den Wilden zwei Jahre lang aufgehalten, indessen er seine drei Kinder nach Frankreich zurckschickte, um ihnen eine gute Erziehung geben zu lassen. Sein Leben unter den Wilden, und was er mir davon sagte, hatte fr mich viel Anziehendes. Bei mancherlei Entbehrung entbehrlicher Dinge, war er doch bei ihnen sehr glcklich gewesen. Er konnte ihre treue Gastfreundschaft nicht genug rhmen. In den Umgegenden des Eriesees und gar nicht entfernt von Buffalo trieb sich damals ein zahlreicher Stamm von Indianern herum, der den Namen _Seneca_ fhrt, und ein Zweig der alten, vielgefrchteten _Irokesen_ ist. Diese Wilden waren damals mit aller Welt rings um in Frieden: Herr L** ermunterte mich, sie zu besuchen. Es gefiel mir gar wohl, etwa einen Tag lang, oder zwei, das einsame Treiben und Wirthschaften dieser Naturkinder zu schauen. Aber wie man ein paar Jahre lang mit ihnen in den Wldern ganz behaglich hausen knne, wollte mir doch nicht einleuchten. Wir machten uns also auf den Weg. Schon, wie wir aus Buffalo hervor waren, begegneten uns einige der Senecaner. Ihre Bekleidung schien mir etwas sorgfltiger, als jene der Cayagua-Indianer. Sie hatten auch gar kein rmliches Aussehen. Die, welche Hte trugen, hatten sie sogar mit Silberplttchen geziert. Breite Gurte von rothem Tuch hingen um ihre Hften; andere trugen diese Grte schrpenartig gebunden. Manchen hing an der Seite ein breites Messer; dabei hielt jeder seinen Tomoak in der muskelstarken Faust. Der Weg zu ihrem Dorfe fhrte in die Tiefe einer ungeheuern Waldung. Je weiter wir hineinkamen, je dichter wurde das Gehlz, und von Zeit zu Zeit stand ein Indianer, kommend oder gehend, vor uns, so unerwartet oder unvorhergesehen, als wr er aus der Erde hervorgeschossen. -- Ein Greis, dem zwei junge Leute nachfolgten, alle wohlbewaffnet und wohlgekleidet, strich an uns vorber, ohne uns anzusehen. Ich hielt ihn an und fragte, wie weit es noch bis zur Mitte des Stammes hin sei? Diese Wilden verstanden kein Englisch. Der Alte redete mit den Jnglingen, wie sich zu berathen. Nun versuchten wir die Zeichensprache. Damit gings besser. Wir erhielten die verlangte Auskunft und sahen nach zwei Stunden Wegs im Wald umher zerstreute Htten. Das Holz war stellenweis abgeschlagen, und der leergewordene Platz ziemlich nachlssig angepflanzt. Mais, Korn, Erdpfel und andere Feldfrchte sahen wir, mehr wie durch Zufall, als durch Menschenhand da hingesetzt. Es sind auch nur die Weiber, die den Landbau treiben. Mnner schmen sich noch des, und treiben blos das edle Weidwerk, als geborne Jger. Das Weib ist noch eine Art Sklavin; trgt auch, whrend sich der Mann frei bewegt, auf Reisen die Lebensmittelvorrthe in einem Korb auf dem Rcken, an einem breiten Lederriemen, der ber die Stirn geht. Eben so tragen sie auch ihre kleinen Kinder, aber auf ein Brett gebunden, bis ans Kinn eingefscht, mit deren Rcken gegen ihren Rcken. Der groe Stamm der Irokesen, der einst an den Champlain-, Ontario- und Erie-Seen umhertrieb, ist jetzt fast ganz verschwunden. Man sieht nur noch einzelne abgerissene Zweige desselben, wie den der Senecaner. Als sich im Jahre 1610 die ersten christlichen Glaubensboten unter sie wagten, zhlten sie noch eine Heeresmacht von mehr denn 20,000 Kriegern. Nach dem nordamerikanischen Unabhngigkeitskriege im Jahr 1780 fanden sich hier nur noch etwa 1500 Krieger vor. Jetzt knnen sie nicht mehr als 150 bis 200 Streiter aufstellen. Diese befremdende Verminderung der Indianer mag mancherlei Ursachen haben. Der Wilde zieht sich bei jeder Annherung der zivilisirten Welt scheu zurck, wenn er sie nicht zerstren kann. Er will mit ihr nichts gemein haben. Er kennt aus den Sagen seiner Vter und Urvter die nie zuverlssige Treue, die List und Hab- und Herrschgier und rastlose Ausbreitungssucht der Europer. Er kann die Lebensbequemlichkeiten derselben nicht reizend finden, weil er ihrer durchaus nicht bedarf; kann die Gensse nicht schtzen, welche Wissenschaft und Kunst gewhren mgen, weil sie ihm fremd und verschlossen stehen; kann die feinern Vergngungen der gebildeten Gesellschaft nicht leben, weil sie zugleich einen ussern Zwang auflegen, der ihm naturwidrig scheinen mu. -- Die reine Freiheit des Wilden hat ohnehin ihren eigenthmlichen Zauber, der aus der Einfalt, Rechtlichkeit und ungebundenen Sorglosigkeit hervorgeht. Man hat wenige, oder am Ende _gar keine_ Beispiele, da Indianer, welche bei Europern erzogen wurden, nicht gerne wieder aus dem Zwang der Etikette, des Zeremoniels, des Kirchenthums, des Rangwesens, der Polizeiordnungen, der Titulaturen, der gesellschaftlichen Vorurtheile, der Parteimachereien, der unendlichen Lebensmhen, um zum Besitz entbehrlicher Dinge zu gelangen, herausgegangen und in die Stille und Freiheit ihrer Wildnisse, zur einfachen Lebensweise ihrer Stammesgenossen zurckgekehrt und daselbst geblieben wren. Dagegen sind der Beispiele mehrere vorhanden, da gebildete Europer, die gewaltsam oder freiwillig unter die Indianer kamen, sobald sie sich nach Jahr und Tag unter ihnen heimisch fhlten, auf das Bitters der Zivilisation verzichteten, sich, wie die Familie L** zu Buffalo, sehr glcklich bei ihnen fhlten, und entweder gar nicht mehr, oder doch nicht ohne spteres Heimweh, in die Welt der Gebildeten zurckkehrten. Eine groe Zahl der Irokesen hat sich wirklich von den groen Seen hinweg westwrts in das unbekannte Innere des Welttheils gezogen. Was noch zurckblieb, ward zum Theil wohl in Kriegen, mehr noch durch das Gift der gebrannten Wasser, welches sie von den Europern kennen lernten, durch Vllerei und Krankheiten, die daher entsprangen, allmlig aufgerieben. Vielweiberei findet in der Regel bei ihnen nicht statt; nur die Stammhupter und Vornehmsten haben mehrere Frauen. In der ersten Htte, in die ich eintrat, fand ich eine Indianerin geschftig, Mais in einem hlzernen Troge klein zu stoen, um daraus eine Art Brod zu backen, das sie _Hkake_ heien. Ich hatte spterhin bei einsamen nordamerikanischen Pflanzern oft genug Anla, meinen Gaumen mit dieser Hkake vertraut zu machen. Fnfzig Schritte weiter, in einer zweiten und viel grern Htte, die einem Oberhaupt gehrte, lagen fnf junge Weiber auf dem Boden, die unter einander mit bunten Bohnen, auf einer ber die Erde gebreiteten Matte, spielten. Zwei derselben rauchten dazu, zwei andere sugten ihre Kinder. Ihre Bekleidung war so sprlich, da unsere Schnen in europischen Stdten, wenn sie sich in eleganter griechischer Tracht halbnackt den Gaffern hinstellen, daneben ganz nonnenhaft vermummt erschienen haben wrden. Sie sahen zu uns auf, ohne ihre bequeme Lagerung zu ndern. Ich verlangte ein wenig Milch. Die Jngste, welche etwas englisch verstand, fragte, wie viel ich dafr geben wollte? Ich reichte ihr ein Sechs-Pencestck hin. Sie brachte mir mehr Milch, als ich trinken konnte. Ohne die Indianer in ihrer Sprache sprechen zu knnen, geht man unter ihnen natrlich wie ein Taubstummer umher. Man sieht dies und das, aber mchte Erklrungen dazu, und vermag sie nicht zu fordern. Ich durchirrte das Dorf und wandelte in den Umgebungen mehrerer Htten, deren kahles Innere keiner Beschreibung bedarf. Ich bemerkte auch von den schauerlichen Siegeszeichen der Wilden, die mit den Haaren bewachsene Schdelhaut von den Kpfen ihrer erschlagenen Feinde. Nun wute ich ohngefhr, wie es in den Walddrfern und Htten der alten, tapfern, vielgerhmten Germanen zu Tacitus Zeit ausgesehen haben mag, von denen, ihrem Whisky (oder Meth) ihrem Eichelschmaus (oder Hkake) u.dgl.m. noch jetzt die Rektoren und Professoren an den Schulen in Deutschland ihrer lernbegierigen Jugend gern groes Aufhebens machen. Man wei, wie es bei den Wilden mit dem Skalpiren, oder dem Abziehen der Schdelhaut ihrer Feinde, schnell und leicht geht. Aber eins wute ich nicht und schien mir fast unglaublich. Man versicherte mich, da man Menschen gekannt habe, die noch viele Jahre nach ihrer Skalpirung munter und gesund gelebt haben; nur da ihnen die Haare nicht wieder nachwuchsen. Die Rechtlichkeit und Strenge der amerikanischen Gesetze und der Ernst in deren Vollziehung hat bewirkt, da sich die Seneca-Indianer sehr ruhig verhalten. Nur die Begierde, etwas zu besitzen, das ihnen an einem Weien gefllt, hat sie oft zu Unthaten verleitet. Denn das krzeste Mittel, sich im Besitz des gewnschten Gutes zu sehen, schien ihnen auch das beste zu sein, nmlich den Eigenthmer zu tdten. -- Doch auch davon hat man lange nicht gehrt. 20. Die Fahrt im Vaggon nach Pittsburg. (25. bis 28. August.) Mein Plan war gewesen, im Dampfschiff von Buffalo ber den ganzen Erie-See bis an dessen entgegengesetztes Ende nach Detroit zu fahren. Aber ich hatte mich in den Tagen verrechnet; das Dampfschiff war schon abgereiset, und acht Tage lang hier auf ein anderes zu warten, taugte zu meinem Zeitvorrath schlecht. Ich bequemte mich also, wenn gleich etwas ungern, mit in ein Fuhrwerk zu sitzen, das den folgenden Tag von Buffalo nach Pittsburg in Pensylvanien abreisen sollte. Man nannte diesen Wagen, der wie ein Karren aussieht, einen _Vaggon_. Ich werde noch lange an diese Vaggons denken, die eben nicht zu dem bequemsten Reisegerth gehren, zumal auf Wegen, wie die sind, wo sie gebraucht werden. Zu meiner vorlufigen Beruhigung erzhlte man mir, da zwei Wochen vorher zwei Reisende mit dem wchentlich abgehenden Vaggon kein Glck gehabt. Der eine wre vom Vordersitz herab in eine Schlucht geschleudert worden und auf der Stelle todt gewesen; der andere, indem er herausspringen wollte, als der Vaggon eben umstrzte, wre von diesem zerschmettert worden. Aber das begegne bei einiger Vorsicht nicht alle Tage. In Gesellschaft anderer Reisenden bestieg ich also den Vaggon. Eine Stunde von Buffalo schon hrte die Strae auf. Man fuhr nun immer lngs dem Ufer des Erie-Sees hin. Aber welch ein Weg! -- oder vielmehr, es war gar kein Weg da. Bald sanken die armen Rosse bis ber die Knie in feinen Schlammsand ein, bald in Morastpftzen und Koth. Es waren vier Pferde, allein sie hatten Arbeit vollauf, den Wagen nur im Schritt fortzubringen. Ich hatte die angenehme Einbildung, das sei eine wste Stelle; man msse einige Augenblicke Geduld haben. Der Postknecht belehrte mich aber sehr hflich, die wste Stelle dauere zehn Stunden Weges lang. Der See ging ziemlich strmisch. Trotz dem fuhr unser khner Phaton ins Wasser hinein, wenn er entweder aus dem Schlamm sich retten, oder groen Steinen ausweichen wollte. So lange die Rder des Vaggons, die, als eines Strandlaufers, sehr hoch waren, noch festen Boden ber sich fhlten, lie ich die Wasserreise unbetadelt. Aber nun kamen wir an einen Platz, wo sich ein Felsen ziemlich weit in den See hinausstreckte. Der mute umschifft werden. Der Lenker unserer Schicksale und des Vaggons trieb die Pferde ins Wasser, bis es ber sie wegrauschte, und sie wie Hunde schwammen, whrend die Wogen des kleinen strmischen Meers den Kasten des edeln Vaggon weidlich zerschlugen. Da ward mirs doch etwas schwl; ich dachte an meine unglcklichen Vaggonsvorfahren und verwnschte diese Art Lustreisen. Meine amerikanischen Reisegefhrten verwunderten sich hchlich. Sie fanden die Sache vollkommen in der Ordnung der Dinge. Ich mute ihnen das allerdings zugestehen; aber, dacht' ich: lndlich, sittlich! In einem einsamen Hause hart am See ward zu Mittag gespeiset, Ro und Vaggon gewechselt. Dann gings weiter; nicht besser, als des Morgens, aber doch, zur Abwechselung, auch anders. Denn wenn die Pferde, bei der Tiefe und Beweglichkeit des Sandes nicht mehr von der Stelle rcken konnten, fuhr man, statt ins Wasser, in den Wald, der das Seeufer besumt. Da mute man nun mit vieler Kunst im Zikzak zwischen den Bumen und um sie herumkreisen; bald sich durch einen in die Quer hingestrzten alten Stamm, bald durch einen Bach-Hohlweg in witzigen Erfindungen ben lassen, wie man das neue Hinderni berwinden knne. Doch, ohne Hals- und Beinbruch, hatten wir das Glck, bei eintretender Nacht an Ort und Stelle nach _Fredonia_ zu gelangen. Fredonia trgt den Namen einer Stadt (=Township=). Es ist eine _neue_ Stadt. Aber mache sich niemand gar zu glnzende Vorstellungen von den neuen Stdten in Nordamerika. Es hat damit ein ganz eigenes Bewandtni. Ihre Errichtung hngt nicht blos von Zuflligkeiten ab, durch welche ehemals die Stdte Europens, oder auch noch die Kstenstdte Nordamerika's entstanden sind, wo ein Kloster, ein Wallfahrtsort, ein landesherrliches Schlo und dergleichen, mehr Ansiedler, als anderswohin, zusammenlockte; oder wo eine Bucht, ein natrlicher Hafen, die Mndung eines groen Stroms, zur Grndung einer Kolonie einlud. Kluge Vorausberechnungen bestimmen jetzt den Platz, wo eine knftige Stadt im Innern des Landes stehen msse. Dann wird die Erbauung derselben durch Beschlu angeordnet und begonnen, es sei, wo es wolle. So steht Fredonia mitten in Wildnissen und Wldern, die sonst allein vom Geheul der Irokesen und wilden Thieren belebt waren. Da fhren noch keine vielbewanderte Wege, keine gebaute, regelmige Hochstraen zu den Thoren. Es sind noch keine Thore, keine Ringmauern vorhanden. Die Stadt ist _erst vier Jahre alt_. Man sieht ein gutgebautes Gerichtshaus (=court-house=). Weiterhin stehen wieder zwei Kirchen, aus Backsteinen geschmackvoll aufgefhrt; zwei verschiedenen Glaubensparteien angehrend; beide ziemlich nahe beisammen. Dann sieht man noch ein Wirthshaus; einen Kaufladen und Magazin mit Spezerei, Leinwand, Tchern, gebrannten Wassern und andern kleinen Bedrfnissen; ferner eine Schmiede, und eine Buchdruckerei, aus der wchentlich eine Zeitung hervorgeht. Dann in gleichem Verhltni, wie in mehrern europischen Staaten der augenlose weltliche und geistliche Arm derer, die Gewalt haben, die gegenseitige Mittheilung, Belehrung und Verknpfung der Geister unter einander vermittelst der unterdrckten Prefreiheit unterdrcken mchte, suchen die Nordamerikaner durch Begnstigung der Prefreiheit Gemeinsinn, Theilnahme an vaterlndischen Angelegenheiten, Kunst, Kenntni, Volksbelehrung zu befrdern. Um jene sieben, acht Gebude herum stehen in Fredonia etwa noch zehn einzelne Huser zerstreut umher. Aber die ffentlichen Pltze, die Mrkte, die knftigen Straen sind schon im Plan vorhanden; sind schon wirklich ausgesteckt. Wer sich da ansiedeln will, ist gehalten, dem angenommenen Plan gem zu bauen. So sieht eine vierjhrige Stadt im Innern Nordamerika's aus. Folgenden Tages gings durch Wald und Wstenei; der Weg ward nicht gemchlicher, aber doch minder gefahrvoll, als am vorigen Tage. Der Postknecht, welcher die Zeitung von Fredonia auf seiner Reise abzugeben hatte, warf dieselben, wo man in der Nhe von einzelnen Husern unterwegs vorbeikam, links und rechts aus dem Wagen vor die Thren. Abends kamen wir noch bei hellem Tage zu _Erie_ an. Diese Stadt liegt am Sdosttheil des Sees, von dem sie benannt ist, auf einer Anhhe, von der sich eine weitgedehnte Aussicht ergibt, und bis zum jenseitigen See-Ufer. Die Seen Ontario und Erie gleichen kleinen Meeren; jeder von ihnen hat ber dritthalbhundert Stunden Umfang und bei sechshundert Geviertmeilen Flche. Sdwrts der Stadt, die sich mit ihren 150 Husern und drei Kirchen auf ihrer Hhe gar stdtisch ausnimmt, kann man noch Ueberbleibsel einer ltern Niederlassung wahrnehmen. Es hatten sich da vorzeiten franzsische Pflanzer auf einer Landzunge angebaut, die sie _Presqu'isle_ nannten. Der Boden war sehr gut, das Klima gesund; allein die allzugroe Entfernung von allen andern bewohnten Orten zwang sie, das Land wieder zu verlassen. Kurze Zeit nachher grndeten die Amerikaner die Stadt Erie. Wenn einmal die Ufer des Sees bevlkerter sind, wird diese Stadt sehr bedeutend werden mssen. Mit Anbruch des folgenden Tages ging die Reise sdwrts, nach Pittsburg. Wir kamen abermals an Ueberbleibseln einer franzsischen Niederlassung, _Lebeuf_ geheien, etwa fnf Stunden von Erie, vorbei, die das Schicksal von Presqu'isle gehabt hatte. Dagegen sahen wir, zwei gute Stunden weiter hin, die hollndische Niederlassung _Waterfort_ in sehr blhendem Zustande. Wir frhstckten hier in einem sehr guten Wirthshause. Zu _Meadville_, zehn Stunden von da, hielten wir etwas an. Ich traf da mit einem Herrn zusammen, der mit gleicher Leichtigkeit englisch, deutsch und franzsisch sprach. Seine Unterhaltung war fr mich sehr belehrend. Vermuthlich hielt er mich fr den Geschftsfhrer einiger europischen Auswanderer-Gesellschaften. Er trug mir Lndereien zum Kauf an, den Acker zu zwei und drei Dollars. Es war ein Herr H**, Agent einer hollndischen Kompagnie. Erst spt Nachts kamen wir in das Stdtchen _Mercer_, welches dem Stdtchen Meadville glich. Beide nmlich sind _neue_ Stdte. Man wird nun wissen, was darunter zu verstehen ist. Vorzeiten ging der Weg hieher durch die Veste _Wenango_, die wir weit links gelassen hatten. Ich war seit den vorigen Tagen, von den Wasserfllen des Niagara weg, durch ungeheure Einsamkeiten fortgefhrt worden. Aber sie konnten nicht mit denen verglichen werden, die sich zwischen Mercer und Pittsburg am folgenden Tage auslagerten. Es ist eine Strecke von zwanzig