Produced by Delphine Lettau, David Jones, Jens Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Novellen von Ludwig Tieck. Erster Band. Die Gemlde. Die Verlobung. Die Reisenden. Musikalische Leiden und Freuden. Berlin, Druck und Verlag von G. Reimer. 1844. Ludwig Tieck's Schriften. Siebzehnter Band. Novellen. Berlin, Druck und Verlag von G. Reimer. 1844. Die Gemlde. Novelle. Treten Sie nur inde hier in den Bildersaal, sagte der Diener, indem er den jungen Eduard herein lie; der alte Herr wird gleich zu Ihnen kommen. Mit schwerem Herzen ging der junge Mann durch die Thre. Mit wie so andern Gefhlen, dachte er bei sich selbst, schritt ich sonst mit meinem wrdigen Vater durch diese Zimmer! Das ist das erste Mal, da ich mich zu dergleichen hergebe, und es soll auch das letzte seyn. Wahrlich das soll es! Und es ist Zeit, da ich von mir und der Welt anders denke. Er trat weiter im Saale vor, indem er ein eingehlltes Gemlde an die Wand stellte. Wie man nur so unter leblosen Bildern ausdauern kann, und einzig in ihnen und fr sie da seyn! so setzte er seine stummen Betrachtungen fort. Ist es nicht, als wenn diese Enthusiasten in einem verzauberten Reiche untergehen? Fr sie ist nur die Kunst das Fenster, durch welches sie die Natur und die Welt erblicken; sie knnen beide nur erkennen, indem sie sie mit den Nachahmungen derselben vergleichen. Und so vertrumte doch auch mein Vater seine Jahre; was nicht Bezug auf seine Sammlung hatte, war fr ihn nicht bedeutender, als wenn es unter dem Pole vorfiele. Seltsam, wie jede Begeisterung so leicht dahin fhrt, unser Dasein und alle unsere Gefhle zu beschrnken. Indem erhob er sein Auge, und war fast geblendet oder erschrocken vor einem Gemlde, welches in der obern Region des hohen Saales ohne den Schmuck eines Rahmens hing. Ein blonder Mdchenkopf mit zierlich verwirrten Locken und muthwilligem Lcheln guckte herab, im leichten Nachtkleide, die eine Schulter etwas entblt, die voll und glnzend schien; in langen zierlichen Fingern hielt sie eine eben aufgeblhte Rose, die sie den glhend rothen Lippen nherte. Nun wahrlich! rief Eduard laut, wenn dies Bild von Rubens ist, wie es seyn mu, so hat der herrliche Mann in dergleichen Gegenstnden alle andern Meister bertroffen! Das lebt, das athmet! Wie die frische Rose den noch frischeren Lippen entgegen blht! Wie sanft und zart die Rthe beider in einander leuchtet und doch so sicher getrennt ist. Und dieser Glanz der vollen Schulter, darber die Flachshaare in Unordnung gestreut! Wie kann der alte Walther sein bestes Stck so hoch hinauf hngen und ohne Rahmen lassen, da all das andre Zeug in den kostbarsten Zierden glnzt? Er erhob wieder den Blick und fing an zu begreifen, welche gewaltige Kunst die der Malerei sei, denn das Bild wurde immer lebendiger. Nein, diese Augen! sprach er wieder zu sich selbst, ganz im Anschauen verloren; wie konnten Pinsel und Farbe dergleichen hervorbringen? Sieht man nicht den Busen athmen? die Finger und den runden Arm sich bewegen? Und so war es auch in der That: denn in diesem Augenblick erhob sich das reizende Bild, und warf mit dem Ausdruck schelmischen Muthwillens die Rose herab, die dem jungen Mann in's Gesicht flog, trat dann zurck und verschlo klirrend das kleine Fenster. Erschrocken und beschmt nahm Eduard die Rose vom Boden auf. Er erinnerte sich nun deutlich des schmalen Ganges, welcher oben neben dem Saale weglief und zu den hhern Zimmern des Hauses fhrte; die brigen kleinen Fenster waren mit Bildern verhangen, nur dieses hatte man, um Licht zu gewinnen, in seinem Zustande gelassen, und der Hausherr selbst pflegte von dort oft die Gste zu mustern, die seine Gallerie besuchen wollten. Ist es mglich, sagte Eduard, nachdem er sich aller dieser Umstnde erinnert hatte, da die kleine Sophie in einem Zeitraume von vier Jahren zu einer solchen Schnheit hat erwachsen knnen? -- Er drckte unbewut und in sonderbarer Zerstreuung die Rose an den Mund, stellte sich dann, starr auf den Boden sehend, an die Mauer, und bemerkte nicht, da der alte Walther schon seit einigen Sekunden neben ihm stand, bis dieser ihn mit einem freundlichen Schlage auf die Schulter aus seiner Trumerei erweckte. Wo waren Sie? junger Mann, sagte er scherzend; Sie sind wie einer, der eine Erscheinung gehabt hat. So ist es mir selbst, sagte Eduard; vergeben Sie, da ich Ihnen mit meinem Besuche lstig falle. Wir sollten uns nicht so fremd seyn, junger Freund, sagte der Alte herzlich; es ist nun schon lnger als vier Jahre, da Sie mein Haus nicht betreten haben. Ist es recht, den Freund Ihres Vaters, Ihren ehemaligen Vormund, der es gewi immer gut mit Ihnen meinte, wenn wir gleich damals einige Differenzen mit einander hatten, so ganz zu vergessen? Eduard ward roth und wute nicht gleich, was er antworten sollte. Ich glaubte nicht, da Sie mich vermissen wrden, stotterte er endlich. Es knnte Vieles, Alles anders gewesen seyn; allein die Irrthmer der Jugend -- Lassen wir das, rief der Alte im frohen Muth; was hindert uns, unsre ehemalige Bekanntschaft und Freundschaft zu erneuern? Was fhrt Sie jetzt zu mir? Eduard sah nieder, dann warf er einen eiligen, schnell abgleitenden Blick auf den alten Freund, zauderte noch, und ging nun mit zgerndem Schritt nach dem Pfeiler, wo das Gemlde stand, das er aus seiner Verhllung nahm. Sehen Sie hier, sagte er, was ich noch unvermuthet in der Verlassenschaft meines seligen Vaters gefunden habe, ein Bild, das in einem Bcherschranke aufbewahrt war, den ich seit Jahren nicht erffnet hatte; Kenner wollen mir sagen, da es ein trefflicher Salvator Rosa sei. So ist es, rief der alte Walther mit begeisterten Blicken. Ei, das ist ein herrlicher Fund! Ein Glck, da Sie es so unvermuthet entdeckt haben. Ja, mein verstorbener lieber Freund hatte Schtze in seinem Hause, und er wute selber nicht, was er alles besa. Er stellte das Bild in das rechte Licht, prfte es mit leuchtenden Augen, ging nher und wieder zurck, begleitete aus der Ferne die Linien der Figuren mit einem Kennerfinger und sagte dann: wollen Sie mir es ablassen? Nennen Sie mir den Preis, und das Bild ist mein, wenn es nicht zu theuer ist. Indem hatte sich ein Fremder herbei gemacht, der in einer andern Wendung des Saales nach einem Julio Romano zeichnete. Ein Salvator? fragte er mit etwas schneidendem Tone, den Sie wirklich als einen alten Besitz in einer Verlassenschaft gefunden haben? Allerdings, sagte Eduard, den Fremden mit einem stolzen Blicke musternd, dessen schlichter Oberrock und einfaches Wesen etwa einen reisenden Knstler vermuthen lieen. So sind Sie selbst hintergangen, antwortete der Fremde mit einem stolzen, rauhen Tone, im Fall Sie nicht hintergehen wollen; denn dieses Bild ist augenscheinlich ein ziemlich modernes, vielleicht ist es ganz neu, wenigstens gewi nicht ber zehn Jahre alt, eine Nachahmung der Manier des Meisters, gut genug, um auf einen Augenblick zu tuschen, das sich aber bei nherer Prfung dem Kenner bald in seiner Ble zeigt. Ich mu mich sehr ber diese Anmaung verwundern, rief Eduard aus, ganz aus aller Fassung gesetzt. Im Nachlasse meines Vaters befanden sich lauter gute Bilder und Originale, denn er und der Herr Walther galten immer fr die besten Kenner in der Stadt. Und was wollen Sie? Bei unserm berhmten Kunsthndler Erich hngt der Pendant zu diesem Salvator, fr welchen vor einigen Tagen ein Reisender eine sehr groe Summe geboten hat. Man halte beide zusammen und man wird sehen, da sie von einem Meister sind und zusammen gehren. So? sagte der Fremde mit lang gedehntem Tone. Sie kennen also oder wissen um jenen Salvator auch? Freilich ist er von derselben Hand, wie dieser hier, das leidet keinen Zweifel. In dieser Stadt sind die Originale dieses Meisters selten, und Herr Erich und Walther besitzen keines von ihm; aber ich bin mit dem Pinsel dieses groen Meisters vertraut, und gebe Ihnen mein Wort, da er diese Bilder nicht berhrte, sondern da sie von einem Neueren herrhren, der Liebhaber mit ihnen hintergehen will. Ihr Wort? rief Eduard in glhender Rthe; Ihr Wort! Ich sollte denken, da das Meinige hier eben so viel, und noch mehr glte! Gewi nicht, sagte der Unbekannte, und auerdem mu ich noch bedauern, da Sie sich so von Ihrer Hitze bereilen und verrathen lassen. Sie wissen also um die Fabrikation dieses Machwerks, und kennen den nicht ungeschickten Nachahmer? Nein! rief Eduard noch heftiger; Sie sollen mir diese Beschimpfung beweisen, mein Herr! Diese Anmaungen, diese Unwahrheiten, die Sie so dreist herausstoen, kndigen einen mehr als gehssigen Charakter an. Der Geheimerath Walther war in der grten Verlegenheit, da diese Scene in seinem Hause vorfallen mute. Er stand prfend vor dem Bilde, und hatte sich schon berzeugt, da es eine moderne, aber treffliche Nachahmung des berhmten Meisters sei, die wohl auch ein erfahrenes Auge hintergehen konnte. Ihn schmerzte es innig, da der junge Eduard in diesen bsen Handel verwickelt war; die beiden Streitenden aber waren so heftig erzrnt, da jede Vermittlung unmglich wurde. Was Sie da sprechen, mein Herr! rief der Fremde jetzt auch in erhhtem Tone, Sie sind unter meinem Zorn, und ich bin erfreut, da ein Zufall mich in diese Gallerie gefhrt hat, um zu verhten, da ein wrdiger Mann und Sammler hintergangen wurde. Eduard schumte vor Wuth. So ist es nicht gemeint gewesen, sagte begtigend der Alte. Wohl war das die Meinung, fuhr der Fremde fort; es ist ein altes wiederholtes Spiel, bei dem man es nicht einmal der Mhe werth gefunden hat, eine neue Erfindung anzubringen. Ich sah in der Kunsthandlung jenen sogenannten Salvator Rosa; der Eigenthmer hielt ihn fr cht, und wurde noch mehr darin bestrkt, als ein Reisender, der, der Kleidung nach, ein sehr vornehmer Mann seyn konnte, einen hohen Preis fr das Bildchen bot; er wollte bei der Rckkehr wieder zusprechen, und bat sich vom Kunsthndler aus, da dieser das Gemlde wenigstens vier Wochen nicht aus den Hnden geben sollte. -- Und wer war dieser vornehme Herr? der weggejagte Kammerdiener des Grafen Alten aus Wien. So ist es klar, da das Spiel, von wem es auch herrhre, auf Sie, Herr Walther, und Ihren Freund Erich abgekartet war. Eduard hatte indessen mit zitternden Hnden sein Bild schon wieder eingewickelt; er knirschte mit den Zhnen, stampfte mit dem Fue und schrie: der Teufel soll mir diesen Streich bezahlen! So strzte er zur Thre hinaus, und bemerkte nicht, da das Mdchen wieder von oben in den Saal herabschaute, die durch das Geschrei der Streiter herbei gezogen worden war. Mein werther Herr, so wandte sich jetzt der Alte zu dem Unbekannten, Sie haben mir weh gethan; Sie sind zu rasch mit dem jungen Manne verfahren; er ist leichtsinnig und ausschweifend, aber ich habe bis jetzt noch keinen schlechten Streich von ihm gehrt. Einer mu immer der erste seyn, sagte der Fremde mit kalter Bitterkeit; er hat wenigstens heute Lehrgeld gegeben, und kehrt entweder um, oder lernt so viel, da man seine Sachen klger anfangen, und auf keinen Fall die Fassung verlieren mu. Er ist gewi selbst hintergangen, sagte der alte Walther, oder er hat wirklich das Bild, wie er sagt, gefunden, und sein Vater, der ein groer Kenner war, hat es schon deswegen, weil es nicht cht ist, bei Seite geschafft. Sie wollen es zum Besten kehren, alter Herr, sagte der Fremde; aber in diesem Falle wre der junge Mensch nicht so unanstndig heftig geworden. Wer ist er denn eigentlich? Sein Vater, erzhlte der Alte, war ein reicher Mann, der ein groes Vermgen hinterlie; er hatte eine so starke Leidenschaft fr die Kunst, wie gewi nur wenige Menschen ihrer fhig sind. Auf diese verwandte er einen groen Theil seines Vermgens, und seine Sammlung war unvergleichlich zu nennen. Darber aber versumte er wohl etwas zu sehr die Erziehung dieses seines einzigen Sohnes; so wie daher der Alte starb, war der junge Mensch nur darauf bedacht, Geld auszugeben, mit Schmarotzern und schlechtem Volke Umgang zu haben, sich Mdchen und Equipagen zu halten. Als er majorenn wurde, waren ungeheure Schulden bei Wucherern und Wechsel zu bezahlen, aber er setzte seinen Stolz darein, nun noch mehr zu verschwenden; die Kunstwerke wurden verkauft, da er keinen Sinn fr diese hat; ich nahm sie fr billige Preise. Jetzt hat er wohl, auer dem schnen Hause, so ziemlich Alles durchgebracht, und auch auf diesem mgen Schulden lasten; Kenntnisse hat er sich schwerlich erworben, Beschftigung ist ihm unleidlich, und so mu man mit Bedauern sehen, wie er seinem Untergange entgegen geht. Die alltgliche Geschichte von so Vielen, bemerkte der Unbekannte, und der gewhnliche Weg unwrdiger Eitelkeit, der die Menschen lustig in die Arme der Verachtung fhrt. Wie haben Sie sich nur dieses sichre Auge erwerben knnen? fragte der Rath; auch erstaune ich ber die Art, mit der Sie dem Julio nachzeichnen, da Sie doch kein Knstler sind, wie Sie sagen. Aber ich studire seit lange die Kunst, antwortete der Fremde; ich habe die wichtigsten Gallerieen in Europa fleiig und nicht ohne Nutzen gesehen, mein Blick ist von Natur scharf und richtig, und noch durch Uebung gebildet und sicher gemacht, so da ich mir schmeicheln darf, wohl nicht so leicht, am wenigsten ber meine Lieblinge zu irren. Der Fremde empfahl sich jetzt, nachdem er dem Sammler hatte versprechen mssen, am folgenden Mittage bei ihm zu essen, denn der Alte hatte vor den Kenntnissen des Reisenden groe Achtung gewonnen. * * * * * Mit unbeschreiblichem Zorne ging Eduard nach Hause. Er trat wthend ein, warf alle Thren heftig hinter sich zu, und eilte durch die groen Gemcher nach einem kleinen Hinterstbchen, wo in der Dmmerung der alte Eulenbck bei einem Glase starken Weines seiner wartete. Hier! schrie Eduard, du alter, schiefnasiger, weinverbrannter Halunke, ist Deine Schmiererei wieder; verkauf sie an den Seifensieder drben, der sie in die Lichte gieen kann, wenn ihm die Malerei nicht ansteht. Wre Schade, sagte der alte Maler, um das gute Bildchen, indem er sich mit der grten Kaltbltigkeit ein neues Glas einschenkte. Hast Dich erhitzt, Freundchen; und der Alte hat von dem Kauf nichts wissen wollen? Schelm! schrie Eduard, indem er das Bild heftig hinwarf; und um Deinetwillen bin ich auch zum Schelm geworden! Beschimpft, gekrnkt! O und wie beschmt vor mir selber, glhend Kopf und Hals hinunter, da ich mir aus Liebe zu Dir solche Lge erlaubte. Ist keine Lge, liebes Mnnchen, sagte der Maler, indem er das Bild auswickelte, ist ein so veritabler Salvator Rosa, wie ich nur noch je einen gemalt habe. Hast mich ja nicht daran arbeiten sehen, und kannst also nicht wissen, von wem das Bild herrhrt. Du hast kein Geschick, mein Hnschen; ich htte Dir die Sache nicht anvertrauen sollen. Ich will ehrlich seyn, rief Eduard, und schlug mit der Faust auf den Tisch; ich will ein ordentlicher Mensch werden, da Andre und ich selber wieder Achtung vor mir haben! Ganz anders will ich werden, einen neuen Lebenswandel will ich anfangen! Warum Dich erboen? sagte der Alte und trank. Ich will Dich nicht hindern; mich wird's freuen, wenn ich das erlebe. Ich habe ja immer an Dir ermahnt und Dir vorgepredigt; ich habe Dich auch an Beschftigung zu gewhnen gesucht, ich habe Dir das Restauriren lehren wollen, Firnisse bereiten, Farben reiben, in Summa, ich habe es an nichts bei Dir fehlen lassen. Hund von Kerl! rief Eduard, Dein Junge, Dein Farbenreiber sollt' ich werden? Aber freilich, ich bin ja heute noch tiefer gesunken, da ich mich zum Spitzbuben eines Spitzbuben habe gebrauchen lassen. Was das Kind fr ehrenrhrige Ausdrcke braucht, sagte der Maler und schmunzelte in sein Glas hinein; wenn ich mir so was zu Herzen nhme, so htten wir die Schlgerei oder bittre Feindschaft hier zur Stelle. Er meint es aber gut in seinem Eifer; der Junge hat was Nobles in seinem ganzen Wesen, allein zum Bilderhndler taugt er freilich nicht. Eduard legte sich mit dem Kopf auf den Tisch, und der Maler wischte schnell einen Weinfleck ab, damit der Jngling nicht mit dem Aermel hineinfahre. Der gute liebe Salvator, sagte er dann bedchtig, soll auch nicht das beste Leben gefhrt haben; sie geben ihm gar Schuld, er sei Bandit gewesen. Als Rembrandt sich bei lebendigem Leibe fr todt ausgab, um den Preis seiner Werke zu erhhen, war er auch nicht ganz der Wahrheit treu geblieben, ob er gleich wirklich einige Jahre spter starb, und sich also nur in der Jahreszahl etwas verrechnet hatte. So, wenn ich nun solch Bildchen in aller Liebe und Demuth male, mich in den alten Meister und alle seine lieben Eigenheiten recht sanftselig und saumthunlich hineindenke, da mir immer ist, als fhrte des Verstorbnen Seelchen mir Hand und Pinsel; und das Ding ist dann fertig, und nickt mir mit rechter Herzlichkeit seinen Dank zu, da ich auch was vom alten Virtuosen geliefert habe, der doch nicht Alles hat machen und nicht ewig hat leben knnen, und ich mich nun, vollends nach einem Glase Wein, indem ich es mit tieferer Prfung beschaue, rechtglubig berzeuge, da es vom alten Herrn wirklich herrhrt, und ich bergebe es so einem andern Liebhaber des Seligen, und verlange nur ein Billiges fr die Mhe, da ich mir die Hand habe fhren, mein eignes Ingenium derzeit unterdrcken lassen, an der Verringerung meines eignen Knstlernamens zu arbeiten, -- ist denn das so himmelschreiende Snde, Freundchen, wenn ich mich selbst auf solche kindliche Weise aufopfre? Er hob den Kopf des Liegenden auf, verwandelte aber seine grinsende Freundlichkeit in eben so verzerrten Ernst, als er die Wangen des Jnglings voll Thrnen sah, die in einem heien Strome unaufhaltsam aus den Augen strzten. O meine verlorne Jugend! schluchzte Eduard: o ihr goldnen Tage, ihr Wochen und Jahre! wie seid ihr doch so sndlich verschleudert worden, als lge nicht in euern Stunden der Keim der Tugend, der Ehre und des Glcks; als sei dieser kstlichste Schatz der Zeit jemals wieder zu gewinnen. Wie ein Glas abgestandenes Wasser hab' ich mein Leben und den Inhalt meines Herzens ausgegossen. Ach! welch Dasein htte mir aufgehen knnen, welch Glck mir und Andern, wenn ein bser Geist nicht meine Augen verblendete. Segensbume wuchsen und schatteten um mich und ber mir, in denen der Freund, die Gattin und die Bedrngten Hlfe, Trost, Heimath und Frieden fanden; und ich habe die Axt im schwindelnden Uebermuth an diesen Hain gelegt, und mu nun Frost, Sturm und Hitze dulden! Eulenbck wute nicht, welch Gesicht er machen, noch weniger, was er sagen sollte, denn in dieser Stimmung, mit solchen Gesinnungen hatte er seinen jungen Freund noch niemals gesehen; er war endlich nur froh und beruhigt, da dieser ihn nicht bemerkte, so da er in behaglicher Heimlichkeit seinen Wein ausleerte. Tugendhaft also willst Du werden, mein Sohn? fing er endlich an. Auch gut. Wahrlich! wenige Menschen sind fr die Tugend so portirt, als ich selber, denn es gehrt schon ein scharfer Blick dazu, um nur zu wissen, was Tugend ist. Knausern, den Leuten abzwacken, sich und unserm Herrgott etwas vorlgen, ist gewi keine. Wer aber das rechte Talent dazu hat, der findet's auch. Wenn ich einem verstndigen Mann zu einem guten Salvator oder Julio Romano von meiner Hand verhelfe, und er freut sich dann, so habe ich immer noch besser gehandelt, als wenn ich einem Pinsel einen chten Rafael verkaufe, den der Gimpel nicht zu schtzen wei, so da ihm im Grunde seines Herzens ein geschniegelter Van der Werft mehr Freude machen wrde. Meinen groen Julio Romano mu ich nun wohl in eigner Person verkaufen, da Du zu dergleichen weder Gaben noch Glck hast. Diese armseligen Sophistereien, sagte Eduard, knnen auf mich nicht mehr wirken; diese Zeit ist vorber, und Du magst Dich nur in Acht nehmen, da sie Dich nicht ertappen; denn mit Laien mag es Dir wohl gelingen, aber nicht mit Kennern, wie der alte Walther einer ist. La gut seyn, mein Kindchen, sagte der alte Maler, die Kenner sind gerade am besten zu betrgen, und mit einem Unerfahrnen mcht' ich gar nicht einmal anfangen. O dieser gute, alte, liebe Walther, dies feine Mnnchen! Hast Du nicht den schnen Hllenbreughel gesehen, der am dritten Pfeiler zwischen der Skizze von Rubens und dem Portrait von Van Dyk hngt? Der ist von mir. Ich kam zu dem Mnnchen mit dem Gemlde: Wollen Sie nicht etwas Schnes kaufen? Was! rief er; solche Fratzen, Tollheiten? Das ist nicht meine Sache; zeigen Sie doch. Nun, ich nehme sonst dergleichen Unsinn bei mir nicht auf, indessen weil in diesem Bilde doch etwas mehr Anmuth und Zeichnung ist, als man sonst bei diesen Phantasien trifft, so will ich mit ihm einmal eine Ausnahme machen. In Summa, er hat's behalten, und zeigt's den Leuten, um seinen vielseitigen Geschmack zu beurkunden. Eduard sagte: aber willst Du denn nicht auch noch ein rechtlicher Mann werden? Es ist doch die hchste Zeit. Mein junger Bekehrer, rief der Alte, ich bin es lngst; Du verstehst das Ding nicht, auch bist Du mit Deinem heien Anlauf noch nicht durch. Stehst Du am Ziel, und bist glcklich allen Klippen, Halseisen, Leuchtpfhlen vorber, dann winke mir nur dreist, und ich steure Dir vielleicht nach. Bis dahin la mich ungeschoren. So trennt sich also unsre Laufbahn, sagte Eduard, indem er ihn wieder freundlich anblickte; ich habe viel versumt, aber doch noch nicht Alles, mir bleibt noch etwas von meinem Vermgen, mein Haus. Hier will ich mich einfach einrichten, und beim Prinzen, der binnen Kurzem hier ankommen wird, eine Stelle als Secretair oder Bibliothekar suchen, vielleicht reise ich mit ihm; vielleicht, da anderswo ein Glck -- oder, wenn das nicht, so beschrnke ich mich hier, und suche Arbeit und Beschftigung in meiner Vaterstadt. Und wann soll das Tugendleben losgehen? fragte der Alte mit grinsendem Lachen. Gleich, sagte der Jngling, morgen, heut, diese Stunde! Narrenspossen! sagte der Maler und schttelte den greisen Kopf; zu allen guten Dingen mu man sich Zeit lassen, sich vorbereiten, einen Anlauf nehmen, die alte Periode mit einer Feierlichkeit beschlieen und die neue eben so beginnen. Das war eine herrliche Sitte, da in manchen Gegenden unsere Vorfahren das Carneval mit rechter chter Ausgelassenheit zu Grabe trugen, da sie zuletzt noch einmal recht toll aufjubelten und sich in der Lust bernahmen, um nachher ungestrt und ganz ohne Gewissensskrupel fromm seyn zu knnen. La uns der verehrlichen Sitte nachfolgen; Brderchen, sieh, ich bin Dir so gut, gieb uns und Deinen Launen noch einmal so einen rechten ausgesuchten Weinschmaus, so einen hohen Valet- und Abschied-Hymnus, da wir, besonders ich, Deiner gedenken; la uns beim besten Wein bis in die tiefe Nacht hinein jubeln, dann gehst Du rechts ab zur Tugend und Migkeit, und wir andern bleiben links, wo wir sind. Schlemmer! sagte Eduard lchelnd: wenn Du nur einen Vorwand findest, Dich zu betrinken, so ist Dir Alles recht. Es sei also am heiligen Dreiknigs-Abend. Da ist ja noch vier Tage hin, seufzte der Alte, indem er den letzten Rest ausschlrfte, und sich dann schweigend entfernte. * * * * * Wir werden heut eine kleine Tischgesellschaft haben, sagte der Rath Walther zu seiner Tochter. So? fragte Sophie. Und wird der junge Eduard auch herkommen? Nein, antwortete der Vater. Wie fllst Du auf diesen? Ich dachte nur, sagte Sophie, da Sie ihm vielleicht durch eine Einladung die unangenehme Scene etwas vergten wollten, die er ohne Ihren Willen in Ihrem Hause hat erleiden mssen. Heute wrde es am wenigsten passen, erwiederte der Alte, da gerade der Mann mit uns speisen wird, von dem der junge Mensch beleidigt ward. So? der? sagte das Mdchen mit gedehntem Tone. Es scheint, der fremde Mann ist Dir unangenehm. Recht sehr, rief Sophie; denn erstlich, kann ich es von Niemand leiden, wenn man nicht genau wei, wer er ist; solch Incognito ist in der Fremde allerliebst, um fr etwas Besonderes zu gelten, wenn hinter dem Menschen gerade gar nichts steckt, und so ist es gewi mit diesem Unbekannten, der ganz das Wesen eines vacirenden Hofmeisters oder Secretairs hat, der sich gestern in Ihrer Gallerie ein Ansehen gab, als wenn er der oberste Direktor aller Heiden-Bekehrungsanstalten wre. Du sagtest: erstens! fragte der Vater lchelnd: nun also zweitens? Zweitens ist er fatal, sagte sie lachend, und drittens ist er unausstehlich, und viertens hasse ich ihn wahrhaft. Das ist freilich erstens und letztens bei euch, sagte der Alte. Uebrigens erscheint noch mein Freund Erich und der junge Maler Dietrich, so wie der wunderliche Eulenbck. Da haben wir ja alle Zeitalter beisammen, rief Sophie aus, alle Arten von Geschmack und Gesinnung! Kommt nicht etwa auch noch der junge Herr von Eisenschlicht, um mir das Leben recht sauer zu machen? Der Vater hob den Finger drohend auf, sie lie sich aber nicht irren, sondern fuhr schnell und unwillig fort: es ist ja wahr, da ich in dieser Gesellschaft meines Lebens niemals froh werde; das schwatzt, und guckt, und ist artig, und lgt, und wird unausstehlich durch einander, da ich statt solcher Mahlzeiten lieber drei Tage hungern mchte. Solche verliebte Leute sind mir so zuwider, wie unreife Johannisbeeren! jedes Wort von ihnen schmeckt mir noch sauer nach acht Tagen, und verdirbt mir auch die Zunge fr alle bessere Frchte. Der alte krummnasige, kupfrige Snder ist mir noch von allen der liebste, denn er denkt doch nicht daran, mich wie ein Mbel in seine Stuben hinzustellen. Diese Art und Weise, sagte der Vater, ist mir an Dir selbst leid, ja recht verdrlich, weil ich bei Deinem starren Eigensinn noch gar nicht absehen kann, wie Du Dich je ndern mchtest. Du weit nun, wie ich ber die Ehe und die sogenannte Liebe denke, wie sehr Du mich glcklich machen wrdest, wenn Du Deinen Willen brechen wolltest -- Ich mu nach der Kche sehen, rief sie pltzlich: ich mu Ihnen heute Ehre machen; vergessen Sie nur nicht die guten Weine, damit der rthliche Eulenbck nicht Ihren Keller in schlechten Ruf bringt. So lief sie hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten. Der Alte ging an seine Geschfte, indessen die Tochter Kche und Tisch besorgte. Sie hatte jenes Gesprch so pltzlich abgebrochen, weil es der Wunsch des Vaters, den sie nur gar zu gut kannte, war, sie mit seinem Freunde Erich zu verheirathen, der zwar nicht mehr jung, indessen auch noch nicht so sehr in Jahren vorgerckt war, da ein solcher Plan lcherlich gewesen wre. Erich hatte bei seinem Handel ein ansehnliches Vermgen erworben; in diesem Augenblicke besa er eine Sammlung ganz vorzglicher Bilder aus den italienischen Schulen, und Walther hatte den Gedanken, da, falls seine Tochter sich noch zu dieser Heirath bereden liee, Erich alsdann seinen Handel einstellen, und diese vorzglichen Gemlde seiner Gallerie einverleiben solle, damit der Schwiegersohn diese dann nach seinem Tode als eine recht ausgezeichnete bese und erhielte. Denn es war ihm frchterlich, sich diese treffliche Sammlung einst wieder zerstreut zu denken, vielleicht gar unter dem Preise verkauft und an Menschen vergeudet, bei denen die Bilder durch Unverstand zu Grunde gehen knnten. Seine Leidenschaft fr Malerei war so gro, da er auf jeden Fall seines Freundes Bilder fr eine sehr groe Summe gekauft haben wrde, wenn ihn nicht der Erwerb eines ansehnlichen Gutes und groen Gartens, die er seiner Tochter zurck lassen wollte, gehindert und ihm jetzt jede Auslage, vorzglich aber eine so bedeutende, unmglich gemacht htten. Indem er seine Briefe schrieb, zerstreuten ihn diese Gedanken unaufhrlich. Er gedachte dann des jungen Malers Dietrich, eines hbschen blonden Jnglings; und ob ihm gleich dessen Art, die Kunst auszuben, so wenig wie die, sich zu kleiden, recht war, so htte er doch auch diesen gern als Schwiegersohn umarmt, weil er berzeugt seyn konnte, da der junge Mensch fr sein Kunstvermchtni die hchste Ehrerbietung hegen wrde. Der alte Maler Eulenbck konnte ihm fr seine Plane nie in die Gedanken kommen; aber seit gestern hatte er den fremden Kunstkenner mit vterlichem Auge gemustert, und die schnippische Antwort der Tochter, mit der sie sich ber diesen geuert hatte, war ihm daher um so empfindlicher. Er mochte es sich nicht gestehen, aber er dachte, wenn er in die Zukunft schaute, weit mehr an das Heil seiner Sammlung, als an das Glck seines Kindes. Selbst der junge Herr von Eisenschlicht, der Sohn eines Wucherers, wre ihm zum Eidam erwnscht gewesen, weil der junge Mensch auf Reisen sich ziemlich gebildet hatte; und da dieser zugleich die Neigungen seines Vaters besa, so lie sich wohl erwarten, da er aus jeder Rcksicht eine so kostbare Sammlung in Ehren halten wrde. So war der Vormittag verstrichen, und die Gste fanden sich nach und nach ein. Zuerst der jngste, Dietrich, im sogenannten altdeutschen Rocke, die weilichen Haare auf den Schultern hngend, und mit einem blonden Brtchen, der sein rosenrothes durchsichtiges Antlitz nicht entstellte. Er erkundigte sich sogleich angelegentlich nach der Tochter, und diese erschien, geschmckt, in einem grnseidenen Kleide, das den Glanz ihres Gesichts und Nackens wunderbar erhob. Der Jngling begann sogleich eben so verlegen als zudringlich ein Gesprch mit Sophien, das um so trockner wurde, um so mehr er es berschwenglich zu machen suchte. Gestrt und getrstet wurden beide durch das Erscheinen des alten Eulenbck, der mit seinem braunrothen Gesicht wunderlich aus einer hellgrnen Weste und weilichem Frack heraus schien, da er es, wie viele ausgemacht hliche Menschen, liebte, sich in auffallende Farben zu kleiden. Die jungen Leute konnten kaum das Lachen unterdrcken, als sie ihn sich linkisch hereindrehen, grimassirend gren und mit falscher Artigkeit stolpern sahen, wobei sich sein schiefes Gesicht, die kleinen grellen Augen und die seitwrts gedrehte Nase noch wunderlicher ausnahmen. Der Fremde lie lange auf sich warten, und Sophie spttelte wieder ber die Anmaung, den vornehmen Mann zu spielen, bis er endlich, schlicht gekleidet, erschien und es der Gesellschaft mglich machte, sich in das Speisezimmer zu begeben, in welchem sie Erich schon fanden, der dort ein Gemlde befestigt hatte, welches der Fremde und die Maler in Augenschein nehmen sollten. Sophie sa zwischen Erich und dem Unbekannten, obgleich Dietrich einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, sich an ihre Seite einzuschieben. Eulenbck, der alles bemerkte, und der am liebsten seine Bosheit in das Gewand der Gutmthigkeit hllte, drckte dem jungen Menschen die Hand und dankte ihm wie gerhrt, da er so lange herum gekreuzt sei, um nur neben einem alten Manne zu sitzen, der zwar auch die Kunst liebe und ausbe, indessen freilich mit seinen abnehmenden Krften dem Fluge der neuern Schule nicht mehr nachstreben knne, an deren Enthusiasmus er aber doch sein altes Feuer wieder anznde und seine schon kalten Lebensgeister erwrme. Dietrich, der noch jung genug war, um alles dies fr Ernst zu halten, wute nicht Dankbarkeit genug auszudrcken, noch hinlngliche Bescheidenheit aufzutreiben, um diese Demuth aufzuwgen. Der alte Schelm freute sich, da ihm seine Verstellung gelang, und machte den gutmthigen Jngling immer treuherziger, der in diesem alten Knaben schon einen Schler von sich zu sehen whnte, und dabei im Stillen berechnete, wie er dessen practische Kenntnisse zu hhern Zwecken brauchen wolle, ohne da der Alte merken msse, wie der neue Lehrer wieder zugleich sein Schler sei. Indessen diese beiden sich so zu tuschen suchten, war das Gesprch des Fremden und des Wirthes zum Theil zufllig, und von der andern Seite klug gelenkt, auf die Ehe gefallen; denn der alte Walther lie nicht leicht eine Gelegenheit vorbergehen, seine Gedanken ber diesen Gegenstand auszusprechen. Ich habe niemals, sagte er, mit den Ansichten bereinstimmen knnen, die nun etwa seit funfzig Jahren zur allgemeinen Mode geworden sind. Ich nenne sie Mode, weil ich mich nie, obgleich ich auch jung gewesen bin, habe berzeugen knnen, da sie in der Natur gegrndet sind. Kann man lugnen, da einzelne Menschen zu gewissen Zeiten leidenschaftlichen Stimmungen und Verirrungen ausgesetzt gewesen? Nur zu hufig haben wir die bsen Folgen des Zornes, der Trunkenheit, der Eifersucht und Wuth wahrnehmen mssen. Eben so ist auch nicht zu lugnen, da vielfaches Unheil und seltsame Begebenheiten aus jenen gesteigerten Empfindungen, die man Liebe nennt, hervorgegangen sind. Es ist nur die Rede von jener Verkehrtheit, da der Mensch zwar alle andere Verwirrungen vermeidet, und sich der Ueberraschung der Leidenschaften zu entwhnen sucht, Alle aber sich seit einer gewissen Zeit damit brsten, ja es fr nothwendig zum Leben halten, die Liebe und ihre wilden Zustnde und leidenschaftlichen Verwirrungen erlebt zu haben. Der Unbekannte sah den Wirth ernsthaft an und nickte ihm zu, worauf der Alte mit erhhter Stimme fortfuhr: Mchte man am Ende auch einer gewissen Billigkeit nachgeben, und diese Zustnde der sogenannten Liebenden, in denen, wie sie uns erzhlen, die ganze Welt ihnen im schnern Lichte erscheint, und in welchen sie sich aller ihrer Seelenkrfte erhht und vielfacher bewut werden (obgleich sie in jenem Schlummerwachen in der Regel trge, und zu keiner Arbeit zu bringen sind), natrlich finden: was thut, frag' ich nun, alles dies, auch noch so glcklich sich wendend, um eine vernnftige und gute Ehe zu schlieen? Ich wrde nie meine Einwilligung geben, wenn ich das Unglck htte, an meiner Tochter einmal diese Verstandesverwirrung zu bemerken. Sophie lchelte; der junge Dietrich sah sie errthend an, und Eulenbck trank mit groem Wohlbehagen, inde der Fremde den Alten mit Ernst anhrte, der, seiner Sache gewi, um so eifriger fortfuhr: Nein, wohl dem Manne, der, mit dieser verkehrenden Leidenschaft vllig unbekannt, den vernnftigen Entschlu fat, sich in den Stand der Ehe zu begeben, und Heil dem Mdchen, das zchtig den Gemahl findet, ohne jene Scenen des Wahnsinns je mit ihm gespielt zu haben, denn alsdann findet sich jene Zufriedenheit, jene Ruhe und jener Segen, der unsern Vorfahren nicht unbekannt war, und den die heutige Welt nicht mehr achten will. In diesen Ehen, welche nach vernnftiger Ueberlegung, in Demuth und stiller Ergebenheit geschlossen wurden, fanden die Menschen damals im wachsenden Vertrauen, in zunehmender Zrtlichkeit und im gegenseitigen Ertragen der Schwchen ein Glck, welches dem jetzigen hochfahrenden Geschlechte zu geringe erscheint, und das auch darum nur Elend und Noth, Unzufriedenheit und Miverstndni, Zwietracht und Verachtung im Garten seines Lebens baut. Frh schon an den Rausch der Leidenschaft gewhnt, suchen sie auch diesen in der Ehe, und verachten die Nothwendigkeit des alltglichen Lebens, erneuern dann rechts und links in mannigfaltigen und immer geringeren Abwechselungen die Kunststcke ihres Liebeshandwerks, und gehen so in Schlechtigkeit und Selbstbetrug unter. Sehr bitter, aber wahr, sagte der Unbekannte mit nachdenklicher Miene. Es ist wie mit allen Bitterkeiten, flsterte Sophie ihrem Nachbar zu, sie fallen zu schwer auf die Zunge; man kann nicht recht unterscheiden, ob es schmeckt, oder nur allen Geschmack betubt; dergleichen ist natrlich fr den wahr, der Liebhaber davon ist. Eulenbck, der diesen Ausspruch auch gehrt hatte, lachte, und der Vater, der die Sache nur halb verstanden, wandte sich mit Heiterkeit zu seinem fremden Gaste: wir sind also darber einig, da nur die sogenannten Conventionsheirathen glcklich seyn knnen; ich werde auch niemals Anstand nehmen, meine einzige und nicht unbegabte oder arme Tochter einem Manne zu geben, sei er, von welchem Stande er wolle, dessen Charakter mir werth ist, und dessen Kenntnisse ich, vorzglich in der Kunst, achten mu, damit auch meine Enkel noch die Frchte meines Fleies rnten, und nicht in alle Winde und in die Huser der Unwissenden das verstreut werde, was Liebe, Aufopferung, Studium und unermdeter Flei in dieser Wohnung versammelt haben. Er sah den Fremden mit geflligem Lcheln an; doch dieser, der bis jetzt ihm freundlich erwiedert hatte, machte eine fast finstere Miene und sagte nach einer kleinen Pause: die Sammlungen von Privatpersonen knnen niemals lange bestehen; wer die Kunst liebt, sollte, falls er gesammelt hat, seine Schtze um ein Billiges Frsten verkaufen, oder sie grern Gallerieen durch Testament einverleiben. Darum kann ich auch den Plan mit Ihrer Tochter nicht billigen, wenn ich auch mit Ihren Ansichten von der Ehe einverstanden bin. Und berhaupt ist es in Ansehung jeder Heirath eine miliche Sache. Wenn ich nicht versprochen wre und tausend dringende Ursachen mich zwngen, mein Wort nicht zu brechen, so wrde ich meiner Neigung nach immer unverheirathet bleiben. Der Alte wurde roth und sah vor sich nieder, dann fing er mit seinem Nachbar, nicht ohne Verlegenheit, ein anderes Gesprch an. Die neuliche Auction der Kupferstiche, sagte der Gemldehndler, ist bei weitem nicht so ergiebig ausgefallen, als es der Eigenthmer sich versprochen hatte. Das ist hufig mit Auctionen der Fall, warf die Tochter mit schnippischem Tone dazwischen: darum sollte sich kein Mensch damit einlassen, den nicht die uerste Noth dazu treibt. Dietrich war noch zu unerfahren, um den Zusammenhang dieser Gesprche einzusehen; er redete treuherzig und eifrig ber die Barbarei der Auctionen, in denen oft die kostbarsten Seltenheiten bersehen, viele Kunstwerke durch die Gaffer und Handlanger beschdigt, und der Ruhm groer Meister, so wie das Gefhl chter Bewunderer, schmerzlich verletzt wrden. Dadurch gewann er die gute Meinung des Vaters, der die getrbte Miene erheiterte und ihm mit Freundlichkeit Recht gab. Sophie, welche frchten mochte, da ein neuer Antrag im verdeckten Wege des Kunstenthusiasmus vorgeschoben werden sollte, fragte schnell den jungen Maler, ob er mit seinem Marienbilde bald fertig sei, oder ob er vorher die Abnahme vom Kreuz vollenden wolle? Sie malen also auch dergleichen rhrende Gegenstnde? fragte der Unbekannte, indem er mit einem fast schielenden Blicke zum jungen Manne herber blinzelte. Mich wundert es immer von Neuem, da Menschen in ihren besten und heitersten Jahren mit dergleichen Gegenstnden ihre Zeit und Imagination verderben knnen. Der heiligen Familien haben wir wohl, dchte ich, in der Kunst genug; da ist nichts Neues anzubringen und zu erfinden, und jene Leichname und Verzerrungen des Schmerzes widerstreben so vllig allem Reiz und dem Genu der Sinne, da ich mein Auge immer davon abwenden mu. Die Kunst soll unser Leben erhhen und erheitern, alle Drftigkeiten desselben und aller Jammer der Welt soll uns in ihrer Nhe verschwinden; nicht aber darf unsre Phantasie durch ihre Hervorbringungen gengstigt und gefoltert werden. Im heitern, frischen Licht soll die Sinnenwelt spielen, und in freundlichem Reiz uns schmeicheln und auf diese Weise erheben. Schnheit ist Freude, Leben, Kraft. Der hat sich noch wenig verstanden, der Nacht und dstre Gefhle sucht. Oder gehren Sie auch etwa zu denen, die sich vor dergleichen Bildern mit erzwungener Glubigkeit entzcken, und verlangen, da in uns eine Art von Andacht sich entznden soll, um den Gegenstand zu verstehen und christlich zu wrdigen? Und wre denn das, rief Dietrich mit einer gewissen Eil und Heftigkeit, etwas so Unerhrtes, oder nur Besonderes? Im Schnen, wenn es erscheint, wird der Reiz der Sinnenwelt zum Gttlichen erhht, und so wird die stumme Ehrfurcht, die hlflose Rhrung unbegeisterter Gemther durch die Kunst zur himmlischen Andacht erhoben. Es ist, wenn auch verzeihlich, doch abgeschmackt, wenn blo des frommen Gegenstandes wegen ein elendes Bild den glubigen Beschauer entzckt, aber es ist mir vllig unbegreiflich, wenn sich ein fhlendes Herz vor der Sixtinischen Maria zu Dresden des Glaubens und der Andacht erwehren kann. Ich wei es wohl, da die neuen Bestrebungen jngerer Knstler, zu denen ich mich auch bekennen mu, bei vielen trefflichen Leuten groes Aergerni erregt haben, aber man sollte sich doch endlich ohne Leidenschaft berzeugen, da das alte, ganz ausgefahrene Geleise kein Weg mehr ist. Was haben diejenigen, die diese neue Lehre zuerst wieder aufbrachten, denn anders gewollt, als das Gemth wieder erwecken, welches seit langer Zeit bei allen Kunstproductionen als ganz berflssig angesehen worden war? Und hat denn diese neue Schule nicht schon vieles Achtungwrdige hervorgebracht? Ein Geist offenbart sich, das ist nicht abzulugnen, der sich krftigen wird und ausbilden, ein neuer Weg ist gefunden, auf welchem freilich, wie bei jeder Begeisterung, mancher Unberufene auch das Uebertriebene, Widerwrtige und ganz Tadelswrdige hervorbringen wird. Ist denn aber das Schlechte dieser Zeit wirklich schlechter, als was weiland ein gefeierter _Casanova_ erschuf, oder das Leere leerer, als jenes kalte Abschreiben der miverstandnen Antike, das jene ganze frhere Zeit als einen groen Lckenber in der Kunstgeschichte darstellt? Waren denn nicht bizarre Manieristen auch damals die trstenden Erscheinungen? Und hat denn der Hlfverein fr die Kunst, von verehrten Mnnern gestiftet, etwas Tchtiges hervorbringen knnen? Junger Mann, sagte der Unbekannte mit der schneidendsten Klte: ich mte zehn Jahre jnger, oder Sie einige lter seyn, wenn ich ber so wichtigen Gegenstand mit Ihnen streiten sollte. Dieser neue phantastische Traum hat sich der Zeit bemchtigt, das ist freilich nicht zu lugnen, und mu nun bis zum Erwachen fortgeschlummert werden. Waren jene, die Sie tadeln wollen, vielleicht zu nchtern, so sind dafr die jetzt Gepriesenen in einem krnklichen Rausch befangen, indem ihnen ein wenig schwaches Getrnk zu Kopfe gestiegen ist. Sie wollten nicht streiten, rief der junge Maler, und thun mehr, Sie sind bitter. In der Leidenschaft ist man wenigstens keines freien Urtheils fhig. Ob die Parthei, fr die Sie mit solchen Waffen kmpfen, dadurch gewinnen kann, mu die Zukunft entscheiden. Sophie sah den Jngling ermuthigend mit einem schadenfrohen Blicke an, Walther war schon besorgt; doch nahm der Bilderhndler Erich das Gesprch beruhigend auf und sagte: sobald sich ein heftiger Widerstreit in der Zeit regt, so ist es ein Zeichen, da etwas Wirkliches in der Mitte liegt, das den Streit wohl verdient, und welches der Mitlebende nicht ganz ignoriren darf, wenn er nicht unbillig seyn will. Seit lange war die Kunst aus dem Leben getreten, und nur ein Artikel des Luxus geworden; darber verga man, da sie jemals mit Kirche und Welt, mit Andacht und Begeisterung zusammengehangen hatte, und kalte Kennerschaft, Vorliebe fr das Kleine und gemeine Natrlichkeit, so wie ein erknstelter Enthusiasmus muten sie erzeugen. Wei ich doch die Zeit noch, wo man in den Gallerieen die schnsten Werke eines Leonardo nur als merkwrdige und sonderbare Alterthmer vorwies, selbst Rafael wurde nur mit einschrnkender Kritik bewundert, und ber noch ltere groe Meister zuckte man die Achseln, und betrachtete die Malereien der frheren Deutschen oder Niederlnder niemals ohne Lachen. Diese Barbarei der Unwissenheit ist doch jetzt vorber. Wenn nur keine neue und schlimmere darber entstnde! rief Eulenbck, vom Weine hochroth erglhend, indem er dem Unbekannten einen feurigen Blick zuwarf. Mir thut es immer weh, da in unsern Tagen das Wort des chten Kenners fast nie mehr gehrt wird; der Enthusiasmus bertnt die Einsicht, und doch ist fr den Knstler nichts so lehrreich, als ein Gesprch mit einem chten Kunstfreunde, das ihn belehre und erhebe, da es ihm oft in Jahren nicht so gut wird, dergleichen zu genieen. Der Fremde, welcher schon verstimmt und heftig zu werden schien, ward nach diesen Worten wieder heiter und freundlich. Knstler und Freunde der Kunst, erwiederte er, sollten sich immer aufsuchen, um bestndig von einander zu lernen. So war es in voriger Zeit, und auch dies war eine der Ursachen, da die Malerei gedieh. Die Phantasie eines jeden Schaffenden ist beschrnkt und ermattet, wenn sie nicht von auen angefrischt und bereichert wird, und dies kann nur durch verstndige, freundliche Mittheilungen geschehen; ohne zu erwhnen, was Correktheit, Anmuth der Behandlung und Auswahl der Gegenstnde gewinnen. Sie haben sich, antwortete der alte Maler, einen Knstler vorzglich ausersehen, den ich auch gewissermaen mehr als alle liebe. Ich gestehe, sagte der Fremde, da ich ihm mein Herz vielleicht etwas zu ausschlielich zugewendet habe. Es war mir frh vergnnt, einige ausgezeichnete Werke des Julio Romano kennen zu lernen und zu verstehen; in Mantua fand ich auf meinen Reisen Gelegenheit, ihn zu studiren, und seitdem glaube ich, meine Vorliebe auch rechtfertigen zu knnen. Gewi, erwiederte der Alte, wird Ihr Aufenthalt dort zu den schnsten Epochen Ihres Lebens gehren. Habe ich doch zu meinem innerlichen Verdru in neueren Zeiten auch manchen Tadel dieses groen Geistes hren mssen, vorzglich, da er die geistlichen Gegenstnde nicht mit der gehrigen Innigkeit behandle. Einem Jeden ist nicht _alles_ gegeben. Aber die Verklrung des frischen sinnlichen Lebens, die Herrlichkeit des freien Muthwillens, das Spiel der lebendigsten Phantasie waren ihm vorbehalten. Und ist dem jungen Wallfahrer sein Herz noch fr den Reichthum dieses glnzenden Geistes verschlossen, so wandre er nur nach Mantua, um dort in dem Pallast ^T^ kennen zu lernen, was Erd' und Himmel, mcht' ich fast sagen, Herrliches in sich fassen; wie in den Schrecken des Riesensturzes noch Lust und Scherz gaukelnd, und in dem Saale des Amor und Psyche in der Trunkenheit des Entzckens die himmlische Erscheinung der vollendeten Schnheit sich verklren. Der junge Dietrich sah seinen abtrnnigen Anhnger schon seit lange mit groen Augen an; er konnte diesen Abfall nicht begreifen und nahm sich vor, mit dem Alten in einer vertrauten Stunde darber zu sprechen; denn wenn er auch die Bewunderung des Julius gelten lie, so schien ihm doch die erste Hlfte des Gesprchs geradezu im Widerspruch mit der frheren Aeuerung Eulenbcks zu stehen, der sich aber um dergleichen Nebendinge nicht kmmerte, sondern sich mit dem fremden Kunstfreunde in so lebhaften Enthusiasmus hineinschwatzte, da beide auf lange Zeit weder die brigen hrten, noch sie zu Worte kommen lieen. Erich wollte eine Aehnlichkeit des Fremden mit einem Verwandten Walthers bemerken; darber kam man in das Kapitel der Aehnlichkeiten, und wie sonderbar sich in den Familien, oft in der fernsten Verzweigung am deutlichsten, gewisse Formen wiederholen. Sonderbar ist es auch, sagte der Wirth, da die Natur oft ganz wie die Kunst verfhrt. Wenn ein Niederlnder und ein Italiener aus der vorigen Zeit ein und dasselbe Bildni malen sollten, so wrden beide die Aehnlichkeit auffassen, aber jeder ein ganz verschiedenes Portrait und eine ganz andere Aehnlichkeit hervorbringen. So kannte ich in meiner Jugend eine Familie, die aus vielen Kindern bestand, an denen allen die Physiognomie der Aeltern und nur eine Hauptform, aber unter verschiedenen Bedingungen ausgeprgt war, so klar und sicher, als wenn die Kinder Bildnisse von demselben Gegenstande, von verschiedenen groen Malern gezeichnet, wren. Die lteste Tochter war wie von Correggio gemalt mit feinem Teint und zierlicher Form; die zweite war dasselbe Gesicht, aber grer, voller, wie aus der florentinischen Schule; die dritte hatte das Ansehen, als habe Rubens das nehmliche Portrait auf seine Art gemalt; die vierte wie ein Bild von Drer; die nchste wie aus der franzsischen Schule, glnzend, voll, aber unbestimmt, und die jngste wie ein flssig gemaltes Werk von Leonard. Es war eine Freude, diese Gesichter unter sich zu vergleichen, die mit denselben Formen, in Ausdruck, Farbe und Lineamenten wieder so verschieden waren. Erinnern Sie sich des wunderbaren Portraits, fragte Erich, welches Ihr alter Freund in seiner Sammlung besa, und welches sich mit so vielen andern Sachen auf eine unerklrliche Weise verloren hat? Ja wohl! rief der alte Walther aus, wenn es nicht von Rafaels Hnden war, wie einige behaupten wollen, so war es wenigstens von einem vorzglichen Meister, der nach diesem Muster die Kunst mit Glck studirt hatte. Wenn einige Neuere von der Kunst des Portraitirens als von einer geringen Sache sprechen wollten, oder die gar den Maler erniedrige, so durfte man sie nur vor dieses wunderwrdige Bildni fhren, um sie zu beschmen. Wie, sagen Sie, so wandte sich der Fremde lebhaft zum alten Rath, es sind auer diesem trefflichen Stck noch andere merkwrdige Gemlde verloren gegangen? Auf welche Weise? Ob verloren, sagte Walther, kann man so eigentlich nicht sagen; aber sie sind unsichtbar geworden, und vielleicht in's ferne Ausland verkauft. Mein Freund, der Herr von Essen, der Vater des jungen Menschen, den Sie neulich in meinem Saale trafen, wurde mit zunehmendem Alter launenhaft und wunderlich. Die Liebe zur Kunst hatte uns befreundet, und ich kann sagen, da ich sein ganzes Vertrauen besa. Wir ergtzten uns an unsern Sammlungen, und die seinige bertraf damals bei weitem die meinige, die ich erst durch die Nachligkeit seines Sohnes so ansehnlich habe vermehren knnen. Wenn wir uns einmal ein rechtes Fest geben wollten, so setzten wir uns in sein Cabinet, in welchem die ausgesuchtesten seiner Werke versammelt waren. Diese hatte er mit vorzglich prchtigen Rahmen einfassen lassen, und sie sinnreich bei einer sehr vortheilhaften Erleuchtung geordnet. Auer jenem Portrait sah man dort eine so unvergleichliche Landschaft von _Nicolas Poussin_, wie mir noch nie eine vorgekommen ist. Im sanften Abendlicht fuhr Christus mit seinen Jngern auf dem Wasser. Die Lieblichkeit des Wiederscheins der Huser und Bume, die klare Luft, die Durchsichtigkeit der Wellen, der edle Charakter des Erlsers und die himmlische Ruhe, die ber dem Ganzen schwebte und unser Gemth wie in Wehmuth und friedlicher Sehnsucht auflste, ist nicht zu beschreiben. Daneben hing ein Christus mit der Dornenkrone von _Guido Reni_, von einem Ausdrucke, wie ich ihn seitdem auch nicht wieder gesehen habe. Der alte Freund wollte sonst in seinem Eigensinne den trefflichen _Guido_ vielleicht zu wenig gelten lassen; aber vor diesem Bilde war er immer entzckt, und es ist wahr, man sah es, so oft man es sah, jedesmal von Neuem; die vertraute Bekanntschaft mit ihm erhhte nur den Genu, und lie immer neue, noch geistigere Schnheiten entdecken. Dieser Ausdruck der Milde, des ergebenen Duldens, der himmlischen Gte und des Verzeihens muten auch das starrste Herz durchdringen. Es war nicht jene gesteigerte Leidenschaftlichkeit, wie man wohl in andern hnlichen Bildern des Guido wahrnimmt, und die uns bei trefflicher Behandlung des Gegenstandes doch eher zurck stt, als anzieht, sondern es war das seste, wie das schmerzlichste Gemlde. Durch die zarten Fleischpartien unter Wange, Kinn und Auge sah und fhlte man den ganzen Schdel, und dieser Ausdruck des Leidens erhhte nur die Schnheit. Gegenber war eine Lukretia von demselben Meister, die sich mit starkem vollen Arm den Dolch in den schnen Busen stie. In diesem Bilde war der Ausdruck gro und krftig, die Farbe unvergleichlich. Eine Mutter, die dem schlafenden Kinde das Tuch vom nackten Krper nimmt, und Joseph und Johannes den Schlfer betrachtend, die Figuren lebensgro, waren von einem alten rmischen Meister so herrlich und grazis dargestellt, da jede Beschreibung nur unzulnglich ist. Aber wohl mchte ich Worte suchen, um auch nur eine schwache Vorstellung von dem einzigen _Van Eyck_ zu geben, einer Verkndigung, welche doch vielleicht die Krone der Sammlung war. Hat sich die Farbe je als eine Tochter des Himmels verherrlicht, ist mit Licht und Schatten jemals gespielt, und im Spiel die edelste Rhrung der Seele erweckt worden, haben Lust, Begeisterung, Poesie und Wahrheit und Adel sich je in Figuren und Frbung auf eine Tafel gelegt, so war es in diesem Bilde geschehen, welches mehr als Malerei und Zauber war. Ich mu abbrechen, um mich nicht selbst zu vergessen. Diese Bilder waren die vorzglichsten; aber ein _Hemling_, ein herrlicher _Annibal Carracci_, ein kleines Bild, Christus zwischen den Kriegsknechten, eine Venus, vielleicht von Titian, wren wohl noch der Erwhnung werth, und kein Bild war in diesem Cabinet, das nicht jeden Freund der Kunst beglckt htte. Und, denken Sie, fassen Sie die Sonderbarkeit des Alten, kurz vor seinem Tode sind alle diese Stcke verschwunden, ohne Spur verschwunden. Hat er sie verkauft? Er hat nie diese Frage beantwortet, und seine Bcher htten es nach seinem Tode ausweisen mssen, die aber nichts davon sagten. Hat er sie verschenkt? Aber wem? Man mu frchten, und der Gedanke ist herzzerreiend, er hat sie in einer Art von wahnsinniger Schwermuth, weil er sie wohl keinem andern Menschen auf Erden gnnen mochte, kurz vor seinem Tode vernichtet. Vernichtet! Fassen Sie es, begreift ein Mensch diese furchtbare Abwesenheit, wenn mein Verdacht gegrndet ist? Der Alte war so erschttert, da er seine Thrnen nicht zurck halten konnte, und Eulenbck zog ein ungeheures gelbseidenes Tuch aus der Tasche, um in auffallender Rhrung sein dunkelrothes Gesicht abzutrocknen. Erinnern Sie sich wohl noch, hub er schluchzend an, des sonderbaren Bildes von _Quintin Messys_, auf dem ein junger Schfer und ein Mdchen in seltsamer Tracht abgebildet waren, beide herrlich ausgearbeitet, und wovon er behauptete, die Figuren shen seinem Sohne und Ihrer Tochter hnlich. Die Aehnlichkeit war damals auffallend, erwiederte Erich. Sie haben aber noch den Johannes zu nennen vergessen, der wenigstens mit dem _Guido_ wetteifern konnte. Dies Bild war vielleicht von _Domenichino_, wenigstens war es jenem berhmten uerst hnlich. Dieser Blick des Jnglings nach dem Himmel, die Begeisterung, die Sehnsucht, zugleich die Wehmuth, da er schon das Gttliche auf Erden gesehen, als Freund umarmt und als Lehrer verstanden hatte, dieser Wiederschein einer entschwundnen Vergangenheit im Spiegel des edeln Antlitzes war rhrend und erhebend. -- O, wenige von diesen Bildern knnten den jungen Mann retten und wieder wohlhabend machen. Wre doch Alles an ihm verloren, rief Eulenbck aus. Er wrde es doch nur wieder vergeuden. Was habe ich nicht an ihm ermahnt! Aber er hrt auf den ltern Freund und die Stimme der Erfahrung nicht. Nun endlich, da ihm das Wasser doch wohl mag an die Seele gehen, ist er in sich geschlagen; er sah, da ich ber sein Unglck bis zu Thrnen gerhrt war, da hat er mir in meine Hand versprochen, sich von Stund an zu bessern, zu arbeiten und ein ordentlicher Mensch zu werden. Wie ich ihn hierauf gerhrt umarme, reit er sich lachend los und ruft: aber erst vom heiligen Dreiknigs-Abend an soll dieser Vorsatz gelten, bis dahin will ich noch lustig seyn und in der alten Bahn fortlaufen! Was ich auch sagen mochte, Alles war umsonst; er drohte, wenn ich ihm nicht seinen Willen liee, die ganze Besserung wieder aufzugeben. -- Ei nun, das Fest ist in einigen Tagen, die Frist ist nur kurz; Sie knnen aber wenigstens daraus sehen, wie wenig auf seine guten Vorstze zu bauen ist. Von jeher, sagte Sophie, ist er zu sehr mit frommen Leuten umgeben gewesen; aus Widerspruch hat er sich auf die andre Seite gewandt, und so hat freilich sein Eigensinn verhindert, da der Umgang mit den Tugendhaften ihm hat ntzlich werden knnen. Sie haben gewissermaen Recht, rief der alte Maler. Hat er sich nicht von dem Pietisten, dem langweiligen alten Musikdirektor Henne seit einiger Zeit wie belagern lassen? Aber ich versichere Sie, dessen trockne Predigten knnen unmglich an ihm haften; auch wird der Alte beim dritten Glase betrunken, und so kommt er aus dem Text. Er hat es zu arg getrieben, bemerkte der Wirth: dergleichen Menschen, wenn Unordnung und Verschwendung erst ihre Lebensweise geworden sind, knnen sich niemals wieder zurecht finden. Das rechtliche, wahre Leben erscheint ihnen gering und bedeutungslos; sie sind verloren. Sehr wahr, sagte Eulenbck: und um Ihnen nur ein auffallendes Beispiel seiner Raserei zu geben, so hren Sie, wie er es mit seiner Bibliothek anfing. Er erbte eine unvergleichliche Bchersammlung von seinem wrdigen Vater; die herrlichsten Ausgaben der Classiker, die grten Seltenheiten der italienischen Literatur, die ersten Ausgaben des Dante und Petrarca, nach denen man auch wohl in berhmten Stdten umsonst fragt. Nun fllt es ihm ein, er msse einen Secretr haben, der zugleich diese Bibliothek in Ordnung halten solle, die neu angekauften Werke in das Verzeichni eintragen, die Werke systematisch aufstellen und dergleichen mehr. Ein junger wster Mensch meldet sich zu diesem wichtigen Amte, und wird auch gleich angenommen, weil er zu schwatzen wei. Zu schreiben ist nicht viel, aber trinken mu er lernen, und der Unterricht schlgt bei dem lockern Vogel an. Das wilde Leben nimmt gleich seinen Anfang; alle Tage toll und voll, Blle, Maskeraden, Schlittenfahrten, die halbe Stadt frei gehalten. So fehlt es denn nun schon nach einem halben Jahre, als der junge Gelehrte sich seinen Gehalt ausbittet, an baarem Gelde. Man fllt auf den Ausweg, da er fr den Gehalt des ersten Jahres an Bchern nach einer billigen Taxe nehmen drfe. Herr und Diener kennen aber den Werth der Sachen nicht, die auch nur fr den Kenner kostbar sind, und deren finden sich nicht auf allen Gassen. Die theuersten Werke werden ihm also lcherlich wohlfeil berlassen, und da man die Auskunft einmal gefunden hat, so wiederholt sich das Spiel immer wieder, und um so fter, da der neue Gnstling zuweilen Gelegenheit hat, fr seinen Patron baare Auslagen zu machen, die ihm in Bchern wieder erstattet werden. So frchte ich, sind von der Bchersammlung vielleicht nur noch die Schrnke brig geblieben. Ich wei am besten, sagte der Rath, wie unverantwortlich man mit den Bchern umgegangen ist. Das sind ja alles erschreckliche Geschichten, sagte Sophie: wer mchte sie nur von seinem Feinde so wieder erzhlen? Das Schlimmste aber, fuhr Eulenbck fort, war denn doch seine Leidenschaft fr die berchtigte schne Betty; denn diese that das im Groen, was alle seine brigen Thorheiten an seinem Wohlstand nur im Kleinen vernichten konnten. Sie hat auch seinen Charakter zu Grunde gerichtet, der sich ursprnglich zum Guten neigte. Er ist gutherzig, aber schwach, so da Jeder, welcher sich seiner bemchtigt, aus ihm machen kann, was er will. Meine gutgemeinten Worte verschollen nur in den Wind. Bis in die tiefe Mitternacht hinein habe ich zuweilen auf die eindringlichste Art gesprochen, aber es war nur Schade um alle meine Ermahnungen. Sie hatte ihn so in Stricken, da er selbst seine redlichsten und ltesten Freunde um ihrerwillen mihandeln konnte. Indem erhob man sich von der Tafel, und whrend der gegenseitigen Begrungen nahm Sophie die Gelegenheit wahr, indem sie dem alten Maler die Hand reichte, der sie ihr zierlich kte, ihm deutlich zuzuflstern: o Sie abscheulichster von allen abscheulichen Sndern, Sie undankbarer Heuchler! Wie kann es Ihr verkehrtes Herz ber sich gewinnen, den ffentlich zu lstern, von dessen Wohlthaten Sie sich bereichert haben, dessen Leichtsinn Sie benutzen, um ihn mit andern Gehlfen elend zu machen? Bisher habe ich Sie nur fr abgeschmackt, aber gutmthig gehalten; ich sehe aber, da Sie nicht ohne Ursache eine wahre Teufels-Physiognomie tragen! Ich verabscheue Sie! -- Sie stie ihn mit Bewegung zurck, und eilte dann aus dem Zimmer. Die Gesellschaft ging in den Bildersaal, wo der Kaffee herum gereicht wurde. Was war denn meiner Tochter? fragte der Rath den Maler: sie schien so eilig und hatte Thrnen im Auge. Ein gutes, liebes Kind, schmunzelte Eulenbck. Sie sind recht glcklich, Herr Geheimer Rath, bei diesem empfindsamen Herzen Ihrer Tochter. Sie war so liebevoll um meine Gesundheit besorgt; sie findet meine Augen entzndet, und meinte gar, ich knnte erblinden: darber ist sie denn so gerhrt worden. Ein treffliches Kind! rief der Vater aus: wenn ich sie nur erst gut versorgt she, da ich in Frieden sterben knnte. Der Fremde war noch zurck geblieben, um das neue Gemlde in Augenschein zu nehmen, welches Erich ihm im Speisezimmer zeigte; jetzt kam er mit diesem zur Gesellschaft und Dietrich folgte. Sie waren Alle im lebhaften Gesprch begriffen; der Fremde tadelte den Gegenstand, welchen Dietrich vertheidigen wollte. Wenn _Teniers_ und hnliche Niederlnder, sagte der letztere, die Versuchung des heiligen Antonius komisch und fratzenhaft dargestellt haben, so ist diese Laune ihrer Stimmung zu vergeben, so wie ihrem Talent nachzusehen, da sie das Wrdige nicht zu erschaffen wuten. Der Gegenstand aber fordert eine ernste Behandlung, und dem alten deutschen Meister dort ist sie ohne Zweifel gelungen; wenn der Beschauer nur unpartheiisch seyn kann, so wird er sich von seinem Bilde angezogen und befriedigt fhlen. Dieser Gegenstand, nahm der Fremde das Wort, ist keiner fr die bildende Kunst. Die ngstigenden Trume eines wahnsinnigen Alten, die Gespenster, die er in seiner Einsamkeit sieht, und die ihn durch falschen Reiz oder Entsetzen von seiner melancholischen Beschaulichkeit abziehen wollen, knnen nur in das Gebiet fratzenhafter Phantome fallen, und auch nur phantastisch dargestellt werden, wenn es berhaupt erlaubt seyn soll. Dagegen dort die weibliche Gestalt, welche sich edel zeigen will und zugleich reizend, eine enthllte Schnheit in der Flle der Jugend, und die doch nur ein verkleidetes Gespenst ist; die wilden Gestalten umher, die durch den grellen Contrast sie noch mehr hervorheben, das Entsetzen des Alten, der sich im Vertrauen wieder zu finden sucht, diese Vermischung der widersprechendsten Gefhle ist durchaus widersinnig, und Schade um Talent und Kunst, die sich an dergleichen abarbeitend verschwenden und vernichten. Ihr Zorn, sagte Dietrich, enthlt das schnste Lob des Bildes. Ist denn nicht Alles, was den Menschen versucht, nur Gespenst, in die lockende Gestalt der Schnheit verhllt, oder sich scheinbar mit nichtigem Entsetzen verpanzernd? Sollte eine Darstellung, wie jene, nicht gerade in unsern neuesten Tagen eine doppelte Bedeutung erhalten? Allen kommt diese Versuchung, die sich noch ihres Herzens nicht ganz bewut sind; aber in jenem Heiligen sehen wir den festen und reinen Blick, der ber die Furcht erhaben ist, und lngst die wahre unsichtbare Schnheit kennt, um Grauen und geringe Lsternheit von sich zu weisen. Das wahre Schne fhrt uns in keine Versuchung; das, was wir wirklich frchten drfen, erscheint nicht in Larve und Unform. Das Bestreben jenes alten Meisters lt sich daher vor dem gebildeten Sinne rechtfertigen; nicht so Teniers und seines Gleichen. Das Tolle, das Alberne und Abgeschmackte ist ein Unendliches, rief der Unbekannte: es ist es eben dadurch, da es sich in keine Grnze fassen lt, denn durch die Schranke wird alles Vernnftige: das Schne, Edle, Freie, Kunst und Enthusiasmus. Weil sich aber etwas Ueberirdisches, Unaussprechliches beimischt, so meinen die Thoren, es sei das Unbedingte, und sndigen im angematen Mystizismus in Natur und Phantasie hinein. Sehn Sie diesen tollen _Hllenbreughel_ hier am Pfeiler? Weil sein Auge gar keinen Blick mehr hatte fr Wahrheit und Sinn, weil er sich ganz von der Natur lossagte, und Aberwitz und Unsinn ihm als Begeisterung und Verstndni galten, so ist er mir vom ganzen Heere der Fratzenmaler geradezu der liebste, da er ohne Weiteres die Thre zuschlug und den Verstand drauen lie. Sehn Sie den Riesensaal von _Julio Romano_ in Mantua, seine wunderlichen Aufzge mit Thieren und Centauren und allen Wundern der Fabel, seine Bacchanalien, seine khne Vermischung des Menschlichen, Schnen, Thierischen und Frechen; vertiefen Sie sich in diese Studien, dann werden Sie erst wissen, was ein wirklicher Poet aus diesen sonderbaren und unverstandenen Stimmungen unsers Gemthes machen kann und darf, und wie er im Stande ist, auch in diesem, aus Trumen geflochtenen Netz, die Schnheit zu fangen. Auf solchem Wege, sagte Dietrich, sind wir mit allen Dingen sehr bald fertig, wenn wir nur eine Norm und Regel annehmen, in leidenschaftlicher Verblendung alles Gttliche auf Einen Namen bertragen, und von dem einseitigen Erkennen seiner dann abweisen, was er nicht geleistet hat, oder nicht leisten konnte, der doch auch nur ein Einzelner und ein Sterblicher war, dessen Blick nicht in alle Tiefen drang, und dem wenigstens der Tod die Palette aus der Hand nahm, wre er selbst fhig gewesen, alle Erscheinungen aus seinen Fingern quellen zu lassen. Schranke mu seyn; wer bezweifelt das? Aber so manche Altklugheit, die sich im Halten der Regel so gro dnkt, erinnert mich immer wieder an die sonderbare Eigenschaft des Hahns, der, wie unbndig und kriegerisch er auch thut, wenn er auf die Seite gelegt wird, und man von seinem Schnabel aus einen Kreidestrich auf den Boden hinzieht, unbeweglich und andchtig liegen bleibt, weil er sich, wer wei von welcher Naturnothwendigkeit, philosophischer Regel oder unerlalichen Kunstschranke gefesselt glaubt. Sie werden unbescheiden, mein junger altdeutscher Herr, sagte der Fremde in etwas hohem Tone. Die gute Erziehung wird freilich bald zu den verlorenen Knsten gerechnet werden mssen. Dafr ist aber wohl gesorgt, versetzte Dietrich, da Uebermuth nicht ausstirbt, und Dnkel bei frischen Krften bleibt. Er verbeugte sich schnell gegen den Hausherrn und verlie die Gesellschaft. Ich wei nicht wie ich dazu komme, so behandelt zu werden, sagte der Fremde. Scheint doch ber diesem Saal ein Unheil zu walten, da ich hier immer auf Riesen treffe, die mich in den Staub legen wollen. Der alte Walther war sehr mimuthig, da in seinem Hause solche Scenen vorfielen. So wie er den Fremden schon bei Tische hatte aufgeben mssen, so gab er nun auch den Gedanken auf, jemals den jungen Maler zum Schwiegersohn in Vorschlag zu bringen. Begtigend wendete er sich zu dem Fremden, der in seinem Zorn dem Hllenbreughel eine grere Aufmerksamkeit schenkte, als auerdem geschehen seyn wrde. Nicht wahr, fing er an, ein in seiner Art treffliches Gemlde? Das schnste von diesem Meister, das ich bisher gesehen, erwiederte der verstimmte junge Mann. Er nahm sein Glas zu Hlfe, um es genauer zu prfen. Was ist das? rief er pltzlich: sehen Sie, wo die Beine der beiden Teufel zusammen kommen, und der feurige Schweif des Dritten, wird ein Gesicht, ein recht wunderlich ausdrucksvolles Profil gebildet, und, ich irre mich nicht, es gleicht auffallend hier Ihrem ltern Freunde, dem braven Knstler. Alle drngten sich hinzu, keiner hatte diesen sonderbaren Einfall noch bemerkt. Eulenbck, der Schalk, spielte am meisten den Erstaunten. Da mein Andenken, sagte er, sich in diesem seltsamen Stammbuche finden sollte, htte ich mir nicht trumen lassen; sollte der boshafte Maler aber mein Profil schon in der Vorzeit geahndet haben, so ist es doch zu ruchlos, da dieser Feuerschweif gerade meine etwas rothe Nase formiren mu. Das Ding, sagte Erich, ist so sonderbar angebracht, da man wirklich nicht ergrnden kann, ob es Vorsatz, oder bloer Zufall ist. Walther betrachtete das Profil im Bilde, dann musterte er die Physiognomie seines Freundes, schttelte den Kopf, ward nachdenkend und nahm zerstreut Abschied, als der Fremde sich mit Eulenbck beurlaubte, der sich dessen Begleitung erbeten hatte, um ihm seine Kunstwerke zu zeigen. Was ist Dir? fragte Erich, der mit dem Alten allein im Saale zurck geblieben war. Du scheinst ber den sonderbaren Scherz des Zufalls verdrlich, der uns alle zum Lachen gezwungen hat; ist doch der Sufer hinlnglich dadurch bestraft, da diese Teufelscompagnie so artig sein Portrait zusammen setzen mu. Hltst Du es denn wirklich auch fr Zufall? rief Walther erzrnt aus: siehst Du denn nicht ein, da der alte Schelm mir dies Bild betrgerisch aufgeheftet hat, da es von ihm herrhrt? Schau nur hieher, ich habe ihn vor den Andern nicht beschmen wollen; aber nicht genug an dieser Abschattung von sich selbst, hat er auch noch dem groen Teufel da oben, der die Seelen in einer Handmhle mahlt, in seinem ungeheuren Schnauzbart fein den Namen Eulenbck eingeschrieben. Ich entdeckte die Kritzelei schon unlngst einmal; ich glaubte aber, da es nicht ganz deutlich war, es habe der Maler, oder ein Anderer, Hllenbreughel hineinschreiben wollen; so erklrte es mir der alte Schuft auch selbst, der mir, wie ich es ihm zeigte, Ellenbreg herauslas, und hinzufgte, die Knstler htten sich nie um die Orthographie viel gekmmert. Nun geht mir erst ein Licht auf, da der verruchte Sufer auch nur den jungen Mann verfhrt hat, mir den Salvator zu verkaufen, da Du einen solchen von ihm ebenfalls erhalten hast; und dabei mssen wir noch frchten, unsre Gesichter einmal, wer wei, unter welchen abscheulichen Gegenstnden, irgendwo unanstndig auf pasquillantische Weise angebracht zu sehen. Er war so zornig, da er die Faust aufhob, um das Bild zu zerstren. Aber Erich hielt ihn zurck und sagte: Vernichte nicht im Unmuth ein merkwrdiges Produkt eines Virtuosen, das Dich in Zukunft wieder ergtzen wird. Rhrt es von unserm _Eulenbck_ her, wie ich jetzt selber glauben mu, und sind gar noch die beiden _Salvators_ von ihm, so mu ich die Geschicklichkeit des Mannes bewundern. Toll ist die Art, wie er sich selbst gezeichnet hat; indessen kann dieser Uebermuth nur ihm selber schdlich werden, da ich und Du uns nun wohl hten werden, von ihm zu kaufen, von denen er auerdem wohl noch manchen Thaler gelst htte. Aber Dich wurmt noch etwas Anderes, ich sehe es Dir wohl an. Kann ich Dir rathen? Ist es vielleicht die alte Besorgni um Deine Tochter? Ja, mein Freund, sagte der Vater: und wie ist es mit Dir? Hast Du selbst meinen Worten nachgedacht? Viel und oft, erwiederte Erich: aber, lieber Grillenfnger, wenn es auch glckliche Ehen ohne Leidenschaft geben kann, so mu doch eine Art von Neigung da seyn; die finde ich aber nicht, und ich kann es Deiner Tochter nicht verdenken, -- wir sind uns zu ungleich. Schade wr' es auch, wenn das liebe Wesen mit seinen lebhaften Empfindungen nicht glcklich werden sollte. Durch wen? rief der Vater, es findet sich ja Niemand, den sie mag, und der sich fr sie pat; Du trittst vllig zurck, der fremde hochmthige Gast hat mich heut mit seiner vornehmen Art recht empfindlich gergert; aus dem jungen Herrn Dietrich wrde nie ein gescheidter Ehemann werden, da er sich gar nicht in die Welt zu schicken wei, wie ich gesehen habe, und vom jungen Eisenschlicht darf ich ihr gar nicht einmal sprechen. Dazu ist mir auf's Neue der Verlust der herrlichen Bilder auf das Herz gefallen. Wo der Satan sie nur hingefhrt hat! Sieh, meinem rgsten Feinde mchte ich sie gnnen, wenn sie nur da wren! -- Und dann -- hab' ich nicht auch noch eine Verschuldung gegen Eduard? Du weit, zu welchen billigen Preisen ich nach und nach von ihm kaufte, was er noch im Nachlasse seines Vaters fand. Er kannte, er achtete die Sachen nicht; ich habe ihm nie abgedrungen, ich habe ihn nie angelockt, -- aber doch -- wenn der junge Mensch ordentlich werden wollte, wenn er den bessern Weg einschlge, -- wte ich nur, da es ihn nicht wieder schlecht machte, da er es nicht vergeudete, ich wollte ihm noch einen betrchtlichen Nachschu gerne zahlen. Brav! rief Erich und gab ihm die Hand. Ich habe den jungen Menschen nicht aus