Produced by K.F. Greiner, Markus Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net [ Symbole fr Schriftarten: =Antiqua= : _gesperrt_ : #fettgedruckt# ] Julius Verne's Reiseromane. Band 65. Der Findling. Von Julius Verne. Rechtmssige Ausgabe. Zweiter Band. Leipzig Bibliographische Anstalt Adolph Schumann. Alle Rechte vorbehalten. Inhalt. Seite I. Ihre Herrlichkeiten 1 II. Im Laufe von vier Monaten 15 III. In Trelingar-castle 28 IV. Die Seen von Killarney 42 V. Schferhund und Jagdhund 64 VI. Zwei zusammen achtzehn Jahre alt 82 VII. Sieben Monate in Cork 99 VIII. Ein erster Heizer 112 IX. Eine Speculation Bobs 127 X. In Dublin 147 XI. Der Bazar Zum kleinen Geldbeutel 168 XII. Das Wiederfinden 180 XIII. Farben- und Standeswechsel 198 XIV. Das Meer von drei Seiten 215 XV. Und warum nicht? 235 Zweiter Theil. I. Ihre Herrlichkeiten. Ohne sein gewohntes vornehmes Auftreten zu verleugnen, nahm Lord Piborne verschiedene, auf seinem Tische liegende Papiere auf, ordnete die da und dort verstreuten Zeitungsbltter, durchsuchte die Taschen seines goldgelben Plschschlafrocks, durchwhlte auch die seines stahlgrauen Ueberziehers, der ber der Lehne eines Armstuhles hing, und wendete sich dann zurck, whrend ein kaum bemerkbares Runzeln der Augenbrauen an seiner Stirn sichtbar wurde. In dieser hocharistokratischen Weise und ohne sonstige Vernderung der Gesichtszge pflegte Seine Herrlichkeit stets auch dem lebhafteren Unbehagen Ausdruck zu geben. Eine leichte Neigung des Oberkrpers deutete darauf hin, da er sich sogar einmal bcken wollte, um einen Blick unter den von einer groen, schwer befranzten Decke verhllten Tisch zu werfen. Davon kam er jedoch zurck und geruhte auf den Knopf einer Klingel zur Seite des Kamins zu drcken. Fast augenblicklich erschien John, der Kammerdiener, auf der Thrschwelle des Gemaches und blieb hier regungslos stehen. Sieh nach, ob mein Portefeuille hier unter den Tisch gefallen ist, sagte Lord Piborne. John bckte sich nieder, hob die faltenreiche Decke etwas in die Hhe und richtete sich mit leeren Hnden wieder auf. Das Portefeuille Seiner Herrlichkeit fand sich an dem bezeichneten Platze nicht. Ein zweites leichtes Stirnrunzeln des Lord Piborne. Wo ist Lady Piborne? fragte er. -- In ihren Gemchern, antwortete der Kammerdiener. -- Und der Graf Ashton? -- Er lustwandelt im Parke. -- Melde Ihrer Herrlichkeit der Lady Piborne meine Empfehlung und sage ihr, ich wnsche die Ehre zu haben, sie baldmglichst zu sprechen. John machte steif auf der Stelle Kehrt -- ein stielgerechter Lakei hat sich im Dienste nicht zu verneigen -- und verlie streng abgemessenen Schrittes das Cabinet, um die Befehle seines Herrn auszufhren. Seine Herrlichkeit Lord Piborne zhlt fnfzig Jahre -- fnfzig Jahre, die seiner mehrere hundert Jahre alten und von keinem Versto gegen die Ehre des Adels, von keiner Miheirat befleckten Familie hinzuzurechnen waren. Ein hervorragendes Mitglied des englischen Oberhauses, bedauert er in gutem Glauben das Aufhren vieler alten Privilegien der Feudalzeit, die schne Zeit der Lehen, Renten, der Allodialgter und Domnen, der Macht persnlichen Gerichtsstandes, deren sich seine Ahnen erfreuten, und der tiefen Ehrerbietung, die diesen jeder Lehensmann ohne Zgern entgegenbrachte. Alles, was nicht von einer, der seinigen ebenbrtigen Herkunft ist, was sich eines so alten Stammbaumes nicht rhmen kann, steht fr ihn auf der Stufe des Bauers, des Brgers, wenn nicht gar des Leibeignen oder Sclaven. Er ist Marquis, sein Sohn folglich Graf. Baronetts, Ritter und andre niedre Adelige haben seiner Auffassung nach kaum das Recht, in den Vorzimmern der wirklich vornehmen Welt zu erscheinen. Gro, hager, das Gesicht glatt rasiert, die Augen wie erloschen, so sehr sind sie gewhnt, Miachtung auszudrcken, im Sprechen karg und trocken, reprsentiert Lord Piborne den Typus jener hochmthigen Edelleute, die sich in den Hllen bestaubter Pergamente vergraben und die -- glcklicher Weise -- selbst in dem aristokratischen Knigreiche Grobritannien und Irland jetzt auf den Aussterbeetat gesetzt scheinen. Hierzu ist nachzutragen, da der Marquis englischer Abstammung ist und da er keine Mesalliance einging, als er die Marquise, die schottischer Herkunft ist, zum Altare fhrte. Ihre Herrlichkeiten waren ganz fr einander geschaffen, beide fest entschlossen, niemals von ihrem hohen Sitze herabzusteigen, und wahrscheinlich auserlesen, eine noch hher steigende Nachkommenschaft zu hinterlassen. Sie bildeten sich ohne Zweifel ein, da Gott dereinst erst Handschuhe anlegen wrde, um sie in seinem Paradiese nach Gebhr zu empfangen. Die Thr ffnete sich, und als htte es sich um den Eintritt einer hohen Dame in einen Empfangssalon gehandelt, meldete der Kammerdiener: Ihre Herrlichkeit Lady Piborne. Die Marquise -- eine reife Vierzigerin -- gro, hager, eckig, die Haare von breitem Stirnband gehalten, die Lippen dnn, die Nase aristokratisch adlerartig, die Taille schlank und die Schultern abstehend -- war gewi niemals schn gewesen; was aber die Vornehmheit der Haltung und des Benehmens, die Uebereinstimmung in Traditionen und Privilegien anging, htte Lord Piborne gewi keine bessere Gemahlin finden knnen. John rollte einen wappengeschmckten Lehnstuhl heran, worauf die Marquise sich niederlie, und zog sich lautlos zurck. Der vornehme Gemahl richtete das Wort an die Dame. Sie werden verzeihen, Marquise, da ich Sie ersuchen lassen mute, Ihre Gemcher zu verlassen, um mir die Gunst einer Besprechung in meinem Cabinet zu gewhren. Es braucht nicht Wunder zu nehmen, da ihre Herrlichkeiten, selbst in privater Unterhaltung, so schwulstige Phrasen drechselten. Das gehrt hier einmal zum guten Ton. Und brigens waren beide noch in der Puder- und Perrckenschule der frheren Gentry aufgewachsen. Nie htten sie sich zu der Vertraulichkeit des landlufigen Geplauders herabgelassen, das Dickens im Scherze Perrucobalivernage genannt hat. Ich stehe zu Ihrem Befehl, Marquis, erwiderte Lady Piborne. Welche Frage htten Sie an mich zu richten? -- Ich mchte, Marquise, Sie ersuchen, mir mit Ihrem Gedchtni zu Hilfe zu kommen. -- Ich hre. -- Sind wir nicht gestern gegen drei Uhr nachmittags hier vom Schlosse weg nach Newmarket und zu unserm Attorney, Herrn Laird, gefahren? Der Attorney ist der bevollmchtigte Rechtsanwalt, der seinen Auftraggeber bei den Civilgerichten des Vereinigten Knigreiches vertritt. Gewi... gestern... Nachmittag, antwortete Lady Piborne. -- Erinnere ich mich recht, so hat Graf Ashton, unser Sohn, uns im Wagen begleitet? -- Ganz recht, Marquis, er nahm einen Platz auf dem Vordersitze ein. -- Die beiden Lakeien standen doch hinter uns auf dem Wagen? -- Ja wohl, wie das ihre Pflicht ist. -- Gut denn, antwortete Lord Piborne, der seine Uebereinstimmung durch eine leichte Kopfbewegung zu erkennen gab, dann, Marquise, erinnern Sie sich wohl auch, da ich ein Portefeuille bei mir fhrte, das die Papiere betreffs des Rechtsstreites enthielt, der uns mit dem Kirchspiele bevorsteht? -- Jenes ungerechten Processes, den man die Khnheit, die Unverschmtheit hat, uns aufzunthigen! setzte Lady Piborne mit bezeichnender Geberde hinzu. -- Dieses Portefeuille, fuhr Lord Piborne fort, enthielt nicht allein sehr wichtige Documente, sondern auch eine Summe von hundert Pfund in Banknoten, die fr unsern Sachwalter bestimmt war. -- Sie erinnern sich an alles ganz genau, Marquis. -- Sie wissen auch, Marquise, wie alles zugegangen ist. Wir sind in Newmarket angekommen, ohne die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat uns an der Schwelle seines Hauses empfangen. Ich zeigte ihm sofort die Schriftstcke und erbot mich, das Geld bei ihm zu deponieren. Er hat darauf geantwortet, da er fr jetzt weder des einen noch des andern bedrfe, unter dem Hinzufgen, da er selbst nach dem Schlosse kommen werde, wenn es Zeit sei, gegen die Anmaungen des Kirchspiels aufzutreten. -- Gegen die schmhlichen Anmaungen, die frher als Attentate auf die grundherrlichen Rechte betrachtet und bestraft worden wren... Hiermit sprach die Marquise nur eine Auffassung aus, der der Marquis in ihrem Beisein oft ganz gleichlautenden Ausdruck gegeben hatte. Daraus ergiebt sich, nahm Seine Herrlichkeit wieder das Wort, da ich mein Portefeuille behalten habe, da wir bald wieder in den Wagen gestiegen sind und das Schlo gegen sieben Uhr, als es bereits zu dunkeln anfing, erreicht haben. Der Abend war finster gewesen, denn der Vorgang fiel noch in die letzte Aprilwoche. Jenes Portefeuille nun, berichtete der Marquis weiter, das ich bestimmt in die rechte Brusttasche meines Pelzes gesteckt habe, kann ich nun nicht mehr finden. -- Vielleicht haben Sie es bei der Heimkehr auf den Tisch Ihres Cabinets gelegt? -- Das vermuthete ich auch, Marquise, habe aber vergeblich unter meinen Papieren danach gesucht. -- Seit gestern ist doch niemand hierher gekommen? -- Doch... John... mein Kammerdiener... dem kann ich aber vertrauen... -- Es ist immer klug, die Leute im Verdacht zu haben, erwiderte Lady Piborne. -- Uebrigens wr' es mglich, fuhr der Marquis fort, da mein Portefeuille hinter ein Kissen in der Kalesche geglitten wre. -- Das mte einer der Lakeien entdeckt haben, und wenn er die hundert Pfund Sterling nicht fr eine gute Prise ansah... -- Ach, die hundert Pfund, unterbrach sie Lord Piborne, von denen will ich nicht viel reden; doch die Familienpapiere, die unsre Rechte gegenber dem Kirchspiel nachweisen... -- Gegenber dem Kirchspiel, pah! sagte Lady Piborne. Man hrte es, da das Herrenhaus aus ihrem Munde sprach und da sie die Insassen des Kirchspiels als untergeordnete Vasallen ansah, deren Ansprche ebenso bedauernswerth, wie respectwidrig waren. Wenn wir nun, aller Gerechtigkeit zum Hohne, fuhr sie fort, diesen Proce verlieren sollten... -- Und wir verlieren ihn ganz sicher, erklrte Lord Piborne, wenn wir jene wichtigen Acten nicht vorzulegen im Stande sind... -- So wrde das Kirchspiel in Besitz der hundert Acres Wald kommen, die an den Park grenzen und seit den Plantagenets zur Domne der Piborne gehrt haben? -- Ja, Marquise. -- Das wre abscheulich! -- Abscheulich, wie alles, was den Feudalbesitz in Irland antastet, jene Ansprche der Home-rulers, die Ueberlassung des Grund und Bodens als Eigenthum des Bauern, die ganze Erhebung gegen den Landlordismus!... O, wir leben in einer seltsamen Zeit! Wenn der Lordlieutenant nicht bald Ordnung schafft, indem er die Rdelsfhrer der Landliga aufknpfen lt, wei ich nicht... oder wei ich vielmehr nur zu gut, wie das enden wird... Da ffnete sich die Thr des Cabinets, auf deren Schwelle ein junger Mann erschien. Ah, Sie sind es, Graf Ashton? unterbrach sich Lord Piborne. Der Marquis und die Marquise htten es niemals versumt, ihrem Sohne diesen Titel zu geben, der alle von seiner Geburt ihm auferlegten Pflichten htte zu vernachlssigen gefrchtet, wenn er darauf nicht antwortete: Ich wnsche Ihnen guten Tag, Mylord, mein Vater! Dann trat er auf Milady, seine Mutter, zu, der er wrdevoll die Hand kte. Der junge Gentleman von vierzehn Jahren hatte ein regelmiges, doch recht ausdrucksloses Gesicht, dessen Zge gewi auch spter an Lebhaftigkeit und Intelligenz nicht gewannen. Er war ja der natrliche Abkomme eines Marquis und einer Marquise, die sich, gut zwei Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurckgeblieben, jedem Fortschritte des modernen Lebens abhold erwiesen -- zwei Typen aus der Periode der Cromwell, waschechte, unbelehrbare Tories alten Schlages. Der Instinct der Rasse bewirkte schon, da dieser Knabe sich etiquettengerecht verhielt, da er Graf blieb vom Scheitel bis zu den Zehen, obwohl ihn die Marquise sehr verwhnt hatte und die Dienerschaft des Schlosses abgerichtet war, sich allen seinen Launen zu fgen. So besa er keine, der fr dieses Alter charakteristischen Eigenschaften, weder die ungebundene Beweglichkeit des Krpers, noch die Wrme des Herzens oder den Enthusiasmus der Jugend. Es war so ein junger Herr, der in allen, die ihm nahe kamen, nur tief unter ihm Stehende sah, dem das Mitgefhl fr die Armuth abging, der zwar in allen Zweigen des Sports -- dem Reiten, Jagen, Wettrennen, dem Croquett und Lawn-Tennis -- schon recht bewandert, sonst aber erschreckend unwissend war, trotz des halben Dutzends von Hauslehrern, die sich vergeblich mit ihm abgemht hatten. Die Zahl solcher jungen Gentlemen von hoher Geburt, die trotz ihrer Distinguirtheit spter als klgliche Schwachkpfe durchs Leben wandern, zeigt zwar entschieden Neigung zur Abnahme. Noch giebt es deren aber genug, und der Graf Ashton Piborne gehrte unzweifelhaft zu dieser Sorte. Er hrte jetzt von dem Verluste des Portefeuilles und erinnerte sich, da Mylord, sein Vater, dasselbe in der Hand gehabt hatte, als er aus dem Hause des Sachverwalters zurckkam, und da er es bei der Abfahrt von Newmarket nicht in die Tasche gesteckt, sondern hinter sich auf den Wagensitz gelegt habe. Sind Sie Ihrer Sache sicher, Graf Ashton? fragte die Marquise. -- Ja, Milady, und ich glaube nicht, da das Portefeuille habe aus dem Wagen fallen knnen. -- Dann htte es sich also, meinte Lord Piborne, noch darin befinden mssen, als wir am Schlosse wieder eintrafen. -- Und man kommt zu dem Schlusse, da es einer der Diener unterschlagen hat, setzte Lady Piborne hinzu. Dieser Ansicht war natrlich auch Graf Ashton. Er hatte gar kein Vertrauen zu solchen Kerlen, die immer spionieren, wenn sie nicht gar stehlen -- und beides meist zusammen thun -- die man das Recht haben sollte, wie einst die Leibeigenen Grobritanniens, nach Belieben auszupeitschen. Woher er etwas von Leibeignen in Grobritannien gehrt hatte, das mochte der Himmel wissen. Er beklagte nur, da der Marquis und die Marquise ihm keinen eignen Kammerdiener oder wenigstens einen Groom zugetheilt hatten, der wrde schon die Hand des Herren zu fhlen bekommen haben u. s. w. Das hie rein herausgesprochen, und um eine solche Sprache zu fhren, mute man das blaue Blut der Piborne in den Adern haben. Die Verhandlung lief also darauf hinaus, da das Portefeuille gestohlen, und zwar von einem der Diener gestohlen sein werde, da darber eine Untersuchung angestellt und jeder, auf dem der geringste Verdacht haften bleibe, sofort der Polizei berwiesen werden msse, da dem Lord Piborne das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit abging. Der Graf Ashton drckte also auf den Knopf der Klingel, und wenige Augenblicke spter erschien der Schloverwalter vor ihren Herrlichkeiten. Dieser Herr Scarlett, der Intendant des Lord Piborne, war der richtige Scheinheilige, eine schmeichlerische, katzenbuckelnde Persnlichkeit, der immer den grundehrlichen Mann spielte und von der Dienerschaft des Hauses bestens gehat wurde, da er seine Untergebenen zwar ohne Aufbrausen und Anmaung, doch im Grunde schlecht behandelte. Vor dem Marquis, der Marquise und dem Grafen Ashton erschien er die Unterwrfigkeit selbst, wie der niedrigste Kirchendiener vor dem ersten Geistlichen einer Parochie. Jetzt erzhlte man ihm den Vorfall. Das Portefeuille war ohne Zweifel auf ein Sitzpolster im Wagen gelegt worden, wo es sich doch htte wiederfinden mssen. Das war auch die Meinung Scarlett's, schon weil es die des Lord und der Lady Piborne war. Bei der Rckkehr des Wagens hatte er, der sich in respectvoller Entfernung von dessen Thr hielt, bei der Dunkelheit natrlich nicht sehen knnen, ob das Portefeuille an der vom Marquis bezeichneten Stelle lag. Wenn Scarlett auch der Gedanken kam, die Brieftasche htte auf die Landstrae hinaus gefallen sein knnen, so htete er sich doch, das auszusprechen, da auf den Lord Piborne damit der Vorwurf der Unachtsamkeit gefallen wre; er begngte sich vielmehr mit der Bemerkung, da das Portefeuille selbstverstndlich hochwichtige Schriftstcke enthalten haben werde, und zwar schon deshalb, weil es die Ehre hatte, einer so vornehmen, wichtigen Persnlichkeit, wie dem Schloherrn, zu gehren. Es liegt auf der Hand, versicherte dieser, da hier eine Fundunterschlagung stattgefunden hat... -- Sagen wir gleich: ein Diebstahl, wenn Eure Herrlichkeit gestatten. -- Jawohl, ein Diebstahl, Herr Scarlett, und zwar einer, bei dem es sich nicht allein um eine nicht unbetrchtliche Geldsumme, sondern auch um Schriftstcke handelt, die alte Rechte unsrer Familie gegenber dem Kirchspiele nachweisen. Wer die Physiognomie des Verwalters nicht gesehen hat, bei dem Gedanken, da das Kirchspiel sich unterfange, berhaupt ein Recht gegen das vornehme Haus der Piborne geltend zu manchen -- eine Unverschmtheit, die zur Zeit, wo Familienprivilegien noch geachtet wurden, ganz unmglich gewesen wre -- nein, wer die Indignation des Herrn Scarlett nicht beobachtet hat, das Zittern seiner halb zum Himmel erhobnen Hnde und seine auf die Erde gesenkten Blicke, der vermag sich gar keine Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grade so ein Mucker seine heuchlerischen Grimassen zu vervollkommnen vermag. Doch wenn ein Diebstahl ausgefhrt worden ist... sagte er endlich. -- Wie... nur _wenn_ er ausgefhrt worden wre? fiel die Marquise nselnden Tones ein. -- Verzeihen Ihre Herrlichkeit, beeilte sich der Verwalter hinzuzusetzen, ich wollte sagen, da ein solcher vorliegt, so kann er ja nur... -- Durch einen unsrer Leute begangen worden sein! fiel ihm Graf Ashton ins Wort und fuchtelte dazu, ganz nach Feudalherrenart, mit der in der Hand gehaltenen Reitgerte. -- Herr Scarlett, nahm Lord Piborne wieder das Wort, wird untersuchen, den oder die Schuldigen zu entdecken und mittelst Affidavits[1] die Intervention des Gerichtes herbeizufhren, da es einem nicht einmal mehr auf eignem Grund und Boden gestattet ist, selbst Gerechtigkeit zu ben. -- Und wenn meine Ermittelungen zu keinem Ziele fhren, fragte der Verwalter, was gedenken Eure Herrlichkeit dann zu thun? -- Dann wird die gesammte Dienerschaft verabschiedet, Herr Scarlett; hren Sie? Alle Leute! Nach dieser Entscheidung zog sich der Verwalter zurck, worauf auch die Marquise wieder ihre Gemcher aufsuchte und der Graf Ashton sich zu seinen Hunden im Park zurckbegab. Scarlett mute sich sofort mit der ihm bertragnen Aufgabe befassen, obgleich er nicht zweifelte, da das Portefeuille whrend der Fahrt von Newmarket nach dem Schlosse aus dem Wagen gefallen sein werde. Da seine Herrschaft aber einmal die Constatierung eines Diebstahls verlangte, so wollte er das thun... da er einen Dieb entdeckte, so wollte er einen solchen ermitteln, und htte er auch einen beliebigen Diener durch Auslosung bestimmen sollen. Nun muten Lakeien, Kammerdiener und Kammerfrauen, der Kchenchef, die Kutscher und die Stallburschen vor dem gestrengen Schloverwalter erscheinen. Natrlich betheuerten alle ihre Unschuld, und obwohl Scarlett sich ber die Angelegenheit schon seine Ansicht gebildet hatte, ersparte er den Leuten doch nicht die verletzendsten Vorwrfe und drohte, sie der Polizei auszuliefern, wenn das Portefeuille nicht wieder zum Vorschein kme. Es war ja nicht allein eine Summe von hundert Pfund Sterling entwendet worden, sondern der oder die Diebe hatten auch Documente unterschlagen, die die Rechte des Lord Piborne in einem schwebenden Processe nachwiesen. Wie leicht konnte es ja einem der Leute einfallen, seinen Herrn zu Gunsten des Kirchspiels benachtheiligen zu wollen! Vielleicht wurde dieser gar bezahlt. Nun, wenn es gelang, die Hand auf den Uebelthter zu legen, so durfte dieser auf eine Spazierfahrt nach den Strafanstalten der Insel Norfolk rechnen, denn Lord Piborne war mchtig genug, und einen so groen Herrn zu bestehlen galt etwa ebenso viel, als sich am Besitzthum eines Mitglieds des Knigshauses zu vergreifen. Scarlett stellte das allen, die er wegen der Sache ausfragte, eindringlich vor. Leider wollte sich keiner zu dem Gestndni, der Urheber des Verbrechens zu sein, herbeilassen, und nach Beendigung der hochnothpeinlichen Befragung beeilte sich der Schloverwalter, dem Lord von der Erfolglosigkeit seiner Bemhungen Kenntni zu geben. Die Leute stecken unter _einer_ Decke, erklrte der Marquis, und wer wei, ob sie den Raub nicht unter sich getheilt haben. -- Ich glaube, da Eure Herrlichkeit damit Recht haben, erwiderte Scarlett. Auf alle an die Dienerschaft gerichteten Fragen erhielt ich auch ganz gleichlautende Antworten, ein hinlnglicher Beweis, da die Leute sich untereinander verstehen. -- Haben Sie auch ihre Stuben, ihre Schrnke und Koffer durchsucht, Scarlett? -- Noch nicht. Eure Herrlichkeit werden einsehen, da ich das mit Erfolg nur in Gegenwart eines Polizeibeamten vornehmen kann. -- Das ist richtig, besttigte Lord Piborne. Schicken Sie jemand nach Kanturk... oder besser, verfgen Sie sich selbst dahin. Natrlich darf keiner vor Beendigung der Untersuchung das Schlo verlassen. -- Die Befehle Eurer Herrlichkeit werden ausgefhrt werden. -- Der Polizeibeamte soll nicht versumen, einige Leute mitzubringen, Scarlett... -- Ich werde ihm den Wunsch Eurer Herrlichkeit kund thun und er wird nicht verfehlen, diesem nachzukommen. -- Sie werden auch meinen Sachverwalter, Herrn Laird in Newmarket, benachrichtigen, da ich mit ihm ber diesen Vorfall sprechen mu und ihn schleunigst hier zu sehen wsche. -- Noch heute soll er die Mittheilung erhalten.... -- Wann brechen Sie auf? -- Sofort, ich denke, noch vor dem Abend zurck zu sein. -- Gut. Das Erzhlte spielte sich am Morgen des 29. April ab. Ohne jemand zu sagen, was er in Kanturk vorhabe, lie sich Scarlett eines der besten Pferde aus dem Stalle satteln und wollte schon aufsitzen, als am Wirthschaftsthore, nahe dem Wchterhause, eine Glocke ertnte. Ein Flgel des Thores ffnete sich, und davor stand ein Kind von etwa zehn Jahren. Es war Findling. II. Im Laufe von vier Monaten. In der Provinz Munster liegt die Grafschaft Cork, die mit denen von Limerick und Kerry zusammenstt. Sie erfllt deren sdlichen Theil zwischen der Bai von Bantry und Youghal-Haven. Ihre Hauptstadt ist Cork, und der wichtigste Hafenplatz der von Queenstown, an der gleichnamigen Bucht und einem der belebtesten Hfen von ganz Irland. Die Grafschaft durchschneiden verschiedene Eisenbahnlinien; die eine erstreckt sich ber Mallow und Killarney bis nach Tralee. Oberhalb derselben, an dem Theile der Linie, die etwa lngs des Blackwaterflusses verluft, und sechs Kilometer sdlich von Newmarket, liegt der Flecken Kanturk, zwei Meilen von diesem aber das Schlo Trelingar. Dieser prchtige Grogrundbesitz gehrt der alten Familie der Pibornes. Er umfat eine geschlossene Flche von hunderttausend Acres (40.000 Hektaren) besten Bodens mit fnf- bis sechshundert Farmen, deren Ausbeutung dem Landlord die hchsten Einknfte in der ganzen Umgegend sichert. Der Marquis von Piborne ist also schon hierdurch sehr reich, ohne von den andern Einnahmen zu reden, die ihm die Besitzthmer der Marquise in Schottland zufhren. Ueberhaupt wird sein Vermgen als eines der grten im ganzen Lande angesehen. Wenn der Lord Rockingham sein Grundeigenthum in der Grafschaft Kerry niemals besucht hatte, so konnte man den Lord Piborne dagegen des verhaten Absentismus nicht beschuldigen. Nach vier- bis fnfmonatigem Aufenthalt in Edinburg oder London, bewohnte er vom April bis zum November stets sein Trelingar-castle. Ein Grundbesitz von so groer Ausdehnung bedingt selbstverstndlich auch sehr viele Pchter. Die ackerbauende Bevlkerung, die auf den Lndereien des Marquis lebte, htte ein recht ansehnliches Dorf bilden knnen. Waren die Bauern von Trelingar-castle auch nicht von einem John Eldon fr Rechnung des Herzogs von Rockingham bedrckt, und wurden sie nicht von einem Harbert fr Rechnung eines John Eldon ausgesaugt, so darf man daraus noch nicht schlieen, da sie sich einer besseren Behandlung erfreuten. Hier gab man sich nur den Anschein grerer Milde. Der Verwalter hielt streng auf die pnktliche Abfhrung der Pachtzinsen und vertrieb sie auch aus ihren Gehften; er that das aber auf seine Art, er drckte ihnen sein Mitleid aus, beklagte sie, bekmmerte sich bei dem Gedanken, was ohne Obdach und Lebensunterhalt aus ihnen werden sollte, versicherte auch, da solche Austreibungen seinem Herrn das Herz brchen... verjagt wurden die armen Leute aber doch, und hchst wahrscheinlich empfanden sie es als keinen besondern Trost, da Seine Herrlichkeit darum trauerte. Das zur Zeit der Stuarts erbaute Schlo war gegen dreihundert Jahre alt, es reichte also nicht bis zur Epoche der Plantagenet's zurck, worauf die Piborne's so stolz waren. Der gegenwrtige Besitzer hatte das Aeuere des Bauwerks neu herstellen lassen, um ihm mehr das Aussehen eines Feudalsitzes zu verleihen. Da waren Zinnen angebracht, Spitzthrmchen und Wachthuschen errichtet und ber einen Graben eine Zugbrcke, die nie aufgezogen, und ein Fallgatter, das nie herabgelassen wurde. Das Innere enthielt sehr gerumige Gemcher mit mehr Comfort, als ihn die Zeiten EduardsIV. oder Johanns ohne Land zu bieten pflegten. Diese verborgene Stilwidrigkeit entsprach freilich den Bedrfnissen der verwhnten Schlobewohner. An den Seiten des Schlosses erhoben sich die Communs (Dienerwohnungen) und Nebengebude, Stlle, Wagenschuppen und Wirthschaftsrume. Davor lag ein weiter Ehrenhof mit prchtigen Buchen, nach auen zu abgeschlossen von zwei Pavillons neben einem verzierten Gitterthore, von denen der eine dem Portier als Wohnung diente. Am Thore dieses Pavillons hatte unser junger Held grade die Glocke gezogen, als es sich ffnete, um den Verwalter Scarlett hinausreiten zu lassen. Ungefhr vier Monate waren seit dem unvergelichen Tage verstrichen, wo das Adoptivkind der Familie Mac Carthy die Farm von Kerwan verlassen hatte. Wenige Zeilen werden hinreichen, zu berichten, wie es ihm in diesem Zeitraum ergangen war. Als Findling gegen fnf Uhr abends von dem zerstrten Hause wegging, wurde es schon langsam finster. Da er Martin und den Seinigen auf der Strae von Tralee nicht begegnet war, kam ihm zunchst der Gedanke, sich nach Limerick zu begeben, wohin die Gefangenen von den Polizisten ohne Zweifel abgefhrt worden waren. Ihm erschien es als heilige Pflicht, die Familie Mac Carthy wieder aufzusuchen und auf jeden Fall deren Loos zu theilen. Ja, wenn er schon gro gewesen wre, um mit seiner Hnde Arbeit etwas zu verdienen! Gewi wrde er sich gerhrt und keine Mhe gescheut haben... doch was konnte er, der erst Zehnjhrige erhoffen? Spter, wenn er einmal einen guten Gehalt bezog, sollte dieser fr seine Adoptiveltern verwendet werden, und noch spter, wenn er sein Glck gemacht htte -- und daran zweifelte er gar nicht -- wollte er jenen alles bieten und das Wohlwollen mit Zinsen heimzahlen, das ihm in der Farm von Kerwan entgegengebracht worden war. Jetzt, auf dieser verlassenen Strae freilich, inmitten einer vom schlimmsten Elend heimgesuchten Gegend, die von denen verlassen war, welche sie nicht zu ernhren vermochte, und verloren in der kalten Finsterni fhlte sich Findling vereinsamter als je zuvor. In seinem Alter ist es ja selten, da Kinder nicht durch irgend ein Band gehalten werden, das sie entweder mit einer Familie verknpft oder an eine ffentliche Anstalt fesselt, die sie aufnimmt und erzieht. Der Knabe aber war ja nichts anders als ein abgerissenes und auf die Landstrae verwehtes Blatt, das vom Winde hin und her getrieben wird, bis es zu Staub zerfllt. Niemand, niemand gab es, der sich seiner mitleidig angenommen htte. Wenn er die Mac Carthy's nicht wiederfand, wute er vorlufig nicht, was aus ihm werden sollte, oder doch fehlte ihm auch jeder Anhalt, wo er jene suchen, ja nur nach ihrem Verbleib fragen knnte. Waren sie nicht verhaftet worden, so hatten sie sich wohl gar, wie so viele ihrer Landsleute, entschlossen, nach der Neuen Welt auszuwandern, und dann... Der Knabe wollte also, quer durch das schneebedeckte Land, nach Limerick wandern. Die Lufttemperatur wre jetzt kaum zu ertragen gewesen, wenn etwa ein scharfer Wind geweht htte. Die Atmosphre war aber still und jeder Laut von weither hrbar. So legte er, ohne einer lebenden Seele zu begegnen, zwei Meilen ganz aufs Geradewohl zurck, denn er hatte sich noch nie in diesen von den ersten Auslufern der Berge berhrten Theil der Grafschaft gewagt. Vor ihm verliehen die dichten Tannenwlder dem Horizont einen noch dunkleren Rahmen. Von seiner Wanderung nach Tralee und zurck bereits stark angegriffen, fhlte Findling jetzt, da ihn die Krfte verlieen. Die Beine zitterten ihm und die Fe knickten ihm in den Gelenken. Dennoch wollte er auf keinen Fall Halt machen, und so gelang es ihm mit Mhe, sich noch eine halbe Meile weit fortzuschleppen. Nach dieser letzten Anstrengung aber sank er an einem Abhange mit groen Bumen zusammen, deren Zweige sich unter der Last des Rauhfrostes beugten. Hier kreuzten sich zwei Landstraen, so da Findling, wenn er sich wieder zu erheben im Stande gewesen wre, nicht gewut htte, welcher davon er folgen sollte. Auf dem Schnee ausgestreckt und mit erstarrten Gliedern, konnte er, als schon seine Augen sich schlieen wollten und er das Bewutsein fr seine Lage halb verlor, nur noch einmal rufen: Zu Hilfe!... Zu Hilfe! Fast gleichzeitig erschallte ein entferntes Gebell in der trocknen kalten Nachtluft. Dann kam es nher und an der nchsten Straenbiegung tauchte ein Hund auf, der mit gesenkter Nase, hngendem Schwanze und mit Augen, die wie solche von Katzen erglnzten, den Boden beschnffelnd einhertrabte. Mit wenigen Sprngen stand das Thier neben dem Kinde... doch nicht um diesem ein Leid zuzufgen, sondern um es zu erwrmen, indem sich der Hund an dessen Seite ausstreckte. Findling bekam sofort seine Besinnung wieder. Er schlug die Augen auf und fhlte, da eine warme, liebkosende Zunge ihm die Hand leckte. Birk! murmelte er. Birk war es, sein einziger Freund, sein treuer Begleiter in der Farm von Kerwan. Wie gab der Knabe ihm seine Liebkosungen zurck, whrend er sich die Hnde zwischen seinen Pfoten wrmte. Das flte ihm neuen Muth ein. Er sagte sich, da er auf der Erde doch nicht allein sei. Jetzt wollten beide die Aufsuchung der Familie Mac Carthy vornehmen. Ohne Zweifel hatte Birk diese nach der Austreibung begleitet und zurckgekehrt war er jedenfalls nur, weil ihn die Hscher und die Polizisten wohl mit Steinwrfen und Stockschlgen verjagt hatten. So war es in der That gewesen, und Birk, der herzlos verscheucht wurde, hatte nach der Farm zu zurcktrotten mssen. Jetzt wrde er ja auch jede Spur der Polizisten wiederfinden und Findling konnte sich wohl auf den Instinct des Thieres verlassen, von diesem zur Familie Mac Carthy geleitet zu werden. Er begann also mit Birk zu plaudern, wie er das in den langen Stunden auf der Weide bei Kerwan zu thun pflegte. Birk antwortete ihm in seiner Weise durch ein kurzes Bellen, das Findling leicht genug verstand. Nun vorwrts, mein getreuer Birk, vorwrts! Sofort lenkte das Thier nach der einen Strae ein, wo es seinem jungen Herrn vorauslief. Nun traf es sich aber, da Birk, eingedenk der erlittenen Mihandlung, den Weg nach Limerick nicht einschlug. Er folgte vielmehr dem, der an der Grenze der Grafschaft Kerry hin und nach Newmarket in der Grafschaft Cork fhrt. Unbewut entfernte sich Findling damit von der Familie Mac Carthy weiter, und als der Tag graute, machte er, erschpft und von Hunger geplagt, Rast, um sich in einem Gasthause, ein Dutzend Meilen sdstlich von der Farm, zu strken und zu erquicken. Auer seinem Wschepacket besa Findling, wie sich der Leser erinnern wird, noch den Rest der bei dem Apotheker in Tralee gewechselten Guinee... die groe Summe von ganzen fnfzehn Schillingen. Damit kommt man freilich nicht weit, wenn zwei zu ernhren sind, selbst wenn man sich auf das nothwendigste beschrnkt und tglich nur einige Pence ausgiebt. Das beobachtete der Knabe auch, und nach vierundzwanzigstndigem Aufenthalt in dem Gasthofe, wo ihm ein Heuboden als Schlafraum und Kartoffeln als Speise dienten, machte er sich mit Birk wieder auf den Weg. Auf seine Fragen nach den Mac Carthy's hatte der Gastwirth erklrt, da ihm keine Familie dieses Namens bekannt sei. Austreibungen waren in diesem schlimmen Winter auch so hufig vorgekommen, da sich die ffentliche Aufmerksamkeit diesen traurigen Ereignissen gar nicht mehr zuwandte. Findling marschierte immer hinter Birk in der Richtung nach Newmarket weiter. Wie er fnf lange Wochen, bis zum Eintreffen in diesem Flecken verbrachte, kann man sich wohl vorstellen. Niemals streckte er die Hand aus! Sein natrlicher Stolz und das Gefhl eigner Wrde waren auch bei diesen neuen Prfungen nicht erlahmt. Manche weichherzigen Leute, die das hilflose Kind dauerte, hatten ihm wohl ein greres Stck Brod oder Speck u. dgl. gegeben, wenn er sich in den Gasthusern versorgte und mit einem Penny bezahlte, was eigentlich das doppelte kostete -- doch das ist immer noch nicht gebettelt. Dabei theilte er alles mit Birk, indem die beiden in Scheunen schliefen, sich ins Heu verkrochen und Hunger und Durst zusammen litten, um von der Guinee so wenig als mglich auszugeben.... Zuweilen blhte ihm auch das Glck, denn wiederholt erhielt Findling eine kleine Beschftigung. Vierzehn Tage verweilte er z.B. in einer Farm in Vertretung des abwesenden Schfers. Wohl erhielt er keinen Lohn, fand dabei aber doch fr sich und Birk Obdach und Nahrung. Nach vollendeter Arbeit zog er weiter. Einige Auftrge, die er zwischen einem Dorfe und dem andern ausrichtete, brachten ihm auch ein paar Schillinge ein. Zum Unglck fand er nur keine dauernde Beschftigung, denn es war die schlechte Jahreszeit, wo leider so viele rstigere Arme feiern mssen, und grade in diesem Winter war das Elend schlimmer als sonst. Findling hatte brigens noch keineswegs darauf verzichtet, mit der Familie Mac Carthy wieder zusammenzutreffen, obwohl seine Erkundigungen nach ihr immer erfolglos blieben und er bei seinem Weiterwandern auf gut Glck nicht einmal wute, ob er sich seinen Freunden nherte oder nicht. Nur die eine Hoffnung verlie ihn nicht, da er in einer Stadt, in einer wirklichen Stadt, die gewnschte Auskunft erhalten werde. Dabei drckte ihn die Sorge, da er in seinem Alter so ganz allein auf der Landstrae gefunden, vielleicht als Vagabund verhaftet und noch einmal in die =Ragged-School= oder in ein Arbeitshaus eingeliefert werden knnte. Lieber wollte er alles Ungemach weiterer Irrfahrten ertragen, als in eines dieser verhaten Asyle zurckkehren, wobei er sich ja auch von dem anhnglichen Birk htte trennen mssen. Nicht wahr, Birk, sagte er, den mchtigen Kopf des Hundes auf seine Knie legend, wir knnten doch keiner ohne den andern leben? Gewi antwortete der Hund in seiner Weise, da das unmglich sei. Von Birk wendeten sich seine Gedanken dann seinem frheren Kameraden von Galway zu und er fragte sich, ob Grip jetzt wohl auch obdachlos sei wie er. Ja, wenn sie einander begegnet wren, htten sie zu zweien sich sicherlich eher fortzuhelfen vermocht... sogar zu dreien; er gedachte damit der guten Sissy, von der er seit seiner Flucht aus der Htte der Hard gar nichts gehrt hatte. Jetzt mute sie -- mit vierzehn bis fnfzehn Jahren -- doch schon ein groes Mdchen sein. In diesem Alter ist man hier schon in Stellung, im Dorf oder in der Stadt, und verdient sein Brod zwar sauer, verdient es aber doch. Wenn er erst so alt wre, wrde er nicht darum verlegen sein, eine Stelle zu finden. Jedenfalls wrde ihn Sissy nicht vergessen haben. Alle Erinnerungen aus seiner ersten Kindheit tauchten mit berraschender Schrfe in ihm auf: die schlechte Behandlung durch das bse Weib, die Grausamkeiten Thornpipe's, des Puppenschaustellers.... Da fhlte er sich jetzt frei, wenn auch allein, doch weit glcklicher, als zu jenen traurigen Zeiten! Immer weiter auf der Landstrae hinziehend, verflossen die Tage ohne besondre Vernderung seiner Lage. Zum Glck war der Februar dieses Jahres nicht so hart, und die Armen brauchten von keiner bermigen Klte zu leiden. Der entschwindende Winter lie die Hoffnung aufkommen, da der Beginn der Arbeiten und der Frhlingseinsaat nicht verzgert werden wrde. Fingen dann die Feldarbeiten zeitig an, so wurden auch Schafe und Khe wieder auf die Weide getrieben und Findling durfte hoffen, in einer Farm Beschftigung zu finden. Fnf bis sechs Wochen lang mute er freilich noch hinbringen, und von den gelegentlich erworbenen wenigen Schillingen, so wie von der Guinee -- dem ganzen Vermgen des Knaben -- waren gegen Mitte Mrz nur noch ein halbes Dutzend Pence brig. Dabei hatte er an der tglichen Nahrung -- und er a nicht einmal alle Tage -- so viel wie mglich gespart, jedenfalls sich nie ordentlich satt gegessen. So war er abgemagert, sein Gesicht erbleicht und der Krper von der Anstrengung erschpft. Birk, dessen Fell sich ber den hervortretenden Seiten faltete, schien auch nicht in besserer Verfassung zu sein. Auf die in Drfern gewhnlich kargen Abflle hingewiesen, mute Findling vielleicht bald auch diese mit dem Thiere theilen. Dennoch schtzte ihn sein Charakter davor, ganz zu verzweifeln. Er bewahrte sich stets die Energie, wenigstens nicht zu betteln. Was sollte er aber beginnen, wenn sein letzter Penny fr das letzte Stck Brod dahingegangen war? Kurz, Findling besa nur noch sechs bis sieben Pence, als er mit Birk am 13. Mrz in Newmarket anlangte. Seit zweieinhalb Monaten hatten beide die Straen der Grafschaft durchstreift, ohne irgendwo eine dauerndere Ruhe zu finden. Newmarket, etwa zwanzig Meilen von Kerwan gelegen, ist weder gro noch volkreich. Es bildet einen jener Flecken, aus denen die irlndische Gleichgiltigkeit niemals eine Stadt schaffen wird und die eher rckwrts als vorwrts gehen. Vielleicht war es bedauerlich, da der Zufall Findling nicht in der Richtung nach Tralee zurckgefhrt hatte; das Meer bte ja von jeher auf den Knaben einen mchtigen Reiz aus -- das Meer, die unerschpfliche Nhrmutter aller, die den Muth haben, darauf und davon zu leben. Wenn es an Arbeit in Stadt und Land gebricht, feiert man doch niemals auf dem Ocean, den Tausende von Schiffen unausgesetzt durchkreuzen. Der Seemann hat weit weniger die Verarmung zu frchten als der Landbauer und der Arbeiter. Das bewies ja schon ein Vergleich der Verhltnisse Pats, des zweiten Sohnes Martin Mac Carthy's, mit denen der aus der Farm von Kerwan vertriebenen Familie. Und wenn Findling sich auch noch mehr von der Handelsthtigkeit als von der Seefahrerei angezogen fhlte, sagte er sich doch, da er schon das Alter habe, wo er als Schiffsjunge an Bord eines Seglers gehen knnte. Deshalb sagte er sich auch, da er ber Newmarket hinaus wandern und sich in der Richtung nach Cork zu der Kste zuwenden wollte. In Cork, einem Platze mit sehr lebhaftem Seeverkehr, gedachte er Unterkommen auf einem Schiffe zu suchen. Inzwischen mute er jedoch leben, mute die zur Fortsetzung seiner Reise nthigen wenigen Schillinge erwerben; doch fnf Wochen nach seinem Eintreffen in Newmarket befand er sich mit Birk noch immer dort. Wie erwhnt, frchtete er sich vor allem, als Landstreicher verhaftet und in irgend eine Wohlthtigkeitsanstalt gesteckt zu werden. Zum Glck war seine Kleidung noch in recht gutem Zustande, so da er kaum wie ein kleiner Armer aussah. Sein geringer Vorrath an Wsche gengte ihm; auch die Schuhe hatten die Strapazen des langen Weges ausgehalten. Wegen seiner uern Erscheinung brauchte er also nicht zu errthen, wenn er sich irgendwo zeigte, und der ffentlichen Armenpflege hoffte er auch nicht zur Last zu fallen. So erwarb er sich seinen Lebensunterhalt in Newmarket durch allerlei Kindern zugngliche Beschftigungen; er bernahm Botschaften fr den oder jenen, befrderte leichtere Packete und verkaufte schachtelweise Streichhlzchen, die er fr eine, eines Tags verdiente halbe Krone einkaufte und Dank seinem frhentwickelten Instinct fr den Handel mit leidlichem Nutzen absetzte. Seine ernsten Zge machten ihn interessant, und gern kauften ihm Spaziergnger von seiner Waare ab, wenn er mit heller Stimme rief: =Some light, sir... some light!