Wegstunden, und wir sahen nur das einzige Stdtlein _Buttler_; fuhren oft fnf bis sechs Stunden, ohne eine Htte, vergraben im Gebsch, zu erblicken. Alles ein endloser Wald, dessen finstere, durch einander gewachsene Zweige selten nur einen freundlichen Strahl des Himmels auf uns niederzufallen erlaubten. Es lt sich denken, wie es um die Poststrae dieser unbewohnten Welt stand. Wir hatten vier wackere Rosse; wir waren im Wagen unserer nur drei Reisende, und doch kostete es keine geringe Mhe und Noth, vorwrts zu kommen. Beim vorletzten Pferdewechseln liefen wir am Ende noch Gefahr, Hals und Beine zu brechen. Es ging eben einen Hgel steil abwrts. Die Amerikaner pflegen keine Rder zu spannen, sondern lassen die Pferde geschwinder laufen, oft im Galopp bergab. So machte es unser Postknecht. Das Riemenwerk eines der Deichselpferde ri. Mit vieler Geschicklichkeit lenkte er das andere, welches allein noch den Wagen zurckhalten konnte. Aber nun war ein groer Stamm ber den Weg gefallen, und doch nicht quer genug, um den Wagen zum Stehen zu bringen. Auf einer Seite liefen die Rder auf dem Stamm entlang; endlich sprang das eine ber, das andere schob den Stamm fort. Das Holz rollte. Die erschrockenen Pferde nahmen mit Wagen und Holz Reiaus. Wir tanzten in der Luft, und siehe da -- kamen mit heiler Haut glcklich davon. Auf einer schnen Halbinsel, gebildet von den Strmen Manongahela und Alleghany, beut sich dem Auge die Stadt Pittsburg dar. Jene Strme rauschen einander aus entgegengesetzten Weltgegenden zu. Der Alleghany kmmt von Norden. Er ist aus verschiedenen Gebirgsbchen und Wassern von den Erie-Ufern entstanden, die sich bei der Wenango-Veste verbinden. Der Manongahela hinwieder kmmt von Sden her, aus den Laurels-Gebirgen, in Obervirginien. Er verschlingt in seinem Laufe viele andere Strme, und so auch den _Youghiogeni_, der ziemlich betrchtlich ist. Bei Pittsburg, wo der Alleghany und Manongahela zusammenfallen, empfangen sie nach der Vereinigung den Namen _Ohio_ (man spricht den Namen O-hai-io aus) oder Schn-Flu. Dieser durchluft dann eine weite Strecke von 400 Stunden, bis er sich in den Missisippi ausmndet. Wir fuhren ber eine der prchtigsten Bogenbrcke in die Stadt hinein. Sie ist mit Schiefer bedacht, und ruht auf fnf Bogengewlben, jedes fnfundsiebenzig Schritte lang. Eben so schn ist jenseits der Stadt auf ihrer Mittagsseite die andere Brcke. Sie hat die Lnge von 532 Schritten; an jeder Seite zweiundfnfzig Fenster, um Heiterkeit zu geben; zwar nur von Holz gebaut, aber auf acht steinernen Pfeilern ruhend, die sieben Bogen bilden. Sowohl fr Fuhrwerke, als Fugnger, sind Doppelwege. Diese trefflichen Arbeiten, welche im Jahr 1816 ein englischer Ingenieur leitete, der auch in Tennesee eine hnliche Brcke gebaut hat, sind binnen zwei Jahren vollendet worden. 21. Die Ohio-Fahrt nach Mariette. (29. August bis 4. Sept.) Ich verweilte mit Vergngen in Pittsburg einige Tage. Die Stadt ist in mehr als einer Hinsicht anziehend fr den Beobachter. Man nennt sie das Manchester der Vereinstaaten. Sie ward erst im Jahre 1784 gegrndet. Im Jahre 1800 zhlte sie 2400 Einwohner; im Jahre 1810 aber 4700 derselben, und gegenwrtig ber 14,000. Darunter sind, ausser eingebornen Amerikanern, Englnder, Franzosen, Schotten, viele Deutsche und Schweizer, die sich alle, jetzt wohlzufrieden, veramerikanert haben. Die Stadt besitzt nicht, wie andere Stdte dieses groen Freilandes, das lachende, freundliche Ansehen in seinem Innern. Die Huser sind vom Rauch der Steinkohlen geschwrzt, die hier allgemein blich sind. Aber dagegen erblickt man eine rhrige Gewerbigkeit, wie nicht leicht anderswo. Alle Huser sind voll von den verschiedensten Werksttten. Lngs den Ufern lrmen die Dampfmaschinen, welche eine Menge Mehl-, Sge-, Papier-, Oel- und Loh-Mhlen, Gerbereien und Frbereien, Glashtten und Eisenschmelzen u.s.w. in ununterbrochener Bewegung halten. Den westlichen Staaten um hundert und mehr Stunden nher als Philadelphia und Baltimore, versorgt Pittsburg die Pflanzorte in jenen vorzugsweise mit seinen Kunsterzeugnissen. Die Flsse wimmeln von Fahrzeugen, die Waaren bringen oder fortfhren. Mit Ausnahme der Monate August, September und Oktober, kommen tglich Dampfboote an. Von Neu-Orleans, den Missisippi und Ohio herauf, legt ein solches Boot den Weg von mehr denn siebenhundert Stunden binnen achtzehn Tagen zurck; stromabwrts ist die Fahrt in zwlf Tagen vollbracht. Und doch wird unterwegs, mit dem Ausschiffen und Aufnehmen von Waaren und Reisenden in allen Stdten lngs den Ufern, noch Zeit verbraucht. Die Reise den Strom herauf, von Neu-Orleans bis Pittsburg, kostet 50Dollars, stromab nur 40. Man hat dafr, wie immer auf amerikanischen Dampfbooten, gute Tafel und sehr saubere Betten. Bisher hatte mich auf meinen Lustwanderungen durch die neue Welt der freundlichste Himmel begleitet, was von nicht geringem Einflu auf meine gute Laune und vielleicht auf meine Ansichten und Urtheile gewesen sein konnte. Denn, wir wollen uns nicht tuschen, das Universum sieht an einem sonnenreichen Tage ganz anders aus, als an einem Regentage. Nicht nur Erd' und Himmel ndern bei bser Witterung ihre Physiognomie, sondern auch Thier und Mensch. Es kam mir daher zur Berichtigung meines Urtheils und meiner Stimmung, die ich vielleicht nur der Heiterkeit der Sommertage zu danken hatte, ganz gelegen, da bei meiner Abreise aus Pittsburg rauhes, regnerisches Wetter eintrat. Ich hllte mich ein, setzte mich in einen Vaggon und fuhr dem Ohiostrom entgegen. Indessen lernt' ich dabei nichts Anderes, als da das Reisen beim schlechten Wetter in Amerika ungefhr eben so langweilig ist, als bei uns. Denn durch den grauen Schleier des Regens sah und erkannt' ich draussen nichts; drinnen im Vaggon hrt' ich und lernt' ich nichts Merkwrdiges. Nachts schlief ich in dem kleinen Ort _Washington_; folgenden Vormittags kam ich zeitig in der kleinen Stadt _Wheling_ an, die am linken Ufer des Ohio, etwa hundert Stunden von Baltimore, liegt. Das eben genannte Washington ist nicht jene neue, im groen Styl entworfene Hauptstadt der Vereinstaaten, Sitz der hchsten Bundesbehrden. Es gibt der Ortschaften viel, die mit den Namen eines _Washington_, _Franklin_, _Lafayette_ u.s.w. geschmckt sind. Man unterscheidet sie dann nach ihren verschiedenen Provinzen und Flssen durch Beinamen. Die alten und neuen Republiken wuten ihre groen Mnner immer auf eine eigenthmliche, aus Geist und Art des Volks hervorgegangene Weise zu ehren. Das kunstsinnige Griechenland errichtete ihnen _Bildsulen_. Rom ffte spter darin, wie in vielem Andern, nur nach. Die frommen Schweizer stifteten ihnen kirchliche Schlachttagsfeier und _Kapellen_. Die gewerbigen, im Schirm der errungenen Freiheit sich ber einem jungfrulichen Boden ausbreitenden Amerikaner bauen _Stdte_ und schmcken sie mit den unsterblichen Namen der Freiheitsstifter. Das Stdtchen Wheling liegt schon im Staat Virginien, in einer angenehmen Gegend und unter einem milden Himmel. Es hat etwa 2000 Einwohner. Wie ich durch die Straen umherschlenderte, ward ich auf eine sonderbare Weise berrascht. Ich sah da eine Menge Leute, Mnner, Weiber, Kinder, alle in Schweizer- und deutscher Bauerntracht. Als ich nher trat, erkannte ich dieselbe Auswanderungs-Karavane wieder, die ich, bei meiner Abreise von Europa, in _Havre_ gesehen hatte. Die ehrlichen Anabaptisten waren nicht wenig erstaunt, als ich sie deutsch anredete. Einige erinnerten sich meiner sogleich wieder. Sie hatten wegen ihrer endlichen Niederlassung noch keine Wahl getroffen, und die Absicht, den Ohio hundert bis zweihundert Stunden weiter abwrts zu gehen. Es waren zusammen alt und jung 119 Personen. Ich habe schon gesagt, da auf dem Ohio im Monat August, September und Oktober kein Dampfboot, wegen zu niedrigen Wasserstandes, fhrt. Ich miethete also, um rascher fortzukommen, ein sogenanntes _Keelboot_. Das ist eine Art bedeckten und geschlossenen Fahrzeugs, nur zum Waarentransport bestimmt, welches man den Flu abwrts sendet, aber nie wieder zurckfhrt, weil es fr dies Wasser zu gro und schwerfllig ist. Ein kleiner, leichter Nachen mit zwei Rudern ist dem Schiffe angehngt. Dieses Nachens bediente ich mich, zur Verminderung der langen Weile, fleiig. Denn weil ich fr meine Bekstigung selbst sorgen mute, fuhren wir an keinem artigen Bauernhof, an keinem niedlichen Landhause vorber, wo ich nicht sogleich einkehrte, besonders wenn ich Obstbume und vor allen Dingen Pfirsiche da erblickte. Die letztern sind ungemein saftig, gro und vom feinsten Geschmack. Oft glich Alles einem kleinen Pfirsichwald, was die lndlichen Wohnungen umgab. Die Eigenthmer bepflanzen damit der Lnge nach jeden Bach und Weg und Steg, und nennen sie, recht die amerikanische Gastfreundlichkeit bezeichnend, _Pfirsiche fr die Reisenden_ (=Traveller-peaches=). Die Ufer des Ohio sind, von Wheling hinweg, sehr stark bewohnt. Das rechte Ufer gehrt zum Ohiostaat, das linke zu Virginien. Kein einziger von allen Pflanzern, bei denen ich einkehrte, war im Lande selbst geboren, insgesammt stammten sie frisch aus Deutschland, England, Irland, Holland. Die fr Europa so traurigen Noth- und Hungerjahre 1816 und 1817 waren fr die hiesigen Ansiedler das wahrhaft goldene Zeitalter gewesen. Nun aber beklagten sie sich bei der wohlfeilen Zeit sehr. Sie wuten nicht, wohin die Frchte ihres Feldes absetzen. Ich trstete sie mit dem nmlichen Loose der europischen Landleute, die noch dazu bei dem niedrigen Stand der Getraidepreise oft schwere Abgaben zu zahlen htten. Wir kamen am 4.September, an einem Sonnabend, nach _Mariette_, ohne besondere Abentheuer erlebt zu haben, als etwa, da wir unterwegs einen schnen Hirsch, der ber den Ohio schwimmen wollte, mit Ruderstangen todtschlugen und uns ihn schmecken liessen. Mariette ist eine der ltesten Stdte im Ohiostaat. Sie ward gleich, nachdem den Indianern das Gebiet abgekauft war, gegrndet. Die Fruchtbarkeit und Wohlfeilheit des Bodens lockte viel Volks her. Die Stadt zhlte bald 1200 Einwohner; aber -- sie zhlt auch jetzt noch nicht mehr. Denn die Luft ist fieberhaft, ungesund, und die Sterblichkeit in manchen Jahrgngen gro. Das schreckt viele Ansiedler ab, whrend diese sonst vorzugsweise gern den Ohiostaat whlen, weil er einen angenehmen, milden Himmelsstrich, sehr gesunde Luft, usserst fruchtbaren Boden und vielleicht die beste Landesverfassung von allen Vereinstaaten hat. In der Umgegend von Mariette sind die zahlreichen alten Befestigungswerke und Grber der Indianer sehr merkwrdig. Die Ueberbleibsel der Befestigungen, zwar nur von Erde aufgeworfen, dehnen sich zusammenhngend Viertelstunden weit und mehr aus. Die Grber, oder _Maun's_, wie sie es in der Sprache der Wilden heien und noch jetzt genannt werden, sind in groer Menge umher zerstreut zu sehen; nicht nur aber bei Mariette, sondern auch in andern Gegenden der Republik Ohio und westlich gelegener Landschaften. Es sind zuckerhutfrmige, oben abgestumpfte Hgel, meistens zwlf bis zwanzig Schuh hoch, die unten einen Umfang von dreiig bis sechszig Fu haben. Noch jetzt haben die Stmme aller Indianer fr ihre Todten eine heilige, oder aberglubige Ehrfurcht, wie sonst. Hier pflegten sie die Leichname, in Felle gehllt, flach auf den Erdboden zu legen, dann dieselben mit einem solchen Erdhgel zu bedecken, da sie weder durch wilde Thiere, noch Menschen leicht ausgescharrt werden konnten. Die Mauns der Huptlinge sind hher und breiter. Ich sah deren bei Mariette, welche einen Umfang von hundert Fu und eine Hhe von dreiig Fu haben. 22. Ein paar Wochen auf dem Lande im Ohiostaate. (4. bis 20. Sept.) Die Witterung war wieder lieblich. Ich htte mich auch gern unter den Pflanzern dieses Freistaats umgesehen, um bei ihnen etwas zu lernen. Dazu bot sich hier die vortheilhafteste Gelegenheit. Ich konnte eine Familie, die eine Stunde von _Pointharms_ wohnte, mit Gren und Nachrichten aus Europa besuchen. So begab ich mich ber den Muskingum nach Pointharms, und von da zur mir bezeichneten Kolonie, um meine Auftrge auszurichten. Zwei Tage spter begleitete ich von hier die Familie zu ihren Aeltern, auf einer Niederlassung, die noch zwlf bis vierzehn Stunden weiter landeinwrts lag. So kam ich von Pflanzung zu Pflanzung. Die Familie machte die Reise zum Vaterhause in einem Wglein. Mir gab man ein Reitpferd. Jede Art zu reisen hatte mir bisher wohlbehagt; nur mit den Pferden in Amerika hatte ich ganz eigenes Migeschick. Als zwei Stunden lang Alles in guter Ordnung gegangen war, wurde der Weg so schlecht, da das Fuhrwerk meiner Freunde mehrmals umzuwerfen drohte, und endlich, ber einem Graben hangend, in die gefhrlichste Schwebe kam. Ich sprang noch im rechten Augenblick vom Rosse, um den Wagen etwas zu halten und greres Unheil zu verhten. Als dieser wieder aufgerichtet stand und ich meine Rosinante suchte, war sie davon und waldeinwrts gelaufen. Nun mute ich ihr nachsetzen, und sie narrte mich zwei volle Stunden herum. Ich htte die Bestie ihrem Verhngni berlassen, wrs mir nicht um meinen Mantel auf dem Sattel leid gewesen. Zum Glck kam mir ein Pflanzer zu Hilfe, der das Ro fing. Als ich aufsitzen wollte, ward es sttisch, wollte nicht mit mir umkehren; alle Beredsamkeit meines Mundes und meiner Peitsche blieben gegen diesen Eigensinn fruchtlos. Um nicht noch mehr Zeit einzuben, gab ich dem braven Landmann ein Trinkgeld, lie ihn den Gaul heimfhren, hing den zusammengelegten Mantel an einem Stecken ber die Schulter, und wanderte sechs Stunden Wegs zu Fu, bis zu dem Ort, wo meine Reisegefhrten bernachten wollten. Den andern Tag erreichten wir endlich Nachmittags das ersehnte Vaterhaus. Herr Hauptmann **, Eigenthmer dieser Niederlassung, empfing mich mit zuvorkommender Gte und Gastfreundlichkeit. Ich ward zuletzt bei ihm ganz heimisch. Wir besuchten die Umgegenden, musterten seine landwirthschaftlichen Anstalten, oder gingen mit einander auf die Jagd, die hier sehr reich und mannichfaltig ist, besonders an Truthhnern. Im Winter kann man sie mit Stecken todtschlagen. Der Hauptmann erzhlte, er habe bei seiner Wohnung in einem Winter ein ganzes Dutzend getdtet, das Stck achtzehn bis zwanzig Pfund schwer. Noch hufiger ist, und eine wahre Landplage, in diesen Gegenden eine Art Eichhrnchen, die aber viermal grer sind, als die unsrigen in Europa. In einem einzigen Tage knnen sie mehrere Acker Mais vollkommen verwsten. Daher wird unaufhrliche Jagd auf sie gemacht; aber sie sind schwer auszurotten, vermehren sich schnell und haben so zhes Leben, da, wenn man sie nicht beim Schu durch Herz oder Kopf trifft, sie mit zerschmetterten Gliedmaen von Ast zu Ast, von Baum zu Baum springen und entwischen. Man it ihr Fleisch; es ist angenehm, krftig und zart. -- Man jagt auch Dammhirsche, Fischottern, Opossums, Raukuns und anderes Gewild dieser Art. Von zahmem Vieh zchtet man vorzglich Pferde, die 30 bis 40Dollars kosten; Ochsen, das Paar 30 bis 36Dollars im Preise; Schweine in Ueberflu, davon man den Zentner mit 1 bis 1Dollars zahlt. Viehhndler, die das Land alle Jahr durchziehen, kaufen ganze Heerden zusammen und fhren sie ostwrts den groen Stdten, hundert, auch zwei- und dritthalbhundert Stunden weit, zu. Die Staaten von Ohio, Indiana und Ober-Kentuky bieten dem Auge weder den Anblick hoher Gebirge, noch groer Ebenen dar. Es ist ein hgeliges Land, welches, von der Hhe bersehen, einem grnenden, wogenden Meer hnlich sehen mag. Der Landwirth unterscheidet hier gern dreierlei Erdreich. Das beste ist das schwarze. Es befindet sich am meisten in den Niederungen, und vor seinem Anbau immer mit Wldern bedeckt, besonders von ungeheuern Kastanien- und Nubumen, die zwar nur kleine, aber sehr se Frchte tragen. Die zweite Gattung Erdreichs ist die rothe; es trgt gern verschiedene Arten schner Eichen, steht aber im Feldbau an Gte dem schwarzen Grunde nach. Die dritte Gattung Bodens ist gelb, die am mindesten fruchtbare. Im Ohiostaat baut man am meisten Mais, Frucht, Waizen, Gerste, Haber, Erdpfel u.s.w. an. Die Aernten sind immer usserst ergiebig. Es ist in diesem Boden eine Flle ppiger Lebenskraft. Man darf nur die Wlder betrachten. Sie sind eine Zusammenschaarung von Riesenstmmen, davon man in Europa kaum Aehnliches erblickt. Glatt, ohne Moos und Flechten, kerzengerade schiessen die Stmme auf, die erst an den Gipfeln Zweige und Aeste tragen. Unter denselben ist der Boden mit grnem Rasen bedeckt, ohne jene Menge niedern Strauchwerks, welches in unsern europischen Forsten zu wuchern pflegt. Weiden lngs Bachufern sieht man eben so wenig. -- Unter allen Bumen aber ist der Sycomorenbaum durch seine Dickstmmigkeit am ausgezeichnetsten. Man erzhlte mir davon Unglaubliches. Ich aber sah selbst einen, in dessen Innern ein Spezerei-, Material- und Liqueur-Laden gehalten ward, mit Thr und Fenster versehen. Wenn ein Sycomorenbaum anfngt, die Stammdicke von einem Schuh im Durchmesser zu erhalten, beginnt er schon von innen hohl zu werden. Daher macht man auch auf leichte Weise Tonnen daraus. Man durchsgt nur die Stmme, und versieht sie auf zwei Seiten mit einem Boden. Die Sycomoren gedeihen am besten auf dem fetten, frischen Grunde der feuchten Niederungen. Das Verfahren bei Bereitung des Ahornzuckers ist bekannt genug. Die Pflanzer in den westlichen Staaten bereiten sich von Mitte Mrzes bis Mitte Aprils auf diese Art ihren Zuckervorrath. Ein Kind, mit Pferd und Schlitten und Fa darauf, sammelt tglich das aus den angebohrten Bumen abgetrufelte Wasser und fhrts nach Hause. Ein Baum mag binnen vierundzwanzig Stunden, unter begnstigender, sonnenheller, kalter Witterung, bis auf zwlf Maas Wasser geben, ohne Schaden fr ihn. Ein Pflanzer macht sich fr den Jahresbedarf seines Hauses gewhnlich 150-200 Pfund solches rohen oder Staubzuckers. Andere, die damit Handel treiben, bereiten bei zwanzig Zentner desselben. Der Zentner gilt drei Dollars (das Pfund einen Batzen). Hier kann's keinem Landmann bel gehen, der fleiig ist, und nur so viel Vermgen hat, sich ein freies Eigenthum zu kaufen, nebst Vieh, Saat und Lebensbedrfnissen fr das erste und zweite Jahr. Von da an baut und erzieht er sich alles selbst, was er nthig hat, und verkauft, gut oder schlecht, noch vom Ueberflu. Unmerklich wchst mit der Bevlkerung umher, ohne sein Zuthun, der Werth seines Grundeigenthums. Auffallend war mir hingegen, da von groen Kolonialanlagen, die man in Europa schon aufs vollkommenste entworfen hatte, in der Wirklichkeit nachher wenige zu dem gediehen, was sie htten werden sollen. Doch mu ich allerdings die des Hrn. _Rapp_ ausnehmen, welche groentheils aus Deutschen besteht und zehn Stunden von Pittsburg liegt. Hr.Rapp gab ihr den schnen Namen _Harmonie_. Nach zwanzig Jahren Arbeit daselbst wurde alles Land als Eigenthum verkauft, und die Kolonie, die ein ganzes Dorf mit mehr als tausend Seelen ausmacht, wohlversehen mit allem, was zur Landwirthschaft gehrt, baut nun, bereinstimmend nach dem nmlichen einmal angenommenen Plan, die prchtigen Fluren von _Wabasch_, auf der ussersten Grenze des Indianastaats. Rapps Shne, ihres Vaters Nachfolger, sind ausschlielich mit Ankauf und Verkauf alles dessen beauftragt, was fr das Bedrfni der Gemeinde erforderlich ist. Die Kinder mssen bis zum sechszehnten Jahre die Schule besuchen; dann werden sie zur Feldarbeit, zum Handwerk u.s.f. angehalten. Die Niederlassung hat ihre eigene Kirche und Schule; eigene Gemeindsverfassung und Gesetze, welche von den erwhlten Aeltesten der Gemeinde vollstreckt werden. 