Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net An geffneter Tr von Clara Sudermann Dritte Auflage Felix Lehmann Verlag / Berlin =W= Alle Rechte vom Verleger gewahrt =Copyright 1914 by Felix Lehmann= =Verlagsbuchhandlung Berlin W 35= An geffneter Tr Wie das sonderbar ist, ... eigentlich wie ein Traum. Ich sitze ganz allein in einem Passantenzimmerchen des Glarner Hofs in Glarus. In den Gartenanlagen vor meinem Fenster pltschert hinter dickbltterigem Buschwerk das Wasser eines Springbrunnens. Das wird heute mein Wiegenlied sein und mir einen guten Schlaf bringen. Aber noch will ich nicht schlafen. Ich habe das Herz so voll. Es ist ganz still im Hause und auf der Strae. Als ich vorhin am Fenster stand, kam der Mond gerade hinter dem Glrnisch vor und schttete schimmernde Streifen ber Schroffen und Halden und Wasserfden, die sich hinunterringeln. Da wurde der Riese lebendig und bekam eine Stimme. Ach, du lieber, geliebter Riese, ich verstehe ja deine Sprache, ich fhle sie, und als Antwort mchte ich mich an dich hinanschmiegen, dich ganz umfassen mit all deinen Gipfeln, deinen Abgrnden und den stillen, grnen Matten... Ich bin frei, und ich glaube an das Leben, an mein Leben, ber dem Jahre hindurch das Schwert hing! Als heute vor vierzehn Tagen in Davos Dr. Herholz in mein Zimmer kam und mir ganz ohne Vorbereitung sagte: Frulein Lydia, wir sind so weit, rsten Sie sich zur Heimfahrt, ... da stand mir das Herz still vor Schreck. Wie oft hatte ich mir diesen Augenblick ausgemalt, in dem der lchelnde Henker vor mich treten und mir sagen wrde wie schon so vielen vor mir: Sie sind als geheilt entlassen. Wie hatte ich in voller Fassung und Wrde dieses Todesurteil entgegennehmen wollen, auch lchelnd und dem Anschein nach den lgnerischen Worten Glauben schenkend. Und nun...? Ich fhle jetzt noch die eiskalte Leere, die pltzlich um mich war. Meine Jugend, meine armen vierundzwanzig Jahre schrien jammernd um Hilfe. Wie lange also noch, Doktor? brachte ich endlich vor. Doktor Herholz, brigens einer der wenigen unter der Herde von rzten, die mein Leben durchzieht, der mir immer gleichmig freundliche Teilnahme gezeigt hat, nahm meine Hand und fhlte gewohnheitsmig den Puls. Ruhig, ruhig -- es ist Ernst, Frulein Lydia, sagte er und sah mich treuherzig und froh an. Sie brauchen nicht mitrauisch zu sein. Ich habe das aber bei Ihrer skeptischen Veranlagung vorausgesehen und Ihnen den Krankheitsbericht seit der drittletzten Injektion mitgebracht. Kommen Sie, sehen Sie selbst. Es flimmerte mir vor den Augen. Ich las wohl mechanisch ... Gewicht ... Temperatur ... Sputum ... usw. Diese ganze entsetzliche Reihenfolge, die tagaus, tagein Gedanken und Gesprche beherrscht hatte, und ich mute mich von dem gnstigen Ergebnis berzeugen, das ja meinen eigenen Wahrnehmungen entsprach. Aber hinter der leise aufdmmernden Hoffnung sprangen die schwarzen Kreuzchen auf, die in meinen Erinnerungsbchern bei so vielen Namen stehen, -- Namen von armen Menschenkindern, mit denen ich ein Stckchen Weg gemeinsam gemacht hatte, und denen fast allen einmal, wie heute mir, verkndigt worden war: Sie sind als geheilt entlassen. Sie drfen das nicht, Doktor, sagte ich dann. Es ist eine berflssige Grausamkeit. Das ist alles Tuschung, ein vorbergehendes Aufflackern, ... ich wei zu genau Bescheid, und ich will mich nicht selbst betrgen und mir auch keine falschen Erwartungen einimpfen lassen... Ich gebe Ihnen die ehrliche Versicherung, da es Ihnen verhltnismig gut geht, Frulein Lydia. Natrlich sind Sie kein Riese, -- drfen sich nie fr ganz gesund halten, -- mssen vorsichtig und mavoll in jeder Beziehung leben, -- krperlich und geistig... Und nun begann er einen ganzen Strom rztlicher Weisheit ber mich zu ergieen. Mir war wunderlich dabei zumute. Ich widerstrebte innerlich, aber hier und da fing etwas in seinen Auseinandersetzungen an mir einzuleuchten, und endlich, als er von den Gefahren eines Rckfalls, ja des letalen Ausgangs sprach, die durch Erkltungen, Anstrengungen oder Erregungen herbeigeholt werden knnten, denen aber durch Willenskraft und berlegung vorzubeugen war, -- da schwankte ich schon in dem festen Vornehmen, mich trgerischen Hoffnungen zu verschlieen, und die Mglichkeit, da er die Wahrheit sprechen mchte, hob sich zaghaft und verlangend in mir. Doktor, Sie begehen eine schwere Snde, wenn Sie mich betrgen. Sie knnten mich ruhig so weiter dmmern lassen. Es ist ja gerade in Ihrem Sanatorium ganz vergnglich. Man lebt so von der Hand in den Mund und tuscht sich ber vieles hinweg in der schnen Natur ... Und Sie wissen ja, verlangen nach mir, um mich noch pflegen und lieben zu knnen, wie das so blich ist, tut zu Hause niemand... Das wei ich gar nicht, sagte der gute Doktor etwas verlegen, aber es spricht auch gar nicht mit. Hren Sie doch zu. Wenn's so wre, wie Sie annehmen, wie es leider ja auch oft geschieht und aus Menschlichkeit und tausend anderen Grnden geschehen mu -- erinnern Sie sich nicht an den Gebrauch in solchen Fllen? -- Dann fhre ich den betreffenden Patienten doch zum Chef, und der wei mit seiner exorbitanten, sachlich scheinenden Beredsamkeit jedes Bedenken ganz anders totzuschlagen als ich. Das wre ihm auch bei Ihnen eine Kleinigkeit gewesen. Sie kennen doch die leuchtenden Augen, mit denen die vollkommen berzeugten dann aus dem heiligen Arbeitszimmer zu kommen pflegen, auch wenn Sie vorher noch so mitrauisch waren. Das stimmte. Wie eine Besttigung dieser Worte glitt das Bild des Einen, Unvergelichen durch meine Gedanken, der sich auch nie durch die berchtigte Endunterhaltung hatte tuschen lassen wollen, der dann doch beglckt dahergekommen war wie alle die anderen und doch denselben Weg gegangen war wie sie... Sehen Sie, Frulein Sargent, sagte der Doktor weiter, wir zwei haben uns doch ganz hbsch eingelebt miteinander, der Chef wei das. Und als wir bei der letzten Konferenz gestern endgltig feststellten, was wir eigentlich schon seit Monaten wissen, da von uns aus, im Augenblick nmlich, nichts mehr fr Sie zu tun ist, sagte er mir gromtigerweise: Sie knnen dem Wurm die Nachricht bringen. Sie stehen ihr ja nher als ich, und wenn Sie wollen, besorgen Sie auch die Korrespondenz mit den Angehrigen, -- was, nebenbei gesagt, bereits geschehen ist... Nun wurde mir doch schwindlig, und -- was soll ich es vor mir selbst nicht eingestehen -- eine ungeheure Freude brannte wie eine Flamme in mir auf. Fassungslos warf ich mich dem guten Doktor an den Hals und weinte, -- weinte bis zum Vergehen... .... Und dann sind die Reisevorbereitungen gekommen, vor allem der Briefwechsel mit den Meinen, der mich nicht sonderlich enttuschte, weil dieses brausende Glck, das aus dem Hinterhalt ber mich hergestrzt ist, ihm das Gegengewicht hielt. Im Grunde benahm man sich genau so, wie ich es mir hatte vorstellen knnen. Eine matte, etwas unglubige Freude und Verlegenheit, viel Verlegenheit. Man wei augenscheinlich nicht, was mit mir anfangen. Die ganze Familie sitzt in Gastein. Ob ich dorthin kommen wolle, ob es ein geeigneter Ort als bergang fr mich wre. Die Kur knnte man nicht unterbrechen, Papa htte sie so ntig gebraucht, und meine Mutter drfte ihn nicht verlassen. Natrlich bin ich ihnen mit der Idee entgegengekommen, da ich zuerst noch ein wenig fr mich bleiben wolle, in einer gut empfohlenen Schwarzwaldpension vielleicht, jedenfalls meine Krfte erst einmal erproben und die Welt mit den Augen der Gesundenden sehen lernen. Und dieser Wunsch traf auch auf keinen Widerspruch. -- Seit ich mndig bin, habe ich mir ohnedies die sonst ntig und standesgem gefundene Begleitung abgeschafft. -- Und mein Stiefvater schrieb mir sogar einen ganz herzlichen Brief. Er wolle mit seinem vollen Titel -- der Ministerialdirektor imponiert auch in der freien Schweiz meint er irrtmlicherweise -- mein Zimmer in dem Zricher Hotel bestellen, in dem ich die erste Station machen sollte. Und Mama?... Jedenfalls ist ihr eine Last von dem hin und her gezerrten Herzen gefallen, und sie wird sicher mit der frohen Steigerung ihres Wesens, die sie immer so liebenswrdig macht, die nchsten Wochen in Gastein genieen. Ich aber bin nach frhlichem Abschied von Davos, -- von dem Hofrat, den ich gar nicht, dem Doktor Herholz, den ich sehr gern mochte, heute frh abgereist und, einer pltzlichen Eingebung folgend, in Weesen ausgestiegen und anstatt in Zrich in Glarus gelandet. Das ist so gekommen: In meinem Coup sprachen zwei Herren von einer gewaltigen Arbeit, die man eben im Glarnerland, im Klntal, unternhme. Man staue einen groen Bergsee, mache sein Geflle hher und gewnne durch eine Leitung, die bis nach Zrich ginge, eine ungeheure Kraft, die industriell verwertet werden solle. Nie im Leben hatte ich etwas hnliches gehrt und, ich wei nicht, als mir der Gedanke durch den Kopf scho, was es nun alles fr mich auf der Welt zu sehen und zu erleben gbe, war ich auch schon entschlossen, mir diese Sache, die mir ganz ungeheuerlich erschien, zu betrachten. Vielleicht hat bei diesem pltzlichen Entschlu auch ein klein wenig die Abneigung gegen das in Zrich von dem Ministerialdirektor bestellte Zimmer mitgesprochen, jedenfalls sitze ich hier in Glarus mit meinem glcklicherweise ausreichenden Handgepck, whrend das groe nach Zrich weitergereist ist. Und ich freue mich ... Freue mich des einfachen Zimmers, das man der einzelnen Dame ohne Koffer angewiesen hat, freue mich meiner Selbstndigkeit und meiner Einsamkeit. Ich mchte die groe, gierige Lebensfreude, die in mir rumort, hinausschreien, und doch ist mir's gerade recht, da kein Mensch da ist, in dem sie wiederhallt. Ich brauche niemand auf der Welt, wie mich niemand braucht. Ich stelle mich ans Fenster, und der Glrnisch mit dem Mondgeriesel ber seiner machtvollen nchtigen Schnheit gibt mir, was ich in diesem Augenblick ntig habe -- so an der geffneten Tr zu Leben und Welt.... -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Nach traumlos durchschlafener Nacht ein halbes Erwachen voller Beklemmung und Bangen. Vergebliches Suchen nach der heien Milch ... Die Hand greift nach dem Fieberthermometer ... Schwester Marie ist nicht da... Ach, und dann die Seligkeit! ... Das ist ja alles vorbei fr immer oder -- seien wir vernnftig -- fr lange Zeit... Ich habe gefrhstckt, einen Wagen bestellt, um ins Klntal zu fahren, und warte nur noch auf meinen grnen Schirm, dessen Stock mir der Portier gestern zerbrochen hat, und den ich heute repariert zurckerhalten soll. Die Sonne liegt schon mit voller Glut auf den Bergen und in den breiten, nchternen Straen der Stadt. Die Stimmung von gestern abend ist's nicht, aber dafr zittert eine satte Sommerfreude in der klaren Luft. Wr' ich nur schon drauen! ... Nein, so gut ist mir's nicht geworden. Eine Depesche. Da liegt sie neben mir auf dem Tisch und mahnt: hinter den Bergen wohnen Leute, die sich wie ein Keil in das drngen, was sich eben in mir zusammenfgen will aus dem Durcheinander, das Krankheit und Einsamkeit in mir geschaffen haben ... Natrlich Mama -- natrlich sehr lang -- das spart einen versprochenen Brief, der nicht geschrieben wird, was der rmsten dann doch wieder ein paar schlaflose Nchte macht.... Warum Glarus? Bitte jetzt jedenfalls dortbleiben. Kommerzienrat Hillmann, Jugendfreund deines Vaters, mit Sohn wollten dich Zrich aufsuchen, kommen nun Glarus. Bitte herzlich aufnehmen. Nheres brieflich. Soll ich Edina schicken? Treue Gre. Mama. Unglaublich..., unerhrt ... Htte ich doch auf den Schirm nicht gewartet -- dann wre ich jetzt unterwegs, erst bermorgen zurckgekommen, und die eiligen Herren, die die Familie mir auf den Hals schickt, htten das Nachsehen gehabt. Was knnen sie denn von mir wollen? Ich habe zwar eine Verbindung mit Hillmann, aber nur eine in Geldsachen, und ich wei im Augenblick nicht einmal, welcher Art. Was hindert mich brigens auch jetzt noch, einfach meiner Wege zu gehen? Mamas Bitte? Nein ... Mama ist eine liebe, fremde Frau, die sich bereitwillig unter das Joch des Ministerialdirektors geduckt hat und nur manchmal aus ihrem behaglichen Nest nach ihrer verlassenen ltesten angstvoll hinberstarrt ... Ach..., ich klage sie nicht an. Ich klage niemand an, aber ich habe sie mir alle abgewhnt -- jeden einzeln und die ganze Familie zusammen. Eine dunkle Erinnerung aus einem anderen Leben rhrt hier und da an mein Herz. In einem schnen Lande am blauen Meer, an dem Palmen stehen -- die Riviera -- San Remo, wo mein armer Vater an der Schwindsucht gestorben ist und auch begraben -- war ich ein geliebtes und vergttertes Kind. Unzertrennlich von meiner traurigen Mutter, die vor Sehnsucht und Gram um den Heimgegangenen fast verging. Mein kleines Bett stand neben dem ihren, ich kletterte zu ihr, wenn ich sie weinen hrte, kuschelte mich an sie, und dann schliefen wir zusammen ein. Sie war sehr schn und gut, meine Mama -- und liebte mich sehr. Vielleicht ist das berma an Liebe, das sie damals auf mich geschttet hat, das gewesen, was sich sonst auf ein ganzes Leben verteilt. Als ich sieben Jahre alt war, lernten wir den Ministerialdirektor kennen, der aber damals noch Regierungsrat war. Ich begreife es ganz gut, da der energische, herrische Mann mit seiner schnurgeraden, unanfechtbaren Korrektheit und meine weiche, hochgestimmte und haltbedrftige Mutter sich so gut zusammengefunden haben. Auch mein kleines Herz jubelte ihm damals entgegen, denn Mama wurde zusehends heiter und glcklich im Verkehr mit ihm, und ich selbst war sein groer Verzug ... Blieb es auch eine kurze Zeit -- in der neuen Huslichkeit in Berlin sogar noch, -- bis der Alltag und eine groe Geselligkeit mich allmhlich von ihm und auch von der Mutter abzudrngen begannen ... Zu meinem malosen Erstaunen.... Edina erschien auf der Bildflche. Mit ihrem Schweizer Franzsisch, ihrer peinigenden Ordnungsliebe und der barbarischen Strenge, wenn ich allein mit ihr war, doch -- um gerecht zu sein -- auch mit einem im Grunde liebevollen Herzen und dem heien Wunsch, die ratlose kleine Entthronte zu entschdigen. Mama wurde sogar ein ganz klein wenig eiferschtig und wollte sie fortschicken. Die gute Mama! Heute ist Edina ihr im Hause alles, und da sie sie mir herschicken will, ein Opfer, das die ganze Wirtschaft aus dem Gleichgewicht brchte, wenn ich es annhme. Aber das tue ich nicht. Ich brauche Edina nicht mehr, wenn ich mich auch damals an die zankende kleine Franzsin klammerte. Damals, als sich das Herz meiner Mutter langsam von mir abwendete, weil die Vergangenheit versank -- versinken sollte, und ich mit dem Gesicht eines, der auch nicht mehr da sein durfte, als Mahner daran dastand. Das ist ja wohl ganz einfach und nur menschlich, aber die junge, heie Kinderseele konnte sich in diesem wirren Rtsel nicht zurechtfinden und wute nicht wohin mit aller unerwnschten Liebesfhigkeit. Dann kamen die kleinen Geschwister, und die habe ich mit einer Seligkeit in mein banges Herz geschlossen, die ich zuweilen heute noch nachempfinden kann. Und eine kurze Zeit frohen Kinderglcks ist mir ja dann auch noch beschieden gewesen unter den sen, strampelnden Geschpfchen, die die Arme nach Liddy ausstreckten und sich heiser nach ihr schrien. Und -- da ich einmal diese alten Erinnerungen zurckrufe -- mein Stiefvater fing in dieser Zeit an, sich mehr als je mit mir zu beschftigen. Wohl seiner im Grunde gerechten Natur folgend -- um dann mit gutem Gewissen seine eigenen zwei mit der ganzen echten Liebe zu berschtten -- die er fr mich natrlich nicht empfinden konnte. Und noch einmal ist mein Herz fr ihn aufgeglht mit unbeschreiblicher Anbetung. Ich habe wahrhaftig den =bon Dieu=, zu dem ich abends meine =prires= sagen mute, abgeschafft und den heigeliebten Papa an seine Stelle gesetzt. Gott, Gott, was kann solch ein kleiner Mensch lieben und leiden, und wie gut ist es, da ich das alles in so jungen Jahren habe abstreifen mssen! Wie htte ich wohl mein hartes Schicksal, wie dieses schwerste des letzten Jahres, tragen knnen, wenn Liebes- und Leidensfhigkeit mit dem Alter noch gewachsen wren!... Als die erste Lungenentzndung kam, ist wohl das bichen bleiche Sonne aus meinem Kinderleben ganz verschwunden. Natrlich bin ich sorgsam gepflegt worden, aber als ich genesen war, fiel mir das blasse Entsetzen, von dem meine arme Mutter bei meinem leisesten Hsteln oder dem leichtesten Unwohlsein geschttelt wurde, doch als etwas Ungewhnliches auf. Bei dem nchsten Katarrh, wie ihn Annie und Mia auch eben durchgemacht hatten, wurde mein Bett aus dem Kinderzimmer geschafft und meine Arbeitsstunden so gelegt, da sie in die Zeit fielen, in der die Kleinen wach waren und sonst mit mir gespielt hatten. Ich durfte sie auch nicht mehr herzen und kssen wie frher, und es schien mir, da man mir aus dem Wege ging, wo ich mich zeigte. Natrlich war das eine bertriebene ngstlichkeit und wohl auch noch Sorge um mich dabei, aber das konnte ich nicht begreifen, und eine furchtbare Verdsterung kroch in mich hinein. Sie wuchs zu einer grenzenlosen Verzweiflung an, die mich heute noch in der Erinnerung erbeben lt, als eines Tages mein Stiefvater mich unsanft beiseite stie, wie ich, das Verbot vergessend, die kleine Mia in die Arme nahm und sie lachend und tollend abkte. Ach, dieser Blick, dieser eisige, bse Blick, der sich in mein Herz bohrte, den ich nie, nie vergessen werde, wenn mein Stiefvater und ich auch auf dem angenehmsten Verkehrsfue stehen! Ich glaube, jenes kleine Ereignis ist die Veranlassung gewesen, da man mich fortbrachte. In ein Pensionat fr lungenleidende Kinder. Nach Davos -- mit einer jungen, sanften, freundlichen Erzieherin. Man erwies dem armen Ding damit zugleich eine Wohltat, denn sie war eine schwer Leidende, und sie ist auch die erste geworden, deren Namen mit einem schwarzen Kreuz in meinem Fremdenbuch den langen Zug des Todes erffnet hat, der von da an mein Leben geleitet. Eine Heimat habe ich seitdem nicht mehr gehabt. Bis zur Konfirmation das Pensionat mit seinen leidenden Insassen, meist Waisen oder Halbwaisen wie ich. Da man mich durch die bersiedelung aus dem Hause nach einem verseuchten Orte, -- mich und manche andere vermutlich in bester Absicht -- erst aus der Welt des Blhens in die des Vergehens gestoen hat, ist mir brigens feste berzeugung geworden. Ich habe mich wenigstens ohne die Anzeichen der furchtbaren Krankheit, die ich ererbt haben sollte, gehalten, bis ich vierzehn oder fnfzehn Jahre alt war. Die ersten Fieberanflle bei den rasch aufeinander folgenden Katarrhen waren ein Geschenk fr die erwachende Jungfrau. Und damit hat das Wandern von Sanatorium zu Sanatorium und jenen Hotels, in denen man Lungenkranke aufnimmt, begonnen -- unterbrochen durch einen kurzen Aufenthalt in der jeweiligen Sommerfrische der Eltern, in Begleitung der eben lebenden Erzieherin oder spter Gesellschafterin, unter sorgfltiger Beobachtung aller nur denkbaren Desinfektionsveranstaltungen, unterbrochen durch einen mehrtgigen Besuch der Mutter, zuweilen auch des Vaters, in meinem Winterasyl. Ich kenne sie alle -- Andreasberg, Badenweiler, Wehrawald -- Ospedaletti, Mentone, Nervi, San Remo -- Davos und wieder Davos. -- Im Grunde, wenn das Fieber schlief, ein sorgloses Leben voll ueren Behagens. Ich bin nur in den teuersten und vornehmsten Anstalten und Hotels gewesen, dank dem Reichtum von meinem verstorbenen Vater her. Um mich herum ein buntes, internationales Treiben, eine verzrtelte Kultur, viel unbeschtzte Jugend neben den lebenserfahrenen reiferen Leidensgenossen. Allen gemeinsam eine gesteigerte Lebens- und Liebesgier und allen gemeinsam der Tod im Nacken. Ich habe von allem gekostet, innerhalb der Grenzen, die ein gewisses, wohl ererbtes Schicklichkeitsgefhl meinem Temperament immer gezogen hat, und der Gesamtinhalt dieser Jugendjahre ist berhitzter Flirt, berhitzte Frhlichkeit, berhitzte Trauer und Einsamkeit -- Einsamkeit -- Einsamkeit.... Mit einer kurzen Unterbrechung. Ich taste jetzt manchmal mit scheuen Hnden in dieser Erinnerung herum, die mich noch vor einem Jahre bis dicht vor den Abgrund der Selbstvernichtung ri. Heute, in diesem Augenblick, ist es mir sogar beinahe Bedrfnis, mir Walter Hertog hierher zu rufen, ihn vor mir zu sehen, wie ich ihn in Arosa zuerst sah. Gro, schmalschulterig, damals noch sehr aufrecht -- ein Rmerkopf mit brennenden Augen und einem Zug so verbitterten Leidens um den schmallippigen Mund, da mir jetzt noch bange wird, wenn ich daran denke. Wir haben uns sehr bald zusammengefunden. Ich war der rechte Kamerad fr einen, dessen schmerzvoller Kampf gegen das Sterbensollen ein viel hrterer war als der der vergehenden Kreatur, den ich so oft mit angesehen hatte, denn bei meinem neuen Freunde wurde er verschrft durch einen fressenden Ehrgeiz, dem die Todeskrankheit pltzlich das Ziel entrissen hatte. Hertog, obwohl auf dem Boden der bestehenden Staatsformen stehend, hielt sich -- wohl nicht mit Unrecht -- fr einen groen sozialen Reformer. Er hatte eben als junger Assessor den ersten Schritt getan, der ihn der Verwirklichung seiner Plne zufhren sollte, er war ins Ministerium berufen, und das Feld fr seine offene und heimliche Arbeitsgier lag frei vor ihm. Da hatte ihn die Familienkrankheit, der er mit seinem eisernen Willen zu entwischen hoffte, nach einer starken Influenza gepackt und niedergeworfen. Zwei Jahre lang sind wir Weggenossen gewesen im Schwarzwald, in den Schweizer Bergen und am Mittellndischen Meer. Mein Gott -- welch ein wildflackerndes Leben! -- Und dabei Liegestuhl an Liegestuhl! Er hielt mich natrlich ganz und gar in seinem Bann. Er war ja so weise wie niemand, den ich kannte. Er hatte den Dingen dieser Welt auf den Grund geschaut. Er konnte das anscheinend Gute, mit dem sie sich umkleideten, von ihnen reien und ihr nacktes Skelett offenbaren. Alles war Moder -- alles, was leuchtete, Verwesungserscheinung. Der Tod beherrschte sein ganzes Denken, weil _er_ sich ihm verfallen sah. Und mich mit.... Oft sprachen wir ber das alles, bis sich das Fieber ber uns warf. Dann waren wir fr Tage getrennt, und wenn wir uns wieder trafen, fingen wir auch wieder an, das Leben zu zerteilen und zu verhhnen. Wir verspotteten jedes Gefhl, unser eigenes zuerst. Denn natrlich -- trotz allem -- liebten wir uns. An Frhlingsabenden, wenn in der Halle die Italiener =vorrei morire= heruntertremolierten, dann kam es wohl, da uns Jugend und Rausch doch packten. Wir liefen hinunter zu den Bambusbschen oder zu den roten Rosenstruchern, die eben aufblhen wollten, und lagen uns in den Armen und kten uns voller Leidenschaft. An die Zukunft zu denken, hteten wir uns. Wenn wir am Tage ber das se Erlebnis der schwachen Stunde sprachen, fanden wir groartige Worte, bald der Entsagung, bald des Hohnes. Manchmal gingen wir in unseren Gesprchen auch bis auf das uerste -- die gnzliche Vereinigung in Rausch und Glut.... Einmal ganzes, volles Menschenglck ... einmal vor dem Tode.... Aber dann kam jedesmal eine groe Abkhlung. Wir hhnten wohl ber die hhere Tochter und den Regierungsassessor -- aber aus ihnen herauskriechen konnten wir doch nicht.... Nach einer lngeren Sommertrennung trafen wir uns in Davos wieder. Da fing es pltzlich an, ihm besser zu gehen. Ach wie hab' ich jeden kleinen Fortschritt mit ihm erlebt und genossen! Wie hab' ich fr ihn gejubelt! Er selbst blieb lange Zeit unglubig. Bis eines Tages Dr. Herholz ihn zum Professor rief. Da kam er denn glhend und mit leuchtenden Augen zu mir, setzte sich an meinen Liegestuhl und sagte in staunender Glckseligkeit nur immer vor sich hin: Geheilt entlassen -- geheilt entlassen. Und dann hat er die Lehne meines Stuhls umklammert. Ich habe mich aufgerichtet, seinen Kopf in meine Hnde genommen, -- und habe ihn kssen wollen.... Und da -- Aug' in Auge -- sah ich in dem seinen pltzlich etwas aufblitzen.... Bangigkeit -- Furcht -- Grauen.... Ein Blick, hnlich wie jener, der meine Kindheit vergiftet hat, damals, als ich mein Schwesterchen kssen wollte, und mein Stiefvater mich zurckri.... Er hat sich dann rasch losgemacht und allerlei gesprochen -- von der Ehrlichkeit, auf die unsere Freundschaft sich grndete ---- er htte in der Tat eben ein wohl entschuldbares Gefhl von Furcht gehabt -- die Furcht des Genesenden vor dem Kranken -- das wre etwas ganz Animalisches und htte nichts mit unserem Seelenbund zu tun ... ich solle das richtig und gtig auffassen.... Nein und tausendmal nein. -- Ich habe ihm uerlich recht gegeben und bin beherrscht und freundlich geblieben bis zum Abschied. Aber nchtelang habe ich gewinselt wie ein geschlagener Hund -- und hab' ihn gehat und verwnscht und bin doch nicht von ihm losgekommen, wie sehr ich auch nach einem Abschlu gejammert habe.... Nun, der war ja bald da, ein ganz radikaler dazu.... Sechs Wochen spter kam seine Todesnachricht.... berarbeitung -- Lebensrausch -- Erregungen -- sagte man uns -- alles vernichtende Dinge fr einen geheilt Entlassenen.... Gilt das nicht auch mir? Ahne ich nicht jetzt eben schon den langsam aufstechenden Schmerz in den kranken Stellen? -- Steigt mir nicht eben schon der fade, flaue Geschmack des ausstrmenden Blutes in die Kehle? ... Nein, ich will nicht.... Ich habe mit dem Tode jetzt nichts zu schaffen--, leben will ich -- unter Lebenden will ich mir meinen Platz suchen. Fort mit den Toten.... Mamas Freunde sollen kommen -- sie haben Fleisch und Blut und werden die Schatten, unter denen ich hause, verscheuchen.... Ich werde keine einsame, mehrtgige Fahrt unternehmen, um ihnen aus dem Wege zu gehen -- ich will Stimmen hren, die nicht aphonisch geworden sind, ich will mir von Dingen erzhlen lassen, die in der Welt des Lebens vorgehen. Ich will auch den beiden Abgesandten der Familie zeigen, da ich zu den Gesunden gehre. Und darum hole ich mir jetzt Frische und Klarheit fr meinen etwas schwindelnden Kopf.... Mein Wagen steht vor der Tr -- also hinaus in die Sonne--, und um das neue Leben nicht mit einiger Folgerichtigkeit zu beginnen--, an den schnen Bergsee, den sie zwingen wollen, weitab von seiner heiligen Stille mit 45000 Pferdekrften fr sie zu arbeiten. * * * * * Also die Begegnung mit dem Kommerzienrat Hillman ist mir geradezu ein Erlebnis geworden. Meine Gedanken schwirren auf allen mglichen Lebensfeldern umher und praktische, bange, kokette, glckverlangende Erwgungen berstrzen sich in mir. Seit einer Stunde laufe ich in dem kleinen hellen Salon, den ich mir habe geben lassen, hin und her, unstet und ruhelos. Nur wenn ich an dem blumenumrankten Eckspiegel haltmache, schiet ein Gefhl von -- ich kann nicht anders sagen -- stolzem Entzcken in mir auf. Ich habe eine hohe Freude an meiner Schnheit. Sie ist, mit allem anderen, ein Erbteil meines Vaters. -- Und gerade jetzt, wo die Hoffnung neues Leben in mein Gesicht gezaubert hat, dessen Zge ich so genau und so sachlich studiert habe, -- mu ich selbst staunen, welche Kraft und welchen Glanz meine blauen Augen bekommen haben. Ich gleiche genau dem vielbewunderten letzten Bilde meines armen Papa, dem das Schicksal die letzte Grausamkeit, den Verfall durch die grliche Krankheit ersparte, indem es ihm einen pltzlichen Tod bescherte. Merkwrdig brigens, da Todesnhe und intensives Lebensbewutsein so gleiche Ausdrucksmittel haben knnen.... Vielleicht, weil beide die Blicke fr noch Ungeschautes weiten? Ach, ich fhle ja bei jedem Schritt, den ich im Verkehr mit der lebendigen Welt mich vorwrts taste, da Neues, Wunderbares auf mich wartet, und ich mu fr mich immer wieder auf das Bild zurckkommen, da ich an einer geffneten Tr stehe, hinter der viele Wege in das schne, groe, unbekannte Leben fhren. Welchen werde ich whlen unter den sonnen- und mondglnzenden, den dmmerigen und den dunkeln?... Ob der Freund meines Vaters, der mich vorhin verlassen hat, dieser weltkundige alte Mann mit den jungen, zrtlichen Augen irgendwo als Wegweiser dastehen wird? Es ist so merkwrdig, wie da pltzlich eine Brcke von dem alten verschollenen Kinderland ber die Gegenwart hinweg in die Zukunft fhrt. ... Als der Kommerzienrat Hillmann pnktlich auf die Minute seiner Anmeldung bei mir eintrat, hatte ich in demselben Augenblick ein ganz deutliches Bild vor mir, dessen ich mir eigentlich nie klar bewut gewesen bin. ... Ein Balkon, von stark duftenden blauen Blumen berhangen, ein Stckchen grauer Himmel, im Winde raschelnde Wedel einer Dattelpalme, die hoch ber das Haus ragt, -- ein Liegestuhl mit einem Kranken darin, der schwer atmet und hstelt. ber ihn gebeugt -- dieser Mann, der eben eintrat, meine Hand festhielt und mich anstarrte wie ich ihn. Es ist geradezu wunderbar wie Sie ihm gleichen, liebes Kind, sagte er und nahm auch meine andere Hand. Mir war's, als tauche hinter dem Forschen seiner herrschenden dunklen Augen etwas wie Gte und Teilnahme auf, aber es rhrte mich nicht. Ich glaube Sie wiederzuerkennen, Herr Hillmann. Ich mu Sie an der Riviera irgendwo, als kleines Kind gesehen haben, sagte ich. Wir setzten uns, und ein kleines Schweigen entstand.... Sehr richtig, in San Remo, sagte er dann, und das menschlich Herzliche verschwand aus seinem Blick. Er war nun ganz der aufs uerste soignierte, gut erhaltene ltere Lebemann, ein Typ, den ich -- ach wie genau! -- kenne, und mit dem ich immer gut fertig werde. Diese Art Mnner, die ihr Leben auf das Weib gestellt haben, scheinen mir in der gewissen Abendbeleuchtung, die ber ihrem Wesen liegt, anziehend und rhrend; sie sind dankbar fr jedes Lcheln, und nehmen jede Augenblicksstimmung als das, was sie ist, ohne Versprechen fr die Zukunft.... Und sie haben so viel von den schauerlich-schnen Lebensgeheimnissen ergrndet, die uns Junge so mit Qual und Erwartung fllen -- und sie lieben die Jugend mit einer so schmerzlichen Liebe und wissen ohne Worte darber zu reden. Ja, auch mein Gast und ich verstndigten uns in diesem Sinne -- und ich will es gar nicht leugnen, da mir bei seinen Blicken voll sanfter und diskreter Bewunderung sehr wohl war. Und dann gab er in liebenswrdiger und wohltuender Weise der Freude Ausdruck, mich in so blhender Frische vor sich zu sehen. Welche berraschung das wohl fr die Meinen sein wrde, deren noch ganz warme Gre er mir brigens zu bringen htte -- und die schon jetzt ganz fassungslos wren vor Glck -- meine Mutter natrlich am meisten.... Sie zweifeln doch nicht daran, gndiges Frulein? fragte er vorwurfsvoll auf mein unwillkrliches Lcheln.... Gott bewahre -- aber -- pardon, ich bin in Gedanken bei der Depesche meiner Mutter, die mich etwas erregt und neugierig gestimmt hat. So ging ich nun aufs Ziel los. Ihre Frau Mutter hat Ihnen Andeutungen gemacht, um was es sich handelt? Nur ber Ihre Jugendfreundschaft zu meinem Vater, und da Sie mich eigentlich in Zrich aufsuchen wollten. Ja, aber merkwrdigerweise waren wir ohnedies auf dem Wege nach Glarus. Ein groes technisches Unternehmen hier -- interessiert uns aus verschiedenen Grnden. Wohl der See? sagte ich in Gedanken.... Ah -- Sie wissen also doch, um was es sich zwischen uns handelt? Ich war ganz betroffen. Nein, ich wute gar nichts. War es ein Zufall? -- oder hatte irgendeine unbekannte Strmung mich mit sich getragen? -- Ich konnte mir zwischen den beiden Herren, dem Klnthaler See und meiner armen Person nicht die mindeste Beziehung denken. Herr Hillmann warf mir wieder einen seiner weichen, schmeichelnden Blicke zu und strich dann mit der feinen, unberingten Hand ber die Augen. Es ist keine leichte Sache, sagte er, mit einer geschftlichen Angelegenheit ber Sie herzufallen. Der Geschftsmann mchte hinter dem Freund ganz und gar verschwinden. Warum denn? Der Freund kann ja fr den Geschftsmann -- wie Sie sagen -- sprechen. Sie haben recht, liebes Kind -- gestatten Sie mir diese Anrede.... Ihr Vater und ich sind wirklich nahe Freunde gewesen.... Schul- und Studentenzeit hindurch, bis zu seinem frhen Tode.... Und darber hinaus.... Seine sorgende Freundschaft hat mir mein Leben aufbauen helfen.... Und nun hren Sie gut zu, um was es sich handelt, damit Sie sich berlegen knnen, ob Sie meine Bitte gewhren wollen. Ich habe gut aufgepat, und mir, was ich nicht gleich verstand -- denn es war mir alles neu -- wiederholen lassen. Die Sache ist folgende, ich mache sie mir im Aufschreiben noch einmal klar: Mein Vater hat seinem Freunde Hillmann, der damals ein unbekannter und vermgensloser Ingenieur war, und fr dessen Plne er sich lebhaft interessierte -- es handelte sich um neue Konstruktionen von Brckentrgern und irgendwelchen Maschinen -- kurz vor seinem Tode ein groes Kapital, 200000 Mark auf zwanzig Jahre, mit vier Prozent verzinsbar, geliehen, -- Herrn Hillmann oder seinem Rechtsnachfolger, wie es heit. Nachdem er gestorben war, hatte Mama zuerst die Verwaltung des ganzen hinterbliebenen Vermgens, von dem die Hlfte mir gehrte, bernommen, sich aber bei ihrer zweiten Heirat mit meinem Vormund auseinandersetzen mssen. Mein Anteil war auf Wunsch meines Stiefvaters ganz fr sich niedergelegt worden. Nur das Kapital, das in den Fabriken des Herrn Hillmann festlag, war von der Teilung ausgenommen geblieben. Man hat mir, als ich vor drei Jahren mndig wurde, wie ich mich auch ganz dunkel erinnere, davon Mitteilung gemacht. Ich habe aber auf die einzelnen Posten nicht geachtet und alles unterschrieben, was mir auf dem Gericht vorgelegt wurde. Die Zinsen sind nach wie vor an Mama gegangen, die sie dann auf mein Bankkonto eingezahlt hat. Natrlich hat mein Stiefvater das besorgt, denn