Produced by The Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This transcription was produced from images generously made available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) [ Symbole fr Schriftarten: _gesperrt_ : ~Antiqua~ ] Zwei Jahre in New-York. Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens. Nach eigenen Erfahrungen dargestellt von Christoph Vetter. Hof. Im Selbstverlage des Verfassers. 1849. Den Freunden zur Erinnerung! Den Lesern zur Unterhaltung! Den Auswanderern zur Belehrung und Warnung! von dem Verfasser. Vorrede. Es wird keiner Entschuldigung bedrfen, da der Verfasser der folgenden Bogen mit einer Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens vor das Publikum tritt. In dieser Zeit ernster Kmpfe hat Alles, was sich auf Amerika bezieht, einen doppelten Reiz erhalten, da Tausende auf dem westlichen Festlande allein Freiheit, Ruhe und Brgerglck zu finden hoffen. Bei meiner Arbeit hat mich die Ueberzeugung geleitet, da mancher Leser, der sein Vaterland nicht zu verlassen gedenkt, nicht ohne einiges Interesse Kunde von einer Stadt erhalten wird, in der sich groentheils das ganze amerikanische Leben concentrirt; Auswanderer werden manchen Rath und manche Anweisung finden, deren Befolgung ihnen um so mehr von Nutzen sein wird, als den Verfasser die strengste Wahrheitsliebe geleitet hat. Fr sie ist besonders die Schilderung der Seereise geschrieben. Wenn ich in dem Bchlein hie und da meiner Person Erwhnung that, so mge dies der Leser nicht etwa einer kleinlichen Eitelkeit, sondern vielmehr dem aufrichtigen Wunsche zuschreiben, durch eine Darstellung meiner eigenen Erlebnisse den Auswanderer auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welchen er entgegengeht; er soll durch die Erzhlung meiner Schicksale und Erfahrungen lernen, den Muth bei getuschten Hoffnungen zu behaupten, da Ausdauer immer, wenn auch spt, zum Ziele fhrt. Diese Bltter machen keinen Anspruch auf einen hheren Werth; ihr Zweck ist vollkommen erreicht, wenn sie dem Freunde ein Lcheln entlocken, dem Leser einige Stunden Unterhaltung bereiten und die Auswanderer zur Vorsicht ermahnen. Mit der Bitte um eine wohlwollende Beurtheilung sende ich sie wenige Wochen vor meiner Rckreise in die Welt; ein theurer Wunsch ist mir erfllt, wenn sie dazu beitragen, da mir auch in die Ferne das Wohlwollen der Leser, wie die Liebe und Erinnerung meiner Freunde und Bekannten folgt. Rehau, im October 1849. Der Verfasser. Inhaltsverzeichni. 1stes Capitel. Seite Havre. Eine Landsmnnin. Elend armer Auswanderer. Die Makler im Havre. 1-6 2tes Capitel. Die Einschiffung. Der Capitain und der Schnurrbart. 6-10 3tes Capitel. Die Einquartierung. Die Seekrankheit. Mittel gegen dieselbe. 10-14 4tes Capitel. Angst und Vaterfreuden. Eine Kindtaufe und ein Taufschein. 15-19 5tes Capitel. Ein Sturm. Damenhte. Bemerkungen ber die Einwanderung in Nord-Amerika. 19-25 6tes Capitel. Napoleon. Baldiges Ende der Seereise. Unerwarteter Aufenthalt. Land. Die New-Yorker Piloten. 25-31 7tes Capitel. Schilderung der Kste. Staatenisland. Die Makler in New-York. 31-41 8tes Capitel. Die deutsche Gesellschaft und der deutsche Volksverein. 41-45 9tes Capitel. New-York. Die Battery oder der Castlegarden. Der Broadway. Astorhaus. Das Amerikanische Museum. Der Park und City-Hall. Die Vorfeier des vierten Juli. 46-54 10tes Capitel. Die Feier des vierten Juli. Frechheit eines englischen Matrosen. 54-60 11tes Capitel. Eine Betrachtung ber die Thtigkeit der Amerikaner. Die Erlangung des Brgerrechts. 61-68 12tes Capitel. Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben von Seite der in Deutschland existirenden Parteien. Demokraten und Whigs. 68-79 13tes Capitel. Die Nationalreformer. Deutsche communistische Colonieen. 80-87 14tes Capitel. Eintritt in ein neues Geschft. Eine alte und eine neue Bekanntschaft. Amerikanische Stutzer und Beutelschneider. Die New-Yorker Polizei. 88-94 15tes Capitel. Knstlerlaufbahn. Der Marmorpalast. 95-99 16tes Capitel. Deutsches Leben in New-York. Geselligkeit. Wirthschaften. Brauerei. Ausflge. Kirchweihen. 99-108 17tes Capitel. Die Feier des Maifestes in New-York. Gesangvereine. Deutsche Blle. 108-114 18tes Capitel. Das Leben und die Sitten der Amerikaner. Ihre Religiositt. Temperenzmnner. Rechte der Frauen. 115-129 19tes Capitel. Die Kche der Amerikaner. Der Neujahrs- und der Valentinestag. Ihre Gastfreundschaft. 130-135 20stes Capitel. Die New-Yorker Presse. 135-142 21stes Capitel. Kunst. Theater. Musik. 143-148 22tes Capitel. Lasterhhlen. ~Washington-Street.~ Die ~Five-Points~. Die Hinrichtungen. 149-155 23stes Capitel. Allgemeine Notizen fr Auswanderer. 155-164 Erstes Capitel. Havre. Eine Landsmnnin. Elend armer Auswanderer. Die Makler im Havre. Die kurze Zeit, die der Verfasser dem Aufenthalte in Paris widmen konnte, war um und der Tag der Abreise erschienen. Die wenigen Freunde, an die er empfohlen war, gaben ihm beim Scheiden den Rath, die Reise von Rouen in's Havre zu Fue zu machen, da die Schnheiten des Rhonethales in vieler Hinsicht denen des Rheinthales gleich kmen. Ich folgte der freundlichen Mahnung, die zu bereuen ich keine Ursache gehabt haben wrde, wre ich nicht am zweiten Tage von einem nebligen Regenwetter in Empfang genommen worden, das mich nicht allein bis auf die Haut durchnte, sondern mir auch den Genu der reizenden Landschaft gnzlich verkmmerte. Mde und erschpft erreichte ich endlich das langgedehnte Incouville, eine Vorstadt des Havre. Die erste Person, die mir in den menschenleeren Straen aufstie, war ein junges Mdchen, welches trotz des Regens an einem Brunnen mit Waschen beschftigt war. ~La couronne d'or, s'il vous plait, mademoiselle?~ fragte ich, mein Bischen Franzsisch und meine ganze mir im Momente zu Gebote stehende Freundlichkeit zusammennehmend, um baldmglichst unter Dach und Fach zu gelangen. Ds versteh' i net, i seyn erst acht Tg hie! war die naive Antwort, die mich eine Landsmnnin erkennen lie. Nachdem ich fr ihre freundliche Auskunft in gutem Deutsch auf's Herzlichste gedankt hatte, gelangte ich endlich nach langem Hin- und Herwandern in's ersehnte Gasthaus. Eine eigenthmliche Ueberraschung ward mir gleich beim Eintritt in's Wirthszimmer, denn Gastzimmer will ich es doch nicht nennen, zu Theil; ohngefhr 80-100 Personen jeden Alters, Standes und Geschlechtes saen an zwei langen Tafeln und verzehrten ziemlich laut ihre Abendkost. Ich konnte mir nun schon eine Vorstellung von der Gesellschaft machen, mit der ich fr 5-6 Wochen in einen engen Raum zusammengepfercht werden sollte. Nachdem ich mich von den Reisestrapatzen in Etwas erholt hatte, machte ich mich auf den Weg, um ein Paar alte Freunde und Landsleute aufzusuchen, welche mir gleich nach dem Empfange die angenehme Erffnung machten, da ich vor 8-10 Tagen an eine Abreise gar nicht denken drfe, indem seit lngerer Zeit an 3000 Menschen ihre Einschiffung erwarteten. Diese Leute hatten sich ihre Pltze bereits contractlich gesichert, was ich zu thun unterlassen, spterhin aber auch nicht zu bereuen hatte, indem mir durch gtige Vermittelung meiner Freunde nicht allein ein Platz auf einem guten Schiffe, sondern auch eine einzelne Bettstelle ausgewirkt wurde, wofr ich jenen noch heute zum freundlichsten Danke verpflichtet bin, da ich durch letztere Begnstigung der Gefahr entgieng, von meinen seekranken Bettgefhrten mit unangenehmen Expektorationen belstigt zu werden. Die Tage im Havre verflossen allmhlig; so angenehm manche Stunde dahin schwand, so schmerzlich wurde das Herz oft von den Leiden und Drangsalen armer Landsleute berhrt. Mancher wenig bemittelte Familienvater hatte sich mit Weib und Kind aus ferner Heimath nach der weitentlegenen Hafenstadt durchgeschlagen, um dort nach Aufzehrung der wenigen Habe am fremden Strande liegen bleiben zu mssen, ohne die Weiterreise zur See antreten zu knnen. Einzelne dieser Unglcklichen sind wieder nach Deutschland zurckgekehrt; mancher Leser wird ihre zweirdrigen Karren an den Straenecken stehen sehen haben, welche nichts enthalten, als Lumpen und -- arme halb verhungerte Kinder. Vielfach wurde von fhlenden Menschenfreunden vor unbedachtsamer Auswanderung mittelloser Personen gewarnt, die, wenn sie auch zum ersehnten Hafen gelangt sind, bei dem Ueberflusse von Arbeitern und ihrer Unkenntni der Sprache Nichts als ein Leben voll des grten Elendes, des drckendsten Mangels und der schmerzlichsten Entbehrungen und Tuschungen erwartet. Die Zahl dieser Unglcklichen ist so gro, da trotz aller Untersttzung von Seite mitleidiger Personen an eine grndliche Hlfe nicht zu denken ist. Ich sah abgemattete und abgemagerte Auswanderer mit Weib und Kind in den Straen des Havre liegen und die Vorbergehenden anbetteln. Wurde ihnen ein Sous zugeworfen, so beeilten sie sich, sich warme Kartoffeln, die man gekocht auf den Straen haben kann, einzukaufen, um den Heihunger zu stillen. Der Mensch ist gewi spekulativ, da er selbst noch aus der schrecklichsten Noth seinen Gewinn zu ziehen wei! Mge diese kurze, aber wahre Schilderung eine Warnung fr unbemittelte Personen seyn, welche leichtsinnig ber die Noth und die Entbehrungen hinwegsehen, die ihrer nothwendig auf so weiter Reise warten! Selbst dem vermgenden Auswanderer drohen Gefahren von Seite betrgerischer Wirthe und lgenhafter Beutelschneider. Es ist eine Schmach fr den deutschen Namen, da unter allen Blutsaugern in der Fremde die Deutschen bei weitem die ersten und gewandtesten sind, und jeder Reisende thut wohl, dem Deutschen, der ihm seine Dienste freundlich und zuvorkommend anbietet, von vorn herein unbedingt zu _mi_trauen. Durch alle mgliche Kniffe, Rnke und Vorwnde wird den Auswanderern das Geld aus der Tasche gelockt. Ein Beispiel, das ich selbst erlebte, mge zur Vorsicht mahnen! In einer Restauration, die ich fter besuchte, bearbeitete ein deutscher Makler einen ziemlich viel Geld fhrenden jungen Mann, im Havre auf Spekulation Uhren einzukaufen, da er dieselben bei dem billigen Preise am dortigen Platze in New-York hoch verwerthen knnte. Dieser wollte Anfangs auf die Sache nicht eingehen, versprach aber, verlockt durch die Aussicht auf einen schnen Gewinn, mit seinem Wirthe, der ihm wegen seines gespickten Geldbeutels immer freundlich und herzlich entgegengekommen war und ihm daher Vertrauen eingeflt hatte, Rcksprache zu nehmen. Dieser aber, ein Bundesgenosse sowohl des Maklers, als des Uhrhndlers, malte ihm den Gewinn noch bedeutender vor, und der arme Jngling gieng in die ihm knstlich gelegte Falle. Er kaufte fr circa 800 Franken Uhren, die er in New-York kaum fr den vierten Theil wieder los werden konnte, da er in jeder Art und Weise auf's Vollkommenste betrogen war. Reisende, die Rath und Hlfe gebrauchen, thun am besten, wenn sie sich an ihre betreffenden Consuln wenden, von denen namentlich der b.....sche, Herr M....l, wegen seiner Geflligkeit und oft bewiesenen Humanitt eine ehrenvolle und anerkennende Erwhnung verdient.-- Zweites Capitel. Die Einschiffung. Der Capitain und der Schnurrbart. Der Tag der Einschiffung nahte allmhlig heran. Die Lebensmittel, fr die man im Havre selbst sorgen mu, nebst Bett und dem nthigen Kochgeschirr wurden an Bord gebracht. Wie freudig schlug mir das Herz, als ich das schne neubemalte Schiff bestieg, auf dem das bunteste und lebendigste Treiben herrschte. Die poetischen und romantischen Empfindungen, die sich mir fr den Augenblick aufgedrngt hatten, sollten aber sofort in Nichts zerrinnen, als ich ber eine schlpfrige Stiege in einem finstern Raum hinabstieg, in dem ich erst nach mehreren Minuten die Gegenstnde um mich her erkennen konnte. Geschrei, Gekreische und Geznke von Mnnern und Weibern und die schrillenden Tne kleiner Kinder empfiengen mich von allen Seiten und gaben mir bereits einen Vorgeschmack von dem, was ich in der nchsten Zeit zu bestehen haben sollte. Nachdem ich mich mit Mhe und Noth bis zu meiner Schlafstelle, die im hintern Raume in der Nhe des Steuerruders war, hindurchgedrngt hatte, richtete ich mich so gut wie mglich in meiner neuen Wohnung ein. Gegen Mittag wurden die Anker gelichtet, und mit einem frhlichen Hurrah begrten Viele die Abfahrt, welche gewi nicht so frhlichen Muthes gewesen wren, wenn sie eine Ahnung von dem gehabt htten, was ihrer in Amerika wartete. Manch feuchtes Auge aber blickte nochmals nach der Kste und dachte des Vaterlandes und der daheim zurckgebliebenen Lieben, die es vielleicht nicht mehr schauen sollte. Ein Dampfschiff bugsirte uns aus dem Hafen; auer dem Lotsen, der im Havre nie fehlen kann, hatten wir als Begleiter noch mehrere Gensdarmen an Bord, welche ohngefhr fnf englische Meilen von der Kste die Psse smmtlicher Passagiere untersuchten. Zugleich muten die quittirten Ueberfahrtsvertrge vorgezeigt werden. Whrend dieses Aktes war die ganze Reisegesellschaft auf dem Verdecke, damit von den Matrosen und den Dienern des Gesetzes das Zwischendeck durchsucht werden knnte, um eingeschlichene Individuen, welche entweder die Ueberfahrt nicht bezahlt haben oder den Hnden der Gerechtigkeit verfallen sind, aufzufinden. In der That brachten sie auch einen armen deutschen Handwerksburschen in einem abgeschabten Sammetrocke zum Vorschein, der die Passagekosten zu berichtigen vergessen hatte und von einem weichherzigen Bauer unter sein Bett versteckt worden war. Trotz seines Bittens und Flehens mute er mit den Gensdarmen die unfreiwillige Rckreise nach dem Havre machen, das er so bald wieder zu sehen sich wohl nicht hatte trumen lassen. Als uns der Lotse und die Gensdarmen mit ihrer Beute verlassen hatten, gab der Capitain Befehl, das Schiff zu reinigen, was uns selbst sehr nothwendig schien, da durch das Einladen und Einpacken bis fast zum letzten Augenblicke der Abfahrt viel Unreinlichkeit und Schmutz auf das Verdeck und in die unteren Rume gebracht worden war. Nach Beendigung dieser Arbeit, der auch ich mich unterziehen mute, da im Zwischendeck vollstndige Freiheit und _Gleichheit_ herrscht, machte ich mich auf den Weg, um meine Schiffsgesellschaft zu mustern. Mein nchster Nachbar war ein junger Rheinbaier, Namens W......., der bereits fnf Jahre in Amerika gelebt und das amerikanische Brgerrecht erlangt hatte. Wir schlossen bald Freundschaft, was das Angenehme fr mich hatte, da ich durch ihn, da er von der ganzen Reisegesellschaft allein der englischen Sprache mchtig war, bald in nhere und sehr angenehme Beziehungen zu dem Capitaine kam, welcher sich durch Freundlichkeit und Liebenswrdigkeit auszeichnete und smmtliche Passagiere ohne Ausnahme mit viel Humanitt und Gte behandelte. Dieses ist um so mehr von ihm zu rhmen, als man dergleichen nicht auf allen Schiffen findet. Durch meinen neuen Freund W....... als Dollmetscher erfuhr ich von unserem Capitaine Higgins, da seine Lila (so hie das Schiff) in Baltimore gebaut und ein sehr gutes Fahrzeug sey und er mit demselben schon die Reise von Havre nach New-York in 20 Tagen gemacht habe, was fr uns Beide nicht unangenehm zu hren war. So zuvorkommend sich der Capitain im Ganzen gegen mich benahm, so fiel mir doch sehr auf, da er gleich im Anfange unserer Bekanntschaft mit lautem Lachen ausrief: ~the mustaches!~ Unangenehm berhrt fragte ich meinen Freund W......., was dieses Benehmen zu bedeuten habe? Noch lauter lachend setzte mir dieser nun auseinander, da der gute Higgins sich ber meinen Schnurrbart freue, der in New-York gewi viel Aufsehen erregen werde. Obschon ich bereits aus dem Spiegel die Ueberzeugung gewonnen hatte, da der Schmuck meiner Oberlippe keine besondere Bewunderung verdiene, so verdro mich doch der Scherz, der mir von einem Fremden unartig schien, was Beider Heiterkeit nur noch mehr steigerte. Endlich theilte mir W....... mit, da kein Amerikaner einen Schnurrbart[1] trage, und dem Inhaber eines solchen die Kinder in New-York ebenso nachliefen, wie deutsche Dorfjungen einem Mohren. Diese Auseinandersetzung bewog mich, sofort in's Zwischendeck hinabzusteigen und mich meiner Zierde zu entledigen. [1]: Der Schnurrbart ist seit jener Zeit auch in Amerika emancipirt worden, da sich viele Europer, namentlich die Franzosen, mit stoischem Gleichmuth ber den Spott der Amerikaner hinwegsetzten. Drittes Capitel. Die Einquartierung. Die Seekrankheit. Mittel gegen dieselbe. Die Schiffsgesellschaft bestand nur aus Deutschen (hauptschlich Baiern, Hessen, Wrtembergern und Elsssern). Der sogenannte gebildete Stand war unter ihnen gar nicht vertreten, da auer einem katholischen Geistlichen aus Tyrol nur Bauern und einige junge Handwerker an Bord waren. Unter ihnen fand ich jedoch ganz wackere und brave Leute, mit denen man recht gut verkehren konnte. Diese wurden zuflligerweise grtentheils meine Bettnachbarn. Die ersten Unannehmlichkeiten hatten wir mit einem Elssser Bauern, der im Vereine mit seinem Knechte eine unbertreffliche Grobheit zu entwickeln verstand. Dieser Mann hatte nmlich die appetitliche Einrichtung getroffen, da seine Frau die theuern Hupter ihrer lieben Kinderchen auf einem Koffer in der Nhe unserer Bettstellen auf's sorgfltigste untersuchte, da sie gewissen kleinen Thierchen, die man nicht gerne nennt, einen blutigen Tod geschworen hatte. Erst nach Beschwerdefhrung beim Capitain wurde der Schauplatz dieser unterhaltenden Beschftigung an einen anderen Ort verlegt; wir sollten aber unserem Geschicke trotz aller Vorsicht doch nicht entgehen, denn wir erhielten, da an strenge Erhaltung der Reinlichkeit bei dem Zusammendrngen so vieler Menschen auf einen so kleinen Raum nicht zu denken ist, spterhin dieselbe Einquartierung, die sich bereits bei unserer guten Elssser Bauersfrau so miliebig gemacht hatte. Das ist eines von den kleinen Leiden des menschlichen Lebens, dem ein Zwischendecks-Passagier nicht wohl entgehen kann. Eine weitere Unannehmlichkeit, von der jedoch Manche, wie der Verfasser selbst, verschont blieben, ist die schon oft beschriebene Seekrankheit. Gegen diese gibt es leider kein Cardinalmittel! der Kranke mu sich eben geduldig in sein Schicksal fgen. Jedoch will ich hier nicht unterlassen, meinen Lesern, die allenfalls noch eine Seereise zu machen gedenken, meine Erfahrungen ber die Art, wie man ihr wenigstens in Etwas begegnen kann, mitzutheilen. Der Zwischendecksreisende suche seinen Platz in der Mitte des Schiffes zu erhalten, da hier bei unruhiger See immer die wenigste Schwankung und geringste Erschtterung ist. Ferner halte man sich so wenig als mglich im Zwischendecke auf, weil in diesem trotz aller Frsorge bei der Ausdnstung so vieler Menschen nie die Luft ganz rein seyn kann. Selbst wenn die See strmisch geht, bleibe man auf dem Verdecke und sehe der wilden Bewegung der Wasser mglichst ruhig zu, damit der Schwindel ferne bleibt. Als sehr praktisch habe ich auch gefunden, den Bewegungen des Schiffes, namentlich wenn sie heftig sind und von der Seite kommen, mit dem Krper nachzugehen, damit der Magen nicht zu sehr erschttert wird. Luft das Schiff unter gnstigem Wind, so kann ich das Hinabschauen von den Seiten des Schiffes in die See als ein Mittel empfehlen, welches ebenfalls den Schwindel entfernt hlt. Viele haben als Prservativmittel einen uerst migen Genu von Speisen und Getrnken empfohlen; ich habe aber hiervon eher die entgegengesetzte Wirkung beobachtet. Der beste Rath ist wohl der, sich zur See aller der Speisen zu enthalten, zu denen man keinen Appetit hat oder vor denen man gar Ekel empfindet. Obschon ich gnzlich von der Seekrankheit befreit blieb, mute ich mir doch den Genu von Kaffee und Wein versagen, da ohnfehlbar Erbrechen erfolgt wre. Gutes Bier ist den Seekranken am willkommensten, da es der Magen am wenigsten wieder ausstt; leider ist der Transport beschwerlich, da man es nur in Flaschen mit sich fhren kann. Wer von der Seekrankheit verschont bleibt, hat wirklich alle Ursache, sich zu gratuliren, denn abgesehen davon, da dieser Zustand mit vielen Leiden verbunden ist, entzieht er uns den Genu aller Reize und Schnheiten, die die See darbietet. Am meisten berraschte mich ihr schneller Eintritt bei vielen meiner Mitreisenden. Kaum hatte uns das Dampfschiff, welches uns aus dem Hafen des Havre gebracht hatte, im Canale unserem Schicksale berlassen, als sich mit dem Schwanken des Schiffes die von Allen gefrchtete Seekrankheit einstellte. Freund W....... und ich hatten uns zu einem jungen Tischler gesellt, welcher mit einem schnen reinen Tenor Prochs Alpenhorn mit Guitarrebegleitung zum Besten gab. Der grte Theil der Passagiere lauschte den schnen Tnen; aber noch war das Lied nicht zur Hlfte beendigt, als von jeder Seite des Schiffes 10-12 Kpfe in die See hinabschauten, um die von ihnen ohnlngst genossene Nahrung den Fischen als willkommenes Futter zu spenden. Einige wurden gleich am ersten Tage von der Seekrankheit mit solcher Heftigkeit befallen, da sie whrend der ganzen Reise das Bett nicht verlassen konnten, und bei der Ankunft in New-York so matt waren, da sie nicht aufrecht zu stehen vermochten. Selbst der geistliche Hirte blieb von der Krankheit, die den grten Theil seiner Heerde befallen hatte, nicht verschont, und es nahm sich gar possirlich aus, wenn er mit langem schwarzen Rock, schwarzen kurzen Hosen und Kanonenstiefeln angethan sein Haupt neigte, um der Urquelle ihre Spenden zurckzugeben. Viertes Capitel. Angst und Vaterfreuden. Eine Kindtaufe und ein Taufschein. Vierzehn Tage lagen hinter uns, als uns ein Ereigni berraschte, welches viele Heiterkeit erregte. Wir hatten nmlich auch einen Bauernburschen mit an Bord, der mit seiner Geliebten, einer runden Dorfschnen, sein Heil in Amerika versuchen wollte, da ihre Liebe Frchte zu tragen versprach, und ihnen die Erlangung des Heirathsconsenses zu Hause unmglich war. Wider Erwarten des Mdchens stellten sich in Folge der Reise etwas frher die Wehen ein, welche ihren getreuen Liebhaber, der mit geistigen Gaben nicht besonders gesegnet war, und in dieser Hinsicht wohl auch noch keine besonderen Erfahrungen gesammelt haben mochte, in nicht geringe Angst und Verlegenheit versetzten. Freund W....... erbarmte sich seiner und nahm mit unserem menschenfreundlichen Capitain Rcksprache, welcher sofort dem Schiffszimmermann die Errichtung einer Bettstelle befahl, welche durch umhergehngte Segeltcher von dem brigen Zwischendecke abgeschlossen wurde. Kurze Zeit darauf hrten wir einen jungen Republikaner und Brger der Vereinigten Staaten[2] in dem knstlich geschaffenen Kabinette schreien, und unsere Reisegesellschaft hatte nun trotz aller Matrosen und Gensdarmen ein Mitglied unter sich, welches keine Ueberfahrtskosten zu entrichten hatte. [2]: Kinder, welche auf amerikanischen Schiffen geboren werden, haben dieselben Rechte, wie diejenigen, welche in Amerika das Licht der Welt erblicken. Bald nach der Geburt kam der glckliche Vater auf Freund W....... und mich zu, um von uns in Betreff der Taufhandlung sich einen Rath zu erbitten. Wir zeigten auf den katholischen Priester hin, der gemchlich, die Hnde auf den Rcken gelegt, auf dem Verdecke hin und her gieng. Aber ein frommes Entsetzen ergriff den guten Menschen bei dem Gedanken, da er als Protestant sein Kind von einem rmisch-katholischen Geistlichen taufen lassen sollte. Sind Sie denn evangelisch? fragte er uns ngstlich, und erst, als wir Beide bejaht hatten, klrte sich sein Antlitz wieder auf. Kann denn der das Kind evangelisch taufen? fragte er abermals. Da wir der Ansicht waren, da wir ihm nur mit groer Mhe eine richtige Anschauung der Sachlage eintrichtern knnten, erklrten wir ihm, da wir es statt seiner besorgen wollten, da der katholische Pfarrer sein Kind evangelisch taufe. Wir wandten uns nun mit der Bitte an den Priester, da er das Kind in die christliche Kirche aufnehmen mge, was er denn auch fr den nchsten Sonntag richtig zusagte. Der hohe Festtag war erschienen, und das Schiff lag wegen eingetretener Windstille ruhig auf der spiegelglatten See. Der Capitain hatte sich selbst zu Gevatter gebeten, was der Bauer als eine groe Ehre freudig annahm. Eine Tonne wurde auf dem Raume vor der Cajte aufgestellt, mit Brettern belegt und mit einem groen weien Tuche bedeckt. Ein Crucifix wurde ebenfalls mit dem nthigen Taufgeschirr herbeigeschafft, welches seine Dienste that, obschon es nur aus einem Waschbecken und einer Obertasse bestand.-- Indessen gieng es im Zwischendecke munter zu. Alles, was gesund war, machte sich an seine Toilette; die Mnner rasirten sich, die Weiber flochten sich die Haare, der Herr Pfarrer wichste die Kanonenstiefeln und packte seinen neuen schwarzen Anzug aus, und der Capitain warf sich in der Cajte in fashionablen Frack und Unaussprechliche. Als Alles zum feierlichen Akte vorbereitet war, lie der Capitain mit der Schiffsglocke ein Zeichen geben, und langsam gieng es aus dem unteren Raume auf das Verdeck, auf dem sich die Versammlung in zwei langen Reihen aufstellte. Die Rede des Geistlichen und die Taufhandlung war einige Stunden vorber, als unser Bauer mit rothem Kopfe und einem Blatt Papier in der Hand auf W....... und mich zukam und uns einen Taufschein berreichte, der ihm auf sein Verlangen vom Pfarrer ausgestellt worden war. Derselbe enthielt die Besttigung, da das Shnlein des Bauern ~N.N.~ in die Gemeinschaft der heiligen rmisch-katholischen Kirche aufgenommen worden sey. Nun war uns die Sache doch nicht mehr zum Spaen, als wir sahen, da uns ein Jesuitenstcklein gespielt worden sey, welches der Herr Pfarrer in Innsbruck erlernt haben mochte; wir nahmen dehalb den Taufschein zu uns, und ich schrieb einen zweiten, in welchem ausdrcklich bemerkt war, da von dem katholischen Priester ~N.N.~ das Kind in die Gemeinschaft der christlichen Kirche aufgenommen worden sey. Nachdem dieses neugeschaffene Dokument vom Capitain als Pathen, von dem Vater und der Mutter des Kindes als Eltern und von W....... und mir als Zeugen unterschrieben war, gaben wir es erst dem Herrn Pfarrer zur Unterschrift, der sich dem Geschft mit saurem Gesichte unterzog, worauf in seiner Gegenwart der von ihm geschriebene Taufschein ber Bord flog. Jetzt erst war das tiefgengstigte Elternpaar wieder guten Muthes. Die ganze Geschichte wurde aber, trotz aller Bemhungen, sie geheim zu halten, auf dem Schiffe ruchbar, und die nchste Folge davon war die, da, als eine zweite Frau 14 Tage spter ebenfalls gebar, der Vater des Kindes dasselbe um keinen Preis von dem Pfarrer taufen lie, sondern fest erklrte, ihm erst in Cleveland, seinem knftigen Wohnsitze, von einem evangelischen Prediger die Weihe der Kirche ertheilen lassen zu wollen. Fnftes Capitel. Ein Sturm. Damenhte. Bemerkungen ber die Einwanderung in Nord-Amerika. Bis hieher war unsere Reise eine durchaus angenehme; wir hatten immer gutes Wetter und einige Tage Windstille ausgenommen immer gnstigen Wind, so da die Hlfte der Reise wider Erwarten rasch gemacht war. Wir sollten aber auch etwas von den ernsten Unannehmlichkeiten und Gefahren des Seelebens kosten, nmlich einen Sturm. -- Schn hatte der Tag geendet, und Alles war bis auf die Matrosen in tiefen Schlaf versunken, als sich der Wind drehte. Gegen Morgen war der Sturm in vollem Anzuge. Das laute Commando des Capitains, das Geschrei und der Gesang der Matrosen, die bei dem Nahen der Gefahr eine ganz besondere Munterkeit befllt, wie das schrille Pfeifen des Windes weckten Alles im Zwischendecke. Jedes fuhr schnell in die Kleider, um sich auf dem Verdecke von dem Gange der See zu berzeugen. Die neugierigere und zartere Hlfte des menschlichen Geschlechts kam zuerst im Neglig die Schiffstreppe hinauf. Kaum aber hatten die Weiber die Kpfe aus den Lucken gesteckt, und das Aechzen der Masten und Raaen, sowie das Brausen der daherrollenden Wogen gehrt, als sie smmtlich nach Unten eilten, und durch ihr furchtbares Zedergeschrei alle noch schlafenden Kinder aufweckten, welche den Chorus nach Leibeskrften verstrken halfen. Rasch stieg ich nun auf das Verdeck, um zu sehen, ob Gefahr vorhanden sey; aber kaum war ich oben angelangt, als ich mir beim Anblick der tobenden See meine Unerfahrenheit in solchen Dingen sofort eingestehen mute. Mein Freund W....... kam auf mich zu und theilte mir mit, da der Capitain guter Dinge sey und ihm versichert habe, da sein Schiff dergleichen Strme auf jeder Reise zu bestehen htte. Ganz ermuthigt versuchte ich nun, auf dem Verdecke, das von hereingeworfenem Seewasser so schlpfrig geworden war, da man kaum darauf gehen konnte, in die Nhe einiger Passagiere zu gelangen, als auf einmal eine groe Welle gegen die linke Seite des Schiffes heranrollte, dasselbe in die Hhe hob, das ganze Verdeck mit Wasser berschttete und mich auf die rechte Seite des Schiffes hinabschleuderte, da ich in die tobende See hinausgestrzt wre, htte ich mich nicht noch instinktartig an der Gallerie, die um die Cajte lief, angeklammert. Ein Matrose sprang mir zur Hlfe und brachte mich zur Lucke, durch die ich sehr kleinlaut und geqult von Schmerzen am ganzen Krper hinabstieg, um mich auf meine Matratze von Seegras zu begeben und daselbst ber meine unberufene Neugierde nachzudenken. Inzwischen hatte der Sturm zugenommen. Weiber und Kinder schrieen nach Leibeskrften; eine Wassermenge um die andere strzte durch die Lucken, die man nicht verschlieen durfte, wollte man uns nicht der Gefahr des Erstickens Preis geben. Durch das heftige und rasche Hin- und Herschwanken des Schiffes machten sich, um die Verwirrung und den Lrmen noch grer zu machen, auch noch Koffer, Kisten und sonstige Reiseeffekten von den Stricken los, mit denen sie befestigt waren, und rollten von einer Seite zur andern. Zugleich rauschte bei jeder Bewegung des Schiffes das Wasser im Zwischendeck herber oder hinber, was fr die meisten Ohren keine sehr erfreuliche Musik war. 36 Stunden hatte der Sturm so getobt, whrend welcher Zeit ich mich nur von rohem Schinken und Schiffszwieback nhrte, da man an Kochen gar nicht denken durfte. Die meisten Passagiere, namentlich die Weiber und die Kinder, genossen aber, so lange das Unwetter whrte, aus Angst und Jammer gar nichts und viele Andere konnten das wenige Genossene nicht bei sich behalten, da sie von der Seekrankheit im hchsten Grade befallen waren. Als ich das Verdeck wieder betrat, war bereits wieder ein Segel an dem Hauptmast erschienen. Die See ging aber, obschon der Wind bedeutend von seiner Heftigkeit verloren hatte, noch volle 24 Stunden hoch, und lschte uns einmal um's anderemal unser mhsam gemachtes Feuer wieder aus, das dem den Magen eine warme Suppe verschaffen sollte.-- Aber welches Schauspiel wre Dir, lieber Leser, geboten worden, httest Du jetzt einen Blick in das Zwischendeck werfen knnen! Blasse Gestalten krochen hie und da aus den Bettstellen, um in allen Winkeln des Schiffes ihre entfhrten Siebensachen aufzusuchen. Nun entstand erst das rechte Seufzen und Wehklagen, als Viele, die ihre Vorrthe und ihr Gepcke nicht vorsichtig genug befestigt hatten, den ungeahnten Schaden bemerkten. Namentlich gieng viel Wein verloren, den man in groen eingeflochtenen glsernen Flaschen mitgenommen hatte, die natrlich eine Carambolage mit einem Koffer oder einer Kiste nicht auszuhalten vermochten. Schiffszwieback, vom Seewasser durchweicht, und Unrath aller Art war ber den ganzen Boden verstreut, und gab uns eine angenehme Aussicht auf appetitliche Beschftigung. Mehrere Tage vergiengen, ehe Alles wieder im alten Gleise war. Den grten Verlust hatte aber unstreitig eine deutsche Putzhndlerin aus Paris erlitten, die mit mehreren Dutzend Damenhten vom feinsten Stoffe, welche mit tuschend nachgemachten Blumen verziert waren, nach New-York auszuwanderen beschlossen hatte, um die amerikanischen Ladys mit den Erzeugnissen ihrer Kunst zu beglcken. Sie hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die in einfache Pappschachteln verpackten Hte unter ihrem Bette zu verwahren, wo sie von dem Seewasser total verdorben wurden. Manches Frauenherz wre gewi bei dem Anblick des so unbarmherzig vernichteten Putzes tief bewegt worden! Das ist das Loos des Schnen auf der Erde. Die Passagiere waren fast ohne Ausnahme vermgende Leute; Einzelne fhrten sogar Reichthmer mit sich. Manchem Finanzmanne mchte ich den Rath geben, einmal auf einem Auswandererschiffe die Reise nach New-York mitzumachen, damit er nach der Ankunft in Amerika bei der Visitation des Gepckes durch die Zollbeamten die groen Geldscke mit eigenen Augen sehen knnte, welche durch die Auswanderer in die Fremde geschafft werden. Die Amerikaner haben nur zu wohl die ungeheuere Wichtigkeit der Einwanderung erkannt und begnstigen sie auf alle Weise. Ihnen ist der Reiche wie der Arme willkommen; der erstere bringt Capitalien, der letztere Arbeitskrfte mit, die in diesem Lande, in welchem noch so Manches in der Kindheit liegt, trotz der tglichen Ankunft so vieler Menschen immer noch ihren Werth behauptet haben, wenn sie sich nur geschickt zu vertheilen wuten. Nach einer Berechnung soll im Jahre 1847 eine Baarsumme von 5,000,000fl. allein von Deutschen in Amerika eingefhrt worden seyn, was Niemand Wunder nehmen wird, der wei, wie viel reiche Grundbesitzer in diesem Jahre auswanderten. Jedes Jahr nimmt die Auswanderung zu, und hat selbst im Jahre 1848, wo sich doch der Verwerthung von Gtern und Grundbesitz so bedeutende Schwierigkeiten entgegensetzten, einen so hohen Grad erreicht, da die Bevlkerung Nord-Amerikas in diesem _Einen_ Jahr um 10 Prozent stieg. Die groe Ausfuhr von Baargeld wird mit der Zeit ohne Zweifel sehr fhlbar werden, denn wenn wir auch gerne zugestehen, da der Hauptreichthum unserer Nation in dem Ackerbau besteht, so wird doch Niemand behaupten wollen, da wir die Industrie entbehren knnen und diese ohne flssige Capitalien arbeiten kann. Sechstes Capitel. Napoleon. Baldiges Ende der Seereise. Unerwarteter Aufenthalt. Land. Die New-Yorker Piloten. Gerne verkehrten W....... und ich mit einem Bauer aus Schwaben, der eine groe Gemthlichkeit, einen guten Humor und einen gesunden Menschenverstand besa. Er hatte lange als Bauernknecht im Wrtembergischen gedient und sich durch Sparsamkeit ein kleines Vermgen erworben. Auf unsere Frage, was ihn zur Auswanderung bestimmt htte, erzhlte er uns, da ein Schul- und Ortskamerade von ihm vor Jahren nach Amerika ausgewandert sey und ihm geschrieben habe, da er hinberkommen solle, da er in Deutschland doch nur ein Lump bleibe, whrend er drben wie Napoleon leben knne. Von jenem Augenblicke an hie er, da uns einige Spottvgel zugehrt hatten, allgemein der Napoleon, und wir lachten oft auf's Herzlichste, wenn ein deutscher Matrose aus dem Holsteinischen, mit dem er enge Freundschaft geschlossen hatte, in's Zwischendeck hinabrief: Napoleon! gehe herauf! Du mut Holz hauen und Erdpfel abschlen. Wir nherten uns allmhlig dem Ende unserer Reise. Ohne zu wissen, unter welchem Lngen- und Breitengrade wir schwammen, bemerkten wir doch, als wir noch ungefhr 2-300 engl. Meilen von der Kste entfernt waren, da die Kste nahe sein msse, da eine auffallende Menge von Schiffen in unserem Gesichtskreise segelte, whrend wir frher oft in 8 Tagen nur 2-3 Schiffen begegnet waren. Endlich gab uns der Capitain die lngst ersehnte Kunde, da wir am anderen Tage Land erblicken wrden. Nun war Alles in der freudigsten Bewegung; bessere Kleider wurden aus den Koffern genommen; alte, auf der Reise abgebrauchte Gegenstnde flogen in die See und ringsherum sah man fleiige Hnde, die sich eigener und fremder Verschnerung beflien. Die meiste Mhe machte die Reinigung der Haut von einem fettigen Schmutze, den das Seewasser beim Waschen zurcklt, da Swasser hiezu nicht verwendet werden darf. Ich machte lange vergebliche Versuche mit einem Handtuch und einem groen Stck Seife zum allgemeinen Ergtzen der Matrosen, die laut auflachten, da ich mich vergeblich roth wie ein gesottener Krebs gerieben hatte, und meine Bemhungen wren wohl erfolglos geblieben, htte sich der Landsmann aus Holstein nicht erbarmt und mir eine eigene Art Seife und einen wollenen Fleck gebracht, welche allein dem Krper die lange entbehrte Reinlichkeit wieder geben knnen. Die geehrten Leser werden der Versicherung wohl Glauben schenken, da wir Alle ohne Ausnahme die Nacht in groer Unruhe hinbrachten. Eigene Gefhle belebten das Herz bei dem Gedanken, in Blde das neuerwhlte Vaterland, dem Alle hoffnungsvoll entgegeneilten, vor Augen zu haben. Dazu kam noch die Freude, die lange, wenn auch immerhin glckliche Seereise mit ihren Gefahren und Entbehrungen berstanden zu haben; W.......s, wie meine eigene poetische Natur, deren khner Flug sich auf der Reise manchmal zum Ueberirdischen aufzuschwingen ver_sucht_ hatte, sank jetzt auf einmal zum Gemeinen herab und freute sich auf ein Stck frisches Rindfleisch und ein gutes Glas Bier, whrend die Frauen laut jubelten bei der sich ffnenden frohen Aussicht auf -- Milch zum Kaffee. Frhlich sprangen wir schon Morgens 4Uhr aus den Betten, um das gelobte Land zu erblicken; aber leider war unsere Hoffnung zu Wasser geworden, denn in der Nacht hatte sich ein neidischer Nebel ber die See gelagert, der uns die Aussicht gnzlich versperrte. Traurig stand ich auf dem Verdeck, als Freund W....... meinen Aerger noch durch die Mittheilung vermehrte, da der Capitain Befehl gegeben habe, Anker auszuwerfen, da er um keinen Preis bei dem trben Wetter nher an die gefhrliche und klippenreiche Kste fahren, sondern einen Piloten erwarten wolle. Den ganzen Tag muten wir so in einer unertrglichen Langeweile hinbringen, ohne einen Fubreit vorwrts zu kommen, da es sich durchaus nicht aushellte. Als der Abend hereingebrochen war, lie der Capitain einige Raketen steigen, um einen Lotsen an Bord zu bekommen, was denn auch zu Aller Freude in der Nacht gelang. Dieser unvermuthete Aufenthalt in der Nhe der Kste war uns um so unangenehmer, als wir gerne am 3. Juli in New-York angelangt wren, um am nchsten Tage das groe Fest mitzufeiern, welches die Amerikaner zu Ehren und zum Gedchtnis der am 4. Juli 1776 von ihren Vtern in Philadelphia gegebenen Unabhngigkeitserklrung von England mit groem Pompe begehen. In der Nacht des 2. Juli war der Pilot erst an Bord gestiegen, und es fragte sich sehr, ob uns ein gnstiger Wind in den nchsten 48 Stunden an's Land treiben wrde. Der Capitain lchelte stillvergngt zu unseren betrbten Gesichtern, hatte aber ganz im Geheimen bereits Vorsorge getroffen, sie bald wieder aufzuklren. Als wir am anderen Tage von unseren zerlegenen und sehr hart gewordenen Matratzen auf das Verdeck eilten, hatte sich der Nebel gnzlich gelegt, und -- ein lauter Schrei des Entzckens entfuhr uns, als wir im herrlichsten Sonnenschein Sandy Hook mit seinen 3 Leuchtthrmen vor uns erblickten. Reichlich waren wir fr das Unangenehme der letzten Tage entschdigt. Die Staffage dieser herrlichen Seepartie bildeten Hunderte von Schiffen, welche theils wie wir vor Anker lagen, theils von Dampfschiffen der Bay von New-York zugefhrt wurden. Weithinaus war das Meer, so weit nur das Auge reichen konnte, mit kleinen Fahrzeugen berset, welche theils Pilote, theils rstige Fischer trugen, die die ungeheure Stadt tglich mit frischen Seefischen versehen. Es sey mir gegnnt, hier Einiges ber die New-Yorker Piloten zu sagen. Diese khnen Mnner, welche nicht allein die genaueste Kenntni der Kste mit ihren Klippen und Untiefen, sondern eine eben so gute seemnnische Bildung, wie die Capitaine selbst, haben mssen, da sie sofort nach ihrer Ankunft an Bord das Commando des Fahrzeugs bernehmen, bilden in New-York ein wohlorganisirtes Corps. Ihre Dienstzeit ist ihnen regelmig vorgeschrieben und ihr Nahrungsstand gesichert, ob sie nun im Jahre viele oder wenige Schiffe einbringen. In kleinen, aber scharf und schlank gebauten, daher auch sehr schnell segelnden Fahrzeugen kreuzen sie oft mehrere Tage und Nchte in der Nhe der Kste, ja sie wagen sich oft 3-400 engl. Meilen in die offene See hinaus, um ihr menschenfreundliches Geschft auszuben. Selbst beim strmischsten Wetter halten sie das hohe Meer, um hlfsbedrftigen Schiffen Rettung bringen zu knnen. Der Muth und die Verwegenheit dieser Mnner bersteigt allen Glauben, sowie ihre Erfahrung und Sicherheit allgemeine Bewunderung erregt. Hier mge auch einer That Erwhnung geschehen, welche nicht allein Amerika, sondern auch Europa mit gerechtem Erstaunen erfllte. Ein New-Yorker Pilot unterzog sich dem gefhrlichen Geschfte, mit seinem Boote[3] Nachrichten von Wichtigkeit eher nach dem 3000 engl. Meilen entfernten Liverpool zu bringen, als es dem abgehenden Dampfschiff, welches die Reise gewhnlich in 13-14 Tagen macht, mglich wre. Er kam nun zwar spter als das Dampfschiff in England an, aber die in Liverpool anwesenden Seeleute von allen Nationen der Erde staunten ber die Khnheit einer That, die auszufhren bis zu dieser Stunde noch keiner fr mglich gehalten hatte. [3]: ~Pilotboat.~ Die New-Yorker Piloten sind, da viele von ihnen als Capitaine weite und gefahrvolle Reisen nach allen Welttheilen gemacht haben, nicht allein khne, sondern auch sehr gebildete Leute, und unterscheiden sich darin wesentlich von den Lotsen anderer Lnder, die zwar auch eine genaue Kenntni ihres Terrains, aber nicht den Takt und das Benehmen haben, welches bei den New-Yorker Piloten einen so wohlthuenden Eindruck macht. Siebentes Capitel. Schilderung der Kste. Staatenisland. Die Makler in New-York. Wir waren smmtlich noch im Anschauen der reizenden Kste versunken, als sich uns ein Dampfschiff nherte, welches uns in den Hafen schleppen sollte. Es hatte den Quarantainearzt an Bord, der den Gesundheitszustand unseres Schiffes untersuchte und denselben bis auf wenige Seekranke vortrefflich fand, wehalb er uns sofort die Erlaubni zum Einlaufen ertheilte. Nun war Alles von frohen Empfindungen bewegt; selbst Diejenigen, welche seit vielen Wochen nicht auf das Verdeck gekommen waren, lieen sich herauffhren, um mit den Anderen die herrliche Kste und die Bay von New-York zu bewundern, in die wir bald gelangen sollten. Pltzlich brauste der Dampf aus dem Rauchfange des Steamers und vorwrts gieng es dem Lande zu. Wir kamen an mehreren Schiffen vorber, die ebenfalls Auswanderer an Bord hatten; ein frhliches, herzliches Hurrah, welches wir jedesmal munter erwiderten, ertnte, so oft wir vorbeifuhren. Als wir Coonyisland, eine kleine Insel, welche die New-Yorker im Sommer fleiig zum Gebrauche der erfrischenden Seebder besuchen, aus den Augen verloren hatten, nherten wir uns allmhlig der schmalen Einfahrt (Harbour), die man nothwendigerweise passiren mu, wenn man in die Bay von New-York gelangen will. Dieser wichtige Punkt, der Schlssel von New-York, ist von den Amerikanern natrlich bedeutend befestigt worden. Zu unserer Rechten erblickten wir auf einem ziemlich steilen Hgel das Fort Hamilton mit seinen Casematten und bombenfesten Kasernen, dessen Kanonen drohend auf uns herabblickten. Lustig flatterte von den Batterieen das stolze Sternenbanner der Republik. Zur Linken waren ebenfalls dicht an der Kste starke Werke sichtbar, und um jedes Eindringen von der Seeseite unmglich zu machen, liegt fast in der Mitte der Einfahrt ein anderes massives und bombenfestes Fort, welches im Vereine mit den Strandbatterieen feindlichen Schiffen sicheres Verderben droht. Als wir endlich in die Bay selbst gelangten, erblickten wir das liebliche Staatenisland mit seinen freundlichen Villen und Gartenanlagen, welches nebst Hoboken der Haupt-Sommeraufenthalt der New-Yorker ist. Fast alle vermgenden Kaufleute bringen hier mit ihren Familien die heien Sommermonate zu. Jeden Morgen fahren sie von da mit den regelmig gehenden Dampfschiffen zur Stadt, um ihre Geschfte zu besorgen, und kehren dann um 3Uhr, zu welcher Stunde die greren Geschfte geschlossen werden, zurck. In Staatenisland mu die Quarantaine abgehalten werden, wenn dem Quarantainearzt der Gesundheitszustand der Passagiere nicht befriedigend scheint. Die auf der Insel befindlichen Hospitler, die eine groe Anzahl Kranker aufnehmen knnen, sind oft berfllt, namentlich war dies im Jahre 1847 der Fall, in welchem hauptschlich in den von England und Irland kommenden Schiffen das Schiffsfieber in grauenerregender Art grassirte. Ohngeachtet unsere Aufmerksamkeit jeden Augenblick auf einen neuen interessanten Gegenstand hingelenkt wurde, fiel uns doch der geringfgige Umstand auf, da 4-5 Khne unserem Schiffe bestndig zur Seite blieben. Mein Freund W......., wie immer thtig und wacker fr mich sorgend, theilte mir mit, da sich in diesen Booten die verrufenen und berchtigten deutschen Makler befnden, welche den ankommenden Schiffen 5-6 Meilen entgegenfahren, um sich ihre Opfer schon auszusuchen, ehe sie nur das Land betreten haben. Viele Capitaine erlauben ihnen, an Bord zu kommen, damit durch sie die Passagiere mglichst rasch vom Schiffe geschafft werden; unser Higgins aber war zu redlich und brav, um diesen unsauberen Gesellen den Zutritt zu seiner Lila, deren reinen Namen er nicht von ihnen beflecken lassen wollte, zu gestatten. Ihre anfngliche Hflichkeit verwandelte sich nach erhaltener abschlglicher Antwort sofort in die gemeinste Rohheit, und unser guter Capitain wrde sich wohl ber den Reichthum unserer Muttersprache an Schimpfwrtern gar sehr gewundert haben, htte er dieselbe verstanden. Bald erblickten wir auch das freundliche New-Jersey und die Castelle von Governers-Island und Battery, sowie die Masten unzhliger Schiffe, welche uns die Aussicht auf die Stadt versperrten. Gelingt es auch dem Feinde, durch die Einfahrt in die Bay zu dringen, so erwartet ihn ein zweites verheerendes Kreuzfeuer in derselben, welches ihm die Einnahme wohl unmglich machen drfte, obschon die Stadt an und fr sich gnzlich frei und offen daliegt. Endlich waren wir in dem Northriver, dem einem Arme des Hudson, eingelaufen; unser Schiff machte eine Wendung und wir lagen am Docke. Kaum aber hatten die Matrosen die Schiffstreppe an der einen Seite hinabgelassen, als die uns treu zur Seite gebliebenen Makler an Bord kamen und ihr feines Gewerbe begannen. Wie diese Art Menschen ihren Kder auswirft, um gutmthige Leute zu fangen, welche von ihren Prellereien nichts ahnen, will ich aus eigner Erfahrung erzhlen. Nach ihrer Ankunft auf dem Schiffe stellten sie zuerst gleichgltige und unbedeutende Fragen an die Passagiere, um aus dem Dialekte zu errathen, aus welchem Theile Deutschlands sie kmen. Ah! Sie sind auch ein Sachse, Preue, Bayer, Hesse u.s.w. Das ist schn, da sind wir ja Landsleute! Dann vertrauten uns diese edlen uneigenntzigen Seelen das schon bekannte Geheimni an, da Makler am Bord seyen. Nehmen sie sich in Acht vor diesen verrufenen Menschen! Mir knnen Sie Ihr Vertrauen schenken, da mich einzig und allein die Sehnsucht nach Landsleuten auf das Schiff gefhrt hat, die mir etwas Neues aus der theuern Heimath melden knnten. Ach, Deutschland bleibt doch immer schn! Auf diese Weise ist nicht allein der Angesprochene, sondern auch jeder Unerfahrene gefangen, der im Kreise um den Gauner herumstand, um seinen gemthlichen Worten zu lauschen. Die Makler sind fast ohne Ausnahme in den Diensten derjenigen Wirthe, welche in der Nhe des Hafens wohnen und einzig und allein von den Einwanderern leben. Sie suchen daher durch alle mglichen Kunstgriffe die neuen Ankmmlinge in das Haus desjenigen Gastwirths zu locken, mit dem sie in Geschftsverbindung stehen. Diese Menschen verlangen natrlich fr ihre Leistungen eine gute Bezahlung, die ihnen der Wirth leisten mu, da durch Geldforderung von ihrer Seite die Auswanderer mitrauisch werden wrden. Es ist nicht selten, da ein gewandter Makler monatlich von dem Wirth, dem er die Opfer liefert, 30 Dollars[4] nebst Kost und Logis erhlt, die natrlich wieder den Einwanderern abgenommen werden. Nebenbei wissen sie auf die gewandteste Weise den Ankmmlingen das Geld aus der Tasche zu spielen und sie in verdrieliche Hndel zu verwickeln, um ihre Hlfe und Untersttzung in Anspruch genommen zu sehen, die natrlich reichlich bezahlt werden mu, wie berhaupt alle ihre Dienste sechsfach vergtet werden mssen; so sah ich z.B., wie sie einem Landmann das halbvolle Glas zum Trinken reichten, fr welche Ehre demselben eine volle Flasche Rheinwein abgepret wurde. [4]: Ein Dollar = 2fl.30 kr. oder 1Thlr.13 Ngr. Fr das Eigenthum sind sie theilweise uerst gefhrliche Menschen; am besten thut man, wie dies allen Reisenden immer wieder empfohlen werden darf, durchaus kein Geld sehen zu lassen, denn sie liegen dem, bei welchem sie edles Metall vermuthen oder erblickt haben, in ihrer zudringlichen und ekelhaft widrigen Manier so auf dem Halse, da er ihnen nur durch eine Wohnungsvernderung entgehen kann. Eine weitere Erwerbsquelle dieser Menschen ist ihre Verbindung mit den verschiedenen Dampfschifffahrts-Gesellschaften und Eisenbahn-Compagnien, welche unter sich concurriren und dehalb auf das Capern von Passagieren ausgehen, welches ebenfalls von den Maklern besorgt wird. Dieses Geschft ist fr sie das eintrglichste, da sie oft 20-30 Passagiere in die Comptoirs dieser Gesellschaften fhren, um Fahrbillets nach allen Theilen der Vereinigten Staaten zu lsen, fr welchen Dienst sie ~pro~ Kopf je nach Verhltni einen halben oder einen ganzen Dollar erhalten. Einzelne Makler haben sich auf diese Weise schon ein hbsches Vermgen gesammelt, obschon die meisten von ihnen liederliche und arbeitsscheue Gesellen sind, welche in den Wintermonaten, in denen bei weitem weniger Einwanderer ankommen und ihr Verdienst daher sehr geschmlert ist, das wieder durchbringen, was sie im Sommer gesammelt haben. Ihr Aeueres ist groentheils anstndig, um aus dem Anzuge nicht sogleich die Erbrmlichkeit ihres Geschftes errathen zu lassen. Unerfahrene werden daher um so leichter getuscht, da der erste Eindruck bei ihrem Erscheinen kein abstoender ist. Der Ankmmling thut am besten, wenn er sogleich ein gutes Gast- oder Privathaus bezieht, da er dadurch der Pest entgeht, die ihn in der Person der Makler und betrgerischen Wirthe bestndig verfolgt. Auerdem lebt man in der Stadt billiger, reinlicher und ruhiger. Die Wirthe am Hafen verlangen ohne Ausnahme fr Kost und Logis 3 Dollars die Woche, whrend man in der Stadt fr dieselbe, ja noch bessere Qualitt nur 2 Dollar bezahlt. Es versteht sich wohl von selbst, da von Reinlichkeit in Husern keine Rede seyn kann, die in verhltnimig sehr beschrnkten Rumen manchmal an einem Tage mehrere Hundert Personen mit Kisten und Kasten aufnehmen. Der damit verbundene Lrmen, der am frhen Morgen beginnt, um erst am spten Abend wieder aufzuhren, ist auch eine von den Annehmlichkeiten, auf die gewi jeder Reisende gern Verzicht leistet! In den meisten Gasthusern dieser Art kann man nur uerst selten einzelne Zimmer bekommen. In vielen stehen 10-12 Betten, von denen jedes seine zwei Individuen aufnehmen mu, was nicht Jedermanns Vergngen ist. Da die wenigsten Personen, die hier neben einander zu schlafen gezwungen sind, sich auf ihrem Lebenswege schon einmal begegnet sind, so ist man in bestndiger Gefahr, bei der Rckkehr von einem Gange auswrts sein Gepcke nicht mehr zu finden. Am meisten werden die unerfahrenen, gutmthigen deutschen Landleute geprellt; eines traurigen Falls mge hier Erwhnung geschehen. Ein churhessischer Bauer schenkte einem Makler sein Vertrauen, der ihm eine Wohnung in einem Privathause zu verschaffen versprach, da die meisten Gasthuser bersetzt waren. Als derselbe den Koffer des Einwanderers, in dem seine ganze Habseligkeit eingeschlossen war, in dem neuen Quartier niedergesetzt hatte, lud er den Bauer auf's Freundlichste zu der Besichtigung der Merkwrdigkeiten New-Yorks ein, was dieser dankbar annahm. Er fhrte ihn in eine der belebtesten Straen der Stadt, und, als sie sich im dichtesten Gedrnge und Getmmel befanden, war er mit einem Male spurlos verschwunden. Der arme Betrogene kannte weder die Nummer des Hauses, noch den Namen der Strae, in der er seinen Koffer zurckgelassen hatte, und seine smmtlichen Kleider, seine Wsche, sowie seine ganze Baarschaft waren verloren. Einige Mitglieder des deutschen Volksvereins[5] begegneten dem weinenden Manne, brachten ihn fr die Nacht unter und verschafften ihm am nchsten Tage Arbeit an einer Eisenbahn. [5]: Siehe das nchste Capitel. So viel von dieser Klasse von Menschen, vor denen schon so oft gewarnt wurde. Trotzdem beklagen es tglich neue Opfer, den gutgemeinten Rath erfahrener Mnner nicht befolgt zu haben. Achtes Capitel. Die deutsche Gesellschaft und der deutsche Volksverein. Am passendsten geschieht jetzt, nachdem wir eine Characteristik der Makler gegeben haben, zweier Vereine in New-York Erwhnung, welche sich die doppelte Aufgabe gestellt haben, einerseits dem von diesen Menschen verbten Unfuge mit aller Energie entgegenzutreten, andrerseits die Einwanderer mit Rath und That zu untersttzen; es sind dies die schon lange bestehende deutsche Gesellschaft und der deutsche Volksverein zur Wahrung der Rechte und Interessen deutscher Einwanderer, welcher erst vor einigen Jahren in's Leben getreten ist. Beiden Vereinen stehen die angesehensten und achtbarsten deutschen Brger New-Yorks vor, wodurch ihre Wirksamkeit eine betrchtliche Ausbreitung, sowie die energischste Untersttzung der amerikanischen Behrden erhalten hat. Die deutsche Gesellschaft verausgabt fr gnzlich hlfs- und mittellose deutsche Einwanderer in kleinen Gelduntersttzungen jhrlich eine nicht unbedeutende Summe; aber einen noch viel wirksameren Dienst leistet ihnen dieser Verein durch Anweisung von Arbeit. Ein Sekretair ist eigens angestellt, welcher in einem in der Nhe des Hafens eingerichteten Bureau alle Anfragen beantwortet, alle Klagen anhrt und zu beseitigen sucht. Es versteht sich wohl von selbst, da dieser nicht im Stande ist, allen Denen zu helfen, welche zu ihm kommen, da manchmal Unmgliches gefordert wird, und er nur das wirkliche Unglck bercksichtigen kann und darf. Die deutsche Gesellschaft besitzt ein ziemliches Capitalvermgen, welches durch viele Beitrge der Mitglieder und namentlich durch eine bedeutende Schenkung unseres verstorbenen reichen deutschen Landsmannes Johann Jacob Astor begrndet wurde. Ihre Wirksamkeit beschrnkt sich aber nicht allein auf die Untersttzung armer Einwanderer; auch unglcklichen deutschen Stadtbewohnern tritt sie helfend zur Seite und bercksichtigt namentlich auch verschmte Arme. Um die Geschfte der Gesellschaft in Bezug auf diesen Theil ihrer Thtigkeit zu vereinfachen, ist New-York in Bezirke getheilt worden, zu deren Vorstnden zuverlssige und menschenfreundliche Mitglieder gewhlt werden, die die Bittgesuche Hilfsbedrftiger entgegennehmen und mglichst zu befriedigen suchen. Die bedeutendsten deutschen Aerzte New-Yorks haben sich der deutschen Gesellschaft angeschlossen, und diese ist dadurch in den Stand gesetzt, unbemittelten Kranken und Leidenden nicht allein vorzgliche, sondern auch unentgeldliche Behandlung zukommen zu lassen. Dieser Verein ist fters der Gegenstand lauten Tadels und bitterer Schmhungen gewesen; wer aber die Masse des Elendes und der Noth kennt, die tglich von ihm gelindert werden soll, und seine wirkliche Leistungen dagegen hlt, wird sich gewi nur ehrend und anerkennend ber einen Verein aussprechen, der so manche Thrne getrocknet und so manchen Hunger gestillt hat. Der deutsche Volksverein hat sich eine andere Aufgabe, als die deutsche Gesellschaft gestellt; er gibt nmlich keine Untersttzung an Geld, sondern beschftigt sich, wie seine Name schon beurkundet, nur mit der Wahrung der Rechte und Interessen der Einwanderer. Sein Hauptaugenmerk war seit seiner Grndung darauf gerichtet, die Makler in der Ausbung ihres schndlichen Gewerbes zu hindern, erwiesene an den Einwanderern begangene Betrgereien gerichtlich zu verfolgen, Arbeit an Arbeitslose zu geben und Rath und Auskunft ber amerikanische Zustnde zu ertheilen. Ein Ausschu, welcher jede Woche wechselt, ist tglich Nachmittags zu bestimmten Stunden in einem Lokale in der Nhe des Hafens in Sitzung, welches regelmig den Einwanderern in der New-Yorker Staatszeitung und der deutschen Schnellpost bekannt gemacht wird. Alle Beschwerden und Klagen ber Makler, Wirthe und andere Betrger werden dort angenommen und entweder auf gtlichem, polizeilichem oder gerichtlichem Wege bereinigt. Diese Leute sind daher die erbittertsten Feinde dieses Vereins geworden, und verfolgen namentlich die thtigen Mitglieder desselben auf alle ihnen nur immer mgliche Weise, sowie sie natrlich auch durch Verbreitung von Lgen, Entstellungen und Verlumdungen die moralische Kraft des Vereins zu brechen suchen. Im Anfange seines Entstehens suchte der deutsche Volksverein die Aufmerksamkeit der Einwanderer hauptschlich durch groe Plakate auf sich zu ziehen, welche an die Ecken der verschiedenen Hafenstraen angeschlagen wurden. Er mute sich aber bald von der Untauglichkeit einer Maregel berzeugen, welcher die Makler nur mit dem einfachen Abreien der Zettel zu begegnen brauchten, um sie gnzlich wirkungslos zu machen. Eine Thatsache will der Verfasser hier nicht unerwhnt lassen, da sie am besten geeignet ist, einen klaren Begriff von dem Treiben der Makler den Vereinen gegenber, welche sie beaufsichtigen, zu geben. Das Directorium des Volksvereins hatte eine Vereinsversammlung ausgeschrieben, in welcher verschiedene Beschlsse gefat werden sollten, die man spter zum Schutze der Einwanderer in Ausfhrung bringen wollte. Zu dieser fanden sich eine bedeutende Anzahl Makler mit Knitteln bewaffnet in der Absicht ein, die Versammlung zu stren und Diejenigen zu bedrohen und zu mihandeln, welche als Redner auftreten wrden. Es gelang ihnen auch, die Abhaltung der Berathung zu verhindern, indem sie einen ungeheuren Skandal anfiengen, so oft Jemand den Mund zu einem Vortrage ffnete. Zuletzt konnten nur von dem Prsidenten requirirte Constabler einen Theil der Mitglieder vor wirklichen Angriffen schtzen. Die vielen lauten Klagen, die gegen jene Menschen erhoben wurden, haben endlich auch die amerikanischen Behrden veranlat, ernstlich gegen sie einzuschreiten, und die Zeit ist wohl nicht mehr ferne, in welcher man von ihrem Gewerbe als von einem, das der Vergangenheit angehrte, sprechen wird. Neuntes Capitel. New-York. Die Battery oder der Castlegarden. Der Broadway. Astorhaus. Das Amerikanische Museum. Der Park und City-Hall. Die Vorfeier des vierten Juli. Mein Hauptwunsch war nun erreicht; ich hatte amerikanischen Boden unter meinen Fen, und konnte die Begierde kaum unterdrcken, sogleich zur Besichtigung der Stadt aufzubrechen. Freund W....... machte mich jedoch darauf aufmerksam, da wir einer Strkung sehr bedrftig wren und unsre hungrigen Magen und ermdeten Krper auch etwas Bercksichtigung verdienten. Nach einigen Stunden machte ich den ersten Ausgang, der mich zunchst in ein groes Cigarrenlager fhrte, um die chten Kinder der Havanna einzukaufen. Meine Freude ber den herrlichen Genu verringerte sich aber merklich, als ich nach dem Preise fragte, den ich ungeheuer hoch fand. Von hier aus fhrte uns unser Weg nach der Battery, welche mir W....... zuerst vor Augen fhren wollte, da es ohnstreitig der schnste Spaziergang New-Yorks mit einer weiten Aussicht auf die beiden Arme des Hudson, den North- und East-River, die Bay von New-York, New-Jersey und Staatenisland auf der einen, und Broklyn und Williamsburg auf der anderen Seite ist. Die Battery, auch Castlegarden genannt, ist einer der besuchtesten Vergngungsorte der New-Yorker, da man hier in der groen Glhhitze des Sommers nicht allein unter dem Schatten der Bume sich ergehen, sondern auch die khlende Seeluft einathmen kann. Das groe und malerische Bild, das sich vor mir ausbreitete und mir einen bis zu dieser Stunde nicht geahnten Genu bereitete, erhielt durch groe Kauffahrteischiffe, welche in die Bay hereinsegelten, bestndig hin- und herlaufende Dampfschiffe und die groe Menge von dahinschieenden kleineren Fahrzeugen das regste Leben. Whrend der Hudson und die Bay den Anblick einer ungeheuren Arbeitsamkeit und Emsigkeit darboten und meinen Blick fesselten, fllte sich der weite und gerumige Garten mit modern gekleideten Herren und Damen, welche mir die Ueberzeugung verschafften, da nicht allein die Modejournale von London und Paris, sondern auch die Modestoffe von dort ihren Weg nach Amerika finden. Die Battery oder der Castlegarden hat seinen Namen von einem groen runden Thurme (Castell), welcher die Stadt, wie ich bereits zu bemerken Gelegenheit hatte, gegen einen Angriff von der Bay aus in Verbindung mit den Fortifikationen von Governers-Island deckt. In Friedenszeiten ist das Castell an einen spekulativen Yankee verpachtet, welcher in demselben groe Conzerte auffhren lt, die schon wegen der herrlichen Lage des Ganzen eine groe Anziehungskraft ausben. Auch zu Volksversammlungen, die ein auergewhnlich groes Lokal erfordern, ist er schon bentzt worden. Das Innere ist geschmackvoll und groartig, und ohnstreitbar eine Zierde New-Yorks. In Verbindung mit diesem Unternehmen stehen sehr elegant eingerichtete Bder, welche whrend der Sommer- und Herbstsaison von dem New-Yorker Publikum sehr besucht sind; nach Schlu der Badezeit aber gleich allen Flubdern fr die Dauer des Winters wieder abgebrochen werden. Von hier aus wandten wir uns links, um in den Broadway und das Innere der Stadt zu gelangen. Vielen meiner Leser wird bekannt seyn, da New-York nicht auf dem amerikanischen Festlande, sondern auf einer Insel liegt. Man hat daher an einzelnen Punkten des Broadway nach der rechten oder linken Seite hin die Aussicht auf den Hafen und die hohen Maste der Schiffe, welche frmlich in die Stadt hereinzuragen scheinen. Diese ist mit Ausnahme des kleineren und zwar des lteren Theiles ganz regelmig in fast gleich groen Vierecken gebaut. In den neuen Stadtvierteln ist man von der Sitte abgegangen, die Straen, wie in Europa, mit Namen zu belegen, was mit so groen Unannehmlichkeiten fr Fremde und namentlich fr solche verbunden ist, welche der Sprache nicht kundig sind; man bedient sich dort der Zahlen und numerirt die Straen, die parallel mit einander vom Northriver nach dem Eastriver hindurchlaufen. Von diesen ziehen sich wieder von den oberen Stadttheilen nach den unteren 9 Straen, Avenue's genannt, welche das Auffinden der einzelnen Hausnummern unendlich erleichtern, da viele der numerirten Parallelstraen ber eine Stunde lang sind; man bezeichnet daher z.B. Hausnummer 50 in der 100sten Strae noch genauer dadurch, da man die beiden Avenue's angibt, zwischen denen das Haus liegt, um dem Kunden und dem Freunde Zeit und langes Suchen zu ersparen. Gleich beim Anfange des Broadway noch in der Nhe des Castlegarden befindet sich eine schne Fontaine, welche angenehme Khlung verbreitet. Von da aus zieht er sich in angemessener Breite ohngefhr eine Stunde die Stadt hinauf. Ich hatte wenige Monate vorher die Boulevards und die Rue St.Honor in Paris mit ihrem geruschvollen Treiben gesehen; mit dem Getse und Gedrnge des Broadway halten aber Beide nach meiner Ueberzeugung keinen Vergleich aus. New-York hat das Gerusche eines Seehafens und einer Welthandelsstadt voraus, welches die Tausende von Lastwagen hervorbringen, die Ballen, Kisten und Tonnen durch den Broadway nach den Magazinen oder aus ihnen nach den Schiffen fhren. Zu beiden Seiten dieser groartigen Strae befinden sich Trottoire, die in vorzglichem Zustande sind, was aber hier auch um so nothwendiger ist, als von einem Gehen auf der eigentlichen Strae gar keine Rede seyn kann, da man jedenfalls in wenig Minuten unter den Rdern der Omnibusse, Equipagen oder Gterkarren wre. Es gehrt eine groe Fertigkeit und eine lange Uebung dazu, als Wagenlenker sich unversehrt durch dieses Gewoge von Fuhrwerk aller Art hindurchwinden zu knnen. Wir kamen zu dem fashionablesten Theile des Broadway, zu der Promenade der feinen Welt, in die Nhe des Astorhauses, des Amerikanischen Museums und des Parkes mit dem majesttischen Stadthause. Das Astorhouse ist das grte und feinste Hotel in New-York und von demselben John Jacob Astor erbaut, dessen ich schon bei Gelegenheit der Deutschen Gesellschaft Erwhnung that. Es hat ebensowenig, als die anderen Hotels in New-York, eine groe Einfahrt, auch fehlen allenthalben die groen Stallungen, wie man sie bei groen europischen Gasthfen antrifft, da alle Reisenden entweder mit Dampf- oder Segelschiffen ankommen. Die Preise sind verhltnimig nicht zu hoch gestellt. In dem Erdgeschosse des Astorhouses ist fr alle geistigen und leiblichen Bedrfnisse der Fremden gesorgt. Kleidermagazin, Buchhandlung, Apotheke, Friseurkabinet, Bder etc. stehen im eigenen Hotel zu Diensten und der Reisende hat nicht nthig, weite Gnge durch die Stadt zu machen, wenn er einen Wunsch befriedigen will. Dem Astorhouse gegenber liegt das Amerikanische Museum, unter dem man sich jedoch kein Berliner Museum, keine Dresdener Bildergallerie und keine Pinakothek und Glyptothek denken darf, da dem schaulustigen Publikum dort keine hohen Kunstgensse, sondern Curiositten der verschiedensten Art, als singende Neger, Affen, Panoramas, Indianer, Riesen und Zwerge, komisches Theater, Tnzer und verschiedene andere dergleichen Dinge gezeigt werden, die wir bei uns auf groen Messen und Jahrmrkten in Dutzenden von Buden sehen. Dies Alles bt auf den neugierigen Yankee eine sehr bedeutende Anziehungskraft aus. Hiermit soll jedoch keineswegs gesagt seyn, da dieser keinen Sinn fr hhere Knste und Wissenschaften habe, denn das Gegentheil liee sich leicht durch die Aufzhlung groer Staats- und Privatbauten, wie durch die Grndung vieler bedeutenden Collegien und Akademien nachweisen. Das Aeuere dieses Gebudes ist auf die bunteste und burleskeste Weise geziert, um den Blick der Vorbergehenden auf sich zu ziehen. Gemlde, Transparente, riesenhafte Anschlagzettel und eine bunte Anzahl von Flaggen und Fahnen geben einen hinreichenden Beweis von der Charlatanerie des Eigenthmers, welche er namentlich in allen gelesenen New-Yorker Journalen in den pomphaftesten Ausdrcken zur Schau trgt. Von Nachmittags 2Uhr bis zum Schlusse der Vorstellung spielen auf einem Altane des Gebudes deutsche Musiker, und meine Gefhle wurden mchtig erregt, als am ersten Tage meines Aufenthaltes im fernen Westen die bekannten Tne des schnen Liedes: Leb' wohl, du theures Land, das mich geboren! zu uns herniederklangen. Einen angenehmeren Eindruck, als dieses possirliche Comdienhaus, machte der schne Park, in dessen Mitte sich die stolze City-Hall[6] mit einer groen Freitreppe erhebt. Diese, wie die ganze vordere Fronte des weitlufigen Gebudes ist aus weien Marmor aufgefhrt. Die Amerikaner statten berhaupt alle ihre ffentlichen Bauten auf's Glnzendste und Imposanteste aus, um das Gesetz, das in ihnen seine Wohnung hat, selbst geachtet zu machen. Die New-Yorker ehren durch dieses Gebude die Vter der Stadt, die Republik und sich selbst. [6]: Stadthaus, Rathhaus. Nicht weit von dem Hauptportale des Stadthauses wirft eine zweite noch bedeutendere Fontaine, als die beim Eingange des Broadway, ihren starken Strahl hoch in die Lfte. Ringsherum laden Bnke zur Ruhe ein, und das Grn der Bume und des Rasens bietet eine angenehme Abwechslung gegenber dem Gedrnge und dem Staube der Straen. Allmhlig kam der Abend und mit ihm neues Leben. Es war der Vorabend des vierten Juli, den Jung und Alt durch Abbrennen von Raketen, Kanonenschlgen und Schwrmern und durch Schieen aus jeder Gattung von Feuerrhren festlich begehen. Obschon das Schieen in der Stadt das ganze Jahr hindurch scharf verboten ist, so drcken Polizei und Gesetz an diesem Tage doch die strengen Augen zu und untersttzen auf diese Weise einen Lrmen und einen Spektakel, welcher die ganze Nacht fortdauert und Vielen den Schlummer raubt; trotz meiner Mdigkeit weckte mich das unaufhrliche Schieen unter meinen Fenstern zu wiederholten Malen aus dem tiefsten Schlafe auf. Die Presse hat schon oft gegen diesen Unfug angekmpft, der jedes Jahr die traurigsten Unglcksflle verursacht; sie erhlt aber keine energische Untersttzung von Seite der Brger, da man in vielen Kreisen der Ansicht ist, da durch ein solches Gebot der vierte Juli entweiht und entheiligt wrde. Zehntes Capitel. Die Feier des vierten Juli. Frechheit eines englischen Matrosen. Der Morgen des groen Festtages war angebrochen und 101 Kanonenschsse verkndeten von der Battery und Governers-Island der Stadt New-York und ihrer Umgegend den 71sten Geburtstag ihrer Freiheit und Unabhngigkeit. Die Amerikaner sind keine Verehrer vieler und groer Feiertage; sie halten mit strengem Ernste an ihrem Sonntag, whrend sie (natrlich mit Ausnahme der Katholiken) die groen Kirchenfeste der Europer, Weihnachten, Ostern und Pfingsten, ruhig und ungefeiert vorbergehen lassen. Man kann daher nur zwei Hauptfesttage im ganzen Jahre annehmen, welche sie besonders hoch achten, den Neujahrstag und den vierten Juli. Der erste Tag wird mehr im Kreise von Familien und Freunden verlebt, whrend der letztere ein Freudentag des ganzen Volkes, ein Nationalfest von der tiefsten Bedeutung ist. Die Amerikaner haben das unbezweifelte Recht, auf diesen Tag stolz zu seyn. Die Tapferkeit und die Weisheit ihrer Vter grndete an demselben den glcklichsten Staat der Erde und sicherte seinen Bestand durch die Ertheilung weiser und freisinniger Institutionen. Hebt sich ihr Herz bei der Erinnerung an die Grothaten dieser Mnner, so schlgt es doppelt freudig bei dem Bewutsein, da sie ihr Vermchtni getreulich bewahrt und es im Laufe der Zeit noch mehr veredelt und verbessert haben. Aber nicht allein der Eingeborne begeht den vierten Juli mit tiefer inniger Freude, die Einwanderer aus allen Lndern Europas erkennen vielleicht mehr, als der freigeborne Amerikaner, welch' unschtzbares Gut sie an der Freiheit dieses Landes sich erworben haben; denn Derjenige, welcher die Geiel des Despotismus auf seinem Rcken gefhlt und unter den Verfolgungen der europischen Politik gelitten hat, fhlt sich in solchen Stunden von einem neuen Leben durchdrungen und bei der Erinnerung an einen Washington, Franklin, Jefferson, Jackson mit den heiligsten Banden der Liebe an ein Land gebunden, das ihn wie seinen eigenen Sohn an seinen freien Heerd aufnimmt. Der vierte Juli macht die Einwanderer zu Amerikanern; ihre Kraft und ihr Blut gehrt von nun an den Vereinigten Staaten, wovon die Leichenhgel von Monterey, Buena Vista, Cerro Cordo und Mexico ein groes und erhebendes Zeugni geben. Um 8Uhr Morgens machte ich mich mit Freund W....... auf den Weg, um die Herrlichkeiten des Tages mit anzusehen. Wir gingen zunchst nach der Battery. Aber welcher Anblick ward uns hier zu Theil! die Tausend und aber Tausend Schiffe, welche hier vor Anker liegen und sich im Strome und der Bay bewegten, waren mit Flaggen und Wimpeln geziert. Hier flatterten die stolzen Farben Englands, dort die Trikolore Frankreichs und aus der Ferne schimmerten die bekannten Flaggen der deutschen Hansestdte zu uns herber. Wir machten unsere alte Route nach dem Broadway, der sich in ein stattliches Festgewand geworfen hatte. Von allen Dchern wehte das Sternenbanner und gab der Strae ein freundliches, festliches Aussehen. Die Lastwagen vom vorigen Tage blieben fr heute verschwunden und nur die Omnibusse thaten ihren Dienst, um die entfernt Wohnenden nach dem Parke zu bringen. Ueberall drngte sich eine freudig erregte Menschenmenge, die sich schon Monate lang, wie die Kinder auf Weihnachten, auf diesen Tag gefreut hatten. Die Geschfte ruhen gnzlich an diesem Tage, und viele vermgende Fabrikanten und Kaufleute lassen ihren Arbeitern noch Geldgeschenke zukommen (was sich diese beilufig bemerkt sehr gerne gefallen lassen), damit sie auf das Wohl der Republik ein Glas mehr trinken knnen. Das grte Leben war im Parke, da in ihm und den zunchst gelegenen Straen die Parade der New-Yorker Militz abgehalten wird. Der kommandirende General hatte sich bei unserer Ankunft mit seinem Stabe bereits da eingefunden und erwartete das Heranrcken der verschiedenen Corps, die vor ihm defiliren sollten. Gegen 10Uhr kam der zum greren Theile aus Militz, zum kleineren aus Brgern in Civilkleidern bestehende Festzug, welcher zwei volle Stunden in vollkommener Ordnung an uns vorbeimarschirte. Nur Derjenige, welcher an diesem Tage selbst in New-York war, kann sich einen Begriff von dem bunten und berraschenden Anblicke machen, der uns hier zu Theil wurde. Die Uniformen aller civilisirten Vlker waren hier zu schauen, die Franzosen mit rothen Hosen und blauen Waffenrcken, die Schotten mit ihren Plaids, Brenmtzen und nackten Beinen, die Englnder mit rothen Frcken und blauen Aufschlgen, deutsche Jger, Dragoner und rothe Husaren und andere verschieden uniformirte deutsche Compagnien, die amerikanische Independenzgarde[7], welche noch die dreieckigen Hte, die langen Schofrcke, kurzen Hosen und Stulpstiefeln aus der Zeit des Unabhngigkeitskrieges trgt, das Corps der New-Yorker Feuerlschmannschaft mit prachtvollen Spritzen und in langem Zuge die Artillerie, welche nur solche Kanonen fhrte, die im Befreiungskriege den Englndern abgenommen worden waren. [7]: Unabhngigkeitsgarde. Am meisten fiel mir auf, da, whrend die eine Compagnie die reichsten und geschmackvollsten Uniformen trug, die andere wieder das Bild der grten Einfachheit bot, da sie nur einen gewhnlichen schwarzen Frack, schwarze Beinkleider, runden schwarzen Hut und weies ber der Brust gekreuztes Lederzeug trug, an welchem Sbel und Patrontasche hieng. Mancher deutsche Offizier wrde hohnlchelnd auf diese Mnner herabgeblickt haben, von denen sich so manche spter den Siegeslorbeer aus Mexico holten. Diese eigenthmliche Uniformirung erklrt sich leicht aus der Freiheit, die den Brgern bei der Organisation von Militzcompagnien gestattet ist. Sind 50-60 Mann zusammengetreten, whlen sie sich nach eigenem Geschmack und ihrer Ueberzeugung sowohl die Uniform, als die Offiziere. Nachdem die Truppen abmarschirt waren, kamen die groen Zge der zahlreichen Freimaurerlogen und Gesellschaften, die sich zu den verschiedensten Zwecken, namentlich in groer Anzahl zur Untersttzung in Krankheitsfllen gebildet haben. Mit zahlreichen Bannern und Insignien zogen die Shne des grnen Erin, die Schweizer, die deutsche Gthe- und Schiller-Loge, zusammen viele Tausende an uns vorbei. Endlich zerstreute sich die Menge, um sich aus dem Gedrnge und der fast unertrglichen Hitze in khlere Gemcher zur Erholung zu begeben. Der Nachmittag fhrte den grten Theil der Bevlkerung in's Freie, wo auch W....... und ich in einem Kreise von Deutschen mit Gesang, Unterhaltung und Becherklang den denkwrdigen Tag in herzlicher Weise feierten. Den Beschlu des Festes machte Abends die Illumination des Stadthauses, von dessen Giebel unaufhrlich Raketen in die Luft flogen, und die Abbrennung eines groen Feuerwerkes im Park, wobei wir fast in Gefahr geriethen, erdrckt zu werden. Ein ungeheures Jubelgeschrei, das sich bis in die fernsten Straen fortpflanzte, erscholl, als zum Schlusse des Ganzen die Worte: ~the day of the 4th July 1776.~ ber dem Portale des Stadthauses in Brillantfeuer sichtbar wurden. Wann wird unser Deutschland einen solchen Tag feiern?!-- Der Nachmittag lieferte ein Beispiel von der Gre des Nationalhasses zwischen den Vereinigten Staaten und England. Ein betrunkener englischer Matrose hatte die unglaubliche Dreistigkeit, auf einen Mastbaum zu steigen, der in Mitte einer frequenten Strae errichtet und mit der amerikanischen Flagge geziert war, und diese abzureien. Diese Frechheit wurde aber sofort von dem Volke gezchtigt, und der unverschmte Sohn des frhlichen Altenglands gezwungen, das Sternenbanner wieder aufzuziehen, worauf ihn Constabler in das Quartier brachten, das solchen Helden gebhrt. Eilftes Capitel. Eine Betrachtung ber die Thtigkeit der Amerikaner. Die Erlangung des Brgerrechts. Mehrere Tage waren seit dem schnen Feste vergangen, als mich Freund W....... verlie, um in das Geschft zurckzukehren, in welchem er vor seiner Abreise nach Europa thtig gewesen war. Ich stand nun allein und ohne Kenntni der Sprache in der groen Stadt, mit Planen beschftigt, die meine Zukunft sichern sollten. Allein jetzt erst bemerkte ich, da die Auswanderung nach Amerika leichter auszufhren ist, als die Erwerbung einer Stellung, die uns auch die Mittel zum Leben bietet. Nach reiflicher Ueberlegung erkannte ich recht gut, da mir in New-York nichts Anderes brig bliebe, als die erste beste Arbeit anzunehmen, die sich mir darbieten wrde; denn es war mir bald klar geworden, da ich mit der edlen Jurisprudenz, der ich mich in meinen Universittsjahren gewidmet hatte, schwerlich erfreuliche und meinen Wnschen entsprechende Resultate erzielen wrde. Hier kann ich nicht unterlassen, solchen Mnnern, welche nur Theoretisches erlernt haben, was sich in Amerika nicht sogleich auf das Praktische bertragen lt, die grte Vorsicht im Auswandern zu empfehlen, namentlich wenn sie nicht im Besitze grerer Geldmittel sind, da sie sich gewi in der ersten Zeit ihrer Ankunft auf dem westlichen Boden sehr enttuscht finden werden. So sehr der Amerikaner die Wissenschaften liebt und so bedeutende Fortschritte er seit der Erringung der Unabhngigkeit in den meisten Zweigen des Wissens gemacht hat, so liegt es doch in der Natur der Sache, da ein Volk, das so viel aus dem Rohen herauszuarbeiten hatte und vor Allem mit der Entwickelung seiner politischen Institutionen sich beschftigen mute, um seine staatliche Existenz zu sichern, vorerst seine Hauptaufgabe in der Krftigung seiner materiellen Interessen sieht; darum ist auch Alles, was Handel, Gewerbe, Industrie und die Production nach allen Richtungen hin betrifft, in der raschesten Entwickelung begriffen, und erregt selbst bei den Englndern, die in diesen Fchern so Erstaunliches geleistet haben, Neid, Eifersucht und Bewunderung. Eben so trefflich haben sie fr die Vervollkommnung ihres inneren politischen Lebens gesorgt, welches nicht nur allgemeine Zufriedenheit im Lande verbreitet, sondern auch die Achtung anderer Vlker geniet. Die geistigen Krfte haben sich hauptschlich auf die Verbesserung des Maschinenwesens, des Bauwesens in allen seinen Theilen und das ganze Gebiet der Mechanik geworfen, da die gnstigen Resultate des Nachdenkens in diesen Branchen nicht allein groen Nutzen fr Handel und Wandel, sondern auch dem glcklichen Erfinder glnzenden Gewinn gewhren. In neuerer Zeit zeigte sich aber im Volke auch ein tiefer Drang nach allgemeiner Wissenschaftlichkeit, was es namentlich in New-York auf's Herrlichste beurkundete, als es sich im Jahre 1847 in allgemeiner Stimmenabgabe fr die Grndung einer Freiakademie entschied. Allgemeine Bildung im deutschen Sinne wrde in grerem Mae vorhanden seyn, htte nicht der Mangel an besseren Erziehungsanstalten in frheren Jahren nur einem kleinen Theile der Amerikaner die Mglichkeit an die Hand gegeben, sich den hheren Wissenschaften zu widmen. Man merkt jedoch an ihnen weniger, als irgend anderswo, den Mangel an Bildung, da in dem amerikanischen Volke ein gesunder Sinn und ein klarer heller Verstand herrscht, welchen es namentlich der freien politischen Bewegung und seiner Presse verdankt. In der ersten Zeit gieng ich mit dem Gedanken um, als Hauslehrer ein Unterkommen zu finden; aber alle meine Bemhungen waren fruchtlos, und schon begann ich unmuthig zu werden, als ich zufllig ein Paar alte Universittsfreunde traf, die mir zwar keine Stelle verschaffen konnten, mich aber mit vielen Deutschen bekannt machten, was fr mich ein groer Gewinn war, da ich dadurch einen deutschen Lehrer kennen lernte, der mir bald die Verwesung seiner Schule bertrug, als ihn eine Krankheit an's Bett fesselte. War damit auch nicht alle Sorge fr die Zukunft entfernt, so gestalteten sich doch meine persnlichen Beziehungen immer angenehmer, was mir um so mehr Vergngen bereitete, da sie mir eine reiche Quelle der Belehrung in Beziehung auf die Verhltnisse des Landes, seiner Regierung und seiner Parteien wurden. Ich suchte mich vor Allem durch das Lesen von Zeitungen ber Amerika zu unterrichten, und nahm, weil ich der englischen Sprache nicht mchtig genug war, um amerikanische Bltter verstehen zu knnen, meine Zuflucht zu den deutschen. Aber ich fand bald, da diese allein zu grndlicher Belehrung nicht hinreichen; ich erhielt wohl Kunde von den Ereignissen in Europa und Amerika, auch las ich die Verhandlungen der gesetzgebenden Krper der Einzelstaaten und des Congresses in Washington, aber mir blieben die Parteistellungen vollkommen fremd, da die Bltter smmtlich bei ihren Lesern die Kenntni der Grundstze der Demokraten, Whigs, Nationalreformer, Abolitionisten und Antirenter voraussetzen. Handbcher, welche diesen Gegenstand behandelten, standen mir nicht zu Gebote, wehalb ich mich entschlo, mich an solche Mnner mit der Bitte um guten Rath zu wenden, welche whrend eines langen Aufenthaltes in Amerika die Verhltnisse des Landes aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatten. Von ihnen erhielt ich die Weisung, die politischen Versammlungen der Deutschen und der Amerikaner zu besuchen, und zwar hauptschlich diejenigen, welche von den beiden Hauptparteien unmittelbar vor wichtigen Wahlen abgehalten werden wrden, da in ihnen die Cardinalgrundstze der Partei auseinandergesetzt und fr und wider errtert wrden. Nur auf diese Weise kann man sich eine rasche und zugleich grndliche Belehrung ber die amerikanischen Parteizustnde verschaffen, und ich empfehle diese Methode daher jedem neuen Einwanderer, und vorzglich dem, welcher Pflichtgefhl im Herzen trgt und es fr Sache der Ehre hlt, sich am ffentlichen Leben mitzubetheiligen und fr das Wohl und Wehe seines neuen Vaterlandes mitzuwirken, und sich nicht als sein hchstes Ziel das Sammeln von Reichthmern gesetzt hat. Die Einwanderer knnen freilich erst nach einem fnfjhrigen Aufenthalte das Brgerrecht erlangen, was zu manchen ungerechten Urtheilen Veranlassung gibt, aber der Unbefangene wird die Weisheit dieses Gesetzes anerkennen, wenn er bedenkt, da der amerikanische Brger alle gesetzgebenden und vollziehenden Gewalten selbst erwhlt und sich nothwendigerweise zu einer Partei halten mu, um seine politische Ueberzeugung in's Leben gerufen zu sehen. Dieses kann aber von einem Manne nicht erwartet werden, der aus einem Lande hergewandert kommt, welches ganz andere Staatseinrichtungen besitzt, der die Sprache, in der die wichtigsten Interessen des Landes verhandelt werden, nicht versteht, kaum einen Begriff von den amerikanischen Verfassungen hat und im Grunde genommen nicht mehr von den Vereinigten Staaten wei, als da es drben besser ist! Dieses Gesetz knnte nur dann ein Tadel treffen, wenn es einen Unterschied zwischen dem Einwanderer und dem Eingebornen in Betreff von Leistungen an den Staat machen wrde, was jedoch nicht der Fall ist. Leider habe ich die traurige Erfahrung machen mssen, da trotz der vielen Klagen ber die spte Erlangung des Brgerrechts doch genug Einwanderer in den verschiedenen Staaten leben, welche sich nicht einmal die leichte und billige Mhe, dasselbe jemals zu erwerben, geben mgen. Um das Brgerrecht fr die ganzen Vereinigten Staaten zu erlangen, hat man in den ersten drei Jahren seines Aufenthaltes vor Gericht die Willenserklrung (~intention~) abzugeben, da man amerikanischer Brger werden wolle, und zugleich allen fremden Frsten und Potentaten, speciell aber seinem Landesfrsten die Treue und Unterthnigkeit abzuschwren. Die gewhnliche Eidesformel besteht in dem einfachen Kssen der Bibel oder des neuen Testamentes; jedoch gengt auch die einfache Bekrftigung mit einem Ja! Ueber diesen Akt erhlt man eine gerichtliche Bescheinigung, welche man jedenfalls zwei Jahre in Hnden gehabt haben mu; selbst ein Aufenthalt von zehn Jahren kann diese gesetzliche Bestimmung nicht annulliren. Nach Verlauf der vollen fnf Jahre gibt man seine Willenserklrung bei der nchsten Behrde ab, und erhlt, nachdem man zuvor eidlich bekrftigt, da man fnf Jahre im Lande gelebt habe, seinen Brgerbrief, mit dessen Empfangnahme man sofort in alle politischen Rechte der Eingebornen eintritt. Ein frheres Gesetz enthielt die Bestimmung, da der, welcher das amerikanische Brgerrecht erlangen wollte, innerhalb fnf Jahren die Vereinigten Staaten nicht verlassen durfte; man mute sogar beschwren, da man nicht auer Landes war. Dieses fr einen Handelsstaat im hchsten Grad lstige Gesetz wurde aber im vergangenen Jahre vom Congresse suspendirt. Zu welchen lcherlichen Consequenzen man mit ihm gelangte, mag aus der einzigen Thatsache erhellen, da einem Einwanderer nach fnf Jahren der Brgerbrief verweigert wurde, weil er von Buffalo aus einen kleinen Abstecher nach den nahen Niagarafllen machte, welche im _brittischen_ Amerika liegen. Zwlftes Capitel. Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben von Seite der in Deutschland existirenden Parteien. Demokraten und Whigs. Es hat wohl die Verfassung keines Landes eine so verschiedenartige Beurtheilung gefunden, als die der Vereinigten Staaten, und hauptschlich haben sich in der jetzigen bewegten Zeit die politischen Parteien Deutschlands in vielfacher weitauseinandergehender Weise mit ihr beschftigt, so da die Einen sie als das Product der hchsten staatsmnnischen Weisheit bis in den Himmel erhoben, whrend die Andern sie als unhaltbar und verwerflich verdammten. Die Motive zu diesen verschiedenen Anschauungen liegen klar zu Tage; die Ersteren wollen durch die Auseinandersetzung der Vorzge der demokratischen Staatsform die Stimmung des deutschen Volkes fr diese gewinnen, whrend die Letzteren nur die Fehler und Schattenseiten derselben aufsuchen, um den entgegengesetzten Zweck zu erreichen. Der Unparteiische wird nicht lugnen, da die amerikanischen Zustnde noch einer bedeutenden Verbesserung fhig sind, wie alles Irdische einer greren Vollkommenheit zugefhrt werden kann; ihre Gesundheit aber in Abrede stellen zu wollen, drfte eine ebenso undankbare, als vergebliche Aufgabe seyn. Ich will versuchen, von den Leistungen der amerikanischen Demokratie ein kurzes Bild zu entwerfen, mu aber vorher bemerken, da der Leser den Begriff amerikanische Demokratie in einem ganz andern Sinne auffassen mu, als er dies in Deutschland zu thun gewohnt ist, wo die Demokraten diejenige Volksherrschaft erst erkmpfen wollen, welche seit dem Ende des Unabhngigkeitskrieges in Amerika factisch zu Recht besteht. In Deutschland ist die Bezeichnung Demokraten der _Name_ einer _Partei_, welche von einer andern mit entgegengesetzten Prinzipien und Tendenzen bekmpft wird. Unter der Demokratie in Amerika hat man aber das _ganze_ Volk der Vereinigten Staaten mit seiner Regierung und Regierungsweise zu verstehen. Gibt es dort auch eine Partei, welche sich die demokratische nennt, so haben ihr doch die andern Faktionen diese Bezeichnung nicht ausschlielich zugestanden, sondern auch sie nennen sich demokratisch, wozu sie jedenfalls das vollkommenste Recht haben, da es ihnen noch niemals in den Sinn gekommen ist, die Demokratie, die Volksherrschaft mit ihren Rechten und Freiheiten mit der Monarchie, der Einzelnherrschaft, zu vertauschen. In Zeiten ernster politischer Parteikmpfe und tiefeingreifender Bewegungen ist es natrlich, da die Urtheile befangen sind. Es kann daher nicht Wunder nehmen, da die groe Partei, welcher durch Annahme der demokratischen Staatsform in Deutschland eine tdtliche Wunde geschlagen wrde, zu unbegrndeten Vorwrfen gegen die Vereinigten Staaten geneigt ist. Es kann aber die Demokratie Nordamerikas wohl die gerechtesten Ansprche auf Unparteilichkeit und Gerechtigkeit machen, welche nicht allein fr ihr eigenes Vaterland, sondern fr die ganze Menschheit so segensreich gewirkt hat. Was die Monarchieen in Europa grtentheils erst im Laufe von Jahrhunderten zu Wege brachten, haben die demokratischen Amerikaner in Jahrzehnten geschaffen. Wer kann der Kraft und der Energie eines Volkes die Anerkennung versagen, welches in kaum 80 Jahren die herrlichsten und freisinnigsten Institutionen in's Leben rief, Stdte, Lehranstalten, ffentliche Institute, Canle, Dampfschiffe, Fabriken grndete, die Wildni urbar machte, Civilisation und Thtigkeit in Gegenden trug, die vorher nur der Fu des Indianers betreten hatte, und sich aus der abhngigen Stellung eines brittischen Unterthanen zum stolzen Rivalen des mchtigen Albions emporgeschwungen hat. Diese Demokratie schuf ein Asyl fr alle unglcklichen Verfolgten und Bedrngten, sie grndete die wahre Sttte der Freiheit und der Glckseligkeit fr Millionen durch rastlose Aufopferung, Khnheit und Ausdauer ihrer Bekenner, und doch ziehen in trauriger Verblendung gerade solche Parteimnner gegen sie am meisten zu Felde, welche durch ihre politischen Snden und Fehler am meisten zur Gre dieser Demokratie beigetragen haben. Sie glauben durch theoretische Silbenstechereien die Glckseligkeit eines Landes hinwegdisputiren zu knnen, welches nur der Praxis huldigt und durch sie mchtig und stark geworden ist. Man mu vor Allem die Erscheinung fest in's Auge fassen, da die Vereinigten Staaten einzig und allein von den Strmen der Neuzeit verschont geblieben sind; whrend der Aufruhr und der Brgerkrieg an den nrdlichen und sdlichen Grenzen der Union wthete, gieng das wichtigste politische Ereigni, welches von jeher die Gemther in besondere Spannung versetzte, die Prsidentenwahl ruhig vorber, und lieferte den vollkommenen Beweis, da die Amerikaner die Bahn des Gesetzes und einer beglckenden Reform gehen. Viele Politiker Europas sehen zum groen Theil in den amerikanischen Parteien den Keim zum baldigen Untergange der Republik, ohne zu bedenken, da sie in ihrem eigenen Lande eine Parteistellung einnehmen, welche dasselbe ebenfalls dem Verderben entgegenfhren mte. Um an den amerikanischen Zustnden nur etwas tadeln zu knnen, vergessen sie, da gerade in den amerikanischen Parteien die Strke und die sicherste Brgschaft fr das Bestehen der Republik liegt, da sich diese bestndig im Auge behalten, mit Mitrauen beobachten, und eine Uebertretung der Gesetze und eine Verletzung der Verfassung von Seite der einen und der anderen Partei schon dehalb ganz undenkbar ist, weil sie von den Gegnern sofort zur Publicitt gebracht werden wrde, wodurch die ffentliche Meinung, die grte Sttze jeder Partei, fr immer und damit zugleich alle Aussicht, je wieder die Zgel der Regierung ergreifen zu knnen, verloren gienge. Die Parteien knnen ihre momentanen Siege nie zur gegenseitigen Unterdrckung und zur Schmlerung der Freiheiten des Volkes bentzen, da die von ihnen zur Regierung berufenen Staatsmnner jeden Augenblick zur Verantwortung gezogen werden knnen. Strenge genommen gibt es nur zwei Parteien im Lande, die demokratische und die Whigpartei, da diese beiden allein in der Regierung des Landes abwechseln; die andern haben ihre politischen Grundstze noch nicht so weit zur Geltung bringen knnen, da ihnen von dem Vertrauen der Majoritt des Volkes die Regierung bertragen worden wre. Es darf nicht Wunder nehmen, da in einem Lande, welches sich nur demokratischer Einrichtungen zu erfreuen hat, noch von einer demokratischen Partei die Rede seyn kann. Hier ist aber wohl zu erwgen, da sich die Partei die demokratische nennt, welche seit Washington am lngsten an der Spitze der Geschfte des Landes stand, somit die Mehrheit des Volkes bei weitem fter fr sich hatte und die Demokratie, die Volksherrschaft, im Sinne und Willen der Nation viele Jahre hindurch ausbte. Die Whigpartei legt sich, wie schon bemerkt, ebenfalls das Prdikat demokratisch bei und nennt sich durchgngig nicht anders, als ~the democratic republican whig party~, whrend sie ihre Gegner mit dem Spottnamen ~Locofoco's~ beehrt, welche als ~the democratic republican party~ auftreten. Jedermann wird es natrlich finden, da, wie in allen Staaten, so auch in Nordamerika die heterogensten Ansichten ber die Grundstze herrschen, nach denen regiert werden soll. Sowohl die uere Politik, wie die inneren Interessen des Landes geben einen reichen Stoff zu den verschiedenartigsten Beurtheilungen, aus welchen sich allmhlig die Glaubensbekenntnisse der beiden groen Parteien herausgebildet haben. Die Partei der Demokraten besteht hauptschlich aus der Klasse der kleineren Gewerbsmnner, der Ackerbautreibenden und der groen Mittelklasse des Volkes, whrend in den Reihen der Whigs vorzglich die groen Kaufleute, Bankhalter, Fabrikanten, Monopolisten und Alle die kmpfen, welche von ihnen ihren Unterhalt beziehen. Dem Leser wird bei dieser Zusammensetzung der Parteien leicht einleuchten, da beide in Bezug auf die Handelspolitik, welche fr Amerika von so hoher Wichtigkeit ist, sehr verschiedener Ansicht seyn mssen. Whrend die Whigs einen hohen Eingangszoll fr diejenigen Artikel verlangen, welche das Volk in Massen consumirt und zum Leben unentbehrlich hat, wnschen sie einen niedrigen fr Gegenstnde des Luxus, welche nur dem Reichen zugnglich sind. Trotz aller Bemhungen fiel das Prinzip der Whigs im Jahre 1847, wenn auch nur mit der Mehrheit _einer_ Stimme[8], durch, und die siegreiche demokratische Partei gab ein neues gerechteres Zollsystem, welches in den wenigen Jahren seines Bestehens die Behauptungen der Whigs glnzend widerlegte, da durch dasselbe der Handel und die Fabriken der Vereinigten Staaten in Verfall kommen mten. Trotzdem bieten sie noch heute alle ihre Krfte auf, das ihnen verhate neue Zollsystem zu strzen, was sie hauptschlich durch die Erwhlung eines Prsidenten aus ihrer Partei zu bewerkstelligen hofften. Ob aber ihr siegreicher Candidat, der bekannte General Taylor, welcher die Ablegung seines politischen Glaubensbekenntnisses vor der Wahl entschieden verweigerte und diese berhaupt nur seinen groen Verdiensten in Mexico zu verdanken hat, in dieser Frage eine andere Politik, als die 1847 angenommene, verfolgen wird, drfte sehr zu bezweifeln seyn, da alle Zeichen darauf hindeuten, da derselbe eine von den Parteien ganz unabhngige Stellung, wie der im Jahre 1840 ebenfalls von den Whigs gewhlte Tyler, behaupten wird. [8]: Diese gab der Viceprsident Dallas im Senate zu Washington zu Gunsten der demokratischen Partei, wofr die Whigs in Philadelphia sein Bildni in den Straen verbrannten. Einen zweiten Streitpunkt zwischen den beiden Parteien gibt die Grndung einer groen Nationalbank ab, welche die Whigs krftig bevorworten und die Demokraten entschieden verwerfen. Die traurigen Erfahrungen, welche das amerikanische Volk mit der durch Prsident Jackson gestrzten Nationalbank machte, deren Finanzoperationen unwillkhrlich an die Law'schen Schwindeleien in der ersten Hlfte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich erinnern, sind indessen noch in zu frischem Andenken, als da die Whigpartei auf einen Sieg in dieser Frage hoffen drfte. Das Bankwesen hat berhaupt an den Demokraten sehr heftige Gegner, obschon sie es bis jetzt noch zu keinem entscheidenden Resultate bringen konnten, da dieses Uebel zu tief in Handel und Wandel Wurzeln geschlagen hat. Zu einem erbitterten Kampfe zwischen den beiden Parteien fhrte die Einverleibung des Texanischen Gebietes, welches nach der Erringung seiner Unabhngigkeit in die Union aufgenommen werden wollte. Die Whigs kmpften, namentlich um den Eintritt eines neuen Sklavenstaates zu verhindern, mit aller Macht gegen die Annexation, und griffen den Prsidenten Polk, der sie durchfhrte, auf's Heftigste an. Ihre Polemik berstieg alle Grenzen der politischen Klugheit und Migung, als durch diesen Act der Krieg mit Mexico herbeigefhrt wurde, welchen sie trotz der Verletzung des Vlkerrechts von Seite der Mexicaner einen ungerechten und unehrenvollen nannten und dadurch die Feinde ihres Vaterlands zu einem Widerstande ermunterten, der schon im Beginne wahnsinnig, zuletzt mit dem Verluste weiter Lnderstrecken fr Mexico endete. Die Whigs erwarben sich durch ihr damaliges Benehmen den Spottnamen Mexicanische Whigs. Jedoch mu ich hier zu Ehren dieser Partei erwhnen, da nicht Alle von diesem Friedensfanatismus befallen waren; die Generale Taylor und Winfield Scott, welche ihrer Partei angehrten, kmpften ruhmvoll an der Spitze der amerikanischen Armeen, und der Major Clay, ein Sohn eines ihrer berhmtesten Fhrer, des groen Staatsmannes Henry Clay, fiel auf dem Felde der Ehre. In Betreff der Sclavenfrage sind die Ansichten beider Parteien ebenfalls sehr verschieden. Viele Whigs nehmen Antheil an den Bestrebungen der Abolitionisten, welche das sofortige und unbedingte Aufhren der Sclaverei wollen. Dieser wohlfeilen Humanittsschwrmerei treten die Demokraten entschieden entgegen, da aus der pltzlichen Befreiung der Sclaven die unheilvollsten Folgen fr die Vereinigten Staaten erwachsen wrden; denn es stnde in diesem Falle nicht allein die Lsung der Union, die nur durch die groe Weisheit und Migung Washingtons gegrndet wurde, sondern auch ein Kampf zwischen der weien und der farbigen Rae zu befrchten, welchen in neuester Zeit als Folge zu rascher Emancipation die Franzosen in ihren Colonieen so sehr zu beklagen hatten. Die Whigs machten vor mehreren Jahren in dem Staate New-York den Versuch, den _freien_ Negern das volle Brgerrecht und mit diesem das Stimm- und Wahlrecht einzurumen. Als aber dem Volke die Entscheidung vorgelegt wurde, fiel die Frage mit groer Majoritt, weil die ffentliche Meinung sich hinlnglich davon berzeugt hatte, da zu einem solchen hohen Grade der Freiheit und brgerlichen Berechtigung die Neger denn doch noch lange nicht genug Civilisation und Bildung besen. Namentlich frchtete man, sie mchten von ehrgeizigen Parteimnnern zu Parteizwecken gewonnen, und dadurch die Wohlthat der allgemeinen freien Wahl zum Fluche fr das Land werden. Bei der Rohheit der Farbigen, bei ihrer beln Ausdnstung und ihren vielen, der weien Rae hchst widrigen Gewohnheiten ist an einen engeren Verband, sey es im Staats- oder Familienleben, vorlufig noch gar nicht zu denken. Der Leser wird aus dieser Charakteristik der beiden groen Parteien nun entnehmen knnen, welcher Art die Parteikmpfe in Amerika sind. Sie bleiben, einzelne Flle, fr die man die Parteien nicht verantwortlich machen darf, stets in den Schranken des Gesetzes, und jede fgt sich der Majoritt, und wenn sie auch nur durch eine einzige Stimme errungen wurde. Der unterlegene Theil ist niedergeschlagen ber die erlittene Schlappe, trstet sich aber mit der Aussicht auf den Sieg bei dem nchsten Wahlkampfe. Die kleineren Parteien, die Antirenter, Abolitionisten und Nationalreformer haben bis jetzt momentan nur dann eine grere Bedeutung erlangen knnen, wenn sie sich bei besonders wichtigen Wahlkmpfen mit der einen oder der anderen Hauptpartei verbanden und dieser durch ihre Untersttzung den Sieg verschafften. Von den letztgenannten Fraktionen haben wohl nur die Nationalreformer eine Zukunft, da die Grundstze der beiden ersteren viel zu einseitig und theilweise auch zu ungerecht und fanatisch sind, um auf einen Sieg hoffen zu drfen. Dreizehntes Capitel. Die Nationalreformer. Deutsche communistische Colonieen. Die Partei der Nationalreformer hat sich erst seit wenigen Jahren gebildet und organisirt. Ihre Entstehung verdankt sie dem Socialismus, welcher auch in Amerika Eingang gefunden und dort, und zwar nach den unglcklichen Erfolgen der L.Blanc'schen Experimente, bis jetzt allein praktische Seiten gewonnen hat. Zu ihren Anhngern zhlt sie viele Demokraten und Whigs, eine ziemliche Anzahl Arbeiter, den kleineren Handwerksstand und eine Masse sonst indifferenter Personen, welche sich von der Realisirung der Grundstze dieser Partei einen greifbaren Gewinn, nmlich einen kostenfreien Grundbesitz versprechen. Mancher meiner Leser wird hier bedauern, da sich auch in Amerika schon Communisten, rothe Republikaner und Feinde des Eigenthums befinden, welche durch die Verfolgung unausfhrbarer Ideen allen gesetzlichen Boden unterwhlen und die Existenz der Republik gefhrden. Dem ist aber zum Glcke nicht so; das amerikanische Volk hat einerseits viel zu viel Achtung vor dem von ihm selbst gegebenen Gesetz, andererseits betheiligt es sich nur bei solchen Parteibestrebungen, bei denen der gnstige Erfolg fast auer Zweifel ist, denn es ist nichts weniger, als ein Freund unpraktischer und hohler Theorieen. Die Nationalreformer gehen von dem Grundsatze aus, da die Erde, der Grund und Boden Eigenthum Aller sey, und stellten daher das Axiom auf: _das Land soll frei seyn_, d.h. es soll nicht verkauft werden und nicht zum Gegenstand des Wuchers und der Spekulation dienen, da es gleich dem Feuer, dem Wasser und der Luft zum Leben unentbehrlich sey, indem der Mensch ohne Boden verhungern, wie der Fisch ohne Wasser verschmachten msse. Diese Partei beabsichtigt jedoch keineswegs, die Grundbesitzer in ihren wohlerworbenen Rechten zu krnken und bereits verkauftes Land unter sich zu vertheilen, sondern ihr Wirken geht dahin, den Verkauf des bis jetzt noch unverkauften und unbebauten Landes in Amerika zu verhindern, und von dem Congresse ein Gesetz zu erlangen, welches die Erwerbung von Grundbesitz nur dem wirklichen Bebauer gestattet. Dieses strenge im Auge behaltend, verlangen sie, da jeder wirkliche Ansiedler unentgeldlich 160 Acres Land in Besitz nehmen knne; da aber _das Land frei seyn soll_, ist dem jedesmaligen Besitzer eines solchen Gtercomplexes der Verkauf, die Verpachtung und die Aufnahme von Hypotheken zu untersagen. In dem Falle des Aussterbens einer Familie fllt der Grundbesitz wieder dem Staate anheim. Die Tragweite dieser Maregel wre bei praktischer Durchfhrung gar nicht zu ermessen, denn es wrde durch sie nicht allein die mittlere Klasse Amerikas, welche sich im Besitze einigen Baargeldes befindet, in den Stand gesetzt, sich eine sichere Heimath zu grnden und unabhngig von Anderen zu leben, sondern auch bei dem Wegzuge von Arbeitern in's Innere des Landes der neuankommende Handwerker leichter und schneller untergebracht und dem Sinken des Arbeitspreises am besten vorgebeugt. Fr das bervlkerte und vom Proletariate berschwemmte Europa wrde die Durchfhrung dieses groen Gedankens ebenfalls ein Segen seyn, da vielen kleineren Bauern und Handwerkern, die sich in Europa nur hchst kmmerlich nhren, obschon sie einen kleinen Capitalwerth besitzen, die Auswanderung gewi sehr erleichtert wre, wenn sie die Summe fr den Ankauf des Landes in Amerika nicht mehr zu entrichten htten. Der Ausfhrung selbst steht wenig im Wege, wenn man das Geschrei der Bankmnner und Capitalisten allenfalls nicht zu hoch anschlagen will, welche sich durch Landschacher in kurzer Zeit ein ungeheures Vermgen erworben haben, denn es liegen in dem weiten Gebiete der Vereinigten Staaten mit Einschlu des in Folge des Mexicanischen Friedensschlusses acquirirten Landes noch 1000 Millionen Acres Land unbebaut da. Mgen auch hiervon Millionen steril, versumpft oder wegen klimatischer Verhltnisse unbewohnbar seyn, so wre doch vielen Hunderttausenden von Familien ein freier Grundbesitz erworben. Der raschen Lsung der Aufgabe, welche sich die Nationalreformer gestellt haben, steht nur ein Hinderni entgegen, nmlich die Deckung des dadurch in der Staatskasse entstehenden Ausfalls, da der Landverkauf bis jetzt jhrlich immer einige Millionen Dollars eingetragen hat. Es liegt aber auer allem Zweifel, da eine der groen Parteien die Nationalreformer in der Durchfhrung der Bodenfrage untersttzen mu, da diese durch ihre rastlosen Bemhungen und namentlich durch die auerordentliche Thtigkeit eines eingewanderten Englnders, des Mr. Evans, zahlreiche Anhnger im Volke gefunden haben. Das von ihm redigirte Journal ~Young America~ hat sich im Jahre 1847 und 1848 einen weiten Leserkreis erworben und fr die Grundstze der Partei eine weitausgedehnte Propaganda gemacht. Die Bodenfrage wurde im Jahre 1847 von einem groen Theile der demokratischen Partei in ihrem Hauptquartiere Tammany-Hall in einem groen und begeisterten Meeting als ein neuer Grundsatz ihres Glaubensbekenntnisses anerkannt, und seit jenem Tage sprechen sich auch immer mehr einflureiche Stimmen im Congresse fr sie aus. Eine andere, weniger wichtige, jedoch immer tief in's Leben greifende Maregel suchen die Nationalreformer noch in der Herabsetzung der Arbeitszeit auf 10 Stunden durchzusetzen. Der Staat hat schon seit lngerer Zeit bei den Staatsbauten diesen Grundsatz adoptirt, und es wird selbst in den Manufacturen und Fabriken New-Yorks, wenn von ihnen die Arbeit nicht stckweise in Accord gegeben wird, die vor Morgens 7Uhr und nach Abends 6Uhr geleistete extra vergtet. Nur in den groen Baumwollenfabriken, namentlich in Lowell, wird noch 12 Stunden und lnger gearbeitet. Die Nationalreformer untersttzen bei den Wahlen keinen Candidaten, der nicht ihr ~Pledge~ unterzeichnet, d.h. welcher nicht die schriftliche Zusicherung ertheilt hat, da er nach Krften fr die Bodenfrage thtig seyn will. Sie nehmen darauf bei allen, selbst bei den unbedeutendsten Wahlen strenge Rcksicht, um ihre Partei immer mehr zu vergrern, und es ist ihnen bereits gelungen, diese schriftliche Zusicherung von mehreren einflureichen Demokraten und Whigs zu erlangen. Auch bei den Deutschen hat die Agitation fr die Bodenfrage mchtig um sich gegriffen und durch eine tchtige Organisation eine solche Verbreitung und Bedeutung erhalten, da ein deutsches Blatt, Der Volkstribun, ein ganzes Jahr lang erschien, um durch dasselbe die Grundstze der Nationalreformer unter den Deutschen in derselben Art zu verbreiten, wie sie Mr. Evans in seinem Blatte ~Young America~ bei den Englischsprechenden vertrat. Einzelne deutsche Nationalreformer haben auch Versuche zur Grndung von communistischen Colonieen gemacht, welche aber, soweit sie mir bekannt wurden, smmtlich scheiterten. Im Jahre 1847 machten sich Sechs von ihnen, welche von der praktischen Durchfhrung des Communismus berzeugt waren, auf, um hinter Wisconsin in den nrdlichen Gegenden des Mississippi eine Probe mit dem Zusammenleben in Gemeinschaft zu machen. Sie verkauften ihre Mobilien in New-York, versorgten ihre Familien mit dem Nothwendigsten, da sie diese einstweilen bis zur Errichtung von Blockhusern zurcklassen wollten, und machten sich gut ausgerstet auf den Weg. Mehrere von ihnen waren Mechaniker und hatten vor ihrer Abreise eine Schneidemhle construirt, die sie in den westlichen Wldern aufstellen wollten, um Bretter und Balken auf dem Mississippi nach den sdlichen Mrkten zum Verkauf bringen zu knnen. Als sie an den nrdlichen Seen angekommen waren, kauften sie Vieh, und wollten sich nun mit Wagen und einer Masse von Gerthschaften aller Art weiter in's Innere begeben, als Ereignisse eintraten, welche das ganze communistische Bndni lsten. Um nmlich mit Allem versehen zu seyn, was man in der Wildni entbehren mu, hatten sie auch nicht vergessen, eine groe Tonne Brandwein mitzunehmen, wofr sich namentlich Einer von ihnen, ein groer Liebhaber des Feuerwassers, so lebhaft interessirte, da er den ganzen Tag nicht mehr von dem Spundloche wegzubringen war. Die Anderen, welche den gleichen Antheil hatten, wollten natrlich nicht zu kurz kommen, und so endete die ganze Unternehmung in der traurigsten Weise in abwechselnder Rauferei und Trunkenheit, nachdem sich vorher die besseren Elemente von ihnen entfernt hatten, um wenigstens noch Etwas aus dem gemeinschaftlichen Schiffbruche zu retten. Nach drei Monaten kamen Diejenigen, deren Weiber und Kinder bis dahin in der frohen Erwartung gelebt hatten, bald in das neue Eldorado eingefhrt zu werden, leer zurck, da sie das Wenige, was noch brig geblieben war, verkaufen muten, um nur die Mittel zur Heimreise zu erlangen. Ein anderes hnliches Unternehmen scheiterte zwar nicht aus Mangel an Eintracht, Nchternheit und Thtigkeit, trug aber schon dehalb den Keim eines frhen Todes in sich, weil die Betheiligten bei der Anlage weit ber ihre Mittel hinausgegangen waren, und zuletzt der dringend nothwendige Geldzuschu ausblieb. Die traurigen Folgen solcher Versuche sind meistens Verlust des Vermgens und Ha und Feindschaft zwischen den einzelnen Mitgliedern solcher Vereine. Sie waren jedoch immer nur Privatsache einzelner deutschen Mitglieder der Nationalreformpartei und diese hat in ihrer Gesammtheit nichts damit zu thun. Vierzehntes Capitel. Eintritt in ein neues Geschft. Eine alte und eine neue Bekanntschaft. Amerikanische Stutzer und Beutelschneider. Die New-Yorker Polizei. Die Vergleichung und Beobachtung der verschiedenen Parteien gewhrte mir mannichfaches Interesse und manche Stunde wurde ihr gewidmet. Obschon ich in der Zeit, in welcher ich die Functionen eines Lehrers fr meinen kranken Freund besorgte, genug Gelegenheit hatte, mich mit den politischen und socialen Verhltnissen bekannt zu machen, so sorgte doch das Schicksal in ganz besonders liebevoller Weise fr die Erweiterung meiner Erfahrungen dadurch, da es mich als Arbeiter in die verschiedensten und entgegengesetztesten Geschfte des Lebens einfhrte. Die Genesung meines kranken Collegen fhrte mich aus der Schule in eine Rauchwaarenhandlung, wo ich die angenehmen Verrichtungen eines Pelzklopfers und Packers ausfhrte. Als ich zum erstenmale in mein neues Geschft eintrat, kam ein alter Jenenser Universittsfreund in einer blauen Schrze auf mich zu, um mich zu umarmen, und ein anderer staubiger, im Lager beschftigter Arbeiter theilte mir, als er hrte, da ich studirt habe, mit, da er in Gttingen zum ~Doctor juris utriusque~ promovirt worden sey. Ich freute mich, gebildete Mitarbeiter zu finden, und wir lachten Alle herzlich ber die eigenthmliche Schickung, welche drei frhere deutsche Studenten bei einem amerikanischen Krschner zusammenfhrte. Hatte ich mich in meiner Eigenschaft als Lehrer grtentheils auf mich selbst beschrnkt, so bot sich mir jetzt hinreichende Gelegenheit, mehr in's Leben und unter Menschen zu kommen. Ich benutzte hauptschlich die Sommerabende, um mit meinen neuen Freunden an der Battery und am Broadway zu promeniren. Frher schon erwhnte ich, da der Broadway der Sammelplatz der fashionablen Welt ist; man hat hier aber auch Gelegenheit, Dinge und Menschen zu beobachten, welche dem Deutschen eben nicht besonders fashionable erscheinen, z.B. die eleganten Dandys in den Hotels, welche den vorbergehenden Damen aus den Parterrefenstern nicht etwa ihre mit Wohlgerchen geschwngerten Lockenkpfe, sondern den Glanz ihrer Fubekleidung prsentiren. Beim Eintritt in den Salon einer Restauration nimmt ein solcher Stutzer seinen Brandy oder Gin zu sich, wirft sich mit brennender Cigarre auf einen Armstuhl am Fenster in malerische Situation und streckt seine bereinandergeschlagenen Beine ber das marmorne Fenstergesims auf die Strae hinaus. Dann berlt er sich einer tiefsinnigen Betrachtung dessen, was auf der Strae vorgeht, und nur selten wechselt er einige Worte mit einem Bekannten. Mit gleicher Behaglichkeit legt er auch die Fe auf den Tisch, ohne da er glaubt, dies knne Jemand mifallen. Diese Classen von Menschen sind mehr oder weniger in allen Hotels zu finden; obgleich sie, diese liebenswrdige Unverschmtheit ausgenommen, an welche man sich brigens in Kurzem gewhnt hat, ein feines und anstndiges Benehmen zeigen, so hat der Fremde wie der Einheimische doch alle Ursache, sich so weit als mglich von ihnen entfernt zu halten, da unter der Maske eines solchen elegant gekleideten Dandys Individuen umherschleichen, bei denen das Mein und Dein eine solche Begriffsverwirrung hervorgebracht hat, da sie gerne ihre Hand in die Taschen des Nachbars hinabgleiten lassen, um diesem sein Pocketbook zu entfhren. Im Punkte der Dreistigkeit und Gewandtheit knnen sich diese Burschen getrost mit den routinirtesten Beutelschneidern des europischen Continents messen, obschon sie gut genug wissen, da, falls das Auge eines unberufenen Polizeimannes sie zuflligerweise bei ihrem gewinnbringenden Treiben berraschen sollte, sie auf lngere Zeit von den Gerichten der Republik in die Unmglichkeit versetzt werden drften, ihr Gewerbe, das ihnen Unterhalt und Unterhaltung zugleich verschafft, zum Nachtheile des Publikums auszuben. Aber nicht allein die Industrieritter in modernen Kleidern sind dem Publikum gefhrlich, sondern auch die Colleginnen der bekannten Las, welche in den feinsten Stoffen und dem geschmackvollsten Putze auf dem Trottoir des Broadway dahinrauschen und ihre Netze auswerfen, um die Fremden in den groen Hotels mitsammt der Baarschaft zu fangen. Groentheils stehen sie mit den obenerwhnten Gaunern in Verbindung, welche ihren Raub sofort in Sicherheit bringen. Noch eine Erscheinung, welche ich ebenfalls nicht fashionable finden konnte, fiel mir bei meinen Wanderungen durch die Stadt auf, nmlich das freie Herumlaufen von Schweinen in den Straen, welche sich dort Nahrung und Futter suchen. Wenn sich diese auch nicht in den Broadway verirren, da sie dort ohnfehlbar berfahren wrden, so ist es immer unangenehm, bei schlechtem Wetter in den anderen Straen der Gefahr ausgesetzt zu seyn, von diesen unreinlichen Thieren beschmutzt zu werden. Dieser Uebelstand wird jedoch von selbst aufhren, wenn die durch die Stadt zu fhrenden Kanle smmtlich ausgebaut seyn werden, da dann der Unrath, welcher jetzt in die Gossen geworfen wird und eine so bedeutende Attractionskraft auf diese Vierfler ausbt, direct in den Strom und in die See hinausgeht. Trotz so mancher Uebelstnde, die mir auffielen und nach meiner Ansicht auch dem Auge der Polizei nicht htte entgehen sollen, hatte ich bis jetzt noch keinen Constabler gesehen, da ich mir dieselben ebenso geschmackvoll uniformirt dachte, als in Deutschland. Meine Begleiter erklrten mir aber, da die Polizeimnner New-Yorks durchgngig Civilkleider tragen und nur an einem einfachen Messingstern erkenntlich sind, welchen sie auf der linken Seite der Brust am Rocke fhren. Gehen sie auf Verfolgung aus, so nehmen sie denselben herab und befestigen ihn unter dem Rocke an der Weste, oder haben ihn in der Tasche bei sich, um sich im Nothfalle mit ihm als Diener des Gesetzes legitimiren zu knnen. Bei feierlichen Gelegenheiten erscheinen sie in schwarzem Frack und Hosen, und fhren als Amtszeichen einen ohngefhr sechs Fu hohen Stock, an dessen Spitze ein vergoldeter Knopf befestigt ist. Obschon die Constabler in New-York eine sehr bedeutende Anzahl bilden, so haben sie doch einen ziemlich anstrengenden Dienst, da ihnen wegen gnzlichen Mangels an Militair, welches nur in sehr geringer Anzahl in Governers-Island und Fort Hamilton zur Bewachung der Geschtze und Arsenale liegt, ganz allein die Sicherheit der Stadt anvertraut ist. Trotzdem entflieht ihnen nur selten ein Verbrecher, und namentlich bei Nachtzeit, wenn es weniger lebendig in den Straen zugeht, knnen sie gefhrliche Subjecte leicht einholen, da sie auf eine eigenthmliche Weise ihre Collegen von deren Nhe in Kenntni setzen. Sie sind nmlich bei Nacht mit einem starken Stocke bewaffnet, welcher unten mit Blei ausgegossen ist; sobald sie etwas Verdchtiges bemerken, lassen sie denselben auf das mit Granitquadern belegte Trottoir fallen, was einen hellen schrillenden Ton hervorbringt. Dieses Signal wiederholen alle Constabler in der Nhe der Reihe nach, und geben sich auf diese Weise fast so rasch wie durch einen Telegraphen die Kunde, da Jeder auf seinem Posten steht und wachsam ist. Es ist kaum mglich, da die Aufmerksamkeit smmtlicher Mannschaft eines Distrikts in einem Augenblicke schneller rege gemacht werden kann, und die Flucht ist, wenn der Verbrecher beobachtet wurde, selten mit Erfolg ausgefhrt worden. Ich erinnere mich whrend meines Aufenthaltes mehrerer Flle, wo Constabler flchtige Uebertreter der Gesetze 800-1000 engl. Meilen weit verfolgten und sie glcklich zurckbrachten, trotzdem da diesen fast jede Stunde Eisenbahnen und Dampfschiffe nach allen Richtungen hin zu Gebote standen. Das Institut der New-Yorker Constabler ist dehalb ein so vorzgliches, weil auch sie aus der allgemeinen Wahl hervorgehen. Es kann daher nur Derjenige zu einem solchen Amte gelangen, welcher das Vertrauen seiner Mitbrger geniet. Diese haben die gesetzliche Verpflichtung, den Polizeimann in der Ausbung seines Berufes zu untersttzen und ihm namentlich im Falle der Widersetzlichkeit bei Arrestationen zur Seite zu stehen, da diese nur bei Ergreifung auf frischer That oder gegen Vorzeigung eines richterlichen Verhaftsbefehls vorgenommen werden drfen. Aeuerst selten hrt man ber Rohheit und Unmenschlichkeit bei Verhaftungen klagen, und die Constabler genieen die allgemeine Achtung, welche der europischen Polizei nicht durchgngig gezollt wird. Fnfzehntes Capitel. Knstlerlaufbahn. Der Marmorpalast. So angenehm meine Abende vergiengen, da ich in den Feierstunden immer etwas Neues und Anziehendes kennen lernte, so traurig und langsam schlich mir der Tag bei meinem einfrmigen und schmutzigen Geschfte dahin, welches mir trotz meiner studirten Collegen in der Mitte der ersten Woche bereits so verleidet war, als htte ich es Jahre lang getrieben. Ich machte auch aus meiner Abneigung gegen die unangenehm riechenden Rauchwaaren kein Hehl, und da wollte es ein glcklicher Zufall, da mich ein Deutscher fr einen Maler engagirte, der die Ausmalung eines neuen prachtvollen Ladens im Broadway bernommen hatte. Der Wechsel war gro und bedeutend, statt Bren-, Reh- und Hirschfelle nahm ich den Pinsel zur Hand, betrat die hehre Knstlerbahn und malte durch Schablonen. Der Unterschied fiel mir schon dehalb sehr auf, da ich nicht mehr so schwer zu arbeiten hatte, statt um 7Uhr erst um 8Uhr Morgens mit meinem Tagewerke begann, welches schon um 5Uhr beendigt war, bessere Bezahlung erhielt und zu Alledem in ein Atelier eintrat, in welchem alle mglichen Landeskinder ihre Geschicklichkeit und ihren Flei entwickelten. Der Prinzipal war ein Italiener; auer ihm arbeiteten noch zwei Landsleute von ihm mit; die brigen Maler bestanden aus vier Deutschen, einem Schottlnder, einem Irlnder, zwei Franzosen und mehreren Amerikanern, so da man wie beim babylonischen Thurmbau im buntesten Durcheinander deutsch, franzsisch, englisch und italienisch sprechen hrte. Unser Aller Herr und Meister verstand, Deutsch ausgenommen, die drei anderen Sprachen ziemlich fertig. Wir muten oft herzlich lachen, wenn er zu dem ersten Besten seiner Leute hinrannte und ihm blitzschnell in einer Sprache eine Menge von Auftrgen ertheilte, von der der Angeredete kein Wort verstand; dies amusirte ihn jedoch immer selbst am meisten, und sich an die Stirne schlagend entfuhr ihm in solchem Falle manches ~Goddam!~ Das ganze groartige Gebude, welches meine Kunst mit verschnern sollte und wegen seiner auerordentlichen Eleganz eine nhere Beschreibung verdient, lie ein Amerikaner Namens Stewart auffhren. Die Hauptstadt des feinen Geschmacks, Paris, hat keinen solchen Laden, wie diesen von Grund und Boden neuerbauten aufzuweisen, welcher vom New-Yorker Publikum den stolzen, aber wohlverdienten Namen des Marmorpalastes erhalten hat, weil hnlich der City-Hall die Hauptfronte mit Marmor berkleidet ist. Ueber mehrere Stufen von weiem Marmor gelangt man in einen breiten und tiefen Saal, dessen reich bemalte Decke von Sulen mit Capitlen von Gyps getragen wird. Rechts und links befinden sich zwei Reihen von polirten Fachgestellen, welche alle Modeartikel von den ordinairsten bis zu den kostbarsten enthalten. Diese Repositorien, welche den groen Saal in drei kleinere abtheilen, erheben sich jedoch nicht bis zu der Hhe der Decke, um die Weitlufigkeit des Ganzen berschauen zu lassen. Das Licht fllt bei Tage durch hohe Fenster mit ungeheuren Scheiben vom feinsten geschliffenen Glase in die inneren Rume, welche bei Nacht durch glnzende Gaslampen erleuchtet werden. Selbst dem gewandtesten Diebe drfte es schwer fallen, in dieses herrliche und reiche Verkaufslokal einzubrechen, da in allen Fensterstcken ein eiserner Falz angebracht ist, in welchen zu gleicher Zeit in Folge der Thtigkeit einer Maschine eiserne Lden von Oben nach Unten vor den Scheiben einfallen. Geht man von dem Haupteingange in gerader Linie nach dem Hintergrunde, so gelangt man in eine groe Rotunde, welche sich drei Stockwerke hoch erhebt und ihr Licht von einer groen Glaskuppel empfngt. Die hinterste Wand ist mit Spiegelglas getfelt, was die Schnheit des Ganzen in's Vielfache vermehrt. Hier fhret eine groe, nach einer Reihe von Stufen sich nach der rechten und linken Seite hin theilende Treppe zu einer Gallerie empor, welche zu dem Verkaufslokale des ersten Stockes fhrt, welches die Gre des unteren Saales hat. Von da aus gelangt man auf einer einfachen Stiege in den zweiten Stock, in welchem die Vorrthe aufgespeichert liegen. Wie man von der Rotunde nach Oben gelangen kann, so steigt man auch von ihr auf einer hnlichen Treppe in die unteren Rume, in welcher die ankommenden Ballen und Kisten ausgepackt und die Waaren ausgezeichnet werden. Neben dem reichsten Geschmacke zeigt sich allenthalben auch die Aufmerksamkeit fr die Bequemlichkeit des Kufers, da vor jedem Ladentische kleine runde Sthlchen angebracht sind, damit namentlich das zartere, in die Herrlichkeiten der Mode versunkene Geschlecht die vorgelegten Artikel mit Mue betrachten und bewundern kann. In diesem Geschfte sind ber 60 Commis thtig, welche die Sprachen aller civilisirten Vlker sprechen. Diese wohnen smmtlich in einem Hinterhause, in welchem einem Jeden von ihnen sein eigenes Zimmer angewiesen ist. Der Leser wird sich aus dieser Schilderung eine Idee von der Gre dieses Gebudes machen knnen, in welchem noch die schne und ntzliche Einrichtung getroffen ist, da ein Druckwerk laufendes Wasser in alle Stockwerke treibt. Jeder Besucher dieses herrlichen Etablissements wird gerne zugestehen, da es in der That den Namen Marmorpalast verdient. Sechszehntes Capitel. Deutsches Leben in New-York. Geselligkeit. Wirthschaften. Brauerei. Ausflge. Kirchweihen. Mehrere Monate blieb ich bei meinem Italiener, welcher nach Beendigung der Arbeiten im Stewart'schen Laden mein Talent in einer Kirche verwandte, wo ich mich der hheren Kunst, nmlich des Ausmalens der Kirchen_decke_ beflie. Die Beziehungen zu meinen Collegen blieben angenehm, und bald hatte ich mich auch an das amerikanische Leben gewhnt, welches freilich von der deutschen gemthlichen Geselligkeit gar Manches entbehrt. Im Ganzen lebte ich jedoch nach deutscher Art, da unsere Landsleute in New-York erfolgreiche Anstrengungen gemacht haben, wenigstens Etwas von den heimischen Sitten und Gewohnheiten zu erhalten und nicht in die frostigen Manieren des Amerikaners zu verfallen, welche bei Vielen nur zu sehr an den Englnder erinnern. Bei ihrer groen Anzahl konnte ihnen das nicht schwer fallen, zumal die dazu erforderlichen Elemente zur Genge vorhanden sind. In New-York fehlt es dem Deutschen nicht, wie so Manche annehmen, an gemthlichen Sammelpltzen und Gesellschaftslokalen, in welchen sich Abends Bekannte und Freunde treffen. Die verheiratheten Mnner gehen jedoch nach dem Gebrauche der Amerikaner die Wochentage wenig aus, sondern verbringen die Abende im Kreise ihrer Familien, mit welcher Einrichtung ihre Frauen vollkommen zufrieden sind. Auch die ledigen jungen Leute kommen im Durchschnitte die Woche nur einige Male an ffentliche Orte, selbst wenn sie den besten Verdienst haben, weil mit uerst geringen Ausnahmen nicht daran zu denken ist, tglich dieselbe regelmige Gesellschaft genieen zu knnen. Ueberhaupt hat sich der Deutsche im Allgemeinen in Amerika von seiner Hauptleidenschaft, der Liebe zum Trunke, losgemacht, da der Amerikaner eine groe Antipathie dagegen uert und nur nchterne Menschen von ihm ein freundliches Entgegenkommen zu erwarten haben. Dehalb ist auch im Durchschnitt der Deutsche bei dem Eingebornen viel mehr geachtet, als der Irlnder, welcher noch Nachts die Schnappsflasche mit in's Bett nimmt. Die einzigen Tage in der Woche, in denen man unter den Deutschen allgemeine Geselligkeit trifft, sind der Sonnabend und der Sonntag. Am Samstag ist schon um 5Uhr Feierabend und auerdem Zahltag, an welchem mancher leere Beutel eine frhliche Heimsuchung erfhrt. Gegen 7Uhr fllen sich die Bierhuser, die jedoch ohne Ausnahme nach amerikanischer Art eingerichtet sind, wehalb man in ihnen auer dem Gerstensafte jeden Augenblick die verschiedensten Sorten Liqueure, Wein, Punsch und Glhwein bekommen kann. Gewhnlich steht in der Nhe der Thre der niemals fehlende Ladentisch (~counter~), hinter welchem sich ein Fachgestell mit verschiedenen Flaschen und Glsern erhebt, das auerdem mit Blumen, bunten Muscheln, Springbrunnen u.s.w. geziert ist. Die Deutschen halten sich im Ganzen, wie in der Heimath, an ihr Lieblingsgetrnke, das Bier, wehalb die Brauereien in Amerika in der letzten Zeit einen sehr bedeutenden Aufschwung erhalten haben. In New-York brauen mehrere bairische und badische Brauer ein Lagerbier, welches sich dem bairischen wohl unbedenklich an die Seite stellen darf. Gute Gerste und guter Hopfen erleichtern die Herstellung desselben. Bis jetzt fehlten nur die Felsenkeller, welche dort zwar leicht zu graben sind, aber einen bedeutenden Capitalaufwand erfordern. Mehrere Bierbrauer haben aber demohngeachtet den Anfang damit gemacht, was um so nothwendiger ist, als bis jetzt das Lagerbier in New-York schon Ende Juli ausgieng, da es an groen Lagerkellern gebrach, und man gerade in der grten Hitze genthigt war, ein in den heien Sommermonaten gebrautes oberghriges Bier zu trinken, welches unter dem Namen ~small-beer~[9] bekannt ist, sich aber keines besonderen Rufes erfreut. Man kann jedoch fast das ganze Jahr Biere aus Philadelphia bekommen, welche wegen ihrer vorzglichen Gte sehr beliebt wurden und besonders dann starken Absatz finden, wenn die New-Yorker Biere ausgegangen sind. Hie und da trinken die Deutschen auch Ale und Porter, obschon sie ihrem Gerstenbiere den Vorzug geben. [9]: Geringes, dnnes Bier, von den Amerikanern im Gegensatz zu ihrem ~strong-beer~ (starkem Bier) so genannt, welches die Deutschen jedoch nicht sonderlich lieben, da es einen herben bitteren Geschmack hat. Die deutschen Lagerbiere werden jedoch auch von den Amerikanern gerne getrunken. Man kann nicht in Abrede stellen, da es in den amerikanischen deutschen Schenklokalen weit anstndiger zugeht, als in vielen in Deutschland; Zank und Streit ist selten zu hren, und wird ja Mancher einmal laut, so geschieht es im Eifer politischer Discussion, da auch hier der Deutsche seine Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit nicht verlugnen kann. Whrend meines ganzen Aufenthaltes aber war ich nie Zeuge einer Schlgerei oder anderer Rohheit. Es mag dies zum Theil darin seinen Grund finden, da sich in einer so groen Stadt die Gste zu wenig kennen, und durch Spiele um Geld, welche streng verboten sind, keine Veranlassung zu Uneinigkeiten gegeben wird. In den besseren Wirthschaften ist fast durchgngig ein Pianoforte zu finden, und es fehlt nicht an Personen, welche dieses Instrument sehr gut zu spielen verstehen. Ich habe mehrere Wirthe kennen gelernt, welche fertige Clavierlehrer anstndig dafr honorirten, da sie Sonnabend und Sonntag Abends ihre Gste mit Gesang und gutem Spiel erfreuten. Sonntags ist auch an mehreren Orten gute deutsche Harmoniemusik zu finden, welche ebenfalls ein groes Publikum anzieht; namentlich erscheint hier die New-Yorker deutsche Frauenzimmerwelt, welche Nachmittags nicht ber Land gehen konnte. Diese Huser waren weitaus am meisten besucht, da auer den musikalischen Genssen die besten deutschen Zeitungen aus der ganzen Union und die gelesensten New-Yorker Bltter, nebst Billard und Kegelbahn den Besuchern zu Gebote stehen. Den Sonntags-Nachmittag benutzen die Deutschen hauptschlich zu Ausflgen auf das Land. Die besuchtesten Orte sind das Blumenthal (~Bloomingdale~) und Hoboken. Erstere Partie macht man entweder zu Fu oder mittelst einer Eisenbahn, welche sich unmittelbar von City-Hall aus, also fast von Anfang der Stadt bis an ihr Ende hinauszieht, und gewhnlich bei unsern deutschen buerlichen Einwanderern das grte Erstaunen erregt, denn wenn sie auch in Europa diese neuen Eisenwege kennen gelernt haben, so erscheint es ihnen doch wunderbar, da man sie auch durch die Straen einer Stadt hindurchfhrt. Aber eine ebenso groe Aufmerksamkeit, als sie der Eisenbahn widmen, wird ihnen von den hin und herpromenirenden amerikanischen Lady's und Gentlemens erwiesen, besonders wenn unsere Landsleute im langen Rock mit blanken Knpfen, rothen Westen, kurzen Leder-Hosen und einem groen Dreimaster, und die Weiber und Mdchen mit kurzen Rcken, Schnallenschuhen und Hauben mit breiten Bndern erscheinen. Diese Tracht entlockt selbst den Deutschen ein Lcheln, welche lnger in New-York wohnen und diesen weiland gewohnten Anblick jetzt selten genieen. Um auf das Blumenthal selbst wieder zurckzukommen, so diene hier zur Nachricht, da dieses ein nicht kleiner Stadtbezirk ist, in welchem fast ausschlielich Deutsche, jedoch nur die kleineren Handwerker und Arbeiter wohnen. Hier fehlt es nicht an zahlreichen deutschen Kneipen, die jedoch ihrer groen Mehrzahl nach nicht sehr einladend sind; berhaupt mge sich der geneigte Leser keinen zu hohen Begriff von diesem Blumenthal machen, da es nichts weniger als diesen Namen verdient. Nur der Theil, welcher noch wenig angebaut ist und einige Grten mit schner Aussicht auf den Hudson und Blackwellisland, eine Art Correctionsanstalt (der Plassenburg im Zwecke wie in der romantischen Lage gleich), in sich schliet, verdient diesen Namen. Hoboken ist ohnstreitig ein viel angenehmerer Vergngungsort. Um dahin zu gelangen, mu man, da es auf dem Festlande liegt, ber den Northriver fahren, was das Publikum sehr anzieht, da man statt des erstickenden Staubes auf dem Blumenthaler Ausfluge hier die erquickende und erfrischende Seeluft einathmet. Auf der New-Yorker Seite sind drei Fhren, von welchen aus man alle fnf Minuten auf Dampfschiffen ber den Hudson gelangen kann. Der Preis ist so billig gestellt, da es selbst dem Aermsten mglich ist, ihn zu zahlen, denn er betrgt nur 6Cts.[10], wofr man noch die auerordentliche Begnstigung hat, so oft man will, ohne alle weitere Nachzahlung, den Weg hin und her machen zu knnen, wenn man nicht vom Boote herabgeht. Sorgsame Mtter schicken whrend der heien Jahreszeit ihre Kinder tglich auf diese Dampfboote, damit sie eine gesunde Bewegung haben, ohne der Gefahr des Sonnenstiches ausgesetzt zu seyn, welcher viele Opfer fordert. In Hoboken selbst fehlt es nicht an angenehmen Anlagen und comfortablen Pltzen, wo Erfrischungen gereicht werden, und besonders deutsche Wirthe haben sich hier in ziemlicher Anzahl niedergelassen, um ihre deutschen Gste nach deutscher Weise mit Kaffee und Milchbrod, wie Butter, Schweizerkse und gutem Bier bewirthen zu knnen. [10]: 9 Kreuzer oder 2 Ngr. Auch andere deutsche Vergngungen, welche bis jetzt in Amerika noch nicht recht heimisch werden wollten, haben unsere Landsleute dort einzubrgern gesucht, namentlich die in Deutschland jhrlich wiederkehrenden Kirchweihen. Die Rheinlnder feiern groentheils die Kirchweihtage ihrer Heimath, obschon das eigenthmliche Geprge eines solchen Festes verloren geht, wenn es ausschlielich von Stdtern gefeiert wird. Ich hatte Gelegenheit, in New-York die Drkheimer Kirchweih mitzumachen, welche von Einwanderern aus dieser Stadt und deren Umgegend in einem Garten festlich begangen wurde. Bis auf die Kaufbuden, welche mangelten, hatte das Ganze ziemlich den Character einer deutschen Kirchweih, denn es wurden uns nicht allein in Flle deutsche Brat-, Blut- und Leberwrste nebst Sauerkraut, sondern auch edler Pflzerwein, chter 46er geboten; auch fehlte dem munteren Kreise nicht das hchste Gut, welches uns Speis und Trank erst wrzet, der Frohsinn und die Heiterkeit. Schne Gesnge wechselten mit guter Musik ab, und die Feier schlo mit einem gemthlichen Tnzchen und einem Toaste auf das geliebte deutsche Vaterland. Ein anderes, jedes Jahr mehrmals wiederkehrendes Vergngen sind die gemeinschaftlichen Ausflge der Deutschen. Ein zu diesem Zwecke gewhlter Comit miethet ein Dampfschiff fr einen Tag, und Morgens 5Uhr geht es mit Weib und Kind in's Freie. Diese Gesellschaften zhlen oft 6-700 Personen, welche fr einen Tag ihre Alltagsbeschftigungen vergessen, um die freie Natur und das schne Hudsonthal zu genieen. Gewhnlich sucht man schon mehrere Tage vorher 25 bis 30 englische Meilen von New-York einen schnen Platz aus, um an demselben auszusteigen und sich zu vergngen. Die Fahrt schon verbreitet allgemeine Lust; es fehlt nicht an khlenden Getrnken und guten Speisen, welche die sorgsamen Hausfrauen schon Tags vorher zubereiten, um die Freunde der Familie auch auerhalb New-York auf ein deutsches Gericht einladen zu knnen. In dem elegant ausgestatteten Schiffssalon spielt eine gute deutsche Musik, welche zum Tanze auffordert, und in bunter Reihe folgen Gesnge, Reden, Deklamationen u.s.w. Die Amerikaner machen sehr hufig diese Partieen mit, und erinnern sich ihrer immer mit groem Vergngen, da sie unter sich selten so viel Herzlichkeit und Gemthlichkeit finden. Siebenzehntes Capitel. Die Feier des Maifestes in New-York. Gesangvereine. Deutsche Blle. Der geneigte Leser wird aus dem vorigen Capitel ersehen haben, da es dem Deutschen in Amerika keineswegs an geselligen Vergngungen gebricht; einem Feste aber, welches alljhrlich begangen wird, mchte ich vor allen anderen den Vorzug geben, nmlich dem Maifeste. Die vielen schnen Erinnerungen, welche sich an den ersten Mai, an den Verkndiger des Frhlings, und an die Heimath knpfen, haben die Deutschen veranlat, diesen Tag auch in der Ferne nicht ungefeiert vorbergehen zu lassen, und so finden sich an demselben alljhrlich viele Tausende zusammen, um im Freien die Schnheit des Lenzes zu genieen. Die Deutschen kommen in Amerika und vorzglich in New-York niemals bei einer auerordentlichen Gelegenheit zusammen, ohne einem Feste durch passende Reden eine hhere Weihe zu geben; am wenigsten drfen diese an einem Freudentage, wie der erste Mai fehlen. Die Redefreiheit ist unbeschrnkt; um jedoch der Gesellschaft wenigstens einige gediegene Vortrge zu sichern, ersucht der Festcomit immer schon acht Tage vorher einige beliebte Volksredner, an diesem Tage die Tribune zu betreten. Erst wenn diese geendigt haben, kann Jeder ohne Ausnahme um's Wort bitten, wobei dem Zuhrer natrlich unbenommen bleibt, zuzuhren oder sich zu entfernen. Eines der schnsten Maifeste wurde im Jahre 1847 auf einer Anhhe hinter Hoboken gefeiert, von wo aus man ganz New-York mit seinen Inseln bersehen und die Blicke weit hinaus auf die hohe See schweifen lassen konnte. In einem freundlichen Wldchen wurde der Festplatz aufgeschlagen, die deutsche schwarz-roth-goldene Flagge zwischen zwei amerikanischen auf dem hchsten Baume aufgezogen und eine mit Laub- und Streuguirlanden geschmckte Tribune errichtet. Vormittags schon hatten sich Hunderte auf dem grnen Rasen gelagert, obschon die eigentliche Feier erst Nachmittags zwei Uhr beginnen sollte. Die Erffnung machte ein Mnnerchor, welchem mehrere vorzglich ausgearbeitete Festreden folgten. Eingeborene Amerikaner, vorzglich solche, welche der deutschen Sprache mchtig waren, hatten sich zahlreich eingefunden, und zu Aller Freude erschien kurz vor dem Beginne der verschiedenen Vortrge einer freundlichen Einladung zufolge der amerikanische Dichter Bryant[11], ein groer Verehrer deutscher Literatur und Musik. Er ergriff auf allgemeines Bitten auch das Wort und wies mit warmem Gefhl auf die Verdienste hin, welche sich die deutschen Einwanderer in Amerika erworben htten, characterisirte den Forschungsgeist und den tiefen wissenschaftlichen Sinn unserer Nation, dem auch das amerikanische Volk so viel zu verdanken habe, und schlo mit einem Hoch auf den deutschen Genius und auf die Bande der Liebe, welche Deutschland und die Vereinigten Staaten fr immer umschlingen sollen. Der Prsident des Festcomits erwiderte seine mit dem grten Beifall aufgenommene Rede, indem er den Wunsch aussprach, da die schnen Beziehungen zwischen Amerikanern und Deutschen immer mehr an Innigkeit gewinnen mchten. Nach dem Schlusse der im Programme vorgeschriebenen Feierlichkeiten bildeten sich die muntersten und lebendigsten Gruppen in dem frischen Grn, Gesang mit Guitarrebegleitung und Musik schallten durch den Wald, und erst spt Abends kehrten die Theilnehmer in die Stadt zurck. [11]: Bryant ist durch Ferd. Freiligrath, welcher einige seiner lyrischen Gedichte bersetzt hat, auch in Deutschland bekannt geworden. Das ganze deutsche Leben in New-York hat durch den Gesang einen neuen Reiz erhalten. Diese schne Blume, welche unserem Daseyn so manche reine Wohlgerche spendet, ist von den eingewanderten Deutschen sorgfltig gepflegt und gewartet worden; jedoch bildete sich erst im Jahre 1847 in New-York ein grerer Gesangverein, welcher in wenigen Wochen gegen 120 active und passive Mitglieder zhlte. Derselbe trennte sich zwar im ersten Jahre wieder, aber es waren so viele gute Sngerkrfte vorhanden, da zwei Liedertafeln daraus entstanden, welche ziemlich strenge Kunstrichter befriedigen. Beide Vereine halten ihre regelmigen Proben, und geben fters zahlreich besuchte Productionen. Bei den Amerikanern haben die Leistungen der deutschen Snger eine solche auerordentliche Anerkennung gefunden, da man sie zu verschiedenen Malen zur Mitwirkung in den grten Concerten einlud. Dadurch ermuntert, beschlossen sie im Winter 1848, in dem Alhambra-Salon, einer eleganten, im maurischen Style aufgefhrten Restauration eine groartige Production zu geben, welche sich den entschiedensten Beifall von Seite aller Musikfreunde errang. Besonders erregte der Speisezettel von Zllner viel Vergngen, obschon die meisten Amerikaner von dem Texte nichts, als das Wort ~beefsteak~ verstanden. Aus den Gesangvereinen haben sich verschiedene Quartette gebildet, welche schon manchen Freundeskreis mit ihrem Gesang erheitert haben; selbst die Stndchen sind durch sie in Amerika eingebrgert worden, und oft kann man um Mitternacht die schnen Liederklnge Deutschlands in den einsamen Straen erschallen hren. Eine weitere Abwechslung und Erholung geben die zahlreichen Blle, welche jedoch das Unangenehme haben, da sie wegen der strengen Sonntagsfeier niemals Sonnabends oder Sonntags gehalten werden knnen. Die gewhnlichen Tage fr Tanzvergngungen sind daher der Montag, Dienstag und Donnerstag geworden. Versuche, das Tanzen auf dem Lande am Sonntag trotz Gesetz und Polizei durchzusetzen, sind einige Male durch hinzugekommene Constabler zum nicht besonderen Ergtzen der dabei betheiligten Damen vereitelt worden. Die Zahl der Blle in New-York ist auerordentlich gro, was in der Existenz der vielen Freimaurerlogen, Krankengesellschaften, politischen und anderen Vereinen seinen Grund hat, welche sie insgesammt als eine willkommene Gelegenheit bentzen, ihren Kassen den so nothwendigen Zuschu zuzufhren. Zu dem Ende sendet immer der Ballcomit eines Vereins an seine Bekannten und Freunde Einladungskarten, welche mindestens einen Dollar kosten; es kommt jedoch sehr hufig vor, da fr sie 2-5 Dollars bezahlt werden mssen, was natrlich Manchen hindert, ein so theures Vergngen mitzumachen. Mnner, welche wegen ihrer Geschftsverbindungen oder wegen ihrer politischen Stellung eine ausgedehnte Bekanntschaft besitzen, knnen sich buchstblich vor solchen Ballkarten gar nicht retten, die eine um so grere Last fr sie sind, da sie die Sache mit dem Bezahlen derselben allein nicht abmachen knnen, indem man auch noch ihr persnliches Erscheinen auf dem Balle erwartet. Die deutschen Blle tragen ziemlich denselben Character, wie in Deutschland, whrend die amerikanischen sich mehr den franzsischen und englischen annhern; doch werden auf ihnen auch deutsche Tnze getanzt. Maskenblle sind gnzlich unbekannt, da sie verboten sind, und man mu dehalb auf ein Vergngen verzichten, welches sich in einigen Stdten des deutschen Vaterlandes wegen der besonderen Pracht, des guten Humors und des trefflichen Geschmackes, wie z.B. in Mainz, Cln und Mnchen, einen beinahe classischen Namen errungen hat. Die Deutschen haben wohl in Privatzirkeln kleine Maskenscherze aufgefhrt, es kann aber ein solches Vergngen wenig Reiz gewhren, wenn sich smmtliche Theilnehmer schon vorher kennen, und sie im Falle des Bekanntwerdens noch gesetzliches Einschreiten zu gewrtigen haben. Eine Eigenthmlichkeit der New-Yorker Blle ist auch noch die, da die Herren ihre Damen nach 12Uhr zur ~Table d'hte~ fhren, welche ohngefhr eine Stunde dauert und dazu beitrgt, das Tanzvergngen noch etwas kostspieliger zu machen, als man es in Deutschland gewohnt ist. Whrend dieser Pause werden bei den Deutschen sehr oft Quartette gesungen, die gewhnlich diejenigen Gste sehnlich herbeiwnschen, welche keine Freunde einer so spten und theuern Tafel sind. Achtzehntes Capitel. Das Leben und die Sitten der Amerikaner. Ihre Religiositt. Temperenzmnner. Rechte der Frauen. Es lt sich nicht in Abrede stellen, da die Deutschen manche Sitten und Gebruche von den Amerikanern angenommen haben; dieses kann man sich aber aus den vielen gegenseitigen Berhrungen leicht erklren. Im Wesentlichen ist jedoch das Leben und das Thun und Treiben der Eingebornen ein ganz anderes. Whrend der Deutsche ein offenes und zutrauliches Gemth zeigt, bleibt der Amerikaner mehr in sich selbst zurckgezogen, und ist nur dann redselig, wenn er in seinem Geschfte steht und Geld verdienen will, oder wenn ihn eine wichtige politische Streitfrage beschftigt. Begegnen sich befreundete Amerikaner am Tage auf der Strae, so gehen sie mit einem flchtigen Grue an einander vorber, denn die Zeit des Verdienstes ist da, in welcher Keiner den Andern aufhlt; die Deutschen dagegen mssen einen kleinen Halt machen und ein Wort mit einander wechseln, und wenn sie nur fragen: Wie geht es? Was macht die Frau? u.s.w. Nichts characterisirt den Amerikaner mehr, als seine Vorliebe zum Geld, ja man kann sagen, da er oft den Menschen nur nach seinen Vermgensverhltnissen beurtheilt. Macht er eine neue Bekanntschaft, so unterlt er nicht zu fragen, wie viel sie werth sey, und die Antwort erst gibt ihm den Mastab zur hheren oder niederen Achtung. Er scheut keine Gefahren, um reich zu werden; er geht in die Lager der Indianer und wagt seine Kopfhaut, um ein gutes Geschft zu machen, und durchdringt die Urwlder, um sich neue Absatzquellen zu erffnen. Seine zhe Ausdauer ist wahrhaft bewunderswrdig; er arbeitet rastlos fort, wenn er Millionen erworben hat, lt seine Thtigkeit aber nicht sinken, wenn ihn eine unglckliche Spekulation um Alles gebracht hat; er fngt wieder von vorne an, und seine alten Geschftsfreunde untersttzen ihn nach Krften, wenn er keinen betrgerischen Bankerott gemacht hat; gerade Diejenigen, welche durch ihn Verluste erlitten haben, suchen ihn wieder in die Hhe zu bringen, da sie nur in diesem Falle an einen Wiederersatz denken drfen. Beispiele hiervon finden sich in New-York, wo mehrere Kaufleute in Bezug auf ihre Vermgensverhltnisse den merkwrdigsten Glckswechsel erfahren haben; heute noch Millionaire, waren sie am anderen Tage Bettler, um in wenigen Jahren wieder als vermgende Mnner dazustehen. Schon an dem Anzuge erkennt man den Amerikaner und den Deutschen. Der Letztere kleidet sich in die verschiedensten Farben, der Erstere liebt, der groen Mehrzahl nach, und besonders, wenn er dem Handelsstande angehrt, den schwarzen Frack oder Rock, die schwarzen Beinkleider und den schwarzen runden Hut. Nur whrend der heien Jahreszeit vertauscht er diese dunkle Tracht mit hellen und leichten, entweder blau und wei oder roth und wei gestreiften Baumwollenkleidern. Die Klasse der Arbeiter, welche natrlich keine Rcksichten auf feine Stoffe und eleganten Schnitt nehmen kann, erkennt man aber fast ohne Ausnahme an der wachstuchenen Mtze, welche sich auch die deutschen Handwerker gleich nach ihrer Ankunft zulegen, da sie nicht allein die gewhnlichste und leichteste, sondern auch die billigste Kopfbedeckung ist. Der Amerikaner sieht in den Wochentagen wenig auf uere Eleganz -- den Geschftsmann genirt ein Loch im Aermel sehr wenig --; dafr nehmen sie streng Rcksicht auf Reinlichkeit in der Wsche, und selbst der schlechtbezahlteste Arbeiter wechselt wchentlich drei bis vier Mal frische Hemden, obschon dies in New-York eine bedeutende Ausgabe verursacht, da fr das Dutzend ohne allen Unterschied, ob es Sacktcher, Vatermrder oder Hemden sind, Dollar gezahlt werden mssen. Obschon die Amerikaner, insbesondere nach unseren Begriffen, sehr wenig gesellig sind, so habe ich doch Mehrere kennen gelernt, welche das deutsche Leben sehr anzog. Vor Allem will ich hier eines jungen Mannes aus Virginien Erwhnung thun, welcher Medicin studirte und in dasselbe Haus zog, in dem ich wohnte, um dort Deutsch zu lernen, da er nach Vollendung seines akademischen Studiums in New-York zu seiner weiteren Ausbildung einige Jahre in Berlin zubringen wollte. Schon in seiner Heimath Virginien hatte er von einem Deutschen so viel Kenntni von unserer Muttersprache erlangt, da er Schillers Gedichte ziemlich fertig lesen und verstehen konnte. Namentlich interessirte er sich sehr fr die deutschen Zustnde und fragte zuweilen nach dem Grunde und der Ursache mancher deutschen Staatseinrichtungen mit einer Naivitt, welche selbst einen vormrzlichen Staatsmann in Verlegenheit gesetzt haben drfte, da seine Polemik gegen dieselben von vieler Klarheit und angeborner Freisinnigkeit zeugte und auerdem sehr ruhig und natrlich war. Am wenigsten konnte er das Wesen der Censur begreifen; ich mute ihm erst eine Geschichte dieses Instituts und eine Schilderung seiner eigentlichen Thtigkeit geben, bis er sich von demselben eine richtige Vorstellung machen konnte. Oft sprach er seine Verwunderung gegen mich darber aus, da das deutsche Volk bei dem Bestehen der Censur sich in geistiger Beziehung so hoch emporschwingen konnte, whrend das amerikanische bei aller seiner Freiheit die Wissenschaften bis jetzt noch viel zu wenig cultivirt habe. Ferne von aller Engherzigkeit verkannte er die Tugenden und Vorzge der Deutschen nicht, liebte und achtete aber, wie jeder Amerikaner, sein Vaterland wieder viel zu hoch, um dessen Freiheit und Wohlfahrt nicht hher zu schtzen, als Deutschlands literarische Gre. Wie die meisten Amerikaner hielt auch er ungemein viel auf die strenge Feier des Sonntags, welche den Deutschen einen reichhaltigen Stoff zu Raisonnements liefert. Es gibt auch wohl kaum etwas Lstigeres, als die Beobachtung von Gesetzen, die aus den Sonntagen einen jede Woche regelmig wiederkehrenden Bu- und Bettag gemacht haben. Der Amerikaner geht Sonntags wenigstens zweimal in die Kirche; vielfach besucht er aber auch den Abendgottesdienst, welcher im Winter bei Licht gehalten wird. Man ist sogar so weit gegangen, es als die Pflicht eines verlobten jungen Mannes zu betrachten, da er seine Braut Sonntags zweimal zur Kirche fhrt. In den gebildeteren Familien ist man mit dieser Art Sonntagsfeier noch nicht einmal zufrieden, sondern es wird auch noch der Abend religisen Betrachtungen gewidmet und mit dem Singen geistlicher Lieder oder dem Spielen von Chorlen und Kirchenmusik auf einem Claviere hingebracht. Ich habe immer diese bertriebene Religiositt fr einen krankhaften Auswuchs gehalten, wofr namentlich auch die Thatsache spricht, da der amerikanische Sonntagsbetbruder sich nicht im Geringsten genirt, am folgenden Montage seinen Mitchristen auf die schndlichste Weise zu prellen und zu bervortheilen. Trotz dem Zuschautragen religiser Gefhle und Empfindungen glaube ich doch, da in Deutschland, obschon da vielfach getanzt, musicirt und getrunken wird, eine tiefere Frmmigkeit zu finden ist, als in New-York, wo man groentheils mit der Beobachtung der ueren Formen zufriedengestellt ist. Ich kenne nur eine Tugend, welche aus diesem scheinheiligen Treiben der Amerikaner hervorgegangen ist, nmlich ihr Abscheu gegen das rohe Fluchen, Schwren und Schimpfen, welches man bei den Deutschen leider so hufig findet. Auerhalb des Geschftslebens ist der Amerikaner auch sehr wahrheitsliebend, und man kann ihn nicht empfindlicher beleidigen, als wenn man ihn der Lge zeiht. Diese Injurie wird auch vom Gesetze besonders strenge geahndet! Besonders anerkennend mu ich hier bemerken, da sich der Amerikaner trotz der strengen Beobachtung uerer Religiositt und seiner Anhnglichkeit an seinen Gottesdienst doch ganz von den Vorurtheilen gegen Andersdenkende losgemacht hat und die Intoleranz kaum dem Namen nach kennt. Am schnsten hat er dies im Jahre 1847 bei Gelegenheit der Revision der Verfassung des Staates New-York bewiesen, gem welcher man vor den Gerichtshfen dieses Staates den Eid in beliebiger Form leisten kann, ohne da dessen Rechtsgltigkeit im Geringsten angefochten werden kann. Vorurtheile, wie man sie in Europa und namentlich in Deutschland gegen die Israeliten hegt, sind dem Amerikaner vollkommen fremd; er macht keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, sondern achtet den am meisten, welcher seine Wrde als Mensch am besten zu wahren versteht. Hand in Hand mit ihrem ueren Frmmigkeitswesen gehen die ebenso einseitigen Bestrebungen der Migkeitsprediger (Temperenzmnner), welche ihren Fanatismus so weit treiben, da sie den Genu von Wein, Bier und aller Art von Spirituosen gnzlich verbieten. Man sollte kaum glauben, da fr eine solche Lehre viele Anhnger zu gewinnen wren; zu meinem grten Erstaunen hat sie diese aber gerade in einem Stande gefunden, welcher sonst die wenigste Neigung zur Migkeit hat und strkende Getrnke auch am wenigsten entbehren kann, nmlich im Stande der Arbeiter. Die Grundstze dieser Temperenzmnner haben eine unglaubliche Verbreitung gefunden, die brigens leicht erklrlich wird, wenn man die rastlose Thtigkeit und die unermdliche Agitation dieser Leute kennt. Sie sind gut organisirt und in Logen eingetheilt, aus welchen zunchst ihre Propaganda hervorgeht, die sich besonders Sonntag Nachmittags in der Nhe des Hafens sehr bemerkbar macht. Irgend ein Mitglied, welches sich hinreichende Rednergabe zutraut, die die Amerikaner berhaupt, an ffentliches Leben gewhnt, mehr oder weniger besitzen, besteigt mitten in der Strae einen Tisch oder Stuhl und hlt einen von dem heftigsten Geberdenspiele begleiteten Vortrag, in welchem dem Zuhrer auf das bndigste bewiesen wird, da nur die vollkommene Enthaltung von allen geistigen Getrnken den Menschen physisch und moralisch gut erhalten knne, und selbst der migste Genu wegen des verfhrerischen Reizes zur Ausschweifung gefhrlich sey. Eine Unmasse von Trakttleins in allen Sprachen zhlt die grauenhaftesten Historien von Gatten-, Kinder- und Vatermord und anderen haarstrubenden, im Zustande der Trunkenheit verbten Verbrechen auf, um das Gemth des Lesers zu erschttern und zur Aufnahme der Temperenzlehre geneigt zu machen. Abscheulich gezeichnete Bilder, welche den Knstler mit Grauen erfllen, sollen solche Scenen noch mehr versinnlichen, und mgen bei zur Schwrmerei geneigten Naturen ihres Eindruckes auch nicht verfehlen. Mehr aber, als alle Trakttlein und schlechten Reden der Temperenzmnner hat die schlaue Berechnung ihnen Anhnger gewonnen, da sie nur solchen Arbeitern einen Verdienst zuwenden, welche in ihren Migkeitsbund eingetreten sind. Sie haben sogar eigene Dienstbotenbureaux errichtet, in welchen Temperenzdienstboten gesucht werden, die sich ber ihre wirkliche Mitgliedschaft frmlich ausweisen mssen. Ihre Lebensmittel kaufen sie nur bei Temperenzmnnern, da die anderen Spezereihndler smmtlich Spirituosen verkaufen und deren Waaren sonach nicht koscher sind. Die unsinnige Lehre dieser Leute, welche dem Menschen selbst den vernnftigsten und migsten Genu der edlen Gaben Gottes entzieht, fhrt ebenfalls zur Heuchelei, zur Verstellung und zum Meineid; mancher Temperenzmann, welcher beim Anblicke eines Glases Wein oder Bier scheinheilig die Augen verdreht, hat zu Hause einen geheimen Schrank in der Wand, in welchem Getrnke aller Art verborgen sind. Ein Deutscher, der lngere Zeit in Boston gelebt hat, erzhlte mir, da er manchen vergngten Abend mit Temperenzmnnern bei der Punschbowle zugebracht habe, von denen Niemand erwartete, da sie ihre Satzungen bertreten wrden. Dieser Unfug hat auch in New-York sehr um sich gegriffen; der Migkeitsmann geniet aber dort, da er sich nicht ganz auf Wasser setzen will, ein Wurzelbier von bitterem Geschmack, das s.g. ~root-beer~, welches nicht berauscht. Den wenigsten Anklang hat diese Art von Enthaltsamkeit bei den Matrosen gefunden, denen man brigens einige Sympathie fr einen solchen Verein wnschen mchte. Wie ich schon mitgetheilt habe, lebt der Amerikaner vorzglich seinem huslichen Kreise, wehalb auch gemeiniglich seine Zimmer viel eleganter und wohnlicher eingerichtet sind, als bei den Deutschen. Selten logiren in einem Hause mehr als zwei Familien, da er Ruhe und Stille in seiner Wohnung liebt, wenn er sich von dem Gerusche seines Geschftes zurckgezogen hat. Er geht aber auch zuweilen in dieser Beziehung zu weit, da er hufig kein Quartier an Leute vermiethet, welche kleine Kinder oder Hunde und Katzen haben, weil er von ihnen Lrmen und Unreinlichkeit befrchtet. Die Privatwohnungen sind smmtlich Tag und Nacht geschlossen, und mu man erst durch das Ziehen einer Klingel seine Anwesenheit melden. Beim Eintritt in die Hausflur fllt die durch bunte Fenster und bemalte Vorhnge gedmpfte Beleuchtung auf, welche sonderbar gegen die auen herrschende Tageshelle absticht. Eine hnliche Dmmerung findet man whrend der Sommerzeit in den nach der Morgenseite liegenden Zimmern, da grne Jalousieladen an allen Fenstern zum Schutze gegen die heibrennende Sonne angebracht sind. Auf den Treppen liegen hbsche Teppiche (~carpets~), welche man noch schner und geschmackvoller in den bewohnten Rumen findet, die dadurch viel heimischer werden. Die Gemcher, wie das ganze Innere des Hauses, sind entweder tapezirt, oder, was man noch hufiger trifft, mit hellen Oelfarben gemalt, was einen sehr freundlichen Eindruck macht. Auf letztere Einrichtung hat mehr die Nothwendigleit, als der Luxus hingewiesen, da sich hinter den Tapeten im heien Sommer gerne Wanzen ansetzen, welche sich in vielen Husern New-Yorks in fast unglaublicher Anzahl eingenistet haben, um die Bewohner derselben bei Nacht auf das Furchtbarste zu qulen. Auch die Muskitos[12] sind an den gemalten Wnden eher zu entdecken. [12]: Die Muskitos sind in New-York schon sehr hufig, obschon sie dort noch nicht so lstig sind, wie weiter gegen Sden, namentlich in New-Orleans, wo ihre Stiche sogar Narben zurcklassen. Mir war es nicht mglich, ein Auge zu schlieen, wenn nur eine von diesen summenden Fliegen, welche nicht allein empfindlich stechen, sondern auch eine Anschwellung der getroffenen Theile veranlassen, im Zimmer war. Man kann sie leicht entfernt halten, wenn man beim Eintritt der Abenddmmerung zeitig die Fenster schliet. So lange Licht brennt, verhalten sie sich ruhig, wehalb man diese Zeit benutzt, sie zu vertilgen. In meiner ersten Wohnung mute ich regelmig jede Nacht eine Wanzen- und Muskitojagd abhalten. Die Meubles sind geschmackvoll und elegant, und werden neuerdings in New-York in groer Menge angefertigt, um als Handelsartikel in das Innere des Landes zu gehen. Gegen die frheren Jahre fhrt man jetzt sehr wenige mehr von Europa ein, was dem Lande ein bedeutendes Capital erhlt. Ein Hauptmeubel der Amerikaner ist der beliebte Schaukelstuhl, welcher in keinem Zimmer fehlen darf, und bei den rmeren Classen die Stelle des Sophas vertritt. Sitz und Rcklehne dieser Art Grovatersessel sind stark nach hinten geneigt, um den Stuhl leichter in Bewegung setzen zu knnen, dessen Beine, wie bei einer Wiege, in starken gekrmmten Leisten festgemacht sind. In diesem hlt die Frau ihre Siesta und bringt in ihm auch wohl ihre meiste Zeit zu, wenn der Herr des Hauses ein reicher Mann ist und ber eine schne runde Summe Dollars zu gebieten hat. Die reiche Amerikanerin arbeitet durchschnittlich wenig oder gar nichts, sie kocht nicht, sie nht nicht, sie strickt nicht, sondern sie putzt sich, geht oder fhrt spazieren und besucht die reichen Modewaarenlager, um dem Herrn Gemahl eine hbsche Rechnung auf's Comptoir schicken zu knnen, die er bezahlen mu, wenn ihm auch zuweilen eine solche Post nicht sehr angenehm ist. Sie geht nur im hchsten Staate, in seidenen Kleidern, theuren Shawls und anderem kostspieligen Putze aus, versteht es aber nicht, sich so geschmackvoll und elegant, wie die Franzsin, zu tragen, obschon ihr Anzug manchmal zehnmal mehr kosten mag. Im eigentlichen Brger- und Arbeiterstande sind die Verhltnisse freilich anders, denn dort ist auch die Frau thtig, obschon sich auch diese in keiner Beziehung mit der deutschen Hausfrau messen darf. Die Frauen genieen in Amerika manche Rechte, von denen sie fleiig Gebrauch machen. Vor Allem haben sich junge Leute, namentlich wenn sie ein eigenes Geschft oder sonst Vermgen haben, sehr in Acht zu nehmen, mit Mdchen viel zu verkehren, welche sie nicht heirathen wollen, da diese oft aus einer auch nur oberflchlichen Bekanntschaft Heirathsansprche herleiten. Namentlich mge sich jeder Mann vor einem Eheversprechen etc. hten, da er ohne Gnade die klagende Frauensperson heirathen mu. Nur durch die Flucht in einen anderen Staat kann er den Ehefesseln entgehen und seine Freiheit erhalten. Namentlich stehen die Irlnderinnen bei den Deutschen in Beziehung auf diesem Punkt in einem schlechten Renomme, und Viele gehen ihnen schon von Weitem aus dem Wege. Eine bessere Einrichtung ist die, da der Mann seine Frau nicht zchtigen und mihandeln darf, sollte er auch zur Strafe die gegrndetste Veranlassung haben. Trotz des gesetzlichen Verbotes kommt doch in den weniger gebildeten Stnden zuweilen ein solcher Fall vor, welcher dann die Inhaftirung des Herrn Gemahls zur Folge hat. Jedoch wird dieser nach kurzem Arrest gewhnlich von der zrtlichen Ehefrau selbst wieder zurckgeholt, da es diese ohne ihn in der Einsamkeit des Hauses nicht mehr aushalten kann, und bei lngerem Sitzen die Familie ohne Ernhrer seyn wrde. Dem einwandernden Deutschen fllt aber besonders auf, da der Ehemann mit dem Korbe am Arm auf den Markt geht, um Fleisch, Eier, Kartoffeln und andere in einem Haushalten nothwendige Dinge einzukaufen; die Deutschen haben zum Theil diesen Gebrauch ebenfalls angenommen, da wegen allzu hohen Lohnes die kleineren Familien keine Dienstboten annehmen knnen; andererseits wollen freilich wieder Viele behaupten, da zu einem solchen Geschfte sich nur ein Mann hergben knne, welchen seine Frau unter ihren Scepter, d.h. unter den Pantoffel gebeugt habe. Am wenigsten will aber unseren Landsleuten gefallen, da sich die amerikanischen Frauen das Rauchen verbitten; ja viele gehen so weit, da sich der Mann nicht einmal in seiner eigenen Behausung eine Cigarre anstecken darf. Hufig wurde ein Deutscher, welcher eine Amerikanerin geheirathet hatte, in deutscher Gesellschaft geneckt, da er sich einem solchen Befehle seiner Frau gefgt habe, welche sich am ersten Tage der Flitterwochen das Rauchen in _ihrem_ Hause energisch verbat. Fr diese Entbehrung sucht sich der Amerikaner auf eine andere, weniger angenehme Weise zu entschdigen, er -- kaut Tabak. Diese ekelhafte Sitte ist in New-York sehr allgemein; aber je nher man den eigentlichen Tabaklndern kommt, je hufiger wird diese unappetitliche Gewohnheit. Neunzehntes Capitel. Die Kche der Amerikaner. Der Neujahrs- und der Valentinestag. Ihre Gastfreundschaft. Wir haben die Migkeit bereits als eine Tugend der Amerikaner kennen gelernt, welche sie bei dem Genusse der Speisen ebenso, wie bei dem der Getrnke beobachten. Ihr Tisch ist immer mit verschiedenen Gerichten besetzt, doch erscheinen sie trotz ihrer Anzahl dem Deutschen manchmal gar zu sehr ~en miniature~ aufgetragen. Das Frhstck besteht aus Kaffee, Butter, Brod, Fleisch und Eierspeisen, das Mittagsmahl aus verschiedenen Sorten Fleisch mit Salat, Mehlspeisen, Kartoffeln und Gemse. Letzteres wird von ihnen in einer Weise bereitet, welche dem deutschen Magen nicht genehm ist, da dasselbe, einfach mit kochendem Wasser angebrht, auf die Tafel gebracht wird. Jeder richtet es sich nach seinem Geschmacke zu, indem er es mit Salz, scharfen Gewrzen, unter denen der spanische Pfeffer eine Hauptrolle spielt, Essig und Oel in eine Art Salat umwandelt, der mir im Innersten zuwider war. Abends gibt es auer dem nie fehlenden Fleische stets Thee und Butterbrod, welches sie ebenso knstlich und niedlich zu schneiden verstehen, wie die Norddeutschen ihre Butterbemmen. Eigenthmlich ist es, da der Amerikaner eine Lieblingsspeise der Deutschen -- das so hoch gepriesene Sauerkraut -- frmlich verabscheut, wie er berhaupt die Gemse nicht liebt, wenn sie nach unserer Weise zubereitet sind. Er geniet auch weniger die Sorte Kartoffeln, welche wir in Deutschland haben, sondern eine andere, meines Wissens in Europa gnzlich unbekannte, welche in der Form unseren sogenannten Musen gleicht, an den Enden jedoch ganz spitz ausluft, sehr mehlreich ist und einen ganz sen Geschmack hat. Ich kenne jedoch nur wenige Deutsche, welchen sie zusagte. Die von uns so sehr geliebte Suppe wird von ihnen uerst selten genossen. Die Lieblingsspeisen der Amerikaner sind ~beefsteak~, ~roast-beef~, Schinken mit Eier und Geflgel; letzteres wird besonders in ungeheurer Menge consumirt. Der Truthahn und die Gans haben von dem Federvieh den Vorzug, obschon der deutsche Gaumen manchmal sehr empfindlich berhrt wird, wenn er eine Gans zu schmecken bekommt, welche whrend ihrer Zeitlichkeit mit kleinen von der See ausgesplten Fischen gefttert wurde, wodurch sie einen thranigen Geschmack bekommt. Auerdem sind noch Seefische und Austern sehr von ihnen geliebt. Der Deutsche hat sich nicht von seiner vaterlndischen Kche losgesagt, jedoch von der amerikanischen das angenommen, was ihm zusagte, wehalb sein Tisch ohnstreitig besser ist. So enthaltsam und mig die Amerikaner sind, so haben sie doch auch einen Tag im Jahr, wo sie sich ausnahmsweise den Freuden der Tafel hingeben. Es ist dies der erste Januar, den sie auf eine eigenthmliche Weise feiern. Whrend in Deutschland das Neujahrgratuliren als etwas Lstiges immer mehr in Abnahme kommt, ist es dort so allgemein im Brauch, da nicht allein alle Freunde und Bekannte sich Glck zum neuen Jahre wnschen, sondern selbst der Maire an diesem Tage eine Gratulations-Audienz von 11 bis 2Uhr im Stadthause ertheilt, zu der sich Tausende von Menschen drngen. Diese empfngt er stehend in seinem Bureau, in welches der Reihe nach die Brger eintreten, ihm ohne Ausnahme die Hand reichen und ihm einfach mit den Worten: ~I wish You a happy new year Sir!~[13] ihre Glckwnsche darbringen, worauf er dankend erwidert: ~I thank You Sir!~[14] Von einem lngeren Gesprche mit ihm kann keine Rede seyn, da eine groe Menschenmenge bereits darauf wartet, ihn ebenfalls zu begren. Nach stattgefundener Gratulation, die nicht lnger als zwei Sekunden whrt, tritt man in ein Nebenzimmer ab, in welchem Limonade und Gebackenes gereicht wird, was jedoch nur die Wenigsten annehmen. [13]: Ich wnsche Ihnen ein glckliches neues Jahr! [14]: Ich danke Ihnen mein Herr! In den Familien sind an diesem Tage die Tische mit Speisen und Getrnken reich besetzt und Jeder, der sich einfindet, ist willkommen. Niemand wartet eine Einladung zum Zulangen ab, sondern versieht sich ohne weitere Umstnde mit dem, was ihm zusagt. Am Neujahre wird auch ein Ruschchen entschuldigt, da der herumwandernde Neujahrwnscher berall ein Glas trinken mu; selbst den Damen sagt man nach, da sie diesem Tag zu Ehren sich bereden lassen, Etwas mehr wie gewhnlich von den gefllten Glsern zu nippen. Auer dem ersten Januar gibt auch der Valentinestag Veranlassung zu netten Witzen. Es ist nmlich an diesem Tage Sitte, Bekannten und Freunden sogenannte Valentines zu schicken, welche aus Bildern der verschiedensten Art mit geschriebenen oder gedruckten Reimen und Gedichten bestehen. Das Scherzhafte liegt besonders darin, da sie anonym einlaufen und dehalb der wirkliche Absender oft gar nicht errathen wird. Die Bilder enthalten Anspielungen, Carricaturen, Neckereien u.s.w. und werden in unglaublicher Anzahl durch die Stadtpost versandt. Es giebt eigene Valentines-Fabriken, welche hbsche Geschfte mit diesem Artikel machen, da man sie von drei Cent bis zu mehreren Dollars haben kann. Reiche Amerikaner haben schon Valentines anfertigen lassen, welche 50 Dollars kosteten. Hbsche Mdchen werden besonders damit bedacht, und manche Schnheit hat eine Sammlung solcher anonymer Zusendungen angelegt, welche ein niedliches und geschmackvolles Album voll guter Zeichnungen und Gedichte bildet. So angenehm die Ueberraschung durch einen originellen Valentine ist, so haben doch leider auch Ha, Neid, Migunst und andere niedrige Leidenschaften diesen Tag und diese Sitte bentzt, um unter der Maske des Witzes verwundende Pfeile abzuschieen. Ich kann mich des traurigen Falles erinnern, da sich ein braves Mdchen in New-York wegen eines gemeinen Valentines das Leben nahm. Eine Haupttugend der Amerikaner verdient beim Schlusse der Schilderung ihres Lebens und ihrer Sitten noch ehrenvolle Erwhnung, nmlich ihre Gastfreundschaft. Es ist nicht leicht, in einer gebildeten amerikanischen Familie Zutritt zu erhalten und als Hausfreund angenommen zu werden; hat aber einmal Jemand ihr Zutrauen gewonnen, so schenken sie es ihm auch ganz und machen nicht den strengen Unterschied zwischen dem jngeren und dem reiferen Alter, wie man in Deutschland zu thun pflegt. Dieses mag zunchst dem Umstand zuzuschreiben seyn, da bei ihnen mit dem 21sten Jahre bereits die vollstndige politische Mndigkeit eintritt, welche dem Jnglinge schon die wichtigsten brgerlichen Rechte verleiht. Dem Hausfreund gegenber fllt die Ettiquette, und Niemand findet es anstig, wenn ein junger Mann die Tochter des Hauses Abends ohne weitere Begleitung in's Theater, auf Blle oder Promenaden fhrt. Zwanzigstes Capitel. Die New-Yorker Presse. Zur Befestigung der amerikanischen Institutionen hat in besonders hohem Grade die Presse beigetragen, wehalb ich ihrer auch einige Erwhnung thun mu. Sie bt einen um so greren Einflu auf das Volk, als ihr von jeher die berhmtesten und patriotischsten Staatsmnner ihre Krfte gewidmet haben, damit den Lesern auer der vielen mittelmigen Kost auch eine gediegene gereicht werde. In keiner Stadt der Union hat sie sich zu einer so hohen Bedeutung und zu einem solchen Einflusse emporgeschwungen, wie in New-York, wehalb auch eine jede nur einigermaen Lebenskrftigkeit besitzende Partei dort ein Organ hat. Die Journale New-Yorks entsprechen aber auch allen den Anforderungen, welche man an sie vermge der Gre, Bedeutung und Bildung der Stadt stellen kann, es erscheinen nicht allein politische, sondern auch wissenschaftliche, belletristische, musikalische und gewerbliche Bltter; nicht verkennen lt sich jedoch, da zu dieser Entwickelung der Presse der Handel und der groe Verkehr in New-York unendlich viel beigetragen hat; um Beide zu heben, baute man die weiten Eisenbahnstrecken, Canle und Telegraphenlinien, durch deren Herstellung die kaum glaubliche Thatsache mglich geworden ist, an jedem Tage in New-York Nachrichten aus allen Theilen der Union in der Art zu erhalten, da alle Ereignisse und die Marktpreise von New-Orleans, St.Louis und Buffalo wenige Stunden nach ihrem Bekanntwerden in den genannten Stdten auch schon dem New-Yorker Publikum durch die Presse mitgetheilt werden knnen. Durch diese ungeheure Schnelligkeit der Communication ist auch das allgemeine Interesse viel lebendiger und der Absatz beliebter Bltter ungleich grer, als in Deutschland, whrend die Redactionen auf der anderen Seite wieder in den Stand gesetzt sind, einen billigen Preis zu stellen. Die Sonne[15] zieht eine tgliche Auflage von 60,000 und der Herald eine von 40,000 Exempl. ab. [15]: ~The Sun.~ Die Morgenzeitungen bringen noch alle die Nachrichten, welche bis 3Uhr in der Frhe einlaufen; erst in dieser Stunde wird der Satz geschlossen und der Druck begonnen. Um 7Uhr haben die meisten Abonnenten in der Stadt ihre Bltter schon unter der Hausthre liegen, da zu dieser Zeit noch smmtliche Wohnungen und alle Verkaufslokale geschlossen sind. In den Geschftsstraen, die sich erst um 7Uhr beleben, da in ihnen Niemand wohnt, liegen bei trockenem Wetter vor manchem Hause 20-30 Bltter, ohne da der Subscribent eine Entwendung zu befrchten htte. Jedes Journal druckt tglich mehrere Tausend Exemplare ber die Abonnentenzahl, welche grtentheils von Zeitungsjungen in den Straen, an der Brse, an den Landungspltzen der Dampfschiffe und an den Eisenbahnen verkauft werden. Zu dem groen Absatz der New-Yorker Bltter trgt besonders der Umstand bei, da der Leser mit dem Beginne des Abonnements an keine bestimmte Zeit gebunden ist, indem die Zeitungstrger jeden Montag ihr Geld fr das in der vergangenen Woche gebrachte Journal abholen. Fr minderbemittelte Leser, welche eine grere Ausgabe scheuen mssen, ist dies eine sehr groe Erleichterung. Auer den in englischer Sprache gedruckten Blttern erscheinen in deutscher die New-Yorker Staatszeitung, die New-Yorker Schnellpost und der New-Yorker Demokrat mit einem Sonntagsblatte, und in franzsischer der ~Courier des Etats unis~, welcher von der Regierung Louis Philipps Untersttzung erhielt und dafr oft in nicht sehr wrdiger Weise die Interessen der Dynastie Orleans vertrat. Mit der Februarrevolution nderte er Redaction und Farbe. Kurze Zeit erschien auch ein Blatt fr die Scandinavier; es mute aber wegen Mangel an Theilnahme zu erscheinen aufhren. Die Stimme des Staates New-York fllt bei der Entscheidung politischer Kmpfe schwer in die Wagschaale. Es haben daher die Demokraten und die Whigs von jeher alle ihre Krfte aufgeboten, die Stadt und den Staat fr ihre Ansichten zu gewinnen. Beide erkannten nur zu gut, da sie sich keines besseren Agitationsmittel bedienen konnten, als der Presse, und sie sorgten daher fr die Grndung von Parteijournalen, welche sich fast durchgngig mit der Errterung politischer Parteigrundstze und der Kritik der Regierungsmaregeln beschftigen. Im Sinne der Demokraten schreiben ~the true Sun~, ~the Globe~ und die unter der Redaction des Dichters Bryant erscheinende ~Evening-Post~[16]. Die schon oben erwhnte ~Sun~ neigt sich ebenfalls der Demokratie zu, obschon sie fast in jeder ihrer Spalten versichert, da sie ein unpartheiisches und unabhngiges Blatt sey. Die Interessen der Whigs werden mehr oder wenig von der ~New-York Tribune~, dem ~Courier and Inquirer~ und dem ~Express~ vertreten. [16]: Die wahre Sonne, die Erdkugel und die Abendpost. Als wahrhaft unabhngiges[17] und dehalb von allen Parteien sehr geschtztes Blatt ist der ~New-York Herald~ auch im Auslande rhmlichst bekannt, und die meisten deutschen Artikel ber Amerika sind wohl aus ihm bersetzt. Er liefert auch die politischen Neuigkeiten am raschesten, ausfhrlichsten und zuverlssigsten und wurde dem gebildeten Leser schon dehalb unentbehrlich, weil er das einzige politische Sonntagsblatt ist. Von den Einwanderern wird er besonders geschtzt, da er Correspondenten in allen bedeutenden Stdten Europas hat. Der Eigenthmer dieses Journals, Mr. Gordon Bennet, lt seit der Grndung der franzsischen Dampfschifffahrtslinie von Cherbourg nach New-York auch eine franzsische Ausgabe seines Blattes fr Frankreich besorgen, welche von Freunden dieser Sprache auch zahlreich in New-York gekauft wird. [17]: Nur bei der letzten Prsidentenwahl kmpfte er fr die Candidatur des General Taylor. ~The Sun~ und ~the Herald~ liefern bei der Ankunft eines jeden Dampfschiffes von Europa Extrabltter. Diese werden immer zahlreich gekauft und werfen daher guten Gewinn ab; denn treffen auch keine wichtigen politischen Neuigkeiten ein, so kommen doch Handelsnachrichten an, welche ber Gewinn und Verlust entscheiden und von dem Amerikaner mit grter Spannung erwartet werden. Die Zeitungsjungen machen mit diesen Extrablttern gute Geschfte, zumal sie so klug sind, im Moment der ersten Spannung um 100 Prozent mit ihrem Artikel aufzuschlagen; auch wissen sie sehr gut auf die Neugierde ihrer Leser zu speculiren, indem sie Schlachten ausrufen, die nie geschlagen wurden, und berhaupt auf Ereignisse aufmerksam machen, von denen auer diesen Jungen keine sterbliche Seele Etwas wei. Lngere Zeit erschien in New-York der ~Yankee-Doodle~, ein politisches Witzblatt mit Holzschnitten nach Art des Londoner Punch. Demselben war aber bald der Witz und mit ihm die Abonnenten ausgegangen. Ueberhaupt ist der Amerikaner sehr schwach in der Kunst, seinen Gegner durch feinen Spott zu schlagen; auch fehlt ihm die Gewandtheit in der Zeichnung und die Manier der knstlerischen Behandlung, welche bei politischen Thematen oft mehr anzieht, als ein piquanter und sarkastischer Text. Ein eigenthmliches Blatt ist der Bruder Jonathan[18]. Er erscheint nur zweimal des Jahres, nmlich zu Weihnachten und am 4ten Juli, und ist auf einen Bogen von solcher Gre gedruckt, da man ganz bequem einen sechsjhrigen Jungen in denselben einwickeln kann, ohne da Kopf und Fu mehr sichtbar ist. Eine ziemliche Anzahl Holzschnitte zieren ihn, welche zum Theil von einer ungewhnlichen Gre sind. Das Blatt ist typographisch schn ausgestattet, und wird zahlreich gekauft, um Geschenke damit zu machen. Eine Nummer kostet 1 Schilling[19]. [18]: Bruder Jonathan ist der Nationalname des Amerikaners, wie John Bull der des Englnders und Michel der des Deutschen. [19]: 18 kr. 3 pf. oder 5 Ngr. 4 pf. Im Jahre 1848 wurde die erste musikalische Zeitung in New-York unter dem Titel: ~The musical Times~ herausgegeben. Die bedeutendsten Mitarbeiter sind durchgngig Deutsche, ohne deren Untersttzung die Unternehmung gar nicht in's Leben htte treten knnen. Der belletristische Theil des Blattes besteht fast einzig und allein aus Uebersetzungen deutscher und franzsischer Novellen. Als Literaturblatt ist der ~Harbinger~[20], welcher von den Gebildeten hufig gelesen wird, nicht ohne Werth. Er enthlt philosophische, sthetische und andere wissenschaftliche Aufstze, theilt Gedichte besserer Gattung und Auszge aus guten prosaischen Werken mit und gibt eine kritische Uebersicht ber die Producte der amerikanischen Literatur. Gediegene Redaction und schne Ausstattung empfehlen dieses Blatt, welches in seiner Art noch ziemlich das einzige im Staate New-York seyn drfte. [20]: Der Vorlufer. Einundzwanzigstes Capitel. Kunst. Theater. Musik. Durch die Presse ist auch in dem Volke das Verlangen nach geistigen Genssen erweckt worden. In die erste Classe ist in dieser Beziehung Theater und Musik zu stellen, die sich seit den letzten zehn Jahren in New-York einer besonderen Pflege erfreuen und ein lebendiges Zeugni abgeben, da die Bildung im Fortschreiten begriffen ist. Auf ihre Leistungen in der Malerei und der Bildhauerei lt sich dieses Lob freilich nicht anwenden, da sie mit wenigen Ausnahmen in ersterem Fache noch viel zu sehr an die Entstehungsperiode der Kunst erinnern, und die Sculptur nur von eingewanderten Deutschen, Franzosen und Italienern betrieben wird. Es hat sich in New-York zwar ein Kunstverein mit einer Kunstausstellung gebildet; die eingebornen Amerikaner haben aber bis jetzt noch wenig Werthvolles eingeliefert. In der Architectur dagegen haben sie erstaunliche Fortschritte gemacht; die Brse, die ~Tombs~[21], das ~Customhouse~[22], das Wasserreservoir, die herrliche Wasserleitung und andere colossale Bauten werden gewi den Beifall und die Bewunderung sachverstndiger Mnner erhalten. [21]: Der im egyptischen Style gebaute Gerichtshof, mit welchem eine bedeutende Anzahl Zellengefngnisse in Verbindung steht. [22]: Zollhaus. Die New-Yorker haben eine groe Vorliebe fr den Theaterbesuch. Es fehlt daher nicht an besseren und geringeren Vorstellungen von Schau- und Lustspielen und Opern. Wirklich gute Productionen findet man im Park-Theater, da in demselben hufig berhmte englische Mimen auftreten; im Jahre 1847 gab dort der Englnder Kean die schnsten Characterbilder Shakespeares; berhaupt hat sich dieses Theater den Ruf einer dramatischen Gediegenheit erworben. Fr bessere Lustspiele ist das Broadway-Theater da, welches erst vor zwei Jahren erbaut wurde; das eigene Volkstheater, in welchem Spektakelstcke und populaire und nationale Ereignisse auf die Bhne gebracht werden, ist das Bowerytheater. Es erfreut sich eines sehr zahlreichen Besuches, da der Unternehmer bestndig gute und beliebte Schauspieler engagirt hat und keine Kosten scheut. Viel Vergngen bereitete mir in demselben die Auffhrung von Schillers Rubern, welche ziemlich gelungen in's Englische bertragen und recht brav in Scene gesetzt waren. Fr die niedere Komik und den Volkswitz gibt es ebenfalls einige Bhnen. Freunde der Opernmusik sind auf die italienische Oper angewiesen. Um sie wrdig zu placiren, baute die New-Yorker Noblesse ein eigenes Opernhaus am Ende des Broadway. In diesem Musensitz wollten sie auch einen besonders feinen Ton und die Pracht der Mode nach Londoner und Pariser Art einheimisch machen, und es mute, um diesen Endzweck zu erreichen, der Theatercomit die Einrichtung treffen, da nur Gentlemans in schwarzem Fracke und Ladys in Herrenbegleitung der Zutritt gestattet wurde, was den bsen Uebelstand zur Folge hatte, da ganz anstndig gekleidete Leute am Eingange abgewiesen wurden. Dies hie aber in ein gewaltiges Wespennest stieren! Die ganze New-Yorker Presse und vor allen Blttern der Herald zog ganz unbarmherzig gegen die Geldaristokratie zu Felde, welche es gewagt hatte, dem Volke eine besondere Kleidung bei dem Genusse von Vergngungen, die ihm sein gutes Geld kosteten, vorzuschreiben und die republikanische Einfachheit, wie die persnliche Freiheit eines jeden Einzelnen in einer solchen Weise anzugreifen. Man warnte vor dem Besuche eines solchen Theaters, nannte die Snger die traurigsten Stmper und brachte das ganze Unternehmen in einen solchen Mikredit, da es ohnfehlbar gescheitert wre, wenn der Theatercomit nicht die unglckliche Frackidee aufgegeben htte. Ein betheiligter reicher Kaufmann machte aus lauter Verdru ber das Geschrei der Presse den Versuch, den Eigenthmer des Herald mit 200 Dollars zum Schweigen zu bringen; am anderen Tage aber fand er seinen Brief wrtlich auf der ersten Spalte des Herald in einer schwarzen Einfassung abgedruckt; auerdem war noch die malitise Bemerkung beigefgt, da sich der Maire der Stadt in einem Handbillete bei dem Herrn Bennet im Namen des stdtischen Armenhauses fr die Schenkung von 200 Dollars bedankt habe, welche zur Bestechung der Presse htten dienen sollen. In New-York fehlt es auch nicht an zwei deutschen Theatern; leider aber haben es unsere Landsleute noch nicht zu dem Besitze eines wrdigen Kunsttempels bringen knnen. Die Schuld liegt freilich grtentheils an den deutschen Schauspielern selbst, welche bis auf einige Wenige so viel wie nichts leisten. Sie sind dehalb gezwungen gewesen, ihre Bretter, die aber nichts weniger, als die Welt bedeuten, in groen Slen aufzuschlagen. Die Dekorationen, wie die ganze Ausstattung machen einen ziemlich klglichen Eindruck; von Maschinerie ist gar keine Rede, und die Anziehungskraft auf das Publikum wrde sich wohl auf Null reduciren, wenn nicht nach dem Schlusse der Vorstellungen noch Ball wre, an dem jeder Zuschauer unentgeldlich Theil nehmen kann. Beide Unternehmungen sind von Gastwirthen ausgegangen, denen es natrlich mehr um den Absatz von Speisen und Getrnken, als um Hebung der Kunst zu thun ist. Fr musikalische Gensse sorgt der philharmonische Verein. Er hat viele Mitglieder und die nthigen Mittel, um grere Musikwerke zur Ausfhrung bringen zu knnen; der hohe jhrliche Beitrag macht aber den Eintritt in diese Gesellschaft Vielen unmglich. Die besten Musiker in New-York sind ohnstreitig die deutschen und werden auch als solche von den Amerikanern anerkannt. Ihre Vortrge sind freilich auch werthvoller, als die der Eingebornen, welche die Harmonie der Tne theilweise noch mit der Trommel, der Sackpfeife und dem Dudelsack hervorbringen wollen. Dessen ohngeachtet sind sie groe Freunde der Musik und in jeder nur einigermaen bemittelten Familie wird man ein Fortepiano finden, wodurch die Fabrikation dieser Instrumente in New-York selbst einen erstaunlichen Aufschwung erhalten hat. Deutsche Musiker knnen in Amerika guten Verdienst finden, wenn sie etwas Tchtiges zu leisten im Stande sind. An Stmpern jedoch ist kein Mangel. Im verflossenen Jahre kam eine Gesellschaft Steiermrker nach Amerika, um sich in den bedeutendsten Stdten der Union hren zu lassen. Ihr erstes Auftreten in Boston wurde von einem auerordentlichen Erfolge begleitet, da in der That jedes Mitglied Virtuos auf seinem Instrumente war. In New-York machten ihre Leistungen ein solches Aufsehen, da sie dort schon Einladungen nach Baltimore, Washington und New-Orleans erhielten. Von letzterer Stadt giengen sie nach der Havanna. Ihre Geschfte mssen sehr eintrglich gewesen seyn, wie berhaupt noch kein Knstler Amerika unbefriedigt verlassen haben wird, da ihr Sckel sich dort gewi eher fllte, als in den meisten europischen Stdten. Fanny Elsler, Ole Bull, Sivori, Leopold Meyer und Andere werden davon gewi vollgltige Beweise abgeben knnen. Die von ihnen gegebenen Vorstellungen und Concerte waren smmtlich zahlreich besucht, und ist auch nicht zu verkennen, da sie bedeutende Auslagen zu bestreiten hatten, so standen sie gewi jedesmal mit ihrer Einnahme im Verhltni, da man in New-York zu keinem Concert unter einem Dollar ein Billet erhalten kann. Zweiundzwanzigstes Capitel. Lasterhhlen. ~Washington-Street~. Die ~Five-Points~. Die Hinrichtungen. Groe Verdienste um die Hebung der Moralitt und Sittlichkeit hat sich ohnstreitig die Presse erworben, obschon in dieser Beziehung noch viel zu wnschen brig bleibt. Bei dem ungeheuren Verkehre und dem ewigen Gehen und Kommen von Schiffen und von Reisenden aus allen Welttheilen mssen sich um so mehr auch unlautere Elemente einfinden, als der Eintritt in das Land keiner polizeilichen Controle unterworfen werden kann, da das Pawesen eine total unbekannte Gre in den Vereinigten Staaten ist. Diese Einrichtung hat sich besonders des Beifalls der deutschen Handwerksburschen zu erfreuen, welche froh sind, da sie von dem Visirenlassen der Wanderbcher befreit sind. Es ist eine immer wiederkehrende und leicht erklrliche Erscheinung, da Verbrechen und Laster aller Art ihren Hauptsitz in den groen Stdten aufgeschlagen haben; hat man dies schon im Binnenlande zu beklagen, so ist dies wo mglich in noch vergrertem Mastabe in den Hafenstdten zu finden, in welchen tglich Tausende von Fremden zusammenstrmen. Man darf daher auch nicht erwarten, da New-York eine Ausnahme von der Regel macht und ich es als ein Muster der Sittenreinheit hinstellen kann; man findet auch in dieser Stadt neben der Tugend, Frmmigkeit und Redlichkeit die tiefste Immoralitt und neben dem guten Tone und der Bildung die grbste Unwissenheit und die furchtbarste Rohheit. New-York hat ebensogut, als London, Paris, Wien und Berlin seine Lasterhhlen und seine verrufenen Gassen, in welchen das Verbrechen und die Schande haust. Man thut wohl daran, bei Nacht solche Orte zu meiden, da dort trotz aller Aufsicht verworfenes Gesindel sich niedergelassen hat, welches selbst den Mord nicht scheut, wenn es ihm Beute verschafft. New-York hat so gut seinen Stoff zu Mysterien geliefert, wie jede andere Stadt. Es macht einen im hchsten Grade widrigen Eindruck, da gerade eine der schnsten Straen in der Nhe des Hafens, in welcher Nachts betrunkene Matrosen und andere gefhrliche Individuen umherstreifen, den Namen Washingtons trgt. Man thut immer wohl, wenn man ihnen im Falle des Begegnens weit aus dem Wege geht. In den Kellern der ~Washington-Street~ hrt man jeden Abend kreischende Musik, nach welcher sich Matrosen und schlechte Dirnen drehen, die durch zudringliche und ekelhafte Geberden die Vorbergehenden zum Eintritt zu bewegen suchen. Kaum vergeht eine Nacht, in welcher dort nicht durch die Seeleute die schrecklichsten Schlgereien entstehen. Diese endigen nur zu oft mit Mord und Todtschlag, da diese rohe und schonungslose Classe von Menschen nach langer Entbehrung[23] sich ohne Rcksicht auf Gesundheit und Anstand allen Ausschweifungen hingibt und von dem Genusse starken Brandweins gemeiniglich so trunken werden, da sie sich mit dem Messer in der Faust anfallen. [23]: Den Matrosen auf amerikanischen Schiffen werden zur See keine spirituosen Getrnke verabreicht. Sie erhalten Morgens eine hinreichende Quantitt guten schwarzen Kaffee mit Fleisch und Kartoffeln, Mittags eine gute krftige Kost und Abends Thee nebst einer guten Beispeise, aber weder Bier, Wein noch Schnapps. Den Passagieren ist bei Strafe der Confiscation ihrer Getrnke strenge verboten, an die Matrosen Etwas abzugeben. Diese Bestimmung ist auch sehr nothwendig, da die meisten Matrosen weder Ziel noch Ma im Genu der strksten geistigen Getrnke kennen. Ihr Dienst erfordert eine bestndige Nchternheit, da sie whrend eines Sturmes oft smmtlich Dienst thun mssen und ihnen in einem solchen Falle oft Hunderte von Menschenleben anvertraut sind. Fr diese Entsagung entschdigen sie sich nach der Landung in so reichem Mae, da sie in wenigen Tagen einen sechswchentlichen sauer ersparten Lohn durchbringen. Ein sehr betrchtliches Contingent zu diesem Auswurfe liefert die Rae der Neger. Diese sind jedoch weniger zurechnungsfhig, da sie groentheils ohne allen Unterricht und ohne alle Erziehung aufwuchsen. Auer der ~Washington-Street~ haben sie besonders ihr Hauptquartier in den ~Five-Points~ aufgeschlagen. Die ~Five-Points~ sind fnf Straen, welche von einem in der Mitte liegenden Platze strahlenfrmig ausgehen und in einem wahrhaft frchterlichen Renome stehen. Viele Menschen wagen nicht einmal whrend der Tageszeit durch diesen Theil der Stadt zu gehen, welcher gleich neben dem Broadway und hinter der City-Hall, also in der belebtesten Gegend beginnt. Das Aeuere der Gebude gibt schon einen deutlichen Begriff von ihren Bewohnern. Alle Huser haben unter dem Erdgeschosse noch Kellerwohnungen (~basements~), in welchen sich Kneipen befinden, die von einem Ekel und Grauen erregenden Publikum besucht werden. Schmutzige Negerdirnen von jedem Alter mit herabhngenden dicken Lippen und einer oft an's Phantastische streifenden Kleidung, betrunkene Matrosen und der Auswurf der Menschheit vergngen sich hier. Wehe Dem, der sich ohne gengenden Schutz in diese Hhlen hinabwagt; Derjenige, welcher Geld sehen lt, ist in der grten Gefahr, ausgeplndert, ja ermordet zu werden. Mitten in den ~Five-Points~ steht ein unter dem Namen Brauhaus in der ganzen Stadt bekanntes und gefrchtetes Gebude. In demselben wohnen gegen 100 Personen, welche alle mehr oder minder gefhrliche Subjekte sind, von denen man sich theilweise die schauderhaftesten Dinge erzhlt. Zur Ueberwachung dieses Hauses, wie der ~Five-Points~ ist eine namhafte Anzahl Constabler aufgestellt, welche tglich Arrestationen in dieser gefhrlichen Gegend vornehmen. Schon vor mehreren Jahren wurde im New-Yorker Stadtrathe ein Plan entworfen, diesen ganzen Stadttheil von Grund aus niederzureien und an dessen Stelle neue und schne Gebude setzen zu lassen, um die gefhrlichen Bewohner desselben aus den bevlkertsten Distrikten zu verdrngen und sie dadurch fr die Gesellschaft minder gefhrlich zu machen. Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, da die ~Tombs~ gerade ganz in der Nhe der ~Five-Points~ sich erheben. Dieses Gebude macht einen tiefen und ergreifenden Eindruck auf Jedermann durch den Ernst und den Charakter seines Styles; aber gerade Diejenigen, fr die es gebaut ist, leben kaum 100 Schritte von ihm entfernt in grter Sorglosigkeit. Dies ist um so bemerkenswerther, als in dem Hofe der ~Tombs~ die Hinrichtungen vorgenommen werden. Mancher Verbrecher hat seine grliche That fast im Angesichte der Richtsttte begangen, ohne zu bedenken, da er dort den Lohn seiner Thaten finden wird und ohne von der drohenden Todesstrafe von seinem Beginnen abgeschreckt zu werden. Die Hinrichtungen in Amerika geschehen mit dem Strange; man gibt ihnen aber dort keine so groe Oeffentlichkeit, wie in Europa, sondern gestattet nur Journalisten und solchen Personen Zutritt, welche mit Karten versehen sind. In neuerer Zeit ist jedoch im Volke eine groe Abneigung gegen die Todesstrafe bemerkbar geworden. Bei der durch den gesetzgebenden Krper des Staates New-York zu Albany vorgenommenen Verfassungsrevision erhielt die Partei fr die Beibehaltung der Todesstrafe nur einige wenige Stimmen Majoritt, und es unterliegt wohl keinem Zweifel, da auch die Amerikaner in Blde dem schnen und ehrenden Beispiele des Frankfurter Parlaments folgen. Es ist eine weise und passende Einrichtung in New-York, da der Name eines Jeden, welcher entweder polizeilich abgestraft oder durch den Gerichtshof abgeurtheilt wurde, in den Journalen ffentlich bekannt gemacht wird. So wie die Polizei einen und wenn auch noch so unbedeutenden Fang macht, wird dies mit allen Einzelnheiten dem Publikum mitgetheilt, welches zuweilen sehr berrascht wird, wenn es aus diesen Blletins den Character von Leuten erfhrt, die ihr Thun und Treiben unter der Maske der Verstellung und Scheinheiligkeit lngere Zeit zu verbergen gewut hatten. Dreiundzwanzigstes Capitel. Allgemeine Notizen fr Auswanderer. Die Auswanderung von Deutschland nach den Vereinigten Staaten war in den letzten 15 Jahren so bedeutend, da aus allen Stnden Vertreter nach Amerika gekommen sind. Ich habe deutsche Professoren, Geistliche, Offiziere, Advokaten, Kaufleute, Studenten, Handwerker aller Art, Landleute u.s.w. in New-York kennen gelernt. Ja sogar deutsche Bettelmusikanten wollten ihr Glck jenseits des groen Baches versuchen, haben aber gewi eine sehr traurige Carriere gemacht, wenn sie nicht eine andere Beschftigung ergriffen. Ein deutsches Schiff brachte einmal fnf bis sechs solche Gesellschaften, die sich jedoch in wenigen Tagen aus der Stadt entfernt hatten, da man dort nicht gewohnt ist, Faullenzer zu untersttzen und die Pein, die sie dem Ohre bereiten, auch noch zu bezahlen. In den frheren Jahren blieben viele neue Ankmmlinge in New-York, whrend sich jetzt fast alle Einwanderer in das Innere des Landes begeben, wo sie theils Verwandte, Freunde und Bekannte besitzen oder einen schon genau berlegten Plan in Ausfhrung bringen wollen. In New-York selbst ist nur noch fr einzelne Gewerbe der Aufenthalt nutzbringend, wie z.B. fr Schuhmacher, Bcker, Maschinenarbeiter, chirurgische Instrumentenmacher, Tischler, Brauer, Tapezierer, Maler; die meisten andern sind bersetzt, finden dehalb seltener und dann schlechten Verdienst. Es lt sich nicht lugnen, da die Deutschen an diesem Uebelstande theilweise selbst Schuld sind. Tausende von Arbeitern sind in New-York an das Land gestiegen, welche kaum so viel Baargeld bei sich hatten, um Kost und Logis fr eine Woche bestreiten zu knnen. Sie waren dehalb genthigt, fr jeden Preis Arbeit anzunehmen, damit sie nur nicht Hunger leiden muten, wodurch der Verdienst sehr herabgedrckt wurde. Die eingebornen Amerikaner waren ber dieses Sinken der Arbeitspreise groentheils sehr aufgebracht, welches sie brigens mit Unrecht einzig und allein der Einwanderung zuschrieben, und es bildete sich aus ihnen die sogenannte ~Native-Party~[24]. Diese stellte die widersinnigsten und ungerechtesten Grundstze auf, um den Andrang der Fremden zu vermindern. So sollten diese erst nach 25 Jahren das Brgerrecht erlangen knnen, die Amerikaner nur Amerikanern Arbeit geben, und dergleichen mehr. Sie bedachten nicht, da bei Weitem der grte Theil der Einwanderer sich von dem Ackerbau und nicht von Gewerben nhrt und da mit der Zunahme der Population auch die Bedrfnisse steigen. In der ersten Zeit ihrer Bildung wurde diese Partei so mchtig, da sie den Maire von New-York aus ihrer Partei erwhlte. Ihr Einflu sank aber so rasch, da sie ihre extremen Plne nicht in's Leben rufen konnte, welche der Entwickelung der Vereinigten Staaten eine tdtliche Wunde geschlagen haben wrden, und heute zu Tage ist sie so ohnmchtig geworden, da sie in dem groen New-York kaum mehr ber 1200 Stimmen zu gebieten haben wird. Die deutschen stimmfhigen Brger knnen diese aber auf die leichteste Weise aus dem Felde schlagen, da sie gegen 4-5000 Stimmen abzugeben haben. [24]: Eingebornenpartei. Derjenige, welcher ber wenig Geldmittel zu verfgen hat, soll nur nicht whlerisch in der Annahme von Arbeit sein, sondern das erste Beste ergreifen, was sich ihm darbietet. Im Laufe der Zeit findet sich dann schon fr ihn eine Beschftigung, welche Gewinn bringt und ihm Vergngen macht. Ich wei dies aus eigener Erfahrung. Als ich von einer Krankheit, die mich um meine Stelle bei meinem Italiener gebracht hatte, wieder aufgestanden war, sah ich mich sechs Monate hindurch genthigt, mir mit den verschiedensten Arbeiten die Mittel zu meiner Existenz zu verdienen. Ich trat bei einem Mechaniker und Metalldreher ein, bei dem ich Aufstze auf Feldflaschen fr die Armee in Mexico go; dann arbeitete ich mehrere Monate in einer Kappenschirmfabrik, um dieses Geschft dann mit dem Tapeziererhandwerk zu vertauschen. Als ich damit bei dem Eintritte des Winters nicht mehr fortkommen konnte, arbeitete ich in einem Lagerhause, fhrte spter mit einem Deutschen eine Wirthschaft und erhielt zuletzt eine stndige und gut bezahlte Stelle in einer deutschen Buchhandlung, welche ich ein volles Jahr bis zu meiner Abreise bekleidete. Dieses Alles wird freilich manchem Deutschen sehr widrig und unangenehm erscheinen, zumal man in Deutschland gewohnt ist, den Mann nach seiner Beschftigung zu beurtheilen. Der Einwanderer thut aber sehr gut, wenn er sich so rasch als mglich von solchen Begriffen und Ansichten losmacht, da er es sonst nicht weit bringen wird. Der Amerikaner wei, da der Mensch von der Arbeit lebt und da die Verhltnisse sehr oft keine groe Wahl gestatten; darum achtet er auch den niedersten Arbeiter und schaut nicht mit dummen Eigendnkel auf ihn herab, indem er nur zu gut einsieht, da auch seine Dienstleistungen nothwendig sind. Selbst der reiche Grohndler scheut sich nicht, die gewhnlichsten Verrichtungen zu thun; wenn seine Leute eben anderweitig beschftigt sind, legt er nthigenfalls Hand an beim Auf- und Abladen der Gter und kehrt das Trottoir vor seinem Hause, wozu sich ein reicher Deutscher schwerlich entschlieen drfte. Derjenige Einwanderer, welcher sich gleich im Anfang nur einigen Verdienst zu verschaffen wei, ist auch fr die Zukunft geborgen und kann sich mit einigem Unternehmungsgeist leicht fortbringen. Die Zeiten aber sind vorber, wo man in wenigen Jahren reich werden konnte; wer keine Arbeitslust besitzt und drben Luftschlsser bauen zu knnen glaubt, thut besser, wenn er daheim bleibt, denn er mu dort selbst noch die Hoffnungen aufgeben, welche gewhnlich der letzte Trost solcher Leute sind, nmlich die Hoffnung auf eine Erbschaft, das groe Loos in der Lotterie oder eine reiche Heirath. An Untersttzungen, welche die Arbeit berflssig machen, darf er gar nicht denken, denn er wrde die bestndige Antwort: ~Help Youself!~[25] erhalten, da der Amerikaner recht wohl wei, da der, welcher arbeiten will, nicht nthig hat, Andere um Gaben anzusprechen. Ich habe keinen einzigen Eingebornen betteln sehen, sondern nur Deutsche und Irlnder trieb die Noth zu einem solchen Erwerb, und auch diese waren meistentheils die armen beklagenswerthen Opfer von ihnen nicht verschuldeter Ereignisse. Sie verlegten sich groentheils, wenn sie keine Arbeit in New-York finden konnten, auf das Lumpensammeln; schon Morgens 4Uhr machen sie sich auf die Beine, um vor dem Beginne der geschftlichen Thtigkeit in den Straen die Haufen Unraths, welche vor den Husern liegen, mit einem eisernen Haken zu durchsuchen, mit welchem sie die aufgefundenen Lumpen mit wunderbarer Schnelligkeit in den auf ihrem Rcken hngenden Korb expediren. Dieser Verdienst ist kein schlechter, da sie ihren Fund gut verwerthen; in neuerer Zeit drohte jedoch die Concurrenz, sich auch dieses wenig einladenden Geschftszweiges zu bemchtigen. [25]: Hilf Dir selber. Jeder Arbeiter, welcher in Amerika einwandert, hat noch einmal zu lernen, was besonders der groen Verschiedenheit des Handwerkszeuges zuzuschreiben ist. Besonders mu der Deutsche sich an ein _rasches_ Arbeiten gewhnen, wenn er mit dem Amerikaner fortkommen und Etwas verdienen will. Auf Solididt wird im Ganzen viel weniger, als bei uns gesehen, wenn nur die Arbeit gut in die Augen fllt und ihre Schwchen und Fehler nicht bemerkbar sind. So _scheinen_ z.B. die amerikanischen Schuhe, welche man sich gewhnlich in groen Niederlagen einkauft, sehr gut zu seyn; es ist aber schon Vielen das Unglck begegnet, da sie dieselben am zweiten und dritten Tage wegwerfen muten, wenn sie zufllig damit in einen heftigen Regen gekommen sind. Zum Nutzen der Tischler und Feuerarbeiter will ich hier noch anfhren, da Erstere ihr Werkzeug ganz, Letztere zum groen Theil als Eigenthum besitzen mssen, wenn sie drben in Arbeit treten wollen, da der Meister fr die Herbeischaffung desselben nicht sorgt. Es ist brigens vortheilhafter, sich das Nthige in New-York einzukaufen, da man es dort in den Werkzeugslden billig und von ganz vorzglicher Gte und Schnheit erhlt. Ich glaubte um so mehr hierauf aufmerksam zu machen, als einige Tischler, welche mit mir gemeinschaftlich die Reise gemacht hatten, mehrere Wochen ohne Arbeit waren, weil ihnen dieser Umstand unbekannt war. Deutsche Aerzte sind in New-York im Ueberflu vorhanden, und es fehlt nicht an tchtigen Mnnern in allen Zweigen der Heilkunde. Es ist daher einwandernden Aerzten der Aufenthalt in New-York nicht zu empfehlen, obschon sich in den letzten Jahren mehrere daselbst niedergelassen haben; sie konnten sich aber nur mit grosser Mhe eine kleine Praxis erwerben. An deutschen Advokaten ist ebenfalls kein Mangel und fr Juristen wenig oder gar keine Hoffnung vorhanden, einen guten Nahrungsstand begrnden zu knnen. Geistliche sind oft im Innern des Landes gesucht; es ist aber die lediglich von Seite der Gemeinden ausgehende Anstellung meistentheils an die Bedingung der Vorlage von Zeugnissen ber regelmiges Studium der Theologie, bestandenes Examen und erhaltene Ordination geknpft. Landleute mu ich dringend warnen, in New-York Lnderstrecken anzukaufen, welche im Innern des Landes liegen und vorher von ihnen nicht persnlich eingeschaut worden sind. Man sollte einen solchen Rath fr berflssig halten, da kein erfahrener Oekonom einen solchen Schritt thun und gleichsam die Katze im Sack kaufen wird. Gleichwohl hat es leider genug leichtglubige und gutmthige Menschen gegeben, welche sich von Landspekulanten in New-York auf die unerhrteste Weise bervortheilen lieen. Bei dem Abschlusse solcher Geschfte entwickeln die Makler wieder einen neuen Zug ihrer Thtigkeit. Den besten Rath erhlt der Auswanderer auch in dieser Angelegenheit bei der deutschen Gesellschaft und dem deutschen Volksverein. Viele Auswanderer kaufen in Deutschland Handelsartikel ein, welche sie drben gut und vortheilhaft verwerthen zu knnen glauben. Hier thut ebenfalls groe Vorsicht Noth, da die Wenigsten eine genaue Kenntni der dortigen Fabrikate, Preise und Handelsconjuncturen besitzen. Wer nicht aus _zuverlssigen_ amerikanischen Briefen die feste Gewiheit geschpft hat, da er ein sicheres Geschft machen kann, thut besser, sich mit solchen Spekulationen nicht zu befassen. Man kann sein Geld viel klger zu dem Ankauf von Kleidungsstcken, Schuhen und Stiefeln, eines guten Vorrathes Wsche und anderer unentbehrlicher Lebensbedrfnisse verwenden. Alle diese Artikel sind in Amerika bei weitem weniger haltbar und unverhltnimig theurer, als in Deutschland. Der Auswanderer wird aus dieser Schilderung sich eine Vorstellung von dem machen knnen, was ihn in Amerika erwartet. Er wird drben Manches nicht so finden, wie er es sich vorstellte, auf der andern Seite aber auch fr manche Tuschung wieder reich entschdigt werden. Ist er fhig, in der Freiheit und der mglichst groen Selbststndigkeit eines der edelsten Gter des Menschen zu erblicken, wird er sich gewi befriedigt fhlen; strebt er aber einzig und allein nur nach materieller Glckseligkeit, so mge er bedenken, da er auch drben wie berall den Wechselfllen des Glckes ausgesetzt ist und da die innere Zufriedenheit auch an dem westlichen Gestade von Bescheidenheit in den Anforderungen, und die Erfolge unserer Thtigkeit von unserer Umsicht und unseren Kenntnissen abhngig sind. Druck der _Mintzel_'schen Buchdruckerei in Hof. (_C. Hrmann_.) [Hinweise zur Transkription Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen, Seite 9: "Freud" gendert in "Freund" (Unangenehm berhrt fragte ich meinen Freund) Seite 17: "fassionablen" gendert in "fashionablen" (der Capitain warf sich in der Cajte in fashionablen Frack) Seite 34: "Qnarantainearzt" gendert in "Quarantainearzt" (wenn dem Quarantainearzt der Gesundheitszustand der Passagiere) Seite 39: "Ankmmlung" gendert in "Ankmmling" (Der Ankmmling thut am besten, wenn er sogleich) Seite 44: "bestmmten" gendert in "bestimmten" (tglich Nachmittags zu bestimmten Stunden in einem Lokale) Seite 56: "Jacson" gendert in "Jackson" (Erinnerung an einen Washington, Franklin, Jefferson, Jackson) Seite 60: "eine" gendert in "ein" (Der Nachmittag lieferte ein Beispiel von der Gre) Seite 64: "bereite" gendert in "bereitete" (was mir um so mehr Vergngen bereitete, da sie mir) Seite 90: "Pocketboot" gendert in "Pocketbook" (um diesem sein Pocketbook zu entfhren) Seite 95: "prachvollen" gendert in "prachtvollen" (die Ausmalung eines neuen prachtvollen Ladens im Broadway) Seite 112/113: "Diensttag" gendert in "Dienstag" (sind daher der Montag, Dienstag und Donnerstag geworden) Seite 128: "Irlnderinen" gendert in "Irlnderinnen" (Namentlich stehen die Irlnderinnen bei den Deutschen) Seite 139: "Evenig" gendert in "Evening" (~Evening-Post~) Seite 152: "Broadwey" gendert in "Broadway" (gleich neben dem Broadway und hinter der City-Hall)] End of Project Gutenberg's Zwei Jahre in New-York, by Christoph Vetter License: Share Alike