Produced by K.F. Creiner and the Online Distributed Proofreading Team. Robur der Sieger von Julius Verne. Bibliographische Anstalt Adolph Schumann. Leipzig Julius Verne's Reiseromane. Band 51. [Hinweis: Andere bersetzungen des Romans "Robur-le-Conqurant" erschienen unter dem Titel "Robur der Eroberer".] I. Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath wei, wie die ungelehrte. Paff! ... Paff! Zwei Pistolenschsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche eben in der Entfernung von fnfzig Schritten vorber trabte, bekam eine Kugel in's Rckgrat ... und sie ging die Sache doch gar nichts an. Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden. Wer waren jene beide Herren? Niemand wei es, und gerade hier wre ja Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu berliefern. Es lt sich ber sie nichts weiter sagen, als da der ltere ein Englnder, der jngere Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter lt sich die Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkuer eben sein letztes Grasbndelchen abgeweidet hatte; diese ist nmlich am rechten Ufer des Niagara und unweit der Hngebrcke zu suchen, welche drei Meilen unterhalb der berhmten Flle das canadische Ufer mit dem amerikanischen verbindet. Der Englnder schritt jetzt auf den Amerikaner zu. "Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, da es die Melodie Rule Britannia war, sagte er. -- Nein, der Yankee Doodle!" versetzte der Andere. Der Streit schien auf's Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der Zeugen -- ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehs -- mit den Worten einmischte: "Nehmen wir an, es wre der Rule Doodle und der Yankee Britannia gewesen und begeben wir uns nun zum Frhstck." Dieses Compromi zwischen den beiden Nationalgesngen Amerikas und Grobritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. Lngs des linken Niagara-Ufers zurckwandelnd, beeilten sich Amerikaner und Englnder, an der einladenden Tafel des Htels auf Goat Island -- einem neutralen Gebiete zwischen den beiden Fllen -- Platz zu nehmen. Whrend ihrer Beschftigung mit gekochten Eiern und dem landesblichen Schinken mit kaltem Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast brennenden Pickles und mit Hochfluthen von Thee, welche die weltbekannten Wasserflle eiferschtig machen knnten, wollen wir sie nicht weiter stren, zumal kaum anzunehmen ist, da von ihnen im Laufe dieser Erzhlung noch ferner die Rede sein wird. Wer hatte nun Recht -- der Englnder oder der Amerikaner? Es wre schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert jenes Duell den Beweis fr die leidenschaftliche Erregung der Geister nicht allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar ber ein Ereigni oder eine unerklrliche Erscheinung, welche seit etwa einem Monate alle Kpfe verwirrte. ... Os sublime dedit coelumque tueri hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gesungen. In der That hatte man seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals den Himmel so vielfach betrachtet. Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nmlich eine Trompete aus der Luft ihre metallenen Tne herabgeschmettert ber denjenigen Theil von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See ausdehnt. Die Einen hatten daraus den Yankee Doodle, die Anderen das Rule Britannia zu hren vermeint, daraus entstand auch obiger angelschsische Zweikampf, der mit dem Frhstck auf Goat Island endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere Nationalgesang gewesen; nur darber herrschte bei Niemand ein Zweifel, da die betreffenden Tne die Eigenthmlichkeit gehabt hatten, als schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen. Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder ein Erzengel geblasen htte? ... Waren es nicht vielmehr lustige Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von dem die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem Ballon, von Luftschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen Himmelsregionen vollzog sich ein auergewhnliches Ereigni, dessen Natur und Ursprung kein Mensch zu entrthseln vermochte. Heute zeigte sich dasselbe ber Amerika, vierundzwanzig Stunden spter ber Europa, acht Tage spter in Asien ber dem Himmlischen Reiche. Wenn die Trompete, welche das Vorberziehen jener Erscheinung ankndigte, nicht die des Jngsten Gerichtes war, welche, ja, welche war es dann? In allen Landen der Erde, in Knigreichen wie in Republiken, entstand deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mute. Vernimmt Einer in seinem Hause eigenthmliche und unerklrliche Gerusche, wrde er nicht schnellstens die Ursache derselben zu ermitteln suchen, und wenn das vergeblich wre, wrde er nicht sein Haus verlassen, um ein anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war das Haus freilich die Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu verlassen und etwa mit dem Monde, Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen Planeten des Sonnensystems zu vertauschen. Es galt demnach unbedingt, aufzuklren, was im unendlichen leeren Raume, doch innerhalb der Erdatmosphre, vorging. Ohne Luft ist ja ein Gerusch unmglich, und da man hier ein solches vernahm -- immer jene fast sagenhafte Trompete -- mute die Erscheinung auch in der Lufthlle stattfinden, deren Dichtigkeit sich nach oben zu immer mehr vermindert und die sich ber unserem Sphroid nur wenige Meilen hoch verbreitet. Natrlich bemchtigten sich die Tagesbltter der vorliegenden Frage, behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, beleuchteten oder verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre Thatsachen, erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Hhe ihrer Auflage -- und wiegelten endlich die schon halb verwirrten Massen nicht wenig auf. Welch' Wunder! Die Politik hatte den Laufpa erhalten und die Geschfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber um was handelte es sich berhaupt? Man befragte alle groen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese keine Antwort gaben, wozu ntzten dann solche Observatorien eigentlich? Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von hunderttausend Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei Sternen aufzulsen vermgen, nicht im Stande waren, den Ursprung einer kosmischen Erscheinung zu ergrnden, die nur wenige Kilometer ber ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen? Man konnte auch in der That kaum schtzungsweise angeben, wie viel Teleskope, Brillen, Fernrhre, Lorgnetten, Binocles und Monocles whrend der schnen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, noch wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art und Vergrerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, und das ist nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament mit unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zhlt. Nein, noch keiner, auf allen Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten Sonnenfinsterni hatte man solche Ehre angethan! Die Observatorien antworteten, aber unzulnglich. Jedes gab seine Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so da sich daraus whrend der letzten Wochen des April und der ersten des Mai ein wirklicher Brgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte. Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurckhaltend. Keine seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung fr mathematische Astronomie hatte man es fr unter seiner Wrde gehalten, Beobachtungen anzustellen; in der fr die Meridianmessung hatte man nichts entdeckt; in der fr physikalische Beobachtungen hatte man nichts wahrgenommen; in der fr Geodsie nichts bemerkt; in der fr Meteorologie war Niemand etwas aufgefallen; in der fr die Berechnungen hatte man nichts gesehen. Das war wenigstens ein offenes Gestndni. Dieselbe Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis, wie die magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor der Wahrheit bewies das Lngenbureau. Nun ja, Frankreich heit ja das Land, wo man "frank", d. h. offen spricht. Die Provinz war etwas entschiedener in ihrer Aeuerung. Etwa in der Nacht zwischen dem 6. und 7. Mai hatte sich ein Lichtschein elektrischen Ursprunges gezeigt, der 20 Secunden nicht berdauerte. Am Pic-Du-Midi war derselbe zwischen 9 und 10 Uhr Abends beobachtet worden; im meteorologischen Observatorium des Puy-de-Dme hatte man ihn zwischen 1 und 2 Uhr Morgens bemerkt; auf dem Mont Ventoux in der Provence zwischen 2 und 3 Uhr; in Nizza zwischen 3 und 4 Uhr; auf den Semnoz-Alpen endlich zwischen Annecy, le Bourget und dem Genfer See im Augenblicke, als der Tagesschimmer sich eben bis zum Zenith erhob. Offenbar konnte man diese Beobachtungen unmglich in Bausch und Bogen verwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, da der Lichtschein an verschiedenen Punkten, und zwar im Verlauf einiger Stunden, wahrgenommen worden war. Derselbe ging also entweder von mehreren Herden aus, die sich durch die Erdatmosphre hinbewegten, oder, wenn er nur einem einzigen solchen angehrte, so mute dieser sich mit einer Schnelligkeit fortbewegen, welche nahezu 200 Kilometer in der Stunde erreichte. Hatte man denn aber im Laufe des Tages niemals etwas Besonderes in der Luft bemerkt? Nein, niemals. Erklang nicht wenigstens jene Trompete einmal durch die Luftschichten? Nein, zwischen Aufgang und Untergang der Sonne hatte man nicht den leisesten Ton gehrt. Im vereinigten Knigreich Grobritannien wute man nicht mehr aus, noch ein. Die Observatorien gelangten zu keinerlei Uebereinstimmung. Greenwich konnte sich nicht mit Oxford verstndigen, obwohl Beide die Behauptung aufstellten, "an der ganzen Sache sei nichts". "Eine Gesichtstuschung! meinte das Eine. -- Eine Gehrstuschung!" erwiderte das Andere. Darber lagen sie im Streit; auf eine Tuschung lief es jedoch allemal hinaus. Die Verhandlungen zwischen den Sternwarten zu Berlin und der zu Wien drohten zu internationalen Verwicklungen zu fhren. Ruland bewies ihnen in der Person des Vorstehers seiner Sternwarte zu Pulkowa, da sie Beide Recht htten, das hnge nur von den Gesichtspunkten ab, auf die sie sich bezglich Bestimmung der Natur jener Erscheinung stellten, die in der Theorie unmglich schien und in der Praxis mglich war. In der Schweiz, auf der Sternwarte zu Sntis, im Canton Appenzell, auf dem Rigi, im Gbris, in den Beobachtungsstationen des St. Gotthard, St. Bernhard, des Julier, des Simplon, in denen von Zrich und des Sonnblick in den Hohen Tauern, befleiigte man sich einer ganz besonderen Zurckhaltung gegenber einer Thatsache, die bisher Niemand zu bekrftigen vermocht hatte -- was gewi recht vernnftig zu nennen ist. In Italien dagegen, auf den meteorologischen Stationen des Vesuvs und des Aetna, welch' letztere sich in der alten Casa Inghlese befindet, wie auf dem Monte Cavo, zgerten die Beobachter nicht im geringsten, die Wirklichkeit jener Erscheinung anzuerkennen, und das auf Grund des Umstandes, da sie dieselbe einmal am Tage in Form eines kleinen Dampfwlkchens und einmal in der Nacht in Gestalt einer Sternschnuppe hatten wahrnehmen knnen. Ueber die eigentliche Natur derselben wuten sie freilich ebenfalls nichts. In der That begann dieses Geheimnis allmhlich die Vertreter der Wissenschaft zu ermden, erregte dagegen und erschreckte desto mehr die Einfltigen und Unwissenden, welche, Dank einem hochweisen Naturgesetze, von jeher in dieser Welt die ungeheure Mehrzahl gebildet haben, noch bilden und in aller Zukunft bilden werden. Die Astronomen und Meteorologen hatten also schon darauf verzichtet, sich mit der Sache zu beschftigen, als in der Nacht vom 26. zum 27. auf der Sternwarte zu Cantokeino in Finnland, in Norwegen, in der Nacht vom 28. zum 29. auf der des Isfjord und auf Spitzbergen, die Norweger auf einer und die Schweden auf der anderen Seite in der Anschauung bereingestimmt hatten, da inmitten einer Art Nordlichtscheines etwas wie ein gewaltiger Vogel oder ein Luftungeheuer sichtbar gewesen sei. War es auch nicht gelungen, dessen Structur genauer zu bestimmen, so unterlag es doch keinem Zweifel, da derselbe kleine Krper ausgeworfen habe, welche gleich Bomben mit einem Knalle zersprangen. In Europa neigte man wohl dazu, die Beobachtungen der Stationen von Finnmarken und Spitzbergen nicht anzuzweifeln. Ganz besonders merkwrdig erschien freilich, da die Schweden und die Norweger doch einmal ber einen Punkt einig zu sein schienen. Man lachte und spottete ber die angebliche Entdeckung auf allen Sternwarten Sdamerikas, in Brasilien und Peru, ebenso wie in La Plata, auf denen von Australien, in Sidney, Adelaide, wie in Melbourne, und das australische Lachen ist bekanntlich sehr ansteckend. Nur ein einziger Vorsteher einer meteorologischen Station verhielt sich zustimmend bei dieser Frage, trotz der Sptteleien, welche seine Erklrung derselben hervorrufen mochte. Das war ein Chinese, der Director der Sternwarte zu Zi-Ka-Wey, die sich inmitten einer ausgedehnten Ebene, mindestens zehn Lieues vom Meere, erhebt und welche bei ungemeiner Klarheit der Luft ein grenzenlos weiter Horizont umschliet. "Es knnte ja sein, sagte er, da der Gegenstand, um den es sich handelt, ein besonders construirter Apparat, eine fliegende Maschine wre." Welcher Scherz! Waren die vielfachen Widersprche nun schon in der Alten Welt sehr lebhaft, so begreift man leicht, wie sie sich in jenem Theile der Neuen Welt gestalten muten, von dem die Vereinigten Staaten das weitaus grte Gebiet einnehmen. Ein Yankee liebt bekanntlich keine Umwege -- er whlt gewhnlich den, der am schnellsten zum Ziele fhrt. So zgerten auch die amerikanischen Bundesstaaten nicht im mindesten, ihre Ansichten gegenseitig auszusprechen. Wenn sie sich dabei nicht gleich die Objective ihrer Fernrohre an den Kopf warfen, so kam das nur daher, da sie dieselben jetzt, wo sie gerade am meisten gebraucht wurden, erst htten wieder ersetzen mssen. In dieser so viel Staub aufwirbelnden Frage standen die Sternwarten von Washington im District Columbia und die von Cambridge im Staate Duna denen des Darmouth-Collegs in Connecticut und von Ann-Arbor in Michigan feindlich gegenber. Ihr Streit betraf brigens nicht die Natur des beobachteten Krpers, sondern die genaue Zeit der Beobachtung, denn Alle behaupteten, ihn in derselben Nacht, zu derselben Stunde, zur gleichen Minute und Secunde wahrgenommen zu haben, obwohl die Flugbahn des geheimnivollen Wanderers der Lfte nur in miger Hhe ber dem Horizont liegen sollte. Von Connecticut bis Michigan, von Duna nach Columbia ist aber die Entfernung eine so groe, da eine doppelte Beobachtung zu ein und demselben Zeitpunkt als unmglich angesehen werden konnte. Dudley in Albany, Staat New-York, und West-Point, die Militrakademie, gaben allen ihren Collegen Unrecht in einer Zuschrift, welche die gerade Aufsteigung und die Declination des bewuten Krpers bestimmte. Spter stellte sich jedoch heraus, da diese Beobachter einem Irrthume unterlegen waren und da der betreffende Krper nur eine Feuerkugel gewesen war, welche durch die mittleren Luftschichten hinblitzte. Um diese Feuerkugel handelte es sich aber offenbar nicht. Wie knnte auch eine solche Feuerkugel eine Trompete geblasen haben? Was nun die erwhnte Trompete anging, versuchte man vergeblich deren schmetternden Ton als eine einfache Gehrstuschung hinzustellen. Jedenfalls hatten sich bei dieser Gelegenheit die Ohren der Leute ebenso wenig getuscht, wie deren Augen. Unzhlige Beobachter hatten vielmehr entschieden etwas gesehen und gleichzeitig gehrt. In der sehr dunklen Nacht -- vom 12. zum 13. Mai -- war es den Beobachtern des Yale-Collegs an der Hochschule von Sheffield sogar gelungen, einige Tacte eines musikalischen Satzes in A-dur und im Viervierteltacte in Noten zu fixiren, welche vollkommen mit einem Theile der Melodie des bekannten Chant du dpart -- eines Soldatenliedes beim Auszug zum Kampfe -- bereinstimmten. "Sehr schn! riefen dazu die Witzbolde, da htten wir ja ein franzsisches Orchester, das seine Weisen mitten in der Luft ertnen lt!" Scherzen heit aber nicht antworten. Diese Bemerkung machte auch das von der Atlantic Iron Works Company gegrndete Observatorium zu Boston, dessen Anschauungen in Fragen der Astronomie und Meteorologie fr die gelehrte Welt allmhlich schon die Bedeutung von Gesetzen gewannen. Ferner gab auch noch das, Dank der Freigebigkeit des Mr. Kilgoor im Jahre 1870 auf dem Berge Lookout entstandene Observatorium von Cincinnati eine Erklrung ab, jenes Institut, das sich durch seine mikrometrischen Messungen der Doppelsterne so vortheilhaft bekannt gemacht hat. Sein Director sprach sich in vollem guten Glauben dahin aus, da den weitverbreiteten Gerchten unzweifelhaft etwas zu Grunde liege, da sich zu nahe aneinanderliegenden Zeiten an sehr verschiedenen Stellen in der Atmosphre ein in Bewegung befindlicher Krper zeige, da ber dessen Natur, Grenverhltnisse, Geschwindigkeit und Flugbahn aber kein Urtheil mglich sei. Da erhielt ein Journal von allergrter Verbreitung, der New-York Herald, von einem Abonnenten folgende anonyme Mittheilung: "Noch drfte der Wettkampf unvergessen sein, der vor einigen Jahren herrschte zwischen den beiden Erben der Begum von Ragginahra, dem franzsischen Arzt Sarrasin in seiner Stadt Franceville und dem deutschen Ingenieur Herrn Schulze in seiner Stadt Stahlstadt, welche Beide im sdlichen Theile von Oregon, Vereinigte Staaten, angelegt waren. "Man kann auch nicht vergessen haben, da Herr Schulze in der Absicht, Franceville zu zerstren, ein ungeheures Gescho, schon mehr eine Maschine, auf letztere Stadt schleuderte, welche dieselbe mit einem Schlage vernichten sollte. "Noch weniger kann der Vergessenheit verfallen sein, da dieses Gescho, dessen Anfangsgeschwindigkeit beim Verlassen der Mndung der Monstrekanone falsch berechnet war, mit einer sechzehnmal greren Geschwindigkeit, als gewhnliche Geschosse -- nmlich fnfundsiebzig bis achtzig geographische Meilen in der Stunde -- hinweg getragen wurde, da es auf die Erde nicht niedergefallen ist und nach seinem Uebergang in den Zustand etwa einer Feuerkugel noch jetzt um unseren Planeten kreist und in alle Ewigkeit kreisen mu. "Warum sollte dieses Riesengescho, dessen Vorhandensein nicht anzuzweifeln ist, nicht der in Frage stehende Krper sein?" Das war ja recht scharfsinnig von dem Abonnenten des New-York Herald ... aber die Trompete ...? In dem Projectil des Herrn Schulze hatte sich bestimmt keine Trompete befunden. Alle bisherigen Erklrungen erklrten also nichts, alle Beobachter beobachteten einfach falsch. Es blieb sonach nur noch die von dem Director von Zi-Ka-Wey aufgestellte Hypothese. Aber, mein Gott, der Mann war ja Chinese! Man darf nicht etwa glauben, da sich der Bevlkerung der Alten und der Neuen Welt endlich ein gewisser Ueberdru bemchtigt htte. Im Gegentheil, die Errterungen dauerten in gleicher Lebhaftigkeit fort, ohne da irgendwo eine Uebereinstimmung erzielt wurde. Gleichwohl trat einmal eine Art Pause ein. Es vergingen nmlich einige Tage, ohne da etwas von dem fraglichen Gegenstande, von der Feuerkugel oder was es sonst war, gemeldet wurde und ohne da sich der bekannte Trompetenton aus der Luft hren lie. War jener Krper also irgendwo auf die Erde niedergefallen, vielleicht an einem Punkte, der sein Wiederauffinden besonders erschwerte -- etwa gar in's Meer? Lag er jetzt in der unendlichen Tiefe des Atlantischen, des Pacifischen oder des Indischen Oceans? Wer htte das sagen knnen? Da vollzog sich aber zwischen dem 2. und dem 9. Juni eine neue Reihe von Thatsachen, deren Erklrung durch die Annahme eines rein kosmischen Phnomens schlechterdings unmglich war. Im Laufe jener acht Tage fand man nmlich auf den entlegensten Punkten eine Fahne gerade an den schwerst zugnglichen Stellen von Kirchen u. s. w. befestigt; so wurden die Hamburger berrascht durch eine solche an der Spitze des Thurmes von St. Michael, die Trken auf dem hchsten Minaret der heiligen Sophien-Moschee, die Einwohner von Rouen an der Spitze des metallenen Pfeiles ihrer Kathedrale, die Straburger am obersten Punkte des Mnsters, die Amerikaner auf dem Kopfe ihrer Bildsule der Freiheit am Eingange des Hafens und am Gipfel des Washington-Denkmals in Boston, die Chinesen an der Spitze des Tempels der fnfhundert Geister in Canton, die Hindus am sechzehnten Stockwerk der Pyramide des Tempels zu Tanjur, die Rmer am Kreuze des St. Peters-Domes, die Englnder am Kreuz der St. Pauls-Kirche in London, die Egypter an der obersten Spitze der Pyramide von Gizeh, die Wiener an dem Reichsadler auf der Spitze des St. Stephansthurmes, die Pariser am Blitzableiter des dreihundert Meter hohen eisernen Thurmes der Ausstellung von 1889 und noch andere mehr. Diese Fahne aber zeigte ein schwarzes Flaggentuch, das in der Mitte eine goldene Sonne und ringsum verstreut einzelne Sterne enthielt. II. In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander streiten, ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen. "Und der Erste, der das Gegentheil behauptet ... -- Oho, das wird man behaupten, wenn ein Grund dafr vorliegt! -- Und auch trotz Ihrer Drohungen! ... -- Achten Sie auf Ihre Worte, Bat Fyn! -- Und Sie auf die Ihrigen, Onkel Prudent! -- Ich bleibe dabei, da sich die Schraube nur am Hintertheil befinden darf! -- Wir auch! Wir auch! erschallten fnfzig Stimmen wie aus einer Kehle. -- Sie mu am Vordertheil sein! rief Phil Evans. -- Am Vordertheil! brllten fnfzig andere Stimmen eben so stark, wie jene frheren. -- Wir werden nie zu ein und derselben Ansicht kommen! -- Niemals! ... Niemals! -- Nun, warum streiten wir dann berhaupt noch? -- Das ist kein Streit ... es ist nur eine Errterung!" Das htte freilich kein Mensch geglaubt, der die scharfe Entgegnung, die Vorwrfe und das Geschrei hrte, welche den Sitzungssaal seit einer guten Viertelstunde erfllten. Gedachter Saal war nmlich der grte des Weldon-Institutes ... und jenes vor allen berhmten Clubs in der Walnut Street zu Philadelphia, Pennsylvanien, Vereinigte Staaten von Nordamerika. In genannter Stadt war es erst am Vortage bei Gelegenheit der Wahl eines Gaslaternenanznders zu ffentlichen Kundgebungen, geruschvollen Versammlungen und zu reichlich ausgetheilten Schlgen gekommen. Daher rhrte eine noch nicht besnftigte Reizbarkeit und stammte wohl auch jene auergewhnliche Erregung, welche die Mitglieder des Weldon-Instituts eben zeigten. Und hierbei handelte es sich nur um eine einfache Vereinigung von "Ballonisten", welche ber die noch heutigen Tages brennende Frage der Lenkbarkeit der Ballons verhandelten. Der Vorgang aber spielte sich in einer Stadt der Vereinigten Staaten ab, welche an schneller Entwickelung selbst New-York, Chicago, Cincinnati und San Francisco berholt hat -- einer Stadt, welche weder ein Hafenplatz, noch der Mittelpunkt von Petroleum- oder Steinkohlenbergwerken, auch kein Brennpunkt der Industrie, so wenig wie der Kreuzungspunkt eines vielstrahligen Bahnnetzes ist -- in einer Stadt, die an Gre schon Manchester, Edinburgh, Liverpool, Wien, Petersburg und Dublin bertrifft -- einer Stadt, die einen Park besitzt, in dem die sieben Parks der Hauptstadt von England zusammen Platz finden -- einer Stadt endlich, welche jetzt nahezu 1,200.000 Einwohner zhlt und sich nach London, Paris, New-York und Berlin als die fnfte Stadt der Welt betrachtet. Philadelphia ist fast eine Stadt aus Marmor mit seinen vielen monumentalen Gebuden und ffentlichen Anstalten, welche ihres Gleichen nirgends finden. Das bedeutendste aller Collegs der Neuen Welt ist das Colleg Girard, und das hat seinen Sitz in Philadelphia. Die grte Eisenbrcke der Erde ist die, welche den Schuylkill berspannt, und diese befindet sich in Philadelphia. Der schnste Tempel der Freimaurerei ist der Maurertempel in Philadelphia; endlich besteht der grte Club von Freunden und Befrderern der Luftschifffahrt ebenfalls in Philadelphia, und wer Gelegenheit gehabt htte, diesen am Abend des 12. Juni zu besuchen, der wrde sich dabei ausgezeichnet unterhalten haben. In erwhntem groen Saale bewegten, drngten sich, gestikulirten, sprachen, verhandelten und stritten -- Alle den Hut auf dem Kopfe -- wohl hundert Ballonisten unter dem hohen Vorsitz eines Prsidenten, dem ein Schriftfhrer und ein Schatzmeister zur Seite standen. Es waren das keine Ingenieurs von Fach; nein, einfache Liebhaber alles Dessen, was mit der Aerostatik in Beziehung stand, aber begeisterte Liebhaber, und vor Allem Feinde Derjenigen, welche den Aerostaten Apparate, "schwerer als die Luft", fliegende Maschinen, Luftschiffe u. dgl. entgegenzustellen beabsichtigen. Da diese wackeren Leute nimmermehr die Lenkbarkeit des Ballons erfinden wrden, war gewi mehr als wahrscheinlich. Auf jeden Fall hatte ihr Vorsitzender Noth genug, um sie selbst gehrig zu lenken und zu leiten. Dieser in Philadelphia sattsam bekannte Prsident war der Onkel Prudent -- Prudent seinem Familiennamen nach. Was die weitere Bezeichnung "Onkel" betrifft, so braucht man sich in Amerika ber diese nicht zu wundern, wo Jeder zum Onkel werden kann, ohne einen Neffen oder eine Nichte zu haben. Man sagt dort ebenso Onkel, wie anderwrts Vater von Leuten, welche auf eine Vaterschaft nicht den geringsten Anspruch haben. Onkel Prudent war eine gewichtige Persnlichkeit und trotz seines Namens oft genannt gerade wegen seiner Khnheit, daneben sehr reich, was selbst in den Vereinigten Staaten nicht von Nachtheil sein soll. Wie htte er das auch nicht sein sollen, da er einen groen Theil der Niagarafall-Actien sein eigen nannte? Jener Zeit hatte sich nmlich in Buffalo eine Gesellschaft von Ingenieuren zur Ausbeutung der berhmten Flle gegrndet. Die 7500 Cubikmeter, welche der Niagara jede Secunde hinabwlzt, knnen 7 Millionen Dampfpferdekrfte erzeugen. Diese ungeheure, in einem Umkreise von 500 Kilometer nach allen Fabriken und Werksttten vertheilte Kraftmenge lieferte eine jhrliche Ersparni von 1200 Millionen Mark, von dem ein Theil in die Cassen der Gesellschaft -- speciell in die Taschen des Onkel Prudent -- zurckflo. Uebrigens war er Junggeselle, lebte hchst einfach und hatte als huslichen persnlichen Beistand niemand Anderen, als seinen Diener Frycollin, der eigentlich am allerwenigsten verdiente, im Dienste eines so khnen, unternehmenden Herrn zu stehen. Aber es giebt einmal Regelwidrigkeiten. Da der Onkel Prudent Freunde hatte, da er so reich war, versteht sich ja von selbst; aber er hatte auch Feinde, weil er Vorsitzender jenes Clubs war -- unter Allen alle die, welche selbst nach diesem Amte strebten; und als der hitzigsten Einer ist hier der Schriftfhrer des Weldon-Institutes zu erwhnen. Es war das der ebenfalls sehr reiche Phil Evans, der Director der Walton Watch Company, einer gewaltigen Uhrenfabrik, welche tagtglich 500 Stck Zeitmesser erzeugt und Producte liefert, die sich den besten der Schweiz an die Seite stellen knnen. Phil Evans htte also fr einen der glcklichen Menschen der Welt selbst in den Vereinigten Staaten gelten knnen, wenn man von jener Stellung des Onkel Prudent absah. Wie letzterer, war auch er 45 Jahre alt, von scheinbar unerschtterlicher Gesundheit, wie jener von unzweifelhafter Khnheit, und sorgte er sich wenig darum, die gewissen Vorzge des Junggesellenstandes gegen die oft zweifelhaften Vortheile der Ehe zu vertauschen. Wahrlich, das waren zwei Mnner, wie geschaffen, einander zu verstehen, die sich doch nicht verstanden, und Beide, was wohl zu bemerken ist, von ungemein stark entwickeltem Charakter, der Eine, Onkel Prudent, hitzig, der Andere, Phil Evans, eiskalt bis zum Uebermae. Und woher kam es, da Phil Evans nicht zum Vorsitzenden des Clubs ernannt worden war? Die Stimmenzahl fr Onkel Prudent und fr ihn war die genau gleiche gewesen. Wohl zwanzig Mal wurde die Abstimmung wiederholt, aber auch zwanzig Mal ergab sich eine Majoritt weder fr den Einen, noch fr den Anderen. Das war eine peinliche Lage, welche wahrscheinlich die Lebenszeit der beiden Candidaten htte berdauern knnen. Da schlug ein Mitglied des Clubs ein Mittel vor, die Stimmengleichheit aufzuheben. Es war Jem Cip, der Schatzmeister des Weldon-Institutes. Jem Cip war eingefleischter Vegetarianer, mit anderen Worten, ausschlielicher Gemseesser, einer der Leute, die jede Fleischnahrung, wie alle gegohrenen Getrnke verwarfen -- halb Brahmanen und halb Muselmnner -- der Rival eines Nievmann, Pitmann, Ward und Davie, welche der Secte dieser unschuldigen Thoren einen gewissen Namen gemacht haben. Bei vorliegender Gelegenheit wurde Jem Cip von einem anderen Mitglied des Clubs untersttzt, von William T. Forbes, dem Director einer groen Anstalt, in der Glucose durch Behandlung von Lumpen mit Schwefelsure hergestellt wurde -- ein Verfahren, nach dem man also Zucker aus alter Wsche zu erzeugen vermag. Es war ein gut situirter Mann, dieser William T. Forbes, und Vater von zwei reizenden, bejahrteren Tchtern, der Mi Dorothee, genannt Doll, und der Mi Martha, genannt Mat, die in der besten Gesellschaft von Philadelphia den Ton angaben. Der von William T. Forbes nebst einigen Anderen untersttzte Vorschlag Jem Cip's ging nun dahin, den Vorsitzenden des Clubs durch den Mittelpunkt zu bestimmen. Wahrlich, dieser Wahlmodus knnte in allen Fllen angewendet werden, wo es sich darum handelt, den Wrdigsten zu erwhlen, und sehr viele, hchst vernnftige Amerikaner dachten auch schon daran, denselben bei der Ernennung des Prsidenten der Vereinigten Staaten zur Anwendung zu bringen. Auf zwei tadellos weie Tafeln wurde hierzu je eine schwarze Linie gezogen. Die Lnge beider war mathematisch genau die gleiche, denn man hatte dieselbe mit ebenso viel Sorgfalt abgemessen, als handelte es sich dabei um die Grundlinien des ersten Dreiecks einer Triangulationsarbeit. Hierauf wurden beide Tafeln am nmlichen Tage inmitten des Sitzungssaales der Gesellschaft aufgestellt; die beiden Wettbewerber versahen sich Jeder mit einer sehr feinspitzigen Nadel und gingen wieder gleichzeitig auf die, Jedem durch das Loos zugefallene Tafel zu. Derjenige der beiden Rivalen aber, welcher seine Nadel am nchsten dem Mittelpunkte der Linie einstechen wrde, sollte damit zum Vorsitzenden des Weldon-Institutes gewhlt sein. Es versteht sich von selbst, da hierbei jedes Hilfsmittel, jedes Umhertappen verboten und nur die Sicherheit des Blicks entscheidend war. Es galt, nach volksthmlichem Ausdruck, den Zirkel im Auge zu haben. Onkel Prudent stach seine Nadel ein und zu gleicher Zeit Phil Evans. Darauf wurde nachgemessen, welcher der beiden Konkurrenten sich dem Mittelpunkte am meisten genhert hatte. Welches Wunder! Die beiden Mnner hatten so vortreffliches Augenma entwickelt, da die Messungen keinen schtzenswerthen Unterschied ergaben. War von ihnen auch nicht genau der mathematische Mittelpunkt getroffen worden, so erwies sich der Raum zwischen diesem und den beiden Nadeln kaum merkbar und schien bei beiden obendrein noch gleich gro zu sein. Die Versammlung befand sich nun in neuer Verlegenheit. Zum Glck bestand eines der Mitglieder, Truk Milnor, darauf, die Messungen mit Hilfe eines mit Perreaux' mikrometischer Maschine getheilten Lineals noch einmal vorzunehmen, welche die Mglichkeit gewhrt noch ein Fnfzehnhundertstel eines Millimeters abzulesen. Auf dem Lineal waren in der That fnfzehnhundert Abtheilungen auf einem solchen kleinen Raum mittelst Diamant eingeritzt, und bei Abmessung der Entfernung der Stiche von den betreffenden Mittelpunkten erhielt man folgendes Resultat: Onkel Prudent hatte sich dem Mittelpunkt auf weniger als sechs fnfzehnhundertstel Millimeter genhert, Phil Evans auf nahezu neun fnfzehnhundertstel. Daher kam es, da Phil Evans nur Schriftfhrer des Weldon-Institutes wurde, whrend Onkel Prudent die Wrde des Prsidenten desselben erhielt. Einer Entfernung von drei fnfzehnhundertstel, mehr hatte es nicht bedurft, um Phil Evans mit Ha gegen Onkel Prudent zu erfllen, mit einem Ha, der, wenn er ihn auch in sich verschlo, doch nicht minder grimmig war. Jener Zeit, und zwar seit dem letzten Viertel dieses neunzehnten Jahrhunderts, hatte die Frage der lenkbaren Ballons immerhin schon einige Fortschritte zu verzeichnen, die mit Triebschraube ausgersteten Gondeln, welche Henry Giffard 1852 an seinem verlngerten Ballon anbrachte, ferner Dupuy de Lme, 1872, die Gebrder Tissandier 1883 und die Capitne Krebs und Renard im Jahre 1884 hatten mindestens einige Ergebnisse erzielt, denen man Rechnung tragen mute. Doch wenn diese Apparate in einem schwereren Medium als sie selbst, unter dem Drucke einer Schraube manvrirend, eine schrge Richtung gegen den Wind einhielten, sogar gegen einen widrigen Luftzug aufkamen, um nach ihrem Ausgangspunkt zurckzukehren, also wirklich gelenkt worden waren, so konnte das doch nur unter ganz besonders gnstigen Umstnden erreicht werden. In groen, geschlossenen ausgedehnten Hallen allerdings! In recht ruhiger Atmosphre -- das ging auch noch recht gut. Bei einem leichten Winde von fnf bis sechs Meter in der Secunde war es vielleicht eben noch zu erzwingen -- Alles in Allem hatte man eigentlich praktisch verwendbare Resultate aber noch nicht erzielt. Gegen einen Windmhlenwind von acht Metern in der Secunde wrden jene Apparate nahezu stationr geblieben sein; vor einer frischen Brise von zehn Metern in der Secunde hatten sie in Gefahr geschwebt, zerrissen zu werden; und bei einer jener Cyclonen, welche hundert Meter in der Secunde berschreiten, wrde man von ihnen kein Stckchen wieder gefunden haben. Selbst nach den scheinbar glnzend gelungenen Versuchen der Capitne Krebs und Renard drfte als bewiesen angesehen werden, da die Aerostaten, wenn sie an Bewegungsfhigkeit auch ein wenig gewonnen hatten, mit dieser doch gerade nur gegen eine schwache Brise aufzukommen vermochten. Es war also nach wie vor als unmglich zu betrachten, diese Art der Fortbewegung durch die Luft praktisch zu verwenden. Whrend man sich aber so eifrig mit dem Problem der Lenkbarkeit der Aerostaten, das heit mit den Mitteln beschftigte, diesen eine eigene Geschwindigkeit zu verleihen, hatte die Frage der Motoren unzweifelhaft weit schnellere Fortschritte gemacht. An Stelle der Dampfmaschinen und der Verwendung der bloen Muskelkraft waren allmhlich die elektrischen Motore getreten. Die Batterien mit doppeltchromsaurem Natron, deren Elemente auf hohe Spannung angeordnet waren, wie sie die Gebrder Tissandier bentzten, erzielten eine Schnelligkeit von etwa vier Metern in der Secunde. Die zwlf Pferdekraft entwickelnden dynamo-elektrischen Maschinen der Capitne Krebs und Renard gestatteten, eine Geschwindigkeit von im Mittel sechs Meter in der Secunde zu erreichen. Bei ihren Versuchen waren Mechaniker und Elektriker bestrebt gewesen, sich dem frommen Wunsche zu nhern, eine "Dampfpferdekraft in einem Taschenuhrgehuse" zu erzeugen. Die Effecte der Sule, deren Zusammensetzung die Capitne Krebs und Renard geheim gehalten hatten, wurden ebenfalls bald bertroffen, und nach ihnen fanden die Aeronauten Gelegenheit, Motore zu verwenden, deren Leichtigkeit im gleichen Verhltni mit ihrer Kraftwirkung wuchs. Die Anhnger der Mglichkeit einer Lenkbarkeit der Ballons hatten also gewi Ursache, ihren Muth aufrecht zu erhalten, und doch, wie viele klare Kpfe haben es verworfen, an die Bentzung solcher zu glauben. In der That, wenn der Aerostat einen Angriffspunkt der ihm innewohnenden Kraft in der Luft findet, so ist er doch mit seiner groen Masse in diese eingetaucht. Und wie knnte derselbe, da er wieder den Strmungen der Atmosphre eine so breite Angriffsflche bietet, jemals, und wenn sein Triebwerk noch so mchtig wre, direct gegen einen widrigen Wind aufkommen? Diese Frage lag noch immer vor, man hoffte dieselbe jedoch durch Anwendung sehr groer Apparate zu lsen. Es ergab sich brigens, da bei diesem Wettstreite der Erfinder in der Herstellung eines sehr krftigen und dennoch leichten Motors die Amerikaner sich dem gewnschten Ziele am meisten genhert hatten. Ein auf der Anwendung einer neuen Sule beruhender dynamo-elektrischer Apparat, dessen Construction vorlufig noch Geheimni blieb, war seinem Erfinder, einem bisher unbekannten Chemiker in Boston, abgekauft worden. Mit grter Sorgfalt durchgefhrte Berechnungen und mit uerster Genauigkeit entworfene Diagramme ergaben, da dieser Apparat, wenn er auf eine Schraube von angepater Gre wirkte, eine Fortbewegung von achtzehn bis zwanzig Metern in der Secunde gewhrleisten mute. Wahrlich, das wre groartig gewesen! "Und das Ding ist nicht theuer!" hatte Onkel Prudent hinzu gesetzt, als er dem Erfinder gegen regelrecht ausgefllte Quittung das letzte Pckchen von hunderttausend Papierdollars einhndigte, mit dem man ihm seine Erfindung bezahlte. Unverzglich ging das Weldon-Institut an's Werk. Handelt es sich um ein Versuchsunternehmen, das irgend welchen praktischen Nutzen verspricht, so wird das Geld in amerikanischen Taschen stets leicht locker. Die nthigen Mittel strmten zusammen, so da selbst die Grndung einer Actiengesellschaft umgangen werden konnte. Dreihunderttausend Dollars (also 600.000 fl. = 1-1/5 Millionen Mark) fllten gleich nach dem ersten Aufruf die Cassen des Clubs. Die Arbeiten begannen unter Leitung des hervorragendsten Luftschiffers der Vereinigten Staaten, Harry W. Tinder's, der sich unter tausend Anderen vorzglich durch drei khne Fahrten berhmt gemacht hat: die eine, bei der er sich bis 1200 Meter erhob, d. h. hher aufstieg, als Gay-Lussac, Coxwell, Sivel, Croc-Spinelli, Tissandier, Glaisher; die zweite, whrend der er ganz Amerika von New-York bis San Francisco berflog und um mehrere hundert Lieues die lngste Reise Nadar's, Godard's und vieler Anderen hinter sich lie, ohne John Wise zu rechnen, der von St. Louis bis nach der Grafschaft Jefferson elfhundertfnfzig Meilen zurckgelegt hatte; die dritte endlich, welche mit einem furchtbaren Sturze aus der Hhe von fnfzehnhundert Fu endigte, bei dem er sich doch nur den rechten Daumen verstauchte, whrend der minder vom Glcke begnstigte Piltre de Rozier bei einem Sturze von nur siebenhundert Fu augenblicklich den Tod fand. Zur Zeit, mit der diese Erzhlung beginnt, konnte man schon beurtheilen, da das Weldon-Institut die Angelegenheit krftig gefrdert hatte. In den Turner-Werften zu Philadelphia erhob sich schon ein ungeheurer Aerostat, dessen Haltbarkeit durch Fllung mit stark comprimirter Luft geprft werden sollte. Vor Allem wrde dieser den Namen eines Monstre-Ballons verdienen. Wie viel fate der Gant Nadar's? Sechstausend Cubikmeter. Wie viel der Ballon John Wise's? Zwanzigtausend Cubikmeter. Welchen Fassungsraum hatte der Ballon Giffard auf der Ausstellung von 1878? Fnfundzwanzigtausend Cubikmeter bei achtzehn Meter Halbmesser. Vergleicht man diese drei Aerostaten mit dem des Weldon-Institutes, dessen Volumen vierzigtausend Cubikmeter betrug, so begreift man leicht, da Onkel Prudent und seine Clubgenossen einigermaen Recht hatten, sich vor Stolz aufzublhen. Dieser Ballon, der nicht dazu bestimmt war, die hchsten Schichten der Atmosphre zu erreichen, nannte sich nicht "Excelsior", eine Bezeichnung, welche sonst bei den Amerikanern sehr beliebt ist, nein, er war einfach Go a head, d. h. "Vorwrts" getauft, und es erbrigte also nur noch, da er seinen Namen rechtfertigte, indem er der Leitung seines Capitns allenthalben entsprach. Jener Zeit war die dynamo-elektrische Maschine nach dem vom Weldon-Institute angekauften Patente fast vollendet und man durfte darauf rechnen, da der Go a head seinen Flug durch das Luftmeer begonnen haben werde. Immerhin waren bekanntlich alle mechanischen Schwierigkeiten noch nicht berwunden. Sehr viele Sitzungen waren zu diesem Zwecke abgehalten worden, nicht etwa die Form der Schraube oder deren Grenverhltnisse festzustellen, sondern um die Frage zu entscheiden, ob dieselbe am Hintertheil des groen Apparates angebracht werden sollte, wie die Gebrder Tissandier wollten, oder am Vordertheile, wie es die Capitne Krebs und Renard schon gethan hatten. Es bedarf kaum der Erwhnung, da die Vertreter dieser beiden Ansichten bei den bezglichen Verhandlungen darber fast handgemein wurden. Die Gruppe der "Vordermnner" glich an Zahl genau der der "Hintermnner." Onkel Prudent, dessen Stimme bei sonstiger Stimmengleichheit die entscheidende gewesen wre, Onkel Prudent, der unzweifelhaft aus der Schule des Professors Buridan hervorgegangen war, vermied es klglich, sich zu uern. Bei der Unmglichkeit, ein Einverstndni herbeizufhren, war es natrlich auch unmglich, die Schraube an Ort und Stelle zu setzen. Das konnte demnach lange dauern, wenn sich nicht etwa die Regierung in's Mittel legte. In den Vereinigten Staaten liebt es die Regierung aber bekanntlich nicht, sich in Privatangelegenheiten einzumischen oder um das zu kmmern, was sie nicht direct angeht. Damit hat sie gewi ganz Recht. So war die Sachlage, und die Sitzung vom 13. Juni schien gar nicht endigen oder vielmehr nur in einen ungeheuren Tumult auslaufen zu wollen -- der wie gewhnlich mit Injurien begann, sich mit Faustschlgen fortsetzte, dann zu Stockschlgen berging und mit dem Knallen der Revolver abschlo -- als ein Zwischenfall um acht Uhr siebenunddreiig Minuten diesen beliebten Verlauf strte. Kalt und gemessen, wie ein Polizist inmitten der strmischen Wogen einer Volksversammlung, hatte sich der Thrsteher des Weldon-Instituts genhert und dem Vorsitzenden eine Karte eingehndigt. Er erwartete eben noch die Befehle, welche der Onkel Prudent ihm zu ertheilen haben knnte. Onkel Prudent lie die Dampftrompete ertnen, die ihm als Prsidentenglocke diente, denn hier htte, um durchzudringen, nicht einmal die groe Glocke des Kremls hingereicht. Nichtsdestoweniger nahm der Lrm nur noch zu. Da "entblte der Prsident den Kopf" und Dank diesem allerletzten Hilfsmittel entstand wenigstens eine leidliche Ruhe. "Eine Mittheilung an den Club! rief Onkel Prudent, nachdem er sich eine Prise aus der ungeheuren Dose, die ihn niemals verlie, zugelangt. -- Reden Sie! Reden Sie! antworteten neunundneunzig Stimmen, die hierber zufllig einer Meinung waren. -- Ein Fremdling, geehrte Collegen, wnscht in unseren Sitzungssaal Eintritt zu erhalten. -- Nimmermehr! widersetzten sich alle Stimmen. -- Er wnscht uns, fuhr Onkel Prudent fort, allem Anscheine nach den Beweis zu liefern, da es der greulichste Wahnwitz sei, an die Lenkbarkeit von Ballons zu glauben." Allgemeines Murren beantwortete diese Erklrung. "Herein, herein mit ihm! -- Wie nennt sich denn diese merkwrdige Persnlichkeit? fragte der Schriftfhrer Phil Evans. -- Robur, antwortete Onkel Prudent. -- Robur! ... Robur! ... Robur!" heulte die ganze Versammlung. Und wenn bei Nennung dieses eigenthmlichen Namens der Trger desselben so schnell Zulassung fand, geschah es eigentlich nur, weil das ganze Weldon-Institut sich Hoffnung machte, auf den Mann den Ueberschu seiner Erbitterung abzuschtteln. Der Sturm hatte sich also einen Augenblick gelegt -- wenigstens scheinbar. Wie knnte brigens ein Sturm so schnell vorbergehen bei einem Volk, welches jeden Monat zwei bis drei solcher nach Europa unter der Form von Wirbelwinden entsendet? III. In dem eine neue Persnlichkeit nicht besonders vorgestellt zu werden braucht, da sie das selbst besorgt. "Brger der Vereinigten Staaten, ich heie Robur[1] und bin dieses Namens wrdig. Trotz meiner vierzig Jahre sehe ich aus wie dreiig, habe eine eiserne Constitution, eine unerschtterliche Gesundheit, hervorragende Muskelkraft und einen Magen, der selbst in der Welt der Straue als vorzglich gelten wrde." [1] Zu Deutsch: Die Kraft. Die Versammlung lauschte. Jedes Gerusch hatte vorlufig aufgehrt, als man diese unerwartete Vorrede pro facie sua vernahm. War es ein Narr oder ein Sptter, diese Persnlichkeit? Wie dem auch sein mochte, er machte Eindruck und wute sich diesen zu erzwingen. Jetzt ging kein Lufthauch durch diese Menge, in der doch kurz vorher ein Orkan wthete. Die Windstille nach der hohen See. Ueberdies schien Robur wirklich der Mann zu sein, fr den er sich ausgab. Von mittlerer Gre mit geometrischer Gestalt, ein regelmiges Trapez bildend, deren grte Parallelseite von der Schulterbreite ausgefllt wurde; auf dieser Linie sa wieder auf einem krftigen Halse ein gewaltiger sphroidaler Kopf. Welchem Dickkopfe mochte derselbe zu vergleichen sein? Dem eines Stieres, aber eines Stieres mit hochintelligentem Gesicht. Darin funkelten ein paar Augen, welche der geringste Widerspruch sicherlich in volle Gluth versetzte, und ber letzteren waren die Augenbrauenmuskeln -- ein Zeichen entwickelter Energie -- fortwhrend zusammengezogen. Die Haare des Mannes waren kurz, etwas kraus und von metallischem Glanze, als trge er ein Toupet von eisernem Stroh; seine breite Brust hob und senkte sich mit Bewegungen gleich einem Schmiedeblasebalg. Arme und Hnde, Beine und Fe erwiesen sich des Rumpfes vllig wrdig. Schnurr- und Backenbart sah man bei ihm nicht, nur einen starken Seemanns-Kinnbart nach amerikanischer Mode, der die Anhaftepunkte der Kinnlade frei lie, deren Kaumuskeln eine furchtbare Kraft entwickeln muten. Man hat berechnet -- was berechnet man denn nicht? -- da der Druck der Kinnlade des Krokodils unter gewhnlichen Umstnden dem von vierhundert Atmosphren gleich kommt, whrend der eines Jagdhundes von mittlerer Gre hundert erreichen soll. Daraus hat man auch folgende merkwrdige Formel abgeleitet: wenn ein Kilogramm Hund acht Kilogramm Muskelkraft entwickelt, so entwickelt ein Kilogramm Krokodil deren zwlf. Nun, ein Kilogramm des genannten Robur htte deren gewi zehn entwickelt. Er hielt also zwischen Hund und Krokodil in dieser Beziehung die Mitte. Aus welchem Lande dieses merkwrdige Menschenkind stammte, htte man nur schwer errathen knnen. Jedenfalls drckte sich der Mann ganz gelufig englisch aus und ohne jenen schleppenden Tonfall, der den Yankee von Neu-England unterscheidet. Er fuhr folgendermaen fort: "Nun lassen Sie mich auch von meinen anderen Eigenschaften sprechen, ehrenwerthe Brger. Sie sehen vor sich einen Ingenieur, dessen geistige Natur seiner krperlichen nicht nachsteht. Ich frchte mich vor Nichts und vor Niemand; besitze eine Willenskraft, die noch nie vor einem Anderen gewichen ist. Hab' ich mir einmal ein Ziel gesetzt, so wrde ganz Amerika, ja die ganze Welt sich vergeblich verbnden, mich von Erreichung desselben abzuhalten. Hab' ich einen Gedanken, so erwarte ich, da Andere ihn theilen, und vertrage keinen Widerspruch. Ich betone diese Einzelnheiten, ehrenwerthe Brger, weil Sie mich grndlich kennen lernen mssen. Sie finden vielleicht, da ich zu viel von mir selbst spreche? Thut nichts! Jetzt aber berlegen Sie sich Alles, ehe Sie mich unterbrechen, denn ich bin hierhergekommen, Ihnen Dinge zu sagen, welche Ihnen vielleicht nicht recht gefallen drften." Ein Grollen wie das der Brandung lief lngs der ersten Bnke des Saales hin, ein Zeichen, da das Meer bald wieder hoch aufwogen werde. "Reden Sie, ehrenwerther Fremdling," begngte sich Onkel Prudent, der Mhe hatte, seine Ruhe zu bewahren, auf diese Ansprache zu antworten. Und Robur sprach wie vorher, ohne sich irgendwie um Beifall oder Mifallen seiner Zuhrer zu kmmern. "Ja wohl, ich wei Alles! Nach einem Jahrhundert andauernder Experimente, die zu Nichts gefhrt, nach Versuchen, die ergebnilos verliefen, giebt es noch immer verkehrt beanlagte Geister, welche hartnckig an die Lenkbarkeit von Ballons glauben. Sie erdenken irgend einen Motor, einen elektrischen oder einen anderen, der an ihre anspruchsvollen, dnnen Hllen angebracht wurde, welche letztere den atmosphrischen Strmungen so breite Angriffsflchen darbieten. Sie bildeten sich ein, Beherrscher eines Aerostaten werden zu knnen, wie man etwa ein Schiff auf der Oberflche des Meeres beherrscht. Weil einige Erfinder bei ganz oder doch fast ganz stiller Witterung den Erfolg gehabt haben, entweder schief durch den Wind oder einer ganz leichten Brise entgegen zu fahren, deshalb sollte die Lenkbarkeit von Apparaten, welche leichter sind, als die Luft, zu praktischen Erfolgen fhren? O gehen Sie! Sie sind hier an hundert Mnner, die an die Verwirklichung ihrer Trume glauben und viele Tausende von Dollars nicht in's Wasser, aber in die Luft werfen. Ich sage Ihnen, das heit gegen eine Unmglichkeit kmpfen!" Wunderbar, die Mitglieder des Weldon-Instituts sagten gegenber dieser Behauptung jetzt kein Wort, als wren sie eben so taub wie langmthig geworden, oder hielten sie nur an sich, um zu sehen, wie weit dieser khne Widersacher zu gehen wagen wrde? Robur fuhr fort: "Nehmen wir einen Ballon. Um ein Kilogramm an Gewicht zu verlieren, mu derselbe ein Cubikmeter Gas aufnehmen. Ein Ballon, der den Anspruch macht, mit Hilfe seines Mechanismus dem Winde zu widerstehen, wenn der Druck einer steifen Brise auf das Grosegel eines Schiffes der Kraft von 400 Pferden gleichkommt, wenn man bei dem Unglcksfalle mit der Taybrcke gesehen hat, da ein Orkan einen Druck von 444 Kilogramm auf den Quadratmeter auszuben im Stande ist! Ein Ballon, wo die Natur doch niemals ein fliegendes Geschpf nach diesem System geschaffen hat, ob dasselbe nun mit Flgeln, wie die Vgel, oder mit Membranen, wie gewisse Fische und Sugethiere, ausgerstet wurden ... -- Sugethiere? rief eines der Mitglieder des Clubs. -- Gewi, die Fledermaus, welche ja auch fliegt, wenn ich nicht irre. Sollte der Herr, welcher mich unterbrach, wirklich nicht wissen, da die Fledermaus ein Sugethier ist, oder hat er jemals eine Omelette aus Fledermauseiern bereiten sehen?" Darauf hielt der Heimgeschickte seine Unterbrechungen ferner fr sich, Robur dagegen fuhr mit demselben Eifer fort: "Wre damit aber gesagt, da der Mensch darauf verzichten msse, das Luftmeer zu beherrschen und durch Nutzbarmachung dieses wunderbaren Befrderungsmittels die Zustnde der alternden Welt umzuwandeln? Gewi nicht! So wie er der Herr der Meere geworden durch das Schiff mit Ruder, Segel, Rad oder Schraube, so wird er auch zum Herrn der Luft werden durch Apparate, welche schwerer sind als diese, denn unbedingt mssen jene schwerer sein, um mchtiger sein zu knnen." Jetzt war in der Versammlung aber kein Halten mehr. Welche Breitseite von Zurufen donnerte aus jedem Munde, die alle auf Robur zielten, wie eben so viele Gewehrlufe oder Kanonenrohre! Sollten sie nicht antworten auf solch' offenbare, in's Lager der Ballonisten