Produced by Jens Sadowski August Vermeylen Der Ewige Jude Aus dem Flmischen bertragen von Anton Kippenberg * Mit zwlf Holzschnitten von Frans Masereel Leipzig im Insel-Verlag 1921 Ahasverus und der Nazarener Zu der Zeit, da unser Herr und Heiland noch unter den Menschen predigte, lebte in einem armseligen Keller zu Jerusalem ein Schuhflicker, mit Namen Ahasverus. Er war im selben Jahre geboren wie Christus und war ein strammer, hochgewachsener Kerl von einem Juden, mit knochigem Gesicht und ein paar hellen, kecken Augen, in denen eine Flamme stak. Er liebte es, mit beiden Fen fest auf der Erde zu stehn, und was nicht gerade war, das nannte er krumm, ob er gleich wenig vom Reden hielt: jeder geht doch seinen eigenen Gang, dachte er, und der Tod ist aller Welt gegeben. Dieser Ahasverus fhlte sich nicht glcklich. In ihm war etwas, das ihm keine Ruhe lie, da drinnen brannte etwas, womit er nirgend hin wute; er war wie einer, der sich in seinem Bette hin und her wlzt und keinen Schlaf finden kann. Vom frhen Morgen bis zum spten Abend sa er gebckt in seinem Keller, schnitt sein Leder, zog den Pechdraht, flickte Abstze, hmmerte auf Hacken und Sohle und schuftete, da es bis zu den Nachbarn hin rauchte, aber niemals hrte er das se Zischen von Butter in der Pfanne. Tagaus, tagein: es war immer so gewesen und wrde immer so bleiben: er konnte nicht mehr heraus, das Leben hatte ihn beim Wickel und stie ihn vorwrts. Wohin? Dem Ende zu. Warum? Darum. Er sah die Kinder zur Welt kommen, jmmerliche, wehrlose Wrmlein, er sah die Menschen sterben, jung und alt, alles ohne Zweck. Er sah, wie die Kleinen von den Groen aufgefressen wurden; er sah die ausgehungerten Schlucker aus seiner Gasse zu Hunden werden, die sich um einen Knochen rissen; er sah unschuldige kleine Geschpfe leiden wie Mrtyrer. Und er htte ber all dies ungereimte Zeug lachen mgen, denn er konnte nicht einmal weinen, er wrgte alles in sich hinein, und es lastete ein Stein auf seinem Herzen. Oft sa er lange grbelnd auf seinem niedrigen Schusterschemel, und seine Gedanken liefen im Kreise herum, wie ein Pudel, der nach seinem Schwanze schnappt. Er stand auf, setzte sich wieder hin und blickte umher in seinem dumpfigen Keller, als rche es da nach dem Grabe. Und bisweilen stieg dann ein wilder Drang in ihm auf, verbissen klopfte er auf den alten Stiefel, der zwischen seinen Knieen eingeklemmt war, klopfte wie der Neck auf eine Seele, und in ihm rief eine dumpfe, drohende Stimme: Es mu ein Ende haben, es mu ein Ende haben! Und sein scharfes Auge flackerte. Aber das Morgen glich dem Heute und das bermorgen dem Gestern, und Ahasverus, das braucht nicht gesagt zu werden, lebte nur so weiter, nach der Menschen alter Gewohnheit. Und die Tage gingen hin, einer nach dem andern, als ob es niemals einen Ahasverus gegeben htte. Tastete sich ein Kunde, gebckt, sein Trepplein hinunter, so wartete er, bis der zu sprechen anfing, und gab ihm wortkarg Bescheid. Wenn ich nur endlich seine Hacken she, um allein zu bleiben, dachte er; -- allein mit der dsteren Glut, die in ihm loderte. Was konnten die armen Teufel ihm erzhlen, es sei denn von ihrem elenden Leben, demselben Leben, wie das seine war! Mit Kindern htte er wohl einmal spaen mgen, aber die frchteten sich vor seinem Lachen und kamen nicht gern in diese unheimliche Hhle. Wenn seine Einsamkeit ihm allzu de wurde, dann lief er ziellos die schmutzigen Gassen entlang mit ihrem Armeleutegeruch, durchs Gedrnge der sich herumbalgenden Rotznasen, der Gemseweiber, die neben ihren Karren humpelten, der Juden, die berall, vor den Kellern, auf den Trstufen, in Lchern unter den Freitreppen, beim Schachern und Krakeelen waren. Aber er betrachtete mit Groll den elenden Kuddelmuddel und fhlte sich darin noch einsamer denn je. Manchmal war es ihm, als ob er nur _ein_ Ding zu finden brauchte, nur ein Wort, um glcklich zu sein, -- doch kein Mensch in der Welt wute ihm dies Wort zu sagen. Er htte seine Arme ausstrecken mgen, um das volle Leben einmal tchtig anzupacken, aber er fhlte wohl, da, was er auch tun mochte, die schreckliche Leere seines Herzens nicht fllen konnte, da niemals Happen und Brocken seinen Hunger befriedigen wrden, da er immer weiter streben wrde, frei, freier als die Lerche, als die Winde, als der Tod, und da alles Wnschen darum nutzlos war, alles nutzlos. Und so sa er gefangen in seiner Verdammnis, wie in einem Keller ohne Tr oder Luftschacht. Und doch, hatte das Leben auch keinen Reiz fr ihn, kam er sich auch oft gnzlich ausgelaufen vor, es steckte im Tiefsten seines Herzens, so tief, da er selbst es nicht sah, etwas, woran kein Teufel rhren konnte. Sie werden mich nicht kriegen, sprach er bei sich selbst und lachte hhnisch und bi die Zhne zusammen und hielt sich steif. Denn das will ich euch nur sagen: er war ein Mann vom Kopf bis zu den Fen, kein Seelchen von Zucker und Honig, kein Faselhans oder Flausenmacher, sondern ein knorriger Kerl aus _einem_ Stck mit ein paar sehnigen Arbeitshnden, einem klaren Kopf und einem Brustkasten, den man anpacken konnte. Nun war es, mt ihr wissen, damals eine harte Zeit, und das Volk hatte viel zu leiden: das Korn, aufgehuft auf den Bden der Reichen, kostete ein schweres Stck Geld, und alles Fett auf der Suppe wurde abgeschpft durch Auflagen und Fronden, durch groe und kleine Zehnten, die kein Ende nahmen. Da gemurrt wurde, knnt ihr euch denken: man steckte die Kpfe zusammen und rsonierte hier und dort, an Ecken und Kanten. Wenn die Walker und die Weber am Sonntag getrunken hatten, gab es Radau in ihrem Bezirk, und dann bebten die Patrizier und die Blutsauger des Volkes in ihren verriegelten Husern. Ahasverus verzog die Mundwinkel und zuckte die Achseln, denn es war ihm bisweilen, als ob er die ganze Menschheit fr ein Butterbrot htte verkaufen knnen. Doch sah er mit heimlichem Vergngen, da bei Volkszhlung und Steuererhebung immer mehr geknurrt wurde. Vielleicht werden sie doch noch einmal Menschen werden! dachte er. Aber wenn dann die geharnischten Hellebardiere zu Pferd mit ihren roh lachenden Gesichtern auf dem Markt erschienen, war niemand, der noch zu mucksen wagte. Der Kram knnte vielleicht doch einen besseren Dreh bekommen, dnkte ihn, als er zum erstenmal Jesus den Nazarener sah. Er hatte schon seit einiger Zeit davon gehrt, wie dieser Fremdling zum rger aller Priester und Wucherer die Kleinen um sich scharte und sie mitri mit seinem inwendig brennenden Wort; und alle glaubten ihm, wenn er prophezeite, da sie glcklich sein wrden und da einst die Gte auf Erden herrschen wrde. Faxen! hatte Ahasverus konstatiert und war sogleich wieder in seine Hhle gekrochen. Aber ein andermal hatte er vernommen, wie der Nazarener die Tische der Wechsler im Tempel umgestrzt und all ihre durcheinanderkollernden Geldscheiben ber das klingende Pflaster geschttet hatte, wo sie darnach grapschten, gebckt unter seiner geflochtenen Geiel; und wie er sie mit Sack und Pack zum Tempel hinausgefenstert hatte, mitsamt den Taubenzchtern, die dort Tauben fr die Opfer verkauften. An diesem Tag hatte Ahasverus geschwiegen. Und etwas spter hatte er ihn selbst gesehen. Es war gegen Abend, auerhalb der Stadtmauern, wo zwischen rmlichen Grtchen und Pltzen voll Aschengrus, Schutt und Topfscherben die Seiler arbeiten und die Ziegelbrenner. Ein ganzer Schweif war ihm aus Galila gefolgt, Tlpel, die wegen ihres burischen Aussehens in den Straen von Jerusalem von den Gassenjungen verhhnt wurden, rote, wetterharte Fischer, hungrige Lmmel mit dmlichen Augen und brtige Weinbauern mit harten Kpfen: sie standen um ihren Meister herum und nickten ja zu allem, was er sagte. Die Seiler hatten ihre Bahn verlassen und die Ziegelbrenner ihren Ofen; die Arbeiter, die aus der Stadt heimkehrten, ihr Gert auf der Schulter, blieben stehn und guckten, und da waren auch Galiler aus Jerusalem, allerhand Tagediebe, verlauste Krppel und ein paar Freudenmdchen, inmitten zahlreicher Kinderbrut. Die Hnde in den Taschen und mit den Ellbogen stoend, schob Ahasverus durch dies Gedrnge, immer noch mitrauisch: Wir wollen uns diesen Kerl nun mal ansehn . . . Er sah ihn, -- er sah die erhaben-ernste Erscheinung mit dem schmalen Gesicht, dem etwas bitteren Zug um den Mund und den Augen voll Liebe. Und pltzlich schwieg alles in ihm, er lauschte gespannt, und die Stimme drang in sein Herz; es war, als htte eine mchtige Hand sich auf ihn gelegt. Ja, da stand ein Mann! und sein Wort kam auf Ahasverus zu wie eine einfache, nackte Wahrheit. Ja aber, ja aber, wir wollen mal sehn . . . Und Ahasverus strubte sich dagegen, denn viel begriff er nicht, wie er wohl gewnscht htte, aber _eines_ wurde ihm doch sogleich klar: da der ganze Kram von unten nach oben gekehrt werden sollte; von dem groen Tempel, der sich da hinten wie ein Ungeheuer von Wei und Gold in den Himmel hineinwlbte, wrde kein Stein auf dem andern gelassen werden . . . Whnet nicht, da ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Und Jesu Blick fiel starr auf Ahasverus, der ihn schweigend ansah und pltzlich, er wute nicht warum, ein tolles Jauchzen sprte in der verstopften Kehle. Spter schmte er sich dessen, und es schien ihm fast, als ob der Nazarener ihn verzauberte. Denn als er vor ihm stand, wurde er gleichsam ein anderes Wesen, er fhlte, da er ein Mensch war, und da es noch andere Menschen gab gleich ihm selbst, und da das Leben einen Sinn hatte und alle Dinge vielleicht so einfach waren. Aber was hoffte er denn eigentlich? Er wute es nicht. Und zu Hause nagte und knabberte er noch mehr an all seinem Zweifel, und er hate dann diesen Jesus, der die stumme Glut da drinnen in seiner Brust aufgeschrt hatte, denn nun konnte seine Seele nicht mehr schlafen. Wute der Galiler selbst wohl, was er wollte? Warum schwatzte er von Vergebung und Liebe, wenn er die Macht brechen wollte? Und wie wrde er es anfangen, den Hungrigen und Beladenen den ersten Platz an der Tafel zu geben? Wie wrde er nun die Menschen ndern? Lag sein Neues Reich in den Wolken, oder wollte er Knig von Jerusalem werden, und wrde dann alle Tage Sonntag und alle Sonntag Kirmes sein? Er sagte wohl: Eure Rede sei ja, ja, nein, nein! Aber warum dann all diese Gleichnisse und diese Bildersprache, woraus kein Mensch klug wurde? Er war am Ende doch nur ein Trumer! . . . Und warum sa er stundenlang im Tempel, zu tifteln ber das Gesetz und die Propheten mit den heuchlerischen Pharisern, diesen bertnchten Grbern, er hatte es selbst erkannt, die auswendig hbsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und alles Unflats? Seine Apostel, einfltige Trpfe, die berallhin mitliefen, vermochten selbst nicht viel davon aufzuschnappen. Warum entschlo er sich nicht einmal, mit einigen handfesten Genossen die Fuste aus dem rmel zu recken? Aber wenn die Kpfe warm wurden und da etwas zu rumoren anfing, dann wandelte er in aller Gemtsruhe nach Bethanien zu den Schwestern des Lazarus! Nein, auch das gefiel Ahasverus nicht: es war immer zu viel Weibervolk um ihn herum. O, knnte er doch einmal all diese verrckten Mdchen und diese Lumpenkerle, diese Schwtzer und Tagediebe von dem Manne wegjagen und irgendwo allein mit ihm sitzen, am Abend, und seine Hand in die eigene nehmen und in seine seltsamen, stillen Augen blicken und ihn fragen, was er tun sollte! Denn er konnte sie nicht vergessen, diese sanfte Stimme, die durch begehrende Lippen aus der Tiefe klang, dies entschlossene Gesicht, diesen Blick, der an jenem Tag auf ihn gefallen war und worin er gelesen hatte, ja, deutlich gelesen, da auch in Jesus etwas brannte, wie in ihm selbst, etwas, womit er nirgendhin wute . . . Aber sein ganzes Wesen umgab solch ein Hauch inbrnstiger Trauer, wenn er seinen Blick schweifen lie ber sein hoffendes Volk und weiter zu den hohen Zinnen von Jerusalem, da Ahasverus nicht wagte, ihn anzureden. Er blieb in einer kleinen Entfernung schweigend stehen, und oft, wenn er lange nach ihm hinsah, hatte er das Vorgefhl eines groen Glckes, wobei es ihn immer wieder qulte, da dieses Glck so gar nicht zu greifen war. Aber das wute er doch: da da ein Mann war so wie er selbst, ein Mann, der ihn verstehen wrde, der ihn retten konnte; und wenn der endlich einmal, wie er versprochen, das Schwert ber die fahle Verderbtheit der Welt zckte, ja, dann wrde er, Ahasverus, wild in den Kampf fliegen, so dicht wie mglich an seiner Seite, und fechten, da es krachen sollte, unverdrossen und heiter und triumphierend bis in den Tod, -- bis in den nutzlosen Tod, denn wofr gekmpft wrde, er wute es nicht zu sagen: der Himmel wrde immer der Himmel sein, so hoch ber unserm Haupt, und die Erde an ihrer Stelle bleiben, mit Waschlappen von Menschen darauf, -- aber um endlich doch aus seinem Kellerloch und seinem dumpfigen Leben in die Hhe zu springen und sich einen Weg zu hauen nach etwas anderem, was es auch sein mochte, nach dem Ungereimten, dem Sinnlos-Tollen, und doch _einen_ Augenblick ber dem zerstrten Leben tanzen zu drfen in einem gewaltigen Rausch von Verzweiflung, wobei die Welt bersten und vergehn mochte . . . Doch Jesus predigte nur immerfort und zankte sich weiter mit den Priestern; und da Ahasverus seit einiger Zeit mehr hinter ihm hergelaufen war, als sich um seine Arbeit gekmmert, und sich tchtig in Schulden gestrzt hatte, so erschien in seinem Keller, am Donnerstag vor Ostern, ein dicker, untersetzter, buntbeturbanter und stolzgefiederter Wicht von einem Gerichtsdiener, der ihm verkndete: da man in der nchsten Woche sein armseliges Germpel verkaufen und ihm nicht einmal einen Nagel lassen wrde, um sich damit zu kratzen. Ahasverus hatte nicht bel Lust, diesen ganzen Hanswurst mal mit dem Gehirn gegen die Wand zu klatschen. Aber etwas war zerbrochen in ihm: er rhrte sich nicht und schwieg und schwieg und blickte um sich wie ein Tier, das den Tod sieht. Er fhlte die Faust wieder, die ihn beim Nacken gepackt hielt, er sa gefangen in seinem Verhngnis, er konnte nicht mehr heraus. Er lag da, weggesplt, willenlos, halb zusammengesunken, in einem schmierigen Winkel. Lg er doch nur sechs Fu tief unter der Erde! Wenn man kaputt ist, so ists aus, dachte er; die Menschen sind ebenso schwach gegen das Bse wie gegen das Gute, sie sind weder die Hlle noch den Himmel wert. Aber das Nichts, das Nichts, -- das schien ihm noch frchterlicher als selbst der Hllenbrand . . . Die Glut fra wieder in ihm und wute nicht, wo sie herausschlagen sollte; er fhlte, wie eine tdliche Lhmung ihn beschlich, und eine wilde Raserei schumte in seinem zerschlagenen Kopf, -- umsonst! umsonst! Stunden entglitten, eine nach der andern, und er sa noch da, als schon das Dunkel alles umhllt hatte. Ihn fror, seine Zhne klapperten. O kmpfen! kmpfen! Wogegen, das war ihm einerlei . . . Er konnte doch so nicht dahinfahren, er htte auf einmal untergehn mgen in einer alles zermalmenden Tat, aber er vermochte nicht mehr zu denken, die ganze Welt schien ihm leer, so grausig still . . . Er legte sich endlich auf seinen Strohsack, und die Stunden gingen wieder ber ihn hin, alles verflchtigte sich, versank . . . Wie war Jesus hereingekommen? Ahasverus lachte, ein albernes, klangloses Lachen, als er in dem bleichen Antlitz die Augen fiebrig glnzen sah. Es war wie an jenem Tag, am Stadttor. Ich hab noch ein Messer, sagte Ahasverus, das sollen sie mir nicht wegnehmen . . . Sie liefen auf die Strae, eingezwngt in ein hastiges Gedrnge von Kerlen mit Keulen und Beilen und von Schmiedehmmern, die mchtige Schultern trugen. Von berallher, aus allen Gchen, kam Menschen- und Pferdegetrappel, ein jeder hatte die unausgesprochene Botschaft verstanden. Ahasverus lief, um vorne zu sein, und da stand er mit Jesus oben am Tempel, gegen die goldene Kuppel, so nahe bei der matt-schimmernden Milchstrae, da er die roten Sternbschel fast htte pflcken knnen wie Frchte. ber Jerusalem blinkte, hoch am Himmel, ein Komet, unbeweglich in der wimmelnden Nacht, wie ein blutiges Schwert. Ah! ah! da begannen die Huser der Wucherer in der Ferne zu brennen mit lustigem Knistern, und die Flammen flackerten und tanzten so toll in die schweflige Luft hinein . . . Aber sieh da, unten, im Dunkel, war ein surrendes Meer von bleichen Gesichtern, das sich ber den ganzen Groen Markt heranwlzte gegen die Treppen und Portale. Wtend rammten die Sturmbcke; nun wird der ganze Kram einstrzen, dachte Ahasverus, denn das Marmorpflaster bebte unter seinen Fen. Aber das schien ihm auch ganz natrlich; er war seiner Sache sicher: er wrde mit wilder Freude in die Tiefe donnern oder sich vielleicht an die Sterne festklammern . . . Nun war das Volk hereingebraust wie durch Schleusen, er hrte das Kreischen vergewaltigter Frauen und ein langgedehntes, rasendes Gebrll, dann und wann vermischt mit Trommelgewirbel und dem sinnlosen Schrillen einer Flte, das da war wie das silberne Stimmlein eines Kindes auf einem Schlachtfeld. All dieser Lrm machte Ahasverus trunken, und es tat ihm wohl, den warmen Raubtiergeruch dieses stiebenden Gedrnges einzuschnauben. Auf einmal stieg der todesbange, bloe Kopf des Gerichtsdieners ber die Zinne empor; er wollte hinauf, denn von unten schrieen Tausende von Mndern Mord und Brand zu ihm hin, und seine Klauen in die Rinne gekrampft, flehte er um Gnade. Doch Ahasverus drckte mit seinen beiden Tatzen auf diesen verschimmelten Ksekopf und sah dann das Mnnlein mit lustigem Schwung in die schwindelnde Tiefe hinunterzappeln. Das machte ihn pltzlich ganz nrrisch vor Vergngen, es war, als ob er nun die Welt htte zerknacken knnen wie ein Streichholz; mit einem blden Lachen lief er die Wendeltreppe hinab, ber seinem Kopf schlugen die Glocken, und er drehte, drehte sich unaufhrlich im Dunkel, weiter gehetzt durch den schrecklichen Gedanken, da er so in alle Ewigkeit die Wendeltreppe hinunterlaufen mte, ohne je einen Ausweg zu finden aus diesem Abgrund; aber er hrte noch deutlich die Glocken drhnen und den Lrm da drauen, und er befand sich wieder auf dem Platz, gestoen und getragen von einem wilden Menschenstrom. Der Schall schien wie ein Sturm aus den Steinen herauszuschlagen, er fhlte, wie seine Fe weich wurden von der Lauigkeit des Blutes, -- er wollte sich loswhlen, er wollte rufen, aber dieses Blut stieg in ihm auf, es rchelte in seiner Kehle, er verschmachtete und rief, rief . . . . . . und wurde mit einem Ruck wach auf seinem Strohsack, vom Fieber geschttelt, und seine weit geffneten Augen starrten in die wimmelnde Finsternis; sein Herz pochte . . . Aber er hrte immer noch den Lrm und das Glockengedrhn . . . Es war kein Traum . . . Er war nun doch wach, er erkannte das Gelut von mehreren Trmen, -- nein, war es mglich? Aber von ganz fernher kam das dumpfe Getse von vielem Volk, und mehr in der Nhe rasselte eine Trommel; wer schlug denn da Alarm zu dieser nchtlichen Stunde? Schritte eilten durch schlafende