= [2] Alles in allem hatten Birk und er in diesem kleinen Orte weniger zu leiden, als vorher beim Wandern durch die Grafschaft. Es schien sogar, als sollte Findling, der sich durch Intelligenz einige Hilfsquellen erffnet hatte, dauernd in Newmarket bleiben, als er in den letzten Tagen des April, am 29., pltzlich den Weg nach Cork einschlug. Natrlich begleitete Birk den Knaben, der genau gezhlt drei Schillinge und sechs Pence in der Tasche hatte. Wer ihn seit dem Vortage beobachtet htte, dem htte eine gewisse Vernderung in seinem Gesicht nicht entgehen knnen. Von seltsamer Angst erfat, blickte er scheu um sich, als frchte er, da jemand ihm auflauere. Sein Schritt war schnell, und es fehlte nicht viel, so wre er gelaufen, was ihn die Beine tragen konnten. Es schlug die neunte Morgenstunde, als er an den letzten Husern von Newmarket vorberkam. Die Sonne glnzte hell am Himmel. Mit dem Ende des April fngt auf dem Grnen Erin der Frhling an. Schon regte es sich da und dort auf den Feldern. Der Knabe war jedoch so von seinen Gedanken eingenommen, da weder der Pflug, der den Erdboden aufbrach, noch die Semnner, die die Krner in geschicktem Wurfe ausbreiteten, oder die auf den Weiden grasenden Thiere in ihm eine Erinnerung an Kerwan erweckten. Er ging immer gerade aus. Birk an seiner Seite warf ihm einen fragenden Blick zu, und diesmal war es nicht der Hund, der seinen Herrn fhrte. Sechs bis sieben Meilen zwischen Newmarket und Kanturk wurden in zwei Stunden zurckgelegt. Findling durchwanderte mehrere Ortschaften, ohne sich Zeit zum Ausruhen zu gnnen, da er unterwegs ein Stck Brod verzehrte, von dem der treue Birk die Hlfte abbekam, und als er stehen blieb, da schlug die Uhr auf dem Wartthurm von Trelingar-castle gerade die Mittagsstunde. III. In Trelingar-castle. Als das Thor neben dem Pavillon sich aufthat, wollte der Verwalter Scarlett eben den Ehrenhof verlassen, um sich entsprechend dem Befehle des Schloherrn nach Kanturk zu begeben. Die Hunde des Grafen Ashton, die Birk, der ihnen offenbar nicht gefiel, wittern mochten, fingen wthend an zu bellen. Da Findling frchtete, da sich hier eine Katzbalgerei entwickeln knnte, bei der Birk doch eine zu groe Uebermacht gegen sich gehabt htte, gab er diesem ein Zeichen, sich zu entfernen, und das gehorsame Thier verschwand hinter einem Busche, wo es nicht bemerkt werden konnte. Als Scarlett den auf das Thor zuschreitenden Knaben bemerkte, rief er ihn heran. Was willst Du hier? fragte er mit barscher Stimme. Wenn der Verwalter sich nmlich kriechend unterwrfig gegen alle Vornehmen zeigte, so verleugnete er doch gegen niedriger Stehende, und vorzglich gegen Kinder, niemals seine brutale Natur. Seine Aufgeblasenheit konnte unsern jungen Helden freilich nicht schrecken. Er hatte noch weit hrtere Anreden bei der Hard, von Thornpipe und in der Lumpenschule hinnehmen mssen. Wie es sich schickte, entblte er den Kopf, als er auf Scarlett zuging, den er brigens gleich nicht fr Seine Herrlichkeit den Lord Piborne, den Schloherrn von Trelingar, ansah. Wirst Du wohl sagen, was Du hier willst? herrschte ihn Scarlett noch einmal an. Bettelst Du um eine Gabe, dann mach' da Du fortkommst. Kleine Herumtreiber wie Du erhalten hier nichts, nicht einmal einen Copper! Das waren recht unntze Worte, vor denen Findling zu gar keiner Antwort kommen konnte, zumal er sich immer vor dem etwas unruhigen Pferde des Verwalters in Acht nehmen mute. Gleichzeitig tobten die Hunde knurrend und bellend im Hofe umher. Das machte einen Lrm, der jede Verstndigung erschwerte. Scarlett mute auch noch lauter sprechen, als er hinzufgte: Wenn Du jetzt nicht Deiner Wege gehst und ich Dich noch einmal in der Nhe des Schlosses erwische, dann fhr' ich Dich an den Ohren nach Kanturk, wo im Arbeitshause fr einen solchen Burschen schon noch Platz ist! Findling lie sich weder durch solche Drohungen, noch durch den Ton, in dem sie ausgestoen wurden, einschchtern. Als es aber einmal ruhiger war, antwortete er: Ich verlange kein Almosen und habe nie darum gebettelt! -- Und Du wrdest auch keines annehmen, he? erwiderte Scarlett ironisch. -- Nein... von niemand. -- Was willst Du denn sonst hier? -- Ich wnsche den Lord Piborne zu sprechen. -- Seine Herrlichkeit selbst? -- Ja, Seine Herrlichkeit persnlich. -- Und Du bildest Dir ein, da er Dich vorlassen wird?... -- Gewi, denn es handelt sich um eine fr den Lord Piborne sehr wichtige Sache. -- Eine sehr wichtige Sache?... -- Ja wohl, mein Herr. -- Und was betrfe denn diese? -- Das mchte ich dem Lord Piborne nur allein mittheilen. -- Dann hinaus!... Der Marquis ist nicht im Schlosse. -- O, so werde ich warten. -- Doch wenigstens nicht hier auf der Stelle. -- Gut, so komm' ich noch einmal wieder. Jeder andre als der hliche Scarlett wre von der auffallenden Zhigkeit, von den so bestimmten Antworten dieses Kindes betroffen gewesen. Jeder htte sich gesagt, da den Kleinen gewi ein ganz besondrer Grund nach dem Schlosse getrieben habe, und htte ihn aufmerksam angehrt. Der Verwalter kam dadurch jedoch nur noch mehr in die Wolle und knurrte: So ohne Umstnde spricht man nicht mit Seiner Herrlichkeit Lord Piborne. Ich bin der Intendant des Schlosses. Wer hier etwas will, hat sich an mich zu wenden, und Du weigerst Dich sogar zu sagen, was Dich herfhrte.... -- Das kann ich niemand als dem Lord Piborne sagen, und ich bitte Sie, mich ihm zu melden! -- Dich Galgenstrick? versetzte Scarlett, die Reitgerte schwingend, jetzt packe Dich zum Teufel oder die Hunde sollen Dir in die Beine fahren!... Nimm Dich in Acht! Die polternde Stimme des Verwalters reizte die Hunde zu neuem Geklff. Findling frchtete immer nur, da Birk aus dem Gebsch vorbrechen und ihm zu Hilfe kommen knnte, was der Sachlage eine noch blere Wendung gegeben htte. Auf das immer tollere Bellen der Hunde hin erschien jetzt Graf Ashton auf dem Hofe und kam auf das Gitterthor zu. Was giebt's denn hier? fragte er. -- O, einen Jungen, der betteln will.... -- Ich bin kein Bettler! wiederholte Findling. -- Aber ein frecher kleiner Landstreicher... -- Pack' Dich fort, Schlingel, oder ich stehe nicht mehr fr meine Hunde ein! rief der Graf Ashton. Die Thiere, die der junge Piborne jetzt noch zu bndigen versuchte, wurden in der That immer wthender und bedrohlicher. Da zeigte sich auf der Freitreppe vor dem Mittelportale des Schlosses der Lord Piborne selbst in all seiner Majestt, und als er sah, da Scarlett noch immer nicht nach Kanturk weggeritten war, stieg er gemessenen Schrittes die Stufen hinab, ging steif ber den Ehrenhof und erkundigte sich nach der Ursache der Verzgerung und des jetzigen Lrmens. Wollen Eure Herrlichkeit entschuldigen, stammelte der Verwalter, es ist der Bursche hier, ein Bettelbube.... -- Ich erklre Ihnen nun zum dritten Male, da ich kein Bettler bin, fiel ihm Findling ins Wort. -- Was will dieser Knabe also? fragte der Marquis. -- Er will nur mit Euer Herrlichkeit sprechen. Lord Piborne trat einen Schritt zurck, nahm eine mglichst vornehme Haltung an und richtete sich dabei in seiner ganzen Lnge auf. Was haben Sie mir zu sagen? fragte er. Er duzte ihn nicht, obwohl er noch ein Kind vor sich hatte. Als Ausflu hchster Vornehmthuerei redete der Marquis berhaupt niemand mit Du an, weder die Marquise, noch den Grafen Ashton -- wahrscheinlich vor fnfzig Jahren nicht einmal seine eigene Amme. Sprechen Sie! setzte er hinzu. -- Der Herr Marquis hatte sich gestern nach Newmarket begeben, nicht wahr?... -- Ja. -Gestern Nachmittag?... -- Ja wohl. Scarlett wute nicht, wie ihm geschah. Hier fragte der Gassenjunge, und Seine Herrlichkeit geruhte zu antworten! Herr Marquis, fuhr das Kind fort, haben Sie da nicht ein Portefeuille verloren? -- Ganz recht; und dieses Portefeuille... -- Hab' ich auf der Landstrae nach Newmarket gefunden und komme, es Ihnen abzuliefern. Damit hielt er dem Lord Piborne das Portefeuille hin, dessen Verschwinden so viele Unruhe verursacht, so vielfachen Verdacht erweckt und in Trelingar-castle so viele Unschuldige compromittiert hatte. Die Schuld daran lag also, mochte sich seine Eigenliebe dadurch auch schwer verletzt fhlen, an Seiner Herrlichkeit selbst, jede Anklage gegen die Dienerschaft wurde zwecklos und es erschien jetzt -- zu seinem lebhaften Bedauern -- unnthig, da der Verwalter von Kanturk polizeiliche Hilfe herholte. Lord Piborne ergriff das Portefeuille, das im Innern seinen Namen und seine Adresse trug, und berzeugte sich, da es die Schriftstcke und die Banknoten noch enthielt. Sie also haben dieses Portefeuille gefunden? fragte er Findling. -- Gewi, Herr Marquis. -- Und haben es natrlich geffnet? -- Das mut ich wohl, um zu erfahren, wem es gehrte. -- Sie haben darin eine Banknote gefunden... deren Werth war Ihnen aber wohl unbekannt? -- Das nicht; es war eine Banknote von hundert Pfund, erklrte Findling ohne Zgern. -- Hundert Pfund... das ist so viel wie?... -- Zweitausend Schillinge. -- Ah, das wissen Sie also, und trotzdem fiel es Ihnen nicht ein, sich das Geld anzueignen? -- Ich bin kein Dieb, Herr Marquis, erwiderte Findling stolz, so wenig wie ein Bettler! Lord Piborne hatte das Portefeuille wieder geschlossen, die Banknoten daraus aber in seine Tasche gesteckt. Der Knabe verneigte sich grend und that schon einige Schritte rckwrts, als Seine Herrlichkeit ihn -- doch ohne ein Zeichen, da die ehrliche Handlungsweise seine Anerkennung fand -- noch einmal ansprach. Welche Belohnung verlangen Sie fr die Wiederbeschaffung dieses Portefeuilles? -- Ah, was da... ein paar Schillinge... meinte Graf Ashton. -- Oder einige Pence, das ist fr den Jungen brig genug! beeilte sich Scarlett hinzuzufgen. Findling emprte es, da man hier mit ihm handelte, wo er doch gar nichts verlangt hatte, und er erklrte deshalb: Mir kommen dafr weder Pence noch Schillinge zu. Dabei wandte er sich nach der Landstrae. Warten Sie, rief Lord Piborne. Wie alt sind Sie? -- Bald zehnundeinhalb Jahre. -- Und Ihr Vater... Ihre Mutter?... -- Ich habe keinen Vater und keine Mutter. -- Ihre sonstigen Angehrigen? -- Ich habe auch keine solchen. -- Woher kommen Sie berhaupt? -- Von der Farm von Kerwan, wo ich vier Jahre gewesen bin und die ich vor vier Monaten verlassen mute. -- Weshalb denn? -- Weil der Farmer, der mich aufgenommen hatte, von den Gerichten vertrieben wurde. -- Kerwan... Kerwan... murmelte Lord Piborne. Ich glaube, das gehrt ja zu dem Grundbesitze von Rockingham? -- Eure Herrlichkeit tuschen sich nicht, sagte der Verwalter. -- Und was denken Sie nun zu beginnen? wendete sich der Marquis wieder an Findling. -- Nun, ich kehre nach Newmarket zurck, wo ich mir bis jetzt mein Brod verdiente. -- Wollen Sie hier im Schlosse bleiben, so knnen Sie wohl in einer oder der andern Weise Beschftigung finden. Das war gewi ein verlockendes Angebot. Vom Herzen war es dem hochmthigen, gefhllosen Lord Piborne aber keineswegs eingegeben, und von einem Lcheln oder einer Freundlichkeit war es auch nicht begleitet. Findling empfand das ganz gut, und statt schnell zu antworten, begann er erst zu berlegen. Was er bisher vom Schlosse Trelingar gesehen hatte, gab ihm zu denken. Er fhlte sich nicht angezogen von Seiner Herrlichkeit und von dessen Sohne Ashton, der recht spttische, widerwrtige Zge besa, und noch viel weniger von dem Verwalter Scarlett, dessen brutaler Empfang ihn emprt hatte. Dabei gedachte er auch noch Birks. Wenn man ihm Aufnahme bot, so wrde man Birk diese doch verweigern, und zu einer Trennung von seinem Genossen in guten und bsen Tagen knnte er sich doch niemals entschlieen. Immerhin mute der Knabe, dessen Lebensunterhalt bis heute doch keineswegs gesichert war, dieses Anerbieten als einen Wink der Vorsehung betrachten. Die Vernunft rieth ihm, darauf einzugehen, da er es vielleicht zu bereuen gehabt htte, wenn er nach Newmarket zurckkehrte. Nur der Hund bildete ein Hinderni, doch davon zu reden, wrde es ja eine Gelegenheit geben. Vielleicht nahm man ihn, und wre es nur als Wachthund, schlielich dennoch mit auf. Von einer Stellung im Schlosse mute er ja Vortheil haben, und bei der nthigen Sparsamkeit... Na... bist Du mit Dir im Reinen? brummte der Verwalter, der ihn lieber htte zum Teufel gehen sehen. -- Was werd ich verdienen? fragte Findling, den sein praktischer Sinn nie verlie, ohne alle Schchternheit. -- Zwei Pfund Sterling monatlich, erklrte Lord Piborne. Zwei Pfund im Monat!... Das erschien ihm ungeheuer viel, und in der That konnte ein Kind seines Alters so viel ja kaum erwarten. Ich danke Eurer Herrlichkeit, sagte er. Ich nehme das Anerbieten an und werde mich bemhen, Sie nach Krften zufriedenzustellen. Mit Zustimmung der Marquise noch desselben Tages unter die Schlobediensteten aufgenommen, sah sich Findling eine Woche spter schon zu der verantwortungsreichen Stellung eines Grooms des Erben der Piborne's erhoben. Den armen Birk hatte sein Herr whrend der sieben Tage noch nicht am Hofe -- natrlich des Schlosses -- vorgestellt, denn er frchtete fr ihn einen ungndigen Empfang. Der Graf Ashton besa nmlich drei Hunde, die er fast so sehr wie sich selbst liebte. In ihrer Gesellschaft zu leben, entsprach seinem Geschmacke und gengte seiner Intelligenz. Es waren Racethiere, deren Stammbaum -- wenigstens -- bis zur normnnischen Eroberung zurckreichte, drei schne, aber sehr bissige schottische Pointer (Wachtelhunde). Kam ein andrer Hund am Gitterthore vorbei, so mute er sich schnell davon machen, um nicht von den wthenden Thieren zerfleischt zu werden, die der Piqueur (Rdenmeister) zu solchen Grothaten aufzuhetzen liebte. Birk begngte sich auch, in der Nhe der Wirthschaftsgebude umherzustreifen und wartete ruhig, bis der neue Groom des Abends kam und ihm etwas Futter zusteckte, das der Findling sich an der eignen Nahrung absparte. Die Folge davon war, da beide magrer wurden. Ei was, es wrden ja auch wieder bessere Tage kommen, wo sie sich auf Vorrath msten konnten. Jetzt begann fr den Findling, dessen traurige Geschichte wir erzhlen, ein Leben, das sich von dem bisher gefhrten wesentlich unterschied. Ohne von den bei der Hard und in der =Ragged-School= verbrachten Jahren zu sprechen, zeigte seine Lage, nur im Vergleich zu der in der Farm von Kerwan, doch eine groe Vernderung. Bei der Familie Mac Carthy zhlte er zum Hause, unbelastet von dem Joch der Knechtschaft. Hier im Schlosse galt er fr nichts. Der Marquis betrachtete ihn als Almosenbecken, in das er monatlich zwei Pfund Sterling legte, die Marquise als ein kleines Vorzimmerhndchen, und der Graf sah ihn fr ein Spielzeug an, das man ihm, sogar ohne die Ermahnung, es nicht zu zerbrechen, geschenkt hatte. Scarlett endlich hatte sich gelobt, ihm durch fortwhrende Chicanen seine Abneigung fhlen zu lassen, und dazu fehlte es nicht an Gelegenheit. Selbst die Diener betrachteten das heimatlose Kind, das Lord Piborne in das Schlo Trelingar aufgenommen hatte, fr tief unter ihnen stehend. Leute von gutem Herkommen haben einmal ihre Einbildung, ihren Stolz einer lange eingenommenen Stellung, und es pat ihnen nicht, mit solchen Gestalten von der Landstrae her in einen Topf geworfen zu werden. Bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten lieen sie das Findling auch fhlen, wo es nur anging. Dieser lie darum keine Klage laut werden; er antwortete nicht und that gewissenhaft seine Pflicht, wenn er auch nach Ausfhrung der letzten Befehle seines Herren mit groer Erleichterung nach seinem besondern Kmmerchen hinaufging. Inmitten so vielen Uebelwollens fand er doch eine Frau, die sich seiner annahm. Es war das nur eine Wscherin, namens Kat, die, jetzt im Alter von fnfzig Jahren, von jeher auf der Piborne'schen Domne gelebt hatte und hier voraussichtlich ihr Leben beschlo, wenn sie der Verwalter Scarlett nicht fortjagte -- was er brigens schon versucht hatte, da sie ihm etwas verhat war. Ein Vetter des Marquis, Sir Edward Kinney, offenbar ein sehr geistreicher Herr, behauptete, da die Kat schon zur Zeit Wilhelms des Eroberers am Waschzuber gestanden habe. Die Frau lie sich jedoch durch nichts beirren. Sie besa ein vortreffliches Herz, und Findling schtzte sich glcklich, bei ihr Trost fr manches Ungemach zu finden. Oft plauderten beide, wenn der Graf Ashton einmal allein vom Hause weg war. Und wenn der Groom von dem Verwalter oder einem andern Diener angelassen worden war, dann ermahnte die Kat den Knaben: Nur Geduld, mein Sohn! Kmmere Dich nicht um ihre Redereien. Der beste unter ihnen ist nicht gar viel werth, ich wte wenigstens keinen, der das Portefeuille zurckgegeben htte! Vielleicht hatte die Wscherin damit Recht, denn die gewissenlosen Leute erklrten Findling wegen seiner Ehrlichkeit nur fr einen Einfaltspinsel. Der Groom war dem Grafen Ashton also gewissermaen als Spielzeug geschenkt worden, und wie ein launenhaftes, eigenwilliges Kind amsierte sich der junge Graf auch mit ihm. Meist ertheilte er ihm ganz sinnlose Befehle und widerrief diese dann ohne Grund. Zehnmal in der Stunde klingelte er ihn herbei, um das oder jenes in Ordnung oder in Unordnung zu bringen. Er hie ihn die groe oder die kleine Livre anlegen, mit hunderten von Knpfen, wie die Knospen an einem Rosenstock im Frhsommer. Ihn so zwanzig Schritte hinter sich her marschieren zu lassen, wobei die Hnde auf der Naht der Beinkleider liegen muten, und nicht nur in den Straen der Ortschaft, sondern auch in den Alleen des Parks, das war fr den eitlen Grafen das allergrte Vergngen. Findling unterwarf sich allen Launen, er gehorchte wie eine Maschine ihrem Fhrer. Man htte ihn nur sehen sollen, wie er mit fest gekreuzten Armen vor dem Pferde seines Herrn wartete, bis dieser in den Sattel stieg, oder wie er hinter dem in tollem Galopp hinsausenden Cabriolet sich an das zusammengeschlagene Wagenverdeck klammerte, wenn sein Herr damit ber Stock und Stein jagte, oder gelegentlich einen Menschen umri, wofr das Gefhrt des Grafen Ashton in Kanturk schon bekannt war. Abgesehen davon, da er sich allen Thor- und Tollheiten seines Herrn zu fgen hatte, war Findling nicht eigentlich unglcklich. Das ging voraussichtlich so lange, wie jenem das neue Spielzeug gefiel. Bei dem unberechenbaren jungen Gentleman war freilich jede Ueberraschung mglich. Kinder bekommen ihr Spielzeug schlielich zum Ueberdru und werfen es weg, wenn sie's nicht gar zerbrechen. Findling war freilich fest entschlossen, dergleichen von sich abzuwenden. Seine Stellung im Trelingar-castle betrachtete er nur als Nothnagel und lebte der Hoffnung, da sich ihm schon noch eine bessere bieten werde. Sein kindlicher Ehrgeiz strebte hher hinauf, als nach den Obliegenheiten eines Grooms. Die Verneinung seines eignen Ich gegenber diesem Erben der Piborne's, dem er sich berlegen fhlte, erniedrigte ihn. Ja... berlegen, obwohl der Graf Ashton noch immer Unterricht in Latein, Geschichte u. s. w. geno und seine Lehrer sich redlich bemhten, ihm wenigstens einige Kenntnisse einzutrichtern. Sein Latein blieb aber doch Hundelatein (die englische Bezeichnung fr unser Kchenlatein) und seine Geschichtskunde beschrnkte sich auf das, was er im goldenen Buche der Pferdegeschlechter gelesen hatte. Kannte Findling nun auch diese schnen Dinge nicht, so verstand er es doch mit zehn Jahren, zu denken, zu berlegen. Er schtzte jenen Sohn der Familie nach seinem richtigen Werthe und errthete manchmal ber die Dienste, die er ihm leisten mute. Wie bedauernd erinnerte er sich dann der strkenden, heilsamen Beschftigung auf der Farm, seines Lebens inmitten der Mac Carthy's, von denen er noch immer keine Kunde erhalten hatte. Die Wscherin im Schlosse war und blieb das einzige Wesen, dem er sich anschlieen konnte. Uebrigens bot sich bald Gelegenheit, die Freundschaft der guten Frau zu erproben. Hier sei noch angefhrt, da der Proce mit dem Kirchspiele von Kanturk zu Gunsten der Familie Piborne ausgefallen war, doch nur, weil diese die von Findling abgelieferten Documente dabei in die Wagschale zu werfen vermochte. Was der Knabe gethan, war jetzt freilich vergessen, warum also htte ihm dafr ein besondrer Dank gebhrt? Mai, Juni und Juli waren vorber. Birk hatte, so gut es anging, sein Futter erhalten. Das Thier schien zu verstehen, da es sich vorsichtig verhalten mute, um in der Umgebung des Schloparks unentdeckt zu bleiben. Findling hatte schon dreimal seine zwei Pfund Sterling eingeheimst, die in seiner Agende auf der Einnahmeseite gebucht standen, whrend die Ausgabenseite noch leer geblieben war. Im Laufe dieser drei Monate hatten Lord und Lady Piborne nichts anderes zu thun, als Besuche zu empfangen und zu erwidern, und allerlei Hflichkeiten mit den Schlobesitzern der Nachbarschaft auszutauschen. Hierbei drehte sich die Unterhaltung natrlich meist um die Lage der irischen Landlords. Da fielen recht grimmige Worte ber die Ansprche der Pchter und der Landliga, ber den dreiundsiebzigjhrigen Gladstone und ber Parnell, den man an den hchsten Galgen wnschte. So verlief ein Theil des Sommers. Dann pflegten Lord und Lady Piborne nebst ihrem Sohne gewhnlich eine mehrwchige Reise, meist nach den schottischen Besitzthmern der Marquise, zu unternehmen. Dieses Jahr sollte sich der Ausflug nach einer andern Seite lenken, die von der groen Welt bevorzugt und von den Trelingarer Herrschaften noch nicht besucht worden war. Es handelte sich nmlich um die herrliche Gegend der Seen von Killarney, wohin am 3. August aufgebrochen werden sollte. Findlings Hoffnung, infolge dessen eine Zeit lang dienstfrei zu werden, ging nicht in Erfllung. Da Lady Piborne ihre Kammerfrau Marion und der Marquis seinen Leibdiener John mitnahm, mute der Graf Ashton doch auch seinen Groom bei sich haben. Dieser kam dadurch in nicht geringe Verlegenheit wegen Birks, da er nicht wute, wer inzwischen fr den Hund sorgen sollte. Findling beschlo deshalb, Kat ins Vertrauen zu ziehen, die es gern bernahm, den Liebling des Knaben zu pflegen, ohne da jemand davon etwas erfhre. Beruhige Dich, mein Sohn, erklrte die gute Frau. Ich liebe Deinen Hund schon ebenso wie Dich, und er wird in Deiner Abwesenheit keine Noth leiden! Findling umarmte die freundliche Kat fr diese Zusage, und nachdem er sie am Abend vor der Abreise noch mit Birk bekannt gemacht hatte, nahm er von dem treuen Thiere Abschied. IV. Die Seen von Killarney. Die Abfahrt erfolgte, wie hchsten Orts bestimmt war, am Morgen des 3. August. Kammerdiener und Kammerfrau der Herrschaft bestiegen den Omnibus des Schlosses, der das Reisegepck nach dem drei Meilen entfernten Bahnhof befrderte. Findling begleitete sie, um speciell die Effecten seines jungen Herrn zu berwachen. Marion und John lieen auch das Kind von niemand sich dabei helfen, so gut es anging. Der Groom machte seine Sache ganz vortrefflich, und das Gepck des Grafen Ashton wurde unter seiner Aufsicht sorgsamst fr den erwarteten Bahnzug zurechtgestellt. Gegen Mittag traf -- von der Strae lngs des Flusses Allo -- die Equipage vom Schlosse ein, der nun Lord und Lady Piborne entstiegen. Da mehrere Personen aus der Vorhalle des Bahnhofs traten, um die hohen Reisenden -- natrlich aus respectvoller Entfernung -- zu sehen, konnte der Graf Ashton die Gelegenheit nicht vorbergehen lassen, mit seinem Groom eine Vorstellung zu geben. Er rief ihn nur =Boy= (Junge), wie er dies gewhnt war, und als dieser an den Wagen herantrat, bekam er einen ganzen Packen Reisedecken an die Brust geworfen, so da er von dem Stoe fast hinfiel, was die Umstehenden weidlich zu belustigen schien. Der Marquis und die Marquise begaben sich nach dem fr sie reservierten Coup eines Waggons erster Classe. John und Marion richteten sich in zweiter Wagenclasse ein, forderten aber den Groom nicht auf, bei ihnen Platz zu nehmen. Dieser mute vielmehr ein andres leerstehendes Coup besteigen, was er gerade fr den Anfang der Reise nicht im mindesten bedauerte. Der Zug setzte sich sofort in Bewegung. Es sah aus, als habe er nur auf die hochvornehme Schloherrschaft von Trelingar gewartet. Schon einmal war Findling, damals in den Armen der Mi Anna Walston, mit der Eisenbahn gefahren, doch dessen entsann er sich kaum, da er ja meist geschlafen hatte. Die aneinander gekuppelten, schnell dahinrollenden Wagen waren ihm ja bei Galway und bei Limerick bekannt geworden. Heute sollte nun sein heier Wunsch in Erfllung gehen, selbst von einer Locomotive, diesem keuchenden, dampfenden Rosse aus Stahl und Kupfer, durchs Land gezogen zu werden. Findling blickte durch das Fenster hinaus, dessen Scheibe herabgelassen war. Obwohl der Zug sich nur mit miger Schnelligkeit bewegte, erschien diese ihm doch ganz auerordentlich, wenn er Huser und Bume scheinbar nach rckwrts eilend vorberfliegen sah, wenn die Telegraphenstangen an ihm vorbeihuschten, auf deren Drhten die Depeschen noch ungleich schneller dahinblitzten, oder wenn ein andrer Zug an ihm vorbersauste, den er nur als eine verschwommene, polternde Masse erkannte. Das waren fr seine Vorstellung ebenso viele neue Eindrcke, die sich unauslschlich in ihm festsetzten. Einige Meilen weit folgte der Zug durch schne Gegenden dem linken Ufer des Blackwaterflusses. Gegen zwei Uhr machte er, nach kurzem Verweilen an mehreren Zwischenstationen, im Bahnhofe von Millstreet fr fnfundzwanzig Minuten Halt. Die vornehme Familie blieb im Waggon, nach dem Marion zur Bedienung ihrer Herrin gerufen wurde; auch John hielt sich vor der Coupthr zu Befehl seines Herrn. Der Knabe erhielt von dem Grafen Ashton Auftrag, ihm eine unterhaltende Lectre fr zwei bis drei Stunden zu besorgen. Er begab sich also zu dem Perronbuchhndler, wo er, durch die groen Vorrthe von Bchern und Zeitschriften in Verlegenheit gebracht, schlielich eine Wahl mehr nach eignem Geschmack, als nach dem des jungen Piborne traf. Dieser empfing ihn auch hchst ungndig, als er ihm den Touristenfhrer nach den Seen von Killarney einhndigte. Als ob es dem Erben von Trelingar-castle einfallen knnte, ein Reisehandbuch zu studieren! Als ob diesem die Gegend, die er besuchte, berhaupt etwas anginge! Er begab sich dahin, weil man ihn dahin fhrte. So mute der Groom noch ein Witzblatt mit Carricaturen und fadem Texte herbeischaffen, das dem Geschmack des jungen Grafen mehr zusagte. Die Abfahrt von Millstreet erfolgte um zweieinhalb Uhr. Findling hatte sich wieder ans offne Fenster gesetzt. Der Zug rollte jetzt durch eine abwechslungsreiche, bergige Gegend hin. Das Wetter war schn, die Sonne nicht zu dicht verhllt. Lord Piborne konnte sich beglckwnschen, fr diesen Ausflug eine mehr trockene Periode getroffen zu haben, wo der Sonnenschirm der Marquise mehr Dienste leistete, als ihr Waterproof. Immerhin enthielt die Atmosphre jene leichten Dnste, die den Berggipfeln, deren scharfe Linien sie abstumpfen, erhhten Reiz verleihen. Findling konnte im Sden von der Bahnlinie die hohen Pics dieses Theiles der Grafschaft, den Caherbarnagh und den Pa, erkennen, die bis zweitausend Fu aufsteigen. Gerade in der Umgebung von Killarney treten die geologischen Umwlzungen in Irland am mchtigsten zu Tage. Der Zug berschritt bald die Grenze zwischen den Grafschaften Cork und Kerry. Mit dem von seinem Herren verachteten Reisefhrer in der Hand, verfolgte Findling voller Interesse die Gelnde neben der Bahnlinie. Hier erweckte schon der Name Kerry seine lebhaftesten Erinnerungen. Zwanzig Meilen weiter nrdlich waren ihm die schnsten Jahre der Kindheit verflossen, dort in der jetzt leer stehenden Farm von Kerwan, woraus der mitleidlose Middleman die Familie Mac Carthy vertrieben hatte. Da wandte er die Augen von der Landschaft ab. Er blickte tief in sein Inneres, und der schmerzliche Eindruck davon hielt noch an, als der Zug im Bahnhofe von Killarney eintraf. Fr diesen kleinen Ort ist es ein von manchen Stdten Europas empfundener Vorzug, am Ufer eines schnen Binnensees zu liegen, und Killarney verdankt sein glckliches Gedeihen ohne Zweifel der Kette von Wasserflchen, die sich von seinem Fue aus hinzieht. Wegen seines Palastes, worin der katholische Bischof der Grafschaft residiert, wegen seiner Kathedrale oder wegen der hier befindlichen Irrenanstalt, auch wegen seines Franciscanerklosters oder seines Armenhauses strmen die Touristen in der schnen Jahreszeit hier wahrlich nicht zusammen. Nur seinen Seen verdankt es das Stdtchen, der Sammelpunkt vieler Lustreisenden zu sein. Verlre es seine herrliche Umgebung, so htte Killarney sozusagen ausgelebt, was sehr zu bedauern wre, vorzglich fr die Familie der Kenmare's, da dieses Stdtchen einen Theil ihres neunzigtausend Hektar groen Besitzthums bildet. An Htels hier und an dem eine Viertelstunde entfernten Ufer des Lough-Leane fehlt es nicht. Lord Piborne hatte eines der bestempfohlenen ausgewhlt; unglcklicher Weise war aber dieses Htel gerade jetzt boycottiert. Dieses neue irlndische Wort stammt von dem Namen eines Capitns Boycott her, der zur Einbringung seiner Ernte polizeiliche Hilfe herbeigerufen hatte, da die Arbeiter sich weigerten, auf seinen Feldern thtig zu sein. Das betreffende Htel stand also in Acht und Bann, weil sein Besitzer die gerichtliche Austreibung einiger seiner Pchter veranlat hatte. Jetzt gab es hier deshalb weder Kellner noch Kche, und kein Lieferant htte gewagt, etwas dahin zu verkaufen. Der Marquis und die Marquise Piborne muten sich wohl oder bel nach einem andern Htel begeben und ihre Abfahrt nach den Seen auf den nchsten Tag verschieben. Nach Besorgung des Reisegepcks seines Herrn erhielt der Groom Befehl, sich den ganzen Abend zu dessen Verfgung zu halten. So konnte dieser also das Vorzimmer nicht verlassen, whrend der junge Piborne inmitten der im Salon lesenden, plaudernden und spielenden Touristen den groen Herrn spielte. Am folgenden Tage wartete ein Wagen vor dem Thore des Htels. Es war das ein groer, bequemer Landauer, zum Niederschlagen des ganzen Verdecks eingerichtet und hinten mit einem schwebenden Sitze fr John und Marion. Der Groom hatte auf dem Bocke neben dem Kutscher Platz zu nehmen. In den Koffern fhrte man auer Kleidungsstcken und Wsche auch einen tchtigen Vorrath an Speisen und Getrnken mit, um gegen alle Zwischenflle, wie Verzgerungen der Fahrt und Unzulnglichkeit der Gasthfe, gerstet zu sein, denn die regelmigen Mahlzeiten der vornehmen Familie durften auf keinen Fall in Frage gestellt sein. Ihre Herrlichkeiten verzichteten inde beim Aufbruch aus Killarney auf die Bentzung des Wagens. Mit dem praktischen Verstande, dessen sich Lord Piborne -- sogar in den Sitzungen des Oberhauses -- zu rhmen pflegte, hatte er die Vergngungsreise in zwei Abtheilungen zerlegt. Der erste Theil umfate den Besuch der Seen selbst, der zu Wasser abgemacht werden, und der zweite den der Grafschaft bis zur Kste, der zu Lande erfolgen sollte. Der Landauer hatte die vornehmen Touristen also erst whrend des letzten Theils der Reise aufzunehmen. Trotzdem fuhr er an diesem Morgen ab, um jene bei Brandons-cottage, am Ende der Seen von Killarney, deren Ostufer er umfuhr, zu erwarten. Da der Lord Piborne in seiner Weisheit die Fahrt ber die Seen auf drei Tage bemessen hatte, durften Kammerdiener, Zofe und Groom ihrer Herrschaft natrlich so lange Zeit nicht fern bleiben. Der Findling wenigstens freute sich auch herzlich, ber diese glnzenden Wasserspiegel fahren zu sollen. Das Meer war das freilich nicht, das unendliche Meer, das sich von einem Continente zum andern ausspannt... nur einige beschrnkte Seen, die keine Handelsstrae bilden und nur von Touristenbooten durchschnitten werden. Doch auch das gengte schon unserm Findling. Gestern hatte er zum zweitenmale in einem Bahnzuge gesessen, heute sollte er zum ersten Male in einem Boote fahren. Whrend John, Marion und der Groom sich zu Fu nach dem eine Meile entfernten Nordende der Seenreihe begaben, fhrte den Marquis, die Marquise und deren Sohn eine leichte Kalesche nach derselben Stelle. An der Ecke eines Platzes erblickte Findling im Vorbergehen auch die Kathedrale, zu deren Besuch er keine Zeit gefunden hatte. Auf den Straen waren nur wenige Leute, und unter diesen mehr Spaziergnger als Geschftsleute. In Killarney beschrnkt sich der regere Verkehr auf die wenigen Monate, whrend der aus dem Vereinigten Knigreiche jhrlich gegen zehn- bis zwlftausend Touristen hier eintreffen. Dann scheint die eingeborne Bevlkerung nur noch aus Kutschern und Bootsleuten zu bestehen, die sich um die Kundschaft streiten, welche ihre Dienste gehrig bezahlen mu. Am Landeplatz erwartete ihre Herrlichkeiten ein Boot mit fnf Mann, vieren fr die Ruder und einem fr das Steuer. Polstersitze und ein abnehmbares Zeltdach gegen den Sonnenbrand oder gegen anhaltenden Regen sicherten den Fahrgsten die nthige Behaglichkeit. Lord und Lady Piborne nahmen auf den weichen Bnken Platz, der Graf Ashton neben ihnen, die Diener und der Groom setzten sich im Vordertheile des Fahrzeugs nieder. Nun wurde das Tau losgeworfen, die Ruder tauchten gleichmig ins Wasser und das Boot entfernte sich vom Ufer. Die Seen von Killarney bedecken eine Flche von einundzwanzig Quadratkilometern. Es sind ihrer drei: der Obere See, der aus der Umgebung die Flsse Grenshorn und Doogary aufnimmt; der Muckro- oder Toresee, in den sich nach einem Verlaufe lngs des schmalen Lough-Range-Canals die Gewsser des Owengariffe ergieen, und der Untere See, der Lough-Leane, der durch die Lawne und einige kleinere Wasseradern am Meeresufer in die Bai von Dingle ausmndet. Die Strmung in den Seen verluft von Sden nach Norden, so da der Untere See also der nrdlichste ist. Das Gesammtbild der drei Wasserbecken hnelt etwa einem gewaltigen Schwimmvogel, einem Pelikan oder dergleichen, dessen Fe der Lough-Range, dessen Beine der Obere See und dessen Rumpf der Muckro und der Lough-Leane darstellten. Da die Einschiffung am Nordufer des Lough-Leane stattgefunden hatte, ging die Fahrt stromaufwrts, erst durch den unteren, dann durch den Muckro-See und hierauf mittelst des Lough-Range-Canals nach dem Oberen See. Nach dem Programm des Lord Piborne sollte jedem Seebecken ein Tag gewidmet werden. Im Sden und Westen dieser Gegend erheben sich die hchsten Bergzge des Grnen Erin bis zu der prchtigen, in die Kste der Grafschaft Cork eingeschnittenen Bai von Bantry. Hier befindet sich auch der kleine Fischerhafen, in dem Hoche mit seinen vierzehntausend Mann ans Land stieg, als die Republik Frankreich diese 1796 ihren irischen Brdern zu Hilfe geschickt hatte. Lough-Leane, der grte der drei Seen, mit fnf Meilen in der Lnge und drei Meilen in der grten Breite. Sein von der Bergkette des Carn-Tual beherrschtes Ostufer ist mit dunkelgrnen Waldmassen eingerahmt, die zum grten Theil zur Domne von Muckro gehren. Er enthlt zahlreiche Inseln, wie Brown, Lamb, Heron, Mouse u. a., unter denen die Insel Ro die grte und Innishallen die schnste ist. Nach letzterer steuerte das Boot zuerst bei herrlichem Wetter und in diesen Gegenden recht seltenem klaren Sonnenscheine. Eine leichte Brise kruselte die Oberflche des Wassers. Findling berauschte sich an dem erquickenden Lufthauche, whrend er die reizenden Bilder, die an ihm vorberzogen, bewunderte. Er htete sich aber, seinen Empfindungen lauten Ausdruck zu geben, denn man htte ihm doch Stillschweigen geboten. Lord und Lady Piborne wren gewi auch gar zu verwundert gewesen, da ein Wesen ohne Geburt und Erziehung fr diese Naturschnheiten, die doch nur fr das Vergngen aristokratischer Augen geschaffen waren, htte empfnglich sein knnen. Uebrigens unternahmen Ihre Herrlichkeiten diesen Ausflug, wie wir wissen, ja nur, weil es fr Leute ihres Ranges zum guten Ton gehrte, ihn ausgefhrt zu haben, whrend in ihrem Gedchtni wahrscheinlich kein dauernder Eindruck davon zurckblieb. Dem Grafen Ashton war die ganze Sache vllig gleichgiltig. Er hatte einige Angelschnuren mitgenommen und wollte Fische fangen, whrend seine erhabenen Eltern pflichtgem die Landsitze und Ruinen der Umgebung aufsuchen wrden. Das schmerzte vorzglich Findling. Als Innishallen erreicht war, stiegen der Marquis und die Marquise aus, auf den an ihren Sohn gerichteten Vorschlag aber, sie zu begleiten, antwortete der liebenswrdige junge Mann nur: Ich danke; ich will whrend Ihres Spaziergangs lieber angeln! -- Und doch, erwiderte Lord Piborne, befinden sich hier die Reste einer berhmten Abtei, und mein Freund, Lord Kenmare, dem diese Insel gehrt, wrde es mir wohl bel deuten... -- Wenn es der Graf aber vorzieht... warf die Marquise nachlssig ein. -- Gewi ziehe ich es vor, erklrte der Graf Ashton, und mein Groom wird mir die Angelhaken mit Kder versorgen. Der Marquis und die Marquise brachen also, mit John und Marion als Gefolge, auf, und so kam es, da Findling, der ja den Launen des jungen Piborne nachgeben mute, zu seinem groen Leidwesen nichts von den archologischen Merkwrdigkeiten von Innishallen kennen lernte. Der Marquis und die Marquise brachten davon brigens auch keine dauernde Erinnerung mit heim. Wie konnten auf ihren indifferenten, blasierten Geist die Schnheiten dieses Klosters Eindruck machen, dessen Grndung bis ins 6. Jahrhundert zurckreicht, die Anordnung der vier dasselbe bildenden Gebude, die romanische Kapelle mit ihren herrlichen Steinarbeiten am Bogengewlbe, das Ganze verloren in ppigem Grn, inmitten dichter Gruppen von Stechginster, Taxusbumen, Eschen und Erdbeerbumen, deren vorzglichste Arten dieser Insel -- der Insel der Heiligen, wie Frulein de Bouret so treffend das Juwel von Killarney genannt hat -- anzugehren scheinen? Hatte der Graf Ashton es auch abgeschlagen, Ihre Herrlichkeiten whrend der Stunde, die sie der Besichtigung von Innishallen widmeten, zu begleiten, so darf man nicht glauben, da er deshalb seine Zeit verloren htte. Freilich war ihm eine schne Forelle durch eigne Schuld wiederholt entschlpft, und sein Mivergngen darber machte sich in ebenso unverdienten, wie malosen Vorwrfen gegen seinen Groom Luft. Einige Aale, die an seinem Haken zappelten, galten ihm in der That mehr als jene erbrmlichen Ruinen, um die er sich keinen Pfifferling kmmerte. Das erschien ihm als eine so wrdige Ausfllung seiner Mue, da er nicht einmal die Insel Ro mit durchstreifen wollte, wo das Boot eine Stunde spter anlegte. Auch hier vertndelte er die Zeit mit der Angelschnur, und Findling mute bei ihm bleiben, whrend Lord und Lady Piborne mit majesttischer Gleichgiltigkeit im Schatten der Wlder des Lord Kenmare lustwandelten. Die vierundzwanzig Hektar groe Insel gehrt nmlich zu dem Besitzthum des Genannten, der sie am Ostufer des Sees durch eine gute Strae mit seinem Schlosse, einer alten Feudalveste aus dem 14. Jahrhundert, in bequeme Verbindung gesetzt hat. Dem Marquis und der Marquise fiel es allerdings auf, da sowohl die Insel Ro als auch der Schlopark jedermann offen stehen, dem es beliebt, das grne, mit Minzen und Goldwurz zwischen Gruppen herrlicher Azaleen und Rhododendrons geschmckte Gelnde zu durchstreifen. Nach zweistndigem, durch wiederholte Ruhepausen unterbrochenem Besuche kehrten Ihre Herrlichkeiten wieder nach dem kleinen Bootshafen zurck. Der Graf Ashton war gerade dabei, seinen Groom tchtig abzukanzeln, und der Marquis nebst der Marquise fand das ganz in Ordnung, ohne zu wissen, was dazu Veranlassung gegeben htte. Das war aber nichts andres, als da die Fische sich gehtet hatten, an die Angelhaken des jungen Edelmannes anzubeien, worber dieser unwillig wurde und es auch bis zum Abend blieb. Die Gesellschaft bestieg wieder das Boot. Jetzt steuerte dieses mehr nach der Mitte des Sees, um dann am Westufer noch die murmelnde Cascade von O'Sullivan zu besuchen, ehe man in die Mndung des Lough-Range einfuhr. Nahe derselben liegt die Dinish-Cottage, wo Lord Piborne zu bernachten beabsichtigte. Mit trauerndem Herzen ber die erlittene Ungerechtigkeit hatte Findling seinen Platz im Vordertheile wieder eingenommen. Bald aber verga er seinen Kummer und lie seine Phantasie unter das schlummernde Wasser schweifen. Im Reisefhrer hatte er eine wunderbare Sage ber die Seen von Killarney gelesen. Hier lag danach vor Zeiten ein glckliches Thal, das durch ein Schutzwehr gegen Ueberfluthung aus der Umgebung abgeschlossen wurde. Eines Tags hatte das mit dessen Bedienung betraute junge Mdchen aus Unbedachtsamkeit die Schtzen dieses Wehres gezogen und sofort strzte das Wasser in gurgelndem Strome hindurch. Drfer und Menschen sammt ihrem Vorsteher, dem Thanist, gingen dabei zu Grunde. Seitdem sollen jene unten im See fortleben, von woher ein scharfes Ohr sie unter den Fluthen des Lough-Leane ihre Festtage im Reiche der Aale und Forellen feiern hren kann. Es war um vier Uhr, als Ihre Herrlichkeiten bei der Dinish-Cottage, nahe der Mndung des Lough-Range und am rechten Ufer der sogenannten Bai von Glenoo, ans Land gingen. Hier fanden sie ziemlich bequeme Unterkunft. Als Findling jedoch um neun Uhr entlassen wurde, erhielt er die bestimmte Anweisung, auf sein Zimmer zu gehen, so da er also auch jetzt nicht einige Stunden der Freiheit genieen konnte. Der nchste Tag galt dem Besuche des Muckrosees. Dieser zweieinhalb Meilen lange und kaum halb so breite See von regelmiger Gestalt bildet eigentlich nur einen groen Teich inmitten eines von den Eigenthmern nicht mehr bewohnten Besitzthums, dessen prchtiger Wald dadurch, da er in den Naturzustand zurckverfiel, mehr gewonnen als verloren hat. Diesmal lie sich der Graf Ashton herbei, seine hohen Eltern zu begleiten. Auch der Groom, der Flinte und Jagdtasche trug, mute sich anschlieen. Frher hausten hier im Walde zahlreiche Wildschweine. Jetzt trifft man statt derselben noch auf rothes Damwild, das im Vereinigten Knigreich sonst dem Aussterben nahe zu sein scheint. Der Graf Ashton htte gewi eine cygenetische Heldenthat vollbracht, wenn ihm eines der sehr scheuen Thiere vors Rohr gekommen wre. Daraus wurde aber nichts, obwohl zwei der Ruderer als Treiber und Findling als -- Jagdhund dienten. Dieser bekam auch den malerischen Wasserfall von Tore nicht zu sehen, ebenso wie eine alte Franciscanerabtei mit Kirche und Kloster aus dem 13. Jahrhundert, von deren Aufsuchung den vornehmen Reisenden besser abgerathen worden wre. In diesem Kloster befindet sich noch ein ungeheurer Eibenbaum, dessen Stamm fnfzehn Fu Umfang hat. Einem pltzlichen Einfalle nachgebend, vielleicht um ein Andenken an ihren Besuch der Abtei von Muckro mitzunehmen, wollte die Marquise ein Blatt von dem uralten Baume abreien. Schon hatte sie die Hand danach ausgestreckt, als ein Anruf des Fhrers sie aufhielt. Hten sich Ihre Herrlichkeit... -- Sich hten?... Warum? fragte Lord Piborne. -- Gewi, Mylord! Htte die Frau Marquise ein solches Blatt abgepflckt... -- Nun, ist das etwa vom Besitzer von Muckro verboten? unterbrach ihn der Lord hochfahrenden Tones. -- Das nicht, Herr Marquis, antwortete der Fhrer, doch wer hier ein Blatt abpflckt, stirbt noch in demselben Jahre... -- Auch eine Marquise? -- Gewi, auch eine Marquise! Lady Piborne wurde hierdurch so betroffen, da sie sich fast unwohl fhlte. Noch einen Augenblick und sie htte das Blatt abgerissen gehabt. An jene alten Sagen glaubt man auf der Smaragdnen Insel wie ans Evangelium, und berhaupt zeichnet sich Paddy in der Stadt und auf dem Lande durch einen fast lcherlichen Aberglauben aus. Lady Piborne kam, eingedenk der Gefahr, die ihr so nahe gedroht hatte, ganz verstrt nach Dinish-Cottage zurck. Lord Piborne mute, obwohl es erst um zwei Uhr war, aus Rcksicht auf sie den Besuch des Oberen Sees bis zum nchsten Tage verschieben. Der junge Ashton war hchst verstimmt darber, ohne Jagdbeute zurckgekehrt zu sein. War er von der Anstrengung erschpft, wie viel mehr mute es sein kleiner Groom sein, dem er keine Minute Rast gegnnt hatte. Findlings Stolz verbot es ihm aber, eine Klage laut werden zu lassen. Am nchsten Tage nahmen Ihre Herrlichkeiten gleich nach dem Frhstck wieder im Boote Platz. Die Ruderer muten fest anziehen, wie Pat Mac Carthy gesagt haben wrde, um gegen die Strmung im Lough-Range aufzukommen. Die Enge der Mndung erzeugt hier heftige Wirbel und die Passagiere wurden davon tchtig geschttelt. War das auch ein Vergngen fr unsern jungen Helden, so theilten es Lord und Lady Piborne doch keineswegs. Der Marquis wollte im Hinblick auf die Angst seiner Gemahlin schon wieder umkehren lassen, und auch der Graf Ashton befand sich in ganz traurigem Zustande. Einige Ruderschlge gengten jedoch, das Boot durch die schlimmsten Stellen zu treiben, und danach schwamm es wieder in verhltnimig ruhigem Wasser zwischen den mit Seelilien geschmckten Ufern. Anderthalb Meilen von hier erhob sich ein achtzehnhundert Fu hoher Berg, Eagle's-Nest genannt von den Adlern, die ihn zahlreich umschwrmen. Die Ruderer machten ihre vornehmen Gste aufmerksam, da dieser Berg, wenn sie geruhen wollten, ihn anzurufen, ihnen antworten wrde. Alle Touristen bewundern das in der That berraschende Echo. Der Marquis und die Marquise erachteten es aber jedenfalls unter ihrer Wrde, dieses Echo, das ihnen nicht vorgestellt war, zu wecken. Der Graf Ashton dagegen konnte die Gelegenheit nicht vorberlassen, einige recht lppische Worte laut auszurufen, zuletzt auch die Frage, wer er sei. Ein Einfaltspinsel! antwortete Eagle's-Nest durch den Mund eines Spaziergngers, der hinter dichtem Wachholdergebsch auf halber Bergeshhe verborgen war. Wie von der Tarantel gestochen, erklrten Ihre Herrlichkeiten, da dieses unverschmte Echo bestraft worden wre, wenn jetzt die Schloherren die hhere und niedere Gerichtsbarkeit noch selbst ausgebt htten. Die Ruderer trieben das Boot mglichst schnell von der Stelle, und gegen vier Uhr wurde der Obere See erreicht. Dessen Aussehen gleicht im allgemeinen dem des Muckrosees, doch zeigt er eine unregelmigere Gestalt, was ihm erhhten Reiz verleiht. Im Sden erheben sich die steilen Abhnge der Cromaglans, im Norden die Grate des Tomie und des Purpurberges, der mit lebhaft rothem Strauchwerk bedeckt ist. Das sdliche Ufer trgt einen dichten Kranz der herrlichen Baumarten, die das Thal von Killarney beschatten. So bezaubernd der Anblick dieses Sees auch war, schenkten Ihre Herrlichkeiten ihm doch nur eine sehr geringe Beachtung, und auer Findling hatte wohl niemand einen besondern Genu von diesem Ausfluge. Lord Piborne lie wenigstens sofort nach der Mndung des Geanhmeen zu steuern, um nach Brandons-Cottage zu gelangen, wo vor dem Besuche des Ufergelndes ordentlich Rast gehalten werden sollte. Nach so ungewohnten Anstrengungen bedurften Ihre Herrlichkeiten natrlich der Ruhe. Fr sie war diese Spazierfahrt auf den Seen gleich einer Reise ber das Weltmeer gewesen. Die beiden Diener muten mit dem Groom im Htel bleiben, und wenn letzterer nicht zwanzig sich widersprechende Befehle erhielt, kam das nur daher, da der Graf Ashton beim neunzehnten fest eingeschlafen war. Am nchsten Tage mute frhzeitig aufgestanden werden, denn es galt jetzt, eine ziemlich lange Wegstrecke zurckzulegen. Die Marquise lie sich sehr bitten. Marion fand sie ziemlich bla und angegriffen, so da man unschlssig wurde, ob man die Fahrt fortsetzen oder unmittelbar nach Trelingar-castle zurckkehren sollte. Lady Piborne stimmte fr das letztere; Lord Piborne aber erinnerte daran, da ihre intimsten Freunde, der Herzog von Francastar und die Herzogin von Wersgalber, ihren Ausflug bis nach Valentia ausgedehnt htten, und daraufhin wurde beschlossen, es diesen nachzuthun -- zur groen Freude Findlings, der vor allem frchtete, nach dem Schlosse heimkehren zu mssen, ohne das Meer gesehen zu haben. Um neun Uhr des Morgens stand der Landauer bereit. Der Marquis und die Marquise nahmen den hinteren Sitz, der Graf Ashton den vorderen ein. John und Marion saen nebeneinander hinter dem Wagen und der Groom auf dem Bocke neben dem Kutscher. Der Landauer, der ja im Nothfalle leicht zu schlieen war, blieb vorlufig offen. Endlich brachen die vornehmen Reisenden auf, nachdem sich das Personal der Brandons-Cottage ehrerbietig von ihnen verabschiedet hatte. Eine Viertelmeile weit folgten die beiden muthigen Pferde dem linken Ufer des Doogary, einem der Zuflsse des Oberen Sees, dann bogen sie nach den oft steilen Wegen der Kette der Gillyenddy-Reeks ein, wo der Wagen nur im Schritt vorwrts kam. Jede Straenbiegung entrollte hier ein neues Bild. Findling war aber wohl der einzige, der es bewunderte. Hier befand man sich im bergigsten Theile der Grafschaft Kerry und damit von ganz Irland. Neun Meilen im Sdosten, jenseits der Gillyenddy-Reeks, tauchte die in den Wolken halb verlorne Spitze des Carrantuohill empor. Unten an den Bergen lagen zerstreute Mornen, ein Chaos erratischer Blcke, die das langsame, aber unausgesetzte Fortschreiten der Gletscher hier abgelagert hatte. Gegen Mittag gelangte der Landauer, den Tomie und den Purpurberg zur Rechten lassend, nach einer schmalen, in die Gillyenddy-Reeks eingeschnittenen Rampe. Dieser Durchbruch von Dunloe ist weit und breit berhmt, und der kraftvolle Roland hat die Pyrenenkette wohl kaum mit einem mchtigeren Hiebe gespalten. Da und dort glitzern kleine Seen in der wilden Landschaft, und Findling htte, so wenig das Ihre Herrlichkeiten interessierte, hier manche Sage erzhlen knnen, denn er befleiigte sich stets, vor dem Aufbruch seinen Reisefhrer zu studieren. Es htte ihm aber doch keiner zugehrt. Jenseits dieses Durchbruchs rollte der Landauer schneller die Abhnge nach Nordwesten hinunter. Binnen drei Stunden erreichte er das Ufer der Lawne, deren Bett das berschssige Wasser der Seen von Killarney nach der Bai Dingle abfhrt. Diesem Flusse folgte man vier Meilen weit, und es war sechs Uhr geworden, als die Reisenden, ermdet von einer Fahrt ber neun Meilen, in dem kleinen Flecken Kilgobinet Halt machten. Im dortigen Gasthaus, wo man die mangelnde Bequemlichkeit durch unterwrfige Hflichkeit vergessen zu machen suchte, verbrachte man eine ungestrte Nacht. Zur groen Beunruhigung Findlings entstand aber am nchsten Morgen wieder eine Verhandlung darber, ob der Wagen nach rechts abschwenken und unmittelbar nach Killarney zurckkehren, oder sich nach links wenden sollte, um nach Valentia zu gelangen. Da der Htelwirth aber versicherte, da vor zwei bis drei Monaten der Frst und die Frstin von Kardigan denselben Weg genommen htten, gab der Lord Piborne der Lady Piborne zu verstehen, da sie doch nicht wohl anders knnten, als dem Beispiele dieser hochedeln Vorgnger zu folgen. Die Abfahrt von Kilgobinet erfolgte um neun Uhr Morgens. Heute war regnerisches Wetter, so da der Landauer geschlossen werden mute. Die Herrschaften meinten sogar, der Groom neben dem Kutscher werde den strmischen Wind kaum aushalten knnen. Bah! Der hatte schon ganz anderm Wetter getrotzt! Der Knabe verlor also keines von den schnen Landschaftsbildern und bewunderte ebenso die nebelumfangenen Bergzge des Ostens, wie die tiefen Abhnge des Westens, die zur Kste hinabfallen. In seiner Seele sprote die Empfindung fr Naturschnheiten immer mehr auf, und immer schrfer prgten sich diese seinem Gedchtni ein. Am Nachmittage zeigten sich, je weiter die vom Carrantuohill berragten Berge im Osten verschwanden, die Iveraghberge am entgegengesetzten Horizonte. Weiter hinaus sollte, dem Reisehandbuche nach, eine bequeme Strae nach dem kleinen Hafen von Cahersiveen hinabfhren. Gegen Abend erreichten Ihre Herrlichkeiten nach einer Fahrt von zehn Meilen die Ortschaft Carramore. Entsprechend dem hier sehr lebhaften Touristenverkehr giebt es daselbst auch zahlreiche, gut ausgestattete Htels, so da die im Landauer mitgefhrten Vorrthe nicht angegriffen zu werden brauchten. Am folgenden Tage ging es bei Regenwetter weiter. Am Himmel jagten, bei steifem Winde vom Meere her, die Wolken schnell dahin. Nur von Zeit zu Zeit stahl sich ein Sonnenstrahl dazwischen hindurch. In vollen Zgen athmete Findling aber die mit den salzigen Dnsten des Meeres beladne Luft ein. Kurz vor Mittag lenkte der Wagen nach einer scharfen Straenbiegung gerade nach Westen hin ein. Nachdem er nicht ohne einige tchtige Ste einen Engpa der Iveraghkette passiert hatte, rollte er, von dem Schleifzeug im Laufe gemigt, allein nach der Ausmndung der Valentia hinab, und gegen fnf Uhr hielt er am Ziele der Reise vor einem Htel in Cahersiveen. Wie viel mgen Ihre Herrlichkeiten wohl unterwegs von allen Schnheiten der Natur gesehen haben? fragte sich Findling mit einem gewissen Bedauern fr die Gleichgiltigkeit der vornehmen Herrschaft. Er wute ja noch nicht, da so viele von den Oberen Zehntausend nur reisen, um sagen zu knnen, da sie gereist seien. Der Flecken Cahersiveen liegt am linken Ufer der Valentia, die sich hier zu einem Nothhafen erweitert, der den Namen Valentia-Harbour erhalten hat. Vor ihm erhebt sich die gleichnamige Insel mit ihrem Brag-Head, als einem der am weitesten nach Westen hinausragenden Punkte Irlands. Was den Flecken selbst betrifft, so wird kein Ire vergessen, da er der Geburtsort O'Connell's ist. Am folgenden Tage muten Ihre Herrlichkeiten, die nun darauf bestanden, ihr Reiseprogramm bis zur letzten Nummer zu erledigen, dem Besuche der Insel Valentia noch einige Stunden widmen. Das Verlangen, Mven zu schieen, hatte den Grafen Ashton erfat, und deshalb bekam Findling zu seinem grten Vergngen Befehl, ihn zu begleiten. Ein Fhrdampfer unterhielt den Verkehr zwischen Cahersiveen und der eine Meile vor der Mndung