Produced by Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive) +------------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift als | | fett, und Antiquaschrift als ~Antiqua~. | | Eine Liste der nderungen befindet sich am Ende des Buchs. | +------------------------------------------------------------------+ Stein unter Steinen Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger Stuttgart und Berlin Hermann Sudermann: Geheftet Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 30. Aufl. M. 2.-- Frau Sorge. Roman. 83. bis 87. Auflage M. 3.50 Geschwister. Zwei Novellen. 27. Auflage M. 3.50 Der Katzensteg. Roman. 61. bis 65. Auflage M. 3.50 Jolanthes Hochzeit. Erzhlung. 27. Auflage M. 2.-- Es war. Roman. 38. Auflage M. 5.-- Die Ehre. Schauspiel in 4 Akten. 32. Auflage M. 2.-- Sodoms Ende. Drama in 5 Akten. 23. Auflage M. 2.-- Heimat. Schauspiel in 4 Akten. 34. Auflage M. 3.-- Die Schmetterlingsschlacht. Komdie in 4 Akten 9. Auflage M. 2.-- Das Glck im Winkel. Schauspiel in 3 Akten 15. und 16. Auflage M. 2.-- Morituri: Teja. Drama in 1 Akt. -- Fritzchen. Drama in 1 Akt. -- Das Ewig-Mnnliche. Spiel in 1 Akt. 17. Auflage M. 2.-- Johannes. Tragdie in 5 Akten und 1 Vorspiel. 28. Auflage M. 3.-- Die drei Reiherfedern. Dramatisches Gedicht in 5 Akten. 14. Auflage M. 3.-- Johannisfeuer. Schauspiel in 4 Akten. 20. Aufl. M. 2.-- Es lebe das Leben. Drama in 5 Akten. 20. Aufl. M. 3.-- Der Sturmgeselle Sokrates. Komdie in 4 Akten. 15. Auflage M. 2.-- Die vorstehend verzeichneten Werke sind auch gebunden zu beziehen Preis fr den Einband: in Leinen 1 Mark, in Halbfranz 1 Mark 50 Pf. Stein unter Steinen Schauspiel in vier Akten von Hermann Sudermann Elfte Auflage [Illustration] Stuttgart und Berlin 1905 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger ~Copyright, 1905, by Hermann Sudermann~ Alle Rechte vorbehalten Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart Personen Zarncke, Steinmetzmeister. Marie, seine Tochter. Frau Homeyer, Wirtschafterin bei Zarncke. Jenisch, Buchhalter. Eichholz, Nachtwchter auf dem Werkplatz. Lore, seine Tochter. Lenchen, deren Kind. Willig, Polier. Gttlingk, Steinmetz. Jakob Biegler. Reitmaier, Kriminalkommissar. Lohmann, } Sprengel, } Arbeiter. Struve, } Bildhauer, Steinmetzen, Arbeiter. Mehrere Frauen und Kinder. _Ort der Handlung_: Berlin. _Zeit der Handlung_: die Gegenwart. Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegen drei Wochen, zwischen den folgenden Akten liegt je ein Tag. [Illustration] Erster Akt Wohnstube bei Zarncke. In der Mitte des Hintergrundes Tr nach dem Hausflur. Auf der linken Seite Tr nach Wirtschaftsrumen. Auf der rechten Seite ein breites Fenster nach dem Werkplatz fhrend. Davor, um eine Stufe erhht, ein Podium mit bequemem Lehnstuhl und Tischchen. Links vorne ein Sofa mit Sofatisch und Sesseln. Im Hintergrunde links von der Tr ein Tischchen mit Wandkonsole darber, rechts von der Tr ein Bcherschrank. Altvterisch-behagliche Ausstattung. Stahlstiche, Photographien, gestickte Sinnsprche an den Wnden. Pfeifenstnder, Zigarrenschrnkchen, Bauer mit Kanarienvogel etc. etc. Erste Szene _Zarncke._ _Marie._ _Jenisch_ Zarncke (Sechziger, mittelgro, stark ergraut. Bartfunzeln auf den Backen. Gutmtig-vergngte uglein. Sprechweise -- mit Anklngen ans Niederdeutsche -- weich, bisweilen harmlos polternd, voll stillen Grblersinnes) Marie (Ende der Zwanzig, klein, bucklig. Fahle Krankheitsfarbe. Zwei schne Augen voll wehmtig-lachender Gte. Gequetschte Sprache, bisweilen durch schweres Atmen unterbrochen. Bewegungen tastend, unsicher) Jenisch (behaglicher, beschrnkter Zahlenmensch) Zarncke (mit Jenisch eintretend) Na, Miezelchen? Marie (die im Lehnstuhl sitzt, aufleuchtend) Vaterchen! (Will aufstehen) Zarncke Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! (Tritt zu ihr hin und kt sie auf die Stirn) Lte dir die Maisonne in 'n Magen scheinen? Das is recht ... Na, Jenisch, was haben Sie da! Jenisch Die neuen Sandsteinproben aus den Knauerschen Brchen, Herr Zarncke. (Reicht ihm die kleinen Blcke) Zarncke (kratzt an den Rndern) Schreiben Sie man den Leuten, mein Kontorbedarf an Streusand sei vorlufig noch gedeckt. Jenisch (lacht respektvoll) Zarncke Zweite Post? Jenisch Jawohl. (Reicht ihm ein Paket Geschftsbriefe) Zarncke (setzt sich an den Tisch und lt die Kuverts durch die Hand gleiten) Nischt -- nischt -- nischt. (Ein Kuvert ffnend) Machen wir. (Ein zweites) Machen wir desgleichen. Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener. Mchten sie mir mal wieder einen andeichseln? ... Na, wollen mal sehn ... (Legt das Kuvert beiseite und schiebt Jenisch die anderen Briefe hin) Zurck zur Beantwortung! ... Und wenn die Leute von der Polizei kommen wegen heute nacht -- das sag' ich besser drauen. (Zu Marie) Verzeih mal! (ffnet das Fenster. Das klingende Gerusch der Meielschlge, das Klirren der Flaschenzugketten, das Quietschen der Windewagen wird hrbar) Sie da! Willig! Polier! (Lauter) Polier! Stimme des Poliers Willig Jawohl, Herr Zarncke! Zarncke Wenn die Leute vom Kriminal kommen, lassen Sie sie gleich aufs Kontor fhren. Ich will nicht, da sie mir den Platz rabiat machen mit ihrem dummen Gefrage. Stimme Willigs Jawohl, Herr Zarncke. Zarncke (nachahmend) Jawohl, Herr Zarncke. (Schliet das Fenster, das Gerusch hrt auf) Marie _Mutest_ du's denn anzeigen, Vaterchen? Zarncke Ja, das frag' ich mich auch. Aber ich kann mir doch nicht zu nachtschlafender Zeit in meinen Magazinschlssern rumpulen lassen. Womglich noch Schn Dank sagen ... Hren Sie mal, Jenisch, euch auf'm Kontor geht's ja eigentlich nischt an, aber wie denken Sie ber den alten Eichholz? Jenisch Ja, Herr Zarncke, wir meinen, er wird sich nich mehr lange halten lassen. Als Wchter. Zarncke Na, als was denn sonst? Jenisch Das wei ich ja nich. Zarncke Sinekuren gibt's nich bei mir auf'm Platz. Selbst mein Kanarienfritze hat sein Geschft. Wenn der nich singt, dreh' ich ihm den Hals um. Marie (lchelnd) Na, na. Zarncke Was ist hier zu na-na-en! (Zrtlich) Du -- h? Marie (lacht) Zarncke Der Alte hat seine dreiig Dienstjahre. Hat 's Geschft gro werden sehen ... Wird mir schwer! (Pause) Abends, wenn er elfe gepfiffen hat, setzt er sich friedfertig auf einen Block, und dann sgt er los. (Ahmt einen Schnarchton nach) Und derweilen pulen mir die Herren Einbrecher in den Schlssern rum. Mir schwant so was, min Dchting, diese Instituschon is nich das richtige. Marie (lacht) Zarncke Also, Jenisch, ziehn Sie sich tapfer zurck. Jenisch (lachend) Adieu, Frulein Mariechen. Marie Adieu, Herr Jenisch. Zweite Szene _Zarncke. Marie_ Zarncke Dabei wei ich genau, wer's gewesen is. Marie Am Ende gar der -- --? Zarncke Na natrlich. Marie (lachend) Du weit ja noch gar nicht, wen ich meine. Zarncke _Du_ meinst den Struve. Und _ich_ mein' den Struve. Und drauen auf dem Platze meinen sie _auch_ den Struve. Aber weil sie mich nich blamieren wollen, tun sie, als htten sie keinen Dunst ... Wozu hab' ich nu mal den Besserungspuschel? ... Wenn ich das Luder jetzt nich wieder raushaue, kriegt er zehn Jahre. Marie Um Gottes willen! Zarncke Fnfmal vorbestraft ... Davon zweimal mit Zuchthaus. Billiger tun sie's da nich ... Und so 'ne Seele von Mensch. Als die Steinmetzen neulich fr den brustkranken Emil sammelten -- wo er doch als Arbeiter eigentlich gar nischt mit zu tun hat -- Wochenlohn blank auf den Tisch gelegt. Und mu mausen! ... Nmlich die Diamantsplitter in den neuen Zahnsgen haben's ihm angetan. Macht er dem Polizeimann dieselbe wehmutsvolle Gaunerschnauze, die er mir heute gemacht hat, dann sitzt er schon im Kittchen ... Ach, was hat man fr'n Kreuz mit diesen Kerls! Immer wieder saust man rin. Marie Na, manchmal auch nicht. Zarncke Hm! Der Auschwitz war gut. Dem Blankmann hab' ich das Leben gerettet. Der Thiele hat sogar Karriere gemacht. Aber -- nee! -- nu Schlu! -- Ich nehm' nu nich _einen_ mehr, den mir der Verein zuschanzt. Marie Na, na! Zarncke Mariechen, ich schwr' es dir. (Das Kuvert aufnehmend) Und wenn dies hier -- ein Lmmlein is, mit Zucker bestreut, ich tu's nicht. (Das Kuvert aufreiend) Wollen mal gleich sehn! Marie Weit du, Vaterchen, dann lies lieber nicht. Nachher ist es ein interessanter Fall, und dann -- Zarncke Kann's auch ungelesen zurckschicken. (Unschlssig) Aber -- -- -- du, klingel mal, da die Homeyer mir das Frhstck bringt. Marie (klingelt) Zarncke (die Papiere musternd, die in dem Kuvert stecken) Da is nu ein ganzes Schicksal drin. Marie (bittend) Vaterchen, mach dir das Herz nicht schwer. Lies lieber nich. Zarncke Man soll zwar keinen von seiner Tre weisen. Na, wie du meinst. (Legt das Kuvert hin) Dritte Szene _Die Vorigen. Frau Homeyer_ (Frau Homeyer, kraftvolle, hbsche Person, zu Anfang der dreiig. Energische Bewegungen. Haare kokett gelockt, mit einem Stich ins Gemeine) Frau Homeyer (die Frhstckstablette mit belegten Brtchen und einer Rotweinflasche hereintragend) Schnen guten Morgen wnsch' ich. Zarncke Wir haben uns ja heut schon gesehn, Homeyerchen. Frau Homeyer Wenn auch. Ich sag' noch mal Guten Morgen. Das ziemt sich fr mich. (Auf die Tablette weisend) Is alles gut so? Zarncke Hm. Fein. Frau Homeyer Frulein Mariechen, was mchten Sie? Marie Danke. Danke. Frau Homeyer Is Ihnen heute wieder nich ganz frisch? Marie Doch. Doch. Frau Homeyer Nu sagen Sie doch. Ich will doch sorgen fr Sie. Ich kann mir gar nich genug tun fr Sie. Zarncke Ja, ja, Sie sind eine Perle. Frau Homeyer Herr Zarncke, ich kmmre mich um keinen Menschen sein Lob. Ich bin eine ehrbare Witwe. Wer so viel Leid durchgemacht hat im Leben, wie ich -- ach ja! Zarncke Ihr vieles Leid is Ihnen aber ganz gut bekommen, hren Sie mal. Frau Homeyer Ach ja. Ich hab' mir ganz gut konserviert. Zarncke Und dann so die ehrbare Lebensweise. Frau Homeyer (seufzend) Ja, ja. Zarncke Hren Sie mal, Kindchen, noch eine Frage: Haben Sie vielleicht irgend was gehrt, heute nacht? Frau Homeyer Ja. Gehrt htt' ich wohl so einiges. -- Schritte und so. Zarncke Warum haben Sie denn nichts davon gemeldet? Frau Homeyer Hat mich ja keiner gefragt. Auerdem: ich geb' keinen an. Ich misch' mich nich in fremde Sachen. Zarncke So -- das sind fremde Sachen fr Sie? Frau Homeyer Gott! Wo hab' ich denn gedacht, da es gleich Einbrecher sind? Zarncke Na, was denn sonst? Frau Homeyer Ich hab' gedacht: es is eben Frhling, -- da werden die Mannsleute doll-- Zarncke Und die Weibsleute auch. Frau Homeyer Von mir knnen Sie so was nich sagen, Herr Zarncke. Von dem Tage an, da mein armer sel'ger Mann -- Zarncke Scht, scht, scht! _Wenn_, dann wrd's auch nichts ausmachen. Na -- und? Frau Homeyer Und der alte Eichholz schlft natrlich. (Mit Betonung) Und die Tochter schlft eben auch. Nu ja. Zarncke Ach so! Das geht gegen die Lore! Frau Homeyer Ich hab' nichts gesagt. Ich misch' mich in gar nichts. La das Frulein Lore tun, was sie will. Es braucht nich jede so'n Wandel zu haben, wie ich. Aber schlielich luft auf dem Werkplatz 'n kleines Mdchen rum. Vater unbekannt. Zarncke Der Vater ist nicht unbekannt. Frau Homeyer Ach ja, man nennt ja wohl so gewisse Namen. -- Warum heiratet er sie denn nich? Zarncke Das geht mich nichts an. Und Sie auch nicht ... Was hast du, Mariechen? Marie (die mit geschlossenen Augen in den Sessel zurckgesunken ist) Nichts, Vaterchen. Du weit ja. Mir wird manchmal so grasgrn. Frau Homeyer (die eilig ein Glas Wasser gefllt hat) Glas Wasser, Frulein Mariechen? Glas Wasser? Marie (trinkt -- matt) Danke schn. Frau Homeyer Sonst noch Wnsche? ... Nein. (Da niemand antwortet, ab) Vierte Szene _Zarncke. Marie._ Spter _Lenchen_ Zarncke Miezelchen! Marie Verzeih schon, Vaterchen. Es ist wohl der Frhling. Der macht einem Kopf und Glieder so schwer. Zarncke Ja, ja, es is der Frhling ... Selbst ich alter Knochen spr' ihn. Willst nich was essen? Wart, ich bring' dir. Der Doktor hat gesagt, du sollst eine sitzende Lebensweise fhren, also fhre du eine sitzende Lebensweise. (Setzt den Teller vor sie hin und nimmt ein Brtchen) Ganz lecker! Magst du das Frauenzimmer eigentlich? Marie Ach Gott! Zarncke Ich hab' sie so lieb, weil sie mich so hbsch anschwindelt. Bichen Kuddelmuddel mu sein um einen 'rum, sonst wei man gar nich, da man lebt ... Jetzt luft sie auch hinter dem Gttlingk her. Darum der Ha auf die Lore ... Ja, der Frhling! ... Und mit dem Arbeiten gar da geht's bei allen nich ... Sie pfeifen die Sonne an, und wenn sie Mittags auf den zwei Richtscheiten liegen, dann sind sie nich hochzukriegen. (Seufzend) Junges Volk! ... brigens, du! Zu der Amsel auf dem Kantinendach hat sich ein Weibchen gefunden. Marie (freudig) Ach! Gott sei Dank. Dann wird sie sich nich mehr die Seele aus dem Leibe schreien ... Zarncke Andere Leut' schweigen sich die Seele aus dem Leibe. Marie (betroffen) Wie meinst du das? Zarncke Na, is doch so ... Schadt nischt! Sein Geheimfach hat jeder. -- Marie (hinaushorchend, ruft) Lenchen! (Sie ffnet das Fenster, der Lrm des Werkplatzes dringt herein, wie vorhin) Lenchen! Die Stimme Lenchens (jubelnd) Tante Mariechen! Marie Komm ans Fenster! Komm! Zarncke Tante nennt sie dich? Marie Soll sie nicht, Vaterchen? Zarncke Ja, ja. Kommt auf eins 'raus. Marie Na, kletter hoch! Lenchens (Kopf erscheint in der Fensterffnung) Tag, Tante Mariechen. Marie Klettre, Katz! Klettre! Lenchen Mut helfen. Zarncke (da Marie eine Bewegung macht, rasch) Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt es auf den Boden) Lenchen (die Arme um Mariens Knie schlingend) Tante Mariechen! Tante Mariechen! Marie (sie herzend) Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle? Lenchen Butterstulle. Marie (gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot) Lenchen (setzt sich ihr zu Fen auf die Stufe des Podiums und it unbekmmert) Marie Und das soll nun 'ne Schande sein -- so ein Engelskind! Zarncke Httst wohl gern so 'n Stckchen Schande an dir? Marie (inbrnstig) Ach so gerne, Vaterchen, so gerne! Zarncke Tja! Vielleicht gibt sie's dir! Marie So was zu fordern, htt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und spricht leise zu ihr) Zarncke Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach Marie, nimmt das Kuvert, reit die Papiere heraus und beginnt zu lesen) Marie (sieht es, lchelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu schaffen) Zarncke (murmelnd) Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt die Papiere heimlich ins Kuvert zurck und geht erregt im Zimmer umher) Was kann man da machen? Was -- Marie (bittend) Vater! Zarncke Was denn? Marie Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Tre kommen. Hilf doch auch dem Kinde! Zarncke Ja, leicht gesagt! ... Wie? Marie Rede mit Gttlingk wegen Lore. Zarncke Ich _hab_' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht. Marie Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fnf Jahre ist er weg gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen. Zarncke Herr? ... Knstler! Knstler is er geworden. Dieser wste Kerl kann mehr als ... Seinethalben braucht' ich gar keine Bildhauer mehr. Den schwierigsten Auftrag kann ich annehmen, seit er da ist. Marie Vater, sprich mit ihm. Nun wird sie auch noch den Schmerz erleben mit dem Alten. Ich mag das Elend nicht mehr mit ansehn. Zarncke Er sagt, er kann noch nicht. Er hat noch Hheres vor. Marie Je Hheres er vorhat, desto schlechter wird sie ihm. Zarncke Komm' ich ihm grob, dann wirft er mir den Meiel vor die Fe. Na und dann? ... Weit du: Sprich du mit ihm. Marie (erschrocken) Ich? ... Nein, nein, nein. Zarncke Warum nicht? Marie Vaterchen -- das -- kann ich nicht. Zarncke Siehst du. Man kann manches nicht. (Es klopft) Herein. Fnfte Szene _Die Vorigen. Eichholz_ (Eichholz: Ende der Sechzig, knickbeinig, wrdevoll-finster, mit militrischem Anflug, alter Schwadroneur, fast weies, buschiges Haar, Rundbart mit ausrasierter Oberlippe, Bratenrock mit Ordensschnalle und eisernem Kreuz) Zarncke Na Eichholz! Ausgeschlafen? Lenchen (ihm entgegen) Grovaterchen! Grovaterchen! Eichholz (will sie nicht sehen) Marie Pscht! Lenchen! Komm her! Grovater hat keine Zeit. (Sie beginnt zu sticken. Das Kind spielt) Eichholz Nja. Zarncke Und so feierlich! Was is denn los? Eichholz Herr Zarncke -- ich mchte -- freundlichst -- um meine Entlassung gebeten haben. Zarncke (mit Marie einen erfreuten Blick wechselnd) Sieh mal an! Eichholz Denn ich habe nmlich in Erfahrung gebracht -- da die Steinmetzen behaupten -- _wollen_, da ich gewissermaen -- meines Amtes nicht mehr gewachsen bin. Zarncke So? Eichholz Denn im Punkte des Ehrgefhls, da la ich mir nicht drankommen. Und wenn die Steinmetzjungens sich die Schnauze verbrennen, damit, da sie nicht wissen tun, was ein gewissenhafter Mann ist, und was ein sehr tauglicher Mann ist -- Zarncke Nu kohlt er wieder. Eichholz Und was ein knigstreuer Mann ist ... Und wo ich mir habe in Ihrem Dienste ldiert, da ich mir habe nmlich die Schulterblattmuskeln ausgefallen. Zarncke Ich wei, ich wei, ich wei. Eichholz Und wo ich da immer noch ein wollenes Fellchen, wie man so sagt, ein Puschemauchen, drum herumtrage, wegen den Reimantismus, wo ich mir auch im Dienste geholt habe. Zarncke Ja -- so Nachts auf dem kalten Stein schl-- (sich rasch verbessernd) sitzen -- sitzen, das hlt der Krftigste nicht aus. Eichholz Ich? Sitzen? ... Sitzen? Ich -- Nachts? Nu sagen Sie