Straen, er lauschte gespannt . . . Ja, das Volk war los, die Puppen waren am Tanzen, und die Glocken, die Glocken, sie sprangen ber der Stadt hin und her! Dieser verteufelte Nazarener, er hatte es nun doch gewagt! Ich habe noch ein Messer! lachte Ahasverus; ja, es war ein gutes freundliches Messerchen; er wird schon sehn . . . er wird zufrieden sein . . . Und eine wunderbare Seligkeit stieg in ihm auf, mit solcher Gewalt, da Sterben oder Leben ihm nun einerlei war, wenn er nur in wildem Triumph seiner Verzweiflung die Zgel schieen lassen konnte. Er war schon drauen, sein Messer in der Faust. Die Frhlingsnacht war pechschwarz, als zge ein Unwetter herauf. Ahasverus schauderte vor Klte, und sein Kopf glhte. Das Gelute und Getse hielt an, -- wo war es? Er schwankte einen Augenblick, -- er wute nicht, wohin. Etwas von dem Traum wirkte fort in ihm, und er wollte zum Tempel, aber von einer anderen Seite stieg nun ein gewaltiges, wirres, vielstimmiges Geschrei auf und wuchs zu einer Wolke von Lrm. Am Bethlehemer Tor! dachte Ahasverus und fing an zu laufen. Hier und da wurde ein Fenster aufgestoen: Was ist los? -- Ist der Feind im Land? ngstliche Schlafmtzen fragten es einander und riefen hinter Ahasverus her. Und er hielt immer nur sein Messer hoch wie ein Verrckter: Jungens! . . . der Nazarener . . . es geht los . . . Nein, beim Bethlehemer Tor war es nicht, der Kolo des runden Wachtturmes machte die Nacht dort noch dunkler. Die Glocken drhnten unaufhrlich . . . Das Lagerhaus steht in Brand! sagten die Mnner im Vorbereilen. Und Ahasverus hinterher. Kein Stein auf dem andern! jauchzte es in ihm. Aber links glaubte er nun wieder das Getse zu hren wie ein Meer, und er trabte durch krumme Gchen und verlief sich und geriet pltzlich ins Gewhl auf dem Platz vor dem Haus des Hohenpriesters Kaiphas. Der phantastische Schein von Fackeln, die vor der Tr zusammengeschart waren, tanzte ber den Kpfen. Es wurde geschrieen und gelacht und geheult; halbbetrunkene Strolche drngten sich, um nur vorwrtszukommen, Schulter an Schulter, und brllten ein aufrhrerisches Lied. Ahasverus stie und brllte mit, aber sie konnten nicht weiter. Haben sie ihn gefat? fragte er. -- _Ob_ sie's haben! . . . grinste jemand neben ihm, und Ahasverus blickte verwundert auf, denn er erkannte einen schmierigen Halsabschneider aus seiner Nachbarschaft, und dann starrte er mit ausgerecktem Hals zu den erleuchteten Fenstern, ob sie des Kaiphas hchsteigene Person nicht hinunterkegeln wrden. Aber in dem selben Augenblick geschah etwas, das den Atem in seiner Brust stocken lie: das Toben versank und verebbte in erwartungsvolle Spannung, es wogte ein groes Geschaukel von Fackeln und Volk, hocherhobene Posaunen bliesen eine wildschmetternde Fanfare, und da erschien auf der hohen Vortreppe, zwischen Landsknechten mit Piken, der Mann, Jesus der Nazarener, ganz bleich und still, mit gebundenen Hnden. Vor ihm her schritt der kleine Fettsack von Kaiphas, und Ahasverus sah, wie ber seinem Wabbelkinn auf dem wrdevollen Kupfergesicht mit den stechenden Schweinsuglein die Befriedigung leuchtete. Und dahinter das aufgeregte Gebaren dichtgedrngter Priester und Phariser, die hhnten und pfiffen. Jesus blieb einen Augenblick stehen, aufrecht wie eine Bildsule, aber sie stieen ihn die Treppe hinunter, und pltzlich war der ganze Platz wieder ein tosender Strudel. Lat ihn los! riefen hier und da Stimmen. Ttet ihn! Ttet ihn! bellten andere. Er hat doch nichts Bses getan! . . . Wiederum Stoen und Drngen; an der Ecke entstand eine Schlgerei. Es lebe der Knig von Jerusalem! Uh! Uh! -- Ttet ihn! -- Lat ihn los! . . . Der Teufel soll ihn holen! schnaubte dicht neben Ahasverus ein Kerlchen mit gelbem Gesicht, die Geschfte gehen schon ohne all diese Aufrhrer schlecht genug . . . Aber sie werden ihn morden . . ., sagte ein junger Mensch mit bebenden Lippen. Ahasverus packte ihn beim Arm wie mit einer Kneifzange: Wie haben sie ihn gefat? Und der junge Mensch erzhlte: Auf dem lberg . . . Judas hat ihn verkauft . . . Sie wollen ihn morden! o Gott! sie wollen . . . Judas! ein Apostel! Und die anderen? Haben sie sich nicht gewehrt? Was htten sie machen sollen? Petrus hat einem einen Hieb bers Ohr gegeben . . . Und Jesus, hatte er keine Waffe? Es scheint nicht, das Schaf; er hat freiwillig seine Hnde ausgestreckt, da sie ihn binden sollten . . . Verflucht! Es war Ahasverus, als ob seine Beine unter ihm wegsnken. Und er lachte ein verzweifeltes Lachen voll ohnmchtiger Raserei: Diese Memme! Er hatte einen Traum, einen Traum, und kein Schwert, um ihn wahr zu machen! . . . Er hielt immer noch sein Messer umklammert und stand unbeweglich, mit dem Rcken gegen ein Haus: er sah dahinten die Fackeln und die Lanzen weiterziehen, von Gewhl umdrngt, und das Gewhl trieb langsam mit ihnen fort. Nahe beim Hause des Kaiphas waren noch einige Wchter um ein Feuer geschart, faul ausgestreckt oder an ihre Partisanen gelehnt; auch ein paar Mdchen und Miggnger lungerten dort noch herum, und in dem Feuerschein konnte Ahasverus das Gesicht des Petrus unterscheiden, des einzigen Apostels, der fr Jesus auf dem lberge den Kampf gewagt hatte. Von dem werde ich alles erfahren, dachte er, und die alte Hoffnung spitzte in ihm wieder ein wenig die Ohren: Vielleicht ist noch etwas zu machen . . . Als Ahasverus zum Feuer kam, sagte eines der Mdchen zu Petrus: Du gehrst auch zu der Bande, tu nur nicht so, als ob du nicht bis dreie zhlen knntest, ich hab dich mit dem Nazarener gesehn. Und Petrus, mit einem unschuldigen Maul, als fiele er aus den Wolken: Ich? Was redest du fr dummes Zeug? Ich? . . . Ihr hrt ja an seiner Sprache, da er aus Galila ist, sagte ein anderes Mdchen. Und ein Landsknecht trat nher an ihn heran und sah ihm forschend ins Gesicht: Jngelchen, halt mal eben . . . hast du nicht dem Malchus das Ohr abgeschlagen? . . . Petrus wurde pltzlich frech und rief mit einem unsteten Blick, der zugleich guckte und auswich: Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Ihr seid besoffen! . . . Aber Ahasverus packte ihn bei der Kehle und fuhr ihn mit frchterlicher Bestimmtheit an: Du bist Petrus, der Fischer aus Galila, und Jesus war dein Freund, du Feigling! Ich habe Jesus niemals gesehn! . . . schrie Petrus, der blau und grn wurde. Just in diesem Augenblick krhte ein Hahn mit erhobener, gewaltiger Raspelstimme ein heiseres, langgezogenes, endloses Kikiriki, das ganz aus der Tiefe hervorzurcheln schien wie im Todeskampf und grausig abri in einer Art teuflischem Lachen. So brach auch ein Lachen der Verzweiflung aus Ahasverus Gurgel hervor, denn: umsonst! dachte er wieder, umsonst! . . . Und Petrus, pltzlich frei, wankte rckwrts hinaus, als htte der Blitz gerade vor ihm einen Abgrund in die Erde geschlagen. Niemand wagte die Hand nach Ahasverus auszustrecken. Er lie sein Messer fallen und irrte weiter. Eine stille Klarheit hatte den Himmel gebleicht, und der Nacht entwuchs geruschlos langsam ein bleigrauer Morgen. Auf den Steinen begannen schon die Wagen zu rasseln, die die Buerlein zum Freitagsmarkt fuhren. Ahasverus betrachtete das alles nun, als ob es ihn nichts mehr anginge; die Lust, weiter zu leben, war in ihm gebrochen. Die Bauern gingen mit krummen Rcken in Kellerwirtschaften, um eine Kumme warmen Kaffee zu schlrfen, und Ahasverus hrte, wie sie geladen waren auf diesen Aufrhrer, diesen verfluchten Radaumacher; es war seine Schuld, da der Kram wieder mal aus Rand und Band war, just an einem Markttag. Nach und nach kam die ganze Stadt auf die Beine, die Lden wurden geffnet, man trug die Fensterluken hinein, und verschlafene Gesichter besprachen die groe Neuigkeit. Wenn sie ihn kreuzigen, da sie es dann nur schnell heute noch abmachen, hrte Ahasverus sagen, sonst ist das Osterfest zum Teufel! Und die Geschfte gehn ohnehin schlecht genug! Die Wirte werden nicht zu klagen haben . . . Sie sollten all diese Besserwisser einsperren . . . mit ihrem Gequatsch . . . damit sie die Menschen bei ihren Angelegenheiten nicht stren . . . damit sie die Menschen in Ruhe lassen . . . Diese fremden Ratten . . . Sie wissen nicht mehr, was sie sich ausdenken sollen, heutzutage . . . Und dem Wirt der Ausspannung Zur frhlichen Einkehr, der ber der Fensterbrstung lag, erzhlte der Barbier von der Ecke, wie Petrus -- es ist schrecklich! -- dem Judas den Kopf glatt abgehauen hatte. Wie lange Ahasverus so umherschweifte, er htte es nicht sagen knnen, -- bis er endlich mit dem Haufen wieder mittreibend zum Gerichtshaus zog, vor dem eine groe Menge versammelt war. Auf einem Altan stand der Landpfleger Pontius Pilatus, der eine Ansprache hielt, mit seinem behbig-groben, alltglichen Gesicht, das nur ein wenig verdrielicher aussah, weil sie ihn aus seiner feisten Ruhe aufgestrt hatten. Man sah deutlich, da er sich die Sache am liebsten vom Leibe halten wollte; die Glaubenslehre der Juden war ihm gleichgltig, und die krhenden Priester hingen ihm zum Halse heraus. Er schwatzte mit knappen Gebrden etwas von seiner Liebe zum Volk, und da in erster Linie Ordnung herrschen mte im Interesse der konomischen Entwicklung der Stadt, da die Brger von Jerusalem einander nun endlich einmal verstehen mten und aufhren mit ihrem ewigen Gehkel um Bagatellen. Bei diesem Wort begannen die Phariser schon wieder sich die Augen aus dem Kopf zu blken, und das Publikum rumorte nur immer mehr. Kaiphas, der neben Pilatus ber dem Gelnder des Altans hing, schrie wtend und aufhetzend zu seinen Trabanten hinunter. Und Pontius Pilatus, ein wenig aus dem Konzept gebracht, lie ihn nun seinerseits reden, um das Gebrodel zu stillen. Kaiphas, den knallroten Kopf stolz ber dem Bauch, predigte erst mit salbungsvoller Stimme, legte dann mehr Nachdruck auf seine Worte, als er auf diesen Aufrhrer zu sprechen kam, der sich fr den Knig der Juden hielt, und auf die ntige Ehrerbietung vor dem jdischen sowohl wie vor dem rmischen Gesetz, und er schlo seine Rede mit einem gewaltigen Gedonner prasselnder Stze. Ja, heilig durfte man die Ordnung nennen; aber dieser Fremdling, der gerade war der Strenfried, der weg mute. Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! wurde gerufen. Ach, was kann er denn viel Bses anrichten? sagte Pilatus achselzuckend. Er ist nur ein Trumer, ein Intellektueller! Die Schriftgelehrten, die Kster des Tempels, die Reichen, die Wechsler, die Leute an der Spritze, alle, die Jesus bei ihren Geschftchen gestrt hatte, alle, die einen Augenblick gezittert hatten, sie waren berall eifrig am Werk, tobten, da es staubte, lieen Bier herumreichen und versprachen goldne Berge, wenn Jesus gekreuzigt wrde. Und vor dem Sturm zog sich Pontius Pilatus ins Haus zurck, gereizt mit Kaiphas sich kibbelnd, der ihm mit aufgeregter Geschwtzigkeit folgte. Rings um Ahasverus sagte nun ein jeder sein Sprchlein: Er predigte doch gegen die Lehre . . . Wenn er mehr ist wie wir, warum hat er sich dann greifen lassen und kein Wunder getan? Ein Gaukler . . . Er hat einen Blinden an einem Sonntag geheilt. Rechtschaffene Leute arbeiten nicht am Sonntag . . . Warum blieb er nicht kusch? Warum kmmerte er sich um anderer Leute Angelegenheiten? Er wollte den Tempel abbrechen . . . Und was fr ein Gesindel hatte er um sich herum, Landstreicher und Huren! . . . Dieses Magdalenchen! . . . Und voller Geilheit erzhlten sie zweideutige Geschichten von diesem Magdalenchen. Er entri die Kinder ihrer Familie . . . Er ste Ha unter die Menschen . . . Ein Glck, da ich dabei war! Petrus ging schon ans Hauen und Stechen: er hat einen Kerl in zwei Teile gespalten bis an den Nabel . . . Aber ich habe ihm zum Donnerwetter nochmal eine neingehauen, da ihm schwummerig wurde . . . Die Apostel hatten selbst genug davon: ihr seht es ja, es ist einer von seinen besten Freunden, der ihm das Spiel verdorben hat. Ha! ha! fluchte Ahasverus bei sich, sieh da, das auserwhlte Volk des Neuen Reiches! Die letzten Anhnger Jesu hatten sich auf die Strmpfe gemacht oder standen da, verblfft und verbaast, und sperrten das Maul auf. Aber pltzlich erschtterte Lachen, gewaltiges Prusten und Lachen, die dichtgedrngte Menge. Denn Jesus war auf dem Altan erschienen, vorwrts gestoen, -- und er glich mehr einer Vogelscheuche als einem Knig: sie hatten ihm zum Zeichen seiner Macht einen zerlumpten Purpurmantel umgehangen, in dem seine Fe strauchelten, und sein Haupt trug eine Krone aus Dornen geflochten, und als Zepter hielt er in seinen gebundenen Hnden ein Rohr. Wahrhaftig, ein famoser Ulk! Ahasverus lachte und tobte mit, denn es war ihm, als ob er selbst da oben stnde, es war ihm, als ob er sich selbst verspottete, als ob die Dornen aus seinem eigenen Haupte den roten Schwei tropfen lieen. Soldatenvolk umgrinste den schbigen Herrscher. Ein Lmmel zupfte ihn am Haar und fragte: Du, der alles wei, sag, wer hat das getan? Aber Jesus schwieg. Und ein anderer gab ihm hinterrcks einen Backenstreich und fragte: Weissage: wer hat dich geschlagen? Ahasverus fhlte die Ohrfeige auf seiner eigenen Backe brennen und lachte wild mit dem Volke mit. Jesus schwieg. Und nun wurde nach seinem Antlitz gespieen: Weissage! Weissage! Es schien Ahasverus, als ob er auf seine eigene Seele spiee, und er schrie mit. Ein frchterliches Gedrnge stie nach vorn, jedermann wollte dabei sein, wollte mitspielen. Frauen und Kinder gellten mitten hinein ins Geheul dieser ungebrdigen, tausendkpfigen Bestie, die sich gegen die Mauer des Gerichtshauses quetschte. Pilatus, der sich den ganzen Mummenschanz ausgedacht hatte, in der Meinung, da das Publikum ihn nach solch einem Schauspiel in Frieden lassen wrde, trat nun vor, und um zu zeigen, wie unschdlich der arme Schcher doch eigentlich wre, spttelte er gutmtig, indem er mit seiner geffneten molligen Hand auf ihn wies: Ist das nun der Knig der Juden? Hu! hu! raste das Volk zu dem schweigenden Manne mit der Dornenkrone und dem Rohr, und Hu! raste Ahasverus, hu! der Knig des Neuen Reiches, der Knig, der einen Traum hatte und kein Schwert, um eine Wirklichkeit, eine Wirklichkeit daraus zu machen! Aber die Hohenpriester frchteten, da die Beute ihren Krallen entschlpfen knnte: Pilatus hhnt die Juden! riefen sie von allen Seiten, der Kaiser in Rom ist unser Knig! . . . Er lstert den Kaiser! . . . Und Pilatus war schon wieder aus der Fassung, betubt durch das Gebrll, aufgehetzt durch Kaiphas. Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! ging es hier und da hartnckiger los. Pilatus wurde rgerlich. Wir mssen kurzen Proze machen, dachte er. Und da er nicht wute, was tun, nahm er seine Zuflucht zum Nazarener selber: der verhielt sich auch allzu stumm und wollte kein Wort zu seiner Rechtfertigung sprechen: er mute -- zum Teufel! -- doch mal deutlich auseinandersetzen, was er sich eigentlich dachte, dann wrde das Urteil vielleicht milder ausfallen; und barsch werdend, platzte Pilatus heraus: Komm, sei nun endlich mal vernnftig, sei nicht so romantisch, nimm die Dinge, wie sie sind . . . Ich habe dich in meiner Macht, ich kann mit dir machen, was ich will, rede . . . Du vermagst nichts ber mich! sagte Christus, den Blick in sich gekehrt; ich _bin_ die Wahrheit. Wahrheit . . . Wahrheit . . . was ist Wahrheit? murmelte Pilatus und betrachtete mit aufrichtigem Mitleid diesen armen Schwrmer, der so jmmerlich seine Sache verdarb. Aber er hatte schon einen anderen Ausweg gefunden, um sich die Geschichte mit einem Schlage vom Halse zu schaffen: Werte Mitbrger, es ist ein uralter Brauch, eine ehrwrdige berlieferung . . . eine berlieferung, sage ich, der wir also treu anhngen mssen, da der Statthalter zum Osterfest einen Gefangenen loslt; -- wollen wir diesen denn nicht laufen lassen? Nein, nicht Jesus, -- Barrabas! rief eine Stimme. Und Barrabas! Barrabas! war der Schrei, der nun von berallher emporstieg. Barrabas! schrie auch Ahasverus. Dieser Barrabas, mt ihr wissen, war in Jerusalem wohl bekannt und dem Volke teuer, als ein unverbesserlicher Windhund, Lderjan, Nachtschwrmer, Pflastertreter, Saufaus, Wrfelspieler, Hurenbock, Prasser, Zotenreier und Hans in allen Gassen. Wenn du uns die Wahl lt, sagte Kaiphas, dann gibst du zu, da Jesus schuldig ist! Pilatus verlor auf einmal alle Geduld: Ich hab genug davon, schlo er wtend, ich sitze hier schon den ganzen Morgen und rede mir die Zunge aus dem Hals, kreuzigt ihn, wenn ihr ihn nun doch mal kreuzigen wollt, aber dann gleich, damit es ein Ende hat! Und der erste, der sich dann noch muckst, fliegt an . . . Es war, als ob eine frchterliche Welle das ganze wimmelnde Gedrnge oben hinauf zum Richthaus tragen wollte mit wildem Gejauchze. Jesus wurde im Tumult fortgeschleppt, und Pontius Pilatus machte sich mit rundem Rcken aus dem Staube. Fr Ahasverus verlief alles nun, als ob es ganz fern von ihm geschhe, als ob er jenseits der Menschheit irrte, jenseits des Lebens. Was sie zu kreuzigen sich anschickten, es war etwas von dem letzten Traum, der ihn aufrechterhalten hatte; aber auch diese Kreuzigung und alles, es geschah in einem Traum. Alle Dinge trugen das Antlitz des Todes. O, er mute da heraus, er wollte zurck in die Wirklichkeit, er wollte noch einmal von ganz nahe Jesus anschauen, um deutlich zu fhlen, da dies alles kein Hirngespinst war, zu fhlen, ob es wahr sei, da er, Ahasverus, nun ganz allein, ganz allein auf dieser Welt blieb, um all ihre Jmmerlichkeit, all ihre Leere zu schleppen. Das Fieber brannte in ihm, er war heiser vom Schreien, er mute heraus aus diesem hllischen Gewhl. Er ging bis an das Stadttor, durch das der Zug zum Kreuzberg hinauf ziehen mute. In dem Tor war eine kleine Wirtschaft. Ahasverus gab seine letzten Pfennige fr ein Glas Bier und blieb drauen auf einer Bank sitzen: dort konnte er alles gut sehen. Ein Blinder und ein Lahmer, die frher vor dem Tor zu betteln pflegten und die Christus geheilt hatte, machten laut ihre Spe mit der Wirtin. Ihr solltet euch schmen! sagte diese. Der eine antwortete: Was knnen wir dabei machen? -- Hat er mir meine Augen wiedergegeben, so tat ers doch, damit ich sie brauchen sollte! Und er sah die Wirtin lauernd mit geilem Blick an. Und der andere: Unsere Schuld ist es nicht! -- Hat er meinen Hnden wieder Gefhl gegeben, so tat ers doch, da ich was davon haben sollte . . .! Und sein Arm umfate die Wirtin, die aus vollem Halse mit schuddernder Brust lachte. Vor der Wirtschaft schlenderten Jerusalemer, ganze Familien, die vor Ungeduld ghnten. Niemand arbeitete an diesem Tage, es war etwas wie eine seltsame Kirmesstimmung in der Luft, wenn das Wetter auch tot und trbe blieb. An dem Stadttor nselte ein Spielmann seine Lieder, angegafft vom Volke, und ein Haufen Rotznasen lief hinter einem roten Lappen, der an eine Stange gebunden war, singend vorbei mit Rumpelkasten und Kesselpauke. Aus allen Fenstern steckten Neugierige ihre Kpfe heraus, und auch auf den Dchern saen die Menschen dicht