Mama versteht von diesen Dingen noch weniger als ich. Nun sind in einem halben Jahre die zwanzig Jahre um, und Herr Hillmann hat auf seine Anfrage von Papa eine Kndigung des Anteils von Mama erhalten. Das ist ihm im Augenblick sehr unangenehm, da er mit seiner ganzen Kapitalkraft auch auerhalb der eigenen Maschinenwerke in groen Unternehmungen festliegt. Er ist darum nach Gastein gegangen, um durch persnliche Rcksprache eine Verlngerung von fnf Jahren zu erwirken. Mama wre in Erinnerung an die alte Freundschaft wohl nicht abgeneigt gewesen, seinen Wunsch zu erfllen, aber mein Stiefvater htte klipp und klar und mit Grnden, gegen die er, Herr Hillmann, nichts htte erwidern knnen, alles abgeschlagen. Meinen Entschlu wolle er in keiner Weise beeinflussen, das Geld seiner Frau mte er aber unter allen Umstnden herausziehen. Da htte Mama ihm den Rat gegeben, mit mir zu sprechen, da fr mich die Erwgungen, die fr sie als Familienmutter ausschlaggebend wren, nicht in Betracht kmen. Vielleicht, so htte sie gemeint, wrde ich gern an die Stelle meines verstorbenen Vaters treten. Das zu tun, und auch Mamas ihm entzogenen Anteil, wenn irgend mglich, aus meinem anderweitigen Kapital zu ersetzen, wre, kurz gesagt, seine Bitte an mich. Das Geld stnde sicher, ich erhielte es verzinst wie bisher, und ihm erwiese ich eine Geflligkeit, fr die er mir stets dankbar bleiben wrde. Was soll ich nun antworten? dachte ich. Warum stellt man mich vor eine solche Entscheidung? Wer rt mir? Vielleicht ein Rechtsanwalt? Mein Vormund ist tot, mein Stiefvater lehnt es ab, und seine Ansicht liegt ja auch in seinem eigenen Vorgehen. Dazu brannten die dunklen Augen dieses Mannes -- ich kann nicht anders sagen, als beunruhigend -- in die meinen, und ich mu es vor mir bekennen, da etwas in mir sich ihm unterwarf. Ich habe ja keine Ahnung, was ich Ihnen antworten soll, qulte ich mir endlich ab. Da fing er noch einmal an mit Zahlen und Geschftsberichten auf mich einzureden, so da ich fhlte, er machte es wie fr ein Kind zurecht. Ich verstand doch nichts, ich wollte auch gar nicht recht zuhren. Mein Kopf und mein Rcken taten so weh. Und schlielich dachte ich: Wenn du da mit der Hand, die mein toter Vater noch gedrckt hat, meine nehmen oder mein Haar streicheln wolltest, so wrde ich wenig nach Zinsen und Kapital, Maschinen, Aktien und Jahresabschlssen fragen. Denken Sie nach, ziehen Sie Erkundigungen ein, sagte er schlielich, ich werde Ihnen Adressen dalassen. Sie werden sich ja doch, bis ein Berufener Ihnen diese Sorgen aus der Hand nimmt, damit beschftigen mssen. bermorgen bin ich hier und gebe Ihnen selbst noch jede gewnschte Auskunft. Dann sah er mich schrfer und voller Mitleid an.... Ich qule Sie, armes Kind, Sie sind ganz wei geworden. Vielleicht hat mein Sohn doch recht gehabt. Ja, Ihr Sohn sollte doch auch mitkommen. Wo ist er? fragte ich gleichgltig. Herr Hillmann sah etwas verlegen ber mich weg. Mein Sohn, -- o, -- er ist geschftlich verhindert, -- das heit, offen gestanden, -- mein Sohn ist ein wundervoller Mensch, -- aber ein Trumer, -- ein Trumer sage ich Ihnen -- mit dem man sich oft kaum verstndigen knnte, wenn man ihn nicht so lieb haben mte. Und? fragte ich nun etwas neugierig. Ja, als wir ber Sie und die Ihren eingehend sprachen, war er schlielich dagegen, Sie in meine Geschftsangelegenheiten zu ziehen. Es wrde zu weit fhren, wollte ich Ihnen erklren, warum. Ich konnte nur verstndnislos die Achseln zucken. Und die Meinen? fragte ich, da er noch nicht aufstand. Sie haben mir noch nicht erzhlt, wie Sie sie fanden. In vollem, frhlichem Leben, liebes gndiges Frulein. Der Anblick, als wir auf die Hotelveranda gefhrt wurden, gab ein unvergeliches Bild. Die immer noch schne Mama, in jedem Arm eins der bezaubernden Mdels, -- alle drei die blonden Kpfe lachend zusammengesteckt, -- dazu der vornehme, schne Vater -- Herr v. Hasberg ist eine auffallend distinguierte Erscheinung.... Herr Hillmann brach ab. Ich frchte, er sah, da meine Augen voll Wasser standen. Ich ermde Sie -- Sie leiden, sagte er, vergeben Sie mir. Und noch eins, liebes Kind ... ich wei nicht, sind Sie ganz allein hier? -- Sorgt man fr Sie? O, ich brauche niemand, sagte ich schnell. Ich bin sonst ganz frisch, nur das lange Sprechen und Zuhren heute hat mich, ehrlich gestanden, etwas angegriffen. Vergeben Sie mir und hren Sie noch etwas, das mir eben durch den Kopf geht. Ich kenne Ihre Plne nicht, wei nur, da Sie vorlufig noch nicht nach Gastein gehen. Ich kann Ihnen fr mich keine Gastfreundschaft anbieten, denn ich fhre nur eine Garonwirtschaft, -- ich bin seit Jahren Witwer. -- Aber, liebes Kind, ich habe in Heidelberg einen groen und anregenden Kreis. Sie fnden da guten Anschlu und auch meine Freundschaft -- von der Sie berzeugt sind, nicht wahr? Ich meine natrlich nur, bis Ihre Verhltnisse geordnet sind ... und wenn Sie nichts Besseres wissen. Bis ich nach Hause gehe, sagte ich bange. Er sah merkwrdig ausdruckslos zur Seite. Sie sind sehr gut, Herr Hillmann, aber ich fhle selbst, da ich nach dem langen Sanatoriumleben noch eine Zeit fr mich sein mu, ehe ich unter Menschen gehe. Dann hat er mich endlich verlassen, mit herzlichen Worten und mitleidigen Blicken. Und ich habe mich auf meine Chaiselongue geworfen und gegrbelt und in Schlaf geweint. Dann eine Depesche an Papa mit der Bitte um Rat. Ich will uerlich nichts versumen, ich _mu_ ja auch irgend jemand fragen. Was fange ich sonst an? Die Antwort lautet: Halte es fr unpraktisch, grere Kapitalien in Privatunternehmungen zu stecken, doch will deinen Entschlu und Mamas Wunsch nicht beeinflussen. Adresse tchtigen Rechtsanwalts Heidelberg, Liepelhausener Strae21, =Dr.= Pfrtner. Alles Gute von uns allen. Eine Stunde spter noch ein Telegramm: Bin mit allen Gedanken und heier Sehnsucht bei Dir, geliebtes Kind. Mama. Ach, ... es schreit wieder etwas in mir ganz jammervoll. Das Glcksbild, das mir der Fremde geschildert hat, steht vor mir und peinigt mich. Sie wollen mich nicht -- ich habe es geahnt -- jetzt wei ich es. Ich werde wie ein Gespenst in diesem glcklichen Hause auftauchen. Man glaubt nicht, da ich gesund bin, man will es nicht glauben. Ach, ich hasse die Familie.... Nein, ich vergehe vor Gram, und Sehnsuchtsschauer machen mich krank. Was soll ich allein mit dem Gelde? Herr Hillmann soll haben, was er will! Er soll auch wiederkommen, er war gut gegen mich. Ich schreibe ihm gleich und gebe auch der Nationalbank den Auftrag, ihm das Kapital zu berweisen.... So, das wre geschehen, und ich habe ein leises Gefhl von Erleichterung.... Habe ich es? Schlielich ... was hat sich denn seit gestern abend gendert? Gerade um diese Zeit sa ich auch an diesem Tisch und schrieb unter Glckstrnen und voll seliger Ahnungen. Ich reie meine Fenster auf. Der Mond fliet wie gestern an dem Glrnisch hernieder, und die Bche funkeln.... Ich will das stolze Gefhl der Einsamkeit wieder haben, wie ich es bei diesem Anblick gestern empfand, als ich noch nicht durch die geffnete Tr gesehen hatte. Was ist das nur?! Ich frchte mich hinauszutreten -- es kommt niemand, wenn ich rufe.... Diese grausige Leere wird mich wieder krank machen. Ich soll mich nicht erregen, und ich fhle, das Fieber steigt auf.... Ach -- ich habe Sehnsucht nach meinem Bett in Davos -- ja, wahrhaftig, auch nach der Schwester und den rzten. Ich brauche die Gesundheit nicht.... Ach ... meine stolze Einsamkeit heit ... Verlassenheit.... -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen. Drei Tage bin ich allein, und jeder hat mich durch Glck, ngste, Verlangen, Ha und warmes Empfinden gejagt... Und jetzt?... Ich wei gar nicht, wie mir zu Mut ist.... So frei -- so gelst von allem Bitteren und Schweren.... Ob ich Fieber messen soll? Meine Gedanken quirlen so merkwrdig durcheinander, und der Puls jagt.... Vorsicht! ... Jetzt will ich nicht sterben, auch nicht von neuem hinsiechen. Ich habe einen Weg vor mir, wenigstens die Andeutung eines Weges ... und er fhrt in heiliges Land. Alles versinkt, was drohend und gespensterhaft vor mir aufgetrmt lag. Ich stehe da wie eine Trumende.... Aber ich will nicht phantasieren. Mich zusammenfassen will ich und mit glcklichem Bewutsein das Erlebnis der letzten Stunde noch einmal durchleben.... Ich bin ja gesund dadurch geworden. Weg sind die gefhrlichen, stechenden Schmerzen nach der furchtbaren Nacht mit ihren Todesngsten, Atemnten und gierigen Lebenswnschen. Auch von dem Kummer ber Mamas Brief, der mir trotz der Liebesworte doch nur die Besttigung meiner Verlassenheit brachte, fhle ich mich befreit. Und war doch so elend. Die den Stunden den langen Vormittag ber, mit bengstigenden Zweifeln ausgefllt, die ich mit aller Willenskraft nicht bannen konnte, wollten nicht vergehen. Wenn Herr Hillmann doch wiederkme! So stark, so frisch und so voller Teilnahme! Nach meinem einsamen Mittagessen lag ich im Halbschlaf und von jagenden Bildern geqult auf meiner Chaiselongue, als meine Madline, das junge Zimmermdchen, eine Karte brachte: Herbert Hillmann, Dr.ing. Ich fuhr in Enttuschung auf ... Die Worte Herrn Hillmanns ber seinen Sohn fielen mir ein. Gut, des Vaters wegen wollte ich ihn mir ansehen -- aber ber die Geldangelegenheit wrde ich mit ihm nicht sprechen. Dieser elende kaufmnnische Jargon sollte mir nicht noch einmal eine Stunde verderben. Mde und so in Gedanken, da ich nicht einmal einen Blick in den Spiegel warf, schleppte ich mich in den kleinen Salon, und da stand er, eine dunkle Silhouette gegen den hohen, hellen Wandschirm.... Nichts von der Stattlichkeit des Vaters, mich selbst mit seiner schmalen Gestalt nur um weniges berragend. Nichts von dem Fluidum des herrschenden, sieggewohnten Mannes, das gestern von dem Vater wie ein Funke auf mich bergesprungen war. Ein hageres, durchgearbeitetes Gesicht mit sehr hoher Stirn, ganz beherrscht von hellen Augen voller Stetigkeit und Klarheit -- eine feste, khle Hand, die meine heie einen Augenblick herzhaft drckt. Sie sehen aber gar nicht so bermig frisch aus, sind die ersten Worte, die ich von der hallenden Stimme hre, deren Klangfarbe mich ganz hinnimmt. Ich wundere mich ber diese Aufrichtigkeit und sage ebenso offenherzig: Daran ist Ihr Herr Vater schuld. Haben Sie trotzdem ein wenig Zeit fr mich? Natrlich. Er interessierte mich als vlliger Gegensatz zu seinem Vater doch zu sehr, als da ich htte Nein sagen mgen. Und so setzten wir uns, und ich wartete. Nach einer kleinen Pause sagte er: Ich komme auf eigene Rechnung und Gefahr.... Warum Rechnung, und warum Gefahr? warf ich in meinem blichen, flirtbereiten Ton hin, mit dem ich immer Anschlu zu finden pflegte. Das war hier nicht der Fall. Mein Besuch schien zu berlegen, sah zur Seite und dann wieder mich an. Sehr ernst und forschend. Woraufhin prfen Sie mich, Herr Doktor Hillmann? Auf die Mglichkeit, von Ihnen ausgelacht oder als zudringlich abgewiesen zu werden.... Ja, um was handelt es sich denn? Im Grunde um nichts Positives. Ich wollte Ihnen die Hand drcken, Ihnen sagen, da Sie mir leid tun, da ich Sie bedaure. Mir wurde etwas unbehaglich zumute. Ja, vielleicht bin ich zu bedauern, aber, mein bester Herr Doktor, das pflegt man doch, auch wenn man Grund hat, es anzunehmen, den Leuten nicht so ohne weiteres ins Gesicht zu sagen. Das ist wohl wahr, und wenn es Sie verletzt, mu ich um Verzeihung bitten und meinen Hut nehmen. Nein, das werden Sie nun natrlich nicht. Sie werden mir erklren, warum Sie hergekommen sind und warum Sie mich so offen Ihres Mitleids versichern. Ich konnte doch nicht anders. Das ist mindestens etwas ungewhnlich. Es weicht von den gesellschaftlichen Regeln ab, sagte er wie in Gedanken und sah mich unverwandt an. Und dabei glitt ber sein junges, scharfes Gesicht ein so seltsam trumerischer, weicher, liebevoller Ausdruck, da ich mich pltzlich bis ins Tiefste erschttert fhlte. Und wute doch nicht, warum. Aber ich konnte ihn nicht mehr ansehen, ich mute auf den Fuboden starren, weil ich frchtete, ich wrde anfangen zu weinen.... Ich hatte mir, offen gestanden, das alles anders gedacht, sagte er dann etwas freier. Als ich in Gastein von Ihnen sprechen hrte, habe ich mir ein hilfloses, krnkliches, junges Mdchen vorgestellt, und nun finde ich eine schne, sichere und heitere Weltdame. Nein, heiter sind Sie doch nicht. Welch ein seltsames Gesprch! Mir ist noch niemals etwas hnliches begegnet. Gestern mit Ihrem Vater, und... Damit habe ich nicht das mindeste zu tun, wie ich schon bemerkte, entgegnete er eifrig. Nun, die Angelegenheit ist auch ein fr allemal erledigt, sagte ich, eigentlich um festen Boden zu gewinnen. Ihr Vater hat seine Antwort und meine Bank ihren Auftrag. Sehen Sie, sagte er, mit einem Ruck sich aufrichtend, das gerade ist nun auch etwas, das mich in Ihrem Interesse beunruhigt und ber das ich mit Ihnen sprechen will, weil ich es mir ungefhr so vorstellte. Ich verstehe kein Wort. Sie meinen vielleicht, da ich das Geld doch verlieren knnte. Dieses Geld nicht. Dafr brgt mein Vater. Aber wie durften Sie so schnell entscheiden? Wie kann man Sie in solchen Dingen ganz sich selbst berlassen? Man hat mich wohl immer mir selbst berlassen, fuhr es mir heraus. Eigentlich aber mte ich Ihnen antworten: Ich bin mndig, und mein Entschlu hat seine Grnde. Er sah mich wieder zweifelnd und traurig an. Es wre ja immerhin mglich, da ich mich geirrt habe, da Sie gar nicht so hilfsbedrftig sind und so allein, wie es mir den Anschein hatte.... Mir war, als htte ich einen Peitschenhieb von diesem fremden Mann empfangen. Was wollen Sie von mir? Was kmmert Sie mein Alleinsein? Wie kommen Sie zu solchen Reden? Ich glaube, ich schrie ihm das zu. Und er war eine kleine Weile still. Dann sagte er: Ich wollte Ihnen helfen. Ich wollte mit Ihnen sprechen als Mensch zum Menschen. Und in Ihrem blassen Gesicht liegt etwas, das mir sagt, ich habe recht getan, als ich meiner Eingebung folgte, und ich will auch ohne konventionelle Bedenken reden, wie ich's mir vorgenommen habe. Ja, was denn nur? -- was denn? Liebes Frulein, ich ging mit meinem Vater nach Gastein -- brigens ohne die nheren Verhltnisse zu kennen -- um die Geldangelegenheit ordnen zu helfen, von der Sie ja wissen und an der Sie beteiligt sind. Wir kamen in eine Familie, die mit dem ganzen Egoismus der Glcklichen zusammengeschlossen stand -- gegen... Gegen mich?! Gegen etwas, das sie als unverdientes Schicksal zu empfinden schien.... Die sich wehrte gegen das, was Sie hineintragen knnten, Krankheit, Siechtum, Rcksichtnehmenmssen. Und das hat man Sie, den Fremden, merken lassen? Mein Stiefvater mit seiner Weltlufigkeit? Meine Mutter -- meine Mutter? -- ich glaube Ihnen einfach nicht. Ach, ich glaubte ihm wohl. Ich htte ihm von den Einsamkeitsschauern erzhlen knnen, die mich heute Nacht zerbrochen und die Sehnsucht nach meinem Krankenanstaltsleben neu aufgeweckt hatten... Ich tat es nicht, noch nicht. Aber als ich aufsah, diesem jungen Menschen ins Gesicht, das wie durchleuchtet schien, von etwas Gutem, Hohem, Hilfsbereitem, da stieg pltzlich, mit einem scharfen Herzstich zugleich eine groe Gier nach dem Menschen, dem Genossen in mir auf, an den ich mich anklammern konnte in schwarzen Stunden, wenn die eisige Furcht angeschlichen kam. Dieses Gefhl tauchte auf und ging, wie eine Ahnung, wie ein Traum. Einmal, vor ein paar Jahren, sagte mein Gast dann, als ich in einer verzweifelten Lage war, aus der ich, weltfremd, jung wie ich war, keinen Ausweg mehr sah -- ich will Ihnen spter einmal, wenn sich's so fgt, davon erzhlen -- kam ein groer und guter Mensch ganz unerwartet zu mir. Ein Zufall hatte ihn meine Not ahnen lassen und, ohne mich zu kennen, kam er und half mir, ganz uneigenntzig und ohne jede uere Veranlassung. Das Leben fhrte uns verschiedene Wege, wir haben uns seitdem nie mehr gesehen, aber ich habe mir damals gelobt, wenn ich je von einem hren wrde, dem es ntzen knnte, da man ihm die Hand entgegenstreckte, dann wollte ich es tun. Versuchen, ob ich ihm helfen knnte, wie mir damals geholfen wurde. Nur ihm sagen: da bin ich, ich will mit dir in deiner Einsamkeit beraten, welchen Weg du gehen mut, wie du dein Leben fr dich und deinesgleichen ausntzen kannst, lieber Bruder oder liebe Schwester! Wenn ich ein langes, langes Leben vor mir habe, diese Worte werden in mir fortklingen, wie sie jetzt in mir zittern, wie sie vorhin heie Trnen in meine Augen drngten. Und so haben Sie mich gesucht, auch ohne etwas mehr von mir zu wissen, als da es mir nicht gut gehen drfte, da ich allein wre? Die in die Augen springende innere Klte Ihres Stiefvaters, seine schroffe Ablehnung, Ihnen in der besprochenen Geldangelegenheit zu raten, machte mich auf Ihre Lage aufmerksam. Dann schlug Ihre Mutter vor, Sie nach Gastein kommen zu lassen. Herr von Herholz wies das unbedingt ab. Sie htten selbst wohl das richtige Gefhl gehabt, da es nicht anginge, aus einem verseuchten Hause in eine erholungsbedrftige Familie hineinzufallen. Da mten vorher noch bergnge geschaffen werden. Sie wren sicher wohl besser orientiert ber Orte, in denen Genesende eine zusagende Unterkunft fnden, an denen es sich herausstellte, ob sie wirklich Genesende wren -- und in dem Ton weiter. Ich kannte diesen Ton. Der Hals wurde mir trocken. Und Mama? Ich solle versuchen, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie habe nach etwas bewegtem Hinundher zugestanden, da sie als Mutter gesunder Kinder Opfer zu bringen htte, auch wenn sie innerlich auseinandergerissen wrde.... Von da ab htte er immer und immer an mich denken mssen! ... Das arme Mdchen, wie mag es leiden, wie einsam sein im Vergleich zu den lachenden blonden Schwestern, die mit ihrem blhenden Leben den ganzen Raum fllten. Nein, sagte ich mir, ganz allein soll die andere nicht bleiben, und sich nicht darum grmen, da die Familie die Tr vor ihr zuschliet. Meine eigene dunkle Lebensstunde stand wieder vor mir, ich fhlte wieder die Hand meines gtigen Retters auf meinem Kopf, und da war ich auch schon entschlossen: Jetzt versuche ich, ob ich ein Mensch bin, der es wert ist, einem anderen, der es dunkel hat, ein bichen Licht zu bringen. Die Auseinandersetzung mit meinem Vater habe ich Ihnen nicht ersparen knnen, so sehr ich mir das auch gewnscht habe -- aber -- nun -- wenn Sie einen brauchen -- zum Aussprechen, zum Plnemachen, nur um da zu sein, wenn Sie einen Zusammenhang mit dem Leben suchen.... Ich griff nach den ausgestreckten Hnden und hielt sie fest. Und dann haben wir lange gesprochen. Zuerst habe ich erzhlt von allem, was bisher mein Leben ausgemacht hat, von allem Leid, mit dem wir Armen uns von Anstalt zu Anstalt schleppen, von Wehrawald nach Andreasberg, nach Arosa, nach -- lieber Gott, berall hin, wo man ein bichen Lebensluft aufzusaugen glaubt und wo die gierig um sich greifenden Hnde doch schlielich immer nur den einen fassen: den Zerstrer. Von den vielen, die, von der Familie ausgestoen, wie ich, allein und in jammervoller Sehnsucht nach einem Zuhause in den Tod muten. Da hat mein neuer Freund mich unterbrochen: Ich wre jetzt in der Lage, mich innerlich von der Familie zu lsen oder mein Verhltnis zu ihr auf einer anderen Basis neu zu erbauen, wenn ich den Zusammenhang nicht entbehren knnte. Es verwirrte und erregte mich zuerst ganz, was er im Anschlu daran sagte, aber als ich ihn begriff, tat sich eine neue Welt vor mir auf, und meine Seele wurde gro und weit. Die hohen und guten Worte, mit denen er in mich eindrang, vermag ich nicht zu wiederholen, aber ich fhle jedes, und es soll in mir wachsen. Die klagenden Stimmen hinter den Freuden der Welt vernehmen und ihnen nachgehen, sagt er, den mitleidenden Menschen zeigen ohne Rcksicht auf Alter oder Geschlecht oder Stand. Den Gedanken des Entbehrens ausschalten, -- das Bewutsein des geistigen und gemtlichen berflusses, von dem man geben und immer geben kann, in sich strken, -- durch das eigene reine Menschentum den Menschen in dem anderen wachrufen, -- und so in aller Stille eine menschliche Gemeinsamkeit mitschaffen helfen, die unter der Asche der gesellschaftlichen Einrichtungen tief verschttet liegt. Wieviel selbstverleugnende Gte mu man sich aber erwerben, um solche Wege gehen zu knnen, sagte ich endlich. Ich bin sicher nicht gut genug dazu. Das kann ich noch nicht beurteilen, aber seien Sie es zunchst mit dem Verstande, tun Sie vor sich selbst so, als ob Sie es wren. Nach dem ersten Erfolg wird ein Glcksgefhl in Ihnen erwachen, das mit nichts vergleichbar ist. Und damit zugleich wird Ihre Macht, Irrungen, Trbsal, Einsamkeiten zu bannen, stetig wachsen. Mit Ihren Hilfsmitteln, Schnheit, Temperament, Reichtum, ist sie von vornherein sehr gro. Er sah mit seinen lichtvollen Augen ber mich weg. Sind _Sie_ denn glcklich auf diese Weise, und brauchen Sie nichts anderes? fragte ich. Wenn ich mit der berzeugung von Ihnen gehe, da ich den Willen zum Glck, wie ich es verstehe, in Ihnen erweckt habe, da Sie meiner kleinen heimlichen Gemeinde angehren und dadurch fr sie werben wollen, werde ich da unten in einem Rausch herumlaufen und nach Ihrem Licht sehen, als ob es aus einer anderen Welt kme. Das Herz brannte in mir. Ich habe die Arme ausgebreitet, mein Gesicht an seines gelegt und ihn fest an mich gepret. Und es ist kein Hauch von Liebesverlangen in mir gewesen. Nur ein heiliges, machtvolles Gefhl von Gebundensein an ein Wesen meiner Art. ... Morgen frh kommt er wieder, und wir werden berlegen, wohin ich gehen, was ich zunchst mit dem Leben beginnen soll. Leben ... Leben ... alles ist, wie es war. Drauen ragt der Glrnisch gegen den dunkelnden Himmel. Glocken luten wie gestern das Ave, und geschftige Menschen laufen hin und her. Wer seid ihr, meine Brder, meine Schwestern? Was freut euch? Wie leidet ihr? Ich sitze an demselben Platz, allein wie gestern und immer, aber es braust um mich und in mir wie ein mchtiger Orgelklang.... -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Man lutete zum Diner. In dem Speisesaal hatte die Hotelgesellschaft an den kleinen, runden Tischen Platz genommen, die mit ihrem Blumenschmuck und den gelbumschirmten Lichtern lustig und festlich aussahen. Einer, an dem die junge Dame von Nummer 27 sonst gesessen hatte, war noch leer. Eben aber fragte man nach ihr. Eine einsame Nachzglerin kam mit hastigen Schritten vom nahen Bahnhof und trat in die Vorhalle zum Esaal. Mit schriller, kleiner Stimme rief sie der Saaltochter franzsisch zu, da sie Frulein Sargent, deren Gesellschafterin sie sei, zu sprechen wnsche. Geschwtzig erzhlte sie dem sie hinaufgeleitenden Mdchen, da Madame, die Mutter des Fruleins, sie hergeschickt und da sie, Edina Petitpierre, Frulein Sargent sozusagen grogezogen htte. Das Zimmermdchen klopfte. Edina Petitpierre trat ein. In dem Korbsessel am Fenster vor dem Schreibtisch lehnte Lydia Sargent. Eine groe Bogenlampe leuchtete von der Strae her mit milchweiem Schein in ihr Gesicht. Mit ausgebreiteten Armen lief die alte Franzsin auf das Fenster zu. =Chrie, est-ce que tu dors?= Aber Lydia Sargent schlief nicht. Sie atmete nicht mehr. Ein dnner Blutfaden sickerte aus dem linken Mundwinkel. Aus dem weien Gesicht mit den weitgeffneten, blicklosen Augen lag ein Ausdruck verklrten Staunens, als ob sie unsagbar Feierliches und Schnes hrte und she. Enrique Bisterro und Heinrich Biester ... Das alte Tor warf einen wunderlichen, langgestreckten Schatten auf den groen Marktplatz, sonst lag gelbe, glhende Sonne auf der ganzen Flche, in deren weitem Rechteck sich nichts regte. Und ringsum standen die alten, kleinen Huser, gerade wie sie vor zwanzig Jahren dagestanden hatten -- eins oder das andere wohl mit grellem, neuem Anstrich versehen -- die meisten grau, drftig und hier und da mit schwarzen Firmenschildern gezeichnet, die auch schon alle vor langen Zeiten da ebenso gehangen hatten. Nicht einmal die Namen waren andere geworden. Und das war auch schon immer so gewesen. Die Ignee, die Pflug, die Vo, und wie sie sich auf den Schildern nannten, schliefen schon damals lange. Die Leute, die in den kleinen Lden mit dem gleichen Kram weiter handelten, hieen vielleicht Wiesenberg und Gdicke und Cohn -- aber der alte Geist, der Geist der Ignee, der Pflug, der Vo, regierte weiter, und unter seinem Zeichen schien das ganze kleine Nest wohl auch heute noch zu leben, in dem gleichen Tempo, mit den gleichen Bedrfnissen und den gleichen Ansprchen. War das wirklich mglich?... An einer der Eingangstraen zum Markt stand ein Mann, der eben den langen, sonnigen Weg von der Station zur Stadt geschlichen war und mit einem bnglichen, erwartungsvollen Gefhl, wie es seinen Jahren gar nicht mehr zukam, auf diesem stillen Platze Umschau hielt. Die Sonne tat ihm nichts. Die hatte ihm in Sdamerika auf dem schattenlosen Plateau von Caracas in langen Jahren den Krper ausgetrocknet. Hier streichelte sie den Frstelnden nur mit ganz leisem Finger und strte seine Gedanken nicht. Gedanken waren es brigens kaum. Nur unbestimmte Empfindungen. Und auch die kamen nicht von innen heraus -- nein, sie strmten aus den kleinen Husern ringsherum auf den schmalbrstigen, hstelnden Mann zu und zerrten tchtig an ihm herum. Er widerstrebte nicht, aber er wunderte sich, denn diese wehmtigen, beunruhigenden Dinge, die um ihn raunten und durcheinander flatterten, waren gar nicht mit dem verknpft, was hier vor langer Zeit seine junge und heie Jugend ausgemacht hatte. Die Gestalten, die unklar und schattenhaft um ihn her auftauchten und zu ihm flsterten, waren keine, die in seinem Empfinden eine Rolle gespielt hatten. Sie sahen nur wie zufllig aus den Fenstern ringsum -- der alte Bluhm mit dem wrdevollen Gesicht und dem schneeweien Schifferbart -- der alte Puppel, der sich bis an sein Lebensende nicht hatte beruhigen knnen, da er Tpfer Walters Tochter nicht hatte heiraten drfen -- eben huschte auch sie, ein verschrumpeltes altes Jngferchen, mit mchtigem, buntem Strickbeutel schemenhaft um die Ecke -- die Faktorsfrau Blez, die tglich in die Apotheke geschlichen war, um Hoffmannstropfen zu holen -- und so viele andere noch, die das tgliche Leben des damals jungen Provisors gestreift hatten, ohne da er ihnen nher gekommen wre. Der Fremde strich mit der Hand ber die feuchte Stirn und sah sich noch einmal um. Dummes Volk, was wollt ihr eigentlich von mir? dachte er mit wehmtigem Lachen -- wenn die anderen nicht kommen -- die beiden Alten -- der Merten -- und alle, alle, mit denen ich in der Erinnerung was zu tun gehabt habe. Nein, die kamen nicht. Auch die kleine schwarze Kthe kam nicht. Und die anderen, die eben noch um Heinrich Biester -- oder, wie er schon seit langen Jahren hie, Enrique Bisterro -- herumgegaukelt waren, die verschwanden auch. Und nun lag der Marktplatz wieder leer und sonnendurchglht da wie jeder andere in jedem anderen eingeschlafenen Landstdtchen um die Mittagstunde. Ein paar Hunde, die in dem schmalen Schattenstreif an den Husern die Einsamkeit bewachten, wurden auf den fremden Mann aufmerksam. Der Wolfsspitz, der sich ihm zunchst sielte, stand auf und fing zu bellen an. Da ffnete sich das Fenster in einem niedrigen ersten Stock, und eine junge Frau mit groen, verschlafenen Augen sah auf den noch immer stille Stehenden. Sie rief etwas ins Zimmer, da kam auch ein Mann mit rotem, verarbeitetem Gesicht, und beide fragten voller Staunen ohne Worte herunter: Was willst du denn hier? Was suchst du denn hier?... Ja, was wollte er hier? Er ging nun weiter auf das einzige grere Haus zu, das neben dem alten Ordenstor in tiefem Schatten stand. Es war die Apotheke, und dahin wollte er.... Sein eigenes Haus -- auch eine Apotheke -- in Entechua in Caracas, war ein leichtgebautes Holzhaus mit herumlaufenden Veranden. Er hatte mit der Zeit aus der schmucklosen Bude, die er vorgefunden, mit den reichlichen Mitteln, die er daran wenden konnte, etwas sehr Zierliches, Hbsches und Zweckmiges gemacht. Sogar seine Frau, Doa Eustachia, von der doch alle Welt wute, da sie sehr groe Ansprche an Behaglichkeit stellte, war mit ihrer Hazienda sehr zufrieden, und wenn sie gut aufgelegt war, lobte sie ihn wohl auch einmal fr sein Bauwerk und nannte ihn einen =destinguido arquitecto=. Das schnste an seinem Besitztum aber hatte ihm die Natur geschenkt. Der Blick auf die mchtigen Bergschroffen war von einer unerhrten Groartigkeit, und von dem weiten Bogenfenster seiner Offizin aus sah er bestndig eins der herrlichsten Bilder der Welt: den Bergpfad, unten von schaukelnden Yukkas bestanden, weiterhin an einer halben Kehre in geheimnisvollem Blau verlaufend. Menschen und Tiere, fremdartig und bunt gekleidet und gezumt, belebten ihn. Und alle trugen ihm Brot hinunter ins Haus. Er war heute ein reicher Mann, verglichen mit seinem ehemaligen Prinzipal hier, obgleich der fr ihn doch damals schon lngst zu den oberen Zehntausend gehrt hatte. Manchmal in seinen Trumen sprach er mit ihm und rhmte sich seines Reichtums und seiner Angesehenheit und sagte: Sehen Sie wohl, als ich Lehrling bei Ihnen war und dann Provisor, da hielten Sie immer nichts von mir. Ihre Kthe gaben Sie mir nicht und sagten: >Heinrich Biester, Sie sind ein Faselkopf und werden auf keinen grnen Zweig kommen. Bleiben Sie im Lande, und nhren Sie sich redlich. Solch ein ausgemachter Phantast wie Sie gehrt zu Muttern, die ihn an der Strippe hlt, und nicht in die weite Welt...