aufragenden Insel. Lord Piborne, Lady Piborne und ihr Gefolge schifften sich nach dem Frhstck ein und das Ferry-Boat setzte sie in dem kleinen Hafen ab, wo die Fischerboote bei pltzlichen Strmen Schutz finden. Sehr wild und rauh von auen, entbehrt diese Insel doch nicht gewisser mineralischer Schtze, denn es finden sich auf ihr mehrere ergiebige Schieferbrche. In einem Dorfe kann man verschiedene Huser sehen, deren Mauern und Dach aus je einem einzigen groen Stck Schiefer bestehen. In diesem Dorfe ist auch fr Unterkommen fr Touristen gesorgt, obwohl kaum einer, trotz des vortrefflichen Gasthofs, davon Gebrauch macht. Wozu auch? Wenn sie, wie es auch Ihre Herrlichkeiten thaten, das alte verfallene Fort, das Cromwell einst erbaute, besucht und den Leuchtthurm, den Wegweiser fr die Seeschiffe, bestiegen, und wenn sie die Skellings, das sind zwei hohe Bergkuppen in der Entfernung von fnfzehn Meilen, bewundert haben, deren Feuer die Nhe dieser gefhrlichen Kstenstrecke weit hinaus anzeigt, dann bietet Valentia nichts besondres mehr. Es ist nur eine jener Inseln, die man an der Westkste Irlands zu Hunderten findet. Immerhin geniet Valentia eine dreifache specielle Berhmtheit. Es diente als Ausgangspunkt der Triangulierung, mittelst der ein Bogenstck der Erde gemessen wurde, das quer durch Europa bis zum Uralgebirge reicht. Es ist thatschlich die am weitesten nach Westen vorgeschobene meteorologische Station, an der die Sturmwellen von Amerika her zuerst anprallen. Endlich besitzt es ein isoliert stehendes Gebude, wohin Lord und Lady Piborne sich fhren lieen. Hier beginnt das erste Transatlantische Kabel, das zwischen der Alten und der Neuen Welt ausgespannt wurde. Im Jahre 1858 lie es Kapitn Anderson von dem einst berhmten Riesendampfer, dem Great-Eastern, abrollen, whrend es 1866 zuerst fungierte -- damals allein, bis spter vier weitere Kupferfden Amerika und Europa verbanden. Hier traf das erste zwischen einem Continent und dem andern gewechselte Telegramm ein, das vom Prsidenten der Vereinigten Staaten, Buchanan, abgesendet, als Text die Worte hatte: Ehre sei Gott in der Hhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Armes Irland! Du hast es nicht unterlassen, dem Hchsten die Ehre zu geben, doch werden die Menschen Dir jemals den socialen Frieden sichern, indem sie Dir die Unabhngigkeit zurckgeben? V. Schferhund und Jagdhund. Von Cahersiveen am Morgen des 11. August abgefahren, machte der Landauer, der der an den ersten Verzweigungen der Iveraghberge verlaufenden Kstenstrae folgte, nach kurzer Rast in Kells, einem Flecken an der Dingle-Bai, am Abend und fr die Nacht in Killorglin Halt. Den ganzen Tag ber hatte das windige, regnerische Wetter angehalten; am nchsten Tage aber wurde es geradezu abscheulich. Nur Schloen und Sturm, unter denen Ihre Herrlichkeiten die dreiig Meilen zwischen Valentia und Killarney zurcklegen muten, wo sie in einer ebenso abscheulichen Stimmung eintrafen, um hier die letzte Nacht auf der Reise zuzubringen. Am folgenden Tage bestieg die Gesellschaft die Eisenbahn und kam gegen drei Uhr, nach zehntgiger Abwesenheit, wieder in Schlo Trelingar an. Der Marquis und die Marquise hatten den traditionellen Ausflug nach den Seen von Killarney und durch die Berggegend von Kerry... berstanden. Und das wr' es werth gewesen, so viele Beschwerden auf sich zu nehmen! sagte die Marquise. -- Und so entsetzliche Langweile! setzte der Marquis hinzu. Findling freilich brachte eine Menge schner Erinnerungen mit heim. Seine erste Sorge war es, sich bei der Kat nach Birk zu erkundigen. Der Hund befand sich wohl. Kat hatte ihn nicht vergessen. Jeden Abend war er nach der Stelle gekommen, wo ihn die Wscherin nach besten Krften ftterte. Noch am nmlichen Abend und ehe er auf sein Stbchen ging, begab sich Findling nach der Auenseite der Wirthschaftsgebude, wo Birk ihn erwartete. Die Freude des Wiedersehens und die gegenseitigen Liebkosungen dabei kann man sich wohl denken. Birk erschien zwar etwas abgemagert, denn ganz satt mochte er nicht jeden Abend geworden sein, es war damit aber nicht zu schlimm bestellt und noch zeigten seine intelligenten Augen den frheren Glanz. Sein Herr versprach ihm, wenn irgend mglich, jeden Abend zu kommen, und sagte dem Thiere gute Nacht. Birk verstand, da er sich fgen mute und machte keine weiteren Ansprche. Uebrigens galt es, klug zu sein. Die Anwesenheit Birks in der Nhe von Trelingar-castle war mindestens gesprt worden, denn die Hunde hier hatten wiederholt verdchtig angeschlagen. Im Schlosse begann nun das frhere Leben wieder -- das Vegetieren, wie es den Insassen von hoher Geburt so vorzglich zusagte. Der Aufenthalt hier sollte bis zur letzten Septemberwoche dauern, bis zu dem Zeitpunkte, wo die Piborne's ihr Winterquartier in Edinburg zu beziehen pflegten, von wo sie nur zur Zeit der Parlamentssitzungen nach London bersiedelten. Inzwischen puppten sich der Marquis und die Marquise in langweiliger Vornehmheit vllig ein. Nur die Besuche in der Nachbarschaft begannen wieder mit tdtlicher Regelmigkeit. Dabei konnte man von dem Ausfluge nach Killarney sprechen. Lord und Lady Piborne mischten da ihre Reiseeindrcke zu denen einiger Freunde, die jene Fahrt bereits gemacht hatten. Sie muten sich brigens beeilen, denn schon verblichen der Marquise alle Erinnerungen, ja sie konnte sich schon nicht mehr des Namens der Insel entsinnen, von der das elektrische Tau abging, an dem Europa zog, um Amerika anzuklingeln, so wie sie nach John oder Marion klingelte. Dieses einsilbige Leben wurde Findling allgemach hchst peinlich. Er sah sich immer der schlimmen Behandlung durch Scarlett ausgesetzt, der ihn als Sndenbock betrachtete. Andrerseits lieen ihm die Grillen des Grafen Ashton keine Stunde Mue. Jeden Augenblick war ein Befehl auszufhren, ein Gang zu machen, und dann kam wieder Gegenbefehl, so da der junge Groom niemals zur Besinnung kam. Er fhlte gleichsam an Hnden und Fen einen tyrannischen Faden, der ihn unaufhrlich in Bewegung setzte. Im Vorzimmer wie in den Dienerstuben lachten die Leute, ihn so gerufen, weggeschickt und doch eigentlich zum Narrn gehalten zu sehen, was ihn tief genug krnkte. Des Abends, wenn er endlich nach seinem Stbchen gekommen war, begann er dann ber die Lage nachzugrbeln, in die ihn das Elend gedrngt hatte. Immer der Groom des Grafen Ashton zu bleiben, das fhrte ja zu nichts. Er war zu etwas besserem geschaffen. Nur ein Diener, gleichsam eine Maschine zum Gehorchen zu sein, verletzte seinen Sinn fr Unabhngigkeit und den Ehrgeiz, der in ihm wohnte. Auf der Farm... ja, da stand er mit den brigen Bewohnern wenigstens auf gleicher Stufe und man sah ihn als Kind des Hauses an. Wohin waren jetzt die Zrtlichkeiten der Gromutter, die Liebkosungen Martines und Kittys, wohin die Aufmunterungen durch Martin und dessen Shne? Wahrlich, hher schtzte er die damaligen Kieselsteine, die er in der nun unter Ruinen begrabenen Kruke sammelte, als die Guineen, womit diese Piborne's monatlich seine Sclaverei bezahlten. In Kerwan unterrichtete er sich, arbeitete er und lernte, dereinst auf eignen Fen stehen zu knnen. Hier -- nichts als diese widerwrtige, keinerlei Aussichten bietende Beschftigung, die Unterwerfung gegenber einem verzogenen, eitlen und unwissenden halben Kinde! Er war fast stets mit Ordnen beschftigt, doch nicht etwa mit dem von ntzlichen Bchern -- denn davon gab es hier kein einziges -- sondern mit dem Wiederordnen dessen, was der junge Graf nachlssig umhergeworfen hatte. Weiter trieb ihn das Cabriolet des jungen Edelmannes fast zur Verzweiflung. Findling konnte das leichte Gefhrt nur mit hellem Schrecken ansehen. Auf die Gefahr hin, in einen Graben gestrzt zu werden, schien es dem Grafen Ashton ein besonderes Vergngen, die schlechtesten Wege auszuwhlen, wie um seinen, sich an die Riemen des Verdecks klammernden Groom nur um so schlimmer durchgeschttelt zu sehen. Gestattete es die Witterung, mit dem Tilbury oder dem Dog-cart -- das waren die andern Wagen des jungen Piborne -- auszufahren, so konnte der Groom wenigstens sichrer sitzen. Leider ffnen sich ber der Smaragdnen-Insel die Schleusen des Himmels aber gar zu oft, und nicht selten gar zu unerwartet. Selten verging ein Tag ohne die Qual mit dem Cabriolet. Einmal wollte er zur Parade nach Kanturk, und dann wieder wurden lange Spazierfahrten in der Umgebung von Trelingar-castle unternommen. Lngs der Wege liefen und purzelten dann, mit nackten, von den Kieseln verletzten Fen ganze Haufen zerlumpter Buben nebenher und riefen athmenlos: Coppers!... Ein paar Coppers! Findling gab es einen Stich ins Herz. Er kannte ja das Elend aus eigner Erfahrung und bemitleidete die Jungen. Der Graf Ashton wies sie dagegen barsch ab und bedrohte sie mit der Peitsche, wenn sie nher herankamen. Gern htte der Knabe den Gassenbuben einige Kupfermnzen zugeworfen, er wagte es aber nicht aus Furcht vor seinem Herrn. Einmal trat die Versuchung jedoch gar zu stark an ihn heran. Ein hbsches, blondlockiges Kind von etwa vier Jahren schaute ihn mit den groen blauen Augen an und bat um einen Copper. -- Die fast werthlose Mnze flog der Kleinen zu, die sie mit einem Jubelschrei aufhob.... Der Graf wurde dadurch aufmerksam. Er ertappte seinen Groom auf frischer That bei einem Acte der Barmherzigkeit. Wer hat Dir das erlaubt, Boy? fragte er ihn streng. -- Herr Graf... das kleine Mdchen... es macht einem ja so viel Vergngen... nur einen Copper... -- Ah, so wie man ihn Dir zuwarf, nicht wahr, als Du noch im Lande herumstrichst.... -- Nein... niemals! rief Findling, den es immer emprte, wenn jemand von ihm sagte oder andeutete, da er frher gebettelt habe. -- Warum gabst Du dem Kinde ein Almosen? -- Es sah mich so bittend an... ich sah es auch an... -- Und ich verbiete Dir, Kinder, die sich auf der Strae herumtreiben, anzusehen. Merk' Dir das! Findling mute wohl gehorchen, so weh es ihm auch that. Sah er sich also darauf beschrnkt, das Mitleid, das er fr arme Kinder fhlte, in sich zu verschlieen, ohne die kleine Gabe eines Coppers wagen zu drfen, so kam doch einmal die Gelegenheit, wo er die Bewegung seines Innern nicht mehr bemeistern konnte. Es war am 3. September. Der Graf Ashton hatte zu seiner Fahrt nach Kanturk den Dog-cart bestellt. Findling begleitete ihn wie gewhnlich, Rcken an Rcken mit dem Herrn sitzend, der ihm befahl, sich mit gekreuzten Armen ganz bewegungslos zu halten. Der Wagen erreichte die Ortschaft ohne Zwischenfall. Hier lobten die Miggnger auf den Straen die stolze Haltung des schumenden Rosses, whrend der junge Piborne die besten Lden des Ortes besuchte. Sein Groom hielt einstweilen, am Kopfe des Thieres stehend, das muthige Pferd, das er zum Jubel der Gassenjungen, die den kleinen, reichaufgeputzten Diener beneideten, kaum zu bndigen vermochte. Gegen drei Uhr und nachdem er sich berall umgesehen, schlug Lord Ashton den Weg nach Trelingar-castle wieder ein, fuhr aber recht langsam dahin. Auf der Strae schwrmte die gewhnliche Rotte kleiner Bettler umher. Ermuthigt durch die langsame Bewegung des Dog-cart, wollte sie sich nher an diesen herandrngen; das Schwirren der Peitsche hielt sie jedoch in gemessener Entfernung und sie blieben endlich zurck. Nur ein einziger hielt weiter aus. Es war das ein geweckter Knabe von sieben Jahren, dem die irische Frhlichkeit aus dem Gesicht lachte. Trotz der gemigten Gangart des Pferdes mute er rennen, um sich an der Seite des Wagens zu halten. Schon waren seine kleinen Fe an den Steinen des Wegs wund geworden; trotzdem trabte er, ohne Furcht vor der Peitsche, weiter mit. Dabei hielt er einen Heidelbeerzweig in der Hand, den er gegen ein Almosen anbot. Ein Unglck frchtend, bemhte sich Findling -- freilich vergebens -- ihn durch Zeichen abzuweisen. Das Kind folgte dem Dog-cart dennoch weiter. Natrlich hatte auch Graf Ashton diesem schon wiederholt zugerufen, sich wegzuscheeren. Ohne das zu beachten, hielt sich der kleine Bursche, auf die Gefahr hin, zermalmt zu werden, immer dicht bei den Rdern. Es htte nur einer Andeutung bedurft, um das Pferd in Trab zu setzen. Das fiel dem jungen Piborne inde gar nicht ein. Er wollte einmal langsam fahren, und so blieb es dabei. Belstigt von der Gegenwart des Kindes, schlug er schlielich mit der Peitsche nach ihm. Die pfeifende Schnur schlang sich dabei um den Hals des Kleinen, der halb erwrgt einige Schritte weit geschleppt wurde und endlich loskommend zur Erde fiel. Findling sprang vom Dog-cart herab und eilte auf das Kind zu. Dieses hatte einen rothen Streifen um den Hals und weinte vor Schmerz laut auf. Dem jungen Knaben schwoll der Zorn und er hatte groe Lust, ber den Grafen Ashton herzufallen, wobei dieser, wenn auch lter als sein Groom, gewi den Krzeren gezogen htte. Hierher, Boy! rief er, indem er das Pferd parierte. -- Aber das arme Kind?... -- Hierher, sag' ich Dir! wiederholte der junge Piborne, die Peitsche schwingend, komm sofort, oder es geht Dir nicht besser als dem da! Zu seinem Glcke lie er es bei der Drohung bewenden, denn es lt sich nicht sagen, was sonst geschehen wre. Jedenfalls gelang es Findling, sich zu beherrschen, und nachdem er dem Jungen einige Pence in die Tasche gesteckt hatte, eilte er nach dem Dog-cart zurck. Wenn Du Dir noch einmal erlaubst, ohne Befehl abzuspringen, fuhr ihn der Graf Ashton an, dann bekommst Du eine tchtige Tracht Prgel und wirst auf der Stelle davongejagt! Findling antwortete nicht, obgleich ein Blitz in seinen Augen aufflammte. Dann entfernte sich der Dog-cart schnell und lie das Kind auf der Strae zurck, das sich beim Klimpern der erhaltenen Geldstcke schon etwas getrstet zu haben schien. Von diesem Tage ab machte der boshafte Graf Ashton seinem Groom das Leben womglich noch schwerer; er chicanierte und erniedrigte ihn auf jede Weise. Was er frher krperlich gelitten hatte, das litt er jetzt geistig, ja er fhlte sich vielleicht nicht weniger unglcklich, als frher in der Htte der Hard oder unter der Fuchtel Thornpipe's. Oft kam ihm der Gedanke, Trelingar-castle zu verlassen. Doch wohin sollte er sich wenden? Die Familie Mac Carthy aufsuchen, dazu fehlte ihm jeder Fingerzeig, und diese htte jetzt ja auch nichts fr ihn thun knnen. Jedenfalls stand sein Entschlu aber fest, im Dienste des Erben der Piborne's nicht zu bleiben. Nun kam etwas hinzu, was ihn ernstlich beunruhigte. Mit Ende des Septembers pflegten der Marquis, die Marquise und deren Sohn das Besitzthum von Trelingar zu verlassen. Mute er ihnen nach England oder Schottland folgen, so schwand ihm jede Hoffnung, die Familie Mac Carthy wieder aufzufinden. Auerdem lag ihm auch Birk am Herzen, den er auf keinen Fall verlassen wollte. Ich werde ihn behalten, versicherte eines Tages die freundliche Kat, ich werde schon fr ihn sorgen. -- Ach ja, Sie haben ein gutes Herz, antwortete Findling, Ihnen knnte ich ihn anvertrauen, und wenn ich bezahle, was sein Futter kostet... -- Warum nicht gar! fiel ihm Kat ins Wort, so war es nicht gemeint!... Ich habe das arme Thier einmal gern... -- Und doch, er darf Ihnen nicht zur Last fallen. Wenn ich aber von hier mit weggehe, sehe ich ihn den ganzen Winter, ja vielleicht niemals wieder... -- Warum, mein Kind?... Wenn Du zurckkommst... -- Zurckkommen, Kat?... Bin ich denn so sicher, nach dem Schlosse zurckzukehren, wenn ich einmal daraus weg bin? Da unten... wohin sie gehen... da knnen sie mich ja fortschicken, oder... oder ich laufe vielleicht selbst davon... -- Was sagst Du da? -- Jawohl, ich gehe der Strae nach, wohin es Gott gefllt... wie ich es frher gethan habe. -- Armes Kind!... Armer Junge! seufzte die gute Frau. -- Ich frage mich auch, Kat, ob es nicht das beste wre, sofort zu brechen... das Schlo mit Birk zu verlassen... mir irgendwo bei einem Farmer, nicht zu weit von hier und nahe der Kste, Arbeit zu suchen... -- Du bist ja noch nicht elf Jahre alt! -- Nein, Kat, noch nicht!... O, wenn ich zwlf oder dreizehn wre... dann wr' ich gro... htte ein Paar starke Arme und fnde wohl Beschftigung. Wie langsam schleichen die Jahre doch hin, wenn man unglcklich ist... -- Und wie lange dauern sie! htte die gute Kat antworten knnen. Da ereignete sich ein Zufall, der dieser Ungewiheit ein pltzliches Ende machte. Am 15. September war es, wo Lord und Lady Piborne also nur noch vierzehn Tage in Trelingar-castle verweilen sollten, und hier begann man bereits mit dem Einpacken. Im Gedanken an den Vorschlag der Kat bezglich Birks, mute sich Findling fragen, ob Scarlett wohl auch den Winter ber auf dem Schlosse bleiben wrde. Ja, er blieb hier als oberster Verwalter des Besitzthums. Der in der nchsten Umgebung umherschweifende Hund konnte von ihm gar nicht unbemerkt bleiben, und niemals wrde er der Wscherin gestatten, jenen bei sich zu behalten. Die Kat mute Birk sein Futter also heimlich zustellen, wie sie es schon einmal kurze Zeit gethan hatte. Erfuhr Scarlett aber gar, da der Hund dem jungen Groom gehrte, dann htte er sich gewi beeilt, das dem Grafen Ashton zu hinterbringen, und dieser wieder htte kein greres Vergngen haben knnen, als dem Thiere, wenn es ihm in den Weg kam, eine Kugel zwischen die Rippen zu jagen. Am genannten Tage trollte Birk, entgegen seiner Gewohnheit, schon des Nachmittags in der Nhe der Wirthschaftsgebude einher. Der Zufall -- der unglckliche Zufall wollte es, da einer der Hunde des Grafen Ashton, ein bissiger Wachtelhund, auf der Landstrae umherlief. Sobald sie sich witterten, gaben die beiden Thiere durch dumpfes Knurren ihrer gegenseitigen feindlichen Stimmung Ausdruck. Schon ihrer Rasse wegen htten sie sich schwerlich vertragen. Der Lords-Hund konnte fr den Bauern-Hund nur tiefe Verachtung hegen, seine bissige Natur veranlate ihn aber zum Angriffe vorzugehen. Sobald er den ruhig am Waldessaume stehenden Birk erblickte, lief er, die Zhne fletschend, auf diesen zu. Birk lie ihn auf halbe Leibeslnge herankommen und behielt ihn scharf im Auge, um nicht berrascht zu werden, whrend er sich mit eingezogenem Schwanze selbst sprungfertig hielt. Pltzlich, nach kurzem, wthendem Gebell, strzte sich der Wachtelhund auf Birk und bi ihn in die Seite. Was nun kommen mute, kam. Mit einem Satze war Birk dem Feinde an der Kehle, die er ihm aufri. Das ging nicht ohne ein schreckliches Geheul ab. Die beiden andern, noch im Hofe befindlichen Hunde, schlugen ebenfalls an. Das machte Aufsehen, und sogleich kam der Graf Ashton mit dem Verwalter herzugelaufen. Kaum aus dem Gitterthore, bemerkte er den Wachtelhund, der unter den Zhnen Birks rchelte. Da schrie er laut auf, wagte aber, aus Angst, dasselbe Los zu theilen, nicht, seinem Hunde zu Hilfe zu kommen. Sobald Birk den jungen Mann bemerkte, machte er dem Wachtelhunde mit noch einem Bisse vollends den Garaus und ging dann, ohne sich zu beeilen, in den Wald hinter das Unterholz zurck. Jetzt trat der junge Piborne mit Scarlett nher heran, und als sie auf dem Kampfplatze waren, fanden sie nur noch einen Cadaver. Scarlett!... Scarlett! rief der junge Graf. Mein Hund ist erwrgt!... Er hat ihn erwrgt... jene Bestie!... Wo ist er denn?... Kommen Sie... den finden wir wieder. Ich werde ihn tdten! Der Verwalter sprte sehr wenig Lust, die Verfolgung des Wachtelhundmrders aufzunehmen. Er hatte brigens keine Mhe, den jungen Piborne etwa zurckzuhalten, denn dieser frchtete sich ebenso vor einem Wiederauftauchen des schrecklichen Birk. Seien Sie vorsichtig, Herr Graf, sagte er, bringen Sie sich dieser wilden Bestie gegenber nicht in Gefahr!... Die Jger werden ihn schon gelegentlich abthun.... -- Ja, wem gehrt er denn eigentlich? -- Niemand!... Das ist einer der herrenlosen Hunde, wie sie die Landstraen unsicher machen. -- Dann wird er uns entwischen.... -- Das ist kaum anzunehmen, denn schon seit Wochen schleicht er in der Nhe des Schlosses umher. -- Seit mehreren Wochen, Scarlett?... Und mir hat das keiner gemeldet? Keiner hat uns von der Bestie befreit? Von diesem Thiere, das mir meinen besten Wachtelhund getdtet hat! Der so selbstschtige, fhllose junge Mann hegte doch fr seine Hunde eine Zuneigung, die ihm kein Mensch htte einflen knnen. Der Wachtelhund war sein besondrer Liebling und steter Begleiter auf der Jagd gewesen -- jedenfalls zu dem Lose bestimmt, einmal durch einen ungeschickten Schu seines Herrn getdtet zu werden -- und der Zahn Birks hatte ja sein Schicksal nur beschleunigt. Wie dem auch sei, jedenfalls schlich der Graf Ashton, trostlos, aber wthend und auf furchtbare Rache sinnend, nach dem Hofe zurck, wo er Befehl gab, da der Krper des Wachtelhundes hereingeholt wrde. Zum Glck war Findling nicht Zeuge dieser Scene gewesen. Vielleicht htte er dabei das Geheimni seiner Zusammengehrigkeit mit dem Mrder verrathen, vielleicht wre Birk auch auf ihn zugesprungen und htte damit dasselbe gethan. Der Knabe hrte jedoch bald genug von dem Vorfalle. Ganz Trelingar-castle hallte wider von den Klagen des unglcklichen Grafen Ashton. Der Marquis und die Marquise bemhten sich vergeblich, den einstigen Erben ihrer Besitzthmer zu beruhigen. Der wollte aber auf nichts hren. Ehe das Opfer nicht gercht war, gab es fr ihn keinen Trost. Auch das auf Anordnung des Lords veranstaltete ehrenvolle Begrbni des Hundes vermochte seinen Schmerz nicht zu lindern, und als jener nach einer Ecke des Parkes getragen und dort die letzte Scholle Erde auf seine sterblichen Ueberreste hinabgerollt war, zog sich der Graf Ashton traurig und stumm nach seinem Zimmer zurck, das er den ganzen Abend nicht wieder verlassen wollte. Die Unruhe, die unsern Findling qulte, kann man sich recht wohl leicht vorstellen. Vor dem Niederlegen hatte er noch eine geheime Unterredung mit der Kat, die sich wegen Birks nicht weniger gengstigt zeigte. Wir mssen auf der Hut sein, mein Junge, sagte die Frau, und vorzglich nicht an den Tag kommen lassen, da der Hund Dir gehrt, das fiele auf Dich zurck... und ich wei nicht, was daraus werden knnte. Findling dachte eigentlich kaum, da er fr den Tod des Wachtelhundes verantwortlich gemacht werden knnte, sondern nur daran, da es fr ihn nun sehr schwierig, wenn nicht unmglich wrde, fr Birk zu sorgen. Da der Hund sich den jetzt berwachten Wirthschaftsgebuden ungestraft nicht mehr nhern konnte, wrde auch die Kat ihn des Abends schwerlich finden und heimlich Futter bringen knnen. Der Knabe verbrachte eine schlechte Nacht -- eine schlaflose Nacht, whrend er sich weit mehr um Birk als um sich selbst absorgte. Er berlegte auch, ob es fr ihn nicht gerathen sei, den Dienst bei dem Grafen Ashton gleich morgen aufzugeben, und entschied sich nach Erwgung des Fr und Wider, nun auszufhren, was ihn schon seit Wochen bewegte. Erst gegen drei Uhr frh schlief er ein. Bei hellem Tag wieder erwachend, sprang er aus dem Bett, verwundert, heute von der Klingel seines Herrn nicht wie gewhnlich gerufen worden zu sein. Bei dem Entschlusse von der Nacht her sollte es jedenfalls bleiben. Am nmlichen Tage wollte er fortgehen unter der Angabe, da er sich zu dem Dienste als Groom untauglich fhle. Niemand hatte ein Recht, ihn zurckzuhalten, und wenn er wegen seines Verlangens gescholten werden sollte, so fand er sich damit schon im Voraus ab. In der Erwartung, Knall und Fall weggejagt zu werden, zog er die Kleidung von der Farm her an, die zwar etwas abgenutzt, aber reinlich war, da er sie immer sorgfltig aufbewahrt hatte, und steckte die Brse mit seinem seit drei Monaten gesparten Lohn zu sich. Wenn er dann dem Lord Piborne seine Absicht, das Schlo zu verlassen, in hflichster Form mitgetheilt htte, wollte er diesen auch noch um seinen halbmonatlichen Gehalt -- bis zum 15. September -- bitten, und endlich versuchen, der Kat Lebewohl zu sagen, ohne sie blozustellen. Hatte er dann Birk in der Nachbarschaft aufgefunden, so wrden beide -- gleichmig befriedigt, von Trelingar-castle wegzukommen -- auf und davon gehen. Erst gegen neun Uhr kam Findling nach dem Hofe hinunter, wo er mit Verwunderung hrte, da der Graf schon seit Sonnenaufgang ausgegangen sei. Sonst brauchte dieser stets seinen Groom, um ihm beim Ankleiden behilflich zu sein, was niemals ohne Nrgeleien und grobe Vorwrfe abging. Zu dieser Verwunderung kam aber bald noch eine sehr gerechtfertigte Beunruhigung, als er bemerkte, da weder Bill, der Piqueur, noch die Hunde da waren. Kat stand eben an der Thr des Waschhauses und winkte ihn zu sich heran. Der Graf ist mit Bill und den beiden Hunden aufgebrochen, flsterte sie ihm zu, sie wollen auf Birk Jagd machen. Vor Erregung und Ingrimm konnte Findling zuerst gar nicht antworten. Nimm Dich in Acht, mein Junge, setzte die Wscherin hinzu. Der Verwalter beobachtet uns; es darf nicht sein.... -- Es darf nicht sein, da Birk getdtet wird, rief er endlich, da hab' ich auch ein Wort mit dreinzureden.... -- Was sagst Du da, Groom, und was machst Du berhaupt hier? fragte Scarlett, der einige Brocken des Gesprchs aufgefangen hatte. Der Groom wollte sich in keine Verhandlung mit dem Schloverwalter einlassen und erwiderte darauf ruhig: Ich wnsche nur mit dem Herrn Grafen zu sprechen. -- Das kannst Du, wenn er zurckkommt, erwiderte Scarlett, wenn er dem verwnschten Kter drauen eins aufs Fell gebrannt hat.... -- Das wird er nicht thun, fiel Findling ein, der sich zwingen mute, ruhig zu bleiben. -- Wirklich?... -- Nein, Herr Scarlett; und wenn er ihn aufjagt, sag' ich Ihnen, da er das Thier nicht tdten wird. -- Und warum nicht?... -- Weil ich ihn daran hindern werde! -- Du?... -- Ich, Herr Scarlett! Jener Hund gehrt mir und ich lasse ihn nicht tdten! Whrend der Verwalter von dieser Erklrung noch ganz verblfft dastand, strmte Findling schon aus dem Hof und hatte bald den Saum des Waldes erreicht. Hier zwngte er sich wohl eine halbe Stunde lang durch das Buschwerk, wobei er zuweilen innehielt, um zu hren, ob ihn ein Gerusch auf die Spur des Grafen Ashton fhren knnte. Der Wald war todtenstill, und ein Gebell htte von sehr weit her vernehmlich sein mssen. Nichts wies aber darauf hin, da Birk von den Wachtelhunden des jungen Piborne etwa wie ein Fuchs gehetzt wrde; ebensowenig konnte er sich klar werden, welche Richtung er wohl einzuschlagen htte. Das war eine Ungewiheit zum verzweifeln! Mglicherweise befand sich Birk, wenn die Hunde ihn verfolgten, schon sehr fern von hier. Wiederholt rief er dessen Namen in der Hoffnung, da das treue Thier seine Stimme hren wrde. Er fragte gar nicht, was er thun wrde, um den Grafen Ashton und dessen Rdenmeister an der Tdtung Birks zu verhindern, wenn ihnen dieser zum Schusse kam -- er wute nur, da er ihn vertheidigen wrde, und da ihm die Kraft nicht fehlen wrde, das zu thun. So auf gut Glck weiter gehend, hatte sich Findling schon gegen zwei Meilen vom Schlosse entfernt, als er aus der Entfernung von einigen Hundert Schritten und hinter einer Gruppe groer Bume, die neben einem Teiche aufragte, lautes Bellen hrte. Findling blieb stehen: er hatte die Stimme der Wachtelhunde erkannt. Ohne Zweifel war Birk jetzt aufgestbert worden und vielleicht schon mit den vom Piqueur aufgehetzten Hunden in Kampf gerathen. Bald lieen sich auch deutlich folgende Worte vernehmen: Achtung, Herr Graf!... Wir haben ihn! -- Ja, Bill... hierher... hierher!... -- Nun drauf, packt ihn! rief Bill den Hunden zu. Findling eilte nach der Stelle zu, woher der Lrm erschallte. Kaum hatte er zwanzig Schritte gemacht, als ein Knall die Luft erschtterte. Gefehlt!... Gefehlt! rief der Graf Ashton. Nun, Bill, schiee Du, nimm ihn gut aufs Korn! Ein zweiter Flintenschu krachte und so in der Nhe, da Findling den Blitz davon durch die Bltter aufleuchten sah. Der sa! rief Bill, whrend die Wachtelhunde wthend bellten. Als htte die Kugel des Piqueurs ihn selbst getroffen, fhlte Findling seine Knie schwanken, und er wre vielleicht zusammengesunken, als noch etwa sechs Schritte vor ihm ein Gerusch entstand und durch das Gebsch ein Hund mit triefendem Fell und schumendem Maule hervorbrach. Das war Birk mit einer Wunde in der Seite, der sich nach dem Schusse des Rdenmeisters in den Teich gestrzt hatte. Birk erkannte seinen Herrn, der ihm die Schnauze zuhielt, um jeden Klagelaut zu ersticken, und ihn nach einem noch dichteren Gebsche zog, da er frchtete, da die Wachtelhunde ihm nachkmen. Doch nein. Erschpft von der Hetzjagd und von einigen Bissen, die Birk ihnen zum Andenken mitgegeben hatte, folgten die Hunde jetzt Bill nach. Die Fhrte des Grooms und Birks entging ihnen, obwohl sie so nahe an deren Versteck vorberkamen, da Findling deutlich hren konnte, was der Graf Ashton zu dem Piqueur sagte. Du bist berzeugt, ihn getdtet zu haben, Bill? -- Gewi, Herr Graf... durch eine Kugel in den Kopf, als er ins Wasser sprang. Das wurde ja an der Stelle ganz roth, und jetzt liegt er tief unten, bis er wieder heraufkommt.... -- Ich htte ihn gern lebend gehabt! rief der junge Piborne. Freilich, das wre so nach dem rohen Geschmacke des Erben von Trelingar gewesen und htte seinen Rachedurst befriedigt, wenn er selbst Birk htte abthun oder von seinen Hunden zerfleischen lassen knnen, die ja an Grausamkeit ihrem Herrn nicht nachstanden. VI. Zwei zusammen achtzehn Jahre alt. Findling athmete auf, wie vielleicht noch nie in seinem Leben... tief, erleichtert, als er den Grafen Ashton, den Piqueur und die Hunde verschwinden sah, und, fgen wir hinzu, Birk wohl auch, als Findling die Hnde von seiner Schnauze loslie, indem er sagte: Belle jetzt nicht... belle nicht, Birk! Und Birk bellte nicht. Ein Glck war es, da Findling an diesem Morgen, einmal entschlossen fortzugehen, seine alten Sachen angezogen, sein Bndelchen geschnrt und die Brse eingesteckt hatte. Das ersparte ihm die Unannehmlichkeit, ins Schlo zurckzukehren, wo der Graf Ashton nun gewi erfahren hatte, wem der Mrder des Wachtelhundes gehrte, und das htte fr den Groom natrlich eine schreckliche Scene heraufbeschworen. Mit seinem Fernbleiben verlor er freilich den Lohn fr einen halben Monat, den er hatte beanspruchen wollen, doch ertrug er lieber diesen Verlust. Jetzt einmal aus dem Trelingar-castle heraus, fern von dem jungen Piborne und dem Verwalter Scarlett, dafr aber in Gesellschaft seines Hundes, dachte er nur daran, sich schnellstens aufzumachen. Sein kleines Vermgen belief sich genau auf vier Pfund siebzehn Schillinge und sechs Pence -- die grte Summe, die er je sein eigen genannt hatte. Er berschtzte diese jedoch keineswegs, denn er gehrte nicht zu den Kindern, die sich mit so wohlgefllter Tasche schon fr reich gehalten htten; nein, er wute, da seine Ersparnisse schnell genug zu Ende gehen wrden, wenn er sich nicht streng einschrnkte, bis er Gelegenheit fnde, sich irgendwo -- natrlich mit Birk -- ein Unterkommen zu sichern. Die Verwundung des braven Thieres war zum Glck nicht schwer -- eine einfache Hautverletzung, die voraussichtlich bald heilte. Als er auf Birk zielte, hatte sich der Piqueur als ebenso ungeschickt wie sein Herr bewiesen. Die beiden Freunde wanderten nach Erreichung der Landstrae jenseits des Waldes schnellen Schrittes dahin, Birk vor Freude umherspringend, Findling etwas besorgt wegen der Zukunft. Dieser ging jetzt aber keineswegs sozusagen ins Blaue hinein. Erst war ihm der Gedanke gekommen, sich nach Newmarket oder nach Kanturk zu begeben, welche beide Ortschaften er, die eine von seinem lngeren Aufenthalte daselbst, die andere daher, da er den jungen Piborne oft genug dahin begleitet hatte, genau kannte. Damit htte er sich jedoch Begegnungen ausgesetzt, die besser vermieden wurden. So wute er also recht gut, was er that, als er eine sdliche Richtung einschlug. Einerseits entfernte er sich damit von Trelingar-castle nach einer Gegend zu, wo ihn keiner suchen wrde, und andrerseits nherte er sich dem Hauptorte der Grafschaft Cork an der verkehrsreichen Bai gleichen Namens. Von da gingen die Schiffe aus... Handelsschiffe... groe, wirkliche Seeschiffe... nach allen Punkten der Erde, und nicht nur Kstenfahrer und Fischerbarken, wie in Westport oder Galway. Sein unwiderstehliches Interesse fr alles, was mit dem Handel zusammenhing, bte auch jetzt auf ihn den gewohnten Reiz. Sein Hauptziel, Cork, zu erreichen, erforderte freilich einige Zeit. Findling hatte an besseres zu denken, als sein Geld fr Wagen oder Eisenbahn wegzugeben, denn es war ja nicht ausgeschlossen, da er unterwegs, wie frher zwischen Limerick und Newmarket, einige Schillinge verdienen konnte. Dreiig Meilen sind fr ein Kind von elf Jahren schon eine tchtige Strecke, wozu er, etwaigen Aufenthalt in Farmen eingerechnet, wohl acht Tage gebrauchen wrde. Das Wetter war schn, fr die Jahreszeit etwas kalt, und kein Schmutz oder Staub auf den Straen, also lauter gnstige Verhltnisse fr eine Fureise. Mit dem Filzhute auf dem Kopfe, Weste, Jacke und Beinkleider aus warmem Tuche, mit guten Schuhen mit Lederriemen, sein Packet unter dem Arme, sein Messer -- das Geschenk von der Gromutter -- in der Tasche und in der Hand einen Stock, den er sich an einer Hecke abgeschnitten hatte, machte Findling nicht den Eindruck eines Armen. Er mute sich vielmehr vor unangenehmen Begegnungen hten. Doch es gengte wahrscheinlich, da Birk seine Zhne zeigte, um verdchtiges Gelichter von ihm fernzuhalten. Am ersten Tage legte er, bei zweistndiger Rast, fnf Meilen zurck und hatte dabei einen halben Schilling ausgegeben. Fr zwei, ein Kind und einen Hund, war das ja nicht viel und dafr gab es nur knappe Portionen von Speck und Kartoffeln. Deshalb dachte Findling aber keineswegs mit Bedauern an die Kche in Trelingar-castle zurck. Am Abend schlief er etwas jenseits des Fleckens Baunteer mit Erlaubni des Farmers in einer Scheune und wanderte, nach einem frugalen Frhstck, das ihm wenige Pence kostete, am nchsten Tage rstig weiter. Das Wetter hielt sich noch ziemlich im gleichen, doch der Weg, der mehr aufwrts fhrte, wurde schon mhsamer. Dieser Theil der Grafschaft Cork hat eine sehr wechselnde Oberflche. Die von Kanturk nach dem Hauptorte fhrende Strae durchschneidet das verwickelte Gelnde der Boggeraghberge mit steilen Pfaden und vielfachen Windungen. Findling brauchte nur dem Wege nachzugehen, so konnte er sich nicht verirren. Uebrigens besa er ein Orientierungsvermgen wie ein Chinese oder ein Fuchs, und auerdem begegnete er wiederholt von den Feldern und Wiesen kommenden Landleuten oder auch Wagen, die von dem einen Dorfe nach dem andern fuhren. Wenn nthig, htte er sich also stets nach der einzuschlagenden Richtung erkundigen knnen, er zog es aber vor, nicht erst die Aufmerksamkeit andrer zu erwecken. Nach einem halben Dutzend schnellen Schrittes zurckgelegter Meilen kam er nach Derry-Gounva, einem kleinen Orte, wo die Landstrae die Bergmasse der Boggeraghs schneidet. Hier fragte ihn in einer Schnke ein Fremder, der eben zu Abend essen wollte, woher er kme, wohin er ginge und wann er wieder aufbrechen wolle. Offenbar befriedigt durch die Antworten des Knaben, bot er diesem an, seine Mahlzeit mit ihm zu theilen, und zwar mit solcher Herzlichkeit, da Findling es ohne Zgern annahm. Er strkte sich dabei ordentlich und Birk wurde von dem freundlichen Amphytrio auch nicht vergessen. Es war schade, da der Fremde nicht in Cork zu thun hatte, denn er htte dem Knaben gewi einen Platz in seinem Wagen angeboten; er begab sich aber nach dem Norden der Grafschaft. Nach ruhig verbrachter Nacht verlie Findling Derry-Gounva mit Tagesanbruch wieder und betrat nun die Engpsse der Boggeraghs. Dieser Tag wurde anstrengend. Ein steifer Wind heulte durch die bewaldeten Bergeshnge. Zwar aus Sdwest kommend, strich er durch die Windungen der Psse doch je nach deren Richtung hin. Findling hatte ihn immer gerade im Gesicht, ohne, wie ein Schiff, in der Lage zu sein, dagegen aufzukreuzen. Zuweilen mute er sich gar an Bschen neben dem Wege festhalten, um ber eine scharfe Ecke wegzukommen -- kurz, hier ging es unter groer Anstrengung langsam vorwrts. Jetzt htte ihm ein Wagen, ein Jaunting-car, gute Dienste geleistet; leider traf er keinen solchen an. Diese Gegend der Boggeraghs hat wenig Verkehr. Nach den Drfern im Lande kann man gelangen, ohne sich in diese Irrgnge zu wagen. Auch Fugnger sah Findling kaum, und diese hielten dann die entgegengesetzte Richtung ein. Der Knabe nebst seinem Hunde mute sich wiederholt einmal niederlegen, um auszuruhen. Im Laufe des Nachmittags berschritt er, etwas schneller gehend, den hchsten Punkt des Bergrckens, hatte im ganzen aber doch nur vier bis fnf Meilen hinter sich gebracht. Das war ein anstrengender Wandertag. Jetzt, nach Ueberwindung des schlimmsten, hoffte er binnen zwei Stunden die Ostseite des Gebirgsrckens zu erreichen. Es wre vielleicht unklug gewesen, nach Sonnenuntergang weiter zu marschieren. Auf diesen hohen Abhngen wird es schnell Nacht und schon von sechs Uhr ab herrscht daselbst tiefe Dunkelheit. So war es wohl besser, auf der Stelle Halt zu machen, da sich keine Farm und kein Gasthaus zeigte. Es war hier sehr de, eine Art Einschnitt der Landstrae, und Findling fhlte sich nicht besonders sicher. Zum Glck hatte er in Birk einen scharfen und treuen Wchter, auf den er sich wohl verlassen konnte. In dieser Nacht diente ihm als Obdach nur eine enge Aushhlung in der Felsenwand des Abhanges, die ein Vorhang von Mauerkraut fast abschlo. Da schlpfte er hinein und streckte sich auf dem weichen, trocknen Erdboden aus. Birk legte sich zu seinen Fen nieder, und beide schlummerten unter der Obhut Gottes ein. Am folgenden Tag ging es frhzeitig wieder vorwrts. Das Wetter war unsicher, feucht und kalt geworden. Noch eine Strecke von fnfzehn Meilen, und Cork mute am Horizonte auftauchen. Um acht Uhr waren die Engpsse der Boggeraghs berwunden und nun fiel der Weg merkbarer. Die beiden gingen schnell, sie hatten aber Hunger. Der Vorrathsbeutel wurde allmhlich leer. Birk trottete herber und hinber auf der Strae und suchte mit der Nase an der Erde nach Nahrung. Dann kam er zu seinem Herrn zurck, den er ansah, als wollte er sagen: Nun, giebt's denn heute gar nichts? -- Bald, warte nur noch ein wenig, antwortete Findling. Gegen zehn Uhr machten beide in einem Weiler, Zehn-Meilen-Haus genannt, Halt. Hier wurde der Geldbeutel des jungen Wandrers in dem bescheidenen Gasthofe um einen Schilling erleichtert, wofr er das gewhnliche irische Essen erhielt, nmlich Kartoffeln, Speck und ein groes Stck von dem rothen Cheddarkse. Birk bekam ein gutes Futter, sogar mit etwas Fleischbrhe dran. Nachher ruhten beide ein wenig aus und machten sich dann mit frischen Krften auf den Weg. Die Gegend war noch immer hgelig, doch da und dort angebaut, und die Bauern fuhren die in diesem Klima sich versptigende Gersten- und Roggenernte ein. Findling befand sich also nicht allein auf der Strae; er bot den vorberkommenden Landleuten einen Guten Morgen, und diese erwiderten treuherzig seinen Gru. Kinder waren kaum zu sehen -- wenigstens nicht solche, die um einen Copper bettelnd jedem Wagen nachliefen. Freilich kamen auch nur selten Touristen in diese Gegend, das Geschft wre also nicht lohnend gewesen, obwohl es Findling nicht bers Herz gebracht htte, einem armen Kinde das erbetene Almosen zu verweigern. Um drei Uhr nachmittag erreichten sie den Punkt, von wo aus die Landstrae sieben bis acht Meilen weit neben einem Flusse oder greren Bache hin verluft. Es war das die Dripsey, ein Zuflu der Lee, die sich in einer der sdwestlichsten Baien verliert. Wollte er die Nacht nicht wieder unter freiem Himmel zubringen, so mute Findling noch bis zu dem, von Cork nur noch drei bis vier Meilen entfernten Flecken Woodside zu gelangen suchen. Das war von hier noch eine groe Strecke, die er jedoch noch zurcklegen zu knnen glaubte. Also vorwrts, sagte er fr sich, tchtig ausschreitend. Da unten werd' ich ja Zeit haben, um ausruhen zu knnen. Zeit... ja, daran wrde es ihm wohl nicht fehlen, wenn nur sein Geld ausreichte. Doch darum beunruhigte er sich nicht. Er besa ja vier Pfund in gutem Gelde, ohne die Pence, die noch darber waren. Mit einem solchen Schatze konnte er ja wochenlang wandern. Der Himmel ist bedeckt; der Wind hat sich gelegt. Wenn es anfinge zu regnen, ohne da man ein andres Obdach hat als vielleicht einen Heuhaufen, so ist das kein besondres Vergngen, wenn man in einem der Gasthfe von Woodside ein trocknes Fleckchen finden kann. Findling und Birk beeilten sich nach Krften und waren etwas vor sechs Uhr abends nur noch drei Meilen von ihrem heutigen Ziele entfernt, als Birk ganz auffllig zu knurren anfing. Findling blieb stehen und sah nach der Strae hinaus, bemerkte aber nicht das geringste. Was hast Du denn, Birk? Birk bellte jetzt schwach und lief dann rechts nach dem Flusse zu, dessen Ufer nur gegen zwanzig Schritte entfernt war. Er hat wahrscheinlich Durst, dachte Findling, und ich mchte in der That auch einmal trinken. Damit wandte auch er sich der Dripsey zu, als der Hund, laut anschlagend, eben in das Wasser sprang. Hchst erstaunt sprang der Knabe mit einigen Stzen an das Ufer und wollte seinen Hund rufen.... Da gewahrte er den Krper eines Kindes, der von der Strmung hinweggefhrt wurde. Der Hund hatte ihn an den Kleidern oder vielmehr an seinen Lumpen gepackt. Die Dripsey ist aber voller Wirbel und deshalb ein recht gefhrliches Wasser. Birk bemhte sich, ans Ufer zurckzuschwimmen, was ihm nur schwer gelingen zu sollen schien, da das Kind sich krampfhaft an dem Thiere festhielt. Findling konnte schwimmen; Grip hatte es ihm ja seiner Zeit gelehrt. Jetzt warf er ohne Zgern die Jacke ab, doch da erreichte Birk mit einer letzten Anstrengung das Ufer. Findling brauchte sich nur zu bcken und das Kind an der Kleidung zu fassen, um es in Sicherheit zu bringen, whrend der Hund sich freudig bellend schttelte. Das Kind war ein Knabe von hchstens sechs bis sieben Jahren. Die Augen hatte er geschlossen, der Kopf hing schlaff herab und das Bewutsein hatte er verloren.... Wie erstaunte Findling aber, als er dem Kleinen die herabhngenden nassen Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte.... Das war ja der hbsche Bursche, den der Graf Ashton vor kaum zwei Wochen so rcksichtslos mit der Peitsche geschlagen hatte, und wobei Findling fr seine mitleidige Intervention von dem jungen Piborne so heftig ausgescholten wurde. Seit vierzehn Tagen irrte das arme Kind plan- und ziellos auf der Landstrae umher. Im Laufe des Nachmittags mochte er an die Dripsey gekommen sein... hatte wohl seinen Durst lschen wollen, war dabei ausgeglitten und vom Strome fortgerissen worden, und jetzt wre er jedenfalls, wenn Birk ihn nicht in letzter Minute rettete, in einem Wasserwirbel versunken. Nun galt es, den Knaben wieder zu sich zu bringen, was Findling so gut wie mglich versuchte. Das arme, bedauernswerte Wesen! Sein schmales Gesicht, der hagere, fleischlose Krper, alles verrieth, was es gelitten haben mochte: Anstrengung, Klte und Hunger! Der Leib des Kleinen war eingesunken, wie ein leerer Sack. Wie sollte er ihn nun wieder zum Bewutsein bringen? Jedenfalls mute er zuerst von dem verschluckten Wasser befreit werden, dann wollte Findling ihm Mund auf Mund Luft einblasen. -- Wirklich that das Kind nach kurzer Zeit wieder einen ersten schwachen Athemzug, dann schlug es die Augen auf und ber seine Lippen kamen die klagenden Worte: Ich habe Hunger... ach, ich habe solchen Hunger. =I am hungry!