gedrngt. Das Mittagbrot hatten sie schon hinunter, und viele begannen stumpf zu werden vom langen Warten, als endlich Radau und Fanfarengeschmetter in der Ferne hrbar wurde. -- Da sind sie! Da sind sie! Und bald erschien die klgliche Prozession an der Biegung der Hochstrae, von wo sie sich langsam zum Stadttor bewegte. Hinter einem Haufen Straenjungen und Pflastertreter, die, von Hunden angebellt, dahinliefen oder Arm in Arm in Reihen pfeifend weiterhopsten, kamen zuerst Soldaten mit Helm und wehendem Federbusch, auf bunt-geschabrackten Pferden; die trugen Schilder und Standarten. Und dann etwas Musik und Fuvolk mit Spieen, Landsknechte in schweren Kollern, Hellebardiere, Bogenschtzen, Hilfstruppen aus Libyen und thiopien, Mohren und Schornsteinfeger, kurzum, der Teufel und seine Gromutter, alles, was sie auf die Beine bringen konnten. Und umschlossen von all dieser rohen Macht schritten hchst befriedigt die Hohenpriester mit Kaiphas, die Schriftgelehrten, die ltesten des Volks, die Kster und Stuhlsetzer des Tempels, der Statthalter und sein Rat, die Zunftmeister der reichen Tuchgilde, der Bund der Geldwechsler, die Gesellschaft zur Frderung des Fremdenverkehrs, der Verein der Hausbesitzer und Grundeigentmer, all die Mucker, Betbrder und Schwarzen von Jerusalem, all die konzessionierten Betrger und Halsabschneider, all die Schacherer, all die Geldhunde, all die Blut- und Hirnsauger, all die Schinder und Auffresser des gemeinen Mannes. Und wieder Soldaten und Soldaten, unaufhrlich . . . Wer konnte dagegen noch an? Wer sollte sich da noch mucksen? -- Aber o! der elende, gebrochene Knig, der dahinter unter dem groen Kreuz sich fortschleppte! . . . Die meisten Zuschauer schwiegen nun, die Kehle zugeschnrt, mit einer dsteren Vorahnung im Herzen, oder guckten mit ihren Kuhaugen und dachten: Er hat es verdient! oder Was knnen wir daran ndern? oder Er hat uns betrogen, er hat uns das Glck versprochen, und diese waren rgerlich, weil kein Wunder geschah. Aber sie wagten einander nicht mehr anzublicken. Es gab auch solche, die einsahen, da sie bel getan hatten, und darum rgerlich wurden: sie riefen Schimpfworte und warfen Dreck nach dem Mann. Die Frauen bedauerten ihn mit leisen Worten des Mitleids und schluchzten. Er mu doch etwas verbrochen haben . . . sagte nahe bei Ahasverus eine, die einen Sugling auf dem Arm trug. Und Ahasverus sah den Mann mit dem Kreuz heranstraucheln. In seiner Seele sa der Tod. Er htte alles vergessen mgen, nicht mehr diese feigen Lumpenhunde sehen, nicht mehr dies ohnmchtige Weibergejammer hren. Er dachte: Da ist der Wortgaukler, der seinen Traum nicht tragen konnte, der Verrter, der meinen Traum gemordet hat. Und nun bleibe ich allein, -- ich -- allein . . . Er wlzte es wieder in sich herum, gleichgltig gegen seinen eigenen Schmerz; Gleichgltigkeit umschlo ihn berall, als htte er niemals wieder seine Arme ausstrecken knnen. Ja, es htte so schn werden knnen! Aber alles war unntz, das Leben war unntz . . . Und weil er allein, er allein das wute, sprach etwas in ihm: Ich werde nicht zerbrechen. Aber als der Galiler das Stadttor erreicht hatte, geschah etwas Wunderbares. Ahasverus stand kerzengerade mit hohen, breiten Schultern da, seinen harten Blick auf Jesus gerichtet. Jesus fiel auf die Kniee unter der schweren Last des Holzes und sah Ahasverus an mit etwas wie einem flehenden Schrei in seinen Augen. Sein Gesicht war bleich, schweibedeckt, voll Staub und Blut. Er hatte Ahasverus erkannt, und schweigend schien er zu sagen: Du, der du mein Bruder bist, hilf . . . Warum? dachte der Zweifler, und noch einmal warum? mit einem hhnischen Lachen ber sich selbst und ber alles. Und in der schaurigen de seines Herzens stand es tief eingegraben: Ich werde dem nutzlosen Traume treu bleiben. Ich werde nicht weinen. Ich werde nicht zerbrechen. Seine Lippen blieben geschlossen, sein Blick blieb hoch und hart. Aber auf einmal sah er nichts mehr als die Augen Christi, Schwei und Blut verdmmerten, er sah nichts mehr als die stillen, durchdringenden Augen, die reinigend das Antlitz erhellten. Ja, das war sein Bruder; ja, er sah es nun wohl: dieser hatte auch etwas, das dunkel in ihm glhte, etwas, womit er nirgendhin wute, eine ewige Unrast; er sah es da wie in einem Abgrund, aber ber dieser Tiefe zitterte ein unergrndliches Licht, wie ein Lcheln, ein Segen . . . Ahasverus fhlte, wie die sanfte Flamme dieser Augen sein Herz versengte. Und seitdem er das gesehen hatte, brannte es in ihm fort, mitleidslos, unauslschlich, und er mute Christus folgen, seinem Bruder. Und die ganze schreckliche Passion mute er mit leiden: sein Fleisch war es, das durchbohrt und an das Kreuz genagelt, sein Mund, der voll Essig und Galle gestopft, seine Seite, die durchstochen wurde. Als Jesu Mutter in Ohnmacht sank, zerri auch ihm das Herz, aber nicht einen Sohn nur beweinte er. Und als das Volk, von Furcht und Reue ergriffen, wegflchtete unter dem trben, leeren Himmel, ehe Er da oben Seinen letzten Seufzer tat, und nur noch einige Soldaten dablieben, die um seinen Mantel wrfelten, und eine Wolke seine Stirn umflorte und Er rief: O Vater, warum hast Du mich verlassen? -- da suchte Ahasverus' Blick Seinen geliebten Blick, und sie vergingen zusammen in demselben Meer von Verzweiflung, ber dem dann das triumphierende, das unbegreifliche Lcheln Christi wieder glnzte. Und als alles vollbracht war, eilte Ahasverus fort, wohin, wute er nicht: er wute nur, da er niemals wieder ruhen wrde und wandern und wandern wrde, ohne Ende -- ohne Ende. Ahasverus auf dem Weg zur Hlle Er ging, das Haupt zur aschgrauen Erde gebeugt; der Himmel da oben war nicht mehr fr ihn da, er wollte nichts mehr sehen. Aber unauslschlich brannte in ihm die sanfte Flamme von Christus' Blick. Und er hate diesen Blick. O, htte er ihn vergessen knnen, seine Brust offenreien, um die Glut da drinnen totzuwrgen! . . . Umsonst! Er ging mit dieser unsagbaren Pein durch die leere Welt, und in seinem ganzen Wesen war eine Lust, nicht mehr zu sein. Ja, nicht mehr sein! Aber . . . sterben -- wie ist das Sterben doch mhsam! Er konnte nicht mehr wollen; -- nicht denken, das war das einzige, was er wollte. Und es war doch auch eine versteckte Angst in ihm . . . er wollte nicht mehr denken. Die Helle der Tage und das Dunkel der Nchte wechselten in stndigem Wandel ber ihm. Er ging, schlief einen unruhigen Schlaf von einigen Stunden und ging dann weiter; die eine Hand hielt einen Knotenstock umklammert, die andere whlte in seiner Brust oder umkrampfte bisweilen seine Stirn, als stche ihn da eine Dornenkrone. Er mied zuerst die Drfer, a Frchte oder Rben, und ging nur immerzu, unbewut, verloren. So wanderte er bergauf und bergab, durch Sonne und Wind, ber die unermelichen Straen der Welt. Er irrte wohl einmal tagelang auf Heiden und in Wldern umher, um dann ausgehungert wieder niederzusteigen in die Tler, wo die Menschen wohnen. Und dort bettelte er, unwillig brummend wie ein Br, der unter der Peitsche tanzen mu. Mit seinem mageren Gesicht, worin die starren Augen glommen, jagte er den Frauen Schrecken in den Leib; sie gaben ihm ein Butterbrot und zogen schnell ihre Kinder wieder ins Haus. Er dankte nicht und ging weiter und machte vor der Wirtschaft halt, wo die Pchter im Schatten beim Kegeln saen und ihre Pfeife rauchten, die Hand am schumenden Krug. Sie hatten Scheu vor seinem langen, unbeweglichen Schatten und rckten vorsichtig zur Seite, damit er sie nicht anrhrte. Er sprach kein Wort, aber seine hagere Gestalt prophezeite Krankheit, Hungersnot und vielleicht noch schlimmere Plagen. Und in seinen Augen lag eine stumme Frage, die sie lieber nicht sehen wollten. Vor Ahasverus fhlte man sich beunruhigt, ohne recht zu wissen warum, -- wie beim Sinken der Abendschauer, wenn der Mensch ber das kurze Leben nachdenkt und das, was jenseits liegt. Und er wanderte, wanderte. Bisweilen, als frchtete er sich selbst, fhlte er wieder den Drang, unter vielen Menschen zu sein, verloren in einer Menge. So lief er einmal tagelang mit einem Heere mit, lngs der Wege. Die Kriegsknechte wurden wild von dem endlosen Latschen und trieben allerlei Mutwillen auf dem platten Land, spielten die Herren, stieen mit ihrer Pike die Bauern vor sich her, forderten Speck mit Eiern, altes Bier und junge Mdchen. Zum Schlu, als sie in eine groe Stadt kamen, fingen sie an zu meutern und zu plndern. Sie rannten wie wilde Raubtiere brllend durch die dunklen Gassen, drangen in hellen Haufen in die Lden der Juden ein und warfen dann die Leichen durch die Fenster. Der Boden war rot und schwarz vom Blut, man focht bis in die Kirche, und Ahasverus sah, wie flehende Frauen und Wrmlein von Kindern abgestochen wurden, als wre es zum Spa. Aber das Schrecklichste schien ihm dabei, da sein Herz nicht einmal bebte: Geschah das in einem fernen Traum? Waren das Menschen, die da mordeten oder starben? -- Als eine gewaltige Orgie ber all dieses Sterben hinwegzulodern begann, flchtete er wieder weiter, denn mitten im Gewhl noch war er allein -- er war immer mutterseelenallein. Er stand auerhalb der Menschheit und blieb doch ein Mensch, nichts als ein Mensch. Er stand auerhalb der Zeit der Menschen und fhlte doch diese Zeit in sich nagen. Er sah berall den Tod und das Leben im Streit, ohne Ende. Er sah Tempel in stinkende Beinhuser verwandelt, wo am hellen Tag Hynen heulten; er sah, wo frher die Wste lag, eine Stadt ihre hohen Mauern und Trme erheben. Er sah neue Vlker auftauchen und andere versinken. Er war der gleichgltige und doch leidende Zeuge des sinnlosen Daseins, das auf- und abgeht, stirbt und aufersteht, um wieder zu sterben. Er ging von Land zu Land, unbefriedigt; was ihm auch begegnete, es konnte sein Herz nicht fllen, er wollte weiter, weiter. Und er wute es wohl, im Tiefsten seines Bewutseins, da sein Sehnen ewig war -- da ewig die Flamme war, die seine Seele versengte. Er sah in gypten die Sphinx: eine Art Krebs fra an ihrem Gesicht, und sie war schon halb im Sande versunken; sie schien mde vom Schauen in das Nichts. Deine Zeit ist aus, dachte der Wanderer, nun kommt die meine. Er sah das Land, wo die Bume mit den Wipfeln im Boden wachsen und mit den Wurzeln in der Luft. Da laufen die Menschen auf dem Kopfe; sie kriegen Hhneraugen auf dem Schdel und Verdrehtheiten in die Fe; und sie essen mit dem Hintern, was mancher Gelehrte nicht glauben will. Aber Ahasverus hatte schon lange gefunden, da nichts wahr oder unwahr genannt werden darf. Er sah auch das Land, wo es eine lbliche Tat ist, seine Eltern umzubringen, ehe sie zu zh werden, und sie einzupkeln fr den Winter. Das schmeckt ganz lecker, sagen sie, wenn mans mal gewohnt ist. Ahasverus tat nicht wie ein unerfahrener Tourist, der sich ber alles wundert, denn er hatte schon lange gefunden, da nichts gut oder bse genannt werden darf. Er sah Vlker, die den Frieden priesen, und andere, die von nichts wissen wollten als von Krieg und Blut. So war jeder auf seine Weise glcklich oder unbefriedigt und hielt alles brige fr Narrheit. Er sah einen Stamm in Afrika, der sich von Waldpavianen regieren lie. Er sah Menschen, die Weihrauch anzndeten fr bekleidete Puppen oder fr einen Haubenstock mit einem Hut darauf, und andere wieder, die ihren Dreck anbeteten. Und alle waren berzeugt, da sie allein die gttlichen Gesetze beim richtigen Zipfel hatten. Er sah das Land der Lusemenschen: die leben splitternackt in einem Tal, das wie ein Kessel ist, und beten gar nichts an, sondern liegen den lieben langen Tag auf dem Bauch, die Augen halb geschlossen, verloren in einem trgen, gestaltlosen Traum. Mit den Ngeln kratzen sie sich ihre Nahrung aus der Erde und kennen kein festlicheres Mahl, als Wrmer und Ungeziefer. Wenn es regnet, verkriechen sie sich in Hhlen. Ahasverus sah von einem steilen Felsen aus gerade unter sich solch ein Faulwams sitzen und spuckte darauf: das plumpe Ding kroch etwas weiter, wie eine Krte, und als Ahasverus noch einmal spuckte, rhrte es sich nicht mehr. Wenn es Abend wurde, suchten sie einander trge und setzten sich dicht zusammen, und dann begann eines von ihnen ein ngstliches, langgezogenes Geheul durch seine heisere Kehle zu jagen, worauf zwei oder drei andere und dann eine ganze Herde da unten in der Dmmerung mitblkten, so traurig und verlassen, da Ahasverus es niemals wieder vergessen konnte. Oben, auf dem Berg, war die Stadt der Weisen: die pfiffen auf alles zeitliche Gut, und ihr Gesicht schien immer verklrt durch himmlische Gedanken, wie ein stilles Licht, das rtlich durch eine Alabastervase scheint. Sie waren sehr zart von Umgang und frchteten das Sterben nicht, aber man fhlte etwas wie ein stilles Heimweh in ihrem Lcheln. Als Ahasverus dort nach einiger Zeit wieder vorbeikam, bemerkte er, da ein tchtiges Stck von dem Berg der Weisen nach einer besonders feuchten Jahreszeit allmhlich ins Tal niedergesackt war, so da Heilige und Lusemenschen nun brderlich vereint lagen, dreihundert Fu unter der Erde. Ahasverus zertrat noch einige Ameisenhaufen, aber lustig war das eigentlich nicht, und voller Ekel zog er anderswohin. So fand er, siebzehn Meilen oberhalb des Sdwindes und dann rechtsum und quer geradeaus, nahe bei dem Pfannkuchenberg, wo man die Wolken mit einer Mausefalle fngt, das weitberhmte Schlaraffenland voller Vergngen und Wohlleben. Die Bume sind dort von Zucker und hngen voller Konfekt, die Huser werden aus Pfefferkuchen gebaut und mit Honigtrtchen und Eierfladen gedeckt. Da knnt ihr den lieben langen Tag Reisbrei mit silbernen Lffeln essen, und berall suseln Bchlein von goldenem Schaumwein, sem Met, Hippokras, Geusenlambik und Oudenaarder Doppelbier. Wenn ihr des Ambrosias berdrssig seid, streckt ihr die Hand aus nach den gebratenen Kken, die zu eurer Verfgung herumlaufen, oder ihr schneidet eine Scheibe Schinken von den zappeligen Ferkelchen, die immer das Messer parat in der Hinterbacke tragen. Jede Stunde Schlaf bringt einen Groschen ein; ihr braucht nur zu denken: Herzchen, wonach steht dein Begehr? und das Appetitlichste, wovon ihr trumen knnt, steht vor euch, und es ist alles ein Prassen und Ludern und Schlampampen, was das Zeug hlt. Ich spiele mit! sagte Ahasverus, denn es schien so, als ob diese strahlenden Vielfrae und Faulenzer sich durch keine berflssige Grbelei den Teufel auf den Hals lden. Und das war mir ein schnes Leben! und ein Schmausen! und ein Schleckern! und ein Vivatrufen! -- aber es machte ihn bel und krank, sein Magen war bald aus dem Gleis, und da flo kein Wein, der _seinen_ Durst ganz htte lschen knnen. Wir Schlaraffen, sagte einer von ihnen, haben Genu vom Leben, weil wir uns nicht um die Unsterblichkeit der Seele kmmern. -- Ob ihr nicht beruhigter sein wrdet, fragte Ahasverus, wenn die Unsterblichkeit des Leibes euer Teil wre? Denn er merkte, wie der Schrecken in ihren Bauch fuhr, wenn unangemeldet Freund Hein zwischen all diese fetten Saufscke trat, um einem von ihnen sein Brotglein zuzudrcken; und wenn der Krper dann eiligst unter die Erde gestopft wurde wie ein fauliger Schwamm, der von berreifen Sften geschwollen ist, dann war das Halleluja bei den Wrmern, aber das Ach, der Arme! da oben . . . Es wrde zu weit fhren, euch von A bis Z zu erzhlen, was Ahasverus auf seinen mannigfachen Reisen noch alles sah. Aber je mehr er sah, um so tiefer wurde die frchterlich de Kluft in ihm. Denn _das_ war es nicht, _das_ nicht, was er brauchte; die Dinge, die er sehn und greifen konnte, hatten nichts zu tun mit dem, was er brauchte; Dinge und Menschen standen da wie ein Spiel widerstreitender Krfte, ein nutzloses Treiben ohne Zusammenhang oder Sinn, mit dem stummen Tod dahinter; und im Grunde konnte ihm das ganze Sammelsurium einer Schpfung doch gleichgltig sein, da er sich als etwas anderes fhlte: er allein war von seiner Art, der auserwhlte Verstoene, und fand nirgend einen Reim auf die Stimme da drinnen, die ihn weitertrieb. Das Unglaublichste schien ihm, sobald es das Neusein verloren hatte, gewohnt, und die jmmerliche Alltglichkeit der ganzen weitgedehnten wunderbaren Welt hielt ihn eingeschlossen, so wie frher die dumpfige Enge seines Kellerchens in Jerusalem. Er fhlte, da sein Schicksal in ihm lebte, strker als der Tod, und es war ihm, als ob er eine Ewigkeit in sich trge; aber er blieb doch unwiderruflich ein Mensch, mit seinem peinvoll sich abqulenden Kopf, mit seinen blutenden Fen, die er ber die Steine schleppte, mit seinen zwei ohnmchtigen Hnden, die nichts packen konnten als ein wenig Staub, der sterben mute. Er war kein Gott -- nicht einmal ein Teufel! -- und selbst eine Ewigkeit, durch die keine andere Klarheit als das wechselnde trbe Licht der Erde hindurchschiene, dnkte ihn ein Gefngnis, worin er sich im Kreise drehen wrde mit eintnigem Schritt. Er hatte so ein Vorgefhl, da er alles erfahren knnte, frher oder spter, alles besitzen, was die Welt trgt. Frher oder spter wrde er alles schmecken, was ein Mensch schmecken kann, Freude, Leid, Liebe, Wollust, alle Gensse, alle Erfahrungen der fnf Sinne; frher oder spter wrde er alle Leben kennen und mitleben. Seitdem er wute, da nichts das, was in ihm brannte, ersticken konnte, war das Mgliche fr ihn vertausendfacht, aber gerade darum wollte er das Unmgliche. Er konnte vom einen Ende der Welt zum anderen laufen, und _darum_ trumte er von dem, . . . was da drben liegt, darum war ihm nichts begehrenswert als das Unaussprechliche, das ihm verborgen und verschlossen blieb. Was gab er um all diesen zerbrckelten Krimskrams ohne Ziel und Sinn? Und wenn _eine_ herbe Frucht ihn nicht reizte, was war ihm dann eine Million herber Frchte? Die Zeit und alle irdischen Dinge waren sein, aber er verlangte doch, verlangte heftiger denn je nach dem Einzigen, was er nicht sehen konnte. Er wollte nicht wissen, da er _darnach_ verlangte, er htte alles, alles vergessen mgen. Jenen Blick von Christus, der ihn sanft versengte, den vor allem htte er vergessen mssen. Das glckte ihm wohl einmal, aber niemals, ach! fr lange. Denn der Himmel ohne Anfang und Ende mit seinem schweigenden Geflster unerreichbarer klarer Sterne, -- und das hin und her, ewig hin und her wogende, dumpf donnernde Rauschen des einsamen Meeres, -- oder bisweilen schon der schmetternde Gesang einer Lerche, das feurig helle Schlagen einer Nachtigall in der Dunkelheit, es rief alles in ihm wieder die Glut wach, die Flamme einer Sehnsucht nach etwas, das er ahnte, das er nicht sagen konnte und das er ntig hatte. Aber er wollte nicht daran denken. Als er einmal finster ein Dorf durchzog, wurde ihm ein Almosen gegeben von einer Frau, die das Gesicht hatte von einer, die viel gelitten hat, und sie schien keine Angst vor ihm zu haben; sie meinte, da er auf einer Pilgerfahrt sei, und sagte ruhig: Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . . Ich suche den Teufel! fluchte Ahasverus. Aber die Stimme suselte in ihm fort: Im Namen Gottes, den Ihr so fern suchen geht . . . Er htte diese Stimme morden mgen, er htte sich die Augen ausreien mgen, um diese Augen von Christus nicht mehr zu sehn, er htte sterben mgen, um dies Verlangen zu ertten in dem Abgrund seiner Seele. Ich suche den Tod, dachte er, -- aber ganz aus der Tiefe kam ein Zweifel, den er nicht bannen konnte: es war nicht wahr, er wrde nicht zerbrechen . . . Und warum beschlich ihn nun eine sonderbare Angst vor dem Tode, -- als knnte er niemals _ganz_ sterben? . . . Was ich suche, ist einfach nicht da, grinste er dann wieder und verspottete sich selbst, aber er wanderte, er wanderte, ohne Rast. So traf er einst auf seinen langen Wegen einen Pilgrim; unter dem breiten, mit Muscheln besetzten Filzhut schlotterte der Reisemantel, auf den ein Bettelsack und eine Krbisflasche drckten. Es war eine knochige Gestalt, die ohne zu hasten weiterschlurfte, und beim Gehen fiel der Leib regelmig aufs eine und dann aufs andere Bein; der Kerl schien nicht mehr von seinem Willen getrieben. Als die beiden Schatten nahe beieinander wandelten, blickte er nicht auf. Er murmelte zwischen seinen Zhnen: Unser Vater, der Du bist im Himmel . . ., und man hrte die dicken Kugeln seines Rosenkranzes leise klappern. Warm! sagte Ahasverus, der durstig war und nach der bauchigen Flasche schielte. Unter dem Rand des Hutes blickte das alte Gesicht auf, mit einem toten Blick, der in einer groen Augenhhle sa, und sagte: . . . Geheiliget werde Dein Name . . . Ein Schlckchen wrde mir gut tun, Mann! . . . Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden . . . antwortete der Pilgrim. Ahasverus griff nach der Krbisflasche und tat einen langen Zug, aber der Pilgrim murmelte immer nur und knabberte weiter an seinem Gebet, ohne auf etwas zu achten. Ahasverus wurde es seltsam zumute; das schien ihm wie ein Gespenst, beladen mit einem furchtbaren Geheimnis, und er fragte mit unsicherer Stimme: Aber Mann . . . lebst du? . . . Doch der Pilgrim sah noch einmal auf, wie ein gutmtiger Tropf: . . . Erlse uns von dem bel, und mit tiefem Atemholen: Amen. Darauf fiel sein Blick wieder auf die Erde, und er begann von vorne mit einer anderen Kugel. Nicht viel Abwechselung in seinem Gesprch, dachte Ahasverus, aber er folgte ihm doch in einem Abstand, angezogen von diesem Trottel, der auch nur immer wanderte, als htte er kein Ziel, und seit Jahren vielleicht sich ganz und gar bldsinnig gepaternostert hatte; und der wurde ihm wie ein fernes Bild seiner selbst, aus dem der Tod, der unmgliche Tod ihm hhnisch entgegengrinste. O, knnte er nur, immer und immer dasselbe Gebet wiederholend, langsam und verbissen und zuversichtlich seinen Geist in dem Nichts sich verirren lassen! Der alte Knabe da ging mit einem Schritt ich werde schon hinkommen, und als er am Mittag, immer noch vaterunsernd, seine Beine ausstreckte unter einer schattigen Linde, fiel er bald in Schlaf, wie ein unschuldiges Kindchen, und schnarchte ganz leise. Ahasverus betrachtete das totenhafte Gesicht, auf dem Ruhe ohne Falten lag. Neidisch zog er dann weiter, allein. Aber kein Gebet brachte er ber die Lippen, und er zhlte seine Schritte, hundert, und wieder hundert, bis tausend und zwei- und dreitausend. Doch dabei waren seine Sinne mit etwas anderem beschftigt, -- mit dem, was an jenem Freitag geschehen war . . . -- er _konnte_ seine Gedanken nicht zur Ruhe bringen, er _konnte_ das Bild des Gekreuzigten in sich nicht zermalmen, und wtend begann er dann zu fluchen, immer den selben Fluch, der niederhmmerte im Takt mit dem Schritt seiner Fe, bis dies Geramme seinen Geist betuben wrde. Aber endlich mute er wieder wild ber sich selbst lachen. Ich bin ein Kind, dachte er, ein trichtes kleines Kind! Das Land verschwamm in den Abendnebeln, die sich mit dem langgezogenen Rauch schwelender Kartoffelfeuer mischten. Es war berall so einsam, so verlassen und voll Abendduft. Wo werde ich nun landen? dachte Ahasverus erschpft. Bald erkannte er die flachen Strohdcher eines Dorfes, mit Stllen und Scheunen; als er zu dem Platze kam, der die Kirche umgab, begann in den geschlossenen Husern das freundliche Licht zu brennen. Er betrat eine Herberge, wo Bauern bei ein paar Kerzen um eine Tonne herum beim Kartenspiel saen, und verlangte Bier und trank schweigend, mrrisch, ein Glas nach dem andern. Es war nun nur ein bewutes Saufen noch, um seinen Geist abzustumpfen, um zu vergessen, um fr einige Stunden tot zu sein. Aber es dauerte sehr lange, bis er betrunken wurde; dann kamen einige von den jmmerlichen Saufbrdern spttisch grinsend heran, um mit ihm anzustoen, und sie grlten immer dasselbe schleppende Lied, indem sie ihre angeglhten Visagen einander zuneigten. Da lag ein Kumpan an Ahasverus gelehnt und langweilte ihn lallend und klglich jammernd mit Geschichten von seiner Frau, die vor zwanzig Jahren am Pips gestorben war. Ahasverus wollte mitbrllen, sank aber dster wieder in sich zusammen und trank . . . Am andern Tag erwachte er auf einem Misthaufen. Er torkelte weiter, legte sich noch etwas in einen Graben, um zu schnarchen, schob dann wieder in eine Wirtschaft hinein und trank. Sein Kopf schmerzte ihn, er sah alles durch einen Nebel. Frech schmi er seine Groschen auf den Tisch, go hinunter, da seine Eingeweide davon brannten, zerbrach Glser und wurde hinausgeprgelt. Und so zog er von neuem schwankend die Strae entlang, von Spelunke zu Spelunke, oder zwischendurch schnarchend, mit dem Gesicht auf der Erde. Bis er, nchtern geworden, wieder das Licht sah, wieder das Leben in sich fhlte und voller Ekel erkannte, da sein Trotz nur eine Kinderei war, -- da es etwas gab, das er nicht vergessen hatte, etwas, das er niemals vergessen wrde. Und in ihm lebte das heimliche Feuer, unauslschlich. Wie sollte jemand sterben knnen, dachte er, der so strmisch nach dem Tode sich _sehnt_? Es war wieder einmal gegen Abend, und er war so mde. Was ntzte es noch, die Arme auszustrecken? -- und nach wem, nach was sollte er rufen? . . . Er setzte sich gebrochen auf einen Stein, am Rande eines groen, finsteren Waldes, whrend die Dmmerung grau aus der Ebene stieg; das suselnde Schweigen der Erde sprach zu dem Schweigen des Himmels, nur in der Ferne schlug eine Glocke an; einmal trottete auch ein Hirte vorbei, der seine folgsamen Schafe zum Stalle trieb, und ihr Getrappel im Staub glich dem sanften Gerusch des Sommerregens. Es war so sonderbar, was in Ahasverus vorging, und dies schien wohl ein anderer Abend zu sein als gewhnlich. Wie lange war er nun gelaufen? Er wute es nicht; vielleicht waren die Jahre wie Stunden fr ihn gewesen, gleichsam als wre er in einem Traum gewandelt, der seinen Willen berzogen hatte, aber vor seinem klarer werdenden Heimweh nun langsam fortdmmerte. Sein Herz war zerstckt, aber auch seine lhmende Gleichgltigkeit war wie gebrochen, und aus der Leere seines Geistes richtete sich trauernd etwas auf, das er doch nicht tten konnte und das sein Bewutsein war. O diese Glut wieder, diese lodernde Glut da drinnen! . . . Das Gefhl, da das Leben in ihm doch fortwuchs und aus all dem Schutt unerbittlich aufscho, und dazu die allzu se Inbrunst dieses Abends, das alles machte seine Pein noch bohrender, als sie jemals gewesen war. Und er dachte: Ach! warum habe ich den Gekreuzigten angesehen? Gerade an jenem Mittag, bevor ich ihn ansah, htte ich so leicht sterben knnen! Er wute wohl, da das nun nicht mehr mglich war, da der gemeine Tod der Menschen den Hunger seiner schwellenden, seiner wollenden Seele, ach! fortan nicht mehr stillen konnte. Er trumte von einem bermenschlichen Vergehn, das zugleich die Welt selbst vernichten wrde, einem Tod, der wie ein Fluch sein wrde auf . . . auf jenes _andere_, Namenlose, wonach er begehrte, das er nicht erlangen konnte und das er hate, das er nicht kennen wollte, -- einem Tod, der sein wrde wie ein Speien auf das Geheimnis, das ihn leiden machte. Er htte mit beiden Hnden den Himmel auf sein Haupt und auf alles mgen einstrzen lassen . . . Nein, es war zu albern! Er wollte nicht wissen, da es einen Himmel gab, er klebte doch fr immer an dieser harten Scholle . . . Und er fiel verzweifelt auf die Kniee, mit seinen Krallen in die Erde greifend; er wollte diese Erde sein, er wollte der Urstoff selber sein, er htte sich in Millionen und Millionen Stcken verteilen lassen mgen, um in allen Dingen zu leben, -- und seine Seele nicht mehr zu fhlen! -- um der Saft der Bume zu sein, das Blut des warmen Tieres, das Wasser der Strme, der Fels und die Luft, das ewige Gren der Erde. Die stille Flut der Nacht hatte sich ber das ganze Land gebreitet, aber die Tiefen des Himmels blieben wie eine spiegelklare See. Und Ahasverus, erdrckt von der Verdammnis dieser Unendlichkeit, flchtete in den Wald, -- in das grne Dunkel. Der Wald war voller Flsterstimmen und seltsamem Gezitter; tastend ging Ahasverus hindurch. Die grten Bume standen da wie Riesen, bemoost und so viel Jahrhunderte alt, da sie das berflssige Sprechen verlernt hatten. ber den durchsichtigen Laubgewlben ahnte man berall andere Laubgewlbe, als wren da zwei, drei Wlder bereinander, und ringsum, zwischen den sten von blasserem Grn, die leise zitterten wie mit vielen fast regungslosen Flgeln, verirrte sich der Blick durch ein geheimnisvolles Spiel von Schatten bis in schwarze Hhlen von wirrem Gewchs. Von dort quoll nun berall die volle Nacht heraus, whrend alle Dinge ihren Atem anhielten, um keinen Laut zu wecken. Nur ganz ganz hoch rauschten Bltter, die der Mond vielleicht beschien; bisweilen piepte ein Vogel, der halb im Schlaf etwas erzhlte. Das Dunkel tat Ahasverus wohl, und auch, da alles wieder einem Traume glich. Vorsichtig schritt er weiter; der Boden senkte sich immer mehr zu tieferen Mulden, wo die Luft schwl war von wilden, feuchten, brtenden Gerchen, und die Stille voller Unrast, als wre sie _ein_ groer Seufzer, der herauswollte und nicht konnte. Viele kaum hrbare Laute bullerten und knisterten in der dunklen Wrme, -- Tiere lebten da und waren gewi bei der Paarung. Einige sprangen weg neben ihm, und das Gestrpp knackte unter ihrem Lauf. Dann begann auf einmal ein Hirsch vor Brunst zu schreien, irgendwo in der Einsamkeit einer Tiefe. Ahasverus lauschte gespannt: -- nichts mehr, nur das Klopfen seines Blutes fast bis in die Kehle hinein, -- wieder das klgliche Rufen, -- andere Hirsche antworteten im Dunkel, -- dann ein Galopp, der in der Ferne immer undeutlicher wurde, -- dann nichts mehr . . . Aber rieselnd sank da unten ein Gewimmel von Mondschein herab auf das silberne Zittern eines Sees, und am Rande, in der niederstubenden Blue, gewahrte Ahasverus eine nackte Frau, die halb ausgestreckt ihr Gesicht in dem flachen Wasser spiegelte, und sie sang ein schleppendes Lied, ein Dideldumdei, bei dem man sich nichts denken konnte. Ahasverus schlich nher, um es zu verstehn. Der Gesang brach ab, die Frau sah sich flchtig um, aber sie schien Ahasverus nicht zu bemerken. Sie wiegte sich langsam hin und her; spielend wie ein Kind erhob sie die Hnde, gefllt mit Wasser, das ins Licht niederrieselte wie perlende Blasen, -- es war, als wollte sie die dem Monde weihen, -- und dabei hielt sie ihr Kpfchen hintenbergebeugt und schwatzte allerhand Unsinn in der Vogelsprache. Und dann kein Laut mehr, nur noch das Glimmern des Mondlichts auf dem dunklen Wasser. Die Stille lastete auf Ahasverus, und er rief gezwungen lachend nach dem artigen Ding, ohne selbst zu wissen warum. Sie blickte von der Seite mit schrgem Kopf auf, wie ein scheuer Vogel, der fortfliegen will. Ahasverus kroch vorsichtig durch die Strucher hinzu und blieb in einem kleinen Abstand auf der Lauer. Nach einer Weile schien das Meerweibchen ihn wieder vergessen zu haben, das Zittern eines Pfeilkrautes oder einer Wasserlilie hatte sie zerstreut, und sie trumte nun, lauschend in die Nacht und den Mondenschein, die junge Brust vorgestreckt, die leise atmete. Das Licht, das ihre reinen Glieder umzitterte, ohne Strahlen, war ein unbeschreiblicher Flaum, ein Tau, ein dunstiges Etwas, -- wie eine gedmpfte Musik, die heimlich durch eine andere hindurchspielt, -- zwei Gesusel von Musik, die einander suchen und doch nicht zu berhren wagen. Ahasverus erhob mit einem Ruck den Kopf, seine Augen triumphierten: Ich hab sie! und er sprang hinzu. Aber fft -- war sie unterm Wasser und weg . . . Von viel weiterher hrte er ihr helles Gelchter, da der ganze Wald davon erklang. Und Ahasverus stand da mit leeren Hnden. Die Nacht wurde unendlich gro von peinvoller Stille. Uh! . . . Uh! rief endlich die Lockstimme, mit einem schelmischen Trllern. Ahasverus rhrte sich nicht, obgleich die Lust in seinem Leibe brannte; mrrisch in sich selbst verschlossen, tat er, als htte er niemals von Meerweibchen gehrt; nur sein Blick lebte in seinem dsteren Gesicht, denn er sah die gttliche Weichheit dieses schneeweien Wunders langsam auf sich zuschwimmen, nachlssig und faul sich rkelnd; um ihre Hnde und den gewellten Rcken glitt bisweilen ein Phosphorglanz; sie blickte zu Ahasverus hin wie ein schmollendes Kind, das doch lcheln mchte. Als sie dicht vor ihm wiegelte, erschien sie wieder anders: ihr Fleisch hatte die Farbe sonnenvergoldeter weier Trauben, ihr schwarzes Haar stand wie ein Helm und fiel nieder in wilden Ringeln, ihre Augen waren harte Steine voll dunklem Wechselglanz; und diese Augen riefen ihn, riefen ihn, aber Ahasverus rhrte sich nicht. Da sang sie fr ihn dieses Lied: Du hast mich gesucht und hast mich gefunden, es konnte ja nicht anders sein. Und willst du es auch nicht wissen, -- mich hast du begehrt, mich begehrst du. Denn ich bin das Gttliche, das man besitzen _kann_. Ich bin der Baum des Lebens. _Meine_ Frchte schmecken nicht nach Gut oder Bse, sie haben den Schmack des Gttlichen. Sie schwieg einen Augenblick, und ihre Gedanken schienen zu anderen Zaubersprchen abzuschweifen: Ich brauche dich, um ganz glcklich zu sein. Ich schlummere da unten in khlen Kammern, wo die Stunden keine Stunden mehr sind. Da wachsen allerlei seltsame Muscheln, und Smaragden so schn wie der Abendhimmel. Ich spiele da in Bschen trge lebender Pflanzen, die schwanken in der sanften Strmung. Aber ich denke dort an dich, ich kann dort nicht schlafen, ich brauche dich, die Ewigkeit ist nichts ohne dich. Komm, -- ich wei mehr, ich will dir mehr zeigen, wovon du nicht trumen kannst: Ich kenne den Weg zu weiten, weiten Meeren, die ohne Ende sind. Da la ich mich schaukeln von pltschernden Wellen und schreie vor Lust, wenn ich emporgeschwenkt den flchtigen Schaum fangen kann in meinen Hnden. Die Wellen und ich, wir verstehen einander so gut! Sie nehmen die Gestalt an meines leichten Krpers, und ich, ich bin vielfltig wie sie. Meine Augen schon, sieh in meine Augen! das ganze Meer ist darin. O, du weit nicht, wie schn es ist, das erste Zittern des Morgenrots in den Tiefen der See! Du weit nicht, wie schn es ist, sich zu mischen mit dem durchsichtigen Wasser, das wie der Himmel ist und sich greifen lt und dich greift, das bleiche Wasser, das flieende, lebende Wasser. Ich streck meine Arme aus, ich fhle das Wunder meines Lebens, mein Blut singt das gleiche wie das singende Wasser. Im Wasser halte ich den Wind fest und die Sonne, ich trinke das Licht, ich nehme alle Dinge in mich auf, ich bin wie eine einzige Blume, worin die Sonne und alle Dinge leben. Meine Hnde, meine Brust voll jauchzender Begierden, meine Lippen, meine Augen, sie sind nur ein Schrei noch, ein Seufzer, ein Gesang des Wassers und aller Dinge, sie sind der Gesang des brandenden Lebens, das immer neu geboren wird. Aber dich allein hab ich nicht, dich allein hab ich ntig, denn alles, was in mir ist, verlangt nach dir, meine heimlichste Schnheit drngt zu dir . . . Alles will ich sein fr dich, das Leben alles dessen, was lebt; die Klarheit des Lichtes ist in meinem ewigen Fleisch, all die besonnten Dinge des Tages und die Schatten des kstlichen Abends, und auch die Nacht, die niemand messen kann, in der die Zeit stille steht. La unsre Begierden ineinanderschmelzen, -- wir werden unsre Seelen nicht mehr fhlen. Die Welt wird in uns vergehn, wir werden das gttliche Meer sein und das gttliche Licht. Sie hatte sich bis vor ihn hingewunden, mit der gelassenen Geschmeidigkeit eines prchtigen Tieres, sie hielt seine Lenden umklammert und hob ihr Gesicht zu seinem Gesicht; er hatte mit beiden Hnden ihren Kopf ergriffen, ihre Nstern zitterten, ihre Augen berhrten ihn, und er hrte aus ihren feuchten Lippen dies Geflster, das ihm mchtiger schien als der Donner: Ich bin zugleich Rausch und Tod. Ahasverus beugte sich wild ber ihre Augen, zu ihrem Mund; ein gewaltiger Schrei war in ihm eingeschlossen, der durch seine Kehle herausbrach; er strzte sich auf sie wie auf eine Beute, und ineinander verschlungen kmpften sie den grausamen Kampf in dumpfer Wollust. Er sah sie nicht mehr, den Kopf getaucht in die Nacht ihres Haares, gepret in ihre Arme; er fhlte nur die keuchende Brust und die lebendige Herrlichkeit dieses Leibes ihn umschwellen, wie wenn ein gewaltiger Seufzer durch das Meer fhrt, -- vergebens suchte er diesen sich windenden Leib ganz festzuhalten in _einem_ Griff. Und sie rief: Zerbrich mich, umfa mich, schlrf mich ein in dich . . . Und er: Ich drcke dich an mich, ich drcke dich in mein Fleisch, aber ich hab dich nicht, ich hab dich nicht in mir . . . Fhlst du mein Leben? fhlst du mein Blut? Verzehr mich, verzehr mich, ich will in dir vergehn . . . -- Ich will in dir vergehn . . . -- Wir sind wie zwei Flammen, die einander verschlingen . . . -- Ich kann nicht . . . ich kann nicht . . . -- Ich will sterben durch dich . . . O, wir sterben zusammen . . . -- Mein Mund zerquetscht deinen Mund wie eine Frucht, aber ich fhl deine Seele nicht . . . -- Fhlst du ganz das Leben, das brennt in meinen Brsten, meinem Mund, in allem, was ich bin? . . . Mehr! mehr! Ich hab dich noch nicht . . . -- Meine Adern springen, mein ganzes Leben zerspringt in dir . . . O sanfter, bittrer Tod! . . . -- Fhlst du den Tod steigen, wie ein Wasser? Fhlst du dich verflieen und vergehn, aufgeschlrft von der Wollust? . . . -- Schweig, schweig still, la mich los . . . O bitterer Tod, der kein Tod ist! . . . Meine Seele brennt fort in mir . . . -- Ich la dich nicht los, ich will deine Seele . . . -- Meine Seele brennt fort in mir . . . Verzehr mich, oder ich erwrge dich! . . . -- Mehr! mehr! jedes Stck meines Leibes soll ein neues Fest des Wahnsinns werden! Es war, als ob er sie ersticken wollte an seiner Brust, doch ihr Blick forderte ihn noch heraus, in dem Dunkel, und er fhlte, wie sie ihn zur Tiefe zog. Ich bin noch, was ich war . . . Der Schaum von Genu und Schmerz ist wie Salz in meinem Mund . . . -- Nimm mich, werde eine Flamme in mir, nimm mich . . . ich will dich