Produced by Jens Sadowski Ini. Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert von _Julius v. Vo_. _Berlin,_, 1810. Bei Karl Friedrich Amelang. Vorrede. Jean Paul sagt: Friede mit der Zeit! sollte man fter in sich hineinrufen. Wie uns ein qulender Tag nicht in den Hoffnungen unsers Lebens irret, so sollte uns ein leidendes Jahrhundert nicht die entziehen, womit wir uns die weite Zukunft malen. Wenn nun aber die Zeit gar unfriedlich ist, sollte da nicht ein Blick in die Zukunft das bedrngte, oft zagende Herz trsten, beleben, erheitern? Und eine bessere Zukunft naht so gewi, als die Vergangenheit von der Gegenwart bertroffen wird. Wenigstens gilt die Behauptung, insofern wir, von der immer mehr entwickelten Kultur, das Heil der Sterblichen erwarten. Was wir aber noch nicht sehen knnen, trumen, ist ja wohl poetisch und religis. Und Sind's gleich nur Welten aus Ideen, So baut man sie so herrlich als man will. _Der Verfasser._ Erklrung der Kupfer. Das Titelkupfer stellt eine von Wallfischen gezogene Reiseinsel dar, wovon Seite 294 die nhere Beschreibung. Bei der Vignette, eine Luftpost abbildend, wre ein Ball von grerem Umfang zu wnschen. Jedoch tragen die Adler, brigens etwas zu gro, ein wenig mit. Der Verfasser merkt an, da, ob er schon die Adler whlte, ihm deshalb Zambeccaris Theorie nicht unbekannt war. -- Auch noch, wie ihm diejenige philosophische Kompensazion, nach welcher die Mglichkeit hherer Wohlfahrt der Erdenshne, billig in Zweifel gezogen wird, so wenig fremd ist, da er sich vielmehr ihr zugethan erklrt. Erstes Bchlein. Die Trennung. Ich Unglcklicher soll dich meiden, rief Guido wehmthig. Wozu die Klage, entgegnete Ini. Mgen dich rstige Adler zum Pol tragen, magst du dich in die Tiefen des Ozeans senken, mein Bild bleibt dir nahe. Frei durchfliegt der Gedanke des Liebenden die Ferne, und die Region der Phantasie ist eine wirkliche. Auch wre daheim dein Ziel nicht zu umarmen. Das Anschaun der Welt, die Uebung der Kraft in Thaten, mssen jene Bildung der Schnheit vollenden, deren Lohn meine Gegenliebe sein wird. Darum scheide mnnlich! Guido war ein Jngling von etwa zwanzig Jahren. Seine Herkunft blieb ihm noch immer geheim. Die Sage machte ihn zum Fndling, und als solchen, wollten die Gesetze, da die Landespflege ihn erziehen lie. Frh hatte man ihn in das groe Knabenhaus gebracht, das am Meerstrande unweit Palermo angelegt war, und wo die sinnigen Vorsteher, bis zum zwlften Jahre, fr die Entwicklung des Krpers durch Laufen, Ringen, Schwimmen und fr die Strkung des Denkvermgens durch Gimnastik des Kalkls Sorge trugen. In vergangenen Jahrhunderten wrde auch der tiefsinnigste Geometer nicht geahnt haben, was im Felde der Rechnung junge Knaben hier schon vermogten. Allein es war berhaupt so weit damit gekommen, (zudem die mechanischen und optischen Handwerke so leicht durch Maschinen, so einfach durch neue Entdeckungen, so allgemein bekannt durch Schulen), da Hirten, welche die Sternkunde gleich ihren Altvtern wieder trieben, sich bei Tage Teleskope fertigten, zur Nacht den Himmel beobachteten, und die Finsternisse der vielen neugewahrten Planeten und ihrer Trabanten ausmittelten. Von da ward Guido dem treuen Gelino bergeben, dessen Villa nicht weit von dem groen Lustgarten, der den Aetna einschliet, lag. Dieser Mann hatte, ehe er sich nach dem Wohnplatz der Ruhe zurckgezogen, am Hofe zu Rom ein Amt bekleidet und umfate die Kunst zarte Jnglinge auf die Bahnen der Tugend zu leiten, mit Liebe. Der Kaiser, gewohnt, wenn ihn nicht wichtigere Dinge abhielten, den lieblichen Februar auf Sizilien zu verleben, hatte den jungen Guido gesehn -- wie es schien -- Behagen an dem Knaben gefunden und ihm Frsorge zugesagt. Ehrender Antrieb fr ihn. Doch mchte es vielleicht nicht gelungen sein, die mit Guidos flammender Lebenskraft verbundenen wilden Neigungen zeitig zu entwaffnen, wenn nicht folgender Umstand hinzugetreten wre. Neben Gelino wohnte seit einiger Zeit die edle Athania, Wittwe des afrikanischen Helden Medon. Sie hatte nach des Gatten Tode ihren Sitz auf dem lieblichen Eilande genommen und eine Pflegetochter mitgebracht, ber deren Geburt auch viele Dunkelheit lag. Guido sah das Mdchen in seinem siebzehnten Jahre. Ini zhlte kaum vierzehn, doch prangte ihre Schnheit in ppiger Flle, ihr Verstand entzckte. Im ein und zwanzigsten Jahrhundert hatte man die Erziehungskunde einer Arithmetik unterworfen, die schon lange genaue Anzeigen ergab und sich immer mehr erweitete. Streben und Erfahrung hatten die Linie gefunden, bis an welche die Natur Freiheit zu reinen Ausbildungen der Formen bedingt, und wieder das Maas von Gegenwirkungen entdeckt, mit welchem ihr am glcklichsten zu begegnen ist. Da nun zugleich die Chemie der hheren Arzneikunst, diejenigen Krankheiten nach und nach in ihren Stoffen vertilgt hatte, welche sonst das Geschlecht entstellten, da die edlere Verfassung, jene Eigensucht, mit ihren leidenschaftlichen Ausgeburten, Neid, Ha, niedrige Sinnlichkeit, meistens entfernte, so konnte sie auch nicht mehr, wie Ehedem Antlitz und Haltung verunbilden. So mute von Geschlecht zu Geschlecht die menschliche Schnheit sich lieblicher entfalten, und jene harmonischen Gestalten, welche einst Bildner in Athen _aussannen_, erblickte die Wirklichkeit da lange schon lebend, wo die Kultur waltete. Ja, jene Statuen wurden bereits auf eine nie zuvor geahnte Weise bertroffen, denn eine ganz neue Ideenmasse hatten die Menschen in sich aufgenommen, welche der Schnheit einen neuen irdisch-gttlichen Ausdruck zulegte. Wie wrden die Phidias und Raphael gestaunt haben, wre ihnen vergnnt gewesen, aus dem Todtenlande wiederzukehren, und die Formen dieses Zeitalters zu betrachten. Die Schdelkunde, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts entdeckt, sparsam im neunzehnten vervollkommnet, doch im zwanzigsten und ein und zwanzigsten zur tiefen Wissenschaft erhoben, leistete auch zur allgemeinen Veredlung bedeutende Hlfe, wie wir in der Folge zeigen wollen. Guido sah die junge Ini kaum, als er ahnte, von den Strahlen dieser Schnheit werde ein neuer Frhling in seinem Gemthe aufblhen. Se Betubung, schmachtende Unruhe, stellten sich als Vorboten der Liebe ein, holde Trume umgaben ihn wachend. Guido war im siebzehnten Jahre so stark und gewandt, da er manches Raubthier mit unbewaffneten Hnden wrde berwunden haben. Er sprang in die See, wenn ein Orkan ihre Wogen erhob, und kmpfte dann lchelnd mit der emprten Flut. Er konnte im Laufen das fliehende Reh ereilen und den Gemsen des Hochgebirgs nachklimmen. Dabei war er ein fleiiger Mathematiker, hatte eine Karte von dem Meergrunde zwischen Sizilien und Kalabrien gefertigt, die Beifall fand. Kriegerische Knste beschftigten seine Einbildungskraft, und mit Chemie vertraut, gab er die Konstrukzion einer dichten Gewitterwolke an, die ein knstlicher Wind ber ein feindliches Heer treiben, wo sie in so viel Blitzen niederwrts sich entladen sollte, als das Heer Kpfe zhle. Anmaaend, wie es unerfahrner Jugend wohl eigen ist, hatte er, ohne seines Lehrers Darumwissen, den Entwurf nach Rom gesandt und dem Strategion zur Prfung bergeben. Die Mnner aber, welche diesen Rath bildeten, lachten allgemein, indem sie einwandten, die Gegner drften sich ja nur smtlich mit Ableitern versehn und der Wolke spotten. Doch setzten sie hinzu: der Jngling mge nicht ohne gute Anlage sein, und ihm gebhre einige Aufmunterung. Manches andere Wissen dagegen war unserm Guido noch fremd. Besonders konnte er sich immer nicht an die Geschichte ketten, weil ihm gar zu winzig und unbedeutend schien, was die vergangenen Jahrhunderte vollbracht hatten. Nachdem er lange in sich verschlossen gewesen war, eilte er an einem schnen Sommerabend zu Ini. Sie hatte den kleinen Marmorsaal in ihrem Hause zum Aufenthalt whrend der Tageshitze bestimmt. Hier strmte ein Springbrunnen gelutert Quellwasser, der andere gepreten Orangensaft, der dritte Zuckeressenz aus mancherlei Wurzeln des Gartens gezogen. Einen niedlichen Goldbecher mit Sorbeth, aus den Flssigkeiten gemengt, in der Hand, stieg nun Ini auf das platte Marmordach, wo aus Vasen Blumen dufteten und ihr Webestuhl sich befand. Sie malte fertig und bei der kunstvollen Einrichtung des Stuhles ahmte sie ihre Malereien in Seidenarbeit nach. Wo blieben die Gobelintapeten, lange zuvor berhmt, neben diesen Geweben! Guido kam ihr nach auf die Zinne. Mdchen, rief er, seit ich dich sah, bin ich erkrankt und genesen, die Lge wird mir Wahrheit, die Wahrheit Lge, immer drngt es mich, dich zu sehn wie das Sehenswerteste, und ich fliehe dich wie das Furchtbarste. Ich bin in des Aetna Tiefe gestiegen, doch die Flammen deines Auges trag ich nicht. Deute mir das, hohe Schnheit! Das Mdchen zog dunkle Falten der Stirne, die aber ihr frohes Auge Lgen strafte. Mit verstelltem Unwillen entgegnete sie: ich glaube, du willst mir gar mit Liebe nahn! Guido rief: ich bin mir keinen Willen bewut. Dem Zuge deiner Schnheit folge ich unterwrfig. Ini sann einen Augenblick mit hochgertheter Wange nach. Dann sagte sie lchelnd: den Worten soll ich Liebe glauben? Beweise sie durch die That und ich will mich fragen, ob ich sie hren darf. Entzckt von dem holden Strahl einer aus weiten Fernen schimmernden Hoffnung, flehte Guido mit Ungestm, ihm die That zu nennen, wodurch er seine Liebe zu bewhren htte? Tritt nher, sagte Ini, nimm Platz, dort auf den Sessel von Elfenbein, da ich dein Haupt von der Seite erblicke. Guido gehorsamte still. Ini zog ein ander Seidenzeug auf ihren kunstreichen Webestuhl, und in wenigen Minuten hatte sie Guidos Abbild darin gewirkt. Hier, rief sie, des sichtbaren Guido Umri, wie er zeugt von dem unsichtbaren, die Urkunde seines geheimen Lebens, der Tag seiner innen waltenden Nacht. Guido blickte hin. Die hchste Wahrheit hatte die Bildnerin getroffen. O webe mir dein Bild, flehte er wehmthig, mit Entzcken will ich es von hinnen tragen. Das steht weit hinaus, erwiederte sie. Doch will ich nun ein zweites Gewebe fertigen. Sie ging wieder an die Arbeit, whrend der Jngling sich mit trunknen Blicken an der hohen Gestalt weidete, und bisweilen rgerlich auf sein Konterfei sah. Denn es wollte ihm nicht gefallen, ob er schon nicht wute, warum. Nach einer Viertelstunde hatte Ini geendet. Sie zeigte ihm ein neues Seitenbild, das Guido in den Zustand der hchsten Verwunderung brachte. Er sah seine Grundzge wieder, aber in einer bezaubernd schnen Idealitt. Hher strebte des Schdels Mitte empor, regelmig wlbte sich das Hinterhaupt, weit drang die reine Wellenlinie der Stirn hervor, eine unbeschreibliche Veredlung wohnte in dem ganzen Profil, liebliche Anmuth um den Mund, in dem klarer, tiefer, strahlender gewordenen Auge, redete der volle, Ehrfurcht gebietende Ausdruck _jugendlicher Weisheit_, der in frheren Zeiten nicht lebend anzutreffen war, den auch die Knstler, welche einst den Apollon vom Belvedere oder den Antinous fertigten, noch nicht dargestellt hatten. Indessen konnte ihn die Entwicklung der Menschheit erst spt hervorbringen. Guido blickte bald verlegen auf das Kunstwerk, bald auf die hochsinnige Meisterin. Ich sehe mich hier in ein Gedicht verklrt, hub er an, was willst du mir deuten? Kein Gedicht, entgegnete das Mdchen, erreichbare Wahrheit. Du hast mir sen Schmerz der Liebe geklagt. Gestalte dich nach diesem Bilde um, ich gebe dir zwei bis drei Jahre Zeit, hast du dann diese Schnheit dir anerzogen, soll meine Gegenliebe dein Lohn sein. Wie soll ich das anfangen! rief der Befremdete. Bin ich Herr ber meine Gestalt? Du bist es. Bin ich ein Schpfer? Wenn dein Lieben wahr ist! Ich sage dir nichts mehr. Dem Geist deiner Liebe hast du das Geheimni zu entwinden. Doch nicht allein sollst du umwandeln. Ich werde mir auch ein Ideal meiner Gestalt entwerfen. Eitles Mhn! wie knnte deine Phantasie einen schneren Traum erschaffen als die Wirklichkeit! Schmeichelei, oder, wenn es dir so scheint, Unvollkommenheit in deinem Urtheil. Es wird sich strken, dein Tadel erwachen, und das Streben, mich vor dem Tadel zu retten, mir wohlthun. Der Augenblick wo einem Mdchen zum Erstenmale Liebe bekannt wird, giebt neue Aussichten in die Welt hherer Anmuth. Nach einem Jahre sollst du mein Ideal sehen. Ehe nicht. Bis dahin begnge dich auch, an mich zu denken. Wie, ich soll dich in dem langen Zeitraume nicht erblicken? Die erste Prfung! Auch eine nothwendig ungestrte Frist! Unbegreifliche! -- Und dennoch erwacht mir die Hoffnung, ich werde den hohen Sinn deiner Worte faen lernen. Frage den Geist der Liebe, sein Orakel tnt in deiner Brust. Und nun nichts weiter. Lebe wohl! Ehrerbietig entfernte sich Guido, irrte umher in den lieblichen Thalen, bis Nachtviolen die Orangenblthe berdufteten und der Vollmondschein durch die Oelbume und Mandelstruche des blumigen Hgels winkte. Wie auch der Sturm heiliger Empfindungen in ihm wogte, immer ward die Frage laut. Und der Liebe Geist antwortete ihm leise: So du der _Seele_ Schnheit pflegst, wird sie sich in der _Gestalt_ verknden. Guido kniete nieder vor der Gottheit in seiner eigenen Brust und flehte innig um Lehre. Wer so innig fleht, wird erhrt. Aus dunkeln Nachtgewlken enthllte sich mit jedem Tage die Misterie reiner, bis die Pfade ihm von tausend Morgensternen erhellt schienen. Er machte sich mit den Schriften neuer gerhmter Weisen bekannt. Im ein und zwanzigsten Jahrhundert gab es Wenige, die es zu dem Namen bringen konnten, denn die Weisheit galt keine Seltenheit mehr. Auch sahe man nur wenige Bcher, in der allgemeinen Sprache von Europa, vor hundert Jahren eingefhrt, als man hier endlich die Thorheit beseitigte, ein und dasselbe Ding auf so verschiedene Arten zu nennen, und dem, der bedeutendes Wissen umfangen will, das halbe Leben im Studium der Mundarten abzufordern. Es gab dagegen unermeliche Bchersammlungen in den alten Sprachen, aber sie galten meistens Denkmler vorzeitlicher Irrthmer. Die wenigen, welche in den Tagen hher gediehener Bildung noch den Namen Weisen errangen, waren Mnner, die mit rstiger Kraft, aus den Schtzen der Vergangenheit, das Beste, das Allgemeingltige sonderten, was sich denn auf wenige Bltter bringen lie, nun aber auch die Mitwelt desto leichter in Stand setzte, die Hhe des vorhandenen Wissens schnell zu erfliegen und mit starken Schritten weiter zu dringen. Auch die Geschichte des Menschengeschlechts hatten tiefe Forscher so bearbeitet, da die Erscheinungen sich immer deutlicher in ihrem Ursprung erklrten und da daraus, sowohl die Krfte als der Zweck des Lebens deutlicher wurden. Guido erbeutete nach und nach reiche Summen von Wissen, eine schon durch die Mathemathik gestrkte Denkkraft, eine durch die Liebe entzndete Phantasie, nehmen leicht auf, bewahren dauernd und fhlen mit jedem Tage mehr, wie des Genius Fittig sich regt. Bei diesem Geschft, das er mit heiligem Eifer trieb, kamen Empfindungen ber ihn, deren Hoheit und Wrde er nie getrumt hatte. Stark fhlte er alles Groe, edle That sprach ihn an, da er lebhaft sich in den Zustand dessen denken mute, der sie verrichtet hatte, mit tief liebender Ehrfurcht fllte ihn die Religion, er schwrmte fr alle Schnheit der Natur, um so mehr, als er Inis Verwandtschaft darin zu erkennen whnte. So floh denn das Jahr eilig dahin, und hatte sich Guido schon bei seinem Anfang durch die Wunder der Liebe verndert gefunden, so schien er sich jetzt gar nicht mehr das Wesen von Ehedem zu sein. Trat er seit einem halben Jahre an den Spiegel, meinte er auch schon, hie und da htten sich seine Formen umgewandelt. Doch war er mit sich selbst nicht einig, ob er hier an Wahrheit oder Tuschung glauben sollte. Das Jahr war endlich um, und er eilte mit hochklopfendem Busen zu Ini. Wie gespannt ist das junge Herz, wenn es nach einer so langen Abwesenheit dem Gegenstand heiliger Liebe wieder nahen darf. Ini sa eben im Garten und rhrte die Zephirharmonika. Es war dies ein Instrument, mit vielen langen Harfensaiten bespannt, die hoch in die Luft reichten. Zu jedem Ton gehrten hundert gleich gestimmte Saiten, hintereinander an wiederhallende Laden gefgt und vorne mit einer Blende versehn. Unten befand sich ein Tastenwerk, wodurch jedesmal, nachdem man schwache oder starke Tne hervorrufen wollte, die Blende, weniger oder mehr entfernt ward. Nun berhrten die aufgefangenen Luftstrme die Saiten und man vernahm jene reizende therische Schwingungen, welche frherhin schon an den sogenannten Aeolsharfen bezauberten, nur da damals noch Niemand Herr der Melodien zu werden verstand. Guido trat in das Gartenthor, leicht aus Porphir gearbeitet, und nahm seinen Weg durch einen, von hohen blhenden Rosenstruchen beschatteten, Gang, an dessen Ende die Zephirharmonika auf einem frei emporragenden, nur mit niedrigen Lilien und Anemonen bepflanzten Hgel stand. Die Tne wehten ihm her durch die balsamhauchende Abendluft, ehe er noch das Instrument sah. Er whnte, sie stiegen von glcklicheren Sternen nieder. Endlich erblickte er Ini. Das Piedestal des Instruments, etwa zwanzig Schuh hoch, war aus hell durchsichtigen Glassulen erbaut. Ein Maschinenwerk hob auf den Sitz. Dieser, wie auch die Laden und Blenden waren mit goldfarbigem dnnem Zeuge bedeckt und wolkenartig gestaltet. Ueber sie weg in geflliger Rundung wlbten sich diese Zeuge. Die Saiten gewahrte das Auge in einiger Entfernung nicht, und so schien es, Ini schwebe ob dem Hgel auf einem Wolkenthron. Eine Umgebung der Art mte jede Schnheit erhhen, um wie mehr wenn erquickende Blumendfte, und zaubervolle Harmonien bestachen, um wie mehr wenn die wirklich hohe Schnheit mit dem Blick der Liebe angestaunt ward. Guido erschrack freudig, da er um die letzte Krmmung des Rosenganges trat, und nun Ini ersah. Nieder mute er anbetend sinken. Ihre Gestalt lag in so hoher Vollkommenheit in seiner Einbildung verwahrt, aber das erste Anschaun jetzt belehrte ihn von neuer Trefflichkeit. Sie wandte bald das Auge nach ihm hin. Nicht konnte man diese Bewegung eben zufllig nennen, wohl hatte sie Tag und Stunde gemerkt, da das Jahr umgelaufen wre, sie hoffte jetzt den Jngling erscheinen zu sehn, und wenn sie ihn gerade so empfing, sind wir berechtigt, den Grund in ihrer Weiblichkeit aufzusuchen. Sie errthete -- da htten Abendsonne und Rosen sich beschmt abwenden mgen, sie endete ihr Spiel, da konnte der Nachtigallenchor sich freuen, weil er nun gehrt zu werden hoffte. Sie stieg herab, winkte freundlich dem Jngling aufzustehen. Lchelnd und gesammelter nahm sie seine Hand und fhrte ihn nach dem Zimmer im Wohnhause, das mit ihren malerischen Geweben umhngt war. Hier befand sich jenes Ideal von Guidos knftiger Schnheit, das sie gleich herbeilangte. Du wecktest schne Krfte in dir, hob sie an, ihr Walten spricht in deinem Auge, ein reiner Sinn erzog dir diese Reinheit im Antlitz, edle Gefhle, hohe Einbildung, angenehme Affekten trugen den Ausdruck dieser Harmonie aus Linien, Farben, Zgen zusammen. Eile emsig weiter auf der hold betretenen Bahn, und das schne Ziel wird dir nicht entfliehn. Guido empfand selige Wonne. Als sich seine Gefhle erst in Worte zu kleiden vermogten, sagte er Ini, wie auch ihre Schnheit, ob er sie schon auf den Gipfeln der Vollendung getrumt htte, unendlich erhht sei. Sie ward verlegen, lchelte und holte eine zweite Malerei, welche auch ihre Gestalt in einem Ideale bildete. Guido wollte die neue Versndigung gegen ihre dermaligen Reize schelten, doch Staunen und Bewunderung schlossen seinen Mund. -- Von der Zeit an sahen sich die Liebenden fter. Viel inniger noch wurden ihre gegenseitigen Beziehungen und dennoch mehr Verstndigkeit hineingelegt. Die Rckwirkung war fr jeden Theil segnend. Gelino, der sorgsame Lehrfreund, hatte schon im Laufe jenes Jahres manche Vernderungen bemerkt, welche Guido in seinem Charakter zeigte. Der Uebergang war zu pltzlich gewesen. Die Fortschritte im Guten hatten zu schnell geeilt, als da der lebenserfahrne Greis nicht richtig auf den Grund davon htte schlieen sollen. Gleichwohl konnte er nichts weiter ersphn, da Guido in diesem Zeitraume fast seine Wohnung nicht mied. Auch Athania, die edle Erzieherin, war zu scharfsichtig, um nicht Ini bald aus ihren Umgestaltungen zu errathen, wenn ihr gleich der Jngling ihrer Liebe noch ein Geheimni blieb. Doch da die Liebenden sich nachher fter zusammenstahlen, konnten sie der forschenden Beobachtung nicht entgehen. Beide Alten waren schnell mit ihrem Glauben aufs Reine und bei einer Zusammenkunft entstand folgendes Gesprch. Gelino. Werthe Athania, mein Zgling scheint Ini zu lieben. Athania. Eben wollte ich dir meine Bemerkungen ber diesen Gegenstand vortragen. Gelino. Ich gerathe in keine kleine Verlegenheit. Wohl hat diese Liebe, ohne Zweifel die erste, und eben so gewi auf eine wrdige Art erwiedert, Veredlung im Gefolge, dennoch mu ich darauf sinnen, wie sie am bequemsten zu hindern sei. Athania. Harte Strenge gegen die jungen Seelen. Gelino. Aber nothwendig. Der Kaiser nimmt sich meines Guido, den er hier kennen lernte, an, hat mir bei seiner letzten Gegenwart vertraut, wie er ihn zu hohen Staatsmtern berufen wolle. Athania. Und Ini ward mir von einer Afrikanerin bergeben, die ich nur verschleiert sah, die aber auf einen hohen Stand schlieen lie, und bis dahin die Tochter in einem Fndlinghause hatte erziehen lassen. Da sie sich Inis Ehe zu bestimmen vorbehalten bat, lt sich um so eher erwarten, als ich bald mit dem Mdchen nach Afrika beschieden bin. Gleichwohl drften wir mit all' unserer Sorge nicht so viel an den Pflegbefohlnen erziehen wie die Liebe. Gelino. Darin stimme ich vollkommen ein. Athania. Gestatten wir den jungen Leuten sich zu lieben, den Frhling ihrer Jahre entzckt zu genieen. Doch werde ihnen auch gleich verkndet, wie Besitz nimmer das Ziel dieser Liebe sein knne, wie sie sich an den Freuden des Augenblicks und an wechselseitiger Erziehung zu gengen hat. Gelino wandte noch manches ein, gab aber endlich nach, wobei denn noch beschlossen ward, die jungen Personen sollten sich immer in einiger Entfernung bewacht finden. Athania sprach mit Ini, welche errthete. Bald sammelte sich aber das Mdchen und entgegnete, wie sie sich eine solche Ankndigung gar wohl gefallen lassen knne, da zwischen Guido und ihr eigentlich ja nur das bildnerische Problem gelset werden sollte, die hchst mgliche Schnheit zu erringen. Athania war nicht wenig befremdet, als ihr dies nher erklrt wurde, hoffte, da dem feinen Sinn der so etwas zu erfinden vermge, auch die Selbstherrschaft nicht abgehen werde, wenn die Trennung geboten sei. Gelino fand hhere Bestrzung an dem Jngling, da sich dieser so unerwartet entdeckt sah. Doch fate er sich auch und erklrte: knne er Ini nimmer besitzen, solle doch das Geschft, sich ihrer wrdig zu machen, sein Glck heien. Dies lobte sein Fhrer mit Wrme. Die Liebenden eilten einander mitzutheilen, was Jedes von ihnen eben gehrt hatte. Guido war in trben Kummer versenkt. Ini zeigte eben nicht ihren gewohnten heitern Muth, doch sagte sie mit Festigkeit: Ich verhie dir, wenn du mein Ideal erreicht haben wrdest, dir mit Gegenliebe zu lohnen. Bis dahin erwarte nichts, dann alles, was das Schicksal auch einreden mag. Bald darauf kam ein Eilbote durch die Luft aus Afrika geflogen, und meldete, wie Inis Mutter ihre Tochter zu sehen begehre. Er brachte zugleich ein bequemes Fahrzeug mit, das die Reisenden nach jener Kste tragen sollte. Es war dies ein Huschen von dnnem Schilfrohr geflochten und mit Fenstern aus einem ganz durchsichtig gemachten leichten Horne versehn. Zwei Kabinette, eine Kammer fr die Dienerschaft und eine Kche, mit dem nthigen kleinen Magazin von Speisen und Getrnken, waren im Innern abgetheilt. Kostbare Teppiche schmckten mit andern Gerthschaften die Kabinette. Das Dach war platt, mit einem Gelnder und Sitzen umgeben, sich dort bei angenehmer Witterung aufzuhalten. An dies Dach waren die seidenen Strnge befestigt, welche von der oben schwebenden Azotkugel niederhingen. Man wute jetzt das Azot viel leichter und einfacher zu bereiten als im Anfang der Luftschifferei. Auch hatte lange schon die Versuche, Adler zu zhmen und an die Fahrzeuge zu spannen, Erfolg gekrnt. Man hielt auch viele Institute zur Zucht und Einlehrung dieser Thiere. Postmter befanden sich in allen Richtungen von Grad zu Grad, und wenn Reisende im Abstand einer Meile, bei Tag mit einer lang flatternden Fahne, bei Nacht mit einem Raketenschein sich meldeten, trafen sie alles bereit. Das Fahrzeug, worin die Schne nach Afrika eilen sollte, war mit zwanzig rstigen Thieren bespannt. Guido bat flehend um die Erlaubni, sie einen Grad begleiten zu drfen. Athania und Gelino willigten ein. Er miethete also eine kleine offene Gondel, wie sie zu Briefposten im Gebrauch war, die nur an einem kleinen Ball hing und von zwei Adlern fortgeschaft werden konnte. Diese ward an das grere Fahrzeug befestigt und die beiden Adler einstweilen vorne mitgebraucht. Man stieg an einem herrlichen Morgen ein, und lie das Fahrzeug sich hoch erheben. Welche herrliche erquickende Empfindung, im reineren Aether oben, welch' entzckendes Schauspiel, die Sonne, die dem Thale erst im Purpurhauche am Ost sich verkndet hatte, nun schnell am tiefen Erdrund zu gewahren, da der Flug ihr zuvor eilte. Die Reisenden sahen die klare Sonnenscheibe des unbewlkten Himmels, doch unter ihnen schwand noch alles in Dunkel, weil Siziliens hohe Fluren noch nicht erhellt wurden. Nur der Aetna, welcher eben Flammen auswarf, entdeckte sich ihnen in feurigen Verschlingungen. Bald aber trafen Fbos Strahlen die Hhen des Eilandes, und kurze Zeit darnach lag es in seiner ganzen Gestalt erkennbar unter ihnen, denn sie schwebten hoch genug, Sizilien vom silberfarbnen Meere umgrtet, zu bersehen. Palermo, Messina und Sirakus waren kaum als Punkte bemerklich, die Orangen- und Pinienhaine zogen sich in blauen Streifen an den Gebirgen hin, die Thler waren in ein heitres Gelb verschmolzen. Der Liebenden Busen wallte hoch auf in dem frohen Anschaun, und nur die nahe Trennung strte ihre erhabenen Gesprche ber den erhabenen Gegenstand. Frchte nichts, sagte Ini, ich komme gewi nach Sizilien zurck. Es wird meine erste Bitte an die Mutter sein, meine Erziehung hier zu vollenden. Ich schreibe dir, was sie beschliet, und du kmmst mir dann wieder entgegen. Die Reise ging schnell, da die Thiere munter die Flgel regten und man sich in einer stillen Luftregion befand, wo sie keinem Widerstand entgegen zu kmpfen hatten. Nach einigen Stunden lag die Blue des Meeres unter ihnen und eine grne Linie an seinem mittglichen Rande bezeichnete Afrika. Der Grad ist bereits berschritten, sagte Inis Erzieherin, es ist Zeit, da du an die Rckkehr denkst, Guido. Diesem waren die Stunden wie Minuten entwichen, er flehte um eine Zugabe von Frist. Man mu den Vertrag halten, antwortete Jene, auch merkte der Knabe, den Guido von der Luftpost zu Palermo mitgenommen hatte, an, die Adler drften ermden. Guido stieg in den kleinen Kahn, vor welchen der Knabe die zwei Adler gelegt hatte, die nun rckwrts gelenkt wurden. Tausend Lebewohl rief er Ini nach, die ihren thrnenden Blick zu ihm wandte. Bald sah sie von der kleinen Kugel nur einen hellen Punkt, den sie so lange als mglich mit dem Sehrohre verfolgte. Guido war sehr traurig als er wieder in seiner Wohnung anlangte. Nur die Hoffnung, bald einer Nachricht von Ini entgegen sehen zu drfen, richtete sein Gemth auf. Man hatte um diese Zeit die Mittel, sich aus der Ferne zu unterhalten, bedeutend vervielfacht. Telegraphen standen durch ganz Europa, in allen Linien von namhaften Orten, aufgerichtet, und Jedermann konnte sich ihrer gegen eine mige Zahlung bedienen. Die vervollkommnete Akkustik diente hier aber mehr dem Gehr, als frherhin die wenig umfassenden Zeichen dem Auge. Es gab Sprachtrompeten, welche bei Tag und Nacht, und fast bei jeder Witterung, auf eine Meile deutlich hrbar tnten und durch welche man von Station zu Station melden lie, was man wollte. Ueber Meere leisteten dagegen die allgemein gewordenen Taubensendungen Hlfe. Ini hatte deshalb von dem Manne, der die Taubenpost zu Palermo hielt, sechs dieser gefiederten Boten mit sich genommen, um sie mit kleinen Briefchen am Halse zurckfliegen zu lassen. In diesem Orte waren deren ebenfalls aus Neu-Karthago, der jetzigen Hauptstadt von Afrika vorhanden, deren sich Guido bedienen konnte. Jeden Tag eilte er zu dem Manne und blickte aus seinem Thrmchen nach Sden. Manche Taube kam geflattert, eins oder mehrere Papiere am zarten Hals, doch lautete die Aufschrift an andere Personen. Endlich nach einer Woche schwebte es wei daher und die rthlichen Fchen einer niedlichen Turteltaube setzten sich auf den Schlag nieder. Das zahme Thier lie sich willig ergreifen. An Guido, stand auf dem Briefchen. Hurtig ward es abgenommen und geffnet. Ini schrieb, wie sie von ihrer Mutter mit froher Zrtlichkeit aufgenommen sei, und diese Mutter, die ganz still auf einem Landhause bei Neu-Karthago lebe, auch ihre Liebe im reichen Maae verdiene. Sie setzte hinzu wie sie nicht begreife, da diese Mutter, bei einem so warmen Herzen, ihre Erziehung der Fremden habe bertragen knnen, und wie hier ein Grund vorhanden sei, bedeutende Geheimnisse zu vermuthen, um deren Aufschlu sie vergebens gefleht habe. Noch folgten begeisterte Schilderungen der vorzglichen Eigenschaften dieser edlen Frau. Guido, wie unendlich ihn der Empfang des Schreibens erfreute, ward tief bestrzt, da darin von keiner Wiederkunft die Rede war. Er frchtete, Mutterliebe werde die Tochter nicht wieder scheiden lassen, und Inis Herz -- von dem er doch tglich mehr fr sich hoffte -- von ihm wenden. Nach einigen Tagen langte ein zweiter Brief an. Hier schrieb ihm Ini, sie kme nach Sizilien zurck. Schwerer, als sie es geglaubt htte, wrde die Bitte darum ihr geworden sein, weil sie die Mutter einen Mangel an Anhnglichkeit htte argwohnen lassen knnen, doch sei diese ihren Wnschen mit der Erklrung entgegen gekommen, Athania werde mit ihr auf ungewisse Zeit den vorigen Aufenthalt nehmen. Ini klagte noch mit schmerzlichem Gefhl ber die nahe Trennung von einer Mutter, die so gut und weise sei. Sie setzte hinzu, da sie -- sonderbar -- der verschleierten Mutter Antlitz nimmer schauen drfe. Guido war hoch entzckt ber den einen Punkt, wenn ihn schon der andere nicht ganz ohne Unruhe lie, denn die Liebenden wollen nichts als sich geliebt wissen, sogar eine Mutter nicht. Nach einigen Tagen meldete ein Tubchen die Rckkunft auf Morgen an. Wie flog Guido zur Adlerpost, die Kouriergondel zu dingen. Wie froh schwang er sich zur Hhe! Man lenkte bei diesen Luftfahrten nach Karten und Kompa, konnte also den Strich nicht verfehlen, um so mehr als beides in sehr verbesserter Art vorhanden war. Denn man bildete die Karten in erhabener Arbeit, so da sie auf das Genaueste die Berge, Stdte, Felder u. s. w. darstellten. Alle Verhltnisse der Lnge, Breite, Hhe waren richtig, wenn schon in bequemer Verkleinerung, und so, da sie dem gewhnlichen Auge nicht erkennbar wurden. Dann bediente man sich aber der jetzt so treflichen Mikroskope, unter welchen alles deutlich ward. Der Kompa war mit Uhren, Zeitmessern und andern Vorrichtungen dergestalt verbunden, da man, zumal auch die Lngenfindung entdeckt war, in jedem Augenblicke den Punkt angegeben hatte, in welchem man sich befand. Es konnte mithin unserm Guido nicht fehlen, seinem Mdchen in der Luftregion zu begegnen. Auch das Sehrohr entdeckte sie ihm schon auf weiter als zwei Grad' und er ward zu seinem hohen Vergngen bald inne, da auch ihr schnes Auge an dem nemlichen Instrumente lag, nach ihn auszusehen. So lchelten und liebugelten sie einander schon zu, wenn gleich mehr als zwanzig Meilen entfernt. Bis auf einige Meilen genaht, leisteten ihnen die akkustischen Werkzeuge Hlfe, sich zu begren und sich se Dinge zu sagen. Herrliche Erfindungen fr Liebende. Endlich war das therische Huschen erreicht, in welchem die gefeierte Schnheit sa. Guido konnte die Zeit nicht erwarten, aus seiner Gondel auf das Dach zu springen. Er war zu eilig, versah es, und -- fiel. In einer Hhe von viertausend Schuh fiel Guido nieder. Allein smtliche Luftpassagiere waren gewohnt, eine Hauptbedeckung von einem dnnen Zeuge, mit kleinen Stben aufgesteift, zu tragen, die sich bei einem etwanigen Unfall, durch die natrliche Wirkung der Luft, breit entwickelte. So erfolgte dann nichts weiter, als ein jhes Niedersinken von etwa hundert Schuhen Tiefe, dann hing man gesichert am Fallschirm und schwebte langsam der Erde zu. Der Postknabe flog mit seinen Adlern schnell niederwrts, fischte den Jngling auf, brachte ihn wieder an Inis Fahrzeug, wo er diesmal vorsichtiger einstieg, nur den Schaden hatte ausgelacht zu werden, und -- was fr den Liebenden freilich wichtig genug ist, eine Minute verloren zu haben. Guido und Ini hatten einander unendlich viel zu sagen, wenn schon die Weisheit es unendlich wenig genannt haben drfte. Noch eifriger betrachteten sie einander: Der ganze Proze der Beiden legte es, wie wir schon oft genug berhrten, auf Verschnerung an. Verschnt nun Liebe an sich, ist sie die beste Lehrmeisterin in jeder Kunst, fachen zugleich Trennung, Sehnsucht und Entzcken beim Wiedersehn sie um so hher an, so konnte es nicht fehlen, da diese wenigen Tage sie ihren Zielen um etwas nher gefhrt hatten. Nicht lange darauf kam der Kaiser nach Palermo. Er lie sich den Jngling vorstellen und bezeugte seine Zufriedenheit mit dem vortheilhaften Bericht, welchen sein Erzieher ber ihn abstattete. Dann gebot er diesem, sogleich eine Reise mit Guido anzutreten. Wenn diese vollendet wre, sollten sie nach Rom kommen, und wrde dann der Jngling, bei einer neuen Prfung, bestehen, verhie Jener, sollte er zu einem wichtigen Staatsamte berufen werden. So standen also die Sachen. Morgen sollte Guido scheiden. Ini empfahl ihm nichts wrmer, als das Ideal nimmer zu vergessen, welches sie ihm nun auch einhndigte. Sind die drei Jahre um, sprach sie, und wir haben Beide erreicht, was wir wollten, dann liegt es schon in der ganzen Natur dieser Schnheit, da wir uns besitzen mssen. Und nun scheide mit einem mnnlichen Lebewohl. Da es nicht sehr mnnlich war, und die ermannende Rathgeberin selbst im Geheim der Fassung entrathete, ist zu vermuthen. Bei dem Allen lie die hohe Wehmuth des Abschiedes auf lange Dauer wieder einen neuen Zug von Schnheit zurck. Guido sollte nicht immer durch die Hhen reisen, weil ihm die Tiefe dann nicht kund geworden wre. Ein segelfertig Schiff im Hafen ward bestiegen, das den Lehrer und Zgling nach der jetzigen Ostmark des Staates von Europa tragen sollte. Die Kunst zu schiffen hatte bedeutend gewonnen. Unendlich geringer war die Gefahr dabei. Strand, Klippen, Meergrund hatte die viel erweitete Geographie treflich bezeichnet, der gute Pilot wute den Strich, kannte die Tiefen seines Fahrwassers genau. Nchtliches Dunkel bereitete kein Hinderni, weil man die Fahrzeuge mit Reverberen umhing, die im Umkreis einer Viertelmeile fast Tageshelle verbreiteten. Der Kampf mit Strmen brachte Niemand mehr in Verlegenheit. Denn es gab Ankertaue aus feinen Metalldrthen, welche groe Haltbarkeit mit geringem Umfang verbanden, und befestigte dadurch das Schiff, mogte die See noch so emprt wogen. Bei Windstillen, die frherhin den Seefahrer in zeitraubende Unthtigkeit versetzten, halfen neuerfundene Ruderwerke, durch einen einfach kunstvollen Mechanismus in Bewegung gebracht. Man baute auch weit grere Schiffe, was um so eher anging, als die Hfen berall zu ihrer Aufnahme geeignet waren, und benutzte den Raum darin geschickt. Es war endlich ein Lack erfunden worden, der allen Eindrang von Wasser hemmte, daher die Waaren in den Kellern ganz trocken lagen und zugleich in sehr groer Menge, denn rohe Erzeugnisse zu verfahren, schmte sich der meisten Nationen Kunstflei, und die verarbeiteten nahmen weniger Platz ein. Der obere Theil der Schiffe war gemeinhin sehr vortheilhaft abgetheilt. Die Seeleute hatten Verfeinerung genug angenommen, um sich nicht auf einseitige Beschrnkungen zu verstehn, und der Lebensgenu war Jedermann zu wichtig, als da er irgendwo verbannt gewesen wre. Deshalb fand man hier einen Konzertsaal, der auch zum Theater umgeschaffen werden konnte, ein Lesezimmer, dessen Wandschrnke mit Bchern, Karten und Instrumenten zum Behuf der Seefahrt und Naturkunde gefllt waren. Eine breite Gallerie umlief das Schiff, besetzt mit Fruchtbumen und Blumen in Tpfen. Hier lustwandelte man, ohne durch das Arbeitgetse auf dem Verdeck gestrt zu werden. Zweites Bchlein. Die Reise. Gelino bemhte sich whrend dieser Meerfahrt den Zgling in mancherlei ihm noch unbekannten Dingen zu unterrichten. Das Vergngen der Bequemlichkeiten mancher Art, die Zerstreuungen durch Musik und Bhne, wurden ihm sparsam zugemessen; er mute dagegen hufig im Kristallthurm weilen, und die Natur unter der Wogenflche beobachten. Mit diesem Thurme hatte es folgende Bewandni. Er war nur so gro, da etwa drei oder vier Personen, ein scheideknstlerischer Apparat und mancherlei Beobachtungsinstrumente darin Raum fanden. Von starken Bohlen viereckig gebaut, mit Seitenfenstern von sehr dickem aber vollkommen durchsichtigem Kristall. Der Boden beraus fest, um bei einem Stoe an Klippen nicht in Trmmern zu fallen. Die Decke an einen dicken, hohlen Metalltau gebunden, der ins Innre lief. Zudem vollkommen gegen den Eindrang der Fluthen gesichert. Dieser Thurm ward nun ins Meer gelassen, indem er in der Gegend des Steuerruders befestigt blieb. Durch seine Schwere ging er unter. Die Hhlung des Taues setzte die unten befindlichen Personen in den Stand, mittelst eines Sprachrohrs verlangen zu knnen, ob sie tiefer hinab gesenkt, oder hher hinauf gezogen sein wollten. Die Chemie hatte lange schon die Mittel entdeckt, eine verschlossene Luft durch Reinigen und Erzeugen von Sauerstoff athembar zu erhalten. War das Meer nun nicht in zu lebhafter Bewegung, so konnte man durch die Fenster alles weit um sich entdecken, ja man bediente sich einer Art Lampen vor Hohlspiegeln, um die Tiefe nthigenfalls noch mehr zu erhellen. Welche Entdeckungen hatte die Naturkunde seit dieser Erfindung gemacht! Die Welt im Ozean, von der Ehedem so wenig bekannt war, lag nun dem Auge des Forschers offen da. Furchtbar schien es dem Neuling, im tiefen Gebiet der Nereiden und Tritonen zu hausen, auch nahten manche schlimme Gefahren. Die Meerungeheuer, ergrimmt ber den seltsamen Besuch, wtheten bisweilen gegen des Thurmes Fenster und suchten sie zu zerstren. Allein es mangelte auch nicht an Vorkehrungen. Stacheln an den Ecken empfingen sie unfreundlich, so da sie sich bald auf die Flucht begaben. Auch gab es Fallen mit einem knstlichen Mechanismus, die hie und da einen Seelwen, einen Haifisch, einen Delphin und andere erst seit dieser Erfindung bekannt gewordene Thiere umklammerten, die denn als eine Beute fr die Schiffskche oder fr eine Sammlung von Seltenheiten mit empor gebracht wurden. Bisweilen fanden sich aber zu groe Thiere ein, und wenn der Thurm nicht eilig genug zur Hhe gewunden ward, ging er mit seinen Bewohnern verloren. Neue Steinarten auf dem Meergrunde, Fossilien, andere Gattungen von Perlen und Korallen waren eben sowohl in groer Menge entdeckt worden, als man die Ichtiologie bereichert hatte. Hier blieb Guido halbe Tage lang, bte den kaltbltigen Sinn in Lebensgefahr und rntete merkwrdige Kenntnisse. Von dem was er sah und lernte, hielt er ein Tagebuch, brachte das Vorzglichere davon in einen Auszug und sandte ihn durch mitgenommene Tauben an Ini. Man gelangte in den Archipelagus. Die meisten Eilande wurden besucht. Sie waren jetzt zum Theil von Hirten bewohnt, die ein dem alten arkadischen hnliches Leben fhrten, denn Unschuld und fromme Sitte hatte man einheimisch gemacht; zum Theil aber sahe der Reisende vortreffliche Anstalten zur Bildung von Seeleuten und zum Schiffbau, wozu die Lage einlud. Guido gesellte sich bisweilen zu den Jnglingen und Mdchen unter den Hirten. Jene trugen gemeinhin an einem Bande ein Sehrohr auf dem Rcken weil sie in klaren Nchten die Beschftigung ihrer Urvter trieben und die Sternkunde bereicherten. Daneben fertigten sie eine liebliche Art Flten und begleiteten den Gesang froher Mdchen, deren Hand zugleich ungemein wohltnende Citharen rhrte. Wie weit auch diese Musik der Zephirharmonika nachstand, mit welcher Ini ihn bezaubert hatte, fhlte Guido dennoch die Rhrung einfacher und tief empfundener Melodien. Natur und harmlose Lebenssitte hatten auch diese Menschen so poetisch gemacht, da auf Verlangen oder aus eignem Drang, Hirten und Hirtinnen Lied und Harmonien auf der Stelle erfanden und vortrugen, was die Hrer in die Zeiten der Amphion und Homer versetzte. Guido entwarf davon eine anziehende Schilderung und sandte sie Ini. Das Verlangen Athen bald zu sehen, regte sich nun lebhafter, denn zu viel hatte ihm Gelino davon gesagt. Es wurde auch in kurzem gestillt, man erblickte das alte Vorland Sunium, die Berggipfel Parnes und Brilessus, und lag bald darauf im Hafen Pirus vor Anker. Gelino unterrichtete ihn im Voraus ber die Erscheinungen, welche ihn auf diesem merkwrdigen Erdfleck belehren sollten. Im achtzehnten Jahrhundert, hub er an, ereignete sich in der Provinz Frankreich jene bekannte Staatsvernderung, welche das Schicksal bestimmt hatte, nach und nach allen Reichen am Erdboden eine neue Gestalt zu geben. Nach langen blutigen Kriegen, die bis tief ins neunzehnte Jahrhundert gefhrt wurden, kam der grte Theil von Europa unter eine Obergewalt, welche aber die Unterregierung mehrerer Knige feststellte. Man nannte dies Reich, das erneute rmisch-abendlndische und Rom wurde, wie es jetzt noch ist, der Wohnsitz des Kaisers. Der schwerste Kampf war gegen die Albionen, damals in Schiffahrt und Seekrieg berhmt, welche ungeheure, wenn gleich meistens eingebildete, Reichthmer gehuft und den gigantischen Entwurf gemacht hatten, die Handlung des ganzen Erdballs an sich zu bringen. Doch nach einer gelungenen Landung flohen die Vornehmen mit ihren klingenden Schtzen nach dem Indien am Ganges, und Calcutta ward die Hauptstadt ihres neuen Reichs. Das Volk blieb verarmt zurck und mute unter fremder Regierung seinem Kunstflei eine andere Richtung geben. Doch bildete sich neben dem abendlndischen Kaiserthume auch ein neues morgenlndisches. Einen Csar an der Spitze, der sich den griechischen nannte, drangen die Vlker des Nordens hervor, mit eisernen Armen, in alt scithischer wilder Kraft und dennoch mit den Knsten der vorhandenen Kultur vertraut. Den Boden des ehemaligen Griechenlands hatten damals die Ottomannen inne, ein krftig Volk, voll Religion und warmer Phantasie, doch weit zurckgeblieben in den Wissenschaften. Sie muten bald aus Europa weichen, wo ihr Sultan, durch mehrere Jahrhunderte, auf Constantins Thron gesessen hatte. Allein ihr reizend Gebiet in Europa ward der Zankapfel zwischen den beiden Gromonarchien. Neu-Griechen und Neu-Rmer machten ihre Ansprche darauf mit dem Schwerdte gltig. Eine verheerende Fehde folgte der andern, die Menschheit blutete. Man sah in den lachenden Gegenden nur Ruinen, entvlkerte Wohnpltze, verwstete Auen. Umsonst mahnte Philosophie der blutenden Menschheit zu schonen. Zu gewaltig fhlten sich die Streitkrfte, zu entflammt waren die ehrgeizigen Gemther, stolzer gemacht durch bedeutende Erfolge und immer weiter strebend in ungemessenen Entwrfen. Zuletzt veranstalteten beide Kaiser eine Unterredung zu Constantinopel. Mein mu Europa gehren, sagte der Occidentale, die Natur seiner Grnzen weist mich darauf an, ich ende den Kampf darum nicht und sollte das lebende Geschlecht darin untergehn. Doch nimm dir vom alten Morgenland Roms, das herrliche Klein-Asien, Sirien, dringe zum Euphrat vor, ja bemchtige dich aller Lande, denen einst Cirus gebot. Ich will dir in deinen Eroberungen treulich beistehn. Schon ist dein Asien dem Umfange nach, grer als mein Gebiet, wie viel reichere fruchtbarere Provinzen kannst du ihm noch zugesellen. Die Khnheit des Plans gefiel dem Monarchen aus dem Hause Romanow. Da kamen von den Strmen Obi, Lena, Jenisei, von den Seen Aral, Telegul, Baikal, von den Altanischen und Sajanischen Gebirgen streitbare Krieger. Turalinzen, Kirgisen, Teleuten, Abinzen, Tschulimische und Werchotomekische Tatarn strmten ber den Kaukasus, Hlfsvlker aus den stolzen Spaniern, den ehrgeizigen Franken, den markigten Germanen, den feurigen Polen, den schlauen Italiern und andern Nationen zusammen gebracht, drangen ber die Meerenge von Constantinopel vor oder landeten an den Ksten von Sirien. Tapfer vertheidigten sich die Anhnger der Religion Muhameds. Doch Uneinigkeit theilte ihre Kraft, sie waren der berlegenen Kunst nicht gewachsen. Zwar kostete es Jahre, mhevoller Anstrengung und das Leben von Hunderttausenden, endlich aber wurden bis zu Mesopotamien hin alle alt-trkischen Besitzungen berschwemmt. Der Schach von Persien kam den Glaubensverwandten zu Hlfe, ward so in die Kriege verflochten und erlag am Ende des neunzehnten Jahrhunderts auch. Nun ward Ispahan des neuen ungeheuren Staates Mittelpunkt. Man bemhte sich mit Weisheit die Vlker zu gewinnen, indem ihnen nach und nach die Wohlthaten der Kultur einleuchtend gemacht, und die verschiedenen Religionen in einen, von Wahn gereinigten, und durch allgemeine Moral veredelten, Kultus vereint wurden. Bald aber sahe man sich genthigt neue Kriege im Ost zu beginnen. Die Albionen in Indien waren mchtig geworden. Sie trieben nicht nur in allen Gewssern zwischen Madagaskar und Japan ihr altes Spiel, sondern hatten auch zu Lande ihre Herrschaft bis ber Tibet hinaus verbreitet, befehdeten den Khan von Sina, und gaben den Neu-Persern (so nannten sich jetzt die vormaligen Moskowier) zu vielen Klagen Anla. Die Waffen muten entscheiden, ein hartnckiger Kampf durch mehrere Jahrzehende folgte. Doch ein Monarch, Cirus Alexander genannt, drang zuletzt an den Ganges vor, nahm Calcutta ein und die Albionen sahen sich abermal gezwungen ihr Reich bers Meer zu verlegen. Sie whlten Neu-Holland, da Cirus Alexander ihnen auch die Inselgruppe von Borneo wegnahm. Doch jenes groe Eiland, das nunmehr den Namen Sd-Brittania empfing, sammt vielen andern und manchen neu entdeckten am Pol, bildet jetzt ihr stattlich Reich und die kunstfleiige und ppige Hauptstadt Botani-Bai ist zu der Bevlkerung einer Million herangewachsen. Zu Calcutta, das sie eilig rumen muten, fand man eine Abtei voll Grabmhler und Denkbilder groer Seehelden und Gelehrten. Denn dies Volk war von uralten Zeiten her ungemein dankbar gegen Verdienste um das Vaterland, und darum ist es ihm auch wohl gelungen mit anfnglich geringen Hlfsmitteln bewundernswerthe Dinge zu vollziehn. Nachdem das Neu-Persische Reich gestiftet und befestigt war, geno das abendlndische Kaiserthum einer langen glckseligen Ruhe. Der Kaiser Marcus Aurelius II. berief zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Frsten und Weisen aus allen Landen, um eine Verfassung zu grnden, wie das Bedrfni der vorgerckten Zeiten sie verlangte. Hier wurde nun vorerst angetragen, den Namen abendlndisches Kaiserthum aufzugeben. Was drfen wir Rom nachahmen? fragte man. Unser Reich ist an Umfang, Reichthum und Gewalt, bei weitem grer als das Reich der Quiriten in seiner ppigsten Blthe. Haben wir allenfalls in Asien mchtigere Feinde zu frchten als sie, so fehlt es uns nicht an Bundgenossen, mit denen vereint wir ihnen krftigen Widerstand leisten knnen. Da auch die reinste Gemeinsache der Zweck dieses groen Landtags ist, so heie das Reich knftig die Republik Europa. Aurelius, weit entfernt, seine Rechte gekrnkt zu finden, sahe hier nur seine Wnsche ausgesprochen. Nur Gleichheit, sagte der weise Gekrnte, ist Verfassung des Rechts. Wenn Spaltung des Willens Ehedem die Republiken erschtterte, und sie zuletzt in Herrschaft der Willkhr untergehen lie, so kam das daher, weil die Volksvernunft noch nicht hinlnglich gereift war, das Gute klar einzusehn. Man nannte die Tugend Sttze der Gemeinsache, Ehre die des Alleinregiments. Thrigter Irrwahn beide Begriffe zu scheiden. Heil der Zeit, welche endlich einsah, Ehre knne allein der Tugend Preis werden und Tugend sei durchaus nichts anderes als Huldigung der Vernunft. Dann bedingt aber die Verfassung, durch sich selbst, Volkswillen und Alleinherrschaft so verbunden, da der Mann auf der Spitze, jenen nachdrcklich ausspricht, und, wie er ihn von unten herauf vernahm, ihn von oben hinunter in Erfllung gehen lt. Es gab Zeiten wo die Frsten sich freuten, blindgehorsamen, vernunftarmen Sklaven zu gebieten. Jetzt, dem Himmel sei Dank, finden wir nur Ehre darin, freien, edlen, verstndigen Brgern vorzustehn. -- So sprach dieser Monarch. Du wirst auf deiner weitern Reise Gelegenheit finden, die Einrichtungen zu sehn, welche nun in der monarchischen Republik gegrndet wurden, indem man unablig strebte, Tugend und Ehre zu gatten, und zugleich die Volksintelligenz und die Frstenintelligenz erzog. Viel Hohes, Groes, Krftiges, Entzckendes ist daraus hervorgegangen, wenn gleich freilich immer noch ein Grundsatz fr die Tugend der Brger mangelt, der ihre Tugend gewi, cht und als solche erkennbar macht. Ihn zu suchen ist das hohe Geschft der Zeit, wiewohl man noch nicht glcklich darin war. Vor der Hand merke aber so viel von jenen Anordnungen: Alle Vlker von Europa sollten zur Sitteneinheit erzogen werden. Man fhrte darum Ueberall dasselbe Maa in Schwere und Umfang, dasselbe Tauschmittel, dieselben Satzungen des Rechtes, ein. Die allgemeine Sprache durch ganz Europa folgte. Die Vlker hatten ihre besonderen Frsten, da Eine Obergewalt unmglich das weite Ganze im Einzelnen berblicken konnte. Diesen Frsten blieb die Wrdeerblichkeit zugestanden, um den Uebeln der Ehrsucht, List, Bestechung auszuweichen, doch haftete sie nicht an dem erstgeborenen, sondern an dem edelsten Sohn. Hierber mute das groe Rechtstribunal schlichten, welchem der Kaiser vorsa und wo auch alle Streitigkeiten der Frsten gehoben wurden, wodurch, wie das Staatswohl auch von selbst verlangte, ein immerwhrender Friede in Europa bestand, ein wichtiger Triumph der Zeit, wogegen die Vorwelt, in den Reichen, die jetzt nur, trotz ihren erblichen Gebietern, als Provinzen betrachtet werden, traurige innere Kriege sah. So hatte unter andern einst Deutschland einen Fderalismus gestiftet, wo aber demungeachtet sich ein Frst gegen den andern der Waffen bediente. Doch, damit die Erben von Thronen, sich ihres erhabenen Berufs wrdig machten, muten die Vter, des Gemeinwohls halber, das frohe husliche Verhltni aufgeben, sie um sich zu sehn. Zeitig wurden die Shne fernen Erziehungsanstalten bergeben, wo sie, unerkannt und unter andern Pfleglingen, nach den Grundstzen gebildet wurden, die die Weisheit fr die besseren erkannte, und welche sie immerfort veredelten. Dann bekleideten sie Aemter mannichfacher Art und wurden in Lagen gebracht, wo ihre schon entwickelten Talente sich noch mehr krftigten. Endlich, mnnlich gereift, an Leib und Geist prangend ausgestattet, erfuhren sie ihre hohe Bestimmung und traten sie, von Schmeichelei und Lsten unverdorben, an. Dieser Gebrauch ging in der Folge sogar auf die Frstentchter ber, und keineswegs drfen die Kinder der Kaiser davon ausgenommen sein. Was fr die Religion, den Landbau, die Wissenschaften, Knste, Handwerke, die Ausrottung der Armuth, von Oben geschah, da sie Unten desto freier gedeihen konnten, wird sich dir an seinem Orte verknden. Ungeachtet der beschloenen und nach und nach durchgefhrten Identitt der Europer, glaubte man dennoch, dieser oder jene Landstrich knne durch seine Natur, und allenfalls durch gewisse Uebertragungen vom Alterthum, sollte es auch nur das begeisternde Andenken sein, sich fr gewisse Beschftigungen vorzglich eignen. So wurde den bildenden Knsten, deren schnen, sittlichen Einflu man nicht verkannte, das alte Griechenland zum Wirkungskreis angewiesen, und dabei, auf allgemeine Kosten, der lieblich phantastische Plan ausgefhrt, Athen wieder aufzubauen. Du wirst diese Stadt nun sehen und zwar mglichst genau nachgeahmt, so weit nur die Alterthumskunde dazu Hlfsmittel anbot. Du wirst dich in die Zeiten des Perikles zurck whnen, in seine Mauern tretend. Keiner von den Tempeln, keins der ehmaligen ffentlichen Gebude mangelt. Bildhauer und Maler treiben vorzglich ihre Kunst, und wenn der Hauptanreiz vor Zeiten in dem groen vortheilhaften Absatz der Statuen und Gemlde bestand, welche der alte Politheismus aus der halben bekannten Welt in Attika kaufte, hat auch der neuere Kultus diesen Anreiz wiederholt, indem es ein Gegenstand des Stolzes geworden ist, simbolische Darstellungen aus Athen zu besitzen, deren wohl viele schon in Palermo oder Messina dir zu Gesicht kamen. Ohne diesen begnstigenden Umstand wrden Athens neuere Bildner schwerlich die Phidias und Apelles zurck gelassen haben, wie es wirklich geschehen ist. Mitbewerbung ist jedoch, wie sich von selbst versteht, hiedurch nicht aufgehoben, bei der allgemeinen Freiheit in Europa mag die Knste ben wer da will, und wo er will, auch wetteifern die Maler in Italien sehr glcklich mit denen am Ilissus, doch die Fertigkeit in Stein zu gestalten, drang hier am weitesten, wie berhaupt auch die Vorkunde (Theorie) des Schnen, in Athen am meisten einheimisch ist. Bei den Worten _Vorkunde des Schnen_ erglhte der Zgling und dachte an Ini, die sinnige Malerin. Es soll mich wundern, sagte er zu sich, ob die Bildner zu Athen meine holde Geliebte an Zartheit und Imaginazion bertreffen werden. Man zog nun in die Stadt ein. Guidos Herz wallte hoch auf, bei den rhrenden Erinnerungen an das edle Alterthum, so lebendig durch die Nachahmung versinnlicht. Vor allen Husern standen Hermen, deren Vollkommenheit Staunen erregte, das einfache und doch mit groem Eindruck erfllende Ebenmaa der heiter-majesttischen Tempel, legte entzckende Bewundrung auf. Gelino besuchte mit seinem jungen Freund die Werkstatt des gerhmtesten Meisters unter den Bildhauern. Der Mann fate den Jngling fest ins Auge, und schien befremdet. Dann zeigte er willig seine reichen Vorrthe, zu welchen die meisten Knstler von Belang ihre Arbeiten geliefert hatten, die nun in den weitluftigen Slen dieser Werkstatt und unter vortheilhafter Beleuchtung, dem Auge der Fremden ausgestellt sein sollten. Was als Kunstvorwurf gelten konnte, wurde in Athen auch knstlerisch behandelt und man band sich durch keine Vorliebe. Aus der alten Griechenmithologie sah man nicht nur trefflich gelungene Nachbildungen jenes Apollon, jener Venus, jener Niobe und anderer Statuen, die sich einst glcklich durch die Jahrhunderte der Barbarei retteten und in spteren das Morgenroth des Schnen wieder aufgehen lieen, sondern man hatte auch die nmlichen Ideen auf andere Weise bearbeitet und der Vorsprung des Genius ward daran sichtbar. Fbos hatte weit mehr Gttlichkeit, die Gttin von Paphos mehr weibliche Anmuth, wenn frhere Zeiten dies schon unbegreiflich fanden. Auch aus der alten nordischen Gtterlehre whlten die Knstler Stoffe. Odin, Wodan, die Valkiren, waren in trefflichen sinnlichen Verherrlichungen aufgestellt, eben so Brama, Osir und was sonst dazu sich eignete. Fr Sle und Grten der Groen in Europa fand sich immer Nachfrage, auch hatte jede namhafte Stadt einen Park, zur Ergehung der Bewohner, angelegt, den der Kunstsinn gern schmckte, berzeugt, dies wirke lebendig auf den Flug der Gemther ein, und die so vervollkommnete Leichtigkeit der Fortschaffung migte die Kosten. Der regsamste Kunsteifer ward aber durch die Landesreligion unterhalten. Ein Sinod von Weisen hatte frherhin fnfzigjhrige Sitzungen gehalten ber diesen hchst wichtigen Gegenstand, etwas Allgemeingltiges, Dauerndes festzustellen. Tausend Vorschlge hatte man geprft und verworfen, bis eine ansehnliche Mehrheit sich fr die folgenden entschied. Die christliche Moral, sagte der Sinod, ist die erhabenste, noch nicht bertroffene Legislatur der Rechtsgefhle, doch die christliche Glaubenslehre kann nur einem finstern Zeitalter anpassen. Wenn jene, ihrem Geiste nach, und auf die ehrwrdige Urreinheit zurckgefhrt, nach Jahrtausenden segnend auftreten kann, so ist diese, nach den ungemessenern Begriffen vom Weltgebude, welche ein aufgehelltes Geschlecht errang, nicht lnger brauchbar, wenn die Vernunft nicht mit sich selbst im Widerspruche leben will. Was ist hier aber zu thun? Ein Abstrakt bindet, uralten Erfahrungen zufolge, die Herzen zu wenig, was durch die Phantasie zur Vernunft dringt, nimmt nicht nur die Schwche, auch der krftige Sinn freundlicher auf, vorzglich wenn es in das Leben der Handlung bergehn soll. Verbannen wir daher vom _Denken_ alles Bildliche, doch zum _thtigen Wirken_ mgen immer Dichtung und Knste uns lieblich begeistern. Der mosaisch-christliche Theismus sei und bleibe die Grundlage unserer neuen, und dennoch aus dem tiefen Alterthume empfangenen Religion. Wir glauben an eine Gottheit, unbegreiflich den Formen, in welchen uns dermalen unsere Natur zu erkennen gestattet. Auer dem Raume, auer der Zeit, unendlich, ewig, allmchtig bezeichnen wir diese Gottheit, nichts Hheres wissen wir zu nennen, wenn wir uns auch in tiefer Anbetung bescheiden, was wir nennen nicht zu verstehn, und ein eitles Streben, das unsere Krfte bersteigt, sein Wesen nher zu fassen, aufgeben. Keine Ehrengebude dieser erhabenen Vermuthung! Unwrdig stellt sie die Materie dar. Knnten hhere Wesen ihm Tempel weihn aus Erdsternen, Altre darin aus Feuersternen, es priese ihren Urheber nicht. Nur Einigemal im Jahre mag sich die dankbare Andacht unter dem himmlischen Gewlbe versammeln, und sich selbst heiligen, in heiliger Empfindung. Wenn der Ball sich wieder zu den Sonnenflammen dreht, ihren befruchtenden Segen zu trinken, wenn wir rnteten, was die innere Gtterkraft der Auen nhrend gestaltete, dann wimmle die Menge in Eintracht hinaus und huldige. Doch da die ewige Gottheit, nicht wohnend im Raum, nicht schwimmend im Strome der Zeiten, unserm jetzt auf diesen Erdstern angewiesenen Geiste, nur im Simbol sich offenbart, so ist es hehr und wrdig, zu ehren, was wir irrdisch-gttlich nennen, und sich, so weit der Staub vermag, bildete nach dem Ideal des Allgttlichen, wie es im Busen der edleren Menschheit geahnet wird. Lat uns preisen, was schon das tiefe Alterthum pries, schon so viele Millionen der Gestorbenen zur Tugend erwrmte, uns im Abbild erkennbare Muster des Hohen giebt, es einen mit den Satzungen unsers Brgervertrags. Lat uns Sttten des innigen Andenkens erbauen, die uns rhrender mahnen und zur Nacheiferung weihen. Moses, der hohe Urpriester der einigen Gotteslehre, der weise Erfinder heiliger Gesetze, der krftige Held, ist werth unserer Ehre. Sei er uns Heros des Rechtes, des Kampfes, wo uns geboten wird, gegen innere feindliche Leidenschaft, oder uere Krieger die Waffen der Vernunft oder des Armes zu erheben. In seinen Tempeln werde das Recht gelehrt, gesprochen, in seinen Tempeln entflamme sich der Muth, wenn des Vaterlandes Vertheidigung uns zum Schwerte ruft. Jahrtausende nannten den Jngling in Palstina gttlich, der in wenige Worte die Lehre der reinsten Menschlichkeit zusammen drngte. Er sei uns der Heros des Brudersinns. Er liebte die Kinder, die Erziehung sei ihm geweiht. Ehren wir sein Andenken, indem wir streben, von seinem Geiste durchdrungen zu werden. Vor seinen Altren hre die brderliche Versammlung, Moral der Gemeinschaft, und der Weisen Unterricht, klglich die Keime im jungen Herzen zu pflegen. Hier werden die Jnglinge, das aufblhende Mdchen oftmal geprft, in ihren Fortschritten zur Veredlung. Schner zarter Mithos deiner himmlischen Liebe, o Maria, dir gebhrt eine Sttte in unsrer Religiositt! Das Weib fhle sich erhoben, eine Heilige ihres Geschlechts in Tempeln gefeiert zu sehn. Mag der poetische Flug in Marmor und Farben, mag er im Gebiet holder Dichtung wetteifern, einem gebildeten Volke schne Bildungen der hohen Maria zu geben. Ihr bringe die Liebe Anbetung, und erhebe sich begeisterter zum Himmlischen, sie sei die idealische Knigin aller Schnheit und die Knste machen sich ihr werther, in dem lieblichen Wahn, von ihrer Glorie umstrahlt zu sein. Die Ehe knpfte ihre innigen Bande, Maria vor deinen blumengekrnzten Altren. Des ernsten Moses Priesterthum verwalten ergraute, ruhmgenannte Helden, untadelhafte Volksrichter und Frsten, deren weise gepflogenes Amt die allgemeine Liebe lohnte. Des sanften Christus Tempeldienst sollen die edelsten Jugendlehrer verwalten, wenn sie dem Gemeinwesen eine bedeutende Zahl trefflich gedeihender Zglinge gaben. Knstler, die verklrenden Genius in ihren Werken offenbarten, ben den Kultus der schnen Heroin Maria, Chre von unstrflichen Jungfrauen im Gefolge. So geben wir dem Irrdischen hheren Adel, indem es mit den Ahnungstrumen gttlicher Natur verwandter gemacht wird. Diese Religion, anfnglich mit vielem Widerspruch der lebenden Generation bekmpft, wurde bei den folgenden allgemein, und gab den Knsten reiche Vorwrfe. Man sah den Heros des Rechtes und der Waffen, vielfach gestalten. Die Idee desselben ward von dem strebenden Kunstsinn immer herrlicher empfangen, und jene Kraftsumme, lange in dem Standbilde des Herkules der Farnese bewundert, blieb bald gegen den vollendeteren, zugleich geistvoller ausgeprgten Moses einer geistvolleren Zeit, zurck. Neben einer Anmuth und einem Einklang der Verhltnisse, wie sie viele Jahrhunderte an jenem Apollon rhmten, hatte die reifere Kunst den Christusdarstellungen eine unbeschreibliche Hoheit und Milde, ber das gttliche Antlitz gegossen, so da nicht nur der unterrichtete Kennersinn, sondern jeder im Volke, von dem Gesammtausdruck auf das Innigste ergriffen, gerhrt wurde, und der Begriff _vollkommene Menschlichkeit_ nach Maasgabe seiner geringeren oder vollendeteren Bildung, schwcher oder erhabener vor seiner inneren Seele schwebte. Nichts bertraf aber die Gestaltungen der Maria. Hier hatte sich die reinste Poesie der Kunst entfaltet. Vor den schnsten dieser Statuen, gingen die lieblichen Mdchen von Athen selten weg, ohne einen neuen Zug eigner Schnheit mitzunehmen. Wie staunte aber der schnheitsinnige Guido, von dieser Kunstsammlung umgeben! Er schpfte in der gefhlten Begeisterung frohen neuen Unterricht ber das Ebenmaa der Formen, und lernte Inis Gebote klarer verstehn. Hoch mute er jedoch bewundern, da seine Geliebte, die sich nimmer in Athen befunden, sondern ihr Studium vor den Kunstwerken in Sizilien gebt hatte, zu einer Idee gelangt war, welche dennoch nher an die Vollkommenheit zu reichen schien, als alles, was er hier erblickte. Der gepriesene Meister trat wieder zu ihm heran. Jngling, nahm er das Wort, von wannen du auch seist, du stammst aus einem Geschlechte, das durch eine lange Reihe von Gliedern, hoher Entwicklung entgegen strebte. Guido ward verlegen, da ihm nichts ber seine Herkunft bekannt war. Der Bildner fuhr fort: Edler Einklang spricht aus deiner Gestalt, die Kunst wrde nichts zuzugeben vermgen, wenn sie dich in Marmor darstellte, nur am Haupte, an der Stirn, an Mund und Wange, bleiben einige Umrisse, einige Linien zu wnschen brig. Guido errthete, gab aber doch mit unbefangenem Selbstgefhl die Antwort: Ich zhle noch nicht zwanzig Jahre, meine Entwicklung ist unvollendet. Wer wei -- Dann bat er den Knstler, sein Profil so zu zeichnen, wie es die Forderung der hheren Wissenschaft verlange. Es geschah. Neugierig gespannt blickte Guido hin. Es dnkte ihm jedoch, der Mann stnde in seinem Entwurf gegen Ini unvollkommen da. So berfliegt denn der Liebe Genius weit die Lehren der Kunsterfahrung, sagte er sich mit geheimen Entzcken. Whrend dieser Unterhaltung bemerkte er, da viele Schler umher saen, die ihn zeichneten, und geschmeichelt, weilte er lnger. Bei dem allen pflanzte sich Eitelkeit nicht in seine Brust, dagegen hatte ihn Inis Reinheit verwahrt. Man begab sich nun in die Kunststtte des berhmtesten unter den Malern, so reich an Schildereien als jene in Werken aus Marmor, Porphir und Elfenbein. Voll hingen alle Wnde, und die lebendigen, farbigen Gestalten, zogen des Jnglings Blicke noch mehr an. Gefllig erklrte ihm der Vorsteher Bedeutung und Werth. Die Malerei, hub er an, stieg vor mehr als einem halben Jahrtausend auf eine bedeutende Hhe, von welcher sie aber spterhin, aus mannichfachen Ursachen, wieder herabsank. Im siebzehnten, achzehnten, neunzehnten Jahrhundert gab es durchaus weder einen Raphael, noch Rubens, noch Titian. Doch wenn die Ausfhrung krankte, rettete sich das Urtheil durch die unfruchtbare Zeit, und bereitete vollkommenere Schpfungen vor. Ein tiefdenkender Kunstrichter zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, maa das Verdienst der ruhmvollen Maler, nach einer hchst sinnig entworfenen Tabelle ab, wo Zeichnung, Zusammenstellung, Farbe und Ausdruck, unter gewie Staffeln gebracht waren. Zwanzig Grade enthielt die Tabelle, den achzehnten nahm sie bereits erreicht an, den neunzehnten noch nicht, den zwanzigsten unerreichbar. Sie erkannte Raphael den Preis in Zeichnung und Ausdruck zu, wenn dagegen Titian im Kolorit ihn bei weiten bertraf, Rubens im Ausdruck mit ihm wetteiferte, und ihn in der Zusammenstellung zurcklie. Es mute nun nothwendig der Wunsch nach einem Gemlde entstehen, in welchem die richtige Hand, die blhende Einbildung eines Raphael, mit der hohen Krftigkeit eines Rubens, und der sorgsamen lieblichen Ausfhrung eines Titian gegattet waren. Lange jedoch ward er umsonst gefhlt. Erst im zwanzigsten Jahrhundert, nachdem die Knste unter der Aegide eines langen Friedens ungestrter aufblhen konnten, und eine kluge Regierung dem Volke von Europa Reichthum genug erzogen hatte, sie freundlich zu nhren, lie sich erst die Vorzeit wieder erreichen. Nun eilten die Fortschritte glcklich. Die vervollkommnete Lehrmethode strkte frh der Zglinge Fassungskraft, die mechanische Fertigkeit konnte zeitiger errungen werden, die Scheidekunst erfand eine bei weitem vortheilhaftere Bereitung der Farben. Um die Mitte dieses Jahrhunderts vereinten die besseren Maler schon jene sonst getrennten Vorzge, gegen das Ende drang bereits einer bis zu dem von Piles geahnten aber nie gesehenen Grad empor. Jetzt darf kein Knstler ein Werk in diese Ausstellung bringen, in welches er nicht richtigere Zeichnung, vollendeteren Ausdruck wie Raphael, mehr Poesie der Verbindung wie Rubens, mehr Farbenidealitt wie Titian gebracht htte. Siehe fhlender Fremdling, hier Werke der Art. Er fhrte ihn nun zu einem groen Gemlde, das, nach der altnordischen Mithologie, die Ankunft eines Helden in Odins Walhalla vorstellte. Guido ward betroffen ob all der Wonne die in diesem Anblick ber ihn kam. Entzckend war die Dichterphantasie, welche hier den Pinsel geleitet hatte, einen Aufenthalt belohnter Seligen, den Sinnen erkennbar zu machen. Ein lieblicheres Azur, wie unter Siziliens sanftem Himmel wlbte sich ber Gefilde von unsglich rhrender Pracht. Blumen, Rasen, Bume, waren zwar aus der uns bekannten Natur genommen, aber in sich so verschnt, so reitzend zusammengestellt, da das Auge an die Natur einer andern Welt glaubte. Man sah die ostindische Oelpalme, den antillischen Kampah-Baum, die peruanische Balsamstaude, Cipressen, Granaten, Lorbeeren, Platanen, aber die Massen in welche sie gefgt waren, machten einen unweit anmuthigeren Eindruck, als er in irgend einer wirklichen Gegend empfunden wird. In den mannichfachen Blumen lebte eine Wahrheit, da man an ihren Duft in ser Tuschung glaubte, und zum Triumph des Urhebers, viele streitend behaupteten, der Maler habe sie mit den Essenzen ihrer Gerche versehen, so wie andere die Hand in die berckende Tiefe des Gemldes ausdehnen wollten, und sie beschmt von der Leinwand wegzogen. Was aber dem Ganzen am meisten das Fremdartige, bersinnlich, selig Erscheinende gab, war die zarterfundene Beleuchtung. Eine tief am Horizont schwebende Sonne sandte ihr Licht sparsam durch dunkel gedrngte Waldung an einer Seite. Ihre Scheibe zeigte aber kein hellleuchtend Goldfeuer, sondern eine weie sanftstrahlende Diamantenglut. Hiedurch wurden alle Tinten verndert und nahmen einen therischen Charakter an, der mit sem Rausch erfllte, und die Abscheidung von Schmerz und Erdenwahn freudigahnend empfinden lie. Auch auf die menschlichen Gestalten wirkte das Zauberlicht so wunderbar, da sie bei der uns verwandten Natur ihrer Formen, geistiges Leben zu athmen schienen. Den eben angelangten Helden, in Kraft und Stattlichkeit, den vollen Ausdruck edler Seelenhoheit im Antlitz, verklrte die staunende berraschende Wonne der ihn rings umfangenden Glorie. Die Jungfrauen von Wallhalla nahten ihm in der lieblichsten Anmuth, der holdesten Freundlichkeit, brachten ihm den Trank der Unsterblichen und krnten sein Haupt mit ewig blhenden Rosen. Ihre heiligen Reitze geboten zugleich Liebe und schalten das Gefhl Verwegenheit. Die erhabenen Zge forderten knieende Anbetung, die kindliche Unschuld untersagte ihnen gttlich zu huldigen. So war dies Gemlde angethan, von dem Guido sich nicht abzuwenden vermochte. Erst nach manchen Erinnerungen ging er weiter und trug die Totalidee eines Helden in seiner Seele davon, der sich glorreich ber alle Schrecken der Gefahr erhoben und eines unsterblichen Lohnes werth gemacht hat. Ihm wurde nun ein Christus gezeigt, der Jairus Tochter erweckt. Des Heilands Gesicht zeigte keine Spur von allem was an Leidenschaft erinnert, das reine menschliche Geprge stand da, doch von erhabner Liebe und festem Gtterwillen unaussprechlich heilig beseelt. Das: Stehe auf! gebot sein hohes Auge mit ruhiger Majestt, mild lchelte die mnnliche durch Anmuth bewegende Wange. Der Uebergang vom Tod ins Leben war an dem Mdchen mit bezaubernder Kunst ausgefhrt. Ein leichter Rosenhauch go sich ber das noch starre Antlitz. Der Augenaufschlag war frommer Lichtgru, kindlicher Engelsinn. Die kaum wieder regen Hnde strebten, sich zum Gebet zu erheben. Ihr Vater, ihr Geliebter, sanken neben dem Sarge aufs Knie. Die ganze siegende Haltung des Gemldes zwang jeden Zuschauer, der fhlenden Sinn mitbrachte, die Anbetung in der nehmlichen Lage zu theilen. So geboten hier die Maler dem Herzen. Guido nahm von dieser Staffelei einen noch weit erhabneren Begriff von Tugend mit sich, als er bisher in ihm gelegen hatte. Noch viele andere meisterhafte Werke wurden ihm gezeigt, von denen er schwelgende Erinnerungen bewahrte. Er schrieb durch ein Tubchen an Ini von seinem Entzcken, setzte aber hinzu: Du bist dennoch schner als jedes Mariabild, jede Muse oder Valkire, die ich sah. Gelino zeigte ihm nun das Parthenon, genau dem alten nachgeahmt, dessen Sulengnge einst so groe Summen gekostet hatten. Phidias alte Meisterstatue der Minerva aus Elfenbein, ward durch eine Heilandsmutter in gediegenem Golde vertreten, der dieser Tempel nun geheiligt war. Gelino, indem er ihm diese und andere Merkwrdigkeiten zeigte, hub an: Du siehst Athen der Welt in seinen Schnheiten wiedergegeben, doch die Sklavenhorden von Ehedem, das wilde, mit den Archonten kmpfende, den Pnix mit Geschrei und Streit erfllende Volk der Vorzeit nicht. Diese Erscheinungen dulden unsere besseren Tage nimmer. Wir knnten noch das Odeon besuchen, wo die Meister der Tonkunde wetteifern, die Bhnen, wo man Sophokles, Euripides und Aristophanes Schpfungen darstellen sieht, doch in diesen Vorwrfen wird Athen anderweitig bertroffen, und die Reise eilt. Wir wollen jetzt nach der Grnzfestung des Staats, lerne dort, wie man mchtig der Feinde Angriffe wehrt. Nicht immer kannst du bei den lieblichen Knsten weilen. Diese Grnzfestung war jetzt die Citadelle bei Konstantinopel. Die ehemalige Bevlkerung der Stadt hatte durch den politischen Wechsel um mehr als die Hlfte abgenommen, und die Lage daneben, eignete sich zu ihrer gegenwrtigen Bestimmung. Lange zwar hatte Europa keinen Krieg mit dem Morgenlande gefhrt, aber die Neu-Perser geboten ungeheurer Macht, und die Vorsicht empfahl, nicht unbereitet zu sein. Doch ber der Meerenge winkte auch eine Feste von hnlichem Umfang, und beim Ausbruch eines Krieges lie sich voraussehen, da sie einander wechselseitig beschieen wrden; denn der Abstand der Citadelle von Konstantinopel bis Neu-Troja, so nannte man jenen Ort, wurde von der nunmehrigen Artillerie bequem abgereicht. Schon lange hatte man dem Schiepulver neue Bestandtheile gegeben. Seine Wirkung ging nicht mehr von der Elastizitt des sich entbindenden Stickstoff- und Kohlenstoff-sauren Gases allein aus, man mengte dem Salpeter noch Ammoniakgas und Knallsilber bei, deren unzeitigem und zu leichtem Entbinden eine chemische Gegenkraft abhalf. Furchtbar traf dieses Pulvers zerstrende Gewalt. Die Metallrhre schossen Kugeln von funfzig bis zu dreihundert Pfunden auf zwei oder drei Meilen, die Mrser warfen noch weiter, und schwerere Lasten. Da aber der Erdkrmmung halber die Flche kaum eine Meile sichtbar ist, so muten die Stcke auf hohe Berge geschafft werden, wenn sie in weiter Entfernung ihr bestimmtes Ziel treffen sollten. Ein gutes Sehrohr war dann an den Visirpunkt befestigt, und bei der scharfen Genauigkeit der Drehewerke, womit sich die Richtung vollzog, konnte man das Ziel nur selten verfehlen. Die Bomben, von ungeheurem Umfang, trugen deren andere in sich, die abermal mit kleineren gefllt waren, welche zuletzt unvertilgbar Feuer in sich trugen. Der Artillerist wute die Bahn, welche sie zu durchfliegen hatten, dem Raume und der Zeit nach, auf die Sekunde zu berechnen, besonders da auch ein Windmesser ihn von dem Widerstande, mit welchem die Luft ihm entgegen streben wrde, vollkommen unterrichtete. Weil daneben, bei Verfertigung des neuen Pulvers, mit einer so groen Gewiheit verfahren wurde, da ein davon bereiteter Znder, jedesmal die Explosion in dem Augenblicke vollzog, den der Konstabler wnschte, (eine Fertigkeit, welche man Ehedem nicht errang), so ward, indem man nach einer feindlichen Stadt warf, die Entzndung gemeinhin bewirkt, wenn die Bombe in der Hhe von einigen hundert Schuhen ber den Dchern angekommen war. Nun breiteten sich die greren Granaten der Fllung, deren Explosion nach Maagabe der Gre des Orts erfolgte, so aus, da dieser mit den letzten Kugeln und den Trmmern der schon gesprungenen, berdeckt wurde, wobei das nach allen Richtungen sprhende Feuer die Verwstung vollendete. Der nahe Ruin jeder belagerten Festung war unter diesen Umstnden unvermeidlich. Allein die Festungen wurden dermalen auf Hhen angelegt, wo, ohne Wasser zu finden, tief zu graben war. Man wlbte dann hundert Schuh unter der Erde Straen aus, die durch Zuglcher von oben Luft empfingen, und bestndig durch Laternen erleuchtet wurden. Von diesen waren hhlenartige, doch gut gemauerte und mit Bequemlichkeit versehene, Wohnungen seitwrts eingebrochen, in welchen die Soldaten, und was zu ihnen gehrte, hausen konnten. Da geno man Sicherheit, mochten oben die Bomben einschlagen. Auch alle Wlle hatte man ausgehhlt und mit Felsenlagen hinlnglich gedeckt, damit sich die Wachen inwendig aufhalten konnten. Uebrigens traf die Besatzung mit eben so furchtbaren Schlnden auch ihre Widersacher, und so waren die Dinge sich wieder gleich; denn der menschliche Geist entdeckt, wie das Zerstrungsmittel, auch die Gegenwirkung. Noch ist hier der schnellen Art zu denken, in der aus einer Festung, oder aus einem Lager, nach dem Hauptquartiere irgend eines fernen Heeres, oder auch nach der Hauptstadt, Briefe geschafft wurden. Luftposten, Telegraphen, akkustische Anstalten, blieben dagegen, entweder an Geschwindigkeit, oder Ausfhrlichkeit, zurck. In erreichbaren Abstnden befanden sich nehmlich auf befestigten Hhen Kanonen, und Zielwnde. Nun sandte man eine Kugel ab, an welcher eine Stahlkette und an dieser ein dichtes Kstchen geheftet war, das die Briefe oder andere zu bermachende Gegenstnde enthielt. Die Kugel schlug in die Zielwand, das Kstchen blieb zurck, ward von dort wachenden Konstablern sogleich abgelset, und an eine andere Kugel gefgt, wodurch denn hundert Meilen, in weniger als einer Viertelstunde, erreicht waren. Die Citadelle bei Konstantinopel war, als die vorzglichste im Reiche, auch am sorgsamsten gebaut. Ihre Wlle glichen Gebirgen, die Kellerstadt, mit ihrem unterirrdischen Leben, bot den sehenswrdigsten Anblick dar. Es fehlte nicht an Tempeln, Marktpltzen, Bhnen; die Gensse hatten auch ihren Sitz in der Tiefe errichtet, und die treffliche Erhellung lie das Tageslicht nicht vermissen. Um vorbereitet auf den Belagerungsstand zu sein, mute auch fortwhrend im Frieden, die Besatzung hier wohnen, und, indem sie zahlreich und gut belohnt war, hatte das viele Brger gelockt, sich unten anzusiedeln, und ihr Leben zu gewinnen, indem sie jenen das ihrige bequemer machten. So wuchs die Bevlkerung nach und nach dort ziemlich an. Bei der Vervollkommnung des Pulvers hatte man auch den Minenkrieg weiter ausgedehnt. Es war nun nicht allein ausfhrbar, einen groen Ort auf Einmal in die Luft zu sprengen, sondern man legte auch auerhalb Minen in schiefer Richtung an, warf durch sie Massen von Erde dahin, und bedeckte die Festung in kurzer Zeit mit einem ganzen Berg, wobei die Alterthumskundigen bewogen wurden, an die Fabel der Giganten zu denken, welche einst den Ossa, Pelion und Olimp auf einander thrmten. Allein die Gegenanstalten mangelten auch hier nicht. Der Feind ward nicht dazu gelassen, die Festung unterhhlen zu knnen. Weit hinaus vor den Festungswerken liefen Straen unter der Erde hin, an Gre und Dauer vergleichbar den altrmischen Wasserleitungen. Von ihnen gingen kleinere Gassen aus, welche mit ihren Nebensteigen ein weitluftiges Gewebe bildeten. Hier zogen die Streifwachen rastlos umher, und ersphten zeitig, was der Gegner unter dem Erdhorizont beabsichtete. Dann drckte man, nach ihm hin, die Erde ein, seine Arbeiter erstickend. Warf der Feind einen Berg auf die Festung, so war diese reichlich genug mit dem Ammoniak- und Knallsilber-Pulver versehn, um sich davon zu befreien, indem sein Schutt wieder auf der Feinde Hupter geschleudert wurde. Diese hatten daher auch auf Laufgrben zu denken, welche in der Tiefe Sicherheit gewhrten. Guido sah alle diese Anordnungen bewundernd. Sein Gemth ward entflammt, der Ruhm eine solche Feste einst glorreich zu vertheidigen, oder glorreich einzunehmen, gewann einen hohen Reiz fr ihn. Sein mathematischer, erfindungreicher Kopf wute auch von einer Menge Verbesserungen zu reden, die man am Gescho, an den Minen und anderen Kriegverrichtungen gltig machen knne. Gelino lobte dies feurige Umfassen eines hohen Gegenstandes, setzte hinzu: ihn knne leicht der Kaiser einst beim Heere beschftigen, und lobenswerth msse es dann sein, wenn er sich des hoffenden Vertrauens wrdig mache. Bei dem allen sei aber nichts lebhafter zu wnschen, als da die Vlker des gesammten Erdbodens dem Beispiele jener von Europa folgten, und, ein Welttribunal zum Schlichten aller Streitflle unter Nationen errichtend, die Kriege fr ewig aufhben. Dies ist auch einer von Inis Gedanken, versetzte Guido, aber wodurch soll dann die Kraft Ruhm erwerben? Dann ist keine so hohe Gestalt mehr auszubilden, wie jene, die das Gemlde von Wallhalla in Athen zeigt. Nur die Heldenseele prgt die erhabenste mnnliche Schnheit aus. Auch die Seele des Tugendhaften, entgegnete sein Lehrer. Es giebt Feinde genug in der eigenen Brust zu berwinden, der Sieg ber sie ist eben so glorreich, ja vielleicht noch mehr. Die Reise ging jetzt zu der nrdlichen Provinz hin, vor Zeiten das europische Ruland genannt. Man bediente sich dazu einen von den Frachtwagen, die sdliche Erzeugungen dorthin, und nrdliche nach den mittglichen Gegenden brachten. Zu dem Ende waren hier, wie meistens im ganzen Staate, herrliche Kunststraen angelegt. Sie hatten eine Breite von zweihundert Schuhen, und waren in der Tiefe von funfzig Schuhen, mit gestampftem Granit festgerammt. Je mehr grere und kleinere Straen der Art es schon gab, je leichter fiel es auch, deren neue zu bahnen und die Steine nach den Gegenden zu schaffen, wo sie mangelten. Auf der Strae von Konstantinopel waren Wagen mit zwei Rdern gebruchlich. Jedes Rad hatte aber einen Durchmesser von funfzig Schuhen. Jede seiner Speichen bestand aus einem migen Fichtenbaum, und war mit Eisen reichlich verstrkt. Die brigen Theile hatten angemessene Verhltnisse. Durch die gewaltige Hebelkraft solcher hohen Rder lie sich nun eine auerordentliche Last fortbringen. Die von mehreren Eichenstmmen zusammengefgte und mit zentnerschweren Eisenringen verbundene Achse hatte eine Breite von funfzig Schuhen, und an dicken Ketten hing ein Prahmen im Gleichgewicht, etwa sechs Schuh von der Erde, ber hundert Schuh lang, gegen dreiig breit, und gegen funfzehn tief. Hierein wurde die ansehnliche Menge von Waaren geladen, und die Kajte des Prahmens diente Reisepassagieren zum angenehmen Aufenthalt, wie auch ber den Waaren ein Verdeck zum Lustwandeln eingerichtet war. Bumchen auf Tpfen und Blumen gewhrten einen lachenden Anblick und erhhten das Vergngen der Reisenden. Die Art, in welcher die riesenhaften Karren gezogen wurden, hatte viel Einfachheit. Zwlf Pferde waren genug. Diese gingen einige hundert Schritte voraus, an lange dicke Taue gespannt, welche von der Achse ausliefen. Die Rder gaben, wie schon bemerkt wurde, die mechanische Leichtigkeit. Es versteht sich aber, da die Kunststraen horizontal fortliefen. Tiefen zu fllen und sich durch Hhen zu brechen, war ja auch nur ein unbedeutend Werk, seitdem die Menschheit sich mit dem neueren Pulver vertraut gemacht hatte, das, auer den Kriegen, noch so mannichfachen Nutzen in Sprengungen gewhrte. Was konnte angenehmer sein, als auf einem solchen, durch Pferde bewegten Prahmen, zu reisen. Zwar ging die Luftpost schneller, zwar konnten die Meerfahrzeuge schwimmenden Pallsten verglichen werden, allein hier geno man doch die Erheiterung, stets die nahe Landschaft und die Merkwrdigkeiten der Gegend zu sehen. Auch war die Sicherheit die vollkommnere, was immer das Gemth ruhiger lt. Unflle blieben nicht denkbar, da auf allen Stationen der Zustand des ganzen Wagens geprft, und das etwa Schadhafte hergestellt wurde. Das Schlimmste, was sich htte ereignen knnen, wre ein Durchgehen der Pferde gewesen. Aber dies htte nur um so zeitiger an Ort und Stelle gebracht, denn aus der Bahn dieser Kunststraen konnten die Thiere nicht weichen. Sie waren zu beiden Seiten mit hohen Gittern eingeschlossen, und nthigenfalls schnitten die vorn reitenden Fuhrleute die Strnge ab. Es ging immer in vollem Sprung. Auf jeder geographischen Meile befand sich ein Pferdewechsel, durch Schsse und Flaggen zeitig benachrichtigt, in der Nacht durch Feuersignale. So war das Abschirren und Anspannen das Werk einer Minute, in der man auch einen Wasserstrom ber die erhitzten Rder leitete, und sie inwendig mit einem schlpfrigen Oele versah. Reverberen brannten in der Dunkelheit zu beiden Seiten des Wegs. So kam man in vier und zwanzig Stunden gegen zwei geographische Grade weiter, a, trank und schlief im Prahmen. Das einzige vorenthaltene Vergngen blieb, da man nicht die Stdte und Drfer inwendig sehen konnte, denn allerdings muten die Kunststraen umweg laufen. Nach einigen Tagen langte der Wagen in Moskau an, wo sich sogleich viele gierige Kufer zu den Sdfrchten drngten, welche er geladen hatte, und die meistens frisch berkamen. Der Umfang, die zahlreichere Bevlkerung dieses Orts, seine groen Fabriken gaben die Vorwrfe, welche nun Guidos Aufmerksamkeit fesselten. Die meiste Betriebsamkeit war auf die Anfertigungen fr die Heere gegrndet, welche in der Nachbarschaft in ihren Uebungslgern standen. Hier waren die meisten Soldaten versammelt, theils der Grnze gegen Asien halber, theils, weil die rauhe Gegend sich zu ihrer Abhrtung eignete. Mit der Werbung, Unterhaltung, Verfassung der Krieger, hatte es folgende Bewandni: Es galt Regel, da jeder europische gesunde Jngling sich ein Jahr lang an den Waffenpltzen einzufinden hatte. Nicht Geburt, nicht erkornes Gewerbe, verstatteten eine Ausnahme. Gegen das achtzehnte oder zwanzigste Jahr, wurden sie in ihren Provinzen aufgerufen, und folgten dem Zuge zu den ihnen angewiesenen Lgern. Sie zhlten hier schon den Vortheil der Reise, und konnten bei ihrer Heimkehr sich mancher Erinnerung freuen, auch das gesehene Merkwrdige auf ihren anderweitigen Lebensberuf ntzlich anwenden. Im Lager wurden sie zunchst geprft, ob sie in den Erziehungsschulen der Heimath auch im Laufen, Ringen, Schwimmen, daneben im Gedchtnirechnen und den ersten Elementen der Mekunde und Naturlehre unterrichtet worden. Auch ber ihre wohlbegriffene Religions- und Brgermoral hatten sie Zeugnisse abzulegen, und von Aeltern und Lehrern, die Bescheinigung einer sorgsamen und von gutem Willen begleiteten Anwendung der Jugend, einzureichen. Fiel diese Prfung zu ihrem Nachtheile aus, war die Abweisung von der Ehre, einst das Vaterland vertheidigen zu helfen, die Folge. Hiemit war ein drckendes Abwenden der ffentlichen Achtung verbunden, kein Mdchen von Zartgefhl reichte einem solchen die Hand, nie durfte er hoffen, ein ffentlich Amt zu bekleiden. War es ein Frstensohn, sah er sich von der Erbfolge seines Vaters ausgeschlossen. Diese harte Ahndung sowohl, als auch die Allgemeinheit guter Erziehung, woran auch der Unbemittelte Theil nehmen konnte, machten einen solchen Fall hchst selten. Ward dagegen der Rekrut angenommen, empfing er ein Kriegergewand und Waffen. Man theilte ihn einem Haufen zu, er bezog eine Lagerbaracke bei den Veteranen, welchen die Uebung der Kriegsjugend oblag. Hier ward er im Fechten und Schieen gebt, mute fleiig Laufen, oder Lasten tragen, bei sprlicher Nahrung leben, den Schlaf entbehren, und sich immer bedeutenderen Abmattungen unterziehen lernen. Die strengste Moralitt gebot in diesen Lgern, schon durch die ganze Lebensweise, die keinem Gedanken an Befriedigung roher Sinnlichkeit Raum gab, begrndet. Nach einem halben Jahre ging er, von den Veteranen, zu seinem Haufen ins groe Lager, mute nun den Dienst eines Fusoldaten verrichten. Bestndig bte man hier, ohne Rcksicht auf Jahreszeit, Witterung, Beschaffenheit des Bodens, oder Tag und Nacht. Die klugen Anfhrer lieen mehr in der Dunkelheit als bei der Tageshelle thtig sein, suchten absichtlich die schwierigen durchschnittenen Gegenden aus; nicht der strenge Frost, nicht der drckende Sonnenstrahl, nicht strmende Regengsse machten eine Abnderung. Denn sie sagten: Der Feind wird unsere Bequemlichkeit nicht ins Auge fassen. Das Fuvolk verfuhr in seinen Bewegungen folgendergestalt: Jeder Einzelne war mit einem Spaten, einer Lanze und einem kleinen Schierohre versehn. Das letzte trug durch den inneren gewundenen Bau und das Ammoniakpulver, auf Tausend Schritte und hatte am Lauf ebenfalls ein kleines Fernrohr, durch welches man auf den weiten Abstand zielen konnte. Eine Stellung nahmen die Heerhaufen zu Fue gewissermaen nicht, sondern eine Lage. Dies heit: sobald man sich im Bereich des feindlichen Geschosses fand, oder es bei der Uebung voraussetzte, streckten sich die Reihen auf den Boden hin, nachdem man in grter Eil mit den Spaten einen Erdaufwurf von einigen Schuhen gefertigt hatte, der nun, den ohnehin durch ihr Liegen auf dem Gesichte, nur wenig Zielraum darbietenden Soldaten, viel Bedeckung gab. Ueber den Erdwurf legten sie ihre Rhre und gaben wirksame Feuer. Auf das Zeichen einer helltnenden Pfeife, sprangen sie pltzlich auf, legten fnfzig Schritte gebckt, und im vollen Rennen, zurck, worauf sich die Reihe wieder zu Boden warf, und die neue Erdwehr in einigen Sekunden anfertigte. Die Schsse huben wieder an, wurden auf ein abermaliges Signal eingestellt, um einen neuen Anlauf folgen zu lassen. So nahte man allmhlig dem Feind, der schon durch die wohlgezielten Schsse aufgerieben sein mute, wenn seine Vorkehrungen nicht einem solchen Angriffe entsprachen. Da man aber nicht auf Sumnisse hoffen durfte, so hatten die Soldaten fr den letzten Abstand auf zehn Schritten noch Feuerkrnze, die entzndet in Feindes Glieder geworfen wurden, durch ihr Glutsprhen und den athemraubenden Schwefeldunst Verwirrung anzurichten, whrend dessen die Rhre der fertigen Schtzen erlegten, was noch brig war. Diese Angriffe muten Berg auf und Thal ab vollzogen werden, man sich aber auch dagegegen zu schirmen wissen. In dieser Art bedroht, nahm man ebenfalls Platz an der Erde, und machte den Aufwurf um so hher, als man hier verharren wollte. Scho der Feind, bogen sich die Vertheidiger zurck, lieen sich auch gar nicht darauf ein, Feuer zu geben, so lange jener hinter seiner Wehr lag. Wie er aber aufsprang, befand man sich im Anschlag und verdnnte seine Reihen. War er nahe genug gekommen, was nicht anders als nach groem Menschenverlust geschehen konnte, begrte man ihn eher mit Feuerkrnzen, als er selbst daran dachte. Waren Feuer und Dunst verflogen, vollendete man mit Lanze und Schwert seine Niederlage. Auch bereiteten die militrischen Chemiker, deren einige jeder Abtheilung von Hunderten zugesellt waren, Suren welche die Stickstoffe schnell aufhoben. So bekmpfte hhere Kunst die hhere Kunst. Neben diesen Uebungen mute das Fuvolk geometrische Mrsche vollziehen, wodurch man Vortheile ber den Feind gewinnen konnte, und was sonst dahin einschlug. Nach einem Jahre konnte der junge Soldat seinen Abschied verlangen und zu den Seinigen gehen. Gestrkter, mit mancher Kunde bereichert, kam er dort an, und der Staat hatte berall Brger, welche im Nothfalle zu den Waffen gerufen werden konnten. Auch fanden unter diesen noch jhrliche Uebungen von einigen Tagen statt, damit jener Unterricht nicht zu sehr dem Gedchtni entflhe. Zeigte aber ein Jngling nach diesem Jahre Neigung, bei dem Heere zu bleiben, so nahm man ihn, nach Maasgabe seiner besondern Anlagen, bei den besonderen Truppengattungen auf, deren kunstvollerer Dienst eine lngere Lehrzeit forderte. Eigentlich ward der Krieg in den _Lften_, _auf_ der Erde, und _unter_ der Erde vollzogen. Der leichten Truppen Beruf wies ihnen die hhere Region an. Es wurde schon erzhlt, wie diese Zeit Adler einbte, Azotgondeln fortzuziehen. Bei den Heeren fand man vor allem groe Zuchtanstalten dieser Thiere. Es gab kleinere Nachen und grere Gallionen, alle hingen aber an vielen kleinen, damit verbundenen Steigekugeln, damit, wenn ein feindliches Gescho traf, nicht gleich das Sinken folgte. Jene hatten die Bestimmung, den Feind aus der Ferne, in seiner Zahl und seinen Maasregeln zu ersphen. Da man hoch genug stieg, und die erweitete Optik so wichtige Hlfe leistete, ergiebt sich, da dieser schon auf zwanzig Meilen ein Gegenstand der Beobachtung wurde. Allein der Feind, welcher seine Plane gerne hehlen wollte, sumte gewhnlich nicht, hnliche leichte Fahrzeuge voranzuschicken, welche die diesseitigen zurckzutreiben suchten. Und so ereigneten sich in der Hhe Vortrabgefechte, wie sie, um Jahrhunderte frher, unter Husaren oder Kosaken bestanden. Gewandt die Adler zu lenken, aus der steilen Entfernung, Gegenden und den Truppenstand aufzunehmen, mittelst der Telegraphie dem Feldherrn davon Meldung zu thun, dies waren die vorzglichen Obliegenheiten, in welchen diese Leute sich tchtig zu machen hatten. Daneben muten sie eben so fertig als das Fuvolk zielen knnen, um wo mglich ihres Gegenparts Adler zu erlegen, wo dann die Eroberung unstt treibender Nachen ein Spiel ward. Den meisten Ruhm brachte es jedoch bei dieser Truppengattung, wenn man in Nacht und Dunkel ber Feindes Heer schlich, mit anbrechendem Tage ihn bei aller Vorsicht erkundete, und unerreicht entfloh. Oder wenn man ber dichte Wolken dahin schwebte und sich zu dem nmlichen Zweck in die klare Region niederlie. Dies war indessen schwierig genug, weil dem Feinde die Vorsicht auferlegte, bei Nacht sowohl als bei umzogenem Himmel, oben patrouilliren zu lassen. Die greren Gallionen entfernten sich nicht weit und blieben den Gefechten vorbehalten. Sie luden Granaten mit reinem Knallsilber gefllt und Feuerkrnze, lenkten dann ber einen Truppenhaufen, und lieen Verderben auf ihn niederfallen. Die Kriegskunst lehrte aber, ihnen sogleich andere entgegen zu senden, auch wurden aus der Tiefe, weitreichende Feldstcke mit glhenden Kugeln, auf sie gerichtet. Hier mglichst auszuweichen, und dort doch der Absicht ein Genge zu thun, strebte die Lufttaktik. Allerdings langte man nicht immer glcklich mit den Theorien aus, die Fahrzeuge geriethen in Brand, die Adler wurden getdtet, man war gezwungen sich mit dem Fallschirm erdwrts zu wenden, und wenn der Feind sich unten befand, auf Gnade und Ungnade sich zu ergeben. Die regsten, leichtesten Bursche kamen denn zu diesen, im chten Sinne des Worts, leichten Truppen. Andere kamen zu der Reuterei. Diese hatte jetzt Pferde, welche man eben so wohl zum Krieg abgehrtet hatte, als die Menschen. Eingehegte Wildnisse waren der Ort ihrer Erzeugung. Dort liefen sie bis ins fnfte Jahr umher, jeder Witterung blos gegeben, durch keine warme Stallung, kein regelmiges Fttern, verwhnt. Schwer ward es dann sie zu bndigen, doch gelang es endlich durch Gte und Strenge. Im schnellen Laufen bte man sie tglich, dann muten sie auch verschiedene, vor ihnen in Gestalt von Soldaten zu Fu und zu Pferde, zur Hhe gerichtete Gegenstnde, ber den Haufen rennen, in Stickfeuer und Schwefeldunst gehen, von Furcht befreit, vertraut mit Schmerzen. Dabei muten sie sich auf des Reuters Verlangen schnell zur Erde werfen, denn auch hier war es im Gebrauch, wenn es die Umstnde wollten und erlaubten, sich mit Erdaufwrfen zu sichern. In frheren Zeiten galt es erschpfende Anstrengung, wenn Reuterei etwa eine Viertelmeile im vollen Rennen zurcklegte. Jetzt hatten die wild aufgewachsenen, durch Uebung immer mehr gekrftigten Kampfrosse, Athem genug, dies mehrere Meilen zu vollbringen, obschon sie sowohl als der Reuter gepanzert waren, und oft noch ein Schtz hinten auf sa, der denn im vollen Laufe, entweder ber des Reuters Schultern, oder rechts und links, feuerte. Auf groe Abstnde bediente sich diese Waffe schon des Feuerrohrs, Hundert Schritte vom Feind pflegte man eine Wurflanze in seine Reihen zu schleudern, zwei andere Spiee, die ein leichter Mechanismus senkte oder hob, waren an des Reuters Fen befestigt. So geschah der Einbruch. Zuletzt strmten weite Pistolen noch kleine Kugeln und Raketen, dann wthete das Schwert. Doch der Feind traf auch Gegenmaanehmungen. Das Fuvolk zog in bewundernswerther Geschwindigkeit Grben mit Lanzen ausgespickt, ber welche die Kampfrosse fielen. Reuterei warf Fuangeln an dnnen Stricken weit hinaus, den Gegner dadurch zu verwirren, sie aber auch gleich wieder aufzunehmen, wenn es Verfolgung galt. Die jungen Mnner, welche hier Anstellung fanden, muten, neben dem schon vergangenen Lehrjahre, drei andere, bei den Uebungen im Reiten, im Schieen vom Sattel, und dem Fechtkampfe auf Lanze und Schwert, verleben. Mitgebrachte Vorkunde und glckliches Auffassungvermgen minderten gleichwohl diese Zeit. Weit bewundernswerther als andere Waffen, trat jedoch die Artillerie auf. Wie wrden die Mnner aus dem achtzehnten und dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts, welche dem groen Gescho vorstanden, haben staunen mssen, wenn ihnen ein Blick auf ihre spten Nachfolger, von jenseits der Grber her, wre vergnnt gewesen. Es wurde schon bei Gelegenheit der Festen gemeldet, welche Kaliber die dermalige Zeit sah, allein auch im Felde leiteten Metallehre, Scheidekunst und Bewegungstheorie, das Geschft des Verderbens wundersam. Vervielfltigt waren die Mittel, dem Rcklauf zu begegnen, und so konnte der Konstabel sich leichter Rhre bedienen, wenn sie gleich schwere Ballen fortzutreiben vermochten. Es gab viele derselben auf einem Gestell, die mit Lademaschinen in unglaublich kurzer Zeit nach einander den Tod spieen. Andere wieder, auf so hohen Wagen, da sie ber Fuvolk und Reuterei emporragten und durch diese gedeckt, von hinterwrts ihre Zerstrung aussandten. Es gab feuerfeste Wandelthrme, in vielen Stockwerken mit Kanonen besetzt. Es gab bewegliche Reduten, auf allen ihren Seiten Batterien. Wie schaffte man die fort? ist die Frage. O dergleichen htte schon um Jahrhunderte frher vorhanden sein knnen, wenn damals nicht eine so groe Geistestrgheit unter den Kriegern zu finden gewesen wre, wenn nicht manche Vlker es vorgezogen htten, dem Verderben zuzueilen, als das Genie ber die Maasregeln ihrer Rettung zu hren. Das war nun freilich spterhin anders. Niemanden traf Verfolgung, weil er klger war, als der Haufe, der Verstand war kein Monopol sondern Allmende. Pulverkraft schaffte diese Wandelthrme, diese Wandelschanzen fort, und es ist gar so schwer nicht, die Mglichkeit zu ahnen. Die Artillerie zu Pferde hatte ihre Stcke nicht auf Wagen, sondern bei sich an den Stteln, in kleine Theile zerlegt, die man in etlichen Sekunden zum Ganzen vereinte. Sie bewegte sich noch schneller als die gewhnliche Reuterei, indem sie die vorzglichsten Pferde empfing, und jener im Ansprung voraus eilen mute, durch einige schnell angebrachte Lagen die Bahnen aufzuhellen. Das Laboratorium setzte in Erstaunen. Hier wurden unter andern die Feuermaterien gemengt, deren Flammen sich berall vertilgend anhingen. Die Artillerie bewarf zuweilen eine feindliche Reihe so damit, da ein dichtes Glutmeer ber sie hinstrmte und der Erfolg ist denkbar. Ueberhaupt geizte die Artillerie nach der Ehre, Schlachten und kleinere Gefechte zu entscheiden, ohne da andere Massen Theil daran nahmen, was auch oft gelang. Den Krieg unter der Erde fhrten die Minirer. Reutereiangriffen, wie sie jetzt angethan waren, dem schnellen Heranbringen mordender Batterien, konnte fast nur eine wirksame Vertheidigung entgegen gestellt werden, wenn der Boden an Stellen, wo sie vorberkamen, unterhhlet, und Mine an Mine, mit reinem Knallsilber gefllt, gereiht wurde. Dann lieen sich Tausende leicht zerreissen, nach den Wolken senden. Selten ward ein Lager bezogen, wo die rstigen Krieger in der Tiefe, nicht sogleich die ganze Linie mit ihren verborgenen Werken umgrtet htten. Brachten sie diese nun zum Ausbruch, so schien es, als ob Vulkan neben Vulkan spie, und die fligen Feuer strmten, der Lava gleich, weit umher. Bei so erschwertem Zugang, hatte nun der Angreifer zu sinnen, wie er seinen Kohorten, vor ihrem Sturme, den Boden sicherte. Dies konnte nicht anders als unter seinem Rande geschehen. Daher muten die disseitigen Minirer zeitig ihren Weg antreten. Groe Erdbohrer, durch Maschinen in Bewegung gesetzt, dienten zu diesem Zwecke. Man beeilte sich, die hllischen Anlagen aufzufinden und durch eine frhere Brandstiftung sie unschdlich zu machen. Grausenvoller Krieg, schauderhafte Anwendung entsetzlicher Naturkrfte! Doch dies frchterliche Verfahren war nothwendig geworden, man durfte sich nicht ungestraft an Mordkunst berbieten lassen. Und die Mglichkeit solcher Allvertilgung, mahnte desto lauter an, den Frieden zur ersten Tugend der Menschheit zu erheben. Noch hrten aber nicht alle Vlker darauf. Wer nun von den jungen Soldaten in eine der kunstreichen Truppenarten aufgenommen worden, und den Unterricht dreier neuen Lehrjahre empfangen hatte, konnte nach Belieben wieder austreten, denn es war ntzlich, unter den Brgern im Staate, auch eine Zahl so angelehrter zu wissen. Es war nun eine Befreiung von gewissen Gaben und ein Ehrenzeichen ihr Lohn. Wer aber noch lnger zu weilen Lust zeigte, trat ins groe Heer, wo sein Dienst zehn Jahre whrte. Nach dieser Zeit ging er zu den Veteranen, welche entweder die Besatzung der Festen bildeten, oder der Uebung junger Rekruten oblagen. Denn es galt der Grundsatz: kein Krieger im offenen Felde drfe mehr als dreiig Jahre zhlen. Man kannte den leichten, die Gefahr hhnenden Sinn, welcher allein mit der Jugendkraft verbunden ist. Nothfllen blieben Ausnahmen vorbehalten. Die Befrderung zu hheren Stellen bestimmte die Dienstzeit. Im Frieden ward dies durchaus nicht abgendert, eine Auszeichnung war da selten, weil alle ebenmig gebildet wurden. Im Kriege galten Grothaten Pflicht, und die Voraussetzung, Niemand werde ihrer ermangeln, wenn ihm die Gelegenheit winkte. Es ist schlimm, sagte man, von Verdienst zu reden. Die Abwesenheit desselben bei Vielen, wird stillschweigend eingestanden, wenn des Einzelnen Lob darum ertnt. Doch _Anfhrer_ groer Heerhaufen wurden nach Maagabe des hheren Genies ausgewhlt, das sie beurkundeten. Sie muten in den Kriegsbungen, whrend vieler Jahre, keinen Tadel verwirkt haben. Sie muten aus den Schulen ihrer Theorien, welche sich bei den Heeren befanden, vortheilhafte Zeugnisse mitbringen. Sie muten dann eine Zeitlang dort selbst den Lehrstuhl besteigen, denn man wute gar wohl, wie auch der beste Kopf lehrend am meisten lernt. Sie muten in gehaltvollen Schriften beweisen, da sie die Kriegskunst nicht nur ihrem Umfange, und ihren einzelnen Abtheilungen nach, ergrndend verstnden, sondern da sie sie auch mit neueren Ansichten zu bereichern wten. Gute Erfindungen, durch welche das Heer einen wahrhaften Vortheil ber die der Nachbaren errang, gaben endlich den Ausschlag, der Zahl derer beigesellt zu werden, aus welcher man Heerfhrer whlte. Dies geschah aber von Seiten des Heeres selbst. Die meisten Stimmen, im Geheim ertheilt, entschieden. So konnten keine unreine Mittel angewandt werden, ein solches Amt zu erlangen. Auch war es nicht ausfhrlich, Hunderttausend Mann zu bestechen. Nur chte, keine Scheingenialitt, konnte wohl mit ihrem Rufe so weit dringen, da die Mehrheit einer solchen Zahl in ihren Wnschen gewonnen ward. Dann sandte der aus den Aeltesten zusammengesetzte Rath des Heeres, die Wahl nach Rom, wo das Strategion, eine Krperschaft alter Feldherrn und Kriegsgelehrten, ihre Grnde untersuchte und danach abwog, ob sie dem Kaiser zur Besttigung vorgelegt werden sollte, oder nicht. Diesem blieb zuletzt sein souveraines Ja oder Nein. So weise verfuhr dies Zeitalter bei der gewichtigen Frage: wer seinen trefflichen Heeren gebieten sollte? Wie trefflich diese Heere aber auch sein mochten, so kosteten sie dem Staate nichts. Gewissermaaen nichts. Denn jener zehnjhrige Dienst nach den Lehrjahren, er mochte bei den knstlerischen Truppenarten oder nur bei dem einfacheren Fuvolke Statt haben, (wo auch Viele blieben, die jene zu schwierig fr sich fanden,) ward nicht allein mit Kriegsbung hingebracht. Dies htte man unnthig, berflssig gefunden. Die groen Heere tummelten sich drei Monate im Jahr. Und dabei whlte man nach einander Frhjahr, Sommer, Herbst und Winter. Dies schien hinlnglich, das Handwerk fortgesetzt in seiner Gewalt zu haben, und der Strenge jeder Witterung Trotz bieten zu knnen. Zudem hatten diese Uebungen so viel Praktik als immer thunlich blieb. Zwei Heere bildeten sich und verfuhren als Feinde gegen einander, auf alle Weise die Wirklichkeit darstellend, nur da freilich die Rhre nicht mit Kugeln versehen waren. Gleichwohl ging es dabei nicht ohne Gefahr ab, worauf es auch bei Menschen, deren ganzes Wesen die Gefahr geringschtzen soll, nicht ankommen mu. In der Hitze des Streits blieb hie und da ein Krieger, und ward dann, als ob Ernst bestanden htte, an den Ehrensulen genannt, welche der Nachwelt die Namen derer bergaben, die im Kampfe mit des Vaterlands Feinden gefallen waren. Nun hatte aber der Staat seit lange den Heeren Lndereien bergeben. In den Provinzen, Polen, Moskau, Schweden, manchen Gegenden der vormaligen Trkei von Europa, gab es berflssige Waldungen, unbewohnte Steppen, Morste, die einer Austrocknung fhig waren, in Menge. Auch fanden sich hie und da Bergwerke, zeither ungentzt und ergiebig. In den neun Monaten, wo nun die Soldaten sich nicht mit den Waffen beschftigten, war ihr Beruf, zu urbaren, zu bauen, zu sen, zu pflanzen, zu rnten. Dies war im Laufe der Zeit schon weit gediehen, und die Krieger hatten ungemein wohlgepflegte Besitzungen. Nach den Lehrjahren wirklicher Soldat, empfing auch Jeder seinen Antheil, den er fr sich bearbeitete, doch auch die Obliegenheit, einer nebenliegenden Hufe seine Sorge zuzuwenden. Diese war Vermgen der Gesammtheit, welche, durch die Menge derselben, sich eines hohen Reichthums erfreute. Aus den Einknften davon, konnte nicht allein der Sold fr die Rekruten und Veteranen, bestritten werden, sondern sie waren auch die Quellen, aus denen man zum Behuf der anderweitigen Heeresnothwendigkeiten schpfte. Das Heer lie seine Magazine mit Korn fllen, und hufte hier immer Vorrthe fr mehrere mgliche Kriegsjahre auf. Es zog seine Pferde in den wilden Stutereien. Es lie seine Kupferminen, seine Eisen- und Schwefelbergwerke bearbeiten, erzeugte Salpeter, Ammoniak und andere Gegenstnde fr seine Waffenfabriken und chemische Laboratorien in Ueberflu. Auf Kunststraen, welche es bauen half, schafte es mittelst ihm zugehriger Prahmwagen sie leicht an die Orte, wo diese Fabriken angelegt waren. Die Wolle seiner Schfereien, die Linnen seiner Flachsschollen, kleideten die Soldaten. Die Veteranen, nach dem dreiigsten Jahre keinesweges veraltet, trieben auch den Festungbau. Lobenswerthe Einrichtungen in frheren Zeiten, wo man den Migang der Krieger willig duldete und sie dadurch vielseitig verdarb, nie ins Dasein gerufen. Gelino machte nun dem Zgling bekannt, wie er, als europischer Brger, sich nun werde gefallen lassen, hier sein Waffenjahr anzutreten. Guido hrte das mit innigem Vergngen, von jeher hatte das Kriegshandwerk fr seine lebhafte Einbildung unsgliche Reitze gehabt, und immer hoffte er einst Ruhm darin zu finden, wenn schon eben keine Aussicht zu ernstlichen Kmpfen bestand. Drittes Bchlein. Guido im Heere. Der Lehrer fhrte ihn einige Meilen von Moskau weg, wo eben die groe Uebung des Heeres Statt fand. Wie begeisterte den Jngling der strahlende Waffenglanz, der laute Donner so vieler Feuerrhre, deren Rauchwolken den ganzen silbernen Himmel dunkel umzogen und wieder mit tausendfachem Blitz erhellten. Am fernen Boden schlngelten sich der Minen Lavabche, wenn ihre Erdberge emporstiegen. Nachdem die Truppen die heutige Uebung geendet hatten, begab sich Gelino mit seinem jungen Freund, zum Anfhrer. Er stellte ihm Guido vor und bergab dabei ein Schreiben. Der Feldherr blickte den Jngling wohlgefllig an, und brach darauf das Siegel. Nachdem er gelesen hatte, sagte er: Wohl scheinst du es werth, Jngling, da der Kaiser dich selbst empfielt. Er mu dich vortheilhaft kennen gelernt haben, groe Wrme spricht in seinem Briefe, und deine Miene betrgt auch wohl kein Vertrauen. Doch verlangt deines Beschtzers Weisheit unfehlbar nicht, da ich dir unverdienten Vorzug einrume. Zeige jedoch Willen und Kraft, so kann die Ehre im Heere geachtet zu werden, dir nicht entstehn. Guido ward verlegen, da er von dem Briefe des Kaisers nichts wute. Doch antwortete er mit bescheidenem Selbstgefhl: er achte sich zu sehr, eine Auszeichnung zu verlangen. Er hatte nun die Prfung zu bestehn. Seine seltne Gewandheit in Leibesbungen erregte Staunen, er war so keck, die Behendesten im Laufen, die Strksten im Ringen, die Rstigsten im Schwimmen, zum Wettkampf einzuladen, und trug den Sieg davon. Eine Probe seiner geometrischen Uebersicht abzulegen, schwang er sich an einen Luftball empor, und entwarf binnen einer Stunde eine hchst genaue Charte des sichtbaren Landhorizonts. Auch anderweitig bestand er, nicht nur zur Zufriedenheit, sondern zur Bewunderung der Anwesenden, was dem Lehrer Gelino s schmeichelte. Er empfing seine Waffen und begann die Uebungen froh. An Ini schrieb er: Ich trage nun das Kriegerkleid. Neue Kraftbungen werden meine Formen entfalten, der hohe Gedanke an Heldenthum, verbunden mit dem entzckenden, verklrenden an dich, werden mir endlich die Gestalt vollenden, welche deiner allein werth sein kann. Sie antwortete: Gehe nicht leicht hin ber das Schwere. Sorge und wache. Liebe strke dich! Der Seegen einer Geliebten hat immer wunderbare Einwirkungen. Jedes Geschft geht leichter von dannen, der Genius erwacht, trgt bald auf den Gipfel des Vorhandenen und lt hhere Vollkommenheit umfassen. Guidos nervigte Arme lernten die Kunstgriffe mit dem scharfen Spaten bald, und fhrten Lanze und Schwert mit Geschicklichkeit, sein gebtes Auge brauchte in wenigen Wochen das Feuerrohr so fertig, da er nie sein Ziel fehlte. Was sollen wir dich lehren, fragten die Veteranen, dir ist schon alles bekannt, was der Fusoldat wissen mu, um zu seinem Haufen zu gehen. Guido beruhigte sich aber dabei nicht. Er hatte nachgedacht, ob man nicht ber den Erdwurf feuern knne, ohne das Haupt dem feindlichen Gescho zum Ziel darzubieten. In der Optik fand er ein Mittel zu diesem Zweck. Er lie sich ein hakenfrmiges Sehrohr fertigen, das die Lichtstrahlen in einen Winkel brach, und sein Feuerrohr mit einem gebogenen Kolben versehn. Nun blieb er ganz hinter der Erdwehr liegen, und sah durch sein Instrument dennoch darber hin. Der Schu erfolgte da bei aller eignen Sicherheit. Er zeigte den Veteranen, was er ersonnen hatte. Diese gaben ihm groen Beifall zu erkennen, und sandten sein Feuerrohr an die Rathsversammlung des Heeres, welche neue Erfindungen zu untersuchen hatte. Sie war von dem wichtigen Nutzen der vorliegenden zur Stelle berzeugt, und schickte sie wieder durch einen Eilboten dem Strategion zu Rom. Dieses antwortete bald: Man htte sogleich alle Feuerrhre der Fusoldaten auf die vorgeschlagene Weise umzundern. Man sprach beim ganzen Heere von diesem Ereigni. Durchaus war es neu, da ein Jngling, nur einige Wochen unter den Waffen, schon eine Abnderung beim Heere veranlat hatte. Man untersuchte zwar alles willig, munterte liebevoll auf, doch selten erfolgte die wirkliche Anwendung. Wenn es diesmal auf einmthigen Beifall geschah, so lagen auch vor Jedermann die Beweise der Trefflichkeit jener Erfindung. Man sprach ihn auch zugleich von der Obliegenheit los, ein Lehrjahr bei den Fusoldaten zu weilen. Es ward ihm frei gestellt, in eine andere Waffe zu treten, und er whlte die Reuterei. Grade waren Pferde aus der eingehegten Wildni angelangt, und der Fhrer des Zuges klagte ber die Unbndigkeit des einen darunter, rathend, es als unbrauchbar zu tdten. Guido bat um die Gunst, es versuchen zu drfen. Man wollte sie lange nicht zugestehn, einwendend, schon die bewhrtesten Reuter htten Unflle mit diesem Thiere gehabt. Jener lie aber nicht nach, zumte und sattelte das Ro, bei allem Widerstreben, und schwang sich darauf. Es bumte sich hoch, Guido drckte ihm mit starkem Arm den Kopf nieder. Es ging, dem Zgel nicht mehr gehorchend, athemlos ins Weite. Guido ri ihm den Kopf herum und brachte es zum Stehn. Endlich, die Kraft seines Meisters gewahrend, bequemte sich die ppige Wildheit zum Nachgeben. Gelehrig folgte das Pferd, wohin Guido wollte. Er ritt es vor aller Augen an einen Bombenmrser, und lie ihn neben sich losbrennen. Ein gewaltiger Sprung zur Hhe folgte, der Jngling sa fest und hielt sein Thier auch zugleich wieder an, es khn mit dem Sporn fr die Unart strafend. Es schnaubte Wuth, wagte aber, bei einem zweiten Schu, nicht mehr, von der Stelle zu gehn. Endlich legte Guido das Feuerrohr zwischen seine Ohren, erlegte tausend Schritte davon einen Habicht, der eben durch die Luft flog, und sein Pferd rhrte sich nicht. Alle Reuter jauchzten ihm Lobsprche, und er dachte geheim: Htte mich doch Ini jetzt gesehn! Eine freundliche Aufnahme in die Reihen war sein Lohn, und das Verlangen, dies Pferd fr den Dienst behalten zu drfen, fand Bewilligung. Er bewies sich bald so tchtig als Reuter, da die Veteranen urtheilten, es bedrfe hier durchaus keiner Lehrzeit mehr. Deshalb bat er aber, zu dem groen Heere gesandt zu werden, und das aus folgendem Grunde: Der Csar von Neu-Persien hatte Asien im Besitz, mit Ausnahme von Japan und China. Diese alten Reiche hatten in vorigen Kriegen immer glcklichen Widerstand geleistet, jenes durch seine abgesonderte, meerumflossene und durch Felsenksten sichere Lage, dieses mittelst seiner ungeheuren Bevlkerung, und indem es, aufgeweckt durch die nhere Gefahr, das Volksgenie auch geweckt und in den Kriegsknsten neuer Zeit mitgestrebt hatte. Grade war aber eine neue Fehde ausgebrochen, und bei dieser Gelegenheit ein Trupp chinesischer Tatarn versprengt worden, der, Unfug und Verheerung bend, den Grnzen von Europa nahte. Man sandte eine Heerabtheilung, meistens Reuterei, entgegen, im Fall sie sich nicht entblden wrden, das diesseitige Gebiet zu betreten, und da Guido sehnlich wnschte, dem etwanigen Feldzuge beizuwohnen, drang er so lebhaft darauf, zum Heer gesandt zu werden, was auch geschah. Der Ruf war ihm zuvor gegangen, neugierig sammelte sich die Menge, den Jngling zu sehn, der eine genievolle Erfindung gemacht hatte und fr den krftigsten Rossebndiger galt. Die Art, wie er unter den neuen Kameraden auftrat, erwarb ihm auch gleich Vertrauen und Gewogenheit. Es ging zur Grnze, wo eilig das Gercht einlief, schon wren mehrere Drfer geplndert und verwstet worden. Der Anfhrer nahm seinen Marsch in die Gegend, welche, die noch unkultivirteste in Europa, dichte Waldungen durchschnitten. So leicht der europische Stolz diesen Krieg gewrdigt hatte, so furchtbar-schwer war er zu fhren. Die Waldungen deckten den Feind. Man konnte sich nicht ber seine Zahl oder Stellung erkundigen, weil die leichten Truppen, fr dies Geschft dem Heere zugetheilt, nicht von oben herab durch die Kronen der Bume zu blicken vermogten. Die Tatarn verbargen sich geschickt, drangen dann unvermuthet in wilden Haufen hervor, fielen mit Ungestm an, und entfernten sich mit einer Schnelligkeit, die den Vortheil auf ihre Seite brachte. Denn ihre Pferde, welche Klugheit bei Zucht und Anlehrung der europischen auch thtig war, hatten den Vorzug. Die berittene Artillerie lie sich in den Gehlzen nicht brauchen, wider die kleineren Rhre bedienten sich die Feinde eines Schildes, mit einem in China erfundenen Lack berzogen, der bei groer Leichtigkeit Reuter und Pferd deckte, im Anrennen vorn, im Weichen hinterwrts Gebrauch fand. Schlimmer wie alles das, konnte man ihre Pfeile ansehn, womit sie beraus geschickt trafen, und den gepanzerten Mann entweder im Gesicht oder an den Hnden verwundeten. Diese Pfeile waren in ein Pestgift getaucht, das nicht allein den Getroffenen hinraffte, sondern auch sich epidemisch mittheilte. Sie dagegen, war mit Recht anzunehmen, muten mit einem schirmenden Gegenmittel versehen sein, da man von keinen Krankheiten unter ihnen hrte. Gro war, bei allem anerzogenen tapfern Sinn, die Bestrzung, als der Tod in den europischen Reihen wthete. Die Aerzte wuten keinen Rath, fanden selbst ihr Grab. Der Anfhrer wagte einen verwegenen Streich, wurde aber mit seinem Vortrab umzingelt und niedergehauen. Die Truppen whlten einen neuen Gebieter, der einstweilen sein Amt bernahm, bis die Besttigung darin eingelaufen sein konnte. Es war der Sohn eines vornehmen Frsten, welcher demungeachtet der erforderlichen Eigenschaften nicht ermangelte. Er hielt den Truppen eine krftige Anrede, worin er die Nothwendigkeit bewies, die Ruber zu vertilgen, wenn dem ganzen Lande nicht Untergang durch die Pest drohen sollte; mahnte jeden an, den Sinn der Aufopferung in sich zu wecken, und zu denken, auf welchen Wegen sich der entsetzlichen Gefahr begegnen lie. Der Feuerwille, im Kampf dem Tode zu trotzen, lie sich auch berall wahrnehmen, doch die natrliche Furcht vor der Pest bleichte jedes Antlitz, und im ganzen Lager tnte Wehklage, da keine Minute verging, wo nicht ein Freund dem Freunde starb. Guido schrieb an seinen Lehrer, der nun in Moskau geblieben war: Komme ich um, so sage Ini, mein Leben sei mit ihrem Namen den Lippen entflohn, vielleicht aber gelingt es mir, ruhmgekrnt wiederzukehren, denn ein Wagstck ist mir beigefallen, das uns retten kann. Er ging zu dem Heerfhrer, bat sich einen Luftnachen und einige muthbewhrte Mnner aus. Du bist ja Reuter, was willst du unter den Sphtruppen? fragte jener. Vertraue mir um was ich bitte, hie die Antwort, ich will mein Leben daran setzen, den Tod vom Lager zu fernen. Wohlan! Und mge das Glck dich geleiten. Guido stieg hoch in die Lfte auf, begab sich ber den Feind und blickte mit einem treflichen Fernrohre nieder, das ihm der Feldherr auf sein Ansuchen noch mitgegeben hatte. Nach langer vergeblicher Mhe entdeckte er in der Waldung einen kleinen offnen Raum, wo ein prchtig Gezelt stand. Hier ist ohne Zweifel der tatarische Feldherr, sagte er zu seinen Begleitern, dies wollte ich erkunden. Jetzt schwebt er zurck ber das eigne Lager, und lie einen Brief niederfallen, in welchem er den disseitigen Heerfhrer bat, einen Angriff, wenn auch nur scheinbar, zu machen. Er sah nach einer halben Stunde, da seine Bitte Gehr gefunden hatte, die Schlachttrompete klang, die Glieder rckten aus. Jetzt muten ihn die Adler wieder ber jenen lichten Raum bringen, hoch genug, da, bei ohnehin trber Luft, er nicht mit bloen Augen zu entdecken war. Sein gutes Fernrohr zeigte ihm aber bald, wie auf den Schlachtlrm ein vornehmer Tatar aus dem Gezelte trat, zahlreich begleitet sich aufs Kampfro schwang und vorwrts eilte. Nur wenige Einzelne umzingelten in einiger Entfernung wachend das Hauptquartier. Sogleich lie sich Guido, durch stille Luft und einbrechende Abenddmmerung begnstigt, am Fallschirm nieder. Nicht weit von dem Hauptgezelt blieb er an einer Eiche hangen, und kletterte von da zur Erde. Eine Wache entdeckte ihn, doch ehe der unbesorgt gewesene Tatar zum Bogen greifen konnte, hatte er Guidos Dolch in der Brust. Dieser legte nun seine Kleidung an, verdachtloser weiter handeln zu knnen. Er ging einigen Anderen vorber, die, seiner Kleidung halber, nicht Acht auf ihn gaben und gelangte glcklich in das Zelt. Hier standen viele groe Flaschen mit der tatarischen Ueberschrift: Gegengift. Dies war was Guido gewollt hatte. Er nahm eine davon, und schlich weit rckwrts in den Wald, indem die Nacht dunkler wurde. Endlich, niemand mehr gewahrend, zndete er ein kleines Feuer an, was seinen Kameraden im Luftnachen zum Zeichen diente, sich niederzusenken. Dies geschah. Guido bestieg mit seiner Beute den Nachen, und man eilte durch die Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Morgen erst anlangte, denn das Gefecht hatte eine unglckliche Wendung genommen, die Europer waren weit zurck gedrngt worden. Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der Feldherr war geblieben. Getrost, rief er, ich bringe vorerst eine Hlfe, das Weitere wird sich finden. Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte die Flasche, mittelte die Bestandtheile aus, und traf sogleich Anstalt, das Mittel in groer Menge zu fertigen. Zugleich ward es an den Pestkranken, die in groer Zahl schmachteten, versucht, und alle sahen sich nach wenigen Stunden hergestellt. Die Art des Gebrauchs enthllte sich schon aus der Natur dieser Arzenei. Sie wurde auch schnell nach den rckwrts liegenden Ortschaften gesandt, wohin sich das Uebel auch schon verbreitet hatte. Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im Heere, da keine Pestpfeile mehr zu frchten standen. Guidos Lob klang in aller Krieger Munde. Kein Neid trbte einen so rein verdienten Dank. Die Aeltesten ordneten eine neue Heerfhrerwahl. Jeder im Heerhaufen nhrte denselben Gedanken. Mag der Jngling selbst nicht das erste Lehrjahr bestanden haben, sein Geist, seine Thaten erheben ihn zum Wrdigsten. Man zog die Namen aus dem Helm, der unter allen Kriegern umhergegangen war. _Guido_ stand auf jedem Papier. Er war beschmt, verlegen -- doch klopfte sein Busen von nicht geringer Freude. Was wird Ini sagen, wenn sie davon hrt! dachte er, dann -- gab er Befehle. Eine weite Umzingelung des Feindes schien ihm in diesen Waldungen das Dienlichste. Jeder Krieger empfing eine kleine Viole von dem Gegengift, um nun bei einer Wunde sogleich einige Tropfen davon anwenden zu knnen. In der folgenden Nacht traten die Flgel ihren Weg an, um sich in den Rcken des Feindes zu begeben. Zeitmesser und Kompa dienten, sich genau an den Stellen einzufinden, wo es der Plan verlangte. Ein Morast, durch den die Tatarn nicht dringen konnten, begnstigte an einer Seite den Entwurf, an der andern lie Guido schnell eine Meile lang die Bume mit Knallsilber umwerfen, da auch dort der Ausweg gesperrt wre. Dann begann der Angriff von zwei Seiten in der nmlichen Minute. Die Tatarn erschraken, da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen nicht mehr inne wurden. Ja, Bestrzung verbreitete sich unter ihnen, als einige gewahrten, die Verwundeten der Europer bedienten sich eines Gegenmittels. Die nehmliche Entdeckung hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit ber diese Truppen gegeben und sie in die Nothwendigkeit gesetzt nach dem Norden zu fliehn. Man drang scharf ein. Die flchtige Eil der tatarischen Rosse half nicht, da zu beiden Seiten der Feind anrckte. Im Nahekampf hatten die europischen Waffen den Vorzug. Jener Feldherr, seine miliche Lage erwgend, sammelte auf den Ton eines weitschallenden Instrumentes eine groe Masse und suchte mit dieser durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete, begann an der Spitze einiger Tausende ein Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf eine groe Mine, deren Explosion in dem Augenblick erfolgte, als der Vortrab des Gegners den unterwhlten Boden betreten hatte. Grlich schauderhafter Anblick, als Tausend entwurzelte Eichen dem Aether zuflogen! Doch wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als die Baumtrmmer, die zu Tausenden zerrissenen Gule und Menschen, wieder dem Gesetz der Schwere gehorchten, und sich weiter verbreiteten als man erwartet hatte. Manche darunter wurden getdtet, selbst Guidos Pferd von einem groen Stamm aufs Haupt getroffen. Er entging jedoch den Gefahren glcklich, und bestieg ein anderes Kampfro, die Niederlage der Tatarn zu vollenden. Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf, wandte sich nach einer andern Gegend. Guido lie ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von allen Seiten an. Nicht berall konnten die chinesischen Schilde decken, groe Verheerungen bewirkten die europischen Feuerrhre. Endlich traf Guido auf den Feldherrn selbst, ein innig gefhlter Wunsch. Er rief ihm zu: la uns beide kmpfen; wer fllt, dessen Schaaren sollen sich dem andern ergeben! Der Tatarfrst war es zufrieden und warf seine Lanze. Sie wrde, wohl zielend, Guidos Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht mit seinem Schwerte hinweggeschlagen htte. Er scho, dem Tatar half sein Schild. Nun gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht neben seinen Gegner hin, ihm den Degen in die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der Andere auch mit fechtender Geschicklichkeit den Streich abzuwenden wute. Guidos Pferd, im Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Tatar sandte einen Pfeil nach, verwundete es tdtlich, und Guido mute auf den Boden springen. Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampfrosse ber den Haufen zu rennen. Ohne hohe Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er dachte an Ini, und fhlte neue Kraft durch seine Adern strmen. Er wich rechts und links dem schnaubenden Thiere aus, ersah den Augenblick und bohrte das Eisen in seinen Bauch. Mit groem Getse fiel es in den Staub, nachdem es durch die letzte krampfhafte Bumung den Reuter weggeschleudert hatte. Dieser stand aber auch gleich wieder auf den Fen und Schwert gegen Schwert wthete. Die Panzer vereitelten Hieb und Sto, an ihrer Kraft brachen beider Klingen. Nur die Arme blieben den ergrimmten Kmpfern noch brig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich umschlangen sie sich damit, und geriethen auf das Eis eines kleinen Sees, der dort lag. Der Tatarfrst schien an Nervengewalt seinem Feinde nicht nachzustehen, doch lebte ihm keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine Heldenkraft verdoppeln konnte. Allein vor Guidos Seele stand Inis segnendes Bild und neue Gtterflammen strmten in seine Brust. Mit des Bildes Erscheinung lebte auch das Triumphgefhl in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel, hoch den Tatar empor zu heben und ungestm gegen die gefrorne Flche zu werfen. Der Fall des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend, die Gebeine des Nackens waren zerschellt, weit glitt der Leichnam auf das klare Eis hin. Guido nahm das zertrmmerte Schwert, den Panzer und eine Diamantkette, die an der Brust des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die Europer lieen Sieggesang ertnen, die Ruberhorden flehten um Gnade und lieferten die Waffen ab. Man fand groen Raub im Lager, den Guido unter die geplnderten Landleute vertheilen hie. Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen sich zum Andenken des Tages zuzueigenen. Noch wurde auf die hie und da zerstreuten Feinde Jagd gemacht, von denen auch keiner entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen bewachend eingeschlossen, eilte der Heerhaufen zurck nach dem groen Lager. Das Volk der Gegend erwartete Guido berall an den Wegen, und brachte dem Retter von Tausend Schrecken sein Dankopfer in Freudenthrnen. Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit Artillerie und andern Erfordernissen versehn. Es war im Anzuge, da man aus den Berichten entnommen hatte, jene Reuterei werde dem zu gering geachteten Feinde, nicht vollen Widerstand leisten knnen. Auch befanden sich viele Aerzte im Gefolge, die Natur der Seuche zu prfen. Krankheiten waren diesem Zeitalter verhat und schrecklich, denn es war in Europa weit damit gekommen, sie auszurotten. Seit Jahrhunderten wute man nichts mehr von Kinderblattern, die Krankheiten von Ausschweifungen im Geschlechtstrieb, hatte man dadurch verbannt, da einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate, an einem ausgeschriebenen und der Menge geheim gehaltenen Tage, eine jede Person, ohne Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung bewerkstelligt wurde. Andere Welttheile waren klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und die Uebel bestanden nur noch in der Geschichte. Dem Heere von Fiebern mancher Art, widerstanden die durch gute phisische Erziehung und Migung in den Leidenschaften, gesthlten Organisazionen. Geist und Krper bewegten sich bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam bte man die Sorge fr gesunde Nahrung, als da Gicht und Podagra htten foltern knnen. Langer Gebrauch der Milch bei den Kindern, viel frhes Laufen in freier Luft, bildeten die Lungen vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankheiten nur hchst seltne Erscheinungen sein. Jene Resultate von Verderbni der Sfte, in alten Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten, waren mit ihren Ursachen verschwunden. Die Aerzte fanden unten diesen Umstnden wenig Beschftigung, als bei zuflligen ueren Wunden, oder der auch nicht schwierigen Geburtshlfe. Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel gebte, und auf das Leben berall angewandte Kunst, und bekleideten demnchst, bei den Erziehungsanstalten, heilsame Aemter. -- Immer hher reichte das Leben der Menschen hinauf, immer gewhnlicher fhrte eine sanfte schmerzenlose Entkrftung hinaus. Wie hoch mute also die Erkenntlichkeit des Zeitalters gegen den Mann sein, der die Verheerungen der Seuche durch seine tapfere List abgewendet hatte. Indem die Aeltesten in dem anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus und entgegnete: Es war immer doch nur zufllig, wenn ich das Gegenmittel fand. Htte ich es selbst entdeckt, bereitet, dann wollte ich euer Lob annehmen. Da er den Feind schon berwltigt hatte, freute jene Soldaten desto weniger. Sie htten gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch erklrten die Mnner im groen Heeresrath einmthig, man msse beim Strategion darauf antragen, da Guido einen Triumpheinzug zu Moskau hielt. Wie wrde mir, dem Jngling, das ziemen, rief er. Nein, ich bitte um meine Entlassung, da ich meine ferneren Reisen anzutreten denke. Giebt es aber einst neuen Krieg, dann stell' ich mich. Bescheidener! rief ein Unteranfhrer, du bist in solchem Fall nicht sicher, da ein groes Heer dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein Name von Ohr zu Ohr gedrungen. O, dies anzunehmen, mte ich noch weit mehr Wissen errungen haben, antwortete Guido. Doch einige Vorschlge, zu Verbesserungen, an dem schweren Gescho, und den Minen, bitte ich noch von mir anzuhren. Die Erfahrung dieser Tage lenkte mich darauf. Die knstlerischen Soldaten wurden hier ein wenig schwierig. Wie, er diente nicht in unsrer Mitte, und hofft uns lehren zu knnen, was wir noch nicht wissen? Doch er eignete sich Theorien zu, entgegneten des Erfinders Freunde. Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfahrung! Auch diese hat er gesammelt. Aber nicht in zulnglicher Summe. Man sieht, da die Mnner, bei allem Voraussein eine Tradizion von ihren Urvtern durch den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so eigensinnig waren sie nicht. Sie prften -- gingen vom Tadel zur Billigung ber -- und nahmen an. Guido hatte aber noch eine andere Idee umfat, die er gern zur Ausfhrung bringen wollte. Die Musik beim Heere mifiel ihm. Manches, sagte er im Rath der Anfhrer, habt ihr von mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel hatte, lat mich nun etwas fr die Schnheit thun, die ohnehin eine gute Wirkung nicht verfehlen wird. Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer Erfindungen bestimmt war, wurden ihm beliebige Summen zugewilligt, ber die nthige Personenzahl konnte er entscheiden. Er ging eilig an die Ausfhrung, und der Arbeiter Gewandheit stillte bald seine Ungeduld. Er lie eine Luftgallione bauen, von funfzig Adlern gezogen, die fr einige Hundert Menschen Raum enthielt. Zwei Silberpauken, migen Husern an Umfang gleich, befanden sich darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch Maschinen gerhrt. Zudem metallene Hrner von der Lnge einer Tanne, deren hintere Mndung an einen groen Blasebalg gebunden war. Diesen konnten zwei Mnner durch einen Schnellhebel leicht niederstoen. Jedes Horn hatte nur einen Ton, und es galt gebte Aufmerksamkeit der Spielenden, ihn richtig anklingen zu lassen, wenn das auszufhrende Stck es verlangte. Aehnliche Trompeten waren auch in guter Zahl vorhanden, und Posaunen, welche sehr tief und krftig ansprachen. Darber hing ein reingestimmtes Glockenspiel, dem akkustische Kunst eine gewaltige Resonnanz gegeben hatte. Guido sahe bald alles dargestellt, und bte ins Geheim seine Knstler zur Fertigkeit. Dann sagte er den Heeranfhrern: Rcket aus mit den Truppen. Ihr sollt eine Musik vernehmen, dem gesammten Heere, durch das Klirren der Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer Kanonen, hrbar. Tne ermuthigen in der Schlacht, fllen dem Tapfern mit noch edlerer Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie sollen alle Streiter bezaubernd ergriffen werden. Man gehorchte ihm. Reuterei, Fuvolk und Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegungen eines groen Kampfes. Zu den Wolken stieg der graue Dampf ihrer Rhre der Himmel war verhllt. Da lie Guido das mchtige Feldorchester ber sie schweben, dreihundert Klafter hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel. Die Musiker hatten die Ohren dicht verstopft, nicht Taubheit davon zu tragen. Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm des Klanges niederbrauste, auf Meilenfernen in gleicher Gewalt hrbar. Es war, als ob der Gott der Heerschaaren in den Lften waltete, seine Treuen durch himmlische Melodien zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzckt, wonnetrunken, horchten die staunenden Helden. Warum ist kein Feind da, den wir, von den Harmonien umstrmt, bekmpfen knnen, riefen sie. Zu unberwindlichen Lwen erhbe uns die wundervolle Magie. Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten gewonnen, so flogen ihm nunmehr alle Herzen zu, denn diese Krieger bargen Schnheitssinn. Die Erfindung ward auch einmthig angenommen, doch bestimmten die Anfhrer ihren Gebrauch nur fr den Ernst, im Frieden sollte sich das Ohr der Soldaten nicht daran gewhnen, damit einst in der Schlacht die Wirkung hher reichte. Guido wandte sich nun heimlich von den Truppen, dem schmeichelhaften Abschied zu entfliehn, und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino freudig in die Arme schlo. Sich hier selbst mehr gegeben, prfte er seine Gestalt an Spiegeln, und ward froher noch ber die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen Augenblick, wo es ihm endlich gelang, den Feldherrn der tatarischen Horden zu berwltigen. Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte seine Schnheit zugenommen. Entwickelter zu einer reinen Uebereinstimmung, stellten sich die Verhltnisse der Arme, des Leibes, der unteren Theile dar, heller glhte das muntere Inkarnat der Wangen, durch die viele rstige Bewegung in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte ein unglaublich frohes, edles Feuer, eine stolze Sicherheit, erzogen durch das siegende Bewutsein vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des Stolzes im Selbstgefhl, wenn schon durch Bescheidenheit in gemessenen Schranken gehalten, da keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitelkeit entstehn lie, der andere durch Tadel beleidigte. Der Hochsinn, bei den Gefhlen der Liebe und den Entzckungen der Knste, hatte immer nur sanft des Oberhauptes Rundung emporgehoben, die ungestme Heldengluth aber, in ihrer, besonders den hohen Theil im Gehirn bewegenden Seelenthtigkeit, hatte sie schnell hinausgedrngt, und wie es Guido schien, bis an die Linie welche Inis Ideal verlangte. Dagegen wenn er sein Profil in zwei Spiegeln besah, konnte er mit seiner Stirn noch nicht zufrieden sein. Denn dort war immer noch nicht genug geschehen, noch lag sie nur in einer Perpendikulre mit dem Kinn, da sie gleichwohl um ein Gutes htte vordringen mssen. Guido sagte sich unter diesen Umstnden, was ich bisher dachte, war noch immer nicht genug, der Summe nach, oft auch nur flchtiger Aufflug der Imaginazion. Ich mu mehrere Gegenstnde in die innere Welt rufen, und durch fortfahrende schwere Kraftbung des Denkens, des Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich mich auch vorzglich mit Dingen zu beschftigen, die die Empfindung ausschlieen, rein abgezogen sind. Nur so ist das vorliegende Mark des Schdels thtig, wchst an und stt seine gestrkte Hlle weiter. Die Hoffnung, auch das werde gelingen, erhob seinen Muth. Er schrieb an Ini, ihr seine Trophen sendend: Einem andern Mdchen drfte ich schon khn nahen, und um ihre Hand werben. Denn ein stattlicher Ritter, leg' ich der Geliebten Feindes Waffen zu Fen, und schmcke sie mit einer Eroberung. Du aber steigerst deinen Vertrag, und darfst, du Gttliche, hhern Preis auf dich setzen. Je mehr ich sinne und handle, je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr begreife ich, wie deine Idee menschlicher Wrdigkeit weit hinaus liegt, ber alles, was schon Sterbliche thaten. Ich mte vor diesem reineren Erkennen verzweifeln, deiner Forderung glorreich Genge zu thun, htte ich nicht die Wunderkraft fhlen lernen, die dein Bild in meine Adern giet. So aber beginne ich hoffend den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in mir, das dich um Beistand anrufen kann, wie in jenes Kampfes Stunde, wo gndig mich die Gttin erhrte. Gelino sagte darauf, la uns eine andere Wohnung beziehn, wo wir mehr Schutz gegen die Klte finden. Der Winter ist strenge, immer hher deckt sich der Boden mit Schnee. Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht, doch dem schwcheren Greis nachgebend, folgte er willig. Sie traten am Abend in ein gerumig Haus, dessen Zimmer trefflich durch Oefen erwrmt und artig verziert waren. Willst du nicht deine Bemerkungen ber die Reise aufzeichnen, und die Geschichte deines Feldzugs? fragte Gelino. Der Jngling dankte ihm fr die Erinnerung, und eilte um so eher zu schreiben, weil ernsthaftere Beschftigungen dem eben gefaten Vorhaben entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs, und einer Stunde beim Mahl, wich er nicht von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin gestrt, weil ihm dnkte, das Haus bewege sich. Sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den Lehrer. Wei man denn hier nicht, wie in Italien, die Zeit und die Strke einer solchen Naturerscheinung zu berechnen, oder sie abzuwenden von den Stdten, mittelst tief gewhlter Brunnen, durch welche das tiefe Feuer einen Ausweg findet? Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind die Erdbeben selten, und trte ja der Fall ein, wrden die Naturkundigen schon zeitig warnen. Glaube nicht, man sei hier noch so unwissend, wie in rohen Jahrhunderten einst durch ganz Europa, wo Stdte zertrmmert wurden. Gab es wirklich eine so unwissende Zeit? fragte Guido staunend. Sieh da die Folge deiner Sumni, Geschichte zu lernen, strafte der Lehrer. Lissabon und selbst unser Messina haben einst furchtbar dadurch gelitten. Du weit viel, erfindest viel, dennoch schpfest du zu wenig aus dem rechten Quell. Du hast Recht, gab Guido zur Antwort hier sieht mein Streber noch ein weites Feld. O ich mu auch die Naturkunde noch mehr treiben und manches Andere. Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutschland kommen. Da magst du dich mit Elementen vertrauen und deinem knftigen Denken neue Richtungen geben. Der Zgling hatte nach dreien Tagen seine Arbeit vollendet. Freilich waren darin nur hingeworfene Bemerkungen und kurze Uebersicht der Thatsachen zu finden; die Ursachen der Erscheinungen aufzusuchen, fiel ihm noch nicht genug ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge, hatte zu vielen poetischen Anstrich. Entzckt sein, hie ihm noch oft Bemerken. Gelino beruhigte sich aber dabei, indem er wohl wute, aus dem jugendlichen Genie knne erst die Grndlichkeit als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. La uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte Gelino. Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir bequem? Eine noch bequemere. Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig ins Freie. Seit drei Tagen kam ich nicht unter dem Dache weg. Sie traten hinaus. Guido sah einen groen schnen Platz, ihm unbekannt. Was ist das? fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und glaubte doch ganz Moskau durchirrt zu haben. Auch schien mir, unser Haus lge in einer engen Gasse, da wir es neulich am Abend bezogen. O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino lchelnd. Guido blickte ihn verwundert an. Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg. Das Haus war ein Schlitten. Du hast nur einigemal einen kleinen Ansto gesprt. Sonst glitten wir in den drei Tagen sanft ber den Schnee hieher. Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte er, wie mir vor dieser Reise ein wenig bangte. Durch die Luft, frchtete ich, wrde es dir zu kalt sein, und wie ein Wagen eine Bahn in der starren Winterdecke finden werde, konnte ich nicht begreifen. Sie besahen nun die schne Stadt, reich durch einen ppigen Handel, und einen glnzenden Frstenhof. Guido nahm jedoch einen andern Nahmen an, denn sein Ruf war vorangeeilt, und er wollte sich so wenig durch Schmeicheleien betuben, als in seiner Lernbegier stren lassen. Unter den mannichfachen Sehenswrdigkeiten, gefiel unsern Reisenden nichts mehr als die Wintergrten, welche man hier angelegt hatte, um das Anschauen grnender Natur nicht so lange zu entrathen, als der unfreundliche Himmelstrich gebot. Fast jeder von den Reichen besa eine solche liebliche Anstalt; die weitluftigste darunter war jedoch ffentlich, wurde von der Gesammtheit erhalten, und es stand jedem Einwohner und Auswrtigen frei, sich dort zu vergngen. Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen Raum von mehreren Tausend Schuhen im Gevierte. Der ganze Boden war hohl, Pfeiler von groem Umfang trugen seine Gewlbe, und durch viele Eisenfen, deren Zge und Rhren knstlich umhergeleitet waren, empfing die geluterte, auf alle Weise fruchtbar gemachte Erde, die auf dem Gewlbe lag, Erwrmung. Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Niemand oben etwas inne. Man trat durch ein Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem gerumigen Saal fhrte, schon milder in seiner Temperatur als jene. Durch doppelte und verhllte Thren, damit die Klte nicht eindrnge, gelangte man weiter. Aus diesem Saal fhrten andere Thren in eine breite Gallerie, deren hohe bis zur Erde reichende Fenster, von Polkristall, nur nach Innen gingen. Und wohin? Durch die starre Klte, wie Dezember und Januar unter dieser Breite geben, trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem, das Haar mit Eis behangen. Aufwrter reinigten die rauhe Fubekleidung von Schnee, und suberten des Ankmmlings Locken. Im andern Saale fand man den Pelz beschwerlich, und gab ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommerlfte, das Auge blickte froh durch die Fenster hinaus auf liebliche Grne, auf Veilchen, Jonquillen und Rosen. Ein angenehmes Parterre bot sich im Halbrund dar, reich an Florens Pracht, mit holdem Duft labend, begrnzt durch dunkle Katalpenbsche, aus denen reizende Marmorgebilde winkten. Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, se Wandlung durch den kleinen Platanenhain, an silberhellen Bchen hin, ber beblmte Hgel, wo sich hinter Teichen weite Aussichten in reizende Gebirglandschaften ffneten. Der Staunende, nicht vertraut mit des kleinen Paradieses Kunst, begriff nicht, was er sah, und rief die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen und Hesperidengrten in die Erinnerung. Der kurze Tag entfloh bald; wer vermogte sich von dem Heiligthume zu trennen? Im Dmmerlichte gewannen die mannichfachen Schnheiten erhhten Reitz, Nachtigallen flteten aus Blthenzweigen nieder, in Jasminlauben horchten die Lustwandelnden ihrem Gesang. Bald stieg aber der Mond empor, hoch im Norden am Aether hangend, und go seine Schimmer verklrend nieder. O Ini, seufzte Guido tiefbewegt, knnt' ich an deinem Arme hier den Himmel fhlen! Und wie hatte der kluge Flei dies alles geschaffen? In den dicken Mauern der Umgebung lagen, wie unten, Oefen verborgen. Die groen, hie und da zerstreuten, Eichen und Fichten, waren durch Kunst der Natur nachgeahmt, zum Theil hohl, um in den durchgefhrten Rhren Wrme auszuhauchen, damit auch oben eine gleichmige Temperatur erzeugt wrde, zum Theil bestimmt die hohe Glasdecke zu tragen, die sich zwischen ihnen in kleinen Gewlben senkte und hob. Glassteine, rein und klar genug, den Lichtstrahl nicht zu hemmen, und doch von der nthigen Strke, um alle Klte abzuwenden, bildeten diese Gewlbe. Kein Kitt verband sie, sondern man hatte im Bauen ihre Seiten durch Feuer erweicht und sie sich so verschmelzen lassen. Die Anstalten mangelten nicht, sie Auen vom Schnee und Inwendig von Dnsten zu reinigen, und so war die glckliche Tuschung vollendet. Die weiten Aussichten hatte allerdings die Malerei gestaltet, aber so trefflich, da das Auge vollkommen betrogen wurde, um so mehr da es kleine Teiche klglich hinderten, zu den, Fernen lgenden Wnden, zu dringen. -- Unterdessen kam in Moskau ein Schreiben vom Strategion zu Rom an. Eine lange Berathung hatte es aufgehalten. Nicht gern wollte man so frh einen Jngling belohnen, damit der Sporn zu hherem Streben nicht mangle, und dennoch hatte dieser Jngling durch so frhe Thaten, Lohn verdient. Endlich sandte das Strategion dennoch eins von den groen Ehrenzeichen, wie sie Feldherren nach gewonnenen Schlachten empfingen. Man besann sich, da Guido schon in sehr frhen Jahren Beweise seines erfinderischen Kopfes geliefert habe und dies gab den Ausschlag. Ein aufmunterndes Schreiben, von des Kaisers eigener Hand, lag bei. Guido befand sich aber nicht mehr in dieser Stadt und Niemand wute dort, wohin er gereiset sei. Er hatte dagegen die Weisung zurck gelassen, im Fall Briefe an ihn berkmen, sie nach Sizilien zu senden, daneben die Aufschrift, an Ini. Diese empfing nun durch die Eilpost jene Gegenstnde. Gleich schmeichelhaft fr Geliebte und Geliebten. Sie wute, da er sich jetzt in Petersburg befand, und schrieb ihm, jenen Brief zugleich beantwortend: Gern seh ich dich in der Heldenreihe, doch mehr noch wrde es mich erfreuen, wenn du beitragen knntest, da die Menschheit den unseligen, ihre Natur entehrenden, Krieg verbannte. Ein Ehrenzeichen liegt fr dich hier, ich sende es nicht, hoffend, du werdest zu edel denken, es zu tragen. Es ist noch ein Rest alter Barbarei, wenn man solche Zeichen ausgiebt, meine ich immer. Traurig wenn das Vaterland gebieten mu, Blut zu vergeuden. Wer die schreckliche Pflicht bte, ihm zu gehorchen, wozu soll er noch ausgezeichnet sein, da sein Anblick durch eine schauderhafte Erinnerung empre. Verheimlichen, tief verheimlichen, sollte unsre Zeit die unglcklichen Heldenthaten. Glaube auch, nur der reinste Menschensinn kann deine Schnheit vollenden. Dies gefiel freilich dem flammenden Jngling nicht ganz. Lob, warmes Lob, htte er von dem Mdchen gehoft, das begeisternd mit Kraft weihte, und es tnte nun so sparsam, so bedungen. Doch rumte er ihrem feinen Geist den hheren Ausspruch ein, und antwortete nur, indem er diesem seine Ehrfurcht darbrachte. Er blieb noch einige Zeit in Petersburg, sich von dem Handel und dem Zustande der Wissenschaften im Norden zu unterrichten. Jener war sehr ausgebreitet, und wurde mit einer der Lage des Landes angemessenen Klugheit geleitet. Die Bevlkerung war seit zwei Jahrhunderten in den Gegenden an der finnischen Bai, am Ladoga und weien Meere bedeutend angewachsen, aber doch nicht in dem Maae, da die groen Waldungen dadurch so verdrngt worden wren, da das Holz, kein Gegenstand der Ausfuhr bleiben konnte, wie es in vielen, noch dichter bewohnten Lndern, schon lange der Fall war. Man blickte also auf diese Waldungen, als einen vorzglichen Handelsvorwurf. Doch roh ihn zu verkaufen, war man zu weise. Es wurden Schiffe in Menge gebaut, wodurch sich denn die dabei thtigen Handwerker in groer Zahl nhrten. Andere Vlker, der Schiffe benthigt, und berzeugt, sie wren nur in Petersburg am wohlfeilsten zu bekommen, holten sie dann fleiig ab, und brachten Erzeugnisse, die zufolge des Himmelstriches hier fehlten. Ausser dem nthigen Brotgetraide wurde durch den Landbau ein Ueberflu an Hanf gewonnen. Auch diesen veruerte man nicht im unverarbeiteten Zustande. Thaue und Strnge aller Art, wie auch Segeltuche, wurden daraus gefertigt, und wegen ihrer Vollkommenheit berall beliebt. Hiezu kamen, Pelzwerk, Juchten, Saffian, Kaviar, welche die Lebhaftigkeit des Verkehrs mehrten. Der Handel war jetzt ungemein begnstigt. Die groe Sicherheit der Schiffahrt, die erhhte Vollkommenheit der Landtransporte, die ausgedehnteste Freiheit, die Verbannung aller Privilegien, leisteten ihm Vorschub. Die gleiche Gte des Geldes, von der Regierungsweisheit immer im richtigen Verhltni zu den Sachen gehalten, die gleichen Maae der Dinge verschafften ihm erweiterte Bequemlichkeit. Die Ehrliebe der Kaufleute, welche einen Bankrottirer mit ewiger Verachtung wrde gestempelt haben, befestigte den Kredit und es war unerhrt, da einer darunter sein Wort nicht erfllt htte. So knpfte man Erdtheil an Erdtheil und erfreute sich der mannichfachen Gaben der Natur Allenthalben. Die Wissenschaften blhten in Petersburg an jedem Zweig, vorzglich aber lag man der Naturkunde ob, und die reich ausgestattete Akademie lie den Norden fleiig bereisen, neue Entdeckungen im Gebiet der Phisik zu machen, oder die lteren zu berichtigen. Eine groe Zahl von Fossilien, erdigt, salzig, metallisch und gemengt, vor dreihundert Jahren noch ganz unbekannt, hatten diese Versendete in den Gebirgen gegen den Pol ausgemittelt, wie man ihnen auch die erste Entdeckung der kstlichen, allenthalben gesuchten, Polkristalle dankte. Denn die erste Reise zur Erdachse im Norden, war von Petersburg geschehen. Die Naturgeschichte aller der Land- und Eisthiere, jenseits dem achzigsten Grade Nordbreite gefunden, hatte diese Akademie sinnreich bearbeitet. Hchst sehenswerth konnte man ihre Sammlung von Petrefakten nennen, worunter, auer vielen Ichthioliten und Tetrapodolithen auch ein vortrefflicher ganzer _Anthropolith_ war, mit Mergeltuf durchzogen und in allen Theilen wohl zu erkennen. Ein versteinerter Mammouth befand sich ebenfalls hier, wie viele Skelette dieses verschwundenen Thieres, dessen ganze Organisazion man aber dennoch kannte. Guido wohnte einer Vorlesung ber die Vernderung der Erdachse, und einer andern ber die Abnahme des Meeres bei, hrte viel Staunenswrdiges, und lernte ernster ber die groen Beobachtungen nachsinnen, welche Jahrtausende der Vorwelt und Jahrtausende der Nachwelt umfassen. Man sprach von einer Zeit, wo die hohe Tatarei noch unter der Linie gelegen hatte, und von einer anderen, wo der Polpunkt in Irkutzk zu finden sein werde. Man erzhlte von einem Volke, das vor Zehntausend Jahren in Siberien gelebt, und sich eines ziemlichen Grades von Kultur erfreut habe. Die Monumente, unter der Erde gefunden, die alten erhaltenen und endlich entzifferten Schriften, hatten ein zweifelfreies Licht darber verbreitet. Man wute genau, um welche Zeit Schweden aus der See hervorgetreten wre, und gab wieder jene an, in welcher der finnische Meerbusen trocken liegen, und sich zum Anbau eignen wrde. Diese Akademie gab auch bisweilen der Stadt Petersburg ein ganz eigenthmliches Fest, und gemeinhin in den lngsten Nchten, wenn kein Mond schien. Sie hllte sie dann nmlich in ein knstliches Nordlicht, was eine ganz zauberische Wirkung hervorbrachte. Denn die Gesetze dieser Meteore, lange ein Geheimni, waren ergrndet worden, und man brachte die Materie beliebig hervor, was jedoch nur in diesen Gegenden, und bei einem gewissen Kltegrad anging. Es herrschte hier ein Nachkmmling der Romanow, denn jenes Haus, da es sich erobernd gegen den Orient gewandt hatte, wollte doch nicht ganz die Vatererde aufgeben, wo einst Peters schpferischer Genius das erste Licht besserer Aufklrung anzndete. Auch sah man Peters Standbild, einst von der genievollen nordischen Semiramis erhht, noch wohlerhalten und vielgeehrt an der alten Stelle. Nach Genssen und Belehrungen mannichfacher Art, wandten sich unsere Reisenden nach dem ehmaligen Polen, wo sie gegen den Frhling ankamen. Gelino sagte: Dies Land war vor einigen Jahrhunderten durch eine fehlerhafte Regierungsform sehr arm an Menschen. Der Landbau, wie sehr es durch fruchtbaren Boden darauf angewiesen ist, ward unvollkommen getrieben, die Handwerke und Knste lagen ganz danieder. Sklaverei der geringen Klassen entehrte die Menschheit. Jetzt hingegen prangen seine Gefilde in ppiger Erzeugung, wohlgebaute Stdte und Drfer zeigen reiche Bevlkerung, Kunstflei in jeder Art ist regsam. Dies vermag langer Friede unter weiser Verwaltung. Guido ergtzte sich innig bei dem lachenden Anblick, der sich allenthalben darbot. Groe Kunststraen und Nebenwege waren ohne Ausnahme mit mehreren Reihen nutzbarer Obstbume beflanzt, deren Blthenschnee mit den dunkelgrnen hochbegrasten Triften und fetten Kornfluren angenehm wechselte. Nie hatte Guido so stattliche Heerden gesehn als hier weideten. Er rief: Siziliens Landschaft ist mannichfacher, feinere Baumgattungen und Fruchtarten schmcken sie, doch ein so frisches Grn labt dort die Blicke nicht. Gelino antwortete: Die Natur ist berall reich, der Mensch verstehe nur ihre Winke gehorsam, und sie lohnt. Der Zgling wunderte sich ber die vielen Kanle, mit denen das Land durchzogen war, und die von Flssen und Fahrzeugen wimmelten. Wer hat alle diese Arbeiten vollbracht, und zu welchem Ende? fragte er. Der Lehrer gab ihm die Antwort: Das Land ist niedrig und zu Kanlen geeignet, die auer der erleichterten Fortbringung auch durch Bewsserung ntzen. Sehr einfach hat man sie aufgewhlt, und nach den Strmen geleitet. Ehedem wandten die thrichten Menschen, die gewaltige Kraft in Entbindung gewisser Gasarten, nur auf das Verderben an. Klglicher hat man spterhin, durch das vervollkommnete Schiepulver, Erdlagen gebessert und Kanle erschaffen. Dies Land bringt, trotz seiner groen Bevlkerung, die ja auch nur die Erzeugungen mehrt, wohl dreimal mehr Getraide, Obst, Honig und Schlachtvieh hervor, als es selbst verbrauchen kann. Dieser Ueberflu ladet, wie einleuchtend ist, zum Handel ein. Es giebt kein Land mehr in Europa, das nicht weise genug wre, seine erste Subsistenz selbst hervorbringen zu wollen, doch einige, wo es zufolge natrlicher Hindernisse nicht angeht. Dahin gehrt ein Theil von Schweden und Norwegen, Lappland, Nowaja Semlia und Spitzbergen. Die letztgenannten waren Ehedem wenig oder gar nicht bewohnt, spterhin hat man sie zu Verweisungsorten fr Europer gemacht, die unklug genug waren, sich nicht den Gesetzen unterziehn zu wollen. Diese haben sich gemehrt, der Handel andere dahin gefhrt, und so sind auch jene so weit zum Pol hinliegenden Gegenden jetzt bevlkert, und man wei sich dort gut zu nhren. Dies Land fertigt jedoch aus seinem berflssigen Korn, Backwerke aller Art, die sich Jahre lang halten, und durch Befeuchtung geniebar werden. Fleisch von Rindern und Schaafen wird durch Salz und Rucherung dauerhaft gemacht, das Obst getrocknet, oder in geistigem Wasser aufbewahrt. Der Honig dient, mannichfache Kuchen zu bereiten, welche beliebt sind. Endlich fertigt man starke Biere, in Essenzen verkrzt, und gebrannte Wasser an. Meistens gehn diese Gegenstnde nach den genannten Nordlndern, welche deswegen doch nicht arm zu achten sind. Sie bieten wieder vortreffliche Eisenwaaren, fertige Pelzkleidungen, Fett von Wallfischen und Robben feil, und geben sich daneben fleiig mit dem Heringfange ab. Die inlndischen Kanle, welche du hier siehst, geben nun all' dieser Regsamkeit doppeltes Leben. Denn wenn die Fortbringung auf den groen Prahmenwagen schneller von statten geht, so ist jene mit geringeren Kosten verbunden, da auf den ebnen Nebensteigen, welche am Wasser hinlaufen, ein Pferd betrchtliche Lasten zieht. -- In den Stdten nahm man die groen Brau-, Back- und Brennanstalten in Augenschein, wo sich alles durch eine kunstreiche Behandlung und Reinlichkeit auszeichnete. Und dennoch, bemerkte Gelino, melden alte Schriftsteller, sollen vor einigen Jahrhunderten diese Stdte einen scheulichen Anblick gewhrt, Unwissenheit und Unsauberkeit hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Dem Getraide seinen geistigen Inhalt zu entziehn, verstand man vortrefflich, denn chemische Naturkunde leitete die Grundstze. Liebliche und dennoch unschdliche Einmengungen verbesserten den Geschmack. Die Anstalten, Fleischwerk durch Rauch dauerhaft zu machen, hatten Thurmhhe. Der Rauch ward durch lang empor gewundene Rhren geleitet, und zog sich so feiner in die Massen. Durch fette Weiden wohl genhrt, lieferten die Schlachtthiere schon ein ungemein nahrunggehaltiges Fleisch, und beraus zart war der Geschmack der hier gerucherten Gnsebrste, Schinken u. s. w. Leckermuler gaben ihnen den Rang vor allen brigen in Europa. Es lt sich deuten, wie das Volk in diesen Gegenden, ohnehin so wohlhabend, auch durch diese Ursachen stark an Knochenbau und Muskeln gewesen sein msse. -- Man langte endlich in der weitluftigen und freundlich gebauten Vorstadt Praga vor Warschau an. Hier ereignete sich, sagte Gelino, um das Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein schauderhafter Auftritt, indem bei einem Sturm fast alle Einwohner hingemetzelt wurden. Heil uns! da wir Blutszenen in Europa gar nicht mehr, und an den Grnzen nur selten und nothgedrungen erblicken; da auch, wenn ja Krieg besteht, die Vlkerbereinkunft ihn blo auf die Heere ausdehnt. Der Soldat wrde sich entehrt halten, wenn ein ruhiger Bewohner des Landes ber ihn klagte. Wenigstens denkt der Soldat von Europa so. Eine treffliche Ansicht stellte sich, da sie an den majesttischen, mit Schiffen bedeckten, Strom kamen, in der mit ihren Vorstdten und Grten unabsehlich ans Ufer hinlaufenden Stadt Warschau dar. Der jenseitige hohe Rand war terrassenfrmig mit Pappelalleen geschmckt, von der Hhe winkten Prachtgebude, Tempelkuppeln mit reicher Vergoldung, Obelisken, Telegraphen- und Glockenthrme. Sternwarten, Luftpostzinnen und andere hohe Gebude, wie sie jetzt in Stdten blich waren, hoben sich aus dem Steinmeere in bezaubernden Verhltnissen empor. Man hielt berhaupt in diesem Jahrhundert viel auf die Phisiognomie der Stdte, die schon in weiter Ferne dem Wanderer verkndeten, was er im Innern zu finden hoffen drfe. Sie fuhren ber die prchtige Marmorbrcke, zu beiden Seiten mit athenischen Bildsulen geziert. Guido wunderte sich, da er den Strom hinaufblickte und in der Weite viel Feuer und Rauch aufsteigen sah. Der Lehrfreund erklrte ihm die Erscheinung. Vor Zeiten, fing er an, war der Eisgang auf diesem Strome sehr ungestm, und es lie sich keine dauerhafte Brcke bauen, da man befrchten mute, sie im Frhjahre zerstrt zu sehn. Jetzt ist man klug genug, das ntzliche Feuerpulver auch hier anzuwenden. Wie eine Gefahr dieser Art droht, belegt man die Winterdecke des Stromes mit einer Menge von Raketen, aus Pulver und jener heftigen Feuermaterie gemengt, die auch im Kriege gebraucht wird, und auf Eis und Wasserfluthen fortbrennt. Diese Raketen bedecken die ganze Flche mit Funken, und schmelzen durch ihre Menge in kurzem alles Eis. Da, obgleich der Frhling schon um ein Gutes vorrckte, noch hie und da Schollen ankommen, so wirst du dort jene Thtigkeit inne. Er setzte hinzu: Auch Ueberschwemmungen, durch Anhufen der Gebirgwsser erzeugt, suchten Ehedem manche Lnder heim. Nun aber flieen sie durch Kanle ab, oder durch die hohen Bewallungen an den Strmen, immer noch benutzt, da man gute Fruchtbume darauf zieht. So trgt im Kampfe gegen die feindliche Natur, der Mensch immer den Sieg davon, wenn er mit Vernunft den Willen umfat. Auf den Gassen der Stadt bemerkte Guido, da es hier ungemein viel schne Weiber gbe. War gleich, wie oben im Eingang berichtet worden, das Geschlecht berhaupt zu einer entwickelteren Anmuth erzogen, und die europische Menschheit durch Gleichheit der Verfassung in einander geflossen, so muten dennoch einige Unterschiede in der ueren Bildung brig bleiben, deren Ursachen man in Abstammung und Gegendeigenheiten zu suchen hatte. Der Lehrer erklrte: Schon im Alterthum wurden die Sarmatischen Schnen gepriesen. Guido fand bald darauf Gelegenheit, diese lieblichen Blthen im vereinten Strau zu beobachten. Zu Moskau, dem Hauptorte der Kriegprovinz, hatte er einen vorzglichen Mosestempel bewundert, in welchem das Standbild des Gefeierten in einer Gre, wie Ehedem der rhodische Kolo, prangte, und wo ein Heer von Hunderttausend Mann auf einmal seine Andacht verrichten konnte. In Warschau dagegen stand ein Heiligthum der Maria, durch seine geschmackvolle Pracht weit berhmt. Die Jungfrauen im Lande hatten es aus ihren Mitteln erbaut, und sich dafr das Recht vorbehalten, hier allein zu beten, und Feiergesang anzustimmen. Sie nahmen dann Platz auf dem Marmorboden, doch die Erhhungen welche der Rotunde Innenwnde umliefen, konnten Mnner besteigen und Niemand mag zweifeln, da sie nicht angefllt gewesen wren. Gelino htte es vielleicht nicht unumgnglich nthig gefunden, seinen Zgling dahin zu fhren; doch dieser hatte davon viel gehrt, und bewies sehr redselig, man msse die Reisekunde auf jede Art bereichern. Es war das Frhlingsfest der Maria, der Kultus hatte einige Aehnlichkeit mit den Floralien der Alten. Im weien Gewand, blendend wie Schnee, fein wie die Schleier der Arachne, die Sandale mit bunten Bndern an den bloen Fu geknpft, die Locken mit jungen Blumen durchflochten, zogen die Jungfrauen in den Tempel. Guido befand sich im Gedrnge auf der Erhhung. S strmte der Duft hinauf, die Treibhuser waren von ihren Orangenblthen und Rosen geplndert, nimmer hatten Guido, selbst auf dem heimathlichen Eilande, so holde Gerche gelabt. Alle ohne Ausnahme waren schn, lieblich, anmuthig, denn die, welchen die Natur diese Mitgift versagt hatte, pflegten an einem solchen Tage unplich zu sein, um nicht so vielem Lichte die Schatten zu geben. Hundert von den Jungfrauen unterhielt der Tempel fr den musikalischen Kultus. Gestalt und wohltnende Stimme, waren die Bedingungen, unter welchen man sie annahm. Gute Lehrer unterwiesen die Huldinnen, erst nach bedeutender Fertigkeit durften sie ffentlich auftreten. Kein Instrument begleitete ihre Lieder, und wie diese Zeit auch die Harmonika, die Flte, die Harfe vervollkommnet hatte, den Zusammenklang Hundert reiner wohlgebter Mdchenorgane, wrden sie immer nur gestrt, nicht erhoben haben. Sie sangen einen Himnus, der in die Sprache frherer Zeiten bertragen, so weit es mglich ist, den hheren Ausdruck des Idioms im ein und zwanzigsten Jahrhunderte wiederzugeben, ungefhr gelautet haben wrde: Himmlisch bist du o Jungfrau! Du liebtest himmlische Liebe, Und dein Himmel steigt nieder, In der Liebenden Busen. Hohe, Reine, Verklrte, Weihe, heilige mich! In des Geliebten Schnheit Deutet sich ewige Schne, Dem Gttlichen werd ich verwandt Glh ich von gttlicher Liebe. Hohe, Reine, Verklrte, Weihe, heilige mich! Deine Reinheit mich flle, Mache unstrflich den Busen, Gieb in Liebe mir Tugend, Da den Unsterblichen nahend Ewig Leben ich athme, In Gefilde des Lohnes Seligkeit bringe das Herz. Hohe, Reine, Verklrte, Weihe, heilige mich! Weg aus den Rumen der Tiefe, Schwinge dich, heiliger Fittig, Trage mich auf zu den Gipfeln Wo mich weihend umfangen, Lebens Reine und Hhe. Liebe ist Himmel im Staube, Liebe wohnt ber den Sternen, Liebe adelt die Jungfrau, O du, der Jungfraun Vorbild, Hohe, Reine, Verklrte, Weihe, heilige mich! Als die Feier geendet hatte, schrieb Guido an Ini: Heute Mdchen, that dein Bild hohe Wunder. Ich sah den lieblichsten Blumenkranz in Europa, verga aber dennoch die Rose nicht, fr die ich glhe. Der Triumph, den eine Geliebte ber fremde Schnheiten davon trgt, wird auch von dem Liebenden hoch empfunden, seine Flamme lodert heller, ein edles Selbstgefhl strmt in die Seele, im Bewutsein reiner Treue, und prgt sich im Auge, auf der Wange, mit einem unvergnglichen Zauber aus. So nahm denn Guido abermal einen neuen Zug der Schhnheit von hinnen. Sie besahen noch den groen Markt, der hier um diese Zeit gehalten wurde. Auf dem Gefilde von Wola, berhmt im Alterthum durch die Knigswahlen, hatte man ihm den Sammelpunkt angewiesen, da in der Stadt kein Raum dazu vorhanden war. Einen weiten leeren Platz umlief ein berdachter Sulengang, hinter welchem sich ungeheure Speicher, die Waaren einzunehmen, befanden. Auf vielen Kunststraen hatte sie der Vlker Thtigkeit hergefhrt. Eine davon lief nach Konstantinopel, von dort nach Sirien und dem rothen Meere. Hier kamen die Araber, auf lange Reihen von Kamelen, Spezereien und Gold geladen. Auch die Athener, welche auf Prahmwagen, Statuen in Marmor und Elfenbein, wie auch treffliche Gemlde brachten. Die andere ging um die Kaspische See nach Ispahan und den indischen Eilanden. Daher nahten die Neu-Perser, mit Elephantenlasten kstlicher Gewrze, feiner Zeuge und Edelsteine. Eine dritte Strae war dem Chinesen, durch die Mongolei, Songarei, und das Kirgisenland gebahnt. Er brachte Farben, Porzellan und andere Gegenstnde seines Kunstfleies, denn der Krieg hinderte seine Karavanen nicht. Von Petersburg erst bers Meer, und dann auf dem Weichselstrom herbeigeschafft, langten vortreffliche Schiffe zum innlndischen Gebrauch an, die auf einem Bassin, zum Marktfelde geleitet, feil standen. Auf hnlichen Wegen waren vom uersten Norden, Arbeiten in Eisen und Pelzkleidungen gekommen. Eben daher vortreffliche Geschirre, Fensterscheiben und Bauwerkstcke aus dem so spt erst entdeckten Polkristall. Auf den vielen Kunstpfaden durch Teutonien langten noch unendlich mehrere Handelswaaren an. Von den englischen Eilanden, wissenschaftliche und technische Instrumente aller Art. Man sahe ganz fertige Sternwarten, mit knstlichen Triebwerken des Planetensistems, deren Genauigkeit und Feinheit in Erstaunen setzte, indem sie auer den vielen neugewahrten Planeten und ihren Begleitern, auch alle Kometen dieses Sistems darstellten, denn den jetzigen vollkommenen Teleskopen, entging keiner mehr davon, wie weit auch seine Bahn ihn von der Sonne wegfhren mochte. Fing man doch schon an, das Leben im Monde zu beobachten, und seine Naturgeschichte zu entwerfen. -- Ferner Thurmuhren, mit reitzenden Glockenspielen, an deren Zifferblatt, sich auer den Stunden- und Minutenweisern, ein vollstndig entworfener Kalender befand, daneben Thermometer, Barometer und Eudiometer, welche Klte oder Wrme, Schwere oder Leichtigkeit der Luft, so unterrichtend bezeichneten, da dadurch die Witterungsvernderung auf mehrere Tage vorher kund ward, und Jedermann bei seinen Beschftigungen sich darnach fgen konnte. -- Ferner, Mhlen zum Stampfen, Zermalmen und Sgen zugleich, und mit einem artigen Mobile perpetuum regirt. -- Ferner, zum Behuf des Landbaues, Pflge mit einer geringen Kraft bewegt, die den Boden zehn bis zwlf Schuh tief aufwhlten, die geruhete Erde oben, die entkrftete unten brachten, sie zugleich puderartig zerrieben, und von grbern Bestandtheilen durch Siebe reinigten. Eben so Pflanzmaschinen, welche die Getraidekrner in beliebiger Weite und Tiefe gleichabstehend einsenkten, und so Aufwuchs und Gedeihen ungemein erhhten. Eben so Wsserungbehlter, geeignet, aus fernen Seen, Strmen oder Kanlen mit wenigem Kraftaufwande, Flssigkeit herbeizuschaffen, und durch hidraulische Vorrichtungen, in weit ausgebreiteten Fontnen niederstrmen zu lassen. -- Der Franke lieferte chemische Apparate zu vielen Zwecken dienlich. Auch der Landmann konnte sie hlfreich gebrauchen, damit bei groer Drre, aus Wasserstoff ein Wlkchen zusammensetzen, und auf seine Scholle niederfallen lassen. Zudem Kchen, wo in sehr sinnreich gestalteten Tpfen oder Pfannen, die Speisen beraus schmackhaft geriethen, und man auch Schnee und Eis sogleich bereiten konnte. Imgleichen Kleidungsmaschinen, die man beliebig mit Seide oder Wolle versah, und sich dann hineinstellte. In wenigen Minuten webte nun das Kunstwerk ein Kleid, den Formen des dargebotenen Krpers niedlich angeschmiegt, ohne Rath, wie sich von selbst versteht, frbte es zugleich in der eben gltigen Modetinte, und parfmirte es mit kstlichen Oelen. Die chirurgischen Instrumente der Franken waren nicht weniger sehenswerth. Unter andern erblickte man da knstliche Ohren und Augen mancher Art. Bei nur geschwchter Hr- oder Sehkraft wurde jene durch Rhre, diese durch Glser bis zum Normalzustand verstrkt; auerdem hatte man aber, ein hoher Triumph menschlicher Kunst, nachgeahmte Trommeln, Eustachische Rhren, Augenpfel mit ihren sechs Huten und drei verschiedenen Feuchtigkeiten, welche mit den Nerven, durch tglich wiederholten Galvanismus in Verbindung gebracht, Tauben und Blinden, Schall- und Lichtstrahlen wunderbar wieder einfhrten. Ihre Weinlger wurden nur von den spanischen und portugiesischen bertroffen, wo in langen Reihen, Tonnen lagen, jede grer als Ehedem das Fa zu Heidelberg. -- Die Italiner hatten unter andern groe Orgeln, fr die Tempel, feil, in welchen die vielstimmige Vox humana, die gewohnten Religionsgesnge deutlich vortrug, willkommen fr Ortschaften die nicht reich genug waren, Chre zu unterhalten. Zudem auch Orchester, wo eine Klaviatur, Hundert Saiten- und Funfzig Blaseinstrumente in Bewegung setzte, welche auch durch Walzen die beliebtesten Tonstcke und durch akkustisch nachgeahmte Soprane, Alte, Baritone u. s. w. schne Lieder ausfhrten. Der Besitzer konnte also seinen Gast, wenn er wollte, mit einem vollstndigeren Konzert bewirthen, als es vor Jahrhunderten Knige mit groem Aufwand vermocht hatten. -- Der emsige Deutsche wetteiferte mit allen Europern in Allem, und sandte daneben die meisten Bcher zum Markt. Bcher, die Materien abhandelten, von denen die Vorzeit noch keine Ahnung hatte. Aber auch aus Amerika, Afrika und Polinesien waren Kaufleute anwesend. Sie fhrten edle Steine, edle Metalle, ganze Naturalienkabinette aus ihren Landstrichen, artige Sinzialos, Jakos, indianische Raben, die fertig redeten, Menagerien von Lwen, Tigern, Leoparden, Giraffen, Armadille, welche man aber nicht erstand, wenn sie nicht auch zugleich in ergtzenden Knsten abgerichtet waren. Es gab auch in groen, durchsichtigen, mit Wasser gefllten Behltern, Fische aller Gattung aus der Fremde. Hornfische, Chimren, alle Haiarten, Panzerfische, Seedrachen, Zitteraale, Katdons, und die vielen Geschlechter, welche erst entdeckt worden, nachdem die Taucherkunst ihre jetzige Vollkommenheit erreichte. So hatte die vermehrte Kultur, die gesetzliche Sicherheit, und die Leichtigkeit der Reisen, Menschen von allen Stmmen hieher gefhrt. Wollige Neger, schon lange nicht mehr zur Sklaverei verdammt, tanzten lustig am Abend und sangen Nationallieder. Braungelbe Sinesen und Japaner zhlten sorgsam ihre gewonnenen Summen. Olivenfarbene Araber, Indier, Malaien, kauten ruhig ihren Betel oder schmauchten ihre Pfeife zur Erholung. Kleine migestaltete, aber doch sehr lebendige, Ostiaken, Samojeden, Eskimos liefen neugierig gaffend umher. Rthliche Amerikaner, noch den Federbusch der Altvorderen tragend, zeigten ihre Kraft im Ringen und Laufen. Neuseelnder, Otaheiter, Sandwichinsulaner, Bewohner der erst spt entdeckten Sdpolarlnder, die schwrzere oder hellere Haut seltsam punktirt, saen in ihren mitgebrachten Binsenhuschen auf knstlichen Matten, die ihnen abgekauft wurden, um sie in Grten aufzustellen. Das Getmmel auf diesem Markt war unbeschreiblich, die Wechselgeschfte verbanden durch Federstriche, Neu-York und Ulimaroa, den Hoffnungskap und Miako, Lissabon und Peking. Noch ist hier des Komptoirs zu gedenken, welches die Land- und Seetruppen hielten. Da sie sich durch eigene Thtigkeit unterhalten muten, beschickten sie auch die Mrkte mit berflssigen Erzeugungen. Unter andern boten sie Feuerrhre, groer und kleiner Art, feil, welche von Vlkern, die noch keine Waffenmanufakturen hatten, eingetauscht oder gekauft wurden. Man ging aber auch, vorausgesetzt, da man reich genug war zu solchen Ausgaben, in ihre vorhandenen Metallgieereien oder Schmieden, um sich, die Geliebte, den Freund, in Erz oder Stahl bilden zu lassen. Augenblicklich drckten geschickte Meister die Gestalt in Wachs ab, um sie gleich darauf in Thon nachzuahmen. Das Metall flo schon in den Glhfen, eilig vollendeten flinke Gesellen die hohle Form, und der Gu erfolgte. Durch knstliche Mittel ward nun das Metall erkaltet, die Form zerschlagen, das Jahrtausende hhnende Standbild heraus gewunden und glatt polirt. Noch geschwinder gingen die Stahlschmiede, mittelst ihrer mechanischen Vorrichtungen, Feinheit und Gewalt auf eine zuvor nie erdachte Weise verbindend, zu Werke. Ein Frst aus Amerika, eben mit seiner jungen Gemahlin zugegen, lie sich mit derselben in Silber darstellen. Guido htte weinen mgen, nicht Ini hier zu sehn, und kein Kaisersohn zu sein, um ihre Statue in Gold zu begehren. Nach viel erworbnem Unterricht, durch Gelinos Lehren und eigne Anschauung, wurde des Jnglings Reise fortgesetzt. Er wandte sich nach Teutonien, wo das platte Land ihn noch weit mehr in Erstaunen setzte. Er sah hier keine Drfer mehr, sondern nur die in einander flieenden Vorstdte weitluftiger Orte. Gelino erklrte ihm die Erscheinung einer so groen Lebensflle in folgender Art: Das Klima in diesem Lande ist weit milder geworden, seitdem unntze Kriege, verderbliche Immoralitt und Krankheiten, gegen welche die unvollkommene Heilkunde wenig vermochte, nicht mehr die Zunahme seiner Bevlkerung hemmen. Mit ihrem Anwuchs veredelte sich der Boden wovon eine mildere Luft immer die Folge ist. Der Mais- und Reisbau sahen hier schon lange erwnschten Fortgang, und zwei Ernten sind gewhnlich. Wenige Morgen nhren eine Familie bequem, und werfen noch einen Ueberflu ab, von dessen Verkauf, sie nicht erzeugte Nothwendigkeiten anschaffen kann. Das in dem, vortrefflich zubereiteten, Boden durch Maschinen gepflanzte Wintergetraide, gelangt um die Mitte des Junius schon zur Reife, und lohnt meistens funfzigfltig. Man mht es durch kunstreiche Sichelwagen, die zugleich abschneiden, aufladen und hinterwrts den Boden wieder pflgen, wodurch die Arbeit gar sehr vereinfacht wird. Nun ist Zeit genug brig, das Feld wieder mit Sommerkorn, Gartengewchsen, Ftterungkrutern zu bestellen, wovon der Flei noch reichen Gewinn im Sptjahre zieht. Dies wrde aber nicht immer glcklich von Statten gehn, htte man nicht das Mittel erfunden, die angebauten Fluren, gegen Klte im Lenz und Nachsommer zu sichern. Wenn die Witterungmesser einen Frost ankndigen, eilt der Landwirth sein Feld mit groen Strohmatten zu berdecken. Bei den kleinen Landporzionen ist es leicht dies Mittel anzuwenden. In Wintertagen fertigt das Gesinde aus dem reichlichen Stroh die Matten, ber Bume spannt man sie zeltartig, Fluren werden ebenhin damit bedeckt. Bemerke, wie sorgsam jeder Eigner, von jedem Schuhgevierte, Ertrag zu ziehen sucht. Ein Zaun von nutzbarem Strauchwerk, umluft verwachsen die Scholle. Kleine Beeren und kleine Nsse mancher Gattung blhen darauf. Das Feld ist mit edlen Obstbumen beflanzt, an die ppige Weinreben sich hinaufwinden. Ihr Schatten fhrdet die Saaten nicht, bei einem so krftig gemachten Boden, und beim Pflanzen trgt man kluge Sorge die Wurzeln nicht zu verletzen, was bei den guten Maschinen zu diesem Gebrauche leicht wird. Futterkruter, gewisse wohlnhrende Rbenarten, getrocknet Baumlaub, sind dem Viehe bestimmt, und leicht zieht eine Familie davon so viel auf, um mit Milch, Butter und Fleisch versorgt zu sein. In jedem Hause befindet sich eine Kelter, eine Anstalt zum Brauen, eine Anstalt zum Fertigen gebrannter Wasser, im Kleinen. Die Arbeit daran ist so vereinfacht, da auch ein Kind ihr vorsteht. So ist also fr den Unterhalt dieser Menschen reichlich gesorgt, und die eitle Furcht ob einer zu groen Bevlkerung, in rohen Zeitaltern oft angekndigt, wrde nur Lachen erregen. Jedes neue Glied, das in die Gesellschaft tritt, kann auch einen neuen Spielraum ntzlicher Thtigkeit finden und seinen Bedarf gewinnen. Nach den vielen Erfahrungen welche man sammelte, nach den vielen lehrreichen Entdeckungen, welche gute Kpfe im Erproben des Ausfhrbaren machten, ist jedermann lebendig berzeugt, die Fruchtbarkeit des Bodens sei noch um ein Ansehnliches weiter zu treiben, ja die Grnze, welche einst der klugen Pflege ein Ziel setzen knne, durchaus nicht abzusehn. Und trte ja nach Jahrhunderten, der unerwartete Fall ein, mehr Menschen erzeugt zu sehn, als der Landesertrag nhren knne, so wei man gar wohl, das es noch schlecht bebaute Lnder genug in anderen Erdtheilen giebt, wohin sich Kolonien senden lassen. Afrika enthlt in seiner Mitte groe Wsten, die, einst urbar gemacht, unermeliche Ausbeute liefern werden. Am Susquehannach, am Orinoko, am Amazonenflu sind weitluftige Strecken bereit, neue Millionen aufzunehmen. So rstig auch der Altbritte daran ging, Ulimaroa, welches den Umfang von halb Europa hat, und die weitluftigen Inseln, Neu-Guinea und Neu-Seeland, an Bewohnern reich zu machen, so hat doch, im Verlauf weniger Jahrhunderte, immer noch nichts Erhebliches geschehen knnen, und Auswanderer wrden dort hchst willkommen sein. Ja, wie die Lehrer der Wissenschaften behaupten, in denen die Umgestaltung des Erdballs abgehandelt wird, und wo man die jhrliche Meerabnahme nach unbezweifelten Erfahrungen berechnen lernte, wird nach einigen Jahrhunderten, ohne das im achtzehnten einst gefundene Polinesien, ein ungeheurer neuer Erdtheil, aus dem stillen Ozean, westlich von Amerika, treten. Die unter dem Meere hinstreifenden Parallel- und Meridian-Gebirge verbreiteten hierber schon in alten Zeiten Licht, jetzt hat man ihren Zusammenhang deutlicher erkannt, und vermag berhaupt aus der Vergangenheit genauer auf die Folge zu schlieen, weil sinnige Forscher, ihre Beobachtungen der Nachwelt, ein schtzbares Erbe, vermachten. So ist jetzt unter andern die Insel Owaihi, weit grer an Umfang, als zu der Zeit, wo ein khner Seefahrer, Cook genannt, sie entdeckte. Die ziemlich groen und hohen Eilande, westlich von Peru, hieen vor Jahrhunderten die niedrigen Inseln, ein Beweis, wie damals die See hher an sie hinaufsplte. Das Senkblei fllt in ihrem Bezirk immer seichter, die Meermoose nehmen zu, die Taucher knnen dort in der Tiefe mit Leichtigkeit beobachten, und aus allen diesen Umstnden lt sich die Richtigkeit jener Verkndung ahnen. Alle die Inselketten in jenem Meere werden dann die Gebirgrcken des neuen Erdtheils sein. Guido sagte hier zu seinem Lehrer: Du drngst mein Nachsinnen in einen noch tieferen Hintergrund. Es macht zwar froh, so viel neue Mglichkeit des Lebens zu trumen, auch sehe ich nur Vortheil fr das Geschlecht darin, wenn junge Lnder zum Anbau einladen, wenn die Kaspische See, das schwarze Meer, das mittellndische Meer, trocken geworden, mit Stdten und Drfern berset werden knnen. Wo soll das aber endlich hinaus? Wenn nun das Wasser, nach manchen Jahrtausenden, ganz vom Erdball verschwnde, mte nicht die Menschheit, an seinen Verbrauch unablig gebunden, jammervoll untergehn? Gelino lchelte und gab seinem Zgling die Antwort: Dies knnte wohl sein, und wenn die hchste Entwickelung, der Menschheit Zweck ist, was wre denn noch an ihrer Fortdauer gelegen, wenn sie das Ziel umfat htte, und es etwa mit jenem Zeitpunkt zusammentrfe? Gleichwohl drfte sein Untergang auch nicht einmal an das Verschwinden des Wassers gebunden sein. Denn, kann der Erdensohn nicht bernehmen, was die Natur nicht mehr nthig erachtet, fr ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Krften ausstattete, und der Gebrauch dieser Krfte hinlnglich erweitert ist? Knnen wir nicht lange schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst sich nicht vervollkommnen? Freilich, neue Meere, um sie lustig zu beschiffen, drfte man nicht hervorbringen lernen; doch Flssigkeiten fr den Hausbedarf, Regengewlke zum Trnken der Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt gelangen, scheinen keineswegs auer dem Bereiche der Sterblichen zu liegen. Doch du wirst darber in Berlin manche Hipothese hren. Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrichtungen, die unser Weg dir zur Ansicht darbietet. Du siehst alle Stdte in Teutonien voller Kunstflei, voller trefflichen Schulen; prachtvolle Tempel und Bhnen zieren die meisten. Bei so vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer groen Volkmenge, hier dem Boden entlockt, ist der Stdte Flor eine ganz natrliche Folge. Der Ackermann nhrt den Handwerker, indem er ihm seinen Ueberflu verkauft, und von ihm wieder die Lebensbedrfnisse holt, welche er nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht wieder die Mrkte anderer Gegenden, mit der Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen wurde, und schafft dafr ihre Erzeugungen herbei. Das Geld, berall werthhaltig und durch weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im richtigen Verhltnisse zum Preis der Sachen, empfngt einen schnellen Umlauf, und regt auf demselben die Betriebsamkeit unaufhrlich an. Wie blhend wir aber diese Gegenden finden, so htten wir nur alte Bcher zu fragen, um ber die Barbarei, welche noch vor drei oder vierhundert Jahren sie drckte, belehrt zu sein. Damals fand man kaum jede halbe Meile ein elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhtten sklavensinnige Halbmenschen wohnten. In den Stdten lag der Gewerbflei krankend danieder. Europens Staaten hatten sich nicht weise verbunden, um durch Handel gegenseitig ihre Thtigkeit zu beleben und die Gensse auszutauschen; man sann nur auf Uebervortheilung, die am Ende Allen verderblich war. Unnatrlich groe Heere wurden auf den Beinen gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel jugendlich rstige Krfte entgingen. Diese Heere nhrten sich nicht selbst durch Nebenarbeit, sondern muten Sold empfangen, wodurch die Regierungen sich genthigt sahen, die Vlker mit Abgaben zu erdrcken. Unter solchen Umstnden muten die meisten Lnder zur Hlfte Wsten bleiben; Tausend harter Ungerechtigkeiten und Thorheiten, die natrliche Folge verkehrter Einrichtungen, nicht zu gedenken. Und die Menschen hatten doch damals, so gut wie in unseren Zeiten, die gttliche Kraft der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche, die Natur dieser Vernunft zu erkennen, sie gleichsam anatomisch zu zerlegen und scheideknstlerisch in ihre Bestandtheile aufzulsen strebten. Es galt demungeachtet von ihnen, was einer ihrer alten Dichter sang: Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh, Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie. Unter diesen Gesprchen kamen die Reisenden durch einen kleinen Ort, wo sie ein dichtes Volkgedrnge und lauten Jubel wahrnahmen. Sich von dem Anla dieser Erscheinung zu unterrichten, nahten sie, und sahen einen Aufzug zum Mariatempel wimmeln. Wohlgeschmckte Priesterinnen gingen, einen lauten Chorgesang anstimmend, voran; dann folgte ein etwas gebeugter, doch gleichwohl noch munterer Greis an seinem Stabe, am Arm ein Altmtterchen, das zwar kaum noch den Fu von der Stelle zu heben vermochte, dem bei dem Allen aber, aus einem mit Runzeln berpflgten Gesicht und dem ermatteten Auge heitre Freude schimmerte. Um die schneeweien dnnen Locken des Paares waren Blumenkrnze geflochten, eine lange Reihe folgte ihnen, bunt aus Personen von dem verschiedensten Alter zusammengestellt, Greise und Greisinnen, Mnner und Frauen in den Mitteljahren, viel blhende Jugend und ein zahlreicher frhlicher Kinderschwarm. Die befragten Zuschauer unterrichteten Gelino: wie das Paar die Hundertjhrige Feier seiner Ehe beginge. Im fnf und zwanzigsten Jahre, erzhlten sie, heirathete einst der Greis, seine Gattin zhlte damals zwanzig. Arbeit, Migung, zufriedener Sinn, lieen sie ein so hohes Alter erreichen. Die ihnen zum Tempel folgen, sind ihre Kinder, Enkel und Urenkel, ein markig Geschlecht, den Stammltern mit inniger Liebe und Ehrerbietung zugethan. Tiefere Rhrung empfand Guido whrend seiner ganzen Reise nicht, als im Anblick dieser Feier. Er versenkte sich in die Vorstellung der Glckseligkeit jenes Patriarchen, hinschauend auf seine Nachwelt, rckblickend in die wonnevolle Vergangenheit eines Jahrhunderts huslicher Eintracht. Und wie Liebe alles gern auf sich bezieht, so trumte er mit hochwogendem Busen, ein Eheleben mit Ini von langer Dauer und am spten Lebensziele gekrnt von Urenkeln. Sie langten bald darauf in der Gegend von Berlin an. Die Masten vieler See- und Stromschiffe erhoben sich, einem Walde gleich, aus seinem breiten Hafen, mit leichten bunten Flaggen geziert, spielend im frischen Abendwinde. Die schne Bergkette, welche an einer Seite den groen Ort umgab, stellte eine lachende Ansicht dar, bepflanzt mit Weingrten, beschattet von Lustgehlzen und prangend mit heiteren Sommerwohnungen reicher Brger. Hier triumphirte, fing Gelino an, menschliche Kunst auf eine seltne Art ber die widerstrebende Natur. Vor Jahrhunderten sah der Wanderer hier nur eine langweilende, kaum von unbedeutenden Erhhungen, die nicht einmal Hgel, sondern Niederungsrnder des Stromes waren, unterbrochene Flche. Die Stadt lag gleichwohl schon in dem Sandmeere da, zeichnete sich durch regelvolle Anlage, und, nach damaligen Begriffen, schne Prachtgebude aus, wovon man noch manche Ruinen, sogar einige noch ziemlich erhalten sieht, die dir, wenn wir ihre Pltze und Straen durchwandeln, zu Gesicht kommen werden. Da nun aber die inneren Kriege in Europa geendet hatten, und, als nothwendig glckliche Folge, die Kultur stieg, auch Berlin, der Sitz des europischen Bundesgerichts -- welches man hieher verlegte, weil Berlin ziemlich den Mittelpunkt von Europa einnimmt -- sehr bedeutend wurde, wollte der Schnheitsinn ihm eine anmuthigere Umgebung erziehen, so wie die Weisheit nthig fand, seiner groen Einwohnermenge neue Quellen der Erhaltung zu ffnen. Beide konnten, wie fast immer, Hand in Hand gehen. Der berhmte Kanal, tief genug um Meerfahrzeuge zu tragen, der die Elbe und Oder auf einem nahen Wege verbindet, und bei Berlin vorber geht, wurde gefertigt, dazu der Hafen, dessen blaue Wogen dort schimmern, an Gre einem migen Landsee gleich. Ohne die Pulversprengungen und die neuerfundenen mechanischen Hebewerkzeuge, mit welchen die Grunderde leicht aus der Tiefe zu winden ist, und man die Strme gegen Versandung und Seichtigkeit schtzt, wren solche Arbeiten unmglich gewesen; mit ihnen kam es nur auf Geld und emsige Hnde an, die nicht mehr fehlten, als mit der Bevlkerung aller Kunstflei mchtig heranwuchs. Auch wurde der Elbstrom, bis gegen die Bhmischen Gebirge, ausgetieft, und eine groe Zahl gerumiger Schiffe, fhrte aus den dort, lebhafter als je bearbeiteten Steinbrchen, die Quadern, womit des Kanals Seitenwnde eingefat wurden. Die aus dem Hafen gewonnene Erde diente nun, jene erhabene Bergkette aufzuthrmen. Ist ihre Hhe, gegen Urgebirge gehalten, freilich nicht von groem Belang, so ist sie es doch scheinbar, da sie sich aus der Ebene erhebt. Indem, nach dreiig mhevollen Jahren, diese Werke ihre Vollendung sahen, meinten die Zeitgenossen, sie wren immerhin, an Arbeit, mit den Piramiden von Egipten zu vergleichen, bertrfen sich jedoch weit an Nutzen. Sie hatten Recht: wer staunte nicht sie erblickend, und wie es sich von selbst versteht, wurden Hafen und Kanal die Quellen groer Reichthmer fr Berlin. Sie waren unter diesen Gesprchen bis an ein Thor gekommen, das auf groen Sulen ruhte. Der Lehrer hatte einst, wie sich auch von seiner Vertrautheit mit den berall vorhandenen Gegenstnden erwarten lt, Europa schon durchwandert, und konnte daher seinem Zgling immer Auskunft geben. Dies Thor, das Brandenburger seit dem Alterthum genannt, ist das schlechteste, es bleibt jedoch als eine ehrwrdige Antiquitt stehen, und trotzt auch schon drei Jahrhunderten durch seine Festigkeit. Dies darf um so mehr befremden, als seine Erbauung noch in die Zeit fllt, wo Bruchsteine nur mit schwerer Mhe auf rmlichen Spreekhnen herbeigefhrt wurden, und man sich meistens der Ziegel bediente. Jetzt haben es freilich die Baumeister bequemer, da der Elbkanal, von Pirna her, so groe Ladungen von Felsblcken trgt, und nun knnen freilich die Tempel und Pallste leicht so stattlich sein, als wir sie sehen. Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner Verwunderung wahrgenommen, da eine Menge leuchtender Kugeln ber den Husern schwebend erschienen. Nun erklrte sich das. Man erleuchtete nehmlich die langen graden Straen mit doppelten Hohlspiegeln von betrchtlichem Umfang, auf hohe Sulen gestellt. Vor ihnen brannte eine kunstreiche, durch Luftzge verstrkte Flamme, deren Licht aber, mittelst einer angelaufenen Kristallscheibe, sanfter erschien, so da das Ganze den Vollmond um so tuschender nachahmte, als seine Karte auf die Scheibe gezeichnet war. Die Wirkung glich eben so, und ein traulich Silberlicht go seine Schimmer in die Straen und Pltze nieder. In der Mitte der Lnge einer jeden Strae, brannte ein solcher Hohlspiegel, fr die Erleuchtung nach beiden Seiten genug, doch so, da man sich mit seiner Gre nach der der Strae richtete. Am Abend gab dies Heer von Monden der Stadt von Auen ein sonderbar liebliches Ansehn. Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe ab. Nachdem jedem von ihnen ein Badezimmer angewiesen worden, erfrischten sie sich in silbernen mit Rosenwasser gefllten Wannen. Hierauf trugen wohlgekleidete Diener das Mahl zur Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalbnieren von Archangel, sehr von leckeren Gaumen beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, deren gewundenes gesprenkeltes Haus einen Krbis an Gre bertraf, und aus Vogelnesten, wohlerhalten von Tunkin gebracht. Wein von Cipern und Buenos Aires, Sorbet in Ispahan verfertigt, perlten in Kristallflaschen. -- Warum gebt ihr uns Speise und Getrnk aus ferner Zone? fragte Gelino einen Diener, ob ihr gleich in eurem gesegneten Lande kstlichen Ueberflu erzieht. Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen gebracht, und gegen unsere Erzeugnisse vertauscht, war die Antwort. Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr schne, doch an Betragen beraus sittsam zchtige, Mdchen tanzten. Gelino sagte: Ihre Formen sind zart und athmen Harmonie, doch die frisch lebendige Flle, welche wir an den Grazien in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch. Allein der Abkunft ist dies zuzuschreiben, ihre Vorltern lebten einst in argem Sittenverderb. Jetzt dagegen giebt es nirgend auf der Erde keuschere Frauen, wie zu Berlin, und zwar sind sie das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen wissen, da man nur durch Keuschheit sich die hchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin haben sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus umgewandelt. Merke dir brigens das lehrende Wort, Guido! Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht, Ini zeichnete es mir mit heiliger Schrift in den Busen. Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst hier einer Sitzung des ehrwrdigen Rathes, Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen, und hier berhaupt lernen, welche Bewandni es mit unserer Verfassung hat. Noch wenig hrtest du von den Knigen in diesem Erdtheil, wenn wir schon einige mit ihren glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist aber ein groer Segen fr die Menschheit. Im Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu machen, und sie whlten das Verderben, ber Fremde und Unterthanen gebracht, unter dem Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schneren Beruf hingegeben, mu es ihr Ehrgeiz sein, da ihr Name wenig zur Sprache kmmt, denn so wird der Beweis, da keine Noth ber ihr Land hereinbricht, am besten gefhrt. Den Lohn fr eine musterhafte Verwaltung empfangen sie beim Leben um so weniger, als Schmeichelei in Europa fr das tiefste Verbrechen geachtet wird; doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht, wohin ihre Urne gebracht werden soll. Haben sie die Bevlkerung gemehrt, erhoben sich Landbau, Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten, kmmt sie in den Tempel der Unsterblichkeit, den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie aber die Regierung als einen Genu, nicht als eine Pflicht an, gelangt sie in einen gemeinen Todtenacker, und wird der Vergessenheit bergeben. Auch ist es herkmmlich, da dann die Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern nur sagt: In diesen Jahren herrschte ein Knig, dem das Gehorchen besser gewesen wre. Als nach vielen blutigen Jahren die neue Verfassung endlich gegrndet werden konnte, wollte man erst die Knige whlen, und immer dem Weisesten in irgend einem Lande die Krone geben. Allein die Schwierigkeiten bei der Wahl mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Volkes wrde heuchlerischen Sinn hervorgebracht haben, und die Stifter des groen Bundes heiligten berall die Wahrheit. Aurelius, der groe Kaiser, von dem du schon oft hrtest, behielt demnach die Geburtfolge bei, doch traf er die Einrichtungen so, da, was frherhin nimmer geschehen war, auch die Knige zu ihrem Amte erzogen wurden. Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit abweichend, je nachdem eingesammelte Erfahrungen die Ansichten umwandelten. Bei einer Erziehung, die es, unter sparsam eingepflanzten fremden Begriffen, auf mglichst vollkommene Entwickelung der Eigenthmlichkeit anlegte, hat sich gezeigt, da sie dann mit dem wirklichen Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden. Bei der mglichst sorgsamen, wissenschaftlichen Bildung ist es wohl geschehen, da die Staaten Mnner auf den Thronen erblickten, welche zu weit mit den Ideen ber die Wirklichkeit hinaus drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum und Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu bringen, da die Frstenshne, frh in ein Fndlinghaus gebracht, Herkunft und Beruf nicht erfahrend, solche Pflege genossen, da an Krper- und Geisteskraft, vor allen Dingen Mnner aus ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Studien, bei welchen ihnen viel Willkhr gelassen wird, mu hauptschlich ihr Nachdenken ber die brgerliche Verfassung wecken, sie gerathen in Lagen, wo sie, zum Handeln gezwungen, ihre ganze Thtigkeit krftigen, hie und da giebt man ihnen, nach dem Maae ihrer Fhigkeit, irgend ein Amt zu verwalten. Bisweilen schpfen sie Unterricht in der Regierungskunde von Weisen, oder an einem fremden Hofe lebend, wo sie sie ausgebt beobachten, und mssen sich dann, unterrichtet ber ihre Bestimmung, einer Prfung des groen Rathes hingeben. Fllt diese Prfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie regierungsfhig erklrt, wo nicht, sind neue Anstrengungen unerlssig. Denn, da es die Klugheit untersagt, das niedrigste Amt im Gemeinwesen, jemanden zu vertrauen, der nicht seine Tchtigkeit dazu auer Zweifel gesetzt htte, so gilt dies allerdings um so mehr vom hchsten, und eine so weit herangereifte Zeit als die unsere, kann sich nicht den Tagen roher Barbarei gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zufall berlassen blieb, ob ein Frst sein Amt begreifen werde oder nicht, wo das frhe Gift der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die eigne Kraft so wenig Anreitz zum eignen Gebrauch fand, weil die Kraft der Diener fr sie waltete, wo sie bald ihre Leidenschaften zum Gesetz erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte und ein sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter in unsinnigen Kriegen zertraten, bald ihres hohen Berufes vergessend, und mit elenden Kleinigkeiten ergtzt, ihre Vlker jedem Sturm von Innen und Auen Preis gaben. Hart muten solche Zeiten ihren Wahnsinn ben, und das Loos der Knige fiel auch sehr traurig. Denn die reichen Gensse freuten sie nicht, da sie keine Entbehrungen wrzten. Die Wahrheit kam ihnen selten zu Ohr, und so im Dunkeln tappend, konnten sie fast nur durch ein Wunder, die ihrer Zeit jedesmal zutrglichen Maanehmungen ergreifen. Wissenschaft, die ihnen allein ein klares Auge htte erziehen knnen, um durch die dicke Weihrauchumwlkung zu schauen, blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn bedroht, eine Kunst, damals Politik genannt, und nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug, ngstete sie unaufhrlich. Jetzt dagegen schirmt sie die Moral des Vlkerrechtes, sie sind nicht nur heilig dem Unterthan, sondern allen Vlkern, die das groe Volk von Europa zusammenstellen, edel genug ist ihre Bildung um hhere Glckseligkeit, als die sinnlichen Gensse oder eitlen blutigen Ruhm, erkennen und empfinden zu lernen. Es ist brigens hergebracht, da vor dem dreiigsten Jahre kein Frst das Szepter in die Hand nehmen darf, wird ein Thron frher erledigt, folgt eine Regentschaft. Worin bestehn hauptschlich die Geschfte eines Knigs? fragte Guido. Er hat die Satzungen der drei Rthe entweder zu genehmigen oder zu verwerfen, und lt sie in jenem Falle mit Machtvollkommenheit zur Vollziehung bringen, antwortete Gelino. Aber knnten die Rthe nicht allein, durch Stimmenmehrheit, entscheiden, und mit Gewalt zum Vollbringen ausgerstet sein? So bedrfte es keiner Knige. Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind dann, wie die Erfahrung bewies, leicht die Folge. Wir wrden sie zwar weniger zu frchten haben, als jene Zeiten, da beim Einzelnen die Sinnlichkeit selten, die Vernunft meistens den herrschenden Zgel fhrt, aber wenn alle Gewalten in eine Spitze auslaufen, ist die Rckwirkung nachdrcklicher. Beschrnken brigens diese Rthe den Knig? In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit andern Formen vertauschen, die er zutrglicher findet. Doch seit lnger als einem Jahrhundert lie sie jeder Monarch unangetastet weil er die Trefflichkeit der Einrichtung nicht verkennen konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am Besten befinden, mu er am vollkommensten mit dem Ganzen verinnigt sein. Die Rthe sind das Mittel dazu. Sie fllen den Raum vom Schlustein der Piramide bis an ihre Ausbreitung, bilden diese vielmehr selbst. Unabhngige Gewalt ist den Knigen darum verliehen worden, damit desto weniger Reitz zu ihrem Mibrauch entstehen knne. Wer alles hat, kann nichts mehr fordern wollen. Die gute Verwaltung ist ihnen durch die Umstnde auferlegt, denn verwalten sie schlecht, verlieren sie mit dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch hin. Doch ein Opfer mssen sie fr den berwiegenden Genu von Rechten, gegen andere Brger, bringen. Es ist hart, allein ihre Vernunft mu die Gte des Opfers einsehn, und die Knige, auch ohnehin in Europa Republikaner, werden es dadurch gewissermaaen noch mehr. Sie mssen sich -- dies ist Reichsgesetz und wird im Fall der Widersetzung durch die Gesammtkraft vollzogen -- der Sigkeit entbrigen, ihre Kinder um sich zu sehn. Diese werden, wie du schon erfahren hast, besonders erzogen, und das Gemeinwesen kann nur, vollkommen beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen, wenn sie berzeugt ist, sie der Einsicht zu bertragen. Welche Einknfte genieen die Knige? Den Hunderttheil von allem Erwerb im Lande. Je bevlkerter und regsamer das Land ist, je hher steigt ihr Gewinn, also liegt es in der Natur ihres eigenen Vortheils, die Menschenzahl, durch Erweiterung der Subsistenz zu mehren, und die mglichste Freiheit zu ihrer Bereicherung zu gestatten. Und dies ist denn auch die beste Regierung. Geitz wre Thorheit, und Thoren knnen die Throne einmal nicht besteigen, Verschwendung eben so, daher sieht man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vortheil, ihr Ruhm, sie den Knigen auferlegt. Fremdes Eigenthum an sich reien zu wollen, kann ihnen nicht einfallen, denn die Unsicherheit desselben wrde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit lhmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen, als sie im Einzelnen ungerecht sich bereicherten. Welche Ausgaben bestreiten die Knige? Sie solden die Rthe, ihre Hofhaltung, und legen eine jhrliche Summe in den Gesammtschatz von Europa, den Krieg bestreiten zu helfen, wenn er gegen andere Erdtheile nothwendig wird. Von den drei Rthen habe ich manches erfahren, doch wnschte ich, du nenntest mir ihre eigentliche Bestimmung genau. Sie sind mit der Religion oder Moral, was Eines und Dasselbe geachtet wird, verbunden, und die Klugheit gilt auch wieder eben so viel. Die hhere Religion, auch mit dem alten Namen Philosophie benannt, ist vom Irdischen abgezogen, hat darauf keinen vom Staat gelenkten Einflu, jeder Einzelne mag zu seiner inneren Wrdigung davon zu erkennen suchen, was er vermag, die Feste des hchsten Wesens, vom Volke unter dem Himmelgewlbe begangen, sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert dort mit dem Herzen. Alles das ist dir bekannt, und du hast das heilige Grauen, die Wonneschauer eingestanden, welche bei solchem Anla ber dich kamen. Doch die irdische Religion, in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das Leben schner mit der Idee zu gatten, steigt auf zur Verehrung hoher Simbole und auch wieder nieder in die Welt vorhandener Dinge, krftiger und erleuchteter zu heiligen. Du knietest oft gerhrt im Christustempel, dem ersten von allen. Seine Priester haben einen obern Sinod, aus den wrdigsten gewhlt, sitzend im Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen. Christus ist uns Heros, oder Beschtzer und Verklrer der Erziehung und des Brudersinnes. In seinem Geist, und auf den Zeitfortgang merkend, haben also die Wrdigen aus denen jener Sinod zusammen gestellt ist, ber Erziehung und Brudersinn zu wachen, dem Volke Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung, auf jede Weise zu bereiten, es durch Rath und auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Frsten Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vorschlge darzubringen, wie neue Stufen der Vollkommenheit zu ersteigen sind. Das Wort Erziehung hat aber einen weiten Umfang. Es begreift nicht nur die Abhrtung und Bildung der Jugend, auch die Erziehung des Geschlechtes durch hheren moralischen Adel zu glcklicherer Wohlfahrt. Dies kann auf keinem anderen Wege geschehen, als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Gewinn der Lebensnothwendigkeiten erhht. Daher stehen nicht nur die Schulen, sondern auch der Landbau, und alle ntzlichen Handwerke, unter der Leitung des Christustempels. Der obere Rath spaltet sich in die besonderen Kammern und hlt in den einzelnen Bezirken untere Verweser, gemeinhin Tempeldiener zugleich, welche heilsame Sorge tragen, und vorzglich ihrem Beruf darin nachkommen, da sie den weisesten Aufflug in Allem beachten, ihm, nach weisen Anzeigen, so viel als mglich die Richtung geben, und, indem alle Weisheit in ihre Krperschaft strmt, diese auch wieder der Quell sei, aus welchem das Volk schpfen knne. Der Brudersinn ist zum Gedeihen aller Volkthtigkeit nothwendig, weil ohne ihn, ein Theil dem andern, berall Hindernisse legen wrde. Er folgt jedoch aus ihrer hheren Vollkommenheit von selbst, denn weil alsdann die Noth um das Mein und Dein, sich immer mehr verringern mu, sind die Hauptwurzeln aller Feindseligkeit auch immer mehr vertilgt. Ermahnungen in frommen, verstndigen, ffentlichen Reden, Belebung des Funkens der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre und Beispiel, die rhrenden Knste zur Mitwirkung rufend, werden keineswegs versumt; doch strebt man am mhsamsten, die Triebe der Selbsterhaltung und Geselligkeit, dem Sterblichen durch die Hand der Natur gegeben, in Einklang zu bringen, wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt. Du lerntest nun bersichtlich den ersten Rath der Knige und seine ausgebreiteten Verwaltungzweige kennen. -- Der zweite Rath hngt mit der Verehrung des Moses zusammen. Dieser ist Heros der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich dies auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde dir im groen Feldlager kund. Reden wir von dem brgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa uns ein weit greres, vollstndigeres Leben zu Theil wurde, das immer neue Verhltnisse schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb bequemer gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie glcklich die, von Wahn gereinigte und durch die Knste veredelte Religion, in einen reinen Antrieb zum freien Guten umgewandelt ist; in welche zarte Mistik, die Grundlinien der Brgerehre verwebt wurden; wie klar das, in frher Erziehung gebte Kombinazionsvermgen, die Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel erweiteten und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, einsieht; wie sorgsam weise Jahrhunderte zu fernen suchten, was gereizte Begierden wecken, niedere Leidenschaften entflammen kann; immer war doch der Stoff des Widerstrebens gegen das Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer noch zum Schaden des Gesammtvortheils auf _sich_ beziehen, und sind die Verbrechen gleich bei weitem seltener als Ehedem, hren wir, Dank sei es den besseren Zeiten! nie von solchen, die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur entweihten, so wird das Gesetz doch bisweilen umgangen, und ein ernsterer Widerstand in warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nthig. Er geht vom Mosestempel aus. Hier wird Recht gesprochen ber den Frevler, wiewohl, von zehn Jahren zu zehn Jahren, die Strafsatzungen haben gemindert werden knnen, indem die traurigen Flle, wo sie eintreten muten, abnahmen. Hier werden auch Streitigkeiten ber Eigenthum, bei denen kein bser Wille, sondern Zweifel zum Grunde lag, geschlichtet. Doch nicht, wie vormals, hlt sich die Gerechtigkeit verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor der Menge Augen, bt sie ihr wohlthtig Amt. Auch predigen die Richter dem versammelten Volke, erklren das Gesetz, beweisen sein Heil, schrfen seine Wrde, und zeigen vorzglich den Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch denn der erregte Ehrgeitz guter Vernunft, auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht eine Klage ber Gewaltthtigkeit -- die letzten Jahre zhlten sie sparsam -- so dingt derjenige, welcher die Beschwerde zu fhren hat, einen Maler, der die krnkende Handlung nach der Natur darzustellen hat. Das Gemlde wird vor den Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung. So braucht es der Anwalde Beredsamkeit nicht. Doch, der Recht verwaltenden Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen auch die schnere Obliegenheit geworden, Lohn fr edle That zu spenden. Sie rufen den Brger vor ihren Stuhl, den eine ntzliche Entdeckung verdient machte, der irgend etwas erfand, wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen kann, den Mann der funfzig Jahre irgend einen Beruf rhmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer langen Reihe von Jahren durch husliche Tugenden ehrwrdig, den alten treubewhrten Diener, und ertheilen ihm ffentlich Lob oder Ehrenzeichen. Die ltesten, tadellosesten, weisesten unter allen Mosespriestern, bilden in der Hauptstadt des Knigs den zweiten Rath. -- Im Tempel der Maria fleht die Liebe, der Ehen heiliges Band wird dort geknpft, die schnen das Leben schmckenden Knste, die Poesie, die aufgeblhte Jugend whnen sich in der Obhut der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun das ganze weibliche Geschlecht. In alter Zeit wurde es herabwrdigend beengt, wir aber sahen ein, da Vernunftwesen eine andere Stellung in der Gesellschaft gebhrt, und ihre Moralitt so durchaus gewinnen mu. Darum ben sie eignen erhebenden Kultus, werden in Reden edler Priesterinnen an die Gattinpflicht gemahnt, ihnen die Grundstze der frhesten Kinderzucht erlutert, ihr Sinn fr das Schne und Gute geschrft, wodurch sie an Anmuth und Liebenswrdigkeit zunehmen. Bei uneinigen Ehen wird der Frauen Recht wahrgenommen, im seltnen schlimmen Fall, Trennung verhngt. Strafe kann dem Weibe nur von hier zuerkannt werden. Die edleren unter den edlen dieser Priesterinnen, stellen des Knigs dritten Rath zusammen. Eine frhere Zeit wrde ber den Rath von Frauen gelacht haben, und doch ist er so angemessen. Auch hat ihr feiner Sinn schon des Guten unendlich viel gestiftet. Nenne mir die Bestimmung des Kaisers! Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten Truppen stehen unter seinem Befehl. Er wacht ber den Frieden der Republik, lt die Heere ins Feld rcken, wenn der Kampf unvermeidlich wird, und endet ihn, wenn es ihm gelang, die Feinde zur Vershnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze der Rekrutirung sind bleibend, nicht der Frsten sonstige Machtvollkommenheit, nur ein allgemeiner Beschlu knnte sie umwandeln. Auch ziehn die Knige nicht mit ins Feld, da sie ihre Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber die Shne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch eines Krieges fllt. Die Uebung der Truppen und Flotten, die Vervollkommnung derselben durch besser erkannte Technik, stehen unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion, dir schon bekannt, prft, schlgt vor, entscheidet ber einzelne Flle, theils allein, theils nachdem der Kaiser besttigte. Der Kaiser ist auch Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine Aussprche zu sankzioniren, insofern von Streitigkeiten der Knige gegen einander, oder von Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die Rede ist. Wenn dies Gericht nicht in Rom seinen Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum Grunde, da es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen werden soll. Die Telegraphenlinie kann ihm zudem in wenigen Stunden von den Verhandlungen Nachricht senden. Der Kaiser hat auch sein Knigreich, und zwar das grere, aus welchem seine Einknfte ihm zuflieen. Seine Vorfahren htten bei ihrem groen Waffenglck leicht ganz Europa sich _unbedingt_ unterwerfen knnen, sie wollten es aber nur durch die gegenwrtige Verfassung _bedungen_, wodurch das weite Reich bequemer regiert, und der immer fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn gelassen wird. Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte viel ber die Verfassung von Europa nach, es drngten sich ihm manche Ideen auf, wie sie noch gesteigert werden knnte, und er nahm sich vor, darber einen Entwurf aufzusetzen. Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine Vorschlge gut wren, er sicher auf das Vergngen zhlen knne, sie in Ausfhrung gebracht zu sehn. Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht oder Vlkertribunal seine Sitzungen hielt. Es war ein Gebude, das durch seine Festigkeit auf ewige Dauer berechnet schien. So viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne Bildsulen von einer Staunen erregenden Gre zierten das Dach. Sie hielten sich umschlungen, ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden Fittigen ber die majesttvolle Gruppe. Im inneren Marmorsaale empfand Guido fromme Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung der Greise sah, denen schneefarbne Brte auf den Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben ein rhrend Schauspiel. Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Knigs ward in den Saal gebracht, von seinen vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende Menge, aus der Ferne gekommen, die der Saal nicht aufnehmen konnte, strzte nach, einmthig flehend, dem Staube ihres Monarchen den Tempel der Unsterblichkeit zu bewilligen. Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete der hohe Senat, allein es darf uns nicht bestechen. Wo liegen die Beweise, da euer Knig das Grab des Ruhmes verdiene? Nun drngten sich besondere Sendungen der Rthe in den Staaten des Todten hervor. Sie reichten Schriften ein, worin die Zunahme der Volkzahl whrend seiner Regierung berechnet stand, in welchen dargethan wurde, da sich die Klagen in den Tempeln des Rechtes, whrend eben diesem Zeitraume, ungemein vermindert hatten; ferner, da auch nicht eine Ehe getrennt worden sei. Die Papiere wurden laut verlesen. Bedchtig horchten die Greise, rhrende Blicke auf die Urne wendend. Nach den Berathungen einer Stunde sprachen sie einmthig aus: Seine Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugni ablegen. Dem Staube werde des Ruhmes Grab, wenn der Kaiser das Urtheil heiligt. Die Todten wurden jetzt berhaupt nicht als Leichname begraben. Man wollte den schauderhaften Zustand der Verwesung nirgend wissen, auch unter den Rasenhgeln emprte er die Gefhle einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte der Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrglichen Kennzeichen des Todes, schafften ihn die Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen chemischen Proze alle Flssigkeiten verflchtigt, und die festen Theile in Erde aufgelset wurden. Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten, den die Stdte mit Baumpflanzungen und Blumen zu schmcken, wetteiferten, um sie dort einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann nur die Stelle bezeichnen, wenn die Mitbrger des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen dieser Ehre wrdig achteten. Den Wohnplatz der Ruhe sollten nicht Lgen entheiligen. Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt hatten, kamen auf ein gesondertes entferntes Grberfeld, de, ohne Strauch und Blumen, und die Stdte fanden einen Stolz darin, kein solches Feld auf ihrem Gebiete zu wissen. Das Bundesgericht meldete noch am Morgen, durch den Telegraphen, seinen Ausspruch nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. Der Kaiser lie durch die akkustischen Rhre zurcksagen: Was eben berichtet sei, stimme ganz mit den Kunden berein, welche ihm von der Amtsfhrung jenes Kniges auf anderen Wegen zugekommen wren. Er ehre der Greise Weisheit, besttigte ihren Spruch, und gebiete, die Urne nach Rom zu senden. Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen und Lorbeeren festlich gekrnt, dann unter hohem Geprnge, bei den Trauermelodien aller Glockenspiele und dem Chorgesang aller Jungfrauen auf einem goldnen Wagen abgefhrt. Ein Ausschu der Greise des Vlkertribunals begleitete ihn, wie Tausende der angelangten Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen lassen wollten, den Reliquien ihres geliebten Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit froher Wehmuth nach, und gestand: wie die Rhrung, welche er heute empfnde, jede bisher gefhlte, bertrfe. Der andere Tag war jedoch noch merkwrdiger fr unsern Jngling. Denn jenes Knigs Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte sich. Er hatte das dreiigste Jahr erreicht, da jener in einem hohen Alter verstorben war. Bescheiden trat er in den Saal. Der Greis, welcher im Namen des Kaisers den Vorsitz fhrte, fragte ihn: Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn? Zuerst in einem Fndlinghause in Spanien. Hast du, dort entlassen, Proben deiner stattlichen Kraft, deines frh gebten Denkvermgens, abgelegt? Hat dein Gemth sich in reinem Sinn bewhrt? Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing, jene Erziehungsanstalt meidend. Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath zufrieden. Der Alte fragte weiter: Wo befandest du dich nachher? Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande und durch die Luft, umschiffte den Erdball. Recht. Du hast deine Bemerkungen auf dieser Wanderung einst uns eingesandt. Wir haben daraus auf den unterrichteten Denker geschlossen. -- Wohin begabst du dich alsdann? Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte. Wann erfuhrst du deine knigliche Abkunft? Im fnf und zwanzigsten Jahre, da der alternde Vater eine Sttze neben sich sehen wollte. Wie ward dir bei der groen Nachricht? Ich fhlte die mir bis dahin unbekannten kindlichen Entzckungen mit Innigkeit, doch erschrack ich, da einst das schwere Knigsamt mich erwarte. Gut und auch nicht gut! Der krftige Mann soll vor nichts erschrecken, der Knig am wenigsten. -- Wie brachtest du deine Zeit neben dem Vater hin? Ich wohnte den Sitzungen der Rthe bei, besah unsere Staaten, bis auf das kleinste Dorf, suchte mich ber ihre Natur, ihre Gewerbe zu unterrichten, den Mann von Verdienst kennen zu lernen. Wohl! Machtest du oft Vorschlge zu Verbesserungen in deinem Lande? Dazu fhlte ich mich noch zu schwach, meinte nichts hher umfassen zu knnen, als der weise Vater. Schlimm, Knigsohn, schlimm! Der Jngling soll nicht stehen bleiben, sondern weiter dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungsgabe wecken. Der Befragte errthete. Sanft munterte ihn aber der Alte auf und fuhr fort: Willst du den Thron deiner Vter besteigen? Wenn ihr, fromme Vter, mich dessen wrdig achtet. Das kmmt nur auf dich selbst an. -- Was denkst du hauptschlich beim Regieren zu thun? Ueberall das Gute zu frdern. Ei, dort falsche Bescheidenheit, hier groe Anmaaung. Rume nur zuvor berall das Bse hinweg, so wird das Gute von selbst folgen. Ich hoffe -- nicht zu irren -- wenn ich strenge den Vater zum Vorbild whle -- So? Du hoffst demnach so gut wie der Vater zu regieren. Ganz so freilich nicht. O, ihn zu bertreffen mu dein Vorsatz sein, wie gerechtes Lob er auch fand. Die neue entwickeltere Zeit lt dir ja ihr Licht flammen. Durch deine Rthe empfngst du es, kannst seine Strahlen, in deiner Vernunft gesammelt, wohlthtig zurckgieen. -- Bist du vermhlt? Noch nicht. Seltsam! Und aus welchem Grunde? Ueber die rastlosen Arbeiten verga ich, mich nach einem geliebten Weibe umzusehn. So war deine Erziehung dennoch fehlerhaft. Die, welche sie leiteten, gaben dir nicht Freiheit genug. Du bist das Werk Anderer geworden, und die eigenthmlich waltende Kraft keimte zu wenig auf. Die Liebe hat ihren Gtterfunken nicht in dir entzndet, darum so karger Aufflug deines Herzens. Wir knnen des edlen Vaters wegen dir nicht nachsehn. Sein Ruhm hat mit dem Wohl der folgenden Geschlechter in seinen Staaten nichts gemein. Ich urtheile, da dein Land ein Jahrlang unter Regentschaft gesetzt werden mu. Whrend dieser Zeit bemhe dich um Selbstvertrauen, um die Kraft des Muthes, die Knigen ziemt. Vermhle dich liebend, dann kehre wieder und hre unsern neuen Spruch. So mein Urtheil, habt ihr es zu tadeln, Vter, so tretet auf und wir wollen die Stimmen sammeln. Alles schwieg. Nach einer Pause fing der Vorsitzer wieder an: Euer Schweigen nennt meinen Spruch gerecht, der Telegraph soll ihn zur Stelle nach Rom bringen. Tief bestrzt stand der abgewiesene Thronfolger da vor der schauenden Menge. Wohl nicht hatte er dies erwartet. Um so erschtterter mute er sein, als der Gram ber des Vaters Tod ihn wirklich tief verwundet hatte. Dennoch galt keine Einwendung gegen das Machturtheil, er durfte die Ehrfurcht dagegen nicht verletzen, und sich, wie ihm geboten worden, auf die neue Prfung vorbereiten. Still ging er nach einer Verneigung mit seinem Gefolge davon. Das im Saal versammelte Volk, sonst gewohnt, die Aussprche welche ihm gerecht schienen, mit lautem Beifall zu begren, verhielt sich diesmal still, und schonte so des Prinzen. Doch nicht, als ob es nicht vollkommen mit dem Vlkertribunal wre zufrieden gewesen, sondern, weil es in diesem zarten Betragen, den Manen des Knigs eine Huldigung darbringen wollte. In lteren Zeiten wrde ein solches Bundesgericht wohl schwerlich seine Bestimmung erfllt haben. Die Macht des Goldes htte ohne Zweifel seine Sprche gelenkt. Allein man whlte die tugendhaftesten Mnner zu den Richterstellen. Und das ein und zwanzigste Jahrhundert hatte in der Kunst, die Tugend zu bilden, Fortschritte gemacht, die das achtzehnte oder neunzehnte nicht ahnen konnte. Dann wechselte man sie oft und unvermuthet. Ferner hatten sie den feinen Takt des Volkes zu frchten, das ber die Gerechtigkeit ihrer Verhandlungen scharf fhlte, und ihre Ehrliebe htte ein mibilligend Gerusch, seit lnger als einem Jahrhunderte nicht erfolgt, kaum getragen. Eben auch stand dem Kaiser das Recht zu, den mit der Strafe ewiger Entehrung zu belegen, der nicht furchtlose Tugend zu seiner Richtschnur whlte. Endlich durften die Knige insgesammt, wenn ihre Stimmenmehrheit das Verfahren dieses Gerichtes tadelnswrdig fand, Einspruch thun, und sich selbst in seinem Pallaste versammeln, um statt desselben zu richten, wo denn der Kaiser in Person vorsa und das Recht der Billigung oder Verwerfung bte. Alle diese Maaregeln erhielten die Ehre des Senats unstrflich. Guido redete viel mit seinem Lehrer ber die Antworten des Thronkandidaten. Er behauptete sehr keck, sie besser gegeben haben zu wrden, und Gelino ermahnte ihn, im Gefhl seines Feuers auch nicht weiter zu dringen als Bescheidenheit es gestatte. Aber, rief der Jngling, war es denn nicht eben Bescheidenheit, was die Vter an dem Knigsohn straften? Allerdings, doch seine Geburt, sein Beruf, die Jahre welche er vor dir voraus hat, leiteten des Tribunals Urtheil. Du aber, den kein Purpur erwartet, sollst mehr streben als whnen erstrebt zu haben. Ich strebe fort, guter Lehrer, entgegnete der Jngling, aber ich wei auch, da ich schon erstrebte. Dann ward er nachdenkend, und rief, in einigen Schmerz aufwallend: O es mu gttlich sein, von einem Throne herab zu gebieten! Beneide die Monarchen nicht, warnte Gelino, schwer ist ihr Amt. Leicht, leicht! schwrmte Guido. Darf ich die Krfte zusammenfassen, kann ich auch mchtig damit walten. Spannt mir nur Sonnenrosse an den Wagen, ich will sie schon durch den Aether lenken! Und doch lt jene Mithe den Verwegenen, der es unternahm, seinen Untergang finden. Ein Furchtsamer hat sie erdacht. An Phaetons Stelle flehte ich zu Ini, und Gtterkraft durchglhte mich! Wahrlich, die Prfung in jenem Tribunal scheint dich hoch zu entflammen. Diese Bemerkung des Lehrers war richtig. Guido sann, von diesem Tage an, fter einsam nach, warf Gedanken ber manche Vlkerangelegenheiten aufs Papier, schnelle Rthe berzog seine Wange, wenn edle Monarchen und ihre Thaten genannt wurden. Oft sprach er von dem Tempel der Unsterblichkeit und erklrte, einen heien Drang zu fhlen, ihn zu sehn. Habe Geduld, versetzte Gelino, wir werden nach Rom kommen. Die Wanderer besuchten nun hier verschiedene Lehrsthle, denn, wie der Norden von Teutonien fr das gelehrteste Land galt, nannte dies wieder die hohe Schule zu Berlin die gelehrteste. Ein Lehrer trug die Geometrie vor, handelte von den seit etwa drei Jahrhunderten erfundenen neuen Lehrstzen, und lchelte dabei ber die geringfgigen Konzepzionen eines Archimedes, Galilei, Newton, la Place. Doch setzte er auch billig hinzu: Diese Mnner bleiben dennoch im Verhltni zu ihren Zeiten vortreffliche Kpfe, da die unsrigen unendlich mehr aussprachen, ist eine Erscheinung, welche durch den wissenschaftlichen Fortgang und die immer mehr zusammengedrngten Volkmassen nothwendig wurde. Guido, selbst ein gebter Rechner, bewunderte die arithmetischen Formeln, welche ihm hier zu Gesicht kamen. Der Integral- und Differenzialkalkul waren auch schon vollkommen ins gemeine Leben bergegangen, und die endlich gefundene Quadratur der Rundung, erleichterte die Messung aller Gren noch weit mehr. Ueber die Mechanik vernahm er unerhrte neue Lehrbegriffe. Nur die Ausfhrung mancher davon, konnte ihn noch zu mehr Bewunderung hinreissen. Denn man beschlo whrend seiner Anwesenheit, einen groen Pallast, welcher in der Strae, wo er gegenwrtig stand, keine vortheilhafte Ansicht darbot, nach einem freien Markte zu schaffen. Sein Fundament ward gesttzt, unterhhlt, gewaltige Hebemaschinen drngten das Gebude im Gleichgewicht empor, Rollen, aus Marmorblcken gehauen, empfingen dasselbe, und in wenigen Tagen war es unversehrt nach der neuen Stelle gebracht, wobei sich an den nthigen Wendungen die schwierigste Kunst offenbarte. Auf der Sternwarte eines durch neue Entdeckungen berhmten Astronomen, hrte er mehrere Vorlesungen. Da man jetzt ber Tausend Millionen Fixsterne zhlte, wogegen vor etwa drei Jahrhunderten deren nur fnf und siebenzig Millionen angenommen wurden; da die Zahl der Ehedem bekannten Dreihundert und neunzig Kometen verdreifacht ausgemittelt war, und ber die Gesetze ihres Umschwungs, die Natur der sie umwallenden Dnste, kein Zweifel mehr bestand; da die Vortrefflichkeit der Sehrhre schon die Planeten der nchsten Sonnensterne erblicken lie, wute er lange; ganz unerwartet erfuhr er hier aber, welchen bedeutenden Vorschub die Chemie der Sternkunde leistete. Denn wenn sie zuvor den Wrme- und Lichtstoff nimmer hatte wgen knnen, so war ihr dies nunmehr ganz bequem geworden. Es gab Waagen, die in Theilbarkeit der Schwere Subtilitten gestatteten, die mit denen, welche das Mikroskop in der Sichtbarkeit erzielt, verglichen werden konnten. Nun hatte der genannte Sternkundige, Strahlen der Lichtmaterie, welche uns von den, viele Billionen Meilen entlegenen, Fixsternen, nach langen Jahrenreihen zustrmt, in luftleeren hohlen Krpern aufgefangen, gewogen und scheideknstlerisch zerlegt. Er wies nun den Zuhrern seine merkwrdigen Resultate vor. Es wurde durch sie erklrt, weshalb das Licht vom Sirius wei, das vom Arktur rthlich sei, warum die Glanzfarben an den Hauptsonnen, in den Sternbildern Orion, Leier, Kassiopea, Lwe, Eridan u. s. w. so von einander abwichen. Aus der Natur ihrer Lichtstoffe schlo nun der gelehrte Mann auf die ihrer Planeten, sogar auf die dort nothwendigen Modifikazionen der anorgischen und organischen Krper, wodurch er einer ganz neuen, erhabenen Wissenschaft, ihr bewundernswrdiges Feld ffnete. In einem Hrsal der Naturkunde fanden sich unsere Reisenden auch mit lebhaftem Antheil ein. Hier zhlte man die Mineralien, Pflanzen, Sugethiere, Vgel, Amphibien, Fische, Insekten und Wrmer auf, welche bis jetzt entdeckt waren. Gegen die Vorzeit hatte sich die Zahl mehr als verdoppelt. Dies galt aber nicht von den Thieren des Meeres, von denen einige Tausend Gattungen in den Registern der Phisiker genannt wurden, wo man sonst nur Achthundert beobachtet hatte. Denn bei jeder Reise in den Grund des Ozeans -- wo sich die khnen Erforscher der wundersamen Tiefe, nach Maasgabe ihres Weiterdringens, einen Ruf bereiteten, wie Ehedem die Colon, Magellan, Hudson, van Diemen, und Tiefgebrge oder Meerthler nach ihren Namen benannt sahen -- wurde man Arten ansichtig, die bis jetzt den Blicken verborgen geblieben waren, und nicht in die hhere Wasserregion zu dringen pflegten. Guido erfuhr viel Seltsames davon, wandte aber der Anatomie der Infusionsthiere noch grere Aufmerksamkeit zu, und die meiste, den Lehren ber das Pflanzenleben. Hier spottete man jetzt der Vorzeit, welche die Vegetabilien einst leblos nannte, ungeachtet einsaugende und aushauchende Gefe sowohl, als die Erzeugung durch Begatten, sie vom Gegentheil htte berzeugen knnen. Die Geogenie behauptete Hipothesen, in welche die Bailli und Gatterer der Vorzeit sich schwerlich wrden gefunden haben. Sie wollte genau angeben, wann einst der Erdball, nur aus Urgebrgen bestehend, durch eine therische Revolution von Wasserfluthen wre umfangen worden, die die Ursache aller Lebenserscheinungen in sich tragend, in dem Maae abgenommen htten, als diese aus ihren Mitteln hervorgebracht wren. Eben so berechnete sie die endliche vollkommene Kondensazion der Flssigkeiten, und wies dann dem erstorbenen Felsball eine Trabantenstelle bei einem weit ber den Uranus hinaus entstehenden oder dann mit Lebenselement umflossenen Planeten an. Andere Meinungen aber, leiteten die Geburt der Erde, von der Begattung zweier Kometen her, da sie in den Aether geworfen worden, gewissermaaen in Eigestalt, wo der Urgranit als das Gelbe, die Fluthen als das Weie zu betrachten wren. Die allmhlige Umwandlung der Verhltnisse des Flssigen zum Festen, nannte diese Meinung, den Wachsthum des Eies, und sein Entfalten zum Kometen, wo einst das kindische Einherwandeln am Gngelbande der Sonnenanziehkraft aufhren, und der kecke Jngling sich der Leitung seiner feurigen Wrterin entziehen werde, nicht mehr wrmende Pflege von ihr bedrfend. -- Freilich zeigte sich hier auch so gut wie vormals die Beschrnkung des menschlichen Wissens, und Guido drngte den Lehrer bald mit Fragen, auf die er keine Antwort hatte. Die Philosophie sah dies gegenwrtig wohl ein und trug zur Belehrung nur ihre eigne Geschichte vor. Die letzteren Sisteme, die jngsten Trume vom Uebersinnlichen, muten nothwendig, nach einem um so grern Maastabe angelegt worden sein, als die Erkenntni im Gebiet des Sinnlichen sich mehr ausgebreitet hatte. Man trug sie vor, beschied sich abzusprechen und berlie jedem Denker -- sich zum hchsten Wesen anbetend zu wenden. Guido, bereits frh mit jugendlicher Weisheit ausgestattet, zeither, wie wir schon berichtet haben, eifrig dem Studium der weisesten Schriften dieser Zeit hingegeben, umfate nun, schnell in sich aufnehmend, was er hier sah und hrte, und vollendeter wurde der tiefe krftige Denker. Die Hochgefhle seines stammenden Thatentriebes, wurden dadurch wechselnd gemildert und angefacht. Wahre geistige Religion, in Bewunderung der Natur und Allmacht, lenkte sein Gemth zum hheren Aufflug als je, und die Liebe, in ihrer immer reineren Mistik, schmiegte sich an alles Empfundene und Gedachte. Allein der Ausdruck eines so schnen Geistes prgte sich auch immer vollendeter in seiner Gestalt aus. Er fhlte, sah es mit Frohlocken, schrieb an Ini: Wenn sein Auge, vielmehr sein Herz nicht lge, msse er nun sehr nahe an seinem Gtterziele stehn. -- Man besah noch das Innere von Berlin emsig. Ein altes Zeughaus lag in ehrwrdigen Ruinen da. Es war nicht wieder erbaut worden, indem bei der jetzigen, glcklichen Verfassung von Europa, in der Mitte des Staates keine Waffenvorrthe nthig waren. Ein Standbild Friedrichs II. zog Guidos Blicke auf sich. Sein Lehrer sagte: Diesem Knig war freilich Neigung zum blutigen Ruhm vorzuwerfen, und er fhrte Kriege, die allerdings zu vermeiden gewesen wren. Doch entschuldigt der rohe Charakter seiner Zeit viel daran. Hingegen wute er den Monarchenberuf, der sich mit dem Ganzen zum Vortheil Aller verinnigen, und das Staatsschiff im Strome der Zeit dahin lenken soll, ohne seine Wogen vorauseilen zu lassen, oder ihnen selbst voranzufliegen, so richtig zu erfllen, da manche Zge seines Regentenlebens, sogar jetzt noch, jungen Gekrnten Muster leihen drfen. Deshalb prangt auch nicht allein hier sein Denkmal, sondern seine Reste wurden spterhin auch nach Rom gebracht. Du siehst seine Urne dort im Tempel der Unsterblichkeit. Hatte sein Volk sich zur Gre aufzuschwingen verstanden, wie sein Knig, so ging vielleicht Europas schnere Entwickelung, von Friedrichs Monarchie aus. An dem Marmorbilde einer Knigin des Alterthums, weilte der Jngling bewundernd. Gelino unterrichtete ihn: Diese Huldin auf dem Throne, Luise genannt, sei die schnste Frau ihrer Zeit gewesen. Auch wre die Vorliebe fr ihre Gestalt hier so lebendig auf die Nachkommen bergegangen, da man sie in den Marientempeln, durch Knstler von Athen, noch immer nachahmen liee. Es befand sich auch ein Pantheon in dieser Stadt, wo die Bildnisse verdienter Mnner in diesen Gegenden, aus neuer und lterer Zeit aufgehangen wurden. Man sahe hier Albrecht, Waldemar, Luther, Copernikus, Guerike, Friedrich Wilhelm, Leibnitz, Kant, einen gewissen Rochow, einen gewissen B*** -- -- doch der Verfasser dieses Werkleins mag es nicht unternehmen, die noch anzugeben, welche sein prophetischer Traum sah, mancher Aspirant der Unsterblichkeit wrde zrnen, sich zu vermissen. Wir wollen nun mit unserer Reise mehr eilen, sprach Gelino. Hinlnglich sahst du das arbeitsame Treiben kleiner Stdte und auf dem Lande in dieser Erdgegend. La uns die schnelle Luftpost dingen. Noch vor Aurora klang das Horn, die Reisenden warfen sich in die Gondel. Morgenschlummer sank noch ber sie. Als sie davon aufdmmerten, lie sich das Fahrzeug schon auf die Bhmische Bergkuppe nieder, wo sich die erste Station nach Wien befand. Neue Adler flogen muthiger ber die lachenden Ebenen hin, man sah die rauchenden Sudeten, gleich Altren, von denen dem Ewigen der Andacht Opfer emporwallte; die Elbe, die Moldau gleich geschlngelten Silberfden; Glockenklnge, Erntelieder, ineinander gewebt, tnten zu ihnen herauf. Gegen Mittag schwebte das sonnenbeglnzte Prag vorber, zwei Stunden danach nahmen sie auf einem Hgel in Mhren, wo die zweite Luftpost erbauet war, ein erfrischendes Mahl. Dann ward wieder angespannt und das Sehrohr entdeckte schon die ehrwrdige gothische Piramide, Ehedem sammt ihrer Kirche dem heiligen Stephan geweiht, nun ein Christustempel, noch dauerhaft genug, ferne Jahrhunderte zu sehen. Am Abend zog man ber die Wipfel des Prater hin, vielen Lustwandelnden in der Hhe begegnend, und der Fuhrmann senkte seine Passagiere auf die Platteforme des Gasthauses, zum Ochsen genannt, nieder, das seinen alten Namen in dem Betracht nicht gendert hatte, da ein Ochs zu allen Zeiten ein venerables Thier bleiben wird. Sie speisten noch weit leckerer zu Nacht als in Berlin, die Enkel waren hierin den Vtern treu geblieben, auch das Bad enthielt mehr aromatische Beimengungen, strkte die Lebensgeister und munterte hher zu Genssen auf. Am andern Tag besahen sie die Stadt und das von Schiffen wimmelnde Bassin der Donau, welches hervorzubringen, die alte Brigittenau zerstrt worden. Gelino erzhlte seinem jungen Freunde: wie kunstreich-mhevoll denkende Regierungen bewirkt htten, da Seeschiffe die Donau stromauf htten befahren knnen, was in alten Zeiten, bei allem erfinderischen Flei, nicht einmal mit kleinen Khnen sei thunlich gewesen. Eine Uebereinkunft mit Griechenland, groe Summen und das Ausharren bei vieljhriger Arbeit, htten dennoch allen Widerstand besiegt. Da der zu starke Fall des Stromes alle Hindernisse legte, waren zu seinen Seiten hohe Dmme aufgefhrt, das Flubette vertieft und gendert, und demnchst von dreiig Meilen zu dreiig Meilen bis zum schwarzen Meere Wasserflle angelegt worden, die dem von Niagara flchtig glichen. So hatte die Hidraulik die Fluthen zu einem ruhigen Lauf gezwungen. Kam nun ein Schiff dem Strom entgegen -- entweder vom Winde oder von Maschinenruderwerken geleitet -- bis an einen Wasserfall, hob es eine Schleuse empor; im anderen Falle trug sie es nieder. Noch eine andere gigantische Arbeit hatte der Unternehmungsgeist hier vollbracht. Lange schon waren die Einwohner der Meinung gewesen, jener Zweig der Steiermrkischen Gebirge, unter den alten Namen, Kalenberg und Leopoldsberg, bis ans Donauufer dringend, erklte die Gegend und mache die Witterung unbestndig. Ohne ihn, war man berzeugt, msse das Klima so freundlich sein, als unter gleicher Breite in Ungarn. Nicht nur auf sich, sondern auch auf die Enkel blickend, hatten also die Grovter -- diesen Namen zwiefach tragend -- eine Summe zusammengebracht, um funfzig oder achtzig Jahre hindurch, einige Tausend Arbeiter und Lastthiere damit verpflegen zu knnen. Weit hinauf gegen Steiermark zu, wurden nun die Berge gesprengt, und zwar nicht mit Pulver, um die Stadt nicht zu erschttern, sondern durch knstlich darin erzeugtes Eis, was auch frherhin begreiflich gewesen wre, da man schon im achtzehnten Jahrhunderte, die Kraft, welche eine Bombe, mit Wasser gefllt, das in Frost bergegangen ist, sprengt, auf 3351 Pfund berechnete. Die zerstckelten Felsen, schafften nun Prahmenwagen von ungewhnlicher Gre, auf einer eigen dazu gefertigten Kunststrae aus Eisenerz, nach Mhren. Da sie aber keine Brcke htte tragen knnen, mute man sich entschlieen, einen hohlen Gang unter der Donau hin zu wlben, gegen welchen die gepriesenen unterirdischen Kanle im alten Rom, nur ein Spielwerk zu nennen waren. In Mhren ward das Gebirge wieder aufgefhrt. Nun wehten die sdlichen Lfte freier, die aus Norden wurden betrchtlich gehemmt. Durch alle solche Maaregeln hatte die Bevlkerung der Stadt bis auf eine Million zugenommen. Die alten Festungwerke vertilgte man lngst, wo sonst die Vorstdtische Linie ging, begrnzte sich nunmehro die Stadt, die neuen Vorstdte flossen nicht nur mit Schnbrunn, Dornbach, Nudorf, sondern sogar mit Enzersdorf und Neuburg zusammen. Vergngungen und Wohlleben wurden berall sichtbar. Guido besuchte an einem Abend den maskirten Ball. Sein Lehrer folgte ihm nicht, hatte Daheim zu schreiben. Die alte Sitte, sich scherzend zu verlarven, bestand noch, doch feinsinniger und deutungreicher. Der Jngling erblickte viele Schnheiten, anziehend durch liebliche Formen, bei allem dichten Gewande. Doch ruhte sein Auge mehr neugierig als betroffen darauf. Eine aber darunter, wie Hebe gekleidet, das Gesicht bis an den Mund verschleiert, regte seine Aufmerksamkeit lebendiger an. Hchst edler Gang, bezaubernde Harmonie in allen Bewegungen, der untere Theil des Gesichts, wo sich das Kinn in zarten Wellenlinien, der ausdruckvolle, lchelnde Mund in zwei rosenhaft prangenden, sanft gespannten Lippen, darstellten, begannen seinen Puls zu erhhen. Alles mahnte ihn an Ini, nur eine etwas lngere Gestalt sah er hier. Er konnte nicht umhin, der freundlichen Erscheinung im Gedrnge zu folgen, den trunkenen Blick ihr nachzusenden, endlich bebend die Maske zum Tanz einzuladen. Sein Verlangen ward erfllt, selig flog er mit der Schnheit durch die Reihen. Ihre Berhrung traf ihn wie elektrische Funken. Gefhle wie aus anderen Welten durchstrmten ihn. Die Musik, nur Melodien der Liebe und Wollust athmend, nahm das noch Uebrige seiner Besonnenheit hin. Wien, schon im Alterthum seiner Tonknstler wegen gerhmt, hatte auch zeither hierin den Vorrang behauptet. Die Revoluzion der Musik, Ehedem kaum geahnt, war von Wien ausgegangen. Wo sonst die Tne wild und dunkel schwrmten, fand jetzt alles klare Bedeutung. Die Musik hatte, was ihr immer fehlte, ihre Grammatik empfangen, auf diese grndete sich die Uebereinkunft wegen ihrer Sprache. So konnten die bestimmten Zusammenklnge, Figuren, Zeitmaae, Worte vertreten; Poesien, Reden u. s. w. ausgefhrt werden, die der leicht Unterrichtete vollkommen verstand. Einem Gtteridiom glich die herrliche Erfindung. Welchen Eindruck mute sie hervorbringen! Bei der Tanzmusik entstanden oft Klagen der Polizei, wenn sie zu ppige verfhrerische Klangworte sprach. Wie jener Grieche einst die Saiten der Lira verminderte, wie Gregor VII. bei dem Tempelchor auf grere Einfalt drang, lie sich jetzt eine Censur die Tanzstcke vorzeigen, und strich manche Notenphrase. Bei den maskirten Bllen sah sie indessen hie und da nach, vielleicht zu sehr, und so ging dem zu weit hingerissenen Jngling, die alte Strenge gegen leidenschaftliche Aufwallung, beinahe zu Grunde. Guido knpfte, mit seiner Tnzerin im Nebenzimmer ruhend, warme Unterredungen an. Sie war im Anfang einsilbig, antwortete jedoch immer mit Witz und Gehalt. Auch tiefe, himmelvolle Empfindung verkndete sich in ihren Worten. Guido sagte ihr, seiner nicht lnger mchtig: Ich liebe ein Mdchen daheim, ach mehr wie das Gttliche in der Natur, nimmer wankte mein Herz -- als vor deinem Anblick! Die Verschleierte gab zu Antwort: Der Uebergang von Liebe zu Liebe lohnt mit hoher Wonne. Der strafende Vorwurf, was kann er, als den neuen seligen Taumel wrzen! Guido rief: O wie unterwirft mich der Zauberklang deiner Stimme! Dein Auge strahlt helle Glorien durch den Schleier. O warum darf ich es, warum die Blthe der Wangen nicht sehn? Hier nicht, entgegnete die Schnheit, doch folge nach meiner Wohnung. Sie stand auf, eine ganz verhllte, ltliche, weibliche Maske, trat hinzu, begleitete Jene. Guido zauderte lange. Ein drngender Zug, den Himmel weissagend, gebot ihm ihr nachzueilen, eine innere tadelnde Stimme hielt ihn zurck. Doch eine weiche Hand, die die seinige ergriff, und mit therischer Wrme durchglhte, lie keine Wahl mehr. Unten harrte ein niedlicher Wagen. Die Masken stiegen in denselben. Guido nahm rckwrts seinen Platz, man rollte dahin. Das Herz von sen Erwartungen bebend, die Gewissensregungen niederkmpfend, sa der Liebeglhende da, zur Rede kaum ermannt. Man hielt an einem Gartenthor, das sich auf ein Zeichen ffnete. Holde Blumendfte athmeten den Eintretenden entgegen. Der rthlich aufgehende Mond schien durch die blhenden Orangenbume, die holde Maske fhrte Guido nach einem Lusthause, wo eine kleine Lampe vor einem hohlgeschliffenen groen Amathist brannte. Diese magische Helle verklrte alle Gegenstnde umher. Kstliche Teppiche waren im Zimmer ausgebreitet, das Ruhebett im Hintergrunde umflo eine knstliche Wolke, aus dem Rauche s betubender arabischen Spezereien. Die Maske fhrte Guido hinein, alle Fibern und Nerven erklangen in ihm. Er stammelte: Nun, nun, la mich dein Antlitz schauen! -- Nicht ehe, bis du mir, ein Abtrnniger deiner vorigen Erwhlten, ewige Liebe schwrst. Guido erschrack heftig, seine Sinnenverwirrung nahm jedoch zu. Dann, fuhr sie fort, bist du mein Gott diese Nacht, deine Io umarmt dich in dem Zaubergewlk. Guido schlug auf die Brust. Die Lippe wollte sich ffnen, doch seine Hand hatte Inis Bild am Herzen verborgen, getroffen. Dies rief ihm Ermannung durch die Seele. Er ri das Gemlde hervor, warf einen Blick darauf, hohe Gewalt der Unschuld kehrte ihm zurck. Nein, Verfhrerin, rief er, Treue ist schner als Wollust! Heil mir, dem der Muth zu fliehen erwacht! Er eilte aus der Grotte, stark, krftig in wiedergekehrter Tugend. Es schien ihm, als ob himmelse Stimmen ihn zurck riefen, er widerstand. Am Gartenthor angekommen, fand er es verschlossen, was ihn peinigend ngstete. Er wollte hinaus in die Freiheit, desto ehe Meister zu sein der gefhrlichen Leidenschaft, in Gelinos Armen Schutz dagegen suchen, wenn die eigne Kraft nicht mehr zulange. Seine Furcht war heftig, doch gerecht. Er wute auch, der wahre Muth knne sich der Verfhrung nur entwinden, und sein feiges Beben durchflammte Heldengefhl. Umsonst bemht das Thor zu ffnen, weilte er mit Einemmale starr und unbeweglich. Eine Melodie ergriff ihn so wunderbar. In holden Zaubertnen redend, edler, siegender, wie alle die er in Wien gehrt hatte, doch schon einst von ihm gehrt, lste sie gttlich seine innere Welt. Erinnernd, die seligsten Bilder der Vorzeit im Gefolge, traf ihn die Melodie. Die Saiten einer Zephirharmonika strmten sie nieder, dort in Sizilien hatte sie ihn einst zu einem verklrteren Dasein emporgetragen. Was hie das? Was sollte Guido denken? Er konnte nicht mehr fliehn, wandte sich um, nach der Seite des Klanges horchend. S lispelten die Zweige der blthenduftenden Linde, im strker wehenden, warmen Abendwind. Hher schwebte der klare Mond, heller gossen sich seine Strahlen auf die Wipfel nieder, Guido sah etwas ber diesen Wipfeln, sanftleuchtend und rosig schimmern, und wandelte bebend den Pfad dorthin. Die schwarze Maske trat ihm entgegen, nahm ihn bei der Hand, fhrte ihn durch eine dunkle Krmmung, wo er aus den Blick verlor, was er eben gesehen hatte, doch immer noch, die Melodie vernahm. Kein Wort konnte die Lippe stammeln. Bald endete das Dickigt vor einem freien mondbeglnzten Hgel, und vllig sichtbar in der ereilten Nhe, winkte das hohe Instrument, dem hnlich, das Guido auf dem heimathlichen Eiland entzckte. Die Hebe rhrte nun ihre Saiten nicht mehr, stieg herab, ach! wie einst Ini im Abendschein. Guido sank aufs Knie, Ahnung, Verwirrung, Furcht und selige Wonne zugleich im Busen. Des Mdchens weier Arm zog den Schleier vom Antlitz -- o Himmel! -- Geliebte! Mehr vermochte der Jngling nicht zu sagen. Ini trat nher, erhob ihn lchelnd. Prfen wollt' ich deine Liebe, sprach sie, Athania war Zeugin von Allem. -- Die schwarze Maske enthllte auch ihr Gesicht. O ich bin ein Unwrdiger, verdiene den Tod! rief Guido mit zerrissenem Gemth. Richte, Athania! sprach Ini wieder. Die Erzieherin fing an: Mnnlich hast du der scheinbaren Verfhrung widerstanden. Deine Flucht war Treue und Tugend. Nicht darf dich die Liebe anklagen. O Ini, brach Guido aus, der Schrecken in nie geahnten himmelvollen Entzckungen verwirrt mir die Seele. La mich Besonnenheit sammeln, damit ich mein Herz fragen knne, ob Schuld seine Reinheit trbt? Dann -- o dann will ich entfliehn, mich ewig zu verbergen! Frage, entgegnete hold das Mdchen. Guido schwieg lange, mit tief gesenktem Blick; dann hob er das Auge langsam empor, doch freier, klarer. Freudig errthend rief Ini: So blickt nur die Unschuld auf. Du bist rein! Ach, entgegnete Guido, wenn deine Gestalt mich einen Augenblick mir selbst raubte, so konnte es auch nur diese, diese Gestalt. Ich habe mich nicht anzuklagen, sie gebietet meinem Leben. Er blieb deiner werth, fiel Athania ein, glckliche Freundin! Wenn meine alten Bedingungen erfllt sind, ist er meiner werth; und ich seiner, wenn ich selbst vollbrachte, was ich mir einst aufgelegt habe, war Inis Antwort. Sie nahm Guido bei der Hand, ihn in ein erleuchtet Gemach zu bringen. Er folgte, immer noch mit einigem Zittern. Ich bin nach Afrika beschieden, sagte sie auf dem Wege, ohne zu wissen, wie lange ich ausbleibe. Du kamst nach Wien, der Abstand von Sizilien ist so weit nicht, ich beschlo, dich hier zu sehn, zu prfen, miethete den Garten. Doch nur eine Stunde kann ich noch weilen, dann steige ich in meinem Wagen auf und fliege zur Heimath. Sie hatten das Gemach erreicht, hohe freudige Bestrzung ber des Mdchens vollkommenere Schnheit in Guidos strahlendem Blick, aber auch das nmliche se Staunen in Inis glhendem Auge. O, rief sie, viel, viel hat mein Guido whrend seiner Entfernung gethan, die innere Schnheit auszubilden, der letzte Sieg gttlicher Tugend machte dich verwandter noch mit meinem Ideal, der unverkennbare Zug des edlen Triumphgefhls ist dir auf ewig eingeprgt. O Ini -- ich wei mich nicht anzuklagen, und dennoch -- ich htte nicht folgen sollen -- Ohne Gefahr kein Kampf, ohne Kampf kein Sieg. Guido lie nun seinem Entzcken ber Inis neue hinreiende Anmuth freien Lauf. Sie sprach: Das Weib kann daheim nur im Stillen sinnen, wo der Mann in die Ferne schweift, handelt, wirkt. Doch ber sein Handeln und Wirken sinnt eben einsame Liebe ungestrt, und frgt das ruhige Gefhl nach dem Rechten, Guten, Wahren. Ich, die Malerin, ersann daheim deine Aufgabe. Mein Gefhl weissagte ihre Lsung. Der Geist deiner Liebe mute ferner walten, und redlich hat er gewaltet. Doch ist das Ziel noch nicht erreicht. Vielleicht lange noch nicht. Sei nicht traurig. Die Zeit vor dir, die Kraft in dir, werden mchtig fortgestalten. Nur vergi nicht, da du Gemth und Geist in immer vollkommeneren Einklang bringen mut, den Preis der hchsten Schnheit davon zu tragen. Noch gab' dein Gemth oft zu vielen Ausschlag. Dieser Durst nach Heldenruhm, um den ich dich einst anklagte, wenn er gleich dem Manne ziemt, mu sich der Betrachtung ber die schnere Eintracht der Menschheit unterwerfen. Das Wissen, die hellere Uebersicht, mssen diese Betrachtung rufen. Doch wenn Pflicht es gebeut, mut du entsagen knnen, auch wirklich entsagen. Dies Wort verstehe wohl, dann wird erst das Gttliche in Herrlichkeit den inneren Menschen durchstrahlen, und von vollendeter Bildung die verklrte Gestalt zeugen. Roher Sinnenwahn, niedere Leidenschaft gebieten nicht mehr in dir, durch den letzten Kampf hast du dich ihnen ganz entwunden, des Denkers gereiftere Kraft wohnt auf der weit vorgedrungenen Stirn, was den Linien im Antlitz sonst hie und da ein Miverhltni erzog, ist viel ausgeglichen. Viel -- nicht vollkommen. Noch Uebung im edlen Denken, im richtigen Empfinden, noch ein groer Triumph ber selbstschtig Begehren, und ich hoffe, du stehst am Ziel. Es folgte eine himmelvolle Stunde trunkner Unterhaltung. Sie floh wie ein Augenblick. Dann mahnte Athania. Kein Flehen hielt Ini zurck. Sie erhob sich im mondbeleuchteten therischen Wagen, flog unter den Sternen hin, einem Seraph hnlich, in der Glorie aus Lunens Strahl gewunden, und schwand dann in blauer dunkler Ferne dem entwichenen Meteor gleich. Guido empfand die Nacht und den folgenden Tag hindurch, nur den Nachklang der seligen Erscheinung, alles um sich vergessend; dann ermannte er sich, und drang wieder, um den schnen Preis kmpfend, ins Leben. -- Die Reise ging nun nach Frankreich. Es wrde zu viele Zeit geraubt haben, noch lnger in Deutschland zu weilen, ob gleich noch viel Sehenswerthes brig blieb, das sie in Mnchen, Stuttgardt, Frankfurt u. s. w. htten betrachten knnen, als besonders kluge Einrichtungen, Monumente alter trefflicher Frsten, Volkfreuden. Doch sie muten es, nach dem einmal gewhlten Plan, bei den grten Stdten bewenden lassen. Unfreundliche Herbstwitterung strte die Reise in etwas. Wenn sich der Luftwagen vom Posthause aufschwang oder bei dem folgenden niedersenkte, hatten die Adler Mhe, gegen die Strme anzukmpfen. Auerdem hielt man sich jedoch in der hheren Region, wo kein Wind mehr sauste, und die angespannten Thiere konnten bequem ihren Pfad verfolgen. Gegen die Klte schirmten artige Oefen von dnnem Blech, mit Papier geheitzt, und Pelzhllen von Schwanenfell. Am Rhein und in den Gegenden des ehemaligen Lothringens, freute sie der laute Winzerjubel der unter ihnen tnte, eben so die berall noch dichter als in Germanien angebaute Landschaft. Ohne Unflle erlebt zu haben, erblickten sie bald das weitluftige Paris, dessen Vorstdte jetzt mit Meaux, St. Denis, Versailles u. s. w. zusammenhingen. Guido wunderte sich ber eine dnne spitze Sule von niegesehener Hhe, die eine seltsame Gestalt hatte und fragte seinen Lehrer, was er davon zu denken htte? Dieser erklrte ihm, wie die Pariser schon lange damit unzufrieden gewesen wren, bei regnigtem Wetter ihre enggebaute Stadt so unreinlich zu sehn. Die Erfindung htte sich in mancherlei Mitteln gegen diesen Uebelstand erschpft. Es sei im Werke gewesen, die nahenden Regenwolken jedesmal durch Kanonen von Luftbatterien zu zerstreuen und so die Atmosphre der Stadt zu reinigen. Allein die Eigenthmer der Grten in den Umgebungen, htten sich ber diese Maaregeln mit Recht beklagt, weshalb man sie einstellen mssen. Endlich aber sei ein Projektant aufgetreten, mit dem riesenhaften Entwurf eines Regenschirms fr die eigentliche Stadt. Die dnne Spitzsule, fuhr er fort, ist es. Eine Gesellschaft Aktieninhaber besorgte die Errichtung; eine kleine Abgabe aller Einwohner, fr die trockne Reinlichkeit willig gezollt, trgt den Zins und die fortlaufenden Kosten. Die Sule steht genau in der Mitte von Paris. Zweitausend Schuh hoch, besteht sie aus starkem Granit, auf einer hinlnglich festen Grundlage. Dann folgen bis zur Spitze wohlzusammengefgte Eichenstmme, um welche Eisenringe laufen. Eine Wendeltreppe von Auen fhrt vom Fu bis zur Hhe. Der ungeheure Schirm besteht aus einem von Hanffden gewebten Tuch, mit wasserdichtem Firni berzogen. Wallfischrippen, durch Klammern verbunden, spannen ihn bis zur Mitte, von da wird der gardinenartig aufgehobene Theil, mittelst gewaltiger Taue, die nach allen Seiten in Abstnden von Hundert Klaftern, zur Erde gehn, niedergezogen und wieder empor gebracht. Die Erhebung der Wallfischrippen vollzieht ein ungemein kunstreicher Mechanismus. Indem er noch sprach, umdunkelte sich der schon trbe Himmel noch mehr, die Gewlke nahmen gegen die Stadt ihren Lauf. Eine Fahne wehte pltzlich vom Gipfel der Piramide, das Zeichen fr smmtliche Arbeiter an ihr Werk zu gehn. Nun whrte es kaum zwei Minuten und das weite Gezelt breitete sich ber die Tempel und Husermassen hin. Der Postillon trieb die Adler mchtig an, um auch bald den Schutz zu genieen, und in kurzem befand man sich unter der wohlthtigen Decke, auf welche der Platzregen mit dumpfhohlem Getse niederschlug. Guido bewunderte am meisten die Rhren des Umkreises, die das abstrmende Wasser auffingen, und in die verschiedenen, zu diesem Zweck gegrabenen, Teichbassins leiteten, die wieder einen Abflu in der Seine fanden. Er betheuerte: unter allem Merkwrdigen, was er noch auf der Wanderung gesehen, stnde dieser Paraplu oben an. Es ist auch ein Erdenwunder von Kunst, sagte Gelino. Sie stiegen im Posthause ab, bergaben Trgern ihr Gepck, und eilten zu einem Wechsler, wo der Lehrer Summen, fr ihren Aufenthalt nthig, in Empfang nehmen wollte. Unterwegs stellte sich ihnen ein sonderbarer Anblick dar. Ein Mensch bettelte. Dies war so unerhrt, da das aufgeregte Mitleid keine Grnzen kannte. Aus allen Husern eilte man hervor, den Unglcklichen mit Wohlthaten zu berhufen, der sich auch bald in Besitz so vielen Geldes sah, da er flehend bitten mute, nur einzuhalten. Guido reichte ebenfalls hin, was er bei sich trug, und fragte den Lehrer: wie so eine, die Menschheit entwrdigende, Erscheinung mglich sei? Dieser erkundigte sich nher, und erfuhr: der Mann wre aus dem sdlichen Amerika, und durch einen Schiffbruch um seine Habe gekommen. Guido schauderte bei der Nachricht von einem Schiffbruch. Sie waren jetzt beraus selten, nur ein bedeutender Fehler des Piloten konnte es dazu kommen lassen. Denn bei den genauen Karten vom Meergrunde, der schon seit mehr als einem Jahrhundert entdeckten Berechnung der Lnge, den herrlichen Mitteln bei Nacht einen weiten Umkreis zu erleuchten, konnte man beliebig jeder Gefahr entfliehn, auch der dauerhaften Bauart der Schiffe und der Mglichkeit, fast berall vor Anker zu gehn, nicht einmal zu gedenken. Hier hatte inzwischen ein Schiffer strafbare Nachlssigkeit verschuldet. Das Betteln aber mute darum mnniglich so befremden, weil auch seit lnger als einem Jahrhunderte es in Europa unerhrt war. Denn Staatsordnung, Sitte, moralisches Gefhl hielten Jeden zur Thtigkeit an, und da Landbau und Handwerke, durch tiefere Naturkunde und viel erweitete Technik, so leicht, so berflssig die Lebensnothwendigkeiten hervorbrachten, so war es auch der Betriebsamkeit des Einzelnen, sie mochte bestehn worin sie wollte, nur ein Spiel, seinen Antheil zu erwerben. Die erhhte Bevlkerung, statt diese Leichtigkeit zu stren; mute sie vielmehr, ihrer ganzen Natur nach, frdern, woran man, nur bei irriger Kenntni der mglichen Fruchtbarkeit des Erdbodens, zweifeln kann. Allein weise Anordnungen dachten auch auf Krankheitflle Unbemittelter, auf Verstmmelte, auf hohes entkrftetes Alter. Um nun in solchen Fllen ein Recht auf Untersttzung zu begrnden, hatte jedes Kind, ohne Ausnahme, bei seiner Geburt, eine kleine Summe zu erlegen, oder vielmehr die Aeltern statt seiner. Zudem jede einzelne Person, einen geringen monathlichen Beitrag. Die Summen wurden klglich bewirtschaftet, wuchsen dann sehr natrlich hoch an, und konnten viel bestreiten. Um aber die monathliche Erhebung der Beitrge minder weitluftig zu machen, hatte man sie in eine, durch ganz Europa gleichmig aufgelegte, sehr geringe Akzise, verwandelt. Nun mochte sich Jemand aber in Europa auch befinden, wo er wollte, seinen Aufenthalt ndern, so oft es ihm gefiel, immer zahlte er unmerklich und behielt sein Recht. Die Summe des allgemeinen Armenschatzes, den auch der ganze Erdtheil -- bei der vervollkommneten Arithmetik, wovon schon die Rede war, hchst bequem bersah -- mute auch darum so grer werden, als Reiche oder Wohlhabende, bei der Geburt eines Kindes nicht den gewohnten Satz, sondern mehr beisteuerten. Gerieth nun Jemand in Noth, meldete er sich bei der nchsten Sadtverwaltung. Diese untersuchte seinen Zustand genau. Einem gesunden Menschen ward nicht das Mindeste schenkend gereicht, sondern er empfing die Gelegenheit, durch diejenige Arbeit, welche er verrichten konnte, den Unterhalt zu erschwingen. Krank dagegen nahm ihn ein Spital auf. Das Alter von sechzig Jahren durfte auf eine angemessene Beihlfe zu der ihm noch mglichen Arbeit zhlen, ber siebzig Jahr verpflegte man dagegen Greise und Greisinnen ganz, was auch bei Krppeln und dergleichen geschah. Bei dem allen hielt ein zartes Ehrgefhl die Geschlechter ab, eines ihrer Glieder in die Nothwendigkeit zu versetzen, die ffentliche Wohlthtigkeit in Anspruch zu nehmen; wenn es irgend mglich schien, verheimlichten sie den Mangel in den einer der ihrigen gesunken war, machten es auch zum Gegenstand ihrer Religion, Kranke und Alte selbst zu pflegen. Ueberlegt man hiebei, da die meisten Ursachen, welche Armuth hervorbringen, ja lange schon aus dem Wege gerumt waren, als Kriegrubereien, unmige Auflagen, falsche Geldoperazionen der Regierungen, Handelsverbindungen, in welchen ein Volk mit betrgerischer Schlauheit, das andere mit Unkunde seiner eigenen Krfte auftritt, gehssige Immoralitt des Einzelnen, die zu Verschwendungen leitet, ehrlose Trgheit und Unempfindlichkeit gegen Achtung, die nicht erwerben mgen, auch Almosen spendende Klster, den Miggang untersttzend; erwgt man noch, da das furchtbare Heer der Krankheiten sich unendlich vermindert hatte, so geht ganz von selbst hervor, wie ein Reisender Europa durchwandeln konnte, ohne jemal das widrige unedle Schauspiel der Bettelei wahrzunehmen. Guidos Befremdung erklrt sich demnach so gut, als das mitleidige Zudrngen der Pariser. Es whrte aber nicht lange, so erschien ein Polizeibeamter und fragte den Armen zrnend: warum er nicht zur Stadtobrigkeit gekommen sei? Die Antwort hie: Weil ich kein Europer bin, folglich nicht zu euren Wohlthtigkeitsanstalten beigetragen habe, durfte ich auch nicht mit Recht auf ihre Milde bauen. Der Diener des Gesetzes entgegnete streng: Es reisen viele Brger anderer Erdtheile in Europa, und die Akzise gewinnt an ihrer Zehrung. Wie unbillig wrde es daher sein, wenn irgend Jemand darunter sich arm ankndigte, ihm Hlfe zu versagen. Du hast uns durch Mangel an Vertrauen beleidigt und ein ffentlich Aergerni gegeben, dessen sich ohne Zweifel der lteste Greis nicht mehr entsinnt. Behalte was man dir reichte, verzehre es jedoch im Kerker. Dann wollen wir dir eine Summe geben, mit welcher du dein Vaterland wieder erreichen kannst. -- Wider diesen Spruch galt keine Einrede, denn er enthielt den Geist der Gesetze. Gelino und sein Zgling drngten sich mhevoll durch das Volkgewimmel der Straen, und um so mehr, da, wenn gleich am hohen Mittage, der Regenschirm Dunkel verbreitete. Doch eben da sie auf einem groen Markt angekommen waren, hatte das Unwetter geendet und die Bedeckung wurde wieder eingelegt. Man verrichtete dies schnell, und neu, berraschend, blendend war die Wirkung des pltzlich niederscheinenden Sonnenlichts. Sie langten im Hause des Wechslers an. Gelino bergab ein Schreiben; der Mann war sehr hflich und rief einige Trger, welche schwere Goldscke auf einen Wagen luden. Der Lehrer sah alles nach, gab ihm Empfangscheine, und nahm dann mit seinem Zgling Platz auf dem Wagen. Dieser hatte befremdet und nachdenkend zugesehn. Nun fragte er: Woher die groen Summen, und wozu? Gelino antwortete: Wir behalfen uns bisher mit geringen Kosten, doch in Paris und London wollen wir einigen Aufwand machen, damit du auch mit dem Leben des Reichthumes vertraut wirst. Da empfange ich nur eine Auskunft, rief Guido. Woher, frage ich abermal, die groen Summen? Von dem nmlichen Wohlthter, der dich bisher in den Stand setzte, die Welt reisend zu betrachten. O dieser Wohlthter mu reich, sehr reich sein. Mein leichter Sinn fragte noch wenig darum. Was gilts aber, es ist der Kaiser selbst, dem ich so viele Zeichen der Milde verdanke? Ja mein junger Freund, es ist der Kaiser. Was er von dir hrte, besonders von deinen Thaten im Heere, erwrmte sein Herz noch mehr fr dich. Frage nicht weiter, geniee, und vor allen Dingen, lerne, begreife, mache dich der Gte ferner werth. Guidos Nachsinnen ward ernster. Einige Minuten darauf brach er aus: O da ich keine Eltern kenne, und so se Gefhle, wie die kindlichen, mir versagt wurden! Erst bei den Fndlingen erzogen, hernach unter deiner Leitung, die mich allerdings keinen Vater missen lie, ahnte ich tiefere Empfindungen nicht. Allein, nachdem ich auf der Reise so oft das entzckende Schauspiel eines engen Familienbandes sah, beweinte ich im Stillen mein hartes Loos. Gelino drckte ihm gerhrt die Hand. Geduld mein Sohn, vielleicht findest du einst deinen Vater. Strmische Ungeduld entbrannte in dem Jngling. Von sen Hoffnungen wogte sein Busen. Er drang feurig in den Lehrer, ihm das Geheimni seiner Geburt aufzuklren, wenn er anders den Schlssel dazu htte, oder wenn er nichts genau wisse, ihm seine Vermuthungen zu nennen. Der Lehrer brach aber gemessen ab, empfahl ihm ruhiges Erwarten der Lsung seines Schicksals. Es war Guido bekannt, da er, wenn der Lehrer schweigen wollte, umsonst bat, er mute sich also mit Geduld waffnen, obgleich die Neugier ber seine Herkunft jetzt heier als je erwachte, und manche sonderbare Ahnung in ihm aufstieg. Er trstete sich wohl ber den Mngel an Kindesliebe, weil ihn Inis Liebe beseligte, und sein Herz so warm an den edlen Lehrer hing, doch meinte er immer wieder, dies Herz sei weit genug noch mehr Liebe glhend zu umfassen. Gelino hatte schon zuvor nach Paris geschrieben, und einen Miethpallast, wie es deren fr sehr reiche Wanderer gab, auf die Tage ihrer Anwesenheit bestellt. Sie kamen nun dort, von den Dienern des Wechslers geleitet, an. Er war aus rothem und weien Marmor gebaut, hatte ein stark bergoldet Bleidach, das im Strahl der Sonne prangend leuchtete. Eine zahlreiche, glnzende Dienerschaft, stand am Portal. Die innere Einrichtung entsprach der ueren Pracht vollkommen. Man erblickte Zimmer, deren Wnde mit dem kstlichsten Mosaik bekleidet waren, andere mit staunenerregenden Meisterwerken der Malerei umhangen. Es befand sich ein Konzertsaal hier, den die Standbilder der neun altgriechischen Musen, zu Athen gefertigt, schmckten, und zum Personal des Pallastes gehrte zugleich das treffliche Orchester, was sich auf Verlangen des Miethers hren lie. Eben so ein kleines Theater, mit Schauspieler und Schauspielerinnen. Ferner eine groe Bibliothek, der einige Gelehrte vorstanden. Der Speisesaal war mit Silbergeschirren erfllt, goldne Lampen hingen von den Decken nieder. Das Bad war den altrmischen hnlich, welche die Kaiser Trajan oder Tiber anlegten. In der Kche bereitete man sich, wie einst bei Apicius, immer auf eine groe Zahl von Gsten, doch viel schmackhafter noch als bei jenem waren die Speisen zugerichtet, was jetzt um so mehr anging, da die Kchenchemie eine eigne weitluftige Wissenschaft galt, ber die Professoren, von Lehrlingen der Tafelkunde gehrt, lasen. Noch fand man im Hofe Wagen aller Art, einen Stall trefflicher Pferde, einen andern mit Adlern, und mehrere schne Gondeln, denn ein kleiner Kanalarm fhrte von dort nach dem Strome. Auch ein schnes Landhaus mit weitluftigen Grten gehrte noch zu diesem Miethpallast. Allerdings gab man aber auch eine Miethe, die den zu findenden Bequemlichkeiten angemessen war. Guido fragte: Wie ist es mglich, Unternehmungen der Art zu wagen? Wirkungen des Reichthums, antwortete der Lehrer. Das ewige Zustrmen der Fremden nach dieser Stadt, bringt so viel Geld hinein, und sie sendet es wieder in die Ferne, um das alles herbeizuschaffen, was die Fremden ferner anreitzen kann. Es prangen mehrere Gebude der Art, und selten stehen sie leer, weil es vermgende Wanderer genug giebt. In den vergangenen Jahrhunderten wren Erscheinungen der Art unmglich gewesen, weil man da weder Freiheit, noch Thtigkeit, noch Kenntni genug, ber den beweglichen Umlauf der Reichthmer, und ihre Vermehrung der Erzeugnisse whrend ihrem schnellen Wirbel, hatte. Damals gab es wenige Reiche und unerhrt viel Armuth. Jetzt sieht man Jene in groer Zahl und diese ist meistens verschwunden. Groe Entwrfe im Handel oder anderer Art, klug und glcklich ausgefhrt, bereichern um so leichter, da sie auf den allgemeinen Wohlstand berechnet sind. Damit aber dennoch, nicht wenige Familien zuletzt so viel wuchernd an sich reien knnen, da andere von ihnen abhngig sind, ist die beraus weise Erbschaftsteuer eingefhrt worden, die den Zweck vor Augen hat, den Erwerber zwar die Frucht seiner Thtigkeit vollkommen genieen zu lassen, dagegen aber die Unthtigkeit der Erben, die von der Arbeit des Todten mig schwelgen mchten, nach Mglichkeit abzuschneiden. Je vermgender, je hher die Steuer vom Nachla, und sie steigt auch nach Maagabe der nheren oder weitluftigeren Verwandschaft der Erben. Dies hat zur Folge, da der Reichgewordene auch bei seinem Leben viel wieder in den Umlauf giebt, und ihm wird auch, in Betracht des Gemeinbesten, und insofern sie nicht unmoralisch ist, Verschwendung nachgesehn. Mag er bauen, reisen, Knsten und Wissenschaften lohnen, dadurch empfngt das alles hheres Leben. Wo bleiben aber die Summen, aus dieser Erbschaftsteuer? fragte Guido? Der Lehrer gab zur Antwort: Sie werden zum Vortheil des Landes auf mannichfache Weise angelegt, so da sie den niederen Stnden wieder zustrmen. Man grbt Kanle, wo sie noch fehlen, baut, macht Versuche mit ntzlichen Erfindungen, wozu, wie du weit, auch andere Summen vorhanden sind, unternehmende, aber nicht bemittelten Brger knnen Anleihen nachsuchen. Kurz auch hier ist wieder der rasche Zirkelgang, des, die Dinge und den Kunstflei darstellenden, Metalles, Endzweck. Htte die Vorzeit die Wunder der Freiheit und Ruhe ahnen knnen, traun, sie wrde um einige Jahrhunderte frher geeilt haben, den Thron der Vernunft zu erhhn, und in einem Erdtheil, wo die Menschen schon lange sich durch Bildung hnlich wurden, die unsinnigen Kriege einzustellen. Vielleicht ging das aber auch nicht ehe an, bis der Zeitgeist alles von selbst schnerer Reife entgegen fhrte. Wie langer, vorbereitender Aufklrung, bedurfte es unter andern zu dem groen Schritte, die Religion an die Stelle der Kirchlichkeit zu bringen. Freilich folgte er erst dem blutig geendeten Kampfe der Politik, und htte ihm vorausgehen knnen, wodurch der Christenstaat ohne jene schauderhaften Schlachten, wovon die Geschichte meldet, zu grnden gewesen wre. Denn in der That, liest man einige alte Schriftsteller aus dem achtzehnten Jahrhundert, in deren Kpfen bereits so viel Licht anbrach, kann man nicht genug ber die seltsame Verstocktheit ihrer Zeitgenossen staunen, welche es nicht ntzen wollten, das Heil, die Bestimmung der Menschheit erkennen, Wahrheit und Irthum, Gutes und Bses unterscheiden zu lernen. Indessen ist es nun einmal so. Das Genie der Verbesserung hat zu allen Zeiten Widerspruch gefunden, oft mute der groe Mann erst begraben sein, ehe das Recht seiner Aussprche erkannt wurde. Geht es doch bisweilen noch jetzt nicht anders. Sind wir doch, trotz aller Religion und Erkenntni zuweilen genthigt, mit Asien oder Afrika zu kriegen. O schner Voranflug seines Zeitalters! rief Guido. O da ich der Menschheit irgend eine Wohlthat ersinnen knnte, da die Nachwelt mein Andenken segnete! Der Friede mit anderen Welttheilen wre solch eine Wohlthat, antwortete Gelino. Er fehlt der Menschheit. Allein die Leidenschaften werden nicht berall so glcklich bekmpft als in Europa, und auch hier, wir wollen nicht prahlen, gelang es noch nicht so weit damit, als wohl zu wnschen wre. Im Geheim treiben sie oft ihr Spiel fort; denn wer sieht das Innere der Seele, wenn die Menschen in der Tugendlarve heucheln. Es giebt doch hie und da einen Frstenrath, einen hohen Priester des Gesetzes von gewichtigem Ansehn, entscheidenden Einflu, der sein wahres Spiel birgt, und Zwietracht mit der Fremde, oder Zwietracht im Innern hervorruft. Man mu auf seine Tugend baun, wer vermag sie genau zu erkennen? Hier fhlte sich Guido von einem Gedanken ergriffen, dem er in der Folge eifrig nachhing. Jetzt antwortete er dem Lehrer: Die richtige Erkenntni des Menschen scheint mir nicht unmglich, aber den Frieden aller Vlker zu knpfen, ist schwer. Ich sehe nicht ein, auch wenn ich Kaiser wre, was ich da thun wollte. Da mu das Schicksal selbst freundlich zutreten. Nun das wird auch einst geschehn, antwortete Gelino. Auch gebieten ja die Menschen dem Schicksal immer mehr, wie ihre Weisheit steigt. -- Die Reisenden erborgten in Paris vornehme Namen und knpften Bekanntschaften an. Die angesehensten Einwohner, Knstler, Gelehrte, wurden zu ihrer Tafel, zu ihren Konzerten, nach ihren Grten geladen, und baten sie dagegen zu sich. Es war noch in Paris wie vormal, das Neue erregte viel Aufsehn, alle Welt sprach davon. Nicht eben die Verschwendung des reichen Jnglings konnte auffallen, doch er selbst, sein Verstand, mehr noch seine Schnheit. Die Damen waren ganz entzckt, sie schwuren, nie eine so vollkommene mnnliche Gestalt erblickt zu haben. Dies benutzten Maler, Kupferstecher und andere Knstler, bildeten ihn vielfach ab, und wenn er ausging, sah er beschmt berall Gemlde, Gipsabdrcke, Statuen von sich. Auch Denkmnzen wurden auf ihn geschlagen und in den Gassen ausgerufen, viele Damen trugen ihn in Gemmenringen am Finger. Er empfing auch verliebte Zuschriften voller Witz, und bte wieder den eignen Witz, indem er die zrtlichen Antrge so ablehnte, da sich die Schnen dennoch bezaubert fhlten. Dadurch entstand viel neues Gerede, und eine gelehrte Dame veranstaltete sogleich eine Sammlung dieser tugendhaft witzigen Billets, die man eilig mit Stereotipen druckte, eines ungemeinen, Absatzes gewi. Kurze Zeit nach seiner Ankunft hrte Guido von einem sonderbaren Rechtshandel. Er hatte sich schon ber die Menge von Diamanten gewundert, welche ihm Ueberall zu Gesichte kam; die Frauen der niederen Klassen waren so damit bedeckt, da man auf Spatziergngen nicht nach der Seite blicken konnte, wohin die Sonne schien, selbst die Dienstmdchen in seinem Pallaste, trugen Haar, Ohren, Busen und Arme davon voll. Der Glaube, sie mchten uncht sein, fand die Widerlegung der Kenner, allein man benachrichtigte ihn: es sei in Paris ein Juwelenhndler vorhanden, der die edlen Steine um einen tief geringen Preis verkaufe, dabei ein unerhrt angeflltes Waarenlager hielt, und so auch den Pbel in Stand setzte, den gepriesenen Schmuck zu tragen. Deshalb aber, wie man wohl denken kann, verschmhten ihn nun die Damen der feinen Welt, und sich ohne Juwelenschimmer zeigen, hie glnzen. Die andern Kleinodienverkufer sahen sich zu Grunde gerichtet, feindeten ihren Nebenbuhler an, belangten ihn vor Gericht. Hier begriff auch Niemand, wie der Mann das Theure so wohlfeil losschlagen knne. Neue Prfungen ber die Gte seiner Steine folgten, sie schlugen abermal zu seinem Vortheil aus. Man fragte: Aus welchen Indischen Diamantengruben er kaufe? Er antwortete: Dies habe er, zufolge der Handelgesetze, nicht nthig zu erklren. Man verlangte aber wenigstens, ein fremdes Handelshaus zu nennen, mit dem er Geschfte pflege, ein Schiff, das seine Waaren herbeifhre. Dies konnte er nicht, und nun lag am Tage, seine Steine wrden nicht von Auswrts gezogen. Er verfertigt sie selbst, riefen die Gegner, folglich sind sie, trotz allen Proben, uncht. Gut, sprach der Juwelier, ich verfertige sie, doch eine Unwahrheit ist eure andere Behauptung. Untersuchet so lange ihr wollt, ihr werdet keinen andern Gehalt finden, als ob die Steine von Golkonda oder Brasilien kmen. Ich betrog nicht, verkaufte chte Diamanten, dem Kufer kann es gleich sein, ob die Natur, ob ich sie hervorbringe. Bei nherer Untersuchung fand sich, da der Mann, den lange schon in der Chemie genannten Bestandtheil, _reinen_ Kohlenstoff, so zu verdichten gewut hatte, da der wirkliche Diamant erzeugt wurde. Das Gericht war im Anfang zweifelhaft. Die groe Zerrttung des Werthes der Edelsteine, welche der glckliche Erfinder veranlate, machte ihm Bedenken. Doch zuletzt entschied die Stimmenmehrheit: Dem Manne drfe keine Strafe anheim fallen, auch die Fortsetzung seiner Kunst ihm nicht untersagt werden. Mchten die Weiber gern schimmern, so wre ihnen die Gelegenheit aufgethan, um wohlfeilen Preis ihren Wunsch zu erlangen. Gefiele ihnen der wohlfeile Schimmer nicht, zeigten sie noch grere Thorheit als zuvor. Der Mann knne dann zu ihrer Heilung beitragen, und wenn das andere Geschlecht mehr auf Pflege der wahren Schnheit hielt, mehr dem Manne durch weibliche Tugenden, als kindische Glanzfunken zu gefallen strebte, htte das Gemeinwohl dem Knstler innig zu danken. Verlren brigens manche Juwelenhndler, sei das zufllig, und das Gesetz knne ihres einzelnen Vortheils halber, keine irrige Grundstze aufstellen. Dabei blieb es nun. In der That, rief Guido, als er bald darauf einige mit Edelsteinen berladene Frauenzimmer sah, mir scheinen sie selbst nicht mehr so kstlich, als da ihre Seltenheit mich bestach. So bist du denn auch von blinden Vorurtheilen nicht frei, fiel der Lehrer ein. Doch mchte nur alles Schne so gemein werden, da man keine Auszeichnung darin fnde, desto besser stnde es um die Menschheit. Zum Glck ist es auch schon mit vielen Tugenden dahin gekommen. Was die Vorwelt staunend gepriesen htte, blikten wir oft als gleichgltige Alltglichkeit an. Wohl uns! -- Sie begaben sich eines Tages nach der groen Oper. Das Haus war ungemein mit Zuschauern gefllt. Guidos Blicke suchten das Theater. Er sah vor sich ein geflltes Parterre, Logen, Kronleuchter, so gut als neben und hinter sich. Gelino lchelte. Wisse, sprach er da der Vorhang ein Spiegel ist, der durch die ganze Mitte des Saales reicht. In diesen siehst du den Platz der Zuschauer wiederholt. Hebt das Stck an, wird ihn eine Maschine empor winden. Dies erfolgte auch zu Guidos Befremdung, und nun zeigte sich die Bhne. Man sah jetzt kein Licht mehr bei den Zuschauern, zum Vortheil der Theatererhellung, die dem Tage vollkommen glich, waren sie smmtlich erloschen, wie aber am Ende eines Aktes der Spiegelvorhang niederschwebte, wurden sie alle durch eine elektrische Vorrichtung entzndet. Die alte Mithe, Orpheus war der heutige Stoff. Im ersten Akt sah man eine Landschaft und einen Meilenweiten Hintergrund, der unmglich gemalt sein konnte. Guido begriff das nicht. Sein Lehrer erklrte ihm, wie dies Opernhaus mit einem Schraubenwerke versehen sei, wodurch es der Theatermeister, bei den Akten, die eine weite Tiefe darbieten sollten, bis ber die Huser der Stadt hbe, da, nach weggenommener Hinterwand, man das wirkliche Feld der Gegend erblickte. Also schweben wir jetzt in solcher Hhe? fragte Guido. Allerdings. Die Bewegung vollzog sich so sanft, da Niemand sie merkte. Hat schon ein altrmischer Baumeister ein Schauspielhaus mit Achzigtausend Zuschauer gedreht, wird die Mechanik unserer Zeiten es doch wohl erheben knnen. Ist das aber nicht mit Gefahren verbunden? Frchte nichts. Die Polizei lt vor den Darstellungen alles Maschinenwerk durch Sachverstndige prfen. Im zweiten Akt zeigte sich die Hlle. Ungeheure, weite, brennende Klfte und Abgrnde, in deren Flammen gepeinigte Verdammte klagten. Die Fernsten erschienen ganz klein, doch waren es lebende Wesen, wovon sich Guido durch ein Sehrohr berzeugte. Wie ist dies mglich? fragte er abermal. Gelino antwortete: Das Opernhaus hat mit groen Kosten ein tiefes Souterrain aushhlen lassen, was um so eher anging, da es auf der Hhe des Montmartre liegt. Will man nun weite Gebude, oder Klfte und Abgrnde darstellen, wird das Haus durch jene Schraubenwerke in die Tiefe gesenkt, wo man sich nun der unterirdischen Entfernungen bedienen kann. Wir befinden uns jetzt unter der Erdflche, die letzten Gestalten sind einige Tausend Schuh von uns entfernt. Im dritten Akt sah man den Himmel Fremdartige Farben, ungemein zarte Umrisse aller Gegenstnde wirkten mit bezaubernder Schnheit. Ein anderer Mond, andere Sterne mit einer tiefrhrenden Idealitt gezeichnet, blinkten daher, was aber Guido am meisten in Verwunderung setzte, war, da ihre Strahlen durch Euridizens und der anderen Schatten Krper leuchteten. Und doch war Euridize die nmliche, welche er im ersten Akte gesehn, doch bewegte sie sich lebend, sang. Er ward nun durch seinen Lehrer unterrichtet: Alle Gestalten, die wir jetzt sehen, sind nur der wirklichen, in einem Nebengemach befindlichen, Wiederscheine, durch ungemein sinnreiche, optische Laternen, hervorgebracht. Daher mu das Licht diese Euridize durchschimmern, denn, treu der Fabel, ist es wirklich nur ihr Schatten. Da auch die Blumen, Gebsche, Hgel, so zarte Umrisse, so seltsam fremdartige Farben zeigen, macht eine groe Platte von grnem doch klaren Glas, welche davor hngt, wie jener Spiegel, im ganzen Umfang der Bhne, ohne da wir sie wahrnehmen. Musik, Gesang, Tnze waren den brigen Vorwrfen an Vollkommenheit hnlich, und mit hohem Entzcken verlie Guido dies Schauspiel, sich lange noch Orpheus, und Ini Euridize trumend. Sie sahen auch das groe Trauerspiel. Der Dichter hatte in dem heutigen Stcke eine Thatsache der Vorzeit behandelt, und viel gegen die Empfindung wagend. Eine junge Monarchin, schn, liebenswrdig, geistvoll, ist mit einem Gemahl verbunden, dem alle ihre Vorzge mangeln. Er kmmt eben zur Regierung, belegt aber durch seine ersten Schritte, dem groen Amte durchaus nicht gewachsen zu sein. Die Gemahlin erkennt die Richtung, welche dem Volke zu seinem Wohl gegeben werden msse, die Kraft ihres Genius regt sich khn, von Liebe zu den Unterthanen stammt ihre edelempfindende Brust. Doch vermag sie nichts ber den Gemahl, der sie nicht versteht, ihren schnen Sinn anfeindet, und in Roheit waltet. Tirannei und Zerrttung drohen dem Reich, die Monarchin fhlt, sie knne ihm eine gedeihenvolle Zeit blhen lassen. Ein weiser Vertrauter ruft ihr zu: Besteige den Thron, herrsche, beglcke! Sie schaudert. Sie kann nur ber den Leichnam des Gemahls jenen Stufen nahn. Es ist ein Unwrdiger, doch sie seine Gattin. Ihr Zartgefhl emprt der Gedanke an jeden Mord, um wieviel mehr an den des Gemahls! Ihr Herz trgt solche Vorstellung nicht, ihre Einbildungskraft mu ihr entfliehn. Der Vertraute spricht: Besteige den Thron, durch ein Verbrechen ihn mit deiner Tugend zu schmcken. Wie edel ist dann dies Verbrechen! Es wird die hchste deiner Tugenden, allen brigen, die Bahnen ebnend. Begehst du es nicht, wie laut der Nation geheimes Flehn, wie laut der Beruf deiner Geistesgre es verlangen, dann erniedrigt dein Sumen dich zur Frevlerin. Alles Wehleiden der Millionen auf dein Haupt, ihr Fluch beugt dich schwerer, da du ihn in Seegen httest umwandeln knnen. Hier steht sie nun an dem furchtbaren Scheideweg. Eine khne Missethat -- und dann ein schnes Leben, dem Ruhm, gotthnlich ber ein geliebtes Volk zu herrschen, geweiht. Eine feige Tugend -- und nichts als der Anblick eines elenden geliebten Volkes. Hier steht sie -- weint, ruft sich selbst um Kraft an, mahnt ihren Genius, Licht in dies schauderhafte Dunkel zu werfen -- und -- strt endlich nicht, was der Vertraute vollbringen will. Nun empfngt sie das Scepter, und hlt den Hoffnungen des Ruhmes Wort. Zum Erstenmale ward heute das Trauerspiel gegeben. Die feinsinnige Versammlung, sonst gewohnt, sich ber alles Schne oder Unedle ganz bestimmt zu uern, die der Kunstwerke Vorzge, nach dem richtigsten Takt mit Beifall lohnte, und ihre Mngel eben so durch Tadel strafte, wute -- unerhrt in den Annalen dieser Bhne -- heute sich nicht zu entscheiden. Kein Lob, kein Mifallen, allgemeine Stille. So blieb es auch bei den folgenden, immer gedrngt besuchten Vorstellungen. Gelino wollte aber auch auf dem kleinen Theater des Pallastes etwas sehn. Er sprach mit dem Vorsteher der Gesellschaft, die am liebsten bunte, regellose Sachen auffhrte. Dieser trug ihm eine kurzweilige Posse an, genannt: Die Narrheiten vor Dreihundert Jahren. Gelino war es zufrieden, und lud so viele Fremde, als der Raum nur fassen konnte. Als der Vorhang weggenommen war, wollten die Zuschauer fast vor Lachen sticken, ber die nrrischen Kleidertrachten, der dargestellten Zeit. Wie war es mglich, riefen viele, da sich die Menschen jemals so unbequem, geschmackwidrig und lcherlich umhllen konnten! Eine Hauptbedeckung, grade aufstehend, oben platt, einem umgekehrten Becher hnlich, oder gar ein Dreieck mit abentheuerlichen Stlpen! Wie vielerlei Lappen hngen an den Mnnern, der natrlichen Form ganz zuwider, mit hlichen Ecken, und dennoch bel gegen die Witterung schirmend. Wie mu dies vielfache Einschnren die Krper verunstaltet, ihnen nach und nach Kraft und Gesundheit entzogen haben! Und so unanstndig, pfui, so unanstndig! Frwahr diese Urvter muten grobe Narren sein! Es wurden nun mancherlei Sittenzeichnungen dargestellt, wo denn aber das Gelchter oft mit Abscheu und Mitleid wechselte. Man sah die Kirchlichkeit, wo unverschmte Priester ganz widersinnige, unnatrliche, die Gottheit herabwrdigende Mithen, einst einem tief rohen Zeitalter kaum anpassend, immer noch als Wahrheiten lehren wollten, und das thrichte Volk gauklerisch betrogen. Man sahe Frstenhfe, wo eine widrige Erziehung das Oberhaupt rmer an Geist dastehen lie, als die Unterthanen am Fu der Staatspiramide, wo es, statt mit der Weisheit, mit dem Vorurtheil umgeben war, und bldsichtige engherzige Hflinge ihm eitel Lgen sagten, wo das wahnsinnige Volk endlich durch heuchlerische Schmeicheleien alles verdarb. Man bildete das Faustrecht vor drei Jahrhunderten ab, wo ein europisches Volk das andere um nichtiger Ursachen willen bekriegte, und dies mute jetzt grade so viel Widerwillen erregen, als eine Darstellung des kleineren Faustrechtes, zwischen den Gauen des vierzehnten Jahrhunderts, wenn sie das neunzehnte sah. Die Thorheiten, allerhand Sisteme der Philosophie zu wechseln, durch Bcher voll Unsinn Irthmer auszubreiten, durch falsche Finanzoperationen ganze Lnder verarmen zu lassen, durch Verschiedenheit der Dingenmaae und Sprachen, den Ideentausch zu erschweren, berstrmte eine witzige Satire mit dem wohlverdienten Spott. Am Ende begegnete sich alles in dem Ausruf: O ihr grobe, grobe Narren der Vorzeit! Gelino erluterte aber der Versammlung, da doch auch nicht jeder damals die Schellenkappe getragen habe, nannte ehrwrdige Namen von Mnnern, die sich ein groes Verdienst in Bezeichnung der besseren Pfade erworben htten, und schlo: es sei fr die Menschheit nothwendig gewesen, durch dies dunkle Labirinth zu gehen, um den Gegensatz erhellter Vernunft wohlthtiger zu begreifen. -- Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend Merkwrdigkeiten, welche aufzuzhlen der Raum hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der Anatomie, welche sie als eine der vorzglichsten Anstalten zu Paris besuchten, und wohin sich jetzt eine groe Zahl gespannter Neugierigen drngte. Die Veranlassung war diese: Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung von ganz Europa, ein Brger in Paris mehrere todeswrdige Verbrechen begangen. Das Gesetz zauderte lange mit seinem Spruch, und wollte ihn endlich nach Spitzbergen verweisen, wohin, wie wir schon wissen, solche Unglckliche kamen, deren Vernunft sie nicht von der Schnheit eines gesetzlichen Lebens berzeugen konnte. Die Kolonie in Spitzbergen hrte aber davon, und indem jeder Einzelne dort sich rein gegen jenen Bsewicht halten konnte, schrieb sie an das Gericht und verbat die Verunehrung. Man wankte von einer Meinung zur anderen. Seit mehr als einem Jahrhundert war in Europa keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab keine Henker und Hochgerichte mehr. Dennoch hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen verwirkt, und hatte er das furchtbare, grliche Schauspiel unerhrter Frevel geben knnen, war das Beispiel einer eben solchen ffentlichen Ahndung gerecht. Zuletzt entschied man denn fr seinen Tod, doch ber die Art desselben konnte man sich nicht einigen. Da trat ein Lehrer der Zergliederungskunde auf. Lat ihn durch seinen Tod ntzen, sprach der Mann, er mag uns um eine wichtige Erfahrung bereichern. Wir entdeckten eine geistige Flssigkeit, viel vervollkommnet gegen die, welcher sich vormals die Anatomen bedienten, um thierische Organe dauernd aufzubewahren. Sie erhlt einen Krper genau in dem Zustande, worin er ihr bergeben wird. Ich rathe, wir fllen ein weites Gef mit diesem Fluidum. Der Verbrecher werde entkleidet und darin ertrnkt. Dann soll aber das Gef verschlossen werden und funfzig Jahre lang unberhrt bleiben. Nach Verlauf dieser Zeit aber soll man den Krper wieder herausnehmen, und die gewhnlichen Mittel, welche im Wasser Verunglckte oft ins Leben rufen, anwenden. Meine Theorie weissagt, man werde sich nicht umsonst bemhn, denn die Lebenskraft ist nicht entflohn, alle Theile sind in ihrer Vollkommenheit erhalten worden, weil der Reitz des geistigen Feuers in unsrer Flssigkeit, der Auflsung Widerstand leistet. Irre ich nicht, so wird es merkwrdig sein, einen Mann zu sehen, der funfzig Jahre lang schlief, er wird manches wissen, das die Alten und Geschichtschreiber vergaen. Knftig knnte man sogar Jahrhunderte lang Leben aufbewahren, und gewi mit Nutzen, denn oft geht auch, trotz dem Weiterstreben der Menschheit, manches Gute unter, dessen Rettung aus der Vergessenheit heilsam werden kann. Der Arzt sah sich hufig bestritten, man lachte sogar ber ihn. Endlich aber erklrte ein Geschichtforscher: er habe in einem alten Buche gefunden, da einst im achtzehnten Jahrhundert, der Mann, welcher die ersten Gewitterableiter erfunden, Franklin genannt, Fliegen von Madera, die im Weinfasse nach Nordamerika gekommen wren, und zehn Jahre lang im Keller gestanden htten, wieder lebendig gemacht habe. Was wollt ihr nun? fragte der Arzt. Fliegen und Menschen! spttelten seine Gegner. Nun, es kmmt auf den Versuch an, hie es endlich, und man beschlo, den Rath zu vollziehn, was auch geschah. Das Fa mit dem Ertrnkten wurde in einem festen Gewlbe bewahrt, vor dessen Thr der Rath sein Siegel legte. Ein Protokoll berichtete der Nachwelt die Thatsache und bat daneben: falls der Verbrecher wirklich wieder zum Dasein gelangen sollte, dann die weitere Strafe, in Betracht der erlittenen Todesangst, aufzuheben. -- Jetzt waren die funfzig Jahre verstrichen. Der Tag des Versuches wurde beraumt. Die Naturkundigen schrieben fr und gegen jenes, schon lange gestorbenen, Arztes Meinung. Man stellte Wetten an, ganz Paris sprach von nichts, als dem Manne im Spiritus. Gelino hatte, durch bedeutende Frsprache, die Erlaubni des nheren Zutritts fr sich und seinen Zgling empfangen. Man brach die Siegel, fand das Gef unversehrt, das nun in den Saal der Anatomie geschafft wurde. Auf Erhhungen saen die eingelassenen Zuschauer, die Naturkundigen hatten sich um den Tisch, in der Mitte des runden Saales, gedrngt. Der Krper ward aus seinem feuchten Grabe gezogen, auf den Tisch gelegt. Alle Theile waren so frisch, als htten sie nur eine Stunde darin gelegen, das Gesicht blulich aufgetrieben wie immer bei Ertrunkenen. Verwundernd blickte alles hin, und harrte ungeduldig auf den Ausgang. Die gewhnlichen Rettungsmittel fanden Anwendung, man brachte die Flssigkeiten aus der Luftrhre, rieb, erwrmte, flte ein, u. s. w. Doch verging eine Stunde nach der anderen, ohne da der Zustand des Kadavers sich im mindesten umwandelt htte. Nicht wahr, wir hatten Recht? sagten die Unglubigen, wer seine Wette verlohren glaubte, zog ein verdrielich Gesicht. Endlich rief ein junger Arzt: Vielleicht hindert der Spiritus, den die Einsaugungsgefe aufnahmen, durch den zu groen Reitz den Umschwung der Sfte. Suchen wir ihn in einem Schwitzbade auszufhren, das ohnehin durch den hohen Grad von Hitze die Lebenskraft anregen wird. Es ist nicht mehr die Rede von Lebenskraft, entgegnete der Vorsteher, indessen kann man ein Uebriges thun. Das Schwitzbad wurde geheitzt, einige krftige Mnner begaben sich mit dem Krper hinein, und lieen die Temperatur hher treiben, als sie wohl einst ein Blagden ausgehalten hat, whrend sie ihre Bemhungen unermdet fortsetzten. Vom Saale schickte man jeden Augenblick nachzufragen. Die Nachricht langte an: der Kadaver schwitze. Ein Lebenzeichen! frohlockte der eine Theil: es sind die Dnste des Bades, die sich anlegen, stritt der Andere. Nach einer halben Stunde schrie ein Bote athemlos: Athem! -- Irrthum, Irrthum! -- Seht ihr, seht ihr! -- Ich hab' es selbst empfunden. Ein anderer sprang in den Saal, rief, mit eignem starren Puls: -- Puls -- Unmglich! Warum unmglich? -- Meine Hand fhlte ihn. Man wute nicht woran man war, doch fing der Unglaube an, kleinlaut zu werden. Der Krper ward nun in dichte Pelze gehllt und wieder in den Saal gebracht. Jedermann sah die unzweifelhafte Verndrung des Gesichtes, die Blue war geschwunden, ein brennendes Roth berzog es, wenn sonst schon sich keine Bewegung zeigte, es auch unempfindlich gegen Anrhren mit spitzigen Instrumenten war. Doch eine Feder, vor den Mund gelegt, flog weg, alle, welche an die Pulsader griffen, bezeugten, ein leises Klopfen wahrzunehmen. Dabei blieb es aber wohl sechs Stunden, so da der Zweifel wieder die Stimme erhob, und jene Anzeigen Tuschung nannte. Dann schrie aber alles pltzlich auf! Das eine Auge hatte sich geffnet und wieder geschlossen. Nicht lange, so geschah das Nmliche mit dem zweiten, eine Stunde noch, und das erste Wort floh von den Lippen, die funfzigjhrige Erstarrung geschlossen hatte. Niemand mied den Saal. Man verga ber die Neugier die gewohnte Nahrung zu nehmen, immer das Auge auf den Krper geheftet. Die ganze Nacht verstrich so, whrend hin und wieder die Sprache, doch verwirrt, hrbar wurde. Am andern Morgen aber war die Besonnenheit vollkommen da, der wieder Lebende sprach von seinem Verbrechen, seiner Reue, flehte um Erbarmen. Man sagte es zu, schonte seiner auf alle Weise, pflegte, strkte. Er besann sich in ein Fa geworfen worden zu sein, meinte aber, man habe ihn nach wenig Minuten wieder herausgenommen, die Todesstrafe in eine andere zu verwandeln. Man sah also, da ihm damals die eigentliche Absicht nicht vertraut worden war. Er rief um seinen Anwald, nannte die Namen der Richter, welche alle nicht mehr lebten, bis auf einen, der, ein hundertjhriger Greis, sich mit im Saale befand, und ber das, den meisten Unverstndliche, was der Mann sagte, Aufschlsse gab. Er trat auch zu ihm. O Himmel! rief er, wie bleich, wie gerunzelt deine Wangen, Richter, wie wei dein Haar! Was hat dich seit gestern so verndert? Und all diese Leute, wie seltsam sind sie gekleidet! Wo bin ich? Wohin brachtet ihr mich? Man half ihm auf, fhrte ihn an ein Fenster. Er sah viele unbekannte Gebude, vermite viele alte. Bin ich trunken? Wahnsinnig? Wo ist der Pallast geblieben, der dort gestern noch stand? Wie kmmt so pltzlich der groe Tempel nach jener immer leeren Stelle? Was soll ich denken? Es war Zeit, ihm die Rthsel zu lsen, sein Verstand htte durch die unbegreiflichen Erscheinungen in Zerrttung sinken knnen. Wer malt nun aber sein Staunen! Funfzig Jahre htte ich geschlafen? Unmglich! Man zeigte ihm Bcher mit der laufenden Jahrzahl, rief einige Personen, deren er sich als Jnglinge oder Kinder entsann, deren jetzige Gestalt keinen Zweifel bestehen lie. Er konnte es dennoch immer nicht glauben, ihm war, als sei er vor wenigen Minuten versunken, und rhmte wiederholt die Sigkeit seines tiefen Schlummers. Endlich mute er aber die Wahrheit erkennen, und wurde durch ganz Paris gefhrt, wo Fenster und Dcher, wie sich denken lt, mit Zuschauern berfllt waren. Geschichtforscher und Antiquare lieen ihm daheim keinen Augenblick Ruh, und erfuhren auch in der That, manches ihnen Unbekannte, durch seinen Mund. Er hatte nun gehrt, die weitere Strafe sei ihm erlassen. Doch rief er: Mein Gewissen klagt mich zu laut an, ich verdiene es nicht! Man entgegnete: Mchte vor funfzig Jahren geschehen sein, was da wolle, die Zeit htte einen Schleier darber geworfen, auch seitdem Erziehung und Moral wieder so viel an Vollkommenheit gewonnen, das solche Verbrecher wohl nicht mehr aufstnden. -- So gebhrt mir die Strafe jener Zeit. Sendet mich in die Verweisung, entgegnete er. Nein, nein, die Vorwelt wollte deine Begnadigung selbst, wenn du die lange Verweisung aus der Gesellschaft berstndest. Gut! Lat mich ein Jahrlang unter euch leben. Dann will ich, mein Gewissen zu entladen, freiwillig abermal in das Gef. Ihr bergebt mich den Enkeln auf Hundert Jahre. Weit ntzlicher kann ich einst jener Zeit sein, mir ist es gleich, den Rest meiner Tage nun oder dann zu beschlieen, ja es ist wohl im letzten Fall noch weit merkwrdiger. In diesem Jahre will ich mich von den Vernderungen der Welt whrend meines Schlafes berzeugen, und ohne Zweifel werde ich oft staunen. Man konnte nicht umhin, den Zustand dieses Menschen von einer Seite zu beneiden, und willfahrtete ihm brigens. Guido und sein Lehrer warteten jedoch nichts mehr davon ab, sondern machten sich auf den Weg nach England. Der Luftpostillion fuhr diesmal so schnell, da Beide, unweit Paris ein wenig entschlummernd, nicht ehe als ber London wieder erwachten, und deshalb auch den Damm zwischen Calais und Dover nicht sahn, welchen man eben zur engeren Verbindung Frankreichs mit Brittanien anlegte. Er lief von beiden Ksten ins Meer, von ungeheuren eingesenkten Felsstcken erhht, und, damit der Seestrom den freien Durchgang behielte, von Hundert Klaftern zu Hundert Klaftern mit Brcken aus Hangewerk unterbrochen, die jedoch smmtlich hher waren, als das Gewlbe des Rialto zu Venedig. Denn die grten Kriegschiffe fanden mit allen aufgezogenen Segeln kein Hinderni. London fanden sie jetzt wahrhaft reich, durch seine glckliche, zum Handel bequeme Lage, und einen edlen Wetteifer im Kunstflei, ohne den unsinnigen frevelhaften Vorsatz, alle brigen Nazionen der Erde zu Grunde richten zu wollen. Gelino sagte: Vor dem traurigen Ruin, den sich England Ehedem zuzog, sah man hier auch Reichthum, doch, mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach. Das Land war seine ganze Habe mehr als dreifach schuldig. Das baare Geld, oder vielmehr seine Darstellung in Papier, war in die Hnde von etwa Dreiigtausend Glubigern der Nation zusammengeflossen. Ihre Zinsforderungen befriedigen zu knnen, wurden dem brigen Volke unerhrt drckende Gaben aufgelegt, Verarmung, Elend jeder Art, und endlich vllig erschlaffte Staatskraft, muten die Folgen sein. Freilich retteten sich die Wohlhabenderen nach Bengalen, und spterhin, wie dir bekannt ist, nach Polinesien, wo das jetzt mchtige Reich durch sie gegrndet, und mindestens die Kultur nach frherhin fast unbekannten Erdgegenden, verbreitet wurde; doch die zurckbleibenden traf ein Anfangs hartes Loos, bis sie sich auch wieder zum gemessenen Streben ermannten, und im freundlichen, auf ewigen inneren Frieden gegrndeten Bund mit Europa, ein festeres Gedeihen als je fanden. Die alte Paulskirche stand noch, sogar, wiewohl verfallen, die Westminsterabtei. Ueber das, dem Brande von 1660 zum Andenken errichtete, Monument, hatte noch der Zahn der Zeit nichts vermocht. Der Luxus war dem in Paris hnlich, die Reisenden bezogen wieder einen Miethpallast der jenem nichts nachgab. Man hatte einen ffentlichen Garten, wo das alte Eden nachgeahmt war und in der That Milch und Honig in Bchen flo. Es gab aber auch Teiche von Portwein, Rum, Punsch, auf denen man in Nachen aus buntfarbigen Konchilienschalen oder edlen Metallen fuhr, Bume von denen man leckere Konfituren pflckte, gebratene Vgel die in der Luft flogen (sie waren mit brennbarer Luft gefllt), gespickte Haasen, die umherliefen (eben so in Bewegung gesetzt), Puddings, Robeefstcke, Hammern, Austern, Bifsteeks von groem Umfang, die Pilzen gleich aus der Erde wuchsen, (denn die Kche hatte unterirdische Gnge). Bisweilen regnete es Limonade, hagelte Zuckerwerk oder fror ses Pistazieneis. Der Eintritt in diesen Garten kostete aber, nach altem Mnzfu gerechnet, Hundert Guineen. Auch hatte ein neuer Graham ein himmlisches Bett aufgeschlagen. Wer nun die Beschreibung davon lesen wollte, mute so viel zahlen, als fr den Eintritt in jenen Lustgarten, daneben einen Eid schwren, nicht auszuplaudern. Guido las, ward von den Vorstellungen unendlich zauberisch ergriffen. Der Lehrer sagte: Wirst du einst im Mariatempel das Band ewiger Liebe knpfen, dann bediene dich dieser Erfindung. Der Jngling loderte in Flammen, und verwahrte dieses Wort treu. Die Bhnen zu Coventgarden und Drurylane waren nicht mehr vorhanden, es gab andere und in grerer Zahl. Das vorzglichste hie Shakespears Theater, doch nicht nur der Name, sondern auch die Werke des alten Dichters hatten ihr Andenken erhalten. Auch bestand neben der Vorliebe fr ihn, viel Nazionalgeschmack von Ehedem. Die Identifikazionen mit dem brigen Europa, hatten ihn nicht ganz aufgehoben, was auch in anderen groen Provinzen der Fall, wiewohl im merklichen Abnehmen, war. Man gab Shakespears Trauerspiele noch immer, jedoch bersetzt in die allgemeine Sprache des Erdtheils, deren Vollkommenheit sie indessen nichts verlieren, sondern viel an Kraft, Ausdruck, Bedeutung gewinnen lie. Die Theaterkunst trieb es so weit als in Paris. Fhrte man den Sturm auf, sah der Zuschauer ein wirkliches, sturmerregtes Meer auf welchem das Schiff scheiterte. Denn ein groes Wasserbecken gehrte zu dieser Bhne, die man bei solchen Gelegenheiten unmerklich an seine Ufer rollte. Im Hamlet war der Geist ein Riese, dessen Haupt weit ber den Pallast emporragte, und den auch der Mond durchschien. Bankos Gespenst in Makbeth und die Zauberinnen zerflossen vor aller Augen in Nichts und dennoch hatten sie gesprochen, gehandelt. Dies war immer die Wirkung kunstreicher Phantasmagorie, mittelst der unglaubliche Illusionen hervorgebracht wurden. Guido verlangte jedoch von den Ergtzungen weg, deren er schon so vielen beigewohnt hatte, um die groe Flotte zu sehen. Wie in der Provinz Moskau das Landheer den Hauptsitz hatte, waren Brittaniens Hfen, und vorzglich London, der Aufenthalt von Europas Seemacht. Auf der Themse lagen die meisten Orlogschiffe, welche zu ihren Uebungen in die Nordsee ausliefen und gefahrvolle Ksten und Zwischenmeere besuchten, die Piloten und niedern Mannschaften desto vollkommener zu unterrichten. Jetzt nahte das Sptjahr, mit den um die Zeit der Nachtgleiche gewhnlichen Strmen, wo die Hauptprfung Statt hatte. Diesmal sollte die Flotte von London ins Kattegat gehn, eine andere von Portsmuth und Plimouth sich mit der Abtheilung welche bei Kopenhagen zu liegen pflegte, verbinden, und dann wollte man zwischen den Belten Seekmpfe halten. Kadix, Toulon, Genua, Ankona, Korfu, Konstantinopel waren brigens auch Kriegshfen, doch der obern Leitung der Admiralitt zu London bergeben worden. Die Flotte gehrte wie das Landheer dem Fderalismus. Ihre junge Mannschaft zog sie aus allen Kstenlanden. Der Dienst eines Seesoldaten, wie sein Unterricht, seine Entlassung oder Befrderung zu wichtigeren Stellen, wurden nach Grundstzen verfgt, die jenen beim Landheere hnlich waren. Der Staat zahlte keinen Sold, dennoch aber war die Seemacht wohlgerstet, wohlgenhrt, besa sogar Schtze genug, um einen langen Krieg aus ihren Mitteln fhren zu knnen. Dies machte, weil die Schiffe sechs Monate im Jahre zum Handel gebraucht werden durften, den die Admiralitt, fr Rechnung der Flotte, nach allen Erdgegenden trieb. Unbedingte Hafenfreiheit durch ganz Europa machte ihn noch weit eintrglicher. Guido meldete sich bei dem Befehlhaber der auszulaufenden Fahrzeuge, sagte ihm, wie er sich zwar dem Kriegdienste zu Lande gewidmet habe, dennoch aber einer Seebung als Freiwilliger beizuwohnen wnsche. Die Erlaubni wurde auf seine Bitte zugestanden, nachdem er vorher bedeutende Proben seiner Geschicklichkeit im Schwimmen, Fechten und Schieen nach dem Ziel, abgelegt hatte. Der Seekrieg wurde auf eine weit furchtbarere Art gefhrt als Ehedem. Man zhlte auch drei Truppengattungen. Eine davon bestieg Luftfahrzeuge, suchte brennende Stoffe auf die feindlichen Galleonen zu werfen und Masten oder Segelwerk zu zerstren. Sie ward im Vollziehen und Abwenden nach Bedarf gebt. Die andere diente in den Schiffen selbst auf mancherlei Weise. Es gab Schtzen, welche dicht bepanzert an Strngen hingen. An den Masten wurden sie staffelfrmig zur Hhe gezogen, damit ein dichter Rohrhagel zugleich konnte abgesendet werden, und nach dem Feuer hinter die Brustwehr zurckgesenkt, dort laden zu knnen. Einem feindlichen Schiffe nahe, muten sie auf einer Fallbrcke hinber und mit dem Schwert wthen, blieben demungeachtet aber an das ihrige gebunden, um sie im schlimmen Falle, eilig wieder auf das eigene Verdeck zu ziehn. Es gab Schiffartilleristen, noch kunstfertiger als jene auf dem Lande. Sie bedienten sich immer der glhenden Kugeln, denen zweckmig ersonnene Oefen, in einem Augenblick die nthige Hitze gaben. Auch lange Schwerter wurden in Bgen von oben nach unten, und von einer Seite zur andern, aus dazu geeigneten trogartigen Mrsern geworfen, Tauwerk und Segel zu verwsten. Es gab Schiffchemiker, welche die Brandmaterien anfertigten, womit man noch wirksamer als selbst durch die glhenden Blle zu zerstren strebte, und auch wieder Stoffe, welche den verderblichen Lauf derer, welche der Feind sandte, hemmen konnten, alles Resultate von Erfindungen welche die Vorzeit noch nicht ahnte. Es gab Seemechaniker, die bewunderswrdige Maschinen lenkten. Dahin gehrten die schnellen Ruderwerke, welche bei Windstillen dienten; die knstlichen Steuer, geschickt ein Fahrzeug in unglaublich kurzer Zeit zu drehen. Den Krieg unter dem Meere konnte man dennoch als den wichtigeren betrachten. In den schon beschriebenen Taucherhtten galt da der schlaue grimmige Kampf. Unter den Bauch der Schiffe suchte man anzulangen, mittelst frchterlicher Bohrer Lecke zu bereiten, oder noch frchterlichere Petarden anzuschrauben, deren Pulver auch im Wasser seine Kraft bte. Wer htte nicht glauben sollen, bei so vielen Zerstrungsmitteln mte es in wenigen Minuten um ganze Flotten geschehen sein, dennoch begrndeten die Gegenmittel wieder ein Gleichgewicht der Krfte, und zeigte der Feind dieselbe Kunst, hing die Entscheidung oft an Zuflligkeiten. Die Befehlhaber gestanden auch, wie die Flotten von Afrika oder Amerika, eben so wohlgerstet und mit kunsterfahrnen Kriegern bemannet wren, da also hier von keinem berwiegenden Vorzug die Rede sei, und derjenige ein wichtiges Verdienst um den Meerkrieg erwerben knne, der etwas aufzufinden im Stande sei, das, den Fremden unbekannt, in der nchsten Fehde den gewissen Ausschlag gbe. Dies Wort warf einen Funken in Guidos Einbildungskraft, und lie sie aufflammen. Sollte diese Aufgabe nicht zu lsen sein? fragte er sich. Und warum nicht? Strebt doch alles hherer Vollkommenheit entgegen. Er sann weiter ber diesen Vorwurf nach. Die Flotte lichtete die Anker. Guido hatte von dem Lehrer Abschied genommen, der in London zurckblieb. Bei einem wthenden Orkan stach man um Mitternacht in See, doch die Fertigkeit spielte nur mit den Hindernissen. Gegen den Wind kmpften die Ruderwerke, die Klippen und Sandbnke, nach welchen zu steuern, mit gutem Bedacht geboten wurde, umlenkte Geographie des Meergrundes und der Piloten Besonnenheit. So langten die Schiffe nach wenig Tagen in den gefahrvollen Belten an, trafen bei einem dunkeln Nebel auf jene, welche die feindliche Rolle gaben, und der Kampf begann. Guido flog erst mit den Luftgondoliren empor, stieg dann wieder in sein Schiff nieder, und senkte sich endlich mit den Tauchern in die Tiefe. Er wollte von Allem genaue Kunde zurckbringen, Jedermann sah sich befremdet durch seinen Eifer, seine Kraft und Ausdauer. Es trat jedoch ein seltsamer Fall ein. Drei Schiffe von der Gegenparthei, schnitten der diesseitigen Flotte ein Fahrzeug ab. Es fand sich umringt, und von den Masten dort wehte das Signal, sich zu ergeben. Dies wollte es nicht, den Vorwurf, unachtsam gewesen zu sein, abzulehnen. Man wandte alle Mittel an, den Weg durch die Feinde zu nehmen, die wieder alle Vorkehrungen trafen, es zu hindern; denn sie entflammte der Ehrgeitz, eine wohlgelenkte Bewegung ausgefhrt zu haben. Gefahren mangelten diesen, mitten im Sturm, im engen, klippenvollen Meere, gehaltenen Uebungen keineswegs, auch fiel mancher Soldat in die emprten Fluten, wo ihn weder das eigne fertige Schwimmen, noch die Hlfe der Kameraden zu retten vermochte; doch die Rhre lud man nicht. Allein auf dem bedrngten Schiffe -- Guido befand sich eben hier -- kam ein Artillerist auf den Gedanken, die Widersacher dadurch abzuhalten, da er ihre Segel und Ruderwerke zerstrte. Strafwrdig fllte er also sein Gescho ernsthaft, und erprobte auch seine Fertigkeit so wohl, da ein Fahrzeug drben bald auer Stand gesetzt wurde, seine Bewegungen willkhrlich zu lenken. Dies Verfahren machte aber, da die andern wtheten, und Gleiches mit Gleichem bezahlten. Ohne da ihren Konstablern durch die Obern Einhalt geschehen konnte, warfen sie glhende Blle ab. Das bedrngte Schiff hatte ein doppelt berlegenes Feuer zu leiden, und mute sich nun auch ernst vertheidigen, oder untergehn. Das Erste geschah mit zgelloser Hitze, die jedoch nicht unbeantwortet blieb, und zur Folge hatte, da viele Soldaten an beiden Theilen todt hinsanken. Nur mehr eiferten die Gemther, ergrimmt setzte man den Kampf fort. Die Offiziere fielen smmtlich. Guido, dessen kriegerisches Feuer im rasenden Getmmel hoch aufflammte, lenkte den Streit, ertheilte so guten Rath, da man sich willig unter seinen Oberbefehl stellte. Er drang geschickt auf das eine Fahrzeug ein, lie im gltigen Augenblick die Fallbrcke werfen, strzte sich mit der Hlfte seiner Leute auf das feindliche Verdeck, wo man sich dieser Khnheit dennoch nicht versah, und sich ergab. Nun wiederholte er dasselbe bei dem andern Schiffe, wo es eben so gelang, und fhrte die eroberten Schiffe im Triumphe dem Admiral zu. Dieser zrnte, wie billig, verordnete Strenge gegen die frevelhaften Urheber des blutigen Unfugs, wunderte sich aber hoch, da der neue Freiwillige der Soldaten Vertrauen habe gewinnen, und ihm mit so vieler Sachkunde und Geistesgegenwart habe entsprechen knnen. Er begriff auch gar wohl, wie ohne die schnell beherzte Entscheidung, noch mehr Leben wrde gefallen sein. Guido wurde mit Lob berhuft, und auf allen Fahrzeugen rhmte das eilig umlaufende Gercht, den khnen, weisen Jngling. Er bewhrte sein Genie auch noch hher, indem er in der That die Erfindung machte, welche, so lange sie dem Feinde unbekannt blieb, ein entschieden Uebergewicht im Kampf begrndete, und die lange vergeblich gewnscht worden war. Sie bestand in einer einfachen, doch hchst wirksamen und wohlberechneten mechanischen Vorrichtung, mittelst der man, ohne es selbst zu verlieren, einem feindlichen Schiffe das Gleichgewicht rauben, und es rettungslos umwerfen konnte. Als ein Geheimni vertraute er seine Theorie dem staunenden Admiral. Dieser fand sie so wichtig, da er sogleich die weiteren Uebungen aufhob, um nach London zurckzusegeln. Dort angekommen, ward Guido eingeladen, vor einem engeren Ausschu der oberen Leitung der Seemacht, Versuche mit der anzufertigenden entworfenen Maschine zu halten. Sie betrogen die hohe Erwartung nicht; die Admiralitt ertheilte ihm ein Ehrenzeichen und machte ihm bekannt: da dem Strategion und dem Kaiser eine Nachricht von seinem bedeutenden Verdienst um den Seekrieg wrde zugesandt werden. Bescheiden zog sich der Jngling zurck, und drang in den erfreuten Lehrer, abzureisen. Das Ehrenzeichen trug er nicht, sondern bermachte es Ini, mit der Bitte, es mit jenem aufzubewahren. -- Diese hatte sich aber damals schon von Sizilien entfernt. Man schlug nun den Weg nach Spanien ein. Hier fand Guido viele Monumente mit traurigen Bezeichnungen, und berschrieben: Denkmal beweinter Irthmer. Gelino gab ihm hierber folgende Auskunft: Spanien hatte vor mehr als einem halben Jahrtausend einen hohen Gipfel des Wohlstandes eingenommen. Freundlich durch die Natur begnstigt, sah man zahlreiche, kunstfleiige, kluge Bewohner, seiner ppigen, reitzenden Gefilde pflegen, in den weiten blhenden Stdten wohnten Thtigkeit und Ueberflu. Doch ein Sistem frevelhafter Kirchlichkeit, weiter von Religion entfernt als irgend in einem Lande und zu irgend einem Zeitraum der Verfinsterung, trat mit widrigen Maaregeln seiner Regenten in Bund, und entvlkerte nach und nach den gesegneten Erdstrich bis auf ein Drittheil der alten Menschensumme. Der Zufall lie Spanien die ersten Vortheile von Amerikas Entdeckung ziehn, weite reiche Landschaften eignete es sich dort zu, Gold- und Silberminen, wie sie zuvor keinem Staate gehrten, wurden sein Eigenthum. Doch dieser Umstand brachte, statt wiedererwachten Flor, nur tiefere Verarmung zuwege; denn Spanien ergab sich dem Miggang, das Gold wich in die Fremde, man sank in Schulden. Zuletzt schwelgten nur noch wenige Groen und die Priester, die Geisteskraft lag in den Banden des wahnsinnigsten Aberglaubens, die Regierung, trotz der meerumflossenen und durch die Mauer der Pirenenkette gesicherten Lage von Spanien, konnte sich nicht mehr vertheidigen. Die spterhin geistesentwlkten Nachkommen, blickten nun mit Wehmuth in eine Vergangenheit zurck, die so viel Sumni, das Gute zu erkennen, zu beklagen darbot. Sie meinten, wenn man der Kraft und Weisheit billig Denkmale stelle, gebhre solches auch wohl zerrttenden Irthmern, damit die schaudernden Enkel laut gemahnt wrden, auf edlem Pfad zu wandeln. Guido seufzte bei dieser Erzhlung, freute sich aber desto inniger ber das nun paradiesisch angebaute Land, die prangenden Reisgefilde, die duftenden Orangenhaine, die Weingrten, alle brigen, welche er je gesehn, an Schnheit hinter sich lassend. Madrit, sagte Gelino, wird dich entzcken. Ehedem soll es eine winklige, ohne Geschmack aufgefhrte, und ber alle Beschreibung unreinliche Stadt gewesen sein, spterhin ist sie jedoch von Grund auf neu erbaut worden, und das, dem an sich lieblichen, und noch viel veredelten Klima angemessen. Guido fand die Besttigung dieser Worte. Hatten Polen und Teutonien, durch Kultur ihrem Boden Frchte erzogen, die man sonst nur in Spaniens Breite sah, so hatte dies Land, durch glckliches Streben und bei reicherem Segen der Naturkrfte, manche Erzeugnisse von Afrika zu sich verpflanzt. Die Grten um Madrit sahen die edelsten Feigengattungen reifen, der Pisang blhte lustig, die Dattelpalme, der Kokosbaum breiteten ihre dichten Laubgewlbe in langen Blttern aus, die Brodfrucht gedieh auf krftigen Stmmen und erhhte den Reichthum an Lebensnahrung. Gewrzstauden mancher Art, sonst ein Eigenthum indischer Eilande, wurden auch mit Erfolg gezogen und durchhauchten die Lfte mit den angenehmsten Aromen. Madrit hatte sehr breite Straen, in welche, zur erfrischenden Khlung, Kanle geleitet waren. Man wachte ber ihre Sauberkeit mit fleiiger Sorge, spiegelhell wogten sie langsam zwischen den marmornen Bekleidungen hin. Zu beiden Seiten prangten Baumgnge, und die Straen hatten ihre Benennung davon, je nachdem es Pfirsich, Granatpfel, die stattliche Benta von Senegal, der ntzliche Kapok, die schattige Pflaumenpalme u. s. w. waren, welche dort in gleichfrmigen Reihen standen. In Herbst- und Winternchten hllte sie am Stamm eine Decke ein, und oben waren Frostableiter angebracht. Vor den Husern sah man auch in graden Abtheilungen Blumenbeete, und von den platten, mit Gelndern versehenen, Dchern, winkten allerhand liebliche Stauden in Vasen, wie sie auch, von guten Steinwlbungen untersttzt, eine Erdlage fr Lustpflanzen trugen. Die Einwohner brachten schne Morgen und Abende oben zu, verrichteten hier mancherlei Geschfte. Oft klang die kastilianische Guitarre, noch, wiewohl sehr veredelt, im Gebrauch, in sen Melodien herab, begleitet vom Sopran liebeathmender Mdchen, oder der alte Fandango drehte sich auf den Blumenmatten der Hhe. Von den vielen Pltzen waren diejenigen, welche nicht zu Handelsmrkten dienten, entweder mit Lustwldchen von Cedern oder ppigen sdlichen Fruchtbumen bepflanzt, oder in anmuthige Wiesenplane umgeschaffen, oder mit weiten klaren Wasserbecken geziert, auf denen bequeme Gondeln zu Freudenfahrten einluden. So glich Madrit einem groen Garten, und die Wohnungen der Menschen darin, Pavillonen, Nischen u. s. w. Kaum lie sich ein reitzenderer Aufenthalt ertrumen. Es gab auch Tempel aus Baumgewlben von seltner Hhe, unten mit Meisterwerken der Bildhauerei geschmckt, und die Andacht darin hatte einen feierlichen Zauber. Der groe Hang, die Lieblichkeit der schnen Natur zu genieen, hatte auch mancher Bhne, aus Hecken erbaut, das Dasein gegeben. Bei guter Witterung sah man hier Schauspiele unter dem freien Himmelsbogen, oft noch ein Werk des Lope de Vega voll seltsamer Liebesabentheuer, die die romantisch empfindenden Einwohner nicht vergessen hatten. Dem Mansanares war ein Bett von mehr Tiefe und Umfang als Ehedem gehhlt worden, er stand mit dem Minho, Guadiana, Guadalquivir u. s. w. in Verbindung, welche, jetzt auch geeignet Seeschiffe zu tragen, der Hauptstadt den Vortheil eines ausgebreiteten Handels verschafften. Nur Buenretiro und Aranjuez entzckten Guido noch mehr, als das liebliche Madrit, und er htte es beweinen mgen, nicht mit Ini in diesen Elisen wandeln zu knnen. Denn Geschmack und Reichthum hatten wetteifernd sich verbunden, die Grten dort, mit Allem, was Phantasie und Herz glhend fllen kann, verschwenderisch auszustatten. Obgleich der Winter nahte, lie ihn die noch berall grnende Wonne nicht ahnen. Der Lehrer sagte aber: Fort von hier, mein Guido! Wenn diese Lust dich, dem die ppigen Vergngungen von London und Paris langweilten, im Streben nach Unterricht, mehr ankettet, weil die Natur hheren Theil daran hat, freut es mich, doch deinem Zweck darf sie dich auch nicht entfhren. In tieferer Wissenschaft kannst du hier nichts Betrchtliches erlernen, dies Volk hat noch manchen Schritt zu thun, die alte Sumni einzuholen, um neben den Teutonen, Britten und Franken zu stehn. Wir wollen nach Lissabon, doch auch da nur kurze Frist weilen. Guido folgte sogleich, er hatte Selbstbeherrschung genug, um zu wollen, was er sollte. Die Luftpost trug die Reisenden bald nach der westlichsten Hauptstadt in Europa. Dort befand sich unter andern eine berhmte Vorkehrung gegen Erdbeben. Weshalb Lissabon so groe Summen zu diesem Zweck aufgewendet hatte, sieht man leicht ein. Die Anstalt wrde einem Brger des achtzehnten oder neunzehnten Jahrhunderts so groes Staunen aufgedrungen haben, wenn ihm ein prophetischer Geist davon htte Meldung thun knnen, wie Jedermann im zehnten gefhlt htte, wenn damals die Rede von Feuerrhren und Blitzableitern gewesen wre. Doch eine andere Szene fesselte Guidos Aufmerksamkeit, wo mglich, noch mehr. Da er nmlich am Ausflu des Tago umherging, kam etwas ber die See, keinem Schiffe gleichend. Das Herannahen des Phnomens setzte ihn in nur heiere Verwunderung. Er begriff nicht, wie ein Gegenstand von diesem Umfange auf den Wogen schwimmen knne. Endlich sah er klar, da es eine Insel sei, und halb Lissabon strmte hinaus, sie anzustaunen. Sie kam noch nher. Fernrhre hatten die Versammlung Neugieriger schon berzeugt, da sich viele Menschen darauf befnden, welche theils auf dem Rasen und in den kleinen Gebschen sich ergingen, theils in einem Wohnhause, das man auf dem Eilande erblickte, allerhand Zeitvertreib hielten. Wer konnte aber das alles erklren? War ein Stck Land irgendwo durch ein gewaltsam Naturereigni losgerissen worden, und schwamm es nun zufllig gerade auf Lissabon her? Niemand wute, was er denken sollte. Freundlich grten aber von der Insel Kanonenschsse, und die dankende Antwort wurde vom Kasteel des Hafens nicht vergessen. Endlich hielt die Insel. Sie hatte eine so geringe Tiefe, da sie unfern der Kste ihren Lauf enden konnte. Nun offenbarte sich aber, da Wallfische von ungeheurer Gre, deren Kpfe und Rcken auch vorher, obwohl nicht deutlich, ber der Fluth bemerkt worden waren, das Eiland gezogen hatten. Die Mnner, mit ihrer Lenkung bis dahin beschftigt, spannten sie jetzt von den unerhrt dicken Geschirren, warfen Anker von seltener Schwere, und banden die Thiere an ihren Tau. Wallfische gezhmt, zum Dienst des Menschen angelehrt? rief Alles; in wem erwachte zuerst der kecke Einfall? welche Mittel ersann er, ihm Wirklichkeit zu geben? Mit einem kleinen Nachen kamen nun einige Mnner ans Land, fast erdrckt von Portugiesen. Sie zeigten auf einen hochbejahrten Greis in ihrer Mitte, nannten ihn den Besitzer des unerhrten Seefuhrwerks. Alles ging diesen nun um Auskunft an, er mute einen Balkon besteigen, zu der immer mehr angewachsenen Menge zu reden. Ich bin aus Nordamerika, Philadelphia mein Geburtsort, hub er an. Schon mein Vater kam in frher Jugend auf die Vermuthung, es werde mglich sein, sich Fischen mit seinem Willen verstndlich zu machen, und ihre geringe Denkkraft, mit der vielumfangenden menschlichen, in Beziehung zu setzen. Denn, dachte er, geht dies bei Thieren vom Lande an, wo ist der Grund, es werde hier nothwendig milingen? Ohne Zweifel gab es einst Menschen, die den verlacht haben wrden, der behauptet htte, man knne Ro oder Stier zum dienenden Knecht machen. Genug, mein Vater begann sein Werk mit unsglicher Mhe. Kleine Flufische in Becken waren es, womit er den Anfang machte. Die Nachbarn fragten, wozu denn das je ntzen solle? Dies mochte mein Vater auch noch nicht recht einsehen, doch machte ihn nichts irre, und nach Jahren konnte er doch einen Hecht, einen Aal zeigen, welche auf seinen Wink allerlei kleine Knste vollzogen. Der Neuheit wegen lief man herzu, sah es an, zuckte hernach aber die Achsel ob der eiteln Mhe. Doch mein Vater fuhr fort. Ein Zitterfisch, ein Kabliau und ein Hai, sehr jung eingefangen, kamen an die Reihe. Er fand bei diesen Thieren grere Gelehrigkeit, mit gebndigterem Muth bei dem folgenden Geschlecht verbunden, das er zog. Mit dem dritten ging es noch weiter. In einem groen Teich, den Meerwasser fllte, hatte der Vater eine Menge Kabliaue und Haie, ruderte sich auf demselben umher, sie abrichtend. Sie kamen auf seinen Ruf, empfingen Speise, entfernten sich wenn er es haben wollte, lieen sich ergreifen, sprangen sogar in den Nachen, und schmeichelten ihrem Herrn, indem sie aber zu bitten schienen, sie wieder in ihr Element zu entlassen. Mein Vater geno keinen Vortheil davon, als da er von denen, welche die seltsamen Knste seiner Thiere zu sehn begehrten, sich ein Zutrittgeld erlegen lie, wodurch er aber dennoch eine artige Summe gewann. Eines Tages blieb ein groer Hai ganz zufllig an dem Stricke hangen, womit mein Vater den Nachen am Lande zu befestigen pflegte. Und so zog er diesen, indem er fortschwamm, hinter sich. Das kann ein neues Kunststck geben, dachte mein Vater, und fertigte Sielenzeug fr zwei Haie an. Erst thaten die Thiere unbndig, eine Last hinter sich empfindend, und einen Zgel im Mund, sie wollten ihre Bande zerreien, schossen gegen den Grund, was den Nachen in Gefahr brachte. Doch fortgesetzte Liebkosung, Ftterung, wie sie sie gern empfingen, und nach Jahr und Tag, gab mein Vater seinen Haien ein Zeichen mit einer im Wasser bewegten Glocke, sie kamen, lieen sich Zaum und Geschirr anlegen, und lenken, wohin man wollte. Gegen das Ende seines Lebens fuhr der Alte aus seinem Teich nach dem hohen Meere, holte von einem Kstenorte zum andern allerhand Waaren. Ich, noch ein Knabe, sann dem Dinge weiter nach. Wie, wenn man Seeschiffe so fortbringen knnte? Man drfte des entgegenwehenden Windes oft spotten, htte nicht nthig zu kreutzen, wrde mehr Herr der Zeit, bedrfte der kostspieligen Ruder nicht, und kme vielleicht schneller als mit ihnen davon. Aber da bedrfte es grerer Thiere. Wenn indessen der Hai zum Gehorsam zu bringen ist, warum sollte es nicht auch der Wallfisch sein? Der Vater starb bald, ich nahm mein Erbe, und begab mich nach Kanada, mir dort einen kleinen Meerbusen als Eigenthum zu verschaffen. Seine Enge vorn lie ich mit einem Damm versehn, der durch eine Schleuse gesperrt werden konnte. Eine Wohnung erbaute ich mir am einsamen Strand, machte Niemand zum Zeugen meines Vorhabens, als einige Knechte, weil ich vor der Zeit nicht davon geredet wissen, und von keinen Neugierigen berlaufen sein wollte. Nun ruhte ich nicht, bis es mir gelungen war, vieler jungen Wallfische habhaft zu werden, wobei mir Taucherhtten und dazu eingerichtete Fangwerke dienten. Dies gelang, aber mein weiteres Beginnen war mhevoll. Doch jung, krftig, ausdauernd und mein Ziel mit festem Willen ins Auge gefat, lie ich mich nicht ermden. Da ich kurz bin, sage ich euch, wie ich mein Vorhaben funfzig ganzer Jahre lang treu verfolgte. Dann sahe ich mich aber auch belohnt. Es war mir ein Schertz, eine Brigg oder einen Dreimaster von wohleingefahrenen Wallfischen dahin schleppen lassen, ich sah jedoch auch ein, wie die Kraft dieser Ungeheuer noch mehr leisten knne. Da fertigte ich einen groen Flo, aus aneinander gefgtem Treibholz, bewarf ihn mit durchsiebter fruchtbaren Erde und pflanzte allerhand Gras und Kruter darauf. Einige erhhte Hgel konnten Katalpen und Akazien, andere Fruchtbume tragen. Ein gemchlich Wohnhaus und Speicher zu Waaren folgten. So entstand das knstliche Eiland welches ihr seht. Manches Jahr bte ich erst die Fahrt in meiner Bai, dann lie ich den Damm mit Pulver wegsprengen, die Insel zum Ozean bringen zu knnen, und langte damit wohlbehalten auf der Rheede von Philadelphia an. Die Einwohner staunten wie ihr. Man berzeugte sich aber bald von der Festigkeit und Sicherheit meiner Fahrt und gab mir reiche Ladung nach Europa, die ich verlangte. Auch einige Passagiere fanden sich, andere wagten es noch nicht, die Reise zu theilen. Die meisten unter jenen Mnnern sind meine Knechte. Doch fahrt jetzt zu der Schwimminsel hinber, erschaut ihre Bequemlichkeiten. Der Reisende merkt kaum, da es weiter geht. Welch ein angenehmer Aufenthalt. Bei heitrer Witterung lustwandelt man auf den Hgeln, schlummert im Grase, belustigt sich mit Fischfang. Ist der Himmel unfreundlich ladet das Gebude ein, wo sich mehr angenehme Einrichtungen finden, als auf dem grten Schiffe, nicht Bchersammlung, Orchesterorgel, Lusttheater, Fechtboden u. s. w. fehlen. Eine Taucherhtte hngt hinten am Eiland, da man sich auf der Reise beliebig in die Tiefe senken, und dort umsehen kann. Dies alles wurde erst in Philadelphia vollendet. Und prft auch meine groen Waarenspeicher. Wohl mehr noch als ein Dutzend groe Schiffe, vermag ich zu laden, wohlgeordnet, wohlgepackt, keinem Verderbni blosgestellt, und dennoch geht meine Insel nicht tief, weil ihre Breite und Lnge im ausgleichenden Verhltni zu den aufgebrdeten Lasten steht. Eiliger schieen die Wallfische dahin, als der gnstigste Wind ein Fahrzeug zu treiben vermag. Der Sturm kann ihnen nichts anhaben, er trifft sie nicht in ihrer Tiefe. Das Eiland ist zu gro um ein Spiel der Wogen zu sein, zu hoch, zu fest, durch Brandungen zu leiden; stranden kann es nicht leicht, und wenn auch, es ruhet dann sicher auf dem Grunde und es sind Winden vorhanden, die es bald wegschaffen. Seht, ihr Europer, dies alles kann des Menschen Flei ins Werk richten! Der Greis endete. Man konnte nicht Chaluppen genug finden, die Neugierigen berzusetzen. Da Gelino und Guido nicht zurckblieben versteht sich. Man fand alles, wie der Mann gesagt hatte, bewunderte am meisten die Sielen und Zugketten der sechs Meerungeheuer, und sahe zu, wie sie gefttert wurden und die Knechte auf ihren Rcken tanzen lieen. Das Abladen der Waaren begann und der Mann verlangte an der Brse Rckfracht nach Nordamerika. Sie fand sich, seine Maschinen machten Alles in wenigen Tagen ab. Whrend der Zeit erwachte in Guido eine heie Neigung, die Inselfahrt auch zu theilen. Wir wollten ja ohnehin nach Westindien, sagte er zum Lehrer, la uns Pltze miethen. Gelino hatte kein Ohr dazu, sein Alter empfahl mehr Vorsicht als der jugendlich ungestme Muth. Zu wenig ist das noch erprobt, mein Freund, antwortete er, Unflle, die der Mann selbst nicht erwartet, knnten uns treffen. Erfahrung mu noch deutlicher ber den Gegenstand reden, vielleicht litt diese Reise nicht von heftigen Strmen, er whnt nun seine Anstalten ber alle Gefahr erhoben, und ein Andermal kann sie ihn berwinden. Doch dies alles leuchtete unserm Guido nicht ein, sein Verlangen wuchs nur am Widerstande und er drang so lange mit Bitten in den Lehrer, bis er, obwohl bedenklich genug, einwilligte. Viertes Bchlein. Reise auer Europa. Nun ward der Vertrag geschlossen, und das Eiland bezogen. Niemand fragte um gnstigen Wind. Als die Ladung eingenommen war, lichtete man die Anker, legte die Thiere vor, befreite das Eiland vom Grunde, und fuhr unter dem jubelnden Nachruf der Menge ab. In wenigen Stunden sahn unsre Reisenden die hohen blauen Felsenksten von Portugal nicht mehr. Guido war entzckt. Freilich raubte die Jahrzeit der Reise manches Angenehme. Im Sommer wrde sie viel reitzender ausgefallen sein. Aber so lebte man bereits in der Mitte des Novembers, in Lissabon freilich nicht unbehaglich empfunden, doch desto mehr, als man in den nrdlicheren Gewssern anlangte. Da gewhrten die entlaubten bereiften Bume und das falbe, mit drren Blttern berstreute Gras auf der Insel, eben keinen freudigen Anblick mehr, auch war sie in kurzem ganz mit Schnee bedeckt. Der Inhaber hatte indessen auf das Vergngen seiner Passagiere gedacht, mehrere lebendige Hasen, Fchse, Kaninchen verborgen, von denen er jetzt welche heraus lie, damit man sie jagen knne. Einige der Reisenden belustigte das weidlich, doch Guido nicht, wohlthtige Schonung gegen Thiere lag in seiner Sinnesart. Er blieb meistens bei Gelino im Zimmer, mit Wissenschaften die Zeit verkrzend. Auf der hohen See wtheten einige Strme, die Balken der Gebude krachten, die Wellen splten ihren weien Schaum ber die Ufer. Unbesorgt, rief der Pilot, es hindert unsere Fahrt nicht! In der That war es auch also. Die Wallfische schwammen dann tiefer, als die Wogen vom Sturm bewegt wurden, so wenig ein Boot vom Kruseln eines Baches leidet, ward auch das Eiland vom hohlen Gewhl des Atlantus verletzt. Haus und Speicher widerstanden. Mit groen Reusen fingen die Knechte tglich kleinere Seefische in groer Menge, welche sie in einer Art Futterbeuteln, von eines Zeltes Gre, den Wallfischen gaben. Diese zehrten dann, ihren Lauf nicht unterbrechend. Zeigten sie sich einmal widerspenstig, wollten eine andere Richtung nehmen, als der an groen, mit Winden versehenen Pfhlen hngende, Zgel vorschrieb, neckten einander beiend, oder wollten, dem Instinkt folgend, der Fischjagd obliegen, strafte man sie durch zackige Mastbume deren Streiche ein Hebel auf sie fallen lie. Die bndigenden Eisenstangen in ihren Rachen wogen mehrere Zentner, und lieen ihnen, scharf durch die Maschinen angezogen, die Lust des Ungehorsams bald vergehn. Nur vierzehn Tage whrte die Fahrt, dann lag man auf der Rheede von Philadelphia. Sie war schon mit Eis berdeckt, aber das Eiland brach sich sowohl Bahn, als die Wallfische unter dem Rande hingleitend, ihn leicht wegbrckelten. Dennoch fuhren die Reisenden auf Eisschlitten zur Stadt, frohlockten ber das Vollbrachte und wurden mit freudigem Gru bewillkommt. Gelino war froh, diese Reise berstanden zu haben. Sie hatte ihn mehr gengstet, als er sich selbst merken lie. Philadelphia hatte einen groen Umfang und viele Schnheiten der Baukunst aufzuweisen. An Reichthum und Vergngungen gab sie keiner Stadt in Europa von hnlicher Gre etwas nach, bertraf sie sogar. Denn die Kultur in Nordamerika hatte eine Stufe erreicht, welche den Vorrang der europischen streitig machte. Dies konnte auch nicht anders sein, da diejenigen Mittel, welche einen raschen Gang der Bildung begrnden knnen, den Einwohnern schon in sehr frher Zeit zu Gebote standen. Die ganze Halbinsel von der Honduras-Bai, bis weit hinter der Beringsstrae und Kap Lisburn hinauf, wie an der stlichen Seite hinter der Baffins-Bai, Grnland noch eingeschlossen, war nach einem schon frhen glcklichen Kriege, zu einem glcklichen Staat vereint, dessen viele weitluftige Lande, jedes seine demokratische Regierungsform hatte, und wieder durch einen, dem europischen hnlichen Fderalismus, sich zur vollkommneren Gesammtkraft verbanden. Man war auch durch die Vortheile einer bequemeren Weltverbindung bewogen worden, die neue europische Sprache einzufhren. Von der Hauptstadt Wassington sprach alles, wie von einem Theben oder Babilon, die Ufer der Strme Lorenz, Niagara, Ohio, Susquehannah, Missisippi u. s. w. waren fast mit neuen Wohnpltzen beset. Mexiko, Luisiana, Florida waren Erdenparadiese, nrdlicher konnte man den Zustand der Dinge mit jenem in Spanien, Frankreich oder Brittanien vergleichen. Gegen die Hudsons-Bai erblickte man die Landeinrichtungen von Polen oder Moskau wieder. Im Innern des Landes waren die wichtigsten neuen Entdeckungen gemacht worden, der Unterschied zwischen Nadovessiern, Huronen oder Ueberkmmlingen aus der alten Welt schwand immer mehr, da diese Vlker durch Heirathen sich verschmolzen und ihre Sitten ausgeglichen hatten, doch war dies vielleicht auch der Grund, weshalb die Nordamerikaner, in der Mehrzahl, an Schnheit den Europern nachstanden. Guido und sein Lehrer schoben es aber bis zum knftigen Frhling auf, das Land zu durchwandern. Es sollte zudem sehr flchtig geschehen, dann wollten sie nach Sdamerika, jetzt ebenfalls ein eignes Reich, dann nach Ulimaroa, den ostindischen Eilanden und China. Auch einen Besuch am Kaiserhofe zu Calcutta gedachten sie abzustatten, und dann, ber Persien die Reise um den Erdball zu vollenden. Afrika sollte ausgeschlossen bleiben, weil die Miverstndnisse, schon einige Zeit zwischen den Hfen von Neu-Carthago und Rom obwaltend, eine bedenklichere Ansicht gewannen. Fr die Gegenwart faten sie den Entschlu, einer Reise zum Nordpol beizuwohnen, wovon einst schon in Petersburg die Rede gewesen war. Sie fanden mehrere Gefhrten, die sich eben in Philadelphia dazu bereiteten. Niemand sparte an den nthigen Summen, und so trat man den Weg bald an. Ueber das alte Land der Eskimos flog die Gesellschaft in Luftfahrzeugen dahin, lie die Hundsonsstrae unter sich liegen. Weiterhin ward die Klte in der hohen Region zu empfindlich. Man stieg nieder und bediente sich der Schlitten mit Rennthieren. Sie fanden bis ber Jones-Sund hinaus noch Anbau, freilich nur in zerstreuten Htten von Einwohnern, die im Sommer sich vom Fang der Meerfische, und im Winter von jenem der Robben, Seekhe und anderer Amphibien nhrten. Einen Beweis, da der Mensch nach und nach den Willen aller Thiere beherrschen knne, fanden sie hier dadurch abgelegt, da die Wlfe gezhmt und angelehrt waren, den Dienst der Hunde bei den Wohnungen zu versehn. Auf den Jagden bediente man sich ihrer allerdings mit noch grerem Vortheil. Und die Eisbren, in so furchtbarer Gestalt, und einer Wildheit, von der Niemand sonst sich wrde haben trumen lassen, sie sei je zu bndigen, fand man in Stllen, um mit ihnen dort zu reisen, wo selbst das Rennthier oft erfror, nmlich jenseit des achtzigsten Grades nrdlicher Breite. Die Einwohner, die man wegen ihrer unglaublichen Abhrtung ehern htte nennen mgen, ritten auf diesen wohlgesattelten Eisbren und legten artige Strecken zurck, wer aber aus milderen Himmelstrichen kam, frchtete, sie nicht lenken zu knnen, oder auch die zu strenge Klte im Freien, lie sie also vor die Schlitten legen. Fast gegen den zwei und achtzigsten Grad gab es noch ein Drfchen, bewohnt von Verwiesenen aus Nordamerika. Ihre Huser waren auf hohe Sulen gebaut, an welche Treppen hinauf gingen, um nicht von der, wohl an funfzig Schuh reichenden, Verschneiung berdeckt zu werden. Man sah bei dem allen hier Wohlstand, durch den Handel mit Kristall vom Pol, der schon bei den Nordlndern jener Hemissphre zur Sprache kam, erzeugt, daneben durch den Gewinn, welchen sie von neugierigen Reisenden, welche alljhrlich ankamen, zogen. Man hielt alles fr diese bereit, was ihnen zu Vollbringung ihres Vorhabens nthig war. Die Schlitten, mit Teppichen aus dichtem Pelzwerke berall versehn, mit Fenstern aus sehr dickem Kristall, mit kleinen Oefen, deren Zge an den Wnden umhergeleitet waren, und die vermge ihrer guten Einrichtung nur eines geringen Feuermaterials aus Papier bedurften, lieen die entsetzliche Klte vergessen. Der Schnee hatte eine gefrorne Decke, ber welche sie hingleiteten. Meer oder Land waren vollkommen gleich. Einem Schlitten, den etwa vier Wanderer einnahmen, folgte ein zweiter mit Lebensnothwendigkeiten fr die ganze Dauer der Reise. Sie bestanden aus Suppentafeln, Gallerten, Austern, Fischrogen und anderen Dingen, die viele Nhrkraft in kleinem Umfang verschlieen. Doch nahm man auch Frchte in Spiritus, sogar einiges lebendige Geflgel mit. Zudem vortreffliche gebrannte Wasser und Weinessenzen. Ein dritter Schlitten enthielt Feuerungstoff, da ber diese Linie weg, weder Holz noch Gestruche sichtbar wurden. Ein vierter Nahrung fr die Eisbren. Zwei Grad legte man bei dem geschwinden Lauf dieser Thiere in vier und zwanzig Stunden zurck, wobei man ihnen achte zur Ruhe gnnte, sie ftterte und ein Pelzzelt ber sie aufschlug. Auch verga man nicht einen kleinen Ofen hineinzubringen. Sonst hatte die Natur fr sie durch die eigne zottige Haut gesorgt. Aus Hundert Schlitten bestand etwa die Karavane. Es versteht sich, da die Reisenden schon lange keinen Tag mehr sahen. Doch Schnee, Mondschein, Nordlichte oder Laternen machten, da man die dauernde Nacht keineswegs hinderlich empfand, ja von diesem fremdartigen Schauspiele vieles Wohlbehagen der Neuheit geno. Magnetnadel und Gestirn deuteten den Weg. Unflle strten nicht. Acht Tage noch, seit jenem Drfchen der Verwiesenen, und der Polarstern schwebte ber Guidos Zenith. Welche Empfindung, auf dem Achspunkte des Erdballs zu stehen, wo der gleichmige Sternentanz uns umkreist, und der Vollmond (der unsern Wanderern eben schien) nicht untergeht! Welche Flle neu angeregter Ideen! Guido umfing den Lehrer mit flammenden Dank, da er ihm diese Entzckung bereitet habe. Der Alte aber, wenn gleich vielfach in Kleidung, von sibirischen Musen, Eidervgeln und Zobeln gehllt, auch das Antlitz mit einer guten Larve versehn, konnte sich nicht lange aus dem Schlitten entfernen, wogegen der muntere Guido Stundenlang umherschweifte, bis die Erstarrung ihn mahnte, an den Ofen zu fliehn. Die Reisegesellschaft fand jedoch noch andere Pilger vor, die aus Grnland und Samojeden dem nmlichen Ziele zugeeilt waren. Wechselseitige Untersttzung linderte die Beschwerden, gab den Untersuchungen mancher Art, welche die Naturkundigen -- dies waren sie meistens -- anstellten, erhhtes Leben. Einer darunter hatte eine erzene Bildsule Newtons mitgebracht, sie hier aufzustellen. Alle zollten dem Einfall gerechtes Lob. Wohl, riefen sie, gebhrt dem Manne gerade hier ein Denkmal, der schon vor vierhundert Jahren der Menschheit die Gestalt dieser Abdachung zu verkndigen wute. Doch das Kristallgebirge am Pol ahnte Newton noch nicht. Die zackigen Spitzen erhoben sich aus dem Schnee, wunderbar funkelnd im Strahl des Mondes, oder vom rthlichen Nordlichte erhellt. Viel Pracht der Menschen, viele hohe Schnheitzauber, der gerne lieblich oder erhaben gestaltenden Natur, war an Guidos Blicken vorbergegangen, allein diese diamantnen Kolossen auf dem unbersehbaren, ebnen, reinen, weien Teppich, galten ihm dennoch wieder das Niegeschaute, Niebewunderte. Sie umringten zuletzt einen tiefen Krater in ihrer Mitte. Es schien ein Vulkan, die Lava am Rande lie es vermuthen. Wichtiger stellte sich ein dichter grauer Nebel dar, aus der Tiefe steigend, und hoch in der Luft nach allen Seiten zerflieend. An diesem Dampf und seiner Vermengung mit dem ganzen Luftkreis der Sphroide hing die lebendige Simpathie des Magneten, deren Geheimni aber nicht in diesem Traum der Zukunft aufgedeckt werden kann, um nicht Entdeckern der Wirklichkeit vorzugreifen. Die Neigung der Nadel hatte mit den inneren Bewegungen des magnetischen Vulkans, die auf das grere oder geringere Sinken der Dampfsule wirkten, Verwandschaft. Die Naturkundigen meinten, ein Herabsteigen in den rthselhaften Krater werde noch einst viel wesentlichere Aufschlsse geben, endlich wohl gar die Anziehekraft der Erde erklren lehren. Whrend die Versammlung mit Instrumenten mancher Art forschte, die Beobachtungen in Schlitten niederschrieb, mit lteren verglich, sich neuer Ausbeute freute, (worber eine Zeit der halbjhrigen Nacht hinfloh, die nach dem gewhnlichen Maa, vierzehn Tage enthlt) waren die Mnner welche die Schlitten fhrten, beschftigt, Kristallblcke zu brechen, und auf die, zum Behuf dieses Handels, noch mitgenommenen unbeladenen Schlitten, zu laden. Sie hatten diesmal vorzglich geeignete Werkzeuge mitgebracht und bemchtigten sich auch mancher Stcke von schner Seltenheit. Guido nahm eins darunter, von ansehnlicher Hhe und Klarheit in Beschlag, er wollte es fr Ini kaufen und ihr Standbild daraus fertigen lassen. Er meinte, da dieser Kristall das Gold bei weitem an Glanz bertrfe, und dem Diamanten, er mgte natrlich oder kunstverfertigt sein, gar wenigen Vorzug lie, so mte dies das herrlichste Standbild auf dem ganzen Erdball werden. Und seine Liebe setzte hinzu: Wie sehr verdient die erste Schnheit auch die gediegenste Verewigung! Doch ein furchtbar schauderhaft Migeschick brach ber Guido herein. Dort so hinaus gewagt aus den Kreisen der Menschen, fand der Pilger auch einen mchtigeren, schwerer zu bekmpfenden Zufall. Die Reisenden aus anderen Gegenden hatten sich schon entfernt, Guidos Karavane machte sich fertig, den Rckweg zu nehmen. Da will der alte Gelino, dem die Umgebung des Pols ziemlich fremd blieb, weil er sich kaum aus dem erwrmten Schlitten wagte, doch die Glanzkuppen auch noch ein wenig besehn. Sein Zgling schweifte umher; er tritt allein, wohlverwahrt, in das Freie, geht weiter. Durch die Verschiedenheit der Wirkungen ergtzt, will er ohne Zweifel andere Stellungen betrachten, dringt mehr vor, verirrt sich zuletzt in dem Labirinth. Er whlt eine falsche Richtung, wieder zu den Seinen zu gelangen, wo man unglcklicher Weise seine Abwesenheit spt bemerkt. Nach einigen Stunden kmmt Guido, dessen krftige Natur sich schon gewhnt hatte, lange im Freien auszuharren; eben will man abfahren, die Bren sind angespannt. Er findet den Alten nicht, ruft, sucht in der Nhe. Umsonst! Bange um ihn, dringt er weiter und weiter, es koste was es wolle, den Greis auszusphn. Darber entfliehen Stunden. Die Reisegesellschaft sucht nun beide, doch mit Vorsicht, und den Kompa zur Hand. Gelino wird bald gefunden, doch -- starr am kalten Boden. Man bringt ihn zu den Schlitten, erwrmt ihn, wendet Rettungsmittel an. Sie fruchten nicht. Der Greis ist dahin, erlag dem Angriff tdtlicher Klte. Die Erschrockenen beben nun fr den Jngling, denn so lange schon ist er von der Wrme fern, hat auf Ruf und Zeichen sich nicht gestellt. Ein hohes Feuer lassen sie empor lodern, Schsse sollen dem Verirrten seinen Weg deuten, seine Diener schweifen weit umher, Guido wird nicht gefunden. Endlich kann Niemand mehr an sein Leben glauben, die Sorge fr eigne Rettung mahnt, abzufahren, denn die Lebensvorrthe sind berechnet. Man lt jedoch, auf den undenkbaren Fall, einen kleinen Schlitten zurck, den Bren davor, Speise, Getrnke und Feuerung. Den mag er nehmen und nacheilen, wenn er ja wiederkehrt; keiner der Knechte entschliet sich, zu weilen. Guido hat unterdessen auch fruchtlos den Rckweg gesucht, seine Angst um den Alten ihn zu weit in die Entfernung getrieben. Die Schsse hat er nicht mehr vernommen, kein Feuer erblickt. Endlich, nach vielen bangen Stunden, fast verzweifelt in Gram, das Haar emporgestrubt durch die eigne Noth, da er kaum noch ein Glied zu regen vermag, gelingt es ihm, auf den Polarstern blickend und durch schnellen Lauf sein Blut in Bewegung erhaltend, nach dem Platze zu kommen, wo die Karavane stand. Er sieht einen Schlitten, und athmet wieder Hoffnung. Ohne weiter um sich zu sehn, wirft er sich hinein, die wrmere Luft ist das dringendste. Vielleicht kam Gelino selbst, denkt er, und entschlummert auf die schwere Ermdung pltzlich. Beim Erwachen, das vermuthlich spt erfolgt, ist die Betubung, welche vorhin ber ihn kam und seine Sinne abspannte, gewichen. Warm und regsam wieder, peinigt ihn auch die Angst um den Entbehrten desto mehr. Ob er zurckkehrte? Hinaus zu fragen! Er meidet den Schlitten, wird aber keinen anderen inne. Keine Antwort auf sein Rufen. Was heit das? Wer nennt jedoch des Armen grausenden Schrecken, da er, kaum im Mondlicht lesbar, die Worte an den Schlitten geheftet fand: Unglcklicher! lebst du noch, so folge eilig. Der Br ist der schnellste, wird uns einholen. Nothwendigkeiten lieen wir dir. Feuer sollen von Zeit zu Zeit brennen, da du so weniger vom Pfade irrst. Guido wute nicht, ob er trume. Ihm schauderte in der grlichen Einsamkeit. Wo ist mein Lehrer? Nahmen sie ihn mit? Warum davon nichts? O Himmel! nein, der htte mich nicht zurckgelassen! Und doch was soll ich thun? Ich mu nachfliegen! Er blickte in die Richtung des Wegs. Eine Flamme winkte in der Ferne. Sein Kompa, wohlbezeichnet, lag im Schlitten. Wohlan! Nun dachte er die Zgel des Bren zu ergreifen. Entsetzen! grausames Entsetzen! Der Br lag erfroren. Guido glaubte, eine Ohnmacht von vielen Stunden msse diesem Augenblick gefolgt sein, denn als er wieder klar denken konnte, sah er von jener fernen Flamme nichts mehr. Fnftes Bchlein. Guidos Einsamkeit. So war er denn verlassen, am Eispol verlassen, in tiefer, grimmiger Nacht; um ihn die Oede der kalten Wstenei, nichts ihm winkend, als Tod. Grausame Gefhrten! Ach! rief er aus, noch hab' ich selten mit dem Schicksal gekmpft. Mein Leben lchelte froh, die Kriegsgefahr nahte blos, mich mit edlem Ruhm zu schmcken, die Liebe erhob mich ber das Leben; doch nun, nun schlagen die Gewitter desto zorniger ber mich zusammen. Hier retten nicht Muth noch Kraft, hier mu ich enden! o Ini, Ini! Doch sollte abermal ein Dolch in das gequlte Herz sinken. Indem er seine Klagen laut hinausweinte in die starre Luft, um den Schlitten irrend die Hnde blutig rang, sah er in einiger Entfernung einen dunkeln Strich auf dem lichten Schnee, er nahte, es war eine menschliche Gestalt er kam hinan -- es war Gelinos Leichnam! Er sank daran nieder in wildem Ungestm, ber den neuen Schmerz den alten Jammer vergessend, kte das kalte Antlitz mit heien Thrnen, dann ri er den Krper auf, lud ihn auf die Schulter, trug ihn an den Ofen des Schlittens, hoffte noch Leben in ihm zu wecken. Wie man denken mag, war dies Streben eitel, auch kein Sturm der Klagen rttelte den Todten auf. Doch mochte die traurige Auffindung glcklich fr Guido sein, die regsame Mhe gab seinem doppelt schreckenerstarrten Blute wieder Umlauf und zerstreute den Blick auf sein Elend, auch sah er zu dem Feuer im Ofen, das er vielleicht sonst htte erlschen lassen. Mit einem Schlummer aus Entkrftung mute dies Treiben zu Ende gehn. Neben dem Entseelten, den Arm um ihn geschlungen, unter den nmlichen Fellen womit jener bedeckt war, schlief Guido fest ein. Da ging ein Traumgesicht an seiner inneren Welt vorber. Ini, noch von hherer Schnheit umstrahlt, als neulich in dem Zaubergarten, trat aus einer Rosenwolke zu ihm, nahm seine Hand und lispelte mit himmelvollem Laut: Den Starken prfe schweres Leid. Weise forsche er in der reichen Kraft, sie birgt Hlfe. Wir sehn uns wieder! Hier trat sie in die Wolke zurck, die sie dicht umhllte und nach dem fernen Horizont zog, sich weit als eine lichte Morgenrthe verbreitend. Ueber diese Morgenrthe ging dann die Sonne auf, die Schneegefilde wichen ihr pltzlich, und ein lieblicher Frhling blhte. Von dem duftendsten Baume sang eine Nachtigall in dem Idiom der Melodie: Wir sehn uns wieder, und Guido erwachte. Ihm war, als ob er die Berhrung der leisen Geisterhand noch fhle, als ob sie neues Leben durch alle seine Adern gegossen htte. Er sprang auf, eilte hinaus. Wir sehn uns wieder, umtnte es noch den getuschten Sinn berall, von den leuchtenden Felsgipfeln schien ein Echo es zu wiederholen. Ja! rief er frhlich, ich will mich kmpfend ermannen gegen mein Elend, du, heilige Gttin! giebst mir Strke. Er sann nach. Nicht unmglich war es ja, da andere Reisende noch ankmen, und ihn zu den Wohnungen der Menschen brchten, er mute sich erhalten, da in diesem Fall sie ihn lebend fnden. Der Schlitten ward untersucht, nachdem des Greises Hlle hinausgetragen war. Lebensmittel? Ja, drftig, auf die Zeit eines Monats etwa. Auch Feuerung. Langte bis dahin ein Retter an, war das Leben zu fristen. Also muthig. Er ging so sparsam mit seinem Vorrath um, als es nur sein konnte, gab sich wechselnd Bewegung im Freien, und erwrmte die Glieder. Der Gedanke an seinen Traum war ein Balsam. Er kam sich oft vor, wie eine Mumie, die dieser Balsam vor Zerstrung bewahrte. Es war um Neujahr, als der Eremit verlassen worden, der traurige Monat schwand bald hin, noch mangelte ihm aber nichts, so krglich hatte er gewaltet. Aber auch kein Wanderer nahte. Wozu jedoch den Trost der Hoffnung aufgeben? Wir sehn uns wieder, hatte das Traumgesicht verkndet. Noch ein Monat floh hin, nun war keine Speise mehr vorhanden. Nun glaubte er das Gespenst des Todes schon zu sehn. Wo wir nicht mehr sterben, sagte er sich, dort seh ich Ini wieder. Doch sein Auge fiel auf den Eisbren am Schlitten. Daran hatte er noch nicht gedacht. Die Klte hatte ihn vollkommen erhalten. Freudige Ueberraschung! Er hieb mit seinem Schwerte ein Glied davon traf Anstalt es zu braten. Herrliche Kost in der Noth! Das Thier war gro. Wirklich konnte er Monate lang davon zehren. Aber die Feuerung drohte auszugehn. Nur auf wenige Tage noch, nach dem Maae von dort, wo Tag und Nacht gewhnlich wechseln, gab es Stoff die kleine Flamme zu unterhalten. Wohlan, Ergebung! Da wachte Guido einst von einem starken Getse auf. Was ist das? Er sieht hinaus. Eine hohe Feuersule. Der nahe Vulkan speit Schlacken-Hagel um ihn, Lava schlngelt sich in Bchen an den Gletscherkuppen, und versinket im geschmolzenen Schnee. Frchterlich erhabenes Schauspiel, doch freudebringend dem, der allein vom Feuer Rettung hoffen kann. Warm ist die ganze Luft von der Flammensule, glhende Schlacken genug, sie auf den Absatz eines Kristalls zu sammeln, und den ganzen Ueberrest des Bren daran geniebar zu machen, der dann weiter weggetragen wird, wo der Schnee nicht mehr an den Gluten zergeht. Eben dies mu mit dem Schlitten, der schon tief einsank, mhevoll geschehen. Der Vulkan ruht, speit wieder, hrt auf. Die Erfahrung belehrt Guido, da die Schlacken lange fortglhn, im Krater sieht er ungeheuern Vorrath davon. Er darf nichts mehr fr sich vom Frost frchten, doch ach! die Hoffnung auf Reisende kann er nicht lnger nhren, schon ist es im Mrz, wer wird sich noch hieher wagen? Auch noch nie hatte ein Sterblicher im Sommer zum Pol dringen knnen, durch das Treibeis auf dem Meer und berschwemmten Lande abgehalten Zu einer Luftfahrt war es zu weit von bewohnten Ortschaften, man frchtete den Mangel an Lebensnothwendigkeit. Nun ich friste das Leben, so lange ich kann, dachte Guido, die Phantasie immer noch mit seinem Traum gefllt. Jetzt umschimmerte ihn ein rthlich Licht, das nicht mehr, wie sonst der Nordschein, wich, sondern fortan blieb. Guidos Uhr, welche ihm allein hier den Gang der Zeit sagte, lie ihn nicht zweifeln, das rthliche Licht sei die Dmmerung des halbjhrigen Tages, der ber dem Rande der Sphroide anbrechen wollte, denn die Tag- und Nachtgleiche des Frhlings war da. Immer mehr Helle, ein glhenderer Schein, der in vier und zwanzig Stunden um den sichtbaren Horizont lief, und an Herrlichkeit zunahm. Gewi, gewi die Morgenhelle. Ich werde die Sonne noch einmal sehn, und dann sterben. Welche Pracht, da endlich die klare Scheibe aus dem fernen Rand emporstieg, wo Aetherblau und Schnee sich schieden, nach jedem Umgang voller, endlich ganz heraus getreten, um nun sechs Monat zu weilen! Guido verga in der Trunkenheit des Entzckens, in die Zukunft zu schaun, der Anblick der Gegenwart ri ihn allein hin. Je hher die Sonne stieg, je reitzender wurde auch das bunte Feuerspiel jener bestrahlten Kuppen, die nun ihren Glanz viel heller und in mannichfacheren Farben zurckgaben. Noch konnte Fbos den Schnee nicht schmelzen, aber die Klte lie merklich an Grimm nach. Bald ward aber der Boden feuchter und feuchter, die Gletscher traten mehr hervor. Guido suchte einen breiten Felszacken, den Schlitten und seinen Lebensvorrath hinauf zu retten, denn er befrchtete strmende Flut. Dies traf auch nach einem Monate ein, wo er denn sehr peinlich auf dem Fels weilen mute, doch verlief sich das Wasser, und breite Thler entdeckten sich Guidos Blicken, von brausenden Giebchen durchwogt. Er stieg nach und nach am Gletscher nieder, den noch brigen Vorrath nicht vergessend. Nicht ohne Gefahr, und manche Mhseligkeit duldend, konnte es geschehn. Doch sah er auch, wie die immer scheinende Sonne nun aus der Hhe mit wunderbarer Gewalt die Szenen umwandelte. Kaum waren niedrige erdige Hgel von der Winterdecke befreit, als auch Gras und Kruter schnell sie deckten, und zu Guidos froher Befremdung Geflgel ohne Zahl sich einfand. Besonders sah er Heere von Eisvgeln, die sich ins hohe Gras bargen, und ihn hoffen lieen, er wrde an ihren Eiern neue Nahrung finden, woran es ihm nun entschieden gebrach. Die Hoffnung betrog den khnen Ausdaurer nicht. Nest bei Nest ward gefunden, die Eier waren schmackhaft und nhrend. Seines Schlittens freute er nicht mehr. Der stand auf dem Gletscher, der hoch ber ihn ragte. Aber es galt auch nicht mehr, sich gegen Klte zu schirmen, sondern gegen flammende Hitze, die um so drckender war, als der leuchtende Krper, von dem sie niederbrannte, nicht mehr unterging. Guido empfand sogar Krankheitanflle von dem ungewohnten Wechsel, doch waren auch Klfte in den Thlern vorhanden, wohin er sich bergen konnte, und er sumte auch nicht, sie dicht mit Gras zu berdachen. Zudem badete er oft in den kalten Giebchen, oder flchtete hinter Gletscher, ber welche auch der anhaltende Sonnenschein nichts vermochte. Uebrigens hielt die Witterung den gleichmigsten Schritt. Strme gab es an der Achse nicht, weil nur der Umschwung des Erdballs sie erzeugen kann. Auch kein Regen sank nach dem Frhling mehr nieder, klar blieb der Aether. Nun entwarf Guido einen Plan fr die Folge. Ohne Zweifel, sagte er sich, langen im nchsten Winter Reisende an, gelingt es mir, mich bis dahin zu erhalten, bin ich nicht verloren; also, neuen Muth! Er suchte von den Vogeleiern eine betrchtliche Menge zusammen, und trug sie an jenen Gletscher hinauf, so weit er jetzt gelangen konnte. In Vertiefungen, wohin die Sonne nicht drang, meinte er, wrden sie dauern. Spterhin fand er junge Vgel in eben solcher Zahl, tdtete sie und grub sie in den Schnee tiefer Hlen, der nicht zerging. Manche wohlschmeckende Kruter und Wurzeln wurden dazu gelegt. Gras schnitt er fleiig ab, breitete es auf den Boden. Gedrrt sollte es ihm einst zur Feuerung dienen. Bald hatte er von dem allen so viel gesammelt, da er mit Zuversicht in den nchsten Winter blicken konnte. Betrgt mich dann meine Hoffnung nicht, sagte er zu sich, darf ich es nicht bereuen, das wundervolle Schauspiel eines halbjhrigen Tags, der Erste von den Sterblichen, gesehn zu haben. Nach gesammeltem Vorrath, gab er sich naturkundigen Untersuchungen hin, entdeckte viel, wovon die Gelehrsamkeit noch nichts wute, schrieb das Hauptschliche seiner Bemerkungen, so gut es gehn wollte, auf der Innenseite eines Fells mit Kohlen von Wurzeln nieder, und erwartete sehnlich das Sptjahr, da die Sonne schon merklich sank. Nach grade fielen die aufgestiegenen Dnste in Regen, dann in Reifgestalt nieder; die Zugvgel hatten sich entfernt. Schauderhafter wurde die Einsamkeit, da alles Leben schwieg. Die Klte nahm merklich berhand, indem die rtheren Sonnenstrahlen immer schwcher die Luft durchwrmten, und ehe sie noch ganz untergegangen waren, verhllte schon der dichte Schneeflor in den Lften ihren Anblick. Oede war der langen Nacht trauriger Anbruch. Guido trug seine Vorrthe immer hher; nach jeden Schlummer bemerkte er, wie der weie Teppich angewachsen war, auch durch den zunehmenden Frost gehrtet. Das Verlangen nach Schlitten und Ofen wurde gro, meistens wrmte er sich nur durch die angestrengte Arbeit, seine Nothwendigkeiten von Zacken zu Zacken des Gletschers tragend, in dem Maae, als die Schneegebirge die Thler mehr fllten. Dann zndete er mit seinem Feuerrohr drres Gras an, und schlummerte. Endlich nahm die Schneedecke jene alte Hhe wieder ein, Guido war zu seinem Schlitten gekommen, und hatte auch diesen flchten knnen, indem er ihn nur immer etwas aus dem letzten Schnee hervorzog. Er war vollgepackt mit Vgeln, Eiern und Wurzeln, anderweitiger Vorrath davon in eine Hhlung des Gletschers, nahe an seiner Spitze, gebracht. Das drre Gras stand in einer hohen Piramide. Gelinos Krper fand er nicht mehr. Den Platz auf einer flachen Steppe, wohin ihn der Jngling neulich schaffte, hatte der Vulkan mit Schlacken und Lava berdeckt, ohne Zweifel ihn so verzehrt. Ein erhaben Grab, in der That! Die Freundschaft konnte ihm daheim es nicht so bereiten. Nach und nach hrte das Schneien auf, grimmiger bleibender Frost folgte. Mond, Sternenlicht, Meteore, brachten die Erscheinungen des vorigen Jahres abermal hervor. Guido, wohl vertraut mit den feindlichen Umgebungen widerstand ihnen vollkommen. Im Schlitten ging die gute Erwrmung nicht ab, er hatte nicht nur Lebensmittel genug, sondern konnte auch damit wechseln. So harrte seine Sehnsucht der Mitte des Winters entgegen, und wankte die freundliche Hoffnung, richtete ihn die Weissagung des Traumes, an die er schwrmend glaubte, wieder auf. Sechstes Bchlein. Schlu. Nicht umsonst hoffte er. Noch vor der Mitte erging er sich einst zur Bewegung, da vernahm sein Ohr fremde Laute. Er horcht, hher wallt und wogt es in der Brust, er wendet das Auge nach dem Ton hin -- ein heller Fleck am Horizont! Der Mond schien eben nicht, nur vom Schnee Dmmerung. Desto deutlicher die Flamme dort sichtbar, wie sie sich vergrerte. Der antreibende Zuruf fahrender Mnner zu unterscheiden, oft ein Geheul von Bren. Guido warf sich auf sein Angesicht. Du unbegreiflicher Gott, dem ich hier oft den Geist empfahl, dein Geschick will mich wieder zu den Menschen bringen. Dank, dank, wenn du auf mich siehst! Der Schlittenzug kam nher, hielt jedoch seitwrts von der Stelle wo Guido sich aufhielt. Dieser lief kaum noch athmend dorthin, blieb aber verwundert stehn, als er seinen Namen vielfach nennen hrte. Wie wissen diese Reisenden von mir? fragte er sich. Der Zug enthielt mehr Fahrzeuge als im vorigen Jahre. Ein ansehnlicher Mann war ausgestiegen, und rief: Ich mu Guidos Leichnam finden, sonst -- ich mu seinen Leichnam finden, sonst kehre ich nicht nach Rom zurck, wiederholte der Mann ngstlich. Guido trat hinzu. Wer sucht mich? Ich bin Guido. Unbeweglich in hohem Erstaunen blickte alles auf ihn. Niemand schien zu glauben, zu begreifen. Er ist es, fing endlich einer aus dem Haufen an, im vorigen Jahre die Reise theilend. Wir harrten lange auf dich, suchten, gaben Zeichen. Da wir den Leichnam des Alten fanden, mute Jedermann auch auf deinen Tod schlieen. Die eigne Sicherheit gebot uns Entfernung, doch blieb noch ein Fuhrwerk da -- Gut, gut, fiel der seltsame Einsiedler ein, es gelang, mich zu erhalten, da ich froh der Rettung entgegen athme, mgt ihr denken. Ist es kein Wahn? Lebend? Lebend? brach nun jener angesehene Mann aus, dem zeither Befremdung den Mund versiegelt hatte. Und kaum hoffte ich die theuren Reste noch zu entdecken, hielt es unmglich -- Und wer bist du? fragte Guido, heie Verwunderung in der Stimme. Lelio ist mein Name. Wie, Lelio, der Vertraute des Kaisers? Der nmliche! Um die Zeit, wo du von Lissabon dich nach Amerika gewandt hattest, brachen die Kriegflammen mit Afrika aus. Umsonst waren alle Bemhungen den Frieden zu erhalten. Das Heer, in Eilzgen aus Moskau nach Kalabrien rckend, sollte einen Feldherrn whlen. Die einmthige Stimme nannte dich! Mich, mich! rief Guido mit entzcktem Staunen. Dich! Vom Strategion wurde zur hohen Freude des Kaisers die Wahl bekrftigt. Da sein Wort der Entscheidung nicht fehlte, versteht sich. O wie viel Milde, wie viel Gte lie mir dieser Gromonarch schon angedeihn. Ich Unglcklicher, der so selten ihn sah, noch nie ihm danken konnte! Eilboten flogen nach Portugall. Da warst du nicht mehr. Ein Schiff konnte die schneller bewegte Insel nicht einholen. Da es zu Philadelphia anlangte, hatte dich edle Neugierde zum Pol gefhrt. Man sumte nicht, dir nachzusenden. Ueberall kamen die Boten zu spt, und erfuhren von der rckkehrenden Karavane dein Misgeschick. Es ward nach Europa gemeldet. Mit dem hchsten Schmerz vernahm es der Kaiser. Ihm schien unendlich viel an den jungen Helden zu liegen, man begriff kaum, wie der sonst so gleichmthige Mann beinahe dem Kummer erlag, wiewohl die Folge ihn gerecht nannte. Es blieb am Ende nur der traurige Trost brig, deinen Leichnam zu suchen, und ihn nach dem Tempel der Unsterblichkeit zu bringen. So wollte es des Kaisers Machtwort. Im Sommer war es unmglich den Nordpol zu erreichen, kaum aber brach der Winter an, als ich mich aufmachen mute, um jeden Preis deine Hlle zu ersphn. O welch Glck wurde mir! seine Freude wird so die Schranken berfliegen, als jener Gram, von dem immer noch sein zerstrtes Herz sich nicht ermannen konnte. Unbegreiflich! Wie hoch, wie unverdient ehrt mich der Kaiser! Was soll ich thun, dieser Liebe wrdig zu sein! Der Krieg begann. Die Flotte aus Brittannien nahm das Heer ein. Auf der mittellndischen See traf sie jene gefrchtete aus Neu-Karthago. Eine neue Erfindung, welche der Ruhm dir zuschrieb, machte, da der Sieg sich zu uns neigte. Das Heer konnte in Afrika ans Land steigen. Doch hier wandte sich das Glck. Die Unsrigen, mit groer Uebermacht im Kampfe, verloren eine Hauptschlacht. Der Feldherr, dem man einige Schuld gab, sank. Nachdem der Tapferen eine groe Zahl gefallen war, muten sie zurck auf die Schiffe. Diese, nicht mehr gehrig bemannt, wurden verfolgt, liefen zu Neapel ein, whrend die Feinde Sizilien besetzten, wo die rohen Negerhorden der Afrikaner wilde Verheerungen begannen. Noch gelang es nicht, die Insel ihnen wieder zu entreien. Sizilien! o mein Sizilien! Ini, wo magst du weilen? Wie trben diese Nachrichten meine Wonne! Ein neues Heer steht jedoch in Italien. Eile, den Feldherrnstab zu nehmen! Fort, fort! schrie Guido, keine Minute lnger. Noch einen bethrnten Blick warf er auf des Lehrers Grab, unter dem Lavahgel. Die Karavane brach sogleich zum Rckwege auf. Was ihn nur beschleunigen konnte, wandte man an, und nach zwei Wochen befand sich Guido schon wieder in Philadelphia. Dort stand noch sein Kristallblock. Diesen nahm er mit auf das schwimmende Eiland, zur Reise ber den Atlantus gedungen, die sogleich angetreten wurde. Er mied whrend dieser Zeit das Zimmer nicht, einen Plan zu dem Feldzuge auszuarbeiten, selbst staunend ber die vielen genievollen, khnen, niegekannten Hlfsmittel, die sich ihm aufdrangen, die hellen, gediegenen Resultate von Wissenschaft, Denken, Lebensansichten, in einen Fokus zusammenstrahlend. Nicht hatte er diesen ppigen Reichthum an Einfall in sich geahnt, und schwelgende Gefhle erfinderischer Wollust rtheten sein Antlitz flammender. In Lissabon blieb jener Kristall. Guido stieg sogleich mit dem Vertrauten des Kaisers in eine Luftgondel, nach Italien zu fliegen. Auf den Posten von Alikante, Palma, Cagliari sah er, so viel es nur sein konnte, zu der Anstalten Eil, und traf in so kurzer Zeit, als noch nimmer Reisende, zu Rom ein. Noch hatte er die Hauptstadt von Europa nicht gesehn, doch wrdigte sein Drang sich dem Kaiser zu zeigen, das hergestellte Kolosseum, den mit Gold gedeckten Tempel der Unsterblichkeit, den Bhnen, Termen, keines Blickes. Kaum legte er ein ander Gewand an in der Herberge. Der Vertraute eilte voran zum Pallast, dem Kaiser sein Glck zu melden. Dieser breitete die Hnde dankend gen Himmel aus, schlo Guido, der gleich folgte, bebend in seine Arme, und fhrte ihn stumm ins Strategion, das grade eine Versammlung hielt. Die Rthe bewillkommten ihren Gebieter mit Ehrfurcht, zugleich berrascht bei der seltenen Bewegung die an ihm sichtbar wurde. Nicht gleich konnte er noch zu Worte kommen, dann sammelte er sich, Guido in die Mitte des Saals fhrend, und sprach: Ihr Vter, ich stelle euch meinen Sohn vor! Der Jngling starrte. Entzcken loderte auf jeder Wange. Niemand vermogte zu reden. Endlich fuhr der Kaiser fort: Lange genug lie ich ihn fern von mir erziehen. Urtheilt, was mein Vaterherz empfand, wenn er mit so frhem Ruhm sein jugendlich Haupt bedeckte. Von meinem Schmerz bei jener bangen Kunde wart ihr Zeugen, und ahntet doch nicht, was meine Brust zerri, nicht sagte ich es euch, denn immer noch schimmerte mir eine strahlende Hoffnung. Sie hat Wort gehalten! Guido umfate seine Knie, Tausend jubelnde Glckwnsche, nicht von Schmeichelei, sondern von edlem Wahrheitsinn aufgelegt, wurden im Saale laut. Die Nahverwandten brachen in se Freudenthrnen aus. Nun fhre er das Heer, rief der Kaiser. Mit Schmerz entlasse ich ihn wieder, doch des Vaterlandes Noth ruft. Nicht mein Sohn, der Held, durch einmthige Wahl gerufen. Er fhre es! rief alles. Ja, mein erhabner Vater, ich eile ins Waffenleben und kehre nicht wieder, als meiner Geburt und deiner Milde werth, stammelte Guido, in heiliger Rhrung. Der Vater umarmte ihn wieder. Nach seinem ersten Siege prfe ihn der Vlkerrath, und erklre ihn zum Erben des Kaiserthrons, denn ich will fortan des hohen Alters Sorge mit ihm theilen, sprach er. Neuer freudiger Zuruf! Doch -- wenn Guidos Augen das Entzcken so vieler neuerwachten Gefhle verkndeten, so berzog ein Dunkel seine Stirn, das Jedermann wahrnahm, allein Niemand zu erklren wute. Auch der Kaiser fand dies pltzliche Versinken in nachdenkenden Ernst rthselhaft. Schnell aber fing er an: Ich errathe ihn. Er lie den edlen Gelino am Pol, wie mein Vertrauter erfuhr. So lange vertrat mich der Greis beim Sohn. Liebe weint dem zweiten Vater nach. Der Staat verdankt ihm die Bildung seines knftigen Oberhaupts. Mehr als Siege gilt dies Verdienst. Sucht den Leichnam, baut ihm ein Grab, das die Nachwelt ehre! O, fiel Guido ein, sein Grab bleibe dort. Die Natur baute ihm selbst einen Obelisk. Doch sein Standbild last uns daneben erhhn, wo Newtons Denkmal steht. Gewhrt, mein Sohn! rief der Kaiser, und was du sonst bitten willst, deine Liebe vertraue mir. Ha mein Vater! entgegnete Guido feurig und heiter, nach meiner ersten Schlacht, ergreif ich deine Hand, dich an dies Wort mahnend. Wohlan, sprach der Kaiser. Man verlie das Strategion. Guido empfing die Feldherrnumgebung, hing noch mit dem schnen Ungestm neuempfundener Kindesliebe, an der Brust des klagenden Vaters, und ri sich dann mnnlich weg, der Stimme des Ruhmes zu folgen. Wehmuth, tiefe Wehmuth im Herzen mute er bekmpfen, bei allem Glck der Hoheit, das ihn berrascht hatte. Ach, sagte er sich oft unterwegs, den Feind berwinde ich wohl, doch mich, wie mich, wenn es den Streit gilt, den ich unglckselig frchte. Das Heer in Kalabrien nahm ihn mit jauchzendem Beifallgetse auf. O htte uns Guido in Afrika gefhrt, rief alles, wir feierten Triumphe wo wir gebeugte Ueberwundene seufzen! Doch ein neuer Muth beseelt die Krieger. Freudig nahm man die neuen Anordnungen auf, ihre Weisheit bewundernd. Guido lie keinen Augenblick ohne Thtigkeit entfliehn. Jedem alten Gebrechen ward abgeholfen. Begeisterung strmte in jede Brust. Dann eilte er zur Flotte, die man ausgebessert hatte und gab Befehl die Truppen einzuschiffen. Nicht weit von Palermos Vorland traf man auf den Feind, der mit neuer Ueberlegenheit heranzog, in Hoffnung, selbst Italiens Gestade zu betreten. Der groe Kampf begann. Reiche Ernten hielt der Tod an beiden Seiten. Mit Gtterkraft leitete der jugendliche Feldherr. Seine erfundene Vorrichtung, noch jetzt vervollkommnet, brachte jedesmal Erfolg, wenn man einem feindlichen Schiffe nahen konnte. Und das geschah oft, denn trotz dem Flammenregen von Oben, trotz der Taucher Heimtcke in den Wogen, trotz dem todbringenden Donner der Batterien, gegen welche die Kunst sich mit weiser Besonnenheit vertheidigte, drang man desto khner an, nachdem Guidos Fahrzeug das erste leuchtende Beispiel gegeben hatte. Viele Galleonen der Afrikaner lagen im Meere, ihre Linie war durchbrochen, die hartnckige Abwehr auf den Flgeln berwltigt, der feindliche Feldherr den Heldentod gestorben. Der Nachfolger jedoch gab ber das eindringende Entsetzen die Hoffnung auf, wollte den Ueberrest retten und lie die Signale zum Rckzug wehen. Einige Schiffe folgten, andere, deren Mannschafft zwischen Tod und Sieg whlen wollte, nicht. Desto mehr Vortheil fr die Europer in jener Uneinigkeit. Viele wurden umschlossen und muten, da dennoch kein Ausgang zu finden war, und sie ein Fahrzeug nach dem andern in die Wogen versenkt sahen, sich ergeben. Guido lie sie nach Neapel bringen, sandte eine Abtheilung gegen Sizilien, das Eiland vom Feinde zu reinigen und gab ihrem Anfhrer mit heiklopfendem Herzen auf, von Athania und ihrer Pflegebefohlnen Kunde einzuziehn. Dann folgte er den Flchtigen eilig. Manche davon fanden ihr Verderben noch vor der Heimath. Die anderen kamen ans Gestade und stellten sich in festen Verschanzungen auf, eine Landung abzuschlagen. Guido kannte den Werth der Minute. Jene hatten sich noch nicht entwickeln knnen, da sprang er schon mit Tausenden von Tapfern an die Ksten und strmte ihre Wlle. Die Minire whlten erst Grber, als die schnelle Khnheit schon ber sie hinaus gedrungen war. Bald waren auch Guidos Reuter auf dem Boden und bahnten sich Wege. Seine Luftkrieger trugen den Preis ber ihre Gegner davon, weil sie sich eines von ihrem Feldherrn ersonnenen Geschosses bedienten, das jene noch nicht kannten. Bald war die Verwirrung unter den Afrikanern allgemein, sie muten eine andere Stellung suchen, und das europische Heer ward vollend ausgeschifft. Guido, zweimal, doch nur leicht verwundet, ordnete eine zweite Schlacht, die mit Anbruch des folgenden Tages begann. Die Afrikaner hetzten angelehrte Tiger und Lwen in die Reihen, Guidos Schtzen erlegten sie lachend. Tausende von Elephanten, in Harnische gekleidet, auf ihren Rcken kleine Kastelle, donnerten daher ber den Boden. Sie waren dem Heere aus Neu-Karthago zu Hlfe gesandt. Guidos Batterien standen so vortheilhaft, seine groen Rhre wurden so gut bedient, da die Ungeheuer bald den Sand mit ihren Kadavern deckten. Leichte Schtzen bedienten sich ihrer als Wlle, und trafen, mittelst der von Guido erfundenen Glser, ungesehen ihren Feind. Dichte Negerschaaren, wuthtrunken durch Opium und ein mit vorberfliehender Tollheit fllendes Kraut, drangen gleich schwarzen Hagelwolken daher und berzogen den Boden der hellen Gefilde mit Nacht. Bald schwieg ihr Mordruf und Blutstrme rannen zwischen den dunkeln Leichnamen hin. Guido bestieg eine Luftgondel, aus der Hhe den Streit zu berblicken. Zeichen lenkten den Fortgang. Plan, Technik, Zeitgeist berwogen hier, dort die Zahl, die Tapferkeit drckte mit gleicher Schwere auf die Waage. Doch entschied der Genius endlich, die Afrikaner flohen. Guido ertheilte seine Befehle, zu kluger, nachdrcklicher Verfolgung, und besah den Graus der Wahlstte. Nicht, wie vordem einst, durchglhten ihn die Sieggefhle mit Entzcken, schwermthig sann er ber die verderblichen Leidenschaften, welche Vlker anreitzen, sich zu erschlagen. O, wann wird das enden! rief er, wann die Fahne des Friedens wehn, auf allen Hainen und Auen, Brudersinn die Zwietracht ewig verbannen! Das einsame Jahr dort am Pol, ihn abscheidend von Sinnenwahn und Tuschung, hatte sein Gemth noch mehr in Einklang mit der besseren Weltmoral gebracht, die Inis reine Brust athmete. Ging er auch noch mit frohem Heldenfeuer in den Kampf, sank nun dennoch eine Thrne auf seinen Lorbeer, und alle Triumphjubel, alle Glckwnsche konnten ihn nicht erheitern. Er ordnete brigens den Krieg wie zuvor, und sandte abermal nach Rom Meldung; denn schon nach dem Siege auf den Fluten war es geschehen. Er empfing auch Nachrichten aus Sizilien. Das Eiland war genommen, die meisten Truppen der Gegner dort gefangen, doch die Frage, welche sein Herz so nahe anging, blieb ohne Auskunft. Man hatte von Athania seit lnger als einem Jahre nichts auf Sizilien vernommen. O Geliebte! seufzte Guido, so lange Zeit verstrich, ohne da ein Brief mich gesucht htte. Solltest du die Feindschaft deines Vaterlandes theilen, und den Jngling vergessen wollen, der, ein Europer, Afrika bekriegen mu? Dies wre grausam, grausam! Aber wenn auch deine Liebe noch fortglht, wenn sie hher als das Leben der Phantasie emporflammt, was wird aus dem Kaisersohn werden? Die Schlacht ist gewonnen, aber darf er auch mit diesem Flehn dem Vater nahn? Wird sein frostig Alter die Hoheit meiner Liebe fassen? Wird er nicht zrnen, da in des Helden Brust eine andere Leidenschaft, als die fr den Ruhm glhte? Wird er nicht fordern, da ich eine Gattin aus den hohen Geschlechtern erkiese? Doch mu ich ihm das Herz offenbaren. Der Feind zog weiter ins Land; Guido gewann Freiheit, Neu-Karthago, die stolze Wetteifrerin mit jener Stadt im tiefen Alterthum, der sie Namen und Standpunkt abborgte, zu belagern. Der Hof hatte sich jedoch schon fliehend entfernt, den Weg zu einer anderen groen Hauptstadt im Innern von Afrika genommen. Diese lag an den Quellen des Senegal, war aber noch weit von der Vollendung entfernt, welche man ihr zu geben dachte. Es wird hier nthig, die Geschichte dieses Erdtheils in den letzten Jahrhunderten nachzuholen. Gegen das Ende des neunzehnten waren es endlich die Europer mde, Hohn und Schmach von den Staaten Marokko u. s. w. zu dulden. Ein Heer setzte nach Algier ber, nahm diese Stadt ein, zertrmmerte die Regierungen von Tunis, Tripoli, und breitete sich nach und nach von einer Seite bis Egipten, von der anderen bis Zanhaga aus. So wurde der gesammte Norden von Afrika eine europische Kolonie, wohin groe Auswanderungen geschahen. Die Kultur blhte auf, Neu-Karthago wurde gegrndet. Man untersuchte das immer noch unbekannt gebliebene Innere. Doch vermochten die neckenden Streifereien der Sultane von Darfur und Borun, die Anflle der schwarzen Nazionen von Gago, Tombut, Bombakoo, die Unsicherheit der sdlichsten Wohnpltze, immerfort Krieg zu fhren, und vertheidigend eroberte die bessere Kunst. Nach Hundert Jahren gehorsamte halb Afrika. Die Schwierigkeit, das groe Ganze zu berblicken, machte, da glckliche Heerfhrer Knigreiche empfingen, wiewohl abhngig vom Mutterstaat. Mancher Zwist unter ihnen selbst, der Stolz auf die Gesammtkraft, die meergetrennte Lage, brachten sie aber zuletzt auf den Entschlu, ihr Verhltni von dem europischen zu trennen, und selbst einen Kaiser zu whlen. Vergebens kriegte Europa, sie behaupteten ihre neue und allerdings kluge Verfassung, um so mehr, als die aufgeklrteren Mnner unter ihren Gegnern ihr selbst Beifall gaben. In dem folgenden Frieden breitete sich aber die Herrschaft der Christen in Afrika noch weiter aus, und gegen das Ende des ein und zwanzigsten Jahrhunderts, gehrte, bis zum Vorland der guten Hoffnung, alles unter die Obergewalt des Kaisers. Er fiel in einer Schlacht gegen die Vlker von Monomotopa, und seine Gemahlin, reich an Geist und Herz, leitete bei ihrer Tochter Minderjhrigkeit die Staatgeschfte weislich, und suchte die noch wilden Sitten der farbigen Nazionen in Einklang mit jenen der Ankmmlinge zu bringen, was auch, obwohl langsam, gelang. Doch Europa forderte Entschdigungen, welche man versagte, politische Besorgnisse, das neue Reich knne zu furchtbar werden, traten hinzu, und jener Krieg, von welchem oben die Rede war, entspann sich. Hegte schon diese andere Semiramis milde Gesinnungen, war gleich der Kaiser von Europa moralisch genug, die blutige Fehde zu verdammen, wollte sich einmal nicht alles gtlich ausgleichen lassen, man mute die Waffen um Entscheidung anrufen. -- Zu Guido zurck. Er belagerte Neu-Karthago mit aller schrecklichen Kunst. Die Vertheidigung stellte sich jedoch eben so gewaltig entgegen, und manche Woche verstrich, ehe ein Theil die Meinung schpfen konnte, er habe Vortheile ber den andern errungen. Unterdessen fiel der Kaiserin bei, der Krieg liee sich vielleicht, ohne weitere, die Menschheit entehrende, Gruel enden. Sie hatte eine Tochter, Ottona genannt, schn, liebenswrdig, und in herrlicher Bildung erzogen, theils durch fremde, kluggeleitete Sorge, theils durch die Natur ihrer holden Eigenthmlichkeit, die sich an den Knsten himmlisch entfaltete. Sie sprach zu Ottona: Titus, des feindlichen Kaisers Sohn -- er fhrte jetzt den Namen Guido nicht mehr -- wird gepriesen, wir fhlen die Gewalt seiner Talente. Die Erziehung fern vom Throne, hat auch bei ihm sich bewhrt. Wenn ich ein Eheband mit diesem Thronerben und dir, meine Tochter, knpfen knnte, wre der Menschheit vielleicht geholfen. Ottona sank bleich an ihrer Mutter nieder. Befiel dich pltzlich Krankheit? fragte jene bebend, und rief um Hlfe. Nach einiger Zeit erholte sich die Tochter aber, und hrte ergeben zu, da die Kaiserin fortfuhr: Einen Sohn besitze ich nicht, der Streit um unsere Kaiserkrone kann einst Unheil bringen. Europa hat Asien zu frchten, auch Afrika; denn Asien enthlt eine Menschenzahl, wie diese beiden Erdtheile, nachdem jngsthin China und Japan berwltigt wurden. Doch, wenn Europa und Afrika sich vereinen, wenn _ein_ Vlkergericht ber beide monarchische Republiken waltet, und beider Heere _eine_ Obergewalt lenkt, dann stehen wir im Gleichgewicht gegen Asien da, nur Unklugheit knnte dann noch je Krieg fhren wollen. Amerika hat lange schon auf jeden Angriff verzichtet, und bndet die beiden Halbeilande nur zum Widerstand. Asien wird dann, durch den ganzen Zustand der Dinge von selbst eingeladen, auch seine Boten zu dem groen Tribunal senden, und ein ewiger Friede, der Weisen alter, heiliger, noch nie erfllter Wunsch, kann seine Palme erhhn. Ottona barg ihre Thrnen -- wute nichts zu entgegnen. Entzckt dich etwa das frohe Bild einer solchen Zukunft, der Stolz deiner erhabenen Bestimmung so, da Freude auf deine Wangen thaut? fragte die Mutter. Ini bat stammelnd um Zeit -- Ruhe, Fassung zu gewinnen, und ward entlassen. Aus der Schnheit ihres Gemthes erklrte die Kaiserin ihr Betragen, und eilte, einen Brief an ihren Gegner mit dem genannten Vorschlag zu senden. Der Kaiser von Europa empfing ihn um die nmliche Zeit, als auch ein Schreiben seines Sohnes angelangt war. Es lautete: Mein erhabener Vater, du wolltest eine Bitte hren, nach meiner ersten siegenden Schlacht. Dreimal hab' ich deinen Feind berwunden, auch wird bald seine Hauptstadt fallen. Wohl mchte es bereits geschehen sein, wenn ich dem Verlangen der Krieger, einen Sturm zu wagen, nachgegeben htte. Doch ich erwarte Uebergabe auf Bedingung, damit nicht Kunst und Flor verheert werden, und ich jenes Wthen der Neger in Sizilien, mit europischer Gromuth vergelten mag. Aber die Bitte, mir gestattet von hoher Vatermilde, ich nenne sie khn deinem Herzen. Viel habe ich gerungen mit dem Vorsatz, allein ich bekenne, da hier meine Kraft am Ende war. Vater, was ich bin, was deine Gte schon an mir lobte, da noch das groe Geheimni mir nicht enthllt war, ist -- Schpfung der Liebe. Ein Mdchen, von einer unbekannten Herkunft, doch hochgestellt ber alle Weiber an Schnheit in Gemth und Form, erzog mich. Ohne sie wrde ich die Tirannei eines siedenden Blutes nicht zu Boden gekmpft haben, ohne sie blieb mein Wissen, mein Empfinden arm, Geist und Herz errangen keine Harmonie, ohne sie schlug ich den stolzen Afrikaner nicht, dem es dann vielleicht in seiner Uebermacht gelang, Italiens heitre Gefilde zu verwsten. Gestatte mir, Vater, die Gttliche zu suchen, die in Afrika, ach, vielleicht in der Stadt lebt, welche ich jetzt mit Kampf umringe. Menschlich fhlend kannst du dem Gestndni nicht zrnen, wie nur dein Purpur mich freuen kann, wenn ich auch Ini damit schmcke, wie alle meine Kraft, sonst vielleicht geeignet der Vlker Zgel sicher zu lenken, am Grabe der Liebe stirbt. Verzeihe -- ich mute flehn! Der Thronerbe harrte mit banger Sehnsucht den Eilboten entgegen, die jeden Tag, in den Hhen von Rom daher flogen. Als, der Zeit nach, Antwort auf sein Schreiben anlangen konnte, verwunderte ihn seltsam der Befehl, sogleich die Belagerung einzustellen, und in Eile an den Kaiserhof zu kommen. Er sollte das Heer einem andern Feldherrn vertrauen, und dem Feinde berall Waffenruhe gnnen. Das letzte schien, nach den Umstnden, nicht weise, mchtige Verstrkungen konnten aus dem Innern von Afrika nahen, doch, der treue Sohn gehorsamte. Wunderbare Ahnungen durchbebten seine Brust, da er nun die Luftgondel bestieg, ber das Meer nach Rom zu eilen. Dort angelangt, fand er den Vlkerrath versammelt, den der Kaiser beschieden hatte. Er mute gleich dort erscheinen. Der Vater sprach ihn nicht zuvor, besuchte jedoch mit zahlreichem Gefolge den Tempel der Unsterblichkeit, in welchen jene Mnner sich eingefunden hatten. Denn hier sollte, der erhabneren Feierlichkeit willen, der junge Csar seine Prfung bestehn. Zum Erstenmal betrat er dies Heiligthum. Nicht aus Granit, nicht aus Marmor bestand der Tempel, diese Stoffe schienen seinem Urheber zu wenig dauerhaft. Eherne Quadern, durch Gluten verschmolzen, bildeten die dicke Mauer, die weit gesprengte Wlbung der ungeheuren Rotunde, noch von Erzsulen aus _einem_ Gu getragen. Mosaik von edlen Steingattungen, fr die Ewigkeit dargestellt, Thaten meldende Inschriften, Namen, die in flammenden Buchstaben glnzten, prangten da; gro war aber der noch leere Raum. In die gleichfalls ehernen Kellergewlbe hinab, leiteten Stufen. Unten befanden sich die Grber mit Aschenkrgen. Der Vorsitzer des hohen Rathes winkte den Kaisersohn zu sich. Dein Vater will die Herrschaft mit dir theilen. Heldenthum bewhrte schon den wrdigen Feldherrn; wohnt in dir aber auch Kraft, die Vlker zu lenken? Guido htte, einen Augenblick frher, in den trben Besorgnissen um seine Liebe, durch des Vaters Schweigen ber ihn gebracht, wanken drfen an der groen Frage -- ach, ohne Ini flog sein Genius keine Sonnenbahnen -- doch, ein schauernder Blick, in diesem Tempel umher geworfen, ermannte ihn zur feurigen, selbstvertrauenden Antwort. Er fand Bewunderung, die weiteren gewhnlichen Fragen lsend, und bergab auch noch Denkschriften, die mgliche Verbesserung der Jugendpflege, des Brgervereins, in scharfsinnigen Planen entwickelnd. Sie wurden abgelesen, und ihnen Beifall ohne Ausnahme gezollt. Noch mehr rhmende Anerkennung fand der Entwurf, das Schauspiel mit dem Kultus zu gatten. Edle That sollte auf diese Weise versinnlicht an den Blicken der Menge vorber, und jeder Religionsfeier voran, gehn. Am meisten jedoch ein Sistem der Schnheitmoral, bei deren befremdenden Stzen und einer ganz neuen Formenlehre, die Vter nicht nur den ganzen Tag hindurch prfend weilten, sondern auch die ersten Knstler und denkendsten Kpfe in Rom herbeiluden, mit ihnen Rath zu pflegen. Dies Sistem gab in seiner Darstellung die Zeichen an, nach welchen der Einklang zwischen Geist und Gemth, die Achtung fr die Gesellschaft, die Uebereinstimmung mit den Aufgaben der Tugend, die Fertigkeit im richtigen Empfinden des Guten und Edlen, die Kraft zu Entsagungen; die dem inneren Menschen entweder mangelten, oder ihn adelten, am ueren erkennbar wren. Dann folgte eine Theorie der Moral. Sie wollte, da jedem Jngling, jedem Mdchen in der Republik, gegen die Zeit der blhenden Entwicklung hherer Krfte, ein Ideal nach seiner Anlage gefertigt wrde. Ein Vorbild der Schnheit, vom Maler, die mglichst hohe innere Schnheit des Individuums berechnend, nach den klaren Grundstzen der Lehre, sichtbar gefertigt. Dies mte herrlicher wirken, als Gesetz, Beispiel und Religion, wenn die Achtung, die Liebe, die Freundschaft, die Aufnahme in den Brgerkreis, die Bekleidung mit einem Amt, immer an einen Vergleich des Ideals mit der Wirklichkeit hingen, behauptete Guidos Denkschrift. Denn nun knne die innere Unvollkommenheit sich nicht mehr bergen, die Abwesenheit des Strebens zum Ziel der Schnheit, wrde sich in migestalteten Zgen strafend verkndigen, und in gelungener Annherung die Lohnwrdigkeit sich offenbaren. Je bekannter, je verbreiteter das Sistem wre, je weniger msse die Gesellschaft, ohnehin schon bedeutend vom Widerstand sinnlichen Unfugs gereinigt, noch davon zu frchten haben. Nach langem Berathen hub der Vorsitzer an: Ist dein Sistem richtig, so hast du der Menschheit ein Geschenk ertheilt, wie sie es seit Jahrhunderten nicht empfing, wie kein Religionstifter es zu geben vermochte. So danke sie es der Liebe! rief Guido flammend. Der Vorsitzer schien dies Wort nicht gehrt zu haben, sondern fuhr fort: Wohl, erhabener Jngling, gebhrt dir, eine Schnheitmoral zu predigen, denn noch keinen Jngling, von so bezaubernden Formen, erblickten wir. Wir alle nicht! tnte der einmthige Ausruf. Guido senkte die Augen nieder. Hast du, fing der Kaiser, der bisher nur geringen Antheil genommen hatte, nun an, dich _auch_ nach einem Ideal gebildet? Der Sohn zog es aus dem Busen. Es ging im Kreise umher. Entzckt hingen die Blicke wechselnd an dem schnen Gemlde und an dem schnen Jngling. Eine Thrne freudiger Bewunderung sank von der Wange des Kaisers nieder, denn wohl dachte er der Gestalt des Sohnes vor drei Jahren, und fate kaum die so hoch gereifte Liebenswrdigkeit. Indem aber die Knstler vergleichend fortfuhren, das todte Muster und seine lebende Nachahmung zu prfen, behaupteten sie: Nicht ganz, nur beinahe ward das Ideal erreicht. Noch irgend ein geringes Etwas, das wir nicht zu nennen vermgen, irgend ein vollendender Zug fehlt noch. Dieser Meinung traten alle bei, auch der Kaiser. Letzterer fragte: Welcher Maler entwarf dein Urbild? Guido rief: Kein Maler! Die Liebe! Ein Mdchen, unendlich schner noch durch eigenen Geistes Streben. O Vater! ihre Hand war der Preis meines Ringens, soll er mir grausam entzogen werden? Er sank vor ihm nieder. Die flehende Geberde sprach nur noch, sprach zu den Greisen im Rath, Frworte erbittend, als der Monarch ernst und dster schwieg. Diese fanden des Jnglings Wunsch gerecht. Lohn der Liebe, meinten sie, msse das groe Geschenk fr die Menschheit, ihr eigen Werk, vergelten. Guido hatte auch die Schnheit seiner Geliebten gepriesen. Wer konnte sie auch bezweifeln? Von diesem sich entsprechenden Paar, hoffte man eine edle Nachkommenschaft der Csare. Man drang in den Alten. Er entgegnete strenge: Hier waltet mein Vaterrecht, nicht der Staat! Keineswegs mein Sohn, hast du dein Ideal errungen, alle rumen den fehlenden Zug ein. Der Preis gebhrt dir also nicht. Doch entsage, entsage dem Preis, und dieser Sieg innerer Hoheit wird den Mangel fllen. Guido bebte starr und bleich. Ausdruck von Unwillen ward auf jedem Angesicht kund. Sanfter nahm der Monarch wieder das Wort. Glaube mein Sohn, auch mir hat es einen schweren Kampf gegolten, dir den Lohn der Liebe zu versagen. Doch ich weiche mit blutendem Herzen der Nothwendigkeit. Ewiger Friede kann durch dich ber die Menschheit aufblhn. Bei den Worten _ewiger Friede_ flammten der Vter Wangen. Guido starrte noch zum Boden nieder. Die Kaiserin von Afrika will dir ihre Tochter vermhlen. Lies alles auf diesem Blatte, und juble dem Rufe des Schicksals entgegen. Auch Ottona ist schn, wahrlich nimmer sah ich so verklrte Anmuth, blicke auf dies Bild, von der Mutter dir gesandt. Die Schmach der Treulosigkeit, in den Donnerworten enthalten, machte, da Guido sein Auge verchtlich von dem Gemlde lenkte. Es fiel auf die feurige Inschrift am Hochaltar: _Unsterblichkeit_. Er stand auf, mied stolz die Versammlung, und rief die Worte zurck: Kommt nach drei Tagen wieder, dann sage ich euch, ob ich um der Menschheit willen ohne Ini leben kann. Kein Freund mehr, an dessen Busen er weinen konnte. Allein schweifte er umher auf den Gassen von Rom, sah bald diese bald jene Denkmale der alten Zeit, herrlich die Erinnerung mahnend. O Curtius, du gabst nur das Leben, nicht die Liebe auf, armer Szvola der der Tugend nur eine Hand darbrachte, strenger Luzius Junius Brutus, eine Ini httest du nicht hingegeben! Er kehrt nicht in den Pallast zurck, lief hinaus in die Gefilde, achtete nicht auf das wilde Ungewitter das die Pinien um ihn zersplitterte, aber dennoch nicht tobte, wie die Strme in seiner Brust. Endlich um Mitternacht langte er vor einer Katakombe an, drang in ihre schaurigen Gnge, hnlich der Farbe seines Jammers. Abgemattet von innerer Pein fiel er auf den Boden hin, rief den Schlummer, ihn nicht mit kurzem Tod, mit ewigen Tod zu umfangen. Der Schlummer nahte nicht. Guido sprach Verwnschungen gegen ihn, gegen seine unglcklich hohe Geburt, gegen den tirannischen Vater, gegen das Traumbild am Nordpol aus, das ihm lgend Wiedersehn zusagte und zu leben bewog. O warum starb ich dort nicht, wimmerte er. Zuletzt hatten sich die Krfte entspannt, ein tiefer Schlaf rettete den Dulder vor lngerer Qual der Selbstkmpfe. In diesem Schlaf whnte die noch thtige Einbildung, Gelino, den verstorbenen Lehrer zu sehn, wie er einen strafenden Blick auf ihn warf, und wieder verschwand. Dieser Blick prgte sich tief in des Jnglings Gemth, er sah ihn immer, noch am Morgen erwacht, und auf den Gefilden ohne Zweck wandelnd. Eine marternde Angst jagte ihn, in jedem Thale richtete er den Blick empor und glaubte immer das Traumgesicht in den Wolken wieder zu finden, von jedem Hgel sah er Rom und den sich erhebenden Tempel der Unsterblichkeit, dessen Anblick auch ein Strafgericht ber ihn verhing. So trieb er es. -- Der Kaiser lie ihn besorgt suchen, man fand ihn nicht. So ging es am zweiten, am dritten Tag, die Versammlung harrte bereits unruhig, gespannt, Schlimmes frchtend. Da trat Guido in den Tempel. Bleich, berwacht, verstrt, doch eine unbeschreibliche Hoheit in Blick und Geberde, eine Harmonie, einen Zauber in der Gestalt, die man jngst nicht an ihn wahrgenommen hatte, und Jeden mit der Ueberzeugung durchdrang -- nun sei das Ideal erreicht! Man errieht schon was er sagen wollte. Beifalljubel von allen Lippen und Hnden, von denen des Tempels eherne Mauern und Denkmale tnend wiederhallten, priesen in voraus. Oft gab der Kaiser das Zeichen zu schweigen, umsonst, nur spt konnte er vernehmlich fragen: Dein Kampf siegte, du whlst Ottona? Um die Menschheit, antwortete Guido. Neuer Beifall, Beschlu des Rathes, ihn zum Thronerben, zum Mitkaiser wrdig zu erklren. Guido hrte das betubt, war sehr gleichgltig, als eine Kaiserkrone, mit einem grnen Lorbeer umflochten, auf sein Haupt gesetzt wurde, ein Purpur an seinen Schultern hing, und das alle Straen berfllende Volk, da er im Prachtzug nach der Csarenwohnung kehrte, dem neuen Monarchen, dem Sieger in Afrika, dem Sieger ber sich, dem Friedengeber der Menschheit, Glck zurief! -- Alle Gefangenen, alle Schiffe und Waffen wurden eilig nach Karthago zurck gesandt, die europischen Truppen nach Italien gerufen. Guido schickte heimlich einen Eilboten an Ottona, lie ihr entbieten: den Thrnen der flehenden Menschheit gehorsam, bringe er ihr nchstens seine Hand, doch -- ein Herz habe er nicht mehr zu vergeben. -- Unterdessen traf man in Rom Anstalten zu seiner Reise nach Karthago. Sie sollte mit der hchsten Pracht vollzogen werden, der Vater wollte den Sohn begleiten. Kurz zuvor ehe man aufbrach, kam der Eilbote zurck. Er schwrmte in dem Bilde, das er von Ottona entwarf. Guido gebot, darber hinzugehn. Jener berichtete: Die Kaisertochter habe sich der Kunde erfreut, denn auch sie knne nur Fgung in das Schicksal, doch keine Liebe verheien. Wohl mir, seufzte Guido. Man trat den Weg an. Vor Karthago, wohin der afrikanische Hof zurckgekehrt war, standen alle Gefangenen, fand Guido alle eroberten Trophen, im Hafen wehten die Flaggen der Schiffe, die er jngst den Afrikanern genommen. Er staunte. Die Mnner aus dem Strategion dort, ihm entgegen gekommen, sagten: Dein Vater hat dir in Rom keinen Triumph ber Afrika bereitet, so will es die Kaiserin selbst thun. Umsonst verbat der Held. Alle glorreiche Zeichen seiner Siege gingen voran im glnzendsten Zuge, zum Tempel, dem herrlichsten der Stadt, nun dem _ewigen Frieden_ geweiht. Hier am Hochaltar erwartete die Kaiserin den Eidam, neben sich Ottona in einen Schleier gehllt und sichtbar bebend. Die Vornehmen, durch Guidos Anblick getroffen, sanken vor ihm nieder in Huldigung. Eben an diesem Tage begann das zwei und zwanzigste Jahrhundert. Bescheiden nahte Guido dem Altar. Die hohe Mutter trat ihm entgegen, Freudenthrnen auf der Wange. Hier, sprach sie, junger Csar, Oberherr von Europa und Afrika, empfange meine Tochter. Sie hob den Schleier von Ottonas Antlitz. Guidos tiefgesenkter Blick vermochte nicht aufzusehn. Nur der Ruf einer wohlbekannten himmelvollen Stimme weckte seine Betubung! Er sah auf die Braut -- -- O Himmel! Ottona war Ini -- verklrt gestaltet wie ihr Ideal. -- Bei Athania hatte die weise Frstin sie erziehen lassen. _Ende_. End of the Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Vo License: Share Alike