Produced by Constanze Hofmann and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Am Glck vorbei Roman von Clara Sudermann [Illustration] Peter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schneberg Alle Rechte einschlielich bersetzung, Dramatisierung und Verfilmung vorbehalten Erschienen in der Wiener Mode unter dem Titel Die Siegerin Copyright 1920 by Dr. P. Langenscheidt, Berlin Druck von Hallberg & Bchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig. Der Oberfrster Hagedorn war von einer mehrtgigen Inspektionsfahrt durch Wlder, die er aueramtlich verwaltete, heimgekommen und hatte es sich in seinem Zimmer, dem eigentlichen Wohnzimmer der Familie bequem gemacht. ber dem groen Rundtisch mit seiner grauen Marmorplatte brannte die Hngelampe, der altmodische Messing-Teekessel summte, und der Kaffee, den Frulein Perl, des Hauses getreue Hterin, zu brhen begonnen hatte, duftete. Die Windste, die gegen die Holzlden drhnten, der Regen, der klatschend auf die Fensterbleche fiel, und das Brausen der Waldbume jenseits des Weges machten es drinnen noch behaglicher. Der Oberfrster, seine Tochter Maggie und Frulein Perl tranken ihren Kaffee in vollem Verstndnis dieser Wohlgeborgenheit und strten nur hier und da durch ein Wort die gemtliche Stille. Der Oberfrster lag mde und breit in seinem Grovaterstuhl. Sein verwittertes Gesicht mit den kleinen grauen Luchsaugen war eitel Behagen, und der Teckel Max, der sich auf seinem Scho zusammengerollt hatte, machte sich die gute Laune seines Herrn zunutze. Er wurde freundschaftlich geknufft und gestreichelt. Sein Zwillingsbruder Moritz hatte es nicht so gut. Maggie, in einem niedrigen Schaukelstuhl lehnend, hob ihn an den Fen auf, zauste ihn an den Ohren, kte ihn auf die Schnauze, kniff ihn in den Schwanz, wie es ihr in dem faulenzenden Schweigen gerade einfiel. Komm mal her, Gretel! rief dann der Vater hinber. Heut' spendier ich mir eine von den Festzigarren und dir eine Zigarette, na? Maggie sprang auf. Sie war mittelgro, voll und geschmeidig, hatte ein warmgetntes, klares Gesicht mit groen, grauen Augen und eine Flle dunkel aschblonden Haares. Der Vater sah sie wohlgefllig an und nickte mehrmals in Gedanken. Maggie lachte hell. Wen hast du denn wieder fr mich aufgestbert, Papa? fragte sie bermtig. Wie ist er denn? Klug -- dumm, hbsch -- hlich? Natrlich reich, -- aber wo? Der Oberfrster machte ein verdrieliches Gesicht und sah nach Frulein Perl, die schon ihr Strickzeug vorgenommen hatte. Aber Maggie! Wie kannst du nur ... sagte diese wie auf Stichwort. Maggie hantierte mit kurzen und energischen Bewegungen am Pfeifentisch herum, brachte die Zigarre, steckte sie an, nahm sich eine Zigarette und rckte mit ihrem Schemel zu dem Vater. Du weit ja schon lange, da ich dir ber den Kopf gewachsen bin, Papachen! sagte sie. Also keine Feindschaft, und erzhle ... Warum machen wir uns heute einen Feiertag mit Rauchorgien und unserem liebenswrdigsten Gesicht, warum mustern wir unsere hliche Zweite, als ob sie die schne lteste wre, -- warum? Na, mein Dchting, das war man so ... Aber was Nettes ist mir wirklich passiert. Also in Graventhin treffe ich wen? Ausgerechnet den Seckersdorf. Ah ... Die beiden Frauen riefen es erstaunt. Dann fragten sie gespannt durcheinander: Also wirklich, Seckersdorf? Wollte der hierbleiben, wollte er Tromitten selbst bernehmen? Wie sah er in Zivil aus? War er noch ebenso still und ungeschickt? Merkte man ihm seinen knftigen Reichtum an? Hatte er Gertrud erwhnt? Still! Still! Still ... rief der Oberfrster in das Gefrage. Er ist ein netter anstndiger Kerl, scheint was gelernt zu haben. Ob er hierbleibt, ist noch unbestimmt. Jedenfalls will er aufforsten lassen und hat mich gebeten, die Geschichte zu machen. Das wirft was ab. Und brauchen knnen wir ja so einen Extrazuschu immer! Maggie sah nachdenklich in die Lampe. Wenn sie so still sa, nahm ihr Gesicht einen Ausdruck kluger, kalter Hrte an, der zu den weichen, rosigen, an das Flmische erinnernden Formen einen aufflligen Gegensatz bildete. Er kommt also wohl her? fragte sie. Das htte einer ahnen sollen, damals, als ihr so emprt auf ihn und die arme Gertrud wart. Was fr ein grliches Pech haben doch die Leutchen gehabt! Wenn man denkt, da er ein halbes Jahr nach Gertruds Hochzeit der Erbe eines steinreichen Mannes wurde. Werden soll, Maggie! verbesserte Frulein Perl. Mit der Trude ging's doch nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zulage. Und ... Ich nicht die Kaution! fiel der Oberfrster kurz ein. Und der Laukischker wollt' das Kind durchaus haben. Das war denn doch eine andere Partie, als so 'n Infanterieleutnant, wenn schlielich auch der Onkel vielleicht das Notwendigste hergegeben htte. So? fragte Maggie aufhorchend. Ich denke, es hie damals, der Onkel wre auf nichts eingegangen, als du ihm die Vorschlge machtest. Ach! Der Oberfrster zuckte mit den schiefen, grauen Brauen, ein Zeichen, da ihm nicht behaglich war. Was weit du! Du warst ja noch ein halbes Kind! Die Gertrud hat's verstndig aufgefat und braucht's nicht zu bereuen. Der Kurowski ist gerade nicht mein Schwarm, aber das Kind hat's doch wie eine Frstin. Die beiden Frauen sahen sich schweigend an. Oder findet ihr etwa nicht? rief der Oberfrster heftig. Ruhig, Papachen! sagte Maggie und legte ihre weiche Hand auf seine knochige. Wenn nicht, wir knnen's nicht ndern. Aber alles in allem, der Seckersdorf wr' mir schon lieber als Schwager, besonders jetzt, wo er so reich ist. Der Oberfrster lachte. Wenn du nur ein bichen Grips hast, Mdel, und nicht blo immer die groe Schnauze ... mach du dich doch dran. Zeit ist's. Vierundzwanzig ist eine ganz schne Zahl fr ein Mdchen. Recht hast du, stimmte ihm Maggie nachdenklich zu. Wollen uns die Sache mal berlegen. Wenn er kommt, spiel' ich ihm die zweite Auflage Gertrud vor. Was mir an Schnheit fehlt, geb' ich an Sanftmut zu, und die Geschichte wird sich schon machen. Der Oberfrster sah sie mitrauisch und unzufrieden an. Du bleibst ja doch sitzen, mit all deiner Klugheit, sagte er. Mit der Gertrud war es anders. Da kam dieser und jener. brigens ist der Seckersdorf in Waldlack mit Kurowskis zusammen gewesen. Er erzhlte das so nebenbei, sagte, die Trude sieht elend aus. Wenn ich mich blo besser mit dem Kerl, dem Kurowski stellen knnte! Man ist ja wie abgeschnitten von dem Kind. Jeder Fremde wei mehr. Er streichelte sorgenvoll das dicke Wellenhaar seiner Zweiten. Das wird schon alles besser werden, Papa, trstete das Mdchen. Wollen uns darber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Erzhle lieber, wie war's sonst in Graventhin? Wieder groartiges Diner? Und schlecht serviert? Der Oberfrster erzhlte von den Erlebnissen der drei Tage. Er bestellte Gre, meldete Nachbarbesuche an und berichtete ein bichen Klatsch. In Waldlack war wieder gejeut worden, zwanzig Mark der Point. Der Althfer hielt sich immer noch, hatte neulich wieder ein groes Sektfrhstck gegeben. Wie war's nur mglich, da die Leute da noch frhlich mitzechten? Maggie warf ein, das wre das Klgste, was sie tun knnten, sie wnschte nur, es kme noch zu einem einzigen Ball da, vor dem Zusammenbruch, denn so nett wre es nirgends. Und so ging das Gesprch weiter. Der Regen strmte heftiger, der Wind heulte. Frulein Perl strickte, Hagedorn und seine Tochter rauchten und spielten mit den Hunden. Da knirschte drauen auf dem Kiesweg ein Wagen. Die beiden Teckel hoben die Kpfe. Der Oberfrster sprang auf. Kinder ... Besuch! Bei diesem Wetter! Und ich in Pantoffeln. Empfangt ihr! Aber ehe er noch das Zimmer verlassen konnte, zugleich mit dem Mdchen, das die Tr ffnete, drngten sich zwei blondkpfige Jungen herein, strmten auf ihn los und hngten sich an ihn. Gropapa! Gropapa! Da sind wir. Tante Maggie ... Perlchen! Der Oberfrster hob einen nach dem andern verdutzt in die Hhe. Wo kommt ihr denn her, Jungens, und allein? Sie konnten die Antwort schuldig bleiben und die winselnden Teckel begren, denn ihre Mutter, Gertrud von Kurowski, kam langsam herein. Gertrud ... Du? Das ist ja himmlisch! Trude ... in diesem Wetter! Die beiden Schwestern lagen einander in den Armen. Die ltere prete ihren Kopf fest gegen den Hals der jngeren. Dann kte sie den Vater und Frulein Perl. Alle drei standen um sie und sahen sie erwartungsvoll an. Sie kam selten nach Hause, seit ihr Vater und ihr Mann einen groen Streit gehabt hatten und einander nicht mehr besuchten. Monatelang war sie nicht da gewesen. Jetzt stand sie still und mit gesenktem Kopfe da. Sie war sehr schlank, einen halben Kopf grer als die Schwester. Aus einem sehr regelmigen schnen Gesichte sahen graue, sanfte Augen schchtern und traurig um sich. Der Kopf trug einen dicken Knoten schimmernden, weiblonden Haares. Ein Hauch der scheuen Vornehmheit, die sich in die Formen uerster Einfachheit zu hllen liebt, ging von ihr aus. Ihr dunkelblaues Tuchkleid schlo knapp an den schlanken, schnen Krper und knisterte, wenn sie sich bewegte. Wie bla du bist, Gertrud! Ist etwas geschehen? Sie nickte. Bringt die Kinder fort, ja? Ich habe euch viel zu sagen. Frulein Perl fhrte die Jungen in das Ezimmer. Der Oberfrster war rot geworden. Seine Blicke suchten unruhig die Tochter. Hoffentlich kommst du mir nicht ... Gertrud machte eine kleine Bewegung mit der Hand, und er war still, musterte sie aber mit mitrauisch finsteren Augen. Maggie nahm ihre herabhngende Hand und kte sie. Ja, Papa! sagte Gertrud. Du mut mich mit den Kindern schon bei dir behalten. Kurt hat mich fortgejagt. Er hat das schon oft getan, aber diesmal hab' ich ihn beim Wort genommen. Ich kann nicht mehr bei ihm bleiben. So ... du kannst nicht mehr bei ihm bleiben? Und weshalb denn nicht? Hat wohl eine von deinen horrenden Schneiderrechnungen nicht gleich bezahlen wollen? Oder kein Fuhrwerk gegeben, oder so eine hnliche Untat begangen? Nein, mein Kind, ich bin dem Kurowski wei Gott nicht grn. Aber da meine Tochter ihm so einfach von Haus und Hof luft, sagt: Ich kann nicht bei ihm bleiben ... das gibt's bei mir nicht! Er lief hin und her. Was war denn los? polterte er endlich und blieb vor ihr stehen. Sie weinte. Heul' nicht ... erzhl'! sagte er ungeduldig. Da nahm Maggie sie in die Arme. Wenn unsere Trude so ankommt wie jetzt, dann mu was Groes passiert sein. Qule sie nicht, Papa. Meine arme, arme Trude! Sie streichelte das zarte Gesicht und setzte die Schwester in den Lehnstuhl. Sieh sie doch an. Ist das denn menschenmglich? Bist du krank? Was hat er dir getan, Liebling? Nein, sag' nichts, das bekommen wir schon allmhlich heraus, lehne dich an und weine -- weine, das wird dir gut tun. Die junge Frau legte gehorsam den Kopf an die Lehne und machte die langbewimperten Augen zu. Ein leises schauerndes Zucken hob ihre Schultern. Lat mich hierbleiben ... lat mich hierbleiben. Papa, ich bin doch deine lteste ... du hast mich doch lieb ... la mich hierbleiben! Der Oberfrster schlrfte herum. Dann waren alle still. Der Wind heulte wie vorhin, die Lampe summte, und im Nebenzimmer jauchzten die Knaben und klfften die Hunde. Was hat er dir getan? fragte der Vater und legte seine groe Hand auf das kleine weiblonde Kpfchen der Tochter. Die richtete sich auf und schmiegte sich in seinen Arm. Von Tag zu Tag ist es schlimmer geworden. Ich habe geduldig stillgehalten. Zuletzt dachte ich auch, ich wre so schlecht, so hlich und so untauglich, wie er immer sagt, und da wr' nun nichts mehr zu ndern. Ich habe fast kein Wort mehr sprechen knnen, aber fortgelaufen wre ich doch nicht. Ich wei ja ... die Kinder ... und der Skandal! Aber gestern abend hat er mir vorgeworfen, da ich ihn schamlos betrogen habe und ihn von neuem betrgen wollte. Da hab' ich mir's ber Nacht berlegt, habe die Kinder genommen und bin nach der Station, nach Winge gegangen. Drei Stunden! In diesem Wetter! fluchte der Oberfrster. Die Jungen sind abgehrtet und gut zu Fu. Dann, in Friesstein, fand ich Fuhrwerk hierher. Maggie sah finster und tiefatmend auf die Schwester. Der Oberfrster schttelte sich. Er konnte nicht lange unbehagliche Dinge tragen. Er schob sie einfach von sich. Wir sprechen morgen mehr darber! sagte er. Die Sache werd' ich wieder einrenken. Dir soll dein gutes Recht werden, darauf verla dich. Vorlufig nehm' ich an, da du deinen alten Vater auf ein paar Tage ... Gertrud richtete sich angstvoll auf. Maggie setzte sich zu ihr auf die Seitenlehne des Sessels und legte den Arm um ihre Schultern. ... ein paar Tage, sag' ich, fuhr der Alte fort, besuchst, wie sich's gehrt. Und dann werden wir weiter sehen. Wei er, da du hier bist? Ich habe einen Brief zurckgelassen. Na, da haben wir also zu erwarten, da er mit Trara hier anrckt und dich und die Jungens zurckholt. Glaub' das nicht, sagte Gertrud. Er wird froh sein, da er allein bleibt ... Vorlufig ... bis ... Donnerwetter! murrte der Oberfrster. Maggie sprhte vor Emprung ber den Widerstand des Vaters. Na, sagte der dann einlenkend, wir werden sehen. Reg' dich jetzt nicht auf. Und nun ... Jungens, herein! * * * * * Die Knaben, an die Frulein Perl gromtterliche Ansprche machte, lagen in den ehemaligen Kinderbettchen von Mutter und Tante und konnten vor Jubel und Aufregung nicht einschlafen. Gertrud und Maggie, die nach gequltem, unpersnlichem Gesprche sich nun endlich zur Ruhe begeben wollten, kamen noch einmal zu ihnen. Die Mutter kte sie leidenschaftlich und fing bitterlich an zu weinen. Maggie zog sie fort. Nicht doch, Trude, Alte! Auf Kindergesichter sollen keine Trnen fallen. Komm, wir sind ja jetzt fr uns, da kannst du dich hbsch ausklagen. Sie traten in die gerumige Balkonstube, die sie schon vor Jahren gemeinsam bewohnt hatten. Gertruds altes Bett war in derselben Ecke, in der es frher gestanden hatte, fr sie hergerichtet. Etwas erstaunt sah die junge Frau sich um und hrte auf zu weinen. Du, was hast du mit unserer hbschen Stube gemacht? fragte sie. Den Plunder hinausgeworfen, sagte Maggie vergngt. Die Kattungardinen und Mullvorhnge, die Makartstrue, na alles. Nur die Puffs hier, dein glnzender Einfall, die hchst eigenhndig gepolsterten Bierfchen, die sind noch da, folgen aber auch, sobald ich was Besseres habe. Dafr ist dieser famose alte Schrank zugekommen, da der Stuhl, echt Empire, und an deinem Bette der Gobelin. Hbsch, was? Nein, sagte Gertrud energisch. Frher war's ein hbsches, luftiges Nestchen mit all dem unschuldigen Mdchenausputz; jetzt kommt es mir wie eine leere Trdelbude vor. Wo ist der Toilettentisch? Alles weg. Als ich -- wann war's doch? -- Februar oder Mrz zuletzt bei euch war und deine neue, wundervolle Schlafzimmereinrichtung sah -- sie ist einfach herrlich, wie berhaupt alles in Laukischken, ich wei gar nicht, wie du es hier aushalten wirst -- ja, also, wie ich da nach Hause kam und hier den Firlefanz vorfand, hab' ich vor Wut geweint, und alles Billige und Unechte abgerissen. Gertrud sah sie aus groen Augen an. Neidisch, Maggie? fragte sie. Lieber Gott! Neidisch auf dich, Trude? Nein. Aber, da man so was haben kann, und da ich es nicht habe, das rgert mich. Und bis ich so weit bin, will ich lieber kahl und einfach hausen. Gertrud schttelte den Kopf. Du, sagte Maggie lebhaft, unterschtze das nicht, was du so leicht aufgeben willst. Es hngt mehr daran, als man glaubt. Sieh mal, ich wette, du vermissest schon deine Jungfer, kannst dir die Taille nicht aufmachen, die Stiefel nicht ausziehen und wei Gott, was noch alles. Ich werde das alles ganz leicht wieder lernen, sagte Gertrud bittend. Und heute hilfst du mir ja doch ein bichen, nicht wahr? Maggie umarmte sie strmisch und stand ihr mit zitternden Hnden bei. Als sie das prachtvolle Haar lste, das weischimmernd ber die Stuhllehne fiel, legte sie das Gesicht hinein und fing an zu weinen. Und Gertrud drehte sich um und weinte krampfhaft mit. Und dann setzten sie sich auf eines der schmalen Mdchenbetten und hielten sich umschlungen, nannten sich mit den alten Kinderstuben-Kosenamen und sagten, nun wre es wie frher. Dann fuhr Maggie auf. Der Schuft, der Schuft! Was hat er aus dir gemacht? Wo ist deine goldige, himmlische Schnheit hin? Du hast ja Falten ... da ... und da ... und grau und mager bist du geworden ... und doch erst achtundzwanzig Jahre! Gertrud lchelte traurig. Das ist ja sein rger auch bestndig, da ich so hlich werde, sagte sie. Mir ist's gleichgltig; das heit, nein -- Sie weinte wieder bitterlich. Ach, du bist ja doch noch immer die Schnste von allen, trstete Maggie. Und dir fehlt ja nichts als ein bichen Glck, meine arme, arme Trude. Was machen wir nur? Sprich dich aus, wenn du magst, mein liebes Herz. Doch Gertrud konnte nicht gut von sich reden. Wenn sie ihren Mann verklagt hatte, schwchte sie die Anklage gleich ab. Sie erschrak, wenn sie ein hartes Wort aussprach, und suchte nach einem milderen Ausdruck, wenn sie etwas gar zu schroff genannt hatte. Aber in diesen rhrend abgebrochenen Stzen lag ihre ganze Geschichte. Maggie sah dabei frmlich den Schwager mit seinem spttischen Lebemannsgesicht, hrte seine grausamen Worte, gegen die das arme, zarte Weib da wehrlos war. Sie zitterte mit der hilflosen Schwester unter den seidenen Decken, wenn sie im Geiste ihn sich vorstellte, wie er hei und angetrunken in das Schlafzimmer trat, und sie schrie auf, als Gertrud etwas von Gewalt murmelte. Geschlagen? ... Dich? Nein. Aber wenn ich nicht immer still gewesen wre ... Trude, weshalb bist du nicht lngst fortgelaufen? Sie schwieg. Sie zog frierend die Spitzen ihres Pudermantels fester um die Schultern und sah mit ihren groen, traurigen Augen so hilflos um sich, da Maggies Herz vor Trauer und Emprung schwoll. Komm zu Bett, sagte sie. Du bist kalt. Ich bleibe bei dir sitzen und nehme deine Hand, mein armes Kind. Weit du, wie du frher tatst, wenn ich Spukgeschichten gelesen hatte und nicht einschlafen konnte. Komm ... komm. Und sie zog die Schwester aus und brachte sie mit mtterlicher Sorgfalt zu Bette. Gertrud lie sich alles gefallen und sagte, das tte gut. Wenn sie nur bleiben drfte! Bei Maggie wre ihr wohl, da htte sie keine Angst. Maggie dehnte den prachtvollen, ppig schlanken Leib. Es sollte auch mal einer wagen, dir zu nahe zu kommen. Fr dich setze ich alles ein, was ich brig behalte, wenn ich fr mich gesorgt habe. Gertrud richtete sich auf und sah sie fragend an. Warum sagst du so was? Weil es wahr ist, Trude. Ich kann nun mal nicht anders. Ich mu immer zuerst an mich denken, und was fr mich am bequemsten und besten wre. Aber dann kommst du, Liebling. Du bist das einzige, was ich ganz liebhabe. Von Kindheit an. Vielleicht, weil du so anders bist. So zerbrechlich und so schn und gut. Ach, Maggie, ich bin nichts, als zuviel auf der Welt, weinte die junge Frau. Maggie lschte die Lampe und setzte sich zu ihr. Nun wollen wir mal vernnftig reden, Kind! sagte sie. Sei still, erzhle mir nur, wie das denn nun so mit einem Male zum Klappen gekommen ist. Aus dem Schluchzen und den unverstndlichen Worten klang ein Name voll heraus: Seckersdorf. Maggie fuhr zusammen. Hast du ihn noch immer lieb? fragte sie leise. Gott bewahre! Nein, nein, nein! sagte Gertrud heftig. Aber wir trafen neulich in Waldlack zusammen. Ich hatte keine Ahnung, da er hier ist. Und wir saen bei Tisch zusammen. Und da hat er dir den Hof gemacht? Ach, nein. Wir haben uns nur angesehen. Aber, Maggie, das Herz wurde mir ganz schwer. Die lieben, stillen, blauen Augen. So vorwurfsvoll und traurig. Und was sagte er? Wir haben nur wenig gesprochen, aber Kurt behauptete nachher, ich htte mich lcherlich gemacht, und jeder Mensch htte sehen knnen, da ich mich betragen habe, wie eine ... eine ... Ich habe ihn ja vielleicht auch liebevoll angesehen. Aber wahrhaftig nicht absichtlich. Ich mchte lieber tot sein, als das tun. Und Kurt machte dir zu Hause eine Szene? Oh, er war malos. Ich kann all die Beschimpfungen gar nicht wiederholen. Und er jagte mich fort. Ach, Maggie, du hast ja keine Ahnung, wie furchtbar es ist, verheiratet zu sein. Doch, doch! sagte Maggie. Ich kann dir sagen, wenn man nicht alt wrde, oder sehr reich wre und leben knnte, wie man wollte, ich wre die Letzte, die ans Heiraten dchte. brigens mit deinem liebenswrdigen Manne mcht' ich doch noch besser fertig werden als du, mein armes Kind. Hast du dir das denn auch stillschweigend gefallen lassen? Nein! sagte Gertrud. Es war zu viel. Ich hatte auch etwas mehr Mut. Weit du, es ist ja Unsinn und auch unrecht; aber ich hatte nicht so grliche Angst, weil ich wei, da 'er' wieder da ist. Und wie die Qulereien nun fortgingen, da ... Ein langes Schweigen entstand. Maggie ergnzte sich alles, was die Schwester stockend verschwieg. Sie dachte auch an die Zeit zurck, in der Gertrud hier Nacht fr Nacht geweint und ihr auf ihre kecken Fragen zugegeben hatte, da sie sich vor ihrem Brutigam frchte, da sie am liebsten vor der Hochzeit sterben mchte. Ihr, mit ihren sechzehn Jahren, war das beraus interessant vorgekommen, aber schlielich selbstverstndlich. Die unglckliche Liebe zu dem blonden Leutnant Seckersdorf, von der im Hause viel die Rede war, hatte die schne Schwester mit ganz besonderem Glanze umkleidet. Da dann nichts daraus wurde, da der reiche, verwhnte, vornehme Laukischker Kurowski kam und Gertrud ihn unter tausend Trnen nahm, das hatte ihrem Backfischverstand sehr gut gefallen, und wenn sie spter dann die Schwester gesehen, von Luxus umgeben, dann war das eben alles ein Stck des Romans gewesen, den sie sich zurechtgebaut hatte, in dem die schne, weihaarige Gertrud und ihr brnetter, kraftvoller Mann allen Wnschen jungmdchenhafter Romantik entsprachen. Wie lange machte sie sich nun schon keine Illusionen mehr ber die wirkliche Lage der Dinge! Wie lange wute sie, da Gertrud tief unglcklich, da ihr Leben ein verfehltes war, da man eine Snde begangen, als man sie in diese Ehe mit dem rden Kurowski hineingeredet hatte. Aber wie war dieses Hineinreden mglich gewesen? Sie selbst, das wute sie, wrde nicht einen Augenblick zwischen dem reichen Kurowski und dem damals armen Leutnant Seckersdorf geschwankt haben; denn ber alles Gernhaben hinaus wrde sie immer zu allererst nach einer Stellung streben. Aber Gertrud, die ehrliche, weiche, liebebedrftige Gertrud, die niemals rechnete, wie hatte die sich durch ueren Glanz bestechen lassen knnen? Trude, weshalb hast du ihn nur genommen? Du hattest Seckersdorf doch lieb! fragte sie nach dem langen Schweigen. Gertrud legte den Kopf auf ihren Scho. Ach liebes Kind, das kam alles so schnell. Und Hans selbst gab mich auf. Da wollte ich ihm zeigen ... Aber das sind alte, alte Geschichten. Wir armen Frauen lernen die Wirklichkeit ja erst kennen, wenn wir heiraten. Maggie schttelte den Kopf und streichelte die Haare der Schwester. Sie kannte die Wirklichkeit, auch ohne viel erlebt zu haben, sie wute, sie htte sich mit dem allen sicherlich anders abgefunden. Sage mal, Gertrud, die Frage scho ihr durch den Kopf, wute eigentlich Kurt von der Sache mit Seckersdorf? Natrlich. Schon ehe wir uns verlobten. Ich glaube brigens, da alle Welt es wute. Und dann, in den ersten Tagen nach unserer Hochzeit, dachte ich, ich wre es ihm schuldig, alles, alles zu beichten, jede Begegnung, jedes Wort, das ich je mit Hans ... mit Seckersdorf gesprochen hatte. O weh, o weh! sagte Maggie. Das htt' ich schon nie getan. Was wird der sich daraus zurechtgemacht haben? Ach, nein, sagte Gertrud. Er wei ja, da ich aufrichtig bin. So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir einmal alles, was du ihm erzhlt hast, ich meine, was du zu erzhlen hattest. Ich mchte dir gern helfen, aber dann mu ich auch wissen, wie das mit Seckersdorf kam, -- wie ihr auseinandergingt. Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn abgespielt hatte, so harmlos, da sie banal gewesen wre, ohne Gertrud als Heldin. Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden Jugendschnheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte. Vollendet in den regelmig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der fast berirdisch schien, und dazu das ppige, weiblonde Haar, das seinesgleichen in der Welt nicht fand. Der Welt! Maggie mute lcheln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vorber. Gutsbesitzer, Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt -- jung, zum Verwechseln gleich. Was kmmerte sie das jetzt? Aber in Gertruds Erzhlung wurde der ganze Zauber der Mdchenzeit lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und leise Hndedrcke. Hier und da ein kleines Miverstndnis, sehr ernst geweinte Trnen, Vershnung in einer Kotillontour. Und Glckseligkeit und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls. In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben, der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden Shne adoptiert und mit Reichtum berschttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende aller Verhandlungen -- das Ende ihres Glckes. In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte Laukischken gekauft. Du weit ja, wie er von Anfang an war! sagte Gertrud seufzend. berall hat er gesagt, er msse mich bekommen, und Hans mute still dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann wuten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb fr ewig!' So ber den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen sa, und hrte kaum auf seine bertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zurck. Aber es war schon zu spt. Kurt hielt um mich an. Das weit du ja alles, wie ich 'nein' sagte, und Papa und die Perl auer sich waren und qulten und qulten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, weit du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja keine Ahnung, da er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich breitete ihm schon meine entgegen. Da schttelte er den Kopf und sagte: 'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort zurckzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu lsen, wenn je eine bestand.' Ich war wie versteinert. 