< Das sagten Sie, lieber Herr Prang; und ich bin doch gegangen und an einen der herrlichsten Orte der Welt gekommen. Da stand schon alles fr mich bereit: die Apotheke, die auf einen Herrn wartete, und die wunderschne Tochter darin. Und alles, alles hab' ich gewonnen und noch viel Hab und Gut dazu. Sehen Sie da: Weib und Kind und Freunde und gute Nachbarn und -- welch ein Leben! Er schilderte es mit prunkenden Worten, und dann -- immer im Traum -- pflegte Herr Prang ihm begeistert die Hand zu drcken und ihn und sein selbstgeschaffenes Los ber alles Sagen und Denken zu preisen ... Und alles auf spanisch... Aber am Tage, wenn die Sonne nher und nher kam wie ein glhendes Gespenst, das den Atem aufsaugen will -- er konnte _nicht_ schlafen wie Doa Eustachia in ihrem Schaukelstuhl und die schwarzhaarigen Kinder, die zusammengerollt auf den Matten der Veranda herumlagen -- dann fiel alles Spanische und alles Rhmenwollen von ihm ab, und eine ganz klgliche, trnenselige Sehnsucht nach dem kleinen Nest im fernsten Osten Deutschlands, nach der schattenkhlen Apotheke darin mit der groen mahagonigetfelten Vorhalle und den herumlaufenden ausgesessenen Bnken kam angeschlichen und hielt sein Herz so fest umkrampft, da es gar nicht mehr schlagen wollte... Wenn es Abend wurde, dann war's wieder besser. Dann fielen Heimweh und Melancholie wie lstige Schleier von der Seele, und der frische Bursch wachte auf, der dem alten Lande kurz entschlossen den Rcken gedreht hatte, als das Glck ihm dort nicht willfhrig gewesen war. Hier geno er es nun. Er sa mit den Seinen und den neuen Freunden an dem fremden Strom ... er sah die violetten Schatten den Monte Avila hinaufklimmen und das Kreuz an dem schwarzblauen Himmel funkeln. Die Fcher klapperten -- langgezogene, dunkeltnige Melodien klangen um ihn her, starke Dfte berauschten, und schne, braune Menschen mit seltsam gehaltenen Bewegungen redeten in vertraut gewordener Sprache ber Tages Freud und Leid. Dann flogen nur flchtige Gedanken in das kleine Stdtchen hinber, das pltzlich nchtern und kahl schien -- ein Wunsch: knntet ihr doch einmal hier sein und mich sehen, ihr alle, die ihr in Enge und Philisterei dort eingerammt geblieben seid ... und im Traum sprach er dann wieder mit dem Prinzipal und rhmte sein Glck und sein Leben in der neuen, schnen Heimat. Tageswerk und Gewohnheit arbeiteten natrlich nicht umsonst daran, das allzu Unausgeglichene in diesen beiden Stimmungen zu mildern -- ganz gelang es aber nie. Die Leute um ihn sagten zuweilen, wenn sie ihn so vor ihren Augen zusammenfallen und sich wieder aufrichten sahen: Der arme Don Enrique leidet an den Giften in seiner Apotheke. Ach nein, pflegte er dann zu erwidern, die Sonne ist hier zu stark. Mein Organismus ist auf so viel Glut nicht eingerichtet. Allmhlich, als die Jugend Abschied genommen hatte, fing er auch krperlich zu krnkeln an. Das Fieber kam. Es warf ihn nicht ganz nieder, es ri nur immer ein bichen an ihm herum. Er konnte seines Lebens gar nicht mehr froh werden. Und seine Freunde, der groe franzsische Arzt Terrifet, der einen neuen Nasenspiegel erfunden hatte, und der gute, kleine deutsche Pastor, der aus lauter Selbstzucht und Tugend nur einmal im Jahr in seinem vergtterten Gottfried von Straburg las, beratschlagten, was sie mit ihm anfangen knnten. Weil neuerdings in seinen halben Fieberreden die alte Apotheke in der deutschen Heimat mit dem dunklen Holzgetfel und den breiten Bnken wieder auftauchte, faten sie nach vielem Hin- und Herdenken den Entschlu, ihn zu einer Erholungsreise in das Jugendland zu berreden. Doa Eustachia, im Lauf der Jahre sehr fromm und sehr dick geworden, hatte den Torheiten der Eifersucht auf fremde Weiber und fremde Lnder lngst entsagt. Sie redete darum mit den Freunden eindringlich auf den armen Seor Enrique ein, sorgte in ungewohnter Hausmtterlichkeit fr uerliche Reisebequemlichkeiten und vershnte sich sogar mit dem =assistente=, der ihr sonst ein Dorn im Auge, weil er kein Messenlufer war... Und so kam es denn, da sich Seor Enrique Bisterro nach einer wie im Traum vergangenen Fahrt, nach zwanzig langen s und bitteren Jahren an diesem heien Julivormittag auf dem Marktplatz in Bartenberg und vor der dunklen Tr seiner alten Apotheke als Heinrich Biester wiederfand... Nun stand er da und sah mit bergehenden Augen auf den blanken Messingklopfer, der ihn ehemals in der Nacht oft aus beginnendem Schlaf geschreckt hatte. Schwerfllig ging er die zwei ausgetretenen Steinstufen hinauf. Es war nicht Sitte, bei Tage mit dem Lwenkopf an die Tr zu hmmern, denn sie war nur nachts geschlossen. Das htte er wohl noch wissen knnen, aber in Gedanken tat er's doch und erschrak zugleich ber den hallenden Klang. Mit solchem Gerusch in die alte, stille Halle zu kommen, dachte er unwillig und drckte die Klinke auf. Aber sie gab gar nicht nach, bis endlich auch von innen dagegen gedrckt wurde. Erst dann ging sie auf, und er bohrte die gierigen Augen ber die Person weg, die ihm geffnet hatte, in das dunkle, khle Paradies seiner Trume. Ein paar brennende Tropfen waren ihm ber die Backen gelaufen, ohne da er darauf geachtet hatte -- aber nun, nun stand er wie erstarrt da und sah und sah... Wer sind Sie denn, und was wnschen Sie? fragte man ihn. Er schob die Fragende beiseite und sah wie verzaubert um sich. Was war das nur? Statt des rotdunkeln Holzgetfels und der Bnke um Wnde und Fensternische herum sah er einen weiten, weien Raum mit viel grnen Palmen darin, Palmen und feinblttrigem Bambus. Schaukelsthle und Strohsessel standen auf den Matten wie bei ihm zu Hause. Es war berhaupt, als erinnere ihn manches an seine Veranda in Entechua. Verwirrt blickte er nach dem abgeteilten Raum, in dem der Verkaufstisch und die Medikamentenschrnke stehen muten. Da war er, aber der Tisch stand nicht mehr drin, und der dunkle Holzbogen der ihn von der Halle trennte, war wie ein groes Fenster von Hngepflanzen eingerahmt. Die Flaschen und Kruken waren von der Wand verschwunden, dafr leuchtete eine tropische Berglandschaft, von einer orangegelben Sonne bestrahlt, wie ein matter Gru der gewohnten Glut und Farbe zu ihm herber. Er mute die Augen schlieen, denn er glaubte im Fieber zu sein. Der feine Apothekenduft, der noch alles durchdrang, ermunterte ihn. Ich wollte doch in die Prangsche Apotheke, stammelte er und machte die Augen wieder auf. Ja, wo kommen Sie denn her, da Sie die hier noch suchen? fragte eine hohe, helle Stimme. Sie muten in das Haus nebenbei gehen. Da rttelte er sich zusammen und sah wieder mit nchternen Blicken um sich. Vor ihm stand eine zierliche Frau in einem weien Kleide von etwas phantastischem Schnitt. Sie hatte ein blliches Gesicht mit sprechenden, dunklen Augen und sah ihn halb lachend und halb ungeduldig an. Verzeihung, Seorita, aber wer sind Sie eigentlich? Seorita? fragte das Mdchen erstaunt. Nun, ich bin doch Justine Prang -- aber Sie, wer in aller Welt sind...? Da schrie Enrique Bisterro ordentlich auf. Sie, Sie sind das kleine Justinchen ... Sie? ... Und Kthe? ... Und der Vater? ... Und wo ist meine Apotheke geblieben? Er war sehr schwach, der Arme -- sonst htte er sich nicht so schwer in den weien Korbstuhl sinken lassen und so atemlos und bang um sich gesehen. -- Und er htte wohl auch bemerkt, da das Mdchen geisterhaft bla vor ihm zurckwich und ebenso bang suchend nach ihm starrte, wie er nach den verschwundenen Bildern seiner Jugend. Sie fate sich dann wohl zuerst. Sind Sie etwa...? Enrique Bisterro... Er stand mit der zur Gewohnheit gewordenen Grandezza auf und verbeugte sich tief. Sie hielt die Hnde vor's Gesicht und murmelte etwas wie nein, nein, nein. Aber dann nahm sie sich zusammen, ergriff _seine_ Hnde und zog ihn zu der groen Fensternische, in der viel hohe Bambusbsche standen. Und da sahen die beiden sich prfend an und fragten und antworteten allerlei ohne Worte. Also Sie sind das kleine Justinchen, das der Kthe wie ein Schatten hinterher war? sagte er dann. Lang, lang ist's her, sagte sie. Und die Kthe ist schon zehn Jahre tot. Lieber Gott! ... Es bewegte ihn nicht sonderlich. Ihm war seine Jugendliebe lngst aus der Welt der Wirklichkeit verschwunden, und wo er sie zuweilen suchte, da lebte sie so lange wie er. Aber dieses Mdchen, noch jung, doch schon am Rande des Welkens, was war das mit der? Warum sah sie ihn so an, so voller Staunen, so voller Bewunderung -- und was zwang ihn, sich zu seiner vollen Hhe aufzurecken, sich recht, recht spanisch zurechtzurichten und ihr mit ein paar Koseworten in der Sprache der neuen Heimat ber die dunklen Scheitel zu streichen? Warum neigte sie so demtig den Kopf und sagte so leise und zitternd: Ich hab' es ja immer gewut, da Sie wiederkommen wrden! Traum ... Traum... sagte er. Warum hast du das immer gewut? Erst hat meine Schwester Kthe gewartet, sagte sie. Und ich war noch ein Kind und hrte begierig all die Geschichten, die da in dem schnen Tropenland passierten. Und Sie sah ich immer -- ich wei nicht -- so wie in goldener Rstung und im Kampf mit allerlei Tieren und wilden Menschen ... Und dann, als die Sachen kamen, die Sie schickten... Sie zog ihn nun in den Verkaufsraum, wo er frher seine Tage und einen Teil seiner Nchte zugebracht hatte, und wo jetzt im Bilde ein schwacher Abglanz sdlndischer Herrlichkeit von der Wand herunterleuchtete. Dort fand er mit rhrender Sorgfalt die wertlosen kleinen Sachen geordnet, die er einst, in der ersten Zeit des Tropenrausches, nach dem alten Heimatnest gesendet hatte. Kokosnsse, Indianerflechtarbeiten, Muschelketten, elfenbeinweie Kugeln, aus der Wurzel der Lagospalme gedreht, Skorpione und Riesenspinnen und in einem Glaskasten an der Seitenwand die leuchtenden blauen Schmetterlinge, die er selbst in sdlicher Sonne ber den Riesengrsern der Pampas hatte flattern sehen, blauen Flmmchen gleich. Er konnte gar nichts sagen. Die Stunden heier Sehnsucht aus der neuen Heimat in die alte hatten hier eine Stimme bekommen, die leise und eindringlich murmelte. Das ist ja aber alles so unendlich lange her, Justinchen-- sagte er dann. Ein ganz anderes Leben liegt dazwischen ... Und ich habe auch nie geahnt, da ich hier bei euch in so gutem Andenken stand. Bei _mir_, nur bei mir -- aber die anderen muten einfach mit, sagte sie mit einem kindlichen Eifer, der dem verblhenden Gesicht seltsam anstand. Und gutes Andenken mssen Sie auch nicht einmal sagen ... Zuerst, als die Kthe heiratete, da nahm ich mir vor -- kindisch, wie ich ja noch war -- da _eine_ wenigstens Ihnen Treue halten sollte... Ist die Kthe glcklich geworden? fragte er. Sehr ... Ich habe das ja nicht begreifen knnen -- denn schlielich war sie doch Ihre... Er wehrte ab. Nicht doch, sie brauchte nicht treu zu sein, liebes Kind ... ich auch nicht ... Was uns in jenen schnen Tagen band, war ja so flchtig. Ich kann jetzt nicht einmal mehr sagen, wie und was es war. Meine Sprache ist mir auch gar nicht mehr gelufig genug dafr ... Aber Sie, sagen Sie mir, Sie ... oder du? Warum hast _du_ denn an mich gedacht ... und wie? Du hast dir doch ausrechnen mssen, da ich ein alter Mann bin, und schlielich ist es doch ein Zufall, da ich herkam ... nachdem wir seit langen Jahren nichts mehr voneinander wuten... Kein Zufall, o nein. Sie schttelte den Kopf und sah ihn mit groen, nassen Augen an. Und alt? Das htte ich nie gedacht, und nun ist's ja auch nicht so ... Wer drauen in der groen Welt und in fremder Schnheit lebt, der _kann_ ja gar nicht alt werden fr einen, der in Enge und Einsamkeit sitzt. Und wenn man dann so jemand hat, an den man seine groe Sehnsucht anhaken kann, wissen Sie, das zieht einen mit in allerlei schne Trume ... Ich bin ja so glcklich gewesen all diese langen Jahre, da ich die hatte ... Ach, was fr Freunde diese Schmetterlinge und dieser groe bunte Arara mir geworden sind! ... So was Fremdes und Heies und Schnes war immer um mich, wenn ich an Sie denken konnte. Und wissen Sie, was ich jetzt eigentlich glaube? Dies alles ist nur ein Traum, und wenn ich aufwache, wird's nicht wahr sein. Oder ist _dieses_ wahr? Und das _andere_ ein Traum...? Nein, nein -- Trume sind schner als das Leben. Ach, lassen Sie mich reden ... es ist so wundervoll, zu Ihnen reden zu knnen, zu Ihnen in Wirklichkeit reden zu knnen... Und das tat sie denn auch und sagte noch viel schne Dinge zu Heinrich Biester. Oder zu Enrique Bisterro -- oder zu wem ... zu wem? Voll traumseligen Staunens hrte er zu. Und allmhlich rauschte ein heies Entzcken in seinem Blut auf. Alter, Krnklichkeit, Fieber, das gab es ja gar nicht mehr. Jung wie vor dreiundzwanzig Jahren konnte er dieses Mdchen in seine Arme reien, wenn er nur wollte. Er, der Starke, der Stolze, der Mrchenprinz, fr den hier die Palmen wuchsen und die blauen Schmetterlinge gaukelten. So empfand er fr Augenblicke mit der fortgerissenen Phantasie. Aber der legt die Wirklichkeit schlielich doch Zgel an, und vom Empfinden zum gesprochenen Wort fhrt ein langer Weg. Darum zog er zuletzt Justine Prang nur sanft zu sich und streichelte sie mit seiner mageren, heien Hand. Und sagte nur ein paarmal: La es dir nie leid tun, Kind, la dir diese Stunde nie leid tun... Wenn ich sie wirklich erlebe, dann soll sie die schnste in meinem Leben sein ... die Hhe... Still, still, sagte er, sie immer noch leise streichelnd. Ich danke Ihnen schn, Justinchen ... Und -- und, ich mchte nun am liebsten fortgehen. Was sagen Sie dazu? Noch bevor Sie mich in der Sonne von Bartenberg sehen!... Nun sah sie ihn forschend an, ebenso wie er sie, und er bemerkte, wie das glhende, begeisterte Gesicht unter seinem Blick zusehends spitz und bla wurde, und wie der Freudenschimmer in den groen, dunkel umrandeten Augen erlosch. Sogar die Stimme schien ihm anders, als sie zu reden anfing, und wenn nicht die weie Halle und der Arara und die Palmen dagewesen wren, htte er denken knnen, er htte die ganze kurze Zwiesprache getrumt. Das ginge wohl nicht, sagte sie. Was sollte der Vater dazu sagen und Hellmund...? Wer ist denn Hellmund? Ach ja, Sie knnen das ja alles nicht wissen. Der Vater ist doch ganz alt und sehr mde. Manchmal knnte man denken, sein Geist wre nicht mehr ganz, -- aber dann merkt man doch wieder, da er -- wie soll ich das sagen? ... da er blo so schlft. Und Hellmund ist schon sechs Jahre da und besorgt alles -- und die neue Apotheke gehrt zur Hlfte ihm ... und wir ... und ich... Sie hielt befangen inne. Aber Heinrich Biester merkte darauf nicht. Der Vater... Er strich ein paarmal aufgeregt ber den ergrauenden Bart. Ja, nun kam man doch wieder auf wirklichen Boden. Nun war die Stunde da, wie er sie sich unterwegs oft ausgedacht hatte. Nun stand er alsbald dem Mann gegenber, dem er das Recht gab, ihn abzuhren, ob er seine Lebensaufgabe auch gut zu Ende gebracht htte. Wie gut es nach dem phantastischen Begebnis der letzten Viertelstunde tat, sich wieder darauf zu besinnen, da er vorzeiten hier gescholten und gelobt und von einer festen, aber warmen Hand hin und her geschoben worden war, bis er sich allein hatte zurechtfinden mssen! Ja, ja, Justinchen, fhren Sie mich zum Vater ... Kommen Sie... Ich mu es ihm erst sagen ... und dann ist doch auch Hellmund bei ihm. Ich werde ihn doch allein sehen und sprechen? fragte er ngstlich. Sie nickte und ging steif und gerade an ihm vorber nach der Tr, die frher zum Laboratorium gefhrt hatte. Sie war niedrig, und der Prinzipal hatte sich immer bcken mssen, wenn er in den Laden trat. Heinrich Biester vernahm den erstaunten Ausruf einer tiefen Mnnerstimme und ein Gerusch, als ob ein Stuhl rasch beiseite geschoben wrde. Dann ffnete Justine die Tr, und er konnte eintreten. Vor dem Fenster, an dem ehemaligen Platz des Experimentiertisches, sah er einen Krankensessel mit einem Schachtischchen davor und flchtig einen weihaarigen Kopf. Vor dieses Bild aber drngte sich ein junger, groer, massiver Mensch mit einem derben, roten Gesicht und lustig blitzenden Augen. Der streckte ihm beide Hnde entgegen, und in seiner drhnenden Stimme klang ein Ton warmer Herzlichkeit. Also, es geschehen wirklich Zeichen und Wunder, rief er. Nein, nein, Gott! Hat das phantastische kleine Frauenzimmer doch wahr und wahrhaftig recht behalten ... Ich geh schon, Goldchen -- sehen Sie, wie sie mir winkt. Natrlich sollen Sie den Vater fr sich haben, aber da der zum erstenmal eine lngere Sitzung nicht vertragen wird, hoffe ich, Sie nachher zum Frhstck bei mir zu sehen, Herr -- oder wie sagt man auf spanisch? -- Seor Enrique -- nicht? Wiedersehn! -- Wiedersehn! Und er ging, sich bckend wie frher Herr Prang, durch die niedrige Tr und streichelte vorher noch im Vorbergehen dem still dastehenden Justinchen mit seiner groen, runden Hand das farblose Gesicht. Heinrich Biester empfand das lrmende, gesunde Leben, das sich hier an der Sttte seiner Trume breitmachte, wie einen Miton, aber nur fr eine Sekunde, denn aus dem Lehnstuhl winkte ihm der Mann, der klein, mager und zusammengekauert darin ruhte. Scharfe, doch ausgeblate Augen blickten ihm aus einem runzligen Greisengesicht entgegen, und an diesen Augen allein erkannte er den hohen, gebieterischen Mann, mit dem er sich in den Nchten daheim auf spanisch unterhielt. Sieh, sieh, sagte dieser fremde Greis mit klangloser Stimme, das also ist der Strudelkopf ... der Lockenkopf ... der Auslnder, fr den die imprgnierten Palmen in meiner alten Apotheke wachsen ... Komm doch mal her, mein Sohn ... die Justine sagt, du bist der Heinrich Biester -- aber mir scheint, wir erkennen uns nicht mehr... Doch, doch, sagte Heinrich Biester eifrig, die Augen ... und der ganze Ton... Er nahm die welke, kalte Hand, die matt heruntersank, als er sie loslie. Dann schwiegen beide. Aber die Blicke des alten Mannes bohrten sich in das Gesicht seines Gastes mit eigenem, hellseherischem Sphen. Sie leuchteten auf und erloschen dann ganz schnell. Justine, rief Heinrich Biester ngstlich, aber die blieb an ihrem Platze. Sprechen Sie nur etwas, sagte sie, dann ermuntert er sich. Herr Prang, sagte da Biester, ich habe mich so auf dieses Wiedersehen gefreut. Ich habe Ihnen so viel zu erzhlen, Sie glauben ja gar nicht... Der alte Mann lie den Kopf mit den halbgeschlossenen Augen auf der Lehne seines Stuhls liegen. Ich hab's schon gesehen ... alles ... dir ist's nicht gut gegangen, mein Sohn... Mir ist's doch aber _sehr_ gut gegangen, Herr Prang, sagte Heinrich Biester verwirrt. Herr Prang machte nun die Augen wieder auf und hob die mden, weien Hnde. Erzhl davon den Kindern ... der neuen Zeit, mein Sohn, sagte er mit der ausgeklungenen Stimme. Die Schubfcher in meinem Kopf sind alle voll ... Mit deinen grauen Haaren und dem ausgetrockneten Gesicht krieg ich dich nicht mehr herein ... Ich hab' dich drin, wie du noch ein lieber, leichtsinniger Junge warst und meine Kthe nicht bekamst ... Nachher, wie meine Frauenzimmer den Seor Enrique Bisterro mit Indianerfedern und Heldentum aufputzten, da hab' ich ja noch ein Weilchen mitgemacht, so aus Spielerei -- ich alter Hansnarr ... Aber jetzt -- nehmen Sie's mir nicht bel, lieber Heinrich Biester, ich werde mich schon auch noch freuen, wenn Sie wiederkommen ... aber ich bin ein sehr alter Mann ... ein sehr alter Mann, und die weie Verschalung auf meinem schnen Mahagonigetfel ... Sehen Sie mal zu, da Sie die abreien und auch das ganze staubige Zeug samt den Schmetterlingen und den Palmen, und dann wird ja auch die Justine mit ihrem Hellmund wie andere Leute... Da flatterte Justine in ihrem weiten, weien Kleid heran und sagte mit ihrer hohen und klingenden Stimme: Die Justine wird gar nichts. Wenn man sein lebelang unter Palmen gewohnt hat... Der Alte winkte ihr zu schweigen und gab Heinrich Biester die Hand. Glauben Sie nicht, Sie Weitgereister, da es sich auch unter einem schnen, strammen Lindenbaum gut hausen lt? sagte er, und ein halb wehmtiges, halb verschmitztes Lcheln lief ber sein runzliges Greisengesicht. Eine Antwort erwartete er aber nicht. Er behielt die Hand seines Gastes noch einen Augenblick in seiner, kroch dann in sich zusammen und fing an zu murmeln: Wenn du wieder so spt nach Hause kommen wirst -- mein Junge ... warte mal... Heinrich Biester hatte es verstanden. Es war wie das Gespenstchen der Stimme von frher, und das rief allerlei Fremdes und Empfindsames in ihm an. Als er mit Justine wieder drauen stand, stiegen ihm die Trnen in die Augen, und er wute gar nicht, was er mit dem Gemisch von Wehmut, Verdrielichkeit und Verlangen in sich anfangen sollte. Wollen wir jetzt nicht hinbergehn --? fragte da Justine niedergeschlagen. Vielleicht frhstcken? Er sah sie gro an und schttelte nur den Kopf. Ihre brennenden Augen, die von ihm zu den weien Wnden irrten, taten ihm wohl und weh zugleich -- aber der heie Strom von vorhin rauschte nicht wieder in ihm auf. Merkwrdigerweise mischte sich sogar in alles widerspruchsvolle Durcheinander seiner Gedanken ein Stimmengewirr von weit her -- ein paar tiefe und ein paar gellende Tne -- Rufe von Frau Eustachia und den Kindern, die er zu Hause oft genug mit Mibehagen gehrt hatte, aus denen ihm in diesem flchtigen Augenblick jedoch ein Klang unersttlicher Lebensflle entgegenschwirrte. Das dauerte aber auch nur eine Sekunde und war vielleicht seinem Wunsche fortzugehen entsprungen. Denn dieser Wunsch war da und beherrschte das sanfte Gefhl von Dank und Rhrung. Ich will dir lieber Lebewohl sagen, Justinchen, jetzt, dir allein, und keinen und nichts mehr sehn und wiedersehn. Begreifst du das? Und weit du, wie reich ich durch dich geworden bin? Sie lchelte bitter und traurig und sagte: Reich? ... Reich?... Da blieben ihm die spanischen Koseworte, die ihm durch den Kopf schossen, in der Kehle stecken. Er kte mit kalten Lippen ihre Stirn und ging langsam hinaus. Sie blieb ganz still. Er hatte die Tr aus alter Gewohnheit offen gelassen und sah sich noch einmal nach ihr um: da stand sie mitten in der dmmrigen Halle in ihrem weien Kleide mit den nackten Armen und hatte die Hnde gerungen. Aber als er noch lnger nach dem geheimnisvoll schnen Bilde starrte, da schien es sich mit silbrig grnem Schleier zu umhllen und zerflo ihm vor den Augen. Dann wurde die Tr zugemacht, und er sah noch eine Weile wie im Traum auf diese dunkle Pforte mit dem leuchtenden Messinglwenkopf, die die Vergangenheit fr ihn abschlo, und hinter der sich ihm doch ein neues, wunderliches Seelenheim aufgetan hatte... Der Markt lag wie vor einer halben Stunde sonnenberglht und ausgestorben da, aber nun hatten auch die kleinen Huser tote Augen, und keine Stimme mehr. Kein Fenster ffnete sich, und keine Schatten huschten ber die Straen. Nur der Lwenkopf an der Apothekentr funkelte und sprach. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Nun sa Enrique Bisterro lngst wieder auf der Veranda in Entechua unter den Seinen und den rauchenden und schwatzenden Freunden. Er hrte den Guairastrom rauschen und sah die Yukkas am Fu des Monte Avila emporstreben. Duft und Glut waren um ihn, und die Schnheit der taghellen Mondnchte kaum zu ertragen. Das war frher auch alles so gewesen -- aber er wute nicht, wie es kam -- seit seiner Heimkehr sah er die alten Bilder mit neuen Blicken, ja, er nahm sie oft mit einer Befriedigung auf, die an Freude grenzte. Seine Freunde fanden, da die Reise in die Heimat Wunder an ihm getan habe, sie machten sogar kleine, anzgliche Bemerkungen, die Doa Eustachia nicht zu Ohren kommen durften. Er selber gab ihnen nicht Unrecht, wenn er sich auch den Wechsel in seinem Empfinden und seinem ganzen Wesen nicht ganz erklren konnte. Whrend des Tages, den er in der lhmenden Glut sonst verdrossen und krnklich, voller Mattigkeit und unbestimmter Sehnsucht, hingeschleppt hatte, dachte er an die Heimat jetzt nie mehr. Die schne Wirklichkeit um ihn triumphierte ber den matten Widerschein, den er dort angetroffen hatte. Er schaffte mit frischer Kraft und Freudigkeit. Er fhlte sich in seinem Beruf, als Familienvater, als Wrdentrger in der kleinen, zusammengewrfelten Gemeinde von Entechua ganz als der Enrique Bisterro, den man hier von ihm erwartete, und wute nichts von dem Heinrich Biester des Jugendlandes. Seine Trume dagegen fhrten ihn nach wie vor in das alte Heimatnest, aber er prahlte nicht mehr wie frher mit seinem Glck und seinem Wohlergehen. Er sprach auch nicht mehr Spanisch -- und nicht mehr mit dem Prinzipal. Er stand in der dmmrigweien Halle -- und ihm gegenber, neben dem feinblttrigen Bambus, unter den ewig lebenden Palmen, die fr ihn da hingepflanzt waren, das Justinchen -- mit leuchtenden, verstndnisvollen Augen ihm die Worte von den Lippen lesend. Und was der heie Tag von Entechua an starkem, jungem Fhlen, an Wehmut und Verdrossenheit, an Traum und Jugendsehnen erstickte, das strmte da in den langen und beweglichen Zwiesprachen aus. -- In denen klang kein Ton von dem wrdigen, arbeitsfrohen Don Enrique, die quollen ganz aus dem Herzen und aus der Seele des Heinrich Biester. Jungfruliche Knigin Der Doktor auf einem Schimmel, vor sich im Sattel den Terrier Fips, hatte die Tte. Der Hauptmann und der Leutnant von Wachowski lieen die Gule mit lockerem Zgel laufen und wechselten zwischen mattem Trab und Schritt. Der Doktor sah sich um, und als er wahrnahm, da sich die Entfernung zwischen ihm und den anderen vergrerte, hielt er. Weites, ebenes Land breitete sich bis zu dem fernen blulichen Waldbande aus. Regelmig angelegte, gut gehaltene Wege fhrten kreuz und quer zu den ckern, die in gelben, taufunkelnden Stoppelbreiten ruhten, oder in frisch aufgebrochenem Erdreich mit ihrer Wintersaat kommenden Segen erwarteten. Obstbume mit weigestrichenen Stmmen beugten sich an den Wegrndern in gleichmiger Entfernung voneinander unter der Brde ihrer goldenen und roten Frchte, Kirschalleen liefen, schmuck und schn, von trockenem Astwerk gesubert, geradlinig wie zwei Reihen Soldaten, zu einem noch nicht abgeernteten Kohlfeld, dessen blaurote Kpfe in schier unwahrscheinlicher Gre und ppigkeit auf dem schwarzen Boden lagen. Donnerwetter, ist das eine Kultur! rief der Doktor den nherkommenden Herren zu. Schon Terkittener Boden, nehme ich an. Hren Sie, Doktorchen, sagte der liebenswrdige Hauptmann Riesberg, dies Terkitten ist ein Paradies, hre ich eben von dem Leutnant, -- und das Merkwrdige bei der Sache -- das Paradies wird von einem Teufel regiert. Ich hab' auch schon so was gehrt ... der alte Terkittener ist wohl sein Lebelang ein berchtigter Rauf-, Saufbold usw. gewesen? Ne, ne, ne -- der Teufel ist diesmal =feminini generis=. Neues ist aus den Ruinen erblht, wie der Dichter sagt. Wachowski hat mir nette Chosen erzhlt. In diesem Augenblick stieg seitwrts aus den Stoppeln ein Volk Hhner auf und schwirrte surrend ber den Weg. Das war zuviel fr Fipsens Terrierherz. Mit einem Satz war er unten, mit einem zweiten im Felde. Um Gotteswillen, ... den Kter zurck ... Fips, ... die hallende Stimme seines Herrn, -- ein kurzer Knall, -- atemloses Schweigen -- fast auf den Bruchteil einer Sekunde fiel das alles zusammen. Und einen Moment spter waren die Herren abgesprungen und beteiligten sich mit erleichterten Zurufen an der Abstrafung des Schuldigen, der seine Jagdhiebe an Stelle der Todesstrafe in Empfang nahm. Htte sie mir meinen kleinen Kameraden beinah totgeschossen, sagte der noch ganz blasse Doktor, der sich den Terrier selbst aufgezogen hatte und ihn wie ein menschliches Wesen liebte. Wissen Sie, meine Herren, das ist unerhrt, rief der Hauptmann entrstet. So was tut man doch nicht. Man knallt doch keinen edlen Hund einfach nieder, wenn man sieht, da er nicht herrenlos ist.... So 'n verfluchter Kerl ... das soll ihm angestrichen werden ... dem wollen wir's besorgen. Der Leutnant deutete stumm auf einen Ebereschenweg links. Die hohe Herrin selber! Zwischen den noch kleinen Bumen, die unter der Last von glhend roten Beeren leuchteten, stand eine hochgewachsene, sehr schlanke Frau, die sich eben langsam umwandte und in entgegengesetzter Richtung weiterging. Man sah ber der graugrnen Lodenjoppe unter einem kleinen Jgerhut eine festgerollte Flle brandroten Haares, Lenox und Jagdtasche hingen zur Seite, und der kurze Rock lie ein paar Stiefel frei, die nichts mit koketter Damensportbeschuhung gemein hatten. Beim Schreiten aber machte sich eine bse Strung in der sonst untadligen Harmonie dieser Erscheinung bemerkbar: Der rechte Fu schleppte erheblich, und bei der energischen Bewegung des ganzen federnden Krpers fiel das um so mehr auf. Da haben wir also den berufenen Teufel wie auf Stichwort, bemerkte der Leutnant. Und hinken tut er wirklich auch noch, wie alle Teufel... Der Doktor fing jetzt erst an, sich von dem ausgestandenen Schreck zu erholen und seiner Entrstung freien Lauf zu lassen. Bei diesem Frauenzimmer mu man Gastfreundschaft genieen ... den Ruhetag noch dazu!? ... das ist hart ... wenn Herr Hauptmann mich noch beurlauben knnten... Stopp, stopp! rief der Hauptmann. Ich habe mir sagen lassen, da fr jeden passionierten Jger die Versuchung nahe liegt, ein wilderndes Tier abzuschieen, und Frulein von Terkuhn soll ja eine sehr temperamentvolle Dame sein, wie unser Leutnant mir eben erzhlt. _Frulein_ von Terkuhn? Nicht Frau? _Na_, Wachowski, schieen Sie mal los ... und erzhlen Sie, warum Sie so erpicht auf dieses Quartier waren, und woher Sie so orientiert sind. Wenn Herr Hauptmann gestatten, sagte der Sommerleutnant etwas verlegen, und sein auffallend hbsches, offnes Jnglingsgesicht nahm an der Verlegenheit der Stimme Teil. Eine kleine entfernte Cousine von mir ist Gesellschaftsdame bei dem Frulein von Terkuhn. Wir sind sozusagen zusammen aufgewachsen, haben uns ein Jahr lang nicht gesehen... So, so -- also sehr begreiflich. Und die junge Dame hat Sie auch ber die Verhltnisse unterrichtet? Zu Befehl, Herr Hauptmann! Ich habe das Gefhl, die Terkittener Herrschaften und den ganzen alten Kasten genau zu kennen. Ich wundere mich auch gar nicht, da Frulein Adalisa von Terkuhn dem Doktor seinen Fips so ohne weiteres niederknallen wollte. Wie sollte Eine tierfreundlich sein, die so menschenfeindlich ist! Na unter den Verhltnissen mute sie das vielleicht werden ... denken Sie, Doktor, der Leutnant erzhlt, als vierjhriges Kind hat ihr Vater sie im Suff einem Kumpan als Fangball zugeworfen ... dabei ist ihr die Hfte ausgerenkt, oder so was ... Dann eine grliche liederliche Fruleinwirtschaft, -- die Mutter tot... Und dann ist sie nach Gnadenfrei gebracht worden, erzhlte der Leutnant weiter, aber da ist sie ausgerissen -- und das hat dem Alten imponiert. Er hat sie im Hause behalten und ganz als Junge aufgezogen. Sie hat ihm mit der Zeit all seine boshaften Triks abgelernt, ihn aber bald noch berholt. Was ich darber so von meiner Cousine hre -- ich kann Ihnen sagen, meine Herren, es ist kaum zu glauben, da in unseren Tagen so was an mittelalterlichen Verhltnissen existiert. Und Ihr Frulein Cousine ist doch schon lngere Zeit dort? Wachowski lchelte: Die, ja die ist ein so sanftes, liebes und tchtiges Mdel, da da selbst der Teufel Halt macht. Und dann sagt sie auch ganz richtig: All das ganze Wesen geht mich ja eigentlich nichts an, ich werde meine Brotherrin ja doch nicht erziehen. Ich tue meine Arbeit, eher noch etwas darber, und damit fertig. Sagen Sie mal, der alte Herr lebt doch noch? Jawohl ... aber wie. Rechts gelhmt, -- sitzt wie ein bser alter Uhu im Krankenstuhl ... und hat schlimme Tage. Wissen Sie, die liebenswrdige Tochter, die nun natrlich ganz das Regiment fhrt, hat einmal ganz offen gesagt, als Lena -- meine Cousine -- einige Anordnungen zu seinen Gunsten machen wollte: Nein, lassen Sie, -- er hat mir meine Jugend verdorben, ich will ihm dafr sein Alter verderben. Na erlauben Sie mal, das ist ja einfach unglaublich ... So was uert sie zu ihrer Gesellschaftsdame? Ja, sie soll alles offen sagen und tun. Sie sagt solche Dinge auch zum Diener oder zum Brieftrger. Sie ist so hochmtig, da es ihr auf niemandes Meinung ankommt. Natrlich hat dieser Engel Geld, meinte der Hauptmann. Viel, sagte Wachowski. Und die Dukaten wachsen ihr nur noch so zu, da sie geschftsschlauer sein soll als zehn Juden, und -- alles was wahr ist -- auch sehr tchtig und ttig ... Und nun luft alles, was an Mnnlichem hier in der Gegend in Betracht kommt, hinter ihr her, trotzdem jedermann wei, wess' Geistes Kind sie ist... Ja, Geld und ein schnes Gut sind und bleiben einmal Magneten, sagte der Hauptmann, und wei Gott, vielleicht denkt auch dieser oder jener, da ein Petrucchio in ihm steckt. Wie meinen Herr Hauptmann? fragte Wachowski unbefangen. Na, den Kerl aus der Widerspenstigen mein' ich. Shakespeare, sagte der Doktor lchelnd. Ach so, ach so ... ja, ich erinnere mich schon ... Aber, pardon, lachen Sie mich nur aus, Doktor, ich bin kein Schriftgelehrter -- mehr frs praktische Leben... Die beiden Herren nickten ihm wohlwollend zu. Er war ihnen in der Manverzeit mit seiner heiteren, wasserklaren Liebenswrdigkeit ein angenehmer Kamerad gewesen. Sie kannten sein einfaches, arbeitsvolles Landwirtsleben, seine Lehr- und Wanderjahre auf mehreren groen Gtern der Provinz, seine bescheidenen Zukunftsplne bis zu dem Obstgtchen, auf das er nach der bung die Hand legen wollte, so genau, da sie ordentlich erstaunt ber die bisher nicht erwhnte Cousine waren. Das fiel wohl beiden im Augenblick ein, aber hinter diesem freundlichkleinen Schicksal tauchte die bse, hinkende, schne Rothaarige auf, die dem Vater das Alter verdarb und die fremde, edle Hunde gnadenlos niederknallte. Im Moment, in dem der Kter hinuntersprang, sah ich ja den Rotkopf, kam aber natrlich nicht dazu, sie mir nher anzuschauen, sagte der Doktor. Ich sah sie anlegen ... Herr Hauptmann nicht? Der Hauptmann schttelte den Kopf und strich seinen Schnurrbart. Er war ein bichen Idealist und lief, wenn sich's so traf, dem Fnkchen Romantik nach, das irgendwo an seinem Weg aufleuchtete. Man sah ihm jetzt ordentlich an, da er trumte. Natrlich Petrucchio dachte der Doktor, der ihn mit einem aufmerksamen Blick streifte. Aber er sagte nichts, teils aus Gutmtigkeit und teils aus Disziplin. Schweigend ritten sie nun eine Weile weiter ... Das ist die groe Pappelallee, die zum Hof fhrt, sagte dann Wachowski lebhaft und ein wenig unruhig. Ja, da stehen auch unsere Kerls.... Man nahm den Weg unter den hohen Pappeln in schlankem Trab, sprach an der Ecke mit den wartenden Burschen, die schon seit einer Stunde da waren und bog dann in den Hof. Das Gutshaus, ein einstckiges, weinumranktes Haus mit aufgesetztem Giebel, lag rechtwinklig zu dem Wirtschaftshof, dessen prachtvolle Stallungen und Scheunen dem Leutnant einen Ausruf der Bewunderung entlockten, obgleich ihm doch andere Gedanken nherlagen. Auf der einfachen, von Pfeifenkraut umwucherten Holzveranda, an der die Herren hielten, stand ein alter Diener, der sie, nachdem ihnen die Burschen ihre Pferde abgenommen hatten, in eine groe, niedrige Halle fhrte. Eine zierlich gewachsene junge Dame mit klarem, brnettem Jungmdchengesicht trat ihnen entgegen, -- die Cousine. Hauptmann Riesberg, stellte dieser sich vor, und dann den Doktor, da der Leutnant sich zurckhielt und nun erst sich einen herzlichen Blick und Hndedruck holte. Die erwartungsvolle Stimmung der letzten halben Stunde verschwand angesichts der anmutigen Unbefangenheit, mit der das junge Mdchen die verbindlichen Worte erwiderte, mit denen die Gste die verwandtschaftlichen Beziehungen noch einmal feststellten. Ich habe als Schaffnerin des Hauses den Auftrag, fr die Behaglichkeit der Herren zu sorgen, sagte sie dann. Das Frhstck ist auf den Zimmern bereit, der Diener wird fhren. Und wenn die Herren in bezug auf die Zeit des Mittagessens einen Wunsch haben... Sie fgten sich gern den Gewohnheiten des Hauses und waren mit der blichen Tischzeit um 2Uhr sehr einverstanden. -- Wann sie den Herrschaften ihre Aufwartung machen drften? Das gndige Frulein bittet vor Tisch im Salon. Whrend der Hauptmann sich bei den Burschen nach der Unterkunft von Leuten und Pferden erkundigte, die er vor dem Frhstck noch gesehen haben wollte, verweilten die beiden anderen mit Frulein Lena Aussig in der Halle. Wachowski und sie reichten sich wieder die Hnde und jetzt mit mhsam unterdrcktem Jubel... Entschuldigen Sie, bat sie den Doktor mit feuchten Augen, aber ich habe mich so sehr auf meinen Vetter gefreut ... Dir, Hans, will ich nur noch schnell sagen, da ich dich nach Tisch eine Stunde fr mich haben darf, wenn der Dienst es dir erlaubt. Jetzt mu ich mich verabschieden. Die Wirtschaft ruft.... Ein liebes Menschenkind, sagte der Doktor. Wachowski sah ihr mit weit offenen, glcklichen Augen nach. Dann folgten beide dem Diener ber eine breite, ausgetretene Treppe in ihre altvterisch behaglichen, asterngeschmckten Zimmer. * * * * * Adalisa von Terkuhn erwartete die Einquartierungsgste in dem groen Gartensaal, der Sommer und Winter ihr Lieblingsaufenthalt war. Noch blieb eine Stunde Zeit bis zum Mittagessen, und sie hatte sich die Tageszeitungen mitgenommen, die ihre einzige Lektre bildeten. Aber sie las nicht, sie ging in einer kleinen, ihr sonst nicht gewohnten Unruhe hin und her. Der groe, niedrige Saal mit seinen vier bogigen Glastren nach dem verwachsenen Garten und seinem Eckfenster nach dem Wirtschaftshof hin, wirkte wie ein eigens fr sie geschaffenes Umbild. Er hatte eine altmodisch grne Wandbekleidung, von der sich ein paar Familienportrts aus alten