lehren, was mehr ist denn alle Lste . . . -- Ohnmchtige Raserei! . . . Dein Abgrund ist nicht grer als mein Abgrund . . . -- Ah, du kannst nur beien, Bestie! . . . -- Bei nur, bei! . . . Du kannst meine Seele nicht austrinken, elende Harpyie! . . . -- Hinunter, hinunter! . . . wo alles Licht vergessen ist . . . -- Dein Tod ist Lge . . . Meine Flamme wird deinen Tod verzehren . . . -- Ich schlepp dich mit, ich mu dich haben . . . Sieh mich an . . . entschlpf mir nicht! . . . -- Ich will dein verblhtes Fleisch zermalmen in deinem Kot . . . Dein Tod ist Lge . . . deine Augen sind Lge, deine einfltigen Fleischaugen . . . O, die Deinen, Christus! Christus! . . . Ein unmenschlicher Schrei gellte durch den Wald, das Meerweib rang noch einen Augenblick seine blutenden Hnde, whrend es sich wie toll in den Arm bi, und sank zurck in die Nacht. Ahasverus lag allein, keuchend, in der dunklen Totenstille voll von Gerchen verwesender Teiche. Sein Herz lastete schwer in ihm, wie eine zu reife Frucht: es blieb ihm nichts als Ekel brig und Ha. Warum lebte er noch? Warum hatte er jenen Namen ausgestoen? Warum konnte er den nicht ausspeien fr immer? -- Und langsam kam nun, mit sanftem Windessuseln in den Kronen und erwachendem Vogelgezwitscher, die feuchte Graue des Morgens, und dann der Morgen selbst, grausig in seiner Stille, ein Licht, das ohne Hast, aber unabwendbar wuchs, die Weite des Raumes einnahm und durch das dichteste Laub etwas von seiner Klarheit niedersickern lie. Und mit diesem Licht wuchs in Ahasverus die Angst. Tiefer noch, tiefer in den Wald hinein! In die grne Nacht . . . Aber er wute es nun wohl, da das, dem er entfloh, in ihm selbst war; wie er seine Brust auch aufreien mochte, es lebte da, wie das frchterlich stille Licht von zwei Augen . . . Und eine folternde Frage war aus seiner gebrochenen Seele aufgestiegen: Wenn es _nichts anderes_ gibt, warum dann dein Rasen? Verzweifelt suchte er nicht mehr zu denken, aber die Frage war da, und er mute wohl hassen, er konnte nicht mehr anders, mit einem Ha, der schon das Zeichen des Todes trug. Und er blieb den ganzen Tag irgendwo in einer Hhle verborgen, niedergekauert wie ein Tier, das Angst hat. Sein Kopf schmerzte ihn, seine Kehle war trocken, das Fieber brannte in ihm; in seinem Munde fhlte er noch etwas wie einen faden Geschmack von Blut, der ihn an das Meerweib erinnerte. Er jagte ihr Bild fort, er wollte alles, alles vergessen; aber andere Visionen stiegen herauf, bisweilen verschwommen und dann zugleich wieder furchtbar deutlich. Er sah die Stadt in Feuer und Flammen, wo die Landsknechte beim Morden waren; er sah die Augen eines steinalten Mannes, der nicht mehr schreien konnte und das Messer in die Kehle kriegte; er sah eine Frau auf den Knieen, ihr Kind an der Brust, fast in ihren eingekrampften Leib gedrckt; sie rief: Gott, o Gott! dem Wstling zu, der auf sie eindrang, und das unschuldige Lamm in ihren Armen wurde auf eine Pike gesteckt, das Blut spritzte bis zu Ahasverus' Gesicht . . . Ja, diese Mutter rief nach . . . _etwas anderem_ . . . Denken wohl die Ameisen, die man tottritt, auch manchmal daran? Dies Kind hatte doch nichts verbrochen, sie marterten es ohne Grund, und es litt sinnlos. So war es berall: blinder Blutdurst, sinnloses Leid! Ahasverus' Gedanken kreisten darum, mit einer heimlichen, tckisch lauernden Zufriedenheit: es war etwas darin, das ihm wohltat. Grausam sein ohne Zweck, war das nicht das Gttliche? Und erstickte das nicht in Blut, was die Ameisen von Menschen Gott nennen? Es war, als ob er das zuckende Fleisch des Kindleins mit seinen bebenden Fingern berhrte. Ein teuflisches Lachen wollte aus ihm heraus, aber er konnte nicht einmal mehr lachen. Und als er aus seiner Hhle gekrochen war, stand er in der Nacht glotzend da, auf Hnden und Fen, und fhlte den Wahnsinn in sich steigen und dachte: So ist es gut! Im Walde war nur noch hier und da ein trbes grnes Licht, wie tief unter dem Wasser, und es schienen trge Gestalten sich darin zu bewegen. Ahasverus hrte Stimmen auf sich zukommen, Stimmen ohne menschlichen Klang, die er aber bisweilen zu verstehen glaubte, wenn sie auch verworren waren und flchtig. So begann die Nacht seltsam zu leben, mit dem matten Flgelschlag der Eulen und allerlei Lauten von Tieren, die im wilden Gestrpp einander suchten. Was sie riefen, war ihm zuweilen verstndlich, aber er verga es sogleich wieder: es war etwas wie Schreie aus ihrem Fleisch, durch andere, ebenso zusammenhanglose Schreie rasch wieder fortgeweht. Das ganze Volk des Waldes begann um ihn herum zu erwachen. Wlfe liefen vorbei auf weichen Pfoten, und er fhlte ihren feuchten Atem; eine Schlange zog langsam ihre kalten Ringe ber seine Hand; das Gestruch knackte unter dem schweren Leib eines Ebers, der, mhsam aus den Nstern blasend, sich an einem Baume rieb, und Ahasverus roch den warmen Geruch seines Schweies und dachte: So ist es gut! Er sprte zugleich wieder jenen Blutgeschmack in seinem Mund und dachte: So ist es gut! Und als der ganze Wald zu rumoren anfing und er ringsum Gestampf und Gebrll vernahm von Brunst und schmerzendem Genu, begann er mit zu heulen, ohne zu wissen warum, wie ein Raubtier, das zuviel unertrgliches Leben in sich hat und es voll Schmerzen ausstrmen will. Nun war es, als ob alles, was laufen, fliegen oder kriechen konnte, um ihn herum krabbelte und wimmelte. Haufen kleiner Tiere schwrmten wie Bienen, wanden sich wie Wrmer, besprangen einander in Paarungswut und bissen einander. Die mageren wurden verschlungen von den fetten, die fetten gestochen von den flinken. Viele waren da wie fliegende Pnktchen, die alles tteten, was sie berhrten. Die Liebe sogar war ein Kampf. Ineinanderverschlungen kmpften Einhrner, Schlangen, Greife, riesengroe Spinnen und phantastische Ungeheuer, mchtig gewappnet fr die Begattung und den Mord, mit Ruten wie rote Dolche und Greifarmen zu beiden Seiten des Mauls, die mit Zhnen besetzt waren wie Sgen. Alle wurden nun trunken von stummer Begierde und Zerstrungswut, einige zerfleischten sich selbst, mit triefenden Kinnbacken, und das Blut der Geburten vermengte sich mit dem Blute des Todes. Der Schrei jener Mutter und ihres unschuldigen Kindes in der brennenden Stadt schrie nun aus allem. Die Bume selbst sah Ahasverus leiden, die Knospen sprangen auf mit einem schmerzlichen Seufzer, die Frchte barsten chzend und streuten ihren Samen ins Weite, der Saft rann wie eine verzehrende Glut unter der Rinde, und berall war das Leben nichts als ein schmerzenvolles Feuer, das neues Wachstum hier entstehen lie und es dort wieder versengte: verbrennen, um von neuem zu wachsen, wachsen, um von neuem zu verbrennen, -- Leben und Tod waren _ein_ Brand, der auch in Ahasverus' Adern kochte. Aber er konnte nicht mehr aufstehn, er konnte nicht mehr heulen, er lie sich mit dem Gesicht auf den Boden fallen, ihm war, als ob er in der Erde festwchse, um sich niemals, niemals wieder zu rhren, und das Leiden dieser Erde fhlte, all dies Leiden ohne Sinn, whrend unaufhrlich ber ihn hin der Lauf der sich paarenden und kmpfenden Tiere ging und der Schrei des brennenden Waldes, der schrie: Ewig! ewig! ewig! ewig! . . . Und das Schrecklichste waren ihm, ber der Hlle, die Augen Christi, die um ihn weinten. Ahasverus auf dem Weg zum Himmel Auf einer Lichtung hauste in jenem Walde ein alter Eremit: seine Klause war so klein, da ein Kaninchen mit vier Sprngen alles davon gesehen htte. Der heilige Mann schlief dort auf einem Bett von drren Blttern. Er buk sich selbst sein Roggenbrot, zog etwas Gemse und hielt eine Ziege und ein Dutzend Kken. Fr die schnen Krbchen, die er zu flechten verstand, bekam er dann und wann das wenige, was er sonst noch brauchte, aus einem entlegenen Dorf, und Wallfahrer brachten ihm bisweilen auch Leckerbissen von der Kirmes, etwa weien und schwarzen Schwartenmagen mit Schnuten und Poten. Aber des Klausners Seele und all sein Tun waren stets Gott allein zugekehrt. Ihn bewundern und loben in all seinen Werken und versinken in die Betrachtung seiner unerschpflichen Gte, das war seine Beschftigung, und das war sein Leben. Und so geschah es einst, als er am frhen Morgen schon still am Wandeln war und mit dankbarem Staunen das Wunder aller Tage beschaute, den Morgensonnenglanz, der durch den feuchten Wald spielte, da er einen Mann auf dem Bauche liegend fand, mit ausgestreckten Armen, der leise sthnte. Der Klausner holte etwas Wasser aus einem Bach, wusch dem Fremdling das Gesicht, und endlich schien dieser aus einem Traum zu erwachen, mit irrem Blick. Er begriff nicht, was der Alte zu ihm sprach, und lie sich schwankend tragen bis zu dem Bltterbett, wo er dann erschpft wieder zusammensank. Ahasverus brannte von dem Fieber, und Visionen durchdsterten sein Erinnern; die Hlle rief noch hinter ihm, und er klammerte sich fest an den Arm des Klausners, um nicht in jene grausige Tiefe zu fallen, wie ein Stein in einen Abgrund. Und der Alte, um ihn zu beruhigen, klopfte ihm dann leise in die Hnde, wie man einem Kinde tut, und dankte im Innersten Gott, der ihn vielleicht als Werkzeug erwhlt hatte, um einen armen Snder zu retten. Und jedesmal, wenn Ahasverus seine Augen ffnete, sah er den guten Graubart sogleich herbeikommen, und das Lcheln in diesem runzligen Gesicht war so natrlich, da Ahasverus dann auch matt lchelte, -- er fhlte sich so vllig erschpft . . . An diesem Tage sprachen sie beinahe nichts. Von Zeit zu Zeit bat Ahasverus um einen Trunk; das khle Quellwasser erfrischte sein Herz fr einen Augenblick. Als das Fieber ihn ein wenig loslie, blickte er halb bewutlos auf das ruhige Treiben des Eremiten, der Kruter fr den Kranken ziehen lie oder ihm seinen Brei kochte oder still dasa ber den dicken Kugeln seines Rosenkranzes und betete. Aber als der Abend kam, wurde Ahasverus todesbang: das geheimnisvolle Leben des Waldesdunkels begann wieder zu spuken und ber ihn hin zu heulen. Erst als er fhlte, da der Klausner ihn bei der Hand hielt, konnte er die Nachtmahr von sich abschtteln, und als er das klare Gesicht ber sich gebeugt sah, war es ihm auf einmal, als ob seine Mutter vor ihm stnde. So schlief er denn sanft ein. Als der Hahn ihn wach krhte, war der Wald, den er durch die offene Tre sah, schon blauig von der Frhe des Morgens; ein rosiger Strahl glitt durch das Fensterchen in die Klause, und drauen war ein Gezwitscher und Geflte von Meisen und Amseln in der Khle; sogar den alten Eremiten hrte Ahasverus irgendwo singen, etwas wie ein Gebet, auf eine verhaltene und eintnige Weise, die kindlich klang. So duselte Ahasverus noch einen Augenblick vor sich hin, und Erinnerungen von einst, da er ganz klein war, stiegen ungerufen in ihm auf; seine Mutter nahm ihn wieder mit zur Kirche, und er durfte da mitsingen; in der Kirche waren duftende Weihrauchwolken und schne Lichter, die den ganzen Tag brannten, und goldene Dinge, die im Halbdunkel glommen. Seine Mutter war frh gestorben, sie sah immer so traurig aus . . . Er schlo von neuem die Augen und trumte von diesem Weihrauch und diesem Gesang, bis der Klausner wieder behutsam hereinkam; er plauderte mit friedvoller Stimme und brachte Ahasverus Milch und Brot und Eier, was ihm sehr gut tat, denn er fhlte wieder das gierige Leben seines Leibes. Ich will leben . . . -- er sagte es mit einer Frage in seinem Blick, und Gott wird Euch heilen, sprach der Alte. Es befremdete Ahasverus selbst, da seine Stimme so ohne Kraft war. Gott . . . lispelte er, schwieg aber wieder, sobald er dies Wort aus seinem eigenen Munde gehrt hatte. Und als er nun aufrecht sa und umherblickte, sah er dicht beim Fensterchen einen Holzblock, worauf ein gekreuzigter Heiland seine Arme ausstreckte, neben einem schweren Buch und einem Totenschdel. Ahasverus betrachtete das lange und mit schmerzlicher Andacht. Er begriff nicht mehr, was in ihm vorging, es war wie eine geheimnisvolle Scheu, die zauderte: er fhlte es wohl, da er wie ein Kind dalag, da er nicht mehr hassen konnte, da sein Hochmut gebrochen war, und er fhlte das wie den sen, sen Schmerz von einer Wunde, aus der sein Blut unsichtbar wegtropfte. Frag mich nicht, wer ich bin . . . Du darfst mich nichts fragen . . . Er lie sich wieder hintenberfallen, und seine mageren Hnde lagen ohnmchtig da, und in seiner Brust brannte der se Schmerz. Gott hat Euch zu mir gesandt, sagte der Alte ruhig und ernst. Ahasverus lchelte wehmtig und schwieg. An diesem Tage wandelte er mit dem Eremiten durch den Wald. Die Milde des Herbstes lag schon in der Luft; feiner Nebel glitzerte auf den Spinneweben, und der Sonnenschein war eine blonde Rte, die alle Dinge so schn machte wie eine schne Erinnerung. Ich lebe! dachte Ahasverus immer nur, mit einer Art von Verwunderung und einfltiger Freude. Er fhlte den Boden unter seinen Fen, sah das Schauern des reinen Lichtes durch die Bume, die voller Vgel waren, sog den Duft der Himbeeren ein, und das alles war Leben, Leben, -- aber durfte er dieses Leben wohl anrhren? Wrde es nicht auf einmal verschwinden in einem Traum? Und er lauschte nach der ruhigen, innigen Stimme des Alten so wie frher nach den Mrchen seiner Mutter. Wieviel Jahre war das her? War sein Leben eine einzige lange Krankheit gewesen, aus der er nun erst langsam genas? Als es Abend wurde, saen sie zusammen auf einer kahlen Hhe, von wo man, ber die Kronen der Bume blickend, all die Wlder sich dehnen sah wie groe Wellen, die endlich ineinanderliefen und immer blauer wurden bis hin zur purpurnen Ferne, wo die Sonne sterben ging. Die letzten Strahlen schienen noch da drben auf dem strengen Antlitz des Waldes, der die Stille umsumte. Als Ahasverus so neben dem Eremiten sa, war all das bse Grauen verbannt; aber je mehr Friede aus der Welt heraus flsterte, und je zarter der Himmel ber ihm wurde, um so mehr fhlte Ahasverus die alte Unrast wieder in seinem Herzen, fhlte er die Wunde seines Herzens brennen, unertrglich sanft, in dem verlschenden Lichte des Abends. Sie schwiegen lange. Das Antlitz des Eremiten war ein unbewegliches Leuchten in der lichten Dmmerung. Er schlo seine Augen, um tiefer in sich selbst die whrende Schnheit anzuschauen alles dessen, was er gesehen hatte, und sagte halblaut: Gott! Dies _eine_ Wort war wie die Stimme des groen Schweigens, worin sie da irgendwo saen, verloren wie in einem Meer. Ich habe ihn so lange gesucht . . . sagte Ahasverus kurz und dumpf, den Kopf zum Boden gewendet. Was _knntet_ Ihr wohl anders auch suchen? fragte ruhig der Greis. Alles, was die Menschen tun, sind Bewegungen hin zu Gott. Aber sie wissen es nicht und liegen im Schlamm. Ich habe ihn niemals gefunden . . . Wenn Ihr nun ahnt, da Gott _ist_, dann knnt Ihr nichts anderes finden. Er ist das Unbegreifliche Licht. So wie alle Flammen nach oben schlagen, so kann Eure Seele nicht anders, als steigen zum Licht. Aber wenn alles nur ein Traum wre . . . Alles ist ein Traum, nur nicht dies _eine_. Die unhrbare Flut der Dunkelheit kam langsam herauf: die Wlder standen tiefschwarz gegen den opalglnzenden Himmel. Und Ahasverus fhlte schmerzlicher denn je, da, was da in ihm brannte und ewig brennen wrde, ach! kein Traum war. Die folgenden Tage schweifte er wieder umher, von seiner Unrast gejagt. Das Bild jenes Abends lebte in ihm fort, eins geworden mit den Worten des Klausners: die schwarzen Wlder und der leuchtende Himmel, der die Welt berwlbte . . . Da hatte er auf einmal so deutlich begriffen, was er war; -- das Unergrndliche Licht! dies Wort war bis in sein tiefstes Innere gefallen, und . . . er fand es so einfach, nun, da es ausgesprochen war, wie wenn es schon lange in ihm lge, unbewut. War es also doch _dieses_, wonach er verlangt hatte? Wonach er noch verlangte, -- denn die Flamme schlug wieder empor, er hatte sie in den Abgrnden des Erdenstaubes nicht auslschen knnen . . . O, diese Abgrnde! . . . Seit er _dort_ gewesen war, fhlte er mehr denn je seine Ohnmacht, und da er ein armseliges Pnktchen war, verloren im Ewig-Unbegreiflichen: sein ganzes frheres Leben schien ihm zusammengeschrumpft zu einem Nichts -- zum Rascheln drrer Bltter von einem Schritt, der vorbergeht -- vor diesem _einen_, wovon der Eremit gesprochen hatte. Warum sollte er es noch leugnen, sich verkriechen hinter einem Stein? Er suchte dies _eine_, ach, er suchte dies _eine_! Aber . . . wenn es gar nicht vorhanden wre? . . . Zerrissen von diesem Zweifel, blieb er lange, den Kopf zwischen den Hnden, versunken in grausige Nacht, bis endlich wieder eine Klarheit in ihm tagte, und diese Klarheit war wie ein Blick, den er so wohl kannte: Etwas von diesem Licht war in den Augen Christi . . . grbelte er. Er lief durch den Wald, strauchelnd, und rief: Gott! Gott! als ob das htte helfen knnen! Erschpft lag er dann wieder, die Hnde ringend, im Grase und rief: Gott! Gott! und auf der freien Hhe blieb er hochaufgerichtet stehen, den Kopf hintenber gebeugt und die Augen geschlossen, und rief: Gott! Gott! -- aber er war unabnderlich und ewig allein. Sein Blick folgte einer Lerche, die singend stieg und stieg, in die Luft, so hoch, da sie in dem strahlenden Raum verschwand. Sie wird bald doch wieder hinunter auf die Erde mssen! lachte Ahasverus. So flogen auch seine Gedanken, aber sie waren wie blinde Vgel, die zum Licht emporstiegen, um dann, vom Blitzstrahl der eigenen Verzweiflung getroffen, auf verbrannten Flgeln wirbelnd wieder in die Finsternis hinabzutaumeln. Und selbst in der Helle des Tages erschienen alle Dinge der Erde ihm dunkel, wie an jenem Abend; im Walde war es ihm, als ob kaum ein wenig Kellerlicht durch die alten Bume herabsickerte. Bisweilen dachte er: Meine Fe haben in dem Tod gestanden, meine Hnde haben den Tod gefhlt, ich kann nichts, ich bin nichts, nimm mich in deine Unendlichkeit, o Gott! Und bisweilen, wenn das Blut wieder in ihm stark geworden war, erhob sich auch die Stimme von frher: Ich werde nicht zerbrechen, und verbissen irrte er dann durch die Verlassenheit der Wlder, bis er am Abend, hungrig und erschpft, wieder in der Klause ankam und still sitzen blieb bei dem Eremiten. Sie sprachen wenig; aber Ahasverus fhlte sich dort wohler und sicherer. Denn wenn er auf das friedvolle Gesicht des alten Mannes blickte, sah er, da dort eine Zuversicht war, die er nicht begriff, aber doch fhlte. Und Ahasverus glaubte nicht, aber etwas war in ihn hineingeschlpft, wenn er es auch selbst nicht deutlich wute, das immer heller brennen wrde in der Glut seiner dunkel-den Seele: die Hoffnung, -- die Hoffnung, da auch er einst seine Ruhe finden wrde, -- vielleicht . . . Der Wald begann allmhlich zu rosten, ein groer Palast voll trben Glanzes. Auf dem fahlenden Kupferrot und Bernsteingelb der Kronen lag der flchtige Glanz der Sonne oft so fremd, weil man nicht sah, aus welchem Winkel des Himmels sie scheinen mochte, als wre sie aus Nebel zu Licht geworden