Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band. Abdallah. Die Brder. Almansur. Das grne Band. Berlin, bei G. Reimer, 1828. Dem Prediger Kadach in Ziebingen, bei Frankfurt an der Oder. Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien Ihre Bekanntschaft. Als ich zwei Jahre spter aus Italien zurck kam, fand ich Sie in jener Einsamkeit des Landes, die damals meine Heimath war, und seitdem sind wir als Freunde verbunden geblieben. Alle schnen Stunden jener Zeit, im Genu der Musik, der Poesie und einer edlen und freien Mittheilung in gebildeten Zirkeln feiner und geistreicher Menschen haben wir beisammen verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz ber manchen Verlust im Verlauf der Jahre mit einander getheilt. Auch in meine Studien und Arbeiten sind Sie gern und grndlich eingegangen. Shakspear, Gthe und Sophokles haben uns oft gemeinsam beschftigt. Meine Arbeiten ber den brittischen Dichter sind Ihnen mehr, wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem freien Sinne waren diese Studien, in denen Sie sich gern vertieften, erfreulich, so grndlich und gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom wahren religisen Geiste des Christenthums durchdrungen, hingaben. Ein chter frommer Priester, ein freier Denker, ein Begeisterter fr Kunst, ein edler, treuer Freund, -- als solchen habe ich Sie gesehn und gekannt, und nie werden Ihnen, so wenig wie mir, die schnen Tage und Abendstunden aus dem Gedchtnisse entschwinden, in denen Solger unsre lndliche Einsamkeit neu erfrischte, in welchen er uns seine Manuskripte vorlas und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens und alles Hohe durch die Lebensworte unseres Freundes inniger verstanden. _L. Tieck._ Abdallah. Eine Erzhlung. 1792. Erstes Kapitel. Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan _Ali_ beherrscht. -- Dem Tirannen entgeht der Ha nie, mit dem ihn seine Unterthanen verfolgen und _Ali_ betrachtete sie bald als eben so viele Feinde, ber die ihn nur seine Grausamkeit und sein Ansehn erhalten knnten: mit andern Freuden unbekannt, sollte ihm das Gefhl seiner Macht jeden Mangel ersetzen. Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenu zu kennen, war er zum Greise geworden und in einer unerschpflichen Leere schmachtete er itzt jedem neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben und er begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der er den Untergang der Sonne sahe, die, wie er wute, jenseit des Horizonts wieder heraufstieg, -- selbst sein einziges Kind _Zulma_ liebte er nicht, nur Stolz war es, was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie fr die Krone der Schnheit anerkannte. -- In der Hauptstadt des Landes lebte _Selim_ in einer weisen Eingezogenheit, ohne eine ffentliche Bedienung, ohne da man viel von ihm sprach ward er von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, sparsam ohne Kargheit und sein Aufwand unterschied sich sehr von der Pracht des Veziers und der brigen Groen. Aus seinen Leiden hatte er stets seine groe starke Seele gerettet; seinen Ha konnte nichts ausshnen, aber eben so unauslschlich war seine Liebe. -- Mit dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn _Abdallah_, das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurckgelassen hatte. Zweites Kapitel. Die Sonne war schon untergegangen, als _Abdallah_ und _Omar_ durch ein schnes Gehlz wandelten. _Omar_ war der Lehrer Abdallahs, ein ehrwrdiger Greis, dessen flammende Augen tief in eines jeden Seele schauten, seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm her, aber ein ses Lcheln, das fast immer seinen Mund umschwebte, verjngte sein Gesicht durch eine liebenswrdige Freundlichkeit und lockte zur Mittheilung aller Gefhle und einer kindlichen Aufschlieung des Herzens. Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller See im bleichen Licht des Mondes glnzte. Der letzte Streif der Abendrthe glimmte durch die Fichtenwipfel und durch die zitternden Cypressen bebten ungewi die Sterne. Versptete Mcken spielten im Mondstrahle, Kfer summten trge und schlfrig um sie her, und laut erklang durch die ruhige Einsamkeit des Waldes das zirpende Lied des Heimchens. Siehe Omar, begann _Abdallah_, wie schn! -- Ha! der ruhige See ber den sich der Mondschein so lieblich herabsenkt, -- der Abend, der noch in den hohen Wipfeln der Bume suselt, das Lied der Nachtigall, das mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem Walde heraufschallt, -- o sieh Omar! wie alle Geschpfe sich freuen, wie alles lebt und im Leben glcklich ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendrthe Abschied nehmen, und der Kfer der Nacht seinen dumpfen Willkommen entgegensummt. -- O die lebendige Kraft, die aus der Natur so unerschpflich quillt und unzhligen Wesen Athem und Dasein giebt, -- dieser Anblick erfllt das Herz mit lautem berstrmenden Dank gegen den, der so gtig alles aus dem Nichts hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glcklich! -- Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen Baums und sahe starr vor sich nieder. _Abdallah._ Du bist traurig, mein Omar, kann dich dieser Anblick nicht heiter machen? Omar blickte auf und fate seine Hand. -- Sieh, sprach er, die Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen der Sonne so wehmthig nach, denn es war das letztemal, da sie sich in ihrem Strahl erquickten. -- Diese Woge wirft das Leben an den Strand, die nchste Welle kmmt, verschlingt es wieder und senkt es in die tiefsten Abgrnde. -- Eine unendliche Schpfung spielt itzt lebendig um dich herum, -- und in der folgenden Stunde -- liegt sie todt und verwest. -- Eine Lebenskraft fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen wie ein Allmosen auf einen Augenblick einen Funken Leben, sie sind -- und geben dann ihr Leben wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist ein Gesang, wo ein Ton den andern verschlingt und vom nchsten verschlungen wird. -- _Abdallah._ Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft meine schne Begeisterung mchtig nieder. -- Ach ja, alles geht durch die Natur hindurch und verluft sich wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur geboren, um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurck, woher es gekommen ist. -- O Omar, wenn ich dich nun fragte: Warum glnzt dieser Mond? Warum funkeln diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist in meinem Innern? _Omar._ Wozu? -- O Jngling, la die Erde unaufgewhlt, du findest ein scheuliches Todtengerippe! La diese Geheimnisse ewig deiner Seele verschlossen bleiben. -- _Abdallah._ Verschlossen? -- O nein, mein drngender Geist steht vor dieser Pforte und klopft ungestm an. -- Was der Mensch fassen kann, will auch ich begreifen. _Omar._ Du vertraust dich einem Meere, das dich nie an's Land zurcktrgt, Zweifel wlzen sich auf Zweifel, Woge strmt auf Woge, dein Ruder ist unntz und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar unermelich entgegen. _Abdallah._ Ich knnte nicht ruhig sein, wenn ich wte, da etwas da sei, was in meinem Gehirne Raum htte und dem ich den Eingang versagen mte. _Omar._ Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer vor sich, an die sie vergebens mit allen Krften anrennt, -- wir sind in einem ehernen Gewlbe eingeschlossen, wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind nichts, als der Widerschein von uns selbst im glatten Erze, -- o schon viele Weisen strzten mit Ohnmacht von diesen Schranken zurck, -- und starben. -- Der Zweck unsers Daseins? -- O wer hindurchschauen knnte durch das Geheimni der unendlichen Nacht, wenn doch vom Thron der Gottheit nur _ein_ Sonnenstrahl herniederschsse! -- Wir tappen ngstlich umher -- und finden nur die Wnde, die uns eingeschlossen halten. Wir sehen nichts, als da wir Gefangene sind, -- _warum_ wir es sind, mssen wir mit Geduld vom Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten. _Abdallah._ O warum verlieh uns der Schpfer nur so viel Kraft, diese Schranken zu sehn und nicht zu durchbrechen? -- Warum ward eine Ahndung in unser Herz gelegt, die nie zur Gewiheit reift? Eine Centnerlast liegt auf unsrer Brust, und wir kmpfen vergeblich sie abzuschtteln. _Omar._ Vielleicht werden alle diese Rthsel einst gelst. -- Ein groer Schwung wlzt sich durch alle Theile der Natur, durch alle Wesen klingt ein Ton. Eine Kraft drngt sie zu einem Mittelpunkt: _Genu_! -- Alles schpft aus dem nie versiegenden Quell und legt sich dann zum Schlafe nieder. -- Die Welt ist eine reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt und gesttigt aufsteht, der Schpfer schickte die Millionen Wesen in die Wste hinaus, sie sind Staub und in sich selber eingekerkert, -- aber er gab ihnen tausend Mittel auf den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles freut sich, alle Wesen kommen, genieen und sterben dann, ohne es zu wissen, so wie sie geboren wurden, -- nur der verblendete Mensch verfehlt sein vorgestecktes Ziel. _Abdallah._ Der Mensch? -- Wie? der Preis der Schpfung? Um dessentwillen die Natur ihre reichen Schtze aufthut? Um den sich die Bestimmung alles Erschaffenen dreht? _Omar._ O des Stolzes! -- Die Bestimmung alles Erschaffenen? Kein Mensch wei seine eigne Bestimmung, er taumelt selbst verlassen in der Finsterni und mat sich an, den Wesen ihren Rang und ihren Zweck anzuweisen. -- Allen Wesen ward ein gleiches Brgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch reit sich aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genieen wie alles geniet, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode und seinem Verhngni, alle seine Krfte kmpfen rastlos von der Zeit eine Stunde und eine Minute nach der andern zu erbetteln, -- um auch in dieser zu frchten, um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren Auflsung weit auer ihm liegt. _Abdallah._ Wenn Genu der hchste letzte Zweck unsers Daseins ist, wodurch ist dann der Mensch vom Thiere unterschieden? _Omar._ Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch wre glcklich, htte er nie hher gestrebt, die Natur umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen Armen, hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, -- aber der Stolze hat sich von seiner Mutter losgeschworen, sieht die Sterne, die ber seinem Haupte hngen, erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen zu: ich bin euch nahe! Wehmthig lchelnd blicken die Sterne auf ihn herab und er steht nun verirrt am schwindelnden Abschu; zur blhenden Wiese, die er erst verschmhte, hat er den Rckweg verloren. -- _Abdallah._ Und nichts als diesen verchtlichen bermuth htte der Mensch vor den Thieren des Waldes voraus? _Omar._ Nichts als ihn. Mit verachtendem Fu stt er die Erde zurck und will sich an die Gottheit drngen, aber seine klgliche Natur zieht ihn allmchtig zurck. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich brstet, -- Wolkenschatten, die der Wind ber die Ebne jagt und denen der Wahnsinnige nachtaumelt. _Abdallah._ Tugend, Omar, nur ein Schatten? -- Der Lasterhafte und der Edle stnden hier in einer Reihe? Die beiden Enden, Gre und Verchtlichkeit, schlngen sich zusammen? Aus _einem_ Samen sprote der Schierling und die heilende Pflanze? -- Unmglich! -- _Omar._ Und warum unmglich? _Abdallah._ Wo ich anbetend in den Staub sinke, wo mein Geist in verehrender Demuth die Flgel zusammenschlgt, wo mein ganzes Wesen sich in Ehrfurcht auflst, -- an diesen Stolz der Menschheit wre die Schaam der Welt mit unauflslichen Ketten geschlagen? _Omar._ Derselbe Gesang auf einer andern Laute. _Abdallah._ Nein, Omar, nein. -- Die Gerechtigkeit des Ewigen wird durch diesen Glauben angeklagt. -- Wie knnte der Gtige dem Edlen Belohnung und dem Bsewicht Strafen aus jener schwarzen Thr am Ende ihrer Bahn entgegenschicken? _Omar._ Abdallah, wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen. Ob uns ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied nehmen, ob wir mit allen unsern Trumen in das kalte Grab eingeriegelt werden -- o das ist ein Rthsel, vor dem die Weisen ewig forschend stehen werden. -- Strafe, -- Belohnung, -- Tugend, -- Laster. -- Wenn ich dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend und Laster grndetest, du wrdest um eine Antwort verlegen sein. -- Die Gewohnheit lehrt uns Worte sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken. _Abdallah._ Omar, du machst, da ich mir selber mitraue. -- _Omar._ Wir sind mit unsrem Lob und unsrer Verdammung so freigebig und kurzsichtig genug, um nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides vertheilen. -- Wir ahnden nicht, da es nur eine Kraft ist, die in der Tugend und im Laster lebt, beides _eine_ Gestalt, aus demselben Spiegel zurckgeworfen. -- Nur ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied und sagte: dies sei gut, dies nicht! _Abdallah._ Ein Thor? _Omar._ Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist zu kurz _uns selbst_ zu kennen, -- in unsrem eignen Innern herrscht ein wstes Dunkel und mit vorwitzigem Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen in seiner Seele lesen. Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. _Omar_ fuhr fort: Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem Innern aufsteigen, von tausend innern Krften gereift, von hundert Neigungen gepflegt, schiet die Pflanze empor, -- nur ich, der Schpfer, bin mit ihrer Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, ich handle nur fr mich, der ich mich selbst kenne, -- alle brigen Menschen sind fr mich in einer mindern Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der Krokodil Fremdlinge sind. _Abdallah._ Omar, du wirfst mich in eine frchterliche Einsamkeit, ich verliere mich selbst in der schrecklichen Wstni. -- _Omar._ Ich handle, wie mein innrer Sinn es mir befiehlt, und ein Fremdling, der nicht in das Gebude meiner Seele hineinschauen kann, der die Leiter nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefhl, das Gefhl zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich zur Wirklichkeit aus dem unergrndeten Brunnen heraufstieg, -- dieser tritt mit kaltem und verschlonem Sinn herbei und sagt: deine That ist ein _Laster_! _Abdallah._ O ich verstehe dich! weiter! weiter! _Omar._ Aus derselben Quelle wird eine andre Schaale heraufgezogen und man nennt sie _Tugend_. Beide steigen aus der Tiefe _einer_ Seele hervor, aus _einem_ Stoff gewebt -- und man hlt sie fr Feinde. _Abdallah._ Frchterlich sonderbar! _Omar._ Wo ist der Bsewicht, der nicht zum Engel wrde, wenn er den Richter in die geheime Werksttte seiner Seele fhren knnte? -- Abdallah, wir sind Brder aller Mrder, die je die Geschichte mit Abscheu genannt hat und schwesterlich schliet sich unsre Seele an alle, die einst bewundert und angebetet wurden. -- O ihr Thoren, lat den nichtigen Rangstreit, _ein_ Hauch weht in allem Leben, -- freut euch dieses Hauches, er kehrt nicht zurck, wenn er entflohen ist. _Abdallah._ Du fhrst mich durch Labirinthe, Omar. -- _Omar._ Als die erste Gesellschaft zusammentrat, als man das erste Gesetz niederschrieb, da veruerte der Mensch selbst sein hohes, heiliges Recht. Dem Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit, allmchtig ward eine Schnur zwischen Gut und Bse gezogen und unglckliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, die Menschen gegen Menschen hetzten, das Blut von Tausenden vergossen. -- An den Gedanken _Verbrecher_ knpfte man Ha und Unvershnlichkeit und eine ewige Verfolgung whlt durch das ganze Menschengeschlecht. -- Seit der Zeit ist der groe Spruch gesprochen; in einem nichtigen Taumel greift der eine zur Belohnung seiner _Tugend_ nach der Sonne und tritt gewaltsam seinen Bruder unter sich, der nach dem bereinkommen ein _Verbrecher_ ist. -- _Abdallah._ Ha! die ewigen Schranken strzen ein! _Omar._ Strafe und Belohnung? -- Hier unten sind sie entschieden, -- aber wen soll der Richter dort belohnen oder strafen? -- Sandte er nicht alles was ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht sein Athem, der den Staub belebt? -- Alle Handlungen kommen zu ihm zurck und melden sich als ihm angehrig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten umher; wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem Spiegel der unendlichen Naturen, soll er, _kann_ er sich selber strafen? -- _Abdallah._ Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten stehn aus einem Abgrund auf, mich zu schrecken. -- _Omar._ Von einer unbekannten Macht der Welt bergeben, tritt der Mensch seine Bahn an, nicht aus sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen in das Leben geworfen. -- Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen und Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht durchaus verloren, -- alle Lagen, von Kindheit an bis in sein Greisenalter, prgen sich in treuen Abdrcken in seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, seinem Vergngen, aus den todten Gegenstnden, die ihn umgeben, tritt ein andres fremdes Wesen an seine Stelle, -- das nach und nach von einem neuen wieder verdrngt wird. _Abdallah._ So sind wir nur eine Htte, in die ein Fremdling nach dem andern einkehrt und sie dem folgenden berlt. _Omar._ Wer handelt nun? -- Wer ist gut, wer bse? -- Soll des Mrders Dolch bestraft werden, oder sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der Gedanke, den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? -- Sein Blut, das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der durch tausend Formen wandelnd, von einem Sonnenstaub seinen Weg antrat und beim grlichsten Morde aufhrte? _Abdallah._ Undurchdringlich ist das Gewebe, das sich seit Ewigkeiten her verschlang. _Omar._ Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern Willen, unsern Vorsatz nennen, ist nur der Einflu fremder Dinge, wir sind nur ein Stoff, an welchem fremde Krfte sichtbar werden; ein groes Spiel von einer fremden Macht regiert, der eine steht als Knig, der andre als Sklave da, -- und alle sind sich gleich, nichts als hlzerne Zeichen, obgleich der Knig und der Ritter stolz auf das Fuvolk vor sich hinabsehn, -- das Spiel ist zu Ende -- und Laster und Tugend hrt auf verschieden zu sein. -- Ein Wirbel dreht sich durch die Welt, alles bis zum kleinsten wirkt in den groen Plan; der eine Augenblick gebiert den folgenden, eine Handlung stt die andre vor sich her, eine unendliche Kette, die sich rund um alle Welten zieht. Kein Glied kannst du herausreissen, ohne das vorhergehende und folgende zu zerstren und eine allgemeine Vernichtung zu bewirken. _Abdallah._ O entsetzlich! -- Omar, -- ich schaudre, -- wenn ich gerade _diesen_ Schritt itzt nicht thte, -- nicht gerade _diesen_ Gedanken dchte -- so knnte die Welt nicht erschaffen sein! -- _Omar._ Nothwendig. -- Eine groe Schwungkraft belebt die Unendlichkeit, alle Krfte weben und wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die treibende Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle Pulse der Natur und so geht das groe Werk den allmchtigen Gang. -- Wie will dies kleine Wesen, der Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in seinem engen Geist den Schpfer mit all seinen Planen fassen? Eigenmchtig gegen das Weltall wirken und durch sein jmmerliches Dasein noch _Verdienst_ erringen? Ohnmchtig kmpfend wird er fortgerissen, der eine Ton verklingt in der allgemeinen Harmonie. Beide schwiegen dster vor sich hinbrtend. Ein hohes Roth flog ber _Omar's_ Wangen, ein neues Feuer fuhr in seinen Augen auf, er fate heftig Abdallah's Hand. Jngling! rief er aus, was wir gut, was wir bse nennen, verschwimmt in ein Wesen, alles ist nur _ein_ Hauch, _ein_ Geist wandelt durch die ganze Natur und _ein_ Element wogt in der Unermelichkeit -- und dieses ist _Gott_! Abdallah fuhr zurck. _Omar._ Wo sollte der Unendliche jenseit der Schpfung Raum fr sich finden? -- Er umarmt und durchdringt die Welt, _die Welt ist Gott, in einem_ Urstoff steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind Theile seines Wesens! -- Dies ist der tiefe Sinn von der Lehre seiner Allgegenwart. -- Wirft er einst die Kleidung wieder von sich, dann gehn im Ruin die Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder da, er vor sich selbst, in der ewigen Wste. -- Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund umher versunken, er stand mit gesenktem Haupte und betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen Bilder, die auf- und niederschwebten. -- Omar, sagte er nach langer Zeit, -- nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, alle meine schnen Entwrfe, meine wonnevollen Schwrmereien liegen wie Leichen um mich her, alle Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust verwest. -- Ein Kampf rastloser Zweifel wthet da, wo ehedem meine Himmel standen. _Omar._ Du hast es so gewollt, du hast das frchterliche Todtengerippe ausgegraben, wo du einen Schatz zu finden hofftest. -- O, wohl dem, der mit verbundnen Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst anrhrt und furchtsam fragt: Wer bin ich? Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein Geist war von hundert neuen Vorstellungen verwirrt, ohne sich festhalten zu lassen flohen tausend Gestalten seiner Seele mit Blitzesschnelle vorber. Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen der Tannen und von zitternden Schatten getheilt, gossen sich goldene Streifen ber die Wiese aus. Ein leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bume und spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See schwankend tanzte; ruhig betrachtete sich die Gegend selbstgefllig in dem Wasserspiegel und der Duft der Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schoo der Erde. Die schne Landschaft, mit all den lieblichen Trumen, die ber ihr hingen, vermischte sich nach und nach mit den Gedanken Abdallah's; er hatte sich schon den Spielen seiner Einbildungskraft berlassen, als er noch zu denken glaubte. Die Wipfel suselten immer leiser und leiser, vom Winde angehaucht lief ein stilles Flstern durch das Rohr des Sees, -- immer wunderbarer spielte das Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, -- noch einigemal blickte er mit mattem Auge empor und sahe wie vom nahen Berge ein Greis in die Arme seines Omar eilte, -- beide hielten sich umarmt -- als die Gegend allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang hinabsank. -- Aus den Cypressen stiegen Trume auf ihn herab, durch seine Augenlieder dmmerte schwach in seine Traumgestalten die monderhellte Gegend. -- Pltzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes Rauschen, wie wenn die erbote Fluth gegen Felsen hinanheult, fuhr immer lauter und lauter ber ihn dahin, -- Abdallah erwachte. Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Strme hatten den Mond hinter ferne Gebirge hinabgeschleudert, groe Wolken wlzten sich krau durch einander, die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. -- Ein Schaudern springt aus dem Walde hervor und packt ihn an mit eiskaltem Arm. Omar! ruft er mit bebender Stimme, aber hhnend strmt der Orkan durch seine Tne und wirft sie zerrissen in die Lfte. Ein leuchtender Glanz flammte pltzlich in den Wolkengebirgen auf, eine Feuerkugel flog durch den Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend blendende Funken von sich sprhte. -- Jeder Funken sprang mit einem Donner los, der sich furchtbar auf des Sturmwinds Schwingen ber alle Wlder hinabwlzte. -- Mit lautem Gebrll sank die Kugel nieder und die stille Nacht stand wieder um Abdallah. -- Eine bleiche zitternde Gestalt fhrt aus dem nahen Busche und ergreift kalt Abdallahs Hand, -- es war Omar. -- Krampfhaft prete er die Hand des Jnglings in die seinige und ri ihn mit sich fort. -- Abdallah folgte schaudernd. Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, Omar's Gesicht war lang und verzerrt, sein Auge rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn anzusehen. -- An Geist und Krper mde, legte er sich schlafen, Omar ging noch lange gedankenvoll umher. Drittes Kapitel. Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trbe durch die Fenster und eine schwermthige Erinnerung des gestrigen Abends kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles, was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kmpfender Zweifel verschlungen. Alle seine frheren Gedanken schienen ihm unreif und kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfltig aufgezogen hatte, zerstrt zu sehn. -- Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf, wenn sein Geist noch einmal ber alle die Gedanken hinwegsahe, die er seit gestern dachte; er htte es so gern nicht geglaubt, er htte so gern den vorigen Sonnenschein zurckgerufen, die vorige Unschuld seiner Seele zurckgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst alle seine frheren Gedanken zurck, die wieder in ihm aufdmmern wollten. O heilige Tugend! rief er aus, -- vor derem Bilde ich einst niederkniete, -- dein Altar ist umgestrzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit khnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine Schwingkraft gelhmt. -- Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die mich sonst mit mtterlichem Lcheln zu sich lockte? -- Ich mu mich selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer fremden Macht nachgeben mu, die mich wider meinen Willen zu Grueln oder edeln Thaten drngt. -- Doch, was schwatz' ich? -- Mein Wille sinkt im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich gestorben, ich bin ein abgerines Blatt, das der Wirbelwind nach seinem Gefallen in die Lfte wirft. -- Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute -- er und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gestruch steht der Unfaliche vor mir, mir nher gebracht und dadurch um so entfernter. Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verchtlich gemacht, -- und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! -- Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Trumen; Gefhle wollten sich itzt in seine Seele zurckdrngen, die ihn einst so bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschnt hatten, aber kein Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O! rief er aus, gieb mir meine glckliche Unwissenheit zurck, Omar, la mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach fr diese Last, er seufzt gekrmmt unter der drckenden Brde. _Raschid_ trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jngling sich so leicht schliet und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher ber die Grten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen, denn er war gewhnlich finster und verdrlich. Abdallah ging ihm freundschaftlich entgegen. Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die Hand drckte, ich habe dich lange nicht gesehn. -- Er freute sich, da ihn jemand aus seinen Trumereien ri, die er gern von sich abwarf und sich dem Wohlwollen berlie. -- Willkommen! rief er noch einmal. Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen. Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drcken, eine tiefe unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge, nichts vermochte eine Heiterkeit ber sein Gesicht zu werfen, seine Stimme war langsam und ohne Feuer. -- Dein Anblick wird immer krnker, fuhr Abdallah fort. _Raschid._ Krnker? -- Wirklich? -- Vielleicht geh' ich dem Tode entgegen. _Abdallah._ Dem Tode? -- _Raschid._ Ich hoff' es. _Abdallah._ Du _hoffst_ es? _Raschid._ Mein Geist ertrgt die Leiden nicht mehr, die sich immer hher thrmen. _Abdallah._ Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen. -- Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blhende Jngling, der du warst. -- Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen Paradiese auferstehen lassen und dir -- _Raschid._ O glcklich, da du davon wie von einem unbekannten Lande sprichst. -- Doch nein, du bist unglcklich. -- Ein Wesen ohne Liebe, -- eine Laute ohne Saiten. -- Fr die gttlichsten Empfindungen todt kriecht der Gefhllose im Staube, wenn der Liebende den glnzenden Fittig im Morgenrothe wiegt. -- _Abdallah._ Und dennoch nennst du dich elend. -- _Raschid._ Ja und doch mcht' ich meine Liebe nicht zurckgeben, -- Freund, nur _ein_ Blick aus ihrem Auge -- ach! er wrde den Frhling in meiner Seele wieder auferwecken! -- Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich zurck, -- ich liebe und darf nicht hoffen, -- ich wnsche und meine Wnsche berschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt, -- o dann treten sie alle bleich zurck. -- Mein Unglck hat alle Blumen um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich in eine dstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thr verschlossen, -- ach Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich in's Leben zurckhalten? -- _Abdallah._ Wer wrde nicht wenigstens hoffen? -- _Raschid._ Ach! wenn ich nur hoffen drfte! wenn ich nur eine Spalte in der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden knnte! _Abdallah._ Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe genannt -- wen liebst du? _Raschid._ La dies noch itzt ein Geheimni bleiben. -- Ach! ich mcht' es mir selber nicht gestehn, da der Mensch sich seinem Glcke Mauern in den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, da -- ich kam hierher mich zu trsten und ich gehe trauriger von dir als ich kam. _Abdallah._ Wodurch kann ich dich trsten? _Raschid._ Nein, ich mag auch nicht getrstet sein. -- Lebe wohl! -- dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn fr sie, -- ich will in der Einsamkeit meine Thrnen weinen, ich finde keinen Menschen, der mich versteht. Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder allmhlig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. -- Du bist so tiefsinnig, Abdallah? Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an. Worber dachtest du? fragte Omar. _Abdallah._ ber deine gestrigen Lehren. _Omar._ Sie haben dich traurig gemacht. _Abdallah._ Ich irre in einer ausgestorbenen Wste, alles ist hin, was einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich sonst so warm die Natur umfate? -- _Omar._ Und mu denn Abdallah _hassen_, um _lieben_ zu knnen? -- Ich habe dir deinen Ha genommen und um so grer sollte deine Liebe sein; du sollst alles lieben, auch den, den die schmhende Welt mit Fen tritt. _Abdallah._ Alles? -- Ach Omar, kann es der Mensch? _Omar._ Er soll es wollen. _Abdallah._ Mein Geist strubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben. _Omar._ Weil er deinen Stolz krnkt. -- Vieles ist gestrzt, auf das du bis itzt eingebildet dich fr besser als tausend andre hieltest; es ist dir genommen und du sinkst zu den brigen Menschen hinab. Aus Eigennutz bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen. -- _Abdallah._ Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. -- Kann aber die sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreien? du sagtest selber, jeder handle nur fr sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner Entwrfe und mssen die brigen Wesen nicht mir selber weichen? _Omar._ Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwche trennen, -- nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigenntzig im _Genu_, ein Traum ist kein Genu. -- Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater _Selim._ _Omar._ Und verschliee diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen fr kein ander Ohr. _Abdallah._ Fr mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen? _Omar._ Abdallah, sei nicht undankbar. -- Der Weisere kann mich nur verstehn. Abdallah ging. _Viertes Kapitel._ Selim sa in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte er, um dir eine wichtige Nachricht anzukndigen; hat dir Omar nichts davon gesagt? Nichts, antwortete Abdallah, -- aber dieser Name den du genannt hast, lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser Omar? Und wie kmmst du so pltzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas nher von ihm unterrichtet zu sein. Dieser Omar, antwortete _Abdallah_, ist mein zweiter Vater, nach dir lieb' ich _ihn_ am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt. -- So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der Weisheit. Alles, was ich denke und wei, habe ich aus ihm geschpft, -- ohne seine Liebe knnte ich nicht glcklich sein. -- Er ist mir bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Zge hab' ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprgt, -- nur gestern am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als gewhnlich hob, -- oder war es das nchterne leere Erwachen von einem Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur Stadt zurckging, trat mich pltzlich das sonderbare Gefhl an, als wenn ein _fremder Mann_ zu meiner Seite gehe, -- ich war hundertmal im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht, ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewi um ihn her und verstellte alle seine bekannten Zge, -- ich war aus mir selbst herausgerissen, -- ich folgte ihm schaudernd. _Selim._ In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen tausend Schwrmereien und trgende Gefhle um uns her, die, wenn wir nach ihnen greifen, in Luft zerflieen und unsern Geist zu einer trgen, thatenlosen Beschaulichkeit fhren. Der mnnliche Jngling mu alle diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurckweisen, auf seiner Bahn ungestrt weiter gehn und diesen Morgendnsten nicht einmal ein zurckgeworfenes Auge schenken. _Abdallah._ Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer ist dieser Omar? Ich will dir alles sagen, was ich von ihm wei, antwortete _Selim_; du hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun auch als deinen Wohlthter ehren. -- _Ali_, der wie ein verzehrender Brand in dem Krper seines Landes wthet, gegen den tausend Flche der Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schtze lockten seine Habsucht, er entri mir alles, was ich besa, -- nur deine Mutter und du -- weiter blieb mir in dieser Welt nichts brig. Du warst damals einen Sommer alt und lcheltest am Busen deiner Mutter unverstndig dem Elend entgegen. -- Wir verlieen die Stadt und wanderten ber unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und reichte uns die rmliche Nahrung, alle meine Freunde verlieen mich, als htten sie mich nie gekannt, Sorge und Drftigkeit waren unsre einzigen unzertrennlichen Gefhrten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und lebten krglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen zuwarf. -- Ein stiller Gram whlte unsichtbar in dem Herzen deiner Mutter, sie reichte mir lchelnd den Abschiedsku -- und ging nach einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurck. Ich blieb mit meinem Unglck in der Einsamkeit. Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort: Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lcheln nach deiner Mutter fragtest und an den Grabhgel pochtest, um sie wieder heraufzulocken; aber dein Lcheln war das letzte schwache Band, das mich damals an diese Welt zurck hielt, unverletzliche Pflichten sprachen mich aus deinem freundlichen Auge an, _du_ lebtest noch und darum war mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend entfernen, in der _Zamiri_ ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und mich in dem Wohnorte meines Grams zurck zu halten. -- Ach Abdallah, es waren traurige Tage, -- wenn das junge Morgenroth so glhend heraufstieg und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend ber die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen Sorgen langsam aufstieg, -- die Erinnerung dieser Tage, -- der Mensch mu viel erdulden, aber sein Muth mu ihn nie verlassen. Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hrte Abdallah die Erzhlung seines Vaters, dieser sprach dann weiter: Ich besuchte tglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete andchtig auf ihrem Grabe und flehte um Strke. Im innigsten Gefhle meines Elends sa ich einst auf dem Grabhgel, du spieltest unbefangen vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu und setzte sich traulich an meine Seite, unmnnliche Thrnen rannen hei ber meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe blhten. -- Pltzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem Schatten der Bume nherte. Er hatte mich in meinem Glcke oft besucht und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des Propheten wehte. Mein Unglck schien ihn zu rhren: Grabe, sprach er, hinter jenem verfallnen Hgel und ein neues Glck wird dir entgegenblhen. -- Ich grub und fand einen groen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir Ali genommen hatte, -- als ich dem Derwisch meinen heien Dank bringen wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken -- und dieser Derwisch ist _Omar_? _Abdallah._ Omar? _Selim._ Dein Lehrer Omar. -- Ihm dank' ich alles, was ich besitze, alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. -- Ich lie mich an der fernsten Grnze des Reiches nieder, vernderte meinen Namen und nannte mich _Selim._ Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verndert und sich hierher begeben hat. -- Ich war itzt so glcklich als ich nur werden konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus besuchte. Ein hagrer ausgedrrter Greis reichte mir seine lange Hand, die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schdel hin und her und seine Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem Todtengerippe -- deinen Omar. _Abdallah._ Omar? _Selim._ Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthter, verpflegte ihn wie einen Vater, bis er von seiner Siechheit gena. Als seine Gesundheit und seine Krfte zurckgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand und sagte: du bist mein Wohlthter Selim, du hast mein Leben gerettet und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann. So ward unser Wohlthter dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund. Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an Omar und hing an seine Lehren ein noch greres Gewicht; seines Lehrers Tugend war unbezweifelt, um so zuverliger mute also seine Weisheit werden; der Lasterhafte, der die Tugend lugnet, wird nicht gehrt, aber wenn der Edle dem Bsewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres. Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die Nachricht zu hren, die ich dir anzukndigen hatte? _Abdallah._ Verzeih mein Vater -- ich hre. -- _Selim._ Du sollst dich vermhlen. _Abdallah._ Dein Gebot ist mein Wille. _Selim._ Des edlen _Abubekers_ Tochter. _Abdallah._ Du willst es und sie ist meine Gattin. _Selim._ Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten. _Abdallah._ Nein, nie mein Vater. _Selim._ Du liebst also nicht, mein Sohn? _Abdallah._ Ich liebe nur dich und Omar. -- _Selim._ La diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlschen. -- Abubekers Tochter, -- oder meinen _Fluch_! Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzrnenden Blick an, den Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich unauslschlich mit dem frchterlichen Worte _Fluch_ in Abdallah's Gedchtni grub; bei diesem Blicke kehrte pltzlich wie ein Blitzstrahl die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurck, -- als dieser hereintrat. Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte Omar; er ging froh hinweg und alle seine ngstlichen Besorgnisse waren verschwunden. _Fnftes Kapitel._ Itzt trat auch _Abubeker_ in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen und Selim's Freunden. _Abubeker_ war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und hager, sein Auge sanft und sein silberweier Bart sank ehrwrdig auf seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben, ohne da er sie, oder sie ihn vermite; er lebte mit seiner Tochter in einer huslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt. Er war im Felde erzogen und unter der Rstung ein Greis geworden, die Feinde hatten seine Tapferkeit gefrchtet und in seinem mnnlichen Alter war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der Ruhm gleicht dem Nebel, der sich ber das ganze Gefilde auseinander wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden knnen, er dachte daher nur langsam und beharrte unerschtterlich auf jede gefate Meinung, jede seiner berzeugungen lie er sich ungern nehmen und eine neue an ihre Stelle setzen: denn das, worber er einmal gedacht hatte, schien ihm die einzige und letzte Wahrheit. Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich. Eine kleine Stille weilte ber die Versammlung, als Selim endlich aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer ergriffen, also redete: Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wre einer unter uns, der dies groe Gefhl nicht in seinem Busen trge, der entferne sich, ehe ich weiter spreche, denn meine Worte taugen fr kein unedles Ohr. -- Aber nein, -- die edelsten Mnner des Staats sind hier versammelt und darum sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum Biedermanne mu der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies war die Ursach meiner Einladung. Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr er fort: Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der Scepter des weisen _Alfargo_ dieses Land beherrschte, als ein ewiger Friede an den Grnzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche Treue alle Unterthanen in ein schnes Band vereinte und die Rstung des Frsten war, als das Glck in unsern Husern wohnte, als -- wozu der schnen Erinnerung, Freunde? diese Zeit _war_ und _ist_ nicht mehr, der Sonnenstrahl, der scheu an des Gefngnisses Mauern zittert, macht dem Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelschte Licht. Wir _waren glcklich_, aus diesem Gedanken springt die traurige berzeugung: wir _sind unglcklich!_ -- Wie beim Gewitter hngt die Luft schwer und drckend ber unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld verlassen und verbergen sich in Hhlen, das Gras zittert leise dem kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger Ungeduld dem einbrechenden Wetter. -- Dies ist das Bild unsers Vaterlandes, Freunde; kein Gesicht lchelt, als das der unverstndigen Kinder, kein Auge glnzt, als das Auge des Sterbenden, keine Frhlichkeit lacht aus betrbten Herzen, -- traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst versunken, von keinem heitern Gefhl aus unsern schwarzen Trumen geweckt, stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen in das wilde Rauschen der See. -- Und warum hngen unsre Thrnen so schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrckte Seufzer unsre Brust so hoch? -- Sind die blhenden Felder um uns her Wsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel ber dieses Reich? Hngt eine verzehrende Seuche ber unsern Huptern? Sind unsre Freunde verschieden? -- Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blthe unsrer Fluren ist dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im frhlichen Wogengerusch um uns her, die Fluth sinkt zurck und unser Nachen steht auf einem drren Felsengrund eingeklammert. -- Das Glck hat uns seine Hand zum ewigen Abschied gereicht und wir sehen mivergngt seinem Scheiden nach. -- Und trstet uns denn kein Ersatz ber unsern Verlust und sind wir auch nicht einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren? O zum _Allgtigen_ lat eure Klagen nicht dringen, denn er zrnt uns nicht, die freigebige Natur hlt keine karge Hand ber uns ausgestreckt. -- Aber welche bermenschliche Gewalt schnrt unsre Brust so mchtig zusammen? Wer schlgt dies verfinsternde Gewlbe um uns her? -- O da ich es schaamroth aussprechen mu, -- ein Fremder wrde staunend unsrer Schwachheit spotten, -- ein _Mensch_! Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fliet, wie zu einem geizigen Meere, alle unsre Arbeit zurck, wir leben nur fr ihn, fr den Einzigen kmpfen im unntzen Streit alle unsre Krfte. -- Ihm hast du, dem Undankbaren, deine Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt, hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner frchterlichen Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. -- Leben und Vernichtung hlt er auf der verflschten Wage, an seinen Launen hngt schwankend unser Glck, Gewitter donnern aus seinem zrnenden Auge, das Lcheln seines Mundes ist unsre erquickende Frhlingssonne, seine Worte des Ewigen unvernderliche Gesetze, -- wir stehn da, und fhlen da wir elend sind, und o der Schande! -- wir begngen uns damit, da wir es fhlen! Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, da wir auch nicht einmal _murren_? Sind wir uns so fremd geworden, da wir auch nicht einmal unser Schicksal gendert wnschen? Da wir uns mit dem begngen, was er uns aus der Verheerung zurckwirft und uns der Gnade freuen, die uns noch unter den Trmmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln vergnnt? Die Schlange verwundet wthend die Ferse ihres Mrders, die schuldlose Taube kmpft ohnmchtig gegen den Zerstrer ihres Nestes, ja der zertretene Wurm krmmt sich zrnend unter dem Fue des Wandrers -- und _wir_! -- Wer ist der Schndliche, der sich nicht der Ketten schmte und sie gern von seinen Armen streifte? -- O er gehe hin und erzhle Ali meine Rede! Sklave und freier Brger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt nur _einen freien_, wir _alle_ sind seine Sklaven, das Vaterland und seine Brger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wnsche knien vor seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt, haben wir an diesen Betrger verspielt. Unser Dasein knnen wir nicht Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. -- -- Und wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Krper, von dem zerbrochen jeder Stahl zurckprallt? -- Nein, eine Sammlung Staub, wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestrzt. Wo ist der Muth, der in unsern Vtern focht und die Feinde erzittern machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen greift und sich und seine Brder rcht? Keiner? -- O ich habe mich geirrt, ich verga, da ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo unser hchster Wunsch ist, der schndlichste seiner Sklaven zu werden. -- Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren hinweggenommen, nur mich Unglcklichen hat sie einsam stehen lassen. Er schwieg. -- Die Mnner glhten, die Arme der Jnglinge zuckten unwillkhrlich. In vielen Augen stand die Thrne der hohen Begeisterung, viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise Abubeker mit langsamer bedchtiger Stimme also sprach: Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist unglcklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem Thron herab, das Volk seufzt tiefgebckt unter dem ehernen Joch, -- aber hre mich als Freund und zrne nicht. -- Ich stehe auf einem hohen Gipfel, von dem ich ber so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Fen ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die Stelle der Weisheit. -- Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die verheerend das Gefilde berschwemmt, und es gedngt und fruchtbarer wieder verlt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen Asche ein schnerer mit frischer Kraft hervorschiet? -- In dem gegenwrtigen bel liegt oft die Geburt eines knftigen Glcks, nur da das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, da unser kleiner Blick nur das umfat, was vor uns, nicht, was oft dicht daneben liegt. -- Schon vielen Vlkern sandte der Herr zur Zchtigung einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand. -- Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer hhern Macht, der uns von dorther den Krieg ankndigt: knnen wir rebellisch gegen den Ewigen aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? -- Tausend Diener horchen auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns. Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen. Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch seines Mundes gegen die Grnze des Weltalls zu zerschmettern, -- und er sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein Wille wre? -- Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre groe Seele zeigen. Rache brllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und verzeihe! -- O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Krfte verzehrt, spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu wenige, um fr sie zu handeln, -- aber unsre Kinder, Abubeker! _Abubeker._ Wacht nicht ber sie das groe Auge, das sich niemals schliet? -- La sie die Tugend und Gott verehren und sie knnen nicht elend werden. Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen: Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhngni tritt oft aus seiner Finsterni hervor, und zwingt selbst den khnsten Zweifler zur schaudernden Verehrung. _Selim._ Und auch du, Omar? der du meinen groen Entwurf zuerst zur Reife brachtest? _Omar._ Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das unerbittliche Schicksal zurck, es zerreit den Faden, an dem es den Menschen lenkt und lt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zgen auf der unvergnglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen die Tugend oder das Laster auf. _Abubeker._ Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand liee, dann trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte. _Omar._ Alle Widersprche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt, die ganze Natur wre eine Flte, auf der ewig die Tne des schaffenden Knstlers erklngen, keine That gehrte uns, unschuldig kehrten alle zum Schpfer zurck. -- Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Gte das Laster zult, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften fhrt, das hiee ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernnfteln, mit eben der Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen. _Abubeker._ Ein Irrthum tuschte mich, Omar. _Omar._ Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und es entstand der _Mensch_. Dieser gttliche Funke, der aus der Nacht sich ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes, den Bumen und Felsenwnden heraushebt, dieses ist das groe Zeichen, an dem die Menschen sich erkennen, das untrgliche Unterpfand, da uns jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub wieder von sich abschttelt und zrnend das Thal verlt, um einen schnern Hgel zu ersteigen. _Abubeker._ Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das Dunkel erleuchtet. _Omar._ Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der Schnecke und dem Wurme Fhlhrner gegeben sind, um ihre Nahrung zu suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gtige dem Menschen den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je nher er diesem Ziele gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. -- Ohne diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf, unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. -- Die Kraft der Heilung liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schpfer tritt uns nicht unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur wrde zu sehr vor ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schnen Blthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gtigen wieder, und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden Hauch, der ihnen aus den Krutern entgegen duftet. _Abubeker._ Deine Gedanken ber den Ewigen sind wie der Schein des Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich _lieben_. _Omar._ Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind und Wogen der Leidenschaften und des Unglcks. -- Der Verstand formt aus dem ungestellten Zufall eine Sule; statt uns selbst die Hand zu reichen und durch das Dunkel zu fhren, haucht der Ewige an diesen Funken und er leuchtet heller. -- Dann werden groe und edle Thaten geboren, Tyrannenthronen gestrzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen, Vlker besiegt und des Propheten Glaube ber Meere getragen. -- Diesen Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heit seiner Gte spotten, da er uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns einst schwer zur Rechenschaft ziehen, da wir ein Gut verachteten, das uns ihm hnlich macht. -- Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen diese Gedanken gesendet htte, wenn er durch uns Ali strafen und das Reich wieder glcklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar erhalten, wenn wir die Pflanzen wren, aus denen der Gtige mittelbar Genesung unsern Brdern zusendete? Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die brigen horchten aufmerksam auf seine Rede. _Omar._ Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und unverzeihliche Trgheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg legt, verdrossen liegen lassen? -- Auf dann! tretet alle Zweifel unter euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige Nein zu unsrer That, -- nun, dann wird das Unglck unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne Nachricht bringen. _Abubeker._ Du hast mich berwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit nach. _Omar._ Ha! wenn wir keine Leuchte htten, die uns durch die Nacht begleitete! -- aber wir tragen sie in unserm Busen. -- Glaubet! ruft uns der Ewige selbst zu -- und handelt nach eurem Glauben und Herzen! Daher jagt das nagende Gewissen den Bsewicht, dies ist der gute Engel, der den Menschen zu edeln Thaten winkt. -- Ein jeder mu nach seiner berzeugung handeln -- und wer glaubt nicht, da wir alle glcklicher wren, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? -- o er hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekrnkt, er zwingt uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser _Feind_, nicht unser Frst. Wir scheuchen das Unglck ber die fernen Gebirge, das itzt so druend ber uns hngt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes, aus seinem Grabe wird das Glck dann wieder auferstehn und uns dafr belohnen, unsre Brder werden Freudenthrnen weinen, -- ha! wer steht noch mssig? Wer kann noch furchtsam zurckzagen? -- Nein, Abubeker, Freunde, -- wir _wollen_ nicht die Krone von Ali's Haupte reissen, wir _mssen_ es, -- das Land liegt kniend zu unsern Fen, des Ewigen ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht uns den blutigen Dolch, -- wir _knnen_ nicht zurcktreten und den furchtbaren Arm von uns weisen. _Selim._ Nein, wir knnen, wir _drfen_ es nicht. Die Gefahr streckt uns ihren Rachen entgegen, -- strzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht unsern Triumph! Welcher Feige wrde nicht mit dem Edlen um jeglichen Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die groe nie zerfallende Scheidemauer zge? Da wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser Unternehmen zu einer groen That stempelt, das ist es, warum sie Mnner und keine Knaben fordert. Das Glck schwebt um uns her; fat mit starkem Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, -- dreht er sich allmchtig weiter, -- nun was knnen wir mehr als _sterben_? Und knnen wir in tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der Tyrannei dahinzusinken? -- O wem das _Leben_ das hchste Gut ist, der mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an dem er gefesselt ist, -- wir kmpfen, siegen oder sterben fr's Vaterland und unsre Brder, -- das Schild am Arm, den Sbel in der Faust strzen wir vor Ali hin und fordern _uns selbst_ von ihm zurck, -- wir verschwinden in dem groen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch untergehe? -- Die Gefahr nicht achten, heit sie tdten; sich selber mu der Edle freudig seinen Brdern opfern knnen. -- Wer so denkt, der reiche mir seine Rechte! Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste sein, der die Hand des edlen Selim fate. -- Es ist kein Schndlicher unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu und umarmte Selim und Omar. Eine groe Begeisterung wandelte durch den Saal, alle Gesichter glhten, alle Augen funkelten. Brder! rief Selim aus, -- das Loos ist gefallen! -- Er kniete nieder. -- Hier schwr' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine letzte Lebenskraft gegen Ali zu kmpfen, mein Vaterland zu retten oder zu sterben! Alle knieten und schwuren ihm den groen Eid nach, dann umarmten sie sich von neuem, drckten sich die Hand und kten sich wie Brder. _Ein_ Gedanke lebte in allen Seelen, _eine_ Entzckung, _ein_ Geist wehte durch die ganze Versammlung. Freunde! sprach _Omar_, -- und wer soll denn an Ali's Stelle treten und eine neue Sonne ber unser Reich heraufgehn lassen. Alle schwiegen und _Omar_ fuhr fort. Das unmndige Volk bedarf eines Fhrers, ohne Oberhaupt wrde es sich selber vernichten. Ein weiser Mann mu an der Spitze stehn, der alle die schweifenden Krfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unntz an tausend mannichfaltigen Gegenstnden zerschellen. -- Ihr kennt Selims Weisheit, seinen Muth, seine Gte und Menschenliebe. Er betrete den verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergrndete Meer und wecke das Glck aus seinem Schlummer. -- Wer andrer Meinung ist, der spreche! Du thust mir Unrecht, rief _Selim_, als alle schwiegen; warlich Omar, deine Worte schmerzen mich tief. -- Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung? -- Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr ihm beistimmt. -- Der Unbetrgliche sieht mein Herz, beim Grabe seines Propheten schwr' ich hier, -- durch meinen Tod, ja durch meine _Schande_ wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. -- Omar, wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorbergehen? -- Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali entweiht. -- Er warf sich vor dem Greise nieder und berhrte mit der Stirn dreimal den Boden, alle brigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker war gerhrt und konnte ihnen nur durch Thrnen antworten. Du bist unser, Abubeker, sprach _Selim_, freiwillig zu uns herbergetreten, von keinem uern Zwange gedrckt. Der Edle mu aus eignem Willen handeln, und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele, hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst. -- Ali, nach deinen Schtzen begierig, hat das Ziel deines Lebens nher rcken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet und dich uns gerettet. Der Greis _Abubeker_ drckte ihm schweigend die Hand. -- Selim, sprach er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum, du wandest ihn aus den Hnden ungerechter Feinde, du schtztest mein Leben gegen einen Ruber, dessen Sbel schon ber meinen Schdel blinkte, -- erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch ferner halten. -- Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille? _Selim._ Ich schwur und ich htte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wre. _Abubeker._ Mein Kind vermhlt sich deinem Sohne. _Selim._ Und wenn auch das Unglck uns verfolgt, auch wenn ich tausend Schtze bese und du wrst eben so elend, wie ich einst war, -- sie wird meine Tochter, -- nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser feierlichen Versammlung. _Abubeker._ Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. -- Dein Sohn wird der meinige, -- aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher vermit. Sollte er keinen Theil an diesem groen Schauspiel nehmen? Omar trat hervor. -- Der zarte gefhlvolle Jngling, sprach er, taugt noch nicht fr Mnner Unternehmungen. Tausend zrtliche Besorgnisse fr seinen Vater wrden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt noch in der Blthe und kann noch keine Frchte treiben; diese Gedanken wrden ihm Ruhe und Schlaf rauben und seine Hlfe wrde uns unmerklich sein. -- So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, auf dem ein Schwindel ihn wachend seiner Vernunft berauben wrde. Wenn er oben steht, dann wecken wir ihn sanft und er wird uns unsre zrtliche Sorgfalt danken. Alle stimmten ihm bei und man beschlo am folgenden Tage sich von neuem zu versammeln, um ber die Mittel zur Ausfhrung ihres Entwurfs zu berathschlagen. Dann ging man froh auseinander und ein jeder nahm groe Gedanken und schne Entwrfe in seiner Brust verschlossen mit sich. _Sechstes Kapitel._ So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in schwarzen krausen Wolken ber ihn zusammen, aber er hrte nicht den Sturm, der von allen Bergen her die Dmpfe zusammenjagte, unbesorgt ging er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimni der Verschwrung eingeweiht, sorgsam prfend den Fu auf die schwankende Brcke gesetzt htte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die Pfeiler strzten. Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die Stadt verlassen, als ihm _Raschid_ begegnete. Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen. _Raschid_ war traurig wie gewhnlich und erwiederte Abdallah's Gru mit niedergeschlagenem Blicke. Du bist traurig, sprach _Abdallah_, komm mit mir in die schne Natur, der Frhling wird dich heitrer machen. Itzt nicht, antwortete _Raschid_, nthige Geschfte rufen mich zu Ali; aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen Bank, dem Pallast gegen ber. -- Er entfernte sich schnell und Abdallah ging durch die Thore der Stadt. Der schnste Frhlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft athmete lau, Dfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des Westwindes, ber die Berge war der glnzende Himmel wie ein blaues Zelt ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten. -- Itzt hatte er einen Hgel erstiegen, der die schnste Gegend bersahe. Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grn blinkte ein Strom verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schn gekrmmt wie ein weiter See im Sonnenschein glnzte. Friedliche Htten lagen traulich unter den Zweigen der Bume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen Strahlen auf das frische Grn des Rasens, das bald heller bald dunkler sich den Hgel hinuntergo, Cedern standen feierlich schwarz auf den Bergen, die den Horizont begrnzten. Alle Wesen, von der Fliege die im Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken, waren froh und glcklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die Freude, in tausend Gesngen bunter Vgel zwitscherte sie in das Gerusch der Waldung. Abdallah stand und betrachtete mit Entzcken die glanzumschlungne Gegend. O der schnen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus dem Thale zu mir heraufweht! Wie gttlich diese Wonne mich, wie ihren Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir, alle meine Sinne thun sich dem wohlthtigen groen Gefhle auf. -- Welch ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum Herzen strmen! -- O unglckseliges Gedchtni! -- Nur Tod brtete in dieser unendlichen Pracht? -- Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem, der im Walde rauscht? -- Mit dieser funkensprhenden Begeistrung bin ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drngt sich alles so zu mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefhlen nieder, in meinen Empfindungen schwimmt ein therischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den groen Klang, -- ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen Massen, -- hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten lt, -- du raubst mir den Genu, und Genu ist ja das erste und letzte Ziel dieses Erdenlebens. Er lagerte sich am grnen Abhang des Hgels und schaute in die unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge unaufhrlich auseinander wickelten. -- Eine heilige Ruhe schwebte mit leisem Fittig ber die Gegend, hundert neue Schnheiten gossen sich aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge hher hinanlief, ber das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein gelber schrger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen Cedern und erglhte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grnen Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten. O! da ich mich strzen knnte in das Meer der unermenen Gttlichkeit! rief der wonnetrunkene _Abdallah_, -- diese tausendfachen Schtze in meinen Busen saugen! Knnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in meiner Brust diese gttlichen Gefhle, die itzt durch meine Seele zittern! Ach, da der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! -- Ich hre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare unausfllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift? Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder. Ich schwindle auf der Freude hchsten Gipfel und strze in den Staub betubt zurck. -- Alle meine Gefhle drngen mich weiter hinaus zu einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstt ein Schein durch die Dmmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, -- aber er verlischt pltzlich und die ungestmen Wogen wlzen sich von neuem durcheinander. Ein Abendwind blie durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Htten und vermischte sich mit dem Nebel, der leise und langsam ber die Fluren schritt und in tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen. Ein Schfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine einsame Flte tnte sanft in das Thal hinab. Abdallah ging mit seinen Trumen zur Stadt zurck, das Rauschen des Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tnte noch die Flte, die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flsternd gefolgt war. Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's gegenber, in tausend verworrenen Gefhlen versunken. Die Leere der Stadt mit ihrem abendlichen Gerusch und der lrmenden Emsigkeit umgab ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thren, der Handwerker verlie seine Lden, die Ausrufer gingen durch die Straen, von den Moscheen ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose Getse hallte ihm noch wehmthig froh der Fltenklang, in das Bild der dmmernden Straen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermthigem Lcheln ansah. Das Getn einer Thr ri ihn aus seinen Trumen, er schlug die Augen auf und sahe -- _Zulma_, des Sultans Tochter. Schlank und mit majesttischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan die Blumen und jungen Citronenbume zu begieen und auf einen Augenblick die Khlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar flo geringelt auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine se Freundlichkeit und die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lcheln. Weitgeffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang mit glhendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma die schnste der Houris zu sehn, -- unter ihm htte ein Erdbeben unergrndliche Schlnde reien knnen -- er htte es nicht gefhlt, -- htten tausend Donner um ihn her gebrllt, -- er htte sie nicht gehrt, -- alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Krper entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. -- _Zulma_ ging wieder zurck und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch immer den Schimmer des weien Arms durch die grnen zitternden Bltter zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schner glhten und von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten. Endlich erwachte er aus seiner Betubung, so wie der Wandrer in der Nacht erwacht, der mde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen abgerissen, taumelt er dumpf seine Strae fort, die Berge um ihn her wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Rthsel vor ihm. -- Aus diesem Gewirre kehrte _Abdallah_ endlich zurck, -- er sah, er hrte wieder, seine zugeschlonen Sinne thaten sich wieder auf, -- aber er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne schien ihm entgegen, aus jedem Ton grten ihn holde Melodieen. Ihm war als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht entgegen, hundert Besorgnisse schttelte er von sich ab, er fhlte sich frei, stark und gro, khn zu jedem Unternehmen, ausdauernd fr jede Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fhlend fr Schnheit und Edelmuth. -- Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glnzten vorberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund. -- Er ging ber die Brcke des Flusses, der die Stadt durchstrmte. Eine flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den Flu nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der seinem Glanze folgte, der Strom glhte in Purpur, vom Ku des Himmels errthend, in sanften Krmmungen schlich sich das erhabne Ufer neben den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen pltscherten an das grne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde, die auf einem schmalen grnen Landstreif sich in den Strom drngte und aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zrtlichen Tnen vom Flu herber, -- Abdallah sahe in jeder Schnheit Zulma's Gestalt, die jeden Reiz erhhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er strzte sich und versank in die schnsten, erhabensten Gefhle. Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten stiegen Schatten mit groen Schritten auf; er weinte und wute nicht, warum eine Thrne sich so hei aus seinem Auge drngte. Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache der sen Schwrmerei hinauf und hinab, ermdet schlief er ein. Die Zukunft strmte ihm hell und glnzend entgegen, wie ein Quell dem durstigen Wanderer, goldne Trume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand in den Trumen. -- Er war so glcklich, da er nie htte erwachen mgen. _Siebentes Kapitel._ Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte. _Zulma_ war sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurck. Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine mondbeglnzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefhlen, durch ihre ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei. Ein frher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er ffnete es und sahe sinnend in die schne Gegend hinaus. Ein frischer, khlender Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses und brannte golden an den Fenstern der hundert Pallste umher, ein dnner Nebel sank in den Flu zurck und durch den Himmel war ein purpurnes Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen und lchelte ihm entgegen, in den Gebschen am gegenberliegenden Berge suselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner Empfindungen. -- Drftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser Umwandlung gefhlt hatte, seine Phantasie war nun erst mndig geworden und verschmhte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne Empfindung vorbergegangen war, ein heiliges Entzcken flsterte im Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein groes verschlones Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen. _Raschid_ trat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwrmereien berlie, er wollte seinem Freunde Vorwrfe machen, da er sein Wort gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hrte nicht, was er sagte, sondern sprach mit seinen Trumen und wute kaum, da Raschid neben ihm stand. Dieser verlie ihn endlich voll Verdru, als ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhngende Tne antwortete. _Abdallah_ hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glhend an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von seinen neuen Gefhlen verschlungen. -- Vordem hatte er mit Kindlichkeit die Tugend und sich geliebt, alle Rthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm Niemand Rthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien ihm alles Glck der Einbildung erloschen, die schne Hlle war von der Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon daran verzweifelt, da ihn je wieder ein Strahl aus den glcklichen Tagen seiner Unwissenheit anfliegen knnte, -- und itzt schmckte sich alles schner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor ihm, so gelutert und rein hatte noch kein Gefhl in ihm geklungen. _Omar_ trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. -- Worber denkst du? fragte ihn dieser. -- ber nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter Lehrer verlie, als wenn eine lstige Gesellschaft von ihm gegangen wre; er berlie sich ungestrt seinen Schwrmereien, wie jemand, der in einem schnen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. -- Was ist dir, mein Abdallah, sprach _Omar_ nach einiger Zeit, indem er von neuem hereintrat. Abdallah schwieg. -- Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar mit freundschaftlicher Unruhe. Omar! stammelte _Abdallah_, sieh die Natur, die unendliche, unbegrnzte, sieh, wie tausend Schnheiten mich anlcheln und tausend schlafende Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich durch die Wolken schwingt, wie die blhende Erde sich lchelnd in die Arme des Himmels schliet, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen Glanze schwelgt, -- o da ich diese Gttlichkeit an mein Herz drcken knnte und mit Seligkeit gesttigt in den hohen allgemeinen Wohllaut zerflieen! Es ist nicht das, sprach der ernste _Omar_, indem er Abdallahs Hand ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaest du ber deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, -- noch nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, -- nein Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes zu ziehn. -- _Abdallah_ sahe nieder und schwieg; _Omar_ hatte die geheimsten Geberden seines Geistes verstanden, er suchte daher beschmt seine Gesinnungen zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen innigsten Gefhlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glhte, seine Blicke irrten ungewi auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie fesseln knnte. -- Omar fuhr fort: Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? -- Bin ich nicht mehr Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, la mich dein Glck oder Unglck mit genieen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigenntzig geworden? Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heie Thrne stieg in sein Auge, ein groer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte in der Hand Omars, dieser lie sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen. Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar und er nicht mit einander. -- Gut, ich mu dein Vertrauen noch erst zu _verdienen_ suchen. -- Er wollte gehn. -- Nein, nein, Omar, rief ihm _Abdallah_ heftig nach, bleib! o ich will ja zu dir sprechen. -- Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? -- Es giebt keine Worte, keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingieen knnte, wie es hier in meinem Herzen strmt und lebt! -- Knnt' ich dein Herz in das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann wrdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn! _Omar._ Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfllt, den geistigen Hauch, der sich in keinen Tnen festhalten lt, -- darum werd' ich dich verstehen. _Abdallah._ Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde verzeihen? _Omar._ So sehr kann _Abdallah_ nicht fehlen, da fr sein Vergehn keine Verzeihung sein sollte. _Abdallah._ Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe. Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar, alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist meinem Herzen nher gerckt, ich fhle mich grer, edler, geistiger, -- o mein Omar, la dir alles in einem Wort' entrthseln: _ich liebe!_ _Omar._ Du liebst? _Abdallah._ O du mochtest lcheln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es ist nicht jenes Gefhl, das unsre Dichter so oft beschreiben, -- kein Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefhl der Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt hinauszureissen; eine allmchtige Woge hat mich auf die hohe ghe Spitze einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurck und ich stehe schwindelnd ber Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, -- die Gottheit hat heut mein Leben von neuem berhrt und durch die leisesten Tne hindurch zittert der allmchtige Sto. -- Wer wrde nicht dies Verbrechen mit mir theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen? _Omar._ Dir verzeihen, da du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles Erschaffenen, das, was uns die de Welt in einen Garten umwandelt? _Abdallah._ Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken Kinde; ja, es ist die schnste Vollendung des Menschen, ich fhl' es, Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, la mir nur diese brig und ich werde sie nicht vermissen. _Omar._ Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, -- nenne mir ihren Namen. _Abdallah._ Omar, du bist ein Gotteslsterer! -- Setze das Paradies auf die eine und _Zulma_ auf die andre Seite, und ich werde _Zulma_ ohne Bedenken whlen. -- Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts, als sie, -- mir war's, als fiele ein lchelnder Blick ihres holden Angesichts auf mich herab, -- o wr' es Wahrheit, ich wollte mein Leben gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen! _Omar._ Zulma? -- _Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?_ _Abdallah_ schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glcklich, als ich nicht daran dachte, warum gnntest du mir nicht diesen lieblichen Betrug? _Omar._ Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor zu schwingen? _Abdallah._ O die Liebe, die Allmchtige wird sie mir reichen! -- Der Verzagte verliert ewig, dem Khnen geht das Glck selbst entgegen. _Omar._ Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen reit, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit vertrauendem Fu in die Luft, aber du wirst in die Tiefe strzen. _Abdallah._ Ach Omar, ich habe dir mein Geheimni entdeckt, kannst du nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath fr mich? _Omar._ Und wenn ich ihn htte? _Abdallah._ O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer nennen. -- Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend! _Omar._ Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren -- _Abdallah._ Die Unmglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen, ich will durch wilde Strme schwimmen, ber Abgrnde springen, durch hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klfte drngen, durch die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung steht. -- O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen! Abdallah! rief _Omar_ aus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen durchschauten wild den Jngling, -- heut in der Nacht will ich dich wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach. Unglcklicher! rief er aus, -- wo sind nun alle deine hohen, himmlischen Schwrmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken, und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im tausendfachen Schimmer spielte. -- Welche Kette hngt an dem Worte _Ali_, die mich so gewaltsam von Zulma zurckreit? Lieg' ich in den Staub gebunden und glnzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius ber mir? -- Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es kein Glck, kein Leben fr mich, bei diesem Spiele kann ich nur gewinnen. Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke pltzlich berraschte. Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. -- Und mit deines Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? -- O eine schwarze Ahndung breitet sich ber meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und die freie helle Flur auf immer verlasse. -- Mein Vater selbst tritt mir in den Weg und hlt mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu machen. -- Alle meine Hoffnungen strzen von diesem Fels zurck und hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren mir den Rckweg. -- Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! -- Er berlie sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwrmereien weichen muten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen. -- So trumte und dachte er bis zum Abend. _Achtes Kapitel._ Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt verlieen. Wolken gossen sich gedrngt und dster von den Bergen herab, in hohen unendlichen Gebirgen aufgewlzt, wie eine dicke gewlbte Mauer hing der schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten ber ihnen, kein Stern sah durch die Hlle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die Wolkenwildni: ein Regen rauschte in den nahen Bumen, durch den fernen Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wchter riefen aus der Stadt die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. -- Beide gingen schweigend und in tiefen Gedanken versunken. -- Nach einer langen Stille begann _Omar_: Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen ber uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wste hinaus. Wie frchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um uns her wlzt, -- sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich zerrissen jagt! -- Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar, der unaufhrlich mit der Finsterni kmpft, der Regen fllt in schweren Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie ein verlornes Kind, das in der Irre winselt. Abdallah schlo sich fester an den Arm seines Freundes, -- Omar, sprach er mit beklemmter Stimme, -- o diese Nacht ist das Bild eines unglcklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl erquickt. -- Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tnen an dem Ufer bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, -- Omar, diese Nacht ist frchterlich! _Omar._ Frchterlich? _Abdallah._ Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefhlt, so einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefhlen, so losgesphlt wie ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare Gefhl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern. _Omar._ Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Trumen; so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das einsame wimmernde Pltschern des Ufers zu hren, -- o dann ist mir, als stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstnde, dann ist mir oft, als knnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung stillschaffend wandeln hren, als knnte mein entkrperter Blick durch das groe Gebude dringen und die hohe Ordnung verstehn. -- Ja, Abdallah, eine solche Nacht winkt der Schwrmerei, hier wohnen tausend khne Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurckzittern, hier tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen; der Sptter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift gengstigt nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne Getse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze, die Kleidung fllt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem Schauder die unendlichen Krfte durch einander weben und die Rder im ewigen Schwung sich drehen. _Abdallah._ Sieh, wie hier verloren ein Glhwurm mit mattem Fluge summt und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und sie nicht auslschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines Freundes zu verlieren. -- Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser Auge mu ihn ngstlich wiedersuchen, -- und wie verlieren wir uns in diesem mitternchtlichen Gefilde, und diese unbegrnzte Flur wird auf der Erde kaum bemerkt. -- _Omar._ Und wie versinkt diese Erde in der Unermelichkeit der _Welt_? -- Abdallah, unser khnster Schwung fllt lahm von dem Gedanken zurck, -- diese Welt, -- o vielleicht, da fr Wesen jenseit unsrer Gedanken dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwrmer sind, die der Erde wie einem Grashalm einen grnen vorberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, -- und die hchsten Gedankenschwnge dieser Wesen schlagen gewi noch nicht an die Grnze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer hher und hher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in jeder Hand hlt sie tausend Welten. _Abdallah._ Der Gedanke strzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will? _Omar._ Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen Saiten der Laute wlzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so lauter spottet ein hhnendes Gelchter unsrer Schwachheit. _Abdallah._ Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir verstehen ihr Winken nicht. _Omar._ Die Gottheit zieht an die groe Kette des Lebens und vom Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schttelt. -- Du wirst Gewrme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, -- fr uns sind sie nur Wesen eines Augenblicks, -- auf uns lcheln vielleicht eben so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug scheint; ihr Leben scheint hhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der erste Sonnenstrahl aufkt, und _diese_ verwehen doch nur wie ein Staub in der Ewigkeit. _Abdallah._ Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth emportaucht und im Auftauchen zerspringt. _Omar._ Darum sagte jener groe Snger: Jahrtausende sind vor dir nur wie ein Augenblick. -- Und doch kriechen die nichtigen Gewrme auf der Erde umher und nennen sich dem Ewigen hnlich, und brsten sich mit Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre Weisheit kennt, -- o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen zur Verzweiflung bringen knnte. -- Eine alberne Mummerei, wo ein jeder nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lgen zu strafen, -- wenn wir sie nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn -- so sind sie nichts als Knochen und verchtliche Verwesung. -- Ha! sie wollen den Ewigen fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lge, und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht. _Abdallah._ Verachtung sei ihre Strafe! _Omar._ Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfllt, der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus Wrmern ward und wieder zu Wrmern wird, -- o des Erbarmens! mit diesem verlugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit hineinschreibt. _Abdallah._ O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des Ewigen sollte ihre Weisheit sein. _Omar._ Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie knnen die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; da die Sonne auf- und untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht, aber da sie einst stille stnde, oder an den Gestirnen zertrmmerte, -- dagegen strubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sie _Weise_. _Abdallah._ Der blden Thoren! _Omar._ Wir stehn unter unendlichen Rthseln, nur die Gewohnheit hat sie uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis zur Mcke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorber gehn? O knnten wir an diese Wunder allmchtig schlagen und Antwort fordern; -- aber es ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen drhnt, -- sie ziehn vorber und bleiben stumm. -- Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich, als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken flattert und Wlder mit einem Hauch ausrottet. _Abdallah._ O knnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft fordern! _Omar._ Empfandest du nie, Abdallah, da wenn dein Verstand durch tausend Stufen auf der hchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, -- da er dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehlflichkeit des Steins herabstrzte? _Abdallah._ Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verchtlichsten vor mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwche kmpfend im Begriff sind ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmchtig hinsinken, und nichts als verworrene Gefhle davon tragen, dunkler und krperlicher als die unmittelbarsten, die todte Gegenstnde um uns unsern Sinnen reichen. -- O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe austauschen mchte! _Omar._ Auf dieser ghen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren Lften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht ber die nchtliche Haide wandeln; dies ist der frchterliche Augenblick, wo der Verstand zwischen hherer Weisheit und Wahnsinn ungewi hngt, ein Windsto von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf die andre Seite. -- Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick grbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. -- Verstehst du mich, Abdallah? _Abdallah._ Ich folge deinem Geiste. _Omar._ Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krcken. Sie ergreifen die groen Zgel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkhr, sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln, das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der groen Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. -- Die Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn zu seinen Schlern: _Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!_ und sie glaubten und die Natur gehorchte ihnen. Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du Zulma noch? Abdallah fuhr auf. -- Zulma? -- Du hast alles um mich her ausgelscht, Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht noch _ein_ freundlicher Funke, -- ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig lieben. -- Ich stoe die Verchtlichkeit der Welt auf die Seite, ich gehe unwissend ihren Rthseln vorber, -- diese Weisheit ist nicht fr ein sterbliches Gehirn, -- _meine_ Weisheit sei _Genu_, mgen Wunder und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhlle mich an ihrem Busen und sehe sie nicht. _Omar._ Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glcklich machen kann? _Abdallah._ Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone fhrt. _Omar._ Fhlst du dich stark genug fr die furchtbare, zermalmende Vertraulichkeit? _Abdallah._ O ich will zentnerschwere Brden mit allen ihren haarstrubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rcken nehmen, -- denn Zulma steht vor mir und lchelt und sie drcken mich nicht. _Omar_ ergriff schweigend die Hand des Jnglings. -- Abdallah! rief er laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und la es tief in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind die Gesetze der Welt unterthnig! Abdallah fuhr zurck und ri seine Hand aus der Hand Omars. -- Wie? -- Omar? -- Ha! wie eine eiskalte Hand mich frchterlich von dir hinwegreit! Omar, dieser _bekannte_ Omar mehr als Mensch? -- Er tausend Stufen hher als ich -- und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah spielte? -- O frchterlich! frchterlich! _Omar._ So jmmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst es nur bis zu deiner Zulma tragen? _Abdallah._ Nein, Omar, ich sinke nicht. -- So sei denn mehr als Mensch, la die mchtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich unter deinen Sprchen krmmen, la alle deine Kraft meinen Wnschen nachfliegen und aus meinen Trumen Wirklichkeit schaffen. Es sei, sprach _Omar_ langsam und ernst. -- Sie waren in ein kleines Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schumend von einem Hgel go. -- Wo sind wir? rief Abdallah aus, -- diese Gegend sah ich noch nie. -- Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein dumpfes Drhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich, sprach _Omar_ und zugleich ri sich eine schwarze Kluft klingend in den Boden. -- Omar fate die bebende kalte Hand Abdallah's. -- Hier steige hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich dir die Zukunft enthllen. Abdallah setzte langsam den Fu hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der Wchter in der Stadt die Mitternachtstunde, -- Omar lie die Hand Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. -- Die Erde verschlo sich wieder. Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue Gewlbe, zuweilen noch rauschten die Bume und schttelten rasselnd den Regen von den Blttern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt. Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden -- und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zgen und starren Augen wie ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. -- Er strzte wthend nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei hnlich war. _Neuntes Kapitel._ Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. -- Ha! rief er frchterlich, welch ein bleiches Feuer schlgt ber mir zusammen und nagt an meinen Gebeinen? -- Warum sieht das richtende Schicksal aus tausend glhenden Augen so frchterlich auf mich herab? Abdallah, sprach Omar und ging ihm nher, Abdallah, der Mondschein umgiebt dich und die Sterne flimmern ber dir. Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! -- Sie werden mich nicht wieder gren, -- dann ging Abdallah zu Omar, und sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn! Was hast du gesehen? fragte ihn _Omar._ Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen seiner Brust etwas besnftigt hatte, dann sprach er: Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Trumender, der laute Donner der zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. -- Ich tappte unendliche kalte, feuchte Wnde hinab, eine frchterliche Stille ging vor mir her, ich hrte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Drhnen meiner Tritte. -- Meine Zhne klapperten vor kaltem Schauder, und ein Grausen setzte mir die Hnde in den Rcken und trieb mich weiter. -- Pltzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird. -- Donner wlzten sich durch die hallenden Gewlbe, Waldstrme strzten sich rauschend herab, und ein Hohngelchter borst mir von allen Seiten entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betubte und zu neuen Schrecknissen wieder weckte. -- Oft schwieg es und wie Flten und Nachtigallengesnge flsterte es ber mir und weckte hmisch die Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, -- und pltzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestne hervor, und das Hohngelchter schallte von neuem und jagte meine Seele zur Verzweiflung. -- Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um mich herum und sauten mit kaltem Fittig um mein Haupt. -- Eine nasse Felsenwand stand vor mir, -- ich tappe zur Seite -- unerbittlich streckt sich mir ein Fels entgegen, -- ich strze rckwrts, -- auch dort der Weg durch eine Klippe verriegelt. Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrll sprang frchterlich von den Felsen zurck, ich verfluchte mich und dich und betete von neuem in noch grlichern Verwnschungen. -- Pltzlich wehte es wie ein Wind ber mir hin, es flsterte und zischte und aus dem Felsen leuchteten sanfte Schimmer. -- In mannichfaltigen Verschrnkungen webten und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine groe Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weigebleichtes Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurck. -- Itzt fuhr das Feuer wthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang pltzlich aufrecht und stie mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich -- o wren meine Augen ewig verblindet! -- Htte vor dieser Stunde mich der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, -- ich sahe, -- o verflucht, dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! -- den Leichnam meines Vaters, frchterlich geschwollen und mit entstellten Zgen und die scheuliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn hin. -- Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das schauderhafte Getn kmmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer von bsen Engeln, die in grlicher wthender Schadenfreude mit den Hllenpauken die Verdammten begren, -- das Hohngelchter trat mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das frchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand ausstreckte, mich festzuhalten, -- ich flohe mit kalten Schweitropfen auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getse nur wie aus tiefer ungewisser Ferne nachtnte. -- Ich ging durch hundert Gewlbe, ich drngte mich durch unendliche Klfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt und ohne Leben hindurch, -- und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich schrie um Hlfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene ffnungen und verhallte wie der Wind in der Ferne, -- ich strzte durch neue Felsengemcher und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurck. -- Schon verlieen mich meine Krfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur Qualen verhie, -- als ein mchtiger Donner die Erde ber mir auseinander ri. -- Dem grlichsten aller Tode entronnen strzte ich der Rettung und dem Lichte entgegen und dankte. Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. -- Omar! Omar! schrie er pltzlich auf. -- Sieh! sieh! da liegt das bleiche, frchterlich verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, -- o warum hast du es nicht in die Kluft zurckgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf ewig verschlossen! Omar antwortete nicht und sah ihn wehmthig an. -- Abdallah stand lange und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: -- Nur meines Vaters Tod kann mich glcklich machen? Das Schicksal hat es ausgesprochen, das frchterliche Wort, antwortete _Omar._ Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurck. _Zehntes Kapitel._ Abdallah erwachte nur erst spt, frchterliche Trume hatten ihn geqult und seine Krfte erschpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon frh sein Gemach verlassen. Er stand auf und brtete mit finstrer Seele ber sein Unglck, er suchte umsonst nach trstenden Gedanken. -- Wenn er an Zulma dachte, so stellte sich ihm der Fluch seines Vaters und das grliche unterirdische Bild entgegen, der _Freund_ Omar war ihm entrissen und dafr ein fremdartiges bermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht zurckfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen und dunkle Zauberdmonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wste an; alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung, die einst fr das Groe und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen Dmpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Fr eine Freundesseele, der er sich htte aufschlieen knnen, htte er die Hlfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schtten und seinem hohen eingebildeten Glck zu entsagen, in einer beschrnkten Zufriedenheit zu leben, und seine goldnen Trume zu verabschieden, aber dann fhlte er wieder lebhaft, da er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten, nie wieder von sich abschtteln knnte, sein Elend hatte ihn so fest verstrickt, da seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fden auseinander zu lsen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht rckwrts, sondern mute sich den Wogen berlassen, die ihn drren Felsenmauern vorberwlzten, Zulma war die einzige Blume, die in der starren Wildni ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte. O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhngni hinter mir her, nur das todte Opfer kann es vershnen, der Abgrund ghnt bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und lt mich nicht entrinnen, ich strube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach, ich _mu_ hinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott -- o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestrzt und die wsten Trmmern rufen mir wehmthig zu: _es war!_ Erst mit der Dmmerung kam _Omar_ zurck. Er fand Abdallah in Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, -- ja ich erkenne noch jene Zge, die einst meinem Freunde zugehrten. -- Er konnte sich nicht lnger zurckhalten, er fiel ihm lautweinend in die Arme, -- ja Omar, rief er aus, -- es war eine schne Zeit! Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als wre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte als ich. -- Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurck, Omar, was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen Ahndungen ging ich der verschlonen Welt vorber, du hast sie mir aufgethan und verchtlich liegt die husliche Armseligkeit der innern Natur vor mir. Die Brcke ist hinter mir eingestrzt, ich kann nicht wieder rckwrts. Mit sicherm Fue stand ich einst auf diesem Ufer, der Triebsand schiet unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund. _Omar._ Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und rette dich. _Abdallah._ Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte spielte, und mich in deinen Augen lchelnd sah, -- o wie glcklich war ich damals! Rufe jene Jahre zurck, Omar, und ich gebe dir freudig alles wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurck, mit der ich dich damals liebte, da gehrtest du mir, ich dir. -- Omar, ich liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hlt Wache um dich her und lt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. -- Du stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebhrt Anbetung. _Omar._ Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich war, bleibe auch du derselbe. _Abdallah._ Ich? -- O von _dem_ Abdallah ist nichts mehr als der Name da, alles brige gehrt den bsen Geistern. _Omar._ Ermanne dich Abdallah, und vergi die Begebenheiten dieser Nacht. _Abdallah._ Vergessen? -- Er zeigte auf den magischen Ring, -- o sieh den ernsten unermdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen. Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische Charaktere eingegraben waren. -- Sieh, Omar! rief er aus, -- hier steht in unverstndlichen Zeichen mein Unglck geschrieben, dies ist der Pfandbrief meines Elends, meines Vaters grliches Todesurtheil, der schwarze Grnzstein meines Lebens; -- wie eine Blutschuld hngt dieser Ring an meinem Finger. _Omar._ Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch verlassen. -- Du fhrst zurck? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. -- Nur hre meine Bitte: liebe mich stets, la keine Verlumder sich zwischen unsre Freundschaft drngen, ich bin dein auf ewig, dein Glck ist der Endzweck meines Lebens. La keinen Wurm der Lsterung sich auf die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. -- Versprichst du mir das? _Abdallah._ Ja. -- Aber warum reisest du? -- Und warum gerade itzt? Davon ein andermal, sagte _Omar_, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn ngstlich fest umschlossen, er drckte ihn lange an seine Brust. -- Mir ist, Omar, seufzte er, als wrdest du mich lange nicht wiedersehn, oder noch unglcklicher als itzt! Bald und glcklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung los, -- vergi nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht verlassen, mein Schutz soll eine Rstung um dich legen. Verfolgen dich Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet. Bei _diesem_ Ringe soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte gehen, er kehrte wieder zurck. -- Noch, sagte er, habe ich dir eine Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfllen und jeden Kummer ertrnken mu, oder meine Freundschaft hat vergebens gehandelt. Hre! Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht. Zulma liebt dich! rief Omar. Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, -- o dann bin ich mit mir selber wieder ausgeshnt! -- Zulma? -- Unendliche Wonne kmmt mir in diesem Ton entgegen! -- Zulma? -- Nicht mglich! -- So pltzlich kann die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! -- O Himmel! wie verchtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! -- Sie liebt mich? -- O nun -- nun mag das Unglck gedrngt um mich wimmeln -- vor diesem Worte flieht alles rckwrts. -- Omar, dieser Talisman schtzt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun bin ich mehr als ein Mensch! -- _Dein Freund und Zulma's Geliebter!_ O wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit stritte? -- Aber nicht mglich! -- Wie kann -- o du willst mich tuschen, Omar, um mich wieder lcheln zu sehn, du grausam zrtlicher! In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese Seligkeit enthielten. -- Omar, sprich, schweige nicht, -- in einem Worte Seligkeit oder Verdammni, -- o auf Jammer bin ich nun ja schon gefat, sprich es aus: sie liebt mich nicht! _Omar._ Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, -- la mich sprechen. Ich sahe in die schwarze Tiefe deines Unglcks und suchte einen goldnen Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mute die Rettung sein, oder du warst verloren. -- Ich eilte zu Zulma, (wie ich die hundert Schwierigkeiten berwand, das sei dir itzt gleichgltig) ich sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt, ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward gerhrt. -- Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem Gestndni zu ihm zurck, da ich keinen als Abdallah liebe. _Abdallah._ Keinen als Abdallah? -- O _nun_ erst ist mir dieser Name theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. -- O Omar, wre diese Empfindung nicht so bermenschlich, sie wrde mich unglcklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wnschen brig. _Omar._ Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen? _Abdallah._ Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Mglichkeit, und ich mu, ich mu sie sehen! -- _Omar._ Abdallah, la nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. -- Sie selbst hat mir die Mglichkeit gegeben. -- Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer, die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, in _dieser_ Nacht, du wirst Gesang und die Tne einer Guitarre hren, antworte mit deiner Laute und bersteige dort die Mauer des Gartens -- und du findest Zulma allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet. Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thrnen erstickten seine Worte. -- Fort! rief er, ich kann nicht danken! -- Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so unentbehrlich war. -- Dann ging dieser allein mit groen Schritten auf und ab, er kte seine Laute und schlug mit brennendem Entzcken in ihre Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdmmern wollte und der Nacht die Zgel der Welt bergeben, er htte ungeduldig den zgernden Himmel herumrollen mgen und die schwarze Seite mit dem Mond und ihren Sternen heraufreien. Dann sah er wieder nach der Mauer hinber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich, wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinbergeschaut, und wie sie itzt sein Glck und alle seine Wnsche umfasse. Aus allen seinen Trumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Trume, Wnsche und Gedanken. _Selim_ und _Abubeker_ hatten inde schon mehrmals ihre Freunde versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und ber die Flur seinen verderblichen Grimm auszugieen. Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede Art der Rstungen in unterirdischen Gewlben verwahrt, heimliche Zeichen unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide verbanden. Ein mchtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit unzerbrechlichen Fesseln zusammen. -- _Omar_ trat itzt zum letztenmal in ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken ber die Spitze eines fernen Berges herber und jagte einen freundlichen Schein ber den Strom; _Abdallah_ bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen, die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum go sich itzt der erste goldene Schimmer des sen zauberischen Lichtes ber den Flu aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder und fuhr in den glatten Strom hinein. -- Er schwamm wie in einem Meere von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen Abendwinden geneckt, die um ihn suselten. Der Flu schien ein Becher voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen durcheinander und hpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen herum und schienen ihn zu kssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Flu und kleine schieende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die gestirnte Wlbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und nieder. Dem Liebenden tnte das Pltschern des Ruders und das Rauschen des Kahns wie Fltengesang in die se Wellenmelodie. Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das suselnd seine grnen Schwerter im Mondstrahle blitzen lie und unaufhrlich gegen Abendfliegen kmpfte, die summend am Ufer des Stromes schwrmten. -- Die alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jngling ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's losreien wrde, mit ngstlicher Furcht erwartete er diesen schnen Augenblick; die hchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften Gegenstand. -- Der Schall eines Futrittes kam lngst dem Flu herab, er schlo sich dichter an den Baum; der Schall kam nher und Abdallah erkannte das Gesicht _Raschids_, der traurig und gedankenvoll vorberging, ohne ihn zu bemerken. -- Denkend und trumend, hoffend und frchtend stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und lchelte seine Trume an, alles flsterte so heimlich und liebevoll um ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und beschenkte die blauen Kinder des Frhlings mit hellen kristallenen Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grnen Blttern in dem Strom umher, bluliche Wasserschmetterlinge haschten sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann wieder wollstig in hohe silberne Tne hinein, die weithin durch das Laub der Bume zitterten. -- Itzt -- ein freudiger Schauder fiel mchtig auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern, -- itzt erklang eine leise Guitarre ber die Mauer des Gartens und sang: Mondschein winke, Welle locke Den Geliebten In die Fluth. -- Und der Mond winkt, Und die Welle lockt, -- Kmmt der Geliebte Durch die goldnen Fluthen? Sprich aus deiner hohen Palme, Holde Sngerin der Nacht: Kmmt er durch Wellengelispel? Naht er durch der spielenden Wogen Melodie? Steht er silbern unter goldnen Schimmern, Die in lichten Kreisen um ihn zucken, Um die Locken eine Strahlenkrone weben? Sprich ihm mit traulichem Geschwtz entgegen: Wie ich harre, Auf ihn hoffe, Und die holde Nacht Neben mir schlummert. -- Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Gestndni der Liebenden. Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel umarmend um die Erde. -- Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute und sang: Sonne der Nacht! Himmel meiner Seele! Reizgeschmckte, Schnheitgekrnte, Ich nahe deiner Gottheit! Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. -- Selbst die leblose Natur schien ihn zu begnstigen, die Zeit hatte aus der Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem khnen Sprunge stand er dann in dem Garten. Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bume schienen in Bume verschlungen. Die Winde whlten in tausend Wohlgerchen und jagten und verlieen sie wieder, und die Blumen schttelten zutraulich ihr Haupt gegeneinander. -- Abdallah eilt mit groem Schritt durch den Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blhenden dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schnen Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und strzt in namenlosen Entzckungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. -- Zulma beugte sich schchtern ber ihn. -- Abdallah! flsterte sie leise, -- Abdallah! Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie. Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher. Er gehorchte. -- Und es ist wahr, rief _Abdallah_, was mir noch der khnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? -- O ich darf _dich_ ja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wnschen bestochen sein. Zulma fate seine Hand. -- Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schn sind Trume nicht. _Abdallah._ Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so mu uns das hohe Entzcken aus dem Schlafe reissen, -- dies ist mein Trost, ja es mu Wahrheit sein. Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. -- Bltter suselten, die Blthen dufteten, der Mondschein schlummerte s auf dem grnen Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch. _Abdallah._ O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn! -- Was hatt' ich dir zu sagen, -- und nun, -- meine Zunge ist stumm, kaum bin ich mich meiner selbst bewut. _Zulma._ Wo findet die Liebe Worte? -- o Abdallah, wie glcklich machst du mich, -- wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, -- und nun sind alle meine Wnsche erfllt! _Abdallah._ O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder erholen knnen? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und de sein! -- O Zulma, knnt' ich hier, hier zu deinen Fen sterben, da mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlpfte! Er warf sich nieder und bedeckte die Hnde Zulma's mit Kssen. -- Zulma beugte sich zrtlich auf ihn herab, eine Thrne, halb von Freude, halb von Wehmuth glnzend, trat in ihr schwarzes Auge. Liebst du mich wirklich, Abdallah? fragte sie mit der rhrendsten Unschuld. O la mich schwren! rief der trunkene _Abdallah_ aus, bei dem Hauch der Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, -- Zulma ergriff seine Hand. -- Lgner, sagte sie leise, und dieser Ring, -- sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen. Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als wrden furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebschen hervortreten; er verschlo die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen. Nein, sagte er betubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein heiliges Versprechen meines Glcks, ein Unterpfand, das mich deines Besitzes versichert. -- O Zulma mein, auf ewig mein! _Zulma._ Auf ewig? _Abdallah._ Es soll, es wird sein! -- warum wrde sich alles so wunderbar frchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wre? O das Schicksal huft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu machen; ich werde glcklich sein! _Zulma._ Ich verstehe dich nicht, Abdallah. _Abdallah._ Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thrichter, was willst du mehr? Er umarmte sie und drckte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel glhend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das Herz sprach zum Herzen in verstndlichen Schlgen, die Geister besprachen sich in der hohen Entzckung, -- ein heiliger Hauch wehte wie ein Schutzgeist um sie her, die Sterne glnzten goldener, die Natur lchelte mtterlich auf ihre glcklichen Kinder hin. Ein Hndeklatschen aus dem nahen Busche. -- Wir mssen scheiden, sagte Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorber, dann sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kmmst. Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmglichkeit, das Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, -- wenn diese auf der Mitte des Altans steht, dann kmmst du wieder hieher, sobald dich meine Laute gerufen hat. -- Sie drckte ihn noch einmal feurig an ihre Brust und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurck. -- Als er in den Nachen stieg, tnte es ihm silbern aus dem Garten nach: Walle sanft auf stillen Wellen, Dich geleitet meine Seele Suselnd durch die blaue Fluth. Er lie das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurck: Doch bei dir weilt meine Seele; Wie die abgerine Blume Schwimm' ich durch die blaue Fluth. Die Tne verklangen in dem leisen Wogengerusch. -- Der Nachen landete. Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefhle waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt nicht zurckkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond ber das Gefilde ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten blickte. -- Er berlie sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander strmten. -- Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus seinen Trumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im Mondschein der Strom wie schumendes Blut hinunter. Ein Schauder verschlang alle seine sen Empfindungen, mit kalter Hand griff ein Grausen in seine Brust und zerri das zarte Gewebe. Welche dunkle Macht hat mich hierher gefhrt? rief er aus. -- Der Jammer verfolgt mich ungestm bis in die Wohnung der Seeligen. -- Alle grlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kmmt mir wild und zhnknirschend entgegen! -- Das Bild meines Vaters regt sich unter meinen Fen und will sich zu mir emporarbeiten. -- Hinweg! hinweg! -- Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm Abdallah! rief. Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. -- Ein Greis stieg von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu. Wer bist du? rief ihm der Jngling entgegen. Dein Freund, antwortete der Greis. -- Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht des Alten, Abdallah hatte ihn schon gesehn: nach langem Nachsinnen entdeckte er, da es eben der Greis sei, der in jener frchterlichen Sturmnacht in die Arme Omars geeilt sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. -- Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von Palmblttern. Was soll das? fragte Abdallah erstaunt. Nimm, antwortete der Greis, -- lies und sei gerettet! Gerettet? rief Abdallah aus. Ein bser Geist, antwortete der Fremde, steht in der Gestalt deines Freundes Omar neben dir, nimm die Warnung des alten _Nadir_ gtig auf, der auch einst sein Freund gewesen ist, verla diese Schlange, die dich mit ihren giftigen Knoten umstrickt. Omar? sagte Abdallah, Omar? -- O nenne seinen Namen mit Ehrfurcht, deine Lsterungen werden nicht an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen. Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu lange weilen und ein heimliches Grauen, das von dir ausstrmt, jagt mich zurck. Der Greis verschwand wieder in den Felsen. -- Ein wacher Hahn krhte von einem Dorfe durch die Monddmmerung, Hunde heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken langsam zur Stadt zurck. Er wollte noch itzt diese Bltter lesen, aber die Gefhle, die ihn durchstrmt hatten, hatten ihn so ermdet, da er nach wenigen Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank. Zweites Kapitel. Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu gehen. -- Der morgende Tag, sprach _Selim_, ist also zur Ausfhrung unsers groen Entwurfs bestimmt? -- Ihr habt es selbst beschlossen, es sei. -- Das Glck geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer Unternehmung die Hand. Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein groes Fest gefeiert, zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten vernachlssigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen ihren Anschlag gegrndet. -- Man hatte Selims Freunde und Sklaven in dieser Nacht gerstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage, einem jeden war zu diesem groen Augenblick sein Amt angewiesen, Rstungen und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewlben und durch die Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen. Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dmmerung des Tages herauf, schon drngt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre Unternehmung. -- Seid ihr es noch itzt zufrieden, da heut der groe Wurf gewagt werde? Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an die Mauer. Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei! Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich _Abubeker_, denn die Menge htte mich doch berstimmt, aber itzt lat mich sprechen und handelt dann nach eurem Willen. -- Diese Nacht war frchterlich, ein kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rcken hinabgeschlichen; mgt ihr mich doch einen thrichten Greis nennen, den das Alter wieder in die Kindheit zurckgefhrt hat. -- Als Omar von uns Abschied nahm und aus der Thr ging, hrtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelchter, das mein Blut in Eis verwandelte? -- Hrtet ihr nicht ber dem Pallast ein Gekrchz von Raben, die ber uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thr, als wre das Haus mit Leichen angefllt. -- Mir war, als she ich schadenfrohe bse Geister mit hhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thr sehen und einen schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals bereit. -- Der Morgen stieg in Sulen von Dampf empor und ein gedrngtes Heer von Raben flog krchzend von Osten her, und flatterte von neuem ber das Dach des Pallastes. -- Seht! rief Abubeker, -- da steigt die Unglcksvorbedeutung von neuem herauf! Diese Vgel des Todes krchzen uns noch einmal unser Schicksal entgegen. Der heutige Tag strubt sich unwillig unter der Last, die wir auf ihn legen wollen; wartet auf einen gnstigeren, wo uns das Glck seine holden Zeichen entgegensendet. -- Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing: Ihr tretet alle ungewi zurck, von einer schwarzen Ahndung hart angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht, und ihr glaubt, da auch ich zu euch hinbertreten werde und dem groen Entwurf Lebewohl sage. -- Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaen, in die Geheimnisse der Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die rthselhafte Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie entrthseln _wollen_, heit nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine ngstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches khne und groe Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen warten? Wer knnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz besttigen mten? Ward der Mensch darum ber diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu zittern? -- Und la diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, la die Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, mu darum unser Unternehmen nicht in Erfllung gehen? Wenn wir nun zugleich mit _Ali_ sterben, so sind wir nicht unglcklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glcklich. -- Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln Ahndung der Gefahr zurckzittert? -- Kein so begnstigender Tag als der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trgheit ist es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben benachrichtigt, und dann erst haben diese unglcklichen Vorbedeutungen Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zrnt, so ist es mir erwnschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ngstlichen Erwartungen zu leben. Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die brigen folgten seinem Beispiel. -- Man beschlo am Abend mit gewaffneter Hand in den Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. -- Alle warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends. Drittes Kapitel. Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefhle, traurig und froh, drngten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzckungen seinen Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dmmerung, die hundert Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterni wieder ausgelscht wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollstigen Empfindungen waren ihm nachgeschwommen und kmpften itzt mit den Schreckenserinnerungen, seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten berfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. -- Die Palmbltter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen. Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getuscht, die Schmhsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine knpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte Andenken meines vorigen Glckes rauben, auch den letzten Becher will man von meinen brennenden Lippen nehmen. -- Ob ich diese Bltter lese? Oder sie ungesehn in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurckkehrenden Omar entgegengehn und ihm den Ku der Liebe geben. -- Verdacht? -- Himmel! was kann dem groen allmchtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? -- Ihm ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir, -- sein Sonnenglanz sieht mit milder Gte auf mich Verlassenen herab -- und ich will ihm mitrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er nicht schon tausendfach bese? Was kann ich verlieren, das er mir nicht unendlich ersetzen knnte? -- Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar sein, du pflanzest fr ihn einen Garten, dessen Khlung ihn erquicken soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhngni kmpft gegen deine Gte an, es fordert laut mein Elend, aber du hltst einen Schild vor meine Brust. -- Deinen Freund _Nadir_ hast du verloren, mich sollst, mich _kannst_ du nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst verchtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Bltter lesen, ich will diese Verlumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher an dir zu hangen. Er nahm die Bltter und fing an zu lesen: * * * * * Abdallah, ich beschwre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Klte zurck, mit der man einen verdchtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe sie tief in die Tafel deiner Seele und la sie dort durch kein Mitrauen, durch keinen tuschenden Verdacht wieder auslschen. Zweifle in der ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel knnten dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete, was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glcklich, es ist die edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach erfllt; wenn diese Bltter nicht zu spt in deine Hnde fallen, der Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum, das diese Zge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Hnden berliefern, diese That lscht alle meine Snden in seinem schwarzen Buche aus. -- Aber du mchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur Verlumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbndeten sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du stehst einmal jenseit der glcklichen Unwissenheit und es wre Frevel, von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch von dem Abgrund zurckreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen Nachsinnen stehst. -- Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten Stamm, den du fr das Bild eines Gottes hltst, du verehrst in Omar die Macht, die ber die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschu vergebens hinaufklimmst, -- o drft' ich ganz die Hlle von deinen Augen nehmen und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prchtigen Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Sulen brennend emporsteigen -- und vergissest, da es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. -- Knntest du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du wrdest da verachten, wo du itzt verehrst. -- Die Mauer der Allmacht ist unbersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums dringen, eine unwiderstehliche Hand hlt den Staub unerbittlich von dem zurck, was nur daurende Geister sehn und begreifen knnen, uns ist ein Feld angewiesen, wo wir ber Blumen denken drfen, jene unendlichen Wlder sind unserm Blick zu gro, kaum hren wir zuweilen von der Mauer ihr dumpfes Rauschen herber, kein Auge wird sich je in den Garten des Ewigen wagen. -- Jene Kraft, die der Getuschte fr einen Theil der Allmacht hlt, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt vom Himmel herabsteigen zu sehen. Welcher Wurm kann sich ohne Flgel zum Glanz der Sonne aufwrts schwingen? Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel entgegenlchelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen und ihnen Stillstand gebieten; wer wrde noch zum Allmchtigen beten, wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache berschrie, wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwrfe und das groe Gewebe sperrte? -- Nein Abdallah, du _glaubst_ zu sehen, was du nicht sehen kannst, in dir selber schlgst du die Tne an, die du aus den Wolken zu hren glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das groe Geheimni, vor dem du verehrend zurckschauderst, ist nichts, als ein gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Knstler verachten wrdest. Darum hre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne dich selber der Verrtherei wieder ab, sprich das belebende Wort ber die Leichen aus und la aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen, die du selbst ermordet hast; la das schlachtende Messer inne halten und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze verschmachten will. -- Mein Name ist _Nadir_, ich trete mit dem morgenden Tage in mein achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des Richters bringen wird, wo man mir jede Lge aufbewahrt. -- Seit meiner Kindheit brannte in mir eine unauslschliche Ungeduld, alles zu erfahren und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fnde; als Jngling schweifte ich bald mit meinen Gedanken ber die Grnze hinaus, die eine gtige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche durchdringen, die Schwche der Menschheit hielt ich nur fr die Schwche _meines_ Geistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der khnsten Zweifel und der verwegensten Irrthmer, ich ri alles um mich her aus, und bepflanzte die leere Schpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung, ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Krfte bot' ich zum Kampfe auf und fhlte mitten im Streit meine Schwche, ich hatte durch meine Khnheit Gott und das Schicksal verloren und doch gengte ich mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung gelugnet und fing nun an, an die Macht fremder Wesen und Dmonen zu glauben; Aberglaube und Nichtglaube berhren sich unmittelbar auf der Grnze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwrmer. Von itzt lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich hinandrngen wollte, die hnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmgliche mglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefhrlichen Wege durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet. Auf dem Gipfel des Caucasus, hrt' ich, wohne der weise _Achmed_, der die groe Auflsung zu den Millionen Rthseln gefunden habe, den Stab, mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen knne und dem sich die Zukunft aufthue. Ich verlie mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen und sein Schler zu werden, wenn er mich fr wrdig erklrte. Er nahm mich auf und ich berstand fnf harte Probejahre, in denen er mich durch tausend Mhseligkeiten zurck zu schrecken versuchte, aber meine Wibegierde ertrug alle Lasten leicht und trstete meine Ungeduld, die zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen Augen der ewige Vorhang niederfallen wrde. -- _Omar_ war wie ich ein Schler Achmeds, -- der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in den schwarzen Bund aufgenommen. -- Wir muten beide dem edeln Achmed mit einem heiligen Eide schwren, nur durch unsre Macht Glck und Freude zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schndlichen zu strafen und so dem Ewigen hnlich zu werden. -- Wir schwuren es und Achmeds Gewalt war die unsrige. Nun erst sah ich ein, da meine Wnsche jenseit der Schranken der Menschheit lagen, da das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth sei, als mein Gewinnst. Alle meine groen Hoffnungen waren hintergangen, ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wnscht' ich die Vergangenheit zurck, in der ich noch nicht an die Grnze der menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift hhnend zu den Thieren des Feldes zurckwies. Ich hatte gehofft, da sich mir die Ewigkeit aufschlieen wrde, wo ich im Heiligsten die Gottheit schaute und den groen Plan der Welt she, den sie gezeichnet hat -- und ich ward vor einem Spiegel gefhrt, in dem ich nun meine eigne Verchtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir durch armseligen Betrug den groen Verlust nicht ersetzen konnte, eine Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden wrde, wenn er nur _einen_ Blick durch den blendenden Glanz zu werfen vermchte. Omars Freundschaft trstete mich in meiner Trostlosigkeit und vershnte nach und nach mein Mivergngen, wir tauschten unsre Seelen gegen einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund und jeder Gedanke, jedes Gefhl flo in das Wesen des Freundes hinber. Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt und ihren Geschften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wnschte ihn zu mir zurck. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise setzte er hinzu, knnte wichtige Folgen haben. Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst und ein brausender Sturm dich aus deinen Trumen weckte. -- Er eilte in meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir erzhlten uns unsre Schicksale und Omar sprach also: O! da der Mensch in Seinem Busen einen unvershnlichen Feind mit sich herumtragen mu, der ihn unablig qult! da dies heillose Drngen unsrer Seele, dies Streben gegen die Unmglichkeit uns den Genu unsers Daseins raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt! Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah schweigend auf uns herab, die Bume wiegten sich leiserauschend und Omar fuhr also fort: Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhrlich in dem Baum unsers Geistes wthet und ihn zu zerstren droht. Kaum hatte ich von dir Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wnsche mit erneuerter Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds Kenntni nur von neuem angefacht, mein Vordrngen war vergebens gewesen, denn noch in dichtem Nebel eingehllt lag der groe Felsen in der Ferne, hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fhlte mich eingeengt und gepret und war unglcklicher als ich je gewesen war. Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im dstern Kerker erheben. _Weisheit_ war mir der edelste, der einzige Zweck des Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmcken knnte, ein Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verchtlich -- und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher wute, da sich hinter mir ein Abgrund reissen wrde, um mir den Rckweg ewig unmglich zu machen. Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine Rede. -- Mein Freund fuhr fort: Am Ende der Welt, in einem frchterlichen Schlund, der sich zwischen die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfu sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwnden das Grausen wohnt und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern streift, dort, -- so sagte eine alte Sage, -- wohne seit Jahrtausenden ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Ha der Ewigkeit entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig, ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt sei. -- Greise erzhlten mir unter Schaudern, da er ein hherer Geist gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wste der Strafe der Allmacht entronnen sei, _Mondal_, so nannten sie den Schrecklichen und sagten, da der groe Verworfene keine Strafe bedrfe, denn er selber sei seine Verdammni. Man sprach von den Wundern die er ehedem gethan und denen die Vlker in Demuth erzittert wren, von grlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gercht, sein Name war die Loosung zum Schrecken. _Ihn_ wollt' ich aufsuchen und mich an seine frchterliche Gre drngen, hier die Flammen meines Busens khlen, oder ein unausbleibliches Verderben finden. -- Ich wanderte durch die Wsten von Afrika, ich ging ber die hohen unermelichen Gebirge und nherte mich endlich der langerhofften Gegend. Das Gebirge lag frchterlich aufgethrmt, wie die Mauer der Welt vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fu zu flattern und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche Leere des thers, immer hher und hher aufgewlzt und immer furchtbarer und khner aufgethrmt. Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hgel an die unbegrnzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren Schtzen und Stdten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das Meer unermelich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten winkte mich die Sterblichkeit zurck, sie streckte die Arme liebevoll nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mtterlich an ihren Busen hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe gehangen hatte. -- Aber ich ging vorwrts und lie hier meine Menschheit zurck, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehrte, ich ri auf ewig das groe Band entzwei, das mich an die Schpfung hielt, ich setzte den Fu vorwrts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder angewinkt zu werden. Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher die Natur umher, die Bume starben aus, die Strucher, und endlich erlosch auch der letzte Schimmer des grnen Grases unter meinen Fen. -- Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, ber mir und unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere. -- Bei jedem Schritte zog sich ein hrterer Panzer um meine Brust, keine meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon vergessen, da ich einst ein Mensch gewesen sei. -- Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermdung geschaffen zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch, erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete mich, immer grere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefhle gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz und das Bewutsein meines Daseins blieb mir brig. Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder brtete ber diesem Schlund, in den sich tausend Hhlen rissen und ein verworrenes Gebude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwste, kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen grinten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften Stille. Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkhrlich aus und der erste Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber fuhr erschrocken zurck und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten Schlnden. Die letzte Furcht fate mich zweifelhaft an. -- Soll ich hinuntersteigen? fragte ich mich leise. -- Noch, noch steht mir der Rckweg offen! Noch darf ich selber ber meinen Willen gebieten. -- Doch was soll ich in der Welt? -- Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hlle bleibt den Unbefriedigten brig, -- ich kann nicht anders, ich wrde nichts vom Menschen wieder rckwrts bringen: -- und zugleich stieg ich in das frchterliche Thal hinab. Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den unerbittlichen Tod schritt ich hinunter. Pltzlich fuhr ich bebend zurck. -- In einer halb dunkeln Grotte sa ein Greis und lchelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem Zhngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weier Bart sank bis auf seine Fe hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen sahe aus seinen wilden Augen, er hatte blo das Ansehn eines Menschen, um die Menschheit von sich zurckzuscheuchen. -- Sein Anblick hatte mich bis in das Innerste meiner Seele erschttert und ich wagte es nicht, die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften Gefhlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen aufgenommen, -- aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflste. Wer bist du? rief er mir in Tnen entgegen, wie ohne Klang und Athem; sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten, von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann. Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift! Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! -- Das Leben hat keinen Reiz fr mich, ich will in der Wildni meine Freude suchen. Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der meine Seele mit Riesenkrften zusammendrckte. Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele und Schauder mir die Zeit verkrzen. -- Was suchst du hier? -- Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schme mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und vergnne, da ich deinen Geist begreife und dir hnlich werde. Er sahe mich an und lachte frchterlich auf, da die Felsen umher in ihren Wurzeln wankten. -- Vermessener! rief er dann: -- Du verlugnest die Menschheit und doch zeigen deine Worte, da du ihr noch zugehrst. _Ein_ Funke, der von mir zu dir herberleuchtete, wrde dein Wesen zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, da mein Anblick dich nicht tdtet! Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine Hoffnung brig, als meine Vernichtung! Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so kalt und todt wie die Felsen umher. Was _ist_, kann nicht vernichtet werden, die Ewigkeit hlt dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst du selbst. Du kannst dich tdten und in eben dem Augenblick stehst du ein neues Wesen in deiner eignen Verdammni wieder da, -- so hat es der Gtige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfngt. O! wenn _Vernichtung_ mglich wre, wenn wir uns selber angehrten und beherrschten -- o dann wre noch Glck in seiner Schpfung! -- Ich fuhr mit Entsetzen zurck. -- Voll Frechheit kmmst du hierher, sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, da dein Wesen sich nie dem meinigen nhern knne. -- Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken, die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist verschieden, wir knnen uns in keiner Empfindung begegnen. Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schpfung kein Laut, der in mir denselben anschlge. Vernichte dies Streben in meiner Brust, das mich durch alle Welten drngen wrde, du verwirfst mich als deinen Schler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne Bewutsein zu deinen Fen windet. Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hlt dich gefangen! Ich will dir geben, was ich kann, -- aber du wirst meine Bedingung nicht erfllen. Alles, alles, sprach ich hastig, -- nur rei mich aus diesem peinvollen Dasein, mach, da ich mich nicht verachten mu, sollt' ich mich auch dafr verabscheuen! -- Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht ber der Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschpf, dessen Gedanken und Gefhle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht zusammenflieen, sondern sich ewig zurckstoen. Die Menschen haben von ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen, _meine_ Freude ist Zerstrung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie in einer ewigen Thtigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn, dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schnheit und Tugend nennen sie das Gebude, das sie auffhren, fr mich giebt es keine Tugend als ihre Laster. -- Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte schwchste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann ein heiserer Miklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du mein! Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand. Zerstrung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung, jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund des Bsen, kehre in die Welt zurck und zerrei das Gewebe, mit dem sie sich an ihre Gottheit knpfen wollen, dies beschwre mir mit einem groen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum Greise wird. -- Omar hielt hier in seiner Erzhlung ein. -- Und du schwurst den Eid? rief ich erschrocken aus. -- Ich schwur ihn, antwortete er langsam und sprach dann weiter: Es war ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die gengstigte Erde htte bumen mgen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen. -- Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstrmten, meine vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefhle waren ehern, mein Busen Diamant. Ich ward in seine frchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flche segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten das Ungedachte, ich war ber den fernsten Grnzstein der Menschheit hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem Leben auf der drren Haide. -- Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurck, die Zukunft schlo sich meinem Blicke auf. -- Mondal zeigte mir ein ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Bltter tausend Punkte gezeichnet waren. -- Dies ist mein Almanach, sagte er lchelnd, so viel Punkte du ausgelscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt, die brigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage brig sind, ihre Zahl ist unzhlbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit ab, auch der letzte Punkt wird ausgelscht und die neugeborne Ewigkeit wandelt ber den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann sein wird, ist ein Geheimni, das ich schon seit Jahrtausenden zu enthllen strebe. Mein Geschft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurck, nicht um zu leben und zu genieen, sondern um Genu und Leben zu zerstren. Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde entgegen, ich zerstrte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flche der Wittwen und Waisen, mein Weg war mit Thrnen benetzt und Grabhgel waren die Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. -- Der Ewige hatte mich in ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sttigte mich im Genu der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine Geschpfe muten meinem Zorne ben! Das Dasein qulte mich, wie eine Gewissensangst, Vernichtung war nicht mglich, Flche nicht genug, ich mute ihn _strafen_. -- Ich kam in mein Vaterland und der Sultan _Ali_ ward mein Freund, er war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Frst zu werden, aber ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des Landes gemacht hat. Durch mich lie er tausend Schlachtopfer fallen und tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch _Selim_; Ali nahm ihm seine Schtze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem kleinen Sohne, auch die Gattin mute sterben und ihn sein Sohn nur noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurckhalten. -- Ich ging unter den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefhl, jeden Menschengedanken von mir zurck, -- so fand ich den armen, vormals glcklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, -- da flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorber, wieder in den entweihten Menschenorden zu treten. -- In diesem unseligen Augenblick verga ich meines Amts und meines Herrn und lie den trauernden Selim in den Schoo des Glcks zurckkehren, meine Macht lie ihn einen Schatz finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. -- O wie hab' ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern htt' ich ihn zurckgenommen und Selim's Glck mit neunfachem Jammer ausgetauscht, wenn es dem Zauberer vergnnt wre, sein eigen Werk wieder zu vernichten. Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurck, ich strubte mich vergebens gegen die drngende Macht. -- Mondal trat mir entgegen. Schon so frh kmmst du wieder? sagte er mit grlichem Hohnlcheln, -- du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen war so frech -- und doch kmmst du selber zurck, dich anzuklagen? Stumm ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hften in die ffnung, die donnernd wieder zusammensprang. -- Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heie Gluth webte sich am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen bohrten sich glhend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer von Eis umgab meinen Krper und zerschmolz wieder an der Gluth des Morgens. Siedende Waldstrme strzten brausend auf mich herab und schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen. Mein Geheul erklang frchterlich den Abgrund hinab, und sprang von Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid um mich her. -- So brllte ich vier Jahr meine Flche und meine Bitten dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hrte mich nicht; zuweilen flog er auf einer braunen Wolke ber mein Haupt, sahe hhnisch auf mich herab, freute sich meiner Quaalen und berlie mich dann von neuem den unerbittlichen Martern. -- Endlich schien er gerhrt, oder der alten Ergtzung berdrssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen? -- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung geb' ich dich frei. -- -- -- -- Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes Getmmel im Hofe des Pallastes erhob. -- Bestrzt eilte er an's Fenster -- und die furchtbaren Palmbltter entsanken seiner Hand. -- Viertes Kapitel. Sbel glnzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze entgegen; in einem frchterlichen Getmmel kmpften Selim's Sklaven mit der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit entbltem Sbel strzte er hinaus. Ein wildes Geschrei flog ber den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven wtheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Sbel an die Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weien Barte vor ihm, in seinem Blute gewlzt, das Geschrei und der Klang der Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut flo in Strmen, einige Sklaven flohen, andre strzten todt nieder, -- und itzt sahe Abdallah auch seinen Vater unter einem Sbelhiebe sinken. Er strzte sich wthend in das Gedrnge und metzelte um sich her, eine blinde Wuth gab ihm Riesenkrfte, er fhlte die leichten Wunden nicht, die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewhle auf und ab, -- eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, -- es war sein Freund _Raschid._ -- Auch du? rief Abdallah wthend, -- auch du bist mit meinem Elende einverstanden? -- Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh' er lebt noch. Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Fen und sahe ihn mit einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem Getmmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem Hofe des Pallastes fhren, alle Krieger machten dem bekannten Raschid Platz, weil sie den Verwundeten fr einen Diener Ali's hielten; so brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der Stadt. Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte. Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen Erdhgel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. -- Warum hast du mich nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zrnt? -- Du httest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest, denn ich gehrte ihnen an, von Verrtherei dem Tode verkauft. -- Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach und nach zurck. Er war bis itzt in eine unwillkhrliche Thtigkeit geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, ber die Gefahr seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. -- Vater! rief er aus, -- o da ich dich habe retten knnen, da ich dich aus dem Gemetzel herausri und dem Leben wiedergab, -- o das ist das erstemal, da dein Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, -- eine Stunde, wo ich dir durch Thaten meine Liebe zeigen knnte, habe ich so lange gewnscht, -- ach! und sie mute so schrecklich, so unvermuthet kommen! Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein groer Entwurf ist dahin! -- deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum hrten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schnste Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? -- Ich habe ein groes Spiel gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus -- und das Schicksal rief _Selim_! Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah. O ich wei kaum, da ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich wei nur, da ich habe entfliehen mssen. -- O warum kann ich nicht der verchtliche Hund jenes mden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht? Er ist freier und glcklicher als ich! -- Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft lie er ihn auf Rasenhgel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde frchtete. -- So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinfhrte. -- Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis, sie wollen den trgen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu spt und findet nur noch meine Schande. -- O drft' ich eure verhaten Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute! -- Meine Freunde sind fr mich gefallen und der feigherzige Selim flieht und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute triefte! -- verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner lteren Weisheit nicht traute. -- So klagte Selim auf dem Wege und hrte nur wenig auf den Trost seines Sohnes. -- Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefhrlichkeiten und mannichfaltiges Unglck, mein Muth soll vielleicht noch hrter gesthlt werden, um dann desto grere Funken zu schlagen. Der Mann mu vor seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwrfe mssen ihm so unverletzlich sein, wie Heiligthmer, die man ihm zum Aufbewahren anvertraute, der nchste Tag vershnt mich vielleicht mit dem heutigen. -- Er ging getrstet weiter. Fnftes Kapitel. In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bume am meisten verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschrnkten Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstrae zuweilen ein dumpfes Getse hrte; dort stand unter Bschen versteckt ein kleines lndliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen, um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein Weg fhrte zu dieser Wohnung, nur ein Fusteig, der sich in hundert Krmmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt den Weg dahin nur mit Mhe. Bsche und hohes Gras hatten den kleinen Fusteig verschlungen, sie muten sich durch junge Bume drngen, die in einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur mhsam wieder, erst mit der Finsterni kamen sie an die Htte. -- Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen durchlchert, durch die Fenster hatten sich junge Gestruche gedrngt und Epheu schlngelte sich in grnen Labyrinthen die Wnde hinan, Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den benachbarten Bumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinber. Der Aufenthalt begrte sie traurig und verfallen, wie ein kranker Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt. Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim lie sich sogleich auf ein kleines Ruhebett nieder. -- In der Nhe rieselte eine Quelle vom Berge herab und Abdallah schpfte aus dem frischen Wasser einen Trank fr seinen entkrfteten Vater. -- Ich bin erquickt, sprach dieser, -- o da ich dich noch brig habe, da das Schicksal dich nicht von meiner Seite genommen hat, das ist ein Glck, dessen Gre ich mit inniger Dankbarkeit verehre. Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater, ihm zu sagen, woher dieses Unglck so pltzlich auf ihn eingestrmt sei, was es veranlat habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig aufgereizt habe. -- Diese Wunde, sagte Selim, die mir pltzlich so tdtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit lange wlze ich alle meine Gedanken umher, dieses Rthsel zu verstehen, alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorbergehn, aber auf kein einziges Gesicht steht der Name Verrther. -- Der Himmel selber wirft sich mir entgegen und drngt den Strom gegen seine Quelle zurck. -- Dann erzhlte er ihm die Entstehung der Verschwrung gegen Ali's Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlat hatten. -- Ich wollte das Land glcklich machen, so schlo er, aber der Ewige will, da sein Elend noch ferner dauere, er zrnt auf mich, da ich seinen weisen Rathschlssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der Sterbliche mu nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu bersehen glauben, sein Frevel bestraft sich selbst. -- Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier verlassen mein Unglck, ohne Rath und Hlfe, ohne Freund, -- o wenn nur _Omar_ zurckkme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte Hoffnung: aber wenn er auch zurckkmmt, kann er das, was geschehen ist, ungeschehen machen? Er kann nichts als trsten, und Trost ohne Hlfe ist kein Trost fr mich, -- meinen Freunden wird endlich kein Dienst brig bleiben, als mich in mein Grab zu legen. Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fhlte einige Thrnen hei ber seine Wangen flieen, er schmte sich seiner Schwche und nur die Finsterni, die die Zhren seinem Sohne verbarg, trstete ihn etwas ber seine Unmnnlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters und drckte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim umarmte ihn schweigend und eine wehmthige Stille war um ihren Schmerz ausgegossen. -- Durch die Fenster dmmerte ein irrer Schein der Sterne und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flgel an die uern Wnde. Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich durch die grnen Gebsche brach, vom Wege und seiner Wunde mde schlo sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und schien auf das Athemholen Selims zu horchen. Sechstes Kapitel. Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nhe pltscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bume verhallte immer dumpfer und Selims Athem rchelte schwach, wie der Athem eines Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer kalten Seelentrgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele zurckgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte ihm mit Wucher zurck, was er so gern nicht angenommen htte, was er so gern auf ewig von sich zurckgewiesen htte. -- Omar! sprach er leise zu sich selbst -- Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist wandte sich scheu vor dem Gedanken zurck, der sich unberwindlich zu ihm hinaufkmpfte. -- Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren, mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum Vertrauten seiner bermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefhl, einer Art von Anbetung vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewhlt, ohne ihr Wesen zu verndern, -- aber zu _der_ Empfindung, die itzt seine Seele durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner Brust gelegen: es war nicht Mitrauen, nicht Ha, nicht Abscheu, nicht Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefhlen gewirkt. Ein Todtengewlbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe, Moder und scheuliche Verwesung in tausend grlichen Vermischungen vor ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lcheln an ihm vorber und wie in Nebel gehllt tobten neue Furchtbarkeiten aus der nchtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drngen sollte, um sich dann in einen Abgrund zu zerschmettern. Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst meinem Vater zugehrte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war! -- Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir auswirft. -- Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit sein, unmglich! Wie knnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie knnte so pltzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die Freundlichkeit thronte? -- Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, -- wer soll mich dann aus der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wnden, ein verlorner Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst am liebsten verweilte, sich so pltzlich in einen Kerker umwandeln kann? -- Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurck, die aus einem wsten dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und schweigend wie unvershnliche ewige Strafen zunicken! -- Nein, so frchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Trume verweben sich in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl verschlangen, der noch krglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete? -- Wer wrde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen ftterte? -- Nein, nein, o Verzweiflung wre fr ein solches Unglck zu wenig, es kann nicht Wahrheit, es _soll_ ein Traum gewesen sein! -- Er schwieg, eine dunkle Stille suselte um ihn her, in der finstern Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzhligemal den Namen _Omar._ Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. -- Ich erinnere mich der Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich wei es zu gut, wann und wie es war, mein boshaftes Gedchtni wiederholt mir mit hmischer Freude die gestrige glckselige Nacht und stellt mir noch einmal den alten _Nadir_ hin, der mir die Bltter reicht. -- Nein, es ist kein Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind verweht. -- Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde! -- Wo Grausen und Unglck wohnen, wo der letzte leuchtende Funke knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend Verderben brtet, -- o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien mein mder Geist zurck, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll, nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles weicht aus meiner Bahn zurck, nur meine Verchtlichkeit bleibt mir brig und die Hlle, die hinter mir ras't. Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige Urtheil, das frchterliche Geheimni ist wie ein Todtengerippe aus seinen verhllenden Gewndern herausgeschritten, -- zurck, zurck von meinem Halse, Scheusal! -- Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als ich dich verhllten Fremdling an meine Brust drckte, wo hast du Betrger dein Herz gelassen? -- Habe ich jene grausenvollen Bltter bis zu Ende gelesen und ihre ganze Grlichkeit in meinen Busen gesogen? -- Nein, nein, -- ein freudiger Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflsung des Rthsels ist noch brig, -- ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja, der Ort kann itzt noch keine Wildni sein, auf welchem so eben noch dieser freudenreiche Tempel stand. -- Ja, Omar hat sich von Mondals frchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit zurckgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch geworden, die brigen Bltter werden, mssen es enthllen. -- Er fate den Entschlu in die Stadt zurck zu gehn und jene Bltter wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bckte sich leise auf seinen Vater herab und hrte, ob er noch schlummere, dann verlie er schnell das Zimmer. -- Er drngte sich durch die Labyrinthe der Gebsche und tappte in der wsten Nacht mit den Hnden umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken. -- Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde. -- Abdallah strzte oft gegen Bume und fuhr durch rasselnde Gestruche, flimmernde Lichter fhrten ihn oft trgend tiefer in den Wald hinein, wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die Heerstrae. -- Er ging durch das Thor und durch die stillen Straen der Stadt, auf der Brcke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich leise. -- Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmthiger Verzweiflung an den Abend zurck, an welchem der Untergang der Sonne sich so schn in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen schwammen, die fr ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer Zulma am sesten suselte, er dachte an die Himmelsnacht zurck, als sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan hatte, -- er sahe nach der Gartenmauer, -- aber eine neidische Finsterni warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im kalten Winde der Nacht und wankten in einer dstern Dmmerung, ein Stern blickte zuweilen wehmthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf traurig einen flchtigen Blick auf die dunkle Fluth. -- Er stand in tiefen Gedanken und ma sein Elend an der Gre seines vorigen Glcks. Das Gesprch der Fischer flsterte leise in das Rieseln der Wellen. Wie ich dir sagte, _Sadi_, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglcklichen Selim mit den grlichsten Flchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so frchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nhern. Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen. Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann, er hat mich vom Hungertod gerettet, er mu gewi Ursachen gehabt haben, so zu handeln, denn er ist ein edler Mann. Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott ber uns gesetzt und ihn verletzen heit Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die Strafe Ali's verdient. Sie stritten noch lnger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie hatten nichts gefangen und gingen verdrielich nach Hause. Abdallah hatte ihrem Gesprche traurig zugehrt und nherte sich dem Pallast seines Vaters. Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein groes Todtengewlbe. Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen Tritte die Wnde hinabschallten, er stie mit dem Fu an die Krper der Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und rchelte frchterlich. Abdallah schritt bebend ber sie hinweg und trat in die Gemcher des Pallastes. Alles war einsam und verdet, so still, als htten niemals Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, -- itzt kam er in sein Zimmer. -- Mit zitternden Hnden suchte er auf den Tischen und am Boden umher und fand die frchterlichen Bltter nirgends. -- Wie? -- rief er aus, -- sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht einmal meinem Elende in's Angesicht sehen knnen? Sollte das schadenfrohe Schicksal mir auch selbst diese frchterliche Freude der Gewiheit rauben wollen, damit meine Verdammni in unaufhrlicher Angst bestehe? ngstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: -- es gilt deine Liebe, Omar! ob ich mich mit dir ausshne, oder nicht, hngt von diesem Augenblicke ab, -- jetzt wei ich nur genug, um unaufhrliche Quaalen zu dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. -- Er suchte lange und unermdet, endlich sprang er wthend auf und wollte gehen, sein Fu stie an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wlzte, er streckte seine Hand darnach aus, -- es waren die erwnschten frchterlichen Palmbltter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen hatte. -- Siebentes Kapitel. Die Hnde Abdallah's zitterten, als er die Bltter ergriff und mit ihnen durch die Gemcher zurckeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte, trat wieder vor seine Seele, er drckte krampfhaft die Faust zusammen und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flgeln hinter ihm herjagten, so entflohe er ber den Hof des Hauses und durch die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. -- Nur ein einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhngen umher und seine Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie unruhig auf und niedergehn, er hrte seinen Namen nennen und starrte lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. -- Das einzige lebendige Licht in der groen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung Zulma's neben seiner Verzweiflung lie einen wunderbaren Schein in die tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte Blume, die zu frh in einem schnen Wintertage aufbricht. Das Liebliche und die Grlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen, aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf, aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmthige Erinnerung einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte. Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht entgegen, es war _Raschid_, sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurck und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn kaum, in die Verworrenheit seiner Trume verloren. Nun bin ich ganz unglcklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen, ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen. -- Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, -- er glaubt, da durch meine Hlfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er wei, da ich dein Freund war. -- Ist dein Vater gesichert? Mein Vater? fuhr Abdallah auf, -- ja! -- Sei wachsam, Abdallah, antwortete _Raschid_, Ali wthet, wie er noch nie gewthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger, dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrmmernden Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige Verschwrung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei fr einen Menschen zu khn, hat seine Rache so heihungrig gemacht, da nur sie durch Selims Tod wird gesttigt werden knnen. -- Dein Haus wird zerstrt werden und ein Fluch des Himmels darber ausgesprochen. Schtze Selim, denn sein Schicksal wrde frchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem Sultan verrathen wrde. Raschid ging und Abdallah verlie die Stadt und eilte nach der einsamen Htte zurck. -- Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel der Bume und jagte ein nchternes Licht durch die Schatten des Waldes, als Abdallah von der dunkeln Anhhe hinunterging und sich im Waldgrunde der einsamen Wohnung seines Vaters nherte. -- Ich habe dich schon vermit, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du httest mich verlassen, denn der Elende mu jeder Furcht und keiner Hoffnung trauen. -- Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah. Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Krfte zurckgegeben. -- Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen Wald zu meinem Fenster drngt, um mich zu gren, wie der Himmel mich mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber ich will nicht untersinken, auch dieses Unglck will ich noch auf meine Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mgen tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer Stimme in eine Hhle verkriechen, sondern ihnen mit Khnheit antworten. Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen, noch einen Faden hat mir das gtige Schicksal brig gelassen und an diesen will ich das Gewebe meines Glckes unverdrossen von neuem beginnen; wenn dieser reit, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Hnden werfen. Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin noch dein und werd' es bleiben. La dich von dieser Freude noch in diese Welt zurckhalten. Die Wunde Selims war minder gefhrlich als gestern, aber er war ermattet, selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater, er brannte vor Begierde den Inhalt der Bltter zu erfahren, aber es war unmglich, den Kranken, dem seine Hlfe so unentbehrlich war, zu verlassen. -- Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett seines Vaters und zndete eine Lampe an, die er in einem benachbarten Zimmer gefunden hatte. Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf durch das enge Zimmer eine matte Dmmerung, Abdallah zog aus seinem Busen die Palmbltter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. -- Nein, sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurckgegeben werden, diese Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste frchten, die grausamen Bltter werden mir ihn nicht wiedergeben, -- er las weiter: * * * * * -- -- -- -- -- Endlich schien er gerhrt, oder der alten Ergtzung berdrssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen. -- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung geb' ich dich frei. Sprich sie aus, Grlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm mich wieder aus dieser Hllenpein, sprich es schnell und ich will das Unmgliche mglich machen! -- Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmchtig und ohne Bewutsein, endlich kam mein Geist zu mir zurck, Mondal stand noch neben mir. Wandre zur Welt zurck, sagte er mit frchterlicher Stimme, und nur das grlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhren zurckschaudert, kann dir meine Verzeihung erwerben. -- Keine gemeine und leichte That shnt dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode bergiebt. Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen fr dich ersinnen, die im Augenblick dich zermalmen und mit noch grlichern Schmerzen dich wieder in's Leben zurckreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thtigkeit setzen. Ungestraft soll ein Mensch meiner nicht spotten drfen. -- Geh zurck und lies dir einen Sterblichen aus, der dich lse; nach zwanzig Jahren erwart' ich deine Rechenschaft. Ich ging. -- Fr Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine Quaalen bezahlen. -- Und dort Nadir, rief Omar itzt mit lauter Stimme, -- dort liegt mein Unterpfand! Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen hatten bis itzt meine Zunge gelhmt, ich fhlte mich von Omar mit tausend Armen zurckgerissen. -- Dort unter jener Palme? rief ich nach langem Stillschweigen aus. -- Ja, antwortete Omar, er bezahlt die groe Schuld, auf ihn bin ich von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache sttige. Ich fuhr zurck und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir alles zu sagen. -- Unglcklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme, du schlfst und siehst den Felsen nicht, der ber deinem Haupte zusammenstrzen will! Nadir! mein Freund! schrie Omar, -- o hab' ich mich an der Menschheit wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern wre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, -- und du willst deinen Omar zu unendlichen Martern zurcksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als dein Freund? -- Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen Hnden! Du hast die Verdammni angetastet, die Hlle hngt an dir! Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar ri mich gewaltig zurck, wir rangen einen hartnckigen Kampf, wthend stritten wir in hundert Gestalten, als Tiger, Lwen und Elephanten, unermdet jagten wir uns durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine groe glhende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich mute ich der hllischen bermacht Omars weichen, die Donner und Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe. Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurckgehn, er hielt dich fest und wachte ber dich, wie ein Tiger ber seine Beute. Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt, die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe allgemach entgegenfhrt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die Tugend genommen, die Welt ist dir verchtlich, deine Leidenschaft kmpft gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimni fhrt dich dem Wahnsinn entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrmpfen; nur Zulma hlt deine Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglckt die Natur, nur dir ist sie eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fhrst du in den unvermeidlichen Strudel hinein, -- o Abdallah, Abdallah, rette dich! Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weit nun deine grausenvolle Bestimmung; o ich beschwre dich, glaube meinen Worten, la keine blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergi nicht seine heiligsten Gebote. Wenn du, mir mitrauend, zu deinem vorigen Freunde zurckkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er fhrt dich gewi endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem grlichen Endzweck; ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit khnem Muth; bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlgt noch fr die Tugend. Ja, Jngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich gestoen hat und der sie aus boshafter Rache verlugnen will. Suche diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter Rthseln umher, aber fhltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das dieser Gottheit loderte? Das Gefhl der Tugend ward uns mit auf die Welt gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und es einst vollendet zurck zu bringen. Dies Gefhl das in unserm Busen glht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernnftelei wird es je verbannen, nichts lscht diesen Glanz aus, der auch wider des Bsewichts Willen niedergedrckt stets von neuem in ihm aufleuchtet, diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere Richter schlft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverflscht da. -- Dieses himmlische Gefhl ist der Fittig, der uns einst zum Thron der Gottheit hinaufschwingen wird; o lhme nicht diese Flugkraft, dieser Muthwille wrde dich einst an jenem Tage allmchtig niederwrts halten. Kehre zurck und baue die wilden Trmmern wieder auf, la dein Menschengefhl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der Thron des Ewigen wird unerschttert stehen, wenn auch tausend Zweifel gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren groen Gang und kein Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schpfers wird in das innere Geheimni dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt hast, da der Mensch hher stehe, als das Thier, das unverstndig ber die Pracht der Schpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefhl, das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, la dir nicht heimtckisch dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit. Ein groes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch der Verdammni zueilte, durch den zrtlichsten Sohn soll der Vater sterben, Liebe und tuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir ausgeworfen, du mut verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dmonen tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig untersinkst. Du siehst traurig auf diese Worte hin und fhlst, da du Zulma's Liebe nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand deines Glcks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst nicht zurckschreiten, ohne den Fu ber den Strom zu setzen, der dein Glck und Unglck scheidet. -- Deines Vaters Fluch wirft sich deiner Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters ber diese Unmglichkeit hinwegfhren, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber vertraue dich mir und ich will dich glcklich machen. Die Geheimnisse des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in _einer_ Nacht soll sich in diesen magischen Gefilden dein groes Glck entscheiden. Ohne deine Menschheit zu zertrmmern, will ich dich ber den Fluch deines Vaters hinweg, in die Arme deiner Zulma fhren, diesen einen Weg, nur mir bekannt, hat dir das Verhngni offen gelassen, reich' deinem Freund _Nadir_ die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. -- O wie leicht, voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am sonnbeglnzten Ziele die Krone des Siegers empfngst, Zulma in deinen Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben wieder abgekmpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit flatterndem Haar zur Hlle ihrer Heimath zurck, glnzend steht die Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkrnzen entgegen. O Jngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurck. -- Kannst du je selbst in Zulma's Armen glcklich sein, wenn der schwarze Wurm in deinem Busen ewig frit und an deiner Seele mit giftigem Zahne nagt? Wenn du dir selbst unaufhrlich einen Spiegel vorhltst, aus dem dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Anklger entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? -- Wenn selbst die Thrne endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor deinem eigenen Schatten zurckstrzest? -- Verehre den Schpfer und seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten Staub und die Hlle eines leblosen Gerippes finden, la den Vorhang wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den groen Weltenschpfer meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schnheit, itzt steht in jedem Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick mu ewig irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fgt, du klagst den Ewigen und seine Schpfung an, weil er dich beim groen Gebude nicht um Rath befragte. Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein Wasserfall vom Berge giet: du mut mit dem Geisterreich vertraulich werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch nicht die Mglichkeit der Auflsung begreifen kannst, so ist sie doch da, durch Muth mut du Zulma gewinnen; um dein Glck in Ruhe zu genieen, um ewig von diesen schwarzen Dmonen der Nacht unangefochten zu bleiben, mut du dich khn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer ihre Furchtbarkeit von dir abschtteln. -- Geh ihnen dreist entgegen, es sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen sich zurck in ihre Nichtigkeit retten. -- In jenem Thal' erwart' ich dich. Den Zauberring rei von deinem Finger, er fesselt dich unauflslich an Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehrst der Menschheit wieder zu. Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; sume nicht, Abdallah, neun Nchte erwart' ich dich hier, kmmst du nicht, so will ich fr dich beten. Achtes Kapitel. Abdallah hatte die frchterlichen Bltter geendigt und sein Auge sah noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend wunderbaren Gedanken und Gefhlen und eine stumpfe Betubung hielt endlich alle seine Sinne gefangen. -- Das schwarze Buch der Nacht mit der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterni, die rothe Kohle zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser und leiser flsterte es um Abdallah her. Nun ist es ja gelst, sprach er endlich, das groe Rthsel. O da die Hlle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schndlichen Namen Omar aus meinem Gedchtni! Htt' ich ihn nie nennen hren! dieser Name -- o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand erlahmt -- dieser Name ist das Freudengeschrei der Hlle und doch so fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen, die Vergessenheit soll ihren Fittig ber ihn schlagen und dann ist es, als wr' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, -- ja, Omar, fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder. Gehe du zu deiner kalten Verdammni zurck, ich gehe in die Wohnung der Seeligen und finde dort alle jene Schtze wieder, die einst mein waren. Mgen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal verflucht! -- Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes voriges Leben! -- Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein Gebsche werfen, aber pltzlich hielt er ein, -- ein Gedanke berraschte ihn. -- Was willst du thun? fuhr er fort, -- auch das letzte Bret fahren lassen, das dir der Schiffbruch brig gelassen hat? -- Hat Omar mich nicht selbst vor den Verlumdungen der Lsterer gewarnt? Wodurch hat es dieser Fremdling verdient, da ich seinem Mrchen und seiner ungeprften Redlichkeit mehr glaube, als meinem lngst erprobten Freunde? Ihn will ich zurckstoen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen? Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch greres Elend fr mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die Unmglichkeit unter sich niederkmpfen? Wie meines Vaters Gebot mit meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprche begegnen? -- Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. -- Aber wenn es Wahrheit wre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschpften dann mein Elend? Was knnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie ein muthwilliger Knabe verspielt htte? -- Ich will hinaus und das Unternehmen wagen, fr Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu verschlingen drohen. Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht ber der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe Strahlen kruselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter zogen am Horizont mit frchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drngte sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich die Heerstrae und das enge Thal. Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o glcklich, da du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. -- Wenn ich dich retten kann, Abdallah, so bin ich glcklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und so tief zum schndlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir flieen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen entgegenrauschen? Abdallah reichte ihm zagend die Hand. -- Ich will mich dir vertrauen, rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben mchte. -- Zeige mir den Weg zu meinem Glcke! Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber la dich von keiner auf deinem Wege zurckhalten, es sind nur leere Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich und seinen Phantomen im Glcke beunruhigt zu werden, mut du durch das ganze magische Gefilde wandeln; la dich von keiner Furcht berraschen, denke unaufhrlich daran, da es dein Glck oder Elend entscheidet, wenn du zitterst, oder sie muthig verachtest. -- O la mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, la mich mein Glck erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildni in meiner Fahne tragen und mich khn durch alle Schrecken kmpfen. -- Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. -- Pltzlich sank unter ihren Fuen die Erde ein und sie standen in einem weiten unabsehlichen Felsengewlbe. Eine matte Dmmerung go sich durch das Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher Schimmer und fluthete in grnen Strahlengeweben durcheinander, ein betubender Duft wlzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterni, eine Mauer, durch die kein scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen und verflogen wie sinkende Sterne. Vergi meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, la dich nicht tuschen, sondern gehe khn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so vergi nie, da es nur Dnste sind und keine Wirklichkeit, da alles ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann, ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, la die Wesen daran vorberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hlt, knnen sie dir nicht schaden. -- Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Glck entschieden? -- Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, ls't sich alles auf; gewinnst du das Kleinod, so ist es dein vor dem Aufgang der Sonne, so kmmt dir dein Vater und Zulma mit der Morgenrthe entgegen und bringt dir deine verlorne Ruhe wieder. -- Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, nur ein Wink meinem Geiste, wie dieses schwere Rthsel aufzulsen mglich sei. -- Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem Blick, denn shest du in der Tiefe der Ungewiheit den Nachen der Zukunft schwimmen, drnge dein Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du hinuntersteigen sollst, o so wre dein Unternehmen kein Kampf, vor dem man zurckzagen knnte, das Verdienst des Wagens ginge unter und Abdallah wre ein falscher Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein groes Glck abgewnne. Er schwieg und lie dann unwillig die Hand Abdallahs fahren. -- Aber du traust mir nicht, setzte er mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir dieser Ring. -- O mge dich dies Mitrauen nie gereuen! -- Itzt lebe wohl. -- Er ging zurck und verschwand pltzlich in die Felsenwnde. Neuntes Kapitel. Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewi, ob er noch itzt den Ring vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah ging mit langsamen Schritten vorwrts. Das Gewlbe schlo sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es ihm den Rckweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage durch tausend Klippen die Rckkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze, undurchdringliche Nacht, unter bangen Rthseln und Erwartungen gefangen, war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rckweg durch die Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene unterirdischen Gewlbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterni drngte. Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wnden herab und die Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken nieder. -- Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein groes unendliches Gefilde, ber das ein drrer Wind hinwehte. -- Er athmete bange empor, drckend lag die Finsterni auf ihm gewlzt, er ging wie ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf dem den Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte es kaum, Athem zu holen und den Fu hrbar aufzusetzen, eine Stille, so einsam und todt lag um ihn her, da er den Wurm vernahm, der durch das erstorbene Gras mit knisterndem Fue ging. Bei jedem Schritt verschlang ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Futritt glaubte er in ein neues Grab zu treten, das ber seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte mitleidig durch das schwarze Gewlbe, kein Funke erglhte und warf sich durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre nahe, ihn zu trsten. -- In dumpfer Betubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere, als er pltzlich an der fernsten Grnze der Finsterni ein blaues Licht entdeckte, das wie eine kleine Sonne grne Strahlen um sich warf, in hundert Krmmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht sog begierig den Schein in sich und zitterte dmmernd und ungewi um die ferne Helle. -- Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte nher, das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. -- Schon sah er deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dmmerung immer schneller von seinen Augen hinweg, -- als er vor einem Pallaste stand, aus welchem ihm das Licht entgegen glnzte. Ein breiter Flu rauschte dem Schlosse vorber und eine Brcke fhrte zum Eingang des Pallastes. -- Der Strom flo still und schwermthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden Tnen nach. Abdallah betrat die Brcke, lehnte sich gedankenvoll auf das Gelnder, und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trben Streifen in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und wollten den trstenden Schein mit sich hinwegwlzen, aber hartnckig sprang er wieder von dem Rcken der Woge herunter und sie flo weinend und klagend weiter. -- Er verlie die Brcke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr zusammen. -- Jedes Grausen stie ihn vor sich her, bergab ihn dem benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurck, wie ein Felsenstck, das ein Wasserfall von der hchsten Spitze des Berges reit; eine Klippe wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern, _zurck_ fhrt es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab, um es wieder aufwrts zu tragen. -- Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; ber der Thr waren diese Worte geschrieben: Wanderer, der du ber den Thrnenstrom gegangen bist, sieh hinter dir, der Rckweg ist unmglich, nur durch diesen Pallast geht der Pfad der Rettung. -- Fhlst du aber keinen Muth in deinem Busen, so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter der Thr. Abdallah trat in das groe Thor und sein Futritt hallte laut in den hohen Gewlben, wunderbare Tne kamen ihm entgegen, flogen ber ihn hinweg und streiften die Mauer, die Gebude schienen den Fremdling staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten wimmelte um ihn her. -- Er ging ber den gepflasterten Hof, jeder Schritt hallte dreifach an den unermelichen Wnden, auf denen sich die Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thr und trat in ein dunkles stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thr zu ffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach fhrte, das Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie ein Grab. -- Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch viele Gemcher, und alle fand er leer, endlich erffnete er eine Thr und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen. Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich umher, ein betubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein Greis und schlief, sein silberweier Bart fiel ehrwrdig auf seine Brust herab, seine Fe ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem Propheten Gottes an Majestt, Engel wren vor ihm niedergekniet. -- Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen ber ihn zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschlieen, er lchelte im Schlaf, und Abdallah fhlte, da sich Thrnen heiliger Ehrfurcht und Anbetung in seine Augen drngten. Endlich trat er nher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dmmrung, wie ein Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewlbe und quoll von neuem in seren Melodieen auf; Wohllaut ergo sich auf Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein bereinanderjagen, von wankenden Blumen angerhrt; jeder Ton schwamm so s hinber, wie der letzte sterbende Klang der Flte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu schlieen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell, der sich unaufhrlich aus der Wiese hervordrngt. Heilige Wollustschauer zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den entzckenden Melodieen. Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer grer und grer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Flu des Gesanges auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurck und erhob sich von neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen Krper loszureissen, seine Zge und seine Gestalt waren nicht krperlich, er glich einem leicht gewundnen Nebel, -- endlich ffnete er die Augen, es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nchtlichen Rauch bricht. Wer schlgt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreit das goldene Netz, das ein schner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kmmt ber den Flu zurck, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die groe Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt? Abdallah schwieg. -- Ha! bist du es Jngling, fuhr der Greis freundlich fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glcklich, da du mich gefunden hast. -- Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit aufschlieen, du sollst in die Tiefen der Erkenntni dringen, ich will dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen, um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend fhren, dich dem Glanzthrone der Gottheit nher bringen, du sollst den Blick in die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht. Pltzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien ihn heftig zu erschttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen ungestm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig seine Seele gegen die Mauern seines Krpers zu schleudern. Tugend? rief er gengstigt, -- o wo geht der Strahl auf, nach welchem die Menschheit so ungestm sich drngt? -- Wo ist der Grund, auf dem der Thron der Gottheit ruht? -- Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heit _Genu_! -- Was kann der Staub, den das Ohngefhr im Spiele modelte und zum Scherz in die Wirklichkeit warf -- wie kann er sich so trotzig aufrichten und nach den Sternen als seinen Brdern die Hand ausstrecken? -- Wie kann er vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrglichen Waage abwgen zu lassen? -- Er geht im Trotze zur Verwesung zurck und trumt von Unsterblichkeit; ein herrschschtiger Sklave, der sich von der eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verchtlich den Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Hhle an das Licht verirrt hat und sich fr den Herrn der weiten Schpfung hlt. -- -- Ein Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu brsten; sein Name ist Verchtlichkeit, er gehrt der Verwesung, die Elemente arbeiten an seiner Zerstrung, sie senden den Stolzen zurck, woher er gekommen ist, die Erde lt sich unerbittlich die Schuld wieder bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen. Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben ihm entgegen, wie die Mcke, die der Sonne zufliegen will und sich am Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und knnen ihn nicht begreifen, sie drngen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne berzeugung. Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens, tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kmmt nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung? Das Kochen seines Busens ward wthender, er schlug heftig an seine Brust. Sein Kopf drehte sich gewaltsam hin und her, und seine Augen glhten und schwangen sich herum wie Feuerrder. -- Ein Grinsen fletschte pltzlich aus seinem Munde hervor, er brllte und hielt dem bebenden Abdallah ein knirschendes Lcheln in starrer Wuth entgegen. Abdallah fuhr mit einem lauten Schrei zurck, denn in der Nebelgestalt wankte es hin und her wie _Omars_ Gesicht. -- Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch einmal. Genu ist die Tugend des Menschen, er selbst sein Gott, die Kette des Schicksals ist zertrmmert, ein blindes Ohngefhr streckt durch die Welten die eherne Hand aus, -- alles ist Staub und Wrmer, die Verchtlichkeit thront in der Schpfung! Vatermrder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt heraus, dein Vater wirft sich deinem Glck entgegen, -- Vatermrder! Sto ihn nieder und sei mir gegrt! -- Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen Abdallah aus, der mit zitterndem Knie aus dem Zimmer entfloh. Ein kalter Schauder go sich ber seinen Krper aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schwei benetzte seine Stirn. Er sammelte seine Krfte und ging dann langsam weiter. Viele Gemcher und Sle ffnete er und ging hindurch, alle standen leer in wster Dunkelheit, von einem heimlichen Grauen durchsuselt. -- Er kam an eine Thr, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen drngten. -- O es ist frchterlich, sagte er leise, eine unbekannte Pforte zu ffnen und zu wissen, da mir Schrecken entgegenspringen. Er ffnete die Thr furchtsam und fuhr mit einem krampfhaften Schauder wieder zurck. -- In einem groen hellerleuchteten Saal wtheten stumm und ohne begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten tanzend auf und ab. -- Ein Riesenkopf mit verzerrten Zgen wankte auf zwergartigen Krpern schrecklich hin und her. Sie verschlangen sich in wilden Gruppen und strmten wie Meereswogen stumm durch den Saal, sie rauschten immer schneller und ungestmer vorber, die Flammen der Kerzen zitterten. -- Vatermrder! schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und ri ihn in den Saal in die Mitte der schwrmenden Ungeheuer, man fhrte ihn taumelnd in den frchterlichen Reigen, und eine Unholdin warf ihn der andern zu, im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und ab, die Tnzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, mit lcherlicher Entsetzlichkeit wlzten sie sich um einander her und hpften mit frchterlichen Geberden. -- Dies ist deine Hochzeit, raunte ihm eine schreckliche Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen; eine andre trat leise hinzu und flsterte: siehe rckwrts, deine _Zulma_ steht hinter dir. Abdallah wandte sich schnell, und ein grliches Wesen stand hinter ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an, alle ihre Zge waren frchterlich verzerrt. -- Sie reichte ihm eine lange drre Todtenhand, und Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit lautem Gebrll, schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. -- Zehntes Kapitel. Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die schwache Mondstrahlen durch finstre Wolken nur mit einer einschleiernden Dmmerung erhellten. Ein schneidender Regen wehte ihn an, ber das einsame Gefilde wehte traurig ein lauter Wind. Wie ein verschttetes Grab fiel es hinter ihm zu. Unbekannte Wesen schauerten ihm vorber und entflohen eiligst, Gestalten gingen vorbei und schienen ihn mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten, er war in eine Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter Fremdling. Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche Schrecken stehn noch im Hinterhalt und lauern auf ihre Beute? Welche Schauder sollen noch in dem Mark meiner Gebeine whlen? Meine Wnsche reichen zur Welt nicht zurck, die Gedanken, die ich von dort mitnahm, sind an dem grlichen Thor angehalten, Grausen umgiebt mich, alle meine Gefhle zerschmelzen in Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In eine ungeheure Wste hinausgestoen, begren mich nur die Ungeheuer der Nacht. -- ber welche Steppen soll mein Fu itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung streckt es sich vor mir aus, wo noch das wilde Chaos ungeordnet liegt und die Zeit nicht in die Tiefe hinabsieht, wo alle trgen Elemente im Todtenschlafe liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, wie eine Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht nicht hrte, aufgespart, um eine Hlle hier aufzubauen. Er ging ber eine groe Haide, von einer schweren Bangigkeit gedrckt, von jedem Trost feindselig zurckgestoen, von jedem erquickenden Gedanken abgewiesen. Endlich hrte er aus der Ferne einen Gesang, wie von Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und Todesschmerzen den letzten Schrei ausbrllen; es glich dem Gerassel eines Wagens, der zerschmettert von Felsen strzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf Klippen zerspringt: Wir sind des groen Hauses Gewaltge Wchter. -- Das Thor ist Verzweiflung, Der Eingang Wahnsinn, Jammergeschrei, Schaudergebrll Sind die jauchzenden Wonnegesnge, Die aus der Wohnung Dem Fremdling tnen. -- Ewig! Ewig! Sieht der Gequlte Marterzermalmte Mit schwerem chzen Nach der letzten Quaal. Aber sie kmmt nicht, Aber sie naht nicht, Nimmergesttigt Knirscht der grausame Zahn An ihren Gebeinen. -- Ein wilder Klang ertnte zu der grlichen Melodie des Gesanges. Abdallah kam nher. -- Zwei riesengroe nackte Gerippe standen vor dem Eingang eines engen Felsenweges, der sich in geschlngelten Krmmungen wand. Sie standen gebleicht und zitterten mit den wankenden Huptern; nach der Melodie des Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend gegeneinander, ihr weier Schdel nickte frchterlich, einzelne dunkle Haare schweiften flatternd durch die dmmernde Finsterni und seufzten in dem feuchten Nachtwind; mit den leeren Augenhhlen starrten sie in die Wstni hinaus und aus den grinsenden nackten Gebissen drngte sich der zerschmetterte Gesang hervor. Abdallah fhlte sich von einem kalten Wahnsinn angefat und ging in einer dumpfen Gleichgltigkeit den entsetzlichen Gestalten entgegen. -- Vatermrder! Auf des Vaters Leichnam Tritt in das Heiligthum der Schauder! -- so brllte es ihm aus den Wchtern des Felsenwegs entgegen, er kam ihnen nher. Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters gewlzt, bla, mit geschwollenem Gesicht und frchterlich aufgerissenen Augen. -- Er schritt ber den Leichnam ohne Besinnung hinweg und der Gesang fuhr ihm knirschend nach; wthend und gengstigt, von tausend Foltermartern verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den Felsenweg: er war khn durch die Gestalten hindurchgeschritten, und fuhr itzt selbst vor dieser Erinnerung bleich und zitternd zurck. Aus der Ferne hrte er den Gesang und das Klingen der Todtengebeine, er strzte mit Verzweiflungseil durch die Krmmungen des Pfades, die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hrte ihren Vernichtungsgesang und strzte brllend weiter. -- Pltzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in einen spitzen schroffen Winkel, er hrte das Nahen der Gespenster, schon sahe er ihre Schdel ber die Felsen her blinken, -- stumm, ohne Gefhle stand er da, eine Distel, die sich von der Felsenwand beugte, scho in seinem dmmernden Auge zum Baum empor, alles wankte zitternd hin und her, -- er sank zur Erde, nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring. * * * * * Drittes Buch. Erstes Kapitel. Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in der kleinen Htte, er ffnete langsam die Augen und fuhr zusammen, als er die so bekannten Gegenstnde wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er starrte die Decke und die Wnde des Zimmers lange mit weit geffneten Augen an, es schien ihm unmglich, da er das she, was vor ihm stand. -- Der Morgen suselte in den Gebschen vor dem Hause, ein frher Strahl schlpfte durch das grne Gewebe des Waldes und zitterte flimmernd durch das Fenster, -- lautschreiend bedeckte er seine Augen mit den Hnden, denn _Omar_ sa neben ihm. -- Er stritt lange mit sich selbst, ob er es wagen solle, noch einmal nach dieser Gestalt hinzublicken, alles schien ihm nur eine neue Einbildung und die schrecklichste, die rthselhafteste von allen. Abdallah, du kmmst aus einem schweren Traum zurck, sagte Omars freundliche Stimme. Abdallah lie ermdet die Hnde fallen, er sahe betubt vor sich nieder. -- Aus einem Traum komme ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme, -- o wo fngt die Wahrheit an? Wo steht die Grnzsule? La mich sie finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. -- Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie hastig und mit pltzlichem Schrecken zurck. -- Was ist dir? sagte sein Lehrer; warum sieht mein Abdallah nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner Stimme? Warum? rief Abdallah lauter. -- Ha! bist du nicht Omar, der der Nacht und ihren Schrecken gehrt, was suchst du auf der Oberwelt? Willst du den Flchtling einholen, der dir entlaufen ist? -- Geh, wo mitternchtliche Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, dort ist deine Behausung, taste mich nicht an, Unhold, ich bin ein _Mensch_! Ist das der erste Gru, sagte Omar klagend, den mir mein Abdallah bei meiner Zurckkunft giebt? Abdallah hrte nicht was er sagte, sein Geist stand vor einem grlichen Schlunde, in welchem tausend Migestalten sich bereinander wlzten und verschlungen, ein hundertfaches Leben wie in einem Krper wimmelte, sein Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes einzeln mit festem Auge zu betrachten, aber ein trber Schleier zog sich vor sein Gesicht. Ich habe in dieser Nacht eine grliche Bekanntschaft gemacht, sprach er, die Hlle hat sich mir aufgethan und in ihr Innres eingefhrt, ein groes Siegel hat sich mir gelst, ein bser Engel hat dir einen Brief gebracht und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, ich wei nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich in meinen schwachen Menschenbusen gewagt, die Hlle wohnt in meinem Herzen; alle Schauder, die du pflanztest, sind mchtig emporgeschossen und ihre Frucht hat dich selbst vergiftet. -- Fort! sei was du warst und dann komm zu mir zurck, bis dahin will ich dich verkennen, bis du mir ein Zeugni bringst, das dich wieder unter die Menschen einschreibt. Abdallah! Abdallah! rief _Omar_ aus, deine Trume sprechen noch aus dir; nein, so kannst du nicht zu deinem Freunde Omar reden, oder hat dich Zulma in der neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert? Zulma! rief Abdallah aus, -- dieser Klang ist der einzige in der ganzen Natur, der freundlich an die Saiten meines Herzens schlgt, diese Melodie ist mir in der groen Zertrmmerung brig geblieben, alle meine Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafr gewonnen. -- O alle meine Erinnerungen sind Lgner, oder du warst es, der mir diesen Diamant in der Finsterni schenkte. _Omar._ Ich that es, -- aber mein Abdallah lohnt mich mit Undank. Oder hat mich ein Lsterer aus deinem Herzen gerissen? -- Welche Hand hat jene Gemlde verlschen knnen, die ich seit deiner Kindheit in deiner zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe alles, auch die Wurzel verdorret und vermodert? Hat ein Sturmwind allen Blthensaamen in das Meer verweht, da auch nicht eine grne Sprosse von neuem aus dem Boden keimt? -- o dann hab' ich meine schnsten, meine letzten Jahre wie ein Knabe verschwendet, alle meine Hoffnungen und Wnsche einer Morgenrthe anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken untersinkt, -- dann hab' ich keine Freude mehr, als das Grab. -- _Abdallah._ Du willst in meinem Herzen Frsprecher erwecken, die ich selber nicht wiederfinden kann. -- Ach, Omar, Omar, bin ich vielleicht wahnsinnig? Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O allenthalben renn' ich an eine Mauer wthend an, die mich unbarmherzig zurckwirft. -- Wen soll ich fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach, vielleicht bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind in einer leeren Wste, das eingeschlafen ist und von allen diesen irdischen Possenspielen und Furchtbarkeiten trumt und beim Erwachen sich selbst verspottet. Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte sich dann von neuem zu Omar. Sei es, wie es sei, sprach er, ich will dir Rechenschaft geben, wie lange ich mit dem Vermgen ausreichte, das du mir geliehen hast, unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, Omar, der Kampf mit dir hat mir Arbeit gekostet, du lieest dich von meinem Mitrauen nur schwer zu Boden ringen. Er erzhlte ihm den Inhalt der Palmbltter, die ihm Nadir in der Nacht gegeben hatte und die Erscheinungen der Unterwelt. -- Siehe, schlo er seine Erzhlung, dies sind die Begebenheiten dieser frchterlichen Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren Grlichkeiten nach einem Mittelpunkt, meinem Elende hin; der Greis, der dir glich, der mich mit tuschender Freundschaft empfing und mit Gotteslugnungen von sich jagte, -- ja nur das Grausen wird mich mit Zulma vermhlen, meine Hochzeit wird sein, wie ich sie in dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam meines Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten steigen, ja, die Hlle hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem mir die Zukunft vorbergezogen ist. _Omar._ Aber ermanne dich nur Abdallah und siehe, da alle diese Gestalten nur Traumgestalten waren, die neckend um den Schlafenden gaukeln und bange vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges zurckfliehen; denn ich kam in der Stunde der Mitternacht hierher und fand dich schlafend. _Abdallah._ Du fandest mich? schlafend? hier auf diesem Bette? _Omar._ Beim Propheten! _Abdallah._ Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die wunderbarste Erzhlung, wie auf Wahrheit schwren. -- Was sind alle meine Sinne, wenn sie solche Tuschung nicht bemerken? -- Wenn der Herr in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder zurechtweisen lt? -- Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie eine Schlange meinen Hnden entschlpft? -- Woran soll ich dann nicht zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, da ich diese Htte verlie, da ich die Sterne ber mir flimmern sah, da ich jene Bltter las? Wer stellt mir dann fr mein Dasein einen Brgen? O ich mchte nicht auf diese bedenkliche Behauptung schwren! -- Welchen Gehalt hat dann der Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schtze erhlt, so betrgerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre hchste Weisheit verkriecht sich dann vielleicht beschmt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in die dmmerungsvolle Grube fhrt. _Omar._ Irrthum ist des Menschen Nahrung und hlt ihn fest in den Kreis der Menschen; wenn im Mondschein die schwchere Tuschung mglich ist, den Stamm eines Baumes fr einen bekannten Freund anzusehen, warum willst du an jener zweifeln, die dich im Traum ber eine Haide und zu gespensterbewachten Felsen fhrt? Wer hat nicht schon irgend einmal so lebendige Gestalten im Traum gesehn, da er ihn Wahrheit nennen mchte? _Abdallah._ Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem Schicksal! _Omar._ Wren deine Gesichte weniger zusammenhngend, dann eben wrd' ich sie um so leichter fr Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so genau an dein Schicksal schlieen, scheinen sie mir nur Traumgestalten. -- An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel dich aus dem Schlafe weckte, -- an jenem Abend sannest du ber neue, dir unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schne mondbeglnzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, -- ein Greis eilt auf deinen Omar zu, -- wer knnte Omar hassen, da _du_ ihn liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde -- und du bist eingeschlafen. Aber deine Augen tuschten dich, dieser _Nadir_ ist schon seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah, warf ich mich ihm zu einem hartnckigen Kampf entgegen, wir stritten in mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glhend durch den Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese Erscheinung nicht erklren, es wre grausam gewesen, dem weichen Jnglings-Herzen den _menschlichen_ Freund zu nehmen und ihm ein fremdes, kaltes Wesen dafr zurckzugeben. -- Du liebst Zulma, die Unmglichkeit geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer ich bin. -- Eine neue Thr zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du staunest, Schauder fhren dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du erfhrst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn ehedem dachtest, an seinen Namen knpfst du dein Unglck und durch eine verzeihliche menschliche Tuschung verwechselst du ihn in eben diesem Augenblick mit der Ursach dieses Unglcks. -- Ich nehme Abschied von dir und warne dich besorgt vor Lsterungen, die deinen Freund verlumden wrden, du bist gerhrt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hltst meine Besorgni fr Bangigkeit des Bewutseins. Was ich frchtete, tritt ein, mein Feind Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der dich unglcklich machen will. -- Du kmmst in Gedanken zurck, du bist nicht der einzige, der mitraut, selbst ein Freund Omar's steht auf und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Trume. -- Nadir will dich retten, Omar will dich elend machen. -- Nur etwas Groes, Frchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, -- in diesem Gedanken versammelst du alle frchterliche Trume deiner Kindheit, so entsteht das ungeheure Mrchen, das du in den Palmblttern zu lesen glaubst. -- Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir Zulma ewig verloren sein? -- Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nchtlichen Geheimnissen vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Mglichkeit der Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch se Versprechungen an sich und du schlfst ein. -- Schwarze Traumgestalten nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer, Zulma dein Unglck, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen dich mit hllischen Gesngen. -- In diesem Traume finde ich dich, von meiner Reise zurckkehrend: du siehst, nichts als eine Tuschung hat das ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tdten, drft' ich dir nur die Ursach meiner Reise erzhlen, aber sei damit zufrieden, da sie dich deinem Glcke nher gebracht hat, etwas mu mein Abdallah mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, da er sich mit seinem alten Freunde wieder ausgeshnt hat. -- Ja Abdallah, du mut mir es glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwren kann, ich liebe dich! -- Meine Weisheit, meine Gewalt gengt mir nicht, mein Herz verschmachtet und drstet nach Liebe, -- dich hab' ich gefunden, dich hab' ich ausgewhlt, deine Liebe soll mich glcklich machen, oder ich mu mich in mein Grab einschlieen, -- o Abdallah, la diesen Traum dein einziges Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurck; willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoen und einsam und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das wird, das kann mein Abdallah nicht, dann htt' ich ihn nie mit dieser innigen Vaterliebe lieben knnen, dann htte er nicht so lange bei mir ausgehalten. -- Ja, Abdallah, du bist wieder mein! Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zgen redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe geliebt hatte, -- er fiel weinend an seine Brust. -- Ja! ja! rief er laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen auseinander reissen! Selim erwachte. -- Du begrest deinen Lehrer, sagte er, er ist in dieser Nacht zurckgekommen, aber du schliefest so sanft, da wir dich nicht wecken wollten. _Omar._ Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine schwere Hand gegen dich ausgestreckt. _Selim._ Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine Krfte kehren zurck und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung halten, -- sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel, meinem groen, edlen Vorsatz auszufhren? _Omar._ Ich sehe nichts. -- _Selim._ O dann, ja dann will ich meine Krfte fallen lassen und mich verdrossen in den Wellen untertauchen. -- Nun erst fngt mein Unglck an, mich zu drcken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab gegeben, auf dem ich mich sttzte, -- aber itzt wird mir das Leben eine Last, nun wnsch' ich zu sterben. Seitdem ich wei, da mein Tagewerk ganz geendigt ist, bin ich ermdet und will mich schlafen legen. -- In dieser trgen Unthtigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der Wildni, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trgen und verfaulten Dnsten emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? -- Nein, Omar, blicke noch einmal ber den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft umher, -- kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat? _Omar._ Dein Tod knnte dein Volk vielleicht glcklich machen. _Selim._ O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. -- Aber ich Unglcklicher! meine Gesundheit kmmt schadenfroh zu mir zurck und _selbst_ den Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel, -- o sage mir, wie ich ohne Snde sterben kann und mein Volk ist glcklich. _Omar._ Diesen Aufschlu mut du nicht von mir, sondern von der Zeit erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. -- Abdallah verlie das Zimmer. Zweites Kapitel. In tiefen Gedanken ging der Jngling unter dem lauten Rauschen des Waldes auf und ab. -- Ja, -- sprach er zu sich selbst, -- Omar ist mir zurckgegeben, alles umher liegt in wster Verwirrung von schwarzer Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er _soll_ es sein, mir und dem Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen: denn wo fnden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige Gewiheit, die ich eigenmchtig zur Untrglichkeit stemple, fallen alle Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und ich stehe da in der freien uneingeschrnkten Gegend. Meine Rechnung ist richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelscht wird, ich will meiner Mhe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschlieen. Mein Vater wnscht zu sterben, -- o ich sehe schon in der Ferne die Woge schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe, herunterschlagen wird, sie wlzt sich immer nher und nher. -- Das Schicksal rckt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf jene frchterliche Stunde, unvermeidlich schlgt sie an und ich stehe pltzlich, ohne es ndern zu knnen, ohne meine Beihlfe jenseit der Gegenwart. -- Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und zugleich steigt Zulma mir gegenber mit tausendfacher Pracht unter goldnen Flammen auf, -- das Verhngni lt mich zwischen dem Vater und der Geliebten whlen, -- o verzeihe, groer Prophet, ich whle Zulma! Es _mu_ sein, es kann, es will nicht anders. -- Welcher Sterbliche kann den Eigensinn des Schicksals brechen? Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen und stand itzt auf der Landstrae. -- Die Stadt mit ihren runden Moscheen lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glnzten blendend in der Sonne, er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwrmerei sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmthig nach ihm hinstarrte; ohne an die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in die Stadt hinein. Der zrnende Ali hatte inde auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Da Selim ungestraft diese Verschwrung sollte unternommen haben, da er ihm selbst entflohen sei, ohne da irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen frchterlichen Eid geschworen, sich an Selim zu rchen und dieser Schwur qulte ihn unablssig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu lassen, die den verborgenen Selim entdecken mten, er hatte beschlossen, alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrhrer zu strafen. Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe mit brennenden Augen nach den Fenstern des Altans hinauf, -- er sahe Zulma, sie blickte verstohlen hinter einem zurckgezogenen Vorhang auf die Strae, kaum aber sahe sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend zurckflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch der letzte Schimmer ihres Schattens verschwand, dann warf er sich auf eine Bank und sahe nach den Blumen des Altans. -- Die Rose war hinter den Citronenbaum gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, das Sinnbild der Furcht. -- Er ging weiter und kam ber die Brcke der Stadt an den Pallast seines Vaters. -- Wehmthige Thrnen traten ihm in die Augen, als er so unbarmherzig alles zerstrt sah. Einzelne Mauern und Thren standen wie verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, Steine und Balken aufeinander gehuft. Traurig suchte er die Stelle des Zimmers auf, das er ehedem bewohnt hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf denen man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches lehnte sich noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick den Einsturz. Das bekannte Haus, das ihn so oft so freundlich und vterlich aufgenommen hatte, das die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, in welchem er sonst glcklich gewesen war, war vernichtet, auch selbst das Andenken seiner Seligkeit schien ihm der zrnende Himmel nehmen zu wollen und bis auf die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit den schnsten Freuden genhrt hatte. Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, als er das laute Schmettern einer Trompete hrte, von einem verwirrten Getse und Geschrei des Volks begleitet; er kmmerte sich nicht um das Gerusch, nur klang es ihm, als wenn er den Namen _Selim_ laut habe nennen hren. -- Itzt kam der Zug bei ihm vorber und er sahe einen Herold auf einem Pferde, der dicht neben ihm still hielt, einigemal in die Trompete stie und dann laut ausrief: Da derjenige, und wre er selbst ein Sklave, welcher den Verrther _Selim_ lebendig in die Hnde des Sultan's liefern wrde, seine berhmte, schne Tochter _Zulma_ als Gemalin dafr zum Lohn erhalten solle. Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug lrmte vorber. -- Dumpf und ohne Gedanken verlie Abdallah die Stadt, trumend wie ein Mann, der vom Schlafe erwacht und sein Haus in prasselnden Flammen sieht, die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht betubt und ohne Bewutsein vor dem leuchtenden Element, das wthend durch seine Besitzungen geht, er hat sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu verderben: -- so kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur Htte im Walde zurck. Drittes Kapitel. Frchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah hin und her, sein Auge starrte in die Finsterni hinaus. Grlichkeiten zogen durch seinen Busen, Schauder jagten sich durch seine Gebeine, er wnschte mit Sehnsucht den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte seine Seele noch schwrzer, oft schleppten seine heien Wnsche seine sanftern Gefhle in Ketten hinter sich, oft ri sich sein Gefhl wieder los und rang seine Wnsche nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen zerrissen, die unermdet gegen einander kmpften. Endlich erschlafften alle seine Krfte, in seiner mden Seele starben alle seine Wnsche und Hoffnungen aus, gewaltsam schlo er in der Ermattung mit sich selbst einen Frieden. Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste graue Dmmerung des Tages die Schatten spaltete. Selim schlief noch und Abdallah verlie die Htte. Er ging schnell unter den Bumen auf und ab, er athmete die frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam alle Gefhle von sich abwlzen, die ihn, wie lebendig eingegraben gleich Steinen drckten, aber er schlug vergeblich gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des Tageslichtes wagte sich hinein. Omar nherte sich ihm itzt und beide gingen schweigend auf und ab; Abdallah scheute sich, seinen Freund einen Blick in die Wste seiner Seele thun zu lassen. Was whlt in deinem Innern so gewaltig? begann Omar, in der Nacht hrt' ich dich seufzen. -- Was ist dir, mein Abdallah? Abdallah schwieg noch. -- Nein, rief er pltzlich, -- meine Seele ist zu schwach fr diesen ewigen Streit! -- die menschliche Natur erliegt dieser Gewalt, ich bin endlich mde und will mich selbst besiegt zu Boden werfen. -- Er ergriff Omar's Hand. -- Ja, Omar, hre das Gelbde, das ich vor dir ablegen will, -- ich will, ich mu Zulma entsagen, mein Vater bleibe mir und Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den Becher des Glckes nicht zu kosten, ich willige in diese traurige Nothwendigkeit. -- _Omar._ Und was hat dich zu diesem Entschlu gebracht, der dir alle deine Hoffnungen kostet? _Abdallah._ Meine Menschheit, -- o! ich bezahle sie mit dem kostbarsten, was ich besitze, vielleicht weit ber ihren Werth, denn ohne Zulma ist mir die Welt ausgestorben; ich entsage der hchsten Seligkeit auf ewig, das Gefhl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder aufwachen, nur ihre Schmerzen bleiben mir auf immer zurck. Abdallah erzhlte seinem Lehrer itzt, was er gestern in der Stadt gesehn habe. -- Diese Erinnerung, fuhr er dann fort, hat mir diese Nacht schlaflos gemacht; wenn ich die Augen schlo, weckten mich Ungeheuer durch Zuckungen auf, -- o Omar, Omar, giebt es auf der Erde ein Wesen, das sein Elend mit dem meinigen messen knnte? _Omar._ Und Abubekers Tochter wird deine Gattin? _Abdallah._ Niemals, das Schicksal nimmt mir Zulma, aber kein andres Weib soll auch jemals in diesen Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch bleiben. Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu Zulma's Fen schwur. -- Jeder Freude, jeder Hoffnung sage ich Lebewohl, mit meinem Elend will ich in die Wste ziehn und dort das Morgenroth mit meinen Thrnen begren und den Abend mit Klagen rufen, Seufzer sollen meine Sprache werden und die Wehmuth meine Gespielin. -- Ja, Omar, dieses Glck ist mir noch brig, diese Freude ist die einzige, die mir nicht kann genommen werden. _Omar._ Auch nicht durch deines Vaters Gebot? -- Er will, du sollst der Gemal _Roxanens_ werden. _Abdallah._ Nein, das kann er nicht wollen, wenn ich ihm dies Opfer bringe. Nein, ich komme ihm entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja mein Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma _kann_ nicht meine Gattin werden, und Roxane _soll_ es nicht. -- _Omar._ Und dann wirst du in deiner Einsamkeit mit leerem Herzen glcklich sein? -- _Abdallah._ Ich glaube es itzt, und wenn ich es nicht kann, so will ich es wenigstens glauben. Alle meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt zurck, dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen Schmerz und die schnen Erinnerungen nehme ich mit mir. -- _Omar._ Wenn aber dein Vater auch zu _diesem_ Glck nicht seine Einwilligung gbe? _Abdallah._ O, er kann es mir ja nicht beneiden; er ist nicht grausam. -- Ich will itzt gleich zu meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges Versprechen erlassen. -- Dann geh ich aus der Welt und eine gerumige Hhle wird meine Wohnung, Bume und Thiere sind meine Gesellschaft, ach, nach und nach werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der Gesellschaft meines Kummers werd' ich zum Greise, und erzhle mir dann zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwtziges Kind, meine Leiden selbst. -- Nicht wahr, Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir werden uns nach Jahren selber unkenntlich, was mir itzt Thrnen auspret, darber kann ich einst vielleicht lcheln? Endlich ermdet die Quaal an mir und geht verdrossen hinweg, die Stunde durchluft ihren Kreis und wir stehn an der schwarzen Pforte, und alles was wir litten, alles worber wir uns freuten, liegt wie Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir, da wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die Hand nach dem Morgenroth ausstrecken und den fliehenden Regenbogen haschen wollen. -- Alles ist in mir gestorben und wird nie wieder aufleben, die Flammen meiner Seele sind ausgelscht, mein Busen ist Eis. Zulma ist todt, meine Liebe ist verschwunden, und was sonst in diesem Herzen brannte, das hast du erstickt, -- nein, zrne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurck, unter Felsen und verdorrten Wldern brauch' ich nicht ein Mensch zu sein, was ntzt mir dort die Tugend und der Glaube an Gott? Ich will mich auf ewig von der Menschheit losreien und mit den Thieren verbrdern. Ja, Omar, ich gehe zu meinem Vater. Er kehrte schnell in das Zimmer zurck. Selim war noch nicht erwacht, und Abdallah kniete vor sein Bette und betrachtete aufmerksam seinen Vater, der s lchelte, in holdselige Trume verloren. -- Nein, sagte er leise, -- jene Gedanken, die sich in der Nacht zu mir hinanschlichen, sind verflucht, -- Gott! wie konnt' ich sie nur denken, ohne mich zu verabscheuen? -- diesen Greis, der mein Vater ist, -- diesen, -- nein, ich mag es mir selber nicht gestehn. -- Nein, dazu bin ich nicht in die Welt getreten, noch ist Rettung mglich, noch ist nicht die letzte ffnung zugefallen, durch die ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann. -- Wie sanft er schlft! -- Wie er mich auch im Schlaf anlchelt! -- Seine Vaterliebe fhlt die Nhe des geliebten, des einzigen Sohnes, -- als meine Mutter gestorben war, war ich es, der ihn an das Leben festhielt, und ich! -- Nein! die Hlle mag sich einen andern Zgling suchen, -- meine Seele findet hier noch einen Ankergrund! Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. -- Was will mein Sohn? fragte er. Abdallah kte ihn und umarmte ihn glhend. -- O Vater! rief er aus, -- kannst du deinem Sohne eine Bitte abschlagen, die einzige, die letzte, die er von dir erflehen wird? _Selim._ Was kann der arme Selim noch besitzen, das seinem Sohne nicht auch gehrte? -- Doch nein, Abdallah, -- mein Vermgen sind Thrnen und Jammer, dies werde dir nicht. _Abdallah._ Gieb mir deinen Segen, Vater. -- Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes. _Abdallah._ Nein, Vater, ich will dich nicht tuschen, segne mich, wenn ich dir meine Bitte gesagt habe. _Selim._ Sprich, mein Sohn, warum gehst du diesen Umweg zum Herzen deines Vaters? _Abdallah._ O mein Vater! -- Wenn du mich liebst, wenn dein Sohn nicht von dir gehat wird, -- o so nimm jenen Fluch zurck, mit dem du mir einst drohtest. -- Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin werden. -- Er bedeckte mit den Hnden das Gesicht und warf sich nieder, Selim sahe starr auf ihn hin. -- Sie kann nicht? -- fragte er kalt, -- und was hat der Sohn an dem Willen seines Vaters zu tadeln? _Abdallah._ O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt, sprich gtiger mein Vater, oder ich mu verzweifeln! -- _Selim._ Du verlangst Gte, wo du mir nur Trotz giebst? Auch gegen den ungehorsamen Sohn soll ich zrtlich sein? _Abdallah._ Nein, ungehorsam schelte mich nicht, -- kein andres Mdchen soll meine Gattin werden, aber auch Roxane nicht. -- Nur widerrufe jenen Fluch, Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst! -- _Selim._ Ich widerrufe nicht. Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen Blicke an. -- Vater! rief er aus, an diesem Fluch hngt das ganze brige Glck meines Lebens, meine letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! -- Widerrufe, Vater, du sollst, du mut es, -- o ja und du wirst es auch. -- _Selim._ Nein. In dreien Tagen wird Roxane deine Gattin, oder alle Verwnschungen, die ein Vater fr seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel herabflehen kann, fallen auf dein Haupt. Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. -- Du liebst mich, ja, Vater, -- o wie wenig kostet dich diese Zurcknahme, -- ach! und wtest du, wie viel sie mir glte! _Selim._ Zurck, Ungehorsamer! ich widerrufe nicht, das schwr' ich beim Himmel und der Pracht seiner Sonne! -- Mein Wort kann ich nicht brechen, das ich Abubeker gab, um die thrichten Launen eines Jnglings zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will. Abdallah warf sich wthend nieder. -- Du schwrst? rief er heftig. -- Nun so schwr' ich hier auch beim Grabe des groen Propheten, beim Himmel und allen seinen Engeln, da Roxane nie, nie, nie meine Gattin wird! -- Selim stand zornig auf. -- Ich habe keinen Sohn mehr! sprach er heftig. -- Ist das die Sprache, in der ein Sohn zu seinem Vater sprechen mu? Glaubst du mich durch Trotz zu beugen? O hier stoen Felsen auf Felsen, ich wanke nicht in meinem Vorsatz. -- Du hast den Sohn verlugnet, nun so will ich denn auch den Vater verlugnen! -- Ich werfe meinen Fluch auf dich hin und mit Centnerlast mge er dich drcken. -- Alles Unglck jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der Himmel wende sein Angesicht von dir ab, wenn die Hlle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am Busen der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das Mark deiner Gebeine, in der Einsamkeit liege der Leichnam deines Vaters vor dir, den dein Ungehorsam zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert, von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter Krmpfen und Verzuckungen. _Abdallah._ O wirf nur Fluch auf Fluch, der Ewige hat mich schon seit der Geburt verflucht, dein Hllensegen findet nichts mehr zu vollenden. -- Ha! so spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung, die er mir auf die groe Reise giebt. -- Wer soll mich segnen, wenn der Vater mich mit diesen Flchen verwnscht? _Selim._ Fort aus meinem Angesicht! _Du_ hast meinem Unglck die Krone aufgesetzt! -- Du gehrst mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick! hinweg! da ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen! Er verlie das Zimmer wthend. Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben! Ich steh in der Verdammni eingekerkert, und mein Vater selbst nimmt den Schlssel zur Pforte und wirft ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung mglich, die Hlle streckt den Arm ber mich aus und lt mich nicht entrinnen! -- Er warf sich ohne Bewutsein in einen Sessel und Omar trat herein. -- Er sahe lange den Jngling mit forschendem Auge an: Hat er deine Bitte erhrt? fragte er besorgt. _Abdallah._ Du siehst dies Kochen meiner Brust und fragst noch? O! wann knnte mir auch eine Hoffnung in Erfllung gehn, wre sie auch so armselig, da sie der Bettler auf seinem Wege liegen liee! -- Ich darf nur wnschen und tausend Stimmen schreien: Nein! in meinen Wunsch. -- Das Schicksal hat mich unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen. -- O warum ward ich ein Mensch geschaffen? -- Warum mute ich hinter dem Vorhang hervorgestoen werden, um den Zuschauern zum Gesptt zu werden? _Omar._ Und dein Entschlu? _Abdallah._ O was kann ich noch wollen? -- Welchen Entschlu kann ich noch fassen? Selbst das Elend, das ich mir whlte, ist keine Freisttte mehr fr mich; wohin ich auch fliehen will, hlt mich ein Abgesandter der Verdammni fest, die Erde strzt unter mir ein, jede Scholle, an der ich mich empor arbeiten will, giebt treulos nach, -- was kann ich anders als mich dem Verderben berlassen? Omar ging mit groen Schritten auf und ab, seine Augen funkelten, seine Mienen drohten frchterlich. -- Ha! rief er endlich aus, -- dies ist der zrtliche Vater, der seinen Sohn so innig liebt! -- Worte sind seine Liebe, unbarmherzig lt er den Sohn an diesem ehernen Eigensinn verbluten! Kalt lt er ihn liegen und sterben, hat er doch seine _Vaterrechte_ behauptet! -- Und dieser Grausame nennt sich meinen Freund! -- Wie kann er ein Freund sein, da er kein Vater ist? Liebe ist ihm fremd, seine Tugend ist Trotz, Eigensinn seine Standhaftigkeit! -- Ich kndige ihm meine Freundschaft auf, wer meinen Abdallah hat, den hasse auch _ich_, Selim ist aus meinem Herzen gestoen, ich will seinen Namen aus meinem Gedchtni reien! -- Dir auch _dieses_ Glck nicht zu gnnen! -- Diese Hlle war ihm noch zu schn fr seinen Sohn, er hat hrtere Strafen fr ihn ersonnen. -- Die Liebe sei verwnscht, mit der ich einst sein Freund war, fr dich geb' ich die feindselige Welt verloren, was liegt mir an diesem Selim? -- _Abdallah._ O wr' ich nicht Selims Sohn, o dann, dann wr' ich glcklich! -- Aber boshaft weht mir das Schicksal alle Unmglichkeiten zusammen! Nur fr mich wird alles angeordnet zum frchterlichen Scherz. -- O knnt' ich den Sohn verlugnen, dann wrde Selims Eigensinn bestraft werden knnen, -- aber, -- es kann, es darf nicht sein! _Omar._ Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma zu gewinnen. Seinen Eigensinn gegen deine Liebe. -- Er sollte dir eine Verschreibung werden, durch die du einen Schatz einlsetest, der dich auf ewig vor dem Mangel sicherte? -- Ha, Abdallah, nein, nein, es kann, es darf nicht sein! -- Die Tugend, die Pflicht, -- o wer kann es alles nennen, was dich von diesem Gedanken zurckreit? -- _Abdallah._ O ich schmachte nach andern Speisen, ich bin mit Grausen gesttigt. -- Fhrt mein Pfad zur Hlle, o so ist es besser durch _einen_ khnen Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber noch spricht eine Stimme in mir, die mich Sohn nennt, die laut um Hlfe schreien wrde, wenn ich sie ersticken wollte, hundert Gefhle sind mit diesem Ton verbunden. -- Das Entsetzen der Natur wre in den Abdallah verkleidet, wenn ich so sehr alles vergessen knnte, was den Menschen zum Menschen macht. _Omar._ Nein, du darfst dich nicht von ihnen losreien, verachte sie, nur halte dich treu in ihrer Mitte; o drftest du nicht die Freiheit, ein Mensch zu sein, mit allen Schtzen dieser Welt bezahlen! -- Ja, die Unmglichkeit stellt sich frchterlich vor den Eigensinnigen hin und beschtzt ihn unverwundbar, -- aber Abdallah! sorge auch bei Tage und in der Nacht, wachend und schlafend, da niemand die Wohnung deines Vaters entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem du strebtest. -- _Abdallah._ O, ehe ich Zulma in eines andern Armen sehe, ehe -- _Omar._ Ehe? _Abdallah._ Will ich sterben. -- _Omar._ Dann hast du die Leiden der Welt abgeschttelt, aber keine der hiesigen Freuden geht mit dir. -- _Abdallah._ Ach, Omar, dann bin ich todt und die Welt nennt mich tugendhaft. -- Doch wenn mir Gedanken folgen, wohin keiner unsrer Erdengedanken dringt, -- ach Omar, -- werden mir dann nicht Freuden begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? -- Kann ich itzt wnschen, was ich nicht begreifen kann? -- Nur der Thor und der Verzweifelte tauscht ein gewisses Gut gegen ein ungewisses aus und glaubt zu gewinnen. _Omar._ Und wenn nun unsre Rechnung hier unten schon vllig geschlossen wrde? Wenn alle Anweisungen auf jenseit falsch und untergeschoben wren, und wer wird sich fr ihre chtheit verbrgen? o dann -- doch zurck von diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich habe dir nichts gesagt. -- O, Abdallah; was hast du dann gegen deinen groen Verlust gewonnen? _Abdallah._ Ich habe mich selbst verloren und das ist fr den Elenden Gewinns genug. Dann drckt mich kein Gefhl und kein Gedanke qult mich, ich liege im khlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt, kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint mich. Alle Martern suchen mich dann vergebens auf, sie finden mich nicht; in den mtterlichen Armen der Erde gehalten scheucht die Zrtliche jedes Ungemach von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe umweht mich, kein Traum ngstigt meinen Schlaf, kein Schrecken kann mich zurckrufen. _Omar._ Nicht sein? -- O die menschliche Natur fhrt vor dem Gedanken zurck, -- wer wird Leben gegen Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen, ohne Gefhl und Gedanken, Wrmern eine Wohnung, todt, vermodert und verchtlich, ein Scheusal jedem lebenden Auge: kein _Schlaf_, keine Ruhe, kein _Schlummer_, -- sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig hinausgestoen, _da gewesen und nicht mehr_, -- giebt es in der Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als: _nicht da zu sein_? _Abdallah._ _Nichtsein!