blo noch, Herr Zarncke, ich hab' auch die Augen zugemacht, dann kann ich ruhig jehn, mir aufhngen. Zarncke Na, na, na. Sagt ja keiner. (Zu Marie) Was fngste da an? Eichholz Wo ich doch schon Kummer genug hab' -- mit meine Tochter -- und hier mit -- diese -- diese -- Mestize. Marie (hebt erstaunt den Kopf) Zarncke Wieso Mestize? Eichholz Nu, was ein ungebhrliches Kind is -- 's is ja schlimm, da man das selber sagen mu, -- aber das is doch nich anders, das is doch eine Mestize. Zarncke Ach, Sie haben wohl ein Indianerbuch gelesen? Eichholz Ja, so Sonntagnachmittag, wenn ich 'n freien Momang habe, dann les' ich wohl sehr gerne in de Indianerbiecher. Zarncke Nu hren Sie mal, lieber Eichholz, alter Kriegskamerad, wie wr's, wenn Sie sich mal 'n bichen mehr Ruhe gnnten? Eichholz Ja, ich bin aber ausgeschlafen so gegen zehne. Zarncke (leise zu Marie) Kunststck! ... Nein, nein, ich meine zur Nachtzeit, Eichholz. Eichholz Ja, wenn man das so ginge, Herr Zarncke. Aber was 'n gewissenhafter Wchter is und 'n tauglicher Wchter is, der hat Ohren, sag' ich Ihnen, der hrt den Maulwurf graben zur nchtlichen Stunde, sag' ich Ihnen. Zarncke Aber von Einbrechern haben Sie heute nacht nichts gehrt -- h? Eichholz Hhhh! Da lach' ick wwer. Zarncke (ernst) Heute nacht ist nmlich eingebrochen worden, Eichholz. Eichholz (gekrnkt) Fangen Sie nu auch so an, Herr Zarncke, wie die Steinmetzjungens? Zarncke (ernst) Ich mu wohl, Eichholz. Eichholz (versteht, fassungslos) Ach so! (Sein Gesicht verndert sich) Zarncke (bittend) Nu sehn Se mal, alter Freund. Sie gehn auf die Siebzig. Nu schlafen Sie sich doch mal ordentlich aus. Im Bett. Verstehen Sie. Im ordentlichen Bett. Eichholz (klglich) Ich kann gar nich im Bett schlafen. Zarncke Dann werd' ich Ihnen einen schnen, harten Granitblock in Ihre Schlafkammer schaffen lassen ... damit Sie Ihre Bequemlichkeit haben ... Eichholz (brtend) Nja. Zarncke Und Not sollen Sie auch nich leiden. Ich setz' Ihnen 'ne Pension aus ... Knnen auch wohnen bleiben ... Bei Tag schustern Sie 'n bichen oder luten die Pausen ab oder helfen Ihrer Tochter in der Kantine. Eichholz Und gewhn' mir das Saufen an. Zarncke Sie werden doch nich. Eichholz Herr Zarncke, ich bin ein Mann -- hochgeehrt -- ich hab' anno 70 immer mit am Offezierstisch gegessen. Zarncke Na, na. Eichholz Ja ... Ich bin nie 'n Fettschmecker gewesen und 'n Saufjee, ich hab' noch nich mal 'n Stckschen Kse ins Schnapsglas getunkt. Zarncke Schmeckt ja auch gar nich. Eichholz Das is nu Ansichtssache, Herr Zarncke ... Aber wenn man in eine so lausige Beschaffenheit versetzt wird, da das Ehrgefhl im Menschen so sehr gekrnkt wird, wo man doch von seinem redlichen Schustergewerbe nichts mehr brig hat wie 'n paar Lederabflle und zehn steifgewordene Finger ... und ehe man so'ne Schandpanksjohn annimmt ... Zarncke Sie sind ja ein ganz beiiges altes Vieh, hren Sie mal ... Eichholz Ich ... ich ... hab'... ich ... (Wrgt) Zarncke Na, na, Eichholzchen ... Nu si doch man wedder good, min Shn. Eichholz (befehlshaberisch) Lenchen! Marie (ngstlich) Nein, nein, das Kind bleibt hier. Eichholz Ich und Lenchen -- wir gehn jetzt aus'm Haus. Zarncke Wenn Sie aus dem Hause gehen wollen, Eichholz, dann kann ich nichts dagegen haben -- das heit, Sie werden sich ja noch anders besinnen -- Eichholz Na, glauben Sie, geehrter Herr, ich werd's mit ansehn, da irgend so ein hergelaufener Sch -- Schlump jetzt sagen kann, ich bin dem weggejagten Alten da -- sein Nachfolger. Das -- nee -- nee -- nee! Ich hab' noch 'ne kleine Nachrechnung, Herr Zarncke. Wegen ein paar reparierte Abstze, die schenk' ich Ihnen, Herr Zarncke. Ich arbeit' nich mehr fr Sie ... Guten Morgen, Herr Zarncke. (Ab) Sechste Szene _Zarncke. Marie. Lenchen. Spter Lore_ Zarncke (verzweifelt) Na -- nu is er rabiat. Nu geht er sausen. -- Marie Du warst milde genug, Vaterchen. Zarncke Ja, wenn's Maschinen wren. Aber jeder is 'n Mensch. Jeder hat sein Schicksal. Marie In sich, Vater. Zarncke Wenn das wahr wre, dann wr' ich nicht schon so vielen ihr Schicksal gewesen ... In sich! ... Spreu sind wir im Winde. Es kommt nur drauf an, von wo er blst ... Na -- vielleicht kann man's an einem andern wieder gutmachen. (Nimmt die Papiere) Da wird heute einer kommen. So einen hatten wir noch nicht. Marie Was hat er denn pekziert? Zarncke Frag nicht. Nachher drckt's dich. Lores Stimme (drauen rufend) Lenchen! Lenchen! Lenchen (aufhorchend) Das is Mama. Ich will zu Mama. Marie (das Fenster ffnend, durch das diesmal kein Gerusch hereindringt) Das Kind is bei mir drin, Lore. Zarncke (nach der Uhr sehend) Alles still? Is schon Frhstckspause? Lores (Kopf erscheint in der Fensterffnung) Dank' schn, Frulein Mariechen. (Zu Lenchen, die die Arme ausstreckt, sich vorbeugend) Na, hopp! Zarncke Du kannst mal 'reinkommen, Lore. Lore Wenn ich darf, Herr Zarncke. (Verschwindet) Marie (schliet das Fenster und beruhigt Lenchen, die weinen will) Zarncke Und findet sich der Mann hier 'rein -- der Mann von diesem Brief -- Biegler heit er -- dann schick ihn nicht ins Komptor, dann la mich lieber rufen. (Es klopft) Herein! Lore (erscheint in der Tr) Zarncke Du, Lore, ich mu dir was sagen: Vater is von heute ab -- Lore (Mitte der Zwanzig. Hbsch, vollkrftig mit Spuren seelischen Leidens. Sprechweise bald ohne Grund erregt, bald scheinbar teilnahmslos. Bewegungen mde, schwerfllig, jh in Leidenschaftlichkeit umschlagend. Helle, schlichte Sommerkleidung des Mdchens aus dem Volke, ein wenig ber dem Habitus der Dienerin stehend) Ich wei schon, Herr Zarncke. Es ging ja schon lang' nich mehr. Zarncke Na, Gott sei Dank, da ich mich bei dir nicht zu entschuldigen brauch'. Lore Ach, Sie! (Beugt sich rasch nieder, um ihm die Hand zu kssen) Zarncke Na, na, na! Und wegen Unterhalt, da -- (Beruhigt sie mit einer Handbewegung) Aber stell ihm die Kmmelflasche hher. Das rat' ich dir, Kind! (Klopft sie auf die Schulter. Ab) Lenchen (die Arme hochhebend) Mama! Mama! Lore (ihr mit dem Schrzenzipfel den Mund putzend) Ich hab' immer Angst, da ihr ein Steinsplitter ins Aug' fliegt. Marie Ach, sie passen schon auf. Sie haben sie ja alle lieb. Lore Ja ... Die andern ja. -- Blo der der nchste dazu is -- Marie Er wird's nicht zeigen wollen. Lore Gestern hat ihr einer 'ne Wippe zurechtgemacht. Und wie er vorbeikommt, da ruft sie ihn an, er soll sie schaukeln. Da hat er sie weggeschoben -- na wie? 'n jungen Hund schiebt man nich so. Marie Das hngt anders zusammen, Lore. So schlecht ist kein Mensch. Und er sicherlich nicht. Sicherlich nicht. Lore Wenn Sie alles wten, Frulein Mariechen. -- Marie Kannst ruhig du sagen. Es hrt uns keiner. Lore Ach, ich verdien's ja nich ... Warum rhrst du mich an? Warum gibst du dich ab mit mir? (Verbirgt den Kopf an ihrer Stuhllehne) Marie (sie streichelnd) Na, na, Lore. Als du so gro warst wie die, da hab' ich dich schon gestreichelt. Dabei lassen wir's auch. (Da Lenchen weinerlich dazukommt) Du, Lenchen, der weie Br ist ein Eisbr. Und den bind mal nu an die Leine. (Reicht dem Kinde eine Porzellanfigur und ein Garnknuel) Lore Ja, Lenchen, tu das. Lenchen (fngt beruhigt von neuem zu spielen an) Marie Und la uns mal vernnftig reden. Was versteckst du dich? Warum sagst du nicht ganz offen, da er der Vater ist? Lore (verngstigt) Gott, wie kann ich denn? Er hat's doch verboten. Marie Warum lt es dir verbieten? Lore Als er im Herbst von der Wanderschaft kam, da sagt' er zu mir: Willst du, da ich wieder eintrete auf dem Platz? Ich glaub', ich hab' ihm noch die Hnde gekt in meinem Glck ... Aber eine Bedingung hatte er dabei. Mund halten, sagt' er, da keiner was erfhrt. ... Die's von frher wuten, waren inzwischen weg. Blo der Polier ... Und das ist sein Freund. Vater hat er auch in der Tasche ... Und nun bei' ich mir rein die Zunge ab Tag fr Tag und denk': Endlich mu das Schweigen doch ein Ende nehmen. Aber es geschieht nichts ... Er kommt in die Kantine. Ganz vergngt. Blo nicht allein. Da htet er sich. Marie Was soll er zu dem allem aber fr 'n Grund haben? Lore (achselzuckend) Ich denk' mir, er hat eine andere im Sinn. Marie (erschreckt, beklommen) Wen denn? Lore Vielleicht hat er sich eine aus Mailand mitgebracht, vielleicht -- ach, wer kann wissen? Marie (auf Lenchen weisend) Und du meinst, da auf'm Platz keiner was ahnt? Lore Die denken sich schon ihr Teil. Aber er tut ja doch mit allen, was er will ... Er ist mehr Herr auf dem Platz als der Polier. Da wagt keiner zu mucksen ... Und wenn er ihnen gar was vorsingt, was er da unten von den Weibern gelernt hat ... Darauf sind sie _rein_ doll ... Marie (trumerisch) Ja, schn singt er! ... Ach, Lore, was bist du dumm! (aufschluchzend) Da spielt dein Kind! Dein Kind spielt da. Und du jammerst. Lore (erschrocken) Mariechen! Marie (sich zusammenraffend) Ach, es ist der Frhling ... Es ist der ... Der macht einen ganz ... Und du jammerst. Lore (mit wehem Lcheln) Ich jammer' ja auch nich. Marie Aber du schleichst 'rum und qulst dich mit deiner Schande. -- Schande! Was ist Schande? ... Unser Leib ist ein Tempel ... Und Gebren ist Gottesdienst ... Nur wenn der Tempel im Bau verpfuscht wurde, dann ist es schlimm ... dann kommt der Frhling, und das Amselweibchen baut, und man selbst ist schon Ruine. Lore Du kannst auch noch glcklich werden, Mariechen. Marie Ich mcht' schon ... Aber wer wird vorliebnehmen mit mir? ... Und ich bin so mutig da drinnen! ... Ich mcht' was verpflanzen von mir in dich. Da du den Kopf wieder hebst. -- Nicht mehr wie 'n Stein bist in deinem Gram. Lore (lacht bitter) Marie (mit sich kmpfend) Du -- soll ich -- reden mit ihm? Lore Du -- mit ihm? Marie (nickt) Lore (ohne Hoffnung) Ja, wenn du das willst. Aber noch nicht ... Wart lieber noch ... Vielleicht, da er _doch_ -- Marie (stockend) Es wird mir -- ja nicht -- leicht fallen ... Ich kenn' ihn ja auch kaum mehr -- den groen Herrn ... Aber wenn man was _sehr gerne_ will, dann wird man's doch auch -- knnen. -- Na, freut's dich gar nicht? Lore (die Hand mutlos vor die Stirne legend) Ach! ... (Es klopft) Marie Herein! Siebente Szene _Die Vorigen. Jakob Biegler_ (Jakob Biegler: Mitte der Dreiig, sehr drftig, doch nicht schmutzig gekleidet, Hose von grauem Bauernvelvet, vielfach geflickt und zu kurz. Altes, blankgewordenes Jakett, gleichfalls geflickt, darunter braune Strickweste. Defektes Schuhwerk. Wsche nirgends zu sehn. -- Gelbes, zermrbtes Gesicht mit scheuen Augen und kurzem, wildwachsendem Blondbart. Auftreten gedrckt, verhetzt, bisweilen in verzweifelte Rauheit umschlagend) Biegler Guten Morgen. Marie Sie wnschen meinen Vater zu sprechen? Biegler Herrn Zarncke -- mcht' ich sprechen. Marie Heien Sie Biegler? Biegler (betroffen) Ach so! -- Sie wissen schon. Na -- dann -- (Macht eine halbe Wendung zur Tr) Lenchen (ist zu ihm gegangen und streckt die Hand empor) Guten Tag! Marie (seinen Seelenzustand erkennend) Mein Vater hat gesagt, wenn jemand mit Namen Biegler kommt, dann mcht' ich ihn rufen. Biegler (erleichtert) Ja, der bin ich. Lenchen Nu sag doch: Guten Tag. Biegler (sieht das Kind, ein leeres Lcheln geht ber sein Gesicht. Er wei nicht, was tun) Lore (sie leise zurckrufend) Lenchen! Marie Nehmen Sie's als gute Vorbedeutung, da dies Kindchen Sie willkommen heit. Biegler (sieht sie gro an, versteht nicht) Erst -- mu -- ich -- Herrn Zarncke -- sprechen. Marie (aufstehend) Lore, klopf, bitte, im Vorbeigehn bei Vater an (leiser) und bring dem was zu essen. Er hat's ntig. Lore (nickt) Komm, Lenchen. (Mit dem Kinde ab) Marie Nehmen Sie so lange Platz, bitte. Biegler Ich kann auch stehen. Marie (ab) Achte Szene _Biegler._ Dann _Zarncke_ Biegler (alleingeblieben, wagt sich nicht zu rhren, nur seine Augen wandern umher) Zarncke (mit Bieglers Papieren in der Hand) Guten Tag. Biegler (in straffer Haltung, wie er's im Zuchthause gewohnt war) Melde Jakob Biegler. Zarncke Is gut, is gut. Sie sind hier nicht im Gefngnis. Der Verein zur Besserung entlassener Strafgefangener hat Sie mir zugeschickt. Stehen Sie unter seiner Frsorge? Biegler Jawohl. Zarncke Wie lange sind Sie 'raus? Biegler Vier Monate zehn Tage. Zarncke Fnf Jahre haben Sie abgemacht? Biegler Jawohl. Zarncke Wegen was? Biegler (schweigt) Zarncke Na -- wegen was? Biegler (auf die Papiere weisend) Steht ja da drin. Zarncke (fixiert ihn, um sein Schamgefhl zu prfen) Da steht nur der Paragraph. Den kenn' ich nicht auswendig. Biegler (verbissen) Na, ich sprech's nich aus. Zarncke Dann werd' ich im Strafgesetzbuch nachsehn. Biegler Wenn Sie wollen. Zarncke (geht zum Bcherschrank, schlgt ein Buch auf und liest) Hm. Schlimm. Schlimm. Biegler Schlimm. (Pause) Zarncke Na, wie is es denn gekommen? Biegler Wie das so kommt, wenn ein Weib dabei ist. Zarncke Aha ... Haben Sie's gut gehabt in Sonnenburg? Biegler Man war ja mit mir zufrieden. Zarncke Ersparnisse gemacht? Biegler Jawohl. Fnfundsechzig Mark fnfzig Pfennig. Zarncke Noch was da? Biegler Dann sh' ich nich so aus, Herr -- Zarncke. Zarncke Hat der Verein Ihnen keine Arbeit besorgt? Biegler Zweimal haben sie mich aufs Land geschickt. Einmal als Hofgnger, das zweite Mal als Kuhfutterer. Zarncke Na -- und? Biegler (schweigt) Zarncke Ausgerissen? Biegler (in erregter Verteidigung) Ich hielt nicht aus. Ich -- ich -- ich -- Zarncke Dann werden Sie auch bei mir nich aushalten. Biegler Ach, Herr Zarncke. Zarncke Hier steht: auf Ihre besondere Bitte schickt man Sie zu mir. Was wollen Sie gerade bei mir? Biegler (schweigt) Zarncke Ja, wenn Sie nicht antworten ... Was sind Sie? Biegler (zaudernd, nach innerem Kampfe) Steinmetz. Zarncke Ach so! -- _Darum_! Hier steht doch -- Arbeiter. (Sieht nach) Biegler Weil ich als Arbeiter gegangen bin. Zarncke Warum denn? Biegler Wer wird mich nehmen -- als Steinmetz? Zarncke Sie htten doch probieren knnen! Biegler Probiert hab' ich genug. Zarncke Und berall abgewiesen? Biegler Einmal wurd' ich eingestellt ... Zwei Tag' spter kam's 'raus. Da lag ich schon auf der Strae. Zarncke Warum sind Sie denn nicht schon frher zu mir gekommen? Biegler (schweigt) Zarncke Wuten Sie, da ich Strafentlassene nehme? Biegler Ja, die Herren haben's mir gesagt. Zarncke Wollten Sie nich? Biegler (zgernd) Nein. Zarncke Warum nicht? Biegler (erregt) Nachher wird's doch nichts -- -- -- Zarncke Und jetzt wollen Sie? Biegler Als Steinmetz will ich auch nicht. Nich als Steinmetz. -- Wenn ich blo 'ne Arbeitsstelle htte, als Schleifer oder beim Flaschenzug, wo keiner was fragt. Zarncke Ich werd' mit dem Polier sprechen. Wenn ich drauf besteh' -- Sie knnen auch als Steinmetz eintreten. Biegler (verngstigt) Nein, nein, nein ... dann kommt's 'raus ... dann is wieder alles ... Blo auf den Werkplatz will ich ... Blo w--wenn ich den -- Klippelschlag hren kann. Blo von weitem. Zarncke Sie waren wohl ein _guter_ Steinmetz? Biegler Ach! (Zuckt die Achseln) Zarncke (voll wrmerer Anteilnahme) Hm. (Es klopft) Herein. Neunte Szene _Die Vorigen._ _Lore_ (mit einem Teller, worauf Butterbrot) Lore Verzeihung, Herr Zarncke, Frulein Mariechen hat befohlen. Zarncke Essen Sie. Biegler (gierig nach dem Teller sehend) Danke! Ich hab' -- keinen -- Hunger. Lore (leise, mitleidig) Essen Sie nur. Biegler (blickt sich scheu um, will ein Butterbrot nehmen, sieht Zarncke fragend an) Zarncke Ja, ja, Sie drfen. Biegler (dreht sich der Wand zu und schlingt das Butterbrot herunter) Zarncke Du, Lore, hol mal das Wasserglas. Lore (holt das Wasserglas vom Nhtisch) Zarncke (Rotwein eingieend) Bring ihm das. -- brigens: wie trgt's denn der Vater? Lore Gott, Herr Zarncke, er schimpft ... Ja, was ich fragen wollte: darf er den Dienst noch tun, bis ein Nachfolger da ist? Zarncke (mit einem Blick nach Biegler hin) Nachfolger hab' ich schon. Lore (dem Blick folgend) Ach so. Zarncke Gefllt er dir? Lore Ach, is 'n armer Mensch! Zarncke Sag's nicht, wie du ihn hier gefunden hast. Lore Nein, nein. (Stellt das Glas neben Biegler, ab) Zehnte Szene _Biegler._ _Zarncke_ Biegler (wrgt eiligst den letzten Bissen hinunter und stellt sich in Positur) Zarncke Sie drfen auch 'n Schluck von dem Wein trinken. Biegler Ja. (ugt zweifelnd nach dem Glase) Zarncke Haben Sie keinen Durst? Biegler Erst geben Sie mir -- Wein zu trinken, und dann nehmen Sie mich _doch_ nich. H. Zarncke Erst trinken Sie mal. Biegler (dreht sich der Wand zu und trinkt zgernd, verstohlen) Zarncke Auf den Steinmetzplatz _wollen_ Sie. Aber gewissermaen im verborgenen. So da keiner was erfhrt, da Sie keinem Rede zu stehen brauchen -- h? Biegler So was Schnes gibt's ja nich. Zarncke Vielleicht _doch_. Wollen Sie Wchter werden bei mir auf'm Platz? Biegler (in staunendem Nicht-glauben-wollen) Herr Zarncke! Zarncke Na? Biegler Das is doch 'n Vertrauensposten. Zarncke Ja, das is es. Biegler Da mssen manche sogar Kaution stellen. Zarncke (bejahend) Hm ... Und wenn Sie Mittags ausgeschlafen haben, knnen Sie unter den Arbeitern mithelfen ... da fragt Sie keiner ... Na? Biegler Wird ja nicht lange dauern -- Zarncke Das wird ganz von Ihnen abhngen. Biegler Dann kommen die Schutzleute -- und recherchieren ... Und dann is aus. Zarncke Sie wissen doch, da solange der Verein die Frsorge fr Sie bernimmt, die Polizei sich mit Ihnen nichts zu schaffen macht. Biegler (fatalistisch) Die Schutzleute -- kommen doch. Zarncke Zu mir nicht ... Biegler Die Schutzleute kommen doch. Zarncke So hren Sie