oder ein stilles Leuchten der Dinge selbst. Aber dann kam der verwesende Herbst, der unaufhrliche, frstelnde Regen, der die Wlder erschauern macht in einem bleichen und totenstillen Dunst. Der Eremit wurde krank: sein Leib war so alt! Ahasverus blieb nun fast immer bei ihm; oft schwiegen sie lange, und aus diesem Schweigen erhob sich dann das verzckte Wort des Heiligen wie ein reines Feuer ber eine Welt empor, die Ahasverus grauer und elender schien denn je. Weiter zu flchten ins offene Land, daran dachte er nicht einmal mehr: was konnte das ntzen? Es war doch berall dieselbe Erde, dunkel, gebunden in ihrer Verdammnis. Aber ein kleines Samenkorn von Hoffnung kann so schnell aufschieen, ohne da man es merkt, da drinnen! Und es schimmerte wohl eine Helligkeit da drinnen, wie das geheimnisvolle Herbstlicht, dessen Ursprung man nicht sieht, -- ein blasser Widerschein jener Schnheit, die in der Seele des Klausners wie in einem hellen Spiegel lag. Wie bin ich doch verndert! mute Ahasverus bisweilen bekennen: es wunderte ihn selbst, da er nun still dasitzen konnte und warten -- warten auf das, was er nicht zu ahnen wagte --, stundenlang, beinahe gelassen denkend an alles, was geschehen war. Die wilde Glut verzehrte ihn dann nicht mehr, die lodernde Flamme verblate wie in einem matten Morgenrot. Und an einem Morgen, da alles in einem silbrigen Nebel schwamm, fhlte er auf einmal, ohne Ursache, eine heitere Gewiheit in sich, eine natrliche Aufwallung seines ganzen Wesens, etwas, das von selbst emporstieg wie ein Gesang, wie eine Welle in der Sonne, und in diesem Augenblick wute er, wute er in seinem Herzen, da das Unvergngliche Licht war, es konnte unmglich sein, da es _nicht_ war . . . Aber auch dieser Tag verlief in Armseligkeit und Ohnmacht . . . Wie seltsam war es doch! Selbst das Wort des Klausners schien ihm nun drr, wie tote Worte in einem Buch. Niemals hatte er sich so hilflos gefhlt, so ganz der Kraft beraubt, so jmmerlich lustlos, und er stahl sich in seine Ecke und dachte einfach: Mach mit mir, was du willst! Wieder wartete er, Tage und Tage. Mit dem heftigen Eintritt des Frostes war der Alte ganz steif geworden; er a fast gar nicht, rhrte sich fast gar nicht mehr und sa aufgerichtet beim Feuer: so schien er mit dem Winter zu erstarren, die mageren Hnde auf den mageren Knieen, und all sein Leben war nun zusammengeschrumpft in den Glanz seiner Augen. Darin las Ahasverus deutlich, was er ihm einst gesagt hatte: Sterben ist geboren werden. Je weiter der Traum der Ewigkeit in dem Greise aufblhte, um so strenger wurde seine Stimme, unerbittlich wie die Wahrheit selbst, und in dieser Stimme hrte Ahasverus seinen eigenen Groll gegen all das Halbe, das Laue, das Trbe, das Unvollkommene, sein eigenes strmisches Begehren nach . . . dem Einzigen, das da mehr war denn alles. In die Klause eingeschlossen, vor dem Eremiten, der still ans Sterben ging, konnte er, ach! an nichts anderes mehr denken. O, htte er demtig, ganz klein und demtig, jede Stunde zu einem Gebet gemacht zu jenem Licht, das niemand greifen oder denken kann, dann wrden Erde und Menschen einst unter ihm versinken wie ein wenig Staub, -- und dann: die einzige Wirklichkeit, in Ruhe ohne Ende! . . . Er betrachtete nur immer gespannt das unbewegliche, gelbe Antlitz des Heiligen, um in seinen Augen den Weg zu ergrnden nach diesem Einen, diesem Einen! . . . Es fiel dichter Schnee, der knisternd fror, auf diesen groen lichten Fleck, den der nackte Winterwald ganz schwarz umstand. An dem weiblauen Himmel hing eine Sonne ohne Wrme, die Luft und der Schnee glitzerten von klingend rauher Klte, die beiend war wie Salz. Alles war tot, nur das starre Licht lebte allmchtig und unbeweglich ber der Welt. Und die Tage waren nun immer einander gleich, manchmal kam es Ahasverus vor, als ob es keine Zeit mehr gbe. Der Eremit und er, sie saen da allein, mit dem Vorgefhl des Unendlichen in ihrer Brust. Und einmal, als sie so beisammen waren in ein und demselben Traum, schien der Alte, das Haupt hintenbergebeugt und die Augen weit geffnet, zu lauschen nach etwas, das nur er allein zu hren vermochte. Was siehst du? Was hrst du? fragte Ahasverus, der hinzusprang. Aber der Alte sprach kein Wort. Und da geschah es, da Ahasverus, als er durch das Fenster ber den harten, weien Boden blickte, auf dem die Sonne funkelte, im Winde Gestalten von Licht sah mit schneeigen Flgeln, hher als die Bume, und eine bernatrliche Musik schwebte und wirbelte mit diesen Gestalten in die Hhe, und dann war nichts mehr als ein ferner Klang dieser Musik im Winde. Ahasverus schlug seine Hand vor die Augen und lauschte in sich selbst hinein; ihm war, als ob das Leben nun fr immer still stnde. Aber dann hrte er wieder das Klopfen seines Herzens und das Knistern des Feuers, wo einige Kartoffeln zum Rsten in der Asche lagen, -- und in der wahrhaften Stille, durch die hindurch die gewohnten Gerusche vernehmbar waren, fhlte er noch die unsagbare Sigkeit der Erinnerung an jene Musik . . . Ist einer meiner undenkbaren Gedanken lebendig geworden? . . . Sollte _mein_ Ende auch nahe sein? . . . jubelte er innerlich, mit einer Freude, die alles an ihm leichter machte. Es war, als ob seine Seele ber ihn selbst hinaus entrckt wre, so da sein ungestmes Begehren und das glhende Nagen in seiner Brust eine Winzigkeit wurde, die ihm nichts anhaben konnte, ein Leid, das zufllig _nun_ das seine war, aber einst verschwinden wrde mit dem wenigen, das sein Leben ausgefllt hatte. Das Licht! Das Licht! . . . Es war nichts mehr in ihm als ein Gedanke, der nackt und frei emporstieg zu diesem Licht. Die Klause und der Klausner, sie schienen ihm auch pltzlich so seltsam zufllig, eine Wirklichkeit, die keine war, das Bild eines Augenblicks . . . Hinaus ins Freie! in die Luft! auf die Hhe! wo er vor nichts anderem mehr stehen wrde als vor den durchscheinenden Weiten und dem klaren Abgrund des Himmels, wie inmitten eines groen Kristalls von Licht. Und seine Seele und dieses Licht waren ein und derselbe Gesang, den er _hrte_. Gott schien ihm nher als sein eigener Leib. Zu seinen Fen waren die hgeligen Wlder und die ganze Welt nichts mehr als das Bild eines Augenblicks. Nur eine Regung seiner Seele gab dem allen Leben . . . Aber dann gewahrte er doch pltzlich wieder ein seltsames Unbefriedigtsein, wie eine Schwermut, weil er nicht mehr stieg, weil sein Herz nicht weiter und immer weiter sich ffnete, weil alles nun so blieb, unvernderlich schn; und sobald er das gefhlt hatte, stand er wieder allein da, in der Zeit. Was fehlt mir denn noch? Was willst du von mir? flehte Ahasverus, was willst du von mir? . . . Allerlei Gedanken und Bilder kamen wirr in ihm herauf, und darunter waren solche, die er im stillen frchtete, und andere, die er nicht greifen konnte, wie eine Erinnerung, die immer entflieht. Aber er wollte sie zwingen: Ich bin ihr Herr! rief er und richtete sein Gesicht wieder auf. In dem klaren Licht standen alle Umrisse scharf und deutlich gezeichnet, die Bsche, die alten Bume mit ihren knorrigen Armen; -- die Luft war eine einzige Leere, die Sonne schien unbeweglich auf den Schnee, alles war erstarrt in einer kristallenen, ewigen Pracht, und das funkelnde Licht war berall, -- schweigend und regungslos wie der Tod. Hoffe ich denn nicht? Glaube ich denn nicht? Was fehlt mir denn noch? Gibt es ein irdisches Verlangen, das ich nicht hinuntergewrgt habe, zermalmt, vernichtet? Er kratzte sich mit seinen Ngeln das Blut aus der Brust, aus der Stirn, er wollte seinem jmmerlichen Leibe Schmerz zufgen; und whrend er ber der Welt und ber sich selbst stand, so nahe bei seinen hchsten Trumen, blieb er unglcklich, bedrckt, mit einer harten Kruste auf dem Herzen, die er nicht sprengen konnte. Warum kann ich das gewaltige Leben nicht fhlen, das ich ahne? grbelte er. Warum stehe ich in dem grausamen Glanz dieses Winterlichtes wie in dem Tod? Und so irrte er wieder durch die Wlder. Nach einer Weile kam er auf einen Weg, wo eine Zigeunerbande lagerte, fahrendes Volk von Kesselflickern, Korbflechtern, Pferdebndigern, Wahrsagern und was wei ich nicht alles. Stramme, schwarze Kerle waren es in Schaffellen, Frauen und Kinder in bunten und grau-verschossenen Lumpen und Fetzen, ein ganzer Stamm abgerissener Landstreicher, die aussahen wie Knige; sie lagen da beim Mittagsmahl um die Feuer herum, auf denen das Fleisch briet; etwas weiter entfernt standen ihre groen berdeckten Wagen. Ahasverus fhlte seinen Magen so wsserig von Hunger: seit wie lange hatte er keine Hammelkeule mehr gesehn! Mit scheu lauerndem Blick bat er um etwas Essen, und sie lachten gutmtig, da die weien Beier in ihren verbrannten Gesichtern blitzten, als sie den mageren Schcher so tapfer an den Knochen nagen und knabbern sahen. Von allen Seiten kamen diese wunderlichen Botokuden herbei, neugierig wie die Kinder, um das Wie und Was zu erfahren. Doch Ahasverus gab nur karge Antwort; seit langer, langer Zeit war er nicht mehr unter Menschen gewesen; es kam ihm vor, als ob er allem so fern stnde, eine unsichtbare Wand zwischen sich und diesen Gestalten, zwischen sich und seinem eigenen Herzen. Er guckte sie verwundert an, diese kecken Gesellen mit Augen wie Gold, die alte Hexe, die den Spie drehte und dabei fortwhrend etwas murmelte in ihrem zahnlosen Mund, und all diese Bren von Kindern und diese Frauen mit ihren kleinen Rotznasen auf dem Rcken: das waren auch fr ewig Verstoene, Wanderer ohne Land und ohne Gott; in ihren schmutzigen Lumpen trugen sie den Geruch der Erde, etwas von der wilden Weite und dem Wind vieler Gegenden, und doch bemerkte Ahasverus keine Unrast in ihrem Blick. Wohin geht ihr? fragte er. Sie wiesen es ihm: nach da drben zu Drfern und Stdten; sie hatten Reisigbndel gekappt und wollten die verkaufen. Damit hatte Ahasverus sich wieder ausgesprochen. Ihnen folgen? Er wollte nicht daran denken: er kannte das Leben doch und die Trbseligkeit dieses Umherschweifens ohne Ziel; es war zu spt, das se Heimweh nach dem Himmel wrde er niemals wieder aus seiner Seele bannen knnen . . . Nun machten sie sich fertig zum Aufbruch. berall gab es eine eifrige Geschftigkeit in dem schmutzigen Schnee. Das Gert wurde zusammengepackt und die Reisigbndel auf Karren geladen. Kleine Brschchen rannten hinter den Pferden her, die sich zu weit verirrt hatten, und hngten sich mit frhlichem Geschrei an ihre Mhnen. Jeder tat seine Arbeit, die Gefhrten halfen einander, und so wurde in das Wirrwarr bald Ordnung gebracht, unter der Aufsicht einer Art von Erzvater, eines Mannes wie ein Baum, mit einer groen Pfeife, den Kopf in ein Tuch eingewickelt, das das eine Auge bedeckte, whrend das andere scharf beobachtete unter den Stoppeln des knochigen Augenbrauenbogens. Und da war auch ein junges Mdchen, das Ahasverus unaufhrlich betrachten mute, denn auf ihren bloen, in Schmutz und Schnee wundgelaufenen Fen glitt sie halb gehend, halb tanzend bald hierhin, bald dorthin wie ein Sonnenstrahl, und ihr frisches Gesichtchen zwischen dem wirren Haar glich wohl einem schnen Traum bei hellem Tag. Bei all diesem Treiben stand Ahasverus wie verloren. Er lauschte einem Liede, das hinter einem Wagen erklang: Durch hoch und tief, durch dnn und dick! Morgen ist morgen, doch der Augenblick Aus deinem Lachen mir strahlt, mein Frauchen! Durch Sonnenglhen und Sturm, der droht! Das Werk von heute, von heute das Brot Und deines Blickes der Trost, mein Frauchen! Durch Kampf und Traum, durch Freude und Schmerz! Doch Brder mitsammen, und o, mein Herz Bei deinem liebenden Herz, mein Frauchen! Ahasverus ging hinter den Wagen: der Snger war damit beschftigt, seine Peitsche frisch zu knpfen, und als wollte er ein heimliches Glck kundtun, winkte er Ahasverus zu dem hin, was da drinnen in dem wohlberdeckten Wagen war. Ahasverus schlug ein Stck Segeltuch zurck und sah auf einigen Strohbndeln eine Frau liegen, die eben geboren hatte: ihr unschuldiges Wrmchen hing an ihrer Brust und trank; ihr totenbleiches, eingefallenes Gesicht wollte, Mut zusprechend, lachen mit einem matten Lcheln. Aber da lie Ahasverus das Segeltuch wieder fallen, denn in ihrem Blick hatte er etwas gesehen, das er nicht ertragen konnte, ja wahrhaftig, etwas von . . . jenem anderen . . . Warum befllt mich die Furcht nun wieder? dachte er. Der Zug begann abzurcken mit Geschrei und Peitschenknallen und Rdergeknarr. Der Erzvater schritt voran wie ein hochbetagter Kain, der seinen umherschweifenden Stamm fhrte. Und als sie vorbeizogen, waren die Blicke all dieser Menschen auf Ahasverus gerichtet, und in den Adleraugen der jungen Mnner, in den blutunterlaufenen und von Trnen herb gewordenen Augen der alten Weiber, in den Augen jenes wundersamen Mdchens, so einfltig wie Blumen, die sich ffnen, in all diesen Augen sah er die unbegreifliche Frage, die er, an jenem Freitag, gelesen hatte in den Augen des Nazareners . . . Was mu ich tun? flehte Ahasverus, was mu ich tun? Und er rief nach Gott in seiner Einsamkeit. Der Abend kam herauf, kalt und blau wie Stahl, und der Wind schwirrte durch den toten Wald. War die Hoffnung gebrochen in ihm? Er hielt den Kopf in seine beiden Hnde gesenkt und wollte nichts mehr sehen, nichts hren als die seraphischen Stimmen des Morgens, die er nie wieder vergessen wrde; aber hinein in die unaussprechliche Seligkeit der Erinnerung hrte er nun eine andere Melodie, die er nicht bannen konnte, verschwommen klagen: wie das Rauschen eines Meeres, aus dem bisweilen ein Seufzer sich losreit, oder der Lrm von vielen Menschen, die ganz in der Ferne schwermtig singen. Waren es die Zigeuner auf ihrem Weg da hinten in der Nacht? Oder der Wind in den Bumen? Oder quoll es auch in ihm selbst auf wie eine Erinnerung? Wie lastete ihm das Herz doch schwer in seiner Brust! War dies alles eine Versuchung gewesen? Warum hatte er die Klause vergessen? Er wute doch, da dort die Wahrheit war; dort war er nicht der Raub seiner Unrast. Vielleicht war der Eremit tot? . . . Ahasverus stieg wieder zu der Hhe hinauf, wo das Httchen stand, und durch das Laufen nach einem Ziel kam endlich eine gewisse Ruhe in sein Gemt. Er betete: Wrs denn mglich, da ich noch etwas anderes schmecken knnte als dich, o Gott? Was mu ich tun? Ich werde keinen Willen mehr haben in meinem fleischlichen Leibe, bis er unbeweglich wird wie ein Stein, und werde warten, warten, ohne nur ein einziges Mal nach unten zu blicken, ganz dir zugekehrt, o Unerschaffenes Licht, bis du mich mit Blindheit schlgst und deine blitzende Schnheit mich befreit . . . Er erreichte die Rodung, wo die Klause dunkel stand unter dem beschneiten Dach. Das Feuer ist aus, dachte Ahasverus; er ist gestorben . . . Der Gedanke an den Tod verbreitete in ihm ein ses Gefhl von Heiterkeit und Heimweh zugleich. Aber einen Augenblick blieb er stehn, so wundersam still war der Schnee und diese ganze funkelnde blaue Nacht voll diamantener Sterne, als wre da berall das Schweigen von Engeln, die ihre Riesenflgel nicht bewegten und lauschten und warteten. Ahasverus trat in die Klause: in der Klarheit der frostklingenden Nacht sah er das alte Antlitz noch immer hintenber gebeugt und die Augen weit offen. Doch der Eremit war nicht tot; seine abgemagerte, kalte Hand suchte die von Ahasverus und packte sie fest mit einer unerwarteten Kraft. Das Herz klopfte noch sehr schwach: war es nicht, als htte er auf Ahasverus gewartet, um zu sterben? Sollte dieser Tod ihm vielleicht das Rtsel des Lebens offenbaren? Was siehst du? rief Ahasverus, was hrst du? Sag, sag, siehst du Gott? . . . Er beugte sich stammelnd ber ihn und forschte in dem Spiegel seiner Augen, ob er dort das Unaussprechliche nicht sehen wrde, das der Sterbende sah. Rette mich! . . . Was mu ich tun? . . . Rette mich! Weise mir den Weg! . . . -- Nein, nichts! _Einen_ Augenblick noch, und es war zu spt, er blieb da stehn wie vor einer undurchdringlichen Mauer. Siehst du das Licht? . . . Weise mir den Weg! . . . Die Augen waren gebrochen. Ahasverus wagte nicht mehr zu sprechen. Alles schwieg. Er fiel auf die Kniee nieder, und seiner Seele entquoll ein wortloses Gebet; all die Krfte seines Wesens wurden leichter, wie ein Gebet, das emporsteigt, und es war, als ob er selbst sterben sollte, so sanft wurde er erlst von allem, was war. Er fand es nicht wunderbar: Ist der Tod denn nichts anderes? dachte er; wie natrlich und einfach! . . . In der schaurigen de hielt ihn jemand bei der Hand, und dann schlug er den Blick auf; der ganze Raum, der unsagbar weite Raum zitterte von Flgeln und niedersinkendem Licht. Ein Gefhl seliger Gewiheit berstrmte seine Sehnsucht und seine Angst. Gott! Gott! Aber sein Atem war aus ihm gesogen, er stieg in schwindelndem Fluge empor, und er sah da oben, wie Windhosen mit ihm zur Hhe wirbelnd, leuchtende Schwrme singender Heerscharen. Aus den Abgrnden des Zenits schwebten, schwankten ihm strahlende Antlitze entgegen, triumphierend in Freude ohne Ende, und schossen dann wieder pfeilschnell zu ihren klingenden Sphren. Licht! Licht! sangen sie, und dieser Gesang war selbst ein fliegendes Licht, und alle Welten sangen mit in der Reinheit dieses ewigen Morgenrotes, in das sie hher und hher hineinstiegen; und andere Stimmen, hher noch, ganz zart, wie ein Seufzer, und mchtiger doch als die drhnenden Chre der himmlischen Heerscharen, sangen unaufhrlich Gloria! Gloria! in die blendende Unergrndlichkeit. Leben, das alles Leben ist! Ewig! Ewig! Ewig! Die Cherubim und Seraphim waren wie Millionen schneeiger Blten, getragen vom Frhlingswind; und ber alle Gesnge hin rauschte ein Schweigen, das noch tiefer und schner war. Alle Himmel blhten auf, und nun wute Ahasverus, da er dem Reich des Geheimnisses nahte, wo die Worte keine Bedeutung mehr haben, wo nicht Gut und Bse mehr ist, kein Wille, kein Begehren, sondern alles _ein_ Ozean von einfachem und ewigem Sein im Lichte, und die frohe Regung der Liebe nur eine Form der hchsten Ruhe in der unbegreiflichen Wesenheit. Er schlo seine Augen vor dem Furchtbaren Licht, in dem es keinen Morgen mehr geben wrde. Und in diesem Augenblick tastete er nach einer Erinnerung, hrte er wieder den fernen Klang einer schwermtigen Melodie, die in seinem Herzen eingeschlossen lag, -- und er wollte sich umschauen, zum letztenmal. Aber sobald dieser Gedanke ihn durchschimmerte, wankte das Weltall, wie zerrissen durch einen gewaltigen Schrei, die Hand hatte ihn losgelassen, -- er war allein, er wute nicht wo . . . Ewig! Ewig! Ewig! klang der Gesang der Engel aus dem Abgrund ber seinem Haupt. Aber andere Stimmen riefen wirr zu ihm hinauf wie aus vielen erstickten Kehlen. Und sthnend blickte Ahasverus nach unten, nach einem Dmmer, woraus verschwommene Gestalten aufstiegen, die ihre Arme nach ihm ausstreckten wie aus einem Grab. Hosianna! Hosianna! Gloria in alle Ewigkeit! Aber ein langgezogenes