23. Von Ansiedlern und Reisebeschreibern. Von allen Auswanderern, die aus Europa kommen, um sich in den Vereinstaaten mit ihren Familien niederzulassen, stehen sich offenbar wohlhabende Lndereikufer und Handwerker oder Knstler am vortheilhaftesten, weil _jene_ gewi sind, ihre Kapitalien von Jahrzehend zu Jahrzehend im Werth anschwellen zu sehen; und _diese_, wenn sie geschickt und fleiig sind, ihre Waare ums Doppelte besser, als in Europa, bezahlt erhalten. Demungeachtet wird es gemeiniglich ankommenden Handwerkern und Knstlern anfangs sehr schwer, sich durchzubringen, und zwar aus ganz einfachen Grnden. Wenige verstehen die englische Sprache, und sind daher dem Zufall berlassen, wo sie Leute finden, um sich mit ihnen zu verstndigen. Wenige kennen Einrichtungen, Verhltnisse, Bedrfnisse und Oertlichkeiten des Landes, um sich den fr sie tauglichsten Platz zur Ansetzung auszuwhlen. Wenige haben Geld genug mitgebracht, um aus eigener Kraft und mit aller Freiheit sich, wo und wie sie wollen, festzusetzen und Werksttten zu erffnen. Alle diese Schwierigkeiten fr den Knstler und Handwerker sind es weniger fr den bloen Feldarbeiter. Gewhnt an Entbehrungen, seiner Leibeskraft und Arbeitslust vertrauend, schliet er sich denen an, die seine Muttersprache verstehen; kauft soviel Land und Wald, als er bedarf und mag, um wenig Geld, in leichten Zahlungsterminen; rodet den Wald aus, spielt ein paar Jahre den Robinson Crusoe in der Einde, und hat dann ein groes Bauerngut, das ihn und die Seinigen reichlich erhlt. Oder er tritt ein schon vorhandenes nur als Pchter an; oder hat er gar kein Vermgen, so dient er als Knecht, und spart seinen Verdienst zusammen. Am belsten fahren spekulirende Kaufleute, wenn sie mit europischen Waaren nach Amerika kommen. Denn die Regierung, um die Gewerbe des Landes zu begnstigen, erhebt von fremden Gewerbsartikeln eine betrchtliche Eingangsgebhr. Ich selbst sah, da man hier Waaren aus europischen Manufakturen um dreiig und fnfzig Prozent unter ihrem wahren Werth losschlagen mute. Ich habe bei dem Allem unter den Ansiedlern Kaufleute, Knstler, Handwerker und Landleute in Menge gefunden, die sich eines Wohlstandes freuten, dessen sie in der alten Welt nie theilhaft zu werden hoffen konnten. Ich habe keinen im eigentlichen Elend gefunden, und der, wenn er auch keinen Pfennig baar Geld in der Tasche trug, gesagt htte, er habe Hunger gelitten oder keine Kleider mehr gehabt. Das Volk der Reisebeschreiber, zu dem ich jetzt, was anfangs gar nicht mein Plan war, selbst gehre, streut ber Zustand, Treiben und Wesen der nordamerikanischen Vereinstaaten die verworrensten, oft geradezu die falschesten Vorstellungen in Europa aus. Ich habe deren viele vor meiner Reise und nachher gelesen. Die meisten beschreiben weniger Amerika, als vielmehr _sich selbst in Amerika_, woran am Ende wenig gelegen ist. Vielleicht begegnet mir dasselbe, ohne da ichs wei und will; aber ich wei und will auch keine Beschreibung vom jetzigen Zustand jener Gegenden geben, sondern nur guten Freunden erzhlen, was ich auf einer Lustfahrt sah und hrte, und bilde mir wenigstens ein, ziemlich unbefangen zu sein. Unter den Reisebeschreibern mgt' ich den Preis der vollen Unbefangenheit noch immer dem weisen, grndlichen _Rochefoucauld-Liancourt_ geben. Er liefert ein recht treues Bild von dem Amerika seiner Zeit. Aber _seine_ Zeit war beinahe vor dreiig Jahren. Und in Amerika sind, was Fortschritte des Anbaues und der Gesittung betrifft, dreiig Jahre so viel, als in Europa drei halbe Jahrhunderte. Knnte er die Gegenden, die er einst sah, jetzt wieder sehen, er wrde die wenigsten wieder erkennen. Den Preis, welchen er verdient, mchte ich am allerwenigsten einem andern Reisenden ertheilen, von dessen Irrfahrten mir zwei dicke Bnde in die Hnde gefallen sind. Ich las sie um so neugieriger, weil ich von dem Manne, er heit _Gall_, schon an einigen Orten in Amerika wunderliche Sachen gehrt hatte. Man lachte da ber ihn. Er hatte berall Hndel gehabt. Er zankte sich mir den Kaufleuten, wegen Bestellungen; mit den Schiffern, wegen Fuhrlohns; mit den Wirthen, wegen der Zeche; mit den Lasttrgern, wegen seines Gepcks; -- beinahe aller Orten, wohin er kam, hatte er Geschfte vor den Scherifs und Richtern. Und das verschweigt er selbst in seinen zwei Bnden nicht. Er zankt auch da noch fort. Am unanstndigsten fllt er gegen das achtbare Haus _Le Roy Bayard u. Komp._ in New-York aus, womit er freilich dem guten Namen desselben weniger, als seinem eigenen geschadet haben mag. Denn wer glaubt einem solchen Allerweltsmivergngten? Ihm gefiel in Amerika wenig oder gar nichts. Solcher gallschtigen Reisenden gibts nun freilich wenige in Amerika; desto mehr gibts der entzckten Lobredner. Ich will diesen zwar ihr Entzcken gnnen; ich kann es mir aus dem grellen Abstich, welchen sie zwischen diesen wahrhaft freien Staaten und ihren europischen Heimathen fanden, gar leicht erklren und entschuldigen. _Europa_ ist schon eine ltliche, ehrbare, an ihr Herkommen gewhnte Matrone; alte Damen machen nicht gern neue Moden mit, wenn sie auch bequemer, einfacher und geschmackvoller sind. Ihre junge Tochter _Amerika_ ist im aufknospenden Blthenalter des Mdchens. Lat diese Schne nur so alt werden, wie ihre Mutter, und sich dann wieder im Spiegel sehen. Ich wette, sie hngt dann auch an verderblichen Gewohnheiten und verrosteten Moden, und beneidet die junge _Australia_. Schner, daran zweifle ich nicht, wird sie, als die Mama Europa, denn diese hat auch noch gar zuviel von den barbarischen Zgen ihrer Frau Mutter _Asia_. _Europa_ erhielt von ihrer orientalischen Mutter eine gar krgliche Aussteuer, als sie ihr eigenes Haus zu machen anfing. Spterhin freilich wohl noch einige ehrenwerthe Geschenke, z.B. das Christenthum und den Handelsverkehr. Allein was sie Gutes haben wollte, mute sie selbst erwerben, erarbeiten, ersinnen. _Amerika_ hingegen ward von dem ganzen Schatz ihres Wissens und Knnens ausgesteuert, und wrde des Vorwurfs aller Weltalter werth sein, wenn es sein Hauswesen nicht vernnftiger, bequemer und freier eingerichtet htte. Wir wollen, um gerecht gegen die neue Welt zu sein, nicht ungerecht gegen unsere liebe, mrrische Alte werden. Es ist wahr, dort zahlt man keine Abgaben, von denen die europischen Unterthanen stets niedergedrckt sind; man zahlt keine Zehnten, keine Bodenzinse u.s.w., sondern nur von jedem Acker einen Sol. -- Allein man mu nicht vergessen, da die amerikanische Regierung auch im Besitz von Geldquellen ist, deren in Europa wenige sind. Denn ausser den Zllen von fremden Waaren, dem Ertrag der Posten und dem Tonnengelde der Schiffsfrachten, treibt sie Handel mit verkaufbaren Lndereien in den unermelichen Gebieten. Da hat sie noch auf lange Zeit Waarenvorrath, der ihr ein Jahr ins andere sechs bis sieben Millionen Dollars abwirft. Ja, rufen die Entzckten, in Amerika sind keine kostspielige Hofhaltungen, keine bermig besoldete Minister und Beamte. Da erhlt ein Prsident der vereinigten Staaten, der vier Jahre lang in hherer Macht, als ein europischer Premierminister dasteht, jhrlich 25,000 Dollars (125,000 Francs) und mu damit noch alle Ehrenausgaben whrend der Kongresse gegen die Gesandten der ersten Mchte, alle Gastereien u.s.w. bestreiten. Der Staatssekretair, wie der Schatzkammersekretair hat jhrlich nur 4000 Dollars (20,000Fr.), die amerikanischen Gesandten in Europa haben jeder 1800Pf. Sterl., mehr nicht. -- Wenn man nun damit die europischen Besoldungen hnlicher Stellen vergleicht, und gar noch die von England! Vollkommen richtig. Allein auch mit dem ehrlichsten Willen lt sich das in Europa nicht so leicht bestellen. In Europa lebt man _wie in einer groen Stadt_, wo ein gewisser Ton nun einmal herrscht, den Einer allein nicht abschaffen kann; wo man Manches, auch wider Willen, ehrenhalber mitmachen mu. Auf dem Lande lebt man eben, wie man will; kann sparen, ohne sich darum anderer Vortheile zu begeben; legt sich keinen Zwang an. -- Nun denn, in Amerika lebt man _wie auf dem Lande_. Zieht einer in die Stadt Europa, behlt er seine Einfachheit ohne Schaden bei, weil man's an ihm einmal gewohnt ist, und weil er -- mehr Geld nicht hat. In Amerika ist freier Handelsverkehr. In Europa wird aller Gewerbsflei und Waarenvertrieb im Netz von Mauthen, Zllen, und Handelsabgaben gelhmt, verstrickt und erwrgt. -- Ich gebe es zu, die europischen Regierungen thun aber in der That nicht anders, als die amerikanische. Auch diese beschwert Einfuhr fremder Artikel mit Abgaben, um den inlndischen Gewerbsflei zu erhhen. Der Unterschied ist nur, da in Europa die selbstherrlichen Gebiete gar zu kleine Landstckchen sind, whrend der amerikanische Bundesstaat _eins_ ist. In Europa sorgt jeder Knig und Frst fr sein Lndchen, dessen Interessen verschieden von dem der Nachbarn sind. Daher das heillose Zoll- und Mauth-Netz, welches ber den ganzen Welttheil ausgespannt ist. Europa, ein groer, einziger Bundesstaat mit vollkommener Handelsfreiheit, wrde ein blhender Welttheil werden. Aber die Aufgabe ist etwas schwer zu lsen, wie man wohl begreifen wird. Eben so ist's mit den kostspieligen, stehenden Heeren. Die Amerikaner haben nur 6000 Mann stehenden Kriegsvolks zu besolden; aber ausserdem ist jeder Brger Krieger, wenn Krieg ist; und die Zahl dieser in Waffen gebten Milizen betrgt gegenwrtig volle 900,000 Mann. Wenn nicht alle europischen Mchte einstimmig und alle zu gleicher Zeit ihre Armeen auflsen und das amerikanische System annehmen, mchte der Versuch dazu wahrlich keiner _einzelnen Macht_ fr sich allein zu rathen sein, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, von einem der christlichen Nachbarn ganz unerwartet, mit Mann und Ro, verschlungen zu werden. Wie in diesen Stcken, so in vielen, wenn auch nicht allen. Wer in Europa die unlugbaren Vortheile Amerika's einfhren will, mu vor allen Dingen erst dafr sorgen, da er die Verhltnisse der Natur, Oertlichkeit und staatsthmlichen Lage aus den Vereinstaaten ber das Weltmeer nach unserm Welttheil bringe. Dann wird sich alles leichter machen. Vor der Hand wollen wir zufrieden sein, wenn man sich nur dem mglichen Bessern allmlig nhert; den Kastenunterschied mildert; den Volksunterricht allgemeiner macht und bessert; im Zoll- und Mauth-Netz einige Maschen erweitert; die Ministerialwillkhr durch gesetzgebende Kammern beschrnkt; und den allbelebenden, alles erhebenden, freien Verkehr in der geistigen Welt, nicht durch Posten- und Stmpel-Abgaben der Finanzspekulation und durch Zensur- und Prezwangsgesetze bldsichtiger, oder furchtsamer Finsterlinge lhme oder tdte. 24. Ritt nach Cincinnati. (19. bis 28. September.) Fast zu lange schon fr den Ueberrest meiner Zeit hatte ich mich in der Kolonie des wackern Hauptmanns verweilt. Ich mute endlich aufbrechen. Sein trefflicher Sohn wollte mich, was mir sehr angenehm war, noch bis zur Stadt Cincinnati begleiten. Ich miethete ein gutes Pferd, und schon nach zwei Stunden waren wir zu _Athen im Ohiostaat_. Dies _amerikanische Athens_ ist eine ganz junge _achtjhrige_ Stadt von ohngefhr hundert Husern. Ich war schon einige Tage frher daselbst zum Besuch gewesen und in einige angenehme Bekanntschaften eingefhrt worden. Das Beste hier, und was des Namens der Stadt das Wrdigste sein mu, ist die hhere Lehranstalt, oder das Kollegium des Ohiostaates. Das dazu bestimmte groe Gebude ist in einem edeln Styl aufgefhrt, und die Zahl der Studirenden schon betrchtlich, so da dies Athen das Ansehen einer kleinen Universitt gewinnt. Die Regierung der Vereinstaaten, und so hinwieder die Regierungen der einzelnen Freistaaten Nordamerika's, sparen keine Kosten fr Erweiterung und Erhebung des ffentlichen Unterrichts. Denn ihnen ist klar, da, wie der einzelne Mensch sich nur durch hhere Einsicht und Geschicklichkeit gegen Andere in ein Uebergewicht zu setzen im Stande ist, auch nur eine Nation durch allgemeine Bildung und hhere Geistesentwickelung andern Nationen berlegen werden kann, wie es Griechenland einst gegen den Orient, Rom gegen Europa und Afrika war, England jetzt, und noch Frankreich, gegen die neuern Vlker ist. Man hat in Amerika nicht blos die gemeinen Anfangs- und Brgerschulen, oder dann Gymnasien und Universitten fr die, welche sich blos dem gelehrten Stande widmen, sondern eben so viele polytechnische Institute fr die, welche sich den Knsten, Gewerben und Fabriken weihen. Denn ein Staat, der leidlich organisirt heien will, bedarf im Verhltni seiner Volksmenge bei weitem nicht so viel Juristen, Mediciner, Theologen und Philologen, als Handwerker, Mechaniker, Chemiker, wissenschaftlicher Landkonomen, Fabrikanten, Kaufleute u.s.w. Auch bemerkt man in Amerika deutlich, da das Streben nach Bildung, Aufklrung und Kenntnissen im Volk ohne Unterschied der Kirchparteien allgemein ist, und die Katholiken darin den Evangelischen nicht nachstehen, weder von ihren Geistlichen zurckgehalten werden, noch sich zurckhalten lassen. Dadurch wird jener auffallende Unterschied der ffentlichen Bildung und des Wohlstandes zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden, Provinzen und Staaten, der in Europa bemerkt wird, in Amerika verhindert. Es ist allgemein bekannt, wie weit in unserm Welttheil, und zwar in dieser Hinsicht, Spanien, Portugal, Sicilien, Irland, und selbst der Grotheil der sterreichischen Lnder den evangelischen Staaten nachstehen. Man knnte hnliche Demarkationslinien in Deutschland und der Schweiz ziehen; und Frankreich dankt den ganzen Ruhm seiner Ueberlegenheit nur seiner nordstlichen Hlfte, die von jeher dem priesterlichen und mnchischen Einflu mehr, als die sdliche Hlfte widerstand. Wir ritten lngs dem linken Ufer des _Hokaking_ hinauf, der von Norden kmmt, und sich bei _Troy_ unterhalb _Belpr_ in den Ohio ergiet. Durch das Stdtchen _Nelsonville_ kamen wir von Wald in Wald. Es ward Abend. Wir sahen uns gezwungen, mitten in den Wldern, in einer einsamen Htte, ein Nachtlager zu suchen. Dies Bauerhaus, wie es da so vor uns lag, aus bereinander gelegten, unbehauenen Holzstmmen zusammengefugt, deren Zwischenrume, um Luftzug zu meiden, mit Erde und Moos ausgestopft waren, -- machte einen traurigen Anblick und unbehaglichen Eindruck. Indessen wir kehrten ein. Man kann sich mein Erstaunen leicht denken, als ich in's Haus trat, und den Fuboden der Stube mit einem sehr schnen trkischen Teppich bedeckt, Tisch, Sthle und anderes Zimmergerth von Akajuholz, und uns nachher in Porzellan- und Silbergeschirr bei Tisch bedient sah. Mehr, als das Alles, erregte aber die sehr saubere Kleidung, die Liebenswrdigkeit