doch. Hierher kommt kein Schutzmann recherchieren. Das hab' ich mir ein fr allemal verbeten. Und da die Herren vom Verein, wenn _die_ kommen, Sie nicht verraten werden, das knnen Sie sich doch denken. ... Na? Biegler Das wr' ja ein solches Glck, wie man sich gar nich -- (Es klopft) Zarncke (geht zur Tr und ffnet sie) Elfte Szene _Die Vorigen._ _Jenisch_ Zarncke (ihm den Eintritt versperrend) Was gibt's? Jenisch (vom Hausflur her) Verzeihung, Herr Zarncke -- die Polizei is da -- wegen -- Biegler (zuckt heftig in die Hhe und macht eine unwillkrliche Bewegung, als wolle er sich verstecken) Zarncke Is gut. Soll 'n Augenblick warten. Komme gleich. (Schlgt die Tre zu) Zwlfte Szene _Biegler._ _Zarncke_ Zarncke Na ruhig, ruhig, ruhig! Biegler (sich wild umschauend) Die Schutzleute kommen berall -- die -- Zarncke Unsinn! Diese Nacht is eingebrochen worden bei mir. Deshalb kommen sie. Und eben deshalb sollen Sie auch Nachtwchter werden. Verstanden? Biegler (wrgend) Herr Zarncke -- ich mu -- ich -- dank' Ihnen auch schn frs Glas Wein ... ich ... kann nich in Dienst ... ich mu -- wieder weg. Zarncke (schttelt den Kopf) Ja, zwingen kann ich Sie nich ... (Nach einem Schweigen) Haben Sie denn andere Arbeit in Aussicht? Biegler (verneint) Zarncke Wer nicht Arbeit hat von euch, wird abgeschoben von der Polizei ... Unbarmherzig ... Wissen Sie das? Biegler (bejaht) Zarncke Na und dann? Biegler (zuckt die Achseln) Zarncke Schlielich zieht der Verein auch noch seine Hand von Ihnen -- und was dann? Biegler (zuckt die Achseln) Zarncke (pltzlich seinen Ton ndernd) Nu komm mal her, min Shn. Komm, komm, komm, komm. (Zieht ihn nach vorne) Bienchen hast du doch keine? Biegler (schttelt den Kopf) Zarncke Na dann setz dir mal. (Zieht ihn in einen Stuhl) Du bist nu man bschen verbiestert, min Shn ... Wat dir da im Kopp spukt, das will ich gar nich wissen ... Is auch ganz egal. Nu la man schon bschen sorgen fr dich. (Strenge) Und jetzt geschieht folgendes: Du kriegst mal zuerst 'n Anzug von mir ... Biegler (an sich niedersehend, freudig) Ja, ja, ja, ja. Zarncke Du, du hast ja gar nich mal 'n Hemde an! Biegler (eifrig, voll Ehrgefhl) Jawohl -- hab' ich. (Reit, um das Hemde zu zeigen, die Strickweste auf) Da! (Beschmt) Blo -- Kragen hab' ich nich. Zarncke Also das kriegste alles auch. Und 'n warmen Mantel. Denn Nachts is noch kalt ... Und dann kriegst du 'ne Pfeife und 'ne Schnarre. Und die Kontrolluhren, die bis zum Abend ankommen, die erklr' ich dir. Wohnen tust du drben im Sgewerk. Und essen tust du in der Kantine bei der Lore, die dir das Butterbrot gebracht hat. Verstehste? Biegler (wie vorhin) Ja, ja, ja, ja. Zarncke Und nun kmmerst du dich um Dodt und Deiwel nich mehr. Und so wollen wir langsam wieder 'n Menschen aus dir machen. H? Biegler (nickt willenlos) Zarncke Na also. (_Der Vorhang fllt_) Zweiter Akt Der Werkplatz. Links das _Wohnhaus_ mit vorspringender _Veranda_ und einem Balkon darber, zu dem aus dem oberen Stockwerk eine Glastr fhrt. Zu ebener Erde ein Fenster. Rechts die _Kantine_ mit einer Tr in der Seitenwand und einem nach der Rampe zu gerichteten Fenster, vor dem eine Bank steht. Hinter der Kantine, ein wenig vorspringend, das _Magazin_, mit einer Tr und einer daneben angebrachten Glocke. -- Im Hintergrunde rechtwinklig zum Magazin ein offener, von Holzpfeilern getragener _Schuppen_, der sich mit seiner Hinterwand an die senkrechte Erhhung lehnt, welche den hinteren Teil des Werkplatzes bildet und zu der in der Mitte des Hintergrundes eine schmale Treppe emporfhrt. Links von der Treppe mehrere hochaufgestapelte Steinblcke, welche die Hhe des hinteren Teiles bersteigen. ber einem der Stapel ein _Kran_. Eine schmale _Feldbahn_ zum Transport der Blcke fhrt an den Stapeln, der Treppe und dem Schuppen vorber quer ber die Bhne. Blcke liegen berall verstreut. An den Wnden des Schuppens und der Huser stehen und hngen, wo nur ein Platz sich findet, Gipsmodelle: Figuren, Reliefs, Ornamentstcke. Die Veranda ist mit Schlingpflanzen bewachsen, ein Baum neigt sich ber ihr Dach. Das Kantinenfenster schmcken Blumentpfe. Den _Prospekt_ bildet eine grostdtische Huserreihe, die jenseits der am Werkplatz entlangfhrenden Strae gedacht ist. Ein Kirchturm ragt aus der Ferne herber Erste Szene (Beim Aufgehen des Vorhangs zeigt der Platz ein beraus reiches Arbeitsleben. Vor den Blcken arbeiten _Steinmetzen_ oder _Bildhauer_, die ersteren mit blauer Schrze, die letzteren mit langem, weigrauem Kittel und Papier- oder sog. Raffaelmtze bekleidet. Der Kran ist im Gange. Niedrige Wagen transportieren Blcke vorber. Hilfeleistende _Arbeiter_ in beliebigem Werktagsanzug. Mittagsstimmung) Vorne rechts _Gttlingk_ in Steinmetzentracht vor einem Blocke -- ein Gipsmodell daneben. Der Polier _Willig_ an einem anderen Blocke, messend. Unter den Arbeitern, die sich hinten zu schaffen machen, _Lohmann_, _Sprengel_, _Struve_ Gttlingk (stmmig, mittelgro, Stiernacken, blonder, schn geringelter Schnauzbart, Haar in geschniegeltem Bogen in die Stirn heruntergestrichen. Spielt den Kraftmenschen, grosprecherisch, bermtig, brutaler Charmeur. Er arbeitet mit Meiel und Klippel und singt dazu) Na -- nun kommt auch noch die Sonne angekrochen. He, ihr Zitronenschleifer da hinten, hab' ich euch nich gesagt, ihr sollt mir den Block in den Schuppen schaffen? -- Lohmann, Sprengel, ihr andern, immer 'ran! Willig Du, Gttlingk, schnauz hier nicht so viel. Sag's lieber mir. Gttlingk Du hast mir gar nischt zu befehlen, mein Sohn. Willig Und du hast denen nischt zu befehlen. Gttlingk Wenn sie so dumm sind und gehorchen. (Lohmann, Sprengel und ein dritter Arbeiter sind nach vorn gekommen) Da, wie sie anhampeln! Hab du sie man so an der Strippe wie ich. (Befehlshaberisch) Also nu los! Lohmann Warten Sie man bichen, hochgeborner Herr. Zehn Finger hat jeder zu verlieren. (Stemmt ein Brecheisen ein) Gttlingk Brecheisen weg! Ihr werd't mir die Kanten abstoen. Sprengel Ohne Brecheisen geht's nich. Gttlingk So? H! Wenn ihr man stramme Kerls wrt, ihr Volk ... (Fat mit an) ~Uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rckt weiter) Na, geht's oder nich? Lohmann Ja, wenn Sie so scheen auslndsch kommandieren! Sagst du zum Hund kusch, dann kuscht er. Blo weil er's Franzesch so gern hat. Gttlingk Noch mal: ~uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rckt wieder) Ja, ja, Kerlchens. Grips im Kopp und Marks in de Knochen. Das ist die Hauptsache. Lohmann Und 's Messer im Sack nich zu vergessen. Gttlingk Lassen Sie man mein Messer in Ruh, mein alter Sohn. (Zieht ein Dolchmesser aus einer Lederhlse, die er am Leibgurt unter dem Kittel befestigt hat) Das is dreikantig geschliffen. Das schlupft (schnalzt, das Messer vorstoend, mit den Lippen) wie 'n Kchen ... Tut gar nich weh. Will einer probieren? Willig (der mibilligend zugehrt hat) Du -- Gttlingk! Gttlingk (zu ihm herbertretend) H? Lohmann (hinter ihm her, ingrimmig) So 'n Paradehengst! (Die andern lachen) Willig Mach dich nich immer mit den Kerls gemein. La sie ihre Arbeit verrichten. Und damit gut! Gttlingk (grospurig) Ph! Ich bin nu mal so 'ne leutselige Natur. Willig Mute immer Bewunderer haben? Gttlingk (wendet sich lachend zum Stein zurck und kommandiert weiter) Zweite Szene _Die Vorigen._ _Zarncke_ (ist aus der Veranda getreten) Zarncke Polier! Willig (respektvoll) Herr Zarncke. Zarncke Is was zu melden? Willig Nein, Herr Zarncke. Zarncke Was tut der Kran da? Willig Er holt die Quadern frs Sgewerk. Zarncke Bis morgen abend mu auch der Oberkirchner Block dort an der Treppe 'runtergeschafft werden, damit er Montag in Arbeit genommen werden kann. Willig Sehr wohl, Herr Zarncke. Zarncke Wie is die Verteilung heute? Willig Elf Steinmetzen auf'm Platz, fnfzehn drauen auf'm Bau, vier Bildhauer auf'm Platz, sechs auf'm Bau. Zarncke Wo is der Gttlingk heute? Willig Da is er ja. Gttlingk (den Stein betrachtend, dessen senkrechte mit Ornamenten bedeckte Seite jetzt oben liegt) Donnerschock! ~Per Bacco!~ Den ganzen Dreckplatz soll der Deiwel holen! Du, Polier, komm mal her. Zarncke Was schimpfen Sie denn heute so wild um sich, Gttlingk? Gttlingk (lftet einigermaen verlegen die Mtze) Verzeihung, Herr Zarncke, aber das soll wirklich der Deibel holen. Wie ich den Block drehen lass', da seh' ich, da von gestern auf heute eine fremde Hand daran 'rumgemurkst hat. Zarncke (stutzt, ein Verdacht steigt in ihm auf) Ach, Sie werden sich tuschen. (Tritt hinzu) Gttlingk Weil mir das schon einmal passiert war, hab' ich mir zu Feierabend immer 'n Zeichen gemacht ... Da, bitte! Zarncke (den Stein betrachtend) Von dem Blaustrich an? Gttlingk Jawohl. Zarncke (nachdenklich, lchelnd) Hm. So! -- Das is aber nich schlecht gemacht. Da ist Schwung drin. Wenn sich die Heinzelmnnchen extra fr Sie bemhen, Gttlingk! Gttlingk Wenn ich das Heinzelmnnchen treff', dann gibt's eins zwischen de Rippen ... Was is das fr'n Nachtwchter, der Kerl, der jetzt Nachmittags hier 'rumschleicht, wenn er so was zulassen kann? ... Das ist schlimmer wie Einbruch. Zarncke (der abzulenken sucht) Was hat denn der Nachtwchter damit zu tun? Wenn's finster is, kann man nich arbeiten. Willig Verzeihung, Herr Zarncke. Um fnfe, da is es schon lang hell. Zarncke (beruhigend) Ich werd' den Mann hernach mal fragen. Gttlingk (murmelnd) Das besorg' ich schon selber. Zarncke (mit Willig nach vorne kommend) Sagen Sie mal, Polier, wie macht sich der Nachtwchter im brigen auf'm Platz? Willig Der Mann ist fgsam und ordentlich und kann sich an Flei nicht genug tun. Aber -- schwach, Herr Zarncke. Zarncke Tja! Willig Und dann -- 'n bichen sonderbar. Zarncke Inwiefern? (Ringsum ertnen Mittagssignale) Willig Er hlt sich immer abseits. Gibt kaum Antwort. Manche fangen ihn schon zu verulken an. Zarncke Dulden Sie das nich, Willig! Willig Ja, da kann ich nich viel machen, Herr Zarncke. Zarncke Warum lutet denn der Eichholz nich Mittag? Eichholz! Willig (zur Kantinentr laufend) Eichholz! Dritte Szene _Die Vorigen_. _Eichholz_ Eichholz (angeheitert) Haben blo zu befehlen, Herr Zarncke! Wie der Blitz bin ich da -- ja! (Lutet die Glocke, die am Magazin hngt) Zarncke (sieht kopfschttelnd zu) Willig Er is jetzt immer im halben Dusel. Eichholz (sich umschauend) Na -- schlft der -- faule Hund -- noch? Zarncke Mchten Sie nu mal den Frauen das Tor aufschlieen? Eichholz (brummend nach links) Willig Nu geht er noch in die Destille! Zarncke Is das ein Elend! Vierte Szene _Die Vorigen._ _Mehrere Frauen._ Spter _Lore_ (Smtliche Arbeiter haben ihre Werkzeuge niedergelegt, einzelne gehen zu den Wasserleitungshhnen, die im Schuppen angebracht sind und waschen sich. Andere holen dicke Butterstullen und Blechkannen hervor und beginnen zu essen. Frauen kommen von links mit Ekrben und begren ihre Mnner. Einzelne haben auch ihre Kinder mitgebracht, die sich mit den Eltern um den Ekorb gruppieren) Zarncke (begrt eines und das andere, teilt Bonbons aus, wnscht den Frauen Guten Tag und spricht einige Worte zu den Mnnern) Lore (erscheint in der Tr der Kantine und geht zu verschiedenen der Bildhauer und Steinmetzen) Bitte zu Mittag. -- Bitte zu Tisch. -- Zu Tisch mcht' ich bitten. (Lauter) Wem kann ich Bier 'rausschicken? Einzelne Stimmen Hier. Ich. -- Mir eins. Lore (zhlt die Stimmen) Gttlingk (betrachtet murrend seinen Block) Lore (an ihn herantretend, leise zaghaft) Kommst nich auch, Eduard? Gttlingk (sich umschauend, unwirsch) Hab' ich dir nicht gesagt, du sollst mich nich du nennen auf'm Platz? Lore Verzeih! Ich hab' vergessen. (Zur Kantine ab) (Verschiedene Bildhauer und Steinmetzen gehn zur Kantine, darunter Gttlingk) Zarncke Gehn Sie auch zu Tisch, Willig. brigens hren Sie mal: Mit dem Struve steht's schlecht. Den wird uns das Kriminal bald abholen. Willig (achselzuckend) Ja. Zarncke Ach, schicken Sie ihn mir mal, -- ja? Willig (rufend) Struve! (Struve steht von einem hinteren Steine auf, wo er unbemerkt gesessen hat. Willig spricht im Vorbeigehn zu ihm und weist nach vorne, dann geht er in die Kantine ab) Fnfte Szene _Die Vorigen_ ohne _Willig_. _Struve_ (nach vorne kommend) Struve (Mann in den Vierzigern. Ergrauendes Haar, blank und gelockt. Bartstoppeln. Verschmitzte uglein. Ein Zug drolliger Heuchelei um die Mundwinkel. Arbeitskleidung mit wollenem Halstuch und Holzpantinen. Trgt einen Deckelnapf in der einen, eine faustdicke Butterstulle mit Taschenmesser in der andern Hand. Bei dem Versuch, die Mtze abzunehmen, fllt ihm das Butterbrot auf die Erde) Zarncke Sachte, sachte! Nu is die janze Pastete in den Sand gefallen. Struve (das Butterbrot an den Hosen abwischend) Das macht nichts, Herr Zarncke. Mit ne Ladung Sand -- schmeckt selbst 'n alter Strohsack pikant, sagten wir immer uf de hohe Schule. Zarncke Na, nu werden Sie ja bald wieder drinsitzen in Ihre hohe Schule. Struve Ja, Herr Zarncke, was kann man machen? Zarncke Mensch, wenn's mir nich so leid tte um Sie -- Struve Nu haben Se man guten Mut, Herr Zarncke ... Mir hat's auch mal leid getan. Aber nu is schon egal. Zarncke (leise) Na, sind Sie's nu gewesen oder nich? Struve Herr Zarncke, wenn ich gleich hier meinen Totenschein in die Hand nehm'-- Zarncke (lachend) So 'n Halunke wie Sie! ... Sie wissen doch, die Untersuchung geht weiter? Struve Ja, die Polente schnffelt ja alle Tage hier 'rum. Zarncke Sagen Sie mal, knnen Sie nu wirklich keinen Zeugen dafr beibringen, wo Sie in den Stunden des Einbruchs gewesen sind? Struve Was man so nennt: einen Aal-ibi, Herr Zarncke? Zarncke Jawohl. Struve Ja, sehn Sie mal, was 'n wirklich reeller Aal-ibi is -- der kost't nich unter fnfzig Mark. Wo soll ich fnfzig Mark hernehmen, Herr Zarncke? Zarncke (lachend) So? Struve So 'ne Brieder, die schon wegen Meineid verschtt jejangen sind, die tun's auch billiger ... Meechens auch. Aber die kriegen's vor Gerichte hernach mit die Heulerei ... Nee, das sind alles keine reelle Sachen. Zarncke Na, und wenn sie Sie nu gleich mitnehmen? Struve Der Gerechte mu viel leiden, so steht in de Psalmen geschrieben. Zarncke Hren Se auf mit Ihre dmliche Muckerei. Glaubt Ihnen ja doch keiner ... Mensch, Mensch, wie hau' ich Sie nu 'raus? Struve Htten gar nicht anzeigen mssen. Sehn Se, nu sitzen Se drin, Herr Zarncke. Zarncke (lacht) Marie (das Fenster ffnend) Vaterchen, kommst nich zu Tisch? Zarncke Gleich, Miezelchen ... Also ich werd' mal nachdenken. Vielleicht fllt mir noch was ein. Struve Ganz wie Sie meinen, Herr Zarncke. Zarncke Ulkiges Huhn! ... Hier haben Sie 'ne Zigarre. (Ab) Struve Danke, Herr Zarncke. (Die Zigarre einsteckend) Ja, ja. Sie rsten sich wider die Seele des Gerechten und -- (sieht, da Zarncke inzwischen weggegangen ist) Ach so! (Setzt sich auf den vordersten Block, kratzt an seinem Butterbrot und fngt an zu essen) Sechste Szene _Struve. Lohmann._ _Sprengel_, _ein dritter Arbeiter_, die essend auf dem Block hinter ihm sitzen Lohmann Na, wie lange werden sie dich deinen Knast Brot noch 'runterfuttern lassen, Struve, ehe sie dich inlochen? Struve (achselzuckend) Ja. Lohmann Nachher gibt's zu Mittag wieder Rumfutsch und blauen Heinerich. Ei weh. Struve Kindersch, babbelt nich von so hohe Sachen. Das versteht ihr nich. Sprengel Der tut sich noch dicke auf sein Zuchthaus. Struve Nu ob. Da kommt ihr noch lange nich rin. Da sind blo _feine_ Leute drin. Ja. Die Anderen (lachen) Lohmann Drum heit es auch die hohe Schule. Struve Jawoll. Da lernt man was. Hast du berhaupt 'ne Kleiderbrschte? Die hat mir der Staat immer franko geliefert. Aus lauter persnlicher Hochachtung ... Oder gar 'ne Zahnbrschte? Aber ich -- siehste! ... Kiek dir mal an, wie der Dreck an dir 'rumklebt ... Aber _wir_ machen dort zu Mittag immer Toi--lette. Und Handtuch tragen wir immer auf'n Arm, da laufen wir den janzen Tag mit 'rum. Vor lauter Feinheit. Ja. Die Anderen (lachen) Struve berhaupt, was bist du hier? Und was bin ich hier? Und was sind wir alle hier? ... Dreck sind wir. Hoch ber dir kommen erst die Steinmetzen ... und da hoch drber die Bildhauer. Und denn _noch_ hher der Polier ... Und _denn_ gar erst ... ach! Dort hab' ich immer in de erschte Klasse gearbeit't ... Weie Binde hab' ich tragen drfen. Tischltster bin ich gewesen. Das is mehr wie der Polier. Das is wie 'n Jeneral ... Das kannste alles werden, wenn de ins Zuchthaus kommst ... Karri--ere kannste machen. Ja. Lohmann (singt spottend) Liebes Kind, nu weine nich, Mittags jibt's den blauen Heinerich; Stehst du mit dem Schien auf du und du, Kriegste auch 'n halben Hering zu. Struve Nu ja. Verdient euch mal erst 'n halben Schwimmling. Ihr geht hier zur Lore und schnauzt: Hering -- aber 'n milchernen -- mit Zwiebel -- viel Zwiebel ... janzen Berg Zwiebel, und dann schmeckt er noch nich mal ... Ich sag' euch: ... wollt ihr 'n wirklichen duften, leckern Schwimmling, da mt ihr in de Anstaltskche kommen. Die verstehn det Jeheimnis ... Da kitzelt euch die Schnauze von -- noch Abends beis Einschlafen. So viel scheener ist da alles. Ja. Lohmann Wenn da alles so viel scheener is, wat machste denn nich wieder hin? Sprengel Da hast _du_ doch freien Angtree. Struve Kindersch, ick werd' euch mal was erzhlen: Dicht an de groe Auenmauer in Waldheim -- da steht nmlich 'ne alte Linde ... Und von de Fisintation aus, was nmlich der Arbeitssaal is, da siehste 'n janzes kleines Stckschen von ... Und von'n Spazierhof aus, wo du immer sechs Schritt hintern Vordermann herzoddelst, (stolz) blo nicht wir von de erste Klasse, wir jingen natierlich immer zu zweie -- wenn du da -- und du huppst in die Hh', dann siehst wieder 'n andern Stckschen -- so sechzig bis achtzig Bltter, wodran du immer jenau wissen kannst, was fr Jahreszeit is ... Und nun hat uns immer und ewig der Deibel geplagt, da wir auch mal den _janzen_ Lindenbaum sehen wollten, denn der soll nmlich der scheenste Lindenbaum sein, wo's auf de Welt berhaupt jibt. Das soll schon in de Geschichtsbicher stehn ... Na, und wo nu endlich der Tag da is von de Entlassung, und wo einem das Herz bis in'n Kopp 'raufbummert -- und wo nu das innere Tor aufjeschlossen wird -- na, da is er nu -- und da is er 'n janz jemeiner oller, ekliger Lindenbaum. Na -- und so war denn hernach alles -- janze Freiheit. Lohmann Nu -- wenn du das nu schon weit? -- Struve Was hilft da viel -- wissen. Der Mensch is 'n dmliches Vieh. Wie ich 's zweite Mal drinsa, da war der olle, dmliche Lindenbaum noch viel scheener geworden. Die Anderen (lachen) Sprengel Ja, wenn's so is. Struve berhaupt -- ihr Schafskppe mit eure sogenannte Freiheit! -- Geschunden! hin und her geschmissen! Liegste im Sonnenschein uf ne scheene Planke, kriegste den Holzbock in de Waden; haste keene Arbeit, kannste jehn den Chausseegraben austapezieren. Willste mal geradaus -- jeder Mensch will mal geradaus -- und als dir kommt nu 'ne verschlossene Tr in de Quere -- und du willst _doch_ geradaus, dann stecken sie dir ins Kittchen. Das heit nu Freiheit. Kindersch, ick hust' auf eure Freiheit. Seine Ordnung mu der Mensch haben. Seine Ordnung hat der Mensch blo allein im Zuchthaus. Die Anderen (lachen) Struve Mir hat berhaupt blo _eins_ gefehlt. Dann wr' ich auch janz komplett jlcklich gewesen. Sprengel Das war wohl eene Braut? Struve Ne. Lohmann _Zwei_ Brauten? Struve Ne. Lohmann Na was denn sonst? Struve (trumerisch) Das war 'n Rasierspiegel ... Wenn ich _den_ noch htt' gehabt -- -- Siebente Szene _Die Vorigen._ _Biegler_ (von rechts) Biegler (in anstndiger Arbeitskleidung. Sein Bart ist gestutzt, sein Aussehen gebessert, aber sein Benehmen noch scheu und unumgnglich, voll immer neu aufflackernden Mitrauens. Er setzt sich auf die Bank vor das Kantinenfenster) Lohmann Kiekt mal den da! ... Was _is_ das eigentlich fr 'ne Sorte? Reden _tut_ er nich, guten Tag _sagt_ er nich. Biegler (gewahrend, da man sich mit ihm beschftigt, unfreundlich, dumpf) Guten Tag. Struve Na sagt ja. Lohmann War auch danach. Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Nachtrat! ... Kommen der Herr Dunkelmann 'n bichen de Sonne revindieren? Sprengel Mensch, nu red doch was! Biegler Was soll ich reden? Sprengel Mach doch 'n Witz. Biegler Ich wei keinen Witz. Lohmann Der Kerl is trocken wie Galgenholz. Struve Nu sag blo, Mensch, wie amesierste dir nu so die lange Nacht ber? Putzte de Sterne blank? Ziepste dir an de Barthaare? Wirfste de Meechens, wo auf de Strae vorbeigehn, Klamotten auf'n Kopp? ... Irgend was mu der Mensch doch zu tun haben de lange Nacht ber! Biegler Ach, ich hab' immer zu tun. Lohmann Tranig is das Luder. Sprengel Wat huckste da uf de Banke? Warum jehste nich ze Mittag? Biegler Jetzt essen doch die -- Steinmetzen. Da kann ich doch nich auch essen. Lohmann Nu dann komm doch mal her so lang ... Na -- los! Biegler (erhebt sich zgernd) Was soll ich bei euch? Sprengel Trink mal aus meine Buddel. Prost. Biegler Danke. Ich trinke keinen Schnaps. Lohmann Ach, du bist wohl auch so 'n Pinkelinker? So 'n Pumpengenie? Biegler Sonst habt ihr nichts zu wollen von mir? Sprengel Nu huck dir doch mal erst dal. (Zieht ihn auf den Block nieder) Lohmann (weiterrckend) Setzen Sie sich ruhig in die Sonne, verehrte Schattenpflanze. (Lachen) Biegler Ich tu' dir doch nichts, warum uzt du mir? Lohmann Ich uz' dir doch gar nich. Ich schmeichel' mir blo so an dir ran. Struve Sag mal, Mensch, was biste vorher gewesen? Eh' du hier Nachtwchter wurdst? Biegler (erschreckend) Ich? -- Ich bin Arbeiter. Lohmann Kirschenpflcker vor de Wintermonate -- h? Struve Du kommst mir nmlich so bekannt vor, weite. Biegler (angstvoll) Ich -- dir? Nee -- da ich nich -- Struve Nich, als ob ich dir kennen tu'. Aber du hast so 'ne Art ... Bei uns in Waldheim da hatten wir so 'n paar. Wir nennten se immer de blamierten Frschten. -- Du, wo liegt denn dein Frschtentum? Lohmann Markgraf von Brandenburg, Frstbischof von Moabit, Edler Herr von und zu Sonnenburg. Biegler (zuckt zusammen) Lohmann Du plinkst ja immer so mit 'n rechten Vorderarm. Sprengel La ihm man in Ruh. Das is 'n guter Kerl ... der is blo verschchtert. Lohmann (gutmtig) Ich mach' ja auch blo 'n Witz. Struve Da -- willste 'ne Zijarre? Biegler (verblfft) Wieso -- gibst -- du mir --? Struve Kannst nehmen ... die is jut ... die hat mir der Alte vorher geschonken. Biegler (noch immer verwundert, sein Gesicht erhellt sich) Na, denn dank' schn ... Ich werd' mir denn auch spter -- revanschieren. Lohmann (ihn auf die Schulter klopfend) Na, meinen wir's denn nu so beese? Biegler (mit glcklichem Gesicht) Nee! Wahrhaftigen Gott nich! Lohmann Na siehste! (Nach links weisend, wo Eichholz sichtbar wird) Aber vor dem Alten nimm dir in acht. Der is dir nich jrien. Achte Szene _Die Vorigen._ _Eichholz_ Eichholz (vollends angetrunken) Ich bin ein Mann -- hochgeehrt, -- ich brauch' nich -- Kartoffelsuppe aus'n Steinguttopp -- fressen! Morjen, die Gesellschaft! Morjen, die hochgeehrte Gesellschaft! (Biegler bemerkend) Was? -- Was will der Hund? Der schmalbauchige Hund? M -- M -- Mantel hat er ihm geschenkt -- mit blanke Knppe -- wie 'n Offezier! Was is der Kerl berhaupt? Wo kommt der verhungerte Kerl her? Lohmann Das geht dir jar nischt an. Wenn er man seine Pflicht tut. Eichholz Pflicht tut? Hhh! Der is blo zum Rausfuttern hier. Der is hier auf Eichelmast wie de Nuck-Nuck-Schweinchen. Wann hab' ich mal blanke Knppe gekriegt? Kerl, durch was fr Pfiffe und Kniffe bist du auf den Posten gekommen? Zieh mal vom Leder, du Hund! Biegler Lassen Sie mich in Ruh. Ich habe mit Ihnen nichts zu tun. Eichholz Was krauchste immer bei meine Tochter 'rum? Dir jibt se 'n Porzellanteller. Du wirst noch mal -- platzen -- wie 'n Bovist. Und dann wird man an dem Gestanke erkennen, wer du bist. Mensch, ich hab' 'ne Faust wie 'ne Ramme! (Dringt auf ihn ein) Biegler (stt ihn fort) Eichholz (zurcktaumelnd) Was -- hauen -- tust du mir alten Mann? Neunte Szene _Die Vorigen._ _Gttlingk_ und _andere Bildhauer_ und _Steinmetzen_ Gttlingk Was is hier los? Eichholz (keuchend) H--h--hauen -- m--m--ir--! Gttlingk Wer hat den alten Mann gehauen? Struve Is ja alles Blech! Gttlingk Werd' ich nu bald Antwort kriegen? Lohmann (kleinlaut) Hier hat berhaupt keiner gehauen. Eichholz (mit erhobener Faust) Der Hund! -- der verhungerte -- (Einige der Umstehenden fhren ihn nach hinten) Gttlingk Sieh mal an! ... Kommen Sie mal ran, Sie! ... Na? Biegler Ich tu' hier, was ich zu tun habe. Sie gehn mich nischt an. Gttlingk Das werd' ich Ihnen mal gleich beweisen. Eins -- zwei -- (pfeift) Struve (leise) Da geh man schon. -- Jegen den Groschnauz kommste nich auf. Lohmann (leise) Der sticht mit's dreikant'ge Messer. Gttlingk Wenn ich drei sag' -- Biegler (bla, schwer atmend) Sie knnen -- ja auch zu mir kommen. Gttlingk (pfeifend) Ich warte. Biegler (in Erregung, zitternd) Da lassen -- sich man -- die Zeit -- nich lang werden. Die Anderen (lachen) Gttlingk (in Wut) Wer riskiert hier zu lachen? ... Soll ich meine Pfeife mit euch stoppen, Kerls? (Das Lederfutteral nach vorne ziehend) Soll ich euch mal die Hhneraugen barbieren? (Da Lohmann, Sprengel, Struve sich vor Biegler gestellt haben) Aus dem Weg hier! Lohmann (sich umschauend) Wo is denn der Polier? Gttlingk Jetzt bin ich hier der Polier. (Wild) Aus dem Weg hier -- oder -- Biegler (vortretend) Lat man. Wegen mir soll hier keiner Ungelegenheiten haben. -- Gttlingk (befriedigt) Na, da htten wir ja das Gewchse. (Setzt sich, raucht) Immer parieren, Kinderchen. Biegler Also ich wr' ja nu da. Gttlingk Das seh' ich. Was den alten Knackstiebel betrifft, den wollen wir mal auf sich beruhen lassen. Aber wir haben noch 'n Hhnchen zu pflcken, wir beide. Sie sind doch der neue, krumme Kerl von Nachtwchter? Biegler Neu bin ich hier ... Krumm bin ich wohl auch. Gttlingk (auflachend) Und Nachtwchter auch? Biegler Ja. Gttlingk Dann kieken sich mal hier diesen Block an. Na -- soll ich Sie bei den Ohren nehmen? Biegler (stammelnd) Was -- is -- denn -- mit dem Block? Gttlingk Sie sind verantwortlich fr das, was hier ber Nacht geschieht. Ich frag' Sie: Wer hat da an meinem Block rumgemurkst? Biegler (sehr bestrzt) Das -- Gttlingk Na? Biegler Das -- wei ich -- doch -- nich. Gttlingk Seht euch mal das bse Gewissen an. Struve (leise) Nu sei doch frech! Schmei ihm doch Staub ins Gesichte. Zehnte Szene _Die Vorigen. Frau Homeyer. Marie_ Frau Homeyer (geht quer ber den Platz zu der Gruppe hin) Gttlingk (sich rasch vom Wterich in den Schwerenter verwandelnd) Oi, da kommt ja hoher Besuch, feiner Besuch, pikefeiner Besuch. Nu, mein ses, strammes Frau Homeyerchen, mein -- Frau Homeyer (ihn abwehrend) Man wird schlielich nich mal mehr unbelstigt auf den Platz kommen knnen. Gttlingk Aber Kindchen, Puppechen! Sie waren doch sonst nich so. Ich hab' Ihnen doch manches liebe Mal in Ihren warmen, sanften Oberarm gekniffen. Frau Homeyer Und haben immer noch von mir auf die Finger gekriegt. Gttlingk Aber gelchelt haben Sie dazu -- so sie! (Schmachtend) Ach, wie so sie! Frau Homeyer Ach, Sie sollten sich was schmen. Dort vor der Tr steht das Frulein. Das will Sie sprechen. Gttlingk Das Frulein -- mich? -- Mich -- das --? So! Na! Sie, Nachtwchter, Sie knnen abrutschen. Aber Sie werden mir noch Rede stehn. Verstanden? -- Lohmann (leise) Hab man keine Bange vor dem! Struve (leise) Und wenn du fr irgend was 'n Zeugen brauchst, ick beschwr' alles ... Unbesehn. Biegler Ich dank' euch schn. Gttlingk (dreht eitel seinen Schnurrbart) Na, bin ich nu nobel genug frs Frulein? (Geht nach vorne links) Frau Homeyer (schaut verliebt hinter ihm her, einer der Steinmetzen umfat sie von hinten, sie schlgt nach ihm, die andern lachen, sie geht nach links) Biegler (nach der Kantine ab) Elfte Szene _Marie. Gttlingk._ Die anderen im Hintergrund Marie (ist bebend die Stufen heruntergestiegen und streicht sich, wie um sich Mut zu machen, mit der Hand bers Gesicht) Gttlingk (linkisch, mit durchbrechender Frechheit) Mahlzeit, Frulein. Marie (tonlos) Gesegnete Mahlzeit! Gttlingk Mchte mir die ergebenste Frage erlauben, womit ich dem Frulein dienen kann? Marie Herr Gttlingk, Sie sind lange weg gewesen. Gttlingk Jawohl, bichen de Welt besehen. Aber nu bin ich schon lange wieder da. Marie Das freut mich, da Sie wieder da sind, Herr Gttlingk. Gttlingk Nu, das is ja hchst schmeichelhaft fr mich. Danke schn. Marie (rasch, ngstlich) Nein, nein, der Lore wegen. Gttlingk Der Lore wegen. Ach so ... Na, das geht so seinen Weg. Marie Was fr 'n Weg, Herr Gttlingk? Gttlingk Wissen Sie was, Frulein Mariechen? Beunruhigen Sie sich darber nicht. Da sind Sie viel zu fein zu. -- Das sind solche Geschichten. Marie Sie wissen wohl gar nicht, Herr Gttlingk, wie lieb Sie die Lore hat? Gttlingk Mdchen mit 'n Kind hat einen immer lieb. Dafr sorgt schon der liebe Gott. Marie (ihn bestrzt anstarrend) Herr Gttlingk, so schlecht knnen Sie doch gar nicht sein. Wenn die andern auch sagen, Sie seien gewaltttig und -- Ich habe Sie immer fr einen guten und edeln Menschen gehalten. Gttlingk Na, macht sich! Marie Und ich wei, aus Ihrem Singen spricht ein weiches Herz. Ich habe Ihnen immer mit Freuden zugehrt. Gttlingk So? Na, ich hab' auch sozusagen immer extra fr Sie gesungen, Frulein Mariechen. Marie (tdlich erschrocken) Wieso -- fr -- mich? Gttlingk Nu, weil ich schon wei, da Sie dann immer 's Fenster aufmachen. Also mssen Sie's doch gerne haben. Ich tu' immer, was Sie gerne haben. Jawohl. Mach' ich. Marie (auer Fassung) Es handelt -- sich hier -- aber gar nicht -- um mich. Gttlingk (in trumpfender Mnnlichkeit) Warum eigentlich nich, Frulein Mariechen? Warum soll es sich nich auch 'n mal um Sie handeln? Marie (sprachlos, ratlos, schliet fr einen Augenblick die Augen, dann -- da sie Zarnckes Stimme in der Veranda hrt, eilt sie hilfesuchend auf ihn zu) Vaterchen! Vaterchen! Gttlingk (seinen Schnurrbart drehend) Sieh mal an! Sieh mal an! (Geht nach hinten) Zwlfte Szene _Die Vorigen. Zarncke. Kriminalkommissar Reitmaier_ Zarncke Na, was denn, Miezelchen? (Ruft) Frau Homeyer! (Sie hngt in seinem Arm, er streichelt ihre Wange und bergibt sie dann Frau Homeyer, die fr einen Augenblick in der Tr erscheint) Sie werden entschuldigen, Herr Kommissar! Sie is 'n bichen krnklich ... Reitmaier (Mann Mitte der Vierzig, rund, breitschultrig, strohblonder Schnauzbart, Pincenez. Gemachte Jovialitt, die gelegentlich in brutale Schrfe umschlgt. Ein wenig Bierbruder mit Ausblick zum Offiziertypus) Ach, es ist mir ja immer hchst fatal, wenn ich so das Privatleben der Herrschaften stren mu. Ich werd' Sie auch nicht lange aufhalten. Ich bin nur beauftragt worden, mal 'n bichen nachzuhren, was mein Kollege vom Revier da -- -- Haben Sie man keine Bange. Ich bin 'ne menschenfreundliche Natur. Ich mach' das alles gemtlich. Die Herren Spitzbuben -- die sind mir so wie 'ne groe Familie. Zarncke (erfreut, bewundernd) Ach -- ne -- wirklich? Reitmaier (bieder) Ja, darf ich wohl sagen: Wie meine Familie! Na, kann man den Onkel mal 'n bichen sehn? Zarncke (rufend) Struve! Struve (sich von einer Gruppe im Hintergrunde lsend) Jawohl, Herr Zarncke. (Leise) Ei weh, Kindersch. Da is der Reitmaier vom Prsidium. Das is 'n fauler Junge. (Kommt nach vorn) Reitmaier (die Arme ausbreitend) Herr Gott, das is ja mein guter, alter Struve.... Na, lieber Freund! Struve (gerhrt) Ach, der Herr Kommissar! Ne, is das 'ne Freude! Reitmaier Na, Menschenskind, wir haben uns ja so lange nich gesehn. Struve Ja, Herr Kommissar. Es hat mir auch immer was gefehlt. Reitmaier Nu sagen Sie mal, alter Sohn, was _haben_ Se denn nu wieder ausgefressen? Struve Herr Kommissar, es tut mir ja leid. Aber ich bin eben scharf in de Besserung. Diesmal kann ich wirklich nich -- nich -- dienen. Reitmaier (berzeugt) Ja, ja, ja. Also, Sie sind's nich gewesen? Struve Herr Kommissar, und wenn ich hier gleich meinen Totenschein in die Hand nehm' -- Reitmaier Nich schon Totenschein! Pfui! -- Mann wie Sie mu leben! Struve Aber wenn sich's machen lt, Herr Kommissar, im Zuchthaus. Ja. Reitmaier (zu Zarncke) Er is bitter gestimmt. (Beruhigend) Na, na, na, es is da blo noch 'ne kleine Formensache. Nichts von Bedeutung! Ne! (Zieht sein Notizbuch) Sagen Sie mal, wo waren Sie denn nu in der Nacht? Struve Ja, Gott, Herr Kommissar. Wo man so is. Uf 'ne Banke. Oder so. Reitmaier (bedauernd) Warum _waren_ Se nu nich in Ihre Schlafstelle? Struve Ja, warum _war_ ich nich in meine Schlafstelle? Htt' ich gewut, da schlechte Menschen hier bei Herrn Zarncke einbrechen wrden, htt' ich mir gleich um halb zehne in de Klappe gelegt. Wegen den Aal--ibi. Reitmaier Natrlich! (Leise) Das is 'n abgefeimtes Luder! -- Da Sie das aber selbstredend nicht wissen konnten, so gingen Sie zu -- in den bekannten Lehmannschen Keller, wo wir ja auch schon zusammen gesessen haben. Is da 's Bier immer noch so gut? Struve Danke. Ja. Es jeht. Reitmaier Da waren Sie bis -- zehn Minuten nach zwlfe. Und dann waren Sie mit Ihrem Freund Kuntze -- ja, wo waren Sie da? Struve Ja, wo war ich da? Ich bin -- spazieren jewesen. Reitmaier (klagend) Nmlich, denken sich mal, Ihr armer Freund Kuntze sitzt schon wieder feste! Struve Das is dem Kerl recht. Der is zu dumm. Reitmaier Aber es is doch schade. Na -- und als Sie sich dann getrennt hatten, was taten Sie dann? Struve Ach, Herr Kommissar, ich bin so 'n weiches Jemiete. Ick hab' mir so, wie ick schon sagte, in'n Humboldthain bisken uf die Banke jesetzt. Reitmaier Und gesprochen haben Sie mit niemandem? Struve I wo wer' ick doch. Dabei kann man so leicht in schlechte Jesellschaft kommen. Ne. Zarncke (triumphierend, leise) Den kriegen Sie nich! Reitmaier Und dann sind Sie nach Hause gegangen. Struve Ja, ick wollte eijentlich noch 'n bisken die Vgelchens singen hren. Aber ~pee pee~ bin ick denn zu Hause jejangen. Reitmaier (leise) Der Kerl hat ein Schwein. Weder die Stunde des Einbruchs noch die Zeit seines Heimkommens sind festzustellen. Aber -- -- (laut) Struve! Struve Herr Kommissar! Reitmaier Ja, noch eins. (Wieder leise) In dem Magazin -- haben Sie da Sachen von Wert? Zarncke O ja. Da bewahr' ich unter anderm die Zahnsgen auf. Reitmaier Und die sind wertvoll? Zarncke Einige davon sind mit Diamantsplittern besetzt. Reitmaier Ah! Wute der Struve davon? Zarncke (mit reserviertem Lcheln) Ja, das wei ich nicht, Herr Kommissar. Reitmaier Struve, wo ist hier das Magazin? Struve Das Magazin? (Nach rechts weisend) Na da is es ja. Reitmaier Was is denn da so drin? Struve Was wird denn da so drin sein? Vielleicht berfhren Sie sich mal, Herr Kommissar. Reitmaier (schrfer) Wissen Sie, was Zahnsgen sind? Struve Zahnsgen? Ja. Das sind Zahnsgen. Reitmaier Wo werden die ber Nacht aufbewahrt? Struve (rufend) Du, Lohmann, wo werden doch die Zahnsgen aufbewahrt? Reitmaier (rgerlich) Sie haben hier zu antworten und keine Fragen zu stellen. Zarncke (auf die Umstehenden weisend, von denen sich einige allgemach nher herangedrngt haben) Stren Sie die Leute, Herr Kommissar? Reitmaier Durchaus nicht. Durchaus nicht. (Leiser) Sie sehn brigens -- (zu Struve streng) treten Sie mal zurck! -- (leiser) da an das Subjekt nicht 'ranzukommen ist. Zarncke (zaghaft, bittend) Ach, dann lassen Sie ihn doch laufen. Reitmaier Nu ja, _Sie_ sind ja bekannt dafr, da es Ihnen Vergngen macht, dergleichen Volk bei sich unterkriechen zu lassen. Zarncke Vergngen? Es is wohl mehr eine Abbitte an den lieben Gott. Reitmaier (immer noch leise) Weitere Verdachtsmomente als seine Bescholtenheit liegen nicht vor. Ich knnte jetzt noch die Leute hier vernehmen. Vorher aber mcht' ich mal an _Sie_ die Frage richten, ob Sie nach Ihren Beobachtungen den Kerl fr verdchtig halten oder nicht? Zarncke (verlegen) Ja, da is schwer -- Reitmaier Trotzdem mcht' ich sehr bitten, der Wahrheit gem -- Zarncke (in die Enge getrieben) Ja, ja, ja. Einen Augenblick. Polier! Geben Sie doch mal -- (spricht leise weiter) Willig (der sich inzwischen unter den Umstehenden eingefunden hat, holt eine Anzahl Schlssel aus der Hosentasche und reicht ihm einen davon) Zarncke Struve! ... Sehen Sie mal hier diesen Schlssel. Kennen Sie den? Struve Ne. Zarncke Das ist der Magazinschlssel. Den bergeb' ich Ihnen hiermit. Verstehn Sie? Struve Ne. Zarncke Falls der Herr Kommissar Sie hier lt, werden _Sie_ mir von jetzt ab fr die Sicherheit der Sachen -- einstehn. Verstanden? Struve Ne. Reitmaier Erlauben Sie mal, Herr Zarncke! Was bedeutet denn das? Zarncke Das ist meine Antwort, Herr Kommissar. Entnehmen Sie daraus, was Sie wollen. Reitmaier Sie -- vertrauen -- _dem_ den --? Hhh! Erlauben Sie mal. -- Hhh. Pardon, das ist zu spahaft. (Immer lachend) Na dann will ich auch nicht weiter stren. Das kann dann mein Kollege vom Revier zu Ende fhren! ... Aber wenn Ihnen man die Passion fr solche schweren Jungens nich noch mal sauer aufstoen wird ... denn auerdem haben Sie ja auch noch 'n Mrder bei sich. Und wei Gott, was -- Zarncke (sehr erschrocken) _Mrder?