Jammern stieg von unten herauf, wo verkrppelte Gestalten im Schmutze krochen oder sich aufrichteten in dem aufgerissenen Leichenkleid, das sie hinter sich herschleppten. Gloria! Gloria! Friede in alle Ewigkeit! Aber von unten, wo die Krankheit war und der Gestank, der Widerstreit von Hoffnung und Verzweiflung, das Suchen ohne Ende, der Menschen Leid und der Menschen Liebe, schlug ein Heulen auf wie der Lrm eines Festes. In dem whlenden Dunkel sah Ahasverus Fuste, die sich fluchend erhoben, und Augen, in denen die dstere Flamme des Aufruhrs brannte. Waren da nicht die Zigeuner und das wundersame Mdchen mit ihrem Traumgesicht und die bleiche Mutter mit dem Kind an ihrer Brust? Aber ein ganzes Heer war da, es kamen immer, immer neue, soweit man schauen konnte, wie Strme in einem dunklen Tal, ber dem groe Raubvgel von Nacht und Licht kreisten: ein Meer von Gesichtern, mit tausend und aber tausend Augen, die auf Ahasverus gerichtet waren, und mitten darin stand Einer, den er wohl kannte, der mit beiden Hnden das Blut aus seiner offenen Brust aussprengte nach dem Himmel und ber alle, so da seine Arme jedesmal weit geffnet waren, wie am Kreuze, und auch er betrachtete ihn still, wie an jenem Tag, da er gerufen hatte: Vater, warum hast Du mich verlassen? und doch ein unbegreifliches Lcheln aus seinem Antlitz strahlte. Einen Augenblick noch hrte Ahasverus das orgelnde Drhnen der Cherubim und Seraphim in dem Licht, -- ein Tropfen vom Blute Christi fiel auf sein Herz wie ein feuriger Tau, und die Kruste brach, sein Herz spaltete sich, und mit ausgestreckten Armen strzte er niederwrts, hin zum Leide und zur ungewissen Dmmerung, vermaledeit, zerrissen, aber weit offen von Liebe. Ahasverus unter den Menschen Als Ahasverus wieder zur Besinnung kam, lief er durch den Wald, der dumpf rauschte. Nach unten, fort aus all diesem Spuk! Nach unten, wo die Menschen riefen! . . . Wo riefen sie denn? In der Ferne, versunken im Nebel eines Tales? . . . Nirgend ein Lichtstrahl mehr, kein Stern, -- nur der wilde Wind, der wachgerttelt nun bald hier, bald dort war, voll undeutlicher Stimmen, zu Fetzen zerrissen in der Nacht. Und Ahasverus strmte nur immer nach unten, die Hnde vorgestreckt, strauchelnd durch die kalte Nsse des Gebsches. Denn es hatte wahrhaftig zu tauen angefangen: der beiende Winter zerschmolz, eine frstelnde Feuchtigkeit durchdrang das Herz, und berall sickerte das Getrpfel in dem Dunkel, whrend eine neue Gewalt, da oben durch die Bume rasend, brauste wie eine Sturmflut und die alten Riesen chzten unter dem Wogenschlag der zerstiebenden Luft. Den lebenden Wind, -- Ahasverus schnob ihn auf mit wilder Lust und sprte bisweilen einen feuchten Atem darin, der die Klte der Nacht erweichte und ihm entgegengeweht kam wie ein gewaltiger Seufzer. Sein Fieber lie mhlich nach, als er die seltsamen Gestalten des Waldgewirrs, das ihn umschlo, im Dmmergrau zu unterscheiden begann. Der Wald wuchs heraus aus der Dunkelheit: alles wurde deutlicher nun, vertraut in dem Tag, der sich hellte; die Bume, mchtig bewurzelt, ihre Arme in der Luft, sangen ernst in der trbseligen Feuchte, whrend der Weltatem hindurchfuhr mit einem Geruch von Moos und faulen Blttern und lau durchsickerter Erde, einem Geruch von Auflsung und Tod und von nahendem Frhling. Aber als der Himmel ganz bla geworden war und das Dunkel sich zwischen den grnschimmernden Stmmen in die Tiefe des Waldes zurckzog, da legte sich auch der Wind nieder, wie ein furchtsames Tier, und kroch brummend in seine Hhle vor dem Dmmern des Morgens. Nur das kurze Geflt eines Vogels, der von einem Ast zum andern hpfte und seine Federn plusterte, ertnte noch dann und wann. Der Wald wurde weniger dicht, ausgerodete Stellen unterbrachen die sich herabsenkende und wieder sanft wogende Ferne: dahinter, ber fahlrotem Gestruch, erschienen die Buchen viel grer, nun alles so still blieb. Und auf einmal sah Ahasverus, hier, und dort, und dort wieder, Spalten von Licht: die Welt! die Weite! Sein Herz klopfte, stammelnd lief er, die Augen gierig voraus gerichtet, und stand bald betubt am Waldessaum: das Land lag vor ihm, unabsehbar, mit Hhen und Flchen und Drfern und Wldern, alles noch im frischen Nebeldunst der Frhe, und am Horizont, in dem stillen Feuerwerk, das durch langgestreckte Wolken aufglhte, stieg die Sonne, wie eine glserne Kugel, in der eine Flamme glomm. Von dort kam eine leichte Brise auf, und der junge, lichte Tag zitterte berall. Die Welt schien ohne Ende; die cker waren schon ein mattes, zottiges Grn oder lagen noch nackt und fett, violett schimmernd im rauhen Morgen, lngs heller, roter Pappeln; und in den Mulden drngten sich weit und breit zwischen Obstgrten die rotgedeckten Huschen zusammen, mit ein wenig Rauch, der in Fasern aus dem Schatten abzog. Dahinter vermutete man ein Tal, und dann erhob sich Hgel an Hgel die glsern-blaue Ferne, wo der Turm einer Burg auf einer Anhhe in die Luft ragte und Mhlen sich eifrig drehten, um Brot zu machen mit ihren vier Armen. Doch wo die Sonne aus ihrem sauber gewaschenen Himmelstor die Erde berglnzte, die noch feucht war von der Nacht, da zerfunkelte alles zur reinem Gold. Einen Augenblick kmpfte sie gegen Dnste, hinter denen sie fahlgelb schwelte, denn der Wind kam strker wieder, blies mit vollen Backen, die Wolkenstreifen kruselnd, und Schatten flogen bers Land mit schnellem Flgelschlag; aber dann scho sie von neuem empor wie ein ewiger Springbrunn und blinkte von sprhender, triumphierender Herrlichkeit. Die gttliche! Es war, als ob das Hosianna! der Engel in ihr nachsang, der furchtbare Gesang von Licht, der nicht schweigen konnte. Ahasverus' scharfe Augen wollten ins Herz der Sonne schauen, aber sie stach blendend mit allen ihren Speeren, und er mute den Blick wieder abwenden; nur ihren Widerschein ertrug er auf dem Saum der Luftkolosse und ber der baumreichen Erde, die so erhaben und fruchtbar dalag, da ihre Schnheit ihn traf wie die Schnheit einer Frau. Sein Herz lief ber von ungekannter Rhrung; er trank wollstig den Wind, der alle Dinge umgriff, und den Geruch des kalten, schweren, grenden Bodens. Ja, er wute es, er hatte recht getan! Ja, vermaledeit auf diese Erde geschleudert, fhlte er sich als berwinder, das trotzige Leben rauschte durch sein Blut; und doch, in der Lauigkeit des weiten Raumes, die seine Schlfen umfchelte, den Kopf umzittert von den Saiten der Sonne, -- wie stand er so klein und verloren da vor dieser Welt, die die Welt der Menschen war! Und warum schlich sich in sein begehrendes Staunen die Wehmut wieder, -- je schner die Erde, um so heier diese Wehmut, -- wie wenn in den Tiefen seiner Seele ein Gott schlummerte, dessen Trume dort trbe flackerten, und der niemals, niemals erwachen wrde! O, bei Menschen sein, mit Menschen sprechen! . . . Im ersten Dorf, in das er kam, waren die Lehmhtten, grau und schief gesunken unter ihren Strohdchern, aneinandergelehnt, als wollten sie sich gegen das Unglck wehren. Einige Kinder bummelten zur Schule in ihren Holzschuhen; eine Frau scheuerte ihre Schwelle und sah mitrauisch zu dem fremden Landstreicher hinber. Weiter, vor der Schmiede, waren zwei Gesellen dabei, ein Pferd zu beschlagen, und gegenber lag der Wirt eines Kruges mit seinem Backsteingesicht ber seiner Halbtr und rauchte; sie gafften den wunderlichen Vogel an und getrauten sich nicht zu spaen. Und dann war da ein Haufen Mdchen, die mit lautem Geplapper in einem Bach Wsche splten: sie verstummten pltzlich, als Ahasverus vorberschritt. Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche, dachte er. Er schmte sich seiner knochigen Gestalt in dem zerlumpten Mantel, seines Zuchthuslergesichts, seiner bloen, verdreckten Fe, seiner Schlotterhose, durch die man die Haut sah. Und er wagte nicht zu betteln; nun er sich wieder unter Menschen befand, hatte er auf einmal Angst bekommen, da sie ihn mit einem rauhen Wort abweisen wrden. Er lief weiter. Das Wetter war trber geworden: dann und wann flitzte die Sonne noch durch den treibenden Vorhang und brannte die blauen Tiefen offen, aber als sie wieder erkaltet war und umflort, wurde es auf einmal rauh, als ob es hageln wollte; der Wind tollte in Sten ber die sprlich grnenden cker, und unter dem Flug der Regenwolken sah die Erde beinah verlassen aus: nur hier und da ein Bauer, der Mist ber sein Land streute oder Rinnen grub fr den Abflu des Wassers. Das ganze Land war in Stcke zerschnitten: dies gehrte Jan und das da Peter, dies hier war fr Rben und das da fr Weizen und jenes fr Roggen, und nirgend ging ein Pltzchen verloren. Nur weiter, weiter! knurrte Ahasverus. Hinter den schwarzen Leibern krumm gemarterter Apfelbume sah er die spitzen Dcher eines groen Pachthofes aufragen, der dunkel gegen den silbernen Himmel stand wie eine Burg. Er ging darauf zu. Mrrisch und schielend stand er vor dem Tor: in dieser stillen Umzunung von Stllen und Scheunen, alt und braun, wo der Hahn mit seinen Hennen auf dem Misthaufen der Herr zu sein schien, war eine Frau, die unter einem Schuppen bei den Wagen das Essen fr die Tiere kochte; zwei Mnner luden eine Fuhre Rbenkraut ab, ein Mdchen ging, in jeder Hand einen Eimer, ber den Hof, die Buerin hing die Ksekrbe in Reihen an das Haus. Sie blickten flchtig auf, und jeder tat gemchlich seine Arbeit, wie Menschen, die die Pflicht des Tages kennen. Aber als Ahasverus ein paar Schritte vorwrts tat, sprang pltzlich wie aus der Mauer heraus ein hliches Biest von einem Hund, der laut bellte und wtend an seiner Kette ri. Der Teufel soll dich holen! fluchte Ahasverus -- und begab sich wieder auf den Weg. Die alte Emprung begann in ihm zu grollen. Schn! Ich werde mir meinen Platz mit meinen Krallen schon erobern! beschlo er. Und da war nun just, bei einer abgelegenen Htte, eine Frau, die ihren Kken Krner hinstreute. Sie sah ihn kommen und blieb in ihrer Tre stehn. Die soll dran glauben, war sein erster Gedanke. Er wollte sich schon holen, was er brauchte, wenn sie es nicht gutwillig hergab, -- er wollte sie packen, er wollte in ihrem Fleisch whlen, sie fhlen lassen, da er ein Mann war, und er wollte ein Mensch sein! . . . Ihr Gesicht war voller Sommersprossen, mde und gleichgltig. Ich mchte trinken! sagte er barsch. Ohne ein Wort zu sprechen, kehrte sie ihm den Rcken zu und ging hinein. Die Wut scho Ahasverus in den Kopf, er erinnerte sich, wie Christus einst vor ihm gestanden hatte, und mit drei Schritten war er in der Htte, gerade hinter der Frau. Sie drehte sich verwirrt um, ein wenig erschreckt: Ssst! Ihr weckt das Kind auf . . ., und whrend sie dem Landstreicher eine Kumme Milch reichte, beugte sie sich schnell ber die Wiege, in der das Wrmlein leise zu weinen anfing und sich mit seiner kleinen Faust das Nasenstmpfchen rieb. Und Ahasverus stand nun da, mit der Kumme in der Hand. Eia, eia, mein Muschen . . . Sie drckte es liebevoll an sich, aber qukend grabbelte es nach der Brust, und ein wenig zur Wiege sich abwendend, lie die Mutter es dann nur trinken, soviel es wollte, -- da, mein Herzchen, da! -- und betrachtete es immerfort, als ob sein Leben ihr Leben wre. Ist da jemand? wurde von der Schlafkammer herab gefragt. Gut Freund, Mann! -- Er ist krank, sagte die Frau leise, whrend Ahasverus endlich trank, der Topf zitterte ein wenig zwischen seinen Zhnen, nun mu ich fr zwei arbeiten, und das ist immerhin kein Kinderspiel. Sie sagte es ohne Bitterkeit, wie zu sich selbst; niederknieend legte sie das einschlafende Kind vorsichtig wieder in die Wiege, und Ahasverus fhlte, als er auf das arme Geschpf blickte, das da so ruhig und so wehrlos mit seinem offenen Mndchen lag, Trauer in sich aufwallen, ohne zu wissen warum. Tief in ihm lste sich etwas, als ob er weinen mte. Die Mutter sah zu ihm auf mit dem sanften Blinken eines schchternen Glcks in ihren Augen, und sie war nicht hlich mehr. Habt schnen Dank, sagte Ahasverus mit gedmpfter Stimme und htte schon drauen sein mgen. Sie lchelte ein wenig, um ihm zu bedeuten, da es gern geschehen sei, -- Menschen helfen einander doch --, und fragte: Habt Ihr noch weit? Er machte eine mutlose Gebrde, als wrde es zu weit fhren, das zu sagen, -- und als sein Wanderstab dann wieder auf dem endlosen Wege hallte, schlich sich eine seltsame Gelassenheit in ihn hinein, seine Erregung war geschwunden, er fhlte sich als ein Nichts, mittreibend auf einem Strom, aber ohne rechte Hoffnung oder auch Verzweiflung. Nur immer wandern, aufs Geratewohl! Die Sonne siebte wieder flchtige Lichtflecken ber die Felder, und eine Lerche trillerte unsichtbar in dem grauen Licht. So blieb Ahasverus auf der Walze. Er fand nichts zu tun: die Bauern hatten ihre Leute, sie sahen ihn schief an, den Vagabunden, und zuckten die Achseln, wenn er sich fr alle mgliche Arbeit anbot: man fiel doch nicht so einfach aus dem Himmel herab! Nur bei den Ziegelbrennern, abgerackerten Kerlen, durfte er ein bichen mithelfen, wurde aber noch vor dem Abend an die Luft gesetzt. Solch ein Gepfusch kriegt ja ein Schwein mit dem Schwanze fertig! meinte der Meister. Und als Schuhflicker konnte Ahasverus da auch keinen Pfennig verdienen, denn all diese armen Teufel liefen nur ihre bloen Fusohlen ab. Nun er mit seinesgleichen leben wollte, war er doch nirgend zu Haus. Das ist nur natrlich, dachte er mit bitterer Wehmut. Alles Tun und Treiben der Menschen war einmal so eingerichtet, es war auch kein Pltzchen mehr da, wo man nur so hineinschlpfen konnte. Und wie mute in der Erde herumgewhlt werden, bald auf diese Weise und dann wieder anders, um die cker dahin zu bringen, da sie ihr bichen Brot trugen! An der Weizenhre, die geduldig, geduldig wchst, lernte Ahasverus, wie lange Sonne und Regen und die Sorge von Menschenhand zusammen wirken muten, ehe das Mehl aus der Mhle kam. Und so war es mit allem, was auf dieser Erde wuchs; das Leben kannte keine Hast und hatte seine eigenen Wege. Aber mit dieser Weisheit durfte Ahasverus sich vorlufig an muffigen Rben gtlich tun. Durch sumpfige Marschen gelangte er endlich zu einem breiten Strom, wo wohl tausend Arbeiter einen Deich bauten, und er wurde in dies gewaltige Treiben aufgenommen, um eiserne Loren voll Kies mit gespannten Muskeln vorwrtszuschieben: das war ja so etwas fr ihn! Man htte meinen knnen, da dort ein ganzes Heer herabgefallen war, um die Erde aufzuwhlen: es lag eine Menschenmenge da und mhte sich ab in den Gruben und Laufgrben, voller Schmutz und die Fe in dem gelblichen Schlamm. Hier wurde eine schrge Steinwand gegen das Wasser gemauert, dort rammten sie Pfhle wie Baumstmme in den Boden: ihrer zwanzig oder dreiig hingen halbnackte Fronknechte an den Tauen, stieen bei jedem Ruck einen rauhen Schrei aus und lieen dann den Block wie einen Donner niederdrhnen. Dazwischen das Rollen der Sandkarren, das Pfeifen von Aufsehern oder das befehlende Rufen von Werkmeistern, und alles ging im Takt. Es war da ein ganzes Dorf von hlzernen Baracken, Schuppen und Kantinen, und wenn die Sonne durch den Dunst des flachen Landes niedersank, dann schien all dies geregelte Schuften lngs des trgen Gewssers, das sich buchtend in die Ferne schob, wie in einem Dampf von Schwei zu stehen. Am ersten Tage, bei der Epause, hatten einige harmlose Sticheleien den Neuling begrt, den mageren Hungerleider. Das war zu erwarten, dachte Ahasverus, aber er sah den Kerlen frei in die freien Augen: er lie sich hier nicht hinausschmeien, denn er fhlte, da er bei den Seinen war, Verstoenen, die den Bauch voll Elend hatten und harte Gesichter, aus denen finstere Kraft ihm entgegenglomm. Wartet nur! Er wollte schon zeigen, da Mumm in ihm sa, er hatte zwei Arme an seinem Leibe, er stand seinen Mann! Lat sie nur kommen! Und gearbeitet sollte werden, da die Lappen flogen! Was war das nun endlich fr eine Vernderung: er kannte wieder die Freude an der warmen Krperarbeit; er war glcklich, als er, gesttzt auf den Fu, der sich tief in den Sand grub, die schwere Last zum Weichen brachte vor dem hartnckigen Druck seiner Hnde; und wenn er am Ende des Weges sein Wgelchen umkippte und, sich die Stirn wischend, einen Augenblick Atem holte, lachte er schweigend dem Kameraden zu, der mit verhaltenem Keuchen schiebend hinter ihm ankam. Sein Blick ging weiter ber das Land, folgte dem Widerschein des hohen Lichts auf dem Strom, und alles hatte ein neues Aussehen fr ihn. Er war zufrieden, da er nicht mehr allein war. Aber wenn er dann am Abend erschpft in der sauer-dumpfigen Baracke lag und die armen Schcher berall die Lehmwnde entlang auf ihren Strohscken liegen sah, zusammengesunken vor Mdigkeit, den Mund geffnet in einem Gesicht, das die Farbe der Erde hatte, dann begann wieder ein dumpfes Weh ihn zu lhmen um dieses Dasein ohne Traum, von dem er nun ein Teil geworden war. Er war nicht mehr allein, er wute fortan, da allein zu leben nicht mglich war; aber in welche Trbseligkeit waren sie nun alle eingeschlossen! Warum all dies Schuften und Sichabschinden, ohne einen Ausblick? Wie ertrugen diese Ewigblinden ihr Leben? Aber wie ertrug er selbst es? Er, einer von diesen tausend . . . Und der unbezwingliche Brand in seiner Brust verzehrte ihn. Doch dieser Schmerz war ihm nun beinah willkommen. Ich habe ihn wahrscheinlich ntig, dachte er, und wer wei, durch was ich noch hindurch mu, um alles zu vollbringen! Leide nur, mein Junge, was du leiden mut; so fhlst du, da du lebst! Und bleibe nur bei der Stange, du bist hier an deinem Platz! Denn wie er sich auch abqulen mochte, dies wenigstens stand nun unverrckbar fest in seinem Herzen: da er durch eine Welt ging, die kein trgerischer Alp ihm geschaffen hatte, da dieser Weg der rechte fr ihn war, wohin er auch fhren mochte . . . Und er dachte dabei an die Weizenhre, die so geduldig wchst, als wre sie die Weisheit selbst. Unterdessen kam der Vorfrhling und lie in den Morsten ein geheimnisvolles Brten und Bollern von Pflanzen und Tieren sich regen und im Herzen der Menschen das sbittere Verlangen der Liebe schwellen. Wenn am Sonnabendabend ein Teil nach Hause zog, zum Dorf, wo ihre Frau oder ihr Schatz sie erwartete, verfielen die andern in trbseliges Trumen oder in allerhand tierische Gelste. brigens war jede Kantine ein Hurenstall, wo bei Bier und Schnaps gehrig gekt und geknutscht wurde, bisweilen auch mit Messern gestochen, wenn die Kameraden zu sehr in Hitze gerieten. Ahasverus, der sich eine andere Art von Brderlichkeit vorgestellt hatte, fhlte sich wie einer, der die Arme ausstreckt und niemals etwas zu greifen vermag, und dachte in seinem Innern, wie schn es sein wrde, wenn er das zarte, warme Leben einer Frau an das seine drcken konnte und das Klopfen ihres Herzens fhlen, wie in sich selbst . . . So versteht ihr, da er in der schmierigen Holzbude, wo sie des Abends, die ganze Rotte, ihre Suppe schlabberten, die junge Dirne, die sie zu bedienen hatte, schweigend verfolgte mit Blicken