und Bildung dieser einsamen Pflanzerfamilie meine Theilnahme. Wir hatten einen genureichen Abend. Frh andern Morgens machten wir uns auf, um Mittags in _Neu-Landcaster_ zu sein. Es ist dies eine zehnjhrige Stadt, von 2000 Einw., die von meistens Deutschen gegrndet worden ist, welche sich aus _Lancaster in Pensylvanien_ grern Vortheils willen hierher begeben hatten. Wir machten von hier aus einen Abstecher zu einem Pflanzer, zwei Stunden von da, der schweizerischer Abkunft war, und bei dem wir bernachteten. Dann gingen wir Tags nachher nach Landcaster zurck, und, um es kurz zumachen, ber _Chilicothe_, _Bainbridge_, _Hillsborough_, _Williamsborough_ und _Batavia_ nach Cincinnati. Dies alles sind ganz neue Stdte, die hchstens 3000, wenigstens 1200 Einwohner haben. In _Chilicothe_, am ziemlich betrchtlichen Scioto-Strom, befremdete uns, mehrere Huser und Kauflden gnzlich geschlossen zu sehen. Wir erfuhren, da eben ein bsartiges Fieber herrschte, welches schon viele Leute weggerafft habe. Mit Ausnahme von Neu-Orleans, welches alljhrlich zur Zeit der Hitze, im Juli, August, September seine regelmige Fieberzeit hat, ist Chilicothe der einzige Ort in den Vereinstaaten gewesen, wo dies Jahr die bleiche Noth eingekehrt ist. Eine Stadt von der andern, unter den obengenannten, ist acht bis sechszehn Stunden entlegen. Von einer zur andern fhrt eine usserst mittelmige Landstrae, fast durch immerwhrende Waldungen. Nur in Zwischenrumen von vier, fnf, sechs Stunden erblickt man etwa eine einzelne Pflanzerhtte. Und auch diese rmlichen Htten sind noch ganz neu, erst von angekommenen Ansiedlern aufgeschlagen, zwischen Wldern und wilden Wiesen. Diese Wiesen sind groe Savannen; man heit sie jetzt noch in Amerika _Bffel-Wiesen_, weil hier die Bffel ehemals ganz einheimisch waren. Nun aber sind diese Thiere seit zehn Jahren aus den Staaten Ohio und Indiana beinahe gnzlich verschwunden. Auf den Wiesen, obgleich sie mit den Wldern in gleicher Ebene liegen, wchst kein einziger Baum, kein Gebsch und Gestruch. Alles ist mit hohem Grase und Kraut dick berwachsen. Wohldurchnt, bei tchtigem Regenwetter, kamen wir endlich nach _Cincinnati_, wo wir im zierlichen Gasthof Washington-Hall ohngefhr dreiig Reisende beim Nachtessen fanden, und uns erquickten. _Cincinnati_ im Ohiostaat, liegt an der Sdgrenze von Kentuky, an der Westgrenze von Indiana, sehr vortheilhaft auf dem rechten Ufer des Ohio. Die Stadt wurde im Jahr 1790 gegrndet; hatte noch im Jahr 1798 nur hlzerne, grobgezimmerte Huser, ist jetzt aber sehr hbsch, und nach dem Plan von Philadelphia gebaut, und zhlt 14,000 Einwohner. Sie steht 75Schuh hher, als der mittlere Stand des Ohio. Denn dieser Flu steigt, wenn der Schnee schmilzt, oder nach starken Regengssen, ber 45Schuh hoch, und besplt dann sogar den Fu der ihm nchstgelegenen Huser. Von solchen ungeheuern Anschwellungen eines Stroms kennt man in Europa nichts Aehnliches. Eben diese anmuthige und bequeme Lage Cincinnati's bewirkt schnelle Vergrerung und lebhaften Verkehr der Stadt. Tglich kommen Dampfboote an, oder gehen ab. Es sind von hier bis Neu-Orleans noch 540 Stunden. Ein Dampfboot fhrt stromab in acht Tagen dahin. Hingegen von Cincinnati weg stromauf nach Pittsburg sind nur 280 Stunden; das Dampfboot braucht aber zehn Tage dazu. Man wei, am Ohio war in der Urwelt eine recht eigentliche Heimath jener verschwundenen riesenhaften Thierart, die den Namen der Mammuth trgt, und _Cuviers_ Forscherblick und Flei schon in mehrere Arten getheilt hat. Ich sah zu Cincinnati eine ganz kostbare Sammlung von Ueberresten dieser ungeheuern Gerippe. Ein Zahn, von der Gestalt eines Elephantenzahns, hat die Lnge von 6Schuh, und ist 150Pfund schwer. Diese Sammlung ist im hiesigen Museum, wo man auch andere Natur- und Kunstseltenheiten Amerika's, eine lebendige Klapperschlange in einem eisernen Kfig, Mineralien, Kleider, Schmuckwerk und Waffen der Indianer, die noch vor einigen Jahren nicht weit von der Stadt wohnten, schne Oelgemlde von amerikanischen Knstlern u.s.w. aufgestellt findet. In einem anstoenden Saale versammelt sich tglich Abends sehr zahlreiche Gesellschaft, um die Zeitschriften und Bltter aus allen Gegenden der Vereinstaaten zu lesen. Viermal wchentlich hlt hier Herr _Dorfeuil_, der die Gte hatte, mich ins Museum einzufhren, ein gelehrter, liebenswrdiger Canadier, ffentliche Vorlesungen ber wissenschaftliche Gegenstnde. Die andern Tage sind Konzerte im Musiksaal, dessen Hintergrund eine sehr reichgebaute Orgel ziert, auf welcher Herr Dorfeuil meisterhaft spielt. An der Gewerbigkeit einer solchen Stadt wird wohl Niemand zweifeln. Da wohnt ein geselliges Mirmidonenvolk, wovon wenigstens die Hlfte aus Englndern, Deutschen, Italienern, Schweizern und Franzosen besteht, die alle mit Freuden ihren alten Vaterlanden entsagt haben. Fast bei allen Gewerben verrichten Dampfmaschinen ihren Dienst, die auch die Brunnen smmtlicher Stadtviertel mit Wasser versehen mssen. Die grte Dampfmaschine, deren knstlicher Bau bewundernswrdig, ja einzig in seiner Art gewesen sein soll, war wenige Wochen vor unserer Ankunft abgebrannt. Sie hatte zu gleicher Zeit mehrere Mahl- und Sgemhlen, dann ein Distillirwerk, eine Baumwollenspinnerei und endlich noch eine Wollkrmpelmaschine getrieben. 25. Besuch von Neu-Vevay. (28. Sept. bis 4. Okt.) Mein junger Begleiter und Freund verlie mich in Cincinnati und kehrte zur Kolonie seines Vaters zurck. Ich gab ihm mein Pferd mit, und bestieg ein Dampfboot, den Spartaner, das nach _Madison_, einem Stdtchen in Indiana, ohngefhr fnfunddreiig Stunden zu Wasser von Cincinnati, abfuhr. Ich wollte eigentlich nach _Neu-Vevay_, das zehn Stunden nher liegt, um dort einige alte, europische Bekannte und Freunde zu besuchen. Der kleine Umweg verschlug mir nichts. Auf dem Spartaner fand ich ein Dutzend Reisende, die bei meinem Eintritt ins Zimmer alle mit Lesen oder Schreiben beschftigt waren. Das Boot flog schwalbenschnell lngs den hohen, schroffen Waldufern des Ohio dahin. Von Zeit zu Zeit gingen flchtig, wie Zauberlaternenbilder, schne Landhuser und malerische Pflanzer-Einsiedeleien an uns vorbei. Die Dampfboote auf dem Ohio, obgleich die Bedienung der Gste, wie berall, vortrefflich ist, sind doch minder gro, als auf dem Hudson, und platter, daher auch in ihrer Mechanik anders eingerichtet. Der Grund davon liegt darin, da sie beim niedrigen Wasserstande, vom Juli bis November, leichter ber die zahlreichen Sandbnke hingleiten knnen. Wir waren Mittags von Cincinnati abgefahren, den andern Morgen um sechs Uhr befand ich mich in einer der fruchtbarsten Landschaften am Ohio zu Madison. Nachts ging ein Dampfboot stromauf nach Vevay, das ich benutzte. Bekanntlich wurde _Neu-Vevay_ im Ohiostaate von den drei Brdern _Dufour_, aus dem Kanton Waat, im Jahr 1802 gegrndet. Diesen Schweizern folgten noch in demselben Jahr, und in den folgenden, mehrere ihrer arbeits- und freiheitslustigen Landsleute. Anfangs legten sie sich besonders auf den Weinbau, wozu sie die Pflanzen aus ihrem Vaterlande mitgebracht hatten. Diese Reben trieben sogleich ausserordentlich, waren sehr saftvoll, aber pltzlich im August starben sie ab. Eben so fruchtlos blieben sptere Versuche mit den Pflanzen vom Ufer des Genfersees. Jetzt aber haben sie, und mit besserm Erfolg, Reben vom Kap der guten Hoffnung und von der Insel Madera angepflanzt. Sie gedeihen gut, und bei achtzig Jucharten Landes sind schon damit bedeckt. Die Rebstcke sind in lange Reihen, spalierartig gesetzt, und eine Reihe von der andern ist so weit, da der Pflug zwischen durch kann, weil man sich dessen hier bedient. Ich fand die Trauben damals schon reif. Die Beeren sind von einer dunkeln Schwrze, gro wie Pflaumen, und haben eine dicke Haut. Ihr Geschmack ist himbeerenartig, ziemlich angenehm. Auch der Wein behlt diesen Himbeergeschmack lange. Doch trank ich auch einen hellrothen, sehr alten, der wenig vom rothen Neuenburger in der Schweiz verschieden war. Jetzt wohnen in Vevay ohngefhr hundert Familien aus der Schweiz, und eben so viele amerikanische. Da die Lage des Orts gewi angenehm, der Boden ergiebig, das Klima mild ist, sollte er wohl bevlkert sein. Denn weit umher und ringsum ist eine Menge von Landhusern und Pflanzungen. Man sagte mir aber, die Herrn _Dufour_, die das Land alles von der Regierung an sich gekauft hatten, wren anfangs, mit dem Preis der Grundstcke, bei deren Wiederverkauf zu theuer gewesen. Sie htten sogleich daran ein Gutes gewinnen wollen, und blos davon meistens an Amerikaner verkaufen knnen, von denen nachher die wenigsten im Stand gewesen seien, zu zahlen. Viele Schweizer setzten sich daher in der Nachbarschaft an, wo sie eben so gutes und wohlfeiles Land fanden und sich gegenwrtig sehr gut stehen. Wren alle Hfe derselben in Vevay vereint, wrde dies eine der betrchtlichsten Kolonien sein. Trotz dem, da Vevay nur aus zwei oder drei leidlichen Straen besteht, fhrt es doch den Namen einer _Stadt_. Die Gassen, die noch knftig werden sollen oder knnen, die einstigen ffentlichen Pltze, Mrkte u.s.w. sind schon vorgezeichnet und vorbehalten. Denn, wie ich's schon gesagt habe, hier zu Lande entstehen die Stdte nicht, wie in der alten Welt, durch eine Reihe von Zuflligkeiten im langsamen Gang der Jahrhunderte, sondern durch einen Regierungsbeschlu, ehe sie noch da sind. Die Regierung der Vereinstaaten lt nmlich die weitluftigen Landstriche, welche sie durch Eroberung oder Kaufvertrge von den Stmmen der Indianer erworben hat, durch angestellte Sachkundige untersuchen, vermessen und chartiren. Dann wird das Ganze in _Stadtschaften_ oder, weil man dies deutsche Wort nicht gebraucht, in Stadtgebiete (=Town-Ships=) eingetheilt. Jede Stadtschaft besteht aus fnfunddreiig Abschnitten; ein Abschnitt enthlt 640 Jucharten Landes, die Juchart zu 36,000 Geviertschuh. Einen oder zwei von den in allen Hinsichten am vortheilhaftesten gelegenen Abschnitten, in der Nhe eines Flusses oder Sees, in angemessener Entfernung von bestehenden Stdten, liest man zur Grndung der dereinstigen Stadt aus; entwirft dazu die Anlage der Straen und ffentlichen Pltze; bestimmt die Stellen, wo die ffentlichen Gebude stehen sollen, und lt den brigen Stadtraum frei, sich zur Anlegung von Wohngebuden u.dergl. zu verkaufen. Die dem Stadtraume zunchst gelegenen vier Landabschnitte bleiben jedesmal Staatsgut. Es sind diese drittehalbtausend Juchart von der Regierung zur Unterhaltung einer hhern Schulanstalt, eines Kollegiums, oder anderer Staatseinrichtungen fr das Gemeinwesen geweiht. Die noch brig gebliebenen andern neunundzwanzig oder dreiig Landabschnitte, die zusammen ber 19,000 Jucharten betragen, werden vom Staat an die, welche sich ansiedeln wollen, verkauft, die Juchart zu ein bis fnf Dollars, je nach der Gte des Bodens, oder der Nhe einer Stadt, eines Flusses u.s.w. In _Indiana_, auch in _Illinois_, wo die Bevlkerung bis jetzt noch schwach ist, kauft man auch die Juchart sehr gut gelegenen Landes um einen _halben_ Dollar. Die halbe Zahlung wird baar geleistet, die andere Hlfte in langen Fristen. Seit dem Eintritt der fruchtbaren Jahrgnge nach 1817 ist der Werth der Grundstcke, wie in Europa, auch in Amerika betrchtlich gesunken. Bei _Athen_ z.B. ward noch vor fnf Jahren die Juchart mit fnf Dollars bezahlt; gegenwrtig sind ein und zwei Dollars der laufende Preis. Man bot mir in Vevay ein Landgut an; es hatte zwei Huser von gezimmertem Holz; beim Wohnhaus einen Garten mit 500 reichtragenden Obstbumen; 192 Juchart Land, davon sechszig urbar gemacht und zwei Rebland waren. Das Alles bot man mir fr 1000 Dollars (225 Luisd'ors) baare Zahlung an. Fr eben dies Bauergut zahlte die Familie Gaulay vor zehn Jahren 3000 Dollars, wiewohl davon noch nicht halb so viel Boden zum Anbau aufgebrochen war. So sind die neuern Staaten des Bundes alle in Stadtschaften oder Townships eingetheilt. Jede Stadtschaft mag also ohngefhr zehn Geviertstunden Flchenraums betragen. Der Grund und Boden bei _Vevay_, so wie im grern Theil des benachbarten Indiana, ist sehr fruchtbar. Die Rebengelnde liegen alle in der Ebene, nirgends an Hgeln. Zwar eine Viertelstunde von der Stadt erhebt sich der Boden hgelartig; er ist aber leicht und sandig, und der Regen, welcher, wenn er hier fllt, stromweis niederrauscht, wrde das gute Erdreich bald hinwegwaschen. Man baut hier brigens alle Getreidearten, wie in Europa; das Obst gedeiht herrlich, besonders sind die Aepfel von ungemeiner Gre, saftreich und krftig. Man bereitet deswegen viel Aepfelwein, den man mit Whisky (Branntewein), ein Ma auf zwanzig Ma Cidre, versetzt. Es ist ein vortreffliches Getrnk und hat daher sehr groen Absatz. Der hiesige Whisky wird aus Korn und Mais gebrannt. Mais gedeiht im Ueberma. Ich sah Felder, deren Maispflanzen eine Hhe von fnfzehn bis zwanzig Fu hatten, jede mit dicken, schuhlangen Aehren belastet. Alle diese lndlichen Erzeugnisse finden aber ihren besten Preis und Absatz nur in Neu-Orleans. Darum gehen mehrere Einwohner von Vevay regelmig alle Winter mit groen Schiffsladungen ihrer Aernten dahin. Gewhnlich fahren sie Ende Oktobers ab und sind sechs Wochen unterwegs. Der Preis ihrer Waaren wechselt, je nachdem viele oder wenig Fahrzeuge aus dem Innern des Landes in gleicher Absicht angekommen, oder viele oder wenig Schiffe von Mexico und Sdamerika erschienen sind, um Einkufe zu machen. Die _Natches-Zeitung_ gab die Zahl der aus dem Innern nach Neu-Orleans gekommenen, mit Feldfrchten beladenen Fahrzeuge, whrend des Winters von 1823 auf 1824, zu 12,400 an. Man kann sich daraus einen Begriff von der Masse der ausserordentlichen Aernten machen, die noch im Lande selbst verbraucht wird. Die Staaten _Ohio_, _Indiana_, _Illinois_, _Virginien_ und _Kentuky_ insgesammt bringen auf den Markt von Neu-Orleans ohngefhr dieselben Erzeugnisse, nmlich Getraide, Semmelmehl, Whisky, Aepfelwein, gemeine und se Erdpfel, eingesalzenes Rind- und Schweinefleisch, gedrrte und gegerbte Hute, Potasche, Fett, lebende Schweine, Schafe und Geflgel. -- Die Staaten _Tennesee_ und _Alabama_ hingegen liefern Baumwolle; der _Missisippi-_ und _Misouri-_Staat Ahorn- und Rohr-Zucker. Die zahlreichen Wasserstraen Nordamerika's erleichtern die Verbindung und den Verkehr der entlegenen Gegenden ungemein. Und doch sehe ich, was da ist, nur noch als natrliche, rohe Anfnge an, welche, mit Ausnahme der Dampfboote, die Hand der Kunst bisher noch nicht berhrt hat. Es sind nur erst ein Paar Hauptkanle geschnitten; Spielraum bleibt noch fr andere brig. Eine Menge kleinerer Gewsser lassen sich noch zum Verkehr in Werth setzen. Die vornehmsten, das heit _schiffbaren_ Strme, welche sich alle in den Ohio und Missisippi werfen, sind der Kanhaway, der Scioto, der Miami, der Kentuky, der Wabash, der Illinois, der Tennesee, der Cumberland, der Missouri, der Acansas und der rothe Strom. Alle westlichen Staaten haben demnach nur einen einzigen Hauptmarkt, Neu-Orleans, dem sie ihre Waaren zufhren knnen. Es geschieht dies auf Fahrzeugen, die alle von gleicher Bauart, achtzig Schuh lang, sechszehn breit, und mit zwei Verdecken versehen sind. Man heit sie _Flatboats_ (Flachboote). Beladen gehen sie 3Schuh tief in's Wasser, und ragen eben so weit hervor. Ein Mann mit dem Ruder am Vordertheil, ein anderer hinten am Steuer, lenken das Schiff bestndig in die Mitte der Flustrmung. Wo die letztere stark ist, legt man in einer Stunde anderthalb Wegstunden zurck, wo sie gering ist, nur die Hlfte. Nachts wird das Flatboat irgend an einen Baum festgebunden, und stillgehalten. Fluaufwrts wird es nie wieder gebracht, sondern, angelangt an seinem Bestimmungsort, verkauft mans um Spottgeld. Was auf dem Bauplatz 100 bis 120 Dollars gekostet hat, schlgt man um zehn Dollars mit Vergngen los; die mit solchen Schiffen gekommenen Personen kehren dann auf Dampfbooten wieder in ihre Heimathen zurck. Leider erfhrt man noch jedes Jahr von Unglcksfllen auf diesen gewaltigen Flssen. Alle Schifffahrtskunst hilft dagegen nicht. Die Strombetten ndern hufig; entwurzelte, riesenartige Bume lagern sich quer ein. Sandbnke und selbst Inseln treten hervor, wo sonst keine waren. Ein Schweizer, der auf die Art in einem Jahr zwei befrachtete Fahrzeuge verloren hatte, erzhlte mir, da er, nach seinem Unglck, erst vernommen, es htten wenige Tage zuvor zwlf Fahrzeuge das nmliche Schicksal in der nmlichen Gegend erfahren. Herr _Morero_ in Neu-Vevay erzhlte mir, er sei im Februar 1823 auf dem damals grten Dampfschiff, genannt der Tennesee, den Missisippi heraufgefahren. Wie das Fahrzeug in der Hhe der Natches war, scho es gegen einen Baum, der noch fest an den Wurzeln hangend, mitten im Wasser lag, und mit seinem Wipfelende den Kiel des Schiffs durchbohrte. Es war neun Uhr Abends, finstre Nacht, bei kaltem Regenwetter. Die Piloten und Mechaniker machten sogleich Lrmen. Die Reisenden auf dem Verdeck, ihrer ohngefhr neunzig Personen, hatten den Sto gesprt und die Gefahr blieb ihnen kein Geheimni. Der Kapitain, schon im Bett, sprang auf, lief