_ (Groe Bewegung unter den Zuhrern, die sich whrend der Folgezeit ber den ganzen Platz fortpflanzt) Reitmaier Nu ja -- den -- Zarncke (rasch, mit Nachdruck) Das ist ein Irrtum, Herr Kommissar. Reitmaier Erlauben Sie mal -- Zarncke (ihn bei Seite nehmend, erregt) Erstens ist der Mann nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt worden -- Reitmaier Menschenblut is Menschenblut. Zarncke Menschenblut hat auch so einer in den Adern. Und das braucht ihm nicht unntz vergiftet zu werden. Wissen Sie, da Sie dem Manne, der sich zu mir gerettet hat, wie 'n Stck Vieh von der Schlachtbank, da Sie _dem_ das Weiterexistieren auf dem Platze wahrscheinlich unmglich gemacht haben? Reitmaier Ich? Wieso? Bitte! Zarncke (auf die erregten Gruppen weisend) Da sehn Sie! Die werden's bald 'raushaben, wer der Mrder ist. Anstatt hier rcksichtsvoll -- Reitmaier (brutal) Ach was! Da mt' ich viel Zeit haben, auf solchen -- Auswurf -- Rcksicht zu nehmen. Zarncke Na, sehr verwandtschaftlich reden Sie nu gerade _nicht_ von Ihrer werten Familie. Reitmaier Was fr Familie? ... Ach so! (Scharf) Ich empfehle mich Ihnen, Herr Zarncke. (Ab nach links) Dreizehnte Szene _Die Vorigen_ ohne _Reitmaier_ Zarncke (der einen Augenblick kopfschttelnd dagestanden hat, laut) Hrt mal, Kinder! Das -- mit dem -- Mrder -- das mu 'ne Verwechslung sein. Das -- ja --! Willig (vor sich hin) Na na! Andere (geben ebenfalls durch Mienen und Gebrden ihrem Zweifel Ausdruck) Zarncke Struve! Struve (der seinen Schlssel kopfschttelnd besehen hat) Herr Zarncke. Zarncke Diesmal hab' ich Sie noch 'rausgehauen. Nu benehmen Sie sich auch darnach. Struve Ja w-- w-- w-- Zarncke Na was denn? Struve Wenn nu gesetzten Falls -- und es is _doch_ nu ein anderer gewesen -- Zarncke Sie, bilden Sie sich keine Schwachheiten ein .... Und? Struve Und -- nu ja -- und der andere der kommt nu mal wieder -- -- Zarncke Dann werden _Sie_ eingesteckt. Verlassen sich drauf. (Ab) Lohmann (nach der Kantine weisend) Nu selbstverstndlich is er's. Wer denn sonst? Sprengel (nach Struve hin) An _den_ hat man sich schlielich gewhnt, -- aber _Mrder_! Ne. Lohmann Du, Struve, komm mal her. (Struve geht zu ihnen) Sprengel Scht. Da is er. Vierzehnte Szene _Die Vorigen._ _Biegler._ Gleich darauf _Lore_ Biegler (hat drei Zigarren in der Hand, die er besieht) Lore (mit einem kleinen Teller, worauf noch eine Zigarre) Herr Biegler. Biegler (sich umwendend) Ja? Lore Sie haben doch _vier_ Zigarren bezahlt und blo dreie genommen. Biegler Ach so. Ja. Danke. (Nimmt die Zigarre) Es war ja auch noch 'n vierter dabei. (Mit glcklichem Lcheln) Ich hab' nmlich -- jetzt -- auch -- _Freunde_ hier. Lore (erfreut) Ach, sehn Sie! Biegler Ja. Freunde -- hab' ich. Drei Stck. Ja ... Und da will ich mich doch mit Zigarren revanschieren. Ja. Lore Na sehn Sie. Hab' ich Ihnen nich immer gesagt: Es is nich so schlimm, -- sie tun Ihnen nichts? Biegler Ja, ja, Frulein! Wenn Sie mir nicht htten immer Mut gemacht. Gttlingk (herberrufend) Sie, Lore, was machen Sie sich da mit dem Kerl zu schaffen? Das ist kein Umgang fr Sie. -- Lassen Sie den mal hbsch laufen. Lore (zusammenschreckend) Ja ... ja, ja. (Steht unschlssig) Biegler (die Zhne zusammenbeiend) Der kann mich nich leiden. Gehn Sie man schon ... Ich hab' ja auch noch -- _Freunde_. (Lore ab) (Er breitet seine Zigarren fcherfrmig in der Linken aus und tritt zu Lohmann, der zuerst mit Struve gesprochen und dessen Gruppe sich dann aufgelst hat) Du -- willste nich -- eine Zigarre von mir -- rauchen? Lohmann (verchtlich) Nee. (Tritt von ihm fort) Biegler (steht einen Augenblick wie erstarrt, dann geht er zu Sprengel, sehr zaghaft) Ach -- bitte -- ich htt' -- ne Zigarre -- fr -- Sprengel Du kannst deine Zigarren fr dich behalten. (Tritt gleichfalls von ihm fort) Biegler (reibt sich fassungslos die Stirn; eine verzweifelte Wildheit kommt ber ihn; er geht zu Struve -- voll Angst und Ingrimm) Du hast mir vorhin ne Zigarre gegeben -- Struve (gutherzig abwehrend) La man! La man! ... Es is nich, weil ich stolz bin, weil ich nu den -- Magazinschlssel hab' ... aber -- ich kann mir nich -- ausschlieen, -- ich mu machen wie die andern. Biegler Wa -- was hab' ich -- euch denn -- ...? Struve Sag mal, wie alt bist du? Biegler Vierunddreiig. Struve Und da haben sie dich schon 'rausgelassen? So frh lassen sie einen wie du -- sonst doch nich los ... Biegler (sieht ihn entsetzt an, wirft einen wilden, verngstigten Blick auf die ihn rings Beobachtenden und versteht) Ach so ... Ach so. Struve (ist zu Lohmann zurckgetreten) Ich sag' euch blo: det stimmt _nich_. Lohmann Wer soll's denn sonsten sein? Biegler (auf die Bank der Kantine sinkend) Ach so! (_Der Vorhang fllt_) Dritter Akt Die Kantine. Deren Wnde sind aus Fachwerk gebildet. Die Decke ist niedrig und verruchert. Auf der rechten Seite die Tr zum Werkplatz. Im Hintergrunde rechts das Fenster, im Hintergrunde links das Bfett mit einem Schanktisch davor. -- Auf der linken Seite eine Tr zu Schlafrumen. -- In der Mitte unter der Hngelampe ein Tisch mit Sthlen, links vorne ein Sofa mit Tisch und Sthlen, rechts vorne Tisch mit Sthlen. Vor dem Fenster Schustergert. In der Ecke rechts hinten ein eiserner Ofen. Das Ganze trotz des rmlichen oder vielmehr provisorischen Charakters sauber und beinahe freundlich. Blumentpfe auf den Tischen und vor dem Fenster. Blitzblankes Gert auf dem Schanktisch, darunter ein verzinkter Wasserwrmer. Plakate und Bilder ohne Rahmen sind als zuflliger Schmuck an die Wnde geheftet. Die Platzordnung unter Glas und Rahmen hngt neben der Eingangstr. ber dem Bfett eine Uhr; neben ihm eine Mandoline Erste Szene _Lore_ hinter dem Schanktisch mit einer Handarbeit beschftigt. Der alte _Eichholz_ auf dem Sofa schlafend. _Lenchen_ an dem Schusterschemel Eichholz (schnarcht) Lore Was machst du da, Lenchen? Lenchen Ich spiel' mit Grovatern seine Schuhmacherspielsachen. Lore Zerbrich ihm man nich seine Glasglocke. Lenchen Nein, nein. Lore (sieht nach der Uhr und geht dann zum Sofa) Vater -- Vater! Eichholz (brummt aus dem Schlafe, ohne sich zu rhren) Lore Vater, du mut aufstehn. Eichholz (im Halbschlaf) Wieso denn? Lore Es is Sonnabend heute. Nach der Lohnzahlung -- du weit ja -- dann wird's noch einmal voll hier. Eichholz Ja, ja ... Na ja ... (Richtet sich auf und reckt die Glieder) Ich mu ja auch noch gehn, mir neues Verschmierpech besorgen. Lore La doch, Vater, das eilt ja nicht. Eichholz Nu ja. Ich arbeit' ja _doch_ nich. Ich bin 'n altes Faultier, sagt meine Tochter. (Rlpst) Dein Kmmel is das reine Rattengift. -- Meine Leber kriegt schon harte Stellen von. Ich mu mal baldigst gehn, mich an einen Migkeitsvereine zu beteiligen. Lore Ach ja, das wr' ganz gut, Vater. Eichholz Wr' ganz gut. Wr' ganz gut. Was weit du, was mir gut is? Ich fre nich mehr aus'n Steinguttopp. Das la dir gesagt sein. Lore Ach, das is ja alles Einbildung, Vater. Eichholz Denn was bin ich? ... Stck Vieh auf'm Schindanger bin ich ... Wenn sie mich schon wegjagen tun um -- um -- um 'n Mrder. Lore (abwehrend) Ach! Eichholz Auf meinem Platz sitzt 'n Mrder. Das halt' ich nich aus. Da jeh' ich ins Wasser. Da nehm' ich eine Jiftpille zu mir. Und dann verkauf' ich mir an die Annetomie ... Damit du nichts zu erben kriegst, du Biest. Nich mal meinen Leichnam. Lore (lchelnd) Ich will ja auch nichts, Vaterchen. Eichholz Wenn du httest Ehre in deinem Herzen, dann schmit du den Kerl 'raus und scheuerst mit Karbol die Stelle, wo er gestanden hat. Statt dessen frit er sich hier rund an deine Karbonade. Lore Gnn ihm doch sein bichen Essen, Vater. Und ob er wirklich _der_ is, von dem der Kommissr gestern gesprochen hat, das wei ja keiner. Eichholz Ich hab's immer gesagt: der Kerl hat Mrderaugen im Kopp. Heute is nu jeder so klug. Lore Was sind denn Mrderaugen, Vater? Eichholz Die sind wie beim Fisch. Da sitzt ein Stein drin. Und das is der Tod. Und wegen so einen -- haben sie -- mir -- (Weint) Lore (mitleidig) Vaterchen! Eichholz (weinend) Das halt' ich nich aus. Da werde ich verrckt von. Einer mu hin. Er oder ich. Tot oder lebendig. Der mu verrecken, der Hund, der Bluthund, der -- der -- (Klglich) Ich hab' so 'n Leberstechen. Lore Geh, leg dich aufs Bett, Vater. Eichholz Das hat er mir schon mit seinen bsen Blick anjetan, da ich nicht werde jenesen meines Leidens ... Ich hab' so 'n Leberstechen. (Ab) Lore (sieht ihm seufzend nach) Lenchen, du bist ein kluges Kind. Geh mit Grovater. Und wenn er weint, dann ruf. Lenchen Ja, Mamachen. (Von Lore zur Tr geleitet, ab. Es klopft) Lore Herein! Zweite Szene _Lore._ _Marie_ Marie 'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet? Lore (gedrckt) Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehrt. Marie Wutest du's, da ich gestern mit ihm gesprochen hatte? Lore Die anderen erzhlten sich's. Marie Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, da ich keine guten Nachrichten bringe? Lore (mutlos) Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht. Wollen sich nich setzen, Mariechen? Marie Danke. (Setzt sich) Hast du gehrt, wie schn die Amsel singt auf deinem Dach? Mitten in all dem Lrm. Tusch' ich mich, oder pfeift sie frhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glck pfeift ... Auf deinem Dach, Lore. Lore Fr mich pfeift kein Glck. Marie Wer wei? ... (Zgernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater gebeten, da er ihm am nchsten Termin kndigt. Lore Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen. Marie Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, da er ihm dann sagt, da er dir 'ne Aussteuer geben wird. Lore Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich will nichts. Marie Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist. Darauf geht er aus. Lore Woher wissen Sie das? Marie (stockend, mit abgewandtem Gesicht) Nun, das -- merkt -- man doch. Lore Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is, wohlhabend, wie _er_ meint, kann ich ja doch nie werden. Marie (mit geheimnisvollem Lcheln) Nun -- wer wei? Lore Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tgliche Brot. Marie (mit unterdrckter Erregung) Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und -- dein Lenchen -- hab' ich _sehr lieb_. Lore (nach langem Schweigen) Mein Kind hast du -- so lieb? Marie (nickt) Lore Mein Lenchen hast du so lieb? Marie (tonlos) Ja. Lore (aufschreiend) Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie _das_ haben kann? (schluchzt) Marie Lore, hr mal! ... Vor zwei Tagen -- da htt' ich noch ja und Schn dank gesagt. Aber jetzt -- seh' ich die Dinge -- anders an. Denn, sieh mal! So ein -- Kindchen -- mu doch zuerst mal -- seinen Vater haben ... Nicht wahr? Lore (in neuem Erstaunen) Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht! Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten sein. Nie im Leben. Nie. Marie Warum nicht? Lore Weil -- weil ... Der -- der _will_ mich nicht mehr. Dem bin ich _doch_ blo 'ne Kette am Bein. Weiter nichts. Marie Auch wenn er wei, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch der Verwalter sein wird? Lore Mein Gott, mein Gott, mein Gott! Marie Nur wie das wird, wenn ich frher sterbe als Vater, das wei ich nicht. Denn wollen _wird_ er ja nicht. Lore Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet auch gar nichts, wenn's -- nichts -- wird. -- Man is ja lngst schon viel zu mrbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt, wo _nicht_ so viel Trnen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal froh gewesen sein und ein Mensch, nicht blo ein Stein, den man hin und her stt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und weinend vor ihr nieder und kt ihr die Hnde) Marie La doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf) Dritte Szene _Die Vorigen. Biegler_ Biegler (dumpf, scheu) Guten Tag. Marie. Guten Tag, Herr Biegler. Ist denn schon Feierabend? Biegler Ja. Marie Geht's Ihnen gut? Biegler Danke. Marie Adieu, Herr Biegler. Adieu, Lore! (ab) Vierte Szene _Lore. Biegler_ Biegler (setzt sich an den Mitteltisch) Lore (geht zum Bfett, schenkt aus dem Wrmekessel einen Topf mit Kaffee ein, bricht eine Fnfpfennigsemmel ab und bringt sie nach dem Tisch links) Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung. Die sind zu groe Herren. Biegler Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links) Lore Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung? Biegler Ich -- krieg' -- monatlich. (Schweigen) Lore (immer in freudiger Erregung) Ich wei nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie reden gar nich. Biegler Ich red' ja -- auch sonst nich -- viel. Lore Wissen Sie, mir is nmlich heute ganz was -- ganz was -- Besonderes -- passiert. Biegler Was Gut's? Lore (nickt) Biegler Da gratulier' ich. Lore Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ndern. Aber es is doch wie 'n heller Schein. -- Und da mcht' ich, da es auch andern so geht. Ihnen auch. Biegler (schwer atmend) Danke! Lore Herr Biegler -- ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck spielen. Ich wei ja, was Sie qult -- seit gestern. Biegler (sich in Erstaunen jh umwendend) Und da reden Sie noch mit mir? Lore Ja -- is es denn wahr? Biegler (nach einer Pause, schwer) Die Herren Geschworenen haben die Frage -- ob's Notwehr gewesen is oder nich -- verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken. (Schweigen) Lore (nach innerem Kampfe) Herr Biegler! ... Sndig sind wir alle ... Ich auch. Biegler (bitter lachend) Sie? Lore (zaghaft) Sie wissen doch! Biegler Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst wieder Fleisch htt' auf den Armen, dann wrd' ich den Kerl -- -- Lore Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, da ich Angst hab' vor Ihnen? Biegler (hastig seinen Kaffee trinkend) Ich geh' schon. Ich geh' schon. Lore Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern? Biegler (unschlssig, mit dankbarem Aufblick) Ach! ... (hart) Ne. Lore Gott, Herr Biegler, gut tt's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n Stein! Die Steinmetzen erzhlen nmlich: Der Stein wird durch Druck. Wissen Sie? Biegler Das sollt' ich wohl wissen. Lore Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre mssen die drberliegenden Schichten drcken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar Jhrchen Druck -- immer derselbe Druck. Das gengt. Biegler (bitter) Ob's gengt. Lore Man lacht und man weint und man schlft und man arbeitet -- ach, lustig sein kann man sogar -- man is berhaupt ein Mensch wie andere und is doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ... Man is willenlos wie 'n Stein ... Man lt sich mit dem Fu stoen wie 'n Stein. Man wird gegen alles gleichgltig wie 'n Stein. Biegler (eifrig) Ja, ja, ja, -- so is es, -- ja, ja. Lore Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was helfen. Blo Vertrauen mssen Sie haben, da ich's auch wirklich will. Biegler Das htt' ich schon -- aber -- (vor sich hinbrtend) ich mu ja wohl wieder weg. Lore Ich denk', Sie waren zufrieden. Biegler Wenn sie mich in Ruh' gelassen htten -- _alle_ -- im Himmel wr' ich gewesen. Morgens -- so gegen zweie -- da is mir leicht geworden ... dann kann keiner kommen und was von mir wollen. -- _Doch!