geschleuderte Kriegserklrung? Wurde hiermit nicht der Kampf zwischen dem "leichter" und "schwerer als die Luft" ausgesprochener Maen wieder aufgenommen? Robur verzog keine Miene. Die Arme ber der Brust gekreuzt wartete er es regungslos ab, bis wieder Ruhe eingetreten war. Onkel Prudent befahl durch eine Handbewegung, das Feuer einzustellen. "Ja, fuhr Robur fort, die Zukunft gehrt den Flugmaschinen. Die Luft bietet den hinreichenden, soliden Sttzpunkt. Man verleihe einer Sule dieses Mediums eine aufsteigende Bewegung von 45 Meter in der Secunde, und ein Mensch wrde sich schon oberhalb derselben erhalten, wenn die Sohlen seiner Schuhe nur ein Achtel Quadratmeter Oberflche boten. Wrde die Geschwindigkeit der Luftsule auf 90 Meter gesteigert, so knnte er mit bloen Fen darauf gehen. Treibt man nun durch die Flgel einer archimedischen Schraube eine Luftmasse mit derselben Schnelligkeit fort, so erzielt man dasselbe Resultat." Was Robur hier sagte, hatten vor ihm alle Anhnger der sogenannten Aviation ausgesprochen, deren Arbeiten langsam, aber sicher zur Lsung des vorliegenden Problems zu fhren versprechen. Die Ehre, diese einfachen Gedanken verbreitet zu haben, kommt Ponton d'Anncourt, La Landelle, Nadar, Luzi, Louvrie, Liais, Blgnic, Moreau, den beiden Richard, Babinet, Jobert, Du Temple, Salives, Penaud, De Villeneuve, Gauchol und Tatin, Michel Loup, Edison, Planavergue und noch einer Menge anderer Mnner zu. Mehrmals aufgegeben und wieder aufgenommen, mute denselben doch eines Tages der Sieg zu Theil werden. Und hatten von dieser Seite die Feinde der Aviation, welche behaupteten, da der Vogel nur durch Erwrmung der Luft, mit der er sich aufblht, fliege, auf Antwort warten mssen? Hatten die Erstgenannten nicht vielmehr nachgewiesen, da ein 5 Kilogramm wiegender Adler sich htte mit 50 Cubikmeter jenes erwrmten Fluidums anfllen mssen, um sich dadurch allein frei schwebend zu erhalten? Ganz dasselbe wies auch hier Robur mit unerbittlicher Logik nach, aber inmitten eines Heidenlrmes, der sich von allen Seiten erhob. Zum Schlu warf er den Ballonisten noch folgende Worte in's Gesicht: "Mit Ihren Aerostaten knnen Sie nichts ausrichten, werden Sie zu nichts kommen und niemals etwas wagen drfen. Der khnste Ihrer Aeronauten, John Wise, mute, obwohl er schon eine Luftreise von 1200 Meilen ber das Festland Amerikas zurckgelegt hatte, doch auf die Absicht, ber den atlantischen Ocean zu fahren, verzichten. Und seit jener Zeit sind Sie um keinen Schritt, um keinen einzigen auf diesem Wege vorwrts gekommen. -- Mein Herr, begann da der Vorsitzende, der sich vergeblich bemhte, ruhig zu bleiben, Sie vergessen offenbar, was unser unsterblicher Franklin ausgesprochen hat, als die erste Mongolfire aufstieg, also zur Zeit der Geburt des Ballons. "Jetzt ist das nur ein Kind, aber es wird wachsen!" lautete seine Prophezeiung. und es ist gewachsen! -- Nein, Herr Prsident, nein, es ist nicht gewachsen ... es ist nur grer und dicker geworden, und das ist nicht das Nmliche". [2] [2] Wegen des Doppelsinnes des franzsischen grandir, welches sowohl krperlich wachsen, als auch an Bedeutung und Ansehen zunehmen ausdrckt, nicht ganz wiederzugebendes Wortspiel. D.Ueb. Das war ein directer Angriff gegen die Plne des Weldon-Instituts, welches die Herstellung eines Monstre-Ballons beschlossen, untersttzt und betrieben hatte. Sofort kreuzten sich denn auch ziemlich bedrohliche Ausrufe in dem gerumigen Saale, wie: "Nieder mit dem Eindringling! -- Werft ihn von der Tribne herunter! -- Um ihm zu beweisen, da er schwerer ist als die Luft!" Und Aehnliches mehr. Man begngte sich indessen noch mit Worten, ohne zu Thtlichkeiten berzugehen. Robur konnte also noch einmal seine Stimme erheben und laut hinausrufen: "Fortschritte, Brger Ballonisten, sind nicht mit dem Aerostaten, sondern nur mit fliegenden Maschinen zu erwarten. Der Vogel fliegt auch, und der ist kein Ballon, sondern ein Mechanismus! ... -- Ja er fliegt wohl, schrie der vor Zorn keuchende Bat T. Fyn, aber er fliegt gegen alle Regeln der Mechanik. -- Ach so!" erwiderte Robur, die Achseln zuckend. Dann fuhr er fort: "Seit man den Flug der greren und kleineren fliegenden Thiere genau beobachtet hat, ist folgender sehr einfache Gedanke in den Vordergrund getreten: Es gilt auch hier die Natur nachzuahmen, denn diese tuscht sich niemals. Zwischen dem Albatros, der kaum zehn Flgelschlge in der Minute macht, und dem Pelikan, der siebenzig macht ... -- Einundsiebenzig! rief eine schnarrende Stimme. -- Und der Biene, bei der man hundertzweiundneunzig in der Secunde zhlte ... -- Hundertdreiundneunzig! rief ein Anderer aus Scherz. -- Und der Stubenfliege, welche dreihundertunddreiig fertig bringt ... -- Dreihundertdreiigundeinhalb! -- Und dem Mosquito, der Millionen macht ... -- Nein ... Milliarden!" Robur lie sich durch alle diese Einreden nicht auer Fassung bringen. "Zwischen diesen verschiedenen Zahlen ... nahm er wieder das Wort. -- Ist ein groer Unterschied! lie sich eine Stimme hren. ... Wird man die richtige whlen mssen, um eine praktische Lsung der Aufgabe zu finden. Schon an dem Tage, wo De Lucy nachweisen konnte, da der Hirschkfer, jenes Insect, welches nur zwei Gramm wiegt, ein Gewicht von vierhundert Gramm, d. h. zweihundert Mal so viel wie sein eigenes Gewicht, aufzuheben vermochte, war eigentlich das Problem der Aviation gelst. Auerdem wurde nachgewiesen, da die Flchenausdehnung der Flgel in gleichem Verhltni abnimmt, wie die Gre und das Gewicht des Thieres zunehmen. Seitdem hat man schon mehr als sechzig verschiedene Apparate erdacht oder auch ausgefhrt ... -- Die noch niemals haben fliegen knnen! rief der Schriftfhrer Phil Evans. -- Welche geflogen sind oder noch fliegen werden, antwortete Robur, ohne sich irre machen zu lassen. Ob man sie nun Streophoren, Helicopteren, Orthoptheren nennt, oder ihrem Namen nach dem lateinischen navis die Silbe nef anhngt, meinetwegen auch nach dem Worte avis die Silbe efs -- jedenfalls kommt man zu dem Apparate, dessen endliche Herstellung den Menschen zum Herren des Luftmeeres machen mu. -- Aha, die Schraube! warf Phil Evans ein. Der Vogel hat aber keine Schraube ... so weit man das wei! -- Zugegeben, erwiderte Robur, wie Penaud gezeigt hat, arbeitet eigentlich der Vogel selbst als solche und ist seinem Fluge nach Helicoptere, darum ist auch die Schraube der Motor der Zukunft ... ... "Vor solchem Uebel, Heilige Helice[3], behte uns!" ... trllerte einer der Zuhrer, der zufllig dieses Motiv aus Hrold's Zampa im Kopfe behalten hatte. [3] Der Name Helice in der Bedeutung Schraube gebraucht. D. Ueb. Alle wiederholten den Refrain im Chor und mit Intonationen, bei denen sich der Componist sicher im Grabe herumdrehte. Dann, als die letzten Tne in einem entsetzlichen Durcheinander verhallten, glaubte Onkel Prudent unter Bentzung eines augenblicklichen Stillschweigens sagen zu mssen: "Brger Fremdling, bis hierher haben wir Sie reden lassen, ohne Sie zu unterbrechen ..." Es scheint demnach, als ob der Vorsitzende des Weldon-Instituts die frheren Einwrfe, die Zwischenrufe, das tolle Durcheinander nicht fr Unterbrechungen, sondern nur fr einfachen Meinungsaustausch hielt. "Jedenfalls, fuhr er fort, mu ich Sie daran erinnern, da die Theorie der Aviation schon im Voraus durch die meisten amerikanischen und fremden Ingenieure verurtheilt und vllig verworfen worden ist. Ein System, auf dessen Debetseite der Tod Sarasin Volant's in Constantinopel, der des Mnches Voador in Lissabon, der Letuo's im Jahre 1852 und der Groof's 1864 steht, ohne die Opfer zu zhlen, die ich augenblicklich vergessen habe, und wre es nur der mythologische Icarus ... -- Dieses System, nahm Robur den Satz auf, ist nicht verdammenswerther, als das, dessen Opferliste die Namen eines Piltre de Rozier in Calais, der Madame Blanchard in Paris, eines Donaldson und Grimwood, welche in den Michigan-See fielen, eines Swel, Croc-Spinelli, Eloy und so vieler Anderer enthlt, welche gewi nicht so leicht der Vergessenheit anheimfallen." Das hie "mit einem Hieb parirt", wie man in der Fechtkunst sagen wrde. "Mit Ihren Ballons, fuhr Robur fort, werden Sie brigens, dieselben mgen noch so vervollkommnet sein, niemals eine praktisch werthvolle Schnelligkeit erzielen, zehn Jahre brauchen, um eine Reise um die Erde zu vollenden -- was eine Maschine in etwa acht Tagen abmachen drfte." Neue wthende Proteste und Verneinungen, welche drei ganze Minuten anhielten, bevor dann Phil Evans das Wort ergreifen konnte. "Mein Herr Aviator, Sie, der Sie uns so viel von der Herrlichkeit der Aviation vorreden, sind Sie denn jemals in dieser Weise geflogen? -- Ja, gewi! -- Und Sie htten also den Kampf mit der Luft siegreich bestanden? -- Vielleicht, mein Herr. -- Hurrah, Robur, der Sieger! rief eine Stimme spottend. -- Nun ja, Robur, der Sieger -- ich nehme diesen Namen an und werde ihn fhren, denn ich habe das Recht dazu. -- Wir erlauben uns inde daran zu zweifeln! rief Jem Cip. -- Meine Herren, erklrte Robur, dessen Augenbrauen sich runzelten, wenn ich eine ernsthafte Sache ernsthaft behandle, duld' ich es nicht, da mir Jemand eine Unzuverlssigkeit meiner Worte vorwirft, und ich wrde gern den Namen des Herrn kennen lernen, der mich in dieser Weise unterbrach. -- Ich heie Jem Cip ... und bin Vegetarianer. -- Brger Jem Cip, antwortete Robur, ich wei, da die Pflanzenesser gewhnlich lngere Eingeweide haben, als andere Menschen -- mindestens um einen Fu lnger. Das ist schon viel ... Nun verleiten Sie mich nicht, die Ihrigen noch mehr zu verlngern, indem ich bei den Ohren anfange ... -- Durch die Thr! -- Hinaus auf die Strae! -- Man viertheile ihn! -- Lynchen, lyncht den Kerl! -- Verdrehen wir ihn zu einer Schraube! ..." Die Wuth der Ballonisten hatte ihren Gipfel erreicht. Schon sprangen sie von den Sthlen auf und umdrngten die Tribne. Robur verschwand unter einer Unmasse von Armen, welche sich, wie von einem Sturme getrieben, auf- und abbewegten. Vergebens lie die Dampftrompete ihren heulenden Ton durch die Versammlung brausen. An jenem Abende konnte Philadelphia wohl glauben, eine Feuersbrunst verzehre eines seiner Quartiere, und das ganze Wasser des Schuylkill-Stromes werde zum Lschen desselben nicht hinreichen. Pltzlich entstand in der lrmenden Masse eine Bewegung nach rckwrts. Robur hatte eben die Hnde wieder aus den Taschen gezogen und streckte sie gegen die vorderste Reihe der wthenden Gegner aus. Seine beiden Hnde zeigten jetzt zwei sogenannte amerikanische Fuste, welche gleichzeitig Revolver bilden und die schon ein Druck des Daumens ihre berall verstndliche Sprache reden lassen -- zwei kleine Taschen-Mitrailleusen. Dann rief er, das Zurckgehen der Angreifer und die vorbergehende Stille, welche dabei eintrat, schnell bentzend: "Entschieden war es nicht Amerigo Vespucci, der die Neue Welt entdeckt hat, sondern Sebastian Cabot. Sie sind keine Amerikaner, Brger Ballonisten! Sie sind nur Cabo..." In diesem Augenblicke krachten auch schon vier oder fnf Schsse in die Luft, welche Niemand verwundeten. Inmitten des Pulverdampfes verschwand der Ingenieur, und als jener sich zerstreute, entdeckte man von ihm keine Spur mehr. Robur der Sieger war davongeflogen, als ob irgend ein Aviations-Apparat ihn in die Lfte entfhrt htte. IV. In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners Frycollin den Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht. Sicherlich schon mehr als einmal hatten die Mitglieder des Weldon-Instituts, wenn sie nach strmischen Verhandlungen aus den Sitzungen kamen, Walnut-Street und die Nachbarstraen noch streitend und lrmend durchzogen. Wiederholt waren von den Bewohnern dieses Stadttheiles Klagen eingegangen ber die geruschvollen Auslufer solcher Verhandlungen, welche bis in ihre Wohnungen eindrangen, und mehr als einmal hatten Polizisten einschreiten mssen, um wenigstens Verkehrsstrungen zu beseitigen, da doch die meisten Leute sehr wenig oder gar kein Interesse an solchen, die Luftschifffahrt betreffenden Fragen nehmen. Doch vor diesem heutigen Abend hatte der Tumult noch nie so groe Verhltnisse angenommen, niemals wren jene Klagen mehr begrndet und niemals die Einmischung der Policemen nothwendiger gewesen. Immerhin konnte man den Mitgliedern des Weldon-Instituts mildernde Umbnde zubilligen, da sie sich eines Ueberfalles in den eigenen vier Pfhlen, wie sie eben erlitten, gewi nicht versehen hatten. Den bereifrigen Verfechtern des Grundgesetzes "leichter, als die Luft" hatte ein nicht minder energischer Vertreter des "schwerer, als die Luft" hchst unangenehme Dinge in's Gesicht gesagt; und als ihm dafr die Behandlung zu Theil werden sollte, die er verdiente, war der Mann spurlos verschwunden. Das schrie nach Rache! Um derartige Beleidigungen ungestraft zu lassen, htten sie nicht amerikanisches Blut in ihren Adern haben mssen. Die Nachkommen Amerigo's als solche eines Cabot zu behandeln! War das nicht eine Beschimpfung, die um so unverzeihlicher schien, weil sie eigentlich richtig, wenigstens historisch berechtigt war? Die Mitglieder des Clubs strzen sich also truppweise erst in die Walnut-Street, hierauf in die Nachbarstraen und dann in das ganze Quartier, wo alle Bewohner aufgescheucht werden. Sie zwingen dieselben, eine Durchsuchung ihrer Huser vornehmen zu lassen, um sich spter wegen des gewaltthtigen Angriffs in das Privatleben ihrer Mitbrger zu entschuldigen, was gerade bei den Vlkern von angelschsischem Stamme sonst ganz besonders respectirt wird. Vergebliches Aufgebot von Belstigungen und Nachforschungen. Robur wurde nirgends gefunden; er hatte nicht die leiseste Spur hinterlassen. Und wenn er mit dem Go a head, dem Ballon des Weldon-Instituts, davongefahren wre, htte er nicht mehr unauffindlich gewesen sein knnen. Nach einstndigen Haussuchungen muten sie darauf verzichten, und die Collegen trennten sich, aber nicht ohne die eidliche Zusicherung, ihre Nachforschungen ber das ganze Gebiet Nord- und Sdamerikas, das die Neue Welt bildet, auszudehnen. Gegen elf Uhr war die Ruhe in dem Quartier nahezu wieder hergestellt. Philadelphia konnte sich wieder in sanften Schlummer versenken, wozu die Stdte, welche weniger Industrie haben, das beneidenswerthe Privilegium besitzen. Die verschiedenen Mitglieder des Clubs dachten jetzt an nichts Anderes, als an die Heimkehr an den eigenen huslichen Herd. Um nur einige der hervorragendsten zu nennen, so begab sich William T. Forbes eiligst nach dem Tische, auf dem Mi Doll und Mi Mat ihm den Abendthee zubereitet und mit der selbstzubereiteten Glucose verst hatten; Truk Milnor schlug den Weg nach seiner Fabrik ein, deren Ventilator die ganze Nacht hindurch in einer der entfernteren Vorstdte sauste. Der Schatzmeister Jem Cip, dem ffentlich nachgesagt worden war, einen um einen Fu lngeren Darmcanal zu haben, als der Mensch ihn sonst mit sich herumtrgt, begab sich nach seinem Ezimmer, wo ihn ein vegetabilisches Abendbrot erwartete. Zwei der bedeutendsten Ballonisten -- aber nur zwei -- schienen nicht daran zu denken, ihr Heim sogleich aufzusuchen. Sie hatten die Gelegenheit wahrgenommen, in hitzigster Weise weiter zu plaudern. Es waren das die beiden Unvershnlichen, Onkel Prudent und Phil Evans, der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts. An der Thr des Clubhauses erwartete Frycollin, der Diener des Onkel Prudent, wie gewhnlich seinen Herrn. Er folgte diesem auf Schritt und Tritt nach, ohne sich um den Gegenstand des Gesprchs zu kmmern, der die beiden Collegen schon in die Hitze gebracht hatte. Wir gebrauchten auch nur euphemistisch das Zeitwort "plaudern" fr die Thtigkeit, welcher der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Clubs sich mit gleichem Eifer hingaben. In der That stritten und zankten sie sich mit einer Energie, deren Ursprung in ihrer alten Rivalitt zu suchen war. "Nein, und dreimal nein! wiederholte Phil Evans, htte ich die Ehre gehabt, dem Weldon-Institut bei der heutigen Sitzung zu prsidiren, es wre niemals zu einem solchen Scandal gekommen! -- Und was wrden Sie gethan haben, wenn Sie diese Ehre gehabt htten? fragte Onkel Prudent. -- Ich htte jenem ffentlichen Beleidiger das Wort abgeschnitten, noch ehe er den Mund ffnete. -- Mir scheint, um Jemand das Wort abzuschneiden, msse man ihm ein solches wenigstens erst aussprechen lassen. -- Nicht in Amerika, mein Herr, nicht in Amerika!" Und whrend sie sich so mehr bittere als angenehme Redensarten in's Gesicht warfen, schlenderten die beiden Mnner mehrere Straen dahin, die sie immer weiter von ihren Wohnungen entfernten; sie durchschritten Quartiere, deren Lage sie spter zu groen Umwegen zwingen mute. Frycollin folgte noch immer nach, fhlte sich aber doch etwas beunruhigt, seinen Herrn sich nach so menschenleeren Oertlichkeiten hin verirren zu sehen. Er liebte diese Gegenden nicht, vorzglich nicht so kurz vor Mitternacht. Dazu herrschte tiefe Dunkelheit, denn der zunehmende Mond war eben nur dabei, "seine achtundzwanzigtgige Rundreise" zu beginnen. Frycollin sah sich scheu nach rechts und links um, ob sie nicht von verdchtigen Schatten belauscht wrden, und wirklich, er glaubte fnf oder sechs groe Teufel zu erkennen, die sie nicht aus den Augen zu verlieren schienen. Instinctiv nherte sich Frycollin seinem Herrn, um Alles in der Welt htte er jedoch nicht gewagt, ihn inmitten eines Gesprchs zu unterbrechen, von dem er zuweilen einzelne Brocken aufschnappte. Der Zufall fgte es, da der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts sich, ohne darauf zu achten, bis nach dem Fairmont-Park verirrten. Hier berschritten sie, in lebhaftem Wortwechsel begriffen, den Schuylkill-Strom auf der berhmten Eisenbrcke; sie begegneten nur sehr wenig Leuten und befanden sich endlich mitten in jenen weiten Terrains, die sich auf der einen Seite als ungeheure Wiesen ausdehnen, auf der anderen von herrlichem Baumbestand beschattet sind und in ihrer Gesammtheit eine vielleicht in der ganzen Welt einzig dastehende Anlage bilden. Hier nahm der Schreck des Dieners Frycollin pltzlich noch mehr zu, und das mit um so grerer Berechtigung, da fnf bis sechs jener Schatten ihnen auch ber die Strombrcke nachgefolgt waren. Die Pupille seiner Augen hatte sich dabei so erweitert, da sie bis an den Rand der Iris reichte. Und gleichzeitig schrumpfte sein ganzer Krper zusammen und zog sich zurck, als bese er jene eigenthmliche Zusammenziehbarkeit, welche den Mollusken und auch gewissen Wirbelthieren eigen ist. Der Diener Frycollin war nmlich ein vollstndiger Hasenfu. Ein richtiger Neger und Sdcaroliner, mit vierschrtigem Kopfe auf einem mageren Rumpfe. Er zhlte jetzt gerade 21 Jahre, war also nicht einmal mehr zur Zeit seiner Geburt Sclave gewesen, taugte deshalb aber nicht viel mehr, als ein solcher. Ein Grimassenschneider, Leckermaul und Faulpelz, aber vor Allem ein Prahlhans sondergleichen, stand er seit drei Jahren bei Onkel Prudent im Dienste. Hundert Mal war er schon nahe daran gewesen, vor die Thre gesetzt zu werden, doch hatte man ihn behalten -- um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen. Und doch lief er hier bei einem Herrn, der jeden Augenblick zu den tollkhnsten Unternehmungen bereit war, so oft Gefahr, in Lagen zu kommen, in denen sein Hasenherz auf die hrtesten Proben gestellt werden mute. Dafr fand er auch gewisse Entschuldigungen. Niemand machte ihm besondere Vorwrfe wegen seiner Leckerhaftigkeit und noch weniger wegen seiner Trgheit. Ach, armer Frycollin, httest Du in der Zukunft lesen knnen! Warum war Frycollin auch nicht in Boston im Dienste einer gewissen Familie Sneffel geblieben, die im Begriffe, eine Reise nach der Schweiz anzutreten, darauf verzichtet hatte, weil daselbst Schneelawinen vorkamen? War fr Frycollin nicht dieses Haus das geeignete, aber nicht das des Onkel Prudent, wo das khne Wagen in Permanenz erklrt war? Nun, er befand sich einmal hier und sein Herr hatte sich mit der Zeit an seine Fehler gewhnt, brigens besa er doch _eine_ gute Eigenschaft. Obwohl Neger von Abstammung, sprach er doch nicht, wie diese gewhnlich -- und das hat einigen Werth, denn nichts ist so widerlich, als der abscheuliche Jargon, in dem die Anwendung des besitzanzeigenden Frwortes und des Infinitivs bis zum Mibrauch getrieben wird. Es steht also fest, da der Diener Frycollin ein feiger Prahlhans war, und zwar nannte man ihn einen "Prahlhans gleich dem Monde". Es erscheint brigens nur gerecht, gegen diesen fr die blonde Phbe beleidigenden Vergleich Einspruch zu erheben; warum sollte man die sanfte Selene, die keusche Schwester des strahlenden Apollo, der Prahlerei zeihen, das Gestirn, welches, so lange die Welt steht, stets der Erde gerade in's Gesicht geblickt hat, ohne ihr jemals den Rcken zuzuwenden? Doch wie dem auch sei, zu dieser Stunde -- es war jetzt bald Mitternacht -- begann die "blasse, verdchtige Scheibe" schon im Westen hinter den hohen Baumkronen des Parks zu verschwinden. Ihre durch das Gezweige hereindringenden Strahlen erhellten nur noch da und dort den Erdboden, so da es unter den Bumen noch etwas finsterer war. Das gestattete Frycollin, einen forschenden Blick umherschweifen zu lassen. "Brr, machte er, die Schurken sind wahrlich noch da! Offenbar kommen sie nher heran." Da hielt es ihn nicht mehr und er schritt auf seinen Herrn zu. "Master Onkel!" redete er ihn an. So nannte er ihn gewhnlich und so wollte der Vorsitzende des Weldon-Instituts auch genannt sein. Eben jetzt war der Streit der beiden Rivalen auf das Hitzigste entbrannt; und da sie einander spazieren fhrten, wurde Frycollin sehr grob angewiesen, diesen Spaziergang mitzumachen, wie es seine Pflicht und Schuldigkeit sei. Und whrend die Beiden ohne Unterbrechung weiterstritten, gerieth Onkel Prudent immer weiter hinaus nach den verdeten Grasgrnden des Fairmont-Parkes und entfernte sich immer mehr vom Schuylkill und der Brcke, die sie zur Rckkehr nach der Stadt unbedingt berschreiten muten. Alle Drei befanden sich jetzt inmitten einer Gruppe hoher Bume, in deren Gipfeln noch das letzte Licht des Mondes spielte. An den Saum derselben schlo sich eine grere Lichtung an, ein weiter, ovaler Wiesenplan, wie geschaffen fr Wettrennen. Hier htte nicht die kleinste Unebenheit des Bodens den Galopp eines Pferdes gestrt und kein Busch oder Baum die Blicke der Zuschauer bei der Verfolgung der mehrere englische Meilen langen Bahnlinie gehindert. Und doch, wren Onkel Prudent und Phil Evans in ihre Streitigkeiten nicht gar so sehr vertieft gewesen, htten sie sich nur einigermaen aufmerksam umgesehen, so htte ihnen nicht entgehen knnen, da der weite freie Platz heute einen ganz anderen Anblick darbot. War das ein Zauberspuk, der hier seit gestern entstanden war? Wahrlich, man htte das Ganze mit seinen vielen Windmhlen fr ein Zauberwerk erklren knnen, wenn man die Mhlenflgel sah, die, jetzt unbeweglich, im Halbdunkel Grimassen zu machen schienen. Doch weder der Prsident, noch der Schriftfhrer des Weldon-Instituts bemerkte diese auffllige Vernderung der Ansicht des Fairmont-Parks; Frycollin sah sie ebenso wenig. Es schien ihm, als ob die unheimlichen Gestalten sich nherten und zusammenduckten, als rsteten sie sich zu einem ruberischen Ueberfalle. Er zitterte aus Angst an allen Gliedern und war doch gleichzeitig wie gelhmt, so hatte ihn die Furcht vor den nchsten Minuten ergriffen. Obwohl ihm die Kniee frmlich schlotterten, gewann er doch noch die Kraft, einmal zu rufen: "Master Onkel! ... Master Onkel! -- Nun, was giebt es denn?" antwortete Onkel Prudent. Vielleicht wren er und Phil Evans nicht bse darber gewesen, ihren Zorn dadurch abzukhlen, da sie dem unglcklichen Diener eine tchtige Tracht Prgel ertheilten; dazu fanden sie aber ebenso wenig Zeit, wie letzterer, ihnen eine weitere Antwort zu geben. Unter den Bumen gellte pltzlich ein lauter Pfiff. Gleichzeitig flammte inmitten der Lichtung ein heller elektrischer Stern auf. Das war zweifelsohne ein Signal und im vorliegenden Falle die Mahnung, da der Augenblick zu irgend einer Gewaltthtigkeit gekommen sei. Schneller, als man es ausdenken kann, strzten sich schon sechs Mnner durch das Unterholz, zwei auf Onkel Prudent, zwei auf Phil Evans und zwei auf den Diener Frycollin. Die beiden Letzten ganz berflssiger Weise, denn der Neger wre ganz unfhig gewesen, sich zu wehren. Obgleich berrascht durch diesen Ueberfall, wollten der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts doch versuchen, Widerstand zu leisten, hatten dazu aber weder Zeit, noch Kraft. Binnen wenigen Secunden waren sie schon stumm gemacht durch einen Knebel im Munde, blind durch eine Binde ber die Augen, und wurden, berwltigt und gefesselt, schnell durch die Waldlichtung hin fortgeschleppt. Was konnten sie anders annehmen, als da sie einer Rotte jener gewissenlosen Herumlungerer in die Hnde gefallen seien, welche Jeden ausrauben, den sie noch zu spter Stunde im Walde antrafen? Und doch tuschten sie sich. Man durchsuchte nicht einmal ihre Taschen, obwohl Onkel Prudent stets, seiner Gewohnheit nach und also auch heute, mehrere Tausend Dollars Papiergeld bei sich fhrte. Kurz, eine Minute nach diesem Ueberfalle fhlten Onkel Prudent, Phil Evans und der Diener Frycollin, da sie, ohne da ein Wort zwischen den Angreifern gewechselt worden wre, nicht auf den Rasen der Waldble, sondern auf eine Art Fuboden niedergelegt wurden, der unter ihrem Gewichte knarrte. Hier lehnte man sie dann Einen an den Anderen. Darauf hrte man das Klirren eines Riegels in seiner Klappe und dies belehrte die drei Mnner, da sie gefangen seien. Nachher entstand ein seltsames, anhaltendes Gerusch, wie ein Schnarren, ein frrr, dessen rrr sich ohne Ende fortsetzten, ohne da in der so ruhigen Nacht etwas Anderes hrbar geworden wre. * * * * * Welche Unruhe herrschte am folgenden Tage in Philadelphia. Schon in den Morgenstunden erfuhr die ganze Stadt, was sich in der letzten Sitzung des Weldon-Instituts zugetragen: Die Erscheinung jenes rthselhaften Fremdlings, eines Ingenieurs, Namens Robur -- Robur der Sieger! -- die Streitigkeiten, welche er offenbar absichtlich unter den Ballonisten erregt, und endlich sein unerklrliches Verschwinden. Es machte aber doch einen noch ganz anderen Eindruck, als man spter davon hrte, da auch der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Clubs in der Nacht vom 12. zum 13. Juni verschwunden seien. Welche Nachsuchungen wurden da nicht in der Stadt und deren Umgebungen angestellt! Vergeblich -- alle vergeblich. Die Zeitungen von Philadelphia, nach ihnen die Journale von Pennsylvanien und endlich die von ganz Amerika bemchtigten sich eifrig dieses Vorfalls und erklrten ihn auf hunderterlei Weise, von denen keine die richtige war. Durch Annoncen und Maueranschlge wurden betrchtliche Preise ausgesetzt -- nicht allein fr Den, der die ehrenwerthen Verschwundenen wieder finden wrde, sondern auch fr Jeden, der nur auf eine Fhrte hinweisen knnte, auf der man ihren Spuren folgen konnte. Nichts hatte Erfolg. Und htte sich die Erde aufgethan gehabt, um sie zu verschlingen, so konnten der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts nicht vollstndiger von der Oberflche der Erdkugel verschwunden sein. Die Regierungsbltter traten bei dieser Gelegenheit mit dem Verlangen hervor, das Personal der Polizei in betrchtlichem Mastabe zu vermehren, weil hnliche Attentate gegen die besten Brger der Vereinigten Staaten sich wiederholen knnten -- und sie hatten damit Recht. Freilich verlangten die Bltter der Opposition, da das Personal vollstndig, und zwar als unntz verabschiedet werde, da derartige Raubanflle sich doch wiederholen knnten, ohne da es mglich wrde, die Urheber derselben zu entdecken -- und vielleicht hatten sie damit nicht Unrecht. Alles in Allem, die Polizei blieb, was sie war und immer sein wird in der besten der Welten, die nicht vollkommen ist und es niemals werden wird. V. In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden und dem Schriftfhrer des Weldon-Instituts beschlossen wird. Eine Binde ber den Augen zu tragen, einen Knebel im Munde, einen Strick um die Handgelenke und einen solchen um die Knchel zu haben, d. h. also jeder Mglichkeit zu sehen, zu sprechen und sich zu bewegen, beraubt zu sein, das war fr den Onkel Prudent keine Lage, in der er sich htte wohl fhlen knnen, und ebenso wenig fr Phil Evans und den Diener Frycollin. Obendrein nicht einmal zu wissen, wer die Urheber dieser Entfhrung waren, nicht zu wissen, wo man sich befand und welches Loos man zu erwarten habe -- das mute gewi auch das allergeduldigste Lamm in Wuth bringen, und bekanntlich gehrten die Mitglieder des Weldon-Instituts, was ihre Geduld betraf, nicht im geringsten zur Familie der Lmmer. Bercksichtigt man die natrliche Heftigkeit seines Charakters, so kann man sich leicht vorstellen, in welcher Gemthsverfassung Onkel Prudent sich jetzt befinden mochte. Jedenfalls muten Phil Evans und er langsam einsehen, da es fr sie Schwierigkeiten haben werde, am nchsten Abend ihre Pltze im Bureau des Clubs einzunehmen. Frycollin war es mit den verbundenen Augen und dem geschlossenen Munde berhaupt unmglich, irgend etwas zu denken; er war schon mehr todt, als lebendig. Whrend einer Stunde trat in der Lage der Gefangenen keine Aenderung ein. Kein Mensch lie sich erblicken, sie zu besuchen oder ihnen wenigstens die Freiheit der Bewegung und der Sprache wieder zu geben, nach der sie doch so sehr verlangten. Jetzt sahen sie sich auf erstickte Seufzer, auf ein dumpfes, "Ach!" angewiesen, das sich kaum durch ihre Knebel prete, und beschrnkt auf schwache Bewegungen, wie sie etwa ein seinem natrlichen Element entrissener absterbender Karpfen ausfhrt, und man begreift leicht, welchen stummen Zorn, welch' verhaltene oder vielmehr eingeschnrte Wuth das in ihnen erzeugen mute. Nach wiederholten vergeblichen Befreiungsversuchen verhielten sie sich eine Zeit lang ganz still. Da ihnen der Gesichtssinn augenblicklich abging, bemhten sie sich, vielleicht durch den Gehrsinn einige Aufklrung ber diesen beunruhigenden Zustand der Dinge zu erlangen. Vergeblich aber strengten sie sich an, ein anderes Gerusch zu hren, als das ununterbrochene und unerklrliche "frrr", das hier den ganzen Umkreis zu beherrschen schien. Inzwischen gelang es Phil Evans, der hier mit mehr Ruhe aus Werk ging, den Strick locker zu machen, der um seine Handgelenke lag. Dann lste sich allmhlig der fesselnde Knoten, er schmiegte die Finger dicht aneinander, und endlich erlangten seine Hnde wieder die gewohnte Bewegungsfreiheit. Durch krftiges Reiben stellte er den in ihnen halb unterbrochenen Blutumlauf wieder her, und in der nchsten Minute schon hatte Phil Evans die Binde abgerissen, die ihm die Augen bedeckte, den Knebel aus seinem Munde gelst und alle Stcke mit der feinen Klinge seines "Bowie-Messers" zerschnitten. Ein Amerikaner, der nicht stets sein Bowie-Messer in der Tasche htte, wre eben kein Amerikaner mehr. Wenn Phil Evans aber hieraus die Mglichkeit, sich zu bewegen und zu sprechen, wieder erlangte, so war das doch eben Alles. Seine Augen fanden keine Gelegenheit zu ntzlicher Thtigkeit -- wenigstens jetzt nicht, denn in der Zelle, die sie einschlo, herrschte vollstndige Finsterni. Ein ganz schwacher Lichtschein drang nur durch eine Art Schiescharte herein, die in sechs bis sieben Fu Hhe in der Wand angebracht war. Es versteht sich von selbst, da Phil Evans keinen Augenblick zgerte, auch seinen Rivalen zu befreien. Einige Zge mit dem Bowie-Messer gengten zur Durchschneidung der Stricke, welche dessen Fe und Hnde fesselten. In heller Wuth ri sich Onkel Prudent, als er sich kaum auf den Fen aufrichten konnte, die Binde herunter und den Knebel heraus und stammelte mit erstickter Stimme: "Ich danke Ihnen! -- Nein! ... Hier ist nichts zu danken, antwortete der Andere. -- Phil Evans? -- Onkel Prudent? -- Hier giebt es keinen Vorsitzenden und keinen Schriftfhrer des Weldon-Instituts, ich denke, auch keine Gegner mehr. -- Sie haben Recht, besttigte Phil Evans. Hier sind wir nur zwei Mnner, die sich zu rchen haben an einem Dritten, dessen Gewaltstreich die strengste Wiedervergeltung herausfordert. -- Und dieser Dritte ... -- Ist jener Robur! ... -- Ja, jener Robur!" Hier fand sich also einmal ein Punkt, bezglich dessen die beiden Ex-Concurrenten vllig bereinstimmten, ein Streit ber diesen Gegenstand schien demnach ganz ausgeschlossen. "Und Ihr Diener? bemerkte da Phil Evans mit einem Fingerzeig auf Frycollin, der wie ein Seehund schnaufte, wir mssen auch ihn befreien. -- Noch nicht, erwiderte Onkel Prudent, er wrde uns mit seinen Klageliedern den Kopf warm machen, und wir haben jetzt Anderes zu thun, als auf sein Jammern zu achten. -- Und was denn, Onkel Prudent? -- Uns zu retten, wenn es mglich ist. -- Und selbst wenn es unmglich ist!" Ein Zweifel daran, da diese Entfhrung jenem Fremdling, dem Robur, zuzuschreiben sei, konnte dem Prsidenten und seinem Collegen gar nicht in den Sinn kommen. In der That htten ja einfache, ehrsame Ruber sie unzweifelhaft ihrer Uhren, Edelsteine, Brieftaschen und Portemonnaies entledigt und sie dann mit einem Schnitt durch den Hals in den Schuylkill-Strom geworfen, statt sie einschlieen in ... Ja, in was? -- Das war eine ernste Frage, welche die schleunigste Lsung verdiente, ehe sie mit einiger Aussicht auf Erfolg an irgend welche Vorbereitungen zu ihrer Flucht denken konnten. "Phil Evans, nahm Onkel Prudent wieder das Wort, wir htten wahrlich besser daran gethan, wenn wir beim Weggehen aus der Sitzung, statt Liebenswrdigkeiten, auf welche wir hier nicht zurckkommen wollen, auszutauschen, lieber etwas weniger zerstreut gewesen wren. Verlieen wir die Straen von Philadelphia nicht, so wre das Alles nicht geschehen. Offenbar hatte jener Robur schon eine Ahnung davon, was sein Auftreten im Club bewirken wrde, er muthmate die Wuthausbrche, welche seine Herausforderungen entfesseln muten, und hatte vor der Thre sicherlich einige seiner Banditen, ihm im schlimmsten Falle beizuspringen. Als wir dann die Walnut-Strae verlieen, sprten uns seine Schergen auf, folgten unseren Spuren und als sie sahen, da wir uns unkluger Weise in die Alleen des Fairmont-Parkes verirrten, da hatten sie ja leichtes Spiel. -- Einverstanden, antwortete Phil Evans. Ja, wir haben sehr Unrecht gethan, nicht unmittelbar unsere Wohnungen aufzusuchen. -- Man hat immer Unrecht, nicht Recht zu haben," versetzte Onkel Prudent. Da ertnte ein langgezogener Seufzer aus dem finsteren Winkel der Zelle. "Was war das? fragte Phil Evans. -- O nichts ... Frycollin trumt nur." Und Onkel Prudent fuhr ungestrt fort: "Zwischen dem Zeitpunkte, wo wir wenige Schritte vom Anfang der Lichtung ergriffen wurden, und dem, wo man uns in diesen Winkel warf, sind kaum zwei Minuten verflossen. Es liegt also auf der Hand, da jene Leute uns nicht ber den Fairmont-Park hinaus verschleppt haben. -- Denn wenn das geschehen wre, htten wir doch von der Fortschaffung etwas verspren mssen. -- Einverstanden, erklrte Onkel Prudent. Es unterliegt also keinem Zweifel, da wir in einer Abtheilung irgend eines Wagens eingesperrt sind, vielleicht in einem jener langen Prairie-Reisewagen oder in dem Gefhrte von Seiltnzern. -- Ohne Zweifel. Befnden wir uns auf einem auf dem Schuylkill-Strom vertuten Schiffe, so mte sich das durch ein leichtes Schwanken von Bord zu Bord, veranlat durch die Strmung, zu erkennen geben. -- Einverstanden, stets, stets, wiederholte Onkel Prudent, und ich meine, es ist, wo wir uns noch in der Parklichtung befinden, jetzt oder nie der geeignete Moment zur Flucht, um spter jenen Robur wieder aufzuspren ... -- Und ihn diesen Angriff auf die Freiheit zweier Brger der Vereinigten Staaten von Amerika theuer bezahlen zu lassen! -- Theuer ... sehr theuer! -- Doch, wer ist dieser Mann? ... Woher kommt er? ... Ist es ein Englnder, ein Deutscher, ein Franzose ... -- Jedenfalls ein elender Wicht, das gengt, antwortete Onkel Prudent. Und nun an's Werk!" Mit ausgestreckten Hnden und gespreizten Fingern tasteten Beide an der Wand des kleinen Raumes umher, um einen Ri oder eine Spalte zu entdecken. Vergeblich. Es fand sich hier ebenso wenig davon, wie an der Thr. Diese erwies sich fast hermetisch geschlossen, und es wre unmglich gewesen, das Schlo derselben zu sprengen. Man mute also ein Loch herzustellen suchen, um durch dasselbe zu entkommen. Dabei trat nun die Frage hervor, ob die Bowie-Messer die Wand anzugreifen im Stande seien, ob ihre Klingen sich nicht verbiegen oder bei dem Vorhaben gar zerbrechen wrden. "Doch woher stammt jenes Zittern, das gar nicht aufhrt? fragte Phil Evans, der sich ber das immer fortdauernde frrr nicht beruhigen konnte. -- Es ist ohne Zweifel der Wind, meinte Onkel Prudent. -- Der Wind? ... Bis Mitternacht schien mir, als ob die Luft ganz ruhig gewesen wre ... -- Gewi, Phil Evans, doch, wenn es der Wind nicht sein soll, was halten Sie denn fr die Ursache?" Phil Evans versuchte, nachdem er die beste Klinge seines Messers aufgeklappt, in die Wand nahe der Thr einzuschneiden. Vielleicht gengte es hier, eine Oeffnung zu machen, um diese von auen zu ffnen. wenn sie nur durch einen Riegel versperrt oder der Schlssel im Schlosse stecken geblieben war. Wenige Minuten Arbeit reichten hin, die Klinge des Bowie-Messers zu verderben, die Spitze desselben abzubrechen und es in eine tausendzhnige Sge zu verwandeln. "Es greift wohl nicht, Phil Evans? -- Nein. -- Sollten wir uns in einer Zelle aus Stahl befinden? -- Das nicht, Onkel Prudent; diese Wnde geben angeschlagen keinen metallischen Ton. -- Also vielleicht aus Eisenholz? -- Nein, weder aus Eisen, noch aus Holz. -- Aus was bestnde sie denn dann? -- Das ist unmglich zu entscheiden; unbedingt aber ist es eine Substanz, welche der Stahl nicht angreift." Onkel Prudent loderte in hellem Zorn auf, er fluchte, stampfte den widerhallenden Boden mit den Fen und seine Hnde suchten einen eingebildeten Robur zu erwrgen. "Ruhig, Onkel Prudent, ermahnte ihn Phil Evans, ruhig. Versuchen Sie einmal Ihr Glck." Onkel Prudent versuchte es, das Bowie-Messer konnte aber nicht in eine Wand einschneiden, die selbst dessen beste Klingen nicht zu ritzen vermochten, als ob diese aus Krystall wre. Eine Flucht erschien also ganz unausfhrbar, denn ohne Oeffnung der Thr war an eine solche doch gar nicht zu denken. Es galt demnach, fr jetzt darauf zu verzichten, was dem Yankee-Temperament nicht eben leicht zu werden pflegt, und Alles vom Zufall zu erwarten, was hervorragenden praktischen Geistern allemal zuwider ist. Natrlich geschah das nicht ohne Verwnschungen, furchtbare Drohungen und an die Adresse Robur's gerichtete schwere persnliche Beleidigungen, whrend er doch gar nicht der Mann dazu schien, sich deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen, wenn anders er sich im Privatleben ebenso zeigte, wie bei seinem Auftreten im Weldon-Institute. Inzwischen gab Frycollin einige unzweifelhafte Zeichen seiner unbehaglichen Lage von sich. Ob er nun krampfhaftes Krmmen im Magen empfand oder die Einschnrung ihm einen Krampf der Glieder zugezogen hatte, jedenfalls begann er jmmerlich zu lamentiren. Onkel Prudent glaubte seinen Qualen ein Ende machen zu mssen, indem er die Stricke, welche den Neger fesselten, durchschnitt. Fast htte er Ursache gehabt, diese Regung von Mitleid zu bedauern. Sofort begann Jener nmlich eine endlose Litanei, in der Ausbrche des Entsetzens und -- Klagen ber Hunger die Hauptrolle spielten. Frycollin litt ebenso sehr im Kopfe, wie im Magen, so, es wre schwierig gewesen, zu entscheiden, welchem dieser beiden Organe am meisten Schuld an dem Jammern des Negers beizumessen war. "Frycollin!" rief Onkel Prudent. "Master Onkel! Master Onkel!" antwortete der Neger mit klglichem Geschrei. "Es ist mglich, da wir verdammt sind, in diesem Gefngnisse Hungers zu sterben. Wir sind aber entschlossen, Alles, was irgend verzehrbar erscheint, zu verbuchen, um unser Leben zu verlngern. -- Und mich aufzuzehren? jammerte Frycollin. -- Wie man es unter solchen Umstnden mit einem Neger stets macht! Sorge also, Frycollin, da Du Dich uns nicht zu sehr bemerkbar machst ... -- Oder Du wirst fri--cas--sirt!" setzte Phil Evans hinzu. Frycollin bekam wirklich Angst, da sein Leichnam in Anspruch genommen werden knnte, das Leben zweier Mnner zu verlngern, das jedenfalls werthvoller war, als das seinige. Er begngte sich also, nur noch im Stillen zu seufzen. Inzwischen verstrich die Zeit und alle Versuche, die Thr oder die Wand gewaltsam zu ffnen, waren erfolglos geblieben. Woraus diese Wand bestand, lie sich unmglich feststellen. Metall war das nicht, Holz war es nicht und Stein war es auch nicht. Der Fuboden der Zelle schien brigens aus demselben Material hergestellt zu sein. Stie man mit dem Fue auf denselben, so gab das einen ganz seltsamen Ton, den unter die bekannten Gerusche zu classificiren, Onkel Prudent gewi viele Mhe gemacht htte. Dabei bemerkte man noch, da der Fuboden entschieden hohl klang, so, als ob er nicht direct auf dem Boden der Lichtung ruhte; ja, er schien bei dem unerklrlichen frrr selbst leise zu erzittern. Alles das war nicht gerade beruhigender Natur. "Onkel Prudent, begann Phil Evans. -- Phil Evans? antwortete der Gefragte. -- Meinen Sie, da unsere Zelle ihre Lage verndert hat? -- Keineswegs. -- Und doch, als wir kaum eingesperrt waren, konnte ich deutlich den frischen Geruch des Grases und den harzigen Duft der Bume des Parkes wahrnehmen. Jetzt kann ich Luft einfangen, so viel ich will, es erscheint mir, als ob davon nichts zu riechen wre. -- Das ist freilich wahr. -- Doch, wie soll man das erklren? -- Erklren wir es auf ganz beliebige Weise, Phil Evans, nur nicht durch die Hypothese, da unser Gefngni eine Ortsvernderung erlitten habe. Ich wiederhole, da wir es unbedingt htten fhlen mssen, wenn wir uns auf einem in Gang befindlichen Wagen oder auf einem dahingleitenden Schiffe befnden." Frycollin lie einen langgedehnten Seufzer hren, den man htte fr seinen letzten halten knnen, wenn ihm nicht mehrere andere nachgefolgt wren. "Ich gab mich der Hoffnung hin, da Robur uns bald veranlagen werde, vor ihn zu treten, fuhr Phil Evans fort. -- Ich nicht minder, rief Onkel Prudent, aber ich werde ihm in's Gesicht sagen ... -- Was? -- Da er erst wie ein Unverschmter in unsere Verhandlungen eingegriffen hat, um schlielich gleich einem Schurken zu handeln!" Eben jetzt bemerkte Phil Evans, da der Tag zu grauen begann. Ein noch schwacher Lichtschein drang durch die enge, am oberen Theile der der Thr gegenberliegenden Wand angebrachte Schiescharte herein. Es mochte also gegen vier Uhr Morgens sein, denn im Juni und unter dieser Breite frbt sich der Horizont von Philadelphia zu dieser Stunde mit den ersten Morgenstrahlen. Und doch, als Onkel Prudent seine Repetiruhr schlagen lie, ein Meisterwerk, das aus der Anstalt eines Collegen hervorgegangen war -- meldete diese, da es erst dreivierteldrei Uhr war, obwohl die Uhr inzwischen bestimmt nicht gestanden hatte. "Seltsam! sagte Phil Evans. Um dreivierteldrei Uhr sollte es noch Nacht sein. -- Meine Uhr mte dann bedeutend nachgeblieben sein, bemerkte Onkel Prudent. -- Eine Uhr der Waldon Watch Compagnie!" rief Phil Evans beleidigt. Auf jeden Fall begann es jetzt Tag zu werden. Nach und nach hob sich die Schiescharte wei von der tiefen Dunkelheit der Zelle ab. Und doch, wenn das Morgengrauen frhzeitiger auftrat, als es entsprechend dem 40. Breitengrade, unter dem Philadelphia liegt, zu erwarten war, so erschien es doch nicht mit der bekannten Schnelligkeit, wie in den niedrigen Breiten. Onkel Prudent machte diese neue Beobachtung und erwhnte der fast unerklrlichen Erscheinung. "Wir konnten vielleicht bis nach der Schiescharte hinaufklimmen", bemerkte Phil Evans, um von da aus Rundschau zu halten, wo wir berhaupt sind. -- Das knnen wir," stimmte Onkel Prudent zu. Dann wandte er sich an Frycollin: "Nun munter, Fry, auf die Fe!" Der Neger erhob sich. "Lehne Dich mit dem Rcken gegen diese Wand, fuhr Onkel Prudent fort, und Sie, Phil Evans, steigen geflligst auf die Schultern dieses Burschen, whrend ich Sie von rckwrts halte. -- Recht gern," antwortete Phil Evans. Einen Augenblick spter kletterte er schon auf Frycollin's Schultern, so da er zu der Schiescharte hinaussehen konnte. Dieselbe war verschlossen, aber nicht durch ein Linsenglas, wie die Lichtpforte eines Schiffes, sondern durch eine gewhnliche Planscheibe. Obwohl sie nicht sehr stark war, verhinderte sie doch den freien Ausblick Phil Evans', dessen Gesichtskreis dadurch ziemlich beschrnkt wurde. "So zerbrechen Sie doch die Scheibe, sagte Onkel Prudent, vielleicht knnen Sie dann besser sehen." Phil Evans fhrte einen heftigen Schlag mit dem Heft seines Bowie-Messers gegen die Scheibe, welche einen fast silbernen Ton gab, aber nicht zerbrach. Ein zweiter, noch krftigerer Schlag hatte nur dasselbe Resultat. "Schn, rief Phil Evans, unzerbrechliches Glas!" Wirklich mute diese Scheibe aus dem nach der Methode des Erfinders Siemens gehrteten Glase bestehen, da sie trotz der wiederholten Schlge ganz blieb. Uebrigens war es jetzt drauen hell genug, um ziemlich weit sehen zu knnen, wenigstens innerhalb des Gesichtsfeldes, das die Einfassung der Schiescharte frei lie. "Was sehen Sie? fragte Onkel Prudent. -- Nichts. -- Wie? Keinen Wald? -- Nein. -- Nicht einmal die Gipfel der Bume? -- Auch diese nicht. -- Wir befinden uns also nicht mehr inmitten der Lichtung? -- Weder in der Lichtung, noch berhaupt im Park. -- Erkennen Sie denn auch nicht die Dcher der Huser, die Spitzen der Denkmler? sagte Onkel Prudent, dessen Enttuschung schon in einem Grade zunahm, da sie nahe an Wuth grenzte. -- Weder Dcher, noch Spitzen. -- Was? Auch nicht einen Mast mit Flagge, nicht einen einzigen Kirchthurm, nicht einmal einen Fabriksschornstein? -- Nichts -- nichts als die leere Luft." Eben jetzt ffnete sich die Thr der Zelle, in der ein Mann sichtbar wurde. Das war Robur. "Ehrenwerthe Ballonisten, sagte eine ernste Stimme. Sie sind nun frei, nach Belieben zu gehen, wohin Sie wollen ... -- Frei! rief Onkel Prudent. -- Ja ... das heit innerhalb der Grenzen des "Albatros"! Onkel Prudent und Phil Evans strzten aus der Zelle. Und was sahen sie da? Zwlf- bis dreizehnhundert Meter unter ihnen die Oberflche eines Landes, das sie vergeblich zu erkennen sich bemhten. VI. Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht am besten berschlagen. "Wann wird der Mensch einmal aufhren, in der Tiefe umherzukriechen, um im Azur und im Frieden des Himmels zu leben?" Die Antwort auf diese Frage Camille Flammarion's ist ziemlich leicht. Das wird dann geschehen, wenn die Fortschritte der Mechanik das Problem der Aviation, d. h. der Nachahmung des Vogelfluges, zu lsen gestatten, und vor Ablauf weniger Jahre -- das sah man ja voraus -- mute eine praktische Verwerthung der Elektricitt zur Lsung dieses Rthsels fhren. Schon im Jahre 1773, also ziemlich lange, bevor die Brder Montgolfier ihre erste Montgolfire und der Physiker Charles seinen ersten Wasserstoffballon construirten, hatten einzelne abenteuerliche Kpfe davon getrumt, mittelst mechanischer Apparate die Luft so zu sagen zu erobern. Die ersten Erfinder hatten also keineswegs an Apparate gedacht, welche leichter als die Luft waren, was schon der Standpunkt der physikalischen Wissenschaft ihrer Zeit nicht erlaubte. Sie gingen darauf aus, die Fortbewegung durch die Luft durch specifisch schwerere Apparate, durch Flugmaschinen, welche die Bewegung des Vogels nachahmten, zu ermglichen. Ganz dasselbe hatte schon jener Thor, der Icarus, der Sohn des Daedalus, gethan, dessen mit Wachs angeheftete Flgel ihm bei der Annherung an die Sonne abfielen. Doch ohne bis auf mythologische Zeiten zurckzugehen, ohne eines Archytas von Tarent zu erwhnen, begegnet man schon in den Arbeiten eines Dante von Perousa, eines Leonard de Vinci und Guidotti der Idee von Maschinen, welche bestimmt waren, sich in der Atmosphre zu bewegen. Zweieinhalb Jahrhunderte spter traten weit zahlreichere Erfinder auf. Im Jahre 1742 construirt sich der Marquis de Baqueville ein System von Flgeln, versucht dasselbe ber der Seine und bricht beim Herabfallen den Arm. 1768 entwirft Paucton den Plan zu einem Apparat mit zwei Schrauben zum Heben und zur Fortbewegung. 1781 baut Meerwein, der Architekt des Frsten von Baden, eine Maschine zur Nachahmung des Vogelflugs und verwirft den Gedanken der Lenkbarkeit von Ballons, welche eben erfunden worden waren. 1784 lassen Launoy und Bienvenu eine Helicoptere aufsteigen, die von Federn bewegt wurde. 1808 Fliegversuch des Oesterreichers Jakob Degen. 1810 erscheint ein Schriftchen von Deniau aus Nantes, in dem der Grundsatz des "schwerer, als die Luft" beleuchtet ist. In den Zeitraum von 1811-40 fallen die Untersuchungn und Versuche von Berblinger, Vigual, Sarti, Dubochet und Cagniard de Latour. 