umher zu den Reisenden, die zum Theil auch schon in den Betten im Zwischenverdeck waren, kndigte ihnen die Gefahr an und mahnte sie, an ihre Rettung zu denken. Whrend er noch redete, ging er zur Thr, die zur Dampfmaschine fhrt; indem er sie ffnete, um hineinzutreten, strzte durch die Erschtterung des Fahrzeugs eine Holzbiege in der Nhe zusammen und verrammelte die Thr. In demselben Augenblick ging auch das Schiff unter, um nie wieder zu erscheinen. Alle sptere Nachforschungen, es zu finden, sind fruchtlos geblieben. Die Personen, die zwischen den Verdecken waren, hatten indessen das, was sie in ihren Reisekisten vom Besten besaen, genommen und sich damit ins Wasser gestrzt, um schwimmend ein Ufer zu erreichen. Da blieben sie, ungewi ihres Looses, die lange, finstere, regnerische Winternacht, vor sich die brllende Fluth, hinter sich Felsen, mit den Fen noch tief im Wasser. Von etwa 150 Personen, die berhaupt auf dem Dampfboot gewesen waren, hatten nur achtzig das Leben davon gebracht. Der junge _Morin_, der nun seine Reise zu Lande fortsetzte, kam erst Ende Aprils in Vevay an, wo man ihn schon zu den Todten gerechnet hatte. Auch in Vevay wird die englische Sprache, wie berall in den Vereinstaaten, nach und nach die herrschende Landessprache werden, obgleich mehr als die Hlfte der Einwohner nur die deutsche und franzsische aus Europa mitbrachten. Schon jetzt werden die Sitzungen des Gerichts, in denen ein Herr Dufour erster Richter ist, in englischer Sprache gehalten. Derselbe Fall ist in den ffentlichen Schulen und bei den gottesdienstlichen Versammlungen. Diese Uebung waltet in allen Umgegenden von Vevay, tief ins Gebiet von Kentuky hinein, obgleich auch dort die Hlfte der Bevlkerung aus Deutschen und Franzosen zusammengesetzt ist. Man findet da nicht einen einzigen Geistlichen, der in diesen beiden Sprachen predigt. Man lt sich diese anfangs peinliche Unbequemlichkeit, eine neue Sprache zu lernen, gern gefallen, weil sie zweckmig ist. Zudem sind die Vortheile zu gro, Brger dieses neuen und vterlichen Vaterlandes zu sein. Brger ist man nach fnfjhrigem Aufenthalt in demselben, wenn man den Eid der Treue geleistet und geschworen hat, nicht in Dienst, Amt, Gehalt irgend einer europischen Regierung zu stehen. Dann hat man an allen Rechten des Staatsbrgers Theil, whlt in den Versammlungen die Obrigkeiten und lt sich whlen, sei es unmittelbar durchs Volk oder von den durchs Volk ernannten Wahlherrn. Dabei ist jeder waffenfhige junge Mann von zwanzig Jahren, zur Zeit des Kriegs, Streiter frs Vaterland. Er bt sich in Waffen. Jhrlich etwa ein dutzendmal werden Kriegsbungen vorgenommen. Als sich die Schweizer von Vevay das erstemal zu diesen Waffenbungen stellen muten, es war einige Tage vor dem _vierten Juli_, dem Denktag und Fest der amerikanischen Unabhngigkeit, verlangten sie dem Artillerie-Corps einverleibt zu werden, weil ihrer die meisten schon in der Schweiz in dieser Waffengattung gedient hatten. Die Regierung schickte ihnen darauf sogleich eine Achtpfnderkanone zu, die von einer Feste des Illinois-Staates genommen war. Dies Geschtz, nebst allem Zubehr, ward den amerikanischen Schweizern mit Feierlichkeit und ermunternden Wnschen bergeben. Sie bten sich sogleich wieder freudig ein, und zehn Tage nachher erschienen mit ihrer Kanone, zum mchtigen Erstaunen der Altamerikaner, die in ihrem Leben keine Uniformen gesehen hatten, fnfundzwanzig Mann in blauer Kriegstracht mit rothen Aufschlgen und Brenmtzen. Noch mehr verwunderte man sich ber die Gewandtheit dieser Schtzen, und ber die Schnelligkeit ihrer hintereinander folgenden Schsse. Beim Gastmahl, das dem Waffenfeste den Schlu gab, erhielten alle diese Schweizer Offiziersrang. 26. Einsame Wanderung in der Wildni. (4. bis 7. Oktober.) Noch hatte ich einen ansehnlichen Reisestrich vor mir durch die stillen, unbevlkerten Wildnisse von Kentuky und Virginien, um wieder in die angebautern Landschaften der stlichen Staaten zu gelangen. Die Jahreszeit war vorgerckt, die Witterung schon unzuverlssig. Ich wnschte, der weite Raum von Wldern, Strmen, Ebenen und Hgeln zwischen dem Ohio und dem freundlichen Baltimore lge schon hinter mir. Darum zauderte ich nicht lnger, berwand mich, sagte meinen lieben Bekannten im amerikanischen Vevay Lebewohl, und setzte in einer Fhre (Ferryboat) ber den Flu, die da immer zur Ueberfahrt von Menschen und Vieh bereit liegt. Jetzt stand ich auf dem Boden des Kentukygebiets. In einer Stunde war ich zu _Gand_, einem kleinen Flecken, der gegen Vevay ber liegt. Ich hatte versprochen, hier noch den Herrn _Agnel_ zu besuchen, der auf seiner Niederlassung eine schne Weinrebenpflanzung unter Aufsicht des Herrn _Oboussier_ von Lausanne hat. Da und in den Umgebungen sah ich zum erstenmale _Neger-Sklaven_ auf dem Felde arbeiten. Der Anblick war mir widerlich. Noch inmitten der groen, schnen Freisttten des Menschenrechts auf Erden Sauerteig aus dem zivilisirten Europa! -- O dies gelehrte, feinsittige, philosophische, glaubensstrenge, schnrednerische, bcherreiche, heldenmthige, christliche Europa, wie ist es doch mit seinen Verfassungen, Gesetzen, Kasten, mit seinen Timurlengs und Dschengiskhanen, mit seinen Confutsen und Zoroastern, Sadi's und Bidhay's, mit seinen Lama's, Braminen und Suder's so auffallend der Gromutter Asia Zug um Zug verwandt! Indessen die Negersklaverei wird nun in Nordamerika gnzlich abgethan; und schon gegenwrtig ist das Loos der Schwarzen sehr mild. Den Sonntag vor meiner Ankunft hatte eine Negerin des Herrn Agnel Hochzeit mit einem Schwarzen aus einer andern Niederlassung gehabt. Das ist ein hoher Tag fr diese Kinder Afrika's, denn, ausser allen andern Genssen, wird ihnen auch fr diesen Tag, aber nur fr diesen, die Freiheit, wie ein flchtiges, ses Naschwerk, gelassen. Es ist Sitte, da an solchem Tage der Herr der Pflanzung und seine Familie das Haus verlassen. Die verlobte Negerin ladet aus der Nachbarschaft so viele ihrer Freundinnen ein, als sie will; der schwarze Brutigam thut desgleichen. Zeitig erscheinen die Gste insgesammt Morgens, aufs Beste ausgeschmckt, grtentheils zu Pferde oder in leichten Reisewagen. Eine kleine Negerin an der Hausthr meldet die Ankommenden, wie sie nacheinander erscheinen, mit ihrem Namen (am meisten sind Dschin und Jak) und dem Familiennamen des Pflanzers, welchem sie angehren. Sie legen nun in ihre Begrungen, in ihre Gesprche und Unterhaltungen die mglichste Artigkeit. Alles nennt einander Herr, Frau, Frulein (Gentleman, Lady etc.). Da ist nicht das Rohe, Plumpe, Steife, wie allenfalls bei _Leibeigenen_ in Europa oder an Bauernhochzeiten. -- Die Mahlzeit, die im Einzelnen und Ganzen wohlgewhlt und wohlgeordnet ist, dauert gemeinlich bis gegen Abend, dann beginnt die Lust der Tnze durch die Nacht bis zum Morgen, wo jeder in seine Pflanzung heimkehrt, um im Schlaf die Maske der Freiheit wieder abzulegen, die er fr einen Tag getragen hatte. Die Pflanzer begnstigen dergleichen Heirathen gern. Verheirathete Neger, weil sie einander anhangen, arbeiten fleiiger, betragen sich anstndiger, aus Furcht, von ihren Herren verkauft und von der Geliebten getrennt zu werden. Der verheirathete Neger wohnt oft drei bis vier Stunden Wegs von seiner Frau. Alle Woche einmal besucht er sie und seine Kinder, denen er mit voller Seele gehrt. Es gilt, wie bei den Sklaven oder Leibeigenen Europens, auch hier die Uebung des barbarischen Mittelalters: =partus sequitur ventrem=. Nmlich die Kinder aus diesen Ehen gehren demjenigen Pflanzer, dem die Mutter angehrt. Und sind die Kinder erwachsen, hat er fr seinen Bedarf zu viel Neger, kann er sie anderswohin verkaufen. Nicht nur _Neger_, auch _Mulatten_ (von Europern und Negerinnen), und _Quarterons_ (von Europern und Mulattinnen oder Mestizinnen, Tchtern eines Europers und einer Indianerin) sind unter den Sklaven. Drittehalb Stunden Wegs von der Niederlassung des Hrn. Agnel, nicht weit von _Frederiksburg_, fand ich mitten in Wildni und Wald vier einsame Schweizerfamilien aus dem Neuenburgerlande angesiedelt. Sie wohnten hier ganz behaglich nun schon seit sechs Jahren, aber im vollsten Sinn des Wortes, geschieden von der brigen Welt der Lebendigen, sich selbst ihre Welt bildend. Es waren die Familien _Guinand_, Vater und Sohn, _Persot_ und _Rochat_. Sie hatten keine Sehnsucht nach dem Treiben draussen. Sie schienen in ihrer Einsiedelei ganz zufrieden. Warum htten sie es nicht sein sollen? Der dankbare Boden, den sie bauten, die kleinen Heerden ihres Hausviehs, die nahe Jagd umher, stillten ihre einfachen Bedrfnisse im Ueberflu, und ihre Wohnungen gewhrten ihnen jede Bequemlichkeit, die sie fordern mochten. Sie nahmen mich mit Herzlichkeit bei sich auf. Ich aber wollte eigentlich noch die Gruben von _Bigbone_ sehen, die nicht gar entfernt sein sollten, und wo die vielen Mammuthsgebeine gefunden werden. Ich machte den Weg zu Fu, weil ich nur dem Ufer des Flusses nachzugehen hatte, um eins der Dampfboote ansichtig zu werden, die alltglich den Ohio herauffahren. Indem ich also durch Wald und Wilde sinnend hinwanderte, mit den Gedanken noch die Einsiedelei der vier Familien umschwebend, sah ich pltzlich, zwischen den Bumen hervor, als wre ein Umhang weggezogen, eine unerwartete Erscheinung. Auf einem prchtigen Rosse sa in fremder aber kostbarer Tracht ein junges, schngewachsenes Frauenzimmer, mir entgegenreitend, und von zwei andern, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, als wren es Dienerinnen. Die eine von diesen schien hiesigen Landes zu sein. Die reizende Gebieterin voran trug ein bluliches, nettes Jagdkleid, reichverziert, zu schmuckvoll fr diese Einden; dazu einen feinen, breiten Strohhut, von welchem seitwrts ein grner Schleier herabflo. In _Wielands_, _Ariostos_ und _Tassos_ Gedichten kann man wohl solchen Feengestalten oder irrenden Damen mitten in unbekannten Wildnissen begegnen. Aber in einem der amerikanischen Urwlder, wo kaum der Weg recht erkennbar war, wo weit umher Todesschweigen herrschte, welches das Wellengerusch des Ohio nur feierlicher machte, wo ich fr solche Tracht und Pracht kein Schlo, keine groe Stadt in der Nhe wute, glaubte ich dergleichen nie erwarten zu knnen. Ich war auch in der That so berrascht, ich mu sagen, verblfft, da ich, ohne an diese neue Diana ein Wort zu richten, sie nur anstaunte. Ich konnte mich nicht erwehren, sogar meinen Hut, ganz gegen Landessitte, hflich vor ihr abzuziehen. Sie erwiederte mit einem artigen Gegengru und verschwand hinter mir zwischen den Bumen. Es verdriet mich noch jetzt, da ich die Geistesgegenwart in dem Grade verlor, sie nicht einmal anzureden. Ich wanderte weiter. Der Weg war bel. Von Zeit zu Zeit ging er mir unter den Fen gnzlich aus, und ich behielt nur die Sonne zur Gehlfin, meine Richtung zu whlen. Lnger, als ich vermuthet hatte, mute ich in der Einde dahin pilgern. Nach viertehalb Stunden kam ich endlich zu einem einsamen Weiler, der _Sugarcreek_ hie. Meine Ermdung machte mich zufrieden, nur ein Obdach und Menschen zu sehen. Freundlich ward ich von den gutmthigen Pflanzern in ihrer saubern Wohnung empfangen. Es war ein junges Ehepaar, welches aus Massachusets sich hierher begeben und angesiedelt hatte. Die Leutchen wohnten erst seit zwei Jahren in Sugarcreek und schienen mit ihrem Aufenthalt wohl vergngt. Ich verlangte etwas zu essen. Man bediente mich nicht nur sehr reinlich, sondern auch mit ausgewhlten, wohlbereiteten Speisen, wie ich gerade hier nicht zu erblicken gedacht hatte. Jetzt erfuhr ich, da ich bis nach Bigbone noch sieben Stunden Wegs zu machen habe, und mich ohne Pferd und ohne Wegweiser kaum dahin finden wrde. Da sagte ich in meinem Herzen den Mammuths-Grbern Valet, und beschlo, bei meinen freundlichen Wirthen zu bernachten, um von da auf einem Dampfboot geradeswegs nach Cincinnati zurckzukehren. -- Schon Abends hrte man zwei Kanonenschsse vom Ohio, die von den weiten Wldern umher den Gegengru in sekundenlangem Wiederhall zurck empfingen. Die Zeichen kamen von zwei Dampfbooten, General _Pike_ und _Ostrich_, welche den Flu hinab gen Laurencebourg fuhren, und in der Morgenfrhe wiederkehren muten. Der Abend verflo in traulicher Unterhaltung. Wie viel lt sich aus den Gesprchen einfacher Menschen lernen, die in gleichweiter Entfernung von der Thierheit des Wildenthums und der Thierheit des verknstelten, berfeinen Stdterwesens, gro, bescheiden, frei und wahrhaft, wie die Natur sind! Als ich zu meinem Nachtlager ging, war der reine Himmel schwer von Sternen. Der aufgegangene Mond zitterte hinter den Wipfeln riesenhafter Bume, die er schon seit Jahrhunderten beschienen. Ein weites Schweigen waltete um die Pflanzerwohnung in den Wldern und lngs dem Ufer des Ohio. Es war aber das alte Schweigen der Einden, welches auch der Tag selbst nicht strt, es sei denn, da ein Sturm durch die endlosen Forsten zieht. Morgens sechs Uhr kam das Dampfboot General Pike schon wieder den Flu aufwrts. Ich hrte das Zischen der Dmpfe schon aus der Ferne. Auf ein Zeichen, das ich vom Ufer gab, erschien ein Kanot, das mich zum Schiffe brachte. Abends fnf Uhr stieg ich schon in _Cincinnati_ ans Land. Einer meiner neuerworbenen Freunde, Herr Perret, nahm mich sogleich mit sich in ein Konzert, das zu Ehren Lafayettes gegeben wurde. Dieser Anla, diese Tne, und die Gesnge hatten auf mein Gemth tiefen Eindruck. Es wurden die Namen _Wilhelm Tells_ und _Lafayettes_ und _Washingtons_ gefeiert. Es ist doch das Gttliche in der Brust der Sterblichen, zu allen Zeiten, unter allen Himmelsstrichen, das hoch Vorwaltende, und das, was immerdar am innigsten ergreift. Die Welttheile und die Jahrtausende erkennen keine andere Heroen, als die Heroen der Menschheit und ihres ewigen Rechts. Was wei man doch nach Jahrtausenden von unsern Tags- und Schlachthelden, den Massenas und Moreaus, den Wellingtons und Blchers und wie sie heien mgen? Hchstens beschftigt sich mit ihnen ein miger Geschichtsklitterer, oder der Knabe schleppt sie mit hundert hnlichen im drren Kompendium zur Schule, um sie wieder zu vergessen. 27. Fortsetzung des Wegs in der Wildni. (8. bis 12. Oktober.) Es war mir darum zu thun, die franzsische Kolonie _Gallipolis_ zu sehen. Man rieth mir, das linke Ufer des Ohio zu verfolgen bis ins Gebiet von Virginien, und dann bei Bigsandi wieder ber den Flu zurckzugehen, um nach Gallipolis zu kommen. Ich kaufte mir zu dem Ende ein braves Reitpferd, lie mich damit von Cincinnati auf einer Fhre nach _Neu-Port_ im Staat Kentuky ber den Ohio setzen, und reisete so dem linken Stromufer nach, ohne besondern Merkwrdigkeiten oder Abentheuern zu begegnen. Am dritten Tag Abends war ich neunundzwanzig Stunden von Cincinnati in einem geringen Stdtchen, Namens _Washington_. Hier vernahm ich vom Wirth, der von Straburg gebrtig war, aber nicht drei Worte mehr deutsch verstand, da ich ganz irre gefahren sei. Ich gerieth in nicht geringe aber keineswegs angenehme Verwunderung, als ich hrte, ich msse wieder eine gute Strecke zurck, und habe einen Umweg von zwlf bis dreizehn Stunden gemacht. Man mu es gar nicht bel deuten, wenn die Leute in diesem neuen Lande die vaterlndische Geographie schlecht inne haben. Sie lernen sie nur aus dem Munde der Reisenden, und pflanzen sie berlieferungsweise fort. Also kehrte ich den andern Tag, in mein Schicksal ergeben, geduldig um, wandte mich gerade gegen den Ohio, setzte zu _Maysville_, vier Stunden oberhalb Augusta, ber den Flu, und kam dann, nach sechs Wegstunden, in _West-Union_, auf der Landstrae nach Cincinnati gelegen, an. In den meisten Pflanzungen und Niederlassungen, durch die ich whrend der letzten vier Tage im Gebiet von _Kentuky_ gekommen war, wurden zahlreiche Sklaven gehalten, welche zur schweren Landarbeit gebraucht werden. Der Anblick dieser Unglcklichen, in welchem Menschen, die sich veredelter halten, die heilige Wrde, die ewigen Rechtsame der menschlichen Natur entweihen und verletzen, gab mir jedesmal eine ble Stimmung. Sa ich zu Tisch, stand bestndig eine Negerin hinter mir, um mich zu bedienen; etwas Unbehagliches fr den, der nicht gewohnt ist, sich von Sklaven aufwarten zu lassen. Die Negerinnen verrichten die huslichen Dienste. Immer auf jede Bewegung des Herrn oder der Gebieterin aufmerksam, knnen diese keinen Blick thun, den die Negerin nicht versteht, und augenblicklich als Befehl betrachtet und vollstreckt. Was mssen sich die armen Geschpfe doch Alles gefallen lassen! Die amerikanischen Zeitungen vom vergangenen Monat erzhlten, die Gemahlin des _Augustin Iturbide_, des bekannten Kaisers von Mexico, sei so kaiserlich-vornehm oder bequem gewesen, da wenn eine Mcke auf ihrer Hand sa, sie eine ihrer Sklavinnen rief, sie fortzublasen. In mehreren Husern hrte ich die Hausfrauen stets ber ihre Negerinnen klagen, wenn etwas im Hause nicht war, wie es sein sollte. Fehlte etwas an der rechten Bereitung der Speisen, hatte das Linnenzeug nicht die gehrige Weie u.s.w. -- immer waren die Negerinnen schuld. Nicht nur die Kaiserinnen, sondern selbst die gemeinen Pflanzerinnen werden durch das Sklavenbesitzen unglaublich bequem. In den Ansiedelungen von Kentuky gehen die Kinder der Sklaven ganz nackt, bis zum zehnten Jahr, ohne Unterschied des Geschlechts. Es ist oft ein possirliches Schauspiel, vor einer Htte ein ganzes Nest voll Negerchen spielen und sich im Staube herumrollen zu sehen. Die Erwachsenen, alle barfu, haben keine andere Bekleidung, als ein sehr grobes, um den Leib zusammengebundenes Hemd. Ich blieb nicht in _West-Union_, sondern bernachtete zwei Stunden Wegs von da, in einem Bauernhause. Als ich meinen Bewirther fragte, wes Landes er sei, antwortete er gar treuherzig: =I have the misfortune to be an Irishman.