_ -- Einer _kann_ kommen ... Die kann _immer_ kommen. Sie _is_ noch nich -- aber sie kann. Lore (mit beruhigendem Lcheln) Na wer denn, wer denn? Biegler Ach so -- ich soll ja mein Herz erleichtern. Lore Nicht -- wenn Sie nich wollen. Biegler Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so langsam von einem weg ... Man will _mit_ anfassen, und dann is man allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heit es: Na, habt ihr auch schon euer Leben versichert? Und da heit es: Wenn sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz schwarz stellen. Und dann fliegt 'n Stck Holz. Und dann fliegt 'n Stein. Und dann kommen _Sie_ eines Tags und sagen: Es tut mir leid, Herr Biegler, aber Sie mssen wo anders essen, es is wegen der Leute. Lore (schttelt heftig den Kopf) Biegler Na warten Sie man. Und schlielich kommt der Prinzipal und sagt: Hier is Ihr Buch. Sie knnen gehen. Und man wei, da man nu wieder ins Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt noch: Gott sei Dank. Lore Ach, es is schrecklich. Biegler Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: Seid froh, da ihr shnen knnt ... Shnen heit das schne Wort ... Das haben die Herren extra fr uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles shnen? ... Da der Weg mich in _die_ Schlafstelle gefhrt hat -- und gerade in _die_? ... Da die Frau jung war -- mit Flunkeraugen -- und da sie immer _so_ machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': Was machen Sie da? dann hat sie mich mit den blanken Zhnen angelacht und gesagt: Ich kann's in den Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt ... Und der Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon hei und kalt das Genick 'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater ... Mit den Schustern hab' ich kein Glck ... Nu, da wissen Sie ja auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gertschemel gehend) Da liegt er ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bichen kleiner war er -- aber gro genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefat hat -- mit ihr -- -- und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab' ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? _So!_ (Hebt den Stein hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert, wie wenn einer bis drei zhlt ... Weil der nu da lang lag, darum war mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: shnen! Ja, nun shne mal, wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden geprgelter Hund viel shnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr kann er nich. Lore (mitleidig) Mein lieber Gott. Biegler _Ihr_ lieber Gott is nich _mein_ lieber Gott. Sonst lie' er _das_ nich zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten mssen gleich kommen. Lore (fest) Sie sollen _nicht_ gehn, Herr Biegler. Biegler (in flackernder Angst) Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun. Lore Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und kmmern sich um nichts. Biegler Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn? Lore Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind _die_ von Ihrer Schuld berzeugt. Und das darf nicht sein. Biegler Wenn's nu aber doch wahr is? Lore Das geht keinen was an. Auer Herrn Zarncke und mir wei keiner was. Und wir halten reinen Mund. Wenn _die_ sehn, da Sie keinem aus dem Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte? Biegler (nickt voll Grauen) Lore So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt, dem zeigen Sie die Zhne. Biegler (stammelnd) Ach ich -- m -- mir bl -- eibt ja jedes Wort in der Kehle. Lore Soll nicht. Darf nicht. Sie mssen. Mssen, Herr Biegler, mssen! Biegler Und 's kann sein, wer's will? Ja? Lore (stutzend, dann stark) Ja. Biegler (dumpf, zagend) Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurck) Fnfte Szene _Die Vorigen._ _Lohmann._ _Sprengel._ _Struve._ _Drei andere Arbeiter_ (Die Eintretenden begren Lore, die rasch hinter den Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen Guten Tag und setzen sich an den Tisch rechts) Lohmann Glas Bier! Sprengel Mir auch. Struve Jedem eins. Sprengel Kiekt mal, wer da huckt! Lohmann Mir wundert, da er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist doch extra fr ihm hingebaut. Struve Der Mensch sitzt, wo er kann. -- La ihm sitzen. Lore (Bier bringend) Wohl bekomm's! Lohmann Danke. (Nach Biegler hinber) Jemtlich is anders. Prost! (Sie stoen an) Lore (bringt auch Biegler ein Glas Bier) Sprengel Wird der hier nu auch den Stammgast spielen? Lohmann Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus. Struve Kindersch, lat mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschftigt mit meine eigenen Sorgen. Lohmann Wat vor Sorgen? Struve Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst blo Steine schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafr biste aber auch 'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner Mitbrger, wenn du wirst 'n Magazinschlssel an dir tragen, oder so -- dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist. Sprengel Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was? Struve Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der mu sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschlo. -- Da brauchste blo 'n paar gesunde Zhne zu, um 'n vierzlligen Drahtnagel krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf? Lohmann (lachend) Ne. Struve Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen -- Lohmann Was? Struve Na -- de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschrfen bei jeden freindlichen Mann, wo mit blanke Knppe handelt. Da kann dir kein Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste Beersenjeschft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor haben? -- Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick ber Land. Sprengel Jlickliche Reise. Prost. Struve Und was der Nachtwchter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n Hering jegen 'n Lffel Jritze, dessentwegen knnte man 'rin und 'raus -- wie de Schwalben. Lohmann Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen. Sprengel Abjebrieht is er wohl. Sonst s' er nich hier. Struve Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wr's, dann wr' er noch nich 'raus. Lohmann Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel anwenden. (Sehr laut) Frulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von 'ne leistungsfhige Lebensversicherungsgesellschaft? Biegler (der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter Erwartung dagesessen hat, wendet sich jh um) Lore (abweisend) Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung? Lohmann Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man pltzlich mit Tode abjeht, man wei nich, wie? Lore (abweisend) Ich versteh' gar nich, was Sie meinen. Lohmann Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn. Biegler (steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes Stammeln hervor und setzt sich wieder) Lohmann Hat jesessen. Sprengel Wo bleiben brigens heite die Steinmetzen? Struve Nu -- die mssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Strae. Es knnt' se ja einer fir Hausknechte halten. (Lachen) Lohmann Jedenfalls mt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen beim Alten, -- damit er auf'm Platz 'n bichen ausruchern lt. Es wird ntig. Sprengel Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n plundrigen Kerl. Lohmann Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; -- da hab' ich auch kein Erbarmen. Biegler (zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlssig, ob er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr) Sprengel Kein Mensch wei, ob er's wirklich is. Lohmann Warum steht er denn nich auf und -- Sechste Szene _Die Vorigen. Willig. Gttlingk und andere Steinmetzen_ (in Feierabendkleidung) Gttlingk (auf den Tisch der Arbeiter weisend) Da _sitzt_ se ja, die janze feine Familie ... Ihr kriegt's wohl nich eilig genug mit eurem Feierabend -- was? Lohmann Wieso denn? Willig Den groen Oberkirchner Block, links von der Treppe, habt ihr auf Hochkant stehn lassen. Wit ihr das nich? Sprengel Nu, der hngt doch im Flaschenzug. Willig Aber locker hngt er. Lohmann Bis wir den 'runterkriegen, dauert's zwanzig Minuten. Wenn der Alte berstunden zahlen will, gehn wir gleich noch mal 'ran. Gttlingk Husten wird er euch was. Willig Jedenfalls steift ihn noch ab. Wenn was passiert, seid ihr verantwortlich. (Setzt sich zu den Steinmetzen an den Mitteltisch) Gttlingk Na, Lore, Sie knnten ruhig 'n bichen fixer sein, wenn die Steinmetzen kommen. Lore (die Bier bringt, eilig, ngstlich) Hier is, bitte, hier is schon alles. Gttlingk Aber freilich, wenn man sich mit solchem Volk abgibt, wie der Kerl -- der -- (Biegler erkennend) Herrgott, wer sitzt denn da? Willig (rasch) Ach, kmmer dich nicht um den. Gttlingk Hast recht. So 'n Geschmei existiert nich. Prost, die Herren! ~Per Bacco~, is mir mollig. Ganz fingrig is mir zu Mute. Wollt ihr was hren? Natrlich, ihr wollt immer was hren. Lore, bring mal -- bringen Sie mal die Seufzerkiste. Lore Jawohl. (Holt die Mandoline von der Wand und bringt sie ihm) Ein Steinmetz Du, der Alte war doch heute so extra s mit dir. Ahnste weswegen? Gttlingk (whrend er die Mandoline stimmt) Tja, lieber Sohn, wer kann das wissen? Manchmal knnen sich Ereignisse vorbereiten -- die Welt is eben 'n Affenkfig. Siebente Szene _Die Vorigen._ _Der alte Eichholz_ Eichholz (angezogen wie im ersten Akt) Einen guten Feierabend wnsch' ich der hochgeehrten Gesellschaft. Gttlingk So in Jala, Papa Eichholz? Eichholz Jawohl. Mein Manschettenhemde hab' ich mir angezogen und habe mir angetan im Schmucke smtlicher Orden und Ehrenzeichen. Nu wollen wir mal sehn, ob ein alter Krieger noch was gilt in seinem Vaterlande. Lore (ngstlich) Was hast du vor, Vater? Eichholz Zuerst bejeb' ich mir zum Alten und frag' ihn auf Ehr' und Jewissen: Wer is der Kerl? Was is der Kerl? ... Und wenn er in meinen unjewissen Zustande mir sollte -- (bemerkt Biegler) was -- was -- was -- was is denn das? Is das --? Lore Vater, hier darf jeder sein Bier trinken, der zum Platz gehrt. Weit du das nich? Gttlingk (halblaut zu Lore) Was mischst du dich da eigentlich immer 'rein? Eichholz Was man so sagt, der Wiedehopf, der lt in sein eigenes Nest 'reinschmutzen, aber wenn du willst mein Fleisch und Blut sein -- (in ausbrechender Wut) Kerl, dir werd' ich platt schmeien! Dir bind' ich 'n Mhlstein um'n Hals, dir, dir ... Blut mu flieen, du Hund, du blutiger Hund! Biegler (geqult) Frulein, soll ich nu immer noch lnger hier bleiben? Ich denk', nu is genug. Gttlingk (halblaut zu Lore) Nanu? Was geht dich dem Kerl sein Hierbleiben an? Lore Vater, tu, was du willst, aber hier in der Kantine fang keinen Zank an. Sonst mut du 'raus. Lohmann (leise) Sieh mal, wie sie sich auf dem seine Seite schmeit. Sprengel Hat sie ganz recht. Eichholz Jawohl. Ich geh' schon. -- Ich werde schon in geeignete Erfahrung bringen, wer, wer (mit geballter Faust) und wer Blut vergiet, de -- Blut -- mu -- -- ich geh' schon, ich geh' schon. Guten Abend, die hochgeehrte Gesellschaft. (Ab) Achte Szene _Die Vorigen_ ohne _Eichholz_ Gttlingk (leise zu Lore) Hast du etwa Durchsteckereien mit dem? Lore (wendet sich ab) Gttlingk (verbissen) Sieh mal an! (Kehrt auf seinen Platz zurck) Na, lassen wir uns nich die Laune verderben. (Ergreift die Mandoline, in neuem Argwohn) Freilich, wissen mchte man doch. Willig Halt blo Ruhe, Eduard. Die Anderen (die am Steinmetztische sitzen, stimmen ihm bei) Gttlingk (an der Mandoline zupfend) Na also, was soll ich euch singen? Ich wei 'ne Menge schne Lieder, die mir die schnen Weiber dort unten in schnen Stunden beigebracht haben ... denn die Weibsleut' da unten! berhaupt die Weibsleut', Kinder! Wenn man da nich feste 'ranjeht! (Beilufig, herablassend) Ach, bringen Sie mir doch noch 'n Glas Bier, Frulein Lore. Lore (bebend vor Erregung, holt sein leeres Glas) Gttlingk Du fragtest vorhin, warum der Alte heute so s mit mir war. Ja, mein geliebter Sohn, Glck bei den Weibsleuten mu der Mensch haben. Das is der Ausschlag beim Rosinenhandel ... Danke, mein Frulein, danke, danke, danke! (Singt und spielt) ~V qu una giardiniera, si chiama Luisella, da sovra all'Arenella~ -- (Abbrechend) Sagt mal, Herrschaften, wie wr's, wenn ich zur Abwechslung mal so euer Chef wrde hier auf diesem Steinmetzplatz? Willig Was is das wieder fr 'n fauler Witz? Gttlingk Ja, das Leben macht manchmal so 'ne faulen Witze. Wenn ich da Jimm drauf htte. Die Puckligen sind zwar nich gerade mein Jeschmack, aber wenn so 'n schnes Jeschft dran hngt, kann man ja auch mal beide Augen zumachen. Lore (stt einen unartikulierten Laut des Abscheus und des Entsetzens aus) Sprengel (halblaut) Is 'n Mensch wie 'n Vieh. Willig (leise) Lte nu nich mal mehr die Krppel in Ruh? Gttlingk (der das allgemeine Murren bemerkt hat, zum Arbeitstisch hinber) Riskiert da etwa einer zu mucken? Was? Lohmann Wir sind ja ganz still. Gttlingk Mcht' ich mir auch ausgebeten haben. (Da Lore, den Kopf in den Hnden, noch einmal aufsthnt) Was ist denn hier los? Was? Was? Was? Biegler (ist in zitternder Erregung langsam aufgestanden, leise, zaghaft, als traue er seinen erwachenden Krften nicht) Du Schuft! Du Schuft! -- Du Schuft! Gttlingk (fassungslos vor Erstaunen) Was will das Gewchse da? Biegler Du ganz erbrmlicher Schuft! Gttlingk (Humor heuchelnd) Kinder, der is bergeschnappt. Soll ich den zu Mus quetschen? Nehmt mir das nicht bel, aber die Handvoll, das lohnt mir nich. Auerdem bin ich's als Steinmetz mir und euch schuldig, mich nich mit erst wem -- Prost! Biegler (heiser) Was du bist, bin ich noch alle Tage. Gttlingk Dem Kerl mu man doch 'ne Zwangsjacke anlegen. Biegler Ich hab' zum Spa deine Arbeit getan. Wenn's hell is, kann ich's besser. Gttlingk (aufspringend) Du warst das selber, du verfluchter --? Die Anderen (halten ihn fest) Ruhig, ruhig, ruhig. Biegler Aber das is Nebensache. (Auf Lore weisend) Da -- da -- wer steht da? -- Der sagst du _das_ ins Gesicht? -- Jeder wei, da sie 'n Kind von dir hat. Zum Dank verhunzen tust du sie -- schuriegeln tust du sie ... Wirst sie -- wirst sie ehrlich machen? Wirst sie ehrlich machen? Du nichtswrdiger Schuft! Du! Gttlingk (der sich zu befreien sucht) Nu lat doch los. -- Is blo 'n Floh, der ganze Kerl, aber das kost't ihm das Leben. (Reit sich los und zieht den Dolch heraus) Los sag' ich, oder -- Die Anderen (weichen erschrocken zurck) Biegler Du meinst, ich hab' Angst vor deiner einzinkigen Gabel, weil alle anderen Angst haben? -- Kraft hab' ich keine, Haut und Knochen bin ich vom langen Hungern, aber -- (er hat den Klopfstein ergriffen, der auf dem Schanktisch liegen geblieben ist, und hebt ihn hoch) -- _mit so 'nem Schusterstein hab' ich schon einen erschlagen! Mit so 'nem Schusterstein hab' ich schon_ -- -- (groe Bewegung) Nu komm mal 'ran, wenn du willst. Komm mal 'ran -- komm mal 'ran! (Dringt auf Gttlingk ein) Gttlingk (erschrocken zurckweichend) Na, na, na, na. Biegler Komm 'ran -- oder 'raus da -- 'raus da. -- Gttlingk (weicht, unverstndliche Worte stammelnd, bis zur Tr zurck) Biegler (der ihm gefolgt ist) 'raus da! 