1842 tritt der Englnder Henson mit seinem System der geneigten Ebene und durch Dampf bewegter Schraube auf; 1845 Cossus mit seinem Apparat mit Steigschrauben; 1847 meldet sich Camille Vert mit seiner Helicoptere aus Federbgeln; 1852 Letur mit seinem lenkbaren Fallschirm, dessen praktische Prfung ihm das Leben kostete. In demselben Jahre tritt Michel Loup hervor mit seinem Vorschlage, bei dem die gleitende Bewegung in Verbindung mit vier sich drehenden Flgeln gebracht ist. 1853 Blguic mit seinem durch Zugschrauben bewegten Aeroplan; Vaussin-Chardannes mit seinem lenkbaren Drachen; Georges Cauley mit seinen Fliegmaschinen, die ein Gasmotor treiben sollte. Zwischen 1854 und 1863 sind zu nennen: Josef Bline, der Patente auf verschiedene Systeme der Luftschifffahrt besitzt, Brant, Carlingfort, Le Bris, Du Temple, Bright, dessen Steigschrauben sich in verkehrter Richtung bewegen; Smythies, Panafieu, Crosnier u. A. m. Endlich wird im Jahre 1863 auf Betreiben Nadar's in Paris eine Gesellschaft "Schwerer, als die Luft" gegrndet; hier fhren die Erfinder ihre Maschinen vor, von denen schon verschiedene patentirt wurden, wie die von Ponton d'Amcourt und seine Dampf-Helicoptere; de la Landelle's System einer Verbindung von Schrauben mit geneigten Ebenen und Fallschirmen; Louvri's Aeroscaph; Esterno's mechanischer Vogel; Groof's Apparat mit durch Hebel bewegten Flgeln. Jetzt, nachdem der Ansto gegeben ist, erfinden die Erfinder, berechnen die Rechner Alles, was die willkrliche Fortbewegung durch die Luft ihrer praktischen Anwendung zuzufhren verspricht. Bourcart, Le Bris, Kaufmann, Smyth, Stringfellow, Prigent, Danjard, Poms und de la Panze, Moy, Rnaud, Jobert, Hureau de Villeneuve, Achenbach, Garapon, Duchesne, Danduran, Parisel, Dieuaide, Melkisff, Forlanini, Brearey, Tatin, Dandrieux, Edison erdenken, construiren, erbauen und vervollkommnen -- die Einen unter Anwendung von Flgeln oder Schrauben, die Anderen unter den von geneigten Ebenen -- Maschinen, welche bereit sein werden, an dem Tage zu functioniren, wo ihnen ein glcklicher Erfinder einen Motor von hinreichender Kraft und auerordentlicher Leichtigkeit hinzufgt. Wir bitten wegen dieses etwas langen Namensverzeichnisses um freundliche Entschuldigung, doch es schien uns nothwendig, die Einzelstufen jener Leiter der Luftschifffahrtserfolge, auf deren Gipfel jetzt Robur der Sieger erscheint, vorzufhren. Ohne die schwachen Versuche und die khnen Experimente seiner Vorgnger, htte der Ingenieur ja unmglich einen so vollkommenen Apparat zu construiren vermocht. Und wenn er nur ein verchtliches Achselzucken fr Diejenigen hatte, welche noch immer starrsinnig dabei verharrten, die Lenkbarkeit von Ballons erfinden zu wollen, so standen bei ihm die Anhnger des Grundsatzes "schwerer als die Luft" in hohem Ansehen, ob das nun Englnder, Amerikaner, Deutsche, Oesterreicher, Italiener oder Franzosen waren -- vor Allem letztere, deren durch ihn vervollkommnete Arbeiten ihn in den Stand gesetzt hatten, seine Flugmaschine, den "Albatros", zu ersinnen und auszufhren, jenes Ungeheuer, das jetzt das Luftmeer durchma. "Die Taube fliegt! hatte einer der enthusiastischen Anhnger des "Albatros" gerufen. -- Man wird noch durch die Luft spazieren fahren, wie jetzt ber die Erde! hatte darauf ein hochbegeisterter Vertheidiger derselben Theorie hinzugesetzt. -- Mit der Locomotive, der Aeromotive!" hatte der lustigste von Allen hinaustrompetet, der sich mit Vorliebe der Presse bediente, um die Alte und die Neue Welt fr die Sache zu interessiren. In der That steht es ja durch Rechnung und Erfahrung fest, da die Luft ein sehr widerstandsfhiger Sttzpunkt sein kann. Ein Kreis von einem Meter Durchmesser vermag als Fallschirm nicht allein das Eindringen in die Luft zu verlangsamen, sondern den Fall sogar isochronisch zu machen. Das war schon lngst bekannt. Ebenso wute man, da die Einwirkung der Schwerkraft, wenn die Fortbewegung eines Krpers eine sehr schnelle ist, etwa im umgekehrten Verhltnisse des Quadrats zur Schnelligkeit abnimmt und zuletzt ziemlich bedeutungslos werden kann. Man wute ferner, da sich bei zunehmendem eigenen Gewichte eines fliegenden Thieres die zum Schwebenderhalten desselben nothwendige Oberflche der Flgel nicht in gleichem Mae vergrert, obwohl die Bewegungen, die es ausfhrt, etwas langsamer sein mssen. Ein Aviations-Apparat mu demnach so construirt sein, da er diesen Naturgesetzen entspricht und dem Vogel nachgebildet ist, "dem wunderbaren Typus der Fortbewegung in der Luft", wie Doctor Marey im franzsischen Institut sich ausgedrckt hat. Die Apparate nun, welche allein dieses Problem zu lsen vermgen, zerfallen in folgende drei Arten: 1. Die Helicopteren oder Spiraliferen, welche nur aus Schrauben mit verticalen Achsen bestehen. 2. Die Orthopteren, das sind Maschinen, welche ganz den natrlichen Flug der Vgel nachzuahmen bestimmt sind. 3. Die Aeroplanen, in Wirklichkeit geneigte Ebenen, wie die Papierdrachen der Knaben, aber von horizontalen Schrauben getrieben oder gezogen. Jedes dieser Systeme hatte und hat selbst noch heute entschiedene Anhnger, welche ihre Ansichten unabnderlich als die richtigen hinstellen. Aus mancherlei Grnden hatte Robur jedoch die beiden letzteren verworfen. Es unterliegt zwar keinem Zweifel, da die Orthoptere, der mechanische Vogel, gewisse Vorzge aufweist. Die Arbeiten Renaud's haben dafr 1884 den Beweis beigebracht. Doch man darf, wie dem Genannten auch eingeworfen wurde, die Natur niemals sclavisch nachahmen wollen. Die Locomotiven sind auch nicht nach dem Vorbilde der Hasen und die Dampfschiffe nicht nach dem der Fische gebaut. Den ersteren gab man Rder, welche doch keine Beine sind, dem letzteren Schrauben, welche gewi nicht den Flossen entsprechen. Und wir meinen, Beide laufen doch recht gut. Uebrigens wei man noch gar nicht genau, wie der Flug der Vgel, welche sehr complicirte Bewegungen ausfhren, eigentlich zu Stande kommt. Doctor Marey z. B. hat die Vermuthung ausgesprochen, da die Federn der Flgel sich beim Aufschlag ffnen, um die Luft durchzulassen -- ein Vorgang, der durch eine knstliche Maschine schwerlich herzustellen sein mchte. Andererseits ist es nicht zweifelhaft, da auch die Aeroplane einige gute Erfolge aufzuweisen haben. Setzen die Schrauben den Luftschichten eine schiefe Ebene entgegen, so mte daraus eine ansteigende Bewegung hervorgehen, und kleine Versuchs-Apparate haben bewiesen, da das disponible Gewicht, dasjenige, ber welches man noch ber das Eigengewicht des Apparates hinaus verfgen knnte, mit dem Quadrate der Geschwindigkeit zunahm. Hierin liegt offenbar ein groer Vortheil, der die der Aerostaten, welche aufgetrieben werden sollen, weit bertrifft. Nichtsdestoweniger glaubte Robur, da, wenn es etwas noch Besseres gbe, das auch noch einfacher sein msse. Auch die Schrauben -- die ihm im Weldon-Institut durch ein glckliches Wortspiel direct an den Kopf geworfen worden waren -- konnten ja wohl allen Ansprchen an seine Flugmaschine gengen. Die Einen sollten dieselbe in der Luft schwebend erhalten, die Anderen sie unter den besten Verhltnissen der Schnelligkeit und Sicherheit in der Horizontalen fortbewegen. Theoretisch mte man ja mittelst einer nur kurzen, aber in der Flche groen Schraube, wie Victor Tatin es zuerst ausgesprochen hatte, dahin gelangen, "wenn man es auf das Aeuerste triebe, in ungeheures Gewicht durch verschwindend kleine Kraft zu heben". Wenn die Orthoptere -- durch Flgelschlge gleich einem Vogel -- sich erhebt, indem sie sich in normaler Weise gegen die Luft strzt, so steigt die Helioptere auf, indem sie mit ihren Schraubenflgeln schrg dagegen wirkt, als ob sie eine geneigte Ebene hinaufklimme. Im Grunde hat sie ja nur schraubenfrmig gewundene, an Stelle der schaufelartigen Flgel. Die Schraube bewegt sich nothwendig in der Richtung ihrer Achse fort. Ist diese vertical, so bewegt sie sich vertical; ist sie horizontal angebracht, so treibt sie in horizontalem Sinne. Der groe Flugapparat des Ingenieur Robur beruhte nur auf diesen beiden Wirkungen. Wir geben hier eine genaue Beschreibung desselben, welche fglich in drei Theile zerfallen kann, betreffend das Verdeck, die Schwebe- und Treibmaschinen und die uere Maschinerie. Verdeck. Das war ein dreiig Meter langes, vier Meter breites Bauwerk, ein wirkliches Schiffsdeck mit Vordersteven in Form eines Rammsporns. Darunter wlbte sich der festgefgte Rumpf, der die Apparate zur Erzeugung der mechanischen Kraft barg, ferner befanden sich da die Pulverkammer, die Werkzeuge, das allgemeine Magazin fr Vorrthe aller Art, darunter auch die Wassergefe des Fahrzeugs. Rund herum standen leichte Pfosten, die, mit Eisendraht unter einander verbunden, die Reeling bildeten. Darauf aber erhoben sich drei Ruffs,[4] deren Rumlichkeiten zur Wohnung fr das Personal und fr die Maschinerie bestimmt sind. Im mittleren Ruff arbeitet die Maschine, welche das Schwebewerk in Bewegung setzt; in dem vorderen die Maschine fr die vordere Treibschraube, im hinteren die fr die hintere Schraube, so da diese drei von einander vllig unabhngig wirken. Nahe dem Vordertheile befindet sich der Ruff fr die Werkstatt die Kche und die Mannschaftswohnung. Nahe dem Heck, im letzten Ruff, finden sich mehrere Cabinen, unter anderen die des Ingenieurs, ein Speisezimmer und darber ein kleiner verglaster Raum, in dem sich der Steuermann aufhlt, der das Ganze mittelst eines gewaltigen Steuerrades lenkt und leitet. Alle diese Ruffs werden durch Lichtpforten erhellt, deren Scheiben aus Hartglas bestehen, das eine zehnfach grere Widerstandsfhigkeit als gewhnliches Glas hat. Unterhalb des Rumpfes ist ein System von biegsamen Federn angebracht, dazu bestimmt, etwaige Ste zu mildern, obwohl eine Landung ungemein sanft bewerkstelligt werden konnte, so sehr war der Ingenieur Herr seines Apparates. [4] Ruffs nennt man auf Seeschiffen die auf Deck stehenden kleinen Holzbauwerke, welche als Wohnung fr die Mannschaft dienen. Auftriebs- und Treibmaschinen. Auf dem Verdeck erhoben sich lothrecht siebenunddreiig Achsen, von denen je fnfzehn an Back- und Steuerbord und sieben hhere in der Mitte errichtet waren, so da das Ganze einem Schiffe mit siebenunddreiig Masten hnlich wurde; nur trugen diese Masten an Stelle der Segel jeder zwei horizontale Schrauben von kurzer Steigung und geringem Durchmesser, denen aber eine ungeheure Umdrehungsgeschwindigkeit ertheilt werden konnte. Jede dieser Achsen empfngt ihre Bewegung unabhngig von der anderen, und auerdem drehen sich je zwei und zwei in entgegengesetztem Sinne -- eine nothwendige Maregel, um den ganzen Apparat nicht in wellenfrmige Bewegung kommen zu lassen. Auf diese Weise aber halten sich alle Schrauben, whrend sie eine wie die andere auf verticalen Luftsulen emporzusteigen streben, gegenseitig das Gleichgewicht. Der Apparat ist demnach mit vierundsiebenzig Schwebeschrauben ausgerstet, deren drei Arme uerlich durch einen Metallring zusammengehalten werden, der, als Schwungrad wirkend, die motorische Kraft besser ausntzen hilft. Am Vorder- wie am Hintertheile drehen sich, auf horizontalen Achsen montirt, zwei Treibschrauben mit vier Armen jede, welche der Fortbewegung des Ganzen vorstehen. Diese Schrauben, welche an Durchmesser die Auftriebsschrauben bertreffen, knnen sich ebenfalls mit der grten Geschwindigkeit drehen. Alles in Allem schliet sich dieser Apparat an die Systeme an, welche von Cossus, de la Landelle und de Ponton d'Amcourt aufgestellt und vom Ingenieur Robur verbessert wurden. Dagegen gebhrt ihm bezglich der Wahl und der Verwendung der motorischen Kraft unbedingt der Ruhm des Erfinders. Maschinerie. Weder vom Dampf des Wassers oder anderer Flssigkeiten, weder von der comprimirten Luft oder anderen elastischen Gasen und endlich ebenso wenig von explosiven Gemischen, welche fhig sind, eine mechanische Wirkung auszuben, entlehnte Robur die notwendige Kraft, seinen Apparat schwebend zu erhalten und fortzubewegen, er nahm dazu die Elektrizitt in Anspruch, jene Naturkraft, welche dereinst die Seele der industriellen Welt zu werden verspricht. Eine dynamo-elektrische Maschine verwendete er zur Erzeugung derselben jedoch nicht, sondern nur Batterien und Accumulatoren; nur war es Robur's Geheimni, welche Materialien er zur Zusammenstellung seiner Elemente und welche Suren er zur Erregung derselben anwendete; dasselbe galt fr die Accumulatoren. Niemand wute, woraus deren positive und negative Platten bestanden. Der Ingenieur hatte sich aus gewissen Grnden wohl gehtet, darauf ein Patent zu nehmen. Unbestreitbar aber zeigten seine Batterien eine auerordentliche Ergiebigkeit, die Suren eine fast vollstndige Widerstandsfhigkeit gegen Verdunstung und Frieren, seine Accumulatoren eine unverkennbare Ueberlegenheit ber die von Faure, Sellon, Volckmar, und endlich lieferten seine Strme Ampres von bisher unerreichter Anzahl. Daraus aber ergab sich eine so zu sagen unendliche Menge elektrischer Pferdekrfte zur Bewegung der Schrauben, welche dem Apparate eine seinen Bedrfnissen weit berlegene Schwebe- und Triebkraft unter allen Umstnden verliehen. Wir wiederholen jedoch, das war die Sache des Ingenieur Robur und darber bewahrte er ein unverbrchliches Geheimni, und wenn der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts nicht das Glck haben, dasselbe zu durchdringen, so drfte es wahrscheinlich auf immer fr die Menschheit verloren sein. Es versteht sich von selbst, da dieser Apparat infolge der glcklich gewhlten Lage seines Schwerpunktes hinreichende Stabilitt zeigte. Man brauchte also niemals zu frchten, da er mit der horizontalen bedenkliche Winkel bilden oder gar umschlagen knnte. Es erbrigt noch mitzutheilen, aus welchem Material der Ingenieur Robur seinen Aeronef hergestellt hatte, ein Name, der fr den "Albatros" besonders geeignet erscheint. Welches war der so harte Stoff, da das Bowie-Messer Phil Evans' ihn nicht zu ritzen und dessen Natur Onkel Prudent nicht zu erkennen vermochte? Ganz einfach -- Papier! Schon eine Reihe von Jahren hatte die Fabrikation desselben groe Ausdehnung gewonnen. Ungeleimtes Papier, dessen Bltter mit Dextrin und Strkemehl imprgnirt wurden, bildet unter der Wirkung der hydraulischen Presse ein Material von der Hrte des Stahls. Man erzeugt daraus Rollen, Schienen und Wagenrder, welche haltbarer und gleichzeitig leichter sind, als solche aus Metall. Diese groe Haltbarkeit bei auerordentlicher Leichtigkeit eben hatte Robur bei der Erbauung seiner Luftlocomotive zu bentzen gesucht. Alles, Rumpf, Rippen, Ruffs, Cabinen, bestand aus Strohpapier, das unter hohem Drucke metallhnlich geworden war und das sich -- ein Umstand, bei einem in groer Hhe dahinschwebenden Apparate gewi von Werth -- auch als unverbrennlich erwies. Fr die verschiedenen Theile der Schwebe- und Treibmaschinerie, wie fr die Flgel der Schrauben hatte gelatiniertes Fasergewebe als ebenso widerstandsfhiges, wie biegsames Material gedient und von diesem auch, da es sich allen Formen anpate, in den meisten Gasen und Flssigkeiten, Suren und Salzen unlslich war -- ohne von seinen isolirenden Eigenschaften zu sprechen -- in der elektrischen Maschinerie des "Albatros" der ausgedehnteste Gebrauch gemacht worden. Der Ingenieur Robur, sein Obersteuermann Tom Turner, ein Mechaniker mit zwei Gehilfen, zwei Bootsmnner und ein Koch -- Alles in Allem acht Personen -- bildeten die ganze Besatzung des "Albatros", welche fr die bei der Fahrt durch die Luft nthigen Manver brig ausreichte. Jagd- und Kriegswaffen, Fischergerthe, elektrische Lampen, Beobachtungsinstrumente, Boussolen und Sextanten zur Erkennung der Fahrtrichtung, Thermometer zur Messung der Temperatur; verschiedene Barometer, die einen, um die erreichte Hhe, die anderen, um die Vernderung des Luftdruckes zu messen, ein "Stormglas" zum Erkennen drohender Strme, eine kleine Bibliothek, eine kleine tragbare Druckerei, ein Geschtz auf Zapfen, in der Mitte des Decks, das, von rckwrts geladen, ein Gescho von sechs Centimeter Durchmesser schleuderte; der nthige Vorrath an Pulver, Kugeln, Dynamitpatronen; eine Kche, in der die von Accumulatoren gelieferten Strme zur Feuerung dienten, ein Vorrath von Conserven, Fleisch und Gemse, die in einer Cambse ad hoc neben Gefen mit Brandy, Whisky und Gin aufgestapelt waren, endlich Alles, was whrend einiger Monate gebraucht werden konnte, ohne landen zu mssen -- das bildete das Material und die Vorrthe des "Albatros" -- ohne die berhmte Trompete zu rechnen. Auerdem befand sich ein leichtes, unversenkbares Kautschukboot an Bord, das acht Mann auf einem Flusse, einem See oder auch auf ruhigem Meer tragen konnte. Fallschirme in Voraussicht eines eintretenden Unglcks fhrte Robur nicht mit sich. Er glaubte nicht an Unflle dieser Art. Die Achsen der Schrauben waren alle von einander unabhngig; der Stillstand der einen blieb auf die brigen ohne Einflu. Selbst wenn nur das halbe Triebwerk in Gang blieb, reichte es schon aus, den "Albatros" in seinem natrlichen Element zu erhalten. "Und mit ihm, wie Robur der Sieger Gelegenheit fand gegen seine Passagiere -- Passagiere wider Willen -- zu uern, mit ihm bin ich Herr jenes siebenten Welttheiles, der an Gre Australien und Afrika, Oceanien, Asien, Amerika und Europa bertrifft, jenes Icariens der Luft, das eines Tages noch Tausende von Icarussen bevlkern werden!" VII. In welchem der Onkel Prudent und Phil Evans sich noch immer nicht berzeugen lassen wollen. Der Vorsitzende des Weldon-Instituts war hchst erstaunt, sein Gefhrte geradezu verblfft. Aber weder der Eine, noch der Andere wollte sich diese so natrliche Regung anmerken lassen. Der Diener Frycollin dagegen verheimlichte sein Entsetzen nicht, sich an Bord einer solchen Maschine in den Luftraum entfhrt zu sehen, im Gegentheil, er gab das offen zu erkennen. Inzwischen drehten sich die Schwebe- oder Auftriebschrauben hastig ber ihren Kpfen. So schnell diese Bewegung auch vor sich ging, htte sie doch noch um das Dreifache gesteigert werden knnen, im Fall der "Albatros" hhere Zonen erreichen wollte. Die beiden eigentlichen Propeller, die jetzt einen mittelmigen Gang zeigten, verliehen dem Apparate nur eine Fortbewegung von zwanzig Kilometern in der Stunde. Sich ber das Verdeck hinausbeugend, konnten die Passagiere des "Albatros" ein langes, gewundenes, flssiges Band wahrnehmen, das sich gleich einem Bchlein durch wellenfrmiges Land schlngelte, in dem auch einzelne kleinere Seen die Strahlen der Sonne glnzend widerspiegelten. Dieser Bach war brigens ein Flu, und zwar einer der bedeutendsten des betreffenden Gebiets. An seinem linken Ufer erhob sich eine Bergkette, deren Fortsetzung sich ber Gesichtsweite hinaus verlor. "Werden Sie uns wohl sagen, wo wir uns befinden? fragte Onkel Prudent mit einer vor Ingrimm zitternden Stimme. -- Ich habe dazu gar keine Veranlassung, antwortete Robur. -- Und werden Sie uns sagen, wohin wir fahren? setzte Phil Evans hinzu. -- Durch den Luftraum. -- Und das dauert, wie lange? ... -- So lange es Zeit erfordert. -- Wollen Sie etwa eine Reise um die Erde mit uns machen? fragte Phil Evans ironisch. -- Noch mehr als das, erwiderte Robur. -- Und wenn eine solche Reise uns nicht pat? ... versetzte Onkel Prudent. -- So wird sie ihnen eben passen mssen!" Das gab einen kleinen Vorgeschmack von den Beziehungen, die sich zwischen dem Herrn des "Albatros" und seinen Gsten, um nicht zu sagen, seinen Gefangenen, zu entwickeln versprachen. Offenbar wollte Jener ihnen jedoch erst Zeit gnnen, sich zu sammeln, den auerordentlichen Apparat zu bewundern, der sie durch die Lfte trug, und ohne Zweifel auch, um dem Erfinder ihre Glckwnsche darbringen zu knnen. Dieser schlenderte scheinbar ziellos von einem Ende des Verdecks zum anderen; sie dagegen hatten vollstndige Freiheit, die Anordnung der Maschinerie und die Gesammtausrstung des "Aeronefs" zu betrachten, oder auch ihre Aufmerksamkeit ungetheilt der Landschaft zuzuwenden, deren Relief sich unter ihren Fen so zu sagen aufrollte. "Onkel Prudent, begann da Phil Evans, wenn ich mich nicht tusche, mssen wir ber den mittleren Gebietstheilen von Canada hinschweben. Jener nach Nordwest verlaufende Flu ist wahrscheinlich der St. Lorenz, und die Stadt, die wir da hinter uns lassen, ist Quebec." Es war in der That die alte Stadt Champlain's, deren Weiblechdcher wie Reflectoren in der Sonne glnzten. Der "Albatros" hatte sich bis zum sechsundvierzigsten Grade der Breite erhoben -- was den vorzeitigen Anbruch des Tages und die abnorme Verlngerung des Morgenrothes hinlnglich erklrte. "Ja, fuhr Phil Evans fort, da liegt ja die Stadt in der Gestalt eines Amphitheaters, der Hgel, der ihre Citadelle trgt, dieses Gibraltar Nordamerikas! Dort erheben sich die englische und die franzsische Hauptkirche, und da wieder das Zollamt mit seiner Kuppel und der englischen Fahne darauf!" Phil Evans hatte kaum ausgesprochen, als die Hauptstadt Canadas schon wieder in der Ferne zu verschwinden begann. Der Aeronef trat in eine Schicht kleinere Wolken ein, welche den Ausblick nach der Erde allmhlich verhinderten. Als Robur jetzt sah, da der Vorsitzende und Schriftfhrer des Weldon-Instituts ihre Aufmerksamkeit der ueren Construction des "Albatros" zuwendeten, trat er auf sie zu und sagte: "Nun, meine Herren, glauben Sie endlich an die Mglichkeit einer Fortbewegung durch die Luft mittelst Apparaten, die schwerer sind als jene?" Es wre ja schwierig gewesen, sich dem augenscheinlichen Beweise zu widersetzen. Onkel Prudent und Phil Evans gaben jedoch keine Antwort. "Sie schweigen? fuhr der Ingenieur fort. Aha, jedenfalls verhindert Sie der Hunger am Sprechen ... doch, wenn ich es unternommen habe, Sie durch die Luft zu transportiren, so glauben Sie nicht, da ich Sie auch mit diesem wenig nahrhaften Fluidum ernhren wollte. Ihr erstes Frhstck erwartet Sie." Da Onkel Prudent und Phil Evans einen schon recht qulenden Hunger versprten, hatten sie hier keine Veranlassung, Umstnde zu machen. Eine Mahlzeit verpflichtet ja noch zu nichts, und wenn Robur sie erst wieder auf der Erde abgesetzt htte, rechneten sie nach wie vor darauf, ihm gegenber auch ihre ganze Handlungsfreiheit wieder zu erhalten. Beide wurden nach dem hinteren Ruff geleitet und nach einem kleinen dining-room, in dem sich ein sauber gedeckter Tisch befand, an welchem sie whrend der Fahrt speisen sollten. An Gerichten trug derselbe verschiedene Conserven und unter Anderem eine Art Brot aus gleichen Theilen Mehl und pulverisirtem Fleisch, untermischt mit ein wenig Speck, welches, in Wasser gekocht, eine vorzgliche nahrhafte Suppe liefert; ferner Schnitte von geruchertem Schinken und als Getrnk Thee. Auch Frycollin war nicht vergessen worden. Auf dem Vordertheil erhielt er eine tchtige Brotsuppe. Wahrlich, er mute gewaltigen Hunger haben, um essen zu knnen, denn seine Kinnladen zitterten eigentlich aus Furcht und htten ihm jeden anderen Dienst versagt. "Wenn das entzwei ginge! Wenn das entzwei ginge!" wiederholte der unglckliche Neger. Das machte ihm fortwhrend Angst. Aber man denke nur ... ein Sturz von fnfzehnhundert Meter, der ihn in Pulver verwandelt htte! Nach Verlauf einer Stunde erschienen Onkel Prudent und Phil Evans wieder auf dem Verdeck. Robur war nicht mehr hier. Am Hintertheile folgte der Steuermann in seinem Glashuschen, das Auge auf den Compa gerichtet, unentwegt dem ihm vom Ingenieur vorgezeichneten Curse. Die andere Mannschaft mochte wohl auch durch das Frhstck in ihrem Logis zurckgehalten werden. Nur ein Hilfsmechaniker, dem nun die Ueberwachung der Maschinen oblag, wanderte von einem Ruff zum anderen umher. War die Geschwindigkeit des Apparats jetzt auch eine groe, so konnten die beiden Collegen darber doch nur unvollkommen urtheilen, obgleich der "Albatros" aus jener Wolkenschicht wieder hervorgetreten war und sich der Erdboden fnfzehnhundert Meter unter ihnen deutlich zeigte. "Man kann eigentlich gar nicht daran glauben! bemerkte Phil Evans. -- So glauben wir nicht daran," antwortete Onkel Prudent. Sie begaben sich hiermit nach dem Vorderdeck und lieen die Blicke ber den Horizont im Westen schweifen. "Ah, eine andere Stadt! rief Phil Evans. -- Knnen Sie dieselbe erkennen? -- Ja, es scheint mir Montreal zu sein. -- Montreal? ... Aber wir haben doch Quebeck vor kaum zwei Stunden verlassen! -- Das beweist, da diese Maschine sich mit einer Geschwindigkeit von mindestens fnfundzwanzig Lieues die Stunde bewegt." Das war in der That die Gre der Geschwindigkeit des "Albatros", und wenn die Passagiere davon keine Belstigung versprten, lag das daran, da sie mit dem Winde forttrieben. Bei stillem Wetter htte sie diese Schnelligkeit schon merkbar genirt, weil sie fast der eines Exprezuges gleichkommt. Bei widrigem Winde wre dieselbe ganz unertrglich gewesen. Phil Evans tuschte sich nicht. Unter dem "Albatros" erschien Montreal, das an seiner Victoria-Brcke, einer Rhrenbrcke ber den St. Lorenz gleich dem Bahnviaduct ber die Lagunen von Venedig, leicht kenntlich war. Bald unterschied man auch seine breiten Straen, die ungeheuren Magazine, die Palste der Banken, die Kathedrale, eine neuerdings nach dem Vorbilde des St. Peters-Domes in Rom erbaute Basilica und endlich den Mont-Royal, der die ganze Stadt berragt und zu einem herrlichen Park umgeschaffen ist. Es war ein Glck zu nennen, da Phil Evans die Hauptstadt Canadas schon frher einmal besucht hatte. Er konnte so Mehreres erkennen, ohne Robur erst zu fragen. Nach Montreal kamen sie etwa einhalb zwei Uhr Nachmittags, ber Ottawa hinweg, dessen Flle, von oben gesehen, einem ungeheuren Siedekessel glichen, der durch sein furchtbares Ueberschumen einen groartigen Effect hervorbrachte. "Da ist der Parlaments-Palast," sagte Phil Evans. Er wies bei diesen Worten nach einer Art Nrnberger Spielzeug, das auf einem Hgel verloren war. Dieses Spielzeug mit seiner vielfarbigen Architektur glich dem Parlamenthaus zu London, wie die Kathedrale von Montreal der Peters-Kirche zu Rom. Doch nichtsdestoweniger war und blieb die in Sicht befindliche Stadt eben Ottawa. Auch diese schien von dem Standpunkte der Beschauer aus schnell dem Horizonte zuzueilen und bildete bald nur einen etwas helleren Fleck auf der Erde. Es mochte gegen zwei Uhr sein, als Robur wieder erschien. Sein Obersteuermann Tom Turner begleitete ihn. Er sagte zu diesem nur drei Worte. Letzter bermittelte dieselben den beiden Gehilfen im Vorder- und im Hinterruff. Auf ein Zeichen vernderte der Steuermann die Richtung des "Albatros", so da dieser um zwei Grade nach Sdwesten abwich. Gleichzeitig konnten Onkel Prudent und Phil Evans wahrnehmen, da den Treibschrauben des Aeronefs eine grere Schnelligkeit verliehen wurde. Diese Schnelligkeit htte in Wirklichkeit noch verdoppelt werden knnen, und man htte damit eine Maschine erhalten, welche alle Erdmaschinen weit hinter sich lassen mute. Man urtheile selbst: Torpedoboote knnen zwanzig Knoten oder vierzig Kilometer in der Stunde zurcklegen. Die schnellsten Eisenbahnzge bringen es wohl bis auf hundert; Schlittenboote auf den bereisten Seen der Vereinigten Staaten bis auf hundertfnfzehn; eine in der Werkstatt Patterson's erbaute Maschine mit Zahnrdern hat ber den Erie-See hinweg hundertdreiig erreicht und eine andere Locomotive zwischen Trenton und Jersey gar hundertsiebenunddreiig Kilometer. Der "Albatros" aber konnte beim Maximum seiner Kraftuerung mittelst seiner Treibschrauben sich zweihundert Kilometer in der Stunde, das heit fast fnfzig Meter in der Secunde, fortbewegen. Eine solche Schnelligkeit aber ist die des Orkans, der Bume entwurzelt, die jenes Windstoes, der bei dem Sturm vom 21. September 1881 in Cahors hundertvierundneunzig Kilometer in der Stunde dahinraste. Es ist die mittlere Geschwindigkeit der Brieftaube, welche nur noch von der gewhnlichen Schwalbe (mit siebenundsechzig Metern in der Secunde) und von der Mauerschwalbe (mit neunundachtzig Metern) bertroffen wird. Mit einem Worte, und wie Robur gesagt, der "Albatros" htte bei Entwickelung der ganzen Kraft seiner Schrauben die Fahrt um die Erde binnen zweihundert Stunden, d. h. also in noch nicht acht Tagen zurcklegen knnen. Ob die Erde jener Zeit schon 450.000 Kilometer Eisenstraen besa, d. h. eine Lnge, welche elfmal den Aequator umspannt htte -- so blieb das doch fr diese fliegende Maschine ohne Bedeutung. Stand ihr nicht das ganze groe Luftmeer offen? Brauchen wir jetzt noch mehr hinzuzufgen? Jenes Phnomen, dessen Erscheinung die ganze Alte und Neue Welt in Aufruhr versetzt hatte, war der Aeronef des Ingenieurs. Jene Trompete, welche die schmetternden Fanfaren in den Lften ertnen lie, war die des Obersteuermanns Tom Turner. Die Flaggen, welche man auf den Hauptbauwerken Europas, Asiens und Amerikas aufgepflanzt gefunden hatte, war die Flagge Robur's des Siegers und seines "Albatros". Und wenn der Ingenieur bisher einige Vorsicht beobachtet hatte, um nicht erkannt zu werden, wenn er mit Vorliebe nur in der Nacht gefahren war, die er zuweilen durch jene elektrischen Lichtstrme erhellte, whrend er den Tag ber jenseits der Wolken zu verschwinden trachtete, so schien er sein Geheimni doch jetzt nicht mehr bewahren zu wollen. Denn als er nach Philadelphia gekommen war und sich in dem Sitzungssaale des Weldon-Instituts vorgestellt hatte, konnte er da etwas Anderes beabsichtigen, als die Bekanntgebung seiner wunderbaren Entdeckung, um selbst die Unglubigsten ipso facto zu berzeugen? Wir wissen, wie er hier aufgenommen wurde, und werden sehen, welche Repressalien er gegenber dem Vorsitzenden und dem Schriftfhrer des bekannten Clubs zu ergreifen gedachte. Inzwischen hatte sich Robur den beiden Mnnern genhert. Diese stellten sich noch immer, als erstaunten sie nicht im geringsten ber das, was sie vor sich sahen: offenbar setzte sich allmhlich unter diesen beiden angelschsischen Schdeln ein Starrsinn fest, der nur schwierig auszurotten sein wrde. Robur seinerseits wollte sich auch nicht den Anschein geben, als fiele ihm das auf, und begann deshalb, als setze er nur ein Gesprch fort, das doch schon seit zwei Stunden unterbrochen war: "Sie haben sich ohne Zweifel damit befat, meine Herren, ob dieser fr die Bewegung durch die Luft ausgezeichnete Apparat auch eine noch grere Geschwindigkeit annehmen knne. Er wre inde nicht wrdig, den Luftraum sozusagen besiegt zu haben, wenn er sich denselben nicht gnzlich unterwrfig machen knnte. Ich bin darauf ausgegangen, die Luft als festen Sttz- und Angriffspunkt zu bentzen, und als solcher dient sie mir. Ich sah lngst ein, da man, um gegen den Wind anzukmpfen, strker sein msse, als dieser, und ich bin strker. Ich bedarf keiner Segel, die mich ziehen, keiner Ruder oder Rder, die mich treiben, keiner Schienen, um schneller und leichter fortzukommen -- nur Luft ... nichts weiter! Luft, die mich ganz ebenso umgiebt, wie das Wasser jedes submarine Fahrzeug, und in der meine Propeller sich drehen, wie die Schrauben eines Dampfers. Das ist das ganze Geheimnis, wie ich das Problem der Aviation lste; da haben Sie, was weder ein Ballon, noch irgend ein Apparat, der leichter als die Luft ist, jemals leisten wird." Die beiden Collegen schwiegen still wie das Grab, ohne da sich der Ingenieur dadurch aus der Fassung bringen lie. Er begngte sich, verstohlen zu lcheln, und fuhr in folgenden Fragestzen fort: "Sie fragen vielleicht, ob der "Albatros" mit dieser Kraft, die ihn horizontal treibt, auch eine gleich wirkungsvolle Kraft verbindet, um sich in verticaler Richtung zu bewegen, mit einem Worte, ob er, wenn es sich darum handelte, groe Hhen zu erreichen, werde noch mit einem Aerostaten wetteifern knnen? Nun, ich wrde Ihnen nicht rathen, den Go a head mit ihm um den Preis kmpfen zu lassen." Die beiden Collegen zuckten einfach mit den Achseln, das war vielleicht der wunde Punkt, an dem sie den Ingenieur fassen zu knnen glaubten. Robur gab ein Zeichen. Die Treibschrauben standen sofort still, und nachdem der "Albatros" etwa noch eine Meile in gleicher Richtung dahin geschwebt war, blieb auch er unbeweglich. Auf ein zweites Zeichen Robur's setzten sich die Auftriebsschrauben in Bewegung, und zwar mit einer Geschwindigkeit, welche man fglich htte mit den zu akustischen Experimenten bentzten Sirenen vergleichen knnen. Ihr frrr erhob sich in der Tonleiter um fast eine ganze Octave, whrend dessen Intensitt wegen der jetzt dnneren Luft abnahm, und der Apparat strebte lothrecht in die Hhe, wie eine Lerche, welche ihre hellen Tne durch die Lfte schmettert. "Herr! Bester Herr! ... rief Frycollin wiederholt, wenn nur nicht Alles in Stcke geht!" Ein verchtliches Lcheln war Robur's ganze Antwort. Nach wenigen Minuten hatte der "Albatros" eine Hhe von zweitausendsiebenhundert Metern erreicht, was den Gesichtskreis auf siebenzig Meilen ausdehnte -- dann eine solche von viertausend Metern, was der bis auf vierhundertachtzig Millimeter herabsinkende Barometer anzeigte. Nach dieser gelungenen Vorfhrung sank der "Albatros" wieder herab. Die Verminderung des Drucks in den hohen Luftschichten bedingt bekanntlich eine starke Abnahme des Sauerstoffes in derselben und deshalb auch im Blute. Das ist die Ursache der ernsten Unflle, welche schon Hunderten von Luftschiffern zugestoen sind. Robur aber hielt es fr nutzlos, sich einem solchem auszusetzen. Der "Albatros" gelangte also nach derjenigen Hhe zurck, die er mit Vorliebe einzuhalten schien, und seine wieder in Thtigkeit gesetzten Treibschrauben fhrten ihn jetzt mit vermehrter Geschwindigkeit nach Sdwesten hin. "Jetzt, meine Herren, knnen Sie sich, wenn Sie nur darnach fragten, selbst Antwort geben." Hiermit neigte er sich ber die Reeling hinaus und blieb so in Betrachtung versunken stehen. Als er den Kopf wieder erhob, waren der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Institut vor ihn hingetreten. "Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, der sich vergebens zu bemeistern suchte, das, was Sie zu glauben scheinen, haben wir uns keineswegs gefragt. Doch wollen wir Ihnen eine Frage stellen, auf welche wir jedenfalls Antwort erwarten. -- Reden Sie! -- Mit welchem Rechte haben Sie uns in Philadelphia, im Fairmont-Park berfallen? Mit welchem Rechte uns in jene Zelle eingeschlossen? Mit welchem Rechte entfhren Sie uns wider Willen an Bord dieser fliegenden Maschine? -- Und mit welchem Rechte, meine Herren Ballonisten, entgegnete Robur, mit welchem Rechte haben Sie mich beleidigt, verspottet; in Ihrem Club bedroht, und zwar in einer Weise, da ich mich selbst wundere, lebend davon gekommen zu sein. -- Fragen heit nicht antworten, erwiderte Phil Evans, und ich wiederhole Ihnen, mit welchem Rechte handelten Sie? -- Sie wollen das wissen? ... -- Wenn es Ihnen gefllig ist. -- Nun wohl, mit dem Rechte des Strkeren! -- Das ist cynisch! -- Aber es ist so. -- Und wie lange, Brger Ingenieur, fragte Onkel Prudent, dem nun die Geduld ausging, wie lange denken Sie, dieses Recht uns gegenber auszuntzen? -- Aber, meine Herren, antwortete Robur ironisch, wie knnen Sie nur eine solche Frage stellen, da Sie nur den Blick zu senken brauchen, um ein Schauspiel zu genieen, das in der Welt nicht seines Gleichen findet?" Der "Albatros" spiegelte sich eben in der ungeheuren Flche des Ontario-Sees, er war eben ber das von Cooper so hoch poetisch besungene Land gekommen, dann folgte er der Sdgrenze dieses weiten Wasserbeckens und wandte sich dem berhmten Flusse zu, der ihm die Gewsser des Erie-Sees, aber zerstubt im seinen Katarakten, zufhrt. Einen Augenblick lang drang ein wahrhaft majesttisches Gerusch, gleich dem Rollen des Sturmes, bis zu ihm hinauf, und als ob sich ein feuchter Dunst in den Lften verbreitete, wurde die Temperatur merklich khler. Tief unten donnerten die ungeheuren Wassermassen in Hufeisenbogen hinunter. Man glaubte wohl einen gewaltigen Strom von Krystall vor sich zu sehen, den tausend, durch Refraction aus der Zerlegung des Sonnenlichtes entstandene Regenbogen umglnzten. Es war ein wirklich erhebender Anblick. Vor diesen Fllen verband eine, gleich einem Faden ausgespannte schmale Brcke ein Ufer mit dem anderen. Etwas weiter unten -- etwa drei Meilen entfernt war eine Hngebrcke darber geschlagen, ber welche sich eben ein Bahnzug hinschlngelte, der von dem canadischen Ufer nach dem amerikanischen zu dampfte. "Die Niagaraflle!" rief Phil Evans. Und dieser Ausruf entfuhr ihm, whrend Onkel Prudent sich die erdenklichste Mhe gab, alle Wunder, die sich vor seinen Augen entrollten, scheinbar nicht zu beachten. Eine Minute spter hatte der "Albatros" den Strom berschritten, der die Vereinigten Staaten von der Colonie Canada scheidet, und er schwebte nun ber den unendlich weiten Gebieten des nrdlichen Amerika. VIII. Worin man sehen wird, da Robur sich entschliet, auf die ihm vorgelegte wichtige Frage zu antworten. In einer der Cabinen des Ruffs auf dem Hinterdeck hatten Onkel Prudent und Phil Evans zwei vorzgliche Lagersttten, Wsche, eine hinreichende Menge Kleidungsstcke zum Wechseln, nebst Mnteln und Reisedecken vorgefunden. Kein transatlantischer Dampfer htte ihnen mehr Bequemlichkeiten bieten knnen. Wenn sie nicht in einem fort schliefen, so lag das nur in ihrer Absicht, oder es hielten sie mindestens sehr beunruhigende Gedanken davon zurck. In welch' unberechenbares Abenteuer waren sie hier gerathen? Was zu erleben und zwar wider ihren Willen zu erleben stand ihnen Alles noch bevor? Wie wrde die ganze Geschichte ablaufen und was beabsichtigte eigentlich der Ingenieur Robur? -- Das war gewi genug Material, unausgesetzt ihre Gedanken zu erfllen. Der Diener Frycollin war auf dem Verdeck in einer mit der des Kochs vom "Albatros" zusammenstoenden Cabine untergebracht worden. Diese Nachbarschaft mifiel ihm keineswegs -- er liebte es, sich mit den groen dieser Erde auf guten Fu zu stellen. Doch wenn er endlich einschlief, so trumte der arme Teufel nur vom Herabstrzen durch die Luft, was seinen Schlummer zum fortwhrenden Alpdrcken verunstaltete. Und doch konnte es keine ruhigere Fahrt geben, als dieses Dahinschweben durch die Atmosphre, deren Strmung sich am Sptabend ganz gelegt hatte. Auer dem Schwirren der Schraubenflgel drang kein Gerusch nach dieser Hhe, hchstens zuweilen der schrille Pfiff einer irdischen Locomotive, die auf ihrer Eisenstrae dahinrollte, oder kaum vernehmbare Laute von Hausthieren. -- Ein eigenthmlicher Instinct schien diesen Erdengeschpfen zu verrathen, da die Flugmaschine ber ihnen hinglitt, und das veranlate sie, einen Angstschrei von sich zu geben. Am folgenden Tage, am 14. Juni, lustwandelten Onkel Prudent und Phil Evans schon frh fnf Uhr auf dem Verdeck des "Albatros". Eine Vernderung gegen den Vortag zeigte sich nicht, der Ausguck stand am vorderen, der Steuermann am hinteren Theile desselben. Wozu diente aber hier ein Wachtposten? Frchtete man auch mit der ersten Maschine dieser Art einen etwaigen Zusammensto? Nein, das gewi nicht. Robur hatte ja noch keine Nachahmer gefunden. Die Mglichkeit, einem in den Lften schwebenden Aerostaten zu begegnen, war eine so geringe, da sie fglich auer Rechnung gelassen werden konnte. Jedenfalls wre der Aerostat am schlimmsten daran gewesen -- wie bei einem Zusammensto des eisernen Topfes mit dem irdenen. Der "Albatros" hatte von einer solchen Collision ja so gut wie nichts zu frchten. Doch konnte eine solche berhaupt vorkommen? Ja. Es war ja nicht ausgeschlossen, da der Aeronef unversehens auf eine Kste zusteuerte, wie ein Schiff, wenn ein Berg, den es eben nicht umsegeln kann, ihm den Weg versperrte. Ein solcher Berg wre also eine Klippe in der Luft, und diese galt es zu vermeiden, wie das Schiff die Klippe des Meeres zu meiden hat. Wohl hatte der Ingenieur, ganz wie ein Capitn die Fahrtrichtung angegeben unter Bercksichtigung der nothwendigen Hhe, in der sich der Apparat halten mute, um auch die hchsten Berggipfel der betreffenden Gegenden zu bersegeln. Da der Aeronef sich aber eben im stark gebirgigem Lande befand, war es gewi nur ein Gebot der Klugheit, sorgsam Ausguck zu halten, wenn er einmal aus irgend einem Grunde vom richtigen Laufe abwich. Bei Betrachtung der unter ihnen liegenden Gegend bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen groen Binnensee, dessen nach Sden gelegene Spitze der "Albatros" bald erreichen mute. Sie schlossen daraus, da sie whrend der Nacht ber den Erie-See in seiner ganzen Lnge weggekommen wren. Da der Aeronef nun direct nach Westen steuerte, so muten sie spter den uersten Theil des Michigan-Sees erreichen. "Hier ist kein Zweifel mglich, sagte Phil Evans, jenes Meer von Dchern am Horizonte ist Chicago!" Er tuschte sich nicht, das war die genannte Stadt, in der siebzehn Eisenbahnlinien zusammenlaufen, die Knigin des Westens, das ungeheure Magazin, in dem die Erzeugnisse von Indiana, Ohio, Wisconsin, Missouri und berhaupt die aus allen Provinzen zusammenstrmen, welche den westlichen Theil der Union bilden. Bewaffnet mit einem vortrefflichen Marinefernrohr, das er in seinem Ruff gefunden, erkannte Onkel Prudent leicht die Hauptgebude jener Stadt. Sein College konnte ihm die Kirchen, die ffentlichen Bauten, die zahlreichen Elevatoren, ebenso wie das gewaltige Htel Sheeman zeigen, das einem groen Wrfel, wie man solche zum Spielen gebraucht, glich, an dem freilich die Fenster als hundertfache Augen auf jeder Seite erschienen. "Da das Chicago ist, bemerkte Onkel Prudent, so ist damit bewiesen, da wir etwas gar zu weit nach Westen entfhrt worden sind, als es wnschenswert wre, um nach unserem Abfahrtspunkt zurckzukehren." Der "Albatros" entfernte sich in der That in gerader Linie von der Hauptstadt Pennsylvaniens. Htte Onkel Prudent aber Robur auch darum angehen wollen, sie nun nach Osten zurckzufhren, so wre das jetzt wenigstens unmglich gewesen. Gerade an diesem Morgen schien der Ingenieur gar keine Eile zu haben, seine Cabine zu verlassen, mochte er darin nun mit irgend welchen Arbeiten beschftigt sein oder vielleicht nur noch schlafen. Die beiden Collegen muten also frhstcken, ohne ihn gesehen zu haben. Die Fahrgeschwindigkeit war seit dem vorigen Tage nicht verndert. Bei der Richtung des eben wendenden Windes wurde dieselbe nicht lstig, und da der Thermometer sich nur um einen Grad bei der Erhebung um hundertsiebenzig Meter senkte, so war auch die Temperatur eine ertrgliche. In Erwartung des Ingenieurs gingen Onkel Prudent und Phil Evans nachdenklich hin und her unter der Takelage der Schrauben -- wenn der Ausdruck erlaubt ist -- welche immerhin eine so schnelle Drehbewegung einhielten, da die Strahlen ihrer Flgel zu einer halbdurchscheinenden Scheibe verschmolzen. In weniger als zwei Stunden kamen sie auf diese Weise lngs seiner Nordgrenze ber den Staat Illinois hinweg, und dabei ber den Vater der Gewsser, den Mississippi, dessen zweietagige Dampfer nicht grer als gewhnliche Khne erschienen. Dann wendete sich der "Albatros" nach Iova, nachdem Iova-City gegen elf Uhr Vormittags in Sicht gekommen war. Einzelne Hgelketten, die "Bluffs", schlngelten sich von Sden nach dem Nordwesten durch dieses Gebiet. Ihre mige Hhe machte keine besondere Aufsteigung des Aeronefs nthig. Diese Bluffs muten auch bald noch niedriger werden, um nachher den weiten Ebenen von Iova Platz zu machen, welche sich ber dessen ganzen nrdlichen Theil, wie ber Nebraska ausdehnen -- ungeheure Prairien, welche bis zum Fu der Felsengebirge heranreichen. Da und dort glnzten zahlreiche Rios, Zuflsse und Nebenflsse des Missouri. An ihren Ufern lagen Stdte und Drfer, welche jedoch immer seltener wurden, je nachdem der "Albatros" schneller nach dem Far-West ber sie hinwegglitt. Im Laufe des Tages ereignete sich nichts Besonderes. Onkel Prudent und Phil Evans blieben sich gnzlich selbst berlassen. Kaum bemerkten sie einmal Frycollin, der auf dem Verdeck ausgestreckt lag und die Augen geschlossen hielt, um lieber gar nichts zu sehen. Uebrigens litt er nicht etwa an Schwindelzufllen, wie man htte glauben knnen. Wegen Mangels an Vergleichsobjecten htte sich dieser Schwindel berhaupt nicht in derselben Weise uern knnen, wie etwa auf dem Dache eines hohen Gebudes; der Abgrund verliert seine Anziehungskraft, wenn man in der Gondel eines Ballons oder auf dem Deck eines Aeronefs ber ihm schwebt, oder vielmehr unter dem Aeronauten ghnt gar kein Abgrund, sondern der Horizont allein erhebt sich an allen Seiten und umringt denselben. Um zwei Uhr glitt der "Albatros" ber Omaha an der Grenze von Nebraska hin, ber Omaha-City, den wirklichen Kopf der Pacific-Bahn, jenes fnfzehnhundert Lieues langen Schienenstranges, der New-York und San Francisco verbindet. Einen Augenblick lang sah man die gelblichen Fluthen des Missouri, nachher die Stadt mit ihren Holz- und Steinhusern, inmitten dieses reichen Beckens gelegen gleich dem Schlo eines Grtels, der Nordamerika in der Taille umspannt. Zweifellos muten, whrend die Passagiere des Aeronefs alle diese Einzelheiten betrachteten, auch die Bewohner von Omaha den seltsamen Apparat wahrgenommen haben. Ihr Erstaunen aber, denselben in den Lften hinschweben zu sehen, konnte gewi nicht grer sein, als das des Vorsitzenden und des Schriftfhrers des Weldon-Instituts, sich an Bord desselben zu befinden. Jedenfalls lag hier eine Thatsache vor, welche durch die Journale der Union besprochen wurde; eben diese lieferte eine Erklrung des Phnomens, mit dem sich seit einiger Zeit die ganze Welt beschftigte. Eine Stunde spter war der "Albatros" schon ber Omaha hinweg. Der "Albatros" steuerte jetzt constant nach Westen, indem er sich vom Platte-River entfernte, dessen Thal die Pacific-Railway durch die Prairie folgt. Den Onkel Prudent und Phil Evans konnte diese Wahrnehmung gerade nicht befriedigen. "Die Sache wird ernsthaft mit diesem sinnlosen Project, uns zu den Antipoden zu bringen, sagte der Eine. -- Und noch dazu wider unseren Willen! bemerkte der Andere. O, dieser Robur soll sich nur in Acht nehmen, ich bin nicht der Mann dazu, mit mir spielen zu lassen! -- Ich auch nicht! versicherte Phil Evans. Doch, folgen Sie meinem Rathe, Onkel Prudent, versuchen Sie sich zu migen ... -- Mich migen! ... -- Und bemeistern Sie Ihre Wuth bis zu dem Augenblick, wo es an der Zeit ist, sie ausbrechen zu lassen." Gegen fnf Uhr und nach Ueberschreitung der mit Tannen und Cedern bedeckten schwarzen Berge flog der "Albatros" ber jenen Gebieten hin, die man mit Recht das "schlimme Land" genannt hat -- ein Chaos von ockerfarbigen Hgeln, gleichsam von Bergstcken, welche der Schpfer hatte auf die Erde fallen lassen und die dabei in Trmmer gegangen waren. Von ferne gesehen, nahmen diese Blcke die phantastischesten Formen an. Da und dort inmitten dieser ungeheuren Ansammlung von Bruchstcken erblickte man Ruinen von mittelalterlichen Stdten mit Forts, Wartthrmen, Laufgrben und Schanzen. Heutzutage bildet dieses "schlimme oder bse Land" aber nichts als ein gewaltiges Beinhaus, in dem die Reste von Pachydermen, Chelonien und der Sage nach sogar von fossilen Menschen bleichen, welche durch eine unbekannte Erdrevolution in grauer Vorzeit hierher geworfen wurden. Mit einbrechendem Abend war schon das groe Becken des Platte-River bersegelt. Jetzt dehnte sich vor dem "Albatros" eine weite Ebene bis zu dem, durch dessen hohen Standpunkt sehr erweiterten Horizonte aus. Whrend der Nacht waren es nicht mehr die scharfen Pfiffe der Locomotive oder die heulenden Tne von Dampfbooten, welche die Ruhe des gestirnten Firmaments strten. Lang anhaltendes Grunzen und Blcken drang manchmal bis zu dem, brigens jetzt der Erde nheren Aeronef hinauf. Dasselbe rhrte von den Bisonheerden her, welche bei Aufsuchung von Wasserlufen und Weideland durch die Prairie trotteten. Und wenn jene schwiegen, dann erzeugte das Rascheln des Grases unter ihren Hufen ein dumpfes Gerusch, hnlich dem Rauschen einer Ueberschwemmung, und sehr verschieden von dem Schwirren und Sausen der Schrauben. Von Zeit zu Zeit lie sich wohl auch das Heulen von Wlfen, das Gebell und Geschrei von Fchsen und Wildkatzen hren oder das scharfe Bellen von Coyots, jenes canis latrans, dessen Name sich schon durch die gellenden Tne des Thieres rechtfertigt. Daneben verbreitete sich ein durchdringender Duft von Minze, Salbei und Absinth, vermischt mit dem krftigen Harzgeruch von Coniferen, in der reinen Nachtluft. Endlich hrte man, um alle vom Erdboden kommenden Gerusche zu erwhnen, auch eine Art recht unheimlichen Bellens, das aber nicht von den Coyots herrhrte; das war der Schrei einer Rothhaut, welchen kein Pionnier des fernen Westens mit dem Geschrei eines Raubthieres verwechseln knnte. Am 15. Juni verlie Phil Evans gegen fnf Uhr Morgens seine Cabine. Vielleicht sollte er an diesem Tage den Ingenieur Robur endlich wiedersehen. Begierig, zu erfahren, warum Jener sich am vergangenen Tage gar nicht gezeigt haben mge, wandte er sich an den Obersteuermann Tom Turner. Tom Turner, von englischer Herkunft und etwa fnfundvierzig Jahre alt, breit in der Brust, untersetzt von Gestalt und mit Knochen von Eisen, hatte einen jener charakteristischen Kpfe la Hogarth, wie sie dieser Maler der angelschsischen Hlichkeiten aus seinem Pinsel hervorgezaubert hat. Wer die Tafel IV von Harlots Progre genauer betrachtet, der wird auf derselben den Kopf Tom Turner's auf den Schultern des Gefngniwrters wiederfinden und wird erkennen, da dessen Physiognomie nicht eben viel Ermuthigendes hat. "Werden wir heute den Ingenieur Robur sehen? fragte Phil Evans. -- Wei nicht, antwortete Tom Turner. -- Ich frage Sie nicht, ob er etwa weggegangen ist. -- Vielleicht. -- Auch nicht, wann er zurckkehren knnte. -- Vermutlich, wenn er mit seiner Cursbestimmung fertig ist." Hiermit verschwand Tom Turner schon wieder in seinem Ruff. Phil Evans mute sich wohl oder bel mit dieser Antwort begngen, welche umso weniger beruhigend erschien, als eine fortgesetzte Beobachtung des Compasses ihm lehrte, da der "Albatros" noch immer nach Sdwesten weiter steuerte. Welcher Unterschied aber zwischen dem seit der Nacht verlassenen Gebiete des schlimmen Landes und der Landschaft, die sich jetzt unten auf der Erde entrollte! Nachdem der Aeronef tausend Kilometer von Omaha aus zurckgelegt, befand er sich ber einer Gegend, welche Phil Evans aus dem Grunde nicht zu erkennen vermochte, weil er sie vorher noch niemals besucht hatte. Einige Forts, mit dem Zwecke, die Indianer im Schach zu halten, bekrnten die Bluffs mit ihren geometrischen Linien, welche mehr aus Palissaden, als aus Mauerwerk bestanden; Drfer gab es nur wenige und ebenso wenig Bewohner in diesem von dem goldfhrenden, einige Grade sdlicher liegenden Gebiete Colorados so auffallend verschiedenen Landstriche. In der Ferne erhob sich, vorlufig nur in verschwindenden Umrissen, eine Reihe von Bergkmmen, welche die aufsteigende Sonne mit feurig leuchtendem Kranze schmckte. Das waren die Felsengebirge. Zum ersten Male an diesem Morgen beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans eine empfindliche Klte. Die Erniedrigung der Temperatur war aber nicht etwa einem Witterungsumschlage zuzuschreiben, denn die Sonne leuchtete fortwhrend in hellem Glanze. "Das wird von der Erhebung des "Albatros" in der Atmosphre herkommen," meinte Phil Evans. In der That war der an der ueren Seite der Thr des mittleren Ruffs angebrachte Barometer bis auf fnfhundertvierzig Millimeter gesunken -- was einer Erhebung von etwa dreitausend Metern entspricht. Der Aeronef hielt sich also in einer bedeutenden, brigens durch die gebirgige Bodenbeschaffenheit bedingten Hhe. Eine Stunde vorher hatte er sogar eine Hhe von viertausend Metern bersteigen mssen, denn hinter ihm erhoben sich viele, mit ewigem Schnee bedeckte Berghupter. Weder Onkel Prudent noch sein Gefhrte konnten sich erinnern, welches Land das wohl wre. Im Laufe der Nacht hatte der "Albatros" ja einen anderen Weg nach Norden oder Sden einhalten knnen, und bei seiner bermigen Schnelligkeit gengte das, sie schon sehr weit zu