= Das ist der Ausruf des Irlnders, den er whrend seines ganzen Lebens und noch, wenn ihm die Augen schon brechen, vernehmen lt. Findling besa noch einigen Mundvorrath. Aus Brot und Speck machte er zwei bis drei Bissen und schob sie dem Knblein in den Mund, der sie gierig verschlang. Er mute ihn migen, sonst wre er erstickt. Die Speise glitt in ihn hinein, wie die Luft in eine vorher luftleere Flasche. Mhsam richtete er sich auf. Sein Blick haftete auf Findling, er schien sich unklar, dann rief er ihn erkennend: Du?... Du? murmelte er. -- Ja... Du erinnerst Dich also.... -- Ach ja... auf der Strae... ich wei nicht wann.... -- Ich... wei es... mein Junge.... -- O, verlasse mich nicht! -- Nein, nein; ich begleite Dich. Wohin wolltest Du gehen? -- Wei nicht... der Strae nach.... -- Wo wohnst Du denn? -- Wohnen?... Nirgends.... -- Wie bist Du denn in den Flu gefallen?... Hast wohl trinken wollen? -- Nein. -- So bist Du nur ausgeglitten? -- Nein. Ich bin... mit Willen hineingefallen! -- Absichtlich? -- Ja... ja... jetzt thu' ich's aber nicht wieder, wenn Du bei mir bleibst.... -- Beruhige Dich; ich bleibe bei Dir! Findling traten die Thrnen in die Augen. Mit sieben Jahren der entsetzliche Gedanke, sterben zu wollen!... Die Verzweiflung trieb dieses Kind in den Tod, die Verzweiflung, die aus der Entblung von allem, aus dem Verlassensein, aus dem Hunger emporwuchert! Das Kind hatte die Augen wieder geschlossen. Findling hielt es fr angezeigt, jetzt mit weiteren Fragen zurckzuhalten. Dazu war spter Zeit. Die Geschichte des Kleinen kannte er ja schon, es war doch die aller dieser armen Geschpfe... war seine eigne.... Ihm freilich war, Dank seiner ungewhnlichen Energie, nie der Gedanke gekommen, seinem Elend auf diese Weise ein Ende zu machen. Jetzt galt es eine Entscheidung. Das Kind war nicht imstande, noch mehrere Meilen bis Woodside zu gehen, und Findling htte es nicht bis dahin tragen knnen. Auerdem brach die Nacht schon an, und da schien es das nthigste, einen Schutz zu finden. In der Nhe war kein Gasthaus zu sehen, auf der Dripsey neben der Strae zeigte sich kein Boot. Zur linken stand dichter Wald. Hier muten sie also wohl die Nacht am Fue eines Baumes hinbringen, auf einer Streu von Blttern und, wenn nthig, neben einem Feuer aus drrem Holze. Mit Sonnenaufgang und wenn das Kind wieder mehr bei Krften war, konnten sie Woodside oder Cork unschwer erreichen. Fr heute Abend war genug zu essen da und es blieb auch noch ein wenig zum Frhstck fr morgen brig. Findling nahm den vor Mdigkeit eingeschlafenen Knaben in die Arme. Birk hinter sich ging er quer ber die Strae und zwanzig Schritte in den Wald hinein, wo es unter den hundertjhrigen Buchen, deren es in Irland unzhlige giebt, schon sehr dunkel war. Wie freute er sich da, einen geneigt stehenden und vom Alter ausgehhlten Stamm zu entdecken! Das war eine Art Wiege oder richtiger ein Nest, in das er seinen kleinen Vogel niederlegen konnte. Die Hhlung war unten mit gleich Sgespnen weichem Staub bedeckt, und wenn er noch einen Arm voll drrer Bltter darber breitete, war das schnste Bett fertig. Beide konnten darin Platz und ein warmes Lager finden, so da das Kind sogar im Schlafe fhlen wrde, da es nicht mehr allein sei. Bald darauf war der Knabe in dieser Aushhlung untergebracht. Die Augen ffnete er vorlufig nicht wieder, doch athmete er sanft und fiel schnell in tiefen Schlaf. Findling trocknete nun die Kleidungsstcke, die sein Schtzling -- der Schtzling des Knaben von elf Jahren! -- morgen wieder anziehen sollte. Nachdem er mit trocknem Holz ein Feuer angezndet hatte, rang er die Lumpen aus und hing sie dann in der Nhe der Gluth an einem niedrigen Buchenaste auf. Jetzt war es Zeit, ans Essen zu denken. Der Hund bekam auch seinen Antheil an Brod und Kartoffeln -- zwar nicht viel, doch er beklagte sich deshalb nicht. Sein junger Herr streckte sich nun in dem hohlen Buchenstamme aus und schlief, den Arm um den Knaben gelegt und vom treuen Birk bewacht, auch endlich ein. Am nchsten Tage, dem 18. September, erwachte das Kind zuerst, hchst verwundert, in einem so guten Bette zu liegen. Birk klffte es schweifwedelnd an... er hatte sich doch auch um die Rettung des Kleinen verdient gemacht. Findling schlug sofort die Augen auf, und der Knabe warf sich ihm um den Hals. Wie heiest Du? fragte er. -- Findling. Und Du?... -- Bob. -- Nun so komm, Bob, zieh' Dich an. Bob lie sich das nicht zweimal sagen. Er erinnerte sich kaum daran, gestern ins Wasser gegangen zu sein. Jetzt hatte er ja eine Familie, einen Vater, der ihn nicht verlassen wrde, wenigstens einen groen Bruder, der ihn einmal auf der Strae nach Trelingar-castle mit einer Handvoll Coppers erfreut hatte. Er lie sich mit der seinem Alter eignen Vertrauensseligkeit gehen, mit jener natrlichen Vertraulichkeit, die man bei irischen Kindern gewhnlich trifft. Andrerseits erschien es Findling, da das Zusammentreffen mit Bob ihm nun Pflichten, gleichsam Vaterpflichten, auferlegt habe. Und wie glcklich war Bob, ein weies Hemd unter seinen trocknen Sachen zu fhlen! Wie machte er die Augen -- doch auch den Mund -- weit auf vor einer Schnitte Brod, einem Stck Kse und einer warmen Kartoffel, die in der Asche des Feuers gerstet worden war! Dieses Frhstck zu zweien war vielleicht das beste, das er seit seiner Geburt genossen hatte. Seit seiner Geburt?... Seinen Vater hatte er zwar nicht, wohl aber -- glcklicher als Findling -- seine Mutter gekannt, die vor zwei bis drei Jahren, genauer wute Bob es nicht, aus Mangel und Entbehrung gestorben war. Nachher hatte man ihn in der Armenanstalt einer nicht zu groen Stadt, auf deren Namen er sich nicht besann, untergebracht. Spter war jene Anstalt wegen fehlender Geldmittel geschlossen worden, und Bob sah sich, er wute nicht warum, auf die Strae geworfen, ebenso wie die andern Kinder, die meist auch keine Eltern hatten. Von da an lebte er auf der Landstrae, schlief wo er ging und stand, und a, wenn... er konnte, bis zu dem Tage, wo ihm nach achtundvierzigstndigem Fasten der Gedanke kam, in den Tod zu gehen. Das war seine Geschichte, die er erzhlte, whrend er die groe Kartoffel verzehrte, und diese Geschichte klang ja nicht neu fr einen frheren Pflegling der Hard, der darauf bei Thornpipe zur Kurbel erniedrigt worden und schlielich als Zgling in die =Ragged-School= gesteckt worden war. Mitten im Plaudern vernderten sich pltzlich die Gesichtszge Bobs, seine sonst so lebhaften Augen erloschen und er wurde ganz bleich. Was fehlt Dir? fragte Findling theilnehmend. -- Du lt mich nicht wieder allein, nicht wahr? murmelte er. Das war seine schlimmste Befrchtung. Nein... Bob. -- Und... wohin fhrst Du mich denn? -- Ja... dahin, wohin ich selbst gehe! Das Wohin verlangte Bob nicht weiter zu wissen, ihm war's ja genug, da Findling ihn mitnahm. Doch Deine Mama... Dein Papa?... -- Ich habe keine.... -- O, rief Bob, da werd' ich Dich desto mehr lieb haben drfen. -- Ich Dich auch, mein Junge; wir wollen schon versuchen, zusammen durchzukommen. -- Ei, Du sollst einmal sehen, sagte Bob, wie ich den Wagen nachlaufe, und was ich da an Coppers bekomme, das geb' ich Dir. Der Knabe hatte bisher nichts andres zu thun gewut. Nein, Bob; den Wagen mu man nicht nachlaufen. -- Warum denn nicht? -- Weil es nicht recht ist, zu betteln. -- Ach!... stie Bob nachdenklich werdend hervor. -- Sag' mir, hast Du ein Paar gute Beine? -- Ja, aber gro sind sie nicht. -- Nun, wir haben heute einen tchtigen Marsch vor uns, wenn wir die Nacht schon in Cork schlafen wollen. -- In Cork?... -- Ja freilich... das ist eine schne Stadt da unten... mit Schiffen... -- Schiffen... ja ich wei. -- Und am Meere gelegen. Hast Du das Meer schon gesehen? -- Nein, noch nicht. -- Das wirst Du auch zu sehen bekommen... o, das ist gro!... Nun vorwrts! Beide brachen auf und Birk trabte lustig vor ihnen her. Zwei Meilen weiter hin verlt die Strae das Ufer der Dripsey und begleitet dafr das der Lee, die in der Bai von Cork ausmndet. Hier erschienen einige Wagen mit Touristen, die sich nach den Berggegenden der Grafschaft begaben. Aus alter Gewohnheit sprang Bob diesen nach und rief: Copper... Copper! Findling holte ihn zurck. Ich habe Dir gesagt, Du sollst das unterlassen, sagte er. -- Warum denn? -- Weil es unrecht ist, um Almosen zu betteln. -- Auch wenn man's thut, um etwas zu essen zu haben? Findling antwortete nicht und Bob fhlte sich sehr beunruhigt wegen seines Frhstcks, bis er in einem Gasthause der Landstrae am Tische sa. Hier thaten sich fr sechs Pence drei -- der groe Bruder, der kleine Bruder und der Hund -- gtlich. Bob konnte kaum seinen Augen trauen: Findling besa ja einen Geldbeutel mit Schillingen darin, und von diesen blieb noch brig, als die Rechnung des Wirthes bezahlt war. Woher hast Du denn das schne Geld? -- Das hab' ich verdient, Bob, durch ehrliche Arbeit.... -- Durch Arbeit?... O, ich mchte wohl auch arbeiten, ich wei aber nicht, wie ich's anfangen soll. -- Das werd' ich Dir lehren, Bob. -- Gleich jetzt? -- Nein; erst wenn wir da unten sind. Wollten sie am Abend in Cork eintreffen, so war keine Minute zu verlieren. Findling und Bob machten sich also wieder auf den Weg und gingen so schnell, da sie zwischen vier und fnf Uhr in Woodside waren. Hier kehrten sie nicht wieder ein, da es gerathener schien, nun gleich bis zu der nur noch drei Meilen entfernten Hafenstadt zu wandern. Du bist doch nicht zu mde, mein Junge? fragte Findling. -- Ach nein... es geht... es geht an, versicherte das Kind. Nachdem sie sich noch einmal durch etwas Nahrung gestrkt hatten, setzten beide ihre Wanderung fort. Um sechs Uhr erreichten sie eine der Vorstdte Corks. Hier fanden sie bei einem Gastwirth Nachtlager und schliefen einer im Arme des andern hoffnungsfreudig ein. VII. Sieben Monate in Cork. Sollte Findling nun in Cork, der Hauptstadt der Provinz Munster, sein Glcksstern aufgehen? Die dritte Stelle in Irland einnehmend, zeichnet sich diese Stadt durch ihren Handel, ihre Industrie, doch auch durch wissenschaftliches Streben aus. Doch was konnte alles das einem Knaben von elf Jahren im Beginn seiner selbststndigen Laufbahn ntzen? Er war ja vielleicht nur hierher gekommen, um die Zahl der Elenden, von denen es in den Seestdten des Vereinigten Knigreichs wimmelt, noch weiter zu vermehren. Findling hatte nach Cork gewollt, er war jetzt da, freilich unter weniger gnstigen Verhltnissen zur Durchfhrung seiner Zukunftsplne. Einst, als er noch auf dem Strande bei Galway umherschweifte, und spter, als Pat Mac Carthy von seinen Reisen erzhlte, da begeisterte er sich fr das eintrgliche Handelswesen. Waaren im Auslande zu kaufen und sie daheim theurer wieder abzusetzen... welch schner Traum! Seit dem Weggange von Trelingar-castle hatte er aber tiefer nachdenken gelernt. Um aus dem Kinde vom Armenhaus in Donegal einen Befehlshaber eines schnen, tchtigen Schiffes zu machen, das die Weltmeere durchkreuzte, mute er von unten beginnen, als Schiffsjunge, als Leichtmatrose, als Vollmatrose und als Bootsmann dienen, dann erst konnte er hoffen, Offizier und Kapitn fr lange Fahrt zu werden. Jetzt aber, wo er fr Bob und Birk zu sorgen hatte, war an so etwas nicht zu denken. Was htte auch aus beiden werden sollen, wenn er sie verlie? Da er -- mit Hilfe Birks -- Bob das Leben gerettet hatte, fhlte er sich verpflichtet, es ihm zu erhalten. Am folgenden Tage einigte sich Findling mit dem Wirthe ber den Miethzins fr eine Dachkammer mit einfacher Strohmatratze, der brigens nicht hoch war, nmlich zwei Pence, an jedem Morgen zu zahlen. Ihre Mahlzeiten wollten sie einnehmen, wo sich das gerade machen lie. So gingen die beiden Knaben mit dem Hunde aus, als die Sonne eben die Morgennebel zerstreute. Und die Schiffe?... fragte Bob. -- Welche Schiffe? -- Die von denen Du mir gesprochen hast. -- Warte nur, bis wir an den Flu kommen. Nun trollten sie durch eine ausgedehnte Vorstadt von etwas rmlichem Aussehen dahin, um die Schiffe zu suchen. Bei einem Bcker unterwegs wurde ein Stck Brod erkauft. Wegen Birks brauchten sie sich nicht zu beunruhigen -- der fand schon sein Futter in den Abraumhaufen auf den Straen. Am Quai der Lee, die Cork mit zwei Armen umfat, lagen wohl einige Barken, doch keine Schiffe -- wenigstens nicht solche, die den Canal Saint-Georges oder das irische Meer und gar den Atlantischen Ocean htten berschreiten knnen. Der eigentliche Hafen liegt auch weiter stromabwrts bei Queenstown, dem alten Cowes, und dahin kann man mittelst rascher Dampffhre bequem und billig gelangen. Bob an der Hand fhrend, betrat Findling nun die eigentliche Stadt. Auf der Hauptinsel des Flusses erbaut, verbinden sie mehrere Brcken mit dem Festlande. Andre, weiter oben oder unten gelegene Inseln sind in Spaziergnge und Grten verwandelt, die das herrlichste Grn und erquickenden Schatten bieten. Da und dort erheben sich einzelne Denkmler, daneben eine stillose Kathedrale mit sehr altem Thurme, die Kirche Sainte-Marie und Saint-Patrick. An Kirchen fehlt es in Irland berhaupt nicht, auch nicht an Armen- und Krankenanstalten und Workhouses. Im Lande Erins giebt es recht viele fromme Leute, doch auch ebenso viele Arme. Der Gedanke, etwa in eine solche Armenanstalt zurckkehren zu mssen, erfllte Findling mit Abscheu und Schrecken. Ja, da htte er das Queenscollege, ein prchtiges Gebude, weit vorgezogen. Um da Aufnahme zu finden, wird freilich etwas mehr verlangt, als lesen, schreiben und rechnen zu knnen. Die Straen der Stadt waren ziemlich belebt... belebt von Leuten, die schon frhzeitig ihre Arbeit beginnen; jetzt ffneten sich die Lden oder die Thren der Huser, aus denen die Dienstmdchen, den Besen in der Hand oder einen Korb am Arme, heraustraten, jetzt knarrten viele Wagen und zeigten sich viele Hausierer mit ihren zur Schau gelegten Kleinwaaren, und es summte auf den Mrkten, wo die Lebensmittel fr eine Bevlkerung von hunderttausend Seelen -- Queenstown eingerechnet -- feilgeboten werden. Auf dem Wege durch das Handels- und Industrieviertel sah man Fabriken fr Leder, Papier und Tuche, Brennereien und Brauereien u. s. w., vom wirklichen Hafen- und Seeleben aber noch nichts. Nach einem angenehmen Spaziergange lieen sich Findling und Bob auf der Steinbank an der Ecke eines groen Gebudes nieder. Hier roch es schon mehr nach Welthandel, denn hier lagerten Salzfleisch, scharfe Gewrze, Colonialwaaren aller Art, und auch Butter, wofr Cork ein Hauptmarkt nicht nur fr das Vereinigte Knigreich, sondern fast fr ganz Europa ist. Findling sog den ihm fremden Duft mit grtem Wohlbehagen ein. Das betreffende Gebude erhob sich an der Vereinigung der beiden Arme der Lee, die von hier aus vereinigt nach der Bai hinabstrmen. Jenes war das Zollamt mit seinem unaufhrlichen Menschenverkehr. Von diesem Zusammenflusse aus spannt sich keine Brcke mehr ber den Strom, und so findet die Schiffahrt keinerlei Hindernisse zwischen Queenstown und Cork. Ebenso wie er vorher nach den Schiffen gefragt hatte, rief Bob jetzt: Nun, aber das Meer?... Ja, das Meer, das ihm sein groer Bruder versprochen hatte... Das Meer ist weiter drauen, Bob; dahin werden wir schon auch noch kommen. Dazu brauchten sie nur eins der Fhrboote zu besteigen, die den Verkehr in der Bai vermitteln; das ersparte ihnen Zeit und Mhe. Das Fahrgeld fr zwei Personen betrug nur wenige Pence. Das konnten sie sich am ersten Tage wohl erlauben, zumal da Birk ganz frei mitfuhr. Wie freute sich Findling, auf der Lee in dem schnellen Dampfboote hinabzugleiten. Er gedachte dabei der vornehmen Familie der Piborne's und deren Besuchs auf der Insel Valentia, hinter der das weite, weite Meer sich ausdehnte. Whrend der Fahrt kamen Schiffe von jeder Gre vorber. An den Ufern lagen groe Speicher, Badeanstalten und Schiffswerfte, die die auf dem Vorderdeck des Fhrschiffes sitzenden Knaben mit Interesse betrachteten. Schlielich gelangten sie nach Queenstown, einem schnen, acht bis neun Meilen langen, und von Ost nach West gegen sechs Meilen breiten Hafen. Ist das nun das Meer? fragte Bob. -- Nein, kaum ein Stckchen davon, erwiderte Findling. -- Da ist es also wohl noch grer? -- Gewi. Man kann kein Ende desselben sehen. Da das Fhrboot aber nur bis Queenstown ging, kam Bob das, wonach er sich so sehr sehnte, jetzt nicht vor Augen. Schiffe jeder Gre gab es hier zu Hunderten, solche der langen Fahrt ebenso wie Kstenfahrzeuge. Das erklrte sich damit, da Queenstown nicht nur ein Ankerplatz, sondern auch ein Provianthafen ist. Die groen transatlantischen Dampfer der englischen oder amerikanischen Linien, die von den Vereinigten Staaten kommen, liefern hier die Postbeutel fr England ab, die dadurch einen halben Tag frher eintreffen. Dann steuern die Dampfer weiter nach London, Liverpool, Cardiff, Newcastle, Glasgow, Milford und nach andern Hfen des Vereinigten Knigreichs, kurz, es herrscht hier ein Schiffsverkehr, der sich auf zwlfhunderttausend Tonnen beluft. Bob verlangte nach Schiffen.... Niemals jedoch htte er geahnt, da es deren so viele gebe -- Findling brigens auch nicht -- die einen verankert oder von Tauen gehalten, die andern ein- oder ausfahrend, die einen von berseeischen Lndern herkommend, die andern nach weit entfernten Lndern aussegelnd, die hier in vollem Schmuck ihrer sich vor der Brise aufblhenden Segel, und die dort wieder, das Wasser der Bai von Cork mit ihren mchtigen Schrauben aufwirbelnd. Und whrend Bob mit fast verdutzten Augen das rege Leben auf der Bai betrachtete, grbelte Findling ber die Handelsthtigkeit, die sich vor seinen Blicken entrollte, ber die reichen Ladungen im Raume jener Schiffe, die Baumwollen- und Wollenballen, die Weintonnen, die Gefe mit Alkohol, ber die Scke mit Zucker, die Kisten mit Kaffee, und er sagte sich, da alles das gekauft und verkauft werde... da das ein richtiges Abbild der Handelsthtigkeit darstelle. Auf dem Quai von Queenstown zu lange zu verweilen, hier, wo so vieles Elend neben so groen Reichthmern sichtbar ist, htte ihnen auch nichts ntzen knnen. Mit Schrecken sahen sie da und dort groe Haufen von Mudlarks, kleinen, armen Kindern und alten elenden Frauen, die den von der Ebbe freigelegten Schlamm durchwateten, und an den Straenecken andre Unglckliche, die sich mit den Hunden um einige Abflle stritten. So bestiegen beide wieder das Fhrboot und kehrten nach Cork zurck. Die Spazierfahrt war unterhaltend und belehrend gewesen, hatte aber viel gekostet. Vom nchsten Tage ab galt es nur daran zu denken, etwas mehr zu verdienen als auszugeben, wenn die kostbaren Guineen nicht zusammenschmelzen sollten, wie ein Stck Eis in der warmen Hand. Wir wollen nicht auf alle Einzelheiten des Leben Findlings und seines Freundes Bob whrend der sechs Monate nach seinem Eintreffen in Cork eingehen. Der lange und rauhe Winter wre fr an Hunger und Klte weniger gewhnte Kinder gewi verderblich gewesen. Jetzt machte die Noth aus diesem Knaben von elf Jahren schon einen Mann. Einstmals, bei der Hard, lebte er von nichts, und wenn er heute von wenig lebte, so lebte er doch, und Bob noch mit ihm. Mehr als einmal hatten sie freilich des Abends nur ein Ei zu theilen, das sie mit einem Stck Brod verzehrten, dennoch sprachen sie nie um ein Almosen an. Bob hatte eingesehen, da das Betteln eine Schande war. Beide besorgten sie kleine Auftrge, holten Wagen von den Haltepltzen und trugen, manchmal ziemlich schweres, Reisegepck, das die Fremden ihnen beim Verlassen des Bahnhofs bergaben. Findling verstand von dem Reste seines Lohnes von Trelingar-castle mglichst viel zu erhalten. Nur in den ersten Tagen des Aufenthaltes in Cork hatte er einen Theil davon opfern mssen. Bob brauchte ja Kleider und Schuhe und freute sich unbndig, als er einen ganz neuen Anzug fr dreizehn Schillinge auf dem Leibe hatte. Er konnte ja aber auch nicht in Lumpen und barfu nebenher gehen, wenn sein groer Bruder anstndig gekleidet erschien. Nach dieser einmaligen Ausgabe galt es aber, von dem zu leben, was tagsber verdient wurde. Zuweilen, wenn ihnen der Magen ein wenig knurrte, beneideten sie wohl Birk, der sein Futter auf der Strae fand. Ich mchte fast auch ein Hund sein! meinte Bob. -- Nun, verwhnt bist Du offenbar nicht! antwortete Findling. Mit dem Miethzins im Gasthaus blieben sie nie im Rckstand. Der Eigenthmer, der sich fr die beiden Kinder interessierte, bedachte sie von Zeit zu Zeit einmal mit einer guten warmen Suppe, und die konnten sie ja wohl ohne Errthen annehmen. Wenn Findling darauf hielt, die beiden Pfund, die ihm nach den ersten Einkufen noch verblieben, zu bewahren, so geschah das, weil er auf die Gelegenheit wartete, dieses Capital ins Geschft zu stecken, wie er sagte. Bob ri die Augen weit auf, als er ihn so sprechen hrte, und Findling erklrte ihm dann, das bestehe darin, irgendwo Dinge einzukaufen und sie um hheren Preis wieder zu verkaufen. Dinge, die man essen kann? fragte Bob. -- Die man essen kann oder nicht, das hngt vom Zufall ab. -- Ich wrde lieber Sachen kaufen, die ebar sind. -- Warum denn, Bob? -- Nun, wenn man sie einmal nicht verkauft, kann man sie wenigstens selbst verzehren. -- Ei, Bob, Du hast ja schon rechtes Verstndni fr den Handel! Es kommt inde darauf an, gut auszuwhlen, was man einkauft, dann wird man das wohl immer mit Nutzen wieder los. Hieran dachte unser Held unablssig, und er machte auch einige schchterne Versuche, die nicht fehlschlugen. Wenn es mit Papier, Bleistiften und Streichhlzchen auch -- wegen starker Concurrenz -- nicht recht gehen wollte, so hatte er doch bessern Erfolg mit dem Verkauf von Zeitungen, mit denen er sich in der Nhe des Bahnhofs aufstellte. Bob und er sahen so interessant, und vorzglich so grundehrlich aus, sie boten ihre Waare so geschickt und hflich an, da nur selten Jemand sich enthalten konnte, ihnen die neuesten Journale, die Coursbcher der Eisenbahnen, oder Fahrplne und kleine billige Reisebcher abzunehmen. Findling und Bob besaen jeder einen Kasten, in dem die Zeitungen und Bcher so lagen, da man die Titel und auch etwaige Illustrationen gut sehen konnte, und auch an Kleingeld, um wiederzugeben, fehlte es niemals. Natrlich verlie Birk seinen Herrn auch hier nie; er mochte sich als Geschftstheilhaber oder wenigstens als Gehilfe desselben betrachten. Zuweilen lief er mit einem Zeitungsblatt in den Zhnen auf Vorbergehende zu und bot es diesen mit bezeichnenden Sprngen an. Bald sah man ihn gar mit einem Korbe auf dem Rcken, worin die Preerzeugnisse schon geordnet lagen und den ein Wachstuchdach gegen gelegentlichen Regen schtzte. Das war ein Gedanke Findlings gewesen, und gewi kein so bler. Die Kufer muten ja angelockt werden, wenn sie Birk so ernsthaft, so durchdrungen von der Wichtigkeit seines Dienstes sahen. Da war's freilich mit tollen Sprngen und mit Spielen mit Hunden aus der Nachbarschaft zu Ende. Wenn solche sich dem gescheuten Thiere nherten, da empfing er sie nur mit dumpfem Knurren, und der vierbeinige Colporteur zeigte den Vorwitzigen die Zhne. In der Umgebung des Bahnhofs sprach man schon berall von dem Hunde der kleinen Hndler. Ja man handelte wohl unmittelbar mit ihm. Die Kufer entnahmen dem Korbe das gewnschte Zeitungsexemplar und steckten den Preis dafr in eine Sparbchse, die an Birks Halse hing. Ermuthigt durch diesen Erfolg, dachte Findling daran, sein Geschft auszudehnen. Dem Handel mit Bchern und Journalen fgte er noch Streichhlzer, Tabak, billige Cigarren und hnliches hinzu. In Folge davon trug Birk allmhlich einen ganzen Kramladen auf den Schultern. An manchem Tage vereinnahmte er sogar mehr als seine Herrn, die deshalb nicht eiferschtig wurden -- im Gegentheil, Birk wurde vielmehr mit einem guten Futter und mit herzlicher Liebkosung belohnt. Die drei Genossen vertrugen sich vortrefflich, und es wre ein Glck, wenn alle Familien so einig wren, wie hier der Hund und die beiden Kinder! Findling hatte an Bob bald gute Anlagen und Wissensdrang bemerkt. Der siebenundeinhalbjhrige Knabe, von vielleicht minder praktischem Geiste als sein grerer Bruder, war dafr lustiger und lie seiner natrlichen Frhlichkeit gern freien Lauf. Da er weder lesen, schreiben noch rechnen konnte, unterlie es Findling selbstverstndlich nicht, ihn bald darin zu unterrichten. Er mute doch wenigstens die Titel der Bltter angeben und lesen knnen, die man von ihm verlangte. Die Sache gefiel ihm und er machte schnell Fortschritte. Nach den groen Buchstaben der Titel erlernte er die kleinen im Texte der Bltter. Dann ging's ans Schreiben und Rechnen, was ihm etwas mehr Schwierigkeiten machte. Dennoch berwand er diese schnell. Schon sah er sich als Gehilfe einer Buchhandlung, der den Verkaufsladen Findlings besorgte, welcher in der schnsten Strae von Cork eine weit leuchtende Firma mit =Bookseller= darauf hatte. Er verstand jetzt schon einen guten Verdienst zu machen, und in seiner Tasche befanden sich mehrere wohlverdiente Pence, auch weigerte er sich nicht, ein kleines Almosen zu geben, wenn Kinder bettelnd die Hand ausstreckten. Er erinnerte sich ja zu gut der Zeit, wo er auf der Landstrae hinter den Wagen hergelaufen war. Seiner angebornen Neigung entsprechend, hatte Findling natrlich jeden Tag Buch und Rechnung gefhrt, und so und so viel fr die Wohnung, fr Essen und Trinken, fr Wsche und fr Heizung und Licht ausgeworfen. Jeden Morgen schrieb er in sein Notizbuch die zum Einkauf von Waaren bestimmte Summe ein und stellte eine Bilanz mit den Ausgaben und Einnahmen auf. Er verstand bereits recht vortheilhaft ebenso einzukaufen, wie zu verkaufen. In Folge dessen hatte er mit Ende des Jahres 1882 schon ein Dutzend Pfund in der Casse -- wenn er eine Casse besessen htte. Dafr hatte ein wohlwollender Hndler, bei dem er gewhnlich ziemlich viel entnahm, ihm seinen Geldschrank zur Verfgung gestellt, und in diesen wurde jede Woche der erzielte Ueberschu eingelegt, fr den er sogar schon einige Zinsen erhielt. Angesichts dieser durch seine Sparsamkeit und Intelligenz erzielten Erfolge regte sich in dem Knaben bald der gewi nicht unberechtigte Ehrgeiz, seine Geschfte zu vergrern. Das wre ihm, auch wenn er dauernd in Cork blieb, mit der Zeit wohl gelungen. Er sagte sich jedoch, nicht ohne Grund, da eine bedeutendere Stadt, z.B. Dublin, die Hauptstadt Irlands, dafr gnstigere Aussicht bieten msse. In Cork laufen ja die Schiffe nur vorbergehend an und der Waarenumsatz ist verhltnimig beschrnkt... whrend Dublin... Dublin lag nur gar so weit von hier!... Doch das war ja zu berwinden. Wenn auch die Mglichkeit vorlag, da der Knabe dabei den Sperling aus der Hand fr die Taube auf dem Dache hingab, wenn er seine Trume fr verwirklicht ansah, so kann man es einem halben Kinde doch schwerlich verwehren, zu trumen. Der Winter war nicht streng, weder in den letzten Monaten des Jahres 1882, noch in den ersten des nachfolgenden Jahres. Findling und Bob brauchten jetzt ja auch nicht mehr unter Leiden und Entbehrungen vom Morgen bis zum Abend auf den Straen umherzulaufen. Immerhin ist es beschwerlich, mitten im scharfen Winde auf Pltzen und an Straenecken lngere Zeit auszuhalten. Sie waren das inde von frher Jugend an gewhnt, und wenn es ihnen auch zuweilen hart ankam, so wurden sie wenigstens nicht krank, obgleich sie sich in keiner Weise schonten. Bei jeder Witterung standen sie Tag fr Tag mit dem Morgenrothe auf, kauften dann ihre Vorrthe ein, um diese schleunigst wieder abzusetzen, wozu sich auf dem Perron des Bahnhofs bei Ankunft und Abgang der Zge die beste Gelegenheit bot, und wanderten dann durch verschiedene Stadttheile, whrend Birk ihren Schaukasten ohne Murren auf dem Rcken trug. Nur des Sonntags, wenn im Vereinigten Knigreich alle Stdte, Flecken und Drfer feiern, gnnten sie sich einige Ruhe, besserten die Kleidung aus, rumten zu Hause auf und stellten ihre Dachkammer so sauber wie mglich her, wonach der eine seine Buchfhrung in Ordnung brachte und der andre sich im Lesen, Schreiben und Rechnen bte. Am Nachmittage gingen sie dann in Begleitung Birks bis hinunter nach Queenstown -- zwei wackre kleine Brger, die nach einer Woche fleiiger Arbeit zur Erholung lustwandelten. Eines Tages gestatteten sie sich, in einem Boote um die Bai zu fahren, und hier erblickte Bob zum ersten Male das grenzenlose Meer. Und weiter drauen, fragte er, wenn man auf dem Wasser immer, immer weiter fhrt, was findet man denn da? -- Ein groes Land, Bob. -- Grer als unsres?... -- Tausendmal so gro, Bob, und die groen Schiffe, die Du siehst, brauchen zur Reise dahin wenigstens acht volle Tage! -- Giebt's denn in jenem Lande auch Zeitungen? -- Zeitungen, Bob?... O, zu hunderten... Zeitungen, die das Stck sogar mit sechs Pence verkauft werden. -- Das weit Du bestimmt? -- Ganz bestimmt... ich wei auch, da man Monate brauchen wrde, um sie alle durchzulesen! Bob betrachtete mit Bewunderung den erstaunlichen Findling, der im Stande war, so etwas zu versichern. Bezglich der gewaltigen Schiffe, der mchtigen Dampfer, die gewhnlich in Queenstown vor Anker gingen, fhlte er das lebhafteste Verlangen, einmal deren Deck zu betrachten und auf den Masten herumzuklettern, whrend Findling es sicherlich vorgezogen htte, den Laderaum und die Fracht in Augenschein zu nehmen. Bisher hatten aber beide nicht gewagt, an Bord eines solchen zu gehen ohne Erlaubni des Kapitns -- einer Persnlichkeit, von der sie sich die bertriebensten Vorstellungen machten. Ihn zu fragen, dazu fehlte ihnen der Muth. Der Kapitn ist auf dem Schiffe ja der Nchste nach Gott, wie es Findling gehrt und es Bob wieder gesagt hatte. So blieb der Wunsch der beiden Knaben noch immer unbefriedigt. Hoffentlich sollte er noch einmal in Erfllung gehen, gleich den andern Wnschen, die in ihnen erwachten. VIII. Ein erster Heizer. So vollendete sich das Jahr 1882, das in den Activen und Passiven Findlings mit so vielen glcklichen und unglcklichen Conten, mit der Vertreibung und dem Verschwinden der Familie Mac Carthy, von der er nie wieder etwas gehrt hatte, mit den drei auf Trelingar-castle zugebrachten Monaten, seinem Zusammentreffen mit Bob, der Niederlassung in Cork und mit dem Gedeihen seines kleinen Handels, verzeichnet stand. Whrend der ersten Monate des neuen Jahres erlahmte der Verkehr zwar noch nicht, er schien aber seinen Hhepunkt berschritten zu haben. Da Findling einsah, da er unter solchen Umstnden nicht weiter vorwrts kommen knne, trug er sich stets mit dem Gedanken, nun eine eintrglichere Operation -- nicht in Cork, sondern in einer bedeutenderen Stadt Irlands zu wagen. Immer lag ihm dafr Dublin im Sinn, und er hoffte, es werde sich schon eine Gelegenheit bieten, sein Vorhaben auszufhren. Januar, Februar und Mrz verstrichen. Die beiden Knaben sparten, wo sie konnten, jeden Penny. Ihr kleines Vermgen nahm einmal auch pltzlich mehr zu, als ihnen ein besonders Geschft mit recht gutem Nutzen zufiel. Es handelte sich dabei um eine politische Flugschrift bezglich der Wahl Parnell's, zu deren Vertrieb in den Straen von Cork und von Queenstown Findling das ausschlieliche Recht erhielt. Wer die Broschre kaufen wollte, mute sich also an ihn, allein an ihn wenden, und Birk trug einen hbschen Posten davon auf dem Rcken. Die Sache hatte berraschenden Erfolg, und beim Abschlu der Rechnung zu Anfang des April befanden sich in der Cassa dreiig Pfund, achtzehn Schillinge und sechs Pence. So reich waren die Knaben noch niemals gewesen. Jetzt entstanden lange Verhandlungen ber die Frage der Ermiethung eines kleinen Ladens in der Nhe des Bahnhofs. Es wre ja so hbsch gewesen, ein eignes Heim zu haben. Gerade Bob, dem schon nichts mehr unerreichbar schien, drngte mehr und mehr dazu. Da wre nun ein Zeitungs- und Bcherladen entstanden mit einem Chef von elf und einem Gehilfen von acht Jahren -- Ladeninhabern, die nun schon htten Steuern entrichten mssen. Voraussichtlich htten die Kinder, die bereits das ffentliche Interesse erregt hatten, auch gute Geschfte gemacht. Findling dachte jedoch auch noch an das und jenes andre und erwog es nach allen Richtungen. Vor allem beschftigte ihn der Gedanke der Uebersiedlung nach Dublin, wohin es ihn wie eine Ahnung zog. Dennoch zgerte er und fgte sich Bobs Einwrfen, als sich etwas ereignete, was fr seine Zukunft sofort entscheidend werden sollte. Es war am Sonntag den 8. April. Findling und Bob hatten sich vorgenommen, den Tag in Queenstown zuzubringen. Vorzglich bestimmte sie dazu das Verlangen, einmal in einer wirklichen Matrosenschnke zu frhstcken und zu speisen. Da giebts wohl Fische? fragte Bob. -- Ja, antwortete Findling, sogar Hummern, und wenn nicht diese, dann wenigstens Krabben, wenn Du diese magst.... -- Ich?... Natrlich! Die Knaben legten die besten, sorgsam gereinigten Kleider an, zogen blank gewichste Stiefeln an die Fe und brachen frhzeitig mit dem glattgebrsteten Birk zu ihrem Ausfluge auf. Heut' war prchtiges Wetter, glnzend strahlte die Frhlingssonne herab und ber dem Wasser wehte eine leichte, laue Brise. Die Fahrt auf der Lee in einem Fhrboot machte ihnen schon das grte Vergngen. Hier befanden sich nmlich Musiker an Bord, Straenvirtuosen, deren Vortrge Bob geradezu entzckten. Der Tag begann also in angenehmster Weise, und es war nur zu wnschen, da er ebenso endigte. Kaum auf dem Quai von Queenstown angelangt, entdeckte Findling eine Schnke mit der Firma zum =Old Seaman=, die ihm ganz passend erschien, um darin einzukehren. Vor der Thr stand ein Kbel, in dem ein halb Dutzend Krustenthiere ihre Beine und Scheeren durcheinander bewegten, bis sie in den Kochtopf wanderten, wenn ein Gast den dafr verlangten Preis anlegen wollte. Von einem Tische neben dem Fenster aus konnte man die an den Pfhlen im Wasser befestigten Schiffe bersehen. Findling und Bob wollten eben in die vielversprechende Schnke eintreten, als ihre Aufmerksamkeit durch ein groes Dampfschiff abgelenkt wurde, das am Abend vorher in Queenstown angelaufen war und noch seine Sonntagstoilette machte. Es war der Vulcan, ein Dampfer, von acht- bis neunhundert Tonnen, der von Amerika kam und am nchsten Tage nach Dublin weiter gehen sollte. Das hatte wenigstens ein Matrose in gelber Wachstuchjacke Findling auf dessen Fragen mitgetheilt. Beide betrachteten noch das eine halbe Kabellnge vom Quai vertute Fahrzeug, als sich ein groer Bursch mit geschwrztem Gesicht und noch schwrzeren Hnden Findling nherte, ihn ansah und den Mund weit aufsperrend rief: Du... Du!... Bist Du es wirklich? Findling wurde ganz bestrzt, und Bob war es nicht minder. Der junge, fremde Mann duzte ihn? Und noch dazu ein Neger?... Kein Zweifel, hier mute ein Irrthum vorliegen. Der vermeintliche Neger lie sich durch die Zurckhaltung des Knaben jedoch nicht abschrecken. Ich bin's ja!... Kennst Du mich denn nicht?... Ich bin's... Die =Ragged-School=... Grip!... -- Grip! wiederholte Findling ganz auer sich. In der That war das Grip, und nun fielen sich beide in die Arme und kten sich mit solcher Innigkeit, da Findling selbst dabei so schwarz wie ein Kohlentrger wurde. Das war eine Freude des Wiedersehns! Der alte Aufseher der Lumpenschule war jetzt ein groer, krftiger junger Mann von zwanzig Jahren, der durch nichts mehr an die Leidenszeit in Galway erinnerte, oder hchstens nur dadurch, da sein Gesicht noch den gleichen gutmthigen Ausdruck zeigte. Grip... Grip... Du bist es... Du! rief Findling immer und immer wieder. -- Ja, ich bin's... und ich hatte Dich auch niemals vergessen, mein Junge! -- Und Du bist jetzt Matrose?... -- Nein, Heizer an Bord des Vulcan! Die Eigenschaft als Heizer machte auf Bob, der dabei ans Kochen dachte, einen sehr tiefen Eindruck. Was machen Sie denn da am Feuer? fragte er. Wohl Suppe?... -- Nein, Kleiner, erwiderte Grip lachend, ich koche gar nichts, ich heize nur den Dampfkessel, der unsre Maschine in Bewegung setzt und die dann das Schiff vorwrts treibt. Findling stellte seinem alten Beschtzer aus der =Ragged-School= nun seinen Bob vor. Eine Art Bruder, sagte er, den ich auf der Landstrae gefunden habe... und der Dich gut genug kennt, denn ich habe ihm unsre Geschichte oft erzhlt. Ach, mein guter Grip, wie viel mut Du mir erst zu erzhlen haben, wo wir nun seit sechs langen Jahren getrennt gewesen sind! -- Und Du doch wohl auch? entgegnete der Heizer. -- Nun, komm, komm, frhstcke mit uns... dort in jener Schnke, in die wir eben gehen wollten.... -- O nein, erwiderte Grip, im Gegentheil, Ihr werdet mit mir frhstcken. Zunchst kommt jedoch einmal mit an Bord.... -- An Bord des Vulcan?... -- Natrlich. Wie, beide sollten auf das Schiff gehen? -- Findling und Bob wagten kaum, Grip zu glauben. Das war ja fr sie dasselbe, als htte man ihnen vorgeschlagen, ins Paradies einzutreten. Ja, aber unser Hund?... -- Welcher Hund?... -- Birk. -- Das Thier, das hier um mich herumstolziert?... Ist das Euer Hund? -- Unser Freund, Grip... ein Freund, fast in der Art wie Du! Wer wei, ob Grip sich durch diesen Vergleich besonders geschmeichelt fhlte, jedenfalls streichelte er das Thier, das so warm gelobt worden war. Doch der Kapitn?... warf Bob noch ein, dem dieser Gedanke eine starke Zurckhaltung auferlegte. -- Der Kapitn ist am Lande, und der Oberbootsmann wird Euch wie groe Herren empfangen! Daran zweifelte Bob, wenn er in Gesellschaft Grips kam, weit weniger. Ein erster Heizer... das hat doch etwas zu bedeuten! Uebrigens, fuhr Grip fort, mu ich noch ein bischen Toilette machen und mich vom Kopf bis zu den Fen waschen, da mein Dienst zu Ende ist. -- Du hast also den ganzen Tag frei, Grip? -- Den ganzen Tag. -- Das war doch ein herrlicher Gedanke, Bob, heute nach Queenstown zu fahren! -- Ja, ich glaub's Dir, sagte Bob. -- Und Du, nahm Grip lachend wieder das Wort, Du mut Dich auch etwas abseifen, ich habe Dich ja ganz schwarz gemacht, Findling. Du heit doch noch immer so? -- Jawohl, Grip. -- Das ist mir lieb. -- Grip... ich mchte Dich noch einmal umarmen! -- Geniere Dich nicht, mein Junge, wir stecken nachher doch die Nase in den Kbel! -- Nun, und ich? lie sich Bob vernehmen. -- Du auch! Der junge Mann kte auch den Kleinen, der davon ebenso negerhnlich wie Grip selbst wurde. Was schadete das? Sie konnten sich ja an Bord des Vulcan und in der kleinen Cabine, worin der Heizer schlief, Gesicht und Hnde wieder reinigen. -- An Bord und in einer Cabine!... Bob konnte noch gar nicht daran glauben! Einen Augenblick danach bestiegen alle drei -- Birk nicht zu vergessen -- das kleine Boot des Dampfers, das Grip mittelst Riemens vorwrts trieb -- zur grten Freude Bobs, sich so herrlich geschaukelt zu sehen -- und binnen zwei Minuten legten sie am Vulcan an. Der Hochbootsmann machte Grip ein einladendes Zeichen mit der Hand und der Heizer lie seine Gste durch die Luke des Feuerraums hinabsteigen, whrend Birk auf dem Verdeck umhertrottete. Hier wurde ein Fa neben dem Lager Grips mit warmem Wasser gefllt, so da sie ihre natrliche Farbe wieder erlangen konnten. Whrend er sich dann umkleidete, erzhlte Grip seine Geschichte. Beim Brande der =Ragged-School= ziemlich ernstlich verwundet, hatte er gegen sechs Wochen im Krankenhause gelegen, das er zum Glck wieder vllig hergestellt verlie, nur da es ihm an allen Mitteln zum Unterhalt gebrach. Die Stadt ging eben daran, die Lumpenschule wieder herzustellen, denn man konnte deren Insassen doch nicht auf der Strae liegen lassen. In Erinnerung an die in jenem abscheulichen Obdach zugebrachten Jahre, empfand Grip aber nicht das geringste Verlangen, dahin zurckzukehren. Auch ferner mit O'Bodkins und der alten Kri zu leben, so boshafte Schlingel wie Carker und dessen Kameraden zu berwachen, das erschien ihm keineswegs verlockend. Nun war ja auch Findling nicht mehr dort. Grip wute zwar, da diesen eine schne Dame mitgenommen habe, doch wohin... das konnte er nicht erfahren; und als er das Krankenhaus verlassen hatte, da blieben seine Erkundigungen danach leider ohne jeden Erfolg. Grip verlie also Galway und durchstreifte auf gut Glck das Land. Zur Erntezeit fand er zuweilen auf einer Farm Beschftigung, doch keine feste Anstellung, was ihn natrlich beunruhigte. So wanderte er von Ort zu Ort, manchmal bittre Noth leidend, im ganzen aber doch glcklicher als frher in der Lumpenschule. Ein Jahr spter war Grip nach Dublin gekommen, er wollte auf die See gehen. Der Beruf als Seemann schien ihm sichrer als irgend ein andrer. Mit achtzehn Jahren ist es aber zu spt, Schiffsjunge, ja sogar Leichtmatrose zu werden. Da er sich also nicht als Matrose einschiffen konnte, schon weil ihm die dazu nthigen Kenntnisse fehlten, so begngte er sich, als Kohlenschaufler einzutreten, und als solcher war er an Bord des Vulcan aufgenommen worden. Da unten in der Tiefe in einer von schwarzem Rauch geschwngerten Luft zu verweilen und noch dazu bei erstickender Hitze, das erscheint zwar nicht als das Ideal des Wohllebens hienieden. Grip war jedoch entschlossen und arbeitsam. Sauber und eifrig von Natur, gewhnte er sich schnell an die Disciplin an Bord. Niemals zog er sich einen Vorwurf zu. So erwarb er sich die Achtung des Kapitns und der Officiere, die sich fr den armen Teufel ohne Familie interessierten. Der Vulcan fuhr zwischen Dublin und New-York oder andern Hfen der Ostkste von Amerika. In zwei Jahren war Grip vielmals ber den Ocean gekommen, immer damit betraut, die Bunker richtig zu fllen und das Heizmaterial vor die Feuerffnung zu schaffen. Da erwachte in ihm der Ehrgeiz. Er hielt darum an, unter dem Befehl des Maschinisten als Heizer verwendet zu werden. Man stellte ihn probeweise als solchen an und er befriedigte bald seine Vorgesetzten. So wurde er nach einiger Zeit erster Heizer, und als solchen fand Findling seinen alten Genossen von der Lumpenschule auf dem Quai von Queenstown wieder. Der brave junge Mann, der keine Ausschreitungen liebte und dem unsinniges Zechen zuwider war, whrend das bei Matrosen der Handelsmarine, wenn die Leute ans Land kommen, so oft zu finden ist, hatte seinen Lohn stets zum grten Theil zurckgelegt. Er besa also ein kleines Vermgen, das er mit Vergngen wachsen sah -- einige sechzig Pfund, an deren Verwendung er noch niemals gedacht hatte. Von seinem Gelde Interessen zu beziehen, das konnte ihm ja gar nicht in den Sinn kommen; war es ja schon wunderbar genug, da Grip berhaupt vorrthige Geldmittel sein eigen nannte. Das war die Geschichte, die Grip lustig erzhlte und nach der auch Findling die seinige zum Besten gab. Diese war freilich bewegter, und Grip wollte kaum seinen Ohren trauen, als er von dem knstlerischen Erfolge der Mi Anna Walston hrte, von der glcklichen, schnen Zeit in der Farm von Kerwan, von dem Unglck, das die ehrenwerthe Familie betroffen hatte. Es schmerzte ihn mit, da Findling von seinen Pflegeeltern gar nichts weiter hatte in Erfahrung bringen knnen, er staunte aufrichtig ber den Reichthum und die Pracht von Trelingar-castle und emprte sich ber die Hochmthigkeit des Grafen Ashton, die Findling veranlat hatte, seiner Existenz daselbst ein Ende zu machen. Auch Bob mute einiges aus seiner Lebensgeschichte erzhlen. Sie war freilich mehr als einfach, denn in der That hatte er gar keine. Sein Leben begann ja eigentlich erst mit dem Tage, wo ihn Findling auf der Strae gefunden oder vielmehr aus der Dripsey wieder aufgefischt hatte, als er sich den Tod geben wollte. Birks Geschichte fiel natrlich mit der seines Herrn zusammen und brauchte nicht weiter geschildert zu werden. Na, nun ist es an der Zeit, frhstcken zu gehen, sagte der erste Heizer des Vulcan. -- Doch nicht, bevor wir uns das Schiff angesehen haben? erwiderte Findling lebhaft. -- Und bevor wir einmal auf die Masten geklettert sind? setzte Bob hinzu. -- Wie es Euch beliebt, meine Boys! erwiderte Grip. Nun ging's durch die Luken im Verdeck hinunter in den Schiffsraum, was fr unsern Handelsmann das allergrte Vergngen war. Hier lagen Baumwollenballen, Zuckerfsser, Scke mit Kaffee, und Kisten, die allerlei berseeische Naturerzeugnisse enthielten, deren Duft Findling begierig einsog. Diese Schtze waren nun also aus weiter Ferne fr Rechnung der Rheder des Vulcan eingekauft, um auf den Mrkten des Vereinigten Knigreichs wieder veruert zu werden. O, wenn Findling jemals in die Lage kam.... Grip unterbrach den schnen Traum mit der Einladung, wieder nach dem Deck hinaufzugehen, um die im Hintertheil des Schiffes gelegenen Cabinen des Kapitns und der Officiere zu besuchen, whrend Bob auen auf den Wanten umherkletterte und wirklich bis auf die Stenge des Fockmastes gelangte. Im ganzen Leben war er noch nicht so entzckt, aber auch so gewandt im Klettern gewesen. Vielleicht steckte das Zeug zu einem Schiffsjungen in dem Knaben. Gegen elf Uhr saen Grip, Findling und Bob vor einem Tische in der Schnke zum =Old Seaman=, Birk natrlich dahinter, der mit der Schnauze bis zur Hhe des Tischtuchs reichte, und es ist wohl kein Wunder, da jetzt alle tchtigen Appetit versprten. Dafr gab es auch eine vortreffliche Mahlzeit, deren Kosten Grip auf sich nahm. Nmlich Eier mit brauner Butter, kalten Schinken mit gelblichem zitternden Gele darber, ferner Chesterkse und zu dem allen vorzglich schumendes Ale! Auerdem wurde Hummer aufgetischt, nicht die gewhnlichen Krabben des Armen, nein, wirklicher Hummer mit weirothem Fleisch in der hochrothen Schale, der Hummer der reichen Leute, ein Leckerbissen, den Bob als das weitaus beste bezeichnete, womit man sich den Magen fllen knnte. Natrlich wurde auch whrend des Essens geplaudert. Wenn es in feinem Kreise nicht vorkommt, mit vollem Munde zu sprechen, so hatte unsre kleine Gesellschaft doch die Entschuldigung, da sie keine Zeit verlieren durfte. Dabei tauschten nun Grip und Findling alte Erinnerungen aus von der Zeit her, wo sie in der erbrmlichen =Ragged-School= gelebt hatten... sie erwhnten den Vorfall mit der armen Mve, die als Geschenk erhaltene wollene Jacke... die schlechten Streiche Carker's u. s. w. Was ist denn aus dem Thunichtgut geworden? fragte Grip. -- Ich wei es nicht und habe mich nicht darum gekmmert, antwortete Findling. Das schlimmste fr mich wr's jedenfalls gewesen, wenn ich wieder mit ihm zusammengetroffen wre. -- Beruhige Dich, Du wirst ihm nicht wieder begegnen, versicherte Grip; da Du aber Zeitungen verkaufst, mein Boy, so rathe ich Dir, sie auch zuweilen zu lesen. -- Das thu ich wohl auch. -- Dann wirst Du sehr bald erfahren, da jener Bsewicht Carker krzlich an einem Hanffieber gestorben ist. -- Gehenkt?... Ach, Grip... -- Jawohl, gehenkt! Es war ja nicht anders zu erwarten! Hierauf kamen die Einzelheiten von der Feuersbrunst zur Sprache. Grip war es ja, der den Knaben mit eigner Lebensgefahr gerettet hatte, und jetzt hatte dieser zum ersten Male Gelegenheit, ihm zu danken. Ich habe, seit wir getrennt waren, immer und immer an Dich gedacht! sagte er. -- Das freut mich herzlich, mein Boy! -- Nur ich, ich habe nicht an Grip gedacht, rief Bob mit dem Ausdrucke lebhaften Bedauerns. -- Weil Du mich nur dem Namen nach gekannt hast, Bob, antwortete Grip. Jetzt kennst Du mich... -- Und ich werde auch immer von Dir sprechen, wenn wir beide mit einander plaudern, wir beide, Birk! Birk antwortete zustimmend mit Bellen, was ihm ein mit Speck belegtes Stck Brod einbrachte, das er auf einmal verschlang. Trotz der Versicherung Bobs schien er dem Hummer dagegen keinen Geschmack abgewinnen zu knnen. Grip wurde nun ber seine Reisen nach Amerika gefragt. Er erzhlte von den groen Stdten Amerikas, von ihrer Industrie, ihrem Handel, und Findling hrte so aufmerksam zu, da er darber sogar das Essen ganz verga. Uebrigens, bemerkte Grip, giebt es auch sehr groe Stdte in England, und wenn Du jemals nach London, Liverpool oder Glasgow kommst... -- Ja, Grip, das wei ich. Ich hab' es in den Journalen gelesen, groe Handelsstdte, sie liegen nur gar so weit von hier.... -- O nein, nicht so weit.... -- Fr Seeleute, die dahin fahren, ja, doch fr alle andern... -- Nun, aber zum Beispiel Dublin? rief Grip. Das ist nur dreihundert Meilen von hier entfernt. Ein Bahnzug erreicht es in einem Tage, ohne da man ber See zu gehen braucht.... -- Ach ja, Dublin! murmelte Findling. Das entsprach so genau seinem lebhaften Wunsche, da er nachdenklich wurde. Sieh, fuhr Grip fort, das ist eine sehr schne Stadt mit sehr lebhaftem Geschftsverkehr. Dort legen die Schiffe nicht nur vorbergehend an, wie hier in Cork. Dort nehmen sie Fracht ein und kehren mit solcher dahin zurck.... Findling lauschte voller Spannung... seine Gedanken trugen ihn mit sich fort. Du solltest Dich in Dublin versuchen, sagte Grip. Ich bin berzeugt, da wrden sich die Verhltnisse fr Dich besser gestalten als hier; und wenn Du etwa Geld brauchst... -- Wir haben etwas erbrigt, Bob und ich, unterbrach ihn Findling. -- Das will ich meinen, fiel Bob ein, der einen Schilling sechs Pence aus der Tasche zog. -- Ich auch, erklrte Grip, und ich wei nicht, was ich damit beginnen soll. -- Warum legst Du das Geld nicht an... irgendwo... in einer Bank? -- Dazu hab' ich kein Vertrauen.... -- Ja, dann verlierst Du aber die Zinsen, die es Dir einbringen wrde, Grip.... -- Das ist besser, als alles zu verlieren, was man besitzt. Wenn ich keins zu andern Leuten habe, zu Dir wrde ich es haben, mein Boy, und wenn Du nach Dublin kmst, nach dem Heimathafen des Vulcan, da wrden wir uns auch oft sehen knnen. Ich wiederhole Dir, wenn Du, um einen Handel anzufangen, etwas Geld brauchst, so wr' ich gern erbtig, es Dir zu geben.... Der wackre Bursche war schon daran, das zu thun. Er fhlte sich ja berglcklich, seinen Findling wieder getroffen zu haben, und ihm schien es, als wren sie durch Bande verknpft, die kein Zufall lsen knnte. Komm' nach Dublin, wiederholte Grip. Soll ich Dir sagen, was ich denke? -- Sprich, lieber Grip. -- Nun, siehst Du, mir schwebt immer der Gedanke vor... da Du... dort Dein Glck machen mssest.... -- Mir wohl auch... ich habe immer denselben Gedanken gehabt, antwortete Findling