Produced by Jana Srna and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net [ Anmerkungen zur Transkription: Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. Im Original nicht in Fraktur gedruckter Text wurde mit _ markiert. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. ] Der Gehlfe Roman von Robert Walser Verlag von Bruno Cassirer Berlin Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger Mann vor der Tre eines alleinstehenden, anscheinend schmucken Hauses. Es regnete. Es wundert mich beinahe, dachte der Dastehende, da ich einen Schirm bei mir habe. Er besa nmlich in seinen frheren Jahren nie einen Regenschirm. In der einen nach unten grad ausgestreckten Hand hielt er einen braunen Koffer, einen von den ganz billigen. Vor den Augen des scheinbar von einer Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild zu lesen: C.Tobler, technisches Bureau. Er wartete noch einen Moment, wie um ber irgend etwas gewi sehr Belangloses nachzudenken, dann drckte er auf den Knopf der elektrischen Klingel, worauf eine Person kam, allem Anschein nach eine Magd, um ihn eintreten zu lassen. Ich bin der neue Angestellte, sagte Joseph, denn so hie er. Er solle nur eintreten und hier, die Magd zeigte ihm die Richtung, nach unten ins Bureau gehen. Der Herr werde gleich erscheinen. Joseph stieg eine Treppe, die eher fr Hhner als fr Menschen gemacht schien, hinunter und trat rechter Hand ohne weiteres in das technische Bureau ein. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging die Tre auf. An den festen Schritten ber die hlzerne Treppe und am Traufmachen hatte der Wartende sogleich den Herrn erkannt. Die Erscheinung besttigte nur die vorausgegangene Gewiheit, es war in der Tat niemand anderes als Tobler, der Chef des Hauses, der Herr Ingenieur Tobler. Er machte ziemlich groe Augen, er schien rgerlich zu sein und war es auch. Warum, sagte er, Joseph strafend anblickend, kommen Sie denn eigentlich heute schon? Ich habe Sie doch erst fr Mittwoch bestellt. Ich bin noch gar nicht soweit eingerichtet. Haben Sie's so eilig gehabt? Wa? Fr Joseph hatte dieses Weglassen des Schlu-s am Was etwas Verchtliches. So ein verstmmeltes Wort klingt ja auch nicht gerade wie eine freundliche Liebkosung. Er erwiderte, da man ihn im Stellenvermittlungsbureau darauf aufmerksam gemacht habe, da er heute, Montag frh, anzutreten habe. Wenn das ein Irrtum sei, so bitte er um Entschuldigung, er aber knne wahrhaftig nichts dafr. Sieh da, wie hflich ich bin! dachte der junge Mann und mute innerlich unwillkrlich ber sein Betragen lcheln. Tobler schien nicht geneigt, sofort entschuldigen zu wollen. Er redete noch einige Male um dieselbe Sache herum, wobei sein ohnehin roter Kopf emprt zu errten begann. Er begriff nicht, es nahm ihn dies und jenes Wunder, schlielich, nachdem sich sein Erstaunen ber den vorgekommenen Fehler beruhigt hatte, meinte er zu Joseph schrg hinber, er knne dableiben. Fortschicken kann ich Sie ja jetzt doch nicht mehr. -- Haben Sie Hunger? setzte er hinzu. Joseph bejahte ziemlich gleichmtig. Er wunderte sich aber sogleich ber die Ruhe seiner Antwort. Vor einem halben Jahr noch, dachte er rasch, wrde mich die Hochbeschaffenheit einer derartigen Frage eingeschchtert haben, und wie! Kommen Sie, sagte der Ingenieur. Mit diesen Worten fhrte er seinen neuangeworbenen Beamten ins Ezimmer hinauf, das im Erdgescho gelegen war. Das Bureau lag unter der Erdlinie im Keller. Im Wohn- und Ezimmer sprach der Herr folgendes: Setzen Sie sich. Irgendwo, das ist ganz egal. Und essen Sie, bis Sie satt sind. Hier ist Brot. Schneiden Sie soviel davon ab wie Sie wollen. Genieren Sie sich nur nicht. Schenken Sie nur mehrere Tassen ein. Kaffee ist genug da. Und da ist Butter. Die Butter ist zum Zugreifen da, wie Sie sehen. Und da haben Sie auch Konfitre, falls Sie ein Liebhaber davon sind. Wollen Sie Bratkartoffeln dazu essen? O ja, warum nicht, ganz gern, hatte Joseph den Mut zu sagen. Worauf Herr Tobler nach Pauline, der Magd, rief und ihr auftrug, das Gewnschte rasch zuzubereiten. Nachdem das Frhstck beendet war, gab es unten im Kontor, inmitten der Zeichenbretter und Zirkel und umherliegenden Bleistifte, zwischen beiden Mnnern ungefhr folgende Auseinandersetzung: Er msse, sagte Tobler in rauhem Ton, einen Kopf als Angestellten haben. Eine Maschine knne ihm nicht dienen. Wenn Joseph planlos und geistlos in den Tag hineinarbeiten wolle, so solle er so gut sein und es gleich auf der Stelle sagen, damit man von Anfang an wisse, woran man mit ihm sei. Er, Tobler, bentige eine Intelligenz, eine selbstndig arbeitende Kraft. Wenn Joseph glaube, er sei keine solche, so mge er so freundlich sein, usw. Hier drckte sich der technische Erfinder in Wiederholungen aus. Ach, sagte Joseph, warum sollte ich denn keinen Kopf haben, Herr Tobler? Was mich betrifft, ich glaube und hoffe des Bestimmtesten, da ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie glauben werden, von mir verlangen zu drfen: brigens, meine ich, bin ich hier oben (das Haus Tobler stund auf einem Hgel) ja vorlufig nur probeweise. Die Art unseres gegenseitigen bereinkommens hindert Sie in keiner Weise, mit mir, wenn Sie es fr notwendig erachten, augenblicklich Schlu zu machen. Er wolle, fand es Herr Tobler fr passend zu sagen, nicht hoffen, da es soweit komme. Joseph mge nichts fr ungut nehmen von dem, was er, Tobler, da soeben gesagt habe. Er habe eben nur geglaubt, gleich von Anfang an klaren Wein einschenken zu sollen, und er sei der Meinung, da das fr beide Teile nur vom Guten knne gewesen sein. Alsdann wisse jeder, woran er mit dem andern sei, und so sei es am besten. Gewi, bekrftigte Joseph. Nach dieser Rcksprache wies der Vorgesetzte dem Untergebenen den Platz an, woran er schreiben knne. Es war dies ein etwas zu enges, schmales und zu niedrig gebautes Sitzpult mit einer Schieblade, worin sich die Markenkasse und einige kleinere Bcher befanden. Der Tisch, denn nur ein solcher war's und gar kein wahrhaftiges Pult, stand dicht an einem Fenster und an der Gartenerde. Darber hinaus erblickte man in der Tiefe den ausgedehnten See, weiter das anderseitige Seeufer. Das alles sah heute sehr trbe aus, denn es regnete noch immer. Kommen Sie, sagte pltzlich Tobler, und er lchelte in etwas, wie es Joseph schien, unziemlicher Art zu seinen Worten, meine Frau mu Sie doch nun auch bald endlich einmal zu Gesicht bekommen. Kommen Sie mit, ich werde Sie ihr vorstellen. Und dann mssen Sie auch das Zimmer sehen, wo Sie schlafen werden. Er fhrte ihn hinauf in die erste Etage, wo den beiden eine schlanke, hohe Frauenfigur entgegentrat. Das war sie. Eine gewhnliche Frau, wollte rasch der junge Angestellte denken, aber er setzte sogleich in Gedanken hinzu: und doch nicht. Die Dame betrachtete den Neuen