Zeiten lebensvoll abhoben. Keine eigentliche Ahnengallerie, dazu waren es zu wenige. Die Terkuhns, Jahrhunderte lang auf derselben Scholle ansssig, hatten nur ein paar Vertreter ihres Namens in die Welt entsandt, wo sie sich Geltung und Lorbeeren holen konnten. Es waren immer wenig Kinder in der Familie gewesen, und wer bleiben konnte, blieb in dem alten Waldwinkel, in dem er hochgewachsen war. Bis in die alten Preuenzeiten wollten die Terkuhns ihren Ursprung hinunterleiten, und wunderlich mischten sich in den Familiensagen Heidentums-, Ordensritter- und Polengeschichten durcheinander. Da es aber selten einen Schriftgelehrten im Hause gegeben hatte, beruhte fast alles, was man von den alten Zeiten erzhlte, auf mndlicher berlieferung. Nur ein paar auf dickem Pergament gemalte Urkunden mit Wachssiegeln daran gab es -- die lagen als Gerippe der von einer rohen und blutdrstigen Romantik durchwehten Begebnisse der Familiengeschichte in der plumpen, uralten Eisenkiste, die unter dem Bildnis des weiland kurbrandenburgischen Fahnenjunkers ihren Platz hatte. Dieses und ein paar andere aus den verschiedenen Jahrhunderten brig gebliebene Terkuhnbilder sahen alle unter demselben Rothaar hervor, aus denselben hellen Raubvogelaugen um sich, und die Allen gleiche kinnvorstreckende Haltung des kleinen Kopfes war sicher nicht von dem jeweiligen Maler erfunden worden. Auch Adalise von Terkuhn, die letzte des alten Stammes, gehrte so ganz und gar zu ihnen, als ob sie aus einem der alten, ungefgen Rahmen heruntergestiegen wre. Und sie empfand das so stark, da dieses Gefhl zwischen ihr und Allem was um sie lebte eine Schranke zog. Es war ein Lieblingstrumen von ihr, sich die Jahrhunderte hinabzuschleichen bis zu dem alten Preuenfhrer hin, der, die Steinkeule um die rote Mhne schwingend, hinter der heiligen Eiche hervorsprang um den Fremden gnadenlos zu erschlagen, der das Heiligtum betrat. An dieser selben Eiche zu stehen und all das Dunkle, gar nicht in Worte zu Fassende in sich aufwachen und beben zu fhlen, war ein Gottesdienst fr sie. Da sie sich aus solchen Trumen ihren seelischen Bedarf an Steigerung holte, machte sie sich in richtig zusammengefaten Gedanken nicht klar, aber wenn die Alltagslasten, die sie sich mit brutaler Energie aufgeladen hatte, sie zu ermden anfingen, dann vertiefte sie sich in diese Zwiesprache mit ihresgleichen, den Gleichen, die sie um sich her nicht finden wollte. Was sie in ihren Tag daraus heimtrug, hie Kampf. Und sie kmpfte mit dem vernachlssigten Boden, mit der Trgheit und Dummheit ihrer Leute, mit den Getreide- und Viehhndlern, die in frheren Zeiten jahraus, jahrein aus der lssigen Arbeit ihres Vaters den Vorteil gezogen hatten -- und endlich gegen die Freier, die das schne Terkitten mitsamt ihrer streitbaren Person als ehehrig an sich reien wollten... Aber es war kein frischer und frhlicher Kampf. Ein verbissener Groll wohnte auf seinem Grunde, und die Waffen, mit denen sie ihn fhrte, waren durch Hohn und Bitterkeit vergiftet. Sie empfand ihren krperlichen Schaden, obgleich sie ihn mit eiserner Willenskraft ihrer Beweglichkeit untertan gemacht hatte, als eine Schmach fr die Terkuhns, und aus dem Ha gegen ihren Vater, der sie zu einer Gezeichneten herabgewrdigt und zugleich die Schnheit des ganzen Geschlechts geschndet hatte, wuchs mit der Zeit noch allerlei Hartes und Zersetzendes heraus, das sie mit einer gewissen Freude pflegte. So war sie trotz ihres Reichtums und ihrer Schnheit keine begehrenswerte Freundin oder Frau. Das wute sie sehr wohl! Aber sie wollte es auch nicht sein. Und da man sich ihr trotzdem immer wieder nherte, erfllte sie mit einer grenzenlosen Nichtachtung und einem unbesiegbaren Mitrauen gegen alles und alles, vornehmlich aber gegen den Mann. Dabei sagte sie sich tglich und stndlich, da sie zu der engsten Lebensgemeinschaft, der Ehe, verurteilt sei. Der Gatte, den sie whlen wrde, sollte nach Knigsbestimmung den Namen Terkuhn tragen -- auf ihr lag die Verpflichtung, das alte, heilige Geschlecht zu erhalten. Wo aber war der, den sie als wrdig betrachten konnte, ihren Namen zu fhren und Vater ihrer Kinder zu werden? So eifrig sie auch im Geheimen mit ihren hellen Augen Umschau gehalten hatte, bisher war es unmglich gewesen, einen Mann zu finden, den sie in eine Reihe mit ihresgleichen htte stellen knnen. Ihr Herz hatte nie, ihre Sinne ein paarmal gesprochen. Einmal, vor mehreren Jahren, war es ein hbscher, rotkpfiger Stallknecht gewesen, zu dem eine unerklrlich heie Wallung sie gezogen hatte. Als sie merkte, da dieses Fremde in ihr sie berwltigen wollte, hatte sie dem ahnungslosen Burschen bei einem geringfgigen Versehen, das er begangen, die Reitpeitsche um die Ohren geschlagen und ihn davongejagt. Das andere Mal kam eine standesgeme Verirrung. Der bekannte Don Juan, Graf Revetzow, der als Reichstagskanditat des Bundes der Landwirte seine Besuche in dem Kreise machte und mit seiner glnzenden, draufgngerischen Persnlichkeit auch trotz hherer Semester eine stndige Gefahr fr das ewig Weibliche geblieben war. Seine festen Hndedrcke, seine heien Blicke und gewagten Worte, bei ihm Klischee, fr Adalisa von Terkuhn eine neue, seltsame Erfahrung, verursachten ihr noch lngere Zeit in der Erinnerung eine schwindelnde, wonnige Sehnsucht. Aber der Graf war Familienvater, wohnte weit ab und kam nie wieder. Da erlosch das Feuer, das er angezndet hatte allmhlich, und die khle, verstndige Gattensuche der letzten Jahre begann von neuem. Und immer und immer vergeblich. Und es wurde Zeit, Ernst zu machen. Sie hatte ihren 30.Geburtstag gefeiert, und es verging kein Tag, an dem ihr Vater von seinem Rollstuhl aus ihr nicht ein paar rohe, wie Peitschenhiebe treffende Worte ber ihr vergebliches Bemhen und ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit ins Gesicht geworfen htte. Da sah sie sich denn auch in weiteren Kreisen um, wo sie es konnte, ohne ihrem Hochmut allzu groe Opfer aufzuerlegen. Auf Pferdemrkten, auf den Rennen in Knigsberg. Sie hatte sich bei einem Besuch des Kaisers in der Provinz vorstellen lassen; und berall, schn, scheu und abstoend wie sie war, hatte sich dasselbe Spiel wiederholt, das sie nun seit Jahren kannte. An den Tagen nach solchen Festlichkeiten, denen sie, stilgerecht und kostbar gekleidet, beigewohnt hatte, huften sich Blumen und Briefe, von fremden Namen unterzeichnet, in denen man ihr Herz und Hand zu Fen legte. Zhneknirschend buchte sie es dann jedesmal, da nur die Minderwertigen sich ihr nherten und suchte und suchte weiter. Sie fing an, auf den Zufall zu rechnen, und seit vor acht Tagen die Meldung der Einquartierung gekommen war -- in dem abgelegenen Winkel eine Seltenheit -- beschftigten sich ihre Gedanken auch mit diesen in ihren Gesichtskreis tretenden Mnnern, die als Offiziere und adlig, wie sie annahm, immerhin in Betracht kommen konnten. Sie war ihnen am Morgen mit Absicht entgegengegangen, um sie, selbst ungesehen, zu beobachten, und in der Wut ber diesen unwrdigen Entschlu, vielleicht auch darber, da sie von keinem der drei den gewnschten Eindruck empfangen, hatte sie auf den wildernden Hund gezielt. Jetzt war es ihr brigens doch lieber, da sie ihn nicht getroffen hatte. Es wre ein peinliches Zusammenkommen gewesen, die Entschuldigung schon jetzt nicht angenehm, solchen gleichgltigen und ungeladenen Gsten gegenber. Dem, der den Terrier mit sich schleppte, grollte sie geradezu. Warum kommt keiner wie du? dachte sie, voll von der neuen Enttuschung vor dem Bilde des Fahnenjunkers stehen bleibend. Und warum mu ich wie eine Hndin hinter den Mnnern herlaufen, die ich verachte? Es klopfte. Frulein Lena trat ein. Was wnschen Sie? Ich wollte fragen, ob das gndige Frulein noch einen Blick auf die Tafel werfen mchte ... und dann wegen der Pltze... Der Tisch interessiert mich nicht -- und die Ordnung? Mich fhrt natrlich der Hauptmann und rechts der Nchstlteste... Das wre der Stabsarzt... Warten Sie mal ... wer ist denn mit einer Tle angekommen? Den mchte ich nicht an meiner Seite haben. Den knnen Sie sich nach unten nehmen. Der Stabsarzt hatte, so viel ich sah, einen Hund bei sich, den er dem Burschen bergab, sagte Frulein Lena ein klein wenig enttuscht. Dann kme also der Leutnant von Wachowski rechts vom gndigen Frulein. Wer von den Herren war doch Ihr Verwandter, Frulein? Leutnant von Wachowski sagte Frulein Lena mit einem kleinen Hoffnungsschimmer in den Augen, der ihrer Herrin nicht entging. Also den Leutnant rechts, und den Hauptmann -- wissen Sie, wie er heit?... Riesberg... Gut nickte Frulein von Terkuhn und machte eine entlassende Bewegung. Dann besann sie sich noch einmal. Frulein! Gndiges Frulein befehlen? Wie kommen Sie zu einem Vetter, der adliger Leutnant ist? Und wird es ihm nicht unangenehm sein, Sie hier in dienender Stellung zu finden? Ach nein sagte Frulein Lena mit einem halb stolzen Lcheln. Meine Mutter war eine Wachowski. Unsere Gter lagen im Posenschen nebeneinander. Wir sind fast zusammen aufgewachsen, und wir haben uns sehr gefreut auf dieses Zusammentreffen ... Ja und dann ist er ja auch nur Reserveleutnant... So so, -- was treibt er denn sonst?... Er ist Landwirt, gndiges Frulein, und er wird sich nach der bung ein kleines Gut in der Mark kaufen. Er hat eins in Aussicht... Hat er Ihnen das in aller Eile beim Empfang erzhlt? Ich hoffe, Sie haben die Verwandtschaft bei den anderen Herren nicht betont. Sie mssen sich selbst sagen, da das in Ihrer Stellung sehr wenig passend gewesen wre... Es ist auch nicht geschehen, gndiges Frulein. Die Herren sind gleich auf ihre Zimmer gegangen, -- ich habe meinem Vetter nur gesagt, da ich Erlaubnis htte, nach Tisch eine Stunde mit ihm zusammen zu sein... Wenn nichts Besonderes dazwischen kommt, sagte Frulein von Terkuhn. Sagen Sie also dem Ferdinand Bescheid, da er die Herren hier hereinfhrt, und lassen Sie dann sofort anrichten... * * * * * Und nun traten die Herren ein und standen alle drei in leiser Befangenheit der kniglich schnen Hausherrin gegenber, die doch selbst immer ihren ganzen Hochmut zu Hilfe nehmen mute, um ihre Weltungewandheit zu verbergen. Wenn sie mit niedergeschlagenen Augen da stand, wie eben jetzt, war sie neben all ihrer stolzen und regelmigen Schnheit auch noch lieblich. Nur wenn sie sie aufhob, diese graugelben Terkuhnaugen hinter den starken roten Wimpern, dann huschte ein bser Zug ber ihr Gesicht, der seinen Reiz verminderte und ihm Schrfe und Charakter gab. Der Doktor beobachtete das kritisierend, der Hauptmann und der Leutnant aber waren wie geblendet, der eine von gesteigertem Lebensgefhl, der andere von einer fast ngstlichen Scheu ganz erfllt. Frulein von Terkuhn entschuldigte mit ein paar Worten ihren Vater, der die Herren bei Tisch begren wrde, gewann es auch ber sich, fr die geplante Entschuldigung die passenden Worte zu suchen. Nur wandte sie sich damit nicht an den Doktor, sondern an den Hauptmann, und sah, whrend sie sprach, mit groen Blicken nach dem armen Wachowski, dem dabei hei und kalt wurde. Und dann meldete der Diener, da serviert wre, und Frulein von Terkuhn ging an dem Arm des Hauptmanns in den nebenan gelegenen dsteren Esaal. An einer Schmalseite der Tafel sa im Rollstuhl der alte Herr, der die Tischgste mit lauter, heiserer Stimme willkommen hie und einige bittere, humoristisch sein sollende Bemerkungen ber seine Hilflosigkeit machte. Neben ihm stand vor der Suppenterrine Frulein Lena. Ihr anmutiger Gru nahm den Fremden das Gefhl der Unbehaglichkeit und gab vor allem dem Leutnant seine verschwundene Fassung wieder. Es wurde aber doch ein merkwrdiges Mittagessen. uerlich sah alles blich und anmutend aus. Der blumen- und weinlaub-geschmckte Tisch in der Mitte des langen, mit schwerem Urvterhausrat ausgestatteten Zimmers trug plumpe Silberschaustcke und uralte dickfige Glser mit eingeschnittenen Wappen. Ihre Anzahl lie brigens auf eine sehr ausgiebige Mahlzeit schlieen -- eine sonst im Manver mit angenehmen Empfindungen begrte Aussicht. Aber heute nahm auer dem alten Herrn, der mit gierigen Blicken die ppige Anordnung streifte, kaum jemand Notiz davon. Schon da Frulein von Terkuhn den Leutnant, der sich seiner Cousine genhert hatte, zu sich herberwinkte, gab Veranlassung zu einer gewissen nachdenklichen Stimmung -- bei ihm mit Enttuschung und dem bangen Gefhl gemischt, das ihn neben der rothaarigen Gutsherrin wieder ganz gefangen nahm. Nur mit Anstrengung des Hauptmanns kam das Tischgesprch anscheinend in heiteren Flu. Allerlei Worte flogen hin und her, ber Krieg und Frieden, ber ehemalige Kameraden des Hausherrn, Pferdemrkte und Geselligkeit in Knigsberg, ber Manver und Dienst, ber Jagd und Ernte. Aber hinter all diesen gesprochenen Worten vereinten sich die _gedachten_ zu einem Strom, der Herz und Sinne mit Spannung und Unruhe berflutete und in jedem einzelnen Empfindungen wach rief, die mit dem, was man sagte, in geringem Zusammenhang standen. In dem alten Terkuhn kmpfte der Groll, von den Lebensfreuden vorzeitig ausgeschlossen zu sein, mit dem Verlangen danach -- der Hauptmann, benommen von seiner Nachbarin, zitterte innerlich, wenn ihr Kleid ihn streifte--, der Doktor beobachtete nach seiner Art und machte sich Bilder von dem persnlichen dieser schwatzenden Menschen zurecht; zwischen Wachowski und Frulein Lena flogen sehnschtige Blicke hin und her, und das Merkwrdigste erlebte Adalisa von Terkuhn an sich, obgleich gerade sie scharfe und treffende Bemerkungen in die allgemeine Unterhaltung warf und auch hier und da ihren begeisterten Verehrer, den Hauptmann, mit einem vollen Augenaufschlag beglckte und erschreckte. Sie hatte zuerst angefangen, sich mit dem stillen, fast abweisenden Gesicht des Doktors zu beschftigen, der, wie sie mit Unbehagen merkte, nur gerade aus Hflichkeit Notiz von ihr nahm, aber dann hatte sie einen Blick Lena Aussigs nach Wachowski hin aufgefangen. Ganz flchtig, aber so voller Innigkeit und Bangen, da Adalisa von Terkuhn erschrocken und emprt darber war. Es fiel ihr zum erstenmal ein, ihre Gesellschafterin, die ihr bisher nur wie eine gutgehende, leistungsfhige Maschine erschienen war, als Persnlichkeit zu betrachten. Und da fand sie, da da ihr gegenber ein sehr anmutiges, junges Mdchen sa, das in dem anspruchslosen Sommerkleide, mit den glatten, tiefschwarzen Scheiteln, den blhenden Farben und den dunkeln, vielsagenden Augen Reize entwickelte, die ihr selbst ganz und gar fehlten. Jetzt erinnerte sie sich, da jedermann von dem Frulein eingenommen zu sein schien, nicht nur ihr Vater, dessen ausgesprochene Vorliebe sie wohl der senilen Neigung fr alles Jungweibliche berhaupt zugeschrieben hatte. Auch die Herren heute, wie verhielten sie sich diesem dienenden Geschpf, diesem Nichts gegenber? Den Hauptmann hielt sie selbst in ihrem Bann, das fhlte sie, aber dieser Doktor, der ihr mit gleichgltigem Respekt begegnete, hatte einen zutraulichen Ton in der Stimme, wenn er mit seiner Nachbarin sprach. Und der Leutnant, der sogenannte Vetter? Sie beobachtete ihn von der Seite, und nun nahm sie auch in seinen Augen jenes zrtliche Blicken wahr, das auf Einverstndnis und Zusammengehrigkeit schlieen lie. In heiem Groll zog sich ihr Herz zusammen. Warum hatte sie noch nie in ihrem Leben ein solches Spiel zartsinniger Hingabe ber sich erstehen gefhlt? Sie sah, wie ihre Dienerin sich ordentlich verschnte dabei, wie ein trumerischer Glanz die braunen Augen vertiefte und das junge Gesicht von innen heraus zu leuchten begann. Freilich, der sogenannte Vetter rechtfertigte wohl diese auffllige und beinahe anstige Verliebtheit. Welch ein schner Bursch' war das mit der schlanken, sehnigen Gestalt, dem offenen, braunen Gesicht, in dem die graublauen Augen wie zwei Lichter brannten, in dem der volllippige, rote Mund unter dem braunen Brtchen lockte. Wenigstens leicht entzndbare Personen, wie diese Lena, die augenscheinlich ganz verga, da sie an dem herrschaftlichen Tisch ihre Privatangelegenheiten denn doch in anstndiger Verborgenheit zu halten hatte. Ob's nicht an der Zeit war, ihr und ihrem =vis--vis= das deutlich zu machen? Ein dunkler Instinkt warnte sie, und sie schwieg, whrend heie Wellen von Groll und Neid in ihr auf und ab fluteten. Sie hatte, in ihre Gedanken vertieft, den jungen Leutnant so scharf ins Auge gefat, da der Hauptmann in Verlegenheit geriet und sprach, ohne zu wissen was, und da Wachowski selbst, als er es endlich merken mute, einen halb unbehaglichen Schauer in sich aufsteigen fhlte. Der alte Herr brach den Bann, den auer Adalisa die ganze Gesellschaft zu spren anfing. Ja, warum nimmst du denn den Leutnant so aufs Korn, Adalisa? rief er mit seiner heiseren, gebrochenen Stimme, der bekommt ja ordentlich das Graulen. Nun fuhr sie zusammen und schlug die Augen nieder wie ein verlegenes, junges Mdel. Das halbe geheimnisvolle Lcheln um den groen, weichen Mund gab ihr einen pltzlichen Liebreiz, der nicht Einem ging. Dem jungen Leutnant, der eben noch voller Sehnsucht und Zrtlichkeit nach seiner Cousine geblickt hatte, begann das Herz zu schlagen, und er wartete in Unruhe auf das Wort, das kommen mute. Ich suchte etwas in dem Gesicht des Herrn von Wachowski, sagte Frulein von Terkuhn und lchelte weiter. Eine hnlichkeit natrlich, half ihr der Hauptmann. Es ist sonderbar, Wachowski, erinnern Sie sich nur, wer hat nicht alles schon hnlichkeit zwischen Ihnen und Bekannten oder Verwandten zu finden gemeint? Ich nicht. Ich habe kein Talent dazu. Der Leutnant konnte sich durchaus nicht erinnern und sah sich mit fragenden Blicken um. Ihm war gar nicht behaglich zu Mute, er hatte das Gefhl, da die hellen Falkenaugen seiner schnen Nachbarin durch die Lider hindurch in ihn hineindrangen. Was in aller Welt konnte sie in seinem Gesicht zu suchen haben? Ja, was suchte Adalisa von Terkuhn in diesem klaren, glattwangigen Jnglingsgesicht?-- Sie suchte nicht mehr, sie hatte schon gefunden. In dem Moment der Frage ihres Vaters war der Gedanke wie ein Blitz in ihr aufgesprungen. Nun nahm er, getrnkt von Herrschfreude, Begehren und einer Spur vorschauender berlegung ganz und gar von ihr Besitz: diesen Mann wollte sie zu einem Herrn von Terkuhn, ihrem Gatten und Sklaven machen. Von diesem Augenblick an gab sie sich keine Mhe mehr, die Wirtin auch nur zu markieren. Sie wendete sich von dem Hauptmann ab und ganz dem jungen Wachowski zu, whrend ihr Vater die Unterhaltung mit den anderen nach seinem Belieben, immer lauter im Ton und krftiger im Stoffe, fhren durfte. Die arme kleine Lena htte wohl rot werden knnen bei all den derben agrarischen Spen des losgelassenen alten Junkers, aber sie hrte nicht hin. Sie antwortete auch nur mechanisch auf die Fragen des Doktors, der ohne viel Erfolg den Hausherrn zu unterbrechen versuchte -- sie mute voll Staunen und Bangen immer wieder nach dem Paar ihr gegenber sehen. Was bedeutete das nur? Was wollte das Frulein von Terkuhn, die Hochmtige, die Mnnerfeindin, gerade von ihrem Vetter? Und was wute sie von ihm? Jedenfalls wrde nur Schlimmes fr den armen Hans dabei herauskommen, denn Frulein Adalisa war gefhrlicher in ihrer festlichen Freundlichkeit, als in der grollenden Alltagsstimmung, das hatte sie an sich erfahren. Wenn nur erst der Kaffee serviert wrde, dann konnte sie ihm ein Wort der Warnung zuflstern und dann kam ja auch die heiersehnte Freistunde, die sie mit ihm zusammenfhren sollte. Wie hatte auch er sich vorher darauf gefreut! Pltzlich war es ihr, als ob zwischen den liebevollen Blicken, die sie noch vor kaum einer halben Stunde gewechselt hatten und seinem jetzigen An-ihr-vorbersehen Ewigkeiten lgen. Was war das nur? Was ging in ihm vor?... Ja, was ging in ihm vor? Als sich die wunderschne Frau -- Mdchen wagte er sie kaum vor sich zu nennen -- mit einem Ruck ihm zugewendet hatte, als dann ihre scharfen Augen sich mit groen Blicken in die seinen tauchten, um ihn nicht mehr loszulassen, da war mit einem elektrischen Schlage zugleich eine heie Angst in ihm hochgestiegen. Dann fing sie an zu fragen, so geradezu, wie sonst fremde Damen in Gesellschaft nicht zu fragen pflegen, nach Familien- und Vermgensverhltnissen, nach Alter, Gesundheit und Neigungen. Darber war er halb erstaunt und halb emprt, aber er antwortete doch wie unter einem Zwange. Einmal berflog ihn die Idee, da sie ihn Lenas wegen so ausfrage, aber dann kam eine eigentmliche Bemerkung von ihr, die ihn von diesem Wege wieder abbrachte. Sie erkundigte sich, ob es eine Geschichte seiner Familie gbe, und ob sein Adel Sobieski-Adel wre. Das war nun seine schwache Seite, da man seinen polnischen Namen oft nicht fr vollgltig ansah. Nein, sie waren zwar verarmt, aber ein altes Starostengeschlecht. In der Polengeschichte wimmelte es von stolzen und tapferen Wachowskis. Bei Rednitzko lagen die Trmmer ihrer alten Raubburg. Da hatte z.B. vor drei Jahrhunderten ein Bogis Wachowski gehaust, dessen Schandtaten, wie er leider bekennen mute, heute noch in den Liedern des Volkes lebten. Da rief das Frulein von Terkuhn ganz laut und triumphierend: Wie mich das freut! Wie mich das freut! Warum nur? Er erhielt keine Antwort. Und nun scho es ihm durch den Kopf: Sie braucht einen Gterdirektor und will mich engagieren -- und hochmtig wie sie ist, freut sie sich, da ich von Adel bin -- aber daraus wird nichts -- und mit einem lchelnden Blick sah er endlich wieder zu Lena herber. Da aber lehnte Frulein von Terkuhn sich fest an seinen Stuhl, ihre Schulter streifte ihn, und ihre Augen blickten in die seinen so herausfordernd, so hei und weich zugleich, da er mit einemmal wute, was sie von ihm erwartete. Er gefiel ihr als Mann, er dieser unnahbar Stolzen, vor deren Falkenauge sonst keiner Gnade fand -- er, der kleine Sommerleutnant dieser wunderschnen Herrin -- seine Jugend -- seine Person rissen dieses Weib zu ihm. -- Das Weib. -- Nur das Weib. Wie ein heier Traum sank es ber ihn, und von nun an sah er alles um sich her durch einen rotgoldenen Schleier. Die arme Lena stand dahinter wie eine liebe, aber halb vergessene Bekannte aus fernen Zeiten, zu der man im Vorbergehen freundlich hinberwinkt... Als endlich die Tafel aufgehoben wurde, trat sie zu ihm und sagte, da sie ihn nach dem Kaffee zu einem Spaziergang erwarte. Er sah sie vertrumt und lchelnd an und nickte ein Ja, aber dann stand er schon wieder neben Frulein von Terkuhn und fand es ganz selbstverstndlich, da sie den Arm in den seinen legte. Sorgen Sie fr Kaffee und Likr, Frulein Aussig sagte sie ber die Schulter weg, und leisten Sie den Herren, so lange es gewnscht wird, Gesellschaft. Sehen Sie auch nach meinem Vater. Ich gehe mit dem Herrn von Wachowski nach den neuen Obstpflanzungen. Den Herren kurz und mit lssiger Handbewegung zuwinkend, stieg sie die breite Treppe zum Garten hinab, -- Hans von Wachowski schweigend und glhend neben ihr. Der rote Kopf berragte seinen dunkeln um ein Weniges, und wie der leichte Gang ihres Begleiters sich dem wiegenden, schleppenden unterordnete, den sie sich fr ihre Person zurechtgestimmt hatte, schien _er_ der Unsichere, whrend sie den Schritt angab. Jungfruliche Knigin, entfuhr es dem Hauptmann, der den so ohne Umstnde sich Absondernden verblfft nachblickte. Ich mchte sagen: der Teufel mit der armen Seele erwiderte der Doktor achselzuckend und sah sich nach Frulein Lena um. Die unterdrckte mit der Selbstzucht, die ihre Stellung sie gelehrt hatte, die Trnen, die aus bangem Herzen aufquellen wollten. Sie bot den Gsten den Kaffee an, berredete Herrn von Terkuhn sein Zimmer aufzusuchen, und verabschiedete sich dann, dem Wunsch ihrer Herrin entgegen, von den Beiden, die voll mitleidiger Rcksichtnahme keinen Widerspruch wagten. ---- Das Frulein von Terkuhn und ihr Begleiter gingen inzwischen durch den alten Lindengang, und ihre Fe whlten in gelben, raschelnden Blttern. Es war ein goldner Septembertag, die Laubbume standen in ihren herbstlichen Prunkkleidern bunt und leuchtend umher, und die mchtigen Weymouthskiefern zeichneten ihr tiefdunkles Grn doppelt dster dagegen. Der Himmel spannte sich so hoch und klarblau wie im Sden, aber die Sonne mit all ihrem Goldgefunkel wrmte nicht mehr. Groe Blumenbsche sahen hinter Hecken und Struchern hervor -- gelbe Sonnenblumen, rote Malven, alles leuchtend, aber ohne den sen Sommerduft. Dafr atmete der Herbst krftig und herb durch Baum und Strauch ber die glattgemhten Wiesen und von den jungen Schonungen her, die sich jenseits des alten Staketenzauns aufreckten. Es war so still, da das liebliche Zirpen des Zaunknigs schon wie ein helles Stimmchen aus dieser Stille aufsprang -- und das Schweigen der beiden Menschen darin war eine Selbstverstndlichkeit. brigens gingen beide so tief in Gedanken, da es ihnen gar nicht auffiel. Adalisa von Terkuhn fhlte eine trunkene Freude. Eine Art von Jgerinstinkt sagte ihr, da sie eine gute Wahl trfe, wenn sie diesen Mann an sich zog. Es war nicht Zrtlichkeit, die sie empfand, wenn sie seine sanften, dunkelbewimperten Augen an sich hngen sah, auch nicht eine der Aufwallungen, die sie als Niedrigkeiten in sich hier und da zu bekmpfen hatte, -- es war mehr eine aufquellende Dankbarkeit, weil sie sich ihrem Ziel endlich nahe fhlte. Und dann tauchte auch noch etwas anderes dahinter auf, etwas Schlimmes, was doch zu den seltenen Freuden gehrte, die das Leben ihrem Wesen bot -- das Bewutsein, einem anderen Menschen wehe zu tun, darben zu machen, whrend sie geno. Ohne da sie das alles in Worte fate, kochte es in ihrem Hirn durcheinander -- praktische Fragen quirlten mit auf -- Bedenken, ob dieser junge Mann Kenntnisse und berblick genug fr eine so groe Herrschaft besitzen werde, -- denn der Oberinspektor mute natrlich fort -- der rote Kopf des Fahnenjunkers tauchte dazwischen auf -- auch eine flchtige Vorstellung von rothaarigen Buben, die auf wilden, kleinen Pferden ber die Felder jagten. In all dieses phantasierende Denken und Bedenken hinein rief eine Stimme immer ganz laut: Greif zu, greif zu.... Durch die Obstkulturen waren sie nun schon gegangen und kamen an den weigestrichenen, stachelbewehrten Zaun, der den Obstgarten von einem Wiesengelnde schied. Da blieb sie stehen und legte den Arm um einen glatten Stamm. Ihre Augen suchten mit forderndem Blicke die seinen. Er strich mit der feinen, braunen Hand darber, als ob er den Schlaf daraus wegwischten wollte und betrachtete aufmerksam den Baum. Es ist eine Grumbkow mit einer Muntos okuliert, sagte er verwirrt ... merkwrdig, da das Experiment gelungen ist.... Sie sah ihn unverwandt und lchelnd an. Wir wollen ber die Wiese in den Eichenkamp, sagte sie dann mit emporgehobener weisender Hand. Und dort gingen sie auf schmalem Pfad dicht nebeneinander zu den Eichen, unter denen auf einer kleinen Bodenerhhung jene sagengeweihte mit ihrem mchtigen, knorrigen Stamm und dem harten, kleinbltterigen Geste stand. Sie wissen doch von dem heiligen Hain Romove und seiner Eiche? fragte sie. Er schttelte den Kopf, sagte dann doch ja, ja und sah ganz abwesend um sich. So eine ist dies auch, sagte das Frulein von Terkuhn und lehnte sich an den Stamm. Und pltzlich fate sie den Trumenden an beiden Schultern und drehte ihn sich zu. Was denken Sie von alledem, junger Wachowski? flsterte sie. Er stand bla und mit wildschlagendem Pulse da. Ich wag' es kaum -- ich wag' es kaum ... und doch wagte es sein verlangender Mund, den ihren zu suchen. Aber da traf ihn das helle Funkeln der Raubtieraugen, und es war, als ob die beiden Hnde auf seinen Schultern ihn mit schwerem Gewicht zu Boden drckten. Er fiel vor ihr nieder, seine gleitenden Arme umfaten sie, und er prete den Kopf in ihren Schoß ... Nach einem Augenblick, in Flammen verlebt, machte sie sich los und kniete neben ihm nieder. Ihr Kopf mit den leuchtenden Haaren lag nun an der alten Terkuhneiche, und die breiten Lider deckten die gefhrlichen Augen. Da war sie ein Weib wie andere, und der junge, hei Betrte fhlte mit einer Wonne ohnegleichen, wie Scheu und Traumbefangenheit von ihm abfielen und da er als Mann und Herrscher dieses knigliche Geschpf in seine Arme zwingen konnte. Er tat es, ohne da sie ihm wehrte, und kte sie strmend und fordernd... ---- In die auerweltliche Stille dieser Augenblicke tnte scharf und mahnend die Vesperglocke vom Hof her. Steh auf, sagte da Adalisa von Terkuhn. Weit du, da du jetzt ein Terkuhn werden wirst, -- einer von uns -- ein Terkuhn?... Er folgte ihr benommen und mit schwerem Kopf. Ich kann das alles noch gar nicht glauben, sagte er und fuhr in ihr schweres, an der rechten Seite halb gelstes Haar, wie um sich zu berzeugen, da er nicht trume. Sie schttelte seine Hand ab, nahm sie aber wieder und hielt sie fest whrend des ganzen Weges. Er stammelte hier und da ein zrtliches Wort, aber er konnte das rechte, das er suchte nicht finden. Sie achtete auch nicht darauf, aber von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und sah ihn mit groen, forschenden Blicken an. So gingen sie zuletzt ganz schweigend denselben Weg zurck, den sie gekommen waren. Als sie den langen Lindengang mit den raschelnden Blttern wieder betraten, sahen sie am Ende auf der Terrasse die Uniformen der beiden Herren und das helle Kleid Frulein Lenas. Hans Wachowski zuckte zusammen und wollte unwillkrlich seine Hand lsen, aber Adalisa von Terkuhn hielt sie fest. Sie kamen nher und nher. Nun hatte man sie bemerkt. Ich glaube, Sie mssen Ihr Haar in Ordnung bringen, sagte er, nach der herabhngenden Strhne blickend, in der sich ein paar rote Herbstblttchen verfangen hatten. Sie lchelte hochmtig und lie seine Hand endlich los. Ich zeige mich jedermann, wie ich bin -- du mut's auch lernen, sagte sie. Und dann zog sie ihn zu der kleinen Gruppe, die ihnen in schweigendem Staunen entgegensah. Nicht sie, aber die beiden Mnner, von Wachowski mechanisch nach der Vorschrift begrt, sahen verlegen zur Seite. Frulein Lena trat sehr ernst und bla zu ihr und dem Vetter. Das Frulein von Terkuhn nahm keine Notiz davon. Haben Sie sich Garten und Hof angesehen, meine Herren? fragte sie ein wenig von oben herab: Ich kann mich Ihnen leider heute nicht widmen. Ich bitte, Leutnant von Wachowski... Der blickte wie gebannt nach der Jugendfreundin. Gndiges Frulein, ich habe mit meinem Vetter noch zu sprechen, und bitte, ihn mir fr eine halbe Stunde zu berlassen ... Hans! wandte sich Frulein Lena mit dringendem Ton an ihn. Spter, Frulein, spter, lchelte Adalisa von Terkuhn, das ganze Gesicht in Schadenfreude getaucht. Auf Wiedersehn! Und sie deutete Hans von Wachowski den Weg, den er zu nehmen hatte, und ging hinter ihm langsam und groartig in ihrem zerdrckten Kleid und dem hngenden Haar an den drei stumm Dastehenden vorbei. Durch den Festsaal und ber den Korridor zu einer niedrigen, breiten Tr, hinter der laute Scheltworte hallten. Wohin fhren Sie mich? -- Und meine Cousine Lena mu ich in der Tat dringend sprechen, sagte Wachowski endlich beklommen. Zu meinem Vater. Es ist eine leere Form, aber sie mu gewahrt werden. Sie klopfte. Der alte Diener ffnete, von einem Donnerwetter aus dem Rollstuhl begleitet, und verschwand auf einen Wink seiner Herrin. Die Luft war von Tabaksqualm so dick, da man das Schimpfen hrte, dessen Urheber aber nicht sah. Hans von Wachowski konnte in dem beizenden Rauch die Augen kaum offen behalten. Seine Fhrerin schien daran gewhnt. Sie zog ihn zu dem Fensterplatz, an dem der alte Herr seine Kutscherpfeife rauchte. Vater, ich habe mich mit dem Herrn von Wachowski verlobt. Ich bringe dir deinen Schwiegersohn, den zuknftigen Herrn von Terkuhn-Terkitten. Der Alte stie ein grelles, drhnendes Lachen aus. So ... so ... so ... Also gelungen ... also endlich. Na mir soll's recht sein. Ich liebe zwar die edlen Pollen nicht-- Bitte, ich mache dir die Mitteilung, Vater -- eine Kritik wird nicht verlangt. Also meine untertnigste Gratulation zum Prinz-Gemahl. Seid fruchtbar und mehret euch, meine Kinder, -- aber bringt mir keine Pollacken in die Familie -- wie gesagt die edlen Pollen... Wir werden von der bevorstehenden Heirat noch heute Mitteilung machen... Nee, das werden wir nich, grinste der Alte. Das schickt sich nich -- meine vieledle Tochter. Wir sind die Terkuhns auf Terkitten, und wir greifen uns keinen Sommerleutnant zwischen Diner und Tee -- oder vielmehr, wir tun's schon -- aber wir zeigen's nicht -- verstanden? Hans von Wachowski fuhr nun endlich aus seiner Benommenheit auf. Frulein von Terkuhn, ich bin in einer unwrdigen Situation. Ich liebe Sie hei, aber von allem, was Sie sagen, von Heirat und Verlobung ist doch kein Wort zwischen uns gefallen. Ich wrde ja gar nicht wagen -- wie sollte ich? -- ich denke nicht... Das Jungchen will nicht, hhnte der Alte. Nutzt Ihnen nichts, mein Sohnchen, wenn die Adalisa einmal zugreift, hlt sie fest, da hilft kein Wehren. Was wollen Sie auch? Erbarmen! Terkitten ist ein schnes Stck Erde, und die Freier haben sich Dackelbeine danach gelaufen. Ich mu bitten, mich zu entlassen, sagte Hans Wachowski, zitternd vor Scham und Ingrimm. Ich habe keine Veranlassung zu dieser peinlichen Szene gegeben. Ich kann nicht fassen, da mir derartiges begegnen soll. Da langte, von blauem Rauch umflossen, die groe, weie Hand Adalisa Terkuhns zu ihm herber. Die eben noch scharfe Stimme snftigte sich zu einem Anflug von Zrtlichkeit. Was haben wir zwei mit Brutalitten zu schaffen, die uns beschimpfen sollen? Ich hab' dich als den besten, den lange Gesuchten, erkannt, gleich, als du in den Saal tratst. Und an unserer Eiche haben wir uns verstanden ... Da ich dich nicht aus Leichtsinn oder zum Zeitvertreib kte -- das wutest du doch. Er schwieg. Da neigte sich das zarte Gesicht mit dem leuchtenden Rothaar darber zu ihm. Ernst und feierlich kte sie ihn auf den Mund und sagte: Hans Terkuhn, du sollst gesegnet sein und Segen bringen. Er fhlte die weichen Arme um sich, und die heie Seligkeit von vorhin stieg wieder in ihm hoch. Aber das Wort, das sich ihm entringen wollte, blieb ungesprochen -- und was er mit Mhe unterdrckte, war -- ach wie er sich schmte! -- ein bitterliches Schluchzen, wie manchmal in lngst vergangenen Schlerzeiten, wenn er im Ringkampf besiegt worden war und Haltung hatte bewahren mssen. Donnerwetter! sagte der Alte, also es wird Ernst. Da will ich also meinen Rat wiederholen, mit der Verffentlichung bis nach dem Manver zu warten. Grnde sind klar. Ja! sagte Adalisa nach kurzem Bedenken. In allseitigem Interesse ist es vielleicht richtiger. Obgleich die Herren natrlich gemerkt haben, was vorgegangen ist. Und Lena? brach nun Hans Wachowski los. Was soll die denken? Ich wei nicht, wie ich der unter die Augen treten soll. Wir sind doch so gut wie... Still! unterbrach Adalisa gebieterisch. Das werden wir in Ruhe besprechen und drben bei mir. Guten Abend, Vater... Sie scheinen ein anstndiger Junge zu sein -- knurrte der alte Terkuhn, Wachowskis Hand pressend und ihn einen Augenblick zurckhaltend. Wie wr's, wenn Sie ausrissen? -- Ne -- ne -- ich meine man so -- ich bin grundstzlich gegen die Ehe -- gegen die Ehe. Die Tr schlo sich, und Hans Wachowski sah wirr und mit innerlichem Zittern den nchsten Augenblicken entgegen. Wie ein Zuschauer und mit gebundenen Hnden stand er jetzt in demselben Gartensaal, in dem vor wenigen Stunden dieses rothaarige Schicksal in sein friedliches Leben gebrochen war -- und wute nicht aus noch ein. Du mut dich nicht frchten, mein Freund, sagte Adalisa von Terkuhn, weil das alles so schnell kommt. Ich kann keine schnen Worte finden, aber ich mchte es dir gern erklren. Ich sehe doch, es ist immer nur der _eine_ Augenblick der Entscheidung, der wichtig ist. Alles vorher -- die Vorbereitungen -- sieh mal, das hlt doch alles auf, und ist eigentlich berflssig, nicht? Komm, wir wollen uns hier zu meinen toten Vorfahren setzen, das sind die wahren Verwandten, bald auch die deinen, da wollen wir ordentlich besprechen, wie wir alles einrichten mssen. Und sie erzhlte, -- und der bermige Eifer, mit dem sie sprach, belebte wie ein feuriger Strom die stockenden und ungewandten Worte, -- da nach dem unheilbaren Erkranken ihres Vaters, als sie notgedrungen die Generalvollmacht fr die Verwaltung hatte bekommen mssen, der Rechtsanwalt des Hauses das vielbesprochene Immediatgesuch an den Kaiser aufgesetzt hatte, nach dem der Mann, den sie heiratete, den Namen Terkuhn fhren und das stolze Geschlecht vertreten sollte. Es war zustimmend beantwortet worden. Sie sprach dann von geschftlichen Dingen, von der Lebensarbeit, die in ihrer Hand nun vor ihm lag, von dem erhhten Ansehen, das sie Beide dem alten Namen schaffen wrden, von dem Glck, diesem und diesem, -- sie deutete auf die rothaarigen Zuschauer an der Wand -- zu beweisen, da die Gegenwart doch auch wieder etwas wert sei, nachdem manch ein Terkuhn um die Ecke gegangen wre. Sie sprach und sprach, und ihre leise, harte Stimme rttelte an dem jungen Zuhrer, der in bebender Haltlosigkeit dasa. Nun sprich du, sag mir etwas Gutes, sag, wie du dich freust, schlo endlich das Frulein von Terkuhn, und sah ihn mit einem ermunternden Blicke an. Er wollte auch etwas Kluges und Warmes sagen, aber es fiel ihm nichts ein. So sah er bange vor sich hin und versuchte dann nach ihrer Hand zu fassen. Sie gab sie ihm mit krftigem Druck. Also gute Gemeinschaft, Hans von Wachowski. Da stammelte er endlich: Ach von dem allen versteh ich nichts. Und dann brachen die angesammelten Worte sich Bahn, und er fuhr hastig fort: Es ist mir ber den Kopf gekommen, ich wei nicht, wie. Ich habe nicht einmal geahnt, da ich mich getrauen knnte, eine Frau wie Sie nur leise zu berhren, und nun... Du mut du sagen.