einfach. Seine Augen leuchteten aber in hellerem Glanze auf. -- Ja, ja, fuhr Grip fort, ich sehe Dich dort eines Tages schon reich... sehr reich. In Cork freilich wirst Du nicht so viel verdienen. Ueberlege Dir meine Worte, denn man soll niemals ohne Ueberlegung handeln. -- Ganz recht, Grip. -- Jetzt aber, wo es nichts mehr zu essen giebt... seufzte Bob aufstehend. -- Du willst sagen, Junge, fiel ihm Grip ins Wort, da Du wohl auch keinen Hunger mehr hast.... -- Ja, vielleicht... ich wei nicht. Das ist das erste Mal, da mir das vorkommt.... -- So wollen wir also ein wenig spazieren gehen, schlug Findling vor. So verlief der Nachmittag, wobei die Freunde vielerlei Plne schmiedeten, whrend sie auf den Quais und durch die Straen Queenstowns lustwandelten. Als dann die Trennungsstunde gekommen war und Grip die Knaben nach dem Landungsplatze des Fhrbootes begleitet hatte, begann er: Wir werden uns wiedersehen. Man kann sich nicht gefunden haben, um einander nie wieder zu begegnen. -- Gewi, Grip... in Cork... sobald der Vulcan hier wieder anlegt... -- Warum nicht in Dublin, wo er meist einige Wochen liegen bleibt?... Ja, in Dublin, und wenn Du Dich entschlieen kannst... -- Leb wohl, leb wohl, Grip! -- Auf Wiedersehen, mein Boy! Sie umarmten sich herzlich und mit tiefer Erregung, die keiner von beiden zu verheimlichen sich bemhte. Bob und Birk nahmen ebenfalls mit Abschied, und als das Fhrboot abgestoen war, da folgte ihm Grip noch lange mit den Augen, whrend jenes den Flu empor dampfte. IX. Eine Speculation Bobs. Einen Monat spter schoben auf der Strae, die sdwestlich von Cork und durch die stlichen Gebiete der Grafschaft nach Youghal fhrt, ein Knabe von elf und ein kleiner von acht Jahren einen leichten Karren, der von einem Hunde gezogen wurde. Die beiden Kinder waren Findling und Bob. Der Hund war Birk. Das Zureden Grips hatte gefruchtet. Ehe er mit dem ersten Heizer des Vulcan zusammentraf, trumte Findling nur davon, Cork zu verlassen und sein Glck in Dublin zu versuchen. Nach dem Zusammentreffen machte er seinen Traum zur Wahrheit. Gewi hatte er ber diesen wichtigen Schritt reiflich nachgedacht, denn er gab dabei ja das Gewisse fr das Ungewisse hin. In Cork konnte er jedoch voraussichtlich niemals weiter vorwrts kommen, in Dublin dagegen erffnete sich seiner Thtigkeit ein viel weiteres Feld. Auch Bob, den er deshalb befragte, erklrte sich bereit, sofort aufzubrechen, und einem Rathschlag Bobs durfte er schon einiges Gewicht beilegen. Unser junger Held mute infolge dessen seine Einlagen bei dem Buchhndler zurckziehen, der ihm einige Einwrfe wegen seiner Zukunftsplne machte. Er erzielte damit aber nichts bei dem so frhreifen Kinde, das ja nicht gewhnt war, Chimren nachzujagen, was sonst vielfach in Paddys Natur liegt. Findling war nun einmal entschlossen, hher hinauf zu streben, und eine Ahnung sagte ihm, da das nur gelingen werde, wenn er Cork mit Dublin vertauschte. Ueber den einzuschlagenden Weg und die Art des Fortkommens war sich Findling bald im klaren. Den krzesten Weg bietet allerdings die Bahnlinie nach Limerick und von da durch die Provinz Leinster nach Dublin, und die schnellste Befrderung fand man, wenn man in Cork in einen Eisenbahnzug ein- und nach dessen Ankunft in der Hauptstadt Irlands wieder ausstieg. Das htte aber das Opfer einer Guinee fr jeden gekostet, und Findling pflegte auf seine Guineen zu halten. Wer gesunde Beine und genug Zeit hat, braucht sich den Kopf ja nicht zu zerbrechen und sich in einem Waggon durchrtteln zu lassen. Jetzt war die schnste Jahreszeit, und die Wege der Grafschaft sind vom Mai bis zum September in recht gutem Zustande. Da lag doch der Vortheil auf der Hand, lieber unterwegs noch etwas zu verdienen, als so viel Geld fr eine schnelle Befrderung auszugeben. So wollte der junge Hndler also, von Dorf zu Dorf, von Flecken zu Flecken ziehend, das in Cork begonnene Geschft ununterbrochen fortsetzen, wollte Journale, Broschren, Papiere u. dgl. verkaufen, kurz, Handel treiben bis Dublin. Dazu brauchte er hchstens noch einen Karren, um seine Hausierwaaren unterzubringen, und darber eine Wachstuchdecke, um sie gegen Staub und Nsse zu schtzen. Vor den Karren sollte Birk gespannt werden, der sich gewi nicht weigerte, ihn zu ziehen, und die beiden Kinder wollten dem Hunde durch nachschieben helfen. Als Weg sollte der lngs der Kste gewhlt werden, weil dieser ber mehrere, nicht unwichtige Stdte, Waterford, Wexford, Wicklow, und auch durch verschiedene, zu dieser Zeit stark besuchte Badeorte hinfhrt. Kostete das auch zwei, vielleicht gar drei Monate Zeit, so brauchten sie sich darum nicht zu kmmern, wenn unterwegs nur immer etwas verdient wurde. Am 18. April, einen Monat nach der Begegnung mit Grip in Queenstown, befanden sich also Findling, Bob und Birk, der letztere ziehend, die andern beiden schiebend, auf der Landstrae von Cork nach Youghal, wo sie nach wenig anstrengendem Marsche am Nachmittage ankamen. Zu klagen hatten sie keine Ursache, jedenfalls fiel es Birk gar nicht ein zu murren. Dieser wurde brigens nicht zu stark in Anspruch genommen, und wo der Weg anstieg, halfen die Knaben durch schieben mit besten Krften nach. Der zweirdrige Karren war sehr leicht. Findling hatte ihn durch Gelegenheitskauf von einem Kaufmann in Cork erworben. Der Waarenvorrath bestand in Zeitungen, politischen Broschren -- einige freilich in Gedankengang und Stil gleich schwerfllig -- in Schreibpapier, Bleistiften, Federn und andern hnlichen Sachen, ferner in Tabakspacketen, deren Bestand durch Einkauf in den besten Lden mit dem bunten Schilde des Bergschotten erneuert werden sollte, und endlich in verschiedenen Artikeln und Kleinigkeiten. Alles das wog nicht schwer und lie sich voraussichtlich leicht und mit hbschem Profit absetzen. Die Leute auf dem Lande interessierten sich berall fr die beiden Knaben, von denen der eine so ernst war, wie ein ergrauter Kaufmann, und der andre ein so gewinnendes Lcheln zeigte, da es gar niemand einfiel, mit ihm zu feilschen. Der Karren kam in Youghal an, einem groen Flecken mit sechstausend Einwohnern und einem in der Ausmndung des Blackwater gelegnen Hafen fr Kstenfahrzeuge. Hier ist das Land, wo die heilige Kartoffel in hchsten Ehren steht. Der Irlnder knnte es wohl nie vergessen, da Sir Walter Raleigh in der Umgebung von Youghal mit der Kartoffel, dem eigentlichen Brode Irlands, die ersten Anbauversuche unternahm. Findling verbrachte den Rest des Tages in Youghal, gnnte sich aber keine Rast, ehe er nicht sein Waarenlager, das auf dem Wege nach Dungarvan jedenfalls schnell gelichtet wurde, vollstndig ergnzt hatte. Ein nahrhaftes Essen am Tisch eines Gasthauses, ein Bett fr beide und ein Lager fr Birk fanden sie fr migen Preis. Am folgenden Morgen zogen sie dann nach dem nchsten Drfchen weiter und hielten auch vor den Farmen an, deren sie auf jede Meile zweien bis dreien begegneten. Meist blieben sie auch ber Nacht auf einer solchen Farm, da es nicht rathsam erschien, noch im Dunkeln auf der Landstrae zu sein, wenn Birk auch da war, seinen Herrn und dessen zweirdrigen Kramladen zu vertheidigen. Wie empfand Findling da die Vernderung gegen jene Zeit, wo er auf den Landstraen von Connaught so schwer hatte leiden mssen! Welcher Unterschied zwischen seinem Karren und dem des rohen Thornpipe, jenem finstern Kasten, worin er immer dem Ersticken nahe war! Diese Dinge hnelten sich so wenig, wie Birk dem zottigen Kter des Puppenschaustellers. Jetzt brauchte er nicht mehr durch Drehen des Mechanismus die knigliche Familie und den Hof von England Walzer tanzen zu lassen.... Er lebte nicht mehr von Almosen, sondern von seinem tglichen, ehrlichen Verdienst. Das flte ihm auch Vertrauen fr die Zukunft ein, die Hoffnung, in Dublin ebensoviel und wohl noch mehr Erfolg zu haben, als das halbe Jahr in Cork. Von Cork aus mute eine Brcke berschritten werden, um zur Landstrae nach Dungarvan zu gelangen. Da ist eine Brcke, rief Bob; von solcher Lnge hab' ich noch keine gesehen. -- Ich auch nicht, antwortete Findling. Die Brcke ber die Bai des Blackwater, ohne die man einen starken Tagesmarsch mehr gehabt htte, ist in der That zweihundertsiebzig Toisen (circa 527 Meter) lang. Der Karren rollte auf ihrem Plankenbelag hin, ber den ein frischer Westwind strich. Das ist fast, als wre man auf einem Schiffe! bemerkte Bob. -- Jawohl, Bob, wie auf einem Schiffe mit Rckenwind. Fhlst Du, wie er uns vorwrts treibt? Jenseits der Brcke gelangte man nun in die Grafschaft Waterford, die ihrerseits wieder an die Grafschaft Kilkenny in der Provinz Leinster grenzt. Findling und Bob ermdeten sich nicht allzusehr. Sie wanderten ohne besondre Eile weiter. Es kam ihnen ja vor allem darauf an, die in Youghal eingekauften Waaren mit Nutzen abzusetzen, ehe sie Dungarvan erreichten, wo alle Vorrthe erneuert werden sollten. Fnfundzwanzig bis dreiig Meilen, die Abweichungen vom geraden Wege eingerechnet, htten einen Spaziergang von wenigen Tagen erfordert. Lagen hier auch nahe der Kste nur wenige Drfer, so trafen sie doch auf weit mehr einzelne Gehfte, und das bot ihnen Aussichten auf reichlichen Absatz, die sie nicht unbeachtet lassen durften. Eine Eisenbahn gab es auf dem Kstengrtel nicht und die Bauern konnten sich nur schwierig mit den gewhnlichsten kleinen Bedrfnissen versorgen. Findling wollte sich diesen Vortheil also jedenfalls nicht entgehen lassen. Der Erfolg gab ihm Recht. Jeden Abend, ehe sie sich zur Ruhe begaben, zhlte Bob die seit dem Morgen vereinnahmten Schillinge und Pence, und Findling trug die Summe in sein Cassabuch auf der Seite der Einnahmen gegenber der der Ausgaben fr persnliche Bedrfnisse, Essen, Trinken, Nachtlager u. s. w. gewissenhaft ein. Nichts machte Bob mehr Vergngen, als die Geldstcke hbsch in Ordnung aufzuzhlen, und Findling nichts mehr, als sein Guthaben zusammenzurechnen, whrend Birk zufrieden bei ihnen lag, bis sie fertig waren und dann alle die Ruhe suchten. Am 3. Mai gelangte der Karren nach dem Flecken Dungarvan. Er war leer -- nicht der Flecken, sondern der Karren -- und mute von Grund auf frisch gefllt werden, was in dem sechstausend Einwohner zhlenden Orte keine groen Schwierigkeiten machte. Dungarvan hat einen Hafen fr flcher gehende Schiffe, an der Bai gleichen Namens, deren Ufer durch einen fnfhundert Toisen (975 Meter) langen Damm mit Durchla fr die Schiffe, verbunden sind. Wie bei Youghal kann man also auch hier ber die Bai hinweg gelangen, statt diese umkreisen zu mssen. Zwei Tage verweilte Findling in Dungarvan. Er hatte hier den trefflichen Einfall, von den Kstenfahrern sehr billig verschiedene Wollenwaaren zu kaufen, die ihm seiner Meinung nach im Lande drauen gern abgenommen wrden. Birks Last wurde dadurch auch nicht wesentlich vergrert. Die nutzbringende Reise ging immer langsam weiter, und wenn sie nicht von erwhnenswerthen Ereignissen unterbrochen wurde, so blieb sie zum Glck doch auch frei von Unfllen. Die Witterung blieb unverndert gnstig. Auf der Landstrae kein Abenteuer. Wer htte den Kindern auch ein Leid anthun sollen? An den Ksten Sdirlands begegnet man berhaupt wenigeren zu Rohheiten und Gewaltthtigkeiten geneigten Leuten. Die Gegend ist auch nicht so arm, wie viele andre Grafschaften, z.B. die von Connaught und von Ulster. Das Meer liefert hier reiche Beute. Fischfang und Kstenfahrt ernhren den Schiffer und den Matrosen hinreichend, und der Landmann fhlt noch deren Nachbarschaft. Unter solchen gnstigen Verhltnissen gelangte der Karren ber das siebzehn Meilen von Dungarvan entfernte Trenmore und erreichte vierzehn Tage spter das von hier wieder ebenso weite Waterford an der Grenze von Munster. Nun sollte Findling endlich die Provinz verlassen, wo ihm ein so wechselvolles Schicksal beschieden gewesen war, das seinen Aufenthalt in Limerick, auf der Farm von Kerwan, im Schlosse Trelingar, die Reise nach den Seen von Killarney und endlich den Anfang seiner Handelsthtigkeit in Cork umschlo. Alle traurigen Tage hatte er jetzt schon vergessen. Er erinnerte sich nur seines Verweilens im Schoe der Familie Mac Carthy, und die Tage dort vermite er allein, wie man den Verlust der Freuden des huslichen Herdes schmerzlich empfindet. Sagt' ich Dir nicht, Bob, begann er da, da wir in Waterford ausruhen wollten? -- Ich glaube, antwortete Bob. Mde bin ich aber gar nicht, und wenn Du weiter gehen willst... -- Nein, nein; wir wollen einige Tage hier bleiben.... -- Und gar nichts thun?... -- O, etwas zu thun giebt es immer, Bob. Man thut ja doch auch etwas, wenn man, wie hier, eine hbsche Stadt von fnfundzwanzigtausend Einwohnern besucht, die am Ufer des mit einer Brcke von neununddreiig Bogen berspannten Suir liegt. Waterford ist berdies ein ziemlich lebhafter Hafenplatz, was unsern jungen Handelsmann stets interessierte -- der bedeutendste des stlichen Munster und mit regelmiger Schiffsverbindung mit Liverpool, Bristol und Dublin. Nach Auffindung eines passenden Gasthofs, in dem der Karren eingestellt wurde, begaben sich beide Knaben nach den Quais, wo sie einige Stunden umherspazierten. Bei dem Anblick der ein- und auslaufenden Schiffe konnte ihnen ja keine Langeweile ankommen. Ei, rief Bob, wenn wir jetzt zufllig Grip wieder trfen! -- Nein, Bob, das ist nicht mglich. Der Vulcan geht in Waterford nicht vor Anker und meiner Berechnung nach mu er jetzt weit fort... an der Kste Amerikas sein. -- Da drauen, fragte Bob, der nach dem entfernten Horizonte hinwies. -- Ja... nur noch weiter; ich glaube aber, er wird in Dublin zurck sein, wenn wir daselbst eintreffen. -- Wie freue ich mich, Grip wiederzusehen! rief der kleine Knabe. Ob er dann wohl immer noch so schwarz aussieht? -- Hchst wahrscheinlich. -- Ach, deshalb kann man ihn doch lieb haben! -- Gewi, Bob; er hat mich, als ich recht unglcklich war, auch so herzlich geliebt.... -- Ja, so wie Du mich! antwortete das Kind, dessen Augen dankbar erglnzten. Htte Findling mehr Eile gehabt, Dublin zu erreichen, so htte er sich hier auf einem Passagierdampfer, der zwischen Waterford und der Hauptstadt verkehrt, einschiffen knnen. Der Fahrpreis ist ein sehr niedriger. Da der Waarenkarren ausverkauft war, wre dieser an Bord geschafft worden, die beiden Knaben htten dafr, so wie fr Verdeckpltze fr sich (und den Hund) nur einige Schillinge zu zahlen gehabt und wren binnen zwlf Stunden an ihr Reiseziel gekommen. Auerdem wre es ein herrliches Vergngen gewesen, auf einem groen Dampfer ber den St. Georgscanal auf dem schnen irischen Meere fast stets angesichts der Kste dahinzugleiten. Das war gewi verlockend. Findling blieb jedoch besonnen wie immer und es erschien ihm gar nicht angezeigt, vor der Rckkehr Grips in Dublin einzutreffen. Grip kannte die Stadt, er wrde die beiden Kinder durch das Husermeer lootsen, das ihrer regen Phantasie noch weit ausgedehnter erschien, so da sie sich nicht darin verirrten. Warum htten sie auch die so eintrgliche Landreise unterbrechen sollen? Die Empfindung fr das Richtige, die Findling von jeher auszeichnete, berwog auch den Reiz einer so verlockenden Seefahrt. Nachdem er Bob nicht ohne Mhe zu einer verstndigeren Auffassung der Verhltnisse bekehrt hatte, wurde denn beschlossen, die Reise auf dem Kstenlande von Leinster in der bisherigen Weise fortzusetzen. Drei Tage spter sehen wir die beiden also in der Grafschaft Wexford wieder, wo Birk den aufs neue assortierten Karren unverdrossen weiter zog. Ein Maulesel, selbst ein Pferd htte keine besseren Dienste leisten knnen. Ging es zu sehr bergaufwrts, dann spannte sich freilich Bob mit an die Deichsel und Findling schob, sich mit der Schulter anstemmend, von rckwrts, so gut er konnte. Im Hintergrunde der Bai von Waterford verlt die Landstrae die vielfach von Buchten und kleinen Fjorden eingeschnittene Kste, und damit verloren sie den Theil des Meeres aus den Augen, wo das Cap Carnsore, die uerste Spitze des Grnen Erin, am weitesten in den St. Georgscanal vorspringt. Zu beklagen brauchten sie sich deshalb nicht. Statt durch einen wilden, den Landstrich zu verlaufen, berhrt die Strae Drfer und Weiler und verbindet sie viele Pachtgter miteinander, wo die verschiedenen Waaren des Wanderladens zu hohen Preisen an den Mann zu bringen waren. In Wexford langte Findling auch erst am 27. Mai an, obgleich die Luftlinie zwischen hier und Waterford nur etwa dreiig Meilen mit. Freilich war der Karren genthigt gewesen, nach rechts und links vielfach vom geraden Wege abzuweichen. Wexford ist ein Stdtchen von zwlf- bis dreizehntausend Seelen. Es liegt am Flusse Sancy, nahe der Mndung desselben, und macht den Eindruck, als wre eine kleine englische Stadt mitten in eine irische Grafschaft versetzt worden. Das kommt daher, da Wexford der erste Waffenplatz war, den die Englnder hierzulande inne hatten, und der Ort hat dann, zur Stadt aufgewachsen, seine ursprngliche Physiognomie beibehalten. Findling erstaunte nicht wenig, hier so viele Ruinen, verfallene Wlle und zerstrte Vertheidigungswerke zu sehen. Er kannte aber die Geschichte dieser Gegend zur Zeit GeorgsIII. nicht, wo hier, whrend der erbitterten Kmpfe zwischen Protestanten und Katholiken, schreckliche Metzeleien auf beiden Seiten, Feuersbrnste und Verwstungen zur Tagesordnung gehrten. Vielleicht war es besser, da er hiervon nichts wute, denn es sind entsetzliche Erinnerungen, die auf so vielen Seiten der irischen Geschichte mit Blut geschrieben stehen. Das konnte er noch zeitig genug kennen lernen, wenn er dazu Mue hatte. Von Wexford aus mute sich der wohlausgestattete Wagen wieder von der Kste entfernen, die er erst fnfzehn Meilen weiter hin, in der Nhe des Hafens von Arklow, wieder treffen sollte. Das war, und zwar aus zwei Grnden, nicht zu bedauern. Erstens beherbergt dieser Theil der Grafschaft eine dichtere Bevlkerung und hat auch viel mehr Drfer und Einzelgter, wohl infolge der Bahnlinie, die Wexford ber Arklow und Wicklow mit Dublin in Verbindung setzt. Zweitens ist das Land hier ausnehmend schn. Der Weg verluft durch ppige Wlder mit mchtigen Buchen und Eichen, darunter die im galischen Lande so bemerkenswerthe schwarze Eiseneiche. Die Landschaft war von der Slaney, der Ovoca und deren Nebenflssen ebenso reich bewssert, wie sie zur Zeit der religisen Zwistigkeiten mit Blut begossen wurde. Und gerade dieser Theil des irischen Bodens, der an Schwefel und Kupfer so reich ist, auf den so viele Wasseradern von den nahen Bergen herabrieseln, die sogar etwas Gold fhren -- dieser besonders begnstigte Theil mute zum Schauplatz der wildesten Kmpfe werden. Die Spuren davon erkennt man noch heute in Ennscarthy, in Ferns und in andern Orten bis nach Arklow hin, wo die Sldner des Knigs Georg von dreiigtausend Rebellen -- so nannte man die, die ihr Vaterland und ihren Glauben vertheidigten -- aufs Haupt geschlagen wurden. Zu einem Aufenthalt im Hafen von Arklow glaubte Findling seinem Personal -- wenn man Birk als Person zhlt -- einen Rasttag aufnthigen zu mssen. Arklow mit fnftausend Einwohnern ist ein Fischerort mit regem Leben. Den Hafen schlieen breite Sandbnke vom hohen Meere ab. Am Fue mit grnen See-Eichen bedeckter Felsen werden hier viele Austern gefangen, die an Ort und Stelle natrlich billig zu haben sind. Ich glaube sicherlich, da Du noch keine Austern gegessen hast? fragte Findling den Gourmand Bob. -- Niemals. -- Mchtest Du sie denn probieren? -- Ei, herzlich gern. Bob wollte so etwas immer gern. Hier kam er aber damit nicht weiter, als bis zu einem Versuche. Nein, da ist mir Hummer lieber! erklrte er. -- Du bist nur noch zu jung zum Austern essen, Bob. Und Bob erwiderte, er sehne sich gar sehr nach dem Alter, wo er diese Mollusken richtiger zu schtzen verstehen werde. Am Vormittag des 19. Juni legten beide die Wegstrecke nach Wicklow zurck, dem Hauptorte der gleichnamigen Grafschaft, die an die von Dublin anstt. Von hier aus kamen sie durch die schnste und merkwrdigste Gegend von ganz Irland, die von Touristen fast ebenso viel besucht wird, wie das Seengebiet von Killarney, und die dem Blicke die entzckendste Abwechslung bietet. Da und dort streben Berge empor, die mit denen von Donegal und Kerry wetteifern knnen, schimmern herrliche Seen, wie die von Bray und von Dan, deren klares Wasser die Alterthmer an ihren Ufern wiederspiegelt. Ferner dehnt sich hier, lngs des Ovocabettes, das Thal von Glendalough aus mit seinen epheuumrankten Thrmen, seinen alten Kapellen am Rande eines mit glitzernden Mornen besetzten Sees, und das Heilige Thal mit den sieben Kirchen von Saint-Kevin, wo die Wallfahrer aus dem ganzen Erin zusammenstrmen. Das Handelsgeschft der Knaben entwickelte sich inzwischen mehr und mehr. Ueberall wurden die jungen Hausierer willkommen geheien. Freilich zogen sie hier durch eine der wohlhabendsten Landschaften Irlands, wo sich schon die Nhe der groen Hauptstadt bemerkbar machte. Von Arklow aus verbindet die Landstrae nmlich eine Anzahl Seebadeorte, die zur Zeit bereits von der Dubliner Gentry besucht waren. Diese ganze elegante Welt hatte wohlgefllte Taschen. In diesen Bdern sah man mehr Guineen, als Schillinge in den Ortschaften von Sligo oder Donegal. Es bedurfte nur des Talents fr den jungen Hndler, um davon etwas in seine Tasche herberzulocken. Das gelang ihm auch nach und nach, und Findling hatte die beste Aussicht, mit verdoppeltem Vermgen in Dublin anzukommen. Da hatte Bob einen recht guten Gedanken, der seinem groen Bruder bisher nicht gekommen war, einen Gedanken, dessen Ausfhrung ihm hundert Procent Nutzen abwerfen mute, allein durch die vielen Kinder reicher Leute, die sich gewhnlich auf dem Strande von Wicklow tummelten. Bob war nmlich -- er hatte das schon hufig bewiesen -- sehr geschickt im Ausnehmen von Vogelnestern, und solche giebt es auf den Chausseebumen Irlands in groer Menge. Bisher hatte Bob seine Kunstfertigkeit im Klettern noch gar nicht ausgebeutet. Nur ein- oder zweimal verkaufte er um geringen Preis einige Vgel, die er dem Neste auf einer hohen Buche entnommen oder in einer sehr einfachen Falle gefangen hatte. Ehe sie Wicklow verlieen, fiel es ihm aber ein, daraus einen Erwerb zu machen, und daher bat er Findling, einen Bauer anzuschaffen, der eine grere Anzahl Sperlinge, Meisen, Finken, Stieglitze und andre kleine Vgel aufnehmen konnte. Und wozu? fragte Findling. Willst Du etwa Vgel zchten? -- Keineswegs. -- Was soll also damit geschehen? -- Ich will sie wieder fliegen lassen. -- Weshalb sollen sie dann erst in einen Kfig gesteckt werden? Wenn Findling das zuerst nicht begriff, so verstand er es doch, als Bob sich etwas weiter erklrt hatte. Dieser beabsichtigte nmlich, den Thierchen gegen Entgelt die Freiheit zu geben. Mit den zwitschernden Vgeln im Kfig wollte er unter die nicht weniger zwitschernde Schaar von Kindern am Strande der Seebder treten, die gewi gern bereit waren, den oder jenen der Gefangenen Bobs fr einige Pence loszukaufen; ist's doch so reizend, einen Vogel lustig davonfliegen zu sehen, wenn man fr ihn das Lsegeld bezahlt hat. Bob zweifelte gar nicht an dem Erfolge seiner Speculation und auch Findling erkannte die praktische Idee des Kleinen an. Ein Versuch kostete ja so gut wie nichts. So wurde also ein Kfig gekauft, und Bob war von Wicklow kaum eine Meile weit weg, da hatte er diesen schon voller Vgel, die unruhig darin umherflatterten. In den zahlreichen Badeorten, die jetzt viele Gste hatten, lie sich das Nebengeschft sehr gut an. Whrend Findling seine Waaren vertrieb, erweckte Bob mit dem Kfig in der Hand das Mitleid der jungen Gentlemen und der jungen Misses fr seine hbschen Gefangenen. Unter lautem Jubel der Kinder flogen die freigekauften Vgel davon; der Kfig wurde bald leer und die Tasche des findigen Knaben bald voll von den dafr vereinnahmten Pence. Jetzt freute er sich desto mehr ber seinen eintrglichen Gedanken und berechnete jeden Abend diesen besondern Gewinn, ehe derselbe der Gesammteinnahme zugeschlagen wurde. Beide Knaben befanden sich, immer lngs der Kste nach Dublin hinaufwandernd, am Nachmittage des 9. Juli in Bray, das nur noch etwa fnfzehn Meilen von Dublin entfernt und am Fue eines zu der Gruppe der Wicklow-Mounts gehrigen Vorgebirges liegt, das von dem dreitausend Fu hohen Lugnaquilla berragt wird. Dank dieser bezaubernden Lage bertrifft es hierin sogar Brighton an der englischen Kste. So urtheilt wenigstens Frulein de Bovet, die bei ihrer Beschreibung der Schnheiten der Grnen Insel einen sehr feinen, knstlerischen Geschmack erkennen lt. Ganz Bray besteht nur aus schnen Htels, blendend weien Villen und zierlichen Landhusern und zhlt im Sommer mit den Badegsten gegen sechstausend Bewohner. Die Strae bis Dublin ist fast ohne Unterbrechung von hbschen Landsitzen umrahmt. Bray steht mit der Hauptstadt auch durch einen Schienenweg in Verbindung. Dieser verschwindet nicht selten unter den hereintreibenden Dunstmassen vom Meere, das schumend in die enge, nach Sden zu durch ein schroffes Vorgebirge abgeschlossene Bai von Killiney fluthet. Wie berall auf der Smaragdenen Insel finden sich auch bei Bray zahlreiche Ruinen: hier die Ueberreste einer alten Benedictinerabtei, dort eine Gruppe sogenannter Martellothrme, die im 13. Jahrhundert zur Kstenvertheidigung dienten. Erklimmt man den Abhang des Caps, so kann man mittelst guten Fernrohres und bei gnstiger Witterung die Umrisse der Waliser Berge jenseits des Irischen Meeres erkennen. Findling erfreute sich jedoch an dieser Aussicht nicht, einmal weil er kein Fernrohr besa, und dann, weil er Bray unerwartet schnell verlassen mute. Auf dem sandigen, von den Wellen weithin bersplten Strande tummeln sich sehr viele Kinder, ebenso wie lngs der Parade, d. i. des Molos von Bray. Hier treffen die kleinen pausbckigen und rothwangigen Reichen zusammen, deren Leben nur ein ununterbrochener Sonnenschein war, Knaben, die die Ferienzeit genieen, und Mdchen, die sich unter der Aufsicht ihrer Mtter und Erzieherinnen belustigen. Man wre jedoch nicht in Irland, wenn -- selbst hier in Bray -- nicht das darbende Elend durch eine Rotte zerlumpter Jungen vertreten gewesen wre, die den Tang am Ufer durchwhlten. Die ersten drei Tage waren -- was den Handel der Knaben betraf -- recht ergiebig, so da der Karren sich beinahe leerte. Sein Inhalt bestand auch aus Dingen, die den fremden Kindern viel Vergngen versprachen, aus billigen, reichen Gewinn abwerfenden Spielwaaren. Mit den Vgeln Bobs wurde ebenfalls hbsches Geld verdient. Von frh vier Uhr beschftigte sich dieser mit dem Fange, der seinen Kfig meist schnell fllte. Am Nachmittage drngte sich dann die jugendliche Kundschaft, ihn wieder zu entleeren. Immerhin durften Findling und Bob ihr Reiseziel Dublin nicht aus den Augen verlieren; sie freuten sich ja auch gar zu sehr darauf, den Vulcan dort vor Anker und Grip auf seinem Posten zu finden, Grip, von dem sie nun schon seit mehreren Monaten ohne jede Nachricht waren. Findling gedachte also am folgenden Tage aufzubrechen, als ein Zwischenfall eintrat, der seine Abreise unerwarteter Weise noch beschleunigte. Es war am 13. Juli. Gegen acht Uhr des Morgens kam Bob mit dem frischbevlkerten Kfig nach dem Hafen, wo er fr den letzten Tag noch eine reiche Ernte zu machen hoffte. Noch befand sich niemand am Strande oder auf der Parade. Als Bob gerade am Anfang des Molos vorberkam, begegnete er drei Knaben von zwlf bis fnfzehn Jahren, bermthigen Brschchen in feiner Kleidung, mit dem Matrosenhut tief im Nacken und scharlachrothen, goldknpfigen Jacken, die mit dem vorschriftsmigen Anker verziert waren. Bob wollte womglich seinen Vorrath gleich bei dieser Gelegenheit abzusetzen suchen, da er ihn bis zur eigentlichen Badestunde wieder erneuern zu knnen hoffte. Die etwas hhnisch aussehenden und deshalb wenig Vertrauen erweckenden jungen Gentlemen veranlaten ihn jedoch, davon abzustehen. Er frchtete sammt seinen Vgeln einen beln Empfang. Das Dreiblatt schien weit mehr aufgelegt, ihn und seinen Handel zu verspotten, darum ging er an den Knaben stumm vorber. Das pate aber den Brschchen nicht, deren ltester -- schon ein kleiner Herr mit recht boshaften Augen -- Bob den Weg vertrat und ihn barsch fragte, wohin er gehe. Ich will eben wieder nach Hause gehen, antwortete Bob hflich. -- Und der Kfig da?... -- Der gehrt mir. -- Die Vgel darin aber?... -- Die hab' ich heute frh gefangen. -- Aha, das ist der Junge, der sich immer am Strande umhertreibt! rief da einer der drei Gentlemen. Den hab' ich schon gesehen... ich erkenne ihn wieder.... Fr zwei bis drei Pence lt er allemal einen der Vgel fliegen.... -- Jetzt aber, fiel ihm der grere ins Wort, sollen alle ihre Freiheit umsonst haben... alle! Damit entri er Bob den Kfig, ffnete ihn, und die ganze gefiederte Gesellschaft flog davon. Fr Bob war das ein fhlbarer Verlust, und er rief bestrzt: Meine Vgel!... Meine Vgel! Die frechen Knaben antworteten darauf nur durch ein hhnisches Gelchter. Erfreut durch ihre garstige Handlung, wollten sie sich schon nach dem Molo begeben, als sie hinter sich eine Stimme vernahmen. Das war ein schlechter Streich, den Ihr ausgefhrt habt! Findling war mit Birk eben auf dem Platze erschienen. Er sah, was sich zugetragen hatte, und rief mit lauter Stimme: Ja... das war ein Unrecht, eine Schlechtigkeit von Euch! Und als er den greren Burschen strker ins Auge gefat hatte, setzte er hinzu: Uebrigens ist eine solche Bosheit von dem Grafen Ashton nicht zu verwundern! Hier stand in der That der Erbe des Marquis vor ihm. Die hochvornehme Familie hatte sich von Trelingar-castle aus nach diesem Seebade begeben und bewohnte seit dem Tage vorher eine der schnsten Villen des Ortes. Ah, das ist der Schlingel von Groom! versetzte mit verchtlichem Tone der Graf Ashton. -- Gewi!... Ich bins. -- Und, irre ich nicht, ist da auch der Kter, der meinen Wachtelhund todtgebissen hat?... Er ist also davon gekommen?... Ich glaubte ihm das Lebenslicht ausgeblasen zu haben.... -- Es scheint nicht so, bemerkte Findling, der sich durch das hochmthige Auftreten seines frhern Herrn nicht irre machen lie. -- Nun, da ich Dich erwische, arger Schlingel, will ich gleich heimzahlen, was ich Dir schulde, rief der Graf Ashton, mit geschwungenem Stocke auf ihn eindringend. -- Oder Sie... Sie werden vielmehr den Preis fr Bobs Vgel zahlen, Herr Piborne. -- Nein... erst Du... dann ich! Damit schlug er schon mit seinem Stckchen auf Findling los. Dieser, obwohl jnger als sein Gegner, war ihm doch an Krperkraft gleich und an Muth berlegen. Mit einem Satze sprang er auf den Grafen Ashton zu, entri ihm den Stock und versetzte ihm ein paar schallende Ohrfeigen. Der Nachkomme der Piborne's wollte Gleiches mit Gleichem vergelten... er kam jedoch gar nicht dazu. Im nchsten Augenblick lag er auf der Erde und Findling hielt ihn hier mit den Knien fest. Seine beiden Kameraden wollten ihm zu Hilfe kommen. Da richtete sich jedoch Birk auf und zeigte ihnen knurrend die Zhne. Er wrde den Brschchen wohl bel mitgespielt haben, wenn ihn sein Herr, der wieder aufgestanden war, nicht gehalten htte. Dann wandte sich dieser an Bob. Komm her! rief er ihm zu. Ohne sich weiter um den Grafen Ashton und die beiden andern zu bekmmern, die sich wohl hteten, mit Birk in Streit zu kommen, kehrten Findling und Bob nach ihrem Gasthofe zurck. Nach einem fr die Eigenliebe des jungen Piborne so unerquicklichen Auftritte schien es das beste, Bray schleunigst zu verlassen. Es mute immerhin eine unangenehme Geschichte werden, wenn der Geschlagene, obwohl er der Angreifer war, Klage erhob. Bei richtiger Beurtheilung der menschlichen Natur htte sich Findling freilich sagen mssen, da der thrichte und eitle junge Mann sich hten wrde, ein Abenteuer, um dessenwillen er errthen mute, unter die Leute zu bringen. Da er dessen aber nicht ganz sicher war, beglich er seine Rechnung, spannte Birk vor den jetzt leeren Karren, und bald nach acht Uhr hatten Bob und er Bray schon verlassen. Sehr spt am Abend desselben Tages kamen unsre jungen Reisenden in Dublin an, nachdem sie binnen drei Monaten von Cork aus eine Strecke von fast zweihundertfnfzig Meilen zurckgelegt hatten. X. In Dublin. Dublin!... Findling in Dublin!... Jetzt gleicht er dem Thespisjnger, der sich zum ersten Male in groen Rollen versucht oder von einer umherziehenden Gesellschaft an die Bhne der Grostadt bergeht. Dublin, die Hauptstadt Irlands, hat eine Bevlkerung von dreihundertfnfundzwanzigtausend Seelen. Verwaltet von einem Lordmajor, der gleichzeitig Chef des Militrwesens und damit berhaupt der zweithchste Beamte der Insel ist, whrend ihm vierundzwanzig Aldermen, zwei Sheriffs und hundertvierundvierzig Rthe zur Seite stehen, gehrt Dublin mit zu den bedeutendsten Stdten des britischen Inselreichs. Handelsthtig mit seinen Docks, gewerbfleiig mit seinen Fabriken, wissenschaftlich hervorragend mit seiner Universitt und seinen Schulen, reichen hier dennoch weder die Workhouses fr die Armen, noch die =Ragged-Schools= fr die Verlassenen und Waisen aus. Da er auf die letzteren beiden Anstaltsorte keine Ansprche zu machen gedachte, mute Findling also ein Gelehrter, ein Kaufmann oder Gewerbtreibender werden, wenn ihn die Zukunft nicht etwa zum Rentier machte. Cork verlassen zu haben, bedauerte unser junger Held gewi nicht, und furchtsam machte es ihn nicht, den Vorschlgen Grips, die ja mit seinen geheimen Wnschen so schn bereinstimmten, gefolgt zu sein. Auch der Gedanke, da der Kampf ums Dasein bei den vielen Mitbewerbern hier weit schwerer werden msse, vermochte ihn nicht zu ngstigen -- er war mit Vertrauen von Cork abgereist und sein Vertrauen war unterwegs nicht erschttert worden. Die Grafschaft Dublin gehrt zur Provinz Leinster. Bergig im Sden, eben oder wellenfrmig im Norden, erzeugt sie vor allem viel Lein und Hafer. Hierin liegt inde die Quelle ihres Reichthums nicht. Diesen verdankt sie dem Meere, dem Seehandelsverkehr, der sich auf eine Jahresbewegung von zwlftausend Schiffen mit dreiundeinhalb Millionen Tonnen beziffert. Hiermit nimmt Dublin unter allen Hfen des Vereinigten Knigreichs die siebente Rangstufe ein. Die Bai von Dublin, an der sich die elf Meilen im Umfang messende Stadt erhebt, hlt den Vergleich mit den schnsten in Europa aus. Sie erstreckt sich vom Hafen Kingstown im Sden bis zum Hafen Howth im Norden; der von Dublin selbst wird durch die Mndungen der Liffey gebildet. Zwei zur Abhaltung der Versandung bis weit hinaus vorgeschobene Walls haben die Barre, die sonst den Zugang zum Hafen erschwerte, beseitigt und gestatten jetzt Schiffen bis zu zwanzig Fu Tiefgang die Fahrt auf dem Flusse bis zur ersten (der Carlisle-) Brcke hinauf. Vom Meere aus, bei einem sonnigen Tage mit klarer Luft, mu man nach dieser Hauptstadt kommen, um das prchtige Gesammtbild mit einem Blicke erfassen zu knnen. Bob und Findling hatten sich dieses Glcks nicht zu erfreuen gehabt. Die Nacht war finster und die Atmosphre dunsterfllt, als sie die ersten Huser einer Vorstadt von Dublin erreichten, nachdem sie der Strae lngs der Bahnlinie, auf der man von Kingstown aus die Hauptstadt binnen zwanzig Minuten erreicht, nachgegangen waren. Der Anblick der unteren Quartiere der Stadt in trbem, nur von wenigen Gasflammen unterbrochenem Dunste war keineswegs einladend zu nennen. Der von Birk gezogene Wagen bewegte sich durch enge, verwickelte Gassen dahin. Ueberall schmutzige Huser, geschlossene Lden und offne =publics houses=, berall eine Menge obdachloser Armer oder ein Gedrnge ganzer Familien in qualmerfllten Spelunken, und das widerwrtige Bild der Trunkenheit, vor allem der von Whisky, der den schlimmsten Rausch verursacht und so oft Streitigkeiten, Beleidigungen und Gewaltthtigkeiten erzeugt. Die beiden Knaben hatten so etwas auch anderswo gesehen, darber erstaunten sie also nicht besonders. Wie zahlreich lungerten hier aber auch Kinder ihres Alters herum, die auf den Stufen und Ecksteinen saen oder Abflle durchwhlten -- alle barfu, ohne Kopfbedeckung und mit jmmerlichen Lumpen umhllt! Bob und Findling kamen an einer, jetzt schwer zu berblickenden groen Kirche vorbei, einer der beiden phantastischen Kathedralen, die mit den Millionen des groen Brauers Leo Guine und des groen Branntweinbrenners Roe wieder hergestellt worden war. Von dem gewaltigen Thurme mit seiner achteckigen Spitze, die von den Bewegungen seines achtstimmigen Glockenspiels ins Schwanken kommt, schlug gerade die neunte Stunde. Von der langen und schnellen Wanderung von Bray bis hierher ermdet, hatte Bob im Karren Platz genommen. Findling schob diesen zur Entlastung Birks. Er suchte ein Unterkommen fr die Nacht, bereit, es am folgenden Tage, wenn nthig, umzutauschen. Ohne es zu wissen, durchzog er den Stadttheil, der die Freiheiten genannt wird, nahe dem Eingang der Hauptstrae Saint-Patrick, die von der erwhnten Kathedrale bis zur andern, Christ-Church, hin verluft. Es ist das eine breite, mit Husern, die frher als comfortabel galten, besetzte Strae, auf die ungesunde Gassen, schmutzige Lanes einmnden. Diese sind angefllt mit erbrmlichen Hhlen, mit Lchern, denen gegenber man die Htte der Hard noch vorgezogen htte. Findling erinnerte sich dieser mit heimlichem Entsetzen. Und doch befand er sich ja nicht in einem Dorfe von Donegal, sondern in Dublin, der Hauptstadt der Smaragdnen Insel, und er besa jetzt mehr verdiente Guineen, als alle diese Bettelkinder Farthings in der Tasche haben mochten. Er suchte auch nicht nach einem jener verdchtigen Huser, wo es mit der Sicherheit sehr zweifelhaft bestellt ist, sondern einen bescheidnen Gasthof, in dem Nachtlager und Nahrung fr einen bescheidnen Preis zu haben waren. Das fand er zufllig in der Mitte der Saint-Patrick-Street, ein Gasthaus von bescheidnem, aber ordentlich erscheinendem Aeuern, in dem der Karren in einem Schuppen Platz fand. Nach dem Abendessen stiegen die Knaben nach ihrem engen Kmmerchen hinauf, und in dieser Nacht htten alle Glockenspiele der Kathedrale, aller Lrm der Freiheiten ihren Schlaf nicht zu stren vermocht. Am folgenden Tage standen sie frhzeitig auf; sie wollten auf Recognoscierung ausgehen und vorzglich vielleicht Grip aufsuchen, was ja nicht schwierig sein konnte, wenn der Vulcan in seinem Heimathafen wieder zurck war. Birk nehmen wir doch mit? fragte Bob. -- Natrlich, antwortete Findling, er mu doch die Stadt kennen lernen. Birk lie sich darum nicht bitten. Dublin bildet ein Oval, dessen groer Halbmesser drei Meilen betrgt. Die von Westen nach Osten flieende Liffey scheidet es in zwei fast gleich groe Theile. An ihrer Mndung verbindet sich der Strom mit einem, die Stadt umrahmenden doppelten Canal -- im Norden dem Royal-Canal, der sich an der Midland-Great-Western hinzieht, im Sden dem Grand-Canal, der bis Galway reicht und den Atlantischen Ocean mit dem Irischen Meere verbindet. Die Saint-Patrick-Street zhlt unter ihren Bewohnern -- und zwar als den wohlhabensten -- zahlreiche jdische Trdler. Von diesen Hndlern entnehmen die Paddys der untern Volksclassen alles, was zu ihrer sehr primitiven Kleidung gehrt, ausgebesserte Leibwsche, abgetragene Rcke, Hosen mit aufgesetzten andersfarbigen Flicken, unbeschreibbare Mnnerhte und Frauenhte mit unmglichen Federn. Hier versetzen die Leute auch ihre Lumpen fr wenige Pence, die sie dann in den benachbarten Inns schnellstens vertrinken, wo Whisky und Gin verschnkt werden. Jene Kramladen erregten schon die Aufmerksamkeit Findlings. Jetzt zu frher Morgenstunde waren die Straen fast menschenleer. Man steht spt auf in Dublin, wo es brigens nicht viel Industrie giebt. Werksttten findet man fast gar nicht, auer den Etablissements, die Seide, Flachs, Wolle und vor allem Popeline (Halbseidenstoffe) erzeugen, deren Fabrication einst durch Franzosen eingefhrt wurde, welche in Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes hier eingewandert waren. Brauereien und Brennereien stehen dagegen in hoher Blthe. Hier erhebt sich die groartige und weitberhmte Whiskybrennerei von Roe, dort die ausgedehnte Stoutbrauerei von Guine, die einen Werth von hundertzwanzig Millionen Mark haben soll und die durch unterirdische Canle mit dem Victoria-Dock in Verbindung steht, von wo hunderte von Schiffen ausgehen, die das Bier nach beiden Welten befrdern. Ist aber die Industrie drftig, so nimmt der Handelsverkehr wenigstens immer mehr zu, und was die Ausfuhr von Schweinen und Rindern betrifft, hat sich Dublin unter den Hfen des Vereinigten Knigreichs sogar zum ersten Range emporgeschwungen. Findling wute das, da er den volkswirthschaftlichen Theil der Zeitungen und Broschren, die er verkaufte, stets zu lesen pflegte. Whrend sie nach der Liffey wanderten, verloren Bob und er nichts Bemerkenswerthes aus den Augen. Bob schwatzte unterwegs nach alter Gewohnheit. O, diese Kirche!... Ah, dieser Platz!... Welch' ungeheures Gebude!... Welch' schner Square! Das genannte Gebude war die Brse, die Royal-Exchange. In der Dame-Street lag die City-Hall, die Commercial Building, der Sammelplatz fr die Kaufleute der Stadt. Weiterhin erschien das Schlo auf dem Rcken des Cork-Hill, mit seinem groen, zinnengekrnten Thurm und den schwerflligen Backsteinmauern. Frher ein von Elisabeth ausgebautes Festungswerk, dessen Spuren man kaum noch wiederfindet, dient es jetzt als Amtswohnung des Lord-Lieutenant und als Sitz der Civil-Militrbehrden. Darunter breitet sich Steffen-Square aus mit einer Reiterstatue GeorgsI., die von ppigen Rasenpltzen und schnen Bumen umgeben ist. Die Einfassung des Square aber bilden ebenso traurige wie symmetrische Huser, unter denen der Palast des protestantischen Erzbischofs und der Boardroom die umfnglichsten sind. Weiter nach rechts liegt dann der Merrion-Square, wo sich die alte Ritterburg von Leinster, das Htel der kniglichen Gesellschaft, mit korinthischer Faade und dorischem Vestibl erhebt und an dem auch das Geburtshaus O'Connell's liegt. Findling lie Bob plaudern und gab sich seinen Gedanken hin. Er bemhte sich, aus dem, was er sah, einen praktischen Nutzen zu ziehen. Noch wute er ja nicht, was er mit seinem kleinen Vermgen beginnen, welche Art von Handel er mit Aussicht auf Erfolg anfangen sollte. Auf ihrem Wege durch die rmlichen Straen, die die bessern Quartiere umgeben, verliefen sich die Knaben mehr als einmal, so da sie eine Stunde nach ihrem Aufbruche aus Saint-Patrick-Street noch nicht einmal die Quais der Liffey erreicht hatten. Einen Flu giebt's hier also wohl gar nicht? fragte Bob wiederholt. -- Doch... einen Flu, der in den Hafen mndet, versicherte Findling. Immer fast blindlings weitergehend, gelangten sie nach einer Gruppe vier Etagen hoher, aus Portland-Cement errichteter Gebude, mit hundert Meter langer griechischer Faade, einem von vier korinthischen Sulen getragenen Fronton und mit zwei Eckpavillons mit Pilastern und Antiken. Um das Ganze erstreckt sich ein wirklicher Park, worin junge Leute dem Sport aller Art huldigten. Das Ganze war aber nicht etwa eine Art Turnanstalt, sondern die von Elisabeth gegrndete Universitt, das Trinity-College. Die jungen Leute hier waren irische Studenten, lauter eifrige Sportsmen, die sich an Khnheit und Feuer mit ihren Kameraden von Oxford und Cambridge messen knnen. Das Ganze glich freilich nicht der =Ragged-School= von Galway, und der Vorsteher hier mochte wohl eine ganz andre Persnlichkeit sein, als jener O'Bodkins. Bob und Findling wandten sich von hier aus weiter nach rechts, und sie hatten kaum hundert Schritte gemacht, als der kleine Knabe jubelnd ausrief: Dort... dort sehe ich Masten! -- Also, Bob, mu auch ein Strom dort sein! Von den Masten sah man zunchst freilich nur die ber die Huser am Quai hinausragenden Spitzen. Deshalb suchten sie sich also eine nach der Liffey hinabfhrende Strae, wobei ihnen Birk, mit der Nase an der Erde schnffelnd, als htte er eine Spur gewittert, lustig vorauslief. Ihm schnell folgend, schenkten sie der Christ-Church-Kathedrale nur einen flchtigen Blick. Diese liegt aber von der ersten Kathedrale nur durch die Lnge der Saint-Patrick-Street getrennt -- ein Beweis fr die weiten Umwege, die die Knaben gemacht hatten. Letztere ist brigens eine recht bemerkenswerthe Kirche, erbaut im 13. Jahrhundert in Form eines lateinischen Kreuzes, mit Nebenthurm und spitzen Dachreitern u. s. w. Doch sie nher zu betrachten, dazu fand sich wohl immer noch einmal Zeit. Endlich erreichten Findling und Bob das rechte Ufer der Liffey. O, wie schn das ist, rief der eine. -- Etwas so Schnes haben wir noch nie gesehen! meinte der andre. In Limerick wie in Cork, am Shannon wie an der Lee wrde man freilich das herrliche Bild granitner Quais, die mit prchtigen Gebuden besetzt sind, vergeblich suchen -- zur Rechten die von Ushers-Aleschants, von Word und von Essex, zur Linken die von Ellis, Avan, von Kings-Inn und andre. Hier gingen die Seeschiffe inde nicht vor Anker. Ihr Mastenwald erhob sich weiter stromabwrts in einem tiefen Einschnitt des linken Ufers der Liffey. Das sind dort jedenfalls die Docks? sagte Findling. -- Ei, komm, dahin gehen wir sofort! antwortete Bob, dessen Neugier das Wort Dock erregte. Die beiden Hlften von Dublin stehen durch neun Strombrcken in bequemer Verbindung, und die stlichste davon, die Carlisle-bridge -- gleichzeitig die bedeutendste -- fhrt unmittelbar von der Westmoreland-Street auf der einen, nach der Sackeville-Street auf der andern Seite. In die letztere bogen die Knaben nicht ein, denn das htte sie zu weit von den Docks weggefhrt. Dagegen musterten sie aufmerksam alle Schiffe, die unterhalb der Carlisle-bridge auf der Liffey lagen. Vielleicht fanden sie den Vulcan darunter. Den Dampfer Grips htten sie ja unter Tausenden erkannt. Der Vulcan lag aber nicht an den Quais der Liffey. Vielleicht war er noch gar nicht zurckgekehrt, vielleicht ankerte er inmitten der Docks oder war wegen nothwendiger Ausbesserungen ins Trockendock gegangen. Findling und Bob folgten dem Quai am linken Stromufer. In Gedanken an den Vulcan bemerkte der eine vielleicht gar nicht das Custom-house (Zollgebude), ein mchtiges, viereckiges Bauwerk mit hundert Fu hoher, von einer Statue der Hoffnung bekrnter Kuppel. Der andre dagegen blieb einen Augenblick in Betrachtung verloren stehen. Er dachte daran, ob wohl jemals auch Waaren von ihm hier der Zollbehandlung unterliegen wrden. Ein erhebendes Gefhl mute es sein, hier Frachtgter, die aus fremdem Lande fr ihn eingetroffen wren, in Empfang zu nehmen. Doch sollte ihm das jemals beschieden sein? Die Knaben gelangten nach den Victoria-Docks. In dem Bassin, dem Herzen der Handelsstadt, dessen Venen nach