Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Iwan Turgenjeff Gedichte in Prosa bertragen von Th. Commichau Im Insel-Verlag zu Leipzig Das Dorf Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Ruland -- der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau; droben ein einzelnes Wlkchen -- halb schwimmend, halb zerflieend. Windesstille, brtende Hitze... die Luft -- wrzig wie frischgemolkene Milch! Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht, stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze. Und nach Rauch riecht es, und nach Gras -- und auch nach Teer ein wenig -- und ein wenig nach Leder. -- Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch aufgeschossen und strmt seinen schweren, aber sen Duft aus. Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht ffnet sich. An beiden Abhngen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. -- In der Ferne, am Saume zwischen Erde und Himmel -- schimmert der bluliche Streif eines groen Stromes. Dem Zuge der Schlucht folgend -- hier auf dieser Seite saubere kleine Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Tren; dort auf jener fnf bis sechs aus Fichtenstmmen gezimmerte Huschen mit gehobelten Bretterdchern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; ber jeder Haustr ein aus Blech geschnittenes kleines Rlein mit flatternder Mhne. Die Fensterscheiben, uneben und blasig, schillern in Regenbogenfarben. Krge mit Blumenstruen sind auf die Fensterlden gemalt. Vor jedem Huschen steht suberlich eine derbe Bank; auf kleinen angeschtteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knuel zusammengerollt, und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen Trschwelle winkt einladend der khle, dunkle Hausflur. Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemhten, betubend duftigen Heues. Die fleiigen Hauswirte haben es vor ihren Htten auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prchtig wird sichs darauf schlafen lassen! Kraushaarige Kinderkpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; groschopfige Hhner scharren im Heu nach Fliegen und Kferchen; ein junger Hund mit noch hellfarbiger Schnauze wlzt sich in einem Gewirr von Halmen herum. Blondlockige Burschen in sauberen Grtelhemden und schwerflligen, umsumten Stiefeln hnseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen unbespannten Wagen gestemmt -- und zeigen lachend ihre weien Zhne. Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie lacht, halb ber die Scherze der Burschen, halb ber die in den Heuhaufen sich balgenden Kinder. Ein anderes junges Weib zieht mit krftigen Armen einen groen nassen Eimer aus dem Brunnen herauf... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile, so da langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten. Vor mir steht ein greises Hausmtterchen in einem neuen, karierten Leinenrock und neuen Schuhen. Drei Schnre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen, faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten Tuche umwunden, welches tief ber ihre trben Augen herabhngt. Freundlich aber lcheln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges Antlitz lchelt. Hoch in den Siebzigern mu sie sein, das alte Mtterchen... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schnheit war sie zu ihrer Zeit! Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten Hand hlt sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch aus dem Keller kommt; der Krug ist auen mit Reif bedeckt, der wie Perlen glitzert. Auf der linken Handflche reicht mir die Alte eine groe Schnitte noch warmen Brotes. -- I nur, sei dirs gesegnet, willkommener Gast! Mit einem Male krht der Hahn und schlgt heftig mit den Flgeln; ihm zur Antwort blkt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb. -- Das nenn ich mir Hafer! ertnt die Stimme meines Kutschers... O diese Gengsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen Dorfes! Dieser stille Friede und Segen! Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch ein Kreuz auf der Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das brige, um das wir uns so hei bemhen, wir Stadtmenschen? Ein Zwiegesprch Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn war je ein menschlicher Fu. Die hchsten Gipfel der Alpen... Eine ganze Kette zerklfteter Felsenmassen... Das Herz des Gebirgsstockes. ber den Bergen wlbt sich blagrn, glnzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost; harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken vereister, verwitterter Felsblcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn. Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: Was gibt es Neues? Du hast freieren Ausblick. Was geht da unten vor? Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute. Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: Dichte Wolkenmassen verhllen die Erde... Warte! Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute. Nun, und jetzt? fragt die Jungfrau. Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau die Wasser; schwarz die Wlder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen. Um sie herumwimmeln noch immer diese Kferchen, du weit, die zweifigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu beflecken. Menschen? Ja; Menschen. Jahrtausende gehen dahin: eine Minute. Nun, und jetzt? fragt die Jungfrau. Die Zahl der Kferchen scheint abgenommen zu haben, -- grollt das Finsteraarhorn; klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich verringert, die Wlder gelichtet. Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute. Was siehst du jetzt? spricht die Jungfrau. Um uns her, in der Nhe ist es sichtlich reiner geworden, -- erwidert das Finsteraarhorn; da hinten nur, in der Ferne, in den Tlern sind noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas. Aber jetzt? fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten -- eine Minute. Jetzt ist es gut, -- antwortet das Finsteraarhorn; -- rein ist es berall und ganz wei, wohin man auch blickt... berall unser Schnee, nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig. Gut -- wiederholt die Jungfrau. -- Allein, wir haben jetzt genug geplaudert, Alter. Zeit ist's, einzuschlafen. Es ist Zeit. Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schlft der grne, leuchtende Himmel ber der auf ewig verstummten Erde. Die Alte Ich ging auf einem weiten Felde, allein. Pltzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem Rcken vernehmbar wrden... Es folgte mir jemand. Ich schaute mich um -- und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in graue Lumpen gehllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich ging auf sie zu... Sie blieb stehen. Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein Almosen? Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte, da ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weilichen berzug oder Hutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vgeln: deren Augen werden dadurch vor allzu grellem Licht geschtzt. Bei der Alten aber blieb das Hutchen unbeweglich und lie die Pupillen nicht hervortreten... woraus ich schlo, da sie blind sei. Willst du ein Almosen? -- wiederholte ich meine Frage. -- Weshalb folgst du mir? -- Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krmmte sie sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort. Da, wiederum hre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam schleichenden Tritte. -- Wieder dieses Weib! -- dachte ich bei mir; -- warum verfolgt sie mich denn nur? -- Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird's sein. Allein, nach und nach bemchtigte sich meiner Gedanken eine seltsame Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht blo folge, sondern da sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald nach links stoe, und da ich ihr willenlos gehorchen msse. Dennoch schreite ich weiter... auf einmal, gerade vor mir auf meinem Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes... wie eine Grube... Ein Grab! durchzuckte es mein Hirn. -- Dorthin also stt sie mich! Hastig wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte... aber jetzt sieht sie! Sie blickt auf mich mit groen, boshaften, unheilkndenden Augen... mit den Augen eines Raubvogels... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die Augen... Wieder dieses trbe Hutchen, dieselben leblosen, stumpfen Zge... Ach! denke ich... diese Alte -- ist mein Schicksal. Jenes Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen? -- Welch ein Wahnsinn... Man mu es versuchen. Und ich wende mich seitwrts, einer anderen Richtung zu. Rasch eile ich vorwrts... Allein die leisen Tritte rascheln wie frher hinter mir, nahe, ganz nahe... Und vor mir wieder die dunkle Grube. Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite... Und wiederum dasselbe Rascheln hinter meinem Rcken und vor mir derselbe drohende Fleck. Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen... immer dasselbe, immer dasselbe! Halt! denke ich, -- jetzt will ich sie tuschen! Ich will mich nicht von der Stelle rhren! -- und augenblicklich setze ich mich an die Erde. Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. -- Ich hre sie nicht, aber ich fhle es, sie ist da. Und pltzlich sehe ich: der dunkle Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O Gott! Ich schaue rckwrts... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich geheftet -- und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund... -- Kein Entrinnen! Der Hund Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich... Drauen heult wtender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir -- und schaut mir unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als mte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache, er versteht sich selbst nicht -- aber ich verstehe ihn wohl. Ich verstehe, da in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und dasselbe Gefhl lebt, da zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glht und leuchtet das gleiche zitternde Flmmchen. Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche... Es ist zu Ende! Wer vermchte dann wohl zu entscheiden, welches Flmmchen in ihm und welches in mir geglht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese Blicke... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des Menschen -- schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des anderen. Der Widersacher Ich hatte einen Kameraden, der bestndig mein Widersacher war; zwar nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen -- entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten ber alles: ber Kunst, ber Religion, ber die Wissenschaft, ber das Leben auf Erden und im Jenseits -- namentlich ber das im Jenseits. Er war ein glubiger, schwrmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: Du bespttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann werde ich dir vom Jenseits her erscheinen... Wir wollen doch sehen, ob du auch dann noch wirst lachen knnen! Und wirklich, er starb vor mir, ein Werdender in der Blte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich verga seines Gelbdes -- seiner Drohung. Einst lag ich des Nachts im Bett -- und konnte nicht, mochte nicht einmal einschlafen. Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das graue Halbdunkel hineinzustarren. Pltzlich erschien es mir, als ob zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stnde -- und stumm und traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab. Ich erschrak nicht -- wunderte mich nicht einmal... vielmehr richtete ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gesttzt, nur noch schrfer auf die unerwartete Erscheinung. Der drben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken. Was gibts? begann ich schlielich. Triumphierst du? oder trauerst du? -- Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir zu verstehen geben, da du unrecht hattest? oder da wir beide unrecht hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Hllenpein oder Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort! Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich -- nur wie vorher nickte er blo immer traurig und still ergeben mit dem Kopfe -- auf und ab. Da lachte ich laut auf... und er verschwand. Der Bettler Ich ging die Strae hinunter... Ein drftiger, gebrechlicher Greis hielt mich an. Entzndete, trnende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen, unsaubere Schwren... O, wie schrecklich hatte die Not dieses unglckliche Geschpf verunstaltet! Er streckte mir seine gertete, verschwollene, schmutzige Hand hin... Er sthnte, er chzte um Hilfe. Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen... Aber weder Geldbeutel noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da... Ich hatte nichts mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer... und seine vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwche. Verwirrt und verlegen ergriff ich mit krftigem Drucke diese schmutzige, zitternde Hand... Zrne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein Bruder. Der Bettler richtete seine entzndeten Augen auf mich; ein Lcheln kam auf seine fahlen Lippen -- und dann drckte auch er meine erkalteten Finger. La es gut sein, Bruder, sagte er leise; auch dafr bin ich dir dankbar. -- Auch das ist eine Gabe, mein Bruder. Da fhlte ich, da auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen hatte. Erfahren wirst du noch, wie Toren richten... _Puschkin_ Erfahren wirst du noch, wie Toren richten... Immer sprachst du die Wahrheit, groer, vaterlndischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr gesprochen. Wie Toren richten und die Menge spottet... Wer htte es nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann -- und mu ertragen werden; wer die Kraft dazu hat -- der mag es auch verachten! Doch es gibt Schlge, die hrter und mitten ins Herz treffen... Ein Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablssiger, hingebender, ehrlicher Arbeit... Da wenden sich ehrliche Herzen verchtlich von ihm ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines Namens. Hinweg! Fort mit dir! schallen ihm ehrliche junge Stimmen entgegen. -- Dich und deine Mhe brauchen wir nicht; du schndest unser Heim -- du kennst und du verstehst uns nicht... Du bist unser Feind! Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemhen, soll nicht versuchen, sich zu rechtfertigen -- soll nicht einmal die Hoffnung auf knftige gerechtere Beurteilung nhren. Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel brachte, den Ersatz des Brotes, die tgliche Nahrung des Armen... Aus seinen Hnden, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Fen. Jetzt nhren sie sich davon -- und kennen nicht einmal den Namen ihres Wohltters. Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er sie vor dem Hunger. Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, da die Frucht unseres Fleies wahrhaft ntzliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter Tadel aus dem Munde derer, die man liebt... Doch auch dies kann man verwinden... Schlage mich! aber hre mich an! sprach der athenische Feldherr zum spartanischen. Schlage mich -- aber sei gesund und satt! so sollen _wir_ denken. Ein Zufriedener Durch eine Strae der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch junger Mann. -- Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen leuchten, Lcheln spielt um seine Lippen, in frischer Rte strahlt sein freundliches Antlitz... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude. Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im Amte befrdert? Eilt er zu einem zrtlichen Schferstndchen? Vielleicht hat er auch blo -- gut gefrhstckt, -- und das Gefhl der Gesundheit, der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar seinen Hals mit deinem schnen achteckigen Kreuz geschmckt haben, o polnischer Knig Stanislaus! Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde eines anderen Bekannten vernommen -- und _ihr selber Glauben geschenkt_. O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser liebenswrdige, vielversprechende junge Mann! Eine Lebensregel Wenn Sie mal den Wunsch haben, Ihrem Gegner gehrig mitzuspielen und ihn womglich zu krnken, sagte mir einst ein alter Schlaukopf, dann werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie sich selber bewut sind. -- Spielen Sie den Entrsteten... und tadeln Sie ihn! Denn erstens -- bringt dies dem anderen die Meinung bei, da Sie von diesem Laster frei wren. Zweitens -- darf Ihre Entrstung sogar eine aufrichtige sein... Sie knnen aus den Vorwrfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen. Sind Sie beispielsweise ein Renegat -- dann werfen Sie Ihrem Gegner vor, er sei ohne jede berzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele -- dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai... ein Lakai der Zivilisation, der Aufklrung, des Sozialismus! Man knnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses! bemerkte ich. Selbst dies! erwiderte prompt der Schlaukopf. Das Ende der Welt Ein Traum Mir trumte, ich befnde mich in irgendeinem Winkel Rulands, in der Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhtte. Eine gerumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wnde wei getncht; aller Hausrat fehlt. Vor der Htte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung breitet sie sich in die Ferne aus; ein grauer, einfrmiger Himmel hngt darber wie ein hrenes Tuch. Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube. Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus -- aber unaufhrlich begegnen sich ihre besorgten Blicke. Keiner wei, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit... alle treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als warteten sie auf etwas von dorther. Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab. Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert er mit dnner eintniger Stimme: Vterchen, ich frchte mich! -- Bei diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz -- und auch mich beschleicht Furcht... Wovor? Ich wei es selbst nicht. Nur dies eine fhle ich: heran kommt und nhert sich ein groes, groes Unheil. Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, knnte man doch nur hinaus! Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrckend!... Doch nirgends ein Ausweg. Dieser Himmel da -- gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch... Ist denn die Lust erstorben? Pltzlich springt der Knabe ans Fenster und schreit mit derselben klglichen Stimme: Seht! seht! die Erde ist versunken! -- Wie? Versunken! -- Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene -- jetzt steht es auf dem Gipfel eines ungeheuren Berges! Der Horizont ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken -- und dicht vor dem Hause starrt ein fast senkrechter, ghnender, schwarzer Abgrund. Wir haben uns alle an die Fenster gedrngt... Der Schrecken erstarrt unsere Herzen zu Eis. -- Dort kommt es... dort kommt es! flstert mein Nachbar. Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben und senkten sich kleine wellige Hgel. Das Meer! durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. Gleich wird es uns alle verschlingen... Wie kann es blo so wachsen und in die Hhe steigen? Bis zu diesem Felsgrat? Allein es wchst, wchst mit rasender Eile... Schon sinds nicht mehr einzelne, in der Ferne schwankende Hgel... Eine einzige geschlossene, ungeheure Woge berflutet den ganzen Horizont. Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt sich wie Hllennacht. Alles erbebt ringsum -- dort aber, in jener hereinbrechenden Masse -- Drhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner Schrei... Ha! Welch ein Brllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der Erde... Vernichtung ihr! Vernichtung allem! Noch einmal wimmert der Kleine... Ich will mich an meine Gefhrten klammern -- doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben, verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden Woge! Finsternis... ewige Finsternis! Nach Atem ringend erwachte ich. Mascha Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knpfte ich jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mute, mit dem Kutscher ein Gesprch an. Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem rmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen -- in der Hoffnung, dort selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren erbrigen zu knnen. Einst nahm ich wieder mal einen solchen Kutscher... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen, stmmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen herabgezogenen geflickten Mtze hervor. -- Und wie hatte er blo diesen zerrissenen kleinen Kittel ber seine riesigen Schultern ziehen knnen! Indessen, das hbsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien bekmmert und betrbt. Ich knpfte ein Gesprch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang Trbsal. Nun, Freundchen, fragte ich ihn, warum bist du so traurig? Drckt dich irgendein Kummer? Der Bursche zgerte mit der Antwort. Freilich, Herr, freilich, brachte er schlielich heraus. Und ein Kummer, wie er nicht grer sein kann. Mein Weib ist gestorben. Du hast sie wohl sehr geliebt... dein Weib? Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den Kopf. Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns nicht vergessen. Es frit mir am Herzen... immerfort! Warum hat sie auch sterben mssen? War doch jung! gesund!... An _einem_ Tage hat die Cholera sie abgewrgt. Sie war dir wohl ein braves Weib? Ach Herr! seufzte der arme Bursche schwer auf. Und wie gut haben wir zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hrte ich es hier, da man sie gar schon begraben htte, -- da jagte ich augenblicklich zum Dorf, nach Hause. Ich kam an -- da wars schon nach Mitternacht. Ich trete in meine Htte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz leise: 'Mascha! meine Mascha!' Aber nur das Heimchen zirpt. -- Da kommt mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele -- wie habe ich da mit den Hnden auf den Boden gehauen! -- 'Du unersttliche Grube!' schrei ich... 'Sie hast du verschlungen... dann verschling auch mich!' -- Ach Mascha! Mascha! -- setzte er mit pltzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne seine groben Zgel loszulassen, wischte er sich mit seinen Fausthandschuhen die Trnen aus den Augen, schttelte sie ab, zuckte die Achseln -- und sprach kein Wort mehr. Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit ber den Fahrpreis. -- Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Hnden nach der Mtze griff -- und fuhr dann langsam davon ber die glatte Schneeflche der menschenleeren Strae, die der graue Nebel des Januarfrostes einhllte. Der Dummkopf Es war einmal ein Dummkopf. Lange Zeit lebte er in ungestrter Zufriedenheit; doch allmhlich drangen Gerchte zu seinen Ohren, da er berall fr einen hirnlosen Narren gelte. Das betrbte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darber nachzugrbeln, wie er wohl diese fatalen Gerchte aus der Welt schaffen knnte. Endlich erleuchtete ein glcklicher Gedanke seinen hohlen Kopf... und ungesumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen. Auf der Strae begegnete ihm ein Bekannter -- der ber einen namhaften Maler lobend zu sprechen begann... Aber ich bitte Sie! rief der Dummkopf. Diesen Maler hat man ja lngst zum alten Eisen geworfen... Das wissen Sie nicht? -- Von Ihnen htte ich das nicht erwartet... Sie sind -- sehr zurckgeblieben. Der Bekannte erschrak -- und pflichtete dem Dummkopf sofort bei. Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen! sagte ihm ein anderer Bekannter. Aber ich bitte Sie! rief der Dummkopf. Schmen Sie sich denn nicht? Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darber lustig. -- Das wissen Sie nicht? -- Sie sind -- sehr zurckgeblieben. Auch dieser Bekannte erschrak -- und stimmte dem Dummkopf bei. Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.! uerte ein dritter Bekannter zum Dummkopf. Eine wahrhaft vornehme Natur! Aber ich bitte Sie! rief der Dummkopf. N. N. ist ein notorischer Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wte denn das nicht? -- Sie sind -- sehr zurckgeblieben! Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des Dummkopfs loben mochte -- fr alles hatte er die gleiche Antwort. Hchstens da er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufgte: Glauben Sie denn immer noch an Autoritten? Gift und Galle ist er! begannen nun die Bekannten ber den Dummkopf zu urteilen. -- Aber welch ein Kopf! -- Und welche Redegewandtheit! -- setzten andere hinzu. -- O gewi, er hat Talent! Das Ende war, da der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die Leitung des kritischen Teiles bertrug. Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrcke irgendwie zu ndern. Jetzt ist er, der einst Autoritten befehdete -- selbst eine Autoritt -- und die Jugend beugt sich vor ihm -- und frchtet ihn. Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? -- Es ist ja -- im allgemeinen -- fatal, sich beugen zu sollen... indessen, es unterstehe sich nur mal einer und beuge sich nicht -- gleich sitzt er im Topf der Zurckgebliebenen! Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfen. Eine Legende des Morgenlandes Wer kennt nicht in Bagdad den groen Dschaffar, die Sonne des Weltalls? Einst -- vor langen Jahren -- da er noch ein Jngling war, lustwandelte Dschaffar in der Umgebung von Bagdad. Pltzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt um Hilfe. Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz -- und vertraute auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen hinflligen Greis, der von zwei Rubern gegen die Stadtmauer gedrckt und beraubt wurde. Dschaffar zckte seinen Sbel und strzte sich auf die Ruber: einen schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht. Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Fen und sprach, indem er den Saum seines Mantels kte: Tapferer Jngling, dein Edelmut soll nicht unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler; doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, -- komme morgen in der Frhe auf den groen Bazar; am Springbrunnen werde ich dich erwarten -- und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner Worte berzeugen. Dschaffar dachte bei sich: Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein Bettler, ohne Zweifel; indessen -- nichts ist unmglich. Weshalb sollte ich es nicht versuchen? und gab zur Antwort: Gut, mein Vater, ich werde kommen. Der Greis blickte ihm ins Auge -- und entfernte sich. Am anderen Morgen, als es eben erst dmmerte, begab sich Dschaffar auf den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den Ellenbogen gesttzt hatte, harrte seiner schon der Greis. Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und fhrte ihn in einen kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war. Mitten im Garten, auf einem grnen Rasenplatz, stand ein Baum von ungewhnlichem Aussehen. Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe. Drei Frchte -- drei pfel hingen an den schmalen, aufwrtsstrebenden Zweigen: der eine von mittlerer Gre, lnglich und milchwei; der andere gro, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und gelblich. Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fhle er die Nhe Dschaffars. Jngling! -- hub der Greis nun an -- pflcke dir nach Belieben eine von diesen Frchten, doch wisse: pflckst du und it du die weie -- dann wirst du klger werden als alle Menschen; pflckst du und it du die rote -- dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild; pflckst du und it du aber die gelbe -- dann wirst du allen alten Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde verwelken die Frchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Scho der Erde! Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. -- Wie whle ich hier am besten? sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich selbst zu Rate. -- Wer allzu weise wird, knnte des Lebens berdrssig werden; wer reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen; besser, ich pflcke und esse den dritten Apfel, den runzligen! Und so tat er auch; der Greis aber lchelte mit seinem zahnlosen Munde und sprach: O du weisester aller Jnglinge! Du hast das beste Teil erwhlt! -- Was sollte dir auch der weie Apfel? Auch so bist du ja klger als Salomo. -- Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht... Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir niemand neiden knnen. Sag an, Alter, entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, wo wohnt die ehrwrdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen? Der Greis verneigte sich bis zur Erde -- und wies dem Jngling den Weg. Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den groen, ruhmreichen Dschaffar? Zwei Vierzeiler Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher Weise der Poesie ergeben waren, da, wenn einmal einige Wochen verstrichen, ohne da neue schne Verse bekannt wurden, sie eine solche Miernte als ein ffentliches Unglck empfanden. Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Pltzen und haderten unter bitteren Trnen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe. An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter Junius auf dem Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfllt war. Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel und verkndete durch ein Zeichen, da er ein Gedicht vorzutragen wnsche. Sofort schwangen die Liktoren ihre Stbe. Ruhe, Aufmerksamkeit! schrien sie laut -- und erwartungsvoll verstummte die Menge. Genossen! Freunde! begann Junius mit tnender, aber etwas unsicherer Stimme: Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gnner ihr! Bewundrer alles des, was edel und vollendet! Lat euch vom trben Leid des Augenblicks nicht beugen! Die frohe Stunde naht... und Dunkel weicht dem Licht. Junius hielt inne... aber als Antwort erscholl von allen Enden des Platzes her Lrmen, Pfeifen und Hohngelchter. Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen blitzten vor Zorn, alle Hnde erhoben sich, drohten, ballten sich zu Fusten! Mit solchen Stmpereien dachte er unseren Beifall zu erringen! schrien zornige Stimmen. Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule pfel und Eier auf den hohlen Narren! Gebt Steine! Steine her! Hals ber Kopf flchtete Junius von der Kanzel... aber noch war er nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Hndeklatschen, Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang. Von Zweifeln erfat, aber voll Sorge, erkannt zu werden -- denn es ist gefhrlich, ein wtendes Tier zu reizen --, kehrte Junius auf den Platz zurck. Und was sah er? Hoch ber der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehllt, einen Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge Dichter Julius... Rings aber schrie das Volk: Heil! Heil! Heil dem unsterblichen Julius! In unserer Trbsal, in unserem groen Kummer hat er uns getrstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, ser als Honig, wohlklingender als Zimbelton, wrziger als Rosenduft, klarer als Himmelsblue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit kstlichem Balsam, khlt seine Stirn durch sanftes Fcheln mit Palmenzweigen, streut zu seinen Fen alle Wohlgerche arabischer Myrrhen! Heil! Junius nherte sich einem dieser Beifallsrufer. Sage mir doch, lieber Mitbrger, mit welchen Versen Julius uns beglckt hat! Leider war ich nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch, wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen! Wie sollte man -- solche Verse nicht im Gedchtnis behalten? antwortete erregt der Gefragte. Wofr hltst du mich denn? So hre -- und jauchze, jauchze mit uns! 'Der Dichtkunst Gnner ihr!' so begann der gttliche Julius... 'Der Dichtkunst Gnner ihr! Genossen! Freunde all! Bewundrer alles des, was edel, gro und herrlich! Lat euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trben! Die freudge Stunde naht -- und Tag verscheucht die Nacht!' Herrlich, nicht wahr? Um Himmels willen! rief Junius aus, das sind ja doch meine eigenen Verse! -- Julius hat sich gewi unter der Volksmenge befunden, als ich sie vortrug -- er hat sie gehrt und dann wiederholt, wobei er nur einige Ausdrcke -- und keineswegs zum Vorteil -- vernderte! Aha! Jetzt erkenne ich dich... du bist Junius, entgegnete stirnrunzelnd der angesprochene Brger. Ein Neidhammel bist du oder ein Dummkopf!... So berlege doch nur dies eine, Unglcklicher! Wie erhaben heit es bei Julius: 'Und Tag verscheucht die Nacht!'... Bei dir dagegen -- so recht abgeschmackt: 'Und Dunkel weicht dem Licht!' -- Welches Licht?! Welches Dunkel?! Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe? wagte Junius einzuwenden... Ein einziges Wort noch, unterbrach ihn der Brger, und ich rufe das Volk auf... das dich zerreien wird! Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann, der sein Gesprch mit dem Brger gehrt hatte, auf den niedergeschlagenen Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach: Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. -- Folglich hat er recht -- dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens. Doch whrend das reine Gewissen -- so gut und so weit es irgend vermochte... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht -- den Junius trstete, der sich stumm in einen Winkel gedrckt hatte, schwebte in der Ferne, unter tosendem Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Knige, der zur Krnung schreitet, -- in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des Julius dahin... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem demtigen Sichneigen die bestndig sich erneuernde Verehrung ausdrcken, welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbrger erfllte. Der Sperling Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein Hund lief vor mir her. Pltzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als wittere er vor sich ein Wild. Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Kpfchen. Er war aus dem Neste gefallen -- heftiger Wind schttelte die Birken der Allee -- und hockte unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flgelchen ausstreckend. Langsam nherte mein Hund sich ihm, als pltzlich, von einem nahen Baume sich herabstrzend, der alte schwarzbrstige Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und vllig zerzaust, verstrt, mit verzweifeltem, klglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten, geffneten Rachen lossprang. Er warf sich ber sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe wollte er es schtzen... doch sein ganzer kleiner Krper bebte vor Schrecken, sein Stimmchen klang wild und heiser, Betubung erfate ihn, er opferte sich selbst! Als welch riesengroes Untier mute ihm der Hund erscheinen! Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht... Eine Macht, strker als sein Wille, ri ihn von dort herab. Mein Tresor hielt inne, wich zurck... Sichtlich begriff auch er diese Macht. Schnell rief ich meinen verblfften Hund zurck und entfernte mich, Ehrfurcht im Herzen. Ja; lchelt nicht darber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen heldenmtigen Vogel, vor der berstrmenden Kraft seiner Liebe. Die Liebe, dachte ich, ist strker als der Tod und die Schrecken des Todes. Sie allein, allein die Liebe erhlt und bewegt unser Leben. Die Totenschdel Ein prachtvoller, glnzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprhende Gesichter und eifrige Gesprche... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine berhmte Sngerin. Man vergttert sie, nennt sie unsterblich... O, wie herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert! Und pltzlich -- wie auf den Wink eines Zauberstabes -- verschwand von allen Kpfen und allen Gesichtern die zarte Hlle der Haut, und augenblicklich erschienen die Schdel in ihrer Totenblsse, traten Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor. Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen bewegten und rhrten -- wie sich diese rundlichen, knchernen Kugeln, im Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten -- und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen Augpfel. Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berhren, wagte auch nicht, mich im Spiegel zu betrachten. Die Totenschdel aber drehten sich wie zuvor... Und mit derselben Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen gelufig hin und her bewegend, schwatzten die geschftigen Stimmen davon, wie wunderbar, wie unbertrefflich die unsterbliche... ja, die unsterbliche Sngerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe! Die Tagelhner und der Weihndige Ein Gesprch _Tagelhner_ Was drngst du dich zu uns? Was willst du? Du gehrst nicht zu uns... Mach, da du weiterkommst! _Der Weihndige_ Ich gehre zu euch, Brder! _Tagelhner_ Das wre doch! Zu uns! Was fllt dir denn ein? Schau mal auf meine Hnde. Siehst du, wie schmutzig die sind? Nach Dnger riechen sie und nach Teer, -- deine Hnde aber sind wei. Wonach riechen die denn? _Der Weihndige_ (seine Hnde hinhaltend) So rieche doch! _Tagelhner_ (sie beriechend) Was ist denn das? Gerade als rchen sie nach Eisen. _Der Weihndige_ Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in Ketten. _Tagelhner_ Warum denn das? _Der Weihndige_ Darum, weil ich fr euer Wohl gearbeitet habe, weil ich euch befreien wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil ich auftrat gegen eure Bedrcker, revoltierte... Da haben sie mich denn gefangengesetzt. _Tagelhner_ Gefangengesetzt? Ja, wer hie dich denn auch revoltieren?! -- _Zwei Jahre spter_ -- _Einer derselben Tagelhner_ (zum anderen) Hr mal, Peter... Du weit doch noch, wie im vorvorigen Jahr so 'n weihndiger Kerl mit dir schwatzte? _Zweiter Tagelhner_ Freilich... na, und? _Erster Tagelhner_ Nun, hngen werden sie ihn heute; so 'n Befehl ist gekommen. _Zweiter Tagelhner_ Hat er denn wieder revoltiert? _Erster Tagelhner_ Wieder revoltiert! _Zweiter Tagelhner_ Na... Weit du was, Bruder Dmitry: la uns zusehen, da wir den Strick kriegen, mit dem er gehngt wird; so was soll doch 'n mchtiges Glck ins Haus bringen! _Erster Tagelhner_ Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter. Die Rose Es war in den letzten Tagen des August... Der Herbst hatte bereits seinen Einzug gehalten. Die Sonne ging unter. In pltzlichen, heftigen Gssen, doch ohne Donner und Blitz, war eben ein starker Regenschauer ber unsere weite Ebene hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glhte und dampfte, ganz berflutet vom flammenden Abendrot und dem Na des Regens. Sie sa am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch die halboffene Tr in den Garten hinaus. Ich wute, was damals in ihrer Seele vorging; wute, da sie nach einem kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem Gefhle ergab, das sie nicht lnger zu bemeistern imstande war. Pltzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und verschwand. Es verging eine Stunde... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder. Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee, durch welche -- wie ich bestimmt voraussetzte -- auch sie gegangen war. Rings war alles in Dunkel gehllt; die Nacht war schon hereingebrochen. Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten Schleier der Finsternis hindurch noch rtlich schimmernd, ein rundlicher Gegenstand erkennbar. Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblhte Rose. Noch vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen. Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum Wohnzimmer zurck und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch. Endlich kam auch sie zurck -- durchma mit leichten Schritten das Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lchelnder Befangenheit, irrten ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrckten, beschmutzten Bltter, blickte dann auf mich -- und nun, pltzlich innehaltend, erglnzten ihre Augen in Trnen. Warum weinen Sie? fragte ich. Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist. Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. Ihre Trnen werden diese Flecken abwaschen, bemerkte ich mit vielsagender Betonung. Trnen waschen nicht ab, Trnen versengen, entgegnete sie, wandte sich zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme. Feuer versengt noch besser als Trnen, rief sie mit einer gewissen Entschlossenheit, -- und ihre schnen Augen, in denen die Trnen noch schimmerten, strahlten in mutvollem und beglcktem Lcheln. Da wute ich, da auch sie versengt war. Letztes Wiedersehen Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde... Doch es kam ein verhngnisvoller Augenblick -- und wir entfremdeten uns, wurden Feinde. Viele Jahre vergingen... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, da er hoffnungslos darniederliege und mich wiederzusehen wnsche. Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer... unsere Blicke begegneten sich. Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt! Gelb, vertrocknet, mit vollstndig kahlem Kopf und dnnem, ergrautem Bart, sa er in bloem, eigens fr ihn gefertigten Hemde da... Er vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam abgenagte Hand entgegen und brachte mhsam einige unverstndliche Worte hervor -- ob es ein Gru, ob es ein Vorwurf war -- wer mag es wissen? Seine entkrftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung -- und ber die verengerten Pupillen seiner entzndeten Augen glitten zwei kmmerliche, leidensschwere Trnenperlen. Mir blutete das Herz... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und reichte ihm, whrend ich unwillkrlich den Blick vor dieser furchtbaren Entstellung senken mute, auch meinerseits die Hand. Allein mich berkam das Gefhl, als wre das nicht seine Hand, die die meine umschlossen hielt. Mir war, als se zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein langer Schleier hllt sie von Kopf bis zu Fen ein. Ihre tiefliegenden, matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen Lippen. Dieses Weib schlo unsere Hnde zusammen... Sie vershnte uns auf immer. Ja... der Tod hatte uns vershnt... Ein Besuch Ich sa am offenen Fenster... morgens, frhmorgens am ersten Mai. Noch war die Morgenrte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht war schon einer khleren Dmmerung gewichen. Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lftchen regte sich, alles lag noch in einfarbigem, stummem Schweigen... aber schon kndete sich das nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter, strkender Taugeruch. Pltzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und Rauschen ein groer Vogel zu mir ins Zimmer herein. Ich fuhr zusammen und blickte empor... Es war kein Vogel, es war eine geflgelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schlieenden, langen, schillernden Gewande. Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; blo die Innenseite ihrer Flgelchen zeigte den zarten roten Hauch einer erblhenden Rose; ein Kranz von Maiglckchen umschlo die flatternden Locken ihres rundlichen Kpfchens, und gleich Fhlern eines Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer lieblichen gewlbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke umher; ihr winziges Antlitz lchelte; es lchelten auch ihre groen, schwarzen, glnzenden Augen. Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine langgestielte Steppenblume: Kaiserzepter nennt sie das russische Volk, -- auch hnelt sie wirklich einem Zepter. Und rasch ber mich hinfliegend, berhrte sie mit dieser Blume mein Haupt. Ich haschte nach ihr... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert -- und fort war sie... Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine Turteltaube girrend den ersten Frhgru zu -- und in der Ferne, wo sie verschwand, begann der milchweie Himmel sich langsam zu rten. Ich erkannte dich, Gttin der Phantasie! Ein Zufall fhrte dich zu mir -- du flogst davon zu den jungen Dichtern. O Poesie! Jugend! Frauen- und Mdchenschnheit! Nur noch auf Augenblicke erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele -- frhmorgens bei Frhlings Erwachen! #Necessitas -- Vis -- Libertas# Ein Basrelief Eine lange, knchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit groen Schritten und stt mit ihrer stockdrren Hand ein anderes Weib vor sich her. Dies Weib ist von mchtigem Wuchs, krftig, voll, mit Muskeln gleich einem Herkules, aber einem winzigen Kpfchen auf einem Stiernacken, -- ist blind -- und stt ihrerseits ein kleines, schmchtiges Mdchen vor sich hin. Dies Mdchen allein hat sehende Augen; sie strubt sich, versucht sich umzuwenden, hebt ihre zarten, schnen Hnde empor; ihr lebensvolles Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit... Sie mchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoen wird... und dennoch mu sie sich unterwerfen und gehen. #Necessitas -- Vis -- Libertas.# Wer Lust hat -- mag es bersetzen. Das Almosen In der Nhe einer groen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein alter, kranker Mann. Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten seine abgemagerten Fe nur schwerfllig und matt vorwrts, als ob sie einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen Leib, sein bloes Haupt fiel auf die Brust herab... Ihn verlieen die Krfte. Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornber, sttzte sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Hnden sein Antlitz, und zwischen seinen gekrmmten Fingern hervor quollen Trnen und tropften in den trockenen grauen Staub. Er dachte vergangener Zeiten... Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen -- und wie er dann seine Gesundheit verlor -- und seinen Reichtum an andere verschwendete, an gute und schlechte Freunde... Und nun, nun hatte er nicht einmal ein Stckchen Brot -- alle hatten ihn verlassen, die Freunde noch frher als die Feinde... Sollte er sich nun wirklich so weit erniedrigen mssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in sein Herz, und Scham. Seine Trnen aber rannen und rannen und tropften in den grauen Staub. Mit einem Male hrte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete sein mdes Haupt empor -- und erblickte vor sich einen Unbekannten. Es war ein ernstes, wrdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch. Du hast deinen Reichtum verschenkt, lie sich eine sanfte Stimme vernehmen... Gereut es dich nicht, wohlttig gewesen zu sein? Es gereut mich nicht, antwortete der Greis mit einem Seufzer, wenn ich auch jetzt freilich Hungers sterbe. Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben htte, welche dir ihre Hnde hinstreckten, fuhr der Unbekannte fort, wenn niemand der Wohltaten bedrftig gewesen wre, httest du dann berhaupt wohlttig sein knnen? Der Greis gab keine Antwort -- und verfiel in Nachdenken. So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler, hub der Unbekannte wieder an, mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen, da sie gut sind. Der Greis fuhr auf und blickte umher... doch der Unbekannte war schon verschwunden; -- in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer. Der Greis trat auf ihn zu -- und streckte seine Hand aus. -- Dieser Wandrer aber wandte sich mit mrrischem Blicke ab und gab ihm nichts. Nach ihm kam aber ein zweiter -- und der gab dem Greis ein kleines Almosen. Und der Greis kaufte sich Brot fr den erhaltenen Groschen -- und s schmeckte ihm der erbettelte Bissen -- und keine Scham qulte mehr sein Herz -- im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war ber ihn gekommen. Das Insekt Mir trumte, wir sen unserer zwanzig in einem groen Zimmer mit offenen Fenstern. Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise... Wir alle unterhielten uns ber ganz alltgliche Dinge und sprachen laut durcheinander. Pltzlich flog ein groes Insekt von etwa zwei Zoll Lnge mit scharfem Summen ins Zimmer... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich dann an die Wand. Es glich einer Fliege oder Wespe. -- Der Leib war von schmutzigbrauner Farbe, ebenso die flachen harten Flgel; die gespreizten Fchen borstig und der Kopf eckig und gro wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und diese Fchen -- waren leuchtend rot wie Blut. Dieses seltsame Insekt drehte fortwhrend den Kopf, nach unten und oben, nach rechts und links, bewegte die Fchen... dann pltzlich flog es von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer -- setzte sich von neuem und machte wieder seine hlichen, widerwrtigen Bewegungen, ohne sich von der Stelle zu rhren. In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht... Niemand von uns hatte bisher etwas hnliches gesehen, alle schrien: Jagt doch dies Ungeziefer hinaus! -- alle schwenkten von weitem ihre Taschentcher... aber keiner wagte heranzukommen... und sooft das Insekt aufflog, wich alles unwillkrlich zurck. Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, bla aussehender Mann, blickte auf uns brige mit unverhohlenem Erstaunen. -- Er zuckte die Achseln, lchelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte berhaupt kein Insekt wahrnehmen -- hrte nicht das unheimliche Schwirren seiner Flgel. Pltzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, prete sich an seinen Kopf und stach ihn dicht ber den Augen in die Stirn... Der junge Mann stie einen schwachen Schrei aus -- und brach tot zusammen. Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus... Da erst errieten wir, was dies fr ein Gast gewesen war. Die Kohlsuppe Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjhriger Sohn gestorben, der beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes, hrte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung auf, um sie zu besuchen. Sie fand sie zu Hause. Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schpfte sie mit langsamer, mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff herab) dnne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwrzten Topfe und schluckte einen Lffel nach dem andern davon hinunter. Das Gesicht der Alten war abgehrmt und trbe; die Augen rot und verschwollen... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der Kirche. Herr des Himmels! dachte die gndige Frau bei sich, in solchem Augenblick bekommt die es fertig zu essen... was haben doch all diese Leute fr ein rohes Gefhl! Und hierbei erinnerte sich die gndige Frau, wie sie selbst vor einigen Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Tchterchens vor lauter Kummer darauf verzichtet hatte, ein prchtiges Landhaus in der Nhe von Petersburg zu mieten -- und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht hatte! -- Die Alte dagegen lffelte weiter an ihrer Kohlsuppe. Endlich verlor die gndige Frau die Geduld. -- Tatjana! rief sie aus... Das ist unerhrt! -- Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren? -- Wie kannst du blo jetzt diese Kohlsuppe essen! Mein Wassja ist tot, erwiderte leise die Alte -- und von neuem rollten bittere Trnen ber ihre eingefallenen Wangen. Nun ist es auch mit mir bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen. Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja gesalzen. Die gndige Frau zuckte blo mit den Achseln und entfernte sich. Fr sie war das Salz billig. Die Gefilde der Seligen O Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsblue, des Lichtes, der Jugend und des Glcks! Ich habe euch geschaut... im Traume. Wir saen zu mehreren in einem schnen, reichgeschmckten Nachen. Einer Schwanenbrust gleich schwoll das weie Segel unter den spielenden Wimpeln. Ich wute nicht, wer meine Gefhrten waren; allein, ich fhlte mit ganzem Herzen, da sie ebenso jung, so froh und glcklich seien wie ich! Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war -- und zu Hupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, -- und darberhin zog im Triumphe und gleichsam lchelnd die freundliche, heitere Sonne. Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, frhliches Lachen -- wie das Lachen der Gtter! Dann auf einmal ertnten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer Schnheit und begeisternder Kraft... es schien, als ob der Himmel selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend erzittere... Und dann wieder herrschte selige Stille. Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin. Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wre er beseelt. Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorber. Aus den sanft geschwungenen Ufern strmten berauschende Wohlgerche; einzelne dieser Inseln berschtteten uns mit einem Bltenregen weier Rosen und Maiglckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige, langgefiederte Vgel empor. Und die Vgel kreisten hoch ber uns, die Maiglckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die lngs der glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen und den Vgeln schwebten se, se Tne herber... Mdchenstimmen schienen darein verwoben... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer, das Rauschen des Segels ber uns, das Gemurmel der Strmung hinter dem Nachen -- alles redete von Liebe, von seliger Liebe! Und sie, die ein jeder von Herzen liebte -- sie war da... unsichtbar, doch nahe. Einen Augenblick nur -- und ihre Augen erglnzen, es strahlt ihr Lcheln... Ihre Hand schliet sich in deine Hand und zieht dich mit sich in ein unverwelkliches Paradies! O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut. Zwei Reiche Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens fr Erziehung von Kindern, fr Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet -- dann erregt dies meinen Beifall und rhrt mich. Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rhrung doch die Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrcken, welche eine kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm. Nehmen wir Katja zu uns, meinte die alte Frau, dann geht unser letzter Groschen drauf -- dann langts nicht mehr zum Salz fr die Suppe... Nun... dann essen wir sie eben ungesalzen, gab ihr der Bauer, ihr Mann, zur Antwort. Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern! Der Greis Trbe, schwere Tage sind gekommen... Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Klte und Finsternis des Alters. Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen -- welkt und schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab. Was nun? Sollst du wehklagen? Dich hrmen? Nein, damit dienst du weder dir selbst, noch den anderen... Wohl wird das Laub auf dem verdorrenden, sich krmmenden Baume immer drftiger und seltener, -- aber grn ist auch dieses noch. So verschliee denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugngliches Leben in all seinem duftigen, immer noch frischen Grn und seiner quellenden Frhlingspracht vor dir erglnzen. Aber hte dich... schaue nicht vor dich, armer Greis! Der Berichterstatter Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich auf der Strae ein groer Lrm. Man hrt klgliches Sthnen, zornige Verwnschungen und schadenfrohe Lachsalven. Da prgeln sie jemand, sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster hinausblickte. Wohl einen Verbrecher? Einen Mrder? fragte der andere. Hre mal, wer es auch sein mag, wir drfen solch willkrliches Rechtsverfahren nicht zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen. Ein Mrder ist's aber nicht, den sie da prgeln. Kein Mrder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen ihn dem Pbelhaufen entreien. Es ist auch kein Dieb. Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer, ein Armeelieferant, ein russischer Mzen, ein Advokat, ein gesinnungstchtiger Redakteur, ein ffentlicher Wohltter?... Gleichviel, komm und la uns ihm helfen! Weit gefehlt... sie prgeln einen Berichterstatter. Einen Berichterstatter? -- Na, weit du was: dann wollen wir erst ruhig unsern Tee austrinken. Zwei Brder Ich hatte eine Vision... Es erschienen vor mir zwei Engel... zwei Genien. Ich sage: Engel... Genien -- weil kein Gewand ihren nackten Krper verhllte und beide an den Schultern mchtige, lange Flgel besaen. Beide waren Jnglinge. Der eine hatte einen ppigen Wuchs, eine zarte Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und verlangend. Bezaubernd und verfhrerisch war sein Antlitz, mit einem Anflug von Verwegenheit und Tcke. Ein leises Zucken spielte um die vollen, rosigen Lippen. Der Jngling lchelte, wie im Gefhl berlegener Macht -- selbstbewut und doch nachlssig; ein herrlicher Blumenkranz schmiegte sich sanft um seine glnzenden Locken, so da er die sammetgleichen Brauen fast berhrte. Ein scheckiges Leopardenfell, von einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen Schulter bis auf die schwellende Hfte herab. Das Gefieder seiner Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend rot, gleich als wren sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frhlingsregens. Der andere Jngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war fahl, dnn und schlicht; die Augen bergro, rund und blagrau... der unheimlich glnzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszge hatten etwas Scharfes; der kleine, halbgeffnete Mund wies Fischzhne auf; die Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weilichem Flaum bedeckt. ber diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lcheln geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch das Antlitz jenes anderen, schnen Jnglings -- obwohl liebreizend und sanft -- war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten schlangen sich einige taube, zerknickte hren, von einem verwelkten Hlmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine Lenden; die Flgel auf seinem Rcken, tiefblau und glanzlos, bewegten sich langsam und drohend. Beide Jnglinge schienen unzertrennliche Gefhrten zu sein. Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, drren Fingern wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten. Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also: Vor dir stehen Liebe und Hunger -- zwei leibliche Brder, die zwei Grundpfeiler allen Lebens. Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nhren, nhrt sich, um sich fortzupflanzen. Liebe und Hunger -- ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das Leben nicht versiege -- das eigene wie das fremde, -- ja, das gesamte Leben. Dem Andenken an Frulein J. P. Wrewskaja Im Schmutz, auf belriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines bauflligen Schuppens, der in notdrftiger Hast inmitten eines verwsteten bulgarischen Drfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet worden war -- erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war vllig bewutlos -- und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Fen hatte halten knnen -- erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen. Sie war jung und schn; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die hchsten Wrdentrger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen beneideten sie, die Mnner machten ihr den Hof... zwei oder drei von diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben lchelte ihr; doch es gibt ein Lcheln, das schlimmer ist als Trnen. Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Gte... dabei aber von einer Kraft, einer Opferfreudigkeit! -- Den Bedrngten Hilfe zu leisten... ein anderes Glck kannte sie nicht... kannte sie nicht -- und lernte sie nicht kennen. Alles andere Glck ging an ihr vorber. Doch darein hatte sie sich lngst ergeben -- und mit dem heiligen Feuer unerschtterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer Mitmenschen. Welche unvergnglichen Schtze sie dort im geheimsten, tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, das hat niemand je gewut -- und kann jetzt freilich niemand mehr erfahren. Wozu auch? Das Opfer ist gebracht... das Werk ist vollendet. Allein, es ist schmerzlich, denken zu mssen, da niemand wenigstens ihrer sterblichen Hlle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham sich jeder Dankesbezeugung entzog. Mge ihr teurer Schatten mir nicht zrnen, wenn ich dieses kleine, versptete Blmlein auf ihr Grab zu legen wage! Der Egoist Er besa alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geiel seiner Familie zu werden. Von klein auf gesund und reich -- und gesund und reich sein ganzes langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal. Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewutsein seiner Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehrigen, seine Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital... und er nahm Wucherzinsen davon. Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie aus freien Stcken Gutes zu tun; -- und darum war er erbarmungslos -- und tat nie Gutes... denn das Gute auf Befehl -- ist nicht das Gute. Niemals kmmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so beraus musterhafte Person und war innerlich emprt, wenn die anderen sich nicht ebenso eifrig um diese bekmmerten. Und bei alledem hielt er sich nicht fr einen Egoisten -- und verurteilte und verfolgte am allerschrfsten die Egoisten und den Egoismus! -- Das wre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen eigenen! Fr seine Person sich nicht der geringsten Schwche bewut, begriff und duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff berhaupt niemanden und nichts, denn berall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen. Er begriff nicht einmal, was Vergeben heit. Sich selbst etwas zu vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte er dann den anderen vergeben? Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner eigenen Gottheit -- da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer Stimme auszusprechen: Ja, ich bin ein wrdiger, ein moralischer Mensch! Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen -- und selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen -- in diesem Herzen ohne Makel und Fehl. O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend -- schwerlich kannst du berboten werden von dem nackten Scheusal des Lasters! Das Fest beim hchsten Wesen Einstmals beschlo das hchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast ein Fest zu geben. Smtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten. Aber nur die weiblichen... Herren waren nicht geladen... blo Damen. Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden -- die groen wie die kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und liebenswrdiger als die groen; doch schienen alle sehr befriedigt -- und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich fr so nahe Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das hchste Wesen zwei schne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen schienen. Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und fhrte sie zu der anderen. Die Wohlttigkeit! sprach er, auf die erste deutend. Die Dankbarkeit! fgte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht -- und sie besteht schon ziemlich lange --, begegneten sie sich zum erstenmal. Die Sphinx Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand... Sand ohne Ende, so weit das Auge reicht! Und ber dieser Sandwste, ber diesem Meer toten Staubes erhebt sich das gigantische Haupt einer gyptischen Sphinx. Was wollen sie sagen, diese mchtigen, wulstigen Lippen, diese starr-geschwellten, aufgeworfenen Nstern -- und diese Augen, diese lnglichen, halb trumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der hohen Brauen? Gewi, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar -- doch nur ein dipus vermag ihr Rtsel zu lsen und ihre stumme Sprache zu verstehen. Ha! Nun erkenne ich diese Zge... jetzt haben sie nichts gyptisches mehr. Die weie, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die kurze, gerade Nase, der hbsche Mund voll weier Zhne, der weiche Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbrtchen -- und diese weit auseinanderstehenden kleinen Augen... dazu das Haar, wie eine Mtze den Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt... Ei, das bist du ja, Karp, Sidor, Semjon, du Buerlein aus Jaroslaw, aus Rjsan, mein Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die Sphinxe geraten? Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch -- eine Sphinx. Auch deine Augen -- diese farblosen, aber tiefen Augen reden... Und auch ihre Sprache ist stumm und rtselvoll. Wo aber ist dein dipus? O Jammer! Die Bauernmtze sich aufzustlpen, ist leider nicht ausreichend, um dein dipus zu werden, o du allrussische Sphinx! Die Nymphen Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten Gebirgskette; junger grner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle. ber ihr wlbte sich in durchsichtigem Blau der sdliche Himmel; aus der Hhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb verborgen im Grase, murmelten flinke Bchlein. Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe, das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst ber das gische Meer fuhr. Es war um die Mittagsstunde... In ruhiger Gltte lag die See. Da ertnte mit einem Male hoch ber dem Haupte des Steuermanns eine vernehmliche Stimme: Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann lasse laut den Ruf erschallen: 'Der groe Pan ist tot!' Der Steuermann staunte... und erschrak. Als aber das Schiff an der Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: Der groe Pan ist tot! Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf lngs des ganzen Ufers (obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Sthnen und langgezogene Klagelaute: Tot, tot! Der groe Pan ist tot! Diese Sage also war mir eingefallen... und da kam mir der sonderbare Gedanke: Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen liee? Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft: Auferstanden, auferstanden ist der groe Pan! Und sogleich, o Wunder! -- erscholl als Antwort auf meinen Ruf lngs des ganzen weiten Halbkreises grnender Berge ein frhliches Lachen, ertnte freudiges Stimmengewirr und Hndeklatschen. Er ist auferstanden! Pan ist auferstanden! riefen jugendliche Stimmen. -- Pltzlich jubelte alles da drben laut auf, heller als die Sonne in der Hhe und lustiger als das Spiel der Bchlein, die unterm Grase murmelten. Gerusch hurtiger, leichter Futritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrn schimmerte das marmorne Wei wollener Gewnder und die lebensfrische Rte nackter Krper... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden, Bacchantinnen, die von der Hhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fliet um die gttlichen Hupter, edelgeformte Hnde schwingen Krnze und Tamburins -- und Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran... Vor ihnen her schreitet eine Gttin. Sie ist grer und schner als alle anderen, -- ein Kcher hngt von den Schultern herab, in der Hand trgt sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine silberne Mondsichel... Diana -- bist du es? Pltzlich aber macht die Gttin halt... und gleichzeitig hielt die ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah, wie sich das Antlitz der pltzlich verstummten Gttin mit einer tdlichen Blsse bedeckte; ich sah, wie ihre Fe versteinerten, wie ihr Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich ffnete und ihre Augen, starr in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten... Was hatte sie gesehen? Wohin blickte sie? Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah... Am uersten Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weien Turm einer christlichen Kirche... Dieses Kreuz hatte die Gttin erblickt. Hinter mir vernahm ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden Saite gleich -- und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen spurlos verschwunden... Der weit ausgedehnte Wald grnte wie zuvor, und nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und verschwand etwas Weies. Waren es die Gewnder der Nymphen oder stieg Nebel vom Talgrund auf -- ich wei es nicht. Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Gttinnen! Freund und Feind Ein zu lebenslnglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefngnis und strzte in wilder Flucht einher.... Die Verfolger waren ihm auf den Fersen. Er rannte aus allen Krften... Schon begannen die Verfolger nachzulassen. Da, mit einem Male hemmt ihn ein Flu mit steilen Ufern -- ein schmaler, aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen! Von einem Ufer zum andern schwebt ein dnnes, angefaultes Brett. Schon hatte der Flchtling den Fu darauf gesetzt... Der Zufall wollte nun, da drben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind standen. Der Feind sagte nichts, sondern verschrnkte blo die Arme; der Freund dagegen schrie aus vollem Halse: Um Gottes willen! Was tust du? Besinne dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, da dieses Brett vollstndig verfault ist?! -- Es wird unter deiner Last brechen -- und du kommst rettungslos um! Es gibt aber doch keine andere Brcke... und hrst du nicht die Verfolger? sthnte verzweifelt der Unglckliche und betrat das Brett. Das lasse ich nicht zu!... Nein, ich lasse nicht zu, da du zugrunde gehst! schrie der eifrige Freund und ri dem Fliehenden das Brett unter den Fen weg. -- Der strzte jh in die reienden Wellen hinab -- und ertrank. Der Feind lachte befriedigt auf -- und ging von dannen; der Freund aber setzte sich ans Ufer und zerflo in bitterlichen Trnen um seinen armen -- armen Freund! Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar nicht in den Sinn... nicht einen Augenblick. Er hrte nicht auf mich! Hrte nicht! schluchzte er trostlos. Aber wenn auch! sagte er zum Schlu. Er htte ja doch sein ganzes Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten mssen! Wenigstens leidet er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewi hat das Schicksal es so gewollt! -- Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich betrachtet! Und die gute Seele vergo aufs neue bitterliche Trnen um den unglckseligen Freund. Christus Ich sah mich als Jngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen Dorfkirche. -- Die Flmmchen der dnnen Wachskerzen glhten wie kleine rote Punkte vor den alten Heiligenbildern. Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne Flmmchen. Es war dster und dmmerig in der Kirche... Vor mir aber standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernkpfe. Von Zeit zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder gleich reifen Kornhren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge ber sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und trat neben mich. Ich wandte mich nicht nach ihm um -- aber ich fhlte sofort: dieser Mensch ist -- Christus. Rhrung, Neugier und Angst bemchtigten sich meiner im selben Augenblick. Ich nahm mich zusammen... und sah meinen Nachbar an. Ein Gesicht wie das aller anderen -- ein Gesicht, das allen Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwrts, andchtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht zusammengepret: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hnde gefaltet und unbeweglich. Auch die Kleidung ist dieselbe wie bei allen brigen. Wie kann das Christus sein! dachte ich bei mir. Solch einfacher, einfacher Mensch! Es ist unmglich! Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen Menschen abgewandt, als mich wiederum das Gefhl berkam, als stnde wirklich Christus an meiner Seite. Noch einmal nahm ich mich zusammen... Und wieder erblickte ich dasselbe Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltglichen, wenn auch unbekannten Zge. Da wurde es mir pltzlich schwer ums Herz -- und ich kam zu mir. Nun begriff ich erst, da gerade solch ein Antlitz -- ein Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht -- Christi Antlitz sei. Der Stein Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn an einem sonnigen Frhlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die frischen Wellen gegen ihn anschlagen -- anschlagen, ihn umspielen, umschmeicheln -- und sein bemoostes Haupt mit einem Sprhregen glnzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein -- aber auf seiner Oberflche erscheinen leuchtende Farben. Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glhte. So ward auch jngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen Frauenseelen bestrmt -- und unter ihrer liebkosenden Berhrung rteten sich seine seit langem verblaten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers! Die Wellen sind wieder zurckgestrmt... die Farben aber sind noch nicht verblichen -- mag auch scharfer Wind sie trocknen. Die Tauben Ich stand auf dem Rcken eines sanft abfallenden Hgels; vor mir breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten ber dieses Meer; bewegungslos war die schwle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen. Um mich herum strahlte noch die Sonne hei und trbe; aber dort, hinter dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des Horizontes. Alles war verstummt... alles war erstorben unter der unheildrohenden Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hren und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nhe irgendwo raschelte und klatschte ein einsames groes Klettenblatt. Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue Wolkenmasse... und unruhige Erregung bemchtigte sich meiner. Nur schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange, grolle, Donner! rege dich, wlze dich heran, strme herab, drohende Wolke, und lse diese beklemmende Dumpfheit! Doch die Wolke rhrte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der schweigenden Erde... und nur noch mchtiger ballte und verfinsterte sie sich. Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes Etwas in gleichmiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weies Tchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weie Taube, die vom Dorfe herbergeflogen kam. Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus... und verschwand hinterm Walde. Einige Augenblicke vergingen -- immer noch herrschte dieselbe furchtbare Stille... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tchlein, zwei Schneeflocken schweben zurck: in gleichmigem Fluge flattern zwei weie Tauben heimwrts. Und jetzt, endlich, brach der Sturm los -- und der wilde Tanz begann! Mit genauer Not erreichte ich das Haus. -- Der Wind heult und tobt wie ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten, niederhngenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt durcheinander, wie eine senkrechte Sule peitscht und strzt wtender Platzregen herab, die Blitze blenden in grnlichem Feuer, wie Kanonenschsse krachen die Donnerschlge in kurzen Pausen, es riecht nach Schwefel... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben -- jene, welche nach ihrer Gefhrtin ausgeflogen war -- und die, welche sie heimgebracht und dadurch vielleicht gerettet hatte. Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehllt -- und schmiegen sich Fittich an Fittich... Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte... Obgleich ich ganz allein bin... allein wie immer. Morgen! Morgen! Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag! Wie geringfgig die Spuren, die er hinterlt! Wie gedankenlos-stumpf verrannen all die Stunden, eine nach der anderen! Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dnkt das Leben ein Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich selbst, auf die Zukunft... O, wieviel Glck erwartet er von der Zukunft! Warum aber bildet er sich ein, da die anderen, knftigen Tage dem ebenverflossenen nicht gleichen wrden? Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grbeln berhaupt zuwider -- und er tut wohl daran. Ei, morgen, morgen! -- damit trstet er sich, -- so lange, bis ihn dieses Morgen ins Grab senkt. Nun -- und liegst du erst einmal im Grabe -- dann hat dein Grbeln ganz von selbst ein Ende. Die Natur Mir trumte, ich trte in einen groen, unterirdischen Saal mit hohen Gewlben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmiges Licht erfllte den ganzen Raum. Mitten im Saal sa ein majesttisches Weib in einem faltenreichen grnen Gewande. Das Haupt auf die Hand gesttzt, schien sie in tiefes Nachdenken versunken. Ich begriff sofort, da dieses Weib -- die Natur selbst war, -- und wie pltzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele. Ich nherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: O du unser aller gemeinsame Mutter! rief ich aus. Worber sinnst du nach? Gelten deine Gedanken dem knftigen Schicksale der Menschheit? Oder der Frage, wie sie zur hchsten Vollkommenheit und Glckseligkeit gelangen knne? Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre Lippen bewegten sich -- und machtvoll erklang eine Stimme wie das Drhnen des Eisens: Ich sinne darber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine grere Kraft gegeben werden knne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu retten vermchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist gestrt... Es mu wiederhergestellt werden. Wie? entgegnete ich stammelnd. Daran denkst du? Sind denn aber nicht wir -- wir Menschen, deine Lieblingskinder? Das Weib runzelte leicht die Brauen: Alle Geschpfe sind meine Kinder, sprach sie; ich sorge fr sie alle ohne Unterschied -- und ohne Unterschied vernichte ich sie alle. Aber Gte... Vernunft... Gerechtigkeit... stammelte ich wiederum. Das sind Menschenworte, drhnte die eherne Stimme. Ich kenne weder Gut noch Bse... Vernunft ist mir nicht Gesetz -- und was ist Gerechtigkeit? -- Ich gab dir das Leben -- ich werde es dir wieder nehmen und anderen Wesen geben, Wrmern oder Menschen... mir ist es einerlei... Du aber wehre dich einstweilen -- und la mich in Ruhe! Ich wollte noch etwas erwidern... doch da begann rings die Erde dumpf zu sthnen und zu beben -- und ich erwachte. Hngt ihn! Das geschah im Jahre 1803, begann mein alter Bekannter, kurz vor Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in Mhren Quartiere bezogen. Es war uns streng verboten, die Bevlkerung zu beunruhigen und zu drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an, obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zhlten. Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter, namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von klein auf und behandelte ihn wie einen Freund. Eines schnen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte, lautes Geznke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hhner gestohlen worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an... 'Er und stehlen, er, Jegor Awtamanow!' Ich suchte die Wirtin von Jegors Ehrlichkeit zu berzeugen, aber sie blieb taub gegen alles. Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Strae herauf: der Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorber. Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen. Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt -- als sie sich seinem Pferde entgegenwarf, auf die Knie fiel -- und ganz auer sich, mit fliegenden Haaren, meinen Burschen laut anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand auf ihn deutete. 'Herr General!' schrie sie, 'Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie! Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!' Jegor stand auf der Trschwelle, kerzengerade, die Mtze in der Hand, hatte sogar die Brust herausgedrckt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache -- und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, da ihn der Anblick dieser ganzen, mitten auf der Strae haltenden Generalitt aus der Fassung brachte, da er im Vorgefhl des ber ihn hereinbrechenden Unheils zu Stein erstarrte -- mein armer Jegor stand blo da und blinzelte mit den Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde. Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und brummte zornig: 'Nun?'... Jegor steht da wie eine Bildsule und zeigt grinsend seine Zhne! Ein Unbeteiligter htte wirklich glauben knnen, der Kerl lache. Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bndig: 'Hngt ihn!' gab seinem Pferde die Sporen und ritt weiter -- zuerst wieder im Schritt -- dann in scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen flchtigen Blick zu. Den Befehl zu miachten, war ganz unmglich... Jegor wurde sofort festgenommen und zur Exekution abgefhrt. Da brach er vllig zusammen -- und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: 'Mein Gott! Mein Gott!' -- dann halblaut: 'Gott droben wei es, ich wars nicht!' Bitterlich weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung. 'Jegor! Jegor!' schrie ich, 'warum hast du denn blo dem General nicht geantwortet?' 'Gott droben wei es, ich wars nicht,' wiederholte der rmste schluchzend. -- Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch frchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht fr mglich gehalten, und nun fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an, versicherte, da sich ihre Hhner gefunden htten, da sie bereit sei, alles aufzuklren... Natrlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber Herr, heits eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: 'Sagen Sie ihr, Euer Wohlgeboren, sie mchte sich nicht so grmen... Ich habe ihr ja schon verziehen.' Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte, flsterte er leise: Jegoruschka, mein Tubchen, du brave Seele! -- und dabei rannen ihm die Trnen ber die gefurchten Wangen. Was ich wohl denken werde... Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde schlgt -- wenn ich dann berhaupt noch werde denken knnen? Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie ich es verschlief, vertrumte, seine Gaben nicht zu genieen verstand? Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmglich! Ich habe ja doch noch nichts leisten knnen... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit gehen! Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen kstlich durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten? Werden meine bsen Taten in meiner Erinnerung wach werden -- und wird meine Seele von dem brennenden Schmerz verspteter Reue geqult werden? Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet... und wartet dort berhaupt etwas meiner? Nein... ich glaube, ich werde mich bemhen, gar nicht zu denken -- und mich nach Mglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, blo um meine Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir auftut, abzulenken. Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, da man ihm keine Nsse zu essen geben wolle... und nur dort, in der Tiefe seiner verlschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels. Wie frisch und duftig waren doch die Rosen... Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich verga es bald wieder... die erste Zeile aber blieb mir im Gedchtnis: Wie frisch und duftig waren doch die Rosen... Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. Ich sitze da, in einen Winkel gedrckt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu: Wie frisch und duftig waren doch die Rosen... Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblten; -- am Fenster aber sitzt, mit geradeaufgesttztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein Mdchen -- und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rhrend unschuldig diese fragend geffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblhen begriffene, noch vllig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind die Zge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wrtchen wage ich an sie zu richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht! Wie frisch und duftig waren doch die Rosen... Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer... Das herabgebrannte Licht knistert, flchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, drauen heult und knirscht der Frost um die Mauer -- und mir ist, als vernhme ich grmliches, greisenhaftes Geflster... Wie frisch und duftig waren doch die Rosen... Andere Bilder steigen vor mir auf... Ich hre den frhlichen Lrm lndlichen Familienlebens. Zwei Blondkpfchen, eins an das andere geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen uglein munter an, die frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hnde haben sich innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde des traulichen Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hnde mit behenden Fingern ber die Tasten eines altvterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu bertnen... Wie frisch und duftig waren doch die Rosen... Das Licht wird trbe und verlischt... Wer hustet da so heiser und matt? Zu meinen Fen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein alter Hund, mein einziger Gefhrte... Mich friert... Eisig durchbebt es mich... und sie alle starben... starben dahin... Wie frisch und duftig waren doch die Rosen... Eine Seefahrt Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem englischen Geschftsfreunde als Geschenk sandte. Das Tierchen war mit einer dnnen Kette an eine Bank auf dem Deck angebunden, zerrte daran und piepte klglich wie ein Vogel. Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes, kaltes Hndchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen Augen auf mich. -- Ich erfate seine Hand -- und da hrte es auf zu piepen und zu zerren. Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie ein unbewegliches, bleigraues, glattes Tafeltuch aus. Nur wenig war davon sichtbar; ein Nebel lag darber, so dicht, da er die uersten Mastspitzen verhllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf und mde machte. Die Sonne hing wie eine trbrote Scheibe in diesem Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glhte in einem geheimnisvollen, seltsamen Rot. Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar, glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwrts, kruselten sich und wurden immer breiter und breiter, gltteten sich endlich, wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den gleichmig stampfenden Schaufelrdern empor; milchwei und leise zischend zerflo er zu Schlangenstreifen, flo dann hinten wieder zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen. Unausgesetzt und ebenso klglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf -- um gleich wieder kopfber unter der leichtbewegten Wasserflche zu verschwinden. Der Kapitn, ein schweigsamer Mann mit einem sonnenverbrannten, mrrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und spuckte verdrielich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts brig, als mich wieder meinem einzigen Reisegefhrten zuzuwenden -- dem Affen. Ich setzte mich neben ihn; er hrte auf zu wimmern und streckte mir aufs neue seine Hand hin. Feucht und einschlfernd umhllte uns beide der bestndige Nebel; und in gleiches, gedankenloses Brten versunken saen wir eins neben dem andern, wie zwei Verwandte. Jetzt lchele ich wohl darber... damals aber empfand ich anders. Wir alle sind Kinder einer Mutter -- und es tat mir wohl, da das arme Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte, wie an einen Verwandten. N. N. Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Trnen und ohne Lcheln, kaum durch eine gleichgltige Anteilnahme belebt. Du bist gut und bist klug... und doch ist dir alles fremd -- und du brauchst niemanden. Du bist schn -- und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine Schnheit legst oder nicht. -- Selbst bist du teilnahmlos -- und verlangst keine Teilnahme. Dein Blick ist tief -- und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in dieser lichten Tiefe. So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klngen Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten. Halt inne! Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe -- so bleib fr immer in meinem Gedchtnis! Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton -- deine Augen glnzen nicht und strahlen nicht -- sie verdunkeln sich, berwltigt von Glck, vom seligen Bewutsein jener Schnheit, die es dir gelang zu verknden, jener Schnheit, nach der du deine triumphierenden, deine ermatteten Arme ausstreckst! Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fliet um deine ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes? Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken zurckgeweht? Sein Ku flammt auf deiner weien, marmorgleichen Stirn. Da ist es -- das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere Unsterblichkeit gibt es nicht -- und braucht es nicht zu geben. -- In diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden -- und dann bist du wieder ein Hufchen Asche, ein Weib, ein Kind... Doch was liegt dir daran! -- In diesem Augenblick -- standest du hher, standest ber allem Vergnglichen und Zeitlichen. -- Dieser _dein_ Augenblick bleibt unvergnglich. Halt inne! Und la mich teilhaben an deiner Unsterblichkeit, la in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit strahlen! Der Mnch Ich kannte einen Mnch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur in der Wonne des Gebets -- und in diesem seligen Rausche stand er so lange auf den kalten Steinfliesen der Kirche, bis ihm seine Fe unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Sulen erstarrten. Er fhlte sie nicht mehr, stand da -- und betete. Ich verstand ihn -- vielleicht beneidete ich ihn auch -- aber auch er soll mich verstehen und mich nicht verurteilen -- mich, dem seine Freuden unzugnglich sind. Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhates Ich zu vernichten; doch wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die mich davon abhlt. Mein _Ich_ ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhater, als ihm -- das seine. Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu knnen... aber auch ich finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lgt nicht... aber auch ich lge ja nicht. Noch wollen wir kmpfen! Welch geringfgige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen vllig umzustimmen! Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstrae. Drckende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich meiner bemchtigt. Ich erhob den Kopf... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darberhin, ber ebendiesen Weg, etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt, hpfte im Gnsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergngt und unbesorgt! Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprngen einher, blhte sein Krpfchen und zwitscherte so frech, gerade als schere er sich um keinen Teufel! Ein Held -- Zoll fr Zoll! Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen. Ich sah mir das an, schttelte mich vor Lachen -- und augenblicklich waren die trben Gedanken verflogen: ich fhlte wieder Mut, Widerstandskraft und Lebenslust. Mag doch auch ber _meinem_ Haupte ein Habicht kreisen... -- Noch wollen wir kmpfen, Teufel auch! Das Gebet Um was der Mensch auch immer beten mag -- er betet um ein Wunder. Jedes Gebet luft schlielich darauf hinaus: Groer Gott, gib, da zwei mal zwei -- nicht vier sei. Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu einem Weltgeist, zum hchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen abstrakten, wesenlosen Gotte beten -- ist unmglich und undenkbar. Aber kann denn ein persnlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich machen, da zwei mal zwei -- nicht vier sei? Jeder Glubige ist verpflichtet zu antworten: Ja, er kann es -- und ist verpflichtet, in sich selber diese berzeugung zu festigen. Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt? Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, Freund Horatio... usw. Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen -- dann hat er blo die berhmte Frage zu wiederholen: Was ist Wahrheit? Und darum: lat uns trinken und frhlich sein -- und beten. Die russische Sprache In Tagen des Zweifels, in Tagen drckender Sorge um das Schicksal meines Heimatlandes -- bist du allein mir Halt und Sttze, o du groe, mchtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! -- Wenn du nicht wrst -- mte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was sich daheim vollzieht? -- Undenkbar aber ist es, da eine solche Sprache nicht auch einem groen Volke sollte gegeben sein! Inhalt Das Dorf 5 Ein Zwiegesprch 8 Die Alte 9 Der Hund 12 Der Widersacher 12 Der Bettler 14 Erfahren wirst du noch, wie Toren richten 15 Ein Zufriedener 16 Eine Lebensregel 17 Das Ende der Welt. Ein Traum 17 Mascha 20 Der Dummkopf 22 Eine Legende des Morgenlandes 24 Zwei Vierzeiler 26 Der Sperling 30 Die Totenschdel 31 Die Tagelhner und der Weihndige. Ein Gesprch 32 Die Rose 34 Letztes Wiedersehen 36 Ein Besuch 37 #Necessitas -- Vis -- Libertas.# Ein Basrelief 39 Das Almosen 39 Das Insekt 41 Die Kohlsuppe 43 Die Gefilde der Seligen 44 Zwei Reiche 46 Der Greis 46 Der Berichterstatter 47 Zwei Brder 48 Dem Andenken an Frulein J. P. Wrewskaja 50 Der Egoist 51 Das Fest beim hchsten Wesen 53 Die Sphinx 53 Die Nymphen 55 Freund und Feind 57 Christus 59 Der Stein 60 Die Tauben 61 Morgen! Morgen! 62 Die Natur 63 Hngt ihn! 65 Was ich wohl denken werde 67 Wie frisch und duftig waren doch die Rosen 68 Eine Seefahrt 70 N. N. 72 Halt inne! 72 Der Mnch 73 Noch wollen wir kmpfen! 74 Das Gebet 75 Die russische Sprache 76 Druck von Bernhard Tauchnitz in Leipzig Anmerkungen zur Transkription: Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen. Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersetzt: Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiqua# Auflistung der gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: Seite 17: Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehrig --> Ihrem Seite 73: auf den kalten Steinflieen --> Steinfliesen End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff License: Share Alike