-- Du, also du, rief er nun aufspringend. Dann la uns nicht von allem sprechen, was noch in weiter Ferne liegt, la mich in deinem schnen Haar whlen, la mich mich satt kssen, damit ich etwas Wirkliches habe. Ich bin ja wild vor Verlangen nach dir, du Schne, du -- du -- du--!! Dein Sklave will ich... Sklave ---- Sklave, wiederholte sie mit ihrem geheimnisvollen Lcheln und legte seine beiden heien Hnde an ihre Schlfen. Also unbedingte Ergebenheit -- ja, die erwarte ich. Ihn an den Handgelenken haltend, fhlte sie das Schlagen seiner Pulse, und seine Jugend zitterte in ihr nach. Aber alles, was sie empfand, steigerte sich zu einer heien Gier, die Beute nun auch so in Sicherheit zu bringen, da nichts sie ihr mehr streitig machen konnte, und in diesem Gedanken lie sie die zuckenden Hnde fallen und sagte in ihrem harten Alltagston: Wir wollen zunchst also Frulein Aussig rufen und ihr mitteilen, was wir beschlossen haben. Natrlich darf sie aber dem anderen Personal nichts sagen. Das war nicht klug. Die Gluten erloschen bei dem khlen Wort. Die eben niedergerissenen Schranken richteten sich wieder auf, und hben und drben standen nicht mehr der Liebe heischende Mann und das sich neigende Weib, sondern die Gutsherrin und der an Gehorsam gewhnte Inspektor, in dem sich jetzt ein entschiedener Widerspruch regte. Ich mu meine Cousine allein sprechen! sagte er. Es geht auch nicht, da sie zum Personal gerechnet werden soll, -- nein, das geht ja alles nicht! rief er laut, Frulein von Terkuhn, das geht ja alles nicht. Ein heier Wutschauer, mit brennender Scham gemischt, berflog Adalisa von Terkuhn, aber noch hielt sie an sich. Der Jgerinstinkt gebot: Selbstbeherrschung und Ruhe. Du hast mich wohl nicht ganz verstanden, sagte sie leise. Ich will doch gerade deine Cousine als Verwandte begren. Ich rufe sie jetzt. Nein, nein, bat Hans voll Pein und Ratlosigkeit. Ich will das nicht. Aber da war es schon zu spt. Auf das zweimalige Glockenzeichen trat nach leisem Klopfen Lena Aussig in den Saal. Wie bla und ernst sie in dem dmmerigen Herbstabendlicht dastand! Kein Wort auf den weien Lippen, die Augen gesenkt -- denn wie sollten sie das Bild ertragen, das sich ihnen bot! In einem der groen Fensterbogen standen die beiden eng aneinander geschmiegten Gestalten. Das Frulein von Terkuhn hatte den Kopf an die Schulter von Hans Wachowski gelehnt. Blutrote Weinranken schwankten hinter ihnen, und der rtliche Dunst der vergehenden Herbstsonne war um sie wie ein Schimmer, der aus ihnen selbst herausstrahlte. Zwei Glckliche, von roter Lebensglut umflossen. Das wollte die arme Lena lnger nicht sehen, und darum ging sie zur Tr zurck. Frulein Lena, Sie sollen uns gratulieren. Ihr Vetter, Hans Wachowski, und ich haben uns eben verlobt, sagte das Frulein von Terkuhn und trat mit dem Mann an der Hand aus dem roten Licht. Nun fand Lena Aussig ihre Haltung wieder. Ach nein, sagte sie. Den Glckwunsch wird mir Hans wohl ersparen. Er kann ihn auch nicht erwartet haben. Guten Abend, gndiges Frulein... Da ri Hans Wachowski sich von den Fingern los, die ihn umklammert hielten und trat dicht zu dem jungen Mdchen hin. Ihm war in diesem Augenblick, als mte sie ihm zusprechen, ihn trsten, als wre er ganz allein mit ihr, und knnte ihr klagen und mit ihr beraten. Lena, Lena, sagte er. Ich htte dich vorher sprechen mssen, vergib. Ich bin ja selbst ganz wirr, sie hat mir alles ber den Kopf weggenommen. Das Frulein von Terkuhn richtete sich kampfbereit auf. Ihre Augen begannen zu funkeln. Schweig, rief sie heiser. Aber in seiner groen Erregung sah und hrte Hans von Wachowski sie nicht. Lena, Lena, sagte er mit einer Zrtlichkeit in der Stimme, von der Frulein von Terkuhn trotz des heien Kssens nichts vernommen hatte, sieh mich nicht so an; es wird alles wieder gut. Nun geriet auch Lena auer sich. Was soll gut werden, nachdem du dich von dem Frulein da hast fangen lassen, wie? Sie Unverschmte, zischte das Frulein von Terkuhn und sprang, von den fliegenden Haaren umflattert, auf das hochaufgerichtete Mdchen zu. In diesem Augenblick trafen sich ihre gelben, funkelnden Augen mit denen des Junkers an der Wand, der seine kurbrandenburgische Fahne in steifer Hand vorstreckte und starr und feierlich wie immer zusah, was die Terkuhns von heute taten und trieben. Aus dem dunkeln Zugehrigkeitsgefhl zu diesem toten Bundesgenossen schumte eine rasende, besinnungslose Wut in Adalisa von Terkuhn auf. -- Beutegier, Berechnung, Sinnesrausch -- alles ertrank darin. Wie mit tausend Hnden aller vergangenen Terkuhns regte es sich in ihr, um die Plebejer da niederzureien und zu vernichten. Rote Strme rauschten, wie aus Blut und Glut gemischt, und das Weib, das daraus auftauchte, Spitzenfetzen in den ausgespreizten Armen, die Raubtieraugen in bermenschlichem Glanz sprhend, fremde, unverstndliche Tne schreiend, war in seiner furchtbaren Schnheit etwas so entsetzliches, da die beiden vor ihr in Grauen und Furcht erstarrten. Mechanisch trat Hans Wachowski vor seine Cousine, um sie vor dem zu schtzen, was kommen konnte, aber das Frulein von Terkuhn rhrte sich nicht, nur ein fauchendes Hohnlachen lste den furchtbaren Krampf in ihr und zwischen zusammenschlagenden Zhnen stie sie ein Hinaus hervor. Geh, sagte auch Hans Wachowski und schob die zitternde Lena durch die Tr nach dem Korridor. Er hatte sich auf sich selbst besonnen. Die fremde schne Bestie, die da noch zuckend und keuchend an ihrem Platz stand, hatte keine Gewalt mehr ber ihn. Zwar, der innerste kleine, feige Mensch in ihm zitterte, aber er mute tapfer sein und dann kam die Manneszucht ihm zu Hilfe. Er durfte sich von diesem Weib nicht hinausweisen lassen. Und so trat er dicht an sie heran. Verzeihung, gndiges Frulein sagte er leise und heiser, ich bitte um die Erlaubnis, mich zu verabschieden. Es klang ihm selbst dnn und rmlich, was er da sagte, -- so als ob er gegen einen tosenden Wasserfall sprche. -- Das verchtliche Lachen, das wie mit Peitschenhieben ber ihn herfiel, befreite dann die unterdrckte Emprung in ihm. Sie..., was denken Sie sich eigentlich?..., Sie... Er kam zu keinem weiteren Wort. Das Weib sah mit wilden Augen und fletschenden Zhnen um sich und duckte sich wie zu einem Sprunge. Unwillkrlich hielt er die Hand schtzend vor sich. Da ri sie sie hinunter und mit einem rauhen, sthnenden Schrei schlug sie die spitzen Zhne in das Handgelenk. Und dann eine Sekunde tiefes Schweigen. Bla und schlotternd richtete sie sich auf und sah wie ein klagendes Tier nach dem Fahnenjunker an der Wand. Der andere war nicht mehr da fr sie. Sie bemerkte es nicht, da er in dumpfem Erstaunen die hervorquellenden Blutstropfen betrachtete, noch einen scheuen Blick voller Grauen und Widerwillen auf sie warf und dann hinausging. Vor der Tr stand der alte Diener. Mit gesenktem Kopf auf den Zehenspitzen ging er fhrend vor dem Leutnant her und geleitete ihn zu der Zimmertr des Hauptmanns. Der Herr Hauptmann wnschen den Herrn Leutnant dringend zu sprechen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Um 6 Uhr war zum Aufbruch geblasen. Man hatte von den Herrschaften nichts mehr gesehen und schon gestern Abend sich in formellster Weise von dem alten Herrn verabschiedet -- mit Ausnahme des Leutnants von Wachowski, der wegen starken Kopfwehs sein Zimmer nicht verlassen hatte. Die Damen waren nicht mehr zum Vorschein gekommen. Frulein Aussig war sogar pltzlich in das nahe Stdtchen gefahren und hatte ihren Vetter durch einen Brief ber diese schnelle Abreise verstndigt. Jetzt ritt man zu dreien, wie gestern morgen, aber in entgegengesetzter Richtung davon. Leute und Pferde waren ber die Chaussee gegangen, die drei Herren nahmen den krzeren Waldweg durch den Eichenkamp. Wieder wie gestern, der Doktor mit Fips, dem Terrier, voran, die beiden anderen schweigend hinterher. ber Nacht hatte es einen Sturm gegeben. Die bunten und gelben Bltter lagen ber abgeschlagenen, drren sten in Haufen auf dem Wege und raschelten. Die Sonne war noch nicht durch, und der graue, tropfende Herbstnebel verschleierte die Ferne und zog in Ballen und Streifen ber die rostroten Gebsche und die kahlen Stmme. Hier und da hob er sich, und dann sah man in einem Ausschnitt ber Wiesen und Lichtungen weit in den Wald hinein. So geschah es jetzt eben. Und da stand mitten auf einem kahlen, nur von kleinem Eichengestrpp berwucherten Platz eine uralte Eiche mit weit ausgreifendem, verknorrtem Gest. Unten an dem mchtigen Stamme bewegte sich etwas Graugrnes. Der Weg nahm die Richtung auf den Baum zu und fhrte in etwa 20 Schritte Entfernung daran vorbei. Der Leutnant sah auf und fuhr zusammen. Auch der Doktor hielt und wartete. Vorsicht! sagte er, ich schlage vor, wir nehmen den Leutnant in die Mitte und reiten da Schritt vorber. Ich kann an der Spitze bleiben. Der Hauptmann hatte sich auch orientiert. Nein, Sie mit Fips drfen nicht voran. Ich nehme die Tte. Und so geschah es. Ohne weitere Worte ber die Grnde dieser Vorsicht, in gespannter Aufmerksamkeit, mit weit geffneten Augen zogen die Reiter hintereinander langsam und lautlos den Weg hinunter, auf dem noch die Schatten der Wnsche von gestern kauerten. Einen Augenblick hob sich an dem zerklfteten Stamm ein leuchtend roter Fleck aus den grauen Nebelschleiern. Aber gerade als die drei an der Wegbiegung anlangten, von der aus man den ganzen Platz htte bersehen knnen, jagte ein leiser Wind flatternde Nebelwolken aus dem Linksgebsch auf und verhllte die alte Terkuhneiche und was darunter stand. Es war nun nichts mehr zu sehen als ein paar kahle Arme des mchtigen Baumes, und nichts zu hren, als der krchzende Schrei von streifenden Krhen... Von dem Frulein von Terkuhn war nichts mehr zu spren ... Nach zehn Jahren Wie ein Fremder in eine fremde Stadt zog Doktor Wilhelm Born an einem khlen Septembernachmittag in Eyslau, seinem Geburtsnest, wieder ein. Niemand erwartete ihn. Die wenigen Personen auf dem Bahnsteig sahen ihm nach wie einem Unbekannten, der weiter nichts Aufflliges oder Interessantes an sich hat, und auch er streifte sie mit den gleichgltig bersehenden Blicken des Wandernden, der nur krperlich und ohne inneres Aufmerken um sich schaut. Dem kleinen, zerlumpten Jungen, dem er seinen vielgebrauchten Handkoffer auflud, gab er an: Nach dem Grnen Kranz zur alten Frau Born. Is kein Wirtshaus mehr, sagte der Bursche. Wei ich, vorwrts, lautete der kurze Bescheid. Der Junge sah ihn gro an und setzte sich in Trab. Er selbst ging langsam hinterher. Durch die Bahnhofstrae mit ihrer kmmerlichen Kastanienallee, deren Bume halb entblttert und zerzaust in dem kalten Winde schwankten. Durch die enge Badergasse, in der ein hoher Getreidespeicher mitten unter kleinen Armeleutshuschen aufragte. Dann kam der Markt, ausgestorben und kahl, ein Tanzplatz fr zusammengewirbelte Herbstbltter, und nun rechts hinauf die Grne Strae, aus der schon Dmmerungsschatten stiegen. Die Huser, drftig und grau, standen ziemlich dicht einander gegenber. Sie waren alle gleichmig aufgebaut und getncht und alle gleichmig kahl. Das vierte hatte neben dem Hauseingang einen groen Torweg, der mit einer schiefen, fahlroten Holztr verschlossen war. Da blickte Doktor Born auf, lohnte seinen Koffertrger ab und ging durch die Einfahrt auf den Hof. Hier, am Fenster der groen Stube, die den Anbau ausfllte, sa in einem braunen Grovaterstuhl die alte Frau Born. Sie hatte die Brille auf der Nase und das Strickzeug in den verkrmmten Gichthnden. Ein Ausdruck von Zufriedenheit lag auf dem alten Gesicht ... Nun hob sie es langsam und gewahrte den Drauenstehenden. Verwundern, Erschrecken, Erkennen flogen darber hin, und zuletzt, wie ein aufflackerndes Licht, ein frohes Lcheln. Da lie Doktor Born den Koffer fallen und lief in die dmmerige Stube hinein. Er nahm die alte Frau an seine Brust und drckte sie fest an sich. Gott sei Dank, da du noch da bist, Mutter! Du -- du-- sagte sie, sich freimachend. Beinahe htt' ich dich nicht erkannt ... Herrgott, ich dacht' ja, der Vater stand drauen ... Und schon graue Haare? ... Und nun wirst du hier zu Hause doktern? Jung', Jung' ... zehn Jahre! ... Wir dachten, du wolltst erst am Freitag kommen. Zu tun wirst du schon haben. Der alte Sanittsrat hatte ja die meisten ... Zu dem Doktor Heymann gehn sie ja nicht. Blo die paar Kathol'schen und die Juden ... Konnt' das nicht der Vater erlebt haben? ... Der Wilhelm! Und hier bei uns Doktor! So und mehr schwatzte das alte Weibchen und lief dabei in der Stube herum und rckte hier an den birkenen Sthlen und glttete dort das gehkelte Deckchen auf der Kommode und blieb zuletzt vor dem Sohn stehen, der sich in den Grovaterstuhl gedrckt hatte. Ja, Mutter, da wren wir also zu Hause ... Gut gegangen ist mir's gerade nicht. Geschuftet hab' ich mir das Fleisch von den Knochen. Er streckte einen vermagerten Arm vor. Jnger bin ich auch nicht geworden, und herausgekommen ist gar nichts dabei. Na, jetzt bist du doch in schnem Amt und Brot, sagte die Mutter. Und hier legen sie ja alle was zurck. Essen mut du bei uns, wenn du vorlieb nimmst, Wilhelm ... Wohnen? Das wird hernach ja wohl nicht gehn. Nein, das ist schon alles abgemacht, Mutter. Als mir der Sanittsrat schrieb, da er fortgehen wolle, und mir seine Praxis anbot, hat er mir auch vorgeschlagen, seine Wohnung zum Teil zu bernehmen. Das ist bequem und gut so... Also da ... am Markt? Beim Krschner Bartke? ... ja, ja... Die blden alten Augen wurden vor Stolz na. Sie trocknete sie mit dem Handrcken ... Ja, ich dacht', du wollt'st schreiben, wenn du kommst ... Aber deine Stube haben wir schon zurecht ... Betten bezogen und alles. Die Kthe sagte gleich: Der kommt ungemeldet. Der Doktor stand auf und ging eine Weile schweigend im Zimmer umher. Noch der alte Flickenteppich, sagte er dann. An dem hab' ich nhen geholfen ... Ja, die Kthe ist nun also ganz bei dir, schreibst du?... Die Mutter nickte: Ja, gottlob ... Es bringt sich doch alles ein ... Was hat der Vater damals geredet und geredet ... weit du noch? Wie der Kantor Mller starb, und die Marjell, die Kthe, mitten im Lehrerinlernen, und nichts mehr da, da sie's zu Ende bringen konnt' ... Na, und da sagt' ich zu Vater ... Nein, Born, sagt' ich, das Kind bernehm' ich, und wenn ich's mir am Mund absparen sollte ... Und ist es nun nicht gut fr mich, da ich sie auf meine alten Tage hab'? ... Ich brauch' mich nun nicht mehr viel zu rhren ... das heit, ihr ist es auch wohl ... Sie hat sich mit ihrem kranken Herz schndlich abrackern mssen, wie sie noch Gouvernante war ... Gottchen, die wei ja noch nichts! Herrje, ich hol' sie schon. Der Doktor strich in Gedanken seinen Bart. Wo ist sie denn? In der alten Kontorstube ... Da wohnt sie jetzt wieder ... Ich geh' schon... La, Mutter, ich werde selbst... Die Mutter nickte zufrieden. Ja, ja ... Ich mach' derweil die Lampe zurecht, da ich dich doch ganz zu sehn krieg', du... Drauen auf dem dunkeln Hausflur blieb Wilhelm Born einen Augenblick stehen. Dann schttelte er sich und machte schnell, ohne anzuklopfen, die Tr rechts auf. In dem einfenstrigen Zimmerchen war noch bleichgraues Taglicht. Neben der andern Tr, die auf die Einfahrt hinausfhrte, vor der alten Kommode, kniete eine dunkelgekleidete Frau. Bei dem Gerusch des Eintretenden wandte sie sich um und sprang auf. Ein jhes Zucken lief ber ihr Gesicht. In den Augen, die unter vorstehenden Stirnbogen und dichten schwarzen Brauen versteckt lagen, brannte eine hohe Erregung auf. Sie streckte die Hnde aus und lie sie wieder sinken... Wilhelm... Sieh mal, du erkennst mich also gleich? sagte er mit nicht ganz freiem Ton. Und ich htte an dir ruhig vorbeigehn knnen ... Du mut damals doch noch ein Kind gewesen sein ... Jetzt bist du so gro wie ich... Sie richtete sich hher auf und sagte nichts. Die Hnde auf dem Rcken sah sie ihn voll an. Unter seinen matt neugierigen Blicken verfinsterte sich ihr blasses, grozgiges Gesicht. Die Augen funkelten, der ppige Mund zog sich zusammen, und der Atem drngte sich gepret ber die Lippen. Auch sein Ausdruck vernderte sich. Statt des verlegen freundlichen Lchelns, das durch tiefe Kummerfalten melancholisch eingeschrnkt war, berzog zuletzt eine gemachte verletzende Gleichgltigkeit sein hageres Gesicht, und seine scharfen, kleinen Augen hefteten sich fest an die ihren. So standen sie sekundenlang ohne ein Wort. Dann trat der Doktor einen Schritt nher. Sag mal, Kthe, was soll das eigentlich heien? Wir starren uns an wie ein paar Feinde, und waren doch gute Kameraden ... Ich komme ganz friedlich... Nach zehn Jahren, stie sie hhnisch hervor. Und was fr Jahren! Ja, sagte er, Kthe, das ist nun mal nicht anders im Leben. Wir haben eine schne Zeit zusammen verlebt -- der Sommer _war_ schn, wir beide jung, und gaben uns gegenseitig, was wir hatten. Du hast mein Leben schimpfiert -- ich war siebzehn... Wilhelm Born zuckte die Achseln. Und ich vierundzwanzig ... Mein Gott, Kthe, was soll es dir geschadet haben, da wir toll und voll glcklich waren?... Gebrandmarkt hat es mich ... krperlich, seelisch verelendet ... Ein Wort von dir, _ein_ gutes Wort in der ersten grlichen Zeit, und alles wre anders gewesen ... Aber so ... Als ich nach den Sommerferien damals wieder in die Selekta kam, elend zum Sterben -- und wartete und wartete... Herrgott, Kthe, das ist eine Ewigkeit her. Und du hast doch das wirkliche Leben kennen gelernt und solltest dich jetzt nicht mit kindischen Sentimentalitten abgeben ... Auerdem hat's nie einer geahnt... Nein, ich habe mich immer nur vor mir allein zu schmen gehabt, da ich dem ersten, der kam, alles hingeworfen habe, Jugend und Gesundheit und alles ... Einem, der es hinterher nicht einmal der Mhe fr wert hielt, zu fragen ... nachzusehen ... o pfui, pfui ... das war roh ... das war schlecht ... das soll dir auf der Seele brennen ... das soll... Sei still! befahl er. Was verlangtest du denn eigentlich? ... Hast wohl gar, trotz der Abrede, noch an Heiraten gedacht? ... Nein, mein Kind, dazu langte es nicht ... Nicht die Kraft und nicht die Neigung ... Auf mich wartete nach ein paar Feierstunden die schwere Arbeit... Ich hasse dich, ich verabscheue dich, sagte sie tonlos. So?! Weshalb kamst du denn gerade zu meiner Mutter? ... Die Welt ist doch gro genug. Und du bist jung und konntest dich auch anderswo ntzlich machen. Ntzlicher als hier... Wilhelm, schrie sie und fuhr sich mit beiden Hnden durch die schwarzen Haare, wo sollte ich denn hin? Ich habe niemand, und ich bin krank ... Acht Jahre von Haus zu Haus gegangen, und immer mehr arbeiten mssen, als ich konnte ... Meine letzte Stelle wurde mir gekndigt. Da trieb mich die Not her, Wilhelm. Not und Krankheit ... Und wer konnte denn ahnen, da du auf immer herkommen wolltest? Ja, das konnte keiner ahnen, sagte er und setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Wenn mir einer vor zehn Jahren gesagt htte, da ich in diesem verwnschten Nest einmal die Praxis vom alten Burkhard bernehmen wrde, dem htte ich ins Gesicht gelacht ... Und nun sitzt man _doch_ da... Er zog eines der fahlen Schnurrbartenden durch die Lippen und brtete vor sich hin. Warum denn? Warum bist du nicht in Wien geblieben? fragte Kthe mit demselben Widerwillen im Ton. Ach ... warum soll ich's brigens auch nicht aussprechen ... Es ist mir schlecht gegangen, Kthe ... Ich habe mich -- nun, sagen wir unter uns -- etwas blamiert. Er lachte voll Bitterkeit. Kthe kam einen Schritt nher und sah ihn musternd an. Ja, man merkt's ... Du hast viel durchgemacht? sagte sie hart, aber doch voll auffordernder Teilnahme. Du bist wohl irgendwie ins Unglck geraten, wie es ja euch rzten durch einen Zufall passieren kann? Wohl gar mit dem Staatsanwalt? Er stand auf. Unsinn ... Es ist eine elende Sache, an der man erstickt... So sag's doch. Warum nicht? -- ja doch, sagte er gleichgltig. Es tut sogar gut, einmal so etwas hinauszuschreien, zur Abwechslung einmal nicht blo gegen den Wind. Auerdem wutest du auch schon vor Jahren, aus meiner letzten Studentenzeit, da ich hinter einer neuen Entdeckung herjagte -- Adernerkrankungen ... weit du noch? Ihr Gesicht verzog sich in Bitterkeit. Hhne nur, hhne! Das schadet nichts. Wenn man Tag fr Tag und Nacht fr Nacht auf sich selber herumhaut, mssen ein paar Nadelstiche von einer boshaften Frau ja eine wahre Erleichterung sein. Nun sah sie ihn wirklich bse an. Er aber warf die Lippen geringschtzig auf. Ja, vor fnf Jahren war meine groe Idee in der Theorie da ... Eine neue Kontraktionsmethode, teils durch chemische ... doch -- das ist ja gleichgltig -- etwas Neues, Groes war es ... Ein weites Feld abgerungen, vielen Verlorenen eine Hilfe -- und fr einen selbst der Gipfel ... Ich brauchte Experimente -- das Glck verschaffte mir die Gelegenheit. Ich kam in die Abteilung fr innere Krankheiten zu Frotha, unbesoldet ... Die Privatpraxis, die sich zugefunden hatte, gab ich auf ... Ich habe unter Schwierigkeiten ... ach, das lt sich ja gar nicht erzhlen -- so kaltbltig ... Aber die Entbehrungen, diese Intrigen, Verantwortung, Verschleierung bei den Experimenten... Auf so ein paar Menschenleben kam es dir dabei natrlich nicht an? fragte sie hhnisch. Nicht im geringsten, gab er ebenso zurck. Nein, nein -- er richtete sich auf -- in ehrlichem Ernst gesprochen -- es kam mir _nicht_ darauf an ... Ich habe die Sterbegeschichten von fnf Menschen -- wertloses und verlorenes Menschenmaterial brigens -- ja, die hab ich verwertet ... Unter Blutschwitzen hab' ich also mein Buch geschrieben ... der letzte Strich fertig -- alles zum Druck fertig -- auch der Verleger da -- und ich betrunken vor Freude -- da... Er ballte die Fuste gegen die Schlfen... Was -- was? Da kommt dieser verfluchte Italiener, der Kamazotti, Und bringt seine Abhandlung ber meine Materie. Schon fertig -- Und meine sollte erst gedruckt werden ... Aber nun das Schlimmste ... Ich lese -- und lese -- mit einem Teil meiner Experimente das Gegenteil meiner Aufstellungen bewiesen -- und -- der Hund hat recht ... Der Hund hat recht... Er schlug mit der umgekehrten Hand auf das Fensterbrett und sah abwesend vor sich hin. Kthe warf den Kopf zurck. Wenn dein Buch noch nicht gedruckt war, ahnt ja niemand... Schner Trost ... Und meine verlorene Arbeit? Meine Hoffnungen? Mein verlorenes Selbstvertrauen? ... Meinst du, wenn ich davon noch einen Funken brig htte, se ich hier auf dem Sande? Kthe trat dicht vor ihn hin. Und _meine_ verlorene Jugend? und meine Gesundheit? Mein verlorenes Selbstgefhl? -- Siehst du! Er schob sie von sich. Ja, so, sagte er. Ich vergesse ja, wem ich von meinem Unglck erzhle ... Du bist ja selbst so voll von deinem eigenen eingebildeten, und ich sehe ... ja, wahrhaftig ... das ist ja Schadenfreude ... Pfui, Kthe -- la mich hinaus ... Und ein fr allemal ... wir sehen uns ja ab und zu -- wenn du hierbleibst -- bilde dir nicht ein, da wir noch einmal von intimeren Dingen reden werden. Und mige deine Blicke -- deinen Ton -- sonst-- Sonst? fragte sie. Ach nichts-- sagte er widerwillig. Mir ist ja alles egal. Ich habe den Kopf voll von anderen Sachen ... Also tu und mach, was du willst -- aber mich la in Frieden mit Vorwrfen und Erinnerungen und solchen Geschichten. Sie bi die Zhne zusammen und schlug die Augen nieder. Er sah noch einmal nach ihr. Sie stand in dem Fensterrahmen. Ihre hohe Gestalt in dem schwarzen Kleide schien das kmmerliche Dmmerlicht, das vorher noch die Stube gefllt hatte, aufgeschluckt zu haben. Es war fast dunkel. Einen Augenblick blieb der Doktor noch stehen. Als sie kein Wort sagte, ging er hinaus. In der Wohnstube jenseits des Korridors brannte die Lampe. Die Mutter hantierte in der Kche nebenan. Ich geh' noch fort, rief er ihr zu, und mach dir keine Umstnde mit mir, Mutterchen. Verwhnt bin ich nicht... Die alte Frau kam doch angelaufen. Sie hatte die Kchenlampe in der Hand, hob sie hoch und besah ihn. Und das is mein Kind ... mein Jung'... Ja, das ist dein Jung'. Und nun setz mal die Kchenlampe hin und nimm seinen alten, hlichen Kopf in deine Hnde und wnsch ... Ach -- das ist ja alles grlicher, sentimentaler Unsinn ... Guten Abend! Und wenn ich wiederkomme, Mutter, la mich still in dem alten Grovaterstuhl sitzen ... Und allein wollen wir zwei den ersten Abend sein, ohne Fremde, ja? Damit lief er hinaus. Und lief durch das Stdtchen. Vorbei an der verwitterten Mauer des Amtshofes, die ehemals den Zuggraben der alten Ritterburg eingefat hatte, den Landweg zur Oberfrsterei hinunter und dann entlang an den weiten Mooren, aus denen raschelnde Schilfbschel aufstiegen, ber die versptete Wasservgel geruschlos strichen, deren jenseitige Ufer schwarzes Kieferngestrpp, zwerghaft und hlich in den Umrissen, abgrenzte. Trostlos, einsam, reizlos ... Ein dunkles Bild, von laufenden Abendschatten berhuscht, mit gelben, verblassenden Lichtern am Horizont sprlich gefleckt, eine Welt verkrpernd, aus der Freude, Hoffnung und Vorwrtsstreben gewichen sind. Dieses Bild begleitete den Doktor Born, der frierend den Fuweg am Ufer entlang ging, der scheuen, widerwilligen Blicks aufsog, was sich um ihn ausbreitete und der zuletzt auf dem Rckwege, als es immer dunkler und stiller wurde, die Fuste ballte und abgebrochene Worte vor sich hin sprach. Als er wieder in die Stadt einbog, waren schon die Laternen angesteckt. Sie brannten trbe und in langen Abstnden, und alles sah weiter und grer aus in diesem ungewissen Licht. Auch sein Elternhaus. Die Fenster darin waren dunkel, nur aus dem der alten Kontorstube fiel ein gelbes Lichtherz durch den Ausschnitt der Holzlden auf die Strae. In Gedanken starrte er darauf hin, dann ging er zum Torweg und machte die Tr auf. Die Einfahrt war ganz dunkel. Auch die Hoftr schien geschlossen, nur ein paar trbgraue Streifen fielen als einzige Lichter durch ihre Ritzen in den Raum. Doktor Born tastete die Wand entlang. Da drngte sich etwas an ihn. Er fuhr zurck. Da schlangen sich ein paar Arme um ihn, fest und weich. Wer? ... Kthe?... Wilhelm, ja, ich bin es ... Wilhelm, ich sah dir vorhin nach, als du ber die Strae gingst. So elend -- so elend ... Ach ... Wilhelm -- da hab' ich auf dich gewartet ... Du kamst ja immer durch die Einfahrt... Was willst du?... Die Arme schlangen sich fester um ihn. Armer Wilhelm ... armer Wilhelm... Sein Gesicht wurde von ihren Trnen na. La mich doch, Kthe, sagte er in schwacher Abwehr. Nein, Wilhelm -- nein ... Hier, im Dunkeln mu ich's dir sagen ... Ich habe dich ja lieb wie damals -- nein, tausendmal mehr ... Ich hab' ja all diese zehn Jahre nur an dich gedacht ... Tag und Nacht ... Und immer gewartet ... Und vorhin, in die Arme wollt' ich dir fliegen ... aber du ... Und jetzt seh' ich, wie du dich grmst ... Da drngt sich etwas aus mir heraus ... Und fr mich will ich nichts -- gar nichts ... nein ... nein ... Aber das Herz mcht' ich mir ausreien und dir hinhalten ... nur da du wieder lachst und arbeitest. Er schttelte sie von sich. La mich, Kthe... Sie hielt ihn fest. La mich ... wir haben zusammen nichts mehr ... Was fehlt dir? -- So la mich doch... Nein ... Nein. Sie zog ihn mit sich. Sieh diese Tr ... vor zehn Jahren hast du den Pfahl da -- sie bckte sich und zog einen anscheinend fest eingerammten Pfahl aus dem Boden vor der Tr, an der sie standen -- den hast du damals losgemacht, damit du unbemerkt zu mir herein konntest ... Weit du nicht mehr? Ich wei schon, sagte er frstelnd. Sie stie die Tr auf. Die fhrte in die Kontorstube, ihre Stube. Beide standen nun im hellen Lampenlicht. Sie ein glhendes, schnes Weib, sehnschtige Liebe, heies Mitleid in den Augen -- er ein grmlicher, alternder, verbitterter Mann, lichtscheu nach der dunkelsten Ecke der Einfahrt blickend, als ob er sich vor dem berschwall an Licht und Liebe dorthin verkriechen wollte. Aber schon hatte sie ihn in das Zimmer gezogen, aus dem er vor ein paar Stunden zornig und widerwillig hinausgegangen war. Was bedeutet das alles? ... Was soll ich hier? fuhr er sie an. Du sollst an die Sommernchte denken, sagte sie leise und demtig, in denen wir da auf dem Bettrand saen, Hand in Hand ... oder dein Kopf an meiner Brust ... Und an die schne, gute Welt von damals sollst du denken -- und dann... sie breitete die Arme aus -- dann sollst du wiederkommen und hier -- hier weinen -- weil alles so anders ist, als man's sich gedacht hat -- und dann... Liebes Kind, sagte er und sah nach der Tr, qul dich nicht und qul mich nicht ... Was du da sagst---- Hr nicht auf das, was ich sage, unterbrach sie ihn hastig. Ich hab' ja solche Herzensangst, da ich nicht das Richtige finde -- denn _wenn_ ich das fnde, dann mut du ja kommen und bleiben ... Es ist ja menschenunmglich ... Sieh, ich will ja nur dasein, wenn du keine bessere hast. Ich bin blo fr dich da ... Leib ... Seele ... jeder Gedanke ... all die zehn Jahre ... Und jetzt, wo ich dich wieder hier hab' ... Komm, komm ... Geh nicht weg ohne ein gutes Wort ... Du nimmst mein Leben mit, wenn du gehst -- mit so kalten Augen -- vielleicht bse wegen vorhin ... Ach nein ... das war ja... Glhend, schwer atmend, mit angstvoll bettelnden Augen sah sie ihm ins Gesicht. Aber er streckte abwehrend die Hnde aus. Du bist sehr aufgeregt, Kthe, sagte er