'raus da! Gttlingk Das werd' ich dir -- gedenken. -- (Rettet sich durch die rasch geffnete Tr) Biegler (sieht sich wirr um und wankt zu seinem Tische zurck. Er sieht verstndnislos noch einmal um sich, sieht Lore, die schluchzend, mit verhlltem Gesicht, abgewandt dasteht, sieht die blassen, entsetzten Gesichter und murmelt, wie wenn er langsam zu sich kme) Was is denn? Was war denn? Was --? (Sein Gesicht verndert sich, er kmpft mit dem Schluchzen und will auf seinem Stuhl zusammensinken, rafft sich aber mit letzter Kraft empor, trinkt sein Bier aus, setzt seine Mtze auf und schreitet mit geballten Fusten zur Tr zurck; -- sich umwendend wirft er einen fragenden, trotzigen Blick auf die ihn regungslos Anstarrenden -- und geht hinaus) (_Der Vorhang fllt_) Vierter Akt Szenerie des zweiten. Sptabendbeleuchtung. ber den Husern des Hintergrundes ein glhender Streif Abendrot, der sich allmhlich verliert. Vor der Veranda unter dem Fenster der Zarnckeschen Wohnung ein gedeckter Tisch nach vollendeter Abendmahlzeit. Das Fenster der Kantine ist erleuchtet. Beim Aufgehen des Vorhangs ertnt von irgendwoher Biergartenmusik Erste Szene _Marie._ _Zarncke_ Zarncke (in einem Korbstuhl behaglich ausgestreckt, eine Zigarre rauchend) Siehste, nu is unsre Amsel auch schon schlafen gegangen. Marie Eben sang sie doch noch. Zarncke Bald werden sie nu auch im Gambrinus Ruhe geben mit ihrem Bumbum. Marie Ach, ich hr's gerne. Zarncke Ich auch ... Und weit du, warum? Weil es so schn weitab is vom eigenen Leben ... Da sitzen nu die Menschen in Haufen, stoen sich, rgern sich, beneiden sich, begehren sich, und fnf aufgequollene Trompeter machen Musike zu ... Man is doch wahrhaftig wie der liebe Herrgott in seiner Stille ... Sechs Tage hat er an der verfluchten Welt 'rumgebastelt, am siebenten hat er aber auch _gar nichts_ von ihr wissen wollen. ... Was guckste denn immer nach der Lore ihrem Fenster 'rber? Marie Ja, Vaterchen, merkwrdig is es doch. Zarncke Was denn? ... Da der Gttlingk da is? Marie Den ganzen Winter ist er Sonntags nicht einmal bei ihr gewesen. Seit seiner Rckkehr nicht. Und pltzlich kommt er -- Abends um neune -- von da oben -- die Treppe 'runter. Zarncke Der Deibel mag wissen, was er da oben zu suchen gehabt hat. Aber so ksewei brauchst du darum doch auch nich zu werden, wenn er nu wirklich mal hinter dir auftaucht. Marie (schweratmend) Denk doch, was das fr die Lore bedeutet. Zarncke Hr mal, Kindchen, hab die Lore lieb! Aber du mut dich nich so 'reinbegeben in das, was rings um uns geschieht. Nich mitmachen wollen. Das zehrt dann am eigenen Leben. Es bleibe jeder in seiner Haut -- und jeder hte den Schlssel zu seinem Geheimfach ... Marie O, das freilich. Aber -- gestern mu was passiert sein bei der Lore drin. Zarncke So? Was denn? Marie Zwischen dem Nachtwchter und -- und -- Gttlingk. Zarncke So? Hm. Das war ja nu leider vorauszusehn. Marie (ngstlich) Wieso? Zarncke Sie haben 'rausgekriegt, da der arme Kerl was pekziert hat. Deshalb hab' ich gestern schon den Eichholz 'rausgeschmissen. Das alte Vieh war ganz rabiat. Irgendwas bereitet sich vor gegen den Biegler. Und schlielich werd' ich noch klein beigeben mssen. Schad um den -- (Schnalzt) Marie Nein, nein, es scheint was anderes. Was Schlimmeres. Viel was Schlimmeres. Zarncke 'n Menschen ins Verderben zu jagen is schlimm genug ... Von wem weit du's denn? Von der Lore? Marie Nein. Das ist es eben, was mich ngstigt. Die geht mir heut aus dem Wege, wo sie kann ... Und die Homeyer macht immerzu Andeutungen. Aber was Rechtes kriegt man auch aus _der_ nich 'raus. Zarncke Na, wenn das Schwatzweib schon sein Maul hlt. Da wollen wir doch mal gleich -- (Klingelt) Zweite Szene _Die Vorigen._ _Frau Homeyer_ Frau Homeyer (eine Windlampe in der Hand) Gotte, Gotte, ich wart' schon immer mit der Lampe ... Nein, so im Dunkeln ...! Wie knnen Sie blo? Zarncke Sie haben wohl noch nie zu zweien im Dunkeln gesessen? Frau Homeyer Ach nein doch! Mit 'n jungen Mann -- der nimmt sich dann so leicht was 'raus -- Zarncke Und mit 'n alten Mann -- das lohnt nich. Frau Homeyer Aber, Herr -- Zarncke Sagen Sie mal, Sie, was is denn gestern bei der Lore gewesen? Frau Homeyer Bei der Lore? I, da ich nicht wte. Zarncke Sie haben doch meiner Tochter erzhlt -- Frau Homeyer Ich? Ach nein, das mu ein Irrtum sein. Ich, dem Frulein? Und gerade dem Frulein? I, da mt' ich -- (Nimmt das Tischzeug zusammen) Marie Aber Frau Homeyer -- Zarncke (gleichzeitig) Was heit das: _Gerade_ dem Frulein? Frau Homeyer Nu ja. Da mt' ich doch sozusagen eine Schwtzerin sein. Und ich bin im Gegenteil immer hchst zurckhaltend ... Da bin ich bekannt fr. Da knnen Sie alle Mannsleute fragen. Da knnen Sie meine Zeugnisse lesen ... Und da soll ich mir gerade _hier_ die Zunge bei verbrennen? ... Das kann Ihnen wer anders erzhlen, Frulein. Und dann mssen sich auch nichts draus machen. ... Die Mnner sind immer mit dem Maul vorneweg ... Ehrbar sein und sein Myrtenbumchen pflegen, das is immer noch das Beste fr 'n ltliches Mdchen. Marie Ja, was hab' _ich_ aber mit dem allen zu tun, Frau Homeyer? Frau Homeyer Ja, Frulein Mariechen, der Mensch hat _manchmal_ mit was nich zu tun, und kommt _doch_ ins Gerede ... Von dem Herrn Gttlingk htt' ich das freilich nicht gedacht. Der is sonst immer 'n Kavelier gewesen (verschmt) immer so zutraulich -- und, wie gesagt, Kavelier. Aber da knnte ja jeder kommen und -- ach, bitte das Sahnentpfchen -- und behaupten, er braucht' blo die Hand auszustrecken, da knnt' er Herr sein auf diesem Steinmetzplatz. Ja. Zarncke Was? Was? Was is das? Frau Homeyer Und es glaubt ihm auch keiner. Da knnen Sie ganz unbesorgt sein, Frulein, das -- Zarncke Halt! Stopp! 'raus! Weg! Frau Homeyer Aber Herr -- Zarncke Weg, weg, weg, weg! Frau Homeyer Ja, ja, Herrgott! Zarncke Weg! Frau Homeyer (mit dem Tablette ins Innere ab) Dritte Szene _Marie._ _Zarncke_ Zarncke Das haste wahrhaftig um den Lumpen nich verdient, Mariechen. Bittst mich noch, ich soll helfen, ihm sein Nest austapezieren ... Und da traut sich der Kerl berhaupt noch hierher? -- Da wollen wir mal gleich -- -- (steht auf) Marie (die, ins Leere starrend, regungslos dagesessen hat, fhrt auf) Nein, Vater, nein! Zarncke Was -- nein? Und wie siehste denn aus? -- Ganz berird'sch! Marie (in hilflosem Bekennen) Vaterchen! Zarncke (nach einem Schweigen hinter sie tretend) Miezelchen! (Die Hand auf ihren Scheitel legend, leise) Haben sie dir 's Geheimfach aufgebrochen? Marie (aufschluchzend) Nicht ansehn! Nicht ansehn! (Verbirgt das Gesicht in seinem Rock) Zarncke (sie streichelnd) Also _das_ war's? Und was du da drinnen verschlossen hieltst, das wird dir nu da -- (weist zur Kantine) Ja, wie geht denn das zu? Marie (von Schluchzen geschttelt) Wei nicht! Wei nicht! Zarncke Na, nu la doch mal meinen Rock los! Marie (verbirgt das Gesicht um so fester) Zarncke Willst nich? ... Schmst dich so sehr? ... Kannst mich gar nich ansehn? Mchtst das Tageslicht nich mehr sehn? Mchtst dir womglich das Leben nehmen noch diese Nacht? Marie (nickt heftig) Zarncke (lacht und streichelt sie) Und machst doch nur durch, was jeder durchmachen mu, dem 'n Stern vom Himmel 'runterfllt. (Zum Himmel weisend) Kiek mal hoch! ... Kannst noch nich? Da sind schon 'n paar. Und dahinter noch Milliarden. Sie stehn da wie fr die Ewigkeit. _Und sie fallen alle._ Aber darum werden wir Menschen nich rmer ... Hchstens die, denen sie als Zwanzigmarkstcke in die Tasche fallen ... Die Jugend verliert sich zuerst, aber unser Blick wird um so heller ... Die Freunde zerkrmeln sich, aber unsere Freundschaft wird alles, was mit uns reden kann, jeder Gedanke -- jeder Hund -- jeder Stein ... Na -- und die Liebe? -- Dem einen fllt sie in den Schmutz -- wie dir, dem anderen zerreibt sie der Alltag; -- rasch oder langsam, es is immer dasselbe, -- aber vor der Tr lauern schon wieder viele, die wollen sehr liebgehabt sein, und die brauchen's den Deiwel wie ntig ... Selbst der Herrgott wird uns aus unseren Herzen gerissen, aber unsere Herzen schlagen krftiger ... Kindchen, 's wird noch 'n bschen weh tun 'ne Zeit lang ... Scham brennt ... Aber seines guten Rechts soll sich der Mensch nicht schmen. Und dein Recht war's ... Ja war's ... Wie's mein Recht war und ist, dich liebzuhaben und dir zu sagen: Halt still ... Die Stillen sind die Klugen ... Und nur wer von der Welt _weit, weit_ ab is, der hat sie ganz. Marie (sich aufrichtend) Vaterchen, hast du das immer gedacht? Zarncke Ich geb' zu, Kindchen, es is 'ne Weisheit fr die Kranken und die Alten. Aber die, welche die Jungen und die Gesunden sich zurechtmachen, is auch nischt wert ... Na -- nu schmunzelst du ja wieder --. Marie (schluchzt kurz auf) Zarncke Nich, nich, nich ... Und komm 'rauf ... Mir is, die Tr hat schon 'n paarmal geklappt. (Weist nach der Kantine) Da traut sich einer nich an die frische Luft, eh' wir nich verduftet sind. Marie Die arme Lore! Zarncke Nja. Na, komm. (Beide ins Haus ab) Vierte Szene _Eichholz._ _Gttlingk._ _Lore_ Eichholz Scht! Du, Gttlingk! -- Sie sind weg! Gttlingk (heraustretend) Es war auch hohe Zeit! ... Denn wenn mir jetzt -- gewisse Leute in den Weg gerannt wren -- -- na! Also bers Aufgebot reden wir noch, Lore! Lore (die in der Tr geblieben ist, matt, freudlos) Wie du willst, Eduard. Gttlingk Dann wollen wir also Schlu machen mit dieser elenden Quetsche. Mein Handwerkszeug bringt mir morgen der Vater und -- ja, richtig! Die Mandoline gib mir doch noch mit. Lore (verschwindet) (Die halboffene Glastr ber der Veranda hat sich erhellt. Die Gestalt Zarnckes wird dahinter sichtbar) Gttlingk (leise) Is das nich der Alte da oben? Eichholz Ja, der schlft da. Gttlingk Scht! Na, endlich macht er die Tre zu. (Das Rouleau wird herabgelassen) Lore (bringt die Mandoline) Gttlingk So ... Vater begleitet mich noch ein Stckschen. Lore (ngstlich) Vater, es wre wohl besser, du -- -- Eichholz (scheltend) Was heit das? Was hast du --? Gttlingk (gleichzeitig) Nu la doch Vater! ... (Reicht ihr die Hand) Gute Nacht! -- (Da sie in der Tre stehen bleibt) Nu geh nur! Geh nur! Lore (tonlos) Gute Nacht. (Ab, die Tre hinter sich schlieend) Fnfte Szene _Eichholz._ _Gttlingk_ Gttlingk Na -- und nu? ... Wir haben drin nich ausreden knnen, weil uns die Lore ewig auf den Hacken sa. Wie denkst du nu ber 'ne gute Streckschicht fr den Kerl? Eichholz Ich bin immer ein ehrenwerter Mann jewesen, ich bin ein zuverlssiger Mann jewesen und ein -- Gttlingk Ja, ja, ja, ja! Eichholz Aber sie haben mir die Seele aus dem Leibe gezogen, sie haben mir den hllischen Geier, welcher heit Hadramoth, den haben sie mir -- Gttlingk Nu quatsche nich. Komm mal mit 'rber in die Destillation. Eichholz Hier steh' ich, hier jeh' ich nich weg. Sobald der Hund kommt, dann strz' ich mir los auf ihm. Brust gegen Brust. Gttlingk Na und dann? Eichholz Dann? Ich hab' dem Alten gesagt: Herr Zarncke, hab' ich gesagt, es gibt -- ein Unglck. Gttlingk Ja, mit's Maulwerk. Eichholz So? ... (Zgernd) Du, und was is denn mit dem -- Block? Gttlingk (lauernd) Was fr 'n Block? Eichholz Wo du vorhin von sprachst. Gttlingk Ach so ... Siehst du den da oben im Flaschenzug? Eichholz Ja. Gttlingk Wenn da einer die Ketten aushngt, dann steht er blo auf der Kippe. Verstehste? Eine Holzsteife -- die kann 'n Kind wegschlagen. -- Und geht dann einer die Treppe 'rauf -- _mu_ er die Treppe 'rauf? Eichholz Nu jewi. Der Alte hat doch dahinter 'ne Kontrolluhr aufgestellt. -- Gttlingk Da da man kein Malheur passiert! Eichholz (argwhnisch, will nicht verstehn) Warum soll -- da gleich -- 'n Malheur passieren? Gttlingk Ach so! ... Scht! Is er das nich? (Man hrt rechts das Schlieen einer Tr) Eichholz Ja. Gttlingk (leiser) Nu komm ... Drben trinken wir noch eins ... Kann man da oben irgendwo 'raus? Eichholz Durch die kleine Tr. Immerzu. Gttlingk (ihn nach dem Hintergrunde ziehend) Na denn komm! Eichholz Warum nich hier durchs Tor? Gttlingk Komm, komm, komm ... Da scheint auch wer zu stehn. -- Komm! (Auf einer mittleren Treppenstufe hlt er inne) Scht! Eichholz Er schliet noch das Sgewerk. (Beide verschwinden links oben. -- Whrend rechts eine schwere Tr zugeschlossen wird, hrt man oben das leise Klirren der Flaschenzugketten. Dann Stille. Whrend der folgenden Szene geht der Mond auf) Sechste Szene _Biegler._ Dann _Struve_ Biegler (mit Schlsselbund und schwerem Stock, eine Schnarre umgehngt, erscheint rechts vorne und geht an dem erleuchteten Kantinenfenster vorbei, dann revidiert er das Schlo des Magazins und will zur Tr des Wohnhauses hinber) Struves Stimme (vom Haustor her) He! Scht! Nachtwchter! Biegler! Biegler Wer is da? Struves Stimme 'n guter Freund! Biegler Ich hab' keine guten Freunde. Struves Stimme Struve is da. Biegler Struve kann bei Tage kommen. Struves Stimme Mach auf, sonst rei' ich an de Klingel. Biegler Was is denn? (Er geht aufmachen. Man hrt den Schlssel sich drehen. Dann erscheint er zusammen mit Struve) Na? Struve Fsch! Drinne wr' mer ja nu. Biegler Also was willst du? Struve Sachte, sachte, sachte! ... Ick jeheer' hier zu's Haus. Ick hab' 'n Amt hier ... 'n Vertrauensposten! Jawoll! ... Da mu ick mir iberfihren knnen bei Tag und bei Nachte ... Ick kann schon jar nich mehr schlafen vor lauter Ehrjefihl. Ja. Biegler Na, schlaf man. Ich geh' ja hier als Wchter. Struve Det sagste so in deinen Jemiete. -- Aber wenn du eines Morjens nicht mehr dabist -- Biegler Wieso? Struve Na, Mensch, Kohlege, wir beid' kennen uns doch. Uns haben se doch aus denselben Suppentopp jeangelt. Biegler (bitter) Ach so! Struve Und diesentwegen biste dir doch klar: Weg mute hier _nu doch_! Biegler Ja. Das bin ich mir klar. Struve Als du jestern 'raus warst, da haben die Steinmetzen noch ne jroe Beratung jehabt. Da haben wer nich zuheeren derfen. Blo, da se morjen frh zum Alten jehn werden, das hab' ich noch -- Biegler (in bitterer Erregung) Und meinen Austritt fordern? Struve Wer zufllig fnf Finger hat, kann sich das ja dran abzhlen. Biegler (verbissen, verzweifelt) Ich wart's gar nich ab. Ich geh' alleine. Struve Da wrste ja auch scheen dumm, wenn du dir -- nich vorher schon dinne machen wolltst. -- Und darum bin ick eben auch 'n bisken dahinter jewesen. Deiwel auch! Wenn man so die Verantwortung hat. Biegler Wofr? Fr mich? Struve Ne -- aber -- (macht Zeichen nach dem Magazin hin) vor -- -- Ick kenn' doch 's menschliche Leben. So 'ne Sachen die loofen doch jewissermaen hinter einen her. Janz von selber. Wie wenn se Beene htten. Da kann man jar nischt vor. Biegler Was denn? Was denn? Struve Na, du weit schon. Aber in so 'ne menschliche Versuchungen da mu man eben 'n Freind haben. Mann mit Ehrjefihl. Und so. Wo einem 'n bisken ins Jewissen redt ... Denn der Fallstricke des Teufels sind viele, und -- -- was? Wie sagste? Biegler (mit einem kurzen Lachen) Ich sag' jar nischt. Struve Na, nu mal unter uns! -- Wenn du -- und du jehst hier weg, wo wirschte denn nu hinmachen? Biegler Wer kann das wissen? Struve Nu, setz dir mal bisken hier dal! (Zieht ihn auf den vordersten Block) Sieh mal, mir jeht hier ja so weit janz jut. Ick bin Verdrauensperson. Und so. -- Aber _zu_ viel Ehre kann der Mensch auch nich verdragen. Des drickt aufs Jemiet, weite ... Und weil ich dir nu mal so liebhabe -- jewissermaen, und weil de iberhaupt noch im janzen 'n bisken klietrig bist -- weite! -- -- na? -- Wollen wir zusammen uf de Fahrt steigen? Biegler Was? Du und ich? Struve Nu ja. Mit _die_ Ansichten, wo wir beide vons menschliche Leben haben -- die _haben_ wir nu mal! Die kann uns keiner nehmen. Die einen wlzen sich in'n Jolde, wir wlzen uns in'n jrienen Chausseejraben. Tagsber sehn wir mal bisken nach, wo wat los is, Abends saufen wir uns 'n verjnichten Teng ins Jesichte. Hier mute ewig 'n krummen Puckel machen und dir sauer anhauchen lassen und wirscht doch nie mehr im Leben, wat die andern sind! Biegler Mensch! Da haste recht! Struve Drauen veracht' dir keiner ... Und da biste blo _einem_ Jehorsam schuldig, -- das is der Meilenzeiger ... Na? Biegler (schaut abschiednehmend um sich, mit hartem Entschlu) Gut! Wann willst du -- losjehn? Struve Losjehn? ... Jleich. Uf'n Momang. Biegler (in Erregung) Ich mu doch erst -- mit ihm -- reden ... Mu doch kndigen. Struve Ach! Sei doch kein Milchkalb! Wird er dir viel kndigen? Und noch eins sag' ich dir: Der Jttlingk is 'n tck'sches Luder. Der verjet dir die Blamasche nich. Da kannste morjen drei Zoll Stahl ins Leib kriegen, jleich, noch auf'n nichternen Magen. Biegler (dumpf, entschlossen) Mir is alles egal. Struve Ne, ne, ne, ne. Komm jleich. Nimm dir in acht. Biegler Zeugnisbuch mu ich haben. Dann komm' ich mit. Struve Zeichnisbuch? Ick wee 'ne Penne hier in de Jegend, da stempelt dir 'n jewesener Oberjeheimrat de piksten Flebben noch heite nacht. Und denn -- wat willste mit 'n Zeichnisbuch? -- Et steht ja woll jeschrieben: Ehrlich whrt am lngsten -- aber 'n tichtiger Spitzbube fhrt mit vier Hengsten. Und iberhaupt mit die olle Tugend! Die schabt sich ab wie 'ne dreck'ge Scheierbrschte. Da droppt dir ewig de Nese von wie bei'n kleinen Swienegel ... Blo natirlich -- 'n jewisses Anlagekapital -- det missen wir haben. Biegler Wozu? Woher? Struve Det brauchste berall. -- Ohne 'n Parchentlappen kannste nich uf de Flohjagd. -- Willste lernen Jold machen? Kleinigkeit! Aber natirlich -- wenn de keinen Dukaten _hast_, kannste auch keinen Dukaten beschneiden. Siehste! Das is der Witz ... Na, Jott sei Dank, bei uns is ja nich wie bei arme Leit' ... Kleines Vermeegen zum Anfangen -- und so -- is ja alles da. Biegler Ich krieg' noch nich mal 's volle Monatsjehalt. Struve Aber Mensch! -- Bejreifst de denn noch immer nich? Biegler Was denn? Na was denn? Struve Herrgott! Schon doch 'n bisken mein Ehrjefihl und frag nich immer so glup'sch. Aber se sind doch nu mal da. Da kann man doch nischt machen. Biegler Was? Was? Was? Struve (zaudernd, verlegen) Na -- de -- de -- Diamanten. Biegler Die willst du am Ende --? Struve Die brechen wir doch jetzt jleich aus. Det is doch 'n janz reelles Jeschftsprinzip. Anzeigen kann uns der Olle nich mehr. Sonst blamiert er sich. Na? Biegler Ach so einer bist du! Na, dann jeh man wieder zu Hause. Struve Du bist wohl 'n Schlamassel? Biegler Ich mu jetzt elfe abpfeifen. (Wild) Jeh, oder ich pack' dir ins Jenick. Struve Na -- denn mach's gut! ... Ick hab' mir aber sehr in dir entteischt. Den Vorwurf kann ick dir nich ersparen! ... h! Is nischt mehr los mit's menschliche Leben, nich vor und nich hinter de Mauer. (Ab, von Biegler gefolgt. Man hrt das Tor auf- und zuschlieen) Siebente Szene _Lore._ _Biegler_ Lore (tritt aus der Kantinentr und lauscht nach links hin) Vater, bist du's? Biegler Ich bin's, Frulein. Lore (freudig aufschreckend) Ach Sie sind's ... Haben Sie Vater nich gesehn mit -- mit -- noch einem? Biegler Nein. Lore Ach -- 'n paar Augenblicke knnt' ich Sie sprechen -- ja? Biegler Ich mcht' Sie ja auch noch sprechen, bevor ich ... das heit wenn Sie mir danken wollen etwa -- Lore Danken darf ich Ihnen wohl noch nich mal! Wei Gott, Herr Biegler, ich wollt' Ihnen so gerne helfen. Das war meine einzigste Absicht. Statt dessen haben Sie mir geholfen. Nu helfen Sie mir auch weiter. Ich wei nicht aus, nicht ein. Biegler Was is denn nu? Lore Er -- war -- eben