verschlagen. Nachdem sie verschiedene mehr oder weniger annehmbare Hypothesen besprochen, einigten sie sich darber, da das vorliegende, von einem kreisfrmigen Bergwall umrahmte Gebiet dasselbe sein werde, welches durch Congreacte vom Mrz 1872 zum Nationalpark der Vereinigten Staaten erklrt worden war. Sie hatten hiermit Recht, und jenes Gebiet verdient vollstndig den Namen eines Parks, aber eines solchen mit Bergen statt der Hgel, mit Seen statt der Teiche, mit Strmen statt der Bche, mit tiefen Wldern statt knstlich angelegter Labyrinthe, und als Springbrunnen schmckten denselben wirkliche Geyser von erstaunlicher Mchtigkeit. Nach wenig Minuten glitt der "Albatros", den Stevensonberg rechts liegen lassend, ber den Yellowstone-Flu hin und gelangte nach dem groen See, der den Namen jenes Flusses trgt. Welch' reiche Abwechslung im Zuge der Ufer dieses Wasserbeckens, deren flachere, mit Obsidianen und kleinen Krystallen besete Rnder die Sonnenstrahlen in unzhligen Facetten widerspiegelten! Wie launenhaft liegen die Inseln ber seine Oberflche zerstreut! Wie wunderbar blau wirft dieser Riesenspiegel die Farbe des Himmels zurck! Und rings um diesen See -- brigens einer der hchstgelegenen der ganzen Erde -- schwammen und flatterten ganze Wolken verschiedener Vgel, wie Pelikane, Schwne, Mven, Gnse, Rothgnse und Tauchervgel. Einige der Strecken des steiler abfallenden Uferlandes trugen ein immergrnes Gewand von Fichten- und Lrchenbumen, whrend am Fue seiner Bschungen unzhlige weie Dampfquellen emporwirbelten. Dieser Dampf entsteigt dem Erdboden wie aus einem ungeheuren Kessel, in dem das Wasser durch das Feuer des Erdinneren in fortwhrendem Sieden erhalten wird. Fr den Koch wre jetzt oder niemals eine gnstige Gelegenheit gewesen, sich mit reichlichem Vorrathe von Forellen zu versorgen, welche Fischart die einzige ist, die der Yellow-See, aber auch zu Myriaden, ernhrt. Der "Albatros" hielt sich jedoch stets in einer solchen Hhe, da ein Fischzug, der unzweifelhaft von eintrglichem Erfolge gewesen wre, sich nicht htte ausfhren lassen. Uebrigens wurde der See schon binnen dreiviertel Stunden und wenig spter das Gebiet der Geyser, die mit den schnsten in Island wetteifern, berschritten. Ueber das Verdeck hinaus gebeugt, beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans die flssigen Sulen, die hoch aufstiegen, als sollten sie dem Aeronef noch ein neues Kraftelement zufhren. Es waren das "der Fcher", dessen Dmpfe sich kreisfrmig ausbreiten; "das befestigte Schlo", das sich gleichsam durch Trombenschsse zu vertheidigen scheint; "der alte Treue" mit seiner von Regenbogen begrenzten Flssigkeitssule, und "der Riese", durch den der innere Druck einen lothrechten Strom von fnfundzwanzig Fu Umfang auf mehr als zweihundert Fu Hhe emporschleudert. Robur schien die Wunder dieses unvergleichlichen Schauspiels, das gewi in der Welt einzig dasteht, schon zur Genge zu kennen, denn er erschien nicht auf dem Verdeck. Sollte er den Aeronef nur zum Vergngen seiner Gste ber dieses National-Eigenthum hingefhrt haben? Wenn diese Voraussetzung auch vielleicht zutraf, so entzog er sich doch ihren Dankesbezeugungen. Er lie sich nicht einmal durch die khne Fahrt quer durch die Felsengebirge, welche der "Albatros" gegen sieben Uhr Morgens erreichte, aus seiner Ruhe stren. Es ist bekannt, da dieses orographische System sich gleich einem gewaltigen Rckgrat von den Lenden Nordamerikas bis zu dessen Halse hin ausdehnt, indem es eine Fortsetzung der mexikanischen Anden bildet. Das Ganze erreicht eine Lnge von dreitausendfnfhundert Kilometern und hat seinen hchsten Punkt im Pic-James, der bis fast zwlftausend Fu hoch aufragt. Gewi htte der "Albatros" durch Vermehrung seiner Flgelschlge, gleich einem im Aether dahineilenden Vogel, auch die hchsten Gipfel dieser Ketten berfliegen knnen, um dann wie mit Riesenschwingen nach Oregon und Utah hinabzusteigen. Dieses Manver war aber nicht einmal nothwendig, da es hier Psse giebt, um durch die Bergkette zu gelangen, ohne deren Kamm zu bersteigen. Man findet verschiedene solcher "Caons", eine Art mehr oder weniger enger Schluchten, durch welche man nur schwer gelangen kann -- die einen, wie der Bridger-Pa, dem auch die Pacific-Bahn folgt, um in das Mormonengebiet einzudringen, die anderen etwas weiter im Norden oder im Sden. In einen dieser Caons lenkte der "Albatros" ein, nachdem er seine Geschwindigkeit vermindert hatte, um jedenfalls ein Anstoen an die Wnde der Schlucht zu vermeiden. Der Steuermann, dessen ungemein sichere Hand die vorzgliche Wirksamkeit des Steuerruders in besonders helles Licht setzte, lenkte denselben, wie er es mit einem Boote ersten Ranges beim Wettfahren des Royal Thames Club gethan htte. Es war in der That bewunderungswrdig anzusehen. Und trotz des Widerwillens, den die beiden Feinde des "Schwerer, als die Luft" noch immer empfanden, muten sie doch entzckt sein ber die Vollkommenheit dieser sich durch den Luftraum bewegenden Maschine. Binnen weniger als zweiundeinerhalben Stunde wurde die gewaltige Bergkette durchfahren und der "Albatros" nahm seine gewhnliche Geschwindigkeit von hundert Kilometer (in der Stunde) wieder an. Er steuerte jetzt auf's Neue dem Sdwesten zu, um nicht gar zu hoch ber dem Erdboden das Gebiet von Utah schrg zu durchschneiden. Dabei war er bis auf wenige hundert Meter gesunken, als die Tne einer Pfeife die Aufmerksamkeit des Onkel Prudent und Phil Evans' erregten. Diese kamen von einem Zuge der Pacific-Bahn her, welcher der Stadt am groen Salzsee zudampfte. In diesem Augenblick senkte sich auf geheimen Befehl der "Albatros" noch weiter, um dem mit voller Dampfkraft dahinfahrenden Zuge zu folgen. Er wurde sofort bemerkt. Einige Kpfe erschienen an den Thren der Waggons. Dann drngten sich bald zahlreiche Passagiere auf den kleinen Laufbrcken, welche die amerikanischen "Cars" mit einander verbinden. Einzelne wagten es sogar, die Doppelwagen des Trains zu erklettern, um die Flugmaschine besser sehen zu knnen. Laute Hipps und Hurrahs drhnten durch die Luft, hatten aber nicht den Erfolg, Robur erscheinen zu lassen. Das Spiel seiner Schrauben weiter verlangsamend, stieg der "Albatros" noch immer tiefer hinunter und verminderte auch seine horizontale Schnelligkeit, um den Bahnzug, den er bequem htte berholen knnen, nicht hinter sich zu lassen. So flog er ber diesen hin, wie ein ungeheurer Kfer, whrend er doch htte einem riesenhaften Raubvogel gleichen knnen. Jetzt schwenkte er wie spielend nach rechts und nach links ab, scho einmal vorwrts und kehrte auf demselben Wege wieder zurck, auch hatte er stolz die schwarze Flagge mit der goldenen Sonne gehit, worauf der Zugfhrer als Antwort das Banner mit den siebenunddreiig Sternen der amerikanischen Union schwenkte. Vergeblich versuchten die beiden Gefangenen, die sich jetzt darbietende Gelegenheit zu bentzen, um Kunde davon zu geben, was aus ihnen geworden wre. Vergebens rief der Vorsitzende des Weldon-Instituts mit Stentorstimme: "Ich bin Onkel Prudent aus Philadelphia!" Und der Schriftfhrer. "Ich bin Phil Evans, sein College!" Ihre Rufe verhallten in den tausend Hurrahs, mit denen die Passagiere des Zugs die merkwrdige Erscheinung des Luftschiffes begrten. Inzwischen waren drei bis vier Mann vom Aeronef auf dem Verdeck desselben erschienen und Einer von ihnen lie -- wie es Seeleute zu thun pflegen, wenn sie ein langsamer fahrendes Schiff berholen -- nach dem Zuge ein Stck Tau hinab -- ein ironisches Angebot, ihn in's Schlepptau zu nehmen. Dann nahm der "Albatros" sofort seinen gewhnlichen Gang wieder an und nach einer halben Stunde hatte er jenen Exprezug, dessen letzte Dampfwlkchen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, schon weit hinter sich gelassen. Gegen ein Uhr Mittags wurde eine sehr groe Scheibe sichtbar, welche die Sonnenstrahlen gleich einem ungeheuren Reflector zurckwarf. "Das mu die Hauptstadt der Mormonen, Salt-Lake-City, sein!" sagte Onkel Prudent. In der That war es die groe Salzsee-Stadt und jene convexe Scheibe war das Dach des Tabernakels, das bequem zehntausend Heilige aufnehmen kann. Wie ein erhabener Spiegel zerstreute derselbe die Strahlen der Sonne nach allen Richtungen hin. Hier dehnte sich die groe Stadt aus am Fue der Wasatsh-Berge, welche bis zur halben Hhe mit Cedern und Fichten bedeckt sind, und am Ufer jenes Jordan, der die Gewsser von Utah in den groen Salzsee ergiet. Unter dem Aeronef breitete sich das Damenbrett aus, welches die meisten amerikanischen Stdte bilden -- hier ein Damenbrett mit "mehr Damen als Feldern", da die Polygamie bei den Mormonen in so hoher Blthe steht. Die Landschaft im Umkreise zeigte sich jedoch gut bestellt und cultivirt, auch reich an Spinnfaserpflanzen, whrend sich Schafheerden von mehr als tausend Kpfen vielfach umhertummelten. Aber das Ganze verblate wie ein Schatten, und der "Albatros" flog jetzt nach Sdwest mit gesteigerter Geschwindigkeit, welche ziemlich fhlbar wurde, weil sie die des Windes bertraf. Bald darauf schwebte der Aeronef ber dem Staate Nevada und seinen silberfhrenden Gebieten, die nur die Sierra von den goldfhrenden Lndereien Kaliforniens trennt. "Wir knnen auf jeden Fall erwarten, San Francisco noch vor dem Abend zu sehen, sagte Phil Evans. -- Und dann? ..." antwortete Onkel Prudent. Es war jetzt um sechs Uhr Nachmittags, als die Sierra Nevada durch denselben Einschnitt von Truckie berschritten wurde, der auch der Bahn als Bergpa dient. Von hier aus hatte man nur noch dreihundert Kilometer zurckzulegen, um, wenn nicht San Francisco, so doch mindestens Sacramento, die Hauptstadt von Californien, zu erreichen. Die dem "Albatros" jetzt verliehene Geschwindigkeit war eine so groe, da noch vor acht Uhr die Kuppel des Capitols am westlichen Horizonte auftauchte, nur um bald wieder am entgegengesetzten zu verschwinden. Eben jetzt zeigte sich Robur auf dem Verdeck. Die beiden Collegen gingen auf ihn zu. "Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, wir befinden uns nun an den Grenzen Amerikas. Wir meinen, dieser Scherz knnte nun sein Ende finden. -- Ich scherze nie," antwortete Robur. Er gab ein Zeichen; der "Albatros" senkte sich schnell abwrts, doch gleichzeitig nahm er eine solche Schnelligkeit an, da sich Alle in die Ruffs flchten muten. Kaum hatte sich die Thr der Cabine hinter den beiden Collegen geschlossen, als Onkel Prudent rief: "Nur noch etwas mehr und ich erwrge ihn! -- Wir mssen versuchen, zu entfliehen, rieth Phil Evans. -- Ja ... es koste, was es wolle!" Da klang ein langes Gemurmel bis zu ihnen herein. Das war das Grollen des Meeres, das gegen die Kstenfelsen brandete. Es war der Pacifische Ocean. IX. In dem der "Albatros" fast zehntausend Kilometer zurcklegt und das mit einem merkwrdigen Sprunge endigt. Onkel Prudent und Phil Evans waren fest entschlossen, zu fliehen. Htten sie es nur zu dreien mit den acht, allerdings sehr krftigen Mnnern zu thun gehabt, welche die Besatzung des Aeronefs bildeten, so wrden sie den Kampf vielleicht gewagt haben. Ein khner Handstreich htte sie zu Herren an Bord gemacht und ihnen die Mglichkeit gegeben, an einem beliebigen Punkte der Vereinigten Staaten niederzugehen. Zu Zweien aber -- denn Frycollin konnte ja nur als verschwindende Gre gezhlt werden -- war daran nicht wohl zu denken; da jede Gewaltanwendung also ausgeschlossen blieb, muten sie, sobald der "Albatros" einmal zur Erde hinabging, zur List ihre Zuflucht nehmen. Das bemhte sich auch Phil Evans seinem wuthschnaubenden Collegen beizubringen, da er von diesem immer noch eine gewaltthtige Uebereilung frchtete, welche ihre Lage nur verschlimmern konnte. Jedenfalls war jetzt kein gnstiger Augenblick. Der Aeronef glitt in schnellster Gangart eben ber den Nordpacifischen Ocean hin. Schon am nchsten Morgen, dem des 16. Juni, sah man nichts von der Kste, und da diese von der Insel Vancouver bis zur Gruppe der Aluten -- das ist der frheren russischen Besitzung in Amerika, welche 1867 an die Vereinigten Staaten abgetreten wurde -- in einem groen Bogen verluft, so hatte es den Anschein, als ob der "Albatros" letztere an dem vorspringendsten Bogentheile kreuzen sollte, wenigstens wenn die jetzt eingehaltene Fahrtrichtung nicht verndert wurde. Wie lang erschienen die Nchte jetzt den beiden Collegen! Sie beeilten sich auch jeden Morgen, ihre Cabine zu verlassen. Als sie heute nach dem Deck kamen, war der Horizont im Osten schon vollstndig hell. Man nherte sich ja der Sommersonnenwende, dem lngsten Tage auf der nrdlichen Halbkugel, an dem es unter dem 60. Breitengrade eigentlich kaum Nacht wird. Der Ingenieur Robur dagegen schien -- ob aus Gewohnheit oder mit Absicht -- keine besondere Eile zu haben, seinen Ruff zu verlassen; und als das heute endlich geschah, begngte er sich, seine beiden Gste zu begren, als er auf dem Hintertheile des Aeronef ihren Weg kreuzte. Inzwischen hatte sich auch Frycollin mit vor Schlaflosigkeit gertheten Augen, glanzlosem Blicke und schlotternden Beinen aus seiner Cabine gewagt. Er ging dahin wie Einer, dessen Fu es empfindet, da dem Boden darunter nicht recht zu trauen ist. Sein erster Blick richtete sich nach der Auftriebsmaschinerie, die, ohne sich zu beeilen, mit beruhigender Regelmigkeit arbeitete. Danach begab sich der immerfort schwankende Neger nach der Reeling und ergriff diese mit beiden Hnden, um sich, mehr Gleichgewicht zu sichern. Offenbar wnschte er einen Ueberblick ber das Land zu gewinnen, das der "Albatros" jetzt in der Hhe von hchstens zweihundert Metern berflog. Frycollin hatte sich tchtig zusammennehmen mssen, um einen solchen Versuch zu wagen. Es bedurfte ja, seiner Meinung nach, einer gewissen Khnheit, seine werthe Person einer solchen Gefahr auszusetzen. Vor der Reeling stehend, hielt Frycollin erst den Krper nach rckwrts geneigt, dann schttelte er an derselben, um ihre Haltbarkeit zu prfen; nachher richtete er sich auf, beugte sich etwas nach vorwrts und steckte endlich den Kopf ein wenig hinaus. Wir brauchen wohl nicht zu bemerken, da er whrend der Dauer dieses Experimentes beide Augen fest geschlossen hielt. Endlich ffnete er dieselben. Hei, wie schrie er da laut, wie flog er eiligst zurck und wie verkroch sich sein Kopf zwischen den Schultern! Unter dem Abgrunde hatte er den ungeheuren Ocean erblickt. Wren seine Haare nicht gar zu krank gewesen, sie htten sich gewi ber der Stirn gestrubt. "Das Meer! Das Meer! ..." schrie er auf. Frycollin wre lang auf das Verdeck hingestrzt, wenn der Koch nicht die Arme ausgebreitet htte, ihn aufzufangen. Dieser Koch war ein Franzose, vielleicht ein Gascogner, obwohl er sich Franois Tapage nannte. Wenn er nicht Gascogner war, so mute er whrend seiner Kindheit die Brisen der Garonne eingesaugt haben. Wie dieser Franois Tapage aber in die Dienste des Ingenieurs gekommen, durch welche Reihe von Zuflligkeiten er unter die Mannschaft des "Albatros" gerathen war, das wute kein Mensch. Jedenfalls sprach dieser Schlaukopf englisch trotz jedem Yankee. "Heda, aufrecht, zum Teufel, herauf! rief er, den Neger mit krftigem Handgriffe aufrichtend. -- Master Tapage! ... antwortete der arme Teufel, einen verzweiflungsvollen Blick nach den Schrauben werfend. -- Was willst Du denn, Frycollin? -- Geht das manchmal entzwei? -- Manchmal nicht, aber es wird einmal entzwei gehen. -- Warum? ... Warum denn? ... -- Weil zuletzt Alles einmal zum Kuckuk geht, wie man bei mir zu Hause sagt. -- Ja, aber da ist ja das Meer darunter? ... -- Im Fall eines Sturzes ist das viel besser. -- Doch da mu man ertrinken! -- Man ertrinkt freilich, aber man behlt seine Knochen", erwiderte Franois Tapage zuversichtlich. Wie eine Schlange dahinkriechend, war Frycollin gleich darauf tief hinein in seine Cabine geschlichen. Im Laufe des 16. Juni hielt der Aeronef nur eine mittlere Geschwindigkeit ein. Er schien an der Oberflche dieses so ruhigen Meeres, das im vollen Sonnenschein glnzte, fast hinzustreichen, da er sich kaum hundert Fu ber demselben hielt. Heute nun waren Onkel Prudent und sein Gefhrte in ihrer Cabine zurckgeblieben, um Robur nicht zu begegnen, der rauchend, bald allein, bald mit seinem Obersteuermann Tom Turner, auf dem Deck umherging. Nur die halbe Anzahl Schrauben war in Thtigkeit, doch gengte schon, den Apparat in den niedrigeren Zonen der Atmosphre zu erhalten. Unter diesen Verhltnissen htte die Mannschaft auer dem Vergngen eines Fischzugs sich noch die Befriedigung bereiten knnen, in ihren gewohnten Speisezettel eine Abwechslung zu bringen, wenn das Wasser des Stillen Oceans fischreich genug wre. Auf dessen Oberflche zeigten sich aber nur einzelne Walfische, von der Art mit gelbem Bauche, welche gegen fnfundzwanzig Meter in der Lnge mit. Gerade diese kennt man als die furchtbarsten Cetaceer der nrdlichen Meere. Die Fischer von Beruf hten sich weislich, dieselben anzugreifen, so gefhrlich knnen die Thiere werden. Immerhin konnte man wohl die Harpunirung eines jener Walfische entweder mit der Flechter'schen Rakete oder mit der Wurfbombe versuchen, und von beiden hatte man eine Auswahl an Bord. Wozu aber diese unntze Schlchterei? Wahrscheinlich wollte Robur nur den beiden Mitgliedern des Weldon-Instituts zeigen, wozu er seinen Aeronef Alles verwenden knne, und deshalb sollte auf einen der gewaltigen Cetaceer Jagd gemacht werden. Auf den Ruf: "Walfische! Walfische!" eilten Onkel Prudent und Phil Evans aus ihren Cabinen. Vielleicht war ein Schiff, ein sogenannter Walfischfahrer, in Sicht. In diesem Falle wren Beide, um ihrem Gefngnisse zu entfliehen, entschlossen gewesen, sich in's Meer zu strzen, auf die schwache Hoffnung hin, von einem Fahrzeug aufgenommen zu werden. Schon stand die ganze Mannschaft des "Albatros" geordnet und jedes Befehls gewrtig auf dem Verdeck und wartete. "Wir wollen's also versuchen, Master Robur? fragte der Obersteuermann Tom Turner. -- Ja, Tom," antwortete der Ingenieur. In den Ruffs fr die Maschinerie standen der Mechaniker und seine Gehilfen auf Posten, um jedes Manver auszufhren, das ihnen durch Zeichen anbefohlen wurde. Der "Albatros" senkte sich sofort nach dem Meere zu und hielt etwa fnfzig Fu darber an. Wie die beiden Collegen sich berzeugen konnten, war hier kein Schiff in Sicht, so wenig wie eine Kste, welche sie htten schwimmend erreichen knnen, vorausgesetzt, da Robur sie nicht wieder ergreifen lie. Mehrere Dunst- und Wasserstrahlen, welche sie durch die Nasenlcher austrieben, verkndeten die Anwesenheit von Walfischen, welche, um zu athmen, einmal auf die Oberflche kamen. Tom Turner hatte sich, untersttzt von einem seiner Kameraden, am Vordertheil aufgestellt. Ihm nahe zur Hand lag eine jener Wurfbomben californischen Fabrikats, welche mit einer Art Bchse abgeschossen werden. Jene besteht aus einem Metallcylinder, der mit einer ebenso geformten Bombe endigt, welche in eine Stange mit widerhakigen Spitzen ausluft. Von dem Vordercastell aus, das er eben bestieg, gab Robur mit der rechten Hand dem Mechaniker und mit der linken Hand dem Steuermann die nthigen Zeichen, wie sie manvriren sollten; so beherrschte er den Aeronef sowohl in wagrechter, wie in senkrechter Richtung. "Ein Walfisch! ... Ein Walfisch!" rief Tom Turner noch einmal. Eben tauchte wirklich der Rcken eines solchen Cetaceers etwa vier Kabellngen vor dem "Albatros" auf. Der Aeronef strzte gleichsam auf ihn zu und hielt, als er sich kaum noch sechzig Fu ber dem Thiere befand, schnell an. Tom Turner hatte seine, in einer an der Reeling befestigten Gabel liegende Bchse angeschlagen. Der Schu krachte und das Gescho, das eine lange, mit ihrem Ende am Verdeck angebundene Leine mit sich ri, schlug in den Krper des Walfisches ein. Die mit leicht entzndlichen Stoffen gefllte Bombe explodirte und schleuderte dabei eine Art kleinere, zweiarmige Harpune, die sich in das Fleisch des Thieres einkrallte. "Achtung!" rief Tom Turner. Trotz ihrer herzlich schlechten Laune betrachteten Onkel Prudent und Phil Evans dieses Schauspiel doch mit aufrichtigem Interesse. Der schwer verwundete Walfisch hatte das Meer mit dem Schwanze so furchtbar gepeitscht, da das Wasser bis zum Vordertheil des Aeronefs hinaufspritzte; dann tauchte derselbe bis zu groer Tiefe hinab, whrend man die Leine schnell nachgleiten lie; letztere war brigens in einem mit Wasser gefllten Fasse zusammengelegt, um durch die Reibung nicht Feuer zu fangen. Als der Walfisch wieder an die Oberflche kam, suchte er so schnell als mglich in der Richtung nach Norden zu entfliehen. Der Leser kann sich leicht vorstellen, mit welch' rasender Schnelligkeit der "Albatros" dabei geschleppt wurde, denn die Triebschrauben waren vorher angehalten worden. Man berlie das Thier ganz sich selbst und hielt sich nur im gleicher Linie mit ihm. Tom Turner stand bereit, die Leine zu kappen, wenn ein erneutes Tauchen dieses Schleppen gefhrlich machte. So wurde der "Albatros" etwa eine halbe Stunde lang und vielleicht eine Entfernung von sechs Meilen weit hingezerrt; dann merkte man aber, da der Cetaceer zu erlahmen anfing. Jetzt lieen die Hilfsmaschinisten das Triebwerk nach rckwrts arbeiten und die Triebschrauben setzten dem Walfisch, der sich dem Bord mehr und mehr nherte einen gewissen Widerstand entgegen. Bald schwebte der Aeronef nur noch fnfundzwanzig Fu ber demselben; noch immer peitschte sein Schweif das Wasser mit fast unglaublicher Gewalt, und wenn er sich vom Bauch auf den Rcken drehte, whlte das Thier eine wirkliche Brandung auf. Pltzlich richtete es sich, so zu sagen, gerade in die Hhe und tauchte mit solcher Schnelligkeit unter, da Tom Turner kaum Zeit hatte, ihm die Leine gehrig nachschieen zu lassen. Mit einem Male wurde der Aeronef bis zur Wasserflche herabgezerrt; an der Stelle, wo das Thier verschwunden war, hatte sich ein vollstndiger Wirbel gebildet, und ber die Reeling hinein schlug das Wasser, wie es ber den Bug eines Schiffes geht, gegen Wind und Wellen luft. Glcklicher Weise trennte Tom Turner noch rechtzeitig mit einem Axthiebe die Leine, und der nun befreite "Albatros" stieg unter dem Drucke seiner Auftriebschrauben zweihundert Meter empor. Auch whrend dieses aufregenden Zwischenfalls hatte Robur den Apparat geleitet, ohne da ihn seine Kaltbltigkeit nur einen Augenblick verlassen htte. Einige Minuten spter kam der Walfisch wieder an die Oberflche -- diesmal aber todt. Von allen Seiten flatterten die Seevgel herzu, um sich des Cadavers zu bemchtigen, und stieen Schreie aus, welche einen sich zankenden Congre taub gemacht htten. Der "Albatros", der mit der todten Beute doch nichts beginnen konnte, setzte seinen Weg nach Westen fort. Am folgenden Tage, am 17. Juni, Morgens um 6 Uhr, erstreckte sich am Horizonte Land hin. Es war die Halbinsel Alaska und die lange Klippenreihe der Aluten. Der "Albatros" zog ber dieser Barrire hin, an der es von Pelzseehunden wimmelte, welche die Alutier fr Rechnung der russisch-amerikanischen Gesellschaft jagen. Der Fang dieser sechs bis sieben Fu langen, fast rosenrothen und zwei-, drei- bis fnfhundert Pfund wiegenden Amphibien ist fr sie ein sehr gutes Geschft. Dieselben lagen hier in endloser Reihe wie in Schlachtordnung und in Abertausenden von Exemplaren. Wenn sie sich durch das Vorberkommen des "Albatros" nicht in ihrer phlegmatischen Ruhe stren lieen, so war das nicht der Fall mit den Tauchervgeln, Polarenten und Eistauchern, deren heiseres Geschrei die Luft erfllte und welche unter dem Wasser verschwanden, als ob ein entsetzliches Luftungeheuer sie bedrohte. Die zweitausend Kilometer des Bering-Meeres von den ersten Aluten bis zur uersten Spitze von Kamtschatka wurden whrend der vierundzwanzig Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht zurckgelegt. Um ihren Fluchtplan in's Werk zu setzen, befanden sich Onkel Prudent und Phil Evans nicht gerade in gnstigen Verhltnissen, denn weder an dem den Strande des nrdlichsten Asiens, noch ber dem Ochotskischen Meere htten sie mit auch nur einiger Aussicht auf glcklichen Erfolg entweichen knnen. Allem Anscheine nach wandte sich der "Albatros" nach der Gegend von Japan oder China zu. Wenn es auch nicht sehr weise sein mochte, sich auf die Untersttzung von Chinesen oder Japanesen zu verlassen, waren die beiden Collegen doch fest entschlossen, zu fliehen, wenn der Aeronef an irgend einem Punkte dieser Lnder anhalten sollte. Doch wrde er denn Halt machen? Es lag ja bei ihm nicht so, wie bei einem Vogel, der durch langen Flug endlich ermdet, oder wie bei einem Ballon, der wegen Gasmangel genthigt wird, einmal niederzugehen. Der Aeronef besa noch fr mehrere Wochen aushaltende Vorrte aller Art, und seine Organe von wunderbarer Soliditt straften jede Erwartung auf Schwche oder Trgheit Lgen. Nach scharfer Fahrt ber die Halbinsel Kamtschatka, von der man kaum die Niederlassung von Petropaulowsk und den Vulcan von Klutschew sah, und nach der weiteren, ber das Ochotskische Meer, nahezu in der Hhe der Kurilen, welche darin einen von Hunderten von Canlen unterbrochenen Damm bilden, erreichte der "Albatros" am 19. Juni die La Prouse-Strae zwischen der Nordspitze von Japan und der Insel Sachalien an dem kleinen Einschnitt, in welchen sich der groe sibirische Strom, der Amur, ergiet. Nachher erhob sich ein dichter Nebel, den der Aeronef unter sich lassen wollte, wenn er auch nicht gezwungen war, denselben zu meiden, um weiter zu fahren, denn in der von ihm jetzt eingenommenen Hhe hatte er kein Hinderni zu frchten, weder hhere Bauwerke, an welche er htte anstoen knnen, noch Berge, an welchen er sich im Fluge zu zertrmmern Gefahr gelaufen wre. Das Land war kaum wellenfrmiger Natur. Die Dnste machten sich aber doch zu unangenehm fhlbar, da sie Alles an Bord durchnten. Es bedurfte ja nichts weiter, als sich ber diese Nebelschicht, welche drei- bis vierhundert Meter stark sein mochte, zu erheben. Die Schrauben wurden also in schnelle Umdrehung versetzt, und oberhalb des Nebels fand der "Albatros" wieder den reinen, vom Sonnenlicht gebadeten Himmel. Unter diesen Verhltnissen htten Onkel Prudent und Phil Evans Mhe gehabt, ihren Fluchtversuch auszufhren, selbst wenn sie den Aeronef htten verlassen knnen. An diesem Tage blieb Robur, als er einmal an ihnen vorberkam, wie zufllig stehen und sagte, ohne uerlich seinen Worten besondere Bedeutung beizulegen: "Meine Herren, ein Segel- oder Dampfschiff, das in einen Nebel gerieth, dem es nicht entrinnen kann, ist immer sehr genirt, es fhrt nur unter fortwhrendem Pfeifen oder unter den Tnen des Nebelhorns weiter. Es mu seine Fortbewegung verlangsamen und hat trotz aller Vorsicht jeden Augenblick eine Collision zu befrchten. Der "Albatros" kennt solche Sorgen nicht. Was kmmern ihn die Nebel, da er sich ihnen entziehen kann? Ihm gehrt das Luftmeer, die ganze weite Atmosphre!" Nach diesen Worten ging Robur ruhig weiter, ohne eine Antwort abzuwarten, die er auch gar nicht verlangte, und die blauen Wlkchen seiner Pfeife zerflossen im Azur. "Onkel Prudent, begann da Phil Evans, es scheint, als ob dieser merkwrdige "Albatros" ganz und gar nichts zu frchten habe. -- Das werden wir noch sehen!" antwortete der Vorsitzende des Weldon-Instituts. Der Nebel hielt drei Tage lang, den 19., 20. und 21. Juni, mit beklagenswerther Zhigkeit an. Man hatte hoch steigen mssen, um die japanesischen Gebirge von Fuji-Yama zu vermeiden. Als dieser Nebelvorhang aber zerrissen war, gewahrte man eine ungeheure Stadt mit Palsten, Villen, Thrmchen, Grten und Parks. Selbst ohne dieselben zu sehen, htte Robur sie schon erkannt an dem Gebell der Tausende von Hunden, an dem Schreien der Raubvgel und vor Allem an dem Leichengeruch, den die Krper von Hingerichteten in weitem Umkreise verbreiteten. Die beiden Collegen befanden sich auf dem Deck, als der Ingenieur eben das Besteck machte, fr den Fall, da er seine Fahrt wieder im Nebel fortzusetzen gezwungen wre. "Meine Herren, begann er, ich habe keinen Grund, Ihnen zu verheimlichen, da diese Stadt Yeddo, die Hauptstadt von Japan ist." Onkel Prudent antwortete nicht. In Gegenwart des Ingenieurs keuchte er nur, als wenn es seinen seinen Lungen an Luft fehlte. "Dieser Anblick Yeddos ist wirklich recht merkwrdig. -- So merkwrdig er auch sein mag ... versetzte Phil Evans. -- So bleibt er doch hinter dem von Peking zurck, unterbrach ihn der Ingenieur. Das ist meine Meinung auch, -- und Sie werden binnen Kurzem selbst darber urtheilen knnen." Unmglich htte der Mann liebenswrdiger sein knnen. Der "Albatros", der bisher auf Sdost zuhielt, vernderte jetzt seine Richtung um vier Compastriche, um im Osten eine neue Route aufzusuchen. Whrend der Nacht zerstreute sich der Nebel, dagegen erschienen Anzeichen eines nicht weit entfernten Typhons, denn der Barometer fiel sehr rasch, alle Dunstmassen verschwanden, am fast kupferfarbenen Grunde des Himmels ballten sich groe elliptische Wolken zusammen und am entgegensetzten Horizont glhten lange, carminrothe Streifen, die sich vom schieferblauen Hintergrunde abhoben, im Norden aber war ein Theil des Himmels vllig klar. Das Meer lag zwar still; sein Wasser nahm jedoch mit Sonnenuntergang eine dunkle Scharlachfarbe an. Zum Glck entfesselte sich dieser Typhon mehr im Sden und hatte hier keine weiteren Folgen, als da er die seit drei Tagen angehuften Nebelmassen zertheilte. Binnen einer Stunde hatte man die zweihundert Kilometer der Meerenge von Korea und nachher die vorspringendste Spitze dieser Halbinsel berschritten; whrend der Typhon an den Sdostksten von China wthete, wiegte sich der "Albatros" ber dem Gelben Meere, und whrend des 22. und 23. ber dem Golf von Petscheli; am 24. glitt er das Thal des Pei-Ho hinauf und gelangte endlich ber die Hauptstadt des Himmlischen Reiches. Ueber die Reling hinausgebeugt, konnten die beiden Collegen -- wie es der Ingenieur vorausgesagt -- sehr deutlich die ungeheure Stadt sehen, die Mauer, welche sie in zwei ungleiche Hlften, die Mandschu- und die Chinesenstadt, theilt, ebenso wie die zwlf sie umgebenden Vorstdte, die breiten, nach dem Mittelpunkte zu verlaufenden Alleestraen, die Tempel, deren gelbe oder grne Dcher in der aufgehenden Sonne erglnzten, die Parks, welche sich um die Palste der Mandarinen ausdehnen; ferner, inmitten der Mandschustadt, die sechshundertachtundsechzig Hektar (= 1/8 geogr. Quadratmeile) groe Gelbe Stadt mit ihren Pagoden, ihren kaiserlichen Grten, knstlichen Seen, dem die ganze Stadt berragenden Kohlenberge, und endlich unterschieden sie in der Mitte der Gelben Stadt, gleich einer jener wunderbaren chinesischen in einander geschachtelten Arbeiten, die Rothe Stadt, d. i. den eigentlichen Kaiserpalast, mit allen Phantasien seiner fast unglaublichen Architektur. Eben jetzt ertnte die Luft unter dem "Albatros" von einer seltsamen Harmonie; man htte ein Concert von Aeolsharfen zu hren vermeint. In der Luft schwankten nmlich gegen hundert verschieden geformte Drachen aus Palmen- oder Pandanuspapier umher, deren oberen Theil eine Art leichten hlzernen Bogens bildete, welcher durch ein ganz dnnes Bambusstbchen gespannt erhalten wurde. Unter dem schwachen Windhauche erzeugten alle diese saitenartigen, verschiedene, denen einer Harmonika hnliche Tne gebenden Stbchen ein leises Gesumme von hchst melancholischer Wirkung. Es machte den Eindruck, als ob man hier in der Hhe -- musikalischen Sauerstoff einathme. Da fiel es Robur ein, sich diesem Luftorchester zu nhern, und langsam tauchte der "Albatros" in die tnenden Wellen herab, welche die Drachen nach der Atmosphre entsandten. Pltzlich entstand in der fast zahllosen Bevlkerung tief unten eine auerordentliche Aufregung. Tamtamschlge und andere entsetzliche Instrumente des chinesischen Orchesters erschallten, Flintenschsse krachten und hundertfach hmmerten die Leute auf groen Mrsern herum, Alles in der Absicht, den Aeronef zu verjagen. Wenn die Sternkundigen des chinesischen Reiches an diesem Tage vielleicht erkannten, da diese Flugmaschine die veranlassende Ursache zu so vielen Streitigkeiten der ganzen gelehrten Welt gewesen sein mchte, so hielten die Millionen Chinesen vom niedrigsten Manne bis zum vielknpfigen Mandarin sie jedenfalls fr ein apokalyptisches Ungeheuer, das am Himmel Buddhas erschien. In dem unnahbaren "Albatros" kmmerte sich natrlich Niemand um jene lrmenden Kundgebungen. Die Bindfden aber, welche die Drachen an kleinen in den kaiserlichen Grten eingerahmten Pfhlen festhielten, wurden entweder zerschnitten oder schnell eingezogen. Die leichten "Spielzeuge", wie wir sagen wrden, kamen dadurch, einen nur noch lauteren Ton gebend, entweder rasch zur Erde, oder sie fielen herab, gleich flgellahm geschossenen Vgeln, deren Gesang mit dem letzten Athemzuge verstummt. Da drhnte eine gewaltige Fanfare aus der Trompete Tom Turner's ber der Hauptstadt und bertubte die letzten Klnge jenes Lufttonwerks, doch das machte dem Gewehrfeuer unten kein Ende. Als aber eine Sprengkugel nur einige zwanzig Fu vom Verdeck des "Albatros" platzte, stieg dieser nach den unerreichbaren Zonen des Himmels empor. Im Laufe der nchstfolgenden Tage ereignete sich kein Zwischenfall, den sich die Gefangenen htten zu nutze machen knnen. Die Richtung des Aeronefs blieb unabnderlich eine sdwestliche, was darauf hindeutete, da er sich Hindostan nhern sollte. Uebrigens bemerkte man, da der fortwhrend hher aufsteigende Erdboden den "Albatros" nthigte, sich nach den Linien seines Profils zu richten. Etwa zehn Stunden nach der Weiterfahrt von Peking konnten Onkel Prudent und Phil Evans an der Grenze von Chen-Si einen Theil der Groen Mauer erkennen. Dann kamen sie, unter Umgehung der Bung-Berge, ber und durch das Thal von Wany-Ho und berschritten die Grenze des chinesischen Kaiserreichs, da, wo diese mit Tibet zusammenstt. Tibet bildet eine vegetationslose Hochebene, da und dort mit schneebedeckten Gipfeln, trockenen Schluchten oder von Gletschern genhrten Bergstrmen, mit Abgrnden, aus welchen mchtige Salzlager heraufschimmern, und mit vielen, von grnenden Forsten eingerahmten Seebecken. Das auf 450 Millimeter gesunkene Wetterglas zeigte jetzt eine Hhe von viertausend Metern ber dem Meere an. In dieser Hhe berschritt die Temperatur, obgleich man sich jetzt in den wrmsten Monaten der nrdlichen Halbkugel befand, nicht den Gefrierpunkt. Diese starke Abkhlung im Verein mit der Schnelligkeit des "Albatros" machte die Situation fast unertrglich, und obwohl die beiden Collegen warme Reisedecken zur Verfgung hatten, zogen sie es doch vor, in ihre Ruffs zurckzukehren. Selbstverstndlich mute den Auftriebsschrauben eine auerordentliche Schnelligkeit ertheilt werden, um den Aeronef in der hier schon recht verdnnten Luft zu erhalten. Diese arbeiteten jedoch in vorzglichstem Zusammenwirken, und es schien, als ob die Insassen des Apparats durch das Schwirren ihrer Flgel gewiegt wrden. An diesem Tage sah Garlok, eine Stadt des nrdlichen Tibet und der Hauptort der Provinz Gavi-Khorsum, den "Albatros" etwa in der Gre einer Brieftaube vorberschweben. Am 27. Juni bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen gewaltigen Damm mit verschiedenen, in ewigem Schnee verlorenen Spitzen, der den Horizont begrenzte. An das Ruff auf dem Vordertheil gelehnt, um dem Luftdruck bei der so schnellen Fortbewegung widerstehen zu knnen, sahen Beide die colossalen Bergmassen, welche dem Aeronef vorauszulaufen schienen. "Jedenfalls der Himalaya, sagte Phil Evans, wahrscheinlich wird Robur nur den unteren Theil desselben umkreisen, ohne nach Indien einzudringen. -- Desto schlimmer, antwortete Onkel Prudent, auf diesem ungeheuren Gebiete htten wir vielleicht Gelegenheit -- -- Wenigstens, wenn er um die Bergkette nicht ber Birma im Osten oder ber Nepal im Westen fhrt. -- Ich mchte darauf wetten, da er ber dieselben gehen wird. -- Jedenfalls!" lie sich da eine Stimme vernehmen. Am folgenden Tage, am 28. Juni, befand sich der "Albatros" ber der Provinz Zyang gegenber jenen gewaltigen Bergmassen. An der anderen Seite des Himalaya lag das Gebiet von Nepal. Wenn man von Norden kommt, schneiden nacheinander drei Gebirgsketten den Weg nach Indien. Die beiden nrdlichen, zwischen denen der "Albatros" wie ein Schiff zwischen ungeheuren Klippen dahinglitt, sind die ersten Stufen des Grenzwalles im Sden von Central-Asien. Der Kuen-Ln, und nach diesem der Karakorum bezeichnen zuerst dieses lngliche und mit dem Himalaya parallel verlaufende Thal, ungefhr in jener Hhenlage, in welcher sich die Stromgebiete des Indus im Westen und des Brahmaputra im Osten abgabeln. Welch' wunderbares orographisches System! Hier ragen ber zweihundert schon gemessene Gipfel auf, von denen siebzehn fnfundzwanzigtausend Fu bersteigen! Vor dem "Albatros" erhob sich der Mount Everest auf achttausendachthundertvierzig Meter Hhe; ihm zur Rechten der Dawalaghiri, achttausendzweihundert Meter hoch; zur Linken der Kinahanjunga, achttausendfnfhundertzweiundneunzig Meter, der also seit den letzten genaueren Messungen des Mount Everest nur noch die zweite Stelle einnimmt. Offenbar hatte Robur nicht die Absicht, ber jene Gipfel hinwegzugehen, sondern er kannte zweifelsohne schon die verschiedenen Psse des Himalaya, unter Anderen den Ibi-Yamin-Pa, den die Gebrder Schlagintweit 1856 in einer Hhe von sechstausendachthundert Metern berschritten haben; wenigstens hielt er entschlossen auf diesen zu. Jetzt kamen einige ngstliche, selbst sehr beschwerliche Stunden, und wenn die Verdnnung der Luft auch nicht einen solchen Grad erreichte, da man zu eigens dafr construirten Apparaten htte greifen mssen, den Sauerstoff in den Cabinen zu erneuern, so wurde die Klte doch hchst beschwerlich. Auf dem Vordertheile stehend und die krftige Gestalt in einen Mantel gehllt, leitete Robur alle Manver. Tom Turner hielt die Barre des Steuerruders fest in der Hand. Der Maschinist berwachte aufmerksam seine Batterien, von deren Suren glcklicher Weise ein Einfrieren nicht zu frchten war. Die zur allergrten Umdrehungsgeschwindigkeit angetriebenen Schrauben gaben einen immer schrfer werdenden Ton, der trotz der hchst dnnen Luft laut vernehmbar blieb. Der Barometer fiel auf zweihundertneunzig Millimeter, was eine Hhe von siebentausend Metern anzeigte. Wie prachtvoll lag dieses Chaos von Bergriesen hier vor dem erstaunten Blicke ausgebreitet! Ueberall weiglnzende Gipfel, keine Seen, aber gewaltige schimmernde Gletscher, die bis auf zehntausend Fu Hhe hinabreichen. Kein Gras, auer einigen drftigen Kryptogamen an der Grenze des vegetabilischen Lebens, nichts von jenen wunderschnen Fichten und Cedern, die sich an den unteren Abhngen der Kette in herrlichen Wldern vorfinden; nichts von gigantischen Farren und endlosen Schmarotzerpflanzen, die sich, wie im Unterholz der Dschungeln, von Baum zu Baum hinziehen. Kein Thier, weder wilde Pferde, noch Yaks oder tibetanische Rinder; dann und wann nur eine Gazelle, die sich bis nach diesen Oeden hinein verirrt hatte; keine Vgel, auer einzelnen jener Prchen Raben, welche sich bis zu den letzten Schichten der athembaren Luft erheben. Nachdem er diesen Pa durchschritten, begann der "Albatros" wieder hinabzusteigen. Als sie dessen Ausgang passirten, hatten die Reisenden, jenseits der Region der Bergwaldung, eine grenzenlose Landschaft vor sich, die sich in weitem Umkreise vor ihnen ausdehnte. Jetzt trat Robur an seine Gste heran und sagte mit liebenswrdigem Tone: "Da haben Sie Indien, meine Herren!" X. Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's Schlepptau genommen wurde. Der Ingenieur hatte nicht die Absicht, seinen Apparat ber die wundervollen Gefilde von Hindostan hinwegzufhren. Jedenfalls wollte er nur den Himalaya bersteigen, um zu beweisen, ber welch' auerordentliche Fortbewegungsmaschine er verfgte, und um davon selbst Diejenigen zu berzeugen, welche nicht berzeugt sein wollten. Bedeutete das wohl so viel wie die Behauptung, da der "Albatros" vollkommen sei, obgleich die Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist? Das wird sich spter zeigen. Wenn Onkel Prudent und sein College auch nicht umhin konnten, innerlich anzuerkennen, da die Kraft dieser Flugmaschine eine ganz auerordentliche war, so lieen sie sich davon wenigstens nichts merken. Sie suchten nur die Gelegenheit, zu entfliehen; ja, sie bewunderten nicht einmal das prachtvolle Schauspiel, welches sich ihren Augen bot, als der "Albatros" den reizenden Landschaften des Pendjab folgte. Wohl giebt es am Himalaya einen Strich sumpfigen Landes, von dem gesundheitsschdliche Dnste aufsteigen, jenes Terrain, in dem Fieberkrankheiten epidemisch herrschen. Doch das ging den "Albatros" ja nichts an und konnte das Wohlbefinden seiner Insassen nicht gefhrden, er erhob sich ohne groe Eile nach dem Winkel zu, den Hindostan in seinem Vereinigungspunkt mit Turkestan und China bildet. Am 29. Juni ffnete sich vor ihm schon in den ersten Morgenstunden das herrliche Thal von Kaschmir. Ja, sie ist ohne Gleichen, diese Hohlkehle, welche der Himalaya zwischen sich frei lt! Gefurcht von Hunderten von Einzelvorsprngen, welche die ungeheure Kette bis zum Becken des Hydaspis entsendet, wird dieselbe bewssert von den launischen Windungen des Flusses, der die Heersulen Porus' und Alexanders, d. h. Indien und Griechenland, in Central-Asien zum Kampfe zusammenstoen sah. Er fllt noch immer sein Bett, dieser Hydaspis, whrend die von dem Macedonier zur Erinnerung an seinen Sieg gegrndeten beiden Stdte so vollstndig verschwunden sind, da man nicht einmal im Stande ist, die Stelle derselben wieder zu finden. Whrend dieses Vormittags schwebte der "Albatros" ber Srinagar -- mehr bekannt unter dem Namen Kaschmir -- hin. Onkel Prudent und sein Gefhrte sahen eine sehr schne, an beiden Fluufern sich hinziehende Stadt mit ihren Brcken gleich ausgespannten Fden, den Sennhtten mit ihren geschnitzten Balkons, ihren von hohen Pappeln beschatteten Gebuden mit berasten Dchern, welche fast das Aussehen groer Maulwurfshaufen haben, ihren vielfachen Canlen mit Barken gleich Nuschalen und Bootsleuten gleich Ameisen darauf, mit ihren Palsten, Tempeln, Kiosks, Moscheen und den Bungalows am Eingange der Vorstdte -- das Ganze auch noch verdoppelt durch die Widerspiegelung des Wassers; endlich die alte Citadelle Hari-Parvata, die auf einem Hgel angelegt ist, wie das strkste Fort von Paris auf dem Mont-Valrien. "Das wre Venedig, wenn wir uns in Europa befnden," sagte Phil Evans. -- Und wenn wir in Europa wren, wrden wir den Rckweg nach Amerika schon zu finden wissen," antwortete Onkel Prudent. Der "Albatros" verweilte nicht ber dem See, den der Flu durchfliet, sondern setzte seinen Flug durch das Thal des Hydaspis fort. Nur eine halbe Stunde blieb er, bis auf zehn Meter ber dem Flusse hinabsteigend, einmal an ein und derselben Stelle. Whrend dessen versorgten sich Tom Turner und seine Leute mittelst eines Kautschukschlauches mit neuem Wasservorrathe, der durch eine Pumpe aufgesaugt wurde, welche die Strme der Accumulatoren in Bewegung setzten. Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dabei bedeutungsvoll angesehen, da ein und derselbe Gedanke in ihnen aufstieg. Sie befanden sich nur wenige Meter ber der Oberflche des Hydaspis und nahe dem Ufer desselben. Beide waren gebte Schwimmer. Ein Sprung konnte ihnen jetzt die Freiheit wiedergeben, und wenn sie dann ein Stck unter dem Wasser fortschwammen, wie htte Robur sie wieder ergreifen lassen knnen? Um den Treibschrauben ihre Beweglichkeit zu sichern, mute er sie ja mit seinem Apparate mindestens zwei Meter ber dem Seebecken halten. In einem Augenblicke hatten sie alle gnstigen und ungnstigen Umstnde eines solchen Versuchs gegen einander abgewogen und schon waren sie im Begriff, sich von dem Verdeck des Luftschiffes hinabzustrzen, als sich mehrere Hnde fest auf ihre Schultern legten. Sie wurden beobachtet und erkannten die Unmglichkeit, zu entfliehen. Immerhin ergaben sie sich nicht ohne einigen Widerstand und bemhten sich, die, welche sie hielten, zurckzustoen -- aber es waren handfeste Burschen, diese Leute des "Albatros"! "Meine Herren, begngte sich der Ingenieur zu sagen, wenn man das Vergngen hat, in Gesellschaft mit Robur dem Sieger zu reisen, wie Sie ihn selbst so passend bezeichnet haben, und an Bord seines wunderbaren "Albatros", so verlt man diesen nicht so ... franzsisch. Ja, ich sage Ihnen, Sie verlassen denselben berhaupt nicht wieder!" Phil Evans zerrte seinen Gefhrten, der sich schon zu einem Gewaltacte hinreien lassen wollte, noch zurck. Beide begaben sich nach ihrem Ruff, noch immer entschlossen, zu fliehen und wenn es ihnen, gleichviel wo, auch das Leben kosten sollte. Der "Albatros" hatte wieder seinen Curs nach Westen eingeschlagen. Whrend dieses Tages berschritt er bei mittlerer Geschwindigkeit das Gebiet von Kabulistan, die Grenze des Knigreichs Herat. In diesen noch immer so bestrittenen Lndern und auf diesem Wege, der den Russen nach den englischen Besitzungen in Indien offen steht, erschienen groe Haufen von Menschen, Colonnen, Gepckwagen, mit einem Worte Alles, was das Personal und Material einer auf dem Marsche befindlichen Armee bildet. Man hrte wohl auch Kanonendonner und das Knattern von Gewehren; der Ingenieur mischte sich aber niemals in die Angelegenheiten Anderer, so lange diese fr ihn nicht eine Frage des Ehrgeizes oder der Humanitt bildeten. War Herat, wie man sagt, wirklich der Schlssel Central-Asiens, so kmmerte es ihn doch gar nicht, ob dieser Schlssel in eine englische oder eine moskowitische Tasche kam. Irdische Interessen berhrten den furchtlosen Mann nicht, der das Luftmeer zu seinem ausschlielichen Gebiete erkoren hatte. Uebrigens schwand das Land sehr bald unter einem wahrhaften Orkan von Sand, wie er in diesen Gegenden so hufig vorkommt. Dieser Sturmwind, der hier "Tebbad" genannt wird, trgt manche Fieberkeime mit dem unwgbar feinen Sand oft sehr weit mit fort, und manche Caravane ist schon in seinen wthenden Wirbeln zu Grunde gegangen. Um diesem harten Staube zu entgehen, der die Feinheit seiner Zahngetriebe htte gefhrden knnen, erhob sich der "Albatros" um zweitausend Meter nach einer reineren Zone. Damit schwand auch die Grenze Persiens aus den Augen und blieben dessen weite Ebenen fast ganz unsichtbar. Die Gangart war dabei eine sehr gemigte, obwohl eine Felsenklippe nirgends zu frchten war. Wenn eine Landkarte dieser Gegend auch einige Berge zeigte, so steigen diese doch nur zu mittlerer Hhe an. Bei der Annherung an die Hauptstadt freilich galt es, den Demawend zu vermeiden, der fast sechstausendsechshundert Meter emporragt, und auch die Elbruskette, an deren Fu Teheran erbaut ist. Mit dem ersten Tagesgrauen des 2. Juli tauchte jener Demawend aus dem Sand-Samum auf. Der "Albatros" steuerte so, um ber die Stadt hinwegzugehen, welche der Wind durch eine Wolke feinen Staubes verhllte. Gegen zehn Uhr Morgens konnte man inde die breiten Grben erkennen, welche die Umwallung einschlieen, und in der Mitte den Palast des Schah, dessen Mauern mit Fayenceplatten bedeckt sind und dessen Wasserbecken aus ungeheuren Trkisen von leuchtendem Blau geschnitten scheinen. Das schne Bild verrann leider nur zu bald. Von hier aus schlug der "Albatros" nun eine andere Richtung ein und steuerte ziemlich genau nach Norden. Einige Stunden spter befanden sie sich ber einer kleinen Stadt im nrdlichen Winkel der persischen Grenze und am Strande einer ausgedehnten Wasserflche, deren Ende weder nach Norden, noch nach Osten zu erkennbar war. Diese Stadt war der Hafen Aschuarda, die sdlichste Station Rulands; die Wasserflche aber fast ein Meer, nmlich der Kaspi-See. Hier wirbelte kein Staub mehr umher. Man sah bequem einen Haufen nach europischer Art gebauter Huser, welche, mit einem sie berragenden Glockenthurm, lngs eines Vorgebirges lagen. Der "Albatros" senkte sich ber dieses Meer, dessen Gewsser dreihundert Fu unter dem Niveau des Mittelmeeres liegen. Gegen Abend glitt er lngs der frher turkestanischen, jetzt aber russischen Kste hin, die nach dem Golf des Beckens zu aufsteigt, und am nchsten Tage, dem 3. Juli, schwebte er etwa hundert Meter ber dem Kaspi-See. Weder an der asiatischen, noch an der europischen Seite war hier Land in Sicht; nur auf dem Meer bemerkte man einzelne, von schwacher Brise geschwellte Segel, an deren Form man erkannte, da es Fahrzeuge von Eingeborenen, Kesebegs mit zwei Masten, Kajiks, das sind Piratenschiffe mit nur einem Maste, und Teimils, einfache, zur Kstenfahrt oder zum Fischfang bentzte Boote waren. Dann und wann wirbelten wohl auch die Auslufer von Rauchsulen bis zum "Albatros" empor, welche aus den Schornsteinen der Dampfer von Aschuarda quollen, die Ruland zu Polizeizwecken auf den turkomanischen Gewssern unterhlt. An diesem Morgen plauderte der Obersteuermann Tom Turner mit dem Koch Franois Tapage und gab auf eine Frage des Letzteren Antwort: "Ja, wir werden gegen achtundvierzig Stunden ber dem Kaspi-See verweilen. -- Schn, erwiderte der Koch, da haben wir doch einmal Gelegenheit, zu fischen? -- Ganz gewi." Da ber vierzig Stunden darauf verwendet werden sollten, die sechshundertfnfundzwanzig Meilen, welche jenes Binnenmeer bei zweihundert (englischen) Meilen Breite mit, mute die Geschwindigkeit des "Albatros" natrlich stark gemigt und letzterer whrend eines vorzunehmenden Fischfanges ganz still gehalten werden. Jene Antwort Tom Turner's wurde auch von Phil Evans gehrt, der sich grade auf dem Vordertheil befand. Eben begann Frycollin wieder mit seinen unaufhrlichen Klagen und bat ihn, bei seinem Herrn ein gutes Wort einzulegen, da er ihn "auf der Erde absetzen" lasse. Ohne auf dieses sinnlose Verlangen zu antworten, begab sich Phil Evans nach dem Hintertheil, um den Onkel Prudent zu treffen. Diesem theilte er unter grter Vorsicht, von Niemand gehrt zu werden, die wenigen zwischen Tom Turner und dem Koche gewechselten Worte mit. "Phil Evans, meinte Onkel Prudent, ich denke, wir machen uns doch keine Illusionen ber die letzten Absichten dieses Elenden? -- Gewi nicht, antwortete Phil Evans. Er wird uns die Freiheit nur wiedergeben, wenn ihm das pat -- und wenn er sie uns berhaupt wieder giebt. -- In diesem Falle mssen wir Alles wagen, um den "Albatros" zu verlassen. -- Ein wundervoller Apparat, das mu man wohl zugestehen! -- Das ist wohl mglich, rief Onkel Prudent, aber es ist der Apparat eines Schurken, der uns gegen alles Recht und Gesetz hier zurckhlt. Uebrigens bildet dieser Apparat fr uns und die Unsrigen eine unausgesetzte Gefahr. Gelingt es uns also nicht, denselben zu vernichten ... -- Beginnen wir damit, uns zu retten! ... antwortete Phil Evans, wir werden ja spter sehen. -- Zugegeben, antwortete Onkel Prudent, und bentzen wir jede sich bietende Gelegenheit. Allem Anscheine nach fhrt der "Albatros" ber den Kaspi-See, um sich dann im Norden oder im Sden von Ruland nach Europa zu begeben. Nun, wohin wir auch den Fu setzen mgen, bis zum Atlantischen Ocean hin wre unsere Rettung gesichert. Wir mssen uns also jede Stunde bereit halten. -- Aber, fragte Phil Evans, wie sollten wir fliehen knnen? -- Hren Sie mich an, antwortete Onkel Prudent. Es kommt zuweilen vor, da der "Albatros" whrend der Nacht nur wenige hundert Fu ber dem Erdboden hinschwebt. An Bord befinden sich verschiedene Kabel von dieser Lnge, und mit einiger Khnheit knnte man sich wohl hinabgleiten lassen ... -- Ja, stimmte Phil Evans bei, im gegebenen Falle wrde ich nicht zaudern ... -- Ich auch nicht, versicherte Onkel Prudent. Ich fge noch hinzu, da whrend der Nacht auer dem Steuermann auf dem Hintertheile Niemand wach ist. Eines jener Kabel liegt nun gewhnlich auf dem Verdeck, und ohne gesehen und gehrt zu werden, drfte es mglich sein, dasselbe aufzurollen ... -- Gut, gut, unterbrach ihn Phil Evans; ich sehe mit Vergngen, Onkel Prudent, da Sie jetzt weit ruhiger sind; das ist besser, wenn man handeln will. Augenblicklich freilich befinden wir uns auf dem Kaspi-See; verschiedene Fahrzeuge sind in Sicht. Der "Albatros" wird noch tiefer hinabgehen und whrend des Fischzuges anhalten ... Knnten wir daraus keinen Vortheil ziehen? ... -- Ah, man berwacht uns, selbst wenn wir nicht glauben, berwacht zu sein, antwortete Onkel Prudent. Sie haben's ja gesehen, als wir versuchten, uns in den Hydaspis zu strzen. -- Und wer sagt, da wir nicht auch in der Nacht beobachtet sind? erwiderte Phil Evans. -- Einerlei, wir mssen ein Ende machen, rief Onkel Prudent, ein Ende machen mit diesem "Albatros" und seinem Besitzer!" Man sieht, da die beiden Collegen -- und vorzglich Onkel Prudent -- unter der Aufregung des Zornes leicht dazu verfhrt werden konnten, die waghalsigsten und fr ihre eigene Sicherheit vielleicht gefhrlichsten Handlungen zu begehen. Das Gefhl ihrer Ohnmacht, der verchtliche Spott, mit dem Robur sie behandelte, die derben Antworten, welche er ihnen ertheilte, Alles trug dazu bei, die Spannung ihrer Lage zu erhhen, deren Druck jeden Tag deutlicher hervortrat. An jenem Tage htte brigens ein neuer Auftritt bald einen hchst bedauerlichen Wortwechsel zwischen Robur und den beiden Collegen herbeigefhrt, und Frycollin ahnte wohl kaum, da er dazu die Veranlassung geben sollte. Als er sich einmal ber diesem Meere ohne Grenzen sah, bemchtigte sich des Hasenfues wieder ein furchtbarer Schrecken. Wie ein Kind -- und wie ein Neger, der er ja war -- fing er an zu jammern zu klagen und zu protestiren und machte die tollsten Verrenkungen und Grimassen. "Ich will fort! ... Ich will weg von hier! rief er. Ich bin kein Vogel! ... Ich bin nicht geschaffen zum Fliegen! ... Ich will, da ich auf der Erde abgesetzt werde, und das sogleich!" Selbstverstndlich bemhte sich Onkel Prudent keineswegs, ihn zu beruhigen, im Gegentheil. Das Heulen des Schwarzen erregte denn auch die Ungeduld Robur's. Da Tom Turner und die Anderen sich eben zum Fischfang anschickten, befahl der Ingenieur, um sich Frycollins zu entledigen, diesen in sein Ruff einzusperren. Der Neger setzte das vorige Unwesen fort, donnerte an die Wand und heulte aus Leibeskrften. Es war jetzt Mittag. Der "Albatros" schwebte eben nur fnf oder sechs Meter ber der Oberflche des Meeres. Einige bei seiner Annherung erschreckte Boote waren eiligst davongefahren. Dieser Theil des Kaspi-Sees mute also bald ganz verlassen sein. Man begreift leicht, da die beiden Collegen unter diesen Verhltnissen, wo sie gelegentlich nur htten mit dem Kopfe zu nicken brauchen, der Gegenstand erhhter Aufmerksamkeit sein muten und wirklich waren. Doch selbst angenommen, da sie sich ber Bord gestrzt htten, so wre es doch leicht gewesen, sie mit Hilfe des Kautschukbootes des "Albatros" wieder einzufangen. Whrend dieses Fischzuges war also nichts zu thun, und Phil Evans betheiligte sich lieber selbst thtig dabei, whrend Onkel Prudent im Zustand fortwhrend kochender Wuth sich in seine Cabine zurckzog. Bekanntlich bildet der Kaspi-See eine betrchtliche Bodendepression wahrscheinlich vulcanischen Ursprunges. In dieses Becken ergieen sich die Gewsser sehr groer Strme, wie der Wolga, des Ural, des Kur, der Kuma, Jemba u.A. Ohne die starke Verdunstung, welche dem Wasserbecken den Wasserberflu wieder entfhrt, htte dieses siebzehntausend Quadratmeilen groe Loch von fnf- bis sechshundert Fu mittlerer Tiefe schon lngst die niedrigen und sumpfigen Ksten im Norden und Osten berfluthet. Obgleich diese Schale weder mit dem Schwarzen, noch mit dem Aral-Meer in Verbindung steht, deren Niveau weit hher liegt, so ernhrt es doch eine groe Menge Fische -- wohl zu bemerken aber nur solche, welche die stark hervortretende Bitterkeit seines Wassers, eine Folge der Naphthaquellen am Sdende desselben, vertragen. Bei dem Gedanken an die Abwechslung, welche dieser Fischzug ihrem gewohnten Speisezettel zu verleihen versprach, gab die Mannschaft des "Albatros" die Befriedigung, welche er derselben gewhrte, deutlich genug zu erkennen. "Achtung!" rief Tom Turner, der eben einen Fisch von ziemlich bedeutender Gre und hnlich einem Haifisch harpunirt hatte. Es war das ein prchtiger, gegen sieben Fu langer Str, von der Art, welche die Russen Belonga nennen, dessen mit Salz, Essig und Weiwein zugerichtete Eier den Caviar darstellen. Vielleicht sind die in den Flssen gefangenen Stre noch schmackhafter als die aus dem Meere. Doch wurden letztere an Bord des "Albatros" mit groem Jubel begrt. Noch weit ergiebiger gestaltete sich dieser Fischzug aber durch Anwendung von Schleppnetzen, in welchen es bald von Karpfen, Brachsen und Seehechten, vorzglich von jenen mittelgroen Sterlets wimmelte, welche reiche Feinschmecker lebend von Astrachan nach Moskau und Petersburg bringen lassen. Diese hier wanderten -- ohne alle Transportkosten -- unmittelbar aus ihrem natrlichen Element in die Siedekessel der Mannschaftskche. Die Leute Robur's zogen mit groem Vergngen die Leine ein, nachdem der "Albatros" sie mehrere Stunden lang langsam dahingefhrt hatte. Der Gascogner Tapage (der Name bedeutet deutsch: Lrmen, Getse) machte durch sein Jubelgeschrei seinem Namen alle Ehre. Eine Stunde gengte, alle Behlter des "Albatros" mit jenem Nahrungsmaterial zu fllen, und dieser fuhr darauf nach Norden zu weiter. Whrend dieses Aufenthaltes hatte Frycollin nicht aufgehrt, zu schreien, an die Wand seiner Cabine zu hmmern, mit einem Worte, einen unausstehlichen Lrm zu machen. "Wird dieser verdammte Nigger denn nicht Ruhe halten lernen! sagte Robur, dem die Geduld nun wirklich zu Ende ging. -- Mir scheint, Herr Robur, da er vllig Recht hat, sich zu beklagen, bemerkte Phil Evans. -- Ja, ganz wie ich das Recht habe, meinen Ohren diese Qual zu ersparen, erwiderte Robur. -- Ingenieur Robur! ... lie sich da der eben auf dem Verdeck erscheinende Onkel Prudent vernehmen. -- Herr Prsident des Weldon-Instituts?" ... Beide waren auf einander zugetreten und sahen sich eine Zeit lang in die Augen. Dann zuckte Robur ein wenig die Achseln. "An das Ende des Taues!" sagte er. Tom Turner hatte ihn verstanden; Frycollin wurde aus seiner Cabine geholt. Aber wie jmmerlich schrie er auf, als der Obersteuermann und einer von dessen Kameraden ihn ergriffen und in einer Art Korb festbanden, an dem sie sorgsam das Ende eines Taues festknpften. Es war das eines jener Taue, welche Onkel Prudent zu dem uns bekannten Zwecke bentzen wollte. Der Neger hatte zuerst geglaubt, er solle gehenkt werden ... Nein, er sollte nur aufgehngt werden. Das Tau wurde nmlich auen in der Lnge von etwa hundert Fu abgerollt und Frycollin schwebte damit frei in der Luft. Jetzt stand es in seinem Belieben, zu schreien, so viel er wollte; der Schrecken schnrte ihm jedoch den Kehlkopf zu -- er blieb stumm. Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dem barbarischen Verfahren widersetzen wollen -- sie wurden einfach zurckgestoen. "Das ist abscheulich! ... Das ist Barbarei! rief Onkel Prudent, der darber ganz auer sich war. -- Freilich! antwortete Robur. -- Das ist ein Mibrauch der Gewalt, gegen den ich noch anders als durch Worte allein Einspruch erheben werde! -- Immer zu! -- Ich werde mich rchen, Ingenieur Robur! -- Rchen Sie sich getrost, Prsident des Weldon-Instituts. -- An Ihnen und Ihren Leuten!" Die Mannschaft des "Albatros" hatte sich in nicht besonders wohlwollender Haltung genhert. Robur gab den Leuten ein Zeichen, sich zu entfernen. "Ja, an Ihnen und Ihren Leuten ... wiederholte Onkel Prudent, den sein College vergebens zu beruhigen suchte. -- Ganz wie es Ihnen beliebt, erwiderte der Ingenieur. -- Und ohne Rcksicht auf die Mittel! -- Genug, sagte jetzt Robur in drohendem Tone, genug! Es giebt noch mehr Taue an Bord! Schweigen Sie ... oder ... der Herr ganz wie der Diener." Onkel Prudent schwieg, aber nicht aus Furcht, sondern weil ihn eine wahre Erstickung beklemmte, so da Phil Evans ihn in seine Cabine fhren mute. Seit einer Stunde hatte sich das Wetter sehr merkbar verndert und es traten einzelne Zeichen hervor, welche keine Mideutung zulieen -- ein Unwetter war im Anzug. Die elektrische Sttigung der Atmosphre hatte einen so hohen Grad erreicht, da Robur gegen zweieinhalb Uhr Zeuge einer bisher von ihm nie beobachteten Erscheinung wurde. Im Norden, von wo das Unwetter herkam, stiegen dicht geballte, fast leuchtende Dnste auf -- was jedenfalls von der verschiedenen und wechselnden elektrischen Spannung der Wolkenschichten herrhrte. Der Reflex von diesen Ansammlungen lie Myriaden von Lichtern auf der Oberflche des Meeres hintanzen, deren Intensitt um so lebhafter wurde, je mehr der Himmel sich verfinsterte. Der "Albatros" und jenes Meteor muten bald zusammentreffen, da sie sich auf einander zu bewegten. Und Frycollin? -- Nun Frycollin folgte noch immer im Schlepptau -- ja, das ist das richtige Wort, denn jenes Tau bildete einen weit offenen Winkel gegen den mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern hinfliegenden Apparat, wodurch der Korb nicht unerheblich zurckblieb. Das Entsetzen des armen Teufels wird man sich unschwer ausmalen knnen, als die Blitze jetzt um ihn her aufzuckten und der Donner mit gewaltiger Macht durch die Himmelsrume rollte. Das ganze Personal bemhte sich angesichts dieses Unwetters so zu manvriren, da sie entweder hher als dasselbe hinaufkamen oder in den unteren Luftschichten bald jenes im Rcken lieen. Der "Albatros" befand sich eben ungefhr in mittlerer Hhe -- etwa tausend Meter -- als ein Donnerschlag von ungeheurer Heftigkeit ber ihn hereinbrach, dem ein furchtbarer Windsto folgte. Binnen wenigen Sekunden strzten sich die feurigen Wolken auf den Aeronef. Da raffte sich Phil Evans zusammen, um zu Gunsten Frycollins ein gutes Wort einzulegen und zu erklren, da dieser wieder an Bord herangezogen wrde. Robur hatte eine solche Vermittlung aber gar nicht erst abgewartet und schon den nthigen Befehl ertheilt. Jetzt waren die Leute bereits mit dem Einziehen des Taues beschftigt, als sich eine pltzliche Verlangsamung der Rotation der Auftriebschrauben bemerkbar machte. Robur sprang nach dem mittleren Ruff. "Kraft! ... Volle Kraft! rief er dem Maschinisten zu. Wir mssen schnell hher, als das Unwetter steht, emporsteigen. -- Es ist unmglich, Herr Ingenieur. -- Warum? -- Die Strme sind gestrt ... Es treten Unterbrechungen ein." In der That senkte sich der "Albatros" schon recht merkbar. Ganz wie das bei Gewittern mit den Strmen in den Telegraphendrhten vorkommt, so versagten jetzt auch die Accumulatoren des Apparats den regelmigen Dienst; was aber nur eine Unbequemlichkeit ist, wenn es sich um Absendung von Depeschen handelt, wurde hier zur furchtbarsten Gefahr, das mute damit enden, da der Aeronef, ohne da man seiner ferner Herr war, in's Meer hinabstrzte. "Lass' ihn sich senken, rief Robur, damit wir aus der elektrischen Zone herauskommen. Vorwrts, Jungen, bewahrt Euer kaltes Blut!" Der Ingenieur hatte seine Commandobrcke bestiegen. Die Mannschaft war an ihrer Stelle und hielt sich bereit, jeder Anordnung ihres Herrn eiligst nachzukommen. Obwohl der "Albatros" sich nur einige hundert Fu gesenkt hatte, schwebte er doch immer noch in der dichten Wolkenschicht inmitten von Blitzen, die sich wie Raketen eines Feuerwerks kreuzten. Man mute jeden Augenblick frchten, da ihn ein Blitzstrahl treffe. Die Bewegung der Schrauben verlangsamte sich noch mehr, und was bisher ein etwas Schnelleres Herabsinken war, drohte jetzt ein gefhrlicher Sturz zu werden. Zuletzt lag es auf der Hand, da er in weniger als einer Minute auf der Meeresflche angelangt sein mute, und einmal in's Wasser getaucht, htte keine Macht ihn daraus zu befreien vermocht. Pltzlich lagerte sich die elektrische Wolke dicht ber ihnen. Der "Albatros" war jetzt nicht mehr als sechzig Fu vom Kamm der Wellen entfernt. Binnen zwei bis drei Secunden drohten diese das Verdeck zu berfluthen. Da bentzte Robur noch den letzten Moment, strzte nach dem mittleren Ruff hin und packte hier die Hebel fr die Vorwrtsbewegung, wodurch die von den Batterien kommenden Strme geschlossen wurden, auf welche die elektrische Spannung der umgebenden Atmosphre keinen Einflu uerte ... in einem Augenblick hatte er den Schrauben ihre normale Schnelligkeit wieder gegeben, den Sturz aufgehalten, und der "Albatros" hielt sich in geringer Hhe, entfloh jetzt aber mit rasender Eile dem Unwetter, das er bald hinter sich zurcklie. Es bedarf wohl nicht besonderer Bemerkung, da Frycollin, wenn auch nur fr wenige Secunden, ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Als er an Bord zurckkam, war er durchnt, als htte er die Tiefe des Meeres gemessen. Man wird es kaum glauben, aber er schrie nicht mehr. Am nchsten Tage, am 4. Juli, hatte der "Albatros" die Nordgrenze des Kaspi-Sees berschritten. XI. In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der Geschwindigkeit zunimmt. Wenn Onkel Prudent und Phil Evans je auf die Hoffnung, entfliehen zu knnen, verzichten muten, so war das whrend der nun folgenden fnfzig Stunden der Fall. Befrchtete Robur, da die Ueberwachung seiner Gefangenen bei der Fahrt ber Europa weniger leicht sein mchte? Vielleicht. Er wute ja brigens, da sie zu Allem entschlossen waren, um zu entweichen. Doch, wie dem auch sein mochte, jeder Versuch wre jetzt einem Selbstmorde gleichgekommen. Wenn Einer von einem Exprezuge, der mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern in der Stunde dahinfliegt, herabspringt, so setzt er vielleicht sein Leben in Gefahr; wer das aber von einem zweihundert Kilometer in der Stunde dahinrasenden Blitzzuge versuchte, der kann nur den Tod wollen. Eben diese Geschwindigkeit, die grte, die er anzunehmen im Stande war, war jetzt dem "Albatros" ertheilt worden. Er berholte noch den Flug der Schwalbe, die hundertachtzig Kilometer in der Stunde zurcklegen kann. Hier mag auch bemerkt sein, da bisher nordstliche Winde in einer der Fortbewegung des "Albatros" sehr gnstigen Ausdauer anhielten, da dieser in derselben Richtung, d. h. im Allgemeinen nach Westen zu flog. Dieser Wind begann aber allmhlich abzuflauen, so da es nachgerade unmglich wurde, sich auf dem Verdeck zu halten, ohne die Athmung durch die Schnelligkeit der Bewegung fast aufgehoben zu sehen. Die beiden Collegen wren auch beinahe ber Bord geschleudert worden, wenn sie nicht der Luftdruck an ihrem Ruff so zu sagen festgenagelt htte. Zum Glck bemerkte sie der Steuermann durch die Lichtpforten seiner Htte, und eine elektrische Klingel setzte die auf dem Verdeck eingeschlossenen Mannschaften von ihrer Nothlage in Kenntni. Ueber das Verdeck hinkriechend, glitten vier Mann davon nach dem Hintertheil zu. Diejenigen, welche sich in einem Sturm auf einem vor dem Winde liegenden Schiffe befunden haben, werden verstehen, welchen Druck der Wind dabei auszuben vermag. Hier war es jedoch der "Albatros" selbst, der diesen durch seine malose Geschwindigkeit hervorrief. Man mute wirklich seinen Gang verlangsamen, was Onkel Prudent und Phil Evans gestattete, ihre Cabine wieder zu erreichen. Im Inneren seiner Ruffs fhrte der "Albatros", ganz wie der Ingenieur das versichert hatte, eine vollkommen athembare Atmosphre mit sich. Welche erstaunliche Festigkeit besa aber dieser Apparat, um einer so schnellen Fortbewegung den nthigen Widerstand leisten zu knnen. Die Triebschrauben am Bug und am Heck sah man gar nicht mehr sich drehen; sie pfiffen nur mit scharfem, durchdringendem Ton durch die Luft. Die letzte, vom Bord aus gesehene Stadt war Astrachan gewesen, das ziemlich am nrdlichsten Ende des Kaspi-Sees lag. Der Stern der Wste -- jedenfalls hat ein russischer Dichter es so genannt -- ist jetzt von der ersten Gre zur fnften oder sechsten zurckgegangen. Dieser sehr einfache Hauptort des Gouvernements hatte einen Augenblick seine alten, mit unntzen Zinnen gekrnten Mauern gezeigt, ebenso wie seine alten Thrme in der Mitte der Stadt, seine an Kirchen in modernem Stil angrenzenden Moscheen, seine Kathedrale mit fnf vergoldeten und mit blauen Sternen berseten Kuppeln, die einem ausgeschnittenen Stck Firmament glichen -- das Ganze fast im Niveau der hier zwei Kilometer breiten Wolgamndung. Von diesem Punkt aus war der Flug des "Albatros" schon mehr eine Art Ritt durch die Hhen des Himmels, als wrde er von fabelhaften Hippogryphen fortgetragen, welche eine Meile mit jedem Flgelschlage zurcklegen. Es war gegen zehn Uhr Morgens am 4. Juli, als der Aeronef, etwa dem Thale der Wolga folgend, nach Nordwesten weiter steuerte. An beiden Stromesufern hin dehnten sich die Steppen des Don und des Ural. Wre es mglich gewesen, einen Blick auf diese ungeheuren Gebiete zu werfen, so htte man die Stdte und Drfer darin kaum zhlen knnen. Am Abend endlich zog der Aeronef ber Moskau weg, ohne die auf dem Kreml flatternde Flagge zu salutiren. Binnen zehn Stunden hatte er die zweitausend Kilometer, welche Astrachan von der Hauptstadt aller Russen trennen, zurckgelegt. Von Moskau nach Petersburg ist die Eisenbahnlinie nicht lnger als zwlfhundert Kilometer, konnte also mehr Zeit als einen halben Tag nicht beanspruchen. So erreichte denn auch der "Albatros" mit der Pnktlichkeit eines Exprezuges Petersburg und die Ufer der Newa gegen zwei Uhr Morgens. Die Helligkeit der Nacht, in der in so hoher Breite die Sonne nicht tief unter den Horizont nieder taucht, gestattete einen Augenblick, das Gesammtbild dieser groen Stadt zu berschauen. Nachher folgte der finnische Meerbusen, das Inselgewirr von Abo, die Ostsee, Schweden in der Breite von Stockholm, Norwegen in der von Christiania -- zweitausend Kilometer in nur zehn Stunden! Wahrlich, man htte glauben knnen, da keine menschliche Macht fernerhin im Stande wre, die Geschwindigkeit des "Albatros" zu hemmen, als ob die Resultante seiner Treibkraft und der Anziehung der Erde ihn in unvernderlichem Kreislaufe um die Erde gefesselt hielte. Danach unterbrach er seinen Lauf, und zwar genau ber dem berhmten Wasserfall des Rjukanfos in Norwegen. Der Gusta, dessen Gipfel diesen herrlichen Theil von Telemarken beherrscht, erschien gleich einem riesenhaften Grenzwall, den er nach Westen nicht berschreiten durfte. Von hier aus nherte sich der "Albatros" auch, ohne Verminderung seiner Geschwindigkeit, wieder mehr dem Erdboden. Und was begann wohl Frycollin whrend dieser Fahrt ohne Gleichen? Frycollin blieb stumm in seiner Cabine und schlief, mit Ausnahme der Zeit, wo gegessen wurde, so gut er konnte. Franois Tapage leistete ihm dann Gesellschaft und ergtzte sich weidlich an seiner ewigen Angst. "He, he, mein Junge, sagte er, Du heulst ja gar nicht mehr? Brauchst Dich gar nicht zu geniren! ... Mit zwei Stunden aufgehngt sein ist Alles quitt gemacht! ... He, bei der Schnelligkeit, mit der wir jetzt fahren, mte das ein vortreffliches Luftbad gegen den Rheumatismus abgeben! -- Mir kommt es vor, als ob Alles in kurze und kleine Stcke ginge, antwortete Frycollin. -- Das ist wohl mglich, mein wackerer Frycollin; aber wir fliegen so schnell dahin, da wir gar nicht mehr fallen knnten. Das ist doch auch eine Beruhigung. -- Glauben Sie? -- Bei meiner Gascogner-Ehre!" Um die Wahrheit zu sagen und nicht zu bertreiben, wie Franois Tapage, so lag die Sache so, da die Arbeit der Auftriebsschrauben infolge jener ungeheuren Geschwindigkeit jetzt ein wenig vermindert war, der Aeronef glitt auf den Luftschichten etwa hin, wie eine Congrve'sche Rakete. "Und das wird noch lange so fortdauern? sagte Frycollin. -- Lange? ... O nein! antwortete der Koch, nur das ganze Leben lang. -- Ach! seufzte der Neger, wieder mit seinen Klagen beginnend. -- Nimm Dich in Acht, Frycollin, nimm Dich in Acht! rief da Franois Tapage, denn, wie man bei mir zu Hause sagt, der Herr knnte Dich auf die Schaukel hinaussetzen." Und mit den Bissen, die er gleich doppelt in den Mund steckte, wrgte Frycollin auch seine Seufzer hinunter. Whrend dessen entwarfen Onkel Prudent und Phil Evans, welche nicht dazu angethan waren, sich unntz zu beklagen, einen wohl durchdachten Plan. An Ausfhrung eines Fluchtversuches war ja unmglich zu denken. Doch wenn sie den Fu auch nicht auf die Erde setzen konnten, war es nicht denkbar, den Erdenbewohnern mitzutheilen, was nach ihrem Verschwinden aus dem Vorsitzenden und dem Schriftfhrer des Weldon-Instituts geworden war, wer sie geraubt hatte, auf welcher fliegenden Maschine sie sich befanden, um vielleicht -- aber, lieber Gott, auf welche Weise? -- einen khnen Versuch ihrer Freunde, sie den Hnden Robur's zu entreien, herbeifhren zu knnen? Doch wie sollten sie von sich Nachricht geben? Htte es dazu hingereicht, die Methode der Seeleute nachzuahmen, welche ein Schriftstck mit Bezeichnung der Stelle des Schiffbruchs in eine Flasche stecken und diese in's Meer werfen? Hier vertrat die Stelle des Meeres aber die Atmosphre. Die Flasche konnte darauf natrlich nicht schwimmen. Fiel dieselbe nicht gerade auf einen zufllig Vorbergehenden, dem sie recht gut den Schdel zerschmettern konnte, so lag die Vermuthung nahe, da sie niemals aufgefunden wurde. Die beiden Collegen hatten leider kein anderes Mittel zur Verfgung und sie standen schon im Begriff, eine Flasche des Luftfahrzeuges zu opfern, als dem Onkel Prudent noch ein anderer Gedanke kam. Er schnupfte, wie wir wissen, und diese kleine Untugend darf man einem Amerikaner, der weit schlimmere Unsitten htte an sich haben knnen, wohl nachsehen. Als Schnupfer besa er natrlich auch eine Dose, die jetzt schon lngst leer war. Diese Dose war aus Aluminium gearbeitet. Warf er dieselbe hinaus, so durfte man hoffen, da jeder ehrbare Brger, der sie fand, sie auch aufheben werde. Hob er sie auf, so lieferte er sie auch bei der Polizei ab, und hier wrde man Kenntni nehmen von dem Document, welches dazu dienen sollte, die Lage der beiden Opfer Robur des Siegers kund zu geben. Das wurde denn auch ausgefhrt. Das kurze einzuschlieende Schriftstck sagte Alles und trug daneben die Adresse des Weldon-Instituts mit der Bitte, dasselbe dahin zu befrdern. Nachdem Onkel Prudent das Papier eingelegt, umwickelte er die Dose sorgsam mit einem dicken wollenen Band, um zu verhten, da dieselbe sich whrend des Falles schon ffne und durch das Aufschlagen nicht in Stcke gehe. Jetzt galt es nur noch eine gnstige Gelegenheit abzuwarten. Das Schwerste bei der ganzen Sache war es aber whrend dieser merkwrdigen Fahrt ber Europa, das Ruff zu verlassen, ber das Verdeck zu kriechen, auf die Gefahr hin, fortgerissen zu werden, und das ganz heimlich durchzufhren. Andererseits kam es darauf an, da die Dose nicht in ein Meer, einen Golf, See oder einen anderen Wasserlauf fiel, denn damit -- wre sie ja verloren gewesen. Jedenfalls schien es aber nicht unmglich, da die beiden Collegen sich durch dieses Mittel mit der bewohnten Welt in's Einvernehmen setzen konnten. Eben jetzt wurde es jedoch Tag und es schien rathsamer, die Nacht abzuwarten und entweder eine Verminderung der Geschwindigkeit oder einen Halt zu bentzen, um das Ruff zu verlassen. Vielleicht konnten sie dann die Reeling erreichen und die kostbare Dose genau ber einer Stadt herunterfallen lassen. Doch selbst bei dem Zusammentreffen aller gnstigen Umstnde htte das Vorhaben nicht gleich zur Ausfhrung gebracht werden knnen -- wenigstens nicht am heutigen Tage. Nachdem der Aeronef nmlich Norwegen in der Hhe des Gusta verlassen, hatte er sich nach dem Sden zu gewendet und folgte jetzt genau dem franzsischen Meridian Null, der bekanntlich ber Paris verluft. Er schwebte also ber die Nordsee hinweg, nicht ohne an Bord der Tausende von Kstenfahrern, welche zwischen dem Festlande und England verkehren, das grte Aufsehen zu erregen. Fiel die Dose hier nicht gerade auf das Deck eines solchen Schiffes, so hatte sie die gegrndete Aussicht, auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe zu versinken. Onkel Prudent und Phil Evans sahen sich also genthigt, einen gnstigeren Augenblick abzuwarten. Da sollte sich ihnen, wie wir sehen werden, bald eine besonders geeignete Gelegenheit darbieten. Gegen zehn Uhr Abends erreichte der "Albatros" die Kste Frankreichs, nahezu in der Hhe von Dunkerque. Die Nacht war ziemlich dunkel. Einen Augenblick konnte man den Leuchtthurm von Gris-Nez seine elektrischen Lichtstrahlen mit denen von Dover kreuzen sehen, die also den Canal in seiner ganzen Breite erhellten. Dann steuerte der "Albatros" ber Frankreich hin und hielt sich dabei in einer mittleren Hhe von etwa tausend Metern. Seine Geschwindigkeit hatte sich freilich nicht gendert. Wie eine Bombe flog er ber Stdte, Schlsser und Drfer hinweg, die so zahlreich in den fruchtbaren Provinzen des nrdlichen Frankreichs zerstreut liegen. Es waren das unter dem Meridiane von Paris nach Dunkerque, Doullons, Amiens, Creil, St. Denis ... Immer hielt jener dabei eine gerade Linie ein. So gelangte er gegen Mitternacht ber die "Stadt des Lichts", welche diesen Namen wenigstens verdient, wenn ihre Einwohner schlafen oder doch schlafen sollten. Welch' sonderbare Laune veranlate nun den Ingenieur gerade ber der Stadt Paris einmal anzuhalten? Niemand wei es. Jedenfalls aber senkte sich hier der "Albatros" so weit, da er nur wenige hundert Fu ber derselben schwebte. Robur trat aus seiner Cabine hervor und auch die ganze Mannschaft erschien, um lustwandelnd einmal frische Luft zu schpfen, auf dem Verdeck. Onkel Prudent und Phil Evans achteten wohl darauf, die sich jetzt bietende ausgezeichnete Gelegenheit nicht vorber gehen zu lassen. Beide suchten sich, sobald sie aus ihrem Ruff getreten waren, von den Anderen entfernt zu halten, um den rechten Augenblick zur Ausfhrung ihres Vorhabens auswhlen zu knnen. Auf keinen Fall sollten die Anderen etwas davon merken. Einem gigantischen Kfer hnlich zog der "Albatros" so langsam ber die Stadt hin. Er berschritt die Linie der Boulevards, welche durch Edison'sche Lampen in hellem Tageslichte lagen. Das Gerusch der Wagen, welche noch durch die Straen jagten, und das Rollen der Zge auf den vielen, in Paris zusammentreffenden Bahnlinien drang bis zu ihm hinauf. Dann glitt er in der Hhe der hchsten Bauwerke hin, als htte er die Kugel vom Pantheon oder das Kreuz vom Invalidendom abstreifen wollen. Er steuerte zwischen den beiden Minarets des Trocadero hindurch nach dem eisernen Thurm des Marsfeldes, dessen ungeheurer Reflector die ganze Hauptstadt mit elektrischem Lichte berstrmte. Diese Luftpromenade, dieses Flaniren in der Nacht, whrte etwa eine Stunde. Es glich einer Station in den Lften vor Fortsetzung der endlosen Reise. Der Ingenieur Robur wollte dabei den Parisern offenbar den Anblick eines Meteors bereiten, das ihre Astronomen noch niemals gesehen oder nur geahnt hatten. Die Signallichter des "Albatros" wurden in Function gesetzt. Zwei glnzende Strahlenbndel ergossen sich ber die Pltze, die Huservierecke, Grten und die sechzigtausend Huser der Stadt, indem sie ungeheure Lichtmassen von einem Horizont zum anderen schweifen lieen. Gewi -- diesmal war der "Albatros" gesehen worden, und nicht allein gesehen, sondern auch gehrt worden, denn Tom Turner hatte die Trompete hervorgeholt und eine schmetternde Fanfare ber die Stadt hin ertnen lassen. In diesem Augenblick beugte sich Onkel Prudent ein wenig ber die Reeling, ffnete die Hand und lie die Dose fallen. Fast gleichzeitig erhob sich der "Albatros" wieder sehr schnell. Da schallte durch die Hhe des Pariser Himmels ein vieltausendfltiges Hurrah aus der Menge, das sich ber die Boulevards fortpflanzte -- ein Hurrah der Verwunderung ber das unvorhergesehene, phantastische Meteor. Pltzlich erloschen die Lichtquellen des Aeronefs und rund um ihn wurde es wieder dunkel und still; darauf nahm er seine Fahrt mit der Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern in der Stunde wieder auf. Das war Alles gewesen, was seine Insassen von der Hauptstadt Frankreichs hatten sehen sollen. Um vier Uhr Morgens hatte der "Albatros" das ganze Land schon berflogen. Um keine Zeit mit der Ueberschreitung der Pyrenen oder der Alpen zu verlieren, glitt er jetzt an der Oberflche der Provence bis zur Spitze des Cap d'Antibes hin. Um neun Uhr blieben die auf der Terrasse des St. Peters-Domes versammelten Rmer verblfft stehen, als sie ihn ber die Ewige Stadt hinwegschweben sahen. Zwei Stunden spter schwankte er hoch ber dem Golf von Neapel, einen Augenblick in der Rauchsule des Vesuvs. Nachdem er dann das Mittelmeer in schrger Richtung berschritten, wurde er in der ersten Nachmittagsstunde von den Wachtposten in La Golette an der tunesischen Kste beobachtet. Von Amerika ber Asien! Von Asien ber Europa! Mehr als dreiigtausend Kilometer hatte der wunderbare Apparat in weniger als dreiundzwanzig Tagen zurckgelegt. Und jetzt zog er majesttisch ber die bekannten und unbekannten Landmassen Afrikas dahin! * * * * * Vielleicht wnscht der Leser zu erfahren, was nach dem Herabfallen aus der berhmten Schnupftabaksdose geworden war? Die Dose war in der Rivoli-Strae vor dem Hause Nummer 210 zu einer Zeit niedergefallen, wo diese Strae gerade ziemlich leer war. Am folgenden Morgen wurde sie von einer ehrlichen Straenkehrerin aufgefunden, welche sich beeilte, dieselbe auf der Polizei-Prfectur abzuliefern. Hier hielt man sie zuerst fr einen explodirenden Krper und wickelte sie mit derselben allergrten Vorsicht auf, wie sie zuletzt geffnet wurde. Da trat wirklich eine Art Explosion ein ... Ein furchtbares Niesen, dessen sich der Sicherheitschef nicht zu erwehren vermochte. Dann zog man das Schriftstck aus der Dose und las zum allgemeinen Erstaunen wie folgt: "Onkel Prudent und Phil Evans, Vorsitzender und Schriftfhrer des Weldon-Instituts zu Philadelphia, entfhrt durch den Aeronef des Ingenieur Robur. Freunden und Bekannten davon Nachricht zu geben. Onkel Prudent und Phil Evans." Hiermit war die unerklrliche Erscheinung den Bewohnern beider Welten endlich erklrt, und die vielen Gelehrten an den Observatorien, welche es auf der Erde giebt, gewannen die lngst verlorene Ruhe endlich wieder. XII. In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen der Monthyon-Preise bewerben wollte. Bei dieser Erdumkreisung des "Albatros" drngen sich wohl von selbst ganz verschiedene Fragen auf; zum Beispiel: Wer ist berhaupt dieser Robur, von dem bisher nichts als der Name bekannt ist? Verbringt er sein Leben ganz in der Luft? Ruht sein Aeronef niemals aus? Hat er nicht vielleicht eine Zuflucht an unzugnglichem Orte, an dem er selbst wenn er der Ruhe nicht bedrfte, sich wenigstens mit neuen Vorrthen versorgt? Es wre doch merkwrdig, wenn das nicht so sein sollte. Auch die mchtigsten Segler der Lfte haben ja irgendwo einen Horst oder ein Nest. Und weiter: Was gedenkt der Ingenieur mit den beiden, ihn doch nur belstigenden Gefangenen zu beginnen? Beabsichtigt er sie in seiner Gewalt zu behalten und fr ewig zu verdammen, mit ihm umherzufliegen? Oder wird er ihnen, nachdem er sie ber Afrika, Sdamerika, Austral-Asien, den Indischen, den Atlantischen und den Stillen Ocean hinweggefhrt, um sie wider Willen zu seinen Anschauungen zu berzeugen, die Freiheit wieder schenken, etwa mit den Worten: "Jetzt, meine Herren, hoffe ich, werden Sie sich bezglich des Grundsatzes: "Schwerer, als die Luft", nicht mehr so unglubig, zeigen!--?" Auf diese Fragen lt sich vorlufig noch keine Antwort geben; dies ist ein Geheimni der Zukunft; vielleicht wird dasselbe eines Tages entschleiert werden. Auf keinen Fall schickte der Vogel Robur sich aber an, jenes angedeutete Nest an der Nordkste Afrikas aufzusuchen. Im Laufe des Tages strich er noch, je nach Laune, bald dahinrasend, bald langsamer schwebend, vom Cap Bon bis zum Cap Carthago ber die Regentschaft Tunis hin. Darauf wandte er sich mehr dem Landesinneren zu und schlug den Weg durch das wundervolle Thal der Medjerda ein, indem er dem gelblichen, unter Cactus und Rosenbschen verborgenen Wasserlauf derselben folgte. Zu vielen Hunderten flogen Vgel auf, die in langen Reihen auf den Telegraphendrhten saen, als wollten sie die Depeschen beim Durchgang abfangen und auf ihren Flgeln weiter tragen. Mit Einbruch der Nacht schwebte der "Albatros" ber den Grenzen von Krumirien, und wenn noch ein Krumir wach war, so unterlie er es gewi nicht, das Gesicht auf die Erde niederzuwerfen und Allah bei der Erscheinung dieses riesenhaften Adlers um Schutz und Hilfe anzuflehen. Am folgenden Morgen waren Bona und die schnen Hgel seiner Umgebung in Sicht, spter Philippeville, jetzt ein kleines Algier, mit seinen bogenfrmigen Quais, seinen herrlichen Weingrten, deren grnende Reben der ganzen Landschaft ihren Charakter verleihen, einer Landschaft, welche aus Bordelais und den gesegneten Gebieten von Burgund herausgeschnitten zu sein scheint. Diese Spazierfahrt von fnfhundert Kilometern ber Gro- und Klein-Kabylien hinweg endigte gegen Mittag in der Hhe der Kasbah von Algier. Welch' schnes Bild bot sich da den Passagieren des Aeronefs! Die offene Rhede zwischen Cap Matifu und der Pescade-Spitze, das mit Palsten, Maravuts und Landhusern besete Uferland; die launenhaft gewundenen Thler mit ihrem Mantel von Weinstocken; das tiefblaue Mittelmeer, das die hier kleinen Booten gleichenden transatlantischen Dampfer durchfurchen. So ging es weiter bis zu dem malerischen Oran, dessen in den Gartenanlagen der Citadelle versammelte Bewohner den "Albatros" mit den ersten aufleuchtenden Sternen verschmelzen sahen. Wenn Onkel Prudent und Phil Evans sich fragten, welcher Laune der Ingenieur Robur nachgebe, als er ihr fliegendes Gefngni ber Algerien -- die Fortsetzung Frankreichs an der Sdkste des Mittelmeeres -- hinfhrte, so muten sie die Ueberzeugung gewinnen, da diese Laune zwei Stunden nach Sonnenuntergang befriedigt sei. Eine Wendung des Steuerruders lenkte den "Albatros" nach Sdosten ab, und dieser sah am folgenden Tage, nachdem er die bergige Gegend des Tell berstiegen, die Sonne ber dem Wstensande der Sahara aufgehen. Am 8. Juli wurde nun folgende Reiseroute zurckgelegt: Zuerst erblickte man den kleinen Flecken Gryville, der, wie Laghuat, an der Grenze der Wste gegrndet wurde, um die endliche Eroberung von Kabylien zu erleichtern; nachher passirte man den Kamm von Stillen, und zwar bei dem herrschenden heftigen Gegenwinde nicht ohne Schwierigkeit. Weiter ging es ber die Wste hin, bald langsam oberhalb der grnenden Oasen oder Ksars, bald mit wilder Schnelligkeit, welche den Flug der Lmmergeier berholte. Manchmal mute sogar auf diese gewaltigen Raubvgel Feuer gegeben werden, die sich, zu zwlf und fnfzehn vereinigt, selbst nicht scheuten, zum grten Schrecken Frycollins sich auf den Aeronef zu strzen. Wenn diese Lmmergeier nur durch furchtbares Geschrei, durch Schnabelhiebe und Krallenschlge zu antworten vermochten, so verschonten die nicht minder wilden Eingeborenen ihn nicht mit Flintenschssen, vorzglich als er ber die Berge von Sel gekommen war, deren grne und violette Grundmasse da und dort durch den weien Mantel blickte. Jetzt schwebte das Luftschiff schon ber der groen Sahara, wo an verschiedenen Stellen noch Reste der Lagersttten Abd-el-Kader's zu bemerken waren. Hier -- und vorzglich unter den Verbndeten Beni-Myal -- bietet das Land fr den europischen Reisenden noch immer ernste Gefahren. Jetzt mute der "Albatros" wieder in hhere Zonen flchten, um einem daherrasenden Samum zu entgehen, der eine gewaltige Welle rthlichen Sandes auf der Erde vor sich hintrieb, wie die steigende Fluth die Brandungswelle im Ocean. Weiterhin entluden die den Hochplateaus der Chebka ihre schwrzlichen Lavamassen bis herunter zu dem frischen, grnen Thale des Ain-Massin. Schwerlich vermchte sich Jemand grere Mannigfaltigkeit der Landschaften vorzustellen, welche der Blick hier in weitem Umfange umfate. Auf baum- und buschbedeckte Hgel folgten da lange graue Bodenwellen, gleich den Falten eines arabischen Burnus. In der Ferne erschienen "Oueds" mit brausenden Bergstrmen, Wlder von Palmen, kleine Ansammlungen von Htten, welche entweder einen Hgel krnten oder eine Moschee umrahmten, unter anderen Metliti, wo ein religiser Huptling, der groe Marabut Sidi Scheik, seinen Sitz hat. Whrend der Nacht wurden mehrere hundert Kilometer ber ein ziemlich ebenes, nur von Dnen unterbrochenes Gebiet zurckgelegt. Htte der "Albatros" hier Halt machen wollen, so wrde er in der Niederung der, unter einem ungeheuren Palmenwald versteckten Oase Uargla die Erde erreicht haben. Sehr deutlich zeigte sich die Stadt mit ihren drei bestimmt unterschiedenen Quartieren, mit dem alten Palast des Sultans, einer Art befestigter Kasbah, ihren Husern aus Backsteinen, welche erst die glhende Sonne hart brennt, und mit ihren im Thale erbohrten artesischen Brunnen, an denen der Aeronef seinen Wasservorrath htte erneuern knnen. Dank seiner auerordentlichen Schnelligkeit aber fllte das im Thale von Kaschmir aus dem Hydaspis geschpfte Wasser noch immer die Vorrathstonnen, selbst in den Wsten von Afrika, an. Der "Albatros" wurde von den Arabern, den Mozabiten und den Negern, welche sich in die Oasen von Uargla theilen, unzweifelhaft bemerkt, denn es begrten ihn von hier aus Hunderte von Gewehrschssen, ohne da die Kugeln ihn htten erreichen knnen. Dann kam die Nacht, die grabesstille Wstennacht, deren Geheimnisse Felicien David so hochpoetisch geschildert hat. Whrend der folgenden Stunden kehrte man wieder nach Sdwesten zurck und kreuzte die Straen von El Golea, deren eine im Jahre 1859 durch den unerschrockenen Duveyrier entdeckt worden war. Rings herrschte tiefe Finsterni. Nichts war zu sehen von der nach den Plnen Duponchel's zu erbauenden Sahara-Bahn, dem langen Eisenbande, das Algier mit Timbuctu ber Leghuat und Gardaia verknpfen und spter bis zum Golf von Guinea fortgesetzt werden soll. Der "Albatros" gelangte nun in die quatorialen Gebiete jenseits des Wendekreises des Krebses. Tausend Kilometer von der Nordgrenze der Sahara berschritt er die Strae, wo der Major Loiny 1846 den Tod fand; er kreuzte den Weg der Caravane von Marokko nach dem Sudan, und ber dem Theile der Wste, in dem die Tuarys hausen, hrte er, was man den "Gesang des Sandes" zu nennen pflegt, ein sanftes, klagendes Murmeln, das dem Erdboden zu entsteigen scheint. Nur ein einziger Zwischenfall ereignete sich hier; eine Wolke von Heuschrecken zog in groer Hhe daher und aus derselben fiel nun eine so groe Menge an Bord, da das Luftschiff davon unterzugehen drohte. Die Mannschaft beeilte sich jedoch, die unerwnschte Last wieder abzuwerfen, bis auf mehrere hundert Stck, welche Franois Tapage fr sich in Anspruch nahm. Er richtete dieselben auf so ausgezeichnet schmackhafte Weise zu, da Frycollin darber sogar einmal seine eigene Angst verga. "Das schmeckt so gut, wie die besten Krabben!" sagte er. Man befand sich jetzt tausendachthundert Kilometer von der Oase Uargla entfernt, fast auf der Nordgrenze des ungeheuren Knigreichs Sudan. Gegen zwei Uhr Nachmittags wurde auch am Knie eines groen Stromes eine Stadt sichtbar. Dieser Strom war der Niger -- die Stadt war Timbuctu. Wenn dieses afrikanische Mekka bisher nur von khnen Reisenden der Alten Welt, von einem Batouta, Khazan, Imbert, Mungo-Park, Adams, Loiny, Laill, Barth, Lenz und Anderen besucht worden war, so konnten von heute ab, und zwar Dank den Zuflligkeiten eines Abenteuers ohne Gleichen, auch zwei Amerikaner de visu, de auditu und obendrein de olfactu davon bei ihrer Heimkehr nach Amerika reden -- wenn sie berhaupt einmal dahin zurckgelangten. De visu, weil sie alle Ecken des fnf bis sechs Kilometer groen Dreiecks, das die Stadt bildet, bersehen konnten; -- de auditu, weil an diesem Tage groer Markt abgehalten wurde, bei dem es ohne einen Heidenlrmen nicht abgeht; -- de olfactu, weil der Geruchsnerv sehr unangenehm erregt werden mute durch die Dnste des Yubu-Kamo-Platzes, auf dem sich dicht neben dem alten Palaste der Knige die Fleischverkaufshalle erhebt. Jedenfalls glaubte der Ingenieur den Vorsitzenden und den Schriftfhrer des Weldon-Instituts darauf aufmerksam machen zu sollen, da es die hchste Zeit sei, sich die Knigin des Sudans zu betrachten, die sich jetzt in den Hnden der Touaregs von Laganet befindet. "Timbuctu, meine Herren!" sagte er zu ihnen in demselben Tone, in dem er zwlf Tage frher zu ihnen "Indien, meine Herren!" gesagt hatte. Dann fuhr er fort: "Timbuctu, unter 18 Grad nrdlicher Breite und 5 Grad 56 Minuten westlicher Lnge von Paris, zweihundertfnfundvierzig Meter ber dem mittleren Niveau des Meeres gelegen. Eine bedeutende Stadt von zwlf- bis dreizehntausend Einwohnern, die sich ehedem durch Kunst und Wissenschaft auszeichnete. -- Vielleicht hatten Sie den Wunsch, hier einige Tage Halt zu machen?" Ein solches Angebot des Ingenieurs konnte nur ironisch gemeint sein. "Inde, fuhr er fort, es mchte fr Fremde einigermaen gefhrlich werden, inmitten von Negern, Berbern, Fullahs und Arabern, welche hier wohnen, vorzglich wenn wir bedenken, da die Ankunft des Aeronefs ihr Mifallen erregt haben drfte. -- Mein Herr, erwiderte Phil Evans in derselben Tonart, fr das Vergngen, Sie verlassen zu knnen, wrden wir gern die Gefahr auf uns nehmen, von den Eingeborenen hier bel empfangen zu werden. Ein Kerker ist so gut wie der andere, aber Timbuctu immer noch besser, als der "Albatros". -- Das sind Geschmackssachen, versetzte der Ingenieur. Auf keinen Fall mchte ich das Abenteuer wagen, denn ich bin verantwortlich fr die Sicherheit der Gste, welche mir die Ehre anthun, mit mir zu reisen ... -- Sie begngen sich also nicht mehr, Ingenieur Robur, platzte jetzt Onkel Prudent, dem die Galle berlief, heraus, mit der Rolle unseres Kerkermeisters -- nein, Sie mssen uns auch noch beleidigen? -- O, das war hchstens eine erlaubte Ironie! -- Giebt es denn keine Waffen an Bord? -- Gewi, ein ganzes Arsenal. -- Zwei Revolver wrden gengen, wenn ich den einen nehme und Sie, mein Herr, den anderen. -- Ein Duell, rief Robur, ein Duell, das Einem von uns das Leben kosten knnte! -- Nein, ihm gewi kosten wrde! -- Nein, nein, mein Herr Prsident des Weldon-Instituts, ich ziehe es vor, Sie am Leben zu erhalten. -- Um sicherer zu sein, da Sie selbst leben bleiben. Das ist sehr klug. -- Klug oder nicht, mir pat es eben. Es steht Ihnen vllig frei, darber anders zu denken und Klage zu erheben, wenn Sie es knnen. -- Das ist schon geschehen, Ingenieur Robur! -- Wirklich? -- War es denn bei unserer Fahrt ber die bewohnten Gegenden Europas so schwierig, ein Schriftstck hinunterfallen zu lassen ... -- Das htten Sie gethan? unterbrach ihn Robur, in dem der Zorn hell aufloderte. -- Und wenn wir es gethan htten? -- Wenn Sie es gethan htten, verdienten Sie ... -- Was denn, mein Herr Ingenieur? -- Da man Sie Ihrem Schreiben ber Bord nachfliegen liee! -- So werfen Sie uns ber Bord ... Wir haben es gethan!" rief Onkel Prudent. Robur trat auf die beiden Collegen zu. Auf ein Zeichen von ihm waren Tom Turner und einige seiner Kameraden herzugelaufen. Ja, der Ingenieur hatte verzweifelte Lust, seine Drohung zur Ausfhrung zu bringen, und ohne Zweifel zog er sich nur aus Besorgni, ihr nicht widerstehen zu knnen, pltzlich in seine Cabine zurck. "Sehr schn! sagte Phil Evans. -- Und was er zu thun nicht wagte, erklrte Onkel Prudent, das werde ich wagen, ich, ja, ich werde es thun!" In diesem Augenblick liefen die Bewohner von Timbuctu auf den Pltzen und Straen der Stadt zusammen und sammelten sich auf den Terrassen der amphitheatralisch erbauten Huser. In den reichen Vierteln von Sankore und Sarahama, wie in den elenden kugelfrmigen Htten des Quartiers Raguidi donnerten die Priester von den Spitzen der Minarets die schlimmsten Flche und Verwnschungen gegen das Ungeheuer in der Luft. Das war inde unschdlicher, als Flintenkugeln. Und auch bis zum Hafen von Kabara an der scharfen Biegung des Niger war Alles, was sich auf Schiffen und Booten befand, in lebhafterer Bewegung. Wenn der "Albatros" hier zur Erde niedergegangen wre, die Leute htten ihn in Stcke gerissen. Whrend einiger Stunden folgten ihm schreiend und an Schnelligkeit wetteifernd lrmende Schaaren von Strchen, Haselhhnern und Ibissen; sein rascher Flug hatte dieselben aber bald hinter sich zurckgelassen. Gegen Abend ertnte ein dumpfes Grollen und Murren von zahlreichen Elephanten und Bffelheerden, welche in diesen, durch ganz besondere Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gebieten umherirrten. Whrend vierundzwanzig Stunden entrollte sich die ganze zwischen dem Meridian 0 und dem 2. Grade der Lnge zwischen dem Knie des Stromes gelegene Gegend unter dem "Albatros" gleich einem Wandelpanorama. Ja, wenn ein Geograph einen solchen Apparat zur Verfgung gehabt htte, wie leicht wre es ihm dann nicht gewesen, eine topographische Aufnahme des Landes auszufhren, die hchsten Punkte zu messen, den Lauf der Strme und ihrer Nebenflsse zu bestimmen und die Lage der Stdte und Drfer festzusetzen. Dann gbe es in den Karten von Inner-Afrika nicht mehr so viel leere Stellen, so viel nur mit blassen Farben markirte Lnder -- und keine punktirte Linien und unsichere Abgrenzungen mehr, welche die Kartographen zur Verzweiflung bringen. Am Morgen des 11. berschritt der "Albatros" die Berge des nrdlichen Guinea zwischen dem Sudan und dem Golf, der dessen Namen trgt. Am Horizont erhoben sich schon in undeutlicher Linie die Kong-Berge des Knigreichs Dahomey. Seit der Abfahrt von Timbuctu hatten Onkel Prudent und Phil Evans beobachten knnen, da sie stets die Richtung von Norden nach Sden eingehalten hatten. Sie schlossen daraus, da sie, wenn hierin keine Aenderung eintrat, sechs Grade weiter die Aequinoctiallinie erreichen muten. Sollte der "Albatros" sich wirklich vom Festland ganz wegwenden und hinaus, nicht auf das Behring-Meer, den Caspis-See, die Nordsee und das Mittelmeer, sondern auf den Atlantischen Ocean wagen wollen? Diese Aussicht war fr die beiden Collegen, welche damit jede Gelegenheit, zu entfliehen, verloren, freilich keine besonders angenehme. Der "Albatros" bewegte sich jetzt jedoch nur langsam vorwrts, als zgere er noch, das afrikanische Gebiet zu verlassen. Der Ingenieur dachte inde keineswegs an eine Umkehr, nur fesselte das Land, ber welches sie kamen, seine Aufmerksamkeit im hchsten Grade. Es ist allgemein und war ihm nicht minder bekannt, da das Knigreich Dahomey an der Westkste Afrikas eines der mchtigsten ist. Stark genug, um sich mit dem benachbarten Reiche der Aschantis im Kampfe messen zu knnen, sind seine Grenzen doch sehr beschrnkt, denn es mit nur fnfundzwanzig (englische) Meilen von Nord nach Sd und gegen sechzig Meilen von Ost nach West; seine Einwohnerzahl beluft sich jedoch auf 7-800.000 Seelen, seitdem es die bisher unabhngigen Gebiete von Ardrah und Wydoch annectirt hat. Wenn dieses Knigreich Dahomey also auch nicht gro ist, so hat es doch recht oft von sich reden gemacht. Es wurde zeitig berhmt durch die entsetzlichen Grausamkeiten, welche daselbst beim Jahreswechsel begangen werden, durch die Menschenopfer, die furchtbaren Hekatomben, welche gewhnlich dem verstorbenen und dem seine Stelle ersetzenden Knige dargebracht werden. Ja, es gehrt so zu sagen zum guten Ton, da der Knig von Dahomey, wenn er den Besuch einer hohen Person oder etwa eines Gesandten erhlt, diesem zu Ehren einem Dutzend Gefangenen die Kpfe abschlagen lt -- abschlagen durch seinen Minister der Justiz, den "Minghan", der sich seiner Aufgabe als Henker vortrefflich entledigt. Zur Zeit, als der "Albatros" die Grenze von Dahomey berschritt, war eben der Knig Lahadu verstorben und die ganze Bevlkerung schritt zur Feier der Thronbesteigung seines Nachfolgers. Daher herrschte im ganzen Lande eine groe Aufregung und Bewegung, welche Robur nicht hatte entgehen knnen. Lange Zge von Landbewohnern Dahomeys drngten sich nach Abomey, der Hauptstadt des Reiches, hin. Ueberall zeigte das Land wohlunterhaltene Straen, welche durch weite, mit sehr hohem Grase bewachsene Ebenen verlaufen. Ungeheure Maniocfelder, Wlder voll herrlicher Palmen, Cocosnubume, Mimosen, Orangen- und Mangobume, deren Dfte bis zum "Albatros" hinaufstiegen, whrend Tausende von Papageien und Cardinlen aus dem dunklen Grn aufflatterten. Ueber die Reeling gebeugt und in Gedanken versunken, wechselte der Ingenieur nur wenige Worte mit Tom Turner. Es schien brigens nicht, als ob der "Albatros" von vornherein die Aufmerksamkeit der sich fortbewegenden Menschenmasse erweckte, welche auch selbst unter den dichten Baumkronen meist nicht sichtbar war. Hauptschlich kam das jedoch wohl daher, da er sich in groer Hhe und zwischen leichten Wolken hielt. Gegen elf Uhr Vormittags erschien die Stadt mit ihrem Mauergrtel, den noch ein zwlf Meilen im Umfang messender Graben vertheidigt, mit ihren breiten, regelmigen, sehr eben verlaufenden Straen und dem groen Platz, den der Palast des Knigs einnimmt. Alle die vielen Baulichkeiten berragt noch eine Terrasse, nicht weit vom gewhnlichen Opferplatz. Whrend der grten Feste werden dem Volke von der Hhe derselben aus die in Weidenkrben angebundenen Gefangenen zugeworfen, und man kann sich schwer eine Vorstellung von der Wuth machen, mit