allen Meeren hin ausstrahlen, lagen eine Menge Schiffe, die entweder ihre Ladung lschten oder aufs neue befrachtet wurden. Da entfuhr Bob ein Schrei. Der Vulcan! Da... da! Wirklich lag der Vulcan an einem der Quais und nahm eben Fracht ein. Bald darauf hatte Grip, der an Bord unbeschftigt war, seine beiden Freunde gefunden. Endlich... seid Ihr da! rief er, sie an sich drckend, als sollte er sie ersticken. Alle drei gingen nun, um ungestrter plaudern zu knnen, am Quai wieder zurck nach dem Ufer des Royal-Canal zu, wo dieser in die Liffey einmndet. Hier war es hbsch still. Seit wann seid Ihr denn in Dublin? fragte Grip, der beide Knaben an den Armen fhrte. -- Seit gestern Abend, erwiderte Findling. -- Erst?... Ich sehe, mein Boy, Du hast Dir Zeit genommen zu einem Entschlusse.... -- Nein, das nicht, Grip; nach Deiner Abfahrt zgerte ich gar nicht mehr, Cork zu verlassen. -- Ja, das ist aber drei Monate her, und ich bin inzwischen zweimal in Amerika gewesen. Allemal, wenn ich nach Dublin kam, bin ich in der Hoffnung, Dich zu treffen, in der ganzen Stadt umhergelaufen... doch keine Spur von Findling oder dem Kleinen und Eurem Birk. Darauf hab' ich an Dich geschrieben. Hast Du keinen Brief von mir erhalten? -- Nein, Grip, jedenfalls, weil wir bei dessen Eintreffen gar nicht mehr in Cork waren. Wir befinden uns schon volle zwei Monate unterwegs. -- Zwei Monate, rief Grip. Nun sagt mir, welchen Zug habt Ihr denn hierher bentzt? -- Welchen Zug? fragte Bob, den Heizer verwundert anschauend, den Zug mit unsern Beinen. -- Ihr habt die ganze Strecke zu Fu zurckgelegt? -- Natrlich, und auch nicht einmal auf dem nchsten Wege. -- Zwei volle Monate unterwegs! rief Grip. -- Die uns aber nichts gekostet haben, versicherte Bob. -- Sondern die sogar ein hbsches Smmchen einbrachten! setzte Findling hinzu. Sie berichteten Grip nun ausfhrlich ber ihre Fahrt lngs der Kste, ber den Handel, den sie getrieben, und dabei wurde auch die Speculation Bobs mit dem Einfangen und Freilassen von Vgeln erwhnt. Natrlich kam dabei der Aufenthalt in Bray, das Zusammentreffen mit dem Erben der Piborne's, dessen tadelnswerthes Auftreten und was darauf folgte, mit zur Sprache. Du hast ihn doch ordentlich durchgeprgelt? fragte Grip. -- Nein, der erbrmliche Ashton war mehr dadurch gestraft, da er unter meinen Knien auf der Erde lag, als wenn ich ihn geschlagen htte. -- Das ist gleichgiltig, ich htte ihm noch einen Denkzettel obendrein gegeben, erklrte der erste Heizer des Vulcan. Inzwischen spazierte das frhliche Kleeblatt am rechten Ufer des Canals hinauf. Grip wollte immer weitere Einzelheiten hren. Seine Bewunderung Findlings suchte er gar nicht zu verbergen. Was der schon alles vom Handel verstand! Er wute zu kaufen, zu verkaufen und Buch und Rechnung zu fhren... mindestens ebensogut wie O'Bodkins. Und als Findling ihm mitgetheilt hatte, da er jetzt ein Capital von hundertfnfzig Pfund in der Casse hatte, rief er verwundert: Alle Wetter, da bist Du ja ebenso reich wie ich, mein Junge!... Nur da ich sechs Jahre gebraucht habe, diese Summe zu erwerben, und Du nur sechs Monate!... Ich wiederhole Dir, was ich schon damals in Cork sagte, Du wirst Geschfte machen... wirst ein Vermgen ansammeln... -- Wo denn? fragte Findling. -- Ueberall, wohin Du gehst, versicherte Grip mit dem Tone vollster Ueberzeugung. In Dublin, wenn Du hier bleibst... irgendwo, wenn Du wo anders hingehst. -- Und ich? lie Bob sich vernehmen. -- Du auch, Knirps, vorzglich wenn Du fters so gute Ideen hast, wie die mit den Vgeln. -- Daran soll's nicht fehlen, Grip. -- Und wenn Du nichts unternimmst, ohne Dich mit dem Patron zu besprechen... -- Mit wem?... Dem Patron?... -- Natrlich mit Findling! Erscheint er Dir denn etwa nicht wie ein richtiger Patron oder Principal?... -- Ja, ja, davon plaudern wir noch mehr.... -- Doch erst nach dem Frhstck, meinte Grip. Fr heute bin ich ganz frei. Ich kenne die Stadt durch und durch und will Euch durch Dublin lootsen. Da wirst Du auch sehen, Findling, was hier am besten zu thun ist. Das Frhstck wurde in einer Matrosenschenke am Quai eingenommen und mundete vortrefflich, wenn auch die Leckerbissen des unvergelichen Festmahls in Cork dabei nicht wieder auf den Tisch kamen. Grip erzhlte von seinen Reisen. Bob lauschte seinen Worten mit Entzcken, Findling immer nachsinnend. -- Der Knabe machte wirklich den Eindruck, als ob er gleich zwanzig Jahre alt geboren wre und jetzt im dreiigsten Jahre stnde. Hierauf fhrte Grip seine beiden Freunde nach der Mitte der Stadt, in die Gegend der Liffey. Hier erhob sich das reiche Quartier Dublins, das umsomehr von den andern absticht, als es an einem vermittelnden Uebergang von den Htten zu den Palsten gnzlich fehlt. Einen Mittelstand giebt es in der Hauptstadt Irlands nicht. Luxus und Armuth stoen sich mit dem Ellbogen. Das reiche Stadtviertel erstreckt sich vom Flusse aus bis nach dem Stephens-Square, wo die vornehme Brgerschaft wohnt, die sich zwar durch seine Sitten und Bildung auszeichnet, leider aber durch religise und politische Streitfragen in zwei Lager zerfllt. Eine der schnsten Straen ist hier die Sackeville-Street. Hier hat auch das Centralcomit der Landliga seinen Sitz, der durch ein Schild mit goldnen Buchstaben gekennzeichnet ist. In der herrlichen Strae wimmelt es freilich auch von Armen, die berall herumsitzen und am Fue der Denkmler stehen. Findling fhlte sich recht sehr davon ergriffen. Was in dem Quartier Saint-Patrick vielleicht natrlich erschien, bildete in der schnen Sackeville-Street einen gar zu schreienden Contrast. Auffallend war hier auch die erstaunliche Menge von Kindern, die alle Zeitungen, wie die Gazette de Dublin, den Dublin Expre, die National Pre, Freemann's Journal, die hauptschlichsten protestantischen und katholischen Bltter und noch manche andre zum Verkauf ausboten. Seh' einer, bemerkte Grip, die vielen kleinen Hndler auf den Straen, an den Bahnhfen und den Quais! -- Ja freilich, an ein solches Geschft ist hier gar nicht zu denken, antwortete Findling. In Cork ging das ganz gut, hier drfte es fehlschlagen. In der That machte es die bermige Concurrenz sehr wahrscheinlich, da der frh morgens gefllte Karren Birks am Abend auch noch voll gewesen wre. Auf dem weiteren Spaziergange entdeckten sie nun noch andre schne Straen mit prchtigen Gebuden, so die Post-Office, deren Mittelporticus auf einer Reihe jonischer Sulen ruht. Findling dachte beim Anblick derselben an die unendliche Menge von Briefen, die hier zusammenstrmen oder von hier ausgehen. Dieses Haus hat man auch fr Deinen Gebrauch gebaut, mein Boy, sagte Grip, denn hier werden Deine Briefe eingehen mit der Adresse: Master Findling, Kaufmann in Dublin. Der Knabe konnte nicht umhin, ber den Enthusiasmus seines alten Gefhrten aus der =Ragged-School= zu lachen. Fernerhin kamen die drei Freunde nach dem Gebude der vier unter einem Dache vereinigten Gerichtshfe, mit seiner dreiundsechzig Toisen langen Front und der von zwlf Fenstern unterbrochenen Kuppel, die heute dann und wann von einem Sonnenstrahl erglnzten. Ich hoffe, lie Grip sich vernehmen, da Du mit dem groen Hause da niemals etwas zu thun hast! -- Und warum nicht?... -- Weil das auch ein Heizraum ist, wie der auf dem Vulcan, nur da man hier keine Steinkohlen verbrennt, sondern Verklagte langsam schmoren lt, wobei Solicitors, Attorneys, Proctors und andre Hndler mit Gesetzen einheizen... einheizen.... -- Man kann kein Geschft machen, ohne einmal in einen Proce zu gerathen, Grip. -- Jedenfalls bemhe Dich, deren so wenig wie mglich zu haben. Es kostet einem viel Geld, wenn man sie gewinnt, und ruiniert einen, wenn man sie verliert! Es klang, als wenn Grip aus Erfahrung sprche. Wie wechselte er aber den Ton, als alle drei ein rundes Gebude bewunderten, das durchweg einen dorischen Styl zeigte. Die Bank von Irland! rief er grend. Da hinein, mein Boy, solltest Du einmal recht hufig zu gehen haben. Da drinnen stehen Geldschrnke so gro wie Huser! Mchtest Du nicht in einem solchen wohnen, Bob? -- Sind die aus Gold? -- Nein, doch was darin steckt, ist Gold.... Ich hoffe bestimmt, da Findling hier einmal seine Gelder anlegen wird! Grip bertrieb wie immer, wenn er auch nur seiner festen Ueberzeugung Ausdruck gab. Findling hrte ihm nur halb zu, whrend er das gerumige Gebude betrachtete, worin nach Grips Aussage ein Haufe von Millionen auf dem andern liegen sollte. Weiterhin fhrte der Weg wiederholt aus den Straen des Elends in die des prunkenden Luxus; hier die reichen Leute, die zum Vergngen lustwandelten, dort die Armen, die die Hand ausstreckten, ohne sich gerade Mhe zu geben, die Vorbergehenden zu rhren. Ueberall Polizisten mit dem Skiff in der Hand und zur besseren Sicherheit der Schwesterinsel den Revolver im Grtel, eine Vorsicht, die bei der leidenschaftlichen politischen Erregung hier allerdings geboten erscheint. Die Irlnder vertragen sich untereinander nur, so lange keine religise oder eine Home-rule betreffende Frage sie nicht gegeneinander aufhetzt. Dann gerathen sie ganz auer sich, dann fliet nicht mehr das Blut der alten Galer in ihren Adern und sie sind so weit unter einander uneinig, da sie ein Sprichwort ihres Landes besttigen, welches lautet: Setzt einen Irlnder an den Bratspie, so wird sich stets ein andrer einfinden, um diesen zu drehen. Bei ihrem Ausfluge zeigte Grip seinen kleinen Freunden auch eine groe Menge Statuen. Noch ein halbes Jahrhundert, und es sind ihrer so viele wie Einwohner in der Stadt. Da steht in Bronze oder Marmor eine ganze Bevlkerung von Wellington, O'Connell, O'Brien, Burke, Goldsmith, Grawan, Thomas Moore, Crampton, Nelson, der Wilhelme von Oranien und der Knige Georg, von denen vor der Hand erst vier vorhanden sind. Noch niemals hatte Findling oder Bob eine solche Versammlung berhmter Persnlichkeiten auf ihren Piedestalen gesehen. Dann unternahmen sie eine Fahrt mit der Trambahn und whrend der Wagen an verschiedenen Gebuden, die ihre Aufmerksamkeit erregten, vorberrollte, fragten sie Grip darber, der allemal Auskunft zu geben wute. Einmal war es das Gefngni, wo man die Leute einsperrt, und dann wieder Workhouses, wo man sie gegen sehr geringe Entschdigung zum Arbeiten zwingt. Und das da?... erkundigte sich Bob, auf ein sehr groes Haus in der Coombe-Street zeigend. -- Das?... antwortete Grip; das ist die =Ragged-School=. Das Wort erweckte in Findling manch' trbe Erinnerung. Hatte er unter einem solchen traurigen Dache aber einst auch viel gelitten, so hatte er daselbst doch Grip kennen gelernt... und das hob sich auf. Jene Mauern bargen also eine Schaar verlassner Kinder! Mit ihrem blauen Jersey, dem grauen Beinkleid und derben Schuhen an den Fen, nebst einem Barret auf dem Kopfe, glichen sie freilich nicht im geringsten den zerlumpten Knaben in Galway, um die sich O'Bodkins so wenig bekmmerte. Hier bemhte sich die Missionsgesellschaft der Irischen Kirche, die Eigenthmerin der Schule, ihre Zglinge nicht nur krperlich und geistig zu erziehen, sondern ihnen auch die Glaubensstze der anglicanischen Kirche einzupflanzen, und hnliche Ziele verfolgen mit den gleichen Mitteln auch verschiedne katholische religise Vereine. Immer unter Leitung ihres Fhrers verlieen Findling und Bob endlich die Trambahn am Eingang eines im Westen der Stadt gelegenen Gartens, der auf jener Seite von der Liffey begrenzt wird. Ein Garten ist es weniger, vielmehr ein groer Park von eintausendsiebenhundertundfnfzig Acres (709 Hektaren), der Phnix-Park, auf den Dublin mit Recht stolz ist. Dickichte von herrlichen Ulmen, saftige Rasenflchen, auf denen Khe und Schafe weiden, dichte Gebsche, in denen sich Ziegen tummeln, groe Beete mit prchtigen Blumen, freie Pltze fr Paraden, gerumige Flchen fr das Fuball- und das Polospiel... nichts fehlt diesem mitten in einer Stadt gelegenen Stck Landschaft. Unfern der groen Mittelallee erhebt sich die Residenz des Lord-Lieutenant, neben der sich eine Schule und ein Krankenhaus fr das Militr sowie ein Artilleriehof mit Kaserne befinden. Der Phnix-Park ist freilich auch der Schauplatz mancher Mordthat gewesen, und Grip zeigte den Knaben zwei Einschnitte in Form eines Kreuzes, wo kaum drei Monate vorher, am 6. Mai und fast unter den Augen des Lord-Lieutenant, der Dolch der Unbezwinglichen den Staatssecretr von Irland und den Untersecretr, Burke und Lord Frederick Cavendish, tdtlich getroffen hatte. Ein Spaziergang durch den Phnix-Park bis zu dem hier angeschlossenen Zoologischen Garten beendigte diesen Ausflug durch die Stadt. Es war um fnf Uhr, als die Knaben von Grip Abschied nahmen, um nach ihrem Gasthaus in der Saint-Patrick-Street zurckzukehren, nachdem sie bereingekommen waren, sich alle drei jeden Tag bis zur Abfahrt des Dampfers zu treffen. Als sie sich trennen wollten, sagte Grip noch zu Findling: Nun, mein Boy, ist Dir denn im Laufe dieses Nachmittags ein guter Gedanke gekommen? -- Ein Gedanke, Grip?... -- Nun ja, hast Du Dich fr etwas entschieden, was Du anfangen willst? -- Was ich anfangen will... nein, das noch nicht, doch was ich nicht anfangen will, ja. Unsern Straenhandel wie in Cork wieder aufzunehmen, das ist hier aussichtslos. Fr den Verkauf von Zeitungen und Broschren giebt es zu viel Concurrenz. -- Das mein' ich auch, sagte Grip. -- Ob wir mit dem Karren durch die Straen fahren sollen... das wei ich nicht... welcherlei Waaren sollte man da verkaufen?... Auch solche fahrende Hndler giebt es schon sehr viele. Nein, es erscheint mir das rathsamste, gleich einen kleinen Laden zu miethen.... -- Jetzt bist Du auf dem richtigen Wege, mein Boy! -- Einen Laden in einem Stadttheil mit lebhaftem Verkehr... nicht von reichen Leuten... so etwa in einer Strae der Freiheiten.... -- Ganz vortrefflich! rief Grip. -- Was sollen wir da aber verkaufen? fragte Bob. -- Lauter ntzliche Dinge, antwortete Findling, alles, was tglich gebraucht wird.... -- Also etwas zum Essen? meinte Bob, zum Beispiel Kuchen, nicht wahr? -- Das Leckermulchen! rief Grip. Kuchen gehren doch nicht zu den ntzlichen Dingen.... -- O doch, weil sie gut schmecken. -- Das gengt nicht, vor allem mssen die Dinge nothwendig sein, erwiderte Findling. Doch... das wird sich finden. Erst will ich mir das Quartier da unten noch ansehen. Allem Anscheine nach machen die Hndler daselbst gar nicht so schlechte Geschfte. Ich denke, so eine Art Bazar.... -- Ein Bazar... richtig! jubelte Grip, der schon den groen, reich ausgestatteten Laden Findlings mit glnzender Firma vor sich sah. -- Ich werde mir's berlegen, Grip. -- Nur nicht berhasten! Ehe man sich entscheidet, mu man alles reiflich erwgen. -- Und vergi nicht, mein Boy, da ich mein ganzes Geld zu Deiner Verfgung stelle. Ich wei so wie so nicht, was ich damit anfangen soll, und wirklich, es belstigt mich nicht wenig, es immer bei mir zu tragen.... -- Warum legst Du es denn nicht an, Grip...? -- Ja, gern, bei Dir... Willst Du es? -- Wir werden sehen, vielleicht spter... wenn unser Handel gut geht. Fr jetzt fehlt mir ja nur mehr das Haus, in dem ich einen Laden erffnen knnte, und wo nicht zu viel Risico dabei wre... -- Keine Angst, mein Boy! Ich sage Dir, Du erwirbst Dir ein Vermgen, das wei ich gewi! Ich sehe Dich schon im Besitz von hunderten, von tausenden Pfund Sterling... -- Wann fhrt denn der Vulcan ab, Grip? -- Etwa in acht Tagen. -- Und kehrt hierher zurck? -- Nicht vor Verlauf von zwei Monaten, denn wir wollen nach Boston, Baltimore, ich wei nicht, wohin, oder vielmehr berall hin, wo Fracht einzunehmen... -- Und hierher zu bringen ist! rief Findling mit heimlichem Neide. Endlich trennten sie sich. Grip wandte sich nach den Docks zu, whrend Findling mit Bob und Birk die Brcke ber die Liffey berschritt, um nach Saint-Patrik zurckzugelangen. Wie vielen Armen beiderlei Geschlechts begegneten sie da, doch auch wie vielen, die von bermig genossenem Whisky und Gin widerwrtig dahinschwankten! Wozu hatte es gentzt, da der Erzbischof Johann bei einem 1186 in der Hauptstadt Irlands abgehaltenen Concil so wthend gegen die Trunksucht gedonnert hatte? Sieben Jahrhunderte spter trank Paddy noch immer ber die maen und weder ein andrer Erzbischof noch ein andres Concil drfte jemals im Stande sein, diesen traurigen Erbfehler auszurotten. XI. Der Bazar Zum kleinen Geldbeutel. Unser Held zhlte jetzt elfeinhalb und Bob acht Jahre, so da beide zusammen noch nicht einmal das majorenne Alter dargestellt htten. Findling schon mitten in der Geschftsthtigkeit, im Begriff, ein Handelshaus zu grnden. Es gehrte wirklich die blinde Vorliebe eines Grip dazu, um zu glauben, da er damit gleich Glck haben, da sein Handel nach und nach Umfang genug erreichen werde, um damit ein Vermgen zu erwerben. Jedenfalls besa das Quartier Saint Patrik zwei Monate nach dem Eintreffen der beiden Knaben in der Hauptstadt Irlands einen Bazar, der die Aufmerksamkeit der Leute erregte und auch eine groe Kundschaft heranlockte. Dieser Bazar aber war nicht etwa in den rmlichen Straen der Freiheiten zu suchen, die sich in der Umgebung der Saint-Patrick-Street kreuzen. Findling hatte es vorgezogen, sich mehr nach der Liffey zu, in der Bedfort-Street, zu etablieren, wo man nichts berflssiges, sondern nur Bedarfsgegenstnde einzukaufen pflegt. Fr die nothwendigsten Gegenstnde finden sich ja stets Kufer, wenn jene gut und nicht zu theuer sind. Das hatte die Erfahrung dem jungen Kaufmann schon gelehrt, als er noch mit dem Karren durch die Straen von Cork zog und dann die Grafschaften von Munster und Leinster durchwanderte. Ein wirkliches Magazin war es, treu bewacht von Birk, der jetzt nicht mehr zum Zugthier erniedrigt wurde. Der Laden fhrte ein in die Augen fallendes Schild mit der Inschrift Zum kleinen Geldbeutel, und darunter die Firma Little Boy and Co. Little Boy, das war Findling; and Co., das war Bob... und ohne Zweifel auch Birk. Das betreffende Haus in der Bedfort-Street bestand aus drei Stockwerken. Eine Treppe hoch wohnte darin der Besitzer O'Brien, ein frherer Colonialwaarenhndler, der sich nach erfolgreicher Thtigkeit vom Geschft zurckgezogen hatte, brigens ein rstiger alter Junggeselle von fnfundsechzig Jahren, der mit Recht im Rufe eines hochachtbaren Mannes stand. O'Brien war natrlich nicht wenig erstaunt, als ein Kind von elfeinhalb Jahren kam, um einen seit einigen Monaten leerstehenden Laden im Erdgescho von ihm zu miethen. Die verstndigen und praktischen Antworten aber, die er auf seine Fragen von dem Knaben erhielt, nahmen ihn schnell fr diesen ein, und so kam ein Miethcontract bald zu Stande, vorzglich, da der junge Miether sich erbot, den Zins fr ein ganzes Jahr gleich im Voraus zu entrichten. Der freundliche Leser will nicht vergessen, da der Held unsrer Erzhlung wegen seiner Gre und Schulterbreite lter erschien, als er war. Doch wenn man ihn auch fr vierzehn oder fnfzehn Jahre schtzte, so erschien er doch jedem Fernstehenden gewi noch als viel zu jung, um einen selbstndigen Ladenhandel anzufangen, wenn dieser auch die bescheidne Bezeichnung Zum kleinen Geldbeutel trug. Jedenfalls handelte O'Brien nicht, wie es vielleicht viele gethan htten. Als sich der ordentlich gekleidete Knabe mit einer gewissen Sicherheit vorstellte, sein Anliegen klar und deutlich vorbrachte, da fhrte er ihn nicht ohne Erwiderung hinaus, sondern hrte ihn bis zum Ende ruhig an. Was er da von der Vergangenheit desselben, von seinem Handel in Cork, seiner Wanderung nach der Hauptstadt vernahm, das rief unwillkrlich sein Interesse wach. Er erkannte in Findling einen so gereiften Verstand, eine solche Klarheit der Gedanken, da er an dessen glcklicher Zukunft gar nicht zweifeln konnte. Der alte Kaufmann versprach daher, Findling mit seinem Rathe beizustehen, indem er sich vornahm, alles, was sein junger Miethsmann thte, zu beobachten. Mit Unterzeichnung des Contractes und Zahlung des Miethpreises wurde Findling endgiltig zu einem der Ladeninhaber der Bedfort-Street. Das an Little Boy and Co. vermiethete Erdgescho bestand aus zwei Rumlichkeiten, von denen eine nach der Strae, die andre nach dem Hofe zu lag. Die erste sollte als Geschftslocal, die andre als Schlafzimmer dienen. Nach dem Hofe schlo sich hieran noch ein Kmmerchen und eine Kche, wo eine Kchin hausen konnte... wenn einmal eine solche da war. Jetzt erschien eine solche fr die zwei Knaben noch nicht nthig. Sie wollten essen, wenn sie dazu Zeit hatten und keine Kunden zu bedienen waren. Zuerst immer die Kundschaft! Auf Zuspruch konnte Findling ja rechnen, da er in seinem saubern Laden eine groe Auswahl von Waaren bot. Mit dem nach Zahlung des Miethzinses brig gebliebnen Geld hatte der junge Kaufmann alles von den Grohndlern und Fabrikanten gegen baar bezogen, und jetzt war der Bazar Zum kleinen Geldbeutel auf Tischen und Regalen reichlich ausgestattet. Nach Beschaffung des nothwendigen Mobiliars fr Laden und Schlafstube war von den hundertundfnfzig Pfund, die Findling mit nach Dublin gebracht hatte, freilich nur noch der dritte Theil brig. Weitere Ausgaben vermied er weislich, um sich fr den Nothfall eine Reserve zu sichern. Lcken, die in seinen Waarenvorrthen entstanden, hoffte er mit den laufenden Einnahmen wieder fllen zu knnen. Selbstverstndlich verlangte eine geordnete Geschftsfhrung die Anlage eines sogenannten Journals fr die tglichen Verkufe, ferner eines Hauptbuches -- das Hauptbuch Findlings! -- wo Einnahmen und Ausgaben eingetragen werden sollten, um jeden Abend die Richtigkeit der Casse prfen zu knnen. Wahrlich, O'Bodkins von der Lumpenschule htte seine Sache auch nicht besser machen knnen. In dem Bazar von Little Boy fand man etwas von allem, was in diesem Stadttheil vorwiegend gebraucht wurde. Was der Papierhndler, der Kurzwaaren-, der Eisenwaaren-, der Buchhndler und andre ihren Kunden einzeln boten, das vereinigte der Laden Findlings an einer Stelle. Im Bazar Zum kleinen Geldbeutel konnte man nahezu alles zu festem, aber billigem Preis haben. Neben den eigentlichen Bedarfsgegenstnden enthielt der Laden noch eine reiche Auswahl von Spielwaaren aller Art, doch nur solche fr Kinder von fnf bis zu zwlf Jahren. Diese Abtheilung besorgte Bob mit besondrer Vorliebe und bemhte sich, sie in bester Ordnung zu halten, wenn er sich auch nicht berwinden konnte, das eine oder das andre Spielzeug einmal selbst zu versuchen. Vorzglich beschftigte er sich da mit den Schiffen und Booten -- fr wenige Pence, wobei er sich sorglich htete, dieselben irgendwie zu beschdigen, denn der Principal scherzte damit nicht und ermahnte ihn manchmal. Sei doch ernsthaft, Bob! Wenn Du das jetzt nicht bist, knnte man glauben, da Du es niemals wrdest! Wir haben nicht nthig, Tag fr Tag die Fortschritte zu verfolgen, die der Bazar von Little Boy and Co. in der Achtung und dem Vertrauen der Leute machte. Auf jeden Fall erfreute er sich des besten Erfolges. O'Brien konnte sich nicht genug wundern ber die Gewandtheit und den richtigen Blick seines jungen Miethers, der stets vortheilhaft einzukaufen und wieder zu verkaufen verstand. So hatte es auch der alte Kaufmann gemacht und sich dadurch ein recht schnes Vermgen erworben. Freilich begann er sein Geschft im Alter von fnfundzwanzig Jahren, nicht in dem von zwlf Jahren. Auch O'Brien theilte bald die Ansicht Grips, da es Findling gar nicht fehlen knne, bald zu Vermgen zu kommen. Zur Erklrung des wirklich auergewhnlichen Erfolges, dessen sich der Bazar Zum kleinen Geldbeutel erfreute, diene die Bemerkung, da es sich in der ganzen Stadt mit Windeseile verbreitet hatte, da dieses Geschft von einem kaum den Schuljahren entwachsenen Knaben begrndet worden war, und von ihm nur mit Untersttzung eines noch weit jngeren Knaben gefhrt wurde. Das gengte, um Findlings Laden sozusagen in die Mode zu bringen. Dieser hatte auch nicht unterlassen, sich durch einige Annoncen in den Blttern zu empfehlen, die er recht theuer bezahlen mute. Bald begannen aber die hervorragendsten Bltter der Hauptstadt seines ungewhnlichen Geschftes auch aus freien Stcken Erwhnung zu thun, und nun stellten sich viele Reporter ein, die Little Boy and Co. -- ja, auch Bob selbst! -- mit ebenso vieler Sorgfalt interviewten, als wenn es dem Lord Gladstone gegolten htte. Ueberall sprach man schon von dem jugendlichen Kaufmann der Bedfort-Street und von seinem Unternehmen, dem sich die allgemeine Theilnahme zuwandte. Er wurde der Held des Tages und -- was das Wichtigste ist -- die Leute drngten sich, seinen Bazar zu besuchen. Natrlich wurde hier die Kundschaft mit grter Hflichkeit und Zuvorkommenheit behandelt. Findling hatte die Augen berall und Bob mit dem Lockenkopfe sprang hin und her, um jeden nach Wunsch zu bedienen. Sogar Damen aus dem vornehmen Viertel kamen zu Wagen an und machten es sich zum Vergngen, wenigstens das Spielwaarenlager Findlings bald zu vermindern oder gar zu leeren. Mit einem Worte, Findling konnte sich eines glnzenden Erfolges rhmen, und um sich diesen auch weiter zu sichern, lie er sich's an keiner Mhe fehlen. Als der Vulcan in Dublin wieder eingelaufen war, galt der erste Ausgang Grips natrlich seinen Freunden. Ueber den Bazar in der Bedford-Street konnte er seiner Verwunderung gar nicht laut genug Ausdruck verleihen; ja, seiner Meinung nach hatte sich die ganze Strae dadurch so verwandelt, da sie wenigstens der Sackevillestrae hier in Dublin, womglich auch gar dem Strand in London, dem Broadway in Newyork, dem Boulevard des Italiens in Paris gleichkam. Bei jedem Besuche hielt er sich fr verpflichtet, etwas zu kaufen, um das Geschft in Gang zu erhalten, wie er sagte, obgleich er das gewi nicht nthig hatte. Einmal whlte er eine Brieftasche, um diejenige zu ersetzen, die er... niemals besessen hatte, ein andermal eine hbsche, bunt angestrichene Brigg, die er den Kindern eines seiner Kameraden vom Vulcan zum Geschenk machen wollte. Schlielich erwarb er sogar einmal eine ziemlich theure Pfeife aus falschem Meerschaum, deren Mundstck aus gelbem Bernstein geschnitzt war. Findling mute von ihm natrlich wie von andern Leuten Bezahlung annehmen. Siehst Du, mein Boy, die Sache macht sich!... Das geht ja wie mit hundert Schraubenumdrehungen, nicht wahr? Jetzt bist Du Befehlshaber an Bord des Kleinen Geldbeutel und brauchst nur darauf zu achten, da das Feuer nicht ausgeht. Es ist lange her, da wir zwei noch in Lumpen durch die Straen von Galway trabten, oft Hunger und Klte zu erleiden hatten, damals in der =Ragged-School=. Da fllt mir ein, ist Carker denn gehenkt worden? -- So viel ich wei, noch nicht, Grip. -- Das kann aber nicht mehr lange dauern, und jedenfalls legst Du mir das Journal bei Seite, das darber ausfhrlich berichtet! Grip fuhr mit dem Vulcan wieder hinaus aufs weite Meer, und kaum von der Reise zurckkehrend, erschien er auch aufs neue im Bazar und ruinierte sich durch fortwhrende Einkufe. Da sagte Findling eines Tags zu ihm: Glaubst Du es denn noch immer, Grip, da ich es einmal zu einem gewissen Vermgen bringe? -- Natrlich, mein Boy, so sicher, wie ich glaube, da unser einstiger Kamerad Carker mit einem Strick um den Hals endigen wird! -- Nun aber Du selbst, mein guter Grip, denkst Du denn niemals an die Zukunft? -- Ich?... Weshalb sollte ich daran denken?... Hab' ich nicht einen Beruf, den ich doch gegen keinen andern vertauschen mchte. -- Einen beschwerlichen Beruf, der sich auch nicht besonders lohnt. -- Wie?... Vier Pfund monatlich, und dazu Nahrung, Wohnung, Heizung, da man zuweilen fast selbst gebraten wird? -- Und das in einem Schiffe! fiel Bob ein, dessen grtes Glck es gewesen wre, einmal auf dem Meere zu schwimmen. -- Das thut nichts, Grip, fuhr Findling fort. Ein Heizer zu sein, hat noch niemand Vermgen gebracht, und Gott will, da man auf Erden sein Glck suche.... -- Bist Du dessen so sicher? fragte Grip mit den Achseln zuckend. Steht das mit in seinen Geboten? -- Ja, antwortete Findling. Er will, da man etwas erwirbt, nicht um allein glcklich zu sein, sondern um auch die glcklich zu machen, die es nicht sind und doch zu sein verdienten! In seinen Gedanken tauchte dabei die Erinnerung an Sissy auf, an seine Leidensgefhrtin in der Htte der Hard, und an die Familie Mac Carthy, deren Spuren er nicht zu entdecken vermocht hatte, sowie an sein Pathenkind Jenny, der es jetzt gewi recht traurig erging, whrend er... Nun, Grip, nahm er wieder das Wort, berlege Dir wohl, welche Antwort Du giebst. Warum willst Du nicht auf dem Lande bleiben? -- Ich sollte den Vulcan verlassen?... -- Ja, doch nur, um Dich mit mir zu associieren. Du weit ja... Little Boy and Co.... ist durch Bob nicht hinreichend vertreten, doch wenn Du mit eintrtest... -- Ach, lieber, bester Grip, fiel Bob ein, das wrde fr uns beide das grte Vergngen sein. -- Fr mich auch, meine Kinder, erwiderte Grip sehr gerhrt von diesem Vorschlage, doch soll ich Euch etwas sagen? -- So sprich, Grip. -- Nun also... ich bin zu gro. -- Zu gro? -- Ja, wenn die Leute mich im Laden shen, so einen langen Bengel, so ginge das Geschft nicht mehr, da wr es nicht mehr Little Boy and Co.... and Co. mu klein sein, um die Leute heranzuziehen. Ich wrde die Handelsgesellschaft stren, wrde Euch Unrecht thun. Gerade weil Ihr noch Knaben seid, blht das Geschft so ganz besonders. -- Vielleicht hast Du recht, Grip, antwortete Findling. Doch wir werden auch grer... -- Natrlich werden wir alle Tage grer, versetzte Bob, sich auf den Zehen aufrichtend. -- Gewi, und htet Euch nur, nicht allzuschnell zu wachsen! -- Das kann man wohl nicht hindern, bemerkte Bob. -- Nein, freilich nicht. Darum seht zu, da Ihr Euer Geschft gemacht habt, so lange Ihr noch Knaben seid. Zum Kuckuck, ich messe fnf Fu sechs Zoll, und was ber fnf Fu ist, das pat nicht in Euer Geschft. Wenn ich brigens Dein Geschftstheilhaber nicht sein kann, Findling, so weit Du doch, da mein Geld Dir gehrt.... -- Ich bedarf desselben nicht. -- Na, wie es Dir beliebt. Wenn Du Dich inde einmal vergrern willst.... -- Dann knnten wir zwei dem Geschft nicht gut mehr allein vorstehen.... -- Ei, warum nehmt Ihr nicht wenigstens eine Frau ins Haus, um Euch die Wirthschaft zu besorgen? -- Daran hab' ich allerdings bereits gedacht, Grip, und der vortreffliche Herr O'Brien hat mir dasselbe angerathen. -- Er hat ganz recht damit, der brave Mann. Kennst Du denn kein weibliches Wesen, das Dein Vertrauen bese? -- Nein, Grip. -- Das findet sich... wenn man danach sucht.... -- Ah warte... eben denke ich an eine alte Freundin... Kat! Bei Erwhnung dieses Namens erscholl ein lustiges Gebell. Birk hatte ihn verstanden und sprang wie toll hin und her. Ah, Du erinnerst Dich ihrer, Birk? sagte sein junger Herr. Kat... nicht wahr, der guten Kat?... Da scharrte Birk an der Thr und schien nur noch den Auftrag zu erwarten, sofort in der Richtung nach dem Schlosse hinzulaufen. Grip erhielt nun eine weitere Erklrung. Eine bessere als Kat konnte man gar nicht finden; sie wrde dem Haushalt vorstehen und die Kche besorgen, ohne selbst gesehen zu werden, und so konnte sie auch die sociale Lage der Firma Little Boy and Co. nicht durchkreuzen. Freilich entstand die Frage, ob sie berhaupt noch in Trelingar-castle war oder nicht. Findling schickte mit der ersten Post einen Brief an sie. Schon am nchsten Tage erhielt er eine Antwort in etwas grober, aber leserlicher Schrift, und kaum waren achtundvierzig Stunden verflossen, als Kat auf dem Dubliner Bahnhofe anlangte. Den herzlichen Empfang nach achtzehnmonatlicher Entfernung kann man sich wohl vorstellen. Findling sank ihr in die Arme und Birk sprang an ihr empor. Sie wute gar nicht, wem sie zuerst antworten sollte. Die Thrnen strmten ihr aus den Augen, und als sie in die Kche eingetreten war, wo sie Bob kennen lernte, wiederholte sich der Empfang noch einmal. An diesem Tage hatte Grip die Ehre und das Glck, mit seinen jungen Freunden das erste, von der guten Kat bereitete Mittagsmahl zu theilen, und als der Vulcan am nchsten Tage die Anker lichtete, trug er den zufriedensten Heizer von der Welt mit aufs Meer hinaus. Die Bedingungen, unter denen die gute Frau ihre neue Stellung bernahm, waren bald und ohne Feilschen verabredet, denn sie empfand es keineswegs als einen Rckschritt, jetzt bei Little Boy statt frher im Trelingar-castle in Dienst zu stehen. Ihren neuen Herrn noch mit Du anzureden, dazu war sie freilich nicht zu bewegen; dieser war ja nicht mehr der Groom des Grafen Ashton, sondern der Chef des Hauses Zum kleinen Geldbeutel. Auch Bob wurde von ihr nur Herr Bob genannt, und hchstens Birk erfreute sich der alten vertraulichen Anrede. Bald machte sich die Anwesenheit der braven Frau im Hause bemerkbar. Jetzt blieb die Wirthschaft stets in schnster Ordnung und im Zimmer wie im Laden sah es noch einmal so sauber aus. Nach einem Restaurant zu Tische zu gehen, das mochte wohl fr einen Commis passen; fr den Principal eines Geschfts aber schickte es sich ja nicht mehr, dieser mute sein vllig eingerichtetes Home haben und am eigenen Tische speisen. Das Jahr 1882 brachte fr Little Boy and Co. einen sehr vortheilhaften Abschlu. Whrend der letzten Wochen konnte der Bazar zu Weihnachten und zum neuen Jahre kaum den Ansprchen der Kufer gengen. Die Spielwaarenabtheilung mute wohl zwanzigmal erneuert werden und Bob verkaufte mit einem Eifer sondergleichen Schaluppen, Kutter, Goletten, Briggs, Dreimaster und selbst mechanische Dampfboote. Doch auch die andern Waaren fanden reienden Absatz. In der feinen Welt gehrte es zum guten Ton, seine Bedrfnisse im Bazar Zum kleinen Geldbeutel zu decken. Ein Geschenk galt nicht als =select=, wenn ihm die Marke Little Boy and Co. fehlte. Ja, die Mode ist etwas werth, wenn die Kinder sie machen und die Eltern diesen, wie es ihre Pflicht ist, gehorchen. Findling hatte keine Ursache sich zu beklagen, da er Cork verlassen und seinen Handel mit Zeitungen aufgegeben hatte. Den erweiterten Markt, den er in der Hauptstadt Irlands suchte, hatte er gefunden. O'Brien freute sich aufrichtig ber die Zunahme der Geschftsthtigkeit seines jungen Miethers, die dieser mit eignen Krften und eignen Hilfsmitteln erzielt hatte. Seine Rathschlge wurden stets gern beachtet, sein Geld aber, das er in die Firma einzuschieen bereit war, lehnte Findling hflich ab. Kurz nach Abschlu der Inventuraufnahme des ersten Jahres, dessen Verllichkeit O'Brien in allen Stcken anerkannte, konnte Findling gewi hchst zufrieden sein: binnen sechs Monaten, seit dem Eintreffen in Dublin, hatte er sein Capital verdreifacht. XII. Das Wiederfinden. Wer irgendwelche Mittheilungen ber die Familie Martin Mac Carthy (frheren Pchter der Farm von Kerwan, Grafschaft Kerry, Kirchspiel Silton) zu machen im Stande ist, wird dringend gebeten, diese der Firma Little Boy and Co., Bedford-Street, Dublin, zugehen zu lassen. Diese Anzeige in der Nummer vom 3. April 1884 der Gazette de Dublin hatte unser junger Held selbst aufgegeben und mit zwei Schillingen fr die Zeile bezahlt. Am nchsten Tage stand derselbe Aufruf auch in den andern Blttern der Hauptstadt. Findling htte eine halbe Guinee gar nicht besser anzuwenden gewut, denn wie htte er, das Adoptivkind der unglcklichen Familie, die ihm so viele Wohlthaten erwiesen hatte, diese jemals vergessen knnen? Er hielt es fr seine Pflicht, alles zu versuchen, um sie wiederzufinden, ihr nach Krften zu helfen, und er freute sich schon im voraus von ganzem Herzen darauf, der Familie an Lebensglck zurckerstatten zu knnen, was er an Liebe von ihr empfangen hatte. Wie konnte er aber wissen, wo die Leute jetzt ein Obdach gefunden hatten, ob sie in Irland geblieben waren und jetzt vielleicht ihr Brod von Tag zu Tag erwerben muten, ob Murdock, um sich weiteren Verfolgungen zu entziehen, vielleicht ausgewandert war und ob dessen Angehrige etwa gar sein Exil in fernem Lande, in Australien oder Amerika, theilten. Er hatte auch keine Ahnung, ob Pat noch segelte, und der Gedanke, da die brave Familie wahrscheinlich jetzt noch unter der Last des Unglcks seufzte, verursachte ihm recht schweren Kummer. Obwohl Findlings Aufruf jeden Sonnabend mehrere Wochen hindurch in allen Dubliner Blttern stand, blieb er doch erfolglos. Wre Murdock in ein Gefngni des Landes eingeliefert worden, so htte er das jedenfalls erfahren. So konnte der Knabe nur annehmen, da Martin Mac Carthy sich inzwischen mit den Seinigen nach Amerika oder Australien eingeschifft habe, von wo sie vielleicht nie mehr zurckkehrten, wenn sie da eine zweite Heimat gefunden hatten. Die Hypothese einer Auswanderung nach Australien wurde brigens durch Nachrichten, die O'Brien von frheren Geschftsfreunden einzog, bald besttigt. Ein von Belfast eingetroffener Brief brachte die erste Aufklrung. Nach Angabe der Bcher einer Auswanderungsagentur hatten sich die Mac Carthy's -- drei Mnner, zwei Frauen und ein Kind -- vor fast zwei Jahren nach Melbourne eingeschifft. Hier ihre Spuren zu entdecken, war fast unmglich, und alle Schritte, die O'Brien in dieser Richtung that, blieben ohne jeden Erfolg. Findling rechnete nun blos noch auf den zweiten Sohn Mac Carthy's, vorausgesetzt, da dieser noch auf einem Schiffe des Hauses Macuard von Liverpool in Diensten stand. Er schrieb also an den Chef dieser Firma, erhielt aber die Antwort, da Pat vor fnfzehn Monaten aus seiner Stellung bei ihnen geschieden sei und sie nicht wten, auf welchem Schiffe er jetzt segelte. So blieb nur die einzige Hoffnung, da Pat bei gelegentlicher Rckkehr nach Irland von der seine Familie betreffenden Anzeige Kenntni erhielt, und an diese, wenn auch schwache Hoffnung wollte Findling sich vorlufig halten. O'Brien bemhte sich vergeblich, seinem jungen Abmiether mehr Zuversicht einzuflen, und eines Tages, als sie von der gleichen Angelegenheit sprachen, sagte er: Es sollte mich wundern, junger Freund, wenn Du die Familie Mac Carthy nicht frher oder spter wiedershest. -- Jetzt, wo alle in Australien... Tausende von Meilen von hier weg sind, Herr O'Brien? -- Wie kannst Du nur so sprechen, mein Kind! Australien gehrt doch fast zu unsrer Stadt, es liegt beinahe vor unsrer Hausthr. Entfernungen giebt es heutigen Tages nicht mehr, die hat der Dampf zunichte gemacht. Jener Martin und seine Frau werden schon nach der Heimat zurckkehren. Irlnder vergessen ihr Irland niemals, und haben sie da drauen etwas vor sich gebracht.... -- Knnte ich das wirklich erhoffen, Herr O'Brien? fragte Findling kopfschttelnd. -- Gewi, wenn sie so tchtige Arbeiter sind, wie Du sagst. -- Muth und Einsicht gengen nicht immer, Herr O'Brien. Man mu auch etwas Glck haben, und das war den Mac Carthy's fast stets versagt geblieben. -- Was nicht ist, kann noch werden, mein Sohn! Glaubst Du etwa, da ich selbst immer vom Glck begnstigt gewesen wre?... Nein, ich habe manche Schwierigkeiten zu berwinden, manche Verluste zu tragen gehabt, bis ich mich als Herrn meiner Lage fhlte. Bist Du nicht selbst ein Beispiel dafr? Hast Du Deine Laufbahn nicht als ein Spielball des Elends begonnen, und jetzt... -- Ja, Sie haben Recht, Herr O'Brien; ich frage mich auch manchmal, ob nicht alles nur ein Traum ist. -- Nein, mein liebes Kind, es ist echte, schne Wirklichkeit! Da Du ganz anders gehandelt hast, als man es von einem zwlfjhrigen Kinde erwarten konnte, ist freilich etwas ganz auergewhnliches. Doch, die Vernunft ist nicht immer nach dem Alter zu messen, und von ihr hast Du Dich von jeher leiten lassen. -- Von der Vernunft?... Vielleicht. Und doch, wenn ich mir meine heutige Lage vergegenwrtige, scheint es mir, da der Zufall daran nicht wenig Antheil hat. -- Im Leben giebt es weniger Zufall, als Du glaubst, alles geht mit logischer Nothwendigkeit eines aus dem andern hervor. Das wirst Du noch erfahren. Es ist auch selten, da ein Unglck nicht durch einen Glcksfall wett gemacht wrde. -- Das glauben Sie, Herr O'Brien? -- Ja, und um so fester, als es, was Dich betrifft, gar nicht zweifelhaft sein kann. Das hab' ich mir schon oft gesagt, wenn ich ber Deinen Lebenslauf nachdachte. So bist Du zu der bsen Hard gekommen, das war ein Unglck.... -- Aber auch ein Glck, weil ich dort die gute Sissy kennen lernte, deren Liebe zu mir ich nie vergessen kann. Was mag aus meiner armen, kleinen Leidensgefhrtin geworden sein, und ob ich sie wohl jemals wiedersehe?... Ja, das war damals ein Glck.... -- Und auch das war ein solches, da die Hard eine so abscheuliche Megre war, sonst wrst Du ja in Rindock bis zu der Zeit geblieben, wo Du in das Armenhaus von Donegal zurck mutest. Da bist Du entflohen und in die Hnde des Puppenschaustellers gefallen.... -- O, das Ungeheuer! rief Findling. -- Dennoch betrachte ich es als Glck, da er das war, denn sonst irrtest Du vielleicht noch heute, wenn auch nicht versteckt im Kasten, so doch im Dienste Thornpipe's auf den Landstraen umher. Von da kamst Du nach der =Ragged-School= in Galway... -- Ja, und da lernte ich Grip kennen... Grip, der so gut zu mir war, dem ich das Leben verdanke, das er mir rettete, whrend er das seinige aufs Spiel setzte.... -- Und damit kamst Du zu der launenhaften Schauspielerin. Zugegeben, da Du bei ihr ein weit schneres Leben hattest, zu einem ehrenvollen Ziele htte es Dich aber doch nicht gefhrt, und ich betrachte es als ein Glck, da sie, nachdem sie ihr Vergngen mit Dir gehabt hatte, Dich eines schnen Tages verlie.... -- Darum zrne ich ihr nicht, Herr O'Brien. Sie hatte mich aufgenommen, war liebreich gegen mich... und seit jener Zeit... ist mir manches klar geworden. Ihrem Gedankengang nach wurde ich in Folge dessen von der Familie Mac Carthy in der Farm von Kerwan aufgenommen.... -- Richtig, mein Sohn. Und auch da... -- O, Herr O'Brien, Sie werden mich schwerlich berzeugen, da das Unglck dieser braven Leute auch ein Glck fr mich gewesen wre. -- Ja und nein, antwortete O'Brien. -- Nein, Herr O'Brien, nein! versicherte Findling energisch. Und wenn ich mir etwas erwerbe, wird mir immer das schmerzliche Gefhl bleiben, da der Grund dieses Vermgens nach dem Untergange der Mac Carthy's gelegt wurde. Wie gern htt' ich als Kind des Hauses mein Leben auf jener Farm verbracht! Da htt' ich mein Pathenkind Jenny aufwachsen sehen, und ein greres Glck, als das meiner Adoptivfamilie zu betrachten, knnt' ich mir gar nicht denken. -- Ich verstehe Dich, mein Kind. Es ist aber nicht minder richtig, da grade dieser Verlauf der Dinge Dir einmal gestatten wird, Dich fr das, was jene an Dir gethan, erkenntlich zu zeigen. -- Besser wr' es doch, Herr O'Brien, wenn sie nicht nthig htten, von irgend jemand Hilfe anzunehmen. -- Ich erkenne gern diese Empfindungen an, die Dir alle Ehre machen. Doch setzen wir unsre Betrachtungen fort. Du kamst nach Trelingar-castle.... -- O, diese widerwrtigen Leute, der Marquis, die Marquise und ihr Sohn Ashton!... Welche Krnkungen hab' ich da erdulden mssen!... Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. -- Und doch ein Glck, da es so war. Bei guter Behandlung wrst Du vielleicht in Trelingar-castle geblieben.... -- Nein, Herr O'Brien, im Dienste als Groom?... Nein, gewi nicht!... Ich blieb nur da, um auf ein besseres Unterkommen zu warten und bis ich mir etwas erspart htte. -- Nun, bemerkte O'Brien, eine Person mu doch sehr befriedigt davon sein, da Du berhaupt in jenes Schlo gekommen warst; ich meine die Kat. -- O, die vortreffliche Frau! -- Und einer, der sehr zufrieden sein mu, da Du von dort weggegangen bist, ich meine Bob, denn sonst konntest Du den nicht auf der Landstrae finden,... nicht ihn retten und mit nach Cork nehmen, wo Ihr beide so tchtig gearbeitet, wo Ihr Grip wiedergefunden habt, und heute wrst Du nicht in Dublin... -- Und im vertraulichen Gesprch mit dem besten aller Menschen, der uns so freundlich entgegenkam! antwortete Findling, die Hand des Exkaufmanns ergreifend. -- Der Dir auch spter, wenn nthig, mit Rath und That beistehen wird. -- Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, ich danke! Ja, Sie haben recht; Ihre Erfahrungen knnen Sie nicht trgen. Im Leben ist alles miteinander verkettet. Gebe Gott, da auch ich allen ntzlich sein knnte, die ich liebe und die mich geliebt haben! Das Geschft des Knaben blhte immer weiter, der Zudrang von Kufern verminderte sich nicht. Der Bazar erhielt vielmehr noch eine neue Einnahmequelle. Auf Anrathen O'Brien's legte sich Findling noch den Einzelverkauf von Specereien zu und zu diesen wird jetzt ja vielerlei gerechnet. Der Laden wurde bald zu beschrnkt, so da noch der andre Theil des Erdgeschosses gemiethet werden mute, und es whrte nicht lange, da wollte sich das ganze Stadtviertel mit derlei Waaren nur im Kleinen Geldbeutel versorgen. Diese Abtheilung fiel Kat zu, und sie entledigte sich ihrer Aufgabe auch mit rhmlichstem Eifer. Nun gab's freilich vom Morgen bis zum spten Abend sehr viel zu thun und Findling wre mit seiner Buchfhrung und dem tglichen Cassenabschlu manchmal nicht fertig geworden, wenn ihm nicht der alte Kaufmann hilfreich beigesprungen wre. Jetzt htte sich unbedingt die Einstellung eines Gehilfen nthig gemacht, und doch wollte der jugendliche Principal sich nicht entschlieen, einen ganz Fremden bei sich aufzunehmen. Ja, wenn Grip dazu zu bewegen gewesen wre! Doch daran war vorlufig nicht zu denken, obwohl dieser wie ausersehen schien, auf hohem Sessel hinter dem Pulte zu sitzen und die Conti fr alle Lieferanten in Ordnung zu halten. Das war doch jedenfalls angenehmer, als sich vor den Dampfkesseln des Vulcan den Magen ausbraten zu lassen. Vergeblich wurde ihm das vorgestellt. Beim jedesmaligen Aufenthalt in Dublin widmete der erste Heizer zwar alle freien Stunden dem Bazar seines Freundes und unterzog sich hier gern jeder Arbeit; doch das dauerte nur eine Woche, dann fuhr der Vulcan wieder ab, und achtundvierzig Stunden spter befand sich Grip schon Hunderte von Meilen weit entfernt von der Smaragdenen Insel. Seine Abfahrt war allemal ein Schmerz, seine Rckkehr eine Freude, so als ob ein lterer Bruder fortgegangen und wieder gekommen wre. Der ltere Bruder machte nach wie vor seine Einkufe bei Little Boy and Co. Immer kam er mit seinem ganzen Vermgen im Grtel dahin, doch lie er sich schlielich bestimmen, sich dieser Last und Sorge zu entledigen. Findling nahm die Ersparnisse des Freundes, aber nicht etwa fr sein Geschft, an; er brauchte das nicht, denn er besa schon eine hbsche Einzahlung bei der Bank von Irland und ein Chequebuch, womit er alle vorkommenden Bedrfnisse bequem decken konnte. Grips Capital wurde in der Sparcasse angelegt, die mit ihrem Capital von fast vier Millionen mehr als gengend Sicherheit bot. Nun konnte Grip ruhig schlafen und dazu vermehrten sich seine Ersparnisse noch durch die auflaufenden Zinsen, die zum Capital geschlagen wurden. Wenn Grip sich auch weigerte, die Seemannsjacke mit dem eleganten Comptoirrocke zu vertauschen, so hatte er doch geholfen, die Kundschaft von Little Boy zu vermehren. Alle seine Kameraden vom Vulcan und deren Familien kauften alles mgliche in dem billigen Bazar, und Grip hatte diesen berhaupt allen Matrosen im Hafen so warm empfohlen, als wenn er der Reisende des Hauses Zum kleinen Geldbeutel gewesen wre. Du wirst sehen, sagte er eines Tages, da sich spter auch noch die Rheder selbst bei Dir versorgen werden. Dann mut Du freilich fr lange Seereisen Vorrthe an Specereien und Conserven halten. Du wirst dann Grohndler.... -- Grohndler? fragte Bob dazwischen. -- Ja freilich... mit Lden, Kellern und Speichern; wie die Herren Roe und Guine. -- Oho! stie Bob hervor. -- Gewi, and Co., erwiderte Grip, der fr Bob gern diesen Spitznamen gebrauchte, und denkt daran, was ich Euch sage.... -- Bei jeder Reise, fiel ihm Findling ins Wort. -- Ja... bei jeder Reise, wiederholte Grip. Du wirst noch ein Vermgen erwerben, ein sehr groes Vermgen.... -- Warum willst Du dann in das Geschft nicht als Theilhaber eintreten, Grip? -- Ich?... Ich soll meinen Beruf aufgeben? -- Denkst Du darin etwa vorwrts zu kommen und vielleicht noch Maschinist zu werden? -- O nein... das nicht. So ehrgeizig bin ich nicht. Dazu mu man auch studiert haben und dazu ist's jetzt zu spt. Nein, ich bin ja zufrieden mit dem, was ich bin! -- Hre mich an, Grip. Wir brauchen einen Gehilfen, auf den wir uns unbedingt verlassen knnen. Warum weigerst Du Dich, als solcher einzutreten? -- Ich verstehe nichts von Eurer Buchfhrung. -- Die wrdest Du in kurzer Zeit erlernen. -- Dann hab' ich auch den O'Bodkins, da unten in der Lumpenschule, sich genug damit abmhen sehen. Nein, mein Boy, nein! Auf dem Lande bin ich so unglcklich gewesen, auf dem Meere bin ich so glcklich. Ich frchte mich ordentlich vor dem Lande. Ach, wenn Du erst ein groer Handelsherr bist und eigne Schiffe hast, dann... dann fahr' ich nur fr Dich, das versprech' ich Dir! -- Wir wollen ernsthaft sprechen, Grip. Bedenk' einmal, da Du Dich spter doch einmal recht vereinsamt fhlen knntest. Wenn Dir's nun einfiele, zu heiraten... -- Zu hei...raten!... Ich? -- Ja, Du! -- Was? Ich, der heimatlose Grip, ich sollte eine Frau haben?... Und Kinder noch obendrein? -- Natrlich... so wie alle andern Leute, bemerkte Bob mit dem Tone eines Mannes von gereiftester Erfahrung. -- Wie alle andern? -- Gewi, Grip, ich selbst sogar... -- Nun hr' einer den Knirps... was der davon versteht! -- Er hat aber Recht, erklrte Findling. -- Und Du, mein Boy, Du denkst wohl auch daran... -- Das knnte spter wohl der Fall sein. -- Sehr schn! Da ist der eine dreizehn, der andre kaum neun Jahre alt, und sie sprechen schon vom Heiraten! -- Von uns ist nicht die Rede, Grip, doch von Dir, der Du bald fnfundzwanzig Jahre alt bist. -- Nein, mein Junge, berlege Dir doch! Ich... mich verheiraten!... Ein Heizer, der whrend zwei Dritteln seines Lebens schwarz aussieht wie ein Neger! -- Aha, rief Bob lachend, Grip frchtet, seine Kinder knnten auch kleine Negerbuben werden. -- Das wre schon mglich, antwortete Grip. Ich drfte eigentlich nur eine Negerin heiraten oder hchstens eine Rothhaut aus dem Innern von Amerika. -- Grip, nahm Findling wieder das Wort, Du thust unrecht, zu scherzen. Wir sprechen ja einzig in Deinem Interesse. Die Zeit wird kommen, wo es Dich reuen drfte.... -- Was willst Du denn, mein Boy... Ich wei ja, Du bist verstndig... es wre auch so schn, beieinander zu wohnen. Bisher hat mich mein Beruf aber ernhrt; er wird mich auch spter ernhren, und ich kann's mir gar nicht vorstellen, ihn aufgeben zu sollen. -- Nun, wie Du willst, Grip. Hier wird immer Raum fr Dich sein, und es sollte mich doch sehr wundern, wenn ich Dich nicht eines Tages noch hinter dem Pulte als Geschftstheilhaber sitzen she. -- Da mt ich mich erst stark verndert haben.... -- Das wird schon kommen, Grip. Jeder Mensch verndert sich, und das ist auch ganz recht, denn es geschieht, um sich zu verbessern... Grip gab jedoch keinem Zureden nach. Er liebte einmal seinen Beruf, stand bei seinen Rhedern gut angeschrieben, der Kapitn des Vulcan schtzte und seine Kameraden liebten ihn. Um Findling aber nicht gar so sehr zu betrben, sagte er: Wir werden ja sehen... bei meiner Rckkehr! Wenn er dann wiederkam, wiederholte er freilich nur, was er bei der Abreise gesagt hatte: Wir werden ja sehen... werden ja sehen! Little Boy and Co. muten also fr die schriftlichen Arbeiten einen Commis anstellen. O'Brien sendete ihnen einen alten Buchhalter, Balfour mit Namen, zu, fr den er gutsagte und der seine Sache aus dem Grunde verstand. Grip war es aber doch nicht! Das Jahr verlief vortrefflich, und als genannter Balfour aus den Bchern die Lage des Geschftes feststellte, ergab sich -- an Waaren und an Depositen bei der Bank von Irland -- ein Vermgensstand von tausend Pfund Sterling. Zu dieser Zeit -- im Januar 1885 -- trat Findling ins vierzehnte Lebensjahr und Bob war nun neuneinhalb Jahre alt. Gesund und krftig, sprten sie nichts mehr von dem frheren elenden Leben. Es war edles galisches Blut, das in ihren Adern flo, wie der Shannon, die Lee oder die Liffey, die durch Irland strmen, um es immer frisch zu beleben. Der Bazar blhte immer weiter. Findling war offenbar auf dem Wege zu Glck und Wohlstand. Von gewagten Speculationen hielt er sich fern, obgleich er nicht der Mann dazu war, eine sich bietende gnstige Gelegenheit unbentzt zu lassen. Immerfort beunruhigte ihn jedoch das Schicksal der Mac Carthy's. Auf Erkundigungen, die er von Melbourne in Australien einzog, wurde ihm nur die Antwort zutheil, da man die Spuren der gesuchten Familie gnzlich verloren habe, was in dem groen, in seinem Innern kaum bekannten Lande ja so hufig vorkommt. Mittellos, wie sie waren, hatten Martin und seine Kinder wahrscheinlich nur auf irgend einer weit entlegenen Schafzchterei Arbeit finden knnen, doch wo?... Wer htte das zu sagen vermocht? Ueber Pat war seit dem Abgange von der Firma Macuard auch nichts bekannt geworden, und mglicherweise hatte sich dieser zu seinen Eltern nach Australien begeben. Neben der Sorge um die Mac Carthy's bekmmerte Findling nur noch die um Sissy, seine Leidensgenossin bei der Hard. An die letztere selbst, sowie an den grausamen Thornpipe und an die hochfahrenden Piborne's dachte er gar nicht mehr. Hchstens bezglich der Mi Anna Walston wunderte er sich, sie noch niemals auf einem Dubliner Theater wieder haben erscheinen zu sehen, doch war er unschlssig, ob er, wenn das doch eintrte, zu ihr gehen sollte oder nicht. Und Carker?... Ist der endlich gehenkt worden? So lautete unverndert Grips Frage nach jeder Heimkehr des Vulcan, sobald er den Laden Zum kleinen Geldbeutel betrat. Auf die Antwort, da man ihm darber nichts sagen knne, durchwhlte Grip die alten Zeitungen, ohne etwas zu finden, was sich auf den vollendetsten Galgenstrick der Lumpenschule bezogen htte. Nun, wir wollen's abwarten. Nur ein wenig Geduld! -- Warum sollte denn Carker nicht ein ganz braver Bursche geworden sein knnen? -- Er?... rief Grip,... er, der Schlingel?... Nein, dann knnte es einem leid werden, ehrenhaft zu sein. Kat, der die Geschichte der Verwahrlosten von Galway bekannt war, stimmte mit Grip darin berein, wie berhaupt in allem, bis auf den einen Punkt, da Kat den Grip stets drngte, das Seefahren aufzugeben, was dieser wieder hartnckig verweigerte. Mit Ende des Jahres war denn diese Frage auch um keinen Schritt vorwrts gekommen. Jetzt war der 25. November; es herrschte schon voller Winter. In groen Flocken fiel der Schnee herab, der leichten Federn gleich auf der Erde hintrieb. Es war einer jener eisigen Tage, an denen man am liebsten in der warmen Stube bleibt. Findling konnte das heute jedoch nicht. Am Morgen hatte er einen Brief eines seiner Lieferanten in Belfast erhalten. Die Ausgleichung einer Rechnung drohte dort einen Proce herbeizufhren, und Processe soll man in jedem Falle mglichst zu vermeiden suchen. Das war wenigstens die Ansicht O'Brien's, und dieser drngte den Knaben auch, selbst nach Belfast zu reisen und jene Angelegenheit so gut wie mglich persnlich zu erledigen. Findling mute ihm Recht geben und beschlo diesem Rathe sofort zu folgen. Es handelte sich ja nur um eine Eisenbahnfahrt von kaum hundert Meilen. Wenn er um neun Uhr abreiste, traf er noch denselben Vormittag in Belfast ein, der Nachmittag mute gengen, mit seinem Geschftsfreunde ins reine zu kommen, und vor Mitternacht hoffte er wieder zu Hause sein zu knnen. Bei einer so knapp bemessenen Zeit kann ein Reisender den Einzelheiten der Fahrt keine groe Aufmerksamkeit schenken. Dazu flog der Zug sehr schnell dahin, einmal lngs der Kste und dann wieder mehr im Innern des Landes. Von der Grafschaft Dublin aus durcheilte er die Grafschaft Meath und hielt nur einige Minuten in Drogheda, einem nicht unbedeutenden Hafen, von dem Findling freilich nichts sah, ebenso wenig wie von dem eine Meile davon entfernten berhmten Schlachtfelde von Boyne, das den schlielichen Sturz der Dynastie der Stuart's sah. Weiter rastete der Zug einmal in der Grafschaft Louth in Dunkalk, einer der ltesten Stdte der Grnen Insel, wo der berhmte Robert Bruce einst gekrnt wurde. Hierauf gelangte er nach der Provinz Ulster, wo die Grafschaft Donegal unsern jungen Reisenden an sein frheres Elend erinnerte. Nach Durchschneidung der Grafschaften Armagh und Down berschritt der Zug endlich die Grenze von Antrim. Antrim, das Land des vulkanischen Bodens und der wilden Hhlen, hat Belfast als Hauptstadt; ihrem Handel und ihrer Flotte von drei Millionen Tonnengehalt nach ist das die zweite Stadt Irlands, ebenso durch ihre Einwohnerzahl von fast zweimalhunderttausend Kpfen, durch ihren intensiven, meist auf Lein gerichteten Feldbau, wie durch ihre Industrie, die sechzigtausend Arbeiter in hundertsechzig Spinnereien beschftigt, und durch ihre wissenschaftlichen Bestrebungen, von deren Bedeutung das Queen's-College Zeugni giebt. Belfast liegt an der engen Ausmndung des Laganflusses, von dem ein Canal durch die vorgelagerten Sandbnke fhrt. Leichtbegreiflicherweise herrschte an einem so gewerbthtigen Punkte, wo die politische Erregung durch die Berhrung, oder besser durch den Zusammenprall persnlicher Interessen wach gehalten wird, immer hitziger Streit zwischen Protestanten und Katholiken. Die ersten sind Feinde der Unabhngigkeit, die die andern erstreben. Die einen mit dem Feldgeschrei Oranien, die andern mit einem gelben Bande als Erkennungszeichen, kommen sie oft miteinander ins Handgemenge, regelmig aber am 7. Juli, dem Jahrestage der Schlacht von Boyne. Obwohl heute nicht der 7. Juli war und die Temperatur vier Grad unter Null betrug, herrschte in der Stadt doch der helle Aufruhr. Die Parnelliten und die Parteignger der Land League und des Landlordismus waren in bittern Streit gerathen. Der Sitz der Gesellschaft zur Verbreitung der Leincultur, an den sich die meisten Fabriken der Stadt anschlieen, hatte sogar ganz besonders geschtzt werden mssen. Findling, der ja nicht im entferntesten um politischer Streitfragen willen hierher gekommen war, begab sich zunchst zu seinem Lieferanten, den er auch glcklicherweise antraf. Der Mann war nicht wenig erstaunt, als sich ihm ein so junger Knabe in seinem Bureau vorstellte, ebenso aber ber den Scharfsinn und die Einsicht, womit dieser seine Interessen vertrat. Bald war alles zu beiderseitiger Zufriedenheit geordnet. Zwei Stunden hatten dazu hingereicht und Findling wollte nun in der Nhe des Bahnhofs zum Essen gehen. Hatte er die heutige Reise schon nicht zu bereuen, da sie ihm einen Proce ersparte, so sollte der Besuch von Belfast ihm doch noch eine andre Ueberraschung bereiten. Es wurde bereits dunkel und hatte zu schneien aufgehrt, nur herrschte noch eine recht empfindliche Klte. Vor einer groen Fabriksanlage der Stadt vorbergehend, wurde Findling durch einen Haufen von Menschen aufgehalten, der die Strae vllig sperrte. Es war grade Zahltag in den Fabriken, und eine fr die folgende Woche angekndigte Lohnverkrzung hatte eine groe Arbeiterschaar gewaltig in Erregung versetzt. Die Leinindustrie wurde in Belfast von Emigranten nach Aufhebung des Edicts von Nantes eingefhrt, deren Nachkommen noch heute in derselben thtig sind. Die betreffende Fabrik gehrte einer anglicanischen Gesellschaft, deren Arbeiter aber zum grten Theile Katholiken waren, und diese gaben ihrem Unwillen nun in lrmendster und rohester Weise Ausdruck. Auf das anfngliche Geschrei folgten schwere Drohungen und bald wurden Thren und Fenster des Etablissements mit Steinen beworfen. Da trabte aber auch schon eine Abtheilung Polizisten in die Strae ein, um die Zusammenrottung zu zerstreuen und die Rdelsfhrer zu verhaften. Um den Zug nicht zu versumen, suchte Findling aus dem Tumulte zu entkommen; vergeblich. Der Gefahr ausgesetzt, umgeworfen, gesteinigt oder durch den Angriff der berittenen Constabler zermalmt zu werden, flchtete er sich in eine Hausthrffnung, als gerade fnf oder sechs Arbeiter, von wuchtigen Schlgen getroffen, in der Nhe niederstrzten. Neben ihm lag ein junges weibliches Wesen, eines jener armen, blassen entkrfteten Fabriksmdchen, die, obwohl achtzehn Jahre zhlend, doch kaum zwlf Jahre alt zu sein schien. Zur Erde geworfen, rief sie noch: Zu Hilfe!... Zu Hilfe! Diese Stimme?... Findling glaubte sie zu kennen; es dmmerte wie eine alte Erinnerung in ihm auf... er konnte kein Wort hervorbringen... sein Herz schlug zum Zerspringen... Als die zum Theil zurckgetriebene Menge die Strae etwas frei lie, beugte er sich ber das arme Mdchen nieder. Diese war bewutlos. Er hob ihren Kopf in die Hhe und wendete das Gesicht dem Lichte einer Gasflamme zu.... Sissy!... Sissy! murmelte er. In der That war es Sissy, die ihn aber nicht hren konnte. Ohne sich ber seine Handlungsweise Rechenschaft zu geben, hob er die Unglckliche, als ob sie ihm angehrt htte, und wie ein Bruder die Schwester, einfach auf und brachte sie, ohne da das Mdchen noch wute, was mit ihr geschah, nach dem nahen Bahnhof. Als der Zug abfuhr, lag Sissy in einem Coup erster Classe bequem und noch immer halb bewutlos auf den Polstern und neben ihr kniete Findling, der sie rief... anredete... sie umarmte.... Nun, er hatte ja wohl ein Recht darauf, Sissy, die Gefhrtin seiner Leiden, zu entfhren, und wenn sie bei jemand ein Anrecht auf Samariterhilfe besa, dann war es doch bei diesem Knaben, den sie frher so oft gegen die Mihandlungen durch die abscheuliche Hard geschtzt hatte. XIII. Farben- und Standeswechsel. Am 16. November 1885 gab es in ganz Irland -- vielleicht nirgends auf der Erde -- eine so groe Summe von Glck, wie im Bazar Zum kleinen Geldbeutel. Sissy ruhte noch im besten Zimmer des Hauses. Findling stand an ihrem Lager. Jetzt hatte sie in ihm das Kind wiedererkannt, das einst durch ein Museloch aus der Hhle der Hard entwichen und das jetzt zum krftigen, blhenden Knaben geworden war. Zur Zeit ihrer Trennung von einander zhlte sie kaum sieben Jahre, heute war sie achtzehn Jahre alt, doch schien es fraglich, ob sie nach so vielen Anstrengungen und Entbehrungen sich zu dem schnen jungen Mdchen entwickeln wrde, das sie zu werden versprach, wenn sie unter gnstigeren Verhltnissen gelebt htte. Seit fast elf Jahren hatten die beiden sich nicht gesehen, und doch erkannte Findling Sissy sofort schon an der Stimme, und auch das junge Mdchen erinnerte sich genau an alles, was den kleinen schwchlichen Knaben von frher betraf. Von diesen Dingen sprachen sie, sich an den Hnden haltend, und blickten in die Vergangenheit wie in einen Spiegel ihres Elends zurck. Kat, die dabei war, konnte ihre zrtliche Theilnahme nicht verhehlen. Bob gab seiner Freude in lauten Jubelrufen Ausdruck, denen Birk mit verhaltenem Bellen antwortete. Auch O'Brien fehlte als Zeuge dieser Scene nicht. Selbst der Commis Balfour wrde die allgemeine Aufregung getheilt haben, wre er nicht im Comptoir mit dem Rechnungswesen des Hauses Little Boy and Co. angestrengt gewesen. Alle hatten von Sissy -- wie von der Familie Mac Carthy -- so hufig sprechen hren, da sie nur noch deren persnliche Bekanntschaft zu machen brauchten. Fr alle war sie eine ltere Schwester Findlings, die ins Haus zurckkehrte, als htte sie es erst gestern verlassen. Nur Grip fehlte in dem Kreise; man darf aber glauben, da er das junge Mdchen seines Boy, obwohl er diese nie gesehen hatte, auf den ersten Blick erkannt htte. Der Vulcan konnte brigens nicht mehr lange ausbleiben, und dann erst wrde die Familie vollzhlig sein. Das Leben des jungen Mdchens war bisher das aller armen Kinder in Irland gewesen. Sechs Monate nach Findlings Flucht starb die Hard in einem Tobsuchtsanfalle und Sissy war in das Armenhaus von Donegal zurckgebracht worden, wo sie noch zwei Jahre blieb. Dann mute sie hier andern Unglcklichen Platz machen. Sie zhlte damals neun Jahre, und mit diesem Alter mu man schon selbst fr sich sorgen knnen. Kann ein Mdchen dann nicht in Dienst gehen, eine Maid werden, als welche sie ohne Lohn nur fr Wohnung und Bekstigung arbeitet, so findet sie wohl Beschftigung in einer Fabrik. Deshalb sandte man Sissy nach Belfast, wo die Spinnereien ein ganzes Heer von Arbeitern brauchen. Da lebte sie von einem Tagesverdienst von einigen Pence inmitten einer ungesunden Atmosphre, hier- und dorthin gestoen und hart angefahren, ohne jemand zur Vertheidigung zu haben, doch immer gut, sanft, dienstbereit, und brigens an Widerwrtigkeiten des Lebens schon lange Zeit gewhnt. Jener Zeit hielt Sissy eine Besserung ihrer Lage fr ganz unmglich; doch gerade, als sie verzweifelte, da irgend jemand sie dieser entreien knnte -- da ergriff sie eine rettende Hand, die Hand des Kleinen, dem ihre ersten Liebkosungen gegolten hatten und der jetzt der Chef eines Handelshauses war. Ja, er hatte sie aus der Hlle in Belfast befreit, und jetzt befand sie sich bei ihm, wo sie Geschftsdame werden sollte, nicht etwa Dienerin.... Sie?... Eine Dienerin?... Das htte die Kat nicht gelitten und Bob ebensowenig, wie Findling es erlaubt htte. Da willst mich also bei Dir behalten? fragte sie. -- Ob ich das will, Sissy! -- Ich werde aber wenigstens arbeiten, um Dir keine Last zu sein. -- Jawohl, liebe Sissy. -- Und was werd' ich zu thun haben? -- Vorlufig gar nichts, Sissy. Weiter war jetzt nicht zu kommen, in der That wurde Sissy aber acht Tage spter -- auf ihren bestimmten Wunsch -- im Laden angestellt, nachdem sie sich mit dem Verkauf vertraut gemacht hatte, und hier bildete das zierliche junge Mdchen, die schon wieder merkwrdig aufgeblht war, ein neues Zugmittel fr die Kundschaft. Ein lebhafter Wunsch Sissys war es da, den ersten Heizer des Vulcan einmal die Schwelle des Hauses berschreiten zu sehen. Sie kannte das Verhalten Grips in der =Ragged-School= und wute, da er ihre Schtzerrolle gegenber dem Kinde, nachdem sich dieses der rohen Hard entzogen, bernommen hatte. Wie sie ihn einst gegen die Hard schtzte, so hatte er den Knaben spter gegen Carker und dessen Spiegesellen in Schutz genommen. Ohne die Aufopferung des wackern Burschen wre der Kleine ja gar in den Flammen umgekommen. Der erste Heizer konnte bei seiner Rckkehr also auf den besten Empfang rechnen. Besondre Umstnde verzgerten die Heimkehr des Schiffes diesmal aber bis zum Ende des laufenden Jahres. Die am 31. December 1886 gezogene Bilanz ergab ein noch gnstigeres Resultat als die frheren. Mehr als zweitausend Pfund Sterling betrug schon das reine Vermgen des Hauses Zum kleinen Geldbeutel. O'Brien hatte das nach Durchsicht der Bcher besttigt. Der ehrliche Kaufmann konnte den jungen Chef zu diesem Erfolge nur beglckwnschen, legte ihm dabei aber ans Herz, immer mit so weiser Vorsicht wie bisher zu Werke zu gehen. Schwerer ist es oft, sich sein Vermgen zu erhalten, als es zu erwerben, sagte er zu Findling bei Zurckgabe der Geschftsbcher. -- Sie haben Recht, erwiderte dieser, doch glauben Sie mir, Herr O'Brien, da ich mich nie auf Irrwege locken lassen werde. Immerhin bedaure ich, da die in der Bank von Irland liegenden Summen keine lohnendere Verwendung finden sollen. Das ist Geld im Schlaf, und wenn man schlft, arbeitet man nicht. -- Nein, mein Sohn, man ruht aber aus, und Ruhe ist dem Gelde ebenso nothwendig, wie dem Menschen. -- Und doch, Herr O'Brien, wenn sich eine gute Gelegenheit bte... -- Die drfte nicht nur gut, sie mte ausgezeichnet sein. -- Zugegeben, in einem solchen Falle aber wei ich, wrden Sie mir selbst rathen... -- Davon Nutzen zu ziehen?... Natrlich, mein Sohn, wenigstens wenn die Sache zu Deinem jetzigen Geschftsbetriebe pat. -- Das ist auch fr mich Bedingung, Herr O'Brien, und es wird mir nie einfallen, mich auf Speculationen einzulassen, die auf mir unbekanntem Gebiete liegen. Wenn man jedoch mit Klugheit vorgeht, kann man wohl versuchen, sein Geschft zu erweitern. -- Es wre unrecht von mir, Dich davon abzuhalten, mein Sohn, und wenn ich ein ganz sicheres Geschft aufspre... nun ja... vielleicht... doch, das wird sich finden. Aus kluger Vorsicht wollte sich der Exkaufmann nicht zu sehr binden. Ein Tag, der im Kalender des Kleinen Geldbeutels roth angestrichen zu werden verdient htte, war der 23. Februar. Auf einer hohen Leiter stehend, wre Bob beinahe heruntergepurzelt, als er sich anrufen hrte mit den Worten: He, da sitzt einer auf der Bramstenge!... Heda! -- Grip! rief Bob, der herunterglitt, wie die Jungen auf einem Treppengelnder. -- Ja, ich bin's, and Co!... Findling geht es doch gut, Knirps?... Kat ebenfalls?... Und Herrn O'Brien auch?... Ich habe doch keinen vergessen? -- Keinen?... Und mich, Grip? Diese Worte kamen von einem jungen Mdchen, die freudestrahlend auf den ersten Heizer des Vulcan zutrat und ihm ohne Umstnde einen Ku auf jede Wange drckte. Wa... was? rief Grip ganz verdutzt. Mein Frulein... ich kenne Sie ja gar nicht... Umarmt und kt man denn hier die Leute, ohne sie zu kennen? -- Nun so fange ich erst wieder an, wenn wir mit einander bekannt geworden sind.... -- Das ist ja Sissy, Grip!... Sissy!... Sissy! wiederholte Bob laut auflachend. Eben traten Findling und die Kat ein. Der Teufelskerl, der Grip, wollte jetzt aber nichts von einer weiteren Erklrung hren, als bis er dem Mgdlein die erhaltenen Ksse richtig heimgezahlt htte. Bei Sanct Patrick! Sissy erschien ihm doch gar zu reizend und thaufrisch! Und da er von Amerika ein kostbares Herren-Reisenecessaire mit Stiefelknecht, Rasiermesser und Seifenbecken -- fr die sptere Zeit seines Boy bestimmt -- mitgebracht hatte, behauptete er flottweg, dieses fr Sissy gekauft zu haben, deren Anwesenheit im Bazar des Little Boy er geahnt htte -- und Sissy mute sich schon drein fgen, sein Geschenk anzunehmen, was der eigentliche Empfnger desselben auch ohne Murren geschehen lie. Jetzt gab es in dem Magazin der Bedford-Street herrliche Tage. War er nicht an Bord zurckgehalten, so lichtete Grip hier gar nicht mehr die Anker. Im Comptoir des Kleinen Geldbeutels befand sich offenbar ein Magnet, dessen Anziehungskraft bis zu den Docks reichte und der ihn bei Sissy festhielt. Den Naturgesetzen kann einmal keiner widerstehen. Findling hatte es sehr bald bemerkt. Nicht wahr, sie ist nett, meine groe Schwester? fragte er eines Tages Grip. -- Deine groe Schwester, mein Boy?... O, es wre gar nicht hbsch, es wre hlich von ihr, wenn sie das nicht ganz von selbst wre!... Es wre garstig von ihr! -- Garstig... Sissy?... Ich bitte Dich, Grip!... -- Ja, ja, ich spreche dummes Zeug... das heit, weil ich's nicht besser von mir geben kann. Ja, wenn ich mich auszudrcken verstnde... Er drckte sich ja ganz gut aus, mindestens nach Ansicht der Kat, und seit der Rckkehr Grips waren kaum drei Wochen verstrichen, als sie zu Findling sagte: Unser Grip gleicht jetzt den Thieren in der Mauser. Erst ganz schwarz, bekommt er schon langsam die natrliche Farbe wieder, die weie Farbe, und mir ahnt, er wird nicht mehr lange auf dem Vulcan bleiben. Das war auch die Meinung O'Brien's. Und doch war, als der Vulcan am 15. Mrz nach Amerika abdampfte, dessen erster Heizer, den die ganze Familie nach dem Hafen begleitet hatte, wieder auf seinem Posten, als htte der Dampfer gerade seiner Dienste nicht entrathen knnen. Als er am 13. Mai nach achtwchentlicher Abwesenheit zurckkehrte, erschien seine Farbenvernderung noch bemerkbarer als frher. Natrlich wurde ihm der herzlichste Empfang zu Theil. Findling, die Kat und Bob drckten ihn an sich. Er selbst blieb aber etwas zurckhaltender und begngte sich, Sissy einen Ku auf die linke Wange zu geben, so wie diese ihn nur mit einem einzigen auf die rechte Wange begrt hatte. Grip wurde nachdenklicher und Sissy immer ernsthafter, wenn sie bei einander waren, und das drckte sich auch durch eine gewisse Geniertheit bei dem abendlichen Zusammensein aller aus. Sagte dann Findling, wenn die Abschiedsstunde Grips gekommen war, zu diesem: Nun, also auf Wiedersehen morgen! ... so antwortete dieser wohl: Nein... morgen glaub' ich nicht... ich habe dringende Arbeiten in der Heizkammer.... Es wird unmglich sein! Am nchsten Tage stellte sich der gute Grip aber ebenso ein wie vorher, womglich noch eine Stunde frher, und -- wunderbar! -- seine Haut wurde von Tag zu Tag weier. Grip war jetzt offenbar in der Seelenstimmung, einen Antrag, seinen bisherigen Beruf zu verlassen, gern anzunehmen und als Theilhaber in die Firma Little Boy and Co. einzutreten. Findling htete sich aber weislich, diese Angelegenheit wieder zu berhren. Besser, Grip kme selbst darauf zu sprechen. Das war auch zu Anfang des Juni in bescheidenem Mae der Fall. Na, das Geschft geht noch immer nach Wunsch? hatte Grip gefragt. -- Urtheile selbst, erwiderte Findling. Unsre Lden werden niemals leer.... -- Ja... es sind immer Kufer da. -- Sogar viele, Grip; vorzglich seitdem Sissy im Verkauf mit thtig ist. -- Das ist kein Wunder, mein Boy! Ich begreife berhaupt nicht, wie jemand in Dublin... nein, in ganz Irland bei irgend einem andern noch irgendwas kaufen mag als bei ihr. -- Thatschlich knnte man nirgends so bedient werden, wie von diesem liebenswrdigen... -- O, noch mehr... mehr... fiel Grip ein, ohne das rechte Wort zu finden. -- Nun ja, von diesem bezaubernden jungen Mdchen! setzte Findling hinzu. -- Es geht also alles gut? -- Wie ich Dir gesagt habe. -- Und der Herr Balfour?... -- Mit Herrn Balfour ebenso. -- Ich spreche nicht von seinem Gesundheitszustande, antwortete Grip etwas lebhafter. Was geht mich Herrn Balfour's Gesundheit an?... -- Wohl aber mich, lieber Grip. Er ist uns sehr ntzlich. Er ist ein vorzglicher Buchhalter.... -- Er versteht also seine Sache? -- Vollkommen. -- Mir kommt er schon etwas alt vor. -- Nein, davon merkt man nichts. -- Hm! Dieses Hm! schien zu sagen, da der Herr Balfour doch baldigst die Grenze des leistungsfhigen Alters erreichen msse. Hiermit brach das Gesprch ab. Als Findling der Kat davon erzhlte, konnte diese ein leises Kichern nicht unterdrcken. Sogar Bob machte sich darber seine eignen Gedanken, und mehrere Tage spter fragte er Grip: Der Vulcan wird wohl bald wieder abdampfen? -- Ja... man spricht davon... es scheint so, erwiderte Grip, dessen Stirn sich bewlkte, wie der Himmel bei einem Sdwestwinde. -- Und da wirst Du, fuhr and Co. fort, auch wieder die Kessel bedienen? Die Augen des ersten Heizers leuchteten auf, als htte er die Kohlen auf dem Kesselroste schon durch einen Blick allein haben anznden knnen. Das kam jedoch wohl nur daher, da Sissy gerade lchelnd durch den Laden ging und stehend bleibend sagte: Grip, wrden Sie mir da den Kasten mit Chocolade herunterholen... ich bin nicht gro genug.... Der Heizer holte sofort den Schubkasten. ... oder auch: Wrden Sie mir wohl jenen Laib Zucker heruntergeben... ich bin nicht stark genug dazu. Und Grip brachte ihr den schweren Zuckerhut. Wird Deine diesmalige Reise lange dauern? fragte Bob, dem es -- man sah es an seinen verschmitzten Blicken -- Spa machte, den Freund etwas auf die Folter zu spannen. -- Ich frchte, sehr lange! antwortete der Heizer, den Kopf schttelnd. Wenigstens vier bis fnf Wochen. -- Bah, fnf Wochen! Die sind bald dahin. Ich glaubte, Du wolltest fnf Monate sagen. -- Fnf Monate?... Warum nicht gar gleich fnf Jahre! rief Grip, erschrocken wie ein armer Teufel, der eben zu fnf Jahren Gefngni verurtheilt wurde. -- Na... da bist Du also ganz glcklich, Grip? -- Sapperment... was soll ich denn sein?... Natrlich bin ich's! -- Nein, Du bist ein rechter... Querkopf! Bob lief dabei mit einer bezeichnenden Grimasse davon. In der That lebte Grip eigentlich gar nicht mehr, denn man kann es nicht leben nennen, wenn einer, in Gedanken versunken, sich berall an den Kopf stt, wie die Fliege an einer Lampenglocke. So war es fr ihn, da er einmal noch nicht zu dem Entschlusse, dazubleiben, kam, ganz gut, da sein Schiff am 22. Juni wieder abfuhr. Whrend seiner jetzigen Abwesenheit lie sich die Firma Little Boy auf ein auch von O'Brien gern gutgeheienes Geschft ein, das reichlichen Gewinn versprach. Es handelte sich um ein neues Spielzeug, von dessen Erfinder Findling das Patent erwarb. Dieses Spielzeug machte umsomehr Aufsehen, weil es das Haus Little Boy and Co., d.h. weil es zwei Knaben waren, die den Alleinverkauf desselben in die Hand genommen hatten. Zu Beginn der Sommerreisen nach den Seeksten wollte die ganze kindliche Gentry das Ding haben, das brigens nicht zu billig war, und Bob, dem der Verkauf zufiel, vermochte oft die Wnsche der Kunden kaum zu befriedigen. Sissy mute ihm beispringen, und deshalb ging der Handel gewi nicht schlechter und bertraf in den Einnahmen sogar die der andern Branchen des Geschfts. Jener besondre Artikel bereicherte die Casse allein um mehrere hundert Guineen. Voraussichtlich betrug das Vermgen des Hauses am Ende des Jahres, den noch regeren Weihnachtsumsatz eingerechnet, gut dreitausend Pfund Sterling. Das gestattete nun dem jungen Inhaber des Kleinen Geldbeutels, Sissy, wenn diese sich verheiraten sollte, eine hbsche Aussteuer mit auf den Weg zu geben. Grip war ja ein recht hbscher junger Mann, der einen vollkommenen Ehemann abgeben mute und der ihr offenbar gefiel, wenn sie sich auch htete, das merken zu lassen. Alle im Hause wuten es jedoch ganz gut. Nur Grip schien zu keiner Entscheidung zu kommen; er that, als ob ohne ihn die ganze Maschinerie seines Dampfers in Unordnung kommen mte, und hatte damals, als Findling von seiner etwaigen spteren Verheiratung sprach, vor Lachen fast bersten wollen. Natrlich erschien unter diesen Umstnden der erste Heizer des am 29. Juli zurckgekehrten Vulcan nur noch linkischer, grbelnder, dsterer, kurz, unglcklicher als vorher. Sein Schiff sollte am 15. September wieder auslaufen, und man fragte sich, ob er wohl auch diesmal wieder mitfahren wrde. Das war fast anzunehmen, da Findling -- welche Bosheit! -- fest entschlossen war, die Lsung der in der Luft schwebenden Frage nicht zu beschleunigen, so lange es Grip nicht ber sich gewonnen htte, ausdrcklich davon zu reden und ihn darum zu fragen. Es handelte sich ja um seine groe Schwester, die von ihm abhing, fr deren Lebensglck er die Verantwortung trug. Die erste Bedingung -- das =sine qua non= -- die er stellte, war aber die, da Grip seine Seemannslaufbahn aufgab und als Theilhaber in das Handelsgeschft eintrat. Einmal wurde nun Grip bezglich seiner Herzensangelegenheit so sehr an die Mauer gedrckt, da er sich eigentlich htte erklren mssen. Eines Tags, als er sich um die Kat zu thun machte -- und dieser wrdigen Frau htte er sich zuerst vielleicht am liebsten offenbart -- begann die Kat ganz hingeworfen: Ist's Ihnen nicht aufgefallen, Grip, da die Sissy von Tag zu Tag reizender wird? -- Nein, antwortete Grip, das hab' ich nicht bemerkt. Warum sollte mir's auch aufgefallen sein?... Ich achte doch darauf nicht so besonders... -- Ah, so, Sie bemerken das also nicht?... Nun, dann machen Sie nur einmal die Augen ordentlich auf, da werden Sie ja sehen, welch wunderhbsches Mdchen wir hier haben. Wissen Sie denn, da sie bald neunzehn Jahre alt wird? -- Was?... Schon?... versetzte Grip, der das Alter Sissys auf die Stunde genau kannte. Sie irren sich wohl, Kat! -- Nein, gewi nicht... neunzehn Jahre... sie wird nun bald heiraten mssen... Findling wird einen braven Mann fr sie suchen, so einen von sechs- bis siebenundzwanzig Jahren... ja, ungefhr wie Sie. Es mu natrlich einer sein, zu dem man volles Vertrauen haben kann... und der nicht der Marine angehrt... nicht der Marine... Seemann... Ehemann, das stimmt nicht gut zusammen. Da Sissy auerdem eine hbsche Mitgift bekommt... -- Die braucht sie gar nicht, warf Grip dazwischen ein. -- Das ist wahr... eine so liebreizende Person... am letzten Ende ist es aber doch nicht schdlich.... Na, unser junger Herr wird wohl bald den Rechten finden.... -- Er hat wohl schon einen im Auge? -- Ich glaub' es. -- Einen, der hufig nach dem Bazar kommt? -- Sehr hufig. -- Kenne ich ihn? -- Nein... mir scheint, Sie kennen ihn nicht, antwortete Kat mit einem Blicke auf Grip, der die Augen niederschlug. -- Und... der... der gefllt auch Mamsell Sissy? fragte er, wobei ihm die Worte halb in der Kehle stecken blieben. -- Ja, wer kann das wissen? Bei Leuten, die nicht von der Leber weg reden... -- Herr Gott, was giebt es doch fr Schwachkpfe! rief Grip. -- Ja, das find' ich allerdings auch! stimmte die gute Kat ihm zu. Auch dieser Wink mit dem Zaunpfahle verhinderte den Heizer nicht, acht Tage spter mit abzufahren. Als er am 29. October wiederkam, sah man's ihm auf dem Gesicht an, da er einen groen Entschlu gefat hatte, nur gelang es ihm noch nicht, diesen in Worte zu kleiden. Jetzt hatte er freilich gengende Zeit dazu. Der Vulcan sollte zwei Monate lang hier liegen bleiben, um verschiedene nothwendig gewordene Reparaturen daran auszufhren, und zwei Monate reichen doch brig dazu, ein einziges kleines Wort auszusprechen. Mamsell Sissy ist doch noch nicht verheiratet? hatte er die Kat beim ersten Besuche gefragt. -- Das noch nicht... lange wird's aber nicht mehr dauern... Es brennt schon! antwortete darauf die gute Frau. Nach Abtakelung des Vulcan hatte Grip an Bord selbstverstndlich nichts zu thun, und folglich hielt er sich sehr hufig -- sagen wir lieber immer -- im Bazar von Little Boy auf. Hchstens wenn er hier gleich wohnte, htte er noch mehr daselbst sein knnen. Whrend seiner ganzen Urlaubszeit kamen die Sachen jedoch keinen Schritt weiter. Als die Reparaturen des Vulcan in der dazu bestimmten Frist beendigt waren, sollte er eine Woche spter wieder in See gehen. Und dieser Schwachkopf von Grip hatte den Mund noch immer nicht aufgethan -- wenigstens nicht, um das zu sagen, was man von ihm erwartete. Da ereignete sich in der ersten Decemberwoche ein unerwarteter Zwischenfall. Ein an O'Brien gerichteter Brief, die Antwort auf dessen letzte Anfrage in Australien, brachte folgende Nachrichten: Martin und Martine Mac Carthy, Murdock, dessen Frau und Tchterchen, sowie Sim und Pat, die jenen gefolgt waren, hatten sich in Melbourne zur Rckkehr nach Irland wieder eingeschifft. Das Glck war ihnen auch hier nicht gnstig gewesen und sie kamen ebenso elend heim, wie sie einst fortgegangen waren. Das Emigrantenschiff, auf dem sie sich befanden, der Segler Queensland, konnte vor Ablauf von drei Monaten in Queenstown schwerlich eintreffen. Unsern Findling betrbten diese Nachrichten recht schmerzlich, meldeten sie ihm doch, da die Familie Mac Carthy auch heute noch unglcklich, ohne Arbeit und ohne Mittel sei. Er sollte aber wenigstens seine Adoptiveltern wiedersehen, sollte endlich die Genugthuung haben, ihnen beistehen zu knnen. Ja, wenn er zehnmal so vermgend gewesen wre, um ihre Lage zehnmal besser gestalten zu knnen! Den Brief, den er sich von O'Brien erbeten hatte, verschlo er in seinem Schreibtische, und -- wunderbar! -- von jenem Tage ab erwhnte er desselben mit keiner Silbe und sprach auch berhaupt nicht mehr von den frheren Pchtern von Kerwan. Jene Nachrichten bten aber einen unerwarteten Einflu auf Grip aus. Das Menschenherz bleibt ja immer gleich, selbst in der Brust eines ersten Heizers. Da sollten die Mac Carthy's heimkehren, die beiden Brder Sim und Pat, gewi jetzt ein paar prchtige Burschen, die Findling fast wie leibliche Brder liebte... wer konnte wissen, ob er nicht einem von diesen diejenige, die fast seine Schwester war, zugedacht hatte? Kurz, Grip wurde eiferschtig, entsetzlich eiferschtig, und am 9. December war er fest entschlossen, der Ungewiheit ein Ende zu machen, als Findling ihn zur Seite nahm und sagte: Komm nach meinem Comptoir, Grip, ich habe mit Dir zu sprechen. Ganz bleich -- er hatte das Vorgefhl, da es sich um etwas sehr wichtiges handelte -- folgte Grip der Aufforderung Findlings. Als sie sich allein gegenber saen, begann der Chef des Kleinen Geldbeutels trocknen Tones: Ich werde mich voraussichtlich auf ein umfnglicheres Geschft einlassen, und dazu braucht' ich Dein Geld. -- Na, meinte Grip, das giebt nicht sehr viel. Wie viel brauchst Du denn? -- Alles, was Du in der Sparcasse liegen hast. -- Nimm, was Du willst. -- Hier ist Dein Sparbuch. Du mut es unterzeichnen, damit ich das Geld erheben kann. Grip schlug das Buch auf und unterschrieb. Was Deine Zinsen betrifft, fuhr Findling fort, sprech' ich davon jetzt nicht. -- Das ist auch nicht der Mhe werth.... -- Nein, weil Du von heute an Theilhaber der Firma Little Boy and Co. bist. -- In welcher Eigenschaft?... -- Nun, als richtiger Associ. -- Ja... aber mein Schiff? -- Du verlangst Deine Entlassung. -- Und mein Beruf? -- Den giebst Du auf. -- Weshalb mt' ich den aufgeben? -- Weil Du Sissy heiraten sollst. -- Heiraten?... Ich?... Die Mamsell Sissy! rief Grip, der das gar nicht fassen zu knnen schien. -- Ja, ja, sie will es selbst. -- Wa...s? Sie selbst wollte... -- Gewi; und da es Dein Wunsch auch ist... -- Mein Wunsch... ich wei nicht... freilich... Grip wute gar nicht, was er antwortete, und hrte kein Wort mehr von dem, was Findling zu ihm sagte. Er ergriff seinen Hut, stlpte ihn auf den Kopf, nahm ihn wieder ab, legte ihn auf einen Stuhl und setzte sich dann selbst darauf, ohne es zu merken. Achtung, rief Findling lachend, nun wirst Du Dir zur Hochzeit einen neuen anschaffen mssen. Natrlich kaufte er gern einen andern Hut, doch wie er berhaupt zu dieser Heirat gekommen war, das begriff er nimmermehr. Lange Zeit konnte ihn niemand aus seiner Verwunderung reien... nicht einmal Sissy. Doch, so etwas geht ja mit der Zeit vorber. Jedenfalls legte Grip am frhen Morgen des Weihnachtsheiligabends ganz schwarze Kleidung an, als ob er zu einer Beerdigung -- und Sissy ein ganz weies Gewand, als ob sie zu einem Balle gehen wollte. Findling, Bob und Kat zogen ebenfalls den Sonntagsstaat an, obwohl es Freitag war. Dann holten zwei Wagen alle an der Thr des Kleinen Geldbeutels ab, um sie nach der Kapelle in der Bedford-Street zu bringen. Und als Grip und Sissy eine halbe Stunde spter das Gotteshaus wieder verlieen, da waren sie pltzlich Mann und Frau geworden. Auer dieser Kleinigkeit hatte sich nichts verndert, als die frhliche Gesellschaft nach dem Bazar von Little Boy and Co. zurckkehrte. Sofort wurde der Verkauf wieder aufgenommen, denn am Abend vor Weihnachten konnte man doch der zahlreich herbeistrmenden Kundschaft einen so reichlich ausgestatteten Laden nicht verschlieen. XIV. Das Meer von drei Seiten. Am 15. Mrz, etwa drei Monate nach der Hochzeit Grips und Sissys, verlie der Schooner Doris den Hafen von Londonderry und stach bei gnstigem Nordostwind ins Meer. Londonderry ist die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft, die im Norden Irlands an Donegal grenzt. Die Bewohner von London sagen Londonderry, weil diese Grafschaft fast gnzlich Krperschaften der Hauptstadt der Britischen Inseln gehrt -- freilich nur in Folge frherer Confiscationen -- und weil Londoner Capital die Stadt wieder aus ihren Ruinen erstehen lie. Paddy dagegen sagt, weil er nicht anders zu protestieren vermag, einfach Derry, und es wird ihn niemand darum tadeln wollen. Der am linken Ufer und nahe der Mndung der Foyle gelegne Hauptort der Grafschaft ist eine bedeutendere Stadt. Ihre breiten, luftigen, gut unterhaltenen Straen zeigen, trotz einer Bevlkerung von fnfzehntausend Seelen, nicht viel Verkehr. Man findet hier Spaziergnge an der Stelle der alten Wlle, eine bischfliche Kathedrale auf einem Hgel und auch einzelne, kaum erkennbare Spuren der Abtei St. Columba und des Tempal More, eines merkwrdigen Gebudes aus dem zwlften Jahrhundert. Der belebte Hafen fhrt eine Menge Erzeugnisse aus, Waaren aller Art, Schiefer, Bier und Vieh, aber auch recht viele Auswandrer. Wie viele dieser von der Noth vertriebenen unglcklichen Irlnder kehren aber schlielich in die Heimat zurck! Es ist kein besondres Ereigni, da ein Schooner den Hafen von Londonderry verlt, wo tglich Hunderte von Fahrzeugen die enge Bai des Lough-Foyle hinauf- und herabsegeln. Warum sollte also die Abfahrt der Doris auffallen bei einem Schiffsverkehr, der sich jhrlich auf sechsmalhunderttausend Tonnen beluft? Das ist ja richtig. Die Golette verdient aber unsre besondre Aufmerksamkeit, weil sie Csar und sein Glck trug. Csar war in diesem Falle freilich Findling, und sein Glck (oder Vermgen) war die Ladung, die das Schiff nach Dublin bringen sollte. Der jugendliche Chef von Little Boy and Co. befand sich an Bord der Doris aber aus folgenden Grnden: Nach der Verheiratung Sissys und Grips war der Kleine Geldbeutel wegen des neuen Jahres sehr stark beschftigt gewesen. Da galt es, die Inventur aufzustellen, die zahlreichen Kufer zu befriedigen, den Bazar noch mehr zu erweitern u. s. w. Grip war tchtig ins Zeug gegangen, obgleich er sein eheherrliches Erstaunen noch nicht berwunden hatte. Der Gatte der reizenden Sissy zu sein, das erschien ihm immer noch wie ein Traum, der jeden Augenblick verschwinden knnte. Ich versichere Dir aber, da Du verheiratet bist, sagte ihm Bob wiederholt. -- Ja, ja, Bob, es scheint mir auch so, und doch... manchmal kann ich's gar nicht glauben. Das Jahr 1887 begann also unter den gnstigsten Verhltnissen. Findling konnte nur wnschen, da alles in gleicher Weise fortginge; nur eine schwere Sorge drckte ihn: das Los der Mac Carthy's sicherzustellen, wenn die armen Leute den Fu wieder auf irischen Boden setzen wrden. Ueber den Queensland, auf dem sie sich befanden, war bisher nichts zu hren gewesen, obwohl Findling alle Seeberichte aufmerksam verfolgte. Erst am 14. Mrz fand er in der Shipping-Gazette folgende Zeilen: Der Dampfer Burnside hat am 3. laufenden Monats den Segler Queensland bei Assuncion getroffen. Segelschiffe, die von Sden her kommen, knnen ihre Fahrt nicht durch Bentzung des Suezcanales abkrzen, denn es ist schwierig, ohne Maschinenkraft das Rothe Meer hinauf zu fahren. Der Queensland mute also von Australien nach Europa den Weg ums Cap der Guten Hoffnung einschlagen und befand sich demnach jetzt noch auf hoher See. Bei gnstigem Winde konnte er nach zwei bis drei Wochen in Queenstown eintreffen. Bis dahin hie es also sich zu gedulden. Die Begegnung der beiden Schiffe gab doch wenigstens einen Fingerzeig. Jedenfalls hatte Findling gut daran gethan, jene Nummer der Shipping-Gazette zu lesen, schon weil er dabei folgende Anzeige fand: Londonderry, den 13. Mrz. -- Uebermorgen, am 15. d., kommt die Ladung des Schooners Doris von Hamburg zur ffentlichen Versteigerung. Diese betrgt hundertfnfzig Tonnen und umfat Alkohol und Wein in Fssern, Kisten mit Seife, Ballen mit Kaffee, Scke mit Gewrzen u. s. w. -- Der Verkauf findet statt auf Antrag der Glubiger, der Herren Gebrder Harrington u. s. w. Findling kam beim Lesen dieser Annonce der Gedanke, da hier vielleicht etwas zu verdienen sei, da die Fracht der Doris bei einer Auction voraussichtlich zu billigem Preise wegging. Die Art der Waaren pate ja fr sein eignes Geschft, und so ging ihm die Sache so sehr im Kopfe herum, da er O'Brien deshalb um Rath fragte. Der Ex-Kaufmann durchlas die Anzeige, hrte die Erwgungen des Knaben an und antwortete nach einiger Ueberlegung: Ja, hier wre wohl ein Geschft zu machen. Alle diese Waaren lieen sich, wenn man sie billig ersteht, mit hbschem Nutzen verwerthen... doch unter zwei Bedingungen: erstens, da sie tadelloser Qualitt sind, und zweitens, da man sie fnfzig bis sechzig Procent unter dem Marktpreise erhlt. -- Das ist auch meine Meinung, Herr O'Brien, antwortete Findling; es lt sich etwas bestimmtes ber die Sache nicht eher sagen, als bis man die Ladung der Doris selbst besichtigt hat. Ich denke noch heute Abend nach Londonderry zu fahren. -- Du hast Recht... ich werde Dich begleiten, mein Sohn. Ich verstehe mich auf derlei Waaren, mit denen ich mein Leben lang zu thun gehabt habe. -- Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, nur wei ich nicht, wie ich Ihnen meine Erkenntlichkeit beweisen kann.... -- Versuchen wir, aus der Sache ein gutes Geschft zu machen, mehr verlange ich nicht. -- Dann ist aber keine Zeit zu verlieren, erwiderte Findling, die Versteigerung ist schon fr bermorgen angesetzt.... -- Ich bin bereit, mein Sohn; ich brauche nur meine Reisetasche zu holen. Morgen sehen wir uns die Ladung der Doris ganz genau an. Uebermorgen kaufen wir sie oder kaufen sie nicht, je nach ihrer Gte und ihrem Preis, und am Abend geht's zurck nach Dublin. Findling benachrichtigte Grip und Sissy sofort von seiner Absicht, ein Geschft zu wagen, das fast seine gesammten Geldmittel in Anspruch nehmen wrde. Er vertraute ihnen also fr achtundvierzig Stunden die Oberleitung des Bazars Zum kleinen Geldbeutel an. So kurz die Trennung auch war, konnten sich Grip und Bob doch gar nicht darein finden... vorzglich der kleine Knabe nicht. Seit viereinhalb Jahren war es das erste Mal, da Findling und er nicht bei einander sein sollten. Auch zwei leibliche Brder htte kein innigeres Band verknpfen knnen. Sissy sah ihr liebes Kind nicht ohne Beunruhigung fortgehen. Eine Abwesenheit von wenigen Tagen hatte am Ende aber doch nicht viel zu bedeuten. Was das Vorgehen Findlings selbst betraf, das auch O'Brien gebilligt hatte, wute sie ja, da jener nichts unternehmen wrde, was seine Lage erschttern und einer halsbrecherischen Speculation hnlich sein knnte. Mit dem Zuge zehn Uhr abends fuhren die beiden Kaufleute, der alte und der junge, ab. Diesmal kam Findling ber Belfast, die Hauptstadt der Grafschaft Down