mit erzwungener Ruhe. Du mut dich zusammennehmen. Ich kann da nicht mit, und ich will auch nicht... Du willst auch nicht... sagte sie nach. Und die Glut aus ihrem Gesicht wich, die Spannung der Glieder lie nach, und eine pltzliche Erschpfung machte sie schlaff und weich. Sie schleppte sich die zwei Schritte zum Bettrand, setzte sich darauf und sah mit verblaten Augen zu ihm auf. Geh nun, sagte sie matt. Er reichte seine Hand herber. Sie nahm sie nicht. Nein, Kthe -- ein fr allemal -- mir ist die Lust an Aufregungen solcher Art lngst vergangen, wie die Lust zur Liebe berhaupt ... Ich kann dich nicht brauchen -- ich kann keine brauchen. Willst du das nicht begreifen, dann knnen wir eben nicht zusammen hier hausen -- und es ist besser-- Ich gehe, sagte sie tonlos. Versuch's mit dem Bleiben, Kthe ... Du berwindest es schon ... Es ist ja auch alles nicht wahr ... Einbildung ... Vorhin warst du ganz vernnftig. Qul uns nun nicht mehr. Sie schttelte den Kopf. Gute Nacht, Kthe ... Komm nicht mehr herber ... Wir sind beide wohl mde ... Gute Nacht!... Du sagst das so weich und gut ... Noch einmal... Sie machte die Augen zu. Gute Nacht, sagte er und ging. Eine Stunde wohl nach dem einfachen Abendbrot sa er erschpft bei der Mutter, die ihm tausenderlei erzhlte, was in der langen Zeit im Ort vorgegangen war. Dann suchte er seine alte Studentenstube im Giebel auf und streckte sich in den dicken, lavendelduftenden Federbetten. Einmal, schon halb im Schlaf, sprang er auf. Er hatte vergessen, die Tr zuzuschlieen. * * * * * Am nchsten Morgen weckte ihn lautes Klopfen. Wilhelm! Wilhelm! Es war die Mutter. Komm doch schnell, die Kthe macht gar nicht auf. Am End' ist ihr was passiert. Ich hab' schon solche Angst... In wenigen Augenblicken war er fertig und stand mit der Mutter an Kthens Stubentr. Alles Rtteln vergeblich. Hol' ein Hackmesser ... oder Beil. Die Alte lief in die Kche. Er rttelte noch einmal, da gab das Schlo nach, die Tr wich. Hoch oben, der Tr gegenber, die zur Einfahrt fhrte, baumelte ein Strick, ein umgefallener Stuhl lag davor. Er sprang vorwrts. An dem rechten Trpfosten zusammengesunken, augenscheinlich vom Stuhl herabgestrzt, ehe sie ihren Vorsatz ausfhren konnte, so fand er Kthe. Sie war nur mit ihrem langen Nachthemde bekleidet, der Kopf hing ber die Brust, und die langen schwarzen Zpfe fielen auf den Boden. Er ri hastig den Strick herab, dann hob er sie auf und schleppte sie in das Bett, das noch die Eindrcke ihres Krpers zeigte. Starken Kaffee ... ther, rief er angstvoll der Mutter zu, die eintrat und aufschreiend davonlief. Und dann, allein mit ihr, stie er die Lden auf und begann zu arbeiten ... unaufhrlich ... die blichen Bewegungen mit ihren Armen, die sich gestern noch so fest um seinen Hals geschlungen hatten und nun schon kalt waren. Vergebens ... Das Herz schlug lngst nicht mehr. Der Tod hatte schon hinter ihr gestanden, als sie ihn rief... Schwindlig richtete Wilhelm Born sich endlich auf. Eine kmmerliche, gelbe Herbstsonnenwelle schlug eben ins Zimmer. Da sah er, wie die offenen, gebrochenen Augen klagend aufstarrten, wie die Brauen schmerzvoll zusammengezogen waren und wie ein krampfiger Leidenszug den erblaten Mund umschlo. Der Schwei trat ihm auf die Stirn. Er griff nach der Decke. Aber wie seine Blicke noch einmal diesen blhenden Menschenleib umspannten, der nur fr ihn auf der Welt gewesen war -- Leib -- Seele -- jeder Gedanke -- da zwang es ihn pltzlich zu Boden. Er legte den Kopf auf die erkaltete Brust. Erlsende Schauer leidenschaftlicher Sehnsucht berrieselten ihn... Kthe -- wach auf -- Kthe ... Kthe! Der leuchtende Tag Herr und Frau Doktor Lohrer bildeten in dem locker zusammengefgten Teil der Berliner Gesellschaft, der aus einem flieenden Durcheinander von ffentlichen vornehmen Festen und Wohlttigkeitsvorstellungen besteht -- mit ein wenig militrischem Einschlag und, wenn das Glck gnstig ist, auch einmal unter hoher offizieller Protektion--, etwas wie einen festen Punkt. Das elegante Paar mit seiner unbeirrten Sicherheit des Auftretens, vor allem mit der berzarten, fremdartig dunklen Schnheit der Frau, gab jeder geselligen Zusammenkunft Schmuck und Stil. Die jungen, noch ungewandten Frauen und Jungfrulein studierten sogar Haltung und Toilette an Frau Erika Lohrer. Sie achteten darauf, wen sie begrte und mit welcher Abtnung sie das tat. Es war immer das Vorgeschriebene und der augenblicklichen Lage genau Angemessene -- und das, was daran fehlte, das Persnliche oder gar Herzliche, konnte ja immer und nach Temperament oder Liebenswrdigkeit hinzugefgt werden. Denn da man etwas wie einen eigenen Ton in dem tadellosen und anmutigen Gebaren der schnen Frau vermite, war nicht zu leugnen. Niemand konnte sie sich mit verschwiegen oder hei strmenden Trnen oder mit lautem, glcklichem Lachen vorstellen. Sie lchelte wohl, und bei gebotener Gelegenheit sah man es auch in ihren schnen, braunen Augen feucht aufschimmern, aber der Mangel an innerer Beteiligung fiel selbst in einer Gesellschaft auf, deren betontes Ziel es ist, sich in schnem Gleichma an der Oberflche zu halten, Tiefen im eigenen Leben nicht ahnen zu lassen und in dem anderer nicht zu bemerken. Dabei wute man durch Verbindungen mit der thringischen Fabrikstadt, in der die groen Farbwerke der Familie Lohrer lagen und die auch bis vor kurzer Zeit ihr Wohnort gewesen war, da diese Frau, die in schnen Kleidern durch alle Fhrlichkeiten des Lebens zu steuern, Gefhlen und Irrungen still und freundlich auszuweichen schien, durchaus nicht ohne Schicksalsschlge ihren uerlich so glatten Weg hatte gehen drfen. Frau Erika stammte aus einer ostpreuischen Mittelstadt, in der ihr Vater, ein bekannter und sehr beschftigter Rechtsanwalt, ein fr die dortigen Verhltnisse herausfordernd groes Leben gefhrt hatte. Von der jungen, zu holdseliger Schnheit erblhten Tochter wute man zu erzhlen, da sie eine voreilige Verlobung mit einem Ulanenoffizier eingegangen war, bei der es aus Vermgensrcksichten zu keiner Heirat habe kommen knnen. Die Eltern hatten sie, damit sie dieses Erlebnis leichter verwinden lerne, zu den reichen Verwandten Lohrer nach Thringen geschickt. Whrend sie dort war, nahm die falsche Herrlichkeit des Vaterhauses ein Ende mit Schrecken. Justizrat Lollin und seine Gattin waren eines schnen Tages tot, an Kohlendunst erstickt, in ihren Betten gefunden worden. Niemand hatte an einen unglcklichen Zufall geglaubt, berechtigte Gerchte ber die Notwendigkeit, sich durch den Tod vor Not und Schande zu retten, waren aufgetaucht, aber auch sofort wieder verstummt. Denn der junge Doktor Lohrer war erschienen, hatte die Sichtung des Nachlasses in die Hand genommen und alles so geordnet, da niemand im geringsten geschdigt worden war. Die junge Erika hatte Eltern und Heimat nie wiedergesehen. Sie war im Lohrerschen Hause geblieben und nicht lange nach dem schrecklichen Ereignis die vielbeneidete Frau des Doktor Lovis Lohrer geworden. Ein furchtbarer Schlag hatte sie einige Jahre spter allerdings auch noch getroffen. Ihr einziges Kind, ein schner blondlockiger Junge, natrlich Abgott der Eltern, war bei einer Autofahrt mit der Bonne zusammen verunglckt. Man hrte, da Doktor Lohrer verhltnismig schwerer daran getragen habe als Frau Erika, bei deren zarter Gesundheit auf keinen Ersatz des Verlorenen zu rechnen war. Schlielich aber -- berwunden hatten es nun wohl beide in ihrem ruhelosen Berliner Leben. Was Frau Erika vielleicht als sichtbare Spur des Erlebten zurckbehalten hatte, eine weie Strhne, die seltsam in das schwarze Haar hineingewachsen war, diente noch dazu, den Reiz ihrer Erscheinung zu erhhen. Ihr Gatte, der in Fragen der sthetik auch bei belwollenden als Autoritt galt, liebte und bewunderte diese Locke sehr und berwachte selbst die Unordnung der Frisur, wenn er mit seiner Frau Staat machen wollte, wie er lachend oder vielmehr lchelnd erzhlte. Laut war nmlich auch Doktor Lohrer selten oder nie in seinen Meinungs- und Gefhlsuerungen. Aber bei ihm fhlte man zuweilen den Zwang, den er sich antat, um so unpersnlich und korrekt zu erscheinen, und wer ernsthaft mit ihm zu tun hatte, wute, da diese bergroe, schmale, etwas schlappe Gestalt sich pltzlich, wie von Federn gestrafft, aufrichten und da der gleichmtig verbindliche Ausdruck des glattrasierten Fuchsgesichts sich je nach Veranlassung in einen bengstigend energischen oder abschreckend zynischen verwandeln konnte. Im allgemeinen stand er der Welt, in die er sich verpflanzt hatte, nher als seine Frau, vielleicht gerade durch die hervorbrechenden kleinen Schwchen, die man ihm nachweisen konnte, wenn man wollte. Einen hervorragenden, wenn auch versteckten Platz darunter nahm die fr das ewig Weibliche ein. Man verargte sie ihm nicht, da er in der ffentlichkeit stets unzertrennlich von seiner schnen Frau erschien und sie vor aller Augen mit zartester Aufmerksamkeit umgab. In Herrengesellschaft und zu vorgerckter Stunde war er ein guter Kumpan, der mit erfrischendem Gelchter ber salonunfhige Witze quittierte und gelegentlich selbst welche zum besten gab, die vielleicht an Pikanterie die vorhererzhlten noch bertrumpften. Dann konnte er auch aufrichtig und harmlos von seinem zweiten Heim in der Eichstdter Strae sprechen, das er sein hemdrmeliges zu nennen pflegte, und von der Kleinen, die dort das Herdfeuer htete. Hier gab er auch zuweilen ein paar befreundeten Junggesellen hbsche Abende in vorgeschrittenem Kabarettstil. Das geschah aber sehr diskret und in einem engen Kreise zuverlssiger Gesinnungsgenossen, und wohl nie, ohne da Herr Doktor Lohrer in leuchtender Vaterfreude einen sen, blondhaarigen Buben prsentierte, zu dem die Mutter nun doch einmal gehrte ... Und was wollen Sie, ich bin nun einmal ein Kindernarr, und leider ... leider... Er zuckte dann bekmmert die Achseln, und man begriff die kleine Unregelmigkeit, wo man von ihr erfuhr. Sie war schlielich zu entschuldigen und vielleicht auch nur eine Art Ausruhen von all der tadellosen, wohltemperierten Vornehmheit und Stille des eigentlichen Hauswesens und dessen Herrscherin. Frau Erika hatte natrlich keine Ahnung von dieser Abweichung ihres Gatten ber den geraden Weg der ehelichen Treue hinaus, -- wenn auch der Verkehr zwischen der Eichstdter und der Bendlerstrae telephonisch ein ziemlich reger war. In der Abwesenheit des Hausherrn besorgte ihn die treue Lina, die Jungfer der Frau Erika, -- eine Person, auf die man sich in jeder Hinsicht unbedingt verlassen konnte, wie _Frau_ Lohrer gleichgltig und glubig annahm und wie _Herr_ Doktor Lohrer ausgiebig erprobt hatte. ... Es war ein Novembervormittag und ein launenhaft aufspringender Wind peitschte groe Regentropfen auf das Glasdach des Ganges, der in der Lohrerschen Wohnung die hinteren mit den vorderen Rumen verband. Dieser Gang enthielt auch die Telephonzelle, aus der eben die treue Lina auf die Diele hinaustrat, auf der sie den Schritt des heimkehrenden Herrn gehrt hatte. Ob Herr Doktor um 7Uhr in der Eichstdter Strae erwartet werden drfte? fragte sie mit dem vorschriftsmig bewegungslosen Gesicht, dem nur ein kleiner, schrg glitzernder Seitenblick die Andeutung vertraulichen Einverstndnisses gab. Wollen sehen -- glaube kaum, Lina. Sie nahm ihm den nassen berrock ab.-- Grauenhaftes Wetter ... Nichts passiert?... Gndige Frau hat Besuch. Besuch? ... Jetzt? ... Die gndige Frau empfngt doch nur Dienstags ... Und mit ihrer Erkltung! ... Wer ist's denn?... Eine ... Dame ... Sie trgt Reform ... Das ... das ist ihr Regenschirm. Sie wies auf einen nassen, nichts weniger als eleganten Schirm, der in der Garderobe stand. Teufel auch ... also eine Bettelei ... Aber Lina! Besser aufpassen! Die gndige Frau ist viel zu unwohl, um sich Strapazen mit Fremden auszusetzen. Das wissen Sie doch... Die treue Lina schttelte den Kopf. Gndige Frau machte eben die Salontr auf, als ich ffnete, und nahm das Frulein selbst in Empfang. Es scheint gar keine Fremde. Ich hatte im Nebenzimmer das Fenster zu schlieen ... die Damen sprachen sehr laut von Ostpreuen, und die gndige Frau war auch sehr lebhaft... Herr Doktor Lohrer sah nachdenklich vor sich hin und ging dann achselzuckend fort sich umzukleiden, whrend die treue Tina im Nebenzimmer _noch_ ein Fenster schlo. In dem kleinen, grnen Salon, einem von berhmter Knstlerhand auf die Erscheinung der Hausfrau gestimmten Raum, saen in wahrer Treibhaustemperatur und in einer von einer Flle mattfarbiger Chrysanthemen berhangenen Ecke -- Frau Erika bla, frstelnd und hustend, mit ihrem Besuch, einem frischen, blondhaarigen Mdel in braungrauem Hngekleid. Frau Erika hrte meist zu, sprach aber, wenn sie etwas sagte, mit mehr innerem Anteil, als es sonst in ihrer Art lag. Kein Wunder ... Das Mdchen war die jngste Tochter eines Hauses, in dem vor Jahren, als die Eltern noch lebten, die junge Erika in Jugendfrohsinn und Glckstraum unvergeliche Tage verlebt hatte. Jene Beziehungen waren lngst abgebrochen. Die befreundete Familie auseinandergestoben, und die damals sechsjhrige Kleine lebte allein hier in Berlin und studierte Musik. Die bittere Not einer erkrankten Studiengenossin hatte sie nach langem berlegen veranlat, das Lohrersche Haus aufzusuchen und die Hilfe der Frau zu erbitten, deren Name unter keiner der glnzenden Wohlttigkeitsveranstaltungen fehlte. Die Angelegenheit war, nachdem Frau Erika sich von dem ersten Staunen erholt hatte, rasch erledigt. Der lungenkranken Patientin sollte geholfen werden. Nun waren in raschem Gesprch, dessen Kosten Frulein Marta trug, vergessene Namen, verschwundene Gestalten, an deren Wiederkehr sie nie gedacht hatte, in Frau Erikas Erinnerung aufgetaucht, und ein Schimmer der untergegangenen Jugendsonne begann hier und da aufzuglnzen. Sie verga darber die qulende Influenza, die sich steigernden Schmerzen beim Atmen und hrte mit trumerischem Interesse zu. Ja und wissen Sie, gndige Frau, sagte das junge Mdchen mit ihrem stark ostpreuischen Tonfall, was ich auch nie vergessen habe? ... Wie Sie damals, vor unserem Ball in die Kinderstube kamen ... noch nicht angezogen, in einem weien Spitzenunterrock und langem Frisiermantel ... Ganz toll lustig waren Sie und sangen: Da kam aus dem Wasser ein groes Krokodil... Und wie es weiterging: Galopp, Menuett und Walzer, wer wei, wie das geschah! ... Da nahmen Sie mich auf den Arm, und wirbelten mich durch die ganze Stube ... und da bekamen Sie so das Lachen, da wir beide hinfielen und gar nicht mehr aufstehen konnten!... Ich?... sagte Frau Erika verwundert ... das war wirklich ... ich?... Na ja, freilich! lachte Frulein Marta, der feine Schlurefrain ist mir ja dann auch Leitmotiv geworden: Gelobet seist du allezeit, Frau Musika!... Ja richtig ... Sind Sie denn schon weit? ... und wo studieren Sie eigentlich?... Da erzhlte Frulein Marta, und ihr glhendes Gesicht fing an zu strahlen. Sie liebte ihre Kunst und ihre Arbeit ... Ach, wie hei sie sie liebte! ... In all dem knappen Leben ... ostpreuische Gutsbesitzer ... Sie wissen ja ... und wir waren sechs Geschwister ... aber man freute sich doch auf jeden neuen Tag ... Wenn man mal ein Mittagessen berschlug, hatte man eine Mark fr ein Busoni- oder d'Albertkonzert und konnte sich dann gar trumen, da man an ihrer Stelle steht ... berhaupt, wie war das wundervoll! ... Von einem Traum immer in den anderen geworfen... Frau Erika lchelte beklommen und hustete. Das junge Mdchen stand auf. Ich habe Ihre Gte zu lange in Anspruch genommen, gndige Frau ... Sie mssen sich pflegen, zu Bett gehen, Aspirin nehmen ... verzeihen Sie!... Nicht doch, liebes Frulein. Ihr Besuch ist mir sehr lieb gewesen. Sie haben mir einen so frischen Wind hereingebracht ... und dann all die Erinnerungen ... Sie mssen wiederkommen... Gern, wenn ich darf, sagte Frulein Marta und drckte die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. Telephonieren Sie aber vorher, bat Frau Lohrer, ich bin so viel aus. Sie geleitete sie bis auf die Diele und kte sie auf die pralle, frische Backe, was die treue Lina, die die Auentr ffnete, staunend und mifllig bemerkte. Frau Erika wurde rot und ging schnell in ihr grnes Zimmer zurck. Eben steckte Doktor Lohrer den kurzgeschorenen, blonden Fuchskopf zur Tr herein. Die Luft rein? fragte er. Was bedeutete denn das? ... Das war ja die unverflschteste Robert-Johannes-Vorstellung ... Und nach nassen Kleidern und Schmierstiefeln hat dein Besuch auch gerochen... Oh ... ich bitte dich ... es war... Und nun erzhlte Frau Erika ihrem Mann, sehr heiser, aber mit einer Spur von Freude im Ton, von dem jungen Mdchen aus der vergessenen Heimat. Herr Doktor Lohrer hrte schweigend zu und sagte dann: Peinlich! ... hoffentlich kommt sie nicht wieder ... Sie soll jedenfalls nicht angenommen werden... Ja, warum nicht? Ich will sie gerne wiedersehen, und ich habe sie eingeladen!... Aber ... aber! Unbesonnen bis zum berma, tadelte Herr Doktor Lohrer sanft. Verzeih', liebes Kind... Ja, erklre mir... Nun, findest du es angenehm ... wenn vergangene Geschichten ... ich mchte nicht undelikat sein, aber ... verzeih' ... es luft noch mancher in der alten Gegend herum, der durch deines Vaters ... sagen wir ... Versehen ... um Haus und Hof gekommen wre -- wenn... O!... Frau Erika seufzte schwer. Nun, nimm es nicht wieder tragisch, Liebe, sagte er beruhigend. Es ist ja alles geordnet. Aber ich meine doch, gerade jetzt--, wo wir eine Position zu erhalten -- eine noch hhere zu erwarten haben ... mu man vorsichtig mit allem sein, was nicht ganz durchsichtig -- nicht ganz... Ich bitte dich ... la das ... du hast recht ... sicher ... aber... ein heftiger Hustenanfall unterbrach sie. Nun, siehst du ... ich wei es ja, da wir immer einer Meinung sind, liebes Kind ... brigens siehst du schlecht aus ... und dein Husten ist auch nicht besser. Ob wir nicht gut daran tun, auf die Philharmonie heute zu verzichten? Sicherlich, sagte Frau Erika. Ich fhle mich gar nicht frisch. Und bermorgen, fr die Sitzung im Unterrichtsministerium, mut du es ja unbedingt sein, liebes Herz. Das ist fr den ganzen Winter von groer Tragweite ... Die Erkundigungen wegen der verschmten Armen, die du Exzellenz Berens abgenommen hast, sind erledigt, nicht? ... Du weit, da du Exzellenz bermorgen triffst?... Frau Erika nickte. Bis auf eine, sagte sie tonlos ... Du bist sehr gut, daran zu denken. Er strich leicht ber ihr Haar und zog mit spitzen Fingern die weie Locke tiefer in die Stirn. Abends werde ich dann allein etwas unternehmen, wenn du einverstanden bist ... Die Philharmonie lasse ich auch... Natrlich war Frau Erika einverstanden, und die treue Lina telephonierte einen zusagenden Bescheid des Herrn Doktor nach der Eichstdter Strae. ... Als der Abend gekommen war und eine fast fhlbare Stille ber den Rumen lag, in denen eine feingestimmte Beleuchtung die Farbenzauber des Tages geheimnisvoll vertiefte oder verschwimmen lie, ging Frau Erika, das ungewohnte abendliche Alleinsein unbewut genieend, in der Zimmerflucht hin und her. Ihre Gedanken wanderten erst in den gewohnten Geleisen: ... Bazar fr das Suglingsheim ... Toilette dazu ... Anprobe ... Sie sah in ihrem Notizbchelchen nach, wann? ... zwei =five o'clocks= ... die Erkundigung nach dem lahmen Mdchen fr Exzellenz Berens ... Neue Franzosen bei Cassirer ... Zwlf-Personen-Diner im Hause ... Das alles tauchte kraus durcheinander in ihren berlegungen auf. Aber sie war dabei voller Unruhe, und wahrscheinlich fieberte sie, -- denn mitten in diesen notwendigen und auch wichtigen Tageseinteilungen glaubte sie bestndig die Stimme ihres Vormittagsgastes zu hren, die sehr laut geklungen haben mute ... Daher wohl auch die Eindringlichkeit der Worte, die schlielich doch nichts anderes gewesen waren, als der Ausdruck erwartungsvoller Lebensfreude, -- wie sie selbst sie vor Jahren htte aussprechen knnen... Damals ... als sie das Studentenlied von dem lustigen Musikanten gesungen hatte ... wenn sie das wirklich gewesen war... Sie versank in Grbeln und Brten, und verscheuchte Erinnerungen rangen sich zaghaft wieder hervor. ... Jetzt ein Bild ... ein Brief mit guten Worten aus lngst vergangenen Zeiten ... oder etwas von den kleinen Heiligtmern, die ihr als Reste von dem jauchzenden Leben des Kindes brig geblieben waren. Ihr Mann nannte das Ballast, und alle Dinge, die nicht in den Stil des neuen Lebens paten, hatten wohlverpackt auf dem groen Boden des Saalfelder Hauses zurckgelassen werden mssen. Aber eine kleine Kiste fiel ihr ein, die irrtmlicherweise mit nach Berlin gekommen war, und die sie nicht hatte ffnen lassen, weil sie wute, da sie nur Wertloses enthalten konnte. Heute hatte sie Sehnsucht, irgendeinen Gegenstand aus jenen vergangenen Zeiten vor sich zu sehen. Sie klingelte und gab den Befehl, die kleine Kiste herbeizuschaffen. Die treue Lina zog die Augenbrauen in die Hhe. Das Kistchen stnde wohl auf einer Bodenkammer, aber da wre doch, soviel sie wte, nur ein Porzellankopf drin... Ob sie es denn geffnet htte?... Jawohl, die gndige Frau wrde sich doch erinnern, da sie es selbst befohlen htte... Nein, -- sie erinnerte sich nicht, wiederholte aber den Wunsch, die Kiste bei sich zu haben. Die treue Lina holte es also und setzte es mit einem leidenden Seufzer auf den perlmuttereingelegten Hocker, wo es plump und frech in der zarten Umgebung dastand. Frau Erika konnte es kaum erwarten, den darin verpackten Gegenstand zu enthllen. Nun sie ihn in der Hand hielt, gab es eine groe Enttuschung. Es war ein hlicher Matrosenkopf in grell bemaltem Porzellan, wie ihn vor vielen Jahren, vielleicht zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, die Seefahrer aus England herbergebracht hatten. Die groen, hervortretenden Augen starrten. Blanke Goldringe steckten in den Ohren und eine Pfeife hing aus dem breiten, roten Mund. Den Schdel verdeckte ein schwarzer Lackhut, den man abnehmen mute, wenn man zu dem Tabak gelangen wollte, der in dem hohlen Innern aufbewahrt wurde. Man sprte jetzt noch den schwachen Geruch, ---- und wie lange mochte wohl nichts mehr darin gewesen sein?... Frau Erika schlo die Augen, und dann riefen die Erlebnisse aus den Kindheitstagen sie an, in die dieser Kopf von seiner Ecke her, oben auf dem eintrigen Schrank, hineingeschaut hatte. Und wie sie den verdeten Gedankenwegen nachging, tauchten von Neuem lang vergessene Bilder in ihr auf. Einfache und bedeutungslose, -- aber sie hauchten ein wunderlich starkes Leben aus... ... Da war in dem kleinen Haus in der ostpreuischen Hafenstadt ein Stbchen, wie eine Schiffskabine ausgestattet ... Auf dem schwarzen Ledersofa sah sie den alten Groohm mit dem breiten, roten Gesicht und dem schneeweien Bartkranz drum herum. Neben ihm, zart und fein, die kleine Grotante im schwarzen Kopftuch, lange, schmale Fidibusstreifen aus weiem Papier faltend. Sie selbst auf kleinem Schemel neben dem Tisch. Es wurde stark duftender Tee aus hohen, goldenen Tassen getrunken, und kleine Gewrzkuchen gab es dazu, die die Grotante aus einer Blechbchse hervorholte. Und dann erzhlte der alte Mann Geschichten. Wunderliche Geschichten ... von Seestrmen, ... von lachenden Ksten, wo die Menschen nackt gingen, -- von Meerungeheuern, die die langen Arme aus dem Wasser reckten und sich mit tellergroen Saugnpfen am Schiffe festsogen, von den wilden Spen, wenn man die Linie passierte ... und auch von dem Schattenschiff, das in der Meerenge Bab-el-Mandeb sein grausiges Wesen trieb. Von den siebzehn Menschen, denen er dann hier in seiner Ttigkeit als Oberlotse das Leben gerettet hatte, erzhlte wieder seine alte Frau, -- und zuweilen kam auch ihre, Erikas eigene schne, junge Mutter dazu und streichelte mit ihren weien Hnden die knotigen Gichtfinger des Alten und lachte so leise und lustig, wie nur sie lachen konnte, wenn er sie dran erinnerte, da sie oben im Sund auf einem Heringsschiff zur Welt gekommen war. Und die Sonne funkelte in die Fenster des Puppenhuschens, und abends kam der Mond und schimmerte auf den weien Tauen und Segeln des Schiffes, das in der Mitte des Zimmers von der Decke hing -- oder er glitzerte auf dem Matrosenkopf, der so lebendig zu werden schien, da man sich ordentlich vor ihm frchte. Wie fluteten diese Bilder aus goldenen Kinder- und Ferientagen, einfach und doch so vielsagend, durch das Van-de-Velde-Zimmer! Mit welch ergreifend rauher Stimme rief jenes Leben die weiche Existenz von heute an. Aber nun nicht weiter ... Nichts von Elternhaus, nichts von lustigen Ritten und trnenschwerem Abschied -- nichts von alledem, was dann kam ... In Gedanken an der See bleiben ---- bei den lieben, alten Leuten. Frau Erika legte die heie Stirn an den hlichen Matrosenkopf -- man konnte schon sagen zrtlich, meinte die treue Lina an ihrer Trspalte -- dann setzte sie ihn behutsam auf die Schreibtischecke neben ein spiegeltragendes Tanagrafigrchen, dessen ausgestreckter zarter Arm sich gegen die gemeine Nachbarschaft zu wehren schien... Es war schon spt, und Frau Erika schlief unter dumpfem Brausen ein, das von irgendwoher kam. Sie wute nicht, rauschte das fiebernde Blut in ihr, oder schlug die Ostsee mit langen, schumenden Wellen an den Strand, den sie damals von den kleinen Fenstern des Lotsenhuschens in Pillau hatte sehen knnen... Am nchsten Morgen wunderte sie sich ber die Stimmungen des vergangenen Tages und glaubte, sie getrumt zu haben. Das Aufstehen wurde ihr schwer, die Glieder wollten ihr nicht gehorchen, und die Brust schmerzte sie beim Atmen noch mehr als gestern. Aber es lie sich berwinden, und so sa sie beim Frhstck mit ihrem gewohnten Lcheln dem Gatten gegenber, der, in seine Zeitungen vertieft, nicht auf sie achtete. Schwindlig ging sie dann in ihr grnes Zimmer und legte sich auf die Chaiselongue unter die groen Latanie. Der Matrosenkopf, den sie gestern mit so viel wehmtiger Zrtlichkeit auf den Eckplatz gestellt hatte, war heute in seiner rohen Hlichkeit geradezu eine Verunstaltung des schnen Raumes. Und doch konnte sie die Augen nicht von ihm lassen und glaubte sogar, den schwachen Tabakgeruch zu verspren, der doch nur in nchster Nhe zu merken war. Ich mu ihn fortsetzen, ehe Lovis kommt, dachte sie, aber sie rhrte sich nicht. Und da trat Doktor Lohrer schon ein. Gedmpft frhlich und mit aufmerksamem Lcheln um den spitzen Mund. Nun, sagte er -- dir geht's also besser?... Sie mute jetzt ja sagen. Sie wute, das erwartete er. Aber pltzlich regte sich der Wunsch in ihr, bedauert und gepflegt zu werden, und so sagte sie statt dessen: Nein, ich mchte mich am liebsten wieder zu Bett legen. Wegen einer kleinen Erkltung, mit der du sonst die anstrengendsten Dinge unternimmst? Wenn du dich jetzt legst, bricht unfehlbar der Schnupfen los, der dich fr morgen unmglich macht. Sie schwieg. Hast du etwa die fade Absicht, die Sitzung und den Tee im Ministerium abzusagen? Ich wei nicht, sagte sie ngstlich, ob ich hinkann. Jetzt hatte er sich umgewendet und den Matrosenkopf gesehen. Erika ... rief er ganz fassungslos vor Entsetzen ... Bist du von Sinnen? ... Wie kannst du das Monstrum da vor dir dulden? ... Ist das etwa ein Geschenk von deiner neuen Freundin? Frau Erika bemerkte, wie aufgebracht er war. Sie lenkte ein. Verzeih ... ich lie mich vielleicht wirklich etwas gehen ... das Scheusal da ist aus Versehen stehen geblieben ... Ein berbleibsel aus meiner Kinderzeit ... ich will mir's aufbewahren... Aber mglichst unsichtbar, wenn ich bitten darf ... Und, -- da du dich auf deine Verpflichtungen besinnst und dich nicht hngen lt, liebes Kind, freut mich, -- ist aber wohl selbstverstndlich. Und du bist berzeugt, da es sehr wichtig ist? fragte Frau Erika, ohne Ton in der Stimme. Das ist doch keine Frage! ... Es hat Mhe genug gekostet, dich dahin zu lanzieren ... Da wir leider keine Kinder haben, will ich wenigstens fr meine Person und fr deine natrlich ... aber warum das immer wiederholen. Wir sind ja einer Meinung und haben uns oft genug darber ausgesprochen... Dieser in bsen Stunden immer wiederkehrende Hinweis auf ihre Kinderlosigkeit, vereint mit dem Vorwurf ber ihren Mangel an Vorsicht bei jenem schrecklichen Unfall, der ihnen das Kind geraubt hatte, wirkte jedesmal auf Frau Erika, als ob sie zu Boden geschlagen wrde. Wenn sie sich dann erhoben hatte, ging sie wieder gehorsam den gemeinsamen Weg. Er war brigens in ihren eigenen, wie den Augen der Welt weit entfernt davon, ein Dornenweg zu sein... Nach dem Lunch, als Herr Doktor Lohrer lngst fortgegangen war, hatte Frau Erika noch ein paar Schwcheanflle, Frost- und Hitzeschauer. Wenn sie dann die Augen zumachte, wollte sie sich von neuem die beruhigenden Bilder vergegenwrtigen, die sich gestern beim Anblick des alten Porzellankopfes eingefunden hatten. Sie holte ihn auch wieder aus dem Schrnkchen hervor, in dem sie ihn verborgen hatte, aber heute stand er einfach in seiner kulturlosen Hlichkeit da und wollte ihr nichts Schnes erzhlen. Im Gegenteil -- die Gedanken irrten von ihm ab zu verbotenen Wegen, auf denen einstmals alle Schrecknisse des Menschenlebens, Unglck, Sorge, Schande und Verlassenheit ber sie hatten herfallen wollen... Und das waren Tne, die hier nicht anklingen durften ... Mit Gewalt muten sie vertrieben werden ... Ein ander Bild ... ein frohes ... Galopp, Menuett und Walzer ... Nein, _das_ war ja nicht jenes Lied, das sie als Kind mitgesungen hatte, wenn in den Sommerferien alt und jung vor der Tr des Lotsenhuschens zusammensa ... Das hie doch: Morgen, da geht's in die brausende See ... morgen, da geht's in die brau ... au ... sende See... Sie fuhr auf ... Was war das? ... Sie phantasierte ja am hellen Tage ... Sie wollte vielleicht doch den Arzt kommen lassen. Sie stand auf, um zu ihrem Telephon an den Schreibtisch zu gehen. Da trat die treue Lina ein. Herr Doktor telephonieren eben, gndige Frau mchte nicht vergessen, die Erkundigung Eichstdter Strae9 einzuziehen... Eichstdter Strae9? fragte Frau Erika. Die treue Lina senkte bestrzt die gefrbte Tolle. Sie hatte den Auftrag eben von der Eichstdter Strae aus bekommen und, in Gedanken noch dort, diese vielgebrauchte Adresse versehentlich ausgesprochen. Ach nein ... nicht Eichstdter -- Heilbronner Strae. Ja gut, Heilbronner, ich hab's ja notiert, sagte Frau Lohrer. Bringen Sie meine Sachen, ich will dann gleich hin... Sie mute sich zusammennehmen ... Der Doktor hatte bis morgen abend Zeit ... nach dem Tee bei der Ministerin. Es war schwer, mit den stechenden Schmerzen in der Brust, gegen den Wind anzukmpfen, und in den Gliedern lag's ihr wie Blei. Alle melancholischen Schauer eines grauen Novembernachmittags gingen um ... Der erste Schnee war in losen Flocken gefallen und auf dem Pflaster zu schmutzigem Wasser geworden. Schwere, bleifarbene Wolken drckten sich immer tiefer in die Strae hinein, und ein leise winselnder, mder Wind versuchte hier und da vergebens, sie aufzujagen. Es war noch frh, aber trbe Dmmerung verwischte die Umrisse der Huser und Bume. Menschen und Gefhrte bewegten sich wie Schatten. Von aufspringenden und wieder verschwindenden Gedanken geqult, ging Frau Erika ihres Weges, und weiter, als sie beabsichtigt hatte. Mitten in der Potsdamer Strae fiel ihr ein, da sie mit ihren Brustschmerzen eigentlich gar nicht gehen durfte, und sie stieg in ein Auto. Die zuletzt gehrte Adresse klang noch in ihren Ohren, und sie nannte sie: Eichstdter Strae9. Die Gegend, in die sie kam, war ihr fremd. Phantastische Formen sprangen aus dem zitternden Nebel auf. Hier glitzerte ein Goldbeschlag aus massigen Steinen heraus -- da grte eine fratzenhafte Maske mit aufgerissenem Rachen von einem hohen Torpfeiler herunter ... dort hob sich eine schwere schmiedeeiserne Einzunung, hinter der Zypressen wuchsen, und nun ein Goldgitter... Wo war sie? ... Das Auto hielt. Sie zahlte mechanisch. Aus dem Eingangstor des Hauses, vor dem sie stand, fiel ein breiter, blutroter Schein auf das nasse Pflaster und rang mit dem blendenden Lichte einer groen elektrischen Kugellaterne, die eben aufflammte. Alles Neubauten, sagte ein Gedanke in dem fiebernden Hirn der kranken Frau. Und weiter: Wie bin ich hierher gekommen, so weit ab von meiner Wohnung ... und was will ich hier? ... Ach, das steht in meinem Notizbuch.... Und Frau Erika drckte auf die Glocke. Die Tr ffnete sich. Sie stand in einem roterleuchteten Vorraum, an dessen Wnden ein Gewirr von weien Arabesken, Frchten, Masken und Putten lebendig zu werden schien... Und dann, whrend Frau Erika in ihrer Handtasche nach dem Notizbuch kramte, kam ein Wunder: Die weie Tr links wurde aufgerissen -- ein paar tappende Schritte ... und auf der obersten Stufe der Treppe die herunterfhrte, stand ein Bbchen in weiem, zottigem Mantel, die weie Kappe aus dem blhenden Gesicht mit dem blonden Kraushaar geschoben, die dicken Hndchen gespreizt ... und mit Augen, die ganz weit vor Verwunderung hinunterblickten ... mit Augen!! Wie kam ihr toter Junge hierher?!? Mein Kind ... mein Bub' ... mein alles ... wo warst du so lange? ... wo haben sie dich versteckt? ... liebes ... liebes... Sie war oben und ri das Brschchen an sich. Das war einen Augenblick stumm vor Schreck. Dann fing es zu strampeln und zu schreien an. Loslassen ... loslassen ... Mutti ... Mutti! Was gibt's denn? In der offenen Tr stand eine schne, lebenstrotzende Frau, im eng anliegenden Schneiderkleid, zum Ausgehen fertig. Das blhende, breite Gesicht unter dicken, rotbraunen Haarwellen leuchtete vor Gesundheit. Jeder Muskel des starken Krpers schien von Kraft gespannt und geschwellt. Setzen Sie mal sofort den Jungen hin, rief sie laut und grell. Was bedeutet denn das? ... Ah ... Sie?!! ... Sie?!!... Ihre Stimme berschlug sich. In den schmalen, glitzernden, grauen Augen brannte eine vernichtende Feindseligkeit auf ... das ganze junge Weib wand sich in Verlegenheit und giftigem Ha. Frau Lohrer achtete nicht darauf. Sie hatte den Buben zur Erde gleiten lassen und stand wei und stumm da. Verzeihung, sagte sie dann. Er gleicht zum Verwechseln meinem verstorbenen Kinde... Die schne, kraftvolle Person hob das Brschchen hoch, drckte es an sich und lachte laut und hhnisch auf. Dann trat sie hastig in die Wohnung zurck und schlo die Tr hinter sich zu. Frau Erika stand noch einige Sekunden da und starrte den Verschwundenen nach. Der Portier ffnete sein Fenster und kam dann heraus. Zu wem wnschen gndige Frau? fragte er hflich. Frau Erika schttelte den Kopf und sagte nur: Nach Hause. Soll ich Auto besorgen? Sie nickte, achtete nicht darauf, wie lange sie wartete, und bemerkte auch das verwunderte Kopfschtteln des Portiers nicht, als sie ihre Adresse angab. Die Augen fielen ihr zu, und sie fuhr aus dem Dmmerzustand erst auf, als der Wagen vor dem Hause in der Bendlerstrae hielt. Wie im Schlaf ging sie hinauf, vorbei an der treuen Lina, die ihr beim Ablegen helfen wollte, und in ihr grnes Zimmer. Eine beklemmende Angst nahm ihr den Atem. Sie wute nicht mehr, wo sie war. Sie konnte nicht mehr Traum und Wirklichkeit unterscheiden -- nicht mehr Leben und Sterben... Ja ... das blhende Leben hatte die Tr vor ihr zugeschlagen und ihr Kind im Arm davongetragen, und sie ... sie stand hier ganz allein, ganz fremd. Sie brauchte etwas, um sich daran zu halten ... denn sie fiel um ... irgendwohin in die Finsternis ... Aber da war nichts ... kein Mensch ... kein Ton ... kein Bild ... Nur Schnheit, bunter Farbenzauber, fremdes Gert, an das sich kein Erleben knpft... ... Doch! ... Der Matrosenkopf stand noch von vorhin auf dem kleinen Tischchen neben der Chaiselongue und grinste... Nach ihm streckte sich ihre Hand aus. Da fiel er zur Erde, gegen ein bauchiges Bronzegef, und zerbrach in ein paar groe Stcke ... Frau Erika griff voll Entsetzen nach dem einen -- es war ein Ohr, mit dem blanken Ohrring darin--, dann warf sie sich auf die Chaiselongue und fing fassungslos zu weinen an. Nicht, wie ein Mensch weint, dem ein groer Kummer das Herz getroffen hat. Es war ein Winseln, wie das des mden Windes drauen, der die grauen Wolken nicht verjagen konnte. Ein jammervolles, grauenhaftes Weinen. Die treue Lina beugte sich verstndnislos zu der Liegenden. Fehlt der gndigen Frau etwas? Mein einziges, ... mein letztes... Nur eine matte Handbewegung nach den Scherben am Boden. Achselzuckend sah die Jungfer darauf nieder. Beruhigen sich gndige Frau doch ... gndige Frau schaden sich. Herr Doktor ist auch schon zu Hause und kann jeden Augenblick hereinkommen ... Das jammernde Weinen hrte nicht auf. Leise und eintnig klagte es weiter. Die treue Lina stand ratlos daneben und lie in Gedanken die im Hause verkehrenden Herren an sich vorbergehen. So irgendeine heimliche Geschichte mute doch dahinter stecken! ... Was konnte nur geschehen sein? ... Sie hatte schon immer gedacht ... diese Stillen ... Ob sie nun nicht doch den Herrn rief? Da schlug matt drauen das Telephon an. Sie ging schnell hinaus und nahm mit berraschtem Aufschrei die Meldung entgegen. Dann klopfte sie, nachdem sie die Bluse zurechtgerckt und den Rock ber den Hften heruntergestrichen hatte, an die Arbeitszimmertr des Herrn =Dr.