welcher diese Unglcklichen in Stcke gerissen werden. In einem Theile der Hfe, welche den Palast des Herrschers umschlieen, sind viertausend Krieger einquartirt, eine der Abtheilungen der kniglichen Armee, und natrlich nicht die schlechteste. Wenn es auch zweifelhaft ist, da es jemals Amazonen auf dem Strome dieses Namens gegeben habe, so liegt das in Dahomey anders. Die Einen tragen hier ein blaues Hemd, roth und blaue Schrpe, weie, blaugestreifte Beinkleider, weie kurze Beinkleider darber und die Patronentasche im Grtel; die Anderen, die Elephanten-Jgerinnen, sind bewaffnet mit einer plumpen Flinte, einem Dolch mit kurzer Klinge, und auf dem Kopfe tragen sie zwei mit einem Eisenringe befestigte Antilopenhrner; die Artilleristen haben einen halb rothen und halb blauen Ueberwurf und als Waffe die Donnerbchse mit alten gueisernen Rohren, noch Andere endlich, ein Bataillon jener Mdchen, trgt eine Art blauer Mntel mit kurzem weien Beinkleid; das sind wirkliche Vestalinnen, keusch wie Diana und wie diese mit Pfeilen und Bogen ausgerstet. Rechnet man zu diesen Amazonen noch fnf- bis sechstausend Mann in Baumwollhemden und mit einem Grtel um die Taille, so hat man die ganze Armee von Dahomey Revue passiren lassen. Abomey selbst war an diesem Tage vllig menschenleer, der Knig, das ganze Personal, die mnnliche wie die weibliche Armee, sowie die Einwohner, Alle hatten die Hauptstadt verlassen, um einige Meilen entfernt auf einem groen, von prchtigem Baumschlag eingerahmten Platze zusammenzustrmen. Es war das die Ebene, auf der die Huldigung des neuen Knigs stattfinden sollte, und hier harrten Tausende, bei Gelegenheit der letzten Razzias eingebrachte Gefangene zur Ehre desselben ihres letzten Augenblicks. Gegen zwei Uhr Nachmittags begann der jetzt ber derselben Ebene schwebende "Albatros" aus einer leichten Dunstschicht, die ihn bisher den Augen der Bevlkerung von Dahomey verhllt hatte, etwas mehr niederzusinken. Hier befanden sich jetzt wohl gegen sechzigtausend Menschen, die aus allen Gegenden des Reiches, aus Midah, Karapay, Ardrah, Tombory und aus allen Stdten und Drfern gekommen waren. Der neue Knig -- ein krftiger Kerl, Namens Bu-Stadi und fnfundzwanzig Jahre alt -- thronte auf einer kleinen Anhhe, welche eine Gruppe von Bumen mit langen Aesten beschattete. Vor ihm drngte sich der neue Hofstaat, seine mnnliche Armee, seine Amazonen und das ganze Volk hin und her. Am Fue dieses Erdhgels spielten etwa fnfzig Musiker auf ihren barbarischen Instrumenten, bliesen auf Elephantenzhnen, die einen rauhen Ton gaben, wirbelten auf groen, mit einer Hirschkuhhaut bespannten Trommeln, oder hatten Flaschenkrbisse, Guitarren, Glocken, die mit einem Eisenstabe angeschlagen wurden, und Flten aus Bambusrohr, deren scharfer Klang das ganze Orchester bertnte. Jeden Augenblick krachten die Flinten, Donnerbchsen und zuweilen die alten Kanonen, deren Lafetten dabei zurcksprangen, da die Artilleristen in Lebensgefahr kamen; dazu herrschte ein solcher Heidenlrm und so wstes Geschrei, da man kaum einen Donnerschlag htte hren knnen. In einer Ecke der freien Ebene standen, von Soldaten berwacht, die Gefangenen, welche dem verstorbenen Knige das Geleit in die andere Welt geben sollten, denn durch sein Ableben darf ein solcher noch keine Einbue an seiner hohen Wrde erleiden. Bei der Leichenfeier Ghozo's, des Vaters Bahadu's, hatte dessen Sohn ihm dreitausend Diener mitgegeben. Bu-Stadi konnte seinem Vorgnger hierin doch nicht nachstehen. Der Todte brauchte ja eine Menge Sendboten, nicht allein, um die Geister seiner Ahnen herbeizurufen, sondern auch, um alle Bewohner des Himmels zu versammeln, welche das Gefolge des verewigten Knigs bilden sollten. Eine Stunde verging mit Gesprchen, Vortrgen und Ansprachen, unterbrochen von Tnzen, welche nicht allein die eigentlichen Bajaderen auffhrten, sondern auch die Amazonen, die dabei viel kriegerische Grazie entwickelten. Inzwischen kam die Zeit zur Hinrichtung heran. Robur, der die blutigen Gewohnheiten von Dahomey schon kannte, verlor die gefangenen Mnner, Frauen und Kinder, welche abgeschlachtet werden sollten, niemals aus dem Auge. Der Minghan verweilte am Fue des Erdhgels. Er schwang das Richtschwert mit gebogener Klinge, auf der auch noch ein metallener Vogel sa, dessen Gewicht ihm noch mehr Schwung verlieh. Dieses Mal war er nicht allein; er wre mit der Arbeit auch nicht fertig geworden. In seiner Umgebung befanden sich noch hundert Scharfrichter, die alle eingebt waren, einen Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpfe zu lsen. Inzwischen nherte sich der "Albatros" allmhlich in schrger Richtung und lie seine Auftriebs- und Treibschrauben mit verminderter Geschwindigkeit spielen. Bald trat er aus der Wolkenschicht hervor, die ihn bis wenigstens hundert Meter von der Erde verhllt hatte, und wurde jetzt zum ersten Male sichtbar. Ganz entgegen den gewhnlichen Erfahrungen sahen die wilden Eingeborenen in ihm nur ein himmlisches Wesen, das ganz allein zu dem Zwecke herabgestiegen sei, dem Knige Bahadu zu huldigen. Das gab einen Enthusiasmus ohne Gleichen, unendliche Zurufe, lautes Jubeln und allgemeine Gebete, gerichtet an diesen bernatrlichen Hippogryph, der ohne Zweifel jetzt kam, um den Krper des verstorbenen Knigs in die Hhe des Dahomey'schen Himmels zu tragen. Eben da fiel der erste Kopf unter dem Schwerte des Minghan; dann wurden hundert andere Gefangene ihren schrecklichen Henkern zugefhrt. Pltzlich krachte vom "Albatros" ein Schu. Der Justizminister strzte getroffen zur Erde. "Gut gezielt, Tom! sagte Robur. -- Bah! ... Es war ein Schu mitten in den Haufen!" antwortete bescheiden der Obersteuermann. Seine ebenfalls bewaffneten Kameraden standen bereit, auf das erste Zeichen des Ingenieurs Feuer zu geben. Die Volksmenge hatte durch diesen Vorfall aber ihre Anschauungen schnell gewechselt; dieses geflgelte Ungeheuer war kein guter, sondern ein dem guten Volk von Dahomey feindlicher Geist. Nachdem der Minghan gefallen, erhob sich ein wildes Geheul. Gleichzeitig knatterten viele Gewehre, die nach dem "Albatros" gerichtet waren. Diese Drohungen hinderten letzteren jedoch nicht, bis auf etwa hundertfnfzig Fu ber der Erde niederzusinken. Trotz ihrer dem Ingenieur Robur gewi ungnstigen Stimmung konnten sich Onkel Prudent und Phil Evans doch nicht versagen, an diesem menschenfreundlichen Werke theilzunehmen. "Ja, lat uns die Gefangenen befreien! riefen sie. -- Das ist meine Absicht!" antwortete der Ingenieur. Schon begannen die Repetirgewehre des "Albatros" in den Hnden der beiden Collegen, wie in denen der Mannschaft, ein Schnellfeuer, von dem doch keine Kugel inmitten der groen Menschenmasse verloren ging. Und selbst das kleine Geschtz an Bord, das so tief als mglich herabgerichtet wurde, sandte einige Karttschenladungen hinunter, welche wahre Wunder wirkten. Sofort sprengten die Gefangenen, ohne etwas von der ihnen aus der Hhe gekommenen Hilfe zu begreifen, ihre Fesseln, whrend die Soldaten auf den Aeronef Feuer gaben. Die vordere Schraube wurde von einer Kugel durchlchert, whrend einige andere an den Rumpf des Fahrzeuges schlugen. Frycollin, der sich im Hintergrunde seiner Cabine verkrochen hatte, wre fast noch durch die Wand des Ruffs getroffen worden. "Aha, sie haben Appetit auf etwas mehr!" rief Tom Turner. Er begab sich nach der Munitionskammer und kehrte von dort mit einem Dutzend Dynamitpatronen zurck, die er an die Kameraden vertheilte. Auf ein Zeichen Robur's wurden dieselben ber den Hgel hinabgeworfen und durch das Aufschlagen auf den Erdboden zersprangen sie wie kleine Bomben. Das gab aber eine wilde Flucht! Der Knig, der Hof, die Armee und das ganze Volk strzte, von gewi nicht ungerechtfertigter Furcht ergriffen, auf und davon! Alle suchten unter den Bumen Schutz, whrend die Gefangenen entflohen und Niemand daran dachte, sie zu verfolgen. So wurden die Festlichkeiten zu Ehren des neuen Knigs von Dahomey unterbrochen. Auch Onkel Prudent und Phil Evans muten zugestehen, ber wie groe Machtmittel dieser Apparat verfgte, und welchen hohen Nutzen er der Menschheit htte gewhren knnen. Der "Albatros" erhob sich darauf zu mittlerer Hhe; er glitt ber Mydah hinweg und hatte bald diese ungastliche Kste, welche die Westwinde mit unnahbarer Brandung peitschten, aus dem Gesichte verloren. Er schwebte nun ber dem Atlantischen Weltmeere. XIII. In dem Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren, ohne die Seekrankheit zu bekommen. Ja, das Atlantische Meer! Die Befrchtungen der beiden Collegen hatten sich bewahrheitet. Es schien brigens nicht, als ob Robur hier ber dem unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfnde. Das kmmerte ihn so wenig wie seine Leute, welche an derartigen Fahrten gewhnt sein mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre Wohnung zurckgekehrt. Kein Alpdrcken sollte ihren Schlummer stren. Wohin steuerte nun der "Albatros"? Sollte er wirklich noch mehr als eine Reise um die Erde ausfhren? Auf jeden Fall mute diese Fahrt doch irgendwo ein Ende nehmen. Da Robur sein ganzes Leben in den Lften, an Bord des Aeronefs zubringen sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu gehen, war doch nicht wohl annehmbar, denn wie htte er seine Vorrthe an Munition und Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das fr die Functionirung der Maschine nothwendige Material zu erwhnen? Unbedingt mute er also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und wahrscheinlich auf einen unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der Erde, wo der "Albatros" sich mit allen Bedrfnissen frisch versehen konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen haben, mit der Erde als solcher aber gewi nicht. Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der Ingenieur dazu gelangt sein, ihn zu erwhlen? Erwartete ihn eine kleine Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften erhalten? Und zunchst, wie war er berhaupt dazu gekommen, seine, aus den verschiedensten Lndern stammenden Leute an sein Schicksal zu binden? Ueber welche Mittel verfgte er ferner, um einen so kostspieligen Apparat erbauen zu knnen, dessen ganze Construction so geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich schien nicht besonders viel zu beanspruchen. An Bord fhrte man fast ein gemeinsames Leben, wie in einer Familie oder wie glckliche Leute, die kein Geheimni vor einander haben. Doch, wer war eigentlich jener Robur? Woher kam er? Welcher Art war seine Vergangenheit? Das waren ebenso viele unlsbare Rthsel, und der, auf den sie Bezug hatten, wrde gewi der Letzte sein, eine Erklrung darber abzugeben. Es ist gewi nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller unenthllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. Sich so in's Unbekannte hinaus entfhrt und den endlichen Ausgang eines solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran zu zweifeln, da dasselbe berhaupt jemals ein Ende nehme, zum ewigen Umherfliegen verurtheilt zu sein -- mute das den Vorsitzenden und den Schriftfhrer des Weldon-Instituts nicht auf's Aeuerste treiben? Inzwischen schwebte der "Albatros" am Abend des elften Juli ber den Atlantischen Ocean hin. Als am nchsten Morgen die Sonne aufging, erhob sie sich ber die kreisfrmige Linie, in der Himmel und Wasser zusammen zu treffen scheinen. Trotz des weit ausgedehnten Gesichtsfeldes war doch nirgends ein Land in Sicht und Afrika schon vollstndig hinter dem nrdlichen Horizont verschwunden. Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt. Unter sich ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wre besser zu sagen, "um sich", denn fr einen auf sehr hohem Punkte befindlichen Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen Seiten umgbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurck, ohne da man je seine Grenzen erreichen knnte. Physikalisch erklrte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich nicht, aber er fhlte sie moralisch. Das gengte aber schon, um in ihm die "Angst vor der Leere" zu erzeugen, deren sich manche, sonst ganz muthige Naturen nicht entziehen knnen. Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine zurck, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu verlassen. Von den 373,895.343 Quadratkilometern[5], welche die Oberflche der Meere einnehmen, fllt ber ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. Es schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe, wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens htte dieser auch die Fahrtschnelligkeit wie ber Europa hin nicht erreichen knnen. In den Gegenden, in denen der Sdwestwind vorherrscht, lief er diesem fast entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so bot der Apparat ihm doch eine groe Angriffsflche. [5] Die Oberflche des festen Landes betrgt 136,055,371 Quadratkilometer. Die neuesten und auf eine groe Anzahl von Beobachtungen gesttzten meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz der Passate, entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, erkennen lassen. Auerhalb der Region der Calmen kommen sie entweder von Westen und strmen nach Afrika zu, oder sie kommen von Osten her und ziehen nach der Neuen Welt zu -- wenigstens whrend der wrmeren Jahreszeit. Der "Albatros" versuchte also gar nicht, gegen den ihm widrigen Wind mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben anzukmpfen. Er begngte sich mit einer gemigten Gangart, welche brigens die der transatlantischen Dampfer immer noch berholte. Am 13. Juli berschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen Mannschaft besonders angemeldet wurde. Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, da sie nun die nrdliche Halbkugel verlassen hatten und nach der sdlichen gekommen waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die tollen Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen gebruchlich sind. Nur Franois Tapage lie es sich nicht nehmen, Frycollin eine groe Pinte Wasser ber den Kopf zu gieen, da dieser Taufe aber einige Glser Gin nachfolgten, erklrte der Neger sich bereit, die Linie so oft passiren zu wollen, wie man wnschte, vorausgesetzt, da das nicht auf dem Rcken eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm nun einmal kein Vertrauen einflte. Am Morgen des 15. schwebte der "Albatros" ber den Inseln Ascension und St. Helena, aber nher der letzteren hin, deren hhere Theile sich einige Stunden lang am Horizonte zeigten. Htte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Englnder befand, ein Apparat, hnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, gewi wrde Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu beleidigenden Vorsichtsmaregeln seinen berhmten Gefangenen auf dem Wege durch die Lfte haben entweichen sehen. Whrend der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit Abnahme des Tageslichtes hchst eigenthmliche Dmmerungserscheinungen. Unter hherer Breite htte man bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken knnen. Die Sonne warf nmlich bei ihrem Niedergang ber den Himmel vielfarbige Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grn erschienen. War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorber zog und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige Beobachter haben solche Dmmerungserscheinungen in dieser Weise allerdings erklrt; sie wren aber gewi zu anderer Anschauung gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden htten. Eine aufmerksame Prfung ergab nmlich, da in der Luft feine Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kgelchen, nmlich zarte Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den Stoffen, welche feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also jeder Zweifel, da diese Wolke von einer vulcanischen Eruption herrhrte, deren krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete Erscheinung erzeugten -- eine Wolke, welche die Luftstrmungen auch noch ber dem Atlantischen Ocean schwebend erhielten. Whrend dieses Theiles der Reise wurden brigens auch noch andere Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken dem Himmel eine weigraue Frbung von eigenthmlichem Aussehen; gelangte man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien dessen Oberflche ganz berset von glnzend weien Krperchen, zwischen denen einzelne grere besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser Breite durch nichts Anderes, als durch eine Hagelbildung erklren lie. In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grnlichgelber Mondregenbogen infolge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde und einem Netz von fernem Regen, der schon in Dunst berging, ehe er das Meer erreichte. Vielleicht lie sich aus diesen verschiedenen Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag schlieen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der afrikanischen Kste stets aus Sdwesten wehte, sich in der Nhe des Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte dazu eine fast unertrgliche Hitze. Robur suchte daher Khlung in hheren Luftschichten, und doch mute man sich auch noch hier vor den directen Sonnenstrahlen schtzen, welche Niemand htte aushalten knnen. Dieser Wechsel in den Luftstrmungen lie schon ahnen, da jenseits des Aequatorialgebiets auch andere klimatische Verhltnisse herrschen wrden; es darf hierbei auch nicht vergessen werden, da der Monat Juli der sdlichen Halbkugel der Januar der nrdlichen ist, also dem tiefsten Winter entspricht. Wenn der "Albatros" noch weiter nach Sden vordrang, mute er die Folgen davon bald spren. Das Meer aber "empfand das", wie die Seeleute sagen. Am 18. Juli zeigte sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes Phnomen, welches gewi jeden Schiffer erschreckt htte. Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schtzenden Geschwindigkeit zog ber das Meer weg eine merkwrdige Reihe von leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig Fu folgten und lang schimmernde Streifen zurcklieen. Mit einbrechender Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum "Albatros" hinauf, so da dieser jetzt wirklich htte fr einen glhenden kleinen Himmelskrper angesehen werden knnen. Noch nie war es Robur vorgekommen, ber ein Meer in Flammen hinwegzusteuern -- ber Flammen ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nthig hatte. Die Elektricitt mute offenbar die Ursache dieser Erscheinung sein, denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen Geschpfen gebildeten Zuge, welche zuweilen die Flche des Meeres bedecken, konnte man dieselbe nicht zuschreiben. Das lie vermuthen, da die elektrische Spannung der Luft jetzt eine sehr hohe sein msse. Am folgenden Tage, am 19. Juli wre ein Schiff auf diesem Meere wohl dem Untergang geweiht gewesen. Der "Albatros" dagegen spielte mit Wind und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn es ihm nicht beliebte, wie ein Sturmvogel ber der Meeresflche hinzugleiten, so konnte er wie der Adler in hheren Schichten Ruhe und Sonnenschein aufsuchen. Man hatte jetzt den 47. Grad sdlicher Breite berschritten. Der Tag dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mute mit der Annherung an die antarktischen Gegenden noch immer krzer werden. Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der "Albatros", um eine gnstige Luftstrmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er schwebte hchstens noch hundert Fu ber der Oberflche des Meeres. Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke, dunkle Wolken mit ausgezackten Rndern auf, welche oben eine genau horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das darunter in Form eines flssigen Straues aufbrodelte. Pltzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch empor. In einem Augenblick wurde der "Albatros" in den Wirbel einer riesigen Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von Tintenschwrze das Geleite gaben. Zum Glck vollzog sich die Drehung dieser Trombe entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst htten diese ihre Wirkung ganz eingebt und der Aeronef wre in's Meer gefallen; jetzt wurde er nur mit erschreckender Schnelligkeit um sich selbst gedreht. Immerhin war die Gefahr gro und schien unmglich abwendbar, da der Aeronef sich nicht aus der Trombe los machen konnte, deren Anziehung ihn trotz der Treibschrauben zurckhielt. Durch die Centrifugalkraft wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks geschleudert, und mute sich hier an den Schraubenmasten anhalten, um nicht ber Bord zu fallen. "Ruhig Blut!" rief Robur. Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein. Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden nach dem Hintertheil getrieben und hatten die grte Mhe, sich noch fest zu klammern. Und whrend sich der "Albatros" in dieser Weise um sich selbst drehte, folgte er auch der Lagevernderung der Tromben, die mit einer Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben htten eiferschtig werden knnen, sich weiterhin wanden. Sobald er der einen entgangen, wurde er von einer anderen gepackt und war stets in Gefahr, in Stcke zerrissen zu werden. "Einen Kanonenschu!" rief der Ingenieur. Der Obersteuermann Tom Turner verstand vllig diesen an ihn gerichteten Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschtz mittschiffs, wo die Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als wir es beschreiben knnen, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs geffnet und fhrte in diese eine scharfe Patrone ein, von denen ein kleiner Vorrath in einem an der Lafette befestigten Kasten vorhanden war. Der Schu krachte und sofort sanken einige Tromben zusammen. Die Lufterschtterung hatte hingereicht, das Meteor zu zerreien und die ungeheure Dunstmasse lste sich in einen Sturzregen auf, der den Himmel mit dicken Wasserstreifen berzog, die Meer und Himmel verbanden. Endlich befreit, beeilte sich der "Albatros", um einige hundert Meter aufzusteigen. "Nichts zerbrochen an Bord?" fragte der Ingenieur. -- Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar zu tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wnschen mchten." In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der "Albatros" in grter Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart drfte er dem Wirbeln der Tromben schwerlich widerstanden haben. Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt ber den Ocean, wenn nichts die Eintnigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer mehr ab und die Klte wurde allmhlich fhlbar. Onkel Prudent und Phil Evans sahen Robur nur wenig. In seine Cabine eingeschlossen, beschftigte er sich damit, den Curs zu bestimmen, auf seinen Karten die zurckgelegten Strecken einzutragen und sich, wenn es irgend anging, Gewiheit zu verschaffen, wo sie sich eben befanden, ferner die Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten und endlich alle Zwischenflle der Reise in das Schiffsbuch einzutragen. Sorgsam verhllt, bemhten sich die beiden Collegen unablssig, im Sden Land zu entdecken. Frycollin seinerseits versuchte, gem einem besonderen Auftrage des Onkel Prudent, den Koch bezglich des Ingenieurs auszuforschen. Wie htte aber Jemand aus dem, was der Gascogner Franois Tapage zur Antwort gab, klug werden knnen? Nach ihm war Robur bald ein ehemaliger Minister der Republik Argentina, ein Chef der Admiralitt, ein abgetretener Prsident der Vereinigten Staaten, ein auf Wartegeld gesetzter spanischer General, oder auch ein Viceknig von Indien, der in den Lften eine noch hhere Stellung gesucht hatte. Bald besa er, Dank der mit Hilfe seiner Maschine ausgefhrten Razzias, Millionen und war er allgemein in die Acht erklrt; bald hatte er sich wieder durch die Herstellung dieses Apparats ruinirt und gezwungen gesehen, ffentlich aufzusteigen, um sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage nach einem Ruheplatz desselben war keine Auskunft zu erhalten, auer der, da er nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben, wenn er eine ihm passende Oertlichkeit antrfe. "He, Fry ... mein Kamerad! ... Nicht wahr, es wrde Dir Vergngen machen, zu sehen, wie es da oben zugeht? -- Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich! ... erwiderte der Schwachkopf, der alle diese Faseleien fr Ernst nahm. -- Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer hbschen, jungen Mondbewohnerin ... Du wirst da der Stammvater der Neger!" Als Frycollin das, was er gehrt, seinem Herrn hinterbrachte, erkannte dieser wohl, da ber Robur keine Auskunft zu erlangen sei. Er dachte also nur noch daran, sich zu rchen. "Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf der Hand, da eine Flucht fr uns unmglich ist. -- Unmglich, Onkel Prudent! -- Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es sein mu, indem er sein Leben opfert ... -- Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell als mglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so khles Temperament nun doch die Grenze des Ertrglichen erreicht hatte. Ja, es ist Zeit, ein Ende zu machen! ... Wohin geht der "Albatros"? ... Jetzt fliegt er schrg ber den Atlantischen Ocean, und wenn er diese Richtung beibehlt, mu er nach den Ksten von Patagonien, dann nach denen des Feuerlandes kommen ... Aber nachher? ... Wird er auch noch ber den Stillen Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem Sdpolarlande? ... Diesem Robur ist Alles zuzutrauen! ... Dann wren wir verloren! ... Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter Nothwehr, und wenn wir einmal zu Grunde gehen mssen ... -- So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne da wir uns gercht, ohne da wir diesen Apparat mit Allen, die er trgt, zerstrt haben!" Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmchtige Zorn, die in ihnen aufgehufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es nicht anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem Geheimni zu vernichten. Nur wenige Monate htte dann dieser wunderbare Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit bezglich der Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich gezwungen sahen. Diese Vorstellung hatte in ihren Kpfen so fest Wurzel geschlagen, da sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu Werke gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen Explosionsmaschinen bemchtigen, um damit den ganzen Apparat in tausend Stcke zu zersprengen; freilich muten sie dazu erst Gelegenheit finden, in die Munitionskammer einzudringen. Glcklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei dem Gedanken, da der "Albatros" in die Luft gesprengt werden sollte, wrde er sich nicht entbldet haben, seinen eigenen Herrn zu verrathen. Am 23. Juli war es, wo in Sdwesten wieder Land sichtbar wurde, und zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Strae. Jenseits des 54. Breitengrades whrte die Nacht in dieser Jahreszeit fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb fortwhrend unter 0 Grad zurck. Statt jetzt noch weiter nach Sden vorzudringen, folgte der "Albatros" zunchst den Windungen jener Meerenge, als ob er dem Stillen Ocean zutriebe. Nachdem er ber die Bai von Lomas hinweggekommen, den Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im Westen hinter sich gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem kleinen chilenischen Drfchen, gerade als daselbst das volle Kirchengelute erklang, und einige Stunden spter in die Nhe der alten Niederlassung im sogenannten Hungerhafen. Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah, wirklich eine das mittlere Menschenma bertreffende Krpergre haben, so konnten doch die Passagiere des Aeronefs darber nicht urtheilen, da sie ihnen, von dieser Hhe gesehen, als Zwerge erschienen. Doch welch' Schauspiel bot sich hier whrend der kurzen Stunden des sdlichen Tages! Steile, zerklftete Berge, mit ewigem Schnee bedeckte Spitzen, deren Seiten mit dichten Wldern bedeckt waren; Binnenseen, Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; daneben Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canle und Furthen, unzhlige Caps und Halbinseln -- all' dieses undurchdringliche Gewirr, und jetzt durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom Cap Forward, am Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am letzten Auslufer der Neuen Welt! Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der "Albatros" wieder eine vllig sdliche Richtung an. Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel Brunswick und dem Grawes-Berge hindurchsteuernd, wandte er sich in gerader Linie nach dem Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick bereisten Spitzberge, welcher die Meerenge der Magellan-Strae in einer Hhe von zweitausend Metern beherrscht. Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Peschers oder Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln. Wie herrlich und fruchtbar htten sich diese Gebiete -- vorzglich deren mittlerer Theil -- im Sommer gezeigt, wo die Tage fnfzehn bis sechzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie nmlich Thler und Weidepltze, welche Abertausende von Thieren ernhren knnten, nebst jungfrulichen Wldern mit riesenhaften Bumen, mit Weiden, Buchen, Eschen, Cypressen und blhenden Farrenkrutern; dann wieder Ebenen, welche groe Heerden von Guanaquen, Vigogneschafen und Strauen bewohnen. Als der "Albatros" seine elektrischen Lichter erglhen lie, flatterten auch Papageientaucher, Enten und Gnse -- hundertmal mehr, als Franois Tapage's Speisekammer fassen konnte, an Bord. Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten verstand, da es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt dadurch pltzlich weit mehr Arbeit, als gewhnlich; mehr Arbeit machte das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem interessanten Geflgel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu rupfen. Am nmlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte, auch noch ein ziemlich groer, von prchtigen Waldungen eingerahmter See. Jetzt lagerte ber dem See eine feste Eisdecke und einige Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell ber dessen Oberflche hin. Beim Erblicken der Flugmaschine entflohen diese Fuegier nmlich nach allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie sich doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein. Der "Albatros" steuerte noch immer nach Sden ber dem Beagle-Canal hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren griechischer Name unter den gewhnlichen Bezeichnungen dieser entlegenen Landstrecken etwas auffllig erscheint, weiter, als die Insel Wollaston, die sich schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. Endlich, nachdem er von Dahomeys Kste aus ber siebentausendfnfhundert Kilometer zurckgelegt, schwebte er ber die letzten Inseln des Magellan-Archipels hinweg und endlich ganz im Sden ber das schreckliche Cap Horn, an das eine unaufhrliche wilde Brandung donnert. XIV. In dem der "Albatros" etwas ausfhrt, was man vielleicht niemals drfte ausfhren knnen. Der nchstfolgende Tag war der 24. Juli. Der 24. Juli der sdlichen Halbkugel entspricht bekanntlich aber dem 24. Januar der nrdlichen Hemisphre; auerdem war jetzt auch schon der 56. Breitegrad berschritten, der im Norden Europas Schottland in der Hhe von Edinburgh und Sdschweden in der von Helsingborg durchschneidet. Der Thermometer hielt sich auch fortwhrend unter 0 Grad, so da es sich nthig machte, die Ruffs durch knstliche Wrme etwas wohnlicher zu machen. Es versteht sich von selbst, da der Tag, wenn er seit dem 21. Juni des sdlichen Winters auch schon zunahm, doch immer noch merklich krzer wurde, da der "Albatros" einen Curs nach den Polarregionen einhielt. Die Folge davon war eine sehr geringe Helligkeit ber jenem Theile des Stillen Oceans, der an das antarktische Eismeer grenzt. Man hatte also nur wenig Aussicht und whrend der Nacht recht empfindliche Klte. Um ihr zu widerstehen, mute man sich nach Art der Eskimos und Fuegier kleiden; doch da es an Bord an warmen Ueberkleidern nicht fehlte, konnten die beiden, wohl eingepackten Collegen doch auf dem Verdeck ausharren, wobei sie freilich immer nur an ihr Vorhaben dachten und eine dazu gnstige Gelegenheit zu ersphen suchten. Uebrigens sahen sie Robur setzt sehr wenig, und seit jenem Wortwechsel mit beiderseitigen Drohungen, der ber Timbuctu stattfand, sprachen der Ingenieur und sie nicht mit einander. Frycollin kam jetzt kaum noch aus der Kche Franois Tapage's heraus, der ihm hier wohlwollende Gastfreundschaft gewhrte -- unter der Bedingung, da er sich als Hilfskoch ntzlich machte. Da das nicht ohne Vortheil fr ihn abging, hatte der Neger sich mit Erlaubni seines Herrn gern dazu verpflichtet. So eingeschlossen, sah er ja auch nicht, was drauen vorging, und konnte sich gegen jede Gefahr geschtzt glauben. Glich er nicht vllig dem thrichten Straue, nicht allein physisch durch seinen vortrefflichen Magen, sondern auch geistig durch seine kindische Beschrnktheit? Doch nach welchem Punkte der Erde sollte der "Albatros" sich nun wenden? Konnte man wohl annehmen, da er sich im tiefen Winter ber diese sdlichen Meere oder ber das Festland des Pols hinauswage? Selbst wenn die Chemikalien in den Batterien nicht durch die furchtbare Klte erstarrten, drohte in dieser eisigen Atmosphre doch Allen der Tod -- der schreckliche Tod des Erfrierens. Da Robur es unternommen htte, in der warmen Jahreszeit ber den Pol zu fahren, mchte wohl angehen; inmitten der ewigen Nacht des antarktischen Winters erschien dies dagegen wie der Streich eines Tollhuslers. Diesen Gedankengang hatten der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts, als sie sich jetzt nach dem uersten Ende der Neuen Welt entfhrt sahen, nach Gegenden, welche zwar zu Amerika, aber freilich nicht zu den Vereinigten Staaten gehren. Ja, was hatte dieser unergrndliche Robur noch Alles vor? War jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen, die Reise durch Zerstrung des fliegenden Apparats zu beendigen? Fiel hierber die Antwort auch noch unbestimmt aus, so stand dagegen fest, da der Ingenieur im Laufe des 24. Juli wiederholt mit seinem Obersteuermann verhandelte. Mehrere Male beobachteten auch Tom Turner und er selbst den Barometer, diesmal aber nicht zur Abschtzung der Hhe, sondern um verschiedene Anzeichen eines drohenden Wetterumschlags zu erkennen. Onkel Prudent glaubte auch zu bemerken, da Robur in Erfahrung zu bringen suchte, wie viel er noch an Vorrthen aller Art, ebenso derjenigen zur Unterhaltung der Treib- und Auftriebsmaschinen des Aeronefs, wie derjenigen fr die menschlichen Maschinen besa, da es darauf ankam, auch diese und ihre Arbeitskraft in bestem Zustand zu erhalten. Alles das schien auf eine geplante Umkehr hinzudeuten. "Umkehr? ... sagte Phil Evans, aber wohin? -- Dahin, wo sich Robur frisch verproviantiren kann, antwortete Onkel Prudent. -- Das mte irgend eine im Stillen Ocean verlorene Insel sein, mit einer, ihres Chefs ganz wrdigen Colonie von Verbrechern. -- Das ist auch meine Ansicht, Phil Evans. Ich glaube wirklich, er wird nach Westen zu wenden lassen, und bei der Schnelligkeit, ber die er verfgt, drfte er sein Ziel bald genug erreicht haben. -- Wir wrden jedoch unseren Plan nicht mehr zur Ausfhrung bringen knnen ... wenn er daselbst ankommt ... -- Er wird nicht ankommen, Phil Evans!" Wie sich zeigte, hatten die beiden Collegen die Absichten des Ingenieurs wenigstens zum Theil errathen. Im Laufe des Tages noch schwand jeder Zweifel, da der "Albatros", nachdem er die Grenzen des sdlichen Eismeeres gestreift, entschieden wieder rckwrts steuerte. Wenn die Eisschollen auf dem Wasser bis zum Cap Horn hintrieben, muten sich die sdlicheren Theile des Stillen Weltmeeres ganz mit Eisfeldern und Eisbergen bedecken, und das Packeis bildete dann einen undurchdringlichen Wall fr die festesten Schiffe, wie fr die tollkhnsten Reisenden. Gewi htte der "Albatros", wenn er seinen Flgelschlag beschleunigte, diese ber den Ocean aufgethrmten Eisberge ebenso berfliegen knnen, wie die auf dem Festlande des Polarkreises aufragenden Gebirge -- wenn es berhaupt ein Festland ist, was das Sdende der Erdachse berdeckt. Doch entschieden wrde er nicht gewagt haben, inmitten der finsteren Polarnacht auch einer Polarluft Trotz zu bieten, welche sich zuweilen bis 60 Grad unter Null abkhlen kann. Nachdem er also etwa hundert Kilometer nach Sden vorgedrungen, wandte sich der "Albatros" nach Westen, so, als ob er die Richtung nach einer unbekannten Insel des Archipels des Stillen Oceans einschlge. Unter ihm breitete sich die flssige Ebene aus, welche zwischen die Lndermasse Amerikas und Asiens geworfen ist. Jetzt hatten die Fluthen derselben jene eigenthmliche Frbung angenommen, die zum Theil dem Ocean den Namen des "Milchmeeres" erworben haben. In dem Halbdunkel, welches die matten Sonnenstrahlen niemals wirklich durchdrangen, erschien die ganze Oberflche des Stillen Weltmeeres wirklich milchig wei. Man htte ein ungeheures Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen Bodensenkungen und Erhebungen aus dieser Hhe nicht zu erkennen wren. Wre auch dieser ganze Meerestheil durch die Klte zu einem einzigen Eisfeld erstarrt gewesen, der Anblick desselben htte kaum ein anderer sein knnen. Jetzt wei man, da es Myriaden leuchtender Theilchen, phosphorescirende Krperchen sind, welche diese Erscheinung erzeugen. Merkwrdig blieb nur der Umstand, diesen opalisirenden Massen auerhalb des indischen Oceans zu begegnen. Nachdem der Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich hoch gehalten hatte, fiel er pltzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das fr jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wre, whrend der Aeronef es auer Acht lassen konnte. Jedenfalls lie dasselbe aber erkennen, da in letzter Zeit ein furchtbarer Sturm die Gewsser des Pacifischen Oceans aufgewirbelt haben mochte. Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat. "Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am Horizont? ... Dort, gerade im Norden vor uns ... ein Felsen kann das nicht sein? -- Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land. -- Dann mu es ein Schiff sein, oder doch irgend ein Fahrzeug." Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner bezeichneten Punkt hinaus. Robur lie sich sein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den fraglichen Gegenstand. "Es ist ein Boot, sagte er, und ich mchte behaupten, da sich Menschen in demselben befinden. -- Schiffbrchige? rief Tom. -- Ja, Schiffbrchige, welche gezwungen gewesen sein werden, ihr Schiff zu verlassen, erklrte Robur; Unglckliche, welche nicht wissen, wo sie Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und Durst umkommen. Wohlan, es soll Niemand sagen knnen, der "Albatros" htte nicht den Versuch gemacht, ihnen Hilfe zu bringen!" Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dem entsprechend Befehl und der Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Hhe hielt er damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden. Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing und das wegen Mangels an Wind nicht vorwrts kommen konnte. Die an Bord befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder zu handhaben. Auf dem Boden desselben lagen fnf Menschen, die eingeschlafen oder vor Entkrftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod sie schon ereilt hatte. Ueber ihnen angekommen, ging der "Albatros" langsam nach unten. Am Heck des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, zu dem es gehrt hatte; es war die "Jeannette" von Nantes gewesen, ein franzsisches Schiff, das seine Besatzung hatte aufgeben mssen. "Aoh!" rief Tom Turner. Die Leute muten ihn wohl hren, denn sie befanden sich kaum achtzig Fu unter ihm. Keine Antwort. "Schiet ein Gewehr ab!" sagte Robur. Der Befehl wurde ausgefhrt und der Knall des Schusses verbreitete sich weithin ber die Oberflche des Wassers. Da sah man einen der Schiffbrchigen sich mhsam aufrichten, seine Augen lagen tief in ihren Hhlen, so da das Gesicht mehr dem eines Skelets hnelte. Als er den "Albatros" bemerkte, malte sich in seinen Zgen erst der helle Schrecken. "Frchtet nichts! rief Robur ihm franzsisch zu. Wir kommen Euch zu retten. Wer seid Ihr?" -- Matrosen von der "Jeannette", einer Dreimastbark, deren zweiter Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn Tagen ... muten wir dieselbe verlassen ... weil sie schon im Sinken war ... Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel mehr! ..." Die vier brigen Schiffbrchigen hatten sich nach und nach etwas erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie die Hnde nach dem Aeronef empor. "Achtung!" rief Robur. Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit Swasser wurde zu dem Boote hinabgesendet. Die Unglcklichen strzten darber her und tranken mit einer Hast, welche fast widerlich mit anzusehen war. "Brot! ... Brot!" ... riefen sie. Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven, einem Flschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen herunter. Der zweite Officier hatte alle Mhe, die Leute bei der Stillung ihres Hungers nur einigermaen im Zaum zu halten. "Wo sind wir denn? fragte er dann. -- Fnfzig Meilen von der Kste von Chili und dem Chonas-Archipel, antwortete Robur. -- Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und ... -- Wir werden Sie in's Schlepptau nehmen. -- Wer sind Sie? -- Leute, die sich glcklich schtzen, da sie im Stande waren, Euch Hilfe zu bringen," erwiderte einfach Robur. Der Mann begriff, da er hier ein Incognito zu respectiren habe. Doch war es wirklich mglich, da diese Maschine Kraft genug besa, sie zu schleppen? Ja; durch Vermittlung eines hundert Fu langen Kabels wurde das Boot von dem mchtigen Apparat nach Osten hingezogen. Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel fr die Schiffbrchigen der "Jeannette", und sie hatten gewi einiges Recht, ihre Rettung fr ein Wunder zu halten. Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstrae zwischen den Chonas-Inseln gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau schieen zu lassen, was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, und der "Albatros" steuerte wieder auf die offene See hinaus. Entschieden besa er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der auf diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wre im Stande gewesen, es ihm nachzuthun? Unter sich muten auch Onkel Prudent und Phil Evans das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die Wahrheit des ganzen Zwischenfalls zu leugnen. Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende Vorzeichen auf. Der Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und wann brausten sehr heftige Ben daher, welche in den helikopterischen Maschinen des "Albatros" ein lautes Pfeifen verursachten und diesen merkbar aufhielten. Unter solchen Umstnden htte ein Segelschiff schon die Marssegel zweimal und das Focksegel einmal reefen mssen. Alles deutete darauf, da der Wind nach Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr des Sturmglases fing an, sich beunruhigend zu trben. Um ein Uhr Morgens erlangte der Wind eine ungewhnliche Heftigkeit. Obgleich der Aeronef denselben ganz von vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn doch noch forttreiben, so da er etwa vier bis fnf Meilen in der Stunde zurcklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen. Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen Breiten sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im Atlantischen, Typhon im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und Tornado an der Westkste nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der groe Gefahren mit sich bringt. Ja, Gefahren fr jedes Fahrzeug, das von seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin zunimmt und nur eine Stelle ruhig lt, den innersten Mittelpunkt dieses Maelstromes der Lfte. Robur wute das. Er wute auch, da es rathsam war, einem Cyclon zu entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung nach hheren Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer vermocht. Aber es war keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu verlieren. In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren Kmmen zerrissenen Wellen trugen einen weilichen Staub ber die Meeresflche hin. Es war auch zu erkennen, da der Cyclon beim Fortschreiten mit rasender Schnelligkeit sich den Polargebieten nhern mute. "Hinauf! befahl Robur. -- Hinauf!" wiederholte Tom Turner. Dem Aeronef wurde die uerste Auftriebskraft ertheilt und er erhob sich in schiefer Richtung, als steige er eine schiefe Ebene empor, die sich nach Sdwesten hin senkte. Da fiel der Barometer noch weiter -- die Quecksilbersule sank schnell um acht, dann um zwlf Millimeter. Pltzlich hrte die aufsteigende Bewegung des "Albatros" vollstndig auf. Was veranlate diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft infolge einer sehr starken Strmung, die von oben nach unten zu stattfand und den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte. Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfhrt, erzeugt seine Schraube eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strmende Wasser zwischen ihren Flgeln hindurchfliet. Dann bleibt er zurck und das kann so weit gehen, da er mit der Strmung zurckgeht. In dieser Lage befand sich jetzt der "Albatros". Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die schnellstmgliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Whrend kurzer Stillen stieg er wieder etwas in die Hhe. Dann zog ihn der schwerere Luftdruck auf's Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im Untergehen. Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere nennen, inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des "Albatros" nur in geringem Umfange unterbrachen? Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der "Albatros" gewi bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln hinweggetragen wurde, welche Bume entwurzeln, Dcher abdecken und oft ganze Mauern umwerfen. Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verstndlich machen. An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil Evans, ob das schauerliche Meteor nicht fr sie eintreten und den Aeronef mit seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze Geheimni der Erfindung vernichten wrde. Da es nun dem "Albatros" nicht gelang, sich in lothrechter Richtung diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, den verhltnimig stilleren Mittelpunkt desselben aufzusuchen, wo er mehr Herr seiner Manver war. Gewi; doch um zu jenem vorzudringen, mute er die Kreisstrme berwinden, die ihn an ihren Peripherien mit fortzerrten. Besa er wirklich genug mechanische Krfte, sich diesen zu entreien? Pltzlich barsten jetzt die Wolken ber ihm; die Dnste verdichteten sich zu einem furchtbaren Platzregen. Es war um zwei Uhr Morgens. Der um zwlf Millimeter auf- und abschwankende Barometer war bis auf 709 gefallen, wobei allerdings die Hhe, welche der Aeronef ber dem Meere einnahm, in Rechnung zu ziehen ist. Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon auerhalb der Zonen, die er sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem 30. Grade nrdlicher und dem 27. Grade sdlicher Breite. Vielleicht erklrt sich hierdurch, warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen gewhnlichen, ziemlich geradlinig verlaufenden berging. Doch welcher Orkan wthete dafr! Der Windsto von Connecticut am 22. Mrz 1882 htte ihm etwa verglichen werden knnen, dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der Secunde, d. h. ber hundert Meilen in der Stunde, erreichte. Es blieb jetzt also nichts brig, als nach rckwrts zu entfliehen, wie ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser Strmung mit forttragen zu lassen, die der "Albatros" nicht berwinden und aus der er sich nicht befreien konnte. Doch wenn er dieser ihm aufgezwungenen Strae folgte, floh er nach dem Sden hin und wurde nach den Polargebieten verschlagen, welche Robur hatte vermeiden wollen. Doch da er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, mute er ja hingehen, wohin der Orkan ihn trug. Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen geschleudert zu werden. Mit den ersten Stunden des Tages -- wenn man den schwachen Schein, der den Horizont frbte, so nennen konnte -- hatte der "Albatros" vom Cap Horn her fnfzehn Breitengrade hinter sich gelassen, d. h. ber vierhundert Meilen, und er berschritt nun den Polarkreis. Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die kalte Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um fast sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlngert sich diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete darauf hin, da sich der "Albatros" wie in einen Abgrund in dieselbe strzen msse. An diesem Tage htte eine Beobachtung, wenn eine solche mglich gewesen wre, die sdliche Breite von 66 Grad 40 Minuten ergeben. Der Aeronaut befand sich also nun vierzehnhundert Meilen vom antarktischen Pol. Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel hingezogen, "verzehrte" seine Geschwindigkeit so zu sagen seine ganze Schwere, obwohl diese infolge der Abplattung der Erde am Pol hier eine noch grere war. Seine Auftriebsschrauben konnten sich das ja wohl gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine so ungeheure, da Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein Minimum zu reduciren beschlo, um diese vor ernsten Beschdigungen zu schtzen und doch ein wenig bei der geringsten mglichen eigenen Geschwindigkeit durch das Steuerruder wirken zu knnen. Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit grter Kaltbltigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, als ob die Seele des Chefs auch in ihr lebte. Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie brigens ohne alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick verlassen. Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der Aeronef befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich mit dem Fluidum, in dem er ganz eintaucht, fortbewegt. Das sdliche Polargebiet umfat der gewhnlichen Angabe nach eine Flche von viereinhalb Millionen (englische) Quadratmeilen, doch wei man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen Archipel oder nur ein Meer enthlt, dessen Eis selbst whrend der langen Sommerszeit nicht zum Schmelzen kommt. Bekannt ist dagegen, da der Sdpol noch klter ist, als der Nordpol, eine Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in ihrer Bahn whrend des Winters der antarktischen Region abgeleitet wird. Whrend des Tages trat kein Anzeichen ein, da der Sturm abnehmen werde. Der "Albatros" gelangte unter den 75. Grad westlicher Lnge nach dem Polargebiete. Wer htte wissen knnen, unter welchem Meridian er wieder aus demselben heraustreten sollte? Je mehr er nach Sden hinabkam, desto mehr verminderte sich die Tageslnge. Binnen Kurzem mute er sich in der fortwhrenden Nacht befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem schwachen Leuchten der Sdlichter erhellt wird. Jetzt war aber Neumond, und die Gefhrten Robur's liefen Gefahr, gar nichts von jenen Gegenden zu sehen, deren Geheimni der Mensch noch nicht zu entschleiern vermocht hat. Hchst wahrscheinlich kam der "Albatros" nahe dem Polarkreise ber einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen ber das Graham-Land, welches Bisco 1832 entdeckt hat, und ber das Louis Philipp-Land, das Dumont d'Urville als uersten Auslufer des unbekannten Festlandes 1838 entdeckte. An Bord litt man zwar nicht besonders von der Klte, welche nicht so arg war, als man eigentlich frchten mute. Der Orkan schien eine Art Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wrme mit sich fhrte. Wie bedauerlich war es, da diese ganze Gegend in Finsterni lag! Hierzu kommt noch, da selbst bei vollem Mondschein jede Beobachtung sehr beschrnkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt eine ungeheure Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze Oberflche des Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen "Blink" der Eismassen, den weilichen Schein, der sich an dem dunklen Horizonte nicht widerspiegeln kann. Wie htte Jemand unter diesen Umstnden die Gestalt von Lndern, die Ausdehnung der Meere oder die Vertheilung von Inseln zu erkennen vermocht? Wie htte man sich ber das hydrographische Netz des Landes unterrichten, oder selbst dessen orographische Anordnung aufnehmen knnen, da jetzt alle Hgel, alle Berge mit den Eisbergen und dem Packeise zu einer einzigen Masse verschmolzen? Kurz vor Mitternacht erhellte ein Sdpolarlicht einmal die tiefe Finsterni. Mit seinen silbernen Auslufern, seinen weit hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines ungeheuren Fchers, der etwa die Hlfte des Himmels einnahm. Die letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am sdlichen Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese Erscheinung war von wirklich unvergleichlicher Groartigkeit und ihre Helligkeit reichte hin, einen Ueberblick ber diese in grenzenloses Wei verhllte Gegend zu gewhren. Es versteht sich von selbst, da der Compa in diesen, dem magnetischen Sdpol so nahe gelegenen Gebieten gnzlich gestrt erschien und ber die eingehaltene Richtung keinerlei Aufklrung geben konnte. Die Inclination der Nadel wurde aber gelegentlich eine so bedeutende, da Robur annehmen mute, ber diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau im achtundsiebenzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein. Und spter, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut: "Jetzt ist der Sdpol unter unseren Fen!" Wohl sah man eine ganz weie Flche, aber nichts verrieth, was sie unter ihrem Eispanzer bergen mochte. Das Sdpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in dem sich alle Meridiane kreuzen, ist noch immer erst zu entdecken. Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle, die er trug, in der geheimnivollsten Einde zu begraben, so war jetzt die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so lag es daran, da ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine mangelte. Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, da der "Albatros", wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen htte, daran unbedingt ebenso zerschellt wre, wie ein Schiff, das auf eine felsige Kste geworfen wird. Augenblicklich vermochte er sich nmlich ebenso wenig horizontal fortzubewegen, wie er Herr ber sein Auf- und Absteigen war. Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammensto mglich, der die Vernichtung des ganzen Apparates htte herbeifhren mssen. Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu frchten, als der Wind, der nach dem Meridian 0 mehr zurckging, weiter nach Osten umschlug. Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom "Albatros" entfernt, zwei leuchtende Punkte. Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der Ro-, Erebus- und Terrorberge gehren. Sollte der "Albatros" in den Flammen gleich einem riesigen Schmetterling verbrennen? Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus dem Bett des Vulcans nicht befreien konnte, loszustrzen ... Sein Flammenbschel wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, das die Luft weithin erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren Gestalten nahmen ein halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten regungslos, ohne einen Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die entsetzliche Minute, in der dieser Hochofen sie mit seinen Flammen umhllen wrde. Der Orkan aber, der den "Albatros" mit sich fortri, rettete ihn auch vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm niedergedrckten Flammen des Erebus gaben ihm den gefhrlichen Weg frei, und inmitten eines Hagels von Lavastcken, welche durch die centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glcklicher Weise weggeschleudert wurden, kam er glcklich ber diesen in voller Eruption begriffenen Krater hinweg. Eine Stunde spter verdeckte schon der Horizont die beiden colossalen Flammen, welche das Ende der Welt whrend der langen Polarnacht erleuchten. Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der Kste der Entdeckung vorber, ohne diese jedoch erkennen zu knnen, da auch sie mit den Polarlndern durch festes Eis verkettet war. Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der "Albatros" unter dem fnfundsiebenzigsten Meridian durchschnitten, trug ihn der Orkan ber die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er sich hundertmal zu zertrmmern drohte. Er war eben nicht mehr in der Hand seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja der beste Pilot. Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem, unter welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von 105 Grad bildet. Endlich, jenseits des 60. Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der "Albatros" wurde wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam er jetzt, was eine groe Erleichterung gewhrte, wieder in die erleuchteten Theile der Erdkugel, und um acht Uhr Morgens brach der Tag an. Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glcklich entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan berstanden. Sie waren ber das ganze Sdpolargebiet weg, nachdem sie binnen neunzehn Stunden gegen siebentausend Kilometer zurckgelegt, wieder nach dem Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur eine Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so gro gewesen, als sie der "Albatros" unter gewhnlichen Umstnden htte entwickeln knnen. Infolge der Strung des Magnetismus seiner Companadel im Polargebiete, wute Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. Er mute also warten, bis die Sonne unter hinreichend gnstigen Verhltnissen schien, um eine directe Beobachtung zu gestatten. Unglcklicher Weise bedeckten dichte Wolken an diesem Tage den Himmel und die Sonne wurde berhaupt nicht sichtbar. Das war fr Alle desto betrbender, weil die beiden Treibschrauben whrend des Sturmes einige Beschdigungen erlitten hatten. Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur whrend des ganzen Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er ber den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in der Stunde zurck, denn er mute sich wohl hten, die Beschdigungen zu verschlimmern. Versagten seine beiden Treibschrauben etwa ganz vollstndig den Dienst, so wurde die Lage des Aeronefs ber dem ungeheuren Stillen Ocean eine sehr miliche. Der Ingenieur fragte sich auch schon, ob er die nthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und Stelle vornehmen lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern. Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet. Man erkannte bald, da das eine Insel war; doch welche von den Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger beschlo Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst zu gehen. Seiner Ansicht nach mute ein Tag hinreichen, die Havarien auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter fahren zu knnen. Der Wind hatte sich -- ein gnstiger Umstand zur Ausfhrung jenes Vorhabens -- fast vollstndig gelegt. Da er nun anhalten sollte, konnte der "Albatros" wenigstens nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen werden. Man lie also ein mit einem Anker versehenes hundertfnfzig Fu langes Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an den Rand der Insel kam, fate der Anker an den ersten Klippen desselben und legte sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel spannte sich unter der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der "Albatros" blieb unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande festgelegt wurde. Es war das erste Mal, da er seit der Abfahrt aus Philadelphia berhaupt mit der Erde in Berhrung kam. XV. Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewi der Mhe lohnt. Als der "Albatros" noch in gengend hoher Luftschicht schwebte, konnte man erkennen, da diese Insel von mittlerer Gre war. Doch welcher Breitengrad durchschnitt wohl dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war man gelangt? War jene eine Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens (Neu-Hollands) oder des Indischen Meeres? Das blieb so lange unbestimmt, bis Robur sein Besteck gemacht hatte. Obgleich dieser nun nicht im Stande gewesen war, Compaangaben zu Rathe zu ziehen, hatte er doch Ursache, zu glauben, da er sich ber dem Stillen Ocean befinde. Sobald nur die Sonne erschien, muten die Umstnde zu einer genauen Beobachtung hchst gnstige sein. Von dieser Hhe -- von etwa fnfhundert Fu -- aus zeigte sich die, gegen fnfzehn (englische) Meilen im Durchmesser haltende Insel in der Form eines dreispitzigen Seesterns. Vor deren Sdspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein Felsengewirr anschlo. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und Fluth zurckgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur's bezglich seiner augenblicklichen Lage zu bestrken schien, da die Gezeiten im Stillen Ocean fast gleich Null sind. An der Nordweste erhob sich ein nahezu kegelfrmiger Berg, dessen Hhe auf zwlfhundert Fu zu schtzen war. Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hatte der Aeronef, wenn sie diesen berhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranlat, sich zu verbergen oder zu entfliehen. Der "Albatros" hatte die Sdostspitze der Insel berhrt. Unfern derselben schlngelte sich in beschrnkter Bucht ein Flchen durch die Felsen. Weiterhin zeigten sich gewundene Thler mit verschiedenen Baumarten und zahlreichem wilden Geflgel, vorzglich Rebhhner und Trappen. Wenn die Insel nicht bewohnt war, so erschien sie danach also mindestens bewohnbar. Unzweifelhaft htte Robur hier an's Land gehen knnen, und wenn er es doch nicht that, so kam das nur daher, da der sehr unebene Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des Aeronefs zu bieten schien. Vor dem Wiederaufsteigen lie der Ingenieur die nothwendigsten Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben hatten selbst gegenber der grten Heftigkeit des Orkans vortrefflich functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit derselben sogar erleichterte. Augenblicklich war nur die Hlfte des Auftriebsmechanismus in Thtigkeit, doch hinreichend viel, um das lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten. Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar mehr, als Robur selbst voraussetzte. Mindestens muten deren Schaufeln wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden. Die Mannschaft beschftigte sich unter der Leitung Robur's und Tom Turner's mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter fr den Fall, da der "Albatros" aus irgend welchem Grunde genthigt sein knnte, vor vlliger Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und man schon mit diesem Propeller allein nthigenfalls eine gengende Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte. Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf der Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen. Frycollin zeigte sich jetzt merkwrdig beruhigt. Welcher Unterschied, nur noch hundertfnfzig Fu ber dem Erdboden zu schweben! Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne ber dem Horizonte zunchst einen Stundenwinkel zu messen und dann zur Zeit ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen gestattete. Als Resultat der mit grter Sorgfalt ausgefhrten Beobachtung ergab sich da eine Lnge von 176 17' westlich von Greenwich, Breite von 43 37' sdlich vom Aequator. Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande Viff, welche Gruppe gewhnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fnfzehn Grade stlich von Tawai-Pomanu, der sdlich gelegenen Inselhlfte Neuseelands im Sden des Stillen Oceans. "Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung berein, sagte Robur zu Tom Turner. -- Und wir befinden uns demnach ...? -- Sechsundvierzig Grade sdlich der Insel X, das heit gegen zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt. -- Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen, antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin knnten wir leicht widrige Winde antreffen, und mit Rcksicht auf unsere jetzt nur geringen Proviantvorrthe ist es von Wichtigkeit, die Insel X so schnell als mglich wieder anzulaufen. -- Gewi, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Triebschraube, whrend die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht wrde. -- Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und deren Diener ...? -- Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, htten sie darber sich zu beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?" Was war denn eigentlich diese Insel X? -- Eine in dem grenzenlosen Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu ihrem Namen erwhlt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg dem weiten Meere der Marquisen auerhalb aller Wege des interoceanischen Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie begrndet, da rastete der "Albatros", wenn er von seinem Fluge ermdet war, und da versah er sich auch mit allem Nothwendigen fr seine fast unaufhrlichen Reisen. Auf dieser Insel X hatte Robur, der ber reichliche Hilfsmittel verfgte, eine Werft errichten und seinen Aeronef erbauen knnen. Hier konnte er denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorrthen aller Art, welche hier mit Untersttzung der gegen fnfzig Kpfe zhlenden Einwohnerschaft aufgehuft wurden. Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht gewesen, sich schrg ber den Stillen Ocean nach der Insel X zu begeben. Da hatte aber die Cyklone den "Albatros" in ihren Wirbel gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach sdlicheren Zonen verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine ursprngliche Fahrtrichtung gedrngt worden, und abgesehen von den Beschdigungen seiner Triebschrauben, wre dieser Verzgerung keine besondere Bedeutung beizumessen gewesen. Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurckbegeben, doch war, wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein recht weiter, und hchst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch gegen widrige Winde anzukmpfen. Jedenfalls bedurfte es des Aufwandes aller mechanischen Kraft des "Albatros", um jenes Ziel zur bestimmten Zeit zu erreichen. Bei einigermaen guter Witterung und bei der gewhnlichen Fahrtgeschwindigkeit htte das sonst nur drei bis vier Tage beansprucht. Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam entschlossen, wo er wenigstens die vordere Triebschraube unter gnstigeren Verhltnissen wieder ausbessern konnte. Er frchtete dann nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz entgegengesetzte Brise erhob, nach Sden hin verschlagen zu werden, wenn er nach Norden zu fahren wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese Reparatur vollendet. Er traf also Anstalt, seinen Anker zu lichten. Sollte dieser zwischen den Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so war er entschlossen, einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen den Aequator zu beginnen. Es liegt auf der Hand, da das die einfachste Methode war und entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn auch sogleich verfolgt. Im Bewutsein, da jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, ging die Mannschaft des "Albatros" entschlossen an diese Arbeit. Und whrend die Anderen am Vordertheil des Aeronef beschftigt waren, fhrten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren Folgen von ganz auerordentlicher Bedeutung sein sollten. "Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, das Leben zum Opfer zu bringen? -- Ja, gleich Ihnen! -- Und noch einmal, es liegt auf der Hand, da wir von diesem Robur nichts zu hoffen haben. -- Nichts! -- Nun wohl, Phil Evans, mein Entschlu ist gefat. Da der "Albatros" noch heute spt Abends abfahren soll, wird die Nacht nicht vergehen, ohne da unser Werk vollbracht wre. Wir werden dem Vogel des Ingenieur Robur die Flgel zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft zersprengt! -- Haben Sie auch alles dazu Nthige in Bereitschaft? -- Gewi. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine Leute nur um die Rettung des Aeronefs bemhten, gelang es mir, in die Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen. -- So lassen Sie uns unverzglich an's Werk gehen, Onkel Prudent ... -- Nein, erst heute am Sptabend. Wenn es dunkel geworden ist, ziehen wir uns nach unserer Wohnung zurck und Sie bernehmen die Wache, da mich bei den Vorbereitungen Niemand berrascht." Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise. Zwei Stunden spter hatten sie sich nach ihrer Cabine zurckgezogen, als wollten sie sich fr die letzte schlaflose Nacht schadlos halten. Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten ahnen, welche Katastrophe den "Albatros" bedrohte. Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausfhrung zu schreiten: Wie schon erwhnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des Aeronefs angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers und einer Patrone bemchtigt, die ganz mit denen bereinstimmte, deren sich der Ingenieur frher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine zurckgekehrt, hatte er die Patrone sorgfltig versteckt, mit der der "Albatros", wenn er in der Nacht seinen Flug durch die Lfte wieder begonnen, gesprengt werden sollte. Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten Explosionskrper. Dieser bestand aus einer lngeren Hlse, deren metallene Wand etwa ein Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich eine hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu reien und sein vielfltiges Steigschrauben-Getriebe zu zerstren. Vernichtete ihn die Explosion aber nicht mit einem Schlage, so mute der Sturz in die Tiefe das Zerstrungswerk vollenden. Die Form und Gre der Patrone begnstigten es brigens auerordentlich, diese in einer Ecke der Cabine so anzubringen, da sie die Plattform unbedingt durchschlug und ihre Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion konnte nun aber nur durch das Zndhtchen, mit dem die Patrone ausgerstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste Theil des ganzen Vorhabens, denn dieses Zndhtchen sollte nur nach vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden. Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgendermaen gedacht: Gleich nach Vollendung der Reparaturarbeiten in der Vordertriebschraube sollte der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen: wenn Obiges aber geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, da Robur mit seinen Leuten nach dem Hinterdeck kommen wrde, um auch die hintere Triebschraube wieder in guten Stand zu setzen. Die Anwesenheit der gesammten Mannschaft an der Nhe der Cabine aber konnte Onkel Prudent leicht bei seiner Thtigkeit stren. Deshalb hatte er sich zur Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen. Er sprach sich darber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus: "Als ich mir die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas Pulver mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, deren Lnge mit ihrer gewnschten Brenndauer in Uebereinstimmung zu bringen sein wird und deren Ende ich in dem Zndhtchen zu befestigen gedenke. Meine Absicht geht nun dahin, dieselbe um Mitternacht anzuznden und die Explosion zwischen drei und vier Uhr frh erfolgen zu lassen. -- Gut ausgedacht!" antwortete Phil Evans. Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin gelangt, mit grter Kaltbltigkeit das schreckliche Vernichtungswerk zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen sollten. Sie trugen eben eine solche Summe von Ha gegen Robur und seine Leute in sich, da ihnen selbst die Aufopferung des eigenen Lebens nicht zu gro erschien, nur um den "Albatros" und Alle, die er mit durch die Lfte fhrte, mit einem Schlage zu vernichten. Zugegeben, da diese That ein sinnloses, ein verruchtes Unterfangen war; nach vollen fnf Wochen eines nie zum Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie besnftigten stillen Wuth lieen sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten. "Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, ohne ihn zu fragen, auch ber sein Leben zu verfgen? -- Wir opfern ja auch das unsrige," entgegnete Onkel Prudent. Es drfte zweifelhaft sein, da Frycollin das als stichhaltigen Grund angesehen htte. Onkel Prudent ging also sofort an's Werk, whrend Phil Evans vor dem Ruff Wache hielt. Die Mannschaft war noch immer am Vordertheil beschftigt und eine Ueberraschung vorlufig also kaum zu frchten. Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, fllte er es, um eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand herstellten Schlauch. Durch eine vorlufige Probe berzeugte er sich, da diese binnen zehn Minuten fnf Centimeter weit verglimmte, bei der Lnge von einem Meter also drei und einhalb Stunden ausreichen mute. Er lschte die Lunte nun wieder aus, umwand sie fest mit Bindfaden und fhrte das Ende derselben in das Zndhtchen ein. Alles das war, ohne den geringen Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn Uhr Abends vollendet. Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine. Whrend derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen Triebschraube eifrig gefrdert worden; man hatte diese aber ganz hereinnehmen mssen, um die jetzt falsch gebogenen Flgel abheben zu knnen. Weder Batterien, noch Accumulatoren, berhaupt nichts, was zur Erzeugung der mechanischen Kraft des "Albatros" gehrte, hatte durch die Wuth der Cyklone Schaden gelitten, und jedenfalls war noch fr vier bis fnf Tage hinreichender Kraftvorrath vorhanden. Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit unterbrachen, ohne die vordere Triebschraube bisher wieder an richtiger Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistndigen Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach kurzer Rcksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafr, seinen von der gehabten Anstrengung erschpften Leuten einige Erholung zu gnnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was noch zu thun brig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die peinlichste Sorgfalt erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, whrend die Positionslaternen dazu nur ungengendes Licht htten liefern knnen. Hiervon wuten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. Nach den ihnen zu Ohren gekommenen Aeuerungen Robur's muten sie voraussetzen, da die vordere Triebschraube vor Einbruch der Nacht schon wieder vllig in Stand gesetzt sei und der "Albatros" seine Fahrt nach Norden unverzglich angetreten habe. Sie hielten diesen also fr losgelst von der Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt. Dieser Umstand aber sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar nicht geahnte Wendung geben. Es war eine dunkle, mondeslose Nacht, deren Finsterni schwere Wolken nur noch tiefer machten. Von Sdwesten her wehte dann und wann ein leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den "Albatros" nicht von der Stelle, sondern letzterer hielt sich an seinem Anker still, dessen senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde fesselte. In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein College nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der Auftriebsschrauben, das jedes andere Gerusch an Bord bertnte, und erwarteten nun den Augenblick zum Handeln. Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent: "Es ist nun Zeit!" Unter den Lagersttten der Cabine befand sich ein schubladenartiger Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch aufflligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel Prudent zndete das freie Ende derselben an und schob den Koffer wieder unter das Bett zurck. "Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten." Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen. Da bog sich Phil Evans ber das Deck hinaus. "Der "Albatros" schwebt noch am nmlichen Orte, sagte er leise. Die Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht abfahren knnen." Ueber Onkel Prudent's Gesicht lief ein Zug der Enttuschung. "So mssen wir die Lunte lschen, sagte er. -- Nein ... aber uns retten! erwiderte Phil Evans. -- Uns retten? -- Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. Hundertfnfzig Fu hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten. -- Nichts, besttigte Onkel Prudent, und wir wren reine Thoren, eine so unerwartet gnstige Gelegenheit unbentzt zu lassen." Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurck und versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines krzeren oder lngeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedrfen zu knnen. Nachdem sie die Thr wieder geschlossen, schlichen sie mglichst geruschlos nach dem Vorderdeck. Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht mit ihnen veranlagen. Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenstrmung von Sdwesten wurde etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem Anker, indem er, so weit es das gespannte Kabel zulie, leicht in verticaler Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr Schwierigkeiten zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei Mnner abzuschrecken, die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr Leben geradezu wegzuwerfen. Beide schlichen also ber das Deck hin und standen zuweilen, geschtzt durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend ein Gerusch vernehmbar werde. Nein ... Alles still. Kein Schein zitterte durch die Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend da, er war vielmehr in Schlaf versunken. Onkel Prudent und sein Begleiter nherten sich schon der Cabine Frycollin's, als Phil Evans pltzlich stehen blieb. "Der Wachtposten!" sagte er. Wirklich lag ein Mann in der Nhe eines der Ruffs. Offenbar konnte derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser Lrm schlug, mute die Flucht unmglich werden. Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstcke und Werg, was Alles bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war. Eine Minute spter war der Mann geknebelt, ber und ber eingewickelt und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so da er weder einen Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen konnte. Alles das vollzog sich fast ohne jedes Gerusch. Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt ... Selbst im Inneren der Ruffs lie sich kein Laut hren. Was an Bord war, lag in festem Schlafe. Die beiden Flchtlinge -- denn diesen Namen darf man ihnen wohl geben -- kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. Franois Tapage lie ein hchst beruhigendes Schnarchen vernehmen. Zur grten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thr Frycollin's nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat einen Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurck. "Da ist Niemand d'rin, flsterte er. -- Niemand ... Wo knnte er sein?" murmelte Phil Evans. Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin mchte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein. Auch hier fand sich Niemand. "Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein? ... fragte Onkel Prudent. -- Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir knnen unbedingt nicht lnger warten. Vorwrts!" Ohne Zgern packten die Flchtlinge einer nach dem anderen das Tau mit den Hnden und hielten sich auch mit den Fen daran fest, dann glitten sie daran herab und kamen heil und gesund zur Erde nieder. Welches Entzcken fr sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen so lange gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht mehr ein Spielball der Luft zu sein! Sie suchten eben, lngs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach dem Inneren der Insel zu gelangen, als sich pltzlich vor ihnen ein Schatten erhob. Das war Frycollin. Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn gekommen war, und sogar die Khnheit, denselben ohne jede Meldung vorher zur Ausfhrung zu bringen. Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel Prudent drngte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren Theilen der Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb. "Hren Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt auer dem Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind einem schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, da er ihn verdient hat. Wenn er aber nun bei seiner Ehre schwren wollte, von jedem Versuche, uns wieder mit sich zu schleppen, abzugehen ... -- Die Ehre eines solchen Mannes ..." Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des "Albatros" entstand eine auffllige Bewegung. Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt worden. "Hierher, hierher," rief eine Stimme. Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhllung doch hatte abstreifen knnen. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre elektrischen Strahlen ber einen weiten Umkreis. "Da sind sie! Da unten!" rief Tom Turner. Die Flchtlinge waren erkannt worden. Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur's hin die Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des Ankertaues begann der "Albatros" sich der Erde zu nhern. In diesem Augenblick lie sich deutlich die Stimme Phil Evans' vernehmen: "Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier auf dieser Insel frei zu lassen? -- Niemals!" entgegnen Robur bestimmt. Diese Antwort begleitete berdies der Knall eines Gewehres, dessen Gescho die Schulter Phil Evans' streifte. "Ah, diese Schurken!" rief Onkel Prudent. Sein Messer in der Hand, strzte er damit schon nach dem Felsen, zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich nur noch fnfzig Fu ber der Erde. Binnen wenigen Secunden war das Tau durchschnitten, und die inzwischen merklich aufgefrischte Brise, die den "Albatros" in schiefer Richtung traf, fhrte diesen nach Nordosten ber das Meer hinaus. XVI. Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen Ungewiheit lt. Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht. Noch fnf bis sechs Flintenschsse krachten von dem Aeronef herunter. Phil Evans untersttzend, hatten sich Onkel Prudent und Frycollin unter den Schutz der Felsen geflchtet, ohne von einer Kugel verletzt zu werden. Fr den Augenblick hatten sie nichts mehr zu frchten. Zunchst wurde der "Albatros", whrend er sich gleichzeitig von der Insel Chatam entfernte, zu einer Hhe von neunhundert Metern emporgetrieben. Er hatte seine Aufstiegsschnelligkeit vergrern mssen, um nicht in's Meer zu fallen. In dem Augenblick, als der von seiner Emballage befreite Wachtposten den ersten Ausruf ausgestoen hatte, waren Robur und Tom Turner auf ihn zugeeilt und hatten ihn vollends von der den Kopf umschlieenden Leinwandhlle befreit und seine Fesseln gelst. Darauf strzte der Obersteuermann gleich nach der Cabine des Onkel Prudent und Phil Evans, fand diese aber leer. Franois Tapage hatte inzwischen die Cabine Frycollin's durchsucht; auch in dieser war Niemand mehr. Als Robur die Ueberzeugung gewann, da seine Gefangenen ihm entronnen waren, ergriff ihn der heftigste Zorn. Mit dem Entweichen des Onkel Prudent und Phil Evans' war sein Geheimni und seine Persnlichkeit aller Welt offenbart. Wegen jenes bei der Fahrt ber Europa herabgeworfenen Schriftstckes hatte er sich deshalb weit weniger Sorge gemacht, weil er annehmen durfte, da dasselbe beim Niederfallen berhaupt verloren gegangen sei ... Jetzt lag die Sache aber ganz anders. Dann suchte er sich wieder zu beruhigen. "Sie sind vorlufig zwar entflohen, sagte er sich; da sie von der Insel Chatam aber vor Ablauf einiger Tage nicht wegkommen knnen, so werde ich dahin zurckkehren. Ich werde sie suchen ... sie wieder einfangen ... und dann ..." In der That konnten sich die drei Flchtlinge noch keineswegs als gerettet betrachten. Erlangte der "Albatros" erst seine Manvrirfhigkeit wieder, so erschien er sicherlich wieder bei der Insel Chatam, von der Jene schwerlich zeitig genug zu entkommen vermochten. Schon vor Verlauf von zwlf Stunden konnten sie ungnstigen Falles dem Ingenieur wieder in die Hnde gerathen sein. Vor Verlauf von zwlf Stunden? Aber binnen zwei Stunden sollte der "Albatros" ja vernichtet sein! Glich jene Dynamitpatrone nicht einem an seiner Wand befestigten Torpedo, der das Zerstrungswerk mitten in der Luft vollfhren sollte? Inzwischen wurde der Aeronef von der noch mehr sich versteifenden Brise weiter nach Nordost hin getrieben und mute mit Sonnenaufgang die Insel Chatam unbedingt aus dem Gesichte verloren haben. Um gegen den Wind aufkommen zu knnen, htten seine Triebschrauben, mindestens die eine am Vordertheil, zu functioniren im Stande sein mssen. "Tom, rief der Ingenieur, lat die Signallaternen so hell als mglich leuchten. -- Sogleich, Master Robur. -- Und dann Alle an die Arbeit! -- Alle!" wiederholte der Obersteuermann. Jetzt konnte nicht mehr davon die Rede sein, die Vollendung der nthigen Reparaturen bis zum anderen Morgen aufzuschieben. Auf dem "Albatros" gab es keinen Mann, der nicht den Eifer seines Chefs getheilt, keinen einzigen, der nicht das Verlangen gehabt htte, die Flchtlinge wieder zu ergreifen. Sobald die vordere Triebschraube richtig eingesetzt war, wollte man nach Chatam umkehren, sich daselbst vor Anker legen und die Spur der Entflohenen verfolgen. Erst nachher sollte die Ausbesserung der hinteren Schraube vorgenommen werden, damit der Aeronef dann mit aller Sicherheit seine Reise ber den Stillen Ocean und nach der Insel X ausfhren knne. Jedenfalls erschien es von Bedeutung, da der "Albatros" nicht allzu weit nach Nordost verschlagen wrde. Leider wurde der Wind aber immer strker und er konnte gegen denselben jetzt nicht aufkommen, ja, sich nicht einmal an ein und derselben Stelle erhalten. Seiner Triebschrauben beraubt, war er eben zum unlenkbaren Aerostaten geworden. Die noch an der Kste weilenden Flchtlinge konnten sich noch berzeugen, da er vollstndig auer Sicht gekommen war, ehe die vorbereitete Explosion ihn in Stcke ri. Der jetzige Zustand der Dinge flte Robur doch einige Beunruhigung ein, da er nur mit ziemlich bedeutender Verzgerung nach der Insel Chatam zurckzukehren hoffen durfte. Er entschlo sich deshalb, whrend alle Hnde mit der so nothwendigen Ausbesserung beschftigt waren, sich tiefer niederzulassen, in der Erwartung, damit eine schwchere Luftstrmung anzutreffen. Vielleicht konnte sich der "Albatros" in diesen Schichten wenigstens an der Stelle erhalten, bis er wieder eigene Kraft genug zu uern vermochte, um gegen die Brise mit Erfolg anzukmpfen. Dieses Manver wurde auch sogleich ausgefhrt. Wenn jetzt ein Schiff in der Nhe gewesen wre, wie wrde dessen Mannschaft erschrocken sein beim Anblick der Evolutionen dieses gewaltigen Apparates? Als der "Albatros" nur noch wenige hundert Fu ber der Meeresflche schwebte, wurde sein Niedergang aufgehalten. Leider mute sich Robur berzeugen, da der Wind in diesen niederen Zonen nur noch heftiger wehte und der Aeronef also mit noch grerer Schnelligkeit dahin getrieben wurde. Er lief hiermit natrlich Gefahr, sehr weit nach Nordost verschlagen zu werden, was die Rckkehr nach der Insel Chatam noch mehr verzgern mute. Nach diesen vergeblichen Versuchen wurde daher wieder beschlossen, sich mehr in den oberen Lagen der Atmosphre zu erhalten, wo das Luftmeer in besserem Gleichgewicht und deshalb weniger bewegt war. Der "Albatros" stieg also wieder zu einer mittleren Hhe von dreitausend Meter empor. Blieb er hier auch nicht stationr, so trieb er doch wenigstens nur langsam weiter. Der Ingenieur konnte also hoffen, da er bei Tagesanbruch und von dieser Hhe aus die Insel, deren geographische Lage er brigens mit vollkommener Sicherheit aufgenommen hatte, noch werde sehen knnen. Darum, ob die Flchtlinge Seitens der Eingeborenen -- im Fall die Insel bewohnt war -- einen freundlichen Empfang gefunden hatten, oder nicht, machte Robur sich keine weitere Sorge. Ob ihnen die Inselbewohner hilfreich beistanden, war fr ihn ziemlich belanglos. Durch die Angriffswaffen, ber die der "Albatros" verfgte, wrden sie sicherlich erschreckt und schnell zerstreut werden. Die Wiedererlangung der Gefangenen war also eine leichte Aufgabe, und einmal ergriffen ... "Nun, von der Insel X entflieht Niemand!" sagte Robur. Eine Stunde nach Mitternacht war die vordere Triebschraube wieder in Stand gesetzt. Es erbrigte nun blo noch die Montirung derselben, d. h. die gehrige Anbringung derselben an der Welle, was eine weitere Stunde Arbeit erforderte. Nachher sollte der "Albatros", den Bug nach Sdwest gerichtet, sogleich abfahren und die Reparatur der hinteren Triebschraube in Angriff genommen werden. Aber die Lunte, welche in der verlassenen Cabine glimmte, diese Lunte, von der schon der dritte Theil aufgezehrt war! ... Und jener Funken, der sich mehr und mehr der Dynamitpatrone nherte! ... Wre die Mannschaft des Aeronefs nicht gar so dringlich beschftigt gewesen, so htte doch vielleicht Einer das schwache Knistern wahrgenommen, welches jetzt dann und wann in dem Ruff entstand; vielleicht htte er auch den Geruch verbrannten Pulvers bemerkt. Das htte ihn sicherlich so beunruhigt, da er dem Ingenieur davon Mittheilung machte. Bei genauer Nachforschung konnte dann der Kasten, in dem der explodirende Krper verborgen war, nicht unentdeckt bleiben. Es wre also noch Zeit gewesen, den wunderbaren "Albatros" und Alle, die er trug, zu retten. Die Leute arbeiteten aber auf dem Vorderdeck und wenigstens zwanzig Meter entfernt von dem Ruff der Entflohenen. Noch rief sie nichts nach diesem Theile des Decks, sowie nichts sie von einer Beschftigung ablenken konnte, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Robur legte als geschickter Mechaniker persnlich Hand mit an. Er betrieb die Arbeit, ohne doch irgendwie zu vernachlssigen, da Alles mit grter Sorgfalt ausgefhrt wurde, da es ihm ja darauf ankam, seines Apparates vollstndig Herr zu werden. Gelang es ihm nicht, die Gefangenen bald wieder in seine Gewalt zu bringen, so fanden diese voraussichtlich Gelegenheit, in ihr Vaterland zurckzukehren. Dann wurden jedenfalls Nachforschungen angestellt und die Insel X konnte dabei mglicher Weise aufgefunden werden; damit aber wre das Ende der Existenz gekommen, welche sich die Leute, die der "Albatros" trug, geschaffen hatten -- das Ende dieser bermenschlichen, so zu sagen hocherhabenen Lebensweise. Eben jetzt trat Tom Turner an den Ingenieur heran. Es war ein Viertel nach ein Uhr. "Master Robur, begann er, mir scheint, die Brise hat Neigung abzuflauen und mehr nach Westen umzuschlagen. -- Und was zeigt der Barometer? fragte Robur, nachdem er den Himmel flchtig betrachtet. -- Er hlt sich ziemlich genau auf demselben Punkte, antwortete der Obersteuermann. Auerdem kommt es mir vor, als ob die Wolkenlagen unter dem "Albatros" sich senkten. -- Ganz recht, Tom Turner, und in diesem Falle wre es nicht unwahrscheinlich, da ber dem Meere jetzt Regen fiele. Bleiben wir jedoch ber der Regenzone schweben, so kmmert uns das ja nicht, und wir werden an der Vollendung unserer Arbeiten dadurch nicht gestrt werden. -- Wenn jetzt Regen fllt, meinte Tom Turner, so kann es nur ein ganz feiner sein -- die Form der Wolken lt das wenigstens muthmaen -- und hchst wahrscheinlich legt sich tiefer unten der Wind bald gnzlich. -- Ohne Zweifel, Tom, antwortete Robur. Immerhin scheint es mir zweckmiger, noch nicht hinunter zu gehen. Beeilen wir uns erst, alle erlittenen Beschdigungen auszubessern, dann knnen wir ja nach Belieben manvriren, und das ist die Hauptsache." Wenige Minuten nach zwei Uhr war der erste Theil der Arbeit vollendet. Nach Wiedereinsetzung der vorderen Triebschraube wurden die jene treibenden Batterien in Thtigkeit gesetzt. Nach und nach beschleunigte sich die Bewegung des "Albatros", und, den Bug nach Sdwest gerichtet, kehrte er mit mittlerer Geschwindigkeit in der Richtung nach der Insel Chatam zurck. "Tom, sagte Robur, es mgen etwa zweieinhalb Stunden verflossen sein, seit wir nach Nordost hin getrieben wurden. Die Windrichtung hat sich, wie mir Compabeobachtungen lehrten, seitdem nicht gendert. Ich schtze also, da wir binnen hchstens einer Stunde die Gestade der Insel wieder gefunden haben knnen. -- Ich glaub' es auch, Master Robur, antwortete der Obersteuermann, denn wir bewegen uns jetzt mit einer Schnelligkeit von zwlf Meter in der Secunde vorwrts. Zwischen drei und vier Uhr Morgens mte der "Albatros" seinen Ausgangspunkt demnach wieder erreichen. -- Das wre desto besser, Tom, erwiderte der Ingenieur. Wir haben ein Interesse daran, noch whrend der Nacht einzutreffen und ungesehen an's Land zu kommen. Die Flchtlinge halten uns fr weit nach Norden verschlagen und sind jetzt gewi nicht auf ihrer Hut. Wenn der "Albatros" ganz nahe der Erde hingleitet, werden wir versuchen, uns hinter einigen hohen Felsen der Insel zu verbergen. Mten wir dann selbst mehrere Tage bei Chatam verweilen ... -- So bleiben wir eben da, Master Robur, und htten wir auch gegen eine ganze Armee von Eingeborenen zu kmpfen ... -- So kmpfen wir, Tom, kmpfen wir fr unseren "Albatros"!" Der Ingenieur wandte sich zu seinen neue Anordnungen erwartenden Leuten zurck. "Liebe Freunde, sagte er, noch ist die Stunde der Ruhe nicht gekommen, wir mssen bis zum Anbruch des Tages thtig sein." Alle erklrten sich bereit. Jetzt galt es, an der hinteren Triebschraube dieselben Reparaturen vorzunehmen, welche an der vorderen schon ausgefhrt waren. Es handelte sich dabei um die gleichen Beschdigungen, die auch die nmliche Ursache, jener Orkan bei der Fahrt ber den antarktischen Continent, veranlat hatte. Um diese Schraube hereinzuholen, erschien es rathsam, die Fahrt des Aeronefs whrend einiger Minuten zu unterbrechen oder ihm selbst eine Rckwrtsbewegung zu ertheilen. Auf ein Zeichen Robur's legte der Hilfsmechaniker die Maschine um, indem er die vordere Schraube sich in entgegengesetztem Sinne drehen lie, so da der Aeronef -- um den seetechnischen Ausdruck zu gebrauchen -- "ber Steuer zu gehen" anfing. Schon wollten sich Alle nach dem Hinterdeck begeben, als Tom Turner ein eigenthmlicher Geruch auffiel. Es waren die in dem Kasten jetzt angehuften Gase der Lunte, welche aus der Cabine der Flchtlinge hervordrangen. "Hm ...? machte der Obersteuermann. -- Was giebt es? fragte Robur. -- Riechen Sie nichts? Man knnte sagen, es msse Pulver brennen. -- Ihr habt Recht, Tom! -- Und dieser Geruch dringt aus dem letzten Ruff. -- Ja ... sogar aus derselben Cabine ... -- Sollten die Elenden auch noch Feuer angelegt haben? -- Und wenn es nicht nur Feuer wre? ... rief Robur. Stot die Thr ein, Tom, stot sie ein!" Der Obersteuermann ging aber kaum daran, diesem Befehle nachzukommen, als eine furchtbare Explosion den "Albatros" erschtterte. Die Ruffs flogen in Stcke. Die elektrischen Lampen verlschten, da ihnen der Strom pltzlich fehlte, und es ward vollstndig finster. Doch wenn auch gleichzeitig die meisten Auftriebsschrauben verbogen oder theilweise zertrmmert und dadurch wirkungslos geworden waren, so drehten sich wenigstens noch mehrere nahe dem Bug ungestrt weiter. Ptzlich ffnete sich auch der Aeronef ein wenig hinter dem ersten Ruff, dessen Accumulatoren noch immer die vordere Triebschraube in Thtigkeit erhielten, und der hintere Theil des Decks senkte sich ebenso schnell nach abwrts. Fast gleichzeitig standen die hinteren Auftriebsschrauben still und der "Albatros" strzte in die Tiefe hinab. Das bedeutete fr die acht Mnner, welche sich gleich Schiffbrchigen an dieses Wrack klammerten, einen Sturz von dreitausend Metern. Derselbe mute obendrein noch um so schneller erfolgen, als die vordere Triebschraube, deren Achse jetzt senkrecht stand, noch immer arbeitete. Da lie sich Robur, der in dieser verzweifelten Lage eine ganz auerordentliche Kaltbltigkeit an den Tag legte, bis zu dem halb weggesprengten Ruff gleiten, ergriff den Steuerungshebel und vernderte sofort die Drehungsrichtung der Schraube, welche nun statt vorwrts nach aufwrts trieb. Der Absturz wurde dadurch zwar nicht aufgehalten, aber doch wenigstens verlangsamt; das Wrack fiel nicht mehr mit der zunehmenden Geschwindigkeit nieder, welche alle nur der Wirkung der Schwerkraft unterworfenen Krper zeigen. Und wenn auch allen lebenden Wesen auf dem "Albatros" noch immer der Tod drohte, weil sie rettungslos in's Meer strzen muten, so war es doch nicht mehr der Tod durch Erstickung inmitten der wegen rasender Schnelligkeit des Falles unathembar werdenden Luft. Vierundzwanzig Secunden nach der Explosion war, was vom "Albatros" noch brig war, in den Fluthen versunken. XVI. Worin der Leser um zwei Monate rckwrts und auch um neun Monate vorwrtsgefhrt wird. Einige Wochen frher, am 13. Juni, d. h. am Tage nach der denkwrdigen Sitzung, whrend der es im Weldon-Institut zu so strmischen Verhandlungen gekommen war, herrschte unter allen Classen der Bewohner von Philadelphia, unter den Negern wie den Weien, eine leichter zu constatirende, als zu beschreibende Aufregung. Schon in den ersten Morgenstunden unterhielt man sich berall von den unerwarteten, lrmenden Zwischenfllen der Sitzung des letzten Abends. Ein Eindringling, der Ingenieur zu sein angab, ein Ingenieur, der den an sich unwahrscheinlichen Namen Robur -- Robur der Sieger! -- fhren wollte, eine Persnlichkeit von unbekannter Herkunft und namenloser Nationalitt hatte sich unerwartet im Sitzungssaale vorgestellt, die Ballonisten mit grblichen Reden beleidigt, Diejenigen, welche der Lenkbarkeit von Aerostaten huldigten, verspottet, und hatte dagegen die Vorzge von specifisch schwereren Apparaten gepriesen, ein verchtliches Hohnlachen unter dem wildesten Getse ausgeschlagen und zu Drohungen geradezu herausgefordert, um diese seinen Gegnern wieder als Antwort in's Gesicht zu schleudern. Endlich war er, nachdem er den Rednerstuhl unter dem Knattern von Revolvern gerumt, verschwunden, und trotz aller Nachforschungen hatte man keine weiteren Spuren von ihm entdeckt. Natrlich waren solche Vorflle dazu angetan, alle Zungen zu wetzen und der Phantasie ein weites Feld zu erffnen. Daran sollte es denn auch weder in Philadelphia, noch in den sechsunddreiig anderen Staaten der Union fehlen, ja eigentlich wurde sogar die Alte Welt dadurch nicht minder erregt, wie die Neue Welt. Wie mute sich diese allgemeine Aufregung aber noch steigern, als es am Abend des 13. Juni stadtkundig wurde, da weder der Vorsitzende, noch der Schriftfhrer des Weldon-Instituts bis dahin in ihre Wohnungen zurckgekehrt waren, und hierbei handelte es sich um zwei geachtete, gelehrte Mnner von verhltnimig hoher Stellung. Am Vorabend noch hatten sie den Sitzungssaal verlassen als Brger, welche ruhig nach ihrem Heim zurckzukehren denken, als Hagestolze, deren Nachhausekunft kein mrrisch gerunzeltes Gesicht verbittert htte. Sollten Sie vielleicht gar absichtlich verschwunden sein? Nein: mindestens hatten sie nichts geuert, was zu diesem Glauben htte verfhren knnen; ja, es war sogar besprochen worden, da sie schon am nchsten Tage wieder nach dem Bureau des Clubs kommen und die gewohnten Pltze des Vorsitzenden und Schriftfhrers bei einer auerordentlichen Sitzung einnehmen sollten. Welche man zur weiteren Besprechung der Vorflle des letzten Abends bestimmt hatte. Doch nicht nur jene beiden weitbekannten Persnlichkeiten des Staates Pennsylvanien waren spurlos verschwunden, auch von dem Diener Frycollin kam keinerlei Nachricht, auch er war ebenso wenig zu finden, wie sein Herr. Wahrlich, seit Toussaint Louverture, Faustin Soulouque und Dessaline hatte noch kein Neger so viel von sich reden gemacht. Er stand im Begriff, einen hervorragenden Platz sowohl unter seinen dienenden Collegen in Philadelphia, wie unter allen jenen Originalen einzunehmen, welche irgend eine Exentricitt in dem schnen Amerika schon in helleres Licht zu setzen hinreicht. Auch am folgenden Tage nichts Neues. Weder die beiden Collegen, noch Frycollin erschienen wieder. Ernste Beunruhigung. Beginnende Aufregung. Vor den Post and Telegraph offices starke Ansammlung von Neugierigen, um etwaige Nachricht noch ganz warm zu erhalten. Vergebliche Liebesmhe. Und doch hatten so Viele deutlich genug gesehen, wie Beide in lebhaftem Gesprch aus dem Weldon-Institut weggingen, den sie erwartenden Frycollin mitnahmen und nachher