_ O es ist wahr, die Einbildung erblat vor dieser Vorstellung, -- Leben und Nichtsein. -- Und wenn ich nun alles dem Halsstarrigen und seinen Entwrfen aufgeopfert habe, wenn leere Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glcks bewacht haben, Omar, und ich gehe dann unter, auf ewig unter, -- das Wesen, dem ich meine Seligkeiten sparte, ist nirgends aufzufinden, -- o ist dies etwas anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der im ganzen Leben kargt, um nicht zu genieen und im Tode alles hinter sich lt? -- _Omar._ Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir her, -- aber was willst du thun? _Abdallah._ Ha! wer verdirbt nicht den Freund, um die Geliebte zu retten? Wer wagt nicht die Hlfte seines Vermgens, um das Ganze zu erhalten? -- Und soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Frsten gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm beweisen, der Diener darf nicht die Auftrge seines Herrn prfen, ohne ungehorsam zu sein. -- Und wo ist die Grnze zwischen Recht und Unrecht? -- Mir ist es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und welche bse wirkt; was die Menschen Tugend und Laster nennen, verstrickt sich hier oft unauflsbar. -- Die Zukunft bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath zu fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, der ihn elend machte? -- Wird er zu Ali zurckgebracht, o so hat ihn meine Freundschaft ermordet, ohne mich wre er noch glcklich. -- Unsre Thaten wandeln oft ber viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen werden, -- kann die Schuld auf uns zurckfallen? Sollen wir den Fehler des Zufalls ben? -- Diese That -- o ich mag sie nicht denken, -- warum knnten ihre Folgen nicht glcklich werden? knnte sie sich nicht in den unergrndlichen Strom wei und unschuldig waschen? -- _Omar._ Aber den _Vater_, -- dem du das Dasein dankst, -- zwar nicht ein Dasein voll Freuden -- _Abdallah._ Nein, voll Todesschmerzen; o wie kann ich ihm fr diese Welt voll Quaalen danken? _Omar._ Nein, fr dein Dasein kann der Felsenharte keinen Dank von dir fordern, denn dann httest du Unrecht ber seine Halsstarrigkeit zu klagen, ber den frchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt hat. -- So lange er dann nicht dein _Leben_ endet, hast du keine Ursach auf ihn zu zrnen. _Abdallah._ In eine Hlle hat er mich verwiesen und _dafr_ sollt' ich ihn lieben? _Omar._ Er konnte aber nicht vorher wissen, da dies Leben dir Pein zubereiten wrde, -- freilich, eben so wenig, ob es dich glcklich machen wrde. _Abdallah._ Nicht er, ein blindes Ohngefhr hat mich in das Leben gerufen. -- Wute mein Vater denn im voraus, da gerade _ich_, dieser Abdallah, sein Sohn werden wrde? -- _Omar._ Wre es nicht die Pflicht des Sohnes, vor dem rasenden Vater Schutz bei den Gesetzen zu suchen? _Abdallah._ _Vater, Sohn_, nichts als leere Namen, der Verstand mu sich nicht vom Geschrei der Menge betuben lassen, er zieht der Wahrheit ihre Hlle ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten hindern ihn nie in seiner Forschung. -- Nicht wahr, mein Omar? _Omar._ Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige der zrtlichen Vaterliebe, der Frsorge vergessen? Soll er die Sorgen mit kaltem Undank vergelten? -- Dankbarkeit ist das groe Band, das sich unzertrennlich durch alle Wesen webt, jeder handelt fr den andern, um sich in seiner Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit knpft sich Liebe und Wohlwollen, Wohlthaten und Dank wechseln sich in dem Herzen der ltern und Kinder aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig anzieht. _Abdallah._ Dies, ja dies ist das letzte Gefhl, das mich noch an ihn gefesselt hlt, alle Fden hat er durchgeschnitten, nur dieser eine ist ihm treu geblieben. -- _Omar._ Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber nicht die hundert kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte, die tausend Freuden, die er dir zubereitete, das Wohlwollen, mit dem er dich durch das Knabenalter in die Jnglingsjahre begleitete, -- dafr mut du ihm danken. _Abdallah._ Omar, es ist meine Pflicht ihn zu lieben. _Omar._ Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt der Geizige hundertfach zurck, was er dir gab; die Freude, die das groe Glck deines Lebens entscheidet, versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat er dir gegnnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, -- er schenkt dir ein glnzendes Glas und fordert mit eigenmchtiger Gewalt alle schnen Hoffnungen deiner Zukunft von dir ein, du mut in einer heien Wste verschmachten, weil er dir einst einen Trank aus der Quelle schpfte, du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, der nicht weiter gehn darf, als seine Kette reicht; strebt er ber ihr Maas hinaus, dann fhlt er die tuschende Freiheit, dann fhlt er sich an der unbarmherzigen Mauer festgehalten. -- _Abdallah._ O es ist schrecklich! -- Welch ein Recht, welches Gesetz liegt in dem Worte Vater, um diese unumschrnkte Gewalt ber ein Wesen zu haben, das er _Sohn_ nennt? -- Darf dieser Ton die Gesetze der Vernunft umstoen und aus Menschenfreiheit schndliche Sklaverei machen? -- Der Tod des Vaters macht den Sohn glcklich, -- warum soll er sich nicht freuen drfen, da endlich das qulende Band aufgelst wird? -- Ist der Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem Sohn in das Leben einen grlichen Fluch mitgiebt, von dem er hofft, da er ihn elend machen soll? -- Selim stirbt, -- und Abdallah schleppt ein langes Leben wie eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem Gliede hngt sich die Pein mit hundertfachen Martern, alle Glckseligkeiten fliehen vor dem frchterlichen Gerassel zurck, -- ist dies ein Vater, der seinen Sohn liebt, oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt? _Omar._ Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen den Schmerz der Pfeile, die ein quaalvolles Leben auf uns abschiet. _Abdallah._ Warum ward dem Menschen die Vernunft gegeben, wenn er sich von einer blinden Gewohnheit will beherrschen lassen? Die Vernunft soll ihn begleiten und ber seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit darf nur den Unverstndigen hinreissen, dem dieses Steuerruder fehlt, dieser mu furchtsam landen, wo er die brigen landen sieht, und mit ihnen sein Schiff wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unntzer Khnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden Winden und Wellen ein Spiel. -- Und welche Vernunft, -- Omar, ich spreche es aus, -- welche hlt mich zurck? -- -- Sprich, denn ich sehe nichts! -- _Omar._ Unsre Vernunft prallt ohnmchtig von allen Dingen zurck, die jenseit der Menschheit liegen, wir verstehen nicht den Gang der Welt und die Schrift der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimni bleiben, -- aber eben dadurch, da diese Weisheit nicht fr das irdische Gehirn ist, werden wir deutlich auf die andre Seite zurckgewiesen. Die Natur winkt ihren Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen zur reichen Tafel ein und sagt ihnen laut: _geniet_! _Abdallah._ Da wir da sind, um zu genieen, das ist die Weisheit, die unser Verstand begreift. Jedes Wesen lebt nur in und fr sich selbst in einer groen Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. -- Sein Genu ist es, warum er geschaffen ward, er hat das Recht, jedes andre Wesen, das ihn im Genieen hindert, aus seiner Bahn hinwegzustoen. Der Strkere besiegt den Schwchern, der Lwe bekmpft den Lwen, der Tiger den Tiger, der Mensch den Menschen. -- Noch ist kein Gestorbener zurckgekommen und hat gegen diese Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der Ewigkeit verrathen, -- bis der Leichnam wieder kmmt, bis todte Zungen dagegen lstern, werd' ich an diese Lehre glauben. _Omar._ Was wir Tugend nennen, ist blo Gewohnheit, nichts als ein Gesetz, um die Gesellschaft, die der Mensch errichtet hat, aufrecht zu erhalten, ohne diese wrde sie sich selbst vernichten. -- Helden, Gesetzgeber, Weise sind _tugendhaft_, weil sie das Band der Gesellschaft fester ziehn, Mrder und Diebe nennen wir Bsewichter, weil sie dies Band zu zerreissen suchen. Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den Unterschied dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, wenn es das Wohl der Vereinigung befrdert; schon mancher Mord war heilsam und mancher Diebstahl lblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen. _Abdallah._ O ja, Laster und Tugend flieen in einen Strahl zusammen, es ist hohe Weisheit, da man den Unverstndigeren glauben lt, sie wren von Ewigkeit her geschieden. -- _Omar._ Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, da du mir einst diese Lehren so frchterlich wiederholen wrdest, -- o wre mein Scharfsinn gewachsen, damit ich dir widersprechen knnte! -- _Zulma_ mag es einst versuchen. _Abdallah._ Zulma? -- O Himmel! Omar, sollte sie mich nicht zu Thaten aufrufen drfen, durch die ich sie dem hartnckigen Schicksal abrnge; nur diese That fhrt mich in ihre Arme und sie wird mein Zgern schelten. _Omar._ Doch wenn nun diese That, diese einzige, dich auf immer elend machte? -- _Abdallah._ O wenn ich daran glauben soll, so kann ich meinem Elende auf keinem Wege entrinnen. -- In Zulma's Armen bin ich unglcklich, meines Vaters Fluch liegt auch in der einsamen Wste schwer auf meiner Seele, noch greres Elend steht neben Roxanen. -- Welcher Ausweg bleibt mir brig? _Omar._ Nun so ergreife den Pfad, auf welchem die meisten Blumen blhen, wo der Rasen am hellsten lacht, wo der Himmel blau ber der freundlichen Landschaft liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege. -- _Abdallah._ Werd' ich aber mit Zulma glcklich sein? -- _Omar._ Hr' ich diesen Zweifel aus _Abdallah's_ Munde? Von denselben Lippen, die neulich in trunkener Wonne nicht Worte fanden? -- Oder ist es nur Schwachheit, die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die gern glcklich sein mchte, ohne doch die Schwierigkeiten der Unternehmung zu tragen? die Fluth strmt hinter dir her, aber du scheust dich, den schroffen Felsen zu erklettern, der dir die Rettung anbietet. _Abdallah._ Nein, -- nein, -- Selim stirbt, und kann ich ihm sein voriges Glck wieder zurckgeben? Wird sein ganzes Leben nicht eine einzige wehmthige Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und Hoffnung? -- Er verliert hier nichts, er kann im Tode nur gewinnen, er dauert, oder lscht aus, -- es ist besser, nicht zu sein, als an dem Joch eines quaalvollen Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht sterben, er mu es jenseit besser finden: denn er lt keine Freude zurck, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat er muthwillig zerrissen. _Omar._ Der schwache Greis, der schon an der Schwelle des Todes steht -- _Abdallah._ Ha! wenn meine groe Aufopferung ihm Unsterblichkeit gewnne, -- ha! dann knnt' ich diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann knnt' ich Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem Fluch in die Wste ziehn, ja, knnt' ich ihm durch meine Quaalen auch nur noch _ein_ Menschenalter erkaufen, -- aber der unerbittliche Tod lacht ber mich. Selim mu sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon in wenigen Stunden nicht mehr. _Omar._ Wer wrde dir dann nicht verzeihen, wenn du bereutest, da du mit diesem unvermeidlichen Tod dein Glck nicht der eilenden Zeit abgekauft httest? -- Dieser Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er ausgelscht, dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht erkaufen. _Abdallah._ Und liegt ihm denn selbst an diesen wenigen Stunden, die ihm noch zugezhlt sind? Du hast es selbst gehrt, wie sehr er den Tod wnscht, seit er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. -- Itzt wrde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine Gewiheit hoffen knnten. -- Soll ich mich bedenken, ihn glcklich zu machen, oder warten, bis er sich selbst den Dolch in die Brust stt? -- _Omar._ Das Land mit seinen Brgern war die Freude deines Vaters, einst ein neues Glck zu sen und die schne Saat aufschieen zu sehen, dies war der feurigste seiner Wnsche, die khnste seiner Hoffnungen. Fr seine Mitbrger unternahm er das groe Wagestck, auf das er sein Glck und sein Leben setzte, -- die Wrfel fielen unglcklich. -- Roxane sollte deine Gattin werden, um die Ernte jener Aussaat einzunehmen, aber das Verhngni verschwor sich gegen ihn und an einem Tage ward alles zernichtet. -- Der Wille deines Vaters knnte entschuldigt, deine Aufopferung gelobt werden, wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck deines Vaters erreichen knntest, -- aber sieh umher, tausend Unmglichkeiten spotten deines Scharfsinns. -- _Abdallah._ Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin fhren, wohin mich Roxane fhren sollte, sie giebt mir den Thron dieses Reichs, und ich rotte die Dornen aus, die Ali pflanzte, dann kmmt der schne, der groe Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen ber dieses Land auf, ich verwandle es in einen Garten voll schner Blthen. -- Nicht wahr, Omar, mein Vater wrde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, mich dem Wohl des Landes aufzuopfern? -- Und ich sume ihn dem Glck der Brger hinzugeben? Das Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen der Nachkommen wird mich einst belohnen. _Omar._ Und Zulma! -- Sollte sie in den Armen eines andern deiner vergessen? Solltest du einst ihrem Pallast als ein unbekannter Sklave vorbergehn und sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick auf dich herabwerfen? -- Solltest du einst als Bettler vorbergehn und von der geliebten Zulma mit Verachtung abgewiesen werden? _Abdallah._ Nein, nein, das soll nie geschehen, so lange ein Herz in meinem Busen schlgt, ist sie mein, noch mein letzter Blutstropfe wrde fr ihren Besitz kmpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist sie der Inhalt meiner Gedanken und alle meine Krfte laufen nach diesem Ziele. Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht widersetzen. Steht diese That in jenem groen Buche, welcher Finger will die ewigen Zge verlschen? _Deinetwegen_ wird das groe Gewebe nicht inne halten, der Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen Willen gefragt. -- Abdallah stand in tiefen Gedanken. -- Du kannst nicht gut, du kannst nicht bse handeln, fuhr Omar fort, _ein_ Geist ist es, der in den Millionen Leben glht, du und ich, Selim und Zulma sind nur _ein_ Wesen, du arbeitest stets fr und gegen dich, du kannst eigenmchtig ber deine Handlungen den Ausspruch fllen, und diese gut und jene bse nennen, wer mag dir widersprechen? Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten beide das Zimmer verlassen, Selim kam ihnen zornig entgegen. -- Fort! Verbannter! rief er aus, so lange der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich dein Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen Verwnschungen belade! Omar blieb bei Selim zurck, und Abdallah ging traurig und zrnend in das Dickicht des Waldes, wo eine einsame Stille ihn begrte, nur von einem leisen Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten lagen bereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf den grnen Rasen herab. -- O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm wird, ewige Quaalen auf mich herabzubitten! -- und ich zgre und bedenke seinen Tod, -- ihm wird es so leicht, mich ewig zu verderben, und ich kann diese Gefhle in meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige Verlust nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das Land und Zulma nicht laut dies Leben von mir fordern? und da er es selbst verachtet und fr seine Mitbrger hinzugeben brennt? -- Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal? gegen die dicken Mauern schlagen vergebens meine Krfte an, -- wenn es sein soll, -- o dieser Gedanke selbst ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben, ich kann nichts als ihn nachdenken, -- in den ewigen Gesetzen liegt die Snde, -- die Hand mordet, die den Dolch ergreift, nicht das Werkzeug, das der grern Kraft wider Willen nachgeben mu. -- O das ist ein Gedanke, der mich dem Wahnsinn entgegen fhren knnte. -- Alle meine Wnsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, -- ich mu, ich mu es vollbringen, und dann erst wird das Werkzeug aus den Hnden gelegt. -- Wo finden meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der Ruhe? -- Wo eine Insel, an die sie im Sturme landen knnen? -- Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum und sahe starr dem Spiel der Mcken und Gewrme auf der Erde zu. -- Viertes Kapitel. Ein Gerusch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn auf, _Raschid_ stand vor ihm. -- Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die Arme. -- O, rief er, das ist es, was ich suchte, ja, ein Mensch hat mir gefehlt und dieser wird mir itzt gesendet. Wir sind beide unglcklich, sagte _Raschid_, Elend verschwistert unsre Seelen. _Abdallah._ Du elend? -- O worin kannst du unglcklich sein? _Raschid._ Ich? -- Ich irre in der Nacht und am Tage durch verlassene und wste Gegenden, ich wnsche und hoffe und verzweifle in demselben Augenblick, -- ach Abdallah! Abdallah! du weit vielleicht, was Unglck ist, nicht wahr, du wrdest mich glcklich machen, wenn du es knntest? _Abdallah._ Ja ich wei was Elend ist, Unglck ist mir nicht fremd. -- Aber was kannst du bei mir wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung? -- o die kann ich dir geben, -- sieh! dies sind meine Schtze! Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag es zentnerschwer, er wollte zu reden anfangen und schwieg dann wieder furchtsam. Endlich umarmte er den Freund noch einmal glhend: Raschid! Raschid! rief er, du bist ein Mensch, nicht wahr, es schlgt ein fhlendes Herz in dieser Brust? deine Seele ist fr Mitleid nicht taub, -- o sprich! nur ein Wort der trstenden Linderung! -- _Raschid._ Du schweigst? vertraue deinem Freunde den Sturm, der in deiner Seele wthet. -- Was kann dich so mit Riesenkrften niederdrcken? Abdallah schwieg noch immer, -- ich liebe Zulma! rief er dann pltzlich. -- Ach, ich mu dies frchterliche Geheimni in einen Menschenbusen ausschtten, o trste mich, -- verzeihst du mir, nennst du mich Bruder, wenn -- hast du je die Allmacht der Liebe gefhlt? Zulma? rief Raschid und strzte bleich zurck, Zulma? O Unglcklicher! _Abdallah._ Nur ein Wort aus deinem Munde! _Darf_ ich sie wnschen? -- macht mich meine Liebe zum Ungeheuer? -- warum starrst du mich so an? Willst du mir keinen Trost geben? _Raschid._ Trost? -- Dieses Entsetzen hat mich zu dir gejagt, ich kam zu dir, um zu deinen Fen mir mein Glck zu erbetteln, -- du liebst Zulma, -- o Unglcklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre bis in das Innerste deiner Seele, -- auch Raschid liebt diese Tochter der Sonne! aus dieser Quelle sind alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit Jahren gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt. _Abdallah._ Du liebst sie? du? -- O Raschid, hinweg! du bist nicht mehr mein Freund! -- ich verlange einen Ton der mich trstet, ich schlage verzweifelnd an die Laute, -- aber alle ihre Saiten sind zerrissen, kein Wiederhall in der ganzen Schpfung! _Raschid._ Darum bin ich hier, Selim sollte mich glcklich machen, du solltest mir ihn abtreten. _Abdallah._ Nein! nein! -- O beim Unendlichen, alles thrmt sich immer hher und hher, alle Schrecken wachsen zu Riesen auf und werfen sich mir entgegen. -- Nein, nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in mein Glck zu greifen. _Raschid._ Hinweg Freundschaft und Mitleid! die Liebe kmmt ihren Thron zu besteigen! Ich bin nicht mehr Raschid, nicht mehr dein Freund -- Ja, ich will den groen Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre Freundschaft sei zerrissen! Fluch um Fluch, Hlle um Hlle, alle Schrecken gegen einander, -- Zulma ist mein! mein, sag' ich, -- endlich hat der Himmel den Verstoenen wieder angenommen, ich bin mit mir selber ausgeshnt. _Abdallah._ Raschid, ich ziehe allmchtig diese Waage nieder, die zu den Wolken aufgeschnellt wird, dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du dich lagern willst, -- Zulma liebt mich! -- _Raschid._ O sie wird, sie mu mich einst lieben, deines Vaters Elend ist eine Leiter, die mich in den Himmel trgt, ich will verwegen bis auf die letzte schwindelnde Sprosse steigen und wie ein Gott auf die armselige Welt hinabsehen. Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn mchtig zurck. -- Wohin willst du? rief er aus, Schrecklicher! Zu Ali, antwortete _Raschid,_ dein Vater ist ein Unterpfand, das mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht vergebens deinen Schritten nachgeschlichen; o ich mu eilen, denn ich fhl' es im Innern meiner Seele, fr Zulma wrd' ich freudig meinen Vater und meine Mutter der Schlachtbank berliefern. Sie rangen hartnckig mit einander. -- O noch, noch verweile, rief Abdallah, nur diesen einzigen Tag noch, nur diese Stunde schenke mir noch mitleidig! Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden? antwortete Raschid. -- Nein! zurck von mir! -- Er ri sich gewaltsam los und entflohe mit der Eil des Windes, auch keinen flchtigen Blick warf er seinem Freunde rckwrts. -- Abdallah sahe ihm betubt und schwindelnd nach. -- Ha! nun ist es ja entschieden, sagte er mit unterdrcktem Lcheln, meine Martern habe ich umsonst geduldet, Zulma ist mir ewig, ewig verloren. -- Ha! wie es in meinem Innern tobt und wthet! -- Kalt steh' ich da und sehe, wie auch meine letzte Freude von einem fremden Vorbergehenden lachend gemordet wird. -- Er verhhnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach seinem glnzenden Ziel, -- nur ich zgernder Thor schlage mich mit tausend Zweifeln und verliere den groen Augenblick. -- Zulma nicht mein, Raschids? -- O das, das kann, das soll nicht sein! So weit drfte dieser Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? -- Was hlt mich denn zurck? -- Wollte er nicht seinen Vater dieser Wonne ohne Bedenken opfern? -- O er ist ja auch ein Mensch, -- er liebt ja Gott und betet das Schicksal und die Tugend an und dennoch, -- mir ist alles genommen und doch zgert meine Trgheit noch? Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum tdtlichen Streich herabgerissen und ich kmpfe noch gegen diesen Schlag, -- und mu Selim nicht dennoch sterben? -- Er mu -- und ich und Zulma sind unglcklich, -- ja, ja, es mu sein, -- ich hre die Stimmen umher brllen, die mich zur That anmahnen. -- Er drngte sich in wthender Eil durch die Gebsche und sahe auf der Landstrae Raschid schon weit voraus, der der Stadt zueilte. Gengstigt rennt er ihm nach und strzt wie beflgelt hinter ihm her, seine Augen sahen den Weg nicht, sein Athem rchelte laut, oft bi er knirschend die Zhne zusammen. -- Endlich erreichte er ihn matt und ohne Bewutsein. -- Halt! rief er laut, -- halt an mit deiner Beute, Betrger! Raschid sahe rckwrts und erblickte Abdallah, er wollte ihm von neuem entfliehen, aber gewaltig ergriff ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zurck. -- Nein, du sollst mir nicht entrinnen, schrie er wthend, schwre hier durch einen grlichen Eid dich von Zulma los, -- oder beim Propheten! ich vergesse unsre Freundschaft, so wie du sie vergessen hast. Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug seine Arme um ihn und hielt ihn mit der Kraft eines Riesen an seine Brust geklammert. -- Zurckgerissen von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen Dunkel verschmachten, schwre Zulma ab und wirf deine frechen Wnsche hinter dir, -- ha! Selim ist _mein_ Vater, nur Vatermord kann dich Zulma's wrdig machen. Ich schwre nicht! schrie Raschid auf, -- von mir Schndlicher! fr Zulma ring' ich mit dir um Leben und Tod. -- Er versuchte es, sich mit allen Krften aus Abdallah's Armen zu schleudern, aber dieser drngte ihn zu fest an sich, Raschid bi ihn mit den Zhnen wthend in den Arm, um sich frei zu machen. -- Sie rangen unter einem dumpfen Gebrlle gegen einander, krftig warfen sie sich hin und her, die Erde drhnte unter ihren Tritten. -- Endlich warf Abdallah den ermdeten Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. -- Willst du itzt Zulma zurckgeben? schrie er und stierte ihn mit einem eisernen Blicke an. -- Nein, nein, und mt ich ewig dafr verdammt werden, nein! brllte ihm Raschid zu. -- Abdallah zog einen Dolch und stie ihn in die Brust des berwundenen, ein groer Blutstrom strzte hervor und flo ber die Erde. -- Unter krampfhaften Zuckungen starb Raschid endlich, ein Schleier zog sich ber sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag bleich und unbeweglich da. -- Abdallah stand ber ihm und betrachtete ihn mit frchterlicher Schadenfreude. -- Warum rufst du nicht mehr Zulma's Namen aus? sagte er bitterlchelnd, wirst du mir sie itzt noch abkmpfen wollen? -- Kann ich nun ruhen, ohne deine Eile zu frchten? -- Nun wirst du sie nicht gewinnen, die Wrmer nehmen dich in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o ich will es dir in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, -- Zulma ist mein! -- Ha, warum bist du im Augenblick so kalt, gleichgltig und trge geworden? -- Liebst du Zulma nicht mehr? -- verdient sie itzt nicht mehr die Huldigung deiner Wnsche? -- Ein pltzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er wandte sich und flohe mit Windesschnelligkeit zur Stadt. Fnftes Kapitel. Er strzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein Rasender durch die Straen, alles wich ihm furchtsam auf seinem Wege aus, man hielt ihn fr einen Wahnsinnigen, der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann sahe ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er schweifte wthend umher und stand itzt vor dem Pallast des Sultans. Als er hineinstrzen wollte, hielten ihn die Leibwchter zurck. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdrngen, er schrie laut, man sollte, man mte ihn zum Sultan fhren, man stie ihn wie einen Unsinnigen fort; da er aber stets von neuem und stets dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab und lie ihn in den Pallast treten. _Mehmed,_ der Vezier, begegnete ihm, Abdallah's Knie zitterten, seine Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier sahe ihn mitrauisch an und ging endlich in das Gemach des Sultans. -- Abdallah stand zitternd auf dem langen Gange vor den Thren der Zimmer, er wute nicht mehr, wer er war und was er wollte, vorbergehende Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen, wie einen niegesehenen Fremdling, er sahe scheu umher, alle fuhren vor ihm, wie vor einem Mrder zurck. Sein Zustand war frchterlich und doch wnschte er ihn verlngert, sehnlich wartete er auf die Erffnung der Thr und konnte sich diesen Augenblick nie als wirklich denken; ein wehmthiges Entsetzen, eine fremde Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erfllte, herrschte in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth und nichts verhat, er war sich selber abgestorben, in einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er sich endlich Mhe zu entdecken, warum er dort stehe und auf was er harre. -- In einzelnen Streifen brach sich der Sonnenschein durch die Fenster und er betrachtete aufmerksam die kleinen zitternden Strahlen, die sich zusammenwebten und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen von hundert Kleinigkeiten, dann sahe er wieder nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise Ahndung sprach in ihm an, als mte er sich vor ihren Blicken schmen. -- In der Ferne flog ein Schall den langen Gang hinab, mit seinem todten eiskalten Blick sah er hin, es war _Zulma,_ die mit einigen Sklavinnen dicht vor ihm vorber in ein Gemach ging, ein Schleier bedeckte ihr Gesicht, aber er erkannte ihren Gang und den Glanz ihres Auges durch die Verhllung. Alle seine gefesselten wthenden Leidenschaften wurden pltzlich von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen, er kam zu sich selber zurck und fand jedes Entsetzen in der grauenvollen Wohnung wieder. Er starrte dem Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn nicht erkannt. -- Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender Gedanke, -- und was willst du? -- Ha! die Verdammni hlt dir noch einmal die trgende Speise an der giftigen Angel hin; war es nicht _Zulma_, die vorberging? -- Es ist _meine_ Zulma, sprach er in sich weiter, sie ist _mein_, jetzt geh' ich hin und bezahle den groen Kauf, die Hlle reicht mir ihre Verschreibung. -- Jetzt, jetzt wird der frchterliche Augenblick nahen, der mich zum ernsten Verhr fordert, doch auch _er_ wird vorbergehen, die Zeit verschlingt geizig alles. -- Aber auch mein Glck wird verschwinden, es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde, Zulma _war_ mein und dann? -- Nein, nein, ich will die Zeit festschmieden und ihre Rder zerbrechen, lahm soll sie langsamer von dannen schleichen. Die Wonne der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde; wenn ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich die Hlle nicht an mich hinanwagen, ihre Schuld einzufordern, o, ich will, ich _will_ glcklich sein, -- ich will schwren, da ich nicht elend sein werde, der Fluch Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu zurck, in Zulma finde ich die Tugend und Gott, nur hier will ich anbeten, ich will mir selber Trotz bieten; die Seele ist verchtlich, die nicht Muth hat, von sich zurckzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht, nur der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung ist der Elende elend, -- ha! ich trotze dem Schicksal und der Allmacht, ich will khn schroffe Klippen erklettern und mit hohnlachendem Triumph meine Krnze aus den Schrecken pflcken, -- wer, wer kann mir verbieten glcklich zu sein? Wer will meinen frechen Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen Elend auf mich herabsprechen? -- o er versuch' es, der Ewige, -- _mich_ treffen seine Flche nicht, -- mein Glck ist meine Tugend, ohne Zulma bin ich unglcklich, -- Tugend ist ein nichtiger Schall, der verdammende Richter hat in seinem Busen nie die Menschheit gefhlt, -- ein tyrannisches Schicksal hat eherne Gesetze fr uns geschrieben, der Ewige hielt seine Erschaffenen fr Engel, -- er selber versteht die Menschheit nicht, -- darum zertrmmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen, oder er ist ein Tyrann, der die Schpfung belebte, um sich ihrer Quaalen zu freuen. -- Die Thr des Gemaches ffnete sich. Der Vezier des Sultans trat heraus und fhrte Abdallah in ein prchtiges Zimmer; Ali sa in einer kalten emprenden Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah starr entgegen; der Jngling warf sich vor ihm nieder. Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab, Abdallah wagte es nicht, die Augen aufzuheben. Seine Sinne hatten ihn verlassen, er chzte laut in einer todten Betubung. -- Was willst du? fragte ihn endlich der Sultan mit zurckschreckender Klte. Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den Knien liegen. -- Was ich will? -- antwortete er leise. -- O diesen groen, schrecklichen, einzigen Augenblick wollt' ich. -- Itzt, itzt ist er da! -- Was such' ich hier? -- Warum kam ich hierher? -- Wer bist du? Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem Unsinnigen! Sklaven nherten sich und wollten ihn hinwegfhren, Abdallah widersetzte sich ihnen stumm, -- nein, rief er endlich aus, lat mich! Ich mu hier bleiben, eine groe Entdeckung fhrte mich vor deinen Thron, darum hre mich an. -- Ali winkte, und die Sklaven entfernten sich wieder. Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du gehst nicht lebendig aus diesem Saal! Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich mu sprechen, von itzt an hab' ich keinen Willen weiter. -- O Zulma! Zulma! -- Ali, du hast ein groes Kleinod ausgeboten, du hast dem Zulma verheien, der Selim deiner Strafe ausliefern wrde. _Ali._ Ja. _Abdallah._ Wirst du dein Versprechen halten? _Ali._ Beim Propheten! _Abdallah._ O so ist sie _mein!_ ich bringe dir das Geheimni, gegen das du sie austauschen mut. Ali sprang heftig auf. -- Selim? rief er, Selim? O meine Rache lechzt nach diesem Blute, sprich es aus, wo ist er? Wo kann ich ihn finden? Abdallah schwieg. -- Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht mit neuer Macht in meinem Busen auf, foltre meine Ungeduld nicht lnger, -- oder beim Propheten -- Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. -- Hab' ich es ausgesprochen, das frchterliche Wort? O nein, nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich Sultan, sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? -- O lat mich, lat mich schweigen, meine Worte werden zu Migeburten, die meinen eignen Busen verwunden, ich bin an die Schwelle der Verdammni gekommen, o lat mich wieder rckwrts schreiten. Sein Krper zitterte in einer frchterlichen Angst, er wollte sich aufheben, aber er sank wieder kraftlos nieder. Verwegner! sprach Ali zrnend, bist du Frecher hierhergekommen! meiner zu spotten? -- Du kannst nicht wieder zurckfordern, was du gesagt hast; sprich, oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausqulen, die du mir verweigerst. -- _Abdallah._ Und es mu also sein? die frchterliche Frage ist nun auf ewig entschieden? -- Nun so sei es denn! Er hob sich mhsam auf, seine Stimme zitterte, sein Gesicht war bleich, sein Blick starr. -- Er beschrieb dem wthenden Ali den Pfad, der zu der Wohnung Selims fhrte, er nannte ihm die Zeichen, an denen man den Weg erkennen knnte. Ali befahl seiner Leibwache, diesen Weg aufzusuchen und Selim zu ihm zu fhren. -- Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem Saal hinauswanken. Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst hier, bis die Abgeordneten zurckkommen; sind deine Nachrichten Lgner gewesen, so soll dein Leben fr deine Frechheit ben. Abdallah blieb zurck und sahe wieder starr vor sich nieder. _Ali._ Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde dieser Tag als ein Fest gefeiert, Jubelgesnge sollen durch den Pallast jauchzen, durch die ganze Stadt eine laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte, hat noch kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft, wie noch kein Sterblicher gestraft worden ist. Ich will darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen meinen Launen will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben, heut will ich nach langer Zeit wieder frhlich sein. Frchterlich will ich unter meine Feinde treten, alles um mich her will ich verwsten, was mich hat. Auf Liebe darf ich nicht mehr hoffen, aber _frchten_ soll man mich immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen, da man mich ungestraft verachten drfte. -- Ich will den Trotzigen zittern sehn und sollt' ich mein Gehirn mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim lugnet mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen Tiger in mir finden. Nur durch Martern will ich zu ihm sprechen, die Folter soll mein Dolmetscher sein. Bebend hrte Abdallah die Worte Ali's, er sahe ihn mit einem stieren Blicke an, kalt und ohne Leben wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali fuhr zornig fort: O da das Leben nicht meinem Rufe gehorcht, _ein_ Tod ist zu wenig, um diesen Frevel abzuben, ich wollte ihn mit Flammengeieln durch hundert Tode und Leben peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen, bis er in Demuth zitternd um Gnade flehte und den letzten Tod als ein Geschenk erwinselte. -- Hat der Bsewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein Bettler gegen ihn? Und mit niedrigem Neide steht er auf, mir auch das letzte zu stehlen, das Leben, ein Gut, das er verachtet, das einzige, was mir nur brig blieb, da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen haben. Meine einzige Perl? -- O dafr soll er keine Verzeihung finden, und wenn er mir alle Schtze seines Busens wie einem Erben hinterlassen knnte. Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, lnger konnte er sie nicht ertragen, er ri mit Gewalt seinen Geist von diesen grlichen Vorstellungen zurck. Und _Zulma_? fragte er mit zitternder Stimme. _Ali._ Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist mein Sohn, mein ganzes Reich soll es erfahren, da du mein Sohn bist. -- O ich bin glcklich, da diese Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache geworden ist, durch diese _eine_ That belohnt sie meine vterliche Zrtlichkeit. Zulma mein? -- stammelte Abdallah. -- Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen Namen noch nicht genannt. Abdallah fuhr erschrocken auf. -- Wer? schrie er laut. O da ich es vergessen drfte! da dies Andenken sich nicht so frchterlich an mich hinge! -- Ha! wer bin ich? -- -- Nein, kein Mensch, kein Thier, kein Teufel, -- o hinweg mit der Schaam! selbst diese geziemt dem Verworfenen nicht mehr. -- _Ich bin sein Sohn._ Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf. -- Ich war einst Abdallah, antwortete er. Ali fuhr bleich zurck, erblassend sah sich das Gefolge des Sultans an, ein starres Entsetzen bemchtigte sich eines jeden, man betrachtete den Jngling als ein fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter, auf ewig entlaufen sei. Ihr fahrt zurck? sagte Abdallah. -- Selbst Ali erblat, vor dem schchtern jede menschliche Empfindung zurckbebt, ha dieser Blitzstrahl dringt allmchtig durch den steinernen Harnisch seines Busens! er fhlt es, er freut sich, da er ein Mensch ist! Wie war es denn mglich, da ich ber diese unermeliche Kluft sprang und nicht im Springen zerschmettert wurde? -- Nun steh' ich jenseit und strecke die Arme nach der Vergangenheit aus. -- Ha! warum erblat ihr? -- Ihr fahrt zurck wie vor einem Verbrecher, der an die letzte frchterliche Grnze aller Laster gekommen ist, ihr scheut euch mich Bruder zu nennen, -- ach, ein hartes Verhngni weht mich wie einen Staub umher, ich mu der sein, der ich bin. -- Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. -- Ich nannte dich so eben Sohn, sagte er langsam und leise, -- Zulma bleibt dir, -- aber mein _Sohn_ kannst du nicht werden. -- _Abdallah._ Weil ich diesen Namen auf ewig gebrandmarkt habe, ha! Vter werden bei diesem Ton zusammenfahren und Mtter schaudern; seit Abdallah seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gefhl durch die Brust der ltern, die Hlle jauchzt, der Himmel weint, Greise wetzen Dolche fr den ungebornen Enkel, mein bser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen und steht mssig zu meiner Rechten, diese That endigt das Verzeichnis meiner Snden; alles, was ich nun noch thun kann, ist nichtswrdig gegen diesen glnzenden Triumph. Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter: Nun ich ber den Grnzstein ausgeschritten bin, o Himmel, nun ich jenseit aller Menschen wohne, o so nimm mir auch das Bewutsein und meine Gedanken, -- was sollen sie mir dort in der verbrannten Wildni? -- Gie den Wahnsinn in vollen glhenden Schalen auf mich herab! -- Itzt, itzt kann ich wahnsinnig werden, ich fhl' es, -- ich gebe dir den Funken zurck, den du mir grausam geliehen hast. -- Aber das Schicksal ruft frchterlich: Nein! Ja mir selbst wchst unaufhrlich der Schierling, der mich in Todeskrmpfen zittern lt, zum Bewutsein verdammt zieh' ich selber die Feuerflammen und Verdammniquaalen um mich herum, dieser Geist ist meine Hlle und giebt mich nie wieder frei. -- Itzt ist auch die letzte, die traurigste Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die Verzweiflung berstanden und bin noch der ich war; o warum ist unsre Tugend und Ruhe nicht so felsenhart und unzerbrechlich, als dies kalte qulende Bewutsein? Unglcklicher! sagte Ali, wie war es mglich -- Abdallah unterbrach ihn: -- Kann ich es selbst begreifen? das Verhngni und Zulma, -- ich habe diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich mich selbst dabei verspielte? -- Zulma, Zulma soll es mir alles ersetzen, ha! oder ich will einst den Richter jenseit bitter anklagen, da er mich um mein Leben betrog, da er mir hmisch einen groen Tausch anbot -- und mich schadenfroh hinterging -- Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! du lsterst den Herrn, Elender! -- Was hilft es, da du gegen die Last kmpfest, du wirst sie niemals abwerfen. -- Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward milder, sein Auge menschlicher. Er dachte ber einen Gedanken nach, der ihn wehmthig machte. Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu seinem Vezier. -- Wer tadelt mich nun noch, da ich die Menschheit verachte? Wer darf noch murren, wenn ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gltig anerkennen will? -- Sie selber sendet einen aus ihrer Mitte, der ihre schwarze Verrtherei entdeckt, der den verchtlichen Betrug entlarvt. Bis itzt hab' ich noch immer gefrchtet, an diesem Geschlecht zu irren, aber nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin berzeugt! Was hat Selim von mir gewollt, da sein Sohn, den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine Stimme schreit? -- Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verchtlichkeit und Meineid mir warnend auf der Grnze entgegenkommen? diesen Bothschafter hier nennen sie selber tugendhaft und er schlgt das Vermgen unter, das sie ihm anvertrauten und entluft knechtisch mit seiner Beute. -- O hinweg von mir, was sich mit dem Namen Mensch brstet! Ihr Stolz ist Niedrigkeit, ihre Tugenden sind nur unterdrckte Verbrechen, von itzt sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, der sich durch keinen blendenden Glanz bestechen lt. Ich will ihren Stolz verfolgen, bis er zur Demuth wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswrdigkeit der Hlle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie fr die ewige Verdammni gefangen nehmen. Selim hate mich, weil ich die Menschheit hate, weil ich sie nicht lieben konnte, wollte er das Band meines Lebens zerreissen, diesen hat er fr seine Menschheit erzogen und er verlugnet sie auf ewig. -- Mit Selim will ich mein strenges Amt beginnen, statt zu verachten will ich das Siegel itzt _verhhnen_, auf das diese Elenden so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, ber ihre allgemeine Vernichtung wrde die Erde und der Himmel jauchzen. Selim ist die erste Beute, die mir aus dieser schndlichen Rotte zugeworfen wird, an ihm will ich dreist sndigen, an ihm sollen sie eine Probe ihrer Verfolgung sehn und zittern. -- Kmmt er noch nicht? Ich schmachte nach seinem Anblick, itzt will ich ihm mit Khnheit entgegengehn, denn unser groer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage gewonnen, er soll zusammenfahren. Alle Quaalen will ich an ihm ermden und ihn dann erst des Spielwerks berdrssig, in die Vernichtung werfen. Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er hatte kaum Ali's Worte verstanden. Pltzlich brach wieder ein Ton durch die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet unter den flchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf. Mchte des Himmels! rief er pltzlich in lauter Angst, -- was, _was_ hab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? -- Wer ist es, der aus meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstrt seine Wohnung, o knnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! -- Nein, dies hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner Seele hat noch kein Sterblicher erduldet. Er strzte wthend nieder. Allmchtiger! rief er. -- _Was_ hab' ich gethan? -- Vernichte mich, Grlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! -- Nur einen, einen Donner auf mein Haupt, la ihn zerstrend durch mein Herz rollen und den Blitz durch diese Brust flammen, -- wirf mich in die Hlle hinab, nur rette mich von _diesem_ Gefhl, la die Verdammni mich nur von _dieser_ Quaal erlsen! -- Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich pltzlich auf und finde mich in eine Todtengruft verirrt. -- Reit mit glhenden Ketten, mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der wthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beit! -- Beschtzt mich Geister der Hlle und schlagt diese Erinnerungen zurck, die zu mir hinanspringen! -- O Ali, Ali, -- ruf deine Henker und la mich vernichten, wenn noch ein einziges Menschengefhl unter den vermoderten Ruinen liegt, -- findest du nur noch eins, das letzte, o so la mich sterben. -- Ali sahe kalt auf ihn herab. -- Du sollst leben, sagte er. _Abdallah._ Leben? -- Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben, ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von der zerrissenen Harmonie in dir sprst, wenn meine Quaal dir denkbar ist, -- o so la ihn nicht sterben, gnne dir selber diesen ersten groen Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, -- und wenn dich dein Gefhl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen. _Ali._ Selim mu sterben. -- _Abdallah._ Sterben? -- O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das sich meine ganze Seligkeit gehngt hat. -- _Sterben?_ -- Fhlst du, was ich in diesem einzigen Wort verliere? -- mehr, als mir tausend Kronen ersetzen knnen, mehr als diese Erde werth ist. -- O Ali, denke den groen Gedanken, durch _einen_ Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Gte den Himmel schenkt, der gromthig mich aus der Hlle nimmt und sie verschliet, -- o Ali, _sterben_ kann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, -- aber dann steht die ganze Schpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht wieder fesseln, der flchtig den Krper verlie, -- nur die Allmacht kann zu ihm wieder sagen: _lebe_! O Ali, du darfst itzt des Allmchtigen Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei gromthig, sei menschlich. -- _Ali._ Er mu sterben. -- _Abdallah._ Nein, la ihn den Wink des Ewigen erwarten. -- Du findest ihn dort einst wieder: la ihn dir als Freund entgegengehn. Wnsch' es, da du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet findest. _Ali._ Nein, er mu sterben, _heut_ sterben. -- Wer bist du mir? Und fr dich sollt' ich diese Freude verloren geben? -- _Abdallah._ Sterben? und unter Martern sterben? -- Nichts kann diesen frchterlichen Ausspruch vernichten? -- Unter Martern, die bis in die fernsten Pulse der menschlichen Natur zucken? -- Nun so hufe Quaal auf Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf Schmerzen, trinke sein Blut und la dir seine Gebeine vorsetzen, flle das Maa meiner Verdammni bis oben an, da auch keine Faser von mir der Hlle entrinne. -- Nun es Flche gilt, o so strme die Unendlichkeit mit Millionen Flchen auf mich ein, -- nun bin ich einmal tief hinein in Raserei verirrt, nun mag kommen was da will. -- Siehe, Grlicher, nun zittre ich nicht mehr, nun scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, so verworfen ich bin, so fhl' ich doch noch, da _ich_ ihm verzeihen wrde. -- Ich unternahm das frchterliche Spiel, um mein Glck, um Zulma zu gewinnen, -- du aber stehst von deiner Felsenklte gepanzert da -- und freust dich blo der Todesquaalen. Du gewinnst durch seine Schmerzen nichts und ich verliere alles. -- O nun drnge sich Verderben auf Verderben, nun die Wrfel einmal gefallen sind, nun strze der Himmel und die Erde zusammen und begrabe alles in _eine_ Hlle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast meine Geduld verspottet und mich zur frchterlichen Grnze des Wahnsinns gerissen und nun trotz' ich dir und Gott. Was kann ich noch frchten, da ich selbst mein grtes Entsetzen bin? -- Ich knnte frech den Ewigen zum Zweikampf fordern und fluchend niedersinken. -- Er strzte zu Boden, brllte laut und schlug heftig mit den Fusten seine Brust, der Vezier trat hinzu und wollte ihn hinwegreissen, aber Ali hielt ihn zurck. -- La ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lcheln, mich ergtzt die Ohnmacht dieses Wurms. Er mchte sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein Bewutsein an sein Verbrechen geschmiedet. -- Sieh, dies ist der Mensch, der Wiederschein des Ewigen. -- Sieh, wie er in der Wuth sich wlzt und wie ein Rasender brllt, -- wrdest du ihn dir als einen Edelstein unter verchtlichen Gewrmen hervorlesen? La ihn liegen, -- o beklage mich, da ich zum _Menschen_ ward, ich schme mich meiner selbst! Abdallah's Bewutsein kam zurck. -- Derselbe Leichnamsblick kmmt mir wieder entgegen? sprach er matt und leise. -- Sieht so ein Mensch aus? -- O dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde sie mitleidiger finden, als dich. _Ali._ Ich bedaure dich. -- _Abdallah._ Es ist nicht mglich, -- dann wrde dein Auge eine andre Sprache reden. _Ali._ Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das mit dir einen Rang in der Schpfung hat, ich bemitleide mich selbst und darum bedaure ich dich. Weil ich euch verachte, will ich deinem Vater die Quaalen erlassen, mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, auch ihre Schmerzen knnen mich nicht vergngen. Stehe auf, ich erlasse sie ihm. Abdallah stand langsam auf, er ging betubt zurck und stand ohne Bewutsein und Gedanken an die marmorne Mauer gelehnt, Ali sahe starr vor sich nieder. Es erhob sich ein Gerusch im Hofe des Pallastes, der Vezier eilte an's Fenster. Was ist dort? fragte Ali. -- Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache hereingefhrt. -- Wie stolz der Verwegene seine Ketten trgt! -- Man hrte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus seinem Todtenschlafe auf. -- Ketten? sagte er leise. -- Ketten? -- O wohin soll ich mich verbergen? -- Das Gerusch kam nher, Abdallah drckte sich fester an die Mauer und bedeckte mit den Hnden das Gesicht. * * * * * Sechstes Kapitel. Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali fhrte. Er stellte sich stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blick an; Selim hielt unerschrocken diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen. Du bist mein! rief Ali aus. -- Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat es so gewollt. _Ali._ Und du zitterst nicht? _Selim._ Nein. -- _Ali._ Da du in meiner Gewalt bist? -- _Selim._ Was soll ich frchten? Du hast die Gewalt mich zu tdten und ich wnsche den Tod. -- _Ali._ Auch einen martervollen Tod? _Selim._ Endlich mu doch die _letzte_ Marter zu mir kommen, die mich mitleidig frei macht. Wie soll ich Martern frchten, wenn sie nicht ewig dauren? -- Wie kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle Stunden scheuen? -- _Ali._ Du wnschest den Tod und dies knnte mich versuchen, dich nicht zu tdten. _Selim._ Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es keine Freude, keine Hoffnung mehr. Ich mag nicht in einer Welt leben, wo dein Wille, dein Befehl alle Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit grerer Kaltbltigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod auszusprechen. -- Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; da ich sterben konnte, da du Sieger sein konntest, diese Mglichkeit hatte ich nicht vergessen und darum bin ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefat, entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. -- _Ali._ Du httest mich dem Tode bergeben? _Selim._ Ja, denn du machst dein Volk unglcklich und es verdient glcklich zu sein. -- _Ali._ Du httest mich unter Martern sterben lassen. _Selim._ Nein, fr _dich_ wre der Tod die grte Strafe gewesen. _Ali._ Du verachtest mich? _Selim._ Lehre mich, wie ich dich ehren kann. -- _Ali._ Du kannst mich hassen, nur verachten sollst du mich nicht. -- _Selim._ Nimm mir meine Meinung. _Ali._ Du wirst zittern! _Selim._ Vor dir? -- Niemals! -- dies ist also der Ali, vor dem Asien bebt? das Schrecken des Volks, der Mann, mit dessen Namen Mtter ihre Kinder zur Ruhe bringen? -- Ich htte ihn schrecklicher geglaubt. -- Dies ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die Hand, auf deren Wink das Leben wie ein Hauch entflieht? -- O versperre dich, Sultan, in deinem Pallaste, werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin kommen, da keiner vor dir zittert. _Ali._ Du wagst es, mich zu verspotten? _Selim._ Was kann ich wagen? -- Das Leben hass' ich, so wie ich dich hasse, deine Martern veracht' ich, wie ich dich verachte, -- nenne mir ein Wort, das die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der mich erzittern macht; du kannst es nicht. -- Sieh, ich bin ber dir und ber dem Schicksal erhaben. -- O sieh' mich nicht so drohend an, dein Blick fllt vergebens so flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher, ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trg' ich nicht diese Ketten, o so mtest du in _meiner_ Gegenwart zittern, ein Verrther hat dir dies Zittern erspart, ein Verrther hat meinen Vorsatz vernichtet, auf ihn komme das Elend des Volks, nicht ber dich. -- _Ali._ Nicht ber mich? _Selim._ Nein, -- du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth, Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schtze kannst du sie nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von dem Gefhl, das den Menschen zum Menschen erhebt, -- und darum bemitleid' ich dich, darum verzeih' ich dir. _Ali._ Verworfner? du verzeihst mir? -- Welcher Stolz spricht aus diesem Sklaven? -- Fhrt ihn hinweg! Die Leibwache wollte ihn wegfhren, als Selim sich noch einmal zu Ali wandte: -- Und was gewinnst du mit meinem Tode? -- sprach er mit fester Stimme, wird dein Zittern enden mit diesem Schlag? -- Wirst du weniger beim Schall des Windes und vor deinem Schatten zurckschrecken? -- Die Tyrannen tragen ihre Strafe in ihrem eigenen Busen. -- Dein Volk hat dich und du weit es, die Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. -- Hartnckig ringst du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelentrgheit herauszureissen, -- aber du vermagst es nicht. -- Ich sterbe und du lebst, -- aber beim Allmchtigen! ich mchte dein Schicksal nicht mit dem meinigen vertauschen! -- Schon da ich _dich_ im Tode verliere, ist ein Gewinn, ein Leben, ber das _du_ in jeder Stunde gebieten kannst, ist kein Gut fr mich, ein Glck, das von dir abhngt, kann kein Glck sein. -- Und welches Leben, welches Glck bleibt _dir_ zurck? o sieh in die Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wste. -- Ohne lieben zu knnen und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt, ein ewiger Durst, der nie eine lschende Quelle findet. -- Deine Brust ist hohl, du schmst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten, treulos haben sie dich alle verlassen. -- So lebst du -- und stirbst endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stndlich Freuden und vertraust dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, -- du bist nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, -- Und darum, weil ich dich bemitleide, verzeih' ich dir! Ali stand nachdenkend. -- Noch drut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch, -- aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. -- Unaufhaltsam bricht der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer nher, armselig wird deine Schreckensstimme in dem Brllen der Orkane verwehen, dann, -- o sie kann nicht fern sein, diese Zeit, -- dann fhlt die Menschheit ihre groe Kraft und fhlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem furchtbaren Klang und du zitterst! -- Dann lscht kein Mord die hellen Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit fordert ihre ewigen Rechte zurck; -- ich kann ruhig sterben, denn diese Zukunft lacht mir entgegen. Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte hervor und strzte vor seinem Vater nieder. -- Du hier? fragte Selim freundlich; glcklich, da ich dich gefunden habe, mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der Abschied von dir diese Reise erschweren. -- Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen gewaltsam, seine Brust rchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater hinauf. Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. -- Er umarmte ihn. -- Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder von dir, den ich voreilig ber dich ausgesprochen habe, wenn ich _dir_ fluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurck? -- Nein, Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. -- O vergieb dem Vater, der vom Zorne bereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! -- Vater! Vater! schrie Abdallah laut, -- dein Segen brennt glhend auf meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurck, er machte mich glcklich. Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend machen willst. -- _Selim._ Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat dich mein Unglck in diese Wuth gesetzt? -- o la mich, ich sterbe freudig. Ehre das Andenken deines Vaters und Abubekers Tochter werde deine Gattin. _Abdallah._ Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! die Hlle ist mein Paradies; Flche sind meine Freude! _Selim._ Ich mute ja doch bald sterben, Abdallah, -- la mich, du bist nicht Schuld an meinem Tode, wir sehn uns einst wieder. _Abdallah._ Nein, nein! du bist mir ewig, ewig verloren; wir sehn uns nie wieder, ach! du weit nicht -- _Selim._ Wir wollen Abschied nehmen, nur auf ein Menschenalter. Ich lasse dir meinen besten Segen zurck, mein Geist wird ber dir wachen, meine Seele der Wchter deines Glcks sein. Ich will der Gehlfe deines guten Engels werden, -- nur verzeih meine Hrte, geliebter Sohn, mit der ich heut am Morgen mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. -- Abdallah schlo sich ohne Bewutsein krampfhaft an seinen Vater, Selim hielt ihn in seinen Armen und sahe wehmthig auf ihn hin. -- Komm zurck, sagte er zrtlich, denn ich mu scheiden, von dir und von dieser Welt; ich habe genug gelebt, bleibe du zurck, entfliehe von hier und suche dir ein besseres Vaterland, hasse den Bsewicht und liebe den Tugendhaften, ehre Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens gegen dich anstrmen; du wirst in dir selber stets eine unversiegbare Quelle von Glck entdecken, das dir kein Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an den Edlen reicht das Unglck nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit, kein Bsewicht kann ihn niederdrcken, er lebt und geht aus dem Leben hinaus ohne zu klagen, denn er wei, da er dort den Lohn seines Edelmuths empfngt. -- Nimm mich mit dir! rief Abdallah. -- An deiner Seite wird man es nicht wagen, mich vom Eingange des Paradieses zu verscheuchen. O la mich mit dir sterben! _Selim._ Nein, Abdallah, du bleibst zurck, bis dich der Richter fordert, bis die Jahre ihren Kreis gemacht haben, bis die Welle deines Lebens in das groe Meer der Ewigkeit fliet, -- bis dahin sei ruhig, wir sehn uns wieder. -- Trste dich mit dem schnen Augenblick, in welchem ich freudig meinem Sohn entgegen gehen werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe unzertrennlich verbindet; wo wir uns mit Lcheln von den hiesigen Trumen erzhlen, -- o halte mich nicht lnger von diesem schnen Aufenthalt zurck, der Tod ist nur eine Brcke, die mich dorthin fhrt, -- Lebe wohl! -- Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser hing sich fest an seinen Vater. -- Ich lasse dich nicht, ich kann dich nicht lassen, schrie er wthend, fluche mir und ich gebe dich frei, bergieb mich der Hlle und ich will dich dem Paradiese lassen. -- Vater, du weit nicht, wen du in deinen Armen hltst. Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete Selim. -- Als du mir heut zrntest, antwortete Abdallah, als du mir fluchtest, da liebt' ich dich, da warst du mein gtiger Vater, hinweg! itzt mu ich dich hassen, denn du labst dich an meiner Hllenpein. Abdallah stie seinen Vater wthend von sich, Selim sahe ihn befremdet an. -- Ist das mein Sohn? sprach er leise. -- Welcher bse Engel spricht aus deinem Munde? _Abdallah._ O erst hast du mich in die Verdammni tief hineingestoen, dein Arm ist zu schwach, mich wieder zurckzureissen, dein Segen wird den Fluch nicht von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand nicht lschen. _Selim._ Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig gemacht, geliebter Sohn? -- Komm aus deiner Raserei zurck, ich mu fort, lebe wohl. Er umarmte ihn noch einmal zrtlich, sein Ku ruhte lange auf den Lippen seines Sohnes, Abdallah lag erschpft in seinen Armen, sein Auge hing matt an den Blicken seines Vaters. -- Lebe wohl, sagte der Jngling schluchzend. Thrnen strzten ber seine Wangen. Sein Vater wollte ihn verlassen, er drckte stumm die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest in der seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm los, Abdallah taumelte zurck und sank gefhllos gegen die Mauer. -- Auch _dies_ hab' ich berstanden, sagte Selim, und wandte sich zu Ali, dies war die Marter, die mir meinen Tod schmerzhaft machte; itzt magst du dich an meinen Schmerzen ergtzen und kein Sthnen, kein chzen soll dir einen schadenfrohen Triumph gnnen. -- Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an. -- Du glaubst, fragte er ihn hhnisch, nichts kann dich mehr erschttern, nun dieser Abschied vorber ist? _Selim._ Nichts. -- _Ali._ Hte dich, da ich dich nicht schaamroth mache und du als ein Lgner vor mir stehst. _Selim._ Ich wiederhole es, nun mag kommen, was da will, ich will ihm mit festem Auge in's Angesicht sehen. -- _Ali._ Du stirbst gern? -- _Selim._ Ja. _Ali._ Du liebst, du achtest die Menschheit? _Selim._ Wrd' ich _dich_ sonst je haben hassen knnen? -- Ja, knntest du mir diesen Glauben an die Menschheit nehmen, dann wrd' ich dich fr meinen Sieger anerkennen, dann, nicht eher, wrd' ich mein Leben bereuen, dann, dann htt' ich umsonst gelebt, dann wre mein Stolz eine verchtliche Traumgestalt, die Arbeit meines Lebens ein nichtiges Kinderspiel gewesen, ich wrde die Stunden zurckwnschen, in denen ich Menschenglck aufbaute und an dem Reichthum meiner Seele sammelte, _dann_ wrd' ich wnschen, Ali gewesen zu sein. _Ali._ Und wenn ich dich nun dahin bringen knnte? Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, -- dann, sagte er schchtern, dann wrd' ich vor dir zittern. -- Aber nein, unmglich, diesen Glauben kannst du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was willst du von ihrem Adel wissen? -- Ali lchelte ihn hhnisch an. -- Bist du nicht neugierig, den kennen zu lernen, der mir deinen Aufenthalt verrieth? fragte er mit funkelnden Blicken. Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen, sei es, wer es wolle. Ali ergriff die Hand Selims und fhrte ihn dann zu Abdallah. -- Dieser ist es! sagte er schnell. Selim fuhr bla zurck. -- Soll ich dieser Lge glauben? sagte er nach einigem Stillschweigen; nein, Ali, dazu ist sie nicht fein genug ersonnen. Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher Miene. _Selim._ O Lgner, sieh dies Auge, diese entstellten Zge, diese Todesblsse, und wiederhole dann deine Worte noch einmal. _Ali._ O dann wre mein Triumph noch tausendmal herrlicher, wenn er itzt nicht bereute. -- Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick auf Abdallah hin; Abdallah schlug die Augen nieder, alle seine Glieder zitterten. Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim auf. -- Nicht mit _einem_ Ton, durch _einen_ Blick widerlegt er diese grliche Lge? -- Soll ich dies Stillschweigen fr Bewutsein halten? Abdallah drngte sich fester an die Mauer, er wnschte, da ihn die Erde verschlingen mchte und schwieg. Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. -- O wenn ich _hier_ zweifeln soll, dann ist alles, was ich glaubte, Irrthum, dann -- o ich Unglckseliger! -- dann Ali, geb' ich mich besiegt. -- O Himmel! Abdallah! Abdallah! sprich zu deinem Vater, hre meine letzte Bitte. -- Er fate die Hand Abdallah's. -- Sprich, und zerrisse der Ton mein Ohr, nur _eine_ Sylbe, nur _einen_ Athemzug: sprach er Wahrheit? -- Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte strker, sein Busen kochte, mit matter stockender Stimme stammelte er endlich: Ja! Ja? -- sagte Selim und lie pltzlich seine Hand niederfallen. -- Ja? -- Nun dann bin ich von einem tiefen Schlaf erwacht. -- Auch _dir_ hab' ich verziehen. -- Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. -- Auf _diese_ Verdammni httest du nicht gerathen und httest du dein Gehirn zersprengen sollen? fragte er ihn boshaft. -- Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehrt zu den Edelsten der Menschheit? -- Sieh, dies sind die _Verehrungswrdigen_ unter der Natterbrut. Selim, nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim Ewigen schwur, ist kein Meineid, -- ich habe, was ich wollte, ich sehe dich _zittern_! Ein Fieberschauer schttelte Selims Gebeine. Ich habe die Menschheit nie gekannt, sagte er sehr ernst. -- Noch einmal sahe er mit starrem Auge nach seinem Sohn, dann verlie er stumm den Saal, -- die Leibwache folgte ihm. -- Ali sahe ihm schadenfroh nach. -- Ich bin gercht! sprach er freudig, fr die Menschheit hat er gekmpft und sie fllt in seiner letzten Stunde treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen bittern Kelch reichen! So gro htt' ich meinen Sieg nie getrumt. -- Er wagte es nicht, mich anzusehen, -- nun kann ich ihn verachten! Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein Gesicht war todtenbleich, alle Glieder in einer frchterlichen Erschlaffung erstarrt, man sahe kaum, da er Athem holte. Verloren! verloren! schrie er dann pltzlich. -- Er schwieg wieder, alles war still, nur zuweilen tnte ein abgerissener brllender Schrei Abdallah's durch den Saal. -- Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust, tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick zugleich, Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen strmten durch seine Seele. -- Mein Vater! mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter Stimme. -- O dies war sein letzter Blick! -- dies! -- o Ewiger, warum starb ich nicht vor diesem Blick? -- Er hat mir vergeben? -- Nein, eine heihungrige Quaal nagt an mir. Alles ist zerstrt und vernichtet, o mein Vater! -- Stille, da ich diesen Namen nicht nenne! Vater? -- Ich bin kein Sohn, ich habe keinen Vater! -- Nein, wie Abdallah sieht kein Sohn aus, -- ich bin von der Menschheit ausgestoen! Teufel sind meine Brder, die Hlle ist meine Heimath. Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, Ali winkte ihm: man gebe ihm den Trank noch nicht, sagte er. Der Sklave ging. In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem Vater der Tod gebracht! -- Ha, wie die bsen Engel alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehre ich ihnen leibeigen, nichts wird mich loskaufen. -- Mein Name ist aus der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch der Verdammni steh' ich eingeschrieben, -- bald wird mir die frchterliche Rechnung vorgelesen werden! -- -- Ali ging ihm nher und sagte: Verweile hier, ich gehe um Selim sterben zu sehn. -- Itzt wird er den Giftbecher nicht so muthig, so verchtlich leeren. Hhnisch lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner Thaten und seiner Begeistrung schmen. -- Diese Wonne will ich mir nicht versagen. Ali ging und der Vezier und die brigen begleiteten ihn. -- Abdallah blieb in dem weiten Saal allein, alles um ihn her schien ihn mit frchterlichen Gesichtern anzublicken, er stie wthend seinen Kopf gegen die Mauer. Itzt! itzt! -- sprach er leise, -- itzt trinkt er den Becher, itzt lachen Ali und sein schndliches Gefolge ber die Todeszuckungen meines Vaters; Selim denkt an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch schrecklichern Krmpfen. -- O Abdallah! Abdallah! -- Wardst du darum geboren? -- O nun ist jenes frchterliche Ziel herangerckt! -- Auf ewig, auf ewig bin ich verloren! -- Selim! -- Abdallah! -- Die ganze Natur wird in ihr Chaos zurckspringen, denn die Liebe ist todt, alle Elemente werden von neuem feindselig gegen einander kmpfen und die Welt in Trmmern schlagen. -- O warum gerade _ich_, unter Millionen ich der Verworfene, der seinen Vater ermorden mu? -- Nur _ich_? -- In diesem Gedanken grinst mich die ganze Hlle an. Er stand von neuem in einer dumpfen Betubung. Siebentes Kapitel. Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er ihn sahe und strzte sich wild in seine Arme. Rettung! Rettung! schrie er heftig. -- Omar, rei mich durch deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert; o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so unbeschtzt allen diesen frchterlichen Quaalen berlassen? -- Bin ich deiner Hlfe nicht mehr werth? Liebt kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit untreu geworden ist? -- Omar! rette mich vor mir selbst! sieh, ich bin fast wahnsinnig, o knnt' ich es ganz werden, ich wre glcklich! Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich nicht _so_ zu finden. _Abdallah._ Nicht so? -- O und wie anders? Wie kann ich anders sein? -- Wundre dich, da du mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat noch mit so vielen Martern gerungen. -- Ich sollte ruhig sein, itzt, da mein Vater unter grlichen Schmerzen knirscht? -- _Omar._ Er leidet nicht mehr. -- _Abdallah._ Itzt? _Omar._ Er ist todt! _Abdallah._ Todt? -- Todt? -- Er war und ist nicht mehr. Todt? O wie viel liegt in dem armseligen kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen abgebt. -- Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar vergeblich zu zerstreuen suchte. -- Ich habe ihn gehabt, fuhr er dann fort. -- _Gehabt?_ -- O Himmel, mein Vater, den ich so zrtlich liebte, der mich so innigst liebte, _dieser_ ist _todt_. Von seinem Sohne geschlachtet, hingegeben der Mordgier durch Abdallah. -- Ach, Omar! Omar! -- So eben htt' ich durch Zulma seine Martern abkaufen mgen und nun klag' ich darber, da er sie nicht mehr fhlt. -- _Omar._ Sei weise, Abdallah. La das, was vergangen ist, vergangen sein. -- Was hast du gewonnen, wenn dich diese Gedanken ewig qulen? Zweifle an allem was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine Hoffnungen kommen dir gekrnt entgegen, siehe, es fehlt keine in ihrem feierlichen Zuge, geh mit heitrer Stirn auf sie zu, wie es dem Glcklichen ziemt. -- Hinweg mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Brutigam, der seine Braut erwartet; Tausende sind unglcklich, ohne des Glcks zu genieen, das dein ist. _Zulma_! rufe diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurcktreten, feigherzig entflieht dann jeder Kummer. _Abdallah._ Zulma? -- O das war eine Seligkeit, auf die ich einst so sehnlichst hoffte, aber auch dieser Strahl ist hinter Wolken untergegangen, auch diese Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. -- Du zeigst, um mich zu trsten, auf ein Grabmal hin, in welchem ein Freund schlummert, der einst meine Wonne war. _Omar._ O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, ruf nur einen Strahl jener Entzckungen zurck, mit denen du ehemals ihren Namen dachtest. -- _Abdallah._ Ach Omar, sie wird mir ein ewiges Verzeichni meiner Verbrechen sein, alle beseligenden Gefhle sind auf ewig von mir hinweggeflohen, nur die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knpfen sich an jedes Wesen, an jede Erwartung. -- _Omar._ Rei dich aus dieser trgen Seelentaubheit, zeige den Schaudern eine Heldenbrust, und sie werden zurckstrzen! _Abdallah._ Nein, Omar, auf welche Freude darf der Vatermrder rechnen? Jedem andern Verbrecher verzeiht der gtige Himmel einst, aber des Vatermrders Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel wrden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones erbleichen. Seit Ewigkeiten ward ich ausgelesen, ein Spott des grausen Verhngnisses zu sein und dies frchterliche Spiel wird sich niemals enden. -- Ach! knnt' ich wieder werden was ich war, knnt' ich zu dir sagen: weck mich auf! und ich erwachte dann und alles, alles wre nur ein Traum gewesen, stnde dann der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, wrst du derselbe Omar, der du ehedem warst, -- ach! als ich deine Lehren noch mit kindlicher Unbefangenheit in mich sog, als ein zrnender Blick meines Vaters oder von dir das Unglck dieser Erde fr mich war, als ich froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des Morgens mich zu neuen Freuden weckte, als ich mich so unbesorgt und mit kindlichem Lcheln jedem Tage berlie, der mich dem folgenden berlieferte, -- o wann kann ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist dieser Abdallah so pltzlich jenseit aller Verbrechen und Laster geschleudert? -- Himmel! wie nahe liegt mir die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken _Mrder_ zurckbebte? -- Und _selbst_ ein Mrder sein und der verworfenste von allen Mrdern, _Vatermrder!_ -- o drft' ich an die Unmglichkeit glauben, drft' ich der Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit mir selber wieder vershnen. -- Aber nein, es ist! Nicht wahr, Omar, es ist? -- _Omar._ Es war. _Abdallah._ Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmchtige selbst kann mein Verbrechen nicht von mir wieder abkaufen. -- Ach, Omar, als mein Vater hrte, da sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, -- ach, da sahe er mich mit einem Blicke an, -- o es war ein entsetzlicher Blick, nie wird meine Einbildung diesen Blick verlieren, keine Stunde meines Lebens war mir noch so frchterlich, als diese, noch nie war meine Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick des Auges; alles Entsetzen lag darin. La mich nur diesen Blick vergessen, Omar, und ich will das freche Versprechen wagen, alles brige zu vergessen! _Omar._ Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir selbst. -- Ali und sein Gefolge kamen zurck. -- Auch keinen Schrei konnte ihm der Tod auspressen, sagte Ali mrrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein Leben, er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum Schlafen auf sein Lager wirft; der Schmerz whlte in allen seinen Zgen und trieb seine Glieder frchterlich geschwollen auf, aber er sahe dem grlichen Anblick wie einem Spiele zu. -- Auch kein Seufzer ist ihm entschlpft. Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die den betubten Abdallah in ein Bad fhrten. In Trumen verloren that er ohne Besinnung alles, was man von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit kstlichem Balsam und schmckte ihn mit reichen Kleidern, er bemerkte kaum diese Vernderungen. -- Mit Gold und Purpur geschmckt ward er in den Saal zu Ali zurckgefhrt. Alle Groen des Reichs waren hier versammelt, der Saal schimmerte von Edelsteinen, himmelblaue Polster mit Gold geschmckt lagen an den Seiten des Saales. Jedermann begrte Abdallah ehrerbietig, alles neigte sich tief, er zwang sich heiter umherzusehen und jeden Gru mit Freundlichkeit zu erwiedern. Prchtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah hatte sie noch nie so schn gesehn, er fuhr unwillkhrlich auf und eilte ihr entgegen: mit ihr trat ein Priester herein. -- Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die Hand Abdallah's. -- Ich gebe sie dir, sprach er, so wie ich sie dir verheien habe; deine Treue gegen deinen Frsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu, und meine Gnade und die Gunst des Himmels wird ewig auf dich herunterblicken. Der Priester sprach den Segen ber beide aus, die Gste warfen sich nieder und wnschten ihnen Glck. -- Abdallah sahe immer starr vor sich nieder, nur zuweilen drckte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke nicht und brtete wieder in seinem dumpfen Nachsinnen weiter. Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die Gste entfernten sich, um im Garten die frische Khle der Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma standen allein im Saale. -- O so ist denn endlich, begann Zulma, der groe, der frchterlich schne, der langerwnschte Augenblick herangekommen, an dem ich von jeher zweifelte? -- So sind denn nun alle meine Wnsche erfllt? -- O wie zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zurck, als ich dich vor dem Pallast stehen sahe, ich wute wie sehr mein Vater dem deinigen zrnt, -- aber nun ist ja alles vorber, -- ich sinne vergebens, wie du durch die Unmglichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir gekmpft hast, -- aber sei's, auf welche Art es wolle, ich halte dich in meinen Armen und bin glcklich, und was will ich denn noch mehr als dieses Glck? Da ich glcklich bin, daran wei ich genug, alles brige ist mir heute gleichgltig und ohne Werth. -- Aber warum bist du so stumm, Abdallah? Meine Freude schwatzt und die deinige schweigt in ein stilles Nachsinnen verloren? Abdallah sahe auf. -- Fhlst du dich glcklich in meinen Armen? fragte er leise. _Zulma._ So glcklich wie im Paradiese. _Abdallah._ Ganz glcklich? _Zulma._ Knntest du daran zweifeln? -- _Abdallah._ O so ist der Fluch des Ewigen nicht auf meine Stirn geprgt, -- und du fhlst nicht, da du in den Armen eines Mrders liegst? _Zulma._ Eines Mrders? _Abdallah._ Hrtest du den Herold nicht das schreckliche Gebot ausrufen? Himmel! -- du hast nicht, -- sagte Zulma mit banger Ahndung, -- sie konnte, sie wagte es nicht, weiter zu sprechen. Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater verloren, um dich, dich zu gewinnen! Zulma fuhr erblassend zurck, sie wollte ohnmchtig niedersinken, aber Abdallah fing sie in seinen Armen auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe sie ihn starr an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in einem schrecklichen Krampf hielt er sie fest an seine Brust gedrckt. Du bist mein! mein! schrie er laut, -- ich habe dich der Hlle abgerungen und keine Hlle soll dich mir wieder rauben, -- so wie du mir gehrst, gehrte noch kein Weib dem Manne, jedes Haar deines Hauptes ist durch einen Fluch erkauft. -- O Zulma! Zulma! auch du willst mich verlassen? -- Fr dich hab' ich mich ja der Verdammni verpfndet, fr dich, nur fr dich bin ich der Natur und meiner Menschheit abtrnnig geworden und habe wthend an meinen eignen Gebeinen genagt, -- o hier ist noch die letzte Freistatt meiner Seele, in kein andres Gebiet darf sich der gebrandmarkte Verbrecher wagen, nur die Liebe nimmt ihn gtig auf. -- O Zulma! an deinen Busen gelehnt sollen mich deine sen Lippen Vergessenheit lehren, hier will ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten genieen, -- o dich hatt' ich vergessen, als ich dem Ewigen meine Freuden aufkndigte. Ein Mrder? Ein _Vatermrder_? schrie Zulma schrecklich auf. -- O hinweg Ungeheuer aus meinen Armen, du bist nicht mehr Abdallah! Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte Hoffnung, nimm mir diese und meine Wollust ist Raserei und Gotteslsterung! -- Wenn mir auch diese Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze Meer der Verdammni hineinwerfen, da Rettung doch unmglich ist! Nein, Zulma mu mir bleiben, oder der Allmchtige ist mehr als grausam, er hat ja eine ganze Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese wenigen Jahre hier unten. Grlicher! sagte Zulma. -- O du hast mir ein entsetzliches Geheimni entrthselt. -- Liebe sollte sich in deine Brust hinein erkhnen? Wo das Grausen auf einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren Wchter sind? -- Nein Abdallah, -- meine Liebe ist seit diesem Augenblick erloschen; o Entsetzlicher, ich frchte dich, wie sollt' ich dich lieben knnen? Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles, ich fluche dir mit entsetzlichen Flchen, denn um dich hab' ich die That gethan, ich weihe dich zur Verdammni und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an dich und reisse dich mit mir in die Hlle, die meiner wartet. _Zulma._ Du rasest, Abdallah. -- O hast du mich so gewinnen wollen? -- So? -- hinweg! -- die Menschheit hat dich ausgestoen, was will der Verworfne in _meinen_ Armen? Ich gehre ihr noch an, -- ich habe meinen Vater nicht ermordet, -- wenn ich mit seinem Blute besprtzt zu dir komme, dann wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu! Abdallah lie sie fahren. -- Diese Furchtbarkeit sagte er, fehlte noch an der grlichen Zahl, Zulma weicht zurck; nun ewige Quaalen nehmt mich in Empfang! -- die Liebe vergiebt mir nicht, -- was soll ich von dem strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von mir los, nur ich selber bleibe mir brig. Vernichtung, strme hervor! Brause heran, Verderben! -- Hlle, ffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick, in welchem ich dich zuerst erblickte! Abdallah warf sich erschpft auf einen Polster, Zulma wagte es nicht, ihn anzusehen, sie trocknete sich heimlich kalte Thrnen des Entsetzens von den Augen. -- Ihr Vater kam mit den Gsten aus dem Garten zurck. Achtes Kapitel. Auch Omar trat itzt mit den brigen Gsten herein und bewillkommte Abdallah. -- In einem bunten Gewhl durchkreiste sich alles frhlich und sprach und schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen durch den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche Mahlzeit; Lichter glnzten auf goldenen und silbernen Leuchtern und blendende Schimmer zitterten durch das Gemach. Alle Augen sahen frhlich umher, alle lachten und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen, wie ein Gegenstand ihres Spottes, sein Auge verirrte sich in der Versammlung und starrte dann wieder unbeweglich auf den Boden hin; oft fing er an mit dem, der ihm am nchsten stand, zu sprechen, aber sogleich brach er wieder ab, ohne es selbst zu wissen, und verlor sich in seinem grlichen Stillschweigen. -- Zulma wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit ihrem Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah hin. -- Endlich erblickte Abdallah seinen Omar im Gedrnge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte ein bekanntes Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen Gefhlen vertraut war. Abdallah und Omar gingen auf und ab. Auch das letzte Glck, sagte endlich Abdallah, ist mir abtrnnig geworden, Zulma liebt mich nicht. Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt. O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. -- Diese Liebe war nur ein sehr kurzer Frhling, der schwarze Winter kmmt zurck. Siehst du, wie mir alles, alles ungetreu wird? -- Ach Omar, ich wanke wie in einem Traum einher, -- knnt' ich mich ruhig in mein Grab hineinlegen! O htt' ich nie gelebt! Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah hrte nicht auf seine Worte, er blieb in sich selbst zurckgezogen und seufzte schwer. Das Gastmahl war inde angeordnet, die Lichter glnzten in helleren Schimmern, das Gewhl verlor sich itzt, man ordnete sich und setzte sich an den Tisch. Zulma sa zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten. Man a und alle waren froh und vergngt, Sklavinnen tanzten, sangen und spielten auf Guitarren und Theorben, andre schlugen kleine Handpauken, andre Cymbeln. Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich nieder, Zulma anzusehen wagte er nicht. -- Unter einer frhlichen Musik tanzten die Sklavinnen und sangen: Schwebt in sen Melodieen Sanftgesungne Hochzeitslieder, Und in immer sern Tnen Grt des Brutigams, Grt das Ohr der Braut. -- Wonnelieder Sprechen in den frohen Tanz, Jauchzende Gesnge Schweben in leisem Fluge Um euer beglcktes Haupt. Wie ein goldner Blthenregen Schwimme Glck auf euch herab, Wie nach Wettergewlken Sich Regenbogen Durch die Finsterni spannen, So komme stets nach trben Stunden Die Freude unermdet wieder. -- Die Tnze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen, ein zauberischer Wohlgeruch flo durch den ganzen Saal, alle Gesichter lachten und glnzten von Frhlichkeit. Abdallah war betubt, er hatte alles vergessen, die Tnze und Gesnge hatten ihn so sehr aus sich selbst herausgerissen, da er mit der Freude eines Wahnsinnigen jedem frhlich entgegenlachte. Von einer wilden, thierischen Frhlichkeit berauscht umarmte er bald Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma lchelte zuweilen und spiegelte sich munter in seinen Augen. Die Gesnge jauchzten und Abdallah jauchzte zuweilen laut in die tanzenden Chre. Auch Ali schien frhlich, seine Rache war befriedigt und der furchtbare Selim, der einzige Mann in seinem Reiche, vor dem er zitterte, war nicht mehr. -- Eine lange Gestalt drngte sich itzt aus dem Gewhl hervor, dicht eingewickelt in schwarzen Gewndern zog sie einher, ein stiller Schauer begleitete sie, alles wich zurck. -- Zu einer Laute hrte man leise singen: Die Hlle hat den Snder angenommen. -- Dem Feigen ziemen keine Kronen, Nur der Muth kann sie erringen; Seht ihr den Frevler Unwissend Neben seinem Verderben sitzen? -- Abdallah fhlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rcken hinunterging. Die seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah vorber, sie schlug das Gewand vom Kopf zurck, es war _Nadirs_ altes todtenbleiches Gesicht; er trug einen Spiegel unter seiner Hlle; -- Omar's Gesicht spiegelte sich von ohngefhr, -- und o des Entsetzens! es zeigte sich so, wie es Abdallah in dem wunderbaren Zauberpallast gesehen hatte. Der Greis verlor sich wieder in dem Gedrnge. Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem Freunde, -- horch! -- hrst du nicht unter den Gesngen eine Stimme leise: Vatermrder! chzen? -- horch! horch! wie der Ton eines Sterbenden, -- das ist sein Geist, -- Vatermrder! seufzt es so schwer, so abgestoen, wie mit einer innigen Herzensbangigkeit. -- O! schlagt die Guitarren und Theorben! rief er laut, bis ihre Saiten springen! berschreiet diesen verwegenen Mahner und jagt ihn betubt aus dem Saale, lat die Pauken lauter donnern! -- Schlagt alles in einen furchtbaren Klang zusammen, da keine fremde Stimme hrbar werde! -- Die Gesnge wurden lauter und wilder, die Tnze wthender, wie schieende Flammen, so schnell flohe und verfolgte man sich, in immer knstlichern Geweben verschlungen: Schlag an das Sterngewlbe Strmender Wonnegesang! Da weit durch die stille Nacht Die rauschende Freude tne! Trage zum Meeresstrande Tnender Wiederhall Unsern Wonnegesang! Da ferne Klippengestade Den Namen _Abdallah_ hallen, Da ber grne Wiesen Der Name _Zulma_ wandle, Die Blumen schner frbe. Da der Mond sich freue Und goldner scheine, Und die Zgel der Nacht nicht fahren lasse Vor der Sonne fliehend. Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenberstehende Wand geheftet, seine Augen starrten frchterlich aufgerissen wild in die Leere hinaus. -- Befremdet fragte ihn Omar: was ist dir? Sieh! Omar! chzte Abdallah. -- Sieh, die seltsame Erscheinung dort vor mir! -- Eine weie drre Todtenhand klemmt sich heimlich und unbemerkt aus der Wand heraus und winkt mich unermdet hinein, -- was mag es sein, das mich so ruft? -- Noch immer winkt sie mir ernst und befehlend, -- sieh' den zernagten gekrmmten Finger! -- Ha! es hat dich gesehn, denn die Hand hat sich zurckgezogen! -- Omar, sie kmmt wieder, -- sieh, der Arm drr und knochicht bis zur Schulter, -- es will sich aus der Mauer herausdrngen, -- sollte das mein Vater sein, der durchaus zu mir will, um an meiner Freude Theil zu nehmen? -- Stich mir die Augen aus, Omar, ich mag es nicht lnger sehn! -- Omar lchelte ihn wehmthig an. -- Omar, sieh umher! sagte Abdallah ngstlich, -- mir ist pltzlich, als sitze ich hier unter todten fremden gemietheten Maschinen, die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen ffnen, -- sieh doch, wie der abgemessen mit dem hlzernen Schdel nickt, der sich Ali nennt, -- ich bin betrogen! -- das sind keine Menschen, ich sitze einsam hier unter leblosen Bildern, -- ha! nickt nur und hebt die nachgemachten Arme auf, -- mich sollt ihr nicht hintergehn! -- Sieh doch, dies hier sollte Zulma sein? -- Ha! ein beinernes Gerippe, scheulich mit Fleisch eingehllt, -- sieh! itzt eben werden ihr die todten Augen aus dem Schdel fallen, -- hu! ich sitze unter Moder und Verwesung, wie in einer Schlachtbank bei aufgehuftem Fleisch, -- rette mich, -- o hinweg! du bist nichts besser als diese! Die Gesnge bertnten ihn: -- Im goldnen Wolkenschleier Steigt die schne Tochter der Nacht Ihre Himmelsbahn hinan. Frhlich rauschend Hpfen Meereswellen Ihr mit holdem Gru entgegen. -- Sie mustert ernst ihre Sternenreihen, Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht, Sie wandelt still. -- -- Pltzlich fielen alle Lauten mit einem mchtigen Klang auf den Boden, alle Gesichter am Tisch wurden pltzlich starr und bla, jeder ward unwillkhrlich in einer grlichen Stellung festgehalten, wie zum Spott aufgestellte Leichname saen alle da und sahen sich unter Schaudern an. -- Abdallah sprang auf, seine Zhne knirschten entsetzlich. -- Vatermord! -- Vatermord! -- schrie er, -- die Hlle kriecht unter unsern Fen umher, -- der bleiche Tod steigt aus der Wand heraus und kmmt drohend auf mich zu! -- Alle fuhren auf. -- Er ist rasend! -- schrie Ali laut und ein pltzlicher Schreck fiel auf alle herab, sie entflohen hinweggejagt, Abdallah's Augen funkelten, -- er wollte Zulma mit Gewalt zurckhalten, sie ri sich mit einem lauten Geschrei von ihm los, und lie ihren Schleier in seinen Hnden; schumend warf er ihr brllend seinen Dolch nach, er fuhr in die Wand. Unsichtbare Wesen tobten hinter den Entflohenen her, sie zertraten die Lauten und polterten frchterlich durch den Saal, -- Strme hausten klingend in den Fenstern, seltsame Tne schrien aus den Mauern hervor, es ras'te durch den ganzen Pallast wie ein fliehendes Heer. -- Abdallah sank auf seinen Sitz zurck. -- Es ward still und als er die Augen wieder aufschlug, tanzten stumm durch den Saal die grauenvollen migestalteten Zwerge aus dem Zauberpallast, das Ungeheuer Zulma hatte sich ihm gegenber gestellt, einzelne lange Haare wiegten sich auf dem nackten Schdel, aus dem ungeheuern Kopf grinsten ihm wild verzerrte Zge und Zhnknirschen entgegen, sie nickte ihm einen freundlichen Gru zu, bot ihm die Hand, warf einen blutigen Ring auf den Tisch, und versank dann lchelnd unter die Erde. Mit ihrem freundlichen Grinsen begrten ihn alle Ungeheuer und verflogen dann in die Wnde. Neuntes Kapitel. Abdallah blieb lange stumm, der Mond schien blutig durch die purpurnen Vorhnge auf den Boden, im kalten Ernst sa Omar neben ihm. Omar! rief endlich Abdallah, von der entsetzlichsten Angst und Verzweiflung gefoltert, -- Omar! er umschlang ihn wthend mit den Armen. -- Alles, alles ist fort, nur du bleibst unauflslich mein, ja, du hast es mir geschworen, -- du liebst den Vatermrder noch, -- o ja, du kannst ihn nicht hassen. -- O knnt' ich mich strmend in deinen Busen drngen und dort meine Wohnung bauen, und in dir mich gegen alle diese Schrecken verschanzen. -- Knnte sich meine Seele in die deinige retten! -- du antwortest nicht, mein Omar, -- o sprich! -- horch! wie entsetzlich die Todtenstille um uns flstert! -- sprich! Omar lachte laut auf, Abdallah bebte zurck. -- Du lachst? -- schrie er wthend, -- Omar, komm, wir wollen uns beide wahnsinnig spielen und mit den Ngeln unsre Gesichter zerkratzen, damit ich mich im Spiegel nie wieder kenne! -- Omar, willst du deinen Freund nicht schtzen? Suche Schutz beim Schicksal und bei Gott! sagte Omar lachend. Du hast sie mir gestohlen! rief Abdallah aus, gieb mir mein Eigenthum zurck! -- Er strzte auf Omar zu und ergriff ihn wthend bei der Brust. Ich kann es dir nicht wiedergeben, antwortete Omar kalt, ich gehre _Mondal_ an. -- Abdallah strzte mit neuen Schrecken rckwrts. -- _Mondal_? schrie er, -- o so ist es dennoch alles wahr? -- Mondal! Er sa starr und leblos da, alle Frchterlichkeiten hatten seine Krfte erschpft. -- Itzt mut du alles wissen, sprach Omar, diese Quaalen hab' ich dir bis zuletzt aufgespart, damit du nicht darben drftest. -- Wisse, ich war es, der Ali Selim's Verschwrung verrieth, meine Abreise war eine Lge um dich und Selim zu tuschen. -- Mondal! meine Rechnung ist richtig und ich bin frei! Abdallah wand sich in zuckenden Krmpfen, es zermalmte seinen Busen und er konnte lange nicht sprechen. -- Du hast es meisterlich vollbracht, sagte er endlich, ich mchte dir verzeihen, wenn _ich_ es nicht wre, der zum Abdallah verdammt worden ist; o wechsle mich mit dem elendesten Gewrme aus, und ich will jauchzen. -- Sogar der armseligste Trost fehlt mir, mich zu laben, es ist auf dieser Erde kein Elenderer als ich; der gefolterte Sklave, der gespiete Verbrecher wrde sich nicht gegen den glcklichen Gemal Zulma's austauschen lassen, o knnte mir die Wonne werden, da ich ein Bsewicht wrde, der unter Millionen Quaalen auf der Folter in Stcken gerissen wrde, und nicht _dieser_ Abdallah. -- Omar sahe triumphirend auf ihn hin: -- Es war keine leichte Arbeit, sagte er, diese schne Seele so zu verstmmeln. Abdallah fuhr auf. -- Erinnere mich _daran_ nicht, schrie er mit den Zhnen knirschend, Hmischer! nicht diese Erinnerungen! -- Omar, sieh wie weit du mich in den Abgrund hinabgerissen hast, la mich nun ganz hinunterspringen! -- Du gehst zu Mondal zurck, o nimm mich mit dir, la mich nicht zurck, -- ich mu ihn kennen lernen und sein Freund werden, ich will ihm bald hnlich sein, meine Prfung habe ich schon berstanden. Er blickte matt empor. -- Omar war nicht mehr da, ein unbekanntes grliches Wesen sa neben ihm. -- Abdallah strzte wie eine Leiche zurck. -- Das hagre Gesicht beugte sich frchterlich auf ihn herab. -- Elender, krchzte es, -- dies ist Omars wahre Gestalt, wenn er die lstige Larve abnimmt, -- so kannst du ihn ewig nicht ertragen. -- Abdallah lag noch ohne Bewegung auf dem Polster. -- Es hob sich neben ihm auf, ging zur Thr, er hrte sie ffnen, der Fremde ging hinaus und schlo sie hinter sich wieder zu. -- Zehntes Kapitel. Abdallah war auf seinen Sitz zurckgesunken. -- Alles war still um ihn her, er schlug die Augen wieder auf. Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorhnge der Fenster, die Stunde der Mitternacht ward ausgerufen. -- Alle Lichter im Saale waren erloschen, nur ein einziges brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte sterbend und flimmernd auf und nieder. -- Itzt erlosch es und ein kleiner Strahl von Dampf zog sich aufwrts und verflog in der Dmmerung. -- Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, -- nun ihr Schauder, nun werft euch alle auf einmal ber mich! -- Ihr Flche Selims, kommt heran, itzt habt ihr Zeit, mich zu zermalmen. -- O sie sind schon grlich in Erfllung gegangen, ich habe alles erduldet und berlebe die frchterliche Zerstrung. -- Die Schauder mgen sich itzt an mir versuchen, ich spiele vertraulich mit ihnen, die Grlichkeit ist meine Braut geworden, ich erschrecke nicht mehr vor ihr. -- Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen khnen Schritt meinem Feind entgegensetzen. Hier unten finde ich kein neues Grausen mehr, ich will nun durch unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde suchen. -- Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher, als seine Hnde pltzlich das kalte Gesicht eines Leichnams fhlten. -- Eine Leiche ist mein Bett! rief er und taumelte bebend auf. -- Der Mond schien auf das weie Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen und verzerrten Zgen lag der Leichnam seines Vaters vor ihm. -- Darauf htt' ich mich nicht besonnen! schrie er rasend, -- der Scharfsinn der Hlle bertrifft den meinen, -- sie hat gesiegt! -- Er sahe starr auf den Leichnam hin. -- Regte er sich nicht? -- sprach er leise. -- Er starrte von neuem auf ihn hin. -- Ha! er regte sich wieder! -- Wie das Sthnen eines Schlummernden schallte es itzt aus der frchterlichen Leiche heraus. -- Abdallah hrte es bebend. -- Er schlft! -- Er schlft! -- sprach er im Wahnsinn. -- O in der stillen Mitternacht neben einem Schlafenden zu stehn, ist frchterlich, ich mu ihn wecken! -- Er schlug mit der Faust auf die Brust des Todten. -- Bist du's, geliebter Sohn? -- erhob sich eine dumpfe Stimme. -- Die Leiche hob sich langsam auf. -- Komm in meine Arme! -- Komm! Ich mu von Tugend und Gott zu dir sprechen. -- Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, -- meine Lehre war falsch. -- Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. -- Abdallah fuhr zurck. -- Hinweg! hinweg! brllte er, -- wir kennen uns nicht mehr! Dann strzte er auf ihn zu und schlug ihn wthend mit der Faust auf den Schdel, da er laut und frchterlich erklang. -- -- Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den Saal schlichen, fanden sie Abdallah mit wild verzerrtem Gesicht todt auf der Erde liegen. Die Brder. Eine Erzhlung. 1795. In der Nhe von _Bagdad_ lebten _Omar_ und _Machmud_, die Shne einer armen Familie. Als der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermgen, und jeder von ihnen beschlo, zu versuchen, wie hoch er damit sein Glck bringen knne. _Omar_ zog fort, um eine kleine Reise zu machen, und den Ort zu finden, wo er sich niederlassen wolle. _Machmud_ begab sich nach _Bagdad_, wo er einen kleinen Handel anfing, der in kurzer Zeit sein Vermgen um ein Ansehnliches vermehrte. Er lebte sehr sparsam und eingezogen, und sammelte sorgfltig jede Zechine zu seinem Kapitale, um mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf diese Art bekam er bei mehreren reicheren Kaufleuten Kredit, die ihm zuweilen einen Theil der Schifffracht abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm versuchten. Durch wiederholtes Glck ward _Machmud_ dreister, er wagte grere Summen, und sie trugen ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und nach ward er bekannter, seine Geschfte wurden grer, er hatte bei vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von vielen andern Gelder in den Hnden hatte, und das Glck schien ihm bestndig zu lcheln. _Omar_ war im Gegentheil unglcklich gewesen, keiner von seinen vielen Versuchen war ihm gelungen; er kam jetzt ganz arm, fast ohne Kleider, nach _Bagdad_, hrte von seinem Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hlfe zu suchen. _Machmud_ freute sich, seinen Bruder wieder zu sehn, beklagte aber seine Armuth. Da er sehr gutmthig und weich war, gab er ihm sogleich eine Summe aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls einen Laden ein. _Omar_ fing an mit Seidenwaaren und Kleidern fr Frauen zu handeln, und das Schicksal schien ihm in _Bagdad_ gnstiger, sein Bruder hatte ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher nicht nthig, sich wegen der Wiederbezahlung zu ngstigen. Er war in allen Unternehmungen unbesonnener als sein Bruder, und eben deswegen glcklicher; er war bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis dahin mit _Machmud_ ihre Geschfte gemacht hatten, und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu machen: dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt auf seine Seite fiel. _Machmud_ hatte sich jetzt eine Gattin gewhlt, die ihn zu manchem Aufwande nthigte, den er bis dahin nicht gemacht hatte; er mute von seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden zu bezahlen. Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben aus, sein Kredit sank, und er war der Verzweiflung nahe, als er die Nachricht erhielt, da eins von seinen Schiffen untergegangen sei, ohne da man das mindeste habe retten knnen: jetzt meldete sich ein Glubiger, der dringend die Bezahlung seiner Schuld verlangte. _Machmud_ sah ein, da an dieser Zahlung sein ganzes noch briges Glck hnge, er beschlo also in dieser uersten Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder zu nehmen. Er eilte zu ihm, und fand ihn sehr verdrlich, weil er gerade einen kleinen Verlust erlitten hatte. -- Bruder, begann _Machmud_, ich komme in der uersten Verlegenheit mit einer Bitte zu dir. _Omar._ Sie betrifft? _Machmud._ Mein Schiff ist gescheitert, alle Glubiger drngen mich und wollen von keinem Aufschube wissen, mein ganzes Glck hngt von diesem Tage ab, leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen. _Omar._ Zehntausend Zechinen? -- Du versprichst dich doch nicht, Bruder? _Machmud._ Nein, _Omar_, ich kenne die Summe recht gut, die ich fordre, und nur grade so viel, nicht eine Zechine weniger, kann mich von der schimpflichsten Armuth retten. _Omar._ _Zehntausend Zechinen?_ _Machmud._ Gieb sie mir, Bruder, ich will alles anwenden, sie dir in kurzem wieder zu erstatten. _Omar._ Wer sie htte! -- mir sind Schulden ausgeblieben, -- ich wei selbst nicht, was ich anfangen soll, -- man hat mich noch heut erst um hundert Zechinen betrogen. _Machmud._ Dein Kredit wird mir diese Summe leicht verschaffen knnen. _Omar._ Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, Mitraun von allen Seiten: nicht _ich_ bin mitrauisch, das wei der Himmel! -- aber es wrde jedermann vermuthen, da ich das Geld fr _dich_ verlange, und du weit selbst am besten, an wie schwachen Fden oft das Zutrauen hngt, das man zu einem Kaufmanne hat. _Machmud._ Lieber _Omar_, ich mu dir gestehen, ich hatte diese Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. Ich wrde mich in umgekehrtem Falle nicht so argwhnisch und saumselig finden lassen. _Omar._ Das sagst du _jetzt_. Auch bin ich gar nicht argwhnisch -- ich wollte, ich knnte dir helfen: Gott ist mein Zeuge, da es mich freuen wrde. _Machmud._ Du kannst es, wenn du nur willst. _Omar._ Alles, was ich besitze, wrde die verlangte Summe noch nicht vollmachen. _Machmud._ O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf daraus gemacht, da mein Bruder nicht der erste war, bei dem ich Hlfe suchte, -- und warlich es schmerzt mich, da ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last gefallen bin. _Omar._ Du wirst bse; das solltest du nicht, denn du hast Unrecht. _Machmud._ Unrecht? -- Wer von uns beiden thut nicht seine Pflicht? -- Ach, Bruder, ich kenne dich nicht wieder. _Omar._ Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebt, dreihundert andere stehn mir auch gar nicht sicher, und ich mu mich auf ihren Verlust gefat machen. -- Wrst du in der vorigen Woche zu mir gekommen, o -- ja, da herzlich gern -- _Machmud._ Soll ich dich denn an unsre ehemalige Freundschaft erinnern? -- Ach, wie tief kann uns das Unglck erniedrigen! _Omar._ Du sprichst da auf eine Art Bruder, die mich fast beleidigen sollte. _Machmud._ Dich beleidigen? -- _Omar._ Wenn man alles mgliche thut, -- wenn man selbst Noth leidet und frchten mu, noch mehr zu verlieren; -- soll man da nicht gekrnkt werden, wenn man fr seinen guten Willen nichts als bittern Spott, tiefe Verachtung zurck empfngt? _Machmud._ Zeige mir deinen guten Willen, und du sollst meinen wrmsten Dank empfangen. _Omar._ Zweifle nicht lnger daran, oder du bringst mich auf; ich bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, aber wenn man mich auf solche ausgesuchte Art krnkt -- _Machmud._ Ich merke es recht gut, _Omar_, da du den Beleidigten spielst, um einen bessern Vorwand zu haben, vllig mit mir zu brechen. _Omar._ Du wrdest nicht auf diesen Gedanken kommen, wenn du dich nicht auf solchen Kleinlichkeiten ertappt httest. _Die_ Laster argwhnt man von andern am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut ist. _Machmud._ Nein, _Omar_, weil du mich doch durch diese Sprache zum Prahlen aufforderst, ich handelte nicht so gegen dich, als du, ein unbekannter Fremdling, nach Bagdad kamst. _Omar._ Also fr die fnfhundert Zechinen, die du mir damals gabst, verlangst du jetzt von mir zehntausend? _Machmud._ Htte ich's vermocht, ich htte dir damals mehr gegeben. _Omar._ Freilich, wenn du es verlangst, mu ich dir die fnfhundert Zechinen zurck geben, ob du es gleich nicht gerichtlich erweisen kannst. _Machmud._ Ach, mein Bruder! -- _Omar._ Ich will sie dir schicken. -- Erwartest du keine Briefe aus Persien? _Machmud._ Ich erwarte nichts mehr. _Omar._ Aufrichtig, Bruder, du httest dich etwas mehr einschrnken sollen, auch nicht heirathen, wie ich es bis jetzt noch immer unterlassen habe; aber du warst von Kindheit an ein wenig unbesonnen. La dir das zur Warnung dienen. _Machmud._ Du hattest ein Recht, mir die verlangte Geflligkeit zu verweigern, aber nicht dazu, mir so bittere Vorwrfe zu machen. _Machmud_ verlie mit tiefgerhrtem Herzen seinen undankbaren Bruder. -- So ist es denn wahr, rief er aus, da nur Gewinnsucht die Seele des Menschen ist! -- Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke! fr Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoen die schnsten Gefhle von sich weg, um das nichtswrdige Metall zu besitzen, das uns mit schndlichen Fesseln an diese schmuzige Erde kettet! -- Eigennutz ist die Klippe, an der jede Freundschaft zerschellt, -- die Menschen sind ein verworfenes Geschlecht! -- Ich habe keine Freunde und keinen Bruder gekannt, nur mit Kaufleuten bin ich umgegangen. Ich Thor, da ich von Liebe und Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstcke mu man ihnen wechseln! Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewhl sah, wie jedermann gleich den Ameisen beschftigt war, in seine dumpfe Wohnung einzutragen, wie keiner sich um den Andern kmmerte, als nur wenn er mit seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos, wie Zahlen. -- Er ging trostlos nach Hause. Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fnfhundert Zechinen, die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie waren bald eine Beute der strmenden Glubiger. Alles was er besa, ward ffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der Bettler, verlie er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen Bruders vorberzugehen. Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, trstete ihn und suchte seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken seines Unglcks war noch zu frisch in _Machmuds_ Gedchtni, er sah noch immer die Thrme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt und ungerhrt bei seinem Unglcke geblieben war. _Omar_ fragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu drfen, er bildete sich ein, es knne vielleicht noch alles gut gegangen sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten, man ward mitrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, da _Omar_ jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermgen stolz ward, so da er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend einen Schaden erlitt. Es schien, als wenn das Verhngni seine Undankbarkeit gegen seinen Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den andern. _Omar_, der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte, wagte grere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hrte auf, Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mitrauen gegen ihn ward allgemein, alle Glubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, _Omar_ kannte niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit wrde helfen wollen; er sah keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glck in einer andern Gegend gnstiger sein wrde. -- Das kleine Vermgen, das er noch mit sich hatte nehmen knnen, war bald verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er sah der drckendsten Armuth entgegen, -- und doch keinen Ausweg ihr zu entfliehen. Unter Klagen und schwermthigen Gedanken war er so bis an die persische Grnze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Mnzen ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer Carawanserei zu bezahlen; er fhlte Hunger, und da sich die Sonne schon zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen knne. Wie unglcklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht erffnet sich mir! -- Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben mssen, es ertragen mssen, wenn man mich verhhnend abweist, nicht murren drfen, wenn der Verschwender frech vorber geht, mich keines Anblicks wrdigt, und hundert Goldstcke fr eine elende Spielerei verschleudert. -- O Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! -- wie ungleich und ungerecht theilt das Glck seine Schtze aus. Es schttet seinen ganzen Reichthum ber den Lasterhaften, und lt den Tugendhaften Hungers sterben. Die Felsen, die _Omar_ berstieg, machten ihn mde, er setzte sich auf eine Rasenerhhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an Krcken ein Bettler vor ihm vorber und murmelte eine unverstndliche Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es zum Mitleiden. Die Aufmerksamkeit _Omars_ ward wider seinen Willen auf diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine drre Hand nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte jetzt, da dieser Unglckliche auch taub und stumm sei. O wie unaussprechlich glcklich bin ich! rief er aus, -- und ich klage noch? Warum kann ich nicht arbeiten; -- warum nicht durch das Werk meiner Hnde meine Bedrfnisse erwerben? Wie gern wrde dieser Elende mit mir tauschen und sich glcklich preisen! Ich bin undankbar gegen den Himmel. Von einem pltzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermnzen aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke seinen Weg fortsetzte. _Omar_ fhlte sich jetzt auerordentlich leicht und froh, die Gottheit hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein knne, um ihn zu belehren. Er fhlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu erdulden und durch seine Thtigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane, wie er sich ernhren wolle, und wnschte nur gleich eine Gelegenheit herbei, um zu zeigen wie fleiig er sein knne. Er hatte nach seinem edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er ihm sein ganzes briges Vermgen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte. Ein steiler Fels stand an der Seite, und _Omar_ bestieg ihn mit leichtem Herzen, um die Gegend zu berschauen, die der Untergang der Sonne verschnerte. Er sah hier zu seinen Fen gelagert die schne Welt mit ihren frischen Ebenen und majesttischen Bergen, mit den dunkeln Wldern und rothglnzenden Strmen, ber alles das goldene Netz des Abendroths ausgespannt; und er fhlte sich wie ein Frst, der alles dies beherrsche, und den Bergen, Wldern und Strmen gebiete. Er sa oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken. Er beschlo hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise fortzusetzen. Das Abendroth versank und Dmmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr folgte bald die finstre Nacht. -- Die Sterne flimmerten am dunkelblauen Gewlbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille. _Omar_ sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die Majestt Gottes und fhlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn. Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhbe, blauleuchtend zog er empor und nherte sich wie ein glnzendes Feuer dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurck, und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen Himmel und regnete in zarten, rothdmmernden Strahlen herab. -- _Omar_ erstaunte ber die wunderbare Erscheinung und ergtzte sich an dem schnen und seltsamen Lichte: die Wlder und Berge umher funkelten, die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt wlbte sich der Schein ber _Omar_ zusammen. Sei mir gegrt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine se Stimme von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit Wohlgefallen auf dich herab. Wie verhallende Fltentne suselten die Winde der Nacht um _Omar_, seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzckten; es war _Asrael_, der glnzende Engel Gottes. -- Steige mit mir auf diesen rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die se Stimme, denn du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen Seligkeiten zu schauen. Herr, sprach _Omar_ zitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher folgen knnen? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen. Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. -- _Omar_ reichte sie ihm mit bebendem Entzcken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die sen Tne gingen hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendfte wrzten die Luft. Pltzlich ward es Nacht, _Omar_ schrie laut auf, und lag in dicker Finsterni unten am Fue des steilen Felsen mit zerschmetterten Armen. Der Mond hob sich eben dunkelroth hinter einem Hgel hervor, und warf die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal. O ich dreimal Unglcklicher! rief _Omar_ jammernd aus, als er seine Besinnung wieder gesammelt hatte. -- Hatte der Himmel nicht genug an meinem Elende, da er mich in einem lgnerischen Traume von der Spitze des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich dem Hunger zum Raube werden soll? -- Belohnt er so das Mitleiden, das ich mit einem Elenden hatte? -- Wer war jemals unglcklicher als ich? Eine Gestalt schleppte sich mhsam vorber, die _Omar_ fr den Bettler erkannte, dem er heut den Rest seines Vermgens gegeben hatte. _Omar_ rief ihn jammernd an, er solle die Wohlthat, die er von ihm empfangen, mit ihm theilen, aber der Krppel keuchte gleichgltig in seinem Wege weiter, und _Omar_ wute nicht, ob er ihn nicht gehrt habe, oder sich nur verstelle, um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu kmmern. Bin ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? klagte _Omar_ durch die Nacht. -- Wer wird sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist, was mich noch trsten konnte? Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie glhende Feuer brannte es in den Gebeinen, und jeder Athemzug gab ihm Pein. Er berlegte schweigend sein Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen Bruder. -- O, wo bist du Edelmthiger! rief er aus, vielleicht hat dich das Schwert des Todesengels schon getroffen, das Elend hat dich vielleicht in der drckendsten Armuth verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem armen Bruder geflucht. -- Ach ich habe es um dich verdient, ich leide jetzt die Strafe fr meinen Undank, fr meine Hartherzigkeit, der Himmel ist gerecht! -- Und ich konnte noch so stolz einhergehn, und Gott zum Zeugen meiner Tugend anrufen? -- O Himmel! vergieb dem Snder, der sich ohne Murren deiner Zchtigung unterwirft. _Omar_ verlor sich in trben Gedanken, er erinnerte sich, mit welcher brderlicher Liebe ihn _Machmud_ damals, als er zum erstenmale verarmet war, aufgenommen hatte, er warf es sich vor, da er es unterlassen habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank gegen seinen Bruder abzubezahlen; er wnschte den Tod als das Ende seiner Strafe und seiner Leiden. Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine kleine Carawane von einigen Kameelen zog sich langsam durch das Thal. Die Liebe zum Leben erwachte bei _Omar_, er rief die Vorberziehenden mit klglicher Stimme um Hlfe an. Man legte ihn behutsam auf ein Kameel, um in der nchsten Stadt seine Wunden verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den Unglcklichen selbst, und _Omar_ erkannte in ihm seinen Bruder. Seine Beschmung war ohne Grnzen, so wie das Mitleiden _Machmuds_. Der eine Bruder bat um Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; Thrnen flossen von dem Angesichte beider, und die rhrendste Vershnung ward zwischen ihnen gefeiert. _Machmud_ hatte sich nach seiner Verarmung nach _Ispahan_ gewandt, und war dort mit einem alten reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald lieb gewann und ihn mit seinem Vermgen untersttzte. Das Glck war dem Vertriebenen gnstig, und er erlangte sein verlorenes Vermgen in kurzer Zeit wieder; sein alter Wohlthter starb, und setzte ihn zum Erben ein. -- Als _Omar_ geheilt war, reiste er mit seinem Bruder nach _Ispahan_, wo ihm dieser eine neue Handlung einrichtete. _Omar_ vermhlte sich und verga nie, wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide lebten von dieser Zeit in der grten Eintracht, und waren fr die ganze Stadt ein Muster der brderlichen Liebe. Almansur. Ein Idyll. 1790. Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der Palme, eine Thrne rollte von seinen Wangen, er blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie an seinem Stabe hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben vor ihm, Abendroth und Regennchte. Noch einmal blickte er rckwrts nach Bagdad und sahe wie sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge langsam hinabzog. -- Nun so lebe wohl! Auf ewig wohl! rief er, und ging langsam weiter ohne selbst zu wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die Vgel des Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen sahen weder das goldne Feuermeer um dort sich Trost zu holen, sein Ohr hrte nicht die Melodieen, die von jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind spielte mit seinem Mantel, aber er lie ihn nachlig hngen und eilte weiter vom Wege ab, mit tiefgesenktem Blick. Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schnen Thale, rings um von grnen Bergen umschlossen, im Thale glnzte ein silberner See, auf den das Abendroth auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben sich sanft umher und auf ihnen schimmerten Reben, Palmen standen auf Abhngen und wiegten sich rauschend ber das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte sich zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende Vollmond gossen ein so ses Licht um alle Gegenstnde, da Almansur sich in einem Theile des Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schnbewachsnen Berge, wie der Abendschein ber die grnen Abhnge herberschwamm und sanftes Roth auf den gegenberstehenden Berg streute, durch einen Palmenhain schlngelte sich der schimmernde Glanz der Gluth des Himmels, und bebte zurck in jedem Tropfen der am Grase zitterte, von jedem Blatt, an welchem ein Rubin sich wiegte. Der Mond stand ber einem finstern Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die groen Wlder sangen der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte in sein Rosenbett hinab, das Heimchen zirpte, der Mond schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf jedem leichten Wlkchen des Himmels, das unter dem Monde hinwegschlpfte und ihm etwas von seinem goldnen Glanze stahl, schien Ruhe, Trost und Freude zu schweben. Lange stand noch Almansur so, doch endlich lte sich sein Gefhl in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf die Erinnerung seines Unglcks war mit dem letzten Streit der untergehenden Sonne hinter den Bergen hinabgeleitet. Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenberstehenden Abhang, oder auf den Spiegel des tief unten glnzenden Sees. Er ging ber einen Quell, der aus den Spalten des Berges sich drngte und sein Silber hinuntergo; er kam zu einer kleinen Vertiefung, wo unter Weidenzweigen versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches hervorragte. Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen zu haben; er ging herum um diesen Kranz von Weiden, und stand vor dem Eingang einer kleinen Htte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lcheln Reben, und band sie an die schwesterliche Ulme, dann sah er zum Monde hinauf, dann in den goldnen See hinab, und setzte wieder freudig seine Arbeit fort. -- Der Himmel schtte seinen Segen auf dich herab! rief _Almansur_ dem Greise zu; liebevoll dankte der Greis und fhrte den Jngling in die dmmernde Htte. Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, bellten und wedelten. Der Greis und der Jngling setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann holte der geschftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch und Datteln. I! sprach er. -- _Almansur_ a wenig; bald sah er die niedren Wnde der Htte an, bald blickte er auf den lchelnden Alten. Nach der Mahlzeit setzten sich beide vor dem Eingang der Htte. Du bist recht glcklich! fing _Almansur_ nach einer langen Stille an, wenn man je glcklich werden kann. -- Ja, war die Antwort des Greises; ich stahl mich aus dem Getmmel der Welt hinweg, und niemand vermite mich; ngstlich, mit Schweitropfen auf der Stirn jagte ich dem Glcke nach -- umsonst! Es floh wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll schlich ich mich in diese Htte, ich sah mich um, und es stand neben mir. -- Ja! Dank dir groer Prophet! Ich bin hier recht glcklich! -- O, wenn ich am Morgen hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener neigenden Spitze hngt, dann zollen dir meine Thrnen heien Dank, dann seh ich auf mein voriges Leben zurck, wie der mde Pilger am Grabe des Propheten auf die zurckgelegten Steppen; -- dann schwebt vor mir die ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch das rosenrothe Gewebe des Morgens, er durchfliegt die Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug um die glhenden Rder des Sonnenwagens. -- Jeder meiner Blicke schaut dann voll Dank zum Himmel! _Almansur_ horchte vorwrts gebeugt mit Ehrfurcht der Rede des Greises, er sah in seinen Augen eine Thrne glnzen, hei rann eine Zhre ber die Wangen _Almansurs_. -- Dann ergriff er voll Zutraun die Hand des Greises; o weiter! sprach er, deine Stimme ist wie das Murmeln der fernen Quelle dem Durstigen. Weiter! Mein Geist fliege dir nach! -- Versuch' es in todten Worten mir das Abendroth deines Glcks zu malen. -- O Jngling, sprach der Greis, Glck lt sich besser fhlen, als dies Gefhl sich in Worten zwngen lt. -- Leise schleicht sich durch das helle Weinlaub am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und flstert mir: Erwache! zu. Ich erhebe mich vom rothen Glanz umflossen, und sehe wie die Sonne majesttisch hinab ins Thal schreitet, die Natur wacht auf und lchelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir glht der See, ber mir flammt der Himmel, die Waldung rauscht, die Lerche singt, der See bebt, und ihre Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die Wette. Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter den blauen Mantel stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, die Ziegen blken mir entgegen, die Lmmer hpfen um mich her. -- O ich lebe hier nicht ganz verlassen! Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig eines jeden Baums; wenn das erste Laub nach dem Winter erscheint, oder mein Blick des Frhlings erstes Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn ein lngst gewnschter Freund unvermuthet dem Schiff' entsteigt; das erste Sommerlftchen, das meiner Wange vorberbebt, ist mir, was dem Elenden ein blauer Hoffnungsstrahl ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden von meinem Berge herab eine junge Pappel ins Thal warf, da weint' ich um den jungen Baum, als habe mir der Tod einen geliebten Jngling davon gefhrt. Ach, dies einsame Thal mcht ich nur gegen Mahomets Paradies vertauschen, es gilt mir mehr als die Erde mit ihren Knigreichen, diese Bume gelten mir mehr als Knige und Frsten mit ihren Unterthanen. Ich besuche oft drben die alten Palmen, sehe nach jenen jungen Birken die ich selber pflanzte, und freue mich ber ihren Wachsthum wie ein Vater ber seine Kinder. Im kleinen Grtchen hinter meiner Htte scheint die Gluth der Rose auf die weie Lilie, das Veilchen kniet zu den Fen der stolzen Malve, und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich mich im Vorbeigehn, wann und wie ich sie pflanzte, jede habe ich selbst am Morgen und Abend begossen. Diese Blumen, diese Bume sind meine Freunde, von ihnen brstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir keiner hhnisch nach. Neid und Verlumdung drfen nicht ber diese Berge fliegen, des Glckes Pfeil zerschnitt ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen jenseits den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; das Glck und die Ruhe fliegen hier verschlungen Arm in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder Quelle flstert Glck, in jedem Nachhall der Berge tnt ruhige Freude. Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fllt, wenn der Herbst auf selbst gesponnenen Seidenfden durch die Lfte schwebt, sie um die Bume wickelt, und das reife Obst mit den Blttern abschttelt, dann seh' ich, wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glnzenden Schwanenbette schlft, um gestrkt mit neuem Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen herabrauscht, wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saut, wenn die Fichten knarren, der Wind Schneegestber vor sich her wirbelt -- dann nehm ich von der Wand die silberbezogne Leier, dann sing' ich dem Frhlinge meines Lebens Lieder, und sehe lchelnd dem Untergang meiner Sonne entgegen. Dann dmmert vor meinen Augen der Nebel der Vergangenheit, dann schwing ich mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dmmrung ferner Vorzeit, durch schweigende de Nacht der Zukunft. -- In diesem Kreislauf wallte mir mehr als ein halbes Jahrhundert vorber, in dieser schnen, ununterbrochenen Einfrmigkeit. -- -- O Jngling! Mit warmer Freundschaft drckst du meine Hand, eine Thrne zittert in deinen schwarzen Augenwimpern, -- sprich -- fhrte dich Kummer zu meiner einsamen Htte? _Almansur._ Ja, Kummer fhrt mich zu dir, Greis! -- Ach, la mich mit Dir diese Htte bewohnen, la mich dein Sohn sein. Die Freude ist fr mich gestorben. -- Ich mu die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier la unter dieser Palme den Wind am Abend meine Seufzer davon fhren, la am Morgen mich unter dieser Cypresse weinen. -- Warum sollt' ich zu jenen Menschen zurckkehren, wo jeder dem fliehenden Glcke nachluft, und keiner den Saum seines Kleides berhrt, wo einer des andern lacht, und blind fr eigne Fehler ist, wo Verlumdung und Neid hinter mir gehn, die sich tuschend in das Gewand der Freundschaft hllen. -- Nein, hier will ich ein neues Leben beginnen, mein voriges Leben mir als einen Traum denken, den der Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine Bitte nicht zurck, in keinem Winkel glimmt fr mich ein Fnkchen Freude mehr als hier. Schon lange war es mir unertrglich, mich ohne Zweck und Absicht vom Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu lassen, warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, wo jedes Gesicht mir zuwider ist, essen und trinken, schlafen und aufstehn, den einen Tag so wie den andern; warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? Ich bin mir selbst und andern verhat! zu welchem Endzweck schuf der Schpfer die Menschheit? Einer den andern zu qulen? Ihm den Genu des Lebens zu rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen schwerflligen Tanz um ihre Sonnen? Warum lie der Schpfer aus seiner Hand die Schpfung hervorgehn? Warum warf er das Sternenheer durch den Himmel? Sollen wir hier leben, ohne glcklich zu sein, und dann wie der Baum verwelken; wozu dann dies quaalenvolle Leben? -- Oder harrt schnerer Sonnenschein unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft durch Dornen, ber Felsen? -- -- O Greis! dies, dies hat mich schon lngst unglcklich gemacht! -- Der Greis sah ihn an und schwieg. Verweile! sprach er dann. Ein frommer Einsiedler schenkte mir schon vor vielen Jahren ein kleines Buch; es ist nur ein Mrchen, der Mond scheint hell; ich will es dir lesen. -- -- Er ging fort. _Almansur_ sah inde starr vor sich hin ins Thal, sein Blick ruhte auf einen Zweig, den der Wind hin und her warf; sein Kummer war zurckgekehrt, die mancherlei Scenen seines Lebens wachten in seiner Seele auf. Er prete eine Thrne in sein Auge zurck; der Greis kam, setzte sich nieder und las: -- -- _Nadir._ Ein Mhrchen. Der finstre Menschenhasser _Nadir_ wandelte ber eine von Arabiens Steppen. Die Sonne stand in der Mitte des Himmels und warf ihre glhenden Strahlen auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gestruch, welches einen erquickenden Schatten darbot; _Nadirs_ Auge suchte vergebens eine Quelle, seinen brennenden Durst zu lschen, er ging matt und langsam, er sah schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke herbeischweben wollte, ihm Regen und Khlung zu schenken; so weit sein Auge reichte, glnzte der Himmel im hellblauen Gewande, der Sonne Strahlen wurden immer heier und heier, kein milder Wind wehte ihm Khlung zu, Stille lag ausgestreckt ber der Erde, die Vgel waren im Schatten des fernsten Waldes zurckgeflogen, und kein Dorf, kein Haus winkte dem Wandrer. Vor sich und um sich sah _Nadir_ nur eine unermeliche Wste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den Schatten des verdorrten Grases setzen konnte. _Nadir_ verwnschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal das Schicksal der Menschen, denen ewig Quaal und Schmerz auf jedem ihrer Schritte folgen. Durch den blauen Himmel go sich nach und nach ein sanfter Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog ber die Ebne. Dank sei dir groer Prophet! rief der schmachtende _Nadir_, indem er ber sich den Mond und die Sterne hervorkeimen sah. Er schleppte sich langsam fort, seine Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, knnt' ich jetzt durch einen Strom des Nordpols schwimmen! Er ging weiter. Es wehte ein khlender Wind ber die Haide, _Nadir_ kam in einen Wald. Der Wind ward strker, Wolken flohen durch den Himmel, und lschten mit ihren schwarzen Fingern den Mond und die Sterne aus, der Sturm schttelte den Wald, die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen strzte herab. Endlich sah _Nadir_ durch den verschrnkten Wald ein fernes, flimmerndes Licht, das durch das nasse Laub und durch den Regen ihm entgegenblickte: er drngte sich durch den Wald, durch Gebsche, die ihn oft mit ihren nassen Armen umfaten: er kam durch die Waldung, und sah ber eine Ebne das Licht vor sich glnzen. Es war eine niedre Htte, deren moosiges Dach vom Regen triefte, er schlug an die kleine Thr, ein Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen, der Wetterhahn des Daches knarrte im Winde; leise ffnete sich die Thr des Hauses, eine alte Frau trat heraus. -- Wollt ihr einem armen Wandrer erlauben, diese Nacht hier zu schlafen? flehte _Nadir_. Sehr gern war die Antwort. Sie fhrte ihn in das Haus durch einen Gang. Dort, wo du das Licht durch die Thre flimmern siehst, dort geh' hinein; -- sie verlie ihn. _Nadir_ bewunderte den groen Gang in der kleinen Htte, seine Schritte hallten von der Mauer zurck, als er durch die Stille ging. Er stand vor der Thr, aus der das Licht ihm entgegenglnzte, -- er ffnete sie -- und das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er trat in einen groen unermelichen Saal, den tausend Lichter erleuchteten; die Wnde glnzten von Marmor mit Gold umgossen, eine himmlische Musik schwamm auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. -- Wo bin ich? rief _Nadir_. -- Ein prchtiggekleidetes Frauenbild kam ihm entgegen, sie fhrte ihn zu einem Tische und lud ihn zum Essen ein; _Nadir_ a und wagte kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und getrunken hatte, fhlte er sich durch neuen Muth, durch neue Kraft beseelt, er sah um sich. Tausend Lichter glnzten auf Kronenleuchtern von Diamant. Saphir, Rubinen und Gold waren ber die schnpolirten Wnde hingestreut, unsichtbare Musik go sich umher und gaukelte um _Nadirs_ Ohr, sein Auge verlor sich ermdet in die entferntesten Bogengnge, ohne ihr Ende erreicht zu haben; _Nadirs_ Staunen ward immer grer. Komm! rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu und fhrte ihn durch die blendenden Sle. Er sahe sie mit allen Arten von Menschen angefllt und weidete sich an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aen einige, dort weinten andre, andre tanzten in frhlichen Reihen. Dieser Pallast, begann _Nadirs_ Fhrerin, ist ein Werk meines gestorbenen Gatten, er suchte das Glck lange vergebens und fand es endlich mit mir in der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies Spielwerk hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft ich will. -- Er war ein mchtiger Zauberer, gewandt in allen geheimen Knsten; auf sein Gebot entstand dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen zusammen. Sieh, jede Art von Menschen befindet sich hier; dort auf den Thron sitzt ein Knig, seine Stirn schmckt das Diadem, seine Schultern umfliet der Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er beneidet heimlich den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet und zittert; er ist ein gtiger Regent, er macht andre glcklich, ist aber selbst unglcklich. Jener Volkslehrer lehrt Demuth und hat den der neben ihm steht, weil er ihn mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene Sulen gelehnt steht ein Haufe unglcklicher Menschen, in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die Eitelkeit der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz von Ehre noch von Reichthmern blenden, ihre Wnsche scheinen so mig und sind doch so vielumfassend, werden fast nie erfllt. -- Dort stehen andre, fr welche die Welt mit allen ihren Schnheiten gestorben ist, sie knnen keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu geben und ihre Bltter zu zhlen, keinen schnen Baum, ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten und zu bemerken, zu welchem Geschlecht er gehre; sie kennen jeden Stern, der am Himmel flammt, und wissen die Stunde, wenn der Mond auf und untergeht, sie haschen jede Abendfliege, und stellen sie in ihren Rang in der Schpfung, sie sagen uns, da jeder Sonnenstaub bewohnt sei. -- Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare Art mit Gemlden ausgeziert, sie sind doppelt; auf der einen Seite stellen sie alles ernsthaft, auf der andern dasselbe lcherlich dar. Sieh, hier trauert eine Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint gerhrt, jener auf der andern Seite lacht. -- Siehst du jene dort, die so bleich sind und starr auf die Erde blicken? bei ihrer Geburt vergo das Elend Thrnen ber sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; sie knnen ber ein gelbes Blatt weinen, das vom Baume auf die Erde fllt, sie hassen die Welt und sich am meisten; sie machen oft andre glcklich, aber kein Anblick von Glck, kein Anblick der aufgehenden Sonne kann sie vergngt machen; sie lcheln, aber ihr Lcheln ist als wenn die Abendsonne durch einen verdorrten Baum scheint, ihnen folgt das Unglck wie ihr Schatten, ihre Augen sind matt von Thrnen, ihre Wangen bleich, sie sind die rmsten Geschpfe. -- Jener jauchzende Haufe verspottet sie, ihr Mund lacht stets, ihre Augen blinzeln jedem freudig entgegen, die Welt nennt sie Thoren, sie sind glcklich, denn sie halten sich fr weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen ihr Leben, lachen im Winter eben so wie im Sommer, bei dem Aufgang der Sonne wie beim Untergang, die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung und gab ihnen das Vermgen alles lcherlich zu finden. -- Jene spielten mit ihrer Phantasie, der Verstand lste die Fesseln der gebundenen Einbildung, sie scho wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der Verstand an seinen Krcken hinter sie her und kann sie nicht einholen, jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt angeschlagen einen falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, Unglckliche; aber sie sind wirklich glcklich. Jener hlt die Kette, die ihn an die Mauer festhlt, fr ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen fr den Purpurmantel des Knigs. Jener glaubt in seinem Strohlager alle Schtze Indiens zu besitzen und fhlt sich beseligt. -- Jener ist taub fr jeden Harfenton, blind fr jede Schnheit, die der Maler der Natur abstahl, seine Seele sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur wenn er sich an den Tisch setzt, er hrt nicht die himmlische Musik, die ihn umfliet, aber er lchelt beim Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in seine Seele. -- Wer von allen diesen scheint dir in dem Zustande zu sein, in den die Natur den Menschen aus ihrer Hand hervorgehn lie? -- O jener, rief _Nadir_, der sich an den Dampf der Speisen weidet, denn er ist der glcklichste, an sein Herz reicht nicht die Stimme des Elends, ihn durchbohrt nicht des Mitleids scharfer Pfeil, er ist der glcklichste, er kann viermal tglich glcklich sein; wozu sind jene feinern Empfindungen, sie bringen weit mehr Schmerz als Vergngen hervor! -- Sieh, jener Mann, fing die Fhrerin _Nadirs_ an, der dort unbekannt herumgeht, ist ein verehrungswrdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner achtet auf ihn, aber er findet sein Glck im Glcke anderer; manche heie Thrne fleht im Dunkeln Segen fr ihn vom Himmel, manche Brust athmet durch ihn freier, manche Klage verstummte durch ihn, er erfllt den Beruf des Menschen, er macht andre glcklich, und nur dazu schuf uns die Natur. -- Du willst die Gesellschaft der Menschen verlassen, komm und berzeuge dich, da der Mensch da sei um in Gesellschaft glcklich zu leben; warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen, warum die Bestimmung der Welten? zwecklos rollen sie nicht um ihre Sonnen, aber warum wollen des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der Natur durchdringen? der Mensch ist da, das zu genieen, was ihm die freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber nicht ber die Grnze hinausschreiten wollen, die ihm gezeichnet ward. Sie gingen hin durch die hundert Bogengnge und _Nadir_ bewunderte die Pracht des Pallastes; seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, da es Frevel sei, sich von den Menschen zurckzuziehn, vor ihm zerrann der dunkle Nebel, er durchdrang den Plan der hchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft der Menschen zurckzukehren. Der Tag ffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth flog ber die Ebne und schimmerte an den Fenstern; _Nadirs_ Fhrerin verlie ihn, ein Bogengang verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemlde und ihre Beschauer, ein Licht erlosch nach dem andern, die Pracht gleitete von den Wnden, die Decke sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner und kleiner, immer dstrer und dstrer, und der helle Sonnenschein glnzte endlich an den Wnden einer niedern Htte. _Nadir_ ffnete vor Staunen stumm die niedre Thr, er suchte vergebens den langen Gang, die alte Frau ffnete die kleine Hausthr, er ging hinaus, die Thr ward hinter ihm verschlossen; dieselbe kleine Htte, an deren Thr er gestern klopfte -- der Hund bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen Regen und das Morgenroth schwamm in den groen Tropfen. Wacht' ich, oder trumt' ich? rief _Nadir_ aus; er sah ber einen niedern Zaun in den Garten neben der Htte, ein Knabe mit nackten Fen pflckte sich Kirschen von einem Baume. Er stand lange stumm da, seine Phantasie malte ihm noch einmal den gestrigen Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurck nach der wundervollen Htte, bis ein Wald den letzten weien Schimmer von ihr ihm entzog. -- -- Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich hin. Der Mond schien hell, die Sterne bebten im schimmernden See, die Cypressen rauschten. Kehre zurck, Jngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurck, wer wei, wo dein Glck schlummert, gehe hin und erwecke es, du bist zur Gesellschaft geboren, gehe hin und erflle deine Bestimmung, geniee ohne zu grbeln und du wirst gewi glcklich sein. _Almansur._ Verzeihe, edler Greis, da ich dich tuschte, dir meinen Gram nicht ganz enthllte. Wenn du die Geschichte meines Unglcks hrst, und du rthst mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurckzukehren, so will ich dein Verlangen erfllen. Ich heie _Almansur_, mein Vater war ein Kaufmann in Bagdad; ich hatte einen Freund, einen einzigen, ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor wenig Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als meine Seele, sie vermhlte sich vor wenig Tagen. -- _Roxane_ war schn, wie der werdende Tag, schner wie eine der Houris, auf ihren Wangen flo Abendroth, ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden Sonne, die sich im Meere spiegelt, ihr Lcheln war der Sonnenschein des Frhlings, in ihren blauen Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel im goldnen Glanze der Morgensonne um Felsen sich kruselt; -- sie kannte meine Liebe. -- Ihr Vater lag einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn retten, aber er mute ihn trinken in weniger Zeit als die Biene am Abend braucht nach ihren Zellen zurckzufliegen, es war ein Quell, der in der schwarzen Kluft eines weitentfernten Felsen murmelte. _Roxane_ liebte ihren Vater, ich sah die Thrnen in ihren Augen glnzen, ich schwang mich auf mein Ro, eilte hin, fllte eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich strzte zurck, die Wlder sausten mir vorber, eine Eiche raubte mir meinen Turban, mein Ro eilte dem Winde voraus, sein Hufschlag tnte laut, ich kam zurck; _Roxanens_ Vater ward gerettet, ihr Lcheln dankte mir, und ich war vergngt. Ich sank nieder von Schwei und Staub bedeckt, mein gutes treues Ro starb noch an demselben Abend, _Roxanens_ Lcheln dankte mir, und ich war vergngt. O fr sie htte ich die heien Ebnen thiopiens mit nackten Fen durchmessen, fr sie htte ich unbedeckt den Schnee des Caucasus erklettert. Ach ich trumte eine so heitre goldne Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte mit mir, aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, denn er war reicher als ich; vorgestern ward ihre Vermhlung gefeiert, jeder Trompetensto, der aus der Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, jeder ferne Donner der Pauken, stie einen glhenden Dolch durch meine Brust; in der Mitternacht verlie ich Bagdad kalt und stumm, verlie den Ort, wo jeder Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in meine Seele zurckriefen, die Sonne war fr mich auf ewig untergegangen; ich ging fort ohne zu wissen wohin, endlich kam ich zu deiner glcklichen Einsamkeit. Edler Greis, o hre meine heie Bitte, es ist der einzige Wunsch, der mir zurckblieb, la mich an deiner Seite, im Schooe der Ruhe und der Einsamkeit, meine brigen Tage verleben; ach, die Einsamkeit hat ja Trost fr so manche Leiden, sie trocknet so manche Zhre, wiegt so manchen Kummer ein; hier in diesem glcklichen Thale will ich den Traum meiner Jugend noch einmal trumen, hier will ich weinen, wenn ich erwache. La mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich an die Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen Bergen hingestreut, la sie mich hier wiedersuchen; la sie mich wiederfinden, Greis, denn beim Barte des Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glcklich sein. -- Aber warum glnzen Thrnen in deinen Augen und verlieren sich in die Silberwellen deines Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust erheben? Woher diese fliegende Rthe auf deinen Wangen? _Greis._ Ach, _Almansur_! -- deine Worte haben meinen entschlafenen Kummer erweckt, ich hielt ihn fr todt, aber er schlief nur. -- O Jngling, du hast den Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder vorbergefhrt. -- Ein hnlich Schicksal fhrte mich hierher; ach, _Fatime_! diese Thrnen flieen dir! dieser Seufzer fliegt zu dir! Vor meinen Augen webt sich die Vergangenheit noch einmal hin, sie glnzt im Sonnenschein, eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. -- O _Almansur_, bewohne mit mir diese Htte, trinke mit mir von meiner Milch, la uns beide in den Schatten eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du seist mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jngling, du bist mir theuer geworden, theile mit mir was ich habe, wir wollen wie die Sonne des Tages, wie der Mond der Nacht, in schner Gleichfrmigkeit unser Leben verflieen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben in einem Kreise dreht, so leben, wie eine Welle bestndig um ihr grnes Eiland murmelnd fliet; beide bewundern wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn ihrem Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem Grtchen pflanzen, du begieest sie mit mir am Abend, du brichst mit mir das Obst von den Zweigen und freust dich mit mir des Frhlings und Sommers: Jeden Wandrer, der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit Speise und Trank erquicken, und ihn dann auf die rechte Strae fhren; dem Trauernden wollen wir den Balsam des Trostes reichen, vor dem Frhlichen unsern Kummer in unsrer Brust verschlieen. Wir erzhlen uns dann die Geschichte unsrer verflossenen Jahre, wir tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein, ich lerne jeden Baum kennen, der dir einst mchtig war, du beschreibst mir deine vorige Wohnung so genau als wollte ich sie morgen beziehn, ich sage dir von jedem Bache, bei dem ich mich einst freute oder Thrnen vergo, ich zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen Welt, du in der meinigen, oder wir sitzen am Abend unter dieser Cypresse und sehen wie sich der Mond auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres Laub die Sterne gebrochen flimmern; wir erzhlen uns wunderbare Mhrchen so vertraut als wren es die alltglichsten Dinge; wir trumen uns unser Leben nach dem Tode, bauen luftige Schlsser und reissen sie wieder ein; so leben wir, bis der Tod mir immer nher und nher schleicht und mich unvermerkt aus deinen Armen fhrt, dann hufest du mir einen Grabhgel unter jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest du meine Htte allein, dann sitzest du ohne mich vor dem Eingange, dann denkst du beim Schimmer des Mondes an den gestorbenen _Abdallah_, dann brichst du das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine Hlfe, dem verirrten Pilger zeigst du das Gras auf meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht ein biedrer Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Htte und hrst den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem Geiste mit einem Lichtkranze entgegenfliege. Das grne Band. Eine Erzhlung. 1792. Durch die Thler und ber die Wiesen wandelte der graue Nebel; ber einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren zurck, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen Gebsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen Baches ward hrbarer: als ber die Haide eine Schaar von Kriegern gegen die Veste _Mannstein_ zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog zitternd die schnpolirten Rstungen auf und ab, durch die abendliche Stille tnte laut der Huftritt ihrer Rosse. -- Da schmetterte von der Zinne der Burg eine frhliche Trompete, und weckte mit ihren Tnen den Widerhall am Tannenberge; die Zugbrcke lie sich nieder, und _Friedrich von Mannstein_ zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde sich um ihn her drngte, um ihm Glck zu wnschen, da er aus der Fehde wohlbehalten zurck gekehrt sey. Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. Meine _Emma_! rief Friedrich, bist du wohl? Gottlob, da ich dich wiedersehe! -- Kommt Ihr wohlbehalten zurck? sprach sie, indem sie schchtern um sich blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurck bog. -- Habt Ihr viele von euren Leuten verloren? -- Ja, antwortete _Friedrich_, zwlf, und unter diesen einen meiner treusten Diener. -- Doch nicht -- fiel _Emma_ schnell ein, -- der Name _Adalbert_ zitterte auf ihren Lippen, sie ward bleich, -- doch nicht -- _Wilibald_? sagte sie, indem sie eine unwillkhrliche Thrne in ihr Auge zurckzwngte. Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker, -- aber er fiel, -- er hat sein Leben rhmlich beschlossen. Wohl jedem Kriegesmanne, der so wie er stirbt! -- Ich werde seinen Verlust fhlen; ich liebte ihn, als wr' er mein Bruder. -- Aber komm in die Burg, liebe Tochter, der Nebel hngt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bume, dein Haar flattert in der khlen Abendluft; mich dnkt, du siehst bleich aus, -- du bist doch wohl? Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell. Herr Ritter! sprach ein Knappe, der aus dem Schlohofe trat, wollt Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder _Konrad von Burgfels_ harrt Eurer drinnen. Konrad? Er sei mir willkommen! rief Friedrich, und ging in den Schlohof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm. -- Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. -- Wie viel sagten sie sich nicht in diesem Blick! -- Die Freude sich wiederzusehn, Dank fr die Rettung, zrtliche Besorgni, -- die und hundert Fragen und hundert Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. -- Adalbert fhrte sein treues Ro in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und begab sich dann in ihr Gemach. Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schlo ihn froh in seine Arme. -- Gottlob! rief er, da ich dich einmal wiedersehe! -- Du kommst aus einer Fehde mit _Manfred_? _Friedrich._ Ja, Freund! und du? _Konrad._ Woher? Fr mich, weit du ja, giebt's schon lange keine Fehden mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. -- Seit mein _Karl_ nicht mehr da ist, sieht es so de und verlassen aus. Stehe ich auf dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so mu ich immer wider Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und mu dann jedesmal an den Tod denken. -- Ach! es ist traurig, Freund, wenn man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wnsche wird dann so eng, wir knnen nur noch wenig hoffen, -- aber die wenige wnschen wir mit einer Sehnsucht, mit einer Wehmuth -- So lange sich mein Sohn in Palstina unter den Unglubigen herumtummelt, werde ich dich fter auf deiner Burg heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig. Sie waren inde in den Saal getreten. -- Setz dich, Freund! sprach Friedrich, ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad sa lange nicht auf jenem Sessel. _Konrad._ Es soll von itzt an fter geschehen. -- Du hast ihn geschlagen? _Friedrich._ Den ruberischen Manfred, -- ja -- Zwlf meiner besten Leute hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. -- Mein Knappe Adalbert, du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne ihn stand es so so -- wir waren schon einmal zurckgetrieben, -- ich sage dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn. -- Bringt Wein, Buben! -- Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken. _Konrad._ Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen. _Friedrich._ Das wird er nicht. Welch ein glcklicher Vater bist du! Es war mein tgliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir einst die Augen zudrckte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haute, der -- doch, wir wollen ja nicht traurig sein. _Konrad._ Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhrte dein Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. -- Du weit nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn der Brust des Vaters thut. Man gewhnt sich frh an Gram. -- Bald siehst du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem Schritte; der Jngling kommt nicht von der Jagd zurck, und bei jedem Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der Nacht, -- und wenn du ihn gar fern von dir weit, im Gewhl der Schlachten, -- erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. -- Alle Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schne Erinnerung, das Glck der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in _einen_ freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jnglings, -- ach! und wie viel tausend Schwerter knnen diesen Kranz zerreissen. Wir setzen unser ganzes Vermgen auf _einen_ Wurf, und in jedem Augenblicke mssen wir zittern, zu verarmen. -- Es ist warlich besser der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein! _Friedrich._ Du bist undankbar gegen das gtige Schicksal. -- Den Knaben zum Jngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden, -- nenne mir eine Freude, die grer sei, als diese. -- Und wenn er nun zurckkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann? _Konrad_ (der sich die Augen trocknet). Dann? -- Nun dann will ich dir Recht geben, aber eher nicht. _Friedrich._ Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder, der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten mu. -- Trink! sto an! auf den Ruhm deines Sohnes! _Konrad._ Und das Glck deiner Tochter! _Friedrich._ Denkst du, da ich fr sie unbekmmert bin? -- Wollen wir mit unsern Kindern tauschen, Konrad? _Konrad._ Freund und Waffenbruder! -- ein Gedanke kmmt mir wieder, den ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer schlaflos lag, und der Wind um den Schlothurm saute, -- sei du der Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, da keiner von uns das Recht auf sein Kind verliert. _Friedrich._ Topp, alter Freund! -- Da hast du die Hand eines Ritters, der noch nie sein Wort brach! -- Bei Gott und Ritterehre! keiner als dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, -- nur mu er mit Ehre zurckkehren. _Konrad._ Das wird er, wenn er zurckkehrt, dafr la dir den alten Konrad brgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. -- _Friedrich._ Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. -- Welch eine liebliche Zukunft seh' ich emporblhen! -- Allenthalben winkt die schnste Blume des Lebens: Vaterfreude! -- In diesem Garten wollen wir ruhen, bis wir in einen noch schnern hinberschlummern. Die Alten drckten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine wehmthige geworden; ein Paar groe Thrnen fielen schwer aus ihren Augen, die sie in einem schnen Irrthum fr Freudenthrnen hielten. Sie merkten nicht, da sie der bange Zweifel erzeugte: Werden diese Trume in Erfllung gehn? Sie saen noch lange zusammen im traulichen Gesprch, und erzhlten sich noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres mnnlichen Alters. Die Gesichter der Greise glhten voll Jugendkraft, beide vergaen, da sie Greise waren. Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gesprche ab, jeder ging heiter in sein Schlafgemach. * * * * * Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine dmmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte ber Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tnte durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's lngst den Wnden des groen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte, hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm itzt wie von ungefhr zu begegnen. Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem berlstigen beobachtet. Meine Emma! rief Adalbert aus, und schlo das Mdchen rasch in seine Arme. Bist du endlich wieder da? fing Emma an, -- O! wtest du, wie vielen Kummer du mir inde gemacht hast, die ganze Burg war mir inde so eng wie ein Gefngni, die Flur war fr mich ein Klosterzwinger, denn Berge und Wlder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. -- Der Garten schien mir de und finster, das Blaue des Himmels hing dstrer als sonst ber meinem Haupte -- sage mir doch, -- was hat itzt alles wieder so hell und frei gemacht? _Adalbert._ Die Sonne der Liebe, Emma! _Emma._ Dein schnes Auge, Adalbert! -- Ach! wie viel hab' ich um dich gelitten, itzt erst wei ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir bist. Bestndig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch noch so fern umherschwrmte, so war die Rckkehr zu dir, ihrer lieben Heimath, doch stets das nchste: der Gedanke, der der fernste schien, war doch unmittelbar eins mit der Liebe. -- Bei Dingen, wobei ich bis itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und -- dich! -- Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja geschwtzig. -- _Adalbert._ Und welcher Liebende hrte die Geschwtz nicht gern? _Emma._ Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorber, -- ich bin vor ihm hundertmal vorbergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefhl -- ich dachte pltzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grnte; ich war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frhlingsflur berschaute; -- er blhte damals so schn, die Sonne glnzte so hell in seinen zitternden Blttern, o! wie frhlich war ich damals, -- die ganze Natur und der Baum schien mit mir frhlich; -- itzt stand er da, als wenn er mich traurig anshe, als wenn es ihn schmerzte, da er nicht mehr frhlich seyn knnte. -- Wie ganz anders war itzt alles um mich her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern. -- Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. -- _Adalbert._ Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich traurig gemacht. _Emma._ Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die Zukunft ein Schatten. -- Wie der Frhling entflieht dein Glck, sagte mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglcklich sein. -- _Adalbert._ Verjage diese schwarze Ahnungen, la diese grausamen Spiele deiner Einbildung! -- Emma kann, darf nicht unglcklich sein! _Emma._ Da sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner Abwesenheit. -- Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, da Unglck sehr wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewhnen. _Adalbert._ Du hast Recht. -- Unglck ist ja der Preis, um den wir unser weniges Glck in diesem Leben erkaufen mssen. -- Du seufzest, Emma? -- Himmel! du weinst? -- O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thrnen. -- Knnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige? _Emma._ Um gewisses Unglck fr ungewisse Hoffnungen einzutauschen? La sie ungewi seyn, es sind doch immer Hoffnungen. _Adalbert._ Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird diese schne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? -- Ach, Emma! -- der Winter kmmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schner Traum gewesen. -- Wie dann? _Emma._ Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schnen Traums, wie Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen mchten. _Adalbert._ Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand beglcken? -- Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer groer Schtze? Wird er das je? _Emma._ Willst du denn, da ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht. -- Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? -- Er hat dich erzogen, er liebt dich wie seinen Sohn, er schtzt deine Tapferkeit -- Adalbert! wir wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn ber knftige Jahre hinwegschauen? -- Trage von itzt an die grne Band um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht unnthig zu wagen. _Adalbert._ Grn ist die Farbe der Hoffnung. _Emma._ Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand meiner ewigen Liebe und Treue. _Adalbert._ Auch wenn die Farbe verbleicht ist? -- _Emma._ Auch dann. Itzt rauschte die Thr eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten heraus; ein stummer Hndedruck, und Adalbert und Emma schieden. -- -- Alles war wieder laut und geschftig in der Burg, die Sonne war schon seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore ffneten sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten Friedrich gefhrt. Friedrich ging ihm entgegen, lie ihn sich niedersetzen, befahl ihm einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei? Ich bin ein Abgesandter, begann der fremde Ritter. So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen! sprach Friedrich -- Aber wer sendet Euch? _Ritter._ Der Ritter _Manfred_, der Euch wohl bekannt sein wird. _Friedrich._ Was verlangt er? _Ritter._ Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu schlieen und Euer Freund zu werden. _Friedrich._ Mein Freund? -- _Ritter._ Aber nur unter einer Bedingung -- _Friedrich._ Sie ist? -- _Ritter._ Eure schne Tochter! -- Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit groen Schritten auf und ab. -- Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen nur von einer unterdrckten Wuth zitterte: Geht zurck, Ritter! und sagt dem schndlichen Manfred, da eher meine Burg in Trmmern strzen soll, da ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in seinen Armen wissen will. -- Ein Ritter, kein Meuchelmrder, soll ihr Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein, denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Ruber zu vertilgen, und ein Ruber ist Manfred. -- Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen, wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des Edeln von Lwenau Burgen und Lndereien widerrechtlich gepret werden; sagt ihm, da mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern bereit sei, den Kampf zu erneuen. -- Will er Euch nicht glauben, so mag er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen. Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Ro, und jagte hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurckzuwerfen. Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem freundschaftlichen Gesprche mit Konrad von Burgfels nach und nach verlor. * * * * * Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds vergessen. Der Wein machte, da sie in der Zukunft, welche sie sich ertrumten, allenthalben nur Glck und Freude sahen, und dadurch harmlos und unbefangen die traurige Wahrheit vergaen: da jeder Augenblick ein Unglck erzeugen knne. Emma stand inde an einem Bogenfenster und blickte in die schne Gegend hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie trumte sich in die Zukunft hinber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte. Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wlder rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurck. Um sich diesem Gefhle ganz zu berlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzcken auf ihre vterlichen Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung vorigen Glcks betrachtet. Itzt schwebte der Mond noch eben ber einen fernen Hgel, nun sank er langsam, und ein blasser zitternder Glanz berflog noch einmal die Eichenwlder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten westlichen Wolken tauchten sich im Vorberschweben in einen bleichen goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehllt, finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglck ahndet. O Bild des Glcks! rief Emma aus. -- So stirbt die letzte Hoffnung auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blthe vom verdorrenden Baum. Eine heisse Thrne stieg langsam in ihr Auge. Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken hingen ernst unter dem Glanze der Sterne ber fernen Wldern, und schon begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhle -- da braust es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, -- ein unwillkhrlicher Schauer zitterte langsam ber Emma's Krper hin. -- Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt nher, wie ein Klang von Harnischen. -- Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt eine dstre Schaar um die Mauer der Burg. Emma wollte zurck und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fhlte sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurck, sie drngte sich bebend in die Ecke des Altans. Itzt schwebte es ber den Wall herber, -- schon rauschte es durch den Graben der Burg -- da schmetterte pltzlich laut und furchtbar von der Zinne der Burg die Trompete des Thurmwchters, und Emma schrak heftig zusammen. Pltzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte frchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte drhnten laut durch alle Sle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, -- ihr war, wie in einem Traume, groe Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn, und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, da sie mit einem schmerzhaften Vergngen die Entwickelung dieses frchterlichen Traums erwartete. Noch einmal schrie alles pltzlich laut durcheinander, Rstungen erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wtheten wie zwei Gewitter gegeneinander. -- Itzt hrte sie Adalberts Gang, er ging durch die Sle, den Altan vorber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein Ton stand ihr zu Gebot. Als er vorber war, rief sie laut: Adalbert! -- Aber er konnte diesen Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig durch die Sle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftnte; sie rannte durch eine verborgene Thr, eilte ber die niedergelassene Zugbrcke nach dem offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken ber ihrem Haupte zu flimmern schienen. Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hgel nieder, und sah nach der Burg zurck, die wie in Nebelwolken eingehllt da lag. -- Das Schmettern der Trompeten tnte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang ber Berge und Wlder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen Felsen die Tne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs versanken. -- Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten flohen hin und her, Nacht und Helle kmpften mit einander, alle Schrecken boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich das Gesicht mit den Hnden verdeckte. Das Gerusch des Kampfes kam ihr nher, Krieger flohen ihr dicht vorber, andre sanken verfolgt zu Boden, sie hrte das Rcheln der Todesangst und schauderte noch strker. Ein Ritter eilt daher, der Flchtlinge verfolgt, sie springt auf und strzt athemlos in seine Arme! -- Es war Adalbert. -- Adalbert! Adalbert! ruft sie mit bebender Stimme und drckt sich fast ohne Bewutsein an seine Brust, -- rette mich! Manfred siegt! rief er wthend aus, aber ein guter Engel lie mich dich finden, meinen Muth zu strken. -- Zurck in den Kampf! -- Ha! die Meutrer! -- die Burg brennt! Er lie sie sanft nieder, und strzte wild hinweg. Emma schlo die Augen, denn sie hrte noch immer die schrecklichen Worte: die Burg brennt! -- Endlich blickte sie matt und schchtern auf, -- welcher Anblick! -- Khn wlzte sich eine Flamme aus der Burg himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majesttisch hin und her, und bersah mit khnem Blicke die ganze Gegend. -- Der Burggraben glhte im Widerschein, alle Wlder und Berge wankten hin und her im zitternden Flammenglanze, groe Funken flogen Sternen hnlich durch die Nacht, und sanken neben Emma im feuchten Grase verlschend nieder! -- Im Schein sah sie die Kmpfenden gegeneinander wthen, Arme gegen Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glnzten wie fernes Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hrner hallten wie Donner. -- Ihre Augen schlossen sich mde und geblendet. Sie ffnete sie nur mhsam nach langer Zeit, die Flamme war zurck gesunken, das Gerusch des Kampfes war verschwunden, die grlichste Stille lag schwer und drckend ber der ganzen Natur. -- Zweifel schttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewiheit trat an die Stelle des vorigen Entsetzens. -- Gott! rief sie lautseufzend, und im Ton der Verzweiflung. Emma! seufzte es leise aus einem nahen Gebsche mit dem chzenden Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. -- Mein Vater! rief sie aus, und strzte in die Arme Friedrichs, der verwundet hieher geflohen und niedergesunken war. -- Wthet noch die Flamme in der Burg meiner Vter? fragte er mit schwacher Stimme. Nein! sprach Emma, die Flamme ist gelscht. Nun Gott sei Dank! antwortete Friedrich und erhob sich. Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fhlte sie das Blut des Greises ber ihre Hand flieen. Himmel! rief sie aus, mein Vater, Ihr blutet! -- Schnell zerri sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfltig, als es die Finsterni der Nacht erlaubte. Friedrich kte sie und drckte sie stumm an seine Brust. -- O, ich bin glcklich! sprach er endlich, da ich dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wthen, wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schtze verzehren, wenn ich dich nur noch an meine Brust drcken kann. -- Ich bin nicht unglcklich! -- Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken sumten sich mit sanftem Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den stlichen Horizont. Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fhlte sich strker, als er aus der Ferne ber einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen sahe; Adalbert war an ihrer Spitze. Sieg! Sieg! frohlockte die jauchzende Schaar; Sieg! hallte das Thal mit seinen Felsen wieder; Sieg! sprach Emma freudig nach; eine Thrne der Freude strzte schnell aus ihrem Auge, und eine schne Rthe berflog ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah wieder so khn umher, als er es sonst gewohnt war. Adalbert stieg von seinem Rosse. Manfred ist geschlagen! sprach er, nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen. Friedrich eilte ihm entgegen, und schlo ihn herzlich in seine Arme. Sei mir willkommen! rief er ihm entgegen, willkommen, mein geliebter Sohn! Euer Sohn? sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schchtern auf Emma, die bei diesem Blicke errthete. Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich, sprach Friedrich, verdank ich dir nicht alles? -- Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein. Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. -- Sie schlug schchtern die Augen nieder, und schchtern stammelten nun Adalberts Lippen statt _Emma_ -- das _Ritterschwert_. -- Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf. * * * * * Manfreds Schaar war gnzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur wenigen Schaden thun knnen, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glck und Adalbert Dank sagen, da er den verrtherischen berfall nicht theurer hatte bezahlen mssen. Konrad von Burgfels verlie Friedrichs Veste, um die seinige zu besuchen, der nchtliche berfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder einzukehren. Unmuthig ging inde Adalbert im Schlogarten auf und ab, denn sein Gedchtni wiederholte ihm alle Vorflle dieser Nacht mit den kleinsten Umstnden. -- Adalbert! rief er endlich aus, was hast du gethan? -- Unbesonnen hast du den groen Augenblick deines Lebens verscherzt, in welchem die Waage deines Glcks im Gleichgewichte stand; -- kam es nicht blo auf dich an, glcklich zu seyn? -- Ein Wort aus meinem Munde, und sie war mein, ewig mein! -- Dein? Ist das so gewi? -- Welcher Sterbliche wagt es, so frech das ganze Glck seines Lebens einem einzigen Hauche anzuvertrauen? -- Htte mir nun das _Nein_ wie meine Sterbeglocke frchterlich aus seinem Munde getnt, Adalbert, wie dann? -- Itzt bleibt dir doch noch die trstende Hoffnung. -- Aber hoffen, und ewig nur hoffen, inde sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glcks immer weiter aus meinen Augen gerckt wird. -- Hoffnung! dieser rmliche Ersatz fr Genu, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und uns so in unser Grab lockt, -- lieber Gewiheit des Unglcks als dieses peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in jedem Augenblick den Tod frchten. Und mu ich nicht doch irgend einmal mein ganzes Glck einer Frage anvertrauen? -- Ja! es sei gewagt, noch heut mu sich mein Schicksal entscheiden, -- und was wag' ich denn dabei? Was? fuhr er seufzend nach einer Pause fort, die ganze Seligkeit dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tnt! -- Aber sei's! der hat noch dem Glcke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm zu wrfeln wagte, -- mag das Spiel um Tod und Leben gehn! -- was ist mir ein _solches_ Leben? der Tod sei mir willkommen! -- O da ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht wieder anbieten, er nannte mich Sohn -- Wird er mich je wieder so nennen? -- Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schtze ist? Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie er? -- Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glckliche Nacht hat mich noch ber ihn gestellt. Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich? Wem dankst du _dein_ Leben? -- O, ich fhl' es! dieser Kampf meiner Seele wird nie enden. So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab, bald stand er pltzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder auffuhr, und noch schneller auf- und niederging. Wir sind ja Beide _Menschen_! sprach er endlich langsam und beruhigt, es betrifft das Glck meines Lebens, und auch er soll dadurch glcklich werden; ich will der zrtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schtzen, sein pflegen, es soll ihn gewi nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine Emma so lieben, so glcklich machen wrde, als ich, das fhl' ich, und ihr Glck, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein. So ausgerstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war schon untergegangen, und der Ritter sa still und gedankenvoll in seinem Zimmer. Adalbert fhlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thr ffnete, die Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen. Willkommen, Adalbert! rief ihm Friedrich entgegen, gut da du kmmst, ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das letztemal sein, da mir mit einander trinken? Das letztemal? fragte Adalbert und eine glhende Hitze berflog ihn; er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen. _Friedrich._ Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein lassen, du hast gekmpft, dafr mut du ruhen. Buben brachten Wein, der Alte go die Becher voll, und Beide tranken. Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, da er trank, Friedrich desto frhlicher. _Friedrich._ Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie ein Mdchen. -- Was ist dir? _Adalbert._ Nichts. -- Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen und Nichtwollen kmpfte. Itzt ri er sich gewaltsam aus seiner Trumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell und zerstreut hinzu: O ja! _Friedrich._ Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein frhlicher Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz. _Adalbert._ Heut? _Friedrich._ Am ersten Tage deines Lebens? _Adalbert._ Ich bin unzufrieden, -- eine peinigende Reue verscheucht allen Frohsinn. _Friedrich._ Reue? worber? _Adalbert._ Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem heutigen Morgen. _Friedrich._ Wie? -- Wre es nicht dein heiester Wunsch gewesen, in den Orden der Ritterschaft zu treten? _Adalbert._ Nicht mein heiester, -- meine Zunge sprach es wider meinen Willen, -- ich htte Euch -- um _Emma_ bitten sollen! -- Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fhlte er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach einem Becher greifen um seine glhende Rthe zu verbergen, aber der Becher fiel aus seiner zitternden Hand. Eine lange tiefe Stille. Adalbert hrte seinen heien Athem wehen und zwngte ihn in seine Brust zurck, er wnschte sich itzt in das Gerusch einer Schlacht, mitten unter die Strme einer Gewitternacht. Adalbert! sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als htte ihn der Blitz getroffen. Adalbert! fuhr Friedrich fort, du bist undankbar, -- du bist mein Freund, bist du damit nicht zufrieden? _Adalbert._ Nein, edler Ritter! ich will, ich mu Euer Sohn werden. -- Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zrnte nicht, er hatte ihn angeredet, wie ein gtiger Vater seinen Sohn anredet. So tief vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor. Du mut? sagte Friedrich, wrst du boshaft genug, mir eine schwarze Mauer vor die schnste Aussicht hinzustellen? -- Nein, Adalbert! -- _diese_ Bitte mu ich dir abschlagen. Abschlagen? sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich frchtete, die Wort noch einmal zu hren. -- Aber die Bahn war gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte, daher behielt er Muth genug zu fragen: aus welcher Ursach? _Friedrich._ Meine schnsten Trume waren von jeher, da meine Tochter einem Ritter vermhlt wrde von edler und berhmter Abkunft, -- die fehlt dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, -- sie erbt von mir Burgen und Schtze, diese mu mein Eidam auch besitzen, -- du hast diese nicht. -- Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn. _Adalbert._ Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt! -- Ruhm und Schtze verlangt Ihr? wie nichtswrdig ist beides in den Armen der Liebe! -- Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! -- Knnen Euch Ruhm und Schtze Glck bezahlen? Wiegen Goldstcke die Thrnen Eurer Tochter auf? -- Ich mu verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft! _Friedrich._ Adalbert! _Adalbert._ Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name Adalbert einfallen? -- O Friedrich! Friedrich! Er strzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters. -- Friedrich beugte sich gerhrt ber ihn und hob ihn auf. Unglcklicher! sagte er, Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes. _Adalbert._ O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen -- Halt! rief Friedrich und stand wthend auf, Bsewicht! mein Ritterwort brechen! -- Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrmmern, und den Namen Mannstein an eine Schandsule schreiben! Geh Verworfner! -- Geh! du entehrst das Schwert an deiner Seite. Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens. Von itzt an, sprach Friedrich, halte ich dich jeder Schandthat fhig; du verlssest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Ro zumen; bei meiner Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube knnte Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden. Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thre des Zimmers stand er still, seine Kniee wankten, seine Hnde zitterten, so nahte er sich dem Ritter und sagte halblchelnd: Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit einander getrunken. Mit einer schweren Thrne sprach er die Worte _zum letztenmale_ aus. Dann verlie er schnell und stumm das Gemach. Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thrne Adalberts, die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre nicht in sein Auge zurckzwngen, sie rollte langsam ber seine Wange. Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thrne Adalberts, um es zu vergessen, da ein Mann hier geweint habe. Er htte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, -- aber die Stunde war vorber, die schrecklichen Worte waren gesprochen. Betubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann mit schrecklicher Klte hinzu, -- wie konnte ich auch auf einen Gewinn rechnen? -- Dann ging er lange heftig auf und ab, ffnete stumm das Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend. Es war eine schne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grn gekleidet, auf jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flmmchen zu brennen und durch die Nacht zu leuchten. Durch die verschrnkten Zweige schlpfte der Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grnen Rasen; die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken hnlich, die in den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwrts schweben; ihre weien Stmme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus dem Busche ihr entzckendes Lied, Feuerwrmchen schwebten wie kleine Sterne durch die Nacht und spielten frhlich im weien Strahl des Mondes. Die kalte Verzweiflung Adalberts lte sich bald in die Thrnen der Wehmuth auf. -- Wenn er jetzt den Tnen der Nachtigall folgte, wenn sein Blick durch den glnzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. -- Wie knnte Unglck diese schne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das angenehme Gefhl, wenn er aus diesem Traum erwachen wrde. Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma, bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der mondbeglnzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten, dann sah' er sich selbst, wie er fr sie kmpfte und siegte, -- sie reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz flo in einen glhenden Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wlkchen, bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand. So schwrmte sein Geist in den sesten Trumen umher, der Zorn Friedrichs lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in seiner Seele und stellten sich lchelnd vor jede traurige Erinnerung, -- als nach und nach der Mond erblich und ber die fernen Hgel das erste graue Licht des Tages zitterte. Pltzlich war der schne Schleier zerrissen, der seine Schlfe so sanft umfing, alle Tuschungen der Phantasie sanken pltzlich unter. Die Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in der Natur -- und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem Tage kehrten alle Gefhle des Schmerzes in seine Seele zurck. Alle Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche berzeugung zu: Du bist unglcklich! Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, -- dachte er jetzt, -- ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! -- jetzt wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen die drre Hand entgegenstrecken. -- Ach, Emma! wirst du mich vergessen? -- O noch einmal wnsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer Treue zu erinnern. -- Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schlft vielleicht noch und ahnet nicht, da sie meinen Abschied auf ewig verschlft. -- Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde ein ses: Lebewohl! mitzunehmen? Er verzgerte seine Abreise, er hoffte noch immer, da sie bei seinem Zimmer vorbeirauschen wrde, wie sie oft am Morgen that; er horchte aufmerksam auf jeden Zug des Windes. -- Schon hundertmal hatte er die Thr geffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurck; es fiel ihm jedesmal ein, da er auf _ewig_ Abschied nehme, da er, wenn er aus der Thr getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe, ohne sie wiederzusehen. -- Eine Stunde nach der andern eilte hinweg, sie kam nicht, -- da stieg die Sonne dster hinter schwarzen Wolken empor -- wthend ffnete er die Thr, schlug sie heftig zu und ging. * * * * * Adalberts Sinne waren verschlossen, er verlie die Burg wie ein Trumender. _Kurd_, ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert wies ihn mit bitterm Hohn zurck: Friedrichs Rosse sind zu edel fr den Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm anzunehmen. Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als mte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon kehrte er sich ungewi wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. -- Halb wider seinen Willen stie er ihn zornig mit dem Fue zurck. Der Hund legte sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn empor. -- Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief er aus; ja du treuer Gefhrte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du bist kein _Mensch_! Etwas leichter ging er ber die Zugbrcke durch das uere Thor. Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll und schweigend nach der Burg zurck. Der Himmel hing dster und schwarz ber der Gegend, ein kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen des Burggrabens pltscherten schwermthig gegen die Mauer und sonderbar traurig tnte aus den Regenwolken der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmthigem Vergngen suchte Adalbert die Pltze auf, wo er als Knabe mit dem alten Wilibald gespielt, wo Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo er mit der kleinen Emma so oft herumgeschwrmt war, -- wie war das jetzt alles so verndert! damals schien die Sonne so heiter, die Zukunft lag wie ein goldner Maihimmel ausgespannt vor ihm, -- und jetzt! -- Er dachte an Emma's Ahnungen, schwermthig sah er nach jenem verdorrten Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines Lebens. Einige Landleute zogen am gegenberliegenden Berge zu ihrer Arbeit hinauf. Die Stiere keuchten unter dem drckenden Joch, und schleppten den heiserknarrenden Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief Adalbert aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen einher, jeder Morgen rthet sich zur Arbeit; unglckliche Menschen! die blo heute leben, um morgen eben so wie heut fr einen andern Tag zu sorgen, die das unerbittliche Schicksal fest hlt, dieses langweilige Spiel zu spielen. Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer Waldecke pltzlich still, denn er erinnerte sich, da man von hier aus die Gegend der Burg zum letztenmale she. Er blickte noch einmal mit der wehmthigsten Empfindung zurck, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend schienen ihm jetzt gestorben und hundert wohlbekannte Bume und Felsen standen wie Leichensteine auf ihren Grbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich und ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, der Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang vorgezogen. Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der Menschen, er bahnte sich Wege durch einsame Wlder und wildes Obst und Waldwurzeln muten seinen Hunger befriedigen. Er wollte niemanden Dank schuldig sein. Der Unglckliche glaubt sich so gern von der ganzen Menschheit gehat, er findet Trost in diesem Wahn und in der Freude die ganze Menschheit zu verachten. Diese Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu vermissen. Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen gebrochen durch das grne Dunkel und flimmerten sterbend auf den Wellen eines kleinen rieselnden Bachs. Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte an die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grnen Bande Emma's, das an seinem Arme flatterte. -- Ha! du willst zu ihr zurck! rief er aus. -- Nein, du mut bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der Hoffnung. Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sprot der Schierling der Verzweiflung. Du bist das _letzte_, das _einzige_, was mir von Emma brig blieb; wenn ich dich verliere, worauf kann ich _dann_ noch rechnen? -- Die erste Thrne seit seiner Verbannung fiel auf das grne Band. -- Unglckliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreter Stimme fort. -- Nur auf Thrnen soll ich rechnen? Thrnen sollen meine ganze Erndte sein. -- Er trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie hingefallen war. -- Emma! rief er pltzlich aus, -- die Farbe der Hoffnung schwindet! -- Wenn du mich je vergessen knntest! Er lehnte sich an eine Birke, die ber ihm suselte; die einfrmige Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig in einen leichten Schlummer, aus welchem ihn das Klirren von Schwertern wieder weckte. -- Das graue Licht des Abends flatterte ungewi um die Wipfel der Bume und furchtbar tnte das Waffengerusch durch die Einsamkeit. Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem Schalle folgte. Ein kleiner Fusteig fhrte ihn auf einen freien Platz des Waldes, wo er drei Mnner gegen einen Ritter kmpfen sah, der unerschrocken und kalt mit einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er strzte hervor und schlug den nchsten Ruber mit aufgehabenem Schwerte nieder; in eben dem Augenblicke fiel der zweite von der Hand des fremden Ritters, zitternd warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die Nacht des Waldes. Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, indem er Adalberts Hand herzlich schttelte; seid mir willkommen! Euch verdank' ich mein Leben! _Dafr_ will ich Euch den Dank erlassen, antwortete Adalbert bitterlchelnd. Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? -- fragte der Fremde, -- da das Leben seinen Werth bei dir verloren hat? _Adalbert._ Verschont einen Unglcklichen; ihn um sein Unglck fragen, heit ihm einen Schlag auf seine frische Wunde geben. Der Fremde erhob das Visier des Rubers, den Adalbert erlegt hatte. -- Ha! _Manfred_! rief er aus. Manfred? schrie Adalbert. -- Ja, bei Gott! Mutest du mir hier deine Schuld bezahlen? -- Nun wirst du nicht mehr die Veste Friedrichs berennen wollen. -- Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, begleitet mich zu meiner Burg, ich bin der Ritter _von Lwenau_, wenn euch mein Name nicht unbekannt sein sollte. Sie gingen. -- Ich kenne ihn, begann Adalbert, der schndliche Manfred hatte whrend Eures Aufenthalts in Palstina eure Lndereien in Besitz genommen. Ja, und als er vernahm, da ich zurckgekehrt sei, legte er sich mit seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebsches, weil er wute, da mich meine Strae hindurchfhrte. Wir sind meiner Veste nahe, ich schickte daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg fort. Ich ward berfallen und wre ohne Euren tapfern Beistand verloren gewesen. Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag vor ihnen. Adalbert wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm von Lwenau. Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glcklichen sehe, antwortete Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit eure Freude stren? _Lwenau._ Bist du ein Verbrecher? -- Er lie seine Hand fahren. _Adalbert._ Nein, dem Himmel sei Dank! _Lwenau._ Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich wie ein Vatermrder in Wlder und dunkle Hlen verkriechen? Willst den Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die Folter spannt? -- Der Unglckliche darf khn emporblicken, die Schlge des Verhngnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern. -- Zgre nicht, wenn ich dich fr einen braven Rittersmann halten soll. -- Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, fr einen Frevler zu gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen. * * * * * In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Lwenau beobachtete seinen Gast genau. Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft, meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner groen Schuld abtragen, kann ich dir helfen? _Adalbert._ Du mir? -- O Wilhelm, was kann menschliche Hlfe dem ntzen, auf dem das Schicksal zrnt? _Lwenau._ Das Schicksal? -- Da der Unglckliche doch so gern so stolz ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! -- Sei aufrichtig gegen deinen Freund. -- Vielen ging dadurch alle Hlfe verloren, da sie sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar ber ihr Schicksal, da sie doch selbst die Zgel ihres Lebens in den Hnden halten. Glaube meiner berzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal, wir mssen nur nicht unthtig die Zgel fahren lassen, und sie voll Trgheit einer fremden Macht bergeben wollen. -- Noch immer so stumm? Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann, du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir vertrauen, ob ich gleich vorher wei, da du mir nicht helfen kannst. -- Er erzhlte ihm die Geschichte seines Unglcks und schlo mit diesen Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat fr mich ihre Thr auf ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist fr mich todt und ich bin der Welt gestorben, sie ist mir ein der Strand, an den mich ein unglcklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem Sturme brig blieb, -- ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem Unglcklichen gesichert. _Lwenau._ Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, wie du, so unumschrnkt von der Liebe beherrschen lassen? _Adalbert._ O Ritter, nimm mir meine Liebe und du nimmst mir alles, was nicht an mir verchtlich ist. -- Nur sie rief mich zur Tapferkeit, zur Menschlichkeit, in diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefhle gelutert, und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der Liebe. Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte erborgte Schimmer von dem Abendgewlk. Mit meiner Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heit. _Lwenau._ Ich will dir glauben, denn ich habe noch nie geliebt, seit meiner Kindheit leb' ich im Gerusch der Waffen; ein schnes Pferd war fr mich das Meisterstck der Natur, und ich verstand die Schnheit nur an Harnischen zu bewundern, -- und du glaubst gewi, da es fr dich in dieser Welt kein andres Glck als die Liebe giebt. -- _Adalbert._ Keines! versagte mir die Liebe ihren Kranz, so sind fr mich alle Blumen in der Natur gestorben. _Lwenau._ Und Emma ist das einzige Mdchen, das du je lieben kannst? _Adalbert._ Ich wrde mir selbst verchtlich sein, wenn ich sie nicht mehr lieben knnte. _Lwenau._ Sie mu sehr schn sein. -- Adalbert, ich will dir einen Vorschlag thun, den du aber nicht zurckweisen mut. Schon whrend deiner Erzhlung fate ich einen Gedanken, der gewi, so sonderbar er ist, auszufhren wre. -- Doch noch vorher ein Wort. -- Du nanntest mir in deiner Erzhlung den Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse Nachricht geben, da er in Palstina geblieben ist. Er fiel im Kampf an meiner Seite. Wie, wenn du jetzt, da dieses Hinderni aus dem Wege gerumt ist, zu Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um seine Tochter anhieltest? _Adalbert._ Um von neuem schimpflich zurckgewiesen zu werden? -- Mein Stolz verbietet es, Emma auf diesem Wege zu suchen. -- Deinen andern Vorschlag, er mag so sonderbar sein, als er will. -- _Lwenau._ Nun so will ich dir meinen ganzen Entwurf mittheilen, aber du mut mich nicht unterbrechen, ehe ich geendigt habe. -- Du bleibst hier auf meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. -- Ich will zu Friedrich von Mannstein reisen und um seine Tochter anhalten; er schlgt sie mir gewi nicht ab, denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz unberhmt -- Auf meine Ritterehre! auf meine Brudertreue! ich reise dann mit ihr hieher, wie ich sie aus der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr dann diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis zum Tod ihres Vaters deine rechtmige Gemalin, nachher magst du sie auch ffentlich dafr erkennen. -- Wende mir nichts ein, zu viel kann ich fr dich nie thun. -- Ich wei, tausend Freunde an meiner Stelle wrden nicht so handeln, und hundert Liebhaber wrden sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben; aber wenn du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich wieder liebt, so mt ihr beide meinem sonderbaren Entwurf keine Bedenklichkeiten in den Weg legen, ngstlichkeit darf kein Menschenglck verhindern. -- _Adalbert._ O wie soll ich dir danken? -- Er umarmte ihn rasch und drckte ihn heftig an seine klopfende Brust. -- Bruder, du bezahlst, wie man einem Bettler eine Wohlthat vergilt. -- Wie wenig ist ein Leben ohne Liebe gegen die Krnung der feurigsten Wnsche? _Lwenau._ Du traust doch meiner Redlichkeit? _Adalbert._ Verdiente ich sonst wohl den Namen deines Freundes? _Lwenau._ Auch keiner meiner Blicke soll sich feurig zu deiner Emma verirren. Beide waren so munter, da sie sich nicht schlafen legen mochten; sie tranken die Nacht hindurch und berdachten noch mehr ihren Entwurf. Adalbert lchelte wieder und Lwenau versprach alles fr seinen Freund zu unternehmen. Als die Morgenrthe durch die Bogenfenster dmmerte, lie sich Wilhelm ein Ro satteln, und sprengte davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis der Ritter mit seinem Knappen in einen Wald verschwand. * * * * * Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte, und sich den Unglcklichsten aller Sterblichen nannte, eilte froh so in die Burg zurck, als wenn sein Glck schon entschieden wre. Er sahe wieder die Mglichkeit, glcklich zu werden, und eine khne Hoffnung ri ihn um so hher wieder empor, je tiefer ihn vorher das Unglck gestrzt hatte. Er athmete wieder frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag mit eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn denkt, der vom Spiele auszuruhen kmmt. Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern bekannt zu machen, er dachte sich schon Emma in die Sle, setzte sich in einen Sessel, und trumte sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem Gemlde suchte er mhsam die Zge zusammen, die auch nur die entfernteste hnlichkeit mit dem Gesicht seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der Zweifel an der glckliche Ausfhrung des Entwurfs seines Freundes in seiner Seele auf; er schien so unbesorgt, als wenn er mit dem Schicksal einen Vertrag geschlossen htte. Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die Natur blhte fr ihn von neuem, ein neuer Frhling sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung nieder, und go um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend schne Trume tanzten um ihn her und reichten ihm ihren Nektarbecher; alle seine Sinne waren dem Gefhl der Freude aufgeschlossen. Wie ein Genesender die Rckkehr seiner Krfte fhlt, wie ein sanfter Purpur wieder ber die bleichen Wangen schleicht, in den erstorbenen Augen das erste Feuer zuckt, so fhlte sich Adalbert jetzt wieder mit der Welt, mit allen Menschen ausgeshnt; er empfand, da er itzt Niemand hasse, oder auch nur hassen knne; in jedem Wesen ahnete er den Geist der Liebe, er htte die ganze Natur an sein Herz drcken mgen. So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er verlebte an dem Busen der holden Betrgerin Stunden, die unendlich mehr Freuden gewhren, als die Stunden des Genusses. -- Der Knabe steht vor einer grnen Anhhe, die ein goldnes Morgenroth beglnzt, durch die grnen Bsche funkelt freundlich der Flammenschein; er ersteigt den Berg, in die bezaubernde Gegend zu kommen, -- aber die Sonne ist inde heraufgekommen, der lockende Schimmer verschwunden. Adalbert wre auch ohne Emma nie unglcklich gewesen, wenn er nur immer so htte hoffen knnen. * * * * * Friedrich von Mannstein hatte inde in einer traurigen Einsamkeit gelebt. An jenem Morgen schon, an welchem Adalbert die Burg verlie, war es sein erster Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand wute, welchen Weg Adalbert genommen hatte. Emma war untrstlich, als sie seine Abreise erfuhr. Sie hatte sich so an Adalbert gewhnt, da sie sich ohne ihn ihr Dasein gar nicht denken konnte: er war der Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen, sie hatte nur immer fr ihn gelebt; seit sie gewnscht hatte, war er das Ziel aller ihrer Wnsche, denn in der Einsamkeit erzogen, hatte sie nie einen schnern Mann gesehen. -- Sie dachte sich alles zurck, was sie mit Adalbert genossen und gelitten hatte, sie hatte so s getrumt und unbarmherzig hatte sie das Unglck aus allen goldnen Phantasien gerissen, und vor ein wstes Meer gestellt, in dem sich nichts als schwarze Wolkengebilde spiegelten. -- Sie fiel nach und nach in eine Art von Betubung, aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur Vershnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mdchen, deren jugendliche Phantasie vor dem Bilde des Todes zurckschauderte, war das letzte der Fall, so sehr sie auch anfangs dagegen kmpfen wollte; aber der Schmerz hatte sie ermdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit erschpft. Ihr Gram ward gemigter und sie fing ihre weiblichen Arbeiten wieder an, mit dem Vorsatz, ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar flossen noch ihre Thrnen sehr oft, wenn sie auf die Erinnerung Adalberts geleitet ward, aber es waren nicht mehr die heistrzenden Thrnen, die die Kinder des tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglck sieht; es waren die Thrnen der Wehmuth, die auch oft nach Jahren noch flieen. Als sie zum erstenmal wieder lchelte, zrnte sie heftig auf sich selbst; das zweitemal zrnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht wieder zu lcheln, und nachher glaubte sie, man knne doch trauern, ohne im uern die Zeichen der Traurigkeit anzunehmen. Friedrich schien den Kummer seiner Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine Ursach mehr, die sie bewegte, ihn zu unterdrcken. Htte er von Adalbert gesprochen, so htte sie Muth gefat, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie htte einen Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. -- So verwandelte sich Emma's Gram nach und nach in Wehmuth. So steigt die Leidenschaft vom hchsten Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern herab, bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma wehklagte nicht mehr ber den Verlust eines Geliebten, sie war nur noch wegen eines abwesenden Freundes bekmmert. Sie fhlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr Vater; dieser war daher am ersten Tage nicht so traurig, als an den folgenden. Sein Kummer nahm fast in eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter sich milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er an Adalbert verloren habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, und diesen vermite er weit mehr, als er je vorher wrde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, wenn er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad von Burgfels hatte ihn noch nicht wieder besucht. So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, seit dem Tode der Mutter Emma's war diese Gegend nicht so de und still gewesen. Dieser Einsamkeit berdrssig, beschlo daher Friedrich ein kleines Fest anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner Jugend und seines mnnlichen Alters erinnerte. Er lud mehrere Ritter aus der Nachbarschaft ein, lie einen grnen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten, und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen waren der Dank des Siegers, Emma sollte ihn berreichen. Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels auf Friedrichs Veste, aber stiller und verschlossener als je. -- Was ist dir, Konrad? fragte Friedrich ihm entgegeneilend. -- Bist du krank? Wollte Gott, ich wr' es! antwortete Konrad. _Friedrich._ Was fehlt dir Freund? Dir ist ein Unglck begegnet. -- _Konrad._ Ach! Friedrich! -- siehst du, ich hatte wohl Recht; falle nieder und danke, da dir kein Sohn geboren ist, -- ich hatte Recht. _Friedrich._ Dein Sohn -- _Konrad._ Schlft in Palstina den eisernen Schlaf. -- Friedrich, nun werden die Fahnen meiner Burg _ewig_ Karl rufen, und trauriger als je, -- mein Geschlecht ist ausgestorben. -- Nun werde ich nicht mehr nach jenen Berg hinblicken, denn _ihn_ werde ich nie heruntersprengen sehn mit einer erbeuteten Fahne; -- mute _er_ gerade fallen? -- Der einzige Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mute _ihn_ gerade der schadenfrohe Tod erwrgen? -- Nun kann ich ihn nicht anders als in meinen _Trumen_ sehn. _Friedrich._ Trste dich. Wer kann wider den murren, der das Leben giebt und nimmt? -- La ihn, wer als Jngling stirbt, der hat nur das Schne dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vorbergegangen. Wie viele Greise wnschen nicht, als Jnglinge gestorben zu sein. -- Zu viele Klagen ber seinen Tod ist Gotteslsterung. -- _Konrad._ Wie gut doch die Reichen immer ber Ertragung der Armuth zu predigen wissen! -- Du bist noch im Besitz deiner Schtze, du ersteigst einen Hgel, auf dem die Aussicht umher immer schner und schner wird, oben entschlummerst du vom Strahl eines schnen Abends beleuchtet in den Armen deiner Kinder und Enkel; -- ich gehe den Berg hinab, einsam und ohne Gefhrten, in das enge schwarze Thal des Todes. _Friedrich._ Auch _ich_ habe einen Sohn verloren. _Konrad._ Du? _Friedrich._ Adalbert. -- Er erzhlte ihm die Geschichte seiner Verbannung. Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt hatte, -- rufe ihn zurck, mache ihn durch Emma glcklich, mache dich selbst in der Freude deiner Kinder glcklich. Ich habe nie so lebhaft gefhlt, _was_ das eigentliche Glck des Lebens sei, als itzt, da ich keine Rechnung mehr darauf machen darf. Ach! Freund, Ehre, Geburt, Schtze, -- betrgerische Schatten die uns necken, inde das wahre Glck mitleidig lchelnd hinter unsern Rcken entflieht. -- Wie gern mcht' ich mir durch meine Burgen, meine Ahnen, meinen Ruhm einen Sohn erkaufen knnen! unberhmt, arm und ohne Ahnen wrd' ich mich doch von der ganzen Welt beneidet glauben. -- Friedrich, folge meinem Rathe. _Friedrich._ Wenn er hier wre! -- Niemand wei, wohin er sich gewandt hat. -- Inde waren die geladenen Ritter angelangt und Emma trat in ihrem festlichen Schmucke zu ihnen. Sie schien sich selbst zu gefallen. Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben sich in die Schranken und eine Menge Zuschauer aus der benachbarten Gegend versammelte sich. Emma sa auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter gingen zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad und Friedrich, unwillig da ihren Armen die Schwerter und Lanzen zu schwer geworden. Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier nahm seinen Anfang, als auf einem schwarzen muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den Schranken nherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen aller Anwesenden auf sich -- Emma verglich ihn in Gedanken mit Adalbert, der weniger gro, nicht diesen majesttischen Anstand hatte. Sie gestand sich, der Fremde sei schner als Adalbert und alle ihre Wnsche erflehten ihm den Sieg. -- Konrad dachte an seinen Sohn und seufzte. Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer Leichtigkeit, welche zeigte, da ihm dieses Spiel nicht unbekannt sei. Er betrachtete Emma genau, er hatte sie sich dem allgemeinen Rufe nach schner gedacht, ja eine vollkommene Schnheit erwartet; er fand sich sehr getuscht; aber doch zog ein unbeschreibliches Etwas ihres Gesichts seine Blicke stets wieder nach ihr zurck, er fing an zu glauben, da eine vollkommene Schnheit fr das Herz selten so gefhrlich sei, als ein anziehender Blick und ein Mund, um den Gram und Heiterkeit stets zu kmpfen scheinen. -- Emma schlug einigemal die Augen nieder und errthete. -- Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter ward einstimmig der Dank zuerkannt, er kniete nieder und empfing ihn aus der zitternden Hand des Fruleins. -- Er ffnete sein Visir, es war _Wilhelm von Lwenau_. Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen Augen des Ritters und sanken in eben dem Augenblick beschmt auf ihr Busentuch; sie fhlte, da in diesen Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch konnte sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal aufzuschlagen, um den Anblick der vollkommnen mnnlichen Schnheit zu genieen. Lwenau kniete noch immer zu ihren Fen und verschlang sie mit seinen Augen; das Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich aus seinem sen Rausch und er erhob sich. Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch die brigen Ritter begrten ihn und man begab sich zur Tafel. Wilhelm von Lwenau sa als Sieger obenan und ihm gegenber die schchterne Emma, die jeden Gedanken an Adalbert zu verbannen suchte. -- Lwenau a und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend. Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte mit seinen Augen oft lange auf ihr. -- Das Mahl war geendet, Emma ging in ihr Gemach und man brachte den Rittern die Pokale. Lwenau stand auf und ging in den Burggarten. * * * * * Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen Armen ging er hastig auf und ab, als ob er einen verlornen wichtigen Gedanken wiedersuche. -- Er stand still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem wehmthigen Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, auf denen schon der sanfte Schimmer des Abends zitterte. Emma stand von ohngefhr an ihrem Fenster und ging wieder zurck, als sie den Ritter erblickte. War das nicht _Emma_? rief er aus. -- Warum klopft mein Herz ungestmer bei dem Gedanken? -- Emma. -- Wie gleichgltig tnte mir noch gestern dieser Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den Klang gemischt, da heut mein Blut ihm schneller hpft? Ist die Liebe, Wilhelm? Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, meines Erretters. -- Es kann nicht Liebe sein. Liebe, sagt Adalbert, macht menschlicher, wohlwollend gegen jedes Geschpf, und ist mir doch, als ob ich den Namen Adalbert hate seit ich den Namen Emma liebe! -- Nein, es ist nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, den jeder neue Gegenstand macht. -- Zuneigung? Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht ber mich gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der neben ihr sa? Wie konnt' ich ihn beneiden, da ihn der Saum ihres Kleides berhre? Warum hate ich jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was machte mich glhend hei, wenn ihr Auge auf mir verweilte? -- Freundschaft ist die Gefhl nicht, wenn es nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! -- ist es aber Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft besiegt. Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wre. -- Als ob es schon ausgemacht wre, da _ich sie_ liebte! -- Es kann, es darf nicht sein. Ich will mich mit aller meiner Mnnlichkeit panzern; sie gehrt Adalbert, er liebt sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, -- ein Mann, ein Ritter mu auf sein Versprechen halten und wenn er selbst darber zu Grunde ginge. Er eilte in die Burg zurck, und freute sich dieses Sieges. * * * * * Emma hatte sich inde einigemal wieder dem Fenster genhert, ohne von Lwenau bemerkt zu werden. Sie konnte den schnen Mann nie ohne eine gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging sehr bald in den Wunsch ber: wenn _dieser_ dich liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie denn diesen Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen schlossen mit der Frage: Du liebst ihn also? Sie erschrak nicht mehr ber diese Frage, schon whrend der Mahlzeit hatte sie sich an diesen Gedanken gewhnt. -- Ganz leise fing ihr Herz an diese Frage mit Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe sie noch die Mglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie erst zu dieser Liebe nur noch ihre Einwilligung. Die war der erste Augenblick, in welchem sie eine Art von Freude darber empfand, da Adalbert nicht in der Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur noch ganz schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung des gestrigen Abendmahls beim majesttischen Aufgang der Sonne. Sie fhlte, da sie ihren Adalbert noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben knne, ja sie fing so gar an, sich ihre Gefhle abzustreiten, er war wie sie jetzt glaubte, nur ihr Freund gewesen. Durch die Erscheinung Lwenau's war berhaupt auf sein Bild jener Schatten der Gleichgltigkeit zurckgeworfen, aus dem die Liebe den geliebten Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht. Alle Vollkommenheiten, die sie einst an Adalbert bewunderte, fand sie ungleich vollkommner an Lwenau wieder und jener behielt am Ende nichts als seine Fehler, die sie sonst immer zu seinen Vorzgen gerechnet hatte; und da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen anklagt, so glaubte sie darin, da er nicht wenigstens Abschied von ihr genommen habe, einen Beweis zu finden, da auch er sie nie geliebt habe. -- In dieser Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum ward sie endlich berzeugung. Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, erhabner und niedriger; den vorher gemeinen Menschen erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt zum Gemeinen hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem Instrument in andern Tnen lebt. Was Emma sonst immer mit Verachtung angesehn hatte, schien ihr itzt wichtig; der geschmckte Lwenau gefiel ihr um ein groes Theil mehr als er ihr ohne Schmuck wrde gefallen haben, sie gestand sich die Gefhl, und beschlo von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere Aufmerksamkeit zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an Adalbert darum etwas gleichgltiger an, weil er nur ihres Vaters _Knappe_ gewesen war. Lwenau wollte eben durch den groen Gang in die Versammlung der Ritter gehn, als Emma, vielleicht zufllig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie ihn hatte zurckkommen sehn, aus dem Gemache trat. Ihr hier, Frulein? rief Lwenau etwas hastig. Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten und in der Art, wie er sie sprach, einigen Unwillen des Ritters zu entdecken, oder den Gedanken, sie sei seinetwegen gekommen. -- Um in den Garten zu gehn, antwortete sie, indem sie rasch vorbeihpfen wollte. -- Ihr flieht mich? sprach der Ritter. Euch fliehen? Dann mtet Ihr nicht der Ritter Lwenau sein. -- Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und der Schein des Abends berflog mit freundlicher Rthe das Gesicht des Mdchens. -- Frulein, -- fing der Ritter nach einigem Stillschweigen an, die Sonne nimmt durch einen holdseligen Ku von Euch Abschied, um Euch morgen wieder mit einem Kusse zu wecken. -- Um Euer Antlitz zittert ein blasser Flammenschein, man sollte Euch fr eine Heilige halten. Da Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich anzubeten, erwiederte Emma schalkhaft. _Lwenau._ Und wenn ich nun in die Versuchung kme? -- Wrdet Ihr mein Gebet erhren, schne Emma? -- _Emma._ Ich mte erst wissen, um was Ihr mich bitten wolltet. -- Sie sprach diese Worte leise und mit zitternder Stimme, denn sie frchtete und hoffte viel. So bitt' ich Euch, sprach Lwenau, nicht so schnell von mir in den Garten zu eilen. Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit einem kleinen Unwillen ber ihre getuschte Erwartung. -- _Lwenau._ Wenn Ihr so gtig seid, mein Frulein, so werdet Ihr mich leicht zu einem ungestmen Bitter machen. _Emma._ Was knntet Ihr noch mehr wnschen? -- _Lwenau._ Euch sehen und nicht wnschen? -- _Emma._ Ihr sprecht in Rthseln. _Lwenau._ Da Euer Herz sie verstehen _wollte_! Emma sahe starr vor sich hin. Lwenau's Augen wurzelten auf ihrem Antlitz, er zitterte, eine niegefhlte Empfindung bebte durch seinen Krper, wie mit Ketten ri es ihn zu Emma hin, er umarmte sie pltzlich und sprach mit leiser unterdrckter Stimme: Emma, ich liebe dich! -- Betubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach nicht, eine von seinen Hnden lag in der ihrigen, sie drckte sie schweigend. Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum erwachend. -- Ein leises flsterndes Ja, nur der Liebe hrbar, flog ihm entgegen. Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drckte einen brennenden zitternden Ku auf ihre Lippen, -- kein Gedanke, kein Gefhl, keine Erinnerung trat vor seine Seele, als da er _sie_ in seinen Armen halte; selbst da sie ihn liebe, hatte er vergessen. -- Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betubung, noch einen Ku drckte sie auf seine Lippen, und flohe dann zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich athemlos auf einen Sessel niedersank, als wrde sie von einem Ungeheuer verfolgt. Lwenau starrte ihr nach, bis der letzte weie Schimmer ihres Gewandes verschwand; lange noch blieb sein Auge unbeweglich auf einen Punkt geheftet, als wre ihm ein Gespenst begegnet. Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch frhlich bei den Pokalen saen; selbst Friedrich und Konrad hatten ihre verlornen Shne vergessen. Lwenau wandelte wie im Traum und beantwortete jede Frage nur unvollstndig. -- Friedrich glaubte, er sei von der Reise und vom Turnier ermdet und lie ihn durch einen Diener auf sein Zimmer fhren. Auch die brigen Ritter gingen aus einander. -- Lwenau entschlief, als sich seine Phantasie mde geschwrmt, und seine Leidenschaften in Erschpfung gekmpft hatten. * * * * * Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein Versprechen sein erster Gedanke. Furchtbar trat diese Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn schrecklich, auf dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten angefangen habe. -- Aber wie war es mglich rckwrts zu gehn? Er hatte ihr seine Liebe gestanden, und sie, da sie ihn wieder liebe. Wenn die Gestndni nicht ber seine Lippen geschlpft wre, so htte er gegen seine Leidenschaft noch kmpfen knnen; jetzt aber wrde er sich und Emma zugleich unglcklich gemacht haben. -- Er berlie sich und sein Schicksal endlich ganz und gar der Zeit, wenigstens verschob er alles Nachsinnen, alle Entschlsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei dem Vater um sie anhalten wollte. -- Wei ich doch noch nicht gewi, ob sie mir der Vater nicht abschlgt; geschieht es nicht, nun so kann ich ja auch dann noch immer fr Adalbert handeln. -- Mit diesen Tuschungen beruhigte er die Vorwrfe, die er in dem Innern seiner Seele fhlte. Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr fremd, das vertrauliche Du verdrngte bald die fremde steife Hflichkeit; denn Lwenau verachtete alle Zurckhaltung, alles Verschlieen in sich selbst; er glaubte, es zieme dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem ungeprft zu mitrauen, von jedem Unbekannten das Beste zu denken, und ihn als Freund zu behandeln. So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. -- Emma, die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast immer nur mit Geschpfen ihrer Phantasie umgegangen war, besa noch weniger Zurckhaltung; sie uerte sich ganz so, wie sie war, kannte Verstellung kaum dem Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte. Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand ihm, da sie ihn nie geliebt habe. Sie glaubte es jetzt. -- Lwenau fhlte sich durch diese Erklrung glcklich. -- Beide waren sich bald unentbehrlich, und Lwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die brigen Ritter die Burg verlieen, sehr gern Gehr. Wenn er jetzt nicht bei Emma war, war er sich selbst zur Last; jede Beschftigung machte ihm Langeweile, und doch verlegte er die Stunde immer von einem Tag zum andern, in welcher er bei Friedrich um sie anhalten wollte; denn er fhlte sich in der Tuschung etwas beruhigt, da er noch immer nicht gegen Adalbert handle. Emma war jetzt liebenswrdiger als je; der leichte Gram um Adalbert hatte ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit genommen, sie war jetzt mehr eine stille, leidende Schnheit, die sich um so reizender an den strkern Mann anschliet und hinter seiner Brust einen Schirm gegen alle Strme des Schicksals sucht. Ihre neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick gegeben, in welchem ein schnes Feuer brannte. -- Der heftige Lwenau liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. -- Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er beschlo noch heute mit sich und Adalbert Abrechnung zu halten, noch heute bei dem Vater um sie zu werben. Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel nachdenkend im Saale fand. -- Woran denkt Ihr, Ritter? redete er ihn an. _Friedrich._ Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, wo ich nur noch in der Erinnerung leben kann; die Zeit der Thaten ist verschwunden. _Lwenau._ Aber knnt Ihr nicht auch in der Zukunft leben? _Friedrich._ In der Rckerinnerung lernen wir mehr, nur Thoren sind in der Zukunft zu Hause. -- Wenn man seinen ganzen Reichthum anwendet, in jenem goldnen Lande Pallste aufzubauen, und _ein_ Windsto sie alle niederreit: wohin soll dann der verarmte Pilger fliehen? -- ber dem Lande der Zukunft liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der Entfernung etwas ein Schlo zu sein, und wenn wir nher kommen, ist es eine berhangende Klippe, die sich im nchsten Augenblick auf unser Haupt herabwirft. -- _Lwenau._ Ihr wollt also nicht hoffen? _Friedrich._ O ja, aber die Hoffnung, jene Betrgerin, nicht zu meiner tglichen Gesellschaft machen. Das grte Glck erscheint klein, neben dem Bilde, das uns die Hoffnung vorhielt. _Lwenau._ Die Hoffnung trgt fr Euch die Gestalt Emma's, und eine solche Tochter -- -- _Friedrich._ Je besser sie ist, desto mehr hab' ich zu frchten, und je mehr ich sie liebe, je mehr verlier' ich in ihr. Alles wr' mit ihr dahin! Ich wnsche nichts, als sie glcklich zu sehn; dann werde ich es auch sein. _Lwenau._ Habt Ihr noch auf keinen Eidam gedacht? _Friedrich._ Er schlft in Palstina, Konrad von Burgfels, ihr mut ihn gekannt haben, -- ein anderer, -- o ich mag nicht gern daran denken! -- ein gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; wre er jetzt hier, sie wre sein. -- Lwenau schwieg, und sahe dster vor sich nieder. Ein gewisser -- Wollt Ihr sie keinem Ritter von berhmtem Hause geben? fragte er endlich. _Friedrich._ Wer wei ob sie mit einem solchen glcklich wre? _Lwenau._ Wenn er sie, wenn sie ihn liebte? _Friedrich._ Dann wrd' ich mich keinen Augenblick bedenken. Lwenau kmpfte jetzt einen schweren Kampf, sein Edelmuth und seine Liebe rangen hartnckig mit einander; oft wollte er den Namen Adalbert aussprechen, aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken an Emma. -- Die Liebe blieb Siegerin. -- Wrdet Ihr mich als Eidam verschmhen, Ritter? _Friedrich._ Euch? -- Ist das Euer Ernst? _Lwenau._ Knntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz zutrauen? _Friedrich._ Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt. _Lwenau._ Dafr kann ich Brge sein. -- _Friedrich._ Nun so darf ich doch endlich hoffen, ein glcklicher Vater zu werden; ich zweifelte schon daran, denn man mu sich gewhnen, an allem in dieser Welt zu zweifeln, was dem Glcke hnlich sieht. _Lwenau._ Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. -- _Friedrich._ Ich will es nicht lnger bleiben, mein Eidam mu nicht glauben, da er an mir einen mrrischen Vater erhlt. Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich ward sehr heiter, Lwenau ging endlich spt in sein Schlafgemach. Sie ist mein! rief er aus. -- Unwidersprechlich mein. -- Itzt sei es fest beschlossen. -- Sie ist mein, Adalbert! und sollt' ich darber mein Leben, welches ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen mssen. Die Freundschaft sterbe fr die Liebe. Sie liebt ihn nicht; sie wre unglcklich, und -- bei allen Heiligen! -- sie verdient es nicht zu sein. Auch er wird sie vergessen, -- oder mein Leben -- ein nichtiges Geschenk ohne sie, zurckfordern. Mag er! ich werde es vertheidigen, denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der groe Vertrag mit seinem Gewissen war bald von der Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er fr die Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu glcklichen Trumen ein. * * * * * Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, du mein! ich dein! so rief Lwenau als er in Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte. -- Jetzt kann uns nichts in der Welt von einander reien. _Emma._ Ich dein? du mein? -- _Lwenau._ Nur etwas mangelt unserm Glck und dieses Wort umfat noch mehr. _Emma._ Was knnte dieses Etwas sein? _Lwenau._ Da Adalbert alle seine Rechte auf dich aufgiebt; so lange wir noch frchten mssen, da er zwischen unsre Umarmungen tritt, so lange sind wir nur halb glcklich. -- Emma, ich wei den Ort seines Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige Worte, die ihm sagen, da du ihn nicht mehr liebst, da er jeden Gedanken an dich vergessen solle, da du mein seist. -- Ich bitte dich darum, Emma. Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem Glck unsrer Liebe berlassen, dann soll keine ngstliche Furcht uns nahe treten, dann will ich es trotzig mit der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzhlige Jahre im Stande sei, meine Liebe zu schwchen. Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Lwenau setzte sich und schrieb diesen Brief: _Adalbert!_ Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem Schicksal und nicht mit mir! Ich bin unschuldig. -- Engel gaben der Versuchung nach und verspielten ihr ewiges Glck; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag der Verlust Deiner Freundschaft meine Schwche bestrafen. -- Emma gehrt Dir nicht mehr, sie ist mein, mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt. Zweifle nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich nie geliebt. Alle Deine Hoffnungen sind durch mich gemordet; ermorde mich, wenn Du Dich rchen mut; aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen. Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht die Deinige werden. Ich bin der Hter dieses Schatzes; wer ihn erlangen will, mu mich erst tdten. _Lwenau._ Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die sie ihm gab. Er legte sie in seinen Brief und siegelte ihn. _Ritter_, Verget mich, so wie ich Euch vergessen will, denkt an mich stets wie an einen verstorbenen Freund; ich bin die Verlobte eines Ritters und darf mich daher nicht mehr nennen: Eure Emma. Lwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, der ihn nach Mannstein begleitet hatte. Dieser ritt noch an eben dem Tage fort, um so frh als mglich auf der Burg Lwenau's anzukommen. Friedrich und Lwenau dachten itzt nur an das Vermhlungsfest, welches sie recht glnzend zu machen beschlossen. Emma war in den Armen ihres Geliebten so glcklich, als man es auf dieser Welt sein kann. * * * * * Adalbert lebte whrend dieser Zeit noch immer unter seinen schnen Hoffnungen und erwartete tglich die Bothschaft seines Glcks. Sein vergebliches Warten machte ihn nicht traurig, nur verdrlich, denn dieser Aufschub schien die Hoffnung von dem glcklichen Fortgang des Unternehmens zu besttigen. Er war oft auf die Jagd gegangen, hatte die schnen Gegenden in der Nhe besucht und dachte jeden Abend bei der Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden. Er war von einem seiner Spaziergnge zurckgekommen und stand an eine Buche gelehnt, das Wolkenspiel im Abendroth zu betrachten, als er in der Ferne einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse nherte. Er erkannte bald in ihm Franz, den Knappen Lwenau's. -- Schnell eilte er mit der Frage auf ihn zu: ob ihn der Ritter gesendet habe. -- Franz antwortete mit Ja und berreichte ihm den Brief Lwenau's. -- Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und die Aufschrift betrachtete, er zgerte ihn zu erbrechen. -- Unaussprechliches Glck, oder Tod springt mir entgegen, -- noch, noch darf ich hoffen, noch bin ich glcklich. -- Die Sonne war untergegangen, er ging auf sein Zimmer, den Brief beim Schein eines Lichtes zu lesen. Dieser Augenblick war ihm feierlich, eine heilige Stille schwebte lngst den Wnden des Gemachs, eine Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tnte ber den Berg herber. -- Er lte das Siegel. Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die Hand und kte das Pergament. -- Er las -- und ward bleich, -- er las von neuem und schaute wild mit weit geffneten Augen empor, alle seine Gedanken verirrten sich, er wute nur, da er elend sei, kalt und frchterlich fate ihn diese berzeugung an; was sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden. Emma! rief er endlich mit frchterlicher Stimme, indem seine Besinnung zurckkehrte. -- Er wagte es, noch einmal zu lesen, dann las er den Brief Lwenau's. -- Seine Augen schlossen sich, wie von einer zu groen Helle geblendet, krampfhaft schlug er die Zhne zusammen und hing kalt und starr wie eine Leiche in dem Sessel. -- _Das_ hatte er nicht erwartet. Er sprang nach einer Stille auf und brllte wie ein Rasender: Fluch ber alle, die in dieser Stunde glcklich sind! Fluch ber alle Elende! -- Ja, ich fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr -- o ihr Verzweifelten! kommt zu mir her an meine Brust und helft mich verfluchen! _Eure_ Emma? _Eure_ Emma? -- Du lgst Meineidige! so hast du dich nie genannt! -- Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine Seligkeit der Erde hat mich Freund genannt. Mein Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglck, wie von einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend Quaalen jagt es mich in den Rachen des Todes. _Meinetwegen_ wird ein zrtlicher Vater grausam, _meinetwegen_ ein edler Freund ein Ungeheuer, -- ich gebe die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein blindes Ohngefhr wrfelt mit Glck und Unglck, -- gut, so will ich denn auch handeln, so lange ich noch handeln kann, -- ich will zu ihnen, sie sollen aus ihren Umarmungen zurckstrzen, als htten sie den Schuppenhals eines Drachen berhrt. -- Ich will nicht _allein_ unglcklich sein, die _Liebe_ hat mich, der _Ha_ soll mich itzt glcklich machen. _Eure_ Emma? -- Konnte deine Hand diese Worte schreiben? Dieselbe Hand, die mir so oft den Schwei des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe Hand, die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe versicherte -- o Himmel! was fr ein armseliges Ding ist die Tugend, wenn sich in wenigen Wochen der Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen Bsewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht ein Muster fr seine Richter! -- Tugend? -- Fr mich ist keine Tugend, kein Gott mehr, denn sie, das Unterpfand fr beide, ist mir verloren. Er drckte knirschend Lwenaus Brief zusammen, sein Athem drngte sich schwer durch seine Kehle, tausend Centner waren auf seine Brust gewlzt. -- Sein Blick fiel auf Emma's grnes Band nieder, das er auf seiner Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er ri es wthend herab. Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! -- -- Sie will mich vergessen. -- Ich kann sie nie vergessen, und warum sollt' ich es auch? -- wenn ich sie vergessen knnte, dann knnte ich einst wieder lcheln -- aber das werd' ich nie wieder. Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, alles war still wie eine Todtengruft. Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach er leise, um die tiefe Einsamkeit nicht zu stren; ich werde bald sterben und habe umsonst gelebt, von mir darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur ber Jammer kann ich Red' und Antwort geben, -- Emma, ich weise den frchterlichen Richter an dich, und an dich Wilhelm! _Eure_ Emma! -- Httest du mir doch wenigstens das armselige Du brig gelassen, -- aber _nichts_ sollte mir brig bleiben. -- Gut, setzte er mit schrecklicher Klte hinzu, auch dies Band will ich dir zurckbringen. Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund htten nur auf eine grausame Art mit ihm scherzen wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen; er dachte, er htte in seiner Wuth einige Ausdrcke zu stark empfunden, er suchte dann nochmals in den Briefen nach und qulte sich den frchterlichen Sinn zu mildern, -- aber umsonst! der kalte, gefhllose Buchstabe blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung. Der Ritter durchlebte eine frchterliche Nacht, er konnte nicht schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal stand sein Verstand vor dem frchterlichen Thor des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten vorberziehn, die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfllten; in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, alles war nur ein frchterlicher Traum gewesen; er drckte sie an sein Herz, und das Knistern des Briefs, den er noch immer in seiner Hand fest eingeschlossen hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus seiner Trunkenheit. Bald kmpfte er mit Lwenau um Tod und Leben und sah ihn unter seinen Streichen fallen; bald verschlang alles um ihn her eine groe wste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in der tauben ausgestorbenen Wildni, von einer unendlichen Nacht umfangen; Geister fuhren auf fernen Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure Reich der ewigen de. Er fhlte, wie seine Krfte merklich schwanden. Gott! rief er, wenn ich diese Nacht sterben mte! ohne sie noch einmal zu sehn! -- Mein Geist mu von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich _mu_, ich mu sie sehn. Er wartete ngstlich auf den Anbruch des Morgens, die Nacht schien ihm Hohn zu sprechen, der Morgen kam immer noch nicht. -- Endlich zitterte der erste graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang schnell auf, ri ein Ro aus dem Stalle, und sprengte hinweg. Sein treuer Hund, der ihm oft auf der Jagd gefolgt war, begleitete ihn. Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein Ro unaufhrlich, denn die grte Eile war ihm zu langsam. Eine drckende Hitze zog herauf und sein Ro war schon ermdet, als er einen Ritter einholte, der auch diese Strae zog. -- Wohin? fragte er diesen. -- Nach Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des edeln Lwenau und der schnen Emma. -- Adalbert lachte wild auf. -- Worber lacht Ihr? -- Voll Freude, da wir einen Weg haben. -- In eben dem Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen und sprengte wie rasend hinweg. -- Warum eilt Ihr so? rief ihm der Ritter nach. -- Seht Ihr nicht, schrie Adalbert zurck, wie mir der bleiche Tod nachjagt? -- Er war ihm bald aus den Augen. Das grne Band war um seinen Arm gebunden und flatterte ihm nach; Todtenblsse hatte sein Gesicht berzogen, sein Ro keuchte und sein treuer Hund lief ihm oft voraus, und sah ihn winselnd an, -- aber ohne Bewutsein jagte er immer wieder in neuer Wuth weiter. -- Am Abend strzte der Rappe todt nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm umsah. -- Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert; aber der treue Gefhrte lag schon weit hinter ihm sterbend am Wege. Adalbert reiste zu Fu die ganze Nacht hindurch, seine Krfte schienen bermenschlich, tausend Schrecken schienen ihn unermdet vor sich hin zu jagen. -- Am Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen versteckten Thale eine Schferhtte, sein Gaumen war von der Hitze aufgeschwollen, er trat in die Htte und begehrte von einem Greise, den er dort fand, eine Schale Wasser. -- Ihr sollt khle Milch bekommen, sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine Schale voll zu holen. -- Das kleine Mdchen eilte willig hinweg und Adalbert stand dster an die Thr gelehnt. -- Das Mdchen verweilte etwas lange. Wo bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf, das Mdchen trat in eben dem Augenblick herein und bot ihm freundlich lchelnd die Schale. Statt sie an den Mund zu setzen, warf er sie wthend auf den Boden, da sie in tausend Scherben zersprang; dann eilte er wie ein Wahnsinniger weiter. Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze des Horizonts einen Thurm erblickte, der ihm bekannt schien; -- tausend Erinnerungen kamen in seine Seele zurck, -- es war die Burg Mannstein. * * * * * Er stand still und sahe mit langem Blick nach der wohlbekannten vterlichen Gegend, und in seine Verzweiflung mischten sich einige Tropfen der Wehmuth, sie _so_ wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll da in einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig unter. Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand hinter einen grnen Berg; der Mond brach hervor, und glnzte durch die zitternden Tannenzweige. Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg, schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewi hin und wieder schwebten, schon hrte er immer nher und nher das Tnen der Trompeten und den Donner der Pauken, -- tausend brennende Dolche fuhren durch seine Brust. Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging durch das offne Thor, das frohe Getmmel der Gste lrmte ihm entgegen, er htte gern geweint, aber seine Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten und setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum bildete; bald sahe er still und mit anscheinender Ruhe durch die monderhellte Gegend, bald nach der geruschvollen Burg. -- Alle seine Empfindungen wurden nach und nach abgespannt; er war betubt, als er zwei Gestalten auf sich zukommen sah, -- es waren Lwenau und Emma. -- Lwenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte sich fr strker gehalten, als er wirklich war, die Stimme seines Gewissens war nur unterdrckt gewesen, sie fing itzt um so lauter an zu sprechen. Er begann zu ahnen, da er in Emma's Armen nie recht glcklich sein wrde, aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor ihm. Er war am Abend still und nachdenkend gewesen, und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang durch den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen. Emma war inde immer froh und guter Laune gewesen; sie fhlte sich als Lwenaus Geliebte ganz glcklich -- nur itzt, -- so pltzlich aus dem Gewirre der Gste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen, mitten in die Einsamkeit eines schauerlichen Gartens gezogen, -- itzt fhlte sie eine sonderbare Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing an dem Arme Lwenaus und schlo sich fester an ihn. Mein Wilhelm, sagte sie endlich, -- warum so traurig? Ich habe dich noch nie so still und gedankenvoll gesehn. -- Deine Hand ist hei. _Lwenau._ Und die deine kalt. Du zitterst Emma? _Emma._ Nicht vor Frost, die Sommernacht ist warm; -- aber Wilhelm, es ist hier im Garten so heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die Bsche rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl; hast du nie einen Geist gesehn, Wilhelm? _Lwenau._ Nie Geliebte; aber wie kmmst du zu der Frage? _Emma._ Und wie kmmt dieser Gedanke zu mir? _heut_ zu mir? -- Mein Vater ist doch schon sehr alt, Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau angesehn, der Gedanke ngstigte mich drinnen ber eine Stunde lang: wie er mir so gegen ber sa, schien er mir schon todt. -- Der Anblick eines todten Menschen mu schrecklich sein, -- wie mag ich wohl als Leiche aussehn? _Lwenau._ Du qulst mich, Emma. _Emma._ Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn werde. _Lwenau._ Wie der Frhling, der im Irrthum um einige Tage zu frh seine Blumen ausgestreut hat, und vom eisigen Winter wieder bereilt wird. _Emma._ Wilhelm! _Lwenau._ Was ist dir Emma? Warum fhrst du zusammen? _Emma._ Mir ist, als stnd' ich unter tausend Gespenstern! -- sieh! jene Bume dort sehn frchterlich aus! -- _Lwenau._ Wir wollen in den Saal zurckgehn. _Emma._ Wilhelm! -- hrtest du kein chzen in der Nhe? _Lwenau._ Nichts als den Wind, der durch die Laube rauscht. _Emma._ Es war ein schweres Athmen -- wie eines Sterbenden, -- horch, wie die Bltter zusammenschlagen! -- Gott im Himmel! Sie sank ohnmchtig in seine Arme, denn Adalbert trat bleich und entstellt, mit verworrenen Haaren, dem Auge eines Wahnsinnigen, leise wie ein Gespenst aus der Laube; mit hohler gewrgter Stimme rief er: Emma! Ihr Bewutsein kam wieder, aber ihre Sinne blieben zurck, starr wie eine Leiche sahe sie in Adalberts Auge. -- Emma! Emma! rief dieser wthend, kennst du dies Band noch? -- Er hielt es ihr mit zitternden Hnden vor. -- Geliebter! rief sie matt und wollte sich in die Arme Lwenaus werfen; Adalbert fing sie auf, zog einen Dolch und stie ihn wthend in ihre Brust. -- Kaum war der Todesstreich gefhrt, so erwachte er wie aus einem tiefen Schlaf. -- Emma! Emma! er hielt sie fest in seinen Armen; stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei glcklich! vergieb mir und lebe! la mich fr dich sterben! du _darfst_, du _sollst_ nicht sterben. -- Er kniete nieder und hatte sie fest in seine Arme gepret, als wenn er sie dem Tod abtrotzen wollte; er fhlte nicht, wie sein Blut aus zehn tdtlichen Wunden rieselte, die ihm inde Lwenaus Dolch gestoen hatte. Endlich fhlte er seine Kraft ermatten, er lie sie sanft auf den Rasen fallen. -- Du stirbst, Emma? -- Du stirbst? -- Er sank neben ihr zur Erde. Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch den Buchengang die junge Braut zu suchen. -- Wo ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam. Er wie stumm mit dem blutigen Dolch auf sie hin. Wo? fragte Friedrich. Lwenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf den Boden und Friedrich erkannte sie und Adalbert. Stumm schlo er Konrad in seine Arme und drckte ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts mehr zu hoffen! _Konrad._ Das stille Grab, -- und Jenseits! Ein Minnesnger sang die traurige Geschichte und schlo mit diesen Versen: Jenseit des Grabes wurden sie gekrnt, Dort wurden ihre Herzen ausgeshnt. Oft schweben sie in feierlichen Stunden Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain, Sie kssen wechselsweis im Mondenschein Sich liebevoll die Todeswunden. Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben, Und fhlt ein leises schauerliches Beben: O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein, Durchfahren Geister itzt den Hain. -- Die Mutter spricht: sei ruhig Kind, In Silberpappeln whlt der Abendwind. * * * * * Hinweise zum Text: Folgende nderungen wurden vorgenommen: Zweifel wlzen sich auf Zweifel (Original: dich) Abdallah sah ihm traurig nach (Original: ihn) der Frhling wird dich heitrer machen (Original: heitre) bis sich (...) etwas besnftigt hatte (Original: sich (...) sich) sobald dich meine Laute gerufen hat (Original: hast) Oder sie ungesehn in den Strom (...) versenke (Original: ungegesehn) fing nun an, an die Macht (...)zu glauben (Original: an, die Macht) andre strzten todt nieder (Original: Tod) an dem grlichen Thor (Original: grlichem) ich erlasse sie ihm (Original: ihn) der ihm am nchsten stand (Original: ihn) wann und wie ich sie pflanzte (Original: wie sie pflanzte) rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu (Original: zu zu) die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfllten (Original: ihm) sah ihn winselnd an (Original: ihm) End of the Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck License: Share Alike