= (Ich bin so unglcklich, Irlnder zu sein.) Die Irlnder sind nmlich in den Vereinstaaten am wenigsten geachtet. Unter smmtlichen Ankmmlingen aus Europa gelten sie fr die verderbtesten. Schweizer und Deutsche sind in Nordamerika, als gute Landarbeiter, zum Sprchwort geworden; der Englnder gilt als Spekulant; der Franzose macht sich zum Jger und klagt ber Langeweile. Der Irlnder aber, erstaunt ber die Wohlfeilheit des Whisky, ergibt sich dem Trunk und den Folgen desselben. Ueber meinen Irlnder hatte ich, soviel mich betraf, keine Klage zu fhren. Er war eine gute Haut. Mein Ro hingegen htte mehr Grund zur Unzufriedenheit gehabt, denn es mute die ganze Nacht, da der Himmel den Regen stromweis herabschttete, im Freien stehen. Obwohl mein Wirth ein Dutzend Khe, fnf bis sechs Pferde, ber hundert Schafe und eine Heerde von Gnsen, Welschhhnern, Enten und Hhnern besa, hatte er doch keinen Stall. Inde schien das Pferd dieser amerikanischen Sitteneinfalt ganz gewohnt zu sein; denn ich fand es am Morgen ganz frisch und lustig. Die aufeinanderfolgenden Regenschauer erlaubten mir erst gegen Mittag, mich auf den Weg zu machen. Ich hatte noch vierzehn Wegstunden bis _Portsmouth_ zurckzulegen. Ein kleiner Strom, Namens _Turkycreek_, mute mir anfangs lange Zeit als Fhrer dienen. Mehrmals war ich genthigt, durch ihn bald an sein linkes bald an sein rechtes Ufer zu reiten, um vorwrts zu kommen. Er war vom anhaltenden Regen mchtig angeschwollen. Das Pferd verlor oft den Grund unter seinen Fen, und wir muten es beide mit Schwimmen versuchen. Ich bewunderte die Geduld des guten Thiers, das sich gar nicht abschrecken lie, aus einem Schlammloch ins andere, und von einer Seite des Wassers zur andern berzusetzen. Es ist, bei nakaltem, trbem Wetter, selbst im Paradiese kein anmuthiges Reisen; um so weniger, wenn man ohne Weg und Steg durch ein unbekanntes, einsames Land hinabentheuert. Ich machte mich immer dabei noch auf das Zusammentreffen mit einem Bren gefat; denn mein irlndischer Wirth hatte mir des Morgens den Rath gegeben, meine Pistolen gut zu laden, weil sich mir vielleicht dergleichen Reisegefhrten durch den Wald aufdringen knnten. Sie seien gar nicht selten. Allein es zeigte sich keiner. Doch am Aussenende des wilden Forstes sah ich wenigstens eine frische, blutige Brenhaut. Ein Jger spannte sie zum Trocknen auf. Noch ziemlich zeitig traf ich endlich in _Portsmouth_ ein, von Mdigkeit und Hunger erschpft. Zwei Aepfel waren binnen vierundzwanzig Stunden meine Nahrung gewesen. Aber ein artiges Wirthshaus, gefllige Wirthe, ein treffliches Nachtmahl, ein gutes Bett lieen mich bald alle Entbehrungen wieder vergessen. Ich hatte jetzt noch bis Gallipolis vierundzwanzig Wegstunden vor mir, und nur bis zum nchsten Ort, wo ich bernachten konnte, vierzehn Stunden. Drum begab ich mich andern Morgens frh genug auf die Reise. In einem Bauernhause, vier Stunden von Portsmouth, hielt ich an, um mich und mein Pferd gehrig vorzubereiten, zehn Stunden lang keine menschliche Wohnung zu erblicken. Wirklich gings von da ununterbrochen durch ewigen Wald, so hoch, so dicht, da auch die Sonnenstrahlen nur selten durch die verwachsenen Wipfel der Bume brachen. Landstrae war keine, man mute auf die halbverwischten Tapsen der Vorgnger genau achten. Hinwieder nahm ich Schnitte und Einkerbungen in den Stmmen links und rechts wahr, die dem Wanderer eine Richtung andeuteten, welche er zu nehmen hatte. So verging der Tag in steter Beschftigung, die Spuren der Vorangegangenen oder die Zeichen an Bumen zu entdecken und zu verfolgen, um mir als Wegweiser zu dienen. Das brave Ro lief bestndig seinen Trab, als wte es, wie weit noch seine Krippe wre. Aber Abends, schon war es fnf Uhr, stie ich pltzlich auf zwei Fuwege, von denen einer links, der andere rechts zog. Ich zauderte lange unentschlossen, wog alle Fr und Wider gegen einander ab, und schlug zuletzt rechts ein. Ich war kaum eine Viertelstunde fortgetrottet, sah ich pltzlich, nur noch fnf Schritte von mir, eine dicke Schlange am Boden liegen. Sie hatte sich kreisfrmig zusammengerollt, und streckte den Kopf auf, mit der Zunge mir entgegenspielend. Es war, der Farbe nach, die hier Landes bekannte Coppersnake oder Kupferschlange. Sie hatte die Dicke eines mittelmigen Mannsarmes und eine Leibeslnge von ohngefhr fnf bis sechs Schuh. Sie richtete sich im gleichen Augenblick weiter auf. Die Bewegungen ihres Kopfes und Halses dabei waren sehr schnell. Unangenehm berrascht gab ich meinem Pferd den Sporn in die Rippen, seitwrts lenkend. Das Ro aber, erschrockener noch als ich, nahm einen gewaltigen Satz und jagte davon. Ich behielt immer das Gesicht, wie _Brgers_ wilder Jger, im Nacken, um zu gewahren, ob uns das Unthier verfolge. Ich verlor es aber bald aus den Augen. Man erzhlte mir nachher, da die Kupferschlange, an ihrer Dicke und grnrthlichen Farbe leicht kennbar, das gefhrlichste Thier in diesen Gegenden sei. Sie ist sehr gefrig und nimmt es mit den grten Thieren auf. Ihr giftiger Bi wird nach einigen Stunden tdtlich, nachdem der Krper vorher zu einer ungeheuern Dicke angeschwollen ist. Inde vermindert sich diese wste Brut berall in gleichem Verhltni, wie sich die Ansiedelungen der Menschen vermehren. Am meisten wirkt dazu das Halten der Schweine. Es gibt keinen Pflanzer, der nicht eine Zucht dieser ntzlichen Hausthiere htte, die sich ohne seine Sorge vermehren und bekstigen. Ein einziger besitzt deren oft hundert und zweihundert Stck. Sie laufen fast bestndig im Wald umher und nhren sich da von Pflanzen, Wurzeln und Gewrmen aller Art. Sie greifen sowohl die Kupfer- als die Klapperschlangen an, und verschmausen dieselben, ohne von deren giftigem Bi Schaden zu leiden. Denn weil der nie tief geht, dringt er nur in den Speck und trifft wohl nur selten ein Blutgef. Unterdessen nahte sich die Nacht. Es wurde um mich her immer dunkler und der Wald immer dichter. Mein Fuweg lief noch immer in seiner alten Richtung rechts, abweichend von meiner frhern. Ich trstete mich damit, da ich auf die Art dem Ohio aufwrts gelangte. Denn wieder umzukehren sprte ich in mir auch nicht die mindeste Lust. Weil mir aber mit dem erlschenden Tageslicht auch die Hoffnung erlosch, irgend eine Menschenwohnung zu erreichen, und mir es schien, da ich schon eine lange Strecke Wegs mehr gemacht htte, als erforderlich gewesen, um der mir zum Uebernachten bestimmte Pflanzerei zu begegnen, fgte ich mich in mein Verhngni. Ich musterte im Vorbereiten links und rechts die Pltze, wo ich Nachtherberge nehmen knnte. Ich besa allenfalls gegen Klte einen guten Mantel; konnte auch Feuer anschlagen und hatte meine geladene Doppelpistole bei mir. Nur mit der Kche zum Nachtessen bliebs bel bestellt. Ich hatte Dammhirsche, Welschhhner und anderes Geflgel unterwegs erblickt, aber weder Jagd darauf machen wollen, noch mit meinem kurzen Feuergewehr machen knnen. In diesen trbseligen Ueberlegungen einer verzweifelnden Verzichtung auf alles Heil, verdnnerte und ffnete sich mit einemmale vor mir der Wald, und vor meinen Augen lag ein Bauerhof. Freudiger, als ein abentheuernder Ritter nach langen Irrfahrten einem Feenschlosse, trabte ich dem bescheidenen Holzpalaste entgegen und hielt vor demselben, als mein eigener Herold, mit lauter Stimme rufend: Holla! kann hier ein Reisender ber Nacht bleiben? Eine ltliche Frau, begleitet von zwei jungen Frauen, trat hervor. Sie bedauerten, mich nicht empfangen zu knnen, weil sie allein, und ihre Mnner abwesend wren. Sie beruhigten mich inzwischen damit, da ich, den Weg fortsetzend, in einer guten halben Stunde eine andere Pflanzerwohnung antreffen wrde. Nebenbei erfuhr ich auch noch, da ich wirklich irre geritten sei, und beinahe zwei Stunden lang einen Querweg durch die Waldung verfolgt habe. Wie unlieb mir auch alle diese Erklrungen, Fingerzeige und Nachrichten lauteten, wollte ich doch nicht zudringlich werden. Ich trabte also frischerdings wieder in die Nacht der vor mir gelegenen Wlder hinein, auf einem Pfad, den mir die Frauen angewiesen hatten. Im schlimmsten Fall blieb mir doch das nun einmal gesehene Haus und die Rckkehr dahin. Es ward mir jedoch mit jedem Augenblick unheimlicher, je tiefer ich ins Gehlz eindrang und je strker die Finsterni wurde. Ich mute vom Pferde steigen, und von Baum zu Baum die Einkerbungen der Stmme mit den Fingern ertasten. -- Welche Seligkeit aber, als mir nach einer halben Stunde, durch die Sulen der Waldung spielend, rthliches Licht entgegenschien. Ich verdoppelte den Schritt, und stand bald vor der roh aus Baumstmmen gezimmerten Htte eines Pflanzers. Auf meinen Anruf erschien ein Mann. Auf die gewhnliche Anfrage ffnete er mit dem freundlichen Wort: =Walk in, Sir!= (treten Sie ein, Herr!) den Pfahlhag, mit dem jede Htte eines amerikanischen Ansiedlers umgrtet zu sein pflegt. Ich trat ein. Beim Feuer sa eine Frau. Sie stand auf, bot mir ihren Sessel und sagte: =Sit down, Sir!= (setzen Sie sich, Herr.) Diese beiden Redensarten, =Walk in= und =Sit down=, sind in Amerika beim Empfang eines Fremden, ohne alle andere Hflichkeitsbezeugungen, die gebruchlichen, man mag zum schlichten Bauer oder zum reichsten und vornehmsten Manne der Vereinstaaten kommen. Ich habe meinen Ritt durch die Wildni etwas umstndlich erzhlt, nicht eben weil er so gar merkwrdig wre, sondern um doch eine Vorstellung zu geben, wie man in unangebauten Gegenden des Innern dieses Welttheils reiset, wo ohne Zweifel, bevor ein Jahrhundert verfliet, Stdte, Drfer, Palste und Landgter durch die besten Kunststraen verbunden sein und die Erzhlungen von heut fast mhrchenhaft scheinen werden. 28. Nach Gallipolis und Point Pleasant. (12. bis 14. Oktober.) Man mu mehrere Tage sich selbst berlassen, ich mchte sagen, verlassen, durch unwirthbare Einden, in Unruhe fr das Entkommen aus verirrlichen Waldlabyrinthen, oft nicht ohne Sorge fr das arme Leben selbst, die Reise gemacht haben, um die Wollust zu verstehen, die man fhlt, wenn man sich endlich in einer engen, sichern Htte unter freundlichen Menschengesichtern erblickt. Wie ich mich recht umsah und mit der Familie nhere Bekanntschaft machte, zhlte ich zehn Kinder; das lteste mochte fnfzehn Jahre haben, das jngste lag am Busen der Mutter. Die gute Frau fragte mich, ob ich zum Nachtessen Kaffee oder Thee verlange und welche Gattung Geflgels? Sie machte kleine Brdchen in einer Tortenpfanne, kochte feine Schinkenschnitte und rstete sie in heizerlassener Butter. Es gab dazu Fricassee von Geflgel, rothe Rben als Salat, frische Butter, eingemachte Pfirsiche und statt des Brodes -- Hoekake. Ich schildere die Bestandtheile meines Abendmahls nicht darum, damit man wisse, was eine einsame Pflanzerhtte dem unverhofften Gaste leisten knne, sondern um zu sagen, da dies ohngefhr die Gerichte sind, mit denen man berall im Innern der Vereinstaaten Abends bewirthet zu werden pflegt. Das Frhstck ist meistens aus denselben Platten zusammengesetzt. Das Tischzeug bestand auch hier, wie immer, aus sauberm Linnen; das Tafelgeschirr, Teller, Schsseln, aus englischer Erde. Nur die Hausfrau, sehr reinlich gekleidet, sitzt mit zu Tisch, um den Gast bedienen zu knnen. Sie beginnt ganz gewhnlich mit der Frage: Lieben Sie Milch und Zucker zum Thee? damit ist die Mahlzeit erffnet. Von den Speisen nimmt sich nachher der Gast nach Belieben selber. Die Wirthin aber ermuntert fleiig mit dem Zuspruch: =Help your self!= (bedienen Sie sich selbst.) Erst wenn der Fremde gegessen hat, sitzen Vater und Kinder zu Tisch. Die Kinder betiteln ihre Aeltern aber nicht mit Vater- und Mutternamen, sondern auch in der Bauerhtte mit Sir und Maam. Das Zimmer, welches erst Kche, dann Speisesaal geworden, ward dann Unterhaltungszimmer. Es berraschte mich jedesmal in den Vereinstaaten und auch diesmal, einen schlichten Landmann ber die Politik, ber die Staatsverfassungen und Nationalverschiedenheiten Europens so unterrichtet und verstndig reden zu hren. Viel trgt zu diesen Kenntnissen, die in Amerika eine Hauptsttze der Vaterlandsliebe werden, ohne Zweifel das allgemein verbreitete Lesen der ffentlichen Bltter und Zeitschriften bei. In Europa, wo der Landmann, oft der Stdter, wenig vom Ausland, noch weniger vom Inland erfahren darf, weil man es zu hindern wnscht und zu hindern wei, wo sich die Regierungen durch besoldete Schreiber und durch Zensoren die Vormundschaft ber den Volksverstand anmaen, erzeugt sich eine stinkende Selbstsucht, die nur fr das eigene Haus, nicht fr das Allgemeine, nicht fr Thron und Vaterland, Interesse hat, und, wie das Thier, nur sein Futter und seinen Stall kennt. Es ist wahr, bei der in Amerika bestehenden Prefreiheit wird auch das unsinnigste Zeug, das leidenschaftlichste, gehssigste Geschwtz gedruckt und verbreitet. Die Feinheit und Artigkeit der Amerikaner im persnlichen Umgang wird hufig in ihren Zeitschriften durch ekelhafte Derbheit, Rohheit und Gemeinheit ganz verdrngt. Aber gerade die unter dem Segen der Prefreiheit mannigfaltiger gewordene Kenntni der Menschen, ihrer Leidenschaften und Umtriebe, und die reifere Entwickelung der Verstandesthtigkeit macht die Versuche der schriftstellerischen Bosheit, Unvernunft und Parteisucht kraftlos, die Plumpheit der Blttchenschmierer verchtlich; -- whrend der in kindische Unmndigkeit ngstlich zurckgehaltene Verstand des gemeinen Mannes in Europa sich an Geschmacklosigkeiten am innigsten ergtzt, das Alberne und Unglaubliche am leichtglubigsten aufnimmt, und der verleumderischen Bosheit in seiner Unerfahrenheit das Ohr am liebsten entgegenspitzt. Nachdem ich mit meinem Pflanzer einige Stunden in die Nacht hinein geplaudert hatte, verwandelte sich das Sprachzimmer in das allgemeine Schlafgemach. Wir waren unserer vierzehn Personen. Es wurden drei Betten gemacht; das beste mir mit den reinlichsten Ueberzgen. Den Kindern breitete man baumwollene Decken am Boden aus. Die offenen Fugen der Balken von den Zimmerwnden liessen der frischen Luft freien Umlauf. Ich verlie die zahlreiche Familie schon vor Sonnenaufgang. Der Pflanzer gab mir noch Empfehlung an einen andern Pflanzer mit, bei dem ich unterwegs einkehren konnte. Es war dies ein Herr _Thevenot_, der fnf Stunden von da entfernt und nur noch zwei Stunden von Gallipolis wohnte. Ich fand ihn und nahm mein Frhstck bei ihm. Dieser Mann war aus Frankreich, mit einigen tausend seiner Landsleute, zur Zeit der Revolution nach Amerika ausgewandert. Er gehrte ehemals zur franzsischen Niederlassung von Gallipolis, wo man Land mit Geldtiteln und Schriften kaufte, die nachher in Frankreich allen Werth verloren, als man sie in Mnze umsetzen wollte. Man bezahlte die Juchart zu jener Zeit mit fnf Dollars. Gleich zu Anfang ihrer Ansiedelung hatten die Franzosen da mit den Indianern einen Krieg zu bestehen, der ihnen mehrerer Menschen Leben kostete. Zehn Jahre spter fing man gegen sie einen Rechtsstreit ber ihr Eigenthum an, weil die Titel, womit sie gezahlt hatten, meistens ungltig geworden waren und sie auch selbst noch nicht ber ihre Grundstcke die Kaufbriefe urkundlich in Hnden hatten. Sie muten oder sollten zum Theil noch einmal Zahlung leisten. Die Regierung aber nahm doch Rcksicht auf ihren unverschuldeten Verlust, und bewilligte denen, welche nicht kaufen konnten, einen Landstrich, etwa dreizehn Stunden Weges von Gallipolis entlegen, unter dem Namen _French-grant_ (franzsische Einrumung). Auch die Franzosen, welche einst den Unabhngigkeitskrieg mitgemacht, und seitdem kein Glck gehabt hatten, erhielten dort Lndereien. Aber diese Niederlassungen wollten nicht gedeihen. Auch _Gallipolis_, wohin ich zeitig ankam, obgleich gar vortheilhaft am rechten Ufer des Ohio hingebaut, ist nur eine kleine Stadt von hchstens hundert Husern. Die einzigen ffentlichen Gebude sind ein Kollegium, ein Mettinghouse (Versammlungshaus zum Gottesdienst) und ein Gemeinds- oder Rathhaus. Dampfboote und andere Schiffe halten hier regelmig an. Ich hatte mehr von dem Ort erwartet, machte zwar einige werthe Bekanntschaften mit Hrn. Monod, Burcau etc., denen ich empfohlen worden, hielt mich aber doch nicht auf, sondern setzte, eine Stunde weiter aufwrts am Flu, in einer Fhre ber den Ohio und bernachtete zu _Point-Pleasant_ in Virginien. Der Ort liegt am Zusammenflu des Kanhaway, eines betrchtlichen, schiffbaren Stroms, mit dem Ohio. Groe Fahrzeuge gehen noch den Kanhaway hinauf bis zu den Salzwerken von _Charlestown_, ohngefhr zweiundzwanzig Stunden von Point-Pleasant. Der Menge von Schiffen nach zu urtheilen, die man, mit Salzfssern befrachtet, berall auf den Flssen sieht, mssen die Charlestowner Salzwerke sehr ergiebig sein. Der Zentner Salz kostet einen halben Dollar. In den Kauflden, wo man damit Kleinhandel treibt, zahlt man frs Pfund zwei Kreuzer. In den Vereinstaaten sind alle und jede Salzwerke Partikulareigenthum, und Staat und Volk stehen sich ganz natrlich besser dabei, als wenn sie Monopol, das heit, Auflage frs Volk, in den Hnden der Regierung gewesen wren, wie bei den Europern. Partikularen beuten sorgfltiger aus, und liefern, um gegen die Nebenbuhler zu bestehen, bessere Waare und in wohlfeilerm Preis, als Regierungen; knnen auch wohlfeiler liefern, weil sie dafr keine Schaar von Intendanten, Direktoren, Ober- und Unterspektoren, Faktoren, Auswgern u.s.w. zu besolden und wohl gar zu pensioniren haben. Es sind in Europa wenig Vlker, die nicht unter der Last von Abgaben seufzen, whrend doch die Regierungen davon nur einen sehr migen Theil empfangen und ihrerseits ebenfalls in bestndiger Geldverlegenheit seufzen. Der Schwarm der Beamten, die Summe der Erhebungs- und Einzugskosten verschlingt den vierten oder dritten Theil der gesammten Abgaben. Trotz unserer gelehrten Professoren und dicken Bcher ber Finanzwesen, herrschen bei uns daheim noch unglaubliche, starrsinnige Vorurtheile. Man knstelt und vermindert das Naturgeme, nmlich die hchste Vereinfachung der Geschfte. Aber man will diese nicht, um immer Gelegenheit zu behalten, guten Freunden oder Verwandten ein Aemtchen zu verschaffen, oder sich einen Tro abhngiger Kreaturen zu machen, oder auch, weil man nicht wei, was mit der Schaar dadurch brodlos werdender Angestellten zu beginnen sei? Am bequemsten, man lt diese Leute vom Schwei des fleiigen Volks mitzehren. 