ironisch und gleichgltig, aber ohne Absicht. Beides, das Kalte und das Ironische, schien ihr angeboren zu sein. Sie streckte ihm nachlssig, ja sogar trge die Hand dar, er ergriff sie und verneigte sich vor der Herrin des Hauses. So nannte er sie im geheimen, nicht, um sie zu etwas Schnerem zu erheben, im Gegenteil, um sie rasch im stillen zu krnken. Diese Frau benahm sich in seinen Augen entschieden zu hochmtig. Ich hoffe, es wird Ihnen hier bei uns gefallen, sagte sie mit einer seltsam hochklingenden Stimme und verzog dazu ein wenig ihren Mund. Ja, sag du das nur. Sehr hbsch. Ei seht mal, wie freundlich. Wollen ja sehen. Auf diese Art hielt es Joseph fr angezeigt, fr sich ber jene wohlwollenden Worte nachzudenken. Alsdann wurde ihm sein Zimmer gezeigt, es lag oben im kupfernen Turm, es war also ein Turmzimmer, gewissermaen ein romantisches und vornehmes. brigens erschien es hell, luftig und freundlich. Das Bett war sauber, o ja, in solch einem Zimmer wrde sich's wohnen lassen. Nicht bel. Und Joseph Marti, so hie er mit seinem ganzen Namen, legte den Koffer, den er mit hinaufgenommen hatte, auf dem Parkettboden ab. Spter wurde er in die Geheimnisse der Toblerschen geschftlichen Unternehmungen kurz eingeweiht und mit den Pflichten, die er zu erfllen hatte, im allgemeinen vertraut gemacht. Es ging ihm dabei eigentmlich, er verstand nur die Hlfte. Was denn nur mit ihm sei, dachte er und machte sich Vorwrfe: Bin ich ein Betrger, ein Schwtzer? Will ich Herrn Tobler hintergehen? Er verlangt einen 'Kopf' und ich, ich bin heute absolut kopflos. Vielleicht da es morgen frh oder bereits heute abend besser geht. Das Mittagessen schmeckte ihm ausgezeichnet. Wiederum dachte er besorgt. Wie? Hier sitze ich und esse, wie es mir seit vielleicht Monaten nicht mehr gemundet hat, und kapiere nichts von den Winkelzgen der Unternehmungen Toblers? Ist das nicht Diebstahl? Das Essen ist wundervoll, es erinnert mich lebhaft an zu Hause. Solche Suppe hat Mutter gemacht. Wie krftig und saftig das Gemse ist, und das Fleisch. Wo kriegt man in der Grostadt dergleichen? Essen Sie, essen Sie, trieb Tobler an, in meinem Haus wird tapfer gegessen, haben Sie das verstanden? Nachher wird aber auch gearbeitet. Der Herr sehe, er esse ja, erwiderte Joseph mit einer Schchternheit, die ihn beinahe zornig machte. Er dachte: Wird er mich nach acht Tagen auch noch zum Essen antreiben? Wie schmachvoll, zu empfinden, wie sehr mir dieses fremde Essen schmeckt. Werde ich diesen unverschmten Appetit durch entsprechende Leistungen rechtfertigen? Er nahm sich von jeder Speise noch einmal auf seinen Teller. Ja, er kam aus den Tiefen der menschlichen Gesellschaft her, aus den schattigen, schweigsamen, kargen Winkeln der Grostadt. Er hatte seit Monaten schlecht gegessen. Ob man ihm dies etwa anmerke, dachte er und errtete. Ja, ein ganz klein wenig merkten das Toblers sicher. Die Frau betrachtete ihn mehrfach fast mitleidig. Die vier Kinder, zwei Mdchen und zwei Knaben, sahen ihn wie etwas Wildfremdes und Sonderbares von der Seite her an. Diese ungeniert fragenden und forschenden Blicke entmutigten ihn. Solche Blicke erinnern eben an die Angeflogenheit an etwas Fremdes, an die Behbigkeit dieses Fremden, das fr sich eine Heimat darstellt, und an die Heimatlosigkeit desjenigen, der nun so dasitzt und die Pflicht hat, sich mglichst rasch und guten Willens in das behagliche fremde Bild heimatlich einzufgen. Solche Blicke machen einen frieren im heiesten Sonnenschein, sie dringen kalt in die Seele, bleiben da einen Moment kalt liegen und verlassen sie wieder, wie sie gekommen sind. So. Jetzt an die Arbeit, rief Tobler. Und beide verlieen den Tisch und begaben sich, der Herr voran, in das Bureau hinunter, um da, wie der Befehl lautete, zu arbeiten. Rauchen Sie? Ja, Joseph rauche ganz gern. Nehmen Sie sich einen Zigarrenstumpen aus dem blauen Paket dort. Sie drfen whrend der Arbeit ruhig rauchen. Ich tu's ja auch. So. Und nun sehen Sie einmal hierher, das da, aber sehen Sie sie ordentlich an, sind die zur 'Reklame-Uhr' erforderlichen Papiere. Knnen Sie gut rechnen? -- Dann um so besser. Es handelt sich nun in erster Linie -- was tun Sie da? Mein junger Mann, die Asche gehrt in den Aschenbecher. Ich habe gern Ordnung zwischen meinen eigenen vier Wnden -- also in erster Linie handelt es sich, nehmen Sie einen Bleistift zur Hand, nun, sagen wir, um die Zusammenstellung, um die genaue Gewinnberechnung dieses Unternehmens. Nehmen Sie Platz hier, ich werde Ihnen sogleich die ntigen Angaben machen. Und da Sie mir geflligst aufpassen, denn ich sage meine Sachen nicht gern zweimal. Werde ich taugen? dachte Joseph. Es war wenigstens gut, da zu einer so schwierigen Arbeit geraucht werden durfte. Ohne Zigarrenstumpen wrde er jetzt an der Rechtbeschaffenheit seines Kopfes ehrlich gezweifelt haben. Whrend der Angestellte nun schrieb, wobei ihm der Prinzipal von Zeit zu Zeit ber die Schulter in die entstehende Leistung hinabblickte, spazierte dieser, eine krumme, langstielige Zigarre zwischen den schnen, blendend weien Zhnen tragend, im Bureau auf und ab, um allerhand Zahlen anzugeben, die jeweils flink von einer heute noch ein wenig ungebten Angestelltenhand nachgezeichnet wurden. Der bluliche Rauch hllte beide arbeitende Gestalten bald gnzlich ein, drauen vor den Fenstern schien sich das Wetter aufhellen zu wollen, Joseph warf ab und zu einen Blick durch die Scheibe und merkte die Vernderung, die sich leise am Himmel vollzog. Einmal bellte der Hund vor der Tre. Tobler trat auf einen Moment hinaus, um das Tier zu beruhigen. Nach Verlauf zweier Arbeitsstunden lie Frau Tobler durch eines der Kinder zum Nachmittagskaffee rufen. Es sei drauen im Gartenhaus gedeckt, weil das Wetter sich gebessert habe. Der Chef ergriff seinen Hut und sagte zu Joseph, er solle jetzt Kaffeetrinken gehen und nachher das flchtig Geschriebene ins reine setzen, bis er damit fertig sei, werde es wohl Abend geworden sein. Dann ging er. Joseph sah ihn den Hgel durch den abstrzenden Garten hinuntergehen. Welch eine stattliche Figur er hat, dachte er, er blieb noch eine ganze Weile so stehen und begab sich dann zum Kaffee in das hbsche, grnangestrichene Gartenhaus. Whrend des Imbisses fragte ihn die Frau: Sind Sie stellenlos gewesen? Ja, antwortete Joseph. Lange? Er gab ihr Auskunft, und sie seufzte jedesmal, wenn er von gewissen klglichen Menschen und Menschenverhltnissen sprach. Sie tat das ganz leicht und obenhin, und sie behielt auerdem die jeweiligen Seufzer lnger als gerade ntig war im Mund, als habe sie sich jedesmal an der Annehmlichkeit dieses Tons und Empfindens weiden knnen. Gewissen Menschen, dachte Joseph, scheint es Vergngen zu machen, an bedauerliche Dinge zu denken. Wie diese Frau Nachdenklichkeit mimt. Sie seufzt, wie