den Augen gelassen; er ist nicht ganz so schlimm, als die Stadt von ihm spricht, er kann noch einmal ein rechter Mann werden. Wenn wir Besserung sehen und Du Dich ihm gewogen fhlst, vielleicht da Deine Tochter einmal auch gut von ihm dchte, kann seyn, da sie ihm gefiele; -- wie wr's alsdann, wenn Du durch Dein Vermgen Beiden ein glckliches Schicksal bereitetest, Enkel auf Deinen Knieen schaukeltest, ihnen die ersten Begriffe der Kunstgeschichte beibrchtest, da sie hier in Deinem Saale die berhmten Namen stammelten. Nimmermehr! rief der Alte und stampfte mit dem Fue. Wie? einem solchen verderbten Taugenichts mein einziges Kind? Ihm diese Sammlung hier, da er sie verprassen und fr ein Spottgeld verkaufen knnte? Das rth mir kein Freund. Doch, sagte Erich: sei nur gelassen, berdenke den Vorschlag ohne Leidenschaft, und suche Deine Tochter zu prfen. Nein, nein! wiederholte Walther laut, es kann, es darf nicht seyn! Ja, knnte er noch ein einziges von jenen kostbaren, unvergleichlichen Bildern aufweisen, die aber nun auf ewig verloren sind, so liee sich noch eher darber sprechen. Aber so verschone mich in alle Zukunft mit dergleichen Vorschlgen. -- Und der verdammte Breughel hier! Da oben, hoch, wo ich ihn nie wieder sehe, will ich ihn mit der Galgen-Physiognomie des alten Snders und allen seinen Teufeln hinauf hngen! Er sah empor, und wieder schaute aus dem offnen Fenster Sophie, lauschend auf ihr Gesprch, herab. Sie errthete, entfloh, ohne das Fenster zu schlieen, und der Alte rief: das fehlte noch! Nun hat die eigensinnige Dirne Alles mit angehrt, und setzt sich wohl gar dergleichen in den kleinen trotzigen Kopf! Die alten Freunde trennten sich, Walther mit sich und aller Welt unzufrieden. * * * * * Tief in der Nacht sa Eduard in seinem einsamen Zimmer, mit vielfachen Gedanken beschftigt. Um ihn lagen unbezahlte Rechnungen, und er hufte die Summen daneben auf, um sie am folgenden Morgen zu tilgen. Es war ihm gelungen, unter billigen Bedingungen ein Capital auf sein Haus aufzunehmen, und so arm er sich erschien, so war er doch schon in dem Gefhl zufrieden, welches ihm sein fester Vorsatz gab, knftig auf andre Weise zu leben. Er sah sich in Gedanken schon thtig, er machte Plane, wie er von einem kleinen Amte zu einem wichtigern emporsteigen, und sich in diesem zu einem noch ansehnlichern vorbereiten wolle. Die Gewohnheit, sagte er, wird ja zu unserer Natur, so im Guten, wie im Schlimmen, und wie mir Mssiggang bisher nothwendig gewesen ist, um mich wohl zu befinden, so wird es in Zukunft die Arbeit nicht weniger seyn. -- Aber wann, wann wird denn dies erwnschte goldne Zeitalter meines edlern Bewutseins wirklich und wahrhaft in mir seyn, da ich mit Befriedigung und Wohlbehagen die Gegenstnde vor mir und mich selbst werde betrachten knnen? Jetzt sind es doch nur noch Vorstze und liebliche Hoffnungen, die blhen und locken; und, ach! werde ich nicht auf halbem Wege, vielleicht schon auf dem Anfange meiner Bahn ermatten? Er sah die Rose zrtlich an, die im Wasserglase ihm glhend entgegen lachte. Er nahm sie und drckte mit zarter Berhrung einen leisen Ku in ihre Bltter, und hauchte einen Seufzer in den Kelch. Dann stellte er sie behutsam in das nhrende Element zurck. Er hatte sie neulich, schon verwelkt, in seinem Busen wieder gefunden; seit der Stunde, da sie im Fluge sein Gesicht berhrt hatte, war er ein andrer Mensch geworden, ohne da er es sich selber gestehen wollte. Man ist nie so aberglubisch und merkt so gern auf Vorbedeutungen, als wenn das Herz recht erschttert ist, und aus dem Sturm der Gefhle ein neues Leben sich erzeugen will. Eduard merkte selbst nicht, wie sehr ihm die kleine Blume Sophien selbst gegenwrtig machte, und da er Alles und sich selbst beinah verloren hatte, so sollte die welke Pflanze sein Orakel seyn, ob sie sich wieder erfrische und auch ihm ein neues Glck verkndigen wolle. Da sie aber nach einigen Stunden sich im Wasser nicht entfaltete, so half er ihr und der weissagenden Kraft durch die gewhnliche Kunst, den Stengel zu beschneiden, diesen dann einige Augenblicke in die Flamme des Lichtes zu halten und die Blume nachher in das kalte Element zurck zu setzen. Fast sichtlich erfrischte sie sich nach dieser gewaltsamen Nachhlfe, und blhte so schnell und mchtig auf, da Eduard frchten mute, sie wrde binnen Kurzem alle ihre Bltter verstreuen. Doch war er seitdem getrstet, und traute seinen Sternen wieder. Er bltterte in alten Papieren seines Vaters, schlug Briefe auseinander, und fand so manche Erinnerungen aus seiner Kindheit, so wie aus der Jugend des Erzeugers. Er hatte den Inhalt eines Schrankes vor sich ausgepackt, der Rechnungen, Nachweisungen, Proze-Acten und Vieles hnlicher Art enthielt. Indem rollte sich ein Blatt auf, welches das Verzeichni der ehemaligen Gallerie enthielt, die Geschichte der Bilder, ihre Preise, und was dem Besitzer bei jedem Stcke merkwrdig gewesen war. Eduard, der von einer Reise zurck kam, als sein Vater auf dem Sterbebette lag, hatte nach dem Begrbnisse vielfach nach jenen verlorenen Bildern gesucht, und manche vergebliche Nachforschung angestellt. Er konnte mit Recht erwarten, da auch von jenen vermiten sich hier ein Wort finden mchte, und wirklich erschien ihm in einem andern Packet, zwischen Papieren versteckt, ein Blatt, welches genau jene Stcke nannte, die Namen der Meister, so wie die vorigen Eigenthmer. Die Schrift war augenscheinlich aus den letzten Tagen seines Vaters, und unten fanden sich die Worte: diese Stcke sind jetzt -- --, weiter hatte die Hand nicht geschrieben, und selbst diese Zeile war wieder ausgestrichen worden. Nun suchte Eduard noch eifriger, aber keine Spur. Das Licht war niedergebrannt, sein Blut war erhitzt; er warf die Bogen eilig im Zimmer umher, aber es zeigte sich nichts. Als er ein altes vergelbtes Papier auseinander schlug, sah er zu seinem Erstaunen einen Schein, der vor vielen Jahren ausgestellt war, in welchem sich sein Vater als den Schuldner Walthers mit einer namhaften Summe bekannte. Er war nicht quittirt, aber doch nicht in den Hnden des Glubigers. Wie war dieser Umstand zu erklren? -- Er steckte ihn zu sich und rechnete aus, da, wenn das Blatt gltig wre, er von seinem Hause kaum noch etwas brig behalten wrde. Er betrachtete einen Beutel, den er in eine Ecke gestellt, und der dazu bestimmt war, ein fr allemal noch den Familien, die er bisher im Stillen untersttzt hatte, eine ansehnliche Hlfe zu geben. -- Denn wie er im Verschwenden leichtsinnig war, so war er es auch in seinen Wohlthaten; man htte sie auch, wenn man strenge seyn wollte, Verschwendung nennen knnen. -- Wenn ich nur diese Summe nicht anrhren darf, damit die Elenden sich noch einmal freuen, so ist es nachher auch eben so gut, ganz von vorn anzufangen und nur meinen Krften zu vertrauen. Dies war vor dem Einschlafen sein letzter Gedanke. * * * * * Eduard war vom Geheimenrath Walther eingeladen worden; es war lange nicht geschehen, und ob der Jngling gleich nicht begriff, wie der alte Freund zu diesem erneuten Wohlwollen komme, so ging er doch mit frischem Muthe hin, hauptschlich in der frohen Erwartung, mit Sophien die ehemalige Bekanntschaft wieder anzuknpfen. Er nahm das aufgefundene Papier mit. Es war ihm sehr verdrlich, dort den alten und den jungen Herrn von Eisenschlicht zu finden; indessen, da er bei Tische Sophien gegenber sa, so richtete er das Gesprch hauptschlich an diese, und bestrebte sich, heiter zu erscheinen, obgleich sein Gemth auf vielfache Weise gereizt war; denn es entging ihm nicht, wie der alte Walther dem jungen Eisenschlicht mit aller Artigkeit entgegen kam, und ihn beinahe vernachligte; auch war es in der Stadt bekannt, da sich der Rath den jungen reichen Mann zum Schwiegersohne wnsche. Dieser lie sich die Freundlichkeit des Wirthes gefallen mit einer Art, als wenn es nicht anders seyn knne, und Erich, der es gut mit dem jungen Eduard meinte, suchte nur zu verhindern, da der gereizte Jngling nicht in Heftigkeit ausbrche. Sophie war die Munterkeit selbst; sie hatte sich mehr geschmckt als gewhnlich, und der Vater mute sie oft prfend betrachten, denn ihr Anzug wich in einigen Stcken von dem gebruchlichen ab, und erinnerte ihn heute lebhafter als je an jenes verlorene Bild von _Messys_, welches die beiden jungen Leute in einer gewissen Aehnlichkeit als Schfer darstellte. Man versammelte sich nach Tische im Bildersaal, und Erich mute lcheln, als er bemerkte, da sein Freund wirklich den falschen Hllenbreughel hoch in einen Winkel hinauf gehangen hatte, wo man ihn kaum noch bemerken konnte. Der junge Eisenschlicht setzte sich neben Sophien, und schien sehr angelegentlich mit ihr zu sprechen. Eduard ging unruhig hin und her, und betrachtete die Bilder; Erich unterhielt sich mit dem Vater des jungen Freiwerbers, und Walther hatte ein prfendes Auge auf Alle gerichtet. Warum aber, sagte Erich zu seinem Nachbar, ist Ihnen hier das Meiste aus der niederlndischen Schule zuwider? Weil sie so viel Lumpenvolk und Bettler darstellt, antwortete der reiche Mann. Mein Widerwille trifft auch nicht diese Niederlnder allein, sondern vorzglich ist mir deshalb der Spanier _Murillo_ verhat, und auch so manche Italiener. Es ist schon traurig genug, da man sich auf Markt und Strae, ja in den Husern selbst, nicht vor diesem Geschmeie zu retten wei; wenn aber ein Knstler verlangt, ich soll mich gar noch auf bunter Leinwand an dem lstigen Volke ergtzen, so heit das, meiner Geduld etwas zu viel anmuthen. Da wrde Ihnen vielleicht, sagte Eduard, der _Quintin Messys_ recht seyn, der so hufig Wechsler an ihrem Tische, mit Mnzen und Rechnungsbchern so treu und krftig vor uns hinstellt. Auch nicht, junger Herr, sagte der alte Mann: das knnen wir leicht und ohne Anstrengung in der Wirklichkeit sehn. Soll ich mich einmal an Malerei erfreuen, so verlange ich groe knigliche Aufzge, viele schwere Seidenzeuge, Kronen und Purpurmntel, Pagen und Mohren; das, vereinigt mit einem Anblick auf Palste, groe Pltze und in weite gerade Straen hinein, erhebt die Seele, das macht mich oft auf lange munter, und ich werde nicht mde, es immer wieder von Neuem zu beschauen. Gewi, sagte Erich, hat _Paul Veronese_ und manche andere Italiener auch darin viel Vorzgliches geleistet. Was sagen Sie denn zu einer Hochzeit von Cana in dieser Manier? fragte Eduard. Alles Essen, erwiederte der alte Herr, wird auf Bildern langweilig, weil es doch nie von der Stelle rckt, und die gebratenen Pfauen und hoch aufgehobenen Pasteten, so wie die halb umgedrehten Mundschenken, sind auf allen solchen Darstellungen lstige Creaturen. Aber ein Anderes ist es, wenn sie den kleinen Moses aus dem Wasser ziehn, und dabei steht die Prinze in ihrem reichsten Schmuck, und umher die geputzten Damen, die auch fr Frstinnen gelten knnten, Mnner mit Hellebarden und Rstungen, selbst Zwerge und Hunde; ich kann nicht sagen, wie es mich erfreut, wenn ich eine solche Geschichte, die ich in meiner frhen Jugend oft unter Beklemmungen in einer dunkeln Schulstube lesen mute, so herrlich ausgeschmckt wieder antreffe. Von dergleichen Sachen aber, lieber Herr Walther, haben Sie zu wenig. Ihre meisten Bilder sind fr die Empfindung, und ich will niemals, am wenigsten von Kunstwerken, gerhrt seyn. Ich werde es auch nicht, sondern ich rgre mich nur. Noch schlimmer, fing der junge Eisenschlicht an, ist es aber in unsern Comdien. Wenn wir aus einer angenehmen Gesellschaft und von einem glnzenden Diner in den erleuchteten Saal treten: wie kann man nur verlangen, da wir uns fr das mannigfaltige Elend und den kmmerlichen Mangel interessiren sollen, der uns hier aufgetischt wird? Knnte man nicht dieselbe polizeiliche Einrichtung treffen, die schon in den meisten Stdten lblicherweise angeordnet ist, da ich ein fr allemal fr die Armuth etwas einlege, und mich dann nicht weiter von den einzelnen Zerlumpten und Hungernden incommodiren lasse? Bequem wre es ohne Zweifel, sagte Eduard: ob aber durchaus zu loben, sei es als Polizei- oder Kunsteinrichtung, wei ich noch nicht zu sagen. Ich kann mich wenigstens des Mitleids gegen den Einzelnen nicht erwehren, und mag es auch nicht, wenn man freilich oft zur Unzeit gestrt, unverschmt bedrngt, und zuweilen auch wohl arg betrogen wird. Ich bin Ihrer Meinung, rief Sophie aus: ich kann die stummen, blinden Bcher nicht leiden, in die man sich einschreiben soll, um sich ruhig auf eine unsichtbare Verwaltung verlassen zu knnen, die dem Elende, so viel als mglich, abhelfen werde. In manchen Gegenden verlangt man sogar, man soll sich verpflichten, dem Einzelnen nichts zu geben. Aber wie kann man nur dem Jammer widerstehn? Wenn ich dem gebe, der mir seine Noth klagt, so sehe ich doch wenigstens seine augenblickliche Freude, und kann hoffen, ihn getrstet zu haben. Das ist es eben, sagte der alte Kaufmann, was in allen Lndern den Bettelstand erhlt, da wir uns nicht von dem kleinlichen Gefhl einer weichlichen Eitelkeit und eines slichen Wohlthuns frei machen knnen und wollen. Dies ist es zugleich, was die besseren Maregeln der Staaten vereitelt und unmglich macht. Sie denken anders, als jene Schweizer, sagte Eduard. Es war in einer katholischen Gegend, wo ein alter Bettler seit lange sein Almosen an gewissen Tagen einkassirte, und in jedem Hause fast, da die lndliche Einsamkeit nicht viel Gewerbe und Umtrieb gestattete, mit zur Familie gerechnet wurde. Indessen traf es sich doch, da man ihn in einer Htte, als er zusprach, da man gerade mit einer Wchnerin sehr beschftigt war, in der Verwirrung und Besorgni fr die Kranke abwies. Als er wirklich nach wiederholter Forderung nichts erhielt, wandte er sich zornig und rief im Scheiden: Nun, wahrlich, ihr sollt sehn, da ich gar nicht wiederkomme, und so mgt ihr dann sehen, wo ihr wieder einen Bettler herkriegt! Alle lachten, nur Sophie nicht, welche diesen Ausspruch ganz vernnftig finden wollte, und mit diesen Worten schlo: gewi, wenn es uns unmglich gemacht werden knnte, Wohlthaten zu erzeigen, so mchte unser Leben selber arm genug werden. Knnte der Trieb des Mitleids in uns ersterben, so mchte es auch wohl um Lust und Freude traurig aussehen. Derjenige, der glcklich genug ist, mittheilen zu knnen, empfngt mehr, als der arme Nehmende. Ach! das ist ja noch das Einzige, fgte sie mit groer Bewegung hinzu, was das starre Eigenthum, die Grausamkeit des Besitzes etwas entschuldigen und mildern kann, da auf die Schmachtenden unten etwas von dem unbillig Aufgehuften herabgeschttet wird, damit es nicht ganz in Vergessenheit komme, da wir alle Brder sind. Der Vater sah sie mibilligend an, und wollte eben etwas sagen, als Eduard heftig einfiel, indem er seine feurigen Augen auf die feuchten des Mdchens heftete: dchte die Mehrzahl der Menschen so, so lebten wir in einer andern und bessern Welt. Wir entsetzen uns, wenn wir von dem Drangsal lesen, das in Wsten und Einden fremder Himmelsstriche dem harmlosen Wanderer auflauert, oder von jenen Schrecknissen, die auf der unwirthbaren See das Schiffsvolk frchterlich verzehren, wenn im hchsten Mangel kein Fahrzeug oder keine Kste sich auf der unermelichen Flche zeigen will; wir entsetzen uns, wenn Ungeheuer der Tiefe den Verunglckten zerfleischen, -- und doch -- leben wir nicht in den groen Stdten, wie auf einem Vorgebirge, wo unmittelbar zu unsern Fen aller dieser Jammer, dasselbe gruliche Schauspiel sich entwickelt, nur langsamer und desto grausamer? Aber wir sehen aus unsern Concerten und Festen, und aus dem sichern Gewahrsam des Wohlstandes nicht in diesen Abgrund hinein, wo die Gestalten des Elends sich in tausend frchterlichen Gruppen, wie in Dante's Gebilden, zermartern und verzehren, und gar nicht einmal mehr zu uns empor zu schauen wagen, weil sie schon wissen, welchem kalten Blick sie begegnen, wenn ihr Geschrei uns zu Zeiten aus den Betubungen unsrer kalten Ruhe weckt. Diese Uebertreibungen, sagte der alte Eisenschlicht, sind jugendlich. Ich behaupte immer noch, der wirklich gute Brger, der echte Patriot soll sich von augenblicklicher Rhrung nicht hinreien lassen, die Bettelei zu untersttzen. Er theile jenen wohlthtigen Anstalten mit, so viel er mit Bequemlichkeit entbehren kann; aber vergeude nicht seine geringen Mittel, die auch hierin der Aufsicht des Staates zu Gute kommen sollen. Denn was thut er im entgegengesetzten Fall? Er befrdert durch seine Weichlichkeit, ja ich mchte es fast wollstigen Kitzel des Herzens nennen, Betrug, Faulheit, Unverschmtheit, und entzieht das Wenige der wahren Armuth, die er doch nicht immer antreffen oder erkennen kann. Wenn wir aber auch jene bertriebene Schilderung des Elendes als richtig anerkennen wollten, was kann der Einzelne auch selbst in diesem Falle Gutes stiften? Ist er denn im Stande, die Lage des Verzweifelnden zu verbessern? Was hilft es, doch immer nur wieder einen Tag oder eine Stunde zu erleichtern? Der Unglckliche wird seine Schmach nur um so tiefer empfinden, wenn er nicht seinen Zustand in einen glcklichen verwandeln kann; er wird noch unzufriedener, noch elender werden, und ich schade ihm, anstatt ihm zu ntzen. O, sagen Sie das nicht, rief Eduard aus, wenn ich Sie nicht verkennen soll; denn es erscheint mir wie Lsterung! Was der Arme in einem solchen Augenblick des Sonnenscheins gewinnt? O mein Herr! er, der schon daran gewhnt ist, von der Gesellschaft der Menschen ausgestoen zu seyn; er, fr den es kein Fest, keinen Markt, keine Gesellschaft, und kaum eine Kirche giebt; fr den Ceremonie, Hflichkeit und alle die Rcksichten ausgestorben sind, die sonst jeder Mensch dem andern leistet; dieser Elende, dem auf Spaziergngen und in der Frhlingsnatur nur Verachtung grnt und blht, er wendet oft das drre Auge nach Himmel und Sternen ber sich, und sieht auch dort nur Leere und Zweifel; aber in solcher Stunde, die ihm unverhofft eine reichlichere Gabe spendet, da er mit mehr als augenblicklichem Trost zu den verschmachteten Seinigen in die dunkle Htte kehren kann, geht ihm pltzlich im Herzen wieder der Glaube an Gott, an seinen Vater auf; er wird wieder Mensch, er fhlt wieder die Nhe eines Bruders, und darf diesen und sich wieder lieben. -- Wohl dem Reichen, der diesen Glauben frdern, der mit der sichtbaren Gabe das Unsichtbare schenken kann; und wehe dem Verschwender, der sich durch frevelnden Leichtsinn dieser Mittel beraubt, ein Mensch unter den Menschen zu seyn; denn das Gefhl wird ihn am hrtesten strafen, da er als herzloser Barbar in Strmen das Labsal in die Wste geschttet hat, wovon ein jeder Tropfen seine Brder, unter der Last des mhseligen Lebens erliegend, erquicken knnte. Er konnte das Letzte nur mit Thrnen sagen, er verhllte sein Angesicht und bemerkte nicht, da die Fremden, auch Erich, vom Wirthe Abschied nahmen. Auch Sophie weinte; doch ermunterte sie sich zur Heiterkeit, als der Vater zurck kam. Als sich in andern Gesprchen die Gefhle wieder beruhigt hatten, zog Eduard das Papier aus der Tasche, und trug dem Rathe die zweifelhafte Sache vor, und wie sehr er besorge, noch mit einer ansehnlichen Summe sein Schuldner zu seyn, die er ihm durch ein Capital abzutragen denke, welches er auf sein Haus zu bekommen suchen wolle. Der Alte sah abwechselnd ihn und das vergelbte Papier mit groen Augen an, endlich fate er die Hand des Jnglings und sagte mit gerhrter Stimme: mein junger Freund, Sie sind viel besser, als ich und auch die Welt von Ihnen gedacht haben; Ihr Gefhl entzckt mich, und wenn Sie auch mit dem Herrn von Eisenschlicht nicht so heftig htten sprechen sollen, so war ich doch bewegt; denn, wahrlich! ich denke wie Sie ber diesen Punkt. Was dies Papier betrifft, so kann ich Ihnen darber schwerlich eine entscheidende Antwort geben, ob es gltig sei oder nicht. Es rhrt aus einer frhen Zeit her, in der ich mit Ihrem wackern Vater mancherlei, und zuweilen verwickelte Geldgeschfte hatte; wir halfen einander bei unsern Speculationen und Reisen aus, und der alte Herr war dazumal in frher Jugend freilich zuweilen etwas locker und wild. Er bekennt hier, mir eine ansehnliche Summe schuldig zu seyn; das Blatt mu sich unter seinen Papieren verloren haben; ich wei nichts mehr davon, weil wir sehr viel mit einander zu berechnen hatten, und ich war denn damals auch nicht so ordentlich, wie jetzt. Inde -- (und mit diesen Worten zerri er das Blatt) sei diese anscheinende Forderung zernichtet; denn auf keinen Fall, auch wenn die Schuld klar wre, knnte ich von Dir, mein Sohn, diese Summe annehmen; wenigstens sollte ich Dir so viel nachzahlen fr jene Gemlde, die Du mir viel zu wohlfeil verkauft hast. Kann ich Dir berhaupt helfen, mein gutes Kind, so rechne auf mich, und Alles kann vielleicht noch gut werden. Eduard beugte sich ber seine Hand und rief: ja sei'n Sie mir Vater, ersetzen Sie mir den, den ich zu frh verloren habe! Ich verspreche es Ihnen, es ist mein fester Vorsatz, ich will ein andrer Mensch werden, ich will meine versumte Zeit wieder einbringen; ich hoffe, der menschlichen Gesellschaft noch einmal ntzlich zu werden. Aber vterlicher Rath, wohlwollende Aufmunterung mu mich leiten, damit ich wieder Vertrauen zu mir fasse. So gut, sagte der Alte, htte es uns schon seit manchem Jahre werden knnen, aber Du hast es dazumal verschmht. Worin ich Dir nur irgend helfen kann, darfst Du sicher auf mich rechnen. Jetzt aber will ich doch, Neugierde halber, noch einmal meine Papiere ansehen, ob ich denn doch von dieser Schuld gar keine Nachricht finden sollte. Er lie die beiden jungen Leute allein, die sich erst eine Weile stillschweigend ansahen, und sich dann in die Arme flogen. Sie hielten sich lange umschlossen, dann machte sich Sophie gelinde los, entfernte den Jngling und sagte, indem sie ihm mit Munterkeit in's Auge sah: wie widerfhrt mir denn das? Eduard, was soll uns denn das bedeuten? Liebe, rief Eduard, Glck und ewige Treue! Sieh, liebstes Kind, ich fhle mich, wie von einem schweren Traum erwacht. Das Glck, das mir so nahe vor den Fen lag, das mir mein redlicher Vater schon an Deiner Wiege zugedacht hatte, stie ich wie ein ungezogener Knabe von mir, um mich der Welt und mir selbst verchtlich zu machen. Hast Du mir denn vergeben, holdseliges Wesen? Kannst Du mich denn lieben? Ich bin Dir recht von Herzen gut, Du mein alter Spielkamerad, sagte Sophie: aber glcklich sind wir darum noch nicht. Was kann uns noch im Wege seyn! rief Eduard aus. O wie tief beschmt es mich, da ich Deinen edeln Vater so sehr habe verkennen mgen! Wie gtig er mir entgegen kommt! Wie herzlich er mich als Sohn an seine Brust drckt! Ja, Du wunderlicher Kauz, lachte Sophie auf, das ist ja aber nicht _so_ gemeint. Aber der bleibt zeitlebens unbesonnen, und hat gleich die Rechnung ohne den Wirth gemacht! Davon wird der Papa, so gut er auch seyn mag, nicht eine Sylbe hren wollen. Auch mssen wir beide uns ja erst nher kennen lernen. Freund, das sind Sachen, die sich noch in die Jahre hinaus verziehen knnen. Und whrend der Zeit sattelst Du auch vielleicht wieder um, und lachst dann in Deiner lustigen Gesellschaft ber meinen Gram und meine Thrnen. Nein! rief Eduard und warf sich vor ihr nieder: verkenne mich nicht, sei so gut und lieb, wie Dein Auge verspricht! Und ich fhle es, Dein Vater wird sich unsers Glckes freuen, er wird unsern Bund segnen! Er umfate sie heftig, ohne zu bemerken, da der Vater schon wieder hinter ihm stand. Was ist das, junger Herr? rief der Alte erzrnt aus: den Bund segnen? Nein, vertreiben, aus seinem Hause verbannen wird er den lockern Zeisig, der so sein Vertrauen und seine Neigung zu ihm mibrauchen will. Eduard war aufgestanden und sah ihm ernst in's Auge. Sie sind nicht gesonnen, mir Ihre Tochter zur Frau zu geben? fragte er mit ruhigem Tone. Was! rief der Alte mit der grten Ungeduld, seid Ihr rasend, Patron? Einem Menschen, der den Nachla seines Vaters, die kostbarsten Bilder verkauft und verschleudert hat? Und wenn Ihr ein Millionr wret, ein so gefhlloser Mensch erhielte sie niemals! Ei, da wrde es nach meinem Tode, vielleicht schon whrend meinen letzten Tagen, an ein herrliches Ausbieten meiner Schtze gehen, da wrden die Bilder in alle vier Ecken der Welt fliegen, da ich keine Ruhe in meinem Grabe htte. Klug ist er aber, der saubre Herr. Macht mich erst recht treuherzig, bringt mir mit herrlicher Gromuth ein altes Schuldblatt seines Vaters, das er mir noch bezahlen will, kirrt mich in die Rhrung hinein, damit ich nur noch gromthiger, noch edler und heroischer werden, und ihm meine Tochter an den Hals werfen soll. Nein nein, mein junger Herr, so leicht hat er das Spiel bei mir nicht gewonnen. Die Schuld ist kassirt, ich finde keine Spur davon in meinen Bchern, und selbst, wie ich schon sagte, wenn es wre. Auch will ich Ihm helfen, wie ich versprach, mit Rath und That, mit Freundschaft und Geld, so viel Er nur billigerweise verlangen kann. Aber mein Kind la Er mir aus dem Spiele, und darum verbitt' ich mir in Zukunft Seine Gegenwart in meinem Hause. Auch mag sie Ihn gar nicht, so wie ich sie kenne. Sprich, Sophie, wrst Du wohl im Stande, Dich mit einem solchen Thunichtgut einzulassen? Ich mag gar noch nicht heirathen, sagte Sophie, und diesen wohl am wenigsten, der zu allen Dingen in der Welt besser, als zu einem Ehemann pat. Halb schmerzhaft und doch lchelnd warf sie dem Jngling einen scheidenden Blick zu und verlie den Saal. Sophie! rief Eduard aus und wollte ihr nacheilen: wie kannst Du diese Worte sprechen? Der Alte hielt ihn am Kleide fest und machte Miene, ihm noch eine lange Ermahnung zu halten; doch Eduard, der nun die Geduld vllig verloren hatte, nahm seinen Hut, stellte sich vor den Vater und sagte mit einer Stimme, die von Zorn und Schluchzen unterdrckt war: ich gehe, alter Herr, und komme nicht, merken Sie sich das! in Ihr Haus zurck, bis Sie mich rufen lassen! bis Sie mich selber wieder hieher zurck rufen! Ja, bis Sie mich instndig bitten, Ihre Wohnung nicht zu verschmhen! Es kann mir nicht fehlen; Talente, gute Auffhrung, Kenntnisse, sie bahnen mir den Weg zu den hchsten Ehrenstellen. Dem Prinzen bin ich schon empfohlen. Das ist aber nur die erste und kleinste Staffel meines Glcks! Ganz andre Wege mssen sich mir erffnen. Und wenn dann die Stadt es sich zur Ehre rechnet, mich geboren zu haben, wenn ich diese jetzige Stunde ganz vergessen habe, dann sende ich irgend einen Vertrauten von Ansehn zu Ihnen, und lasse unter der Hand anfragen, wie es um Ihre Tochter steht: dann fallen Sie aus den Wolken, da ich noch an Sie denke, Sie falten andchtig die Hnde, da sich Ihnen die Mglichkeit zeigt, einen solchen Schwiegersohn zu erhalten, -- und so, gerade so wird es kommen, und auf diese Weise werde ich Sie zwingen, mir Ihre Tochter zu geben. Er strzte fort, und der Vater sah ihm mit zweifelndem Blicke nach und murmelte: nun ist er gar verrckt geworden. * * * * * Im Freien, als dem jungen Manne ein heftiges Schneegestber entgegenschlug, verkhlte sich seine sonderbare Hitze; er mute ber seine Heftigkeit und jene unsinnigen Reden erst lcheln, dann laut lachen, und als er sich in seiner Wohnung befand, kam er beim Umkleiden vllig zur Besinnung. Dieser Tag war fr ihn von der hchsten Wichtigkeit, denn die Stunde war jetzt da, in welcher er sich dem Prinzen, der unterdessen, wie man ihm gesagt hatte, angelangt war, vorstellen sollte. Die Kleider, welche er jetzt anlegte, hatte er lange nicht getragen, mit solcher Aufmerksamkeit hatte er sich noch nie im Spiegel betrachtet. Er musterte seine Gestalt, und konnte sich nicht verhehlen, da er gut gewachsen, da sein Auge feurig, sein Gesicht anmuthig und die Stirne edel sei. Mein erster Anblick, sagte er zu sich selbst, wird ihm wenigstens nicht mifallen. Alle Menschen, selbst diejenigen, die mich nicht leiden knnen, loben mein gewandtes und feines Betragen; ich habe manche Talente und Kenntnisse, und was mir mangelt, kann ich bei meiner Jugend, bei meinem trefflichen Gedchtnisse leicht nachholen. Er wird mich lieb gewinnen, und bald werde ich ihm unentbehrlich seyn. Der Umgang mit der groen Welt wird nach und nach alles das wegschleifen, was mir noch von schlechten Gesellschaften anhngen mag. Reise ich nun auch mit ihm, und mu mich etwa ein Jahr, oder selbst noch lnger, von hiesiger Gegend entfernen, so dient dies auch in fremden Lndern nur um so mehr dazu, mich in seiner Gunst recht fest zu setzen. Wir kommen dann zurck; meiner Bildung, meinen Ansprchen kommen durch seine Protection die ansehnlichsten Stellen hier, oder auch im Auslande entgegen, und ich werde gewi alsdann nicht vergessen haben, da es doch Sophie eigentlich war, die mein besseres Selbst zuerst aus seinem Schlaf erweckte. Er war nun angekleidet und so trunken von seinen Hoffnungen, da er es nicht merkte, wie er wieder die nmlichen Worte vor sich selber aussprach, ber welche er sich vorhin verlacht hatte. Er nahm die ganz erblhte Monatsrose aus dem Glase, und drckte sie, um sich zu seinem Gange zu strken, an den Mund, aber zugleich fielen ihm alle ihre Bltter vor die Fe. Eine ble Vorbedeutung! seufzte er und ging aus dem Hause, um in den Wagen zu steigen. Als er im Palast angelangt war, gab er dem Bedienten den Brief, welcher ihn dem Prinzen empfehlen sollte. Indem er den Spiegelwnden vorber spazierte, kam zu seiner Verwunderung der junge Dietrich aus einem Seitenzimmer in verstrter Eile, und bemerkte anfangs seinen Befreundeten nicht. Wie kommen Sie hieher? fragte Eduard hastig. Kennen Sie den Prinzen? -- Ja, -- nein, -- stotterte Dietrich, -- es ist eine sonderbare Sache, die wohl, -- ich will es Ihnen erzhlen, aber freilich wird hier keine Zeit dazu seyn. Dies war in der That der Fall, denn eine geschmckte, in Juwelen prangende Dame schritt mit vornehmem Anstande herein, und vertrieb den jungen Maler, der sich mit ungeschickten Verbeugungen entfernte. Eduard stand still, als die glnzende Erscheinung ihm nher kam; er wollte sich verneigen, aber sein Erstaunen lhmte seine Bewegung, als er in ihr jene Schne pltzlich erkannte, die zum Nachtheil seines Rufes so lange in seinem Hause gewohnt, und mehr als alle seine Verirrungen sein Vermgen verringert hatte. Wie! rief er aus, -- Du selbst -- Sie, hier in diesen Zimmern? Und warum nicht? sagte sie lachend. Es wohnt sich gut hier. Du merkst doch wohl, mein Freund, da ich, wie einst Deine Freundin, so jetzt die Freundin des Frsten bin, und wenn Du etwas bei ihm suchst, so kann ich Dir Ungetreuem vielleicht befrderlich seyn, denn er hat mehr Gemth, als Du, und auf seine fortdauernde Gunst kann ich sicherer zhlen, als es mir mit Deinem Flattersinn gelingen wollte. Eduard mochte die freundliche Schne in dieser Stunde nicht daran erinnern, da sie sich zuerst von ihm entfernt hatte, als sie gesehen, da sein Vermgen verschwendet war; er entdeckte ihr seine Lage und seine Hoffnungen, und sie versprach, sich mit dem besten Eifer fr ihn zu verwenden. Sei nur ruhig, mein Freund, so beschlo sie ihre Versicherungen, es kann und soll Dir nicht fehlen, und dann wird es sich ja zeigen, ob Du noch ein Fnkchen Liebe in Deinem kalten Herzen fr mich aufbewahrt hast. Nur mut Du vorsichtig seyn und in seiner Gegenwart fremd gegen mich thun, damit er nie erfhrt oder merkt, da wir uns schon sonst gekannt haben. Mit einem flchtigen Ku, wobei die geschminkte Wange ihm einen lebhaften Widerwillen erregte, verlie sie ihn, und Eduard ging mit dem grten Mibehagen im Saale auf und ab, da sich Alles so ganz anders gestaltete, als er es sich vorgebildet hatte. Dieses Wesen, welches er hassen mute, in seiner neuen Umgebung zu finden, schlug alle seine Hoffnungen nieder, und er nahm sich fest vor, ihren Netzen und Lockungen zu entgehen, und wenn diese seine Tugend ihm auch die grten Nachtheile bringen sollte. Indem ffnete sich die Thre, und jener ihm so widerwrtige Unbekannte trat mit seinem hoffrtigen Gange und stolzer Geberde herein. Eduard ging ihm entgegen und sagte: vielleicht gehren Sie zum Gefolge Seiner Durchlaucht, und knnen mir melden, ob ich jetzt die Ehre haben kann, ihm meine Aufwartung zu machen. Der Fremde stand still, sah ihn an, und nach einer Pause antwortete er in kaltem Tone: das kann ich Ihnen freilich sagen; keiner besser als ich. -- Eduard erschrack, da er den Empfehlungsbrief in seinen Hnden bemerkte. Will mich der Prinz nicht sprechen? fragte er bestrzt. Er spricht mit Ihnen, antwortete jener, und mit so hhnendem und wegwerfendem Tone, da der junge Mann alle Fassung verlor. Ich halte mich schon seit einiger Zeit in dieser Stadt auf, fuhr der vornehme Fremde fort, und habe Gelegenheit gefunden, Menschen und Verhltnisse durch mein Incognito kennen zu lernen. Wir sind uns auf eine etwas sonderbare Art nahe gekommen, und wenn ich auch jenen Schritt, von dem Sie wohl selbst wissen, da er kein ganz unschuldiger war, entschuldigen knnte, so hat er mir doch ein gerechtes Mitrauen gegen Ihren Charakter eingeflt, so da ich unmglich Ihnen eine Stelle einrumen kann, die uns in eine vertrauliche Nhe rcken wrde. Ich gebe Ihnen also diesen Brief zurck, den ich, trotz seiner warmen Empfehlung, und obwohl er aus hchst achtungswrdigen Hnden kommt, nicht bercksichtigen kann. Insofern Sie mich persnlich beleidigt haben, ist Ihnen, da Sie mich nicht kannten, vllig vergeben, und Ihre jetzige Beschmung und Verwirrung ist mehr als hinlngliche Strafe. Ein junger Mann verlie mich eben, von dem ich ein ziemlich wohlgerathenes Bild gekauft habe, und welchem ich auch einige Warnungen und gute Lehren fr seine Zukunft mitgegeben habe. -- Ich sehe, da unser Zusammentreffen Sie etwas zu sehr erschttert, und da Sie vielleicht auf jene Stelle schon mit zu groer Sicherheit gerechnet hatten, und wohl in augenblicklicher dringender Verlegenheit sind, so empfangen Sie diesen Ring zu meinem Andenken und zum Zeichen, da ich ohne allen Groll von Ihnen scheide. Eduard, welcher inde Zeit gehabt hatte, sich wieder zu sammeln, trat mit Bescheidenheit einen Schritt zurck, indem er sagte: rechnen Sie es mir, Durchlauchtiger Prinz, nicht als Stolz und Uebermuth an, wenn ich dieses Geschenk, welches mir unter andern Umstnden hchst ehrenvoll seyn wrde, in dieser Stunde ausschlage. Ich kann Ihre Art nicht mibilligen, und Sie erlauben mir gewi, ebenfalls meinem Gefhle zu folgen. Junger Mann, sagte der Prinz, ich will Sie nicht verletzen, und da Sie mir Achtung abzwingen, so mu ich Ihnen auch noch sagen, da wir uns, ungeachtet der sonderbaren Art, unsre Bekanntschaft zu machen, vereinigt htten, wenn nicht eine Person, die ich achten und der ich glauben mu, und welche Sie vorhin in diesem Saale traf, mir so viel Nachtheiliges von Ihnen gesagt, und mich dringend ersucht htte, auf den Brief keine Rcksicht zu nehmen. Ich werde, sagte Eduard wieder ganz heiter, dem Beispiele dieser Dame nicht folgen, und sie wieder anklagen, noch mich ber sie beklagen, da sie gewi nur ihrer Ueberzeugung gem gesprochen hat. Wenn mir aber Ihre Durchlaucht die Gnade erzeigen wollen, das Bild des jungen Dietrich, so wie einige Ihrer andern Gemlde zu zeigen, so werde ich mit der grten Dankbarkeit von Ihnen scheiden. Es freut mich, antwortete der Prinz, wenn Sie Interesse an der Kunst nehmen; ich habe zwar nur Weniges hier, aber ein Bild, das ich vor einigen Tagen so glcklich war, zu dem meinigen zu machen, wiegt allein eine gewhnliche Sammlung auf. Sie traten in ein reich verziertes Kabinet, wo an den Wnden und auf einigen Staffeleien ltere und neuere Bilder sich zeigten. Hier ist der Versuch des jungen Mannes, sagte der Prinz, welcher allerdings etwas verspricht, und ob ich gleich dem Gegenstande keinen Geschmack abgewinnen kann, so ist doch die Behandlung desselben zu loben. Die Frbung ist gut, wenn auch etwas grell, die Zeichnung ist sicher und der Ausdruck rhrend. Nur sollte man die Marien mit dem Kinde endlich zu malen aufhren. Der Prinz zog einen Vorhang auf, stellte Eduard in das rechte Licht und rief: sehn Sie aber hier dies gelungene, herrliche Werk meines Lieblings, des _Julio Romano_, und erstaunen Sie, und entzcken Sie sich! Mit einem lauten Ausrufe, und mit einem hchst freudigen, ja lachenden Gesicht mute Eduard in der That die groe Bild begren; denn es war das wohlbekannte Machwerk seines alten Freundes, an welchem dieser schon seit einem Jahre gearbeitet hatte. Es war Psyche und der schlafende Amor. Der Prinz stellte sich zu ihm und rief: da ich diesen Fund gethan habe, bezahlt mir allein schon die Reise hieher! Und bei jenem alten, unscheinbaren Manne habe ich dieses Kleinod angetroffen! Ein Mann, welcher selbst als Knstler keine unbedeutende Rolle spielt, aber doch bei weitem nicht so erkannt wird, wie er sollte. Er besa das Gemlde schon lange und wute, da es vom _Julio_ sei; indessen da er nicht Alles gesehen hat, so waren ihm immer noch einige Zweifel geblieben, und er war erfreut, von mir so viele nhere Umstnde von diesem Meister und seinen Werken zu erfahren. Denn freilich hat er Sinn, der Alte, und wei wohl ein solches Juwel zu wrdigen; aber er ist nicht in alle Trefflichkeiten des Malers eingedrungen. Ich wrde mich geschmt haben, seine Unkenntni zu benutzen, denn er foderte fr diese herrliche Arbeit, zu der er auf sonderbare Weise gekommen ist, einen zu migen Preis; ich habe diesen erhht, um die Zierde meiner Gallerie auch auf eine wrdige Art bezahlt zu haben. Er ist glcklich, sagte Eduard, der verkannte alte Mann, einen solchen Kenner und edlen Beschtzer zum Freunde gewonnen zu haben; vielleicht ist er im Stande, die Gallerie Eurer Durchlaucht noch mit einigen Seltenheiten zu vermehren, denn er besitzt in seiner dunkeln Wohnung Manches, was er selbst nicht kennt oder wrdigt, und ist eigensinnig genug, seine eignen Arbeiten oft allen ltern vorzuziehn. Eduard empfahl sich, ging aber nicht sogleich nach Hause, sondern eilte, so leicht bekleidet er auch war, nach dem Park, rannte lustig durch die abgelegenen, mit Schnee bedeckten Gnge, lachte laut und rief: o Welt! Welt! Lauter Fratzen und Albernheiten! O Thorheit, du buntes, wunderliches Kind, wie fhrst du deine Lieblinge so zierlich an deinem glnzenden Gngelbande! Lange lebe der groe Eulenbck, er, der trefflicher, als Julio Romano oder Rafael ist! Habe ich doch nun auch einmal einen Kenner kennen gelernt. * * * * * Eduard hatte nun Anstalten zu dem lustigen Abend gemacht, welchen er mit Eulenbck verabredet hatte. Vor Kurzem war ihm dieser Tag als ein lstiger erschienen, den er nur bald hinter sich zu haben wnschte; jetzt aber war seine Stimmung so, da er sich auf diese Stunden der Betubung freute, weil er meinte, da sie fr lange Zeit seine letzten vergngten seyn wrden. Gegen Abend erschien der Alte, und schleppte mit einem Diener zwei Krbe mit Wein herbei. Was soll das? fragte Eduard: ist es denn nicht ausgemacht, da ich Euch bewirthen soll? Das sollst Du auch, sagte der Alte, nur bringe ich einigen Vorrath zum Succurs, weil Du die Sache doch eigentlich nicht verstehst, und weil ich auch an diesem Abend recht ausgelassen seyn will. Ein trauriger Vorsatz, erwiederte Eduard, lustig seyn zu wollen, und dennoch habe ich ihn auch gefat, mir und meinem Schicksal zum Trotz. Sieh da, sagte Eulenbck lachend, hast Du auch ein Schicksal? Das hab' ich gar nicht einmal gewut, junger Bursche; mir schien das Wesen sich immer hchstens zum Verhngni hin zu neigen. Aber vornehmer ist das andere ohne Zweifel, und vielleicht wird es noch zum Geschick, wenn Du erst etwas klger geworden bist. Ja, ja, Freund, Geschick, das ist es, was den meisten Menschen fehlt, Verstand, Umstnde zu nutzen, oder sie hervor zu bringen, und darber gerathen sie in's Schicksal, oder gar in das noch fatalere Verhngni, wo sich dann nicht immer eine christliche Hand findet, sie wieder los zu schneiden. Du bist unverschmt, rief Eduard aus, und glaubst witzig zu seyn; oder Du hast Dir gar schon einen Rausch getrunken. Kann seyn, mein Kind, schmunzelte jener, und wir wollen bald die Anstalten treffen, mich wieder nchtern zu machen. Unser gutes Prinzchen hat mich in eine Art von Wohlstand versetzt, der, wenn ich Vernunft habe, ein dauernder seyn kann; denn er protegirt mich trefflich, wird mir noch mehr abkaufen, und auch Sachen von meinem eignen Pinsel malen lassen. Er meint, ich wre hier in dieser Stadt nicht an meiner Stelle, man erkenne mich nicht genug an, und es mangle mir an Aufmunterung. Vielleicht nimmt er mich mit, und bildet mich noch zum chten Knstler aus, denn er hat den besten Willen dazu, und ich gerade Sinn und Talent genug, um ihn zu verstehn und mir von ihm rathen zu lassen. Schelm der Du bist! sagte sein junger Freund: ich habe lachen mssen, da Du Deinen Julio Romano so vortheilhaft verkauft hast; aber ich mchte denn doch nicht an Deiner Stelle seyn. Der Alte ging auf ihn zu, sah ihn starr an und sagte: Und warum nicht, Kleiner? Wenn Du nur die Gabe dazu httest! Jeder Mensch malt und pinselt an sich herum, um sich fr besser auszugeben, als er in der That ist, und fr ein wunderbares kstliches Original zu gelten, da die meisten doch nur geschmierte Copieen von Copieen sind. Httest Du meinen Gnner das Bild nur analysiren hren, da httest Du etwas lernen knnen! Nun verstehe ich erst alle die Kunst-Absichten des Julio Romano; Du glaubst nicht, wie viel Treffliches ich an dem Bilde bersehen hatte, wie viele Stellen seines markigen Pinsels. Ja, es ist eine Freude, einen solchen Knstler so recht zu durchdringen, und wenn man ihn ganz und in allen seinen Theilen zugleich fat, so berschleicht uns im vollstndigen Gefhl seines hohen Werthes eine wohlthtige Empfindung, als htten wir auch an seiner Herrlichkeit einigen Antheil; denn ein Kunstwerk ganz verstehen, heit, es gewissermaen erschaffen. Wie groen Dank bin ich meinem erlauchten Gnner und Kenner schuldig, da er mir auch auer dem Gelde noch eine solche Flle von Knstlerweihe zuflieen lt. Wenn ich ihn nicht an der Tafel htte malen sehen, rief Eduard lchelnd aus, so knnte er mich glauben machen, das Bild sei ein chtes! Was hast Du gesehen? antwortete im Eifer der Alte: was verstehst Du von der Magie der Kunst und jenen unsichtbaren Geistern, die sich durch die Farbe und Zeichnung herbei ziehn und verkrpern lassen? Das sind eben Geheimnisse fr den Laien. Glaubst Du denn, man malt nur, um zu malen, und da es mit Pallette, Pinsel und dem guten Vorsatze genug sei? O theurer Gelbschnabel, da mssen noch gar wunderbare Conjuncturen, astralische Einflsse und Wohlwollen mannigfaltiger Geister zusammen treffen, um etwas Rechtschaffenes zu Stande zu bringen! Hast Du es noch niemals erlebt, da ein feinsinniger, tiefdenkender Knstler sein Tuch und Netz ausspannt, und seine Pinsel in die besten Farben taucht, um das schnste Ideal in sein Netz zu locken und hinein zu kitzeln? Er hat sich redlich vorgenommen, einen Apollo zu malen, er streicht und tuscht, und wischt und brstet, und lchelt verliebt und mit sester Freundlichkeit die Creatur an, die aus dem Nichts und Nebel hervor gehen soll; und wenn es nun fertig ist, siehe da, so hat sich in alle die knstlichen Netze ein wahrer Lmmel eingefangen, der aus der arkadischen Landschaft uns zhnefletschend entgegen grinzt! Nun kommen die Unverstndigen und schreien und toben: der Malerkerl hat kein Talent, er hat die Antike nicht gehrig verstanden, er hat statt eines Ideals ein Schmierial hervorgebracht! und was dergleichen unverdaute Urtheile mehr ausgestoen werden. So wird alsdann das gerhrte Herz des Knstlers verkannt, dem sich ein wahrer Teufel, eine Hllenbrut statt eines Himmelsengels in seiner knstlichen Krebsreuse gefangen hat. Denn auch diese Geister streifen herum, und lauern nur darauf, wo sie sich verkrpern knnen. Bildwerke, die etwa untergehn, treiben sich oft lange gengstigt im leeren Raume um, bis ein freundlicher und der Sache gewachsener Mann ihnen wieder Gelegenheit verschafft, sichtlich herab zu steigen. Es hat mich Mhe genug gekostet, dieses Gedichts des trefflichen rmischen Malers wieder habhaft zu werden; es erfodert mehr Studium, als Du daran wandtest, wenn Du in der Jugend dem Nachbar seine Tauben wegfingst. Wenn Du der Meinung bist, da der Mensch, um eine heilige Geschichte zu malen, nicht seine ganze Andacht dem Gegenstande entgegen bringen mu, so bist Du sehr im Irrthum, aus dem Dich unser junger Freund, der talentvolle Dietrich, am ersten reien knnte. Dietrich, welcher eingetreten war und nur die letzte Aeuerung gehrt hatte, nahm sogleich Gelegenheit, diesen letzten Satz weitlufiger auszufhren. Indessen lie Eulenbck decken, und stellte die Weine in die Ordnung, nach welcher sie genossen werden sollten; nachher wandte er sich mit der Frage an Eduard: und was denkst Du nun in Zukunft anzufangen? Fr's Erste nicht viel, antwortete dieser: indessen will ich meine vernachlssigten Studien wieder anknpfen und fortsetzen, und mich vorzglich mit Geschichte und den neuern Sprachen beschftigen. Ich schrnke mich ein, vermiethe die brigen Theile meines Hauses, welches mir doch ohne Nutzen leer steht, und behalte nur diesen kleinen Saal und die angrnzenden Zimmer. So hoffe ich, ohne Sorgen, bei einer vernnftigen Lebensart, ber die ersten Jahre hinber zu kommen, und mich inde zu irgend einem Amte tauglich gemacht zu haben. Hier also wird Dein Museum seyn? sagte Eulenbck, indem er mit dem Kopfe schttelte. Diese Einrichtung will mir gar nicht gefallen, denn ich glaube nicht, da diese Wnde dazu geeignet sind, um hier gehrig studiren zu lassen, denn sie haben nicht die gehrige Resonnanz, das Zimmer selbst hat nicht die wahre Quadratur, die Gedanken schlagen zu heftig zurck und verschwirren, und wenn Du einmal eine rechte Fuge denken willst, so klappert gewi Alles durch einander. Dein seliger Papa war auch darin wunderlich, noch in seinen letzten Jahren diesen schnen Saal durch seinen Eigensinn so zu verderben. Sonst sah man die Strae auf der einen Seite, und hier auf der andern ber den Garten und den Park hinweg in die Hgel und fernen Berge hinein. Diese schne Aussicht hat er nicht nur zumauern lassen, sondern auch noch die Fensterffnungen mit Bohlen und Tfelung weit herein verbaut, und so das Ebenmaa des Zimmers gestrt. An Deiner Stelle riss' ich das Wesen, Tapeten und Vertfelung wieder auf, und liee, wenn doch einmal Fenster fehlen sollen, jene nach der Strae vermauern. Es war kein Eigensinn, sagte Eduard, es geschah, da er hier am liebsten wohnte, seiner Gesundheit wegen; der Morgenwind von hier schadete ihm, und erregte ihm Gichtschmerzen. Konnte er doch in den andern Zimmern die grne Aussicht genieen. Wre nur der alte Walther kein Narr, fuhr Eulenbck fort, so wre Dir leicht geholfen. Er knnte Dir das Mdchen geben, die ja doch versorgt werden mu, und Alles wre wieder in Ordnung! Schweig! rief Eduard mit der grten Heftigkeit aus: nur heute la mich vergessen, was ich hoffte und trumte. Ich mag nicht mehr an sie denken, seit ich zu meinem Entsetzen fhlte, da ich sie liebe. Ich will es mir nicht wiederholen, wie albern und thricht ich mich gegen den Vater betrug; nichts soll mir heut einfallen, auch ihre unbegreifliche Auffhrung nicht. Nein, es gab ein herrliches Glck fr mich, ich habe es zu spt erkannt; das ist die Strafe meines Leichtsinns, da ich auf ewig darauf verzichten mu! Wie ich aber ohne sie leben soll, mu ich erst von der Zukunft lernen. Indem trat der junge Mensch herein, der bis jetzt Eduards Bibliothekar vorgestellt hatte. Hier ist der Catalog, welchen Sie befohlen hatten, sagte er, indem er dem beschmten Jnglinge einige Bltter berreichte. Wie? rief dieser aus, nicht mehr als nur etwa sechshundert Bnde sind noch von der schnen Sammlung brig? Und unter diesen nur die gewhnlichsten Werke? Der Bibliothekar zuckte mit den Achseln. Da Sie mir gleich vom Anbeginn, erwiederte er, meinen Gehalt in Bchern ausgezahlt haben, so mute ich diejenigen nehmen, die am ersten Kufer fanden; auch bin ich nicht genug Kenner von Seltenheiten, und habe diese wohl nicht genug gewrdiget; auerdem haben Bcher, vorzglich Raritten, zu verschiedenen Zeiten einen ungleichen Werth, und ist der Verkufer gedrngt, um eine Summe zu erhalten, so mu er fast nehmen, was ihm geboten wird. So htt' ich also, sagte Eduard halb in Wehmuth, halb mit Lachen, gewi besser gethan, gar keinen Bibliothekar anzunehmen, oder die Sammlung gleich anfangs zu verkaufen, dann htte ich Geld dafr gehabt, oder die Bcher behalten. Und welche Sammlung! Mit welcher Liebe hat sie mein Vater gehegt! Welche Freude war es ihm, als er den seltnen Petrark, die erste Ausgabe des Dante und Boccaz erhielt! Wie konnt' ich es vergessen, da sich in den meisten Bchern Nachweisungen von seiner Hand finden! Wie wollt' ich diese Werke ehren, wenn ich sie noch bese! Uebrigens, da ich keine Bibliothek mehr habe, werden Sie ermessen, wie ich Ihnen auch schon neulich meldete, da ich keines Bibliothekars mehr bedarf. Indessen wollen wir heut noch mit einander frhlich seyn. Jetzt trat auch der Mann herein, der oft an den wilden Gelagen Theil genommen hatte, und den sie wegen seiner Gesinnungen immer nur den Pietisten nannten. Sie hatten ihm diesen Namen beigelegt, weil er nie in die heitern Scherze oder ausgelassene Frhlichkeit der Andern stimmte, sondern unter Murren und moralischen Betrachtungen seinen Antheil am Mahle verzehrte. Nun fehlt nur noch das Krokodill, rief Eulenbck aus, so sind wir beisammen. Dies war ein kleiner hypochondrischer Buchhalter, bla und eingeschrumpft, aber einer der grten Trinker. Den sonderbaren Namen hatten sie ihm beigelegt, weil er alsbald, so wie ihn der kleinste Rausch anwandelte, in Thrnen ausbrach, und diese um so reichlicher vergo, je lnger das Gelag dauerte, und je ausgelassener die Uebrigen waren. Die Thre ffnete sich, und die Jammergestalt machte den wunderlichen Kreis der Gste vollstndig. Die Tafel war mit Trffelpasteten, Austern und andern Leckerbissen bedeckt; man setzte sich, und Eulenbck, dessen purpurrothes Gesicht zwischen den Kerzen einen ehrwrdigen Schein von sich gab, begann auf feierliche Weise also: Meine versammelten Freunde! Ein Unwissender, der pltzlich in diesen Saal trte, knnte von diesen Anstalten, die den Schein eines Festes haben, verleitet werden, im Fall er die Mitglieder dieser Gesellschaft nicht nher kennen sollte, die Meinung zu fassen, es sei hier auf Schwelgerei, Trinken, Tumult und ausgelassene Lustigkeit, die nur der rohen Menge ziemt, angelegt worden. Selbst ein junger Knstler, Dietrich mit Namen, der zum ersten Mal unter uns an diesem Tische sitzt, lt verwundernde Blicke auf die Menge dieser Flaschen und Gerichte, auf diese Gansleberpastete, auf diese Austern und Muscheln, und auf den ganzen Apparat einer Feierlichkeit schieen, der ihm hier einen bertriebenen sinnlichen Genu zu versprechen scheint, und auch er wird sich wundern, wenn er erfhrt, wie alles dies so ganz anders und im entgegengesetzten Sinne gemeint sei. Meine Herren, ich bitte, Acht zu geben, und meine Worte nicht zu leicht in das Ohr fallen zu lassen. Wenn Lnder die Geburt eines Prinzen feierlich begehn, wenn in Arabien ein ganzer Stamm sich festlich freut, indem sich ein Dichter in ihm gezeigt und hervor gethan hat, wenn die Installation des Lord-Mayor mit einem Schmause verherrlicht wird, ja wenn man die Geburtsstunde der Pferde von echter Race nicht unbillig auf nachdenkliche Weise auszeichnet: so liegt es uns ja wohl noch nher (um nicht mit einem Antiklimax zu schlieen) aufzuschauen, gerhrt zu seyn und etwa mit Glsern anzustoen, wenn das Unsterbliche sich uns zeigt, wenn die Tugend uns wrdigt, krperlich vor uns zu erscheinen. Ja, meine Freunde, gerhrten Herzens spreche ich es aus, ein junger angehender Tugendhafter ist unter uns, der noch heut Abend sich als eingepuppter Schmetterling durchbeien, und seine Schwingen im neuen Leben entfalten wird. Es ist Niemand anders, als unser edler Wirth, der uns so manchen Schmaus gegnnt, so manches Glas eingeschenkt hat. Aber ein feuriger Vorsatz, abgerechnet, da er selbst auf dem Trocknen sitzt, jener Impetus der Begeisterung, von dem schon die Alten sangen, reit ihn nun von uns in lichte Hhen hinauf, und wir, von diesem Tisch und Flaschen und Schsseln, seiner irdischen Grabessttte, schauen ihm schwindelnd nach, staunend, welchen fremden Regionen er nun zusteuern wird. Ich sage Euch, Theuerste, er wlzt unendlich viele und treffliche Entschlsse in seinem Busen: und was kann der Mensch, selbst der schwchste und unansehnlichste, nicht entschlieen! Habt Ihr es wohl je schon erwogen (aber in Euerm Leichtsinn denkt Ihr nicht an dergleichen), da in einer unscheinbaren Mappe, wenn sie nur etwa hundert gezeichnete Landschaften enthlt, sich eine Strecke von tausend Meilen verbergen kann, und da sie selbst doch nicht mehr Raum einnimmt, als ein miger Foliant? Denn Perspektive liegt dort neben Perspektive, und Berg und Thal und Flu und weite, unendliche Aussichten. So mit den Vorstzen! so schwchlich unser Pietist, oder Herr Dietrich aussieht, so knnen sie doch gewi an guten Entschlssen mehr als zehn Elephanten, oder zwanzig Kameele tragen. Wie schwach ich selbst in dieser Tugend bin, wei ich am besten, und daher meine Verehrung vor denen, an welchen ich diese Krfte wahrnehme. Da wir nun nicht alle der Begeisterung fhig sind, so sitzen wir hier an diesem Tische, wie an einem Kreuzwege, an welchem sich viele Straen in mannigfaltigen und entgegengesetzten Richtungen scheiden. Auf dergleichen Hauptstationen pflegen auf pyramidalischer Sule die Entfernungen der Stdte nach allen vier Weltgegenden verzeichnet zu stehn. So mag es auch hier, in einem nicht unerfreulichen Bilde, gelten. Diese Austern fhren, bermig genossen, zur Krankheit, dieser Burgunder nach einigen Stationen zu rothen Nasen, diese Trffeln und was ihnen anhngt, zu Wassersucht, Magenkrampf und hnlichen Uebeln. Unser Eduard aber, alles dies verschmhend, wandelt zur Tugend. So fahre denn wohl auf Deinem einsamen Pfade, und wir, die wir entzndete Gesichter, dicke Buche und kurzen Athem nicht so sehr scheuen, gehn unsre Strae fort. Aber auch ich werde Euch bald verlassen, Theuerste; ein edler Unbekannter, den ich Euch noch nicht nennen darf, wird mein Kunstgenie zu den hchsten Leistungen begeistern, er wird mich in fernen Regionen einer idealischen Weihe empfnglich machen, und so zu sagen, vergeistigen. Unser frommer, gemthlicher Dietrich, den wir kaum kennen lernten, wandelt den Kunstdom entlang, und schmckt die vaterlndischen Altre. Was soll ich von Dir sagen, Bibliothekar, der Du vor den leeren Bcherschrnken stehst, und die Werke nicht blos gelesen, sondern buchstblich verschlungen hast? O Du verlesener Mensch, Du von der Secte des muselmnnischen Omar, Kienraupe der Bibliotheken, Verwster der Schriften, der Du eine neue alexandrinische Sammlung blos durch die treffliche neue Erfindung, Dein Salar nicht geistig, sondern wirklich aus den Schriften zu ziehn, vernichten knntest. Alle Buchhndler des rmischen Reiches sollten Dich umher senden, um mit Deiner zerstrenden Kraft die Sammlungen zu zerstieben und neue Werke nothwendig zu machen. Du, mehr als Recensent und schlimmer als Saturnus, der doch nur verzehrte, was er selbst erzeugt: Wo sind sie, Deine Untergebenen, Deine Mndel, die mit goldnem Rcken und Schnitt Dich so freundlich anlachten? Versilbert hast Du sie alle, und schon nach wenigen Jahren Deine silberne Hochzeit mit ihnen gefeiert. Lebe denn wohl, auch Du, Pietist, redlichster unter den Sterblichen, Du Hasser aller Poesie und Lge! Reich mir die Hand zum Abschied, armes Krokodill, das schon in Thrnen schwimmt; im Sumpf einer Taverne mut Du knftig heulen. In einem bessern Leben sehn wir uns alle wieder. Da Eduard nachdenkend war, und Dietrich in der Gesellschaft noch fremd, der Bibliothekar und Pietist keine Miene verzogen, so herrschte whrend und nach der Rede ein tiefes Stillschweigen, welches dadurch noch feierlicher wurde, da der Buchhalter, der schon manches Glas geleert hatte, schluchzte und jammerte. Heut ist der Abend der heiligen Drei-Knige, sagte Eduard, und wie es noch in manchen Gegenden Sitte ist, sich an diesem Tage zu beschenken, so wnsche ich, da meine bisherigen Genossen und Freunde auch diese Nacht in froher Geselligkeit mit mir verbringen. An diesem Abend, fuhr Eulenbck fort, ist es nicht unschicklich, einmal anders, als gewhnlich zu leben; daher waren sonst Glcksspiele gebruchlich, wenn sie auch brigens verboten waren. Und wie gut wre es fr Dich, Freund Eduard, wenn heute auch Dein Glcksstern von Neuem erwachte, da dem verarmten Verschwender ein neues Vermgen bescheert wrde. Man hat wunderliche Erzhlungen, wie verzweifelte Jnglinge sich in der Armuth haben in ihrem vterlichen Hause erhngen wollen, und siehe da, der Nagel fllt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem zugleich viele tausend Goldstcke, die der vorsorgende Vater dorthin versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der Vater denn wissen, da der Sohn fr das Hngen eine besondere Vorliebe haben wrde? Konnte er wohl berechnen, da der Krper des Desperaten noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon frher einen Kronenleuchter dort anbringen wollen, und das Geld finden? Kurz, tausend gegrndete Einwrfe kann die vernnftige Kritik diesem schlecht erfundenen Mhrchen machen. Ohne da Du immer wieder auf diesen Vorwurf zurck kommst, sagte Eduard empfindlich, schilt mein eignes Gewissen, meinen Leichtsinn und thrichte Verschwendung. Wren die Leidenschaften nicht unbndig, die ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhhnen, so htten die Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die armen Menschen glauben, von bsen Geistern besessen zu seyn. Denn wie soll man es erklren, da man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere einsieht, ja da wir oft zum Letztern selbst in unsern wildesten Stunden mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden, und dennoch, uns selbst zum Trotz, jeder Einsicht den Rcken kehren, und schon vor der begangenen That von unserm Gewissen geqult werden? Es mu eine tiefgewurzelte Verderbni in der menschlichen Natur seyn, die sich auch nie ganz zum Edeln erziehn, oder durch Pfropfreiser der Tugend umwandeln lt. So ist es, sagte der Pietist: der Mensch an sich taugt nichts, er ist gleich in der Schpfung mirathen. Er kann nur geflickt werden, und die Lappen bleiben immer auf dem alten schbigen Tuche sichtbar. Ja wohl, seufzte das Krokodill, es ist zu bejammern, und immer wieder zu bejammern. Die Thrnen flossen ihm dicht aus den weinglhenden Augen. Als Du mich zum ersten Mal in jene Weinschenke fhrtest, fuhr Eduard zum alten Maler gewendet fort, machte es mir denn Freude, mich in dem Kreise dieser rohen und langweiligen Menschen zu sehn? Ich war beschmt, als der Herr der Schenke mir mit einer Ehrfurcht entgegen kam, als sei ich einer der Gtter, vom Olymp herabgestiegen. Dergleichen Ehre war seinem Hause noch niemals widerfahren. Bald gewhnte man sich an die Gegenwart meiner Herrlichkeit, und immer zog es mich wider meinen Willen in den Weinduft des Zimmers, in das schreiende Gesprch und an meine Wand hin, wie ein Zauber, der auch nicht ri, als die Gesichter des Wirthes und seiner Leute klter, ja verdrossen wurden, als man mein Wort nicht mehr beachtete, und geringere Gste anstndiger behandelte; denn durch meine Nachlssigkeit war ich schon in eine bedeutende Schuld gerathen, um welche man mich mit grober Zudringlichkeit mahnte. Noch schlimmer ging es einem armen Lumpen, einem tglichen Gast, auf den man fast nie hrte, der oft verdorbenen Essig erhielt, und sich doch nicht beschweren durfte; er war die Zielscheibe des witzigen Gesindes, der Gegenstand des Hohns und Mitleids der brigen Fremden, so wie seiner eignen furchtsamen Verachtung. Und so schlecht man ihn behandelte, mute er doch theurer als Alle bezahlen, und ward betrogen, ohne klagen zu drfen, inde sein Gewerbe versumt ward, und Frau und Kinder zu Hause schmachteten. In diesem Spiegel sah ich nun mein eignes Elend, und als einmal ein redlicher Handwerker von unbescholtenem Wandel dort zufllig einkehrte, und von Allen als eine seltene Erscheinung mit Hochachtung begrt wurde, erwachte ich endlich aus dem Schlummer meiner Ohnmacht, bezahlte, was nur meine Trgheit versumt hatte, und suchte auch jenen Elenden zu retten, da er nicht ganz versank. Aber so ist es, da selbst diejenigen, die sich vom Leichtsinnigen und Taugenichts bereichern, diesen verachten, und dem Wrdigen, der ihnen aus dem Wege geht, ihre Ehrfurcht nicht versagen knnen. So habe ich meine Zeit und mein Vermgen unwrdig verschleudert, um Verachtung einzukaufen. Sei still, Sohn, rief Eulenbck, Du hast auch mancher armen Familie Gutes gethan. La uns davon schweigen, antwortete Eduard in Unmuth: auch das geschah ohne Sinn, so wie ich ohne Sinn Aufwand machte, ohne Sinn reisete, spielte und Wein trank, und weder mir noch Andern eine gute Stunde zuzubereiten verstand. Das ist freilich schlimm, sagte der Alte, und was den lieblichen Wein betrifft, eine Snde. Aber seid munter und trinkt, ihr wackern Gehlfen, damit auch der Wirth in die Stimmung komme, die ihm geziemt. Es bedurfte aber dieser Aufmunterung nicht, denn die Tischgesellschaft war unermdet. Selbst der junge Dietrich trank fleiig, und Eulenbck ordnete an, wie die Weine auf einander folgen sollten. Heute gilt es! rief er aus, die Schlacht mu gewonnen werden, und der Sieger erzeigt den Besiegten keine Gnade. Seht in mein kriegerisches Antlitz, Ihr jngern Helden, hier hab' ich die rothe Blutfahne druend ausgehngt, zum Zeichen, da kein Erbarmen statt finden soll! Nichts in der Welt wird so miverstanden, Freunde, als der scheinbar einfache Actus, den die Menschen so obenhin trinken nennen, und keine Gabe wird so verkannt, so wenig gewrdiget, als der Wein. Knnt' ich wnschen, der Welt einmal ntzlich zu werden, so mcht' ich eine aufgeklrte Regierung dahin bewegen, einen eignen Lehrstuhl zu errichten, von wo herab ich die unwissende Menschheit ber die trefflichen Eigenschaften des Weines unterrichtete. Wer trinkt nicht gern? Es giebt nur wenige Unglckselige, die das mit Wahrheit von sich versichern knnen. Aber es ist ein Erbarmen, anzusehn, wie sie trinken, ohne alle Application, ohne Styl, Schatten und Licht, so da sich kaum die Spur einer Schule findet; hchstens Colorit, was die Uebermthigen dann auch gleich sich und der Welt auf die Nase binden und zur Schau aushngen. Und wie mu man es eigentlich anfangen? fragte Dietrich. Anfangs, erwiederte der Alte, mu man durch stille Demuth und einfachen Glauben, wie in allen Knsten, den Grund legen. Nur ja keine vorzeitige Kritik, kein sprendes, naseweises Schnffeln, sondern ein edles, vertrauenvolles Dahingeben. Kommt der Schler weiter, nun so mag er auch unterscheiden; und trifft der Wein nur Lehrbegier und Sitteneinfalt, so unterrichtet auch sein Geist von innen heraus, und weckt mit dem Enthusiasmus zugleich das Verstndni. Nur nicht die Uebung, als das Hauptschlichste, hintangesetzt, keine leere Schwrmerei; denn nur die That macht den Meister. O wie wahr! seufzte der Buchhalter, indem er seinen Thrnen keinen Einhalt that. Worte, sagte der Pietist, die der gemeine Haufe goldne nennen wrde. Wre das Trinken, fuhr Eulenbck fort, keine Kunst und Wissenschaft, so drfte es auch nur einerlei Getrnk auf Erden geben, so wie das unschuldige Wasser schon diese Rolle spielt. Aber der Geist der Natur versenkt sich auf lieblich anmuthige Weise wechselnd und spielend hier und dort in die Rebe, und lt sich im wundersamen Ringen keltern und verklren, um ber den magischen Weg der Zunge in unser Inneres zu steigen, und dort aus altem Chaos alle glnzende Krfte aus Betubung und Schlummer aufzuwecken. Seht, da geht der Sufer! O meine Freunde, so schalten und spotteten auch diejenigen, die die Eleusinische Weihe nicht empfangen hatten. Mit dieser goldnen und purpurnen Fluth ergiet sich und breitet sich in uns ein Meer von Wohllaut aus, und dem aufgehenden Morgenroth erklingt das alte Memnons-Bild, das bis dahin stumm in dunkler Nacht gestanden hatte. Durch Blut und Gehirn rinnt und eilt frohlockend der holde Ruf: der Frhling ist da! Da fhlen alle die Geisterchen die sen Wogen, und kriechen mit lachenden Augen aus ihren finstern Winkeln hervor; sie dehnen die feinen kristallnen Gliederchen, und strzen sich zum Bade in die Weinfluth, und pltschern und ringen, und steigen schwebend wieder heraus, und schtteln die bunten Geisterschwingen, da mit Gesusel die klaren Tropfen von den Federchen fallen. Sie rennen umher und begegnen einander, und kssen frohes Leben einer von des andern Lippe. Immer dichter, immer leuchtender wird die Schaar, immer wohllautender ihr Gestammel: da fhren sie gekrnzt und hoch triumphirend den Genius herbei, der kaum mit den dunkeln Augen aus vollen Blumengewinden hervor schauen kann. Nun fhlt der Mensch die Unendlichkeit, die Unsterblichkeit; er sieht und fhlt die Millionen von Geistern in sich, und ergtzt sich an ihren Spielen. Was soll man dann von den gemeinen Seelen sagen, die einem nachrufen: seht! der Kerl ist besoffen. Was meinst Du, redliches Krokodill? Der blasse Weinende reichte ihm die Hand und sagte: ach! Lieber, die Leute haben Recht, und Ihr habt Recht, und die ganze Welt hat Recht. Was Ihr so prophetisch daher gekugelt habt, geht ber mein Verstndni, aber ich bin selig in meiner tiefen Rhrung. Wenn Leute in die Komdie gehn, um fr ihr Geld zu weinen, so kommt mir das ganz abgeschmackt vor; mag es Andern vergnnt seyn, sich an hohen Gesinnungen und Thaten zu erheben und darber Thrnen zu vergieen, aber ich verstehe es nicht; doch, wenn solch guter Wein in mich hinein geht, so wirkt er wundersam, da mir dann Alles, Alles, mag man sprechen was man will, mag man schweigen oder lachen, in der schnsten Rhrung aufgeht. Seht, mein Herz mchte vor Wonne brechen, ich knnte Alles, und wr' es Euer lahmer Pudel, in die Arme schlieen. Aber meine Augen leiden darunter, und der Doctor hat mir deshalb das Trinken ganz verbieten wollen. Aber dieser Gedanke ist mir eben die rhrendste von allen Vorstellungen, darber knnte ich Tage lang weinen, und deshalb hat er auch diese Verordnung wieder zurck nehmen mssen. Je mehr ich trinke, sagte der Pietist, je mehr hasse ich das, was Ihr, Eulenbck, da schwadronirt habt, je unvernnftiger kommt es mir vor. Lug und Trug! Es ist beinah eben so dumm, als beim Trinken die Lieder zu singen, die dazu gemacht sind. Jedes Wort darin ist gelogen. Wenn der Mensch nur einen Gegenstand mit dem andern vergleicht, so lgt er schon. Das Morgenroth streut Rosen. Giebt es etwas Dmmeres? Die Sonne taucht sich in das Meer. Fratzen! Der Wein glht purpurn. Narrenspossen! Der Morgen erwacht. Es giebt keinen Morgen; wie kann er schlafen? Es ist ja nichts, als die Stunde, wenn die Sonne aufgeht. Verflucht! Die Sonne geht ja nicht auf; auch das ist ja schon Unsinn und Poesie. O drft' ich nur einmal ber die Sprache her, und sie so recht subern und ausfegen! O verdammt! Ausfegen! Man kann in dieser lgenden Welt es nicht lassen, Unsinn zu sprechen! Lat's Euch nicht irren, ehrlicher Mann, sagte Eulenbck, Eure Tugend meint es gut, und wenn Ihr die Sache anders anseht, als ich, so trinkt Ihr wenigstens denselben Wein, und fast eben so viel, als ich selber. Die That vereinigt uns, wenn uns das System aus einander fhrt. Wer versteht sich heut zu Tage? Davon ist auch gar nicht die Rede mehr. Ich wollte nur noch bemerken, wenn es auch mit dem Vorigen gar nicht zusammen hngt, da mir die Art, wie Menschen und Aerzte den Nahrungsproze und die sogenannte Assimilation ansehen, hchst einfltig vorkommt. Der Eichenbaum wird aus seinem Saamenkorne eine Eiche, und die Feige bringt den Feigenbaum hervor, und wenn sie auch Luft, Wasser und Erde bedrfen, so sind es doch diese Elemente nicht eigentlich, aus denen sie erwachsen. So erweckt die Nahrung in uns nur die Krfte und den Wachsthum, bringt sie aber nicht hervor; sie giebt die Mglichkeit, aber nicht die Sache, und aus sich selbst quillt der Mensch wie eine Pflanze hervor. Es ist eine platte Ansicht, zu glauben, da der Wein unmittelbar, an sich selbst, alle die Wirkungen hervor bringt, die wir ihm zuschreiben; nein, wie ich sagte, sein Duft und Hauch _erweckt_ nur die Qualitten, die in uns ruhn. Nun strzen sich die Krfte, Gefhle und Entzckungen hervor, wenn sie von diesen Wellen getrnkt werden. Meint man denn, da es in aller Kunst und Wissenschaft anders sei? Ich brauche doch wohl die alte Platonische Idee nicht von Neuem vorzutragen. Rafael und Correggio und Titian regen nur mein eignes Selbst an, das in Vergessenheit schlummert, und das grte Genie, der tiefste Kunstsinn knnen sich die Gebilde mit aller Imagination nicht erfinden, die ihnen von den groen Meistern vorgehalten werden; und doch wecken diese Werke selbst nur die alten Erinnerungen auf. Daher auch die Sucht nach neuen geistigen Genssen, die sonst nicht lblich seyn wrden; daher der Wunsch, Unbekanntes aufzufinden, Originelles hervor zu bringen, der auerdem nur Unsinn wre. Denn wir ahnen die Unendlichkeit der Erkenntni in uns, diesen weissagenden Spiegel der Ewigkeit, und was diese uns werden kann, ein unaufhrlich neues Erkennen, das sich im Mittelpunkt einer himmlischen Ruhe sammelt, und von hier aus weiter nach neuen Regionen ausbreitet. Und darum eben, meine lieben Saufbrder, mu es auch viele und mancherlei Weine geben. Und welchen ziehen Sie vor? fragte Dietrich. Giebt es hier nicht auch das Classische und Vollendete, das Moderne und Triviale, das Manierirte und Gesuchte, das Lieblich-Alte und Fromm-Schlichte, das Gemthliche und leer Renommirende? Jngling, sagte der Alte, diese Frage ist zu verwickelt, setzt unendliche Erfahrung, historischen Ueberblick, abgelegtes Vorurtheil, und einen nach allen Richtungen ausgebildeten Geschmack voraus, den nur viele Jahre, fortgesetzte Arbeit und unermdliches Studium, so wie die Mittel dazu, die nicht in Jedermanns Hnden sind, fassen und lsen knnen. Einiges Encyklopdische wird Dir hinreichen. Fast jeder Wein hat sein Gutes, fast alle verdienen gekannt zu werden. Ist in unserm Vaterlande der Neckar fast nur, den Durst zu lschen, da, so erhebt sich der Wrzburger schon zum Edeln, und die vielfachen hohen Sorten des Rheinweins lassen sich nicht in der Eile charakterisiren. Ihr habt sie hier vor Euch stehn gehabt und genossen. Diese trefflichen Wogen, vom leichten Laubenheimer bis zum starken Nierensteiner, gewaltigen Rdesheimer und tiefsinnigen Hochheimer, mit allen ihren verwandten Fluthen gehrig zu preisen, dazu gehrt mehr als die Zunge eines Redi, der in seinem toskanischen Dithyrambus doch nur mittelmig gefaselt hat. Diese Geister gehn rein und klar, khlend und den Sinn erluternd den Gaumen hinunter. Soll ich es vergleichen, so ist es die ruhige Gediegenheit trefflicher Schriftsteller, Gemth und Flle ohne