29. Auf der Turnpikeroad nach Geneva und Baltimore. (18. Okt. bis 4. Nov.) Ich verweilte gern ein paar Tage in Point-Pleasant. Ein Hr._Smith_ daselbst, dem ich Briefe vom Hause Bruen in New-York brachte, hatte viele Gte fr mich. Ich mute auch einen Theil der weitluftigen Besitzungen des Hrn. Bruen in jenen Gegenden sehen. Mit seinem Sohn und einem seiner Nachbarn fuhr ich folgenden Tags den Kanhaway zehn Stunden weit aufwrts, wo wir ohnweit _Potalia_ bernachteten, dann andern Morgens ans linke Ufer des Kanhaway berstieen. Wir durchirrten hier die groen, meist noch unurbaren Lndereien des Hrn. Bruen, fr welche er sich Ankufer und Ansiedler wnscht. Erst einen Tag spter kamen wir nach Point-Pleasant zurck. Noch war der ganze weitluftige Landstrich, den ich jetzt gesehen hatte, Wald und Wildni, von einzelnen Bauernhfen unterbrochen. Der Boden, wenn gleich nicht von erster Gte, ist im Durchschnitt doch nicht schlecht, oder ganz mittelmig, und natrlich lngs Fluufern am vortheilhaftesten. Die Zeit, welche ich der Besichtigung dieser Landschaft gegeben, sparte ich in den nchsten Tagen wieder ein. Ich reisete den 18.Oktober an einem Montag von Point-Pleasant ab, und eilte in vier Tagen ber _Mariette_, _Newport_, _Fischingcreek_, _Elisabethtown_ nach _Whelling_, eine Strecke von dreiundfnfzig Stunden Wegs, bald am linken, bald am rechten Ufer des Ohio. Die Amerikaner setzen, bei niedrigem Wasserstande, hufig zu Pferde ber diesen Flu, wenn sie sich auf des Rosses Gebein verlassen knnen. Man hatte mir unterwegs an vielen Orten von einer Ansiedelung gesprochen, die man fr eine der schnsten des Landes hielt, und durch welche mich der Weg fhren wrde. Als ich mich derselben wirklich endlich nherte, sah ich innerhalb einer wahrhaften Waldung von ppigen und reichtragenden Fruchtbumen einige Wohnhuser von sehr geflligem Aeussern. Vor einem derselben stand ein groer, starker Mann mit langem, grauen Bart, der ein Schurzfell vor hatte. Der Beschreibung nach, die man mir gegeben, konnte dies kein anderer, als der Eigenthmer des Gebudes, Master _Homelong_, der Wiedertufer, sein. Also fragte ich ihn auf deutsch, ob er mir ein wenig Haber fr das Pferd spenden knne. Da verklrte sich sein ganzes Antlitz: Gr Gott, rief er, bist du a Landsmann? Und ohne meine Antwort setzte er hinzu: =Walk in, Sir!= holte seinen Sohn, der das Ro nehmen mute, fhrte mich ins Haus, und richtete nun in seiner Sprache, halb englisch halb deutsch, wie die Deutschen Amerika's immer zu reden pflegen, tausend Fragen an mich. Ich mute diesem guten Einsiedler von Allem erzhlen, von der alten Welt, von meiner Fahrt bers Meer, von der Reise durch die Vereinstaaten u.s.w. Sein Erstaunen war so gro, da ich mehrmals wiederholen mute, was ich schon gesagt hatte, und was er mir kaum glauben konnte. Min Gott, ist denn das mglich! =to be shure that's wonderfull journey!= schrie er einmal ums andere. Er setzte mir Kuchen und den kstlichsten Aepfelwein vor, den ich in Amerika getrunken; ich mute bei ihm zu Mittag speisen. Er war seines Gewerbes ein Schuhmacher, baute daneben seine herrliche Pflanzung mit Einsicht und Flei und galt bei seiner Kirchparthei als ein guter Prediger. Als ein kleiner Knabe war er mit seinen Aeltern vor sechszig Jahren von den Ufern des Rheines zu den Ufern des Ohio gekommen, wo man wegen kirchlicher Ansichten, Lehren und Gebruche keine Mitchristen und redliche, arbeitsame Leute gehssig verfolgt. Die Schnelligkeit meines Reisens erregte seine Verwunderung mehr denn alles Uebrige. Denn er und seine Aeltern hatten zur Ueberfahrt von Europa auf dem Meere fnf Monate zugebracht, und ein Jahr gebraucht, um von der Kste bis zu diesem Platz ihrer Niederlassung zu gelangen. In einer andern Ansiedelung, wo ich bernachtete, wohnte eine erst vor Kurzem aus England hier ansig gewordene Familie. Das Haus war von Backsteinen erbaut; das Innere kstlich, mit zierlichem Haus- und Zimmergerth versehen. Zwei hlzerne Htten neben den Stallungen waren der Aufenthalt zahlreicher Negersklaven. Ohnweit dieser Pflanzung war es, wo mir die unheilbringende Paradiesesfrucht einen beln Streich spielte. Aepfel, von ungeheurer Gre in einem Baumgarten hinter einem Pfahlhag, verlockten mich zur Neugier und Lsternheit. Durch einen Fall gewann ich dabei eine schmerzvolle Verrenkung, von deren Plage ich erst nach fnf Monaten in Europa durch Mitleid und Kenntni einer liebenswrdigen Person vollstndig befreit werden konnte. Das mag meinen Lesern sehr gleichgltig sein, aber ein wenig dankbar zu sein, ist mir nicht gleichgltig. Von Whelling hinweg kam ich zum erstenmal auf einen sogenannten _Turnpikeroad_ oder Meilenstein-Weg. Eine kunstmige Hochstrae ist fr den Wanderer das erste Zeichen von der Zivilisation, die in einem Staate herrscht, und der Mastab ihrer Stufe. Nach wochenlangem Umherfahren in Wldern und Wildnissen that mir dies sich freundliche Verknden einer bewohnten und angebauten Welt unendlich wohl. Es gibt dieser Turnpikeroads jetzt mehrere mir bekannt gewordene. Die drei vorzglichsten sind die von Philadelphia, die von Baltimore und die von New-York. Alle drei gehen in der Richtung von Osten nach Westen, und laufen also ber die weitluftige Verkettung der Alleghanygebirge hin. Jede dieser Hochstraen hat fnfundzwanzig Schuh Breite, und die Lnge von 100 bis 130 Wegstunden. Von einer Drittelstunde (=mile=) zur andern ist ein Meilenstein, der die Entfernung desselben von den beiden Stdten anzeigt, welche an den Aussenenden der Hochstraen liegen. Auch das ist eine mir bemerkenswerth scheinende Eigenthmlichkeit der Vereinstaaten, da der Bau der Hochstraen, schiffbaren Kanle und der Brcken keine Regierungsangelegenheit ist. Unsere europischen Staatsmnner mgen dazu lchelnd den Kopf schtteln. Aber das Volk des amerikanischen Freilandes befindet sich dabei gar wohl. Es empfngt sehr gute Straen; die Gemeinden haben darum keine Plagerei von fetten oder fettwerdenwollenden Beamten, von Frohndiensten u.s.w. zu erdulden, und was die Hauptsache ist, die Kosten sind ungleich geringer, schon auch weil kein Brcken-, Straen- und Bau-Departement, mit seinen Inspektoren, Kommissren, Kassafhrern, Controlleurs, Archivaren, Sekretren und Kopisten zu besolden ist. Es bildet sich fr jede Unternehmung eines Brcken- oder Straen- oder Kanalbaus eine Gesellschaft von Aktienbesitzern. Diese setzt einen Preis fr den besten Plan zu ihrem Werk aus. Gewhnlich sind die Eigenthmer der Gter und Lndereien, welche dem knftigen Kanal, oder der knftigen Hochstrae zunchst wohnen, meistens selbst Annehmer von Aktien, weil die Erleichterung des Waarenverkehrs den Werth ihrer landwirthschaftlichen Erzeugnisse im Preise steigen mu und somit auch den Werth ihrer Grundstcke. -- Nach Vollendung der Arbeit wird die ausfhrliche Rechnung nebst allen Belegen, ber die gehabten Unkosten, der Regierung vorgelegt, und diese bewilligt dann, nach einer annhernden Berechnung, den Aktien-Inhabern die Erhebung eines Weggeldes, gemeinlich streckenweis von ohngefhr drei Stunden zu drei Stunden des Wegs. Die Kosten der Strae von Whelling nach Baltimore sollen ausserordentlich gro gewesen sein. Aber man sieht da auch eine Menge sehr schner, starker, steinerner Brcken, und der Straenzug ber die Gebirge ist meisterhaft. Dieser lt sich etwa mit der schnen Simplonstrae in Europa vergleichen, nur da in den Alleghanybergen die durch Felsen gehauenen Gewlbwege nicht vorhanden sind. Ueber _Braunville_, einer Stadt mit zahlreichen Fabriken am Manongehalaflusse, und durch _Uniontown_ kam ich, auf einer Nebenstrae, in vier Stunden nach _Geneva_. 30. In Geneva. (25. Okt. bis 4. Nov.) Das Stdtchen Geneva gehrt zum Theil noch dem Herrn _Gallatin_, demselben, der, nach der Wiederkehr der Bourbonen auf den franzsischen Thron, als Gesandter Nordamerika's acht Jahre lang in Paris lebte. Ich fand den Herrn Gallatin und seine Familie auf seinem Landgute, eine volle halbe Stunde von der Stadt entfernt. Seine Wohnung, einfach und geschmackvoll, hat in der Bauart etwas Groartiges. Ich wurde bei ihm auf gewohnte, amerikanische Weise eingefhrt; er empfing mich mit vieler Gte. Er sa eben bei einem guten Kaminfeuer. Um ihn her lag ein Haufe amerikanischer, englischer und franzsischer Zeitungen. Unser Gesprch gewann bald eine anziehende Richtung. Seine Gemahlin, eine sehr gebildete und liebenswrdige Frau, setzte sich zu uns an die wohlthuenden, zur Geselligkeit lockenden Flammen und nahm an der Unterhaltung Theil. Herr von Gallatin ist, wie ich erfuhr, ursprnglich ein Genfer. Er erzhlte mir, wie er dazu gekommen, sich dem Handel zu widmen, den er nachher siebenundzwanzig Jahre lang mit gutem Erfolg betrieb. Anfangs in Boston sich aufhaltend, um dort seinen gewerbigen Verkehr mit neuer Kraft zu beginnen, lie er sich nachher in New York nieder. Hier brachte ihn der Zufall mit zwei Deutschen in Bekanntschaft, die ihn versicherten, sie htten jenseits der Alleghanyberge alle Materialien entdeckt, um groe Glashtten anzulegen, und Glas von jeder Art zu liefern. Er reisete mit ihnen dahin und fand Alles, wie sie gesagt hatten. Der Ort war damals ganz unbewohnt, inmitten einer weiten Wildni und Oede. Der Plan ward entworfen. Er bildete mit den beiden Deutschen eine Gesellschaft, kaufte das Land an, und gab die nthigen Gelder her. Die Unternehmung glckte vollkommen. Das Glas stand damals noch in sehr hohem Preise. Man hatte noch keine Glasfabriken in den Vereinstaaten, und mute die Waaren dieser Gattung aus Europa kommen lassen. Der Absatz vermehrte sich von Jahr zu Jahr zugleich mit der Gte der Artikel und in gleichem Verhltni wuchs der Gewinn. Als sich Herr Gallatin endlich von dieser Fabrikation zurckzog und seine Rechnung abschlo, ergab sich fr ihn ein durchschnittlicher reiner Nutzen von 8000 Dollars alle Jahre. Er hatte sich in die ffentlichen Geschfte ziehen lassen, und spterhin die Gesandtschaft in Paris am Hofe Ludwigs =XVIII= angenommen. Nach achtjhrigem Aufenthalt in Europa kehrte er in sein freies, beglcktes Vaterland zurck. Hier whlte er die anmuthige Stille seines Landgutes bei Geneva, wo er noch jetzt lebt. Ich darf nicht erst sagen, wie unterrichtend die Gesprche mit einem so welterfahrnen Manne fr mich waren. Er kannte Europa, die Hfe, die am Ruder stehenden Mnner, und sah die verderbenschwere Rckwirkung unfreier, Geist, Leben und Gewerbsflei der Vlker dmpfenden, mnchshaften Bestrebungen der Machthaber voraus. Er ist in Amerika durchgngig geschtzt und geliebt. Er ward auch, gerade in diesem Jahr, da es um die Wahl eines neuen Prsidenten der Vereinstaaten zu thun war, neben den Herren _Jakson_, _Clay_, _Crawfort_ und _Quincy-Adams_ mit in die Wahl gezogen. Er aber, vielleicht weil er bemerkte, da sich die Mehrheit der Stimmen nicht fr ihn vereinigen wrde, verbat sich in einem Marylander Blatte ffentlich, und mit Dank gegen seine Freunde, die Ehre, in die Wahl gebracht zu werden. Bekanntlich wurde Quincy-Adams nachher zum Prsidenten ernannt. Herr Gallatin ist jetzt ein Mann von ohngefhr sechszig Jahren, von mittlerer Gre, und geistvollem, ausdruckreichem Gesicht. Wie gerne wre ich lnger in dieser trefflichen Familie verweilt (sein Sohn _Albert_ ist ein hoffnungsvoller Jngling); allein fr mich war kein Rastens mehr in Amerika, der Wintermond schon vorhanden, und die Weihnachten wollte ich ja in der europischen Heimath feiern. Selbst die Einladung, nur bis zum folgenden Tage zu bleiben, mute ich ablehnen. Nach dem Mittagsessen beurlaubte ich mich, schlief Nachts schon zu _Smithfield_ und erreichte folgendes Tages die Gebirgshhe der Alleghanykette, ber die ich ging. Hier, auf dem _Laurel-Hill_, dem erhabensten Uebergangspunkt, hat man freilich bei gutem Wetter eine weite Aussicht. Allein mir ward der frostige Genu zu Theil, ein paar Stunden lang beschneit zu werden. Ich eilte durch das Fort _Cumberland_, im Marylander Staat, nach _Oldtown_ oder Cumberland, einer artigen Stadt am Ufer des Potomak; von da nach _Hamsktown_, _Midletown_ und _Frederiktown_. Alle diese letztern Stdte sind grtentheils von Deutschen bevlkert, ziemlich ansehnlich, und dem Anschein nach wohlhabend. Am 4.November war ich wieder in _Baltimore_. An Unterhaltung htte es mir auf der langen Meilenstrae, die ich von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende zurckgelegt hatte, durchaus nicht fehlen knnen, wenn ich zuletzt auch nur die Menge der Wagen zum Zeitvertreib gezhlt htte, die mir entweder begegneten, oder die ich einholte und hinter mir lie. Diese Fuhrwerke, wie Frachtwagen, mit Tuch berspannt, und von vier bis sechs Rossen gezogen, waren hufig mit Ankmmlingen aus Europa und ihrem Gepck beladen, die insgesammt dem milden Himmelsstrich des Ohiolandes entgegenzogen. Andere dieser Wagen, die in derselben Richtung von Osten her kamen, fhrten dem Innern des Freilandes die Fabrikate und Waaren der Kstenstdte in Flle zu; so wie hingegen die, welche von Westen her den Meeresgestaden entgegenreiseten, mit Getreide und andern Erzeugnissen des fruchtbaren Bodens der westlichen Staaten befrachtet erschienen. Wohl ber tausend solcher Karren zhlte ich auf der hundert Stunden langen Strecke Wegs. Auch haben sich lngs der Strae die Gasthfe und Herbergen sehr vervielfltigt und sie sind insgesammt stark besucht. Eben so sieht man von Zeit zu Zeit ungeheure Heerden von Rindvieh und Schweinen auf dieser Strae, die ostwrts den groen Kstenstdten zugetrieben werden, um sowohl diese als die Schiffe mit Fleisch zu versorgen. Eine solche Heerde gebraucht zwei Monate Zeit, um aus der Mitte des Ohiolandes bis Baltimore zu kommen. Und hier wird dann das Vieh lebendig zu vier bis fnf Dollars der Zentner verkauft, was im Ankauf ein bis zwei Dollar gekostet hatte. 