hinaus... Belfast, wo er seine liebe Sissy wiedergefunden hatte. Am folgenden Morgen um acht Uhr langten die beiden Reisenden am Bahnhofe in Londonderry glcklich an. Wie seltsam doch das Schicksal spielt! In Londonderry, wo er jetzt ein bedeutendes Handelsgeschft abschlieen wollte, befand sich Findling nur dreiig Meilen weit von dem Weiler Rindock, im Herzen von Donegal, wo sein Leben unter so elenden Verhltnissen begonnen hatte. Ein Dutzend Jahre waren vergangen, er hatte inzwischen ganz Irland durchstreift und wie viel Glckswechsel erlitten, wie viele Widerwrtigkeiten zu besiegen gehabt! Mute er nicht unwillkrlich an die jetzige Vernderung seiner Lage denken? O'Brien unterwarf die Ladung der Doris einer sehr eingehenden Prfung. Der Qualitt und der Art nach entsprachen die Waaren vollstndig den Ansprchen des Hauses zum Kleinen Geldbeutel. Konnte er sie billig erstehen, so erzielte er damit einen groen Gewinn, der sein Capital mindestens vervierfachte. Der alte Kaufmann htte auch nicht gezgert, dieses Geschft fr eigne Rechnung zu unternehmen. Er rieth Findling sogar, den Gebrdern Harrington noch vor der Auction einen annehmbaren Preis zu bieten. Der Rath erwies sich gut. Findling traf mit den Glubigern der Doris ein Uebereinkommen und erhielt die ganze Ladung zu einem desto annehmbareren Preise, als er sofortige Bezahlung dafr leistete. Wenn schon die Jugend des Kufers die Verwunderung der Herren Harrington erweckte, so that das der Scharfsinn, womit dieser sein Interesse wahrnahm, nur noch viel mehr. Da sich auch O'Brien persnlich verbrgte, wickelte sich die Angelegenheit ganz allein ab und wurde bei der ersten Verhandlung darber mittelst eines Checks auf die Bank von Irland geregelt. Fr dreitausendfnfhundert Pfund -- fast das ganze Vermgen Findlings -- erhielt dieser die ganze Ladung der Doris, nach Abschlu des Geschfts aber konnte er sich einer gewissen Erregung doch nicht ganz erwehren. Was den Transport der Fracht nach Dublin betraf, schien es am einfachsten, gleich die Doris dazu zu bentzen, um eine Ueberladung nach einem andern Schiffe zu ersparen. Der Kapitn derselben verlangte auch gar nicht mehr, als da ihm seine Schiffsmiethe gesichert wurde, und bei gnstigem Wind konnte die Ueberfahrt kaum mehr als zwei Tage in Anspruch nehmen. Nachdem auch das geordnet war, hatten O'Brien und sein junger Begleiter nur wieder den Abendzug zu besteigen, dann wrde ihre Abwesenheit nicht mehr als sechsunddreiig Stunden gedauert haben. Da kam es Findling in den Sinn, O'Brien den Vorschlag zu machen, auf der Doris nach Dublin heimzukehren. Ich danke Dir, mein Sohn, antwortete der alte Kaufmann, doch das Meer und ich, wir sind niemals die besten Freunde gewesen. Doch wenn Du Lust hast... -- Gewi, Herr O'Brien. Eine so kurze Ueberfahrt bietet ja keine so besondre Gefahr und ich wrde lieber bei meiner Waarenladung bleiben. O'Brien fuhr also allein nach Dublin zurck, wo er mit dem Frhroth des folgenden Tages eintraf. Im gleichen Augenblick verlie die Doris den Canal der Foyle und steuerte nach dem engen Fahrwasser, das die Bai mit dem Canal des Nordens in Verbindung setzt. Die Nordwestbrise war ihrer Fahrt gnstig; bei Fortdauer derselben mute die Ueberfahrt ausgezeichnet verlaufen. Der Schooner konnte sich in der Nhe der Kste halten, wo das Meer unter dem Schutze der hohen Ksten stets ruhiger ist. Freilich ist man im Monat Mrz bei Annherung der Tagundnachtgleiche im irischen Meere niemals vor Ueberraschung sicher. Die Doris wurde von einem Kapitn der Kstenfahrt John Clear befehligt, der acht Matrosen zu ihrer Bedienung hatte. Alle schienen mit ihrer Aufgabe bestens vertraut und kannten die Kste von Irland von vielen Fahrten lngs derselben her genau. Von Londonderry nach Dublin wren sie zur Noth mit geschlossenen Augen gesegelt. Unter vollen Segeln glitt die Doris aus der Bai hinaus. Auf dem Meere angelangt, konnte Findling den Hafen von Innishafen erkennen, der am Eingang einer durch die Spitze von Donegal gedeckten Bai liegt, und weiterhinaus das mit dem Cap Malin auslaufende lange Vorgebirge, das im Norden Irlands am allerweitesten hinausragt. Der erste Tag lie sich ganz glcklich an. Fr den jungen Knaben war es ein wahrer Hochgenu, unter den Segeln der Doris ber das leicht bewegte Meer dahinzuschaukeln. Von der Seekrankheit fhlte er keine Spur. Ein Schiffsjunge htte nicht mehr Seemann sein knnen als er. Nur ein Gedanke beschftigte ihn wiederholt, der an die im Raum der Golette verstaute Fracht und daneben an die ungeheure Tiefe, die sich nur zu ffnen brauchte, um sein ganzes Vermgen zu verschlingen. Fr diese Befrchtung lag jedoch kaum ein Grund vor. Die Doris war ein solides Fahrzeug und ein vortrefflicher Segler, mit dem ihr Kapitn unter allen Verhltnissen umzugehen verstand. Wie schade, da Bob nicht mit an Bord war! Wie htte sich dieser gefreut, einmal wirklich zu schwimmen, nicht wie auf dem Vulcan, wenn dieser im Hafen von Cork oder Dublin vor Anker lag. Htte Findling eine Ahnung von dieser Rckfahrt zu Wasser gehabt, so wrde er Bob unzweifelhaft mitgenommen haben und dieser wre am Ziele seiner sehnlichsten Wnsche gewesen. Das Ufer, das sich lngs der Grafschaft Antrim hinzieht, ist herrlich anzusehen. Es hat berall weie Mauern von Kreidefelsen und in diesen so viele Hhlen, da das ganze Personal der galischen Mythologie darin Raum gefunden htte. Hier ragen die Kaminschornsteine empor, deren Rauch nur aus dem Wasserdunst der Brandung besteht, und erheben sich trotzige Steilufer, die mehr den Mauern einer Festung gleichen. Dort wieder dehnt sich die Chausse der Riesen aus, die aus lothrecht stehenden Sulen, wunderlichen Basaltpfeilern, gebildet ist, welche von den anprallenden Wogen einen metallischen Ton geben, und deren es, wenn man den Touristen glauben darf, ber vierzigtausend geben soll. Alles das bietet einen bezaubernden Anblick. Die Doris htete sich freilich, dem Riffgrtel nahe zu kommen, und um vier Uhr nachmittags segelte sie, das schottische Mull von Cantire nordstlich liegen lassend, zwischen dem Cap Fair und der Insel Rathlin ein, um den Nordcanal zu gewinnen. Die Nordwestbrise hielt sich bis drei Uhr nachmittags und zertheilte die hoch in der Luft dahinziehenden Wolken. Whrend der Schooner so in zwei bis drei Meilen Entfernung vom Ufer dahinsteuerte, war kaum ein leichtes Rollen, und vorzglich gar kein Schlingern des Schiffes wahrzunehmen. Findling hatte das Deck keinen Augenblick verlassen; hier wollte er bleiben, bis ihn vielleicht die nchtliche Klte nach der Cabine des Kapitns hinuntertrieb. Voraussichtlich lie diese erste Seefahrt in ihm die angenehmste Erinnerung zurck, und er beglckwnschte sich schon, seine Ladung selbst begleitet zu haben. Er hoffte mit einem gewissen Stolz in den Hafen von Dublin einzulaufen, wo ihn Grip, Sissy, Bob und Kat, die ja von O'Brien benachrichtigt sein muten, gewi mit Jubel empfangen wrden. Zwischen vier und fnf Uhr nachmittags ballten sich im Osten dichte Dunstmassen zusammen. Der Himmel nahm schnell ein mehr bedrohliches Aussehen an. Die scharfbegrenzten, vor entgegengesetztem Winde treibenden Wolken stiegen mit groer Schnelligkeit auf. Keine Lichtung verrieth, da diese Windrichtung vor Einbruch der Nacht wieder umschlagen wrde. Achtung vor der Be! Das schien am uersten Rande des Meeres geschrieben zu sein. John Clear verstand es, denn seine Stirn verdsterte sich, als er den Horizont aufmerksam musterte. Nun, Herr Kapitn, fragte Findling, den die Haltung John Clear's nicht weniger wie die der Matrosen etwas staunen machte. -- Ja, die Sache gefllt mir nicht, antwortete der Kapitn, der sich nach Westen zu wandte. In der That flaute die bisherige Brise schon merkbar ab. Die schlaffen Segel begannen klatschend an die Masten zu schlagen. Nur dann und wann vermochte sie noch ein leiser Windhauch zu schwellen. Die jetzt weniger gehaltene Doris begann zu rollen. Das Steuerruder versagte, da das Schiff kaum noch Fahrt machte, fast den Dienst. Findling litt von diesem Rollen inde nicht allzuviel, obwohl dasselbe auf den sonst ruhigen Meeren unangenehmer erscheint, und er ging auch nicht nach der Kapitnscabine hinunter, wozu ihn John Clear schon aufgefordert hatte. Inzwischen wurden die Windste von Osten her hufiger und strker, so da sie das Wasser der Oberflche des Canals zerstubten. Ueber zwei Drittel des Horizonts flohen lange Wolken hin, die bei den Strahlen der sinkenden Sonne noch drohender erschienen, als sie vielleicht wirklich waren. Der Kapitn Clear ordnete nun die nthigen Vorsichtsmaregeln an; er lie die Segel einziehen oder brassen, und behielt nur die Stagsegel bei, die ein Schiff nicht entbehren kann, wenn es gegen einen Sturm aufkommen will. Der Schooner war brigens schon vorher etwas weiter vom Ufer abgebracht worden, um, wenn er den Wind nicht passend abfangen konnte, wenigstens nicht bis ans Land getrieben zu werden. Jeder Seemann wei, da die atmosphrischen Strmungen zur Zeit der Aequinoctien vorzglich im Norden hufig mit furchtbarer Gewalt auftreten. Noch war es auch nicht Nacht geworden, als die Doris vom heulenden Sturm gepackt wurde. Niemand, der nicht selbst Zeuge eines solchen Vorganges gewesen ist, vermag sich davon eine richtige Vorstellung zu machen. Nach Sonnenuntergang erschien der Himmel vollkommen schwarz. Die Luft zerri ein schrilles Pfeifen, unter dem zahlreiche Mwen nach dem Lande zu flatterten. In einem Augenblick wurde der Schooner vom Kiel bis zu den Mastspitzen gewaltig erschttert. Das Meer kam, wie der Ausdruck lautet, von drei Seiten, das heit, die von wechselnden Windsten gepeitschten Wogen strzten sich gleichzeitig ber den Bug und ber die Seiten der Doris herein. Alles, vom Klverbaum bis zum Steuerruder, wurde umgerissen und nur mit grter Mhe vermochte man sich auf dem Verdeck zu erhalten. Der Mann am Steuer mute festgebunden werden und die Matrosen suchten sich lngs der Bordwand zu schtzen. Gehen Sie hinunter, sagte John Clear zu Findling. -- Erlauben Sie mir, Kapitn... -- Nein, nein, hinunter, sag' ich, oder Sie werden von einer Sturzwelle mit hinausgesplt. Findling gehorchte. Sehr beunruhigt kam er nach der Cabine, obwohl er weit weniger an sich selbst dachte. Nur seine Ladung lag ihm am Herzen. Sein ganzes Vermgen war jetzt an Bord eines Schiffes in Gefahr... und wenn er es einbte, mute er auf alles, was er Gutes thun wollte, verzichten.... Die Lage wurde allmhlich sehr ernst. Vergebens hatte der Kapitn versucht, die Doris dem Sturme gerade entgegenzustellen, um sich von der Kste zu entfernen, oder wenigstens nicht nher an dieselbe herangetrieben zu werden. Da wurde gegen ein Uhr nachts leider die Fock- und die Bugsprietstenge weggerissen und eine Stunde spter brachen auch Masten. Sofort neigte sich die Doris auf Steuerbord, und da die Fracht im Raum sich verschoben hatte, konnte sie sich nicht wieder aufrichten und kam in Gefahr, ber die Reling voll Wasser zu laufen. Findling, der gegen die Wnde der Cabine geschleudert worden war, kam, im Finstern umhertappend, mit Mhe wieder auf die Fe. Da drang in einem ruhigeren Augenblicke lautes Geschrei bis zu ihm herab. Auf dem Verdeck entstand ein unerkennbares Gerusch, so da man fast glauben konnte, es sei durch eine einstrzende Welle eingeschlagen worden. Doch nein. Auer Stande, die Golette wieder emporzurichten und in der Befrchtung, da sie untergehen werde, traf John Clear Vorbereitungen, sie zu verlassen. Trotz der Schwierigkeit, die das Schiefstehen des Schiffes mit sich brachte, hatte man bereits die Schaluppe ins Wasser niedergelassen, um sich sofort in diese zu retten. Findling begriff das, als er sich vom Kapitn durch die geffnete Treppenkappe rufen hrte. Ihm konnte es aber gar nicht in den Sinn kommen, die Golette und alles, was sie trug, zu verlassen. Wenn es nur eine einzige Aussicht auf Rettung gab, wollte er diese wahrnehmen. Er kannte ja die Seegesetze: wenn das Meer ein verlassenes Schiff nicht verschlingt, gehrt es dem ersten, der an Bord desselben kommt. Das ist gesetzliche Bestimmung und wird in England buchstblich so gehalten. Das Schreien wurde lauter. John Clear rief auch noch immer nach Findling. Wo steckt er denn? wiederholte er. -- Wir sinken!... Wir sinken! riefen die Matrosen. -- Aber... der Knabe?... -- Wir knnen nicht warten... -- O, ich werde ihn finden! Der Kapitn kam die Treppe herunter. Findling war nicht mehr in der Cabine. Ohne darber nachzudenken, mehr von Instinct geleitet, hatte er sich, fest entschlossen, auf dem Schiffe auszuhalten, durch eine gebrochene Luke in den untern Raum geflchtet. Wo ist er? Wo ist er? wiederholte der Kapitn ihn laut rufend. -- Er wird auf's Verdeck gekommen sein... meinte ein Matrose. -- Wird ins Meer gestrzt sein, setzte ein andrer hinzu. -- Wir sinken!... Wir sinken! Diese Rufe kreuzten sich unter einem entsetzlichen Wirrwarr. Die Doris hatte sich in der That bei einer furchtbaren Rollbewegung so weit geneigt, da man frchten konnte, sie wrde bald mit dem Kiel nach oben schwimmen. Ein Zgern war nicht mehr mglich. Da Findling keine Antwort gab, war er sicherlich, bei der Finsterni von keinem bemerkt, nach dem Verdeck hinausgekommen und ber Bord geschwemmt worden. Der Kapitn Clear erschien wieder, als die Golette unter zwei ungeheuern Wellenbergen fast verschwand. Seine Mannschaft und er sprangen in die Schaluppe, deren Taue sofort losgeworfen wurden. So wenig man hoffen konnte, da das Boot dem wthenden Meere werde Trotz bieten knnen, so gab es doch die letzte Aussicht auf Rettung, und unter krftigem Ruderschlage entfernte es sich, um nicht in den Strudel des versinkenden Schooners hineingezogen zu werden. Die Doris war nun ohne Kapitn, ohne Mannschaft; sie war aber kein verlassnes Fahrzeug, keine Seetrift, da Findling sich noch darauf befand. Er war allein... allein... jeden Augenblick bedroht, in die Tiefe gerissen zu werden. Und doch verzweifelte er nicht; ein wunderbares Vertrauen hielt ihn aufrecht. Nach dem Deck emporgestiegen, glitt er bis zur Schanzkleidung unter dem Winde nach einer Stelle, wo das Wasser nicht durch Speigatten eindringen konnte. Doch wie drngten sich da die Gedanken in seinem Kopfe! Vielleicht war es zum letzten Male, da er derer gedachte, die er liebte, der Mac Carthy's, der Familie, die er sich mit Grip, Sissy, Bob, Kat und O'Brien geschaffen hatte, und inbrnstig flehte er zu Gott, da er ihn retten mchte um ihret-, wie um seiner selbst willen.... Die Doris beugte sich nicht weiter zur Seite, so da eine unmittelbare Gefahr ausgeschlossen schien. Zum Glck hatte der feste Rumpf des Schiffes gut zusammengehalten und noch konnte kein Wasser in dessen Inneres dringen. Lag die Golette im Course eines andern Schiffes und machten deren Retter ein Eigenthumsrecht daran geltend, so wrde Findling bei der Hand sein, seine unversehrt gebliebene Fracht zu beanspruchen, die von dem aufgeregten Meere ja nicht erreicht worden war. Die Nacht verging. Mit dem ersten Morgenrothe verlor der Sturm an Strke. Freilich dauerte der hohe Seegang noch immer fort. Findling lugte ins Weite hinaus und in der Richtung nach dem Lande zu. Im Westen war nichts zu erkennen, keine Umrisse einer Kste in Sicht. Jedenfalls hatte der nchtliche Sturm die Doris aus dem Nordcanal verschlagen und schwankte sie jetzt auf dem freien irischen Meere, vielleicht Dundalk oder Drogheda gegenber... doch in welcher Entfernung von da?... Drauen auf hoher See zeigte sich auch weder ein Schiff noch ein Fischerboot, und von einem solchen aus htte man den schiefliegenden Rumpf, der immer und immer wieder von den Wellenbergen verdeckt wurde, kaum bemerken knnen. Die einzige Hoffnung lag aber doch darin, bald aufgefunden zu werden. Wenn die Doris etwa wieder weiter nach Westen hintrieb, mute sie noch auf den Klippen, die die Kste umgrten, elend zu Grunde gehen. Leider erwies sich jeder Versuch, ihr eine bestimmte Richtung zu geben, ganz vergeblich, und vergeblich spannte Findling einen Fetzen Leinen zwischen zwei Tauen auf. Auf eigne Hilfe konnte er also nicht mehr rechnen -- er war nur noch in der Hand Gottes. Der Tag verstrich ohne Verschlimmerung der Lage. Findling frchtete jetzt nicht mehr, da die Doris untergehen knne, vorzglich, da auch ihre Neigung nach Steuerbord nicht weiter zugenommen hatte. Nun blieb ihm nur noch eins brig: Ausschau zu halten, ob sich nicht ein Schiff in der Ferne zeige. Inzwischen verzehrte der Knabe einen Imbi, um wieder etwas zu Krften zu kommen, und keinen Augenblick bemchtigte sich seiner, der die volle Herrschaft ber seine geistigen Fhigkeiten behielt, die Verzweiflung. Er hatte nur das Eine im Auge: er vertheidigte hier sein ganzes Hab und Gut. Um drei Uhr nachmittags wirbelte im Osten eine Rauchsule in die Luft. Eine halbe Stunde spter wurde ein groer Dampfer sichtbar, der in der Entfernung von fnf bis sechs Meilen von der Doris nach Norden zu steuerte. Findling gab mit einer Flagge Nothzeichen... sie wurden nicht bemerkt. Die auergewhnliche Energie des Knaben lie ihn auch jetzt den Muth noch nicht verlieren, wo er mit herangekommenem Abend auf eine weitere Begegnung nicht mehr zhlen durfte. Nichts deutete darauf hin, da er sich nahe dem Lande befand. Die bewlkte, mondlose Nacht mute ganz dunkel werden. Zum Glck schien wenigstens der Wind nicht wieder auffrischen zu wollen und das Meer hatte sich wesentlich beruhigt. Da es ziemlich kalt geworden war, schien es ihm am rathsamsten, in die Cabine hinunter zu gehen, denn vom Deck aus htte er schon auf eine halbe Kabellnge hinaus doch nichts zu erkennen vermocht. Erschpft von den langen Stunden der Angst und auer Stande, dem Schlafe zu widerstehen, zog Findling die Decke vom Lager, auf das er sich wegen der schiefen Haltung des Schiffes nicht htte legen knnen und nachdem er sich eingehllt und neben der Wand hingestreckt hatte, fiel er bald in tiefen Schlummer. Der Tag begann schon zu grauen, als er durch ein lautes Zanken drauen erweckt wurde. Er richtete sich auf und lauschte. Befand sich die Doris jetzt nahe der Kste? War sie am frhen Morgen von einem andern Schiffe aufgefunden worden? Uns gehrt es!... Wir waren zuerst daran! riefen einige Mnnerstimmen. -- Nein... uns! antworteten andre. Findling begriff sofort, was hier vorging. Irgendwelche Schiffsmannschaften hatten wettgeeifert, das Wrack anzulaufen, und stritten sich jetzt, wem es zufallen sollte. Jetzt hatten sie den Rumpf erklettert, waren auf das Verdeck gekommen und geriethen ins Handgemenge. Zwischen den Rettungsmannschaften hagelte es Schlge. Findling htte sich nur zu zeigen gebraucht, um die Kampfhhne zur Ruhe zu bringen. Dessen htete er sich aber weislich. Die Leute htten sich einfach gegen ihn gewendet und ihn jedenfalls ber Bord geworfen, um jeder spteren Reclamation zu entgehen. Er mute sich also ohne Sumen verstecken und brachte sich zwischen den Waarenballen im Schiffsraume in Sicherheit. Einige Minuten spter hatte der Tumult aufgehrt -- ein Beweis, da die Leute Friede geschlossen hatten. Sie waren bereingekommen, das verlassene Schiff vereint nach dem nchsten Hafen zu bugsieren und dort ihre Beute zu theilen. Zwei Fischerboote, die vor Tagesanbruch aus der Bai von Dublin abgesegelt waren, hatten den treibenden Schooner zwei bis drei Meilen seewrts entdeckt und sofort aus Leibeskrften darauf zugehalten, denn nach geltendem Gesetz und Recht gehrte die Trift dem, der zuerst die Hand daran legte. Die Boote waren jedoch zu gleicher Zeit herangekommen. Daraus entstand der Streit, das Handgemenge, die Prgelei, und schlielich der beiderseitige Beschlu, die Beute zu theilen. Da htten die saubern Kstenfischer freilich einen schnen Fang gemacht. Kaum hatte Findling sich in den Frachtraum geflchtet, als die Kerle auch schon die Treppe herabgepoltert kamen, um die Cabine zu untersuchen. Findling konnte sich wahrlich Glck wnschen, ein sichres Versteck aufgesucht zu haben, als er die Worte hrte: Es ist ein wahrer Segen, da sich kein Mensch an Bord befindet! -- O, wenn's nur einer war, den htten wir ja bald abgethan! Die rohen Patrone wrden auch vor einem Verbrechen nicht zurckgeschreckt sein, um sich das Eigenthum an der Seetrift zu sichern. Eine halbe Stunde spter wurde der Rumpf der Doris von zwei Booten ins Schlepptau genommen, die mit Hilfe der Segel und der Ruder der Bai von Dublin zustrebten. Um neuneinhalb Uhr befanden sie sich an deren Eingange. Da sie bei der herrschenden Ebbe die Doris aber nur schwierig htten hineinlootsen knnen, wendeten sie sich nach Kingstown, wo sie am Bollwerke anlegten. Hier warteten viele Leute. Da die Ankunft der Doris signalisirt worden war, hatten O'Brien, Grip und Sissy, Bob und Kat, die von deren Rettung erfuhren, sofort einen Zug nach Kingstown benutzt und befanden sich jetzt am Bollwerk. Ihren Schmerz, als sie hrten, da die Fischer nur ein verlassenes Wrack hereingeschleppt htten, kann man sich wohl vorstellen. Findling war nicht mehr an Bord... er war also umgekommen. Grip und Sissy, Bob und Kat weinten heie Zhren. Da erschien der Hafenkapitn, dem die Untersuchung der Bergung oblag und der zu entscheiden hatte, wem Schiff und Ladung rechtlich zukam. Hier schienen die Bergungsmannschaften auergewhnliches Glck gehabt zu haben. Pltzlich tauchte durch die Treppenkappe ein Knabe auf. Da jubelten die Seinigen hoch auf vor Freude und murrten und schimpften die Fischer als Antwort. Im nchsten Augenblick befand sich Findling auf dem Quai, wo ihn alle herzlich umarmten. Dann trat er auf den Hafenkapitn zu. Die Doris ist niemals verlassen gewesen, erklrte er mit fester Stimme, und die Fracht, die sie trgt, gehrt mir! In der That hatte er die reiche Ladung nur durch sein Verbleiben an Bord gerettet. Jede Verhandlung erschien berflssig. Findlings Anrecht war unbestreitbar, das Eigenthum an der Fracht wurde ihm zugesprochen, wie das an der Doris dem Kapitn Clear und seinen Leuten, die sich am Tage vorher zu retten vermocht hatten. Die Fischer muten sich mit dem gesetzlich bestimmten Bergelohn begngen. Das war nun eine Freude, als alle eine Stunde spter im Bazar Zum kleinen Geldbeutel wieder vereinigt waren. Die erste Seefahrt Findlings hatte sich leider gar zu gefhrlich gestaltet. Und doch rief Bob immer: Ach, ich mchte mit Dir auf dem Schiffe gewesen sein! -- Auch unter diesen Verhltnissen, Bob? -- Ja, erst recht! XV. Und warum nicht? Entschieden verfolgte das Glck geradezu Findling, seit er Trelingar-castle den Rcken gekehrt hatte, das Glck, Bob gerettet und zu sich genommen, Grip und Sissy wiedergefunden und sie miteinander vermhlt zu haben, ohne von den erfolgreichen Geschften zu reden, die der junge Chef des Kleinen Geldbeutels machte. Er ging mit Sicherheit in Folge seiner Intelligenz, sagen wir auch, seines Muthes, der Gewinnung eines betrchtlichen Vermgens entgegen. Sein Verhalten auf der Doris legte von seinem Muthe gewi ein rhmliches Zeugni ab. Nur eines fehlte ihm, ohne das er nicht vollkommen glcklich sein konnte: der Familie Mac Carthy die Wohlthaten, die er von ihr genossen hatte, nicht haben vergelten zu knnen. Jetzt erwartete er die Ankunft des Queensland mit grter Ungeduld, wenn er sich auch sagte, da von Wind und Wetter abhngige Segler ja sehr hufig Versptungen in ihrer Fahrt erleiden. Uebrigens hatte Findling nicht versumt, nach Queenstown zu schreiben, damit die Rheder des Queensland ihn sofort benachrichtigten, wenn ein Schiff gemeldet wurde. Inzwischen legte man im Bazar Zum kleinen Geldbeutel die Hnde nicht in den Scho. Durch sein Abenteuer und sein muthiges Aushalten auf der Doris war Findling zu einem Helden geworden -- einem Helden von fnfzehn Jahren, was ihm das Interesse der ganzen Stadt nur noch mehr sicherte. Die mit eigner Lebensgefahr vertheidigte Waarenladung brachte ihm ber die maen Glck. Der Zulauf im Laden wurde immer grer, denn jedermann wollte Thee aus der Doris, Zucker aus der Doris, Gewrze und Wein... immer aus der Doris haben. Jetzt trat das Spielwaarengeschft etwas zurck. Bob mute deshalb Findling, Grip und noch zwei eingestellten Verkufern helfen, whrend Sissy kaum mit dem Schreiben der Rechnungen fertig wurde. Nach O'Brien's Ansicht mute sich das in jene Speculation gewagte Capital binnen wenigen Monaten vervierfacht, wenn nicht verfnffacht haben. Aus den dreitausend Pfund wurden voraussichtlich fnfzehntausend Pfund Sterling. Der Exkaufmann gab Findling bezglich dieses Unternehmens gern allein die Ehre. Dabei zugeredet hatte er ihm wohl, den ersten Gedanken daran hatte aber Findling gehabt, als er die Anzeige in der Shipping-Gazette las, und der Leser wei, mit welcher Energie er sein Vorhaben durchgefhrt hatte. So erscheint es als kein Wunder, da der Bazar von Little Boy nicht allein der reichlichst ausgestattete, sondern auch der schnste in der Bedford-Street, ja im ganzen Stadtviertel wurde. Da hier eine Frauenhand eingriff, erkannte man an tausend Kleinigkeiten. Grip, der redlich half, fing auch allmhlich an zu glauben, da er deren Ehemann sei, vorzglich als ihm die Ahnung kam, da die Reihe seiner Vorfahren nicht mit ihm abschlieen wrde. Alle fhlten sich glcklich und dankbar verpflichtet dem Knaben, der ihnen ein so schnes Los zu bereiten verstanden hatte -- das heit alle, die sich jetzt im Bazar Zum kleinen Geldbeutel um Findling vereinigt fanden. Was aus den andern, die in seinem Leben eine mehr vorbergehende Rolle spielten, geworden wre oder werden wrde, darber wollte sich Findling nicht den Kopf zerbrechen. Thornpipe zog wahrscheinlich noch im Lande umher und stellte seine etwas alt gewordenen Knigspuppen zur Schau; O'Bodkins wurmte gewi noch die freche Zerstrung seiner musterhaften Bcher; der Marquis und die Marquise Piborne lebten in der hochvornehmen Geistesbeschrnktheit weiter, die ihr Sohn unverndert geerbt hatte; Scarlett verwaltete ohne Zweifel Trelingar-castle und was dazu gehrte zu seinem Vortheil weiter und Mi Anna Walston.... starb jedenfalls fast Abend fr Abend im fnften Acte. Von keinem der genannten war je etwas zu hren gewesen, auer da sich -- nach der Times -- Lord Piborne doch einmal entschlossen hatte, im Oberhause eine Rede zu halten, welch lbliche Absicht nur deshalb nicht zur Ausfhrung kam, weil, als er das Wort ergreifen wollte, das knstliche Gebi des hochedlen Herrn nicht nach Wunsch fungierte. Carker war zum Erstaunen Grips noch immer nicht gehenkt worden; er nherte sich dem Galgen aber jedenfalls mehr und mehr, nachdem er unlngst in London bei einer polizeilichen Razzia mit einer ganzen Rotte seines Schlags hinter Schlo und Riegel gebracht worden war. Nun blieben nur die Mac Carthy's brig, an die Findling unausgesetzt dachte und deren Heimkehr er ungeduldig erwartete. In den Seenachrichten fand sich noch nichts vom Queensland. Erschien er binnen einigen Wochen noch nicht, so mute man fr ihn frchten, denn in der letzten Zeit war der Atlantische Ocean von sehr heftigen Strmen heimgesucht worden. Und noch immer traf keine Depesche von den Rhedern in Queenstown ein! Am 5. April brachte diese endlich ein Telegraphenbote. Bob hatte sie in Empfang genommen und sofort ertnte seine Stimme: Eine Depesche aus Queenstown!... Ein Telegramm aus Queenstown! Endlich eine Nachricht ber die Adoptiveltern Findlings, die also jedenfalls in Irland zurck waren... die erste, einzigste Nachricht ber sie! Alle liefen erwartungsvoll zusammen. Die Depesche hatte folgenden Inhalt: Queenstown, 5. April 9, 25, 20. Findling, Little Boy and Co., Bedford-Street, Dublin. Queensland diesen Morgen eingelaufen. Familie Mac Carthy an Bord. Erwarten Ihre Ordres. Benett. Findling war es, als ob er ersticken sollte. Sein Herz hatte einen Augenblick still gestanden. Reichliche Thrnen brachten ihm Erleichterung und er begngte sich, als er die Depesche in die Tasche steckte, zu sagen: Es ist gut. Weiterhin sprach er gar nicht mehr von den Mac Carthy's, was Herrn und Frau Grip, Bob, die Kat und O'Brien nicht wenig verwunderte. Er widmete sich vielmehr seiner Thtigkeit wie gewhnlich. Balfour erhielt nur Auftrag, ihm einen Check von hundert Pfund auszufertigen, ber dessen Verwendung der junge Chef sich nicht uerte. Vier Tage verstrichen, die letzten vier Tage der Charwoche, denn jenes Jahr fiel Ostern auf den 10. April. Am Sonnabend Morgen rief Findling sein gesammtes Personal zusammen und verkndete: Der Bazar bleibt bis nchsten Dienstag Abend geschlossen. Damit erhielten Balfour und die beiden Verkufer Urlaub. Bob, Grip und Sissy beabsichtigten, die freie Zeit nach eignem Belieben auszuntzen, als sie Findling fragte, ob sie nicht geneigt wren, whrend der drei Tage eine Reise zu machen. Eine Reise? rief Bob. Ich bin dabei. Wohin soll's denn gehen? -- Nach der Grafschaft Kerry, die ich einmal wiedersehen mchte, erklrte Findling. Sissy sah ihn fragend an. Und wir sollen Dich dahin begleiten? -- Es wrde mir ein groes Vergngen machen. -- Ich soll also auch dabei sein? fragte Grip. -- Selbstverstndlich. -- Und Birk? setzte Bob hinzu. -- Birk ebenfalls. Das war also abgemacht. Der Bazar sollte unter Obhut der Kat bleiben und man beschftigte sich mit den Vorbereitungen, die eine dreitgige Abwesenheit erheischt. Nachmittag um vier Uhr wollte man den Exprezug benutzen, um elf Uhr wrde die Gesellschaft in Tralee eintreffen, dort bernachten, und am nchsten Tage... nun, am nchsten Tage wrde Findling das weitere Programm kund geben. Um vier Uhr befanden sich alle auf dem Bahnhofe, Grip und Bob hchst vergngt, Sissy aber etwas nachsinnend, da ihr Findling gar so unergrndlich vorkam. Tralee, sagte sich die junge Frau, das ist doch ganz in der Nhe von Kerwan... Will er denn etwa in die Farm zurckkehren? Birk htte ihr darauf vielleicht antworten knnen; dessen bekannte Discretion hielt sie aber ab, eine bezgliche Frage zu stellen. Der Hund wurde im Packwagen untergebracht und von Bob der Sorgfalt des Packmeisters unter Hinzufgung eines vollwichtigen Schillings besonders empfohlen. Dann nahmen Findling und seine Begleiter ein Coup erster Classe ein. Die siebzig Meilen zwischen Dublin und Tralee wurden in sieben Stunden zurckgelegt. Von den durch den Zugfhrer ausgerufenen Stationsnamen machte besonders einer auf Findling einen eigenthmlichen Eindruck. Das war der Name Limerick. Er erinnerte ihn an sein Debut auf dem dortigen Theater in dem Drama Die Reue einer Mutter und an die Scene, wo er sich so krampfhaft an die Herzogin von Kendall in der Person der Mi Anna Walston anklammerte.... Es war das aber nur eine Erinnerung, welche wie die flchtigen Bilder eines Traumes wieder verschwand. Findling fhrte seine Freunde in Tralee nach dem ersten Htel, wo sie gut zu Abend aen und eine ruhige Nacht verbrachten. Am nchsten Tage, dem Ostersonntage, stand Findling frhzeitig auf. Whrend Sissy noch Toilette machte, Grip bei seiner Frau blieb und Bob sich streckend erst die Augen ffnete, wanderte er durch die Straen des Ortes. Leicht fand er den Gasthof wieder, wo Martin und Martine mit ihm einzukehren pflegten, den Marktplatz, wo er zuerst am Handel Geschmack gewonnen hatte, und auch die Apotheke, in der er einen Theil von seiner Guinee fr die Gromutter hingegeben hatte, die er nicht wieder sehen sollte. Um sieben Uhr hielt vor der Thr des Htels ein Jaunting-car mit tchtigem Pferde und gutem Kutscher, wofr der Wirth gutsagte. Dann wurde gewissenhaft der Preis festgestellt: so viel fr den Wagen, so viel fr das Zugthier, fr den Kutscher, fr Trinkgelder u. s. w., wie das in Irland blich ist. Nach frugalem Frhstck wurde die Fahrt um halb acht Uhr angetreten. Ein Sonntag ohne Regen -- und heute schien die Sonne und wehte ein angenehmer Wind -- gehrt auf der Smaragdnen Insel zu den Ausnahmen. Dieses Jahr schien der Frhling zeitig einsetzen und die Bume zum knospen bringen zu wollen. Ein Dutzend Meilen trennt Tralee von dem Kirchspiele Silton. Wie oft hatte Findling diese Strecke im Wagen Mac Carthy's zurckgelegt! Das letzte Mal war er hier freilich allein gewesen... auf dem Heimwege von Tralee nach der Farm... er hatte sich hinter einem beschneiten Busch versteckt, als die Polizei- und Gerichtsdienerabtheilung vorber kam. Das trat ihm jetzt lebhaft vor die Augen. Der Weg selbst sah ja noch ganz so aus wie damals. Da und dort lag ein Gasthof daran und begrenzten ihn Brachfelder. Paddy ist ein Feind der Vernderung; in Irland bleibt ja alles im Gleichen, selbst das Elend!... Um zehn Uhr hielt der Wagen im Dorfe Silton. Es war die Stunde der Messe. Die Glocke ertnte. Da stand sie noch immer, die alte, bescheidne, windschiefe, englische Kirche, in der die Doppeltaufe Findlings und des Tchterchens Murdocks stattgefunden hatte. Er trat mit den andern hinein. Weder der Geistliche, noch seine Assistenten oder ein andrer Kirchenbesucher erkannte ihn wieder. Whrend der Messe fragten sich die Leute, wer die Familie sei, von der kein Mitglied dem andern hnelte. Und whrend Findling seine Erinnerungen aus glcklicher und unglcklicher Zeit auffrischte, beteten Sissy, Grip und Bob dankbaren Herzens fr den, dem sie so viel Lebensglck verdankten. Nach einem Frhstck im besten Gasthofe von Silton rollte der Jaunting-car nach der drei Meilen entfernten Farm von Kerwan weiter. Findling wurden die Augen feucht auf diesem Wege, den er des Sonntags so oft mit Martine und Kitty und auch mit der Gromutter, wenn diese es konnte, gegangen war. Welch traurigen Anblick bot das verlassene Land! Ueberall Ruinen... mit Gewalt hergestellte Ruinen, die den vertriebenen Insassen das letzte Obdach vereiteln sollten. Da und dort fanden sie Maueranschlge mit der Bekanntmachung, da diese Farm, jene Htte oder ein Feld zu verpachten oder zu verkaufen sei. Doch wer htte hier kaufen oder pachten sollen, wo er sich nur das Unglck einhandeln konnte! Endlich, gegen eineinhalb Uhr, wurde die Farm von Kerwan sichtbar. Findlings Brust entrang sich ein Seufzer. Hier stand sie! murmelte er. Doch welch' entsetzlicher Anblick bot sich hier jetzt! Die Hecken niedergerissen, die Thr eingerammt, die Wirthschaftsgebude in Trmmern, der Hof furchtbar verwildert -- kurz, ein Bild trostlosester Zerstrung. Seit fnf Jahren hatten Regen, Schnee, Wind und Sonne ihr Werk gethan. Wie traurig sahen die kahlen Wnde der Zimmer aus, und erst das, wo Findling in der Nhe der Gromutter geschlafen hatte. Ja, das ist Kerwan! wiederholte er fter, doch es sah aus, als wagte er gar nicht einzutreten. Bob, Grip und Sissy hielten sich schweigend hinter ihm. Nur Birk lief unruhig hin und her und schnffelte am Boden hin... in ihm erwachten gewi auch Erinnerungen von vergangenen Zeiten.... Pltzlich bleibt der Hund stehen und erhebt den Kopf, seine Augen leuchten und er wedelt mit dem Schweife. Vor dem Thore steht eine Gruppe von Menschen -- vier Mnner, zwei Frauen und ein kleines Mdchen, alle in rmlicher Kleidung. Der lteste tritt heraus und nhert sich Grip, der seinem Alter nach die Hauptperson der Fremden zu sein scheint. Wir sind hierher, beginnt er, zu einem Zusammentreffen bestellt worden. Ohne Zweifel... waren Sie es... -- Ich? fllt Grip ein, der den Mann gar nicht kennt und ihn verwundert anstarrt. -- Ja. Als wir in Queenstown ans Land kamen, wurde uns eine Summe von hundert Pfund von der Rhederei ausgehndigt, die den Auftrag hatte, uns nach Tralee zu befrdern.... In diesem Augenblick schlug Birk mit lautem Freudengebell an und strmte unter tausend Freundschaftsbezeugungen auf die ltere der Frauen zu. Ach, ruft diese, das ist ja Birk... unser Hund Birk! Ich erkenne ihn wieder... -- Und mich erkennen Sie nicht, meine liebste Mutter Martine, sagt Findling, mich erkennen Sie nicht mehr? -- Er!... Ach, unser Kind! Die Feder vermag die Scene nicht zu schildern, die sich nun abspielte. Martin, Murdock, Pat und Sim pressen Findling in ihre Arme und er bedeckt Martine und Kitty mit heien Kssen. Dann hebt er das kleine Mdchen in die Hhe... er verzehrt sie fast mit seinen Kssen und stellt sie Bob, Sissy und Grip vor mit den Worten: Meine Jenny!... Mein Tchterchen! Nachher setzen sich alle auf die umherliegenden Trmmer. Die Mac Carthy's muten ihre beklagenswerthe Geschichte erzhlen. Nach der Austreibung hatte man sie nach Limerick gebracht, wo Murdock zu einigen Monaten Gefngni verurtheilt wurde. Nach Ablauf seiner Strafzeit hatte sich Martin mit den seinigen nach Belfast begeben, von wo sie ein Auswandrerschiff nach Australien befrderte. Pat, der seinen Beruf aufgab, war ihnen bald nachgekommen. Doch was hatten sie dann zu leiden gehabt, um schlielich... nichts zu erreichen! Nur zuweilen fanden sie, vereint oder auch einzeln, auf einer Farm, doch unter den schlechtesten Bedingungen, etwas Arbeit. Endlich, nach fnf Jahren, hatten sie jenes Land verlassen knnen, das gegen sie ebenso grausam gewesen war, wie der heimatliche Boden. Findling betrachtete die armen Leute mit tiefstem Seelenschmerz. Martin war stark gealtert, Murdock noch ebenso dster wie vorher, Pat und Sim herabgekommen von Anstrengungen und Entbehrungen, Martine kaum ein Schattenbild der lebensfrischen Hausfrau vor wenigen Jahren, Kitty geschwcht durch ein Fieber, das sie nicht verlie, und Jenny verkmmert durch die Leiden, die sie schon in so jungen Jahren erduldet hatte. Es war zum Herz zerbrechen! Sissy weinte mit den Frauen und Mgdlein und suchte sie zu trsten. Ihr Unglck hat nun ein Ende, Frau Martine, wie das unsrige schon lange... und Dank Ihrem Adoptivkinde... -- Er? rief Martine verwundert. Was vermchte er...? -- Du, mein Junge? fragte auch Martin. Findling war auer Stande zu antworten; ihm raubte die Erregung den Athem. Warum hast Du uns nach dieser Stelle verlangt, die uns an die traurigste Vergangenheit mahnt? fragte Murdock. Was sollen wir hier, wo wir so lange und so schwer gelitten haben? Findling, warum erwecktest Du uns diese traurigen Erinnerungen? Dieselbe Frage lag wohl auf aller Lippen, auch auf denen Sissys, Grips und Bobs. Warum? antwortete er, sich mhsam beherrschend. Kommt alle, mein Vater, meine Mutter, meine Brder, kommt mit mir! Sie folgten ihm nach der Mitte des Hofes. Hier erhob sich inmitten von wildem Gebsch und Brombeergestruch eine kleine grnende Tanne. Jenny, redete er das kleine Mdchen an, siehst Du diesen Baum?... Ihn hab' ich am Tage Deiner Geburt gepflanzt. Er ist jetzt, wie Du, acht Jahre alt. Kitty, die dabei an die Zeit dachte, wo sie so glcklich gewesen war und auf die Andauer dieses Glcks bauen zu knnen glaubte, schluchzte vor Schmerz. Jenny... mein liebes Kind, fuhr Findling fort, Du siehst auch dieses Messer... Er hatte dabei ein Messer aus seinem Grtel gezogen. Das war das erste Geschenk, das mir Gromutter machte... Deine Urgromutter, die Du kaum gekannt hast.... Bei Erwhnung dieses Namens hier inmitten der Trmmer wollte Martin, seiner Gattin und seinen Kindern fast das Herz zerspringen. Jenny, fuhr Findling fort, nun nimm dieses Messer und grabe damit die Erde am Fue der Tanne auf. Ohne ihn ganz zu verstehen, kniete das Kind nieder, entfernte das Strauchwerk und hhlte ein Loch an der bezeichneten Stelle aus. Bald stie das Messer auf einen harten Gegenstand. Hier befand sich die Steinkruke, die unter der Erdschicht ganz gut erhalten war. Hebe das Gef heraus, Jenny, und ffne es! Das Mgdlein that, wie ihr geheien, und alle sahen ihr in erwartungsvollem Schweigen zu. Als die Kruke geffnet war, bemerkte man darin eine Anzahl Kieselsteine, wie sie zahlreich im Bette des benachbarten Cashen lagen. Herr Martin, begann nun Findling, erinnern Sie sich wohl?... Jeden Abend, wenn Sie mit mir zufrieden gewesen waren, gaben Sie mir einen solchen Stein.... -- Ja, mein Sohn; es kam aber kein Tag, an dem Du keinen davon erhalten httest. -- Sie geben die Zeit an, die ich in der Farm von Kerwan zugebracht habe. Jetzt zhle sie, Jenny. Du kannst doch zhlen, nicht wahr? -- O, gewi! versicherte das kleine Mdchen. Nach lngerer Arbeit rief sie laut: Fnfzehnhundertundvierzig. -- Richtig, besttigte Findling. Das ergiebt ber vier Jahre, Jenny, die ich in Deiner Familie, die auch die meinige geworden war, zugebracht habe. -- Und diese Kieselsteine, lie sich Martin, die Augen niederschlagend, vernehmen, sind der einzige Lohn, den Du je von mir erhalten hast... diese Steine, die ich einst in Schillinge umzuwechseln hoffte.... -- Und die sich fr Sie, mein guter Vater, in Guineen verwandeln sollen! Weder Martin noch einer der Seinigen konnten glauben, konnten begreifen, was sie eben hrten. Ein solches Vermgen! War Findling denn bei Sinnen? Sissy erkannte diesen Gedanken ganz und sagte sogleich: Nein, liebe Freunde, sein Herz ist ebenso gesund wie sein Geist, und hier hat sein Herz gesprochen. -- Ach, mein Vater Martin, meine Mutter Martine, meine Brder Murdock, Pat und Sim, und Du, Kitty, und Dein Tchterchen, ja, ich fhle mich hochbeglckt, Euch einen Theil des Guten, das Ihr mir erwiesen habt, zurckerstatten zu knnen. Dieser Grund und Boden ist zu verkaufen. Ihr werdet ihn erwerben und erbaut die Farm von neuem. An den nthigen Mitteln soll es nicht fehlen. Spter braucht Ihr keinen herzlosen Harbert mehr zu frchten. Ihr wohnt dann auf eigner Scholle... seid Eure eignen Herren! Findling berichtete nun ber sich selbst, seit dem Tage, wo er von der Farm von Kerwan weinend weggeschlichen war, und in welchen Verhltnissen er sich jetzt befnde. Die Summe, die er der Familie Mac Carthy zur Verfgung stellte, diese Summe in Guineen -- so viele wie Kieselsteine gezhlt waren -- belief sich auf fnfzehnhundertundvierzig Pfund Sterling -- fr arme Irlnder ein groes Vermgen. Vielleicht war es zum ersten Male, da auf diesen so oft von Schmerzensthrnen begossenen Erdboden warme Thrnen der Freude und Dankbarkeit niederrieselten. * * * * * Die Familie Mac Carthy verweilte die drei Osterfeiertage mit Findling, Bob, Sissy und Grip in Silton und nach rhrendem Abschied kehrten die letzteren nach Dublin zurck, wo sich am Morgen des 11. April der Bazar wieder aufthat. Ein Jahr verstrich, das Jahr 1887, das als eines der glcklichsten im Leben dieser kleinen Welt gelten konnte. Der junge Kaufmann war nun sechzehn Jahre alt. Sein Glck war gemacht. Der Erfolg der Speculation mit der Doris hatte selbst O'Brien's Erwartungen weit bertroffen, und das Capital von Little Boy and Co. belief sich jetzt auf zwanzigtausend Pfund Ein Theil dieses Vermgens gehrte zwar dem Ehepaar Grip und ein Theil Bob, den Gesellschaftern der Firma Zum kleinen Geldbeutel, alle bildeten am Ende aber nur eine einzige Familie. Die Mac Carthy's hatten, nach vortheilhafter Erwerbung von zweihundert Acres Land, die Farm wieder aufgebaut und eingerichtet, auch den Viehbestand aufs neue angeschafft. Es bedarf wohl kaum der Erwhnung, da sie mit der Behaglichkeit und dem unerwarteten Glck auch Krfte und Gesundheit wieder erlangt hatten. Bei Irlndern, die so lange unter der Geiel des Landlordismus geseufzt hatten und die jetzt nur fr sich, nicht mehr fr einen unerbittlichen Herrn schafften und wirkten, ist das ja kein Wunder zu nennen. Findling aber vergit nicht und wird es nicht vergessen, da er ihr Adoptivkind ist, und es knnte sich eines Tages wohl ereignen, da er sich mit ihnen noch durch engere, zartere Bande verknpfte. Jenny geht in ihr zehntes Jahr, sie verspricht ein sehr hbsches Mdchen zu werden.... Doch sie ist ja so gut wie seine Tochter, wird der freundliche Leser einwerfen. Nun, doch nicht im strengen Sinne des Wortes; warum also nicht?... _Ende._ Funoten [1] Eine unter dem Eide gleichwerthiger Bekrftigung bei Gericht niederzulegende Urkunde meist ber die Tatsachen eines Vorfalles, der gerichtlich verfolgt werden soll. [2] Licht, mein Herr... Licht! (d.h. nmlich: Feuer). [Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Das Inhaltsverzeichnis ist im Original am Buchende und wurde an den Buchanfang verschoben. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen nderungen befindet sich hier am Ende dieses Textes. nderungen Seitenzahl originaler Text genderter Text Seite 5 der Kalesche verlassen zu haben. Laird hat uns an die die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat uns an der Seite 15 zwischen der Bai von Bantry und Yougal-Haven zwischen der Bai von Bantry und Youghal-Haven Seite 16 so konnte man dem Lord Piborne dagegen so konnte man den Lord Piborne dagegen Seite 19 und jeder Laut von wei her hrbar und jeder Laut von weither hrbar Seite 44 Wagen waren ihn ja bei Galway Wagen waren ihm ja bei Galway Seite 77 der Hund sich dem jetzt berwachten Wirthschaftsgebuden der Hund sich den jetzt berwachten Wirthschaftsgebuden Seite 86 hielten dann die entgegengesetzte Richtung ein hielten dann die entgegengesetzte Richtung ein. Seite 100 und dahin kann man mit mittelst rascher Dampffhre und dahin kann man mittelst rascher Dampffhre Seite 111 die das Stck soger mit sechs Pence verkauft die das Stck sogar mit sechs Pence verkauft Seite 122 in der erbrmlichen Ragged School gelebt hatten in der erbrmlichen Ragged-School gelebt hatten Seite 136 Warum htten sei auch die so eintrgliche Landreise Warum htten sie auch die so eintrgliche Landreise Seite 142 bertrifft es hierin sogar Brigthon bertrifft es hierin sogar Brighton abgeschlossene Bai von Killircey fluthet abgeschlossene Bai von Killiney fluthet die Umrisse der Walliser Berge die Umrisse der Waliser Berge Seite 157 Seid wann seid Ihr denn in Dublin? Seit wann seid Ihr denn in Dublin? Seite 159 da er jetzt ein Capital von hundertfnzig Pfund da er jetzt ein Capital von hundertfnfzig Pfund Seite 176 nahm er wieder des Wort nahm er wieder das Wort Seite 182 seinen jungen Abmiether mehr Zuversicht einzuflen seinem jungen Abmiether mehr Zuversicht einzuflen Seite 186 mit nach Cork nehmen, wo wo Ihr beide so tchtig mit nach Cork nehmen, wo Ihr beide so tchtig Seite 207 Sissy gerade lchelnd durch den Laden gieng Sissy gerade lchelnd durch den Laden ging Ich glaubte, Du wolltest fnf Monate sagen Ich glaubte, Du wolltest fnf Monate sagen. Seite 217 da alles in gleicher Weise fortgienge da alles in gleicher Weise fortginge Seite 219 noch heute Adend nach Londonderry zu fahren noch heute Abend nach Londonderry zu fahren Seite 233 von zwei Boten ins Schlepptau genommen von zwei Booten ins Schlepptau genommen Seite 234 Im nchsten Angenblick befand sich Findling Im nchsten Augenblick befand sich Findling Seite 241 Whrend Sissy noch Toiletet machte Whrend Sissy noch Toilette machte Seite 244 schlug Birk mit lautem Freudengebell an strmte schlug Birk mit lautem Freudengebell an und strmte] End of Project Gutenberg's Der Findling. Zweiter Band., by Jules Verne License: Share Alike