= Lohrer. Diese Stunde nun war die, in der er durchaus ungestrt zu sein wnschte, -- in der er die Geschftsdispositionen fr den bernchsten Tag ausarbeitete, -- in der allein er auch vor sich selbst alle sthetischen und gesellschaftlichen Rcksichten wegwarf und seiner eigentlichen Natur die Zgel schieen lie. Sogar die treue Lina hatte um diese Tageszeit doppelt tadellos zu sein, wenn sie, im Notfall, ihn an seinem Schreibtisch aufsuchen mute. Heute trat sie etwas hastiger ein als sonst. Darf ich Herrn Doktor stren? Zum Kuckuck ... nein! Was gibt's?... Gndige Frau liegt auf der Chaiselongue und weint ganz furchtbar. Doktor Lohrer drehte sich auf seinem Stuhl um. Und? ... fragte er eisig. Sie sagt, weil sie den grlichen Puppenkopf zerschlagen hat ... Aber... Aber? Nun?... Die treue Lina trat einen Schritt nher: Aus der Eichstdter Strae telephoniert man eben ... die gndige Frau ist in der Wohnung gewesen, -- und es scheint, -- sie hat den Bubi fortnehmen wollen... Doktor Lohrer sprang auf. Seine hohe, schlaffe Gestalt streckte sich, und sein schmales Fuchsgesicht bekam den gefrchteten Raubtierausdruck. Hallo!! Und er ging unverwandt in das Zimmer seiner Frau. Der Anblick, der sich ihm bot, war nicht geeignet, seine Emprung ber die verbrecherische Geschmacklosigkeit, von der er eben erfahren hatte, zu besnftigen. Frau Erika lag mit verschobenen Kleidern, noch in Hut und Mantel, mit niedergesunkenem Kopf ber der Chaiselongue und winselte wie ein gepeinigtes Tier. Erika, ... rief Doktor Lohrer in fassungslosem Zorn. Sie rhrte sich nicht. Er rttelte sie an den Schultern. Der Krper gab nach, aber sie ffnete die Augen nicht, aus denen unaufhrlich die Trnen hervorquollen. Er griff nach der herabhngenden Hand. Sie war behandschuht, aber er fhlte die Glut durch das Leder.-- Es war keine Frage, -- seine Frau fieberte. Sie war krank, krnker leider, als sie es in Anbetracht der morgigen Sitzung im Unterrichtsministerium und der gesellschaftlichen Aussichten, die sich fr den Winter daran knpften, sein durfte. Und es war auch nicht an der Zeit, um Taktlosigkeiten, die in solchem Zustande begangen worden waren, zu rechten. Mit Hilfe der treuen Lina wurde Frau Erika der Straenkleidung entledigt. Eine sanfte Gewalt mute angewandt werden, als die Hand, die den Scherben des Matrosenkopfes fest umklammert hielt, von dem Handschuh befreit werden sollte. Dann erst durfte nach dem Arzt telephoniert werden. Wie konnten Sie die gndige Frau in einem solchen Zustande ausgehen lassen? ... schrie Doktor Lohrer die treue Lina an. Sie wollte aufbegehren. Aber ein Blick in das verbissen grbelnde Gesicht und die zornigen Augen belehrten sie, da dies im Augenblick unangebracht war. Gndige Frau ist doch nicht leicht zu beeinflussen ... bei aller Gte... wagte sie zu bemerken. Auch mit dem hlichen Porzellankopf... Er winkte abwehrend. Telephonieren Sie sofort nach der Eichstdter Strae, da das, was Sie vorhin sagten, unbedingt ein Irrtum sein msse ... die gndige Frau lge mit hohem Fieber zu Bett ... Ich lasse das sagen ... verstehen Sie?... Natrlich verstand die treue Lina und richtete die Bestellung aus, whrend Doktor Lohrer, peinlich erregt, neben seiner zusammenhanglos murmelnden Gattin den Arzt erwartete. ---------- Es war eine doppelseitige Lungenentzndung, bei dem schwachen Herzen und der zarten Konstitution der Kranken von vornherein eine bse, fast aussichtslose Sache. Herr Doktor Lohrer stand anfangs ungeduldig und voller Erbitterung und Staunen an dem Bette seiner Frau und spielte in Gedanken mit allen Mglichkeiten -- aber er spielte. Da das uerste in Wirklichkeit eintreten knnte, fiel ihm noch nicht ein zu glauben. Noch empfand er, was geschah, als eine ihm zugefgte Beleidigung, sogar als die Lage schon fast hoffnungslos war. Der harte Kampf dauerte lnger, als man gedacht hatte. Der ganze Apparat, der der Krankheit zu Leibe geht, wenn sie in ein reiches Haus eingebrochen ist, war in Ttigkeit. Der Wagen des berhmten Spezialisten hielt morgens, mittags und abends vor der Tr. Der vornehme Hausarzt wich kaum von dem Krankenlager, und ein jngerer Kollege war zur Hand, wenn er seiner anderen Praxis nachgehen mute. Im Krankenzimmer selbst waltete eine barmherzige Schwester mit trben Augen und fest zusammengezogenem Munde ihres Amtes. Was die Medizin an Hilfsmitteln geben konnte, war in Anwendung, aber das Fieber, das an dem zarten Krper fra und schttelte, bertrumpfte alle Sorgfalt, alle Bder und alle Medikamente. Atemnte und Beklemmungen fllten die langen, bangen Stunden ... und wenn die Temperatur nur ein weniges zurckging, wollte das Herz seinen Dienst nicht mehr tun. Nach mhseligem Kampf gegen die zunehmende Schwche kam der Augenblick, in dem die rzte andeuteten, da man, wenn nicht ein Wunder geschhe, in kurzem auf das Schlimmste gefat sein mte... Herr Doktor Lohrer, der seinen vollen Anteil an der Pflege aufopfernd Tag und Nacht getragen hatte, nahm die Botschaft stumm und mit gebotener Fassung entgegen und achtete nach wie vor auf die peinlich genaue Ausfhrung der rztlichen Anordnungen. Inzwischen lief er ruhelos zwischen dem Krankenzimmer und seinem Schreibtisch hin und her. Auf einer dieser Wanderungen, nachdem er minutenlang das arme zuckende und gedunsene Gesicht der Sterbenden kummervoll betrachtet hatte, ging er zu dem Marmorportrt in seinem Zimmer hinber, das vor zwei Jahren in Brssel Lambert von ihr geschaffen hatte. Aus dem, wie es die Mode betont, teilweise roh gebliebenen Marmor, hob sich das feine Kpfchen Erikas mit dem berzarten Halsansatz. Ein trumerisch scheues Lcheln, eine kleine melancholische Ironie belebten die regelmigen Formen. Ja, _das_ war die Gattin von Lovis Lohrer, das war das Bild der Frau, die seinem schnen Hause den Stempel zartester sthetik aufgedrckt hatte, das war das Bild, vor dem er erleichtert aufatmete. Von dem der armen Leidenden, die schmerzentstellt, Vernichtung in den verzerrten Zgen, da drben kmpfte, wendete sich etwas ihm ab... * * * * * Drauen kroch der Tag langsam und grau heran. Da hrte auf dem Sterbelager das stoweise Atmen und Rcheln pltzlich auf. Die Schwester schreckte zusammen und beugte sich ber ihre Kranke. Die lag, pltzlich wei und schmal geworden, mit groen, schimmernden Augen da. Die Schwester trocknete ihre feuchte Stirn und nahm ihre Hand. Mu ich sterben? flsterte Frau Erika heiser, an der Pflegerin vorberblickend. Die sah sich mit scheuem Auge um, und als auch im Nebenzimmer alles still blieb, sagte sie feierlich und laut: Ja! ... Wir wollen beten!... Frau Erika antwortete nicht. Sie richtete sich mhsam auf und flsterte Unverstndliches vor sich hin. Das ist ja alles nicht wahr, sagte sie dann pltzlich ganz klar. Wenn ich leben bleibe, dann will ich wirklich ... wirklich ... nicht blo zum Schein ... nicht hindmmern... Nach der Dmmerung bricht der leuchtende Tag des Herrn an, sagte die Schwester, der leuchtende Tag, der Tag der Erlsung. Der Friede... Finster ... Finster... chzte Frau Erika und griff mit zuckenden Hnden um sich. Dann taumelte sie in den Abgrund, in dem Schein und Sein versinken. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- In dem kleinen Wintergarten, der sich an das grne Wohnzimmer schlo, unter weien Rosen und weiem Treibhausflieder ruhte nun die Herrin dieser Rume noch eine kleine Stunde, ehe sie unter die verschneite Erde gebettet wurde. In einer Stunde nmlich versammelte sich der Bekanntenkreis, und dann kam auch der Geistliche, die Verstorbene fr die letzte Fahrt einzusegnen, die sie nach der thringischen Heimatstadt antreten sollte, um neben ihrem Kinde zu schlafen, wie sie es wohl gewnscht haben wrde, wenn ihr in ihrem geruschvollen Leben der Gedanke an ewige Ruhe je gekommen wre. Herr Doktor Lohrer ging durch alle Rume, um mit dem Blick des Herrn festzustellen, ob alles der Sachlage und seinen Anordnungen gem auf der Hhe wre. Zuletzt kam er in den Wintergarten und warf einen prfenden Blick auf die Tote, deren leise Stimme noch in diesem Raum zu klingen schien. Er hatte sich mit dem Ungeheuerlichen, das ber ihn hergefallen war, als Mann von Selbstbeherrschung uerlich abzufinden gesucht. Aber seine Gestalt sah sehr zusammengefallen und das Fuchsgesicht spitz und gelb aus. Er schlo einen Augenblick die Augen, deren Lider rot und geschwollen waren. Als er sie wieder ffnete, fiel ihm die rtliche Orchidee in den starren Hnden der Ruhenden auf, und er berlegte, ob dieser einzige Farbfleck die Harmonie des weigrnen Bildes herabsetzte oder erhhte. Er bemerkte auch, da irgend etwas um das holde, friedvolle Gesicht nicht stimmte, es leer scheinen lie ... Natrlich! Wie hatte er es bersehen knnen! Die weie Locke, die viel bewunderte, fiel ja nicht in die Stirn wie im Leben. Der Friseur hatte sie ungeschickterweise versteckt. Er fuhr mit spitzen Fingern in das Haar und zog sie vor. Aber sie hatte das Flockige verloren und lag rauh und ohne Glanz da. Welch ein Glck, da er im letzten Augenblick das noch ndern konnte! Er rief nach der treuen Lina, die in angemessener Trauerhaltung nach kurzem Schaudern mit der Brennschere die gewohnte Ordnung herstellte. Den scheuen Blick, mit dem sie aus zitternden Lidern ihren Herrn streifte, bemerkte er nicht. Er winkte ihr, hinauszugehen, und dann nahm er doch die blarote Orchidee fort, die wie ein Tropfen Lebensblut das Bild des Todes in seiner Absolutheit strte. So dachte er. Er legte sie auf den Kbel der Latanie, die sonst ber die Chaiselongue im Nebenzimmer ihre groen Bltter hngen ließ ... Die Blume fiel auf einen Scherben, ein rotes Ohr mit einem blanken Ring darin. Vor einigen Tagen hatte man ihn der fieberglhenden, jetzt erstarrten Hand entrissen und ihn auf den Platz geworfen, auf dem er achtlos liegen geblieben war. ... Und nun konnte die Trauerfeier vor sich gehen. Die Wachskerzen, die Doktor Lohrer selbst anzndete, legten ihren klaren, gelblichen Schein auf ein Bild von unbeschreiblicher, ruhevoller Schnheit und Poesie. Er stand davor voller Bewunderung und Rhrung. Mit einem Gefhl von Dankbarkeit streichelte er die eisigen Hnde und rechnete in Wehmut und Gte mit der Toten ab. Sie hat ihren Zweck erfllt ... sie war der Schmuck meines Lebens ... Vielleicht durfte sie nicht hinwelken ... um mir ein unvergeliches Bild zu hinterlassen ... Aber auch ich hatte sie weich gebettet nach ihrem traurigen Jugendschicksal ... in Glck und Glanz ... Nicht jeder ... aber gleichviel ... es ist hart ... bitter hart... Nach einem letzten trben Blick auf die Ruhende richtete Doktor Lohrer sich straff auf und dachte an seine Pflicht. Aus den Nebenrumen drang Stimmengemurmel. Er schob den Vorhang zur Seite ---- und mit noch feuchten Augen, war das erste, was er leise befriedigt wahrnahm--, der weie Spitzbart des Unterrichtsministers... Unter gleichem Winde Gerade als die buntfarbigen Laternen in der nebeligen Dmmerung des Novemberabends die ganze Tauentzienstrae hinunter unnatrlich gro aufflammten, sprang eine Dame an der Haltestelle der Kaiser-Wilhelm-Gedchtniskirche von einem Wagen der =A=-Bahn, ehe er noch vollstndig stillstand. Ein grogewachsener, hagerer Herr, der anscheinend mitfahren wollte, kam in ihren Weg und streckte hflich den Arm aus, um sie zu sttzen. In der Heftigkeit des Sprunges aber taumelte sie gegen ihn, und eine aus dem Mantel herausfliegende Lorgnonkette hngte sich so fest an den Knopf seines berziehers, da er sie nicht schnell genug losmachen konnte und den Wagen, den er hatte benutzen wollen, vorberfahren lassen mute. Pardon -- wie rgerlich! sagte die Dame und zog an der Kette. Wollen gndige Frau vielleicht bis zum Schaufenster dort treten, damit wir in dem helleren Licht die Schnur, oder was es ist, lsen knnen, ohne sie zu zerreien? Die Dame fuhr zusammen und sah ihm ins Gesicht. Sie hatte eine kleine und zierliche Gestalt, rasche, lebendige Bewegungen, und ihre Farben schienen hinter dem Punktschleier jung und rosig, aber die Art ihrer eleganten Straenkleidung zeigte doch auf den ersten Blick, da sie mehr auf Wrde als auf Jugendlichkeit Anspruch zu machen hatte. Sie standen nun in der strahlend weien Beleuchtung der Tapetenhandlung und sahen einander an, ohne an die Kette zu denken, prfend und voll ngstlichen Staunens. Ist das mglich, sagte die Dame leise und ri mit einem Ruck ihre Kette los, Doktor Ender? Er hob den Hut und fuhr sich ber die kahle Stirn. Ja, gewi. Und Sie? Wie ich Sie zu nennen habe, wei ich nicht einmal. Man hat mir vor Jahren erzhlt, da Sie sich nach dem Tod von Major Splettner wieder verheiratet haben. Sie nickte. Frau von Betzwold ... Irmgard Betzwold... Ein nervser Zug, der wie ein verzerrtes Lcheln aussah, zuckte um seinen Mund. Jawohl ... Irmgard! ... Leben Sie denn hier? Ja, seit langem. Mein Mann ist Beamter. Geheimrat -- im Verkehrsressort ... Und Sie? Ich halte mich seit mehreren Jahren hier auf. Sie waren ein paar Schritte weitergegangen und blieben nun wieder stehen. Fragende, verstehende, berquellende Blicke senkten sich ineinander. Die Frau schttelte zuerst den Bann des Schweigens ab, der sich auf sie gelegt hatte. Da vermeidet man sich ein halbes Leben lang, und dann kommt solch ein nrrischer Zufall und kettet einen sozusagen wieder aneinander ... Wollen wir eine Viertelstunde zusammenbleiben? Gewi, sagte er. Es wre unnatrlich, wenn wir uns jetzt mit hflichem Gru trennen wollten. Wo befehlen Sie? Mchten Sie ein Stck mit mir gehen? Ich wohne in der Leibnizstrae und wollte ohnedies zu Fu nach Hause. Er schwieg erst und deutete dann auf die Menge der Menschen, die beide Seiten des Kurfrstendamms hinauf und hinunter strmte, schwatzend, eilend oder schlendernd und gegeneinander drngend. Knnen wir nicht eine Viertelstunde irgendwo ungestrt sitzen? fragte er. Ich wei hier in einer Nebenstrae ein kleines Restaurant, in dem man um diese Zeit sicher niemand trifft. Nein, sagte sie, ein wenig lchelnd. Es drfte doch befremdend wirken, wenn zufllig jemand von meinen Bekannten mich in so einem Lokal she. Dagegen knnen wir hier in die Konditorei eintreten. Da kennt man mich -- wir sitzen in dem Erker da -- sehen Sie -- vor aller Augen und doch ganz allein. Er musterte sie einen Augenblick verwundert, als ob er fragen wollte: Was frchtest du denn noch? Sie verstand und antwortete auf die stumme Frage: Nein, nein. Sie mache durchaus Gebrauch von dem Recht ihrer weien Haare -- aber in dem Beamtenstaat, in dem sie lebe, wre alles gewissermaen numeriert, die Leute, mit denen man umginge, die Orte, die man besuche. brigens htte sie auch aus den Erfahrungen ihrer frheren Jahre gelernt, etwas wie Schutz in einer umzunten Lebensenge zu finden ... Sie knne gut mit einem Jugendbekannten in einer vornehmen, groen Konditorei zusammensitzen -- in einer obskuren, kleinen Restauration, die sie sonst nicht betrte, wrde es aussehen, als ob sie mit ihm ber wer wei was zu reden htte... Sie sagte das lchelnd, im Eintreten; und sich geschickt durch die enggestellten Tische windend, dirigierte sie ihn zugleich in den vorhin bezeichneten Erker, der durch zwei Goldsulen von dem groen Raum geschieden war. Und nun saen sie einander gegenber. Ein Paar Tassen zwischen sich, von dem faden Geruch der sen Backware, des Kaffees, des Grogs eingehllt, von dem leisen Rauschen der Zeitungsbltter in den Hnden der ringsumher Lesenden, von dem Kommen und Gehen der Gste, von durcheinanderhallenden Gesprchsbrocken umgeben. Doktor Ender hatte sich aufgesttzt und lie den kahlen Kopf hngen. Frau von Betzwold nestelte an dem Schleier, musterte zerstreut und unruhig das Publikum und wandte sich dann, in den Schatten der Sule rckend, ganz dem Schweigenden zu. Wir mssen aber die kurze Zeit, die wir uns schenken, ausntzen ... Erzhlen Sie zuerst von sich, lieber Freund! Was haben Sie in all den langen Jahren angefangen? Der verbitterte und traurige Zug um seinen Mund vertiefte sich, und das nervse Zucken zitterte sekundenlang ber eine Hlfte seines Gesichts. Ich habe nicht viel Tatschliches zu erzhlen ... Mein Onkel Farrstein -- wenn Sie sich noch erinnern, Frau von Betzwold nickte -- starb ein paar Jahre nach -- nach unserer Trennung und hinterlie ein viel greres Vermgen, als ich erwartet hatte. -- brigens machte ich damals den letzten Versuch, mich Ihnen zu nhern -- ich bekam aber meinen Brief, den ich nach Sagan schickte, wohin Ihr Gatte doch gegangen war, als unbestellbar zurck. Das wird wohl in der Zeit gewesen sein, in der ich in Sanatorien herumwanderte -- die Jungen im Korps waren -- mein Mann auf irgendeiner der Probestellungen, die er nach seiner Pensionierung in allen mglichen Branchen suchte ... Schlielich landeten wir ja dann doch wieder in Sagan, wo er auch starb ... Aber zu Ihnen, lieber Freund -- was fingen Sie nun an? Meine Erbschaft ermglichte es mir, die Last des traurigen Berufs abzuwerfen. Sie waren doch Lehrer aus Passion!... Nicht mehr nach unserem Erlebnis!... Und womit beschftigten Sie sich denn? ... Sie hatten doch einen so ungeheuren Ttigkeitsdrang.... Nicht mehr nach unserem Erlebnis, wiederholte Doktor Ender. Ich bin in der Welt herumgewesen, habe gesehen und erlebt, was man als Reisender ohne Anhang und ohne Ziel erlebt ... Und zuletzt, als mich das zu ermden anfing -- ich auch die eine Note begriffen hatte, auf die mein ganzes Wesen -- seit damals -- gestimmt war -- habe ich mich in eine Ttigkeit gestrzt, die nun eine Art Lebenszweck geworden ist ... Ich versuche nmlich, unschuldig Verurteilten zu helfen -- nach meiner Meinung ist ihr Prozentsatz ein erschreckend hoher. -- Alle groen Mordprozesse, bei denen die Tterschaft zweifelhaft ist, durcharbeite ich mit und suche sie mit Aufwand all meiner Krfte und Mittel aufzuhellen. Hier und da habe ich auch schon einen kleinen Erfolg gehabt, -- die ffentliche Meinung beeinflut im Sinn der Gerechtigkeit. -- Ich betrachte meine Arbeit als eine Art Shne ... Sie werden das begreifen, nicht?... Die Geheimrtin sah sehr bestrzt vor sich nieder und erwiderte nichts. Und Sie? fragte er, als sie schwieg. Ach, mit mir hat's das Leben schlielich noch gut gemeint. Wohl als Revanche fr die schrecklichen Erfahrungen ... Da ich damals -- nachdem ich Sie verlie, an der See schwerkrank war, und von da gleich nach Jena in eine Nervenheilanstalt geschickt wurde, haben Sie wohl noch erfahren ... Dann haben Sie ja aufgehrt, nach mir zu fragen, wofr ich Ihnen brigens von Herzen dankbar gewesen bin -- denn ich htte ein Zusammenkommen nicht mehr ertragen, wie ich auch lieber gestorben wre, als nach Kreuzstadt zurckzugehen ... Nachdem dann die grliche Geschichte dort ihre -- Erledigung gefunden hatte und ich wieder fhig war, unter gesunden Menschen zu existieren, bin ich nach Sagan gekommen. Da der Tod meines Mannes, der bald darauf erfolgte, mich nicht besonders tief traf, werden Sie begreifen ... Zwei Jahre danach lernte ich in Thringen meinen jetzigen Gatten kennen, und da ist dann alles Bse und Traurige versunken, und ich bin eine recht glckliche Frau geworden... Und die Buben -- die Zwillinge?! fragte Doktor Ender. Beide vor dem Oberleutnant -- prachtvoll geworden. Und meine beiden Mdel aus _dieser_ Ehe auch liebe, schne Geschpfe ... Ich bin eine sehr stolze Mutter -- und, wie gesagt, ich habe allen Grund, zufrieden zurck und wohl auch in die Zukunft zu sehen. Irmgard Splettner, sagte Doktor Ender nach kurzem Schweigen, ich bewundere Sie. Ich bewundere Ihre Selbstbeherrschung und Ihre Lebenskraft ... Fast noch jugendlich und blhend an der Schwelle des Alters ... Ich habe mich nicht so bemeistern knnen. Mir hat unser Erlebnis -- unsere Schuld das Leben zerbrochen, jedes Streben vernichtet ... Dabei habe ich mir noch Vorwrfe gemacht, da ich dich, das Weib, die schwchere, nicht sttzen und trsten konnte -- und nun bist du... Bei diesem Du zuckte Frau Irmgard zusammen und machte eine kleine, abwehrende Bewegung. Doktor Ender bemerkte es nicht. Er sa zusammengesunken da und sah mit den ausgeblaten, trben Augen starr vor sich hin. Lieber Freund -- wir haben, seitdem das -- das Peinliche sich ereignete, so viel erlebt und erfahren, Schlimmes und Gutes, jedenfalls Ausfllendes -- Sie doch auch -- da jenes Erlebnis restlos, man kann wohl sagen -- verschlungen ist ... Warum jetzt noch einmal darauf zurckkommen?... Haben Sie denn wirklich und wahrhaftig vergessen -- und ohne Gewissensqualen weiter leben knnen?... Frau Irmgard seufzte ein wenig beklommen. Mein Gott, natrlich habe ich seinerzeit viel ausgestanden, tdliche Angst vor allem -- aber es ist doch auch viel geopfert worden -- alle Wnsche -- und -- das, ja -- Sie wissen es ja am besten -- wir haben uns doch nie wiedergesehn seitdem. Ich wei, da wir auseinandergegangen und aneinander vorbergeschlichen sind wie zwei Feiglinge, wie zwei Verbrecher, die wir schlielich auch waren... Frau Irmgard wurde wei bis in die Lippen. Ich bitte Sie -- leise! Was wollen Sie mit diesen pathetischen Worten -- mit diesem gewaltsamen Aufwecken lngst verschollener Dinge? Das war ein anderes Leben, so weit ab von dem jetzigen... Natrlich, natrlich. Er nickte und lachte mit einem gequlten, hhnenden Ton. So weit ab, wie etwa das Lokal hier -- von der Wirtschaft -- dem Heidekrug... Schweigen Sie! befahl Frau von Betzwold. Sonst gehe ich auf der Stelle ... Ich will das nicht -- ich bin fertig damit ... Wie knnen Sie nur, lenkte sie ein, als sie in sein graues, vergrmtes Gesicht mit den trostlosen Augen sah. Warum qulen Sie _sich_ und schlielich auch _mich_ so?... Sie haben recht, es ist ganz berflssig. Aber ich bitte Sie -- bleiben Sie. Sie mgen mich fr einen sehr schwachen Menschen halten. Aber bedenken Sie -- das lebenslange Schweigen, das Herumirren in der Welt unter Fremden, immer in der Maske des Ehrenmanns, der man vor sich doch nicht ist -- und nun pltzlich die einzige, die einen kennt, mit der man sprechen kann ber all diese verqulte Zeit, weil sie die gleiche Last durch das Leben geschleppt hat... Nein, nein, ich sagte schon wiederholt, ich habe das lngst abgetan ... Mein Gott -- unsere gemeinsame Schuld -- gewi, es war eine, -- in meiner Welt von jetzt genau wie in der von damals -- ich war sicherlich eine untreue Frau -- aber wenn man die mrrische, grausame Strenge meines Mannes bedenkt ---- und _wir_ zwei hatten uns lieb -- waren so jung und so froh! ... Was haben wir zusammen gelacht und geschwrmt ... Schne Zeiten waren es trotz alledem!... Ja, jene Zeiten! Durch den blulichen Dunst, das leise Stimmengeschwirr, durch die hastende Unruhe im Kommen und Gehen schlichen sie in den Erker und schtteten die Erinnerungen an harmlose Freuden und Leiden, an verschwiegenes Wnschen und erflltes Sehnen ber die beiden Menschen, die traumverloren da saen... Frau Irmgard sah ein paar lngst versunkene Lebensbilder zum Greifen deutlich vor sich aufzucken. Das kleine Haus der Bezirkskommandantur in der stillen Strae hinter dem Ordenstor, ihr damaliges Heim ... Major Splettner, ihr damaliger Gatte, grmlich und verbittert wegen der zu frh abgeschlossenen Karriere ... Seine ewig scheltende Stimme mischt sich mit dem zwitschernden Jubel der Zwillingspuppen, mit denen sie selbst kindlich froh herumtobt, wenn der Hausherr nicht da ist... Wie ein Schatten huscht der lange Adjutant ber die Strae, der vierte in dem lustigen Bund, und in der Kaprifoliumlaube des verwilderten Hausgartens krht er zum Ergtzen seines dankbaren Publikums wie ein Hahn, gackert wie ein Huhn, wenn es ein Ei gelegt hat, und lt mit dem Mund Champagnerpfropfen knallen... Aber das Tollen mu aufhren, die Jungen, noch nicht sechsjhrig, sollen zu lernen anfangen, bestimmt der Major. Und da bringt eines Tages der Adjutant seinen Freund Doktor Ender ins Haus. Er ist Reserveoffizier bei dem Infanterieregiment, von dem zwei Bataillone im Stdtchen liegen; das legitimiert den jungen Gymnasiallehrer bei dem Major, der ihn sonst nicht ernsthaft genug und bedenklich jung findet ... Mutter und Lehrer bemitrauen sich im Anfang anscheinend, sind eiferschtig aufeinander und beklagen sich gegenseitig bei dem gemeinsamen Freunde. Aber auf dem ersten Spaziergang mit ihm und den Kindern, an einem Mrztag, lngs den abfallenden Ufern der raschflieenden Aller -- beim Ktzchenpflcken -- stehen sie pltzlich voreinander -- tief erschrocken, einander stumm anblickend: das bist du ... das hab' ich ja nicht gewut... Es ist sonderbar, da man in einem Augenblick ganze Monate in der Erinnerung durchleben kann, sagte Frau Irmgard von Betzwold aufatmend... Ja, ich habe eben auch vieles deutlich gesehn und empfunden, was ber dem grausigen Abschlu lngst vergessen war ... Vieles Schne und Liebe. Und schlielich war es auch nicht einmal eine Schuld, sagte Frau Irmgard unbewut. Es htte so aussehen knnen, wenn es je einer geahnt htte ... Was nahm ich ihm denn? ... Gar nichts! Ich versteckte unser kurzes Glck vor ihm, wie ich vor seiner Gehssigkeit jede kleinste Lebensfreude verbergen mute... Freilich war diese Schuld eine geringfgige gegen das andere, sagte er. Sonderbar brigens, da das, was uns zum erstenmal einander in die Arme jagte, auch ein Mord war ... Denkst du daran?... Ob sie daran dachte ... An den unvergelich grauenhaften und doch schnen Tag... Die Nachbarkatze hatte das einzige, was der Major auf der Welt liebte -- seinen Kanarienvogel, gefressen -- und er, mit dem Burschen gemeinsam, sie gefangen und mit einem alten Degen lebendig an die Wand gespiet. Sie schauderte noch heute, wenn sie daran zu denken wagte. Halb bewutlos vor Grauen, war sie zitternd aus der Wohnung gelaufen. In der Abenddmmerung durch den Garten ber den Wiesenweg zu dem kleinen Haus neben dem Tannenkrug, in dem Doktor Ender allein wohnte... Fassungslos war sie ihm um den Hals gefallen und hatte nicht mehr fortgehen wollen -- und war dann doch selig -- als sein Weib -- unempfindlich gegen das, was sie zu Hause erwarten konnte, heimgeschlichen... Htten wir damals -- nach jenem Maiabend, den Mut gehabt, uns zueinander zu bekennen -- sagte Doktor Ender nachdenklich. Um Gottes willen, rief die Geheimrtin. Ohne Existenzmittel -- die Kinder in seinen Hnden ... Sie selbst haben das doch damals fr unmglich gehalten ... Ich htte es ja auch gar nicht berlebt -- Splettner htte mich wie jene Katze, glaube ich -- doch warum diese berflssigen Erwgungen? ... Vier Jahre spter war er tot... Und wieder ein paar Jahre spter war ich ein wohlhabender Mann -- aber was half uns beiden das? Uns hatte die Nacht vom 8.September auseinandergefegt. Und doch htte sie uns zusammenkitten mssen, wenn man's recht bedenkt... Nein, nein, es war schon richtig so, da wir uns nicht mehr sahen... Angst war es vor der Welt -- bei mir miverstandenes Ehrgefhl dazu. Darber haben wir einen unschuldigen Menschen ins Verderben und in einen frhzeitigen Tod gejagt. Haben Sie daran nie gedacht?... Dieser Kellner Hake war ohnedies ein verlorener Mensch. Er hatte allerlei Schandtaten auf dem Gewissen. Ich habe mich spter erkundigt... Aber die, wegen der er lebenslnglich verurteilt, wurde und dann auch im Zuchthaus starb, hatte er nicht begangen. Und wir wuten es. Wir konnten es nicht genau wissen -- es war immerhin mglich... Beschnige es nicht. Sieh noch einmal das Ganze, wie es war... Frau von Betzwold sttzte sich auf und sah mit berquellenden Augen in ihre Schokoladentasse, aber sie schwieg. Sie lie die Worte des Mannes ber sich hinstreichen wie einen Wind, dem man schutzlos preisgegeben ist. ... Wir hatten uns drei Wochen nicht gesehen. Ihr wart an der See -- in Cranz, und wolltet noch den ganzen September dort bleiben. Da warst du auf die Idee gekommen, irgendeine Reparatur in deiner Wohnung vornehmen zu lassen, und kamst fr einen Tag herber. Weit du es? Sie nickte. Leider... Am Tage zeigtest du dich im Stdtchen. Die Nacht gehrte uns. Du kamst ber den Wiesenweg -- ganz feucht von den Abendnebeln kamst du ... Am Morgen schlichen wir hinaus. Auf der schiefen Bank im Ellernbusch, oben am Ufer, dicht neben der Gartenpforte hinter dem Tannenkrug, setzten wir uns nieder. Wir drckten uns schweigend aneinander und sahen glckssatt in die fahle, stumme Welt um uns, und ich wei noch, wie eine groe Eule vor dir aufflog, ohne da man sie hrte ... Und da schlurrte das Schicksal heran... O Gott, seufzte Frau Irmgard. Da, es war der Gastwirt Passinner. Er kam ber seinen Hof geschlichen, und wir sahen ihn erst, als er mit der Last, die er schleppte, dicht neben unserm Busch stand, so dicht, da wir durch das Blattwerk auch die wilden Augen sehen konnten, mit denen er um sich sphte, bevor er den blutigen Sack das steile Ufer hinab in das Wasser warf ... Er keuchte und sthnte -- es war wohl keine leichte Last gewesen, und der schwarze Zopf... Ich sterbe, wenn du nicht schweigst, unterbrach Frau Irmgard mit vergehenden Blicken. Das war ja alles ... Weiter gab's ja nichts ... Wir rhrten uns ja nicht ... Wir sahen einen Mrder davontaumeln und blieben muckstill... Ja, natrlich ... vor Entsetzen ... Wie gelhmt waren wir, konnten nicht sprechen und saen wie versteinert da. Aber du mutest doch nach Hause. Heimbringen durfte ich dich nicht. Ich blieb im Ellernbusch und sah dich wie einen Schatten durch den Nebel gleiten... Ach, ich in meiner schauerlichen Angst rannte und rannte. Ich ri zu Hause meine paar Sachen zusammen und lief auf den Bahnhof und sa zwei Stunden im Wartesaal und klammerte mich an unseren Kohlenlieferanten, der auch mit dem Morgenzug fahren wollte, und der sich meiner dann spter auch angenommen hat. An dich habe ich gar nicht gedacht ... Es war in mir alles wie ausgelscht, Liebe und alles. Mit einem Mal und fr immer... Also bei dir auch? sagte Doktor Ender. Ich wollte es mir anfangs gar nicht zugeben. Auch war ja die Sehnsucht nach dir oft gro ... Keine Liebessehnsucht -- nein--. Aber du hattest ja das Wundermittel der Erlsung in Hnden -- ein mutiges Wort von dir, und der unglckliche Kellner -- den sie schuldig sprachen, als der Mord, trotz der unzugnglichen Stelle am Flu, bekannt wurde -- whrend der wirkliche Mrder als Hauptbelastungszeuge auftrat ---- und er ist ja dann auch bis an sein seliges Ende frei herumgelaufen... Ach, es war ja alles verlorenes Volk, lieber Freund. Selbst die unglckliche, ermordete Hausiererin mute ihr Leben wegen einer Diebsbeute lassen ... Wir dagegen hatten alles zu verlieren, Kinder, Stellung ... Sagen Sie selbst: wie htten wir weiter leben sollen, wenn wir ffentlich bekannt htten? ... O Gott, nein -- so furchtbar das alles war, kme es heute noch einmal -- ich wrde genau so handeln wie vor zwanzig Jahren -- oder, besser gesagt, mich gerade so treiben lassen... Das ist doch aber das Schrecklichste von allem gewesen -- dies sich gegen seinen Willen Treibenlassenmssen, sagte Doktor Ender. Da stehen die Gerechtigkeit und die Wahrheit. Man ist ein anstndiger Kerl, kann sich eine Weltordnung ohne die nicht vorstellen -- und man schleicht an ihnen vorbei. So ins Nichts, ins Dunkle ... Ich kann Ihnen sagen, Irmgard Splettner, keine Stunde hab' ich meinen Jungen in der Klasse mehr geben knnen -- mittendrin kam's ber mich -- so einer wie du, der Mitwisser einer scheulichen Tat -- der ganz ruhig zusieht, wie ein armer, unschuldiger Mensch seiner Ehre, seiner Freiheit beraubt wird -- mit welchem Recht will der Jugend belehren und erziehen? Ich hatte ja keinen Grund mehr unter den Fen -- ich hab' ihn nie wieder erobern knnen... Leiser ... man wird sonst aufmerksam auf uns, sagte die Geheimrtin ngstlich ... Ich begreife es ja nicht, da Sie innerlich nicht ruhiger wurden, als es bei den Verhandlungen herauskam, was fr ein Verbrecher dieser Kellner Hake auch ohne diesen Raubmord war -- aber sagen Sie mir eins. Wenn Sie mich schonen wollten, und das muten Sie natrlich -- warum meldeten Sie sich nicht allein zur Zeugenschaft? Niemand wute von mir -- kein Mensch hatte mich gesehen... Doktor Ender beugte sich zu ihr hinber. Das ist's ja eben, was Sie nicht wuten, und was ich Ihnen auf keine Weise mitteilen konnte ... Er hat Sie gesehen, und er hat auch mich gesehen, wenn ich auch den Kopf gleich wieder in den Busch zurckzog und er ganz ruhig blieb... Wer -- um Himmels willen, wer?... Starr und leichenbla sa Frau von Betzwold da. Der Passinner, der Mrder, flsterte Ender. Als du davonliefst und ich dir wenigstens schutzbereit nachsah, raschelte es am Zaun, und ich sah ihn, schwer auf den Querpfahl gelehnt und mit seinen Glotzaugen dir folgend und auch mich streifend, als ich tdlich erschreckt vortrat, um dir zu Hilfe zu eilen... Und? Nichts weiter. Er lie den Kopf hngen, ich zog mich in unberlegtem, feigem Abwarten zurck und sah ihn dann sich nach dem Haus schleppen. Und hast ihn nie gesprochen? Nie ... Es war ja alles wie ein qulender Traum, und ich konnte mir manchmal auch denken, da meine vernichteten Nerven mir das vorgespiegelt htten -- nur... Mein Gott, wir wollen jetzt nicht mehr alle Mglichkeiten erwgen ... er ist ja lange tot ... Gott sei Dank, lange tot ... Und welch ein Glck, da ich dies letztere nie erfuhr ... Ach, alle lngst vergessene Bangigkeit und herzbeklemmende Sorge war in einem Moment wieder aufgewacht ... Lassen Sie uns anderes reden ... Wissen Sie, da mein Interesse fr hnliche Vorgnge mich eigentlich mit meinem Gatten zusammengefhrt hat?... So, wei er also?... fragte Doktor Ender freudig interessiert. Um Gottes willen! ... Aber ich habe doch ber alles, auch das Juristische Bescheid bekommen -- und ich bin ganz, ganz ruhig geworden... Doktor Ender sank wieder zusammen. Aber es steht doch alles fr Sie auf einem schwankenden Boden. Haben Sie das nie bedacht? Das Wirkliche an sich, das ganz einfach Wahre haben wir doch verschleiern geholfen. Damit haben wir unseren Anteil an der einzig allgemeinen Kulturaufgabe, die zugleich das einzige Bindeglied zwischen Mensch und Mensch ist, fortgeworfen -- das einzige Steuer, mit dem man an der Bosheit und Dummheit der Welt vorberkommen kann, zerbrochen. Im Licht wandeln ... Haben Sie nie daran gedacht, welch ein Glck es sein mu, nichts zu verbergen zu haben? ... Im Licht wandeln... Sind Sie ein Frommer? fragte Frau Irmgard ngstlich mit der unbestimmten Erinnerung an ein Bibelwort und drckte seine gestikulierende Hand auf den Tisch. Was ich bin? Wei ich das? Jedenfalls ein Lgner, einer, der das Weltgefge zerstren helfen wollte, und dabei, wie alle seinesgleichen, sich selbst zerstrt hat. Das werden Sie tun, wenn Sie mit solchen Grbeleien fortfahren, die Sie ja unglcklich machen mssen ... Ich verstehe Sie ja nicht und bin froh, da ich all das so anders auffasse ... Mein und der Meinen Leben hab' ich dabei nicht verdunkelt, im Gegenteil... Und das wieder ist mir ein unlsbares Rtsel, sagte Doktor Ender mde. Das gleiche Schicksal, der gleiche Sturm fat uns, und Sie treibt er in ein stilles friedliches Leben -- mich in eine wste Einsamkeit, in die keine warme Menschenstimme mehr dringt -- nichts als die Schreie der unschuldig Verurteilten aller Zeiten. Lieber Freund, Sie haben sich in bse Phantasien eingesponnen, und ich bin nicht stark genug, um Ihnen diese gefhrlichen Entstellungen der klaren Wirklichkeit zu zerstren. Entstellungen der klaren Wirklichkeit? ... Mir? ... Und das sagen Sie -- Irmgard Splettner, deren ganzes Leben sich wie hinter einer getrbten Scheibe abspielt? Die Geheimrtin lchelte halb nachsichtig, aber doch mit einem kleinen, ungeduldigen Blick in den noch immer schnen, ruhigen Augen. Doktor Ender zuckte darunter zusammen. Er stand auf. Sein eben noch in Bewegung zuckendes Gesicht nahm einen starr hflichen Ausdruck an. Meine gndige Frau, unser Zusammentreffen hat mir die allerletzte Illusion genommen, da es einen Menschen auf dieser Welt gibt, mit dem gemeinsam ich eine gleich schwere Last trage. Im Grunde mte ich in Ihrem Interesse wohl froh darber sein ... Leben Sie wohl. Hoffentlich tauche ich mit der Vergangenheit in die Verdunklung zurck, die Ihnen das Leben so leicht gemacht hat. Frau von Betzwold streckte ihm die Hand entgegen. Das sicherlich nicht. Ich will an das Liebe und Schne denken, das unsere Jugend uns beschert hat und...! Doktor Ender beugte sich fremd ber die gebotene Hand, und mit bitterem Lcheln um den zusammengekniffenen Mund ging er hinaus, ohne noch einmal in das Gesicht zu sehen, das ihm doch einst das liebste gewesen war. Die Geheimrtin blieb noch einen Augenblick in ihrem Erker. Anfangs als sie sich wieder allein sah, hatte sie das Gefhl, die letzte Viertelstunde getrumt zu haben. Dann schumte ein wildes Durcheinander von Stimmen, Bildern, ngsten, -- ein beklemmendes Entsetzen in ihr auf, peitschte ihr Blut und lie ihr Herz jagen ... Was war das? Wie hatte sie das erleben knnen? ... Wie durfte sie das erleben? ... Dieser arme Phantast, -- was war aus dem lachenden Jungen geworden? Jetzt waren ihre Zwillinge so alt wie er damals. Dieser Gedanke ri sie wieder in die gewohnte Bahn. Nicht mehr diesen verschollenen Geschichten nachhngen, nicht mehr daran denken -- nie mehr. Das war man sich und dem Leben mit seinen groen und kleinen Anforderungen als pflichttreue Gattin, Mutter und Frau von Welt schuldig... Heute abend machte man Kammermusik bei ihr. Brahms H-Moll. Ihr Gatte war ein vorzglicher Cellist -- ihre Tochter Eva fast Meisterin auf der Geige. O, es tat gut, in diese Welt der Harmonie zurckzukehren, die vor schreienden und klagenden Stimmen, vor schuldvollen Erinnerungen, vor begrabenen Jugendsehnschten und ngsten ihre klingenden Tore schlo. Todesbotschaft Der alte Sandsteinheilige stand auf dem Hgel und breitete ber das lachende, sonnengebadete Tal segnend seine Armstmpfe. Die Hnde waren ihm nmlich in Wirklichkeit vor Jahrhunderten gerade an diesem Fleck abgehauen worden, ehe man ihn erschlug. Da er nun schon lange in steinernem Bilde seinen Segen gerade von dem Ort her spendete, der sein Blut getrunken hatte, schien dem blhenden Lande, wie es da vor und unter ihm lag, wohl zugute zu kommen. Es war, als ob es alle Sonne auffinge. Die gelben hrenfelder leuchteten, die harzigen Spitzen der jungen Fichtenpflanzungen funkelten wie kostbare Steine, das Wsserchen, das sich durch die saftgrnen Wiesen wand, glitzerte und sprhte mit blausilbernen Funken -- kurz, es war ein Lachen und Leuchten in dem ganzen Gesichtsfeld des heiligen Mannes, das ihm wohl gefallen konnte. Dafr sah es hinter seinem Rcken ganz anders aus. Da fhrte ein schmaler Weg in einen mchtigen, dsteren Wald. An dem schien die Sonne abzuprallen. Seine uralten Buchen wehrten sich gegen die heie Flut, die drauen das Tal berstrmte, und nur rmliche, grngoldene Wellchen zitterten ber den Weg, der, langsam ansteigend, sich in grner Dmmerung verlor. Am Eingang dieses Weges stand eben eine einsame Frau, die aus einem der groen Sanatorien des Badeortes drben hierhergekommen und im Vorbergehen mit dem alten Steinbild und all der goldenen Lebendigkeit ringsherum gut Freund geworden war. Sie stand auch noch ein Weilchen da und sah mit den stillen Augen, aus denen das Leben Lachen und Weinen herausgeholt hatte, voller Verwunderung ber so viel Glanz und Flle um sich. Zu ihren Fen standen Blumen in unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit. Als ob sie einen Teil der Sommerschnheit fr sich bergen wolle, bckte sie sich trotz ihres kranken Herzens, dem, wie sie wohl wute, hastige Bewegungen verderblich werden konnten, und fing an, eifrig davon zu pflcken ... Rote Kuckucksnelken und tiefblaue Glockenblumen, weiglnzende Schafgarben, Wicken, Windengeranke, den gelben Steinbrech, der so stark und schwl duftet, und mancherlei anderes buntes und liebliches Sommergewchs. Ehe sie sich dessen versah, hatte sie einen ganzen Armvoll. Und den Kopf mit dem schon silbern schimmernden Haar hineingedrckt, schlug sie nun in Gedanken den dsteren Waldweg ein. Khle und Dmmerung unter den hohen Bumen strichen wie liebkosende Hnde ber ihren heien Leib. Ein paar blasse, huschende Lichter tauchten in dem dunkeln Laub auf oder kletterten zitternd an den Stmmen empor. Ein Specht pochte in der Ferne, sonst war alles still ... Die Wirklichkeit schien in dem Sonnental geblieben. Hier im Schatten standen die Trume auf... Zuerst ging die Frau mit dem Arm voller Blumen weiter und weiter, unbewut sich ihres Alleinseins freuend, ohne um sich zu hren und zu sehen. Allmhlich aber sprangen aus dem Walddunkel Tne und Worte ber sie her, ohne Zusammenhang -- hier eines und dort eines, und pltzlich war es ein altes Studentenlied, das ihr in den Sinn kam. Vor vielen Jahren hatte sie es von einem gehrt, der schon lange tot war und der ihr auch eine Geschichte dazu erzhlt hatte, die sie nicht mehr wute. Aber die Worte waren nun da, und sie summte sie vor sich hin, im Takt danach schreitend: Wo seid ihr Zur Zeit mir Ihr Lieben Geblieben, Die einen -- Sie weinen -- Die andern -- Sie wandern, Die dritten -- Noch mitten Im Strome der Zeit. Gestorben -- Verdorben -- Zu den Toten Entboten -- Ach alle, wie weit ... Im Gehen dmmerte ihr auch der Sinn der gedankenlos hingemurmelten Verse auf, und damit kam eine flchtige Erinnerung angeschlichen. Dahinter eine andere und dann mehr und immer mehr, bis zuletzt nichts als ein groes Fragen in ihrer Seele war: Ja, wo seid ihr alle, mit denen ich einmal wanderte, ich, die ich jetzt so allein bin? Sie setzte sich auf eine Bank, die sich in ein Erlengebsch schmiegte und von der aus man endlos weit in den grn dmmerigen Weg sehen konnte, lehnte den Kopf an den Stamm hinter sich und machte die Augen zu. Aus den Fragen wurde eine groe Sehnsucht und aus der Sehnsucht ein Rufen: Ach, wenn ihr doch wiederkmt -- wenn ihr doch wiederkmt -- du -- und du -- und du! Und wie sie dann aus halbgeffneten, traumverschleierten Augen aufsah, schien es ihr, als ob Schatten um sie her aufstiegen und langsam vorberglitten. Sie frchtete sich nicht. Ja, kommt nur, sagte sie und suchte, ob sie nicht liebe entschwundene Gestalten unter den gleitenden zu erkennen vermchte. Fast war es ihr auch, als ob sie einen und den andern von ihren Heimgegangenen den dunkeln Weg heraufziehen she. Hier und da tauchte ein wohlbekanntes Gesicht hinter einem Baumstamm auf, aber es zerflo, und ein anderes erschien, das irgend eines Weggenossen kurzer Stunden. Und niemand von ihnen machte vor ihr Halt. Niemand hauchte ihr im Vorberstreifen ein gutes Wort zu, auch die Liebsten glitten mit weit offenen und doch blicklosen Augen an ihr vorbei und zerflatterten in dem grnen Dmmer. Ich habe nicht Kraft genug, euch zu rufen oder zu halten, dachte sie traurig, sonst sprcht ihr wohl mit mir. Sie senkte die Blicke und drckte das Gesicht in die lebendigen Blumen... Was machst du mit all dem blhenden Unsinn? fragte da aus dem Schattenzuge her eine spttische Stimme. Ja, was macht man mit blhendem Unsinn? -- Man freut sich daran -- man hebt ihn auf -- man wirft ihn weg. Doch -- wer fragte mich denn? -- wer war das? Sie schaute auf, und da sah sie dicht vor sich den, der sie vor langer, langer Zeit jenes Lied gelehrt hatte, mit dessen Versen sie diesen Weg gegangen war. Wie kommst denn _du_ her zu mir? An dich hab' ich kaum gedacht -- und gerade _du_ bist da? Ein leises Lachen. Und wie der Schatten immer krperlicher wurde! Zum Erstaunen lebendig, gar kein Traum mehr ... die groe, gedrungene Gestalt mit der nachlssigen Haltung ... die breiten, festen Hnde -- das Gesicht, hlich mit seinen hervortretenden Backenknochen, dem grausamen Munde, um den Zrtlichkeit und Hohn spielten ... Und die Augen. Ja auch diese merkwrdigen grauen Augen mit dem rasch wechselnden Blick... Es ist kaum zu glauben, wie deutlich ich dich sehe, sagte die Frau. Dich ... dich? ... Ja, hab' ich dich denn noch du genannt, als wir uns zuletzt sahen? Ja, sage nur >du.< Dein Mann ist ja nicht da. Auch keine beste Freundin ... Und vergit du ganz, da ich schon lange gestorben bin? Du lebst ja -- du lebst vor mir in diesem Augenblick wie in jenen Jahren, als ich, kaum erwachsen, zu meiner alten Pate Stephany kam und wir in eurem Haus ber eurer Schlosserwerkstatt wohnten ... Und du Student auf Ferien, zum Examenarbeiten ... Und wenn ich konnte, lief ich hinunter in den Garten ber dem Moor ... in dem der Kibitz schrie ... und die Wasserhhner pfiffen ... Und wir saen zusammen und sahen zu, wie die Sternschnuppen fielen, und wnschten uns tausenderlei ... so lebst du ... jetzt mit einem Male, und warst doch so lange tot... Ich lebe von _deinen_ Gnaden. Ich feiere meine Auferstehung auf _deinen_ Ruf. Ich rief dich nicht; du warst gar nicht in meinen Gedanken. Dein Sehnen rief mich, du weit's nur nicht. Wie sollte das wohl zugehen? fragte sie. Ich wei, da ich trume. Ich bin im Walde eingeschlafen. Du hast dich in meinen Traum geschlichen. Soll ich wieder fortgehen? fragte er, und es war, als ob er in das Gebsch hinberflsse. Nein, nein, bleibe. Und sprich. Es ist ein so merkwrdiger Ton in deiner Stimme. Keine hat je wieder so geklungen. Und dabei hast du mir nicht einmal viel Gutes gesagt damals. Es war aber alles wahr. Und darum hast du es in deinem Herzen aufbewahrt. Darum ist anderes, was deinem Sinn schmeichelt, was du gerne hrst und doch innerlich nicht anerkennst, verklungen. Heute sind die Lebendigen tot, und ich, der Tote, lebe... Du mut nicht sagen, da du tot bist. Wenn wir hier nebeneinander sitzen, sollst du diese Stunde ganz leben und mit mir reden... Wie einst im Mai... hhnte er. Geradeso war es immer mit dir, sagte sie. Wenn man ernst oder eindringlich mit dir sprechen wollte, fingst du an zu spotten. Ich konnte Sentimentalitt nie vertragen, sagte er. Du hattest immer Anlage dazu. Sonst httest du auch spter den langen Erwin, genannt >Latte<, nicht genommen, als er nach seiner auseinandergegangenen Verlobung Trost bei dir suchte. La doch meinen Mann aus dem Spiel. Hat er nicht das Leben gezwungen? Jawohl ... Leiter so einer groen Bank ist eine schne Sache ... Ich wre jetzt hchstens Justizrat irgendwo in Posemuckel -- wenn ich nicht zugrunde gegangen wre. An den Weibern... Sag: am Weibe, das ist prziser ... Aber freilich Przision und du! -- Du mit den huschenden Gedanken und den phantastischen Reden ... Wie hat mein vielgeliebter Korpsbruder Erwin, die przise Klarheit in Wort und Wandel, da wohl gestaunt! Kennen tat er dich ja kaum, als ihr heiratetet... Das ist auch nicht ntig. Dazu ist das gemeinsame Leben lang genug ... Und dann -- schlielich -- nach allen Versuchen, sich kennen lernen zu wollen, ist doch jedes Menschen Los die Einsamkeit... Ja -- wenn der Lebensweg des sogenannten Gefhrten in der Brse mndet, whrend die Frau Traumwege sucht und mit Toten geht... Htte ich Kinder, wre das anders. Aber -- es ist auch so gut. Ich bin jetzt lngst jenseits aller Wnsche -- ich grme mich nicht mehr -- ich freue mich nicht mehr -- aber ich bin zufrieden. Ist das deine Endweisheit, Sonntagskind? Als deine Haare noch dunkel waren, verlangtest du andres. Sonntagskind? sagte sie. Das hab' ich vergessen in meinem langen Leben. Es hat auch keiner mehr danach gefragt, seit damals -- seit wir unter der groen Birke -- dein Vater hatte sie an deinem Geburtstag gepflanzt, erzhltest du -- er nickte und sah sie an wie damals, schien es ihr -- als wir unter jener Birke saen an einem schnen Sonntagvormittag, an dem ich die Kirche geschwnzt hatte. Meine Pate und ihre Tochter waren fromm hingegangen. Da kamst du den langen Gang hinter eurer Schlosserwerkstatt her und wolltest mir Gedichte vorlesen. Aber die Sonne brannte, und darum gingen wir in eure Kaprifoliumlaube, in die du mir jeden Morgen ein paar schne Verse legtest. Schade, da ich sie nie zu nehmen wagte. Ja ... ich, ich, ich, den das Weib schon damals in den Fngen hielt, ich dichtete ein unreifes Mdel an... An diesem Sonntag aber sagtest du eins aus dem Kopf, das ich schon kannte: >Es war ein Kind in Avelun.< Und da erzhlte ich dir, da ich auch ein Sonntagskind wre, und du sagtest, das httest du lngst gewut. Und jetzt mte ich armer heraufbeschworener Schatten wohl den hbschen Schluvers sagen: >Wer Liebe singt, der singet Leid -- o Sonntagskind -- o Sommerzeit!...< brigens sprachen wir damals von Liebe noch wenig ... wir sprachen von Wagner und Raabes Abu Telfan, von Genie und Charakter, von Ruhm und Zukunft... Ja, ja, und von einem Roman, den du schreiben wolltest, haben wir viel geredet ... Wahrhaftig, ich besinne mich ... =Vitium cordis= sollte er heien ... Ach, wie war ich stolz auf ihn! ... Wenn ich's mir recht berlege, war er naturalistisch vorempfunden... Erlaube, das ist eine Bemerkung, die in das Reich der Lebendigen gehrt. Vergi nicht, da ich da nicht mehr zu Hause bin. Denk doch nicht an die Lebendigen, sagte sie eifrig; ich bin ja so froh, da nun all diese Bilder und Gedanken kommen, die ganz verschttet in mir waren. Sprich weiter, sprich!... Ich spreche ja eigentlich nicht ... _du_ bist es... Ja, und weit du, ich vergesse ganz, da ich eine alte Frau bin und ein krankes Herz habe. In diesem schnen Traume schlgt es so stark wie in der Jugend. Schlug es stark? Ja, sagte er in dem halb nachdenklichen, halb spttischen Ton, den sie so gut an ihm gekannt hatte, ja, fr allerhand Kinkerlitzchen -- fr den Sultan Abdul Hamid -- fr du-Bois-Reymonds Grenzen des Naturerkennens. Sie lachte hell und froh. Geradeso sagtest du damals und wolltest, ich sollte mich mit meinen Gefhlen auf meine Umgebung konzentrieren ... Es lag wohl nahe, auf wen! Glaubst du, da dir das Schaden an deiner Seele getan htte? Glaubst du, da deine Lebenden von heute zu kurz gekommen wren, wenn?... Nichts von den Lebenden. Das Leben liegt in diesem Augenblick so farblos hinter mir. Dieser Traum wird so schnell vergehen, und das Leben ist noch so lang... Glaubst du? fragte er. Glaubst du? klang es wie ein leiser Widerhall in allen Bschen, von allen Seiten. Sie drehte sich um. Aus dieser Frage kommt es wie ein kalter Hauch, sagte sie erschauernd. Was willst du damit sagen? Sollte mir der Abschied von der Erde so nahe sein? Willst du _das_ damit sagen? Hast du nicht schon Abschied genommen, als du sagtest, das Leben lge farblos hinter dir? Schlgt dein Herz, sonst so kraftlos und mde, nicht stark und jung, wenn du den alten Garten, wenn du mich siehst, und wenn du alles mit dem vergleichst, was dir da vorn in Tag und Sonne lebt? Wenn ich Kinder htte, seufzte sie, dann ginge ich mit in die Zukunft und brauchte meine Seele nicht an die Vergangenheit zu haken. Du wolltest ja keine. Was berhaupt wolltest du je mit dem starken Willen, der schon Tat ist? Bist du wiedergekommen, um mich zu qulen? Glaubst du, ich wei nicht, da ich mich verirrt habe? Zu den Hhen wollte ich... Und bist in die fruchtbaren Niederungen der guten Diners gekommen, aus denen Rangordnung die Kraft des Empfindens und Handelns verjagt hat. Ich hre dich sprechen wie einst, ich sehe dich blicken ... ach, wie habe ich diesen Blick vergessen knnen? Wie sich die wehtuende Klte darin lste -- zu Weichheit, zu Liebe, zu bedingungslosem Aufgehen... Wunder auch! sagte er. Du machtest mir ja damals meine Seele gesund. Und zweimal gab es in unserm fernen gemeinsamen Leben dieses heie, geheimnisvolle berstrmen von Zusammengehrigkeit, das noch keine Weisheit erklrt hat ... Weit du? Ruf es dir ins Gedchtnis das erste Mal. Frau von Stephany hatte Gste geladen und bewirtete sie in dem Garten. Fr den Hauswirtssohn, dem sie sonst wohlwollte, war diesmal unter den vielen adligen Verwandten und Freunden kein Platz gewesen. In Erbitterung darber hatte ich mich in die Laube, _unsre_ Laube, gesetzt, von wo aus ich ungesehen alles beobachten konnte. Und ich sah dich mit einem Gefolge von dreien herumschwirren, sah, wie der alte Wstling, der Landrat, in falscher Vterlichkeit deinen Arm drckte und dich um die Taille fate ... Und ich hrte dein Lachen, und ich fhlte einen groen Ha gegen dich. Aber da -- wie ich wieder aufsah, standest du ganz allein, mit herabhngenden Armen und suchenden Augen, und dann kamst du langsam auf mein Versteck zu ... und wutest doch nicht, da ich drin war. Ach, ich hab's dir ja spter gesagt -- ich wute es -- ich wei nicht, woher ... Und als ich vor dir in der Laube stand, gaben wir uns die beiden Hnde und sahen uns an. Und da war es -- das selige, glckselige Fhlen -- du und ich -- eins sind wir -- _eine_ unendliche Welt wir beide -- _ein_ starkes, heies Gefhl -- ber den Worten stehend -- weit du? Ich wei, wie ich stumm und erschttert fortging zu den Gsten, und mich bewegte und sprach und wute nicht, wie und was ... Und dann die Nacht durch sa ich auf meinem Fensterbrett, bis der Morgen zu dmmern anfing, und fragte mich immerzu: Was war das in der Laube? Was hatte mich da gepackt? Was ist ber mich gekommen? Ich kann doch diesen Mann nicht lieben, der Jagd auf die Dienstmdchen der Nachbarschaft macht, der ber Ehre und Recht lacht, der keine Gnade hat mit der Schwche und keine Achtung vor der Kraft. Von allem war etwas in mir, gerade wie du es dir dachtest. Und heute weit du aus Erfahrung: das Leben ist eine Mischung von unendlich Rohem, Brutalem, Gemeinem und zierlichen Gebilden, die in unschuldiger und unbegreiflich zarter Schnheit dazwischen aufblhen. Solch ein schillerndes Ding war jene Minute. Selig, wem sie beschieden war! ... Leben, wo bist du? ... Weiter -- sprich weiter... Ich wiederhole es dir -- _du_ bist es, die alle Worte aus mir quellen lt. Dem Tode die Hand hinstreckend, empfngst du die Macht, die Toten in dir zu erwecken und sie zu dir zu rufen -- zum Selbsterkennen -- und zum Gericht... Gericht? Welcher Lebende, an den dich schmerzende Fden binden, knnte richten ber ein Wesen seiner Art, das noch mit ihm im Drang des Wollens, des Kmpfens und Unterliegens steht? Wir wollen nicht von Kmpfen und Unterliegen sprechen. Nur noch einen Blick in das Versunkene und Vergessene, ehe ich aufwache. La uns davon reden, wie wir uns wiedertrafen. Drei Jahre spter. ber die scheuen und reinen Tndeleien der alten Zeit hatten sich Erfahrungen aller Art gehuft ... Auch bei dir ... Weit du, wie wir uns am Tage meiner Ankunft zufllig in der kleinen Buchhandlung am Markte trafen? Wie wir uns mit khlen Blicken maen und uns dann doch mit einem Frohgefhl die Hnde drckten? Ja, ja -- und doch strtest du mich und beunruhigtest mich, wo wir zusammenkamen auch spter. Und dazu gab es viel Gelegenheit. Man feierte so viele Feste bei uns. Niemand wute, da wir uns mehr als flchtig kannten. Und es kmmerte sich auch eigentlich einer um den andern nicht, aber das Geheimnis unserer Geiblattlaube koppelte uns aneinander. Und manchmal ohne irgendeine Veranlassung gab's ein pltzliches Zucken hinber und herber, und ein Wort, ein Blick tauchte in die versteckten Seelen ... War's nicht so? Und dann kam ja auch wieder ein Sommertag... Ja, es war wieder Sommer. Du solltest nun bald fort. Oft stand mir das Herz still, wenn ich daran dachte, aber dann schien es mir auch wieder, als ob ich mich freuen wrde, wenn ich dich nicht mehr zu sehen brauchte -- damit ich endlich zur Ruhe kme. Als eine Art Abschiedsfest fr mich war ein Ausflug in den Stadtwald, den Wolfswinkel, verabredet worden ... Man ging zu zweien und dreien durch reifende Felder, ber Wiesen, auf denen Heu ausgebreitet lag. Wir beide schlenderten zusammen dahin, von diesem und jenem sprechend, dann wurden wir stiller und stiller, gaben zerstreute Antworten, und zuletzt schwiegen wir ganz, benommen von Sonne und Sommerduft und hin und her schwirrenden Gedanken. Mir war ganz verstrt und seltsam zumute, und ich wachte aus meiner Versunkenheit erst auf, als du weit weg von mir warst. Jeder lachte und sprach nun doppelt so viel mit den andern, und unsere Blicke, die sich zuweilen streiften, sagten sich: Siehst du, wie wohl ich's mir hier sein lasse ohne dich. Du trugst eine weie Rose an deinem blauen Sommerkleid und spieltest damit. Sie fiel zur Erde. Du sprangst hinzu und hobst sie auf, und unsere Hnde kamen zusammen ... Und da war's wieder wie vor Jahren ... Aber jetzt wute ich, was es bedeutete ... Ein sekundenlanger heier Traum voller Sehnsucht, voller Wonne, voller Glut und Erfllung ... Du warst ganz bla, und deine Augen brannten ... Keiner merkte etwas -- die jungen schwatzten und liefen durcheinander, und die alten saen auf den langen Holzbnken und waren mit sich beschftigt. Und wir standen mitten darunter und doch auf einer auerweltlichen Insel, an der berghohe Wellen heiesten Sehnens brandeten. Unter all dem zahmen Hausgetier zwei wilde Vgel, denen die Natur ein brausendes Lied von der hchsten Lebensvollendung in die Herzen schrie... Still -- still -- ich hab's nie wieder gehrt. Dann liefen wir auseinander und machten die kindlichen Scherze und Spiele der anderen mit und sorgten dafr, da wir uns nicht trafen. Bis der Abend kam und ein glcklicher Zufall uns fr den Heimweg zusammenfhrte. Erst sagtest du viel Bses und Hhnisches ber den Zwang der den Stunden -- dann-- Deine Hand in meiner, jede mit Zucken sich wehrend, so gingen wir ber das Waldmoos, den anderen weit voran ... der Mond stand gro und rtlich hinter der alten heiligen Eiche ... ein feuchtschwerer Nachtwind raschelte durch ihre Bltter ... die alten Heidengtter sprachen. _Du_ sprachst ... _du_ ... deine Worte brannten. Ein Glck so voller Glut, da seine Seligkeit in den gttlichsten Schmerzen ersterben mu. Vernichtung des Menschen und Aufwachen des Gottes. Wo hast du die Tne hergenommen, woher quollen diese Worte, die mich mit Entsetzen und Wonne durchschttelten? Ich glaubte, du wrest eine Feuerseele, aber du warst nur ein zahmes Hausfrauenseelchen. Du ersticktest den kleinen Widerhall, den meine Glut in dir lste, du warfst dich nicht dem verschuldeten Referendar in die Arme und sagtest: Sturm, nimm uns und trag uns fort, gleichviel wohin ... Du starrtest zitternd in die raschelnden Bume am Wege und horchtest schon halb auf die nherkommenden Schritte des biedermeiernden Justizrats und des langen Erwin ... die Schritte deines Schicksals... Ja ... ist es denn ein so schlimmes geworden? Habe ich Erwin nicht liebgehabt? Bin ich nicht glcklich gewesen? Hab' ich nicht lachen und weinen knnen, als ich noch nicht mde war? Hab' ich an dich und all die tollen Sehnschte und Trume gedacht, die du in mir erwecktest und die doch sterben muten? Sie sind nicht gestorben. Sie schliefen nur in dir, wie ich. Solange das Leben fliet und die Alltagswellen darberstrmen, so lange schlft das Unterdrckte, das Innerste. Aber es kommt der Tag, an dem der Strom einen anderen Lauf nimmt und den Lebenswillen nicht mehr trifft, es kommt die Stunde, die euch in den Schattenweg fhrt, wie eben dich. Dann wacht das auf, was widerrechtlich zum Schweigen gebracht war, und es ruft strker und strker, bis es uns Tote in euch auferweckt ... dann stehn wir mit der vergewaltigten Natur zusammen richtend vor euch und heulen euch in die Ohren: Was habt ihr aus euerm Leben gemacht?------ Mit einem hellen Schrei sprang die Frau auf. Es war niemand da -- alles leer, nur die Sommerblumen lagen verstreut um sie herum. Das Blut jagte mit tausend Stichen durch ihren Krper, das kranke Herz flatterte, ein eisiges Grauen kroch ber sie hin und verzehrte ihre Gedanken. Sekundenlang stand sie da und starrte um sich. Aber es blieb alles totenstill in der grnen Dmmerung. Nur der Specht hmmerte in der Ferne ... Da strzte sie den dunkeln Weg zurck, ber Wurzeln stolpernd, mit versagendem Atem, bis zu dem Waldeingang, wo in der leuchtenden Sonne der Heilige das Tal bewachte. Sonne, Leben ... haltet mich, behaltet mich! sthnte die Erschpfte und sank bei dem Bildnis in die Knie... Welche Wirrnis, welches Grauen! dachte sie, sich allmhlich beruhigend. Diese verschollene kleine Liebesgeschichte! Wie ein Todesgru! Und doch -- erhob sich in allem Frchten und Verwundern nicht schon wieder eine schwache Stimme, die sie in das Versunkene zurcklocken wollte, dem sie eben in Todesangst entflohen war? Is Ihna net recht? fragte da ein altes Weibchen, das mit seinem Rckenkorb den Weg heraufkam. Se schaun aber schlimm us! Die Frau nickte ihr mit mhsamem Lcheln zu. Es geht schon, ich habe mich bermdet und war im Wald da eingeschlafen. Das Weibchen schttelte den Kopf. Oh, oh, das is aba nimma gut in den sprindigen, kalten Wald. Wenn ma kann, soll ma schon in de Sonn bleibe. Und sie ging langsam weiter. Ja, solange man kann, soll man in der Sonne bleiben, dachte die Frau, von heien und kalten Schauern berrieselt. Und dann schlich sie mit stechend schlagendem Herzen den lieblichen Weg hinab zu ihresgleichen -- Menschen, die lebten und atmeten. Wie heute auch sie noch.... Heute noch!... G.Ptz'scheBuchdr. Lippert&Co. G.m.b.H., Naumburga.d.S. [ Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Da Absatzeinzge fehlen, ist die Absatzbegrenzung teilweise nicht eindeutig. Symbole fr abweichende Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= . Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen, Seite 14: "nchttigen" gendert in "nchtigen" (ber seiner machtvollen nchtigen Schnheit) Seite 14: ".." gendert in "..." (Schwester Marie ist nicht da...) Seite 17: "Re-,gierungsrat" gendert in "Regierungsrat" (der aber damals noch Regierungsrat war) Seite 34: "" hinter "unterwarf." entfernt (da etwas in mir sich ihm unterwarf.) Seite 43: "" eingefgt (Gestern mit Ihrem Vater, und...) Seite 64: "," gendert in "," (Ich wollte doch in die Prangsche Apotheke, stammelte er) Seite 73: "" eingefgt (wir erkennen uns nicht mehr...) Seite 86: "" an das Satzende verschoben (wenn Herr Hauptmann mich noch beurlauben knnten...) Seite 89: "" eingefgt (jedermann wei, wess' Geistes Kind sie ist...) Seite 90: "." eingefgt (edle Hunde gnadenlos niederknallte.) Seite 91: "nherlageu" gendert in "nherlagen" (obgleich ihm doch andere Gedanken nherlagen.) Seite 92: "Einqartierungsgste" gendert in "Einquartierungsgste" (Adalisa von Terkuhn erwartete die Einquartierungsgste) Seite 111: "," gendert in "," (Jungfruliche Knigin, entfuhr es dem Hauptmann) Seite 114: "?" gendert in "?" (und seiner Eiche? fragte sie) Seite 123: "..." eingefgt, die Textzeile endet im Original unvermittelt (Dein Sklave will ich...) Seite 138: "" eingefgt (Kthe ist nun also ganz bei dir, schreibst du?...) Seite 147: "," eingefgt (Ein dunkles Bild, von laufenden Abendschatten berhuscht) Seite 165: "" eingefgt (das war wirklich ... ich?...) Seite 169: "Exzellens" gendert in "Exzellenz" (dem lahmen Mdchen fr Exzellenz Berens) Seite 185: "" eingefgt (Aber? Nun?...) Seite 197: "Haltestellte" gendert in "Haltestelle" (an der Haltestelle der Kaiser-Wilhelm-Gedchtniskirche) Seite 204: "," eingefgt (so viel erlebt und erfahren, Schlimmes und Gutes) Seite 205: "" eingefgt (und schlielich auch _mich_ so?...) Seite 208: "" eingefgt (Denkst du daran?...) Seite 211: "," gendert in "," (Ich sterbe, wenn du nicht schweigst, unterbrach) Seite 217: "" eingefgt (das unsere Jugend uns beschert hat und...!) Seite 223: "unb" gendert in "und" (sprach und wute nicht, wie und was) Seite 235: "" hinter "warst." entfernt (als du weit weg von mir warst.) Seite 235: "" eingefgt (wie wohl ich's mir hier sein lasse ohne dich.) ] End of the Project Gutenberg EBook of An geffneter Tr, by Clara Sudermann License: Share Alike