31. Die Heimkehr. (4. Nov. bis 11. Dez.) Um Abschied zu nehmen bei meinen Bekannten, ihre Bestellungen und Auftrge nach Europa zu empfangen, blieb ich zwei Tage in _Baltimore_, dann eben so lange in _Philadelphia_ und auch in _New-York_. Hier erfuhr ich, da das amerikanische Paketboot _Desdemona_, ein Dreimaster von 400 Tonnen, ganz neu gebaut, am 15.Nov. nach Europa und zwar nach Havre absegeln wrde. Mir konnte nichts willkommener sein. Ich ward mit dem Kapitn alsbald des Preises einig, obwohl ich dem Schiffe gern einen glckweissagendern Namen gewnscht htte, als den der beklagenswrdigen Gemahlin von Shakespears Othello. Freunde begleiteten mich noch bis zum Hafen. Ich schied mit verhehlter Trauer von dem Lande, das mir lieb geworden war. Auf Wiedersehen! rief ich. Mein Fu ri sich vom Boden der neuen Welt los. Ich stand im Nachen und fuhr der schnen Desdemona und der alten Welt entgegen. Bald nach mir kam auch der Befehliger des Schiffs, Kapitn _Naghel_, an Bord. Ich sa auf einer der ussern Bnke der Kajte und sah dem gefhrlichen Treiben der Matrosen zu, welche an Seilen und Masten umherkletterten, Stangen und Segel und Tauwerke zu ordnen und zu ndern. Es wandelte mich ein Grausen an bei diesem Schauspiel, wo die Menschen, gleich Spinnen, auf Fden liefen. In demselben Augenblick fiel einer der Matrosen, der sich droben nicht fest genug gehalten haben mochte, aus der Hhe herab. Doch durch die Bewegung, welche eben vom Schiff gemacht ward, glaubte ich ihn gerettet; denn er fiel nicht ins Fahrzeug, sondern ins Meer. Unglcklicherweise aber befand sich da noch das Kanot, auf dem der Kapitn gekommen war. Der Matrose strzte hinein, durchbrach den Boden. Zwei andere Matrosen mit Seilen strzten sich ihm sogleich ins Wasser nach und brachten ihn endlich aufs Verdeck. Er war ohne Bewutsein und schien ganz zerschmettert. Ein Gegenwind, der jede Minute an Strke wuchs, machte die Ausfahrt vom New-Yorker Hafen schwierig. Der Kapitn frchtete die Untiefen, Sandbnke und Klippen, und lie umwenden. Wir kehrten in den Hafen zurck und warfen Anker. Unterdessen war der unglckliche Matrose wieder zu sich selbst gekommen. Er jammerte und schrie erbrmlich. Der Kapitn lie ihn auf einem Nachen zur Stadt und dann ins Hospital bringen. Ja, weil der Gegenwind nicht aufhrte, ging Hr.Naghel selbst in die Stadt, den bedauernswerthen Kranken zu versorgen und dessen Stelle durch einen andern zu ersetzen. Als er folgendes Morgens wieder aufs Schiff kam, vernahm ich, da der Matrose eine sehr bse Nacht gehabt habe. Der Kapitn meinte, das sei ein bles Vorzeichen fr unsere Reise. Der Name der schnen Desdemona deutete auch auf nichts Besseres. Aber das focht mich wenig an. Ich befand mich hier auf dem Paketboot weit bequemer, als auf dem Hyperion, mit dem ich nach Amerika gekommen war. Bei den besten Einrichtungen der Desdemona fr ihre Reisenden waren wir doch nur unserer zwei Reisende, um acht Zimmer mit zwei Betten einzunehmen. Dazu kam mir freilich die Jahreszeit zu statten. In jeder andern Zeit sind bei vierzig Personen an der ersten Tafel, fr die der unvernderliche Preis auf dreiig Louisd'or festgesetzt ist; so wie fnfzehn Louisd'or fr Reisende am zweiten Tisch, mit Wohnung im Zwischenverdeck; und sieben Louisd'or fr Tisch und Wohnung gemein mit den Matrosen. Die Bemannung der Desdemona bestand aus dem Kapitn, zwei Lieutenants, vierzehn Matrosen, zwei Stewards und einem Koch. Der Grund einer so zahlreichen Schiffsmannschaft, whrend nur zwei Reisende waren, lag ebenfalls wieder in der Jahreszeit, welche die reichste an Strmen zu sein pflegt. Das Schiff bedarf grerer Sorgfalt und die Reisenden scheuen sich, mit einem schlechtbemannten Fahrzeug zu gehen. Auch steht um solche Zeit die Prime der Schiffsversicherung, wegen mglicher Unflle in Orkanen, betrchtlich hher. Die diesmalige Ladung der Desdemona brigens bestand aus Kolonialwaaren, besonders Tabak. Die Paketboote haben ihren regelmigen Dienst zwischen Amerika und Europa, der von Jahr zu Jahr bestimmt wird. Zwischen New-York und Havre waren in jenem Jahr zwlf dergleichen Fahrzeuge thtig, nmlich: Cadmus, Eduard Quesnel, Lewis, Desdemona, Eduard Bonaffe, die Knigin Mab, Don Quixotte, Howard, Heinrich, Montano und Stephania. Der Herbst ist eigentlich fr Amerika die schne Jahreszeit. Die Amerikaner nennen ihn daher den _Indianer-Sommer_, oft auch nur den _Bltterfall_. In der That, bis zum 15.Nov. lachte ber uns herab der herrlichste Himmel; aber am 16.Nov., eben am Tag unserer Abreise von New-York, berzog er sich mit Gewlken; das Wetter wurde unangenehm und drohend. Wir gebrauchten vier Stunden, um aus dem Hafen zu kommen; muten beim Gegenwind uns langsam drehen und wenden, um Sandbnken und Klippen auszuweichen, und traten erst zu Mittag ins offene Meer. In den ersten paar Tagen war der Wind uns ziemlich gnstig und ertrglich; dann aber wuchs seine Gewalt; jeden Tag, jede Stunde kam ein anderer Sto und Luftstrom. Wir machten dabei viel Weg in kurzer Zeit, aber nicht auf die angenehmste Art. Das Meer gewhrte einen finstern, wilden, ghrenden Anblick mit seinen lrmenden Wogen. Das erste Unwetter, das wir zu bestehen hatten, kam uns aus Norden her, und daher also, rcksichtlich unserer Fahrt und Richtung, gar nicht ungelegen. Der Sturm dauerte zwlf Stunden. Alle Segel waren beigelegt, bis auf zwei, die man auch nur zur Hlfte ffnete. In einer Stunde flogen wir ber drei Wegstunden oder zehn Seemeilen. Mich unterhielt das Gewirr und Spiel der gewaltigen Wellen, wie sie sich, wei, wie Schnee, aufbumten in langen Reihen, und weite, dunkle Furchen zwischen sich lieen. Es waren bewegliche Gletscherketten durch finstere, lange Thler geschieden. Wenn das Schiff an einem Wasserberg aufstieg, dann und weit hastiger in ein Wellenthal niederfuhr und einer neu heranrauschenden, sich thrmenden Wassermasse mit mchtigem Sto begegnete, schien das erbitterte Meer wthend aufzufahren, um das gebrechliche Fahrzeug zu verschlucken. Es war ein prachtreiches, aber zugleich grausenhaftes Schauspiel. Der zweite Sturm erschien uns wenige Tage nachher, ebenfalls von Norden her; aber widerwrtig fr unsere Richtung. Er drngte uns volle zwei Grad sdwrts. Die Wogen kamen von der Seite, und schlugen so gewaltig gegen die Rippen des Schiffes, da sie des Nachts wie Kanonendonner andrhnten. Das Fahrzeug krachte jedesmal in allen Fugen, als brche es auseinander. Von Zeit zu Zeit fuhren die Wellen leckend ber das Verdeck hin. Der dritte und letzte Sturm -- sonst sollen nur der _guten_ Dinge drei sein -- berfiel uns auf der Hhe vom _Cap Finisterre_, am Eingang der Meerenge von Calais. Das was mehr als Sturm, es war Orkan. Der grimmige Ozean glich sich gar nicht mehr; hatte seine ganze Farbe verndert; sah schauderhaft grauschwarz aus. Ein schmutziges Grauschwarz bedeckte ber uns den Himmel, und ein falbes Wlkchen ffnete sich nur hin und wieder hell, um jene Grabesfarbe recht deutlich zu zeigen. Der Kapitn lie schnell alle Segel einziehen. Aber ehe man noch damit zu Ende war, fuhren, wie Blitze, Windste um Windste mit einer Macht daher, die Alles wegzureissen schienen. Der Wasserstaub hochaufsprudelnder Wogen wehte ber Verdeck und Bord. Das Schiff legte sich taumelnd bald auf die eine, bald auf die andere Seite. Der Kapitn konnte sich im Geheul und Gelrm der Wellen, dem Zischen und Pfeifen des Windes in Seilen, Tauen und Masten, den Matrosen durchaus nicht verstndlich machen. Er lief von einem zum andern, that endlich einen bsen Fall, verlor die Besinnung und mute in die Kajte getragen werden. Als er wieder einigermaen zu sich selbst gekommen war, nahm er die Charte und Magnetnadel. Ich trat zu ihm, als er mit dem Zirkel ma. Ich wagte nicht, ihm eine Frage zu thun, denn seine Unruhe malte sich zu deutlich im Gesicht. Gegen eilf Uhr Nachts meldete der Lieutenant, er habe Licht von den Leuchtthrmen an der Kste gesehen. Der Wind trieb uns gegen die Kste zu. Ich ging aufs Verdeck. Nacht, Graus, donnerndes Brllen der Elemente; unter uns, ber uns, um uns Alles Bewegung; Alles Aufruhr; nichts Festes mehr; Weltuntergang. -- Nun wute ich, was Orkan auf dem Meere sei; ich hatte sonst manchmal davon gelesen. Aber es war und blieb ein groes Schauspiel. Ich sah in diesen Augenblicken nur die grauenvolle Majestt der mir unbekannten Erscheinungen; die Furcht ums arme Leben plagte mich nicht, kam eigentlich erst hintennach, da sie gar nicht mehr nthig war. Mein Herz schlug ruhig. Meine Brust ward nur vom Erstaunen bewegt. Nach Mitternacht, um zwei Uhr, kamen wir der Kste schon so nahe, da ich ganz deutlich den rothen Laternenblitz der Leuchtthrme sah. Es donnerten fort und fort Wind und Wogen; die Menschen aber wurden stumm. Die Matrosen lieen sich nicht mehr hren. Menschliche Kunst und Kraft standen an den Grenzen ihres Gebiets. Rettung mute von der Hand des Weltenregierers erwartet werden. Eine hangende Lampe erhellte das Zimmer der Kajte mit bleichem, ungewissem Schein. Ich stand da beim Kapitn. Er erzhlte mir nun vom Schiffbruch des amerikanischen Paketboots, der _Paris_, Kapitn _Robinson_, das damals seine zweite Reise machte. Zu allem Ueberflu holte er noch die Abbildung von jenem unglcklichen und schnen Fahrzeug hervor, und zeigte mir sie. Merkwrdiger war mir die Aehnlichkeit aller Umstnde zwischen jenem Schiffe und dem unsrigen; man denke nur, dieselben Strme von nmlicher Seite her, und dieselben Ksten, wo es scheiterte. Ich hrte ihn ruhig erzhlen, als gingen uns diese Dinge nichts an. Wir sind in Gottes Gewalt und Liebe, ob ein Abendlftchen wollstig seufze oder ein Sturm brlle. Htte ich nur die Zaubermacht des Seemalers _Horaz Vernet_ gehabt; htte ich nur die gruelvolle Weltemprung um mich her, die sich aufbumenden Wassermassen, den zischenden Schaumschwall, die schwarzen Abgrnde dazwischen, Flug und Bewegung aller Dinge, die Umwandlung der schauerlichen Erscheinungen von Augenblick zu Augenblick malen knnen! Ich ging um drei Uhr wieder hinaus, die ungeheure Verwirrung der Dinge, der Auflsung eines Weltballs hnlich, zu schauen. Ich mochte mir nicht die Einbildung mit Erzhlungen von Noth und Jammer qulen lassen. Der Anblick der Natur in ihren schreckenvollen Werken ist erhabener, als jedes Bild der gemrterten Phantasie, und selbst die Gefahr vor dem Auge hat etwas Feierliches, Edles, was die Furcht, in der Vorstellung von ihr, nicht wiedergibt. Immer noch, als ich wieder in die Kajte zurckkam, stand der Kapitn mit Zirkel und Charte da und ma und rechnete. Nun erzhlte er mir wieder eine ganze Reihe von Schiffbrchen seiner zeitgenssischen Kapitne, seit ohngefhr fnfzig Jahren. Pltzlich unterbrach uns ein eigenes Geschrei der Matrosen. Des Kapitns Gesicht legte sich sogleich in zufriedenere Falten. Er ging und sagte: Jetzt nderts! -- Die zwei Worte thaten mir, nach der langen Historie von den gescheiterten Schiffen, herzlich wohl. Ich mchte es nicht lugnen. Ich ging hinaus, das Rufen und Schreien der Matrosen dauerte fort. Ich sah, man rollte die Segel auf. Jetzt vllig beruhigt, legte ich mich schlafen. Bei Tagesanbruch kam der Kapitn und sagte, wir wren in der Nhe von den Inseln Jersei und Guernesei. -- Ich wollte die Freude auch sehen, und sah im Wasser umher Trmmer von Schiffen. Wir erfuhren spterhin, es wren zwei Kstenfahrer untergegangen. Endlich und endlich Morgens zehn Uhr am 11.Dezember hatten wir einen Piloten am Bord, und Nachmittags um halb vier Uhr waren wir im Hafen von _Havre de Grace_. Was bleibt mir noch zu erzhlen? -- Ich war Weihnachten bei meinen Lieben in der lieben Heimath. Ich hatte Wort gehalten. Meine Reise ging wie ein Traum aus. That ich recht, auch Andern, wie meinen Lieben, davon zu erzhlen? -- Wahrlich, ich wei es nicht. Uebrigens kmmt die Frage nun hintennach zu spt. Ich htte sie voran thun sollen. Es trstet mich, da jeder das Recht hat, seine Ohren zu schlieen, der nicht zuhren mag. So bin ich auf jeden Fall Niemandem mit meiner Plauderei beschwerlich. -- Mein Besuch der neuen Welt hat mir hohen Genu gewhrt und freut mich in den Bildern der Erinnerung noch heut. Im Verlag von _Heinr. Rem. Sauerlnder_ in Aarau erscheinen folgende neue Schriften: Mein _Besuch Amerikas_ im Sommer 1824. 1 fl. 30 kr. -- 1 Thlr. _Erheiterungen_, herausgegeben von _H. Zschokke_ fr 1827. 8 fl. 15 kr. -- 4 Thlr. 20 gr. _Franz_, interessante Zge aus dem Jugendleben u.s.w. 1 fl. -- 16 gr. _Gtzinger_, deutsche Sprachlehre fr Schulen. 54 kr. -- 14 gr. Dessen praktische Aufgaben zur Einbung derselben. 36 kr. -- 10 gr. (Beide Abtheilungen zusammen bilden ein Ganzes, und kosten 1 fl. 30 kr. -- 1 Thlr.) _Hirzels_ franz. Grammatik. 4te Aufl. 54 kr. -- 14 gr. Dessen franz. Uebersetzungsbuch. 45 kr. -- 12 gr. Dessen franz. Schulwrterbuch. 1 fl. 36 kr. -- 22 gr. (Diese 3 Schulbcher kosten zusammen 3 fl. 15 kr. -- 2 Thlr.) _Lutz_, Beschreibung des Schweizerlandes. 3 Bnde. 2te Aufl. 6 fl. -- 4 Thlr. _Schweizerbote_, eine Wochenschrift fr 1827. netto 3 fl. 20 kr. -- 1 Thlr. 21 gr. _Stunden der Andacht_, 8 Bde. in groem Druck, 12te Aufl. auf Schreibp. 16 fl. 30 kr. -- 11 Thlr. -- -- auf wei Druckp. 11 fl. -- 7 Thlr. 8 gr. -- -- auf ord. Druckp. 8 fl. 15 kr. -- 5 Thlr. 12 gr. _Unterhaltungsbltter_ fr Welt- und Menschenkunde fr 1827. 12 fl. -- 8 Thlr. Druckfehler. Seite 18 Z. 1 u. 2 v. u. l. von Charl[e]stown nach Amsterdam, statt von Amsterdam nach Charl[e]stown. -- 21 Z. 10 l. Mittags, st. Mitternachts. -- -- Z. 1 v. u. l. Queen-Maab, st. Queen-Maal. -- 58 Z. 9 l. =the Maryland=, st. Lac Maryland. -- 59 Z. 1 l. =sweah patatoes=[sic], st. Sweat-Patators. -- 61 Z. 1 v. u. l. 12,508,000 Einwohner, st. fnfzehn Millionen [Seelen]. -- 71 Z. 1 v. u. l. Brighton, st. Bigbone. [Anm.: Namen hier vertauscht] -- 78 Z. 12 l. Rariton, st. Bariton. -- 113 Z. 10 l. Mohawkfluß«, st. Mohanokflu. -- 119 Z. 11 l. Manlieus, st. Mansieu. -- -- Z. 20 l. Skenektedes, st. Kenektedes. -- 132 Z. 9 l. Blackrock, st. Blakwek. -- 176 Z. 10 v. u. l. Athens, st. Athen. -- 180 Z. 15 l. Scioto-Strom, st. Scioko-Strom. -- 193 Z. 14 l. Flatboat, st. Flazboat. [und Z. 5 v. u.] -- 194 Z. 17 l. Morero, st. Morin. -- 202 Z. 11 l. aus dem Neuenburgerlande, st. aus dem Waatlande. -- 202 Z. 15 l. Guinand, st. Guinaud. -- 204 Z. 3 v. u. und Seite 205 [Z. 6] v. o. l. Sugarcreek, st. Sugaroreak. -- 212 Z. 7 l. Turkycreek, st. Turbynek. -- 221 Z. 18 l. =Help your self=, st. =Help you self=. -- 228 Z. 7 l. Potalia, st. Potalin. -- 230 Z. 13 l. =wonderfull=, st. =wondertull=. -- 238 Z. 10 l. Laurel-Hill, st. Samuel-Hill. Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben. Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Bai" -- "Bay", "Cajte" -- "Kajte", "Delavare" -- "Delaware", "Feste" (Festung) -- "Veste", "Getraide" -- "Getreide", "gibt" -- "giebt", "hieher" -- "hierher", "Kapitain" -- "Kapitn", "New York" -- "New-York" -- "Newyork", "ohngefhr" -- "ungefhr", "Partei" -- "Parthei", "Tamoak" -- "Tomoak", "Utica" -- "Utika", mit folgenden Ausnahmen, Seite 7: "hiel-" gendert in "hielten" (Einige von den Pfiffigsten hielten mich offenbar) Seite 12: "Groe" gendert in "Gre" (Kisten von aller Form und Gre, Waarenballen) Seite 12: "Wassenbecken" gendert in "Wasserbecken" (Das groe Wasserbecken war geschlossen) Seite 15: "Schiffkapitn" gendert in "Schiffskapitn" (mit dem Schiffskapitn, einem Amerikaner) Seite 20: "nnd" gendert in "und" (prellenden und schnellenden Wirthen) Seite 29: "Gemuth" gendert in "Gemth" (da sie aus reinem, frommem Gemth hervorging) Seite 47: "Meranville" gendert in "Moranville" (wegen dem Tode eines Herrn _Moranville_ gehalten) Seite 56: "Vortrgen" gendert in "Vertrgen" (wurden von den eingegangenen Vertrgen frei gemacht) Seite 60: "Slops" gendert in "Sloops" (Eine Menge Schiffe, Sloops und anderer Fahrzeuge begegneten uns) Seite 72: Halbsatz ganz gestrichen, weil auf Seite 73 doppelt vorhanden (_New-York_ bei damals etwa 120,000 Einw. dreiundfnfzig Kirchen;) Seite 80: "Bariton-Ufer" gendert in "Rariton-Ufer" entspr. Druckfehler-Verzeichnis (Nachdem wir noch am linken Rariton-Ufer) Seite 84: "Governor-Ellis" gendert in "Governor-, Ellis-" (Governor-, Ellis- und Gill-Island, worauf Vesten zur Vertheidigung) Seite 100: "Bariton" gendert in "Rariton" entspr. Druckfehler-Verzeichnis (wohnte auf einem Landgut am Ufer des Rariton) Seite 103: "Champlansee" gendert in "Champlainsee" (den Hudson hinauf durch den Georgs- und Champlainsee) Seite 104: "Orange-Towa" gendert in "Orange-Town" (am Stdtchen _Orange-Town_, dreizehn Stunden von Newyork) Seite 108: "Skenestady" gendert in "Skenectady" (nahm einen Reisewagen, bernachtete in Skenectady) Seite 112: "Skenetady" gendert in "Skenectady" (In _Skenectady_, wo ich einen Preussen) Seite 114/115: "Whisby" gendert in "Whisky" (9094 Gallonen Whisky) Seite 114/115: "Bret-" gendert in "Brett-" (Brett- und Zimmerholz) Seite 125: "Alleghanij" gendert in "Alleghany" (von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind) Seite 138: "ugten" gendert in "sugten" (zwei andere sugten ihre Kinder) Seite 139/140: "Whisk" gendert in "Whisky" (ihrem Whisky (oder Meth)) Seite 145: "Irokosen" gendert in "Irokesen" (sonst allein vom Geheul der Irokesen) Seite 146: "an- ansiedeln" gendert in "ansiedeln" (Wer sich da ansiedeln will, ist gehalten) Seite 152: "Nu-Orleans" gendert in "Neu-Orleans" (Von Neu-Orleans, den Missisippi und Ohio herauf) Seite 155/156: "fahrt" gendert in "fhrt" (kein Dampfboot, wegen zu niedrigen Wasserstandes, fhrt) Seite 157: "insgsammt" gendert in "insgesammt" (insgesammt stammten sie frisch aus Deutschland, England) Seite 172: "Millonen" gendert in "Millionen" (ein Jahr ins andere sechs bis sieben Millionen Dollars abwirft) Seite 173: "Schazkammersekretair" gendert in "Schatzkammersekretair" (der Schatzkammersekretair hat jhrlich nur) Seite 175: "Nachbaren" gendert in "Nachbarn" (von einem der christlichen Nachbarn ganz unerwartet) Seite 183: "pielt" gendert in "spielt" (auf welcher Herr Dorfeuil meisterhaft spielt) Seite 185: "Cicinnati" gendert in "Cincinnati" (Wir waren Mittags von Cincinnati abgefahren) Seite 193: "Fluaufwarts" gendert in "Fluaufwrts" (Fluaufwrts wird es nie wieder gebracht) Seite 210: "." eingefgt (immer waren die Negerinnen schuld.) Seite 211: "Irrlnder" gendert in "Irlnder" (Ueber meinen Irlnder hatte ich, soviel mich betraf) Seite 212: "Portsmuth" gendert in "Portsmouth" (noch vierzehn Wegstunden bis _Portsmouth_ zurckzulegen) License: Share Alike