die Walnut-Strae hinabwanderten, um sich dem Fairmont-Park zuzuwenden. Jem Cip, der Vegetarianer, hatte dem Prsidenten noch die rechte Hand gedrckt und sich verabschiedet mit den Worten: "Auf morgen also!" Und William T. Forbes, der Fabrikant von Zucker aus Leinwand, rhmte sich eines vertraulichen Handschlags von Phil Evans, der ihm zweimal "Auf Wiedersehen!" zugerufen hatte. Mi Doll und Mi Mat Forbes, welche ein Band reinster Freundschaft an Onkel Prudent fesselte, konnten sich ber sein Verschwinden gar nicht beruhigen und schwatzten, nur um von ihm immer etwas zu hren, eher noch mehr, als gewhnlich. So verstrichen drei, vier, fnf, sechs Tage, eine Woche, eine zweite Woche ... Weder irgendwer, noch irgendwas leitete auf die Fhrte der drei Verschwundenen. Und doch hatte man die sorgsamsten Nachsuchungen im ganzen Stadtviertel vorgenommen ... vergeblich; in allen nach dem Hafen zu fhrenden Straen ... nutzlos; weiter im Park selbst, unter den Gruppen grerer Bume und dichterer Gebsche ... erfolglos! ... Ueberall nichts! Auf der groen Waldble erkannte man jedoch, da da und dort das Gras ganz neuerdings niedergedrckt schien. Diese Wahrnehmung erregte ihrer Unerklrlichkeit wegen einigen Verdacht. Ebenso wurden am Saume des dieselbe umschlieenden Waldes Spuren eines stattgefundenen Kampfes entdeckt. Hatte nun eine Bande von Landstreichern vielleicht die beiden Collegen zu vorgerckter Nachtzeit hier in dem menschenleeren Parke getroffen und berfallen? Das war ja mglich. Die Polizei nahm auch eine diesbezgliche regelrechte und mit gesetzlicher Langsamkeit betriebene Untersuchung in die Hand. Man fhrte Schleppnetze durch den Schuylkill hin, schlmmte seinen Grund und befreite die Ufer von dem Gewirr angehuften Unkrautes. Wenn auch das vergeblich blieb, so war es doch nicht nutzlos, denn der Schuylkill bedurfte einer grndlichen Suberung gerade recht nthig. O, es sind praktische Leute, die Aedilen von Philadelphia! Spter wandte man sich an die verbreitetsten Zeitungen. Anzeigen, Reclamationen, wenn nicht gar Reclamen, wurden an alle demokratischen und republikanischen Bltter der Union -- ohne Rcksicht auf deren Farbe -- versendet. Der Daily Negro das specielle Organ der schwarzen Rasse, brachte Frycollin's Bildni nach dessen letzter Photographie. Man bot Belohnungen und versprach Preise Jedem, der von den drei Abwesenden Nachricht geben knnte, ja sogar allen Denen, die nur irgend welches Anzeichen entdeckten, das auf deren Fhrte zu leiten versprach. "Fnftausend Dollars! Fnftausend Dollars jedem Brger, der ..." Vergeblich; die fnftausend Dollars verblieben in der Casse des Weldon-Instituts. "Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden!!! Onkel Prudent und Phil Evans aus Philadelphia!" Es versteht sich von selbst, da der Club durch dieses unerklrliche Verschwinden seines Vorsitzenden und seines Schriftfhrers in heillose Unordnung gerieth und von vornherein sah derselbe sich durch diese Nothlage zu dem Beschlusse gezwungen, die frher so eifrig betriebenen und schon ziemlich fortgeschrittenen Arbeiten betreffs Construction des Go a head auf unbestimmte Zeit einzustellen. Wie htten die anderen Mitglieder auch in Abwesenheit der beiden Begrnder und Frderer dieses Unternehmens, dem dieselben -- an Zeit und Geld -- einen Theil ihres Vermgens geopfert hatten, sich entschlieen knnen, ein Werk zu Ende zu fhren, wenn Jene fehlten, um es gleichsam zu krnen? Sie muten sich also in Geduld fassen. Gerade zu dieser Zeit ging auf's Neue die Rede von der wunderbaren, merkwrdigen Erscheinung, welche mehrere Wochen vorher alle Geister so lebhaft erregt hatte. In der That war jener geheimnivolle Gegenstand wieder und wiederholt wiedergesehen worden, wie er durch die hheren Schichten der Atmosphre schwebte. Freilich dachte kein Mensch an einen Zusammenhang dieser auffallenden Erscheinung mit dem nicht weniger unerklrlichen Verschwinden der beiden Mitglieder des Weldon-Instituts. Es htte auch einer auergewhnlichen Dosis von Einbildungskraft bedurft, diese beiden Thatsachen mit einander in Verbindung zu bringen. Auf jeden Fall war das Asteroid, die erkaltete Feuerkugel oder das Luftungeheuer, wie man die Erscheinung nennen wollte, nun unter Bedingungen gesehen worden, welche seine Gre und Gestalt besser abzuschtzen erlaubten. Zuerst in Canada ber den Gebietstheilen, die sich von Ottawa bis Quebec erstrecken, und zwar schon am nchsten Tage nach dem Verschwinden der beiden Collegen; dann spter ber den Ebenen des Fernen Westens, als der "Albatros" sich an Schnelligkeit mit einem Zuge der groen Pacific-Bahn ma. Von diesem Tage ab herrschte unter der gelehrten Welt keine Ungewiheit mehr; dieser Krper war kein Erzeugni der Natur, sondern ein Flieg-Apparat mit praktischer Anwendung der Theorie des "Schwerer, als die Luft". Und wenn der Schpfer und Fhrer dieses Aeronefs auch fr seine Person das bisherige Incognito noch aufrecht erhalten wollte, jedenfalls sah er davon, so weit es seine Maschine betraf, jetzt ab, weil er dieselbe so dicht ber den Gebieten des Fernen Westens sehen lie. Die von ihm gewhlte mechanische Kraftquelle, wie die Natur der Maschinen, welche dem Apparate seine Bewegung ertheilten, blieb vorlufig freilich noch unbekannt. Mindestens war jedoch auer Zweifel gestellt, da diesem Aeronef eine ganz auergewhnliche Fortbewegungsfhigkeit innewohnte, denn nur wenige Tage spter meldete man schon sein Erscheinen im Himmlischen Reiche, dann aus den nrdlichen Theilen von Hindostan und kurz darauf wieder aus den Steppen Rulands. Wer mochte nun jener khne Mechaniker sein, der ber so groe bewegende Krfte gebot, fr den weder Lnder, noch Meere eine Grenze hatten, der in der Erdatmosphre wie in einem ihm allein zugehrigen Gebiete schaltete und waltete? Sollte man glauben, es knne das jener Robur sein, der dem Weldon-Institut seine Theorien so rcksichtslos in's Gesicht geschleudert hatte, als er an dem bewuten Abend erschien, um in die Utopien betreffs der lenkbaren Ballons eine klaffende Bresche zu legen? Vielleicht kam einigen weiter blickenden Kpfen dieser Gedanke. Und -- wunderbarer Weise -- dennoch erhob sich Niemand zu der Annahme, da besagter Robur mit dem Verschwinden des Vorsitzenden und des Schriftfhrers vom Weldon-Institut in irgend welchem Zusammenhange stehen knnte. Das blieb also noch weiter Geheimni, bis eine Depesche von Frankreich durch das transatlantische Kabel am 6. Juli um elf Uhr siebenundreiig Minuten in New-York eintraf. Und was meldete diese Depesche? Sie bermittelte den Text jenes in Paris in einer Schnupftabaksdose gefundenen Documents -- des Schriftstckes, welches endlich enthllte, was aus den beiden Mnnern geworden war, um welche die Union eben Trauer anlegen wollte. Der Urheber der Entfhrung war also doch Robur, der Ingenieur, der ausschlielich zu dem Zwecke nach Philadelphia kam, die Theorie der Ballonisten gleichsam im Ei zu ersticken. Er war es, der auf dem Aeronef "Albatros" umherfuhr; er, der zur Wiedervergeltung erfahrener Unbill Onkel Prudent nebst Phil Evans und Frycollin obendrein in die Lfte entfhrt hatte! Und diese Personen konnte man als fr immer verloren ansehen, wenn nicht durch irgend welche Hilfsmittel eine Maschine construirt wurde, welche im Stande war, jenen mchtigen Apparat zu bekmpfen, und wenn die irdischen Freunde Jener ihnen damit nicht zu Hilfe kamen. Welche Erregung! Welches Staunen! Das Pariser Telegramm war an das Bureau des Weldon-Instituts adressirt gewesen. Die Mitglieder des Clubs erhielten davon unverzglich Kenntni. Nach zehn Minuten hatte ganz Philadelphia durch seine Telephons die groe Neuigkeit erfahren, binnen einer Stunde ganz Amerika, denn sie hatte sich elektrisch auf den zahllosen Drhten der Neuen Welt verbreitet. Man wollte noch nicht recht daran glauben und hielt es wohl fr die Mystification eines schlechten Witzbolds -- sagten die Einen -- fr ein "Einruchern" schlimmster Art -- meinten die Andern. Wie wre es mglich gewesen, diesen Raub in Philadelphia so im Geheimen auszufhren? Wie htte der "Albatros" im Fairmont-Park zur Erde hernieder gehen knnen, ohne am Horizont des Staates Pennsylvanien bemerkt zu werden? Recht schn -- so lauteten die gewhnlichen Argumente. -- Die Unglubigen behielten zwar noch das Recht zu zweifeln, sollten es aber sieben Tage nach dem Eintreffen des Telegramms schon verlieren. Am 13. Juli ging das franzsische Packetboot "Normandie" im Hudson vor Anker und -- brachte die berhmte Schnupftabaksdose mit. Die Eisenbahn befrderte dieselbe in grter Eile von New-York nach Philadelphia. Ja, das war sie, die Dose des Vorsitzenden vom Weldon-Institut. Jem Cip htte an diesem Tage gut gethan, eine etwas substantiellere Nahrung zu sich zu nehmen, denn er war, als er sie erkannte, nahe daran, ohnmchtig umzusinken. Wie oft hatte er sich daraus ein Freundschaftsprieschen zugelangt! Mi Doll und Mi Mat erkannten sie ebenfalls, diese Dose, welche sie so oft mit dem heimlichen Wunsche betrachtet, eines Tages auch ihre drren Altjungfernfinger hinein zu senken. Und da waren ihr Vater, William T. Forbes, Truk Milnor, Bat T. Fyn und viele Andere aus dem Weldon-Institut -- hundertmal hatten sie dieselbe in den Hnden ihres verehrten Vorsitzenden sich ffnen und schlieen sehen. Endlich hatte sie das Zeugni aller Freunde fr sich, die Onkel Prudent in der guten Stadt Philadelphia besa, deren Name -- wie man nicht oft genug wiederholen kann -- darauf hinweist, da ihre Bewohner sich wie Brder lieben. Jetzt war also nach dieser Seite kein Schatten eines Zweifels mehr aufrecht zu erhalten. Nicht allein die Dose des Vorsitzenden, sondern besonders auch die von ihm herrhrenden Schriftzge des Documents erlaubten es auch den Unglubigsten nicht mehr mit den Achseln zu zucken. Da begannen nun die Wehklagen und verzweifelte Hnde erhoben sich gen Himmel. Onkel Prudent und sein College in einer Flugmaschine entfhrt, ohne da man ein Mittel entdecken konnte, sie zu befreien! Die Gesellschaft der Niagara-Flle, deren strkster Actionr Onkel Prudent war, htte beinahe ihre Geschfte eingestellt und die Wasserflle geschlossen. Die Walton Watch Company dachte schon daran, ihre Uhrenfabrik zu liquidiren, da diese ihren Director Phil Evans eingebt hatte. Ja, es herrschte allgemeine Trauer, und das Wort Trauer ist hier gar nicht bertrieben, denn manche hirnverbrannte Kpfe, wie man deren auch in den Vereinigten Staaten antrifft, bildeten sich steif und fest ein, die beiden ehrenwerthen Brger niemals wiederzusehen. Nachdem er ber Paris hingefahren war, hrte man von dem "Albatros" zunchst nicht weiter reden. Einige Stunden spter war er ber Rom schwebend gesehen worden -- das war Alles. Bei der bekannten Geschwindigkeit des Aeronefs, mit der er ber Europa von Nord nach Sd und ber das Mittelmeer von West nach Ost gefahren war, darf das ja nicht Wunder nehmen. Und Dank eben dieser Schnelligkeit konnte ihn auch kein Fernrohr an irgend einem Punkte seiner Fahrtlinie genauer beobachten. Und htten die Sternwarten ihr gesammtes Personal Tag und Nacht auf Vorposten gestellt, die Flugmaschine Robur des Siegers htte sich so weit und so hoch entfernt -- in "Ikarien", wie er zu sagen pflegte -- da Alle verzweifelt wren, deren Spur je wieder aufzufinden. Hier sei hinzugefgt, da wenn seine Geschwindigkeit ber dem Ufer Afrikas auch vermindert wurde, sich doch, weil jenes Document noch nicht bekannt war, Niemand versah, den Aeronef in den Hhen des algerischen Himmels zu suchen. Auf jeden Fall wurde er ber Timbuctu wahrgenommen; das Observatorium dieser berhmten Stadt -- wenn sie berhaupt ein solches besitzt -- hatte aber noch nicht Zeit gefunden, das Resultat seiner Beobachtungen nach Europa mitzutheilen. Was den Knig von Dahomey betrifft, so htte dieser gewi eher zehntausend Unterthanen, und seine Minister inbegriffen, um einen Kopf krzer machen lassen, ehe er zugestand, im Kampfe mit einer in der Luft schwebenden Maschine unterlegen zu sein. Jeder frhnt eben seiner kleinen Eigenliebe. Weiterhin steuerte der Ingenieur Robur dann ber den Atlantischen Ocean, wobei er zuerst nach dem Feuerlande und dann nach dem Cap Horn kam. Ferner irrte er, etwas gegen seinen Willen, ber die sdlichsten Landvesten und ber das ausgedehnte Polargebiet hinweg. Von diesen antarktischen Gegenden aus war natrlich keine Nachricht zu erwarten. Der Juli verrann, und kein menschliches Auge konnte sich rhmen, den Aeronef nur flchtig wieder erblickt zu haben. Der August ging zu Ende, ohne da sich an der Ungewiheit ber das Loos der beiden Gefangenen Robur's etwas nderte. Man fing allmhlich an, sich zu fragen, ob der Ingenieur, nach dem Beispiele des Ikarus, dieses ltesten Mechanikers, dessen die Sagengeschichte erwhnt, nicht ein Opfer seiner Khnheit geworden sein mge. Endlich vergingen auch die ersten siebenundzwanzig Tage des Septembers ohne jede Aenderung der Sachlage. Bekanntlich gewhnt man sich ja in der Welt an Alles. Es liegt in der menschlichen Natur, mit der Zeit den Stachel des Schmerzes weniger zu empfinden; man vergit, weil es nothwendig ist, einmal zu vergessen. In diesem Falle mute man dagegen den Bewohnern dieses Erdenthals zu ihrer Ehre nachsagen, da sie von der allgemeinen Regel abwichen; noch immer ermattete nicht die warme Theilnahme an dem Loose zweier Weien und eines Schwarzen, die wie durch den Propheten Elias entfhrt schienen, denen aber keine Rckkehr durch die Bibel geweissagt war. In Philadelphia trat das natrlich noch deutlicher zu Tage, als an jedem anderen Orte; hier kamen dabei ja nhere persnliche Beziehungen in's Spiel. Robur hatte den Onkel Prudent und Phil Evans aus Rache ihrer Heimat entfremdet, hatte, wenn auch ohne jedes Recht, eine grausame Wiedervergeltung gebt. Doch war seine Rache damit gekhlt? Wrde er dieselbe nicht auch noch anderen Collegen des Vorsitzenden und des Schriftfhrers vom Weldon-Institut fhlen lassen? Und wer konnte sich gesichert whnen gegen etwaige Angriffe jenes allmchtigen Beherrschers des Luftmeeres? Da durchlief am 28. September eine Neuigkeit die ganze Stadt: Onkel Prudent und Phil Evans sollten danach am Nachmittage in der Privatwohnung des Vorsitzenden vom Weldon-Institut wieder aufgetaucht sein. Das Merkwrdigste an dieser Botschaft war, da sie sich besttigte, obgleich die Meisten nicht daran glauben wollten. Dennoch mute man sich der Thatsache fgen. Das waren die beiden Verschwundenen in Person -- nicht ihre Schatten -- und auch Frycollin war mit ihnen zurckgekehrt. Die Mitglieder des Clubs, darauf deren Freunde und endlich eine ungeheure Volksmenge strmten vor Onkel Prudent's Hause zusammen. Alle begrten mit Jubelruf die beiden Collegen, welche unter Hurrahs und Hipps von Hand zu Hand getragen wurden. Hier befand sich Jem Cip, der sein Frhstck -- gerstete Brotschnittchen mit gekochtem Lattig -- verlassen hatte, und auch William T. Forbes nebst seinen beiden Tchtern Mi Doll und Mi Mat. Wre Onkel Prudent Mormone gewesen, heute htte er sie alle Beide zu Frauen bekommen; doch das war er nicht und hatte auch nicht die geringste Absicht, es je zu werden. Hier waren ferner Truk Milnor, Bat T. Fyn und endlich die brigen Mitglieder des Clubs. Es ist noch bis heutigen Tages ein Rthsel geblieben, wie Onkel Prudent und Phil Evans hatten lebend aus den Tausenden von Armen hervorgehen knnen, welche sie bei ihrem ersten Gange durch die Stadt ebenso viele Male zu erdrcken drohten. An eben jenem Abende sollte das Weldon-Institut seine gewohnte wchentliche Sitzung abhalten. Man rechnete darauf, die beiden Collegen ihre frheren Pltze wieder einnehmen zu sehen. Da sie brigens von ihren Abenteuern bisher noch nichts erzhlt hatten -- vielleicht hatte der Zudrang der Leute ihnen gar nicht die nthige Zeit gewhrt -- so hoffte man auch, da sie nun von den gehabten Eindrcken whrend jener unfreiwilligen Reise berichten wrden. In der That hatten sich Beide aus irgend welchem Grunde bisher ganz stumm verhalten, und stumm blieb auch der Diener Frycollin, den seine Stammesgenossen vor toller Erregung fast geviertheilt htten. Was die beiden Collegen noch nicht gesagt und vielleicht hatten sagen wollen, war Folgendes: Wir brauchen wohl kaum auf die dem Leser bekannten Vorgnge in der Nacht vom 27. zum 28. Juli zurck zu kommen; auf die khn ausgefhrte Flucht des Vorsitzenden und des Schriftfhrers vom Weldon-Institut, auf ihre lebhafte Erregung bei Durchwanderung der felsigen Insel Chatam, den auf Phil Evans abgefeuerten Gewehrschu, auf das durchschnittene Ankertau und den "Albatros", der damals, seiner Triebschrauben entbehrend, durch den Sdwestwind weit fortgetrieben und gleichzeitig zu groer Hhe gewissermaen emporgeschnellt wurde. Darauf war derselbe bald aus ihrem Gesichtskreis entschwunden. Die Flchtlinge hatten nun nichts mehr zu frchten. Wie htte Robur nach der Insel zurckkehren knnen, da seine Schrauben noch drei bis vier Stunden auer Stande waren, zu functioniren? Nach Ablauf dieser Zeit aber mute der durch die Explosion zerstrte, "Albatros" zum elenden, auf dem Meere treibenden Wrack geworden sein, und Diejenigen, welche er trug, waren jedenfalls nur noch in Stcke gerissene Leichen, die auch der Ocean nicht wieder herausgeben konnte. Der entsetzliche Racheact mute dann vollkommen gelungen sein. Da Onkel Prudent und Phil Evans sich als im Stande der Nothwehr betrachteten, litten sie wegen dieser That an keinen Gewissensbissen. Phil Evans war durch die vom "Albatros" aus entsendete Kugel nur leicht verletzt worden. Alle Drei wanderten also am Ufer hinauf, in der Hoffnung, Eingeborene anzutreffen. Diese Hoffnung sollte nicht getuscht werden. Etwa fnfzig halbwilde, vom Fischfange lebende Einwohner siedelten an der Westkste Chatams. Sie hatten den Aeronef nach der Insel herabkommen sehen und bereiteten den Flchtlingen einen Empfang, wie sie ihn als bernatrliche Wesen verdienten. Man betete sie an, mindestens fehlte daran nicht viel, und brachte sie in der grten und schnsten Htte unter. Frycollin fand gewi niemals wieder eine solche Gelegenheit, die Rolle als Gott der Schwarzen spielen zu knnen. Wie sie vorausgesetzt, sahen Onkel Prudent und Phil Evans den Aeronef nicht wieder zurckkehren, und muten daraus schlieen, da die schreckliche Katastrophe in groer Hhe eingetreten sein werde. Nun wrde Niemand wieder von dem Ingenieur Robur reden hren, so wenig wie von seiner wunderbaren Maschine, die seine Leute mit ihm dahingetragen hatte. Jetzt galt es nur noch, eine Gelegenheit zur Rckkehr nach Amerika abzuwarten, denn die Insel Chatam wird von Seefahrern wenig besucht. So verstrich der ganze Monat August und die Flchtlinge legten sich schon die Frage vor, ob sie am Ende nicht blo ein Gefngni gegen ein anderes eingetauscht htten, mit dem brigens Frycollin sich weit besser, als mit dem "Kerker in der Luft", abzufinden schien. Endlich am 3. September erschien ein Schiff, um an der Insel Chatam Wasser einzunehmen. Der Leser hat jedenfalls nicht vergessen, da Onkel Prudent zur Zeit der Entfhrung aus Philadelphia mehrere tausend Dollars Papiergeld bei sich fhrte, d. h. mehr als nothwendig war, um nach Amerika zurckkehren zu knnen. Nachdem sie ihren Verehrern, welche ihnen stets den allergrten Respect bewiesen hatten, herzlich gedankt, schifften sich Onkel Prudent, Phil Evans und Frycollin nach Aukland ein. Von ihren Schicksalen erzhlten sie nichts, und nach zwei Tagen schon langten sie in der Hauptstadt Neu-Seelands an. Hier nahm sie ein Packetboot des Stillen Oceans als Passagiere auf, und am 20. September landeten die Ueberlebenden vom "Albatros" nach hchst glcklicher Ueberfahrt in San Francisco. Sie hatten weder ausgesprochen, wer sie waren, noch woher sie kamen: doch da sie einen recht anstndigen Preis fr ihre Pltze entrichteten, so wre es keinem amerikanischen Capitn jemals eingefallen, weitere Fragen an die Leute zu richten. In San Francisco bentzten Onkel Prudent, sein College und der Diener Frycollin den ersten Zug der groen Pacific-Bahn und trafen am 27. wohlbehalten in Philadelphia ein. Das ist der gedrngte Bericht ber Alles, was seit dem Entweichen der Flchtlinge und ihrer Abfahrt von der Insel Chatam vorgefallen war; und somit konnten an jenem Abende der Vorsitzende und der Schriftfhrer, inmitten eines ungeheuren Zudrangs, ihre Pltze im Weldon-Institut wieder einnehmen. Niemals aber hatte weder der Eine, noch der Andere eine so auffallende Ruhe zur Schau getragen. Ihr Anblick allein htte niemals ahnen lassen, da seit jener denkwrdigen Sitzung vom 12. Juni irgend etwas Besonderes vorgefallen sei. Diese dreiundeinhalb Monate schienen in ihrem Leben gar nicht mit zu zhlen. Nach den ersten Begrungssalven, welche Beide ohne das Zucken nur eines Gesichtsmuskels hinnahmen, bedeckte Onkel Prudent das Haupt und ergriff er zuerst das Wort. "Ehrenwerthe Brger, sagte er, die Sitzung ist erffnet." Wahnsinniger und gewi wohlberechtigter Beifall, denn wenn es auch als etwas Auergewhnliches nicht gelten konnte, da eine solche Wochenversammlung erffnet wurde, so erhielt der Umstand doch ein auergewhnliches Gewicht, da das durch Onkel Prudent unter Assistenz von Phil Evans geschah. Der Vorsitzende lie den in Zurufen und Hndeklatschen kundgegebenen Enthusiasmus sich ruhig austoben. Dann fuhr er fort: "In unserer letzten Sitzung, meine Herrn, kam es zu recht lebhaftem Meinungsaustausch (Hrt! Hrt!) zwischen den Vertretern der Vorder- und der Rckenschraube fr unseren Ballon, den Go a head. (Zeichen von Verwunderung.) Wir haben inzwischen ein Auskunftsmittel erfunden, um die Vorder- und Hintersteuerer unter einen Hut zu bringen, und das besteht einfach darin: Wir versehen eben beide Enden des Nachens mit je einer Triebschraube." (Stillschweigen vor allgemeinem Erstaunen.) Das war Alles! Ja, Alles, von der Entfhrung des Vorsitzenden und des Schriftfhrers des Weldon-Instituts fiel kein Sterbenswrtchen; kein Wort ber den Ingenieur Robur und den "Albatros"; kein Wort ber die Art und Weise, wie die Gefangenen hatten entkommen knnen, und endlich kein Wort ber das Schicksal des Aeronefs, ob er noch durch das Luftmeer schwebe und ob noch weitere Angriffe gegen Mitglieder des Clubs zu befrchten wren. Gewi fehlte es den Ballonisten nicht an Lust, Onkel Prudent und Phil Evans auszufragen; sie sahen dieselben aber so ernst, so zugeknpft, da es angezeigt schien, ihre Zurckhaltung zu respectiren. Wenn sie die Zeit zum Sprechen gekommen meinten, wrden sie schon allein sprechen und Alle wrden sich geehrt genug fhlen, ihnen zuzuhren. Uebrigens konnte unter diesem Stillschweigen ja noch ein Geheimni verborgen liegen, das heute noch nicht enthllt werden durfte. Da nahm Onkel Prudent unter einem, bisher bei den Sitzungen des Weldon-Instituts unerhrten Stillschweigen wieder das Wort. "Meine Herren, sagte er, es erbrigt uns nun blo noch, den Aerostaten Go a head, der bestimmt ist, sich das Luftmeer zu erobern, schleunigst der Vollendung entgegen zu fhren. -- Die Sitzung ist geschlossen." XVIII. Welches diese wahrhafte Geschichte zu Ende fhrt, ohne sie zu beendigen. Am 29. April des folgenden Jahres, sieben Monate nach der so unerwarteten Rckkehr des Onkel Prudent und Phil Evans, war ganz Philadelphia in reger Bewegung. Um politische Fragen handelte es sich dabei nicht, ebenso wenig um Wahlen oder Volksversammlungen. Der auf Betreiben des Weldon-Instituts nun vollendete Aerostat Go a head sollte endlich seinem natrlichen Element bergeben werden. Als Aeronaut fr denselben war der berhmte Harry W. Tinder, dessen wir schon zu Anfang dieser Erzhlung erwhnten, bestimmt worden, und ihm hatte man noch einen erfahrenen Gehilfen beigegeben. Die Passagiere bildeten der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts, denen diese Ehre gewi vor allen Anderen zukam, da es fr sie so zu sagen eine Lebensaufgabe geworden war, persnlich gegen jeden Apparat, der auf dem Principe "Schwerer, als die Luft" beruhte, Einspruch zu erheben. Doch auch jetzt, nach sieben Monaten, sollten sie immer noch erst anfangen, ber ihre Abenteuer zu berichten. Selbst Frycollin hatte, wie sehr es ihn auch dazu drngte, noch nicht vom Ingenieur Robur und von dessen wunderbarer Maschine gesprochen. Offenbar wollten Onkel Prudent und Phil Evans als eingefleischte und unverbesserliche Ballonisten berhaupt nicht, da von dem Aeronef oder einer anderen Flugmaschine jemals die Rede sei. Auch wenn ihr Ballon, der Go a head, noch nicht die erste Stelle unter den zur Fortbewegung durch die Luft bestimmten Apparaten einnehmen sollte, so wollten sie doch keine, von irgendwelchem Anhnger der Aviation herrhrende Erfindung dabei anwenden lassen. Sie glaubten noch immer und wollten auch spter nur glauben, da das einzig wahre atmosphrische Vehikel der Aerostat sei, und da ihm allein die Zukunft gehre. Uebrigens existirte ja Derjenige, an dem sie eine so furchtbare, ihrer Ansicht nach aber nur gerechte Rache genommen hatten, jetzt schon lngst nicht mehr. Keiner von Denen, die er trug, hatte seinen Untergang berleben knnen. Das Geheimni des "Albatros" lag jetzt in den unergrndlichen Tiefen des Stillen Oceans begraben. Die Annahme, da der Ingenieur Robur einen Zufluchtsort, eine rettende Insel im ungeheuren, verlassenen Ocean gefunden habe, erschien nur als eine sehr gewagte Hypothese. Die beiden Collegen behielten sich fr spter die Entscheidung darber vor, ob es angezeigt erscheine, nach dieser Richtung besondere Nachforschungen zu veranlassen. Man schritt also endlich zu dem groen Experimente, welches das Weldon-Institut so lange Zeit und mit so groer Sorgfalt vorbereitet hatte. Der Go a head war der vollendetste Typus dessen, was im Bereiche der Aerostatik bisher erfunden war -- dasselbe wie der Inflexible und der Formidable (zwei neuere franzsische Panzerschlachtschiffe) in der Schiffsbaukunst. Der Go a head besa alle fr einen Aerostaten nur wnschenswerthen Eigenschaften. Sein Volumen gestattete ihm, bis zu den allergrten Hhen, die ein Ballon nur erreichen kann, aufzusteigen; seine Undurchlssigkeit fr Gas, sich unbegrenzt lange in der Luft zu erhalten; seine Festigkeit, jeder Ausdehnung der Gase ebenso zu widerstehen, wie dem heftigsten Platzregen und strksten Sturmwinde; sein Fassungsvermgen, eine gengende Auftriebskraft zu entfalten, um auer dem sonst nthigen Zubehr eine elektrische Maschine mitzunehmen, die seinen Propellern eine, jeder bisher erreichten berlegene Treibkraft verleihen konnte. Der Go a head hatte eine lngliche Gestalt, um die horizontale Fortbewegung zu erleichtern. Seine Gondel, eine derjenigen des Ballons der Capitne Krebs und Renard hnliche Plattform, enthielt alles fr Luftschiffer nothwendige Gerth und Werkzeug, physikalische Instrumente, Taue, Anker, Rollen u. s. w., auerdem die Apparate, Batterien und Accumulatoren, welche seine mechanische Kraft lieferten. Diese Gondel trug vorne eine Schraube und hinten neben einer gleichen Schraube ein Steuerruder. Aller Wahrscheinlichkeit nach mute jedoch die Arbeitsleistung der Maschinen des Go a head weit hinter der der Apparate des "Albatros" zurckbleiben. Der Go a head war nach vollendeter Fllung nach der Waldble im Fairmont-Park bergefhrt worden, d. h. genau nach derselben Stelle, an welcher frher der Aeronef einige Stunden gelegen hatte. Wir brauchen wohl nicht zu betonen, da ihm die Auftriebskraft durch das leichteste aller Gase verliehen worden war. Das gewhnliche Leuchtgas entwickelt per Cubikmeter nur eine solche Hebekraft gleich 700 Gramm -- was gegen die umgebende Luft nur einen unbetrchtlichen Gewichtsunterschied darstellt. Das Wasserstoffgas dagegen besitzt bei gleichem Volumen eine auf etwa 1100 Gramm zu schtzende Steigekraft. Solches, nach dem Verfahren und in den Special-Apparaten des berhmten Henry Giffard dargestellte reine Wasserstoffgas erfllte den ungeheuren Ballon. Da der Go a head nun einen Fassungsraum von 40.000 Cubikmetern besa, so entsprach die Steigkraft seines Gases einem Gewichte von 40.000mal 1100 Gramm oder 44.000 Kilogramm. Am Morgen des 20. April war Alles bereit. Um elf Uhr schon schwankte der riesige Aerostat wenige Fu ber dem Boden und fertig, sich in die Luft zu erheben, majesttisch hin und her. Es herrschte ein prchtiges und wie fr diesen Versuch eigens gemachtes Wetter. Vielleicht wre eine etwas grere Windstrke wnschenswerther gewesen, da sie die Probe mehr beweisend gestaltet htte. Man hat ja niemals bezweifelt, da ein Ballon in ganz ruhiger Luft nach Belieben gelenkt werden knne, in bewegter Atmosphre ist das aber ein anderes Ding und nur unter solchen Verhltnissen sollten derartige Proben ausgefhrt werden. Genug, jetzt war weder Wind zu verspren, noch deutete etwas darauf hin, da solcher auftreten wrde. An jenem Tage sendete Nordamerika aus seinem unerschpflichen Vorrathe ausnahmsweise keinen Sturm nach dem westlichen Europa, und niemals htte ein Tag gnstiger als dieser zur Vornahme eines solchen aeronautischen Experimentes gewhlt werden knnen. Kaum brauchen wir der ungeheuren, im Fairmont-Park aufgestauten Menschenmenge, ebenso wenig der zahlreichen Bahnzge zu erwhnen, welche Strme von Neugierigen aus allen Nachbarstaaten ber Philadelphia ergossen hatten; auch nicht der Unterbrechung jeder industriellen und commerciellen Thtigkeit, welche es Allen -- Chefs, Beamten, Handwerkern, Mnnern und Frauen, Greisen und Kindern, Congremitgliedern, Vertretern der bewaffneten Macht, Magistratspersonen, Reportern, weien und schwarzen Eingeborenen, die auf der Waldble zusammengelaufen waren -- gestattete, diesem Schauspiele beizuwohnen. Oder sollten wir das geruschvolle Durcheinanderwogen dieser Volksmengen schildern, die unerwarteten Bewegungen, das pltzliche Drngen und das Jauchzen und Rufen des Mobs? Sollen wir die Hipp! Hipp! Hipp! nachzhlen, welche von allen Seiten gleich dem Krachen von Feuerwerkskrpern laut wurden, als Onkel Prudent und Phil Evans auf der mit dem amerikanischen Sternenbanner geschmckten Plattform erschienen? Oder mten wir es erst besonders aussprechen, da der grte Theil dieser Neugierigen vielleicht nicht gekommen war, um den Go a head zu sehen, sondern um sich die zwei auerordentlichen Mnner zu betrachten, um welche die Alte Welt die Neue beneidete? Warum aber nur Zwei und nicht Drei? Warum nicht auch Frycollin? -- Das kam daher, da Frycollin die Reise mit dem "Albatros" fr seine Berhmtheit als gengend erachtete und er die Ehre, seinen Herrn zu begleiten, bescheiden abgelehnt hatte. Er bekam also keinen Theil von den tollen Jubelrufen, welche den Vorsitzenden und den Schriftfhrer des Weldon-Instituts empfingen. Es versteht sich von selbst, da von allen Mitgliedern der berhmten Gesellschaft keiner auf dem fr diese reservirten Platze innerhalb der Pfhle und Leinen fehlte, welche einen Theil der Lichtung abgrenzten. Hier waren Truk Milnor, Bat T. Fyn, William T. Forbes, der seine beiden Tchter Mi Doll und Mi Mat an den Armen fhrte. Alle waren erschienen, um durch ihre Anwesenheit zu bekrftigen, da nichts jemals im Stande sei, die Anhnger des "Leichter, als die Luft" zu trennen. Gegen elf Uhr zwanzig Minuten verkndigte ein Kanonenschu die Beendigung der letzten Vorbereitungen. Der Go a head erwartete nur noch das Signal zum Aufsteigen. Ein zweiter Kanonenschu donnerte um elf Uhr fnfundzwanzig. Der nur noch durch seine Leitseile gehaltene Go a head erhob sich gegen fnfzehn Meter ber die Lichtung. Am anderen Ende der Plattform stehend, legten Onkel Prudent und Phil Evans die linke Hand auf die Brust, was bedeuten sollte, da sie mit dem Zuschauerkreise eines Herzens wren. Dann streckten sie die rechte Hand nach dem Zenith aus, um anzudeuten, da der grte, bis jetzt bekannte Ballon endlich in Begriff stehe, von seinem berirdischen Reiche Besitz zu ergreifen. Da legten sich hunderttausend Hnde auf hunderttausend Brste; und hunderttausend andere erhoben sich zum Himmel. Um elf Uhr dreiig krachte ein dritter Kanonenschu. "Alles los!" rief Onkel Prudent, die hergebrachte Redensart bentzend. Und der Go a head erhob sich "majesttisch" -- das immer gebrauchte Beiwort in der Beschreibung von beginnenden Luftfahrten. In der That, es war ein prchtiges Schauspiel! Man htte ein Seeschiff zu sehen gemeint, das eben vom Stapel lief. Und war das hier nicht auch ein Schiff, das in's Luftmeer abgelassen wurde? Der Go a head stieg genau lothrecht in die Hhe -- ein Beweis fr die vollkommene Ruhe der Atmosphre -- und hielt etwa zweihundertfnfzig Meter ber der Erde still. Hier begann nun die Vorfhrung der Fahrt in wagrechter Richtung. Der von seinen zwei Schrauben getriebene Go a head zog mit der Geschwindigkeit von zehn Metern in der Secunde der Sonne entgegen. Das ist die Geschwindigkeit des Walfisches im freien Wasser. Es ist auch gar nicht falsch, jenen mit dem genannten Riesen der nrdlichen Meere zu vergleichen, zumal da er auch die Gestalt jenes Cetaceers hatte. Eine neue Salve von Hurrahs drang zu den geschickten Aeronauten empor. Hierauf fhrte der Go a head unter der Wirkung seines Steuers allerlei kreisfrmige, schiefe und geradlinige Bewegungen aus, welche ihm die Hand seines Steuermannes aufnthigte. Er wendete in engem Kreise, ging nach vorwrts, nach rckwrts, um selbst die zhesten Widersacher der Lenkbarkeit von Ballons eines Besseren zu belehren ... wenn es solche Widersacher hier gab! Und wenn es dergleichen gegeben htte, htte man sie in die Pfanne gehauen! Warum fehlte aber der Wind diesem herrlichen Experimente? Das war bedauerlich. Unzweifelhaft htte der Go a head alle Bewegungen ohne Zgern ausgefhrt, indem er entweder eine schrge Richtung einhielt, wie ein Schiff, das dicht beim Winde segelte, oder der Luftstrmung gleich einem Dampfer gerade entgegentrieb. In diesem Augenblicke stieg der Aerostat um einige hundert Meter hher hinauf. Man begreift wohl die Absicht. Onkel Prudent und seine Begleiter suchten in den hheren Luftschichten eine Strmung zu finden, um die Probe zu vervollstndigen. Ein System von inneren Ballons, entsprechend der Schwimmblase der Fische, in welche man mittelst Pumpen eine gewisse Menge Gas hineindrcken konnte, gestattete ihm nmlich, auf- und niederzusteigen. Ohne je Ballast auszuwerfen, um hher, oder Gas zu verlieren, um tiefer zu gehen, war er im Stande, sich nach Belieben des Luftschiffers in der Atmosphre zu heben oder zu senken. Auerdem war er jedoch am oberen Scheitel mit einem Ventil versehen, fr den Fall, da er einmal sehr schnell herabzugehen gezwungen wre. Hier waren demnach nur bereits bekannte Mittel vorgesehen, diese aber bis zum hchsten Grade der Vollkommenheit entwickelt. Der Go a head erhob sich also in lothrechter Linie. Durch optische Wirkung verringerten sich seine Dimensionen allmhlich den Blicken. Gewhnlich erscheint das ziemlich merkwrdig fr die Zuschauer, die sich, um gerade hinauf zu sehen, fast die Halswirbel brechen. Der ungeheure Walfisch wurde so nach und nach zum Meerschwein, um endlich bis zur Gre des gewhnlichen Grndlings herabzusinken. Da die aufsteigende Bewegung nicht unterbrochen wurde, erreichte der Go a head eine Hhe von viertausend Metern, blieb aber bei dem reinen, keine Spur von Dunst enthaltenden Himmel vollkommen klar sichtbar. Inde hielt er sich fortwhrend ber der Lichtung, als wrde er daselbst von divergirenden Leinen festgehalten. Und wenn eine riesenhafte Glocke ber die Umgegend gestrzt gewesen wre, htte die Luft darunter nicht ruhiger sein knnen. Weder in jener, noch in irgend einer anderen Hhe regte sich der leiseste Hauch. Stark verkleinert durch die Entfernung, als ob man ihn durch ein verkehrt gehaltenes Fernrohr betrachtet htte, manvrirte der Aerostat, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Pltzlich drang ein Aufschrei aus der Menge, ein Schrei, dem sofort hunderttausend andere folgten. Alle Arme richteten sich nach einem Punkte am Horizont, und zwar nach Nordwesten hin. Dort im tiefen Azur ist ein sich bewegender Krper erschienen, der nher herankommt und grer wird. Ist es ein Vogel, der mit mchtigem Flgelschlage durch die hchsten Luftschichten schwebt? Ist's eine Feuerkugel, deren Bahn die Atmosphre in schiefer Richtung durchschneidet? Jedenfalls ist der rthselhaften Erscheinung eine bedeutende Schnelligkeit eigen und sie mu bald ber die erstaunte Volksmenge hinwegrauschen. Ein Verdacht, der sich gleichsam elektrisch allen Gehirnen mittheilt, verbreitet sich ber die ganze Lichtung. Es scheint jedoch, als ob auch der Go a head den fremdartigen Gegenstand bemerkt htte. Offenbar hat er das Gefhl einer drohenden Gefahr empfunden, denn pltzlich steigert sich seine Geschwindigkeit und er flieht nach Osten hin. Ja, die Menge hat Alles begriffen. Ein von einem der Mitglieder des Weldon-Instituts ausgerufener Name wird von zweihunderttausend Lippen wiederholt: "Der 'Albatros'! ... Der 'Albatros'!" In der That, es ist der "Albatros". Robur ist es, der in den Hhen des Himmels wieder erscheint! Er ist's, der gleich einem gigantischen Raubvogel auf den Go a head losstrzt! Und neun Monate vorher war der durch die Explosion zersprengte Aeronef, die Schrauben zerbrochen und das Verdeck in zwei Stcke zerrissen, doch vernichtet worden. Ohne die wunderbare Besonnenheit des Ingenieurs, der die Drehbewegung des vorderen Propellers vernderte, und diesen als Auftriebsschraube wirken lie, wre die ganze Besatzung des "Albatros" schon durch die Schnelligkeit des Sturzes erstickt worden. Doch wenn sie auch dieser Gefahr glcklich entronnen, wie kam es, da sie nicht in den Fluthen des Pacifischen Oceans ertrunken war? Das kam daher, da die Trmmer des Verdecks, die Flgel der Triebschrauben, die Wnde der Ruffs und was sonst noch vom "Albatros" brig war, ihn zur schwimmenden Seetrift verwandelt hatten. Der verwundete Vogel war in's Wasser gefallen, seine Flgel aber hielten ihn noch auf den Wellen. Einige Stunden lang blieben Robur und seine Leute noch auf diesem Wrack, dann flchteten sie in das auf dem Ocean wieder gefundene Kautschukboot. Die Vorsehung, fr Diejenigen, welche an einen gttlichen Eingriff in irdische Dinge glauben -- der Zufall, fr Diejenigen, welche die Schwche haben, an keine Vorsehung zu glauben -- kam den Schiffbrchigen zu Hilfe. Wenige Stunden nach Sonnenaufgang wurden sie von einem Schiffe bemerkt, das nicht allein Robur und seine Leute, sondern auch die umher schwimmenden Trmmer des Aeronefs aufnahm. Der Ingenieur begngte sich mit der Angabe, sein Fahrzeug sei durch eine Collision zerstrt worden, und sein Incognito blieb auch bei dieser Gelegenheit gewahrt. Jenes Schiff war ein englischer Dreimaster, der Two Friends von Liverpool. Es segelte nach Melbourne, wo es nach wenigen Tagen eintraf. Nun war man zwar in Australien, aber sehr fern von der Insel X, nach der man doch baldigst zurckkehren mute. Unter den Trmmern des hinteren Ruffs hatte der Ingenieur noch eine betrchtliche Geldsumme gefunden, die ihm, ohne einen Anderen anzusprechen, alle Bedrfnisse seiner Leute zu bestreiten gestattete. Kurz nach der Ankunft in Melbourne erwarb er eine kleine Goelette von hundert Tonnen und auf dieser begab sich Robur, der auch ein tchtiger Seemann war, nach der Insel X zurck. Jetzt erfllte ihn nur noch eine einzige fixe Idee -- sich zu rchen. Doch um das zu knnen, mute ein zweiter "Albatros" gebaut werden, was fr den, der den ersten construirt hatte, ja eine leichte Aufgabe war. Man verwendete dabei, was noch vom alten Aeronef brauchbar erschien, unter anderen Maschinentheilen auch dessen Propeller, die mit allen Trmmern auf der Goelette verladen gewesen waren. Der Mechanismus wurde mittelst neuer Batterien und Accumulatoren wieder in Stand gesetzt. Kurz, binnen weniger als acht Monaten war die ganze Arbeit beendigt und ein neuer "Albatros", ganz gleich dem durch die Explosion zerstrten und eben so mchtig wie dieser, stand bereit, durch die Luft abzusegeln. Selbstverstndlich trug er auch dieselbe Mannschaft und ebenso selbstverstndlich schumte diese Mannhaft vor Wuth auf Onkel Prudent und Phil Evans im Besonderen, wie auf das ganze Weldon-Institut im Allgemeinen. Mit den ersten Tagen des April verlie der "Albatros" die Insel X. Whrend dieser Luftfahrt sollte sein Vorberkommen von keinem Punkt der Erde aus gemeldet werden knnen. So schwebte er also immer zwischen den Wolken hin. Ueber Nordamerika an einer Einde des Far-West angelangt ging er zur Erde. Das tiefste Incognito bewahrend, erfuhr der Ingenieur hier, was ihm das grte Vergngen gewhren mute: da das Weldon-Institut nun so weit sei, mit seinen Probefahrten zu beginnen, und da der Go a head mit Onkel Prudent und Phil Evans am 29. April von Philadelphia aus aufsteigen sollte. Welch' herrliche Gelegenheit zur Khlung jener Rache, die das Herz Robur's und aller seiner Leute erfllte! Eine schreckliche Rache, welcher der Go a head nicht entrinnen sollte! Eine ffentliche Rache, welche gleichzeitig die Ueberlegenheit des Aeronefs ber die Aerostaten und alle Apparate dieser Art beweisen mute! Aus diesem Grunde also erschien an jenem Tage gleich dem Geier, der aus schwindelnder Hhe niederschiet, der Aeronef ber dem Fairmont-Park. Ja, das war der "Albatros", leicht erkannt selbst von Denen, die ihn frher nie gesehen hatten. Der Go a head floh noch immer. Er begriff jedoch, da er durch eine Flucht in horizontaler Richtung niemals zu entkommen vermge. Er suchte sein Heil also in verticaler Flucht, aber nicht durch Annherung an die Erde, denn da htte der Aeronef ihm den Weg verlegen knnen, sondern indem er sich in die Luft erhob, nach einer Zone, in der er vielleicht nicht angegriffen werden konnte. Das war sehr khn, doch gleichzeitig recht logisch gehandelt. Inzwischen erhob sich aber auch der "Albatros" mit ihm. Weit kleiner als der Go a head glich er dem Schwertfisch bei Verfolgung des Wals, den er mit seinem Stachel durchbohrt, oder dem auf das Panzerschiff zufliegenden Torpedo, der jenes mit einem Schlage in die Luft zu sprengen trachtet. Die Zuschauer bemerkten das mit beklemmender Angst. Binnen wenigen Augenblicken hatte der Aerostat eine Hhe von fnftausend Metern erreicht. Der "Albatros" war ihm bei seiner aufsteigenden Bewegung nachgefolgt. Er tnzelte jetzt gleichsam um seine Seiten und umkreiste ihn in stetig vermindertem Umfange. Mit einem Sprung konnte er ihn vernichten, indem er seine dnne Hlle zerri. Onkel Prudent und dessen Begleiter wren durch einen furchtbaren Absturz rein zerschmettert worden. Die vor Schreck verstummten und nach Athem ringenden Zuschauer waren von jener Art Entsetzen gepackt, das die Brust einschnrt und die Fe lhmt, wenn man Einen aus groer Hhe herabstrzen sieht. Jetzt drohte ein Luftkampf, ein Kampf, der nicht einmal die geringen Aussichten fr Rettung wie ein Wasserkampf darbot -- der erste dieser Art, aber gewi nicht der letzte, denn der Fortschritt gehrt zu den ehernen Gesetzen dieser Welt. Und wenn der Go a head an seiner Seite das amerikanische Sternenbanner trug, so hatte der "Albatros" auch seine Flagge, das schwarze Fahnentuch mit der goldenen Sonne Robur des Siegers, entfaltet. Der Go a head wollte aus dem Bereiche seines Gegners zu kommen suchen, indem er sich noch weiter erhob. Er warf den als Reserve mitgefhrten Ballast aus. Noch einmal machte er einen Satz von tausend Metern und erschien jetzt nur noch als ein Punkt im Luftraum. Der "Albatros", der ihm mit der grten Drehgeschwindigkeit seiner Schrauben nacheilte, war schon vllig unsichtbar geworden. Pltzlich erhob sich von der Erde ein Schreckensschrei. Der Go a head nahm sichtlich an Gre wieder zu, whrend auch der sich mit ihm senkende Aeronef auf's Neue erschien. Jetzt war der Sturz da! Das in der furchtbaren Hhe zu stark ausgedehnte Gas hatte die Hlle des Ballons gesprengt, und nur noch halb aufgeblasen fiel dieser rasch herunter. Der Aeronef dagegen, der nur die Bewegung seiner Auftriebsschrauben gemigt hatte, sank mit abgemessener Geschwindigkeit herab. Er fuhr an den Go a head heran, als dieser nur noch zwlfhundert Meter von der Erde entfernt war, und nherte sich ihm Bord an Bord. Wollte Robur ihm den Gnadensto geben? -- Nein, er wollte helfen, wollte die Insassen retten! Seine Manvrirgeschicklichkeit war eine so erstaunliche, da der Aeronaut und sein Genosse auf das Verdeck des Aeronefs gelangen konnten. Sollten Onkel Prudent und Phil Evans etwa die Untersttzung Robur's ablehnen, es verweigern, sich von ihm retten zu lassen? Sie wren es wahrlich im Stande gewesen! Die Leute des Ingenieurs bemchtigten sich jedoch derselben und schafften sie mit Gewalt vom Go a head nach dem "Albatros". Da machte sich der Aeronef von jenem klar und blieb an derselben Stelle, whrend der jetzt vllig gasleere Ballon auf die Bume neben der Lichtung niederfiel, wo er gleich einem riesigen Fetzen hngen blieb. Unten herrschte das Schweigen des Todes; es schien wirklich, als wenn alles Leben aus den Herzen der Menge entflohen wre. Sehr Viele hatten gleich die Augen geschlossen, um das Ende der Katastrophe nicht mit anzusehen. Onkel Prudent und Phil Evans waren also wiederum die Gefangenen des Ingenieurs Robur geworden. Sollte er, nun er sie wieder erlangt, mit ihnen noch einmal in's Luftmeer hinausfliegen, wohin ihm Keiner folgen konnte? Das war vielleicht zu vermuthen. Indessen senkte sich der "Albatros", statt hher zu steigen, langsam zur Erde nieder. Man glaubte, er wolle bis auf's Land gehen, und die Menge drngte sich, um ihm Platz zu machen, auseinander. Die Erregung der Leute hatte jetzt den hchsten Grad erreicht. Zwei Meter ber der Erde hielt der "Albatros" an, und unter tiefstem Stillschweigen lie sich die Stimme des Ingenieurs vernehmen: "Brger der Vereinigten Staaten, sagte er, der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts sind wiederum in meiner Gewalt. Hielte ich sie zurck, so wrde ich nur von meinem Rechte der Wiedervergeltung Gebrauch machen. Bei der in ihrer Seele durch die Erfolge des "Albatros" entfachten Leidenschaft aber sehe ich ein, da ihr geistiger Zustand doch nicht derart ist, um die Umwlzungen, welche die Beherrschung des Luftmeeres einst nach sich ziehen mu, vollstndig zu begreifen. Onkel Prudent und Phil Evans, Sie sind frei!" Der Vorsitzende, der Schriftfhrer des Weldon-Instituts, der Aeronaut und sein Gehilfe hatten nur einen Sprung zu thun, um auf die Erde zu gelangen. Der "Albatros" erhob sich dann sofort um etwa zehn Meter ber die Menge und Robur fuhr fort: "Brger der Vereinigten Staaten, mein Versuch ist glcklich durchgefhrt, doch meine Ansicht geht dahin, nichts zu bereilen, auch nicht einmal den Fortschritt. Die Wissenschaft darf den Landessitten und Gewohnheiten nicht zu sehr vorauseilen. Die Menschheit soll nur schrittweise, nicht durch gewaltsame Umnderungen vorwrts kommen. Ich selbst wrde heute noch zu zeitig auftreten, um alle widerstrebenden und getheilten Interessen zu vereinigen. Die Nationen sind zum wirklichen Bunde noch nicht reif. "Ich ziehe also weiter und nehme mein Geheimni mit mir. Fr die Menschheit wird es deshalb nicht verloren sein, sondern ihr dereinst gehren, wenn sie unterrichtet genug sein wird, daraus Vortheil zu ziehen, und weise genug, um es nicht zu mibrauchen. Heil Euch, Brger der Vereinigten Staaten, Heil Euch, jetzt und immerdar!" Die Luft mit seinen vierundsiebenzig Schrauben peitschend und von den beiden mit grter Kraft arbeitenden Propellern davongetragen, verschwand der "Albatros" im Osten inmitten eines Sturmes von Hurrahs, die jetzt der allgemeinen Bewunderung Ausdruck gaben. Die beiden, jetzt wie das ganze Weldon-Institut tief gedemthigten Collegen thaten das Einzige, was sie thun konnten -- sie schlichen nach ihren Behausungen zurck, whrend die Menge infolge einer pltzlichen Sinnesnderung nicht bel Lust zeigte, sie mit jetzt ganz angebrachtem beienden Spotte zu begren. * * * * * Nun bleibt noch immer die Frage bestehen: "Wer ist jener Robur? Wird man das jemals erfahren?" Man wei es schon heute. Robur ist das Wissen und Knnen der Zukunft, vielleicht schon des nchsten Tages -- er ist der sichere Schatz im Schooe kommender Zeiten. Da der "Albatros" noch immer durch die Erdatmosphre hinschwebe, inmitten seines Reiches, das ihm Niemand streitig machen kann, ist nicht zu bezweifeln; auch Robur der Sieger wird seinem Versprechen gem eines Tages wiederkehren und das Geheimni einer Erfindung offenbaren, welche die socialen und politischen Verhltnis der Erde gnzlich umgestalten drfte. Was die Zukunft der Luftschifffahrt angeht, so gehrt diese den Aeronefs, nicht dem Aerostaten. Den "Albatrossen" ist es noch vorbehalten, sich das Reich der Luft endgiltig zu erobern. Inhalt. I. Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath wei, wie die ungelehrte 1 II. In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander streiten, ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen 11 III. In dem eine neue Persnlichkeit nicht besonders vorgestellt zu werden braucht, da sie das selbst besorgt 23 IV. In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners Frycollin den Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht 41 V. In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden und dem Schriftfhrer des Weldon-Instituts beschlossen wird 52 VI. Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht am besten berschlagen 65 VII. In welchem Onkel Prudent und Phil Evans sich noch nicht berzeugen lassen wollen 78 VIII. Worin man sehen wird, da Robur sich entschliet, auf die ihm vorgelegte wichtige Frage zu antworten 91 IX. In dem der "Albatros" fast zehntausend Kilometer zurcklegt und das mit einem merkwrdigen Sprunge endigt 108 X. Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's Schlepptau genommen wurde 127 XI. In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der Geschwindigkeit zunimmt 144 XII. In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen der Monthyon-Preise bewerben wollte 156 XIII. In den Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren, ohne die Seekrankheit zu bekommen 174 XIV. In dem der "Albatros" etwas ausfhrt, was man vielleicht niemals htte ausfhren knnen 189 XV. Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewi der Mhe lohnt 209 XVI. Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen Ungewiheit lt 225 XVII. Worin der Leser um zwei Monate rckwrts und auch um neun Monate vorwrts gefhrt wird 235 XVIII.Welches diese wahrhafte Geschichte zu Ende fhrt, ohne sie zu beendigen 252 End of the Project Gutenberg EBook of Robur der Sieger, by Jules Verne License: Share Alike