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die Verhltnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken. Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und ihr alle kamt herein! Weit du's noch? Alles, Alles! sagte Maggie. Man, oder gut deutsch gesagt, Papa, erzhlte uns, da Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch einen Namen. Und es wunderte sich keiner darber. Ich wei noch, da Kurowski bei seinem nchsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ... und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und da ein halbes Jahr spter Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling! Nein, nein, sagte Gertrud. Das ist ja alles lang berwunden, mu es ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und, Maggie, wenn ich's mir berlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich selbst nicht. Ich habe das alles ja von dir herausgelockt, trstete Maggie. Weit du was? Wir wollen jetzt gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu schlafen. Und morgen berlegen wir alles. Sie kte die Schwester und ging zu Bett. Es war nun still im Zimmer. Aber drauen brauste es in den Buchen, wie ferne Meeresbrandung. Trude! sagte Maggie pltzlich. Ja? Trude, du mut von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder zusammenkommen. Um Gottes willen! rief Gertrud entsetzt. Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank, etwas Vernnftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch glcklich werden. Maggie, sagte Gertrud leise, du meinst es gewi sehr gut. Aber ich bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten, auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer! Still! rief Maggie. Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du bleibst natrlich unsere weie Lilie und blhst uns wieder auf und ... Gute Nacht, liebes Kind! * * * * * Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. ber die bunten Laubbume strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauweie Wolken ballten und jagten sich hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit ins Land hinein wogte das grne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen sich von ihm durch die Luft. Gertrud sah froh hinunter. Der alte, geliebte Blick ins Grne und der Harzgeruch. Man fhlt ordentlich, da man hier gesund werden mu. Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist, meinte Maggie. Nun komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken. Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwermtig hilflose Frbung an. Mein Gott! Mein Gott! In der Estube sa der Oberfrster mit sorgenvollem, verrgertem Gesicht am Kaffeetisch. Er streckte den Tchtern einen Brief entgegen. Lest ... Lies vor, Maggie. Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringschtzigem Lachen. Natrlich soll sie zurck. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch nicht heraus. Lies doch! Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftzgen. Maggie las: Mein verehrter Herr Schwiegervater! Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen sind, so will ich unseren Mangel an bereinstimmung doch nicht meine Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, da sie mit den Jungens einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, fr die paar Monate, in denen sich's bei der verzrtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht in Laukischken hausen lt. Sie wissen doch, da wir den Schwamm in den Schlafzimmern entdeckt haben, und da ich besorgt bin, meine Familie den Winter ber da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht nach Berlin will, und ich fr meine Person fr kurze Zeit dorthin zu reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie -- mit Ihrer Erlaubnis natrlich -- den Winter in den alten, kleinen und stillen Verhltnissen zubringen will. Sobald ich eine nderung in diesem vorlufigen Plane wnsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter Herr Schwiegervater, vertraue ich fr diese -- sagen wir -- drei Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut deutsch: Passen Sie freundlichst auf, da Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus dafr, ksse meiner liebenswrdigen Schwgerin die Hand, gre die Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres Ihr sehr ergebener Kurt von Kurowski. =P. S.= Fr die kleinen Bedrfnisse meiner Frau und der Kinder lege ich 3000 M. bei, da ich nicht wei, ob Gertrud gengend versehen ist. Fr etwaige grere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck. Soll man sich da rgern oder lachen? sagte Maggie, den Brief auf den Tisch werfend. Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen, sagte der Oberfrster kurz, und stand auf. Du bist vorlufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte dich ein, wie's dir pat. Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher. Da habt ihr ihn, wie er ist! rief sie nervs. Immer Katze und Maus spielen, ernsthafte Dinge geringschtzig und leichtfertig behandeln ... hhnisch, liebenswrdig, nie zu fassen ... Ich bin sieben Jahre seine Frau gewesen und wei heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa. Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zurckzuschicken? Der Oberfrster sah mrrisch nach der Seite. Vorlufig bist du da, und dann werden wir weiter sehen, sagte er. Die Lesart, die er wnscht, kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden? ... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich mu nach Vokellen. Habe zugleich -- aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts hren. Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst spt wieder. Er kte Gertrud in verlegener Zrtlichkeit und schttelte Maggie die Hand. Du, Papa! sagte Maggie. Fr alle Flle mut du noch wissen, da Kurowskis sich wegen Seckersdorf erzrnt haben. Aus deiner Verabredung mit ihm kann nun wohl nichts werden? Was Kuckuck? fuhr der Alte auf. Was ist das fr Unsinn? Da kenne ich doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon ist keine Rede. La sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus braucht er ja nicht zu kommen. Gertrud zog die Brauen zusammen. Wenn er aber doch kommt? fragte Maggie. Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschft, das sich lohnt, und nun wollen sie es einem verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin kein Millionr, und Geschft ist Geschft. Lcherlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei Meilen von hier und ... na, ich will euch lieber gleich sagen, da ich der Sache wegen fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt auch, wegen Waldgrenzgeschichten -- da hab' ich nur den halben Weg -- und hernach machen wir ein Partiechen. Papa, wenn's dir nur nicht leid tut, warnte Maggie. Du weit doch, mit Kurt ist nicht zu spaen. Mit mir auch nicht, sagte der Oberfrster kurz und ging hinaus. Eine Viertelstunde spter fuhr er im Einspnner davon. Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach. An Papa hast du also keinen Halt! sagte Maggie mit heller Entrstung im Tone. Maggie! bat Gertrud flehend. Sag' nichts gegen Papa, das tte mir zu weh. Wir wissen ja, wie er in Geldangelegenheiten ist, und ndern knnen wir doch nichts. Htte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt, grbelte Maggie finster. Das ist eine niedertrchtige Schlauheit, wie berhaupt der ganze Brief. Er wei die Menschen schon zu nehmen. Pa auf, wenn er's will, mu ich zurck. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er beabsichtigt. Weit du das? Nein, Maggie wute es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der Schwester, die den Hrten und Widerwrtigkeiten des Lebens so wehrlos gegenberstand, ein versptetes Glck zu schaffen. Und sie trstete sie, liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war zufrieden, als ein verschchtertes Lcheln das einst von Frohsinn und Glcksgewiheit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte. Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden, trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die ltere, das Prinzechen, schn wie der Tag und von aller Welt auf Hnden getragen, hatte die weniger hbsche, damals noch scheue Schwester mit fast mtterlicher Zrtlichkeit gehtet und gepflegt, und sich immer bemht, sie in den Vordergrund zu schieben. Ihre Mutter, eine Englnderin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit Gesellschafterin in einer dem Oberfrster befreundeten Familie, war gestorben, als die Mdchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide gedachten noch heute mit abgttischer Verehrung der lachenden jungen Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war. Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, whrend Maggie, die frher finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit bersprudelte; freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Frhlichkeit, mit der Gertrud sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen, die herrische Naturen sich angewhnen knnen, weil sie sie als Rstzeug brauchen. Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verhltnis der beiden Schwestern zueinander gendert. Gertrud, das ehemalige Glckskind, warmherzig, arglos, unbewut von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen Hnden ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie. Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst berlassen, hatte sich mit ihrer innerlichen Klte und Klugheit von ihrer Umgebung lngst frei gemacht und beherrschte durch Gleichgltigkeit und Berechnung unter der Maske der Liebenswrdigkeit alles. Unbekmmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer ueren Erscheinung zu einer Schnheit entfaltet, die eigentlich Kraft und blhende Gesundheit auf der Hhe ihrer Entwicklung war. Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bemhte sich ernsthaft um sie, aber mit groem Takt ging sie jeder entscheidenden Frage aus dem Wege und wute sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten. Sie wollte nichts verpuffen, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr nach ihren Bedrfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht bald, so mute sie solche suchen. Es war nun Zeit. -- So hatte sie gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war das anders. Nun kam sie vorlufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das arme, blasse Weib. Es ist doch gut fr uns andere, dachte sie, da solche Menschen, wie Gertrud, existieren. Daran, da man sie so liebhaben kann, zeigt man sich selbst, da man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich sieht man, wie man es nicht machen mu, wenn man selbst vorwrts kommen will. War es denn eigentlich glaublich, da Gertrud mit all ihrer Schnheit und Anmut und Herzensgte den so empfnglichen Kurowski nicht hatte fesseln knnen? Das wre gleich so eine Partie, so eine Aufgabe fr sie, Maggie, gewesen. Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken -- nun gar in so unmglichen Vorstellungen. Dann htte ihr ja auch der Gedanke an Seckersdorf kommen knnen, -- den sie doch gerade fr Gertrud erkmpfen wollte. Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gefllt, sagte eine leise innere Stimme. Blond, still und zurckhaltend, ist nicht dein Geschmack. Nun stampfte sie leise mit dem Fu und ging geradenwegs zu Gertrud, um sie herzhaft und zrtlich zu kssen. Du glaubst, da ich dich liebhabe? fragte sie leidenschaftlich. Du hltst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen hast? Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage? ... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein. Ja, die Kinder, die Kinder! nderte Maggie schnell das Gesprch. Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm, Liebling, wenn du noch weit, was Zimmereinrichten und Kche und Speisekammer bedeuten ... brigens, wenn nicht, so lernst du es eben wieder. Du hast dich viel zu sehr verwhnt, mein vornehmes Frauchen! Gertrud lchelte und ging bereitwillig mit ihr zu Frulein Perl, die dem Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, whrend in der Tat Maggie lngst den groen, lndlichen Haushalt fhrte. Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung der Kinder und die kleinen huslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun wieder teilnehmen sollte. Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war zrtlich und ttig besorgt um die Kinder, sie ordnete in den fr sie und die Knaben bestimmten beiden Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war beschftigt. Sie brachte sich ber diese unruhvollen Stunden hinweg, in denen ihr Herz bang und ngstlich schlug, in denen der Gedanke: Was wird nun werden? sie zermarterte, in denen auch die leise durchhuschende Ahnung: Es kommt etwas Gutes -- vielleicht das Glck! ihr zur Pein wurde. Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald, der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner briggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der verwelkten Bltter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern mde, Arm in Arm heim. Beide ganz Liebe freinander, und doch die eine im Gefhle der Gebenden, die andere als Empfangende. Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein! dachte Gertrud und: Wie hbsch es ist, fr ein liebes Menschenkind Plne zu machen und sich so wundervoll dabei zu benehmen! dachte Maggie. Diese Nacht schliefen beide gut. Der nchste Morgen fand Gertrud ein wenig widerstandsfhiger, ruhiger und selbstbewuter. * * * * * Bald nach dem Frhstck nahm der Oberfrster seine jngste Tochter unter den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schlgen mitzugehen. Das war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in irgendeiner geschftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gewhnlich das, was er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er zufrieden. In ihrem ungestmen und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge einzugreifen, die ber ihre gewhnlichen Tagesarbeiten hinausragten, hatte sie stets Freude an solchen Gngen. Sie fhlte sich dann noch am meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den alten Herrn anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff, da die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen hatte. Er seinerseits war viel zu klug, als da er diesen Mangel an Herzensneigung nicht htte durchschauen sollen, aber er machte sich nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar berzeugt, da sich in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit wenig Herzensbedrfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab, hatten sie auf Gertrud geschttet, die so viel Liebe brauchen konnte und alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand. Um Gertrud wrde es sich natrlich heute handeln. Und ganz Feuer und Flamme fr ihren Plan, machte Maggie sich fr den langen Weg mit dem Vater bereit. Er durfte selbstverstndlich nichts von allem ahnen und sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte frmlich, als sie sich von der Schwester verabschiedete. Du bist eigentlich eine Schnheit geworden, Maggie, sagte Gertrud und kte das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewut leuchteten. Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du. Wenn du dich nur zur Geltung bringen knntest. Aber hier ... Kommt schon noch, sei ohne Sorge, antwortete Maggie und lief lachend hinunter. Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat. Bist doch ein strammer Kerl, sagte er anerkennend. Wenn dich so einer she! Vielleicht verliert einer von den Holzschlgern sein Herz an mich -- oder der neue Revierfrster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu sein, spottete Maggie. Ist alles vorgekommen, Kind, bemerkte der Alte. Und wenn ein Mdel sich berhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten einlt, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den Weg kommt. Weit du, Papa, sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend, da ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht? Du, darber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr, meinte der Oberfrster. Die Sache ist verjhrt. Hilf lieber der Gertrud auf den richtigen Weg und bestrke sie nicht noch in ihrer Aufsssigkeit gegen Kurowski. Was soll denn sonst blo werden? Maggie wute es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten Buchenbltter mit der Fuspitze vor sich auf. Ja, schlielich kann man doch die Gertrud nicht mihandeln lassen! sagte sie. Wenn _die_ klagt, mu es schon arg sein. Und man wei ja auch, was fr ein Leben der liebe Kurt fhrt. Ich wundere mich nur, da man das vor der Heirat gar nicht geahnt hat. Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gewhnen. Ja, nur da das Experiment miglckt ist, sagte Maggie. Und nun sitzt die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da. Eine gewisse Emprung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des fr sich selber frchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngebsch abgerissen hatte und warf die Stcke erregt fort. Der Oberfrster bi sich auf die Lippen und senkte den Kopf. Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten, sagte er, aber sonst ein anstndiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud verwhnt er sonst wie eine Prinze. Und der Skandal bei so 'ner Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht ... Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas. Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze Kaltbltigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie etwas fr Gertrud tat, durfte keine Gemtsduselei und keine berflssige Erregung mit unterlaufen. Kalt und klug wollte sie alles lenken, zu ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs. Ja, Papa, schlimm ist es, sagte sie beistimmend, das seh' ich schon ein ... aber was tun? Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander. Der Bestand wechselte. Statt der buntgefrbten Laubbume strebten nun alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch das dunkle Grn, und Goldflecke blhten auf dem brunlichen Waldboden auf. Schnes Stck! sagte der Alte. Der Endzipfel gehrt schon zu Tromitten. Was war denn nun mit Seckersdorf gestern? fragte Maggie. Ja, erwiderte der Oberfrster zgernd, mir fiel schon unterwegs ein, da man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf stoen kann. Ich habe noch nicht zugesagt ... berbrdung vorgeschtzt, mir Bedenkzeit ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, -- Heiratsgeld, Mdel ... Wenn man nur wte ... Sag' mal, was ist denn nun eigentlich bei Kurowskis los gewesen? Maggie erzhlte. Der Oberfrster schttelte den Kopf und fluchte. Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist, sagte er schlielich, da seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, mu es mit der Gleichgltigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein. Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum ... dann freilich ... Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud wre viel zu sehr herunter, als da sie an solche Dinge dchte. Aber zu vornehm und harmlos wre sie auch, und knnte sich nicht vorstellen, da man sogar ihren Blicken allerlei Bedeutung unterlegte. Man mte also dafr sorgen, da sie nie mit Seckersdorf zusammentrfe, denn wer wei, ob nicht der Kurowski gerade nach Berlin gegangen wre und Gertrud allein hier gelassen htte, um ihr eine Falle zu stellen? Dann wrde er sie auf bequeme Weise los, und die Kinder gehrten ihm. Alle Wetter! Der Oberfrster blieb stehen und sah seine Jngste verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem Kurowski, schon. Natrlich! Da ihm das selbst auch nicht eingefallen war! Gott sei Dank, da er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. Und weit du warum, Mdel? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den Eichenschlgen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm ... Na, und so weiter. Maggie erschrak, da sie bla wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren strahlenden Falkenaugen vorwrts. Um so besser. Das Glck war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich alles so noch natrlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter grbeln und dem Zufall berlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verstndigen konnte. Jetzt, whrend sie rstig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud Bezgliche. Dem Vater hatte sie nur gesagt, da es ihr ganz lieb wre, den Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gesprch selbst wieder auf Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich gegenseitig auch das Herz ber das Aussehen und das mde, schlaffe Wesen der armen Frau auszuschtten, auf Kurowski zu schelten, seinen schillernden, unzuverlssigen Charakter zu zergliedern und schlielich immer wieder zu der Frage zurckzukehren: Die arme Gertrud, -- was wird das nur werden? Dabei gingen sie rstig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an deren Rand ein Dutzend alte Eichen hingerichtet wurden, wie Maggie sagte. Die Leute grten, der Aufseher trat heran. Und von drben, der entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd gefhrt hatte, kam Hans Seckersdorf herber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick. Nun stand ihr doch das Herz still. Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu mustern, whrend er ber die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit lautem Gru auf ihn zuschritt. Er war sehr gro, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung hatte; er trug den verhltnismig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in den Bewegungen. Das Gesicht, regelmig wie eine Marsmaske, mit aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigentmlich still und fest blickend, -- alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht vorbergehen konnte. Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorwrts. Leuchtend in den Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem allerersten Tnzer, ein frohes Willkommen entgegen. Papa sagte mir, da wir Sie hier treffen wrden, und ich habe mich recht gefreut. Er drckte ihr die Hand und sprach von freudiger berraschung; dabei musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen. Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigentmlich an, -- bittend und forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein? Fast schien es so. Der Oberfrster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum vorgenommen; der Oberfrster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und hrte mit intensiver Aufmerksamkeit zu. Ich lerne, sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie. In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den Oberfrster heran. Natrlich! sagte der Oberfrster nach kurzer Prfung. Entschuldigen Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf. Er trat hinber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen sphendem Blick. Ja, hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's, -- also vorwrts! Aber schn war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hinberstrmte, dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen zitterte. Maggie htte noch minutenlang so stehen mgen, in dieser klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand. Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mute anfangen. Herr von Seckersdorf! sagte sie stockend. Er horchte auf. Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme -- hnlichkeit mit der meiner Schwester! fiel sie rasch ein. Ja, es ist leider die einzige. Er machte eine hfliche Bewegung und sah sie unruhig an. Wie er erregt ist! dachte sie. Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen Gertrud lieb, da ich Sie sprechen kann, sagte sie hastig, nach dem Oberfrster hinbersehend. Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. Wegen Frau von Kurowski? Sie nickte. Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen, sagte sie schnell, noch immer wie ngstlich nach dem Vater blickend, weil sie Ihretwegen in rohester Weise von ihm verdchtigt worden ist. Um Gottes willen -- meinetwegen? Er machte eine hastige Bewegung, als ob er ihren Arm ergreifen wollte. Sie mssen das wissen, sagte sie, leise und schnell, weil Papa von einer geschftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie htten uns wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist, unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme Schwester berhaupt nicht wieder. Sie meinen, ich soll abreisen? ... Natrlich ... sofort ... wenn es sein mu ... Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. Sie ist rde behandelt worden? fragte er zgernd. Maggie nickte wieder. Sie will nicht wieder nach Laukischken zurck ... aber Papa wird sie zwingen ... berreden, wie ... Wie damals, sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus. Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien. Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen. Leidet sie sehr ... sehr? fragte er nach einer Pause. Ist sie sehr verndert in diesen acht Jahren? Sie ist vllig niedergebrochen, sagte Maggie mit Betonung. Nicht doch, nicht doch! murmelte er. Wei sie, da wir, ich meine Sie und ich, heute hier -- Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte Maggie. Gott bewahre, sagte sie. Man mu ihr doch alles fernhalten, was sie beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ... Sie stockte, wurde rot und sah nach der Seite. Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe? fragte er dringend. Kann ich denn sonst nichts, gar nichts fr sie tun? Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberfrster, der eben zurckkam. Papa darf nichts davon wissen! sagte sie verlegen. Er sah sie dankbar an. Sie lieben Gertrud -- er erschrak und verbesserte sich -- Ihre Frau Schwester sehr? Mehr als alles auf der Welt, sagte sie aufrichtig. Und fr ihr Glck brchte ich jedes Opfer. In berstrmender Herzlichkeit nahm er ihre Hand. Wollen Sie ... drfen Sie ihr sagen ... Was? Da stand der Oberfrster vor ihnen und schmunzelte vergngt. Freundschaft geschlossen? fragte er. Alte erneuert, antwortete Maggie. Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Frulein, das nicht immer mitgenommen wurde. Und jetzt tanze ich schon regulr sieben Winter. Werden wir Sonntag ber acht Tage in Waldlack zusammen sein? fragte er, unruhig ihre Augen suchend. Papa, du hast ja verheimlicht, da am Sonntag die Waldlacker Gesellschaft ist, wandte sich Maggie an den Vater. Natrlich also, und ich freue mich darauf. Meine Schwester, als Strohwitwe, bleibt wahrscheinlich den ganzen Winter zu Hause, aber ich komme, wo es etwas zum Tanzen gibt. Und immer viel zu viel, lachte der Oberfrster. Aber wenn Sie sich nun den Schlag einmal genau ansehen wollen, lieber Seckersdorf, dann bitte ... Du kannst hier einen Augenblick ausruhen, Kind. Wir haben ja noch einen weiten Rckweg. Maggie setzte sich auf einen Stein, whrend die Herren zu den Arbeitern gingen. Das Herz war ihr weit und sie fhlte sich beunruhigt. Also, so was gab es wirklich? Da war ein Mann, schn und jung, vornehm, mit glnzenden Aussichten, und der sah seine Liebste wieder nach acht Jahren fast -- und obwohl Gertrud nicht mehr so schn war, einem anderen gehrt hatte, Mutter und so ganz anders geworden war, bebte er heute, wenn er ihren Namen nannte. Und sie ... Kurowski war auch ein stattlicher Mann, vielleicht noch interessanter als dieser -- aber nein --, dieser Seckersdorf hatte doch in seiner stillen beherrschten Manier etwas ganz auergewhnlich Anziehendes. So wanderten ihre unruhigen Gedanken hin und her, und zuweilen, wenn sie seine schlank-krftige Gestalt in dem knappen Reitanzug zwischen den Bumen auftauchen sah, berraschte sie sich auf einem kleinen Anflug von Neid. Warum traf sie nie so einen, der ihr seine schne mnnliche Erscheinung, seine vornehme Seele und -- nicht zu vergessen -- seine Reichtmer bot? Warum trat in ihr Leben kein Mann wie dieser, der so treu blicken, so fest die Hand drcken konnte? Gott, vielleicht war das alles ein bichen langweilig; vielleicht, wenn man sich berhaupt auf so etwas einlie, hatte Kurowski mit seinem Wechselsystem Recht. Und brigens, was grbelte sie ber das alles? Sie hatte einfach zu tun, was sie sich einmal vorgenommen, und sie war auf gutem Wege. Gertrud konnte sich wirklich freuen. Dann kamen die Herren. Seckersdorf verabschiedete sich, erinnerte an das Souper in Waldlack, das sie ihm versprochen, drckte ihr bedeutungsvoll die Hand und ritt nach der entgegengesetzten Richtung fort. Famos, wie er reitet, sagte Maggie, ihm nachsehend. berhaupt ein Prachtmensch, stimmte der Oberfrster bei. Glaubst du, da er mir das von damals nachtrgt? Keine Spur! Und was meinst du, Dchting, die Gertrud ist dem doch nicht mehr gefhrlich. Er blinzelte schlau mit den Augen. Das kannst du gar nicht wissen, erwiderte Maggie ernsthaft. Einsilbig, Luftschlsser bauend und zerstrend, gingen sie heim durch den starkduftenden Wald. * * * * * Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe eingetroffen und hatte Gre von dem gndigen Herrn berbracht, der in den nchsten Tagen, vor der Reise, noch einmal herberkommen wrde. Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, da alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei gehrte, die er auszuben beliebte. Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle huslichen Angelegenheiten so weit geordnet, da man sie whrend seiner Abwesenheit mit gar nichts behelligen wrde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben htte, da sie nach dem Rechten she. Sonst htte er ihr nichts zu sagen, als da er Nachricht ber die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse telegraphiert haben wrde. Alles weitere sollte sich nach seiner Rckkehr finden. Gertrud weinte viel ber diesen Brief. Die groe Unsicherheit ihrem Mann gegenber, die alles in ihr zerstrte, woraus sie sich noch einen Lebensinhalt htte schaffen knnen, nahm wieder ganz Besitz von ihr. Sie wute nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause wre! Sie lief vom Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg bersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und muten wieder hinaus; sie ging zu Frulein Perl, die in der Kche beschftigt war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Frulein Perl meinte, eine Hilfe knnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie mte auch wirklich eine sein. Darber sprach man nun hin und her, bis Frulein Perl ungeduldig wurde. Weit du, Kindchen, ich habe zu tun, berleg dir's doch, es hat ja keine Eile. Bis zum Abendzug mu die Person ja doch hierbleiben. La sie nur gleich die Sachen der Jungen einrumen. Ja, natrlich. Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die Veranda, um zu warten und zu grbeln. Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine berlegene Art in immer grere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen zrtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr Liebe bot. Vor harten, ironischen oder zweifelhaften Worten und Berhrungen schreckte sie zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie schtzen knnte, und verstummte schlielich ganz. Das war eine Schwche, eine Verzrtelung, aber sie konnte nicht anders. In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin bestrkt, sie seine Taube genannt und ihre zurckhaltende Scheu mit heien Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber gegeben, gehorsam und ohne Ma, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn sie fhlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte. Wie von einem unvergelichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen unausgefllten Stunden ihres Tages von ihm getrumt. Aber nun war er pltzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie frher gesagt: Ich hab' dich noch lieb! Und da verschwanden mit einem Male alle trbsinnigen Grbeleien; der Himmel schien ihr so klar und hoch, als mte sie hinauf, und ein Gefhl von Sicherheit kam ber sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der Zukunft entgegengehen wrde. Und das alles nur, weil er wieder da war. Aber was willst du von ihm? fragte dann wieder mahnend das Gewissen. Du tust Unrecht. Das ist Snde, das ist gefhrlich ... Du brichst die Ehe in Gedanken. Die Kinder liefen vorber und schrien ihr zrtliche Worte zu. Da nahm sie sich zusammen und sagte sich: Ich will nicht, ich darf nicht an ihn denken! Aber ein aufregendes Erwartungsgefhl zitterte doch in ihr, wich dem einer groen Angst und rang sich wieder durch, so da sie zuletzt nicht mehr aus und ein wute und mit klopfendem Herzen in den Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief. In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer Rckkehr und erzhlte von der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm ber Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige Frbung an und weckten Glcksschauer in der verschchterten Seele der armen Frau. Aber sie wehrte sich dagegen. Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein! Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich hei und bebend aus ihrem Arme lste, rief sie ihr heftig zu: Wenn ich du wre, und solch ein Mann htte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte: 'Nimm mich ... gleich ... la uns nicht eine Sekunde von dem grenzenlosen Glck verlieren, das wir fr einander bereit haben.' Gertrud sah sie gro, mit leuchtenden Augen an. Sie wute, das war Mdchengeschwtz, in Wirklichkeit wrde das ganz anders kommen; und dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbezhmbarer, sehnschtiger Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn. Ach, wenn ich heute mit gewesen wre und htte ... Nein, nein, Maggie, du fhrst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde schlecht ... Mu er sich selbst nicht sagen, da es schlecht ist? Ich bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen! Sie weinte heftig. Aber Maggie fhlte, da Gertruds Widerstand schon nachgelassen hatte. Damit war sie fr jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mute ja erst allmhlich wieder zur Selbstndigkeit und Glcksfhigkeit erzogen werden. Bei Tisch, als der Oberfrster Maggie mit Seckersdorf neckte -- absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte --, wechselten die Schwestern einen Blick des Einverstndnisses, und Gertrud lchelte ein wenig. So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam vorwrts. Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud, als von etwas Selbstverstndlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie sprach, sie glaubte jedoch mit der empfnglicheren Phantasie der Schwester rechnen zu mssen, und redete sich dann allmhlich in immer grere Wrme hinein. Oft wurde sie mde, wenn Gertrud immer dasselbe sagte: Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen denken. Aber sie lie doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden, als eines Tages sich zu den blichen Worten der Zusatz einstellte: Bis da ich frei bin. Sie kmpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich fest, sie beschftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den Kindern. Aber wenn es ihr mhsam gelungen war, die gefhrlichen Gedanken zu verbannen, stand Maggie da und sagte: Gertrud, wenn er dich so she, oder: Was mchtest du sagen, wenn er die Tre aufmachte und die Arme ausbreitete? oder hnliche Torheiten mehr, die dann immer eine berleitung auf das verbotene Thema abgaben. Allmhlich wurde da Gertruds Widerstand immer schwcher. uerlich und auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres Mdchenlebens, von dem sen, bangen, aufregenden Gefhl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken ausklang: Er liebt dich noch immer! Sie blhte von Tag zu Tag dabei auf. Die ngstliche Spannung, durch die bestndige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische Heiterkeit, die frher einen guten Teil ihrer Schnheit ausgemacht hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete. Maggie sah es mit Stolz und fhlte sich gehoben und glcklich. Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, trichten Herzens. Maggie wunderte sich oft und rgerte sich auch manchmal ber sie. Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug und unberhrt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus dem Leben fortleugnen lie, dann war es begreiflich, da Kurowski in seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud fhlen mute. Ob brigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewuten, lebensklugen Eindruck machte, Verstndnis fr diese trumerisch unweltliche Art Gertruds besa? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte? Wenn sie so diesen Gedanken folgte, sie weiter ausspann, erschrak sie zuletzt. Denn das Ende war jedesmal, da sie sich sagte: Eigentlich wre jeder der beiden Mnner, Kurowski wie Seckersdorf, gerade der Mann fr mich, und nun hlt Gertrud alle beide. Dafr hab' ich sie aber auch lieb und will sie glcklich machen, beruhigte sie sich dann. Sonst ... brigens khlte sich ihre groe Liebe fr Gertrud ein wenig ab. Es lag schlielich doch in Gertruds Art etwas Beschrnktheit. Warum hatte sie sich ihr Leben auf dem prachtvollen Laukischken nicht eingerichtet, im Winter in Berlin, Paris oder Rom? Wenn nicht mit, dann ohne ihren Mann? Sie hatte schlielich doch nicht darauf rechnen knnen, da Seckersdorf ihr nach acht Jahren mit Hundetreue wieder begegnen wrde. Diese ganze Empfindsamkeit war eigentlich Bldsinn. Aber da sie nun einmal die Leitung in dieser Komdie bernommen hatte, sollte auch nach ihrem Willen gespielt werden. Darber kam nun der Sonntag heran, an dem in Waldlack getanzt werden sollte. Gertrud blieb natrlich zu Hause, htte aber die Schwester gern so glnzend als mglich herausgeputzt. Maggie wollte nicht. Sie mochte nicht anders erscheinen, als ihren Verhltnissen entsprach. Und als sie dann in ihrem einfachen blablauen Kleidchen herunterkam, nur ein paar frische Rosen von Frulein Perls selbstgezogenem Rosenbusch an der Brust, gab Gertrud ihr Recht. Frischer und lieblicher htte sie in dem kostbarsten Staat nicht aussehen knnen, meinte sie, und alt und jung mte sich in sie verlieben. Und wenn Seckersdorf das tte? fragte Maggie lachend, aber mit einer kleinen, innerlichen Bitterkeit. Gertrud lchelte dazu und sagte: Der ist ja nicht mehr frei, -- aber alle anderen. Diese Zuversicht! Doch Gertrud hatte sicherlich recht. Mit diesem und hnlichen Gedanken beschftigte sich Maggie auf dem Wege nach Waldlack, den sie, gut eingehllt, im Halbwagen mit dem Vater zurcklegte. * * * * * Die Waldlacker Tanzgesellschaft war immer die Einleitung der Wintervergngungen des Kreises. Alt und jung freute sich darauf; denn das Waldlacker Haus hatte den ausgedehntesten Umgang, konnte eine Menge Logierbesuch beherbergen und darum auch Gste von weit her bei sich sehen. Die Waldlacker waren auerdem reich, fhrten den Haushalt in groem Stil und sorgten dafr, da die Saisonneuerungen, die in Berlin fr notwendig erklrt worden waren, in ihrem Kreise eingefhrt wurden. Der Gedanke daran fuhr Maggie durch den Kopf, als der Wagen vor der Terrasse hielt. Ach, fr mich gibt's heute ja nur Seckersdorf! dachte sie aber gleich, halb gespannt, halb widerwillig weiter. Nun die mit Lufern belegte und berdachte Terrassentreppe -- ein Luxus, den sich sonst niemand gestattete -- hinauf, in den kleinen Gartensaal, der, mit Orangen und Palmen geschmckt und farbig erleuchtet, festlich anmutete. Zu beiden Seiten die Garderoben, in denen die ersten Begrungen und das Instandsetzen der Toiletten eine ausgedehnte Zeit in Anspruch nahmen. Maggie hatte immer darauf gehalten, sich mit den Frauen und Mdchen der Umgegend gut zu stellen; und sie war zufrieden, als man von allen Seiten auf sie zukam, ihr Zrtlichkeiten sagte, Komplimente ber ihr Aussehen machte, als der Nachwuchs des Jahres sie enthusiastisch und respektvoll begrte und die anderen jungen Mdchen in aller Eile Geschichten zu erzhlen und vielerlei zu fragen hatten, -- die besonders vertrauten auch nach Gertrud Kurowski, die man gehofft hatte hier anzutreffen. Maggie antwortete unbefangen in der Lesart ihres Schwagers darauf und ging auf alles andere heiter ein. Sie freute sich furchtbar aufs Tanzen, lie sich von den jungen Herren erzhlen, die da waren, tauschte Vermutungen aus, mit wem die oder die den Kotillon tanzen wrde, von wem wohl die Marie Rder das groe Bukett haben knnte, mit dem sie so geheimnisvoll tat, und gab dann schlielich zum besten, da sie den vermutlichen Lwen des Abends, Seckersdorf, schon einmal getroffen und ihn sehr nett gefunden htte. Da schwirrten denn die Fragen durcheinander. Ob er noch tanzte, ob er gut ausshe, ob er bleiben wollte, ob er unverlobt wre ... Maggie gab Auskunft, so gut sie konnte, und meinte, wenn's dazu kme, wollte sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen. Dann warf sie noch einen kurzen Blick in den Spiegel, stellte mit Befriedigung fest, da sie entschieden am besten von allen aussah, und trat siegesfroh in den Gartensaal, wo der Vater sie erwartete. Sie fuhr ein klein wenig zusammen. Neben ihm stand Seckersdorf. Er war doch eine prachtvolle Erscheinung, selbst in dem hlichen Frackanzug. Der Typus des ritterlichen Mannes, ehrenfeste Kraft in jedem Zuge. Er kam ihr entgegen, und nachdem sie einander und den alten Herrn von Schweitzer begrt hatten, der sich dem Vater anschlo, gingen sie zusammen durch den Saal weiter. Beide befangen und schweigend, bis er den Anfang machte und stockend fragte: Gndiges Frulein haben den Rckweg neulich ohne Anstrengung gemacht? Nun lachte Maggie. Natrlich! Aber, bitte, sagen Sie doch lieber einmal ehrlich, was Sie eben dachten. Ehrlich? Er sah ihr aufrichtig ins Gesicht. Gewi. Zwischen uns ist Ehrlichkeit doch die erste Bedingung. Er nickte und sagte etwas verlegen: Ich dachte, wie ich eines Abends vor neun Jahren mit ein paar Kameraden hier stand, -- und aus der Damengarderobe trat Ihre Schwester heraus, wie Sie heute. Ich besinne mich zufllig auf den Abend auch, antwortete Maggie nachdenklich. Ich war so neidisch auf Gertrud und bewunderte sie so. Sie trug ein weies Kleid mit Silber durchwebt. Ja, ja! besttigte er. Damals war hier alles mit Tannen hergerichtet und eine Art knstliches Mondlicht geschaffen. Keiner von uns hatte Ihr Frulein -- Ihre Frau Schwester noch gesehen. Und wie sie da allein herauskam und sich nach dem Herrn Vater umsah ... Wir standen alle ganz starr ... So etwas Schnes hatte man berhaupt noch nie erblickt. In Maggie erhob sich etwas wie der Neid von damals. Sie waren an der Tre des Empfangszimmers. Darf ich mir den Kotillon sichern? bat Seckersdorf. Maggie bejahte freundlich, und begrte die Wirte, die ihr besonders gewogen waren. Frau von Bork, eine groe, schlanke, tadellos angezogene Dame, mit ein klein wenig aus der Jugend briggebliebenem Hoftick, fand noch Zeit, ihr zu sagen, da sie ihr Seckersdorf als Tischherr zugedacht hatte. Maggie verschwieg, da sie auch den Kotillon mit ihm tanzen wrde. Wenn es sich nicht um Gertrud handelte, dachte sie, am Arme des Hausherrn in den Tanzsaal gehend, welche Gelegenheit fr mich selbst! Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als Maggie dann den lteren Damen, die noch gruppenweise im Saale umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen ballfiebernden jungen Mdchen unterhielt, immer von wohlwollenden, bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, da sie an diesem Abend wieder die Gefeiertste sein wrde. Das freute sie wegen Seckersdorf. Als die Musik mit der blichen Polonse einsetzte, kam es wie ein Rausch ber sie. Im Vollgefhl ihrer Jugendschnheit und Macht wuchs sie frmlich, und dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern, der sie zum Rundgang fhrte, htte sie entgegenjubeln mgen. Es war doch wunderbar schn, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Zgel fest in der Hand. Vorwrts in alle die Freuden hinein! Sie sprhte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon etwas schwerflliger Herr gegen Ende der Dreiig, konnte ihr nicht gut folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher nicht genug von dem schneidigen Mdel erzhlen, und so drngte man sich um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im Vorbergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den Eindruck, als ob sie die einzige Dame wre, die man fr beachtenswert hielt. Die zuschauenden Mtter begannen die Kpfe zusammenzustecken, die tanzenden Tchter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung gelassen wurden, weil man bestndig zu der Ecke hinbersah, in der Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an, ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend bei den Damen zu verlieren. Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich amsieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, da man nicht schn zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen? In einem Anfluge von Schuldbewutsein atmete sie beklommen auf und sah gedankenvoll zu Seckersdorf hinber. Er hatte nur Extratouren mit ihr wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht genhert. Aber sie fhlte, da er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm allein als gefeierte Ballknigin zur Schau stellte. Und endlich kam das Souper. Maggie war mde geworden von dem vielen Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er fhrte sie zu einem Platz der hufeisenfrmig gedeckten Tafel, an dem sie neben dem Gourmet Beckers sa, whrend sich ihm zur Seite ein neu verlobtes Brautpaar befand, und die Gegenbersitzenden ihnen durch einen hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er verstand. Ich bin der Attentter, Frulein Hagedorn, sagte er. Werden Sie nicht bereuen, da Sie mir das Souper gegeben haben? Was glauben Sie denn? fragte sie geradezu. Ich habe doch immerzu daran gedacht, da wir uns jetzt aussprechen wrden. Ich sah es ja auch Ihnen an, wie Sie darauf warteten. Ja, er htte mit Spannung gewartet, alle die Tage, und er wre glcklich gewesen, wenn er sie htte sprechen knnen. Sie htte ihn durch ihre Andeutungen neulich in groe Unruhe versetzt. Er wte nicht, wie es durch ihn zu einem so schweren Miverstndnis htte kommen knnen. Der Gedanke peinigte ihn furchtbar und er bte Frulein Maggie instndig, ihm alles zu sagen. Maggie lehnte sich in ihren Stuhl zurck und sah ihn von unten herauf ernst an. Herr von Seckersdorf ... Vertrauen gegen Vertrauen. Lieben Sie meine Schwester Gertrud noch? Seckersdorf fuhr zusammen. Frulein Maggie! Ja, fuhr sie fort. Das ist die Generalfrage. ber die mssen wir uns einigen, wenn ich mit Ihnen ehrlich und ohne Rckhalt sprechen soll. Also ja ... oder nein? Seckersdorf sah sie mibilligend, fast hochmtig an. Er war bla geworden. Frulein Maggie, meine Lebensanschauungen verbieten mir, die Frau eines anderen -- Das heit also: nein! sagte Maggie kalt. Gut, sprechen wir nicht weiter ber die Angelegenheit. Oder doch ... weil Sie in Unruhe sind, Herr von Seckersdorf. Machen Sie sich keine Vorwrfe deshalb. Mein Schwager hat Gertrud nur brutal behandelt, weil er behauptet, da _sie_ Ihnen Avancen gemacht htte. Gott! Seckersdorf hob den Kopf hoch und sah in wortlosem Ingrimm vor sich hin. Maggie erschrak. So stark war der Ausdruck dieses unterdrckten Zorns, da seine Wellen in ihr nachbebten, und zugleich ein leises Bangen sie ergriff, ob sie nicht Geister gerufen habe, die sie nicht mehr wrde bndigen knnen. Ich bitte Sie jetzt dringend, mir den ganzen Vorgang zu erzhlen, soweit Sie unterrichtet sind, sagte er leise, und seine Augen hingen mit strengem Blick an ihrem Gesichte. Sie wiederholte die kecke Frage von vorhin nicht mehr und erzhlte. Ohne mit den Wimpern zu zucken, trug sie stark auf. Seckersdorf glhte und bi die Zhne zusammen. Ich werde Ihren Herrn Vater bitten, mir Gelegenheit zu einer Unterredung mit Frau von Kurowski zu geben. Nun war Maggie wieder ganz der Situation gewachsen. Wo denken Sie hin? Soll Gertruds Namen denn wirklich in einen Skandal gezogen werden? Was meinen Sie wohl, wie Kurowski triumphieren wrde, wenn Sie mit meiner Schwester zusammentrfen? Er hat schon in einem unverschmten Brief an Papa verfngliche Andeutungen gemacht, doch ohne Ihren Namen zu nennen. brigens knnen wir aus allem, was er sonst sagt, nicht klar darber werden, ob er berhaupt je auf eine Scheidung eingehen wird. Ihre Frau Schwester will sich scheiden lassen? fragte Seckersdorf tief atmend. Sie will, die arme Gertrud ... Aber sie ist ja so mrbe geworden, und wenn Papa sich auf Kurowskis Seite stellt, sie zwingt -- Das kann er nicht. Der eigene Vater! Wie sollte er? Es wre doch nicht das erstemal. Gertrud ist sehr weich. Ein traurig zrtliches Lcheln, rhrend in diesem kraftvoll ernsten Gesichte, umzog Seckersdorfs Lippen. Wie er sie liebt! dachte Maggie, jetzt mit Bewutsein neidisch. Sehen Sie, sagte sie weiter, schlielich ist es Papa ja auch nicht zu verdenken, von seinem Standpunkte aus. Gertrud war gut versorgt, glnzend sogar -- sie ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt -- und die Kinder ... Ja, die Kinder! Seckersdorf fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn. Sie wrde sie ihm lassen mssen! sagte er. Maggie zuckte die Achseln. Und sie ist fest entschlossen? fragte er. Sie ist _sehr_ unglcklich? Maggie nickte nur. Sie htte jetzt gut eine leise Andeutung ber Gertruds Liebe zu ihm machen knnen, aber mit einem Male wollte sie nicht. Seckersdorf drehte sich scharf zu ihr herum. Das Abendessen -- einfach mit vier Gngen, Maggie hatte alle gekostet, trotz ihrer Erregung -- nahm seinen Fortgang. Trinksprche wurden ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Pltze zurck, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter. Maggie fhlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von dem allgemeinen Vergngen ausgeschlossen und ... Nein -- sie vergegenwrtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem weinenden Mund und den zrtlichen Augen --, jetzt war sie doch wieder mit Eifer bei der Sache. Was wrde dieser groe, starke, ungeschickte Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an. Da fhlte sie ihre Hand gefat. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck. Ein heier Schauer berlief sie. Frulein Maggie! sagte Seckersdorf. Ich will Ihnen jetzt sagen ... auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein Stck Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch den Gromtigen spielen mute. Und als sie sich verheiratete, -- ja, was soll ich sagen -- leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich, und da bin ich mit einem Male in gute Verhltnisse gekommen. Und um die lumpige Kaution hatte ich _sie_ aufgeben mssen. Das war mehr als hart. Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein bewegtes Gesicht. Es gab dann ja viel zu tun! sagte er weiter. Landwirtschaft zu lernen und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da hab' ich im Anfang manchmal die Zhne zusammenbeien mssen. Wenn ich so dachte ... das liebe, weiblonde Kpfchen, das siehst du nie mehr darunter ... Es qulte ihn heute noch in der Erinnerung. Maggie fhlte ihr Herz seltsam gepret. Aber, gndiges Frulein, er sprach immer in demselben schlichten, stillen Ton, die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem zuletzt ber manches weg. Man wird auch lter. Man denkt schlielich an all das mit ein bichen Rhrung und Wehmut und sagt sich ... es wr' so schn gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So wre es auch geblieben ... wenn ich Gertrud als glckliche Frau wiedergesehen htte. Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen -- dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedrckt -- und da find' ich sie so bla, elend und so vergrmt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja, Frulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erzhlen, wie's mit ihr steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen Sie ihr von mir sagen ... da ich ihr ... da ich ... mit Leib und Seele ... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist ...? Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man hatte eben ans Glas geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten. Maggie war durch seine abgebrochenen Worte in eine seltsame Stimmung gesponnen. Ein leises Verstehen tauchte in ihr auf, fr ein Glck, das auer jeder Berechnung steht, das von irgendwo als ein warmer Strahl herkommt und jede sorgfltige berlegung, alles Kalte, alles Unehrliche vielleicht wegsplt. Eigentmlich mu es sein -- eigentmlich -- dachte sie. Und pltzlich durchbrauste eine heie Zrtlichkeit sie ... fr Gertrud ... fr Seckersdorf. Aber sie nahm sich zusammen. Um Gotteswillen, nicht den Kopf verlieren, nicht sentimental werden, sich schlielich regelrecht in diesen blonden Toggenburg verlieben! Welch ein Unsinn! Nein, es blieb dabei, wie sie sich's vorgenommen. Zwei Menschen auf dieser Welt wrden glcklich, und sie suchte sich anderswo ihr Teil. Aber interessant wre es gewesen, diese merkwrdige Erscheinung, diese sogenannte Treue zu ergrnden, -- ein klein wenig zu erschttern vielleicht ... Ob ihr das gelingen wrde? Mit einem kleinen Stachel in der Seele wiederholte sie: Aber das weiblonde Kpfchen, das siehst du nie mehr darunter. Das war ordentlich aufregend. Ein Schauer berlief sie. Wie, wenn sie's doch versuchte? Und dann gromtig verzichtete und wieder zu Gertruds Gunsten einlenkte, sobald sie sah, da es zu glcken anfing? Die Rede war zu Ende. Die beiden merkten es am Zusammenklingen der Glser. Ich werde zu Hause sondieren und Ihre Bestellung ausrichten, sagte sie, whrend sie mit ihm anstie. Ich werde es Ihnen nie vergessen, erwiderte er einfach. Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Wissen Sie was, -- nun wollen wir lustig sein. Wir haben auch noch den langen Kotillon zusammen ... Wie wr's, wenn wir tten ... als ... Als was? fragte er freundlich, aber mit seinen Gedanken weit ab. Nichts ... nichts ... Sehen Sie, man beobachtet uns ... Hier dieses Vielliebchen ... =j'y pense=. Er nahm die Mandel. Und wenn ich gewinne, bat er, bekomme ich einmal ein Briefchen mit Nachrichten, wie? Nein, nein! sagte sie. Unter einem Stelldichein tue ich's nicht. Ich schreibe Ihnen eine Zeile, wenn ich wieder einmal mit Papa mitgehe ... Gertrud bleibt ganz aus dem Spiel. Das ist abgemacht, nicht? Er nickte ein paarmal. Man stand auf. Maggie reichte ihm die Hand. Das Souper gehrte Gertrud, der Kotillon ist fr mich, dachte sie dabei. Aber sie besann sich anders. Da sie an Neckereien und kleinen, neidischen Bemerkungen sah, da man ihr die ausschlieliche Unterhaltung mit Seckersdorf verdachte, berredete sie den Vater, vor dem Kotillon aufzubrechen. Sie verlor dabei nicht. Die Herren verwnschten die morgige Holzversteigerung, die den Vorwand zum frhen Aufbruch gab, und berhuften sie im voraus mit Blumen und Geschenken. uerlich vollbefriedigt, lachend und strahlend ging sie am Arme ihres Vaters hinaus. Aber ihr war zumute, als ob pltzlich etwas nicht ganz klar in ihrem Leben sei. Der Vater strich ihr einmal, als sie lngst im Wagen saen, zrtlich ber das Gesicht. Da dachte sie, sie mte weinen. Und aufgeregt, mit Trnen kmpfend, sa sie in ihrer Ecke, whrend Hagedorn einschlief, und sah mit starren Augen nach den funkelnden Sternen, die den kalten Herbsthimmel zitternd bersten. * * * * * Zgernd, den Kopf von der Fahrt her noch voll bser Gedanken, trat Maggie in Gertruds Schlafzimmer. Es war durch die Geschicklichkeit der Jungfer den Bedrfnissen der jungen Frau einigermaen entsprechend hergerichtet worden. Was es an Polstern und Teppichen irgend Entbehrliches im Hause gab, fllte das weichliche Nestchen, und Maggie hatte selbst geholfen, es zu schmcken und ihre helle Freude an dem kleinen Raum gehabt, in dem sie oft bis spt in die Nacht zusammen saen und plauderten. Heute rgerte sie sich, rgerte sich gleich beim Hineinsehen ber das rote Lmpchen, das hinter seinem Schirm hervor ein zartes Licht ber das duftige Zimmer warf. Gertrud frchtete sich im Dunkeln, wie ein Kind, und wie ein Kind schlief sie auch jetzt. So fest, da sie bei Maggies Hineinkommen nicht aufwachte. Und wute doch, da heute ber ihre Zukunft beraten worden war! Maggie schttelte den Kopf. Ob es nicht Torheit war, einen Mann wie Seckersdorf mit diesem unselbstndigen Kinde zusammenzuketten? Ob sie die richtige Genossin fr einen kraftsprhenden Gatten war, -- zerbrechlich, halb verblht, weltfremd und verzrtelt? Sie bi die Zhne zusammen und trat hastig an das Bett. Da erwachte Gertrud. Mit groen, noch trumenden Augen sah sie in die Hhe und richtete sich dann mit einem Ruck auf. Ihre Backen waren vom Schlafen hei, und die schimmernden Haarstrhnen fielen ihr tief ins Gesicht. Sie war in dem Spitzengewirr, das sie umgab, unter der roten Seidendecke, aus der sie sich wickelte, in dem Veilchenduft, den sie ausstrmte, so unglaublich reizend, da Maggie wider Willen sie in die Arme nahm und dachte: Nein, du sollst ihn doch haben. In ihrem Ballstaat auf dem Bettrande sitzend und die Schwester umschlungen haltend, erzhlte sie ihr, wie Hans Seckersdorf von ihr gesprochen hatte, und da er ihr gut wre, wie damals, als er ihr weies Kpfchen zum ersten Male unter den Tannen des Waldlacker Gartenhauses sah. Und wenn sie frei wre ... Gertruds Gesicht wurde still und ernst. Ich wute es ja! sagte sie und legte sich fest an Maggie. Dann seufzte sie glcklich. Und das war alles. Nun? fragte Maggie. Ich danke dir, liebes Herz ... Du bist gut und lieb gewesen. Das mein' ich nicht, erwiderte Maggie ungeduldig. Ich wundere mich, da du nicht rasend, wahnsinnig vor Freude bist. Wenn du dir das alles berlegst, mut du dir doch sagen, da es ein unerhrtes Glck fr dich ist, wie die Verhltnisse jetzt liegen ... Weit du, Maggie, ein unerhrtes Glck wre es gewesen, wenn wir damals zusammengekommen wren. Jetzt ... ich wei nicht, Kind ... Ich bin ja gewi stolz, da er mich noch lieb hat ... wahrhaftig ... Du hast auch allen Grund dazu, sagte Maggie heftig. Bedenke, da er dich aus der Hand eines anderen nimmt, da du nicht mehr jung bist und ... Ach, Maggie, wenn _er_ elend und hlich und alt wre, htt' ich ihn doch auch nicht weniger lieb. Das ist's nicht ... Aber ... nein, ich wei nicht, wie ich das so sagen soll ... glaub' mir, so zum Jubeln ist das alles nicht. Maggie brauste auf. Hr' mal, Gertrud, komme mir jetzt nicht noch etwa mit moralischen Bedenken. Es scheint, da das ein Vergngen ist, mit dem du dir die ganze Sache noch etwas pikanter machst, aber ich hasse all solche Halbheiten, solch bewuten oder unbewuten Selbstbetrug. Mir komme nicht damit. Entweder du willst dich von Kurowski scheiden lassen und Seckersdorf heiraten ... oder du findest dich in die alten Laukischker Verhltnisse und gibst Seckersdorf frei. Gertrud sah ihre Schwester starr vor Schreck an. Noch nie hatte diese so harte und bittere Worte zu ihr gesprochen. Was bedeutete das? Maggie, warum machst du mir da so hliche Vorwrfe? Du weit doch, da ich nicht so unehrlich bin, wie du sagst ... Sieh mal, wr' ich auf das alles nicht eingegangen, httest du kein Recht, mir solche bsen Sachen zuzumuten ... Wir werden also nie mehr darber sprechen ... Mgen die Dinge ihren Lauf gehen. Jetzt, wo du weit, wie Seckersdorf denkt, kannst du das ja auch mit Ruhe abwarten, stie Maggie hervor und lief in dem kleinen Zimmer herum. Du, da Hans mir gut ist, wute ich in dem Augenblick, als wir uns wiedersahen. An spter hast _du_ gedacht. Nun bitt' ich dich, tue es nie wieder ... Komm her, Maggie! Diese kam zgernd. Du bist ja ganz wild und aufsssig! Komm, sei gut ... was ist nur in dich gefahren? Ich danke dir schn, ich danke dir, da du so fr mich sorgen wolltest, danke dir tausendmal fr alles, was du ihm von mir gesagt hast ... Maggie, was ist dir? Maggie wute es selbst nicht. Ich glaube rger, Enttuschung, da du nicht so froh warst, wie ich gedacht hatte, sagte sie finster. Vielleicht bin ich auch neidisch, weil ihr so -- oder weil ich ... Gertrud, ich bitte dich, sag' mir auf Ehre und Gewissen, ist diese Liebe wirklich keine Einbildung, die man abschtteln kann, wenn sie einem zu viel wird? Ich kenne mich nicht mehr aus. Ich habe Furcht ... Sag' mir, ist es ganz unmglich, da du ihn je vergit? Hast du immer an ihn gedacht? Und wenn dein Mann gut gegen dich gewesen wre? Gertrud sah sie klglich an. Frag' nicht so. Ich wei, ich bin eine pflichtvergessene Frau. Aber, Maggie, vielleicht hab' ich darum alles ber mich ergehen lassen, was Kurt mir antat, weil ich immer und immer an _ihn_ gedacht habe, und sogar als die Kinder kamen ... und wenn ... Sie warf sich in die Kissen und bedeckte das Gesicht mit den Hnden. Gute Nacht! sagte Maggie kurz und lief hinaus. * * * * * Von nun an begann fr Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich ber die Scheidung nachzudenken und wute in ihrer Unerfahrenheit nicht, wie sie ins Werk zu setzen wre. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen, Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Frulein Perl, mit der sie einmal gesprchsweise und wie unbeteiligt das Thema berhrte, sagte ihr so viel Entsetzliches und Skandalses darber und erzhlte so abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten -- Gottlob nur wenigen -- erlebt hatte, da Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken konnte, unter hnlichen Verhltnissen sich der ffentlichkeit preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Glcksgefhl in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude uerte. Sie beschftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem, sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfrulein berlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebenswrdigen Geschpfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Zrtlichkeit und erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen fhlte, in die auch die qulenden Gedanken an die Zukunft keinen Einla fanden. Mit Maggie wollte sich die frhere innige Vertrautheit nicht wieder einstellen. Gertrud grbelte viel ber das sonderbare Wesen der Schwester, machte hier und da einen schchternen Annherungsversuch und zog sich wieder zurck, wenn Maggie sie kurz oder gar hhnisch abwies. Zuletzt dachte sie, Maggie htte ihr zwar das Opfer gebracht, mit Seckersdorf zu sprechen, aber schlielich erkannt, wie unwrdig und schlecht das im Grunde doch wre, und verachtete sie nun. Maggie hatte ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorwrfe genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran, Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu hren, da er ihr gut sei, da er warten wolle, bis ... Doch dieses bis ... fing nun an, sie furchtbar zu qulen. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr daran denken wollte, holte sie sich ihren ltesten, einen schnen, klugen, siebenjhrigen Jungen und lie sich die Angst von ihm fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Zrtlichkeit. Und so verliefen die Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und schn. Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem hrtesten Gesicht herum. Was das Mdel mit einemal fr Mucken hat? wunderte sich der Oberfrster oft ber seine Jngste. Er sprach hufig von dem Waldlacker Abend, und da Maggie an Gertruds altem Verehrer eine gewaltige Eroberung gemacht habe. Es wre geradezu auffallend gewesen; und er knnte gar nicht begreifen, da jener danach noch keinen Besuch gemacht htte. Wenn er sich nur nicht deinetwegen scheut, Kind! uerte er gelegentlich eines Morgens, Gertrud mivergngt ansehend. Ich glaube nicht, Papa, sagte sie verlegen. Bldsinn wr's auch! ... Und wenn das mit der Maggie was wrde, knnte der Kurowski doch zufrieden sein, und du gingst wieder ruhig nach Laukischken zurck. Gertrud erschrak furchtbar. So also hatte Maggie das angefangen? Arme, gute Maggie! Sie stellte sich selbst blo, sie gefhrdete ihren Mdchenruf, vielleicht gar ihre Zukunft. Das ging ja gar nicht, das ging ja nicht! Sie suchte Maggie auf und schmiegte sich an sie. Liebes, liebes Kind! sagte sie. Mir ist in meiner selbstschtigen Verblendung ja gar nicht eingefallen, wie sehr ich dir schade. Um Gottes willen ... Papa erwartet ja eine Bewerbung Seckersdorfs und glaubt, da ich allein im Wege bin? Maggie machte sich los und sah schweigend zum Fenster hinaus. Der Wald lag im Schnee ... Weicher grauer Duft schlo die Ferne ab; alles rckte nah, schmerzhaft nah. Maggie, was ist's? fragte Gertrud ngstlich. Dumm und verdreht ist das alles! sagte sie. Ich bin in einer Mausefalle. Aus dir ist nicht klug zu werden. Du bandelst mit Seckersdorf an, man mu an einen furchtbaren Ernst bei euch beiden glauben, -- und dann hast du dich mit den Kindern, als ob du gar nicht daran dchtest, sie aufzugeben, und er lt nichts mehr von sich hren. Und ... und ... Papa hat recht ... Mir entgeht vielleicht die beste Chance meines Lebens ... Da war's heraus. Es hatte ihr fast das Herz abgedrckt. Tagaus, tagein hatte sie sich damit abgeqult und zuletzt gar nicht mehr versucht, ihre Wnsche zu beherrschen. Sie malte sich immer nur aus, wie alles anders sein wrde, wenn sie, ungehemmt durch diese unbequeme Jugenderinnerung der beiden, mit Seckersdorf htte verkehren knnen, und so kam sie eines Tages schlielich dazu, sich zu sagen: Versuche was du vermagst! Gertrud hat ihr Teil. Sie hat verspielt und mu eben zufrieden sein. Und dann bleiben ihr ja die Kinder! Sie machte sich auch die Schwierigkeiten klar, die sie zu berwinden haben wrde, wenn sie wirklich fr sich ernst machen wollte. Dabei geriet sie in ein Phantasieren ber Liebe und Treue, ber Zusammengehrigkeit zweier Menschen, ber die stille Festigkeit und den Blick Seckersdorfs, wenn er an Gertrud dachte und an tausend Dinge, die damit zusammenhingen und die bisher fr sie nicht auf der Welt gewesen waren. Das machte sie zornig und krank, das weckte den Wunsch in ihr, derbe, harte Worte zu hren oder zu sagen, vor allem aber den, diese Gertrud, die ganz ruhig zusehen wollte, wie man ihr ein unerhrtes Glck aufbaute, die schon unertrglich siegesgewi lchelte, diese Gertrud, die ihr mit einem Male so fremd geworden war, zu krnken, zu verletzen, mitten ins Herz zu treffen. War ihr das nun gelungen? Gertrud stand ganz bla da und sah sie erschreckt und mitleidig an. Arme Maggie! sagte sie. Das ist ja ein furchtbares Unglck. Was? fragte Maggie kurz. Da du ... ihn nun auch liebst ... Ach, warum habe ich auch daran nicht gedacht! Mein Gott, mein Gott ... was wird das nun? Da lachte Maggie kalt. Mit solch bldsinnigen Phantastereien, wie Liebe, verschon' mich! sagte sie. Ich nhme ebenso gerne Kurowski oder jeden anderen, der mir das bietet, was ich beanspruche. Gertrud nahm ihre Hnde und wollte sie an sich ziehen. Sie ri sich los. Durch meine berspannte Zrtlichkeit fr dich, an der du Schuld bist, du ... mit dem 'weiblonden Kpfchen', lachte sie hhnisch, bin ich in diese ganze schiefe Lage geraten. She ich dich nicht jammern und hinschwinden, wahrhaftig, ich wrde mich nicht einen Augenblick besinnen ... Ach, Maggie, sagte Gertrud sanft, Ich kenn' dich ja besser. Ich verstehe dich auch ... glaube mir, ich kann ganz mit dir empfinden. Ich hab' ihn ja selbst so lieb! Maggie machte eine ungeduldige Bewegung und trat an das Fenster. Gertrud stand wieder hinter ihr. Nein, Maggie, wir wollen solch einen Ton zwischen uns doch nicht aufkommen lassen. Wir beide mssen zusammenhalten, wie auch alles wird. Glaubst du denn, ich werde mich von dir so einfach zurckweisen lassen, wenn du so elend bist, da du schlecht sein willst? Damit fngst du mich nicht, sagte Maggie kurz. Nun wurde es Gertrud doch zuviel. Das will ich auch gar nicht, sagte sie ungeduldig. Aber ich will tun, was ich kann, um dir diese Torheit aus dem Kopf zu reden. Wenn du dich in Hans verliebt hast, so ist das sehr schlimm; denn du wirst keine Erwiderung finden. Maggie fuhr auf. Nicht? Nun, das wollen wir doch sehen! Wetten? Mit zuckenden Lippen streckte sie die Hand aus. Maggie, bist du denn mit einem Male ganz von Sinnen? fragte Gertrud, starr vor Schreck. Ich begreife dich einfach nicht. Vor ein paar Tagen kommst du ganz aufgeregt ber Seckersdorfs Treue zu mir und redest eifrig auf mich ein ... Und jetzt hab' ich mir die Sache berlegt, unterbrach Maggie sie voll Trotz, und will ihn selbst heiraten. Maggie, vergit du denn, da er acht Jahre ...? Nein, nein, nein, es ist ja genug davon die Rede, erwiderte Maggie zornig. Aber trotzdem werde ich ihn mir erobern -- verstehst du? Gertrud drckte ratlos ihre Hnde zusammen. Maggie, wenn er dich lieb htte, ich schwre dir, ich wrde dir das groe Glck gnnen. Aber ... ich wei -- Maggie ri das Fenster auf und atmete tief die khle, klare Luft ein, die mit einem ganzen Strom von Frische ins Zimmer drang. Gertrud frstelte und trat zurck. Siehst du! hhnte Maggie. Nicht einmal einen Luftzug kannst du vertragen. Du bist ein verzrteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich mit den Verhltnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und kmpfen kannst du nicht ... Aber _ich_ kann ... und ich will ... Ich sage dir jetzt also frei heraus, ich werde mir Mhe geben, Seckersdorf dir abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann, ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau werde. Gertrud sah sie bla und traurig an. Tu's! antwortete sie leise. In dem einen hast du recht, da ich vielleicht nicht gut genug fr ihn bin ... Und kmpfen um seine Liebe -- nein, das kann ich nicht! Ich kann nur warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du mir seine Worte ausgerichtet hast ... Warte du lieber nicht, Trude, sagte Maggie weicher. La uns beide ehrlich kmpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm da du ihm gut bist, -- und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen. Qule uns nicht weiter mit solchen Gedanken, bat Gertrud. Du weit ja gar nicht, was du sprichst. Sei vernnftig und gut. ... und la mir Seckersdorf! spottete Maggie. Nein, ich will nicht. Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich fr mich ttig sein. ber Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich wei sehr wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt lacht. Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort ber die Lippen. Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie bse und kalt an. Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und berflssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr stnde und hhnisch zu ihr herbersprche. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans Seckersdorf war ja da -- und hatte sie lieb. Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft wohl aus sein! sagte sie mutig. Tue, was du willst. Schn ist's nicht, was du vorhast, und -- ich glaube, vergeblich. Sie ging nach der Tr. Da fiel ihr noch etwas ein. Und ich verbiete dir, Maggie, mit Hans ber mich zu sprechen! setzte sie hinzu und ging hinaus. Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken, die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen durchkostete, drngte sich noch bengstigend, verwirrend die Frage: Mu ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen. Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gefhl und Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte. In all ihr Grbeln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in dem Ton, den er ihr gegenber brauchte, wenn er gut gelaunt war, forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und Bedienung. Es wre dort schn, und er htte sich's vorgenommen, ihr endlich ihre Launen abzugewhnen. Da wute sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie sprach mit niemand ber den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle. Khl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, da und warum sie eine Trennung wnschte, und sagte ihm, da sie nach seinem Benehmen gegen sie bestimmt annhme, er wrde ihr nichts in den Weg legen. Nach Nizza kme sie selbstverstndlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe, wte sie auch noch nicht, wrde es ihm aber in nchster Zeit mitteilen knnen. Damit war der Kampf eingeleitet. In dem Gefhl, sich von den Ihren durch diesen selbstndigen und von ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben, zog sich Gertrud nun tglich mehr von ihnen zurck. Es wurde ihr leicht, da der Oberfrster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege ging. Es war ihr nun ganz klar, da die Schwester nicht in einer bsen, sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern da sie imstande sein wrde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln. Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, fhlte, da man sie, die einst so geliebte und verwhnte Tochter, nicht mehr gern dort sah, und begriff, da sie ber kurz oder lang mit ihren Kindern einen anderen Platz wrde suchen mssen. Natrlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, ngstigte sie sich vor den unsicheren Verhltnissen, denen sie, im Besitz so geringer Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so unmglich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen, jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie lassen wollte. * * * * * Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschlu. Oft fragte sie sich: Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf? und zuckte ebenso oft die Achseln ber diese Frage. Er gefiel ihr -- natrlich. Er war eine mnnlich kraftvolle Erscheinung und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der groen Welt mit sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits rechtsgltig adoptiert hatte, besa auer Romitten mit seinen vier Vorwerken noch groe Gter in Sachsen, von deren Ertragsfhigkeit man Wunder erzhlte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche Beziehungen in den hchsten Kreisen, die natrlich dem Adoptivsohn auch zugute kamen. Welche Aussichten also fr sie, die einfach brgerliche Oberfrsterstochter aus Ostpreuen! Eine Chance, von der sie sich nie hatte trumen lassen. Da Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, unterschtzte sie durchaus nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird, wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht, mu er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schwchlich, bequem oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mute gewinnen. Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie lie ihn so oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mute, wenn sie Gertrud in den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie berlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung fr Gertrud in eine neue Leidenschaft fr sie selbst hinberzulocken. Aber zunchst mute sie ihn treffen, und sie machte schon Plne, das in die Wege zu leiten, als das Glck ihr zu Hilfe kam. Der Oberfrster hatte nach lngerem berlegen die offizielle Verwaltung der Romitter Forsten abgelehnt, dagegen fr die Aufforstung der verwahrlosten Schlge einen ehemaligen tchtigen Revierfrster empfohlen, der durch ein Disziplinarvergehen brotlos geworden war, seine Sache aber sehr gut verstand. Dem konnte er ab und zu Anweisungen geben und bei Gelegenheit selbst freundschaftlich nach dem Rechten sehen. Soweit das Wetter es zugelassen hatte, war nun geschlagen und gerodet worden und alles im besten Zuge. Da erkrankte der Verwalter und die gedungenen Taglhner standen, ohne Ahnung, was weiter tun, da. Seckersdorf schickte einen reitenden Boten und bat um Rat. Das Wetter war klar, ein weicher Wind deutete auf noch lnger anhaltende Milde, und die Arbeitszeit mute wahrgenommen werden. Wie wr's, Maggie? fragte der Oberfrster, dem noch am Frhstckstisch der Romitter Brief berbracht wurde. Hltst du mit? Ich mchte am liebsten heute hin; aber wir marschieren hin und zurck stramm unsere zwanzig Kilometer! Natrlich, Papa, wie immer, sagte Maggie und streifte Gertrud, die bla und aufgeregt ihr gegenber sa, mit einem triumphierenden Blick. Der Oberfrster lchelte verschmitzt und streichelte aufstehend Gertruds Haar. Ja, das ist eine fesche Margell, die Maggie, -- so was konntest du nie. Nein, antwortete Gertrud, und ihr Blick wurde dunkel, das konnte ich nie. Mit groen, bittenden, fordernden Augen sah sie Maggie an. Aber die achtete nicht darauf. Gertrud htte aufschreien mgen: Nehmt mich mit! Eine heie Angst prete ihr Herz zusammen. Wir wollen doch sofort den Boten abfertigen, Papa, sagte Maggie, damit wir Seckersdorf rechtzeitig an Ort und Stelle finden. Ich werde selbst ein paar Worte schreiben. Du, Mdel, verhau' dich nicht! warnte der Vater erstaunt. Briefe schreiben ... Ich tu's ja in deinem Namen, Papa, widersprach Maggie, setzte sich an das alte Zylinderbureau und warf ein paar Zeilen auf einen dort liegenden Briefbogen. Gertrud sah mit brennenden Augen zu. Als sie gingen, nickte Maggie ihr nur ganz flchtig zu, und der Vater reichte ihr kaum die Hand. Wie war das vor drei Wochen anders gewesen, und wie hatte es so kommen knnen? Angstvoll und gedemtigt sah sie den beiden nach, wie sie in den Waldweg einbogen. Maggies klare, laute Stimme schallte deutlich zu ihr herber, und sie glaubte den geliebten Namen zu verstehen. Ich will nicht daran denken! nahm sie sich vor und trocknete sich die feuchte Stirn. Wenn sie wte, wie sie mich qult! Und ntzen wird es ihr doch nichts. Er ist Schneren und Besseren in der Welt begegnet, die langen acht Jahre hindurch, und ist mir doch gut geblieben. Damit trstete sie sich und ging an ihre tglichen Beschftigungen. Der Oberfrster und Maggie kamen unterdessen tchtig vorwrts. Es war ein Vergngen, so zu wandern. Der November schien sich in einen Frhlingsmonat verwandelt zu haben. Ein weicher blulicher Duft umschmiegte die Baumwipfel, die Sonne warf hier und da einen warmen, rtlichen Schein durch das graue Gewlk, Haubenlerchen trieben sich in den Wagengleisen zwitschernd umher, und in der Luft tummelten sich Krhen in dichten Scharen. Der Oberfrster pfiff den Dessauer Marsch. Er war gut gelaunt. Und nun sag' mal, Maggie, fing er nach einem lngeren Schweigen an, was machen wir mit der Gertrud? Ja, Papa, erwiderte Maggie zgernd, ich wollte lngst mit dir darber reden. Ich sprech es nicht gern aus, aber es ist doch wohl besser, ich tu's ... Die Gertrud hat sich den Seckersdorf in den Kopf gesetzt. Hagedorn machte groe Augen. Da soll doch der Teufel ... I da soll doch -- Ja, und weit du, Papa, ich bin mit Schuld daran, fuhr Maggie schnell fort. Sie tat mir so furchtbar leid, und Seckersdorf schien sich auch fr sie zu interessieren. Da hab' ich selbst ihr zugeredet, und nun ... Der Oberfrster fuhr emprt auf. Zum Teufel, da seid ihr ja beide ... Weit du, da das dumm und niedertrchtig ist, was du getan hast? Maggie stand unter dem Eindruck, als hole sie sich durch ihre Offenherzigkeit zum Vater Freisprechung fr ihr Benehmen gegen Gertrud. Ja, Papa, du wirst schon recht haben ... Aber jetzt, jetzt ist das alles anders geworden -- Jetzt willst du den Seckersdorf selbst haben! Lge nicht ... Nun seid ihr beide hinter ihm her! Ohrfeigen knnte ich dich. Die Gertrud wird sofort nach Laukischken geschickt, und an Kurowski werd' ich schreiben ... Da soll mir doch einer ... das soll in meinem Hause passieren ... meine Tchter ... Papa, ereifere dich nicht, sagte Maggie kalt, damit nderst du doch nichts. Oho ... die Geschichte ist mir jetzt ganz klar, rief der Oberfrster und lief wtend weiter. Du bist ja eine Gerissene ... Du hast dich mit dem Seckersdorf so =pani braci= gestellt, ihn sozusagen mit der Gertrud gekdert. Nein, Papa, das ist mir erst seit der Waldlacker Gesellschaft eingefallen, da ich mir selbst doch eigentlich die Nchste bin. Und sie setzte ihm auseinander, wie alles gekommen war. Wie sie zuerst durch Gertruds Zrtlichkeit fr ihre Kinder stutzig geworden sei, wie sie allmhlich dann auch an die anderen Schwierigkeiten bei einer Scheidung gedacht habe, und wie wenig Gertrud dem allem gewachsen sei; und schlielich wren dann auch ihre vierundzwanzig Jahre und ihre eigene Zukunft in Betracht gekommen. Kurz, sie sagte alles, wie es sich in der Tat verhielt; nur die unehrlichen Seiten der ganzen Sache, die berging sie mglichst, und von ihrer Schuld gegen die Schwester sprach sie berhaupt nicht. Der Oberfrster war fassungslos. Er hatte den Gedanken an eine Trennung Gertruds und Kurowskis, seit im Hause nicht mehr die Rede davon war, ganz von sich geschoben. Die Leutchen hatten sich eben gezankt, das kam vor, die Gertrud war einmal energisch aufgetreten, das konnte ihr, dem Manne gegenber, nur ntzen, und die Sache wrde sich schon einrenken, sobald der Kurowski erst nach Hause kam. Manchmal war's ihm ja durch den Kopf gegangen, da Gertruds wegen mglicherweise die Partie zwischen Maggie und Seckersdorf nicht zustande kommen knnte; da Gertrud aber an Seckersdorf festhielt, hatte er nicht geahnt. Er berhufte Maggie mit Vorwrfen. Er fand es schamlos, da sie unter solchen Verhltnissen sich Hoffnungen machte. Sie htte abzuwarten, ob Seckersdorf kommen wrde, wenn Gertrud abgereist wre. Und da das auf der Stelle geschhe, sollte seine erste Sorge sein. Maggie lie den Vater sich ruhig ausschelten und setzte ihm dann auseinander, was sie sich berlegt hatte. Kurowski mute wiederkommen, aber der Weg zu Gertrud sollte ihm nicht allzu leicht gemacht werden. Er wrde ja ohnedies einer Scheidung abgeneigt sein, der Jungen wegen, an denen er hing, und auch weil Gertrud die bequemste Frau fr ihn war. Der Oberfrster brauste wieder auf, da er sich auf derartige Hinterhltigkeiten gar nicht einliee. Frau wre Frau und bliebe es; er dulde keinen Skandal und wolle der Gertrud das klarmachen, sobald er sie she. Tu' das nicht, Papa, sagte Maggie, sonst verfhrst du die ganze Sache. Wenn Gertrud und Seckersdorf sich trotzdem einigen, ist alles umsonst, was wir unternehmen. Es kommt darauf an, ihr wie ihm jede Aussicht abzuschneiden. Und deshalb bin ich heute mitgekommen, -- nicht meinetwegen. Der Oberfrster sah sie gro an und wute in seinem Staunen ber ihre khle Berechnung nichts zu sagen. Sieh, Papa, fuhr Maggie fort. Ich bin eigentlich viel zu aufrichtig. Schlielich kann ich ja nicht wissen, ob's mir mit Seckersdorf glckt ... Sprich nicht so frech! fuhr der Oberfrster auf. Maggie sah ihn fest an. Bitte, warum nicht aussprechen, was man empfindet? Htte Gertrud damals den Mut der Offenheit gehabt, wre sie nicht in ihr Unglck gerannt. Der Oberfrster wute nicht, was er mit seiner Tochter anfangen sollte. Im Grunde hatte sie recht, und die beste Lsung wre es, wenn ihr Plan ihr gelnge und sie sich Seckersdorf gewann; aber da sie ihn in die Intrige verwickelte, ihn gewissermaen zum Mitschuldigen gegen Gertrud machte, obgleich diese ihm ja genug Kopfschmerzen verursachte, das emprte ihn, und die Bewunderung fr das kaltbltige, zielbewute Vorgehen Maggies hinderte nicht, da er sie fr ein herzloses, unleidliches Geschpf ansah. Also mochte sie ihre eigenen Wege gehen, ihn aber aus dem Spiele lassen. Kein Wort will ich weiter hren -- kein Wort! schalt er. Und heute kommst du zum letzten Male mit und triffst auf diese Art den Seckersdorf berhaupt nicht mehr. Ich bin ein ehrlicher Mann, freue mich, wenn ich meine Tchter gut versorgt wei; aber so mit List einen Menschen einfangen, der fr die eigene Schwester schwrmt, pfui! Und die Gertrud -- eine verheiratete Frau! Das kommt eben davon, da ihr ohne Mutter aufgewachsen seid. Maggie lie ihn weiter reden und dachte sich ihren Teil. Sie wute, wenn er sich die erste notwendige Emprung vom Herzen gesprochen htte, wrde er sich die Sache berlegen und schlielich sehr froh sein, wenn zunchst die Kurowskische Eheangelegenheit eingerenkt wre. Seckersdorf fanden sie mit einem kleinen Jagdwagen am Treffpunkt vor. Sein ehrliches Gesicht strahlte, als er Maggie sah. Sie aber hatte eine widrige Empfindung, fast wie Abneigung, als sie ihm die Hand gab und dabei dachte: Diese Freude gilt der Erwartung, von Gertrud zu hren. Es schien nun wirklich, als ob ihr Vater sie an einer Aussprache mit Seckersdorf hindern wollte Er bemchtigte sich seiner ausschlielich, gab ihm Anweisungen, als sollte jener selbst die Aufsicht bernehmen, und was das Schlimmste war, Seckersdorf hrte mit vollster Aufmerksamkeit zu, fragte, lie sich belehren und sprach selbst so anhaltend zu den Leuten, da sie schlielich eine ungeduldige Bemerkung ber seinen Eifer machte. Er wandte sich um. Entschuldigen Sie mich, bat er. Ich bin Landmann mit Leib und Seele und kann in Sachsen verwerten, was ich hier lerne. Wir haben auf Isenburg ganz hnliche Forstverhltnisse. Sie gehen wieder zurck? fragte sie, froh, ein Gesprch anknpfen zu knnen. Wahrscheinlich. Der Oberfrster rief ihn, ehe er etwas hinzufgen konnte, von neuem an. Er hatte an einem der wenigen geschlagenen Stmme ein fremdes Forstzeichen bemerkt und fragte nach dessen Bedeutung. Seckersdorf wute sie nicht. Der Oberfrster sprach Vermutungen darber aus, warnte vor Holzdieben, die in der Gegend ein freches Wesen trieben; und darber ereiferten sich beide Mnner so, da Maggie niedergeschlagen hinter ihnen herging und ihren heutigen Versuch als verfehlt zu betrachten begann. Dabei steigerte sich aber der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen, zugleich mit dem Abneigungsgefhl gegen Seckersdorf, der ihr diese Absicht so erschwerte. Und als ihr Vater ihr einmal, aus dem Gesprch heraus, an dem sie nicht teilnehmen konnte, einen listig triumphierenden Blick zuwarf, kochte eine jhe Wut gegen ihn, Seckersdorf und Gertrud in ihr auf. Aber dann wurde sie wieder ganz kalt. Nun gerade! sagte sie sich, und wartete zornig und geduldig zugleich. Und ihre Stunde kam. Das Wetter nderte sich pltzlich. Der Wind schien die schweren Wolken, die massig und unbeweglich ber dem Wald gestanden hatten, mit einemal niederzudrcken. Sie fielen als dichter, fast tropfender Nebel nieder, der sich jeden Augenblick mehr zusammenzog und in krzester Zeit ein tchtiger Landregen werden mute. Der Oberfrster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war auer sich. Zwei Tage noch htte sich das Wetter halten mssen, und nun ffte es ihn auf solche Weise. Wenn ich allein wre, wollte ich brigens nicht viel davon reden, sagte er schlielich. Aber das kommt davon, wenn man ein schwacher Vater ist. Maggie lachte. Mir macht doch das bichen Regen nichts, und mein Lodenkleid ist auch daran gewhnt. Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie natrlich nach Hause! sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh. Er wechselte mit Maggie einen Blick. Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede, da er in das Haus des Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten: Aber das ist ja =force majeure=, siehst du das denn nicht ein? Der Oberfrster verstand beide. Nein, lieber Freund, das nehm' ich nicht an, sagte er. Fnf Meilen in einer Tour ist zu viel fr Ihre Gule! Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich also und machte ein hflich leeres Gesicht, aus dem doch die mhsam bezwungene Enttuschung hervorguckte. Der groe Junge! dachte Maggie rgerlich. Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar, fuhr der Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz bestrkt. Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein Mdel einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause. Einverstanden? Mit tausend Freuden, rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. Wenn Sie, und vor allem das gndige Frulein, in meinem Junggesellenhaushalt vorliebnehmen? Auch Maggie empfand diese Lsung als eine glckliche und freute sich auf das Abenteuer; denn etwas hnliches wre es doch. Whrend sie einstiegen, sagte sie ihm halblaut: Papa hatte recht, Sie durften nicht mit! Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, whrend er vom Kutschersitz her die Zgel fhrte. Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, ber die langweilige, von Ebereschen eingefate Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen ber die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein lebendes Wesen zeigte sich. Der Oberfrster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock gewickelt. Maggie sa gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend. Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgefhl ber sie. Das alles ist mir untertnig. Und besonders amsierte sie, da der, dem in Wirklichkeit Feld und Flur einmal gehren sollten, gar nicht ahnte, da sie in Gedanken mit ihm teilte, da sie mit dem festen Willen in sein knftiges Besitztum einfuhr: Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen. Wie ein Rausch kam es ber sie. Ein wilder, energischer Siegerwille brauste durch ihre Gedanken und gab ihrer Erscheinung einen starken, neuen Reiz. Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte, groen, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen, aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe schob und von der Schwelle der Tr, die man bei dem hastigen und lautlosen Vorfahren noch nicht geffnet hatte, den beiden Herren ein bermtiges Willkommen! zurief, da fuhr Seckersdorf zurck vor der prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des Mdchens, das ihm mit der ganzen ursprnglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte. Dann verlief alles regelrecht und programmig. Diener und Hausmdchen versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der groen Treppenhalle, in der eine Bank aus altertmlichem Holzrat mit einem riesigen Brenfell davor, alte verrostete Krasse und Waffen und eine Menge vertrockneter Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altvterisch behagliches, molliges Zimmerchen gefhrt, in dem alles darauf hindeutete, da es zum ausschlielichen Gebrauch fr Damen bestimmt war. Es ist noch von frher her so, bemerkte das junge adrette Dienstmdchen, und der gndige Herr hat es wieder in Ordnung schaffen lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben. Maggie nickte. Sie htte fr ihr Leben gern gefragt, welche Damen den Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren Lebensgewohnheiten doch so sehr, da sie schwieg und mit dem Mdchen nun in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den Leuten so sehr an ihr imponierte. Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der Fhrung des Mdchens in das Ezimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar hinein. Es fllte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holztfelung und ehrwrdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, da er von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten Etisch; es stand auf gelblich weiem, feinsten Damast, dessen tiefe Bruchfalten zeigten, da es lange im Wscheschrank geruht hatte. Die altertmlichen Glser mit dicken Fen trugen eine Krone und zwei verschnrkelte Buchstaben. Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs verwaltet, dann von ihm bernommen war und zu einem neuen Erbgut fr seinen jngsten Sohn eingerichtet werden sollte. So erzhlte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der Oberfrster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider. Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr drauen auf dem groen, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen. Wie steht's? fragte er hastig. Was habe ich zu erwarten? Schnell ... ich bitte Sie ... Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein prickelndes Wohlgefhl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat sie nicht. Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem Ausdruck innigen Mitleids vertiefte. Ich wei nicht recht, sagte sie suchend, Herr von Seckersdorf, ich mte da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, da Gertrud an Sie denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schlielich nicht so viel Verstndnis fr das Verantwortlichkeitsgefhl einer Mutter. Was heit das, Frulein Maggie? fragte Seckersdorf bestrzt. Haben Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen ... Maggie nickte. Wrtlich, Herr von Seckersdorf. Und? Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wute ich ja!' Und dann ist sie still geworden und hat diese bertriebene -- ich meine, sie hat ihre Kinder von da ab mit ganz ausschlielicher Zrtlichkeit behandelt. Und als ich -- ich dachte doch, man mte ihr ein bichen helfen -- sie ist so ngstlich und im besten Sinne des Wortes frmlich, und ich wollte Ihnen auch gern Nachricht geben ... Kurz und gut? sagte Seckersdorf erregt. Ja, sie ist sehr bse auf mich geworden und hat mir verboten, je mit Ihnen ber sie zu sprechen. Ihnen verboten? wiederholte Seckersdorf ratlos. Ernsthaft verboten? Aber Sie selbst sagten mir doch ... Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem Augenblicke empfand sie fr ihn etwas von der Zrtlichkeit, die sie der Schwester entzogen hatte. Ihr wortloses Mitgefhl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabhngende Hand und hielt sie fest. Sie sind gut, Frulein Maggie! sagte er leise. Aber, bitte, sagen Sie mir, was heit das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud hat ja mit mir kein Wort darber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und ich sah es ihr ja auch an ... Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud, bat Maggie weich. Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung nach unglcklich -- Natrlich! sagte Seckersdorf mit berzeugung. Alle Welt wei, wie schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung ... Maggie machte eine abwehrende Bewegung. Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem eine groe Zuneigung fr Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, da sie, wie sie sagt, eine anstndige Frau bleiben will. Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht berschattete sich mit einem hochmtigen Zuge des Befremdens. Hat sie das gesagt? fragte er kurz. Hab' ich sie etwa ... Aber das kann ja nicht sein. Frulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten Zusammentreffens? Sie nickte eifrig. Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner -- das Wort ging doch nicht ganz glatt ber ihre Lippen -- meiner Liebe zu Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr nichts gendert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und jetzt ist sie acht Jahre lter und elend und Mutter und -- Ein zrtlich mitleidiges Lcheln lste seine Lippen, die er vorhin fest aufeinandergepret hatte. Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen, fuhr Maggie fort, und warf einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nervses Zucken bei ihren Worten nicht bemeistern konnte. Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf. Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren anknpfen zu wollen, eine zerrissene Sache, sagte er fast schchtern. Es ist wahr, Frulein Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals. Ich mchte sie wieder schn und froh haben, und ich dachte, wie Sie damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei sein wrde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu bereden oder zu verleiten, wenn sie es fr Snde hlt. Recht hat sie ja auch, rein und gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder berspannt. Was nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit abgefunden ... Blo ... Er legte die groe, weie Hand bers Gesicht, als wollte er es in diesem Augenblicke nicht sehen lassen. Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr sie der Gedanke: Was tust du da? Und gleich hinterher: Was willst du selbst mit diesem groen Kinde, das so ganz erfllt von der anderen ist? Es fehlte nicht viel und sie htte eingelenkt. Aber da kam der Oberfrster hinein, und man setzte sich zum Essen. Seckersdorf machte liebenswrdig und ohne etwas von seiner Erregung zu verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bekmmerten Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen mglichen Dingen neckte. Ich will dich zerstreuen, dir ber diese Stunde hinweghelfen, sagten ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete darauf mit einem schwachen Lcheln. Sie wiederum fhlte, da ihr Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter. Das Essen war mig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die Herren natrlich, und dank Maggies Munterkeit -- sie ist immer so, bemerkte der Oberfrster -- schien die kleine Tafelrunde bald in frhlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer groen Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast redselig. Ich hab's nicht gedacht, da ich noch so sein kann, gestand er ehrlich. Aber, gndiges Frulein verstehen es, einen vergngt zu machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt. Das findet Gertrud auch immer, sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr dann leicht zusammen, heimlich berlegend. Ob er nun nicht vergleicht? Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Gedchtnis rief, machte er zwar ein trbseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch. Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter? fragte er hflich. Gott bewahre, sagte der Oberfrster an ihrer Stelle mit mehr Betonung als ntig gewesen wre. Die war immer nur zum Ansehen und zum Htscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken Sie, tausend Mark Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was heien fr unsere, das heit meine Verhltnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles brige zu bestreiten! Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verhltnisse, auf Beamtentum und Grundbesitz, und was der Wechsel des Gesprchs damit in Verbindung brachte. Maggie sah dabei nicht mit dem blichen interessierten Blick hflicher Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie grbelte nie viel, aber ihre unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte fr ihre Gedanken zu finden, lieen sie viel weltkluger scheinen, als sie war, und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit unterlaufen lie, kam sie bei den Mnnern trotzdem nie in den Verdacht einer verpnten Gelehrsamkeit. Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an. Was bist du fr ein Mdel? bersetzte Maggie sich seine Blicke. Gut, klug und temperamentvoll. Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde schon dmmrig, als der Oberfrster an den Aufbruch dachte. Schade, meinte Maggie. Ich htte so gern das interessante alte Haus gesehen. Da gibt's sicherlich Schtze ber Schtze. Viel altes Germpel, sagte Seckersdorf. Aber falls Sie sich dafr interessieren, wrde es mir eine groe Ehre sein, wenn mir vielleicht ein andermal ... Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Zgern schttelte sie doch den Kopf. Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist, erwiderte sie, den Vater fragend ansehend. Wir lassen sie nicht gerne viel allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen. Beide Mnner wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich khler, als er nach den behaglichen Stunden wohl htte sein mssen. Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch flchtig einiges Geschftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem, und dann ging's fort. Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski, sagte Seckersdorf zum Schlu sehr steif. * * * * * Gertrud hatte den Vormittag vertrumt. Es waren kaum bewute Grbeleien, denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen, unklaren Bildern an ihr vorber. Trnen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein sprhenden Regens herumspielten. Ihr war eigentmlich zumute. Sie wute ganz genau, da sie Seckersdorf liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, da sie Maggie frchtete, ja beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewuten Gedanken regte sich mit vorahnendem Kltegefhl einer, der an Pflicht und Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenmssen mahnte, und alte Bibelsprche, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt, bekrftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die Selbstvorwrfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene Stimme hinein: Gertrud, komme zu mir!, und dann schlo sie die Augen und trumte sich trotz allem mit sem Schauer an seine Brust und klagte ihm alles und sagte: Denk' du fr mich und sorge, da ich das Rechte tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster! Aus diesem Empfinden rttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller Gram, da sie, auch wenn das hei Ersehnte sich ihr erfllen sollte, nicht mehr imstande sein wrde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie Herbstschauer berflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine unvernnftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm geschtzt vor dem grauen Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt tat. Was sie wohl sprchen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdrngen? Eine trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschlsse sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was sie ihm sagen wrde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde Mittag und niemand kam heim. Sie a schlielich mit Frulein Perl und den Kindern und fing wieder ein schchternes Gesprch ber unglckliche Ehen an, ber Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so allerlei, was ihr durch den Kopf ging. Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus Nizza. Zitternd schlo sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt Kurowski seinen Worten auf dem Fue folgte, und lange konnte sie sich vor Angst nicht entschlieen, den Umschlag zu ffnen. Es waren kaum zwei Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las. Mein liebes Kind! Es wird Zeit, da ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu reden. Vorlufig so viel: Ich will durchaus nicht zurcknehmen, was ich Dir oft gesagt habe, nmlich da Du mir als Frau und Gefhrtin nicht gengst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken. Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's nicht erleben, da ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen, wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im brigen keine Feindschaft und keine Gefhlsduselei. Kurt. Gertrud warf sich schluchzend ber ihr Bett. Sie fhlte sich wieder ganz unter der Zuchtrute der vergangenen sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen, die sie schchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte, verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine grauen Flgel um sie. Was tue ich nur, was tue ich nur? fragte sie sich immerzu. Wer hilft mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans! In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, da Hans Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen wrde, ohne da sie ihn rief. Und da rang sie sich zuletzt den Entschlu ab, ihm ein Wort zu schreiben. Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wute sich keinen anderen Rat, und sie frchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf. Er hat mich ja lieb, und er kommt gewi gleich, dachte sie. Und sie schrieb unter strmenden Trnen in ihrer hbschen, korrekten Schulmdchenhandschrift: Lieber Freund, ich bin in groer Herzensangst. Und da Maggie mir gesagt hat, da Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben, bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich bin so verlassen, und Sie sind der einzige, an den ich mich wenden kann. Mit vielen Gren Ihre Gertrud Kurowski. Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf. Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wre alles gut, er wrde kommen und ihr sagen, was sie tun mte. Sie ruhte aus in dem Gedanken, -- aber ihre Kinder anzusehen wagte sie nicht mehr. Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flchtig herumstichelte, setzte sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg bersehen konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurck waren, sollte ihr Bote, der lteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war eingefallen, da der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den Wald treffen und anhalten mchten. Sie sagte dem Stubenmdchen also Bescheid, lie sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen einzuschrfen. Es handelt sich um eine Geschftssache, erklrte sie verlegen dem Mdchen und dem Burschen, und fand das sehr berlegt von sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: Solche kleinen Winkelzge werde ich nun wohl fters machen mssen ... Endlich kamen die Erwarteten zurck. Maggie sprach sehr viel, erzhlte ausfhrlich alles uere ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf, beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich hauptschlich an Frulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie war, lie doch uerlich ruhig alles ber sich ergehen. Denn der Vater beobachtete sie, whrend Maggie erzhlte. An dieser selbst glaubte sie hier und da ein spttisches Lcheln wahrzunehmen. Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs, und morgen vielleicht wute sie, wohin und was tun. Whrend des Hin- und Hersprechens trat das Stubenmdchen ein und wartete, bis man sie bemerken wrde. Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie aber wahr, da Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen. Was gibt's? fragte der Oberfrster und sah sich um. Das Mdchen kam nher. Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den Brief mitnehmen kann, -- oder soll doch der Fritz gehen? sagte sie halb zu Gertrud gewandt. Die wurde totenbla. Sie winkte dem Mdchen, hinauszugehen. Der Oberfrster stand auf. Welchen Brief? fragte er unwirsch. Von der gndigen Frau, sagte das Mdchen schchtern. Der Oberfrster kniff die Augen zusammen. berhaupt nicht mehr ntig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den Brief her! Eine groe Stille entstand. Gertrud sagte sich immerzu: Ich mu protestieren, ich mu meinen Brief abschicken. Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor. Der Oberfrster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zurckkommen des Mdchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und Frulein Perl begriff berhaupt nichts. Hast du denn nach Romitten geschrieben, Herzchen? fragte sie ahnungslos. Gertrud schwieg. Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberfrster nahm ihn ihr ab und winkte ihr hinaus. Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerri er den Brief, ohne ihn zu ffnen, und warf ihn in den Papierkorb. Pfui! sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. So etwas tut meine Tochter! Was wolltest du von ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst du von ihm ... Schmst du dich nicht? Ja, Gertrud schmte sich, als htte sie ein unshnbares Verbrechen begangen. Sie wute vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie fhlte sich ganz zerbrochen und dachte nur. Fort, fort! Oder lieber noch sterben! Sagen konnte sie nichts. Der Oberfrster wurde dunkelrot. Wirst du reden? schrie er. Da trat Maggie zur Schwester. Qule sie doch nicht unntz, Papa, sagte sie. Schlielich kann sie doch tun und lassen, was sie will. Nicht in meinem Hause, rief der Oberfrster erregt, nicht in meinem Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine luft hinter dem Menschen her, da es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gefllig zu und halt's Maul zu dem ganzen Treiben, nicht wahr? Es ist kein Liebesbrief, Papa, sagte Gertrud heiser. Du erlaubst wohl, da ich mich entferne. Ich werde ... berhaupt bald fortgehn ... Sie taumelte hinaus. Der Oberfrster lief erregt im Zimmer umher. Wenn blo der Kurowski wieder da wre. Maggie war tief erregt. So ganz leicht schien es doch nicht, zu einem Ziel zu gelangen, dem sich Hindernisse solcher Art entgegenstellten. Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. ber Gertrud, ber sich, ber das ganze Leben. Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermite sie Gertrud. Sie htte zu ihr hineinstrzen mgen und sich ausschreien. Vielleicht auch lachen ber die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: Trude, sei gut ... du sollst ihn wieder haben. Und doch, nein -- das wrde sie nicht. Was fiel ihr denn berhaupt ein? Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden? Gute und bse Gedanken berstrzten sich in ihr und versetzten sie in einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze Berechnung, auf die sie ihr knftiges Leben grnden wollte, eine falsche sei, als ob sie verlieren wrde, auch wenn sie's erreichte, Frau von Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann verspottete sie sich selbst und verhrtete sich in ihren Grbeleien ber Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr Schicksal selbst zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze Situation berlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter Segen fr sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie wrde es vielleicht auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie fhrte ihre Sache und kmpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position war die gnstigere. Es hie also sich zusammennehmen, anstatt zu trumen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren natrlichen Bundesgenossen, ihren Schwager. Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch berzeugt, da er sich schon aus uerlichen Grnden zu einer Scheidung nicht entschlieen wrde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und redete sich die Ansicht ein, da es zweckmiger und vernnftiger wre, wenn die Ehe nicht getrennt wrde. Sie hatte sich nur durch Gertruds klgliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten lassen ... Man htte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen ihren Tyrannen aufzutreten, ntigenfalls ihr dabei helfen mssen, anstatt -- Mitten in diesem Gedankengang sprang sie rgerlich aus dem Winkel auf, in dem sie sich zusammengekauert hatte. Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Komdie vor? Etwas tun mute sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause kommen. Gertrud wre im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann wre der Skandal fertig. Hei von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mute also noch aufgeschoben werden. Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die Gste zu begren. Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch saen sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken, tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gemtlich und neckten Maggie wie sonst. Der alte Herr, dick geworden, mit ein paar sorgfltig hinaufgekmmten, schwarzen Haarstrhnen, ein freundlich ironisches Lcheln um den breiten Mund, war ehemals der Schwerenter des Kreises gewesen. Seine Frau, lieb und sanft, hatte viel leiden und sich viel grmen mssen. Heute nannten sie sich Papa und Mama, sahen beide friedlich und fertig aus, und hatten gegenseitige kleine Aufmerksamkeiten fr einander, um sich das Leben leicht zu machen. Das war wohl der bliche Ausklang aller traurigen und frohen Ehemelodieen. Maggies Gedanken flogen um zwanzig Jahre vorauf zu Gertrud und Kurowski und dann zu sich selbst und Seckersdorf. Ihr wurde ganz schlecht dabei, und sie fhlte wieder die alte, rasende Sehnsucht in sich aufsteigen, auszuschpfen, zu genieen, solange sie noch jung und ihre Nerven noch dafr empfnglich waren. Die Freunde fanden den Oberfrster verstimmt und Maggie still. Man fing an, sie zu necken, der Name Seckersdorfs fiel, und da die Auklapper alte Freunde waren, machten sie auch eine Anspielung auf Gertrud und die Erbschaft, die Maggie da anzutreten scheine. Herrgott! rief der Oberfrster dazwischen. Wo bleibt denn eigentlich die Gertrud? Vor euch braucht sie sich doch nicht zu verkriechen? Sieh mal nach, Maggie. Maggie ging zgernd hinaus. Lina behauptete, die gndige Frau zu derselben Zeit wie das Frulein benachrichtigt zu haben. Maggie ging also hinauf. Als Gertrud auf ihr Klopfen nicht antwortete, machte sie die Tr leise auf. Die rotverschleierte Lampe brannte auf dem Tisch, auf dem Gertruds Schreibsachen lagen. Sie selbst sa am Fenster. Maggie trat zu ihr. Sie war zum Ausgehen angekleidet, hatte sich aber in eine weie Decke gewickelt und sah zum Fenster hinaus. Der Mond schien gelb durch die graugrnen Wolken, die in Streifen und Fetzen ber den Himmel zogen. Gertrud sah in dem unheimlichen Licht fahl und starr aus. Sie wandte sich gar nicht um. Maggies Herz zog sich zusammen. Was willst du tun? Wo willst du hin? fragte sie zitternd. Fort, sagte Gertrud, ohne sie anzusehen. Wohin? Gertrud zuckte die Achseln. Du, ich wollte weg, sagte sie, aber mich friert so. Es ist, als ob sie den Verstand verloren htte, dachte Maggie entsetzt. Komm doch vom Fenster fort, sagte sie beherrscht. Es zieht so. Gertrud stand auf. Ja, sagte sie, das ist wahr. Maggie befreite sie von der Decke, zog ihr den Mantel aus und nahm ihr den Hut ab. Sie lie es sich gefallen. Maggie htte sie gern in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht und frchtete sich auch. Sie ging nach der Glocke. Was willst du? fragte Gertrud lebhafter, in Angst. Aber, Kind, heut' ist es schon zu spt, heut' kannst du nicht mehr fort. Du hast auch Fieber, ja, du hast Fieber, und ich will nach der Jungfer ... Gertrud hielt sie fest. Ich habe einen Wagen gehrt, sagte sie bang. Ist mein Mann etwa da? Nein, nein, -- wie sollte er? sagte Maggie bebend. Wie kommst du darauf? Mir fiel ein, er knnte mit seinem Brief zugleich abgefahren sein --, sie schob ihr den Brief zu, der auf dem Tisch lag. Maggie nahm ihn an sich. Die Auklapper waren es, sagte sie. Sie wollen dich gern sehen. Aber du wirst nicht knnen, nicht? Du mut zu Bett, ja? Gertrud antwortete nicht und starrte schweigend in die Lampe. Maggie klingelte. Die gndige Frau ist nicht wohl, helfen Sie ihr, bedeutete sie die eintretende Jungfer. Das geht wieder vorbei, flsterte die ihr zu. Das war ebenso, als die gndige Frau mit den Junkern fortging. Maggie war beruhigt. Gott sei Dank, das also wenigstens war nicht ihre Schuld. Aber ihre ganze Selbstherrlichkeit schrumpfte doch zusammen bei dem Anblick des gebrochenen Weibes, dem die letzte Hoffnung genommen war. Ehe sie die Gste von dem Unwohlsein Gertruds unterrichtete, berflog sie den Brief Kurowskis. Auf den hin also hatte die arme Gertrud sich entschlossen, an Seckersdorf zu schreiben. Lieber Gott, es war doch ein Elend! Aber schlielich ... fielen die Karten nicht von selbst? Sie brauchte gar nicht mehr hinterlistig zu handeln, es machte sich alles von allein. Sie hat es ja gewut, da Kurowski sich auf nichts einlassen wrde. Gertrud hatte eben verspielt. Sie sprach nach dem Aufbruch der Auklapper nur flchtig mit dem Vater. Man wird doch an Kurt drahten mssen, meinte der. Wei Gott, ob sie uns nicht ernstlich krank wird, und dann wird er uns hinterher Vorwrfe machen. Besorge du das. Maggie nahm die Feder in die Hand, aber dann schttelte sie den Kopf. Nein, setze du das Telegramm auf, sagte sie zgernd. Ich schreibe unterdessen nach Friedland an den Doktor. Der Oberfrster berlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann fate er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen pltzlicher Erkrankung Gertruds heimrief. Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am nchsten Morgen auf und setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine groe, stumpfe Ruhe. Lhmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bichen Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, berspann sich mit einer ihr bisher unbekannten Gefhllosigkeit, und um sie herum wogte es in gleichmigem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie einwiegen. Ich habe zuviel aushalten mssen, dachte sie ab und zu, und dies ist wohl der Rckschlag. Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt sie unbewut immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder seufzend in ihren Lehnstuhl zurckzukauern und weiterzudmmern. So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine Fragen ganz vernnftig, erklrte sehr mde zu sein und niemand sehen zu wollen. Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von starker Blutarmut und schwerer Nervenberreizung und erkundigte sich nach etwaigen Gemtsbewegungen. Der Oberfrster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und verschonte auch Maggie mit Vorwrfen nicht. Der Arzt schttelte den Kopf, gab Schlafmittel, empfahl uerste Ruhe und versprach wiederzukommen. Maggie ging bla und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf benachrichtigte und zu Gertrud fhrte, wrde diese sicherlich gesund sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was wrde nun geschehen? Gertrud wrde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld. War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den Herrschern, die ber Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich ebenso gebrochen fhlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo einen Halt; auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit doch noch morgens und abends betete. In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre ganze Heiratsidee verwnschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den Freund bat, Gertruds wegen herberzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand und rechnete aus, wann Kurt eintreffen knne. Darber versumte sie, den Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als knnte sie nun Gertrud leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein. Gertrud sa wie vorhin da, mit groen, stillen Augen auf den Fahrweg blickend. Sie war berirdisch schn, ganz ohne verhrmten oder verngstigten Ausdruck in dem reinen Gesicht. Wie eine Tote, dachte Maggie und trat zitternd nher. Trude! Was willst du? Maggie kauerte sich auf die weien Felle an Gertruds Stuhl. Trude, ich hab' an Seckersdorf geschrieben. Soll er kommen? Gertrud hob den Kopf, der dadurch in einen Sonnenstreifen geriet und selbst zu leuchten schien. Warum? fragte sie. Um ihm Gelegenheit zu einer neuen Zusammenkunft mit dir zu geben? Geh, Maggie. Ich will euch alle nicht sehen. Maggie sprang trotzig auf und ging weg. Also Seckersdorf brauchte nicht herzukommen. Ihr konnte es recht sein. Sie hatte in einer Anwandlung von Sentimentalitt mehr tun wollen, als klug war. Denn abgesehen von sich selbst, wie htte man wohl Kurowski gegenbertreten sollen? Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem gutmtigen Seckersdorf. Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach wahrhaftig der Herr und Meister, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der groen schnen Welt umherzieht und in allem Genieen durch die Erinnerung an ein weiblondes Kpfchen gestrt wird! Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erfllten sie ganz. Dazu war auch das ganze Hauswesen verstrt. Die Kinder spielten in dem entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken versteckt, und mit Frulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungestrt lie; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verkndete sie im ganzen Hause, es wrde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen. Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel geschehen seitdem? Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft fr den bernchsten Mittag anmeldete und sich Nachricht ber Gertruds Befinden auf den Berliner Bahnhof Friedrichstrae ausbat. Wenn Gertrud das hrt, rafft sie sich auf und luft fort, elend wie sie ist, meinte Maggie. Das Beste wre schon, wir berlassen alles Kurowski. Der Oberfrster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man selbst Frulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und Tochter. Aber ihnen beiden war bse zumute, und merkwrdigerweise glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange Rede herunter: Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine Flle von Lebensglck und Glut ber dich rauhen Mann ausstrmte, -- statt ihr Kind nun in der groen Not ans Herz zu nehmen und es zu schtzen, treibst du es zu dem Wstling zurck, der seine Umarmungen zwischen ihr und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst zittert ... Und auch Maggie wand sich frmlich unter den Anklagen, die sie selbst aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst machte, bis sie schlielich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegenber aufstand und sagte: Weit du, Papa, wir beide sollten uns nun schon lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewi das Beste, aber die Verhltnisse sind eben strker als wir. Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die Tr ffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst htte die beiden nicht so erschrecken knnen, als die schne, ernste Frau, die in ihrem langen weien Schlafrock pltzlich vor ihnen stand. Um Gottes willen, Gertrud! stotterte der Vater. Wird dir das nicht schaden? Weshalb rufst du uns nicht? Mir ist ganz wohl, Papa, sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang rauh. Ich sah den Depeschenboten vorhin ber den Weg kommen. Hat Kurt telegraphiert? Bewahre, log der Oberfrster. Ich soll morgen nach Brasnicken zum Essen. Ganz pltzliche Sache. Aber willst du dich nicht setzen? Maggie, sorge fr das Kind. Maggie kam nher. Sie bewunderte den Vater und war gespannt, wie er sich herausreden wrde, wenn Gertrud die Depesche sehen wollte. Aber daran dachte die gar nicht. Mit ihren klaren Augen sah sie den Vater dankbar an und nickte beruhigt. Ich geh' nun wieder hinauf. Schickt mir die Kinder, ja? sagte sie. In diesem Augenblick fhlte Maggie ein berfluten alles Guten in sich. Sie sprang auf Gertrud zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es wollte aus ihr hervorsprudeln: Glaub' uns doch nicht, wir betrgen dich ja. Aber ich will nun nicht mehr -- komm -- komm ... Ein guter Blick von Gertrud, und sie htte das alles gesagt und die Schwester in ihren Schutz genommen. Aber Gertrud sah an ihr vorbei und nahm die gebotene Hand nicht. Da packte sie ebenso schnell Zorn und Verachtung gegen so viel Hochmut und Einfalt, die sie doch eben noch Reinheit und Stolz genannt hatte, und sie sah Gertrud so bse an, da diese zusammenschauerte. Ich geh' schon, murmelte sie und eilte nach der Tr. Der Vater wollte sie zurckhalten, aber sie achtete nicht darauf. Sie hatte sich aus dem schweren Nervenanfall, der sie in die trostlose Willenlosigkeit versetzt hatte, ein wenig aufgerafft, so weit, da sie sich sagte: Ich mu fort von hier, ehe Kurt kommt. Und da ich nun nach dem, was ich von Hans und Maggie erfahren, wei, da keiner mir helfen wird, mu ich allein sorgen. Geld hatte sie vorlufig ja genug, an das Spter brauchte sie noch nicht zu denken. Nur fort von hier, wo man sie verachtete, verriet und aus dem Wege wnschte. Sie rief die Jungfer und ordnete das Packen an. Aber gndige Frau knnen doch so elend nicht nach Hause, warf die bescheiden ein. Und die Mamsell mu doch da auch erst alles besorgen. La, la, sagte Gertrud gepeinigt und hielt sich die Hnde vor die Ohren. Pack nur fr alle Flle! Aber gndige Frau sehen so furchtbar mde aus ... Und die Unruhe hier mit dem Packen, meinte die Jungfer und sah mit ihren guten Hundeaugen besorgt ihre geliebte Herrin an. Ja, das ist wahr, antwortete Gertrud, wie immer nachgebend. Unruhe mcht' ich im Zimmer jetzt nicht haben. Packe dann wenigstens, was drauen ist. Ich bin wirklich sehr mde. Hilf mir! Und er kommt ja noch nicht, dachte sie ruhiger. Sonst ginge Papa morgen nicht fort. Und anmelden tut er sich bestimmt, wegen des Fuhrwerks ... Oder sollte er von Laukischken aus ...? Sie kam nicht weiter in ihren Gedanken. Die Schlafpulver, die sie bekommen hatte, fingen an zu wirken, und so schlummerte sie ein und verga fr viele Stunden ihre ganze bittere Not. * * * * * Das Wetter hatte sich pltzlich gendert. Die Wolken waren verflogen, der Himmel weit und bla, die Sonne matt und khl. Ein scharfer Wind schien ihre gelben Strahlen auseinanderzujagen, ehe sie unten ankamen. Der Weg war trocken, in den Wagengleisen hatte sich Eis angesetzt, und an der Windseite der Fichtenstmme am Waldrand glitzerte es und rann widerwillig sich lsend in schimmernden Tropfen herab. In solchem Wetter, dem unerwnschtesten fr Landtouren, kam Herr von Kurowski nach zweistndiger Fahrt auf den eisglatten Wegen in der Oberfrsterei an. Er war ein groer, zur Korpulenz neigender Mann. Jede seiner raschen Bewegungen ein Ausdruck hchster Lebensenergie und Selbstzufriedenheit, jedes Zurckwerfen des Kopfes ein Zeichen unermessensten Hochmutes, das Antlitz mit breiten Backenknochen, einem sehr gepflegten dunklen Vollbart, starker Nase und kleinen, sehr scharfen Augen, ein Rassegesicht. Intelligent und raubtierartig. Ungeduldig sprang er von dem ungefederten Wagen, auf dem er hergefahren war, die Treppe hinauf dem Oberfrster entgegen, mit dem er jahrelang kein Wort gewechselt hatte. Nun, wie steht's? fragte er in seinem harten, kurlndischen Dialekt. Besser, besser, -- aber sie erwartet Sie nicht. Sie war zu elend, wir durften ihr nichts von Ihrer Ankunft sagen. Kurowski schob ihn mit einer Handbewegung fast zur Seite. Die Jungen? Ah ...! Maggie trat ihm entgegen. Er begrte sie, kte feurig ihre Hand, und, als sie gro und wie in Gedanken zu ihm aufsah, auch ihren Mund. Maggie erschrak vor ihm. Er sah ihr in die unsicher blickenden Augen und lief dann den Jungen entgegen, die mit lautem Jubelgeheul auf ihn zustrmten. Er herzte sie, sagte ihnen ein paar derbzrtliche Worte und schob sie zur Seite. Wo ist sie denn? fragte er. Wollen Sie mich zu ihr fhren, Maggie? Maggie scho das Blut siedendhei durch den Krper. Seien Sie sehr gut mit ihr, bat sie stockend -- sie ... Ihr Schwager sah sie aus zusammengekniffenen Augen, halb verwundert, halb ironisch an. Maggies Trotz bumte sich auf unter diesem Blick. Gehen Sie nur allein zu ihr, sagte sie kurz, und bernehmen Sie die Verantwortung. Kurowski blieb im Hausflur stehen. Was machen Sie denn fr Umstnde, Schwgerin? Selbstverstndlich will ich mit meiner Frau allein reden. Zeigen Sie mir nur den Weg. Sie knnen ja nachkommen. Er lief die Treppe hinauf, sie folgte langsam. Gertrud selbst, durch die harten Tritte erschreckt, ffnete die Tr. Entsetzt, mit ausgestreckten Hnden blieb sie stehen und fand keine Worte. Na, sieh' mal, -- Kurowski fate sie an den Schultern und zog sie ins Zimmer -- la dich mal anschauen ... Schn wie der Tag steht sie mir da, und der Alte depeschiert, als ob's Matthi am Letzten wre. Gertrud machte sich los und zuckte in einem Nervenschauer. _Sie_ haben dich gerufen? fragte sie unglubig. Aber natrlich. Ich wre sonst erst Ende der Woche gekommen. Und nun sag' mal, Kind, was ...? Nichts, nichts ... nichts, sagte Gertrud hastig, und ihr weies Gesicht fing an zu glhen. Ich bin gesund, ich werde mitkommen, wenn du willst, Kurt. Gleich -- gleich ... Ich will bei dir auch nicht bleiben, aber zunchst komme ich mit. La mich nicht eine Stunde lnger hier. Kurowski sah nach Maggie, die mit gesenktem Kopf in der Tr stand. So, so, sagte Kurowski. Ihr habt euch gezankt ... Und recht krftig, scheint mir. Also bitte, Maggie, was ist los? Schnell! Er trat auf Maggie zu. Gertrud zog ihn zurck. Kurt, eine ehrliche Antwort bekommst du von ihr nicht. Und vom Vater auch nicht. Ich bitte dich noch einmal, frage nicht und nimm mich gleich mit. Gleich. Die hier sind froh, wenn wir weg sind. Kurowski fate seine Frau unter das Kinn, bog ihren Kopf zurck und sah ihr nachdenklich in das erregte Gesicht. Bleib oben, Kind, sagte er dann freundlich. Ich werde alles besorgen. Mit leisem Pfeifen ging er die Treppe langsam hinunter. Maggie folgte ihm. Sie wollte doch den Vater nicht allein mit diesem Manne lassen, der seine brutale, unberechenbare Rcksichtslosigkeit nur fr den Augenblick unter ironischer Freundlichkeit versteckte. Natrlich wrde er Gertruds kopflose bereilung ausnutzen. Es war ja auch gut so. Doch nun, da sie den Schwager wiedergesehen hatte, fhlte sie mit Bangigkeit, was sie Gertrud angetan hatte, und da es jetzt fr immer zu spt wre, es gutzumachen. Ihre Bahn war frei. Aber sie hatte Gertrud zugrunde gerichtet. Verzagt trat sie hinter Kurowski in die Stube des Vaters, auf einen groen, geruschvollen Auftritt gefat. Aber Kurowski sah sie nur beide belustigt an und begann ein ganz gleichgltiges Gesprch ber die Schnheiten der Riviera. Der Oberfrster lie es eine Weile ber sich ergehen, dann brauste er auf. Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? Was ist also mit meiner Tochter? Ach so, sagte Kurowski und streckte ihm beide Hnde entgegen. Nun, Sie haben mir ja einen hbschen Dienst erwiesen. Sie haben sie so schlecht behandelt, da sie sich schleunigst in meine Arme strzt, nachdem sie mir brieflich kurz und bndig erklrt hatte, da sie sich scheiden lassen will ... Schnen Dank also, alter Herr ... brigens werde ich natrlich dahinterkommen, wer es gewagt hat, meine Frau zu dem Entschlu der Scheidung aufzuhetzen ... Maggie sprang auf. Ich ... ich, rief sie voller Emprung. Ich hab' sie beredet ... ich habe Seckersdorf ... Sie hielt erschrocken inne und konnte seinen funkelnden Blick nicht mehr aushalten ... Kurowski sah sie in drohendem Erstaunen an. Und trotzdem ruft ihr mich eiligst her? fragte er. Ja, ich dulde so etwas nicht, schrie der Oberfrster. Eine verheiratete Frau! Aber ebensowenig la ich mir einen Zwang auferlegen. Maggie und ich verkehren, mit wem wir wollen ... Und es schlielich mit dem Seckersdorf verderben ... Papa, unterbrach Maggie ihn, hochrot vor Scham und Zorn. Er schwieg. Kurowski sah von ihm zu Maggie. Er fing an den Zusammenhang zu ahnen und lchelte hhnisch. Nun, ich werde meine dumme kleine Frau einmal scharf ins Gebet nehmen. Sie werden sie nicht qulen, rief Maggie heiser. Kurowski lachte. Sie soll Brautmutter spielen, wenn Sie Hochzeit mit Seckersdorf machen ... brigens, Glck haben Sie mit Ihren Mdels, Papa. Er konnte das alles ja nur aufs Geratewohl sagen, doch Maggies totenblasses Gesicht und ihre zornfunkelnden Augen enthllten ihm die ganze Wahrheit. Also noch einmal, sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. Mag nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegenber, und so gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spa obendrein. Ich werde in jedem Fall Gertrud schtzen, sagte der Oberfrster mit starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, da er das tun wrde. Sicher, sicher, hhnte sein Schwiegersohn. Aber fr heute bitte ich um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und schnen Dank fr die Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren knnen? Ich glaube, sagte Maggie tonlos. Der Oberfrster ging selbst hinaus, um die ntigen Anordnungen zu treffen. Er frchtete Gertrud ins Gesicht zu sehen und dachte doch mit einem Gefhl banger Erleichterung, da nun ja alles gut wre. Eine Stunde spter sa Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskrftige Mann, die schne Frau, die er sorgsam sttzte, die lebhaften, zrtlichen Knaben, das alles gab das Bild eines vollendet glcklichen Familienlebens. Und doch war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus zurck, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war sie ganz einsam und schutzlos geworden. Enttuscht in den noch einmal erwachten Glckshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie das doppelt zerbrochene Leben weiterfhren, vereint mit dem Mann, vor dem sie hatte fliehen mssen ... Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr vollkommen gleichgltig waren, ein Merkwrdiges auf: Sie hatte mit einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann. Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie brigens voller Reue und Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem khler denkenden Vater heftige Vorwrfe machte, da er jene so ruhig dem Scheusal Kurowski berlassen habe, ging in der Oberfrsterei alles seinen frheren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern fortgezogen, und eine unertrgliche Nchternheit breitete sich berall aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man hatte jahrelang so wie jetzt gelebt und nichts vermit. Die Entfernung von Gertrud war die gleiche, und dennoch, wie anders schien alles! Der Oberfrster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und Terminen zu tun und kam immer mde und verrgert heim. Nachbarbesuche blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen nachdenklich und schweigsam viel fr sich. Das konnte nicht so bleiben, sagte sich Maggie eines schnen Morgens. Es war nun genug gegrbelt und getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so vielem belastet hatte, ernsthaft zurckzukommen. Und von da an ging alles wie am Schnrchen. Sie teilte Seckersdorf mit, da Gertrud wieder in Laukischken wre und bat ihn, schleunigst herberzukommen. Der Vater war natrlich an dem bestimmten Tage nicht zu Hause, und Frulein Perl hatte mit der Festschlchterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem armen Freunde ihr volles Herz ausschtten und ihn zu trsten versuchen. Das war eine merkwrdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit mnnlicher Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm pltzlich wieder so nah gerckten Jugendtraum verflattern gesehen. Ihm war immer weh zumute, wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit dem Bewutsein, da er sich auf hchstes Lebensglck keine Hoffnung mehr zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu ndern. Wenn Gertrud gewollt htte, wre es wohl mglich gewesen, alle Schwierigkeiten zu besiegen, und er htte sie auf seinen Hnden dafr durchs Leben getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, da sie die einmal bernommene Pflicht heilig hielt, und er mute sie noch mehr verehren darum. Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, -- sie sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt bei Seckersdorfs Worten klang ihr die rhrend unbeholfene Bitte, die er enthalten: Helfen Sie mir doch, schrill durch die Seele. Heie Trnen flossen ihr ber das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem trben Sinnen heraus voller Verwirrung an. Frulein Maggie ... Sie weinen? Er stockte. Sie schluchzte weiter. Ach, sehen Sie, da Gertrud sich solch ein Glck durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, da auch Sie darunter leiden mssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen geradezu in die Arme ... Und sie erzhlte alles, wie jemand, der die inneren Vorgnge nicht kannte, die ueren auffassen mute. Danach war freilich die arme Gertrud ein schwchliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste berging sie, die unendliche Herzensgte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken zurckzog, und betonte ausschlielich die groe ngstlichkeit, das Unselbstndige, Schwankende, das ihr eigen war und gewi -- wie Maggie hervorhob -- einen groen Reiz an Gertrud bildete, nur da das alles nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam. Sie, Maggie, htte ja, robust und tatkrftig wie sie war, gern geholfen, wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugnglich war. Dann weinte Maggie wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz allen Forschens nicht herausbekommen, warum es zwischen ihnen allen zu einem Bruch hatte kommen mssen. Desto mehr erfuhr er ber Maggies Ansichten und wie sie gehandelt htte, wenn sie Gertrud gewesen wre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr schmeichelhaft fr ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in Schutz, aber zugleich mute ihn doch der Gedanke beschftigen, wie schn es gewesen wre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in gleicher Weise fr ihre Liebe eingetreten wre. In den nchsten Tagen trafen sie auf einem groen Diner in Auklappen zusammen. Sie saen weit voneinander und konnten sich auch zufllig im Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lcheln ber sein ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen. In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer strmischen Zrtlichkeit fr ihn, und sie dachte: Gott sei Dank, ich bin ihm wirklich gut. Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug, ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen. Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nchsten Tage zu Pferde, einer Forstangelegenheit wegen, blieb zum Kaffee und ritt erst abends wieder fort. Das nchstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab fter und fter. Da wurde in des Oberfrsters und Frulein Perls Gegenwart natrlich nur wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe Maggie sein, nur ein klein wenig gedmpfter, und mit einem warmen, kameradschaftlichen Ton fr ihn, der dem schlichten, weichen Manne unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das kraftsprhende Sichausgeben, die unbndige Lebenslust in ihr Seckersdorf, der still und mde geworden war, ersichtlich an. Wei Gott, wie es kommt, Frulein Maggie, sagte er einmal, auch wenn man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man vershnt sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, da man sie erlebt hat ... Was fr ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf? fragte der Oberfrster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken. Da sahen sich die beiden gro an und schwiegen befangen. Alles in allem war das Leben in dieser Zeit schn. Mit dem Gedanken an Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen khlen, bllich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Grbeln bertubt durch den groen Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor Augen, halb Komdie spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit junger heibltiger Menschen bei hufigem Alleinsein, immer in der Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinauszgernd. Es verging schlielich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch nicht; Maggie kannte den wehmtig scheuen Blick lngst, der in Gedanken an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener. Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen. Seine schmalen Gnge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie glitt aus, Seckersdorf sttzte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn gelehnt. Er prete sie heftig an sich, dann lie er sie schnell los, sah sie mit malosem Erstaunen an und schttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen und konnten auch spter im Zimmer in kein rechtes Gesprch mehr kommen. Solche kleine Zwischenflle wiederholten sich, ohne da es zu einer Aussprache kam. Der Oberfrster fing an, verstimmt zu werden, wenn Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang. Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zurck, als da sie ihm in seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen wre. Darber kam das Weihnachtsfest nher. Seckersdorf sollte dazu nach Sachsen zurck, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort oder hier in Ostpreuen seinen dauernden Wohnsitz nehmen wrde. Eines Nachmittags, der Oberfrster war hinausgegangen, und man hrte sein Schelten von dem Hof her, erzhlte Seckersdorf Maggie davon, whrend er im Zimmer umherging. Sie sa mit einer Bescherungsarbeit am Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer Bekanntschaft eine furchtbare Angst, da sie sich am Ende verrechnet haben knnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenbla vor Erregung und Bangigkeit. Was ist Ihnen, Maggie? fragte er herzlich, Sie sehen nicht gut aus. Sie schttelte mit einem traurigen Lcheln den Kopf. Also Sie gehen bestimmt? fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort. Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an, fragend, warm, schwer atmend. Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen. Maggie? sagte er unsicher. Was? Kann das sein? Was? fragte sie noch einmal leise. Ist das mglich, da wir -- uns gut sind? Ich glaube, sagte sie mit hellem Aufjauchzen. Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie kten sich, wie Verdrstende, die sich endlich, endlich satt trinken. So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut. * * * * * Fr Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten furchtbaren Zeit zu Hause ertrglich gestaltet. Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze raffiniert luxurise Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, berkam sie zunchst ein Gefhl von rein krperlichem Wohlbehagen. Sie wunderte sich, da das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit solchen Entschlssen mglich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann, teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, lie sie in Ruhe, nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie ber die Einzelheiten ihres Zerwrfnisses mit den Ihren auszufragen. Ich mchte nicht darber sprechen, hatte sie khl erwidert, und schlielich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, da sie sich nicht mehr als seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte. Er hatte ihre Worte ins Lcherliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage ganz unbehelligt gelassen. Und als sie uerlich gleichmtig und khl, bei aller innerlichen Zerbrochenheit, Morgen und Abend vergehen lie, ohne sich ihm gegenber zu ndern, hatte er, dem ein solcher Zustand unertrglich schien, eine groe Aussprache herbeigefhrt. Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau immer den Krzeren zog. Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben. Er hatte ihr gesagt, da er prinzipiell in eine Trennung einwilligen wrde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich fr zwei praktische, nchterne Leute, die nach auen hin Verpflichtungen haben, geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig gbe, und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten. Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine Wohltat fr Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie fhlte, zurckgedrngt gegen das, was so verstandesmig an sie herantrat. Ohne viel zu berlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende gefhrt, durch die ihrem Mann unwillkrlich Respekt abgentigt worden war. Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau zu fhlen. Sie mochte nicht immerzu ber die Bosheit grbeln, die man ihr angetan hatte, ber die Schande, in die sie bald gesunken wre, -- sie wollte schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte, meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten. Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mute sich mhsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen durch Gewohnheit und bung selbstverstndlich ist. Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das mglich gewesen sei, so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war allerdings eine alte Mamsell ber dem Ganzen ttig gewesen, die Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem gndigen Herrn zusagte. Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf fr sie gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein stillschweigendes Zugestndnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt einverstanden war, da sie dadurch zum selbstndigen Disponieren gezwungen wurde. Ihr anfnglich fester Entschlu, sich doch von ihrem Manne zu trennen, verblate mit der zunehmenden Ttigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit oder Gleichgltigkeit gegen das uere Leben, oder weil sie ihrem Gatten etwa freundlicher gesonnen gewesen wre; vielmehr ging ihr in dieser Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemhte, ihren Pflichten gerecht zu werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der Erkenntnis auf, da es weniger auf Glck oder Unglck ankommt, sondern darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit Ehren auszufllen. Ihr Mann war viel auswrts und kmmerte sich anscheinend auch im Hause nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein liebenswrdiges, gescheites Mdchen, mit der sie gern ab und zu plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer Krnklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmigem Gleise weiter, ohne Widerwrtigkeiten, aber in grauer Eintnigkeit. Von Hause hatte sie nur einen Brief durch Frulein Perl erhalten, der blo vom Alleruerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufllig bei den paar Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hrte sie nichts mehr von allem, was sie in den letzten Wochen so bitter geqult und mit so widersprechenden Glcksgefhlen erfllt hatte. Das war sehr gut, sehr gut, sagte sie sich abends und morgens. Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine lieben Kinder. Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und lachte hell auf. Da, rief er zu Gertrud herber, die mit klopfendem Herzen darauf wartete, den Inhalt zu erfahren. Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist natrlich hllisch ... Na, was ist das? Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein. Kurowski sprang zu ihr. Nimm dich zusammen, zrnte er. Was soll das heien? Gertrud richtete sich auf. Heie Trnen liefen ihr bers Gesicht. Weinen, -- hier vor meinen Augen weinen!, schrie Kurowski emprt. Das ist allerdings stark. Kurt, sagte Gertrud leise, tu', was du willst. Du weit es ja, da ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung. Der zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen hhnischen ber. So, sagte er, seinen Bart streichend. Nun, wir reisen jedenfalls hin, um zu gratulieren. Gertrud sah ihn mit gequlten Augen an. Nein, sagte sie. So entschlossen? Nun, ich sage: Ja! Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht. Als sie sich so zu ihm neigte, schn wie der Tag, mit einem fremden, entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn pltzlich eine rasende Eifersucht. Er fate sie an den Schultern. Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich mit ihm getroffen, ich bin betrogen! Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie sich nicht so rein fhlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr Wort, da sie Seckersdorf nie gesehen htte. Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, da er an diese Dinge besser nicht mehr rhrte, und nahm von einem Gratulationsbesuche Abstand. Unter der Bedingung, da wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zurckkommen, sagte er. Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht heuchlerisch die Hand drcken mute! Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin, wiederholte ihr Mann finster, damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du weit, ich lasse nicht mit mir spaen. Und der Seckersdorf soll sich nichts mehr einzubilden haben, wie damals -- verstanden? Gertrud schauderte zusammen. Verla dich drauf, sagte sie tonlos und lief hastig aus dem Zimmer. Sie wute nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung, Gedemtigtsein, oder das zum uersten gesteigerte Bewutsein des Verlustes. Lieber Gott, betete sie wimmernd, gib mir einen groen Stolz, einen unbndigen Stolz, oder la mich sterben. * * * * * Maggie war nun zufrieden. Die alltglichen kleinen Aufregungen der Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Glckwunschbesuche der Nachbarn und Freunde, die Beratungen ber die nchsterforderlichen Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in Anspruch, da sie sich nicht mehr weiter in Grbeleien vertiefte. Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Brutigam fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr sa, ihre Hand schlaff in der seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand sie einen Stich in dem Gedanken: wre er ebenso gelassen zrtlich, wenn _sie_ hier neben ihm se? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest und hei werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verbndete war, von ihr gesprochen hatte. Das tat sie brigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff gewesen, eine versptete Hochzeitsreise zu machen -- wie Maggie deren Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte --, als ihre Verlobungsnachricht in Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen. Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Frulein Perl, und da war viel von Hofbllen, von Auszeichnungen der Majestten, viel von Kurt die Rede, und den Schlu machten immer freundliche Gre fr den Vater und das Brautpaar. Darber gab es dann natrlich zu reden, und Maggie war auch berzeugt, da es zweckmig wre, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu nennen. Seckersdorf gewhnte sich daran und zeigte keine so merkbare Bewegung mehr, wie im Anfang. Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Natrlich! Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten Kameraden, aber ... es war doch gut, da sie im Grunde auch nicht alles gab, was sie hier und da einmal hei in sich aufbrausen fhlte ... Nicht fr ihn, fr niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es war wirklich niemand da. Und so kte sie wieder, wie Hans Seckersdorf sie kte, und dachte oft dabei an die groe Flamme, die einmal in ihm gebrannt hatte, und ob die fr immer ausgelscht sei ... Mit Gertrud und ihrem Schicksal beschftigte sie sich nicht viel. Sie wollte deren glnzende uere Erlebnisse, von denen sie hrte, als Tatsachen nehmen und nicht ber der Schwester Seelenzustand grbeln. Sie machte es diesmal ebenso wie ihr Vater, und der war ja sein Lebtag bei dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen. Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angekndigt hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Zgern gefragt, ob die Laukischker wohl im Ernst daran dchten. Selbstverstndlich, hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch davon berzeugt, da Gertrud es nicht ber sich gewinnen wrde, zu Seckersdorfs Hochzeit zu kommen. Darber rckte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und bersiedlungsplne brachten immer mehr Unruhe in das tgliche Leben. Die Ausstattung war besorgt, Erwgungen ber die Art der Festlichkeiten kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht. Sie berlegte, wie sich alles fr sie am vorteilhaftesten machte, und ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre uere Erscheinung zu glnzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette bereitete ihr ein paar schlaflose Nchte. Zuweilen berkam sie ein Ekel vor all diesen Oberflchlichkeiten, die jetzt ihr Leben ausfllten; aber sie berwand ihn und redete sich schlielich immer wieder das groe Ziel ein, das sie in kurzer Zeit nun erreicht haben wrde. Wenn Gertrud doch nicht kme! Vor einer blassen, vergrmten Gertrud htte sie sich ihr Leben lang frchten mssen. In ihrer Phantasie natrlich, denn Hans, sobald sie seine Frau wre, wrde an keine andere mehr denken, dessen war sie sicher. Aber Gertrud kam. Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von Kurowskis, ihre Zusage fr den nchsten Tag ein. Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichgltig auf; Maggie, aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberfrster war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm fortgewischt. Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles war gerumt, um Platz fr die Gste zu schaffen, die in groer Menge erwartet wurden, und smtliche Zimmer und Durchgnge mit Tannenbumen, -zweigen und Girlanden geschmckt. Gertrud hatte es sich bei ihrer Hochzeit schon so gewnscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck gewhlt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf nderungen, beschftigte die Leute, und nahm Frulein Perl alles aus der Hand. Sie fhlte sich recht als Siegerin. Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das Herz doch still. Sehr bla trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der Schwager begrte sie laut, whrend Gertrud in khlem Herabneigen das Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu kssen. Das hie: Ich habe nicht vergessen. Trotzig sah sie nun auf -- und fuhr fast zurck. Gertrud leuchtete ihr in einer Schnheit entgegen, die sie noch nie an einer Frau wahrgenommen hatte. Auch der Vater und Frulein Perl machten ihre staunenden Bemerkungen darber. Gertrud sagte nichts, aber Maggie bemerkte mit Bangen einen neuen selbstbewuten, ja triumphierenden Zug in dem regelmig stolzen Gesicht, das sie sich in Gedanken bla und gramzerstrt vorgestellt hatte. Ja, die wei sich jetzt zur Geltung zu bringen, die schchterne, bescheidene Gertrud, bemerkte ihr Mann. Nicht wiederzuerkennen, sag' ich euch, seit sie ein bichen Weltluft geschmeckt hat. Aber das war auch 'ne feine Sache, dieses Berlin, nicht wahr, Kleine? Gertrud nickte freundlich, ohne recht auf das zu hren, was Kurowski sagte. Mit hochmtig nachdenklichem Blick musterte sie ihre frhere Welt, in der sie so viel gelitten hatte. Ihr Mann und Maggie sprachen noch eine Weile, whrend man in Eile und Ungemtlichkeit Kaffee trank und der Oberfrster und Frulein Perl ber eine Weinfrage verhandelten. Gertrud wollte sich nicht angreifen vor dem Abend und erkundigte sich nach ihrem Zimmer. Es war das alte. Wann der Brutigam denn kme, und wann die Geschichte eigentlich beginnen sollte, fragte Kurowski. Maggie gab Auskunft. Seckersdorf wrde wie die anderen Gste um halb acht erwartet. Jetzt war's vier Uhr. Gertrud stand auf und meinte, Maggie sollte sich auch noch zurckziehen; sie sprach in gleichgltig freundlichem Ton und schien nicht zu ahnen, wie fassungslos Maggie gerade darber war. Sie mu diese Maske fallen lassen, dachte diese zuletzt. Ich werde sie zu einer Aussprache zwingen, mag es ausfallen, wie es will. Sie begleitete Gertrud hinauf in das frher von ihr bewohnte Zimmer, das jetzt fr diese und ihren Mann hergerichtet war. Sie blieb vor ihr stehen und musterte sie mit herausforderndem Blick. Aber Gertrud sagte nur: Danke, -- wenn es dir recht ist, mchte ich allein bleiben. Ich fange um halb sechs an, Toilette zu machen; soll meine Jungfer dir spter helfen? Und damit trat Gertrud zu einem der Betten, von dem ihr Kleid, eine weisilberne Wolke, Brokat- und Spitzengewebe, glitzernd und duftig herabfiel. Mit Trnen des Zornes und der Scham ging Maggie hinaus, und das Herz schnrte sich ihr zusammen. Das silberdurchwebte Ballkleidchen fiel ihr ein, in dem Gertrud zu jener ersten Vokeller Gesellschaft gefahren war, lachend und zrtlich gegen sie. Sie will mich ausstechen, dachte sie pltzlich voll Schreck. Sie hat absichtlich ein hnliches Kleid gewhlt, wie das von damals, und sie ist so viel schner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend gleichgltig gegen Hans sein, beruhigte sie sich dann. Sie wird ihm die groe Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen. So durchgrbelte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres Mdchenlebens und dachte inzwischen immer: Gott sei Dank, morgen ist alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu frchten und fange mein neues Leben an. Gertrud war fertig. Sie stand wie eine Knigin in ihrer glnzenden Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wunderschne Blume leuchtend und rein herausblhte. Das kleine Kpfchen auf dem schlanken Hals trug seine weischimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgefrbten Gesicht. Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit Kennerblicken und sagte lachend: Du, wenn es fr einen Ehemann nicht moralischer Ruin wre, sich in seine Frau zu verlieben, heute wei ich beinah' nicht ... Er kte sie leicht auf die zierliche nackte Schulter. Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei. Nun, so stumm und steif? Woran denken wir? Gertrud wurde rot. Ich rgere mich ber die Art, wie du sprichst, sagte sie. Freue dich lieber darber, nach unserem siebenjhrigen Krieg, meinte er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus. Gertrud wich zurck. Nicht doch! Ich geh' hinab. Beeile dich auch, es ist gleich sieben Uhr. Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und in die bereits hell erleuchteten Zimmer, die sie geradeso schon einmal gesehen hatte. Alles war still und leer, die Leute drauen beschftigt. Ab und zu drang ein Glserklirren oder ein unterdrcktes Durcheinandersprechen aus den hinteren Rumen herein. Sonst knisterten nur die Wachskerzen in dem Tannengrn, und die Hngelampen und Kronleuchter summten. Es war ein eigenes Gefhl, da so einsam hin und her zu gehen. Fast wie ein Traum. Allerlei Erinnerungen an Jugend und Weihnachten, harmlos und feierlich, tauchten in ihr auf. Andere drngten sich nach, hier ein Ton, hier ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit, und allmhlich sprote, ber alles hinauswachsend, alles untereinander verbindend, ein herbes Wehgefhl in Gertruds wirren Grbeleien auf. Sie frstelte, und doch schlug ihr Herz schnell und ihre Hnde brannten. Gott sei Dank, sagte sie dabei zu sich selbst, da mir das alles nichts mehr macht. Gott sei Dank, da sie mir gleichgltig ist, und da ich ihm freundlich und khl die Hand reichen kann. Herrgott, ich danke dir, da du mich hast stolz werden lassen. Was finge ich heute an ohne meinen Stolz? Sie berhrte den Wagen, der vorfuhr, berhrte das ffnen der Tr. Als sie aufsah, stand sie vor Hans Seckersdorf. Ihrer beider Blicke sogen sich ineinander. Langsam trat sie zu ihm. Er hob die Arme, er breitete sie aus, und mit leisem Schrei warf sie sich hinein. Sie sagten nichts, sie kten sich nicht, aber sie hielten sich fest, fest wie zusammengeschmiedet, und ihre Herzen schlugen gegeneinander. Und alles blieb still und leer. Trude, stammelte er endlich. Trude! Sie rhrte sich nicht. Noch einen Augenblick, dann ri er sich los. Der kalte Schwei stand ihm auf der Stirn. Barmherzigkeit, Trude ... ist das denn wahr? Sind wir wahnsinnig? Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Und er deckte seine groe Hand darauf. Trude, Einziggeliebtes ... Trude ... Ein Windsto schlug an das Fenster. Da raffte sie sich auf. Komm, sagte sie heiser. Er streichelte ihr Haar. Groe Trnen standen in seinen Augen. Erbarm' dich doch ... Trude ... So komm doch. Mein Pelz ist in der Garderobe. La deinen Schlitten vorfahren und komm schnell, sagte sie noch einmal hastig. Aber Kind, wohin, um Gottes willen ... wohin? rief er verzweiflungsvoll. Gleichviel -- leben -- sterben ... nur zusammen bleiben. Nicht qulen, nicht qulen, bat er mit erstickter Stimme. Kind, geliebtes, wir mssen uns in die Trennung finden ... Aber warum, Trude, warum hast du das getan? Sie sah ihn mit dunklen Augen an. Trennung? sagte sie. Nein, das geht nicht. Ich darf dich nur ansehen, und ich wei, das geht nicht. Wir verlieren Zeit ... schnell, fort ... Er prete die Hnde zusammen, er flsterte abgebrochene Liebesworte, starrte sie wie besinnungslos an. Aber er blieb stehen. Warum kamst du nicht frher? sthnte er. Wie sollen wir nun leben? Trude, warum hast du mir das getan? Maggie -- stammelte Gertrud. Aber das war eine so alte, lange Geschichte. Ich bin wahnsinnig gewesen, sagte sie hastig. Zuerst -- dann hab' ich wieder an Stolz, an elenden Stolz gedacht und Grundstze, und ich wei nicht was alles. Aber jetzt wei ich ... das alles war Schein. Das einzig Wirkliche im ganzen Leben ist, da ich dich liebe, grenzenlos, unsagbar ... Ich flehe dich an, nimm mich! Ich frage nach nichts mehr in der ganzen Welt, Kindern, Vater, wenn du nur ... Und whrend sie atemlos, fremd ihrem sonstigen Wesen diese Worte hervorsprudelte, hing sie sich an seinen Hals, glhend, zitternd, mit sprhenden Augen. Komm doch, flsterte sie. Die Schauer, unter denen ihr Leib erbebte, durchrieselten auch ihn. Er schwankte. Er murmelte etwas von Versuchung, whrend seine Lippen die des geliebten Weibes suchten. Sie hob den Kopf und sah ihn an. Versuchung ... ja ... ich hab' so lange dagegen gekmpft, gegen die Versuchung; und ein Blick in dein Gesicht sagt mir heut wie vor Jahren, wie zwecklos -- Du ... halt mich fest ... halt jetzt mich fest ... Ihre Stimme versagte. Er lste sich sanft von ihr und sah sie mit berstrmenden Augen an. Weil ich dich lieber habe als mein Leben, Gertrud, fleh' ich dich an: Komm zu dir! Trude, es geht doch nicht ... es geht nicht mehr ... Sie wurde schneewei und warf sich in einen Lehnstuhl. Du willst mich nicht? fragte sie. Todesschreck verzerrte ihr Gesicht. Du liebst also doch Maggie? Maggie! sagte Seckersdorf tonlos und prete beide Fuste an den Kopf. Es schttelte ihn wie ein Fieberschauer, von seinen bebenden Lippen rang sich kaum hrbar ein Wort: Lebe wohl ... Gertrud, leb' wohl, sagte er dann fester. Wir zwei, wir sind am Glck vorbeigegangen. Und diese Snde rcht sich nun an uns. Wir mssen es tragen. Tapfer sein, Kind, tapfer ... Wie eine eiskalte Welle drhnten die Worte ihr ins Ohr. Sie wollte schreien, aber sie konnte nicht, sie wollte ihn an sich reien, aber die Arme versagten. Sie zitterte. Dann machte sie die Augen weit auf; sie sah voller Scheu in das blasse angstvolle Gesicht Hans Seckersdorfs, und sah hinter ihm, im Nebenzimmer, Maggie, geisterhaft bla, auftauchen und verschwinden. Sie griff nach der Stirn. Um Gottes willen. Sie sprang auf, sphte hinein. Niemand. Ich mu getrumt haben, stie sie hervor. Wenn ich etwas gesagt habe ... und ich wei, ich habe ... vergessen Sie's, ich bitte Sie ... vergessen ... Sie winkte mit der Hand und ging hastig hinaus. Der Abend mit den blichen Auffhrungen, dem darauf folgenden Souper und Tanz verlief programmig. Das Brautpaar machte in liebenswrdigster Weise und nicht gar so sehr ineinander versunken, wie es sonst zu sein pflegt, die Honneurs, und alle Gste fhlten voller Befriedigung, da sie ein harmonisches Familienfest mitfeiern halfen. Auch da man die Kurowskis, ber deren Haushalt in letzter Zeit viel geredet worden war, in so gutem Einvernehmen sah, erhhte das Behagen aller, die Gertrud von frher her kannten und sie jetzt, den Gerchten nach, beklagt hatten. Man staunte ihre mrchenhafte Schnheit, die manche berirdisch, manche aber auch fieberhaft nannten, an, und man fand es sehr begreiflich, da Kurowski wenig von ihrer Seite wich. Nur, da er sie begleitete, als sie sich bald nach dem Souper zurckzog, und auch nicht wieder zum Vorschein kam, fiel hier und da auf, wurde schlielich aber in dem angeregten und frohen Treiben nicht weiter errtert. Am nchsten Morgen wurden Seckersdorf und Maggie getraut. Beim Hochzeitsmahl hielt Kurowski eine launige Rede, in der er dem jungen Gatten dasselbe Glck wnschte, wie er es an der Seite der ltesten Tochter des Hauses gefunden habe. * * * * * Der Oberfrster Hagedorn feierte seinen fnfundsiebzigsten Geburtstag. Da es der letzte war, den er im Amt verleben wollte, hatte er den Wunsch ausgesprochen, seine Kinder noch einmal zusammen bei sich zu sehen. In den sieben Jahren, die seit Maggies Hochzeit vergangen waren, hatte er mit Kurowskis in stetem, wenn auch flchtigem Verkehr gestanden, Seckersdorfs dagegen auf Neusenburg, ihrem schsischen Gut, nur zweimal besucht. Aber das war fr ihn auch gengend gewesen, da seiner Meinung nach alles in bester Ordnung seinen Gang ging, bis auf die Kinderlosigkeit Maggies, die ihn um so mehr krnkte, als bei Kurowskis noch zwei kleine Mdchen eingekehrt waren. Da die beiden Schwestern sich nie sahen, obwohl doch ber die alten Geschichten lngst Gras gewachsen und Gertrud eine vernnftige, tchtige Frau geworden war, hatte ihn anfnglich nicht viel gekmmert. Nun aber, da der Abschied aus dem Heimathaus nher rckte und hier und da auch die Ahnung des bald kommenden groen Abschieds einen weicheren Ton in seinem alten, harten Herzen anschlug, begann er sich darber Gedanken zu machen. Sie sollten sich unter seinen Augen, hier, wo sie zusammen herangewachsen und flgge geworden waren, aussprechen und ihm durch Zusammenhalten und Eintracht einen ruhigen und frohen Lebensabend verschaffen. Gertrud sowohl als Maggie waren darauf eingegangen, als er sich von ihnen eine Zusammenkunft zu seinem Geburtstage gewnscht hatte, und so stand er denn nun heute in der Mittagsstunde auf der Veranda und sphte mit seinen noch immer scharfen kleinen Augen den Weg hinunter, den Seckersdorfs, die er von Romitten her erwartete, kommen muten. Frulein Perl, eisgrau und gebckt, stand neben ihm und schwatzte ber Dinge aus vergangenen Zeiten, als unsere Mdchen noch zu Hause waren. Der Oberfrster nickte, und kaute mit den braunen Zahnstmpfen an den schmalen Lippen. Die Sonne brannte. Heie Luftwellen strichen mit schwlem Atem durch das rote Weinlaubgest hinauf, im Garten hoben buntfarbige Georginen ihre leuchtenden Kpfe, und die groen gelben =Gloire de Dijon=-Rosen fllten ihn mit starkem Duft. Aber hin und wieder erhob sich ein leiser khler Wind und trug einen herben Modergeruch in die lieblichen Sommerdfte. Dann sahen sich die beiden Alten mivergngt und leise schauernd an, und Frulein Perl sagte: Ja, der Herbst kommt doch schon. Wo nur Seckersdorfs blieben? beunruhigte sich der Oberfrster. Kurowskis kamen erst eine Stunde nach dem Zuge, -- aber Maggie war doch seit gestern in Romitten ... Ja, wenn die wirklich ganz da bleiben mchten und das verwnschte Neusenburg aufgeben, auf dem sie doch Unglck ber Unglck gehabt htten -- zu guter Letzt noch den groen Brand --, dann wre fr sie beiden Alten auch gesorgt. Dann brauchten sie keine enge Stadtwohnung in dem Nest, dem Friedland. Und der Seckersdorf wre ein Kerl, mit dem sich's leben liee, wenn er auch ein bichen zu viel kneipte. Frulein Perl nickte sorgenvoll. Ja, aber die Maggie, die doch so selbstndig ... Die wre lngst nicht so hinter allem her, wie die Gertrud, meinte der Alte. Frulein Perl sprang auf. Eine Staubwolke erhob sich an der Biegung des Weges. Einige Minuten spter hielt der Jagdwagen vor der Veranda. Noch derselbe, von dem Maggie einmal auf jener Fahrt nach Romitten triumphierend und siegesgewi heruntergesprungen war. Das tat sie heute nicht. Ihr Mann hob sie herunter, und langsam, den Staubschleier im Gehen in die Hhe schlagend, stieg sie hinauf und umarmte die beiden alten Leute. Sie war sehr verndert. Mager geworden und dadurch grer scheinend. ber ihren unverwstlichen Farben lag es wie ein gelblicher Ton, die groen Augen sahen sphend und unruhig, und ein unzufriedener Zug hatte aus dem lachenden Mund einen kummervollen gemacht. In ihrer Kleidung war sie schick bis zum uersten, aber nicht ganz die Linie der Vornehmheit einhaltend. Ach, mein Maggiechen, schluchzte das alte Frulein, sie musternd, -- sieben Jahre, sieben Jahre -- und so -- und dein Haar ist ja so rot ... und ... Ja, ja, Perlchen, und wir sind alle nicht jnger geworden ... Sieh dir den an ... Sie schob ihren Mann vor. Seckersdorf beugte sich ber Frulein Perls runzlige Hand und kte sie. Er war sehr gealtert. Seine stattliche Schlankheit war zu einem schlaffen Embonpoint geworden, das Gesicht etwas gedunsen, und die Augenlider hingen schwer ber den leicht gerteten blablauen Augen. Kommt -- kommt, sagte der Oberfrster. Ihr seid alle Kinder gegen euren alten fnfundsiebzigjhrigen Vater ... Er murmelte gerhrt etwas Unverstndliches, und ging ihnen in das alte Wohnzimmer voran, in dem noch jeder Stuhl wie vor sieben Jahren stand. Maggie fing pltzlich an zu weinen. Seckersdorf wollte mit seiner dicken Hand ber ihre Schulter streichen, aber er sah ins andere Zimmer und griff ins Leere. Und Gertrud? fragte Maggie. Der Oberfrster sah nach der Uhr. Werden gleich da sein. Wie sieht sie aus? Wie leben sie denn eigentlich? Der Auklapper erzhlte gestern auf dem Bahnhof, da sie so fromm geworden ist. Der Oberfrster und Frulein Perl erzhlten durcheinander. Sie war immer noch die Schnste; alle hatten das gesagt, neulich, als das groe Provinzfest beim Oberprsidenten gewesen war, und die Kaiserin hatte sich lange mit ihr unterhalten ... Und Kurowski, na, der war nach wie vor ein toller Heiland, aber er hatte einen Heidenrespekt vor seiner Frau. Wahrscheinlich von damals her, wo sie ihm endlich den Standpunkt klargemacht hatte. Und dann war sie ja auch so mit der Zeit tchtig geworden, wie keine andere im ganzen Kreise, und das sah Kurowski wohl ein. Ein bichen viel gesungen und gebetet wurde ja in Laukischken, aber natrlich im Dorf, und das schadete keinem; denn die Laukischker Leute wren wohl die besten in der ganzen polnischen Gegend da. Bei uns zu Hause war das auch so, bemerkte Seckersdorf in Gedanken. Meine Mutter hielt sehr darauf, da die Leute kirchlich waren. Und eigentlich gehrt sich das auch -- Maggie lachte hell auf. Und erschrocken hielt er pltzlich inne. Ein Wagen fuhr vor. Ein beklommenes Schweigen entstand. Dann gingen die beiden Alten hinaus. Seckersdorfs traten ans Fenster. Maggie verschlang die Aussteigenden fast mit den Augen, whrend Seckersdorf rot und kurz atmend zur Tr ging. Kurowski schien ziemlich derselbe. Etwas grau und fahl geworden, aber ebenso energisch in den Bewegungen, ebenso selbstbewut, und ebenso berlegen ironisch. Aber Gertrud! Etwas voller, aber immer noch schlank, eine reife, blhende Frau und doch mdchenhaft anmutig, vornehm und liebreizend, eine andere, als vor sieben Jahren, aber eine bessere, eine hhere. Maggie empfand das beim ersten Blick. Das Herz prete sich ihr zusammen. Zugleich durchfuhr es sie wie ein Stich. Die Worte ihres Mannes an jenem Abend kamen ihr ins Gedchtnis: Das liebe, weiblonde Kpfchen -- das siehst du nie mehr darunter ... Und nun trat Gertrud ein. Mit einfacher Herzlichkeit, aber ohne Rhrung ging sie ihrer Schwester entgegen. Ihre klaren Augen und ihre ausgestreckte Hand sagten mehr als Worte. Maggie war ganz bla geworden. Vor keinem Menschen auf der Welt, Gertrud, wird es mir so schwer -- begann sie, die Anwesenheit der anderen vergessend, leise mit zitternder Stimme. Gertrud zog sie an sich. Da brach Maggie in ein fassungsloses Schluchzen aus. Maggie ... Kind ... sagte Gertrud und streichelte das rotgefrbte Haar, das wirr den Kopf umbauschte. Maggie machte sich los und strich sich mit bebenden Hnden ber das heie Gesicht. Ich bin nervs geworden, sagte sie mit ihrer etwas heiser klingenden Stimme und einem unsicheren Versuch, zu lachen. Und du? La dich anschauen ... Gertrud runzelte ein wenig die Stirn, aber sie sah nach Seckersdorf und lchelte. Wir haben uns noch gar nicht begrt, sagte sie, ihm die Hand gebend. Ehrfurchtsvoll, tief sich verbeugend, kte er ihr die Hand. Gertrud trat schweigend zurck. Na, wenn denn alles so weit in Ordnung wre, sagte der Oberfrster erleichtert, knnten wir ja wohl auch zu Tische gehen, nicht wahr? Das war ein merkwrdiges Mittagessen. Man sprach viel, auch ber wichtige Dinge, wie die bersiedlung der Seckersdorfs nach Romitten, die schon beschlossene Sache war. Auf Maggies Wunsch! sagte ihr Mann, da sie sich in die schsischen Verhltnisse nie htte einleben knnen. Weil man sie bestndig ihre brgerliche Geburt htte empfinden lassen, meinte Maggie mit bsem Stirnrunzeln -- die Damen wenigstens. Man errterte auch, ob der Oberfrster und Frulein Perl mit hinberziehen sollten. Seckersdorfs wnschten es, und die beiden Alten strubten sich nur noch der Form wegen. Und so ging das Gesprch lebhaft und doch ohne eigentliche Wrme weiter. Whrend ber die Zukunft geredet wurde, lag doch jeder im Bann der Vergangenheit, und ber dem Plnemachen ma sich einer am andern. Schlielich verstummte das Gesprch. Und Sie, gndige Frau? begann da Seckersdorf stockend, gegen Gertrud gewendet, das erstemal, da er sie direkt anredete. Ach was, -- gndige Frau, unterbrach ihn der Oberfrster ... wenn ich auch zu alt bin, um mit aller Welt Brderschaft zu machen, unter euch Jungen ist solche Steifheit doch die reine Unnatur. Ihr knnt euch ruhig 'du' nennen. Einen Augenblick schwieg alles. Gertrud und Maggies Augen trafen sich mit ernstem, fragendem Blick, Seckersdorfs Gesicht zeigte einen entschiedenen Protest, nur Kurowski lachte sichtlich amsiert auf und sagte: Papachen, Sie sind unternehmend ... aber ... einverstanden. Und den Blick voll funkelnden Hohnes hob er sein Glas gegen Seckersdorf. ber Gertruds schnes, ernstes Gesicht flog ein leises Zittern. Ich glaube doch, wir lassen uns Zeit damit, sagte sie. Wir unter uns wissen ja, da wir sehr viele Mhe haben werden, uns miteinander einzuleben, nicht wahr? Wir haben alle den guten Willen, sicherlich ... aber ... Meine Frau will also einfach nicht, fiel Kurowski ihr etwas lrmend ins Wort. Was sagen Sie zu ihr, Schwager? Und Sie, Maggie? Wir werden uns also die Sache berlegen, und in einiger Zeit wieder bei Euer Gnaden anfragen. Seine halb spttischen Worte begleitete ein zufriedener Blick. Gertrud bemerkte ihn nicht, ebensowenig wie den dankbaren und bewundernden Seckersdorfs und den erschreckten und erstaunten ihrer Schwester. Sie sah still zu Boden. Die Gertrud ist jetzt immer so, sagte der Oberfrster mit dem klagenden Ton alter Leute, denen etwas nicht nach Wunsch geht. Wei Gott, wie das ber sie gekommen ist. Frher -- Ja, setzen Sie ihr nur den Kopf zurecht, Papa, mir regiert sie manchmal auch ein bichen viel, meinte Kurowski. Gertrud sah ihn befremdet an, aber er lachte. Das heit, wenn man ein Bummelante ist, wie ich, hat es schon seine guten Seiten, im Hause eine zu wissen, die die Augen offen hlt ... was, Seckersdorf? Sie scheinen mir auch gerade nicht solider geworden als Ehemann. Und Frau Maggie ... Ich habe gar keine Neigung zum Wachtmeister, sagte die schnell. Ich bin berhaupt weder Hausfrau noch Mutter ... Ja, Gertrud! Die Jungen hast du also im Korps? Und deine beiden Mdchen, die kenn' ich ja noch nicht. Wie alt ist jetzt die kleinste? Gertrud gab Auskunft und lchelte ganz unbefangen, als ihr Mann erklrte, es gehre eigentlich zu den notwendigen Requisiten des Lebens, immer ein dreijhriges Gr um sich zu haben. Und dann stand man auf. Der Oberfrster mute ruhen. Der Wein war ihm etwas zu Kopf gestiegen. Er war gerhrt, umarmte seine Tchter mehrmals, und nannte Gertrud mit dem Namen seiner verstorbenen Frau Ellinor. Frulein Perl geleitete ihn. Kurowski nahm Seckersdorf unter den Arm und forderte ihn zur Zigarre und einem kleinen Rundgang auf. Die Schwestern blieben allein, in demselben Zimmer, in dem Gertrud an jenem Herbstabend bitterlich klagend an Maggies Brust gelegen, demselben, in dem sie sich Seckersdorf in die Arme geworfen hatte. Jetzt, in Maggies Gegenwart, flackerte die lang berwundene Bitterkeit mit einer mden kleinen Flamme wieder in ihr auf, und als Maggie mit halb ersticktem Schrei ausrief: Trude ... Trude ... was ist aus dem Leben geworden?, antwortete sie unwillkrlich: Die Strafe fr das, was wir verfehlt haben. Aber dann besann sie sich gleich und trat zu der Schwester, die mit brennenden Augen zum Fenster hinausstarrte. Eigentlich ist das ja Unsinn, sagte sie mit der alten, lieben Stimme, und drckte den Kopf Maggies an ihre Brust. Man kommt schon wieder in die Hhe, auch wenn man etwas versehen hat, sobald man nur entschlossen ist, alles zu tun, was die Pflicht von einem fordert. Leicht ist das nicht, aber ich hab' es vermocht. Und du, Maggie? Nein, nein, nein, sagte Maggie heftig. Man kommt nicht mehr in die Hhe, wenn man -- Gertrud, ich hab' dich nutzlos betrogen, bin selbst am Glck vorbeigetaumelt. Er hat dich nie vergessen -- und ich -- Lieber Gott, ich bin mutlos zu allem anderen geworden, weil ich nicht einmal _das_ in ihm habe berwinden knnen. Und du liebst ihn? fragte Gertrud zgernd. Maggie schttelte den Kopf. Ich liebe ihn nicht. Ich habe niemand lieb, wenn ich es auch manchmal mchte und oft geradezu danach suche. Aber dann, Gertrud, kommt die schreckliche Klte in mir, und hinter allem lauert diese grliche Frage: Wozu? Sie schwiegen beide eine Weile. Komm, Maggie, sagte Gertrud dann. Wir wollen hinaus, es ist so bedrckt hier. Komm in den Buchengang. Und sie gingen hinaus. Es war ein holdseliger Frhherbsttag. Warme, bluliche Dnste hoben sich von den Fichten und verschwebten duftend. Die Stoppelfelder, die durch den Waldeinschnitt sahen, lagen ausgedient und ruhend in funkelnden gelben Streifen und Ecken da. Von den abgemhten Wiesen zog ein herber Feldkrutergeruch aus, und aus den Waldwegen quoll ein prickelnder, herbstlicher Atem. Solch schner Herbst, sagte Gertrud in Gedanken. Maggie blieb stehen und umfate mit beiden Hnden den Arm ihrer Schwester. Fr dich, Trude, -- fr dich, sagte sie beklommen. Und ihre Augen wurden na. * * * * * Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_ und fremdsprachiger Text in Antiqua mit =Gleichheitszeichen= markiert. Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert: lehne dich an und weine 'Lehne' im Original Folgende Zeilen waren im Original vertauscht, richtig 3-2-1-4: 1 das sich lohnt, und nun wollen sie es einem 2 Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschft, 3 euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine 4 verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin es stand auf gelblich weiem, 'geblich' im Original End of the Project Gutenberg EBook of Am Glck vorbei, by Clara Sudermann License: Share Alike