andere lachen, genau so frhlich. Ist das jetzt meine Herrin? Spter strzte er sich in seine Reinschrift. Es wurde Abend. Morgen frh wrde es sich ja zeigen, ob er eine Kraft oder eine Null, eine Intelligenz oder eine Maschine, ein Kopf oder ein Hohlkopf sei. Fr heute war es seines Erachtens nach genug. Er rumte seine Arbeit zusammen und ging in sein Zimmer, froh darber, fr eine kleine Zeitlang allein sein zu drfen. Er fing nicht ohne Wehmut an, seinen Handkoffer, seine ganze Besitzung, langsam, Stck fr Stck, auszupacken, wobei er der unzhlbaren Umzge gedachte, zu deren Erledigung er sich nun schon so viele Male dieses Kfferchens bedient hatte. Schlichte Sachen werden einem so lieb, das empfand der junge Angestellte. Wie es ihm hier bei Tobler wohl gehen werde, fragte er sich, whrend er die paar Wschestcke, die er besa, in absichtlich suberlichster Manier in den Schrank legte: Gut oder schlecht, ich bin einmal da, gehe es wie es gehen kann. Er gelobte sich im stillen, sich Mhe zu geben, indem er ein Knuel alter Faden, Bindfadenteile, Halsbinden, Knpfe, Nadeln und abgerissene Leinenfetzen auf den Fuboden warf. Wenn ich nun schon einmal hier esse und schlafe, will ich mich geistig und krperlich dafr auch anstrengen, murmelte er weiter, wie alt bin ich jetzt? Vierundzwanzig! Das ist keine nennenswerte Jugend mehr. Ich bin zurckgeblieben im Leben. Er hatte den Koffer geleert und stellte ihn in eine Ecke. Sobald er glaubte, da es ungefhr Zeit sei, ging er zum Abendessen, spter noch zur Post ins Dorf hinein, spter schlafen. * * * * * Im Laufe des nchsten Tages glaubte er sich mit dem Wesen der Reklame-Uhr dadurch bekannt gemacht zu haben, da er begreifen lernte, da dieses gewinnbringende Unternehmen eine dekorative Uhr sei, die Herr Tobler im Begriff war an Bahnverwaltungen, Restaurateure, Hoteliers &c. zu verpachten. Solch eine wirklich uerst hbsch aussehende Uhr, kalkulierte Joseph, wird beispielsweise in einen oder in mehrere Straenbahnwagen gehngt, und zwar an eine mglichst in aller Menschen Augen stechende Stelle, damit die fahrenden und reisenden Mitmenschen ihre Taschenuhren danach richten knnen und jederzeit wissen, wie spt oder wie frh es am Tage ist. Diese Uhr ist wahrhaftig nicht schlecht, meinte er allen Ernstes, um so weniger, als sie den Vorzug hat, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein. Zu diesem Behufe hat man ihr ja ein einfaches oder doppeltes Adlerflgelpaar aus scheinbarem Silber oder gar Gold angehngt, zwecks zierlicher Bemalung. Und was wird man anderes darauf malen wollen als die genauen Adressen von Firmen, die sich dieser Flgel oder Felder, wie der technische Ausdruck lautet, zur nutzbringenden Insertion bedienen. Solch ein Feld kostet Geld; infolgedessen hat man sich, wie mein Herr, der Herr Tobler, ganz richtig sagt, an nur erste Handels- und Fabriksfirmen zu wenden. Die Betrge sind jeweilen zum voraus, und zwar laut auszustellender Vertrge, in monatlichen Raten, zu bezahlen. Die Reklame-Uhr kann brigens beinahe berall im In- und Ausland Aufstellung finden. Auf sie setzt, wie es mir schien, Tobler die wichtigsten Hoffnungen. Freilich kostet die Herstellung der Uhren und deren kupfernen und zinnernen Zieraten viel Geld, auch der Dekorationsmaler will ja sein Geld haben, dafr aber laufen eben die Inseratengelder hoffentlich und sehr wahrscheinlich regelmig ein. Was sagte doch heute frh Herr Tobler? Er hat ziemlich viel Geld geerbt, hat nun aber bereits sein gesamtes Vermgen in die 'Reklame-Uhr geworfen'. Ein sonderbarer Spa, zehn- bis zwanzigtausend Mark in Uhren zu werfen. Gut, da ich mir dieses Wort 'werfen' gemerkt habe, es scheint mir ein stark im Gebrauch bestehendes, brigens sehr klipp und klares Wort zu sein, das ich vielleicht schon in nchster Zeit in meinen Korrespondenzen werde anwenden mssen. Joseph steckte sich einen Stumpen in Brand. Eigentlich ein ganz netter Aufenthalt, dieses technische Bureau hier. Das meiste an der hiesigen Geschftsfhrung ist mir allerdings noch ganz unverstndlich. Ich habe immer das Neue und Fremde schwer begriffen. Ich erinnere mich, o ja. Im allgemeinen werde ich von den Leuten fr klger gehalten als ich bin, manchmal auch nicht. Das alles ist ja berhaupt so merkwrdig. Er nahm einen Streifen Papier zur Hand, strich den Firmenkopf mit ein paar Federstrichen durch und schrieb rasch folgendes: Liebe Frau Wei! Sie sind wahrhaftig der erste Mensch, an den ich von hier oben aus schreibe. Der Gedanke an Sie ist der erste und leichteste und natrlichste von allen den vielen Gedanken, die mir gegenwrtig im Kopf surren. Sie werden sich oft ber mein Betragen gewundert haben in der Zeit, die ich bei Ihnen zubrachte. Wissen Sie noch, wie Sie mich oft aus meinem dumpfen, einsiedlerischen Dasein, aus all meinen blen Gewohnheiten haben aufrtteln mssen? Sie sind eine so liebe, gute, einfache Frau, und vielleicht erlauben Sie mir, Sie lieb zu haben. Wie oft, ja beinahe alle vier Wochen, bin ich zu Ihnen ins Zimmer getreten, um Sie kurz zu ersuchen, mit der monatlichen Miete Geduld zu haben. Sie haben mich nie gedemtigt, doch ja immer, aber mit Gte. Wie dankbar ich Ihnen bin und wie froh ich bin, Ihnen dies sagen zu drfen. Was machen und leben Ihre Frulein Tchter? Die Grere ist ja nun wohl bald verheiratet. Und Frulein Hedwig, ist sie immer noch in der Lebensversicherungsgesellschaft ttig? Wie ich frage! Sind diese Fragen nicht uerst dumm, da ich Sie doch erst vor zwei Tagen verlassen habe! Mich dnkt, liebe, verehrte Frau Wei, ich sei jahre- jahre- und jahrelang bei Ihnen gewesen, so schn, ruhig und lang mutet mich der Gedanke an das Bei-Ihnen-gewesen-sein an. Kann man Sie kennen gelernt haben, ohne da man Sie hat lieben lernen mssen? Sie haben immer zu mir gesagt, ich sollte mich schmen, so jung zu sein und dazu so wenig unternehmenslustig, weil Sie mich stets haben in meinem dunkeln Zimmer sitzen und liegen sehen. Ihr Gesicht, Ihre Stimme, Ihr Lachen haben mich immer getrstet. Sie sind zweimal so alt wie ich und haben zwlfmal so viel Sorgen und erscheinen nur so jung, jetzt noch viel mehr als da ich noch bei Ihnen war. Wie konnte ich immer so wortkarg zu Ihnen sein. brigens bin ich Ihnen ja noch Geld schuldig, nicht wahr, und ich bin beinahe froh darber. uere Beziehungen knnen dann innere lebendiger erhalten. Zweifeln Sie nie an meiner Achtung vor Ihnen. Wie dumm ich spreche. Ich wohne hier in einer hbschen Villa und kann des Nachmittags jeweilen im Gartenhaus, wenn schnes Wetter ist, Kaffee trinken. Mein Chef ist zurzeit ausgegangen. Das Haus liegt auf einem, man darf sagen, grnen Hgel, unten neben der Landstrae, hart am Seeufer, fhrt die Eisenbahn vorbei. Ich wohne sehr nett in einem, es kommt mir ganz herrschaftlich vor, hochgelegenen Turmzimmer. Mein Herr scheint ein