Phantasterei oder schwrmerische Allegorie. Was ist nun der heiere Burgunder demjenigen, der ihn vertragen kann! Wie die unmittelbare Begeisterung fllt er in uns hinab, schwer, blutig, heftig erweckt er unsre Geister. Die Rebe von Bourdeaux dagegen ist heiter, geschwtzig, ermuntert, aber begeistert nicht. Doch schon voller und wunderlicher dichtet die Provence und das poetische Languedoc. Dann das heie Spanien im Xerez und chten Malaga, und den glhenden Weinen von Valencia. Hier verwandelt sich der Weinstrom, indem wir ihn genieen, schon an unserm Gaumen in Kugelgestalt, die sich weit und weiter ausbreitet, und uns im Tokayer und St. Georgen-Ausbruch noch weit inniger und sinniger so erscheint. Wie erfllt Mund und Gaumen und den ganzen Sinn des Geflls nur ein Tropfen des edelsten Cap-Weins. Diese Weine mu der Kenner nippen und zngeln, und nicht mehr trinken wie unsern braven Rhein. Was sag' ich von euch, ihr lieblichsten Gewchse Italiens, und namentlich Toskana's, du geistreichster Monte-Fiascone, du wahrhaft rhrender Monte-Pulciano? Nun so kostet denn, Freunde, und versteht mich! Aber nicht konnt' ich dich aufsetzen, dich Knig aller Weine, dich rosenrthlicher Aleatico, Blume und Ausbund alles Weingeistes, Milch und Wein, Blume und Se, Feuer und Milde zugleich! Diesen Wundergesellen trinkt, kostet, nippt und zngelt man nicht; sondern dem Beseligten erschliet sich ein neues Organ, das sich dem Unkundigen und Nchternen nicht beschreiben lt. -- Hier brach er gerhrt ab, und trocknete die Augen. So hatte meine Ahnung ja doch Recht, rief Dietrich begeistert aus: dieser ist denn im Weinreich, was der alte Eyck oder Hemling, vielleicht auch der Bruder Johann von Fiesole unter den Malern sind. So schmeckt ja auch diese lieblich rhrende und tiefe Farbe, die ohne Schatten doch so wahr, ohne Weie so blendend und berzeugend ist. So sttigt und berauscht der Purpur des Gewandes, und so mildert und snftigt das Feuer das milde Blau, das schwrmende Violett. Alles ist Eins, und klingt in unserm Geiste zusammen! Ausgenommen Eulenbcks Nase, rief der ganz trunkene Bibliothekar aus: die hat keinen Scharlach mehr, keine Uebergnge in den Tnen, um sie mit dem Gesicht in Verbindung zu setzen, sondern jenes violette Dunkelroth bratet in ihrer Zauberkche, wie unterirdisch in den Reichen der feuchten Nacht die rothe Rbe gerinnt, aller Sonne abgewandt. Soll dies Gewchs wohl dem Leben angehren? Soll der Weingott es so aufgefttert haben? Nimmermehr! Es ist ein ungeschlachtes Gehuse, ein widerwrtiges Etui fr Bosheit und Lge. Leerer Schwulst, rief der Buchhalter, morscher Glanz, hinfllige Sterblichkeit! Und krumm, baufllig steht sie auch noch in dem unterminirten Gesicht, so da sie mit ihrer Wucht bald den ganzen Mann in Trmmer drcken kann. Kerl! wo hast Du die unverschmt schiefe Nase her? Ruhig, Krokodill! schrie Eulenbck, indem er heftig auf den Tisch schlug: will das Geziefer die Welt reformiren? Jede Nase hat ihre Geschichte, ihr Naseweise. Meint das dumme Volk denn, da nicht auch das Kleinste sich als Ring an die Nothwendigkeit ewiger Gesetze fgt? Meine Nase, wie sie da ist, habe ich meinem Barbier zu verdanken. Erzhle, Alter! riefen die jungen Leute. Geduld! sprach der Maler. Die Physiognomik wird immer eine trgliche Wissenschaft bleiben, eben weil sie auf Barbiere, Weinschenken und sonstige historische Umstnde zu wenig Rcksicht nimmt. Freilich ist das Gesicht der Ausdruck des Geistes; aber es leidet unter der Art, wie man damit handthiert, auffallend. Die Stirn hat es ihrer Festigkeit nach am besten, wenn sich der Mensch nicht gewhnt, alle kleine Leidenschaften, Verdru und Mibehagen durch Faltenziehen darauf zu malen. Seht, wie edel ist die unsers Eduard, und wie viel schner wrde sie noch seyn, wenn der junge Bursche mehr gedacht und sich beschftigt htte! Die Augen, ihrer Beweglichkeit nach, hin und her rennend, conserviren sich in ihrem Spiel auch noch leidlich, man mte sie denn ausweinen, wie unser krokodilischer Freund dort. Schlimmer ist es schon mit dem Munde; der schleift sich bald durch Schwatzen und fades Lcheln ab, wie bei unserm werthen Bibliothekar; wischt Einer nun gar nach Essen und Trinken bermig daran, so wird er bald unkenntlich, besonders, wenn man aus falscher Schaam etwa die Lippen immer nach innen kneipt, wie unser trefflicher Pietist, der die Rthe derselben wohl fr Lge und unntzen Schwulst, erklrt. Aber die Nase, die arme, die von allen Theilen am meisten sich hervor arbeitet, uns Unglckliche von allen Thieren unterscheidet, bei denen Maul und Schnauze so freundlich eins werden, und die beim Menschen als Hcker und Blocksberg der Tummelplatz aller Hexen und bsen Geister wird: wird sie nicht schon der kalten Luft und des Schnupfens wegen bei den meisten Menschen zum Sausewind und zur klingenden Trompete und Schlachtposaune ausgereckt, gezogen, gedehnt und gehudelt? Wird ihre Nachgiebigkeit, ihre Entwickelungs-Fhigkeit nicht gemibraucht, um fast Elephantenrssel und Truthahnsschnbel heraus zu arbeiten? Frommere Seelen drcken sie wieder nieder und pltschen den Hochmuth in jammervolle Unformen zusammen. Alles dieses sah ich frh, schonte meine Nase, und konnte meinem Schicksal doch nicht entgehn. Ich bin mit meinem Barbier, einem meiner innigsten Freunde, aufgewachsen und alt geworden. Dieser Knstler, indem er sich von einer Seite meines Antlitzes zur andern wandte, pflegte bei diesem Wechsel, um einen Sttzpunkt zu haben, mir die Schneide des Messers unten an die Kehle zu setzen, und darauf drckend und sich lehnend schnell die andre Seite zu gewinnen. Dies schien mir bedenklich. Er durfte ausgleiten, sich stoen, so schnitt er hchst wahrscheinlich mit dem Gesttzten in das Sttzende, und mein Angesicht lag unrasirt zu seinen Fen. Dem mute abgeholfen werden. Er dachte nach, und als wahres Genie war es ihm nicht so gar schwer, sein System und seine Manier zu ndern. Er packte nmlich mit seinen Fingern meine Nase, was ihm den Vortheil gewhrte, sich sttzen und viel lnger auf sie lehnen zu knnen, und zog sie gewaltsam in die Hhe, vorzglich, indem er die Oberlippe barbirte, und so beschauten wir uns Auge in Auge, ein Herz dem andern nahe, und das Scheermesser arbeitete in besonnener und sicherer Thtigkeit. Es traf sich aber, da mein Freund von je her eins der auffallendsten Gesichter an sich trug, die der gemeine Haufe abscheulich, verzerrt und garstig zu nennen pflegt; dabei hatte er die Gewohnheit, zu grimmassiren, und liebugelte mir so herzlich entgegen, da ich es in jeder Sitzung ihm erwiedern, und in dieser Nhe auch seine brigen Fratzen unwillkhrlich nachahmen mute. Ri er die Nase unbillig hinauf, so zerrte er dafr, um mit seiner Kunst in die Mundwinkel zu gelangen, die Lippen und den Mund zu gewaltsam in die Breite. Hatte er auf diese mechanische Weise in meinem Antlitz ein scheinbares Lcheln erzwungen, so kam mir sein Lachen so liebreich, freundlich, herzinnig und rhrend entgegen, da mir oft aus schmerzlicher Theilnahme, und um nur ein boshaftes Lachen zu verbeien, die Thrnen in die Augen traten. Mensch! barbirender Freund! rief ich aus: stelle Dein menschenfreundliches Anlachen ein, ich lchle ja gar nicht, Du ziehst mir ja nur die Mundwinkel wie einen Schwamm aus einander. Thut nichts, antwortete die redliche Seele, Dein Liebreiz in diesem Lcheln zwingt mich zur Erwiederung. Seht, so grinsten wir uns denn wie die Affen minutenlang an. Ich bemerkte nach zwlf Wochen etwa eine auffallende Vernderung in meiner Physiognomie. Die Nase stieg und bumte sich so auffallend nach oben, als wenn sie den Augen und der Stirn den Krieg ankndigen wollte, die wirklich hlichen Verzerrungen der Wangen und Lippen ungerechnet, die ich aber schon nicht mehr lassen konnte, weil ich sie wie ein Andenken von meinem Freunde empfangen hatte. Ich drckte die aufstrebende Nase wieder nieder und trug dem Edeln meine Wnsche noch einmal vor. Nun schien aber guter Rath theuer, und eine Auskunft kaum mglich. Doch entschlo er sich, ein zweiter Rafael, eine dritte, untadelige Manier anzunehmen, und nach einigen Kmpfen gelang es ihm, indem er vorher bedchtig auskundschaftete, nach welcher Seite es am vortheilhaftesten sei, mir die Nase beim Auflehnen hin zu drehen: und dabei sind wir denn auch stehen geblieben, und diese Nothwendigkeit hat sie mir gebogen; das wahre Gesicht, nach dem ich mich instinktartig bilden mute, hat mir diese Falten eingegraben, und tiefes Forschen und Denken, flammende Begeisterung und glhende Liebe zum Guten und Besten haben endlich diesen rothen Teppich ber das Ganze gewoben. Lautes Lachen hatte diese Erzhlung begleitet; jetzt forderte der Bibliothekar ungestm Champagner, und der Buchhalter schrie nach Punsch. Eulenbck aber rief: o ihr gemeinen Seelen! Nach dieser Himmelsleiter, die ich Euch habe hinauf klettern lassen, um in das Paradies zu schauen, kann auch ein so unedler, manierirter, moderner und witzloser Geist, wie dieser sogenannte Punsch, auch nur in den fernsten Winkel Eures Gedchtnisses kommen? Dies elende Gebru aus heiem Wasser, schlechtem Branntwein und Zitronensure? Und was soll dieses diplomatische, nchterne Getrnk, der Champagner, in unserm Kreise? Der nicht Herz und Geist aufschliet, und nach dem halben Rausche hchstens dazu dienen kann, wieder nchtern zu machen? O Ihr Profanen! Er schlug auf den Tisch; aber die Uebrigen, Eduard ausgenommen, erwiederten diese Geberde so heftig, da von der Erschtterung die Flaschen tanzten, und mehrere Glser zerschmetternd auf den Boden strzten. Hierber ward Gelchter und Tumult noch lauter, man sprang auf, andere Glser zu holen, und Dietrich rief: es ist so kalt, eiskalt hier geworden, und dagegen wrde der Punsch helfen. Es war tief in der Nacht, die Diener hatten sich entfernt, man wute nicht, wie man den Ofen wieder heizen sollte; auch gestand Eduard, da sein Holzvorrath vllig zu Ende sei, und er morgen mit der Frhe erst neuen wieder herbei fahren lasse. Was meint Ihr? rief der ganz berauschte Dietrich, unser Wirth hat doch beschlossen, dies Zimmer auf neue Art einzurichten: wenn wir diese unntze Vertfelung, diese Bretter, welche die Fenster bedecken, heraus brchen, und in dem groen altfrnkischen Camin hier ein herrliches deutsches Feuer anzndeten? Dieser tolle Vorschlag fand bei den verwilderten Gsten sogleich Gehr und lauten Beifall, und Eduard, der den ganzen Abend in einer Art von Betubung gewesen war, widersetzte sich nicht. Man hob den Schirm vom Camin hinweg, und lief dann mit Kerzen nach der Kche, um Beile, Stangen und andere Instrumente herbei zu holen. Im Vorsaal fand Eulenbck ein altes verdorbenes Waldhorn, und darauf blasend, marschirten sie wie Soldaten unter Schreien und abscheulicher Musik in den Saal zurck. Der Tisch, welcher im Wege stand, ward umgeworfen, und sogleich begann ein Hauen, Brechen und Hmmern gegen die hohle Wand. Jeder suchte den Andern in Aemsigkeit zu bertreffen; um die Arbeitenden zu ermuntern, stimmte der Maler den Schlachtruf auf dem Horne wieder an, und beim Gepolter riefen Alle wie besessen: Holz! Holz! Feuer! Feuer! so da dies Geschrei, die Musik, das Schlagen der Aexte, das Krachen der brechenden und ausspringenden Bretter den Wirth des Hauses in eine so dumpfe Betubung warf, da er sich stumm in eine Ecke des Zimmers zurck zog. Pltzlich wurde die Gesellschaft noch auf eine eben so unerwartete als unangenehme Art vermehrt. Die Nachbarschaft war unruhig geworden, und die Wache, welche ebenfalls das ungeheure Getmmel vernommen hatte, trat jetzt, einen Offizier an ihrer Spitze, herein, da sie das Haus unverschlossen gefunden hatten. Sie forschten nach der Ursache des Getses, und weshalb man Feuer geschrieen habe. Eduard, der ziemlich nchtern geblieben war, suchte ihnen Alles zu erklren, um seine Freunde zu entschuldigen. Diese aber, aufgeregt und keines vernnftigen Gedankens mehr fhig, behandelten diesen Besuch als einen gewaltsamen Einbruch in ihre unveruerlichsten Rechte; jeder schrie auf den Offizier ein, Eulenbck drohte, der Buchhalter fluchte und weinte, der Bibliothekar holte mit der Brechstange aus, und Dietrich, welcher am meisten begeistert war, wollte sich mit dem Beile ber den Lieutenant hermachen. Dieser, ebenfalls ein junger hitziger Mann, nahm es von der ernsthaften Seite und fand seine Ehre verletzt, und so war das Ende der Scene, da Jene unter Geschrei und Lrmen, Drohungen und Freiheits-Declamationen nach der Hauptwache abgefhrt wurden. So endigte das Fest, und Eduard, der allein im Saal zurck geblieben war, ging vllig verstimmt auf und nieder, und betrachtete die Verwstung, welche seine begeisterten Freunde angerichtet hatten. Unter dem umgeworfenen Tische lagen zertrmmerte Flaschen, Glser, Teller und Schsseln, nebst Allem, was von den Leckerbissen brig geblieben war; der kostbarste Wein flo ber den Boden; die Leuchter waren zerschlagen; von denen, welche stehen geblieben waren, waren alle Lichter, bis auf eine Wachskerze, nieder gebrannt und ausgelscht. Er nahm das Licht und betrachtete die Wand, von der die Tapete abgerissen, und einige starke Bretter heraus gebrochen waren; ein Balken stand davor, der den Zutritt in die Nische hemmte. Ein sonderbares Gelst befiel den Jngling, noch in der Nacht das angefangene Werk seiner wilden Gesellen fortzusetzen; um aber kein bermiges Gerusch zu erregen, und doch noch vielleicht ihr Schicksal zu theilen, nahm er eine feine Sge, und durchschnitt oben vorsichtig den Balken; er wiederholte dies unten, und nahm dann den Kloben heraus. Hierauf war es nicht so gar schwer, noch eine innere leichte Vertfelung wegzubrechen; das dnne Bret fiel nieder, und Eduard leuchtete in die Nische hinein. Er konnte aber kaum den breiten Raum bersehen, und etwas, das ihm wie Gold entgegen glnzte, wahrnehmen, als Alles pltzlich verschwand; denn er hatte mit dem Lichte oben angestoen und es ausgelscht. Erschreckt und in der grten Bewegung tappte er durch den finstern Saal, aus der Thre, ber einen langen Gang, dann ber den Hof nach einem kleinen Hintergebude. Wie zrnte er ber sich selbst, da er keine Anstalt in der Nhe habe, Feuer zu machen. Aus festem Schlafe ermunterte er den eisgrauen Thrhter, der sich lange nicht besinnen konnte, lie sich von ihm, nach vielen vergeblichen Versuchen, sein Licht wieder anznden, und kehrte dann mit behutsam vorgehaltner Hand, an allen Gliedern zitternd und mit klopfendem Herzen ber die Gnge nach dem Zimmer zurck. Er wute nicht, was er gesehen hatte, er wollte noch nicht glauben, was er ahndete. Im Saale setzte er sich erst in den Lehnstuhl, um sich zu sammeln, dann zndete er noch einige Kerzen an, und begab sich nun gebckt in die Nische. Der weite Raum der Fenster erglnzte von oben bis unten wie in goldnem Brand; denn Rahmen drngte sich an Rahmen, einer kostbarer als der andere, und in ihnen alle jene verloren gewhnten Gemlde seines Vaters, um die der alte Walther und Erich so oft gejammert hatten. Der Erlser _Guido's_, der Johannes von Domenichino, sie alle schauten ihn an, und er fhlte sich selbst gerhrt, andchtig, erstaunt, wie in einer bezauberten Welt. Als er sich besann, flossen seine Thrnen, und er blieb dort, die Klte nicht achtend, unter seinen neugefundenen Schtzen sitzen, bis der Morgen herauf dmmerte. * * * * * Walther war eben vom Tisch aufgestanden, als Erich eilig zu ihm in den Gemldesaal trat. Was ist Dir, mein Freund? rief der Rath aus: hast Du Geister gesehn? Wie Du es nimmst, erwiederte Erich: mache Dich auf eine auerordentliche Nachricht gefat. -- Nun? -- Was gbest Du wohl, was thtest Du wohl dafr, wenn alle die verlorenen Malereien Deines seligen Freundes, jene unschtzbaren Kostbarkeiten wieder da wren und Dein werden knnten? Himmel! rief der Rath aus und verfrbte sich: ich habe keinen Athem. Was sagst Du? -- Sie sind da, rief jener, und knnen Dein Eigenthum werden. -- Ich habe kein Vermgen, sie zu kaufen, sagte der Rath: aber Alles, Alles wrde ich geben, sie zu erhalten, meine Gallerie und Vermgen, aber ich bin zu arm dazu. -- Wenn man sie Dir nun berlassen wollte, sagte Erich, und der Eigenthmer forderte blo die Gunst dafr, Dein Schwiegersohn zu werden? Ohne Antwort rannte der Alte hinaus und zur Tochter hinber. Im Streit mit dieser kam er zurck. Du mut mein Glck machen, geliebtes Kind, rief er aus, indem er mit ihr herein trat: von Dir hngt nun die Seligkeit meines Lebens ab. Die erschrockene Tochter wollte immer noch widersprechen, aber auf einen heimlichen Wink Erichs, den sie zu verstehen glaubte, schien sie endlich nachzugeben. Sie ging fort, sich umzukleiden; denn bei Erich warteten, wie dieser erklrte, die Bilder und der Freiwerber auf sie. Unter welchen sonderbaren Gedanken und Erwartungen suchte sie ihren besten Schmuck hervor; konnte sie sich in Erich nicht irren? Hatte er denn auch sie verstanden? hatte sie ihn richtig gedeutet? Walther war ungeduldig und zhlte die Augenblicke; endlich kam Sophie zurck. In Erichs Hause waren alle jene Gemlde im besten Lichte aufgehangen, und es wre vergeblich, des Vaters Erstaunen, Freude und Entzcken beschreiben zu wollen. Die Bilder waren, so behauptete er, bei weitem schner, als er sie in seiner Erinnerung gesehen hatte. Du sagst, der Liebhaber meiner Tochter sei jung, wohlerzogen, von gutem Stande, Du giebst mir Dein Wort darauf, da er ein ordentlicher Mann seyn wird, und niemals nach meinem Tode diese Bilder wieder veruern? Wenn dies alles so ist, so braucht er kein anderes Vermgen zu besitzen, als diese Bilder, denn er ist berreich. Aber wo ist er? Eine Seitenthre ffnete sich, und Eduard trat ungefhr so gekleidet herein, wie der ihm hnliche Schfer auf dem alten Gemlde von Quintin Messys stand. -- Dieser? schrie Walther: woher haben Sie die Gemlde? Als ihm Eduard den sonderbaren Vorfall erzhlt hatte, nahm der Alte die Hand der Tochter und legte sie in die des Jnglings, indem er sagte: Sophie wagt viel, aber sie thut es aus Liebe zu ihrem Vater; ich denke, mein Sohn, Du wirst nun klug und gut geworden seyn. Doch, eine Bedingung: Ihr wohnt bei mir, und Eulenbck kommt nie ber meine Schwelle, auch siehst Du ihn mit keinem Auge wieder. Gewi nicht, antwortete Eduard: berdies reiset er mit dem fremden Prinzen von hier fort. Man ging nach dem Hause des Vaters. Dieser fhrte den Jngling in seine Bibliothek: hier, junger Mensch, sagte er, findest Du auch Deine Seltenheiten wieder, die Dein luftiger Bibliothekar mir fr ein Spottgeld verkauft hat. Du wirst diese Schtze Deines Vaters knftig heiliger halten. Die Liebenden waren glcklich. Als sie allein waren, schlo Sophie den Jngling herzlich in die Arme. Ich liebe Dich innigst, mein Freund, flsterte sie ihm zu, aber ich mute neulich dem Eigensinne meines Vaters nachgeben, und mich damals und heute stellen, als gehorchte ich ihm unbedingt, um erst nicht alle Hoffnung aufzugeben, und heute ohne Widerspruch Dein zu seyn; denn htte er meine Liebe gemerkt, so htte er nimmermehr so schnell eingewilligt. Nach wenigen Wochen waren sie vermhlt. Es ward dem Jnglinge nun nicht schwer, ein ordentlicher und glcklicher Mann zu werden; an seine wilde Jugend dachte er im Arme seiner Frau und im Kreise seiner Kinder nur wie an einen schweren Traum zurck. Eulenbck hatte mit dem Prinzen die Stadt verlassen, und mit ihm zugleich der sogenannte Bibliothekar, der jene Stelle als Secretr beim Prinzen erhielt, um welche Eduard sich bemht hatte, und nach einigen Jahren die lockre Schne heirathete, die unserm jungen Freunde einen so beln Ruf in seiner Vaterstadt verursachte, und fast die Veranlassung seines Unglcks geworden war. Die Verlobung. Novelle. Ich habe lange auf Dich gewartet, rief der junge Ferdinand seinem Freunde entgegen. Du weit ja, erwiederte jener, da es unmglich ist, sich schnell von dem wohlbeleibten Barone loszureien, wenn er Fragmente aus seiner Lebensgeschichte vortrgt. Wrst Du Offizier, wie ich, antwortete Ferdinand, so wrdest Du es dennoch mglich gefunden haben, pnktlich zu seyn; dies wenigstens lernt man im Dienst. Sie sind alle schon auf dem Spaziergange dort versammelt, la uns eilen, da ich Dich der verehrten Familie vorstellen kann. Die jungen Freunde bogen um die Felsenecke, und erfreuten sich des klaren Anblickes am rauschenden Strome, der Wldern und Bergen leuchtend vorber zog. Der Frhling war in diesem Jahre vorzglich ppig erschienen. Wie wohl wird es dem Arbeiter, sagte Alfred, an einem solchen Tage die Stadt und die geistlosen Geschfte hinter sich zu haben, um nach langer Anstrengung und Entbehrung diesen Segen der Natur zu fhlen und ihre heilige Stimme zu vernehmen! Und wie dankbar bin ich Dir, mein theurer Freund, da Du mich in den Kreis der besten, der edelsten Menschen einfhren willst. Denn wie wir uns auch zu bilden streben, wie ernsthaft wir studiren, einsammeln, und unser Herz und Gemth erweitern wollen, so ist es doch der Umgang mit echten Menschen, der alles dies todte Wirken und unbeholfene Kmpfen erst belebt, und den Besitz in ein wahrhaftes Gut verwandelt. Den zarten Frauen ist es aber vorbehalten, dem Manne die Bildung zu geben, deren er nach seinen Krften und Gaben fhig ist. Der junge Offizier sah seinen Freund kopfschttelnd an, stand einen Augenblick still, und sagte dann, indem sie weiter schritten: O wie kann ich in diese Phrasen, die man schon tausendmal hat hren mssen, so gar nicht einstimmen! Somit wre es ja die groe Welt, oder die sogenannte gute Gesellschaft, die man aufsuchen mte, um in schlechtem Witz, Coquetterie, Lgen und Geschwtz die Reife zu erlangen, die uns die Einsamkeit nicht gewhren knnte. Bin ich auch in den meisten Dingen Deiner Meinung, so mu ich Dir doch hierin geradezu Unrecht geben. Die Weiber! sie sind es ja eben, die recht eigentlich von einem boshaften Schicksal dazu hingestellt zu seyn scheinen, sich des Mannes, wenn er schwach genug ist, zu bemchtigen, alles Menschliche, Edle, Kraftvolle und Wahre von ihm abzustreifen, und ihn, so viel es nur mglich ist, in sein Gegentheil zu verwandeln, damit er ihnen nur zu einem unwrdigen Spielzeuge gut genug sei. Das, was Du eben uertest, ist auch schon mehr die Denkweise einer jetzt fast verschwundenen Zeit, einer Zeit, die der Wahrheit, vorzglich aber aller religisen Gesinnung, feindlich gegenber stand. Auch mu ich Dir sagen, da Du jenes Wesen, wodurch sich vormals unsre jungen Herren zu bilden glaubten, in der Gesellschaft dieser Frauen nicht finden wirst, weil bei ihnen alles heilige Wahrheit, Unschuld und echte Frmmigkeit ist. Der Freund suchte seine Meinung und sich selbst zu rechtfertigen, indem sie unter lebhaften Gesprchen ihren Weg eilig fortgesetzt hatten. Sie sahen jetzt schon den Garten vor sich liegen, in dessen khlen Gngen die Baronin mit ihrer Familie und einigen auserwhlten Freunden die Ankommenden erwartete. Alle fhlten sich in der grnen Umgebung wohl und behaglich. Nur dem jungen Rathe Alfred ward es Anfangs schwer, sich in die Stimmung und Unterhaltung zu fgen. Wie es wohl zu geschehen pflegt, war er zu gespannt, um sich dem Gesprche leicht hinzugeben; auch hatte er zu Vieles auf dem Herzen, was er mit einer gewissen Bangigkeit an den Mann zu bringen strebte, wodurch er oft an sich und den Andern irre werden mute; denn wenn er Gedanken zu einer Rede verarbeitet hatte, so war indessen der schickliche Moment verschwunden, um diese einzufgen, und unter den neuen Gegenstnden der Unterhaltung kam wieder so Manches vor, das ihm unverstndlich schien, und worber er sich nhere Belehrung auszubitten doch zu verschmt war. Dazu kam, da er von dem Reiz der Frauengestalten wie geblendet war; die vermhlte Tochter Kunigunde war eine glnzende Schnheit; noch ppiger strahlte die jngere Clementine, gegen welche die blonde kindliche Physiognomie der jngsten, Frulein Clara, rhrend kontrastirte; selbst die Mutter durfte noch Ansprche auf Anmuth machen, und man sah, da sie in ihrer Jugend eine schne Frau gewesen war. Dorothea, das lteste Frulein, fiel in dieser Umgebung am wenigsten auf, so schn auch ihr Auge, so fein ihr Wuchs war; auch zog sie sich zurck und blieb still und blde; sie schien selbst an der lebhaften Unterhaltung der Geschwister nur geringen Antheil zu nehmen, und es fiel auf, da keine Rede oder Frage an sie gerichtet wurde, so sehr die anwesenden Mnner sich auch mit Lebhaftigkeit um die brigen Tchter oder die Mutter bemhten. Unter den Mnnern zeichnete sich ein ltlicher aus, der am meisten das Wort fhrte, der Alle belehrte und alle streitigen oder zweifelhaften Flle entschied. Auch der Offizier behandelte ihn mit ergebener Demuth, und dieser Familienfreund wandte sich mit Gte und Herablassung an Alle, sie fragend, zurecht weisend, aufmunternd und sich auf seine Weise bestrebend, Jeden zu ermuthigen oder aufzuklren. Ihm gelang es auch endlich, den verlegenen Alfred in das Gesprch zu ziehen, und dessen Dankbarkeit uerte sich in einer feurigen Rede, die er jetzt anzubringen Gelegenheit fand, und in welcher er seinen Wunsch nach Bildung, seine Verehrung des Familienglcks, seine Hoffnung, da die echte religise Stimmung und wahre Frmmigkeit sich durch ganz Deutschland ausbreiten wrden, mit allgemeinem Beifall und zu seiner eignen Zufriedenheit entwickelte. Mehr noch als die Uebrigen war die schne Kunigunde aufmerksam gewesen, und sie war es auch jetzt, die am lautesten ihren Beifall aussprach. Wie glcklich sind wir, beschlo sie endlich, da in unserm theuern Kreise sich immer mehr Gemther versammeln, die das Gute und Edle wollen, die das Ueberirdische erkennen, und denen die Welt mit allen ihren anlockenden Schtzen nur nichtig erscheint. Aber das ist die Eigenschaft der Wahrheit und Gte, da sie das Bessere sich nher zieht, da sie das Schwache in etwas Hheres verwandelt. Wirkt der gesellige Umgang so glcklich in einem weitern Umfang, so ist es im beschrnkten Hause der Segen der Ehe, der noch inniger die Vermhlten anregt, sich fr das Gttliche zu begeistern, der hier noch krftiger das schwchere Gemth zur Liebe des Unendlichen erhebt. Ja wohl, sagte ein junger Mann, der neben dem ltern sa, dies ist es, was ich mit jedem Tage inniger und dankbarer empfinde. Er seufzte und sah an die Wolken, und der Rath erfuhr auf seine Erkundigung, da dieser der Gemahl der schnen und frommen Kunigunde sei. Die Mutter nahm das Wort und sagte nicht ohne Bewegung: Wie beglckt mu ich mich fhlen, da ich so im Kreise meiner Kinder das Hchste gefunden und es ihnen selbst mglich gemacht habe, den edelsten Besitz dieser Erde zu erreichen. Wie kann ich doch so gar nicht an den Bestrebungen der meisten Menschen Antheil nehmen, ja wie erregt mir ihr mannigfaltiger Enthusiasmus eher Mitleid, als da ich in ihren vielfachen Anstrengungen, ein sogenanntes Gut zu ergreifen, etwas finden knnte, das unsere Achtung aufruft. So rennen sie nach Kunst, oder Philosophie, meinen, im Wissen oder in Farben und Ton solle ihnen das ewige Licht aufgehen, qulen sich in Geschichte und den verworrenen Hndeln des Lebens ab, und versumen darber das Eine, das Noth ist, und welches Alles ergnzt und ersetzt. Seit ich diesen Quell gefunden habe, der jeden Durst der Seele so lieblich stillt, ist jenes bunte Mannigfaltige fr mich gar nicht mehr da, dem ich in der Jugend auch wohl manchen sehnschtigen Blick zuwendete. Wie mu ich Sie bewundern! rief der Rath aus: mit welcher Sehnsucht habe ich das Leben gesucht, und immer nur leere Schatten gehascht! und wie leicht ist es doch, die Wahrheit zu finden, die uns niemals tuscht, die nie entschlpft, die dem Herzen Alles gewhrt, in der wir nur leben und seyn knnen. Ich verstehe Sie, antwortete die Baronesse, Sie gehren zu unserm Kreise; es ist ein seliges Gefhl, da sich die Gemeinschaft frommer und begeisterter Gemther immerdar vermehrt. Den herrlichsten Zeiten gehen wir entgegen! rief der junge Offizier in Begeisterung aus. Und wie selig mssen wir uns fhlen, da Dasjenige, was uns ber das nchterne Leben erhebt, die ewige Wahrheit selber ist, da diese uns beherrscht, und wir, von ihr regiert, nicht fehlen, niemals irren knnen; denn wir geben uns der Liebe hin, da sie in uns wirke und ihre Geheimnisse unserm Herzen offenbare. Nicht anders, beschlo der ltere wrdige Mann; dies ist es, was uns die Sicherheit geben mu, die uns von gewhnlichen Enthusiasten oder Schwrmern unterscheidet. Sie haben ein groes Wort gesprochen, theurer Ferdinand, und darum sind Sie mir so werth, weil Keiner, so wie Sie, auf dem krzesten Wege das Rechte findet, weil Niemand es alsdann so klar und einfach auszusprechen wei. Er umarmte den Jngling, sah gen Himmel, und eine groe Thrne glnzte ihm im schnen dunkeln Auge. Die Baronesse erhob sich und schlo sich an die Gruppe; alle waren bewegt, nur Frulein Dorothea wandte sich ab, und schien im Busche etwas Verlornes zu suchen. Dem aufmerksamen Alfred entging es nicht, da die Mutter mit einem Ausdrucke des Schmerzes zu ihrem ltesten Kinde hinsah, das auf seltsame Weise von diesem Kreise der Rhrung und Liebe ausgeschlossen schien. Der Baron Wallen, so hie der ltere Hausfreund, nherte sich mit dem Ausdruck einer rhrenden Milde dem Frulein, die scheu vor sich nieder sah, und in diesem Augenblick hochroth erglhte. Er sprach heimlich und mit vieler Bewegung zu ihr, sie schien aber in ihrer Verlegenheit auf seine Worte nicht sonderlich zu achten; denn als jetzt eine Dame in der Allee zur Gesellschaft herschritt, ging sie dieser in groer Eile entgegen, und schlo sie mit der grten Herzlichkeit und Freude in die Arme. Die Mutter schttelte fast unmerklich mit dem Kopfe, und sah den Baron Wallen mit prfendem Auge an; dieser lchelte, und die Unterredung der Gesellschaft gerieth nun auf ganz andere und gleichgltige Gegenstnde; denn die Frau von Halden, welche jetzt lautschwatzend, lachend und Neuigkeiten erzhlend, herzu trat, machte jeden Aufschwung, jede innigere Mittheilung vllig unmglich, so da auch alle, bis auf Frulein Dorothea, etwas verstimmt wurden, die wie erquickt und getrstet mit ihren Blicken am Munde der Redenden hing, und jetzt an der brigen Gesellschaft noch weniger Antheil nahm. Wer ist denn diese Neuigkeits-Krmerin? fragte Alfred unwillig, die wie ein wilder Vogel in unsern stillen Kreis herein fliegt, und alle zarteren Gefhle verschchtert? Eine Nachbarin unserer verehrlichen Baronesse, antwortete der Herr von Wallen: sie hat sich auf eine unbegreifliche Weise des Gemthes der Frulein Dorothea bemeistert, was wir alle nur beklagen knnen. Schon in der Jugend hat es die treffliche Erzieherin, die Frulein von Erhard, eine Verwandte der Familie, verhindern wollen, da dieser Umgang nicht die bessern Fhigkeiten des schnen Mdchens unterdrcke; aber von jeher sind alle ihre Bemhungen vergeblich gewesen. Diese Erzieherin, welche bisher wenig bemerkt worden war, nherte sich jetzt, da sie sah, da von ihr die Rede sei, und mischte sich in das Gesprch. Sie erzhlte, da in dieser so liebenden und hochgestimmten Familie Dorothea von frher Jugend ein abgesondertes Leben gefhrt habe, und unter so vielen Geschwistern gewissermaen ganz einsam gewesen sei. Frulein Charlotte von Erhard erzhlte dies mit einer rauhen und heisern Stimme, wurde aber so bewegt, da sie sich der Thrnen nicht enthalten konnte. Alfred, der schon gerhrt war, fand in seiner erhobenen Stimmung die gelterte und fast hliche Dame liebenswrdig und schn, und ein herzlicher Unwille, eine lebhafte Geringschtzung wandte sich gegen die arme Dorothea, die jetzt von der redseligen Freundin Abschied nahm und zur brigen Gesellschaft zurck kehrte. Sie war sichtlich erheitert, aber man sah, welche Ueberwindung es ihr koste, wieder an den ernsteren Gesprchen Theil zu nehmen. Sie erzhlte, wie die Frau von Halden in Unterhandlungen stehe, und wahrscheinlich ihr Gut verkaufen werde. Verkaufen? fragte die Mutter erstaunt, und sie konnte dennoch so heiter, ja ausgelassen seyn? Sie meint, erwiederte Dorothea, einen so vortheilhaften Kauf ihrer noch unmndigen Kinder wegen nicht abweisen zu drfen. Giebt es einen Vortheil, sagte die Mutter, welcher den Kindern das Glck der Heimath aufwiegen kann? Und sie selbst, Deine Freundin, die hier auf ihrem Gute aufgewachsen ist, die hier mit Eltern und Geschwistern, nachher mit einem geliebten Manne lebte, wie kann sie sich selber so verstoen und diesen Bumen den Rcken wenden, sich von den Zimmern verbannen, die sie als Kind geliebt und gekannt hat? Immer wieder mu es mir auffallen, wie ich das Leben und Treiben der allermeisten Menschen so gar nicht verstehe. -- Und wer ist denn der Kufer? Die Sache ist wunderlich genug, erwiederte Dorothea, der Kufer will noch gar nicht genannt seyn; aber ein gewisser Graf Brandenstein fhrt die Unterhandlung. Meine Freundin ist eilig und bestimmt, denn der Fremde aus Amerika kauft noch manches andere Gut, so da sie es fr eine Gunst hlt, da er nicht ngstlich auf den Preis sieht, wenn sie das ihrige dem Unbekannten zuwenden kann. Bei dem Namen Brandenstein wurde die Mutter bla. Sie suchte sich aber schnell zu fassen, und sagte nach einer kleinen Pause: Ja, der Name war es, der mir schon seit einer Woche schwer auf dem Herzen lag. Ich wei es schon, da dieser Mann hier ist, der nun auf eine Zeitlang unsre stille Freude verderben, und die Harmonie unsers Kreises stren wird. Und ich kann es nicht vermeiden, ihn zu sehn, denn er ist ein alter Bekannter unsers Hauses, und die Sitte der Welt zwingt uns ja, selbst mit denjenigen freundlich umzugehen, die uns im innersten Herzen zuwider sind, ja, die wir, wenn wir noch so billig denken, fr schlechte und ruchlose Menschen anerkennen mssen. Dorothea meinte, wo eine so bestimmte Empfindung vorherrsche, solle sich der Mensch keinen Zwang anthun; und besonders auf dem Lande, wo sie lebten, wre es noch leichter, als in der Stadt, so widrigen Erscheinungen auszuweichen. Die Mutter aber sagte: Du verstehst dies nicht, mein Kind; knnte ein gewissenloser Mensch ohne Grundstze uns nicht auf die empfindlichste Art schaden oder krnken, htte er es durch Witz und Frivolitt nicht in seiner Gewalt, unser ganzes Leben zu verderben, so wrde ich ihn kalt abweisen, und mit meiner Wahrheitsliebe ihm ohne Umschweif sagen, da ich mit ihm nicht umgehen wolle; da aber dies nicht mglich ist, so mu ich ihm hflich entgegen kommen, mit Feinheit und Wohlwollen den bsen Geist in ihm zu beschwichtigen suchen, und mich spterhin so unmerklich, als es seyn kann, von seinem verderblichen Kreise zurck ziehn. Die brigen Tchter drngten sich um die Mutter, und umarmten sie wie trstend. Wenn ich Euch nicht htte! seufzte die Baronesse: wenn ich nicht auf die Hlfe unsers edlen Hausfreundes rechnen drfte, so wrde mich der Besuch dieses gottlosen Menschen noch mehr ngstigen. Wer ist er eigentlich? fragte der Baron. Ein Mann, antwortete die Mutter, der sich schon frh in der Welt und ihren Verstrickungen herum getrieben hat, der, von seinem eignen Herzen belehrt, alles, was Liebe, Demuth, Frmmigkeit heit, arg verspottet und verfolgt, ein grober Egoist, der Niemand lieben kann, und den das Heilige, Ueberirdische, wo er es wahrnimmt, wo er es nur ahndet, in einen widrigen Zorn versetzt, der ihn dann zu jenem frivolen Witze begeistert, den wir Alle so tief verachten. Es war das Unglck meines Lebens, da er die Bekanntschaft meines guten seligen Mannes machte, da dieser ihn lieb gewann, und sich in manchen trben Stunden seiner Gesellschaft und traurigen Philosophie hingab. Sie schildern, verehrte Frau, sagte der Offizier, einen von jenen Charakteren, die, dem Himmel sei Dank! jetzt schon seltener geworden sind. Eine Verruchtheit, sagte der Baron, die das Unsichtbare lstert, weil sie auf Selbstverachtung gegrndet ist. Sie sind aber, wie wir Alle, ber diesem Jammer erhaben. Sein mittelmiges Vermgen, fuhr die Mutter fort, war bald ausgegeben; nun verlie er Europa, trieb sich, wer wei, unter welchen wilden Vlkern um, und ist nun zurck gekehrt, wie ich hre, als Geschftstrger eines unermelich reichen Amerikaners, der ihm in Jahresfrist nachfolgen will, und der die Grille gefat hat, in unserer Nachbarschaft viele Gter zu einer groen Herrschaft zusammen zu kaufen. Frulein Dorothea blieb dabei, da man einem so bsen Menschen ausweichen knne und msse, und da sie ihm schon das Haus zu betreten unmglich machen wolle, wenn die Mutter ihr dazu die gehrige Vollmacht gebe; doch diese ward unwillig, und gebot, fr heute den Namen des Strenfried nicht mehr zu nennen. Jetzt sah man die Wagen vorfahren, weil mit der Abendkhle die Familie sich wieder auf ihr nahes Landgut begeben wollte, als sich in diesem Augenblick eine sonderbare Scene entwickelte. Der alte Baron hatte sich schon einigemal Dorotheen genhert; sie war ihm aber ausgewichen, doch benutzte er den Moment, als er ihr in den Wagen half, ihr einige freundliche Worte zuzuraunen; sie sprang zurck, indem sie hastig der Kutsche enteilte und in den Baumgang lief. Der Baron konnte sie nicht einholen, so sehr er sich bestrebte; als er schon tief im Garten war, kam sie athemlos zurck, warf den Schleier ber das erhitzte Angesicht, und weinte heftig, indem sie dem fragenden und strafenden Blicke der mehr als erstaunten Mutter ngstlich auswich. Der Wagen fuhr rasch davon, und der Baron, nachdem er verwirrt und beschmt von den jngern Freunden Abschied genommen hatte, bestieg den seinigen, schwer gekrnkt, wie man ihm anmerken konnte, so sehr er auch seiner Fassung Gewalt zu thun suchte. Als der junge Rath und der Offizier ihren Rckweg zur Stadt antraten, sagte der erste nach einer Pause: Was war das? Immer noch kann ich nicht von meiner Verwunderung zurck kommen, da unter so gebildeten und feinen Menschen eine solche unschickliche Scene hat vorfallen knnen! Ueberhaupt, wie kommt dieses Frulein, dieser sonderbare, ja widerwrtige Charakter in eine Familie, die ich fast eine geheiligte nennen mchte? Irgend eine tiefe Verschuldung mu sie drcken, da sie sich immer scheu zurck zieht, niemals an der Unterhaltung Theil nimmt, und auch von allen Uebrigen mit einem herablassenden, fast geringschtzenden Mitleide behandelt wird, das einem Fremden sehr auffallen mu. Man kommt auf rgerliche Vermuthungen, wenn man auch eben nicht zum Argwohn geneigt ist. Du wrdest aber irren, sagte der militrische Freund, denn keine Schuld, kein Vergehn drckt dieses Wesen nieder. Unter so hochgestimmten Menschen, wie alle diese sind, wrde sich dergleichen vielleicht ohne groe Kmpfe wieder herstellen, wenn diese Schwester nur sonst in einer geistigen Harmonie mit den brigen stnde. Schlimmer aber als alles ist, da sie schon mit einem niedrigern, unedlern Geiste geboren wurde, da sie das Bestreben aller Uebrigen nicht versteht, und sich doch sagen mu, es sei ein Hohes und Edles, nur fr sie Unerreichbares. Dies Gefhl der Unwrdigkeit drckt sie mehr nieder, als das Bewutsein einer Schuld es thun knnte. Sie fhlt sich fremd unter den Nchsten, unheimisch in ihrem Hause; sie erquickt sich an den unwrdigen Bekanntschaften, wie mit jener dicken und geschwtzigen Nachbarin, und entflieht besonders dem Baron, den wir Alle so hoch verehren, und der sich zu sehr, fast mit Leidenschaft herablt, ihren Sinn fr ein hheres Leben aufzuschlieen. Sie bogen jetzt um die Felsenecke, und sahen die Stadt schon vor sich liegen. Aber zu ihrem Entsetzen bemerkten sie auch zugleich jenen wohlbeleibten Baron von Wilden, von dem sich Nachmittags der junge Rath nur schwer hatte losmachen knnen. Nun, rief dieser ihnen entgegen, kommt Ihr schon aus dem Himmel zurck? Hat's brav viel ambrosische Redensarten abgesetzt? Sind die nektarischen Gesinnungen gut eingeschlagen? Hoffentlich war doch kein Miwachs an berirdischen Gefhlen? Die Freunde, die in der schnen Natur und dem lieblichen Abende gern noch ihre Gefhle htten harmonisch nachklingen lassen, suchten sich von ihm loszuwickeln; da sie aber denselben Weg zur Stadt zurck gingen, war dies unmglich. Nichts da! rief er mit herrschender Stimme aus: wir bleiben treu beisammen, und dort unten beim Brunnen treffen wir noch einen armen Snder, der auf mich wartet. Die beiden jungen Leute sahen sich gezwungen, aus der Noth eine Tugend zu machen, besonders weil der unempfindliche Baron mit kreischendem Tone fortfuhr: Ich merke wohl, Ihr wret hier in der Gegend gern noch empfindsam, besonders weil der Mond bald hervor kommen wird; aber dergleichen Unfug wird in meiner prosaischen Gesellschaft nicht geduldet. Glaubt mir doch, junge Menschen, all' das Aetherisiren und Frommslichen dort geschieht ja doch nur, da Ihr an diesem lockenden Hamen als Eheleute anbeien sollt, wenn Ihr nmlich selbst Amt und Vermgen besitzt. Es sind so viele Tchter dort, und nur die lteste, verwilderte, ist so toll, alle Partieen abzuweisen. Ja die liebe, gute, so hocherwnschte Ehe, das Freiwerben, wonach mit allen Fernrhren hinaus geschaut wird, wenn so herrliche edle Tchter in dem Familiensaal dasitzen, rund und fett, roth und wei, zchtig und tchtig, auferwachsen und vollstndig! Und in der Mitte die verstndige Mutter, achtsam, lauernd und spekulirend, die Augen nach allen Seiten, jeden anfhlend, der nur eintritt, ob der feine Rock auch bezahlt ist, ob derselbe, wenn er von Reisen und Bllen erzhlt, auch wohl im Stande sei, ein Ehefrauchen standesmig zu ernhren. Da gehn der guten Matrone dann so fromme, weiche und gar unbefangene Redensarten aus dem zarten Munde, die Blicke leuchten zum Himmel und rechts und links, und alle Worte und alle Blicke schwimmen wie hundert Angeln im Strom der faden Unterhaltung, und die jungen Bursche schieen bald nach dieser, bald nach jener Schnur wedelnd und spielend hin, bis denn, wenn auch nach Wochen, einer und der andere fest sitzt. So haben sie fr die Kunigunde den zarten Weifisch erschnappt, und ihm gleich darauf eingebildet, das runde Mdchen sei fr ihn viel zu gut, so da er wie ein reuiger Snder am Wagen des Ehestandes zieht, und sich geehrt fhlen mu, da die Hohe sich zu ihm erniedrigt hat; nun mssen Clara, Clementine und die irdische Dorothea noch versorgt werden, ja ich stehe nicht dafr, da die bejahrte Bekehrerin nicht selbst noch einmal aus einem frommen Knaben einen Brutigam fr sich drechselt, und ihm statt des Katechismus einen Ehekontrakt in die Hnde schiebt. Ja wohl Ehestand, Wehestand! Wie rennt nur alles so blind und taub in das traurige Joch, und opfert Freiheit und Laune dem bsen Geiste, der den Mann fast immer unter den Sklaven erniedrigt. Sie sind ein arger Frevler, sagte der Offizier: aus launenhafter Verruchtheit hassen Sie die Ehe, und verlangen nun, alle Menschen sollen als sndliche freigeisternde Hagestolze leben, und weil Ihr Sinn nicht in jene Umgebung pat, so lstern Sie diese Menschen, die jeder Verlumdung zu erhaben sind. Ganz martialisch! rief der Baron aus. Und doch werde ich Recht behalten, und vielleicht seufzen Sie selbst einmal, wenn Sie an der Kette wie ein Eichhorn immer wieder dieselben rechtglubigen Sprnge machen mssen, um die Nsse zu knappern, die die Gemahlin Ihnen zukommen lt: ach! wenn ich doch dem resoluten Wilden htte glauben wollen! Nein, mein Herr, sagte der Rath sich ereifernd, Ihre Ansicht geht nur aus der Verzweiflung hervor, ja, Sie glauben sich selber nicht. Meinethalben, rief jener aus, kann seyn, da eine ganz andere Kreatur, als ich selber, aus mir heraus redet; denn das ist im Leben oft der Fall, und bei jenen Apostolischen guckt auch oft was, wie ein Affe, aus den verbrmten und aufgesteiften Gewndern hervor. Nicht wahr, besonders aus dem ltlichen, zu wenig weltlichen Frulein Erhard, der unvergleichlichen Erziehungsknstlerin? Diese hat das Haubenmuster der inwendigen Gesinnung fr die ganze Familie zurecht gesteckt, sich selbst aber die krauseste Religions-Frisur zurecht gezimmert. Ihr meint, wenn diese ihr Orakel krht und die kleinen Augen verdreht, so mssen wir Unglubige gleich unterducken. Ihr bin ich am meisten aufsssig, denn sie ist es eigentlich, die die ganze Familie in Grund und Boden verdorben hat. Jetzt standen sie am Brunnen. Die Sonne war lngst untergegangen, und aus der Finsterni drehte sich ein Mensch hinter dem Weidenbusche hervor. Ach! der Michel! rief der Baron: knnen Sie, meine Herren, einen ehrlichen Bedienten brauchen? Warum, fragte der Offizier, habt Ihr die Dienste der trefflichen Baronesse verlassen, die so mtterlich fr ihre Leute sorgt? Ach! gndiger Herr, sagte der Diener, weil ich neulich so ein bischen unschuldig gelogen habe, bin ich gleich fortgeschickt worden. Das ist recht! rief der Offizier, daran erkenn' ich die edle Frau. Alles ist nur ein Anstiften, fuhr Michel fort, von dem neidischen Frulein Erhard: die kann's nicht leiden, wenn Mann und Weibsen sich gut sind, weil keiner sie aus dem ledigen Stande erlsen will, und seit sie vor vier Wochen sah, wie ich dem Hausmdchen einen Ku gab, hat sie mir's nachgetragen. Wie gemein! rief Alfred aus. Ja, mein gndiger Herr, sagte der Diener, sie ist nicht vornehm, aber hbsch, und Ku bleibt Ku. Nun hatt' ich eines Tags, auch wegen des Mdchens, ein neues Buch von der Stadt zu holen vergessen, es sollte so ein recht superkluges, andchtiges seyn, da sagt' ich in der Angst, das Buch sei schon verliehen, das kam heraus, da ich gar nicht weggegangen war, und da wurde ich nun um das bischen Lgen gleich aus dem Dienst geschickt. Knnen Sie ihn brauchen? fragte der Baron die beiden jungen Leute; diese versicherten aber: sie wrden sich nie mit einem Menschen zu thun machen, der in der edelsten und nachsichtigsten Familie nicht einmal htte geduldet werden knnen. Nun so bleib indessen bei mir, schlo der Baron, aber lge so wenig als mglich. Gewi, gndigster Baron, rief der Mensch aus, vorstzlich niemals; es kommt einem manchmal in der Angst eine sogenannte Nothlge in den Hals, die, meinte selbst mein alter Priester da hinten in meinem Dorfe, sei wohl noch zu vergeben; aber meine gnd'ge Herrschaft legt alles auf die Goldwage, und in einem Hause, wo dann so die allerausgesuchteste Frmmigkeit und aufgeputzteste Tugend herrscht, da kommt ein armer, ordinrer Domestik durchaus gar nicht fort; wir sind zu irdisch, beste Herren, die vornehmen Leute haben es leichter, das schleift und schleift immer am Herzen und der Seele, dazu haben wir nicht Zeit vor Messerputzen und andern Verrichtungen. Frulein Dorchen wollte mich auch entschuldigen und sagen, es wre nicht so wichtig, die kam aber bel an, auf die schrieen sie alle zusammen noch mehr los, als auf mich. Die verachten sie alle, und sie ist doch die beste im Hause, weil sie nicht so hoch hinaus will, denn der Mensch ist doch einmal aus einem Erdenklos formirt, und da rhrt sich von Zeit zu Zeit der alte Lehm und Thon in ihm. Sie passen gut zusammen, Sie und Michel, sagte lachend der Offizier. Aber halt! rief der Baron, ich habe Dich nun in meine Dienste genommen, und ganz vergessen, da morgen die Frulein Ehrhard auf einige Zeit in mein Haus kommt. Ja, meine Freunde, ich kann diese Person gar nicht leiden, aber da ich mit meiner jungen Schwester lebe, die nun ganz aufgewachsen ist, mancher Mensch bei mir aus- und eingeht, ich auch oft auer dem Hause bin, so mu sie doch, da ich nicht zu heirathen Willens bin, eine Gesellschaft und Aufsicht haben. Da hat sich das verdrehte Weibsen entschlossen, es bei mir zu versuchen, denn sie wei wohl, da es bei mir gut hergeht, nicht so arm, wie dort in der Familie; ich sehe auch oft Gesellschaft, vielleicht denkt sie leichter einen Herzenskumpan bei mir zu finden, als dort in der Einsamkeit. So versuchen wir es denn auf einen Monat, oder so mit einander. Alles recht fein gemein konstruirt! sagte der Rath: wenn Sie nur geringe Motive finden, so begreifen Sie die Sachen. Kann nicht anders, sagte der Baron. Sie schieden, da sie schon das Stadtthor erreicht hatten. * * * * * Am andern Morgen war im Hause der Baronesse schon frh viel Unruhe. Im groen Saale, der unmittelbar in den Garten fhrte, war die ganze Familie mit Sonnenaufgang versammelt. Man zog Blumenkrnze an den Wnden auf, ein geschmckter Tisch stand unter einer Thre, mit Kleidern, Bchern und mannigfaltigen Angedenken bedeckt, und man erwartete nun die lteste Tochter Dorothea, die tglich den Garten am frhesten Morgen zu besuchen pflegte, um sie mit diesen Geschenken und dieser Festlichkeit erfreulich zu berraschen. Es war ihr Geburtstag, und Mutter und Tchter hatten alles anordnen knnen, ohne da sie es bemerkte, weil sie sich niemals um den Kalender sonderlich bekmmerte. Jetzt kam sie den Garten herunter, und sah schon aus der Ferne die versammelten Geschwister. Als sie erstaunt in den Saal trat, und Alle sie freundlich umringten, die verschiedenen Gaben darboten, und Schwestern und Mutter sich so ungewhnlich liebevoll bezeigten, war sie tief gerhrt und um so heftiger erschttert, je weniger sie diese Feier der Liebe erwartet hatte. Wie neu ist mir dies! rief sie aus: ach! wie wenig habe ich das um Euch verdienen knnen! Liebt Ihr mich denn wirklich so? Alle diese Geschenke, dieser Glanz, diese freundliche Aufmerksamkeit, wie kann ich es Euch vergelten? Ich bin so berrascht, da Ihr alle so an mich Arme denken mochtet, da ich Euch noch gar nicht einmal danken kann. Liebe uns nur recht innig, sagte die Mutter, sie herzlich umarmend, sondere Dich nicht so ab, komm uns allen mehr entgegen; erkenne, wie wir es meinen, und bemhe Dich, in unsere Gefhle und Ansichten einzugehen; denn wir suchen ja nur das Gute, wir wollen ja nur das Rechte. Diese Deine Launen, mein geliebtes Kind, Dein strriger Sinn, der Dich den Freunden und Geschwistern entfremdet, der Dich geringeren Menschen entgegen fhrt, ist eine Unart und Verwhnung Deines Geistes. Du wirst und kannst die Wahrheit erkennen, sobald es nur Dein ernstlicher Wille ist. Ich will besser werden, sagte die weinende Tochter, ich verspreche es Ihnen in dieser Stunde, die mich so unendlich bewegt. Alle herzten und kten sie, und Dorothea, die schon seit lange als ein Fremdling in ihrer Familie stand, fhlte sich wie in einem neuen Leben. Sie sah Alle prfend an, sie liebkoste Jeden, sie lie sich die Geschenke zeigen und erklren; es war, als wre sie von einer langen und weiten Reise zurck gekommen, und begre jetzt die Ihrigen nach schmerzlicher Trennung. Wenn ich nur auch fr Euch alle etwas thun knnte! rief sie aus. Wenn Du es ernstlich willst, antwortete die Mutter, so kannst Du uns heut Alle, vor allen aber mich, unbeschreiblich glcklich machen. Nennen Sie, rief Dorothea, sagen Sie, was ich thun soll. Wenn Du heut an diesem feierlichen Tage, fuhr die Baronesse fort, endlich Deine so lange verweigerte Einwilligung geben, wenn Du unsern Freund Wallen heut mit Deinem Worte beglcken wolltest, den Du gestern so unziemlich gekrnkt hast. Dorothea wurde bla und trat erschreckend zurck. Dies fordern Sie? sagte sie stotternd: ich dachte, ich htte darber ein fr allemal meine Erklrung gegeben. Deine Leidenschaftlichkeit, sagte die Mutter, kann fr keinen vernnftigen Entschlu gelten. Du liebst keinen Mann, wie Du oft gesagt hast, Du kennst kaum einen, den Du achten mchtest; dieser edle Freund ist Dir mit der schnsten Herzlichkeit ergeben, er bietet Dir ein Glck an, das Dir so schn nicht wieder entgegen kommt, wenn Du es jetzt von Dir weisest; Du kennst die Lage Deiner Familie, wie milich es mit unserm Vermgen steht; Du kannst die Wohlthterin Deiner Mutter, die Versorgerin Deiner Schwestern werden. Hast Du wohl schon bedacht, mein liebes Kind, wie trostlos Deine eigne Zukunft seyn mu, wenn Du auf Deinem Eigensinn beharrst? Von Mnnern und Frauen verlassen, den Deinigen emprt und gehssig, einsam und ganz verloren in einer kalten, hhnenden Welt, arm und ohne Hlfe! Wirst Du Dich alsdann nicht in Deine Jugend zurck sehnen, und in bitterm Schmerz bereuen, da Du jetzt alles Glck fr Dich und die Deinigen so muthwillig, so unbedacht von Dir gestoen hast? Fordert dieser edle Mann denn Liebe und Leidenschaft von Dir, wie sie wohl in unsern verkehrten Bchern geschildert werden? Will er mehr als Freundschaft und Achtung? Und kannst Du ihm diese versagen? Er ist zu allen Aufopferungen bereit, die unsere drckende Lage fordert, und die sein groer Reichthum mglich macht; aber wenn Du ihn so sprde verhhnst, und er tritt beleidigt und beschimpft zurck -- wer wei, wo Deine Geschwister oder Deine Mutter und Du selbst noch einmal im Alter ein schndes Almosen erbetteln mssen, wo ich noch krank und hlflos liege, und Dein weinendes Auge dann umsonst in diese Tage sehnschtig zurck blickt, die dann auf ewig verschwunden sind. Hren Sie auf, meine geliebteste Mutter! rief Dorothea im grten Schmerze aus. O leider, leider ist das Recht ganz auf Ihrer, und das Unrecht durchaus auf meiner Seite. Nein, ich habe noch nie geliebt, und werde es nie, mein Herz ist fr dieses Gefhl verschlossen; die Mnner, die ich gekannt habe, flen mir alle ein Gefhl des Widerwillens ein, viele des Mitleids, um nicht Verachtung zu sagen; ich sehe ja ein, da eine Ehe, die auf Vernunft sich grndet, die uns in Wohlstand und Sorglosigkeit versetzt, etwas Wnschenswerthes seyn mu; da ich durch ein einziges Wort Sie und uns alle beglcken kann, da es wohl edel ist, wenn ich es ausspreche, da es die Nothwendigkeit vielleicht von mir erzwingt, und Kindespflicht und die edelsten Rcksichten -- und doch -- warum schaudert mein Gefhl davor zurck? -- Ach, liebe Mutter, wenn nur eins nicht wre, -- darf ich es sagen? werden Sie mich nicht ganz miverstehn? O gewi! denn ich verstehe mich ja selber nicht. Sprich, mein geliebtes Kind, sagte die Mutter im freundlichsten Tone, ich werde Dein Herz fhlen, wenn ich auch nicht ganz Deine Worte fasse. Dorothea zgerte, sah sie bittend an, und sagte endlich verlegen und mit bittender Stimme: Oft habe ich mir selbst die Frage vorgelegt, ich habe mich in einsamen Stunden ernst geprft, und mir schien dann wohl, als knnte ich meine Hand in die des wrdigen Mannes fgen, den Sie alle, den die ganze Welt verehrt, wenn er nur nicht -- Nun? rief die Mutter. Wenn er nur nicht fromm wre, sagte die Tochter hastig. Eine lange Pause der Verlegenheit entstand. Dorothea war glhend roth geworden, die Schwestern traten scheu zurck, die Mutter schlug den Blick nieder, und wandte ihn dann um so schrfer prfend auf die Arme, die Allen und sich selbst fast eine Entartete schien. Endlich sagte die Mutter: Nun, wahrlich, das mu mich berraschen, und wenn ich dies in Dir verstehe, so mchte es mich auch mit Schauder erfllen. Also Du bekennst nun ffentlich Deinen Abfall von Gott? Du bist also darber mit Dir einig, da das Heilige Dir ein Ansto und Greuel ist? Du kannst das nicht lieben, was die Liebe selber ist? So geh denn und verlugne das Gttliche, lebe ruchlos und stirb vom Himmel verlassen. Sie verstehn mich nicht, rief Dorothea mit einem hohen Unwillen: das ist ja das Unglck meines Lebens, da Alles an mir mideutet wird, wenn ich es noch so gut meine. Vielleicht wrde mir Herr von Wallen ganz recht seyn, wenn ich nur nicht wte, da er so fromm ist, ja vielleicht wrde ich ihn alsdann fr fromm halten. Trefflich! sagte die Mutter in schmerzlicher Entrstung: wenn wir selber verderbt sind, so ist es freilich am bequemsten, an den Wrdigen ihre Tugend zu bezweifeln. Damit sprichst Du auch zugleich aus, wie Du von mir denkst, und was ich berhaupt von Deiner Kindesliebe zu erwarten habe. Sie sollen, Sie werden sich irren! rief Dorothea fast im Zorne aus: ich will mehr thun aus Liebe fr Sie, als ich vor mir selbst verantworten kann, ich will mich heute Abend, darauf gebe ich Ihnen jetzt mein Wort, mit dem Herrn von Wallen verloben. Ein allgemeiner Ausruf der Freude, Thrnen, Umarmungen, Schluchzen unterbrachen und ersetzten jedes Gesprch. Der Wortwechsel verwandelte sich in das lauteste und frhlichste Getmmel, Alle hatten die Fassung verloren, und drckten Liebe und Entzcken heftig und bertrieben aus. Nur Dorothea war nach ihren letzten Worten pltzlich wieder ganz kalt geworden, und gab sich ohne alle Erwiederung still den Liebkosungen hin. O Du mein geliebtes Kind! sagte die Mutter endlich wieder gefat, ja, ich habe Dich miverstanden, und Du wirst mir verzeihen; macht ja diese unerwartete freiwillige Erklrung Alles wieder gut. Und jetzt darf ich Dir auch noch das schnste und kostbarste Geschenk zu jenen Gaben der Liebe hinzufgen, diesen Schmuck, den Dir der Baron sendet; ich habe ihn zurck gehalten, weil ich wirklich an Deinem schnen Gefhle zweifelte. Die Tochter sah die Mutter mit groen Augen an, dann warf sie einen kalten Blick auf die kostbaren Steine, und legte sie ruhig zu den Blumen auf den Tisch. Das Frhstck ward gebracht, und man war nach der lauten Scene um so ruhiger, kein Gesprch wollte in den Gang kommen. Es lutete zur Kirche, die Bedienten brachten Mntel und Bcher. Dorothea legte ihr Andachtsbuch aus der Hand und sagte: Sie verzeihen wohl, liebe Mutter, wenn ich Sie heut nicht zur Kirche begleite, ich bin zu gespannt, ich will mich hier in der Einsamkeit inde zu sammeln suchen und auf unsere Mittagsgesellschaft vorbereiten, noch mehr auf den Abend. Wie Du willst, mein holdes Kind, antwortete die Baronesse: zwar wre die Kirche und die Rede unsers frommen Seelsorgers wohl der natrlichste Ort und Anla, Deine Gedanken zu sammeln, indessen hast Du einmal Deine Art und Weise, sie bleibe Dir ganz unbekrittelt. Es ist augenscheinlich der Himmel selbst, der Dich, Geliebte, die Du es am meisten bedarfst, unserm geliebten Wallen zufhrt; an seinem Arm wirst Du anders denken lernen, und vielleicht erlebe ich es noch, da Du uns alle beschmst und in hherem Glanze voran leuchtest. Als sich Dorothea allein sah, musterte sie, fast gedankenlos, die Geschenke. Die schimmernden, kostbar gebundenen Bcher waren von jenen neuen religisen, denen sie nie ein Interesse hatte abgewinnen knnen. Was macht es? sagte sie zu sich: ist denn die Erde selbst, das ganze Leben so sehr der Rede werth? Warum will ich mit so groem Widerwillen die Rolle durchfhren, die mir einmal aufgegeben ist? Was ich mir frher dachte und vorsetzte, ist ja doch nur Traum und leere Einbildung! Ich sehe ja, wie alle, alle Menschen nur spielen und Erhebung heucheln, dann gern und beruhigt in die Gemeinheit sinken. Ist es das allgemeine Schicksal, warum will ich mich so heftig dagegen struben? Entsetzlich ist es! aber endlich, frh oder spt, lst ja doch der Tod das verwickelte Netz dieses Lebens, und jenseits wird es ja doch wohl Freiheit geben. Mit ihrer Stimmung wurde auch der Himmel finsterer. Dunkle schwere Wolken zogen nher, und schienen ein Gewitter herbei zu fhren. Ein schlanker Mann kam den Garten herauf und nherte sich dem Saal. Als er eintreten wollte, ging sie dem Fremden, der ein Mann von Stande zu seyn schien, entgegen. Sie begrten sich, und der Unbekannte bat um die Erlaubni, verweilen zu drfen, er habe in der Lindenallee sein Pferd dem Diener bergeben, und sei dann in den offenen Garten gerathen; er bedauerte, die brige Familie nicht zu finden, worauf ihn Dorothea einlud, im Saale das Gewitter abzuwarten und zu verweilen, bis Mutter und Schwestern aus der Kirche zurck kehren wrden. Sie scheinen beim Gewitter nicht ngstlich zu seyn, bemerkte der Fremde. Doch, erwiederte Dorothea, wenn es allzunahe kommt, und Feuer und Schlag eins und dasselbe werden; ich glaube auch, da sich alsdann wohl alle Menschen mehr oder minder frchten; denn wo es keinen Widerstand giebt, wo ein pltzlicher unversehener Augenblick mich wegraffen drfte, da ngstet es mich gerade, da ich nicht auf meiner Hut seyn kann. In diesen Augenblicken beruhigt nur der Glaube an ein nothwendiges Fatum und die Betrachtung, da ich nichts Besseres bin, als die Tausende meiner Mitmenschen, die demselben Schrecken ausgesetzt sind. Diese Gesinnung, sagte der Unbekannte, mu ich eine tapfere nennen, im Gegensatz jener schwachen, die bei den Damen gar nicht selten ist, wenn sie beinahe in Furcht vergehn, alle Fassung verlieren und in Thrnen jammern, indem nur noch das fernste Wetterleuchten herber schimmert. Wohl, sagte Dorothea, und ich sorge schon um Mutter und Schwestern, die nur gar zu reizbar sind. Ich mag es nicht tadeln, weil es wohl, wie so viele krampfhafte Furcht, Krankheit des Krpers seyn mag. Es ist nicht so leicht zu entscheiden, bemerkte der fremde Mann, weil wir erst ernsthaft versuchen mten, was der starke Wille denn wohl vermag, und ob, wenn die Seele sich zwingt, nicht auch der Krper wenigstens einige Schritte mitgeht, und von selbst da Gesundheit entsteht, wo die eigenwillige Stimmung die Krnklichkeit erzeugt hat. Das fhrt auf die Frage, sagte Dorothea, in wie fern wir frei sind, und was wir im Geist und Krper durch Vorsatz vermgen. Gewi, erwiederte jener, und nicht blos diese, alle ernsten Betrachtungen fhren zu der groen Frage. Ohne diese uns beantwortet zu haben, knnen wir auch fr nichts Interesse fassen, und weder an uns, noch an andere glauben. Freiheit! seufzte Dorothea, wie vor sich hin phantasirend: Sie glauben also daran? Ich auch ehemals, als ich jnger war. -- Jnger, mein Frulein? das klingt von Ihren schnen Lippen sonderbar. Ich zweifelte als Jngling, und habe erst spter diese Ueberzeugung fassen lernen. Vergeben Sie, rief Dorothea beschmt, da ich mich mit Ihnen in dergleichen Worte verliere, da ich -- Der Fremde unterbrach sie: Behandeln Sie mich nicht wie einen unbekannten jungen Menschen, der nur da seyn darf, um Ihnen etwas Verbindliches zu sagen. Sie sind mir mit einem schnen und ernsten Vertrauen entgegen gekommen, und ich wei, da ich dessen nicht unwerth bin. Und wirklich schien es, als sprche Dorothea mit einem alten Bekannten oder Bruder, so wenig war dieser Mann -- nach dessen Namen sie selbst zu fragen verga -- ihr fremd. Seit lange hatte sie nicht dieses Gefhl gehabt, ihre Gedanken, ohne Furcht, miverstanden zu werden, aussprechen zu drfen; dies gab ihr eine Behaglichkeit, da sie auf das heranrckende Gewitter nur wenig achtete, und selbst den Abend verga, an welchen sie so eben noch nur mit Entsetzen hatte denken knnen. Im Verlauf des Gesprchs erzhlte der Fremde von seinen Reisen, Manches von seinen Schicksalen; er erinnerte sich seiner Jugend, und bekannte endlich, da er dies Haus, und vorzglich den vor Jahren verstorbenen Vater des Fruleins oft gesehn habe. Sie sehen Ihrem Vater wunderbar hnlich, beschlo er, und ich habe gleich Anfangs diese freundlichen Lineamente nicht ohne Rhrung betrachten knnen. Dorothea war berrascht, als sie die Familie schon aus der Kirche zurck kommen sah. Man begrte den Fremden, die Mutter trat fast erschrocken zurck, und Dorothea erblate, als sie ihn Graf Brandenstein nennen hrte. Er ward hflich zu Tische geladen, und der alte Baron Wallen erschien ebenfalls, so wie der Rath Alfred und der junge Offizier; beide waren aus der Stadt herber geritten. Die Familie kleidete sich um, und Dorothea war in ihrem einsamen Zimmer in tiefen Gedanken verloren. Die Welt lag sonderbarer als je vor ihrem Geiste da, sie konnte sich kaum zurecht finden, um ihren bescheidenen Putz zu ordnen, und als sie nachher wie trumend zur Gesellschaft zurckkehrte, erschienen ihr alle Gesichter wie hart und gespannt, ja, als fremd, besonders aber die weiche, gesalbte Miene des Barons wie zum Erschrecken verzerrt, und ein Gefhl, als wenn sie lachen solle, bemeisterte sich wie ein Frost ihres ganzen Wesens, indem sie sich erinnerte, da sie diesen Mann noch heut Abend fr ihren Brutigam erklren msse. Wie widrig ihr der junge Offizier und Rath auffielen, so bekannt, vertrauensvoll und milde leuchteten ihr die Blicke des Grafen entgegen, den sie als einen bsen und gefhrlichen Menschen noch gestern hatte schildern hren. Er schien allein unbefangen am Tische. Mit Behaglichkeit erzhlte er von seinen Geschften, die er fr seinen amerikanischen Freund betrieb; er nannte die Gter, die er schon gekauft hatte, oder um welche er noch in Unterhandlungen stand, und man verwunderte sich ber den Reichthum des unbekannten Mannes, der die schnsten Besitzungen zu einer groen Herrschaft vereinigen konnte. Durch die Gewandtheit des Grafen ward die Unterhaltung bald freier, und der Baron, welcher dem Gefhle, das ihn bedrngte, wie mit Gewalt widerstand, suchte das Gesprch an sich zu reien und zu beherrschen, vorzglich wohl, damit die Jugend und die Frau des Hauses nicht in der gewohnten Verehrung nachlassen mchten. Wie es aber zu geschehen pflegt, da ein Gesprch, wenn es nicht mit leichter Unbefangenheit und feinem Sinne gefhrt wird, wohl in Anmaung und Spannung eine polemische Natur annimmt, so war es auch hier; denn die Reden und Aeuerungen des Barons waren alle verhllte Angriffe gegen den Grafen und dessen Meinungen, wie er sich diese nach der Schilderung desselben dachte. Der Graf achtete diese Demonstrationen Anfangs wenig; er unterhielt sich hauptschlich mit Dorotheen, die neben ihm sa, sprach von seinen Geschften, und sagte endlich auch, wie im Scherz, er habe zugleich von seinem amerikanischen Freunde den Auftrag erhalten, ihm eine Gemahlin zu suchen. Das kann wohl von Ihnen beiden nicht ernsthaft gemeint seyn, sagte die Baronesse. Und warum nicht? erwiederte der Graf in heitrer Laune, mein Freund ahmt ja hierin nur den regierenden Frsten nach, durch Anwalde und nach politischen Rcksichten zu unterhandeln. Er ist nicht mehr jung und kann nicht erwarten, Leidenschaft zu erregen; er hat in der Jugend traurige Erfahrungen gemacht, und an seinem eignen Unglck, so wie an manchem Freunde erlebt, da dasjenige, was die Menschen Liebe nennen, nur weichliche Sehnsucht, oft Eitelkeit, zuweilen sogar Verblendung sei, und die meisten Ehen, die in scheinbarer Leidenschaft geschlossen werden, nur ein drftiges, ganz kmmerliches Leben, oft Elend herbei fhren. Ich bin sein ganz vertrauter Freund, und er rechnet auf meine Menschenkenntni, da ich ihm ein Loos ziehen werde, welches ihm geziemt. Der Baron erwiederte, da ihm ein solches Unternehmen immer noch milich scheine, und da der Unbekannte dabei doch das Glck seines Lebens auf das Spiel setze. Glck? nahm der Graf das Wort auf: gewi, wenn er sich jenes Unbedingte, Unendliche und Unaussprechliche dabei dchte, was die Jugend gewhnlich mit diesem Worte verbindet. Wo finden wir dies? Wer sich nicht zu beschrnken versteht, wird nichts erlangen, am wenigsten, was jenseit aller Schranken liegt. Die Resignation mag Anfangs bitter scheinen, aber ohne sie ist kein Zustand des Lebens zu ertragen; denn wenn wir mit uns nur wahr umgehen, so mssen ja doch auch alle Entzckungen unmittelbar der Wehmuth Platz machen, ja sie sind eins mit dieser, und Schnheit, Kunst, Begeisterung, Alles ist fr uns irdische, vergngliche Menschen nur da, indem es vergnglich ist, obgleich die Wurzel alles Gttlichen in der Ewigkeit ruht. Sonderbar! sagte der Baron: somit wre auch die Andacht und die Frmmigkeit, das Erkennen des Himmlischen diesem Wandel unterworfen? Ich glaube, sagte der Graf, wer nicht irdisch seyn mag, kann auch nicht berirdisch seyn; Nacht und Tag, Schlaf und Wachen, Erhebung und Gleichgltigkeit mssen sich ablsen. Wir beklagen mit Recht, da es so ist und seyn mu, aber es kann nicht anders; wer aber die Erleuchtungen der Andacht, die Entzckungen einer himmlischen Liebe zu einem stehenden Artikel in seinem Herzen machen wollte, der drfte sich wohl auf dem allergefhrlichsten Standpunkte befinden, auf den der Mensch sich nur wagen kann. Sie sind einmal als Freigeist bekannt, antwortete die Mutter, und es wird Ihnen bei uns nicht gelingen, unsere klare Ueberzeugung zu trben. Kunigunde sagte mit einem schmelzenden Tone: Sie meinen also, es sei gefhrlich, den Herrn zu lieben? Brandenstein mute lcheln: Gefhrlich, wie alle Liebe, schne Frau, erwiederte er leicht, besonders, wenn man den Gegenstand, den man zu lieben unternimmt, nicht kennt, oder sich eine ganz unrichtige Vorstellung von ihm macht; noch schlimmer, wenn wir ein Phantom aus ihm bilden, das alle unsre Vorurtheile bestrken, uns in unsern Schwchen Recht geben, unsere Fehler und Irrthmer autorisiren soll. Da drften wir unser thrichtes Herz leicht an ein Gespenst verschenken, wie einige alte Mhrchen etwas Aehnliches erzhlen, und uns entsetzen, wenn uns die wahre Gestalt des Gttlichen einmal in einer erleuchteten Minute erschiene. Dorothea hrte aufmerksam zu, und der Baron sagte nicht ohne Verdru: Die Liebe kann nicht irren. Wo sonst einen Wegweiser auf unserm Pfade suchen? Wenn sie die wahre ist, nicht, erwiederte der Graf: aber ber diese tuschen wir uns selber nur gar zu leicht; denn wenn unsere Leidenschaften nicht Sophisten wren, so wren sie eben auch keine Leidenschaften. So ist denn der Zweifel, sagte der Baron zrnend, das Einzige, was wir gewinnen knnen. Er sei unser Diener, antwortete der Graf, der die Wege untersucht, unser Thor, der mit nchternem Spa uns vor dem Allzuviel oder vor Uebereilung warne. Kinder und Narren reden aber, wie das Volkssprichwort sagt, die Wahrheit: zuweilen wenigstens, wenn nicht oft und immer. Eine Mutter, sagte die Baronesse, wei, was Liebe ist; der Mann behlt vielleicht immer eine dunkle, zweifelnde Vorstellung von dieser Kraft. Auch ist die That immer mehr als das Wort, und so habe ich meine Kinder erzogen und mit ihnen gelebt, ganz in Liebe, keinen blinden Gehorsam, nie etwas Unvernnftiges von ihnen fordernd, immer habe ich mich ihnen geopfert; aber sie haben schon lallend meine Liebe erkannt und erwiedert, auch sie haben nur ihren Herzen folgen drfen, und Strenge, Furcht und dergleichen ist ihnen vllig unbekannt geblieben. Die Tchter sahen die Mutter zrtlich an, die Mutter hatte Thrnen im Auge, nur Dorothea blickte scheu vor sich nieder, und der Baron sagte begeistert: Man kennt und verehrt diese musterhafte Erziehung, und wer an Liebe zweifelt, komme und sehe diesen Familienkreis. Fern sei es von mir, sagte Brandenstein, zu Dorotheen gewendet, mit rohem Gefhl diese zarte Liebe nicht anerkennen zu wollen; nur meine ich, wenn ich mich meiner glcklichen Kindheit erinnere, da die Liebe zu den Aeltern, und eine gewisse religise und edle Furcht vor ihnen ein und dasselbe seyn mte; denn durch die letztere scheint mir meine Kindesliebe erst ihre wahre Kraft und Innigkeit erlangt zu haben, auch soll ja diese heilige Scheu vor etwas Unbegreiflichem in den Aeltern jenen blinden, unbedingten Gehorsam erzeugen, in welchem sich das Kind eben so glcklich fhlt; denn ohne diesen Gehorsam findet, scheint es mir, weder Erziehung noch Liebe statt. Die Mutter sah die lteste Tochter, welche derselben Meinung zu seyn schien, bedenklich an, und sagte dann mit etwas gespitztem Tone: Ich habe es vorgezogen, meine Kinder frh zu berzeugen, und wo das nicht mglich war, stimmte ich sie so, da sie aus Liebe zu mir das thaten, was sie nicht einsehen konnten. Ich verehre Ihre Erziehung, sagte der Graf, denn wer mchte in dieser schnen Umgebung dagegen streiten? Doch drften diese Auswege vielleicht etwas zu kostspielige Surrogate fr den einfachen und wohlfeilen Gehorsam seyn. Der Baron wandte sich verstimmt an den Rath Alfred, und das Gesprch nahm eine andere Wendung. Der junge Offizier erzhlte mit Selbstgengsamkeit, da er neulich die Gesellschaft, zu der ihn eine Dame eingeladen hatte, ohne alle Entschuldigung vermieden habe, da es ihm sndlich scheine, eine Unplichkeit oder ein Geschft vorzuschtzen. Man lobte diesen Wahrheitstrieb und meinte, diese Art und Weise mte in der Gesellschaft die allgemeine werden, wenn sie sich vor der leeren Affectation, Heuchelei und fortwhrenden kleinen Lge retten wolle. Auch die Mutter stimmte zgernd in diese Behauptungen ein, ob sie gleich befrchtete, da dergleichen nur schwer mglich zu machen sei, ohne zugleich die feinen Bande der Geselligkeit vllig zu lsen; doch sei eben darum die Tugend des Einzelnen, der den Muth habe, sich ber diese Rcksichten hinweg zu setzen, um so mehr zu preisen. Nichts, fuhr sie fort, habe ich bei meinen Kindern so sehr zu erwecken und zu beleben gesucht, als den heiligen Wahrheitstrieb; ich habe sie bewacht, da sie sich nie auch nur die kleinste Unwahrheit, ja selbst im Scherze nicht, erlauben durften. Immer auch habe ich mich bestrebt, alle Fragen wahr zu beantworten, aus dem Unterricht alles zu entfernen, was nicht klar und deutlich gemacht werden konnte; am meisten aber vermied ich jene unsinnigen Mhrchen und lgenhaften Geschichten, die Furcht und Aberglauben nhren, und das Gemth der Kinder wohl am allermeisten der Wahrheit entfremden. Der Baron fhrte diese Stze noch mehr aus, und alle Uebrigen stimmten ein, auer dem Grafen, welcher uerte, da es eine der schwierigsten Antworten seyn mchte, zu sagen, was denn Wahrheit, die eigentliche Wahrheit sei. Die Menschen, meinte er, suchen sie in allen Richtungen schon seit Jahrtausenden, und auch hier mu, wie fast immer, der gute Wille, wahr seyn zu wollen, nur zu oft die Sache selbst vertreten. Will ich gegen Kinder oder Schwache immerdar auf alle Fragen die Wahrheit sagen, so komme ich in die Gefahr, gar nicht mehr wahrhaft seyn zu knnen; denn das Letzte beruht ja doch auf einem Geheimni, das ich eben so wenig lugnen darf, als ich es erklren kann. Und zu diesem Unsichtbaren hin drngen uns Phantasie und Gefhl schon sehr frh, und der Lehrer, der die junge Ungeduld hiervon entfernen will, mu nur wieder zu einer andern Lge seine Zuflucht nehmen, die vielleicht in falscher Aufklrung eben so schlimm, als die des Aberglubigen ist. So scheint es mir auch nicht gut gethan, die Phantasie der Kinder nicht bilden zu wollen, auch in der sonderbaren Kraft, die das Grauen sucht, und blinde, wilde Schrecknisse ersinnt. Dieser Trieb ist in uns, er regt sich frh; und soll er unterdrckt werden, strebt man ihn zu vernichten, was nicht mglich ist, so wchst er in der finstern Tiefe fort und gewinnt an Macht, was er an Gestaltung verliert. Ich habe weibliche Wesen gekannt, die man aus bertriebener Aufklrung selbst vor dem unschuldigsten Mhrchen bewahrte, und die in reifen Jahren es nicht ber sich vermochten, am Abend auch nur durch das benachbarte Zimmer zu gehen, so bezwang sie ein namenloses, ganz kindisches Grauen, so da sie vor jedem Laut, vor jedem Schatten ohnmchtig erzitterten. Wird dagegen in der Kinder-Phantasie auch das Seltsam-Aengstigende in Gestalt gebracht, wird es in Mhrchen und Erzhlungen gesnftiget, so vermischt sich diese Schattenwelt sogar mit Laune und Scherz, und sie selbst, die verworrenste unsers Geistes, kann ein Wunderspiegel der Wahrheit werden. Durch diese Krystallseherei knnen wir weitentfernte und doch befreundete Geister wahrnehmen, die uns in sichtlicher Nhe nur hchst selten vorber schweben. Da Sie ein solcher Freund des Aberglaubens sind, erwiederte die Baronesse, mu ich erst jetzt von Ihnen erfahren. Dorothea schien kein Wort dieser sonderbaren Unterredung zu verlieren; sie sah Kunigunden an, auf welche jene Schilderung einer unvernnftigen Angst, die sie oft sogar am Tage befiel, buchstblich pate; auch waren die andern Schwestern zuweilen kindisch genug, und scheuten am Abend jeden Gang. Kunigunde war empfindlich, sie glaubte, der fremde Gast kenne diese ihre Schwche, und habe sie nur schildern wollen. Die Mutter konnte ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen. Der Gesellschaft, fuhr Brandenstein fort, kann ich mich nicht immer mit der nackten Wahrheit nahen, denn sie fordert und erwartet sie nicht von mir. Ich darf die Tugenden der Einsamkeit nicht in sie werfen, wenn ich nicht den Zauber, durch welchen sie fr den gebildeten Menschen so reizend wird, zerstren will. Man findet allenthalben schlechte Gesellschaft, die ich wahrlich nicht preisen will; aber da man das feine Leben, die zarteren Bande der gebildetern Welt, das anmuthige Verhltni der Geschlechter, die Formen, welche Witz und Lebensart erfanden, so oft schmhend mit den Gesetzen und Bedingnissen eines sinnreichen Kartenspiels verglichen hat, ist mir zwar nicht unpassend, aber sonderbar vorgekommen, und unbegreiflich, da man nicht die Mannigfaltigkeit des Lebens und dessen nothwendige Figuren hat anerkennen wollen. Man mu nur eine Zeitlang mit buerischen Menschen gelebt haben, die ihre rohe Zutppigkeit fr biedere Tugend so oft verkaufen wollen, die alles verletzen, die kein Geheimni, kein zartes Verhltni anerkennen, sondern alles Geistigere Affectation und Heuchelei taufen; man mu Wochen lang diesem rohen Betasten und Anpacken, und der drckenden Langeweile ausgesetzt gewesen seyn, um den Adel eines feinen, geistreichen Umgangs wieder schtzen zu lernen. Hier gilt denn freilich nicht immer das blanke Ja und Nein; und mit der sogenannten Wahrheit die gegebenen Formen, durch welche diese Erscheinung sich nur darstellen lt, umstoen wollen, ist eben so unbillig, als wenn ich die Gesetze eines knstlichen Schachspiels Lge nenne, mit meinen Bauern gleich in das letzte Feld des Gegners rcke und mein Spiel fr gewonnen erklre. Sie sind ein ziemlicher Sophist, sagte der Baron. Es fehlte noch, da die Verlumdung, Klatscherei, Neid und Verfolgung der groen Gesellschaften einen Lobredner fanden; es bleibt dann nur noch brig, die stille Tugend, die schne Brgerlichkeit, die kindliche Unschuld und edle Einfalt der nichtvornehmen Welt zu schmhen. Sie knnen mich unmglich so miverstanden haben, sagte der Graf: ich meine nur, man soll Bedingnisse, die jedes Spiel und Kunstwerk nothwendig macht (und die gute und feine Gesellschaft sollte wohl von beidem etwas haben), nicht mit Unwahrheiten verwechseln; denn auch im Tanz ist keine Wahrheit, wenn anders der gerade eilige Geschftsschritt so zu nennen ist, und es drften sich von dieser Ansicht her selbst gegen den Spaziergang nicht unerhebliche tugendhafte Zweifel aufwerfen lassen. Immer rger! rief der Baron: zum Glck, mein scharfsinniger Graf, sprechen Sie alles dies in einer Gesellschaft, auf die es nicht schdlich einwirken kann. Sie haben mich einmal hinein gezogen, erwiederte Brandenstein, und so mgen Sie denn auch mein ganzes Glaubensbekenntni hren. Ich denke, es hat noch keinen Menschen gegeben (und keiner wird kommen), der nicht irgend einmal in seinem Leben mit Bewutsein gelogen htte. Sei es nun Nothlge oder Schwche, Furcht, Eigennutz oder Eitelkeit, und wie sie alle heien mgen, diese Flecken unsrer Natur; vielleicht auch, um nur einmal diesem Geiste zu folgen, der uns doch gar zu reizend verlockt. Und drfen wir doch nur auf die erhabenen Apostel sehen, um zu lernen, da sie ihrem Vorbilde, der ewigen gttlichen Wahrheit, nicht immer getreu zu seyn stark genug waren. Vieles dieser Art mchte ich die unschuldigen Lgen nennen, denen der bessere Mensch, eben weil sie so resolut sind, bald aus dem Wege gehn kann. Aber wie steht es denn mit jener gleissenden Eigenliebe, mit jenem prunkenden Egoismus, mit der ausgebildeten Heuchelei, die aus dem ganzen langen Leben mancher Menschen nur eine einzige Lge bilden? Ich habe wenigstens einige gekannt, die so im Lgengeiste untergesunken waren, da es fr sie gar keine Wahrheit mehr gab. Und diese Menschen galten fr tugendhaft, sie hielten sich selbst fr Auserlesene, es war ihnen mglich, selbst auf dem Sterbebette die Rolle der Heuchelei fortzuspielen. Dergleichen ist nicht mglich! rief der Baron, und Alle stimmten ihm bei; nur Alfred uerte, es knne doch wohl dergleichen Verkehrtheit geben, worauf ihn Dorothea verwundert mit groen Augen ansah. Sie sprechen berhaupt, fuhr der Baron fort, von einer vorigen Welt; seit Ihrer Abwesenheit hat sich bei uns Alles so gendert, da Sie, wenn Sie unser Vaterland erst wieder kennen lernen, kaum mehr eine Spur vom vorigen finden werden. Die alte Irreligiositt, jene leere Freigeisterei, die sich Aufklrung nannte, ist, dem Himmel sei Dank! ziemlich verschwunden; immer schner entwickeln sich die Keime einer chten Religiositt, man schmt sich nicht mehr, Christ zu seyn, an den Herrn zu glauben und sich im brnstigen Gebet zu ihm zu erheben. Die Kirchen sind wieder gefllt, die hhern Stnde verschmhen nicht mehr die Gemeinschaft ihres Nebenchristen, andchtige Bcher haben die frivolen von den Tischen unserer Weiber und Mdchen verdrngt, geluterte Seelen unterhalten sich, statt mit Theatergeschwtz, ber die Bibel, ermuntern sich zur Bue und Andacht, theilen sich die Erfahrungen mit, die sie an ihrem Herzen machen, strken sich gegenseitig, und immer deutlicher spricht aus diesen erhobenen Gemthern der Geist des Herrn. Alles dies, mein zweifelnder Freund, werden Sie wenigstens gelten und stehn lassen mssen, denn hier ist Wahrheit und Liebe, hier ist kein Irren mglich. Er hatte alles dieses mit groer Salbung gesprochen. Der Graf schwieg einen Augenblick, ehe er sagte: Unser Tischgesprch hat eine so ernsthafte Wendung und einen so feierlichen Inhalt gefunden, da es wohl passender wre, abzubrechen, entweder auf eine stillere Stunde diese Erffnungen zu versparen, oder ganz zu schweigen, weil man sich ber diese wichtigen Gegenstnde am leichtesten miversteht. Weil Sie sich jetzt vllig geschlagen fhlen, sagte der Baron, so wollen Sie sich wenigstens einen sichern Rckzug vorbehalten. Ich dchte, es wre jetzt Ihre Pflicht, offen zu gestehen, da Sie ber diesen Punkt nichts zu sagen wissen, wenn Sie nicht unverholen bekennen wollen, da Ihnen jene fast vergessene Freigeisterei lieber als unsere heilige Religion sei. O sprechen Sie! rief Dorothea, sich selbst vergessend. Sie sehen, wie dringend Sie aufgefordert werden, sagte die Mutter, indem sie einen langen und drohenden Blick zu Dorotheen hinber warf; auch Alfred bat, da der Graf sich erklren mchte, in wiefern er in diesem Punkt mit dem Zeitalter einverstanden sei. Da ich es nicht ganz umgehen kann, sagte dieser: so will ich kurz andeuten, was ich habe beobachten knnen; denn da ich schon seit einem Jahre wieder in Deutschland bin, so ist mir nicht alles so fremd, wie Sie glauben, ob ich gleich erst seit kurzer Zeit meine Geburtsgegend hier wieder besucht habe. Knnte ich Ihnen allen nur das Vorurtheil benehmen, da Sie mich, wie ich merke, fr einen gottlosen Unchristen halten. Nein, ein solcher bin ich wahrlich nicht, aber ich mu mir nur das unbestreitbare Recht vorbehalten, auf meine Weise ein Christ seyn zu drfen. Da es jetzt, wie zu allen Zeiten, wahrhaft fromme und erleuchtete Gemther giebt, und da man diese verehren solle, wer mchte daran zweifeln? Das Bedrfni des Glaubens hat sich wieder gemeldet, der Geist hat fast an alle Herzen geklopft, und Anmahnungen mancher Art und aus allen Gegenden haben sich vernehmen lassen. Ein klarer frischer Strom hat sich wieder durch die lechzende Ebene von den ewigen Gebirgen her ergossen, und der Kraft seiner Wogen folgen die Dinge und Wesen, welche er ergreift; unwiderstehlich fhlt sich Alles fortgezogen, und Gro und Klein, Stark und Schwach mu nothgedrungen mit hinunter flieen. Wie chte Begeisterung dies veranlat hat, so ist es denn doch auch hier, wie in allen geschichtlichen Ereignissen, ergangen, die Menge, die Eitelkeit, die menschliche Schwche trbt auch diese Erscheinung, und als es einmal Mode war, frei zu denken und den starken Geist zu spielen, wenn Viele auch schwach und aberglubig waren, so ist es jetzt Sitte geworden, religis zu scheinen, wenn es Manchem auch frivol und unerleuchtet genug zu Muthe seyn mag. ^Desinit in atrum piscem,^ sagte der Baron ereifert, der Anfang Ihrer Rede lie etwas Besseres vermuthen. Wie Viele, fuhr Brandenstein ruhig fort: sind mir aufgestoen, die mir fast beim Begren entgegen warfen, da sie auerordentliche Christen seien. Andere sprechen beim dritten Worte und bei den gleichgltigsten Gegenstnden vom Heiland; bei jeder Veranlassung, sei sie noch so geringe, beten sie, und erzhlen uns dies; ja ich habe Romane gelesen, in denen der Verfasser in der Vorrede sagte, er schreibe niemals, ohne vorher zu beten, und alles Gute, was im Buche stehe, sei unmittelbare Eingebung; das krzeste Mittel, jede Kritik zurck zu schlagen, und die Romanze dicht an die geoffenbarte Schrift zu schieben. In Gesellschaften ergreift man jede Veranlassung, von Reue, Bue, Andacht und Erlsung zu sprechen, und entweiht, nach meinem Gefhl, das Heilige, vergit, da es eine Aehnlichkeit mit der Liebe hat, deren Gefhle und Gestndnisse der wahre Liebende auch nicht jedem fremden Ohre Preis geben wird. Was schadet es aber, sagte der Baron, wenn die frommen Gemther vielleicht auch zu oft von dem Gegenstande ihrer Liebe sprechen? Es kann nicht die Liebe seyn, erwiederte Brandenstein: es ist Eitelkeit, Hochmuth, der besser seyn will, als andere Menschen. Gerade wie zu der Zeit der Empfindsamkeit oder der Aufklrung, ist es ein krankes Bedrfni, das allenthalben Nahrung sucht, das sich schmeichelt und zu immer tieferer Krankheit verzieht, das unduldsam und verachtend auf Nebenmenschen, die oft besser und frmmer sind, hinblickt, weil diese nicht gerade in den angegebenen Ton auch einstimmen wollen. Sie schildern die Ausartung, stammelte die Baronesse in einer Art von Angst. Nichts anderes, verehrte Frau, antwortete der Graf: nur da mir diese hufig in die Augen gefallen ist. Auch habe ich Erbauungsbcher gesehn, die sehr in der Mode zu seyn scheinen, Altes und Neues, die wahrlich nur dazu dienen knnen, mittelmige Menschen, die schon von der Eitelkeit ergriffen sind, ganz zu verwirren, in denen der Schpfer, die reine Liebe, gleich einem launigen wunderlichen Alten dasteht, der sich aus Langeweile gelsten lt, die krausesten Schicksale zu flechten, und Diesen und Jenen, wenn auch Viele dabei untergehn, auf feine und seltsame Art aus seinem Elende wieder heraus zu fhren. Andere verwandeln Religion in Magie und Zauberei; oder verhrten die Herzen der Weiber, da sie sich unendlich ber ihre Mnner erhaben fhlen, diese, wenn sie nicht ganz auf ihre Weise frmmeln, in einem Zustande der Zerknirschung erhalten, und in dem Gefhl, wie tief sie sich herablassen, die geheiligten Gattinnen so ordinrer Snder zu seyn. Ich kannte ein armes, mittelmiges Mdchen, die sich glcklich schtzte, an einen jungen wohlhabenden Mann verheirathet zu werden, die aber nach einem halben Jahre auch zur Heiligen wurde, und sich nun vorlgt, ihre christliche Tugend bestehe darin, den Mann zu dulden; bermenschlich erscheint sie sich, wenn sie ihn nicht ganz verachtet, aber doch sagt sie sich dies tglich und ihren religisen Gespielinnen, die sie auch in dieser Frmmigkeit bestrken. Ist nun dies nicht Snde? Ja wohl! seufzte pltzlich Kunigundens Gatte auf, und die Mutter, welche den Halt ihrer Familie fast sichtlich zusammenbrechen sah, bereuete es, dies Gesprch begonnen zu haben, und zrnte ihrem wrdigen Hausfreunde, dem Baron, da es durch ihn so angefeuert wurde. Brandenstein aber, der nun einmal im Zuge war, konnte ebenfalls in seinem geistlichen Eifer nicht ruhen, bis er seine ganze Catilinarische Rede an den Mann gebracht hatte. Wie erhebend kann es seyn, fuhr er lauter fort: wenn wir fromme Mnner, um sich ganz dem Heiligen zu ergeben, der Welt und allen ihren Schtzen den Rcken kehren sehen, um in stiller Abgeschiedenheit nur Einem groen Gefhle zu leben. Ich will einzelne Brderschaften nicht tadeln, wenn sie sich in einem hnlichen Sinne verschlieen, und von Kunst und Geschichte, Philosophie und Welt nichts wissen wollen. Aber wenn diese einseitigen Frommen, die in der Welt stehen bleiben, die Erziehung der Uebrigen genossen haben und sich selbst fr gebildet ausgeben, uns immer und immer wieder zurufen, nur Eins sei, was Noth thue, Malerei, Musik und Dichtkunst seien nicht nur berflssig, sondern sogar sndhaft, und nur Gebet, Erleuchtung, Bue sei alles, was den Menschen in Anspruch nehmen solle, -- so mchte ich doch wohl Diese fragen: von welchem engen Gefhle ihre sogenannte Religion sei, da sie Liebe, Wahrheit, Vernunft und die lieblichen Erscheinungen der Phantasie gar nicht zulassen knne und drfe? Also wre den Reinen heut nicht mehr alles rein? Der Mensch ist schon als todt zu betrachten, dem in der Natur und Geschichte nicht Gott mehr erscheint; der ist verloren, der in der Kraft der Vernunft seine hohe Gegenwart nicht mehr sieht. Auch der ist fromm, dem aus dem Gemlde eine Entzckung anstrahlt, und der sich, so lange er Shakspeares Sommernacht liest, selig und im Himmel fhlt. Denn auch Scherz, Lust und Witz sind gttlicher Abkunft, und wir werden um so reiner und geluterter, je mehr wir den gttlichen Strahl in diesen zarten Spielen erkennen lernen. Ja wohl, sagte der Baron, welcher das auffallende Mivergngen der Baronesse bemerkt hatte, knnen wir heut dies interessante Gesprch nicht zu Ende fhren. Unmglich, antwortete der Graf, welcher selber ber seinen Eifer zu erstaunen schien, denn sonst mchte ich wohl noch darber belehrt seyn, warum diese frommen Gemther sich nicht mit mehr Demuth der Kirche anschlieen? Warum sie verlangen, da alle Menschen auf ihre Weise die Dinge sehen sollen? Warum nicht Zweifel auch sie anwandeln und es ihnen begreiflich machen, da sie doch auch wohl irren knnten? Ob es nicht christlicher sei, mehr nach dem Evangelium bei verschlossenen Thren zu beten, als pharisisch ihr vieles Beten weltkundig zu machen? Ich knnte denn wohl noch bemerken, da dieser geistliche Schwindel sich auffallend genug mit einem politischen verbindet, und da diese kranke Stimmung, die sich ber ganz Deutschland verbreitet, es einem beraus verwirrten und schwachen Buche mglich gemacht hat, den Beifallsruf einer Menge zu erwerben, die nun erst beurkundet, wie wenig sie je unsern groen Dichter fate, als sie ihm zujauchzte. Es kann als ein Frevel gegen diesen groen Mann erscheinen, wenn man es nicht lieber lcherlich finden will, da man ihm so schulmeisternd mit Glaubensfragen nahe rckt, da man Immoralitt und Mangel an Idee seinen Werken vorwirft, weil er sich nie zu den armen Bedrfnissen dieses Wortfhrers herabgelassen hat. Da alles dies mglich gewesen ist, hat mir gezeigt, wie wenig wahre Bildung bei uns noch Wurzel gefat hat, und wie leicht es daher Schwindlern wird, mit halbwahren Begriffen die schreiende Menge zu verwirren. Sie meinen _Gthe_, sagte der Baron, und die sogenannten unchten Wanderjahre. Nun, da sind wir ja schon so ziemlich weit von unserm ersten Diskurse abgekommen. Es trat eine Pause ein, Alle schienen verstimmt, Dorothea war tief bewegt. Indem der Bediente jetzt den Braten brachte, rief die Baronesse: Ach! wie konnte ich nur die arme kranke Wittwe vergessen? Johann, tragt dies Gericht sogleich zu der Unglcklichen, mit meinen herzlichen Wnschen. Sie leidet, wie ich heut gehrt habe, unglaublich, dabei ist sie arm, und ihre Kinder knnen ihr nur wenige Hlfe geben. Ja, die Armuth, die Krankheit! seufzte der Baron. O Himmel, was wrde aus der finstern Erde werden, wenn nicht immer noch weiche, edle Gemther das ungeheure Elend zu mildern trachteten. Die bedauernswrdige Frau, fgte Kunigunde hinzu: soll auch mit ihrem verstorbenen Manne gar nicht glcklich gewesen seyn, er war hart und rauh, und behandelte sie oft bermthig. Sie warf dabei ihrem Gatten, der am andern Ende des Tisches sa, einen sonderbaren Blick zu, der gar Vieles bedeuten konnte. Der junge Mann, vom Tischgesprch aufgeregt, war so unerhrt dreist, zu erwiedern, da es auch oft der Weiber eigne Schuld sei, wenn sie in der Ehe nicht glcklich wren. Der Graf, um nhere Errterung zu verhindern, bemerkte, da es vielleicht, da man die Krankheit der Frau nicht genau kenne, schdliche Wirkung thun mchte, wenn sie von der Fleischspeise unvorsichtig gensse. Der Baron aber, der einen neuen kriegerischen Angriff vermuthete, sprach gerhrt ber die groe Wohlthtigkeit der Baronesse, wie sie den Armen eine Mutter sei, und begriff nicht, wie es noch so harte Menschen geben knne, die von dem Elende ihrer Nebengeschpfe so ungerhrt blieben. Jetzt kam Johann mit dem Braten zurck und meldete, da die Wittwe sich gehorsamst bedanke; es sei ihr aber vom Arzte im Fieber Fleischspeise bis jetzt noch untersagt, auch empfange sie seit drei Wochen alles vom Schlosse, was sie gebrauche, worber sie ihre Rhrung nicht genug ausdrcken knne. Ein Arzt? sagte die Baronesse, sie bekmmt schon? und wie? -- Ach, gndige Frau, sagte der alte Diener verlegen und mit Bewegung: Frulein Dorothea sendet ihr schon seit lange Alles, sie hat auch den Doktor kommen lassen, und besucht die Kranke selbst alle Morgen und Abende. -- So? sagte die Baronesse mit einem gedehnten, zitternden Tone, und ein durchdringender Blick fiel auf die Tochter, die in der Beschmung nichts erwiedern konnte; und warum, mein Kind, geschieht denn diese Ausbung der Wohlthtigkeit, diese Tugend, die mir an Dir neu ist, so heimlich? Warum gnnst Du Deiner Mutter denn nicht auch einen Antheil an dem Verdienste, da sich Dein Herz nun endlich auf dergleichen christliche Liebesdienste hinlenkt? Mein Rath wrde die Wohlthat erst zu einer chten machen knnen. Aber so sieht es aus, als wenn eher Eigensinn, als Mitleid, Deine Handlungen lenke. Liebe Mutter, flehte Dorothea, schonen Sie mich. Es ist zu beklagen, fuhr diese fort, wenn selbst das, was an sich Tugend ist, durch die Art, wie man es ausbt, sich zum tadelnswrdigen Fehler umgestaltet. Vorzglich sehe ich Stolz und Anmaung in dieser Art zu handeln, da Du es bernimmst, ohne mich klug und weise seyn zu wollen, da Du doch nicht wissen kannst, ob Du nicht dadurch mehr Schaden als Nutzen stiftest. Es ist zu viel! rief Dorothea laut weinend aus, stand schnell auf und verlie mit verhlltem Angesicht das Zimmer. Alle sahen auf, der Graf aber schien am meisten berrascht, er sagte mit bewegter Stimme: Geschieht aber dem Frulein auch nicht zu viel? Sie hat es wahrscheinlich gut gemeint; und mir scheint es auch nicht strafbar, da sie ihre Wohlthaten heimlich erzeigt, da sie vielleicht etwas zu verschwiegen ist, um sich nicht dem Schein des Prunkens auszusetzen. Gewi, gndigste Frau, sagte der greise Diener, das Frulein ist ein Engel, alle Leute im Dorfe sehn sie auch so an; was sie nur von ihrem Taschengelde sich absparen kann, was sie an Kleidern irgend entbehrlich findet, wendet sie auf die Armuth, aber das Schnste dabei ist die freundliche, stille Art, und wie sie die Leute beruhigt, und die Kranken trstet, und die Kinder zum Gehorsam gegen die Aeltern ermahnt, die oft unwirsch sind: -- ja, wir sollen schweigen, denn das hat sie uns strenge befohlen, wir haben es auch Jahre lang gethan, aber einmal verschnappt man sich denn doch. Verzeihung, gndige Frau. Diese Reden fielen vor, indem man aufstand; die Baronesse zitterte; der Baron suchte mit feierlichem Gesicht und Anstand, indem er der Mutter die Hand kte, die Sache gut zu machen; der Graf empfahl sich mit wenigen Worten, und Alfred begleitete ihn; die brige Gesellschaft ging in den Gartensaal. Es thut nicht gut, sagte die Mutter, wenn bse Menschen ber unsere Schwelle treten. Ihnen folgt kein Segen des Himmels, fgte der Baron hinzu. Welch ein Mittag! rief die Baronesse, ich werde ihn lange nicht vergessen! Solche Menschen fehlen uns noch in unsrer Nhe, um mein armes abtrnniges Kind ganz unglcklich zu machen. Aber auch Sie, Herr Sohn, nahmen an dem gottlosen Menschen mehr Antheil, als ich oder die fromme Kunigunde wnschen knnen. Mich dnkt aber, sagte Kunigundens Gatte, da er manches ganz Vernnftige sprach; ich glaube auch, da die Frmmigkeit zu weit gehe, und da manche Frauen sich zu viel einbilden knnen. Da sah ihn der Baron mit einem langen strafenden Blicke an, den der Arme nicht aushalten konnte, und als jetzt Kunigunde laut zu weinen anfing, die Mutter ebenfalls weinend diese in die Arme nahm, um sie zu trsten, konnte er gerhrt die bereuenden Thrnen nicht lnger zurck halten; er strzte sich auch an den Busen seiner Gattin, schluchzend und um Verzeihung bittend. Sein Sie alle beruhigt, trstete feierlich der Baron, indem er den Blick zum Himmel erhob: der Herr wird Alles gut machen, denn heut Abend, wie Sie mir gesagt haben, verlobt sich mir jenes verhrtete, uns dennoch theure Herz, durch meine schwache Hlfe wird der Geist sie dann erleuchten, und wir alle werden Ein Herz und Eine Liebe seyn. * * * * * Weinend hatte sich Dorothea in ihr Zimmer geschlossen. So zerstrt, unzufrieden mit sich und der Welt, so ganz verloren und elend hatte sie sich noch nie gefhlt. Sie war tief beschmt, da die einfache Art, sich der Armen anzunehmen, die ihr die natrlichste dnkte, pltzlich durch die Einfalt des Dieners war bekannt worden; aber es schien ihr auch zu hart, wie die eigne Mutter sie deshalb vor allen Gsten behandelt hatte, am schmerzhaftesten aber war es ihr, da es in Gegenwart des Mannes geschah, den sie verehren mute, der ihr Vertrauen gewonnen hatte, und dessen Achtung sie sich ebenfalls wnschte. Es war finster geworden, ohne da sie es bemerkte, als der Diener klopfte, und sie zur Mutter und der Gesellschaft herab zu kommen bat. Mutter! sagte sie vor sich hin: Mutter! welch schnes Wort! Warum habe ich keine kennen gelernt? Sie ging hinab, im Saale sa die Familie versammelt, auch der junge Offizier war gegenwrtig. Indem Dorothea herein trat, fiel ihr erst wieder ein, weswegen sie gerufen werde. Ein Fieberfrost berfiel sie. Alle begrten sie als die Braut des Barons, die Mutter sagte freundlich, sie wolle ihr jetzt das Betragen des heutigen Tages verzeihn, die Schwestern wnschten der Betrbten Glck, und der Baron bedeckte ihre zitternde Hand mit zrtlichen Kssen. Sein Sie ruhig, sein Sie glcklich, sagte er mit sanftem Tone, von heut an werden Sie, Geliebte, ganz zu uns gehren, und dieser Mensch wird das Haus nicht mehr betreten; wohl hatten Sie Recht, und der Himmel sprach aus Ihnen, da ein solcher Elender nicht wandeln darf, wo wir unsre Schritte setzen. Elender? rief Dorothea, und ri ihre Hand so gewaltsam weg, da der Baron zurck taumelte. Sie sind ein frecher Mensch, da Sie einen solchen Mann so zu lstern wagen! Himmel! schrie die Mutter, sie hat den Verstand verloren! Ein bser Geist spricht aus ihr. Dorothea besann sich wieder, sie sah das Erstaunen der Umgebenden und suchte sich zu sammeln. Ich bin so erschttert, fing sie an, ich fhle mich so bewegt, vielleicht da eine Krankheit -- nur einen Augenblick will ich mich im Freien abkhlen. In diesem Wetter? sagte die Mutter, in diesem Sturm und Regen, so ohne Tuch, in Deiner dnnen Bekleidung? Es mu seyn! es mu! rief sie aus, und hatte schon, ohne auf die Uebrigen zu hren, die Saalthre geffnet, und stand im finstern kalten Garten. Da der Regen ihr entgegen schlug, so wandte sie sich in den bedeckten, dicht verflochtenen Gang, und ging hastig auf und nieder. Ihm, dem Widerwrtigen, sagte sie zu sich selbst, auf immer verbunden? So tief, so tief herabgewrdigt? Und fr wen? Fr Jene, die es mir niemals danken werden, die dann wieder thun, als sei mir dadurch die grte Wohlthat erwiesen worden? Meine Seele retten? Verloren geht sie hier, vernichtet wird sie! Ein dunkler Schatten kam auf sie zu, und an der lispelnden, sanften Stimme erkannte sie sogleich den Baron. Meine Gute, fing er an, Ihre liebe Mutter und wir alle erwarten Sie drinnen mit banger Besorgni; mein Herz fliet in Zrtlichkeit ber, da ich Sie schon als meine Gattin, und die Mutter meiner frommen Kinder betrachte. Himmel! rief sie aus, das bedachte ich nicht einmal, da mein Elend sich auch so weit erstrecken kann, Heuchler und bse Egoisten aus meinem Blute entsprieen zu sehen. Aber wenn mir auch dies Unglck nicht wrde, so kann ich doch nie die Ihrige werden. Wie? rief der Baron, und das feierliche Versprechen, welches Sie heut Morgen in die Hnde Ihrer Mutter legten? Und wenn ich es einem Engel vom Himmel gethan htte, sagte Dorothea, so kann ich es nicht halten! Ja, wenn schon die Trauung geschehen wre, so mte man uns doch wieder trennen! Seltsam, mein Frulein! Bedenken Sie auch die Folgen? Welche knnen es seyn? Alles ist zu tragen gegen das unabsehbare Elend, das meiner wartet. Wissen Sie auch, da es Ihre Mutter fordern kann? Wissen Sie, da diese mir verpflichtet ist, was ich bis jetzt mit der Geduld der Liebe trug und verschwieg, in der Hoffnung, Ihrer Familie anzugehren? Fragen Sie sich, ob Sie unter diesen Umstnden die Verpflichtungen Ihrer Mutter nicht lsen mssen, wenn Sie fr eine gute Tochter gelten wollen? Nein! rief das Mdchen in der allergrten Anstrengung, lieber mit ihr darben, fr sie arbeiten, ja, fr sie sterben! Es giebt aber doch noch Mittel, sagte der Baron halb lachend, solchen Starrsinn zu beugen; die Rechte der Aeltern sind gro, und offenbar sind Sie jetzt Ihrer Sinne nicht ganz mchtig; etwas Bitte, etwas Gewalt wird schon den kindischen Willen brechen. Er hatte heftig ihren Arm gefat, und war bestrebt, sie nach dem Hause zu ziehen; aber das starke Mdchen ri sich behende los, und floh durch den Gang, der Baron ihr nach, sie aber, die leichter war und die Verschlingungen des Gartens besser kannte, war ihm bald weit voraus; jetzt war sie an der offenen Grenze des Parks, sie berschritt auch diese, und rannte nun ber das Blachfeld wie ein gejagtes Reh, indem abwechselnd Regen sie durchnte, und Sturm ihre zarten Glieder erstarren machte. * * * * * Die Frau von Halden sa behaglich in ihrem Stbchen, indem die Bume drauen der Sturm schttelte, und der Regen rasselnd gegen die Fenster schlug. Sie war recht von Herzen zufrieden; denn fr einen unerwartet hohen Preis hatte sie ihr Gut verkauft, Alles war abgeschlossen, und Graf Brandenstein hatte mit dem Rathe Alfred noch diesen Abend Alles in Richtigkeit gebracht. Beide schliefen schon in den obern Zimmern des Hauses, denn es war nahe an Mitternacht, und sie wollte sich auch eben in ihr Schlafzimmer begeben, als ein heftiges, lautes Pochen an das Hausthor, und eine klgliche, bittende Stimme sie erschreckten. Sie klingelte, der Diener ward gesandt, um zu ffnen, und mit triefenden Kleidern, zitternd und todtenbla strzte Dorothea herein, warf sich ihr sogleich strmisch an die Brust und rief mit heiserer Stimme: Rette mich! rette mich! Um Gotteswillen! sagte die Freundin im hchsten Schreck, Du bist es, geliebtes Kind? und so, in diesem Zustande? Ich traue meinen Augen noch nicht. So sehr sie erschrocken war, so schaffte sie doch sogleich mit der grten Freundlichkeit Wsche und Kleider herbei, half der Erklteten beim Umziehen, trstete sie lachend und freundlich, und nthigte sie dann, Glhwein zu genieen, den sie eiligst besorgt hatte, um den bsen Folgen der Erkltung vorzubeugen. Dabei umarmte sie sie so herzlich, trocknete ihr die Thrnen vom Auge, kte die Wangen, die sich schon wieder rtheten, da Dorothea sich fast so glcklich wie in den Armen einer Mutter fhlte. Nach vielen trstenden und scherzenden Worten sagte die Frau von Halden endlich: Nun erzhle mir kurz, wie Du zu diesem tollen Entschlu gekommen bist, und dann geh zu Bett und verschlafe Alles. Du mut mich schtzen, sagte Dorothea: Du mut mir ein Obdach nicht versagen, sonst mu ich verzweifelnd in die weite Welt rennen, oder die Raserei strzt mich in die Wogen eines Mhlteichs. Beruhige Dich, mein Kind, trstete jene, Du mut ja doch wieder nach Hause. Aber erzhle: was ist Dir denn so pltzlich gekommen? Nur lache nicht, rief Dorothea, bleibe ernsthaft, meine gute liebe Freundin, denn ich bin in Verzweiflung. Heut Morgen lie ich mich bereden, aus Schwche, aus Rhrung, man hatte so unerwartet meinen Geburtstag gefeiert, da ich versprach, mich heute Abend mit dem Baron von Wallen zu verloben. Das sollte nun geschehen, und darum bin ich weggerannt, weil ich ihn verabscheue, weil ich in meinem vterlichen Hause mit meinen Geschwistern, mit meiner Mutter nicht mehr leben kann. Ich wei wohl, erwiederte die Freundin, da Du den Baron nie lieben kannst, da Dir in der Familie oftmals Unrecht geschah; aber dieser Ausdruck des Entsetzens in Dir, da Du Alles so gewohnt schienst, bleibt mir doch unbegreiflich. Immer noch fasse ich es selbst nicht, antwortete Dorothea: ich wei nicht, wie ich es Dir erzhlen soll. Da ich nicht glcklich war, mut Du wohl gesehn haben, wenn ich Dir auch niemals ein Wort darber sagte. Ach, das schreibt sich ja schon seit dem Tode meines geliebten Vaters her. Du weit, ich war kaum dreizehn Jahre, als er starb. O Himmel, welch ein Mann! ich konnte damals seinen Werth nicht ermessen; aber je lter ich wurde, je mehr blhte er in meiner Erinnerung zum verklrten Gegenstande meiner Liebe auf. Dieser milde, freundliche Sinn, diese Heiterkeit, Menschenliebe, stille Frmmigkeit, diese Freude an Natur und Kunst, dieser rege, herrliche Geist -- ach! und er war auch nicht glcklich! Ich sah, ich bemerkte es wohl, als ich etwas zu Verstande kam, er war in der Ehe nicht glcklich, er und meine Mutter waren sich zu ungleich, sie stritten oft mit einander. Dann war er zu Zeiten recht tiefbetrbt, aus seinen schnen braunen Augen konnte ein unendlicher Kummer sprechen, wenn er sie so still vor sich nieder senkte. Dann war ich seine Freude, ich fhle es, wie ich ihn trsten konnte. Und nun war er pltzlich dahin gegangen! Er mu es jenseits erfahren und gefhlt haben, wie meine Herzensliebe ihm gefolgt ist. O meine Freundin, es giebt Momente des Schmerzes, wo nur die kalte, taube Dumpfheit, in die endlich unser Wesen versinkt, uns von Wahnsinn und Raserei errettet. So war ich nun in Schmerz und Sehnsucht erwachsen, die Keiner theilte, Keiner verstand. Und wie vernderte sich das Leben unsers Hauses! Statt der heitern Mittheilungen, statt der frohen Gesellschaften ein ernstes, feierliches Prunken. Meine jngern Geschwister wurden in einem ganz entgegengesetzten Sinne erzogen, als es mein Vater gewnscht hatte. Betstunden, Andachtbcher, religise Gesprche fllten die Zeiten des Tages; und mein Herz wurde immer leerer, ich konnte die Andacht nicht mitfhlen, ja, nicht einmal an ihr Dasein glauben. Alle meine Bcher, noch Geschenke meines Vaters, durfte ich nicht mehr zeigen, Alles war weltlich, anstig; ich erschrak ber die Deutungen, die man den Stellen gab, die mir die liebsten waren, die ich auswendig wute. Gthe's himmlische Natur selbst, seine edle Hoheit war Verfhrung, Sinnenlust, und eine raffinirte Prderie, die mir hchst anstig schien, mute Tugend heien. Meine Geschwister, so wie sie zur Besinnung kamen, betrachteten mich als eine Ausgeartete, die fr's Gute nicht empfnglich sei; sie hrten das ja in allen Stunden, sie muten es wohl glauben. Zwischen ihnen und der Mutter entspann sich ein Verhltni, welches mich gleich sehr von beiden entfernte, und um welches ich sie doch nicht beneiden konnte. Eine bertriebene Liebe, eine zarte Weichheit, ein Schonen und Liebkosen, das mir oft durch's Herz schnitt; ja die Mutter ging so weit, diese jngern Tchter zu vergttern, sie anzubeten und es ihnen zu sagen, da sie es thue. Die Schwestern behandelten die Mutter, wie man etwa mit einer abgeschiedenen Heiligen umgehen wrde, wenn sie zu uns zurck kehrte; doch knnte ich es auch wohl nur einen Tag so treiben, und mte dann heiterer mit ihr bekannt werden, oder sie wieder ganz vermeiden. Ich erinnerte mich noch wohl, wie oft mein Vater gesagt hatte, in frher Jugend mten die Kinder blind gehorchen lernen, damit sie, erwachsen, der Freiheit fhig wren. Diese Freiheit des Geistes und des Gemthes, die den Menschen erst zum bestehenden Wesen, die die Liebe, ein freies Hingeben, erst mglich macht, fand aber unter diesen so eng Verbundenen doch nicht statt, ja sie wurde, wenn sie sich einmal zeigen wollte, als die rgste Snde behandelt. Die kleinste Schwche, das geringste Vorurtheil der Mutter durfte nicht berhrt werden, auch in Kleinigkeiten, ber ein gleichgltiges Buch, ber einen Menschen, ja ber die Farbe eines Bandes, durfte keins eine andere Meinung hegen, als sie. War nur von einem Spaziergange die Rede, nur zum nchsten Gut, ja, durch den Garten, so verbot sie diesen, wenn sie nicht daran Theil nehmen konnte oder wollte, nicht geradezu, sondern sie sagte: Geht, wenn Ihr ohne mich seyn knnt; ich kann zwar ohne Euch nicht leben, aber knnt Ihr es, so will ich Euch nicht stren; bin ich doch daran gewhnt, Euch alle Opfer zu bringen. Natrlich geschah nichts, und die Schwestern gaben dann ihrem Verdru den Anstrich der Andacht, und ich, die ich zum Bndni nicht gehrte, mute ihre Launen entgelten. Mein Muth entwich. Ich ertrug es, auch von der jngsten Schwester gehofmeistert zu werden. O meine Freundin! wenn ich dies alles so, was mir verkehrt und unrecht schien, bemerkte, so ging ich dann wohl in den einsamsten Theil des Gartens, und lie meinen heien Thrnen ihren Lauf, weil ich mir schlecht und gottlos erschien, da ich mir alles dies gestand, und meinen Wahrheitssinn, der von meinem Vater erweckt und gebildet worden war, doch nicht unterdrcken konnte. Oft war ich so unaussprechlich elend, da ich Gott um meinen Tod bat. Es kamen dann auch Zeiten, da ich doch sehn mute, wie alle Menschen, die in unser Haus kamen, meine Schwestern verehrten, ihnen huldigten und mich vermieden, in denen ich mir selbst schlecht und verchtlich schien. Wenn ich aber rang, so wie die Andern zu seyn, so brachen mir alle Krfte zusammen, und die Arme fielen mir gelhmt am Leibe nieder. -- Aber, hrtest Du nicht Gerusch im Nebenzimmer? Nein, mein gutes Kind, sagte Frau von Halden: Alles schlft, es kann hchstens eine Katze seyn. Kunigunde heirathete, fuhr Dorothea fort: die Mnner, die sich um mich bewarben, ngstigten mich nur durch ihr lppisches Wesen, andere stieen mich durch ihre Rohheit zurck. Ich konnte nicht fassen, da mich einer lieben knne, ohne da ich ihn auch innigst liebte, und darum erschienen mir ihre affectirten, bertriebenen Redensarten so nchtern, und es war mir unmglich, an ihre Leidenschaft zu glauben. Alles aber war noch ertrglich, bis der Baron Wallen in unser Haus kam; er bemchtigte sich bald des Gemthes meiner Mutter, die Sclaverei wurde nun ganz unleidlich. Nun wurde erst recht im Groen mit der Liebe geprunkt, die meine Geschwister zu einander und zur Mutter trugen; in der ganzen Provinz sprach man davon; wenn Fremde kamen, war es wie ein Schauspiel, in dem sich alle Tugenden entwickelten. O vergieb mir, Du und die einsame Nacht werden meine Reden nicht weiter tragen; auch hast Du ja selbst die Art oft gesehen, und der Himmel mag meine Empfindungen ndern, oder sie verzeihn. Recht ngstlich aber war es, da in diesem gleienden Baron ein wahrer Faun unter der priesterlichen Decke wandelt. Clara gefiel ihm, auch Clementine; aber die Kinder, so sehr sie ihn auch verehren muten, erschraken doch vor dem Gedanken, ihn als Ehemann anbeten zu mssen. Sie wurden aber bald befreit; denn die Bestimmung, fr die sie sich zu gut fhlten, wurde mir unvermerkt und knstlich zugeschoben. Nun hrte ich immerdar, wie edel, ja wie nothwendig es sei, sich zu opfern, wie armselig die eigentliche Leidenschaft der Liebe erscheine, wie eine vernnftige Ehe jedes andere Glck der Erde bertreffe. Glaube mir, ich htte mich fallen lassen, mein Leben war vllig abgeblht, ich wre das Opfer und ganz elend geworden, wenn -- -- Dorothea zgerte. Nun, mein Kind? fragte die Freundin gespannt. Wenn nicht heut, fuhr jene im melodischen Tone fort, heut an diesem Tage, an dem ich geboren ward, und an welchem ich auch wieder zu leben anfing, ein Mann erschienen wre, der unserer Familie ein Abscheu war, und auf den ich, nach den Beschreibungen, heftig zrnte, ein Mann, der mein ganzes Herz umgewendet, ja neu geschaffen hat, und dessen bloer Anblick, wenn er auch nicht gesprochen htte, es mir unmglich macht, den Baron, ja irgend einen Mann zu heirathen. Wunderbar! rief die Frau von Halden. Nenn' es so, sagte das Mdchen: es ist auch so, ach, und doch wieder so natrlich, so nothwendig. In ihm, in seinem milden Blick, der Vertrauen einflt (glaube mir, ich hatte wirklich ganz vergessen, da es noch Augen giebt), in seiner verstndigen Rede, in jeder seiner Geberden erschien mir die Wahrheit wieder, die mir schon zur Fabel geworden war, meine Jugendzeit, der Segen meines Vaters. Nie habe ich begreifen knnen, was die Menschen Liebe nennen, in den Dichtern habe ich es wohl geahndet; ich glaubte aber immer, dies himmlische Gefhl sei fr mich armes, verstoenes Wesen nicht geschaffen; aber jetzt wei ich, da es das seyn msse, was ich fr diesen trefflichen Mann empfinde, denn ich konnte mir nicht einbilden, da auf Erden wirklich eine solche Erscheinung wandle. Armes Kind! sagte die Freundin: er ist ein ruinirter Mann, ohne Vermgen, und wer wei auch, ob er so fr Dich empfnde, denn er ist nicht mehr jung. Jetzt geh nur zu Bett, morgen frh wollen wir mit Verstand darber nachdenken, wie der Baron zu besnftigen sei, und da der Baron Dir Ruhe lt. Nie gehe ich zurck! rief Dorothea mit erneuter Heftigkeit: ich will lieber in einem fernen Lande als Magd dienen. Jetzt hrte man deutlicher im Nebenzimmer Gerusch, die Frauen stutzten, die Thre ffnete sich, ein Lichtstrahl drang heraus und Graf Brandenstein trat ihnen entgegen. O mein Gott! rief Dorothea: der Graf selbst! Ich war nicht schlafen gegangen, antwortete dieser: sondern arbeitete noch, als dieser unerwartete Besuch -- O Sie Heimtckischer! rief die Frau von Halden: und so haben Sie auch gewi alles gehrt, was meine Freundin erzhlt hat? Ich kann es nicht leugnen, sagte der Graf: die Wand und Thre sind so dnn, da mir kein Wort verloren ging. (Dorothea zitterte heftig.) Sie wrden mich also, mein schnes, edles und mir unbeschreiblich theures Frulein, nicht verschmhen, wenn ich ein Vermgen zu Ihren Fen legen knnte? O wie beschmen Sie mich! sagte das Frulein --: soll ich noch mehr sagen? Nehmen Sie dieses Blatt, fuhr der Graf fort: diese wenigen Zeilen werden Ihnen in Ihrem Hause vollkommene Sicherheit gewhren. Er sah Dorotheen durchdringend an, und entfernte sich zgernd. Sie war so bewegt und erschttert, da ein unruhiger Schlummer sie nur wenig erquicken konnte. * * * * * Im Hause des Baron Wilden waren einige Freunde zu einem kleinen Balle versammelt. Auch Alfred und der Offizier waren zugegen, und die junge Schwester, ein liebenswrdiges Kind, schien uerst vergngt; auch zeigte sich das Frulein Ehrhard sehr munter, und Michel, der Zuschauer war, begriff kaum, wie sie sich so schnell im schottischen Tanze bewegen konnte. Jetzt war der Tanz geendigt, und der korpulente Wirth taumelte erschpft auf ein Sopha nieder. Wird man nicht ordentlich wieder jung, rief er aus: so sauer es einem auch ankommt. Da dich, mein werthes Frulein Erhard, was Sie springen knnen! Niemals htte ich mir bei Ihrer Gottesfurcht so viele Elasticitt vermuthet. So gefllt's mir, wenn man das berirdische Wesen mit dem weltlichen vereinigen kann, denn wahrhaftig, das Herz stirbt in der Demuth und dem weichen Wesen ab, wenn es nicht wieder einmal in Lust und Freude recht aufzappeln kann. Wie ein ganz neues Geschpf, Frulein Erhard, kommen Sie mir in meinem Hause hier vor, ich htte Sie gar nicht wieder erkannt, wenn ich es nicht sonst wte, da Sie es wren. Das muntere Frulein setzte sich zu ihm, und beide betrachteten die tanzenden Paare. Der Rath Alfred bemhte sich sehr um Sophien, die Schwester des Barons, welches dieser nicht ohne Wohlgefallen bemerkte. Die Schenktische waren reichlich mit Erfrischungen versehen, und Diener in reichen Livreen servirten auf silbernem Geschirr. Nicht wahr, schmunzelte Herr von Wilden, der die wohlgeflligen Blicke des Fruleins wahrnahm: hier geht es nicht so zu wie drben, wo sie meistentheils alle beisammen sitzen, wie Adam und Eva vor dem Sndenfalle? Hochherzige Redensarten, apokalyptische Seufzer und eine Wundertinktur von ambrosianischer Wehmuth. Tugend und Andacht zum Zeuche, frommes Gemth zum Unterfutter, und dann noch mit Reue und Bue aufgeschlagen. Nein, man mu ein bischen sndigen, um sich dann wieder bekehren zu knnen; nicht wahr, mein hochgeschtztes Frulein? Die Beine thun Ihnen doch nicht weh? Sie zwinkeln so mit dem Munde. Nein, sagte diese, ich wollte mir nur das Lachen ber Ihre sonderbaren Ausdrcke verhalten, denn Sie sind in der That ein arger Snder; indessen, hoffe ich, werden Sie noch Bue thun. Kommt Zeit, kommt Rath, sagte der Baron: sehn Sie, ich habe mich klug eingerichtet, ich habe in meiner Jugend eine Menge Snden im voraus begangen, damit ich in meinem Alter hbsch was zu bereuen htte, um mir nicht, wie mancher Pietist, die Verbrechen aus den Fingern zu saugen, und um nichts und wider nichts Gewissensscrupel zu machen. O, davon kann ich Ihnen noch einmal in manchem Nachmittagsstndchen erzhlen, da Sie Ihr blaues Wunder daran haben sollen. Aber auch dergleichen Reden sind wieder Snde, antwortete das Frulein. Nein, rief Herr von Wilden, durch das Mikroskop mssen Sie meine Tugend nicht betrachten, sonst werden wir nicht mit einander fertig; denn bei mir geht Alles etwas ins Groe, verfeinert sind meine Verdienste so wenig, wie meine Laster. Aber sehn Sie, wie unter allen meinen Gsten der Herr von Bhmer so einsam am Ofen steht, und mitten in der Musik seine Kalender macht! Herr Lieutenant, kommen Sie doch, und tanzen Sie einmal mit einer von diesen Damen. Ich tanze niemals, sagte der junge Offizier, indem er nher trat: auch wrde ich nicht hergekommen seyn, wenn mich nicht Frulein Erhard eingeladen htte, von der es mir wohl nicht einfallen konnte, da sie es auf einen tobenden Ball abgesehen hatte. Sollte dem Reinen nicht alles rein seyn? fragte das Frulein mit vieler Salbung. Alfred, der hinzu getreten war, antwortete: Gewi ist dies die richtige Ansicht, und es wre lustig genug, wenn Herr von Wilden durch das Frulein, und dieses durch unsern frhlichen Baron bekehrt wrde. Aber Du, Ferdinand (indem er sich an den Offizier wandte), trgst auch nicht eine einzige festliche Miene auf Deinem finstern Angesicht. Ich gehe von hier, antwortete dieser, zur Baronesse hinber, wirst Du mich begleiten? Nein, mein Freund, antwortete dieser, und ich gedenke auch, diesem Kreise nie mehr zur Last zu fallen; denn diese prunkende Gleinerei ist mir neulich deutlich genug geworden. Wie danke ich es dem wackern Manne, der mir diese Binde vom Auge schttelte. Du meinst den Graf Brandenstein? sagte jener: Du nimmst also die Partei des Bsen gegen den Frommen, der Snde gegen die Tugend? Lassen wir jetzt diese Reden, antwortete Alfred, ich fhle mich, seit ich diesen Mann kennen gelernt habe, mndiger. Wissen Sie denn, fiel der Baron ein: etwas von der Geschichte? Der Wilde, der Amerikaner, soll ja nun angekommen seyn, ein gefleckter, kupfriger Mensch, mit Haaren wie Schuppen oder Stacheln. Auch sagen die Leute, dies unbndige Thier wrde die strrige Dorothea heirathen. Man wei nichts Gewisses, sagte Alfred: der Amerikaner wird brigens wohl ein Mensch wie alle seyn, und folglich ist sie mit ihm wohl glcklicher, als mit dem Baron Wallen. Den Du nicht zu schtzen verstehst, rief der Offizier, indem er sich nach einer kleinen Verbeugung entfernte. Sie meinen, fuhr der Baron fort: ein wohlerzogenes Mdchen knnte mit einem solchen See-Ungeheuer glcklich leben? Aber freilich mssen im Leben wohl vielerlei Arten von Glck verbraucht werden, damit Jeder etwas bekommt, was fr ihn pat; und wie ich hre, ist ja die hbsche Dorothea so gottlos, da vielleicht der gottloseste Menschenfresser fr sie nicht zu schlimm ist. Sie sind unrecht berichtet, antwortete Alfred, und wollte eine Erzhlung anfangen, als die freundliche Sophie herbei hpfte, um ihn zu erinnern, da er mit ihr zur Quadrille versprochen sei. Der Baron trank indessen, und versprach dem Frulein Erhard die nchste Polonaise, auf jeden Fall aber den frhlichen Kehraus mit ihr zu tanzen. * * * * * Als man in jener Nacht Dorotheen vermite, und der Baron die Geschichte seiner unglcklichen Werbung mitgetheilt, gerieth das ganze Haus in die grte Verwirrung. Man sendete Boten mit Lichtern aus, aber alle kamen in der strmischen Nacht ohne Nachricht wieder. Die Mutter war sehr unruhig, und schien sich Vorwrfe zu machen, da sie ein heftiges Gemth, das sie an ihrer ltern Tochter kannte, zu weit getrieben habe. Sie schlief nicht, sondern irrte im Hause umher, und die beiden jngern Tchter suchten sie zu trsten. Am Morgen erschien ein Bote von der Frau von Halden, der der Baronesse ein Billet bergab, und bald darauf fuhr eine Kutsche vor, aus welcher Dorothea stieg, welche die Mutter mit gezwungener Fassung aufnahm. Man sprach nur wenig, aber kein Wort des Vorwurfes lie sich vernehmen, eben so wenig konnte die Tochter eine Entschuldigung vorbringen. Der Baron, welcher Alles ngstlich und verwirrt beobachtet hatte, sagte endlich, als er sich mit der Baronesse allein sah: Dies Blatt hat ja Wunder gethan! Von allem, was Sie sich gegen das ungerathene Kind vornahmen, ist nicht das Mindeste geschehen, Sie sind im Gegentheil gtiger als jemals gegen sie. Darf ich nicht wissen, von wem es kommt, und was es enthlt? Die Baronesse errthete. Es kommt von dem Brandenstein, sagte sie mit ungewisser Stimme: doch enthlt der Schlu die grbste Verlumdung. Der Baron las: Im Fall Sie, wie ich gewi hoffe, Ihre edle, trauernde Tochter freundlich aufnehmen, sie unter keinem Vorwande qulen, an die Ehe mit dem Baron Wallen nicht mehr denken, so verspreche ich Ihnen das Capital, welches der Baron an Sie zu fordern hat, und auerdem ein bedeutendes Darlehn, beide ohne Zinsen, auf unbestimmte Zeit. Zwingen Sie mich nicht, gegen Sie aufzutreten, es mchte sonst manches bekannt werden, was sich nicht zu dem Tugendbilde eignet, das die Welt in Ihnen bewundert. Gewi darf ich mich unterschreiben Ihren Freund _G. Brandenstein_. Dieser Zettel besagt, schmunzelte der Baron: da unser heroischer Graf ber ansehnliche Summen zu disponiren hat, und da sein amerikanischer Freund oder Schtzling, dessen Hofmeister und Verwalter er spielt, so ziemlich bldsinnig seyn mag, ganz so, wie ich mir vom Anfange die Sache gedacht habe. Der edle Mann wird nach Umstnden seine Hand tief in den Beutel des fremden Wunderthieres tauchen, und so verschwindet denn bei nherer Prfung bei jedem aufgedunsenen Cato die falsche Vergoldung, und setzt sich in Kupfer um. Die Sache bekam aber doch einen andern Schein, als am folgenden Tage ein Brief des Grafen anlangte, in welchem er fr seinen reichen Amerikaner um die Hand Dorotheens anhielt. Er htte sich berzeugt, so schrieb er, da sein Freund, da er ihn genau kenne, nur mit diesem Wesen glcklich seyn knne. Dorothea, die ganz in ihren Gedanken und Empfindungen verloren war, erschrak ber diesen Antrag; sie lehnte ihn heftig ab, ihr Herz verzweifelte, da der Graf, der ihre ganze Seele gesehn hatte, diesen Vorschlag thun konnte. Also kein Gefhl, seufzte sie im Stillen, nicht das kleinste fr mich, die ich ihn nur denke und trume. Auf die abschlgige Antwort der Mutter erfolgte ein noch freundlicherer Brief des Grafen, er bat fr seinen Unbekannten, der binnen Kurzem erscheinen wrde, nur um die Erlaubni, sich zeigen zu drfen, da Frulein Dorothea ihn so viel wrdigen mge, ihn und seine Gesinnungen kennen zu lernen. Auf diesen Antrag hatte Dorothea nichts erwiedert. Im stummen Schmerz beachtete sie die Zeit nicht, und ihre Angehrigen muten ihr anzeigen, es sei nun Tag und Stunde da, in welcher der sonderbare Freiwerber auftreten wrde. Frau von Halden war als Freundin zugegen. Ein Postzug englischer Pferde sprang vor, ein kostbarer Wagen und Domestiken erschienen. Dorothea war im Gartensaal einer Ohnmacht nahe. Brandenstein trat hochzeitlich geschmckt in der Schnheit des Mannes herein. Und ihr Freund? fragte die Mutter. Nur die theure, geliebte Dorothea ist es, antwortete er, auf diese zueilend: von welcher mein Scherz Verzeihung erflehen mu, ich bin der Amerikaner selbst, jene Herrschaft ist nun endlich mein, und meinem Glcke fehlt nur noch ein Wort von diesem holdseligen Munde. Dorothea blhte auf, sah ihn mit einer Thrne im glnzenden Auge an und reichte ihm ihre Hand. Wir fahren sogleich, meine Theuern, indem er Alle begrte: auf das nchste Gut, welches bisher der Frau von Halden zugehrte: ich habe die Erlaubni zur Trauung, das Haus ist geschmckt, der Geistliche wartet. Nur der Brautkranz ward dem Mdchen in das Haar geheftet, dann stiegen Alle in den Wagen. Der Graf umarmte seine Braut, und drckte den ersten Ku auf ihre Lippen. Durfte ich diese Seligkeit hoffen? sagte er mit Thrnen: mute mir die Liebe dieser reinen Seele begegnen? Dasselbe Kind wird die Freude meines Lebens, welches ich vor Jahren, neben Deinem theuren Vater sitzend, auf den Knieen wiegte? Sieh, hier bist Du in jener Sturmnacht verzweifelnd gewandelt. In demselben Zimmer erwartet uns der Geistliche, in welchem Du damals der Freundin das Bekenntni ablegtest, das mich wie Blitze durchdrang. Dorothea war so glcklich, so vom Schmerz zur Wonne erwacht, da sie nur wenig sprechen konnte. -- Die ganze Provinz ertnte von dem Reichthum des Grafen, von dem wunderbaren Glck des Fruleins, und alle Nachbarn waren Zeugen dieser glcklichen Ehe. Als Alfred sich mit Sophien verlobte, meldete auch der Baron Wilden seine Verbindung mit dem Frulein Erhard. Den Freunden, die sich darber wunderten, antwortete er: Seht, besten Leute, Einsamkeit und Langeweile machen viele Dinge mglich; dazu hat meine Braut viele gute Eigenschaften, und ist viel lustiger geworden, als sie ehemals war. Auch bemht sie sich auerordentlich um meine Bekehrung, und das ist nichts Leichtes, da in meinem fetten Krper meine Seele so viel tiefer liegt, als bei andern Menschen. Ich bin nun auch bald auf meine Weise fromm, sorgt nur dafr, da die Sache hbsch in der Mode bleibt, damit ich nicht wieder einmal, wie ein Krebs, rckwrts gehn mu. Nach einiger Zeit fanden der Baron Wallen und die Baronesse es auch besser, sich durch die Ehe zu verbinden, da er keine der Tchter erhalten konnte, und ihm der Umgang dieser Familie doch unentbehrlich geworden war. Alfred lebte nachher viel im Hause des Grafen, dessen Geschftstrger er war, und noch oft erinnerte sich Brandenstein mit Entzcken, da das Schicksal es ihm gegnnt habe, in seiner Gattin die edle Perle zu finden, die von ihrer ganzen Umgebung und von den nchsten Blutsverwandten so gnzlich verkannt wurde. Die Reisenden. Novelle. Es war an einem schnen Sommernachmittage, als drei junge Mnner in lebhaften Gesprchen im schattigen Lindengange auf- und niederwandelten. Keiner kannte den Andern genau; noch weniger waren sie Freunde: und daher betraf ihre Unterhaltung auch nur unbedeutende Gegenstnde. Doch wurde laut und sogar heftig gesprochen, weil der jngste der Redenden es seinem Charakter und ausgezeichnetem Verstande angemessen hielt, seine Gedanken und Meinungen nicht ruhig, sondern in einem gewissen znkischen und anmaenden Tone vorzutragen, durch welchen er vielleicht seine Gegner eher zum Schweigen zu bringen, wenn auch nicht zu berzeugen glaubte. Sie sind, wie Sie mir gesagt haben, Arzt (so rief er eben jetzt aus), und als ein solcher haben Sie sich seit Jahren gewhnt, das ganze Menschengeschlecht aus dem Gesichtspunkte der Krnklichkeit anzusehen. Wir Gesunden aber werden uns gewi nicht so leicht, Ihrem Metier zu Gefallen, unsre feste Ueberzeugung nehmen lassen. Mein Herr von Wolfsberg, erwiederte der Arzt, von meinem Metier, wie Sie es zu nennen belieben, kann hier gar nicht die Rede seyn. Ja wohl, sagte der dritte Sprechende, welcher der Ruhigste schien. Wie kommen wir denn berhaupt dazu, zu streiten? Wir reden ja nur ber allgemeine Gegenstnde, die unmglich einen von uns persnlich aufreizen knnen. Warum nicht, mein ruhiger Herr Justizrath? rief der Baron noch lebhafter aus; denn gewi knnen wir ber die Leidenschaften nur dann etwas Bedeutendes aussprechen, wenn wir sie im eignen Herzen erfahren haben, und es scheint wohl, da Sie alle Ihre klgelnden Beobachtungen nur aus mittelmigen Bchern schpften. Wenn Sie die Sache schon vorher abgemacht haben, antwortete der ruhige Mann, so thten wir wohl besser, das ganze Gesprch zu schlieen. Es wandelt sich in der anmuthigen Khle gut, sagte der Arzt; ereifern wir uns nicht, gnnen aber dem Herrn _Baron_ diese Motion, die ihm nach dem Mittagsmahle wohl zutrglich seyn mag, da lebhaftere Geister und Temperamente auch im Verlauf des Tages mehr Lebenskraft verbrauchen, als wir brigen. So ist es, erwiederte der Baron mit vieler Selbstgengsamkeit. Und ist es denn wohl anders mit der Liebe, ber welche sich unser Streit anhob? Will ich es denn den sanften, stillen Gemthern zum Vorwurf machen, wenn sie meinen und behaupten, ein einziger Gegenstand knne ihre Seele fr die ganze Lebenszeit ausfllen? Giebt es doch auch Menschen, die nur wenige Gedanken brauchen, noch weniger Bcher; die einen Monat lang sich an einer Flasche Wein vergngen; die bei einem Schmause anderthalb Austern verzehren, und wenn sie in jedem Frhling einen Spaziergang mit der ganzen auferbauten Familie gemacht haben, die Natur dann wieder, wie eine Bude, bis zum knftigen Jahre verschlieen. Lassen wir diese gengsamen Lmmerseelen in ihrer stillen Friedfertigkeit; nur stelle man sie uns nicht als Muster hin, wenn sie sich in grnen Tagen in eine verblate Amarillis vergaffen, und nachher mit erkaltetem Herzen in alberner Treue ihr Leben verwinseln, stolz sind auf diese felsenfeste Tugend, und auf feurige Gemther, auf Herzen, die der Flle und des jugendlichen Wechsels bedrfen, mit moralischer Verachtung hinab blicken wollen. Nach einigen Erwiederungen lie man dies Gesprch fallen, weil es deutlich wurde, da der Edelmann nur sich selbst und seinen Leidenschaften das Wort reden wollte. Wohin gedenken Sie von hier zu reisen? fragte endlich der Arzt. Ich wei es selbst noch so eigentlich nicht, antwortete der Baron: und wenn ich es auch wte, so wrde ich es Ihnen nicht sagen. Warum das? Weil das eben, fuhr jener fort, auch zu meinen Eigenthmlichkeiten gehrt, wehalb mich so viele brgerliche Menschen mit dem Namen Genie verlstern wollen. Wenn ich so recht eigentlich zur Lust reise, so halte ich mir die ganze Welt mit ihren erfreulichen Zufllen offen; ohne Pa, ohne Briefe, ohne Bedienten oder Kutscher, ohne alle die Zugaben, die unser Leben nur belstigen, tauche ich, wie die Schwalbe in die blaue Luft, in die Schnheit der Natur hinein, und hinter mir mu jede Spur, so wie die der Welle im Strome, verschwinden. An einige Huser ist schon im voraus geschrieben, wo ich Gelder finde, wenn ich sie brauche, doch fhre ich so viel mit mir, als ich nthig zu haben glaube. Dient es mir, so wechsle ich auch mit meinem Namen; und so wissen Sie von mir nur so viel, als ich fr gut befunden habe, Ihnen mitzutheilen, und knnen nicht darauf wetten, da der Name, den ich Ihnen genannt habe, mein wirklicher sei. Sie knnen, sagte der Justizrath, auf diese Weise aber neben manchen angenehmen Zufllen auch auf sehr widerwrtige stoen. Jede Verwicklung wird sich doch nur lustig lsen, und wer die Menschen will kennen lernen, sollte durchaus nur in meiner Manier reisen. Der Arzt konnte sich nicht entbrechen, die Frage zu thun: Was nennen Sie Menschenkenntni? Da Sie die meisten Menschen schon vor der Untersuchung fr _Narren_ halten, so lohnt es sich schwerlich der Mhe, sie noch zu beobachten. Zugegeben, rief jener, Sie thten mir nicht so ganz Unrecht; ist denn nicht noch immer an den verschiedenen Modificationen eines und desselben Stoffes zu lernen? Ist es denn nicht auch erhebend und beruhigend, sich selbst an diesem und jenem zu messen? Das scheint mir eben die chte Humanitt, keinen zu verschmhen, und aufzumerken, welche Thorheit wir schon abgelegt haben, welche wohl noch unentwickelt in uns ruht, zu welcher wir keine Anlage spren, warum _wir_ uns fr besser als andere halten drfen, um so in uns hochfahrenden Stolz und kleinmthige Bescheidenheit in das gehrige Gleichgewicht zu setzen. Dann thten Sie aber vielleicht besser, erwiederte der Arzt mit bertriebener Hflichkeit, sich gleich an die wahre Quelle zu begeben, und sich die mhseligen Umwege zu ersparen. Und wo flsse diese? Wie die Englnder, fuhr der Arzt fort, sich in Deutschland gern in Pension geben, um unsere Sprache zu lernen, so sollte ein Kosmopolit, der sich so fr das, was man Narrheit nennt, begeistern kann, geradezu vor die rechte Schmiede gehn, und sich ein Jahr lang in einem gut versehenen Narrenhause als Kostgnger verpflegen lassen. Sie sind ein Arzt! rief der Baron in der grten Erbitterung: man sagt mir, Ihre Reise sei auf diese Anstalten gerichtet, vielleicht um die zu finden, die Ihnen am meisten behagt, und sich dort niederzulassen. -- Er warf noch einen grimmigen Blick, dann eilte er schnell den Lindengang hinunter. Sie haben unsern edeln Unbekannten berrascht, sagte der Justizrath: wir werden seine theuere Gesellschaft darber verlieren. Er ist unertrglich, rief der Arzt aus. Sie haben es selber gehrt, welche Geschichten er von sich an der Wirthstafel erzhlt, wie alle Weiber ihm entgegen kommen, mit welcher Leichtigkeit er Liebschaften anknpft und wieder lst. Gestern vertraute er mir, da er seine Heimath pltzlich verlassen habe, weil ein unglckliches Mdchen gegrndete Ansprche an ihn mache. Die Arme wird nun vielleicht mit einem Kinde ihres Jammers nach ihm aussehn, indessen er sich mit seiner feigen Gewissenlosigkeit wie mit einer Tugend brstet, und nach neuen Schlachtopfern seines verderbten Herzens sucht. Der Justizrath meinte, er sei vielleicht nicht ganz so schlimm, sondern mge wohl zu jener armseligsten Gattung von Prahlern gehren, die sich mit einer Verworfenheit brsten, zu der ihnen doch der Muth ermangle. * * * * * Der junge Baron war indessen zornig ins Feld gelaufen. Er mute sich seine Verdienste in den glnzendsten Farben dicht vor das Auge rcken, um seinen Verdru zu berwinden. Indessen stellte sich bald seine gute Laune wieder ein, besonders durch Aussicht auf ein nahes und freundliches Abenteuer, das seiner Eitelkeit schon im voraus schmeichelte. Auf dem Walle, welchen groe Linden schmckten, hatte er hinter einem Gitterfenster ein schnes blondes Kpfchen, einen blendenden Hals und Nacken bemerkt; schne Augen hatten ihm nachgesehn, ein freundlicher Mund hatte ihn angelchelt, und ein dreister Gru war ihm endlich bei seinem dritten Vorberwandeln entgegen gekommen. Er hatte die Schne auch in der Ferne nicht ganz aus dem Gesichte verloren: er wollte nur die zunehmende Dmmerung und die grere Einsamkeit der Gegend abwarten, um sich ihr zu nhern, Bekanntschaft zu machen, und sie, wenn die Umstnde sich gnstig erwiesen, zu besuchen. Er betrachtete sich selber wohlgefllig und ging mit Behaglichkeit die Scenen seines bunten Lebens durch, indem er sich vornahm, da diese phantastische Reise ihm noch angenehmere Abenteuer zufhren solle. Wieder schaute das Lockenkpfchen durch das Gitter, lchelte, winkte und zeigte sich sehr erfreut, als es den geputzten, schlanken Spaziergnger von Neuem vorbei gaukeln sah. Der Abend nahte schon, die Sonne ging unter. Er benutzte die Einsamkeit, um zu gren, stehn zu bleiben, und mit fragender Geberde auf die Thr zu deuten. Sie nickte und entfernte sich schnell. Er ffnete die Thr und stieg die Treppe hinauf. Sie empfing ihn oben; nur leise, leise! flsterte sie, indem sie ihn in ihr Zimmer fhrte. So viel er in der Dunkelheit unterscheiden konnte, fand er das Gemach zierlich ausgeschmckt; er bemerkte, da seine Fhrerin in Atlas gekleidet war. Liebchen! sagte sie mit leiser Stimme, gedulde dich hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei dir; ich will mich nur putzen und Licht bringen. Aber rhre dich nicht, da meine Feinde dich nicht gewahr werden! Mit diesen Worten ging sie in ein Nebenzimmer. Dem Abenteurer fing an, unheimlich zu Muthe zu werden. Da schlich man leise die Treppe herauf. Er besorgte einen Ueberfall und wute nicht, welchen Entschlu er fassen sollte; doch trat Niemand ein, aber er wurde zu seinem Erstaunen gewahr, da man von auen die Thr verschlo. Als er jetzt von unten eine mnnliche Stimme zu einem andern sagen hrte: er ist drinnen; er kann uns nicht entwischen! so strubten sich ihm die Haare vor Entsetzen. Sein Schauder wurde aber noch vermehrt, als jetzt die Schne mit einer brennenden Wachskerze wieder in das Zimmer trat. Hals und Busen waren fast ganz entblt und schimmerten wie Marmor; ihr Auge strahlte in seltsamem Glanze, ein Diadem von Goldpapier stand auf dem Haupte, groe Glasperlen hingen auf den weien Schultern, Stroh und Blumen rankten sich um den Leib. So schritt sie mit Lachen und wilder Geberde auf den Gengsteten zu, der seine Gedanken noch nicht ordnen konnte, als die andere Thr wieder aufgeschlossen wurde, die rthselhafte Schne mit einem lauten Schrei das Licht fallen lie, und zwei starke Mnner den Verwirrten in der Dunkelheit faten, ihn die Treppe mehr hinunter trugen als fhrten, und ihn unten schnell in einen offen stehenden Wagen warfen. Ehe er noch fragen, sprechen, sich besinnen konnte, war die Thr des Wagens zugeschlagen, und im schnellsten Trabe fuhr dieser mit ihm durch die finstre Nacht ber das Feld davon. * * * * * Am andern Morgen kam der Arzt in Eile und groer Bewegung zum Rathe. Was ist Ihnen? fragte dieser: es mu etwas Auerordentliches begegnet seyn. Theuerster Walther, rief der Arzt aus, unser Beisammensein, mein Aufenthalt wird pltzlich auf die unangenehmste Weise gestrt und unmglich gemacht. Sie haben ja zuweilen einen jungen Menschen in meiner Gesellschaft gesehen, der uns oft genug lstig fiel. Dieses Original, schon einfltig, stumpf und zugleich leidenschaftlich von Natur, durch eine verwahrlosete Erziehung aber vllig zum Thoren gemacht, ist mir von seinem Vater, einem reichen Grafen in Schwaben, in der Hoffnung anvertraut worden, da eine Reise unter meiner Aufsicht ihn vielleicht bessern und von seinem verwirrten Zustande befreien knnte. Ich nahm damals diesen milichen Auftrag sehr ungern ber mich, und wrde mich gar nicht darauf eingelassen haben, htte ich die unzhligen Verdrielichkeiten vorher sehn knnen, die mit demselben verknpft sind. Das htte ich aber niemals vermuthet, da dieses drckende Verhltni mich von Ihnen trennen und meine Freiheit vllig aufheben wrde. Aber wie ist dies mglich geworden? fragte der Rath. Sie sollen es gleich hren, war die Antwort. Nachdem dieser junge Mensch schon tausend Hndel angezettelt, die ich wieder habe schlichten mssen, oft durch Geld, zuweilen mit guten Worten, immer aber auf Unkosten meiner Zeit und guten Laune, hat er es seit gestern Abend fr gut gefunden, sich unsichtbar zu machen. Ich habe schon zu allen Bekannten geschickt, auf der Post Erkundigung eingezogen, in allen Wirthshusern nachgefragt: aber man will nirgend von ihm wissen. Es wrde mir keine groe Sorge machen, wenn er nicht Mittel gefunden htte, Schrank und Schatulle zu ffnen, und hundert Goldstcke, so wie bedeutende Wechsel mitzunehmen; dies berzeugt mich, da er gesonnen ist, seine Bekanntschaft mit mir nicht zu erneuern, so lange diese Summen vorhalten. Ich darf den Thrichten nicht seinem Schicksal berlassen, sondern mu ihn wieder zu finden suchen; dies ndert mein Reiseprojekt. Ungern nur wrde ich ihn in ffentlichen Blttern auffordern und kenntlich machen. Und Sie glauben nicht, fragte der Freund, da er mit diesem Gelde in seine Heimath zurckgekehrt sei? Auf keinen Fall, erwiederte der Arzt; es liegt ihm zu viel daran, frei und ungehindert in der Welt umher zu schwrmen. Seine Leidenschaft ist, allenthalben Hndel anzufangen und in gemeinen Trinkstuben Zank zu erregen; er freut sich dann, einige Stunden auf der Wache zu sitzen, um nachher als Graf Birken ausgelst zu werden. Am schlimmsten aber ist es, da er mit Kammermdchen und Aufwrterinnen Liebeshndel anspinnt und ihnen die Ehe verspricht; und ich mu am meisten frchten, ihn auf diese Weise verheirathet wieder zu finden. Und was denken Sie nun zu thun? Ich mu ihn aufsuchen, und wenn ich ihn in einigen Wochen nicht wieder antreffen sollte, die ganze Sache seinem Vater melden. Ein Diener trat eilig herein, gab dem Rathe einen Brief und entfernte sich wieder. Walther las und wurde nachdenkend. Verweilen Sie noch zwei Tage hier, sagte er endlich, und ich reise vielleicht mit Ihnen. Ich suche ebenfalls einen Verlornen, der mir und seinen Freunden schon seit Jahr und Tag aus dem Gesichte gekommen ist, einen jungen Mann, der Ihrem Entflohenen freilich auch nicht auf das Entfernteste gleicht. Ich glaube jetzt auf seiner Spur zu seyn, und wenn Sie unterdessen den Entsprungenen nicht wieder kommen sehen, oder keine bestimmte Nachricht ber seinen Aufenthalt empfangen, so knnten wir die Reise, die wir uns vorgesetzt hatten, immer noch in Gesellschaft unternehmen. Der Arzt war derselben Meinung, und man versprach sich, am andern Tage eine nhere Abrede zu treffen. * * * * * Der verschlossene Wagen fuhr mit dem jungen Baron die ganze Nacht hindurch fort. Allenthalben waren schon Pferde in Bereitschaft, und da der Mond sehr hell schien, konnte man so schnell, wie bei Tage reisen. In den dicht verhngten Wagen fielen nur wenige Strahlen hinein; doch bemerkte der Entfhrte, da ein Mann an seiner Seite, und ein anderer ihm gegenber sa. Als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, wollte er seinen Gesellschaftern Rede abgewinnen; aber sie beantworteten keine seiner Fragen oder Bemerkungen. Wohin fhrt man mich? rief er endlich in der grten Ungeduld. Ruhe! antwortete der starke Mann, Alles wird sich aufklren. -- Man verkennt mich, man verwechselt mich mit jemand anderm! -- Nichts weniger. -- Was hat man mit mir vor? -- Morgen am Ort Ihrer Bestimmung werden Sie Alles erfahren. Als der Gefangene Miene machte, den Wagen zu ffnen, ergriffen ihn die Unbekannten gewaltig, und der eine rief drohend: keine Umstnde! Finden Sie sich nicht gutwillig, so haben wir das Recht, Sie zu binden und zu knebeln; das geschieht auch bei dem ersten Versuche zu entfliehen, oder wenn Sie jemand Fremdes anreden wollten. Auch kann es Ihnen nichts nutzen; denn wir haben die gemessenste Ordre, die wir vorzeigen knnen, und auf welche uns in jeder Stadt Beistand geleistet werden mu. So fgte sich denn der Entfhrte und sann stillschweigend nach, fr welche Begebenheit seines