da. Biegler Aha ... Na, wann wird Hochzeit sein? Lore (schweigt) Biegler Oder will er noch immer nich? Lore Ja, ja, er will ... Er sagt wenigstens, er will ... In Arbeit kommt er nich mehr zurck. Biegler So? Ei, ei! Lore Aber sobald er was andres gefunden hat, sagt er -- Biegler Das kann ihm ja nich fehlen. Lore Herr Biegler, sagen Sie mir, is denn das mglich? -- Man hungert, man hungert nach seinem Glck, jahrelang -- und wie man's endlich hat -- _so_, zwischen seinen zwei Hnden, da is es mit einem Mal keins mehr, da _will_ man gar nich mehr, da is man satt, satt. Satt is man. Satt. Biegler Wer satt is, soll nich essen. Lore Ich kann doch nicht nein sagen zu ihm ... Das is doch Wahnsinn. Da drin schlft doch mein Lenchen. Biegler (erregt, verbissen) Mancher Mann wr' glcklich, Ihr Lenchen auf dem Scho zu halten. Lore (erschrocken) Herr Biegler, so etwas darf ich nich denken. Das is Snde. Biegler Snde is, wenn man sich mit sehenden Augen ins Unglck strzt. Lore Das sagen Sie heute, und gestern -- haben Sie Stellung und alles -- haben Sie hingegeben -- blo -- Biegler Gott wei, wie alles kommt. Lore Ach, wenn ich reden drfte! Ich glaub' ihm ja nichts mehr. Ich laure blo immer: Was fr 'n Hintergedanken hat er nu? Mit Vater hat er im Winkel gesessen, weit weg, damit ich nichts hren soll ... Es war da die Rede von -- Gott, Sie wissen ja, wie Vater is. Nu hebt mich die Angst, da er ihm irgend was Schlimmes einredet. Biegler Wem kann der alte Mann denn was tun? Lore Vielleicht irr' ich mich auch. Ach, sagen Sie mir, was soll ich? Ich kann ja nich mehr los von ihm. Ich bin jahrelang wie sein Hund zu ihm gewesen. Ich kann ja nich mehr los von ihm. Biegler Ja, wenn Sie nich _knnen_. Lore Ach, lieber Herr Biegler, helfen Sie mir. Biegler Helfen! Ich wei mir alleine nich zu helfen! Lore Ach, Sie sind stark. Das wei ich seit gestern. Sie knnen, was Sie wollen! Sie -- Biegler Hhhh! Weil ich 'n Stein gefunden hab' zur richtgen Zeit. Ich will _nich_ bald wieder auf 'ner dreckigen Pritsche liegen, Pennbruder rechts, Pennbruder links -- wenn nichts Schlimmeres -- und mir die Augen aus dem Kopf brennen vor -- -- _und mu doch_. Lore Sie knnen doch auch da gehn, wo Sie hingehren. Zu Ihresgleichen. Biegler Das _is_ meinesgleichen, Frulein Lore. Irren sich nich. -- Da _gehr'_ ich hin ... Aus _der_ Welt, wo Sie sind, da bin ich 'raus. Wo ich lebe, da is Krtze und Fuselgestank, da spuckt man sich auf die wunden Fe, weil man kein Geld zu Salbe hat, da verkauft man seine ewige Seligkeit um ein geflschtes Stck Attest. Lore Aber noch sind Sie doch hier. Biegler Schon so gut wie nich mehr. Morgen frh geh' ich weg. Lore Aber warum denn? Warten Sie doch ab! Biegler Ich wart' gar nichts mehr ab. Nichts Gutes, nichts Bses. -- Ich geh' auf alle Flle ... Nu sie aus meinem eigenen Munde wissen, was fr einer ich bin, nich einen Tag mehr ... Dies is blo wie 'n schner Traum gewesen. Der is nu aus ... Ach, bangen werd' ich mich schon sehr ... Ja, _die Nchte_, wenn der Mondschein berall auf den Blcken liegt ... Da -- sehn Sie, da ... Bei Tag sind sie man grau ... Aber Nachts wie Carrara ... Manchmal bin ich so 'rumgegangen und hab' _einen_ gestreichelt und den _andern_ gestreichelt und hab' gedacht: Wer wird dich mal behauen -- der Glckliche! ... Und wenn dann erst alles ganz still wird -- ringsum auf den Straen, -- dann sitzt man mitten in der Welt wie in einem schnen, warmen Mantel -- ganz ruhig und ganz -- -- ich sagt's Ihnen schon gestern -- aber das kommt erst viel spter gegen Mor -- -- (Hlt lauschend in ngstlicher Spannung inne) Lore Was is? Biegler (Man hrt links Gelchter von Frauenstimmen und Singsang -- scheinbar sich entfernend) Horchen Sie! Horchen Sie! Lore Nun ja. Da lachen 'n paar auf der Strae. Was is denn dabei? Biegler (leise) Das sind die Mdchen, die unter Aufsicht stehn. Die ziehen hier in die Runde -- von elfe ab -- immer ums Straenkarree 'rum -- bis gegen Morgen. (In Angst) Solang ich die lachen hr', da -- Lore Was haben Ihnen denn die armen Weiber getan? Biegler (leise, geheimnisvoll) Sie is drunter. Ja, sie, sie ... die geht jetzt auch so 'rum. Lore Woher wissen Sie das? Biegler Ich hab' -- sie -- getroffen. Lore (erschrocken) Hier drauen? Biegler Ne ... Bevor ich herkam. Oben im Norden ... Wenn sie mich gesehn htt' -- ich hab' mich blo geschmt, weil ich so abgerissen war, sonst -- wei Gott, was ich jetzt schon wr' ... (Er schaudert) Ja, der Hunger kann viel ... Na -- werden ja sehn! Lore (erschttert) Aber Sie haben doch Ihren guten Willen, Sie -- Biegler Was is guter Wille? Mein guter Wille sind Sie gewesen, Sie und der komische alte Mann da drin. Von jetzt ab hlt mir keiner mehr die Stange hin. Aber gedenken werd' ich's Ihnen -- bis -- ... Frulein Lore, es is mein letzter Dienst heute. Ich hab' die Elf-Uhr-Runde noch nich gemacht. Lore (sich ngstlich umschauend) Ach -- noch -- noch -- Wenn ich blo wte, wo er Vater hingeschleppt hat ... Ich kann die Angst nich los werden, da, da -- -- Biegler Na, was denn? Lore Ach, nehmen Sie sich vor dem Block in acht -- dort -- ja? Biegler Ja, ja, der hngt locker, ich wei ... Lore Und bleiben Sie wenigstens im Mondschein. Gehn Sie nich ins Finstre -- nein? Biegler (kurz auflachend) Das wr' 'n richtiger Wchter, der sich vorm Finstern grault. Und heut bin ich noch einer ... Heut bin ich noch Mensch ... Morgen munter -- wieder 'runter -- in den Morast ... (Streckt in tiefer Bewegung die Hand gegen sie aus) Gut soll's Ihnen gehn, Frulein Lore ... Lore (ohne die Hand zu nehmen) Ja, Herr Biegler, wenn's Ihnen hier so gefllt ... Schlielich, wenn's Ihnen die andern verzeihen, warum _mssen_ Sie denn durchaus weg? Biegler Wer wird _mir_ verzeihen? ... Die Steinmetzen haben ja schon beraten, da sie morgen zum Alten gehen werden -- und -- Lore Nu ja. Biegler -- und -- Lore Ach, Sie denken wohl ...? Ach, Sie wissen noch gar nich ...? Biegler Was is da viel zu wissen? Lore Herr Biegler, die Steinmetzen _wollen_ morgen zum Alten gehn -- das is richtig, aber nicht darum, was _Sie_ glauben, sondern weil sie ihm sagen wollen, da sie gerne mit Ihnen zusammenarbeiten werden. Biegler (verstndnislos) Die Steinmetzen -- wollen -- dem Al-- Lore Ja. Weil Sie ja bewiesen haben, da Sie vom Fach sind, und weil Ihr Auftreten gestern ihnen so gut gefallen hat, darum soll Ihr Privatleben keinen mehr was angehn, haben sie gesagt. Biegler Die Steinmetzen wollen -- die Steinmetzen wollen -- die Steinm-- -- -- Gott, Gott, Gott! ... Die Steinmetzen wollen -- ja, warum haben Sie mir das nich schon frher gesagt? Lore Sie sagten doch, Sie warten gar nichts mehr ab ... Sie gehen auf alle Flle. Biegler Wenn die Steinmetzen _wollen_, warum soll _ich_ denn --? Wenn ich wieder -- ich soll wieder Krnel und Scharriereisen in die Hand nehmen? ... Ich soll wieder die blaue Schrze -- umbinden -- drfen? Ich soll -- soll -- soll -- wieder die blaue Schrze ... (Heimlich, leise, in Angst) Frulein Lore, ich will Ihnen was anvertrauen. -- Aber -- (Legt die Hand auf die Lippen) Ich hab' nmlich manchmal solche Anflle gehabt (wischt sich ber die Stirn) in der Anstalt ... Das find't man dort sehr oft ... Sind Sie ganz sicher, da Sie das eben gesagt haben, da die Steinmetzen -- morgen -- dem Alten --? Lore Aber Herr Biegler, ja, ja! Biegler Und Sie glauben auch, es kann -- nichts mehr -- dazwischenkommen -- bis morgen? Lore Was sollt' denn das sein? Biegler Nu, da die Steinmetzen ihren Sinn ndern -- oder da der Alte sagt: Nein -- oder da mir 'n Stein auf'n Kopf fllt -- oder, was wei ich? Lore (sieht sich erschrocken nach der Treppe um, leise) Stein auf'n -- Biegler (lachend) Ach, wissen Sie, das wr' wirklich schade. Denn ich bin immer 'n tchtiger Arbeiter gewesen ... Ich hab' schon zwei Preise gekriegt ... Ich bin mal vor der ganzen Innung -- bin ich ffentlich belobt worden ... Gespart hab' ich auch mal ... Ich hab' mal schon acht Mark fnfzig pro Tag verdient ... Ich versteh' auch gut in Granit zu arbeiten. Profile und Alles ... Granit, das wissen Sie ja, das ist das Hrteste ... Dabei scheint es einem manchmal wie Gallert ... weicht einem geradezu aus. Man kann da mit dem Spitzeisen gar nich 'ran ... da mu man -- da mu man -- (vom Glcke berwltigt) Die Steinmetzen -- wollen -- mit mir -- -- (sinkt lachend und schluchzend auf die Bank, das Gesicht gegen die Mauer gelehnt, leise) arbeiten -- mit mir -- arbeiten -- -- Lore (macht mitleidig einen Versuch, seinen Rcken zu streicheln) Ach Gott! (um ihn zu erwecken, ein wenig ngstlich) Herr Biegler! ... Herr Biegler! Biegler (zu sich kommend) Ja, ja, ja, ja! Wo hab' ich meinen Stock -- meine Pfeife? ... Ich bin ganz, ganz ... die Kontrolluhren hab' ich auch noch nich gestochen! -- Heut darf ich nichts versumen, sonst ... Hahaha -- hahahaha! Adieu, Frulein Lore. Ich komm' bald wieder. Lore Wo wollen Sie hin, Herr Biegler? Biegler Runde machen -- nach oben -- die Treppe 'rauf ... Lore (leise) Gehn Sie nich, Herr Biegler. Nich die Treppe 'rauf! Biegler Warum denn nich? Haben Sie immer noch Angst vor dem Block? Lore (in wachsender Angst) Gehn Sie nich, Herr Biegler! Wenn Sie sich freuen auf Ihr knftiges Leben -- wenn Sie den Krnel wirklich noch mal fhren wollen -- wenn Sie -- ... _Mein Kind_ hat Ihnen das erste Willkommen gesagt, das hat Ihnen Glck gebracht -- darum ... ach, gehn Sie nich! Gehn Sie wo anders, aber da _nicht_! Biegler Frulein Lore, Sie werden ja wohl Ihre Grnde haben -- Lore J, ja, ja, ja. Biegler Aber sein Sie ganz ruhig! Nu kann geschehn, was will! Mir tut keiner mehr was. Jetzt nich mehr. Nee. Lore (entschlossen) Dann komm' ich mit. Biegler Gut! Kommen Sie mit. Gehn wir alle beide nachtwchtern! Lore (ruft hinauf) Is da einer oben? (Schweigen) Biegler Na sehn Sie! Lore (leise) Herr Biegler, wenn wir die Treppe 'raufgehn, dann fassen Sie mich mal um den Leib. Ganz fest. Biegler Ich soll Sie umfassen? Das is doch nich Ihr Ernst? Lore (umschlingt ihn rasch, mit erhobener Stimme) So werden wir jetzt die Treppe 'raufgehn. Und dann wollen wir doch mal sehen. Eichholzens Stimme (von oben) Wirste weg da, du -- Gttlingks Stimme Scht! Biegler Nanu! Was is denn _das_? (Er reit sich los und springt blitzschnell die Treppenstufen hinan. -- In demselben Augenblicke strzt dicht hinter ihm der Block mit Getse herunter, prallt gegen die Stufen und zerschellt am Boden. Eine Staubwolke wirbelt auf. Man hrt oben das ngstliche Granzen des alten Eichholz und ein Sthnen wie von Ringenden) Lore (ist mit einem Schreckensruf zurckgewichen und schreit, sinnlos vor Angst, in das Dunkel hinauf) Tu ihm nichts, Eduard. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an. Gttlingks Stimme Schrei nich, du Frauenzimmer! (Man sieht seine Gestalt nach links hin flchten und verschwinden) Achte Szene _Lore._ _Biegler._ _Eichholz._ Spter _Zarncke._ _Marie._ _Frau Homeyer._ _Zwei Dienstmdchen_ Stimmen von der Strae her (durcheinander) Was ist da los? Was is da geschehn? Da is Mord und Totschlag ... Macht doch mal auf! ... Aufmachen! -- (Man rttelt am Tor) Biegler (fhrt unterdessen den Alten die Treppe herab) Vorsicht! ... Da sind Stufen zerbrochen. -- Vorsicht! -- Eichholz (betrunken weinend) Ich bin unschuldig. Ich hab' nichts getan ... Lore (ihnen entgegen) Um Gottes willen, Vater! Biegler (gibt den Alten, der sich nicht aufrecht halten kann, an Lore und ruft nach links hinbergehend atemlos) Was wollen Sie hier? 'n Stein is 'runtergefallen. Weiter nichts ... Weiter is nichts. -- Die Stimmen (durcheinander) Nu machen Sie doch mal das Tor auf ... Wollen mal nachsehen.. Geschwindelt wird nicht ... Aufmachen! Biegler Hier wird nichts aufgemacht. Gehen Sie Ihrer Wege! (Pfiffe. Gelchter. Abgerissene Rufe. Dann allmhlich Stille) Eichholz (der von Lore zu dem vordersten Block gefhrt wird, wo er sich niedersetzt, derweilen weitergranzend) Ich bin nu auch 'n Mrder. Ich komm' nu aufs Schafott. Zarncke (hat derweilen Licht gemacht, das Rouleau hochgezogen und die Glastr geffnet, dann tritt er im Schlafrock auf den Balkon hinaus) Was is da unten? Is da ein Unglck geschehn? Lore (mit flehender Gebrde zu Biegler hin) Ach bitte, bitte! Zarncke Bekomm' ich keine Antwort? Biegler (nach Atem ringend, mit zitternder Stimme) Der Oberkirchner Sandsteinblock links an der Treppe is vom Stapel gefallen, Herr Zarncke. Zarncke Wie hat denn das passieren knnen? Biegler Er stand auf Hochkant im Flaschenzug. Da haben sich wohl die Ketten gelockert. Zarncke Und was klagt der alte Eichholz so? Hat er sich verletzt? Lore (Angst und Erregung niederzwingend, mit geheuchelter Ruhe) Er hat sich wohl 'n bichen weh getan ... Aber schlimm is es nicht, Herr Zarncke. Zarncke Na wenn's weiter nichts is. Eichholz (wird allmhlich still) Frau Homeyer (in Nachtjacke mit einem dunkeln Tuch darber, ist mit zwei Mgden hinter sich auf die Veranda hinausgetreten) O Gott, o Gott, o Gott, da is gewi 'n Malheur passiert. Zarncke (herunterrufend) Nichts is passiert. Geht mal alle ins Haus zurck! Marie (die whrend des Vorigen in dem -- gleichfalls erhellten -- Fenster des Wohnzimmers erschienen ist) Du, Lore, komm mal her zu mir. Lore (geht zu ihr) Frau Homeyer (derweilen) Da is sicher wieder 'n fremder Mann bei der Lore gewesen. Da mcht' ich jeden heiligen Eid drauf schwren. Zarncke Na, wird's bald? Frau Homeyer (mit den Mgden ab) Ja, ja, ja, geh' schon. Herrgott, ja. Marie (leise) Was schriest du da vorhin? Und zu wem? Lore (bebend) Ich? Marie Ich war wach. Mich tuschst du nicht. Zarncke Mariechen. Marie Vaterchen? Zarncke Geh nu man auch zu Bett. Den Schaden knnen wir uns morgen besehn. Das heit, dem Willig werd' ich aufs Dach steigen. Haben sich wohl tchtig erschreckt, Biegler -- was? Biegler (noch immer zitternd in Erregung) Ach -- nich sehr -- Herr Zarncke. Zarncke Na denn: Gute Nacht, Kinder. Lore Gute Nacht, Herr Zarncke. Marie (gleichzeitig) Gute Nacht, Vaterchen. Zarncke (geht ins Zimmer zurck und schliet die Glastr) Lore (leise) Morgen erzhl' ich dir alles. Es is viel geschehn seit gestern. Marie Aber doch nur Gutes? Lore (fest) Ja. Wei Gott. Marie (in wehmtiger Gte) Na, dann freut's mich auch. Gute Nacht. Lore Gute Nacht, Mariechen. Marie (schliet das Fenster. Ab) Neunte Szene _Lore._ _Biegler._ _Eichholz_ (Fenster und Glastr verdunkeln sich. Die Stimmen der Strae haben sich allmhlich verloren. Mitternachtsstille) Biegler (sinkt, von den Folgen der ausgestandenen Erregung berwltigt, auf die Bank und atmet schwer) Lore Was is Ihnen, Herr Biegler? Sind Sie ganz heil geblieben? Is Ihnen auch nichts geschehn? Biegler Ich mu mich blo -- 'n bichen verschnaufen ... ich bin ganz ... Lore Aber Sie rangen doch mit ihm? Hat er Ihnen da nichts getan? Biegler Er hat nich mal mehr so viel Courage gehabt, seinen Dreikantigen zu ziehn. -- Na, kommen Sie noch immer nich los von ihm? Lore (mit einer wilden Gebrde des Befreitseins) Ach! Biegler Ja. Dem sein Hund sind Sie _gewesen_, scheint mir. Lore Und meinen alten Vater so zu -- der Schuft! ... Vater! Du mut zu Bett gehn, Vater! Eichholz (antwortet nicht, atmet tief im Schlafe) Lore Gott! -- Nu sehn Sie blo! Biegler Schlft er am Ende? Lore _Dem_ werden Sie doch nichts nachtragen? Biegler Wenn er mir nichts nachtrgt. Hahaha. Lore Herr Biegler! Biegler Was, Frulein Lore? Lore Ich kann nichts sagen -- mir ist das Herz so -- ich kann nicht ... Biegler Aber die Hand knnen Sie mir geben. (Streckt ihr die Hand entgegen) Wenn die nu wieder rein wird, dann sind Sie schuld. Lore (weist kopfschttelnd nach dem Balkon) Unser Alterchen da oben is schuld. Biegler (seine Hand in der ihren) Ja, wie's auch wird, dem wollen wir danken ... Scht! ... Schlgt's da nich zwlfe? (Man hrt die ferne Turmuhr schlagen) Wahrhaftig! Nu mu ich aber wirklich mal Runde machen und abpfeifen ... Sonst bin ich ja gar nich wert, da ... (Lacht leise und glcklich) Gute Nacht, Frulein Lore! Lore Gute Nacht, Herr Biegler. Biegler (am Fu der Stufen) Na, nu kann ich ja wohl ruhig die Treppe 'rauf? Lore _Der_ kommt nie wieder. -- Biegler (von den Stufen her) Gute Nacht! Lore Gute Nacht. Biegler (verschwindet nach rechts) Lore Vater! ... Nu mute aber wirklich schlafen gehn, Vater. (Der Alte rhrt sich nicht. Man hrt Biegler dreimal kurz pfeifen) Vater, hrst du, wie er pfeift? (Biegler pfeift -- wieder von weiter her) Vater, das Glck pfeift! Das Glck pfeift! (Sie sinkt schluchzend vor dem Alten nieder, das Gesicht an seinem Knie verbergend. Der Alte schlft fort. -- Das Pfeifen Bieglers tnt leiser, je weiter er sich entfernt) (_Der Vorhang fllt langsam_) [Illustration] +----------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | | gebruchlich waren, wie: | | | | anderen -- andern | | besehen -- besehn | | danach -- darnach | | Gehen -- Gehn | | sehen -- sehn | | | | Interpunktion wurde ohne Erwhnung korrigiert. | | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen: | | | | S. 31 teilnahmlos in teilnahmslos gendert. | | S. 66 austapenzieren in austapezieren gendert. | | S. 71 verschchert in verschchtert gendert. | | S. 76 pike-pikefeiner in pikefeiner gendert. | | S. 130 umso in um so gendert. | | S. 156 der Lore von in der von Lore gendert. | | | +----------------------------------------------------------------+ End of Project Gutenberg's Stein unter Steinen, by Hermann Sudermann License: Share Alike