braver Mann zu sein, etwas hochtrabend. Mglich, da es zwischen uns eines Tages persnliche Keilereien gibt. Ich wnsche es nicht. Wirklich nicht, denn ich mchte in Frieden leben. Leben Sie wohl Frau Wei. Ich habe mir ein schnes, wertvolles Bild von Ihnen bewahrt, es lt sich nicht einrahmen aber ebenso wenig vergessen. Joseph faltete den Streifen zusammen und steckte ihn in ein Kuvert. Er lchelte. Fr ihn hatte das Andenken dieser Frau Wei etwas Freundliches, warum, darber wute er selber kaum recht Bescheid. Da hatte er nun an eine Frau geschrieben, die dem Eindruck zufolge, den er ihr von seiner Person hinterlassen hatte, einen so raschen und beinahe gefhlvollen Brief gar nicht erwarten durfte und sicher auch nicht gewrtigte. Hatte die zufllige Menschenbekanntschaft einen so groen Einflu auf ihn? Liebte er es, zu berraschen und zu behexen? Aber der Brief schien ihm nach kurzer Durchsicht und Prfung passend und er machte sich, da es ohnehin Zeit dazu war, auf den Weg zur Post. Mitten im Dorf blieb pltzlich ein von oben bis unten ruiger junger Mensch vor ihm stehen, schaute ihn lachend an und streckte ihm die Hand entgegen. Joseph spielte den Erstaunten, da er sich wirklich nicht entsinnen knnte, an welchem Ort und zu welcher Zeit im bisherigen Leben ihm diese schwarze Erscheinung konnte begegnet sein. Du auch hier, Marti? rief der Mensch, und nun erkannte ihn Joseph, es war ein Kamerad aus der krzlich erst berstandenen Militrdienstzeit, er begrte ihn, schtzte aber dringende Auftrge vor und verabschiedete sich wieder. Ja, das Militr, dachte er, indem er seines Weges weiter ging, wie wirft es die Menschen aus allen nur denkbaren Lebensgebieten auf einen einzigen Empfindungspunkt zusammen. Kein so feinerzogener, im brigen gesunder, junger Mensch lebt im Lande, der es sich nicht eines Tages mte gefallen lassen, aus seiner bisherigen, sortierten Umgebung herauszutreten, um mit dem erstbesten, ebenfalls jungen Bauern, Kaminfeger, Arbeiter, Kommis oder gar Tunichtgut gemeinschaftliche Sache zu machen. Und welche gemeinschaftliche Sache! Die Luft in der Kaserne ist fr einen jeden dieselbe, sie wird fr den Baronensohn fr gut genug, und fr den geringsten Landarbeiter fr angemessen befunden. Die Rang- und Bildungsunterschiede fallen unbarmherzig in einen groen, bis heute noch immer unerforschten Abgrund, in die Kameradschaft. Diese herrscht, denn sie fat alles zusammen. Die Hand des Kameraden ist fr keinen eine unreine, sie darf es nicht sein. Der Tyrann Gleichheit ist oft ein unertrglicher, oder scheint es zu sein, aber was fr ein Erzieher ist er, was fr ein Lehrer. Die Brderlichkeit kann mitrauisch und kleinlich im kleinen sein, sie kann aber auch gro sein, und sie ist gro, denn sie besitzt die Meinungen, die Gefhle, die Krfte und Triebe aller. Wenn ein Staat es versteht, den Sinn der Jugend in diesen Abgrund zu lenken, der gro genug wre fr die Erde wieviel mehr fr ein einzelnes Land, so hat er sich damit nach allen offenen Richtungen hin, an allen vier Grenzen, mit Festungen umgeben, die unbezwinglich sind, weil es lebendige, mit Fen, Gedchtnissen, Augen, Hnden, Kpfen und Herzen ausgestattete Festungen sind. Den jungen Leuten tut wahrhaftig eine strenge Lehre not. Hier unterbrach der Angestellte seine Gedanken. In der Tat, er rede und denke da wie ein Feldhauptmann, dachte er lachend. Bald darauf befand er sich wieder zu Hause. * * * * * Joseph hatte in einer Elastique-Fabrik gearbeitet, ehe er zum Militr kam. Er erinnerte sich jetzt jener vormilitrischen Zeit und sah vor sich ein altes, lngliches Gebude, einen schwarzen Kiesweg, eine enge Stube und ein bebrilltes, strenges Prinzipalengesicht. Er war dort, wie man sagt, aushilfsweise engagiert gewesen, nur so vorbergehend. Er schien mit seiner ganzen Persnlichkeit nur ein Zipfel, ein flchtiges Anhngsel zu sein, ein nur einstweilen geschlungener Knoten. Beim Antritt der Stellung war ihm bereits lebhaft der Austritt aus derselben vor Augen getreten. Der Lehrling im Elastique-Geschft war ihm in allem ber. Joseph mute diesen unausgewachsenen Menschen bei jeder Gelegenheit um Rat fragen. Aber eigentlich krnkte ihn das nicht einmal. O er war schon an so vieles gewhnt gewesen. Er arbeitete kopflos, das heit, er mute sich gestehen, da ihm mancherlei durchaus notwendige Kenntnisse abhanden gekommen waren. Gewisse, fr andere Menschen erstaunlich leicht zu erfassende Dinge prgten sich ihm so merkwrdig schwer ein. Was war da zu machen gewesen. Sein Trost und sein Gedanke war die Vorbergnglichkeit der Stellung. Er wohnte bei einem alten, spitznasigen und -mundigen Frulein, die eine sehr sonderbare, hellgrn gestrichene Stube bewohnte. Auf einer Etagere befanden sich einige alte und moderne Bcher. Das Frulein war, wie es schien, eine Idealistin, aber keine feurige, sondern eher eine durch und durch erfrorene. Joseph bekam rasch heraus, da sie einen eifrigen Liebesbriefwechsel unterhielt, und zwar, wie er eines Tages aus einem achtlos auf dem runden Tisch liegenden, langen Schreiben ersah, mit einem nach Graubnden ausgewanderten Buchdrucker oder Architektenzeichner, er konnte sich dessen jetzt nicht mehr so recht genau entsinnen. Er las rasch den Brief, er hatte das Gefhl, da er dadurch keine sehr bedeutende Ungerechtigkeit begehe. brigens war der Brief kaum der verstohlenen Lektre wert, man htte ihn ruhig drfen an alle Sulen der Stadt plakatieren, so wenig Geheimnisvolles und dem Fernstehenden Unverstndliches enthielt er. Er war den Bchern, die die Welt liest, nachgeschrieben und enthielt vorzugsweise khnlinierte und schraffierte Reisebeschreibungen. Die Welt sei doch herrlich, hie es da, wenn man sich die Mhe nehme, sie zu Fu zu durchwandern. Dann wurden der Himmel, die Wolken, die Halden, die Geien, Khe, Kuhglocken und die Berge beschrieben. Wie wichtig das alles war. Joseph hatte eine kleine Stube nach hinten gehend inne, dort las er. Sowie er nur dieses Stbchen betrat, fing ihm auch gleich die Bcherlektre ber den Kopf zu flattern an. Er las da so einen von jenen groen Romanen, an denen man monatelang lesen kann. Die Kost hatte er in einer Pension von Technikumsschlern und Kaufmannslehrlingen. Er hatte groe Mhe, sich mit dem jugendlichen Volk einigermaen zu unterhalten und schwieg daher meist bei Tisch. Wie war das alles fr ihn erniedrigend. Auch da war er ein Knopf, der nur lose hing, den man gar nicht mehr festzunhen sich abmhte, da man zum voraus wute, da der Rock doch nicht lange getragen werde. Ja, seine Existenz war nur ein provisorischer Rock, ein nicht recht passender Anzug. Nahe bei der Stadt lag ein runder, mig hoher Rebhgel, der oben mit Wald gekrnt war. Nun, das war frs Spazierengehen ganz artig. Die Sonntagvormittage verlebte Joseph regelmig dort oben, whrend welcher Erholung er sich jedesmal in ferne, beinahe krankhaft schne Trumereien verwickelt sah. Unten in der Fabrik ging es weniger schn zu, trotz des zunehmenden Frhlings, der seine kleinen duftenden Wunder an den Bumen und Struchern zu entfalten begann. Der Prinzipal machte Joseph eines Tages ganz gehrig herunter, ja, er machte ihn schlecht, er nannte ihn geradezu einen Betrger, und weswegen? Das war auch wieder so eine Kopftrgheit gewesen. Hohle Kpfe knnen ja nun allerdings einem Handelsgeschft erheblichen Schaden zufgen. Man kann schlecht rechnen, oder aber, und das ist das Schlimme, man rechnet einfach gar nicht. Fr Joseph war es so schwer gewesen, eine in englischer Pfundwhrung aufgestellte Zinsenrechnung zu prfen. Dazu fehlten ihm die paar Kenntnisse, und statt das nun offen dem Geschftsherrn einzugestehen, wovor er sich schmte, setzte er unter die Rechnung, ohne sie wahrhaft geprft zu haben, die lgnerische Besttigung. Er schrieb mit Bleistift ein M zu der Schluzahl, was so viel zu bedeuten hatte als die feste und ruhige Tatsache des Richtigbefundes. An diesem einen Tage nun kam es pltzlich durch eine mitrauische Frage seitens des Prinzipals heraus, da die Prfung nur geschwindelt, und da ja Joseph gar nicht imstande war, eine derartige Rechnung im Kopf zu lsen. Das waren eben englische Pfund, und Joseph wute mit solchen absolut nicht umzugehen. Er verdiene, sprach der Vorgesetzte, mit Schimpf und Schande fortgejagt zu werden. Wenn er etwas nicht verstehe, so sei das keine Unehrenhaftigkeit, wenn er aber Verstndnis lge, so sei das Diebstahl. Man knne es nicht anders nennen, und Joseph solle sich in Grund und Boden hinab schmen. O das war ein tobendes Herzklopfen fr ihn gewesen. Er sprte eine schwarze, fressende Welle ber seinem ganzen Dasein. Die eigene, sonst, wie ihm immer schien, nicht schlechte Seele schnrte ihn von allen Seiten zu. Er zitterte so heftig, da die Zahlen, die er eben schrieb, nachher ungeheuerlich fremd, verschoben und gro aussahen. Aber nach einer Stunde war ihm so wohl. Er ging zur Post, es war eben schnes Wetter, er ging so, und da meinte er, ksse ihn alles. Die kleinen sen Bltter schienen alle in einem liebkosenden, farbigen Schwarm auf ihn zuzufliegen. Die vorbergehenden, im brigen ganz alltglichen Menschen sahen so schn aus, zum rein An-den-Hals-werfen. Er schaute glcklich in alle Grten hinein, zum offenen Himmel hinauf. Wie rein und schn waren die weien, frischen Wolken. Und das satte, se Blau. Joseph hatte das eben Vorgefallene, das Wste, nicht vergessen, er trug es beschmt mit sich, aber es hatte sich in etwas Unbekmmert-Leidvolles, in etwas Ebenmig-Verhngnisvolles verwandelt. Er zitterte noch ein wenig und dachte: Also mu man mich mit Demtigungen zur reinen Freude an der Welt Gottes aufpeitschen? Nach Feierabend trat er gemtlich in einen ihm wohlbekannten Zigarrenladen. Eine Frau hauste dort, eine womglich, ja wahrscheinlich und nur zu sehr wahrscheinlich kufliche Frau. Joseph pflegte sich in ihrem Laden Abend fr Abend auf einen Stuhl zu setzen, eine Zigarre dazu zu rauchen und zu plaudern mit der Inhaberin. Er gefiel ihr, das merkte er bald. Wenn ich dieser Frau gefalle, so erweise ich ihr einen kleinen Dienst, regelmig bei ihr zu sitzen, dachte er und tat auch so. Sie erzhlte ihm ihre ganze Jugend und manches Schne und Unschne aus ihrem Leben. Sie alterte schon und hatte ein ziemlich hlich geschminktes Gesicht, aber gute Augen leuchteten aus demselben hervor, und ihr Mund: wie oft wird er geweint haben, dachte Joseph. Er blieb immer artig und hflich bei ihr, als ob dieses Betragen selbstverstndlich gewesen wre. Einmal streichelte er ihr die Wangen, und er bemerkte die Freude, die sie ber dieser Bewegung empfand, sie errtete und ihr Mund zuckte, als ob sie htte sagen wollen: zu spt, mein Freund. Sie war frher eine Zeitlang Kellnerin gewesen, aber was hatte das alles zu bedeuten, da doch der ganze Anhngezipfel nach ein paar Wochen abgetrennt wurde. Der Chef schenkte Joseph zum Abschied eine Gratifikation, trotz jenes Vorfalles mit der englischen Geldwhrung, und wnschte ihm Glck in die Kaserne. Jetzt kommt eine Eisenbahnfahrt durch ein frhlingverzaubertes Land, und dann wei man nichts mehr, denn von da an ist man nur noch eine Nummer, man bekommt eine Uniform, eine Patronentasche, ein Seitengewehr, eine regelrechte Flinte, ein Kppi und schwere Marschschuhe. Man ist nichts mehr Eigenes, man ist ein Stck Gehorsam und ein Stck bung. Man schlft, it, turnt, schiet, marschiert und gestattet sich Ruhepausen, aber in vorgeschriebener Weise. Selbst die Empfindungen werden scharf berwacht. Die Knochen wollen anfnglich brechen, aber nach und nach sthlt sich der Krper, die biegsamen Kniescheiben werden zu eisernen Scharnieren, der Kopf wird frei von Gedanken, die Arme und Hnde gewhnen sich an das Gewehr, das den Soldaten und Rekruten berall hin begleitet. Im Traum hrt Joseph Kommandoworte und das Knattern der Schsse. Acht Wochen lang dauert das so, es ist keine Ewigkeit, aber bisweilen scheint es ihm eine. Doch was soll das alles, da er doch jetzt in Herrn Toblers Hause lebt. * * * * * Zwei oder drei Tage sind noch keine gar so sehr lange Zeit. Dieser Zeitraum gengt nicht einmal, um sich in einem Zimmer ganz zurechtzufinden, wie viel weniger in einem immerhin stattlichen Haus. Joseph war ja ohnehin schwer von Begriff, wenigstens bildete er sich das ein, und Einbildungen sind nie gnzlich ohne grundlegende Berechtigung. Das Toblersche Haus war berdies noch zweiteilig, es bestund aus einem Wohnhaus sowohl wie aus einem Geschftshaus, und Josephs Pflicht und Schuldigkeit war, beide Sorten Huser ergrnden zu lernen. Wo Familie und Geschft so nah beieinander sind, da sie sich, man mchte sagen, krperlich berhren, kann man das eine nicht grndlich kennen lernen und zugleich das andere bersehen. Die Obliegenheiten eines Angestellten liegen in solch einem Haus weder ausdrcklich da noch ausdrcklich dort, sondern berall. Auch die Stunden der Pflichterfllung sind keine exakt begrenzten, sondern erstrecken sich manchmal bis tief in die Nacht hinein, um bisweilen pltzlich mitten am Tag fr eine Zeitlang aufzuhren. Wer das Vergngen haben darf, nachmittags drauen im Gartenhaus in Gesellschaft einer gewi gar nicht blen Frau Kaffee zu trinken, mu nicht bse werden, wenn er abends nach acht Uhr rasch noch irgend eine dringende Arbeit erledigen soll. Wer so schn zu Mittag it, wie Joseph, mu dies durch verdoppelte Leistungen wieder gut zu machen suchen. Wer Stumpen rauchen darf whrend der Geschftsstunden, der darf nicht brummen, wenn ihn die Herrin des Hauses um einen huslichen oder familiren Dienst kurz ersucht, auch wenn der Ton, womit dieses Gesuch ausgesprochen wird, eher ein befehlshaberischer als ein schchtern bittender sein sollte. Wer hat alles Annehmliche und Schmeichelnde immer zusammen? Wer wird so anmaend der Welt gegenber sein, von ihr nur Kissen zum Daraufruhen zu verlangen, ohne zu bedenken, da die samtenen und seidenen, mit feinem Flaum gefllten und gestopften Kissen Geld kosten? Aber Joseph denkt gar nicht so. Man mu bedenken, da Joseph nie viel Geld auf einmal besessen hat. Frau Tobler fand an ihm etwas Seltsames, sozusagen Unalltgliches, ohne ihn aber auch nur im geringsten gut zu beurteilen. Sie fand ihn ziemlich lcherlich in seinem dunkelgrn gefrbten, abgetragenen und erbleichten Anzug, aber auch in seinem Benehmen wollte sie etwas Komisches entdeckt wissen, worin sie in gewisser Beziehung recht hatte. Komisch war sein undezidiertes Auftreten, sein augenscheinlicher Mangel an Selbstbewutheit, und komisch waren auch seine Manieren. Hinwiederum mu bemerkt werden, da Frau Tobler, eine Brgersfrau von echtester Abstammung, sehr leicht geneigt war, vieles komisch zu finden, was auch nur ein ganz klein wenig ihre Anschauungsweise fremd berhren konnte. Wenn das aber so ist, so wollen wir uns weiter nicht darber aufregen, da eine solche Frau einen solchen jungen Menschen komisch fand, sondern berichten, was sie zusammen redeten. Versetzen wir uns wieder in das Gartenhuschen und in die Fnf-Uhr-Abend-Stunde. Es ist doch ein prchtiger Tag heute, sagte Frau Tobler. O ja, es sei wirklich herrlich, sagte seinerseits der Gehlfe. Er drehte sich, am Tisch sitzend, halb um, und schaute in die bluliche Ferne. Der See war ganz blablau. Ein Dampfschiff mit klingender Musik fuhr gerade vorber. Man konnte die wehenden Tcher unterscheiden, die dort unten von den Vergngungsreisenden geschwenkt wurden. Der Rauch des Dampfschiffes flog nach hinten und wurde von der Luft eingesogen. Die Berge am andern Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schne Tag ber den See verbreitete, kaum zu sehen. Sie schienen aus Seide gewoben zu sein. Ja, die ganze runde Aussicht war blau, selbst das nahe Grn und das Rot der Dcher sahen sich blulich an. Man hrte ein einziges Gesumme, wie wenn die ganze Luft, der ganze durchsichtige Raum leise gesungen htten. Auch das Summen und Surren hrte und sah sich blau an, beinahe! Wie schmeckte wieder einmal der Kaffee. Warum denke ich an zu Hause, an die Kindheit, wenn ich diesen sonderbaren Kaffee trinke? dachte Joseph. Die Frau fing an, von der letztjhrigen Sommerfrische am Vierwaldstdtersee zu reden. Dieses Jahr gebe es, sagte sie, leider nichts aus so etwas. Keinen Gedanken! Und dann sei es ja hier wirklich auch ganz schn. Man brauche eigentlich gar keine Sommerfrische mehr, wenn man so wohnen knne, wie sie. Im Grunde genommen sei man fast immer sehr unbescheiden, man habe stets Wnsche, und das sei ja auch ganz natrlich -- Joseph nickte -- aber zuweilen hnele es einer wirklichen Arroganz. Sie lachte. Wie seltsam sie lacht, dachte der Untergebene und fuhr fort zu denken: An diesem Lachen knnte einer, der sich darauf versteifen wollte, Geographie studieren. Es bezeichnet genau die Gegend, wo diese Frau her ist. Es ist ein behindertes Lachen, es kommt nicht ganz natrlich zum Mund heraus, als wre es frher durch eine allzupeinliche Erziehung stets etwas im Zaum gehalten worden. Aber es ist schn und fraulich, ja, es ist sogar ein bichen frivol. Nur hochanstndige Frauen drfen so lachen. Inzwischen hatte die Frau lngst weitergesprochen, und zwar von jener geradezu ideal schnen und traulichen Sommerfrische. Ein junger Amerikaner habe sie jeden Tag in der Gondel auf den See hinausgerudert. Das sei noch ein Kavalier gewesen. Und dann war es doch fr eine verheiratete Frau, wie sie eine sei, reizvoll und neu, einmal ein paar Wochen ganz allein sein zu knnen und dazu noch in solch einer schnen Gegend. Ohne Mann und ohne die Kinder. Man brauche dabei noch lange nicht an was Unfeines zu denken. Man tue den ganzen Tag nichts, esse kstlich und liege da so im Schatten, unter solch einem herrlichen, breitstigen Kastanienbaum, wie dort, wo sie das letzte Jahr gewesen sei, einer war. Solch ein Baum. Immer wieder she sie ihn und sich selbst drunter. Sie habe auch ein kleines, weies Hndchen gehabt, sie habe es immer zu sich ins Bett genommen. So ein feines, sauberes Geschpfchen. Nun, dieses Tier habe sie in dem reizenden Gefhl, das ihr vorgegaukelt habe, sie sei eine Dame, eine wirkliche Dame, noch bestrkt. Spter habe sie es weggeben mssen. Ich mu an die Geschfte gehen, sprach Joseph und erhob sich. Ob er so fleiig sei? Nun, man tut, was man fr seine Pflicht hlt. Mit diesen Worten entfernte er sich. Im Bureau trat ihm eine unsichtbar-sichtbare Erscheinung entgegen: die Reklame-Uhr. Er setzte sich an den Schreibtisch und fing an zu korrespondieren. Der Briefbote kam, um eine Nachnahme zu prsentieren, es war ein geringer Betrag, Joseph bezahlte aus seiner Privattasche. Dann schrieb er ein paar Briefe im Interesse der Reklame-Uhr. Was man fr so eine Uhr nicht alles aufwenden mute! Sie ist wie ein kleines oder groes Kind, solch eine Uhr, dachte der Angestellte, wie ein eigensinniges Kind, das der bestndigen, aufopfernden Pflege bedarf, und das nicht einmal dankt dafr. Gedeiht denn eigentlich dieses Unternehmen, wchst dieses Kind? Man merkt wenig davon. Ein Erfinder liebt seine Erfindungen. Diese kostspielige Uhr ist Tobler beinahe ans Herz gewachsen. Was aber denken andere Leute von dieser Idee? Eine Idee mu hinreien, mu berwltigen, sonst ist es eine schwere Sache, sie zu praktizieren. Was mich selber betrifft, so glaube ich fest an die Mglichkeit einer Realisierung derselben, und ich glaube deshalb daran, weil es meine Pflicht ist, weil ich dafr bezahlt werde. Zwar, wie steht es denn nun mit meinem Gehalt? Es war in diesem Punkt tatschlich noch nichts abgemacht worden. Bis zum Sonntag verlief alles ruhig. Was htte passieren sollen? Joseph war folgsam und bemhte sich, ein heiteres Gesicht an den Tag zu legen. Aber warum htte er besonders mimutig sein sollen, wo ja doch vorlufig nur Ursache zur Zufriedenheit fr ihn vorhanden war. Im Militrdienst ist er auch nicht verzrtelt worden. In das Wesen der Reklame-Uhr drang er immer tiefer ein und glaubte bereits, sie vollstndig erfat zu haben. Was hatte es zu bedeuten, da zwei Wechsel zu je vierhundert Mark nicht bezahlt wurden. Man schob den Verfalltag dieser Billetts einfach auf einen Monat hinaus, es war sogar riesig nett fr Joseph, an den Aussteller der Akzepte schreiben zu drfen: Bitte, haben Sie noch Geduld. Die Finanzierung meiner Patente lt nur noch kurze Zeit auf sich warten. Bis dahin wird es mir mglich geworden sein, die flligen Verpflichtungen prompt einzulsen. Er hatte mehrere solcher Briefe zu schreiben, und er freute sich ber die Leichtigkeit, mit der er den gesamten kaufmnnischen Stil beherrschte. Das Dorf hatte er bereits halb durchstbert. Zur Post zu gehen war ihm jedesmal ein groes Vergngen. Es gab zwei Wege, einen dem See entlang, auf der breiten Landstrae, und einen ber den Hgel, an Obstbumen und Bauernhusern vorbei. Er whlte fast immer den letztern. Ihm schien das alles sehr einfach. Am Sonntag erhielt er von Tobler eine gute, deutsche Zigarre nebst fnf Mark Taschengeld, damit er sich hie und da etwas leisten knne. Das Haus lag so schn da in dem hellen Sonnenschein. Es schien Joseph ein wahres Sonntagshaus zu sein. Er ging den Garten hinunter, die Badehose in der Hand schwenkend, an den See, zog sich in einer verfallenen Badehtte, durch deren Bretterritzen die Sonne hineinleuchtete, behaglich aus und warf sich nachher ins Wasser. Er schwamm weit hinaus, es war ihm so wohl zumute. Welchem Badenden und Schwimmenden, wenn er nicht gerade am Ertrinken ist, ist es nicht wohl zumut? Es kam ihm vor, als wlbe und runde sich die heitere, warme, glatte Seeoberflche. Das Wasser war frisch und lau zugleich. Vielleicht strich ein leiser Windzug darber her, oder irgend ein Vogel flog ber seinem Kopf, hoch in der Luft, daher. Einmal kam er einem kleinen Boot nahe, ein einzelner Mann sa drin, ein Fischer, der friedlich den Sonntag verangelte und verschaukelte. Welche Weichheit, welche schimmernde Helle. Und mit den nackten empfindungsvollen Armen macht man Schnitte in dieses nasse, saubere, gtige Element. Jeder Sto mit den Beinen bringt einen ein Stck vorwrts in diesem schnen, tiefen Nassen. Von unten her wird man von warmen und khlen Strmen gehoben. Den Kopf taucht man, um den bermut in der Brust zu bewssern, auf kurze Zeit, den Atem und den Mund und die Augen zudrckend, hinab, um am ganzen Leib dieses Entzckende zu spren. Schwimmend mchte man schreien, oder nur rufen, oder nur lachen, oder nur etwas sagen, und man tut's auch. Und dann von den Ufern her, diese Gerusche und hohen, fernen Formen. Diese wundervollen hellen Farben an solch einem Sonntagsmorgen. Man pltschert mit den Hnden und Fen, steht im Wasser schwebend und trapezturnend, mchte man sagen, aufrecht, immer dazu die Arme bewegend. Und es gibt da kein Untersinken. Nun pret man noch einmal die Augen geschlossen in das flssige, grne, feste Unergrndliche hinab und schwimmt ans Land.-- Wie herrlich das war! Zum Mittagessen hatten sich Gste eingefunden. * * * * * Dieses mit den Gsten ist Folgendes: Josephs Vorgnger im Amt war ein gewisser Wirsich gewesen. Diesen Wirsich hatten die Toblers sehr lieb gewonnen. Sie erkannten in ihm einen anhnglichen Menschen und schtzten seine Tchtigkeit hoch. Er war ein exakter Mensch, aber er war es nur in der Nchternheit. Solange er nchtern war, verfgte er ber fast alle, ja man darf sagen, alle Angestelltentugenden. Er war ber die Maen ordnungsliebend, er besa Kenntnisse sowohl auf kaufmnnischem wie auf dem juristischen Gebiet, er war fleiig und energisch. Seinen Chef wute er zu jeder Zeit und in beinahe allen vorkommenden Fllen in vertrauenerweckender und berzeugender Weise zu vertreten. Zudem hatte er eine saubere Handschrift. Hell von Verstand und mit lebhaftem Interesse begabt war es diesem Wirsich ein Leichtes gewesen, die Geschfte seines Brotherrn zu dessen vollkommener Zufriedenheit ganz selbstndig zu fhren. In der Fhrung der Bcher war er sogar mustergltig. Alle diese Eigenschaften nun konnten zuzeiten mit einem Mal gnzlich verschwimmen, und zwar in der Trunkenheit. Wirsich war kein junger Mann mehr, er zhlte ungefhr fnfunddreiig Jahre, und das ist ein Alter, wo gewisse Leidenschaften, wenn sie der Trger nicht vorher gelernt hat zu bezwingen, ein schreckliches Aussehen und eine furchtbare Ausdehnung anzunehmen pflegen. Der Alkoholgenu machte jeweils, das heit von Zeit zu Zeit aus diesem Menschen ein wildes, unvernnftiges Tier, mit dem begreiflicherweise nichts anzufangen war. Mehrfach wies ihm Herr Tobler auch die Tr und befahl ihm, seine Sachen zu packen und sich nie wieder blicken zu lassen. Wirsich ging dann auch, fluchend und Beleidigungen ausstoend, zum Haus hinaus, kehrte aber jeweils, sobald er wieder er selber geworden war, mit einem zerknirschten Armesndergesicht zu der Schwelle zurck, die nie wieder zu betreten er ein paar Tage vorher im Unfug und Wahnsinn seiner Betrunkenheit heftig geschworen hatte. Und Wunder: Tobler behielt ihn immer wieder. Er hielt ihm bei solcher Gelegenheit je eine gesalzene Strafpredigt, wie man sie auch ungezogenen Kindern gegenber anwendet, sagte ihm aber dann, er knne dableiben, man wolle ber das Vergangene einen Schleier werfen und es nochmals mit ihm probieren. Das geschah vier oder fnf Male. Wirsich hatte etwas Unwiderstehliches an sich. Dies trat besonders hervor, wenn er den Mund zu einer Bitte oder Abbitte auftat. Er erschien in diesem Fall so vollkommen reuig und unglcklich, da es den Toblers warm und hei wurde und sie ihm verziehen, ohne da sie sich Rechenschaft gaben, warum eigentlich. Dazu kam noch der sonderbare, wie es schien, tiefgehende Eindruck, den es Wirsich verstand auf die Personen weiblichen Geschlechtes zu machen. Es ist als ziemlich sicher anzunehmen, da auch Frau Tobler diesem fremdartigen Zauber, diesem Unerklrlichen, nicht widerstand. Sie respektierte ihn, solange er ruhig und vernnftig blieb, und mit dem Rohling und Wstling hatte sie ein ihr selber ganz unerklrbares Mitleiden. Schon sein ueres war ja wie fr das Urteil der Frauen geschaffen. Seine scharfen, mnnlichen Gesichtszge, in der Schrfe und Sicherheit durch eine blasse Hautfarbe noch untersttzt, sein schwarzes Haar, seine tiefliegenden, groen, dunklen Augen gefielen ebenso unwillkrlich wie eine gewisse Trockenheit, die seinem ganzen sonstigen Auftreten und Wesen anhaftete. Eine solche Hausbackenheit macht in der Regel den Eindruck der Herzensgte und der Charakterfestigkeit, zwei Erscheinungen, denen keine fhlende Frau widersteht. Und so kam es, da Wirsich immer wieder von neuem angenommen wurde. Was eine Frau beim Mittagstisch zu ihrem Mann in leichtem, lachendem, reichem Ton sagt, bleibt nie gnzlich ohne Einflu, hier um so weniger als ja Tobler selber diesen unglckseligen Menschen immer gern hatte leiden mgen. Die Mutter des Wirsich kam regelmig bei Anla einer Wiederanstellung ihres Sohnes in die Villa hinauf, um fr denselben zu danken. Auch sie mochte man gern leiden. brigens sind einem ja die Menschen, die man Macht und Einflu hat fhlen lassen, immer lieb. Die Wohlhabenheit und Gutbrgerlichkeit demtigt gern, nein, vielleicht das nicht gerade, aber sie schaut doch ganz gern auf Gedemtigte hernieder, was eine Empfindung ist, der man eine gewisse Gutmtigkeit, aber auch eine gewisse Roheit nicht absprechen kann. Eines Nachts nun trieb es Wirsich doch zu bunt. Er kam aus der an der Landstrae gelegenen, stark von allerhand vagabundierendem Volk, darunter unsaubern Weibern, frequentierten Wirtsstube zur Rose vollstndig berauscht, schreiend und tobend, nach Hause und begehrte Einla. Da man ihm diesen verweigerte, zertrmmerte er mit Hilfe eines Hackenstockes, den er bei sich trug, die Haustrscheibe und dann das Gitter derselben, soweit ihm das gelang. Auch drohte er mit frchterlicher und unkenntlicher Stimme mit Anznden des ganzen Nestes, wie er sich in der Wildheit und Zerstrtheit seines Kopfes ausdrckte, brllte, da ihn nicht nur die Nachbarschaft, sondern auch die weiter in der Umgegend wohnenden Leute hren muten, und gefiel sich in schmhlichen Verwnschungen gegen seine Wohltter. Schon hatte er, von den Krperkrften aller Besinnungslosen und Unempfindlichen untersttzt, beinahe die Tre eingeworfen, das Schlo und der Riegel wackelten schon bedenklich, als Herr Tobler, der, wie es schien, endlich die Geduld verloren hatte, die Tre von innen her aufri und ber den Trunkenbold mit einem Hagel von Stockschlgen herfiel, der denselben zu Boden auf den Kies warf. Auf den nicht zu miverstehenden Befehl Toblers, sich sofort vom Platz wegzubegeben, da sonst weitere und hnliche Hiebe seiner harren wrden, erhob sich Wirsich auf allen Vieren, um aus dem Garten zu rutschen. Einige Male fiel die Gestalt des Sufers, vom Mond beleuchtet, so da die Obenstehenden jede seiner ungeheuerlichen Bewegungen verfolgen konnten, wieder an die Erde, stund wieder auf und warf sich endlich, einem plumpen Bren hnlich, vollends zum Garten an die Landstrae hinaus, worauf sie sich gnzlich verlor. Zwei Wochen nach diesem nchtlichen Vorfall hielt Tobler ein umfangreiches Entschuldigungsschreiben Wirsichs in der Hand, worin der beltter in scheinbar geradezu klassischem Stil Besserung versprach und bat, Herr Tobler mchte ihn doch noch ein einziges Mal anstellen, da sich Wirsich sonst der bittersten Not preisgegeben she. Beide, er sowohl als seine alte Mutter, bten instndig um eine nochmalige, wenn auch letzte Zuwendung der alten, wohltuenden Gunst, die er, er bekenne es schmerzhaft und aufrichtig, nun schon so oft verscherzt habe. Wirsich, hie es in dem Schreiben zum Schlu, sehne sich so sehr nach dem Haus, nach der ganzen ihm lieb und wert gewordenen Familie, nach der Sttte der frheren Wirksamkeit zurck, da er sich sagen msse, entweder er drfe auf eine Neubelebung all dieser Dinge hoffen und darber froh sein, oder der Riegel sei ihm ein fr allemal zugeschoben und fr ihn bleibe nur noch die Verzweiflung, die Reue, die Scham und die Bitternis brig. Es war indessen zu spt. Der Riegel war in der Tat schon vorgeschoben, es war schon ein Ersatz im Haus. Gleich am nchsten Morgen nach jener wsten Nachtszene hatte sich Tobler nach der Hauptstadt in das Bureau fr Stellenvermittlung begeben und hatte dort Joseph verpflichtet. Das obige Schreiben gelangte an demselben Tage wie Joseph ins Toblersche Haus. Die sonntglichen Gste aber waren niemand anders als Wirsich und seine Mutter. * * * * * Von der Bewegung des Badens erfrischt begrte Joseph seinen Vorgnger herzlich. Vor der alten Frau machte er eine leichte Verbeugung. Er sah wohl auf den ersten Blick, da die Stimmung am Mittagstisch eine ziemlich gedrckte war. Man sprach wenig, und das Wenige der Unterhaltung war allgemeiner Natur. Etwas Klgliches, Zimperliches hatte sich rund um das weie Tischtuch und um die dampfenden und duftenden Speisen und um die Menschengesichter herum breit gemacht. Herr Tobler machte seine grten Augen, im brigen war er frhlich und freundlich und ermunterte seine Gste in wohlwollend-herablassendem Ton, zuzugreifen. Jedes Essen schmeckt nach jedem Baden, auch im Freien, unter solch einem blauen Himmel, will fast jedes Essen schmecken, dieses heutige Essen aber fand Joseph geradezu herrlich, so einfach es auch war. Auch den andern schien es zu munden, nicht zum mindesten der alten Frau Wirsich, die sich heute mit einem Schein von feinerem Weltgebaren umgeben hatte. Wo mochte diese rmliche Dame sonst wohnen, und wie? In welchen Zimmern und in was fr Umgebungen? Wie drftig und mager sie aussah! Gleichsam sparsam oder gespart oder sprlich sah sie aus, besonders neben dieser ppigen, brgerlichen, in Flle und Wrme geborenen und erzogenen Frau Tobler. Frau Wirsich und Frau Tobler. Ja, das waren, wenn es in der Welt irgendwie Differenzen gab, Unterschiede vom klarsten, reinsten Wasser. Immer ein bichen hochmtig sieht Frau Tobler aus, aber wie gut steht zu den Linien ihres Gesichtes und Krpers diese bestndige, zarte Spur von Hochmut. So etwas will man von ihrer Figur gar nicht wegwnschen, denn es gehrt ganz einfach dazu, wie der tnende, unaussprechliche Zauber zu einem Volkslied. Dieses Lied klingt fein und in den allerhchsten Tnen, Frau Wirsich verstand und empfand es gar wohl. Wie klglich das eine Lied ertnte und wie voll das andere. Herr Tobler schenkte Rotwein ein. Er wollte auch Wirsich einschenken, aber die Mutter verdeckte rasch das Glas ihres Sohnes mit der alten, verkncherten Hand. Ah bah, warum denn jetzt nicht? Er mu doch auch etwas trinken, rief Tobler. Da strzten pltzlich Trnen in die Augen der alten Frau. Alle sahen es und erbebten. Wirsich wollte seiner Mutter irgend etwas zuflstern, aber eine steife, steinerne Macht, deren er sich nicht zu erwehren vermochte, lhmte ihm den Gebrauch der Zunge. Er sa da wie ein Stockfisch und schaute auf sein eigenes, zaghaftes Essen hinab. Frau Wirsich hatte die Hand zurckgenommen, gleichsam erklrend, es sei ihr nun gezwungenermaen ganz gleichgltig, ob jetzt ihr Sohn trinke oder nicht. Ihre Bewegung sagte: Ja, schenkt ihm nur ein. Es ist ja doch alles verloren! Wirsich nippte ein wenig an dem Glas, er schien eine unwiderstehliche Scheu zu haben vor dem Genu des Dinges, das ihn von einer in der Tat fr ihn gemtlichen Weltposition herabgestrzt hatte. O Frau Wirsich, deine verweinten Augen trben ja ganz deine paar angenommenen, glnzenden Weltmanieren. Wie hattest du dir vorgenommen, dich fein zu bewegen, und wie hat dich nun dein Gram berwltigt. Deine alten Hnde, die wie Stirnen durchfurcht sind, zittern recht sehr. Was spricht dein Mund? Nichts? Ei, Mutter Wirsich, man mu sprechen in guter Gesellschaft. Sieh, sieh, wie dich eine gewisse andere Dame anschaut. Frau Tobler schaute Frau Wirsich mit besorgten, aber kalten Augen leicht von der Seite her an, indem sie zugleich die Locken ihres jngsten Kindes, das neben ihr sa, streichelte. Eine wirklich wohlhabende Frau! Von der einen Seite strahlte die kindliche Zrtlichkeit und Zutulichkeit zu ihr hinauf, und die andere Seite erfllte das Weh einer menschlichen Schwester. Beides, sowohl das Liebliche wie das Traurige, schmeichelte der Frau. Sie sagte leise etwas Trstliches zu Frau Wirsich, worber diese nur abwehrend aber demutvoll den Kopf schttelte. