Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Ludwig Tieck's Schriften. Vierter Band. Phantasus Erster Theil. Berlin, bei G. Reimer, 1828. An den Dr. und Prof. Schleiermacher in Berlin. Gern erinnere ich mich der Jugendzeit, als wir uns nahe waren und uns oft bei gemeinschaftlichen Freunden trafen. Mgen Sie in ernsten Forschungen und Geschften vertieft nicht diese luftigen Gaben der Phantasie verschmhen, sondern sich noch eben so gern, wie ehemals, durch sie erheitern. L. Tieck. Inhalt (hinzugefgt): Einleitung Phantasus Der blonde Eckbert Der getreue Eckart Der Runenberg Liebeszauber Die schne Magelone Die Elfen Der Pokal Weitere Anmerkungen zur Transkription am Ende des Buches. Phantasus. Erster Theil. An A. W. Schlegel. (Anstatt einer Vorrede.) Es war eine schne Zeit meines Lebens, als ich Dich und Deinen Bruder Friedrich zuerst kennen lernte; eine noch schnere, als wir und Novalis fr Kunst und Wissenschaft vereinigt lebten, und uns in mannichfaltigen Bestrebungen begegneten. Jezt hat uns das Schicksal schon seit vielen Jahren getrennt. Ich verfehlte Dich in Rom, und eben so spter in Wien und Mnchen, und fortdauernde Krankheit hielt mich ab, Dich an dem Orte Deines Aufenthaltes aufzusuchen; ich konnte nur im Geist und in der Erinnerung mit Dir leben. Von verschiedenen Seiten aufgefordert, war ich schon seit einiger Zeit entschlossen, meine jugendlichen Versuche, die sich zerstreut haben, zu sammeln, diejenigen hinzuzufgen, welche bis jezt noch ungedruckt waren, und andre zu vollenden und auszuarbeiten, die ich schon vor Jahren angefangen, oder entworfen hatte. Diese Mhrchen, Schauspiele und Erzhlungen, welche alle eine frhere Periode meines Lebens charakterisiren, vereinigt durch mannichfaltige Gesprche gleichgesinnter Freunde ber Kunst und Literatur, machen den Inhalt dieses Buches. Manches, was ich in diesen Dialogen nur flchtig berhren konnte, werde ich an andern Orten bestimmter darzustellen und auszufhren suchen. Diejenigen Dichtungen, welche schon bekannt gemacht waren, erscheinen hier mit Verbesserungen, und in der Summe der sieben verschiedenen Abtheilungen wird man eben so viele neue, als in den Volksmhrchen, oder anderswo schon abgedruckte, antreffen. Die greren Werke, wie der Zerbino oder die Genoveva schlieen sich von dieser Sammlung aus. Es war meine Absicht, meinen Freunden diese Spiele der Phantasie, die sie frher schon gtig aufgenommen haben, in einer annehmlichern Gestalt vorzulegen. Du warst unter diesen einer der ersten, die mein Talent erhoben und ermunterten, Dein mnnlich heiterer Sinn findet auch im Scherze den Ernst, so wie er Gelehrsamkeit und grndliche Forschung durch Anmuth belebt: Du wirst gtig diese Bltter aufnehmen, die das Bild voriger Zeit und Deines Freundes in dir erneuern. Einleitung. 1811. Dieses romantische Gebirge, sagte Ernst, erinnert mich lebhaft an einen der schnsten Tage meines Lebens. In der heitersten Sommerszeit hatte ich die Fahrt ber den Lago maggiore gemacht und die Borromischen Inseln besucht; von einem kleinen Flecken am See ritt ich dann mit dem frhsten Morgen nach Belinzona, das mit seinen Zinnen und Thrmen auf Hgeln und im engen Thal ganz alterthmlich sich darstellt, und uns alte Sagen und Geschichten wunderlich vergegenwrtigt, und von dort reisete ich am Nachmittage ab, um am folgenden Tage den Weg ber den Sankt Gotthard anzutreten. Am Fue dieses Berges liegt uerst anmuthig Giarnito, und einige Stunden vorher fhrt dich der Weg durch das reizendste Thal, in welchem Weingebirge und Wald auf das mannigfaltigste wechselt, und von allen Bergen groe und kleine Wasserflle klingend und wie musizirend niedertanzen; immer enger rcken die Felsen zusammen, je mehr du dich dem Orte nherst, und endlich ziehn sich Weinlauben ber dir hinweg von Berg zu Berg, und verdecken von Zeit zu Zeit den Anblick des Himmels. Es wurde Abend, eh ich die Herberge erreichte, beim Sternenglanz, den mir die grnen Lauben oft verhllten, rauschten nher und vertraulicher die Wasserflle, die sich in mannigfachen Krmmungen Wege durch das frische Thal suchten; die Lichter des Ortes waren bald nahe, bald fern, bald wieder verschwunden, und das Echo, das unsere Reden und den Hufschlag der Pferde wiederholte, das Flstern der Lauben, das Rauschen der Bume, das Brausen und Tnen der Wasser, die wie in Freundschaft und Zorn abwechselnd nher und ferner schwazten und zankten, vom Bellen wachsamer Hunde aus verschiedenen Richtungen unterbrochen, machten diesen Abend, indem noch die grnenden Borromischen Inseln in meiner Phantasie schwammen, zu einem der wundervollsten meines Lebens, dessen Musik sich oft wachend und trumend in mir wiederholt. Und -- wie ich sagte -- dieses romantische Gebirge hier erinnert mich lebhaft an den Genu jener schnen Tage. Warum, sagte sein Freund Theodor, hast du nie etwas von deinen Reisen deinen nahen und fernen Freunden ffentlich mittheilen wollen? Nenn' es, antwortete jener, Trgheit, Zaghaftigkeit, oder wie du willst: vielleicht auch rhrt es von einem einseitigen, zu weit getriebenen Abscheu gegen die meisten Reisebeschreibungen hnlicher Art her, die mir bekannt geworden sind. Wenigstens schwebt mir ein ganz andres Bild einer solchen Beschreibung vor; den ltern, unsthetischen lasse ich ihren Werth: doch jene, in denen Natur und Kunst und Vlker aller Art, nebst Sitten und Trachten und Staatsverfassungen der witzig-philosophischen Eitelkeit des Schriftstellers, wie Affen zum Tanze, aufgefhrt werden, der sich in jedem Augenblick nicht genug darber verwundern kann, da er es ist, der alle die Gaukeleien mit so stolzer Demuth beschreibt, und der so weltbrgerlich sich mit allen diesen Thorheiten einlt; o, sie sind mir von je so widerlich gewesen, da die Furcht, in ihre Reihe gestellt, oder gar unvermerkt bei hnlicher Beschftigung ihnen verwandt zu werden, mich von jedem Versuche einer ffentlichen Mittheilung abgeschreckt hat. Doch giebt es vielleicht, sagte Theodor, eine so schlichte und unschuldige Manier, eine so einfache Ansicht der Dinge, da ich mir wohl nach Art eines Gedichtes die Beschreibung eines Landes, oder einer Reise, denken kann. Gewi, sagte Ernst, manche der ltern Reisen nhern sich auch diesem Bilde, und es verhlt sich ohne Zweifel damit eben so, wie mit der Kunst zu reisen selbst. Wie wenigen Menschen ist das Talent verliehn, Reisende zu sein! Sie verlassen niemals ihre Heimath, sie werden von allem Fremdartigen gedrckt und verlegen, oder bemerken es durchaus gar nicht. Wie glcklich, wem es vergnnt ist, in erster Jugend, wenn Herz und Sinn noch unbefangen sind, eine groe Reise durch schne Lnder zu machen, dann tritt ihm alles so natrlich und wahr, so vertraut wie Geschwister, entgegen, er bemerkt und lernt, ohne es zu wissen, seine stille Begeisterung umfngt alles mit Liebe, und durchdringt mit freundlichem Ernst alle Wesen: einem solchen Sinn erhlt die Heimath nachher den Reiz des Fremden, er versteht nun einheimisch zu sein, das Ferne und Nahe wird ihm eins, und in der Vergleichung mannigfaltiger Gegenstnde wird ihm ein Sinn fr Richtigkeit. So war es wohl gemeint, wenn man sonst junge Edelleute nach Vollendung ihrer Studien reisen lie. Der Mensch versteht wahrhaft erst das Nahe und Einheimische, wenn ihm das Fremde nicht mehr fremd ist. An diese Reisenden schliee ich mich noch am ersten, sagte Theodor, wenn du mir auch unaufhrlich vorwirfst, da ich meine Reisen, wie das Leben selbst, zu leichtsinnig nehme. Freilich ist wohl in meiner Sucht nach der Fremde zu viel Widerwille gegen die gewohnte Umgebung, und sehr oft ist es mir mehr um den Wechsel der Gegenstnde, als um irgend eine Belehrung zu thun. Die zweite und vielleicht noch schnere Art zu reisen, fuhr Ernst fort, ist jene, wenn die Reise selbst sich in eine andchtige Wallfahrt verwandelt, wenn die jugendliche Neugier und die scharfe Lust an fremden Gegenstnden schon gebrochen sind, wenn ein reifes Gemth mit Kenntni und Liebe gleich sehr erfllt, an die Ruinen und Grabmler der Vorzeit tritt, die Natur und Kunst wie die Erfllung eines oft getrumten Traums begrt, auf jedem Schritte alte Freunde findet, und Vorwelt und Gegenwart in ein groes, rhrend erhabenes Gemlde zerflieen. Diese elegischen Stimmungen wrden mich nur ngstigen, unterbrach ihn Theodor. Ihr andern, ihr ernsthaften Leute, verbindet so widerwrtige Begriffe mit dem Zerstreutsein, da es doch in einfachen Menschen oft nur das wahre Beisammensein mit der Natur ist, wie mit einem frohen Spielkameraden; eure Sammlung, euer tiefes Eindringen sehr hufig eine unermeliche Ferne. Auf welche Weise aber, mein Freund, wrdest du deine Ansicht ber dergleichen Gegenstnde mittheilen, im Fall du einmal deinen Widerwillen knftig etwas mehr bezwingen solltest. Schon frh, sagte Ernst, bevor ich noch die Welt und mich kennen gelernt hatte, war ich mit meiner Erziehung, so wie mit allem Unterricht, den ich erfuhr, herzlich unzufrieden. War es doch nicht anders, als verschwiege man geflissentlich das, was wissenswrdig sei, oder erwhnte es zuweilen nur, um mit hochmthigem Verhhnen das zu erniedrigen, was selbst in dieser Entstellung mein junges Herz bewegte. Dafr aber suchte ich nachher auch, gleichsam wie der Zeit zum Trotz und ihrer falschen Bildung, alles als ein Befreundetes und Verwandtes auf, was mir meine Bcher und Lehrer nur zu oft als das Abgeschmackte, Dunkle und Widerwrtige bezeichnet hatten; ich berauschte mich auf meinem ersten Ausfluge in allen Erinnerungen des Alterthums, begeisterte mich an den Denkmalen einer lngst verloschenen Liebe, ja that wohl manchem Guten und Ntzlichen mit erwiedertem Verfolgungsgeist unrecht, und stand bald unter meiner Umgebung selbst wie eine unverstndliche Alterthmlichkeit, indem ich ihr Nichtbegreifen nicht begriff, und verzweifeln wollte, da allen andern der Sinn und die Liebe so gnzlich fehlten, die mich bis zum Schmerzhaften erregten und rhrten. Freilich, fiel Theodor lachend ein, erschienst du damals mit deiner Bekehrungssucht als ein hchst wunderlicher Kauz, und ich erinnere mich noch mit Freuden des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in Nrnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer, der dich dort wieder aufgesucht hatte, und fr alles Ntzliche, Neue, Fabrikartige fast fantastisch begeistert war, dich aus den dunkeln Mauern nach Frth fhrte, wo er in den Spiegelschleifereien, Knopf-Manufakturen und allen klappernden und rumorenden Gewerben wahrhaft schwelgte, und deine Gleichgltigkeit ebenfalls nicht verstand und dich fast fr schlechten Herzens erklrt htte, da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte: endlich, bei den Goldschlgern, lebtest du zu seiner Freude wieder auf, es geschah aber nur, weil du hier die Gelegenheit hattest, dir die Pergamentbltter zeigen zu lassen, die zur Arbeit gebraucht werden; du bedauertest zu seinem Verdru sogar die zerschnittenen Mebcher, und whltest herum, um vielleicht ein Stck eines altdeutschen Gedichtes zu entdecken, wofr der aufgeklrte Lehrer kein Blttchen Goldschaum aufgeopfert htte. Es ist gut, sagte Ernst, da die Menschen verschieden denken und sich auf mannigfaltige Weise interessiren, doch war die ganze Welt damals zu einseitig auf ein Interesse hingespannt, das seitdem auch schon mehr und mehr als Irrthum erkannt ist. Dieses Nord-Amerika von Frth konnte mir freilich wohl neben dem altbrgerlichen, germanischen, kunstvollen Nrnberg nicht gefallen, und wie sehnschtig eilte ich nach der geliebten Stadt zurck, in der der theure Drer gearbeitet hatte, wo die Kirchen, das herrliche Rathhaus, so manche Sammlungen, Spuren seiner Thtigkeit, und der Johannis-Kirchhof seinen Leichnam selber bewahrte; wie gern schweifte ich durch die krummen Gassen, ber die Brcken und Pltze, wo knstliche Brunnen, Gebilde aller Art, mich an eine schne Periode Deutschlands erinnerten, ja! damals noch die Huser von auen mit Gemlden von Riesen und altdeutschen Helden geschmckt waren. Doch, sagte Theodor, wird das jezt alles dort, so wie in andern Stdten, von Geschmackvollen angestrichen, um, wie der Dichter sagt: zu malen auf das Wei, ihr Antlitz oder ihren Stei. -- Allein Frth war auch bei alle dem mit seinen geputzten Damen, die gedrngt am Jahrmarktsfest durch die Gassen wandelten, nebst dem guten Wirthshause, und der Aussicht aus den Straen in das Grn an jenem warmen sonnigen Tage nicht so durchaus zu verachten. Behte uns berhaupt nur der Himmel, (wie es schon hie und da angeklungen hat) da dieselbe Liebe und Begeisterung, die ich zwar in dir als etwas Aechtes anerkenne, nicht die Thorheit einer jngeren Zeit werde, die dich dann mit leeren Uebertreibungen weit berflgeln mchte. Wenn nur das wahrhaft Gute und Groe mehr erkannt und ins Bewutsein gebracht wird, sagte Ernst, wenn wir nur mehr sammeln und lernen, jene Vorurtheile der neuern Hoffarth ganz ablegen, und die Vorzeit und also das Vaterland wahrhafter und inniger lieben, so kann der Nachtheil einer sich bald erschpfenden Thorheit so gro nicht werden. -- In jenen jugendlichen Tagen, als ich zuerst deine Freundschaft gewann, gerieth ich oft in die wunderlichste Stimmung, wenn ich die Beschreibungen unsers Vaterlandes, die gekannt und gerhmt waren, und welche auf allgemein angenommenen Grundstzen ruhten, mit dem Deutschland verglich, wie ich es mit meinen Augen und Empfindungen sah; je mehr ich berlegte, nachsann und zu lernen suchte, je mehr wurde ich berzeugt, es sei von zwei ganz verschiedenen Lndern die Frage, ja unser Vaterland sei berall so unbekannt, wie ein tief in Asien oder Afrika zu entdeckendes Reich, von welchem unsichre Sagen umgingen, und das die Neugier unsrer wibegierigen Landsleute eben so, wie jene mythischen Gegenden reizen msse; und so nahm ich mir damals, in jener Frhlingsstimmung meiner Seele, vor, der Entdecker dieser ungekannten Zonen zu werden. Auf diese Weise bildete sich in jenen Stunden in mir das Ideal einer Reisebeschreibung durch Deutschland, das mich auch seitdem noch oft berschlichen und mich gereizt hat, einige Bltter wirklich nieder zu schreiben. Doch jezt knnt' ich leider Elegien dichten, da es nun auch zu jenen Elegien zu spt ist. Einige Tne dieser Elegie, sagte Theodor, klingen doch wohl in den Worten des Klosterbruders. Am frhsten, sagte Ernst, in den wenigen Zeilen unsers Dichters ber den Mnster in Straburg, die ich niemals ohne Bewegung habe lesen knnen, dann in den Blttern von deutscher Art und Kunst; in neueren Tagen hat unser Freund, Friedrich Schlegel, mit Liebe an das deutsche Alterthum erinnert, und mit tiefem Sinn und Kenntni manchen Irrthum entfernt, auch hat sich die Stimmung unsrer Zeit auffallend zum Bessern verndert, wir achten die deutsche Vorzeit und ihre Denkmler, wir schmen uns nicht mehr, wie ehemals, Deutsche zu sein, und glauben nicht unbedingt mehr an die Vorzge fremder Nationen. Das konomische Treiben, die Verehrung kleinlicher List, die Vergtterung der neusten Zeit ist fast erstorben, eine hhere Sehnsucht hat unsern Blick in die Vergangenheit geschrft, und neueres Unglck fr die vergangenen groen Jahrhunderte den edlern Sinn in uns aufgeschlossen. In jenen frheren Tagen aber hatten wir noch mehr Ueberreste der alten Zeit selbst vor uns, man fand noch Klster, geistliche Frstenthmer, freie Reichsstdte, viele alte Gebude waren noch nicht abgetragen oder zerstrt, altdeutsche Kunstwerke noch nicht verschleppt, manche Sitte noch aus dem Mittelalter herber gebracht, die Volksfeste hatten noch mehr Charakter und Frhlichkeit, und man brauchte nur wenige Meilen zu reisen, um andre Gewohnheiten, Gebude und Verfassungen anzutreffen. Alle diese Mannigfaltigkeit zu sehn, zu fhlen und in ein Gemlde darzustellen, war damals mein Vorsatz. Was unsre Nation an eigenthmlicher Malerei, Sculptur und Architektur besitzt, welche Sitten und Verfassungen jeder Provinz und Stadt eigen, und wie sie entstanden, zu erforschen, um den Miverstndnissen der neueren kleinlichen Geschichtschreiber zu begegnen; welche Natur jeden Menschenstamm umgiebt, ihn bildet und von ihm gebildet wird: alles dieses sollte wie in einem Kunstwerke gelst und ausgefhrt werden. Den edlen Stamm der Oesterreicher wollte ich gegen den Unglimpf jener Tage vertheidigen, die in ihrem fruchtbaren Lande und hinter reizenden Bergen den alten Frohsinn bewahren; die kriegerischen und fromm glubigen Baiern loben, die freundlichen, sinnvollen, erfindungsreichen Schwaben im Garten ihres Landes schildern, von denen schon ein alter Dichter singt: Ich hab der Schwaben Wrdigkeit In fremden Landen wohl erfahren; die berhrigen, muntern Franken, in ihrer romantischen, vielfach wechselnden Umgebung, denen damals ihr Bamberg ein deutsches Rom war; die geistvollen Vlker den herrlichen Rhein hinunter, die biederben Hessen, die schnen Thringer, deren Waldgebirge noch die Gestalt und den Blick der alten Ritter aufbewahren; die Niederdeutschen, die dem treuherzigen Hollnder und starken Englnder hnlich sind: bei jeder merkwrdigen Stelle unsrer vaterlndischen Erde wollte ich an die alte Geschichte erinnern, und so dachte ich die lieben Thler und Gebirge zu durchwandeln, unser edles Land, einst so blhend und gro, vom Rhein und der Donau und alten Sagen durchrauscht, von hohen Bergen und alten Schlssern und deutschem tapfern Sinn beschirmt, gekrnzt mit den einzig grnen Wiesen, auf denen so liebe Traulichkeit und einfacher Sinn wohnt. Gewi, wem es gelnge, auf solche Weise ein geliebtes Vaterland zu schildern, aus den unmittelbarsten Gefhlen, der wrde ohne alle Affektation zugleich ein hinreiendes Dichterwerk ersonnen haben. Oft, fiel Theodor ein, habe ich mich darber wundern mssen, da wir nicht mit mehr Ehrfurcht die Fustapfen unsrer Vorfahren aufsuchen, da wir vor allem Griechischen und Rmischen, ja vor allem Fremden oft mit so heiligen Gefhlen stehn und uns durch edle Erinnerungen entzckt fhlen; so wie auch darber, da unsre Dichter noch so wenig gethan haben, diesen Geist zu erwecken. Manche, sagte Ernst, haben es eine Zeitlang versucht, aber schwach, viele verkehrt, und ein hoher Sinn, der Deutschland so liebte und einheimisch war, wie der groe Shakspear seinem Vaterlande, hat uns bisher noch gefehlt. Wir vergessen aber, rief Theodor, die herrliche Gegend zu genieen, auf die Vgel aus dem Dickicht des Waldes und auf das Gemurmel dieser lieblichen Bche zu horchen. Alles tnt auch unbewut in unsre Seele hinein, sagte Ernst; auch wollten wir ja noch die schne Ruine besteigen, die dort schon vor uns liegt, und auch mit jedem Jahre mehr verfllt: hier arbeitet die Zeit, anderswo die Nachlssigkeit der Menschen, an vielen Orten der verachtende Leichtsinn, der ganze Gebude niederreit, oder sie verkauft, um alles Denkmal immer mehr dem Staube und der Vergessenheit zu berliefern. Indessen, wenn der Sinn dafr nur um so mehr erwacht, um so mehr in der Wirklichkeit zu Grunde geht, so haben wir doch mehr gewonnen als verloren. Ist diese Gegend nicht, durch welche wir wandeln, fing Theodor an, einem schnen romantischen Gedichte zu vergleichen? Erst wand sich der Weg labirinthisch auf und ab durch den dichten Buchenwald, der nur augenblickliche rthselhafte Aussicht in die Landschaft erlaubte: so ist die erste Einleitung des Gedichtes; dann geriethen wir an den blauen Flu, der uns pltzlich berraschte und uns den Blick in das unvermuthete frisch grne Thal gnnte: so ist die pltzliche Gegenwart einer innigen Liebe; dann die hohen Felsengruppen, die sich edel und majesttisch erhuben und hher bis zum Himmel wuchsen, je weiter wir gingen: so treten in die alten Erzhlungen erhabene Begebenheiten hinein, und lenken unsern Sinn von den Blumen ab; dann hatten wir den groen Blick auf ein weit ausgebreitetes Thal, mit schwebenden Drfern und Thrmen auf schn geformten Bergen in der Ferne, wir sahen Wlder, weidende Heerden, Htten der Bergleute, aus denen wir das Getse herber vernahmen: so ffnet sich ein groes Dichterwerk in die Mannichfaltigkeit der Welt und entfaltet den Reichthum der Charaktere; nun traten wir in den Hain von verschiedenem duftenden Gehlz, in welchem die Nachtigall so lieblich klagte, die Sonne sich verbarg, ein Bach so leise schluchzend aus den Bergen quoll, und murmelnd jenen blauen Strom suchte, den wir pltzlich, um die Felsenecke biegend, in aller Herrlichkeit wieder fanden: so schmilzt Sehnsucht und Schmerz, und sucht die verwandte Brust des trstenden Freundes, um sich ganz, ganz in dessen lieblich erquickende Flle zu ergieen, und sich in triumphirende Woge zu verwandeln. Wie wird sich diese reizende Landschaft nun ferner noch entwickeln? Schon oft habe ich Lust gefhlt, einer romantischen Musik ein Gedicht unterzulegen, oder gewnscht, ein genialer Tonknstler mchte mir voraus arbeiten, um nachher den Text seiner Musik zu suchen; aber warlich, ich fhle jezt, da sich aus solchem Wechsel einer anmuthigen Landschaft ebenfalls ein reizendes erzhlendes Gedicht entwickeln liee. Zu wiederholten malen, erwiederte Ernst, hat mich unser Freund Manfred mit dergleichen Vorstellungen unterhalten, und indem du sprachst, dachte ich an den unvergleichlichen Parceval und seine Krone, den Titurell. Jeder Spaziergang, der uns befriedigt, hat in unsrer Seele ein Gedicht abgelset, und wiederholt und vollendet es, wenn er uns immer wieder mit unsichtbarem Zauber umgiebt. Sehn wir die Entwickelung der romantischen Verschlingung! rief Theodor; Wald und Flu verschwinden links, unser Weg zieht sich rechts, und viele kleine Wasserflle rauschen aus buschigen Hgeln hervor, und tanzen und jauchzen wie muntre Nebenpersonen zur Wiese hinab, um jenem schluchzenden Bach zu widersprechen, und in Freude und Lust den glnzenden Strom aufzusuchen, den schon die Sonne wieder bescheint, und der so lchelnd zu ihnen herber winkt. Sieh doch, rief Ernst, wenn mein gebtes Auge etwas weniger scharf wre, so knnte ich mich berreden, dort stnde unser Freund Anton! aber seine Stellung ist matter und sein Gang schwankender. Nein, rief Theodor, dein Auge ist nicht scharf genug, sonst wrdest du keinen Augenblick zweifeln, da er es nicht selbst in eigner Person sein sollte! Sieh, wie er sich jezt bckt, und mit der Hand Wasser schpft, nun schttelt er die Tropfen ab und dehnt sich; sieh, nur er allein kann nun mit solchem leutseligen Anstande die Nase in die Sonne halten, -- und sein Auge hat uns auch schon gefunden! Die Freunde, die sich lange nicht gesehn hatten, und sich in schner Einsamkeit so unvermuthet wieder fanden, eilten mit frohem Ausruf auf einander zu, umarmten sich, thaten tausend Fragen und erwarteten keine Antwort, drckten sich wieder an die Brust und genossen im Taumel ihrer freudigen Verwunderung immer wieder die Lust der Ueberraschung. O der Freude, dich wieder zu haben, rief Theodor aus, du lieber, lieber Freund! Wie fllst du so unvermuthet (doch brauchts ja keine Motive) aus diesen allerliebsten Episoden hier in unsre Haupthandlung und Wandlung hinein! Aber du siehst matt und krank aus, sagte Ernst, indem er ihn mit Wehmuth betrachtete. So ist es auch, erwiederte Anton, ich habe mich erst vor einigen Wochen vom Krankenlager erhoben, fhlte heut zum erstenmal die Schnheit der Natur wieder, und lie mir nicht trumen, da ihr wie aus dem Himmel noch heut in meinen Himmel fallen wrdet. Aber seid mir tausend und tausendmal willkommen! Man ging, man stand dann wieder still, um sich zu betrachten, sich zu befragen, und jeder erkundigte sich nun nach den Geschften, nach den Absichten des andern. Meine Reise, sagte Ernst, hat keinen andern Endzweck, als mich in der Nhe, nur einige Meilen von hier, ber einige alte, sogenannte gothische Gebude zu unterrichten, und dann in der Stadt ein altdeutsches Gedicht aufzusuchen. Und ich, sagte Theodor, bin meiner Gewohnheit nach nur so mitgenommen worden, weil ich eben weder etwas zu thun, noch zu versumen hatte. Ich besuche unsern Manfred, sagte Anton, der mich auf sein schnes Landgut, sieben Meilen von hier, eingeladen hat, da er von meiner Krankheit und Genesung Nachricht bekommen. Wohnt der jezt in diesem Gebirge? fragte Ernst. Ihr wit also nicht, fuhr Anton fort, da er schon seit mehr als zwei Jahren verheirathet ist und hier wohnt? Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so viel gegen alle Ehe deklamirt, so ber alle gepriesene Huslichkeit gespottet hat, der es zu seiner Aufgabe zu machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen Abscheu uerte, als vor jener gesetzten, kaltbltig moralischen Philisterei? Wie ist es mglich? Ei! der mag sich denn nun auch schn verndert haben! Gewi hat ihn das Dreherchen der Zeit so umgedreht, da er nicht wieder zu erkennen ist. Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am ersten gelingen, die Jugend beizubehalten, in welcher er sich scheinbar so wild bewegte, denn sein Charakter neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein Widerwille gegen den geheuchelten, lppischen Ernst unserer Tage oft so grotesk und bizarr: bei manchen Menschen dient eine wunderliche Auenseite nur zum nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser Freund zu gehren. Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte Anton, und ihn gar nicht verndert gefunden, er ist eher jnger geworden; seine Haushaltung mit seiner Frau und ihrer jngern Schwester Clara, mit seiner eignen Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswrdigste, die ich noch gesehn habe, so wie sein Landgut die schnste Lage im ganzen Gebirge hat: ihr thtet klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr gut mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen vereinigen lt. Er mu! rief Theodor, oder ich la ihn im Stich der gothischen, oder, wie er will, altdeutschen Spitzgewlbe. Darber lt sich noch sprechen, sagte Ernst halb zweifelnd; da ihm aber Anton noch erzhlte, da sie im nchsten Stdtchen die beiden lngst gesuchten Freunde Lothar und Friedrich finden wrden, die ihn erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde Manfred zu reisen, und sich einige Wochen bei diesem aufzuhalten, so lie sich Ernst bewegen, seine Antiquitten auch noch so lange beiseit zu thun, um nach vielen Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten eine neue Jugend zu leben, und die alten theuern Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken. Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer Zeit fragte Theodor: wie hast du nur so lange krank sein knnen? Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke, wie ich so bald habe genesen knnen, denn noch ist es mir selber unbegreiflich, da meine Krfte sich so schnell wieder hergestellt haben. Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte Theodor, dich einmal wieder zu sehn; denn immer warst du ihm unter seinen Freunden der liebste. Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, da wir uns in manchen Punkten unsers Wesens am innigsten berhrten und am besten verstanden; denn, meine Geliebten, man lebt, wenn man das Glck hat, mehre Freunde zu besitzen, mit jedem Freunde ein eignes, abgesondertes Leben; es bilden sich mannichfache Kreise von Zrtlichkeit und Freundschaft, die wohl die Gefhle der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch mit ihnen fortschwingen, dann aber wieder in die alte eigenthmliche Bahn zurck kehren. Und eben so wie mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd bleibt, so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner eignen Natur blo durch seine Gegenwart hervor, und macht es licht, sein Gesprch, wenn es diese Punkte trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben, und eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurck. Vielleicht war manches in Friedrich und mir, was ihr brigen miverstandet, was sich in uns ergnzte und durch unsre Freundschaft zum Bewutsein gedieh, so da wir uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die andre uns lieber htten abgewhnen mgen. Was du da sagst, ist sehr wahr, fgte Ernst hinzu, der Mensch, der berhaupt das Leben und sich versteht, wird mit jedem seiner Freunde ein eignes Vertrauen, eine andre Zrtlichkeit fhlen und ben wollen. O das ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im geliebten Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem Verwandten so viel Fremdartiges, Geheimnivolles ahnden, mit herzlichem Glauben und edler Zuversicht auch das Nichtverstandne achten, durch diese Liebe Seele zu gewinnen und Seele dem Geliebten zu schenken! Wie roh leben diejenigen, und verletzen ewig sich und den Freund, die so ganz und unbedingt sich verstehn, beurtheilen, abmessen, und dadurch nur scheinbar einander angehren wollen! das heit Bume fllen, Hgel abtragen und Bche ableiten, um allenthalben flache Durchsicht, Mittheilung und Verknpfung zu gewinnen, und einen schnen romantischen Park verderben. Nicht frh genug kann der Jngling, der so glcklich ist, einen Freund zu gewinnen, sich von dieser selbstischen Forderung unsrer roheren Natur, von diesem Miverstndni der jugendlichen Liebe entwhnen. Was du da berhrst, sagte Anton, berhrt zugleich die Wahrheit, da es nicht nur erlaubt, sondern fast nothwendig sei, da Freunde vor einander Geheimnisse haben, ja es erklrt gewissermaen die seltsame Erscheinung, da man dem einen Freunde wohl etwas anvertrauen mag, was man gern dem verschweigt, mit dem man vielleicht in noch vertrautern Verhltnissen lebt. Es ist eine Kunst in der Freundschaft wie in allen Dingen, und vielleicht daher, da man sie nicht als Kunst erkennt und treibt, entspringt der Mangel an Freundschaft, ber welchen alle Welt jezt klagt. Hier kommen wir ja recht, rief Theodor lebhaft aus, in das Gebiet, in welchem unser Friedrich so gerne wandelt! Ihn mu man ber diese Gegenstnde reden hren, denn er verlangt und sieht allenthalben Geheimni, das er nicht gestrt wissen will, denn es ist ihm das Element der Freundschaft und Liebe. Verarge doch dem Freunde nicht, sprach er einmal, wenn du ahndest, da er dir etwas verbirgt, denn dies ist ja nur der Beweis einer zrteren Liebe, einer Scheu, die sich ngstlich um dich bewirbt, und sittsam an dich schmiegt; o ihr Liebenden, verget doch niemals, wie viel ihr wagt, wenn ihr ein Gefhl dem Worte anvertrauen wollt! was lt sich denn berall in Worten sagen? Ist doch fr vieles schon der Blick zu ungeistig und krperlich! -- O Brder, Engelherzen, wie viel thrichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen! Thricht? sagte Anton etwas empfindlich; ja freilich, wie alles thricht ist, was das Materielle zu verlassen strebt, und wie die Liebe selbst in dieser Hinsicht Krankheit zu nennen ist, wie Novalis so schn sagt. Hast du noch nie ein Wort bereut, das du selbst in der vertrautesten Stunde dem vertrautesten Freunde sagtest? Nicht, weil du ihn fr einen Verrther halten konntest, sondern weil ein Gemthsgeheimni nur in einem Elemente schwebte, das so leicht seine rohe Natur dagegen wenden kann: ja du trauerst wohl selbst ber manches, das der Freund in dein Herz nieder legen will, und das Wort klingt spterhin mimthig und disharmonisch in deiner innersten Seele wieder. Oder verstehst du dies so gar nicht und hast es nie erlebt? Nicht bse, du lieber Kranker, sagte Theodor, indem er ihn umarmte; du kennst ja meine Art. Schatz, warst du denn nicht eben einverstanden darber, da es unter Freunden Miverstndnisse geben msse? diese meine Dummheit ist auch ein Geheimni, glaubt es nur, das ihr auf eine etwas zartere Art solltet zu ahnden oder zu entwirren streben. Alle lachten, worauf Anton sagte: das Lachen wird mir noch beschwerlich und greift mich an, ich werde mde und matt in unsre Herberge ankommen. -- Er schpfte hierauf wieder aus einem vorberrollenden Bache etwas Wasser, um sich zu erquicken, und wies den Wein ab, den ihm Ernst anbot, indem er sagte: ihr knnt es nicht wissen, wie erquickend, wie paradiesisch dem Genesenden die khle Woge ist; schon indem sie mein Auge sieht und mein Ohr murmeln hrt, bin ich entzckt, ja Gedanken von frischen Wldern und Wassern, von khlenden Schatten suseln immerfort anmuthig durch mein ermattendes Gemth und fcheln sehnsuchtvoll die Hitze, die immer noch dort brennt. Viel zu krperlich und schwer ist dieser se, sonst so labende Wein, zu hei und drr, und wrde mir alle Trume meines Innern in ihrem lieblichen Schlummer stren. Jeder nach seinem Geschmack, sagte Theodor, indem er einen herzhaften Trunk aus der Flasche that; es lebe die Verschiedenheit der Gesinnungen! Womit aber hast du dich in deiner Krankheit beschftigen knnen? Der Arzt verlangte, sagte Anton, ich sollte mich durchaus auf keine Weise beschftigen, wie denn die Aerzte berhaupt Wunder von den Kranken fodern; ich wei nicht, welche Vorstellungen der meinige von den Bchern haben mute, denn er war hauptschlich gegen das Lesen eingenommen, er hielt es in meinem Zustande fr eine Art von Gift, und doch bin ich berzeugt, da ich dem Lesen zum Theil meine Genesung zu danken habe. Unmglich, sagte Ernst, kann im Zustand des Fiebers, des Ueberreizes und der Abspannung diese Anstrengung eine heilsame sein, und ich frchte, dein Arzt hat nur zu sehr Recht gehabt. Was Recht! rief Anton aus; er hatte einen ganz falschen Begriff von der deutschen Literatur, so wie von meiner Kunst des Lesens, denn ich htete mich wohl von selbst vor allem Vortrefflichen, Hinreienden, Pathetischen und Speculativen, was mir in der That htte bel bekommen knnen; sondern ich wandte mich in jene anmuthige Gegend, die von den Kunstverstndigen meistentheils zu sehr verachtet und vernachlssigt wird, in jenen Wald voll cht einheimischer und patriotischer Gewchse, die mein Gemth gelinde dehnten, gelinde mein Herz bewegten, still mein Blut erwrmten, und mitten im Genu sanfte Ironie und gelinde Langeweile zulieen. Ich versichre euch, einen Tempel der Dankbarkeit mcht' ich ihnen genesend widmen; und wie viele auch vortrefflich sein mgen, so waren es doch hauptschlich drei Autoren, die ich studirt und ihre Wirkungen beobachtet habe. Ich bin begierig, sagte Ernst. Als ich am schwchsten und gefhrlichsten war, fuhr Anton fort, begann ich sehr weislich, gegen des Arztes ausdrckliches Verbot, mit unserm deutschen La Fontaine. Denn ohne alles Lesen ngstigten mich meine Gedanken, die Trauer ber meine Krankheit, tausend Plane und Vorstellungen so ab, da ich in jener anbefohlnen Mue htte zu Grunde gehen mssen. Kann man nun lugnen, da dieser Autor nicht manches wahr und gut auffat, da er manche Zustnde, wie Charaktere, treffend schildert, und da die meisten seiner Bcher sich durch eine gewisse Reinlichkeit der Schreibart empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt, viele seiner kleinen Erzhlungen haben mich wahrhaft ergtzt und befriediget. Seine greren Werke, denen die meisten dieser guten Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel durch die unerschpfliche Liebe, die schon in Kinderseelen heroisch arbeitet, durch einige Verfhrer im groen Styl und ansehnliche Gruel, oder gar durch Kunsturtheile, die mich vorzglich inniglich erfreuten, und die er leider seinen Bchern nur zu selten einstreut. Wie war ich hingerissen, als ich in einem seiner Romane an die ausgefhrte Meinung gerieth, mit welcher er den Hogarth ber Rafael setzt. Ja, meine Freunde, es giebt gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns Elasticitt des Krpers und der Seele zufhren, und so schelte mir keiner die groartige Albernheit, denn ich war nach diesem Kapitel unverzglich besser, und durfte doch noch keine China gebrauchen. So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner durch Tyrtus Hymnenklang zum Kriegestanze beflgelt. Was folgte nun auf diese Periode? Diese sen Trume der Kindheit und Sehnsucht, fuhr Anton fort, lagen schon hinter mir, meine mndig werdende Phantasie forderte gehaltvolleres Wesen. Trefflich kamen meinem Bedrfni alle die wundervollen, bizarren und tollen Romane unsers Spie entgegen, von denen ich selbst die wieder las, die ich schon in frheren Zeiten kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich schnell, und am Abend hatte ich freundliche Besuche, in deren Gesprchen die Tne jener grlichen, gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten. So ward mein Leben zum Traum, und die angenehme Wiederkehr derselben Gegenstnde und Gedanken fiel mir nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, da ich einer guten Schreibart entbehren konnte, und die herzliche Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermnnchen, Kettentrger, Lwenritter, gab mir durch die vielfache und mannichfaltige Erfindung einen strkern Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der Composition beschftigen, und der Arzt fand die strkenden Mittel so wie eine Nachlassung der zu strengen Dit erlaubt und nicht mehr gefhrlich. Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor. Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton weiter. Ich hatte die Schwrmereien des Jnglings berstanden, Geschichte und wirkliche Welt lockten mich an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie. Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte aber immer wieder gefhrlich werden, ich litt unaussprechlichen Durst, und durfte nicht trinken, was mein Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts Khles, und ich trumte nur von kalten Orangen, von Citronen, ja Essig, machte Salat in meiner Phantasie zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank aus Flaschen im Felsenkeller selbst den khlsten Nierensteiner, und badete mich dann in Morgenluft in den Wogen des grn rauschenden Rheins. In dieser schwelgenden Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche Cramer mit seinen Ritter- und andern Romanen, und wie soll ich wohl einem kalten, gesunden, vernnftigen Menschen, der trinken darf, wann und wie viel er will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen Lager diese vortreflichsten Werke genieen lieen? Ich kann nun sagen: werdet krank, lieben Freunde und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben euch gehender Rezensent so eben behauptet. Mige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen, wieder Wasser zu schpfen, um dir den Kopf na zu machen, und auf diesem anmuthigen Hgel haben wir keine Quelle in der Nhe. Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen fr seine Kmpen, fr seinen Haspar a Spada und den Raugrafen zu Dassel! Wie sa ich mit ihnen allen zu Tische und sah und half die Kannen Rdesheimer und Nierensteiner leeren; wir verachteten es, in Becher einzuschenken; nein, aus dem vollen Humpen selbst tranken wir Groherzigen das khle, herrliche, duftende Na, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen Arzt rechtschaffen aus: entzckt war ich mit dir, und begleitete dich bewundernd, du edelster Bomsen, ich zechte Zug fr Zug mit dir, du Groer, der schon des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt, um Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten. Wie deine Gesinnungen, du groer Dichter, so ist auch dein Stil gediegen und deutsch, und alle die Prgel und Pffe, die den Feinden oder schlechten Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften Pfaffen, waren mir eben so viele Herzstrkungen und Brownische Kurmittel, und darum trug ich auch kein Bedenken, deine vorzglichsten Werke nach der Beendigung wieder von vorn zu beginnen, denn hier war ja Erfindung, Charakter, Essen, Trinken, Lebens-Philosophie, Wirklichkeit und Geschichte alles meiner drngenden Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich. Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht mehr in gigantischen Bildern zwecklos um, sondern fand seine Bahn vorgezeichnet und groe Beispiele, denen er sich anschlo; nun trumte ich nicht mehr als Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges zu liegen, und da sich vom Himmel herunter eine ungeheure Kelterpresse drcke, die mit Einem Wurf den ganzen Weinberg ausquetsche, so da in Caskaden der Wein die Marmorstufen herunter rausche und wie in ein groes Bassin sich unten in meinen durstenden Schlund ergsse. Von diesen Riesenbildern war ich geheilt, und schon durft' ich mit Vorsicht khlende Getrnke genieen, schon widerstanden mir Fleischspeisen nicht mehr, und mein Arzt schrieb sich die Namen der vornehmsten Cramerschen Romane auf, um sie hnlichen Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im Zimmer, sah bei der ersten Frhlingswrme aus dem Fenster, durfte wieder phantasiren, und nach einigen Wochen konnt' ich schon die Hoffnung fassen, bald dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr Lieben, zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. -- Aber eilt, man lutet schon die Abendglocke, wir sind vor dem Stdtchen, dort treffen wir die Freunde und vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen. * * * * * Im Baumgarten des Gasthofes saen am andern Morgen die fnf Vereinigten um einen runden Tisch, ihre Stimmung war heiter wie der schne Morgen, nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr auch Lothar jede Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz und Frohsinn zu ermuntern. Warlich! rief Theodor aus, es giebt kein greres Glck, als Freunde zu besitzen, sie nach Jahren in schner Gegend in anmuthiger Frhlingszeit wieder zu finden, mit ihnen zu schwatzen, alle ihre Eigenheiten wieder zu erkennen, sich der Vergangenheit zu erinnern und mit dem Zutrauen allen in die Augen zu blicken, wie ich es Gottlob! hier thun kann. Nur der Friedrich ist nicht, wie sonst. Hast du Gram, mein Lieber? La mich, guter heitrer Freund, sagte Friedrich, es soll nicht lange whren, so wirst du und ihr alle mehr von mir erfahren. Weit du doch nicht, ob ich nicht vielleicht am Glcke krank liege. Wenn das ist, sagte Theodor, so mge Gott nur den Arzt noch recht lange von dir entfernt halten. O wrst du doch lieber gar inkurabel! Aber leider ist die Heilung dieser Krankheit nur gar zu gewi; o die Zeit, die bse, liebe, gute, alte, vergeliche und doch mit dem unverwstlichen Gedchtni, das wiederkuende groe ernste Thier, die alles erzeugt und alles verwandelt, sie wird freilich machen, da wir einer den andern und uns selbst nach wenigen Jahren mit ganz vernderten Augen ansehn. Dadurch knntest du ihn noch trauriger machen, fiel Lothar ein: freilich will uns alles berreden, da das Leben kein romantisches Lustspiel sei, wie etwa Was ihr wollt, oder Wie es euch gefllt, sondern da es aus diesen Regionen entrinnt, wir mchten es auch noch so gerne so wollen und wenn es uns auch ber die Maen gefiele; der Himmel verhtet auch, da es selten in ein groes Trauerspiel ausartet, sondern es verluft sich freilich meist, wie viele unerquickliche Werke mit einzelnen schnen Stellen, oder gar wie der herrliche Rhein in Sand und Sumpf. O nein, sagte Friedrich, glaubt es mir, meine Freunde, das Leben ist hheren Ursprungs, und es steht in unserer Gewalt, es seiner edlen Geburt wrdig zu erziehn und zu erhalten, da Staub und Vernichtung in keinem Augenblicke darber triumphiren drfen: ja, es giebt eine ewige Jugend, eine Sehnsucht, die ewig whrt, weil sie ewig nicht erfllt wird; weder getuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfllt, damit sie nicht sterbe, denn sie sehnt sich im innersten Herzen nach sich selbst, sie spiegelt in unendlich wechselnden Gestalten das Bild der nimmer vergnglichen Liebe, das Nahe im Fernen, die himmlische Ferne im Allernchsten. Ist es denn mglich, da der Mensch, der nur einmal aus dieser Quelle des heiligen Wahnsinnes trinken durfte, je wieder zur Nchternheit, zum todten Zweifel erwacht? Bei alledem, sagte Theodor, wre ein Jungbrunnen, von dem die Alten gedichtet haben, nicht zu verschmhn; wr' es auch nur der grauen Haare wegen. Wie knntet ihr, fuhr Friedrich fort, doch die Schnheit nur empfinden, oder gar lieben, wenn sie unverwstlich wre? Die se Elegie in der Entzckung, die Wehklage um den Adonis und Balder ist ja der schmachtende Seufzer, die wollstige Thrne in der ganzen Natur! dem Flchtigen nacheilen, es festhalten wollen, das uns selbst in festgeschlossenen Armen entrinnt, dies macht die Liebe, den geheimnivollen Zauber, die Krankheit der Sehnsucht, das vergtternde Schmachten mglich. Und, fuhr Ernst fort, wie milde redet uns die Ewigkeit an mit ihrem majesttischen Antliz, wenn wir auch das nur als Schatten und Traum besitzen, oder uns ihm nhern knnen, was das Gttlichste dieser Erde ist? das mu ja unser Herz zum Unendlichen ermuntern und strken, zur Tugend, zum Himmel, zu jener Schne uns fhren, die nie verblht, deren Entzckung ewige Gegenwart ist. Mten wir nur nicht vorher aus dem Lethe trinken, sagte Anton, und zur Freude sprechen: Was willst du? und zum Lachen: du bist toll! Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden und schenkte von dem guten Rheinwein in die Rmer: ei! rief er aus, da wir wieder so beisammen sind! da wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemther durchklopfen und ausstuben knnen, damit sich keine Motten und andres Gespinst in die Falten nisten! Wie wohl thut das dem deutschen Herzen beim Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch frisch, wie ehedem, und da sich auch keiner von uns das Tabackrauchen angewhnt hat, thut mir in der Seele wohl. Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die Gesprche da zu stren, wo sie erst recht zu Gesprchen werden wollen; ich war begierig, wohin diese seltsamen Vorstellungen wohl fhren, und wie diese Gedankenreihe oder dieser Empfindungsgang endigen mchte. Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar sagen: sieh, Bruderseele, stehn wir erst an der Ewigkeit und solchen Gedanken oder Worten, die sich gleichsam ins Unendliche dehnen, so kmmt es mir vor wie ein Ablsen der Schildwachen, da nun bald eine neue Figur auf derselben Stelle auf und ab spazieren soll. Ich wette, nach zweien Sekunden htten sie sich angesehn, kein Wort weiter zu sagen gewut, das Glas genommen, getrunken und sich den Mund abgewischt. Weiter bringt es kein Mensch, stell' er sich auch wie er will. -- O das ist das Erquickliche fr unser einen, da das Grte wieder so an das Kleinste grnzen mu, da wir denn doch Alle Menschen, oder gar arme Snder sind, jeder, nachdem sein Genius ihn lenkt. Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille, das Suseln des Geistes, welches in der Mitte der innigsten und hchsten Gedanken wohnt und dessen heilige Stummheit dem unverstndlich ist, der noch nie an den Ohren ist beschnitten worden. Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen immer gemein, Gehrwerkzeuge affektirt, Hrvermgen philosophisch, und die Hrer oder die Hrenden ist nicht gebruchlich, kurzum, man kann sie selten nennen, ohne anstig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern, so schlecht hin Ohren zu sagen. Am besten braucht man wohl Gehr, wo es pat, oder das Ohr einzeln, wodurch sie beide gleich edler werden. Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gesprch erstickt, sagte Lothar; freilich ist es die unknstlerischste aller Beschftigungen und der Genu, der sich am wenigsten poetisch erheben lt. Mir ist es ber die Gebhr zuwider, sagte Theodor, und darum betrachtete ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es giebt einen eignen Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem starken Raucher unmglich verkennen lt; deshalb war ich schon gestern ber eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann selbst auf den gepriesenen Compa bse sein, der uns nach Amerika fhrte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herber zu holen. Wie einige Zge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so werden die feinsten des Witzes und gutmthigen Spottes, so wie die Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet. Ich liee noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer meiner Freunde eine von Thon, um sie in der gemthlichsten Stimmung zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu sprechen; aber der bse, beizende, bel riechende Rauch macht das Ding fatal. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir sehr interessant war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genieen zu knnen, zog er mich in sein Zimmer, lie sich aber beigehn, zu grerer Vertraulichkeit seine Pfeife anzuznden, und von diesem Augenblick konnte ich weder recht hren und begreifen, was er vortrug, noch weniger aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas anders als Flche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, -- nicht laute, aber tiefe -- wie Macbeth sagt. Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr er fort, ist es mir einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerhrt; bei einer kleinen Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm und Stein, schlug mit Virtuositt schnell Feuer, und versicherte mich nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich mute lachen, und nur zum Glck da mich der Rauch in ein starkes Husten brachte, sonst htt' ich dem guten Menschen als ein unnatrlicher Barbar erscheinen mssen. Es lt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie thun, ich kenne wenigstens einen groen Philosophen, dem in seiner Liebenswrdigkeit auch dies edel steht. Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange Pfeife gebracht, die der Bediente anzndet, es geschehn ruhig und ohne alle Leidenschaft einige Zge, und eh man noch die Unbequemlichkeit bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind freilich die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die jede Bewegung mit machen mssen und sich jeder Thtigkeit fgen, die den ganzen Tag die Lippen pressen und selbst die Sprache verndern. Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, da diese Gewohnheit, die so berhand genommen, die Menschen passiver, trger und unwitziger gemacht hat. Wir sollen keinen Genu haben, der uns unaufhrlich begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt und edel durch das Vorbergehende. Darum verachten wir den Sufer, ob wir alle gleich gern Wein trinken, und der Nscher ist lcherlich, der seine Zunge durch ununterbrochenes Kosten ermdet; vom Raucher denkt man billiger, weil es eben Gewohnheit geworden ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch begreif' ich es wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten dagegen tolerant werden. Knnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden Apostel denken? Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen Tristan mit der Pfeife, oder den hochstrebenden Don Quixote. Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; htten manche umarbeitende Uebersetzer mehr Genie gehabt, so htten sie diese lieber hinzu fgen, als so manche Schnheit weglassen drfen. Vielleicht ist dieses Bedrfni, fiel Friedrich ein, ein Surrogat fr so manches verlorne Bedrfni des ffentlichen Lebens, der Galanterie der Gesellschaft, der Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten der Mensch mehr betuben, und dann ist es wohl mglich, da er jenen alten verrufenen blauen Dunst fr ein wirkliches Gut hlt. Nicht blo Taback, auch philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit unleidlichem Geruch. Nicht so melankolisch, sagte Theodor, lat uns diese tiefsinnige Betrachtung wenden, denn am Ende kmmt doch in keiner Tugend der ganze Mensch so rein zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge rauchen oft und die Thler sind voll Nebel, viele Gegenden verlieren ihn oft in Monaten nicht, die See dampft, und so lat denn unserm guten Zeitalter auch seinen Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben. Besorgt bin ich aber fr Manfred, da er sich diesen Zustand als Appendix der Ehe mchte angewhnt haben, um seine weisen Lehrsprche aus dampfendem Munde, wie Orakel aus rauchenden Hhlen, verehrlicher zu machen, und ich gestehe berhaupt, da ich mich ihm nur mit einer gewissen heimlichen Furcht wieder nhern kann. Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit lange kenne ich unsern Freund in seinem huslichen Zustande, und ich habe nicht bemerken knnen, da er seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune gegen jene altkluge Hausvterlichkeit vertauscht habe, im Gegentheil, kann er oft so ausgelassen sein, da die Schwiegermutter im Hause so wenig lstig oder berflssig ist, da sie vielmehr zuweilen als khlende und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten mu. Wenn alles brige, sagte Theodor, auf denselben Fu eingerichtet ist, so ist seine Haushaltung die vollkommenste in der Welt. Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch anmuthig und reizend, und man glaubt es kaum, da sie zwei erwachsene Tchter haben knne. Sie hat selbst einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen, und Mnner haben sich um sie beworben, die an Jahren weit jnger sind. Wenn die Mutter schon so gefhrlich ist, sagte Theodor, so mu der Umgang mit den Tchtern gar herz- und halsbrechend sein. Die Gattin unsers Manfred, erzhlte Lothar weiter, ist sehr still und sanft, von zartem Gemth und rhrend schner Gestalt, er hat noch das Betragen des Liebhabers, und sie das blde geschmige Wesen einer Jungfrau; ihre jngere Schwester Clara ist der Muthwille und die Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast immer lachend, im bestndigen kleinen Kriege mit Manfred; man sollte glauben, wenn man sie beisammen sieht, er htte diese lieben mssen, und die ltere, ihm so ungleiche Schwester, htte ihn nicht rhren knnen. Allein die Liebe fordert vielleicht eine gewisse Verschiedenheit des Wesens und des Charakters. Ich komme darauf zurck, sagte Ernst, da wir immer noch nicht wissen knnen, wie viel in Manfred angewhnte Manier ist, und wie viel Natur; ich habe oft bemerkt, da er ernst, ja traurig war, wenn die Umgebung ihn fr ausschweifend lustig hielt. Er hat es von je gescheut, seine innersten Gefhle kund zu thun, und so wirft er sich oft gewaltthtig in eine Laune, die ihn qulen kann, indem sie andre ergtzt. Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den Kindern gehalten? Wahrscheinlich hat sich doch auch zu ihm die neumodische und weichliche Erziehung erstreckt, jene allerliebste Confusion, die jeden Gegenwrtigen im ununterbrochenen Schwindel erhlt, indem die Kinderstube allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten und in jedem Winkel des Hauses ist, und kein Gesprch und keine Ruhe zult, sondern nur ewiges Geschrei und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche Zerstreutheit im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der meisten Haushaltungen, das mir so erschrecklich dnkt, da ich die neuen Pdagogen, die es veranlat haben, und jene Entdecker der Mtterlichkeit gern als Verdammte in einen eignen Kreis der Danteschen Hlle hinein gedichtet htte, der nur eine solche neuerfundene allgegenwrtige Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und Schariwari moderner Elternliebe darzustellen brauchte, um sie als einen nicht unwrdigen Beitrag jener furchtbaren Zirkel anzuschlieen. Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten Krankheit, erzhlte Lothar, findest du in seinem Hause nichts: seine junge Gattin ist eine wahre Mutter, fast so, wie es unsre Mtter noch waren; sie liebt ihre beiden Kinder ber alles, und hat eben darum eine Art von Schaam, in Gesellschaft die Mutter zu spielen, und die Kinder wie Dekorationen an sich zu hngen; die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von ihr still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, und weil sie ordentlich ist, und wei, was sie befiehlt, so darf sie die Kinder zu Zeiten dem gehorsamen Gesinde berlassen, und sie kann ruhig und heiter an der Gesellschaft Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; kurz, man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur so viel Theil, als man selbst will, und ich, der ich die Kinder kindlich liebe, bin immer gezwungen, sie aufzusuchen. Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten fr die Schwiegermutter, die die Tchter sehr gut und zur Ordnung mu erzogen haben. In deiner Beschreibung finde ich gerade die ehrwrdigsten Mtter wieder, die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll nur so geschehn, da es ein unachtsames Auge gar nicht gewahr wird. Unser Vaterland aber ist das Land der geruschvollsten Erziehung, und die Nation wird bald nur aus Erziehern bestehen; fr Mtter und Kinder sind Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache geschrieben, alle ihre Tugenden und Pflichten hat man tausendfltig in Kupfer gestochen und zur grern Aufmunterung illuminirt, und aus dem Natrlichsten und Einfachsten, was kaum viele Worte zult, haben wir mit Kunst einen Gtzen der vollstndigsten Thorheit geschnitzt, und es im ausgefhrten System so weit gebracht, da wir durch Beobachtung, Philosophie und Natur uns von allem Menschlichen und Natrlichen auf unendliche Weite entfernt haben. Nicht genug, da man die Kinder fast von der Geburt mit Eitelkeit verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die etwa noch im alten Sinn eingerichtet waren; man zwingt die Kinder im siebenten Jahr, zu lernen, wie sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man verschreibt Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte am besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten das Buchstabiren, und machen es zur Gewissenssache, das Lesen anders als auf die neue Weise zu erlernen, und fast alle Menschen, selbst die bessern Kpfe nicht ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem Orient, um von hier den Messias und das Heil der Welt baldigst ankommen zu sehen; aber gewi, nach zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, die sich ablsen, und so viel neue Figuren auch kommen, so bleiben sie doch immer auf derselben Stelle wandelnd. Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn erregt, und ich gestehe, ich bin meist so schwach, da die Pdagogik den meinigen in Bewegung setzt. So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann sagte einmal: wir sind schlecht erzogen, und es ist nichts aus uns geworden, wie wird es erst mit unsern Kindern aussehn, die wir gut erziehn! Mir ducht, sagte Theodor, es wre nun wohl an der Zeit, auch eine Wochenschrift der Kinderfeind zu schreiben, um die Thorheiten lcherlich zu machen, und der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum und Aufnahme vorzubereiten. Du fndest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser Ueberflle humaner Eltern und gereister, ausgebildeter Erzieher. Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und Gesprch aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich Anton zu ihm gesellt. Sie gingen unter einen Baumgang, von welchem man weit auf die Landstrae hinaus sehen konnte, die sich ber einen nahe liegenden Berg hinweg zog. Mich kmmern alle diese Dinge nicht, sagte Friedrich, treib' es jeder, wie er mag und kann, denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem Gegenstande erfllt, da mich weder die Thorheiten noch die ernsthaften Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. Er vertraute seinem Freunde, der seine Verhltnisse schon kannte, da es ihm endlich gelungen sei, alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu berwinden, und da sie sich entschlossen habe, auf irgend eine Weise das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, zu verlassen; dieser wolle einen alten Lieblingsplan fast gewaltthtig durchsetzen, sie mit seinem jngeren Bruder, einem reichen Gutsbesitzer, zu vermlen, weil er sich so an die Gesellschaft des schnen liebenswrdigen Kindes gewhnt habe, da er sich durchaus nicht von ihr trennen knne, er sei gesonnen, nach der Heirath zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es scheint vergeblich, so endete Friedrich, diesem Plan unsre Liebe entgegen zu setzen, wenigstens hlt es Adelheid fr unmglich, und zwar so sehr, da der Oheim noch gar nicht einmal von meinem Verhltnisse zu ihr wei; so erwarte ich nun bei Manfred morgen oder bermorgen einen Boten, der unser Schicksal auf immer entscheiden wird. Eine drckende Lage wird oft am leichtesten durch eine Gewaltthtigkeit gelst, und ich hoffe, da Manfred mir durch seine Klugheit und seinen Muth beistehen wird. Ich wrde mich unserm Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern tadelte, wo aller Rath zu spt kmmt. Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, und hte dich nur, dich von Manfred, der alles Abentheuerliche bertrieben liebt, in einen Plan verwickeln zu lassen, dessen Verdrielichkeiten vielleicht dein ganzes Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf Unkosten eines andern muthig und unternehmend zu sein, der Mensch geniet alsdann das Vergngen des Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit. Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, gefhlt und geprft, und mich gereut, da ich nicht schon frher gethan habe, was du bereilt nennen wrdest. Sind wir ganz von einem Gefhl durchdrungen, so handeln wir am strksten und konsequentesten, wenn wir ohne Reflexion diesem folgen. Doch, la uns jezt davon abbrechen. Ich miverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil du mir nicht genug vertraut hast. Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete Friedrich. In der Entfernung hatte ich mir vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du zugegen bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntni zittert zurck. Ihre Gestalt und Holdseligkeit tnt wie auf einer Harfe ewig in meinem Herzen, und jede suselnde Luft weckt neue Klnge auf; ich liebe dich und meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fhl' ich mich in eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir jedes Wort ein Verrath. Trume nur deinen schnen Traum zu Ende, sagte Anton, berausche dich in deinem Glck, du gehrst jezt nicht der Erde; nachher finden wir uns wieder alle beisammen, denn irgend einmal mu der arme Mensch doch erwachen und nchtern werden. Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich pltzlich begeistert aus, la dich nicht von dieser anscheinenden Weisheit beschwatzen, denn sie ist die Verzweiflung selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefhl, das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, und die dunkelsten Kammern und alle Wunderschtze meines Herzens beleuchtet? Nicht die Schnheit meiner Geliebten ist es ja allein, die mich beglckt, nicht ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzglich ihre Liebe; und diese meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein heiligster, unsterblichster Wille, ja meine Seele selbst, die sich in diesem Gefhl losringt von der verdunkelnden Materie; in dieser Liebe seh' ich und fhl' ich Glauben und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst inmitten meines Wesens und alle Wunder seiner Offenbarung. Die Schnheit kann schwinden, sie geht uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube bleibt uns. O, mein Bruder, gestorben, wie man sagt, sind lngst Isalde und Sygune, ja, du lchelst ber mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frhling und jede Liebe zndet von neuem das himmlische Feuer, und darum werden die heiligsten Thrnen in allen Zeiten dem Schnsten nachgesandt, das sich nur scheinbar uns entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, aus Blumen und Quellen uns immer wieder mit geheimnivollem Erinnern anblitzt und anlchelt, und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt und unsterblich. An dieser heiligen Sttte habe ich mich selbst gefunden, und ich mte mir selbst verloren gehn, ich mte vernichtet werden knnen, wenn diese Entzckung in irgend einer Zeit ersterben knnte. Seinem Freunde traten die Thrnen in die Augen, weil ihn die Krankheit weicher gemacht hatte, und er ohnedies schon reizbar war; er umarmte den Begeisterten schweigend, als beide die Landstrae einen offenen Wagen mit vier geschmckten hpfenden Pferden herunter kommen sahn, von einem mit Bndern und Federbschen aufgeputzten Kutscher gefhrt: in wunderlicher bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, und die Sprechenden nebst den andern drei Freunden gingen vor das Thor des Gasthofes hinaus, um das sonderbare Schauspiel nher in Augenschein zu nehmen. Ists mglich? rief pltzlich Theodor aus, er selbst, Manfred ist es! und eilte den brausenden Pferden entgegen. Diese standen, auf den Ruf ihres Fhrers, er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig in der Hand behielt, und umarmte Theodor und die brigen Freunde nach der Reihe. Er war freudig berrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig wie Theodor hatte erwarten knnen. Ich komme, euch abzuholen; so steigt nur gleich ein! rief er in zerstreuter Freude aus. Der Reiter war inde abgestiegen und Anton erkannte ihn zuerst: Wie? der verstndige Wilibald lt sich auch zu solchen bunten Mummereien gebrauchen? rief er verwundert aus. Mu man nicht, erwiederte dieser, mit den Thrigten thrigt sein? Wir wollten euch recht glnzend abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so wie der Lustigmacher bei herumziehenden Comdianten aus. Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und stiegen dann ein, um in einer Waldschenke einige Stunden vom Stdtchen anzuhalten, und dann noch bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds Wohnung zurck zu legen. Manfred begab sich ernsthaft auf seinen Sitz, Wilibald auf sein Pferd, und so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstrae davon, indem ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes oder lachendes Angesicht nachblickte. * * * * * Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, indem er mit Theodor in den Gngen des anmuthigen Gartens auf und nieder schritt. Manfred ist sehr glcklich, antwortete Theodor; aber wo ist unsre Gesellschaft? Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, um einen alten Thurm und Mauerwerk in der Nhe zu betrachten, Friedrich und Manfred haben sich eingeschlossen, und rathschlagen, so scheint es, ber Herzensangelegenheit, und Anton, dnkt mich, wandelte vor kurzem noch in empfindsamen Gesprchen mit Rosalien, der jungen Frau, und Manfreds Schwester, Augusten. Ich frchte, das Ende vom Liede ist, da wir uns hier alle verlieben. Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe wenigstens kein Unglck darin. Im Gegentheil finde ich es natrlich und schicklich, da in jeder gemischten Gesellschaft, in welcher sich junge Mnner und anmuthige Frauen und reizende Mdchen befinden, kleine Romane gespielt werden, dies eben erweckt den Witz und belebt und schafft den feinern Geist der Unterhaltung; auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und artige Verlumdung, samt allen Knsten eines edlen Spiels und jener Laune, die den Weibern angeboren scheint und wodurch sie die Mnner so unwiderstehlich fesseln. Dadurch knnen verlebte Tage von solchem poetischen Glanz bestrahlt werden, da wir das ganze Leben hindurch mit Freuden an sie denken, da sie uns auerdem ziemlich trivial und langweilig verflossen wren. Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst werden, wandte Wilibald schchtern ein; nicht jeder hat die Geschicklichkeit, behutsam genug mit der Flamme zu spielen. Dafr la du ihn sorgen, sagte Theodor; oder sollte etwa schon die Eifersucht aus dir sprechen, mein Theurer? O ja, warlich, deine grmliche Miene und dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts geringeres. Nun, wer ist denn deine Schne? Clara? oder die junge anmuthige Gattin? oder Manfreds Schwester, Auguste? oder die liebenswrdige Schwiegermutter, die ihr alle lieber Emilie nennt, und die auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? oder liebst du sie gar alle? Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend auf, und ihr alle seid so seltsame liebe und unausstehliche Menschen, da man eben so wenig ohne euch, als mit euch leben kann. In der Ferne sehn' ich mich nach euch allen und bin ungemuth, und in der Nhe rgre ich mich ber alle eure mannichfaltigen Thorheiten. Nun, fragte Theodor, was hast du denn Groes an uns auszusetzen? Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, antwortete Wilibald: da ihr alle immer nur so sehr vernnftig und geistreich seid, wo es nicht hin gehrt, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen mtet! da ist der Manfred, der sich fr einen Heros der Mnnlichkeit hlt, welcher meint, sich und seine Empfindungen so ganz in der Gewalt zu haben, und sich heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein Kummer qult, und der doch selbst ohne alle Veranlassung so unertrglich melankolisch sein kann, da er ber die ganze Welt die Schultern zuckt, weil sie eben schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden Scherz geistlos und jedes Gesprch albern, sein Blick und kmmerliches Gesicht schlagen aber auch jede Freude und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurck; er ist zu trge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: aber nun fllt ihn die Laune an, nun soll jedermann lustig sein, nun findet er es unbegreiflich, wenn irgend jemand nicht an seinen schwrmenden Phantasien Theil nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, nun mu man mit ihm durch Garten und Gebirge laufen, fallen und klettern; oder er zwingt alles Musik zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste ist, er liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend einer Schnurre, oder einem alten vergessenen Buche denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu welchem er sich spornt. So geschah es gestern, als er pltzlich den Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange las, und sich verwunderte, da wir nicht alle mit demselben Heihunger darber herfielen, wie er, der das Buch in Jahren vielleicht nicht angesehen hat; und so bringt er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei er sich auch nicht einreden lt, sondern auf seine Lebenszeit hat er sich verwhnt, da alle Menschen ihm nur eben als Werkzeuge dienen, an welchen sich seine schnell wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher Engel von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm glcklich sein. Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm eingeschlossen hat. O, ihr! -- sagte Wilibald, wrt ihr nur nicht sonst so gute Menschen, so sollte euch ein Verstndiger wohl so abschildern knnen, da ihr vielleicht in euch ginget, und ordentlicher und besser wrdet. Dieser Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzckt ist, und den Tag fr verloren hlt, an welchem er nicht eine seiner verwirrten Begeisterungen erlebt hat, wie knnte er sein Talent und seine Kenntnisse brauchen, um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich nicht so unbedingt diesem schwelgenden Mssiggange ergbe. Auch erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bsen Gewissen, wenn er von diesem oder jenem thtigen Freunde hrt, wenn er ihre Fortschritte gewahr wird. Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so wirft er sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, und beweist euch von oben herab, da ihr andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der Weise und Thtige. Man soll seinem Freunde nichts Bses wnschen, aber so wie er sich nun, wei Gott wegen welches raren Geheimnisses mit dem Manfred eingeschlossen hat, so wre es mir doch vielleicht nicht ganz unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit benutzte, um ihm auf prosaische Weise etwas der berflssigen Poesie auszuklopfen. Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische Gesinnung? Ergieb dich der Billigkeit, Freund, oder du sollst so mit albernen Spen und Wortspielen, welche dir verhat sind, gegeielt werden, da du den Werth der Humanitt einsehn lernst. Nun schau auf, geht drben nicht unser Anton einsam, sanft und stille, sein Gemth und die schne Natur betrachtend? Wie unrecht haben wir ihm so eben gethan. Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir doch nicht, ob ihn die Weiber nicht so eben verlassen haben, denen er mit seinem sanften, lieben, zuvorkommenden Naturell stets nachschleicht, die ihm gern entgegen kommen, weil sie ihm anfhlen, da er auch das Schwchste und Verwerflichste in ihnen ehrt und vertheidigt; denn nicht in ein Individuum, sondern in das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er hier nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und Augusten emsig den Hof? die brigen lcheln ihn auch stets an, nur sollte er es doch fhlen, da er der letztern zur Last fllt und sie in Ruhe lassen. Alle andere Menschen ndern sich doch von Zeit zu Zeit und legen ihre Albernheiten ab, ihn aber kannst du nach Jahren wieder antreffen, und er trgt dir noch dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, da er vor geraumer Zeit die und jene Angewhnung gehabt, oder jene Sinnesart geuert, so dankt er dir so herzlich, als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder fndest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall er es vergessen haben sollte. Dann mu dir aber doch der wandelbare und empfngliche Lothar ganz nach Wunsche sein, erwiederte Theodor. Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner Kritik fort, denn eben seine zu groe Empfnglichkeit hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe kommen zu lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung oder Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann weder in einer guten noch schlechten Gesellschaft sein, da ihn nicht die Lust anwandelt, Comdie zu spielen, ^ex tempore^ oder nach memorirten Rollen; es scheint fast, da ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich ist, da er lieber die eines jeden andern Narren ber zieht, um seiner selbst nur los zu werden. Die heilige Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater, und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die Bretter ffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen Glorie umgeben. Gestern den ganzen Abend unterhielt er uns mit seiner ehemaligen Bekehrungssucht und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Snder zum Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit hatte durchdringen wollen; er erzhlte so launig, wie und auf welchen Wegen er nach so manchen komischen Verirrungen von dieser Schwachheit zurck gekommen sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm er den alten Landjunker von drben in die Beichte und suchte ihm das Verstndni fr den Hamlet aufzuschlieen, der nur immer wieder darauf zurck kam, da man beim Auffhren die Todtengrber-Scene nicht auslassen drfe, weil sie die beste im ganzen Stcke sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus zu vertiefen, und ich glaube, da durch das zu starre Hinschauen das Auge am Ende eben so geblendet werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem Gegenstande zum andern. Selbst bei Weibern, die Schmeicheleien von ihm erwarten, bricht er in Lobpreisungen des Lear und Macbeth aus, und die einfltigste kann ihm liebenswrdig und klug erscheinen, wenn sie nur Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhren. Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen einwenden? fragte Theodor. Er ist mir vielleicht der verdrielichste von allen, fiel Wilibald ein; er, der alles besser wei, besser wrde gemacht haben, der schon seit Jahren gesehn hat, wohin alles kommen wird, der selten jemand aussprechen lt, ihn zu verstehn sich aber niemals die Mhe giebt, weil er schon im voraus berzeugt ist, er msse erst hinzufgen, was in der fremden Meinung etwa Sinn haben knne. Er ist der thtigste und zugleich der trgste aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, alles will er lernen, keine Bibliothek ist ihm vollstndig genug, kein Ort so entfernt, von dem er nicht Bcher verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie oder Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; er lchelt nur, wenn andre sprechen, als wollt' er sagen: lat mich nur gewhren, lat mich nur zur Rede kommen, so sollt ihr Wunder hren! Und wenn man nun wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, da er sein Licht leuchten lasse, so mu er wieder dieses Werk nachlesen, jene Reise erst machen, so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so vertrstet er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende Zukunft. Die brigen rgern mich nur, er aber macht mich bse; denn das ist das verdrlichste am Menschen, wenn er vor lauter Grndlichkeit auch nicht einmal an die Oberflche der Dinge gelangen kann: es ist die Grndlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nchste Gu wrde nun der rechte und letzte sein, und nicht gewahr wurden, da es eben an Boden mangle. Wollt ihr mir nun nicht auch von mir ein liebes krftig Wrtchen sagen? neckte ihn Theodor. An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn so wie du mit jeder Feder eine andere Hand schreibst, klein, gro, ngstlich oder flchtig, so bist du auch nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, hast und treibst du mit ihm, und nur dein Leichtsinn ist es, welcher alles, auch das widersprechendste, in dir verbindet. Du bist hauptschlich die Ursach, da wir, so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem zweckmigen Leben haben kommen knnen, weil du dir nur in Unordnung und leerem Hintrumen wohlgefllst. Heute sind wir einmal recht vergngt gewesen! pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die brigen verleitest hast, recht viel dummes Zeug zu schwatzen; bei einer Albernheit geht dir das Herz auf, -- doch ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du lachst auch hierber. Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, o mein zorniger, mimuthiger Camerad! du Ordentlicher, Bedchtlicher, der die ganze Welt nach seiner Taschenuhr stellen mchte, du, der in jede Gesellschaft eine Stunde zu frh kommt, um ja nicht eine halbe Viertelstunde zu spt anzulangen, du, der du wohl ins Theater gegangen bist, bevor die Casse noch erffnet war, der auch dann im ledigen Hause beim schnsten Wetter sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz auszusuchen, mit dem er nachher im Verlauf des Stckes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es ja erlebt, da du zu einem Balle fuhrst, und mich und meine Gesellschaft so ber die Gebhr triebst, da wir anlangten, als die Bedienten noch den Tanzsaal ausstubten und kein einziges Licht angezndet war. Diese deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einfhren, um nur alles eine Stunde frher als gewhnlich zu thun, und gbe man dir selbst diese Stunde nach, so wrdest du wieder eine Stunde zuverlangen, so da man, um mit dir ordentlich zu leben, immer im Zirkel um die vier und zwanzig Stunden des Tages mit Frhstck, Mittag- und Abendessen herum fahren mte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt war, als die Suppe auf dem Tische stand, und jeder nach seiner Gelegenheit etwas spter kam, darber bist du noch heut verstimmt, du Heimtckischer, Nachtragender! noch mehr aber darber, da wir aus Scherz die geheime Abrede trafen, dich durchaus von Augustens Seite wegzuschieben, zu der du dich mit ffentlichem Geheimni so geflissentlich drngst, und meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um deine feurigen Augen und wohlgesetzten verliebten Redensarten wahrzunehmen. Sieh, Freund, man kennt dich auch, und wei auch deine empfindliche Seite zu treffen. Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich fort; indem sah man Lothar und Ernst von der Strae des Berges, der ber dem Garten und Hause lag, herunter reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor und beide sprachen ber Wilibald; es ist doch seltsam, sagte Anton, da die Furcht vor der Affektation bei einem Menschen so weit gehen kann, da er darber in ein herbes widerspenstiges Wesen gerth, wie es unserm Freunde ergeht; er argwhnt allenthalben Affektation und Unnatrlichkeit, er sieht sie allenthalben und will sie jedem Freunde und Bekannten abgewhnen, und damit man ihm nur nicht etwas Unnatrliches zutraue, fllt er lieber oft in eine gewisse rauhe Manier, die von der Liebenswrdigkeit ziemlich entfernt ist. So will er die Weiber auch immer mnnlich machen, sagte Theodor, ging' es nach ihm, so mten sie gerade alles das ablegen, was sie so unbeschreiblich liebenswrdig macht. Eine eigne Rubrik, fgte Anton hinzu, hlt er, welche er Kindereien berschreibt, und in die er so ziemlich alles hinein trgt, was Sehnsucht, Liebe, Schwrmerei, ja Religion genannt werden mu. Wie die Welt wohl berhaupt ausshe, wenn sie nach seinem vernnftigen Plane formirt wre? Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten nicht einmal die gehrige Ordnung, des Uebrigen zu geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel mu nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und statt sich in den Euripus zu strzen, weil er die vielfache Ebbe und Fluth nicht begreifen konnte, htte er ruhig am Ufer gestanden, und blo den Kopf ein wenig geschttelt und gemurmelt: lppisch! lppisch! Bis zum Abentheuerlichen unnatrlich sind die Cometen, versetzte Anton, ja alle Existenz hat wohl nur wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte Seite herausgedreht, und ist dadurch existirend geworden. Zweifelt ihr daran, ihr armen Snder? rief Wilibald aus dem nchsten Laubengange heraus, in welchem er alles gehrt hatte; knnt ihr euch euren doppelten unbefriedigten Zustand anders erklren? Habt ihr dies nicht schon oft im Ernst denken mssen, wenn ihr berhaupt darber gedacht habt, was ihr jezt als Spa aussprecht? Und wenn die Menschenseele sich selbst unvollendet und umgedreht empfindet, warum soll denn alles brige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr hoffrtigen Erdenwrmer neigt euch in den Staub, und macht euch nicht ber Leute lustig, die, wenn es die Noth erfordert, auch wohl ber Milchstraen und Trabanten und Sonnensysteme zu sprechen wissen. Ernst und Lothar traten hinzu und erzhlten viel von der anmuthigen Lage der merkwrdigen Ruine, und Ernst zrnte ber den frevelnden Leichtsinn der Zeit, der schon so viel Herrliches zerstrt habe und es allenthalben zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er aus, wird uns eine bessere Nachwelt verachten, und ber unsern anmalichen Kunstsinn und die fast krankhafte Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lcheln, wenn sie hrt, da wir Denkmale aus gemeinem, fast thierischem Nichtachten, oder aus klglichem Eigennutz abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu uns herber gekommen sind, an der wir unsern erlahmten Sinn fr Vaterland und alles Groe wieder aufrichten knnten. So braucht man herrliche Gebude zu Wollspinnereien und schlgt drftige Kammern in die Pracht alter Rittersle hinein, als wenn es uns an Raum gebrche, um die Armseligkeit unsers Zustandes nur recht in die Augen zu rcken, der in Pallsten der Heroen seine traurige Thtigkeit ausspannt, und groe Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt. Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders, sagte Lothar, und des Vaterlandes rhrende Geschichte, eben so haben sie sich in diese mit ihren unersprielichen Zwecken hinein geklemmt, und verwundern sich lchelnd darber, wie man ehemals nur das Bedrfni solcher Gre haben mochte. Jezt zeigte sich die brige Gesellschaft. Manfred fhrte seine Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte Augen hatte, die schne Rosalie, Anton bot seinen Arm der freundlichen Clara, und Wilibald gesellte sich zu Augusten, indem er dem lchelnden Theodor einen triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in den breiten Gngen, welche oben gegen den eindringenden Sonnenstrahl gewlbt und dicht verflochten waren, in heitern Gesprchen auf und nieder, und Lothar sagte nach einiger Zeit: wir sprachen eben von den Ruinen altdeutscher Baukunst, und bedauerten, da viele Schlsser und Kirchen gnzlich verfallen, die mit geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen knnten erhalten werden; aber indem ich den Schatten dieser Gnge geniee, erinnere ich mich der seltsamen Verirrung, da man jezt vorstzlich auch viele Grten zerstrt, die in dem sogenannten franzsischen Geschmack angelegt sind, um eine unerfreuliche Verwirrung von Bumen und Gestruchen an die Stelle zu setzen, die man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so blo einer todten Formel frhnt, indem man sich im Wahn befindet, etwas Schnes zu erschaffen. Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage bei Baireuth und manchen andern Garten; wenn diese Einsiedelei auch manche aufgemauerte Kindereien zeigt, so war sie doch in ihrer alten Gestalt hchst erfreulich; ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren ganz verwildert wieder zu finden. Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben der Sinn fr Natur, denn nicht allein diese regelmigen Grten, die dem jetzigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die groe wundervolle Heidelberger Ruine eine so grne, frische, poetische und wilde Einsamkeit, die so schn mit den verfallenen Thrmen, den groen Hfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, da sie auf das Gemth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte; ich war so entzckt ber diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, da das grnende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem Wandelnden manchen schnen Platz und manche schne Aussicht gnnt, der auf bequemen Pfaden zu Stellen fhrt, die man vormals nur mit Gefahr erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen Rumen ruhig und sicher zu genieen; doch wiegen alle diese Vortheile nicht die groartige und einzige Schnheit auf, die hier aus der besten Absicht ist zerstrt worden. Hier wurde das Gesprch unterbrochen, indem der Bediente meldete, da angerichtet sei. * * * * * Man ging durch die groen offenen Thren des Speisesaales, der unmittelbar an den Garten stie, und aus dem man den gegenber liegenden Berg mit seinen vielfach grnenden Gebschen und schnen Waldparthien vor sich hatte; zunchst war ein runder Wiesenplan des Gartens, welchen die lieblichsten Blumengruppen umdufteten, und als Krone des grnen Platzes glnzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, der durch sein liebliches Getn gleich sehr zum Schweigen wie zum Sprechen einlud. Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und Clara, neben dieser lie Anton sich nieder, und ihm zunchst Emilie, zwischen ihr und Rosalien hatte Friedrich seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar schlo, und neben ihm saen die brigen Mnner. Auf dem Tische prangten Blumen in geschmackvollen Gefen und in zierlichen Krben frische Kirschen. Wie kommt es, fing die ltere Emilie nach einer Pause an, da es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still zugeht? Man ist nachdenkend und sieht vor sich nieder, auch erwartet Niemand ein lebhaftes Gesprch, denn es scheint, da die Suppe eine gewisse ernste, ruhige Stimmung veranlat, die gewhnlich sehr mit dem Beschlu der Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt. Vieles erklrt der Hunger, sagte Wilibald, der sich meistentheils erst durch die Nhe der Speisen meldet, besonders, wenn man spter zu Tische geht, als es festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann durstig, und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre Uebelkeit, fast Ohnmacht. Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten das nur bedenken, die uns Frauen fast immer warten lassen, wenn sie eine Jagd, einen Spazierritt, oder ein sogenanntes Geschft vorhaben. Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich warten, erwiederte Wilibald, und wohl lnger, wenn sie mit ihrem Anzug nicht einig oder fertig werden knnen? Da berdies die meisten niemals wissen, wie viel es an der Uhr ist, ja da es berhaupt eine Zeitabtheilung giebt. Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen Besuch in der Nachbarschaft machen, noch vorher eine Oper durchsingen, und ein wenig spazieren gehn, um dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen, dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und etwas frher essen als gewhnlich, weil wir den Nachmittag einmal recht genieen wollten; als man aber, um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, da es gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur gewhnlichen Tischzeit war, und die lieben Zeitlosen kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten. Doch bitt' ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, tadelst du mich doch sonst immer, da ich zu pnktlich, zu sehr nach der Stunde bin, sonst wrde es auch mit den Einrichtungen der Wirthschaft bel aussehn. Dich nehm' ich aus, sagte Manfred, und einer Hausfrau steht auch nichts so liebenswrdig, als eine stille, unerschtterliche Ordnung: aber auch nur die stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen sind die fr die Ordnung Wthenden, in deren Husern nichts als Einrichtung, Abrichten der Domestiken, Aufrumen und Staubabwischen zu finden ist; eine solche Frau haben, wre eben so wie unter der groen Kirchenuhr und den Glocken wohnen, wo man nichts als den Perpendikel und das frchterliche Schlagen der Stunden hrt: auch eine mnnlich ordentliche und unternehmende Therese ist widerwrtig. Aber in aller liebenswrdigen weiblichen Unordnung schweift meine theure Schwester Auguste etwas zu sehr aus. Das wei Gott! fuhr Wilibald etwas bereilt heraus; denn wenn ein Spaziergang abgeredet ist, so mu man wohl anderthalb Stunden mit dem Stock in der Hand unten stehn und warten, und dann hat die liebenswrdige Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, und besinnt sich erst darauf, wenn man einigemal hat erinnern lassen, oder sie kommt auch wohl endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und Sonnenschirm und Tuch gedacht; man geht zurck, man kramt, und fllt dabei nicht selten wieder in eine Beschftigung, die den Spaziergang von neuem mit Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen Leiden soll unser eins nachher noch liebenswrdig sein! Das ist ja eben die Liebenswrdigkeit, sagte Auguste, denn wenn euch alles entgegen getragen, allen euren Launen geschmeichelt wird, wenn man euch so schlicht hin fr Herrscher erklrt, da ihr dann zuweilen ein wenig liebenswrdig seid, ist doch warlich kein Verdienst. Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt genossen ist, sagte Lothar, so rhrt es wohl nicht so sehr von einem materiellen Bedrfni her, da man bei ihr wenig spricht, sondern mich dnkt, jedes Mahl und Fest ist einem Schauspiel, am besten einem Shakspearschen Lustspiel, zu vergleichen, und hat seine Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch unbewut in den meisten Fllen aussprechen. Wie knnte es wohl einem verstndigen Menschen etwas anders sein? unterbrach ihn Wilibald mit Lachen; o wie oft ist doch unbewut der Lustspieldichter selbst ein erfreulicher Gegenstand fr ein Lustspiel! La ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch die Mahlzeit nachher mit einer Schlacht, oder gar mit der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch mu unbedingte Gedanken- und Efreiheit herrschen. Da die abwechselnden Gerichte und Gnge, fuhr Lothar fort, sich mit Akten und Scenen sehr gut vergleichen lassen, fllt in die Augen; eben so ausgemacht ist es fr den denkenden und hhern Esser (ich ignorire jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und etwa in materieller Dumpfheit meinen knnen, das Essen geschehe nur, um den Hunger zu vertreiben), da eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen werden soll, der in der ganzen Composition der Tafel nichts widersprechen darf, sei es von Seiten der Speisen, der Weine, oder der Gesprche, denn aus allem soll sich eine romantische Composition entwickeln, die mich unterhlt, befriedigt und ergtzt, ohne meine Neugier und Theilnahme zu heftig zu spannen, ohne mich zu tuschen, oder mir bittre Rckerinnrungen zu lassen. Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel, die manchmal zur Tuschung aufgetragen werden, sind gerade zu abgeschmackt zu nennen. Im nrdlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich einmal Zuckergebacknes als Torf aufsetzen, und es gefiel den Gsten sehr. O ihr unknstlich Speisenden! rief Lothar aus; warum lat ihr euch den Marzipan nicht lieber als die Physiognomien eurer Gegner backen, und zerschneidet und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? drften die Rezensenten, oder sonst verhate Menschen, gleich so auf den Mrkten zum Verkauf ausgeboten werden? Von hchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, habe ich einmal im Vasari gelesen, welche die Florentinischen Maler einander gaben, und die mich nur wrden gengstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit vielleicht auf das uerste. Nicht blo, da sie Pallste und Tempel von verschiedenen Speisen errichteten und verzehrten, sondern selbst die Hlle mit ihren Gespenstern mute ihrem poetischen Uebermuthe dienen, und Krten und Schlangen enthielten gut zubereitete Gerichte, und der Nachtisch von Zucker bestand aus Schdeln und Todtengebeinen. Gern, sagte Manfred, htt' ich an diesen bizarren, phantastischen Dingen Theil genommen, ich habe jene Beschreibung nie ohne die grte Freude lesen knnen. Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst, Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser nchstes und alltglichstes Leben hinein gespielt werden? Alles, auch das Seltsamste und Widersinnigste hat seine Zeit. Freilich mut du so sprechen, sagte Lothar, der du auch die Abentheuerlichkeiten des Hllen-Breughels liebst, und der du, wenn deine Laune dich anstt, allen Geschmack gnzlich lugnest und aus der Reihe der Dinge ausstreichen willst. Wten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese Sphinx sich aufhlt, die alle wollen gesehen haben, und von der doch Niemand Rechenschaft zu geben wei: bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an die Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der Spa an diesem Tagegeiste, da er zugleich ist und nicht ist. Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist die Erscheinung (die deinen Unglauben fast besttigen knnte), da Menschen, die von Jugend auf sich scheinbar mit dem Geiste des klassischen Alterthums genhrt, die immer das Ideal von Kunst im Munde fhren, und unbillig selbst das Schnste der Modernen verachten, sich doch pltzlich aus wunderlicher Leidenschaft so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt vergaffen knnen, da ihr Zustand sehr nahe an Verrcktheit grnzt. Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete Lothar, war ihre Liebe zur alten auch keine freie und gebildete, sondern nur Aberglaube, der die Form fr den Geist nahm. Mir kam auch einmal ein scheinbar gebildeter junger Mann vor, der, nachdem er lange nur den Sophokles und Aeschylus angebetet hatte, ziemlich pltzlich und ohne scheinbaren Uebergang als chter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue vergtterte. Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die gegenber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten Augenblick scheinen mchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren, weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewi die Glaubensfhigkeit erwecken lt, die dann, einmal erregt, alle Empfindungen mit sich reit, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken zertrmmert. Eben so wenig aber steht der Fromme, der nicht mit allen seinen Krften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine Seele mte dann etwa ganz Glaube und einfltiges Vertrauen sein, auf einem festen Grunde. Vorzglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im Menschen das zerstren, was vorher als sein eigenthmlichstes Wesen erscheinen konnte. Ich habe Wstlinge gekannt, wahre Gotteslugner der Liebe und freche Verhhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten Ueberzeugung ihr verchtliches Leben fhrten, und endlich, schon an der Grenze des Alters, von einer hhern Leidenschaft, sogar zu unwrdigen Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so da sie fromm, demthig und glubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren Tagen verspottet hatten. Knnte man nur immer, fgte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen Flitterschtze um ein Gefhl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar der Liebe hingeben mchten, wenn es sie so beglcken wollte, in ihren dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der berhaupt in der Welt der Beneidete, der sich selber mitleidswrdig dnkt, und weit mehr Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich bser Neigung, ein miverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel hufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster. Wie aber das Bse nicht zu lugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in den Knsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor beiden gleich sehr hten. Vielleicht, da auch beides genauer zusammen hngt, als man gewhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch physischen Ekel in uns zu vernichten streben. Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. -- Ein Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer Seele entdecken, und da man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt zurck kommen mu, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will. Dies fhrt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstie, zur liebenswrdigen Billigkeit und Humanitt. Es fhrt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts. Theurer Lothar, la uns wieder vernnftig sprechen, und fhre deine Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter. Um deiner Wibegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklr' ich also, da bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien ist; sie kann hauptschlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, da in ruhiger Erzhlung die Lage der Dinge auf die einfachste und natrlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in den Irrungen, oder da uns der Dichter sogleich in Getmmel und Unruhe wirft, woraus sich nach und nach die Klarheit und das Verstndni erffnen, so wie im Romeo und dem Oldcastle, die gar mit Schlgerei beginnen, oder auf die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge fhrt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in Was ihr wollt. Es ist keine Frage, da die letztere Art beim Gastmahl die vorzglichere sei, und da deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer krftigen, aber milden, ruhig bedchtigen Suppe erffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen schlft, da alles Drama sei, so hten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch nur zu gesprchig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht. Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der Fieberwange als reizende Episode einfhren, so geniet man zum Anbeginn der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes, welches noch nicht unmittelbar das Bedrfni befriedigt, und so, um nicht zu weitlufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschlu mit dem allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswrdigsten Narren beschliet, wie Viel Lrmen um nichts, und Wie es euch gefllt mit einem Tanze endigen, oder das Wintermhrchen mit der lebendigen Bildsule. Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen lernen, als die brigen Wissenschaften. Gewi, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig, als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedrfni unserer Natur ist, mu hiebei entweder die allerhchste Simplizitt obwalten, oder Anstand und Frohsinn mssen eintreten und anmuthige Heiterkeit verbreiten. Freilich, sagte Ernst, strt nichts so sehr, als eine schwankende Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl mit vortrefflichem Wein zum Genu geringer und schlecht zubereiteter Speisen berschttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter wrgen mu. Dieses sind die wahren Tragikomdien, die jedes gesetzte Gemth, das nach Harmonie strebt, zu gewaltsam erschttern. Ist das Gesprch solcher Tafel zugleich lrmend und wild, so hat man noch lange nachher am Miton der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genu mu die Schaam unsichtbar regieren, und Unverschmtheit mu in edle Gesellschaft niemals eintreten knnen. Dazu, sagte Anton, gehrt das bermige Trinken aus Ambition, oder wenn ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nthigt, indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien' es, diese Flasche koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden nicht darauf an, und er knne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt, sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke oder Raritten besitzen, sind sie gar unertrglich, und ihr hchster Genu besteht darin, wenn sie in aller Freundschaftlichkeit ihren Gast knnen fhlen machen, da es ihm, gegen den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche. Das fhrt darauf, fuhr Lothar fort, da so wie in den Gefen und Speisen Harmonie sein mu, diese auch durch die herrschenden Gesprche nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und Witzes nicht sehr gewi, so verschwende sie ihn ja nicht zu frh, denn mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst vllig verschwinden, nun mu erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde unschicklich gewesen wre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die Damen dreister, die Liebe erklrt sich unverholner, die Eifersucht zeigt sich mit unverstecktern Ausfllen, jeder giebt mehr Ble und scheut sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst eine und die andre rgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf umlaufen. Groe Herren lieen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und Lustigmacher hereinkommen, um am Schlu des Mahls sich ganz als Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fhlen. Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein, wenn sie nicht schon alle in Reih' und Glied bei Tische selber gesessen haben. Freilich, sagte Manfred, und das Gesprch erhebt sich zum Rhrenden ber die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern. Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thrnen vergossen, als die letzte und kostbarste Flssigkeit, die aufzubringen ist, und so beschliet sich das Mahl mit den hchsten Erschtterungen des Herzens. Nicht genug, fing Lothar wieder an, da man diese Unarten vermeiden mu, jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf gehrige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalba mit ihm gesetzt wre. Von jenen schrecklichen groen Gesellschaften spreche ich gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde, Geistreiche und Aberwitzige, junge Mdchen und alte Gevatterinnen an einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene Mahlzeiten, fr welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und luft und von ihnen trumt, um alles mit groem Prunk und noch grerer Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu werden, die man schon lngst von ihr erwartet, weil sie wohl zwlf und mehr hnliche Gastmahle berstanden hat, zu der sie nun zum Ueberflu noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffngt, um ihrer Besuche nachher entbrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen Minuten sich ein einzelner Privatspa heraus wickeln kann, wo jedes Gesprch schon als todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben mu, wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote, bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben mu, um den guten Wirth zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und frostige Scherze in das Ohr albern lchelnder Damen niederlegen; kurz, schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat. Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fgte Wilibald hinzu, sind die noch grern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo das Vergngen erhht wird, indem alles durch einander luft, und wie in der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen mglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er wei nicht was, und ein Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto fat, um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der vlkerwandernden Unterhaltung erfat und mitgenommen zu werden. Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens, Michel Angelo's jngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschlu der Kunst, das Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle Propheten nur haben weissagen knnen. Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gste versammelt waren; doch hatte jener freimthige frohe Sinn nichts von der Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glnzenden Waffenkmpfe, diese Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle Gemther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schtze der Welt sind wohl noch niemals so ffentlich und in so schnem groen Sinne genossen worden. Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen? fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn folgen knnen, um wrdig zu beschlieen, oder wieder in das gewhnliche Leben einzulenken? Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem, wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da befinden wir uns pltzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurck. Sollte man so bewutlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so wre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben berall einzulassen. Es kmmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen sich auerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch ab: o warlich, htten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so entschlssen sich viele, sich sterben zu lassen. Ich sage ja nur, antwortete Lothar, da uns dunkel dergleichen Vorstellung eines Drama vorschwebt, wie bei allen Dingen, in die wir uns bestreben, Sinn und Zusammenhang hinein zu bringen. Da man sich schon dem Nachtische nherte, so lie Manfred heiern Wein geben und ermunterte seine Freunde zum Trinken. Du wolltest, dnkt mich, noch ber die Tischgesprche etwas sagen, so wandte er sich nach einiger Zeit an Lothar. Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, da nicht jedes Gesprch, auch wenn es an sich gut ist, an die Tafel pat, oder wenigstens nicht in jede Gesellschaft. Beim stillen huslichen Mahl darf unter wenigen Freunden oder in der Familie mehr Ernst, selbst Unterricht und Grndlichkeit herrschen, je mehr es sich aber dem Feste nhert, um so mehr mssen Geist und Frohsinn an die Stelle treten. Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehrigen Diskurse fhren? Bist du, dramatischer Lothar, in deinem Gewissen ganz beruhigt? Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben alles, was wir geben knnen, auch hier mu jenes Glck unsichtbar hinzutreten und die letzte Hand anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor zu bringen. Whrend dieser Gesprche, sagte Manfred, ist mir eingefallen, da ich wohl unsre Schriftsteller und Dichter nach meinem Geschmack mit den verschiedenartigen Gerichten vergleichen knnte. Zum Beispiel? fragte Auguste; das wre eine Geschmackslehre, die mir sehr willkommen sein wrde, und wonach ich mir alles am besten merken und eintheilen knnte. Ein andermal, sagte Manfred, wenn du fr dergleichen ernsthafte Dinge mehr gestimmt bist; jezt wrdest du es wohl nur sehr frivol aufnehmen, und ich bin doch berzeugt, da diese Vergleichungen sich eben auch so grndlich durchfhren lassen, wie alle brigen. Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die Schriftsteller, die ber die Poesie schrieben, niedrig und gemein finden wollten, das Geschmack zu nennen, was in Werken der Knste das Gute von dem Schlechten sondert. Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte Theodor. Wer noch nie ber das Tiefe und Innige des Geschmacks, ber seine chemischen Zersetzungen und universellen Urtheile nachgedacht hat, versetzte Ernst, der drfte nur einiges ber diesen Gegenstand in den Schriften mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verchter dieses Sinnes zu verachten. Er drfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und dann essen. Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, indem er selber bedchtig trank. Am krzesten ist es gewi, antwortete Friedrich, inde wie selten werden wir darauf gefhrt, das zu beobachten, und uns ber dasjenige zu unterrichten, was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der Philosoph nur ein unvollkommener, der in diese Gegend seinen sphenden Geist noch niemals ausgesendet hat. So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst fort, auch mit denen, die schon dem Gedanken verwandter scheinen, wie das Ohr und das noch hellere Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als bloe Farbe recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, da das helle ferne Blau des Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rhrt, ein helles goldenes Gelb uns trsten und beruhigen kann, und woher nur dieses unermdete Entzcken am frischen Grn, an dem sich der Durst des Auges nie satt trinken mag? Auf heiliger Sttte stehen wir hier, sagte Friedrich, hier will der Traum in uns in noch seren, noch geheimnivolleren Traum zerflieen, um keine Erklrung, wohl aber ein Verstndni, ein Sein im Befreundeten selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der Seher die gttlichen ewigen Krfte ihm begegnend, und der Unheilige lt sich an der nmlichen Schwelle zum Gtzendienste verlocken. Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse wohl unter ihren vielfarbigen Mantel genommen, um sie den Menschen sittsam und in fliehenden Augenblicken zu zeigen, dann hat sie sie ber sich selbst vergessen, und phantasirt seitdem so oft in allen Tnen und Erinnerungen, um diese alten Tne und Erinnerungen wieder zu finden. Daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischen Dichter; es reien sich wohl Laute in schmerzhafter ppiger Freude, in der Angst keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten hervor, und verrathen, was der heiligere Wahnsinn verschweigt. So wollten wild schwrmende Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und alle Lust die ber die Grnze schweift nippt von dem Kelch der Ambrosia, um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden Sehnsucht mehr die Zunge lt. Schon glaub' ich die Mnade zu hren, sagte Ernst, nur Paukenton und Cymbelnklang fehlt, um dreister die Worte tanzen zu lassen, und die Gedanken in wilderer Geberde. Sein wir auch im Phantasiren mig, und auch im Aberwitz noch ein wenig witzig, bemerkte Wilibald. Ja wohl, fgte Auguste hinzu, sonst knnte man vor dergleichen Reden eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten werden; das beste ist, da keiner sich leicht dergleichen wahrhaft zu Gemth zieht, sonst mchten sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun. Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser Leichtsinn und diese Trgheit erhlt den Menschen und giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem Guten, aber beide reien ihn auch immerdar zurck von allem Guten und Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige Erde an. Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhflich, wie die Hunde, die, wenn auch noch so geschickt, nicht lange auf zwei Beinen dienen knnen, sondern immer bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinre Hunde zurck fallen. Lat uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde zu sein, auf der Erde bleiben, denn gewi ist alles gut, was nicht anders sein kann. Wir sprachen ja von Knsten, fuhr Theodor fort, und ich erinnere mich dabei nur mit Verdru, da ein Mensch, der seine Hunde ihre mannichfaltigen Geschicklichkeiten ffentlich zeigen lie, jeden seiner Scholaren mit der grten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Knstler nannte. O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet sich jezt nach dem sanften Regen ber unsern Garten! So ist wohl dem zu Muthe, der aus einem schweren Traum am heitern Morgen erwacht. Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck vergessen, den mir dieser Garten mit seiner Umgebung machte, als ich ihn zuerst von der Hhe jenes Berges entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke, mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser Gegend erzhlt, und ich stellte mir ziemlich unbestimmt eine Sammlung grner Gebsche vor, die man so hufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir den rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir die grnen Thler mit ihren blitzenden Bchen lagen, so wie die zusammenschlagenden Bltter eines herrlichen alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne liebliche Verse entgegen ugeln, die uns auf das Ganze um so lsterner machen: nun entdeckt' ich in der grnenden Verwirrung das hellrothe Dach deines Hauses und die reinlich glnzenden Wnde, ich sah in den viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, den gerade Bumgnge bildeten und verschlossene Lauben, die Wege so genau abgemessen, die Springbrunnen schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein helles Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblttern alter Vorzeit entgegen, und befangen von poetischen Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg noch mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich nun alles so lieblich und reizend gefunden habe. Ich gestehe gern, ich liebe die Grten vor allen, die auch unsern Vorfahren so theuer waren, die nur eine grnende gerumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich die geraden Wnde wieder antreffe, wo keine unvermuthete Beugung mich berrascht, wo mein Auge sich schon im voraus unter den Baumstmmen ergeht, wo ich im Freien die groen und breiden Blumenfelder finde, und vorzglich die lebendigen spielenden Wasserknste, die mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen erregen. Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, betrat ich zuerst diese Gegend, dieser Garten lockte mich sogleich freundlich an. Ich liebe es, im Freien gesellschaftlich wandeln zu knnen, im ungestrten Gesprch, die Blumen sehen mich an, die Bume rauschen, oder ich hre halb auf das Geschwtz der Brunnen hin; belstigt die Sonne, so empfangen uns die dichtverflochtenen Buchengnge, in denen das Licht zum Smaragd verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen flattern und singen. Mit Entzcken, so redete Ernst weiter, mu ich an die schnen Grten bei Rom und in manchen Gegenden Italiens denken, und sie haben meine Phantasie so eingenommen, da ich oft des Nachts im Traum zwischen ihren hohen Myrthen- und Lorbeergngen wandle, da ich oftmals, wie die unvermuthete Stimme eines lange abwesenden Freundes, das liebliche Sprudeln ihrer Brunnen zu vernehmen whne. Hat sich irgendwo ein edles Gemth so ganz wie in einem vielseitigen Gedicht ausgesprochen, so ist es vor allen dasjenige, welches die Borghesische Villa angelegt und ausgefhrt hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, an hohen schnen Bumen besitzt, allen Reiz groer und freier Rume, wo uns labend die Luft des heitern Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde, wo sich Epheu um alte Stmme im Dunkel schlingt, und in der sen Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden Stralen klingend tropfen, und Turteltauben girren: der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen, Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den bedeutendsten Stellen, alles findet sich in diesem elysischen Garten, dessen Reize nie veralten, und der jezt eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner Einbildung schwebt. Doch hab' ich in vielen Bchern gelesen, wandte Emilie ein, da die Gartenkunst der Italiner noch in der Kindheit sei, und da sie weit hinter den Deutschen zurckstehen. In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete Ernst, herrscht die Mode, aus der sich, wenn sie erst weit um sich gegriffen hat, leicht Sektengeist erzeugt, welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst oder Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit mu preisen hren, und so gehren auch diese Aeuerungen und Glaubensmeinungen in das System so mancher andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklren mchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen Grten im sogenannten Englischen Geschmack, gegen die der gebildete Sinn nicht sehr Vieles einzuwenden htte? Sprechen sie weiter! rief Clara lebhaft; schon einige empfindsame Reisende haben unsern muntern Garten als altfrnkisch getadelt und meiner Mutter auf vielfache Weise gerathen, einen krummen, und wenn man den nchsten Hgel mit hinein zge, auch auf- und absteigenden Park mit allen mglichen Effekten, anzulegen, und meine gute Mutter hatte sich schon vor einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so da ich schon fr meine Blumenbeete und fr die Wasserknste, die selbst in der Stille der Nacht fortlachen, gezittert habe. Wir drfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedrfni zurck gehn, aus welchem unsre Grten entstanden sind, um auf dem krzesten Wege einzusehn, welche Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mgen. Der Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung seinen Baumgarten, der ihm vor seiner Thr Frchte und Kchengewchse liefert; gern lt er das Gras zwischen den Bumen wachsen, sowohl, weil er es ebenfalls nutzen kann, als auch weil es ihm Arbeit erspart, indem er es schont. Sehn wir in dieser wilden grnen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den Gartenblumen besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart, so hat diese natrlichste Anlage, im Gebirge wie im flachen Lande, einen gewissen Zauber, der uns still und rhrend anspricht, ja in der Blthenzeit kann ein solcher Raum mit seinen dicht gedrngten Bumen entzckend sein. Diese sind unter den Grten die wahren Idyllen, die kleinen Naturgedichte, die eben deswegen gefallen, weil sie von aller Kunst vllig ausgeschlossen sind. Ein Mhlbach, der an solchem Garten vorberrinnt, sagte Clara, und Lmmchen drinne hpfend und blkend in der Frhlingszeit, und krausbebuschte Berge dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang der Waldvgel tnt, dies kann vorzglich Abends, oder am frhsten Morgen so himmlische Eindrcke von Ruhe, Einsamkeit und lieblicher Befangenheit erregen, da unser Gemth in diesen Augenblicken sich nichts Hheres wnschen kann. Die Grten der alten Burgen und Schlsser waren auf ihren Hhen gewi nur beschrnkt, sagte Ernst, der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und auf Reisen und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die neueren Pallste entstanden und die frstliche Architektur, als mit dem milderen Leben Kunst, Witz und heitere Geselligkeit in die Schlsser der Groen und Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel ebenfalls in die Grten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit und Ordnung herrschen, wie in den Sulengngen und Slen der Pallste, sie sollten der Geselligkeit den heitersten Raum gewhren, und so entstanden die regelmigen, weiten und vielfachen Baumgnge, so wurde der unordentliche Wuchs zu grnen Wnden erzogen, Hgel ordneten sich in Terrassen und bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in Reihen und Beeten, und alles Wildscheinende, so wie alles, was an das Bedrfni erinnert, wurde sorgfltigst entfernt; auf groen runden oder viereckten Pltzen suchte man gern die Frhlingssonne, die dichten Baumschatten waren zu Bgen gegen die Hitze gewlbt, verflochtene Laubengnge waren knstlich selbst mit unsichtbaren Kfigen umgeben, in denen Vgel aller Art in scheinbarer Freiheit schwrmten, die Springbrunnen, die die Stille unterbrachen und wie Naturmusik dazwischen redeten, und deren geordnete Stralen und Strme in vielfachen Linien aus Muscheln, Seepferden und Statuen von Wassergttern sich ebenfalls nach Regeln erhoben, dienten als phantastischer Schmuck dem wohlberechneten Ganzen. Der bunte grnende Raum war Fortsetzung der Sle und Zimmer, fr viele Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen zubereitet, dem Gerusch und Prunk anpassend, und auch in der Einsamkeit ein lieblicher Genu; denn der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung senkt, fand nichts, was ihn strte und irrte, sondern die lebendige Natur umgab sie zauberisch in denselben Regeln, in denen der Mensch von Verstand und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik seines Wesens ewig umschlossen ist. Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische Miene unser oft getadelte Garten anzunehmen wei, wenn er nur seinen Sachwalter findet? Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht schon im Woldemar viel besser und grndlicher, als Zurechtweisung eines einseitigen und miverstandenen Hanges zur Natur. Finden Sie denn aber wirklich alle Grten dieser Art schn? fragte Auguste. So wenig, antwortete Ernst, da ich im Gegentheil viele gesehen habe, die mir durch ihre vollendete Abgeschmacktheit eine Art von Grausen erregt haben. Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst in dem barocken bertriebenen hollndischen Geschmack darbietet, wo es den Reiz ausmachen soll, die Bume nicht als solche wieder zu erkennen, wo Muscheln, Porzellan und glnzende Glaskugeln um frchterlich verzerrte Bildsulen auf gefrbtem Sande leuchten, wo das springende Wasser selbst seine liebliche Natur eingebt hat, und zum Possenreier geworden ist, und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nur wie ein ernstes mibilligendes Auge ber dem vollendeten Unfug steht: Mond und Sterne ber diesen Fratzen leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die lichten Gedanken im Geschwtz eines Verrckten. Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird berhaupt oft ein kindischer Mibrauch gemacht; diese Vexirknste, um uns pltzlich na zu machen, sind den abgeschmackten neumodischen Gespenstergeschichten mit natrlichen Erklrungen zu vergleichen; der Verdru ist viel grer als der Schreck. Da man nun so hufig, sprach Ernst weiter, diese Gespenster von Grten sah, so erwachte zu derselben Zeit, als man in allen Knsten die Natrlichkeit forderte, auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten ein gewisser Sinn fr Natur. Wir hrten von den englischen Parks, von denen viele in der That in hoher Schnheit prangen, sehr viele aber auch die Wohnung trber Melankolie sind, und so fing man denn in Deutschland ebenfalls an, mit Bumen, Stauden und Felsen auf mannigfache Weise zu malen, lebendige Wasser und Wasserflle muten die springenden Brunnen verdrngen, so wie alle geraden Linien nebst allem Anschein von Kunst verschwanden, um der Natur und ihren Wirkungen auf unser Gemth Raum zu gewhren. Weil man sich nun hier in einem unbeschrnkten Felde bewegte, eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung hatte, und der Sinn, der auf diese Weise malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack, vom zartesten Gefhl fr das Romantische der Natur geleitet werden mu, ja, weil jede Lage, jede Umgebung einen eigenthmlichen Garten dieser Art erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, so konnte es nicht fehlen, da man, von jenem chten Natursinn verlassen, in Verwirrung gerieth, und bald Grten entstanden, die nicht weniger widerlich, als jene hollndischen waren. Bald gengten die Effekte der Natur und der sinnigen Bume und Pflanzen nicht mehr, dem bizarren Streben waren diese Wirkungen zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hngende Brcken, chinesische Thrmchen auf steilen Abhngen, gothische Burgen, Ruinen aller Art, und so waren diese verworrenen Rume am Ende mehr auf ein unangenehmes Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit, als fr einen stillen Genu eingerichtet. Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein, nicht phantastisch, sondern nur arm sind diese Tempel der Nacht und der Sonne, mit ihren bunten affektirten Lichtern, und kommen nicht einmal unsern gewhnlichsten Theater-Effekten gleich. Fr das Erschrecken reizbarer oder trumerischer Menschen ist oft hinlnglich gesorgt, sagte Anton, wenn unvermuthet ein Bergmann aus einem Schacht neben dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem Crucifixe kniet. Selbst Schdel und Beingerippe mssen dem Wandelnden zum Ergtzen dienen. Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon die krummen, ewig sich verwickelnden Wege Angst genug. Man sieht Menschen in der Ferne und vermuthet einen Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man es anstellen, sich ihnen zu nhern? Man nimmt die Richtung nach jenem Punkt, allein der Weg lt sich nicht so gehn, wie du mchtest, bald bist du hinter deinem vorigen Standpunkte zurck, und so ist es auch wahrscheinlich jenem drben ergangen; tagelang rennt man sich aus dem Wege, wenn man sich nicht in einer albernen Moschee, oder otahitischen Htte, in die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet findet. Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber dem ausweichen, dem du nicht begegnen willst, und das ist oft noch schlimmer. Nichts alberneres, als zwei Menschen, die sich nicht leiden mgen, und die sich pltzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln Grotte eng neben einander befinden, da brummt man was von schner Natur und rennt aus einander, als mte man die nchste Schnheit noch eilig ertappen, die sich sonst vielleicht auf flchtigen Fen davon machen mchte; und, siehe da, indem du dich bald nachher eine enge Felsentreppe hinauf qulst, kommt dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen gestiegen, man mu sich sogar beim Vorbeidrngen krperlich berhren, eine nothgedrungene Freundlichkeit anlegen, und der lieben Humanitt wegen recht entzckt sein ber das herrlich romantische Wesen, um nur der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen in den zauber- aber nicht wasserreichen Wasserfall hinab zu stoen. Die Entdeckung und Anpflanzung der lombardischen Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat, ist den Verfertigern der schnen Natur sehr zu statten gekommen, ihrem Wirrwarr recht eilig auf die Beine helfen zu knnen. Das Zeug wchst fast zusehends, und nun haben unsre guten alten einheimischen Bume das Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden und krummen Gngen gleich widerwrtig. Wie schn sind unsre alten Linden, die vormals so manche Landstrae zierten, wie erfreulich die ehrwrdigen Nubume der Bergstrae, und wie melankolisch sind die Pappelgassen, die sich um Carlsruh nach allen Seiten in das Land so finster hinaus strecken. In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint mir ein Garten, wie dieser hier, nicht nur der angemessenste, sondern auch ohne Frage der schnste, denn nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen und groen Eindrcken erholen, die die mchtigen Berge beim Durchwandeln in uns erregen. Jedes Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und Baum und Waldgegenden malen zu wollen, wrde jenen Wldern und Felsenschluften, den wundersamen Thlern, der majesttischen Einsamkeit gegenber nur albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in stiller Demuth zu den Fen jener Riesen, mit ihren Wldern und Wasserbchen, und spielt mit seinen Blumen, Laubengngen und Brunnen wie ein Kind in einfltigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer der traurigsten Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schnen Gemthes in Pflanzen und Bumen uerlich zu erschaffen vollendet wurde; in jener Gegend, wo der edle Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise seiner liebenswrdigen Familie lebt; dieser grne, herrliche Raum schmckt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen, vergit man das unfreundliche Land, und whnt in lieblichen Thlern und gttergeweihten Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde der Natur, der diese lieblichen Schatten besucht, mssen sich dieselben heitern Gefhle erregen, mit denen der sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft hier mit dem Schmuck der schnsten Bume dichtete, die auf sanften Hgeln und in stillen Grnden mannichfaltig wechselt, und durch rhrende Reize den Sinn des Gebildeten beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres und vollkommenes Gedicht mu ein solcher Garten sein, ein schnes Individuum, das aus dem eigensten Gemthe entsprungen ist, sonst wird ihm der Vorwurf jener oben gergten Verwirrung und Unerfreulichkeit gewi nicht entstehn knnen. Die Damen machten schon Miene sich zu erheben, als Manfred rief: nur noch diese Flasche, meine Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem ein volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit recht von Herzen! Ernst erhub das flssige Gold, und sagte nicht ohne Feierlichkeit: Wohlauf, er lebe, der Vater und Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche Mann, unser Gthe, auf den wir stolz sein drfen, und um den uns andre Nationen beneiden werden! Alle stieen an, und als Theodor an ein neuliches Gesprch erinnern wollte, rief Manfred: nein, Freunde, keine Kritiken jezt, alle Freude unsrer Jugend, alles was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in unserer Erinnrung in diesem Augenblick! Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter Liebe kann nur Liebe sein, und darum lat uns Schillers Andenken mit seinem Namen vereinigen, dessen ernster gro strebender Sinn wohl noch lnger unter uns htte verweilen sollen. Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, dem edelsten und freundlichsten Gemth, dem liebenswrdigsten Greise, dem es wohl gehn solle, dem Weisen, der nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns ein sanftes Schicksal noch viele Jahre gnnen mge! Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie, man kann sich der Rhrung nicht erwehren, auf diese Weise an geliebte Abwesende zu denken. Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser schnen Bewegung, und darum stot an, und feiert hoch das Andenken unsers phantasievollen, witzigen, ja wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm fr seine Irrgrten und wundervollen Ersinnungen: mchte er in diesem Augenblick freundlich an uns denken, wie wir uns mit Rhrung der Zeit erinnern, als er gern und mit schner Herzlichkeit an unserm Kreise Theil nahm! Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst, der an ihm nicht gewhnlich war, das brderliche Gestirn deutscher Mnner, unser Friedrich und Wilhelm Schlegel, die so viel Schnes befrdert und geweckt haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern Kunst und Liebe sei von dankbaren Deutschen durch alle Zeiten gefeiert! So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen Genius zu nennen, der schon lange von uns geschieden ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung ihn zu sich rufen: der groe Britte, der chte Mensch, der Erhabene, der immer Kind blieb, der einzige Shakspear sei von uns und unsern Nachkommen durch alle Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt! Alle waren in strmischer Bewegung und Friedrich stand auf und sagte: ja, meine Geliebten, wie wir hier nur beisammen sind in Freundschaft und Liebe und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne das Angedenken edler Freunde, und ihre Herzen sind vielleicht eben jezt hieher gewendet; aber auch den Abgeschiedenen zieht unser Glaube andchtig zu unsern Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe und Freudenthrnen herbei, und so beschliet sich am wrdigsten ein heitrer Genu; der Tod ist keine Trennung, sein Antlitz ist nicht furchtbar: opfert diese letzten Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkndiger der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles Morgenroth besserer Zukunft. Rosalie stie stillschweigend und gerhrt mit an: ihm sollen die Frauen danken, sprach sie leise und bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde umarmten sich strmisch und jedem standen Thrnen in den Augen. Man ging schweigend in den Garten. * * * * * Die Gesellschaft sa um den grten Springbrunnen, der in der Mitte des Gartens spielte, horchte auf das liebliche Getn und fhlte in dieser Pause kein Bedrfni, das Gesprch fort zu setzen; endlich sagte Clara: von allen Naturerscheinungen kommt mir das Wasser als die wunderbarste vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hrt, als wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns mittheilen mchte, so klar und lockend schaut es uns an; es lacht mit uns, wenn wir frhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern, es schwatzt und plaudert kindisch und thricht, wenn wir uns zum Schwatzen aufgelegt fhlen, kurz, es macht alles mit; auch tnt ein rauschender Bach in der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern verstehn lernen mchten. Warlich, kein Glaube ist dem Menschen so natrlich, als der an Nixen und Wassernymphen, und ich glaube auch, da wir ihn nie ganz abgelegen. Anton, der neben ihr sa, sah sie mit einem freundlichen, fast begeisterten Blicke an, weil dieses Wort die theuerste Gegend seines heimlichen Aberglaubens liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas erwiedern, als Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen lie: nicht so willkhrlich, wie es auf den ersten Anblick scheinen mchte, haben die ltesten Philosophen, so wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende Krfte und ein geheimnivolles Wesen zuschreiben wollen, denn ich kenne nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar mit sich nimmt, als der Anblick eines groen Stromes, oder gar des Meeres; ich wei nichts, was unsern Geist und unser Bewutsein so in sich reit und verschlingt, wie das Schauspiel vom Sturz des Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder der Anblick des Rheinfalls. Darum ermdet und sttigt dieser wundervolle Genu auch nicht, denn wir sind uns, mchte ich sagen, selbst verloren gegangen, unsre Seele mit allen ihren Krften braust mit den groen Wogen eben so unermdlich den Abgrund hinunter: das ist es auch, da wir vergeblich nach Worten suchen, mit Vorstellungen ringen, um aus unsrer Brust die erhabene Erscheinung wieder auszutnen, um in Ausdrcken der Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren Zorn, den Trieb zur Vernichtung, das heftige Toben im Schluchzen und Weinen, das harte gellende Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer Zukunft zu bilden und auszumalen, und keiner Anstrengung kann dieses Bestreben auch jemals gelingen. Da die Sprache schon so unzulnglich ist, sagte Lothar, so sollten es sich die Knstler doch endlich abgewhnen, Wasserflle malen zu wollen, denn ohne ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit nur albern aus. Dergleichen Erscheinungen, die keinen Moment des Stillstandes haben und nur in ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der Leinwand darstellen. Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bche, Quellen, sanfte blaue Strme, fr den Landschafter so vortreffliche Gegenstnde, und dienen ihm vorzglich, jene sanfte Rhrung und Sehnsucht hervor zu bringen, die wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers empfinden. Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, sagte Ernst, gehrt zu den Wundern Roms, und sie tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser Stadt so lieblich zu machen. Entzckt uns in freier Landschaft oder in den Grten das Spiel des Wassers, so ergreift uns neben Pallsten und Kirchen, im Gerusch der Straen und Mrkte, dieses tnende Rauschen und Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie in der stillen Nacht der Abreise mich diese Brunnen rhrten, denn mir dnkte, da sie alle Abschied von mir nhmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich an alle Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so wehmthig erinnerten; ich begriff in dieser Stunde nicht, wie ich mich vorher oft so innig nach Deutschland hatte sehnen knnen, denn schon bevor ich aus dem Thor gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurck, wie viel mehr nicht seitdem! So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als Inkonsequenz und Widerspruch! So hat Lothar uns heut weitluftig auseinandergesetzt, mit welcher Heiterkeit und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl beschlieen msse, und wir endigten es hchst unbedacht mit Rhrung, was ganz gegen die Abrede war. Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir waren auch in dieser Bewegung frhlich. Ich verstehe berhaupt die Freude der meisten Menschen nicht. Scheint es doch, als mten sie alle Erinnerungen des wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur in blinder Zerstreutheit auf kmmerliche Weise sich das anzueignen, was sie Ergtzung und Frhlichkeit nennen. Die Flle des Lebens, ein gesundes krftiges Gefhl des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um die Lust desto inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit die Tragdie erfunden hat, und auch nur genieen kann. Je schwcher der Mensch, je lebensmder er wird, um so mehr hat er nur noch Freude am Lachen, und an dem kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. Geh dem aus dem Wege, der nur noch lachen mag und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer ist auch aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er ist bs, wenn er etwas mehr als Thor sein kann. Je hher wir unser Dasein in Lust und Liebe empfinden, je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen Minuten, die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal gnnt, um so freigebiger und reicher sollen wir uns auch in diesen Sekunden fhlen; warum also in diesen schnsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde und ihre Liebe von uns weisen? Hat der Tod sie denn zu unsern Feinden gemacht? Oder ist ihr Zustand nach unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, da ihr Bild unsre Lust zerstren mu? In jenen seligen Stimmungen mchte ich ausrufen: lat sie zu uns, in unsre Arme, in unsre Herzen kommen, da unser Reichthum noch reicher werde! Knnt ihr euch aber mit dem Glauben vertragen, da sie vielleicht hlflos, auf lange in Wsten hinaus gestoen sind, o so lat ihnen einige Tropfen von der Ueberflle eurer Lust zuflieen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, in diesen Empfindungen fhl' ich mich zu dir in den Zustand deiner Ruhe und Freude hinber, und du bist mehr der meine, als nur je in diesem irdischen Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehrt dir nun auch mein hchster Schmerz um dich, jener namenlose, unbegreifliche, jenes angstvollste Ringen mit dem frchterlichsten Zweifel, als ob ich dich auf ewig verloren htte; da hat meine Liebe erst alle ihre Krfte aufrufen und erkennen mssen, da hab' ich dich erst im Triumph dem Tode abgewonnen, um dich nie mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne Wandel, ohne Krankheit, ohne Miverstndni mein, und lchelst jedes Lcheln mit, und schwimmst in jeder Thrne: wo kann ich dich besser herbergen, als in diesem Herzen, wenn es der Freude geffnet ist? Mit diesem Gaste sprech' ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder: du bist toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart edler, milder und menschlicher. Clara weinte, und Anton berlie sich seiner Wehmuth. Hre auf, rief dieser, ich fhle diese Wahrheit trotz ihrer Freundlichkeit zu schmerzlich, eben weil sie so ganz das Wesen meines Lebens ist. Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder an, das uns in der Heiligkeit des Schmerzes oft wie im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und das uns, mcht' ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens befllt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen Liebe, eines solchen Gefhls, das wir nicht nennen knnen, sondern da wir nur gleich in Thrnen untergehn und sterben mchten? So ist es mir oft gewesen, wenn ich im Plutarch von den groen Menschen las, wie sie unglcklich sind, und wie sie ihre Leiden und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein Glck und Schicksal trgt. Das Leben mchte brechen vor Lust und Schmerz, und wenn dann ein Fremder fragt: was fehlt dir? so mchte man antworten: o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in Demuth als Seufzer nicht fr den verwehen, den ich so innig verehren mu? Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das Evangelium lesen kann, der sollte es nie lesen wollen, denn was kann er anders dort finden, als die hchste Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten Gegenstande unsrer Verehrung, ist das Hchste in uns; es ruft aus uns ber Jahrtausende hinber: fhlst du mich denn auch? Siehe, du hast nicht umsonst gelebt, ich wei von dir, nur ein Herold der Menschheit bin ich, nur ein Laut aus der unzhlbaren Schaar! -- Sollte ein solches Gefhl nicht unmittelbare Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen erzeugen knnen? Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, wenn wir dieser Welt nur wrdig sind! Aber leider sind wir meist zu trge und todt, um die zu bewundern, deren Leben ein Wunder war; denn nicht was unser leeres Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, sollten wir so nennen, sondern die Kraft jener Weltberwinder, die ber Schicksal und Tod siegten, diese Helden sollten wir als Wunderthter verehren; unser uerer Mensch versteht und fat sie auch nicht, aber der innere fhlt sie, und in Andacht und Liebe sind sie ihm vertraut und mehr als verstndlich. Alles, was wir wachend von Schmerz und Rhrung wissen, sagte Anton, ist doch nur kalt zu nennen gegen jene Thrnen, die wir in Trumen vergieen, gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. Dann ist die letzte Hrte unsers Wesens zerschmolzen, und die ganze Seele fluthet in den Wogen des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer noch einige Felsenklippen brig, an denen die Fluth sich bricht. Gewi, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustnde des Wachens und Schlafens mehr als Geschwister behandeln, wir wrden dann klarer wachen und leichter trumen. Suchen wir doch am Tage mit der Phantasie auf diesem Fue zu leben, und wie viel knnten wir von ihr als Nachtwandlerin lernen, wenn wir sie als solche mehr achteten und beachteten. So finden wir auch in der alten Welt die Trume nicht so vernachligt, sondern aus ihren Ahndungen ging oft durch den Glauben der Menschen eine glnzende Wirklichkeit hervor. Wir trumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, und mchten diesen Traum ausdeuten; auf dieselbe Weise entfernt und nahe ist uns die Schnheit, und so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers Innern, wie aus einer Welt des Traumes heraus. So knnte man denn wohl, unterbrach Theodor, aus witziger Willkhr mit der Wirklichkeit wie mit Trumen spielen, und die Geburten der Dunkelheit als das Rechte und Wahre anerkennen wollen. Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte Wilibald. Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst mit neuer Frage. Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Rthsel und Wunder. Doch fhrt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu wollen, am Ende selbst wieder in das Gewhnliche zurck. Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, so bleiben nach meinem Gefhl Witz und Scherz immer etwas sehr Nchternes, wenn sie nicht unter ihrer Verhllung eine Wahrheit aussprechen knnen, so wie ich auch glaube, da es keine Wahrheit giebt, der Witz und Scherz nicht das Lcherliche abgewinnen mgen. Lachen wir doch auch nur recht herzlich und gemthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, ber unsre Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich noch nicht seinem Freunde zum Scherze gern hingegeben hat, hat noch keinen Freund recht von ganzer Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende selbst dem Spotte nach, und enthllt freiwillig das Lcherliche in sich, um sich gleichsam dem Freunde zu vernichten; denn, um es heraus zu sagen, das Lachen ist den Thrnen wohl nher verwandt, als die meisten glauben, endigt es doch auch, wie die Rhrung, mit diesen. Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben wiederholen hren: da die Menschen die Lcherlichkeit frchten, und da deshalb der komische Dichter, oder Satiriker, oder wie sie ihn nennen mgen, diese allgemeine hchste Reizbarkeit der Menschen benutzen msse, um sie zu bessern; dieser Satz ist gewi in der Anwendung falsch, und an sich selbst nur einseitig wahr. Das Lcherliche, welches sich mit dem Verchtlichen verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, und wo mglich Vernichtung, dieser oder jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung, oder Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so gehssig und bitter, da wohl zu keiner Zeit ein edler Mensch sich diesem Lcherlichen hat blo stellen mgen, denn ein feindliches Wesen, das irgend ein Leben zu vernichten strebte, kmpfte in diesem wilden, anmalichen Lachen; auch gestehe ich gern, da ich diesen sogenannten Satirikern, besonders der neuern Zeiten, niemals Freude und Lust habe abgewinnen knnen, ich wei auch nicht, ob ich eben bei ihren Darstellungen gelacht habe. Eben so wenig mgen wir uns an der Stelle des Narren befinden, der seine Menschheit wegwirft und sich unter den Affen erniedrigt, um seinem rohen Herrn ein Schauspiel des Ergtzens darzubieten, von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. Es gehrt schon ein hherer, ein wahrhaft menschlicher Sinn dazu, um auf die rechte Art und bei den richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn die Thrne dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen eines Menschen schwerlich ber das Niedrige oder Edle seiner Gesinnung tuschen. Wie unterschieden ist aber von jener hassenden Bitterkeit und traurigen Verchtlichkeit die Lust der Freude, das Entzcken unsrer ganzen Seele, (in der sich wohl, wie Manfred whnt, alle Urkraft des Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen mag) wenn alle unsere Anschauungen und Erinnerungen in jenem wundersamen Strudel der Wonne auf eine Zeit untergehn, welcher die Tne des Gelchters aus der Verborgenheit herauf erschallen lt. Erregt ein wahrer Schauspieler diesen Zustand in uns, so ist er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so wenig gesellt sich ein Gefhl der Verachtung zu unserer Freude, da wir im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten in unser innerstes Herz schlieen; der Dichter, der diesen Strom der Lust in der Wste aus dem Felsen schlgt, erscheint uns wunderthtig. Ja, ich behaupte, da unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft lieben soll, an diesem irgend einen Schein des Lcherlichen finden mu, weil sie ihn dadurch gleichsam erst besitzt; auch da wir keinen Freund oder keine Geliebte haben mchten, ber die wir in keinem Augenblick ihres Daseins lachen oder lcheln knnten; der Held eines Gedichts ist erst dann unsers Herzens gewi, wenn er uns einigemal ein stilles Lcheln abgenthigt hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers und der Nibelungen Helden. Sogar (und ich sage wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese Meinung ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenstnden ist dieses Gefhl so wie das des Mitleidens nicht nachtheilig und feindlich, oder hebt unsere Liebe und hohe Rhrung auf, sondern wir knnen den heiligen Wahnsinn der groen Religionshelden bewundernd beweinen, und doch kann ein geheimes Lcheln ber der Verehrung schweben, denn diese seltsame Regung erhebt sich zugleich mit allen Krften aus den Tiefen der Seele; wir fhlen, wie so vielen Gemthern das, was wir anbeten, nur belachenswerth sein drfte, und weil diese vor den Augen unsers uern Verstandes nicht Unrecht haben, und sich fr diesen Zweifel auch eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung und unserem Mitleid hlfreich und rettend hinzu, um in angstvoller Liebe an dem Gegenstande unserer Bewunderung ein hheres Recht auszuben. Der alte Ausdruck von den Helden der Religion: sie haben sich zu Thoren gemacht vor der Welt, ist vortrefflich. Gewi, sagte Manfred, ist das Lcherliche in seiner Tiefe noch niemals angeschaut und die wunderbare Natur des Witzes auch nur einigermaen erklrt; wer wird uns denn noch einmal etwas deutlicheres darber sagen knnen, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst ist den meisten Menschen nur eine leichte Sache, aber woher es kommt und wohin es geht, ist noch schwerer als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und gerade hier habe ich nur so wenig von ihm gefunden. Dieses Gesprch, sagte Theodor, erinnert mich an jene Unschuld des Komischen, welches ich immer allen andern bedeutenderen Arten des Lcherlichen vorgezogen habe. Ich meine jenes leichte Berhren aller Gegenstnde, jenes gemthliche Spiel mit allen Wesen und ihren Gedanken und Empfindungen, welches neben seiner kraftvollen kecken Darstellung einer der herrlichsten Vorzge Shakspears ist, den man nicht leicht demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur eine Charade oder ein sinnreiches Rthsel sucht, der aus der Anwendung und dem Treffenden nach Auen erst rckwrts das Komische verstehn kann, und dem es leere Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische Bedeutung auftreten will. Von hier aus, meinte Wilibald, msse es eine vortreffliche Ausbeugung in das wahre Gebiet der Albernheit und in die Grnde ihrer Rechtfertigung geben, denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, da sie selbst ohne alles Leben und also vielleicht am meisten poetisch lebendig sei; doch Lothar, ohne auf diesen Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken, bemeisterte sich des Gesprches und fuhr so fort: Da unser ganzes Leben aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns zu vertiefen, und uns selbst zu vergessen und aus uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den Reiz unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, da die geistigste und witzigste Entwickelung unserer Krfte und unsers Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten Schauspiel eine Rolle bernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des Einzelnen wie des Ganzen mit der hchsten Wahrheit und in der vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. Es giebt wohl auch nur wenige Menschen, die dem Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn knnen, und wenn das Talent des Schauspielers auch selten sein mag, so ist die Lust zur Mimik doch fast in allen Menschen thtig. Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewi unendlich viel zu danken, unser innerlicher Mensch ahmt oft lange einen Gedanken, oder die Vortrefflichkeit einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur mimisch nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, uns die Sache selbst durch Wiederholung und Angewhnung zu eigen machen knnen. Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrlich, da aus demselben Triebe auch alle Affektation, Ziererei, Unnatrlichkeit, kurz, alles ffische Wesen im Menschen entspringt, so da diese Sucht wenigstens eben so schdlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen kann, wohlthtig sein mag. Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr Lothar ungestrt fort, da wir sie jezt doch nicht erschpfen knnen; ich wollte nur auf die Bemerkung einlenken, wie es zu verwundern sei, da es noch keinem von uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen und ohne Zweifel talentvollen Gesellschaft irgend ein dramatisches Werk, am liebsten eins von Shakspear, darzustellen. Welchen Genu wrde jedem von uns dieser Dichter gewhren, wenn wir eins seiner Lustspiele, zum Beispiel Was ihr wollt, bis ins Innerste studirten, und neben dem Vergngen, welches das Ganze gewhrt, auf das vertrauteste mit jeder einzelnen Schnheit und ihrer Beziehung und Nothwendigkeit zum Ganzen bekannt wrden, und so mit vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch uerlich vor uns hinzustellen suchten. Du hast ja diesen Einfall und Verstand fr uns alle gehabt, versetzte Wilibald, auch kannst du zur Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen bernehmen. Schade nur, da kein romantisch brllender Lwe in diesem Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu entwickeln. Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, habe ich schon ziemlich bersehn: den Malvolio wrdest du selbst unvergleichlich darstellen, unser Manfred bernhme den Tobias und ich den Junker Christoph; den liebenswrdigen Narren Theodor, und Friedrich den Sebastian, Ernst den Antonio, Anton den Herzog; Auguste wrde zierlich und witzig die Marie geben, Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara hchst anmuthig die Olivia; alles brige findet sich von selbst. Wie kommt es nur, sagte Theodor, da eine geistreiche Gesellschaft, ohne Rollen auswendig zu lernen, niemals auf den Gedanken verfllt, aus sich selbst unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken ein poetisches Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- und Entwickelung auszufhren? Der eine wre der mrrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber, der andere der Eiferschtige, jener der leichtsinnig Flatterhafte, dieser der Melankolische; die Damen theilten sich in witzige und zrtliche Charaktere, und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und zu befrdern. Warum streben wir in unsern Gesellschaften immer das eine ermdende Bild eines negativen wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in hergebrachter Liebenswrdigkeit abzuqulen? Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon unbewut das, was du verlangst, und verwechselt auch mit Leichtigkeit die verschiedenen Rollen. Sonst erinnert deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen Beinamen ihrer Mitglieder. Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, mchte fr uns Frauen beschwerlich, wo nicht unmglich sein, aber ich war schon gestern auf dem Wege, Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich wei, da Sie alle Dichter sind, und hre von Manfred, da Sie glcklicherweise manche Ihrer Arbeiten mitgebracht haben; wie wre es also, wenn Sie uns diese nach Lust und Laune mittheilten, und so manche Stunde angenehm ausfllten, die uns die Musik, oder die Besuche und Spaziergnge brig lassen? O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen wir Mdchen und Frauen nach der Lektre die Rezensenten spielen, und uns ber alles lustig machen, was wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat. Rosalie fgte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, auch Auguste vereinigte sich mit beiden, und als Lothar die Freunde stillschweigend ein Weilchen angesehn hatte, schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen und rief: o ich bitte euch so inbrnstig, als man nur bitten kann, schlagt uns diesen bittenden Vorschlag nicht ab, denn schon lngst habe ich Lust gehabt, einige meiner Thorheiten euch und diesen guten wibegierigen Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; o ihr Edlen, wenn ihr eine Ahndung davon habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript in der Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, so laut man es auch rascheln hrt, wenn ihr selbst jemals gerne vorgelesen habt, o so seid nicht so grausam, mir diesen Genu zu rauben, und mein poetisch beladenes Herz auszuschtten. Aber vielleicht sind einige von Euch in derselben Verfassung. Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich gern mit, vorzglich in einem Kreise, wie der gegenwrtige ist. Wir fhren wirklich einige Jugendversuche mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet und bergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten nicht zu strenge sein wollen, so berwinden wir vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so manchem Jahre wieder auftreten zu lassen. Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich mit irgend einer Erzhlung den Anfang zu machen, rief Wilibald aus: halt! ich protestire mit aller Macht gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie knnte ein wahrer Genu entstehn, wenn wir es dem Zufall so ganz berlieen, in welcher Folge unsre Versuche auftreten sollten? In allen Dingen ist die Ordnung zu loben, und so lat uns nachdenken, auf welche Art und Weise wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse Einrichtung etwas mehr Wrze geben knnen. So mge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art von dramatischer Einrichtung statt finden. Sei jeder von uns nach der Reihe Anfhrer und Herrscher, und bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen werden sollen, so steht zu hoffen, da solche sich vereinigen werden, die durch eine gewisse Aehnlichkeit freundschaftlich zusammen gehren. Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht zu gefhrlich, weil sie an den Boccaccio erinnern drfte. Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italinischen Novellisten, die mit minder oder mehr Glck von dieser Erfindung Gebrauch gemacht haben. Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer Hinsicht nicht an diesen berhmten Autor erinnern wollen, denn gewi verschonen Sie uns mit dergleichen rgerlichen und anstigen Geschichtchen, deren er nur zu viele erzhlt. Wir knnen dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt versprechen, antwortete Manfred, wenn wir uns nicht darber erst etwas verstndigt haben, was wir rgerlich oder anstig nennen wollen. Davor, da wir keine Erzhlungen, die ihm hnlich oder nachgeahmt sind, vortragen werden, sind Sie hinlnglich gesichert, denn es erfordert das glnzende Talent seiner gediegenen, scharfen und bestimmten Darstellung, welche nie zu viel oder zu wenig sagt, die nichts verhllt und doch immer von den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste Seltsamkeiten vorzutragen: alle seine Nachahmer, selbst den Bandello nicht ausgenommen -- gar des ganz verunglckten franzsischen La Fontaine oder des neueren Casti zu geschweigen -- bleiben weit hinter ihm zurck, sei nun von Styl, Erfindung oder Schmuck des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn davon, mu ich bezweifeln, da der Dekameron gebildeten und freundlichen Gemthern wirklich anstig sein knnte. Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da er das zartere Gemth und die hhere Stimmung doch nur zu oft verletzt. Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred. Wir stehn hier auf der Stelle, auf welcher sich der Dualismus unserer Natur und Empfindung am wunderbarsten, reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich den Witz und die Schalkheit der Natur im Heiligsten und Lieblichsten verschweigen wollen, ist vielleicht nur mglich, wenn man geradezu Karthuser wird, und vom Schweigen und Verschweigen Profession macht. Wenn der Frhling sich mit allen seinen Schtzen aufthut, und die Blumen gedrngt um dich lachen, so kannst du dich in deiner rhrenden Freude nicht erwehren, ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen an diese zu knpfen, ja selbst die holdselige Rose ruft dir errthend die rthselhaften Reime alter Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht unlieber; so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern der Sonne die unbescheidenen Namen ein, welche die Knigin im Hamlet verschweigt, -- ^-- crow -- flowers, nettles, daisies, and long purples,^ ^That liberal shepherds give a grosser name,^ ^But our cold maids do dead men's fingers call them.^ Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht htte auslassen sollen. Doch dies nur im Vorbeigehn: fahre fort. So wunderbar und noch mehr, begann Manfred wieder, ist es mit der Liebe. Es giebt eine solche Heiligkeit dieses Gefhls, eine so wundersame paradisische Unschuld, da im Unbewutsein, in der Unkenntni der gegenseitigen Liebe wohl oft die hchste Seligkeit ruht; der erste erwachende, sich begegnende Blick hat diesen Frhling entlaubt, und das erste Wort des Gestndnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein. Nirgend fhlt der Mensch so sehr, wie er verlieren mu, um zu gewinnen, wie jedes Glck ein Geheimni ist, welches angerhrt und ausgesprochen seine Blte abwirft. Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren Gedanken ergriffen; man sah ihn im Buchengange auf und nieder wandeln, indem er sich fter die Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie es wohl Menschen mag gegeben haben, die schon mit diesem ersten Seufzer die Blume ihres Lebens verloren, so ist es doch natrlicher und wahrer, sich auch in dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen Dingen mit einem gewissen Heroismus zu waffnen, und frh zu erfahren, da wir alles, was wir besitzen, nur durch den Glauben besitzen, und da am wenigsten die Liebe eine bloe Begebenheit in uns sei, sondern da sie, wie alles Gute, von unserm Willen abhngt; denn von ihm geht sie aus, nachher wird er zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber spterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und bestehn. Ein solcher Sinn und krftiger aber frommer Wille verliert des Herzens Unschuld nie, der Scherz ist ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit dem zu tndeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, denn wahrlich dem Reinen ist alles rein. Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die gesunde Zeit unsers deutschen Mittelalters, als neben den Nibelungen und dem Titurell der se Tristan seinen Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen groen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte Erzhlungen. Die spter auftretende bersinnliche, oder auersinnliche Liebe, war noch nicht von der sinnlichen getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele verbunden, in der hchsten Vergeistigung gesund, in dem freiesten Scherze unschuldig. Warum, fuhr Manfred fort, wrde denn die Liebe allmchtig genannt? Sie wre ja ohnmchtig, wenn sie nicht die scheinbar uersten Enden freundlich verknpfen knnte. Knnte sie den unendlich mannichfaltigen Zauber denn wohl ausben, wenn sie nicht Alles bese, und sich nicht, eben wie die Geliebte, mit allen Reizen dem sehnschtigen Herzen ergbe? Der verdorbene Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der Liebe und ihren Dichter verstehn, er fat nicht das holde Wesen, welches sich dem Hchsten und Geistigsten zum scheinbaren Kampfe gegenber stellt, so sehr er auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte Dichter damit trieben, und der Liebende kennt freilich nichts Verhateres als diese Menschen und ihre Gesinnungen, die im Herzen seines Lebens mit ihm zusammen zu treffen scheinen. Daher, sagte Ernst, der miverstandene Spott dieser niedrigen Menschen ber die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre unbeholfene Beschmung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lstern die Liebe und alles Gttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Grnze jener heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der Tragdie und dem groen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie sehnte, als die Trennung des Gemthes sich schon schrfer gegenber stand, und eine krftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die stille Harmonie der alten grosinnigen Gemlde verdunkelte. Sein Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller Nationen, und die komische, lcherliche und niedrigere Natur der Liebe ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefhlt, ihr holdes Wesen schien immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere nher zu fhren, (inde nun diesem Streben gegenber schon die ganz reine, berirdische Idee der Liebe, oft bis zum Gtzendienste entstellt, sich auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome's Schriften endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn. Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollstndige Mensch, der zwar ohne ngstliche Zchtigkeit, aber nicht ohne Schaam ist, der wie Ariost immer die Schnheit fhlt und singt, und der nur jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmht, sondern sie im Gegentheil gern so reicht und flicht, da ihr symbolischer Sinn unverholen in die Augen fllt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht verletzen; aber freilich mssen wir jezt, da verdorbene Generationen und Bcher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn, um nur den Ruhm der Zchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer gewissen Prderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach berstandener Krankheit noch lange das Ansehn eines Kranken, und mu auf einige Zeit noch etwas von dessen Dit beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach einem Zeitalter der Zgellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus, eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch immer das Wort fhrt, so da ein gesittetes Mdchen oder eine zchtige Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeuern sehr verschiedene Wesen sein mgen. Die Reformation hatte in Deutschland schon frher eine hnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um von dieser Seite die Vorwrfe ihrer Gegner zu entkrften. Fast allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Zchtigkeit gewahr, denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergtzen sie sich um so lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der ffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die liebenswrdigen Weiber von diesen Orgien vllig ausgeschlossen sind, so sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verchtlicher geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und wehe dem Zarteren, der das Unglck hat einem Ottern- und Krtenschmause beiwohnen zu mssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft giebt, die darauf ausgeht, recht vollstndig ihren Ha gegen die Untugend an den Tag zu legen. Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie zu herrschen anfing, und Cervantes die frhere Celestina als zu frei tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosesten Werke las und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder Unwitz antreffen lieen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele hatten verchtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz und zur Menschenwrde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und Beatricen, die freilich unser jetziges verwhntes Zeitalter ebenfalls anstig findet. Was ist es denn, was uns wahrhaft anstig, ja als Menschen unertrglich sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der khnste Witz, denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die krftige Zeichnung der thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen, wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, da gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen knne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jngere Crebillon, und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfltig nachgeahmt und die edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer verdorbenen Phantasie und eines zu nchternen Herzens frei zu sprechen: fr schwache Wesen, (aber auch nur fr solche) knnen diese beiden Schriftsteller allerdings gefhrlich werden, so sehr sich auch der letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht darin besteht das Verderbliche, da man das Thier im Menschen als Thier darstellt, sondern darin, da man diese doppelte Natur gnzlich lugnet, und mit moralischer Gleinerei und sophistischer Kunst das Edelste im Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit fr gleichbedeutend ausgiebt. Seine Bcher, sagte Emilie, haben mich immer zurck geschreckt, und ich habe frher meinen Tchtern lieber manche andre erlaubt, die nicht in so gutem Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe ich fr schdlich gehalten. Ich hoffe, jezt knnen sie auch diese ohne allen Nachtheil lesen, da ihr Geist gestrkt ist, und ihr Sinn das Edlere erstrebt. Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul Thmmeln den Vorwurf, da er zu unsauber sei (denn dessen Reisen gehren recht zu jenen eben gergten Werken, und die Bekehrung des lockern Passagiers in den letzten Bnden ist noch die schlimmste Snde des Autors); ich aber mchte unserm witzigen Jean Paul mit demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, da er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prde sei. Ein Autor, der so das Gesammte der Menschennatur, das Seltsamste, Wildeste und Tollste in seinen humoristischen Ergieungen aussprechen will, darf in diesen Regionen des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, oder aus miverstandner Moral mit der Unzucht und Unsitte auch die Schalkheit verachten wollen. Noch seltsamer aber, da er die medizinischen und wahrhaft ekelhaften Spe liebt, die kaum Witz zulassen und meist nur Widerwillen erregen, wenn man nicht die Feder des Rabelais besitzt, der freilich wohl sein Kapital von der ^Gaya Ciencia^ schreiben durfte. Aber, theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf das zurck zu kommen, wovon wir ausgingen, so mag freilich wohl hie und da in unsern Dichtungen (vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das Hausrecht brauchen und den Wirth spielen mchte) etwas vorkommen, was die bertriebene Delikatesse krnkelnder Menschen (ich meine dich, Anton, nicht hiemit) anstig finden mchte, was aber, hoffe ich, nach dem in unserm Gesprch angegebenen Unterschied keinem gebildeten und heitern Menschen rgerlich werden kann. Wir wollen aber weder zu viel versprechen noch drohen, sondern lat uns vielmehr beginnen, und whlt also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der Anfhrer und Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele und Wettkmpfe sein soll. Clara gab ihren Blumenstrau dem neben ihr sitzenden Anton und sagte: Sie haben fast immer geschwiegen, sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich und heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir denn, sagte er, mit Mhrchen der einfachsten Composition beginnen, und jeder bringe morgen das seinige vor unsre Richter. Mit Mhrchen, sagte Clara, fngt das Leben an; in ihnen entwickelt sich das Gefhl der Kinder zuerst, und ihre Spiele und Puppen, ihre Lehrstunden und Spaziergnge werden von ihrer Phantasie zu Mhrchen, die ich noch immer ganz vorzglich liebe, das heit, wenn sie so sind, wie ich sie liebe. So gebe die Muse, da Ihnen die unsrigen wohl gefallen, sagte Anton. Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nchsten Hgel den schnen Untergang der Sonne zu genieen. Auch ein Mhrchen, sagte Rosalie, indem sie die Hand vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine nachsah; so wie der Frhling und die Pracht der Blumen, es blht auf in aller Flle und Herrlichkeit, der Schatten fat den Glanz und zieht ihn hinab, und wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach. So wie dem Mhrchen-Gedicht der Schnheit, sagte Anton; und Friedrich fgte hinzu: doch bleibt unser Herz und seine Liebe die unwandelbare Sonne. -- * * * * * Ein glnzender Sternenhimmel stand ber der Landschaft, das Rauschen der Wasserflle und Wlder tnte in die ruhige Einsamkeit des Gartens herber, in welchem Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten goldnen Streifen des Horizontes in den springenden Quellen hervorbrachten. Jezt ertnte Manfreds Waldhorn aus dessen Zimmer und die melankolischen durchdringlichen Tne zitterten vom Gebirge zurck, als Ernst, der von den Hgeln herunter kam, durch das Thor des Gartens trat, und sich zu dem einsamen Theodor gesellte. Wie schn, fing er an, schliet diese heitre Nacht die Gensse des Tages; die Sonne und unsre Geliebten sind zur Ruhe, Wlder und Wasser rauschen fort, die Erde trumt, und unser Freund giet noch einen herzlichen Abschied ber die entschlummerte Natur hin. Anton, sagte Theodor, schlft auch noch nicht, er sitzt im Gartensaale und schreibt ein Gedicht, welches unsern Vorlesungen als Einleitung oder Vorrede dienen soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden. Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; ich hege das schne Vertrauen, da unser aller Freundschaft sich hier noch fester knpfen und fr die Ewigkeit hrten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern in lauer Luft dieser vergnglichen flchtigen Leben, die wie Diamanten durch das dunkle Grn der Gebsche zucken, und bald in zitternden Wolken, bald einzeln schimmernd, wie sanfte Tne, unsre Rhrung wecken, -- und ber uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht nicht der Himmel ber der stillen dunkeln Erde wie ein Freund, aus dessen Augen Liebe und Zuversicht leuchten, dem man so recht mit ganzem Herzen in allen Lebensgefahren und allem Wandel vertrauen mchte? Diese heilige ernste Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, die zu stillen Freuden werden, und so schaut mich jezt gro und milde mit seinem menschlichen Blick der edle Novalis an, und erinnert mich jener Nacht, als ich nach einem frhlichen Feste in schner Gegend mit ihm durch Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung ahndend, von der Natur und ihrer Schnheit und dem Gttlichen der Freundschaft sprachen. Vielleicht da ich so innig seiner gedenke, umfngt mich sein Herz so liebend, wie dieser glhende Sternenhimmel. Ruhe sanft, ich will mich auf mein Lager werfen, um ihm im Traum zu begegnen. Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall ihr klagendes Lied aus voller Brust, und zndete, wie eine Feuerflamme, rings in den Gebschen die Tne andrer Sngerinnen an; aus einer Jasminlaube erklangen die Laute einer Guitarre, und der glckliche Friedrich wollte sein Leid, diese Phantasie singend, besnftigen: Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren, Und im Sehnen Thrnen uns verklren, Geister: Hlfe! rufen tief im Innern, Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht, Alle rothen Ksse mitgebracht, Alles Lcheln, das die Liebste je gelacht, O dann saugt mit ihrem Purpurmunde Himmels-Wollust unsre Wunde, Sie entsaugt das Gift, Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft. Wie die kleinen fleigen Bienen Gehn, um Blumenlippen zu benagen, Wie sich Schmetterlinge jagen, Wie die Vgel in dem grnen Dunkeln Springen, und die Lieder tnen, Also gaukeln, flattern, funkeln Alle Worte, alle Blicke, se Mienen Von der schnsten einzgen Schnen, Und in tiefer Winternacht Lacht und wacht um mich des Frhlings Pracht, Und die Schmerzen scherzen mit den Zhren, Und im Weinen scheinen mild sich zu verklren Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram, Wie in der holden Braut die Liebe kmpft mit Schaam, Und Leid und Lust nun mu vereinigt ziehen Und schweben nach der Liebe sen Harmonien. Erste Abtheilung. 1811. Die Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in den Garten, um die Luft zu genieen, welche am Morgen ein Gewitter lieblich abgekhlt hatte. Nun, sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk gewesen? Wo sind die Mhrchen? Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weit du doch nicht, ob sie dir wirklich Freude machen werden. Sie mssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht auf die Autoren sehr ungehalten werden soll. Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin denn ein Mhrchen eigentlich bestehen und welchen Ton es halten soll. Wir wissen nicht, was es ist, und knnen auch nur wenige Rechenschaft darber geben, wie es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder bearbeitet es auf eigne Weise und denkt sich etwas anderes dabei, und doch kommen fast alle in gewissen Dingen berein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, die jenes Colorit nicht ganz entbehren knnen, jenen wundersamen Ton, der in uns anschlgt, wenn wir nur das Wort Mhrchen nennen hren. Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhat gewesen. So habe ich den Hamiltonschen nie viel Geschmack abgewinnen knnen, so berhmt sie auch sind; die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren an, um mich nachher desto grndlicher zu ermden und zurck zu stoen, und unserm Musus bin ich oft recht bse gewesen, da er mit seinem spahaften Ton, mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm queer in seine Empfindung und Tuschung hineinzufallen, oft die schnsten Erfindungen und Sagen nur entstellt und fast verdorben hat. Dagegen finde ich die arabischen Mhrchen, auch die lustigen, uerst ergtzlich. Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still fortschreitenden Ton der Erzhlung, eine gewisse Unschuld der Darstellung in diesen Gedichten, die wie sanft phantasirende Musik ohne Lrm und Gerusch die Seele fesselt, und ich glaube, da ich mit Ihnen derselben Meinung bin. Darum ist das Gthische Mhrchen ein Meisterstck zu nennen. Gewi, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem Gedicht zufrieden sein knnen, das keinen Inhalt hat. Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen bittern Nachgeschmack zurck lassen, aber doch ein Nachgenieen und Nachtnen; dieses verfliegt und zersplittert aber noch mehr als ein Traum, und ich habe deshalb das herrliche Mhrchen von Novalis, so weit ich es verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch alle Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rhrt und begeistert und den lieblichsten Wohllaut in der Seele noch lange nachtnen lt. Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die groe Mhrchenwelt des Ariost getadelt, dem es auch an einem Mittelpunkte und wahrem Zusammenhange gebricht. Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon vollendet ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie fern die Seele dann bei einer so vielseitigen Composition jene Foderung eines innigeren Zusammenhanges vergessen kann. Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt finden, denn diese Theile sind ja nur durch das organische Ganze Theile zu nennen, knnen aber ohne dieses im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu Gedichten heien und als solche geliebt werden. Bei aller dieser scheinbaren Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende ordnende Seele, die der flchtigen Schnheit den ewigen Reiz geben mu. Der Dichter will Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen rnden, Er will nicht Mhrchen ber Mhrchen hufen, Die reizend unterhalten und zuletzt Wie lose Worte nur verklingend tuschen. Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost nicht anders wnschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind fr diese so khne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte Anton, drfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer beilegen liee; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen, von denen er die lngsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein gleichfrmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich mchte also ebenfalls behaupten, da sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende hat, so wie ich davon fest berzeugt bin, da nur wenige Verehrer, selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so sehr auch alle mit den einzelnen berhmten und anlockenden Stellen vertraut sind. Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, welche ich, ohne damit ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder erfreuliche nennen mchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an. Sehn wir auf groer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel ber uns, so erschreckt und ermdet in seiner Reinheit dieser Anblick; doch wenn Wlkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie ber uns die lebendigen Dfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfllt ein liebliches Ergtzen unsre Seele. So wollen wir die groe Wiese mit Gebschen und Bumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fhlen wir in unsrer nchsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das Bedrfni einer gewissen Kunst. Die weien leeren Wnde unsrer Zimmer und Sle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Frchte umgeben uns in gefrbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flchen mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fuboden mu sich zum Schmuck und zur anstndigen Zier zusammen fgen. Alles soll den uern Sinn erregen und dadurch auch den innerlichen beschftigen, und Rafaels Wandgemlde im Vatikan sind fr Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als immerwhrende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedrfni des gebildeten Menschen erfllt Ariost, er ist mehr Gefhrte und Freund als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir ber die vollendete Schnheit des Einzelnen, ber diese Flle der Gestalten, ber diesen zarten blumenartigen Witz, ber diese ernste und milde Weisheit eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen. Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, da diese gesellige Kunst auch in der Poesie sich zeigen drfe, und hier finde ich Gelegenheit, an unser gestriges Gesprch ber die Grten zu erinnern, welches nach meiner Meinung abbrach, ohne zu beschlieen. Die hohe Empfindung, welche uns der Anblick der Natur gewhrt, sei es das Gefhl des Waldes, des Meeres oder Gebirges, lt sich in keinen Garten ziehn, denn diese Gefhle sind wechselnd, unbeschrnkt, unaussprechlich. Diejenigen, welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majesttische erregen wollten, haben sich im grten Irrthume befunden, und es war natrlich, da ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten muten. Das Schne und Rhrende ist es, welches Hgel, Baumgruppen, kleine Flsse, Wasserflle und Seen erregen knnen, ein schwrmendes musikalisches Gefhl, welches ziemlich deutlich den Knstler, welcher den Garten anlegen will, bewegen mu, und welches im Beschauen eben so wiedertnt. Dieser Grtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natrliche ausschlieen, und darum zieht mancher Knstler gern kleine Saatfelder in seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschrnkten Beschftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen. Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden, sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genieen. Wenden wir uns nun zu der sogenannten franzsischen Gartenkunst, so finden wir hier eine dieser natrlichen vllig widersprechende. Wie sie alle Natur aus ihren Grnzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natrliche; denn so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende Gebsche, und jene se Schwrmerei und musikalische Empfindung verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch schwrmerischen Gefhle eine pathetische Entzckung nennen mchte; alles erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren; gleich vom ersten Eintritt fhle und bersehe ich den Plan des Ganzen, und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der groartigen Composition zurck. Dazu dienen die groen freien Pltze, die geraden Baumgnge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen und Wasserknste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenber Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen wrde, da der Grtner und Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schpfen, so thte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie des Gemthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu unmglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewi jeder aus beiderlei Grten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der regelmige Garten schliet vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten mit einem parkhnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am Hause freie Rume und eine gewisse Regelmigkeit ausspart. Es ergiebt sich auch von selbst, da der regelmige Kunstgarten eine allgemeinere Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmig nachgeahmt werden kann, da aber der Park sich nicht leicht wiederholen lt, sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten mu. Es ist aber wohl mglich, da es demohngeachtet nur wenige Hauptformen giebt, unter welche alle Grten dieser Art sich vereinigen lassen, und trotz der anscheinenden Einfrmigkeit drften dann die franzsischen Grten wohl eben so viele Gattungen aufweisen knnen. Ist es erlaubt ein Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so mchte ich am liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmigen Garten mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkhr in jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Knstlichkeit, in anscheinender Natrlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das Leben und seine Bedrfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft, welcher alle Theile verbindet. Im sdlichen Garten und Gedicht Regel und Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in groen Massen und scharfen Antithesen, eben so Freundschaft und Ha, aber ohne tiefe oder bizarre Individualitt, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt, Knstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden durch einen begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man knnte selbst die Reden in Stanzen oder andern knstlichen Versmaen (die sich gewi ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen, entfernen) mit den beschnittenen glnzenden Taxus- und Buxus-Wnden vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte. Auch diese, sagte Manfred, drfen in einem Kunstgarten nicht fehlen, auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes glnzendes Laub nur langsam wieder nachwchst, und sie sich berhaupt weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich khne Buchen darein fgen. Doch glaub' ich, knnen geschnitzte Piramiden und hnliche Figuren fglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden. Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, da man in der Zukunft manche der natrlichen Parks wieder in dergleichen knstliche Anlagen umarbeiten mchte. -- -- Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie sich gegen Anton) es ist berhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur oder natrlich sei? Vielen Mibrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte, und nun gegenber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber beide, richtig verstanden, in der Poesie wie in den Knsten, nur ein und dasselbe. Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjger vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf Sonnen-Auf- und Untergnge von hohen Bergen, auf Wasserflle und Naturphnomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen verderben, um einen Genu zu erwarten, der oft nicht kmmt, und den sie nachher erheucheln mssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so, wie sie mit den merkwrdigen Mnnern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus und stellen sich ihnen gegenber; da stehn sie nun an der bekannten und oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen. Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in jeder Stunde jedweden vorwitzigen Besuch an, oder vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre Heiligkeit zu fhlen. In uns selbst mu die Harmonie schon sein, um sie auer uns zu finden, sonst behelfen wir uns freilich nur mit leeren Phrasen, ohne die Schnheit zu genieen: oder es kann auch wohl ein unvermuthetes Entzcken vom Himmel herab in unser Herz fallen, und uns die hchste Begeisterung aufschlieen: dazu aber knnen wir nichts thun, wir knnen dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung begiebt sich in uns nur. So viel ist gewi, da jeder Mensch wohl nur zwei- oder dreimal in seinem Leben das Glck haben kann, wahrhaft einen Sonnen-Aufgang zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht, wie Sommerwolken, unserm Gemth vorber, sondern es macht Epoche in unserm Leben, wir brauchen lange Zeit, um uns von solcher Entzckung wieder zu erholen, und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen Minuten. Aber nur Stille und Einsamkeit vergnnen diese Gaben; eine Gesellschaft, die sich zu dergleichen auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem Theater, und bringt auch gewhnlich dieselbe alberne Freude und leere Kritik wie dort mit herunter. Noch seltsamer, sagte Ernst, da so wenige Menschen den wundervollen Schauer, die Bengstigung empfinden, oder sich gestehn, die in manchen Stunden die Natur unserm Herzen erregt. Nicht blo auf den ausgestorbenen Hhen des Gotthard erregt sich unser Gemth zum Grauen, nicht blo -- wenn es hin zur Fluth euch lockt, -- -- zum grausen Wipfel jenes Felsen, Der in die See nickt ber seinen Fu, -- Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn, Der so viel Klafter niederschaut zur See, Und hrt sie unten brllen; sondern selbst die schnste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch unsre Phantasie jagen, da wir ihr entfliehen, und uns in das Getmmel der Welt hinein retten mchten. Auf diese Weise entstehn nun wohl auch in unserm Innern Gedichte und Mhrchen, indem wir die ungeheure Leere, das furchtbare Chaos mit Gestalten bevlkern, und kunstmig den unerfreulichen Raum schmcken; diese Gebilde aber knnen dann freilich nicht den Charakter ihres Erzeugers verlugnen. In diesen Natur-Mhrchen mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem Kindischen, und verwirrt unsre Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um diesen selbst nur in unserm Innern zu lsen und frei zu machen. Sind die Mhrchen, fragte Clara, die Sie uns mittheilen wollen, von dieser Art? Vielleicht, antwortete Ernst. Doch nicht allegorisch? Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt vielleicht keine Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewut, zum Grund und Boden ihres Wesens htte. Gut und bse ist die doppelte Erscheinung, die schon das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die uns in jeder Darstellung von neuem ergreift, die uns aus jedem Rthsel in den mannichfaltigsten Formen anspricht, und sich selbst zum Verstndni ringend auflsen will. Es giebt eine Art, das gewhnlichste Leben wie ein Mhrchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als wre es das Alltglichste, vertraut machen. Man knnte sagen, alles, das Gewhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch Dante's Allegorien so berzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis sagt: nur _die_ Geschichte ist eine Geschichte, die auch Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele kranke und schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit zu nehmen, und diese sind die ermdendste Unterhaltung. -- Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen hat. Anton zog einige Bltter hervor und las: Phantasus. Betrbt sa ich in meiner Kammer, Dacht' an die Noth, an all den Jammer, Der rundum drckt die weite Erde, Da man nur schaut Trauergeberde, Da Lust und Sang und frohe Weisen Gezogen weit von uns auf Reisen, Da Argwohn, Mitraun unsre Gste, So Furcht wie Angst bei jedem Feste, Da jedermann nur frgt in Sorgen: Wie wird es mit dir heut und morgen? Dazu war ich noch schwach und krank, Mir war so Tag wie Nacht zu lang; Ich sorgte, was mein Arzt ermessen, Was ich nicht trinken durft' und essen, Wie meine Pein zu lindern wre, Was mir den Schlaf, die Ruh nicht stre: So sa ich still in mich gebckt, Den Kopf in meine Hand gedrckt, Als ich, so sinnend, es vernahm Da jemand an die Thre kam, Es klopfte, und ich rief: herein! Da ffnet schnell ein Hndelein So wei wie Baumesblth, herfr Trat dann ein Knblein in die Thr, Das Haupt gekrnzt mit jungen Rosen, Die eben aus den Knospen losen, Wie Rosengluth die Lippen hold, Das krause Haar ein funkelnd Gold, Die Augen dunkel, violbraun, Der Leib gar lieblich anzuschaun. Er trat vor mich und tht sich neigen, Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen: Wie kmmts, mein lieber kranker Freund, Da ihr hier sitzt, da Sonne scheint? Der Frhling geht umher mit Pracht, Hat Laub des Waldes angefacht, Es brennt das grne Feuer wieder, Und drein ertnen tausend Lieder, Die Erde trgt ihr Sommerkleid, Der Plan erglnzt von Blumen weit, Es spielt der Fisch in blauem See, Vom Obstbaum hngt der Blthenschnee, Die Lieb- und Segen-schwangre Luft Durchspielt in Wogen Kraft und Duft, Das Kindlein lacht die Blthen an Aus rothem Mund mit weiem Zahn, Der Jngling sieht sein Herz und Lieben In Blumenschrift mit Glanz geschrieben, Sich hebt der Jungfrau schne Brust In ahndungsvoller Liebeslust, Der Greis erfrischt die alten Glieder Und dnkt sich in der Kindheit wieder, Und jedermann fhlt freudenschwanger Den dunkeln Wald, den lichten Anger. Du nur willst sitzen hier gekauert, In deinen Sorgen eingemauert, Von Schwermuths-Wolken rings umhngt, In Noth und Zweifeln eingeengt? Ich kenne dich nicht wieder schier; Hinaus mach' stracks dich vor die Thr, Und thu dein menschlich Angesicht Hinein in holdes Himmelslicht, La nicht die Stirn dir so verrunzeln, Der Lippen Frische ganz verschrunzeln, Das Auge, das sonst Strahlen scharf, Von seinem lichten Bogen warf, Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen Und schiet nur schwer' und stumpfe Bolzen; Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen, Scherz, Ku sind ihm wildfremde Sachen, In deiner gelb verschrumpften Haut Der Kummer sich im Spiegel schaut; Nicht, Creatur, mach' Schand' und Spott, Der dich geschaffen, deinem Gott, Schau aus, als seist nach seinem Bilde Formiret edel, heiter, milde, Verbrmmelt nicht und ungelachsen, Als sein in dir zusamm gewachsen All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn, Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn; Frisch auf, la dich von mir regieren, Ins Frhlings-Reich will ich dich fhren. Er schwang in seiner Rechten zart Die Tulpenblum seltsamer Art, Wie er sie auf und nieder regte Ein farbig Feuer sich bewegte, Und lichte Sterne kreisten, welche Sich schttelten aus goldnem Kelche, Sie flogen wie die Vglein munter Mir um das Haupt, herauf, herunter, Und neckten mich mit Flammenleuchte, Wie ich auch bang sie von mir scheuchte. Ich sprach halb zornig: wer bist du, Der mich gestrt in meiner Ruh, Du Knblein laut, vorwitziglich, Der du also bespttelst mich, Und willst, weil du ein Kindlein frei, Da alle Welt auch kindisch sei? Ich habe mehr gelernt, erfahren, Bin auch jetzund was mehr bei Jahren, Da Spiel, unntzer Zeitvertreib Nicht mehr gefallen meinem Leib, Auch ist umher die ganze Welt Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt, Da der nur Thor jedwedem scheint, Der sich nicht hherm Zweck vereint, Du aber, Knblein, bist inmitten Der Bildung nicht mit fortgeschritten, Meinst noch, da man nach Blum' und Kraut Und all den Kinderein ausschaut, Das hlt man jezt fr Rauch und Dunst, Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst. Der Knabe lacht', da sich das Gold Der Locken in einander rollt Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt, Ich bin der Phantasus genannt, Heimathlich war ich sonst bei dir, Dein Spielgefhrte fr und fr, Als du mich noch am Herzen hegtest Und vterlich und freundlich pflegtest, Da war dein Sinn anders gestellt, Mit dir zufrieden und der Welt War dir die Arbeit Lust und Scherz, Frisch und gesund dein junges Herz. Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind; Du also bist dasselbe Kind, Das tglich Blumen mir gebracht, Holdseeliglich mich angelacht, Das mir verscherzt die muntern Stunden, Vielfltig Spielzeug mir erfunden? Seitdem bist du von mir entwichen Und anderwrts umher gestrichen, Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand, Und gaben mir in meine Hand Der Bcher viel und mancherlei Voll tiefen Sinns, Philosophei, Ich strebte, mich aus rohem Wilden Zum wahren Menschen umzubilden; Drauf ich auch zur Geschichte kam, Die Noth der Welt zu Herzen nahm, Die Chronikbcher unverdrossen Hab' ich in Nchten aufgeschlossen, Die Vorzeit stieg zu mir herber Und immer ernster wards und trber: Bald schien mich an ein flchtig Blitzen, Dann glaubt' ich Wahrheit zu besitzen, Dann kam die Dmmrung, fat' es wieder Und taucht' es in die Finstre nieder; Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger, Das neue Licht macht' mich noch banger, Wohl ahndend, da, wenns ausgegohren, Die Finstre neu draus wird geboren: So wies Histori mir nur Noth, Im Leben auch nur Grab und Tod, Das Schne stirbt, der Glanz lscht aus, Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus, Und spricht von seinem Felsenthron Den hohen Gttershnen Hohn: Natur hab' ich ergrnden wollen, Da kam ich gar auf seltsam Schrollen, Verlor mich in ein steinern Reich, Ich glaubte all's, nichts doch zugleich, Wollt' Pflanz, Metall und Stein verstehn, Mut' mir doch selbst verloren gehn, Hatt' viel Kunstworte bald erstanden, Ich selbst gekommen nur abhanden, Um endlich wieder zu gelangen Noch dummer wo ich ausgegangen: Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt, Hab' ich in Angst mich abgeqult, Verstehst du wohl die alten Schriften, Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften? Doch still, ich will dich jezt nicht plagen, Komm, la uns in den schnen Tagen So spielen, wie wir sonst gepflogen, Wenn du mir etwas noch gewogen. Der Kleine schmeichelt' sich an mich, Drckt' an mein Knie mit Lcheln sich, Wandt' sich hieher und dorthin nun, Fast wie die jungen Ktzlein thun. Da gehn wir aus dem Haus, und warm Nimmt Sommer mich in seinen Arm, Die Lerch' in Lften jubilirt, Hnfling und Drossel musizirt, Das Grn schmiegt sich um Plan und Hgel, Der Schmetterling wiegt Purpurflgel, Die Blumen roth, braun, gold und blau Stehn dicht gedrngt auf grner Au, Die Bienen summen lustig, nippen Den Honigseim von Blumenlippen, Duft, rthlich Glanz kreucht aus dem Baum, Hngt von dem Zweig, ein ser Traum. Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt, Von neuem tnt und schwazt der Mund Der kindschen Quellen, Frhlings Hand Nahm von den Zungen ab das Band, Da Winter jhrlich um sie legt, Da sich kein lautes Wrtchen regt, Die Sommergst' auch sind mit Schalle Ins Land zurck gekommen alle. Indem wand sich der Buchenhain Vom Plane ab den Weg hinein, Der Glanz mit Grn schn war gemischt, Die stille Luft vom Wind erfrischt, Die wilden Tauben hrt' ich girren, Zeisig und Fink in Nestern schwirren, Ein Duft s aus den Bumen flo, Ein Rieseln snftlich sich ergo Aus Tannenbumen, die vom Winde Sanft angespielt erklangen linde, Das all war meinem kranken Leben Als Labsal und Arznei gegeben. Wo sind wir, Liebster? rief ich aus, Sei mir gegrt, du grnes Haus, Gegrt ihr frischen Bogengnge, Willkommen mir ihr Waldesklnge! Ich war noch nie in den Revieren, Sprich, wohin willst du mich denn fhren? Er sagte nichts, nur freundlich winkt Sein Aug', das mir ins Auge blinkt. Einsamer ward der dichte Hain, Gespaltener des Lichtes Schein, Der sich in Gattern um uns legte Und mit des Luftes Zug bewegte; Da hrt' ich Wild von ferne schrein, Da sangen fremde Vgel drein Mit wundersamen Ton, es klangen Viel Bchlein, die aus Felsen sprangen, Wie Schatten zog es her und hin, Ein Schauer flog durch meinen Sinn. Nun wars, als hrt' ich Kinder plaudern, Hin lief ich ohne lnger Zaudern, Und als ich nach dem Ort gekommen, Von wo ich erst den Ton vernommen, Da that sich auf des Waldes Dunkel, Und vor mir lag ein hell Gefunkel, Roth sah ich wilde Nelken blhn, Sammt lichten Sternen von Jasmin, Und duftend Kraut Je lnger lieber, Das rankte eine Grott' hinber, An die sich hoch der Epheu schlang, Und aus der Hhle kam Gesang. Da schaut ich in den Fels hinein, Dort sa ein Bild mit lichtem Schein, Gldnes Gewand den Leib umflo, An den sich Spang' und Grtel schlo, Das Antliz bleich, entfrbt die Wange, Sie schien in Furcht und Zittern bange Und schlo sich an ein Mannsgebild, Das schaute aus den Augen wild, Doch lchelt' er mit Freundlichkeit: Er war in schwarz Gewand gekleidt, Ein dunkles Haar hing um das Haupt, Er trug von wildem Wein umlaubt Den gldnen Stab in seiner Hand, Geflochten war um sein Gewand Epheu und Tannenzweig' in Krnzen, Wozwischen rothe Rosen glnzen; Er sprach und sang der Schnen vor, Und flsterte ihr oft ins Ohr. Da fragt' ich: Kind, wer sind die beide? Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide Der ist der Schreck, von Mhrchen alten Beschreibt er gern die Schau'rgestalten; Das Mgdlein da im lichten Kleid Ist meine liebe Albernheit, Sie ngstet sich und um so gerner Hrt sie den andern reden ferner, Sie frchtet sich vor dem Erschrecken, Lt sich doch spielend davon necken, Sie lchelt, und vor Schauder weint Ihr Lachen, das in Thrnen scheint, Sie freut sich und wird voraus bleich, So spielt sie mit dem Geisterreich, Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech' ich jezt, Was dich recht durch und durch entsetzt! Dann bittet sie: so schweige lieber, -- Nein, spricht sie dann, erzhl' es, Lieber; Nun rauscht der schwarze Tannenhain, Dann weinen Felsenbche drein, Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz Und drckt dem Schreck sich fest ans Herz. Da sah ich einen Kleinen gaukeln Und sich in allen Blumen schaukeln, Ein herzigs Kind, das auf und nieder Im Tanze schwang die zarten Glieder, Bald klettert' es in Epheuranken Und lie sich khn vom Winde schwanken, Bald stand oben am Fels der Lose Und duckte sich in eine Rose. So eilig, da der Stengel knickte Wie er sich in die Rthe bckte, Dann fiel er lachend auf die Au Und war benetzt vom Rosenthau: In Blttern, aus Jasmin gezogen, Beschifft' er dann des Baches Wogen, Und bracht' als Kriegsgefangne heim Die Bienen mit dem Honigseim; Dann sucht' er Muscheln sich im Sande Und Stein' und Kiesel vielerhande, Und putzte drin das Felsenhaus Mit vielen artgen Schnrkeln aus: Auf einmal lie er alles liegen Und schien durch Lfte schnell zu fliegen, Nun auf dem hchsten Tannenbaum Stand er und bersah den Raum, Mit Riesenstrke bog er dann Des Baumes Wipfel auf den Plan Und lie ihn dann zurcke schieen; Des Baches Wogen muten flieen In Wasserfllen laut und brausend, Der mchtge Wald dazwischen sausend, Ein furchtbar Echo, das von oben Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben, Dazu des Donners Krachen viel, Schien alles ihm nur Harfenspiel. Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg, War jezt gromchtig wie ein Berg, Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf, Zur Hhe des Gebirgs hinauf, Ri aus der Wurzel mchtge Felsen, Die lie er sich zum Thale wlzen Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen, Das machte ihn von Herzen lachen, Wie sie im Przen, Springen, Kollern, So ungeschlacht zur Ebne schollern, Wie sie die nackten Hauer fletschen Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen. Da war ich bang und furchtsam fast, Ich sprach: wer ist der schlimme Gast, Der erst ein Kindlein thrigt spielte, An Bienen nur sein Mthlein khlte, Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen So ungeheuer, ungelachsen, Da kaum noch so viel Kraft der Welt, Da sie ihn sich vom Halse hlt? Das ist der Scherz, so sprach mein Freund, Der Gro und Klein dasselbe scheint; Oft ist er zart und lieb unschuldig, Doch wird er wild und ungeduldig, So khlt er seinen Muth, den frechen, Und all's mu biegen oder brechen. -- Kann man nicht, fragt' ich, Sitt' ihm lehren? -- Das hie ihn nur, sprach er, verkehren, Er acht't kein noch so klug Gebot, Und schreit nur, das thut mir nicht noth! So lassen sie ihm seinen Willen. -- Da schlug urpltzlich aus dem Stillen Der Sang von tausend Nachtigallen, Die lieen ihre Klage schallen, Und aus dem grnen Waldesraum Erglnzt' ein leuchtend goldner Saum, Von Purpurkleidern, die erbeben In Gluth, wie sich die Glieder heben Vom schnsten weiblichen Gebilde, Sie schritt nun lchelnd zum Gefilde, Und kam aus dunkelm Wald hervor Wie Sonne durch des Morgens Thor, Das goldne Haar in Wellen flieend, Das lichte Aug' die Welt begrend, Das rothe Lcheln Wonne streuend, Des Leibes Glanz rings all erfreuend; So wie die Augen leuchtend gingen, Die Blumen an zu blhen fingen, Das Gras ward grner, Wonnebeben Schien Stein und Felsen zu beleben, Die Wasser jauchzten, und im Innern Bewegt ein seliges Erinnern Der Erde allertiefstes Herz, Demant erwuchs und Goldes-Erz. Wer ist, fragt ich, die dort regiert, So zart und edel gliedmasirt, Die Klare, Holde, minniglich'? Nenn' ihren Namen, Knabe, sprich! Dir ist es also nicht bewut, Sprach, Phantasus, in deiner Brust, Was Thier' und Pflanzen, Stein' empfinden, Ich mu dir ihren Namen knden? Die Liebe ist sie! Und alsbald Kannt' ich die gttliche Gestalt, Ich sprach im Flehn zu ihr: demthig Komm' ich zu dir, o sei mir gtig, Wie du die ganze Welt beglckst, In jedes Herz die Wonne schickst, Gedenke mein, la nicht mein Leben Als liebeleeren Traum verschweben. Gebietend hob sie auf die Hand, Da kamen aus dem grnen Land, Von Bergen, aus dem niedern Thal, Die Geister wimmelnd ohne Zahl, Aus Bchen huben sie sich schnell Und leuchteten von Schimmern hell, Die Bume thaten all sich auf, Es sprangen vor mit munterm Lauf, Die zarten Elfen, und aus kleinen Blmlein wollten sie auch erscheinen, Gar klein gestalt, in Farben bunt: Da sang ein tausendfacher Mund Der hohen Gttin Lob und Dank, Gar wundersam war der Gesang, Sie sonnten sich in ihrem Lcheln Berauscht von ihres Othems Fcheln. Da wandt' sich Phantasus zu mir: Nun, Werther, wie gefllts dir hier? Ich wollte sprechen: seeliglich Dnkt mir dies Leben sicherlich, Doch nahm der allergrte Schreck Mir pltzlich Stimm und Othem weg; Was ich fr Grott' und Berg gehalten, Fr Wald und Flur und Felsgestalten, Das war ein einzigs groes Haupt, Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt, Still lchelt er, da seine Kind' In Spielen glcklich vor ihm sind, Er winkt, und ahndungsvolles Brausen Wogt her in Waldes heil'gem Sausen, Da fiel ich auf die Knie nieder, Mir zitterten in Angst die Glieder, Ich sprach zum Kleinen nur das Wort: Sag an, was ist das Groe dort? Der Kleine sprach: Dich fat sein Graun, Weil du ihn darfst so pltzlich schaun, Das ist der Vater, unser Alter, Heit Pan, von allem der Erhalter. -- Ein mcht'ger Schauder fate mich, Mit Zittern schnell erwachte ich, Und so bewegt von dem Gesicht Verknd' ichs euch, verschweig' es nicht. * * * * * Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren Sinn zu verstehn, aber unartig, ja grausam finde ich es, da Sie ber Ihre Krankheit scherzen, und zur Strafe dafr sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich das erste Mhrchen mittheilen, denn ich hrte gestern, da Ihnen der Beginn dieser Erzhlungen zugesprochen sei. Anton fing an zu lesen. Der blonde Eckbert. 1796. In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er war ohngefhr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Gre, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig fr sich und war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn nur selten auerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewhnlich darber, da der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle. Nur selten wurde Eckbert von Gsten besucht, und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewhnlichen Gange des Lebens gendert, die Migkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgerumt, nur wenn er allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille zurckhaltende Melankolie. Niemand kam so hufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefhr dieselbe Art zu denken fand, der auch er am meisten zugethan war. Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber oft ber ein halbes Jahr in der Nhe von Eckberts Burg auf, sammelte Kruter und Steine, und beschftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem kleinen Vermgen und war von Niemand abhngig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen einsamen Spaziergngen, und mit jedem Jahre entspann sich zwischen ihnen eine innigere Freundschaft. Es giebt Stunden, in denen es den Menschen ngstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimni haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt verborgen hat, die Seele fhlt dann einen unwiderstehlichen Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschlieen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, da einer vor der Bekanntschaft des andern zurck schreckt. Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines sa. Die Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bume drauen schttelten sich vor nasser Klte. Walther klagte ber den weiten Rckweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprchen hinzubringen, und dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gesprch der Freunde heitrer und vertraulicher. Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: Freund, ihr solltet euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzhlen lassen, die seltsam genug ist. -- Gern, sagte Walther, und man setzte sich wieder um den Kamin. Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die vorber flatternden Wolken. Ihr mt mich nicht fr zudringlich halten, fing Bertha an, mein Mann sagt, da ihr so edel denkt, da es unrecht sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzhlung fr kein Mhrchen, so sonderbar sie auch klingen mag. Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum Besten bestellt, sie wuten sehr oft nicht, wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber noch weit mehr jammerte, war, da mein Vater und meine Mutter sich oft ber ihre Armuth entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwrfe machte. Sonst hrt' ich bestndig von mir, da ich ein einfltiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschft auszurichten wisse, und wirklich war ich uerst ungeschickt und unbeholfen, ich lie alles aus den Hnden fallen, ich lernte weder nhen noch spinnen, ich konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth meiner Eltern verstand ich sehr gut. Oft sa ich dann im Winkel und fllte meine Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich pltzlich reich wrde, wie ich sie mit Gold und Silber berschtten und mich an ihrem Erstaunen laben mchte, dann sah ich Geister herauf schweben, die mir unterirdische Schtze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien beschftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mute, um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte. Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, da ich eine so ganz unntze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es war selten, da ich ein freundliches Wort von ihm vernahm. So war ich ungefhr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun ernstliche Anstalten gemacht, da ich etwas thun, oder lernen sollte. Mein Vater glaubte, es wre nur Eigensinn oder Trgheit von mir, um meine Tage in Mssiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten, zchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, da diese Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein unntzes Geschpf sei. Die ganze Nacht hindurch weint' ich herzlich, ich fhlte mich so auerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber, da ich zu sterben wnschte. Ich frchtete den Anbruch des Tages, ich wute durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wnschte mir alle mgliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich einfltiger sei, als die brigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war der Verzweiflung nahe. Als der Tag graute, stand ich auf und erffnete, fast ohne da ich es wute, die Thr unsrer kleinen Htte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hinein blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fhlte keine Mdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater wrde mich noch wieder einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer behandeln. Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand die Sonne schon ziemlich hoch, ich sah jezt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter Nebel bedeckte. Bald mute ich ber Hgel klettern, bald durch einen zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich errieth nun, da ich mich wohl in dem benachbarten Gebirge befinden msse, worber ich anfing mich in der Einsamkeit zu frchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine Berge gesehn, und das bloe Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden hren, war meinem kindischen Ohr ein frchterlicher Ton gewesen. Ich hatte nicht das Herz zurck zu gehn, meine Angst trieb mich vorwrts; oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind ber mir weg durch die Bume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen hintnte. Als mir Khler und Bergleute endlich begegneten und ich eine fremde Aussprache hrte, wre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht gesunken. Ich kam durch mehrere Drfer und bettelte, weil ich jezt Hunger und Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn ich gefragt wurde. So war ich ohngefhr vier Tage fortgewandert, als ich auf einen kleinen Fusteig gerieth, der mich von der groen Strae immer mehr entfernte. Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, weit seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf einander gepackt, da es das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windsto durch einander werfen wrde. Ich wute nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte des Nachts immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schnsten Jahrszeit, oder in abgelegenen Schferhtten; hier traf ich aber gar keine menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wildni auf eine zu stoen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mute oft dicht an schwindlichten Abgrnden vorbeigehn, und endlich hrte sogar der Weg unter meinen Fen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und schrie, und in den Felsenthlern hallte meine Stimme auf eine schreckliche Art zurck. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der Nacht hrte ich die seltsamsten Tne, bald hielt ich es fr wilde Thiere, bald fr den Wind, der durch die Felsen klage, bald fr fremde Vgel. Ich betete, und ich schlief nur spt gegen Morgen ein. Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den Ausgang aus der Wildni zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit nur mein Auge reichte, eben so, wie um mich her, alles war mit einem neblichten Dufte berzogen, der Tag war grau und trbe, und keinen Baum, keine Wiese, selbst kein Gebsch konnte mein Auge ersphn, einzelne Strucher ausgenommen, die einsam und betrbt in engen Felsenritzen empor geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wre es auch, da ich mich vor ihm htte frchten mssen. Zugleich fhlte ich einen peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschlo zu sterben. Aber nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich raffte mich auf und ging unter Thrnen, unter abgebrochenen Seufzern den ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewut, ich war mde und erschpft, ich wnschte kaum noch zu leben, und frchtete doch den Tod. Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine Gedanken, meine Wnsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte in allen meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer Mhle aus der Ferne zu hren, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht ward mir, als ich endlich wirklich die Grnzen der den Felsen erreichte; ich sah Wlder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hlle in ein Paradies getreten wre, die Einsamkeit und meine Hlflosigkeit schienen mir nun gar nicht frchterlich. Statt der gehofften Mhle stie ich auf einen Wasserfall, der meine Freude freilich um vieles minderte; ich schpfte mit der Hand einen Trunk aus dem Bache, als mir pltzlich war, als hre ich in einiger Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm berrascht worden, als in diesem Augenblick, ich ging nher und ward an der Ecke des Waldes eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen groen Theil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krckenstock. Ich nherte mich ihr und bat um ihre Hlfe; sie lie mich neben sich niedersitzen und gab mir Brod und etwas Wein. Indem ich a, sang sie mit kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie mir, ich mchte ihr folgen. Ich war ber diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krckenstocke ging sie ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, da ich im Anfange darber lachen mute. Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurck, wir gingen ber eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus traten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen, die Bume standen mit ihren Wipfeln in der Abendrthe, und ber den Feldern lag der entzckende Schein, die Wlder und die Bltter der Bume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flstern der Bume tnte durch die heitre Stille wie in wehmthiger Freude. Meine junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten. Ich verga mich und meine Fhrerin, mein Geist und meine Augen schwrmten nur zwischen den goldnen Wolken. Wir stiegen nun einen Hgel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von oben sah man in ein grnes Thal voller Birken hinein, und unten mitten in den Bumen lag eine kleine Htte. Ein munteres Bellen kam uns entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit freundlichen Geberden zur Alten zurck. Als wir vom Hgel hinunter gingen, hrte ich einen wunderbaren Gesang, der aus der Htte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also: Waldeinsamkeit, Die mich erfreut, So morgen wie heut In ewger Zeit, O wie mich freut Waldeinsamkeit. Diese wenigen Worte wurden bestndig wiederholt; wenn ich es beschreiben soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne durch einander spielen. Meine Neugier war auerordentlich gespannt; ohne da ich auf den Befehl der Alten wartete, trat ich mit in die Htte. Die Dmmerung war schon eingebrochen, alles war ordentlich aufgerumt, einige Becher standen auf einem Wandschranke, fremdartige Gefe auf einem Tische, in einem glnzenden Kfig hing ein Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der die Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien sich gar nicht wieder erholen zu knnen, bald streichelte sie den kleinen Hund, bald sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem gewhnlichen Liede Antwort gab; brigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen wre. Indem ich sie so betrachtete, berlief mich mancher Schauer: denn ihr Gesicht war in einer ewigen Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit dem Kopfe schttelte, so da ich durchaus nicht wissen konnte, wie ihr eigentliches Aussehn beschaffen war. Als sie sich erholt hatte, zndete sie Licht an, deckte einen ganz kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. Jezt sah sie sich nach mir um, und hie mir einen von den geflochtenen Rohrsthlen nehmen. So sa ich ihr nun dicht gegenber und das Licht stand zwischen uns. Sie faltete ihre knchernen Hnde und betete laut, indem sie ihre Gesichtsverzerrungen machte, so da es mich beinahe wieder zum Lachen gebracht htte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht zu erboen. Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann wies sie mir in einer niedrigen und engen Kammer ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich blieb nicht lange munter, ich war halb betubt, aber in der Nacht wachte ich einigemal auf, und dann hrte ich die Alte husten und mit dem Hunde sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien, und immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte mit den Birken, die vor dem Fenster rauschten, und mit dem Gesang einer entfernten Nachtigall ein so wunderbares Gemisch, da es mir immer nicht war, als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen andern noch seltsamern Traum. Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich bald nachher zur Arbeit an. Ich mute spinnen, und ich begriff es auch bald, dabei hatte ich noch fr den Hund und fr den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich schnell in die Wirthschaft finden, und alle Gegenstnde umher wurden mir bekannt; nun war mir, als mte alles so sein, ich dachte gar nicht mehr daran, da die Alte etwas Seltsames an sich habe, da die Wohnung abentheuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und da an dem Vogel etwas Auerordentliches sei. Seine Schnheit fiel mir zwar immer auf, denn seine Federn glnzten mit allen mglichen Farben, das schnste Hellblau und das brennendste Roth wechselten an seinem Halse und Leibe, und wenn er sang, blhte er sich stolz auf, so da sich seine Federn noch prchtiger zeigten. Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend zurck, ich ging ihr dann mit dem Hunde entgegen, und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward ihr endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn an alles, besonders in der Kindheit, gewhnt. In den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich fand mich leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner Einsamkeit eine Quelle von unendlichem Vergngen, denn sie hatte einige alte geschriebene Bcher, die wunderbare Geschichten enthielten. Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist mir noch bis jezt immer seltsam: von keinem menschlichen Geschpfe besucht, nur in einem so kleinen Familienzirkel einheimisch, denn der Hund und der Vogel machten denselben Eindruck auf mich, den sonst nur lngst gekannte Freunde hervorbringen. Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen des Hundes besinnen knnen, so oft ich ihn auch damals nannte. Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und ich mochte ohngefhr zwlf Jahr alt sein, als sie mir endlich mehr vertraute, und mir ein Geheimni entdeckte. Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein Ei, in dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand. Ich hatte schon immer bemerkt, da sie heimlich in dem Kfige wirthschafte, mich aber nie genauer darum bekmmert. Sie trug mir jezt das Geschft auf, in ihrer Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den fremdartigen Gefen wohl zu verwahren. Sie lie mir meine Nahrung zurck, und blieb nun lnger aus, Wochen, Monate; mein Rdchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, da ich mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere. Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein Wild kam unserer Behausung nahe, ich war zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinber. -- Der Mensch wre vielleicht recht glcklich, wenn er so ungestrt sein Leben bis ans Ende fortfhren knnte. Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz wunderliche Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war, konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz, prchtige Damen sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie meine wunderliche Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten mit mir selber. Ich dachte mir den schnsten Ritter von der Welt, ich schmckte ihn mit allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach allen meinen Bemhungen aussah: aber ich konnte ein rechtes Mitleid mit mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange rhrende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn nur zu gewinnen. -- Ihr lchelt! wir sind jezt freilich alle ber diese Zeit der Jugend hinber. Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war ich selbst die Gebieterin im Hause. Der Hund liebte mich sehr und that alles was ich wollte, der Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine Fragen, mein Rdchen drehte sich immer munter, und so fhlte ich im Grunde nie einen Wunsch nach Vernderung. Wenn die Alte von ihren langen Wanderungen zurck kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit, sie sagte, da ihre Haushaltung, seit ich dazu gehre, weit ordentlicher gefhrt werde, sie freute sich ber mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um. Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir mit einem schnarrenden Tone; wenn du so fort fhrst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spt. -- Indem sie das sagte, achtete ich eben nicht sehr darauf, denn ich war in allen meinen Bewegungen und meinem ganzen Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir wieder ein, und ich konnte nicht begreifen, was sie damit hatte sagen wollen. Ich berlegte alle Worte genau, ich hatte wohl von Reichthmern gelesen, und am Ende fiel mir ein, da ihre Perlen und Edelsteine wohl etwas Kostbares sein knnten. Dieser Gedanke wurde mir bald noch deutlicher. Aber was konnte sie mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen. Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein Unglck fr den Menschen, da er seinen Verstand nur darum bekmmt, um die Unschuld seiner Seele zu verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, da es nur auf mich ankomme, in der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich war es mir dann vielleicht mglich, den beraus schnen Ritter anzutreffen, der mir immer noch im Gedchtnisse lag. Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als jeder andre Gedanke, aber wenn ich so an meinem Rade sa, so kam er mir immer wider Willen zurck, und ich verlor mich so in ihm, da ich mich schon herrlich geschmckt sah, und Ritter und Prinzen um mich her. Wenn ich mich so vergessen hatte, konnte ich ordentlich betrbt werden, wenn ich wieder aufschaute, und mich in der kleinen Wohnung antraf. Uebrigens, wenn ich meine Geschfte that, bekmmerte sich die Alte nicht weiter um mein Wesen. An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort, und sagte mir, da sie diesmal lnger als gewhnlich ausbleiben werde, ich solle ja auf alles ordentlich Acht geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied, denn es war mir, als wrde ich sie nicht wieder sehn. Ich sah ihr lange nach und wute selbst nicht, warum ich so bengstigt war; es war fast, als wenn mein Vorhaben schon vor mir stnde, ohne mich dessen deutlich bewut zu sein. Nie hab' ich des Hundes und des Vogels mit einer solchen Aemsigkeit gepflegt, sie lagen mir nher am Herzen, als sonst. Die Alte war schon einige Tage abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, mit dem Vogel die Htte zu verlassen, und die sogenannte Welt aufzusuchen. Es war mir enge und bedrngt zu Sinne, ich wnschte wieder da zu bleiben, und doch war mir der Gedanke widerwrtig; es war ein seltsamer Kampf in meiner Seele, wie ein Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir. In einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so schn vor, dann entzckte mich wieder die Vorstellung einer neuen Welt, mit allen ihren wunderbaren Mannichfaltigkeiten. Ich wute nicht, was ich aus mir selber machen sollte, der Hund sprang mich unaufhrlich an, der Sonnenschein breitete sich munter ber die Felder aus, die grnen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, als wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun htte, ich griff also den kleinen Hund, band ihn in der Stube fest, und nahm dann den Kfig mit dem Vogel unter den Arm. Der Hund krmmte sich und winselte ber diese ungewohnte Behandlung, er sah mich mit bittenden Augen an, aber ich frchtete mich, ihn mit mir zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefen, das mit Edelsteinen angefllt war, und steckte es zu mir, die brigen lie ich stehn. Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche Weise, als ich mit ihm zur Thr hinaus trat, der Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen, aber er mute zurck bleiben. Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und ging nach der entgegengesetzten Seite. Der Hund bellte und winselte immerfort, und es rhrte mich recht inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen anfangen, aber da er getragen ward, mute es ihm wohl unbequem fallen. So wie ich weiter ging, hrte ich das Bellen immer schwcher, und endlich hrte es ganz auf. Ich weinte und wre beinahe wieder umgekehrt, aber die Sucht etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwrts. Schon war ich ber Berge und durch einige Wlder gekommen, als es Abend ward, und ich in einem Dorfe einkehren mute. Ich war sehr blde, als ich in die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein Bette an, ich schlief ziemlich ruhig, nur da ich von der Alten trumte, die mir drohte. Meine Reise war ziemlich einfrmig, aber je weiter ich ging, je mehr ngstigte mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich dachte daran, da er wahrscheinlich ohne meine Hlfe verhungern msse, im Walde glaubt' ich oft die Alte wrde mir pltzlich entgegen treten. So legte ich unter Thrnen und Seufzern den Weg zurck; so oft ich ruhte, und den Kfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht lebhaft des schnen verlassenen Aufenthalts. Wie die menschliche Natur vergelich ist, so glaubt' ich jezt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei nicht so trbselig gewesen als meine jetzige; ich wnschte wieder in derselben Lage zu sein. Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun nach einer Wanderschaft von vielen Tagen in einem Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir wundersam zu Muthe, ich erschrak und wute nicht worber; aber bald erkannt' ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in welchem ich geboren war. Wie ward ich berrascht! Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend seltsamer Erinnerungen, die Thrnen von den Wangen! Vieles war verndert, es waren neue Huser entstanden, andre, die man damals erst errichtet hatte, waren jezt verfallen, ich traf auch Brandstellen; alles war weit kleiner, gedrngter als ich erwartet hatte. Unendlich freute ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen Jahren wieder zu sehn; ich fand das kleine Haus, die wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thr war noch ganz so wie damals, es war mir, als htte ich sie nur gestern angelehnt; mein Herz klopfte ungestm, ich ffnete sie hastig, -- aber ganz fremde Gesichter saen in der Stube umher und stierten mich an. Ich fragte nach dem Schfer Martin, und man sagte mir, er sei schon seit drei Jahren mit seiner Frau gestorben. -- Ich trat schnell zurck, und ging laut weinend aus dem Dorfe hinaus. Ich hatte es mir so schn gedacht, sie mit meinem Reichthume zu berraschen; durch den seltsamsten Zufall war das nun wirklich geworden, was ich in der Kindheit immer nur trumte, -- und jezt war alles umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf ich am meisten immer im Leben gehofft hatte, war fr mich auf ewig verloren. In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein kleines Haus mit einem Garten, und nahm eine Aufwrterin zu mir. So wunderbar, als ich es vermuthet hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich verga die Alte und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr, und so lebt' ich im Ganzen recht zufrieden. Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen; ich erschrak daher nicht wenig, als er in einer Nacht pltzlich wieder anfing, und zwar mit einem vernderten Liede. Er sang: Waldeinsamkeit Wie liegst du weit! O dich gereut Einst mit der Zeit. -- Ach einzge Freud Waldeinsamkeit! Ich konnte die Nacht hindurch nicht schlafen, alles fiel mir von neuem in die Gedanken, und mehr als jemals fhlt' ich, da ich Unrecht gethan hatte. Als ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels ordentlich zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine Gegenwart ngstigte mich. Er hrte nun mit seinem Liede gar nicht wieder auf, und er sang es lauter und schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je mehr ich ihn betrachtete, je bnger machte er mich; ich ffnete endlich den Kfig, steckte die Hand hinein und fate seinen Hals, herzhaft drckte ich die Finger zusammen, er sah mich bittend an, ich lie los, aber er war schon gestorben. -- Ich begrub ihn im Garten. Jezt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner Aufwrterin an, ich dachte an mich selbst zurck, und glaubte, da sie mich auch einst berauben oder wohl gar ermorden knne. -- Schon lange kannt' ich einen jungen Ritter, der mir beraus gefiel, ich gab ihm meine Hand, -- und hiermit, Herr Walther, ist meine Geschichte geendigt. Ihr httet sie damals sehn sollen, fiel Eckbert hastig ein, -- ihre Jugend, ihre Schnheit, und welch einen unbeschreiblichen Reiz ihr ihre einsame Erziehung gegeben hatte. Sie kam mir vor wie ein Wunder, und ich liebte sie ganz ber alles Maa. Ich hatte kein Vermgen, aber durch ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand, wir zogen hieher, und unsere Verbindung hat uns bis jezt noch keinen Augenblick gereut. -- Aber ber unser Schwatzen, fing Bertha wieder an, ist es schon tief in die Nacht geworden, -- wir wollen uns schlafen legen. Sie stand auf und ging nach ihrer Kammer. Walther wnschte ihr mit einem Handkusse eine gute Nacht, und sagte: Edle Frau, ich danke Euch, ich kann mir Euch recht vorstellen, mit dem seltsamen Vogel, und wie Ihr den kleinen _Strohmian_ fttert. Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging noch unruhig im Saale auf und ab. -- Ist der Mensch nicht ein Thor? fing er endlich an; ich bin erst die Veranlassung, da meine Frau ihre Geschichte erzhlt, und jezt gereut mich diese Vertraulichkeit! -- Wird er sie nicht mibrauchen? Wird er sie nicht andern mittheilen? Wird er nicht vielleicht, denn das ist die Natur des Menschen, eine unselige Habsucht nach unsern Edelgesteinen empfinden, und deswegen Plane anlegen und sich verstellen? Es fiel ihm ein, da Walther nicht so herzlich von ihm Abschied genommen hatte, als es nach einer solchen Vertraulichkeit wohl natrlich gewesen wre. Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so trifft sie auch in allen Kleinigkeiten Besttigungen an. Dann warf sich Eckbert wieder sein unedles Mitrauen gegen seinen wackern Freund vor, und konnte doch nicht davon zurck kehren. Er schlug sich die ganze Nacht mit diesen Vorstellungen herum, und schlief nur wenig. Bertha war krank und konnte nicht zum Frhstck erscheinen; Walther schien sich nicht viel darum zu kmmern, und verlie auch den Ritter ziemlich gleichgltig. Eckbert konnte sein Betragen nicht begreifen; er besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze und sagte, die Erzhlung in der Nacht msse sie auf diese Art gespannt haben. Seit diesem Abend besuchte Walther nur selten die Burg seines Freundes, und wenn er auch kam, ging er nach einigen unbedeutenden Worten wieder weg. Eckbert ward durch dieses Betragen im uersten Grade gepeinigt; er lie sich zwar gegen Bertha und Walther nichts davon merken, aber jeder mute doch seine innerliche Unruhe an ihm gewahr werden. Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher; der Arzt ward ngstlich, die Rthe von ihren Wangen war verschwunden, und ihre Augen wurden immer glhender. -- An einem Morgen lie sie ihren Mann an ihr Bette rufen, die Mgde muten sich entfernen. Lieber Mann, fing sie an, ich mu dir etwas entdecken, das mich fast um meinen Verstand gebracht hat, das meine Gesundheit zerrttet, so eine unbedeutende Kleinigkeit es auch an sich scheinen mchte. -- Du weit, da ich mich immer nicht, so oft ich von meiner Kindheit sprach, trotz aller angewandten Mhe auf den Namen des kleinen Hundes besinnen konnte, mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend sagte Walther beim Abschiede pltzlich zu mir: ich kann mir euch recht vorstellen, wie ihr den kleinen _Strohmian_ fttert. Ist das Zufall? Hat er den Namen errathen, wei er ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt? Und wie hngt dieser Mensch dann mit meinem Schicksale zusammen? Zuweilen kmpfe ich mit mir, als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde, aber es ist gewi, nur zu gewi. Ein gewaltiges Entsetzen befiel mich, als mir ein fremder Mensch so zu meinen Erinnerungen half. Was sagst du, Eckbert? Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem tiefen Gefhle an; er schwieg und dachte bei sich nach, dann sagte er ihr einige trstende Worte und verlie sie. In einem abgelegenen Gemache ging er in unbeschreiblicher Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen Jahren sein einziger Umgang gewesen, und doch war dieser Mensch jezt der einzige in der Welt, dessen Dasein ihn drckte und peinigte. Es schien ihm, als wrde ihm froh und leicht sein, wenn nur dieses einzige Wesen aus seinem Wege gerckt werden knnte. Er nahm seine Armbrust, um sich zu zerstreuen und auf die Jagd zu gehn. Es war ein rauher strmischer Wintertag, tiefer Schnee lag auf den Bergen und bog die Zweige der Bume nieder. Er streifte umher, der Schwei stand ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das vermehrte seinen Unmuth. Pltzlich sah er sich etwas in der Ferne bewegen, es war Walther, der Moos von den Bumen sammelte; ohne zu wissen was er that legte er an, Walther sah sich um, und drohte mit einer stummen Geberde, aber indem flog der Bolzen ab, und Walther strzte nieder. Eckbert fhlte sich leicht und beruhigt, und doch trieb ihn ein Schauder nach seiner Burg zurck; er hatte einen groen Weg zu machen, denn er war weit hinein in die Wlder verirrt. -- Als er ankam, war Bertha schon gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch viel von Walther und der Alten gesprochen. Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der grten Einsamkeit; er war schon sonst immer schwermthig gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte seiner Gattin beunruhigte, und er irgend einen unglcklichen Vorfall, der sich ereignen knnte, befrchtete: aber jezt war er ganz mit sich zerfallen. Die Ermordung seines Freundes stand ihm unaufhrlich vor Augen, er lebte unter ewigen innern Vorwrfen. Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach der nchsten groen Stadt, wo er Gesellschaften und Feste besuchte. Er wnschte durch irgend einen Freund die Leere in seiner Seele auszufllen, und wenn er dann wieder an Walther zurck dachte, so erschrak er vor dem Gedanken, einen Freund zu finden, denn er war berzeugt, da er nur unglcklich mit jedwedem Freunde sein knne. Er hatte so lange mit Bertha in einer schnen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers hatte ihn so manches Jahr hindurch beglckt, und jezt waren beide so pltzlich dahin gerafft, da ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie ein seltsames Mhrchen, als wie ein wirklicher Lebenslauf erschien. Ein junger Ritter, _Hugo_, schlo sich an den stillen betrbten Eckbert, und schien eine wahrhafte Zuneigung gegen ihn zu empfinden. Eckbert fand sich auf eine wunderbare Art berrascht, er kam der Freundschaft des Ritters um so schneller entgegen, je weniger er sie vermuthet hatte. Beide waren nun hufig beisammen, der Fremde erzeigte Eckbert alle mglichen Geflligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern aus; in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz, sie schienen unzertrennlich. Eckbert war immer nur auf kurze Augenblicke froh, denn er fhlte es deutlich, da ihn Hugo nur aus einem Irrthume liebe; jener kannte ihn nicht, wute seine Geschichte nicht, und er fhlte wieder denselben Drang, sich ihm ganz mitzutheilen, damit er versichert sein knne, ob jener auch wahrhaft sein Freund sei. Dann hielten ihn wieder Bedenklichkeiten und die Furcht, verabscheut zu werden, zurck. In manchen Stunden war er so sehr von seiner Nichtswrdigkeit berzeugt, da er glaubte, kein Mensch, fr den er nicht ein vlliger Fremdling sei, knne ihn seiner Achtung wrdigen. Aber dennoch konnte er sich nicht widerstehn; auf einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem Freunde seine ganze Geschichte, und fragte ihn dann, ob er wohl einen Mrder lieben knne. Hugo war gerhrt, und suchte ihn zu trsten; Eckbert folgte ihm mit leichterm Herzen zur Stadt. Es schien aber seine Verdammni zu seyn, gerade in der Stunde des Vertrauens Argwohn zu schpfen, denn kaum waren sie in den Saal getreten, als ihm beim Schein der vielen Lichter die Mienen seines Freundes nicht gefielen. Er glaubte ein hmisches Lcheln zu bemerken, es fiel ihm auf, da er nur wenig mit ihm spreche, da er mit den Anwesenden viel rede, und seiner gar nicht zu achten scheine. Ein alter Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer als den Gegner Eckberts gezeigt, und sich oft nach seinem Reichthum und seiner Frau auf eine eigne Weise erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert hindeuteten. Dieser sah jezt seinen Argwohn besttigt, er glaubte sich verrathen, und eine schreckliche Wuth bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer hinstarrte, sah er pltzlich Walthers Gesicht, alle seine Mienen, die ganze, ihm so wohl bekannte Gestalt, er sah noch immer hin und ward berzeugt, da Niemand als _Walther_ mit dem Alten spreche. -- Sein Entsetzen war unbeschreiblich; auer sich strzte er hinaus, verlie noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach vielen Irrwegen auf seine Burg zurck. Wie ein unruhiger Geist eilte er jezt von Gemach zu Gemach, kein Gedanke hielt ihm Stand, er verfiel von entsetzlichen Vorstellungen auf noch entsetzlichere, und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er, da er wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine Einbildung alles erschaffe; dann erinnerte er sich wieder der Zge Walthers, und alles ward ihm immer mehr ein Rthsel. Er beschlo eine Reise zu machen, um seine Vorstellungen wieder zu ordnen; den Gedanken an Freundschaft, den Wunsch nach Umgang hatte er nun auf ewig aufgegeben. Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen, ja er betrachtete die Gegenden nur wenig, die vor ihm lagen. Als er im strksten Trabe seines Pferdes einige Tage so fort geeilt war, sah er sich pltzlich in einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen sich nirgend ein Ausweg entdecken lie. Endlich traf er auf einen alten Bauer, der ihm einen Pfad, einem Wasserfall vorber, zeigte: er wollte ihm zur Danksagung einige Mnzen geben, der Bauer aber schlug sie aus. -- Was gilts, sagte Eckbert zu sich selber, ich knnte mir wieder einbilden, da dies Niemand anders als Walther sei? -- Und indem sah er sich noch einmal um, und es war Niemand anders als Walther. -- Eckbert spornte sein Ro so schnell es nur laufen konnte, durch Wiesen und Wlder, bis es erschpft unter ihm zusammen strzte. -- Unbekmmert darber setzte er nun seine Reise zu Fu fort. Er stieg trumend einen Hgel hinan; es war, als wenn er ein nahes munteres Bellen vernahm, Birken suselten dazwischen, und er hrte mit wunderlichen Tnen ein Lied singen: Waldeinsamkeit Mich wieder freut, Mir geschieht kein Leid, Hier wohnt kein Neid, Von neuem mich freut Waldeinsamkeit. Jezt war es um das Bewutsein, um die Sinne Eckberts geschehn; er konnte sich nicht aus dem Rthsel heraus finden, ob er jezt trume, oder ehemals von einem Weibe Bertha getrumt habe; das Wunderbarste vermischte sich mit dem Gewhnlichsten, die Welt um ihn her war verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mchtig. Eine krummgebckte Alte schlich hustend mit einer Krcke den Hgel heran. Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund? schrie sie ihm entgegen. Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund Walther, dein Hugo. -- Gott im Himmel! sagte Eckbert stille vor sich hin, -- in welcher entsetzlichen Einsamkeit hab' ich dann mein Leben hingebracht! -- Und Bertha war deine Schwester. Eckbert fiel zu Boden. Warum verlie sie mich tckisch? Sonst htte sich alles gut und schn geendet, ihre Probezeit war ja schon vorber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten erziehn lie, die Tochter deines Vaters. Warum hab' ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet? rief Eckbert aus. Weil du in frher Jugend deinen Vater einst davon erzhlen hrtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe. -- Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden; dumpf und verworren hrte er die Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel sein Lied wiederholen. * * * * * Nach einer Pause sagte Clara: Sie sehn, lieber Anton, da uns allen jene Thrnen eines heimlichen Grauens in den Augen stehen, und ich denke, Sie haben groentheils das Versprechen Ihres Phantasus erfllt. Aber erlauben Sie mir zu fragen: ist diese Erzhlung Ihre eigene Erfindung, oder eine nachgeahmte? Ich darf sie, antwortete Anton, wohl fr meine Erfindung ausgeben, da ich mich nicht erinnere, eine hnliche Geschichte anderswo gelesen zu haben; auch denke ich, ist es in der Aufgabe begriffen gewesen, da nur selbst ersonnene Mhrchen vorgetragen werden sollen; wenigstens habe ich es so verstanden, und ich hoffe, da auch alle meine Freunde meinem Beispiele heute folgen werden. Versprich dies nicht so im Allgemeinen, wandte Friedrich ein. Wollte man freilich, fuhr Anton fort, genau erzhlen, aus welchen Erinnerungen der Kindheit, aus welchen Bildern, die man im Lesen, oder oft aus ganz unbedeutenden mndlichen Erzhlungen aufgreift, dergleichen sogenannte Erfindungen zusammengesetzt werden, so knnte man daraus wieder eine Art von seltsamer, mhrchenartiger Geschichte bilden. Es ist ngstlich, sagte Ernst, dergleichen Kleinigkeiten zu grndlich zu nehmen. Ich erinnere mich mancher Gesellschaft, in der spitz- und salzlose Anekdoten schlecht vorgetragen wurden, die man nachher eben so unwitzig kritisirte, mit Schrecken, und wenn auch etwas hnliches hier nicht zu besorgen steht, so wnschte ich doch wohl, da unsre schnen Richterinnen sich nicht zu eifrig um den Grund und Boden bekmmern mchten, auf welchem unsre Poesien gewachsen sind; ein wesenloser Traum bt, auch durch geringe Strung, zu leicht seine ganze Wirkung ein. Da ich fragte, antwortete Clara, geschah nicht aus kritischem Interesse, sondern weil ich, was vielleicht Schwche sein mag, auf die ursprngliche Erfindung einer Dichtung sehr viel halte, denn die Kraft des Erfindens scheint mir, mit aller Ehrfurcht von der brigen Kunst gesprochen, etwas so Eigenthmliches, da ich mich fr denjenigen Dichter besonders interessire, welcher nicht nachahmt, sondern zum erstenmal ein Ding vortrgt, welches unsre Imagination ergreift. Beim dramatischen Dichter, wenn er es wahrhaft ist, tritt wohl eine andere Erfindungskunst ein, als beim erzhlenden, denn freilich mchte ich lieber eine Scene in Wie es Euch gefllt geschrieben haben, als die Novelle erfunden, aus welcher dies Lustspiel entsprungen ist. Der Erzhler kann seinen Gegenstand, wenn dieser interessant ist, schmcken und erheben, seinen Geschmack und seine Kunst in der Umbildung beweisen; ich frage aber immer gern: wer hat diese Sache zuerst ersonnen, falls sie sich nicht wirklich zugetragen hat? Ich gebe Ihnen gern Recht, sagte Ernst, und um so lieber, weil ich Ihnen mit meinem Gedichte dann etwas dreister nahen darf, da ich es wenigstens fr eigene Erfindung ausgeben kann. In sofern freilich nicht, als die Vorstellung vom verzauberten Berge der Venus im Mittelalter allgemein verbreitet war, aber das Gedicht vom Tannenhuser hatte ich, damals so wie jezt, noch nicht gelesen, eben so wenig kannte ich damals die Niebelungen, sondern nur das Heldenbuch, in dessen Vorrede ein getreuer Eckart erwhnt wird, der die jungen Harlungen beschtzt, und der nachher beim Hans Sachs und andern Dichtern oftmals sprichwrtlich vorkmmt, und immer vor dem Berge der Venus Wache hlt. Aus diesen allgemeinen, unbestimmten Vorstellungen, in welche ich noch die Sage von dem berchtigten Rattenfnger von Hameln aufgenommen und verkleidet habe, ist folgendes Gedicht entstanden. Der getreue Eckart und der Tannenhuser. In zwei Abschnitten. 1799. Erster Abschnitt. Der edle Herzog gro Von dem Burgunder Lande Litt manchen Feindessto Wohl auf dem ebnen Sande. Er sprach: mich schlgt der Feind, Mein Muth ist mir entwichen, Die Freunde sind erblichen, Die Knecht' geflohen seind! Ich kann mich nicht mehr regen, Nicht Waffen fhren kann: Wo bleibt der edle Degen, Eckart der treue Mann? Er war mir sonst zur Seite In jedem harten Strau, Doch leider blieb er heute Daheim bei sich zu Haus. Es mehren sich die Haufen, Ich mu gefangen sein, Mag nicht wie Knecht entlaufen, Drum will ich sterben fein! -- So klagt der von Burgund, Will sein Schwert in sich stechen: Da kommt zur selben Stund Eckart, den Feind zu brechen. Geharnischt reit't der Degen Keck in den Feind hinein, Ihm folgt die Schaar verwegen Und auch der Sohne sein. Burgund erkennt die Zeichen, Und ruft: Gott sei gelobt! Die Feinde muten weichen Die wthend erst getobt. Da schlug mit treuem Muthe Eckart ins Volk hinein, Doch schwamm im rothen Blute Sein zartes Shnelein. Als nun der Feind bezwungen, Da sprach der Herzog laut: Es ist dir wohl gelungen, Doch so, da es mir graut; Du hast viel Mann geworben Zu retten Reich und Leben, Dein Shnlein liegt erstorben, Kann's dir nicht wieder geben. -- Der Eckart weinet fast, Bckt sich der starke Held, Und nimmt die theure Last, Den Sohn in Armen hlt. Wie starbst du, Heinz, so frhe, Und warst noch kaum ein Mann? Mich reut nicht meine Mhe, Ich seh' dich gerne an, Weil wir dich, Frst, erlsten, Aus deiner Feinde Hohn, Und drum will ich mich trsten, Ich schenke dir den Sohn. Da ward dem Burgund trbe Vor seiner Augen Licht, Weil diese groe Liebe Sein edles Herze bricht. Er weint die hellen Zhren Und fllt ihm an die Brust: Dich, Held, mu ich verehren, Spricht er in Leid und Lust, So treu bist du geblieben, Da alles von mir wich, So will ich nun auch lieben Wie meinen Bruder dich, Und sollst in ganz Burgunde So gelten wie der Herr, Wenn ich mehr lohnen kunnte, Ich gbe gern noch mehr. Als dies das Land erfahren, So freut sich jedermann, Man nennt den Held seit Jahren Eckart den treuen Mann. Die Stimme eines alten Landmanns klang ber die Felsen herber, der dieses Lied sang, und der getreue Eckart sa in seinem Unmuthe auf dem Berghang und weinte laut. Sein jngstes Shnlein stand neben ihm und fragte: Warum weinst du also laut, mein Vater Eckart? Wie bist du doch so gro und stark, hher und krftiger, als alle brige Mnner, vor wem darfst du dich denn frchten? Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause. Burgund sa auf einem stattlichen, schn geschmckten Rosse, und Gold und Geschmeide des frstlichen Herzogs flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so da der junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug sehn, nicht genug preisen konnte. Der getreue Eckart erhob sich und schaute finster hinber, und der junge Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte verloren hatte: Wann du willt Schwerdt und Schild, Gutes Ro, Speer und Gescho Fhren: Mu dein Mark In Beinen stark, Dir im Blut Mannesmuth Gar krftiglich regieren! Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei er gerhrt seine groen hellblauen Augen anschaute. Hast du das Lied jenes guten Mannes gehrt? fragte er ihn dann. Wie nicht? sprach der Sohn, hat er es doch laut genug gesungen, und bist du ja doch der getreue Eckart, so da ich gern zuhrte. Derselbe Herzog ist jezt mein Feind, sprach der alte Vater; er hlt mir meinen zweiten Sohn gefangen, ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich dem trauen darf, was die Leute im Lande sagen. Nimm dein groes Schwerdt und duld' es nicht, sagte der Sohn; sie mssen ja alle vor dir zittern, und alle Leute im ganzen Lande werden dir beistehn, denn du bist ihr grter Held im Lande. Nicht also, mein Sohn, sprach jener, dann wre ich der, fr den mich meine Feinde ausgeben, ich darf nicht an meinem Landesherren ungetreu werden, nein, ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt und in seine Hnde versprochen. Aber was will er von uns? fragte Conrad ungeduldig. Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: mein Sohn, die ganze Erzhlung davon wrde zu umstndlich lauten, und du wrdest es dennoch kaum verstehn. Der Mchtige hat immer seinen grten Feind in seinem eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht frchtet: so meint der Burgund nunmehr, er habe mir zu viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den khnsten Degen, sie sagen laut, da er mir Reich und Leben zu danken, ich heie der getreue Eckart, und so wenden sich Bedrngte und Nothleidende zu mir, da ich ihnen Hlfe schaffe; das kann er nicht leiden. So hat er Groll auf mich geworfen, und jeder, der bei ihm gelten mchte, vermehrt sein Mitrauen zu mir: so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet. Hierauf erzhlte ihm der Held Eckart mit schlichten Worten, da ihn der Herzog von seinem Angesichte verbannt habe, und da sie sich ganz fremd geworden seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm gar sein Herzogthum entreien. In Betrbni fuhr er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn gefangen genommen, und ihm selber, als einem Verrther, nach dem Leben stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: so la mich nun hingehn, mein alter Vater, und mit dem Herzoge reden, damit er verstndig und dir gewogen werde; hat er meinen Bruder erwrgt, so ist er ein bser Mann, und du sollst ihn strafen, doch kann es nicht sein, weil er nicht so schnde deiner groen Dienste vergessen kann. Weit du nicht den alten Spruch, sagte Eckart: Wenn der Mchtge dein begehrt, Bist du ihm als Freund was werth, Wie die Noth von ihm gewichen, Ist die Freundschaft auch erblichen. Ja, mein ganzes Leben ist unntz verschwendet: warum machte er mich gro, um mich dann desto tiefer hinab zu werfen? Die Freundschaft der Frsten ist wie ein tdtendes Gift, das man nur gegen Feinde ntzen kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht endlich selbst erwrgt. Ich will zum Herzoge hin, rief Conrad aus, ich will ihm alles, was du gethan, was du fr ihn gelitten, in die Seele zurck rufen, und er wird wieder seyn, wie ehemals. Du hast vergessen, sagte Eckart, da man uns fr Verrther ausgerufen hat, darum la uns mit einander flchten, in ein fremdes Land, wo wir wohl ein besseres Glck antreffen mgen. In deinem Alter, sagte Conrad, willst du deiner lieben Heimath noch den Rcken wenden? Nein, la uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum Burgunder, ihn vershnen und zufrieden stellen; denn was kann er mir thun wollen, wenn er dich auch hat und frchtet? Ich lasse dich sehr ungern, sagte Eckart, meine Seele weissagt mir nichts Gutes, und doch mcht' ich gern mit ihm vershnt sein, denn er ist mein alter Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefnglicher Haft bei ihm schmachtet. Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf die grne Erde, und Eckart setzte sich nachdenkend nieder, an einem Baumstamm gelehnt, er beschaute den Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen willst, mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht vollends herein bricht; die Fenster in der herzoglichen Burg glnzen schon von Lichtern, ich vernehme aus der Ferne Trompetentne vom Feste, vielleicht ist die Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemth freundlicher gegen uns. Ungern lie er den Sohn von sich, weil er seinem Glcke nicht mehr traute; der junge Conrad aber war um so muthiger, weil es ihm ein leichtes dnkte, das Gemth des Herzoges umzuwenden, der noch vor weniger Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst du mir gewi zurck, mein liebstes Kind? klagte der Alte, wenn du mir verloren gehst, ist keiner mehr von meinem Stamme brig. Der Knabe trstete ihn, und schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten sich endlich. Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, der alte Eckart blieb drauen in der Nacht allein. Auch diesen habe ich verloren, klagte er in der Einsamkeit, ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn. Indem er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, der die Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte zu frchten schien, da er in den Abgrund strzen mchte. Wie Eckart die Gebrechlichkeit des Alten wahrnahm, reichte er ihm die Hand, da er sicher herunter steigen mchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart. Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, da ihm die hellen Thrnen die Wangen hinunter liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und vernnftigen Worten trsten, aber der sehr bekmmerte Greis schien auf seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, sondern sich seinen Schmerzen noch ungemigter zu ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr niederbeugen, fragte er endlich, da ihr gnzlich davon berwltigt seid? Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte Eckart an Conrad, Heinz und Dietrich, und war selbst alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder gestorben sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr gro. Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte mit seiner jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt, aber ewig fr mich verloren. O wollte der Himmel, da sie nur gestorben wren! Der Held erschrak ber diese seltsamen Worte, und bat den Greis, ihm dieses Rthsel aufzulsen, worauf jener sagte: Wir leben warlich in einer wunderbarlichen Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei fhren wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen druend in die Welt herein. Alles Unheil macht sich von den alten Ketten los, und streift nun frank und frei herum; die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und findet kein Strombett, in das sie sich sammeln mchte, und die bsen Krfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, und feiern ihren Triumph. O mein lieber Herr, wir sind alt geworden, aber fr dergleichen Wundergeschichten noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel den Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, das so prophetisch hernieder scheint; alle Welt weissagt Uebles, und keiner denkt daran, mit sich selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe abzuwenden. Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde thun sich Wunderwerke hervor und brechen geheimnivoll von unten herauf, wie das Licht schrecklich von oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem Berge gehrt, den die Leute nur den Berg der Venus nennen? Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum gekommen bin. Darber mu ich mich verwundern, sagte der Alte, denn die Sache ist jezt eben so bekannt, als sie wahrhaftig ist. In diesen Berg haben sich die Teufel hinein geflchtet, und sich in den wsten Mittelpunkt der Erde gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den heidnischen Gtzendienst strzte. Hier, sagt man nun, solle vor allen Frau Venus Hof halten, und alle ihre hllischen Heerschaaren der weltlichen Lste und verbotenen Wnsche um sich versammeln, so da das Gebirge auch verflucht seit undenklichen Zeiten gelegen hat. Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte Eckart. Das ist das Geheimni, sprach der Alte, da dieses Niemand zu sagen wei, als der sich schon dem Satan zu eigen gegeben, es fllt auch keinem Unschuldigen ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann von wunderseltner Art ist pltzlich von unten hervor gekommen, den die Hllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben; dieser durchzieht die Welt, und spielt und musizirt auf einer Pfeifen, da die Tne weit in den Gegenden wieder klingen. Wer nun diese Klnge vernimmt, der wird von ihnen mit offenbarer, doch unerklrlicher Gewalt erfat, und fort, fort in die Wildni getrieben, er sieht den Weg nicht, den er geht, er wandert und wandert und wird nicht mde, seine Krfte nehmen zu wie seine Eile, keine Macht kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den Berg hinein, und findet ewig niemals den Rckweg wieder. Diese Macht ist der Hlle jezt zurck gegeben, und von entgegengesetzten Richtungen wandeln nun die unglckseligen verkehrten Pilgrimme hin, wo keine Rettung zu erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Shnen schon seit lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wst und ohne Sitten, sie verachteten so Eltern wie Religion; nun hat sie der Klang ergriffen und angefat, sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu enge, und sie suchen in der Hlle Raum. Und was denkt ihr bei diesen Dingen zu thun? fragte Eckart. Mit dieser Krcke habe ich mich aufgemacht, antwortete der Alte, um die Welt zu durchstreifen, sie wieder zu finden, oder vor Mdigkeit und Gram zu sterben. Mit diesen Worten ri er sich mit groer Anstrengung aus seiner Ruhe auf, und eilte fort so schnell er nur konnte, als wenn er sein Liebstes auf der Welt versumen mchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner unntzen Bemhung nach, und achtete ihn in seinen Gedanken fr wahnwitzig. -- Es war Nacht geworden und wurde Tag, und Conrad kam nicht zurck; da irrte Eckart durch das Gebirge und wandte seine sehnenden Augen nach dem Schlosse, aber er ersah ihn nicht. Ein Getmmel zog aus der Burg daher, da trachtete er nicht mehr, sich zu verbergen, sondern er bestieg sein Ro, das frei weidete, und ritt in die Schaar hinein, die frhlich und guter Dinge ber das Blachfeld zog. Als er unter ihnen war, erkannten sie ihn, aber keiner wagte Hand an ihn zu legen, oder ihm ein hartes Wort zu sagen, sondern sie wurden aus Ehrerbietung stumm, umgaben ihn in Verwunderung, und gingen dann ihres Weges. Einen von den Knechten rief er zurck, und fragte ihn: Wo ist mein Sohn Conrad? O fragt mich nicht, sagte der Knecht, denn es wrde euch doch nur Jammer und Wehklagen erregen. Und Dietrich? rief der Vater. Nennt ihre Namen nicht mehr, sprach der alte Knecht, denn sie sind dahin, der Zorn des Herrn war gegen sie entbrannt, er gedachte euch in ihnen zu strafen. Ein heier Zorn stieg in Eckarts Gemth auf, und er war vor Schmerz und Wuth sein selber nicht mehr mchtig. Er spornte sein Ro mit aller Gewalt und ritt in das Burgthor hinein. Alle traten ihm mit scheuer Ehrfurcht aus dem Wege, und so ritt er vor den Pallast. Er schwang sich vom Rosse und ging mit wankenden Schritten die groen Stiegen hinan. Bin ich hier in der Wohnung des Mannes, sagte er zu sich selber, der sonst mein Freund war? Er wollte seine Gedanken sammeln, aber immer wildere Gestalten bewegten sich vor seinen Augen, und so trat er in das Gemach des Frsten. Der Herzog von Burgund war sich seiner nicht gewrtig, und erschrak heftig, als er den Eckart vor sich sah. Bist du der Herzog von Burgund? redete dieser ihn an. Worauf der Herzog mit Ja antwortete. Und du hast meinen Sohn Dietrichen hinrichten lassen? Der Herzog sagte Ja. Und auch mein jngstes Shnlein Conrad, rief Eckart im Schmerz, ist dir nicht zu gut gewesen, und du hast ihn auch umbringen lassen? Worauf der Herzog wieder mit Ja antwortete. Hier ward Eckart bermannt und sprach in Thrnen: O antworte mir nicht so, Burgund, denn diese Reden kann ich nicht aushalten, sprich nur, da es dich gereut, da du es jezt ungeschehen wnschest, und ich will mich zu trsten suchen; aber so bist du meinem Herzen berall zuwider. Der Herzog sagte: entferne dich von meinem Angesichte, ungetreuer Verrther, denn du bist mir der rgste Feind, den ich nur auf Erden haben kann. Eckart sagte: du hast mich wohl ehedem deinen Freund genannt, aber diese Gedanken sind dir nunmehr fremd; nie hab' ich dir zuwider gehandelt, stets hab' ich dich als meinen Frsten geehrt und geliebt, und behte mich Gott, da ich nun, wie ich wohl knnte, die Hand an mein Schwerdt legen sollte, um mir Rache zu schaffen. Nein, ich will mich selbst von deinem Angesichte verbannen, und in der Einsamkeit sterben. Mit diesen Worten ging er fort, und der Burgund war in seinem Gemthe bewegt, doch erschienen auf seinen Ruf die Leibwchter mit den Lanzen, die ihn von allen Seiten umgaben, und den Eckart mit ihren Spieen aus dem Gemache treiben wollten. Es schwang sich auf sein Pferd Eckart der edle Held, Und sprach: in aller Welt Ist mir nun nichts mehr werth. Die Shn' hab' ich verloren, So find' ich nirgend Trost, Der Frst ist mir erbost, Hat meinen Tod geschworen. Da reitet er zu Wald Und klagt aus vollem Herzen Die bergroen Schmerzen, Da weit die Stimme schallt: Die Menschen sind mir todt, Ich mu mir Freunde suchen In Eichen, wilden Buchen, Ihn'n klagen meine Noth. Kein Kind, das mich ergtzt, Erwrgt von schlimmen Leuen Blieb keiner von den dreien, Der Liebste starb zuletzt. Wie Eckart also klagte, Verlor er Sinn und Muth, Er reit't in Zorneswuth, Als schon der Morgen tagte. Das Ro, das treu geblieben, Strzt hin im wilden Lauf, Er achtet nicht darauf Und will nun nichts mehr lieben. Er thut die Rstung abe, Wirft sich zu Boden hin, Auf Sterben steht sein Sinn, Sein Wunsch nur nach dem Grabe. Niemand in der Gegend wute, wohin sich der Eckart gewendet, denn er hatte sich in die wsten Waldungen hinein verirrt, und vor keinem Menschen lie er sich sehen. Der Herzog frchtete seinen Sinn, und es gereute ihn nun, da er ihn von sich gelassen, ohne ihn zu fangen. Darum machte er sich an einem Morgen auf, mit einem groen Zuge von Jgern und anderm Gefolge, um die Wlder zu durchstreifen und den Eckart aufzusuchen, denn er meinte, da dessen Tod nur ihn vllig sicher stellte. Alle waren unermdet, und lieen sich den Eifer nicht verdrieen, aber die Sonne war schon untergegangen, ohne da sie von Eckart eine Spur angetroffen htten. Ein Sturm brach herein, und groe Wolken flogen sausend ber dem Walde hin, der Donner rollte, und Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem ungestmen Schrecken wurden alle angefat, und einzeln in den Gebschen und auf den Fluren zerstreut. Das Ro des Herzogs rannte in das Dickicht hinein, sein Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Ro strzte nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich nach seinen Dienern, denn es war keiner, der ihn hren mochte. Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt, ohne von sich, von seinem Unglcke etwas zu wissen, er hatte sich selber verloren und in dumpfer Betubung seinen Hunger mit Krutern und Wurzeln gesttigt; unkenntlich wre der Held jezt jedem seiner Freunde gewesen, so hatten ihn die Tage seiner Verzweiflung entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus seiner Betubung, er fand sich in seinen Schmerzen wieder und erkannte sein Unglck. Da erhub er ein lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er raufte seine weien Haare und klagte im Brausen des Sturmes: Wohin, wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines Herzens? Und wie ist mir denn so alle Macht genommen, da ich euren Tod nicht mindestens rchen darf? Warum hielt ich denn meinen Arm zurck, und gab nicht dem den Tod, der meinem Herzen den tdtlichsten Stich zutheilte? Ha, du verdienst es, Wahnsinniger, da der Tyrann dich verhhnt, weil dein unmchtiger Arm, dein bldes Herz nicht dem Mrder widerstrebt! Jezt, jezt sollte er so vor mir stehn! Vergeblich wnsch' ich jezt die Rache, da der Augenblick vorber ist. So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in seinem Jammer umher. Da hrte er aus der Ferne wie eine Stimme, die um Hlfe rief. Er richtete seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in der Dunkelheit auf einen Mann, der an einen Baumstamm gelehnt, ihn wehmthig bat, ihm wieder auf die rechte Strae zu helfen. Eckart erschrak vor der Stimme, denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte er sich und erkannte, da der Verirrte der Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand und wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder zu hauen, der der Mrder seiner Kinder war; es berfiel ihn die Wuth mit neuen Krften, und er war des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als er pltzlich inne hielt, und seines Schwures und des gegebenen Wortes gedachte. Er fate die Hand seines Feindes, und fhrte ihn nach der Gegend, wo er die Strae vermuthete. Der Herzog sank darnieder Im wilden dunkeln Hain, Da nahm der Helde bieder Ihn auf die Schultern sein. Er sprach: gar viel Beschwerden Mach' ich dir, guter Mann; Der sagte: auf der Erden Mu man gar viel bestahn. Doch sollst du, sprach Burgund, Dich freun, bei meinem Worte, Komm ich nur erst gesund Zu Haus und sicherm Orte. Der Held fhlt Thrnen hei Auf seinen alten Wangen, Er sprach: auf keine Weis' Trag ich nach Lohn Verlangen. Es mehren sich die Plagen, Sprach der Burgund in Noth; Wohin willst du mich tragen? Du bist wohl gar der Tod? -- Tod bin ich nicht genannt, Sprach Eckart noch im Weinen, Du stehst in Gottes Hand, Sein Licht mag dich bescheinen. Ach, wohl ist mir bewut, Sprach jener drauf in Reue, Da sndvoll meine Brust, Drum zittr' ich, da er drue. Ich hab' dem treusten Freunde Die Kinder umgebracht, Drum steht er mir zum Feinde In dieser finstern Nacht. Er war mir recht ergeben, Als wie der treuste Knecht, Und war im ganzen Leben Mir niemals ungerecht. Die Kindlein lie ich tdten, Das kann er nie verzeihn, Ich frcht', in diesen Nthen Treff' ich ihn hier im Hain: Das sagt mir mein Gewissen, Mein Herze innerlich, Die Kind hab ich zerrissen, Dafr zerreit er mich. Der Eckart sprach: empfinden Mu ich so schwere Last, Weil du nicht rein von Snden Und schwer gefrevelt hast. Da du den Mann wirst schauen, Ist auch gewilich wahr, Doch magst du mir vertrauen, So krmmt er dir kein Haar. So gingen sie in Gesprchen fort, als ihnen im Walde eine andre Mannsgestalt begegnete, es war Wolfram, der Knappe des Herzogs, der seinen Herrn schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag noch ber ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen den schwarzen Wolken hervor. Der Herzog fhlte sich schwcher, und wnschte eine Herberge zu erreichen, in der er die Nacht schlafen mchte; dabei zitterte er, auf den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner Seele stand. Er glaubte nicht den Morgen zu erleben, und schauderte von neuem zusammen, wenn sich der Wind wieder in den hohen Bumen regte, wenn der Sturm von unten herauf aus den Bergschluften kam und ber ihren Huptern hinweg ging. Besteige, Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein Haus, oder keine Htte ersphst, zu der wir uns wenden mgen. Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens zum hohen Tannenbaum hinauf, den der Sturm von einer Seite zur andern warf, und je zuweilen fast bis zur Erde den Wipfel beugte, so da der Knappe wie ein Eichktzlein oben schwankte. Endlich hatte er den Gipfel erklommen und rief: Im Thal da unten seh' ich den Schein eines Lichtes, dorthin mssen wir uns wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden den Weg, und nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen Schein, worber der Herzog anfing, sich wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm und in sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute seinen innern Gedanken zu. Als sie vor der Htte standen, klopften sie an, und ein altes Mtterlein ffnete ihnen die Thr; so wie sie hinein traten, lie der starke Eckart den Herzog von seinen Schultern nieder, der sich alsbald auf seine Knie warf und Gott in einem brnstigen Gebete fr seine Rettung dankte. Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und traf dort den Greis schlafend, der ihm unlngst sein groes Unglck mit seinen Shnen erzhlt hatte, welche er aufzusuchen ging. Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er: Wunderbar ist mir in dieser Nacht zu Sinne geworden, und die Gte Gottes wie seine Allmacht haben sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe gezeigt; auch da ich bald sterbe, sagt mir mein Gemth, und ich wnsche nichts so sehr, als da Gott mir vorher meine vielen und schweren Snden vergeben mge. Euch beide aber, die ihr mich hieher gefhrt habt, will ich vor meinem Ende noch belohnen, so viel ich kann. Dir, meinem Knappen, schenk' ich die beiden Schlsser, die hier auf den nchsten Bergen liegen; doch sollst du dich knftig, zum Gedchtni dieser grauenvollen Nacht, den Tannenhuser nennen. Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der sich dorten im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich auch dir fr deine Mhe und Liebe lohnen mge. Da stand der Eckart von der Erden Und trat herfr ans helle Licht, Er zeigt mit traurigen Geberden Sein hochbekmmert Angesicht. Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth, Den Blick des Mannes auszuhalten, Den Adern sein entweicht das Blut, In Ohnmacht ist er festgehalten. Es strzen ihm die matten Glieder Von neuem auf den Boden nieder. Allmcht'ger Gott! so schreit er laut, Du bist es, den mein Auge schaut? Wohin soll ich vor dir entfliehn? Mut du mich aus dem Walde ziehn? Dem ich die Kinder hab' erschlagen, Der mu mich in den Armen tragen? So klagt Burgund und weint im Sprechen, Und fhlt das Herz im Busen brechen, Er sinkt dem Eckart an die Brust, Ist sich sein selber nicht bewut. -- Der Eckart leise zu ihm spricht: Der Schmach gedenk' ich frder nicht, Damit die Welt es sehe frei, Der Eckart war dir stets getreu. So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen andre Diener, die den kranken Herzog fanden. Sie legten ihn auf Maulthiere und fhrten ihn in sein Schlo zurck. Eckart durfte nicht von seiner Seite kommen, oft aber nahm er seine Hand und drckte sie sich gegen seine Brust, und sah ihn mit einem flehenden Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und sprach einige liebevolle Worte, mit denen sich der Frst beruhigte. Er versammelte alle seine Rthe um sich her, und sagte ihnen, da er den Eckart, den getreuen Mann, zum Vormunde ber seine Shne setze, weil dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er. Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem Fleie an, und jedermann im Lande mute seinen hohen mnnlichen Muth bewundern. Es whrte nicht lange, so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare Gercht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommen, das ganze Land durchziehe und mit seinen Tnen die Menschen entfhre, welche verschwnden, ohne da man eine Spur von ihnen wieder finden knne. Viele glaubten dem Gerchte, andre nicht, und Eckart gedachte des unglcklichen Greises wieder. Ich habe euch zu meinen Shnen angenommen, sprach er zu den unmndigen Jnglingen, als er sich einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse befand; euer Glck ist jezt meine Nachkommenschaft, ich will in eurer Freude nach meinem Tode fortleben. Sie lagerten sich auf dem Abhange, von wo sie weit in das schne Land hinein sehn konnten, und Eckart unterdrckte das Andenken an seine Kinder, denn sie schienen ihm von den Bergen herber zu schreiten, indem er aus der Ferne einen lieblichen Klang vernahm. Kommt es nicht wie Trumen Aus den grnen Rumen Zu uns wallend nieder, Wie Verstorbner Lieder? Spricht er zu den jungen Herrn, Vernimmt den Zauberklang von fern. Wie sich die Tn' herberschwungen Erwachet in den frommen Jungen Ein seltsam bser Geist, Der sich nach unbekannter Ferne reit. Wir wollen in die Berge, in die Felder, Uns rufen die Quellen, es locken die Wlder, Gar heimliche Stimmen entgegen singen, Ins irdische Paradies uns zu bringen! Der Spielmann kommt in fremder Tracht Den Shnen Burgunds ins Gesicht, Und hher schwillt der Tne Macht, Und heller glnzt der Sonne Licht, Die Blumen scheinen trunken, Ein Abendroth nieder gesunken, Und zwischen Korn und Grsern schweifen Sanft irrend blau und goldne Streifen. Wie ein Schatten ist hinweg gehoben Was sonst den Sinn zur Erden zieht, Gestillt ist alles ird'sche Toben, Die Welt zu Einer Blum' erblht, Die Felsen schwanken lichterloh, Die Triften jauchzen und sind froh, Es wirrt und irrt alles in die Klnge hinein Und will in der Freude heimisch sein, Des Menschen Seele reien die Funken, Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken. Es wurde Eckart rege Und wundert sich dabei, Er hrt der Tne Schlge Und fragt sich, was es sei. Ihm dnkt die Welt erneuet, In andern Farben blhn, Er wei nicht, was ihn freuet, Fhlt sich in Wonne glhn. Ha! bringen nicht die Tne, So fragt er sich entzckt, Mir Weib und liebe Shne, Und was mich sonst beglckt? Doch fat ein heimlich Grauen Den Helden pltzlich an, Er darf nur um sich schauen Und fhlt sich bald ein Mann. Da sieht er schon das Wthen Der ihm vertrauten Kind, Die sich der Hlle bieten Und unbezwinglich sind. Sie werden fortgezogen Und kennen ihn nicht mehr, Sie toben wie die Wogen Im wildemprten Meer. Was soll er da beginnen? Ihn ruft sein Wort und Pflicht, Ihm wanken selbst die Sinnen, Er kennt sich selber nicht. Da kmmt die Todesstunde Von seinem Freund zurck, Er hret den Burgunde Und sieht den letzten Blick. So schirmt er sein Gemthe Und steht gewappnet da, Indem kommt im Gemthe Der Spielmann selbst ihm nah. Er will den Degen schwingen Und schlagen jenes Haupt: Er hrt die Pfeife klingen, Die Kraft ist ihm geraubt. Es strzen aus den Bergen Gestalten wunderlich, Ein wstes Heer von Zwergen, Sie nahen grauerlich. Die Shne sind gefangen Und toben in dem Schwarm, Umsonst ist sein Verlangen, Gelhmt sein tapfrer Arm. Es strmt der Zug an Vesten, An Schlssern wild vorbei, Sie ziehn von Ost nach Westen Mit jauchzendem Geschrei. Eckart ist unter ihnen, Es reit die Macht ihn hin, Er mu der Hlle dienen, Bezwungen ist sein Sinn. Da nahen sie dem Berge, Aus dem Musik erschallt, Und also gleich die Zwerge Stillstehn und machen Halt. Der Fels springt von einander, Ein bunt Gewimmel drein, Man sieht Gestalten wandern Im wunderlichen Schein. Da fat er seinen Degen Und sprach: ich bleibe treu! Und haut mit Kraft verwegen In alle Schaaren frei. Die Kinder sind errungen, Sie fliehen durch das Thal, Der Feind noch unbezwungen Mehrt sich zu Eckarts Quaal. Die Zwerge sinken nieder, Sie fassen neuen Muth, Es kommen andre wieder, Und jeder kmpft mit Wuth. Da sieht der Held schon ferne Die Kind in Sicherheit, Sprach: nun verlier' ich gerne Mein Leben hier im Streit. Sein tapfres Schwerdt thut blinken Im hellen Sonnenstrahl, Die Zwerge niedersinken Zu Haufen dort im Thal. Die Kinder sind entschwunden Im allerfernsten Feld, Da fhlt er seine Wunden, Da stirbt der tapfre Held. So fand er seine Stunde Wild kmpfend wie der Leu, Und blieb noch dem Burgunde Im Tode selber treu. Als nun der Held erschlagen Regiert der ltste Sohn, Dankbar hrt man ihn sagen: Eckart hat meinen Thron Erkmpft mit vielen Wunden Und seinem besten Blut, Und alle Lebensstunden Verdank' ich seinem Muth. Bald hrt man Wundersagen Im ganzen Land umgehn, Da, wer es wolle wagen Der Venus Berg zu sehn, Der werde dorten schauen Des treuen Eckart Geist, Der jeden mit Vertrauen Zurck vom Felsen weist. Wo er nach seinem Sterben Noch Schutz und Wache hlt. Es preisen alle Erben Eckart den treuen Held. Zweiter Abschnitt. Es waren mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode des getreuen Eckart verflossen, als am Hofe ein edler Tannenhuser als kaiserlicher Rath im groen Ansehen stand. Der Sohn dieses Ritters bertraf an Schnheit alle brigen Edlen des Landes, weswegen er auch von jedermann geliebt und hochgeschtzt wurde. Pltzlich aber verschwand er, nachdem sich einige wunderbare Dinge mit ihm zugetragen hatten, und kein Mensch wute zu sagen, wohin er gekommen sei. Seit der Zeit des getreuen Eckart gab es vom Venusberge eine Sage im Lande, und manche sprachen, da er dorthin gewandert und also auf ewig verloren sei. Einer von seinen Freunden, Friedrich von Wolfsburg, hrmte sich von allen am meisten um den jungen Tannenhuser. Sie waren mit einander erwachsen und ihre gegenseitige Freundschaft schien jedem ein Bedrfni seines Lebens geworden zu sein. Tannenhusers alter Vater war gestorben, Friedrich vermlte sich nach einigen Jahren; schon umgab ihn ein Kreis von frhlichen Kindern, und immer noch hatte er keine Nachricht von seinem Jugendfreunde vernommen, so da er ihn auch fr gestorben halten mute. Er stand eines Abends unter dem Thor seiner Burg, als er aus der Ferne einen Pilgrim daher kommen sah, der sich seinem Schlosse nherte. Der fremde Mann war in seltsame Tracht gekleidet, und sein Gang wie seine Geberden erschienen dem Ritter wunderlich. Als jener nher gekommen, glaubte er ihn zu kennen, und endlich war er mit sich einig, da der Fremde kein anderer als sein ehemaliger Freund der Tannenhuser sein knne. Er erstaunte und ein heimlicher Schauer bemchtigte sich seiner, als er die durchaus vernderten Zge deutlich gewahr wurde. Die beiden Freunde umarmten sich, und erschraken dann einer vor dem andern, sie staunten sich an, wie fremde Wesen. Der Fragen, der verworrenen Antworten gab es viele; Friedrich erbebte oft vor dem wilden Blicke seines Freundes, in dem ein unverstndliches Feuer brannte. Nachdem sich der Tannenhuser einige Tage erholt hatte, erfuhr Friedrich, da er auf einer Wallfahrt nach Rom begriffen sei. Die beiden Freunde erneuerten bald ihre ehemaligen Gesprche und erzhlten sich die Geschichte ihrer Jugend, doch verschwieg der Tannenhuser noch immer sorgfltig, wo er seitdem gewesen. Friedrich aber drang in ihn, nachdem sie sich in ihre sonstige Vertraulichkeit wieder hinein gefunden hatten, jener suchte sich lange den freundschaftlichen Bitten zu entziehen, doch endlich rief er aus: Nun, so mag dein Wille erfllt werden, du sollst alles erfahren, mache mir aber nachher keine Vorwrfe, wenn dich die Geschichte mit Bekmmerni und Grauen erfllt. Sie gingen ins Freie und wandelten durch einen grnen Lustwald, wo sie sich niedersetzten, worauf der Tannenhuser sein Haupt im grnen Grase verbarg und unter lautem Schluchzen seinem Freunde abgewandt die rechte Hand reichte, die dieser zrtlich drckte. Der trbselige Pilgrim richtete sich wieder auf, und begann seine Erzhlung auf folgende Weise: Glaube mir, mein Theurer, da manchem von uns ein bser Geist von seiner Geburt an mitgegeben wird, der ihn durch das Leben dahin ngstigt und ihn nicht ruhen lt, bis er an das Ziel seiner schwarzen Bestimmung gelangt ist. So geschahe mir, und mein ganzer Lebenslauf ist nur ein dauerndes Geburtswehe, und mein Erwachen wird in der Hlle sein. Darum habe ich nun schon so viele mhselige Schritte gethan, und so manche stehn mir noch auf meiner Pilgerschaft bevor, ob ich vielleicht beim heiligen Vater zu Rom Vergebung erlangen mchte: vor ihm will ich die schwere Ladung meiner Snden ablegen, oder im Druck erliegen und verzweifelnd sterben. Friedrich wollte ihn trsten, doch schien der Tannenhuser auf seine Reden nicht sonderlich Acht zu geben, sondern fuhr nach einer kleinen Weile mit folgenden Worten fort: Man hat ein altes Mhrchen, da vor vielen Jahrhunderten ein Ritter mit dem Namen des getreuen Eckart gelebt habe; man erzhlt, wie damals aus einem seltsamen Berge ein Spielmann gekommen sei, dessen wunderbarliche Tne so tiefe Sehnsucht, so wilde Wnsche in den Herzen aller Hrenden auferweckt haben, da sie unwiderstreblich den Klngen nachgerissen worden, um sich in jenem Gebirge zu verlieren. Die Hlle hat damals ihre Pforten den armen Menschen weit aufgethan, und sie mit lieblicher Musik zu sich herein gespielt. Ich hrte als Knabe diese Erzhlung oft und wurde nicht sonderlich davon gerhrt, doch whrte es nicht lange, so erinnerte mich die ganze Natur, jedweder Klang, jedwede Blume an die Sage von diesen herzergreifenden Tnen. Ich kann dir nicht ausdrcken, welche Wehmuth, welche unaussprechliche Sehnsucht mich pltzlich ergriff, und wie in Banden hielt und fortfhren wollte, wenn ich dem Zug der Wolken nachsahe, die lichte herrliche Blue erblickte, die zwischen ihnen hervordrang, welche Erinnerungen Wies' und Wald in meinem tiefsten Herzen erwecken wollten. Oft ergriff mich die Lieblichkeit und Flle der herrlichen Natur, da ich die Arme ausstreckte und wie mit Flgeln hineinstreben wollte, um mich, wie der Geist der Natur, ber Berg und Thal auszugieen, und mich in Gras und Bschen allseitig zu regen und die Flle des Segens einzuathmen. Hatte mich am Tage die freie Landschaft entzckt, so ngstigten mich in der Nacht dunkle Traumbilder und stellten sich grauenhaft vor mich hin, als wenn sie mir den Weg zu allem Leben versperren wollten. Vor allen lie ein Traum einen unauslschlichen Eindruck in meinem Gemthe zurck, ob ich gleich nicht die Bilder deutlich wieder in meine Phantasie zurckrufen konnte. Mir dnkte, als wre ein groes Gewhl in den Gassen, ich vernahm undeutliche Gesprche durcheinander, darauf ging ich, es war dunkle Nacht, in das Haus meiner Eltern, und nur mein Vater war zugegen und krank. Am nchsten Morgen fiel ich meinen Eltern um den Hals, umarmte sie inbrnstig und drckte sie an meine Brust, als wenn uns eine feindliche Gewalt von einander reien wollte. Sollt' ich dich verlieren? sprach ich zum theuren Vater, o wie unglcklich und einsam wre ich ohne dich in dieser Welt! Sie trsteten mich, aber es gelang ihnen nicht, das dunkle Bild aus meinem Gedchtnisse zu entfernen. Ich ward lter, indem ich mich stets von andern Knaben meines Alters entfernt hielt. Oft streifte ich einsam durch die Felder, und so geschah es an einem Morgen, da ich meinen Weg verlor, und in einem dunkeln Walde, um Hlfe rufend, herum irrte. Nachdem ich so lange Zeit vergeblich nach einem Wege gesucht hatte, stand ich endlich pltzlich vor einem eisernen Gatterwerk, welches einen Garten umschlo. Durch dasselbe sah ich schne dunkle Gnge vor mir, Fruchtbume und Blumen, voran standen Rosengebsche, die im Schein der Sonne glnzten. Ein unnennbares Sehnen zu den Rosen ergriff mich, ich konnte mich nicht zurckhalten, ich drngte mich mit Gewalt durch die eisernen Stbe, und war nun im Garten. Alsbald fiel ich nieder, umfate mit meinen Armen die Gebsche, kte die Rosen auf ihren rothen Mund, und ergo mich in Thrnen. Als ich mich eine Zeit in dieser Entzckung verloren hatte, kamen zwei Mdchen durch die Baumgnge, die eine lter, die andre von meinen Jahren. Ich erwachte aus meiner Betubung, um mich einer hheren Trunkenheit hinzugeben. Mein Auge fiel auf die jngere, und mir war in diesem Augenblicke, als wrde ich von allen meinen unbekannten Schmerzen geheilt. Man nahm mich im Hause auf, die Eltern der beiden Kinder erkundigten sich nach meinem Namen, und schickten meinem Vater Botschaft, der mich gegen Abend selber wieder abholte. Von diesem Tage hatte der ungewisse Lauf meines Lebens eine bestimmte Richtung gewonnen, meine Gedanken eilten immer wieder nach dem Schlosse und dem Mdchen zurck, denn hier schien mir die Heimath aller meiner Wnsche. Ich verga meiner gewohnten Freuden, ich vernachlssigte meine Gespielen, und besuchte oft den Garten, das Schlo und das Mdchen. Bald war ich dort wie ein Kind vom Hause, so da man sich nicht mehr verwunderte, wenn ich zugegen war, und Emma ward mir mit jedem Tage lieber. So vergingen mir die Stunden, und eine Zrtlichkeit hatte mein Herz gefangen genommen, ohne da ich es selber wute. Meine ganze Bestimmung schien mir nun erfllt, ich hatte keine andere Wnsche, als immer wieder zu kommen, und wenn ich fortging, dieselbe Aussicht auf den knftigen Tag zu haben. Um die Zeit ward ein junger Ritter in der Familie bekannt, der auch zugleich ein Freund meiner Eltern war, und sich bald eben so, wie ich, an Emma schlo. Ich hate ihn von diesem Augenblicke wie meinen Todfeind. Unbeschreiblich aber waren meine Gefhle, als ich wahrzunehmen glaubte, da Emma seine Gesellschaft der meinigen vorziehe. Von dieser Stunde an war es, als wenn die Musik, die mich bis dahin begleitet hatte, in meinem Busen unterginge. Ich dachte nur Tod und Ha, wilde Gedanken erwachten in meiner Brust, wenn Emma nun auf der Laute die bekannten Gesnge sang. Auch verbarg ich meinen Widerwillen nicht, und bezeigte mich gegen meine Eltern, die mir Vorwrfe machten, wild und widerspenstig. Nun irrte ich in den Wldern und zwischen Felsen umher, gegen mich selber wthend: den Tod meines Gegners hatte ich beschlossen. Der junge Ritter hielt nach einigen Monden bei den Eltern um meine Geliebte an, sie wurde ihm zugesagt. Was mich sonst wunderbar in der ganzen vollen Natur angezogen und gereizt hatte, hatte sich mir in Emmas Bilde vereiniget; ich wute, kannte und wollte kein anderes Glck als sie, ja ich hatte mir willkhrlich vorgesetzt, da ihren Verlust und mein Verderben ein und derselbe Tag herbei fhren solle. Meine Eltern grmten sich ber meine Verwilderung, meine Mutter war krank geworden, aber es rhrte mich nicht, ich kmmerte mich wenig um ihren Zustand, und sah sie nur selten. Der Hochzeitstag meines Feindes rckte heran, und mit ihm wuchs meine Angst, die mich durch die Wlder und ber die Berge trieb. Ich verwnschte Emma und mich mit den grlichsten Flchen. Um die Zeit hatte ich keinen Freund, kein Mensch wollte sich meiner annehmen, weil mich alle verloren gaben. Die schreckliche Nacht vor dem Vermhlungstage brach heran. Ich hatte mich unter Klippen verirrt und hrte unter mir die Waldstrme brausen, oft erschrak ich vor mir selber. Als es Morgen war, sah ich meinen Feind von den Bergen hernieder steigen, ich fiel ihn mit beschimpfenden Reden an, er vertheidigte sich, wir griffen zu den Schwerdtern, und bald sank er unter meinen wthenden Hieben nieder. Ich eilte fort, ich sah mich nicht nach ihm um, aber seine Begleiter trugen den Leichnam fort. Nachts schwrmte ich um die Wohnung, die meine Emma einschlo, und nach wenigen Tagen vernahm ich im benachbarten Kloster Todtengelute und den Grabgesang der Nonnen. Ich fragte: man sagte mir, da Frulein Emma aus Gram ber den Tod ihres Brutigams gestorben sei. Ich wute nicht zu bleiben, ich zweifelte, ob ich lebe, ob alles Wahrheit sei. Ich eilte zurck zu meinen Eltern, und kam in der folgenden Nacht spt in die Stadt, in der sie wohnten. Alles war in Unruhe, Pferde und Rstwagen erfllten die Straen, Lanzenknechte tummelten sich durch einander und sprachen in verwirrten Reden: es war gerade an dem, da der Kaiser einen Feldzug gegen seine Feinde unternehmen wollte. Ein einsames Licht brannte in der vterlichen Wohnung als ich herein trat; eine drckende Beklemmung lag auf meiner Brust. Auf mein Anklopfen kommt mir mein Vater selbst mit leisem bedchtigen Schritte entgegen; sogleich erinnere ich mich des alten Traumes aus meinen Kinderjahren, und fhle mit innigster Bewegung, da es dasselbe sei, was ich nun erlebe. Ich bin bestrzt, ich frage: Warum, Vater, seid ihr so spt noch auf? Er fhrt mich hinein und spricht: ich mu wohl wachen, denn deine Mutter ist ja nun auch todt. Die Worte fielen wie Blitze in meine Seele. Er setzte sich bedchtig nieder, ich mich an seine Seite, die Leiche lag auf einem Bette und war mit Tchern seltsam zugehngt. Mein Herz wollte zerspringen. Ich halte Wache, sprach der Alte, denn meine Gattin sitzt noch immer neben mir. Meine Sinne vergingen, ich heftete meine Augen in einen Winkel, und nach kurzer Weile regte es sich wie ein Dunst, es wallte und wogte, und die bekannte Bildung meiner Mutter zog sich sichtbarlich zusammen, die nach mir mit ernsten Mienen schaute. Ich wollte fort, ich konnte nicht, denn die mtterliche Gestalt winkte und mein Vater hielt mich fest in den Armen, welcher mir leise zuflsterte: sie ist aus Gram um dich gestorben. Ich umfate ihn mit aller kindlichen Brnstigkeit, ich vergo brennende Thrnen an seiner Brust. Er kte mich, und mir schauderte, als seine Lippen kalt wie die Lippen eines Todten mich berhrten. Wie ist dir, Vater? rief ich mit Entsetzen aus. Er zuckte schmerzhaft in sich zusammen und antwortete nicht. In wenigen Augenblicken fhlte ich ihn klter werden, ich suchte nach seinem Herzen, es stand still, und im wehmthigen Wahnsinn hielt ich die Leiche in meiner Umarmung fest eingeklammert. Wie ein Schein, gleich der ersten Morgenrthe, flog es durch das dunkle Gemach; da sa der Geist meines Vaters neben dem Bilde meiner Mutter, und beide sahen nach mir mitleidig hin, wie ich die theure Leiche festhielt. Seitdem war es um mein Bewutsein geschehn, wahnsinnig und kraftlos fanden mich die Diener am Morgen in der Todtenkammer. -- Bis hieher war der Tannenhuser mit seiner Erzhlung gekommen, indem ihm sein Freund Friedrich mit dem grten Erstaunen zuhrte, als er pltzlich abbrach und mit dem Ausdruck des grten Schmerzes inne hielt. Friedrich war verlegen und nachdenkend, die beiden Freunde gingen in die Burg zurck, doch blieben sie in einem Zimmer allein. Nachdem der Tannenhuser eine Weile geschwiegen hatte, fing er wieder an: Immer noch erschttert mich das Andenken dieser Stunden tief, und ich begreife nicht, wie ich sie habe berleben knnen. Nunmehr schien mir die Erde und das Leben vllig ausgestorben und verwstet, ich schleppte mich ohne Gedanken und Wunsch von einem Tage zum andern hinber. Dann gerieth ich in eine Gesellschaft von wilden jungen Leuten, und in Trunk und Wollust suchte ich den pochenden bsen Geist in mir zu besnftigen. Die alte brennende Ungeduld erwachte in meiner Brust von neuem, und ich konnte mich und meine Wnsche selber nicht verstehn. Ein Wstling, Rudolf genannt, war mein Vertrauter geworden, der aber immer meine Klagen wie meine Sehnsucht verlachte. So mochte ein Jahr verflossen sein, als meine Angst bis zur Verzweiflung stieg; es drngte mich weiter, weiter hinein in eine unbekannte Ferne, ich htte mich von den hohen Bergen hinab in den Glanz der Wiesenfarben, in das khle Gebrause der Strme strzen mgen, um den glhenden Durst der Seele, die Unersttlichkeit zu lschen; ich sehnte mich nach der Vernichtung und wieder wie goldne Morgenwolken schwebten Hoffnung und Lebenslust vor mir hin und lockten mich nach. Da kam ich auf den Gedanken, da die Hlle nach mir lstern sei, und mir so Schmerzen wie Freuden entgegen sende, um mich zu verderben, da ein tckischer Geist alle meine Seelenkrfte nach der dunkeln Behausung richte und mich hinunter zgle. Da gab ich mich gefangen, um der Quaalen, der wechselnden Entzckungen los zu werden. In der dunkelsten Nacht bestieg ich einen hohen Berg und rief mit allen Herzenskrften den Feind Gottes und der Menschen zu mir, so da ich fhlte, er wrde mir gehorchen mssen. Meine Worte zogen ihn herbei, er stand pltzlich neben mir und ich empfand kein Grauen. Da ging im Gesprch mit ihm der Glaube an jenen wunderbaren Berg von neuem in mir auf, und er lehrte mich ein Lied, das mich von selbst auf die rechte Strae dahin fhren wrde. Er verschwand, und ich war zum erstenmal, seit ich lebte, mit mir allein, denn nun verstand ich meine abirrenden Gedanken, die aus dem Mittelpunkte heraus strebten, um eine neue Welt zu finden. Ich machte mich auf den Weg, und das Lied, das ich mit lauter Stimme sang, fhrte mich ber wunderbare Einden fort, und alles brige in mir und auer mir hatte ich vergessen; es trug mich wie auf groen Flgeln der Sehnsucht nach meiner Heimath, ich wollte dem Schatten entfliehen, der uns auch aus dem Glanze noch drut, den wilden Tnen, die noch in der zartesten Musik auf uns schelten. So kam ich in einer Nacht, als der Mond hinter dunkeln Wolken matt hervor schien, vor dem Berge an. Ich setzte mein Lied fort, und eine Riesengestalt stand da und winkte mich mit ihrem Stabe zurck. Ich ging nher. Ich bin der getreue Eckart, rief die bermenschliche Bildung, ich bin von Gottes Gte hieher zum Wchter gesetzt, um des Menschen bsen Frwitz zurck zu halten. -- Ich drang hindurch. Wie in einem unterirdischen Bergwerke war nun mein Weg. Der Steg war so schmal, da ich mich hindurch drngen mute, ich vernahm den Klang der verborgenen wandernden Gewsser, ich hrte die Geister, die die Erze und Gold und Silber bildeten, um den Menschengeist zu locken, ich fand die tiefen Klnge und Tne hier einzeln und verborgen, aus denen die irdische Musik entsteht; je tiefer ich ging, je mehr fiel es wie ein Schleier vor meinem Angesichte hinweg. Ich ruhte aus und sah andre Menschengestalten heran wanken, mein Freund Rudolf war unter ihnen; ich begriff gar nicht, wie sie mir vorbei kommen wrden, da der Weg so sehr enge war, aber sie gingen mitten durch die Steine hindurch, ohne da sie mich gewahr wurden. Alsbald vernahm ich Musik, aber eine ganz andre, als bis dahin zu meinem Gehr gedrungen war, meine Geister in mir arbeiteten den Tnen entgegen; ich kam ins Freie, und wunderhelle Farben glnzten mich von allen Seiten an. Das war es, was ich immer gewnscht hatte. Dicht am Herzen fhlte ich die Gegenwart der gesuchten, endlich gefundenen Herrlichkeit, und in mich spielten die Entzckungen mit allen ihren Krften hinein. So kam mir das Gewimmel der frohen heidnischen Gtter entgegen, Frau Venus an ihrer Spitze, alle begrten mich; sie sind dorthin gebannt von der Gewalt des Allmchtigen, und ihr Dienst ist von der Erde vertilgt; nun wirken sie von dort in ihrer Heimlichkeit. Alle Freuden, die die Erde beut, geno und schmeckte ich hier in ihrer vollsten Blthe, unersttlich war mein Busen und unendlich der Genu. Die berhmten Schnheiten der alten Welt waren zugegen, was mein Gedanke wnschte, war in meinem Besitz, eine Trunkenheit folgte der andern, mit jedem Tage schien um mich her die Welt in bunteren Farben zu brennen. Strme des kstlichsten Weines lschten den grimmen Durst, und die holdseligsten Gestalten gaukelten dann in der Luft, ein Gewimmel von nackten Mdchen umgab mich einladend, Dfte schwangen sich bezaubernd um mein Haupt, wie aus dem innersten Herzen der seligsten Natur erklang eine Musik, und khlte mit ihren frischen Wogen der Begierde wilde Lsternheit; ein Grauen, das so heimlich ber die Blumenfelder schlich, erhhte den entzckenden Rausch. Wie viele Jahre so verschwunden sind, wei ich nicht zu sagen, denn hier gab es keine Zeit und keine Unterschiede, in den Blumen brannte der Mdchen und der Lste Reiz, in den Krpern der Weiber blhte der Zauber der Blumen, die Farben fhrten hier eine andre Sprache, die Tne sagten neue Worte, die ganze Sinnenwelt war hier in einer Blthe fest gebunden, und die Geister drinnen feierten ewig einen brnstigen Triumph. Doch wie es geschah, kann ich so wenig sagen wie fassen, da mich nun in aller Snderherrlichkeit der Trieb nach der Ruhe, der Wunsch zur alten unschuldigen Erde mit ihren drftigen Freuden eben so ergriff, wie mich vormals die Sehnsucht hieher gedrngt hatte. Es zog mich an, wieder jenes Leben zu leben, das die Menschen in aller Bewutlosigkeit fhren, mit Leiden und abwechselnden Freuden; ich war von dem Glanz gesttigt und suchte gern die vorige Heimath wieder. Eine unbegreifliche Gnade des Allmchtigen verschaffte mir die Rckkehr, ich befand mich pltzlich wieder in der Welt, und denke nun meinen sndigen Busen vor den Stuhl unsers allerheiligsten Vaters in Rom auszuschtten, da er mir vergebe und ich den brigen Menschen wieder zugezhlt werde. -- Der Tannenhuser schwieg still, und Friedrich betrachtete ihn lange mit einem prfenden Blicke; dann nahm er die Hand seines Freundes und sagte: immer noch kann ich nicht von meinem Erstaunen zurck kommen, auch kann ich deine Erzhlung nicht begreifen, denn es ist nicht anders mglich, als da alles, was du mir vorgetragen hast, nur eine Einbildung von dir sein mu. Denn noch lebt Emma, sie ist meine Gattin, und nie haben wir gekmpft oder uns gehat, wie du glaubst; doch verschwandest du noch vor unsrer Hochzeit aus der Gegend, auch hast du mir damals nie mit einem einzigen Worte gesagt, da Emma dir lieb sei. Er nahm hierauf den verwirrten Tannenhuser bei der Hand und fhrte ihn in ein anderes Zimmer zu seiner Gattin, die eben von einem Besuch ihrer Schwester, bei der sie einige Tage verweilt, auf das Schlo zurck gekommen war. Der Tannenhuser war stumm und nachdenkend, er beschaute still die Bildung und das Antlitz der Frau, dann schttelte er mit dem Kopfe und sagte: bei Gott, das ist noch die seltsamste von allen meinen Begebenheiten! Friedrich erzhlte ihm im Zusammenhange alles, was ihm seitdem zugestoen war, und suchte seinem Freunde deutlich zu machen, da ihn ein seltsamer Wahnsinn nur seit manchem Jahre bengstiget habe. Ich wei recht gut wie es ist, rief der Tannenhuser aus, jezt bin ich getuscht und wahnsinnig, die Hlle will mir dies Blendwerk vorgaukeln, damit ich nicht nach Rom gehn und meiner Snden ledig werden soll. Emma suchte ihn an seine Kindheit zu erinnern, aber der Tannenhuser lie sich nicht berreden. So reiste er schnell ab, um in kurzer Zeit in Rom vom Pabste Absolution zu erhalten. Friedrich und Emma sprachen noch oft ber den seltsamen Pilgrim. Einige Monden waren verflossen, als der Tannenhuser bleich und abgezehrt, in zerrissenen Wallfahrtskleidern und barfu in Friedrichs Gemach trat, indem dieser noch schlief. Er kte ihn auf den Mund und sagte dann schnell die Worte: der heilige Vater will und kann mir nicht vergeben, ich mu in meinen alten Wohnsitz zurck. Hierauf entfernte er sich eilig. Friedrich ermunterte sich, der unglckliche Pilger war schon verschwunden. Er ging nach dem Zimmer seiner Gattin, und die Weiber strzten ihm mit Geheul entgegen; der Tannenhuser war hier frh am Tage herein gedrungen und hatte die Worte gesagt: diese soll mich nicht in meinem Laufe stren! Man fand Emma ermordet. Noch konnte sich Friedrich nicht besinnen, als es ihn wie Entsetzen befiel; er konnte nicht ruhn, er rannte ins Freie. Man wollte ihn zurck halten, aber er erzhlte, wie ihm der Pilgrim einen Ku auf die Lippen gegeben habe, und wie dieser Ku ihn brenne, bis er jenen wieder gefunden. So rannte er in unbegreiflicher Eile fort, den wunderlichen Berg und den Tannenhuser zu suchen, und man sah ihn seitdem nicht mehr. Die Leute sagten, wer einen Ku von einem aus dem Berge bekommen, der knne der Lockung nicht widerstehn, die ihn auch mit Zaubergewalt in die unterirdischen Klfte reie. -- * * * * * Alle waren nach geendigter Erzhlung still und in sich gekehrt, worauf Manfred sagte: ohne alle Vorbereitung und einleitende Vorrede will ich sogleich die Vorlesung meines Werkes beginnen, das, wie ich wohl nicht erst zu versichern brauche, Original und eigne Erfindung ist. Da unsre schne Clara auf die Originalitt so viel giebt, so hoffe ich, da sie auch diesem Mhrchen ihren Beifall nicht wird versagen knnen. Er las hierauf folgende Erzhlung. Der Runenberg. 1802. Ein junger Jger sa im innersten Gebirge nachdenkend bei einem Vogelheerde, indem das Rauschen der Gewsser und des Waldes in der Einsamkeit tnte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimath, und alle Befreundeten seines Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem Kreise der wiederkehrenden Gewhnlichkeit zu entfernen, und er blickte mit einer Art von Verwunderung auf, da er sich nun in diesem Thale, in dieser Beschftigung wieder fand. Groe Wolken zogen durch den Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vgel sangen aus den Gebschen und ein Wiederschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den Berg hinunter, und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der ber vorragendes Gestein schumend murmelte. Er hrte auf die wechselnde Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen in unverstndlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren, und er mute sich innig betrben, da er ihre Reden nicht verstehen konnte. Wieder sah er dann umher und ihm dnkte, er sei froh und glcklich; so fate er wieder neuen Muth und sang mit lauter Stimme einen Jgergesang. Froh und lustig zwischen Steinen Geht der Jngling auf die Jagd, Seine Beute mu erscheinen In den grnlebendgen Hainen, Sucht' er auch bis in die Nacht. Seine treuen Hunde bellen Durch die schne Einsamkeit, Durch den Wald die Hrner gellen, Da die Herzen muthig schwellen: O du schne Jgerzeit! Seine Heimath sind die Klfte, Alle Bume gren ihn, Rauschen strenge Herbsteslfte Find't er Hirsch und Reh, die Schlfte Mu er jauchzend dann durchziehn. La dem Landmann seine Mhen Und dem Schiffer nur sein Meer, Keiner sieht in Morgens Frhen So Aurora's Augen glhen, Hngt der Thau am Grase schwer, Als wer Jagd, Wild, Wlder kennet Und Diana lacht ihn an, Einst das schnste Bild entbrennet Die er seine Liebste nennet: O beglckter Jgersmann! Whrend dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite Schatten fielen durch das enge Thal. Eine khlende Dmmerung schlich ber den Boden weg, und nur noch die Wipfel der Bume, wie die runden Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gemth ward immer trbseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelheerde zurck kehren, und dennoch mochte er nicht bleiben; es dnkte ihm so einsam und er sehnte sich nach Menschen. Jezt wnschte er sich die alten Bcher, die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals lesen mgen, so oft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Scenen seiner Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine Bekanntschaften unter den Kindern, die Schule, die ihm so drckend gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurck, die er freiwillig verlassen hatte, um sein Glck in unbekannten Gegenden, in Bergen, unter fremden Menschen, in einer neuen Beschftigung zu finden. Indem es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und das Geflgel der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem Fluge begann, sa er noch immer mivergngt und in sich versunken; er htte weinen mgen, und er war durchaus unentschlossen, was er thun und vornehmen solle. Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und pltzlich hrte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich unterirdisch in klagenden Tnen fortzog, und erst in der Ferne wehmthig verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als wenn er unvermuthet die Wunde berhrt habe, an der der sterbende Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. Er sprang auf und wollte entfliehen, denn er hatte wohl ehemals von der seltsamen Alrunenwurzel gehrt, die beim Ausreien so herzdurchschneidende Klagetne von sich gebe, da der Mensch von ihrem Gewinsel wahnsinnig werden msse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter ihm, welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle. Christian hatte sich Gesellschaft gewnscht, und doch erschrak er von neuem vor dieser freundlichen Gegenwart. Wohin so eilig? fragte der Fremde noch einmal. Der junge Jger suchte sich zu sammeln und erzhlte, wie ihm pltzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, da er sich habe retten wollen, der Abend sei so dunkel, die grnen Schatten des Waldes so traurig, der Bach spreche in lauter Klagen, die Wolken des Himmels zgen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinber. Ihr seid noch jung, sagte der Fremde, und knnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch nicht ertragen, ich will euch begleiten, denn ihr findet doch kein Haus oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir mgen unterwegs etwas sprechen und uns erzhlen, so verliert ihr die trben Gedanken; in einer Stunde kommt der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl auch eure Seele lichter machen. Sie gingen fort, und der Fremde dnkte dem Jnglinge bald ein alter Bekannter zu sein. Wie seid ihr in dieses Gebrge gekommen, fragte jener, ihr seid hier, eurer Sprache nach, nicht einheimisch. -- Ach darber, sagte der Jngling, liee sich viel sagen, und doch ist es wieder keiner Rede, keiner Erzhlung werth; es hat mich wie mit fremder Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweg genommen, mein Geist war seiner selbst nicht mchtig; wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich vergeblich strubt, so verstrickt war meine Seele in seltsamen Vorstellungen und Wnschen. Wir wohnten weit von hier in einer Ebene, in der man rund umher keinen Berg, kaum eine Anhhe erblickte; wenige Bume schmckten den grnen Plan, aber Wiesen, fruchtbare Kornfelder und Grten zogen sich hin, so weit das Auge reichen konnte, ein groer Flu glnzte wie ein mchtiger Geist an den Wiesen und Feldern vorbei. Mein Vater war Grtner im Schlo und hatte vor, mich ebenfalls zu seiner Beschftigung zu erziehen; er liebte die Pflanzen und Blumen ber alles und konnte sich tagelang unermdet mit ihrer Wartung und Pflege abgeben. Ja er ging so weit, da er behauptete, er knne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem Wachsthum und Gedeihen, so wie von der verschiedenen Gestalt und Farbe ihrer Bltter. Mir war die Gartenarbeit zuwider, um so mehr, als mein Vater mir zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen versuchte. Ich wollte Fischer werden, und machte den Versuch, allein das Leben auf dem Wasser stand mir auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann in die Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in das vterliche Haus zurck. Auf einmal hrte ich meinen Vater von Gebirgen erzhlen, die er in seiner Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken und ihren Arbeitern, von Jgern und ihrer Beschftigung, und pltzlich erwachte in mir der bestimmteste Trieb, das Gefhl, da ich nun die fr mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und Nacht sann ich und stellte mir hohe Berge, Klfte und Tannenwlder vor; meine Einbildung erschuf sich ungeheure Felsen, ich hrte in Gedanken das Getse der Jagd, die Hrner, und das Geschrei der Hunde und des Wildes; alle meine Trume waren damit angefllt und darber hatte ich nun weder Rast noch Ruhe mehr. Die Ebene, das Schlo, der kleine beschrnkte Garten meines Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weite Himmel, der sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine Hhe, keinen erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betrbter und verhater. Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der bejammernswrdigsten Unwissenheit lebten, und da alle eben so denken und empfinden wrden, wie ich, wenn ihnen dieses Gefhl ihres Elendes nur ein einziges mal in ihrer Seele aufginge. So trieb ich mich um, bis ich an einem Morgen den Entschlu fate, das Haus meiner Eltern auf immer zu verlassen. Ich hatte in einem Buche Nachrichten vom nchsten groen Gebirge gefunden, Abbildungen einiger Gegenden, und darnach richtete ich meinen Weg ein. Es war im ersten Frhlinge und ich fhlte mich durchaus froh und leicht. Ich eilte, um nur recht bald das Ebene zu verlassen, und an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der Herberge kaum schlafen, so ungeduldig war ich, die Gegend zu betreten, die ich fr meine Heimath ansah; mit dem Frhesten war ich munter und wieder auf der Reise. Nachmittags befand ich mich schon unter den vielgeliebten Bergen, und wie ein Trunkner ging ich, stand dann eine Weile, schaute rckwrts, und berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten Gegenstnden. Bald verlor ich die Ebene hinter mir aus dem Gesichte, die Waldstrme rauschten mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit bewegtem Laube von steilen Abhngen herunter; mein Weg fhrte mich schwindlichten Abgrnden vorber, blaue Berge standen gro und ehrwrdig im Hintergrunde. Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht mde. So kam ich nach einigen Tagen, indem ich einen groen Theil des Gebrges durchstreift hatte, zu einem alten Frster, der mich auf mein instndiges Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst der Jgerei zu unterrichten. Jezt bin ich seit drei Monaten in seinen Diensten. Ich nahm von der Gegend, in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem Knigreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft des Gebrges kennen, ich war in meiner Beschftigung, wenn wir am frhen Morgen nach dem Walde zogen, wenn wir Bume im Forste fllten, wenn ich mein Auge und meine Bchse bte, und die treuen Gefhrten, die Hunde zu ihren Geschicklichkeiten abrichtete, beraus glcklich. Jezt sitze ich seit acht Tagen hier oben auf dem Vogelheerde, im einsamsten Gebrge, und am Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie noch niemals in meinem Leben; ich kam mir so verloren, so ganz unglckselig vor, und noch kann ich mich nicht von dieser trben Stimmung erhohlen. Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehrt, indem beide durch einen dunkeln Gang des Waldes gewandert waren. Jezt traten sie ins Freie, und das Licht des Mondes, der oben mit seinen Hrnern ber der Bergspitze stand, begrte sie freundlich: in unkenntlichen Formen und vielen gesonderten Massen, die der bleiche Schimmer wieder rthselhaft vereinigte, lag das gespaltene Gebrge vor ihnen, im Hintergrunde ein steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen schauerlich im weien Lichte sich zeigten. Unser Weg trennt sich hier, sagte der Fremde, ich gehe in diese Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht ist meine Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggewsser erzhlen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin kannst du mir doch nicht folgen. Aber siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke, wie schn und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist du niemals dorten gewesen? Niemals, sagte der junge Christian, ich hrte einmal meinen alten Frster wundersame Dinge von diesem Berge erzhlen, die ich thricht genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere mich, da mir an jenem Abend grauenhaft zu Muthe war. Ich mchte wohl einmal die Hhe besteigen, denn die Lichter sind dort am schnsten, das Gras mu dorten recht grn sein, die Welt umher recht seltsam, auch mag sichs wohl treffen, da man noch manch Wunder aus der alten Zeit da oben fnde. Es kann fast nicht fehlen, sagte jener, wer nur zu suchen versteht, wessen Herz recht innerlich hingezogen wird, der findet uralte Freunde dort und Herrlichkeiten, alles, was er am eifrigsten wnscht. -- Mit diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne seinem Gefhrten Lebewohl zu sagen, bald war er im Dickicht des Gebsches verschwunden, und kurz nachher verhallte auch der Tritt seiner Fe. Der junge Jger war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine Schritte nach dem Runenberge zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne schienen dorthin zu leuchten, der Mond wies mit einer hellen Strae nach den Trmmern, lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe redeten ihm Gewsser und rauschende Wlder zu und sprachen ihm Muth ein. Seine Schritte waren wie beflgelt, sein Herz klopfte, er fhlte eine so groe Freudigkeit in seinem Innern, da sie zu einer Angst empor wuchs. -- Er kam in Gegenden, in denen er nie gewesen war, die Felsen wurden steiler, das Grn verlor sich, die kahlen Wnde riefen ihn wie mit zrnenden Stimmen an, und ein einsam klagender Wind jagte ihn vor sich her. So eilte er ohne Stillstand fort, und kam spt nach Mitternacht auf einen schmalen Fusteig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er achtete nicht auf die Tiefe, die unter ihm ghnte und ihn zu verschlingen drohte, so sehr spornten ihn irre Vorstellungen und unverstndliche Wnsche. Jezt zog ihn der gefhrliche Weg neben eine hohe Mauer hin, die sich in den Wolken zu verlieren schien; der Steig ward mit jedem Schritte schmaler, und der Jngling mute sich an vorragenden Steinen fest halten, um nicht hinunter zu strzen. Endlich konnte er nicht weiter, der Pfad endigte unter einem Fenster, er mute still stehen und wute jezt nicht, ob er umkehren, ob er bleiben solle. Pltzlich sah er ein Licht, das sich hinter dem alten Gemuer zu bewegen schien. Er sah dem Scheine nach, und entdeckte, da er in einen alten gerumigen Saal blicken konnte, der wunderlich verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in vielfltigen Schimmern funkelte, die sich geheimnivoll von dem wandelnden Lichte durcheinander bewegten, welches eine groe weibliche Gestalt trug, die sinnend im Gemache auf und nieder ging. Sie schien nicht den Sterblichen anzugehren, so gro, so mchtig waren ihre Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dnkte dem entzckten Jnglinge, da er noch niemals solche Schnheit gesehn oder geahnet habe. Er zitterte und wnschte doch heimlich, da sie zum Fenster treten und ihn wahrnehmen mchte. Endlich stand sie still, setzte das Licht auf einen kristallenen Tisch nieder, schaute in die Hhe und sang mit durchdringlicher Stimme: Wo die Alten weilen, Da sie nicht erscheinen? Die Kristallen weinen, Von demantnen Sulen Flieen Thrnenquellen, Tne klingen drein; In den klaren hellen Schn durchsichtgen Wellen Bildet sich der Schein, Der die Seelen ziehet, Dem das Herz erglhet. Kommt ihr Geister alle Zu der goldnen Halle, Hebt aus tiefen Dunkeln Hupter, welche funkeln! Macht der Herzen und der Geister, Die so durstig sind im Sehnen, Mit den leuchtend schnen Thrnen Allgewaltig euch zum Meister! Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden, und ihre Gewnder in einen kostbaren Wandschrank zu legen. Erst nahm sie einen goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar flo in geringelter Flle bis ber die Hften hinab; dann lste sie das Gewand des Busens, und der Jngling verga sich und die Welt im Anschauen der berirdischen Schnheit. Er wagte kaum zu athmen, als sie nach und nach alle Hllen lste; nackt schritt sie endlich im Saale auf und nieder, und ihre schweren schwebenden Locken bildeten um sie her ein dunkel wogendes Meer, aus dem wie Marmor die glnzenden Formen des reinen Leibes abwechselnd hervor strahlten. Nach geraumer Zeit nherte sie sich einem andern goldenen Schranke, nahm eine Tafel heraus, die von vielen eingelegten Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen glnzte, und betrachtete sie lange prfend. Die Tafel schien eine wunderliche unverstndliche Figur mit ihren unterschiedlichen Farben und Linien zu bilden; zuweilen war, nachdem der Schimmer ihm entgegen spiegelte, der Jngling schmerzhaft geblendet, dann wieder besnftigten grne und blau spielende Scheine sein Auge: er aber stand, die Gegenstnde mit seinen Blicken verschlingend, und zugleich tief in sich selbst versunken. In seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut, von Sehnsucht und Wollust aufgethan, Schaaren von beflgelten Tnen und wehmthigen und freudigen Melodien zogen durch sein Gemth, das bis auf den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich aufgehen, mchtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender Zuversicht, groe Wasserstrme, wie voll Wehmuth flieend. Er kannte sich nicht wieder, und erschrak, als die Schne das Fenster ffnete, ihm die magische steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach: Nimm dieses zu meinem Angedenken! Er fate die Tafel und fhlte die Figur, die unsichtbar sogleich in sein Inneres berging, und das Licht und die mchtige Schnheit und der seltsame Saal waren verschwunden. Wie eine dunkele Nacht mit Wolkenvorhngen fiel es in sein Inneres hinein, er suchte nach seinen vorigen Gefhlen, nach jener Begeisterung und unbegreiflichen Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich der untersinkende Mond schwach und blulich spiegelte. Noch hielt er die Tafel fest in seinen Hnden gepret, als der Morgen graute und er erschpft, schwindelnd und halb schlafend die steile Hhe hinunter strzte. -- Die Sonne schien dem betubten Schlfer auf sein Gesicht, der sich erwachend auf einem anmuthigen Hgel wieder fand. Er sah umher, und erblickte weit hinter sich und kaum noch kennbar am uersten Horizont die Trmmer des Runenberges: er suchte nach jener Tafel, und fand sie nirgend. Erstaunt und verwirrt wollte er sich sammeln und seine Erinnerungen anknpfen, aber sein Gedchtni war wie mit einem wsten Nebel angefllt, in welchem sich formlose Gestalten wild und unkenntlich durch einander bewegten. Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer tiefen Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gewhnliche war so in einander vermischt, da er es unmglich sondern konnte. Nach langem Streite mit sich selbst glaubte er endlich, ein Traum oder ein pltzlicher Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur begriff er immer nicht, wie er sich so weit in eine fremde entlegene Gegend habe verirren knnen. Noch fast schlaftrunken stieg er den Hgel hinab, und gerieth auf einen gebahnten Weg, der ihn vom Gebirge hinunter in das flache Land fhrte. Alles war ihm fremd, er glaubte anfangs, er wrde in seine Heimath gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene Gegend, und vermuthete endlich, da er sich jenseit der sdlichen Grnze des Gebirges befinden msse, welches er im Frhling von Norden her betreten hatte. Gegen Mittag stand er ber einem Dorfe, aus dessen Htten ein friedlicher Rauch in die Hhe stieg, Kinder spielten auf einem grnen Platze festtglich geputzt, und aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang und das Singen der Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich ser Wehmuth, alles rhrte ihn so herzlich, da er weinen mute. Die engen Grten, die kleinen Htten mit ihren rauchenden Schornsteinen, die gerade abgetheilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bedrftigkeit des armen Menschengeschlechts, an seine Abhngigkeit vom freundlichen Erdboden, dessen Milde es sich vertrauen mu; dabei erfllte der Gesang und der Ton der Orgel sein Herz mit einer nie gefhlten Frmmigkeit. Seine Empfindungen und Wnsche der Nacht erschienen ihm ruchlos und frevelhaft, er wollte sich wieder kindlich, bedrftig und demthig an die Menschen wie an seine Brder schlieen, und sich von den gottlosen Gefhlen und Vorstzen entfernen. Reizend und anlockend dnkte ihm die Ebene mit dem kleinen Flu, der sich in mannichfaltigen Krmmungen um Wiesen und Grten schmiegte; mit Furcht gedachte er an seinen Aufenthalt in dem einsamen Gebirge und zwischen den wsten Steinen, er sehnte sich, in diesem friedlichen Dorfe wohnen zu drfen, und trat mit diesen Empfindungen in die menschenerfllte Kirche. Der Gesang war eben beendigt und der Priester hatte seine Predigt begonnen, von den Wohlthaten Gottes in der Erndte: wie seine Gte alles speiset und sttiget was lebt, wie wunderbar im Getraide fr die Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei, wie die Liebe Gottes sich unaufhrlich im Brodte mittheile und der andchtige Christ so ein unvergngliches Abendmahl gerhrt feiern knne. Die Gemeine war erbaut, des Jgers Blicke ruhten auf dem frommen Redner, und bemerkten dicht neben der Kanzel ein junges Mdchen, das vor allen andern der Andacht und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank und blond, ihr blaues Auge glnzte von der durchdringendsten Sanftheit, ihr Antliz war wie durchsichtig und in den zartesten Farben blhend. Der fremde Jngling hatte sich und sein Herz noch niemals so empfunden, so voll Liebe und so beruhigt, so den stillsten und erquickendsten Gefhlen hingegeben. Er beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen sprach, er fhlte sich bei den heiligen Worten wie von einer unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das Schattenbild der Nacht in die tiefste Entfernung wie ein Gespenst hinab gerckt. Er verlie die Kirche, verweilte unter einer groen Linde, und dankte Gott in einem inbrnstigen Gebete, da er ihn ohne sein Verdienst wieder aus den Netzen des bsen Geistes befreit habe. Das Dorf feierte an diesem Tage das Erndtefest und alle Menschen waren frhlich gestimmt; die geputzten Kinder freuten sich auf die Tnze und Kuchen, die jungen Burschen richteten auf dem Platze im Dorfe, der von jungen Bumen umgeben war, alles zu ihrer herbstlichen Festlichkeit ein, die Musikanten saen und probirten ihre Instrumente. Christian ging noch einmal in das Feld hinaus, um sein Gemth zu sammeln und seinen Betrachtungen nachzuhngen, dann kam er in das Dorf zurck, als sich schon alles zur Frhlichkeit und zur Begehung des Festes vereiniget hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern zugegen, und der Fremde mischte sich in den frohen Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte unterde bald mit dem Vater ein Gesprch angesponnen, der ein Pachter war und einer der reichsten Leute im Dorfe. Ihm schien die Jugend und das Gesprch des fremden Gastes zu gefallen, und so wurden sie in kurzer Zeit dahin einig, da Christian als Grtner bei ihm einziehen solle. Dieser konnte es unternehmen, denn er hoffte, da ihm nun die Kenntnisse und Beschftigungen zu statten kommen wrden, die er in seiner Heimath so sehr verachtet hatte. Jezt begann ein neues Leben fr ihn. Er zog bei dem Pachter ein und ward zu dessen Familie gerechnet; mit seinem Stande vernderte er auch seine Tracht. Er war so gut, so dienstfertig und immer freundlich, er stand seiner Arbeit so fleiig vor, da ihm bald alle im Hause, vorzglich aber die Tochter, gewogen wurden. So oft er sie am Sonntage zur Kirche gehn sah, hielt er ihr einen schnen Blumenstrau in Bereitschaft, fr den sie ihm mit errthender Freundlichkeit dankte; er vermite sie, wenn er sie an einem Tage nicht sah, dann erzhlte sie ihm am Abend Mhrchen und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer nothwendiger, und die Alten, welche es bemerkten, schienen nichts dagegen zu haben, denn Christian war der fleiigste und schnste Bursche im Dorfe; sie selbst hatten vom ersten Augenblick einen Zug der Liebe und Freundschaft zu ihm gefhlt. Nach einem halben Jahre war Elisabeth seine Gattin. Es war wieder Frhling, die Schwalben und die Vgel des Gesanges kamen in das Land, der Garten stand in seinem schnsten Schmuck, die Hochzeit wurde mit aller Frhlichkeit gefeiert, Braut und Brutigam schienen trunken von ihrem Glcke. Am Abend spt, als sie in die Kammer gingen, sagte der junge Gatte zu seiner Geliebten: Nein, nicht jenes Bild bist du, welches mich einst im Traum entzckte und das ich niemals ganz vergessen kann, aber doch bin ich glcklich in deiner Nhe und seelig in deinen Armen. Wie vergngt war die Familie, als sie nach einem Jahre durch eine kleine Tochter vermehrt wurde, welche man Leonora nannte. Christian wurde zwar zuweilen etwas ernster, indem er das Kind betrachtete, aber doch kam seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zurck. Er gedachte kaum noch seiner vorigen Lebensweise, denn er fhlte sich ganz einheimisch und befriedigt. Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine Eltern in die Gedanken, und wie sehr sich besonders sein Vater ber sein ruhiges Glck, ber seinen Stand als Grtner und Landmann freuen wrde; es ngstigte ihn, da er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz hatte vergessen knnen, sein eigenes Kind erinnerte ihn, welche Freude die Kinder den Eltern sind, und so beschlo er dann endlich, sich auf die Reise zu machen und seine Heimath wieder zu besuchen. Ungern verlie er seine Gattin; alle wnschten ihm Glck, und er machte sich in der schnen Jahreszeit zu Fu auf den Weg. Er fhlte schon nach wenigen Stunden, wie ihn das Scheiden peinige, zum erstenmal empfand er in seinem Leben die Schmerzen der Trennung; die fremden Gegenstnde erschienen ihm fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen Einsamkeit verloren. Da kam ihm der Gedanke, da seine Jugend vorber sei, da er eine Heimath gefunden, der er angehre, in die sein Herz Wurzel geschlagen habe; er wollte fast den verlornen Leichtsinn der vorigen Jahre beklagen, und es war ihm uerst trbselig zu Muthe, als er fr die Nacht auf einem Dorfe in dem Wirthshause einkehren mute. Er begriff nicht, warum er sich von seiner freundlichen Gattin und den erworbenen Eltern entfernt habe, und verdrielich und murrend machte er sich am Morgen auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen. Seine Angst nahm zu, indem er sich dem Gebirge nherte, die fernen Ruinen wurden schon sichtbar und traten nach und nach kenntlicher hervor, viele Bergspitzen hoben sich abgerndet aus dem blauen Nebel. Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen und verwunderte sich ber seine Furcht, ber die Schauer, die ihm mit jedem Schritte gedrngter nahe kamen. Ich kenne dich Wahnsinn wohl, rief er aus, und dein gefhrliches Locken, aber ich will dir mnnlich widerstehn! Elisabeth ist kein schnder Traum, ich wei, da sie jezt an mich denkt, da sie auf mich wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit zhlt. Sehe ich nicht schon Wlder wie schwarze Haare vor mir? Schauen nicht aus dem Bache die blitzenden Augen nach mir her? Schreiten die groen Glieder nicht aus den Bergen auf mich zu? -- Mit diesen Worten wollte er sich um auszuruhen unter einen Baum nieder werfen, als er im Schatten desselben einen alten Mann sitzen sah, der mit der grten Aufmerksamkeit eine Blume betrachtete, sie bald gegen die Sonne hielt, bald wieder mit seiner Hand beschattete, ihre Bltter zhlte, und berhaupt sich bemhte, sie seinem Gedchtnisse genau einzuprgen. Als er nher ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb ihm kein Zweifel brig, da der Alte mit der Blume sein Vater sei. Er strzte ihm mit dem Ausdruck der heftigsten Freude in die Arme; jener war vergngt, aber nicht berrascht, ihn so pltzlich wieder zu sehen. Kmmst du mir schon entgegen, mein Sohn? sagte der Alte, ich wute, da ich dich bald finden wrde, aber ich glaubte nicht, da mir schon am heutigen Tage die Freude widerfahren sollte. -- Woher wutet ihr, Vater, da ihr mich antreffen wrdet? -- An dieser Blume, sprach der alte Grtner; seit ich lebe, habe ich mir gewnscht, sie einmal sehen zu knnen, aber niemals ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten ist, und nur in Gebirgen wchst: ich machte mich auf dich zu suchen, weil deine Mutter gestorben ist und mir zu Hause die Einsamkeit zu drckend und trbselig war. Ich wute nicht, wohin ich meinen Weg richten sollte, endlich wanderte ich durch das Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam; ich suchte beiher nach der Blume, konnte sie aber nirgends entdecken, und nun finde ich sie ganz unvermuthet hier, wo schon die schne Ebene sich ausstreckt; daraus wute ich, da ich dich bald finden mute, und sieh, wie die liebe Blume mir geweissagt hat! Sie umarmten sich wieder, und Christian beweinte seine Mutter; der Alte aber fate seine Hand und sagte: la uns gehen, da wir die Schatten des Gebirges bald aus den Augen verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von den steilen wilden Gestalten, von dem grlichen Geklft, von den schluchzenden Wasserbchen; la uns das gute, fromme, ebene Land besuchen. Sie wanderten zurck, und Christian ward wieder froher. Er erzhlte seinem Vater von seinem neuen Glcke, von seinem Kinde und seiner Heimath; sein Gesprch machte ihn selbst wie trunken, und er fhlte im Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit ermangle. So kamen sie unter Erzhlungen, traurigen und frhlichen, in dem Dorfe an. Alle waren ber die frhe Beendigung der Reise vergngt, am meisten Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen, und gab sein kleines Vermgen in ihre Wirthschaft; sie bildeten den zufriedensten und eintrchtigsten Kreis von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte sich, Christians Haus wurde in wenigen Jahren eins der ansehnlichsten im Orte; auch sah er sich bald als den Vater von mehreren Kindern. Fnf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als ein Fremder auf seiner Reise in ihrem Dorfe einkehrte, und in Christians Hause, weil es die ansehnlichste Wohnung war, seinen Aufenthalt nahm. Er war ein freundlicher, gesprchiger Mann, der vieles von seinen Reisen erzhlte, der mit den Kindern spielte und ihnen Geschenke machte, und dem in kurzem alle gewogen waren. Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, da er sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus den Tagen wurden Wochen, und endlich Monate. Keiner wunderte sich ber die Verzgerung, denn alle hatten sich schon daran gewhnt, ihn mit zur Familie zu zhlen. Christian sa nur oft nachdenklich, denn es kam ihm vor, als kenne er den Reisenden schon von ehemals, und doch konnte er sich keiner Gelegenheit erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben mchte. Nach dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied und sagte: Lieben Freunde, ein wunderbares Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich in das nchste Gebirge hinein, ein zaubervolles Bild, dem ich nicht widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch jezt, und ich wei nicht, ob ich wieder zu euch zurck kommen werde; ich habe eine Summe Geldes bei mir, die in euren Hnden sicherer ist als in den meinigen, und deshalb bitte ich euch, sie zu verwahren; komme ich in Jahresfrist nicht zurck, so behaltet sie, und nehmet sie als einen Dank fr eure mir bewiesene Freundschaft an. So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das Geld in Verwahrung. Er verschlo es sorgfltig und sah aus bertriebener Aengstlichkeit zuweilen wieder nach, zhlte es ber, ob nichts daran fehle, und machte sich viel damit zu thun. Diese Summe knnte uns recht glcklich machen, sagte er einmal zu seinem Vater, wenn der Fremde nicht zurck kommen sollte, fr uns und unsre Kinder wre auf immer gesorgt. La das Gold, sagte der Alte, darinne liegt das Glck nicht, uns hat bisher noch gottlob nichts gemangelt, und entschlage dich berhaupt dieser Gedanken. Oft stand Christian in der Nacht auf, um die Knechte zur Arbeit zu wecken und selbst nach allem zu sehn; der Vater war besorgt, da er durch bertriebenen Flei seiner Jugend und Gesundheit schaden mchte: daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu ermahnen, seine bertriebene Thtigkeit einzuschrnken, als er ihn zu seinem Erstaunen bei einer kleinen Lampe am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der grten Aemsigkeit die Goldstcke zhlte. Mein Sohn, sagte der Alte mit Schmerzen, soll es dahin mit dir kommen, ist dieses verfluchte Metall nur zu unserm Unglck unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein Lieber, so mu dir der bse Feind Blut und Leben verzehren. -- Ja, sagte Christian, ich verstehe mich selber nicht mehr, weder bei Tage noch in der Nacht lt es mir Ruhe; seht, wie es mich jezt wieder anblickt, da mir der rothe Glanz tief in mein Herz hinein geht! Horcht, wie es klingt, dies gldene Blut! das ruft mich, wenn ich schlafe, ich hre es, wenn Musik tnt, wenn der Wind blst, wenn Leute auf der Gasse sprechen; scheint die Sonne, so sehe ich nur diese gelben Augen, wie es mir zublinzelt, und mir heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so mu ich mich wohl nchtlicher Weise aufmachen, um nur seinem Liebesdrang genug zu thun, und dann fhle ich es innerlich jauchzen und frohlocken, wenn ich es mit meinen Fingern berhre, es wird vor Freuden immer rther und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der Entzckung an! -- Der Greis nahm schaudernd und weinend den Sohn in seine Arme, betete und sprach dann: Christel, du mut dich wieder zum Worte Gottes wenden, du mut fleiiger und andchtiger in die Kirche gehen, sonst wirst du verschmachten und im traurigsten Elende dich verzehren. Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian versprach sich zu ndern und in sich zu gehn, und der Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und mehr vergangen, und man hatte von dem Fremden noch nichts wieder in Erfahrung bringen knnen; der Alte gab nun endlich den Bitten seines Sohnes nach, und das zurckgelassene Geld wurde in Lndereien und auf andere Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von dem Reichthum des jungen Pachters gesprochen, und Christian schien auerordentlich zufrieden und vergngt, so da der Vater sich glcklich pries, ihn so wohl und heiter zu sehn: alle Furcht war jezt in seiner Seele verschwunden. Wie sehr mute er daher erstaunen, als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm und unter Thrnen erzhlte, wie sie ihren Mann nicht mehr verstehe, er spreche so irre, vorzglich des Nachts, er trume schwer, gehe oft im Schlafe lange in der Stube herum, ohne es zu wissen, und erzhle wunderbare Dinge, vor denen sie oft schaudern msse. Am schrecklichsten sei ihr seine Lustigkeit am Tage, denn sein Lachen sei so wild und frech, sein Blick irre und fremd. Der Vater erschrak und die betrbte Gattin fuhr fort: Immer spricht er von dem Fremden, und behauptet, da er ihn schon sonst gekannt habe, denn dieser fremde Mann sei eigentlich ein wunderschnes Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinaus gehn oder im Garten arbeiten, denn er sagt, er hre ein unterirdisches frchterliches Aechzen, so wie er nur eine Wurzel ausziehe; er fhrt zusammen und scheint sich vor allen Pflanzen und Krutern wie vor Gespenstern zu entsetzen. -- Allgtiger Gott! rief der Vater aus, ist der frchterliche Hunger in ihn schon so fest hinein gewachsen, da es dahin hat kommen knnen? So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren. Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne spazieren, und sagte ihm manches wieder, was er von Elisabeth gehrt hatte; er ermahnte ihn zur Frmmigkeit, und da er seinen Geist heiligen Betrachtungen widmen solle. Christian sagte: gern, Vater, auch ist mir oft ganz wohl, und es gelingt mir alles gut; ich kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre Gestalt meines Innern vergessen, und gleichsam ein fremdes Leben mit Leichtigkeit fhren: dann geht aber pltzlich wie ein neuer Mond das regierende Gestirn, welches ich selber bin, in meinem Herzen auf, und besiegt die fremde Macht. Ich knnte ganz froh seyn, aber einmal, in einer seltsamen Nacht, ist mir durch die Hand ein geheimnivolles Zeichen tief in mein Gemth hinein geprgt; oft schlft und ruht die magische Figur, ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie ein Gift pltzlich wieder hervor, und wegt sich in allen Linien. Dann kann ich sie nur denken und fhlen, und alles umher ist verwandelt, oder vielmehr von dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie der Wahnsinnige beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das empfangene Gift noch giftiger in ihm wird, so geschieht es mir bei allen eckigen Figuren, bei jeder Linie, bei jedem Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt entbinden und zur Geburt befrdern, und mein Geist und Krper fhlt die Angst; wie sie das Gemth durch ein Gefhl von auen empfing, so will es sie dann wieder qulend und ringend zum uern Gefhl hinaus arbeiten, um ihrer los und ruhig zu werden. Ein unglckliches Gestirn war es, sprach der Alte, das dich von uns hinweg zog; du warst fr ein stilles Leben geboren, dein Sinn neigte sich zur Ruhe und zu den Pflanzen, da fhrte dich deine Ungeduld hinweg, in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die Felsen, die zerrissenen Klippen mit ihren schroffen Gestalten haben dein Gemth zerrttet, und den verwstenden Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt. Immer httest du dich vor dem Anblick des Gebirges hten und bewahren mssen, und so dachte ich dich auch zu erziehen, aber es hat nicht seyn sollen. Deine Demuth, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von Trotz, Wildheit und Uebermuth verschttet. Nein, sagte der Sohn, ich erinnere mich ganz deutlich, da mir eine Pflanze zuerst das Unglck der ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem verstehe ich erst die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf hren will; in den Pflanzen, Krutern, Blumen und Bumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine groe Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten, sie bieten unserm Auge die schrecklichste Verwesung dar. Jezt verstehe ich es wohl, da es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten Aechzen sagen wollte, sie verga sich in ihrem Schmerze und verrieth mir alles. Darum sind alle grnen Gewchse so erzrnt auf mich, und stehn mir nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem Herzen auslschen, und in jedem Frhling mit ihrer verzerrten Leichenmiene meine Seele gewinnen. Unerlaubt und tckisch ist es, wie sie dich, alter Mann, hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie gnzlich Besitz genommen. Frage nur die Steine, du wirst erstaunen, wenn du sie reden hrst. Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm nichts mehr antworten. Sie gingen schweigend zurck nach Hause, und der Alte mute sich jezt ebenfalls vor der Lustigkeit seines Sohnes entsetzen, denn sie dnkte ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres Wesen aus ihm, wie aus einer Maschine, unbeholfen und ungeschickt heraus spiele. -- Das Erndtefest sollte wieder gefeiert werden, die Gemeine ging in die Kirche, und auch Elisabeth zog sich mit den Kindern an, um dem Gottesdienste beizuwohnen; ihr Mann machte auch Anstalten, sie zu begleiten, aber noch vor der Kirchenthr kehrte er um, und ging tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er setzte sich auf die Anhhe, und sahe wieder die rauchenden Dcher unter sich, er hrte den Gesang und Orgelton von der Kirche her, geputzte Kinder tanzten und spielten auf dem grnen Rasen. Wie habe ich mein Leben in einem Traume verloren! sagte er zu sich selbst; Jahre sind verflossen, da ich von hier hinunter stieg, unter die Kinder hinein; die damals hier spielten, sind heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch in das Gebude, aber heut ist Elisabeth nicht mehr ein blhendes kindliches Mdchen, ihre Jugend ist vorber, ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals den Blick ihrer Augen aufsuchen: so habe ich muthwillig ein hohes ewiges Glck aus der Acht gelassen, um ein vergngliches und zeitliches zu gewinnen. Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde, und vertiefte sich in seine dichtesten Schatten. Eine schauerliche Stille umgab ihn, keine Luft rhrte sich in den Blttern. Indem sah er einen Mann von ferne auf sich zukommen, den er fr den Fremden erkannte; er erschrak, und sein erster Gedanke war, jener wrde sein Geld von ihm zurck fordern. Als die Gestalt etwas nher kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte, denn die Umrisse, welche er wahrzunehmen gewhnt, zerbrachen wie in sich selber; ein altes Weib von der uersten Hlichkeit kam auf ihn zu, sie war in schmuzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt einige greise Haare zusammen, sie hinkte an einer Krcke. Mit frchterlicher Stimme redete sie Christian an, und fragte nach seinem Namen und Stande; er antwortete ihr umstndlich und sagte darauf: aber wer bist du? Man nennt mich das Waldweib, sagte jene, und jedes Kind wei von mir zu erzhlen; hast du mich niemals gekannt? Mit den letzten Worten wandte sie sich um, und Christian glaubte zwischen den Bumen den goldenen Schleier, den hohen Gang, den mchtigen Bau der Glieder wieder zu erkennen. Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen fanden sie nicht mehr. Indem zog etwas Glnzendes seine Blicke in das grne Gras nieder. Er hob es auf und sahe die magische Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit der seltsamen Figur wieder, die er vor so manchem Jahr verloren hatte. Die Gestalt und die bunten Lichter drckten mit der pltzlichsten Gewalt auf alle seine Sinne. Er fate sie recht fest an, um sich zu berzeugen, da er sie wieder in seinen Hnden halte, und eilte dann damit nach dem Dorfe zurck. Der Vater begegnete ihm. Seht, rief er ihm zu, das, wovon ich euch so oft erzhlt habe, was ich nur im Traum zu sehn glaubte, ist jezt gewi und wahrhaftig mein. Der Alte betrachtete die Tafel lange und sagte: mein Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die Lineamente dieser Steine betrachte und ahnend den Sinn dieser Wortfgung errathe; sieh her, wie kalt sie funkeln, welche grausame Blicke sie von sich geben, blutdrstig, wie das rothe Auge des Tiegers. Wirf diese Schrift weg, die dich kalt und grausam macht, die dein Herz versteinern mu: Sieh die zarten Blthen keimen, Wie sie aus sich selbst erwachen, Und wie Kinder aus den Trumen Dir entgegen lieblich lachen. Ihre Farbe ist im Spielen Zugekehrt der goldnen Sonne, Deren heien Ku zu fhlen, Das ist ihre hchste Wonne: An den Kssen zu verschmachten, Zu vergehn in Lieb' und Wehmuth; Also stehn, die eben lachten, Bald verwelkt in stiller Demuth. Das ist ihre hchste Freude, Im Geliebten sich verzehren, Sich im Tode zu verklren, Zu vergehn in sem Leide. Dann ergieen sie die Dfte, Ihre Geister, mit Entzcken, Es berauschen sich die Lfte Im balsamischen Erquicken. Liebe kommt zum Menschenherzen, Regt die goldnen Saitenspiele, Und die Seele spricht: ich fhle Was das Schnste sei, wonach ich ziele, Wehmuth, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen. Wunderbare, unermeliche Schtze, antwortete der Sohn, mu es noch in den Tiefen der Erde geben. Wer diese ergrnden, heben und an sich reien knnte! Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu drcken vermchte, da sie ihm in Angst und Liebe gern ihr Kostbarstes gnnte! Das Waldweib hat mich gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier neben an ist ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten von einem Bergmanne ausgegraben; vielleicht, da ich sie dort finde! Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn zurck zu halten, jener war seinen Blicken bald entschwunden. Nach einigen Stunden, nach vieler Anstrengung gelangte der Vater an den alten Schacht; er sah die Fustapfen im Sande am Eingange eingedrckt, und kehrte weinend um, in der Ueberzeugung, da sein Sohn im Wahnsinn hinein gegangen, und in alte gesammelte Wsser und Untiefen versunken sei. Seitdem war er unaufhrlich betrbt und in Thrnen. Das ganze Dorf trauerte um den jungen Pachter, Elisabeth war untrstlich, die Kinder jammerten laut. Nach einem halben Jahre war der alte Vater gestorben, Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und sie mute die groe Wirthschaft allein verwalten. Die angehuften Geschfte entfernten sie etwas von ihrem Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirthschaftung des Gutes lieen ihr fr Sorge und Gram keine Zeit brig. So entschlo sie sich nach zwei Jahren zu einer neuen Heirath, sie gab ihre Hand einem jungen heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte. Aber bald gewann alles im Hause eine andre Gestalt. Das Vieh starb, Knechte und Mgde waren untreu, Scheuren mit Frchten wurden vom Feuer verzehrt, Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen, entwichen mit dem Gelde. Bald sah sich der Wirth genthigt, einige Aecker und Wiesen zu verkaufen; aber ein Miwachs und theures Jahr brachten ihn nur in neue Verlegenheit. Es schien nicht anders, als wenn das so wunderbar erworbene Geld auf allen Wegen eine schleunige Flucht suchte; indessen mehrten sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann wurden in der Verzweiflung unachtsam und saumselig; er suchte sich zu zerstreuen, und trank hufigen und starken Wein, der ihn verdrielich und jhzornig machte, so da oft Elisabeth mit heien Zhren ihr Elend beweinte. So wie ihr Glck wich, zogen sich auch die Freunde im Dorfe von ihnen zurck, so da sie sich nach einigen Jahren ganz verlassen sahn, und sich nur mit Mhe von einer Woche zur andern hinber fristeten. Es waren ihnen nur wenige Schaafe und eine Kuh brig geblieben, welche Elisabeth oft selber mit den Kindern htete. So sa sie einst mit ihrer Arbeit auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite und ein sugendes Kind an der Brust, als sie von ferne herauf eine wunderbare Gestalt kommen sahen. Es war ein Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfig, sein Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von einem langen struppigen Bart noch mehr entstellt; er trug keine Bedeckung auf dem Kopf, hatte aber von grnem Laube einen Kranz durch sein Haar geflochten, welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und unbegreiflicher machte. Auf dem Rcken trug er in einem festgeschnrten Sack eine schwere Ladung, im Gehen sttzte er sich auf eine junge Fichte. Als er nher kam, setzte er seine Last nieder, und holte schwer Athem. Er bot der Frau guten Tag, die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das Mdchen schmiegte sich an ihre Mutter. Als er ein wenig geruht hatte, sagte er: nun komme ich von einer sehr beschwerlichen Wanderschaft aus dem rauhesten Gebirge auf Erden, aber ich habe dafr auch endlich die kostbarsten Schtze mitgebracht, die die Einbildung nur denken oder das Herz sich wnschen kann. Seht hier, und erstaunt! -- Er ffnete hierauf seinen Sack und schttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen groe Stcke Quarz, nebst andern Steinen lagen. Es ist nur, fuhr er fort, da diese Juwelen noch nicht polirt und geschliffen sind, darum fehlt es ihnen noch an Auge und Blick; das uerliche Feuer mit seinem Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen begraben, aber man mu es nur herausschlagen, da sie sich frchten, da keine Verstellung ihnen mehr ntzt, so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind. -- Er nahm mit diesen Worten einen harten Stein und schlug ihn heftig gegen einen andern, so da die rothen Funken heraussprangen. Habt ihr den Glanz gesehen? rief er aus; so sind sie ganz Feuer und Licht, sie erhellen das Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch thun sie es nicht freiwillig. -- Er packte hierauf alles wieder sorgfltig in seinen Sack, welchen er fest zusammen schnrte. Ich kenne dich recht gut, sagte er dann wehmthig, du bist Elisabeth. -- Die Frau erschrak. Wie ist dir doch mein Name bekannt, fragte sie mit ahnendem Zittern. -- Ach, lieber Gott! sagte der Unglckselige, ich bin ja der Christian, der einst als Jger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr? Sie wute nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten Mitleiden sagen sollte. Er fiel ihr um den Hals, und kte sie. Elisabeth rief aus: O Gott! mein Mann kommt! Sei ruhig, sagte er, ich bin dir so gut wie gestorben; dort im Walde wartet schon meine Schne, die Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen Schleier geschmckt ist. Dieses ist mein liebstes Kind, Leonore. Komm her, mein theures, liebes Herz, und gieb mir auch einen Ku, nur einen einzigen, da ich einmal wieder deinen Mund auf meinen Lippen fhle, dann will ich euch verlassen. Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter, die in Schluchzen und Thrnen sie halb zum Wandrer lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm sie in die Arme, und drckte sie an seine Brust. -- Dann ging er still fort, und im Walde sahen sie ihn mit dem entsetzlichen Waldweibe sprechen. Was ist euch? fragte der Mann, als er Mutter und Tochter bla und in Thrnen aufgelst fand. Keiner wollte ihm Antwort geben. Der Unglckliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen. * * * * * Manfred endigte und sah auf: ich merke, sagte er, meine Zuhrer, noch auffallender aber meine Zuhrerinnen, sind bla geworden. Gewi, sagte Emilie, denn der Schlu ist zu schrecklich; es ist aber dem Vorleser nicht besser ergangen, denn er hat whrend seinem Vortrage mehr als einmal die Farbe gewechselt. Vielleicht, sagte Lothar, kann die Erzhlung, die ich ihnen nun vorzutragen habe, durch ihr grelles Colorit jene zu trbe Empfindung unterbrechen, wenn auch nicht erheitern. Ich erbitte mir also einige Aufmerksamkeit fr den Inhalt dieser Bltter. Liebeszauber. 1811. Tief denkend sa Emil an seinem Tische und erwartete seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, der Winterabend war kalt, und er wnschte heut seinen Reisegefhrten herbei, so gern er wohl sonst dessen Gesellschaft vermied; denn an diesem Abend wollte er ihm ein Geheimni entdecken und sich Rath von ihm erbitten. Der menschenscheue Emil fand bei allen Geschften und Vorfllen des Lebens so viele Schwierigkeiten, so unbersteigliche Hindernisse, da ihm das Schicksal fast in einer ironischen Laune diesen Roderich zugefhrt zu haben schien, der in allen Dingen das Gegentheil seines Freundes zu nennen war. Unstt, flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert, unternahm er alles, wute fr alles Rath, war ihm keine Unternehmung zu schwierig, konnte ihn kein Hinderni abschrecken: aber im Verlaufe eines Geschftes ermdete und erlahmte er eben so schnell, als er anfangs elastisch und begeistert gewesen war, alles was ihn dann hinderte, war fr ihn kein Sporn, seinen Eifer zu vermehren, sondern es veranlate ihn nur, das zu verachten, was er so hitzig unternommen hatte, so da Roderich alle seine Plane eben so ohne Ursach liegen lie und saumselig verga, als er sie unbesonnen unternommen hatte. Daher verging kein Tag, da beide Freunde nicht in Krieg geriethen, der ihrer Freundschaft den Tod zu drohen schien, doch war vielleicht dasjenige, was sie dem Anscheine nach trennte, nur das, was sie am innigsten verband; beide liebten sich herzlich, aber beide fanden eine groe Genugthuung darin, da einer ber den andern die gegrndetsten Klagen fhren konnte. Emil, ein reicher junger Mann von reizbarem und melankolischem Temperament, war nach dem Tode seiner Eltern Herr seines Vermgens; er hatte eine Reise angetreten, um sich auszubilden, befand sich aber nun schon seit einigen Monaten in einer ansehnlichen Stadt, die Freuden des Carnevals zu genieen, um welche er sich niemals bemhte, um bedeutende Verabredungen ber sein Vermgen mit Verwandten zu treffen, die er kaum noch besucht hatte. Unterwegs war er auf den unsteten allzubeweglichen Roderich gestoen, der mit seinen Vormndern in Unfrieden lebte, und um sich ganz von diesen und ihren lstigen Vermahnungen los zu machen, begierig die Gelegenheit ergriff, welche ihm sein neuer Freund anbot, ihn als Gefhrten auf seiner Reise mitzunehmen. Auf dem Wege hatten sie sich schon oft wieder trennen wollen, aber beide hatten in jeder Streitigkeit nur um so deutlicher gefhlt, wie unentbehrlich sie sich wren. Kaum waren sie in einer Stadt aus dem Wagen gestiegen, so hatte Roderich schon alle Merkwrdigkeiten des Orts gesehen, um sie am folgenden Tage zu vergessen, whrend Emil sich eine Woche aus Bchern grndlich vorbereitete, um nichts aus der Acht zu lassen, wovon er doch nachher aus Trgheit vieles seiner Aufmerksamkeit nicht wrdigte; Roderich hatte gleich tausend Bekanntschaften gemacht und alle ffentlichen Oerter besucht, fhrte auch nicht selten seine neu erworbenen Freunde auf Emils einsames Zimmer, wo er diesen dann mit ihnen allein lie, wenn sie anfingen ihm Langeweile zu machen. Eben so oft brachte er den bescheidenen Emil in Verlegenheit, wenn er dessen Verdienste und Kenntnisse gegen Gelehrte und einsichtsvolle Mnner ber die Gebhr erhob, und diesen zu verstehn gab, wie vieles sie in Sprachen, Alterthmern, oder Kunstkenntnissen von seinem Freunde lernen knnten, ob er gleich selbst niemals die Zeit finden konnte, ber diese Gegenstnde seinen Gefhrten anzuhren, wenn sich das Gesprch dahin lenkte. War nun Emil einmal zur Thtigkeit aufgelegt, so konnte er fast darauf rechnen, da sein schwrmender Freund sich in der Nacht auf einem Balle, oder einer Schlittenfarth erkltet habe, und das Bett hten msse, so da Emil in Gesellschaft des lebendigsten, unruhigsten und mittheilsamsten aller Menschen in der grten Einsamkeit lebte. Heute erwartete ihn Emil gewi, weil er ihm das feierliche Versprechen hatte geben mssen, den Abend mit ihm zuzubringen, um zu erfahren, was schon seit Wochen seinen tiefsinnigen Freund gedrckt und bengstigt habe. Emil schrieb inde folgende Verse nieder. Wie lieb und hold ist Frhlingsleben, Wenn alle Nachtigallen singen, Und wie die Tn' in Bumen klingen, In Wonne Laub und Blthen beben. Wie schn im goldnen Mondenscheine Das Spiel der lauen Abendlfte, Die, auf den Flgeln Lindendfte, Sich jagen durch die stillen Haine. Wie herrlich glnzt die Rosenpracht, Wenn Liebreiz rings die Felder schmcket, Die Lieb' aus tausend Rosen blicket, Aus Sternen ihrer Wonne-Nacht. Doch schner dnkt mir, holder, lieber, Des kleinen Lichtleins bla Geflimmer, Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer, Sph' ich in Nacht zu ihr hinber. Wie sie die Flechten lst und bindet, Wie sie im Schwung der weien Hand Anschmiegt dem Leibe hell Gewand, Und Krnz' in braune Locken windet. Wie sie die Laute lt erklingen, Und Tne, aufgejagt, erwachen, Berhrt von zarten Fingern lachen, Und scherzend durch die Saiten springen; Sie einzufangen schickt sie Klnge Gesanges fort, da flieht mit Scherzen Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen, Dahin verfolgen die Gesnge. O lat mich doch, ihr Bsen, frei! Sie riegeln sich dort ein und sprechen: Nicht weichen wir, bis dies wird brechen, Damit du weit, was Lieben sei. Emil stand ungeduldig auf. Es ward finsterer und Roderich kam nicht, dem er seine Liebe zu einer Unbekannten, die ihm gegen ber wohnte und ihn tagelang zu Hause, und Nchte hindurch wachend erhielt, bekennen wollte. Jezt schallten Futritte die Treppe herauf, die Thr, ohne da man anklopfte, erffnete sich, und herein traten zwei bunte Masken mit widrigen Angesichtern, der eine ein Trke, in rother und blauer Seide gekleidet, der andere ein Spanier, blagelb und rthlich, mit vielen schwankenden Federn auf dem Hute. Als Emil ungeduldig werden wollte, nahm Roderich die Maske ab, zeigte sein wohl bekanntes lachendes Gesicht und sagte: ei, mein Liebster, welche grmliche Miene! Sieht man so aus zur Carnevalszeit? Ich und unser lieber junger Offizier kommen dich abzuholen, heut ist groer Ball auf dem Maskensaale, und da ich wei, da du es verschworen hast, anders, als in deinen schwarzen Kleidern zu gehn, die du tglich trgst, so komm nur so mit, wie du da bist, denn es ist schon ziemlich spt. Emil war erzrnt und sagte: du hast, wie es scheint, deiner Gewohnheit nach ganz unsre Abrede vergessen: sehr leid thut es mir, (indem er sich zum Fremden wandte) da ich Sie unmglich begleiten kann, mein Freund ist zu voreilig gewesen, es in meinem Namen zu versprechen; ich kann berhaupt nicht ausgehn, da ich etwas Wichtiges mit ihm abzureden habe. Der Fremde, welcher bescheiden war und Emils Absicht verstand, entfernte sich: Roderich aber nahm hchst gleichgltig die Maske wieder vor, stellte sich vor den Spiegel und sagte: nicht wahr, man sieht eigentlich ganz scheulich aus? Es ist im Grunde eine geschmacklose widerwrtige Erfindung. Das ist gar keine Frage, erwiederte Emil im hchsten Unwillen. Dich zur Carikatur machen, und dich betuben, gehrt eben zu den Vergngungen, denen du am liebsten nachjagst. Weil du nicht tanzen magst, sagte jener, und den Tanz fr eine verderbliche Erfindung hltst, so soll auch Niemand anders lustig seyn. Wie verdrlich, wenn ein Mensch aus lauter Eigenheiten zusammen gesetzt ist. Gewi, erwiederte der erzrnte Freund, und ich habe Gelegenheit genug, dies an dir zu beobachten; ich glaubte, da du mir nach unsrer Abrede diesen Abend schenken wrdest, aber -- Aber es ist ja Carneval, fuhr jener fort, und alle meine Bekannten und einige Damen erwarten mich auf dem heutigen groen Balle. Bedenke nur, mein Lieber, da es wahre Krankheit in dir ist, da dir dergleichen Anstalten so unbillig zuwider sind. Emil sagte: wer von uns beiden krank zu nennen ist, will ich nicht untersuchen; dein unbegreiflicher Leichtsinn, deine Sucht, dich zu zerstreuen, dein Jagen nach Vergngungen, die dein Herz leer lassen, scheint mir wenigstens keine Seelengesundheit; auch in gewissen Dingen knntest du wohl meiner Schwachheit, wenn es denn einmal dergleichen sein soll, nachgeben, und es giebt nichts auf der Welt, was mich so durch und durch verstimmt, als ein Ball mit seiner frchterlichen Musik. Man hat sonst wohl gesagt, die Tanzenden mten einem Tauben, welcher die Musik nicht vernimmt, als Rasende erscheinen; ich aber meine, da diese schreckliche Musik selbst, dies Umherwirbeln weniger Tne in widerlicher Schnelligkeit, in jenen vermaledeiten Melodien, die sich unserm Gedchtnisse, ja ich mchte sagen unserm Blut unmittelbar mittheilen, und die man nachher auf lange nicht wieder los werden kann, da dies die Tollheit und Raserei selbst sei; denn wenn mir das Tanzen noch irgend ertrglich sein sollte, so mte es ohne Musik geschehn. Nun sieh, wie paradox! antwortete der Maskirte; du kmmst so weit, da du das Natrlichste, Unschuldigste und Heiterste von der Welt unnatrlich, ja grlich finden willst. Ich kann nicht fr mein Gefhl, sagte der Ernste, da mich diese Tne von Kindheit auf unglcklich gemacht, und oft bis zur Verzweiflung getrieben haben: in der Tonwelt sind sie fr mich die Gespenster, Larven und Furien, und so flattern sie mir auch ums Haupt, und grinsen mich mit entsetzlichem Lachen an. Nervenschwche, sagte jener, so wie dein bertriebener Abscheu gegen Spinnen und manch anderes unschuldiges Gewrm. Unschuldig nennst du sie, sagte der Verstimmte, weil sie dir nicht zuwider sind. Fr denjenigen aber, dem die Empfindung des Ekels und des Abscheus, dasselbe unnennbare Grauen, wie mir, bei ihrem Anblick in der Seele aufgeht und durch sein ganzes Wesen zuckt, sind diese grlichen Unthiere, wie Krten und Spinnen, oder gar die widerwrtigste aller Creaturen, die Fledermaus, nicht gleichgltig und unbedeutend, sondern ihr Dasein ist dem seinigen auf das feindlichste entgegengesetzt. Wahrlich, man mchte ber die Unglubigen lcheln, mit deren Imagination sich Gespenster und grauenhafte Larven, sammt jenen Geburten der Nacht nicht vereinigen lassen, die wir in Krankheiten sehn, oder die uns Dantes Gemlde zeigen, da die gewhnlichste Wirklichkeit um uns her die frchterlichen verzerrten Musterbilder dieser Schrecken uns vorhlt. Sollten wir in der That das Schne lieben knnen, ohne uns vor diesen Fratzen zu entsetzen? Warum entsetzen? fragte Roderich, warum soll uns das groe Reich der Gewsser und der Meere gerade diese Furchtbarkeit vorhalten, an die sich deine Vorstellung gewhnt hat, und nicht vielmehr seltsame, unterhaltende und possirliche Verkleidungen, so da das ganze Gebiet nicht anders, als etwa wie ein komischer Ballsaal anzusehn wre? Deine Eigenheiten aber gehn noch weiter, denn so wie du die Rose mit einer gewissen Abgtterei liebst, so sind dir andre Blumen eben so lebhaft verhat; was hat dir nur die gute liebe Feuerlilie gethan, wie so manch andres Kind des Sommers? So sind dir manche Farben zuwider, manche Dfte und viele Gedanken, und du thust nichts dazu, dich gegen diese Stimmungen zu verhrten, sondern du giebst ihnen weichlich nach, und am Ende wird eine Sammlung von dergleichen Seltsamkeiten die Stelle einnehmen, die dein Ich besitzen sollte. Emil war im tiefsten Herzen erzrnt und antwortete nicht. Er hatte es nun schon aufgegeben, sich jenem mitzutheilen, auch schien der leichtsinnige Freund gar keine Begier zu haben, das Geheimni zu erfahren, welches ihm sein melankolischer Gefhrte mit so wichtiger Miene angekndigt hatte; er sa gleichgltig im Lehnsessel, mit seiner Maske spielend, als er pltzlich ausrief: sei doch so gut, Emil, und leih mir deinen groen Mantel. Wozu? fragte jener. Ich hre drben in der Kirche Musik, antwortete Roderich, und habe schon alle Abend diese Stunde versumt; heut kmmt sie mir recht gelegen, unter deinem Mantel kann ich diese Kleidung verbergen, auch Maske und Turban darunter verstecken, und wenn sie geendigt ist, mich sogleich nach dem Balle begeben. Murrend suchte Emil den Mantel aus dem Schranke, gab ihn dem Aufgestandenen, und zwang sich zu einem ironischen Lcheln. Da hast du meinen trkischen Dolch, den ich gestern gekauft habe, sagte Roderich, indem er sich einhllte, heb' ihn auf; es taugt nicht, dergleichen ernsthaftes Zeug als Spielerei bei sich zu haben; man kann denn doch nicht wissen, wozu es gemibraucht wrde, wenn Zank oder anderer Unfug die Gelegenheit herbei fhrte; morgen sehn wir uns wieder, lebe wohl und bleibe vergngt. Er wartete auf keine Erwiederung, sondern eilte die Treppe hinunter. Als Emil allein war, suchte er seinen Zorn zu vergessen und das Betragen seines Freundes von der lcherlichen Seite zu nehmen. Er betrachtete den blanken schn gearbeiteten Dolch, und sagte, wie mu es doch dem Menschen sein, der solch scharfes Eisen in die Brust des Gegners stt, oder gar einen geliebten Gegenstand damit verletzt? er schlo ihn ein, lehnte dann behutsam die Lden seines Fensters zurck und sah ber die enge Gasse. Aber kein Licht regte sich, es war finster im Hause gegenber; die theure Gestalt, die dort wohnte, und sich um diese Zeit bei huslicher Beschftigung zu zeigen pflegte, schien entfernt. Vielleicht gar auf dem Balle, dachte Emil, so wenig es auch ihrer eingezogenen Lebensart ziemte. Pltzlich aber zeigte sich ein Licht, und die Kleine, welche seine unbekannte Geliebte um sich hatte, und mit der sie sich am Tage wie am Abend vielfltig abgab, trug ein Licht durch das Zimmer und lehnte die Fensterlden an. Eine Spalte blieb hell, gro genug, um von Emils Standpunkt einen Theil des kleinen Zimmers zu berschauen, und dort stand oft der Glckliche bis nach Mitternacht wie bezaubert, und beobachtete jede Bewegung der Hand, jede Miene seiner Geliebten: er freute sich, wenn sie dem kleinen Kinde lesen lehrte, oder es im Nhen und Stricken unterrichtete. Auf seine Erkundigung hatte er erfahren, da die Kleine eine arme Waise sei, die das schne Mdchen mitleidig zu sich genommen hatte, um sie zu erziehn. Emils Freunde begriffen nicht, warum er in dieser engen Gasse wohne in einem unbequemen Hause, weshalb man ihn so wenig in Gesellschaften sehe, und womit er sich beschftige. Unbeschftigt, in der Einsamkeit, war er glcklich, nur unzufrieden mit sich und seinem menschenscheuen Charakter, da er es nicht wage die nhere Bekanntschaft dieses schnen Wesens zu suchen, so freundlich sie auch einigemal am Tage gegrt und gedankt hatte. Er wute nicht, da sie eben so trunken zu ihm hinber sphte, und ahnete nicht, welche Wnsche sich in ihrem Herzen bildeten, welcher Anstrengung, welcher Opfer sie sich fhig fhlte, um nur zum Besitz seiner Liebe zu gelangen. Nachdem er einigemal auf und nieder gegangen war, und das Licht sich mit dem Kinde wieder entfernt hatte, fate er pltzlich den Entschlu, seiner Neigung und Natur zuwider auf den Ball zu gehen, weil es ihm einfiel, da seine Unbekannte eine Ausnahme von ihrer eingezogenen Lebensweise knne gemacht haben, um auch einmal die Welt und ihre Zerstreuungen zu genieen. Die Gassen waren hell erleuchtet, der Schnee knisterte unter seinen Fen, Wagen rollten ihm vorber und Masken in den verschiedensten Trachten pfiffen und zwitscherten an ihm vorbei. Aus vielen Husern ertnte ihm die so verhate Tanzmusik, und er konnte es nicht ber sich gewinnen, auf dem krzesten Wege nach dem Saale zu gehn, zu welchem aus allen Richtungen die Menschen strmten und drngten. Er ging um die alte Kirche, beschaute den hohen Thurm, der sich ernst in den nchtlichen Himmel erhub, und freute sich der Stille und Einsamkeit des abgelegenen Platzes. In der Vertiefung einer groen Kirchenthr, deren mannichfaltiges Bildwerk er immer mit Lust beschaut, und sich dabei der alten Kunst und vergangener Zeiten erinnert hatte, nahm er auch jezo Platz, um sich auf wenige Augenblicke seinen Betrachtungen zu berlassen. Er stand nicht lange, als eine Figur seine Aufmerksamkeit an sich zog, die unruhig auf und nieder ging, und jemand zu erwarten schien. Beim Schein einer Laterne, die vor einem Marienbilde brannte, unterschied er genau das Gesicht, so wie die wunderliche Kleidung. Es war ein altes Weib von der uersten Hlichkeit, die um so mehr in die Augen fiel, weil sie gegen ein scharlachrothes Leibchen, das mit Gold besetzt war, hchst abentheuerlich abstach; der Rock, den sie trug, war dunkel, und die Haube ihres Kopfes glnzte ebenfalls von Gold. Emil glaubte anfangs eine geschmacklose Maske zu sehn, die sich hieher verirrt habe, aber bald war er beim hellen Scheine berzeugt, da das alte braune und runzlichte Gesicht ein wirkliches und kein nachgeahmtes sei. Es whrte nicht lange, so erschienen zwei Mnner in Mnteln gehllt, die sich dem Orte mit behutsamen Schritten zu nhern schienen, indem sie fter von den Seiten schauten, ob ihnen Niemand folge. Die Alte ging auf sie zu. Habt ihr die Lichter? fragte sie hastig und mit einer rauhen Stimme. Hier sind sie, sagte der Eine, der Preis ist euch bekannt, macht die Sache gleich richtig. Die Alte schien Geld zu geben, welches der Mann unter seinem Mantel nachzhlte. Ich verlasse mich darauf, fing die Alte wieder an, da sie ganz nach der Vorschrift und Kunst gegossen sind, damit die Wirkung nicht ausbleibt. Seid ohne Sorgen, sagte jener, und entfernte sich schnell. Der andre, welcher zurck geblieben, war ein junger Mann; er nahm die Alte bei der Hand und sagte: ist es mglich, Alexia, da dergleichen Ceremonien und Formeln, diese seltsamen alten Sagen, an welche ich nie habe glauben knnen, den freien Willen des Menschen fesseln, und Liebe und Ha erregen knnten? So ist es, sprach das rothe Weib, aber eins mu zum andern kommen, nicht blo diese Lichter, in der Mitternacht des Neumonden gegossen, mit Menschenblut getrnkt, nicht die Zauberformeln und Anrufungen allein knnen es ausrichten, sondern noch manches andre gehrt dazu, das der Kunstverstndige wohl kennt. So verla ich mich auf dich, sagte der Fremde. Morgen nach Mitternacht bin ich euch zu Diensten, antwortete die Alte; ihr werdet ja nicht der erste sein, der mit meiner Kundschaft unzufrieden ist; heute, wie ihr gehrt habt, bin ich fr jemand anders bestellt, auf dessen Sinn und Verstand unsere Kunst gewi nachdrcklich wirken soll. Die letzten Worte sagte sie mit halbem Lachen, und beide gingen aus einander und entfernten sich nach verschiedenen Richtungen. Emil trat schaudernd aus der dunkeln Nische hervor und erhob seine Blicke zum Bilde der Jungfrau mit dem Kinde; vor deinen Augen, du Holdselige, sagte er halb laut, erfrechen sich die Greuel ihre Abrede zu treffen, um ihren abscheulichen Betrug zu verhandeln, doch so, wie du dein Kind in Liebe umfngst, so hlt uns alle die unsichtbare Liebe in fhlbaren Armen, und unser armes Herz klopft in Freude wie in Angst einem greren entgegen, das uns niemals verlassen wird. Wolken zogen ber die Spitze des Thurms und das schroffe Dach der Kirche hinweg, die ewigen Sterne schauten funkelnd und mit freundlichem Ernst hernieder, und Emil wandte sich entschlossen von diesen nchtlichen Schauern und gedachte der Schnheit seiner Unbekannten. Er betrat wieder die belebten Gassen, und lenkte nach dem hellerleuchteten Ballhause ein, von welchem ihm Stimmen, Wagengerassel, und in einzelnen Pausen die lrmende Musik entgegen schallten. Im Saale verlor er sich sogleich im fluthenden Getmmel, Tnzer umsprangen ihn, Masken schossen an ihm hin und her, Pauken und Trompeten betubten sein Ohr, und ihm war, als sei das menschliche Leben selber nur ein Traum. Er ging durch die Reihen, und nur sein Auge blieb wach, um jene geliebten Augen und jenes schne Haupt mit den braunen Locken aufzusuchen, nach dessen Anblick er sich heut inniger sehnte als sonst, und dem angebeteten Wesen doch innerlich Vorwrfe machte, da es sich in diesem strmenden Meer der Verwirrung und Thorheit untertauchen und verlieren knne. Nein, sprach er zu sich selbst, kein Herz, welches liebt, wird sich diesem wsten Brausen ffnen wollen, in welchem Sehnsucht und Thrnen verhhnt und mit dem schmetternden Gelchter wilder Trompeten verspottet werden. Das Suseln der Bume, das Rieseln der Quellen, Lautenschlag und edler Gesang, welcher voll aus dem bewegten Busen strmt, sind die Tne, in welchen Liebe wohnt. So aber donnert und jubelt die Hlle in der Raserei ihrer Verzweiflung. Er fand nicht, was er suchte, denn zu dem Glauben, da sein geliebtes Angesicht sich vielleicht unter eine widrige Maske verborgen habe, konnte er sich unmglich bequemen. Schon war er dreimal den Saal auf- und abgewandert und hatte alle sitzenden und unmaskirten Damen vergeblich gemustert, als sich der Spanier zu ihm gesellte und sagte: schn, da sie doch noch gekommen sind; sie suchen vielleicht ihren Freund? Emil hatte ihn ganz vergessen; er sagte aber beschmt: in der That, ich wundre mich, ihn hier nicht zu treffen, denn seine Maske ist kenntlich genug. Wissen sie, was der wunderliche Mensch treibt? antwortete der junge Offizier; er hat weder getanzt, noch sich lange im Saale aufgehalten, denn er fand sogleich seinen Freund Anderson, der vom Lande herein gekommen ist; ihr Gesprch fiel auf die Literatur, und da dieser das neulich herausgekommene Gedicht noch nicht kannte, so hat Roderich nicht eher geruht, bis man ihm eins der hintern Zimmer aufgeschlossen hat, dort sitzt er mit seinem Gefhrten bei einer einsamen Kerze und liest ihm das ganze Werk vor. Das sieht ihm hnlich, sagte Emil, denn er besteht ganz aus Laune. Ich habe alles angewandt, und selbst freundschaftliche Zwistigkeiten nicht gescheut, um es ihm abzugewhnen, immer ^ex tempore^ zu leben und sein ganzes Dasein in Imprompts auszuspielen: allein diese Thorheiten sind ihm so ans Herz gewachsen, da er sich eher vom liebsten Freunde, als von ihnen trennen wrde. Das nmliche Werk, welches er so liebt, da er es immer bei sich trgt, hat er mir neulich vorlesen wollen, und ich hatte ihn sogar dringend darum gebeten; wir waren aber kaum ber den Anfang, inde ich ganz den Schnheiten hingegeben war, als er pltzlich aufsprang, mit der Kchenschrze umgethan zurckkehrte, mit vielen Umstnden Feuer anschren lie, um mir Beefsteaks zu rsten, zu welchen ich kein Verlangen trug, und die er sich am besten in Europa zu machen einbildet, ob sie ihm gleich die meisten Male verunglcken. Der Spanier lachte. Ist er nie verliebt gewesen? fragte er. Auf seine Weise, erwiederte Emil sehr ernst; so, als wollte er ber sich und die Liebe spotten, in viele zugleich, und nach seinen Worten bis zur Verzweiflung, die er aber insgesamt in acht Tagen wieder vergessen hatte. Sie trennten sich im Getmmel, und Emil begab sich nach dem abgelegenen Zimmer, aus welchem er seinen Freund schon von fern laut deklamiren hrte. Ah, da bist du ja auch, rief ihm dieser entgegen; das trifft sich gut, ich bin nur eben ber die Stelle hinber, bei der wir neulich unterbrochen wurden; setze dich, so kannst du mit zuhren. Ich bin jezt nicht in der Stimmung, sagte Emil, auch scheint mir diese Stunde und dieser Ort wenig geschickt zu einer solchen Unterhaltung. Warum nicht? antwortete Roderich; es mu sich alles nach unserm Willen bequemen, jede Zeit ist gut dazu, sich auf eine edle Weise zu beschftigen. Oder willst du lieber tanzen? Es fehlt an Tnzern, und du kannst dich heut mit einigen Stunden Herumspringens und einem Paar ermdender Beine bei vielen dankbaren Damen ziemlich beliebt machen. Lebe wohl, rief jener schon in der Thr, ich gehe nach Hause. Noch ein Wort! rief ihm Roderich nach: ich verreise morgen in aller Frhe mit diesem Herrn auf einige Tage ber Land; ich spreche aber noch bei dir vor, um Abschied zu nehmen. Schlfst du, wie es wahrscheinlich ist, so bemhe dich nur nicht, aufzuwachen, denn in drei Tagen bin ich wieder bei dir. -- Der wunderlichste aller Menschen, fuhr er fort, gegen seinen neuen Freund gewandt, so schwerfllig, milaunig, ernsthaft, da er sich jede Freude verdirbt, oder vielmehr, da es fr ihn keine Freude giebt. Alles soll edel, gro, erhaben sein, sein Herz soll an allem Antheil nehmen, und wenn er selbst vor einem Puppenspiele stnde; wenn sich dergleichen nun nicht zu seinen Prtensionen verstehen will, die warlich ganz unsinnig sind, so wird er tragisch gestimmt, und findet die ganze Welt roh und barbarisch; da drauen verlangt er ohne Zweifel, da unter den Masken einem Pantalon und Policinell das Herz voll Sehnsucht und berirdischer Triebe glhe, und da der Arlechin ber die Nichtigkeit der Welt tiefsinnig philosophiren soll, und wenn diese Erwartungen nicht eintreffen, so treten ihm gewi die Thrnen in die Augen, und er wendet dem bunten Schauspiel zerknirscht und verachtend den Rcken. Er ist also melankolisch? fragte der Zuhrer. Das eigentlich nicht, antwortete Roderich, sondern nur von zu zrtlichen Eltern und sich selbst verzogen. Er hatte sich angewhnt, regelmig wie Ebbe und Fluth sein Herz bewegen zu lassen, und bleibt diese Rhrung einmal aus, so schreit er Mirakel und mchte Prmien aussetzen, um Physiker aufzumuntern, diese Naturerscheinung gengend zu erklren. Er ist der beste Mensch unter der Sonne, aber alle meine Mhe, ihm diese Verkehrtheit abzugewhnen, ist ganz umsonst und verloren, und wenn ich nicht fr meine gute Meinung Undank davon tragen will, mu ich ihn gewhren lassen. Er sollte vielleicht den Arzt gebrauchen, bemerkte jener. Es gehrt mit zu seinen Eigenheiten, antwortete Roderich, die Medizin durch und durch zu verachten, denn er meint, jede Krankheit sei in jeglichem Menschen ein Individuum, und knne nicht nach ltern Wahrnehmungen, oder gar nach sogenannten Theorien geheilt werden; er wrde eher alte Weiber und sympathetische Kuren gebrauchen. Eben so verachtet er auch in andrer Hinsicht alle Vorsicht und alles was man Ordnung und Migkeit nennt. Von Kindheit auf ist ein edler Mann sein Ideal gewesen, und sein hchstes Bestreben, das aus sich zu bilden, was er so nennt, das heit hauptschlich eine Person, die die Verachtung der Dinge mit der des Geldes anfngt; denn um nur nicht in den Verdacht zu gerathen, da er haushlterisch sei, ungern ausgebe, oder irgend Rcksicht auf Geld nehme, so wirft er es hchst thricht weg, ist bei seiner reichlichen Einnahme immer arm und in Verlegenheit, und wird der Thor von jedwedem, der nicht ganz in dem Sinne edel ist, in welchem er es sich zu sein vorgesetzt hat. Sein Freund zu sein, ist aber die Aufgabe aller Aufgaben, denn er ist so reizbar, da man nur husten, nicht edel genug essen, oder gar die Zhne stochern darf, um ihn tdtlich zu beleidigen. War er nie verliebt? fragte der Freund vom Lande. Wen sollte er lieben? antwortete Roderich, er verachtete alle Tchter der Erde, und er drfte nur bemerken, da sein Ideal sich gern putzte, oder gar tanzte, so wrde sein Herz brechen; noch schrecklicher, wenn sie das Unglck htte, den Schnupfen zu bekommen. Emil stand indessen wieder im Getmmel; aber pltzlich berfiel ihn jene Angst, der Schreck, der so oft schon in solcher erregten Menschenmenge sein Herz ergriffen hatte, und jagte ihn aus dem Saale und Hause, ber die den Gassen hinweg, und erst auf seinem einsamen Zimmer fand er sich und seine ruhige Besinnung wieder. Das Nachtlicht war schon angezndet, er hie dem Bedienten sich nieder legen; drben war alles still und finster, und er setzte sich, um in einem Gedichte seine Empfindungen ber den Ball auszustrmen. -- Im Herzen war es stille, Der Wahnsinn lag an Ketten; Da regt sich bser Wille, Vom Kerker ihn zu retten, Den Tollen los zu machen: Da hrt man Pauken klingen, Da bricht hervor mit Lachen Trommeten-Klang und Krachen, Dazwischen Flten singen, Und Pfeifentne springen Mit gellendem Geschrei Zwischen drhnenden tnenden Geigen In rasender Wuth herbei, Das wilde Gemth zu zeigen, Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. -- Wohin dreht sich der Reigen? Was sucht die springende Menge Im windenden Gedrnge? -- Vorber! Es glnzen die Lichter, Wir tummeln uns nher und dichter, Es jauchzt in uns das blde Herz; Lauter tnet, Grimmer drhnet Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betubet den Schmerz, Er werde zum Scherz! -- Du winkst mir, holdes Angesicht? Es lacht der Mund, der Augen Licht; Herbei, da ich dich fasse, Im Schweben wieder lasse; Ich wei, die Schnheit bald zerbricht, Der Mund verstummt, der lieblich spricht, Dich fat des Todes Arm. Was winkst du, Schdel, freundlich mir? Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm, Da du so bald erbleichest hier, Wohl heut, wohl morgen. Was sollen die Sorgen? Ich lebe und schwebe im Reigen vorber vor dir. -- Heut lieb ich dich, Jezt meinst du mich; Ach, Noth und Angst sie lauern Schon hinter diesen Mauern, Und Seufzer schwer und thrnend Leid Stehn schon bereit, Dich zu umstricken; Froh la uns blicken Vernichtung an und grausen Tod; Was will die Angst, was will uns Noth? Wir drcken Im Taumel die Hand; Mich rhrt dein Gewand, Du schwebest dahin, ich taumle zurck -- Auch Verzweiflung ist Glck. Aus diesem Entzcken, Und was wir heut lachten, Entspriet wohl Verachten Und giftiger Neid; O herrliche Zeit! Wenn ich dich verhhne, Winkt dort mir die Schne, Und wird meine Braut; Die andere schaut Noch khner darein; Soll dies' es denn sein? -- So taumeln wir alle Im Schwindel die Halle Des Lebens hinab, Kein Lieben, kein Leben, Kein Sein uns gegeben, Nur Trumen und Grab: Da unten bedecken Wohl Blumen und Klee Noch grimmere Schrecken, Noch wilderes Weh; Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang, Noch schreiender gellender Hrnergesang! Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh, Weil Lieb uns nicht Leben Kein Herz hat gegeben, Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! -- Er hatte geendigt und stand am Fenster. Da kam sie gegen ber herein, so schn, wie er sie noch nie gesehn hatte, das braune Haar aufgelst wogte und spielte in muthwilligen Locken um den weiesten Nacken; sie war nur leicht bekleidet und schien noch vor Schlafengehn zu spter Nachtzeit einige husliche Arbeiten verrichten zu wollen, denn sie stellte zwei Lichter in zwei Ecken des Zimmers, ordnete den Teppich auf dem Tische, und entfernte sich wieder. Noch war Emil in seinen sen Trumereien versunken, und wiederholte sich in seiner Phantasie das Bild seiner Geliebten, als zu seinem Entsetzen die frchterliche, die rothe Alte durch das Zimmer schritt; grlich leuchtete von ihrem Haupt und Busen das Gold im Widerschein der Lichter. Sie war wieder verschwunden. Sollte er seinen Augen trauen? War es kein Blendwerk der Nacht, welches ihm seine eigne Einbildung gespenstisch vorber gefhrt hatte? Aber nein, sie kehrte zurck, noch grlicher als zuvor, denn ein langes greises und schwarzes Haar flog wild und ungeordnet um Brust und Rcken; das schne Mdchen folgte ihr, bla, entstellt, die schnsten Brste ohne Hlle, aber das ganze Bild einer Statue von Marmor hnlich. Sie hatten zwischen sich das kleine liebliche Kind, welches weinte und sich an die Schne bittend schmiegte, die nicht zu ihm hernieder sah. Das Kindlein hielt flehend die Hndchen empor, streichelte Hals und Wange der blassen Schnen. Sie aber hielt es fest am Haar und mit der andern Hand ein silbernes Becken; die Alte zuckte murmelnd das Messer und durchschnitt den weien Hals der Kleinen. Da wand sich hinter ihnen etwas hervor, das beide nicht zu sehen schienen, sonst htten sie sich wohl eben so inniglich wie Emil entsetzt. Ein scheulicher Drachenhals wlzte sich schuppig lnger und lnger aus der Dunkelheit, neigte sich ber das Kind hin, das mit aufgelsten Gliedern der Alten in den Armen hing, die schwarze Zunge leckte vom sprudelnden rothen Blut, und ein grn funkelndes Auge traf durch die Spalte hinber in Emils Blick und Gehirn und Herz, da er im selben Augenblick zu Boden strzte. Leblos traf ihn Roderich nach einigen Stunden. * * * * * Am heitersten Sommermorgen sa in grner Laube eine Gesellschaft von Freunden um ein schmackhaftes Frhstck versammelt. Man lachte und scherzte, alle stieen freudig oft mit den Glsern auf die Gesundheit des jungen Brautpaares an, und wnschten ihm Heil und Glck. Brutigam und Braut waren nicht zugegen, denn die Schne war noch mit ihrem Schmucke beschftiget, und der junge Ehemann lustwandelte, seinem Glcke nachsinnend, einsam in einem entfernten Baumgange. Schade, sagte Anderson, da wir keine Musik haben sollen; alle unsere Damen sind unzufrieden und haben noch nie so sehr zu tanzen gewnscht, als gerade heut, da es nicht geschehn kann; aber es ist ihm zu sehr zuwider. Ich kann es euch wohl verrathen, sagte ein junger Officier, da wir dennoch einen Ball haben werden, und zwar einen recht tollen und geruschigen; alles ist schon eingerichtet und die Musikanten sind schon heimlich angekommen und unsichtbar einquartiert. Roderich hat alle diese Einrichtungen getroffen, denn er sagt, man msse ihm nicht zu viel nachgeben, und am wenigsten heut seine wunderlichen Launen anerkennen. Er ist auch schon viel menschlicher und umgnglicher als ehemals, sagte ein anderer junger Mann, und darum glaube ich, wird ihm diese Abnderung nicht einmal unangenehm auffallen. Ist doch diese ganze Heirath so pltzlich gegen unser aller Erwarten eingetreten. Sein ganzes Leben, fuhr Anderson fort, ist so sonderbar, wie sein Charakter. Ihr wit ja alle, wie er im vorigen Herbst auf einer Reise, die er machen wollte, in unsrer Stadt ankam, sich den Winter hier aufhielt, wie ein Melankolischer fast nur in seinem Zimmer lebte, und sich weder um unser Theater noch andre Vergngungen kmmerte. Er war beinah mit Roderich, seinem vertrautesten Freunde, zerfallen, weil dieser ihn zu zerstreuen suchte, und nicht jeder seiner finstern Launen nachgeben wollte. Im Grunde war seine bertriebene Reizbarkeit und Verstimmung wohl Krankheit, die sich in seinem Krper zubereitete; denn, wie euch nicht unbekannt ist, wurde er vor vier Monaten vom heftigsten Nervenfieber befallen, so, da wir ihn alle schon aufgeben muten. Nachdem seine Phantasien ausgeraset hatten, und er wieder zu sich kam, hatte er sein Gedchtni fast ganz eingebt, nur seine frheren Kinder- und Jugendjahre waren ihm gegenwrtig, und er konnte sich durchaus nicht erinnern, was whrend seiner Reise oder vor seiner Krankheit sich mit ihm zugetragen habe. Er mute alle seine Freunde, selbst den Roderich, von neuem kennen lernen; nur nach und nach ward es lichter in seinem Innern, und die Vergangenheit und was ihm widerfahren, trat wieder, jedoch immer nur schwach beleuchtet, in sein Gedchtni zurck. Sein Oheim hatte ihn zu sich in das Haus genommen, um ihn besser zu verpflegen, und er war wie ein Kind, und lie alles mit sich machen. Als er zum erstenmal ausfuhr, und bei der Frhlingswrme den Park besuchte, sah er abseits vom Wege ein Mdchen in tiefen Gedanken sitzen. Sie sah auf, ihr Blick traf den seinigen, und wie von einer unbegreiflichen Begeisterung ergriffen, lie er anhalten, stieg aus, setzte sich zu ihr, fate ihre Hnde, und ergo sich in einen Strom von Thrnen. Man war von neuem fr seinen Verstand besorgt; aber er wurde ruhig, heiter und gesprchig, lie sich bei den Eltern des Mdchens vorstellen, und hielt sogleich beim ersten Besuch um ihre Hand an, die sie ihm auch zusagte, da die Eltern ihre Einwilligung nicht verweigerten. Er war glcklich und ein neues Leben ging in ihm auf; mit jedem Tage ward er gesunder und zufriedener. So besuchte er mich vor acht Tagen auf meinem Landgute hier; es gefiel ihm ber die Maen, und zwar so, da er nicht ruhte, bis ich es ihm verkaufen mute. Es lag nur an mir, seine Leidenschaftlichkeit zu meinem Vortheil und seinem Schaden zu benutzen, denn was er will, will er heftig und pltzlich vollendet. Sogleich machte er seine Einrichtungen, lie Gerthe herschaffen, um hier noch die Sommermonate zu wohnen, und so sind wir denn alle heut zu seiner Hochzeit in meinem ehemaligen Wohnsitze versammelt. Das Haus war gro und lag in der schnsten Gegend. Die eine Seite sah nach einem Flusse und angenehmen Hgeln hinber, rund um von mannichfaltigen Gebschen und Bumen umgeben, unmittelbar davor lag ein Garten mit duftenden Blumen. Hier waren die Orangen und Citronen-Bume in einem groen offenen Saale aufgestellt, und kleine Thren fhrten zu Vorrathskammern, Kellern und Speisegewlben. Von der andern Seite breitete sich ein grnender Wiesenplan aus, an welchen ohne andre Verbindung ein Park grnzte; hier bildeten die beiden langen Flgel des Hauses einen gerumigen Hof, und auf dreien ber einander stehenden Sulenreihen verbanden breite offene Gnge alle Zimmer und Sle des Gebudes, wodurch der Wohnsitz von dieser Seite einen reizenden, ja wunderbaren Charakter erhielt, indem sich bestndig Figuren in mannichfaltigen Geschften in diesen gerumigeren Hallen bewegten; zwischen den Sulen und aus jedem Zimmer traten neue Gestalten hervor, und erschienen oben oder unten wieder, um sich in andern Thren zu verlieren; auch versammelte sich Gesellschaft dort zum Thee oder Spiel, und dadurch gewann von unten das Ganze das Ansehn eines Theaters, vor welchem jedermann mit Lust verweilte, und in Gedanken die seltsamsten und anziehendsten Begebenheiten oben erwartete. Die Gesellschaft der jungen Leute wollte eben aufstehn, als die geschmckte Braut durch den Garten ging und zu ihnen trat. Sie war in violettem Sammet gekleidet, ein funkelnder Halsschmuck wiegte sich auf dem glnzenden Nacken, kostbare Spitzen lieen den weien schwellenden Busen durchschimmern, das braune Haar ward durch den Myrthen- und Blumenkranz reizender gefrbt. Sie grte alle freundlich, und die Jnglinge waren von der hohen Schnheit berrascht. Sie hatte Blumen im Garten gepflckt, und wandte sich jezt nach dem innern Hause, um nach der Ordnung des Mahles zu sehen. Man hatte in dem untern offnen Gange die Tafeln hingestellt: blendend schimmerten die Tische mit den weien Gedecken und Kristallen, eine Flle mannichfarbiger Blumen glnzte aus zierlichen Gefen herunter, duftende grne und bunte Krnze schlangen sich um die Sulen, und reizend war der Anblick, als die Braut sich jezt mit holdseliger Bewegung zwischen dem Schimmer der Blumen neben den Tischen und Sulen wandelnd bewegte, das Ganze prfend berschaute, und dann verschwand, und hher hinauf noch einmal wieder erschien, um ihr Zimmer zu ffnen. Sie ist das reizendste und schnste Mdchen, das ich je gekannt habe! rief Anderson aus: unser Freund ist glcklich! Selbst ihre Blsse, nahm der Offizier das Wort, erhht ihre Schnheit: die braunen Augen blitzen ber den bleichen Wangen und unter den dunkeln Haaren so mchtiger hervor; und diese wunderbare fast brennende Rthe der Lippen macht ihr Angesicht zu einem wahrhaft zauberischen Bilde. Der Schein stiller Melankolie, sagte Anderson, welcher sie umgiebt, umfliet sie wie mit hoher Majestt. Der Brutigam trat zu ihnen, und fragte nach Roderich; sie hatten ihn alle schon lngst vermit und konnten nicht begreifen, wo er sich aufhalten mchte. Alle gingen, um ihn zu suchen. Er ist unten im Saal, sagte endlich ein junger Mensch, den sie ebenfalls fragten, zwischen allen Bedienten und Kutschern, denen er Kartenknste macht, die sie nicht genug bewundern knnen. Sie traten hinein und unterbrachen die schallende Verwunderung der Dienerschaft, inde sich Roderich nicht stren lie, sondern frei in seinen magischen Kunststcken fortfuhr. Als er geendigt hatte, ging er mit den brigen in den Garten und sagte: ich thue es nur, um diese Menschen im Glauben zu strken, denn diese Knste bringen ihrer Kutscher-Freigeisterei auf lange einen Sto bei, und helfen zu ihrer Bekehrung. Ich sehe, sagte der Brutigam, da mein Freund unter seinen brigen Talenten auch das eines Charlatans nicht zu geringe achtet, um es auszubilden. Wir leben in einer wunderlichen Zeit, antwortete jener: man soll heut zu Tage nichts verachten, denn man wei nicht, wozu es zu gebrauchen ist. Als die beiden Freunde sich allein befanden, wandte sich Emil wieder in den dunkeln Baumgang und sagte: Warum bin ich an diesem Tage, welcher der glcklichste meines Lebens ist, so trbe gestimmt? Aber ich versichere dich, so wenig du es auch glauben willst, es pat nicht fr mich, mich in dieser Menge von Menschen zu bewegen, fr jeden Aufmerksamkeit zu haben, keinen dieser Verwandten von ihrer und meiner Seite zu vernachlssigen, den Eltern Ehrfurcht zu beweisen, die Damen bekomplimentiren, die Ankommenden empfangen, und die Dienstboten und Pferde gehrig zu versorgen. Das macht sich ja alles von selbst, sagte Roderich; sieh, dein Haus ist recht auf dergleichen eingerichtet, und dein Haushofmeister, der alle Hnde voll zu thun und alle Beine voll zu laufen hat, ist recht wie dazu geschaffen, alles ordentlich zu betreiben, um die allergrte Gesellschaft aus Verwirrung zu erretten und mit Anstand zu bewirthen. Ueberla das ihm und deiner schnen Braut. Heute Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sagte Emil, wandelte ich durch das Gehlz; mir war feierlich zu Muthe, ich fhlte recht im Innern, wie mein Leben nun bestimmt sei und ernst werde, wie diese Liebe mir Heimath und Beruf erschaffen hat. Ich kam dort der Laube vorber; ich hrte Stimmen: es war meine Geliebte in einem traulichen Gesprch. Ist es nun, sagte eine fremde Stimme, nicht so gekommen, wie ich gesagt hatte? Gerade so, wie ich wute, da es geschehen wrde? Ihr habt euren Wunsch, darum seid nun auch froh. Ich mochte nicht zu ihnen treten; nachher ging ich der Laube nher, doch hatten sich beide schon entfernt. Aber ich sinne und sinne: was wollen diese Worte bedeuten? Roderich sagte: sie mag dich vielleicht schon lngst geliebt haben, ohne da du es wutest; du bist desto glcklicher. Eine spte Nachtigall erhub jezt ihren Gesang und schien dem Liebenden Heil und Wonne zuzurufen. Emil wurde tiefsinniger. Komm mit mir, um dich aufzuheitern, sagte Roderich, in das Dorf hinunter, da sollst du ein zweites Brautpaar sehn, denn du mut dir nicht einbilden, da du heut allein Hochzeit feierst. Ein junger Knecht ist in Langeweile und Einsamkeit mit einer ltern garstigen Magd zu vertraut geworden, und der Pinsel hlt sich nun fr verpflichtet, sie zu seiner Frau zu machen. Jezt mssen sie beide schon geputzt sein; diesen Anblick wollen wir nicht versumen, denn er ist ohne Zweifel interessant. Der Trauernde lies sich von dem schwatzenden heitern Freunde fortziehn, und sie kamen bald zu der Htte. Eben trat der Zug heraus, um sich nach der Kirche zu begeben. Der junge Knecht war in seinem gewhnlichen leinenen Kittel, und prangte nur mit einem Paar ledernen Beinkleidern, die er so hell als mglich angestrichen hatte; er war von einfltiger Miene und schien verlegen. Die Braut war von der Sonne verbrannt, nur wenige letzte Spuren der Jugend waren an ihr sichtbar; sie war grob und arm aber reinlich gekleidet, einige rothe und blaue seidne Bnder, schon etwas entfrbt, flatterten von ihrem Mieder, am meisten aber war sie dadurch entstellt, da man ihr die Haare steif mit Fett, Mehl und Nadeln aus der Stirn gestrichen und oben zusammen geheftet hatte, auf dieser Spitze des aufgethrmten Haars stand der Kranz. Sie lchelte und schien frhlich, doch war sie verschmt und blde. Die alten Eltern folgten; der Vater war auch nur Knecht auf dem Hofe, und die Htte, der Hausrath so wie die Kleidung, alles verrieth die uerste Armuth. Ein schielender schmuziger Musikant folgte dem Zuge, der greinend auf einer Geige strich und dazu schrie, diese war halb aus Pappe und Holz zusammen geleimt, und statt der Saiten mit drei Bindfden bezogen. Der Zug machte Halt, als der neue gndige Herr zu den Leuten trat. Einige muthwillige Dienstboten, junge Bursche und Mgde schkerten und lachten, und verspotteten das Brautpaar, vorzglich die Kammerjungfern, die sich schner dnkten und sich unendlich besser gekleidet sahen. Ein Schauer erfate Emil, er blickte nach Roderich um, dieser war aber schon wieder entlaufen. Ein naseweiser Bursche mit einem Tituskopf, der Bedienter eines Fremden, drngte sich, um witzig zu erscheinen, an Emil und rief: Nun gndiger Herr, was sagen Sie zu dem glnzenden Brautpaar? Beide wissen noch nicht, wo sie morgen Brod hernehmen sollen, und heut Nachmittag werden sie doch einen Ball geben, der Virtuos dort ist schon bestellt. -- Kein Brod; sagte Emil! giebt es so etwas? -- Ihr ganzes Elend ist dem Volke bekannt, fuhr jener schwatzend fort, aber der Kerl sagt, er bleibe dem Wesen dennoch gut, wenn sie auch nichts zubrchte! O ja freilich, die Liebe ist allgewaltig! das Lumpenpack hat nicht einmal Betten, sie mssen sogar diese Nacht auf der Streu schlafen; das Dnnbier haben sie sich zusammen gebettelt, worin sie sich besaufen wollen. Alle umher lachten laut, und die beiden verspotteten Unglcklichen schlugen die Augen nieder. Emil stie zornig den Schwtzer von sich; nehmt! rief er aus, und warf in die Hand des erstarrten Brutigams hundert Dukaten, welche er am Morgen eingenommen hatte. Die Alten und die Brautleute weinten laut, warfen sich ungeschickt auf die Kniee und kten ihm Hnde und Kleider, er wollte sich losmachen. Haltet euch damit das Elend vom Leibe, so lange ihr knnt! rief er betubt. O auf zeitlebens, mein gndigster Herr, sind wir glcklich! schrieen alle. Er wute nicht, wie er fort gekommen war; er fand sich allein, und eilte mit wankenden Schritten in den Wald. Die dichteste einsamste Stelle suchte er auf, und warf sich auf einen Rasenhgel nieder, indem er den ausbrechenden Strom seiner Thrnen nicht mehr zurckhielt. Mir ekelt das Leben! schluchzte er in tiefer Bewegung; ich kann nicht froh und glcklich sein, ich will es nicht! Empfange mich bald, du freundlicher Boden, verbirg mich in deinen khlen Armen vor den wilden Thieren, die sich Menschen nennen! O Gott im Himmel, wie verdien' ich es, da ich auf Daunen ruhe und Seide trage, da mir die Traube ihr kostbarstes Blut spendet, und alles mir Ehre und Liebe dringend anbietet und darbringt? Dieser Arme ist besser und edler als ich, und das Elend ist seine Amme, und Hohn und giftiger Spott sein Glckwunsch. Sndlich dnkt mir jeder Leckerbissen, den ich geniee, jeder Trunk aus geschliffenem Glase, mein Ruhen auf weichen Betten, das Tragen von Gold und Geschmeide, da die Welt viel tausend mal tausend Unglckliche umher jagt, die nach dem weggeworfenen vertrockneten Brode hungern, die nicht wissen, was Labsal ist. O jezt versteh' ich euch, ihr frommen Heiligen, ihr Verschmhten, ihr Verhhnten, die ihr Alles, bis auf euer Gewand, der Armuth ausstreutet, einen Sack um eure Lenden grtetet, und selbst als Bettler die Schmhungen und Fuste erdulden wolltet, mit denen roher Uebermuth und reiche Schwelgerei das Elend von ihren Tafeln weisen, selbst elend wurdet ihr, um nur diese Snde des Ueberflusses von euch zu werfen. Alle Gebilde der Welt schwankten wie ein Nebel vor seinen Augen! er nahm sich vor, die Verstoenen als seine Brder anzusehn, und sich von den Glcklichen zu entfernen. Lange hatte man schon im Saale seiner zur Trauung gewartet, die Braut war in Sorge, die Eltern suchten ihn im Garten und Park: endlich kam er ausgeweint und leichter zurck, und die feierliche Handlung ward vollzogen. Man begab sich aus dem untern Saal nach der offnen Halle, um sich zu Tische zu setzen. Braut und Brutigam gingen voran, und die brigen folgten im Zuge; Roderich bot seinen Arm einem jungen Mdchen, die munter und geschwtzig war. Warum nur die Brute immer weinen und bei der Trauung so ernsthaft aussehn, sagte diese, indem sie zur Gallerie hinauf stiegen. Weil sie in diesem Augenblick am lebhaftesten von der Wichtigkeit und dem Geheimnivollen des Lebens durchdrungen werden, antwortete Roderich. Aber unsre Braut, fuhr jene fort, bertrifft noch an Feierlichkeit alle, die ich jemals gesehn habe; sie ist berhaupt immer schwermthig, man sieht sie nie recht heiter lachen. Dies macht ihrem Herzen um so mehr Ehre, antwortete Roderich, gegen seine Gewohnheit verstimmt. Sie wissen vielleicht nicht, mein Frulein, da die Braut vor einigen Jahren ein allerliebstes verwaistes Kind, ein Mdchen, zu sich genommen hatte, um es zu erziehn. Dieser Kleinen widmete sie alle ihre Zeit, und die Liebe des zarten Geschpfes war ihr sester Lohn. Dieses Mdchen war sieben Jahr alt geworden, als sie sich auf einem Spaziergange in der Stadt verlor, und aller angewandten Mhe ungeachtet, noch nicht wieder hat aufgefunden werden knnen. Diesen Unfall hat sich das edle Wesen so zu Gemth gezogen, da sie seitdem an einer stillen Melankolie leidet, und durch nichts von dieser Sehnsucht nach ihrer kleinen Gespielin kann abgezogen werden. Wahrhaftig, recht interessant! sagte das Frulein; das kann sich in der Zukunft recht romantisch entwickeln, und zum angenehmsten Gedichte Gelegenheit geben. Man ordnete sich an der Tafel; Braut und Brutigam nahmen die Mitte ein, und sahen in die heitere Landschaft hinaus. Man schwatzte und trank Gesundheiten, die munterste Laune herrschte; die Eltern der Braut waren ganz glcklich, nur der Brutigam war still und in sich gekehrt, geno nur wenig, und nahm an den Gesprchen keinen Antheil. Er erschrak, als sich musikalische Tne durch die Luft von oben hernieder warfen; doch beruhigte er sich wieder, da es sanfte Hrnertne blieben, die angenehm ber die Gebsche hinweg rauschten, sich durch den Park zogen, und am fernen Berge verhallten. Roderich hatte sie auf die Gallerie ber die Speisenden gestellt, und Emil war mit dieser Einrichtung zufrieden. Gegen das Ende der Mahlzeit lie er seinen Haushofmeister kommen, und sagte zur Braut gewendet: liebe Freundin, la auch die Armuth an unserm Ueberflusse Theil nehmen. Er befahl hierauf, eine Anzahl Flaschen Wein, Gebackenes, und verschiedene Gerichte in reichlichen Portionen dem armen Brautpaar hinber zu senden, damit ihnen dieser Tag auch ein Freudentag sein knne, dessen sie sich nachher gern erinnern mchten. Sieh, Freund, rief Roderich aus, wie schn alles in der Welt zusammen hngt! Mein unntzes Umtreiben und Schwatzen, das du so oft an mir tadelst, hat doch nun diese gute Handlung veranlat. Viele wollten dem Wirthe ber sein Mitleid und gutes Herz etwas Artiges sagen, und das Frulein sprach von schner Gesinnung und Edelmuth. O schweigen wir! rief Emil zornig: es ist keine gute Handlung, ja berhaupt keine Handlung, es ist nichts! Wenn Schwalben und Hnflinge sich von den weggeworfenen Brosamen dieses Ueberflusses nhren, und sie zu ihren Jungen in die Nester tragen, sollte ich nicht eines armen Mitbruders gedenken, der mein bedarf? Wenn ich meinem Herzen folgen drfte, so wrdet ihr mich eben so gut wie manchen andern verlachen und verspotten, der in die Wste zog, um nichts mehr von der Welt und ihrem Edelmuth zu erfahren. Man schwieg, und Roderich erkannte in den glhenden Augen seines Freundes den heftigsten Unwillen; er besorgte, da er sich in seiner Verstimmung noch mehr vergessen mchte, und suchte schnell das Gesprch auf andere Gegenstnde zu lenken. Doch Emil war unruhig und zerstreut geworden; hauptschlich wendeten sich seine Blicke oft nach der obersten Gallerie, auf welcher die Bedienten, die das letzte Stockwerk bewohnten, vielerlei zu schaffen hatten. Wer ist die widerliche Alte, die dort so geschftig ist, und so oft in ihrem grauen Mantel wieder kommt? fragte er endlich. Sie gehrt zu meiner Bedienung, sagte die Braut; sie soll die Aufsicht ber die Kammerjungfern und jngern Mgde fhren. Wie kannst du solche Hlichkeit in deiner Nhe dulden? erwiederte Emil. La sie, antwortete die junge Frau, wollen die Hlichen doch auch leben, und da sie gut und redlich ist, kann sie uns von groem Nutzen sein. Man erhob sich von der Tafel, und alles umgab den neuen Gatten, wnschte nochmals Glck, und drngte dann mit Bitten um die Erlaubni zum Ball. Die Braut umarmte ihn uerst freundlich und sagte: meine erste Bitte, Geliebter, wirst du mir nicht abschlagen, denn wir haben uns alle darauf gefreut: Ich habe so lange nicht getanzt, und du selbst hast mich noch niemals tanzen sehn. Bist du denn gar nicht neugierig darauf, wie ich mich in dieser Bewegung ausnehme? So heiter, sagte Emil, habe ich dich noch niemals gesehn. Ich will kein Strer eurer Freude sein, macht, was ihr wollt; nur verlange keiner von mir, da ich mich selbst mit linkischen Sprngen lcherlich machen soll. Wenn du ein schlechter Tnzer bist, sagte sie lachend, so kannst du sicher sein, da dich jedermann gern in Ruhe lassen wird. Die Braut entfernte sich hierauf, um sich umzuziehn und ihr Ballkleid anzulegen. Sie wei es nicht, sagte Emil zu Roderich, mit dem er sich entfernte, da ich aus einem andern Zimmer in das ihrige durch eine verborgene Thr kommen kann, ich werde sie beim Umkleiden berraschen. Als Emil fortgegangen war, und viele der Damen sich auch entfernt hatten, um die zum Tanz nthigen Vernderungen des Putzes zu treffen, nahm Roderich die jngeren Leute beiseit und fhrte sie auf sein Zimmer. Es wird schon Abend, sagte er hier, bald ist es finster; jezt geschwind jeder in seine Verkleidung, um diese Nacht recht bunt und toll zu verschwrmen. Was ihr nur ersinnen knnt; genirt euch nicht, je rger, je besser! Je scheulicher die Fratzen sind, die ihr aus euch hervor bringt, je mehr will ich euch loben. Da mu es keinen so widerlichen Hcker, keinen so ungestalten Bauch, keine so widersinnige Kleidung geben, die nicht heute paradirt. Eine Hochzeit ist eine so wundersame Begebenheit, ein ganz neuer ungewohnter Zustand wird den Verheiratheten so pltzlich wie ein Mhrchen ber den Hals geworfen, da man dieses Fest nicht verwirrt und unklug genug anfangen kann, um nur irgend fr die Eheleute die pltzliche Vernderung zu motiviren, so da sie wie in einem phantastischen Traum in die neue Lage hinber schwimmen, und darum lat uns nur recht in diese Nacht hinein wthen, und nehmt keine Einrede von denen an, die sich verstndig stellen mchten. Sei ohne Sorge, sagte Anderson, wir haben einen groen Koffer voll Masken und toller bunter Kleidungsstcke aus der Stadt mitgebracht, du wirst dich selbst darber verwundern. Aber seht her, sagte Roderich, was ich von meinem Schneider eingekauft habe, der diesen kostbaren Schatz schon in Lppchen verschneiden wollte! Er hat diese Tracht von einer alten Gevatterin erhandelt, die damit gewi bei Lucifer auf dem Blocksberge Galla gemacht hat. Seht dieses scharlachrothe Mieder, mit diesen goldenen Tressen und Franzen, und diese goldglnzende Haube, die mir unendlich ehrwrdig stehen mu, dazu nehm' ich diesen grnseidnen Rock mit safrangelbem Besatz und diese scheuliche Maske, und fhre nachher als altes Weib den ganzen Chor der Carrikaturen in das Schlafzimmer. Macht, da ihr fertig werdet! wir wollen dann feierlich die junge Frau abholen. Die Hrner musizirten noch, die Gesellschaft wandelte im Garten, oder sa vor dem Hause. Die Sonne war hinter trben Wolken untergegangen, und die Gegend lag im grauen Dmmer, als pltzlich unter der Wolkendecke der scheidende Stral noch einmal hervor brach, und rings die Gegend, vorzglich aber das Gebude mit seinen Gngen, Sulen und Blumengewinden, wie mit rothem Blute besprengte. Da sahen die Eltern der Braut, und die brigen Zuschauer den abentheuerlichsten Zug nach dem obern Corredor schweben: Roderich als die rothe Alte voran, und ihr nachfolgend Bucklichte, dickbauchige Fratzen, ungeheure Perucken, Tartaglias, Policinells und gespenstische Pierrots, weibliche Figuren in ausgespannten Reifrcken und ellenhohen Frisuren, die widerwrtigsten Gestalten, alle wie aus einem ngstlichen Traum. Sie zogen gaukelnd und sich drehend und wackelnd, trippelnd und sich brstend ber den Gang, und verschwanden dann in eine der Thren. Nur wenige der Zuschauer waren zum Lachen gekommen, so hatte sie der seltsamste Anblick berrascht. Pltzlich brach ein gellender Schrei aus den innern Zimmern, und hervor strzte in das blutige Abendroth die bleiche Braut, im weien kurzen Kleide, um welches Blumenranken flatterten; der schne Busen ganz frei, die Flle der Locken in Lften schwebend. Wie wahnsinnig, die Augen rollend, das Gesicht entstellt, strzte sie ber die Gallerie, und fand in ihrer Angst verblindet keine Thr und Treppe, und gleich darauf, ihr nachrennend, Emil, den blanken trkischen Dolch in hoch erhobener Faust. Jezt war sie am Ende des Ganges, sie konnte nicht weiter, er erreichte sie. Die maskirten Freunde und die graue Alte waren ihm nach gestrzt. Aber schon hatte er wthend ihre Brust durchbohrt, und den weien Hals durchschnitten, ihr Blut strmte im Glanz des Abends. Die Alte hatte sich mit ihm umfat, ihn zurck zu reien; kmpfend schleuderte er sich mit ihr ber das Gelnder, und beide fielen zerschmettert zu den Fen der Verwandten nieder, die mit stummem Entsetzen der blutigen Scene zugeschaut hatten. Oben und im Hofe, oder von den Gallerien und Treppen herunter eilend, standen und rannten die scheulichen Larven in mannichfaltigen Gruppen, hllischen Dmonen hnlich. Roderich nahm den Sterbenden in seine Arme. Mit dem Dolche spielend hatte er ihn im Zimmer seiner Gattin gefunden. Sie war fast angekleidet bei seinem Eintreten; beim Anblick des rothen widrigen Kleides hatte sich seine Erinnerung belebt, das Schreckbild jener Nacht war vor seine Sinne getreten; knirschend war er auf die zitternde, fliehende Braut zugesprungen, um den Mord und ihr teuflisches Kunststck zu bestrafen. Die Alte besttigte sterbend den verbten Frevel, und das ganze Haus war pltzlich in Leid, Trauer und Entsetzen verwandelt worden. * * * * * Alle Zuhrer waren bewegt, am meisten aber Clara, die schon frher Zeichen von Ungeduld gegeben hatte. Nein! rief sie aus und erhob sich: es ist nicht auszuhalten! Diese Geschichten gehn zu schneidend durch Mark und Bein, und ich wei mich vor Schauder in keinen meiner Gedanken mehr zu retten. Es ist geradezu abscheulich, dergleichen zu erfinden. Ich zittre und ngste mich, und vermuthe, da aus jedem Busche, aus jeder Laube ein Ungeheuer auf mich zutreten mchte, da die theuersten bekanntesten Gestalten sich pltzlich in fremd gespenstische Wesen verwandeln drften, und man ist und bleibt thricht, und hrt zu, lt sich von den Worten immer weiter und weiter verlocken, bis das ungeheuerste Grauen uns pltzlich erfat, und alle vorigen Empfindungen wie in einen Strudel gewaltthtig verschlingt. Es fngt an Abend zu werden, lat uns hinein gehn und aufhren. Das ist aber ganz gegen die Abrede, sagte Manfred; wollt ihr Weiber einer Akademie vorstehn und die Talente aufmuntern, so mt ihr auch mehr Muth und Ausdauer haben. Kannst du den guten Lothar mit dieser unbilligen Kritik so krnken? Habt ihr es denn nicht vorher gewut, da man euch wrde zu frchten machen? Worber beklagt ihr euch also? Mir hat seine Erzhlung so wohl gefallen, da ich, in Nachahmung Alexanders, ausrufen knnte: ich mchte diesen Liebeszauber geschrieben haben, wenn ich nicht meinen Runenberg gedichtet htte! Darum, ihr Besten, lat die Narrheit fahren und bleibt hbsch thricht und in der Ordnung. Diese Geschichte und die deinige, Bruder Manfred, sagte Auguste, haben uns eben alle Lust genommen, noch etwas anzuhren, denn sie sind zu grlich. ^Et tu, Brute?^ rief Manfred aus; Schwester, du bist ja meine Schwester, wir sind ja hoffentlich Ein Blut! nicht gegen die eigne Familie und das verwandte Fleisch richte dein Rezensenten-Wthen. Und du, Clara, warum nicht deinen Zorn gegen unsern Anton wenden, der mit seinem Mhrchen zuerst diesen Ton angegeben hat? Aber ich sehe wohl, wir Autoren stehen so wenig hier, wie irgend wo, vor einem unpartheiischen Richterstuhl; die Leidenschaften, Vorliebe und Ha regen sich bei jeder Rezensir-Anstalt. O wohin entfliehen aus dieser verderbten Welt? Ich werde von nun an gar kein Publikum mehr anerkennen! Wir sollen also, sagte Rosalie sanft und errthend, auch nicht einmal die kleine Genugthuung haben, zu schelten, wenn man uns durch die Mittel der Dichtkunst fast aus unsern Sinnen gengstigt hat? Lat es euch doch fr diesmal so gefallen, sagte Manfred, wir wollen euch ein andermal einschlfern und Langeweile genug machen. Habt ihr aber was zu klagen, so klagt ber Anton, den ihr selbst zum Knige dieses Tages erwhlt habt, und der uns befohlen hat, dergleichen Zeug an den Tag zu frdern. Es wre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten, der uns so anmuthig unterhalten hat, und der nur mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die Schilderung der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender machte. Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist vielleicht gut, und das andre darum noch nicht schlimm. Die Phantasie, die Dichtung also wollt ihr verklagen? Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen auf, angenehme Gegner und Widersacher, und seht, da es dort, vor euren Augen, hinter eurem Rcken, wenn ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer hergeht. Schlimmer und herber, und also auch viel grlicher, weil das Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert wird. Soll ich euch dergleichen Dinge aus dem alltglichsten Leben, oder aus der Geschichte erzhlen? Ich bin nicht von den schwchsten Nerven, aber ich wei noch wohl, da ich einige Nchte nicht schlafen konnte, weil mich das Bild des armen gefolterten Grandier die Tage hindurch bei allen meinen Geschften verfolgte, so da ich selbst das Buch, worin ich sein Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser Mann, ein Geistlicher, ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten Neid der Zauberei beschuldigt, unkluge Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als den Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise von dem gebildeten und nicht unwitzigen Manne beleidigt glaubte, ging in die verchtliche Kabale ein. Grandier lachte anfangs, aber er ward vor Gericht gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert, und dann auf die grausamste Weise verbrannt. Alle seine Richter waren von seiner Unschuld berzeugt, sein hoher Verfolger am innigsten; eine aufgeklrte witzige Nation spottete ber den Proze, man besuchte von Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende Abentheuerlichkeit: und doch wurde diese Abscheulichkeit verbt, unsern Tagen ziemlich nahe, in den Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten barbarischen Mittel-Alter), die ehrwrdige Form der Gerechtigkeit wurde gemibraucht und geschndet, die Religion verhhnt, und alles dies, worber unser Eingeweide entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine Folgen, als da die Pariser den Zermarterten gutmthig bedauerten. Soll ich euch aus den ^causes celbres^ diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene Trauergeschichte, welche erzhlt, wie ein Familien-Vater unschuldig auf die Galeeren gesandt wird und dort stirbt, sein Weib und seine unmndige Tochter aber lange im Kerker schmachten mssen, weil ein Proze ber einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet ward, und die Richter sich vom Stande des Klgers verleiten lieen, bereilt zu verfahren; der unschuldig Beklagte aber Vermgen, Ehre und Leben auf das schmhlichste einbte? Die Kollekte, die das junge Mdchen nachher fr ihre Mutter und sich erhielt und erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder geben, noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen. Nicht wahr, diese sind die chten Gespenstergeschichten? Und wer lebt denn wohl, der nicht dergleichen zu erzhlen wte, von der Grausamkeit der Menschen, der Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrckung des Armen? Von dem Elend, welches groe und kleine Tyrannen erschaffen? Hier knnt ihr euch nirgend trsten und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform beruhigt euer Gemth nicht mit der Nothwendigkeit, ja ihr knnt oft in diesem Jammer nicht einmal ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde, Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In dergleichen mhrchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie von vielen muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dchte, auch ein nicht starkes Auge mte es auf diese Weise ertragen knnen. Und wenn du auch Recht httest, sagte Clara, so bleibe ich doch unerbittlich! Nun gut, sagte Manfred, Sei ganz ein Weib und gieb Dich hin dem Triebe, der dich zgellos Ergreift und dahin oder dorthin reit. Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es aber nur in unsern Theatern? Ich habe mich oft verwundern mssen, da eure Nerven die Abscheulichkeiten aushalten knnen, die wir doch fast tglich dorten sehen und hren mssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten Tragdien, die, um erhaben zu sein, das Oberste im Menschen zu unterst kehren, denn ber diese kann man lcheln und sich an ihnen unterhalten, immer wird doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt, welches mich beruhigt, auch ist hie und da wohl ein Zug oder eine Scene gelungen, die fr das Ganze dann gut stehn mssen; sondern von jenem kleinlichen Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemlden und Hofrathsstcken, von den Hunger- und Elends-Festen von der Noth und Angst, die bis in den fnften Akt die Seelen zerdrckt, und ein edles Mdchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen und das brillanteste Herz sitzen zu lassen; oder wo ein hochstrebender Sohn den Vater bestiehlt und zur Verzweiflung bringt, oder Brder mihellig sind, Frauen den Schwei des Gatten verschwenden, und so weiter: denn wer vermchte die unendliche Variation des groen Einerlei auszusprechen? Bei diesen Jammer-Lustspielen, kann ich nicht lugnen, bin ich ein zu nervenschwacher Zuschauer, um nicht auf das Aeuerste verstimmt und im Innern unglcklich zu werden. Denn diese Dichter haben nicht daran genug, dergleichen Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre Kompositionen blo unknstlich wrden, sondern sie ziehn mit einem Handgriff, den sie sich alle zu eigen gemacht haben, das Edelste und Hchste der Menschheit, Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die theuersten Verhltnisse, die menschlichsten, natrlichsten und herzlichsten Rhrungen in ihre Karrikaturen hinein, und schlagen die Tne an, die immer anklingen mssen, wenn ein gutmthiges Publikum kein heitres Kunstwerk, sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt, und erregen dadurch die Thrnenschauer, auf welche sie in ihren Vorreden so stolz sind. Dieser Thrnen (ich mu sie selbst vergieen, gesteh ich) sollten wir uns aber schmen, sie sollten uns gerade am meisten in Zorn gegen den Dichter entznden, der das Hchste und Theuerste zum Niedrigsten macht, und auf dem Trdelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es wrde uns alle empren, ein Erbstck eines geliebten Vaters, das wir nur unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, pltzlich in der schmuzigen Judengasse ffentlich ausstehn zu sehn? Gerade so empren mich jene Dinge, von denen sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fhlt, denn eben die unwrdigste Taschenspielerei jener Autoren ist es, an ihr Machwerk die Empfindungen zu knpfen, die uns als Menschen ewig heilig und unverletzlich sein sollen. Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas mehr, der mir oft genug paradox erschien, indem ich sah, da sie sich einer gewissen Rhrung nicht erwehren konnten. Wie knnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem Eifer fort, es nur dulden, da man eure Mtterlichkeit, eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure ehelichen Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder so ffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es eigentlich, wie sehr sich alle diese Herren auch die Miene geben wollen, euch und euren Beruf zu verherrlichen. Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll mir gewi kein Buch fr Mtter, oder Gattinnen, oder Weiber wie sie sein sollen, und dergleichen Unkraut kommen, aus der Verkehrtheit unsers Treibens erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genhrt. Und dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches Zeug schreiben und preisen, wollen dem Bauer seinen Siegfried, Oktavian und Eulenspiegel nehmen, um die Moralitt der niedern Stnde nicht verderben zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres geben? Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung gleich so verstmmelt beginnen, zum gefhrlichen Beispiel aller meiner Thronfolger, und diese Abtheilung, die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden? Was werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald und Theodor sagen? Warlich, wenn ich meine Pflicht nur irgend nachleben will, darf ich es nicht zugeben. Die liebenswrdige Clara wird also hiemit fr eine Rebellin erklrt, und ihr eine Minute Frist gestattet, sich zu besinnen, widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen wird, da man ihr ganz allein in der Einsamkeit die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder irgend etwas dem Aehnliches, Groartiges vorlesen soll. Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher, sehe ich, hat zu schreckliche Strafen in seiner Hand, er will uns zwar nicht mit Skorpionen, aber doch mit bsem Gewrm geieln, und darum ziehe ich es vor, mich dem Lesen dieser Mhrchen zu ergeben, wenn denn doch einmal gelesen werden soll. Nur lebe ich der Hoffnung, da die drei Erzhlungen, welche noch zurckbleiben, nicht ^crescendo^ dieses Grauen erhhen, sondern uns ^decrescendo^ wieder in den ersten Ton zurck fhren werden. Vor allem lat uns in den Saal treten, sagte Emilie; es ist ungewhnlich khl geworden, und unser genesender Beherrscher drfte von der Abendluft mehr, wie wir von der Poesie zu befrchten haben. Als man den Garten verlassen und sich im offnen Saale wieder geordnet hatte, sagte Theodor: ich kann wenigstens versichern, da dasjenige, was ich mitzutheilen habe, schwerlich Schrecken erregen kann. Von meiner Erfindung kann ich das nmliche zusagen, fgte Wilibald hinzu. Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara, so mge denn also diese Mhrchenwelt wieder erscheinen. Nur mit Beschmung, sagte Friedrich, kann ich Ihnen diese Bltter mittheilen, da ich der einzige bin, der seine Erzhlung nicht erfunden hat, sondern mich gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen, welcher nur eine alte Geschichte nacherzhlt. Auch ist die Darstellung so gefat, da ich frchten mu, dem Gedicht das grte Unrecht gethan zu haben. Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung anzufangen. Friedrich las: -- Liebesgeschichte der schnen Magelone und des Grafen Peter von Provence. 1796 1. Vorbericht. Ist es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht traurig in die Seele gefallen, wie betrbt es sei, da das rauschende Rad der Zeit sich immer weiter dreht, und da bald das zu unterst gekehrt wird, was ehemals hoch oben war? So fhrt Ruhm, Glanz, Pracht und weltberhmte Schnheit hin, wie goldene Abendwolken, die hinter fernen Bergen nieder sinken, und nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer hinter sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich herauf, die schwarzen Heere von Wolken ziehn unter Sternenglanz auf und ab, und der letzte Schein erlscht furchtsam; Wind fhrt durch den Eichenforst und kein Httenbewohner denkt an die Rthe des Abends zurck. Im Winkel sitzt wohl ein Knabe in sich versunken und sieht im dmmernden Wiederschein der Lampe ein Bild der frhlichen Morgenrthe; ihm dnkt, er hre schon die muntern Hhne krhen, und wie ein khler Wind durch die Bltter rauscht und alle Blumen der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er vergit sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das Feuer ausbrennt. Dann kommen Trume ber ihn, dann sieht er alles im Glanze der Sonne vor sich: die wohlbekannte Heimath, ber die wunderbare fremde Gestalten schreiten, Bume wachsen hervor, die er nie gesehn, sie scheinen zu reden und menschlichen Sinn, Liebe und Vertrauen zu ihm ausdrcken zu wollen. Wie fhlt er sich der Welt befreundet, wie schaut ihn alles mit zrtlichem Wohlgefallen an! die Bsche flstern ihm liebe Worte ins Ohr, indem er vorbergeht, fromme Lmmer drngen sich um ihn, die Quelle scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen zu wollen, das Gras unter seinen Fen quillt frischer und grner hervor. Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der Dichter erscheinen, und er bittet, da du ihm vergnnen mgest, dir seinen Traum vorzufhren. Jene alte Geschichte, die manchen sonst ergtzte, die vergessen ward, und die er gern mit neuem Lichte bekleiden mchte. Der Dichter sieht bemooste Leichensteine, Die keiner seiner Freunde kennt, Dann fhlt er, da beim Mondenscheine Im Busen fromme Ahndung brennt: Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine, Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt, Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt. Gern wandl' ich in der stillen Ferne, In unsrer Vter frommen Zeit, Ich seh, wie jeder sich so gerne Der alten guten Mhrchen freut, Oft wiederholt ergtzen sie noch immer, Sie kehren wieder wie dasselbe Mal, Der Hrer fhlt des Lebens Lust und Quaal, Der Liebe holden Frhlingsschimmer. Ob ihr die alten Tne gerne hrt? Das Lied aus lngst verflonen Tagen? Verzeiht dem Snger, den es so bethrt, Da er beginnt das Mhrchen anzusagen. 2. Wie ein fremder Snger an den Hof des Grafen von Provence kam. In der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, der einen beraus schnen und herrlichen Sohn hatte, welcher als die Freude des Vaters und der Mutter erwuchs. Er war gro und stark, und glnzende blonde Haare flossen um seinen Nacken und beschatteten sein zartes jugendliches Gesicht; dabei war er in aller Waffenbung wohl erfahren, keiner fhrte im Lande und auch auerhalb die Lanze und das Schwerdt so wie er, so da ihn Jung und Alt, Gro und Klein, Adel und Unadel bewunderte. Er war oft gern in sich gekehrt, als wenn er irgend einem geheimen Wunsche nachginge, und viele erfahrene Leute glaubten und schlossen daher, er sei in Liebe; es wollte ihn darum keiner aus seinen Trumen aufwecken, weil sie wohl wuten, da die Liebe ein ser Ton ist, der im Ohre schlft und wie aus einem Traume seine phantasiereiche Melodie fortredet, so da ihn der Beherberger selbst nur wie ein dunkles Rthsel versteht, geschweige denn ein Fremder, und da er oft nur allzuschnell entflieht, und seine Wohnung in dem Aether und goldenen Morgenwolken wieder sucht. Aber der junge Graf Peter kannte seine eigenen Wnsche nicht; es war ihm, als wenn ferne Stimmen unvernehmlich durch einen Wald riefen, er wollte folgen, und Furcht hielt ihn zurck, doch Ahndung drngte ihn vor. Sein Vater gab ein groes Turnier, zu welchem viele Ritter geladen wurden. Es war ein Wunder anzusehn, wie der zarte Jngling die Erfahrensten aus dem Sattel hob, so da es auch allen Zuschauern unbegreiflich schien. Er ward von allen gerhmt und fr den besten und strksten geachtet; aber kein Lob machte ihn stolz, sondern er schmte sich manchmal selber, da er so alte und wrdige Rittersmnner sollte berwunden haben. Unter andern war auch ein Snger mit herbei gekommen, der viele fremde Lnder gesehen hatte; er war kein Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung bertraf er manchen Edlen. Dieser gesellte sich zu Graf Peter und lobte ihn ungemein, schlo aber seine Rede mit diesen Worten: Ritter, wenn ich euch rathen sollte, so mt ihr nicht hier bleiben, sondern fremde Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten, auf da sich eure Einsichten, die in der Heimath nur immer einheimisch bleiben, verbessern, und ihr am Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden knnt. Er nahm seine Laute und sang: Keinem hat es noch gereut, Der das Ro bestiegen, Und in frischer Jugendzeit Durch die Welt zu fliegen. Berge und Auen, Einsamer Wald, Mdchen und Frauen Prchtig im Kleide, Golden Geschmeide, Alles erfreut ihn mit schner Gestalt. Wunderlich fliehen Gestalten dahin, Schwrmerisch glhen Wnsche in jugendlich trunkenem Sinn. Ruhm streut ihm Rosen, Schnell in die Bahn, Lieben und Kosen, Lorbeer und Rosen Fhren ihn hher und hher hinan. Rund um ihn Freuden, Feinde beneiden, Erliegend, den Held, -- Dann whlt er bescheiden Das Frulein, das ihm nur vor allen gefllt. Und Berge und Felder Und einsame Wlder Mit er zurck. Die Eltern in Thrnen, Ach alle ihr Sehnen, -- Sie alle vereinigt das lieblichste Glck. Sind Jahre verschwunden, Erzhlt er dem Sohn In traulichen Stunden, Und zeigt seine Wunden, Der Tapferkeit Lohn. So bleibt das Alter selbst noch jung, Ein Lichtstrahl in der Dmmerung. Der Jngling hrte still dem Gesange zu; als er geendigt war, blieb er eine Weile in sich gekehrt, dann sagte er: ja, nunmehr wei ich, was mir fehlt, ich kenne nun alle meine Wnsche, in der Ferne wohnt mein Sinn, und mancherlei wechselnde buntfarbige Bilder ziehn durch mein Gemth. Keine grere Wollust fr den jungen Rittersmann, als durch Thal und ber Feld dahin ziehn: hier liegt eine hoch erhabene Burg im Glanz der Morgensonne, dort tnt ber die Wiese durch den dichten Wald des Schfers Schallmei, ein edles Frulein fliegt auf einem weien Zelter vorber, Ritter und Knappen begegnen mir in blanker Rstung und Abentheuer drngen sich; ungekannt zieh ich durch die berhmten Stdte, der wunderbarste Wechsel, ein ewig neues Leben umgiebt mich, und ich begreife mich selber kaum, wenn ich an die Heimath und den stets wiederkehrenden Kreis der hiesigen Begebenheiten zurck denke. O ich mchte schon auf meinem guten Rosse sitzen, ich mchte sogleich dem vterlichen Hause Lebewohl sagen. Er war von diesen neuen Vorstellungen erhitzt, und ging sogleich in das Gemach seiner Mutter, wo er auch den Grafen, seinen Vater, traf. Peter lie sich alsbald demthig auf ein Knie nieder und trug seine Bitte vor, da seine Eltern ihm erlauben mchten zu reisen und Abentheuer aufzusuchen; denn, so schlo er seine Rede: wer immer nur in der Heimath bleibt, behlt auch fr seine Lebenszeit nur einen einheimischen Sinn, aber in der Fremde lernt man das Niegesehene mit dem Wohlbekannten verbinden, darum versagt mir eure Erlaubni nicht. Der alte Graf erschrak ber den Antrag seines Sohnes, noch mehr aber die Mutter, denn sie hatten sich dessen am wenigsten versehn. Der Graf sagte: mein Sohn, deine Bitte kmmt mir ungelegen, denn du bist mein einziger Erbe; wenn ich nun whrend deiner Abwesenheit mit Tode abginge, was sollte da aus meinem Lande werden? Aber Peter blieb bei seinem Gesuch, worber die Mutter anfing zu weinen und zu ihm sagte: Lieber, einziger Sohn, du hast noch kein Ungemach des Lebens gekostet und siehst nur deine schnen Hoffnungen vor dir; allein bedenke, da es gar wohl sein kann, da, wenn du abreisest, tausend Mhseligkeiten schon bereit stehn, um dir in den Weg zu treten; du hast dann vielleicht mit Elend zu kmpfen, und wnschest dich zu uns zurck. Peter lag noch immer demthig auf den Knien und antwortete: Vielgeliebte Eltern, ich kann nicht dafr, aber es ist jezt mein einziger Wunsch, in die weite fremde Welt zu reisen, um Freud und Mhseligkeit zu erleben, und dann als ein bekannter und geehrter Mann in die Heimath zurck zu kehren. Dazu seid ihr ja auch, mein Vater, in eurer Jugend in der Fremde gewesen, und habt euch weit und breit einen Namen gemacht; aus einem fremden Lande habt ihr euch meine Mutter zum Gemal geholt, die damals fr die grte Schnheit geachtet wurde; lat mich ein gleiches Glck versuchen, seht, mit Thrnen bitte ich euch darum. Er nahm eine Laute, die er sehr schn zu spielen verstand, und sang das Lied, das er vom Harfenspieler gelernt hatte, und am Schlusse weinte er heftig. Die Eltern waren auch gerhrt, besonders aber die Mutter; sie sagte: nun, so will ich dir meinerseits meinen Segen geben, geliebter Sohn, denn es ist freilich alles wahr, was du da gesagt hast. Der Vater stand gleichfalls auf und segnete ihn, und Peter war im Herzen vergngt, da er so die Einwilligung seiner Eltern erhalten hatte. Es ward nun Befehl gegeben, alles zu seinem Zuge zu rsten, und die Mutter lie Petern heimlich zu sich kommen. Sie gab ihm drei kostbare Ringe und sagte: Siehe, mein Sohn, diese drei kostbaren Ringe habe ich von meiner Jugend an sorgfltig bewahrt; nimm sie mit dir und halte sie in Ehren, und so du ein Frulein findest, das du liebst und das dir wieder gewogen ist, so darfst du sie ihr schenken. Er kte dankbar ihre Hand, und es kam der Morgen, an welchem er von dannen schied. 3. Wie der Ritter Peter von seinen Eltern zog. Als Peter sein Pferd besteigen wollte, segnete ihn sein Vater noch einmal, und sagte zu ihm: mein Sohn, immer mge dich das Glck begleiten, so da wir dich gesund und wohlbehalten wieder sehn; denke stets meiner Lehren, die ich deiner zarten Jugend einprgte: suche die gute und meide die bse Gesellschaft; halte immer die Gesetze des Ritterstandes in Ehren, und vergi sie in keinem Augenblicke, denn sie sind das edelste, was die edelsten Mnner in ihren besten Stunden erdacht haben; sei immer redlich, wenn du auch betrogen wirst, denn das ist der Probierstein des Wackern, da er selten auf rechtliche Menschen trifft, und doch sich selber gleich bleibt. -- Lebe wohl! -- Peter ritt fort, allein und ohne Knappen, denn er wollte allenthalben, wie es oft die jungen Ritter zu thun pflegten, unbekannt bleiben. Die Sonne war herrlich aufgegangen, und der frische Thau glnzte auf den Wiesen. Peter war frohen Muthes und spornte sein gutes Ro, da es oft muthig aufsprang. Es lag ihm ein altes Lied im Sinne und er sang es laut: Traun! Bogen und Pfeil Sind gut fr den Feind, Hlflos alleweil Der Elende weint; Dem Edlen blht Heil Wo Sonne nur scheint, Die Felsen sind steil, Doch Glck ist sein Freund. Er kam nach vielen Tagereisen in die edle und vornehme Stadt Neapolis. Schon unterwegs hatte er viel vom Knige und seiner beraus schnen Tochter Magelone reden hren, so da er sehr begierig war, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er stieg in einer Herberge ab, und erkundigte sich nach Neuigkeiten; da hrte er vom Wirthe, da ein vornehmer Ritter, Herr Heinrich von Carpone, angekommen sei, und da ihm zu Ehren ein schnes Turnier gehalten werden solle. Er erfuhr zugleich, da auch den Fremden der Zutritt erlaubt sei, wenn sie nach den Turniergesetzen geharnischt erschienen. Da nahm sich Peter sogleich vor, auch dabei zu sein, und seine Geschicklichkeit und Strke zu versuchen. 4. Peter sieht die schne Magelone. Als der Tag des Turniers erschienen war, legte Peter seine Waffenrstung an, und begab sich in die Schranken. Er hatte sich auf seinen Helm zwei schne silberne Schlssel setzen lassen, von ungemein feiner Arbeit, so war auch sein Schild mit Schlsseln geziert, auch die Decke seines Pferdes. Dies hatte er seinem Namen zu Gefallen gethan und zu Ehren des Apostels Petrus, den er sehr liebte. Von Jugend auf hatte er sich ihm zum Schirm und Schutz empfohlen, und deswegen whlte er sich auch jezt dieses Wahrzeichen, da er unbekannt bleiben wollte. Unter Trompetenschall trat ein Herold auf, der das Turnier ausrief, das zu Ehren der schnen Magelone erffnet wurde. Sie selbst sa auf einem erhabenen Sller und sah auf die Versammlung der Ritter hinab. Peter schaute hinauf, er konnte sie aber nicht genau betrachten, weil sie zu entfernt war. Herr Heinrich von Carpone trat zuerst in die Schranken und gegen ihn stellte sich ein Ritter des Kniges. Sie trafen auf einander und der Knigsche wurde bgellos, aber er traf zuflligerweise mit seiner Lanze das Pferd des Herrn Heinrich vorn an den Schienbeinen, so da das Ro mit seinem Reiter zu Boden strzte. Darber wurde dem Diener des Kniges der Sieg zugesprochen, als einem, der den Herrn Heinrich umgerennt htte. Das verdro Petern gar sehr, denn Herr Heinrich war ein namhafter Renner; dazu so berhmte sich der Diener laut und ffentlich seines Sieges, den er doch nur dem Zufall zu danken hatte. Peter stellte sich also gegen ihn in die Schranken und rannte ihn vom Pferde hinunter, da sich alle ber seine Kraft verwundern muten; er that aber zu aller Erstaunen noch mehr, denn er machte auch bald die brigen Sttel ledig, so da sich in kurzer Zeit kein Gegner vor ihm mehr finden lie. Darber waren alle begierig, den Namen des fremden Ritters zu wissen, und der Knig von Neapel schickte selbst seinen Herold an ihn ab, um ihn zu erfahren; aber Peter bat in Demuth um die Erlaubni, da man ihm noch ferner erlauben mchte, unbekannt zu bleiben, denn sein Name sei dunkel und von keinen Thaten verherrlicht; dazu so sei er ein armer geringer Edelmann aus Frankreich, er wolle seinen Namen daher so lange verschweigen, bis er es durch Thaten werth geworden sei, sich nennen zu drfen. Dem Knig freute diese Antwort, weil sie ein Beweis von der Bescheidenheit des Ritters war. Es whrte nicht lange, so wurde ein zweites Turnier gehalten, und die schne Magelone wnschte heimlich im Herzen, da sie des Ritters mit den silbernen Schlsseln wieder ansichtig werden mchte; denn sie war ihm zugethan, hatte es aber noch Niemand anvertraut, ja sich selber kaum, denn die erste Liebe ist zaghaft, und hlt sich selbst fr einen Verrther. Sie ward roth, als Peter wieder mit seiner kenntlichen Waffenrstung in die Schranken trat, und nun die Trommeten schmetterten, und bald darauf die Spiee an den Schilden krachten. Unverwandt blickte sie auf Peter, und er blieb in jedem Kampfe Sieger; sie verwunderte sich endlich darber nicht mehr, weil ihr war, als knne es nicht anders sein. Die Feierlichkeit war geendigt, und Peter hatte von neuem groes Lob und groe Ehre eingesammelt. Der Knig lie ihn an seine Tafel laden, wo Peter der Prinzessin gegenber sa und ber ihre Schnheit erstaunte, denn er sah sie jezt zum erstenmal in der Nhe. Sie blickte immer freundlich auf ihn hin, und dadurch kam er in groe Verwirrung; sein Sprechen belustigte den Knig, und sein edler und krftiger Anstand setzte das Hofgesinde in Erstaunen. Im Saale kam er nachher mit der Prinzessin allein zu sprechen, und sie lud ihn ein, fter wieder zu kommen, worauf er Abschied nahm, und sie ihn noch zuletzt mit einem sehr freundlichen Blicke entlie. Peter ging wie berauscht durch die Straen; er eilte in einen schnen Garten, und wandelte mit verschrnkten Armen auf und nieder, bald langsam, bald schnell, und die Zeit verflo, ohne da er begreifen konnte, wie die Stunden vorber waren. Er hrte nichts um sich her, denn eine innerliche Musik bertnte das Flstern der Bume und das rieselnde Pltschern der Wasserknste. Tausendmal sagte er sich in Gedanken den Namen Magelone vor, und erschrak dann pltzlich, weil er glaubte, er habe ihn laut durch den Garten ausgerufen. Gegen Abend erscholl in der Gegend eine se Musik, und nun setzte er sich in das frische Gras hinter einem Busche und weinte und schluchzte; es war ihm, als wenn sich der Himmel umgewendet und nun seine Schnheit und paradisische Seite zum erstenmal herausgekehrt htte; und doch machte ihn diese Empfindung so unglcklich, unter allen Freuden fhlte er sich so gnzlich verlassen. Die Musik flo wie ein murmelnder Bach durch den stillen Garten, und er sah die Anmuth der Frstin auf den silbernen Wellen hoch einher schwimmen, wie die Wogen der Musik den Saum ihres Gewandes kten, und wetteiferten, ihr nachzufolgen; gleich einer Morgenrthe schien sie in die dmmernde Nacht hinein, und die Sterne standen in ihrem Laufe still, die Bume hielten sich ruhig und die Winde schwiegen; die Musik war jezt die einzige Bewegung, das einzige Leben in der Natur, und alle Tne schlpften so s ber die Grasspitzen und durch die Baumgipfel hin, als wenn sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken wollten, als wenn sie, so wie der weinende Jngling, zitterten, bemerkt zu werden. Jezt erklangen die letzten Accente, und wie ein blauer Lichtstrom versank der Ton, und die Bume rauschten wieder, und Peter erwachte aus sich selber und fhlte, da seine Wange von Thrnen na sei. Die Springbrunnen pltscherten strker und fhrten von den entferntesten Gegenden des Gartens her laute Gesprche. Peter sang leise folgendes Lied: Sind es Schmerzen, sind es Freuden, Die durch meinen Busen ziehn? Alle alten Wnsche scheiden, Tausend neue Blumen blhn. Durch die Dmmerung der Thrnen Seh' ich ferne Sonnen stehn, -- Welches Schmachten! welches Sehnen! Wag' ich's? soll ich nher gehn? Ach, und fllt die Thrne nieder, Ist es dunkel um mich her; Dennoch kmmt kein Wunsch mir wieder, Zukunft ist von Hoffnung leer. So schlage denn, strebendes Herz, So flieet denn, Thrnen, herab, Ach Lust ist nur tieferer Schmerz, Leben ist dunkeles Grab. -- Ohne Verschulden Soll ich erdulden? Wie ists, da mir im Traum Alle Gedanken Auf und nieder schwanken! Ich kenne mich noch kaum. O hrt mich, ihr gtigen Sterne, O hre mich, grnende Flur, Du, Liebe, den heiligen Schwur: Bleib' ich ihr ferne, Sterb' ich gerne. Ach! nur im Licht von ihrem Blick Wohnt Leben und Hoffnung und Glck! Er hatte sich selber etwas getrstet, und schwur sich, Magelonens Liebe zu erwerben, oder unterzugehn. Spt in der Nacht ging er nach Hause und setzte sich in seinem Zimmer nieder, und sprach sich jedes Wort wieder vor, das sie ihm gesagt hatte; bald glaubte er Ursach zu finden, sich zu freuen, dann wurde er wieder betrbt, und war von neuem in Zweifel. Er wollte seinem Vater schreiben und richtete in Gedanken die Worte an Magelonen, und trauerte dann ber seine Zerstreuung, da er es wage, ihr zu schreiben, die er nicht kenne. Nun erschrak er vor dem Gedanken, da ihm das Wesen fremd sei, welches er vor allen brigen in der Welt so unaussprechlich theuer liebe. Ein ser Schlummer berraschte ihn endlich und durchstrich seine Zweifel und Schmerzen, und wunderbare Trume von Liebe und Entfhrungen, einsamen Wldern und Strmen auf dem Meere tanzten in seinem Gemach auf und nieder, und bedeckten wie schne bunte Tapeten die leeren Wnde. 5. Wie der Ritter der schnen Magelone Botschaft sandte. In derselben Nacht war Magelone eben so bewegt als ihr Ritter. Es duchte ihr, als knne sie sich auf ihrem einsamen Zimmer nicht lassen; sie ging oft an das Fenster und sah nachdenklich in den Garten hinab, und alles war ihr trbe und schwermthig; sie behorchte die Bume, die gegen einander rauschten, dann sah sie nach den Sternen, die sich im Meere spiegelten; sie warf es dem Unbekannten vor, da er nicht im Garten unter ihrem Fenster stehe, dann weinte sie, weil sie gedachte, da es ihm unmglich sei. Sie warf sich auf ihr Bett, aber sie konnte nur wenig schlafen, und wenn sie die Augen schlo, sah sie das Turnier und den geliebten Unbekannten, welcher Sieger ward und mit sehnschtiger Hoffnung zu ihrem Altan hinauf blickte. Bald weidete sie sich an diesen Phantasieen, bald schalt sie auf sich selber; erst gegen Morgen fiel sie in einen leichten Schlummer. Sie beschlo, ihre Zuneigung ihrer geliebten Amme zu entdecken, vor der sie kein Geheimni hatte. In einer traulichen Abendstunde sagte sie daher zu ihr: Liebe Amme, ich habe schon seit lange etwas auf dem Herzen, welches mir fast das Herz zerdrckt; ich mu es dir nur endlich sagen und du mut mir mit deinem mtterlichen Rathe beistehn, denn ich wei mir selber nicht mehr zu rathen. Die Amme antwortete: vertraue dich mir, geliebtes Kind, denn eben darum bin ich lter und liebe dich wie eine Mutter, da ich dir guten Anschlag geben mge, denn freilich wei sich die Jugend nie selber zu helfen. Da die Prinzessin diese freundlichen Worte von ihrer Amme hrte, ward sie noch dreister und zutraulicher, und fuhr daher also fort: o Gertraud, hast du wohl den unbekannten Ritter mit den silbernen Schlsseln bemerkt? Gewi hast du ihn gesehn, denn er ist der einzige, der bemerkenswerth war, alle brigen dienten nur, ihn zu verherrlichen, allen Sonnenschein des Ruhms auf ihn zu hufen, und selbst in dunkler einsamer Nacht zu wohnen. Er ist der einzige Mann, der schnste Jngling, der tapferste Held. Seit ich ihn gesehn habe, sind meine Augen unntz, denn ich sehe nur meine Gedanken, in denen er wohnt, wie er in aller seiner Herrlichkeit vor mir steht. Wte ich nur noch, da er aus einem hohen Geschlechte sei, so wollte ich alle meine Hoffnung auf ihn setzen. Aber er kann aus keinem unedlen Hause stammen, denn wer wre alsdann edel zu nennen? O antworte mir, trste mich, liebe Amme, und gieb mir nun Rath. Die Amme erschrak sehr, als sie diese Rede verstanden hatte; sie antwortete: liebes Kind, schon seit lange waren meine Erwartungen so wie meine Neugier darauf gerichtet, da du mir gestehn solltest, welchen von den Edlen des Knigreichs, oder welchen Auswrtigen du liebtest, denn selbst die Hchsten und sogar Knige begehren dein. Aber warum hast du nun deine Neigung auf einen Unbekannten geworfen, von dem Niemand wei, woher er gekommen? Ich zittre, wenn der Knig, dein Vater, deine Liebe bemerkt. Nun und warum zitterst du? fiel ihr Magelone mit heftigem Weinen in die Rede. Wenn er sie bemerkt, so wird er zrnen, der fremde Ritter wird den Hof und das Land verlassen, und ich werde in treuer hoffnungsloser Liebe sterben; und sterben mu ich, wenn der Unbekannte mich nicht wieder liebt, wenn ich auf ihn nicht die Hoffnung der ganzen Zukunft setzen darf. Alsdann bin ich zur Ruhe, und weder mein Vater noch du, keiner wird mich je mehr verfolgen. Da die Amme diese Worte hrte, ward sie sehr betrbt und weinte ebenfalls. Hre auf mit deinen Thrnen, liebes Kind, so rief sie schluchzend aus: alles will ich ertragen, nur kann ich dich unmglich weinen sehn; es ist mir, als mte ich das grte Elend der Erden erdulden, wenn dein liebes Gesicht nicht freundlich ist. Nicht wahr, man mu ihn lieben? sagte Magelone, und umarmte ihre Amme. Ich htte nie einen Mann geliebt, wenn mein Auge ihn nicht gesehn htte; wr es also nicht Snde, ihn nicht zu lieben, da ich so glcklich gewesen bin, ihn zu finden? Gieb nur Acht auf ihn, wie alle Vortrefflichkeiten, die sonst schon einzeln andre Ritter edel machen, in ihm vereinigt glnzen; wie einnehmend sein fremder Anstand ist, da er die hiesige italinische Sitte nicht in seiner Gewalt hat, wie seine stille Bescheidenheit weit mehr wahre Hflichkeit ist, als die studirte und gewandte Galanterie der hiesigen Ritter. Er ist immer in Verlegenheit, da er Niemand besseres ist, als er, und doch sollte er stolz darauf sein, da er niemand anders ist, denn so wie er ist, ist er das Schnste, was die Natur nur je hervor gebracht hat. O such' ihn auf, Gertraud, und frage ihn nach seinem Stand und Namen, damit ich wei, ob ich leben oder sterben mu; wenn ich ihn fragen lasse, wird er kein Geheimni daraus machen, denn ich mchte vor ihm kein Geheimni haben. Als der Morgen kam, ging die Amme in die Kirche und betete; sie sah den Ritter, der auch in einem andchtigen Gebete auf den Knien lag. Als er geendet hatte, nherte er sich der Amme und grte sie hflich, denn er kannte sie und hatte sie am Hofe gesehn. Die Amme richtete den Auftrag des Fruleins aus, da sie ihn um seinen Stand und Namen ersuche, weil es einem so edlen Manne nicht gezieme, sich verborgen zu halten. Peter bekam eine groe Freude und das Herz schlug ihm, denn er sah aus diesen Worten, da ihn Magelone liebe; worauf er sagte: man erlaube mir, meinen Namen noch zu verschweigen, aber das knnt ihr der Prinzessin sagen, da ich aus einem hohen adelichen Geschlechte bin, und da der Name meiner Ahnherrn in den Geschichtsbchern rhmlich bekannt ist. Nehmt inde dies zum Angedenken meiner, und lat es einen kleinen Lohn sein fr die frhliche Botschaft, so ihr mir wider alles Verhoffen gebracht habt. Er gab hierauf der Amme einen von den dreien kstlichen Ringen, und Gertraud eilte sogleich zur Prinzessin, ihr die erhaltene Kundschaft anzusagen, auch zeigte sie ihr den kstlichen Ring, der allein schon bewies, da der Ritter aus einem vornehmen Hause stammen msse. Er hatte der Amme zugleich ein Pergamentblatt mitgegeben, in Hoffnung, da Magelone die Worte lesen wrde, die er im Gefhl seiner Liebe niedergeschrieben hatte. Liebe kam aus fernen Landen Und kein Wesen folgte ihr, Und die Gttin winkte mir, Schlang mich ein mit sen Banden. Da begonn ich Schmerz zu fhlen, Thrnen dmmerten den Blick: Ach! was ist der Liebe Glck, Klagt' ich, wozu dieses Spielen? Keinen hab' ich weit gefunden, Sagte lieblich die Gestalt, Fhle du nun die Gewalt, Die die Herzen sonst gebunden. Alle meine Wnsche flogen In der Lfte blauen Raum, Ruhm schien mir ein Morgentraum, Nur ein Klang der Meereswogen. Ach! wer lst nun meine Ketten? Denn gefesselt ist der Arm, Mich umfleugt der Sorgen Schwarm; Keiner, keiner will mich retten? Darf ich in den Spiegel schauen, Den die Hoffnung vor mir hlt? Ach, wie trgend ist die Welt! Nein, ich kann ihr nicht vertrauen. O und dennoch la nicht wanken Was dir nur noch Strke giebt, Wenn die Einzge dich nicht liebt, Bleibt nur bittrer Tod dem Kranken. Dieses Lied rhrte Magelonen; sie las es und las es von neuem, es war ganz ihre eigene Empfindung, wie von einem Echo nachgesprochen. Sie betrachtete den kstlichen Ring, und bat die Amme flehentlich, ihr denselben gegen ein andres Kleinod auszutauschen; die Amme wurde betrbt, da sie sahe, da das Herz der Prinzessin so ganz von Liebe eingenommen sei, sie sagte daher: mein Kind, es schmerzt mich innig, da du dich einem Fremden gleich so willig und ganz hingeben willst. Magelone wurde sehr zornig, als sie diese Worte hrte. Fremd? rief sie aus; o wer ist dann meinem Herzen nahe, wenn er mir fremd ist? Wehe msse dir deine Zunge auf lange thun, fr diese Rede, denn sie hat mein Herz gespalten. Wie kann er mir denn fremd sein, wenn ich selbst mein eigen bin, da er nichts ist, als was ich bin, da ich nur das sein kann, was er mir zu sein vergnnt? Die Luft, den Athem, das Leben, alles, alles darf ich ihm nur danken, mein Herz gehrt mir selbst nicht mehr, seit ich ihn kenne; o, liebe Gertraud, was wr ich in der Welt, und was wre die ganze unermeliche Welt mir, wenn er mir fremd sein mte? Gertraud trstete sie, und die Prinzessin legte sich schlafen, vorher aber hing sie an einer feinen Perlenschnur den Ring um den Nacken, da er ihr auf der Brust zu liegen kam. Im Schlafe sah sie sich in einem schnen und lustigen Garten, der hellste Sonnenschein flimmerte auf allen grnen Blttern, und wie von Harfensaiten tnte das Lied ihres Geliebten aus dem blauen Himmel herunter, und goldbeschwingte Vgel staunten zum Himmel hinauf und merkten auf die Noten; lichte Wolken zogen unter der Melodie hinweg und wurden rosenroth gefrbt und tnten wieder. Dann kam der Unbekannte in aller Lieblichkeit aus einem dunkeln Gange, er umarmte Magelonen und steckte ihr einen noch kstlichern Ring an den Finger, und die Tne vom Himmel herunter schlangen sich um beide wie ein goldenes Netz, und die Lichtwolken umkleideten sie, und sie waren von der Welt getrennt nur bei sich selber und in ihrer Liebe wohnend, und wie ein fernes Klaggetn hrten sie Nachtigallen singen und Bsche flstern, da sie von der Wonne des Himmels ausgeschlossen waren. Als Magelone von ihrem schnen Traume erwachte, erzhlte sie alles der Amme, und diese sah jezt ein, da sie ihren ganzen Sinn auf den Unbekannten gesetzt htte, und da er ihr Glck oder Unglck sein msse, worber sie sehr nachdenklich wurde. 6. Wie der Ritter Magelonen einen Ring bersandte. Die Amme wandte vielen Flei an, den Ritter wieder anzutreffen, und es geschah, da sie sich in derselben Kirche wieder fanden. Peter war froh, als er die Amme ansichtig wurde, und ging sogleich auf sie zu und erkundigte sich nach dem Frulein. Sie erzhlte ihm alles, wie sie fr groer Liebe den Ring fr sich behalten, und die geschriebenen Worte gelesen, und wie sie in der Nacht von ihm getrumt. Peter ward roth vor Freuden, als er diese Umstnde erzhlen hrte und sagte: Ach, liebe Amme, sagt ihr doch die Empfindungen meines Herzens, und da ich vor Sehnsucht verschmachten mu, wenn ich sie nicht bald sprechen kann; spreche ich sie aber mndlich, so will ich ihr, wie ich sonst Niemand thue, meinen Stand und Namen entdecken; aber ich liebe sie mit einer Liebe, wie kein andres Herz es fhig ist, und alle meine Gebete zum Himmel sind nur der Wunsch, da ich sie zum ehelichen Gemal berkommen mchte, und da ihre Gedanken nur etlichermaen so nach mir gerichtet wren, wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr auch diesen Ring, und bittet sie, ihn als ein geringes Andenken von mir zu tragen. Die Amme eilte schnell zu Magelonen zurck, die vor bergroer Liebe krank war und auf ihrem Ruhebette lag. Sie sprang auf, als sie ihre Kundschafterin erblickte, umarmte sie und fragte nach Neuigkeiten. Die Amme erzhlte ihr alles und gab ihr auch den kostbaren Ring. Sieh! rief die Prinzessin aus, das ist eben der Ring, von dem ich getrumt habe; o! so mu auch das brige in Erfllung gehn. Ein Blatt enthielt dieses Lied: Willst du des Armen Dich gndig erbarmen? So ist es kein Traum? Wie rieseln die Quellen, Wie tnen die Wellen, Wie rauschet der Baum! Tief lag ich in bangen Gemuern gefangen, Nun grt mich das Licht; Wie spielen die Strahlen! Sie blenden und malen Mein schchtern Gesicht. Und soll ich es glauben? Wird keiner mir rauben Den kstlichen Wahn? Doch Trume entschweben, Nur lieben heit leben: Willkommene Bahn! Wie frei und wie heiter! Nicht eile nun weiter, Den Pilgerstab fort! Du hast berwunden, Du hast ihn gefunden, Den seligsten Ort! Magelone sang das Lied, dann kte sie den Ring, und dann auch den ersten, um ihn nicht zu krnken; dann las sie die Worte von neuem, und sprach sie laut, und so trieb sie es in der Einsamkeit bis spt in die Nacht. 7. Wie der edle Ritter wieder eine Botschaft empfing von der schnen Magelone. Der Ritter befand sich am folgenden Morgen wieder in der Kirche, weil er hoffte, von der Geliebten seiner Seele dort eine Nachricht zu berkommen. Die Amme fand ihn, und es traf sich, da sie beide in der Kirche allein waren. Er erkundigte sich nach Magelonen und die Amme Gertraud erzhlte ihm alles, worauf sie sagte: Wenn ihr mir versichert, Herr Ritter, da ihr mein Frulein in aller Zucht und Tugend lieben wollt, so will ich euch auch nunmehr sagen, wo ihr sie sprechen knnt. Peter lie sich auf ein Knie nieder und hob seine Finger in die Hhe. Ich schwre, sagte er, da meine reinsten Gedanken stets um Magelone sind; ich liebe sie in aller Zucht und Anstndigkeit, wie es dem ehrbaren Ritter ziemt, und so dies nicht wahr ist, so verlasse mich Gott in meiner allergrten Noth. Amen! Die Amme war mit diesem Schwure wohl zufrieden, sie vertraute ihm nun gnzlich und sagte: ich sehe, da ihr nicht nur der tapferste, sondern auch der edelste Ritter seid auf Gottes weiter Erde; ihr sollt euch daher auch alles Beistandes von mir gewrtiget sein. Ihr seid glcklich in Magelonen und sie ist glcklich in euch; macht euch daher morgen Nachmittag fertig, durch die heimliche Pforte des Gartens zu gehn, und sie dann auf meiner Kammer zu sprechen. Ich will euch allein lassen, damit ihr ganz unverholen eure Herzensmeinungen ausreden knnt. Sie nannte ihm die Stunde, und verlie ihn. Der Ritter stand noch lange und sah ihr im trunkenen Staunen nach, denn er vertraute dem nicht, was er gehrt hatte. Das Glck, das er so sehnlichst erharrt, rckte ihm nun so unerwartet nher, da er es im frohen Entsetzen nicht zu genieen wagte. Der Mensch erschrickt ber den Zufall, selbst wenn er ihn glcklich macht; wenn unser Schicksal sich pltzlich zur Wonne umndert, so zweifeln wir in diesem Augenblicke gar zu leicht an der Wirklichkeit des Lebens. Dies dachte auch Peter bei sich, als er alle seine Sinne in trber Verwirrung bemerkte. Wie bin ich so vom Glcke berschttet, rief er aus, da ich gar nicht zu mir selber kommen kann! Wie wohl wrde mir jezt ein Besinnen auf meinen Zustand thun, aber es ist unmglich! Wenn wir unsre khnen Hoffnungen in der Ferne sehn, so freuen wir uns an ihrem edlen Gange, an ihren goldnen Schwingen, aber jezt flattern sie mir pltzlich so nahe ums Haupt, da ich weder sie noch die brige Welt wahrzunehmen vermag. Er ging nach Hause, und glaubte in manchen Augenblicken, die Zeit stehe seit der Stunde still, in der er die treue Amme gesprochen hatte, denn es wollte nicht Abend werden; als es Abend war, sa er ohne Licht in seiner Kammer und betrachtete die Wolken und Sterne, und sein Herz schlug ihm ungestm, wenn er dann pltzlich an sich und Magelonen dachte. Er glaubte nicht, da es wieder Tag werden knne, und da es die bezeichnete Stunde wagen werde, herauf zu kommen. Eingedmmert von Erwartungen, banger Sehnsucht und ngstlicher Hoffnung, schlief er auf seinem Ruhebette ein, und erwachte, als muntre Sonnenstrahlen in seine Kammer herein spielten, und hell und frhlich an den Wnden zuckten. Er raffte sich auf, und dachte, was er ihr sagen wolle; er erschrak jezt vor dem Gedanken, da er sie sprechen msse; dennoch war es sein herzinniglichster Wunsch, er konnte sich nicht besnftigen, darum nahm er die Laute und sang: Wie soll ich die Freude, Die Wonne denn tragen? Da unter dem Schlagen Des Herzens die Seele nicht scheide? Und wenn nun die Stunden Der Liebe verschwunden, Wozu das Gelste, In trauriger Wste Noch weiter ein lustleeres Leben zu ziehn, Wenn nirgend dem Ufer mehr Blumen entblhn? Wie geht mit bleibehangnen Fen Die Zeit bedchtig Schritt vor Schritt! Und wenn ich werde scheiden mssen, Wie federleicht fliegt dann ihr Tritt! Schlage, sehnschtige Gewalt, In tiefer treuer Brust! Wie Lautenton vorber hallt, Entflieht des Lebens schnste Lust. Ach, wie bald Bin ich der Wonne mir kaum noch bewut. Rausche, rausche weiter fort, Tiefer Strom der Zeit, Wandelst bald aus Morgen Heut, Gehst von Ort zu Ort; Hast du mich bisher getragen, Lustig bald, dann still, Will es nun auch weiter wagen, Wie es werden will. Darf mich doch nicht elend achten Da die Einzge winkt, Liebe lt mich nicht verschmachten, Bis dies Leben sinkt; Nein, der Strom wird immer breiter, Himmel bleibt mir immer heiter, Frhlichen Ruderschlags fahr ich hinab, Bring Liebe und Leben zugleich an das Grab. 8. Wie Peter die schne Magelone besuchte. Jezt war die Zeit da, und die Stunde gekommen, in welcher der Ritter seine geliebte Magelone besuchen sollte. Er ging heimlicherweise durch die Pforte des Gartens und auf die Kammer der Amme, wo er die Prinzessin fand. Magelone sa auf einem Ruhebett und wollte aufstehn, als sie den Ritter eintreten sah, und ihm um den Hals fallen, und ihn mit Thrnen und Kssen in die Wette bedecken. Doch migte sie sich und blieb sitzen, aber eine scharlachene Rthe berzog ihr ganzes Gesicht, so da sie aussah wie eine Rose, die sich noch nicht entfaltet hat, und die jezt der warme Sonnenschein badet, und ihre Bltter aus einander lockt. Eben so war auch der Ritter, der mit verschmtem Gesicht vor ihr stand, auf welchem holdselige Freude und Verwirrung sich wechselsweise ablsten. Die Amme verlie das Gemach, und Peter warf sich ohne zu sprechen auf ein Knie nieder; Magelone reichte ihm die schne Hand, hie ihn aufstehn und sich neben sie nieder setzen. Peter that es, und zitterte an ihrer Seite; seine Augen waren wie zwei glnzende Sterne, so trunken war er vor Entzckung, da er nun die Geliebteste seiner Seele so dicht vor seinen Augen sah. Lange wollte kein Gesprch in den Gang kommen; ihre zrtlichen Blicke, die sich verstohlen begegneten, strten die Worte; aber endlich entdeckte sich ihr der Jngling, und sagte, da er sich ihr ganz zu eigen ergeben habe, seit er sie zuerst gesehn, da ihr sein ganzes Leben gewidmet sei, und da er sich durch ihre Liebe wie von Engelshnden berhrt, aus einem tiefen Schlafe erwacht fhle. Er schenkte ihr den dritten Ring, welcher der kostbarste von allen war, wobei er ihre lilienweie Hand kte. Sie war ber seine Treue innig bewegt, stand auf und holte eine kstliche gldene Kette, die sie ihm um den Hals legte und sagte: hiemit erkenne ich euch fr mein und mich fr die eurige, nehmt dieses Andenken, und tragt es immer, so lieb ihr mich habt. Dann nahm sie den erschrockenen Ritter in die Arme und kte ihn herzlich auf den Mund, und er erwiederte den Ku und drckte sie gegen sein Herz. Sie muten scheiden, und Peter eilte sogleich nach seinem Zimmer, als wenn er seinen Waffenstcken und seiner Laute sein Glck erzhlen msse; er war so froh, als er noch nie gewesen war. Er ging mit groen Schritten auf und ab und griff in die Saiten, kte das Instrument und weinte heftig. Dann sang er mit groer Inbrunst: War es dir, dem diese Lippen bebten, Dir der dargebotne se Ku? Giebt ein irdisch Leben so Genu? Ha! wie Licht und Glanz vor meinen Augen schwebten, Alle Sinne nach den Lippen strebten! In den klaren Augen blinkte Sehnsucht, die mir zrtlich winkte, Alles klang im Herzen wieder, Meine Blicke sanken nieder, Und die Lfte tnten Liebeslieder! Wie ein Sternenpaar Glnzten die Augen, die Wangen Wiegten das goldene Haar, Blick und Lcheln schwangen Flgel, und die sen Worte gar Weckten das tiefste Verlangen: O Ku! wie war dein Mund so brennend roth! Da starb ich, fand ein Leben erst im schnsten Tod. 9. Turnier zu Ehren der schnen Magelone. Der Knig Magelon von Neapel wnschte jezt, da seine schne Tochter in kurzer Zeit mit Herrn Heinrich von Carpone vermlt wrde, der sich in dieser Absicht schon seit lange am Hofe aufhielt. Es ward daher wieder ein glnzendes Turnier ausgeschrieben, welches alle vorhergehenden an Pracht bertreffen sollte, und viele berhmte Ritter aus Italien und Frankreich versammelten sich. Ein Oheim Peters kam auch aus der Provence, um dem Turniere beizuwohnen: es war derselbe, der den jungen Grafen zum Ritter geschlagen hatte. Das Kampfspiel nahm seinen Anfang, und alle die groen Ritter zogen auf den Plan, und hielten sich mnnlich. Peter war ungeduldig und einer der ersten, welche aufzogen. Er hielt sich so wacker, da er viele Ritter von ihren Rossen stach, unter andern auch den Herrn Heinrich. Magelone stand oben auf dem Altane, und wurde vor Furcht und herzinnigen Wnschen bald roth und bald bla. Gegen Peter stellte sich endlich sein Oheim, der ihn nicht kannte; aber Peter kannte ihn gar wohl, er rief deshalb den Herold zu sich, und schickte ihn mit diesen Worten an seinen Vetter: er habe ihm einst in der Ritterschaft einen groen Dienst erwiesen, deshalb mchte er nicht gegen ihn rennen, sondern er erkenne ihn ohnedies fr den besseren Ritter. Aber der alte Rittersmann ward ber den Antrag zornig, und sagte: habe ich ihm je einen Dienst erwiesen, so sollte er um so lieber eine Lanze mit mir brechen, um auch mir zu Gefallen zu leben; meint er denn, da ich seiner nicht werth sei. Denn er wird hier fr einen beraus tapfern Ritter geachtet, wie auch seine Thaten genugsam an den Tag legen, da dem wirklich so sei. Blieb also mit seinem Rosse auf der Bahn stehn, und dem jungen Ritter ward vom Herolde die zornige Antwort berbracht. Sie rannten gegen einander, aber Peter trug seine Lanze in der Quere, um seinen Verwandten nicht zu verletzen. Jener, Herr Jakob genannt, rannte den Peter so an, da die Lanze zersplitterte, und er selber fast bgellos wurde. Alle verwunderten sich und die beiden Gegner maen noch einmal die Bahn zurck, dann ritten sie wieder gegen einander, und Peter trug seine Lanze wie das erstemal; alle waren in Erstaunen, nur Magelone sah die Ursach ein, und wute wohl warum es geschah. Herr Jakob rannte wieder mit heftiger Gewalt auf seinen Gegner, seine Lanze traf auf Peters Brustharnisch, aber der junge Ritter blieb unbeweglich im Sattel sitzen, und der Sto war so gewaltig, da Herr Jakob dadurch von sich selber vom Pferde abfiel. Da das Jakob merkte, zog er sich zurck, und hatte keine Lust mehr mit dem jungen Ritter zu stechen. Peter besiegte auch die brigen Ritter, so da ihm der Preis mute zuerkannt werden; der Knig und alle vom Hofe waren in Erstaunen, und die brigen Herren zogen ergrimmt nach ihrer Heimath zurck, da sie den Namen des unbekannten Siegers durchaus nicht erfahren konnten. -- Peter hatte seine Geliebte indessen schon zum ftern heimlich besucht, und so nahm er sich einmal vor, ihre Liebe auf die Probe zu stellen. Als er sie daher wieder sah, that er sehr betrbt, und sagte mit klglicher Stimme, da er bald scheiden msse, denn seine Eltern wrden seinetwegen in der grten Betrbni leben, da sie ihn so lange nicht gesehn, auch keine Nachricht von ihm bekommen htten. Als Magelone diese Worte hrte, ward sie bla, dann fing sie heftig an zu weinen, und sank in den Sessel zurck. Ja, reiset nur ab, sagte sie, und alle meine traurigen Ahndungen sind dann in Erfllung gegangen, ich sehe euch nicht wieder und mein Tod ist gewi. Was kmmert er euch? Nun also, was kmmert er mich? -- O verzeiht, mein Geliebter, nein, es ist wahr, ihr mt eure Eltern wieder sehn, ihr habt euch meinetwegen schon zu lange hier aufgehalten; wie werden sie um euch trauern, wie sehr nach eurer Anwesenheit seufzen. Ja, lebt dann wohl, auf ewig wohl! Peter sagte: nein, meine theuerste Magelone, ich bleibe; wie knnte ich fortziehn, und dich nicht mehr sehn, nicht mehr diese theuren Augen erblicken und Hoffnung und Strke in ihnen finden, diese liebe Stimme nicht mehr hren, die wie ein Gesang aus dem Paradiese in mein Ohr dringt? Nein, ich bleibe; kein Gedanke nach meiner Heimath und meinen Eltern, denn alle meine Gedanken wohnen hier. Magelone wurde wieder frhlicher, dann besann sie sich eine Weile. Wenn ihr mich liebt, fing sie wieder an, so sollt ihr dennoch reisen. Eure Worte haben einen Gedanken in mir erweckt, der schon seit lange in meiner Seele schlummert, denn ich mu euch sagen, es ist jezt an dem, da mich mein Vater mit dem Herrn Heinrich von Carpone vermlen will. Darum flieht von hier, und nehmt mich mit euch, denn ich traue eurem Edelmuthe; haltet morgen in der Nacht mit zwei starken Pferden vor der Gartenpforte, aber lat es Pferde sein, die eine weite und schnelle Reise wohl vertragen knnen, denn so man uns einholte, wren wir alle elend. Der Jngling hrte mit frohem Erstaunen diese Worte. Ja, rief er aus, wir fliehen schnell zu meinem Vater, und das schnste Band soll uns dann auf ewig verbinden. Er eilte sogleich fort, um die nthigen Anstalten schnell und heimlich zu treffen. Magelone besorgte ihrerseits auch das Nthige, sagte aber ihrer Amme kein Wort von ihrem Entschlusse, aus Furcht, da sie alles verrathen mchte. Peter nahm Abschied von seiner Kammer, von den Gegenden der Stadt, durch die er so oft in seliger Trunkenheit gewandelt war, und die er alle als Zeugen seiner Liebe betrachtete. Es war ihm rhrend, als er die getreue Laute auf seinem Tische liegen sah, die so oft von seinen Fingern gerhrt die Gefhle seines Herzens ausgesprochen hatte, die eine Mitwisserin des sen Geheimnisses war. Er nahm sie noch einmal und sang: Wir mssen uns trennen, Geliebtes Saitenspiel, Zeit ist es, zu rennen Nach dem fernen erwnschten Ziel. Ich ziehe zum Streite, Zum Raube hinaus, Und hab' ich die Beute, Dann flieg ich nach Haus. Im rthlichen Glanze Entflieh ich mit ihr, Es schtzt uns die Lanze, Der Stahlharnisch hier. Kommt, liebe Waffenstcke, Zum Scherz oft angethan, Beschirmet jezt mein Glcke Auf dieser neuen Bahn. Ich werfe mich rasch in die Wogen, Ich gre den herrlichen Lauf, Schon mancher ward nieder gezogen, Der tapfere Schwimmer bleibt oben auf. Ha! Lust zu vergeuden Das edele Blut! Zu schtzen die Freuden, Mein kstliches Gut! Nicht Hohn zu erleiden, Wem fehlt es an Muth? Senke die Zgel, Glckliche Nacht! Spanne die Flgel, Da ber ferne Hgel Uns schon der Morgen lacht! 10. Wie Magelone mit ihrem Ritter entfloh. Die Nacht war gekommen. Magelone schlich mit einigen Kostbarkeiten durch den Garten; der Himmel war mit Wolken bedeckt, und ein sparsames Mondlicht drang durch die Finsterni. Sie ging mit wehmthigen Empfindungen ihren lieben Blumen vorber, die sie nun auf immer verlassen wollte. Ein feuchter Wind wehte durch den Garten und ihr war, als wenn die Gestruche winselten und klagten, und ihr ein zrtliches Lebewohl nachriefen. Vor der Pforte hielt Peter mit drei Pferden, darunter war ein Zelter von einem leichten und bequemen Gange fr das Frulein; auf einem andern Pferde waren Lebensmittel, damit sie auf der Flucht nicht nthig htten in Herbergen einzukehren. Peter hob das Frulein auf den Zelter, und so flohen sie heimlicherweise und unter dem Schutze der Nacht davon. Die Amme vermite am Morgen die Prinzessin, und so fand sich auch bald, da der Ritter in der Nacht abgereiset sei; der Knig merkte daraus, da er seine Tochter entfhrt habe. Er schickte daher viele Leute aus, um sie aufzusuchen; diese forschten fleiig nach, aber alle kamen nach verschiedenen Tagen unverrichteter Sache zurck. Peter hatte die Vorsicht gebraucht, da er nach den Wldern zugeritten war, die in der Nhe des Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten und fast gar nicht besucht, hier floh er mit seiner Geliebten sicher unter dem dichten Schutze der Nacht hinweg. Der Tritt von den Pferden hallte im Forste weit hinab, die Wipfel der Bume rauschten furchtbar in der Dunkelheit, aber Magelonens Herz war frei und frhlich, denn sie hatte immer ihren Geliebten neben sich. Sie weidete sich an seinem Antlitze, wenn sie ber einen freien Platz trabten; sie fragte ihn mancherlei von seinen Eltern und seiner Heimath, und so verging ihnen unter banger Erwartung, Gesprch und schnen Hoffnungen die langwierige Nacht. Beim Anbruch des Morgens zogen dichte weie Nebel durch den Wald, wie Gottes Segen, der seine Reise antrat und durch unwegsame Bsche den Saatfeldern zueilte, wo er als Thau niederregnete. Sie zogen durch den Flug des Nebels weiter, und durch den Morgenwind, der die ganze Natur aus ihrem tiefen Schlafe wach schttelte. Magelone klagte ber keine Beschwer, denn sie empfand keine. Jezt brach die liebliche Sonne hervor, und ugelte mit glhendem Funkeln durch den dichten Wald; das grne Gras schien am Boden zu brennen, und der wankende Thau erbebte mit tausend blendenden Strahlen. Die Rosse wieherten, die Vgel erwachten und sprangen mit ihren Liedern von Zweig zu Zweig, gelbbeschwingte badeten sich im Thau der Wiesen und flatterten im Glanz des jungen Lichtes dicht ber dem Boden hinweg; durch den blauen Himmel zogen goldene Streifen herauf und bahnten der aufgegangenen Sonne den Weg; Gesnge ertnten aus allen Bschen, die muntern Lerchen flogen empor und sangen von oben in die rothdmmernde Welt hinein. Auch Peter stimmte ein frhliches Lied an, und der schnen Magelone ging darber das Herz vor Freuden auf. Seine Stimme zitterte durch alle Bume hinab, und ein ferner Wiederhall sang ihm nach. Die beiden Reisenden sahen in der Gluth des Himmels, im Glanz des frischen Waldes nur einen Wiederschein ihrer Liebe; jeder Ton rief ihr Herz an, und erfllte es mit wehmthiger Freude. Die Sonne stieg hher hinauf, und gegen Mittag fhlte Magelone eine groe Mdigkeit; beide stiegen daher an einer schnen khlen Stelle des Waldes von ihren Pferden. Weiches Gras und Moos war auf einer kleinen Anhhe zart empor geschossen; hier setzte sich Peter nieder und breitete seinen Mantel aus, auf diesen lagerte sich Magelone und ihr Haupt ruhte in dem Schooe des Ritters. Sie blickten sich beide mit zrtlichen Augen an, und Magelone sagte: Wie wohl ist mir hier, mein Geliebter, wie sicher ruht sichs hier unter dem Schirmdach dieses grnen Baums, der mit allen seinen Blttern, wie mit eben so vielen Zungen, ein liebliches Geschwtze macht, dem ich gerne zuhre; aus dem dichten Walde schallt Vogelgesang herauf, und vermischt sich mit den rieselnden Quellen; es ist hier so einsam und tnt so wunderbar aus den Thlern unter uns, als wenn sich mancherlei Geister durch die Einsamkeit zuriefen und Antwort gben; wenn ich dir ins Auge sehe, ergreift mich ein freudiges Erschrecken, da wir nun hier sind; von den Menschen fern und einer dem andern ganz eigen. La noch deine se Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertnen, damit die schne Musik vollstndig sei, ich will versuchen ein wenig zu schlafen; aber wecke mich ja zur rechten Zeit, damit wir bald bei deinen lieben Eltern anlangen knnen. Peter lchelte, er sah wie ihr die schnen Augen zufielen, und die langen schwarzen Wimpern einen lieblichen Schatten auf dem holden Angesichte bildeten; er sang: Ruhe, Sliebchen im Schatten Der grnen dmmernden Nacht, Es suselt das Gras auf den Matten, Es fchelt und khlt dich der Schatten, Und treue Liebe wacht. Schlafe, schlaf' ein, Leiser rauschet der Hain, -- Ewig bin ich dein. Schweigt, ihr versteckten Gesnge, Und strt nicht die seste Ruh! Es lauscht der Vgel Gedrnge, Es ruhen die lauten Gesnge, Schlie, Liebchen, dein Auge zu. Schlafe, schlaf' ein, Im dmmernden Schein, -- Ich will dein Wchter sein. Murmelt fort ihr Melodieen, Rausche nur, du stiller Bach, Schne Liebesphantasieen Sprechen in den Melodieen, Zarte Trume schwimmen nach, Durch den flsternden Hain Schwrmen goldene Bienelein, Und summen zum Schlummer dich ein. 11. Wie Peter die schne Magelone verlie. Peter war durch seinen Gesang beinahe auch eingeschlfert, aber er ermunterte sich wieder, und betrachtete das holdselige Angesicht der schnen Magelone, die im Schlafe s lchelte. Dann sah er ber sich und bemerkte, wie eine Menge schner und zarter Vgel oben in den Zweigen sich versammelten, die nicht scheu thaten, sondern hin und her hpften, auch jezuweilen auf den kleinen Grasplatz zu ihm herunter kamen. Es ergtzte ihn, da diese unvernnftigen Kreaturen an der schnen Magelone ein Wohlgefallen zu bezeigen schienen. Da sah er aber in dem Baume einen schwarzen Raben sitzen, und dachte bei sich: wie kommt doch dieser hliche Vogel in die Gesellschaft dieser bunten Thierchen, es dnkt mir nicht anders, als wenn sich ein grober ungeschliffener Knecht unter edle Ritter eindrngen wollte. Ihm duchte, als wenn Magelone mit Bangigkeit Athem holte, er schnrte sie daher etwas auf, und ihr weier schner Busen trat aus den verhllenden Gewndern hervor. Peter war ber die unaussprechliche Schnheit entzckt, er glaubte im Himmel zu sein, und alle seine Sinne wandten sich um; er konnte nicht aufhren seine Augen zu weiden und sich an dem Glanze zu berauschen. Mit jedem Athemzuge hob sich die zarte Brust und sank wieder. Der Ritter fhlte, da er Magelonen noch nie so geliebt habe, da er noch niemals so glcklich gewesen sei. Zwischen den Brsten versteckt, bemerkte er einen rothen Zindel; er war neugierig zu erfahren, was es sein mchte; er nahm ihn und wickelte ihn aus einander. Da fand er die drei kostbaren Ringe, die er seiner Geliebten geschenkt hatte, und er war innig gerhrt, da sie sie so liebevoll und sorgfltig bewahrte. Er wickelte sie wieder ein, und legte sie neben sich in das Gras; aber pltzlich flog der Rabe vom Baume hernieder und fhrte den Zindel hinweg, den er fr ein Stck Fleisch ansehn mochte. Peter erschrak sehr und besorgte, da Magelone unwillig werden mchte, wenn ihr beim Erwachen die Ringe fehlten. Er legte ihr also sorgfltig seinen Mantel unter das Haupt zusammen, und stand leise auf, um zu sehn, wo der Vogel mit den Ringen bleiben wrde. Der Rabe flog vor ihm her, und Peter warf nach ihm mit Steinen, in der Meinung, ihn zu tdten, oder ihn wenigstens zu zwingen, seinen Raub wieder fallen zu lassen. Aber der Vogel flog immer weiter und Peter verfolgte ihn unermdet, doch keiner von den Steinwrfen wollte den Raben treffen. So war ihm Peter schon eine ziemliche Weile gefolgt, und kam jezt an das Meerufer. Nicht weit vom Ufer stand im Meere eine spitzige Klippe, auf diese setzte sich der Rabe, und Peter warf von neuem nach ihm mit Steinen; der Vogel lie endlich den Zindel fallen, und flog mit groem Geschrei davon. Peter sah im Meere nicht weit vom Ufer roth den Zindel schwimmen; er ging am Lande hin und her, um etwas zu finden, worauf er die wenigen Schritte in das Wasser hinein fahren knne. Er fand auch endlich einen kleinen, alten, verwitterten Kahn, den die Fischer hier hatten stehen lassen, weil er ihnen nichts mehr ntzte. Peter stieg rasch hinein, nahm einen Zweig, und ruderte damit, so gut er nur konnte, nach dem Zindel hin. Aber pltzlich erhob sich vom Lande her ein starker Wind, die Wellen jagten sich ber einander und ergriffen den kleinen Kahn, in welchem Peter stand. Peter setzte sich mit allen Krften dagegen, aber das Schiff ward dennoch der Klippe vorber, ins Meer hinein getrieben, und weiter und immer weiter. Peter sah zurck, und kaum bemerkte er noch den rothen Flecken, den der Zindel im Meere machte, und jezt verschwand er vllig, auch das Land lag schon ziemlich entfernt. Nun gedachte Peter an seine Magelone zurck, die er im wsten Holze schlafend verlassen hatte; das Schiff trug ihn wider Willen immer weiter in die See hinein, und er kam in Angst und Verzweiflung. Er war im Begriff, sich in das Meer zu strzen, er schrie und klagte, und alle seine Tne gab ein Echo zurck, und die Wellen pltscherten laut dazwischen. Das Land lag nun schon weit zurck in einer unkenntlichen Ferne, die Dmmerung des Abends brach herein. Ach theuerste Magelone! rief Peter in der hchsten Betrbni seiner Seelen heftig aus: wie wunderlich werden wir von einander geschieden! Eine schwarze Hand treibt mich von deiner Seite in das wste Meer hinaus, und du bist allein und ohne Hlfe. Was willst du Unglckselige im wsten Walde beginnen? Ach! ich bin Schuld an deinem Tode! Mute ich dich darum, dich Knigstochter von deinen Eltern entfhren, um dich der hrtesten Noth Preis zu geben? Bist du darum so zart und edel erzogen, da du nun vielleicht eine Beute der wilden Thiere werden mut? Was wird sie nun machen, wenn sie erwacht, und den vermit, den sie fr den Getreuesten auf der ganzen Erde hielt? Warum mute mein Vorwitz nur die Ringe hervor suchen, konnte ich sie nicht an ihrem schnsten Platze lassen, wo sie so sicher waren? O weh mir, nun ist alles verloren und ich mu mich in mein Verderben finden! Solche Klagen trieb er, und geberdete sich auf dem wsten Meere uerst trbselig. Er verlor alle Hoffnung, und gab sein Leben auf. Der Mond schien vom Himmel herab und erfllte die Welt mit goldener Dmmerung; alles war still, nur die Wellen seufzten und pltscherten, und Vgel flatterten zu Zeiten mit seltsamen Tnen ber ihn dahin. Die Sterne standen ernst am Himmel und die Wlbung spiegelte sich in der wogenden Fluth. Peter warf sich nieder, und sang mit lauter Stimme: So tnet dann, schumende Wellen, Und windet euch rund um mich her! Mag Unglck doch laut um mich bellen, Erbost sein das grausame Meer! Ich lache den strmenden Wettern, Verachte den Zorngrimm der Fluth; O mgen mich Felsen zerschmettern! Denn nimmer wird es gut. Nicht klag' ich, und mag ich nun scheitern, In wrigen Tiefen vergehn! Mein Blick wird sich nie mehr erheitern, Den Stern meiner Liebe zu sehn. So wlzt euch bergab mit Gewittern, Und raset, ihr Strme, mich an, Da Felsen an Felsen zersplittern! Ich bin ein verlorener Mann. Er lag im Kahne ausgestreckt, und eine dumpfe Betubung ergriff ihn; er wute vor Ueberma des Schmerzes nicht mehr, wo er war, und lie sich gleichgltig von Wind und Wellen weiter treiben; endlich verfiel er in einen Zustand, der fast einem Schlafe glich. 12. Die Klagen der schnen Magelone. Magelone erwachte, nachdem sie sich durch einen sen Schlaf erquickt hatte, und meinte, da ihr Geliebter noch bei ihr se. Sie erschrak, als sie sich aufrichtete und ihn nicht mehr fand; sie wartete erst eine Weile, ob er nicht wieder kommen mchte, dann ging sie hin und her, und rief seinen Namen mit lauter Stimme aus. Da sie keine Antwort vernahm, fing sie an zu weinen und zu schluchzen, wandte sich dann im Holze nach allen Orten hin, und rief so lange, bis sie heiser war, aber sie erhielt keine Antwort. Da wurde sie so betrbt, da sie einen heftigen Schmerz im Haupte empfand, sie sank auf den Boden nieder, und lag eine Weile in einer schmerzlichen Ohnmacht. Als sie wieder zu sich erwachte, duchte ihr, da es ein Leichtes sein msse, jezt gar zu sterben; nun sah sie nicht mehr auf die Vgel, die scherzend um sie hpften, denn wenn sie die Augen aufschlug, war es ihr zu Sinne, da jede Kreatur, die sich regte und bewegte, glcklicher sei, als sie. Mit vieler Mhe stieg sie auf einen Baum, um sich in der Gegend umzusehn, ob sie nichts entdecken knne, aber sie sah nichts als Wlder auf der einen Seite, keine Wohnung, kein Dorf, so weit ihr Auge reichte, auf der andern Seite das wste unabsehliche Meer. Trostlos stieg sie wieder herab, und weinte und klagte von neuem: O ungetreuer Ritter, rief sie aus, warum hast du deine unschuldige Geliebte verlassen? Hast du mich darum meinen Eltern geraubt, damit ich hier in der Wstenei verschmachten soll? Was hab' ich dir gethan? Hab' ich dich zu sehr geliebt? Bist du mein berdrig, weil ich dir mein schwaches Herz zu frh zu erkennen gab? O, so bist du der Elendeste unter den Menschen! Sie ging wie wahnsinnig im Walde hin und her; da traf sie die Rosse, die noch so angebunden standen, wie Peter sie fest gemacht hatte. O vergieb mir, mein Geliebter! rief sie aus, jezt werde ich wohl gewahr, da du unschuldig bist und da du mich nicht vorstzlicherweise verlassen hast. Welches Abentheuer hat uns denn von einander getrennt? Die Finsterni brach mit der Nacht herein, und der Mond warf gebrochne Strahlen durch den Wald; seltsame fremde Stimmen lieen sich in der Ferne hren, und Magelone frchtete, da es das Geschrei wilder Thiere sei. Mhsam stieg sie wieder auf einen Baum. Die Wolken wechselten am Himmel wunderlich vom Monde beglnzt, und jagten sich durch einander; bald sah sie in diesen Lufterscheinungen ihren Ritter, der mit Ungeheuern kmpfte und sie besiegte; dann verwandelte sich im Zuge das Wolkengebilde in ein andres; ihr dmmerndes Auge glaubte dann am Himmel Stdte mit hohen Thrmen zu erblicken, oder Berge, auf denen feurige Castelle brannten, Reiter, die in Geschwadern auszogen, und dem Feinde im Thale begegneten. Wie Blitze flatterte es dann durch die Landschaft, und die hellgrne Himmelsebene lag prchtig zwischen den getrennten Wolkenbildern; dann fhlte sie, da sie nur geschwrmt habe, und mit bangem Grauen warf sie den Blick auf die Wlder unter sich, die schwarz in ernsten unbeweglichen Gestalten ruhten; sie sah nach der See hinab, die in unermelicher Flche vor ihren Augen bebte und dmmerte. In der stillen Nacht kam das Pltschern der Wellen zu ihrem Ohre, das bald wie Gewinsel, bald wie zrnende Scheltworte klang; dann glaubte sie die Stimme ihres Vaters und ihrer Mutter zu hren, und so trieb sich ihr Gemth unter Phantasieen auf und ab, bis der Morgen empor kam. Wie verschieden war diese Morgenrthe von der gestrigen! Wie weit stand jezt die Hoffnung weg, die gestern noch mit leichten Flgeln wie ein blauer Schmetterling vor ihr hintanzte, die ihr den Weg nach einer lieben Heimath wies, und alle Blumen am Wege aufsuchte und auf sie hindeutete. Das Waldgeflgel lie seine Gesnge wieder klingen, das frhe Roth arbeitete sich durch den dichten Wald, schlich gebckt und wundersam durch die niedrigen Gestruche, und weckte Gras und Blumen auf; der Wald brannte in dunkelrothen Flammen und der Nebel wand sich in goldenen Sulen um die Baumstmme. Magelone hatte in der Nacht beschlossen, nicht zu ihrem Vater zurckzukehren, denn sie frchtete seinen Zorn, sie wollte irgend eine stille Wohnung aufsuchen, von den Menschen abgesondert, dort immer an ihren Geliebten denken und so in Frmmigkeit und Treue hinsterben. Sie stieg daher vom Baum herunter und ging wieder zu den treuen Pferden, die noch angebunden standen, und den Kopf betrbt zur Erde senkten. Sie lste ihre Zgel, so da sie gehn konnten, wohin sie wollten, indem sie sagte: so wandert nun auch hin durch die weite traurige Welt, und suchet euren Herrn wieder, so wie ich ihn suchen will. Die Rosse gingen betrbt fort, jedes einen andern Weg. Magelone wanderte durch die dichten Wlder, sie hatte einige Nahrung mit sich genommen. Um sich unkenntlich zu machen, verbarg sie ihre langen goldenen Haare und zog einen Schleier ber ihr Gesicht; sie suchte auch ihre Kleidung zu verndern. So kam sie durch manche Drfer und Stdte und blieb immer betrbt. Nach einer Wanderung von vielen Tagen stand sie gegen Abend auf einer freundlichen stillen Wiese, gegenber lag eine kleine Htte, und Vieh weidete auf den nahen Hgeln, das mit seinen Glocken ein angenehmes Getne durch die Ruhe des Abends machte: auf der andern Seite lag ein Wald, und Magelonens Seele wurde hier zum erstenmale nach langer Zeit ruhig und heiter. Sie fate daher den Wunsch, in dieser friedlichen Gegend zu wohnen. Sie ging auf die Htte zu, aus der ihr ein alter Schfer entgegen trat, der hier mit seiner Frau sich angesiedelt hatte, und fern von der Welt und den Menschen fromme Lmmer gro zog, und einen kleinen Acker baute. Sie redete ihn an, und flehte als eine Unglckliche um Schutz und Hlfe. Er nahm sie gerne auf, und sie unterzog sich den Diensten willig, die sie leisten konnte, dabei aber verschwieg sie ihrem Wirthe ihre Geschichte. Es geschah manchmal, da sie einem Unglcklichen beistehn konnten, wenn ihn der Schiffbruch an die nahgelegene Kste trieb, und dann zeigte sich besonders Magelone hlfreich und thtig. Wenn die Alten ausgingen, bewachte sie das Haus, und sang dann manchmal in der Einsamkeit mit der Spindel vor der Thre sitzend: Wie schnell verschwindet So Licht als Glanz, Der Morgen findet Verwelkt den Kranz, Der gestern glhte In aller Pracht, Denn er verblhte In dunkler Nacht. Es schwimmt die Welle Des Lebens hin, Und frbt sich helle, Hats nicht Gewinn; Die Sonne neiget, Die Rthe flieht, Der Schatten steiget Und Dunkel zieht: So schwimmt die Liebe Zu Wsten ab, Ach! da sie bliebe Bis an das Grab! Doch wir erwachen Zu tiefer Quaal: Es bricht der Nachen, Es lscht der Strahl, Vom schnen Lande Weit weggebracht Zum den Strande, Wo um uns Nacht. 13. Peter unter den Heiden. Peter erholte sich aus seiner Betubung, als die Sonne eben in aller Majestt ber die groe Meeresfluth herauf stieg. Ein furchtbarer Glanz schwang sich durch den Himmel und lschte Mond und Sterne mit glhenden Strahlen aus; die Wasser erklangen und verwandelten sich in Purpur, Wolkenzge trieben vor der Sonne her und segelten, wie von der Majestt geschreckt, ber das Meer hinweg, und ein sprhender Regen von Funken verbreitete sich weit umher, und ergo sich in Bogen ber die Fluth. Peter fhlte wieder mnnlichen Muth in seiner Brust, die Quaalen des Lebens so wie seine Freuden zu erdulden. Ein groes Schiff segelte auf ihn zu, das von Mohren und Heiden besetzt war; sie nahmen ihn ein und freuten sich ber diese Beute, denn Peter war gar schn und herrlich von Gestalt, dazu gab ihm seine Jugend ein zartes und einnehmendes Wesen, so da niemand sein Feind sein konnte. Der Anfhrer des Schiffes beschlo, ihn dem Sultan als ein Geschenk mitzubringen. Man landete, und Peter ward sogleich dem Sultan vorgestellt, der einen groen Gefallen an ihm fand, und ihn bei der Tafel aufwarten lie, ihm auch die Aufsicht ber einen schnen Garten anvertraute. Peter war allgemein beliebt, weil er vom Sultan so gndig angesehen wurde. Oft ging er einsam zwischen den Blumen des Gartens, und dachte an seine geliebte Magelone, oft nahm er auch in der Abendstunde eine Zither und sang: Mu es eine Trennung geben, Die das treue Herz zerbricht? Nein dies nenne ich nicht leben, Sterben ist so bitter nicht. Hr' ich eines Schfers Flte, Hrme ich mich inniglich, Seh ich in die Abendrthe, Denk ich brnstiglich an dich. Giebt es denn kein wahres Lieben? Mu denn Schmerz und Trauer sein? Wr' ich ungeliebt geblieben, Htt' ich doch noch Hoffnungsschein. Aber so mu ich nun klagen: Wo ist Hoffnung, als das Grab? Fern mu ich mein Elend tragen, Heimlich stirbt das Herz mir ab. 14. Die Heidin Sulima liebt den Ritter. Peter mochte hier vergngt leben, wenn die Liebe nicht seine Jugend verzehrt htte. Er war nun schon seit lange am Hofe des Sultans und von ihm und den brigen geschtzt; er hatte viele Freiheit und ward von manchem Hofdiener beneidet; aber er verdiente diesen Neid nicht, denn er ward von seiner Unruhe hin und her getrieben, er seufzte und klagte laut, wenn er sich im Garten allein befand. So verstrich eine Woche nach der andern und er war nun beinahe zwei Jahr unter den Heiden, ohne da er Hoffnung hatte, jemals in sein geliebtes Vaterland zurck zu kehren, denn der Sultan liebte ihn so sehr, da er ihn durchaus nicht von sich entfernen wollte. Dies zog sich Peter auch zu Sinne und ward darber mit jedem Tage betrbter, denn er dachte unaufhrlich an seine Eltern und seine Geliebte. Nichts machte ihm Freude, und da der Frhling wieder kam, weinte er bei seiner Ankunft, und trauerte tief, indem die ganze Natur ihr holdseligstes Fest beging. Der Sultan hatte eine Tochter, die im ganzen Lande ihrer Schnheit wegen berhmt war, mit Namen Sulima. Sie fand oft Gelegenheit, den Fremden zu sehn, und ohne da sie es anfangs wute, hatte sich eine heftige Liebe zu ihm in ihr Herz geschlichen. Die Traurigkeit des Ritters zog sie vorzglich an, sie wnschte ihn trsten zu knnen, ihm nher zu kommen, und mit ihm zu reden. Die Gelegenheit dazu fand sich bald. Eine vertraute Sklavin fhrte den Jngling heimlich in einen Saal des Gartens zu ihr. Peter war erstaunt und in Verlegenheit; er verwunderte sich ber die Schnheit der Sulima, aber sein Herz hing an Magelonen fest. Doch der se Trieb, sein Vaterland wieder zu sehn, bemeisterte sich bald aller seiner Sinnen so sehr, da er einem khnen Anschlage nachdachte. Er sah das Heidenmdchen fter, und sie sagte ihm, da sie aus Liebe zu ihm mit ihm entfliehen wolle, erst zu einem Verwandten, der ein Schiff segelfertig liegen habe, das auf ihren Wink sogleich die Anker lichten wrde; sie wolle ihm in der bestimmten Nacht durch eine Laute und ein kleines Lied ein Zeichen geben, wann er kommen und sie abholen solle. Peter berlegte diesen Vorschlag und willigte endlich ein, denn er berzeugte sich, da Magelone gewi gestorben sei, und er komme doch so in die Christenheit und zu seinen Eltern zurck. Der Garten des Sultans lag am Ufer des Meeres, und die bestimmte Nacht war jezt herbei gekommen. Gegen Abend hatte Peter ein wenig unter den khlen Bumen geschlummert, und Magelone war ihm in aller Herrlichkeit, aber mit einer drohenden Geberde, im Traum erschienen. Die ganze Vergangenheit zog mit den lebhaftesten Bildern durch seinen Busen, jede Stunde seiner glcklichen Liebe kam mit allen seligen Empfindungen zurck, und als er nun erwachte, erschrak er vor sich selber und seinem Vorsatze. Er htte sich selber entfliehen mgen, und das Andenken an sich und sein Bewutsein aus seinem Busen vertilgen. Die Nacht brach inde herein, und alle Sterne glnzten schon am Himmel; der Mond ging auf und warf sein goldenes Netz ber das Meer hin, als Peter nachdenklich am Ufer auf und nieder ging. Ein frischer Wind blies vom Lande her durch den Garten, und die Bume rauschten munter und frhlich, aber Peter ward dadurch nur desto betrbter. O ich Treuloser! ich Undankbarer! rief er aus, will ich so ihre Liebe belohnen, will ich als ein Meineidiger in mein Vaterland zurck kehren? Das wre mir ein schlechter Ruhm unter meinen Verwandten und der ganzen Ritterschaft; und wie sollte ich gegen Magelonen die Augen aufschlagen drfen, wenn sie noch lebt? Und warum sollte sie nicht leben, da ich so wunderbar erhalten bin? O ich bin ein feiger Sklave, da ich fr mich selber noch nichts gewagt habe! Warum berla ich mich nicht dem gtigen Schicksal, und fahre in einem dieser Nachen in das Meer hinein? Ueberlie ich mich nicht auf einem zerbrochenen Brete der emprten Fluth, und kam an dies Gestade? Soll ich nicht auf Gott vertraun, wenn von Vaterland, wenn von meiner Liebe die Rede ist? Er stieg beherzt in ein kleines Boot, das er vom Lande ablste, dann nahm er ein Ruder und arbeitete sich in die See hinein. Es war die schnste Sommernacht; alle Gestirne sahen freundlich in die mondbeglnzte Welt hinein, das Meer war eine stille ebene Flche, und warme Lfte spielten ber dem ruhigen Spiegel hin. Peters Herz ward gro von Sehnsucht, er berlie sich dem Zufall und den Sternen, und ruderte muthig weiter; da hrte er das verabredete Zeichen, eine Zither erklang aus dem Garten her, und eine liebliche Stimme sang dazu: Geliebter, wo zaudert Dein irrender Fu? Die Nachtigall plaudert Von Sehnsucht und Ku. Es flstern die Bume Im goldenen Schein, Es schlpfen mir Trume Zum Fenster herein. Ach! kennst du das Schmachten Der klopfenden Brust? Dies Sinnen und Trachten Voll Quaal und voll Lust? Beflgle die Eile Und rette mich dir, Bei nchtlicher Weile Entfliehn wir von hier. Die Segel sie schwellen, Die Furcht ist nur Tand: Dort, jenseit den Wellen, Ist vterlich Land. Die Heimath entfliehet; So fahre sie hin! Die Liebe sie ziehet Gewaltig den Sinn. Horch! wollstig klingen Die Wellen im Meer, Sie hpfen und springen Muthwillig einher, Und sollten sie klagen? Sie rufen nach dir! Sie wissen, sie tragen Die Liebe von hier. Peter erschrak im Herzen, als er diesen Gesang vernahm; das Lied rief ihm seine Untreue und seinen Wankelmuth nach. Er ruderte strker, um sich vom Lande zu entfernen und dem Kreise zu entfliehen, den die lieblich lockenden Tne in der stillen Abendluft bildeten. Der Geist der Liebe schwang sich durch den goldenen Himmel; Liebe wollte ihn rckwrts ziehn, Liebe trieb ihn vorwrts, die Wellen murmelten melodisch dazwischen, und klangen wie ein Lied in fremder Sprache, dessen Sinn man aber dennoch errth. Der Gesang vom Ufer her ward immer schwcher. Schon sah Peter die Bume am Gestade nicht mehr; es war, als wenn sich ihm die Musik ber das Meer nacharbeitete, und endlich matt und kraftlos nicht weiter zu schwimmen wagte, sondern zum einheimischen Ufer zurck schlich; denn jezt hrte er den Gesang nur noch wie ein leises Wehen des Windes, und jezt erlosch auch die letzte Spur, und die Wellen rieselten nur, und der Ruderschlag ertnte durch die einsame Stille. 15. Wie Peter wieder zu Christen kam. Wie der Gesang verschollen war, fate Peter wieder frischen Muth; er lie das Schifflein vom Winde hintreiben, setzte sich nieder und sang: Wie froh und frisch mein Sinn sich hebt, Zurckbleibt alles Bangen, Die Brust mit neuem Muthe strebt, Erwacht ein neu Verlangen. Die Sterne spiegeln sich im Meer, Und golden glnzt die Fluth. -- Ich rannte taumelnd hin und her, Und war nicht schlimm, nicht gut. Doch niedergezogen Sind Zweifel und wankender Sinn, O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen, Zur lngst ersehnten Heimath hin. In lieber dmmernder Ferne, Dort rufen einheimische Lieder, Aus jeglichem Sterne Blickt sie mit sanftem Auge nieder. Ebne dich, du treue Welle, Fhre mich auf fernen Wegen Zu der vielgeliebten Schwelle, Endlich meinem Glck entgegen! Als das Morgenroth aufging, sah er das Land nur noch wie eine unkenntliche blaue Wolke weit hinunter liegen, und er erschrak beinah, als ihn das allmchtige Meer und der gewlbte Himmel so unermelich umgab. In der Ferne segelte ein Schiff auf ihn zu, und er htte beinah geglaubt, da er sein ehemaliges Unglck nur von neuem trume; aber als es nher gekommen, sah er, da die Schiffer Christen waren, die ihn sogleich willig aufnahmen. Er freute sich, als er hrte, da sie nach Frankreich segelten. 16. Der Ritter auf der Reise. Um die Zeit war der Graf von der Provence nebst seiner Gemalin sehr betrbt, weil sie noch gar keine Nachrichten von ihrem geliebten Sohne bekommen hatten. Besonders aber war die Mutter in Angst, denn sie hatte eine groe Sehnsucht, ihren einzigen Sohn nach so langer Zeit wieder zu sehn. Sie sprach oft mit dem Grafen von ihrem Kummer, und da ihr schner Sohn wahrscheinlich umgekommen sei. Da sollte ein Fest gegeben werden, und ein Fischer brachte einen groen Fisch in die grfliche Kche; als ihn der Koch aufschnitt, fand er drei Ringe in dessen Bauche, die er der Grfin berbrachte. Die Grfin verwunderte sich ber die Maen, denn sie erkannte sie fr eben diejenigen, die sie ihrem Sohne gegeben hatte. Sie sagte daher zu ihrem Gemal: jezt bin ich getrstet, denn da ich so unvermuthet und auf so wunderbare Weise Kundschaft von meinem Sohn bekommen habe, so bin ich auch berzeugt, da Gott ihn nicht verlassen hat, sondern da er ihn nach vielen berstandenen Mhseligkeiten in unsre Arme zurck fhren wird. -- Peter stand im Schiffe und sah immer nach der Gegend hin, wo die erwnschte Heimath lag. Die Fahrt war glcklich, und man landete an einer kleinen unbewohnten Insel, um ses Wasser einzunehmen. Alles Schiffsvolk stieg an das Land, und auch Peter. Er ging durch ein anmuthiges Thal und verlor sich hinter einigen Hgeln in das Land hinein; da setzte er sich nieder und sah viele schne Blumen um sich stehn. Alle blickten ihn wie mit freundlichen, lieblichen Augen an, und er dachte innig an Magelonen, und wie sie ihn geliebt hatte. Wie kann der Liebende, rief er aus, sich nur jemals einsam fhlen? Erinnern mich nicht diese blauen Kelche an ihre holdseligen Augen, dieses goldene Blatt an ihr Haar, die Pracht dieser Lilie und Rose neben einander, an ihre zarten Wangen? Ist es doch, als wenn der Wind in den Blumen sich bewegt, und es, wie auf Saiten versuchen will, ihren sen Namen auszusprechen; Quellen und Bume nennen ihn, fr die brigen Menschen unverstndlich, aber mir laut und vernehmlich. Er erinnerte sich eines Gesanges, den er vor langer Zeit gedichtet hatte, und wiederholte ihn jezt: S ists, mit Gedanken gehn, Die uns zur Geliebten leiten, Wo von blumbewachsnen Hhn Sonnenstrahlen sich verbreiten. Lilien sagen: unser Licht Ist es, was die Wange schmcket; Unsern Schein die Liebste blicket: So das blaue Veilchen spricht. Und mit sanfter Rthe lcheln Rosen ob dem Uebermuth, Khle Abendwinde fcheln Durch die liebevolle Gluth. All ihr sen Blmelein, Sei es Farbe, sei's Gestalt, Malt mit liebender Gewalt Meiner Liebsten hellen Schein, Zankt nicht, zarte Blmelein. Rosen, duftende Narzissen, Alle Blumen schner prangen, Wenn sie ihren Busen kssen Oder in den Locken hangen, Blaue Veilchen, bunte Nelken, Wenn sie sie zur Zierde pflckt, Mssen gern als Putz verwelken, Durch den sen Tod beglckt. Lehrer sind mir diese Blthen, Und ich thue wie sie thun, Folge ihnen, wie sie riethen, Ach! ich will gern alles bieten, Kann ich ihr am Busen ruhn. Nicht auf Jahre sie erwerben, Nein, nur kurze, kleine Zeit, Dann in ihren Armen sterben, Sterben ohne Wunsch und Neid. Ach! wie manche Blume klaget Einsam hier im stillen Thal, Sie verwelket eh es taget, Stirbt beim ersten Sonnenstrahl: Ach, so bitter herzlich naget Auch an mir die scharfe Quaal, Da ich sie und all mein Glcke, Nimmer, nimmermehr erblicke. Er weinte heftig, indem er die letzten Worte sang, denn er glaubte sein Herz zu verstehn, das ihm ein Unglck vorhersagte. Er betrachtete mit thrnenden Blicken das Blumenlabirinth um sich her, und es war ihm ein Ergtzen, die Blumen in seiner Einbildung so zu ordnen, da sie den Namenszug Magelonens ausdrckten. Dann horchte er auf das lispelnde Gras, das ihm etwas zu sagen schien, auf die Blten, die sich oft zrtlich zu einander neigten, als wenn sie ein herzliches Gesprch von Liebe fhren wollten. In der ganzen Natur sah er liebevolle Eintracht, und jedes Gerusch klang seinem Ohre wie ein melodischer Gesang. Darber verlor er sich immer mehr in Trumen; von den Thrnen ermdet schlief er endlich unter den Blumen ein, und es war ihm im Traum, als wenn er laut den Namen Magelone ausrufen hrte; darber ging ihm sein Herz wie eine zugeschlossene Knospe auf, und er fhlte eine bergroe Freude. 17. Peter wird von Fischern aufgefunden. Aber der Wind blies inde lustig in die Segel, und das Schiffsvolk eilte wieder in das Schiff, um abzufahren, nur Peter blieb aus; man rief ihn, aber da er nicht kam, fuhren die brigen fort. Als sie schon weit vom Ufer entfernt waren, erwachte Peter aus seinem erquickenden Schlafe; er erschrak, als er gewahr ward, da er geschlafen hatte. Er eilte an das Ufer, aber Niemand war da, und das Schiff nirgend zu sehn. Da senkte sich eine groe Traurigkeit in sein Herz, alle seine Hoffnungen waren wieder verschwunden: er strzte nieder und lag am Ufer des Meeres ohne Besinnung und in tiefer Ohnmacht, so da es finstre Nacht wurde und er es nicht bemerkte. Als es nach Mitternacht kam, ging der Mond auf, und einige Fischer fuhren mit einem Kahne an die Insel, um ihre Arbeit hier vorzunehmen; sie fanden den Jngling, der fr todt auf der Erde ausgestreckt lag. Das feste Land war nicht weit von dieser Insel, sie luden ihn daher in ihr kleines Schiff, und fuhren wieder ab, um ihn ins Leben zurck zu bringen. Schon unterwegs erwachte Peter; es dnkte ihm seltsam, als ihm der Mond ins Angesicht schien und er die Ruder seufzen hrte, und wie er vernahm, da zwei fremde Mnner mit einander verabredeten, wie sie ihn zu einem alten Schfer bringen wollten, der sein pflegen wrde. Oft kam es ihm vor wie ein Traum, oft wieder wie Wahrheit, und er zweifelte so lange, bis sie endlich mit dem Aufgang der Sonne landeten. Als Peter eine Weile in den erquickenden Sonnenstrahlen gelegen hatte, ward er wieder munter und richtete sich auf; er dankte in einem Gebete Gott, da er ihm wieder von der menschenleeren Insel geholfen habe, dann gab er den guten Fischern eine Menge Goldes, und lie sich den Weg nach der Htte des Schfers beschreiben. Er ging durch einen dichten, angenehmen Wald, durch dessen dunkle Schatten der Morgen noch dmmerte. Er folgte einem geschlngelten Fupfade, und berdachte schwermthig sein Schicksal; alles Ungemach, das er erlitten, kam frisch in seine Seele, und er ward darber so unmuthig, da er von Herzen wnschte, endlich zu sterben. Mit diesen Gedanken trat er aus dem Walde und stand vor einer schnen grnen Wiese, die im Morgenlicht glnzte; gegenber lag eine kleine einsame Htte, und Schaafe wurden von einem alten Manne einen Hgel hinan getrieben. Alles schimmerte roth und freundlich, und die stille Ruhe umher brachte auch in Peters Seele Ruhe zurck. Er merkte, da dies die Htte sei, die ihm die Fischer bezeichnet hatten, und er wnschte, hier einige Tage zu rasten und sich zu erquicken. Er ging daher ber die Wiese, auf der viele wilde Blumen roth und gelb und himmelblau blhten, der kleinen Htte nher. Vor der Thre sa ein schlankes schnes Mgdlein, zu deren Fen ein Lamm im Grase spielte; diese sang, indem er ber die Wiese schritt: Beglckt, wer vom Getmmel Der Welt sein Leben schliet, Das dorten im Gewimmel Verworren abwrts fliet. Hier sind wir all befreundet, Mensch, Thier und Blumenreich, Von keinem angefeindet Macht uns die Liebe gleich. Die zarten Lmmer springen Vergngt um meinen Fu, Die Turteltauben singen Und girren Morgengru. Der Rosenstrauch mit Gren Beut seine Kinder dar, Im Thale dort der sen Violen blaue Schaar. Und wenn ich Krnze winde, Ertnt und rauscht der Hain, Es duftet mir die Linde Im goldnen Mondenschein. Die Zwietracht bleibt dahinten, Und Stolz, Verfolgung, Neid, Kann nicht die Wege finden Hieher zur goldnen Zeit. Vor mir stehn holde Scherze Und trbe Sorge weicht; Allein mein innres Herze Wird darum doch nicht leicht. Weil ich die Liebe kannte Und Blick und Ku verstand, So bin ich nun Verbannte Weit ab im fernen Land. Die Freude macht mich trbe, Dunkelt den stillen Sinn, Denn meine zarte Liebe Ist nun auf ewig hin. -- Erinnre und erquicke Dich an vergangner Lust, Am schwermuthsvollen Glcke, Denn sonst zerspringt die Brust. Die Morgenrthe lchelt Mir zwar noch ofte zu, Und matte Hoffnung fchelt Mich dann in schnre Ruh: Da ich ihn wieder finde, Den ich wohl sonst gekannt, Und da sich um uns winde Ein glckgewirktes Band. Wer wei, durch welche Schatten Sein Fu schon heute geht, Dann kmmt er ber Matten Und alles ist verweht, Die Seufzer und die Thrnen, Sie lscht das neue Glck, Und Hoffen, Frchten, Sehnen Verschmilzt in Einen Blick. 18. Beschlu. Peter fhlte sich von dem Gesange wie von einer lieblichen Gewalt nach der Htte hingezogen. Die Schferin, welche vor der Thr sa, nahm ihn freundlich auf, und lie ihn in der Htte ausruhn und sich erquicken. Die beiden Alten kamen auch bald zurck, und hieen ihren edlen Gast von Herzen willkommen. Magelone ging indessen im Felde nachdenklich auf und ab, denn sie hatte auf den ersten Blick den Ritter erkannt; alle ihre Sorgen waren nun wie Schnee vor der Frhlingssonne hinweg geschmolzen, und ihr Lebenslauf lag grn und erfrischt vor ihr, so weit nur ihr Auge reichte. Sie ging in die Htte zurck, und gab sich noch nicht zu erkennen. Nach zweien Tagen war Peter wieder ganz zu Krften gekommen. Er sa mit Magelonen, ohne da er sie kannte, vor der Thr der Htte. Bienen und Schmetterlinge schwrmten um sie, und Peter fate ein Zutrauen zu seiner Verpflegerin, so da er ihr seine Geschichte und sein ganzes Unglck erzhlte. Magelone stand pltzlich auf und ging in ihre Kammer, da lste sie ihre goldenen Locken auf, und machte sie von den Banden frei, die sie bisher gehalten hatten, dann zog sie ihre kstliche Kleidung an, die sie eingeschlossen hielt, und so kam sie pltzlich wieder vor die Augen Peters. Er war vor Erstaunen auer sich, er umarmte die wiedergefundene Geliebte, dann erzhlten sie sich ihre Geschichte wieder, und weinten und kten sich, so da man htte ungewi sein sollen, ob sie vor Jammer oder bergroer Freude so herzbrechend schluchzten. So verging ihnen der Tag. Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, sie wurden vermlt, und alles war in der grten Freude; auch der Knig von Neapel vershnte sich mit seinem neuen Sohne, und war mit der Heirath wohl zufrieden. Auf dem Orte, wo Peter seine Magelone wieder gefunden hatte, lie er einen prchtigen Sommerpallast bauen, und setzte den Schfer zum Aufseher hinein, den er mit vielem Lohne berhufte. Vor dem Pallast pflanzte er mit seiner jungen Gattin einen Baum; dann sangen sie folgendes Lied, welches sie nachher auf derselben Stelle in jedem Frhjahre wiederholten: Treue Liebe dauert lange, Ueberlebet manche Stund, Und kein Zweifel macht sie bange, Immer bleibt ihr Muth gesund. Druen gleich in dichten Schaaren, Fodern gleich zum Wankelmuth Sturm und Tod, setzt den Gefahren Lieb entgegen treues Blut. Und wie Nebel strzt zurcke Was den Sinn gefangen hlt, Und dem heitern Frhlingsblicke Oeffnet sich die weite Welt. Errungen Bezwungen Von Lieb ist das Glck, Verschwunden Die Stunden Sie fliehen zurck; Und selige Lust Sie stillet Erfllet Die trunkene wonneklopfende Brust, Sie scheide Von Leide Auf immer, Und nimmer Entschwinde die liebliche, selige, himmlische Lust! * * * * * Es war indessen finster geworden. Rosalie klingelte, um Lichter bringen zu lassen, worauf sie sich gegen Friedrich wandte und sagte: Mir ist seit meiner frhen Jugend schon diese Geschichte bekannt, aber ich danke Ihnen dafr, da Sie das Spital und die Verpflegung der Kranken auf diese Weise unnthig gemacht haben; das lndliche Gemlde der heitern Wiese und stillen Einsamkeit sind der Imagination weit angenehmer. Ich dachte vor Jahren eben so, antwortete Friedrich, und habe mir deshalb diese Umnderung erlaubt, mit der ich jezt aber um so unzufriedener bin; auch hoffe ich, da ich Sie wohl noch einmal zu meiner Meinung, und zur alten Erzhlung zurck fhren werde. Wenn es aber gar nicht erlaubt sein sollte, wandte Auguste ein, alte bekannte Geschichten nach Gutdnken und Laune abzundern, und sie unserm Geschmack zuzubereiten, so wrden wir ohne Zweifel viel verlieren, denn manches ginge ganz unter, das uns so erhalten bleibt. Sind dergleichen Erfindungen schon ehemals umgeschrieben und neu erzhlt worden, so begreife ich nicht, warum diese Freiheit nicht jedem neuern Dichter ebenfalls vergnnt sein sollte. In Arabien, wo sie so viele Mhrchen erzhlen, bleibt man gewi nicht immer der Sache treu, denn in jedem Erzhler regt sich die Lust, die Umstnde anders zu wenden, sie wunderbarer oder anmuthiger zu machen, und sich dadurch die fremde Erfindung anzueignen. Sie mgen nicht Unrecht haben, antwortete Friedrich; wenn aber eine alte Erzhlung einen so herzlichen Mittelpunkt hat, der der Geschichte einen groen und rhrenden Charakter giebt, so ist es doch wohl nur die Verwhnung einer neuern Zeit und ihre Beschrnktheit, diese Schnheit ganz zu verkennen, und sie mit einer willkhrlichen Abnderung verbessern zu wollen, durch welche das Ganze eben so wohl Mittelpunkt als Zweck verliert. Ich bin Ihrer Meinung, sagte Clara. Giebt es etwas Rhrenderes (und zwar nicht von der Art des Rhrenden, welches man gewhnlich so nennt), als da sie sich in treuer Liebe und Hoffnungslosigkeit dem Dienst der Kranken fromm und andchtig widmet? Lange hat sie dem selbstgewhlten Berufe mit edler Treue vorgestanden, da kommt er selbst, von Liebe und Sehnsucht ermattet, an der Trennung sterbend, in ihre Pflege (nicht, wie hier erzhlt wird, halb ungetreu); sie kennt ihn nicht, sie nimmt ihn auf wie jeden Kranken; da fngt er an zu genesen, er fat ein Zutrauen zu der guten, alt scheinenden Wrterin und erzhlt ihr seine Geschichte; sie, vor Schrecken und Wonne wie vernichtet, geht in die Kammer, lst die rollenden goldgelben Locken auf, wirft das Gewand der Benden ab, und tritt so im Jugendglanz dem wieder vor Augen, der mit dem Frhling der Gesundheit den Lenz der Liebe von neuem aufblhen sieht. Das alte Gedicht ist eine Verherrlichung der Liebe und frommen Demuth, die neuere Erzhlung ist s freigeisterisch und unglubig. Lope de Vega hat unter den Namen der drei Diamanten die Geschichte fr das Theater bearbeitet, bemerkte Lothar, und sie in seiner etwas lockern Manier ausgefhrt; auf dasjenige, was nach unserer Meinung der Hauptpunkt sein sollte, hat er auch nur wenig Gewicht gelegt. Die Sage selbst scheint mir aber auch vllig undramatisch. Mir nicht, erwiederte Friedrich. Wissen wir doch berhaupt noch nicht recht, was wir dramatisch oder undramatisch nennen sollen. Nach unsern gewhnlichen Ansichten gehn die Novelle und Erzhlung oft von selbst in das Drama ber, und viele Novellen sind Komdien nach dieser Meinung, so wie wir auch nicht wenige Komdien besitzen, selbst berhmte, die durchaus nur dialogisirte Novellen sind. Diese knnen sehr geistreich und witzig sein, wie die des Machiavell zum Beispiel, sind aber darum doch noch keine Schauspiele. Damit Erzhlung oder Sage Schauspiel werde, mu ein neues Element hinzu treten, welches das Ganze allseitig durchdringt, und im Mittelpunkte des Gedichtes seine Beglaubigung findet: dazu Individualitt und scheinbare Willkhr, zugleich eine Aufopferung alles dessen, was die Novelle reizend macht, so da es dem ungebten Auge sogar scheint, als sei eine gute Novelle im Drama nur verdorben worden. Nicht selten hat man Shakspears Lustspiele so angesehn und beurtheilt. Hufig aber, wenn wir vom Dramatischen sprechen, verwechseln wir dieses mit dem Theatralischen, und wiederum ein mgliches besseres Theater mit unserm gegenwrtigen und seiner ungeschickten Form; und in dieser Verwirrung verwerfen wir viele Gegenstnde und Gedichte als unschicklich, weil sie sich freilich auf unsrer Bhne nicht ausnehmen wrden. Sehn wir also ein, da ein neues Element erst das dramatische Werk als ein solches beurkundet, so ist wohl ohne Zweifel eine Art der Poesie erlaubt, welche auch das beste Theater nicht brauchen kann, sondern in der Phantasie eine Bhne fr die Phantasie erbaut, und Kompositionen versucht, die vielleicht zugleich lyrisch, episch und dramatisch sind, die einen Umfang gewinnen, welcher gewissermaen dem Roman untersagt ist, und sich Khnheiten aneignen, die keinem andern dramatischen Gedichte ziemen. Diese Bhne der Phantasie erffnet der romantischen Dichtkunst ein groes Feld, und auf ihr drfte diese Magelone und manche alte anmuthige Tradition sich wohl zu zeigen wagen. Ernst sagte hierauf: unter einigen gelehrten Italinern ist es eine alte hergebrachte Meinung, da diese Geschichte, so wie wir sie jezt als Volksbuch besitzen, die frheste Uebung des Petrarka gewesen sei, der sie so nach einem Manuskript aus dem zwlften Jahrhundert umgearbeitet habe. Die Erzhlung ist so schn und einfach, da die Sache an sich selbst nicht unwahrscheinlich ist. Manfred schlug ein lautes Gelchter auf, und sagte nach einiger Zeit: O vortrefflich! Die Autoren, die uns den Oktavian und die Heymonskinder in ihrer alten treuherzigen Gestalt gaben, waren gewi auch keine Stmper, und wer wei, ob nicht einst entdeckt wird, da unser Eulenspiegel nichts als eine Umwandlung des berhmten verlorenen Margites ist. Wie recht hat Wilhelm Schlegel, wenn er einmal sagt: die gebildeten Stnde in Deutschland haben noch keine Literatur, aber der Bauer hat sie. Denn wohl sind in diesen unscheinbaren schlecht gedruckten Schriften fast alle Elemente der Poesie, vom Heroischen bis zum Zrtlichen und hinab zum krftig Komischen, ausgesprochen. Ich mu hier auf meine Verwunderung zurck kommen: was meinen nemlich nur die Herren, die mit fanatischer Vernnftigkeit und Mangel alles poetischen Sinnes diese Bcher verfolgen, sie dem Bauer nehmen und Strafen auf ihre Verbreitung setzen? Wenn ich nicht irre, war vor einigen dreiig Jahren der gute alte Bsching der erste, welcher auf diesen Krieg antrug; seine Stimme wurde damals nicht gehrt; jezt aber dringt seine gut gemeinte Thorheit durch, zu einer Zeit, wo man sich doch zugleich bemht, Patriotismus und die alten verstorbenen Tugenden, die dem Aufgeklrteren ja auch nur Aberglaube waren, wieder aufzupflanzen. Ich mchte mir doch nur das Bse nennen und aufzeigen lassen, welches diese unschuldigen Poesien schon hervorgebracht haben. Oder htten diese Herren diese Bcher vielleicht gar nicht gelesen? Der Druck ist nicht der beste, die Vignetten sind nicht in punktirter Manier, auch hat sich weder Petrarka noch ein andrer berhmter Name bei ihrer Herausgabe genannt, und das ist freilich verdchtig genug. Sollten denn wirklich etwa die paar freien Spe im Eulenspiegel und den Schildbrgern die Nation verderben knnen? Wird man denn die Schenken verschlieen, oder einen Polizeiwchter hinein setzen, der jeden nicht sittlichen Spa eines lustigen Bruders aufzeichnet und der Behrde einreicht? Oder hofft man wirklich durch das alberne moralische Gewsch, welches sie jezt als Volksbcher drucken lassen, von gutgearteten Gatten und saubern Kindern, Birnenmost, Giftkrutern und Wohlthtigkeit, die niederen Stnde so tief in die edle Gesinnung hinein und unterzutauchen, da keiner mehr eine Zwei- oder Eindeutigkeit spricht und denkt? O der glorreichen Aussicht in das knftige Jahrhundert! Suchte man nur etwa, sagte Wilibald, die astrologischen und Zauberbcher, deren es noch hie und da, aber auch nur selten giebt, zu verbannen, so htte die Sache Sinn, aber so ist sie freilich eine Erscheinung, die im grellsten Widerspruche mit der Zeit steht, die dieselben verfolgten Bcher zu achten und zu studiren anfngt. Im Gegentheil, fuhr Ernst fort, sollten wir dem gemeinen Manne nicht nur diese Poesien lassen, sondern ihm auch eine ihm verstndliche Bearbeitung der Niebelungen und der Heldenbcher in die Hnde zu spielen suchen, damit er sich vor der weichlichen leeren Leserei bewahre, die auch ihn zu ergreifen und auszuhhlen droht. Der Spanier hat, zu unsrer Beschmung, eine hchst wohlfeile Ausgabe seines vortrefflichen Don Quixote, mit schlechten Holzschnitten und auf grobem Papier. Aber bei uns ist es keinem, auch in der ersten Begeisterung eingefallen, dem deutschen Bauer etwa den Gtz von Berlichingen so anzubieten. Liee man doch berhaupt das Bewachen des Volks, und lernte es erst kennen, wre dann selber erzogen, um andre zu erziehn, und suchte nicht eine falsche, schwchliche Bildung Nationen aufzuprgen. Mit Verlaub, sagte Theodor, da ich diesen Diskurs unterbreche, es wird sonst Mitternacht, ehe wir unsre Vorlesungen geendigt haben. Er fing an. Die Elfen. 1811. Wo ist denn die Marie, unser Kind? fragte der Vater. Sie spielt drauen auf dem grnen Platze, antwortete die Mutter, mit dem Sohne unsers Nachbars. Da sie sich nicht verlaufen, sagte der Vater besorgt; sie sind unbesonnen. Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen ihr Vesperbrod. Es ist hei! sagte der Bursche, und das kleine Mdchen langte begierig nach den rothen Kirschen. Seid nur vorsichtig, Kinder, sprach die Mutter, lauft nicht zu weit vom Hause, oder in den Wald hinein, ich und der Vater gehn aufs Feld hinaus. Der junge Andres antwortete: o sei ohne Sorge, denn vor dem Walde frchten wir uns, wir bleiben hier beim Hause sitzen, wo Menschen in der Nhe sind. Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater wieder heraus. Sie verschlossen ihre Wohnung und wandten sich nach dem Felde, um nach den Knechten und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehn. Ihr Haus lag auf einer kleinen grnen Anhhe, von einem zierlichen Stakete umgeben, welches auch ihren Frucht- und Blumengarten umschlo; das Dorf zog sich etwas tiefer hinunter, und jenseit erhob sich das grfliche Schlo. Martin hatte von der Herrschaft das groe Gut gepachtet, und lebte mit seiner Frau und seinem einzigen Kinde vergngt, denn er legte jhrlich zurck, und hatte die Aussicht, durch Thtigkeit ein vermgender Mann zu werden, da der Boden ergiebig war und der Graf ihn nicht drckte. Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern ging, schaute er frhlich um sich, und sagte: wie ist doch die Gegend hier so ganz anders, Brigitte, als diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so grn, das ganze Dorf prangt von dichtgedrngten Obstbumen, der Boden ist voll schner Kruter und Blumen, alle Huser sind munter und reinlich, die Einwohner wohlhabend, ja mir dnkt, die Wlder hier sind schner und der Himmel blauer, und so weit nur das Auge reicht, sieht man seine Lust und Freude an der freigebigen Natur. So wie man nur, sagte Brigitte, dort jenseit des Flusses ist, so befindet man sich wie auf einer andern Erde, alles so traurig und drr; jeder Reisende behauptet aber auch, da unser Dorf weit und breit in der Runde das schnste sei. Bis auf jenen Tannengrund, erwiederte der Mann; schau einmal dorthin zurck, wie schwarz und traurig der abgelegene Fleck in der ganzen heitern Umgebung liegt; hinter den dunkeln Tannenbumen die rauchige Htte, die verfallenen Stlle, der schwermthig vorberflieende Bach. Es ist wahr, sagte die Frau, indem beide still standen, so oft man sich jenem Platze nur nhert, wird man traurig und bengstigt, man wei selbst nicht warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mgen, die dort wohnen, und warum sie sich doch nur so von allen in der Gemeinde entfernt halten, als wenn sie kein gutes Gewissen htten. Armes Gesindel, erwiederte der junge Pachter, dem Anschein nach Zigeunervolk, die in der Ferne rauben und betrgen, und hier vielleicht ihren Schlupfwinkel haben. Mich wundert nur, da die gndige Herrschaft sie duldet. Es knnen auch wohl, sagte die Frau weichmthig, arme Leute sein, die sich ihrer Armuth schmen, denn man kann ihnen doch eben nichts Bses nachsagen; nur ist es bedenklich, da sie sich nicht zur Kirche halten, und man auch eigentlich nicht wei, wovon sie leben, denn der kleine Garten, der noch dazu ganz wst zu liegen scheint, kann sie unmglich ernhren, und Felder haben sie nicht. Wei der liebe Gott, fuhr Martin fort, indem sie weiter gingen, was sie treiben mgen; kommt doch auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo sie wohnen, ist ja wie verbannt und verhext, so da sich auch die vorwitzigsten Bursche nicht hingetrauen. Dieses Gesprch setzten sie fort, indem sie sich in das Feld wandten. Jene finstre Gegend, von welcher sie sprachen, lag abseits vom Dorfe. In einer Vertiefung, welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Htte und verschiedene fast zertrmmerte Wirthschaftsgebude, nur selten sah man Rauch dort aufsteigen, noch seltner wurde man Menschen gewahr; jezuweilen hatten Neugierige, die sich etwas nher gewagt, auf der Bank vor der Htte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem Anzuge wahrgenommen, auf deren Schoo eben so hliche und schmuzige Kinder sich wlzten; schwarze Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden ging wohl ein ungeheurer Mann, den Niemand kannte, ber den Steg des Baches und verlor sich in die Htte hinein; dann sah man in der Finsterni sich verschiedene Gestalten, wie Schatten um ein lndliches Feuer bewegen. Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Htte machten wirklich in der heitern grnen Landschaft, gegen die weien Huser des Dorfes und gegen das prchtige neue Schlo, den sonderbarsten Abstich. Die beiden Kinder hatten jezt die Frchte verzehrt; sie verfielen darauf, in die Wette zu laufen, und die kleine behende Marie gewann dem langsameren Andres immer den Vorsprung ab. So ist es keine Kunst! rief endlich dieser aus, aber la es uns einmal in die Weite versuchen, dann wollen wir sehen, wer gewinnt! Wie du willst, sagte die Kleine, nur nach dem Strome drfen wir nicht laufen. Nein, erwiederte Andres, aber dort auf jenem Hgel steht der groe Birnbaum, eine Viertelstunde von hier, ich laufe hier links um den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das Feld hinein rennen, da wir nicht eher als oben wieder zusammen kommen, so sehen wir dann, wer der beste ist. Gut, sagte Marie, und fing schon an zu laufen, so hindern wir uns auch nicht auf demselben Wege, und der Vater sagt ja, es sei zum Hgel hinauf gleich weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung geht. Andres war schon vorangesprungen und Marie, die sich rechts wandte, sah ihn nicht mehr. Er ist eigentlich dumm, sagte sie zu sich selbst, denn ich drfte nur den Muth fassen, ber den Steg, bei der Htte vorbei, und drben wieder ber den Hof hinaus zu laufen, so kme ich gewi viel frher an. Schon stand sie vor dem Bache und dem Tannenhgel. Soll ich? Nein, es ist doch zu schrecklich, sagte sie. Ein kleines weies Hndchen stand jenseit und bellte aus Leibeskrften. Im Erschrecken kam das Thier ihr wie ein Ungeheuer vor, und sie sprang zurck. O weh! sagte sie, nun ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und berlege. Das Hndchen bellte immer fort, und da sie es genauer betrachtete, kam es ihr nicht mehr frchterlich, sondern im Gegentheil ganz allerliebst vor: es hatte ein rothes Halsband um, mit einer glnzenden Schelle, und so wie es den Kopf hob und sich im Bellen schttelte, erklang die Schelle uerst lieblich. Ei! es will nur gewagt sein! rief die kleine Marie, ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseit wieder hinaus, sie knnen mich doch eben nicht gleich von der Erde weg auffressen! Somit sprang das muntere muthige Kind auf den Steg, rasch an den kleinen Hund vorber, der still ward und sich an ihr schmeichelte, und nun stand sie im Grunde, und rund umher verdeckten die schwarzen Tannen die Aussicht nach ihrem elterlichen Hause und der brigen Landschaft. Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, frhlichste Blumengarten umgab sie, in welchem Tulpen, Rosen und Lilien mit den herrlichsten Farben leuchteten, blaue und goldrothe Schmetterlinge wiegten sich in den Blten, in Kfigen aus glnzendem Drath hingen an den Spalieren vielfarbige Vgel, die herrliche Lieder sangen, und Kinder in weien kurzen Rckchen, mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen, sprangen umher, einige spielten mit kleinen Lmmern, andere ftterten die Vgel, oder sammelten Blumen und schenkten sie einander, andere wieder aen Kirschen, Weintrauben und rthliche Aprikosen. Keine Htte war zu sehn, aber wohl stand ein groes schnes Haus mit eherner Thr und erhabenem Bildwerk leuchtend in der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen auer sich und wute sich nicht zu finden; da sie aber nicht blde war, ging sie gleich zum ersten Kinde, reichte ihm die Hand und bot ihm guten Tag. Kommst du uns auch einmal zu besuchen? sagte das glnzende Kind; ich habe dich drauen rennen und springen sehn, aber vor unserm Hndchen hast du dich gefrchtet. -- So seid ihr wohl keine Zigeuner und Spitzbuben, sagte Marie, wie Andres immer spricht? O freilich ist der nur dumm, und redet viel in den Tag hinein. -- Bleib nur bei uns, sagte die wunderbare Kleine, es soll dir schon gefallen. -- Aber wir laufen ja in die Wette. -- Zu ihm kommst du noch frh genug zurck. Da nimm, und i! -- Marie a, und fand die Frchte so s, wie sie noch keine geschmeckt hatte, und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern waren gnzlich vergessen. Eine groe Frau in glnzendem Kleide trat herzu, und fragte nach dem fremden Kinde. Schnste Dame, sagte Marie, von ohngefhr bin ich herein gelaufen, und da wollen sie mich hier behalten. Du weit, Zerina, sagte die Schne, da es ihr nur kurze Zeit erlaubt ist, auch httest du mich erst fragen sollen. Ich dachte, sagte das glnzende Kind, weil sie doch schon ber die Brcke gelassen war, knnt' ich es thun; auch haben wir sie ja oft im Felde laufen sehn, und du hast dich selber ber ihr muntres Wesen gefreut; wird sie uns doch frh genug verlassen mssen. Nein, ich will hier bleiben, sagte die Fremde, denn hier ist es schn, auch finde ich hier das beste Spielzeug und dazu Erdbeeren und Kirschen, drauen ist es nicht so herrlich. Die goldbekleidete Frau entfernte sich lchelnd, und viele von den Kindern sprangen jezt um die frhliche Marie mit Lachen her, neckten sie und ermunterten sie zu Tnzen, andre brachten ihr Lmmer oder wunderbares Spielgerth, andre machten auf Instrumenten Musik und sangen dazu. Am liebsten aber hielt sie sich zu der Gespielin, die ihr zuerst entgegen gegangen war, denn sie war die freundlichste und holdseligste von allen. Die kleine Marie rief einmal ber das andre: ich will immer bei euch bleiben und ihr sollt meine Schwestern sein, worber alle Kinder lachten und sie umarmten. Jezt wollen wir ein schnes Spiel machen, sagte Zerina. Sie lief eilig in den Pallast und kam mit einem goldenen Schchtelchen zurck, in welchem sich glnzender Saamenstaub befand. Sie fate mit den kleinen Fingern, und streute einige Krner auf den grnen Boden. Alsbald sah man das Gras wie in Wogen rauschen, und nach wenigen Augenblicken schlugen glnzende Rosengebsche aus der Erde, wuchsen schnell empor und entfalteten sich pltzlich, indem der seste Wohlgeruch den Raum erfllte. Auch Maria fate von dem Staube, und als sie ihn ausgestreut hatte, tauchten weie Lilien und die buntesten Nelken hervor. Auf einen Wink Zerinas verschwanden die Blumen wieder und andre erschienen an ihrer Stelle. Jezt, sagte Zerina, mache dich auf etwas Greres gefat. Sie legte zwei Pinienkrner in den Boden und stampfte sie heftig mit dem Fue ein. Zwei grne Strucher standen vor ihnen. Fasse dich fest mit mir, sagte sie, und Maria schlang die Arme um den zarten Leib. Da fhlte sie sich empor gehoben, denn die Bume wuchsen unter ihnen mit der grten Schnelligkeit; die hohen Pinien bewegten sich und die beiden Kinder hielten sich hin und wieder schwebend in den rothen Abendwolken umarmt und kten sich; die andern Kleinen kletterten mit behender Geschicklichkeit an den Stmmen der Bume auf und nieder, und stieen und neckten sich, wenn sie sich begegneten, unter lautem Gelchter. Strzte eins der Kinder im Gedrnge hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich langsam und sicher zur Erde hinab. Endlich frchtete sich Marie; die andre Kleine sang einige laute Tne, und die Bume versenkten sich wieder eben so allgemach in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich erst in die Wolken gehoben hatten. Sie gingen durch die erzene Thr des Pallastes. Da saen viele schne Frauen umher, ltere und junge, im runden Saal, sie genossen die lieblichsten Frchte, und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In der Wlbung der Decke waren Palmen, Blumen und Laubwerk gemalt, zwischen denen Kinderfiguren in den anmuthigsten Stellungen kletterten und schaukelten; nach den Tnen der Musik verwandelten sich die Bildnisse und glhten in den brennendsten Farben; bald war das Grne und Blaue wie helles Licht funkelnd, dann sank die Farbe erblassend zurck, der Purpur flammte auf und das Gold entzndete sich; dann schienen die nackten Kinder in den Blumengewinden zu leben, und mit den rubinrothen Lippen den Athem einzuziehn und auszuhauchen, so da man wechselnd den Glanz der weien Zhnchen wahrnahm, so wie das Aufleuchten der himmelblauen Augen. Aus dem Saale fhrten eherne Stufen in ein groes unterirdisches Gemach. Hier lag viel Gold und Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten dazwischen. Wundersame Gefe standen an den Wnden umher, alle schienen mit Kostbarkeiten angefllt. Das Gold war in mannichfaltigen Gestalten gearbeitet und schimmerte mit der freundlichsten Rthe. Viele kleine Zwerge waren beschftigt, die Stcke auseinander zu suchen und sie in die Gefe zu legen; andre, hckricht und krummbeinicht, mit langen rothen Nasen, trugen schwer und vorn ber gebckt Scke herein, so wie die Mller Getraide, und schtteten die Goldkrner keuchend auf dem Boden aus. Dann sprangen sie ungeschickt rechts und links, und griffen die rollenden Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah nicht selten, da einer den andern im Eifer umstie, so da sie schwer und tlpisch zur Erde fielen. Sie machten verdrliche Gesichter und sahen scheel, als Marie ber ihre Geberden und Hlichkeit lachte. Hinten sa ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen Zerina ehrerbietig grte, und der nur mit ernstem Kopfnicken dankte. Er hielt ein Zepter in der Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle brigen Zwerge schienen ihn fr ihren Herren anzuerkennen und seinen Winken zu gehorchen. Was giebts wieder? fragte er mrrisch, als die Kinder ihm etwas nher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin antwortete, da sie nur gekommen seien, sich in den Kammern umzuschauen. Immer die alten Kindereien! sagte der Alte; wird der Miggang nie aufhren? Darauf wandte er sich wieder an sein Geschft und lie die Goldstcke wgen und aussuchen; andre Zwerge schickte er fort, manchen schalt er zornig. Wer ist der Herr? fragte Marie; unser Metallfrst, sagte die Kleine, indem sie weiter gingen. Sie schienen sich wieder im Freien zu befinden, denn sie standen an einem groen Teiche, aber doch schien keine Sonne, und sie sahen keinen Himmel ber sich. Ein kleiner Nachen empfing sie, und Zerina ruderte sehr msig. Die Fahrt ging schnell. Als sie in die Mitte des Teiches gekommen waren, sah Marie, da tausend Rhren, Kanle und Bche sich aus dem kleinen See nach allen Richtungen verbreiteten. Diese Wasser rechts, sagte das glnzende Kind, flieen unter euren Garten hinab, davon blht dort alles so frisch; von hier kmmt man in den groen Strom hinunter. Pltzlich kamen aus allen Kanlen und aus dem See unendlich viele Kinder auftauchend angeschwommen, viele trugen Krnze von Schilf und Wasserlilien, andre hielten rothe Korallenzacken, und wieder andre bliesen auf krummen Muscheln; ein verworrenes Getse schallte lustig von den dunkeln Ufern wieder; zwischen den Kleinen bewegten sich schwimmend die schnsten Frauen, und oft sprangen viele Kinder zu der einen oder der andern, und hingen ihnen mit Kssen um Hals und Nacken. Alle begrten die Fremde; zwischen diesem Getmmel hindurch fuhren sie aus dem See in einen kleinen Flu hinein, der immer enger und enger ward. Endlich stand der Nachen. Man nahm Abschied und Zerina klopfte an den Felsen. Wie eine Thr that sich dieser von einander, und eine ganz rothe weibliche Gestalt half ihnen aussteigen. Geht es recht lustig zu? fragte Zerina. Sie sind eben in Thtigkeit, antwortete jene, und so freudig, wie man sie nur sehn kann, aber die Wrme ist auch uerst angenehm. Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, und pltzlich sah sich Marie in dem glnzendsten Saal, so da beim Eintreten ihre Augen vom hellen Lichte geblendet waren. Feuerrothe Tapeten bedeckten mit Purpurgluth die Wnde, und als sich das Auge etwas gewhnt hatte, sah sie zu ihrem Erstaunen, wie im Teppich sich Figuren tanzend auf und nieder in der grten Freude bewegten, die so lieblich gebaut und von so schnen Verhltnissen waren, da man nichts Anmuthigeres sehn konnte; ihr Krper war wie von rthlichem Kristall, so da es schien, als flsse und spielte in ihnen sichtbar das bewegte Blut. Sie lachten das fremde Kind an, und begrten es mit verschiedenen Beugungen; aber als Marie nher gehen wollte, hielt sie Zerina pltzlich mit Gewalt zurck, und rief: du verbrennst dich, Mariechen, denn alles ist Feuer! Marie fhlte die Hitze. Warum kommen nur, sagte sie, die allerliebsten Kreaturen nicht zu uns heraus, und spielen mit uns? Wie du in der Luft lebst, sagte jene, so mssen sie immer im Feuer bleiben, und wrden hier drauen verschmachten. Sieh nur, wie ihnen wohl ist, wie sie lachen und kreischen; jene dort unten verbreiten die Feuerflsse von allen Seiten unter der Erde hin, davon wachsen nun die Blumen, die Frchte und der Wein; die rothen Strme gehn neben den Wasserbchen, und so sind die flammigen Wesen immer thtig und freudig. Aber dir ist es hier zu hei, wir wollen wieder hinaus in den Garten gehn. Hier hatte sich die Scene verwandelt. Der Mondschein lag auf allen Blumen, die Vgel waren still und die Kinder schliefen in mannichfaltigen Gruppen in den grnen Lauben. Marie und ihre Freundin fhlten aber keine Mdigkeit, sondern lustwandelten in der warmen Sommernacht unter vielerlei Gesprchen bis zum Morgen. Als der Tag anbrach, erquickten sie sich an Frchten und Milch, und Marie sagte: la uns doch zur Abwechselung einmal nach den Tannen hinaus gehn, wie es dort aussehen mag. Gern, sagte Zerina, so kannst du auch zugleich dorten unsre Schildwachen besuchen, die dir gewi gefallen werden, sie stehn oben auf dem Walle zwischen den Bumen. Sie gingen durch die Blumengrten, durch anmuthige Haine voller Nachtigallen, dann stiegen sie ber Rebenhgel, und kamen endlich, nachdem sie lange den Windungen eines klaren Baches nachgefolgt waren, zu den Tannen und der Erhhung, welche das Gebiet begrnzte. Wie kommt es nur, fragte Marie, da wir hier innerhalb so weit zu gehn haben, da doch drauen der Umkreis nur so klein ist? Ich wei nicht, antwortete die Freundin, wie es zugeht, aber es ist so. Sie stiegen zu den finstern Tannen hinauf, und ein kalter Wind wehte ihnen von drauen entgegen; ein Nebel schien weit umher auf der Landschaft zu liegen. Oben standen wunderliche Gestalten, mit mehligen bestubten Angesichtern, den widerlichen Huptern der weien Eulen nicht unhnlich; sie waren in faltigen Mnteln von zottiger Wolle gekleidet, und hielten Regenschirme von seltsamen Huten ausgespannt ber sich; mit Fledermausflgeln, die abentheuerlich neben dem Rockelor hervor starrten, wehten und fchelten sie unablssig. Ich mchte lachen und mir graut, sagte Marie. Diese sind unsre guten fleiigen Wchter, sagte die kleine Gespielin, sie stehen hier und wehen, damit jeden kalte Angst und wundersames Frchten befllt, der sich uns nhern will; sie sind aber so bedeckt, weil es jezt drauen regnet und friert, was sie nicht vertragen knnen. Hier unten kommt niemals Schnee und Wind, noch kalte Luft her, hier ist ein ewiger Sommer und Frhling, doch wenn die da oben nicht oft abgelst wrden, so vergingen sie gar. Aber wer seid ihr denn, fragte Marie, indem sie wieder in die Blumendfte hinunter stiegen, oder habt ihr keinen Namen, woran man euch erkennt? Wir heien Elfen, sagte das freundliche Kind, man spricht auch wohl in der Welt von uns, wie ich gehrt habe. Sie hrten auf der Wiese ein groes Getmmel. Der schne Vogel ist angekommen! riefen ihnen die Kinder entgegen; alles eilte in den Saal. Sie sahen indem schon, wie Jung und Alt sich ber die Schwelle drngte, alle jauchzten und von innen scholl eine jubilirende Musik heraus. Als sie hinein getreten waren, sahen sie die groe Rundung von den mannichfaltigsten Gestalten angefllt, und alle schauten nach einem groen Vogel hinauf, der in der Kuppel mit glnzendem Gefieder langsam fliegend vielfache Kreise beschrieb. Die Musik klang frhlicher als sonst, die Farben und Lichter wechselten schneller. Endlich schwieg die Musik, und der Vogel schwang sich rauschend auf eine glnzende Krone, die unter dem hohen Fenster schwebte, welches von oben die Wlbung erleuchtete. Sein Gefieder war purpurn und grn, durch welches sich die glnzendsten goldenen Streifen zogen, auf seinem Haupte bewegte sich ein Diadem von so hellleuchtenden kleinen Federn, da sie wie Edelgesteine blitzten. Der Schnabel war roth und die Beine glnzend blau. Wie er sich regte, schimmerten alle Farben durcheinander, und das Auge war entzckt. Seine Gre war die eines Adlers. Aber jezt erffnete er den leuchtenden Schnabel, und so se Melodie quoll aus seiner bewegten Brust, in schnern Tnen, als die der liebesbrnstigen Nachtigall; mchtiger zog der Gesang und go sich wie Lichtstrahlen aus, so da alle, bis auf die kleinsten Kinder selbst, vor Freuden und Entzckungen weinen muten. Als er geendigt hatte, neigten sich alle vor ihm, er umflog wieder in Kreisen die Wlbung, scho dann durch die Thr und schwang sich in den lichten Himmel, wo er oben bald nur noch wie ein rother Punkt erglnzte und sich den Augen dann schnell verlor. Warum seid ihr alle so in Freude? fragte Marie und neigte sich zum schnen Kinde, das ihr kleiner als gestern vorkam. Der Knig kommt! sagte die Kleine, den haben viele von uns noch gar nicht gesehn, und wo er sich hinwendet ist Glck und Frhlichkeit; wir haben schon lange auf ihn gehofft, sehnlicher, als ihr nach langem Winter auf den Frhling wartet, und nun hat er durch diesen schnen Botschafter seine Ankunft melden lassen. Dieser herrliche und verstndige Vogel, der im Dienst des Kniges gesandt wird, heit Phnix, er wohnt fern in Arabien auf einem Baum, der nur einmal in der Welt ist, so wie es auch keinen zweiten Phnix giebt. Wenn er sich alt fhlt, trgt er aus Balsam und Weihrauch ein Nest zusammen, zndet es an und verbrennt sich selbst, so stirbt er singend, und aus der duftenden Asche schwingt sich dann der verjngte Phnix mit neuer Schnheit wieder auf. Selten nur nimmt er seinen Flug so, da ihn die Menschen sehn, und geschieht es einmal in Jahrhunderten, so zeichnen sie es in ihre Denkbcher auf, und erwarten wundervolle Begebenheiten. Aber nun, meine Freundin, wirst du auch scheiden mssen, denn der Anblick des Kniges ist dir nicht vergnnt. Da wandelte die goldbekleidete schne Frau durch das Gedrnge, winkte Marien zu sich und ging mit ihr unter einen einsamen Laubengang; du mut uns verlassen, mein geliebtes Kind, sagte sie; der Knig will auf zwanzig Jahr, und vielleicht auf lnger, sein Hoflager hier halten, nun wird sich Fruchtbarkeit und Segen weit in die Landschaft verbreiten, am meisten hier in der Nhe; alle Brunnen und Bche werden ergiebiger, alle Aecker und Grten reicher, der Wein edler, die Wiese fetter und der Wald frischer und grner; mildere Luft weht, kein Hagel schadet, keine Ueberschwemmung droht. Nimm diesen Ring und gedenke unser, doch hte dich, irgend wem von uns zu erzhlen, sonst mssen wir diese Gegend fliehen, und alle umher, so wie du selbst, entbehren dann das Glck und die Segnung unsrer Nhe: noch einmal ksse deine Gespielin und lebe wohl. Sie traten heraus, Zerina weinte, Marie bckte sich, sie zu umarmen, sie trennten sich. Schon stand sie auf der schmalen Brcke, die kalte Luft wehte hinter ihr aus den Tannen, das Hndchen bellte auf das herzhafteste und lie sein Glckchen ertnen; sie sah zurck und eilte in das Freie, weil die Dunkelheit der Tannen, die Schwrze der verfallenen Htten, die dmmernden Schatten sie mit ngstlicher Furcht befielen. Wie werden sich meine Eltern meinethalb in dieser Nacht gengstigt haben! sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Felde stand, und ich darf ihnen doch nicht erzhlen, wo ich gewesen bin und was ich gesehn habe, auch wrden sie mir nimmermehr glauben. Zwei Mnner gingen an ihr vorber, die sie grten, und sie hrte hinter sich sagen: das ist ein schnes Mdchen! Wo mag sie nur her sein? Mit eiligeren Schritten nherte sie sich dem elterlichen Hause, aber die Bume, die gestern voller Frchte hingen, standen heute drr und ohne Laub, das Haus war anders angestrichen, und eine neue Scheune daneben erbaut. Marie war in Verwunderung, und dachte, sie sei im Traum; in dieser Verwirrung ffnete sie die Thr des Hauses, und hinter dem Tische sa ihr Vater zwischen einer unbekannten Frau und einem fremden Jngling. Mein Gott, Vater! rief sie aus, wo ist denn die Mutter? -- die Mutter? sprach die Frau ahndend, und strzte hervor; ei, du bist doch wohl nicht, -- ja freilich, freilich bist du die verlorene, die todt geglaubte, die liebe einzige Marie! Sie hatte sie gleich an einem kleinen braunen Male unter dem Kinn, an den Augen und der Gestalt erkannt. Alle umarmten sie, alle waren freudig bewegt, und die Eltern vergossen Thrnen. Marie verwunderte sich, da sie fast zum Vater hinauf reichte, sie begriff nicht, wie die Mutter so verndert und geltert sein konnte, sie fragte nach dem Namen des jungen Menschen. Es ist ja unsers Nachbars Andres, sagte Martin, wie kommst du nur nach sieben langen Jahren so unvermuthet wieder? wo bist du gewesen? Warum hast du denn gar nichts von dir hren lassen? -- Sieben Jahr? sagte Marie, und konnte sich in ihren Vorstellungen und Erinnerungen nicht wieder zurecht finden; sieben ganzer Jahre? Ja, ja, sagte Andres lachend, und schttelte ihr treuherzig die Hand; ich habe gewonnen, Mariechen, ich bin schon vor sieben Jahren an dem Birnbaum und wieder hieher zurck gewesen, und du Langsame, kommst nun heut erst an! Man fragte von neuem, man drang in sie, doch sie, des Verbotes eingedenk, konnte keine Antwort geben. Man legte ihr fast die Erzhlung in den Mund, da sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden Wagen genommen, und an einen fremden Ort gefhrt sei, wo sie den Leuten den Wohnsitz ihrer Eltern nicht habe bezeichnen knnen; wie man sie nachher nach einer weit entlegenen Stadt gebracht habe, wo gute Menschen sie erzogen und geliebt; wie diese nun gestorben, und sie sich endlich wieder auf ihre Geburtsgegend besonnen, eine Gelegenheit zur Reise ergriffen habe und so zurck gekehrt sei. Lat alles gut sein, rief die Mutter; genug, da wir dich nur wieder haben, mein Tchterchen, du meine Einzige, mein Alles! Andres blieb zum Abendbrod, und Marie konnte sich noch in nichts finden. Das Haus dnkte ihr klein und finster, sie verwunderte sich ber ihre Tracht, die reinlich und einfach, aber ganz fremd erschien; sie betrachtete den Ring am Finger, dessen Gold wundersam glnzte und einen roth brennenden Stein knstlich einfate. Auf die Frage des Vaters antwortete sie, da der Ring ebenfalls ein Geschenk ihrer Wohlthter sei. Sie freute sich auf die Schlafenszeit, und eilte zur Ruhe. Am andern Morgen fhlte sie sich besonnener, sie hatte ihre Vorstellungen mehr geordnet, und konnte den Leuten aus dem Dorfe, die alle sie zu begren kamen, besser Red' und Antwort geben. Andres war schon mit dem Frhesten wieder da, und zeigte sich uerst geschftig, erfreut und dienstfertig. Das funfzehnjhrige aufgeblhte Mdchen hatte ihm einen tiefen Eindruck gemacht, und die Nacht war ihm ohne Schlaf vergangen. Die Herrschaft lie Marien auf das Schlo fordern, sie mute hier wieder ihre Geschichte erzhlen, die ihr nun schon gelufig geworden war; der alte Herr und die gndige Frau bewunderten ihre gute Erziehung, denn sie war bescheiden, ohne verlegen zu sein, sie antwortete hflich und in guten Redensarten auf alle vorgelegten Fragen; die Furcht vor den vornehmen Menschen und ihrer Umgebung hatte sich bei ihr verloren, denn wenn sie diese Sle und Gestalten mit den Wundern und der hohen Schnheit ma, die sie bei den Elfen im heimlichen Aufenthalt gesehen hatte, so erschien ihr dieser irdische Glanz nur dunkel, die Gegenwart der Menschen fast geringe. Die jungen Herren waren vorzglich ber ihre Schnheit entzckt. Es war im Februar. Die Bume belaubten sich frher als je, so zeitig hatte sich die Nachtigall noch niemals eingestellt, der Frhling kam schner in das Land, als ihn sich die ltesten Greise erinnern konnten. Aller Orten thaten sich Bchlein hervor und trnkten die Wiesen und Auen; die Hgel schienen zu wachsen, die Rebengelnder erhuben sich hher, die Obstbume blhten wie niemals, und ein schwellender duftender Segen hing schwer in Bltenwolken ber der Landschaft. Alles gedieh ber Erwarten, kein rauher Tag, kein Sturm beschdigte die Frucht; der Wein quoll errthend in ungeheuern Trauben, und die Einwohner des Ortes staunten sich an, und waren wie in einem sen Traum befangen. Das folgende Jahr war eben so, aber man war schon an das Wundersame mehr gewhnt. Im Herbst gab Marie den dringenden Bitten des Andres und ihrer Eltern nach: sie ward seine Braut und im Winter mit ihm verheirathet. Oft dachte sie mit inniger Sehnsucht an ihren Aufenthalt hinter den Tannenbumen zurck; sie blieb still und ernst. So schn auch alles war, was sie umgab, so kannte sie doch etwas noch Schneres, wodurch eine leise Trauer ihr Wesen zu einer sanften Schwermuth stimmte. Schmerzhaft traf es sie, wenn der Vater oder ihr Mann von den Zigeunern und Schelmen sprachen, die im finstern Grunde wohnten; oft wollte sie sie vertheidigen, die sie als Wohlthter der Gegend kannte, vorzglich gegen Andres, der eine Lust im eifrigen Schelten zu finden schien, aber sie zwang das Wort jedesmal in ihre Brust zurck. So verlebte sie das Jahr, und im folgenden ward sie durch eine junge Tochter erfreut, welche sie Elfriede nannte, indem sie dabei an den Namen der Elfen dachte. Die jungen Leute wohnten mit Martin und Brigitte in demselben Hause, welches gerumig genug war, und halfen den Eltern die ausgebreitete Wirthschaft fhren. Die kleine Elfriede zeigte bald besondere Fhigkeiten und Anlagen, denn sie lief sehr frh, und konnte alles sprechen, als sie noch kein Jahr alt war; nach einigen Jahren aber war sie so klug und sinnig, und von so wunderbarer Schnheit, da alle Menschen sie mit Erstaunen betrachteten, und ihre Mutter sich nicht der Meinung erwehren konnte, sie sehe jenen glnzenden Kindern im Tannengrunde hnlich. Elfriede hielt sich nicht gern zu andern Kindern, sondern vermied bis zur Aengstlichkeit ihre geruschvollen Spiele, und war am liebsten allein. Dann zog sie sich in eine Ecke des Gartens zurck, und las oder arbeitete eifrig am kleinen Nhzeuge; oft sah man sie auch wie tief in sich versunken sitzen, oder da sie in Gngen heftig auf und nieder ging und mit sich selber sprach. Die beiden Eltern lieen sie gern gewhren, weil sie gesund war und gedieh, nur machten sie die seltsamen verstndigen Antworten und Bemerkungen oft besorgt. So kluge Kinder, sagte die Gromutter Brigitte vielmals, werden nicht alt, sie sind zu gut fr diese Welt, auch ist das Kind ber die Natur schn, und wird sich auf Erden nicht zurecht finden knnen. Die Kleine hatte die Eigenheit, da sie sich hchst ungern bedienen lie, alles wollte sie selber machen. Sie war fast die frheste auf im Hause, und wusch sich sorgfltig und kleidete sich selber an; eben so sorgsam war sie am Abend, sie achtete sehr darauf, Kleider und Wsche selbst einzupacken, und durchaus Niemand, auch die Mutter nicht, ber ihre Sachen kommen zu lassen. Die Mutter sah ihr in diesem Eigensinne nach, weil sie sich nichts weiter dabei dachte, aber wie erstaunte sie, als sie sie an einem Feiertage, zu einem Besuch auf dem Schlosse, mit Gewalt umkleidete, so sehr sich auch die Kleine mit Geschrei und Thrnen dagegen wehrte, und auf ihrer Brust an einem Faden hngend, ein Goldstck von seltsamer Form antraf, welches sie sogleich fr eines von jenen erkannte, deren sie so viele in dem unterirdischen Gewlbe gesehn hatte. Die Kleine war sehr erschrocken, und gestand endlich, sie habe es im Garten gefunden, und da es ihr sehr wohlgefallen, habe sie es so msig aufbewahrt; sie bat auch so dringend und herzlich, es ihr zu lassen, da Marie es wieder auf derselben Stelle befestigte und voller Gedanken mit ihr stillschweigend zum Schlosse hinauf ging. Seitwrts vom Hause der Pachterfamilie lagen einige Wirthschaftsgebude zur Aufbewahrung der Frchte und des Feldgerthes, und hinter diesen befand sich ein Grasplatz mit einer alten Laube, die aber kein Mensch jezt besuchte, weil sie nach der neuen Einrichtung der Gebude zu entfernt vom Garten war. In dieser Einsamkeit hielt sich Elfriede am liebsten auf, und es fiel Niemanden ein, sie hier zu stren, so da die Eltern oft in halben Tagen ihrer nicht ansichtig wurden. An einem Nachmittage befand sich die Mutter in den Gebuden, um aufzurumen und eine verlorene Sache wieder zu finden, als sie wahrnahm, da durch eine Ritze der Mauer ein Lichtstrahl in das Gemach falle. Es kam ihr der Gedanke, hindurch zu sehn, um ihr Kind zu beobachten, und es fand sich, da ein locker gewordener Stein sich von der Seite schieben lie, wodurch sie den Blick gerade hinein in die Laube gewann. Elfriede sa drinnen auf einem Bnkchen, und neben ihr die wohlbekannte Zerina, und beide Kinder spielten und ergtzten sich in holdseliger Eintracht. Die Elfe umarmte das schne Kind und sagte traurig: Ach, du liebes Wesen, so wie mit dir habe ich schon mit deiner Mutter gespielt, als sie klein war und uns besuchte, aber ihr Menschen wachst zu bald auf und werdet so schnell gro und vernnftig; das ist recht betrbt: bliebest du doch so lange ein Kind, wie ich! Gern tht ich dir den Gefallen, sagte Elfriede, aber sie meinen ja alle, ich wrde bald zu Verstande kommen, und gar nicht mehr spielen, denn ich htte rechte Anlagen, altklug zu werden. Ach! und dann seh' ich dich auch nicht wieder, du liebes Zerinchen! Ja, es geht wie mit den Baumblten: wie herrlich der blhende Apfelbaum mit seinen rthlichen aufgequollenen Knospen! der Baum thut so gro und breit, und jedermann, der drunter weg geht, meint auch, es msse recht was Besonderes werden; dann kommt die Sonne, die Blte geht so leutselig auf, und da steckt schon der bse Kern drunter, der nachher den bunten Putz verdrngt und hinunter wirft; nun kann er sich gengstigt und aufwachsend nicht mehr helfen, er mu im Herbst zur Frucht werden. Wohl ist ein Apfel auch lieb und erfreulich, aber doch nichts gegen die Frhlingsblte: so geht es mit uns Menschen auch; ich kann mich nicht darauf freuen, ein groes Mdchen zu werden. Ach, knnt' ich euch doch nur einmal besuchen! Seit der Knig bei uns wohnt, sagte Zerina, ist es ganz unmglich, aber ich komme ja so oft zu dir, Liebchen, und keiner sieht mich, keiner wei es, weder hier noch dort; ungesehn geh ich durch die Luft, oder fliege als Vogel herber; o wir wollen noch recht viel beisammen sein, so lange du klein bist. Was kann ich dir nur zu Gefallen thun? Recht lieb sollst du mich haben, sagte Elfriede, so lieb, wie ich dich in meinem Herzen trage; doch la uns auch einmal wieder eine Rose machen. Zerina nahm das bekannte Schchtelchen aus dem Busen, warf zwei Krner hin, und pltzlich stand ein grnender Busch mit zweien hochrothen Rosen vor ihnen, welche sich zu einander neigten, und sich zu kssen schienen. Die Kinder brachen die Rosen lchelnd ab, und das Gebsch war wieder verschwunden. O mte es nur nicht wieder so schnell sterben, sagte Elfriede, das rothe Kind, das Wunder der Erde. Gieb! sagte die kleine Elfe, hauchte dreimal die aufknospende Rose an, und kte sie dreimal; nun, sprach sie, indem sie die Blume zurck gab, bleibt sie frisch und blhend bis zum Winter. Ich will sie wie ein Bild von dir aufheben, sagte Elfriede, sie in meinem Kmmerchen wohl bewahren, und sie Morgens und Abends kssen, als wenn du es wrst. Die Sonne geht schon unter, sagte jene, ich mu jezt nach Hause. Sie umarmten sich noch einmal, dann war Zerina verschwunden. Am Abend nahm Marie ihr Kind mit einem Gefhl von Bengstigung und Ehrfurcht in die Arme; sie lie dem holden Mdchen nun noch mehr Freiheit als sonst, und beruhigte oft ihren Gatten, wenn er, um das Kind aufzusuchen, kam, was er seit einiger Zeit wohl that, weil ihm ihre Zurckgezogenheit nicht gefiel, und er frchtete, sie knne darber einfltig, oder gar unklug werden. Die Mutter schlich fter nach der Spalte der Mauer, und fast immer fand sie die kleine glnzende Elfe neben ihrem Kinde sitzen, mit Spielen beschftigt, oder in ernsthaften Gesprchen. Mchtest du fliegen knnen? fragte Zerina einmal ihre Freundin. Wie gerne! rief Elfriede aus. Sogleich umfate die Fee die Sterbliche, und schwebte mit ihr vom Boden empor, so da sie zur Hhe der Laube stiegen. Die besorgte Mutter verga ihre Vorsicht, und lehnte sich erschreckend mit dem Kopfe hinaus, um ihnen nachzusehn; da erhob aus der Luft Zerina den Finger und drohte lchelnd, lie sich mit dem Kinde wieder nieder, herzte sie, und war verschwunden. Es geschah nachher noch fter, da Marie von dem wunderbaren Kinde gesehen wurde, welches jedesmal mit dem Kopfe schttelte oder drohte, aber mit freundlicher Geberde. Oftmals schon hatte bei vorgefallenem Streite Marie im Eifer zu ihrem Manne gesagt: du thust den armen Leuten in der Htte Unrecht! Wenn Andres dann in sie drang, ihm zu erklren, warum sie der Meinung aller Leute im Dorfe, ja der Herrschaft selber entgegen sei und es besser wissen wolle, brach sie ab, und schwieg verlegen. Heftiger als je ward Andres eines Tages nach Tische und behauptete, das Gesindel msse als landesverderblich durchaus fortgeschafft werden; da rief sie im Unwillen aus: schweig, denn sie sind deine und unser aller Wohlthter! Wohlthter? fragte Andres erstaunt; die Landstreicher? In ihrem Zorne lie sie sich verleiten, ihm unter dem Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit die Geschichte ihrer Jugend zu erzhlen, und da er bei jedem ihrer Worte unglubiger wurde und verhhnend den Kopf schttelte, nahm sie ihn bei der Hand und fhrte ihn in das Gemach, von wo er zu seinem Erstaunen die leuchtende Elfe mit seinem Kinde in der Laube spielen, und es liebkosen sah. Er wute kein Wort zu sagen; ein Ausruf der Verwunderung entfuhr ihm, und Zerina erhob den Blick. Sie wurde pltzlich bleich und zitterte heftig, nicht freundlich, sondern mit zorniger Miene machte sie die drohende Geberde, und sagte dann zu Elfrieden: du kannst nichts dafr, geliebtes Herz, aber sie werden niemals klug, so verstndig sie sich auch dnken. Sie umarmte die Kleine mit strmender Eil, und flog dann als Rabe mit heiserem Geschrei ber den Garten hinweg, den Tannenbumen zu. Am Abend war die Kleine sehr still und kte weinend die Rose, Marien war ngstlich zu Sinne, Andres sprach wenig. Es wurde Nacht. Pltzlich rauschten die Bume, Vgel flogen mit ngstlichem Geschrei umher, man hrte den Donner rollen, die Erde zitterte und Klagetne winselten in der Luft. Marie und Andres hatten nicht den Muth aufzustehn; sie hllten sich in die Decken und erwarteten mit Furcht und Zittern den Tag. Gegen Morgen ward es ruhiger, und alles war still, als die Sonne mit ihrem Lichte ber den Wald hervor drang. Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, da der Stein des Ringes an ihrem Finger verblat war. Als sie die Thr ffneten, schien ihnen die Sonne klar entgegen, aber die Landschaft umher kannten sie kaum wieder. Die Frische des Waldes war verschwunden, die Hgel hatten sich gesenkt, die Bche flossen matt mit wenigem Wasser, der Himmel schien grau, und als man den Blick nach den Tannen hinber wandte, standen sie nicht finstrer oder trauriger da, als die brigen Bume; die Htten hinter ihnen hatten nichts Abschreckendes, und mehrere Einwohner des Dorfes kamen und erzhlten von der seltsamen Nacht, und da sie ber den Hof gegangen seien, wo die Zigeuner gewohnt, die wohl fort gegangen sein mten, weil die Htten leer stnden, und im Innern ganz gewhnlich wie die Wohnungen andrer armen Leute ausshen; einiges vom Hausrath wre zurck geblieben. Elfriede sagte zu ihrer Mutter heimlich: als ich in der Nacht nicht schlafen konnte, und in der Angst bei dem Getmmel vom Herzen betete, da ffnete sich pltzlich meine Thr, und herein trat meine Gespielin, um Abschied von mir zu nehmen. Sie hatte eine Reisetasche um, einen Hut auf ihrem Kopf, und einen groen Wanderstab in der Hand. Sie war sehr bse auf dich, weil sie deinetwegen nun die grten und schmerzhaftesten Strafen aushalten msse, da sie dich doch immer so geliebt habe; denn alle, so wie sie sagte, verlieen nur sehr ungern diese Gegend. Marie verbot ihr, davon zu sprechen, und indem kam auch der Fhrmann vom Strome herber, welcher Wunderdinge erzhlte. Mit einbrechender Nacht war ein groer fremder Mann zu ihm gekommen, welcher ihm bis zu Sonnen-Aufgang die Fhre abgemiethet habe, doch mit der Bedingni, da er sich still zu Hause halten und schlafen, wenigstens nicht aus der Thr treten solle. Ich frchtete mich, fuhr der Alte fort, aber der seltsame Handel lie mich nicht schlafen. Sacht schlich ich mich ans Fenster und schaute nach dem Strome. Groe Wolken trieben unruhig durch den Himmel und die fernen Wlder rauschten bange; es war, als wenn meine Htte bebte und Klagen und Winseln um das Haus schlich. Da sah ich pltzlich ein weistrmendes Licht, das breiter und immer breiter wurde, wie viele tausend niedergefallene Sterne funkelnd und wogend bewegte es sich von dem finstern Tannengrunde her, zog ber das Feld, und verbreitete sich nach dem Flusse hin. Da hrte ich ein Trappeln, ein Klirren, ein Flstern und Suseln nher und nher; es ging nach meiner Fhre hin, hinein stiegen alle, groe und kleine leuchtende Gestalten, Mnner und Frauen, wie es schien, und Kinder, und der groe fremde Mann fuhr sie alle hinber; im Strome schwammen neben dem Fahrzeuge viel tausend helle Gebilde, in der Luft flatterten Lichter und weie Nebel, und alles klagte und jammerte, da sie so weit, weit reisen mten, aus der geliebten angewhnten Gegend fort. Der Ruderschlag und das Wasser rauschten dazwischen, und dann war wieder pltzlich eine Stille. Oft stie die Fhre an, und kam zurck und ward von neuem beladen, auch viele schwere Gefe nahmen sie mit, die grliche kleine Gesellen trugen und rollten; waren es Teufel, waren es Kobolde, ich wei es nicht. Dann kam im wogenden Glanz ein stattlicher Zug. Ein Greis schien es, auf einem weien kleinen Rosse, um den sich alles drngte; ich sah aber nur den Kopf des Pferdes, denn es war ber und ber mit kostbaren glnzenden Decken verhangen; auf dem Haupt trug der Alte eine Krone, so da ich dachte, als er hinber gefahren, die Sonne wolle von dorten aufgehn, und das Morgenroth funkle mir entgegen. So whrte es die ganze Nacht; ich schlief endlich in dem Gewirre ein, zum Theil in Freude, zum Theil in Schauder. Am Morgen war alles ruhig, aber der Flu ist wie weg gelaufen, so da ich Noth haben werde mein Fahrzeug zu regieren. Noch in demselben Jahre war ein Miwachs, die Wlder starben ab, die Quellen vertrockneten, und dieselbe Gegend, die sonst die Freude jedes Durchreisenden gewesen war, stand im Herbst verdet, nackt und kahl, und zeigte kaum hie und da noch im Meere von Sand ein Pltzchen, wo Gras mit fahlem Grn empor wuchs. Die Obstbume gingen alle aus, die Weinberge verdarben, und der Anblick der Landschaft war so traurig, da der Graf im folgenden Jahre mit seiner Familie das Schlo verlie, welches nachher verfiel und zur Ruine wurde. Elfriede betrachtete Tag und Nacht mit der grten Sehnsucht ihre Rose und gedachte ihrer Gespielin, und so wie die Blume sich neigte und welkte, so senkte sie auch das Kpfchen, und war schon vor dem Frhlinge verschmachtet. Marie stand oft auf dem Platze vor der Htte und beweinte das entschwundene Glck. Sie verzehrte sich, wie ihr Kind, und folgte ihm in einigen Jahren. Der alte Martin zog mit seinem Schwiegersohne nach der Gegend, in der er vormals gelebt hatte. * * * * * Die Damen waren mit dieser Erzhlung zufrieden. _Wilibald_ war noch brig, um sein Mhrchen vorzutragen, und er fing sogleich ohne Einleitung an. Der Pokal. 1811. Vom groen Dom erscholl das vormittgige Gelute. Ueber den weiten Platz wandelten in verschiedenen Richtungen Mnner und Weiber, Wagen fuhren vorber und Priester gingen nach ihren Kirchen. Ferdinand stand auf der breiten Treppe, den Wandelnden nachsehend und diejenigen betrachtend, welche herauf stiegen, um dem Hochamte beizuwohnen. Der Sonnenschein glnzte auf den weien Steinen, alles suchte den Schatten gegen die Hitze; nur er stand schon seit lange sinnend an einen Pfeiler gelehnt, in den brennenden Strahlen, ohne sie zu fhlen, denn er verlor sich in den Erinnerungen, die in seinem Gedchtnisse aufstiegen. Er dachte seinem Leben nach, und begeisterte sich an dem Gefhl, welches sein Leben durchdrungen und alle andern Wnsche in ihm ausgelscht hatte. In derselben Stunde stand er hier im vorigen Jahre, um Frauen und Mdchen zur Messe kommen zu sehn; mit gleichgltigem Herzen und lchelndem Auge hatte er die mannichfaltigen Gestalten betrachtet, mancher holde Blick war ihm schalkhaft begegnet und manche jungfruliche Wange war errthet; sein sphendes Auge sah den niedlichen Fchen nach, wie sie die Stufen herauf schritten, und wie sich das schwebende Gewand mehr oder weniger verschob, um die feinen Knchel zu enthllen. Da kam ber den Markt eine jugendliche Gestalt, in Schwarz, schlank und edel, die Augen sittsam vor sich hingeheftet, unbefangen schwebte sie die Erhhung hinauf mit lieblicher Anmuth, das seidene Gewand legte sich um den schnsten Krper und wiegte sich wie in Musik um die bewegten Glieder; jezt wollte sie den letzten Schritt thun, und von ohngefhr erhob sie das Auge und traf mit dem blauesten Strahle in seinen Blick. Er ward wie von einem Blitz durchdrungen. Sie strauchelte, und so schnell er auch hinzu sprang, konnte er doch nicht verhindern, da sie nicht kurze Zeit in der reizendsten Stellung knieend vor seinen Fen lag. Er hob sie auf, sie sah ihn nicht an, sondern war ganz Rthe, antwortete auch nicht auf seine Frage, ob sie sich beschdiget habe. Er folgte ihr in die Kirche und sah nur das Bildni, wie sie vor ihm gekniet, und der schnste Busen ihm entgegen gewogt. Am folgenden Tage besuchte er die Schwelle des Tempels wieder; die Sttte war ihm geweiht. Er hatte abreisen wollen, seine Freunde erwarteten ihn ungeduldig in seiner Heimath; aber von nun an war hier sein Vaterland, sein Herz war umgewendet. Er sah sie fter, sie vermied ihn nicht, doch waren es nur einzelne und gestohlene Augenblicke; denn ihre reiche Familie bewachte sie genau, noch mehr ein angesehener eiferschtiger Brutigam. Sie gestanden sich ihre Liebe, wuten aber keinen Rath in ihrer Lage; denn er war fremd und konnte seiner Geliebten kein so groes Glck anbieten, als sie zu erwarten berechtiget war. Da fhlte er seine Armuth; doch wenn er an seine vorige Lebensweise dachte, dnkte er sich berschwnglich reich, denn sein Dasein war geheiligt, sein Herz schwebte immerdar in der schnsten Rhrung; jezt war ihm die Natur befreundet und ihre Schnheit seinen Sinnen offenbar, er fhlte sich der Andacht und Religion nicht mehr fremd, und betrat dieselbe Schwelle, das geheimnivolle Dunkel des Tempels jezt mit ganz andern Gefhlen, als in jenen Tagen des Leichtsinns. Er zog sich von seinen Bekanntschaften zurck und lebte nur der Liebe. Wenn er durch ihre Strae ging und sie nur am Fenster sah, war er fr diesen Tag glcklich; er hatte sie in der Dmmerung des Abends oftmals gesprochen, ihr Garten stie an den eines Freundes, der aber sein Geheimni nicht wute. So war ein Jahr vorber gegangen. Alle diese Scenen seines neuen Lebens zogen wieder durch sein Gedchtni. Er erhob seinen Blick, da schwebte die edle Gestalt schon ber den Platz, sie leuchtete ihm wie eine Sonne aus der verworrenen Menge hervor. Ein lieblicher Gesang ertnte in seinem sehnschtigen Herzen, und er trat, wie sie sich annherte, in die Kirche zurck. Er hielt ihr das geweihte Wasser entgegen, ihre weien Finger zitterten, als sie die seinigen berhrte, sie neigte sich holdselig. Er folgte ihr nach, und kniete in ihrer Nhe. Sein ganzes Herz zerschmolz in Wehmuth und Liebe, es dnkte ihm, als wenn aus den Wunden der Sehnsucht sein Wesen in andchtigen Gebeten dahin blutete; jedes Wort des Priesters durchschauerte ihn, jeder Ton der Musik go Andacht in seinen Busen; seine Lippen bebten, als die Schne das Crucifix ihres Rosenkranzes an den brnstigen rothen Mund drckte. Wie hatte er ehemals diesen Glauben und diese Liebe so gar nicht begreifen knnen. Da erhob der Priester die Hostie und die Glocke schallte, sie neigte sich demthiger und bekreuzte ihre Brust; und wie ein Blitz schlug es durch alle seine Krfte und Gefhle, und das Altarbild dnkte ihm lebendig und die farbige Dmmerung der Fenster wie ein Licht des Paradieses; Thrnen strmten reichlich aus seinen Augen und linderten die verzehrende Inbrunst seines Herzens. Der Gottesdienst war geendigt. Er bot ihr wieder den Weihbrunnen, sie sprachen einige Worte und sie entfernte sich. Er blieb zurck, um keine Aufmerksamkeit zu erregen; er sah ihr nach, bis der Saum ihres Kleides um die Ecke verschwand. Da war ihm wie dem mden verirrten Wanderer, dem im dichten Walde der letzte Schein der untergehenden Sonne erlischt. Er erwachte aus seiner Trumerei, als ihm eine alte drre Hand auf die Schulter schlug, und ihn jemand bei Namen nannte. Er fuhr zurck, und erkannte seinen Freund, den mrrischen Albert, der von allen Menschen sich zurck zog, und dessen einsames Haus nur dem jungen Ferdinand geffnet war. Seid ihr unsrer Abrede noch eingedenk? fragte die heisere Stimme. O ja, antwortete Ferdinand, und werdet ihr euer Versprechen heut noch halten? Noch in dieser Stunde, antwortete jener, wenn ihr mir folgen wollt. Sie gingen durch die Stadt und in einer abgelegenen Strae in ein groes Gebude. Heute, sagte der Alte, mt ihr euch schon mit mir in das Hinterhaus bemhn, in mein einsamstes Zimmer, damit wir nicht etwa gestrt werden. Sie gingen durch viele Gemcher, dann ber einige Treppen; Gnge empfingen sie, und Ferdinand, der das Haus zu kennen glaubte, mute sich ber die Menge der Zimmer, so wie ber die seltsame Einrichtung des weitlufigen Gebudes verwundern, noch mehr aber darber, da der Alte, welcher unverheirathet war, der auch keine Familie hatte, es allein mit einem einzigen Bedienten bewohne, und niemals an Fremde von dem berflssigen Raume hatte vermiethen wollen. Albert schlo endlich auf und sagte: nun sind wir zur Stelle. Ein groes hohes Zimmer empfing sie, das mit rothem Damast ausgeschlagen war, den goldene Leisten einfaten, die Sessel waren von dem nehmlichen Zeuge, und durch rothe schwerseidne Vorhnge, welche nieder gelassen waren, schimmerte ein purpurnes Licht. Verweilt einen Augenblick, sagte der Alte, indem er in ein anderes Gemach ging. Ferdinand betrachtete inde einige Bcher, in welchen er fremde unverstndliche Charaktere, Kreise und Linien, nebst vielen wunderlichen Zeichnungen fand, und nach dem wenigen, was er lesen konnte, schienen es alchemistische Schriften; er wute auch, da der Alte im Rufe eines Goldmachers stand. Eine Laute lag auf dem Tische, welche seltsam mit Perlmutter und farbigen Hlzern ausgelegt war und in glnzenden Gestalten Vgel und Blumen darstellte, der Stern in der Mitte war ein groes Stck Perlmutter, auf das kunstreichste in vielen durchbrochenen Zirkelfiguren, fast wie die Fensterrose einer gothischen Kirche, ausgearbeitet. Ihr betrachtet da mein Instrument, sagte Albert, welcher zurck kehrte, es ist schon zweihundert Jahr alt, und ich habe es als Andenken meiner Reise aus Spanien mitgebracht. Doch lat das alles, und setzt euch jezt. Sie setzten sich an den Tisch, der ebenfalls mit einem rothen Teppiche bedeckt war, und der Alte stellte etwas Verhlltes auf die Tafel. Aus Mitleid gegen eure Jugend, fing er an, habe ich euch neulich versprochen, euch zu wahrsagen, ob ihr glcklich werden knnt oder nicht, und dieses Versprechen will ich in gegenwrtiger Stunde lsen, ob ihr gleich die Sache neulich nur fr einen Scherz halten wolltet. Ihr drft euch nicht entsetzen, denn, was ich vorhabe, kann ohne Gefahr geschehn, und weder furchtbare Citationen sollen von mir vorgenommen werden, noch soll euch eine grliche Erscheinung erschrecken. Die Sache, die ich versuchen will, kann in zweien Fllen milingen: wenn ihr nmlich nicht so wahrhaft liebt, als ihr mich habt wollen glauben machen, denn alsdann ist meine Bemhung umsonst und es zeigt sich gar nichts; oder da ihr das Orakel strt und durch eine unntze Frage oder ein hastiges Auffahren vernichtet, indem ihr euren Sitz verlat und das Bild zertrmmert; ihr mt mir also versprechen, euch ganz ruhig zu verhalten. Ferdinand gab das Wort, und der Alte wickelte aus den Tchern das, was er mitgebracht hatte. Es war ein goldener Pokal von sehr knstlicher und schner Arbeit. Um den breiten Fu lief ein Blumenkranz mit Myrthen und verschiedenem Laube und Frchten gemischt, erhaben ausgefhrt mit mattem oder klarem Golde. Ein hnliches Band, aber reicher, mit kleinen Figuren und fliehenden wilden Thierchen, die sich vor den Kindern frchteten oder mit ihnen spielten, zog sich um die Mitte des Bechers. Der Kelch war schn gewunden, er bog sich oben zurck, den Lippen entgegen, und inwendig funkelte das Gold mit rother Gluth. Der Alte stellte den Becher zwischen sich und den Jngling, und winkte ihn nher. Fhlt ihr nicht etwas, sprach er, wenn euer Auge sich in diesem Glanz verliert? Ja, sagte Ferdinand, dieser Schein spiegelt in mein Innres hinein, ich mchte sagen, ich fhle ihn wie einen Ku in meinem sehnschtigen Busen. So ist es recht! sagte der Alte; nun lat eure Augen nicht mehr herum schweifen, sondern haltet sie fest auf den Glanz dieses Goldes, und denkt so lebhaft wie mglich an eure Geliebte. Beide saen eine Weile ruhig, und schauten vertieft den leuchtenden Becher an. Bald aber fuhr der Alte mit stummer Geberde, erst langsam, dann schneller, endlich in eilender Bewegung mit streichendem Finger um die Glut des Pokals in ebenmigen Kreisen hin. Dann hielt er wieder inne und legte die Kreise von der andern Seite. Als er eine Weile dies Beginnen fortgesetzt hatte, glaubte Ferdinand Musik zu hren, aber es klang wie drauen, in einer fernen Gasse; doch bald kamen die Tne nher, sie schlugen lauter und lauter an, sie zitterten bestimmter durch die Luft, und es blieb ihm endlich kein Zweifel, da sie aus dem Innern des Bechers hervor quollen. Immer strker ward die Musik, und von so durchdringender Kraft, da des Jnglings Herz erzitterte und ihm die Thrnen in die Augen stiegen. Eifrig fuhr die Hand des Alten in verschiedenen Richtungen ber die Mndung des Bechers, und es schien, als wenn Funken aus seinen Fingern fuhren und zuckend gegen das Gold leuchtend und klingend zersprangen. Bald mehrten sich die glnzenden Punkte und folgten, wie auf einen Faden gereiht, der Bewegung seines Fingers hin und wieder; sie glnzten von verschiedenen Farben, und drngten sich allgemach dichter und dichter an einander, bis sie in Linien zusammen schossen. Nun schien es, als wenn der Alte in der rothen Dmmerung ein wundersames Netz ber das leuchtende Gold legte, denn er zog nach Willkhr die Strahlen hin und wieder, und verwebte mit ihnen die Oeffnung des Pokales; sie gehorchten ihm und blieben, einer Bedeckung hnlich, liegen, indem sie hin und wieder webten und in sich selber schwankten. Als sie so gefesselt waren, beschrieb er wieder die Kreise um den Rand, die Musik sank wieder zurck und wurde leiser und leiser, bis sie nicht mehr zu vernehmen war, das leuchtende Netz zitterte wie bengstiget. Es brach im zunehmenden Schwanken, und die Strahlen regneten tropfend in den Kelch, doch aus den niedertropfenden erhob sich wie eine rthliche Wolke, die sich in sich selbst in vielfachen Kreisen bewegte, und wie Schaum ber der Mndung schwebte. Ein hellerer Punkt schwang sich mit der grten Schnelligkeit durch die wolkigen Kreise. Da stand das Gebild, und wie ein Auge schaute es pltzlich aus dem Duft, wie goldene Locken flo und ringelte es oben, und alsbald ging ein sanftes Errthen in dem wankenden Schatten auf und ab, und Ferdinand erkannte das lchelnde Angesicht seiner Geliebten, die blauen Augen, die zarten Wangen, den lieblich rothen Mund. Das Haupt schwankte hin und her, hob sich deutlicher und sichtbarer auf dem schlanken weien Halse hervor und neigte sich zu dem entzckten Jnglinge hin. Der Alte beschrieb immer noch die Kreise um den Becher, und heraus traten die glnzenden Schultern, und so wie sich die liebliche Bildung aus dem goldenen Bett mehr hervor drngte und holdselig hin und wieder wiegte, so erschienen nun die beiden zarten, gewlbten und getrennten Brste, auf deren Spitze die feinste Rosenknospe mit s verhllter Rthe schimmerte. Ferdinand glaubte den Athem zu fhlen, indem das geliebte Bild wogend zu ihm neigte, und ihn fast mit den brennenden Lippen berhrte; er konnte sich im Taumel nicht mehr bewltigen, sondern drngte sich mit einem Kusse an den Mund, und whnte, die schnen Arme zu fassen, um die nackte Gestalt ganz aus dem goldenen Gefngni zu heben. Alsbald durchfuhr ein starkes Zittern das liebliche Bild, wie in tausend Linien brach das Haupt und der Leib zusammen, und eine Rose lag am Fu des Pokales, aus deren Rthe noch das se Lcheln schien. Sehnschtig ergriff sie Ferdinand, drckte sie an seinen Mund, und an seinem brennenden Verlangen verwelkte sie, und war in Luft zerflossen. Du hast schlecht dein Wort gehalten, sagte der Alte verdrlich, du kannst dir nur selber die Schuld beimessen. Er verhllte seinen Pokal wieder, zog die Vorhnge auf und erffnete ein Fenster; das helle Tageslicht brach herein, und Ferdinand verlie wehmthig und mit vielen Entschuldigungen den murrenden Alten. Er eilte bewegt durch die Straen der Stadt. Vor dem Thore setzte er sich unter den Bumen nieder. Sie hatte ihm am Morgen gesagt, da sie mit einigen Verwandten Abends ber Land fahren msse. Bald sa, bald wanderte er liebetrunken im Walde; immer sah er das holdselige Bild, wie es mehr und mehr aus dem glhenden Golde quoll; jezt erwartete er, sie heraus schreiten zu sehn im Glanze ihrer Schnheit, und dann zerbrach die schnste Form vor seinen Augen, und er zrnte mit sich, da er durch seine rastlose Liebe und die Verwirrung seiner Sinne das Bildni und vielleicht sein Glck zerstrt habe. Als nach der Mittagsstunde der Spaziergang sich allgemach mit Menschen fllte, zog er sich tiefer in das Gebsch zurck; sphend behielt er aber die ferne Landstrae im Auge, und jeder Wagen, der durch das Thor kam, wurde aufmerksam von ihm geprft. Es nherte sich dem Abende. Rothe Schimmer warf die untergehende Sonne, da flog aus dem Thor der reiche vergoldete Wagen, der feurig im Abendglanze leuchtete. Er eilte hinzu. Ihr Auge hatte das seinige schon gesucht. Freundlich und lchelnd lehnte sie den glnzenden Busen aus dem Schlage, er fing ihren liebevollen Gru und Wink auf; jezt stand er neben dem Wagen, ihr voller Blick fiel auf ihn, und indem sie sich weiter fahrend wieder zurck zog, flog die Rose, welche ihren Busen zierte, heraus, und lag zu seinen Fen. Er hob sie auf und kte sie, und ihm war, als weissage sie ihm, da er seine Geliebte nicht wieder sehn wrde, da nun sein Glck auf immer zerbrochen sei. * * * * * Auf und ab lief man die Treppen, das ganze Haus war in Bewegung, alles machte Geschrei und Lrmen zum morgenden groen Feste. Die Mutter war am thtigsten so wie am freudigsten; die Braut lie alles geschehn, und zog sich, ihrem Schicksal nachsinnend, in ihr Zimmer zurck. Man erwartete noch den Sohn, den Hauptmann mit seiner Frau und zwei ltere Tchter mit ihren Mnnern; Leopold, ein jngerer Sohn, war muthwillig beschftigt, die Unordnung zu vermehren, den Lrmen zu vergrern, und alles zu verwirren, indem er alles zu betreiben schien. Agathe, seine noch unverheirathete Schwester, wollte ihn zur Vernunft bringen und dahin bewegen, da er sich um nichts kmmere, und nur die andern in Ruhe lasse; aber die Mutter sagte: stre ihn nicht in seiner Thorheit, denn heute kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an; nur darum bitte ich euch alle, da ich schon auf so viel zu denken habe, da ihr mich nicht mit irgend etwas behelligt, was ich nicht hchst nthig erfahren mu; ob sie Porzellan zerbrechen, ob einige silberne Lffel fehlen, ob das Gesinde der Fremden Scheiben entzwei schlgt, mit solchen Possen rgert mich nicht, da ihr sie mir wieder erzhlt. Sind diese Tage der Unruhe vorber, dann wollen wir Rechnung halten. Recht so, Mutter! sagte Leopold, das sind Gesinnungen eines Regenten wrdig! Wenn auch einige Mgde den Hals brechen, der Koch sich betrinkt und den Schornstein anzndet, der Kellermeister vor Freude den Malvasier auslaufen oder aussaufen lt, Sie sollen von dergleichen Kindereien nichts erfahren. Es mte denn sein, da ein Erdbeben das Haus umwrfe; Liebste, das liee sich unmglich verhehlen. Wann wird er doch einmal klger werden! sagte die Mutter; was werden nur deine Geschwister denken, wenn sie dich eben so unklug wieder finden, als sie dich vor zwei Jahren verlassen haben. Sie mssen meinem Charakter Gerechtigkeit widerfahren lassen, antwortete der lebhafte Jngling, da ich nicht so wandelbar bin wie sie oder ihre Mnner, die sich in wenigen Jahren so sehr, und zwar nicht zu ihrem Vortheile verndert haben. Jezt trat der Brutigam zu ihnen, und fragte nach der Braut. Die Kammerjungfer ward geschickt, sie zu rufen. Hat Leopold Ihnen, liebe Mutter, meine Bitte vorgetragen? fragte der Verlobte. Da ich nicht wte, sagte diese; in der Unordnung hier im Hause kann man keinen vernnftigen Gedanken fassen. Die Braut trat herzu, und die jungen Leute begrten sich mit Freuden. Die Bitte, deren ich erwhnte, fuhr dann der Brutigam fort, ist, da Sie es nicht bel deuten mgen, wenn ich Ihnen noch einen Gast in Ihr Haus fhre, das fr diese Tage nur schon zu sehr besetzt ist. Sie wissen es selbst, sagte die Mutter, da, so gerumig es auch ist, sich schwerlich noch Zimmer einrichten lassen. Doch, rief Leopold, ich habe schon zum Theil dafr gesorgt, ich habe die groe Stube im Hinterhause aufrumen lassen. Ei, die ist nicht anstndig genug, sagte die Mutter, seit Jahren ist sie ja fast nur zur Polterkammer gebraucht. Prchtig ist sie hergestellt, sagte Leopold, und der Freund, fr den sie bestimmt ist, sieht auch auf dergleichen nicht, dem ist es nur um unsre Liebe zu thun; auch hat er keine Frau und befindet sich gern in der Einsamkeit, so da sie ihm gerade recht sein wird. Wir haben Mhe genug gehabt, ihm zuzureden und ihn wieder unter Menschen zu bringen. Doch wohl nicht euer trauriger Goldmacher und Geisterbanner? fragte Agathe. Kein andrer als der, erwiederte der Brutigam, wenn Sie ihn einmal so nennen wollen. Dann erlauben Sie es nur nicht, liebe Mutter, fuhr die Schwester fort; was soll ein solcher Mann in unserm Hause? Ich habe ihn einigemal mit Leopold ber die Strae gehen sehn, und mir ist vor seinem Gesicht bange geworden; auch besucht der alte Snder fast niemals die Kirche, er liebt weder Gott noch Menschen, und es bringt keinen Segen, dergleichen Unglubige bei so feierlicher Gelegenheit unter das Dach einzufhren. Wer wei, was daraus entstehn kann! Wie du nun sprichst! sagte Leopold erzrnt, weil du ihn nicht kennst, so verurtheilst du ihn, und weil dir seine Nase nicht gefllt, und er auch nicht mehr jung und reizend ist, so mu er, deinem Sinne nach, ein Geisterbanner und verruchter Mensch sein. Gewhren Sie, theure Mutter, sagte der Brutigam, unserm alten Freunde ein Pltzchen in ihrem Hause, und lassen Sie ihn an unserer allgemeinen Freude Theil nehmen. Er scheint, liebe Schwester Agathe, viel Unglck erlebt zu haben, welches ihn mitrauisch und menschenfeindlich gemacht hat, er vermeidet alle Gesellschaft, und macht nur eine Ausnahme mit mir und Leopold; ich habe ihm viel zu danken, er hat zuerst meinem Geiste eine bessere Richtung gegeben, ja ich kann sagen, er allein hat mich vielleicht der Liebe meiner Julie wrdig gemacht. Mir borgt er alle Bcher, fuhr Leopold fort, und, was mehr sagen will, alte Manuskripte, und, was noch mehr sagen will, Geld, auf mein bloes Wort; er hat die christlichste Gesinnung, Schwesterchen, und wer wei, wenn du ihn nher kennen lernst, ob du nicht deine Sprdigkeit fahren lssest, und dich in ihn verliebst, so hlich er dir auch jezt vorkommt. Nun so bringen Sie ihn uns, sagte die Mutter, ich habe schon sonst so viel aus Leopolds Munde von ihm hren mssen, da ich neugierig bin, seine Bekanntschaft zu machen. Nur mssen Sie es verantworten, da wir ihm keine bessere Wohnung geben knnen. Indem kamen Reisende an. Es waren die Mitglieder der Familie; die verheiratheten Tchter, so wie der Offizier, brachten ihre Kinder mit. Die gute Alte freute sich, ihre Enkel zu sehn; alles war Bewillkommnung und frohes Gesprch, und als der Brutigam und Leopold auch ihre Gre empfangen und abgelegt hatten, entfernten sie sich, um ihren alten mrrischen Freund aufzusuchen. Dieser wohnte die meiste Zeit des Jahres auf dem Lande, eine Meile von der Stadt, aber eine kleine Wohnung behielt er sich auch in einem Garten vor dem Thore. Hier hatten ihn zuflligerweise die beiden jungen Leute kennen gelernt. Sie trafen ihn jezt auf einem Kaffeehause, wohin sie sich bestellt hatten. Da es schon Abend geworden war, begaben sie sich nach einigen Gesprchen in das Haus zurck. Die Mutter nahm den Fremden sehr freundschaftlich auf; die Tchter hielten sich etwas entfernt, besonders war Agathe schchtern und vermied seine Blicke sorgfltig. Nach den ersten allgemeinen Gesprchen war das Auge des Alten aber unverwandt auf die Braut gerichtet, welche spter zur Gesellschaft getreten war; er schien entzckt und man bemerkte, da er eine Thrne heimlich abzutrocknen suchte. Der Brutigam freute sich an seiner Freude, und als sie nach einiger Zeit abseits am Fenster standen, nahm er die Hand des Alten und fragte ihn: Was sagen Sie von meiner geliebten Julie? Ist sie nicht ein Engel? -- O mein Freund, erwiederte der Alte gerhrt, eine solche Schnheit und Anmuth habe ich noch niemals gesehn; oder ich sollte vielmehr sagen, (denn dieser Ausdruck ist unrichtig) sie ist so schn, so bezaubernd, so himmlisch, da mir ist, als htte ich sie lngst gekannt, als wre sie, so fremd sie mir ist, das vertrauteste Bild meiner Imagination, das meinem Herzen stets einheimisch gewesen. Ich verstehe Sie, sagte der Jngling; ja das wahrhaft Schne, Groe und Erhabene, so wie es uns in Erstaunen und Verwunderung setzt, berrascht uns doch nicht als etwas Fremdes, Unerhrtes und Niegesehenes, sondern unser eigenstes Wesen wird uns in solchen Augenblicken klar, unsre tiefsten Erinnerungen werden erweckt, und unsre nchsten Empfindungen lebendig gemacht. Beim Abendessen nahm der Fremde an den Gesprchen nur wenigen Antheil; sein Blick war unverwandt auf die Braut geheftet, so da diese endlich verlegen und ngstlich wurde. Der Offizier erzhlte von einem Feldzuge, dem er beigewohnt hatte, der reiche Kaufmann sprach von seinen Geschften und der schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den Verbesserungen, welche er in seiner Landwirthschaft angefangen hatte. Nach Tische empfahl sich der Brutigam, um zum letztenmal in seine einsame Wohnung zurck zu kehren; denn knftig sollte er mit seiner jungen Frau im Hause der Mutter wohnen, ihre Zimmer waren schon eingerichtet. Die Gesellschaft zerstreute sich, und Leopold fhrte den Fremden nach seinem Gemach. Ihr entschuldigt es wohl, fing er auf dem Gange an, da ihr etwas entfernt hausen mt, und nicht so bequem, als die Mutter wnscht; aber ihr seht selbst, wie zahlreich unsre Familie ist, und morgen kommen noch andre Verwandte. Wenigstens werdet ihr uns nicht entlaufen knnen, denn ihr findet euch gewi nicht aus dem weitlufigen Gebude heraus. Sie gingen noch durch einige Gnge; endlich entfernte sich Leopold und wnschte gute Nacht. Der Bediente stellte zwei Wachskerzen hin, fragte, ob er den Fremden entkleiden solle, und da dieser jede Bedienung verbat, zog sich jener zurck, und er befand sich allein. Wie mu es mir denn begegnen, sagte er, indem er auf und nieder ging, da jenes Bildni so lebhaft heut aus meinem Herzen quillt? Ich verga die ganze Vergangenheit und glaubte sie selbst zu sehn. Ich war wieder jung und ihr Ton erklang wie damals; mir dnkte, ich sei aus einem schweren Traum erwacht; aber nein, jezt bin ich erwacht, und die holde Tuschung war nur ein ser Traum. Er war zu unruhig, um zu schlafen, er betrachtete einige Zeichnungen an den Wnden und dann das Zimmer. Heute ist mir alles so bekannt, rief er aus, knnt' ich mich doch fast so tuschen, da ich mir einbildete, dieses Haus und dieses Gemach seien mir nicht fremd. Er suchte seine Erinnerungen anzuknpfen, und hob einige groe Bcher auf, welche in der Ecke standen. Als er sie durchblttert hatte, schttelte er mit dem Kopfe. Ein Lautenfutteral lehnte an der Mauer; er erffnete es und nahm ein altes seltsames Instrument heraus, das beschdigt war und dem die Saiten fehlten. Nein, ich irre mich nicht, rief er bestrzt: diese Laute ist zu kenntlich, es ist die Spanische meines lngst verstorbenen Freundes Albert; dort stehn seine magischen Bcher, dies ist das Zimmer, in welchem er mir jenes holdselige Orakel erwecken wollte; verblichen ist die Rthe des Teppichs, die goldene Einfassung ermattet, aber wundersam lebhaft ist alles, alles aus jenen Stunden in meinem Gemth; darum schauerte mir, als ich hieher ging, auf jenen langen verwickelten Gngen, welche mich Leopold fhrte; o Himmel, hier auf diesem Tische stieg das Bildni quellend hervor, und wuchs auf wie von der Rthe des Goldes getrnkt und erfrischt; dasselbe Bild lachte hier mich an, welches mich heut Abend dorten im Saale fast wahnsinnig gemacht hat, in jenem Saale, in welchem ich so oft mit Albert in vertrauten Gesprchen auf und nieder wandelte. Er entkleidete sich, schlief aber nur wenig. Am Morgen stand er frh wieder auf, und betrachtete das Zimmer von neuem; er erffnete das Fenster, und sah dieselben Grten und Gebude vor sich, wie damals, nur waren inde viele neue Huser hinzu gebaut worden. Vierzig Jahre sind seitdem verschwunden, seufzte er, und jeder Tag von damals enthielt lngeres Leben als der ganze brige Zeitraum. Er ward wieder zur Gesellschaft gerufen. Der Morgen verging unter mannichfaltigen Gesprchen, endlich trat die Braut in ihrem Schmucke herein. So wie der Alte ihrer ansichtig ward, gerieth er wie auer sich, so da keinem in der Gesellschaft seine Bewegung entging. Man begab sich zur Kirche und die Trauung ward vollzogen. Als sich alle wieder im Hause befanden, fragte Leopold seine Mutter: nun, wie gefllt Ihnen unser Freund, der gute mrrische Alte? Ich habe ihn mir, antwortete diese, nach euren Beschreibungen viel abschreckender gedacht, er ist ja mild und theilnehmend, man knnte ein rechtes Zutrauen zu ihm gewinnen. Zutrauen? rief Agathe aus, zu diesen frchterlich brennenden Augen, diesen tausendfachen Runzeln, dem blassen eingekniffenen Mund, und diesem seltsamen Lachen, das so hhnisch klingt und aussieht? Nein, Gott bewahr mich vor solchem Freunde! Wenn bse Geister sich in Menschen verkleiden wollen, mssen sie eine solche Gestalt annehmen. Wahrscheinlich doch eine jngere und reizendere, antwortete die Mutter; aber ich kenne auch diesen guten Alten in deiner Beschreibung nicht wieder. Man sieht, da er von heftigem Temperament ist, und sich gewhnt hat alle seine Empfindungen in sich zu verschlieen; er mag, wie Leopold sagt, viel Unglck erlebt haben, daher ist er mitrauisch geworden, und hat jene einfache Offenheit verloren, die hauptschlich nur den Glcklichen eigen ist. Ihr Gesprch wurde unterbrochen, weil die brige Gesellschaft hinzu trat. Man ging zur Tafel, und der Fremde sa neben Agathe und dem reichen Kaufmanne. Als man anfing die Gesundheiten zu trinken, rief Leopold: haltet noch inne, meine werthen Freunde, dazu mssen wir unsern Festpokal hier haben, der dann rundum gehn soll! Er wollte aufstehen, aber die Mutter winkte ihm, sitzen zu bleiben; du findest ihn doch nicht, sagte sie, denn ich habe alles Silberzeug anders gepackt. Sie ging schnell hinaus, um ihn selber zu suchen. Was unsre Alte heut geschftig und munter ist, sagte der Kaufmann, so dick und breit sie ist, so behende kann sie sich doch noch bewegen, obgleich sie schon sechzig zhlt; ihr Gesicht sieht immer heiter und freudig aus, und heut ist sie besonders glcklich, weil sie sich in der Schnheit ihrer Tochter wieder verjngt. Der Fremde gab ihm Beifall, und die Mutter kam mit dem Pokal zurck. Man schenkte ihn voll Weins, und oben vom Tisch fing er an herum zu gehn, indem jeder die Gesundheit dessen ausbrachte, was ihm das liebste und erwnschteste war. Die Braut trank das Wohlsein ihres Gatten, dieser die Liebe seiner schnen Julie, und so that jeder nach der Reihe. Die Mutter zgerte, als der Becher zu ihr kam. Nur dreist! sagte der Offizier etwas rauh und voreilig, wir wissen ja doch, da sie alle Mnner fr ungetreu und keinen einzigen der Liebe einer Frau wrdig halten; was ist Ihnen also das Liebste? Die Mutter sah ihn an, indem sich ber die Milde ihres Antlitzes pltzlich ein zrnender Ernst verbreitete. Da mein Sohn, sagte sie, mich so genau kennt, und so strenge meine Gemthsart tadelt, so sei es mir auch erlaubt, nicht auszusprechen, was ich jetzt eben dachte, und suche er nur dasjenige, was er als meine Ueberzeugung kennen will, durch seine ungeflschte Liebe unwahr zu machen. Sie gab den Becher, ohne zu trinken, weiter, und die Gesellschaft war auf einige Zeit verstimmt. Man erzhlt sich, sagte der Kaufmann leise, indem er sich zum Fremden neigte, da sie ihren Mann nicht geliebt habe, sondern einen andern, der ihr aber ungetreu geworden ist; damals soll sie das schnste Mdchen in der Stadt gewesen sein. Als der Becher zu Ferdinand kam, betrachtete ihn dieser mit Erstaunen, denn es war derselbe, aus welchem ihm Albert ehemals das schne Bildni hervor gerufen hatte. Er schaute in das Gold hinein und in die Welle des Weines, seine Hand zitterte; es wrde ihn nicht verwundert haben, wenn aus dem leuchtenden Zaubergefe jezt wieder jene Gestalt hervor geblht wre und mit ihr seine entschwundene Jugend. Nein, sagte er nach einiger Zeit halblaut, es ist Wein, was hier glht! Was soll es anders sein? sagte der Kaufmann lachend, trinken Sie getrost! Ein Zucken des Schrecks durchfuhr den Alten, er sprach den Namen Franziska heftig aus, und setzte den Pokal an die brnstigen Lippen. Die Mutter warf einen fragenden und verwundernden Blick hinber. Woher dieser schne Becher? sagte Ferdinand, der sich seiner Zerstreuung schmte. Vor vielen Jahren schon, antwortete Leopold, noch ehe ich geboren war, hat ihn mein Vater zugleich mit diesem Hause und allen Mobilien von einem alten einsamen Hagestolz gekauft, einem stillen Menschen, den die Nachbarschaft umher fr einen Zauberer hielt. Ferdinand mochte nicht sagen, da er jenen gekannt hatte, denn sein Dasein war ihm zu sehr zum seltsamen Traum verwirrt, um auch nur aus der Ferne die brigen in sein Gemth schauen zu lassen. Nach aufgehobener Tafel war er mit der Mutter allein, weil die jungen Leute sich zurck gezogen hatten, um Anstalten zum Balle zu treffen. Setzen Sie sich neben mich, sagte die Mutter, wir wollen ausruhen, denn wir sind ber die Jahre des Tanzes hinweg, und wenn es nicht unbescheiden ist zu fragen, so sagen Sie mir doch, ob Sie unsern Pokal schon sonst wo gesehn haben, oder was es war, was Sie so innerlichst bewegte. O gndige Frau, sagte der Alte, verzeihen Sie meiner thrichten Heftigkeit und Rhrung; aber seit ich in Ihrem Hause bin, ist es, als gehre ich mir nicht mehr an, denn in jedem Augenblicke vergesse ich es, da mein Haar grau ist, da meine Geliebten gestorben sind. Ihre schne Tochter, die heute den frohesten Tag ihres Lebens feiert, ist einem Mdchen, das ich in meiner Jugend kannte und anbetete, so hnlich, da ich es fr ein Wunder halten mu; nicht hnlich, nein, der Ausdruck sagt zu wenig, sie ist es selbst! Auch hier im Hause bin ich viel gewesen, und einmal mit diesem Pokal auf die seltsamste Weise bekannt geworden. Er erzhlte ihr hierauf sein Abentheuer. An dem Abend dieses Tages, so beschlo er, sah ich drauen im Park meine Geliebte zum letzten mal, indem sie ber Land fuhr. Eine Rose entfiel ihr, diese habe ich aufbewahrt; sie selbst ging mir verloren, denn sie ward mir ungetreu und bald darauf vermlt. Gott im Himmel! rief die Alte und sprang heftig bewegt auf, du bist doch nicht Ferdinand? So ist mein Name, sagte jener. Ich bin Franziska, antwortete die Mutter. Sie wollten sich umarmen, und fuhren schnell zurck. Beide betrachteten sich mit prfenden Blicken, beide suchten aus dem Ruin der Zeit jene Lineamente wieder zu entwickeln, die sie ehemals an einander gekannt und geliebt hatten, und wie in dunkeln Gewitternchten unter dem Fluge schwarzer Wolken einzeln in flchtigen Momenten die Sterne rthselhaft schimmern, um schnell wieder zu erlschen, so schien ihnen aus den Augen, von Stirn und Mund jezuweilen der wohlbekannte Zug vorberblitzend, und es war, als wenn ihre Jugend in der Ferne lchelnd weinte. Er bog sich nieder und kte ihre Hand, indem zwei groe Thrnen herabstrzten, dann umarmten sie sich herzlich. Ist deine Frau gestorben? fragte die Mutter. Ich war nie verheirathet, schluchzte Ferdinand. Himmel! sagte die Alte, die Hnde ringend, so bin ich die Ungetreue gewesen! Doch nein, nicht ungetreu. Als ich vom Lande zurck kam, wo ich zwei Monden gewesen war, hrte ich von allen Menschen, auch von deinen Freunden, nicht blos den meinigen, du seist lngst abgereist und in deinem Vaterlande verheirathet, man zeigte mir die glaubwrdigsten Briefe, man drang heftig in mich, man benutzte meine Trostlosigkeit, meinen Zorn, und so geschah es, da ich meine Hand dem verdienstvollen Manne gab; mein Herz, meine Gedanken blieben dir immer gewidmet. Ich habe mich nicht von hier entfernt, sagte Ferdinand, aber nach einiger Zeit vernahm ich deine Vermlung. Man wollte uns trennen, und es ist ihnen gelungen. Du bist glckliche Mutter, ich lebe in der Vergangenheit, und alle deine Kinder will ich wie die meinigen lieben. Aber wie wunderbar, da wir uns seitdem nie wieder gesehen haben. Ich ging wenig aus, sagte die Mutter, und mein Mann, der bald darauf einer Erbschaft wegen einen andern Namen annahm, hat dir auch jeden Verdacht dadurch entfernt, da wir in derselben Stadt wohnen knnten. Ich vermied die Menschen, sagte Ferdinand, und lebte nur der Einsamkeit; Leopold ist beinah der einzige, der mich wieder anzog und unter Menschen fhrte. O geliebte Freundin, es ist wie eine schauerliche Geistergeschichte, wie wir uns verloren und wieder gefunden haben. Die jungen Leute fanden die Alten in Thrnen aufgelst und in tiefster Bewegung. Keines sagte, was vorgefallen war, das Geheimni schien ihnen zu heilig. Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, und der Tod nur schied die beiden Wesen, die sich so sonderbar wieder gefunden hatten, um sie kurze Zeit nachher wieder zu vereinigen. * * * * * Es war ber dem Vorlesen dieser Mhrchen viele Zeit verflossen, und man setzte sich sehr spt zu Tische. Der Abend war wieder so warm, da man die Flgel des Saales erffnen konnte, um die anmuthige Luft zu genieen. Man sprach noch vielerlei ber die vorgetragenen Erzhlungen, und es schien, da die brigen Frauen der Meinung Claras beitraten, welche die Geschichte vom blonden Eckbert allen brigen vorzog. Emilie wollte im getreuen Eckart eine Disharmonie bemerken, Rosalie nahm die Magelone in Schutz und Wilibalds Erzhlung, Auguste lobte die Elfen; nur in Ansehung des Runenberges und Liebeszaubers blieben alle bei ihrer vorgefaten Meinung; und verwarfen sie gnzlich. Mein theurer Freund, sagte Manfred, zu Lothar gewandt, trsten wir uns darber, da die gegenwrtige Zeit uns nicht versteht, ich appellire an eine bessere Nachwelt, die mich dankbar anerkennen wird. Wo ist die? fragte Lothar lachend. Dorten schlft sie schon, sagte Manfred, nach der Kinderstube hinauf deutend; meine beiden Jungen meine ich; so wie sie nur ein weniges bei Krften sind, lese ich ihnen meine Werke vor, und belohne ihren Beifall mit Zuckerwerk, und ich will sehn, ob sie mich nicht auf lange fr den ersten aller Dichter halten sollen. Wir sind aber unserm Freunde Lothar eine Vergtigung schuldig, sagte Clara, und da er heute als Autor so wenig Glck gemacht hat, so versuche er es einmal mit der Knigswrde, er bernehme die nchste Abtheilung und bestimme sie nach seiner Willkhr. Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe eine Lilie, um sie als Scepter zu gebrauchen. So befehle ich denn, sprach er, da wir diese Mhrchenwelt noch nicht verlassen, nur wollen wir den Dichtern die Mhe der Erfindung schenken; mgen sie allgemein bekannte Geschichten nehmen, wo mglich ganz kindische und alberne, und damit den Versuch machen, diesen durch ihre Darstellung ein neues Interesse zu geben; jedes dieser Mhrchen soll aber ein Drama sein. Wilibald hustete und Auguste sagte: nur bitten wir Mdchen, da es auch hie und da etwas lustig darin zugehn mge, und nicht allzu poetisch. Mir erlaube man auch eine Bitte, fgte Emilie hinzu, und zwar diejenige, da wir mit der Zeit etwas konomischer umgehn und berechnen mgen, was sich vortragen und von den Zuhrern erdulden lt, denn heute haben wir uns offenbar bersttigt, und der Genu ist fast zur Pein geworden; Sie mssen bedenken, da wir Frauen nicht so an das Verschlingen der Bcher gewhnt sind, wie die Mnner. Auch dieses ist gewhrt, sagte Lothar, ich werde mit meinen Rthen eine billige und zweckmige Einrichtung treffen, besonders bei diesen Dramen, von denen einige lnger ausfallen drften, als die meisten der heutigen Erzhlungen. Gute Nacht, sagte Manfred, ich bin so mde, und durch Beifall so wenig aufgemuntert, da ich am besten thun werde, mich in die Dunkelheit meines Bettes zurck zu ziehn. Als er sich entfernt hatte, sprach man noch ber die seltsame Erscheinung, da im Schrecklichen eine gewisse Lieblichkeit wohnen knne, die dem Reiz des Grauenhaften eine Art von Rhrung und Wehmuth beigeselle. Die letzte der heutigen Erzhlungen, sagte Emilie, hat zwar nichts Furchtbares, kommt man aber darin berein, wie doch die meisten Menschen zu glauben scheinen, da die Liebe die Blte des Lebens sei, so ist sie vielleicht die traurigste und rhrendste von allen, weil die erzhlte Begebenheit fast durchaus mglich ist und sich an das Alltgliche knpft. Anton bemerkte, da die stille Lieblichkeit an sich leicht ermde und einschlfre, wie die meisten neueren Idyllen, und da man ihnen wohl einen Zusatz wnschen msse, entweder von Schreck, oder Bosheit, oder irgend einem andern Ingredienz, um durch diese Wrze den Geschmack des Lieblichen selber hervor zu heben, wie durch den Firni die Farben der Gemlde. Darum, sagte Lothar, hat man in Frankreich mit Recht etwas Wolf in manche Schfereien hinein gewnscht. Die reine Unschuld, als solche, vertrgt keine Darstellung, denn sie liegt auer der Natur, oder falls sie natrlich ist, ist sie hchst unpoetisch; ich meine nmlich jene hohe, sentimentale, die uns die Dichter so oft haben malen wollen. Ich sah einmal eine franzsische Operette, zwar nur von einem, aber desto lngeren Akte, in welcher ein junger Mensch von Anfang bis zu Ende nichts weiter in der Welt wollte, als seinen Papa lieben, den er bekrnzte, als er schlief, und ihm Frchte vorsetzte, als er erwachte, worauf beide sich umarmten und gerhrt waren. Ich will nicht sagen, da dergleichen nicht lblich sein knnte; aber was in aller Welt ging es denn die Zuschauer an, die unten standen, und hchst berflige Zeugen dieser Zrtlichkeit waren? Die Idyllen der Neueren, sagte Ernst, sind frh sentimental geworden, oder allegorisch, in der letzten Zeit bei Franzosen und Deutschen meist fade und slich. Zwei Gedichte eines Deutschen aber sind mir bekannt, die ich vielen der schnsten Poesien an die Seite setzen mchte, den Satyr Mopsus nmlich und Bacchidon und Milon vom Maler Mller; die frische sinnliche Natur, der lyrische Schwung der Gesnge, die schn gewhlten und krftig ausgefhrten Bilder haben mich jedesmal bis zur Entzckung hingerissen. Trefflich, wenn gleich nicht von dieser Vollendung, ist seine Schaafschur, reicher als dieses Gemlde aus unserer Zeit, sein Nukernen. In dem Gedicht Adams erstes Erwachen befindet er sich freilich auch zuweilen in jener Leere, die sich nicht poetisch bevlkern lt, aber einzelne Stellen sind von groer Schnheit, und in der Darstellung der Thiere scheint er mir einzig; ich wei wenigstens keinen Dichter, der sie uns mit dieser geistigen Lebendigkeit vor die Augen fhrte. Wie Schade, da dieses wahre Genie, welches sich so glnzend ankndigte, nicht nachher das Studium der Poesie fortgesetzt hat! Sein Geist scheint mir mit dem des Julio Romano innig verwandt; dieselbe Flle und Lieblichkeit, das Scharfe und Bizarre der Gedanken, und dieselbe Sucht zur Uebertreibung. Nach einigen Wendungen des Gesprches kam man auf die Seltsamkeit der Trume, und wie wunderbar sich das Ahndungsvermgen des Menschen oftmals in ihnen offenbare, und nachdem einige Beispiele erzhlt waren, sagte Anton: mir ist eine Geschichte dieser Art bekannt, die mir glaubwrdige Freunde als eine unbezweifelt wahre mitgetheilt haben, und die ich Ihnen noch vortragen will, da sie uns nicht lange aufhalten wird. Ein Landedelmann ruhte neben seiner Frau in einem Zimmer des Schlosses. Mitternacht war schon vorber, als er pltzlich aus dem Schlafe auffuhr, und seine Gattin weckte. Was ist dir, mein Lieber? fragte diese verwundert. Mich hat ein seltsamer Traum auf eine eigne Art bewegt, antwortete der Mann. Mir war, als ginge ich auf den Saal hinaus, und wie ich mich umsah, stand dein Kammermdchen vor mir, aber so geputzt und aufgeschmckt, wie ich sie niemals gesehn habe, auch trug sie einen grnen Kranz in den Haaren; sie warf sich vor mir nieder, umfate meine Knie, und beschwor mich, ich solle ihr beistehn, denn ihr Leben schwebe in der grten Gefahr. Ich habe sie so deutlich vor mir gesehn, und bin von ihren Thrnen und Bitten so gerhrt, da ich nicht wei, was ich davon denken soll. Wer wird, sagte die Frau, ber einen zuflligen Traum grbeln! Schlafe wohl und stre mich nicht wieder. Beide schliefen ein. Nach einer halben Stunde erwachte der Mann in noch grerer Bengstigung; er rief seiner Gattin und sagte ihr, da der nmliche Traum mit denselben Umstnden ihm wieder vorgekommen sei, und das Mdchen habe noch dringender gefleht, noch schmerzlicher geweint. Die Frau schalt dieses Wichtignehmen eines leeren Traumes, Grille, fand die Wiederholung der nmlichen Scene sehr natrlich und begreiflich; nach einem kurzen Gesprche war auch der Mann derselben Meinung, und beide hatten sich wieder dem Schlafe berlassen. Sie erstaunte, als sie nach einiger Zeit von dem Gerusch erwachte, welches der Mann erregte, den sie angekleidet, und mit einem Lichte, welches er angezndet hatte, vor dem Bette stehen sah. Was ist dir nur heut? fragte sie halb unwillig. Sei es wie es sei, antwortete ihr Gatte, ich will diesesmal einem Traume glauben, wenn auch sonst nie wieder, denn das Mdchen ist mir jezt zum dritten male eben so erschienen, hat ihre Bitte wiederholt und mit ngstlichem Schreien hinzu gefgt: nun ist es die hchste Zeit, in einigen Minuten ist es zu spt! Ich will jezt hinauf gehn, und sehn was sie macht. Ohne eine Antwort zu erwarten, verlie er das Schlafzimmer. Wie erstaunte er, indem er sich die Treppe hinauf begeben wollte, da die breiten Stiegen herunter das Mdchen ihm gerade so entgegen schritt, wie er sie im Traume gesehen hatte, im seidenen Kleide, welches ihr nur vor wenigen Tagen die gndige Frau geschenkt hatte: mit Myrthen und Blumen in den Haaren, eine kleine Laterne in der Hand; das Licht, welches er trug, warf einen vollen Schein ber die erschrockene Gestalt, die auf die Anrede, wohin sie gehe, und was sie vorhabe, anfangs in ihrer Verwirrung nichts zu antworten wute. Endlich sammelte sie sich etwas und fiel ihrem Gebieter zu Fu, dessen Knie sie mit Thrnen umfate. O Vergebung, mein gndiger Herr! rief sie aus, vergeben Sie, und machen Sie, da die gndige Frau mir verzeiht: in dieser Stunde wollte ich drauen im Garten hinter der Lindenallee den Grtner treffen, der mir schon seit lange die Ehe versprochen hat, und mit dem ich verlobt bin; heute Nacht wollten wir uns heimlich in der Kapelle hier neben an trauen lassen, denn ich Unglckliche bin seit fnf Monden von ihm guter Hoffnung. Gehe ruhig in dein Zimmer zurck, sagte der Herr; ich will den Grtner selber aufsuchen, ich habe gegen eure Verbindung nichts, nur diese Heimlichkeit ist mir anstig. Er hat es durchaus so gewollt, antwortete sie, weil er der Ueberzeugung war, da Sie uns beide nicht in Ihren Diensten behalten wrden, wenn Sie die Sache erfhren. Gieb dich fr heut zufrieden, sagte der Herr; morgen wollen wir vernnftig darber sprechen. O Gott, schluchzte sie, so habe ich doch heute mein Brautkleid umsonst angelegt! Mit diesen Worten ging sie die Treppe wieder hinauf. Der Baron lie im Saale die Kerze stehn, und begab sich in den Garten. Die Nacht war finster und ohne Sterne, ein feuchter Herbstwind schlug ihm entgegen, die Bume sausten winterlich. Er schritt durch die bekannten Gnge, und hinter den Linden, an der einsamsten und entferntesten Stelle des Gartens, sah er aus dem Boden ein Lichtlein schimmern. Als er nher ging, sah er, da sein Grtner in einer ausgehhlten Grube stand, und beim Schein einer kleinen Blendlaterne eifrig die Hhle wie zu einem Grabe erweiterte. Ein Beil lag neben ihm. Ein Schauder ergriff den Herrn. Was macht ihr da? rief er ihn pltzlich an. Der Grtner erschrak und lie den Spaten fallen, indem er die Gestalt seines Gebieters gerade ber sich erblickte. Ich will hier Frchte fr den Winter einlegen, stotterte er verwirrt. Kommt mit mir in mein Zimmer, sagte der Baron, ich habe mit euch zu sprechen. Sogleich, gndiger Herr, erwiederte der Grtner. Er hob die Laterne auf, und stieg aus der Grube; aber statt sich nach dem Schlosse zu wenden, blies er pltzlich das Licht aus, sprang ber die Gartenhecke, und lief in den nahen Wald hinein. Seitdem hatte ihn Niemand in der dortigen Gegend wieder gesehn. -- O weh! rief Clara, die schrecklichen Geschichten fangen von neuem an, und nun ist es gar Nacht und finster! Sie fate ein Licht, und dasselbe thaten die brigen Frauen, um sich auf ihre Zimmer zu begeben, als ein ungeheurer Schlag pltzlich gegen die Thre erklang. Alle sahen sich schweigend an, und herein trat mit zentnerschwerem Schritt die Gestalt des steinernen Gastes. Er begab sich bis in die Mitte des Saales, indem noch keiner ein Wort auszusprechen wagte. Ich bin es ja, ihr Narren, rief pltzlich Manfreds bekannte Stimme, indem er mit seinem natrlichen Gange nher kam. O er ist unertrglich, sagte Rosalie; glaubst du denn, da ich nicht eben so stark schaudre, wenn ich gleich erkenne, da das Gespenst nur eine weie Maske ist, gerade deshalb, weil du, der Bekannte, der Befreundete, mir so grauenvoll erscheinst? Diese Vermischung dessen, was uns lieb und entsetzlich ist, ist gerade das Widerwrtigste. So will er auch immer nicht begreifen, da ich mich vor ihm frchte, wenn er, wandelt ihn einmal die Laune an, den Betrunkenen so natrlich spielt, und da ich eben so gern einen wirklich Berauschten oder Wahnsinnigen vor mir sehen mchte. Geh, du Ungezogener, und wische dir den Puder aus dem Gesichte. Nicht eher, sagte Manfred, bis du, und Auguste, und Clara, mir jede einen Ku gegeben haben. Er ging auf sie zu, die drei Frauen aber flohen mit den Lichtern, die sie in den Hnden hielten, durch den offenen Saal in den Garten, und die weie behelmte Figur rannte ihnen nach. Man hrte sie kreischen, und sah die drei Lichter und schlanken Gestalten durch den Buchengang schweben, dann um die Laube biegen, und dem Springbrunnen vorber sich in den groen Baumgang verlieren. Pltzlich vernahm man ein lautes Aufrauschen im grten Brunnen, wie wenn eine groe Wucht hinein strzte, und das Wasser klatschend darber zusammen schlge. Die Gengstigten strzten mit ihren Lichtern herzu, und Manfred, welcher hinein gesprungen war, gab der zunchst stehenden Clara einen flchtigen Ku, dann seiner Gattin, und auch Auguste durfte sich nicht weigern, weil er schwur, widrigenfalls die ganze Nacht im Bassin zu verharren. Nun habe ich meinen Willen gehabt, sagte Manfred ruhig, und nun wird es wohl an der Zeit sein, mich umzukleiden oder vielmehr zu entkleiden, und mich im Bette zu erwrmen. Man schalt und lachte, und Emilie war besonders unzufrieden. Die Frauen und Manfred gingen hinauf. Die brigen Freunde blieben noch im Garten, wo sie nach einiger Zeit von dem obern Zimmer Gesang ertnen hrten, der lieblich durch den Garten scholl. Es war ein Singestck von Palestrina, welches die drei Frauen ohne Begleitung eines Instruments ausfhrten. Friedrich sagte: alle Empfindungen, schne wie unangenehme, verschtten sie jezt in diese Wogen des Wohllauts. So wird der Tag am schnsten beschlossen, und die Nacht am wrdigsten gefeiert. Ich halte es fr ein Glck meines Lebens, sagte Ernst, da ich zeitig genug nach Rom kam, um noch oftmals den Gesang der ppstlichen Kapelle hren zu knnen. Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore und in der Charwoche im Vatikan hrte, vielmals auch im ppstlichen Pallast auf Monte Cavallo, war eben so einzig, als es das jngste Gericht von Michael Angelo oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen Genu auch nur in dem einzigen Rom haben, und wie diese Hauptstadt der Welt der Mittelpunkt der Malerei und Skulptur war, so war sie auch die wahre hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist nun auch zertrmmert, und man kann davon nur wie von einer alten wunderbaren Sage erzhlen. Schon frher war es fr mich eine Epoche meines Lebens gewesen, diesen alten wahren Gesang kennen zu lernen: ich hatte immer nach Musik, nach der hchsten, gedrstet, und geglaubt, keinen Sinn fr diese Kunst zu besitzen, als mit der Kenntni des Palestrina, Leo, Allegri, und jener Alten, die man jezt von den Liebhabern selten oder nie nennen hrt; mein Gehr und mein Geist erwachte. Seitdem wei ich wohl, was ich vorher suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen wollte. Seitdem glaube ich eingesehen zu haben, da nur dieses die wahre Musik sei, und da der Strom, den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein geleitet hat, um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften zu versetzen, trbe und unlauter geworden ist; denn unter den Knsten ist die Musik die religiseste, sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann nicht pathetisch sein, und auf ihre Strke und Kraft pochen, oder sich in Verzweiflung austoben wollen, hier verliert sie ihren Geist, und wird nur eine schwache Nachahmerin der Rede und Poesie. Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar; erinnere ich mich doch der Zeit recht gut, wo du den Mozart hoch verehrtest. Ich mte ohne Gefhl sein, antwortete Ernst, wenn ich den wundersamen, reichen und tiefen Geist dieses Knstlers nicht ehren und lieben sollte, wenn ich mich nicht von seinen Werken hingerissen fhlte. Nur mu man mich kein Requiem von ihm wollen hren lassen, oder mich zu berzeugen suchen, da er, so wie die meisten Neueren, wirklich eine geistliche Musik habe setzen knnen. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als die Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich schon lngst zu den kleinlichen Leidenschaften der Menschen erniedrigt hatte, fand er sie in ihrer Entartung, und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste, Fremdeste, ihr Unnatrlichste austnen; zugleich jene tiefe Leidenschaft der Seele, jenes Ringen aller Krfte in unaussprechlicher Sehnsucht, nicht fremd sogar blieb ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich sehe hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie ist gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt weilt die Geliebte; er fhlt Kraft und Muth genug das Licht der Sonne zu verlassen, sich der schwarzen Fluth und Dmmerung anzuvertrauen; sein Zauberspiel rhrt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die Larven und Verdammten genieen in seinen Tnen einer schnell vorber fliehenden Seeligkeit; Euridice folgt seinem Saitenspiel, aber nicht rckwrts soll er blicken, ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein Auge, und blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in den ghnenden Orkus zurck. Der Snger tritt mit der Kraft seiner Tne wieder in die Oberwelt, sein Lied singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen sie, aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Snger vor ihm besucht, das schwermthige Rollen der unterirdischen Wsser, das Aechzen der Gemarterten, das Sthnen der Gengstigten und das Hohnlachen der Furien, samt allen Grueln der dunkeln Reiche mit herauf gebracht, und alles klingt in vielfach verschlungener Kunst in der Lieblichkeit seiner Lieder. Himmel und Hlle, die durch unermeliche Klfte getrennt waren, sind zauberhaft und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die ursprnglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende Andacht war. So erscheint mir Mozarts Musik. Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar fort, den wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes in dieser Kunst, vorzglich in der Instrumental-Musik auszusprechen. In diesen vielstimmigen Compositionen und in den Symphonieen vernehmen wir aus dem tiefsten Grunde heraus das unersttliche, aus sich verirrende und in sich zurck kehrende Sehnen, jenes unaussprechliche Verlangen, das nirgend Erfllung findet und in verzehrender Leidenschaft sich in den Strom des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tnen kmpft, bald berwltigt, bald siegend aus den Wogen ruft, und Rettung suchend tiefer und tiefer versinkt. Und wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er alle Schranken berfliegen und das Letzte und Hchste erringen will, da die Leidenschaft in sich selbst zerbricht und zersplittert, das Gegentheil ihrer ursprnglichen Gre, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst groen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen drfen, so ist der genialische Beethoven oft nicht vom Rasenden zu unterscheiden, der selten einen musikalischen Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt, sondern durch die gewaltthtigsten Uebergnge springt und der Phantasie gleichsam selbst im rastlosen Kampfe zu entfliehen sucht. Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte Anton, sind meinem Gemthe nicht fremd, sie tnen wie das Rauschen des Lebensstromes zwischen Felsenufern, der ber Klippen und hemmendem Gestein in romantischer Wildni musikalisch braust; nur das ist mir unbegreiflich geblieben, wie die Schpfung und die Tageszeiten unsers Haydn fast allenthalben haben Glck machen knnen, deren kindische Malerei gegen allen hheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und Instrumental-Compositionen sind meist so vortrefflich, da man ihm diese Verirrung niemals htte zutrauen sollen. Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber, ehe wir jezt scheiden, sage uns noch die drei Sonette vor, welche du dichtetest, als dir jene alte groe Singe-Musik zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir immer vorzglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so wohl gedichtet als eingegeben scheinen. Ich kann wenigstens sagen, erwiederte Ernst, da ich sie damals niederschreiben mute, und da ich von den oft besprochenen Schwierigkeiten des Sonetts nichts erlitt. Von dreierlei Art kann die geistliche Musik hauptschlich sein. Entweder ist es der Ton selbst, der durch seine Reinheit und Heiligkeit die Andacht erweckt, durch jene einfache edle Sympathie, welche harmonisch die befreundeten Klnge verbindet und mit einander ausstrahlen lt, wodurch jene hohe Musik entsteht, welche sinnige Alte dem Umschwung der Gestirne ebenfalls zuschreiben wollten. Dieser Gesang, ausgehalten, ohne rasche Bewegung, sich selbst gengend, ruft in unsre Seele das Bild der Ewigkeit, so wie der Schpfung und der entstehenden Zeit: Palestrina ist der wrdigste Reprsentant dieser Periode. Oder die Musik ist mit dem Menschen und der Schpfung schon von dieser heiligen reinen Bahn gewichen: alles verstummt; da ergreift die Sehnsucht aus dem Innersten hervor den Ton, und will in jene alte Unschuld zurck strmen und das Paradies wieder erobern. Leo, und vielleicht Marcello, so wie viele andre, charakterisiren diese Epoche. An diese schon mehr leidenschaftliche Kunst schlossen sich nachher die weltlichen Musiker. Drittens kann die geistliche Musik ganz wie ein unschuldiges Kind spielen und tndeln, arglos in der Sigkeit der Tne whlen und pltschern, und auf gelinde Weise Schmerz und Freude vermischt in den lieblichsten Melodieen ausgieen. Der oft von den Gelehrteren verkannte Pergolese scheint mir hierin das Hchste erreicht zu haben, den seine Nachahmer wohl eben so wenig verstanden, als Correggio von denen gefat wurde, die sich nach ihm bilden wollten. Das hnliche sagen folgende Sonette, welche die Musik selber spricht. Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen Entzndeten sich brnstig im Verlangen, Die Liebe nahm das Wort in Lust gefangen, Aufschlugen hell die Augen, welche schliefen, Sehnschtge Angst, das Freudezittern, riefen Die selgen Thrnen auf die heilgen Wangen, Da alle Krfte wollustreich erklangen, Begierig, in sich selbst sich zu vertiefen. Da brachen sich die Leiden an den Freuden, Die Wonne suchte sich im stillen Innern, Das Wort empfand die Engel, welche schufen; Sie gingen aus, entzckend war ihr Scheiden. Auf, Gottes Bildni, de dich zu erinnern Vernimm, wie meine heilgen Tne rufen. * * * * * Nacht, Furcht, Tod, Stummheit, Quaal war eingebrochen, Ihr Banner wehte auf besiegten Reichen, Erschrocken flohen vor dem giftgen Zeichen Mit stummer Zunge, welche erst gesprochen. So ist denn ganz das Liebeswort zerbrochen? Es sucht im Wasserfall, will sich erreichen, Aus Bumen strebt es, Quellen, grnen Struchen, In Wogen klagt es: was hab ich verbrochen? Die Wasser gehn und finden keine Zungen, Dem Wald, dem Fels ist wohl der Laut gebunden, Die Angst entzndet sich im Thiere schreiend. In Menschenstimme ist es ihm gelungen, Nun hat das ewge Wort sich wieder funden, Klagt, betet, weint, jauchzt laut sich selbst befreiend. * * * * * Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse, Mein Flgelpaar klingt in dem Morgenlichte, Den grnen Wald erfreut mein Angesichte, Das Nachtigallen-Chor giebt seine Gre. Wem ich der Sterblichen die Lippen ksse, Dem tnt die Welt ein gttliches Gedichte, Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte, Im Herzen rinnen Paradieses-Flsse. Die ewge Liebe, welche nie vergangen, Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen, Er nimmt den Tnen ihre dunkle Hlle, Da regt sich, schlgt im Jubel auf die Stille, Zur spielenden Glorie wird der Himmelsbogen, Der Trunkne hrt, was alle Engel sangen. Anmerkungen zur Transkription Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert. Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, teilweise unter Verwendung der Erstausgabe, wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 20]: ... nothwendigen Gegenwicht eines gehaltvollen, oft fast ... ... nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast ... [S. 67]: ... Drama haben, und dunkel dir Ahnung in ihnen ... ... Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen ... [S. 69]: ... Jezt, sagte Theodor, bingt man um die Zeit die ... ... Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die ... [S. 136]: ... Das Winter jhrlich um sie legt, ... ... Da Winter jhrlich um sie legt, ... [S. 137]: ... Ein Schauer flog durch meinem Sinn. ... ... Ein Schauer flog durch meinen Sinn. ... [S. 151]: ... den Anbick und die Empfindung dieses Abends nie ... ... den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie ... [S. 165]: ... hatte ihn so maches Jahr hindurch beglckt, ... ... hatte ihn so manches Jahr hindurch beglckt, ... [S. 169]: ... Ein krummgebckte Alte schlich hustend mit einer ... ... Eine krummgebckte Alte schlich hustend mit einer ... [S. 191]: ... traf dort den Greis schlafend, der ihn unlngst sein ... ... traf dort den Greis schlafend, der ihm unlngst sein ... [S. 207]: ... abbrach und mit dem Ausruck des grten Schmerzes ... ... abbrach und mit dem Ausdruck des grten Schmerzes ... [S. 213]: ... wird versagen knnen. Es las hierauf folgende Erzhlung. ... ... wird versagen knnen. Er las hierauf folgende Erzhlung. ... [S. 226]: ... Htte eine friedlicher Rauch in die Hhe stieg, Kinder ... ... Htten ein friedlicher Rauch in die Hhe stieg, Kinder ... [S. 241]: ... Er sah die Fustapfen im Sande am Eingange eingedrckt, ... ... er sah die Fustapfen im Sande am Eingange eingedrckt, ... [S. 243]: ... sorgfaltig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ... ... sorgfltig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ... [S. 245]: ... seinem Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ... ... seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ... [S. 260]: ... seinen neuen Frennd gewandt, so schwerfllig, milaunig, ... ... seinen neuen Freund gewandt, so schwerfllig, milaunig, ... [S. 264]: ... Du schwestest dahin, ich taumle zurck -- ... ... Du schwebest dahin, ich taumle zurck -- ... [S. 273]: ... es geschehen wrde? Ihr habt euren Wnnsch, darum ... ... es geschehen wrde? Ihr habt euren Wunsch, darum ... [S. 280]: ... uns nur Recht in diese Nacht hinein wthen, und ... ... uns nur recht in diese Nacht hinein wthen, und ... [S. 280]: ... nehmt kein Einrede von denen an, die sich verstndig ... ... nehmt keine Einrede von denen an, die sich verstndig ... [S. 316]: ... wohl zufrieden, sie vertraute ihn nun gnzlich und ... ... wohl zufrieden, sie vertraute ihm nun gnzlich und ... [S. 327]: ... Meeres lagen; dort waren die Wege an einsamsten und ... ... Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten und ... [S. 329]: ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertnen, dadamit ... ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertnen, damit ... [S. 330]: ... und die langen schwarzen Wimper einen lieblichen ... ... und die langen schwarzen Wimpern einen lieblichen ... [S. 349]: ... Namen auszusprechen; Quellen und Bumen nennen ... ... Namen auszusprechen; Quellen und Bume nennen ... [S. 357]: ... Dann reiste Peter mir Magelonen zu seinen Eltern, ... ... Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, ... [S. 381]: ... Mund, da sie sich verirrt habe, auf einem vorbeifahrenden ... ... Mund, da sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden ... [S. 389]: ... Andres keidete sich an, und Marie bemerkte, da ... ... Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, da ... [S. 390]: ... ihn bis zu Sonnen-Aufgang die Fhre abgemiethet ... ... ihm bis zu Sonnen-Aufgang die Fhre abgemiethet ... [S. 400]: ... Netz zitterte wie bengstiget. Er brach im zunehmenden ... ... Netz zitterte wie bengstiget. Es brach im zunehmenden ... [S. 407]: ... schlechten Zeit, und der Gutssitzer von den Verbesserungen, ... ... schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den Verbesserungen, ... [S. 408]: ... auf nieder ging, da jenes Bildni so lebhaft heut ... ... auf und nieder ging, da jenes Bildni so lebhaft heut ... [S. 413]: ... das ich es fr ein Wunder halten mu; nicht hnlich, ... ... da ich es fr ein Wunder halten mu; nicht hnlich, ... [S. 415]: ... Aber seitdem war der Greis der Freund der Hauses, ... ... Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, ... [S. 416]: ... Lothar verneigte ich, und nahm aus dem Blumenkorbe ... ... Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe ... [S. 428]: ... der ber Klippen und hemmenden Gestein in ... ... der ber Klippen und hemmendem Gestein in ... End of Project Gutenberg's Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck License: Share Alike