frhern Lebens ihn etwa dieses Unheil treffen mchte. So in seinen Busen und dessen Geheimnisse eingehend, fand er mehr auf der Rechnung stehen, als er in seinen heitern und zerstreuten Stunden vermuthet hatte. Je lnger er in der stillen Nacht fuhr, je grer wuchs in seiner Erinnerung sein Sndenregister an, und er zitterte vor der Entwicklung seines Schicksals; denn Vestung, lebenslngliche Einkerkerung, ja selbst das Aergste standen vor seiner erregten Phantasie. Er wandte sich von diesen Bildern des Schreckens ab, und suchte sich wieder zu berreden, Alles, was man ihm vorwerfen knne, sei doch nur Jugendthorheit und Leichtsinn. Mit Wehmuth mute er an die hochmthigen Reden gedenken, die er vor Kurzem noch gegen den Arzt gefhrt, und alle seine Zweifel kamen wenigstens darin berein, da jene Handlungen, mit denen er als eben so viel Tugenden und Kraftuerungen geprahlt hatte, doch wohl Snden, oder gelindestens Verirrungen zu nennen wren. So bltterte er in dem dunkeln Buche seines Gewissens hin und her, und nahm sich vor, wenn ihn ein gnstigeres Schicksal aus dieser Bedrngni erlsen sollte, seinen Lebenslauf mit viel mehr Anstand und etwas mehr Weisheit zu fhren. Man fuhr die ganze Nacht und auch den folgenden Tag. Der Gefangene hatte sich fast schon an seinen Zustand gewhnt, und die Furcht, da seine Lage noch viel schlimmer werden knnte, machte, da er die gegenwrtige mit Geduld ertrug. Htte er sich ganz frei und ohne Schuld gewut, so wrde er in seinem Bewutsein Waffen gefunden haben, sich dieser Gewalt zu widersetzen; aber der Zagende bettelte jetzt von jeder Stunde seines Daseins noch eine drftige Erquickung, im Aufschub und in der Verzgerung fand er eine Art von Glck, und verga sogar in manchen Augenblicken, da sich sein Schicksal doch endlich, und wohl bald, entwickeln wrde. Am Abende, als es schon wieder finster ward, kam man an. Durch ein Thor, das sogleich wieder verschlossen wurde, fuhr der Wagen. Man brachte Licht. Ein Schreiben ward von einem der Begleiter hinaus gereicht. Immer neue Gste, immer mehr Geschfte! murrte eine dumpfe, verdrieliche Stimme drauen. Man fuhr in den Hof. Indem man ausstieg, ging einer der Mnner jenem nach, der erst geschmollt hatte, und sagte: Ja, werther Herr Direktor, endlich haben wir ihn Gott Lob! erwischt; fnf Tage hatten wir ihm vergeblich aufgepat. -- War er ruhig? fragte jener. -- Ja, er hat sich so leidlich vernnftig aufgefhrt. Ein paar Mal wollte er nrrisch thun. Je nun, wir sind ja alle Menschen! Das Letzte hrte der Entfhrte nur noch aus der Ferne. Er befand sich schon auf einer groen Treppe, zu welcher ihm zwei Menschen hinauf leuchteten. Ist Numero 18. aufgeschlossen? fragte der eine. Ja! scholl es von oben herab, und zugleich ward der Fremde in ein kleines, behagliches Zimmer hinein geschoben, in welchem Sthle, Tische, ein Bett und Sopha sich befanden. Lichter wurden hingestellt, und ein freundlicher Mann trug eine Abendmahlzeit auf. Herr Friedrich, sagte der eine Diener, Sie haben doch nichts vergessen? -- Gewi nicht, antwortete der kleine Mann; Alles ist schon mit dem Direktor abgemacht. Man lie den Fremden allein. Da er hungrig war, a er mit groem Behagen; nur vermite er ungern den Wein, doch lie ihn der Durst das Wasser schmackhafter finden, als er es unter andern Umstnden fr mglich gehalten htte. Er ffnete das Fenster. Eisenstbe verwahrten es; doch blickte er im Mondlicht ber eine reiche und mannigfaltige Landschaft hin. Die Thr fand er verschlossen. Als man den Tisch wieder abgerumt hatte, legte er sich nieder, und schlief auf die Anstrengung des Krpers und Geistes ruhig und lange. Nach dem Frhstck wurde die Thr mit einigen Ceremonien geffnet, und ein starker, untersetzter Mann mit finsterer Miene und braunem Gesicht trat herein, dessen grollende Stimme er sogleich fr diejenige erkannte, die er schon gestern Abend gehrt hatte. Der finstere Mann warf einen durchdringenden, festen Blick auf ihn, und der Baron, der sich am Morgen eine lange, wohlgesetzte Rede ausgesonnen hatte, um seine Unschuld und das Miverstndni, das ber ihm schweben msse, aus einander zu setzen, wurde so verwirrt und bengstigt, da er jedes Wort verga und nur wnschte, diesen Besuch erst wieder los zu seyn. Haben Sie gut geschlafen? fragte der verdrieliche Mann. Besser, als ich denken konnte, da ich so pltzlich -- Lassen wir das! Haben Sie mit Appetit gefrhstckt? O ja -- nur wnschte ich das Miverstndni, den Irrthum schnell aufzuklren; da man mich gewi fr einen andern hlt. Wir kennen Sie, junger Herr, besser, als Sie vielleicht glauben. Besser? sagte der junge Mann, und wurde roth und von Neuem verwirrt. Man hat mich um meinen Namen hier noch nicht gefragt! Ist auch gar nicht nthig. Wir wollen keine Rollen mit einander spielen. Rollen? Wie meinen Sie das? Wie man so was meint. Sie sollen sich nicht verstellen, Sie sollen nicht hoffen, da Sie mich hintergehen knnen. Wenn ich Ihnen aber so ganz bekannt bin -- so sagen Sie mir wenigstens, -- wo befinde ich mich? Ich bin vielleicht zwanzig Meilen gereist, ohne zu wissen wohin. Lassen wir das noch jetzt, dergleichen mu Ihnen frs Erste noch ganz gleichgltig seyn. Die Forderung ist mehr als sonderbar. Bester junger Mann, sagte der Alte, um alle diese uerlichen Zuflligkeiten mssen Sie sich jetzt gar nicht ngstigen. Es wird eine Zeit kommen, in der Ihnen Alles klar aufgeht. Und welch Schicksal erwartet mich? Das wird ganz von Ihrem Betragen abhngen! Sind Sie sanft und ruhig, so wird Ihnen kein Mensch etwas in den Weg legen; knnen Sie es ber sich gewinnen, vernnftig zu seyn, wenn es Ihnen auch im Anfange etwas schwer ankommen sollte, so wird man Ihnen alle Achtung bezeigen, die Sie erwarten knnen, und es liegt in Ihrer Hand, wie frh oder spt Sie Ihre Freiheit wieder erhalten werden. In meiner Hand? fragte der Gefangene, indem er seine Hnde betrachtete. Dummheit und kein Ende! fuhr der Alte ungeduldig heraus, ich dachte es wohl, da der Diskurs nicht lange auf der geraden Strae bleiben wrde. Figrlich gesprochen, junger Herr! Wie Sie sich benehmen, so wird man sich wieder gegen Sie benehmen; vielleicht sind Sie in Jahr und Tag wieder auf freien Fen: das heit, Jngling, (damit Sie nicht wieder querfeldein fragen) wenn Ihre Beine wieder frei sind, wird hoffentlich das brige Zubehr, sogar der Kopf wieder mitlaufen drfen. Und was befiehlt man, fragte der Baron, das ich vorstellen soll? Wie soll mein Name heien? Denn es scheint, da hier ein strenges Regiment obwaltet, dem man sich fgen mu. Nur keine Qungeleien! rief der alte Mann; machen Sie nicht, da ich hrter seyn mu, als ich von Natur bin; denn das ist mein Elend, da der Teufel mir so ein breiweiches Herz eingesetzt hat, da ich eigentlich ein altes Weib htte werden mssen. Nun, lieber Herr Graf, wir werden uns schon noch verstehen lernen. Graf? rief der Baron; also doch wenigstens eine Standeserhhung. -- Er war nach diesem Worte pltzlich viel heitrer geworden; die Beklemmung, die ihn drckte, schien ziemlich verschwunden. Ja, Graf, nicht anders, fuhr der Alte fort; ja, mein junger Herr, man wei hier mehr von Ihnen, als Sie begreifen knnen. Nur noch eine Frage, dann will ich schweigen, sagte der Baron. -- Bin ich etwa hier, wegen des Verhltnisses, das vor zwei Jahren die Baronesse -- Still! rief zornig der Alte; das ist es ja eben; an Liebe mssen Sie hier gar nicht denken, so wie Sie auf diese Passion gerathen, mssen gleich Anstalten getroffen werden; weder Baronesse, noch Grfin, noch Frulein, selbst das Wort Frauenzimmer mu nicht von Ihren Lippen gehrt werden! Nun geben Sie mir die Hand, da ich Sie noch einmal bewillkomme. Ich hoffe also, Sie werden uns keine Schande machen. Er hielt die Hand des Barons lange in der seinigen eingeschlossen, drckte sie, schob seine Finger hinauf, fast als wenn er den Puls fhlen wollte, sah dem jungen Mann noch einmal scharf in die Augen, und entfernte sich dann schnell nach dieser sonderbaren Begrung. Nach einiger Zeit erschien der kleine freundliche Mann, den man den Herrn Friedrich nannte. Nun, sagte dieser, es ist ja gut abgelaufen; unser melancholischer Gebieter ist ja mit Ihnen zufrieden, er meint, es wrde schon werden. Aber, wo bin ich nur? fragte der Baron. Der Kleine legte mit einer sehr listigen Miene den Finger auf den Mund, kruselte die Lippen, zog die schmalen Schultern bis zu den Ohren, und sagte dann ganz leise: so lange Sie noch blo auf Ihr Zimmer eingeschrnkt sind, darf ich nichts Bestimmtes mit Ihnen sprechen; aber wenn Sie erst einmal herunter gekommen sind, dann wird Ihnen nichts mehr Geheimni bleiben. Wer sind Sie, fragte der Baron eifrig, und wer ist der Mann, der mich heute besuchte? Nichts! nichts! rief der Kleine; sehn Sie, Verehrter, wir sind Alle ohne Ausnahme nur das, was unser gestrenger Herr uns befiehlt zu seyn. Hat er doch nun die Macht einmal; woher er sie hat, das wei der Himmel wohl am besten, der sie ihm verlieh. Sehn Sie, er ist sehr hypochondrisch, und fast niemals vergngt, und darum verlangt er, Alles im Hause solle auch ehrbar und fromm zugehn. Eine unbillige Forderung. Ich gelte aber doch viel bei ihm, und er meint, ich htte Gaben. Nun haben Sie gleich beim Eintritt durch Ihr feines vornehmes Wesen mein ganzes Herz gewonnen, -- Sie sehn einem groen Feldherrn so hnlich, den ich einmal gekannt habe; aber ich bin doch zu schwach, Ihnen zu helfen. Wie so, zu schwach? Betrachten Sie nur selbst meine Schultern, wie schmal, flsterte der kleine Mann. Ja, wenn ich mehr heben und arbeiten knnte; wenn ich mich nicht immer so schonen mte; wenn ich mir mehr bieten drfte, so wre mein Schicksal wohl ein ganz anderes, als hier im Hause herum zu kriechen. Er entfernte sich, um dem Fremden das Mittagsessen zu holen, verschlo aber sorgfltig indessen die Thr. * * * * * Der Rath Walther hatte den Arzt wieder aufgesucht, um ber den Plan ihrer gemeinschaftlichen Reise zu sprechen. Der Doctor hatte von seinem entlaufenen Zgling noch keine Nachrichten; er war jetzt neugierig, was sein Freund, dem er sich immer enger anschlo, ihm wrde zu erffnen haben. Vielleicht, fing dieser an, sehe ich schon in einigen Tagen einen Jngling wieder, dem ich seit vielen Jahren schon, seit ich ihn als Knaben kennen lernte und aufwachsen sah, meine Freundschaft, ja mein ganzes Herz schenken mute. Alle unsere Bcher sind voll von Schilderungen der sogenannten Liebe; genau sind alle ihre Kennzeichen beschrieben, die Steigerungen, so wie die Verirrungen dieser Leidenschaft nachgewiesen, und von der _Freundschaft_, die eben so wundersam, zuweilen noch seltsamer erscheinen kann, wird kaum gesprochen, oder man setzt sie voraus, und meint, sie zu schildern, sei ohne Interesse. Wenn Alle zu _lieben_ glauben, ist es vielleicht nur Wenigen gegeben, im wahren Sinne _Freund_ zu seyn. Ich habe mich frh und ohne Leidenschaft verheirathet, und bin glcklich in meiner Familie. Aber von frhster Jugend habe ich das Talent in mir ausgebildet, Freund seyn zu knnen, mich dem geliebten Gegenstande hinzugeben, seine Eigenheiten, Schwchen und Vortrefflichkeiten zu erkennen, mich zu berzeugen, wie bei den verdienstvollen Menschen die einen nicht ohne die andern seyn knnen, und alle Liebe ohne gegenseitiges Ertragen nicht mglich ist. Doch, um nicht zu weitluftig zu werden, sage ich nur, da es mir gelang, viele und sehr verschiedene Freunde zu erwerben; doch hatte ich noch nie das seltsame Gefhl kennen lernen, das mich zu einem Knaben hinzog, der in unsrer Familie aufwuchs und ein entfernter Verwandter von mir war. Er hatte nichts mit andern Kindern seines Alters gemein; er nahm an ihren Spielen nicht Theil; er sonderte sich ab, und lebte, seine Lehrstunden abgerechnet, ganz einer trumenden Einsamkeit hingegeben. Da der junge Mensch schon frh seine Aeltern verloren hatte, so war sein Vormund, ein liebevoller Oheim, sehr um ihn besorgt. Fragte man Raimund, so hie der Knabe, was ihm fehle, so antwortete er immer, ihm sei in der Einsamkeit unendlich wohl; ihn stre das Gerusch der Welt, er sinne sich und seinen Empfindungen nach. Hauptschlich schien ihn eine Wehmuth ber das Elend der Welt, ber ihre Armuth und Krankheit zu durchdringen, vorzglich ber die Feindschaft und den Ha, den er so oft wahrnehmen mute. Der Vormund wnschte, ihn zum Geschftsmann heranzubilden, oder ihm doch die Fhigkeit zu verschaffen, das groe Vermgen, das er fr ihn bewahrte, knftig selbst verwalten zu knnen. Die Bemhungen aber, den Weichgestimmten mit den Verhltnissen der Welt bekannt zu machen, schienen immer vergeblich; denn so leichte Fassungsgabe sein feiner Geist sonst verrieth; wie er in Poesie, Musik und Natur Alles begriff, und sich das Schwierigste aneignen konnte; so schien ihm doch der Sinn fr gesetzliche Verhltnisse, fr alles das, was Besitz und Eigenthum sichert, fr juristische Verwickelungen, Berechnungen und dergleichen, gnzlich verschlossen. Begriff er doch gar nicht einmal, wie es mglich sei, da seine Capitalien Zinsen trgen. Er hielt dies, als er selbst schon erwachsen war, fr ein Ergebni, welches nur auf Betrug gegrndet seyn knne. Als Jngling war er die lieblichste Erscheinung. Wir verhrten uns gewhnlich, und wohl mit Recht, gegen die Sentimentalitt; weil dasjenige, was die Menge so nennt und schwache Gemther interessirt, nur eine Mischung von Heuchelei und falscher Sigkeit ist, eine egoistische Zartheit, die gerade da verletzt und roh tyrannisirt, wo sie Liebe und Weichheit zeigen sollte. Aber in Raimund offenbarte sich etwas Himmlisches verkrpert, und die naivste Wahrheit, die edelste Treue und Einfalt bildeten sein Wesen. Ich konnte oft in Gedanken beklagen, da er spterhin doch zum Manne reifen und diese Wunderblume sich in Frucht verwandeln msse. Er blieb immer menschenscheu; am meisten aber ngsteten ihn die schwatzenden und lachenden Mdchengesellschaften. Die meisten Menschen verspotteten ihn; ich allein verstand sein liebendes Gemth; doch zitterte ich auch fr ihn, wenn ich voraus dachte, wie ihm wohl einmal ein gleich gestimmtes weibliches Wesen begegnen knne. Dies geschah, und die Folgen waren erschreckender, als ich vermuthen konnte. Die schngebildete Tochter eines reichen Hauses, schwrmerisch und scheu, lernte ihn kennen. Als wren die beiden Wesen nur fr einander geschaffen, so schnell verstanden und vereinigten sie sich. Was ihr Glck strte, war der Oheim, obgleich er seinen Neffen so innig liebte. Er schien der Ueberzeugung, da diese Leidenschaft nur zu Beider Unglck ausschlagen knne; er verweigerte durchaus seine Einwilligung zu ihrer Verbindung, bis Raimund grojhrig geworden sei. Dieser hrmte sich und sann und trumte nur Unglck. Blanka weinte; ihr Gram zog ihr ein Nervenfieber zu. Nun schien auch Raimund verloren. Er irrte in den Nchten im Felde umher, er verschmhte fast alle Nahrung, er wollte nur seinem Schmerze leben und sterben. Als sie die gefhrliche Krise berstanden hatte, erlaubte sich ein Bedienter den grausamen Scherz, um ihn desto freudiger zu berraschen, ihm zu sagen, Blanka sei gestorben. Der Widerruf kam zu spt; sein ganzes Leben schien aus allen Fugen gerissen. Es whrte nicht lange, so war er verschwunden; jede Nachfrage, jede Nachforschung umsonst. Sein Oheim, der Freiherr Eberhard ist auer sich; nun erst zeigt er, wie sehr er seinen Neffen geliebt; er macht sich die bittersten Vorwrfe, da er jene Verbindung gehindert; er zgert noch immer, als der nchste Erbe, das Vermgen des Unglcklichen als das seinige zu betrachten; er hofft noch immer auf seine Rckkehr, und beweint ihn doch schon als einen Verlornen. Blanka war seitdem in einem frchterlichen Zustande, ich habe sie nicht wieder gesehn; ihre Aeltern verlieen die Stadt, und ein ungewisses Gercht wollte sagen, sie habe den Verstand verloren. Denken Sie nun die Freude, die mir der Brief machen mute, der mir eine wahrscheinliche Spur meines jungen Freundes entdeckt. Wie werde ich den Oheim berraschen, wenn ich ihm etwas Gewisses melden kann! Der Arzt war nachdenkend. Eberhard, -- sagte er sinnend, -- ein Mann bei Jahren, zwei ungleiche Augenbraunen, und eben so ein braunes und ein blaues Auge? Auch schwebt mir dunkel vor, als habe ich aus seinem Munde selbst die Geschichte, die Sie mir jetzt mittheilen, gehrt; nur erzhlte er die Umstnde anders. Ihre Beschreibung pat auf ihn, sagte der Rath; er ist von der Natur so sonderbar gezeichnet, da man ihn nicht leicht verkennen kann. Wie seltsam, fuhr der Arzt fort; wenn es dieser seyn sollte! -- Er spielte in meiner Vaterstadt eine wunderliche Rolle, und bewarb sich noch ganz krzlich um eine Schauspielerin, die nicht den besten Ruf hatte. Dann ist es dieser doch nicht, sagte der Rath; er lebt einsam, eingezogen, ja neigt eher zu einer bertriebenen Frmmigkeit hin. Man kam dahin berein, am folgenden Tage abzureisen; denn im Dorfe eines einsamen Gebirges sollte der Jngling, von dem der Rath Nachricht erhalten hatte, im Hause eines Predigers leben. * * * * * Es war einige Zeit verflossen, in der sich der junge Wolfsberg an seinen Aufenthalt und seine Lage gewhnt hatte, und da er sich immer ruhig betragen, so trat eines Tages sein Freund, der kleine Friedrich, in sein Gemach, that einen kurzen Sprung, zuckte die Schultern, verzog sein blasses Gesicht zum Grinsen und sagte: jetzt werden Sie einer von den unsern; der Alte schickt mich, Sie mchten in den Gesellschaftssaal hinunter kommen. Sind viele Leute dort? fragte der Baron. Je nun, eine hbsche Gesellschaft; bald mehr, bald weniger; mancher reiset dann auch wieder ab, und so habe ich vorige Woche einen meiner besten Freunde auf der Welt verloren. Sie traten in den untern groen Saal, und Wolfsberg, der so lange in der Einsamkeit und im kleinen Zimmer gelebt hatte, war so vom Licht, von der Gesellschaft und dem weiten Blicke ber die Ebne und das Waldgebirge hin geblendet, da er sich nur schwer fassen konnte, und einige Zeit brauchte, um sich mit allen diesen Gegenstnden, vorzglich aber mit den Menschen in dem groen Gemache bekannt zu machen. Der Direktor ging mit groen Schritten auf und nieder, noch finstrer, als er gewhnlich war; er schien nur seinen Gedanken nachzuhngen, und sich um die Gesellschaft nicht zu kmmern. Er bemerkte auch den Eintretenden nicht, und erwiederte nichts auf dessen Gru. Zwei Mnner spielten mit groer Anstrengung und gespannten Mienen Schach; in einer Ecke las ein Andrer in einem Buche, lchelte zuweilen, oder schttelte den Kopf, machte auch zuweilen Geberden der Billigung, so da er vllig mit seinem Autor beschftigt schien. Auf einem Lehnstuhle war ein Mann eingeschlafen, der durch sein rothes Kleid auffiel; noch mehr dadurch, da sein Kopf von einem groen dreieckigen Hute bedeckt war. Starr nach dem Himmel und dessen Wolken war der Blick eines Andern gerichtet, der einen Maastab in der Hand hielt, dessen Zolle er dann immer wieder von Neuem berzhlte. Drei seltsame Gesichter standen abseits, und stritten lebhaft. Der eine von diesen Mnnern war sehr beleibt; sein Kopf aufgedunsen, die Augen waren fast verschwollen, er krchzte mehr, als er sprach, und stach um so mehr gegen seinen schmalen langen Nachbar ab, dessen Gesicht so drr und bleich erschien, da man kaum noch Lippen darauf wahrnahm, indem die groen blauen Augen aber desto auffallender hervor leuchteten. Der dritte Redner lachte bestndig mit seinem groen, aufgeworfenen Munde, und zerrte die wundersamsten Linien in seine kupfrigen Wangen hinein. Wolfsberg sah sich um, von seinem getreuen Friedrich Einiges ber diese sonderbare Versammlung zu erfahren; dieser aber war verschwunden, und er mute also selbst Bekanntschaft zu machen suchen. Er nherte sich den Schachspielern, und sah beim ersten Blick, da beide Knige im Schach standen, ohne da es die Streitenden trotz ihrer angestrengten Aufmerksamkeit bemerkten; aber seine Verwunderung stieg noch mehr, als man den weien Thurm nahm, ihn schrg ber das Brett zog, mit ihm einen Lufer schlug, und ihn darauf neben den Knig stellte. Der braune Knig retirirte nun behende als Springer, und ein weier Springer nahm mit einem Satz im Zickzack drei Bauern zugleich weg. Wie, meine Herren, rief Wolfsberg aus, Sie spielen ja ganz gegen die ersten Regeln! Was? rief der eine tiefsinnig vom Brett aufsehend; sehn Sie einmal, durchlauchtiger Kriegsgefhrte, der Neuling will uns wohl Schach spielen lehren? -- Nehmen Sie es dem Grnling nicht bel, erhabener Mann, antwortete die andere Figur: er ist augenscheinlich nicht in die Geheimnisse des Cosroes und die alte orientalische Spielweise eingeweiht; er wei es ja nicht, da Sie einer der Urindianer sind, groer Geist, und will nun seine Fibelweisheit hier scheinen lassen. Wissen Sie, junger Abendlnder, Vandal, oder Gothe, vielleicht Slave, -- man spielt hier nicht mit Brett und Schritt und Sprung, wie in den Westlndern; unser freier Geist erkennt weder die conventionelle Wrde des Knigs, noch den niedern Rang der Bauern, sondern wir spielen nach Sympathie, in jenem Geist, der alle Welten nach unsichtbaren Gesetzen zusammenhlt! In jeder Nacht hat mein Freund eine neue Inspiration, am folgenden Tage bin _ich_ inspirirt; dann errth der andre durch hochgetriebenen Instinkt, welch neues System sein Mitspieler ersonnen hat und geht in seine Mysterien ein. Das ist gar eine andre Vielseitigkeit, als das moderne Hin- und Herrutschen der Figuren. Das ist freilich eine andre Sache, sagte Wolfsberg, indem er sich zurck zog. Er nherte sich dem Lesenden, sah aber zu seinem Erstaunen, da dieser das Buch verkehrt hielt, und rckwrts die Bltter umschlug. Wie, mein Herr, sagte er hflich, sind Sie so zerstreut, da Sie nicht bemerken, wie man auf diese Art nicht lesen kann? Oder sind Sie der Kunst etwa gar nicht mchtig? -- Der Lesende stand schnell auf, machte ihm eine sehr tiefe Verbeugung, sah ihn an, beugte sich noch tiefer, und sprach dann mit einer lispelnden Stimme und mit berhflichem Tone: geruhen dieselben gtigst zu bemerken, mein verehrter Herr Unbekannter, da es denenselben gefllt, sich wie ein wahrer Einfaltspinsel auszudrcken. Nicht etwa, da ich in Ihre eben so tiefen, als ausdrcklichen Einsichten einen Zweifel setzen wollte (fern sei von mir ein solcher Frevel!), so scheint es mir doch einleuchtend (mchte ich Sie auch brigens anbeten), da Sie mit der crassesten Ignoranz ber eine Wissenschaft sich uern, die freilich Ihrem elenden, kurzen, stmperhaften Horizonte weit entwachsen ist. Was? Weil ich etwa nicht von vorn lese, oder das Buch verkehrt halte, darum knnte ich nicht lesen? Ja, und wenn ich nun selber keinen Buchstaben wte, armer Hergelaufener, und ich nhme das Buch nur mit Glauben und Andacht in die Hand, knnte es nicht auch in mich bergehen? Habt Ihr denn wohl schon oft lesend gelesen, und verstehend verstanden? Ja, Druckerschwrze und die krausen Figuren sind Euch in die Augen, Geruch von Leim und Papier in die Nase gekruselt, und dazu habt Ihr eine Physiognomie geschnitten, wie Schafe beim Gewitter, und meint alsdann, Ihr habt Weisheit in Euch geschlrft, oder seid Eurem berhmten Autor gar noch ber den Kopf gewachsen! Bester Nichtdenker, verehrter Strohkopf, ich war seit Jahren Recensent, thtig und einsichtsvoll, gewhnte mich ans Blttern und hatte immer um so mehr Urtheil, um so weniger ich las; ich brachte es zu der Hhe, da ich kaum den Titel anzusehn brauchte, nur, wo verlegt, so hatt' ich das ganze Buch weg. Ist das etwa keine Kunst? Seit ich mich in diese Einsamkeit zurck gezogen, habe ich, weil ich ein demthiger Charakter bin, wieder zu lesen angefangen; aber warum denn von vorn? Das _Ende_ ist mein Anfang, und da ich mich lngst gebt habe, die Schrift umgekehrt zu erkennen, so wre es mir nun gar nicht mehr mglich, auf Eure dumme, hirnlose, vllig altfrnkische Art die Sache zu treiben. Und wo ist denn der Anfang, der anfinge, Ihr Gimpel? Setzt nicht das erste Verslein im Mose schon einen andern Anfang voraus? Und wenn wir den fnden, wiese er dann nicht wieder auf ein Voriges? O Ihr Bettelmann der Gegenwart und Drftigkeit! ein Ende giebt es; ja in Eurem Verstande; mit dem seid Ihr lngst zu Ende! -- Er verbeugte sich hierauf wieder sehr tief und beschlo: Verzeihung, Verehrtester und Einsichtsvollster aller Trefflichen, wenn ich, so tief ich auch unter Ihnen stehe, nur durch ein geringes Scherflein habe andeuten wollen, wie sehr ich mich bestrebe, Ihre Meinung zu fassen, und gewi nicht wagen werde, Ihnen irgend in Hauptansichten zu widersprechen, sondern nur submissest einige kleine Zweifel, welche die Bitte um Belehrung enthalten, entgegen zu schtten, und dadurch nur Veranlassung gebe, noch tiefer Ihr tiefes Ingenium und noch klarer Ihren klaren Geist, noch glnzender die Glanz-Atmosphre Ihres Wissens, Denkens, zu entwickeln, -- und ^enfin^, excellenter Mann, ich verstumme. Heiliger Himmel! rief Wolfsberg mit Entsetzen aus, denn er erkannte nun erst, indem er noch einen hastigen Blick auf alle Gruppen warf, wo er sich befinde, -- ich bin in einem _Narrenhaus_! Wer hat die Unverschmtheit gehabt, mich hieher zu versetzen? Bei diesem lauten Ausruf und dem Worte Narrenhaus wurden pltzlich alle Thoren aus ihren stillen Gesprchen und Speculationen aufgeschreckt. Der Beobachter lie seinen Maastab fallen und rannte herbei; der Aufgedunsene, der Bleiche, so wie der Kupferfarbene liefen schreiend herzu; die Schachspieler sprangen auf; der Lesende machte ein grimmiges Gesicht, und der schlafende Rothrock erwachte, indem er zugleich eine kleine Peitsche aus dem Busen zog. Was? Wie? schrieen Alle und tobten durch einander -- ein Narrenhaus? Herr! Wissen Sie, was Sie sprechen? Er wird auch nicht fr die Langeweile hier seyn, sagte der groe krftige Mann im rothen Rock, und er darf mir nicht viel gute Worte geben, so lasse ich ihn hier, so wie meine Pygmen, tanzen, bis die bsen Geister aus ihm gefahren sind. Und wo sollten Sie denn sonst seyn, lieber Mann, schrie der Direktor zornig, der den verwirrten Haufen theilte und jeden zur Ruhe verwies; wenn Sie sich aber so auffhren und sich in Gesellschaft nicht zu nehmen wissen, so werden wir Sie wieder auf Ihr kleines Stbchen einquartiren mssen. Dies Wort zu nennen, was Sie gebrauchen, schickt sich in diesem Hause gar nicht, und schon aus Achtung vor mir mssen Sie es vermeiden! Und wer Sie hieher gesandt hat? Mnner, denen Sie nicht verweigern werden, Gehorsam und Ehrfurcht zu bezeigen! Wolfsberg war still und nachdenkend geworden, und der Rothgekleidete rief: hab' ichs nicht gesagt? indem er zugleich die kleine Peitsche nahm und eifrig gegen alle Wnde des Saales schlug, bis er auer Athem und ganz kraftlos war. Der Director wandte sich unwillig ab, und als der Ermdete sich wieder in seinen Sessel geworfen hatte, trat Wolfsberg zu diesem und fragte: was machten Sie eben, und was hat diese Anstrengung zu bedeuten? Was? rief Herr Kranich aus (denn so nannten ihn die Uebrigen), Herr, wenn ich nicht wre und die Augen immer offen htte, so wren Sie und alle Uebrigen hier verloren; ja, ich mchte wohl wissen, was von der Welt sonderlich brig bleiben wrde. Sie sehn es nicht, wie diese verdammten Pygmen, kleine bse Geister, mich allenthalben verfolgen, Gesichter schneiden, und alles Uebel auf Erden anrichten. Von diesen rhrt auch Ihre Verstockung her, da Sie nicht einsehn wollen, was an Ihnen ist; von diesen kleinen Creaturen entspringt alles Unglck, und ich mu sie unaufhrlich bewachen, um nur zu verhten, da sie nicht das Aergste ausben. So war Alles wieder beruhigt, als man einen Landedelmann mit seiner Familie anmeldete, die sich das Haus betrachten wollten. Ein ltlicher Mann trat lchelnd herein und sah sich selbstgengsam um; ihm folgte eine erwachsene Tochter, blde und einfltig, und ein ebenfalls erwachsener Sohn, der sich gleich das Ansehn gab, als wenn er hier zu Hause gehre. Der Director fuhr sogleich barsch auf sie zu, und fragte heftig, was zu ihrem Befehle sei. Gott bewahre! stammelte der Edelmann, indem er scheu zurck trat; ist denn hier kein andrer ruhiger Mann, der uns herumfhren, und die Merkwrdigkeiten zeigen kann? Der Director sammelte sich wieder und sagte in sanftem Tone, da er selbst der Vorsteher dieser Anstalt sei, und da er sich ihm und dem kleinen Friedrich, der sich unterdessen wieder herbei gemacht hatte, getrost anvertrauen knne. Sie gingen hierauf friedlich durch den Saal, ergtzten sich an der Aussicht und betrachteten die Gesellschaft aus der Ferne, als sich der Kupferfarbene herbei machte und um die Erlaubni bat, etwas vorzutragen. Meine beiden trefflichen Schler, fing er an, mchten heute einen poetischen Wettstreit halten, wie er bei den alten Griechen wohl blich war, und es trifft sich gut, da einige Fremde, als ganz unbefangene Zuhrer zugegen seyn knnen, um ber die Verdienste meiner begeisterten Scholaren nach reifer Prfung ein Urtheil zu fllen. Er winkte, und der lange Blasse, so wie der Beleibte mit dem verschwollenen Gesichte nherten sich. Die Uebrigen schlossen einen Kreis; der Lesende drngte sich am nchsten, und der Pygmenbekmpfer sah kritisch umher, ob auch keine bsen Geister die poetische Unterhaltung stren mchten. Der Mann mit der Kupfernase wandte sich hierauf an den Edelmann, den er freundlich bei der Hand nahm und ihm die Tressen seines grnen Kleides streichelte. Englischer Mann, sagte er zrtlich, verstehen Sie wohl Galimathias zu sprechen? Nein, sagte jener; was ist das fr eine Sprache? Schade, fuhr jener fort; da werden Sie es nur halb genieen knnen, denn etwas wenigstens sollten sich wohl alle Menschen damit befassen. Es ist zu verwundern, wie wenig wir immer noch auf unsre eigentliche Ausbildung wenden. Tretet zuerst vor, mein theurer Freund und Schler, wrdiger Troubadour und Meistersnger! Der Aufgeschwollene rusperte sich, athmete tief auf und sprach dann schnell, aber mit einer krhenden Stimme: Sind wir nicht alle innigst von dem Gefhle durchdrungen, da, wenn eine Krebsmoral erst an der tiefsten Wurzel der Menschenschicksale nagt, kein einziges Schaalthier mehr auf den Hhen der Gebirge wird gefunden werden? Gewi, meine Theuersten, schlgt jeder mit erneuertem Mannsgefhl auf seine Brust, wenn er bedenkt, da bei dem siderischen Einflu, den jede Theemaschine auf die Verflechtung innerer Organe und Inspirationen unbedenklich ausstrmt, die alten Germanen nimmermehr ihren Wodansdienst ohne Hlfsleistung abnormer Zustnde und tief empfundener mikroskopischer Ansichten wrden haben durchsetzen knnen. Denn hier kommt es ja nicht auf ein oberflchliches, leichtgewagtes Entdecken vulkanischer Revolutionen an; sondern die Menschheit selbst ruft das in uns auf, was schon im Anbeginn der Zeiten reif und heterodox, aber im galvanischen Mittelpunkt unendlicher Verschlossenheit, tief und geheimnivoll gebrtet hat. War es denn nicht auch damals dieselbe groe Schicksalskatastrophe und Weltumschwungsaxiomatische Wunderbegebenheit, als dasjenige, was man bis dahin nur fr orkanische Centripetalkraft abgewogen hatte, sich pltzlich als das ungeheure Ixionsrad schwrmerischer Antidiluvianer manifestirte? So merken wir, ist unsre Seele anders nicht vllig aphoristisch gebildet, und im Mausoleum hyrkanischer Waldgtter anticipirt worden, da umgekehrte Verhltnisse sich immer wieder zu Kegelausschnitten gestalten, wenn die Galaxie der Planeten sich in ekliptische Rodomantaden verwandeln mchte. Aber festhalten mssen wir einen Gedanken, da die Hieroglyphen immer nur wieder Apostrophen ausgebren knnen, wenn wir nicht mit den conglomerirten Gnostikern annehmen wollen, da die Hypotenuse der Polarvlker immer wieder in die materiellste Abstraction der eleusinischen Pyrrichien verfallen mte, an welchem Irrthum auch schon der berhmte Johann Ballhorn in seinem groen granitgebundenen Werke vom Phlogiston der Polypenkrater verstorben ist, da er ein Apostem der groen alchemistischen Tinktur mit den rauschenden Katarakten der Amathontischen Apodiktik mehr als ihm billig zugegeben werden konnte, verwechselt hat. So hoffe ich denn bewiesen zu haben, da immer und ewig das groe Geheimni der peloponnesischen Antithese klar und verstndlich ist ausgesprochen worden. Gewi! sagte der Edelmann. Sublim! rief der Leser aus. Ein Beifallsmurmeln ertnte aus der dichtgedrngten Umgebung. Nun, Grge, was meinst du? fragte der Edelmann, indem er sich an seinen Sohn wandte, der mit starren Augen und offnem Munde zugehrt hatte. Ich wollte nur, antwortete Grge, unser Herr Pastor wre hier, der den Mann vielleicht widerlegen knnte; denn seine Reden klingen fast eben so. Nun hre man aber auch, rief der Kupferne, meinen zweiten Zgling, den edeln, sanften Musenliebling. Die lange, hagre Gestalt trat hervor und klagte in einem weinenden, schnell singenden Tone also: Ist nicht die Liebe und immer nur wieder die Liebe das hoch erhabne athletische Bildwerk der chten attischen Hybla-akademischen, sfltenden Nachtigallen-Atmosphre? Wer mchte sich der Thrnen enthalten, wenn flutende Herzenslustren im Umschwung der zartesten Cicaden-Gesinnung nicht endlich einmal zur Vollendung einer umarmenden Schicksals-Apotheose hinstreben sollen? Denn das Bildwerk liebender Gestirne ist ja doch nur ein Abglanz huslicher und mattherzig rhrender Sarkophag-Mumien-Attribute; vorausgesetzt, das fromme kindliche Gemth hat sich schon in eine Phalne von trumerischen Allegorieen verwandelt, und ist die ganze sublunarische Etymologie der peripatetischen, eben so groartigen, als herzergreifenden Sylbenstechereien uralter Religionsentzndungen durchgegangen. Fragt sich einzig nur: hat ein kryptogamisches Pfeifergericht von enggetriebenen Bildwerken nicht immerdar den Blumenstaub somnambulistischer Zustnde auf hydraulische Weise mit Prophetenencyklopdieen vorher verkndigt? worauf die mathematische Antwort lautet: so gewi der Umkreis der Welt einzig in den Umfang sanfter Cirkelschwingungen gebannt ist, so gewi hat auch jede Periode und bacchische Begeisterung im Lichtscheine der erotischen Neufundlnder Sitz und Stimme gefunden. Denn, was ist es denn, was das Echo unsrer Brust ewig beweint? Nicht wahr, da noch kein Sterblicher in das Universal-Paradoxon der Himmelskrfte hat einschlpfen knnen? Aber dennoch sagen uns begeisterte Seher, da das Berlappenmehl dazu diene, den Blitz der Gtter, so wie alle diagonale hochgefeierte Perioden des Immateriellen zu erschpfen, wenn wir nicht vergessen, da Phidias darum der Groe genannt wird, weil er zuerst die petrarkische Elegie in der neuen Ausgabe der Homilien hat mit Vignetten in einen groen Salat von Vergimeinnicht bei den Olympischen Spielen verzehren lassen, was eben die Ursache war, da Romeo und Julia sterben muten, so sehr sie auch vorher auf Pardon vom Knige von Abyssinien rechnen durften. Aber das ist das Groe und Erschtternde eben in den edelsten Lebensverhltnissen, da die Liebe des Herzens immer wieder auf die reine und unreine Mathematik angewendet werden soll, was doch kaum dem Platonischen John Bull mglich gewesen ist, mit Hlfe seines Freundes, des groen Eklektikers Pope, vermge seiner Stanzen und der noch berhmtern Parlamentsreform einzufhren. Daher bleibt unserm Leben diese ewige Trauer, da jede Sonnenblume in Oel kann verwandelt werden, wenn wir umgekehrt niemals einen Tropfen Oel in Blumen, ja kaum in Sonnen umschmelzen knnen; daher ist die Thrne an unsrer Wimper ein zartes Herzenssiegel, welches tropfend beurkundet, da wir alle nur Blindschleichen und arme Wrmer sind. Dies herzzerreiende Gefhl mitzutheilen, habe ich mich nicht enthalten knnen. Die Tochter des Edelmanns weinte und sagte: ja wohl, ist unser Leben nur ein zerbrechliches Geschirr! Der Lehrer aber sah triumphirend umher und fragte: nun, meine Freunde, welchem wrden Sie den Preis zuerkennen? Das zweite, sagte das junge Mdchen, war mehr fr das Herz, das erste mehr fr den Geist. So ist es, sagte Herr Kranich; der lange Herr Melchior hat die beste Rede gehalten: wir sind Alle gerhrt; dazu hat er eine Stimme wie eine Nachteule oder Unke: die Thrnen laufen einem ber die Nase, man wei nicht wie. Ja, meine theuern Freunde und Sie, verehrte fremde Zuhrer, sagte der beleibte Lehrer, ich bin stolz darauf, da ich in diesen beiden Mnnern diese groen Talente habe wecken und zur Reife fhren knnen. Diese sokratische Hebammenkunst ist es, in welche ich meinen Stolz setze, da ich selber nichts dergleichen hervor bringen kann. Aber meine Schler werden mich unsterblich machen. Doch soll der liebende, herzliche Melchior seines Kranzes nicht entbehren. Er heftete diesem einen Stern von Blech an die Brust, mit welchem der lange blasse Mann sich brstend durch den Saal schritt. Der Aufgedunsene ging verdrielich in eine Ecke und murmelte: Abgeschmackter Kerl! Er hat doch durchaus keinen Begriff vom Aechten! Ich von ihm gelernt! Ja, freilich, wenn ich solche Alfanzereien sprche, wie die aschgraue Hopfenstange! Ruhig, groer Mann, sagte der Lesende, der ihm nachgegangen war; das Erhabene wird nie verstanden, so ist es vom Anfang der Schpfung gewesen: der grere Sophokles wurde eben so vom slichen Euripides verdunkelt; Terenz mute Seiltnzern weichen; Phidias ward verkannt; Dante aus seinem Vaterlande vertrieben. Lassen Sie den Narren mit dem alten Stckchen Blech laufen; Ihr Herz sei Ihr Elysium, und morgen werde ich Ihnen eine zinnerne Schnalle bringen; heften Sie diese an Ihre erhabene Brust und verachten Sie den Gegner. Der Edelmann hatte sich indessen wieder mit dem Sokrates ins Gesprch eingelassen, und bewunderte am meisten, da die beiden Proberedenden diese Flle von Gedanken und gelehrten Materien so aus dem Stegereif htten hersagen knnen. Begeistrung, rief der Sokratiker, ist Alles: sie haben ihr Gemth gesammelt, und dann aus dem Mittelpunkt ihres Wesens den rauschenden Springquell der Suada hingestrmt. Ich kann niemals, uerte der Edelmann, gegen meinen Pfarrer zu Worte kommen; wren Sie nun capabel, mir auch die Zunge zu lsen, da ich so wie ein Advokat oder Prokurator zu reden wte? Der Director zupfte kopfschttelnd den Edelmann am Rocke; dieser sah sich verdrielich um, indem der finstre Mann zu ihm sagte: lieber Mann, Sie verweilen offenbar zu lange in dieser Gesellschaft; dieser Umgang kann Ihnen unmglich gut bekommen. Indem erhob sich ein lautes Getmmel am andern Ende des Saales. Lassen Sie mich ungeschoren; rief der junge Wolfsberg laut, ich mte ja selbst unsinnig seyn, wenn ich dergleichen Unsinn bewundern, oder mir auseinandersetzen wollte, welche von den beiden abgeschmackten Reden die bessere sei. Die erste ist aber die bessere, rief der Lesende, und wenn Sie keine Kritik mehr respectiren wollen, so ist es mit Ihrem eigenen Verstande nur schwach bestellt. Und was nennen Sie denn Unsinn, Bester? O mein verehrter Widerwrtiger, hundert Meilen wollte ich reisen, wenn ich dergleichen doch nur einmal in Wahrheit anzutreffen wte. Das ist ja mein Jammer, da ich mich schon seit lnger als zehn Jahren damit abqule, einmal den Unsinn zu finden. Aber rutschen Sie durch zehn Schauspielhuser, und wenn Sie in jedem flchtig auch nur ein paar Secunden verweilen, so hren Sie leider allenthalben etwas leidlich Vernnftiges; ja was noch schlimmer ist, die zehn kurzen Fragmente aus dem Trauer- und Lustspiel, aus dem Familiengemlde und der Posse, aus der Oper und dem Nachspiel, werden zusammen noch einen passabeln Satz formiren, ber den sich sprechen lt. Ein Blttchen, das Sie finden, ein Wort, das Sie aus dem Fenster hren, ein Gesprch aus einer vorberrollenden Kutsche, Alles, Alles will leider noch etwas Verstndiges aussprechen. Habe ich es nicht damals, als ich diese Liebhaberei zuerst bekam, an mich gewandt, die brillantesten Romane und Schauspiele, die verrufensten Broschren anzukaufen und zu lesen, weil ich von allen Seiten hrte, da Unsinn darin vorkme. Nichts da! Eine alberne dumme Vernnftigkeit fand ich allenthalben, da die Sachen mich auch gleich anekelten, eine miserable Lust, hie und da ber die Schnur zu hauen, und gleich zum alltglichen Verstande, wie Kinder im Finstern zur Mutter zurck gelaufen. Ja, mein Herzensfreund, in allem dem Geschwtz ber Liberalismus und Monarchismus, in diesen Schilderungen von Riesen, Rittern und Pferden, in den Elementargeistern und Gespenster-Katzbalgereien, in dieser frmmelnden, liebesiechen Inspirationssucht ist immer noch kein rechter Aufschwung; allenthalben die kalte Vernunft; die Philisterei der Philisterei; und so sehr ich unsern Demosthenes oder Aeschylus hier in seiner ersten Rede verehre, so mchte ich sie doch nicht so bertrieben loben, da ich sie unsinnig zu nennen wagte, denn jeden einzelnen Satz wrde ich zu beweisen unternehmen und auch zeigen knnen, wie innig alle unter einander zusammenhangen. Von der zweiten Rede kann gar nicht die Rede seyn, denn sie war ganz trivial. Der verschmhte Redner hatte sich indessen die Zinnschnalle aus dem Zimmer des Lesenden geholt, und stolzirte mit diesem Schmucke schon im Saale auf und ab. Der Blasse wollte ihm die Auszeichnung nicht gnnen, weil sie seinen eignen Ruf zu beeintrchtigen schien. Er ging daher auf den Usurpator zu, und suchte ihm das glnzende Zeichen zu entreien; dieser aber wehrte sich und wurde vom Recensenten vertheidigt. Die Schachspieler nahmen dieselbe Partei, indessen der Denker mit dem Maastabe den sanften Melchior zu beschtzen strebte. Der Edelmann und Wolfsberg standen in der Mitte, und da sich bald aus dem Geznk ein Stoen und Schlagen entwickelte, so zog der Pygmen-Bekmpfer seine kleine Peitsche hervor, und schlug ohne Unterschied unter beide Parteien hinein, indem er behauptete, da er allenthalben auf Rcken und Schultern jene bsen Geister wahrnehme, welche nur aus Bosheit diesen Zank und Streit unter Menschen erregt, die bisher immer als befreundete Wesen mit einander htten leben knnen. Der Director fuhr ebenfalls tobend dazwischen, und durch seine drohenden und ernstlichen Worte ward der Friede endlich wieder hergestellt, obgleich Wolfsberg und der Edelmann, beide als unschuldige Zuhrer, manchen Streich davon getragen hatten, weil es die boshaften Pygmen-Geister nicht unter ihrer Wrde gehalten hatten, diese neutralen Leiber whrend des Krieges besetzt zu halten. Der Edelmann verlie die Anstalt sehr verdrielich, und sein Sohn Grge begriff nicht, wie eine so lehrreiche Unterhaltung ohne alle Veranlassung eine so kriegerische Wendung hatte nehmen knnen. * * * * * Friedrich hatte, seiner sanftmthigen Gemthsart nach, den letzten Krieg nur ungern entstehn sehn. Er zog sich frh zurck und beklagte aus der Ferne seinen jungen Freund, zu dem er sich trstend gesellte, als der Friede wieder hergestellt war. Sie gingen in den beschrnkten Blumengarten. Da Sie nun, Theuerster, im Grunde ein freier Mann sind, so fing der Kleine an, so will ich Ihnen heute in der Nacht etwas mittheilen, was fr uns beide von dem grten Nutzen seyn kann. Wolfsberg war berzeugt, da es nichts Geringeres, als die Mittel, sich frei zu machen, betreffen knne. Er ging zur Gesellschaft zurck und erwartete mit bangem Gefhl die Dunkelheit. Gegen Mitternacht ward sein Zimmer erffnet, der Kleine trat mit einer Laterne herein, und winkte seinem Freunde mit stummer Geberde. Wolfsberg folgte schnell, und schweigend stiegen sie die groe Treppe hinunter. Das Hausthor war verschlossen, und als Wolfsberg die Klinke ergriff, schttelte der Kleine sehr unwillig mit dem Kopfe und zeigte heftig nach einem Winkel hin. Der junge Mann folgte seinem Fhrer; sie stiegen eine andre Treppe hinab, und befanden sich jetzt in einem weitluftigen Gewlbe. Nun fand der ngstliche Freund endlich seine Sprache wieder. Hier sind wir sicher, nicht behorcht zu werden, sagte er flsternd: dies sind die Kellergewlbe des groen Hauses. -- Ich dachte, Sie wollten mir den Weg zur Freiheit zeigen, sagte der Baron. -- Nicht daran zu denken, bester einziger Freund; das Thor ist doppelt verschlossen, dann mten wir noch ber den Hof und die uere groe Thr aufmachen, die der fatale Portier bewacht, mein grter Feind in der Welt, der niemals Vernunft annimmt, und sich von allen Menschen fr den Klgsten hlt. -- Was machen wir aber hier? -- Wenn es uns gelingt, liegt hier mehr, als Ihre Freiheit. -- Wie meinen Sie das? -- Nur still, unten sollen Sie Alles erfahren! Sie stiegen noch tiefer hinab. Im fernsten Winkel setzte sich nun Friedrich nieder, stellte die Laterne neben sich, und Wolfsberg sah zu seinem Erstaunen Hacke und Spaten auf dem Boden liegen. Die Erde war dort schon aufgewhlt, und als der Baron seinen Fhrer fragend und erstaunt betrachtete, lchelte dieser mit dem Ausdrucke der grten Verschmitztheit, zog den Andern neben sich nieder, und nachdem er ihn feurig umarmt hatte, sagte er endlich: liebster Baron, Ihnen vor allen Menschen gnne ich das Glck, dessen Sie hier theilhaftig werden knnen; hieher folgt uns kein Neid und keine Beobachtung, diese Gegend der Gewlbe wird niemals besucht; hier knnen wir mit geringer Anstrengung und in kurzer Zeit einen Schatz entdecken, der uns ber alle Sorgen der Zukunft hebt, ja uns zu den angesehensten Mnnern der ganzen Provinz macht. Ich habe niemand da oben etwas von dieser Entdeckung sagen mgen; denn alle jene Menschen sind mehr oder minder gemeine Naturen, wozu noch kommt, da sie alle einen Stich von Narrheit haben, der sie mir hchst widerwrtig macht. Dem Director mag ich von meinem Funde gar nichts mittheilen; er wrde in seiner hochfahrenden Superklugheit thun, als wenn er mir nicht glaubte, und hernach stillschweigend fr sich arbeiten lassen: denn er ist ein sehr mignstiger Mann und beim Lichte besehn ohne Verstand; er stellt sich viel klger an, als er wirklich ist, und da er das Regiment im Hause hat, so darf ihm Keiner viel widersprechen. Nun, lieber, hochgeehrter Freund, hier nehmen Sie den Spaten und arbeiten Sie! Aber, sagte Wolfsberg, wie kommen Sie nur zu dem Glauben, oder der Einbildung -- -- Still! still! rief der Kleine im grten Eifer, nur ums Himmels willen keine Zweifel in dieser feierlichen Stunde ausgesprochen, sonst ist Alles verloren. Kennen Sie die Wnschelruthe und ihre Wirkungen? Nein, sagte Wolfsberg verwirrt und schchtern. Haben Sie wohl Wirkungen des Magnetismus gesehen, und glauben Sie an die Wunder dieser Wissenschaft? Ich habe mich nur wenig um dergleichen Gegenstnde bekmmert, antwortete jener, und kann also auch nicht einmal sagen, ob ich an die Seltsamkeiten, die man davon erzhlt, glaube oder nicht. O Sie unverstndiger Mann, rief der Kleine im grten Eifer aus, so mu ich ja also dem Blinden von der Farbe predigen! Indessen, was thuts? Glaube und Ueberzeugung werden Ihnen schon, wie zahme Hndchen, in die Hnde laufen. Sehn Sie, ich bin schon eine Anzahl von Jahren Unteraufseher in diesem Hause. Ich sage nicht etwa dewegen Unteraufseher, weil wir jetzt hier im untern Theile des Hauses eine gewisse Aufsicht fhren; sondern Sie verstehn mich schon: ich meine, ich bin so fast nach dem Director der wichtigste Mann hier, wie Sie auch wohl werden bemerkt haben; nur der verdammte Thrhter will keinen Respect vor mir haben. Nach einer Nervenkrankheit, wie es die trivialen Aerzte nennen, fand ich mich schon vor vielen Jahren als einen verwandelten Menschen wieder. Freund, da war mir ganz so zu Muthe, als wenn einer meinem inwendigen Geiste Hosen und Weste aus-, ja noch die Haut dazu abgezogen htte, so da er nun niemals mehr zerstreut, oder dumm, oder langweilig war. Sie werden mich nicht ganz verstehn, thut aber auch nichts zur Sache. Es ist nmlich so: ich konnte von dem Augenblicke an berirdische Dinge begreifen und fassen, nicht mit meiner alltglichen Vernunft; sondern in meinem inwendigsten Geiste hatte sich noch ein eignes kleines und feines Verstndchen angesetzt, das dergleichen begriff, und da der Geist nun nicht mehr bekleidet war, und auch keine dumme Haut mehr ber sich hatte, so konnte Ich, der Lebendige, der hier drauen steht und mit Ihnen spricht, so frischweg in jene meine unsichtbare Creatur hinein sehn und Alles capiren. Capiren Sie mich? So halb und halb, sagte Wolfsberg, Sie drcken sich etwas figrlich aus! Auerdem aber, fuhr Friedrich fort, wurde ich gewahr, da ich in fremde Leute hinein sehn konnte. Schaut's! jetzt laufen Ihnen die Gedanken wie Ameisen durch Ihren Kopf, und einige schleppen sich dummerweise mit kleinen Steinen, Holz, albernen Zweifeln. Da rennt eben eine gromulige Ideenassociation in der inwendigen Gegend des Ohres, und schreit, da Alles, was ich Ihnen vortrage, aberwitziges Zeug sei; und nun fliegt eine kluge Gedankentaube mit dem Oelzweig hintennach und meint, man knne es denn doch noch nicht wissen. Husch! rennen die brigen Gedanken in den Winkel und sitzen gluckend wie die brtenden Hhner da. Ja, ja, Herr Baron, ich wei wohl, wer Sie sind. So? fragte Wolfsberg in der grten Spannung. Ja wohl, sagte der Kleine ganz ruhig, kein Graf, wie unser mrrischer Director meint, -- he he he! Sie sind auch kein Baron, Sie Vocativus, Sie! Ich dchte doch, sagte Wolfsberg verwirrt. Mir knnen Sie nichts weimachen, fuhr der Wahrsagende fort, denn ich wei ja Alles: ja, ja, alle Ihre Streiche und Kniffe knnte ich Ihnen an den Fingern hersagen; aber still! wir sind ja alle Menschen, und Sie bleiben bei allem dem immer ein groer Mann. Ein sehr groer Mann, und ein berhmter Mann sind Sie, einer von denen, die die Nachwelt noch nennen wird! Haben Sie erst, was Sie brauchen, so werden Sie auch weiser werden, und das kann ich Ihnen schaffen, und vertraue dabei Ihrer Gromuth, da Sie nicht allzu ungleich mit mir theilen werden. Also zur Sache, rief Wolfsberg entschlossen, worauf kommt es an? Wie ich in Menschen und Seelen hinein sehn kann, fuhr der Kleine fort, so kann ich es auch zu Zeiten in leblose Gegenstnde. Lange schon habe ich gesehn, da gerade hier, etwa vier Klaftern tief, ein ungeheurer Schatz liegt, fast ganz in Golde, nur wenige Edelsteine darunter. Es sind zwei groe eiserne Kasten, auf dem einen ist eine Inschrift, aber so verrostet, da ich die Buchstaben nicht recht zusammenbringen kann. Aber im zweiten Kasten befindet sich ein geschriebenes Blatt, welches Alles erklrt. Wie sind aber diese Schtze hieher gekommen? fragte Wolfsberg; und wewegen hier verscharrt? Schwer zu sagen ist es, sagte Friedrich, denn Sie begreifen doch so viel, da ich in die Vergangenheit, in ein Nichts, das weder Krper noch Geist hat, nicht so hinein sehn kann, wie in einen Menschen, oder in ein Kellergewlbe. Doch, Spa apart, wollen Sie mir helfen oder nicht? Glauben Sie mir, oder nicht? Wenn Sie nicht dran wollen, suche ich einen andern Gehlfen, oder verschweige die Sache noch Jahre lang, wie ich denn bisher ein Geheimni daraus gemacht habe. Und was soll ich also thun, wenn ich Ihnen glaube? O Fragen und kein Ende, rief Friedrich in der grten Ungeduld, ich habe Ihnen ja schon neulich meine Schultern gezeigt, wie schwach, meine Arme, wie dnn sie sind. Ich habe es schon oft versucht; aber ich kann nicht graben, ich bekomme auch gleich den Husten, wenn ich stark arbeite. Hier, unglubiger Thomas, ist das Grabscheit! Machen Sie sich dran und grbeln Sie nicht weiter; in acht Tagen sind wir die reichsten Mnner im Lande, und dann knnen wir den Director und alle Narren da oben auslachen. Wolfsberg bequemte sich und arbeitete mit der grten Anstrengung einige Stunden. Als er es kaum mehr vermochte, rief Friedrich: fr heute genug! Schlafen Sie nun gesund, denn man mu uns nicht vermissen. In der nchsten Nacht werde ich Sie wieder zur Arbeit abrufen. Mde und ermattet, wie am ganzen Leibe zerschlagen ging der junge Mann, der an dergleichen Anstrengungen nicht gewhnt war, auf sein Zimmer, und legte sich nieder. * * * * * Der Rath Walther hatte sich indessen mit dem Arzte auf die Reise begeben. Ihr Weg fhrte sie durch anmuthige Gegenden, und Walther wurde nicht mde, seinen Begleiter von der Trefflichkeit des jungen Raimund zu unterhalten. Der Arzt war sehr darauf gespannt, einer so wunderbaren Erscheinung im Leben zu begegnen; nur frchtete er, ihre feine Harmonie jetzt durch Schmerz und Wahnsinn zerrissen zu finden. Manchmal stie mir wohl ein Zweifel auf, ob die Schilderungen des Rathes, der in allen andern Dingen, auer dieser Verherrlichung seines jungen Freundes, ein ruhiger und kalter Mann war, nicht bertrieben poetisch seyn mchten. Sie nherten sich jetzt dem Dorfe, in welchem der junge Mensch leben sollte. In den engen Wegen des Gebirges fiel der Wagen um, und der Arzt ward am Fue beschdigt; zwar nicht bedeutend, aber doch so, da er einen Ruhepunkt zu erreichen wnschen mute. Dies verdro ihn um so mehr, da er in einer Waldschenke einen Mann gesprochen hatte, der ihm eine so seltsame Schilderung von einem jungen Wildfang gemacht hatte, welcher sich seit einiger Zeit in den dortigen Gegenden aufhalten sollte, da er kaum daran zweifeln durfte, es sei der junge, ihm entsprungene Graf Birken. Der Rath erbot sich, den kurzen Umweg zu machen, indessen ihn der Arzt bei jenem Landprediger erwarten sollte, bei welchem man den jungen Raimund anzutreffen hoffte. Der Arzt lie sich bei dem Pfarrer melden, den er in einer Laube seines Gartens antraf. Nach den gewhnlichen Begrungen leitete der Fremde die Unterredung auf den jungen Mann, welcher der Obhut des Geistlichen anvertraut sei; der Pfarrer schien aber kein groes Interesse an diesem Gesprche zu nehmen und sagte endlich: ja, seit einem Jahre etwa hlt sich ein etwas confuser Mann bei mir auf, dessen ^ingenium^ und ^mens^ nicht zum Besten bestellt sind, und um den ich mich auch wenig kmmere, auer da er uns bei Tische oft seine ^joci^ vormacht. Ich erhalte von dessen alten Domestiken eine anstndige Pension, und so lasse ich ihn gewhren; denn es ist nicht meines Thuns, mich viel mit Narren einzulassen, oder sie gar curiren zu wollen. Der alte ^servus^ fhrt eigentlich ganz die Aufsicht ber den Verwirrten, und mit wem sich dieser am meisten einlt, ist unser gndiger Junker, der freilich auch mit aller Macht zur ^dementia^ inclinirt. Diese beiden Thoren, wenn sie einmal bei Sonntagslaune sind, machen mir zuweilen mein kleines Haus zu enge. Wissen Sie aber nichts Nheres von den Schicksalen des jungen Mannes? fragte der Arzt. Urtheilen Sie selbst, verehrter Herr, erwiederte der Geistliche, ob eine solche Creatur, der es am Besten gebricht, wohl absonderliche Schicksale haben knne. Diese Personen sind ja recht eigentlich ^fruges consumere nati^. Wir nennen ihn nur kurzweg immer den Werther. Werther? fragte der Arzt sehr lebhaft. Ja, mein Herr, fuhr jener fort, dieses ist ein Spitzname, der aus einem gewissen Buche entlehnt seyn soll, welches unsre junge Baronesse einmal gelesen hat. Derselbe trieb sich auch immer, wie man mir sagte, in Wald und Flur herum, statt in vernnftiger Societt ein Wort mitzusprechen, eine Pfeife zu rauchen und etwa zu hren, was es in der politischen Welt Neues giebt. Sie scheinen kein Freund der Natur zu seyn, warf der Reisende ein, und bewohnen doch selbst eine der reizendsten Gegenden unsers Vaterlandes. Natur! rief der Pfarrer aus; das Wort ist etwa seit 40 Jahren in die Mode gekommen, und so weit ich habe das Verstndni davon erreichen knnen, meint man darunter einen etwanigen Bach oder Flu, sammt Berg und Steingeschichten, oder die Waldsachen und dergleichen. Hat mich nie sonderlich interessirt, weil ich mich immer bestrebt habe, ein denkendes Wesen vorzustellen. Und unser Werther, wie ihn die jungen Leute heien, oder Theophilus, wie sein eigentlicher Taufname lautet, wei auch weder, ob Frhling oder Herbst ist, ob die Bume blhen oder drr sind, ob die Bergwand aus Granit oder Marmor besteht, sondern er luft nur, wie ein Uhrwerk, so hin und her. Der Alte war mit allerhand Papieren und Briefschaften beschftigt, die er in einem Tischkasten zu ordnen suchte, und der Arzt sagte indessen zu sich: Der Aermste! Also auch diese Empfindung ist in ihm untergegangen, die sonst dem Unglcklichen so oft einen heiligen Trost gewhrt! Denn der Natur gegenber verklrt sich jeder Schmerz, der uns unter Menschen, in den Mauern der Stdte oft zu vernichten droht, und verwandelt sich in ein himmlisches Wesen, in eine Erscheinung von oben herab. Wie eine Himmelsharfe tnt die Natur Freude und Leid mit, und setzt unsre stummen Seufzer, die Worte der Klage in berirdische Musik um. In diesen Phantasieen, die wohl so schnell in ihm antnten, weil er so lange mit dem fast schwrmerischen Rathe gereiset war, wurde er wieder vom Pfarrer unterbrochen. Verzeihen Sie mir, sagte dieser, da ich Sie so schlecht unterhalte, jeder macht so seine Studia. Dieselben haben sich wohl niemals mit der Astrologia eingelassen? Nein, antwortete der Arzt. Sehr Schade, fuhr jener fort, da diese Wissenschaft seit neueren Zeiten so ist vernachlssiget worden. Ich habe sie immer bewhrt gefunden. Und so sehe ich hier wieder das Horoskop an, welches ich meiner Tochter bei ihrer Geburt stellte. Ich prognosticirte damals, da sie sich in einen hohen Stand erheben wrde, und sie ist nun auch wirklich glckliche Braut eines vornehmen Mannes. Das hat mir auch den Geist so eingenommen, da ich fast nicht capabel bin, eine recht fortgesetzte Conversation zu fhren. Doch da kommt ja unser Theophilus mit seinem alten Gesellschafter. Der junge Mann ist eine Zeit lang in einer andern Familie sehr gemihandelt worden; man darf ihn nicht auf diesen Gegenstand bringen: denn er wird zuweilen bitterbse, wenn er sich jener Tage erinnert. Der Arzt stand auf und sah zu seinem Erstaunen einen langen, nicht mehr jungen Mann eintreten, der sich gebckt trug, und aus dessen regelmiger Physiognomie die hchste Beschrnktheit und Einfalt hervor leuchtete, aber auch zugleich eine so heitre Jovialitt, da er von Neuem an dem Rathe und dessen bertriebener Schilderung irre ward. Der Einfltige gab dem Pfarrer die Hand, sah den Fremden mit scheuem Blick von der Seite an, ging dann auf ihn zu und fragte hastig: sind Sie ein Edelmann? Verzeihung, rief der Pfarrer dazwischen; ich habe noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, mich nach Ihrem werthen Namen zu erkundigen. Doctor Anselm, sagte der Arzt. Ich dachte, Sie wren mein Vetter, rief der Einfltige, weil Sie eine solche sthetische superfeine Nase haben. Zugleich sprang er in die Hhe, und schlug wie ein muthwilliges Fllen mit den Beinen hinten aus. Der Arzt, der sich auf eine ganz andere Stimmung vorbereitet hatte, mute laut lachen, indem der Pfarrer mibilligend das Haupt schttelte, und sehr ernste Runzeln in sein Gesicht zog. Sehn Sie nur, sagte Theophil, indem er den Arzt etwas bei Seite fhrte, das Perlmutter-Gesicht von meinem alten Prediger; so debattirt er immer mit sich, als ob er an einem Obscuranten-Almanach arbeitete. Sie drcken sich seltsam aus, sagte der Arzt, aber vergnglich. Er wei nie, was er spricht, unser junger Freund, rief der Prediger; weder kennt er die Bedeutung der Worte, die er braucht, noch will er berhaupt etwas damit ausdrcken. Es ist wie Wiederhall von Felsen, oder Waldesbrausen. Mein ehrwrdiges Alter ist einmal immer das Stichblatt seines falschen Witzbestrebens. Der Herr Prediger, sagte der Simple, hat eine rechte Hosiannah-Stimme und sitzt so mchtig auf seiner Bank da, als wenn er Habakuk und alle zwlf kleine Propheten zu knftige Pfingsten confirmiren wollte. -- Pankraz! rief er dem alten Diener zu, du mut mir wieder Taschengeld geben! Haben Sie denn schon Alles ausgegeben? fragte dieser. Dummer Teufel! rief Theophilus; freilich! Denken Sie nur selbst, mein fremder Herr Vetter, drauen vor dem Dorfe begegnen mir die Mdchen, die drben in der Stadt allerhand auf dem Jahrmarkt eingekauft hatten, Tcher, Schrzen, Mieder, Hauben, Spielzeug fr die kleinen Geschwister. Sie hatten noch eine volle halbe Meile, und lieen mich nun die Sachen herber tragen. Wie ich sie ihnen wieder abgab, mute ich ihnen doch wohl ein Trinkgeld geben, da sie mir Alles so hbsch anvertraut hatten? Aber Pankraz ist faul; der trug nichts, und drum hat er auch sein Geld in der Tasche behalten. Das ist ein schner Zug von Ihnen, sagte der Arzt; sind Sie aber immer so vergngt? Wie's kommt, antwortete jener lachend; nur wenn die Leute dumm sind, kann ich mich sehr rgern, wenn sie nicht capiren. Sehn Sie, es ist sehr traurig, wenn man allein klug seyn soll. In Gesellschaft habe ich noch einmal so gern Verstand. Sie denken trefflich, sagte Anselm. Was sagen Sie aber vollends dazu, schwatzte jener weiter, da wenn ich einmal so recht superklug bin, die Leute mir beweisen wollen, ich wre dumm? Nicht wahr, die Welt liegt im Argen; wie unser Herr Pastor Kilian letzt einmal in der Kirche sagte. Ich werde sorgen, da Sie niemals mehr hinein gelassen werden, rief der alte Mann. Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ, sagte Theophil mit der grten Ernsthaftigkeit und ging traurig zum Prediger hin. Lassen Sie sich dienen, Herr Doctor, fuhr der Alte fort, da es nicht angeht, weil er sich laut mit seinem Bedienten whrend des Gottesdienstes zankt. Was thut er aber neulich? Indem ich in der Predigt aufsehe, hat er unsern Hund in meinen Sitz gebracht, lt den Pudel aufrecht stehn, der nun ber das Chor gucken und ein Gesangbuch zwischen den Pfoten halten mu. Heit das nicht die Gemeine stren? Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ! sagte der Angeklagte mit weinerlicher Stimme. Der Arzt, der eine ernsthafte Wendung des Gesprches frchtete, fragte den Klagenden, was das neulich gewesen sei, wo er so allein klug, und die Andern dumm gewesen wren. Ja so! sagte Theophil pltzlich laut lachend; das war eine lustige Geschichte! Die Mamsell Kilian hatte mir ganz neue Schnupftcher gekauft. Nun sollte ich den andern Tag mit dem Junker auf den Fischfang gehn, da nahm ich mir vor, den Pankraz zu erinnern, da er mich erinnern sollte, damit ich es nicht vergessen mchte. Um aber auch gewi daran zu denken, da ich ihn zu rechter Zeit erinnern mchte, damit er mich ja erinnern knnte, machte ich einen Knoten in mein Schnupftuch. Sie wissen ja, das ist ein altes Herkommen, wenn man etwas nicht vergessen will. Ja wohl. Nun gut; ich wache den Morgen auf, da finde ich den Knoten. Da besinne ich mich auch gleich, da ich den Pankraz erinnern mu. Pankraz, du sollst mich an was erinnern! Ganz recht, gndiger Herr, Sie wollen mit dem Junker auf den Fischfang gehn. Ich geh' auf den Fischfang und denke nichts Bses. Den andern Tag aber ist der Knoten noch im Tuche. Das ngstete mich, denn es gab nun nichts mehr zu erinnern, und wenn ich den Knoten anfate, wollte ich mich immer auf etwas besinnen. Den Knoten hatte ich aber so fest gezogen, da ich ihn gar nicht wieder aufkriegen konnte. So nehm' ich im Verdru eine Scheere, und schneide blo den Knoten, verstehn Sie, blo den Knoten ab, und werfe ihn aus dem Fenster. Wie nun das Tuch wieder gewaschen ist, sagt die Mamsell sammt allen Menschen im Hause, ich htte es entzwei geschnitten; es fehlte auch wirklich ein groes Stck davon. Nun sagen Sie selbst, ob ich etwas dabei versehn habe, und wer Recht hat! Der Knoten, sagte der Arzt, war aber doch natrlich vorher ein Stck des Tuches, folglich mute dieses nachher fehlen. Sie begreifen nicht! sagte Theophil im groen Zorn, und fate die Hand des Arztes heftig und stark; ich schnitt ja nicht das Tuch ab, sondern nur den Knoten, den ich erst hinein gemacht hatte, der vorher nicht drin war. Wir wollen nicht streiten, sagte Anselm, Sie knnen wohl Recht haben; ich habe bisher dieses Experiment noch nicht gemacht, und Vieles begreift man gewi erst durch die Erfahrung. Hat man Ihnen wohl schon einmal Gesellschaft geleistet? fragte der junge Mann mit listiger Miene. O ja, sagte der Arzt, mehr als einmal; und Sie leisten mir jetzt eben auch Gesellschaft. Sie wrden sich dafr bedanken, fuhr jener fort, wenn ichs in der Manier thun wollte, wie mein Gesellschafter Walz da drben in der kleinen Stadt mir die Zeit vertrieb. Da sagten sie, ich mte einen Gesellschafter haben. Da kam Herr Walz, der dazu bestellt war. Das gab ein Gesellschaftsleisten, da mir des Abends alle Rippen weh thaten. Wie so? Er schlug immer um sich, und wir konnten uns gar nicht vertragen; aber ich durfte ihn niemals wieder prgeln. Ja, wie gern mcht' ich ihm auch einmal so recht Gesellschaft geleistet haben! Wenn ich verdrielich war, schlug er; war ich nicht aufgerumt, lie er mir zur Ader; ein paar Mal lie er mir auch Zhne ausziehn, -- die beiden hier: weil er sagte, ich wre zu bse, die Zhne wren schon nichts ntz und thten mir nur jetzt oder in Zukunft einmal weh. Den andern habe ich einmal beim Essen verloren. Aber diesen Augenzahn hier? fragte der Arzt. Der fehlte mir schon, antwortete jener ganz ruhig, vor meiner Zeit. Vor Ihrer Zeit? Wie verstehn Sie das? Lieber Himmel, Sie sind recht schwer von Begriffen! Vor meiner Zeit -- ach! lassen Sie mich zufrieden und haben Sie mich nicht zum Narren! sagte er ganz bse. Verzeihen Sie, fiel der Arzt ein, ich verstehe Sie jetzt schon; ich begreife nur langsam, wie Sie ganz richtig bemerkten. Haben Sie die Naturwissenschaft studirt? fragte der junge Mann wieder ganz heiter. O ja, sie ist mein Hauptstudium. Nun, dann gratulire ich, sagte jener laut lachend. Sind Sie auch brav darin herumgewalzt worden? Herumgewalzt? Sie capiren schon wieder nicht! Brav abgewammst, tchtig gedroschen! Sie verstehn nun schon, so wie es mir dabei mit meinem Gesellschafter Walz ergangen ist. Er nahm also die Sache so ernsthaft? Ja freilich. Er sagte, er msse mir die Botanik beibringen. Es war aber eigentlich die _Batonik_, weil er den lieben Baton so sehr dabei brauchte. Da krochen wir herum und suchten Petersilie und Wurstkraut, Rben und Knoblauch, und das sollte ich immer alles behalten. Ein ander Mal fing er einen Maikfer. Seht, das ist ein Maikfer. Ja, sagt' ich, das ist ein Maikfer. -- Zu welchem Geschlecht gehrt er? -- Doch wohl zum Geschlecht der Maikfer. -- Sehn Sie, da brach er gleich einen Haselzweig ab, und demonstrirte mir die Sache auf meinem Rcken. Der wurde berhaupt dazumal so magnetisirt, da er fast so hellsehend geworden wre, da die Sonne durch ihn htte hindurch scheinen knnen. Sagen Sie mir berhaupt nur, wenn einer im Kopfe nicht zu Hause ist, warum man dann immer auf dem Rcken, oder noch tiefer anklopft. Sollte denn der Geist da allenthalben lieber als in der hhern Etage wohnen? -- Nun gut; dann gingen wir in den Wald. Da unten liegt, schrie er, der berhmte Linn, oder auch Pistillen, oder dergleichen alberne Gelehrtennamen. Wenn ichs nicht behielt, von der Buche ein Zweig gebrochen, und damit wieder Privatstunde gehalten. Ich war nur froh, wenn das Botanisiren im Freien geschah, da war doch etwa nur ein Gestruch zur Hand. Sie haben also, sagte Anselm, in dieser Wissenschaft auf dem Wege nichts profitiren knnen? Doch, antwortete jener; aber Alles, worauf es mir auch nur abgesehn schien, mit dem _Rcken_; denn der kriegte durch vieles Repetiren der Studien eine so feste Memorie, da ich noch jetzt bei jedem Stocke unterscheiden will, auf welchem Baume er gewachsen ist. Sie glauben nicht, wie anziehend die frischen Haselgerten sind! Weiden schmiegen sich mehr, sind aber weniger eindringlich. Die Eiche klingt mchtig, als Baum der deutschen Freiheit; es lt sich aber nicht viel damit ausrichten; der Walz konnte auch immer nur die drren Zweige abbrechen, die fast gar nichts zu sagen haben. So ist es auch mit der Tanne und Fichte nicht viel. Die Buche ist krnig; die Birke, besonders im Frhjahr, empfindlich; auch wchst das Zeug, wo kein andrer Baum fortkommt, steht also fast immer zur Hand. Von allen diesen Stauden und Gewchsen brach er seine Wnschelruthen, und alle schlugen immer auf meinen Rcken an, so da in meinem Innern groe Schtze verwahrt liegen mssen. Er schonte auch die mitleidige Trauerweide, die vornehme Weihmuthskiefer nicht; ja selbst der Tulpenbaum mute ein paar Mal das Instrument zu meiner Weihe reichen; und so kann ich gewi, da gar kein Tergiversiren etwas fruchtete, auf eine recht pragmatische und polyhistorische Bildung Anspruch machen. -- Als ich mich genug durchstudirt, und er alle Naturreiche durchgeprgelt hatte, wurde ich hieher zu dem friedfertigen Herrn Kilian gethan; und hier ruhe ich auf meinen Lorbeern aus, die ich noch manchmal in Rippen und Seiten fhle. Es freut mich, da Sie so frhlich sind, sagte der Arzt; haben Sie Appetit, schlafen Sie gut? Ich danke, sagte jener; bald so, bald so; aber ich trume oft schwer und frchterlich, und tobe dann und lrme in der Nacht. So hatte ich auch diese Nacht einen ngstlichen Traum. Was war das fr ein Traum? Pankraz! rief Theophil dem Diener zu: was trumte mir diese Nacht? Der Alte trat nher und sagte verdrielich: das kann ich nicht wissen. Sehn Sie den eigensinnigen Menschen, rief Theophil aus, ich lasse ihn blo dewegen in meiner Stube schlafen, da er alles wissen soll, was ich denke und trume; aber er ist so trge, da er sich fast nie darum bekmmert. Wenn Du es nicht weit, wer soll es denn wissen? Dazu sollst Du die Aufsicht ber mich haben! Es ist aber nicht mglich, ereiferte sich Pankraz. So wollen Sie auch immer von mir wissen, was Sie denken, oder gedacht haben; wie soll ich das anfangen? Durch Liebe, einfltiger Mensch! rief jener aus. Du sollst mit mir so eins werden, da wir unsre Seelen gemeinsam haben, dann wird es mir weniger sauer werden, ber Vieles nachzusinnen; denn dann denk' ich in Dir, und Du hast blo die Mhe davon. Dann mte ich aber auch fr uns Beide essen; sagte Pankraz mit Lcheln. Nein, erwiederte Theophil; das wrd' ich gern bernehmen, und zwar in Deinem Namen mit; ich die Wurzel und der Stamm, Du die Blume und Frucht. Bei dieser Stimmung schien es dem Arzte mglich, den Kranken ber den Gegenstand zu prfen, den zu berhren er auerdem ngstlich wrde vermieden haben. Er ging also nher und fragte ihn leise: haben Sie lange keine Nachrichten von Blanka erhalten? Blanka? rief Theophil aus; das ist ja wohl ein weies Windspiel, das ich vor langer Zeit hatte? Blanka? nahm der alte Diener das Wort, indem er den Arzt prfend betrachtete: wissen Sie von der etwas? Anselm begegnete dreist dem stechenden Blicke des Alten, und meinte nun fast nichts mehr schonen zu drfen. Er sagte daher: ich wnsche blo etwas Nheres von Blanka und Raimund zu erfahren, deren trauriges Schicksal mich sehr interessirt hat. Pankraz schlug die Augen nieder und sagte: ich wei nichts von ihnen; aber Theophil fiel pltzlich in eine tolle Laune, hpfte auf einem Beine herum, schwenkte den Hut und schrie halb singend: Da hinter des Priesters Garten, da ist ein Wiesenplan, da stehn rings Weiden und Birken, ein Wasser rauscht flieend daran; da schreien Kuckuck und Staare, da schaut wohl der Hirsch aus dem Busch; es ist ein liebes Pltzchen, voll Einsamkeit und Schatten genug. Da kommen in Herbstestagen, wenn welkes Laub schon rauscht, die liebe Frulein Blanka, der Monsieur Raimund zusamm. Sie sehn sich mit weinenden Augen, sie drcken sich zrtlich die Hand; da giebt es herzig Umarmen, da finden sie wieder Verstand! -- Er schrie und sang immer lauter, so da der alte Pfarrer aufstand und rief: um des Himmels willen, junger Herr, in welcher Spinnstube haben Sie die alte Ballade wieder aufgehascht? Das hab' ich selbst gedichtet, jetzt eben, schrie Theophil erfreut. Pankraz, behalt' es ja, wir wollen es nachher dem Junker vorsingen. Ich wei kein Wort davon, sagte Pankraz, vom Kuckuck war was in der Ode, und da Sie gern Verstand haben mchten. Da kommt der Junker! Ohne den Eingang zu suchen, sprang in diesem Augenblick ein junger Bursche ber den Zaun, mit rothem Gesicht, ohne Hut mit Papierwickeln in den Haaren. Da sind wir wieder, schrie er ungezogen, guten Tag, Tissel, ach! Herr Pastor, wren Sie doch mit uns gewesen; da htten Sie disputiren knnen! Wo wart Ihr, lieber Grge, fragte Theophil. Ach! liebster Freund, fuhr dieser jubelnd fort, unsre ganze Familie hat seitdem an den Narren dort den Narren gefressen; nur die Mama will nichts davon wissen, und ist auf uns alle, vornehmlich auf den Papa bse, da er uns so ein schlechtes Beispiel giebt. Mein lieber Junker, sagte der Pfarrer sehr ehrbar, mit Narren wrde ich niemals disputirt haben; denn sie haben keine Logik. Es waren auch nicht so eigentliche Narren, sagte Grge, sondern eine Art Knstler. Ich sage Ihnen, der Papa war ganz eingenommen, und sie hatten da oben einen Mann, der den Leuten das Reden beibringen konnte. Heisa! Heisa! Dort kommt erst der rechte Windbeutel, rief Theophil laut jubelnd; der und ich, wir sind die beiden grten Narren im Rmischen Reich; das Kloster da oben, wo unser Herr Kilian disputiren soll, in allen Ehren gehalten. Reden Sie mit Verstand, sagte der Geistliche, und respectiren Sie in dem verehrten Herrn Grafen den Brutigam meiner Tochter. Auf einem kleinen Schimmel sprengte ein junger Mensch heran, hpfte aus dem Sattel, und eilte in die Umarmung des Pfarrers, inde schon aus dem Hause, mit der Kchenschrze angethan, ein rothhaariges Mdchen herbei strzte, und Vater und Geliebten zugleich umschlo. Die Gruppe fuhr aus einander, als sich jetzt der Arzt, so schnell es sein verwundeter Fu erlaubte, ihnen nherte. Ist es mglich, Graf Birken, da wir uns hier wieder treffen? Auf Sie hatte ich heute nicht gerechnet. Der junge Mensch sah sich schnell um, stie seinen Schwiegervater so hastig vor den Bauch, da dieser wieder in die Laube zurck taumelte, warf mit demselben Ungestm die kleine dicke Braut von seinem Halse, ergriff den Schimmel, und ehe die Umstehenden sich noch recht besinnen konnten, war er im gestreckten Galopp schon aus dem Dorfe hinaus. Ein Pferd! rief der Arzt. Setzt ihm nach! Was haben Sie fr Ansprche an meinen Schwiegersohn? fragte der Pfarrer, der sich wieder gesammelt hatte. Der Windbeutel reitet einmal! schrie Theophil jauchzend. Um des Himmels willen ein Pferd! rief der Arzt; kommt er uns aus den Augen, so haben wir ihn Alle fr immer verloren. Verloren! schrie die Braut und rang die Hnde. Sei still, mein Kind, rief der Geistliche; morgen ist die Trauung, und kein fremder Mensch, mag er sich auch Doctor nennen, hat das Recht, Dir Deinen Brutigam zu entreien. Der Mensch ist ein Narr! rief der Arzt heftig aus, und nun er mich hier gesehen hat, kommt er gewi nicht wieder. Lstern Sie unsre Familie nicht! rief der Pfarrer noch heftiger, Sie fremder, unbekannter, hergelaufener Herr; und wenn mein Schwiegersohn Ihretwegen nicht wieder kommt, so gebe ich Ihnen meinen Fluch, Sie Gottloser! Theophil und Grge waren von diesem Geznk auf das Hchste erbaut; denn sie kannten keinen grern Genu, als den alten Pfarrer im Zorn zu sehen. Die Tochter hatte verzweiflungsvoll den Garten verlassen. Ein Wagen fuhr in den Hof, und der Rath Walther, in gespannter Eile, ohne die Andern zu begren, kam herbei gelaufen, und rief schon von Weitem dem Arzte zu: wo ist er? -- Wieder ein neuer Windbeutel! Heute haben wir die Hlle und Flle! jubelte Theophil. -- Der Arzt ging ihm entgegen, indem er sagte: dort steht ja Ihr Liebling. -- Dieser da? fragte der Rath, indem er den Einfltigen nur flchtig betrachtete. Ach! Pankraz! rief er dann hchlich berrascht; Du hier? Sage mir, wo ist Raimund? Der Diener war verwirrt und erschrocken, und konnte erst keine Antwort finden; endlich stotterte er: Sie wissen es ja wohl, Herr Rath, da ich, als ich damals pltzlich aus den Diensten des Herrn Raimund mute. -- Recht, sagte der Arzt; der Baron Eberhard gab Dir den Abschied wegen des unglcklichen Einfalls, da Du dem kranken Jngling die falsche Nachricht vom Tode seiner Geliebten berbrachtest. Nun also, sagte Pankraz; seitdem habe ich von dem jungen Herrn nichts wieder gesehn und gehrt. Es ist mir seitdem schlimm genug gegangen. Aber wie kommst Du hieher? Es ist mein Pankraz, rief Theophil, mein Gesellschafter; aber nicht in der Walzmanier. Wie heien Sie? fragte der Rath. Du, Pankraz, rief Theophil, wie hei' ich doch? Ich kriege alle Augenblicke einen andern Namen. Sie sind, sagte der Diener, der Herr Theophil von Leitmark. So, sagte der Thor, ich dachte Ebermann, Hardeber, oder sonst. Nun, mir kann's gleich gelten. Der Arzt hatte sich wieder gesammelt, nahm Abschied vom Pfarrer, bat der Strung wegen um Verzeihung, und zog dann halb gewaltsam den Rath zum Wagen. Lassen Sie mich nur noch ein Wort mit Pankraz sprechen, sagte dieser. Doch Pankraz und Theophil waren eiligst verschwunden, und der Pfarrer erzhlte, da Beide oft Wochen lang in der Gegend, nahe und fern, auf ihren Pferden umher streiften, und man alsdann nur selten erfhre, wo sie auf ihren thrichten Irrfahrten verweilten. Der Arzt hob seinen Freund selbst in den Wagen und sagte dann laut: Lassen Sie uns doch nun unser Ziel verfolgen, den Grafen Birken suchen, nach Raimund sphen; fahre Herr Theophil und sein Pankraz wohl, und sei unser lieber Herr Pfarrer Kilian auf immer dem Himmel befohlen; denn hieher werden wir auf keinen Fall wieder kommen! Niemals, denn wir haben noch eine weite Reise vor uns! Der Rath sah ihn verwundert an, und wollte fragen; aber das Rollen des Wagens hinderte jetzt noch das Gesprch, und sie hatten in kurzer Zeit das Dorf und die Gegend verlassen. * * * * * Baron Wolfsberg hatte unterdessen fleiig arbeiten mssen. Um sich nicht zu verrathen, durfte er am Tage nicht so lange schlafen, als es ihm wohl gut und heilsam gewesen wre. Der kleine Friedrich fhrte eine strenge Aufsicht ber ihn und ermunterte ihn krftig, wenn er einmal ermatten wollte. Als das Geschft des Eingrabens schon weit gediehen war, zeigte sich die grte Schwierigkeit darin, die aufgehufte Erde, welche bei der zunehmenden Arbeit immer hinderlicher wurde, fortzuschaffen. Doch Friedrich wute auch dafr ein Mittel. Es gelang ihm, aus dem Garten einen Schiebkarren unbemerkt zu entfernen, und in die unterirdischen Gewlbe zu befrdern. Da er aber selbst fr die Arbeit viel zu schwchlich war, so mute der junge Baron auch das Geschft bernehmen, Sand und Erde herauf zu fhren, und in die weit verbreiteten Rume der Keller zu verfahren und auszustreuen. Gewhnlich holte Friedrich den nchtlichen Arbeiter schon vor eilf Uhr ab, und lie ihn erst gegen vier Morgens zurck kehren, so da auch Wolfsberg durch den wenigen Schlaf, da berdie die Kost nicht die nahrhafteste war, sich nach wenigen Wochen ziemlich abgemattet fhlte. Er wurde mager, still und melancholisch, und sah dem jungen frischen Manne und dem bermthigen Weiberliebling kaum mehr hnlich, in dessen Gestalt er zuerst das Haus betreten hatte. Der Director schaute ihn oft prfend an, untersuchte seinen Puls, und erkundigte sich theilnehmend, ob ihn ein besonderer Gram qule. Wolfsberg aber, der sich schmeichelte, bald das Ziel seiner Anstrengungen erreicht zu haben, wich allen prfenden Fragen sorgfltig aus. Zu einer Mittagsstunde ward der junge Mann dadurch berrascht, da ihn sein getreuer Friedrich an den Tisch des Directors zum Essen einlud. Er fand dort nur eine kleine Gesellschaft, und auer dem Wirthe nur einen schmchtigen, ziemlich alten Prediger aus der benachbarten Stadt, der zuweilen in einer Capelle des groen Hauses den Verwirrten predigte und sie zu ermahnen und bekehren suchte, meist aber durch possierliche Strungen gehemmt und unterbrochen wurde. Auer Wolfsberg war nur noch Herr Kranich gewrdigt worden, an diesem kleinen vertraulichen Tische Platz zu nehmen; Friedrich war mit zur Aufwartung zugegen. Sie sehn, meine Herren, fing der Director mit einer heitern Miene an, die man nicht an ihm gewohnt war, ich behandle Sie heute als Mnner, die sich selbst in der Gewalt haben. Der Herr Pastor und ich hoffen von Ihrer Unterhaltung Vergngen und Aufheiterung; denn sich in diesem groen Hause immer so einsam zu fhlen, ist wahrlich nicht erfreulich. Wohl, sagte der Pfarrer schmunzelnd; und es will mir oft vorkommen, als wenn unsre Freunde nur etwas mehr krftigen Willen haben drften, um so wie wir Andern zu seyn; aber ich versichre Sie, Herr Director, und Ihre eigene Beobachtung wird es Ihnen auch besttigt haben, da die leidige Eitelkeit, der Stolz auf irgend eine Grille, die man nicht ablegen will, sehr viel, ja bei manchen unsrer Patienten wohl das Allermeiste thut. Friedrich mute dem Baron, so wie dem Herrn Kranich Wein einschenken, damit sich beide, vorzglich der junge Graf, wie ihn der Director nannte, strken mchten. Freilich haben Sie Recht, Herr Pastor, setzte dieser das Gesprch fort; denn wer von uns fhlt wohl nicht, da er sich nur nachgeben und verweichlichen drfte, um diese oder jene Seltsamkeit auf die wunderlichste Art auszubilden, und dadurch bei strkern Menschen Ansto oder Lachen zu erregen? Mein Herr Director, antwortete der Geistliche, es ist berdie im Thrichten (Verzeihung, meine Herren, da wir so offen ber diesen Gegenstand sprechen) etwas so Anlockendes, fast Liebliches, da man zuweilen recht im ganzen Wesen den unwiderstehlichen Reiz sprt, mit beiden Beinen frisch und wohlgemuth hinein zu springen. Soll ich? Soll ich nicht? so fragt man sich selbst. Warum nicht? sagt eine curiose Stimme, aus dem fernsten und buntesten Winkel unsers Geistes; tausend! ruft es, was kannst du da erfahren, und dich genieen, ja erst recht verstehen, wenn du der Altklugheit ein Schnippchen schlgst. Aber zum Glck kommt dann wieder eine ehrbare, aschgraue Moral, die mit ernster Miene sagt: widerstehe dem Verfhrer und seiner Lockung, la dich nicht in die Kellergewlbe des Wahns fhren, wo trotz aller Versprechungen keine Schtze liegen! Kellergewlbe? fragte Wolfsberg und wurde roth; wie kommen Sie nur auf dieses Gleichni, das mir hier gar nicht passend scheint! Der Director sah ihn schon wieder mit dem prfenden Blicke an, und Friedrich machte ihm gegenber eine so seltsam bittende Miene, seine beiden Wangen zitterten und zuckten, die Lippen schmiegten und krmmten sich wie ein Wurm, und die Augen zwinkelten so bedeutend, da Wolfsberg in das lauteste Gelchter ausbrechen mute. Gebe der Himmel, sagte der Director, da unsre Mahlzeit mit der Heiterkeit schliee, mit welcher sie anzufangen scheint. Gewi, fiel der Prediger ein, ist zu wnschen, da wir so frhlich bleiben mgen: aber um fortzufahren, so kommt es mir noch immer nicht so ganz ausgemacht vor, ob die Mania (wir wollen dies Wort brauchen, um keinen Ansto zu erregen) in uns Allen liegt, und nur wie bei den Lastern durch Nachgiebigkeit befrdert und gereift wird, so da der gewhnliche Verstand nur in gewissen Graden von ihr entfernt seyn mchte: oder ob sie eine radicale Verschwiegenheit, ein wahrhaft kranker Zustand, ein andres und schiefgerichtetes Verhltni der Seele ist. Das Letzte und auch zugleich das Erste, meinte der Director, und darum sei auch die Cur leicht und schwer zugleich: leicht, weil man sich den Verirrten nur hingeben msse, sie zu verstehn suchen, da immer noch Verstndni, oft eine Art System zum Grunde liege, sie achten, ihnen zur passenden Zeit nachgeben, ein ander Mal Strenge ben; und von dieser Seite sei wohl keiner ganz unheilbar zu nennen: schwer sei die Cur aber, weil man die Symptome oft mit dem Grunde der Krankheit verwechsle, den Verirrten dann nur stre und krnker mache, -- fr ein schwaches Gemth aber, wie er selbst, sei sie dadurch am schwersten, da man, um diese Menschen zu verstehn, mit dramatischem Geiste zu tief in sie eingehe, leicht in eine Art Tuschung gerathe, und wenn man sich dann pltzlich prfe, sich selbst beinahe auf dem nmlichen Wege finde. O mir aus der Seele gesprochen! schmunzelte der Geistliche; ach, Herr Medicinalrath, was sind Sie fr ein Menschenkenner! Da liegt freilich recht eigentlich der Hund begraben, da man, wie man im Trauerspiel weint, indem man sich in die Confusion hinein denkt, selbst confus wird. ^Dis moi qui tu hantes etc.^ Ja wohl, ja wohl, ein wahres Sprichwrtchen! Ich habe schon zuweilen die Meinung fassen wollen, da, um als Seelsorger auf die guten Leutchen zu wirken, einer gefunden werden mte, der, wenn auch nicht ganz in die Irre, doch ein wenig jenseit der Schnur gerathen wre, und doch noch genug krftige Religion brig behalten htte, um die Seelen zu ergreifen. Denn das, bester Herr Director, ist das Schlimme, da, wenn man nicht selbst in ihren Orden eingeweiht ist, man fast niemals die rechte Perspective trifft. Sie wissen, wie ich in meinen Predigten gesucht habe, in Ton, Geberde und Beispiel mich den armen Drehschaafen zu nhern, aber manchmal zu wenig, oft aber viel zu viel that; Sie selber machten einige Male die Bemerkung, ich htte wie ein wahrer Narr gesprochen. Ich mute Ihre eigne Seele freilich ganz aus dem Spiele lassen; denn ich wute ja, wie firm und krftig Sie in Moral, Tugend und allen Glaubenslehren sind. Sie gaben einige Male ein schlechtes Beispiel, sagte der Director; denn Sie lachten auf der Kanzel selbst aus vollem Halse. Der ernsthafteste Mann htte es nicht unterlassen knnen, sagte der Prediger, von Neuem laut lachend. Denken Sie, Herr Graf, wir hatten hier in unserm Hause einen jungen Mann, der ein Bauknstler gewesen war; er hatte aber eine so heftige Liebesleidenschaft zur Tochter eines Perckenmachers gefat, da er darber sein Studium verlie, und das Handwerk des Meisters ergriff; da ihm aber das Mdchen untreu wurde, mit Erlaubni von Ihnen, so zu sagen, berschnappte. Nun bestand seine Grille darin, sich und alle Menschen, die er dazu bewegen konnte, auf die sonderbarste Weise zu frisiren. An jedem Tage hatte er eine neue wunderliche Kopfverzierung ersonnen, und ich glaube, da ihn bei diesen mannigfaltigen Erfindungen sein ehemaliges Studium der Baukunst sehr untersttzte. Ich predige hier an einem Pfingsttage, und sehe die liebe Gemeinde unter mir. Der Verwilderte hatte sich furchtbar ^ la Herisson^ frisirt, so da ihm die Haare wie Borsten vom Kopfe weit weg abstanden; sieben oder acht seiner Freunde standen und saen neben ihm mit hochaufgewirbelten Papillotten, ein Anblick, der schon sonderbar genug war, weil viele Papierbndel wirklich wie aufgerichtete Krmerdten auf den Kpfen leuchteten. Nun nahm aber er einen nach dem andern von seinen Anhngern zwischen die Knie, und frisirte ihn whrend meiner Predigt eben so fantastisch, wie er selbst sich trug, so da gegen das Ende der Rede ein Theil meiner Andchtigen wie eben so viele wilde Teufel aussahen, und ich des Lachens wegen, das mich befiel, frher schlieen mute, als ich mir vorgesetzt hatte. Friedrich wollte sich ausschtten vor Lachen, und der Director erwiederte: so wie der Verstand, so hat die Narrheit des Menschen keine Grnzen. Jetzt ist ein Mann bei uns, der sich immer mit einem Maastabe herumtreibt und ihn unablssig betrachtet und rechnet. Dieser Mensch ist ziemlich wohlhabend und besitzt in der Stadt drben ein mittelmiges Haus. Es verdro ihn aber, da, wenn er so manche grere Huser des Ortes betrachtete, ihm sein ererbter Wohnsitz nur winzig und unbedeutend erscheinen mute. Mit diesem Verdrusse schleppte er sich Tag und Nacht, und wute doch kein Mittel, dem Uebelstande abzuhelfen. Endlich, weil er vor Hochmuth weder mehr schlafen noch essen konnte, fate er einen seiner Thorheit wrdigen Entschlu. An einem schnen Sommertage geht er aus, miethet auf dem Markte vier der strksten Tagelhner, und nimmt sie mit in seine Wohnung. Hier fhrt er sie in sein grtes Zimmer; jeder von ihnen mu sich gegen eine Wand stemmen und mit allen Krften dagegen drcken, bis er ihnen Halt zuruft. Sie empfangen ihren Lohn, ohne zu begreifen, was sie gearbeitet haben. Am folgenden Tage wird derselbe Versuch wiederholt; sie mssen streben und drngen, da ihnen der Schwei herab fliet, genau auf sein Commandowort achten, und in demselben Augenblick alle zugleich zu drcken aufhren, wie sie in demselben begonnen haben. So treibt er es den ganzen Sommer; er erweitert nach und nach alle Zimmer seines Hauses, die Gnge, die Treppen, den Hof; und nachdem er so eine bedeutende Summe ausgegeben hat, ist er fest berzeugt, sein Haus sei das greste in der ganzen Stadt. Er spaziert Stunden lang mit hoher Verehrung vor demselben auf und nieder, er zeigt erstaunten Fremden seine unermelichen Sle, er fngt an, sich selbst den Grafentitel beizulegen, hngt ein gemaltes Wappen ber seine Hausthr, und ist auf einige Zeit unser Gast geworden, um sich wieder auf die Wahrheit besinnen zu lernen. Sehn Sie, lieber junger Herr Graf, so sonderbare Verirrungen fallen vor, da dieser Mann sogar den sichtlichen Raum seines Hauses nicht mehr hat wahrnehmen knnen. Sie beweisen mir heute ein so schnes Vertrauen, erwiederte Wolfsberg, da ich es wohl wagen darf, noch einmal das Wort zu wiederholen, mit welchem ich Ihr Haus zuerst betrat, da ich nmlich durchaus nicht der bin, fr welchen Sie mich halten, und da Sie, wenn Sie mich nur einer ruhigen Prfung wrdigen wollen, mich eben so wenig des Verstandes beraubt finden werden, als den Herrn Prediger, oder als Sie es selber sind. Der Director winkte mit dem allerfinstersten Blicke, und Friedrich, welcher jede seiner Mienen verstand, nahm schnell den Wein vor Wolfsberg weg, und stellte ihm ein groes Wasserglas hin. Es geht nicht, rief der Director, so mit Ihnen zu leben, wie ich wnsche. Da Sie jetzt so abgefallen und fast miserabel aussehen, da Ihr Blick so demthig ist; so glaubte ich wirklich, Sie htten in sich geschlagen, und ich drfte Sie durch bessere Speise und Wein erquicken. Aber an Ihnen ist Hopfen und Malz verloren. Wie, Sie wollen wirklich streiten, da Sie der Graf Birken, einer der confusesten jungen Mnner sind? da Sie schon tausend Hndel angezettelt, und dafr drei oder vier Mal ansehnliche Schlge empfangen haben? da Sie es zu guter Letzt gewagt, sich mehrmals in das Haus des Barons von Halden einzuschleichen, und das Unglck seiner sinnverwirrten Tochter durch Liebesbriefe und mndliche Betheuerungen erhht, ja sie endlich beredet haben, sich von Ihnen entfhren zu lassen? Hier ist die Klage des Barons, hier sind Ihre klglichen Briefe, hier ist die Ordre vom Minister, Sie gefangen zu halten. Wollen Sie aber dieser Graf Birken nicht seyn, so zeigen Sie uns Psse, oder Schriften, durch welche Sie sich ausweisen knnen; stellen Sie angesehene Brgen! Aber man hat Sie dort im Hause nur zu gut erkannt, und Sie zu oft aus- und einschleichen sehn, Sie auch zuletzt im Zimmer der Tochter selber ergriffen. Und nun kein Wort mehr ber die Abgeschmacktheit, wenn Sie nicht bei Wasser und Brod in Ihrem Zimmer wollen eingesperrt seyn. Wolfsberg las die Papiere mit Aufmerksamkeit durch, und wagte es nicht, noch ein einziges Wort zu seiner Rechtfertigung zu erwiedern. Friedrich sah ihn trstend an und warf heimlich hhnische Blicke auf den Director; der aufmerksame Herr Kranich aber war schnell mit der kleinen Peitsche bei der Hand, um die bsen Geister von Wolfsbergs Schultern zu verjagen. Der Director wurde noch zorniger und rief: stecken Sie die verdammte Peitsche ein! Ich glaubte, Sie wrden doch wenigstens mein Vertrauen und mein Zimmer so weit ehren, das Zeichen Ihres Aberwitzes in Ihrer Klause zu lassen. Der Rothrock steckte zwar die Peitsche wieder ein, machte aber ein zorniges Gesicht, sah den Director mit groen Augen unverwandt an und sprach dann laut: Aberwitz, mein Herr? Dieses Worts sollen Sie sich jetzt und Ihre Lebenszeit hindurch schmen! Ich kam an Ihren Tisch in dem festen Vertrauen, da Sie doch so viel Vernunft haben wrden, mich nicht mit den mancherlei Gecken, von denen heut Mittag die Rede gewesen ist, in eine Classe zu werfen, und mich nicht mit dem Gezcht vergleichen zu wollen, was da unten im Saale sein Gaukelwesen treibt. Ich brauche, dem Himmel sei Dank, nicht curirt zu werden; auch will ich niemals curirt seyn; denn meine Vernunft, Herr, ist probefest, und auf die Dauer gearbeitet, und ich bin noch niemals, wie Sie von sich vorher zugestanden haben, in Gefahr gerathen, mit Nrrischen nrrisch zu werden. Wer wren Sie denn, wenn ich nicht das Geschmei der Pygmen immer wieder aus Ihrem Hause vertriebe? Ich will diese liebe Peitsche nur kurze Zeit ruhen lassen, und Sie werden es an sich erfahren, da Sie ein ruinirter Mann sind, da Sie berschnappen, da Sie zum Kinderspott werden. Wie? Was? Es gbe wohl am Ende gar keine Pygmen? Haben sie nicht schon die alten Griechen erkannt, aber nach ihrer dummen Weise darber gefabelt. Sogar von mir und meinem groen Einflu auf sie hat man in uralten Zeiten dunkle Legenden und Ahndungen gehabt; aber man dichtete, da die Pygmen ein wirkliches Volk seien, so klein, da die Kraniche Krieg mit ihnen fhrten. So erbrmlich hat man die Sache und meinen Kampf mit ihnen entstellt. Heut zu Tage nennen sie's das bse Princip. Nicht wahr, da ist mehr Verstand drin! Nein, da lobe ich mir meine se, liebe Peitsche; und wo ich bin, mu diese auch seyn. ^Dixi.^ Der Geistliche sagte: nicht so bel! aber der Director fuhr auf: wenn Sie so groen Geschmack an Narren finden, ehrwrdiger Herr, so mgen Sie es haben. Er verlie das Zimmer; die Uebrigen folgten ihm nach. * * * * * Was machen Sie nur? fragte der Rath den Arzt, als der sandigere Weg wieder ein Gesprch erlaubte. Wir sollten lieber hier noch verweilen, vorzglich Ihretwegen, da Sie doch nun Ihren theuern Grafen gefunden haben; und Sie selbst ziehen mich wie mit Gewalt in den Wagen, und erklren, Sie wollten niemals wieder hieher zurck kommen. O mein bester Rath, sagte der Arzt halb lachend; fr einen Rechtsgelehrten sind Sie mir doch etwas zu treuherzig und fr einen Inquisitor und Nachsprer gar zu arglos. Der Birken ist entlaufen, Vater und Tochter sind mir entgegen. Vermuthen diese, ich komme wieder, so finde ich meinen Entsprungenen niemals und es geschieht, was ich verhindern will; kann ich sie aber sicher machen, da ich nicht zurck kehre, so berrasche ich den vollstndigen Familienkreis wohl in Kurzem. Mit Ihrem lieben Pankraz ist es derselbe Fall; er hat sich unsichtbar gemacht, und zeigt sich nur, wenn er uns entfernt wei. Was hat der ehrliche alte Mensch mit dieser Sache, ja mit irgend einer zu thun? antwortete der Rath. Er hat damals genug gelitten, als seine Unvorsichtigkeit dem armen Raimund so theuer zu stehen kam; der Mensch mute sogleich den Dienst verlassen und dem Zorn des alten Barons entfliehn. Der Arzt lachte laut auf. Wenn meine Menschenkenntni mich nicht ganz trgt, sagte er endlich, so ist dieser gute alte Pankraz ein durchtriebener Schurke, und jener braun- und blauugige Baron nichts Geringeres. Sie schwrmen, lieber Freund. Und Sie schlagen selbst etwas in die Farben, in denen Sie mir Ihren Raimund gezeichnet haben. Haben Sie denn nicht bemerkt, wie verlegen das Pankraziengesicht wurde, als es Sie erblickte? Schon vorher wurde er bla, als ich ihn nach Blanka fragte. Er wei uns Raimunds Aufenthalt gewi zu entdecken. Knnen Sie sich in der Stadt durch Freunde oder Autoritt eine Vollmacht verschaffen, um den Schurken, wenn Sie ihn wieder ansichtig werden, zu verhaften, ihn zu erschrecken; so erfahren wir gewi Alles, und der Zweck Ihrer Reise ist erfllt. Wenn Sie Recht htten! sagte der Rath. -- Er befahl dem Kutscher nach der Stadt zu fahren. * * * * * Bei der Gesellschaft im Saale waren einige Vernderungen vorgegangen. Die beiden Redner hatten sich immer noch nicht vershnt und jeder vermied den andern; die Schachspielenden schienen auch weniger einig, als sonst, und der Mann mit dem Maastabe war unruhiger, und lief hastig hin und wieder. Wolfsberg gesellte sich zu diesem, und fragte, was ihm fehle. Ach, mein Herr, sagte dieser heftig bewegt, Sie haben gewi auch von meinem groen Hause gehrt, welches ich durch meine Geschicklichkeit so ansehnlich gemacht hatte. Das konnte mir der Neid nie vergeben, da ich durch Wissenschaft Besitzer eines der grten Palste in der Stadt seyn sollte. Bald hie es, durch die bermige Ausdehnung habe der Bau eine so zarte Constitution erhalten, da er bei der nchsten Veranlassung, wenn etwa Truppen marschirten und die Trommel gerhrt wrde, erschreckend, wie in einem Nervenfieber zusammen strzen msse. Andre meinten gar, ich htte die Stadt dadurch verengt, und die nahestehenden Huser und Gassen litten darunter: als wenn der unendliche Raum etwas so Beschrnktes wre, da man die Welt so leicht verderben knnte. Ich erbot mich, die ganze Stadt durch Beobachtung des Tactes auszudehnen, und sie, wenn wir Geld und Zeit genug htten, grer als London oder Nanking zu machen. Aber die Bosheit hrte auf nichts; ich mute mich hieher in die Einsamkeit zurck ziehn. Und was ist nun im Werke? Sollten Sie's glauben, da die Verderbtheit der Menschen so weit gehen knne! Eine ganze Schiffsladung von Gummi elasticum lt man mit Erlaubni des Parlaments von England kommen. Fnfhundert Menschen zerren das Zeug aus einander; man practizirt es so, nach allen Seiten ausgedehnt, unter meinen Palast, und auf ein Zeichen von dem nahestehenden Kirchthurm (denn auch die Religion wird dazu gemibraucht) lassen alle fnfhundert Bsewichter in einem und demselben Augenblicke die Gummifetzen los; das unglckselige Zeug schnappt zusammen, und nimmt unwiderstehlich Breite und Lnge meines Palastes mit sich, der durch dieses hllische Kunststck wieder zu einem gewhnlichen Hause zusammenschrumpft. Denn das giebt die Vernunft, da, da das elastische Unwesen sich nun in der Grundlage an das Gebude anklemmt, keine menschliche Kraft, keine Wissenschaft, kein noch so gut observirter Tact dazu hinreicht, es aus den Gummi-Klauen zu retten und wieder aus einander zu dehnen. Wolfsberg mute dem Klagenden Recht geben; doch wurde jetzt seine Aufmerksamkeit auf einen jungen Menschen gerichtet, der zum Saale herein schlich, und den er bisher noch niemals gesehen hatte. Methusalem kommt einmal wieder! riefen Einige, und ber die blassen Wangen des kranken Jnglings lief ein leichtes Roth. Wie nennen Sie ihn? fragte der Baron. O er heit nur so, antwortete Sokrates, der eben vorber ging, weil das Gespenst schon so auerordentlich bei Jahren ist, da, gegen ihn gerechnet, Methusalem selbst noch in den Kinderschuhen steckt. Die Gestalt und das Wesen des Jnglings waren so wunderbar und von Allem, was sich in diesem Hause zeigte, so verschieden, da sich Wolfsberg wie gezwungen fhlte, sich ihm langsam und mit Bldigkeit zu nhern. Der Jngling war schlank und mager, seine Geberde ruhig und edel, sein Gesicht schn, aber bla und abgefallen; die Augen glnzten so berirdisch, da man vor ihnen erschrecken konnte, wenn nicht eine se Schwermuth ihr Feuer wieder gemildert htte. Der junge Mensch schritt dem Baron entgegen, vielleicht, weil ihm auch dessen Gestalt und Wesen, als ein milderes, auffiel. Wolfsberg war um Worte verlegen, mit welchen er das Gesprch erffnen knne; aber der Kranke kam ihm zuvor, nahm ihn bei der Hand und sagte mit der lieblichsten Stimme: was fehlt Ihnen? Meine Vergehungen, sagte der Baron in einem fast zerknirschten Tone, haben mich hieher gefhrt. Aber woran leiden Sie? Ach! klagte der Jngling, da ich so gar bermig alt bin; die groe Menge der Jahre drckt mich zu Boden. Wie alt schtzen Sie mich? Hchstens drei und zwanzig Jahre, sagte der Baron. Des Jnglings Gesicht ward noch wehmthiger und zwei groe Thrnen fielen aus den Augen. Sie sehn, sagte er mit seiner lieblichen Stimme, wie ich lachen mu. Nun bin ich gerade sechstausend dreihundert und vier und neunzig Jahre alt. Gestern Nachmittag hatte ich nur sechstausend und vier und neunzig: und denken Sie, in der kurzen Zeit bin ich schon wieder um die dreihundert Jahre lter geworden. Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Wolfsberg. Wissen Sie denn, was die Zeit ist? klagte jener weiter. O Lieber, mancher Achtzigjhrige geht zu Grabe, und hat vielleicht nicht zwanzig Jahre, nicht zehn gelebt. Vielleicht giebt es Menschen, die von der Geburt an bis zum Greisenalter nicht zur Zeit erwachen, und erst jenseit die erste Stunde mssen kennen lernen. In der Gleichgltigkeit ist kein Strom; weder Vergangenheit, noch Zukunft, auch keine Gegenwart. Freude, Jubel und Glck sind rasende Kinder, die tobend umher springen und das zarte Stundenglas zerbrechen; hinter ihnen steht Tod und Nichtsein, -- der Himmel gab uns dafr keine Sinne. Aber im Schmerz, im Schmerz! Wie durch diesen Wunderbalsam die Secunde, die das Auge kaum unterscheidet, aufschwillt und mit der Ewigkeit schwanger wird! Ja, mein junger Zeitgenosse, ich habe Tage erlebt, in denen Jahrhunderte eingewickelt waren; sie lsten sie aus ihren Schleiern und legten sich mir um die Seele. Dann kam eine Stunde, eigentlich nur ein Augenblick; da sprang die ganze aufschwellende Knospe entzwei, in der mir die Zeit in duftenden Blttern aus einander blhen sollte, und ein Alles und Nichts, ein groer ewiger Tod, in dessen finsterm Herzen kindisch das seste Leben lchelte, brach mit Gewitternacht ber mich ein. Da waren die Jahrtausende verlebt, dieselben, an denen das Menschengeschlecht, ohne sie nur zu kosten, vorber kriecht. Schmerz, Herz, Scherz: nicht wahr, im Schmerz ist Alles, was die Andern nur einzeln aussprechen? Leben Sie wohl, und hten Sie sich, so alt zu werden! Ich gehe wieder auf mein Zimmer, denn wenn diese groen Minuten mich besuchen wollen, mssen sie mich wach finden. Adieu, junger Mann, vielleicht bin ich schon acht oder zehntausend Jahre, wenn wir uns wiedersehn. Er wankte hinaus, und keiner von den Gegenwrtigen achtete auf ihn. Die Uebrigen umringten Wolfsberg, und Sokrates, der den Sprecher im Namen Aller zu machen schien, sagte: junger Herr, wir Alle sind es nun endlich berdrssig, Sie noch lnger diese triviale Rolle spielen zu sehn, mit der Sie uns Allen herzliche Langeweile machen. Nicht der Unbedeutendste hier, der nicht sein Pfund wuchern liee; und Sie wollen immer noch als leutseliger Beobachter sich herum treiben? Fordert die Menschheit nicht auch Ihre Kraft und Ihren Entschlu? Sie sollen nicht lnger der Niemand seyn, mit dem Keiner von uns etwas anzufangen wei. Meine Herren, sagte Wolfsberg in einer sonderbaren Stimmung, die aus Schmerz und toller Laune gemischt war: da Sie mich Alle mit einem so gtigen Zuruf und schmeichelnden Zutrauen beehren, und da ich sehe, da uns hier eine so glckliche Republik umfat, in der uns weder Gesetze der Zeit noch des Raumes tyrannisiren, und eine so freie Verfassung unsre Krfte erhebt, da auch selbst das Unmgliche mglich wird: so will ich denn auch nicht lnger hinter dem Berge halten, mich Ihnen entdecken und Ihren herrlichen Bestrebungen anschlieen. Wissen Sie also, da ich das Eigne an mir habe, da ich schon fters gelebt habe, vielerlei Zustnde erfahren, und mein dermaliges Leben nur als die hundertste Wiederholung in einer etwas vernderten Modification auffhre. Wie meinen Sie das, Trivialer? fragte der Leser. Dieselben geruhen, antwortete Wolfsberg, mit Ihrer unvergleichlichen Stupiditt nicht zu capiren. Ich war mit Einem Wort, genau nach der Lehre des Pythagoras, schon in vielfachen Gestalten im Leben. Ich war Knig, Kaiser, Bettler, Vater, Sohn, lasterhaft, zur Tugend geneigt, glcklich und elend. O, sagte der Indianische Schachspieler, Sie fangen an interessant zu werden, Mnnchen; fahren Sie nur so fort, so knnen Sie noch was leisten. Knnen Sie uns nicht etwas Bestimmteres von Ihren frhern Verhltnissen mittheilen? fragte Sokrates. Gern, erwiederte der Baron mit gelufiger Zunge, ich war z. B. zugegen, als Csar ermordet wurde. Trefflich! rief der Leser; wer waren Sie denn dazumal? Wer anders, als der berhmte Cassius, antwortete Wolfsberg. Halt! schrie der aufgedunsene Redner, der noch immer mit der Zinnschnalle paradirte, halt! rief seine krchzende Stimme; das ist nur Windbeutelei! Denn wenn ich damals htte leben knnen, so wrde ich Cassius gewesen seyn: also ist es pur unmglich, da du selbiger gewesen! Dieser leere Wunsch, und die etwanige Mglichkeit, sagte Wolfsberg spitzfindig, schliet doch wohl meine wirklich erlebte Wirklichkeit nicht aus? Leerer Wunsch? schrie der aufgebrachte Dichter, in meinem ganzen groen Leibe und noch grerem Geiste ist kein einziger Wunsch, den man als leer verlstern drfte! Leer! Ei, den ausgelernten Lehrer! Mit diesen Worten schlug er auf den jungen Baron ein. Sokrates wollte seinen ehemaligen Schler zurechtweisen: da dieser aber, noch ergrollt, ihn ebenfalls nicht schonte, so verlie auch diesen die sokratische Ruhe. Doch, wie es auch wohl bei Vernnftigern zu geschehen pflegt, verga er den Beginn des Zanks, und sein thtiger Unwille wandte sich nach wenigen Augenblicken gegen Wolfsberg. Die Schachspieler, Melchior, der Bauknstler, ja Alle im Saale schienen pltzlich von der Ueberzeugung begeistert, da es nothwendig sei, denjenigen, der schon als Cassius und in andern Zustnden Vieles gelitten, auch in diesem Momente mit empfindlichen Leiden zu berhufen. Am grausamsten aber wthete die Peitsche des Pygmen-Bezwingers, dessen Seherkraft auf Rcken und Schultern des Armen Myriaden seiner kleinen Gegner erblicken mute, weil er, unbarmherzig gegen sich und den Geschlagenen, in die Geister mit der Anstrengung aller Krfte hinein arbeitete. Entsetzt strzte Friedrich, der seinen fleiigen Arbeiter und Schatzheber unterliegen sah, mit frchterlichem Geschrei zum Director, dessen Autoritt und starkes Wort den armen, erschpften Baron auch wirklich frei machte, der sich verdrielich und zerschlagen nach seinem Zimmer begab, und den der Trost, welchen ihm Friedrich noch in der Thr zuraunte, da die nun kommende Nacht die letzte und entscheidende sei, in diesem Augenblick nicht sonderlich erheben konnte. * * * * * Als Friedrich seinen nchtlichen Schatzgrber abrief, fand er ihn sehr bel gelaunt. Die Arbeit wird mir zu schwer, sagte er verdrielich; meine Krfte nehmen ab, und ich mu frchten, da diese ganze ungeheure Anstrengung vergeblich gewesen ist; denn nach so manchen Wochen, nach so vieler herausgegrabenen Erde, da wir doch schon tief genug gekommen sind, zeigte sich noch immer nichts. Es wird auch fast unmglich, die Erde aus der Tiefe noch hher herauf zu schaffen, da ich Alles allein verrichten mu. Nur heut noch, flsterte Friedrich; ich gebe Ihnen mein Wort, heut ist die letzte und entscheidende Nacht! Wir mssen nur Anstalt treffen, das viele Gold aufzubewahren, ohne da man es bei uns bemerkt. Und noch Eins, verehrter Freund, in der letzten Nacht zeigt sich gewi etwas Sonderbares oder Gespenstisches. Lassen Sie sich nicht berraschen; erschrecken Sie nicht, wenn Sie Stimmen hren, ein wunderliches Gepolter, Geschrei; wenn Lichter und Geister kommen, und uns das so sauer Errungene wieder zu entreien streben. Denn das ist ihre Art, den Glcklichen noch zuletzt zu ngstigen, damit sie ihm seine Beute wieder entziehen. Darum hten Sie sich heute besonders vor jedem Zweifel oder gottlosen Wort und Fluch; denn sonst versinkt unser Schatz gleich wieder so viele Klaftern tiefer, da alsdann unsre Arbeit von Neuem und viel beschwerlicher anfangen mte. Heut mssen wir besonders still seyn, und uns eine feierliche Manns- und Heldenstimmung geben. Sie gingen langsam hinunter. Sie flsterten unterwegs, was sie mit den Schtzen beginnen, welche Unternehmungen sie ausfhren wollten, wie die Welt vor den ungeheuren Dingen erstaunen sollte, die alsdann auftreten wrden. Wolfsberg sprach davon, wie er sich sein eignes Theater in seinem groen Palaste anlegen wolle, und nur den vorzglichsten Knstlern gestatten, bei ihm aufzutreten; Friedrich dachte mehr darauf, den Director zu krnken, seinem Hause gegenber ein anderes, noch greres aufzufhren, und alle Menschen dort kostbar zu bewirthen die sein Gebieter nicht leiden knne. Als sie unten waren, stellte Wolfsberg die Laterne wieder neben sich, und fing an seufzend zu graben, da ihm Arme und Rcken, ermdet, wie sie waren, fast den Dienst versagten. Friedrich stand oben auf der lockern Erde, und konnte kaum seine heisern anordnenden Worte hinab gelangen lassen, so tief hatte sich Wolfsberg schon unter die Fundamente eingegraben. Eine schauerliche Stille umgab sie; ganz dumpf und fern hrten sie jetzt die groe Uhr zwlf schlagen. Wolfsberg dachte nicht ohne Grausen daran, da sich nach seines kleinen Freundes Voraussagung nun wohl etwas zeigen knne, und suchte seine Angst durch emsigere Arbeit zu betuben. Friedrich stand hoch ber ihm und zitterte an allen Gliedern; er wagte es nicht mehr hinab zu sehn; die Erdschollen, wie sie von unten aufgeworfen wurden, erklangen ihm frchterlich, weil er in jedem Wurf Schritt und Tritt eines Geistes zu hren glaubte. In der greren Anstrengung warf Wolfsberg die Laterne um, die nur ein dmmerndes Licht in der ausgegrabenen Kluft schimmern lie; Friedrich stie einen leisen Ausruf des Entsetzens aus, und als sich jetzt ein seltsames Gepolter vernehmen lie, ein dumpfes, brausendes Murren, von dem man nicht unterscheiden konnte, woher es komme, setzte sich Wolfsberg in hchster Angst nieder, ein Geisterheer und furchtbare Erscheinungen erwartend. Sein Haar strubte sich, als das Getse zunahm; und jetzt fiel pltzlich mit schwerem Fall ein Wesen um seinen Hals, schlang sich zitternd und weinend an ihn fest und schien ihn erdrcken zu wollen. Als Wolfsberg sich etwas besann, erkannte er Friedrich, der von oben zu ihm herab gekugelt war, vom Schreck hinunter geworfen. Was wird aus uns werden? schluchzte dieser. Aber nur Muth, Muth, mein Leidensgefhrte! Jetzt vernahm man etwas Bestimmteres, wie Reden, Schreien durch einander. Es kam nher; aber nicht aus dem Boden, sondern von dem Eingange des Kellers her; Lichtschimmer fingen an sich zu verbreiten. Aber da mu das heilige Donnerwetter drein schlagen! brllte jetzt eine Stimme, und der Kleine lie jetzt den Baron fahren, richtete sich auf, und sagte: Gott Lob! es ist nichts, es ist nur unser Herr Director. Mordelement! schrie dieser von oben, wie sieht das hier in den Kellergeschossen aus, da mssen wenigstens zwanzig verrckte Spitzbuben dran gearbeitet haben. Gewi ist der Schuft, der Friedrich, wieder auf seine alten Tollheiten verfallen, und hat ein Rudel Dummkpfe zu Gehlfen genommen. An dir aber will ich ein Exempel statuiren! Herr Director, Barmherzigkeit! winselte der Kleine von unten hinauf. Leuchtet! schrie der zornige Mann. Die Diener kamen mit den Lichtern nher, stiegen auf die Erdhgel, und man sah jetzt beim Schein die armen Snder, bleich und aufgelst in Angst, unten stehn. Wie? schrie der Director, der verrckte Graf ist da unten bei dir? Herauf ihr verdammten Kerle! Langsam und mit Mhe krochen die Verbrecher aus ihrer Grube. Wit ihr wohl, Patrone, eiferte der wthende Medicinalrath, da durch eure sauberen Bemhungen das Fundament hier gesunken ist, da die uere Mauer nach Westen einen Ri bekommen hat? da ich das Recht habe, euch in Ketten zu schlagen und an die Wand zu schmieden? Ich erschrecke, wie ich heut Nachmittag den Sprung in der Mauer wahrnehme; aber das la ich mir doch nicht trumen, da der dumme Schatzgrber, der doch seine ehemalige Strafe nicht sollte vergessen haben, seine Streiche von Neuem angefangen hat. Sprich, wo sind die brigen Verschwornen? Der Graf, wie Sie ihn nennen, antwortete der zitternde Friedrich, hat Alles ganz allein gemacht. Was? rief der Director erstaunt; das Kerlchen ganz allein? Allen diesen Schutt aufgeworfen? sich wohl vier Klaftern tief eingegraben? die Erde in die Gewlbe herauf gefahren und dort abgeladen? Das ist kaum menschenmglich! Und wie lange treibt ihr die Teufeleien? Seit vier oder fnf Wochen, klagte Friedrich. Kein Wunder denn, sagte der Director, da der Unkluge so verfiel und zum Jammerbilde wurde. Aber wie konnten Sie nur, Graf, ein solcher Dummkopf seyn, und sich von diesem armseligen Schaafe verfhren lassen? Merkten Sie es denn gar nicht, da Sie doch manchmal Funken von Vernunft zeigen, da er auch zu den Tollen gehrt? Also ist unser Herr Friedrich auch unklug? fragte Wolfsberg. Was anders? erwiederte der Director: nur weil er anstelliger ist, als die Andern, wird er zum Aufwrter, ja Aufseher gebraucht. Nun hat sich das Ding freilich gendert. Htten die Satans nicht uns Narren insgesammt den alten Kasten auf die Kpfe schmeien knnen! Mir fiel es oft ein, sagte Wolfsberg kleinlaut, da hier keine Schtze liegen mchten, da Friedrich vielleicht nicht gesunde Einsichten habe; aber weil ich doch einmal die tolle Arbeit angefangen hatte, weil er mich so zu lieben, auch ganz zu kennen schien, mehr als Alle, so -- -- Ja, winselte Friedrich, ich mute dem Narren gleich gut seyn, so wie ich ihn ankommen sah; denn betrachten Sie ihn nur, wie er dem berhmten Herzog Marlbrough hnlich sieht, der vor einem halben Jahre bei uns sa, und mit dem ich damals auch die groe Freundschaft errichtete. Aber da er nun doch ein recht verrtherischer Narr ist, will ich Ihnen auch sagen, wer er eigentlich ist; denn Sie kennen ihn Alle nicht. Nun? sagte der Director. Er ist, fuhr Friedrich trotzig fort, der durch die ganze Welt berchtigte Cartouche, das knnen Sie mir auf mein Wort glauben. Scheert Euch beide auf Eure Stuben, rief der Director, und nehmt da auf vier Wochen mit Wasser und Brod vorlieb, das ist Eure gelindeste Strafe! Die Maurer werden hier wohl eben so lange zu thun finden, ehe das Haus wieder fest steht und Alles in Ordnung ist. Sie gingen Alle hinauf, und die beiden armen Snder muten sich seufzend in ihre Strafe fgen, die noch hrter htte ausfallen knnen. * * * * * Vor der Stadt lustwandelten die beiden Freunde Walther und Anselm. Sie billigen es also, sprach der Letztere, da ich dem alten Grafen Birken Alles, was seinen wilden Sohn betrifft, geschrieben habe, und da er nun, wenn es ihm wichtig genug dnkt, selber kommen und ihn aufsuchen mag; denn ich kann meine Zeit nicht lnger mit diesen Nachforschungen verlieren. Sie wissen, da mit jedem Posttag die vortheilhafteste Anstellung ankommen kann, die ich nicht zurck weisen darf. Ich bin in allen Dingen Ihrer Meinung, erwiederte Walther, nur darin nicht, da Sie nicht zum Hause des Predigers Kilian zurck kehren wollen, wo, wie ich immer noch glaube, wir Alle antreffen wrden. Was ntzt mir nun die Vollmacht, die ich bei mir trage, wenn wir den guten Pankraz niemals wieder zu Gesichte bekommen? Ein Auflauf strte die Unterredung, denn ein Rudel von Jugend war hinter der seltsamsten Erscheinung her, die ihnen zu entlaufen suchte. Eine lange Gestalt im rothen Tressenrocke, kleinem goldbesetzten Hut und groem Haarbeutel, einem feinen Degen mit Porzellan-Griff an der Seite, in aufgewickelten seidenen Strmpfen und Corduan-Schuhen mit rothen Abstzen, stolperte ihnen unbehlflich entgegen, und bat mit klglicher Stimme um Hlfe gegen die ausgelassene Jugend. Sie halfen dem alten Manne in ihren Gasthof, vor dem sie eben standen, und als sie im Zimmer dem Geschrei und Lrmen des nachfolgenden Haufens entgangen waren, erkannten die Freunde zu ihrem Erstaunen an dem hochauffrisirten und gepuderten Kopf das Gesicht des verdchtigen Pankraz. Wie bin ich Ihnen verbunden, meine werthen Herren, sagte er, den Rath von der Seite betrachtend, da Sie mich gerettet haben! Der Arzt, welcher frchten mochte, da bei der Milde seines Freundes vielleicht die Sache nicht die rechte Wendung nehmen knnte, bemchtigte sich gleich des Gesprches, indem er mit barschem Tone sagte: wir kennen Euch recht gut, alter Narr Pankraz; wie seid Ihr in diesen Habit gekommen, und was hat die Posse zu bedeuten? Ach, mein Herr, sagte der Diener, wir sind schon einige Zeit von unserm Prediger entfernt -- Das wissen wir, unterbrach ihn der Arzt, und auch den saubern Grund, weil der gute Pankraz uns nicht gern dort treffen wollte. Doch das wird sich Alles finden! Nun kann ich meinen Herrn, fuhr der Diener fort, nachdem er den Arzt ein Weilchen mitrauisch angesehn hatte, so ziemlich regieren; er folgt mir in wichtigen Sachen immer, wenn er auch murrt, und hat mehr Respect und Furcht vor mir, als vor dem Herrn Prediger selbst; aber an einem einzigen Tage im Jahr ist er durchaus nicht zu bezwingen; an seinem Geburtstage nmlich; da mu ich ihm in allen Dingen seinen Willen thun, wenn ich ihn nicht wthig machen soll. Heut ist der Unglckstag, und da fate er schon vorige Woche den Gedanken, ich mte heut als Herr angeputzt seyn, und er wollte meinen Bedienten vorstellen. Ich bat und flehte; aber umsonst. Ich wollte wenigstens den Spa auf dem Lande treiben; half nichts. Er staffirt mich also aus, und lehnt das Zeug dazu von Juden und Christen zusammen; er selber tritt in einer engen hechtblauen Livree hinter mir her, und da sich die Jungen versammeln, fngt der bse Mensch zuerst an, mich auszulachen, und schreit hinter mir drein, ich sei der ewige Jude. So bin ich durch die halbe Stadt verfolgt worden, und hoffe nun durch Sie den Habit los zu werden, und sicher nach unserm Wirthshause zu kommen. Das wird alles nicht nthig seyn, sagte der Arzt kaltbltig, der gute Pankraz wird wohl anderswo ein Unterkommen finden. Seht, der Herr Rath Walther hat sich zu Eurem Besten vom Gerichtsprsidenten hier in der Stadt, der sein naher Verwandter ist, diese Vollmacht geben lassen, Euch zu greifen, wo Ihr Euch betreffen lieet, und den Gerichten zu berliefern; wo Euch dann das Zuchthaus wenigstens gewi ist, wenn Euch nicht, wie ich glaube, Kette und Karren auf dem Vestungsbau erwartet. Mein Himmel, sagte der Alte zitternd, indem er einen schnellen Blick in das groe Blatt warf, wodurch denn -- dieser Verdacht -- ach! Herr Rath -- ich wei nicht -- Freilich, fuhr der Arzt kalt und bestimmt fort, knnt Ihr Eurem Schicksal selbst eine bessere Wendung geben, wenn Ihr in unsrer und einiger Zeugen Gegenwart ganz aufrichtig seid. Ich wei ja nicht, winselte Pankraz, was ich gestehen soll. Die Sache ist brigens schon klar, sagte der Arzt, und kann auch ohne Euch ausgemittelt werden; nur bewegt uns das Mitleid mit Eurem Alter dazu, Euch das harte Schicksal zu ersparen, das Euch nothwendig treffen mu. Vertraut Ihr Euch uns gutwillig an, so haben wir den alten Baron Eberhard so in der Hand, da er knftig fr Euch sorgen mu, und noch besser, als er bisher gethan hat. Wir wollen als Eure Freunde fr Euch handeln, wenn Ihr aufrichtig seid, und Euch als Feinde verfolgen, wenn Ihr lugnet. Lieber Himmel, stotterte der Alte, wenn ich doch nur gleich recht viel wte, um Ihnen durch meine Bereitwilligkeit meinen Diensteifer und meine Liebe zu beweisen. Wir verlangen nur Weniges von Euch, sprach Anselm. Ach! das ist ja recht Schade, seufzte Pankraz; wollte der Himmel, ich htte Ihnen recht Vieles zu erzhlen! Da Ihr sonst den jungen Raimund bedientet, fuhr der Arzt fort, da Ihr einen Spion bei ihm abgabt, da Ihr es nicht ehrlich mit ihm meintet, sondern Alles dem alten Herrn Baron zutrugt, wissen wir schon lngst. Es ist uns auch bekannt, da sich der alte Herr Baron ber die Schwchlichkeit seines Neffen freute, weil er ihn zu beerben hoffte; da ihm dehalb die Verbindung mit Frulein Blanka sehr zuwider war, die er auch nur unter den einfltigsten Vorwnden zu hindern suchte; da er darum ihre tdtliche Krankheit so gern sah, und Euch alten Spitzbuben mit der Nachricht ihres Todes zu dem zerstrten jungen Manne schickte, als ob Ihr Euch einen rhrenden und dummen Spa mit ihm machtet. Als dieser Todesschlag die Sinne des Unglcklichen verwirrte, jagte der alte Unmensch Euch zum Scheine aus dem Dienst, wie es schon vorher unter Euch abgekartet war, und hat Euch seitdem eine gute Versorgung gegeben, und fr die Zukunft eine noch bessere versprochen. Nicht wahr, so hat sich Alles begeben? Jetzt sagt nur noch, wo habt Ihr den armen Jngling hingeschafft? Gesteht es lieber uns, als dort vor Gericht, wo keine Gnade mehr fr Euch zu hoffen ist; auch thut Ihr so Eurem alten Beschtzer den besten Dienst, der nur auf diesem Wege einem schimpflichen Prozesse entgeht. Ach! meine Herren, heulte Pankraz, meinen Sie es denn auch ehrlich mit mir? Wenn ich mich doch nur Ihrem edlen Herzen so recht gutmthig vertrauen knnte! Wenn Sie es doch einzurichten wten, da ich nichts mehr mit dem Herrn Theophil zu thun htte, sondern das, was ich von dem Baron fordern kann, in ungestrter Ruhe gensse. Das soll geschehen, sagte der Arzt. Nur schnell! wo ist Raimund? Sehn Sie, fuhr der Diener fort, wie soll ein armer bedrngter Domestik ehrlich bleiben, wenn es die vornehmen Herrschaften bei allem ihrem Ueberflusse nicht einmal sind? Der alte Herr glaubte immer, er wrde das Vermgen besser brauchen knnen, als sein junger Neffe, der niemals so ganz seinen Verstand hatte; darum dachte er auch, das feine Wesen sollte mit Tode abgehn, weil die Leute immer sagen, solche Kinder und junge Leute wren zu gut fr diese Welt. Wie er nun doch schon confus war, so meinte der Baron, der Tod des Frulein Blanka, die auch besser fr den Himmel pate, wrde den jungen Herrn auch dahin verhelfen; darum sollte ich ihn erschrecken, da er nur recht schnell und ohne lange Leiden hinber fhre; und das alles wute mir der Herr Baron ganz christlich vorzuschwatzen. Aber der junge Mensch hatte doch noch mehr Courage und Kraft, als wir ihm zugetraut hatten; er wurde freilich ein bissel lamentabel, und sein Verstand verfiel noch mehr, aber er blieb frisch weg am Leben. Da gab ihm der alte Herr einen andern Namen, schrieb Certificate, eine ganze lange Geschichte, die ich mir auch merken mute; und das arme kranke Lamm lie sich auch Alles gefallen; ob er so hie, oder so, war ihm ganz gleich. Er wurde mir heimlich bergeben und ich brachte ihn ganz in der Stille auf das Haus da drben ber den Flu, wo sie ihn gut verpflegen, und er sich, seit Frulein Blanka fr ihn todt ist, um nichts mehr kmmert. Ich bezahle vierteljhrig seine Pension, die ich von einem Banquier erhebe, und so ist Alles in Ordnung. Was ist das fr ein Haus? fragte Walther. Das berhmte Narrenhaus da drben, antwortete Pankraz. Entsetzlich! rief der Rath; Du wirst uns nun Deine Papiere ausliefern, Dein Gestndni noch ein Mal wiederholen, und es unterschreiben, und so lange, bis Alles entschieden ist, im leichten Arrest bleiben. Doch noch eins: wer ist denn dieser Theophil? Der, sagte Pankraz, ist ein natrlicher Sohn unsers alten frommen Barons. Er schmt sich seiner, weil er ein Narr ist, und hat ihn bisher bald da, bald dort untergebracht. Man hrte den Theophil drauen lrmen. Er trat als Bedienter gekleidet in das Zimmer. Ich will meinen Pankraz haben, rief er aus. Ach, jammerte der Diener, ich bin zum armen Snder geworden, und gegenwrtig im Arrest. O das ist herrlich! jubelte Theophil; schner konnte ich meinen Geburtstag gar nicht feiern, als dadurch, da sie den alten Kater zum armen Snder gemacht haben! Das mu ich gleich drauen dem Herrn Kilian und Grge erzhlen. Das wird ein Jubel im ganzen Lande seyn. Pankraz im Arrest! der weise Salomon, der schnurrende altfrnkische Solon mit seiner Cato-Physiognomie und dem herrlichen Haarbeutel im Nacken ein armer Snder! -- Er strmte fort und hrte nicht auf die Einreden der beiden Freunde, oder die klglichen Bitten seines alten Dieners. * * * * * Kaum war der Stubenarrest und die sehr drftige Kost dem armen Wolfsberg noch nthig, um ganz sein Inneres zu erkennen, und alle seine Thorheiten und die Verderbni seines Lebens einzusehn. In demthiger Unterwerfung ergab er sich seinem Schicksal, und war kaum erfreut, als man ihm ankndigte, da seine wohlverdiente Strafe ihm frher erlassen sei. Jetzt durfte er wieder den Saal betreten, und der Director, den er bis dahin so wenig wie Friedrich, seinen Verfhrer, gesehn hatte, lie ihn sogar dahin einladen. Wolfsberg fand alle Thoren dort versammelt, und den Director mit dem Hut auf dem Kopfe sitzend. Dieser hielt ein Papier in den Hnden, und seine Miene schien sehr verndert; doch konnte man nicht sagen, da er heiterer, als gewhnlich, aussah. Meine Freunde, fing er im Rednerton, aber mit einer weichen Stimme an, wir haben lange mit einander gelebt, viel mit einander ertragen; aber heut ist der Tag, an welchem wir von einander scheiden sollen. Man hat endlich meinen vielfltigen Gesuchen, mich in Ruhestand zu versetzen, nachgegeben, und der Mann, der nun als Vorsteher meine Anstalt bernehmen wird, soll noch heut Mittag eintreffen. Mge sein Verstand erleuchteter, als der meinige, und sein Sinn nicht unfreundlicher seyn! Die Thr ging auf, und Grge trat mit groer Dreistigkeit herein. Was giebt's, Bursche? fuhr der Director auf ihn los. Ich kann's nicht mehr zu Hause aushalten, sagte Grge ganz unbefangen. Sehn Sie, Herr Director, seit ich neulich 'mal hier war, bin ich wie ein verwandelter Mensch; mein Verstand ist aufgeklrter, und ich kann nun meinen lieben Aeltern nicht mehr so in Allem folgen, wie ehedem. Wenn ich das nicht recht mache, und jenes versehe, 'mal so spreche oder morgen anders denke, wie es zu Hause bei mir Mode ist; so wird die Mama immer sehr bse, und droht mir, mich in das Narrenhaus hier einsperren zu lassen. Gestern nun habe ich unserm Herrn Kilian wohl zwanzig Fledermuse in die Stube geworfen: da hat er mich verklagt, und sie hat mir wieder gedroht, mich hieher zu schicken; da bin ich nun heute frh lieber gleich von selbst herber gelaufen, und bitte, da Sie mich eine Weile hier behalten; so knnte ich auch bei dem rothnasigen Herrn dort noch etwas lernen und mich ausbilden. Sokrates machte sich sogleich herbei, und fate die Hand des lehrbegierigen Jnglings. Der Director lchelte und sagte mit sonderbarer Miene: wenn Strafe selber zum Lohn wird, so ist der Mensch gewi am glcklichsten. -- Ich bin in meiner Abschiedsrede von Euch, meine Freunde, unterbrochen worden, fuhr er hierauf in verndertem Tone fort. Ich habe dies Haus nun sechszehn Jahre bewacht; viele Gste empfangen, viele gebessert entlassen. Ihr seid die letzten; und da ich Eure Besserung durch Pflege und Aufsicht nicht lange genug habe abwarten knnen, so will ich sie hiermit durch ein Machtwort veranstalten, und erklre Euch nun hiermit fr frei, hergestellt und gesund. Wie? Diese Gewalt wenigstens sollte mir nicht einmal geblieben seyn? Thut der Staat, der Frst, die Universitt denn etwas anders, wenn sie Doctorhte, Titel und Wrden austheilen? Da sehn wir ja tglich, wie Menschen pltzlich Verdienste und Tugenden haben und glnzen lassen, die kurz vorher nur wenig taugten, oder kaum ber Vier hinaus zhlen konnten. Alle Thore, meine theuern, so lange gehegten und gepflegten Freunde, sind offen; die Thrhter haben den Befehl, Niemanden am Ausgehen zu verhindern. Diese letzte Wohlthat ist es, wozu ich noch heute meine Macht gebrauchen will. Ich kann meinem Amte nicht lnger vorstehn; denn, wie mancher der Mrtyrer oder Wunderthter jener frhern Jahrhunderte die Snden ihrer Mitbrder, so habe ich mit Liebe und Mitleid alle Eure Gebrechen in meine Seele aufgenommen: und Viele sind dadurch geheilt, die Bsartigkeit Andrer ist dadurch gemildert worden. Aber Ihr knnt wohl selbst ermessen, dankbare Freunde, da das keine Kleinigkeit fr einen sterblichen Mann ist, in seinem engen Busen so hundert Narrheiten zu tragen und zu hegen, an deren _einer_ schon jeder von Euch genug zu schleppen hat. Freilich war ich auch dadurch nur Monarch und Herrscher, in welchem sich alle Krfte und Vorzge centralisiren. Nicht wahr, ihr guten, lieben Unterthanen und Einfaltspinsel? Geht nun zurck in die Welt, und gewhnt Euch doch endlich als gesetzte Mnner die kindische Aufrichtigkeit ab, mit der Ihr Euch vor jedem Narren Eure Narrheit habt merken lassen. Schaut um Euch! Von Allen, die hier vorbei fahren und gehen, die auf dem Flusse schiffen, die in der Stadt dort wandeln und auf ihren Zimmern sitzen, gehren, wenn man die Strenge brauchen wollte, wenigstens zwei Drittheil hieher. Warum wollt Ihr nun so weichherzig seyn, jedem Eure Brust zu ffnen, und in die curiose Structur Eures Innern hinein schauen zu lassen? Ist es denn so etwas Schweres, die gewhnlichen Redensarten der Vernnftigen zu gebrauchen, ihre Geschfte zu treiben, trivialen Spa zu machen, und ihnen ihre ganze Ehrwrdigkeit abzusehn und nachzuspielen? Kinder, glaubt mir doch, es gehrt weit mehr Genie dazu, ein Narr zu seyn! Daher mag es auch Mangel an Muth seyn, wodurch sich die Meisten abhalten lassen, zu uns berzugehn. Denn ein trivialer Narr ist wirklich etwas recht Triviales. Wann nun der neue Herr Director ankommt, seht, Kinder, so wird er hier das leere Nest finden. Das glaube ich, wenn der sich so recht in die Flle, wie in eine vollstndige Haushaltung hinein setzen knnte, das wre ein Jubel fr ihn; Alles eingemacht, vollgesackt, geschlachtet und gepkelt fr Herbst und Winter; die ganze Ernte, die ich so mhselig seit manchem Jahre habe sammeln mssen! Nein, er mag auch sen und pflanzen, die junge Zucht auffttern, die alten Gnse nudeln und stopfen. Zehre er von seiner eignen Arbeit! -- Lebt nun wohl und reicht mir Eure Hand, ehrwrdiger Sokrates! Geht und nehmt den jungen Alcibiades, den lieben Grge, mit Euch; bildet ihn, da er Galimathias sprechen lerne, aber mit Maaen, damit er nicht verkannt werde, wenn er das, was auf einen Monat ausreichen sollte, in einem Tage an den Mann bringt. Fahrt wohl, Ihr beiden Redner; bt Euch dort vor dem Volke, und rhrt und erbaut die Welt durch Liebe und erhabene Gesinnung! Indianer, grogesinnte Menschen mit edeln Inspirations-Gaben versehn, errichtet dort eine Akademie, um die trockne Welt geheimnivoller zu machen und sie mit tiefer Mystik zu nhren! Begleitet diese Edeln, Ihr Lesender; und wenn Ihr unserm Jahrhundert Alles rcklings lesen und stellen knnt, so werdet Ihr Euch vielen Dank verdienen: ja der bloe Versuch wird Euch schon glnzend belohnt werden. Ihr Bauknstler, bezieht wieder Euer Haus, das Ihr als aufgeblhte Schnheit verlieet, und das nun zu einem alten Mtterchen zusammen geschrumpft ist! Pygmenfeind, geht und vertreibt die bsen Geister! Ihr, Graf Birken, macht Euch davon, und lat nun Weiber und Mdchen in Ruhe! Herr von Linden, oder Methusalem, wie sie Euch hier nennen, verschwindet in Eil: denn Ihr macht hier nur theure Zeit, da Ihr sie so entsetzlich consumirt. Wie? wenn ich Euch nun die Zehrungskosten nebst Zinsen fr die hundert tausend Jahre abfordern wollte, die Ihr hier, Eurem eignen Gestndnisse nach, zugebracht habt? Meilen weit hier herum kann das Kind im Mutterleibe keine Zeit zum Wachsen finden, da Ihr Alles in Euch schlingt. -- Friedrich, lebt wohl, und grabt keine Schtze mehr, sonst grabt Ihr Euch selber die Grube, in die Ihr hinein fallt! Jeder mute ihm, indem er vorber ging, die Hand reichen. Alle verlieen das Haus; nur Friedrich erklrte, da er niemals weichen wolle. Sieh, rief der Director, am Fenster stehend, wie sie sich verbreiten und dahin ziehen, die lieben Pilgersleute! Sie werden es doch vielleicht nicht wieder so gut finden, als hier. Mancher wird sich zurck sehnen! Ein Wagen fuhr in den Hof, und der Mann, welcher herausstieg, war sehr verwundert, alle Thore offen zu finden. Noch mehr erstaunte er aber, als er sich dem zeitherigen Director nherte, und erkannte, da dieser pltzlich ein Kranker seiner eignen Anstalt geworden sei. Er gab sich ihm als Doctor Anselm zu erkennen, welchem die Regierung diesen Posten anvertraut habe: doch jener antwortete blo: ja, bester Mann, Sie finden mich ganz allein hier, als Stock und Stamm, der wohl wieder Frchte tragen mag, doch aber jetzt abgelaubt ist. Fr etwas, wenn auch nicht fr viel, kann mein Friedrich gelten. Anselm lie sogleich einige Diener zu Pferde ausreiten, um, wo mglich, noch einige der Flchtlinge einzuholen. * * * * * Grge ging mit seinem neu erworbenen Sokrates seiner Heimath zu. Sie mssen sich nur nicht Sokrates nennen, machte er ihm begreiflich; denn das klingt so heidnisch: so knnen Sie gewi in unserm Hause bleiben, und mir Unterricht geben. Der Papa suchte schon seit lange einen Lehrer: er hilft Ihnen gewi durch, und thut, als wenn er Sie dort oben nicht gesehn htte; meine Schwester darf nichts ausplaudern, sonst verrathe ich ihre schwrmerische Liebe zu dem Windbeutel Theophil; blo die Mama mssen wir betrgen, und Sie mssen sich nur hbsch klug und weise stellen. Ich brauche mich nicht so zu stellen, antwortete Sokrates; das ist meine wahre Natur. In einiger Entfernung hinter diesen schlich Wolfsberg; er ging nur langsam, und sehnte sich nach einer Erquickung. In dem groen Dorfe, wo der Junker ihm mit seinem Mentor aus den Augen verschwand, lie er sich in dem Gasthofe ein Zimmer geben, und bestellte sich Essen und Wein. Er legte sich indessen auf das Bett, um etwas zu schlafen; aber kein Schlummer befiel sein Auge, denn tausend gute Vorstze, Lebensplane und Erinnerungen besuchten ihn jetzt, da er sich nun endlich der Freiheit zurck gegeben sah, die er sich seit so mancher Woche vergeblich gewnscht hatte. Die heitre frische Herbstluft zog durch das offne Fenster, und strkte seine Sinne. Wie ist mir wohl! sagte er zu sich selbst: warum habe ich denn so manches Jahr diese Empfindungen verschmht, die mich jetzt besuchen, und die doch das theuerste Leben meines Lebens sind? Ein sonderbares Geznk, das drauen vorfiel, erregte erst seine Aufmerksamkeit und zog ihn dann ans Fenster. Ein alter Mann stritt mit einem jungen, und sagte jetzt eben: nein, Sie mssen mit uns gehen, und da ich Ihnen Ihre Baarschaft oder Ihre Wechsel jemals wieder geben sollte, darauf machen Sie nur sich keine Rechnung; denn wenn ich nicht als ein kluger Mann Ihre Capitalien in Verwahrung genommen htte, so htte es wohl so kommen knnen, wie uns der fremde Herr wahrsagte, da mein altes Auge Sie nie wieder sah, und meine arme Tochter sich der Verzweiflung ergeben mute. Wolfsberg sah sich hier wieder einen Spiegel vorgehalten, der ihm die Scene noch weit interessanter machte. Aber, Herr Kilian, es ist doch mein Geld, sagte der junge Mensch. Was, Kilian? schrie der Alte; Herr _Schwiegervater_ mssen Sie zu mir sagen, so wie ich Sie auch lieber hochgeborner Herr Schwiegersohn, als Graf von Birken tituliren werde. Wie? sagte Wolfsberg zu sich selbst, dies also ist der junge verkehrte Mensch, fr den ich so lange habe leiden mssen? -- Seine Aufmerksamkeit hatte den hchsten Grad erreicht, und weil er dem Gesprche so eifrig zuhrte, bemerkte er nicht, da zwei fremde Menschen durch den Baumgarten herbei kamen. Kommen Sie, ohne Umstnde, rief der Pfarrer jetzt von Neuem, oder ich lasse Sie aus meiner Machtvollkommenheit als Mdchenverfhrer und Jungfrauenruber arretiren. Einen solchen suchen wir eben, sagte der eine Fremde, einen jungen Grafen Birken, der ein Verbrecher und Narr zugleich seyn soll. Alle Thrichten haben sich heut aus dem Narrenhause befreit, und das ganze Land ist nun im Aufruhr, sie wieder einzufangen. Wolfsberg erschrak; er wollte schnell den Kopf zurck ziehn, aber man hatte ihn schon bemerkt. Er sammelte sich und rief von oben herab: Sie suchen den Grafen Birken? Der dort ist es, der mit dem alten Manne spricht. Der Graf erschrak, der Geistliche sammelte sich aber bald. Schwiegersohn oder Arrestant? fragte er den jungen Mann schnell und leise. Ach! Schwiegersohn! wimmerte dieser klglich, und der Geistliche sagte mit fester Stimme: meine Herren, ich bin der Pastor dieses Orts; dieser mein Herr Schwiegersohn wohnt schon seit vierzehn Tagen in meinem Hause; aber dem Menschen da oben sieht ja der Vagabunde und der Narr obenein aus den Augen heraus. Ich gebe Ihnen mein Wort, er ist der entsprungene Graf Birken! Er nahm seinen Schwiegersohn unter den Arm und fhrte ihn mit starker Hand davon. Die Fremden bemchtigten sich des unglcklichen Wolfsberg, erlaubten ihm kaum, sein bestelltes Mittagsessen zu genieen, und schleppten ihn wieder in seine alte Haft zurck. * * * * * Der Rath Walther war im Begriff, in schnellster Eile nach der Stadt zu fahren. Nur auf eine halbe Stunde wollte er in dem Dorfe beim Pfarrer Kilian einsprechen, und scheute dehalb den Umweg nicht, weil er doch vielleicht irgend eine Nachricht durch ihn erhalten knnte. Als er nach dem Dorfe einbeugte, sah er seitwrts neben den Bergen auf einer grnen Wiese den Flu entlang eine Gestalt gedankenvoll wandeln, die sein entzcktes Auge bald als seinen geliebten Raimund zu erkennen glaubte. Er lie halten und wollte ber die kleine Brcke dem Wasser zueilen, als er Schalmeien, Clarinetten und Waldhrner vernahm, und einen langen Zug geputzter Bauern und Buerinnen sich entgegen kommen sah. Alles jubelte, und in der Mitte gingen neben dem Pfarrer zwei wunderlich geschmckte Gestalten, die er fr Graf Birken und die Tochter des Pfarrers erkannte, deren grner Kranz in den brandrothen Haaren sie deutlich als Braut ankndigte. Da der Rath wute, wie wichtig es seinem Freunde, dem Arzte seyn mute, da die Trauung nicht vor sich ginge, so begab er sich, statt nach jener Wiese, in die Mitte des Brautzuges. Er wollte sprechen; aber die lrmende Musik lie ihn nicht zu Worte kommen; besonders da der Pfarrer die Musikanten zum Blasen und das junge Volk zum Schreien ermunterte, um nur den lstigen Besuch zu bertuben und zu verscheuchen. Des Rathes Anstrengungen wren auch fr jetzt vergeblich gewesen, wenn nicht einige Reiter herbei gesprengt wren, die dem Zuge Halt geboten. Die Musik verstummte, und diesen Augenblick der Ruhe benutzte Walther, um seinen Einspruch gegen die Feierlichkeit vorzutragen und zu erklren, da der junge Graf noch nicht mndig, auerdem auch thricht im Haupte sei. Des Pfarrers bemeisterte sich ein erhabener Zorn. Ich wei nicht, rief er aus, warum sich alle Welt in Bosheit gegen meinen verehrten Schwiegersohn und meine geliebte Tochter verschworen hat! Er thricht im Haupte? Wissen Sie, unbekannter Freund, was das sagen will? Die Reiter begehrten ebenfalls angehrt zu werden. Sind Ihnen sonst keine Narren begegnet, fragte der erste sehr eifrig: das ganze Narrenhaus hat sich frei gemacht, wir sind alle in den Drfern aufgeboten, sie wieder einzufangen. Jeder Reisende ist jetzt verdchtig; man prft alle Welt sehr scharf, und selbst der Vernnftigste mu sich in Acht nehmen, nicht aufgegriffen zu werden; denn Narren mssen sie nun doch einmal dort oben wieder haben. Sind Ihnen Verdchtige vorgekommen, Herr Pastor? fragte der zweite. Ich untersage hiermit diese Hochzeit! rief der Rath im hchsten Unwillen. Der Pfarrer, welcher das Grafthum seiner kleinen Tochter von Neuem in Gefahr sah, dessen Vaterliebe Alles daran setzte, sich diesen Schwiegersohn zu sichern, und dem mit Wolfsberg schon der khne Streich gelungen war, rief jetzt laut: hier, meine Herren, sehn Sie einen solchen Wthigen vor sich, der sogar die heilige Ceremonie durch seine Raserei stren will! Was? rief Walther aus; ich ein Rasender? Sehn Sie nur, sagte der Pfarrer gesetzt, wie ihm die Augen wie zwei Feuerrder im Kopfe herum gehn! Er ist toll; wir erkennen ihn Alle dafr an. Ja, schrieen die Musikanten, und am lautesten der Graf: es ist der tolle Mensch, der schon seit acht Tagen hier herum luft. Geben Sie Acht, was Sie thun, sagte der Rath etwas besnftigt; ich wollte eben nach der Stadt; ich bekleide dort jetzt die Stelle des Gerichtsprsidenten. Vor Hochmuth ist er bergeschnappt, rief der Pfarrer; allons! fort mit ihm! -- Fort mit ihm, schrie der ganze Haufe. Die Reiter hatten schon ein drittes, lediges Pferd herbei geschafft; Walther ward hinauf gepackt, und ehe er noch sagen konnte, da sein Wagen vor dem Dorfe halte, trabten seine Begleiter mit ihm fort: denn das Singen und Schreien der Menge, die betubende Musik, und die Glocken, welche die Ceremonie einluteten, machten fr jetzt jede Errterung unmglich. Walther mute gezwungen den Weg zur neuen Behausung seines Freundes antreten; der Pfarrer aber schleppte als Sieger seinen mhsam errungenen Schwiegersohn in die Kirche, mit dem Vorsatz, sich spterhin lieber jeder Verantwortung zu unterziehn, als das Horoskop Lgen zu strafen! * * * * * Der neue Director Anselm hatte sich indessen um seinen kranken Collegen bemht, und es war ihm auch gelungen, den alten Mann wieder ziemlich zu beruhigen. Dieser sah seinen Zustand ein, und fhlte sich beschmt, da er so leicht jenem Gelste nachgegeben, welches ihm noch krzlich der Prediger als so gefhrlich geschildert hatte. Er besa in der Nhe ein Landhaus, auf welches er sich verfgte, und Anselm sah ihn gern abreisen, weil er berzeugt war, da die schnell erzeugte Unplichkeit in einigen Tagen auf immer verschwinden mte. Jetzt ward eine Gesellschaft von Reisenden gemeldet, die das Haus besehn wollten. Anselm ging ihnen entgegen, sie zu bewillkommen, und zugleich zu entschuldigen, da ihre Neugier sich diesmal mit einem einzigen Vernnftigen begngen msse. Voran in den Saal trat ein langer alter Herr, dem die Uebrigen groe Verehrung bezeigten; er fhrte an seinem Arm ein phantastisch geschmcktes Frauenzimmer, die dem Arzte bekannt schien, obwohl er sich ihrer nicht gleich erinnern konnte. Ein breitschultriger junger Mann folgte, und als letzte Begleiterin schlich ein blasses, krankes Mdchen nach, die Strickkorb und Tuch ihrer lachenden und bermthigen Gebieterin demthig trug. Wir kommen, sagte der angesehene Mann, Ihre Anstalt zu betrachten; meine junge Gemahlin hat dergleichen noch niemals gesehn, und der Bruder meiner Frau hat noch andere philosophische und knstlerische Absichten bei dieser Reise. Sind die Narren aber auch nicht frchterlich? fragte die junge Dame; ist man nicht auch in Gefahr angesteckt zu werden? Anselm erzhlte ihnen die unglckliche und doch lcherliche Begebenheit, worauf der alte Herr sehr betreten und erblat zurck fuhr und ausrief: wie? Alle entlaufen? Schrecklich! Und auch ein gewisser Baron Linden unter den Geflchteten? Ja wohl; leider, sagte der Arzt, indem er den Sprechenden nher ins Auge fate. Das ist ein Jammer, rief der robuste junge Mensch aus; so bin ich denn vergebens hieher gereiset? Mir fallen jetzt bei unserm Theater die wichtigen Rollen des Macbeth und Lear zu, und fr diese mchte ich so gern hier meine Studien machen; denn seit unser Groprahler, der Adlerfels, so ganz verschollen ist, und man nirgend von ihm hrt (Schade um den brigens guten Knstler!), so mu ich doch nothwendig die Lcke ausfllen, die mit seinem Verlust bei uns entstanden ist. Du solltest ihn nicht nennen, ^mon frre^, sagte die Dame: sieh nur, wie Fanny wieder von Erinnerung ergriffen wird. Auf den groen Mann, sagte der Bruder, htte sich das Kpfchen ja doch niemals Rechnung machen drfen. Friedrich, der auch zugegen war, sagte: es ist auer mir Niemand im Hause, als der berchtigte Graf Birken; den haben sie vor Kurzem mit Gewalt wieder zurck geschleppt. Graf Birken? rief der Arzt hchst erfreut aus; o diesen fhre sogleich zu mir, guter Mann. Zugleich winkte er den Baron in ein Fenster, um im Geheimen mit ihm zu sprechen: ich habe die Ehre, fing er an, den Herrn Baron Eberhard vor mir zu sehn. Jener verbeugte sich. Wenn Ihr Neffe, fuhr der Arzt fort, jetzt sich wieder fnde, wrden Sie gewi seiner Verbindung mit Frulein Blanka nichts mehr in den Weg legen. -- Wenn er noch lebte, der liebe Jngling, sagte jener slich, und sie den Verstand wieder gefunden htte, -- doch scheinen das unmgliche Dinge zu seyn! -- Doch nicht viel unmglicher, sagte Anselm, als da dieser nmliche Neffe lange als Baron Linden hier im Hause gelebt hat. -- Ei! was Sie mir sagen! -- Sie muten es doch wohl wissen, da Sie sich gleich so angelegentlich nach dem jungen Linden erkundigten. -- Ich? Ja, sehn Sie einmal, -- da ich nicht wte, -- stotterte jener. Sie sind ein so berhmter Christ, fuhr Anselm fort, Ihre Frmmigkeit und Menschenliebe sind so exemplarisch, da Sie ganz gewi in alle meine Bitten und Vorschlge willigen werden, da ich es gleich gut mit Ihnen, wie mit Ihrem Neffen meine. Je, du mein Himmel, chzte der Baron, wir sind ja alle gute Menschen. Wann ich nur erst wte, wodurch ich die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu seyn. Die arge Welt knnte glauben, fuhr Anselm leise im sanftmthigsten Tone fort, Sie htten es auf das Vermgen Ihres lieben Neffen angesehn, besonders weil ein alter Schuft sich nicht entbldet, auszusagen, ein gewisser Pankraz -- O der Galgenschwengel! rief der Baron: was sagt er aus? der soll mir Alles bezahlen! Sehn Sie einmal, indem Anselm die Bogen aus einander faltete, diese weitluftige Anklage, vor Zeugen ausgesagt und unterschrieben. Es ist entsetzlich! Was gewinnt aber ein frommes Herz, wie das Ihrige, dabei, einen solchen Menschen zu bestrafen? Nein; sammeln Sie feurige Kohlen auf sein Haupt; belohnen Sie ihn gromthig und bermig, da er in sich geht, und an Ihrem Edelmuth hinauf staunend, an Tugend glauben lernt. Sie knnten ihm wohl ein Huschen, ein kleines Capital, eine mige Wiese und einige Aecker schenken, wie ihm ein sonderbarer Mann, der seit gestern Gerichtsprsident hier drben in der Stadt ist, etwas voreilig in Ihrem Namen schon versprochen hat: ein gewisser Walther, er hat auch die Ehre, mit Ihnen verwandt zu seyn, und denkt Ihnen auch die Mhe abzunehmen, knftig noch des Vermgens wegen, das Ihrem Neffen zusteht, Sorge zu tragen. Je du mein Gott, ja, -- Alles herzlich gern! seufzte der Alte kaum hrbar. Wie wre es denn nun noch zuletzt, theuerster Mann, den ich immer mehr verehren mu, wenn Sie auch Ihren armen Sohn, den Theophil, legitimirten, und ihm ein anstndiges Auskommen gewhrten. Wrde Ihr Herz darber nicht eine unbeschreibliche Freude empfinden? Ach ja, sagte jener, eine unbeschreibliche Freude, und da Sie es wnschen -- und Sie eine gewisse Art zu bitten, -- und zum Herzen zu sprechen haben, -- o Himmel! die Thrnen stehn mir in den Augen, da ich eine solche Bekanntschaft gemacht habe. Ich bin im Innersten gerhrt, erwiederte Anselm. Sie umarmten sich herzlich, und der Baron wischte sich die Tropfen des kalten Angstschweies von der Stirn; lange bin ich nicht so bewegt gewesen, seufzte er, und blickte zum Himmel. Und ich, erwiederte Anselm, habe auch, so lange ich lebe, an keinem so groen Herzen gelegen. Der Baron trat zur schkernden Gattin. Sie werden, sagte er fromm, in diesen Tagen einen Sohn von mir kennen lernen: auch ist mein Neffe wieder gefunden, und ein alter Diener Pankraz wird das kleine Gtchen Liebendorf erhalten, welches Sie dem Pachter verkaufen wollten. Das ist ja viel in einer kleinen Viertelstunde, sagte sie, und maa den Director mit groen Augen. Es geht fast zu, wie im Lustspiel, sagte dieser. Ja, sagte der Baron, der Herr Director haben mir Erffnungen gemacht, und auf eine Art -- Hier kommt Graf Birken, schrie Friedrich; er wollte sich erst gar nicht dazu bequemen. Wolfsberg trat herein; der Arzt ging ihm entgegen, aber beide fuhren in demselben Augenblicke vor einander zurck. Sie, Herr von Wolfsberg hier? unter diesem Namen? Und so verwandelt? so abgefallen? So drckte mit wiederholten Ausrufungen der Arzt sein Erstaunen aus. Die Uebrigen im Saale waren nicht ruhiger. Fanny lag in Ohnmacht, und Wolfsberg, der jetzt erst die Gruppe sah, machte sich aus den Armen des umhalsenden jungen Mannes, der einmal ber das andre: mein Adlerfels! rief, los und eilte der Niedergesunkenen zu Hlfe. Er kniete zu ihr nieder, er legte ihr Kpfchen auf seinen Schoo: o meine geliebte, meine theuerste, meine einzige Franziska! rief er in den zrtlichsten Tnen; entziehe Dich mir jetzt nicht wegen meiner Missethat, entfliehe mir nicht, denn ich bin kein Herzloser mehr: ich kehre zu Dir zurck, wenn Du mich noch wrdigest, mich Dein zu nennen! Ich bin ja aus meinem tiefen Elende zu mir selber erwacht; o so erwache denn auch Du zu diesem Leben wieder! Franziska schlug die ermatteten, aber schnen Augen auf. Sie konnte an ihr Glck nicht glauben, da sie in dessen Armen lag, der sie mit so grausamem Hochmuthe von sich gestoen hatte. Du mein? stammelte sie; gewi? Ja, mein ses Herz, erwiederte Wolfsberg, der sich nun als Adlerfels ausgewiesen hatte; ja ich kehre mit Dir zurck, Du wirst meine Gattin, und alle Schmerzen, allen Hohn, den Du um meinetwillen ertragen hast, will ich Dir vergten, wenn ich es vermag. Und unser Kind, das arme Wrmchen, lebt es denn noch? Die liebe Bertha, sagte die Entzckte, ist zu Hause, bei meiner Schwester. Gott! wie wird sich Alles freuen! Ich gratulire, Fanny, sagte die gndige Frau: nun gieb mir nur Strickkorb und Shawl her, da ich es selber trage. Bruder, rief der andre Schauspieler, wie wird das Publikum sich freuen, Dich in Deinen Effect-Rollen wieder auftreten zu sehn. So eben, rief Friedrich herein springend, haben sie noch einen ganz neuen Narren eingefangen. Das geht scharf her. Walther trat lachend ein und man verstndigte sich sogleich. Anselm stellte ihn dem Baron vor und sagte ihm kurz, da das edle Herz des frommen alten Herrn in Alles gewilligt habe, was er nur irgend als Mensch oder Rechtsgelehrter von ihm fordern knne. So lat uns denn, rief Walther, nach dem Dorfe zurck kehren, von dem ich eben herkomme, denn wenn meine Augen nicht ganz zu Lgnern geworden sind, so haben sie dort meinen geliebten Raimund erblickt. Wirklich war es Raimund gewesen, den Walther erst erspht hatte. Stumm und in sich gekehrt hatte der Jngling das Haus verlassen. Er begriff nicht, was ihm geschah; er wute auch nicht, wo er hin wollte. So ging er dem Fusteige nach, der ihn bald in den Wald fhrte. Er sann seinem verschwundenen Leben nach, und ihm ward fromm und heilig zu Sinne. War es doch, als fielen verhllende Schleier von seinem Gemthe und Herzen herunter. Er kam an einen grnen runden Platz im Walde, wo er sich unendlich bewegt fhlte. Er sah sich um, um sich zu erkennen, und eine alte Birke, in welcher noch die Namenszge, die er einst eingegraben, fast unkenntlich verwachsen waren, erinnerte ihn an Alles. Er war noch ein Kind gewesen, als er hier einmal von seiner theuren Mutter Abschied genommen hatte; bis hieher hatte er sie begleiten drfen, und von dieser Stelle kehrte er mit seinem Vater wieder nach dem Schlosse zurck. Er ahndete damals nicht, da er nach einem Jahre schon beide Aeltern beweinen sollte. Das Gut wurde nachher vom Oheime vortheilhaft verkauft, und Raimund hatte seit seiner Kindheit diese Gegend nicht wieder gesehn. So wie er jetzt zu diesen Erinnerungen immer deutlicher erwachte, wie die Sehnsucht nach den Scenen seiner Kindheit, nach dem Kirchhofe, wo seine Aeltern ruhten, in ihm wuchs; so empfand er es, wie jene dumpfe Angst immer mehr verschwand, die bis dahin seinen Geist wie in einem finstern Kerker eingefangen hielt. Er verlie den Wald, da lag der kleine Flu vor ihm, der vom Wohnsitze seiner Kindheit herstrmte. Alle Wogen schienen ihn zu gren, jede Blume am Ufer ihm einen kindlichen Gru zuzunicken. Da fand er schon die Mhle im engen Thal, die ihm als Knaben mit ihren rauschenden Rdern so wunderbar erschienen war. Sie ist ja jetzt nicht weniger wundervoll, sagte er zu sich, wenn ich gleich wei, was und wozu sie da ist. Er ging vorber, und wollstige erleichternde Thrnen strmten aus seinen Augen. Da war der Bergschacht, der ihm so entsetzlich vorgekommen war; er ging dicht hinan, und erinnerte sich der grauenvollen Sagen, die von ihm im Lande umgingen. Nun sah er schon den wohlbekannten Berg seines Geburtsortes, die rothe hohe Felswand und die von oben herabhangenden Bume. Da schimmerte auch schon das Dach des Schlosses herber. Es schmerzte ihn, da er nicht in das Thor vertraut eintreten drfe, da fremde Menschen, die er nur wenig kannte, in den Zimmern wohnten, wo seine Wiege gestanden, wo sein Vater ihm vorgelesen, wo seine Mutter ihn in einer Krankheit auf ihrem Schooe eingesungen hatte. Auf dem Kirchhofe kniete er mit Andacht an der Gruft. Er nahm sich nun fest vor, seine Freunde wieder aufzusuchen, und nachzuforschen, wer ihm das Schicksal bereitet haben knne, das ihm erst jetzt seltsam erschien. Doch mute er, ehe er weiter ging, die einsame Wiese hinter des Pfarrers Garten besuchen, den Spielplatz seiner Kindheit, wo er unter der hohen Linde so manchmal im grnen Grase halb eingeschlummert war, auf das Suseln der Bltter, das Summen der Bienen, und das Pltschern des nahen Baches horchend, wo Alles wie ser Geistergesang ihn anredete, und er noch lieblicher aus seinen Trumen Antwort gab. Nun stand er wieder unter dem Baume, und eine himmlische Mdigkeit ergriff ihn, wie damals; er tauchte die brennenden, thrnennassen, jetzt so bleichen Wangen in das khle grne Gras, und die Bienen schwrmten im Baum, die Bltter schwatzten mit ihnen, das Flchen erzhlte sich selbst eine alte Geschichte, und er entschlief wieder, wie in der Kindheit. -- -- Ein Wagen hielt am Dorfe. Willst du ruhen, mein Kind? -- fragte die Mutter. -- Ja, aber im Freien. -- Bist du auch wohl genug? -- O Sie sorgsame, treue, mtterliche Pflegerin, antwortete die Tochter, Sie sehn ja, wie es mit meiner Gesundheit mit jedem Tage besser wird. Vertrauen Sie mir nur mehr, damit ich mir auch selber wieder vertraue. Nein, Geliebteste, jene trbe Zeit wird niemals wieder kehren; aber ich fhle es, durch diesen frchterlichen Zustand mute sich meine Krankheit arbeiten, damit ich wieder genesen konnte. -- Bist du dessen so gewi, meine Tochter? Dann mchte ich Gott mit Thrnen fr die Verzweiflung danken, durch welche er mich damals geprft hat. Gewi, liebe Mutter, sagte die reizende Tochter. Kenne ich doch nun mein ganzes Unglck; es ist mir kein dstres Geheimni mehr. Wenn ich an die Ewigkeit der Liebe glaube, warum sollte ich denn jemals verzweifeln? Hier ist er geboren! O htte ich ihn doch als Kind gekannt! Eine Welt voll Glck wre mehr in meinem Besitz! Hier ist er auch wohl gewandelt; alle diese Gegenstnde hat sein frisches Auge, wie oft, begrt. Nur ber die Wiese will ich gehn, ein Viertelstndchen am Bache ruhn, so recht an ihn denken; dann komm' ich zurck und wir reisen weiter. Aber allein mssen Sie mich lassen! -- Sie umarmte die Mutter, und schritt ber die kleine hlzerne Brcke. -- -- Raimund trumte indessen einen seltsamen Traum. Der Wahnsinn war die Wahrheit, und was die Menschen Vernunft nannten, nur ein dmmernder Schimmer. Auch kein Raum war da, und keine Zeit. So wie auf den alten Stammbumen es abgebildet ist, sah er sich aus dem Herzen eine hohe Blume wachsen; sie wurde von seinem Herzblut getrnkt, und ihr rother Glanz ward immer mehr zum goldnen Purpur. Da sang es im wiegenden Kelch, er that sich sfltend auf, und Blanka schaukelte sich drin hin und wieder, wie in einem durchsichtigen Kahn. Da blickte er ber sich, und ihr blaues Auge ging in das seine; da zitterte sein Herz und mit ihm die Blume. Warte, rief sie, jetzt stirbt mein Blumenhaus ab, ich komme drauen in der Wirklichkeit zu dir! Sie schlpfte auf den Rasen und stellte sich unter die Linde. -- Gott im Himmel, hrte er sagen, das ist Raimund! Er schlug die Augen auf, und Blanka's blaues Auge ging in das seine. Er kannte sie gleich. Sie umschlossen sich, als wenn die Arme sich nie wieder los lassen wollten. Auf den lauten Freudenschrei eilte die Mutter herbei, und fand das unvermuthete Glck, das sie noch nicht begriff. Auch Walther und Anselm kamen. Walther war so entzckt und berauscht, als wenn er selbst der Brutigam wre. * * * * * Im Hause des Pfarrers tobte indessen ein lautes Getmmel. Die Hochzeitgste waren so lustig, da es die Glcklichen endlich auch auf der Wiese hrten. Der alte Baron hatte indessen schon seinen Sohn Theophilus heraus gesucht und ihm unter Umarmungen seine Vaterschaft erklrt. Ich habe nun auch einen Vater! rief Theophilus im Hause lrmend umher, und schlug laut lachend mit den Beinen aus, als der Pfarrer ihm dazu vernnftig Glck wnschen wollte. Wolfsberg machte es mit dem Pfarrer ab, da er ihn in den nchsten Tagen mit seiner berglcklichen Franziska verbinden sollte. Der Gerichtsprsident Walther konnte in der Leidenschaft des Glcks nicht so mit dem Geistlichen sprechen, wie dieser es wohl verdient htte; auch wurden alle Unterhandlungen durch ein laut schmetterndes Posthorn unterbrochen. Eine glnzende Equipage hielt, viele zierlich gekleidete Diener beeiferten sich, einen ansehnlichen Mann, der auf dem Rocke einen groen Stern trug, aus dem Wagen zu heben. Die Dorfleute befiel ein stilles Grauen, und als Anselm ausrief: der alte Graf Birken! so fing der Pfarrer an zu zittern. Wo ist mein ungerathener Sohn? schrie der alte Graf, als er in das mit Menschen berfllte Zimmer trat. Die Braut heulte laut, und die anwesenden Weiber aus dem Dorfe stimmten in denselben Ton ein. Wo ist Caspar Birken? schrie der Alte noch einmal. Hier, winselte der junge Graf, der sich hinter einen groen eichenen Tisch verschanzt hatte. -- Und wo ist der unverschmte Pfaff, der es gewagt hat, den dummen Laffen mit seiner Tochter zu verkuppeln? -- Hier! rief der Pfarrer, der sich indessen wieder gesammelt hatte; aber keine Verkuppelung, sondern eine chte christliche Ehe, wie unsre Kirche sie vorschreibt. -- Die wird wieder geschieden! -- Die wird nicht geschieden! -- Sie ist nicht gltig, so gewi da oben auf den Ebreschenbumen keine Aprikosen wachsen. -- Sie bleibt so lange gltig, bis da oben die rothe Felsenwand ein Mensch hinauf klettern kann, und von den nmlichen Ebreschenbumen sein Veto in das Thal zu uns herunter schreit. -- Und wenn ich Blut und Leben, wenn ich mein Vermgen lassen mu, und wenn ich der Mrder meines eigenen Sohnes werden sollte, so gebe ich zu dem Unsinn nie meine Einwilligung. -- Und wenn ich, schrie der Pfarrer entgegen, prozessiren mte, bis ich keinen Groschen mehr htte, und wenn ich zur Fortsetzung des Prozesses von dem Junker Grge, oder einem noch Einfltigern, das Geld betteln mte, so lasse ich die Sache nicht ruhn. Mein Kind mu glcklich und Gemahlin des Grafen, Ihres Sohnes, bleiben. Wissen Sie, was ein Horoskop ist? -- Nein. Nun, dann knnen Sie auch gar nicht mit sprechen. Sehn Sie dies Papier; in der Geburtsstunde meiner Tochter habe ich alle ihre Sterne beobachtet, und schon damals mit Gewiheit prophezeiht, da sie eine Grfin werden msse. Was knnen Sie gegen alle Sterne ausrichten? He? Der Graf sah das Papier eine Weile mit staunenden Blicken an. He! Caspar! schrie er von Neuem. Heraus aus Deinem Winkel, Du Satansbrut! Komm her, Spitzbube, ich will Dir ja meinen vterlichen Segen geben, weil es denn also doch einmal nicht anders seyn kann. Der junge Birken hpfte herbei, er legte die Hand des Sohnes in die seiner Braut und kte das kleine dicke Mdchen dann recht herzlich auf den Mund. Nun, Spa bei Seite, sagte hierauf der alte Herr bedchtlich, im Grunde ist es mir ganz lieb, da die Sache so gekommen ist, denn der Junge htte einmal noch rger anlaufen knnen; er kommt somit in eine ziemlich reputirliche Familie; der Mosje Caspar mu nun aber seine dummen Teufeleien lassen, die ihm einmal den Hals htten kosten mgen; der Schwiegerpapa ist ein resoluter Kerl, der wird ihm wohl den Daumen aufs Auge halten. Aber nun kriegt Dein jngerer Bruder die groen Gter, und Du, Hasenfu, trittst in seine Rechte, wie es auch eigentlich viel vernnftiger ist. Alles war zufrieden und glcklich. Walther und Raimund waren inde mit der geliebten Blanka zum Hause des Edelmanns gewallfahrtet. Es war vorlufig davon die Rede gewesen, den Jugendwohnsitz Raimunds wieder zu kaufen; auch zeigte sich die Mglichkeit einer Verbindung zwischen der empfindsamen Baronesse und Theophilus, da dieser jetzt von seinem Vater anerkannt wurde. Alle gingen selig, in Gefhlen und Hoffnungen schwelgend, sprechend und scherzend die grne Wiese hinunter. Kilian unterhielt sich mit Sokrates. Gndige Frau, sagte er nachher zu Grges Mutter; der Mann kann Ihrem Sohne auf die Beine helfen; ich habe ihm auf den Zahn gefhlt, ich habe mit ihm disputirt, einen solchen Gelehrten bekommen Sie niemals wieder. Indem man noch sprach, hrte man von oben, die Felswand herunter ein lautes Veto! rufen. Alle sahen hinauf und schwindelten, denn von der steilsten Hhe hing der alte Graf Birken reitend auf einem Ebreschenbaum. Veto! rief er noch einmal; aber nun kommt schnell zu Hlfe, oder ich breche den Hals! Widerrufen Sie erst Ihr Veto! schrie der Pfarrer hinauf. Ich widerrufe, tnte es herab, aber ich werde doch den Hals brechen. Die Bedienten liefen: die Leute aus dem Dorfe holten Stangen, Leitern und Stricke. Pltzlich brach der Baum, und der Graf strzte herab; er kam aber noch ziemlich glcklich auf dem Boden, zur Freude Aller, an. -- Wie ist er nur auf die steile Wand gekommen? rief der Pfarrer. Ja, Schwiegervater, antwortete der junge Graf Birken, Sie sehen, mein Papa ist noch toller, als ich! Die Sonne sank und beschlo den seligsten Tag, den Walther, Blanka und Raimund noch erlebt hatten. Franziska schlo sich diesen an, und im gebesserten Herzen fhlte sich Adlerfels als den glcklichsten Menschen. Musikalische Leiden und Freuden. Novelle. Zwei Freunde stiegen vor der Stadt vom Wagen, um zu Fu durch die Gassen zu wandeln und den Fragen am Thor auszuweichen. Es war noch ganz frh am Morgen und ein Herbstnebel verdeckte die Landschaft. Etwas entfernt vom Wege bemerkten sie ein kleines Huschen, aus welchem schon frh vor Tage eine herrliche Frauenstimme erklang. Sie gingen nher, erstaunt ber den unvergleichlichen Diskant, wie ber die ungewhnliche Stunde. Einige Trger brachten Lauten und viele Notenbcher, die kleine Thre ffnete sich, und neugierig gemacht, fragte der ltere Reisende einen von den Tagelhnern: hier, mein Freund! wohnt wohl ein Musikus und eine Sngerin? Der Teufel und seine Gromutter wohnt hier! erscholl eine krchzende Stimme von oben aus dem offnen Fenster, und zugleich fiel ein Lauten-Futteral dem Fragenden auf den Kopf. In diesem Augenblick hrte der Gesang auf, und der Frager sah im Fenster ein kleines greises Mnnchen stehn, welches die zornigsten Geberden machte, und dessen funkelnde schwarze Augen aus tausend Runzeln hervor grimmige Blicke herunter schossen. Der Reisende wute nicht, ob er lachen oder schelten sollte, doch sprach ihm aus dem greisen Kopfe etwas so Wunderliches an, da er in Verlegenheit den Hut zog, und sich mit einer hflichen Verbeugung stumm entfernte. Was war das, Herr Kapellmeister? sagte der jngere Reisende, als sie das kleine Huschen schon im Rcken hatten. Ich wei nicht, erwiederte jener, vielleicht ein wahnsinniger alter Mann, vielleicht gar dort in der Einsamkeit, in der Nhe des Tannenwldchens, eine Spukgestalt. Sie scherzen, sagte der Snger; ich begreife jetzt selber nicht, wie wir so gelassen seyn konnten, dem Alten auf seine Grobheit nichts zu erwiedern. Lassen wir es gut seyn, sagte der Kapellmeister, indem sie schon die noch ruhige Strae der Residenz hinunter gingen: in dem Ton der Sngerin war etwas so Wunderbares, da es mich tief ergriffen hat; ich war wie im Traum, und darum konnte mir auch der alte Thor keinen Zorn abgewinnen. Wieder die alte Schwrmerei und Gte! rief der Snger lachend aus; denn erstens haben wir so gut wie nichts gehrt, und zweitens war in dem Wenigen noch weniger Besonderes zu vernehmen, es war weder Methode noch Schule in dem traurigen Gesange. Als sie jetzt um die Ecke nach dem Gasthofe zu bogen, hrten sie aus einem obern Stock ein Lied pfeifen; ein rundes, junges Gesicht kuckte mit der Schlafmtze aus dem Fenster, und so wie er die Fugnger gewahr wurde, schrie er: Haltet, Freunde! einen Augenblick! ich bin gleich unten! Gott im Himmel! das ist eine Erscheinung! Er zog den Kopf so schnell zurck, da er ihn heftig an das niedere Fenster stie und die Bekleidung des Hauptes langsam schwebend zu den Fen des Kapellmeisters nieder sank. Wunderbar! rief dieser, indem er die Zipfelmtze aufhob; sagen diese sonderbaren Vorbedeutungen uns etwas Gutes oder Schlimmes voraus? Es ist unser Enthusiast Kellermann, erwiederte der Snger: hren Sie, er rasselt schon mit dem Hausschlssel. In diesem Augenblick strzte der Bewunderer im Schlafrock heraus und umarmte die beiden Knstler mit theatralischer Herzlichkeit; er wurde es nicht mde, jedem wieder von Neuem an die Brust zu strzen, ihn zu drcken und dann die Arme verwundernd in die Hhe zu strecken, bis der Snger endlich sagte: Lat es nun gut seyn, Hasenfu! Ihr habt das Ding jetzt hinlnglich getrieben. Ein Glck, da noch kein Mensch auf der Strae ist, sonst wrden Eure Bockssprnge in dem saffrangelben Schlafrock alle Gassenjungen aufregen. Also Ihr seid nun wirklich da, Ihr goldnen Menschenkinder? rief der Enthusiast aus; was wrde es mich kmmern, wenn der vollstndige Magistratus an meinem Entzcken Aergerni oder Theil nehmen wollte? Habe ich doch seit drei Monaten nicht begreifen knnen, wozu diese Gasse eigentlich gebaut sei, noch weniger, warum sie so viele Fenster zum Auf- und Zuschieben habe, bis nun endlich ihre Bestimmung erfllt ist; Ihr kommt durch dieselbe hergegangen, und ich kucke da oben mit meiner verlornen Mtze heraus, um Euch im Namen der Nachwelt zu begren. Also nun wird Eure Oper doch gegeben werden, ausbndigster Mann? Sind denn Snger und Sngerinnen auch noch alle gesund? fragte der lebhafte Kapellmeister. So, so, erwiederte jener, wie es die Laune mit sich bringt; genau genommen, existirt das Volk gar nicht, sondern lebt nur wie im Traum; die Zugabe, die an die Kehle mit Arm und Bein gewachsen ist, macht es oft schwer, sie nur zu ertragen, der unnatrliche Geschwulst aber oben, den sie Kopf tituliren, ist wie ein Dampfkolben, um in diesem Recipienten die unbegreiflichsten Verrcktheiten aufzunehmen. In so weit sind sie alle gesund, als es ihnen bis jetzt so gefllt, ist aber die und jene Arie ihnen nicht recht, hat der eine zu viel, die andre zu wenig zu singen, geht die Arie aus As moll, wenn sie Gis seyn sollte, so fallen sie vielleicht binnen drei Tagen wie die Fliegen hin. Zieht Euch an, sagte der Snger, und kommt zu uns in den Gasthof hier drben, so knnen wir mehr sprechen, auch sollt Ihr uns auf den Besuchen begleiten. Ohne Antwort sprang Kellermann in sein Haus, und die Reisenden begaben sich in das Hotel, wo sie ihren Wagen schon fanden. * * * * * Im Hause des Barons Fernow war am Abend groe Gesellschaft versammelt. Der Ruf, da der beliebte Kapellmeister und sein erster Tenorist endlich angekommen seien, hatte in die Wohnung des Musikfreundes alles getrieben, was sich fr die neue Oper interessirte. Man hoffte, einige der vorzglichsten Partien vorgetragen zu hren, und viele drngten sich hinzu, um wenigstens nachher in andern Gesellschaften darber sprechen zu knnen. In diesem Getmmel, welches der Hausherr, seine Frau und eine Tochter mit Klugheit beherrschten, schwamm der behende Enthusiast wie in einem Strome herum, um Jedem von der Herrlichkeit der neuen Composition begeisterte Worte, ber die groe Manier, die lieblichen Melodieen und den vortrefflichen Ausdruck in das Ohr zu raunen, obgleich er selbst noch keine Note davon gehrt hatte. Sein rundes gerthetes Gesicht schob sich wie eine Kugel von einem zuhrenden Kopf zum andern, und die meisten Gesichter zogen jene nichtssagende Miene, die in Gesellschaften geistreiche Aufmerksamkeit bedeuten mu. Jetzt wurde ein Theil der Versammlung auf einen andern Gegenstand hingerichtet, denn in einfacher, hchstsauberer Kleidung trat ein junges Mdchen herein, von so glnzender Schnheit, da man ihren unbedeutenden Anzug ber den edlen und ausdrucksvollen Kopf, ber die vornehme Geberde, den feinen Anstand gnzlich verga, und die Nahestehenden sie mit Ehrfurcht begrten. Die Tochter des Hauses eilte auf sie zu, indem sie ausrief: o meine theuerste Julie! wie glcklich machen Sie mich, da Sie meinen Bitten doch noch nachgegeben haben! Aber Ihr Vater? -- Sie wissen ja, erwiederte die Schne, wie menschenscheu er ist, wie wenig er mit seiner Melancholie und Krnklichkeit in die Gesellschaft pat; und ich gestehe, ich wrde auch nicht gekommen seyn, wenn ich einen so groen Cirkel htte vermuthen knnen. Die Umgebung sprach ber die auerordentliche Schnheit dieses Wesens, und man erfuhr, da sie die Tochter eines armen Musikers sei, die aus einer entfernten Stadt dem Frulein des Hauses einen Brief einer Freundin berbracht hatte. Immer noch hatte der Kapellmeister mit seinen Sngern keines der Stcke vorgetragen, weil der Wirth noch einen jungen Grafen erwartete, der einer der grten Enthusiasten fr Musik seyn sollte. Denken Sie sich, sagte der Baron zum Kapellmeister, den sonderbarsten, unruhigsten aller Menschen, nichts interessirt ihn als Musik, er luft von einem Concert in's andre, er reis't von einer Stadt zur andern, um Snger und Compositionen zu hren, er vermeidet allen andern Umgang, er spricht und denkt nur ber diese Kunst, und selten ist er doch ruhig genug, ein Musikstck ganz und mit vlliger Aufmerksamkeit anzuhren, denn er ist eben so zerstreut als berspannt. Dazu scheint er den eigensinnigsten und eingeschrnktesten Geschmack zu haben, so da ihm selten ein Kunstwerk zusagt, eben so wenig ist er mit dem Vortrag zufrieden, und dennoch bleibt er Enthusiast. Er ist von groer Familie und reich, war eine Zeit lang in diplomatischen Geschften an einem angesehenen Hofe, hat aber Alles der Musik wegen, die er doch oft nach seinen Reden zu verabscheuen scheint, aufgegeben. Die nhern Freunde des Barons waren nach dieser Schilderung sehr begierig, einen Mann zu sehen, der wie von bsen und guten Geistern geplagt und verfolgt wurde. Als daher Graf Alten eintrat, sahen ihm alle mit groer Neugier entgegen. Er begrte die Gesellschaft hastig und sein dunkles Auge durchlief sie eilig; dann senkte er den Blick und setzte sein Gesprch mit einem alten, hagern und eingeschrumpften Italiener fort, welcher mit ihm gekommen war. Doch pltzlich brach er ab und rief halb vernehmlich: Himmel! was ist das? Er stand unmittelbar hinter Julien. Jetzt sang der Tenorist eine Arie der neuen Oper, und Alles schien begeistert, der Graf war in tiefen Gedanken. Nun, Eccellenza, fragte der Italiener am Schlusse, sein Sie contentirt? Ich habe keinen Ton gehrt, antwortete der Graf, indem er den Kopf erhob und die schwarzen Locken aus der denkenden melancholischen Stirne strich. Er benutzte die Pause, in welcher sich Alles lobend und bewundernd um den Kapellmeister drngte, vorzutreten und sich neben Julien zu setzen. Er wollte sie anreden, aber indem sie hflich das Antlitz zu ihm wandte, fuhr er wie erschreckt zurck. Nein, wahrlich, dergleichen hatte ich nicht erwartet! sagte er fr sich. Das junge Mdchen war erstaunt und verlegen. Verzeihen Sie, redete der Graf sie heiterer an, Sie werden mich sonderbar finden; als ich vorher hinter Ihnen stand, mute ich glauben, eine ehemalige Bekanntschaft zu erneuen, und jetzt bin ich von Ihrer mehr als wunderbaren Schnheit so geblendet worden, da ich Zeit haben mu, um mich zu fassen. Die wahre chte Schnheit kann wohl erschrecken, denn etwas Uebermenschliches kndigt sich unsern Sinnen und dem Gemthe an. Himmel! wie mssen Sie singen! Ich singe gar nicht, Herr Graf, und habe weder Stimme noch Kenntni der Musik, erwiederte sie mit angenehmem Ton. Der Graf sah sie prfend an, schttelte dann zweifelnd den Kopf und murrete unverstndliche Worte verdrossen vor sich hin. Jetzt wurde ein Duett vorgetragen, und Alles war aufmerksam, nur der Graf betrachtete unverwandt seine Nachbarin. Das Duett war schwierig und die erste Sngerin uerte ihren Verdru, der Kapellmeister wurde empfindlich, wies zurecht, half nach, Alles vergebens; man mute abbrechen, indem die Virtuosin behauptete, die Passage msse gendert werden, weil sie ihrer Stimme ganz entgegen sei; der Componist meinte, er drfe Ausdruck und Kraft nicht dem Eigenwillen aufopfern, denn die vortreffliche Knstlerin knne dies und noch schwierigere Sachen leisten, wenn sie sich nur bemhen wolle. Darber aber wurde der Gesang vllig unterbrochen, und indem der Kapellmeister ein anderes Musikstck anordnen wollte, sagte der Graf zu Julien: ich wette, Sie knnen diese schwierige Stelle ohne Ansto vom Blatte singen, wenn Sie nur wollen. Als Julie zu leugnen fortfuhr, sagte jener: Ihre Rthe, Ihr Auge widerspricht! Wie? dieser gewlbte Mund sollte in der Mitte der Lippen diese sanfte, seelenvolle Erhhung von selbst haben, und nicht von den reinen vollen Tnen, die so oft ber diesen Hgel schwebten? Denn nur der Ton, wenn er stark und lieblich die rothe Strae befhrt, darber klingend weht, bildet diese ausdrucksvolle Erhebung; ganz im Gegensatz jener gefurchten Mundwinkel, die jene berhmte Sngerin dort hat, die mit breitgedrckten und in die Lnge gequetschten Lippen den armen kreischenden Ton hervor pret. Sie versndigen sich, meine Schne, da Sie Ihr groes Talent verleugnen wollen. Sie sind zu scharfsichtig, erwiederte Julie; um so trauriger, da Sie dennoch irren. Sie sprechen auch ganz wie eine Sngerin, fuhr jener fort, es ist ein lieblicher aber unterdrckter Ton in der Rede, der seine Fittige nicht auszufalten wagt. Wenn Sie doch nur wenigstens einen einzigen Ton anschlagen wollten! das Glck meines Lebens hngt davon ab, da Sie singen knnen. Sie qulen mich, Herr Graf, antwortete die Verlegne empfindlich; ich versichere Sie auf das Theuerste, ich werde nicht singen, weil mir diese herrliche Gabe von der Natur versagt wurde. Gnaden, sagte der braune kleine Italiener, sollen Alles zu Virtuosen haben: kann aber nicht Alles singen, was hbsch und feinen Mund hat. Contrr! haben oft gttliche Prima Donna vor pur himmlisch Gesang und forzirt Schreien eine Schnautz wie Signor Cerberus, der die Talent hat, dreistimmige Sach solo durchzufhren. Der frohe leichte Geist der Musiker war gestrt, der Kapellmeister verstimmt, und die erste Sngerin mehr als verdrielich. Der Enthusiast war in der Klemme, weil er es mit keinem verderben und doch keinen stummen gleichgltigen Zuschauer abgeben wollte. Da man sah, da fr diesen Abend nichts Bedeutendes mehr geschehen wrde, so entfernten sich nach und nach die Fremden, auch die Musiker gingen, und nur der Kapellmeister blieb, dem sich der Enthusiast, ohne eine nhere Einladung abzuwarten, anschlo; der gedankenvolle Graf und sein Italiener verweilten ebenfalls, um mit der Familie des Barons beim Glase Wein und einem leichten Abendessen sich zu erheitern. So ist es nun wieder wie fast immer ergangen, fing der Kapellmeister an, als sie um den runden Tisch saen; man arbeitet sich ab, man studirt, man qult, und endlich freut man sich auch, wenn das Werk vollendet ist und gelungen scheint, und dann mu es diesen elenden, verdorbenen Handwerkern bergeben werden, die nichts gelernt haben, und mit dem Wenigen, was sie wissen, noch wie mit Wunderwerken hinter dem Berge halten wollen. Kann es einen traurigern Beruf, als den eines musikalischen Componisten geben? Denn endlich nun, wenn auch dieser Jammer durch Bitten, Drohen, Scherzen, Vergtterung, Lge und Falschheit, durch kleine Aenderungen, Zustze und Wegnahme berwunden ist, wird das gemarterte Werk der Laune des Publikums, und dem blinden Zufall, seinem allmchtigen Beherrscher bergeben. Nun mu es aber weder zu hei, noch zu kalt, das Haus mu weder zu voll noch zu leer seyn, keine groe politische Neuigkeit darf sich eben haben hren, ja keine Seiltnzer und Springer anmelden lassen, um das so nothwendige Klatschen und mit diesem armen Beifall einigen Enthusiasmus zu erregen. Und doch kann man es nicht lassen, sich wieder in der Vorstellung zu erhitzen, um eine neue undankbare Arbeit zu beginnen. Wo ist die Dame geblieben? fuhr der Graf pltzlich auf. Neben der Sie lange saen? fragte die Tochter. Diese ist lngst fort und von einer Magd abgeholt worden, denn sie wohnt entlegen, in einer fernen, unbekannten Gasse. Die sollte ihre treffliche Arbeit singen, sagte der Graf, da wrden wir etwas anders hren. Sie irren, berichtigte die Tochter, ich wei, da das junge Frauenzimmer durchaus nicht musikalisch ist. Sie ist aber sonst in weiblichen Arbeiten sehr geschickt, auch hat ihr Vater, ein alter, verarmter Musikus, sie etwas zeichnen lernen lassen. O du alter Snder! rief der junge Graf im hchsten Verdru: und keinen Gesang diesen Lippen, keinen Ton diesem schwellenden Munde! Ist es nicht, als wenn man der Rose den Duft rauben wollte, den die Natur ihr gleich im Erblhen mitgegeben hat? Die Tochter war etwas empfindlich, denn sie glaubte auch eine Sngerin zu seyn, da aber der Kapellmeister in seiner Klage fortfuhr, so blieb ihre gespitzte Antwort unbeantwortet. Abgesehn aber, fuhr der Kapellmeister fort, von diesen armseligen Zuflligkeiten, so verkndigen sich auch erst am Kunstwerke selbst bei der ffentlichen Darstellung Mngel, welche sich der Componist vorher auf seinem Zimmer nicht hat trumen lassen. Denn mgen wir ein Werk noch so oft durchsingen, genau kennen, von allen Seiten prfen, das Urtheil aller Freunde und Kenner vernehmen, so bleibt Manches, und oft das Beste, zurck und das Schlimmste zeigt sich bei der Auffhrung erst. Und berhaupt -- die Bestimmung des Knstlers! Ist sie nicht eine traurige? Ich setze mich zu keinem neuen Werke nieder, ohne innig berzeugt zu seyn, da ich nun etwas ganz und durchaus Treffliches, Vollendetes erschaffen werde, das meine groen Vorgnger erreicht, und sie selbst hie und da bertreffen mchte. Diese himmlische Ruhe und Sicherheit verschwindet aber bald whrend der Arbeit; mein Entzcken an meiner Hervorbringung wechselt mit den bittersten Zweifeln. Dann fhl' ich oft recht innig, da ganz, ganz nahe an dem, was ich schreibe, das Wahre und Himmlische liegt, da meine Noten anklopfen und den Wandnachbar, den unbekannten, begren: mir ist, ich drfte nur den Kopf so oder so wenden, so mte mir der Genius sichtbarlich entgegen treten, -- und immer, immer wieder erscheint er nicht! Mein Geist qult sich, um auen, weit ab, die Bahn anzutreffen -- und so im Jammer, im Resigniren, arbeite ich weiter. Es gemuthet mir wie der Affe mit seiner traurigen Unruhe und dem fatalen Gesichterschneiden: vielleicht hat er jeden Moment dunkler oder deutlicher eine Ahndung von der Vernunft, will sie nun, die nah Erreichbare, und nun wieder haschen und sich dann besinnen, und findet sich immer wieder in seinem widerwrtigen Zustand eingeriegelt. Jetzt trat noch ein Mann reifen Alters zur Gesellschaft, ein Gelehrter und Hausfreund des Barons, der sich fast tglich einfand, aber gern die greren Versammlungen vermied. Sie haben wieder, redete ihn der Wirth an, unser Concert, wie Sie es gewhnlich machen, nicht mit anhren wollen. Ich bin zu sehr Laie, erwiederte der Freund, und darum mag ich mich nicht unter die Kenner drngen; soll der Unmusikalische den Gebildeten durch seine trockne Gegenwart ihren Genu verkmmern? Wir kennen diesen Schalk schon, rief ihm der Kapellmeister zu, indem er den alten Bekannten begrte. Sie haben recht gethan, denn unsre Sngerinnen haben wieder den alten Spuk getrieben, schlecht gesungen, sich zu vornehm gednkt, die Musik kritisirt, und endlich damit beschlossen, alle Musik in Verstimmung und Eigensinn zu beerdigen. Sie sind also wirklich unmusikalisch? fragte der Enthusiast; und Sie machen auch kein Hehl daraus? Warum sollte ich es? antwortete der Laie; kein Mensch kann alle Talente in sich vereinigen, oder alle seine schlummernden Anlagen erwecken und ausbilden. Viel Charakter, es so dreist zu bekennen, erwiederte der junge Mann, der durch vieles Schwatzen whrend der Musik und dem hastigen Genu des starken Weines in eine Laune erhitzt gerathen war, deren Sonderbarkeit er selber nicht zu bemerken schien: sehn Sie, fuhr er fort, daraus ist schon viel Unheil fr mich entstanden, da ich mich zu solchem Muthe nicht habe entschlieen knnen. Ich war anfangs (und wie es schien, von Natur so geschaffen) gar kein Musikfreund, ich hatte kein Ohr, ich konnte keine Melodie behalten; darum vermied ich auch Concerte und Opern, und in Gesellschaften, wenn Lieder gesungen, wenn Cantaten aufgefhrt wurden, sprach ich entweder, oder suchte eines Buches habhaft zu werden. Denn gewi, nichts verschliet unser Ohr so sicher vor all den herein und durch einander fahrenden Tnen, als ein tchtiges und vorhaltendes Gesprch ber Stadtneuigkeiten oder einige interessante Verleumdungen. Sehe man nur den Stock! ertnte es nun von allen Seiten: hat die dicke Figur wohl eine menschliche Seele in seinen weitlufigen Fleischanlagen sitzen? Von der Musik, der gttlichsten aller Knste, nichts zu verstehn! Ist wohl ein Block, ein Stein, der nicht gewissermaen von der himmlischen Harmonie gerhrt werden mte? -- Nun gefiel mir dazumal auf mehr als gewhnliche Weise ein gewisses Frauenzimmer: diese pflegte, so wie gesungen wurde, vor bermiger Empfindung herzlich zu weinen. Dieser nun war ich mit meinem kalten Herzen gradezu ein Abscheu. Wie? sagte sie, lieben wollen Sie, der Sie nicht einmal eine Ahndung jener Wonne haben, die aus dem Himmel stammt, und mit der Liebe so nah verwandt ist? -- Da, Freunde! fate ich nun den groen Entschlu, umzusatteln, und von der Musik gehrig begeistert zu werden. Alle meine Freunde und Bekannten erstaunten, als ihnen meine neugeprgte blanke Entzckung in die Augen strahlte. Da war nun auch gar kein Halten mehr, ich bertraf Alles in der Begeisterung, was ich nur je in den Gesellschaften hatte beobachten knnen; Alles zappelte an mir vor Freude, so wie nur das Clavier angeschlagen wurde, die Beine trommelten, die Arme schlenkerten, die Augen wackelten, ja ich nahm die Zunge zu Hlfe, und leckte mir zuweilen die vor Erstaunen weitgeffneten Lippen. Dann muten die Hnde klatschen, die Augen, wenn es irgend mglich zu machen war, weinen, die ausgestreckten Arme Bekannt und Unbekannt an dies strmische Herz schlieen, das mit mchtigen Schlgen im wildesten Enthusiasmus klopfte. Ja, wenn ich nachher in mein einsames Zimmer trat, war ich so mde und matt, so mrbe und zerschlagen, da ich zuweilen Kunst und Knstler, Liebe und Harmonie, so wie alle die bezaubernden Gefhle zum Satan wnschte. Aber empfanden Sie nun wirklich recht viel? fragte der Laie lachend. Das ist eine bedenkliche Frage, erwiederte der Enthusiast; was der Mensch so strmisch will, davon mu wohl etwas auch wirklich in sein Wesen bergehn; es wre unbegreiflich, wenn durch das vorstzliche Nachspielen nicht hie und da ein Gefhl in unsrer Brust wiederklingen sollte. Aber um doch ganz aufrichtig zu seyn, so war mir bei all diesem Bewundrungsbemhen oft unertrglich nchtern zu Muthe, so recht, was der Haufe langweilig nennt, und wenn ich nicht so stark mit Hnden und Fen gearbeitet htte, so wre mir wohl oft ein herzliches Ghnen angekommen. Das Schlimmste aber ist, ich habe doch nichts dabei gewonnen; denn meine boshaften Freunde meinten, ich htte den Ansatz zu hoch genommen, und sei von der andern Seite vom Pferde wieder hinunter gefallen. Sei ich erst wie ein verstocktes dumpfes Thier gewesen, so erscheine ich jetzt wie ein verwilderter Hasenfu, mein Enthusiasmus trte als ein verzerrender Krampf auf, man msse fast glauben, mein Arzt habe mir diese bertriebene Motion nur empfohlen, um sie gegen mein Fettwerden zu gebrauchen. Ach! und die Musiker! Von denen habe ich das Meiste gelitten. Vor acht Monaten war es, als hier im Saal die beiden berhmten Compositeurs ihre Sachen auffhrten. Wie der erste geendigt hatte, konnte ich ihm richtig mit flieenden Thrnen an seinen Hals fallen, und der Mann klopfte mir selber ber mein Entzcken gerhrt mit aller Freundschaft auf den Rcken, wir drckten uns recht herzlich zusammen, und er sagte ganz laut, er habe noch keinen so grndlichen Kenner in allen Reichen der musikalischen Welt angetroffen. Nun brannte der andere Mann aber auch sein Kunststck los. Thrnen hatte ich nicht mehr, es meldete sich aber ein groartiges Schluchzen, was noch hher lag als die Thrne, -- und ein ganz stummer Druck, ein Vergehen, Aufgelstseyn, fast sterbend in die Arme des zweiten Hinfallen, ja ein reelles Abstehn mute diesen groen Meister belohnen. Der grobe Schelm lie mich aber geradezu auf das Parket hinschlagen, ohne mir seine dankbare Brust unterzustemmen, und sagte, wie ich in der Kunstohnmacht lag, hhnisch zu mir: bleiben Sie in des Himmels Namen liegen, denn wer ber die Stmperei jenes Menschen dort weinen kann, verdient gar nicht, einen Ton von mir mit seinen Ohren aufzufassen. So erhob ich mich, um Trost bei meinem groen Freunde zu suchen, dessen allergrter Kenner ich war. Er sprang aber auch vor meinem Ausruf weg, so da ich mit der Nase fast an die Wand stie, unter dem nichtigen Vorwande, da wer so wenig chtes Gefhl besitze, da er das Armselige wie das Edle so bermig bewundern knne, fr die Kunst ein migeschaffenes Ungeheuer sei. Wie ich nun bei meiner Geliebten Hlfe suchen wollte, war sie ebenfalls gegen mich emprt, denn ich hatte bei ganz unrechten Stellen geweint und da am lebhaftesten empfunden, wo grade die wenigste Empfindung hingehrte. O Theuerste, Verehrteste, mchte man nicht fast veranlat seyn, den Schwur zu thun, da man bei Arioso und Cavatine, Finale und Ouvertre, Adagio und Presto nur mit ruhig gekretschten Beinen dasitzen und hchstens zuweilen den Tact schlagen wolle; denn wenn all dies Hmmern und Puffen, dies Abarbeiten unsers irdischen entzckten Herzens, diese weissagende rinnende Thrne, die den Wiederschein der Unsichtbarkeit abspiegelt; wenn alles dies nichts fruchtet, sag' ich noch einmal, und statt paradiesischer Sympathie nur die infernalische Antipathie erregt, so wnschte man ja lieber Balgentreter oder Schmiedegesell, als chter Enthusiast zu werden. Darum wundert Euch nicht, wenn ich der undankbaren Kunst wieder einmal den Rcken wende. Als man ber diese Gestndnisse lachte, sagte der Laie im frohen Muth: in meinem Leben gehren die Leiden der Musik auch zu den empfindlichsten. Nicht der zu starke Enthusiasmus hat mir geschadet, wohl aber sind meine Kinder- und frhen Jugendjahre mir durch Musik verbittert worden. Lcherlichkeiten, an die ich noch jetzt mit einigem Schrecken denken mu. Sprechen Sie, alter Freund, rief der Kapellmeister, habe ich doch auch schon erst mein Leiden geklagt, was Sie freilich nicht mit angehrt haben. Ich mochte zwlf Jahr alt seyn, fing der Laie an, es ging mir gut, in der Schule rckte ich schnell hinauf, meine Lehrer so wie meine Aeltern waren mit mir zufrieden, als ein bser Geist, dieser Behaglichkeit und Harmonie zrnend, sein Unkraut unter den aufwachsenden Waizen sete. Mein Vater, ein strenger, aber heiterer Mann, lie mir frei, meine Bestimmung zu whlen, er war ein Freund der Musik, aber ohne alles Talent. An einem Nachmittag fragt er mich, ob ich vielleicht Lust htte, ein Instrument zu spielen. Mir war der Gedanke noch niemals gekommen; ich solle es mir berlegen, er verlange es nicht, aber wenn ich mich entschliee, msse ich auch Ernst machen. Darauf kannte ich ihn, ich wute, da er sich nicht wundern wrde, im Fall ich keine Musik triebe, aber einmal angefangen, durfte ich die Sache niemals wieder fallen lassen. Mir war, weil mein Ohr noch schlief, bis dahin alle Musik hchst gleichgltig und langweilig vorgekommen. Die Opern hate ich geradezu, weil bei den Arien und Duetten, von denen ich nichts vernahm, die Handlung, die mich einzig interessirte, stehen blieb. Nie war in unserm Hausbedarf von Musik etwas vorgekommen, auer in den Stunden bei dem Tanzmeister, zu dessen vorzglichsten Scholaren ich gehrte, der es mir aber nie hatte deutlich machen knnen, da die Musik seiner Geige mit zum Tanz gehre. Traf ich daher gleich anfangs den Tact, so tanzte ich meine Menuet, Cosak, oder was es war, trefflich hindurch. Fehlte es mir aber, so half kein Aufkratzen, Anhalten, Beschleunigen, mich wieder in den verlornen Tact zu werfen. Ich hielt es auch geradezu fr Aberglauben, da man herkmmlich zum Tanzen aufspiele. Konnte mich schon hier die Musik ngstigen, so brachte sie mich in der Kirche, die mir schon nicht erfreulich war, fast zur Verzweiflung. Meine Nerven waren schwach, und die losbrausende Orgel mit ihren schmetternden Tremulanten verwirrte mein Gehirn und unertrglich fiel mir der unisone kreischende Gesang der Gemeine. Mit beiden habe ich mich auch noch nicht vertragen lernen: die Orgel, sei sie eine erhabene Erfindung, erschreckt und ngstigt sie mich in der Nhe, und dieser Choralgesang, der sich so demthig, wie gefesselte reuige Verbrecher, auf dem Boden hinschleppt, nimmt mir, so oft ich ihn auch gut vorgetragen hre, allen Muth, alle Poesie und Musik erlischt bis auf das letzte Fnkchen in meinem Gemth, und ein nchterner Lebensberdru bemchtigt sich meines Geistes. Darber liee sich viel sagen, meinte der Kapellmeister, doch komme auch wohl eine seltne Eigenthmlichkeit des Laien hinzu. So fern, begann dieser wieder, war ich aller Musik, und keine Spur eines Talents hatte sich gezeigt, als der bse Geist es mir in den Kopf setzte, in mir sei vielleicht ein groer Violinspieler verborgen. Die Geige wurde angeschafft, ein Lehrer angenommen. Es hatten sich aber nun der seltsamste Scholar und der wunderlichste Meister zusammen gefunden, denn dieser unterrichtete mich eigentlich so, als wenn ich schon seit Jahren ein nicht unwissender Violinspieler gewesen wre. In der ersten Stunde lie er mich nur die Geige anstreichen, was mir bei meinen zarten Nerven keine Freude verursachte. Zur folgenden hatte er mir schon ein Buch gemacht, und einige leichte Lieder hinein geschrieben. Dies Stck, sagte er, geht aus ^D dur^; es war: Blhe, liebes Veilchen. Ich bekmmerte mich nicht weiter darum, was die beiden Kreuze oder ^D dur^ zu bedeuten hatten, ob es eine oder mehrere Tonarten gbe, was die Tactabtheilung, oder die Striche an den Noten bedeuteten, sondern wir spielten nun wohlgemuth das Lied durch, und ich ihm nach, Fingersetzung und Alles aus dem Gedchtni. So ging es beim zweiten und dritten Liede, welches aus ^C dur^ ging. Ich sah wohl, da nun die Kreuze fehlten, und er nannte jedesmal die Tonart, wenn ich falsch griff, fand es aber gar nicht nothwendig, weitere Erklrung hierber, oder ber die Dauer der Noten hinzu zu fgen. Es klingt mrchenhaft, aber eben so wahr ist es, da ich in dieser Manier sechs bis sieben Jahr die Geige gestrichen habe, ohne da der Trieb in mir erwachte, der Sache nher auf den Grund zu kommen, oder da er es nothwendig geachtet htte, unsrer practischen Kunst einige Theorie anzuhngen. Uebrigens kann man sich vorstellen, wie es lautete. Da ich Lnge und Krze der Tne, ihre Abweichung in Moll und Alles, was die Musik ausmacht, ohne jedes Verstndni, nur aus dem Gedchtni spielte, (denn ich kannte nur die Note an sich selbst, so wie sie auf der Linie stand, und nichts weiter) da ich berdie gar kein Gehr hatte, den Bogen schlecht fhrte, und in der Fingersetzung hufig irrte, so begreift sich's, was ich fr ein Charivari hervor brachte. Mein Meister, der wirklich geschickt im Spiel war, klagte in jeder Stunde ber seine Ohren. Ich selbst litt, so oft ich die Violine unters Kinn nahm, wahre Hllenpein. Dies Schnarren, Pfeifen, Mauzen und Girren war mir unertrglich: selbst der beste Geiger hat, wenn man ihn zu nahe hrt, einen Nebenton, die stark angestrichene Saite, besonders in der Applicatur, berschreit sich zuweilen, aber bei mir thaten sich fast nur die abscheulichsten Mitne hervor. Da meine Nerven so stark afficirt wurden, so zeigte sich mein Widerwille gegen das Geheul und Schnarzen, welches meine Finger so dicht vor meiner Nase erregten, auch deutlich in meinen Gesichtsmuskeln, der Mund und die Wangen begleiteten mit widerlichen Verzerrungen die hohen und tiefen Tne, die Augen klemmten sich zu und rissen sich auf, und ich fhlte deutlich, da manche neue Falten und Lineamente sich formirten, die ursprnglich nicht fr ein gewhnliches Menschengesicht berechnet waren. Mein tiefsinniger Meister schttelte oft sein Haupt, und meinte, so wenig Talent als ich habe keiner seiner Scholaren. Mir begegneten aber auch in der That mehr Unglcksflle, als ich sonst bei ausbenden Knstlern wahrgenommen hatte. Kamen wir so recht in Eifer und lieferten, nachdem ich schon lnger studirt hatte, die raschen muthigen Passagen: so rutschte im Allegro mein Bogen ber den Steg, und im Entsetzen lie mein Lehrer die Geige sinken, denn welcher Ton alsdann im heftigen Streichen aufquikt, wei nur der, dem dieses Abenteuer begegnet ist. Mehr wie einmal fiel der Steg selber um, wie aus Mitgefhl, und ein heftiger Knall endigte mit Macht ein schmachtendes Largho mitten in der Note. Einmal sogar, und ich dachte der Tod ergriffe mich, brach der Knopf ab, der unten das Saitenbrett festhlt, und sprang unbarmherzig gegen meine Nase. Fr diese Stunde war denn unsre Harmonie zu Ende, und das Instrument mute erst wieder hergestellt werden. Nach einem Zeitraum war denn auch mein Vater so neugierig zu hren, wie ich mich applicire. Ich trug ihm einige der Lieder vor, die ich am besten inne zu haben glaubte. Er erschrak ber das, was er hrte, und erstaunte noch mehr ber das, was er sah. Er meinte nmlich, in der Kunst, Gesichter zu schneiden, sei ich unbegreiflich weit vorgeschritten, und meine Musik knne doch von Nutzen seyn, Ratten und Muse zu vertreiben; er warnte mich nur zum Beschlu, den Ausdruck meiner musikalischen Physiognomie doch etwas zu beschrnken, weil ich auerdem auf dem graden Wege zum Affen sei. Das war mein Lohn dafr, da ich das damals populre rhrende Lied: Hier schlummern meine Kinder &c. ihm nicht ganz ohne Glck vorgetragen hatte, denn dies war gradezu meine Lieblings-Arie, in der ich firm zu seyn glaubte, die auch in den Mitteltnen mit melancholischer Gesetztheit verweilte, und nicht in den Discant oder gar in die Applicatur hinauf stieg, die ich ein- fr allemal verabscheute. Hatten Sie denn aber gar keinen Ersatz fr diese mannigfaltigen Leiden? fragte der Kapellmeister launig. Wenig, erwiederte der Laie: als mein Lehrer es nthig fand, wegen des Ausdrucks fr mich ein Sordin zu kaufen, den ich mit Freuden aufsteckte, weil es doch einmal einen andern Ton gab, die Dmpfung auch wie ein spanischer Reiter es dem reienden Bogen unmglich machte, wieder jenseit dem Steg zu springen. Auch machte es mir innige Freude, als wir erst weiter vorgerckt waren, in den Ouvertren die Vierundsechszigtel als eine und dieselbe Note dreiigmal abzuspielen, welche meistentheils gegen Ende des Stcks, kurz vor dem Aufzug der Gardine, vorkommen. Diese wiederholte ich gern in der Einsamkeit, weil in diesen Passagen keine groe Schwierigkeit ist, mir auch der so oft wiederholte Ton die Empfindung gab, als wenn ich in meinem geliebten Theater se. Aber damals, fragte der Kapellmeister, hatten Sie doch wohl einige klare Begriffe von der Musik? So wenige, antwortete der Laie, wie in der allerersten Stunde; Tact, Vorzeichnung, Tonart, nichts von alle dem begriff ich, sondern spielte Sonaten und Symphonieen so pur aus dem Gedchtni hin, wie ich es von meinem Lehrer hrte! auch vernahm ich keine Melodie, keinen musikalischen Gedanken; hie und da fhrten mir wohl ein paar Tacte eine Art von Verstndni herbei, das ich aber nie weiter verfolgen konnte. So fern war ich allem Begreifen, da ich mir einmal einbildete, weil ^g^, ^h^, ^a^ und ^b^ vorkommen, da das ganze Alphabet wohl in den Noten enthalten sei, und da man bei der Composition eines Liedes nichts zu thun habe, als die Noten zu nehmen, die die Buchstaben eines Wortes bezeichneten, und sie dann schneller oder langsamer abzuspielen. Wie ich nun meinen Lehrer fragte, wo denn das ^m^, ^r^ oder ^p^ stecke, wurde ich zwar von diesem sehr verlacht, aber doch nicht besser belehrt, denn er erstaunte nur immer von Neuem ber meine ungeheure Einfalt, da ich das alles nicht wisse, was sich doch von selbst verstehe. Eben da mir alle Musik nur wie ein Charivari vorkam, so lie ich mir beigehn, auch selbst einmal zu componiren. Der Tact schien mir gleich ein Vorurtheil, eine Tonart brauchte ich noch weniger, und nie werde ich die Freude vergessen, die ich meinem Meister machte, als ich meine wild zusammen gewrfelten Noten ihm als meinen ersten dichtenden Versuch berbrachte. Er wollte sich ausschtten vor Lachen, und konnte nicht mde werden, sich unter Lust und Freude meine Phantasie vorzuspielen. Mir klang sie wie jede andere Musik. Der braune alte Italiener erfreute sich sehr ber diese Erzhlung, und selbst der finstere Graf lchelte. Es ist unbegreiflich, sagte der Baron, da Sie so lange ausgehalten haben. Ich mute wohl, erwiederte der Erzhler, meines strengen Vaters wegen, da ich das Ungethm einmal begonnen hatte. Sonst bekmmerte er sich nicht weiter um meine Kunst, weil er einigemal, da ich ihm Sonntags Nachmittags einen Zeitvertreib machen sollte, von meinem Spiel, wie er behauptete, Zahnschmerzen bekommen hatte. Einmal widerfuhr mir als ausbenden Knstler eine ausgezeichnete Demthigung. Die Besitzerin des Hauses, in welchem wir wohnten, hatte zum Geburtstage ihrer erwachsenen Tochter eine groe Anzahl hbscher Mdchen gebeten. Um das Fest unerwartet frhlich zu machen, hatte die gute Dame mit meiner Mutter die Abrede getroffen, ich sollte heimlich mit meiner Geige hinauf kommen, im Nebenzimmer pltzlich stimmen, und den berraschten schnen Kindern dann einige englische Tnze aufspielen, damit sie einmal im Saale recht wohlgemuth herumspringen knnten. Ich wurde in das Nebenzimmer mit allem Geheimni gefhrt: ich sah durch den Vorhang in die allerliebste Versammlung hinein, -- aber nun, -- die Geige _stimmen_! Wie gemein! Ich hatte es auch in meinem Leben nie versucht, weil mein Meister das besorgte, ich hrte auch niemals einen Unterschied, wenn sie nach seiner Meinung im Stande war, und wenn sie nicht jetzt schon richtig stimmte, so konnte ich auf jeden Fall nur Uebel rger machen. Es schien mir edler sowohl wie vorsichtiger, mit meiner Lieblings-Arie mich anzukndigen, und so lie ich dann pltzlich das: Hier schlummern meine Kinder anmuthig ertnen. Die Freude dieser Nicht-Schlummernden war unbeschreiblich, mit Jubel ward ich in den Saal gezogen, wo ich wie geblendet stand, da ich noch niemals so viele reizende Wesen beisammen gesehen hatte. Das war ein Fragen und ein Bestellen; ich zeigte ihnen die englischen Tnze, die mir mein guter Meister in mein Notenbuch geschrieben hatte, ich spielte einen auf, aber er wollte nicht passen. Sie fragten nach der Anzahl der Touren und dergleichen, was mir alles unverstndlich war. Ich sollte ihnen den Tanz und die Musik dazu arrangiren. Ich versuchte noch eine Anglaise und eben so die dritte, nun war meine Kunst zu Ende, und da auch diese nicht paten und wir uns gar nicht verstndigen konnten, so mute ich, den sie im Triumph eingeholt hatten, mit der grten Beschmung wieder abziehen, und sie endigten ihren Nachmittag in Verdru, der ihnen ohne die pltzliche unerwartete Freude heiter verflossen wre. Meiner Mutter, die mich ausfragte, erzhlte ich, die Mdchen htten eigentlich gar nicht tanzen knnen; und so kam es mir auch vor, da sie sich aus meinem Spiel nicht zu vernehmen wuten. -- Mein Meister wurde endlich zu einer auswrtigen Kapelle verschrieben, und nun glaubte ich, meiner Qual los zu seyn: mein consequenter Vater aber hatte schon wieder einen neuen Lehrmeister bei der Hand, der, als ich ihm meine Knste vorgespielt hatte, die Sache grndlich wieder von vorne anfing. Ich, der ich schon Symphonieen und die schwierigsten Sachen vorgetragen hatte, mute jetzt jene mir verhaten Chorle und Kirchenmelodieen einlernen, lauter Noten aus halben oder ganzen Tacten, weil mein neuer Meister behauptete, ich htte weder Strich noch Fingersetzung. Dieser hatte ein so delikates Ohr, da er bei meinen Mitnen fast rgere Gesichter schnitt, als ich selber, er lachte auch niemals ber meine Ungeschicklichkeit und Mangel an Talent, wie der erste, sondern nahm sich die Sache sehr empfindsam zu Herzen, und war manchmal fast dem Weinen nahe. Zum Glck dauerte diese neue Schererei etwa nur ein halbes Jahr, worauf ich zur Universitt abging, und seitdem kein Instrument wieder angerhrt habe. Diese Bekenntnisse, meine Herren, schildern nur kurz den geringsten Theil meiner musikalischen Leiden, denn wenn ich sie ganz htte darstellen wollen, wrde mir Zeit und Ihnen die Geduld ermangeln. Jetzt ist die Reihe an Ihnen, sagte der Baron Fernow, indem er sich zum alten Italiener wandte, Sie haben bei diesen Erzhlungen eine besondere Freude gezeigt, und es ist wohl billig, da Sie uns auch einige Ihrer Leiden mittheilen, die Ihnen wohl, als einem alten Virtuosen, nicht gefehlt haben knnen. Ach! meine Herren, sagte der Alte mit einem sonderbaren Gesicht, meine Leiden seyn zu tragisch, um Plaisir zu machen, auch kann meine welsche Zunge nicht in die Landstrae von der deutsch Idiom recht fortkommen, mu daher um Nachsicht anfleh, wenn meine Confession etwas mit Confusion verschwgert seyn sollte. Ich war von Jugend auf gebt im Sang, fertig im Clavierspiel und guter Tenor, frisch auf Theatern mit Glck in Napoli gesungen, und brav beklatscht und ^e viva!^ mich zugerufen. Ging nach Rom, gefiel nicht so ausnehmend, denn die Herren ^Romani^ seyn kritischer Natur, bilden sich ein, die feinste Ohreinrichtung in den ganzen Italia zu haben. Ach! aber hier sah ich im Carneval eine junge Demoiselle, die Stunde bei mich nahm, um nachher in Firenza zu singen, auch auf das Theater. Ach! welcher Ton! welche Talente! welche Augen! Nun das war ein ^cara mia^, ^amor^ und ^mio cour^, bis wir, eh' wir uns das Ding versahn, mitsammen davon gelaufen waren, und singen nun in Firenza auf Theater aus Leibesmacht als Mann und Frau. Hatten viel Zrtlichkeit in der Eh, aber auch manchen Verdru, denn ^cara mia^ war der Jalousie ergeben, und meine Wenigkeit war dazumal ein gar hbscher ^Giovine^ und die Frauenzimmer rhrten leicht mein Herz. Doch Alles ging gut, bis wir in eine deutsche Residenz engagirt wurden. Da lebte ein Compositeur, ein Maestro, so recht ein Theoretiko, voll Prtension, aber gescheidt, dabei ein hbsch wohlgewachsen Mnnel. Der Hortensio gefiel meiner Cara, und sie wollte nun seine Schlerin vorstellen, in edel groe Manier singen, mit Seele, wie Hortensio sagte, nicht mehr aus Hals und Kehle, sondern so wie die Deutsche meinen, aus das Gemth heraus. Gemth! eine extra deutsche Erfindung, die alle andern Natione gar nicht kennen. Bis dahin hatte die Gute ihren schnen Ton gehabt, grausame Hhe hell wie Glas, spitz, laut, mochte Compositeur componiren wie er wollte, brachte er seinen hohen Ton, flugs hatten wir ihn weg, richtig mute er in seine Passage und Cadenz hinein, hinaufgeschroben, hher und immer hher, da oben dann umgeschwenkt, und wieder hinab gegurgelt, und ^brava! brava! bravissima!^ aus den Logen heraus geschrieen, mit Fchern und Hndchen geklopft, ^mia cara^ sich verneigt, Arme kreuzweis vor der Brust, und keinem Menschen wars eingefallen, da ^monsieur Compositeur^ da hatte Gedanken, aparte Fhlungen hinein drechseln wollen. Aber Hortensio! Hortensio! ^bestia maladetta!^ denk' ich, der Schlag soll mich rhren, wie ich zum ersten Mal die seelische Manier in mein Ohr hinein hr! Keine Passage, keine Uebergnge, keine Triller, singt daher wie ein Kalb, das geschlacht werden soll, pur ohne Manier und Methode. Ich war der ^primo nomo^, konnte aber nicht lassen, meine ^prima donna^ im Liebesduett rechtschaffen in den runden Arm zu zwicken. Schreit sie auf gefhrlich: meinen die Leut, das soll auch groe neue Manier seyn, und fangen an zu lachen. Von dem Tage Zwietracht unter uns, kein Beifall vom Publikum mehr. Hortensio war groer Theoretiker und Enthusiast, wollte aber keinen Amanten abgeben, war verheirathet an eine gute Frau, die nach deutscher Manier ganz Seele war. Nun steigt in meiner zarten Isabelle die Bosheit immer hher. Sie will retour in alte brillante Manier, verflucht Seele und Gemth, aber war nicht anders, als wenn die Tne wie Besessene durch einander schrieen, kochte und zwirbelte oft in der Gurgel, murrte und pfiff, als wenn Satansbrut in dem kleinen Hals mit einander auf Gabel und Besenstiel wie zum Schornstein hinaus auf die liebe Blocksberg fahren und rutschen wollten. So war das Elend komplett, fehlte nur noch, da sie mir alle Schuld gab, und das that sie denn auch redlich: ich snge so schlecht, wre rckwrts gegangen: ^enfin^, wir kriegten beide unsern Abschied mit kleine Pension. Zogen durch alle Provinz, den wohlfeilsten Ort anzutreffen und fanden immer die allertheuersten, gaben Concert, ich Privatstund im Singen. Die ^cara^ Isabella konnte aber Musik nicht aufgeben, und je rger es wurde, je lieber sie sang, als kein Mensch mehr zuhren wollte, trieben wir das Spektakel ^privatissime^ auf unserer Stube. Ja, da mute ich ganzer Mann seyn, um mit meine Heroismus das Schlachtgeschrei auszuhalten, und oftmals dachte ich, es mte gesterben werden. Wir hatten groen mchtigen Kater, der lag immer auf das Clavier: sehn Sie, das Kerl frchtete sich weder vor Ratz noch Maus, lief vor keine noch so groe Hund, und hatte sich mal mit einem allmchtigen Bullenbeier gekratzt: aber so wie meine Gemalin nur den Deckel aufmachte, um die Harmonie loszulassen, so lief das Katz was es konnte bis auf den allerobersten Boden. Wir tobten so gewaltig, da uns kein Wirth mehr zum Miethsmann einnehmen wollte. Natrlich mochte nun kein Mensch mehr unser Concert hren, denn die menschliche Ohr seyn meistentheils etwas zart construirt und sehr viel Menschen haben fast natrlichen Widerwillen gegen Detoniren und widerwrtigen Gesang. An einem Tage sagte mir die Gattin, ich solle meine beste Kleid anziehn, es sei groe reputirliche Gesellschaft von Zuhrer gebeten. Wir sangen und tobten, es war aber kein Mensch da. Wie ich in der Nacht darber mit ihr redte, sagte sie, die gewhnliche Menschheit sei zu platt und grob organisirt, ihre Kunst zu fassen, darum habe sie Ueberirdische invitirt, die klagten niemals ber Dissonanz, ich aber sei ein Gesell, zu plump, um die feinen Creaturen mit meine dumme Augen zu sehn. Nun gings immer so fort mit die Engelssocietten, und sie erzhlte mich viel von dem groen Beifall, den ihr Vortrag bei die Kenner fnde. Am andern Abend, als wieder groe Geisterassamble bei uns war, und wir beide gnug schrieen, sagte sie zu mir pltzlich, ich snge entsetzlich falsch, es sei nicht auszuhalten, und Knig David, der gewi ein Kenner in Musiken sei, wolle gar nicht wieder kommen, wenn ich nicht richtiger und mit mehr Respect snge. Ich sollte gleich hin, und ^Majest^ um Verzeihung bitten. Wo sitzt er denn? Da, nahe am Ofen, denn der alte Herr htte etwas kalt. Ich trug meine submisse Devotion in hfliche Redensart vor und wurde pardonirt. Armer Mensch! sagte der Kapellmeister gerhrt, und wie lange lebte die Wahnsinnige noch? Bitte sehr um Verzeihung, erwiederte der Italiener, meine selige Gattin nicht zu lstern, war nichts weniger wie etwa toll im Kopf, dachte es auch erst, sah aber bald meinen Irrthum. Denn als es noch klter wurde, die Tage immer krzer, die Selige mich auch tchtig tribulirt hatte und ich mir fast den Hals entzwei gesungen, weil diesmal alle Maccaber uns die Ehre erzeigten, da sah ich, wie ich Licht hereinbrachte, die ganze Stube voll unsichtbarer Menschen, will sagen, verstorbene Geister. Seitdem mir nun die Binde von meine Augen herunter gefallen war, habe ich manche interessante Bekanntschaft unter die Abgeschiedenen gemacht, und hatte nun gar nicht mehr nthig, viel mit die sterbliche Menschen umzugehn. Das glaub' ich, sagte der Baron, indem er den Erzhlenden mit einem prfenden Blicke anstarrte; die Tochter rckte etwas weiter von ihm weg, der Enthusiast war erstaunt, der Laie lachte, und nur der Graf, welcher ihn schon kannte, blieb ruhig. Wir sahen ein, fuhr der Alte fort, da die zu weit ausgebreitete Bekanntschaft mit die ganzen Vorzeit etwas lstig werden knnte, und beschrnkten uns nachher fast nur auf die berhmte Musiker. Ja, meine Herren, da habe ich nachher erst Dinge ber Contrapunct, Wirkung, Ausbeugung und ber Charakter von die Tonarten erfahren, die in keinem Buche stehen. Aber meine liebe Frau starb bald, und seitdem habe ich den Umgang auch nicht fortsetzen knnen, denn alle die Herren haben sich mich allein, da ^Cara mia^ nicht zugegen, seitdem mir nicht wieder gezeigt. Der Baron fragte den Grafen nach einer Pause, ob er nicht auch vielleicht einige musikalische Leiden vorzutragen habe, und dieser, der bis jetzt geschwiegen hatte, fing so an: Ihre Klagen, meine Herren, waren zum Theil darber, da sie mit der Musik in Verbindung kamen, ohne eigentliche Lust oder scharfen Sinn fr diese Kunst zu besitzen. Mein Elend kommt von der entgegengesetzten Seite. Von frhester Jugend war meine Freude an Musik, mein Trieb zu ihr berreizt zu nennen, auch machte er meinen Eltern und Erziehern gnug zu schaffen. Ich wollte nichts anders lernen, und verwnschte oft meinen Stand, der mich hinderte, ein ausbender Knstler zu werden. Wo nur ein Ton erklang, wo nur Gesang sich hren lie, da war ich gleich mit ganzer Seele, und verga alle meine Geschfte. Mein Vater, ein ernster, heftiger Mann, zrnte ber meinen Enthusiasmus, der allen seinen Absichten feindlich zu werden drohte. Da ich auch zu leidenschaftlich war, und im jugendlichen Eifer whnte, ich knnte meine Kunst nicht fanatisch gnug vertheidigen, so verletzte und krnkte ich oft meinen Vater auf ungeziemende Weise, und dieser Kampf, diese Reue und Zerknirschung ber meine Hitze, Verstimmung gegen die Welt und mich, dies traurige, zerrissene Wesen verdarb mir vllig die Heiterkeit meiner Jugend, denn der gewaltsam errungene Genu meiner Kunst war doch nicht im Stande, mir alles das zu ersetzen, was ich einben mute. Ja, sei es nun, da meine Erwartungen zu hoch gespannt waren, da meine Ahndung fr das Hchste zu sehr meine Forderungen stimmte, genug, es wurden mir auch die Werke der Kunst selbst, so gut wie ihr Vortrag, oft allzusehr verkmmert. Denn ich glaubte nicht selten wahrzunehmen, da man so vieles in die Musik aufgenommen habe, was dieser Kunst ganz fremd bleiben msse, da sie meistentheils zu sehr zum Zeitvertreibe herab gesunken sei, da sie um Effecte buhle, die ihrer unwrdig sind, und da die wenigsten Snger nur wissen, was Vortrag und Gefhl zu bedeuten habe. Eine tiefe Schwermuth konnte sich meiner bemeistern, da fast nirgend in der Welt die Stimmung angetroffen werde, die ich fr nothwendig hielt, wenn diese hohe Kunst ihr Element finden sollte. Ich mute denn endlich meinem Vater doch nachgeben und an den Geschften Theil nehmen. Die Arbeit wurde mir leichter als ich mir vorgestellt hatte, und mein Vater, der mich wegen meiner Kunstliebe fr fast bldsinnig gehalten, war so mit mir zufrieden, da seine ehemalige Zrtlichkeit gegen mich erwachte. Nach einigen Jahren ward ich in diplomatischen bedeutenden Geschften an einen groen Hof gesendet. Seit lange hatte ich die neuen Snger und Sngerinnen beobachtet, und war fast mit allen unzufrieden. Wenn die Stimme das Gefhl, den Enthusiasmus der Leidenschaft ausdrcken soll, so mu sie sich groartig erheben, mchtig anschwellen, und die Hhe nur deswegen suchen, um die strkste Lichtregion und Kraft zu gewinnen. In dieser Gegend ist es, wo Componist und Sngerin das Uebermenschliche der Liebe, der Klage, der Andacht und jeder Regung der Seele ausdrcken knnen: und doch fand ich fast immer, da der Wohllaut, die Wollust dieser Klnge nur gebraucht wurden, um eine kleine Knstlichkeit, eine Art Springerei anzubringen, eine Virtuositt, die wohl ganz nahe an die Seiltnzer grenzt, und von der chten Kunst ganz ausgeschlossen seyn sollte. Noch schlimmer fast erschienen mir diejenigen, die nach einer ziemlich verbreiteten neuen Manier den Ausdruck anbringen wollten. Kein ^Crescendo^, kein Portament der Stimme, sondern ein pltzlicher Aufschrei, wie ein Angst- oder Hlferuf, dann ein eben so pltzliches Verhauchen, ein unmotivirtes Sinkenlassen des Gesanges, ein dumpfer Seufzer statt des Tons, und so fort in diesem schroffen eckigen Wechsel, so da ich jetzt nichts hrte, und jetzt wieder von grellen Tnen erschreckt wurde, ein Unfug, den oft ein ganzes Publikum bewunderte, und der mir noch jenseit dem Anfange der Schule zu liegen schien, oder mir vielmehr wie der rohe unmusikalische Gegensatz alles Gesanges vorkam. Von dem neuesten Geschmack der Opern will ich schweigen, denn hier fnde ich meinen Klageliedern kein Ende. Als ich dem fremden Hofe mich vorgestellt hatte, empfing ich bald darauf den Bescheid, da ich mit einem wichtigen Auftrage schnell in mein Vaterland zurck msse. Am Abend war beim Bruder des regierenden Frsten Concert, und eine fremde Sngerin wollte sich zum ersten Mal hren lassen. Ich begab mich in den Concertsaal. Nur der Sngerin Nacken, dessen blendende Weie von einem wunderlich gekruselten braunen Lckchen erhht wurde, konnte ich wahrnehmen, so wie einen Theil des feingerundeten Ohres, so dicht war das Gedrnge. Aber jetzt erhob das Mdchen den Ton, und ging in einen zweiten ber, und strahlte den dritten aus, so mchtig, edel, rein, voll und lieblich zugleich, da ich wie bezaubert stand, denn das war es, wie ich es mir immer gedacht, ja es war mehr, wie ich gewnscht hatte. Dieser reine, himmlische Discant war Liebe, Hoheit, zarte Kraft und Flle der edelsten, der berirdischen Empfindung. Da hrte ich nicht den spitzen, blendenden Glaston, der noch die Harmonika berschleift, nicht die Betubung in der letzten, schwindelnden Hhe, die wie mit Spitzen das Ohr verletzt und durchbohrt, nicht die Ohnmacht an der Grenze der Stimme, die erst ein Mitleidsgefhl in uns erregt, und von diesem dann Hlfe und Beifall bettelt: nein, es war die Sicherheit selbst, die Wahrheit, die Liebe. Nun begriff ich erst, wie Hasse hatte wagen knnen, zuweilen in seinen Arien durch viele Tacte den Sopran auf ein und zwei Sylben trillern, sich senken und wieder steigen zu lassen. Ich war so entzckt, da ich mich und Alles verga, ich legte in diesem hchsten Augenblick meines Lebens das sonderbare Gelbde mir selber heimlich ab, da nur dieses Wesen mit dieser Wunderstimme, oder keins, meine Gattin werden sollte. Der Rath und der Laufer des Frsten hatten mich schon zwei-, dreimal erinnert. Ich ging zum regierenden Herrn in das Schlo hinber. Es ward mir schwer, meine Lebensgeister zu dem sehr bedeutenden Gesprche zu sammeln. Nach der Audienz mute ich mich in strmischer Nacht in den Wagen werfen. Kein Diener, am wenigsten der alte Rath, mein Begleiter, wuten mir von der Sngerin etwas zu sagen. In meinem Vaterlande angekommen, erwarteten meiner dringende Arbeiten, die mich selbst in den Nchten beschftigten, ich konnte meinen Vater, der auf dem Krankenbette lag, nur wenig sehn. Als ich fertig war und meinem leidenden Vater jetzt meinen Trost und Dienst widmen wollte, konnte ich ihm nur noch die Augen zudrcken. Jetzt wute ich erst, wie theuer mir der edle Mann gewesen war, doch war es mir jetzt erlaubt, meiner Neigung zu folgen; ich entzog mich den Staatsdiensten. Sobald es meine geordneten Geschfte zulieen, reisete ich nach jener Residenz zurck, -- aber -- und wie ist dies zu begreifen? Kein Mensch, kein Musiker, Niemand am Hofe wollte von jener Sngerin, oder jenem Abend, den ich beschrieb, etwas wissen, als sei diese einzige, himmlische Stimme eine der gewhnlichsten Erscheinungen, die man kaum bemerkt und dann vergit, oder als sei ich in Wahnsinn und Bezauberung, da ich mir Alles nur eingebildet habe. Als jede Nachforschung vergeblich war, suchte ich auf Reisen jenes Wunder wieder anzutreffen. Darum versumte ich kein Concert und keine Oper, suchte jede musikalische Versammlung auf, und immer vergebens. Seit zwei Jahren fhre ich dies unruhige traurige Leben, und heut Abend dacht' ich thricht zu werden, denn in der fremden Dame glaubte ich meine Unbekannte gefunden zu haben, dieselbe Locke im Nacken, derselbe feine Contour des Ohrs; und Mund und Physiognomie schienen mir ganz wie die einer Sngerin. Die Tochter des Hauses versicherte noch einmal, da der Graf sich durchaus irre, und da seine Bemerkungen ber Gesang fast eben so einseitig als fein zu nennen wren. Denken Sie denn Ihr sonderbares Gelbde zu halten? fragte hierauf der Baron. Ich mu wohl, erwiederte der Graf, denn mgen Sie auch lcheln und es unbegreiflich finden, jener wunderbare se Ton hat mir Liebe, wahre Liebe eingeflt. Warum soll denn unser Auge der einzige Sinn seyn, der uns dies Gefhl, diesen enthusiastischen Taumel zufhrt? Ich trume von dieser Engelsstimme, immer vernehme ich sie, Alles erinnert mich an diesen Ton: o Himmel! wenn er verschwunden, wenn sie gestorben seyn sollte! Ich mag mir die Unermelichkeit dieses Elends gar nicht vorstellen. Die Uebrigen, den Laien abgerechnet, schienen diese Leidenschaft nicht begreifen zu knnen, oder an sie glauben zu wollen. Da es spt war, trennte man sich, und der Italiener begleitete den Grafen, in dessen Hause er wohnte. Eccellenza, fing er in einer einsamen Strae an, thut mir die Geflligkeit, mich bermorgen vor das Thor da in den Tannenwald zu begleiten, da will ich mir umbringen. Narr! sagte der Graf, was fllt Euch einmal wieder ein? Habe ich nicht versprochen, fr Euren Lebensunterhalt zu sorgen? Alles recht schn, sagte jener, danke auch fr die Gromuth; aber ich bin mein Leben vllig satt, so sehne ich mir nach meiner abgeschiedenen Hlfte. Damit Ihr auch jenseit, fragte der Graf, Euer Katzenkonzert wieder fortsetzen knnt? Nicht blos deswegen, erwiederte der Alte, bin aber mit Isabellen so gewohnt gewesen, mit Palestrina, Durante, Bach und alle groe Leute, den kniglichen Kapellmeister David mit eingerechnet, zu leben, da ich es mit so ordinren Menschen nicht mehr aushalten kann. Wie rathen mich, Eccellenza, da ich mir umbringen soll, hngen, schieen oder ersaufen? Ich werde den Narren einsperren lassen, sagte der Graf. Hat jedes etwas fr sich, fuhr der Italiener fort, ohne sich stren zu lassen: Luft, Feuer, Wasser; jedes ein ganz gutes Element. Ein einziges Ding knnte mich mein Leben versen, so da ich wieder in die Lebenslust einbisse. Nun, und was? Da ich den Herrn Hortensio nochmal antrfe. Und weshalb? Da ich ihn so recht abwamsen, durchdreschen knnte, da er dazumal meiner ^Cara^ die Gesangmethode so verdorben hat. Phantast! sagte der Graf, indem sie durch die Thr schritten. -- Und was ist Eccellenza? murmelte der Alte, indem die Diener ihnen entgegen kamen. * * * * * Der Kapellmeister war in Verzweiflung. Es war ganz so gekommen, wie er gefrchtet hatte. Die erste Sngerin zeigte sich mehr als empfindlich, sie fhlte sich beleidiget, und sogleich war auf einen Wink von ihr eine recht schwere Krankheit da, die ihr es unmglich machte, einen Ton zu singen, ja nur ihr Zimmer zu verlassen. Der Enthusiast wandelte und rannte hin und her, aber seine Vermittlung machte die Sache eher rger als besser, denn da er treuherzig wieder erzhlte, was jede der Parteien geuert hatte, so wurde der Kapellmeister immer mehr erbittert, und die Sngerin ging am Ende so weit, da sie verlangte, statt der beiden Haupt-Arien sollten zwei ganz neue gesetzt werden, und das Duo im letzten Acte msse in den ersten und zwar gleich in den Anfang verlegt seyn, auch forderte sie noch fr sich die groe Arie der zweiten Sngerin, ohne welche Bewilligungen an keinen Friedensschlu zu denken sei. Ueber diese ungeheure Forderungen gerieth der Kapellmeister so auer sich, da er schwur, sie solle nun in seiner Oper gar nicht singen, ob er gleich noch nicht wute, wie er seiner Verlegenheit abhelfen sollte. Wenn nur meine Cara noch lebte! rief der alte Italiener aus, der an den Berathschlagungen Theil nahm, und jetzt die Verzweiflung des Kapellmeisters sah; ach! wie brillant knnte die Selige zum Theater wieder auferstehn! Die Rolle ist ganz und gar fr sie geschrieben. Knnt Ihr sie nicht vielleicht selbst bernehmen? fragte der Kapellmeister in tragischer Bosheit. ^Signor si!^ rief der Alte, wenn Ihr kein ander Subject findet, ich kann zum Entsetzen einen hohen Sopran durch die Fistel singen. Es kommt wirklich fast auf eins hinaus, rief der Componist in seiner Verzweiflung, ob man so oder so parodirt wird; wenigstens wrde doch kein Liebhaber bei einer unpassenden Gelegenheit klatschen, und kein Eiferschtiger oder der Bewunderer der zweiten Dame aus Neid pochen und zischen. Unternehmt Ihr, Alter, aber auch liebenswrdig zu erscheinen? Was der Mensch leisten kann, antwortete jener, der es fr Ernst hielt: vor dreiig Jahren war ich zum Malen hbsch, und wenn ich mal auf Carneval in Weibskleidern ging, lief mir alles junge Mannsvolk nach. Die Prima Donna htten wir also, sagte der Enthusiast, und wenn die Oper nur Nacht und Verfinsterung des Theaters erforderte, und kein Mensch die Sache erfhre, so kme es wohl auf den Versuch an, welche Wirkung der alte Freund machen wrde. Wenn ich nicht vor der Auffhrung todt bin, warf der Italiener ein, so wie das andere Subject krank ist, so mchte ich wohl in das Sterben gerathen. Ich sehe schon, beschlo der Kapellmeister, ich bin vergeblich hergereist, ich habe umsonst alle Anstalten getroffen. So lange es unmglich bleibt, von Obrigkeits wegen einen solchen Eigensinn zu bestrafen und zu hindern, so lange das Publikum selbst nicht eine solche Frechheit und Verachtung seiner so ahndet, da kein zweiter dieselbe Vergehung wieder wagt, so lange bleiben wir das Opfer dieser Caprice von unwissenden Menschen, die fr ihr miges Talent viel zu sehr belohnt und von den Directionen und allen Zuhrern verzogen werden. Ich werde wieder einpacken. Der Enthusiast weinte vor Schmerz, der Italiener aber sagte: Ihr habt ganz recht; nicht wahr, das Leben mit all den Mhseligkeiten ist nicht die Rede werth? Ich bin es wenigstens vllig satt, antwortete der Componist. Nun, so kommt mit mich, leistet mir Gesellschaft, sagte der Alte sehr freundlich, indem er sich an ihn schmiegte. Wohin? Nach jenseit, nach dem weiten groen Raum, wo man Ellenbogen-Freiheit nach Herzenslust hat. Sagt, Mann, wollen wir uns lieber ins Wasser schmeien, oder frisch den Kopf abschieen, wie dem Vogel von der Stange? Geht, rief der Musiker, Ihr seid schon am frhen Morgen trunken. Nein, sagte jener, ich habe einmal einen heiligen Schwur gethan, mir aus dieser Welt hier fortzuschaffen, wenn ich nicht etwa den lieben Signor Hortensio wieder antreffen thte: das wrde natrlich die ganze Sache verndern. Aber wenn mir die Freude nicht arrivirt, sagt nur selbst, was ist denn das fr ein lumpiges Leben hier unten? Da sitzt Ihr immer, nrrischer Maestro, und klimpert auf das Clavier, und schreibt Eure Eingebungen auf, und ngstigt Euch um Invention, Charakter, Melodie, Styl, Originalitt, und wie man Kunstwesen alles nennt: und wer dankt es Euch? Wer merkt es nur ein bissel? Lat uns doch mal als vernnftige Mnner in Tag hinein reden: ist es denn nicht spahafter, sich aus dem Staub zu machen? Ja, Ruhm, Nachwelt! Wollen der lieben Nachwelt ein bissel entgegen gehn, und mal hinter den Vorhang gucken, ob es solches Gethier berhaupt nur giebt. Uebermorgen, Freundchen, seid von der Parthie, ich bring' auch Pistol mit: Ihr mtet denn lieber baumeln wollen; ist aber jetzt windiges und garstiges Wetter. Lat die Narrenspossen, sagte der Musikus sehr ernst, es wird noch dahin kommen, alter Thor, da Ihr nach dem Tollhause wandert. Und wohnen da nicht auch Leute? sagte der Italiener grinsend; Ihr habt Vernunft noch nicht viel gebraucht, junger Mann, da ist sie noch ein bissel frisch! wer sie aber so wie ich strapazirt hat, da ist sie mrbe und matt; mir kommt's gar nicht so sehr auf Ambition an, da mich Eures gleichen fr vernnftig, oder Weisen aus Griechenland hlt. Ich habe wohl andern Umgang gehabt, als Ihr, Ihr armer, gegenwrtiger, kurzsichtiger Mensch! und wenn Nestor, oder Phidias und Praxiteles, mit die ich so oft konversirt habe, mich so etwas gesagt htten, so htte ich jeden einen Schlag an die Gegend von das Ohr gegeben. Er lief wthend fort, und der Kapellmeister setzte sich melancholisch nieder; auch der geschwtzige Enthusiast mute ihn verlassen, damit er seinem Kummer recht ungestrt nachhngen knne. * * * * * Nein, sagte am Abend der Laie zum Baron Fernow, ich habe dazumal einen Schwur gethan, niemals eine Geige wieder anzurhren, und darum verschonen Sie mich. Der Vater und die Tochter wnschten nmlich, er mchte ihnen nur etwas, das kleinste Liedchen vorspielen, um zu sehen, wie er sich in der Jugend mit seinem Instrumente ausgenommen habe. Man sollte wohl nichts verschwren, sagte der Baron, am wenigsten die Ausbung einer so edeln Kunst. Der Kapellmeister trat herein, und erzhlte eine sonderbare Anmuthung, die ihm vom Grafen geschehen sei. Dieser habe ihn nehmlich besucht und gebeten, am heutigen Abend mit ihm und dem alten Italiener in den Wald vor die Stadt zu gehn, wo sich der Snger erschieen wolle; der Graf wnsche wenigstens einen rechtlichen Mann zum Zeugen, der es nachher bewhren knne, da der alte Thor sich selber umgebracht habe. Der Baron war der Meinung, man msse den alten Verrckten sogleich fest nehmen und einstecken; die Uebrigen fielen bei, nur der Laie uerte den Zweifel, ob nicht Jedem das Recht zustehen msse, ber sein Leben zu entscheiden, wie es ihm am besten dnkte. Hierber entspann sich ein Streit, ob es dem Staate, oder den brigen Menschen erlaubt sei, ber irgend wen eine solche beschrnkende Aufsicht zu fhren, welches der Baron uneingeschrnkt behauptete, da ein solcher durchaus, der einen so unklugen Vorsatz fasse, als ein Wahnsinniger zu betrachten sei. So mu man erst ermitteln, was Wahnsinn ist, warf der Laie ein; denn wir sehn es in der Geschichte, wie die Gesetze und ihre Vollstrecker nach den Umstnden und herrschenden Gesinnungen bald dieses bald jenes zum todeswrdigen Verbrechen gestempelt haben, welches andere Zeitalter zu Tugenden erhoben, oder gleichgltig ansahen, ja selbst verlachten. Frei zu denken, von gewissen Meinungen abzuweichen, hat ehemals Manchen auf den Scheiterhaufen gefhrt; wegen Zauberei, wegen angeschuldigter Knste ist Manchem der Stab gebrochen worden, und jetzt, wo wir in diesen Punkten Freiheit gestatten, und es doch dulden mssen, wie Viele durch Uebermaa und Ausschweifung sich vorstzlich und sichtlich zu Grunde richten, begreife ich nicht, wie man es den Elenden und Verstrten mit Recht verwehren kann, das Leben wegzuwerfen, wenn sie diesen Entschlu wirklich ergreifen. Sie sind paradox, rief der Baron; ich bin nicht Philosoph gnug, um Sie widerlegen zu knnen, allein aus den Ueberzeugungen der Religion mssen Sie es selber schon wissen, da Sie eine bse Sache vertheidigen. Ich habe versprochen, mit auszuwandern, sagte der Kapellmeister, denn ich kann mir nimmermehr vorstellen, da der alte Thor Ernst machen wird. Uebrigens wre es wahrlich nicht zu verwundern, wenn ein armer geplagter Kapellmeister diese Gelegenheit benutzte, und ihm Gesellschaft leistete. Der Graf trat wie verstrt und tiefsinnig herein. Man fragte ihn, ob etwas Neues begegnet sei; er uerte aber, die Erinnerung an jene Stimme, die ihm durch die neuliche Erzhlung wieder mit frischer Lebhaftigkeit in das Gedchtni gekommen sei, sein rastloses Suchen, die Qual dieser Spannung und die Unruhe, die es seinem ganzen Wesen mittheile, mache ihn vllig elend, und er habe beschlossen, wenn sich der Italiener erst erschossen habe, weiter zu reisen. So halten Sie es denn fr Ernst? fragte der Baron erstaunt. Wenn er nicht wirklich dazu thut, antwortete der Graf, so nehme ich den Narren wieder auf die Reise mit. Der Italiener trat herein und schien aufgerumter, als man ihn noch je gesehen hatte. Alle betrachteten ihn mit einer gewissen Scheu, er aber nahm keine Notiz von diesem vernderten Betragen, und als jetzt der Enthusiast und der Snger die Gesellschaft vermehrten, wurden Alle in heitern Gesprchen von einer vergnglichen Laune beherrscht, den Grafen ausgenommen, der seine trbe Miene nicht vernderte. Lassen Sie uns, sagte der Kapellmeister endlich, Einiges von unsern neulichen Erzhlungen aufnehmen. Wie ist es mglich, (indem er sich zum Laien wandte) da Sie nach ihren neuerlichen komischen Bekenntnissen ein so groer Freund der Musik haben werden knnen? Vielleicht dadurch um so mehr, erwiederte dieser, weil das Gefhl, als es reif in mir war, durch sich selbst und stark erwachte, da ich nichts Angelerntes, Nachgesprochenes in meine Liebhaberei hinber nahm. Ich hatte es endlich dahin gebracht, da ich kleine einfache Lieder begriff, die mir auch wohl im Gedchtni hngen blieben, die trefflichen von Schulz, zum Beispiel, in denen uns, ohne da sie uns eben poetisch aufregen, so behaglich und wohl wird, die uns so klar blauen Himmel, grne Landschaften, leichte Figuren und anmuthige Empfindungen hinmalen, waren mir oft gegenwrtig und verstndlich. Nur die greren Compositionen, am meisten aber die dramatische Musik, waren mir zuwider, wenn ich auch in der letztern manchmal mit Wohlgefallen eine kleine Arie hrte, die sich dem Ohr einschmeichelte. Auch der Harthrigste lernt am Ende die kleinen melodischen Sachen fhlen, wenn ihm auch der Zusammenhang groer musikalischer Dichtungen unverstndlich bleibt. Als das erste Mal Don Juan von Mozart gegeben wurde, lie ich mich bereden, das Theater zu besuchen. Es war unlngst componirt, und des groen Mannes Ruhm noch in Deutschland nicht so begrndet, wie bald nachher, welches ich besonders an einem hochgeachteten Musiker wahrnahm, der whrend und nach der Auffhrung nicht gnug ber den falschen Geschmack des Werkes reden konnte. Mir aber war, als fiele mir schon whrend der Ouvertre eine Binde von allen Sinnen. Ich kann die Empfindung nicht beschreiben, die mich zum ersten Mal berraschte, da ich wahre Musik hrte und verstand. Mit dem Verlauf des Werkes steigerte sich mein Entzcken, die Absichten des Componisten wurden mir klar, und der groe Geist, der unendliche Wohllaut, der Zauber des Wundervollen, die Mannigfaltigkeit der widersprechendsten Tne, die sich doch zu einem schngeordneten Ganzen verbinden, der tiefe Ausdruck des Gefhls, das Bizarre und Grauenhafte, Freche und Liebevolle, Heitere und Tragische, alles dieses, was dieses Werk zu dem einzigen seiner Art macht, ging mir durch das Ohr in meiner Seele auf. Da es so pltzlich geschah, vermehrte meine Begeisterung, und ich konnte nun kaum den Belmont desselben Meisters erwarten, dessen Leidenschaftlichkeit mich nicht weniger entzckte. Auch andere Componisten suchte ich zu begreifen, und Glucks groen Styl, seine edle Rhetorik, sein tiefes Gemth rissen mich hin, ich erfreute mich an Paisiello und Martini, Cimarosa's heller Geist leuchtete mir ein, und ich bestrebte mich, die Verschiedenheiten des musikalischen Styls, so wie verschiedenartige Dichter zu erfassen und mir anzueignen. Whrend meiner Universitts-Jahre verlor ich diese Kunst wieder aus dem Gesichte, doch zurck gekehrt war mein Eifer fr sie um so brennender, vorzglich da einige vertraute Freunde mein Urtheil und Gefhl luterten. Jetzt wurde ich mit dem wundervollen Genius des groen Sebastian Bach bekannt, in dem vielleicht schon alle Folgezeit der entwickelten Musik ruhte, der Alles kannte und Alles vermochte, und dessen Werke ich etwa nur mit den altdeutschen tiefsinnigen Mnstern vergleichen mchte, wo Zier, Liebe und Ernst, das Mannigfaltige und Reizende in der hchsten Nothwendigkeit sich vereinigt, und in der Erhabenheit uns am falichsten das Bild ewiger und unerschpflicher Krfte vergegenwrtiget. Der Componist sagte: gewi, es knnte Schwindel erregen, wenn man berschaut, was Alles vorangehen mute, bevor Bach seine Werke schreiben konnte; aber es gehrt auch wahrlich viel dazu, einer solchen Fuge oder einem vielstimmigen Satz auf die rechte Weise zu folgen, und ihn zu verstehn, es ist gleichsam eine Allgegenwart des Geistes, die ich einem solchen Laien am wenigsten zugetraut htte. Nach mehreren Jahren, fing der Laie wieder an, wurde mir es so gut, in eine edle Familie eingefhrt zu werden, deren Mitglieder, vorzglich die weiblichen, auf eine entzckende Art die Musik ausbten. Die lteste Tochter sang einen Sopran, so voll und lieblich, so himmlisch klar, da ich bei Ihrer neulichen Beschreibung des Gesangs Ihrer Unbekannten, werther Graf, an diese unvergleichliche Stimme denken mute. Hier vernahm ich nun neben manchem Weltlichen vorzglich die groen und ewigen Gedichte des erhabenen Palestrina, die herrlichen Compositionen eines Leo und Durante, die Zaubermelodieen des Pergolese, den ich mit den Lichtspielen des Correggio vergleichen mute, die trefflichen Psalme Marcello's, die groartige Heiterkeit unsers Hasse, und das dramatische Requiem Jomelli's: Manches von Feo, die Miserere von Bai und Allegri ungerechnet. So rein, ungeziert, im groen einfachen Styl, ohne alle Manier vorgetragen wird man schwerlich je wieder die Meisterwerke hren. Diese glckliche Zeit versetzte meinen Geist in eine so erhhte Stimmung, da sie eine Epoche in meinem Leben macht. Nur in wenigen schwachen Gedichten habe ich versucht, meine Dankbarkeit auszusprechen. Meine Seele war so ganz in diesen gttlichen Tnen aufgegangen, da ich dazumal nichts von weltlicher Musik wissen wollte, es schien mir eine Entadlung der Gttlichen, da sie sich zu den menschlichen Leidenschaften erniedrigen sollte. Ich glaubte, es sei nur ihre wahre Bestimmung, sich zum Himmel aufzuschwingen, das Gttliche und den Glauben an ihn zu verkndigen. Ein Beweis, sagte der Kapellmeister, da Ihr ganzes Herz damals von der Glorie dieser Erscheinung durchdrungen war. Man thut auch Unrecht, dergleichen wahre Begeisterung Einseitigkeit zu schelten, denn unsre Seele, wenn sie wirklich auf so groe Art ergriffen und erschttert wird, fhlt dann in diesem ihr neuen Element die ganze Kraft und Ewigkeit ihres Wesens: sie findet dann die Schnheit, von der sie frher gerhrt wurde, erhht und vollendet in der neuen Erscheinung, und sieht mit Recht auf ihre frhern Zustnde als auf etwas Geringeres hinab. In wessen Herz eine solche Vision nicht steigen und es ganz ausfllen kann, der wei berhaupt nicht, was chte Begeisterung ist. Und gewi ist die Kirchenmusik, welche freilich die Neueren meist auch so tief herab gezogen haben, die erhabenste und schnste Aufgabe unsrer Kunst. Ich bin aber berzeugt, da Sie spterhin von selbst eben aus Ihrem Enthusiasmus wieder den Weg zu Ihrem geliebten Mozart und andern gefunden haben. Natrlich, fuhr der Laie fort, denn die Liebe kann sich ja doch niemals in Ha umwandeln. Ich habe immer die Menschen gefrchtet, die mit ihren Gefhlen in den Extremen schwrmen, und heut bertrieben verehren, was sie in einiger Zeit mit Fen treten. Unsre Bildung kann und soll nur eine Modification einer und derselben Kraft, einer und derselben Wahrheit seyn, kein unruhiger Austausch und Wechsel, und kein hungerndes Verlangen nach Neuem und Unerhrtem, welches doch niemals befriedigend gesttiget werden kann. Als es mir nachher so gut ward, in Rom von der pbstlichen Kapelle viele derselben Sachen vortragen zu hren, so fhlte ich wohl, da hier ein eigener traditioneller Vortrag des alten ^Canto fermo^ Manches anders und noch einfacher gestalte, aber weder dort noch in den Theatern habe ich je diesen unbeschreiblichen Discant wieder vernommen, und Pergolese oder andere neuere Kirchenmusik ist mir auch niemals in dieser Vollendung wieder vorgetragen worden. Aus Ihren Beschreibungen, fing der Snger an, mu ich wohl abnehmen, da Sie mit der neuen Sngermanier wohl selten zufrieden seyn mgen. Ich gestehe Ihnen aber, da ich hierin nicht ganz Ihrer Meinung seyn kann: zu groe, zu schlichte Einfalt wrde mich zurck stoen, ich will den Virtuosen vernehmen, der die Musik und seine Stimme beherrscht. Wie der Deklamator nicht blos ruhig ablesen soll, sondern durch Erhhung und Senkung der Stimme, durch kleine Pausen, durch rollende Tne erst zum Schauspieler wird, und das zur Kunst erhht, was der ganz gute Vorleser doch in der niedrigen Region stehen lassen mu. Sie haben gewi Recht, erwiederte der Laie, vorausgesetzt, da es wirklich das sei, was ich Deklamation im Schauspiel, oder Vortrag des Gesanges nennen kann. Was uns der Graf aber neulich als falschen und schlechten Ausdruck schilderte, mu ich freilich auch als meine Meinung unterschreiben. Und ist es denn in unsern Schauspielen anders? Wie denn berhaupt wohl nie Gebrechen und Vorzge eines Zeitalters einzeln stehn knnen, sondern jede Kunst wird eine Abspiegelung der andern seyn, und selbst Staat und Geschichte mssen ebenfalls alle Gesundheits- oder Krankheitsstoffe wieder in ihrem groen verschlungenen Gewebe nachweisen. Eben so wie der Snger schreit und seufzt, und selten das Gefhl im Ganzen ausspricht, welches die Arie oder das Duo von ihm fordert, so auch der Schauspieler; dieser hilft sich auch durch einzelne bertriebene Accente, herausgehobene Worte, stark unterstrichene Stellen, und mu darber den Sinn des Ganzen fallen lassen, wodurch die Scene wie die einzelnen Stellen fr den Kenner nchtern und trivial werden. Denn wo gibt es jetzt wohl noch Schauspieler, an deren Leidenschaft man glaubt, die uns tuschen und in ihrem hohlen abgepufften Ton nur irgend Wahrheit sprechen? Ja unser Freund Wolf, so wie seine Gattin machen hievon eine ehrenvolle Ausnahme, so sehr, da sie fast schon einzeln in Deutschland da stehn, wenn auch hie und da ein Talent sich zeigt, das aber immer nur zu Zeiten jener Manier widersteht, die unser Theater beinah schon vllig zerstrt hat. Nicht, da sich nicht viele Schauspieler bemhten, aber es ist hier eben so wohl wie im Gesange eine falsche Schule entstanden, die Ausdruck, Empfindung durch Einzelheiten, die nicht in der Sache selbst liegen, erregen will, und darber das Ganze verdunkelt, und wenn wir uns strenge ausdrcken wollen, die Absicht der Kunst, ja diese selber vernichtet. Sie haben vollkommen Recht, rief der Kapellmeister: aber machen es denn meine Handwerksgenossen, die Componisten selbst, anders? Kaum ein Lied wissen sie mehr zu setzen, wo sie nicht jede Strophe neu componiren, gewaltsam accentuiren, innehalten, abbrechen und in gesuchte und fernliegende Tonarten bergehn, um nur, wo sie die Empfindung wahrnehmen, so starke Schlagschatten hinzumalen, da man diese Stellen nun zwar nicht bersieht, aber auch gewissermaen mehr Schwrze als Farbe gewahr wird. Als wenn es dem Snger nicht mte berlassen bleiben, auch im wiederkehrend Einfachen eine leise Variation anzubringen, oder als wenn das nicht eben das musikalische Gefhl in unserer Natur wre, in diesen sich wiederholenden Klngen ohne Weiteres vermge unsrer Liebe zu ihnen das Mannigfaltige zu empfinden. Sehr wahr, fgte der Laie hinzu, aus demselben Unglauben frchtet auch mancher geniale Musiker, wie der herrliche Beethoven, nicht neue Gedanken genug anbringen zu knnen, deshalb lt er so selten einen zu unsrer Freude ruhig auswachsen, sondern reit uns, ehe wir kaum den ersten vernommen, schon zum zweiten und dritten hin, und zerstrt so, wie oft, selbst seine schnsten Wirkungen. Sehn wir sogar auf die Gtheschen Lieder, die er gesetzt hat: welche Unruhe, welche scharfe Deklamation, welches Ueberspringen. Ich mchte diesem trefflichen Manne, so wie manchem Andern nicht gerne Unrecht thun, aber die Reichardschen Melodieen zu den meisten dieser herrlichen Gesnge haben sich mir so eingewohnt, da ich mir diese Gedichte, vorzglich die frhern, nicht anders denken und singen kann. Wenn Sie so gesinnt, nahm die Tochter das Wort, und die bertriebene falsche Gelehrsamkeit verwerfen, den Ausdruck schelten, der sich vordrngt, und darber Melodie und eigentlichen Gesang verdunkelt, so htten Sie ja nun selbst meinen geliebten Rossini gerechtfertiget. ^O divino maestro! o piu che divino Rossini!^ rief begeistert und mit verzerrtem Gesicht der alte Italiener. ^Eccolo il vero!^ den ausgemachten Wunderdoktor des Jahrhunderts, der uns verirrte Schaafe wieder auf die rechte Strae bringt, der alle die falsche deutsche Bestrebunge maustodt schlagt, der mit himmlische unerschpfliche Genie Oper ber Oper, Kunstwerk auf Kunstwerk huft, und sich Pyramid oder Mausoleum erbaut, worunter nachher alle die ausdrucksvolle, gedankenreiche und seelenmige Klimperlinge auf ewig begraben liegen. O wie wahr! rief der Enthusiast, ich habe mir schon oft vorgenommen, keinen andern Componisten mehr anzuhren, so entzckt hat mich jedes seiner Werke, es kam mir nur unbillig vor, da ich doch selber ein Deutscher bin, mich so feindlich meinen Landsleuten gegenber zu stellen. Was hat die Landsmannschaft damit zu thun? sagte der Laie: manche Italiener, die gern eine Partei formiren mchten, haben es freilich bequem, wenn sie den Mozart oder gar Gluck zu den ihrigen rechnen, und so gegen Bestrebungen zu Felde ziehn wollen, die ihnen im Wege stehn. Giebt es aber eine wahrhaft deutsche Oper, eine Musik, die wir uns als national durchaus aneignen mssen, so ist es eben die Mozartsche, und es ist sehr gleichgltig, da der Don Juan ursprnglich fr italienische Snger geschrieben wurde. Italien hat auch deutlich gnug bewiesen, da es diesen groen und reichen Geist nicht fassen und lieben konnte. Mozart, Gluck, Bach, Hndel und Haydn sind chte Deutsche, die wir uns niemals drfen abdisputiren lassen, und ihre Compositionen sind, recht im Gegensatz gegen die Italienischen, wahrhaft deutsche zu nennen. Und dann, fgte der Kapellmeister hinzu, kann man gern dem Rossini Talent und Melodie zugestehen, wenn der Lobpreisende auch uns zugiebt, da ihm in seiner Eile alles das abgehe, was den Componisten erst zu einem dramatischen macht. Regellos, willkhrlich ist er durchaus, und achtet weder Zusammenhang noch Charakter, ja ich frchte, in diesem leichten und wilden Spiel bestehe sein Talent, so wie das mancher dramatischen Schriftsteller, und ihn zwingen wollen, consequent zu seyn, dem Charakter und Inhalt gem zu componiren, hiee nur, ihm das Componiren selbst untersagen. Sein schneller Ruhm, sagte der Laie, ist wohl nur entstanden, weil eben der chte Sinn fr Musik unterzugehen droht. Denn wie kann man sich doch nur mit diesem vlligen Mangel an Styl vertragen, der allen seinen Melodieen einen so niedrigen, geringen Charakter aufdrckt? Seine Sangstcke sind groentheils sangbar, ja recht bequem fr unsere jetzigen Snger geschrieben, aber sehr hufig setzt er auch nur, so vielen Andern hnlich, wie fr Instrumente, und wenn sein Beifall noch lange whrt, so wird er auch noch dazu beitragen, die Snger vllig zu verderben, ja auch wohl den guten und edlen Vortrag der Instrumente, weil er Alles so kleinlich und geringe behandelt. Der Sinn fr Musik erwachte bei uns auf eine schne Weise, er krftigte sich und es war uns vergnnt, Gluck zu verstehn und uns vllig anzueignen, eine so groe Erscheinung, wie Mozart, entstand und vollendete sich vor unsern Augen, Haydns tiefsinniger Humor in seinen Instrumental-Compositionen ergriff alle Freunde der Kunst, des groen Hndels Werke wurden wieder studirt, und selbst die Dilettanten fhlten sich von seiner Kunst entzckt, die das Mchtige, Gewaltige erstrebt, jeden kleinlichen Reiz verschmhend; wir sahen Anstalten gedeihen, die auch die alte Kirchenmusik, die herrlichen Werke der verstorbenen groen Meister wieder ertnen lieen, es schien, da auf immer der Geschmack am Groen und Edeln gerettet sei. Nur hatte sich indessen die Menge auch mit der Musik scheinbar vertraut gemacht, und diese kann, wenn sie sich eine edle Sache aneignet, immer nur bis auf eine gewisse Weite mitgehn, dann wird sie nothwendig das Ergriffene in etwas Geringeres verwandeln, das ihr zusagt. Ehemals hatten wir nur Kenner und oberflchliche Liebhaber in Deutschland, jetzt aber entstand eine Halbkennerschaft statt der Freunde, die sich unschuldig ergtzten. Diese anmalichen Kenner haben mit lauter schreienden Stimmen nach und nach das Wort der wahren Musikfreunde verdrngt, ja diese gelten den neuern Enthusiasten wohl gar fr eigensinnige, oder gefhllose Kritiker, die aus Neid und Milaune die glnzenden Erscheinungen der neuesten Zeit nicht anerkennen wollen. Darum hat auch in meiner Vaterstadt, in Berlin, Rossini am meisten Widerspruch gefunden, weil durch des unvergelichen Fasch herrlichen Eifer dort die treffliche Musik-Akademie gegrndet wurde, die unser Freund, der wackre Zelter, nach dessen Tode in demselben Sinne fortgefhrt hat. Durch die Vergegenwrtigung der alten Meisterwerke, durch den einfachen, edlen Gesang, der dort bekannter ist, als anderswo, sind die zahlreichen Mitglieder zum Bessern verwhnt, und knnen sich unmglich dem zierlich Nchternen hingeben. Sie werden es mit meiner Tochter vllig verderben, sagte der Baron lachend, denn sie meint, wo nur Effect sei, da wre es lcherlich zu fragen, ob die Wirkung auch statt finden drfe. Sie hat vollkommen Recht, antwortete der Laie, ich aber auch, wenn ich behaupte, die Wirkung msse gar nicht eintreten. Um diesen Punkt dreht sich ja die Kritik in allen Knsten. Darum ist es ein Glck zu nennen, antwortete der Baron, ja gewissermaen eine weise Lenkung des Kunstgenius, da ein groer Componist sich diesem kleinlichen Unwesen so mchtig gegenber stellt, und das so ausgezeichnet besitzt, Styl nehmlich, was jenem ganz abgeht. Ich spreche von dem nicht genug zu lobenden Spontini. Es lt sich hoffen, da von dieser Seite durch mchtige Wirkungen der Sinn der Deutschen wird gehoben, und ihr Wohlgefallen an diesem Melodieenkitzel beseitigt werden. Der Laie schien so in Eifer gerathen zu seyn, da er allein das Wort fhren wollte. Gewi, sagte er lebhaft, wre es lcherlich, wenn man diesem Manne ein ausgezeichnetes Talent absprechen wollte, und ber die Verdienste seiner Vestalin lt sich Vieles sagen und streiten. Aber da er im Cortez und nachher noch gewaltiger ein Brausen und Lrmen der Instrumente, ein Ueberschreien der Stimmen, ein Aufkreischen, ein wildes Getmmel uns hat fr Musik geben wollen, scheint mir ebenfalls ausgemacht. Man kann schwerlich im voraus bestimmen, wie viel oder wenig unser Ohr von Instrumental-Musik vertragen soll, denn Mozart hat die meisten seiner Vorgnger berboten, und es gab frherhin auch Kunstfreunde, die bei ihm ber zu groe Flle klagten; und schon lange vor diesem hat der groe Hndel auerordentlich viele Instrumente in Anspruch genommen, um seine erhabenen Gedanken auszusprechen. Aber bei diesen war die Flle der Tne doch Musik, ein Anschwellen, ein Heranbrausen, ein Abdmpfen und Zurcksinken in eine gewisse Stille und Ruhe, aber nicht dieses ununterbrochene, nie rastende Wthen aller Krfte ohne Vorbereitung, Inhalt und Bedeutung, welches nur betuben kann, und dessen Macht und Gewaltsamkeit mehr erschreckt und ermdet, als erhebt und erschttert. Geht der berhmte neuere Componist hiebei nur gar zu oft auf leeren Effect und Schreckschu aus, so wie manche Schauspieler und Schauspieldichter, wirkt er nur einzig und allein durch groe Massen, so ist er zwar wohl nicht der Wandnachbar Rossini's, aber sie reichen sich denn doch aus einer gewissen Entfernung befreundet die Hnde und stehn sich nicht als feindliche Krfte einander gegenber. Wohl uns, da unser hochgeehrter Maria Weber uns zu den schnsten Erwartungen berechtigt, der in dem, was er schon trefflich geleistet hat, so glnzend zeigt, wie viel er in Zukunft noch vermag. Nun erhob sich die Tochter mit allen Tnen, und der Vater stand ihr bei, um den Laien in die Enge zu treiben, der ihre Lieblinge so keck angegriffen hatte, ohne doch vom Metier zu seyn, da er sein ehemaliges Violinspielen selber nicht in Anschlag zu bringen wage. Unter lautem Lachen wurde disputirt und behauptet, der Teufel sei ein- fr allemal unmusikalisch, die Kugelgieerei und der Lrmen dabei schlimmer als was je auf dem Theater getobt, und der Musik, die ganz Deutschland wie verwirrt gemacht, fehle die Mannigfaltigkeit, ein heiteres Element, ja auch jene Ironie, wodurch Mozart erst seine ungeheure Dichtung des Don Juan zu diesem einzigen Werke gebildet habe, so da bei diesem durch Gegenstze sich Inhalt und Behandlung rechtfertigen, was dort ganz aus der Acht gelassen sei. Der Kapellmeister nahm sich des armen Laien, der hierauf wenig zu erwiedern wute, oder den man vielmehr nicht zu Worte kommen lie, freundlichst an, und meinte, eine Vergleichung auf diese Weise anzustellen, sei unbillig, weil das neue Kunstwerk gar nicht die Absicht habe, sich neben jenes ungeheure zu stellen. Ueberschreitet auch die angefochtene Scene, fuhr er fort, welche gerade die Menge herbei gelockt hat, die Grnzen der Musik, so ist doch brigens des Vortrefflichen, des chten Gesanges, des Neuen und Genialischen, vorzglich aber des wahrhaft Deutschen, im besten Sinne, so viel, da ich vollkommen in das Lob unsers unmusikalischen violinspielenden Laien einstimmen mu, der Manches wohl eben deswegen bestimmter empfindet und kecker ausspricht, weil er niemals vom Handwerk gewesen ist, und selbst nicht als Dilettant hinein gepfuscht hat, da er sich doch bescheidet, in die eigentlich grammatische Kritik einzugehn. Sollte keiner als nur Musiker mitsprechen drfen, so wrde ja auch fr diese nur componirt, und das werden wir uns doch wohl, so wie alle Knstler, verbitten, nur fr die Zunftgenossen zu arbeiten, um von ihnen empfunden und verstanden zu werden. Knnte ich nur, fing der Laie wieder an, den sanften Genu wieder haben, den mir ehemals die Lila des Martini gewhrte. Diese idyllische, reine und heitere Musik wre nach so manchem Ungethm unsrer Theater eine wahre Erquickung. Wie wrde ich mich freuen, Paisiello's Barbier von Sevilla wieder zu vernehmen, und es krnkt mich innig, da man eine solche Composition nicht als eine klassische verehrt, die nun einmal fr allemal fertig ist, und an die sich keiner von Neuem wagen drfte. Denn ist bei Rossini auch hier und da vielleicht ein Moment brillanter, so ist doch der dramatische Sinn des Ganzen, die Bedeutung untergegangen, und nichts gegeben, was sich dem Humor in der Rolle des Alten nur irgend vergleichen drfte. Die Verwhnung der gehuften Instrumente lt aber befrchten, da man, wenn man auch einmal diese trefflichen alten Sachen geben mchte, Zustze zur Begleitung macht, oder diese wenigstens verstrkt. Hier und da habe ich schon murmeln hren, da Gluck dergleichen bedrfe. Mozarts Figaro ist schon in Violinen und andern Instrumenten doppelt so stark besetzt worden, als es der Componist vorgeschrieben hat, bei dieser heitern Musik um so unpassender, weil dadurch der Witz, das wundersam Leichte und Heitere des Gesanges gestrt wird. Es ist, als wollte man treffliche Brillanten aus ihrer leichten Fassung nehmen, und sie, um sie zu ehren, in schweres Gold schmieden. Oder, als riefe man sich witzige und launige Einflle durch ein Sprachrohr zu. Man sang zum Beschlu noch Einiges, und die Gesellschaft trennte sich. Beim Abschiede sagte der Baron zum alten Italiener: auf Wiedersehn! Doch dieser schttelte den Kopf, und wies mit dem Finger nach oben. Der Laie ging nach seinem Hause, weil es schon spt war, und er in der kalten Nacht an einem Abenteuer, an welches er nicht glauben mochte, nicht Theil nehmen wollte. Der Kapellmeister und der Graf wandelten aber mit dem wunderlichen Alten durch die ruhige Stadt, lieen sich das Thor ffnen, und begaben sich nun nach dem Tannenwalde, wo der Lebensberdrssige seine Laufbahn eigenmchtig zu vollenden drohte. Als sie unter den finstern Bumen standen, sagte der Graf: nun, Alter, seid Ihr wieder gescheidt geworden, wollt Ihr nun nicht lieber zu Bette gehn? In die Ewigkeit thu ich mich hinein legen, sagte der Italiener, und das liebe Vergessen, Ruhe, tiefer, tiefer Schlaf, werden wie Flaumen eines Daunenbetts um mich zusammen schlagen. Adieu, Eccellenza! lebt wohl, thrichter Kapellmeister, der Ihr die schne Gelegenheit nicht benutzt, allen Euren Jammer, Partituren, Noten, Pausen, Tonarten, Snger und Sngerinnen los zu werden. Nun lat mir ein bissel noch ber meinen Zustand nachdenken, und dann rufe ich Euch wieder; Kapellmeister kommandirt Eins, Zwei, Drei, und beim Worte Drei, deutlich ausgesprochen, langsam, feierlich, laut, da liebe Echo auch etwas davon abkriegt und mitspricht, schie ich mich die ganze Pistole in meinen dummen Kopf hinein. Ihr werdet doch nicht, sagte der Kapellmeister, so abgeschmackt wie der Hanswurst in der Kreuzerkomdie sterben wollen? Gerade so mu es geschehen, sagte der Alte, und legte sich in einen Sandgraben nieder. Die beiden Begleiter gingen tiefer in den Wald, die Nacht war still, kein Wind wehte, ein ganz leiser Hauch rhrte zuweilen die Zweige an, so da die Nadeln der Tannen in sanften Tnen lispelten, das Flstern fortlief, und indem sich dann der Wald in allen Stmmen bewegte, wie ferner Orgelton verhallte. Feierlich genug ist die Stunde, sagte der Musiker. Eine wundersame Empfindung, erwiederte leise der Graf, hat den ganzen Abend in mir fort geklungen: vielleicht bin ich dem Tode nher, als jener alte Wahnsinnige, denn noch nie war mir mein Dasein so abgestanden und leer, so jedes Reizes entkleidet. Ich glaube nun auch, da jenes himmlische Wesen, welches ich schon lange suche, gestorben ist. -- Still! rief jener: hrten Sie nicht Musik? -- Vielleicht die fernen Glocken. Nein, sagte der Kapellmeister gehend: ich hre es deutlicher: und nun erinnere ich mich, hier wohnt der unkluge Alte nicht fern, in dessen Huschen ich bei meiner Ankunft schon Morgens um fnf Uhr einen herrlichen Discant vernahm. Der Graf war tief bewegt. Jetzt kommt! kommt! schrie der Italiener, mein Ermorden soll ein bischen seinen Anfang nehmen! Schiet Euch todt, oder hngt Euch! rief der Graf zurck, wir haben jetzt etwas Besseres zu thun, als Eure Possen anzuhren. Sie gingen weiter, drngten sich durch Baum und Strauch, und der neugierige Italiener hatte sich zu ihnen gesellt. Jetzt tnte ihnen schon bestimmter der Gesang entgegen, und der Graf zerri sich Hnde und Gesicht, um nur aus den Gestruchen zu kommen, in denen er sich aus Eifer immer tiefer verwickelte. Er drngte endlich hindurch und stand in der Nhe des Huschens, dessen kleine Fenster erleuchtet waren. Der treffliche Psalm Marcello's ^Qual anhelante^ tnte ihnen voll und rein entgegen, so einfach, so edel vorgetragen, da der Kapellmeister erstaunt und hingerissen kaum athmete. Sie ist es! sie ist es! meine Einzige! rief der Graf in der grten Erschtterung aus, und wollte sich dem Hause nhern, aber der Kapellmeister hielt ihn fest, klemmte sich an ihn, und warf sich dann zu seinen Fen nieder, die er umarmte, und rief: o bester, glcklichster Graf! Heirathen Sie sie also, wie Sie gelobt haben; aber gnnen Sie mir vorher das einzige Glck, da sie erst die Geliebte in meiner ruinirten Oper singt; dann will ich gern sterben, denn eine solche Stimme giebt es auf Erden nicht mehr. Der Graf strebte zum Hause hin, und der Kapellmeister lie endlich sein ungeduldiges Bein los. So wie er auf die Wohnung losstrzte und an die kleine Thr klopfte, verstummte der Gesang. Macht nicht so viel Umstnde, sagte der Italiener, der Sing-Sang ist nicht der Mhe werth, man sieht wohl, da ihr meine Selige nicht gekannt habt. Der Kapellmeister, der jetzt eben so auer sich war, wie der Graf selbst, klopfte mit diesem wetteifernd an die Thr, und da sich beide in den Krften berboten und das Tempo immer schneller nahmen, so entstand dadurch ein sonderbares Concert in der ruhigen Nacht. Im Hause war Alles still, endlich aber schien man drinnen doch die Geduld verloren zu haben, denn ein Fenster ffnete sich und eine leise, heisere Stimme sagte: was giebt's da? Seid ihr betrunken? Lat uns ein! rief der Graf: hinein mssen wir! schrie der Kapellmeister: wo ist die Sngerin? der Graf: ich habe sie schon am Morgen neulich gehrt, der Kapellmeister, als Ihr mir sagtet, es sei des Teufels Gromutter: aber hinein mssen wir! vereinigten sich nun beide. Seid ihr rasend? rief die erhhte Stimme des Alten, und in diesem Augenblick schrie der Italiener lauter als Alle: Hortensio! Hortensio! haben wir Euch endlich erwischt? Nun bleib' ich am Leben! Mag sich umbringen, wer Lust hat, ich halte mich an Euch, altes Fell! Ich bin der Graf Alten, schrie der Liebhaber; ich der Kapellmeister! rief sein Begleiter, lat uns nur hinein, da wir die Sngerin sehn: kommt herab! rief der Italiener, da wir beide unsre Bekanntschaft erneuern knnen. Mein Himmel! chzte der Greis, so nach tiefer Mitternacht? Meine guten Herren, wenn Sie bei mir was zu suchen haben, so kommen Sie doch morgen, wenn der Tag scheint. Gut, sagte der Graf beruhigter, morgen frh! der Kapellmeister fand sich auch in den Vorschlag, und als sie friedlich wieder fortgingen, sagte der Italiener: ich bleibe die Nacht hier drauen und passe ihm auf. Morgen frh machen wir Alle unsern Besuch. -- Wie erstaunten, erschraken am folgenden Tage der Graf und der Musiker, als sie das Haus verlassen und de fanden; noch vor Tage, sagte die alte Aufwrterin, seien die beiden Bewohner ausgezogen und haben in grter Eil alle Sachen fortschaffen lassen. Auch der Italiener zeigte sich nirgend. * * * * * Ein schner, heiterer Herbsttag war aufgegangen, die Sonne schien in dieser spten Jahreszeit noch so warm, wie im Sommer, und dies bestimmte den Laien mit seiner Tochter in das naheliegende Bergthal zu fahren. Auf einem kleinen Miethpferde sahen sie in der Entfernung den Enthusiasten auch mit nachflatterndem Kleide auf dieselbe Gegend zusprengen. Der Himmel verhte nur, bemerkte der Laie zu seiner Tochter, da der Schwtzer nicht ebenfalls in jenem Thale verweilt, weil er uns sonst mit seinen heftigen Reden und Schilderungen den Tag verderben wrde. Wir mssen uns schon darauf gefat machen, erwiederte die Tochter, denn er sagte mir neulich, da er diese Gegend vorzglich liebe und sie oft besuche. Wie sind diese Menschen doch so lstig, fuhr der Laie fort, die eben, weil sie gar nichts empfinden, ber Alles in Hitze gerathen knnen. Aber mehr noch, als bei Kunstwerken, stren sie mich in der Natur, die am meisten ein stilles Sinnen, ein liebliches Trumen erregt, in der ein vorber schwebender Enthusiasmus und Behaglichkeit sich ablsen, und sie unsern Geist fast immer in eine beschauliche Ruhe versenken, in welcher Passivitt und schaffende Thtigkeit eines und dasselbe werden: dazu der Anhauch einer groartigen Wehmuth in der Freude, so da ich in der schnen Landschaft gegen diese beschreibenden Schwtzer oft schon recht intolerant gewesen bin. Sie stren fast eben so sehr, wie die unertrgliche Musik, antwortete das Mdchen, da man so oft in der Nhe der Gebude Tnze oder kreischende Arien vernehmen mu. Als sie angekommen waren, sprang ihnen der berhrige Enthusiast schon aus dem Hause entgegen. O wie schn, rief er aus, da Sie diesen herrlichen Tag auch benutzen, der wahrscheinlich der letzte helle dieses Jahres ist. Lassen Sie uns nur gleich an den murmelnden Bach gehn, und dann von der Hhe des Berges das Thal berschauen. Es ist eine Wonne, die Schwingungen der Hgel, den kleinen Flu, das herrliche Grn und dann die Beleuchtung zu sehn und zu fhlen. Giebt es wohl ein Entzcken, das diesem gleich oder nur nahe kommen kann? Ich will mit Ihnen gehen, erwiederte der Laie, aber nur unter der Bedingung, da Sie mich mit allen Schilderungen und begeisterten Redensarten verschonen. Wie knnen Sie berhaupt nur immer so vielen Enthusiasmus verbrauchen? Es ist nicht mglich, wie Sie auch neulich gestanden haben, da Sie so viel empfinden. Bei der Kunst, sagte der Enthusiast, setzt man freilich wohl hie und da, dem Knstler zu gefallen, etwas zu, aber in der himmlischen Natur -- nein! da kann doch keine Zunge Worte genug finden, um nur einigermaen das wiederzugeben, was im Herzen aufgeht. Ich habe es aber schon seit lange bemerkt, da Sie kein groer Freund der Natur sind, denn wie konnten Sie nur sonst, wie ich schon so oft gesehen habe, da Sie thun, beim schnsten Frhlingswetter in das dumpfe Theater kriechen, um eine Oper zu hren, oder sogar ein mittelmiges Schauspiel zu sehn, ber welches Sie nachher selber Klage fhren? Weil es mir an solchem Tage, antwortete jener, darum zu thun ist, ein Schauspiel zu sehn, und ich dies mit dem Genusse der Natur dann nicht vereinigen kann und mag. Auch gestehe ich Ihnen, da ich oft in der schnsten Natur bin, ohne sie mit den geschrften Jger-Augen in mein Bewutsein aufzunehmen, wenn mich ein heiteres Gesprch beschftigt, oder ich auf einsamem Spaziergang etwas sinne, oder ein Buch meine Aufmerksamkeit fesselt. Glauben Sie nur, unbewut, und oft um so erfreulicher, spielt und schimmert die romantische Umgebung doch in die Seele hinein. Wenn wir uns berhaupt immer so sehr von Allem Rechenschaft geben sollen, so verwandelt sich unser Leben in ein trbseliges Abzhlen, und die feinsten und geistigsten Gensse entschwinden. Hm! Sie mgen nicht ganz Unrecht haben, sagte der Enthusiast nachsinnend: wenn ich nur nicht einmal den Charakter der Heftigkeit angenommen htte und bei allen meinen Bekannten als ein Eiferer glte, so wollte ich mir das Wesen wieder abzugewhnen suchen. Es ist aber denn doch auch fatal, wenn man, so wie Sie, fr einen Phlegmatiker gilt. Da Sie also nichts von Naturbegeisterung hren wollen, so will ich Ihnen lieber erzhlen, da ich schon vorhin, ehe Sie kamen, eine sonderbare Erscheinung hier bemerkt habe. Ein junges, wunderschnes Mdchen stand dort oben auf dem Hgel, sah immerdar auf den Weg hin, der zur Stadt fhrt, und weinte dann heftig. Sie erregte mein lebhaftestes Mitgefhl, ich ging zu ihr, aber so sehr ich auch in sie drang, so konnte ich sie doch nicht bewegen, mir eine vernnftige Antwort zu geben, oder mir zu erzhlen, was sie hier mache, wie sie hergekommen sei und wen sie hier erwarte. Und ich war doch so ganz auerordentlich neugierig, vorzglich, weil ich dies junge, auerordentlich reizende Frauenzimmer neulich schon bei unserm Baron in der Gesellschaft gesehen habe, wo sich der verwirrte melancholische Graf viel mit ihr zu schaffen machte. -- Sehn Sie, sie steigt schon wieder den Hgel hinan, um ihre Beobachtungen anzustellen. Mit Zierlichkeit und Grazie schwebte die Gestalt die grne Anhhe hinauf, und ihre vollen, braunen Locken, ihr leuchtendes Auge, das einfache Gewand und die Geberde wirkten mit unbeschreiblichem Zauber in der anmuthigen Landschaft. Die Tochter fhlte sich bewegt, als sie das schne Wesen wieder weinen sah, die Thrnen stiegen ihr selbst in die Augen, als die Unbekannte jetzt im Ausdruck des hchsten Schmerzes die Hnde rang, und sich jammernd auf den Rasen niedersetzte. Lassen Sie uns hinauf steigen, sagte der Laie, das arme Wesen bedarf unsers Trostes und Beistandes, meine Tochter soll sie anreden, wir aber, Herr Kellermann, wollen uns frs erste schweigend verhalten, und die Betrbte am wenigsten mit zudringlichen Fragen ngstigen. Die Tochter ging zu ihr, und die Fremde bekannte, da sie ihren alten Vater aus der Stadt erwarte, und nicht begreife, wie er so lange zgern knne, da er ihr diesen Ort angewiesen habe, wo sie zusammen treffen wollten, um weiter zu reisen. Sie wollen also unsre Gegend verlassen, fragte der Laie, da Sie doch, so viel ich wei, nur krzlich angekommen sind? Ach! mein Herr, antwortete die schne Fremde klagend, mein lieber Vater leidet schon seit lange an einer schweren Melancholie, an Menschenfeindschaft und tiefem Lebensberdru, so zieht er seit einigen Jahren von Ort zu Ort, verarmt immer mehr, wird immer krnker, versagt sich selbst alle Hlfe, und will auch mir das Glck nicht gnnen, ihm beizustehn, da ohne diesen starren Willen meine Talente sein Leben wohl untersttzen knnten. Denn mein Gesang und die Musik berhaupt machen das Unglck meines Lebens. Sie singen also doch? fragte der Laie sehr lebhaft. Meine Trauer, mein tiefer Schmerz, erwiederte die schne Klagende, sind Schuld, da ich mein Gelbde gebrochen habe. Ich habe meinem Vater geloben mssen, niemals zu gestehen, da ich singe, auch niemals, auer wenn er zugegen ist, und es mir erlaubt, einen Ton anzuschlagen. Wir wohnten deshalb von der Stadt entfernt, wir vermieden allen Umgang, nur neulich war ich zufllig im Hause des Baron Fernow, wo ein Fremder, ein feiner, anstndiger Mann mich ber die Gebhr mit Fragen und Aufforderungen zum Singen ngstigte. In der letzten Nacht, als ich, wie ich glaube, in der hchsten Einsamkeit einen Psalm Marcello's einbe, entsteht vor dem Hause ein Getmmel, wir halten die Leute fr Ruber oder Trunkene, der Graf nennt sich endlich, und will eingelassen seyn, noch einige Andere toben eben so laut, und mein Vater kann sie endlich nur beruhigen, indem er ihnen verspricht, am Morgen ihren Besuch anzunehmen. Kaum sind sie fort, so mu Alles in der grten Eile eingepackt werden, noch in der Nacht werden Fuhrleute gemiethet, unsre wenigen Sachen hieher zu fahren, am Morgen mu ich nachreisen, und er verspricht, in wenigen Stunden ebenfalls hier zu seyn, weil er in der Stadt noch unsere Reisepsse besorgen msse. Hier erwarte ich ihn nun schon manche Stunde, gewi ist er krank, ein Unglck ist ihm zugestoen, und ich wei in meiner Angst nicht Rath noch Hlfe; wo soll ich ihn wieder finden? Der Laie suchte sie zu beruhigen. Er schlug vor, im Gasthause bis nach Tische den Alten zu erwarten, dann solle sie mit ihm und seiner Tochter zurck fahren, da nur ein Weg zur Stadt fhre, so mten sie dem Vater begegnen, wre dies nicht der Fall, so solle die Fremde in seinem Hause absteigen, indessen er selbst Erkundigungen einzge. Auf sein eindringliches Zureden und der Tochter schmeichelnde Liebkosungen wurde sie ruhiger und ging mit ihnen in den Gasthof. Bei Tische wurde man sogar guter Laune, nur verweigerte die Fremde auf die unbescheidene Bitte des Enthusiasten, zu singen, weil dies gegen ihr heiliges Versprechen laufe. Man sprach dann viel ber die neulichen Musikstcke, die der Kapellmeister im Hause des Barons habe probiren lassen, sie lobte die Composition als groartig, tadelte aber die Manier der Snger. Es kann seyn, beschlo sie ihre Kritik, da ich hierber vllig im Irrthum bin, aber nach den Grundstzen meines Vaters, und nach der Gesangsweise, die ich nach seinem Unterricht ausben mu, ist jene Manier eben so klein als willkhrlich. Ja, drfte ich einmal (aber dazu ist mein Vater auf keine Weise zu bewegen) eine Opern-Rolle, wie diese des Kapellmeisters singen, so schmeichle ich mir, da ich eine groe Wirkung hervor bringen wrde, und vielleicht um so grer, weil diese Art jetzt ganz vergessen ist und die Neuheit um so mehr erschttern mchte. Wenn Sie diejenige sind, erwiederte der Laie, fr welche ich Sie jetzt halten mu, so knnen Sie einen gewissen enthusiastischen Mann, wenn es brigens Ihre Gesinnung erlaubte, unbeschreiblich glcklich machen. Die Schne wurde roth, und der Enthusiast Kellermann, so wie er das Wort enthusiastisch nennen hrte, sprang eilig herbei und rief: ja gewi, Verehrte! wie knnte mein Herz wohl so vielfach vereinigtem Zauber widerstehn? Gebt Euch keine unntze Mhe, rief der Laie laut lachend, ich meine jenen sonderbaren Grafen, den wir Alle kennen. Ich hoffe einen beglckenden Ausgang weissagen zu drfen. Die Schne wollte sich auf keine nhern Errterungen einlassen; lobte aber nachher im Verlauf des Gesprches den jungen Grafen als einen schnen und verstndigen Mann, der sie auch in der Gesellschaft am meisten interessirt habe. Auf der Rckfahrt unterhielt man sich mit heitern Gesprchen. Der Enthusiast sprengte wieder auf seinem kleinen Pferde voran, und war bemht, seine Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen. Als sie in die Stadt hinein gefahren waren, sahen sie in der Hauptstrae einen groen Volksauflauf, Getmmel, Geschrei, ein Vor- und Zurckdrngen, der Wagen mute halten, die Wache machte Platz und der Laie erstaunte, als er den alten Italiener zwischen den Soldaten bemerkte, die ihn als Gefangenen fortfhrten. Was giebt es? fragte er einen Vorbergehenden. -- Je, der braune Schelm, antwortete dieser, hat einen alten Mann so eben todt geschlagen. Als sich die Menge verlaufen hatte und sie weiter fahren konnten, strzte ihnen aus einem groen Hause der Graf entgegen, er rief, da man anhalten solle, und mit einem Ausdrucke bermenschlichen Entzckens half er Julien aussteigen. Der Laie und die Tochter folgten, um zu sehen, wie sich die Scene entwickeln wrde. * * * * * Im Saale fand Julie den alten Mann im Lehnstuhl sitzen, bla und erschttert, aber wohl und unverletzt. Man erfuhr, da er den ganzen Tag durch Hin- und Herschicken, indem er seine Psse berichtigen und auslsen mute, von der Polizei war aufgehalten worden. Als er endlich fertig zu seyn glaubte, und eben einen Wagen suchte, um seiner Tochter nachzureisen, begegnete er dem thrichten Italiener, der ihn sogleich auf offener Strae angriff, um ihn zu mihandeln, als er aber um Hlfe rief, nahmen sich die Vorbergehenden des Greises an, und der Verwirrte wurde der Wache bergeben. Julie liebkosete den Alten, und suchte ihn durch ihre Zrtlichkeit zu beruhigen. Der Enthusiast, so wie der Kapellmeister waren ebenfalls Zeugen dieses Auftrittes. Vielen Dank, sagte endlich der Alte, bin ich Ihnen, mein Herr Graf, schuldig, da Sie sich meiner so freundlich angenommen haben, jetzt aber lassen Sie uns abreisen, damit wir recht bald den Ort unsrer neuen Bestimmung erreichen. Er stand auf und wollte gehn, Julie blieb zaudernd, und blickte verlegen auf die Gegenwrtigen, der Graf aber trat vor den Greis hin und sagte mit zitterndem Tone: knnen Sie mir das Glck meines Lebens entreien wollen, dem ich so lange nacheilte, jetzt, nachdem ich es endlich so unverhofft und so wunderbar gefunden habe? Was meinen Sie? fragte der Alte. Selig wrde ich seyn, antwortete der Graf, wenn Ihre Tochter sich entschlieen knnte, mir ihre Hand zu schenken. Ich bin reich, vllig unabhngig, lassen Sie uns in Liebe, Freundschaft und Musik verbunden ein Glck begrnden und genieen, wie es nur immer auf Erden mglich ist. Der Alte taumelte wie erschrocken zurck, er mute sich vor Zittern wieder niedersetzen. Wie! rief er im heftigen Weinen aus: das knnte Ihr Ernst seyn, mein Herr Graf? Ich nehme, rief dieser, alle diese Freunde zu Zeugen: doch, Julie selbst? Nun, meine Tochter, sagte der Alte bewegt, knntest Du Deinen greisen Vater so glcklich machen? Jetzt liegt es in Deiner Hand, mir allen Gram meines Lebens zu vergten und meine letzten Tage zu verherrlichen. Aber ist es denn kein Traum? Wie kommt dies Alles? Kannst Du Dich entschlieen, mein Kind? Die Tochter war heftig erschttert. O Himmel! rief der Graf: nein, Gewalt sollen Sie sich nicht anthun: lieber entsage ich allen meinen Hoffnungen. Knnen Sie mich so miverstehn? antwortete Julie, kaum hrbar: htten Sie wirklich nicht gefhlt, wie sehr ich mich zu Ihnen gezogen fhlte? Habe ich doch seitdem immer Ihr Bild vor Augen gehabt. Aber auch den allerfernsten Schimmer eines solchen Glcks wies ich als einen wahnsinnigen Traum zurck. Der Graf kniete vor ihr nieder, der Alte legte gerhrt ihre Hnde in einander, dann sank sie an die Brust ihres Geliebten. Doch jetzt, rief der Graf aufspringend, nur Einen Ton, Einen Tact, ich wei es zwar gewi, da Du es bist, aber um mich vllig zu berzeugen. Sie sah fragend ihren Vater an, doch dieser sagte lchelnd: ich lse Dich jetzt gnzlich von dem Gelbde, welches Du mir gethan hast, jetzt darfst und mut Du Alles thun, was Dein Brutigam von Dir fordert. Da sang sie ohne alle Begleitung den Anfang des ^stabat mater^ von Palestrina, so stark und voll, so anschwellend die Tne, so gehalten und lieblich, da Alle, vorzglich aber der Graf und der Kapellmeister in ihrem Entzcken keine Worte finden konnten. Ja, sagte der Vater, als man wieder ruhiger war, es ist mein Stolz und mein Glck, diese Stimme gebildet zu haben, ich darf es ohne vterliche Verblendung behaupten, sie ist einzig in ihrer Art, und diesen Vortrag wird man jetzt nirgends hren. Aber wie kamen Sie nur dazu, fragte der Laie, von Ihrer Tochter sich geloben zu lassen, niemals in Gesellschaft zu singen, ja sogar dieses himmlische Talent zu verlugnen? O, mein Herr, sagte der Alte, wenn Sie meine Geschichte kennten, mein jahrelanges Elend, wie ich verkannt und gemihandelt wurde, so wrden Sie dies und noch weit mehr begreifen. Von frhster Jugend war mein Sinn und Streben auf Musik gerichtet, aber meine Eltern waren so arm, da sie fr meine Ausbildung nur wenig thun konnten. Mit Chorsingen fristete ich mich durch, spterhin mit Stundengeben. Ich mute mir Alles selber erringen und auf den mhseligsten Wegen. Als ich den Contrapunct grndlich studirt hatte und Alles versucht und durchgearbeitet, was zu einem musikalischen Componisten nothwendig ist, als ich nun fertig zu seyn glaubte, und schon manche Kirchenmusik geschrieben, die mir gelungen schien, fand ich nirgends Untersttzung, kein Mensch wollte von mir etwas wissen, mein Aeueres war nicht empfehlend, ich besa keine feine Lebensart, mir fehlten die einschmeichelnden Manieren. Nach Italien strebte mein Sinn, doch die matten Augen meiner hlflosen Eltern sahen mich so flehend an, da ich recht im Herzen fhlte, wie es meine Pflicht sei, fr sie zu sorgen. So mute ich denn wieder fr ein geringes Geld fast auf allen Instrumenten Unterricht geben, und diese Pein, mit einem ungeschickten gefhllosen Schler die Geige zu kratzen, immer dieselben Mitne zu hren, ist ber alle Beschreibung. Nur ein solcher Musiklehrer erfhrt, welche Dummkpfe es in der Welt giebt. So bot man mir einen an, der schon sechs Jahre Violine gespielt hatte. Ei! dachte ich dazumal, das ist doch ein Trost, da kann ich einmal musikalisch zu Werke schreiten und vielleicht einen chten Scholaren erziehn. Er hatte schon Sonaten, Quartetts, Symphonieen und die schwierigsten Sachen durchgearbeitet. Und, denken Sie, als ich ihn nun ins Examen nehme, ist dieser Virtuose nicht im Stande, seine Geige zu stimmen, er kennt keine Tonart, schabt Alles aus dem Gedchtni daher, hat keinen Tact, und verwundert sich in seiner blanken Unschuld, da alles das Zusammenhang habe und Wissenschaft sei. Wie das Meerwunder, das schon fast ein erwachsener Jngling war, seinen Pleyel zusammen rasselte, alle Tne falsch, ohne Bindung und Sinn, kreischend und quitschend, Gesichter schneidend und Pausbacken machend, davon haben Sie Alle keine Vorstellung. Denken Sie, ich mute mit ihm wieder einen Choral zu spielen anfangen, und nach sechs oder sieben Jahren, die er schon bei einem andern Lehrer verarbeitet hatte, konnte er das nicht einmal leisten. Die Uebrigen hatten den Laien schon whrend dieser Erzhlung lchelnd angesehn, als dieser ausrief: ist es mglich, da ich so unvermuthet meinen verehrlichen Musiklehrer wieder finden mu? Ja, alter Herr, damals haben wir uns beide das Leben rechtschaffen sauer gemacht. Sie sind der junge Mensch von damals? sagte der alte Mann in Verlegenheit; bitte tausendmal um Verzeihung: aber es war mir doch so merkwrdig, da ich diesen Umstand niemals wieder vergessen habe. -- Auf diese Weise ging dann meine Jugend hin. Meine Eltern starben, ich war aber inde alt geworden. Nach und nach gab man in kleinen Orten von meinen Compositionen. Hier und da versuchte auch ein Theater meine Opern darzustellen, aber sie machten kein Glck. Als ich meine Gattin, eine herrliche Sngerin, kennen lernte, und sie ihr Schicksal mit dem meinigen vereinigte, schien mir nichts mehr zu wnschen brig. Aber nach der Geburt meiner Tochter war ihre Stimme schwcher geworden. Ach was ist es doch fr ein unermelicher Verlust, wenn eine wahrhaft schne Stimme verloren geht. Es ist ja noch weit mehr, als wenn uns ein geliebter Freund abstirbt. Und doch mu sich der Mensch auch darein finden. Meine Frau wollte es aber nicht, sie sang immer schwcher, immer strker griff sie sich an, und sang sich zu Tode. Nun war mein ganzer Himmel diese meine Tochter. Eine kleine Pension, die mir das Theater zukommen lie, das ich eine Zeit lang dirigirt hatte, schtzte mich vor der uersten Drftigkeit. Von jetzt vertiefte ich mich erst recht in die groen Kirchenmusiken der alten Meister. Immer armseliger erschien mir die Gegenwart. Alle die Manieren, die Liebhabereien, die berhand nahmen, waren mir verhat. Am abscheulichsten aber erschien mir die neue Singmethode, welche immer mehr einri. Der rechte Ton mu wie die Sonne aufgehn, klar, majesttisch, hell und immer heller, man mu die Unendlichkeit in ihm fhlen, und der Snger mu ja nicht verrathen, da er die letzte Kraft ausspielt. Eine Musik, recht vorgetragen, wiegt sich wie ein Stck des Himmels, und sieht aus dem reinen Aether in unser Herz, und zieht es hinauf. Und was ich einzig und allein im Ton hren will, ist die Begeisterung. Einen tragischen oder gttlichen Enthusiasmus giebt es, der heraus klingend jeden Zuhrer von seiner menschlichen Beschrnktheit erlst. Ist die Sngerin dieser Vision fhig, so fhlt sie sich vom Sinn des Componisten, aber auch zugleich vom Sinn der ganzen Kunst durchdrungen, da sie Schpferin, Dichterin wird, und wehe dem armen Kapellmeister, der dann noch Tact schlagen, und das Tempo zu starr fest halten will, denn die Eingeweihte darf ber die gewhnlichen und nothwendigen Schranken hinaus steigen, und sich wie ein Engel schwebend aus dem Grabe des Zeitlichen erheben, und triumphirend in lichter Glorie dem Unsterblichen zufliegen. Das ist es, sagte der Laie, was ich neulich habe aussprechen wollen. Die meisten Knstler, fuhr der Alte fort, sind nur hchstens von ihrer eigenen Virtuositt trunken, selten, selten, da einer nur wagt, den Componisten zu verstehn, geschweige ber ihn hinaus zu schreiten. So wie im letzten Fall der Componist verherrlicht wird, so wird er im ersten fast immer vernichtet, doch ist diese Begeisterung nicht ganz zu verwerfen, weil alsdann, wenn auch auf eitle Weise, Seele in den Gesang kommt, in so fern nmlich der Snger ein wirklicher ist. Mein Kind erwuchs, und ward ganz, wie ich es mir gewnscht. Sie fate meinen Sinn, sie bekam eine Stimme, wie ich sie noch niemals gehrt hatte. Ich glaubte, ein unschtzbares Kleinod in ihr zu besitzen. In dieser Ueberzeugung schrieb ich von ihr einem groen Hof, wo man sie zur Kammersngerin berief. Nun glaubte ich, in Ruhe und ohne Armuth meine Tage beschlieen zu knnen. Die vornehme Welt ist versammelt und sie singt ein altes Musikstck, so, da mir die Thrnen in den Augen stehn; ich selbst hatte sie nie so singen hren, denn sie hat Stolz, die Umgebung befeuerte sie. Und wie sie endigt, keine Hand, kein Wort, kein Blick. Der alte Kapellmeister kommt dann zu mir und flstert, der Frst und die Damen htten geuert, und er selber msse die Meinung unterschreiben, meine Tochter mchte noch erst Unterricht von einem guten Snger haben, um Schule zu bekommen. Das ist es eben, rief jetzt der Graf aus, was sie wollen, Schule, Methode, wie sie es nennen, statt des Gesanges. Ja, das war jener Abend, als ich, Julie, in Wonne aufgelst hinter Deinem Rcken stand, und Dein Angesicht nicht sehen konnte. Methode! gerade als wenn ein Solimene oder Trevisano den Raphael bedauern wollte, da er nicht mehr Schule in seinen Werken zeige. Julie sagte: glauben Sie mir, mein Vater, ich kann besser singen, als ich jenen Abend sang. Ja, vor Freunden, die uns verstehn, die unserm Sinn entgegen kommen, wird die Stimme noch einmal so mchtig und die Sicherheit unendlich. Aber man fhlt es auch vorher durch geistigen Instinkt, wenn wir vor Unverstndigen uns hren lassen sollen. Wird bei jenen der Gesang wie Gold in Gluth der Liebe geschmolzen, so versagt bei diesen Stimme und Muth, ja der Ton wird oft, trotz aller Anstrengung, kmmerlich. An jenem, mir frchterlichen Abende sah ich mich geflissentlich nicht um, und doch steckten mir alle die Augen der gelangweilten Hofdamen und die verwunderten Blicke der neugierigen Cavaliere in der Kehle. Das Unglck, dieser Unsinn, nahm der Alte wieder das Wort, verwirrten mir auch den Kopf. Ohne es nur anzuzeigen, reisete ich noch in derselben kalten Nacht mit meiner Tochter wieder ab. Sie mute mir feierlich geloben, nie anders, als nur in meiner Gegenwart, und wenn ich es ihr erlaubte, zu singen. Kam sie unter Menschen, die jetzt fast alle gern kreischen und zwitschern, so mute sie fest verlugnen, da sie nur irgend was von Musik wisse. Wir lebten sehr einsam, kamen wenig oder gar nicht unter die Leute. Mein Gemth verfinsterte sich immer mehr, und htte mich nicht meine Tochter getrstet, so wre ich wohl lngst gestorben, oder Wahnsinn htte mich ergriffen. Ist mir doch fast, als wre ich in manchen Stunden diesem Elende nicht allzufern gewesen. Oefter wechselte ich den Wohnsitz und kam nun hieher, um drauen, in der Nhe finsterer Tannen recht einsam zu leben, und ungestrt mit meinem Kinde Gesang und Musik zu ben, da sah mich neulich der Herr (indem er auf den Kapellmeister wies) drauen, und gestern wollten sie beide in der Nacht mein Haus bestrmen, was ich freilich ganz anders auslegte, als es sich nun zu meinem unerwarteten Glcke ausgewiesen hat. Man setzte fest, da noch heut Abend die Verlobung seyn sollte, zu welcher auch der Baron und seine Familie gebeten wurde. Aber halt! rief der Kapellmeister, Ihr Gelbde, Herr Graf, welches Sie in dieser Nacht gethan haben, da Ihre schne Braut noch vor der Vermhlung die Hauptparthie in meiner Oper singen soll! Es sei, sagte der Graf, wenn es meiner Julie nicht unangenehm ist. Man sah es ihr aber, auch ohne ihre Versicherung wohl an, da es ihr Freude mache, auf eine so glnzende Art ihr groes Talent zu entwickeln. * * * * * Ehe der Graf in das Schauspiel ging, nahm er noch einmal den alten Italiener einsam vor und sagte: Ihr httet neulich fast Unglck gestiftet, alter Thor, reiset nun, wozu ich Euch ausgestattet habe, in Eure Heimath zurck, lebt dort ruhig, und Ihr werdet richtig Eure Pension ausgezahlt erhalten, die Euer Alter froh und sorgenlos machen kann. Eccellenza, antwortete der Verwirrte, seyn die Gromuth selbst: bitte auch auf Knieen um Pardon, da den Schwiegervater habe prgeln wollen, den alten boshaften Hortensio, der alle Musik ruinirt. Ich hatte lange drauen gelauert, und war im Wald vor Mdigkeit und Chagrin eingeschlafen, unterdessen er auf und davon. Untersuche alle Drfer dort, komme mde und matt zurck, da rennt er ber die Strae: Herr Graf, da zog es mich so allgewaltig, ich mute losprgeln, und wenn's mein leiblicher Vater gewesen wre. Als Julie sich in der schngesetzten Parthie zeigte, und in vollen Tnen so sicher ausstrahlte, war das Entzcken des Publikums allgemein. Die Zeichen des Mifallens, die einige Freunde der eigensinnigen Sngerin wollten hren lassen, muten beschmt verstummen. Als die groe Arie gesungen war, entstand ein so lautes Beifallrufen, ein solches Jauchzen und Gerusch, da Musik und Stck inne hielt. Als es ruhiger war, hrte man eine laut heisere Stimme, die vom Parterre herauf rief: taugt nix! gar nix! miserable Pfuscherei, kein Vortrag: ist nur Aberwitz und deutsche Seelenmanier des verrckten Herrn Hortensio! Es war der alte Italiener, der sich noch einmal vernehmen lie, aber genthigt wurde, das Theater zu verlassen. Noch niemals hatte in dieser Stadt eine Oper so groes Glck gemacht, der Kapellmeister war beseligt, der Vater glcklich, der Graf entzckt, der Laie in frhere Jahre versetzt, und der Enthusiast, was die Uebrigen freute, ohne Worte. Bald darauf war die Vermhlung der Glcklichen. Dann zog der Graf auf seine groen Gter; alte Musik, die Compositionen Hortensio's, Opern wurden in seinen Slen gegeben, und die abwesenden Freunde hrten in Briefen nur von der ungetrbten Freude dieser auf so wunderliche Art Vereinigten. Anmerkungen zur Transkription Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert. Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben, wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 9]: ... von oben in den Saal herabschaute, die durch das Ge- ... ... von oben in den Saal herabschaute, die durch das Geschrei ... [S. 23]: ... hufig haben wir die bsen Folgen der Zornes, der Trunkenheit, ... ... hufig haben wir die bsen Folgen des Zornes, der Trunkenheit, ... [S. 57]: ... Gabe des Unsichtbare schenken kann; und wehe dem Verschwender, ... ... Gabe das Unsichtbare schenken kann; und wehe dem Verschwender, ... [S. 84]: ... und seine Gabe wird so verkannt, so wenig gewrdiget, ... ... und keine Gabe wird so verkannt, so wenig gewrdiget, ... [S. 90]: ... und klingt in unserm Giste zusammen! ... ... und klingt in unserm Geiste zusammen! ... [S. 246]: ... Schachspieler, Melchior, der Bauknstler, ja Alle mi ... ... Schachspieler, Melchior, der Bauknstler, ja Alle im ... [S. 266]: ... thricht im Haupte? Wissen Sie, unbekanter Freund, was ... ... thricht im Haupte? Wissen Sie, unbekannter Freund, was ... End of Project Gutenberg's Schriften 17: Novellen 1, by Ludwig Tieck License: Share Alike