voll finsterer Glut, denn sie hatte ein Paar liebe und unverdorbene Augen in ihrem Gesicht, das hellbraun war wie eine goldene Traube, und in ihren Bewegungen etwas so lieblich Eigenwilliges, das Feuer und die Flinkheit einer Hinde. Wenn sie auch tat, als ob sie Ahasverus nicht bemerkte, so war sie doch ein wenig bange geworden vor diesem Sonderling, es war ihr, als ob er einst Unheil ber sie bringen wrde, und zugleich mute sie doch, insgeheim, ein wenig zu ihm hingucken. Was wollte er denn, der sie nicht einmal anredete? Aber die Frhjahrssonne in ihrer ersten Kraft weckte zugleich noch etwas ganz anderes als Leben und Liebe: aus dem umgewhlten Schlammboden sprang ein seltsames Fieber auf die krftigsten Arbeiter und lie sie nicht wieder los. Sie schudderten, ihre Augen glnzten aus der trockenen, durchscheinend gelben Haut ihres Gesichts. Zwei hatte man schon in einem Wagen abgeholt, damit sie sich anderswo erholen sollten; aber danach lagen wieder vier oder fnf am Abend im Schttelfrost, gleichgltig gegen alles, was um sie herum vorging, wenn man ihnen nur zu trinken gab, denn sie brannten von kratzendem Durst; und auch die mute man sogleich wegbringen. Die Mnner bekamen Angst vor diesem unsichtbaren Feind und begannen zu murren, aber das half nichts. So geschah es, da ein strammer Bursche, der seine Kameraden als furchtsame Hasen ausgelacht hatte, selbst ergriffen wurde; aber er wollte sich aufrecht halten, trank viel Genever, um das Fieber in seinen Beinen zum Sinken zu bringen, und blieb unbeirrt scherzend bei seiner Arbeit, beim Graben. Er scherzte nicht lange: nach einem dieser Apriltage voll kalter Regenschauer und stechender Sonne lie er die Schaufel aus den Hnden gleiten, und bald lag er da wie ein Haufen Lumpen, zuckend vom Fieber, mit starren Augen, die etwas im Himmel suchten. Von allen Seiten eilte man hinzu mit wirrem Gerufe; ein alter Arbeiter hatte den Kopf des Unglcklichen ein wenig hochgehoben und sagte: Hol zu trinken! Ahasverus eilte zu seiner Kantine. Er fand dort nur die Dirne, die hintenber an die Wand gelehnt fest eingenickt war in der ungewohnten Stille des leeren Saales, und er mute schweigend eine Weile vor ihr stehen bleiben, so unschuldig atmend schlief sie, schon wie eine wilde Blume, die im Dunkel eines Waldes duftet. Als er sie vorsichtig geweckt hatte, indem er ihr schwarzes Haar mit seinen Fingerspitzen berhrte, sah sie ihn an wie aus ihrem Traum, verwundert ber den gedmpften Ton dieser Stimme. Dann erst begriff sie auf einmal, was er sagte, -- einen Augenblick blickten sie einander unbeweglich an, offenen Angesichts, den Gedanken des Todes ber sich. Sie ging mit ihm zu der Grube zurck, wo der Sterbende lag. Der Mann, der den Kopf hielt, starrte finster wie ein alter Wolf, und die andern wagten nicht mehr laut zu sprechen, sie standen unschlssig da mit herabhngenden Armen. Genever? fragte einer. Nein, Milch! antwortete das Mdchen und versuchte niederkniend die Flssigkeit zwischen die geschlossenen Zhne zu gieen; aber sie lief die Mundwinkel entlang ber das Kinn und die Brust, auf der die stachligen Haare zottig in dem wchsernen Fleisch standen, das schon tot schien. Ahasverus sah widerwillig auf den mageren Krper: es war, als ob diese Hnde, die in die Erde griffen, und diese schmutzigen Fe, die nur immer leise tanzten, nicht mehr dazu gehrten, so unnatrlich gro erschienen sie nun; und er merkte, wie unter dem Staub und dem Schmutz des Gesichtes sich eine furchtbare Blsse verbreitete. Wir mssen ihn hineintragen, Hein! sagte das Mdchen; und in der Baracke, whrend die Mnner, nicht wissend, was sie machen sollten, dastanden -- immer mehr drngten sich hinzu --, tat sie schweigend, was zu tun war, machte die Strohscke und die Decken zurecht, half den Jungen aufnehmen unter seinen eckigen Schultern, um ihn besser zu legen, und wusch mit frischem Wasser sein Gesicht ab, auf dem nun etwas kalter Schwei perlte. Inzwischen waren ein paar Werkmeister erschienen, die kurzen Proze machten: Luft mu er haben, -- was steht ihr da und gafft, ihr Lohndiebe? Und sie trieben die murrende Herde wieder nach drauen, zu ihrer Arbeit. Aber die Angst vor dem Tode hatte die Arbeiter beschlichen, einige von ihnen fluchten, sie wrden keine Hand mehr ausstrecken, und Aufseher muten dazwischenspringen, um den Kram wieder in Gang zu bringen. Nur Hein, der alte Isegrim, hatte kein Wort gesprochen: er war geradewegs zu seinem Platz gegangen, wo der andere umgefallen war, und fuhr fort, mit zhen Lendensten seinen Wagen zu fllen; und Ahasverus sah in seinem Blick eine dstere, herausfordernde Willenskraft, als ob die Gefahr ihn aufgepeitscht htte. So kam auch in ihn mit einemmal ein trotziges Leben, das ihn grer machte, und alles, was er nun gesehen hatte, flo zusammen in _ein_ neues Gefhl, das weder Schmerz war noch Freude, vielmehr etwas weiteres als diese beiden, eine Art bitteren Glcks, eines Glcks, das ohne Hoffnung, ohne Tuschung war und sein Blut doch wrmer klopfen machte. Als der Mann eine halbe Stunde spter weggebracht wurde, um wo anders zu sterben, war die Arbeit mit ihrem vielfltigen Lrm berall in gewohnter Weise wieder aufgenommen. Dann sank die Pracht der Sonne hinter Wolken, die von rosigem Licht gesttigt waren und sich auftrmten bis zum hchsten Himmel, und aus dem feurigen Mund des Horizonts schauerte der Abendwind ber den Strom. Wieder ein Tag zu Ende! Die Arbeiter, die an ihrem Hunger wohl merkten, wie spt es war, waren froh, da sie ihr Arbeitszeug bis morgen niederlegen durften. In der Nacht wrde hier nichts mehr sein als das sanfte Rauschen des Rieds und das Klatschen des Wassers, das immerfort hinabflo zu anderen Gegenden. Ahasverus, der seinen letzten Wagen leer zurckgerollt hatte, blieb einen Augenblick stehen und dachte an all die Menschen, die da drben, in den fernen Drfern und Stdten, unzhlbar, jung oder schwer von Jahren, nun in den Abend hineingingen, -- unbekannt, hier weinend und dort lachend, jeder mit seinen Heimlichkeiten. Hein, der mit seinem verwitterten Gesicht und den beringten Ohren voll Bscheln weien Haares fast aussah wie ein alter Matrose, stand auch da und sah mit scharfem Blick ber das weite Land. Und er sagte zu Ahasverus: Das wird hier noch schn werden, wenn wirs erst mal trocken gekriegt haben. Ahasverus begann zu sinnen und verstand das groe Werk: die Stauung der stummen Gewalt der Flut, die geduldige Geschftigkeit einer ganzen Bevlkerung, wo jetzt alles so verlassen war; er sah die Saat gest, das Korn, das aus der tiefen, dunklen Erde emporwchst, langsam gedrrt und reifend im Wechsel des Wetters, Brot fr die Menschen; und vom Deiche aus wrden die jungen Burschen, an einem Abend wie dieser, nach den Schiffen ausschauen, die von der See kommen. So machte ich also, einer von diesen tausend, einen Teil aus von einem schnen Traum, sann Ahasverus, so wre ich mit diesen tausend das Werkzeug, wodurch ein schner Traum verwirklicht wird . . . Wie dieser Gedanke in ihm Klarheit gewann, atmete er freier, als sei die Welt weiter geworden und zugleich vertrauter, die geringsten Dinge bekamen ein lieblicheres Ansehen, -- und dann kam von selbst wieder in sein Herz das Bild jenes Mdchens mit ihren jugendlichen, ungezwungenen Bewegungen und dem stillen Ernst ihres lachenden Gesichts. In der Kantine gab es, beim Essen und mehr noch beim Saufen darnach, ein mchtiges Summen und Rumoren, denn der Meister hatte ein paar Dutzend Dickkpfe nach Hause geschickt, die gegen ihn rebelliert hatten, und die Kameraden stachelten, erhitzt durch das Pfeffergetrnk, einander mit Flchen und Verwnschungen auf in dem dicken Rauch, worin eine Petroleumlampe trbselig brannte. Das Mdchen schenkte ein und lief zwischen den Bnken dahin, wo sie gerufen wurde, -- Lene! he, liebes Lenchen! -- flink sich umdrehend, berall zur Hand mit ihren kecken Augen, gekniffen vom einen, umfat vom anderen, aber immer frei und unbekmmert, und in dem Lrm erklang bisweilen ihre spottende Stimme, wie ein Glcklein in der Luft. ber den Schenktisch lehnte der Wirt der Baracke, wie gewhnlich sternhagelvoll, ein Riese von einem Kerl, mit einer frchterlichen Narbe quer bers Maul. Ahasverus sah von seiner Ecke aus, gegen ein Fenster gelehnt, das sich in die laue Nacht hinein ffnete, lauernd zu Lene hinber mit einer Art verdrielicher Ergebung; aber die schweigende Frage, die unertrgliche Frage mute wie immer in seinem Blick sein, denn: Habe ich dir etwas gestohlen? scherzte Lene pltzlich, gereizt ausfallend, gerade vor ihm. Ahasverus begriff nicht, was ihn so peinlich furchtsam und schwach machte; er wurde rgerlich gegen sich selbst und htte ihr beinahe zugeschnaubt: Was ist los, Hurenbalg? . . . Aber es war, als ob sie es fhlte; sie errtete, und einen Augenblick sahen sie einander an wie zwei Feinde, die sich kampfbereit gegenberstehen, die ein Geheimnis in des anderen Gesicht zu lesen trachten, -- wie zwei Liebende, die einander Leid zufgen wollen in der Seele, um das Geheimnis herauszubrechen, damit es reden sollte . . . Sie hrten den Trubel nicht mehr, fr sie war es da in diesem Augenblick so still wie an dem Nachmittag, als der Gedanke an den Tod da war . . . Doch ihr Blick zauderte dann und wich zurck und schien fast um Verzeihung zu bitten. Warum hast du Angst vor mir? sagte Ahasverus mit gedmpfter Stimme. Ich habe keine Angst vor dir, antwortete sie kurz. Er griff sie bei den Handgelenken, aber sie kehrte ihr Gesicht ab, wollte sich kleinmachen, weg sein. Lene . . . Lene . . . La mich, wie ich bin! La mich, wie ich bin! . . . Und dann sagte sie leiser, wie jemand, der Furcht hat: Was knntest du wohl mit mir tun? Sie hatte sich sanft losgemacht und blickte dann doch ein wenig zu ihm auf mit einem unbewuten Lcheln, aber es war, als ob sie in diese Welt voll lrmenden Gewhls, das sie umgab, nicht zurckflchten und auch Ahasverus' Blick nicht ertragen konnte und sich an ihn htte pressen mgen, da er sie nicht she, da niemand sie she . . . Sie hrte wieder das Gemurre und Geschrei, das den Saal erfllte, -- Lene wurde gerufen und lief, die Kerle brllten immerfort. Einer unter ihnen fuhr sie, gebckt und den Kopf vorgestreckt, an, da sie Memmen seien: Wir gehn hier kaputt! Sie drfen -- verflucht noch mal! -- uns nicht behandeln wie Tiere! . . . Was sollen wir machen? schimpfte ein anderer, mit dem Kopf gegen die Wand rennen? Sie sind doch allemal strker als wir! . . . Und aus ohnmchtiger Wut tranken sie doppelt und hatten Lust, einander zu Leibe zu gehn. Es kam Ahasverus vor, als ob er mit diesen Unglcklichen irgendwo in einem Abgrund lge, aus dem sie verzweifelt die Arme nach oben ausstreckten, er und sie alle, nach einem schneren Leben rufend, das sie nicht sehen konnten, -- und die ganze Welt schien ihm solch ein Abgrund . . . Auch sie -- mit ihren ewigen Augen! -- sie war mit ihm in dieser Tiefe. Und er fhlte es nun wohl, mit einer Art herben Genusses, da er sie lieb hatte, da er sie noch inniger lieb hatte, so wie sie war, mit all den Kssen, die sie besudelt hatten, mit diesen Fltchen von Schwermut um den jungen Mund, mit diesem stillen, unschuldigen Lcheln, das bisweilen wie eine Wintersonne ihr braunes Gesicht erhellte, -- mit dem Geheimnis ihrer Menschenseele voll Gut und Bse, voll werdender, lebender, unendlicher Schnheit . . . Was trieb ihn zu ihr, was trieb sie zueinander, durch diese groe Welt von Menschen, die alle suchten nach etwas, das sie nicht nennen konnten -- er und sie alle --, ohne zu berlegen, was aus all diesem Verlangen einmal erblhen wrde? War nicht wie das Werk seiner Hnde vielleicht auch dieses Begehren seines armen Herzens, die Regung selbst, die seine Seele emporhob, ein Teil eines schnen Traumes, eine der tausend und aber tausend Regungen, durch die _ein_ schner, unbegreiflicher Traum verwirklicht wird, mit dem Blut, mit dem Geist und der Seele, von Geschlecht zu Geschlecht, ein werdender, lebender, unendlicher Traum? . . . Und all diese Stimmen, die da grlten und fluchten aus finsteren Mndern in dem halberleuchteten Loch, sie drangen nun zu ihm beinah wie Flammen, die aus dem Schweigen geweckt waren und die immer wieder herausschlagen wrden. Jungens, rief er pltzlich, die beiden Fuste hoch erhoben, so gehts nicht! so gehts nicht! Wir mssen wissen, was wir wollen! Und dann alle zugleich, wie _ein_ Mann! . . . Es ging wie eine Glocke durch das Geschrei. Ja! Ja! Wir knnen doch nicht lnger liegen bleiben wie Hunde! . . . Hartnckig hmmerte er weiter: Alle gleich! Und so wollen wirs ihnen morgen sagen, wie wir behandelt werden wollen! Und hren sie nicht darauf, dann zeigen wir, was wir sind! . . . Ja! Ja! Hand in Hand! Und ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir spter schon sehn! . . . Die Genossen hatten sich dichter zueinander gedrngt, _ein_ Wille begann zu sprechen aus diesen wsten Gesichtern, die das flackernde Licht der qualmenden Lampe scharf umri. Ja! so brannte da auch ein Verlangen, das Geschlecht auf Geschlecht die Menschen durchbrannt hatte . . . Nutzlos vielleicht, ohnmchtig? . . . Wie viel solcher Aufwallungen, worber die Zeit wie Wasser hinweggegangen war! Wie viel Herzen gleich diesen, die Blut geweint hatten und nun etwas geworden waren von jenem Staube, wovon _ein_ Krnchen all den anderen gleicht! Aber wer wei -- Ahasverus blickte auf Lene, die still lchelte --, wer wei, was aus _einem_ Tropfen Blut einst erblhen kann? Und wer wei, wie viel Tropfen Blut ntig sind, ehe die geduldig, geduldig wachsende Ernte einst blond von Reife die Menschen erfreut? Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir spter schon sehn! So sprach das Leben, das, kampfbereit vorwrtsblickend, -- auf den Tod vielleicht! darauf kam es nicht an! -- doch lchelt, weil es das Leben ist, weil es dem Traume nicht widerstehen kann, der es immer reifer machen will. Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir spter schon sehn! Sie fhlten es alle nun, bis zu denen, die unbeweglich stierten in ihrem Geneverrausch; und viele Blicke, die lange mutlos in sich selbst gekehrt gewesen waren, lachten einander zu, mit dem frohen Bewutsein ihrer vereinten Macht, -- so wie Ahasverus und Lene einander betrachtend ihre eigene Winzigkeit erkannten und zugleich eines in des anderen Blick das Vorgefhl lasen ihrer beider Gttlichkeit. Aus einer Ecke stieg ein Lied auf, -- es verlor sich in wirrem Gebrll. Ja, singen, singen muten sie nun! An einer anderen Stelle wurde von neuem eingesetzt, aber dann hob pltzlich eine alte Stimme an, vor der alle Stimmen schwiegen, denn wie alt sie auch war, beinahe furchtbar klang sie von Ernst und verhaltener Willenskraft: Hein war es, den weien Strubelkopf kerzengerade aufgerichtet, die eine Faust geballt auf dem Tisch, unbeweglich, mit demselben festen, herausfordernden Blick wie damals, als er die Arbeit wieder aufgenommen hatte. Und es war eine seltsame Weise, die er sang, ein Lied von den alten Wassergeusen, er sang es feierlich und langsam, wie einen Psalm, -- wo hatte er es hervorgeholt? Wie lange hatte es schlummernd in ihm gelegen, um nun auf einmal herauszubrechen? -- Sie fragten nach dem Sinne nicht: es handelte von Aufruhr und Vertrauen, von Kampf und Glauben, und sie lauschten ergriffen und suchten halblaut den Kehrreim mitzusingen sie fhlten einander in dem alten Lied. Ahasverus hatte Lene beim Arm gefat, und er flsterte mit einer sonderbaren Betonung: Ich halte dich fest! ich lasse dich nicht mehr los! . . . Sie lie ihn gewhren und sah nach ihm auf, aber seine Zge waren wie gespannt in einer wilden, tollen Begierde, und in ihren flehenden Augen stieg da solch eine Angst auf, da all seine Macht bezwungen hinfiel, und er konnte nicht anders, als das Mdchen, wie ein zartes Ding nun, an sich drcken, innig sanft, bis ihre Blicke ineinanderlchelten, mit der stummen Bewunderung, die in dem Blick eines Kindes sein kann. Am anderen Tage brach der Ausstand aus, ungestm und frhlich; Ahasverus und andere wurden fortgejagt, aber sie lachten, denn sie sahen den Aufruhr hinter sich aufflammen. Ein und dieselbe Hoffnung pochte in aller Herzen. Und in der Nacht flchtete Ahasverus mit Lene. Als die Luft allmhlich durchsichtig wurde, lagen sie am Saum eines Wldchens; sie schlief noch in seinem Arm, gehllt in ihre grauen Lumpen, und er, auf den Ellbogen gesttzt, wachte und trumte und betrachtete ihr schlafendes Gesicht im Morgenlicht. Er dachte an alles, was geschehen war, -- an den Gesang der Engel in dem ewigen Morgenrot, an den Gesang des Meerweibes im feurigen Dunkel, -- aber ohne Vorwurf, ohne Reue, -- es waren alles Stimmen, die nachklangen in den Stimmen des groen Traumes, den er vorfhlte, unaufhrlich reifend, und der kein Traum war. Er dachte an Christus, -- an die Sehnsucht seiner Augen, an den Segen seines Lchelns, -- und diese Augen und dieses Lcheln brannten noch tief in seinem Herzen; aber ein Schmerz war diese Glut nicht mehr, -- er war etwas Besseres und Volleres geworden, als Freude selbst. Als der Tag in der Stille des Taues gekommen war, wurde Lene wach, und Ahasverus sah Erde und Himmel in ihren vertrauenden Augen sich spiegeln. Dann zogen sie zusammen in die Welt: denn der Wanderer wute, da er wandern mute, frohgemut, und da nichts gesnder war als solch ein Wandern . . . Unter der Sonne, die in feuchtem Dunst die sprieende Schpfung bestrahlte, glnzten die Weiden wie Weiher, in denen Perlengefunkel versunken lag; der Frhling begann vom Saft zu schwellen; die ersten zarten Bltter an den alten Bumen lngs des Weges erschienen wie ein hellgrner Regenschauer, der da oben hngen geblieben war mit dem Zittern des hohen silbrigen Lichtes; und da hinten, weit, weit, war die Luft offen und klar, wie ber dem Meer. So gingen sie an Obstgrten mit Apfelbumen entlang, die blhten voller Gezwitscher und Geflte, an Drfern und Feldern vorbei, wo die Menschen berall bei der Arbeit waren; und die erhoben den Kopf, als Ahasverus und Lene vorberzogen, und grten: Gott segne euch! 's ist heute ja Karfreitag! sagte Lene. So gingen sie, ihr Brot verdienend auf die eine oder andere Weise, neuen Sommern und Wintern entgegen, neuem Lebenskampf, neuem Leiden und neuen Hhen, -- so gehen sie noch, und was einst die letzte Hhe und das Ende des Weges sein wird, kann zum Glck niemand verknden. * * * * * Der Ewige Jude wurde 1897--1906 geschrieben. Die bertragung folgt der vernderten zweiten flmischen Auflage; die vom Dichter veranlate franzsische bertragung wurde zum Vergleich herangezogen. Den Druck dieser Ausgabe besorgten Poeschel & Trepte in Leipzig. Zweihundertundsechzehn Exemplare wurden auf echtem Bttenpapier abgezogen; zweihundert davon wurden numeriert, und sechzehn nicht fr den Handel bestimmte Exemplare mit Nameneindruck versehen. * End of the Project Gutenberg EBook of Der Ewige Jude, by August Vermeylen License: Share Alike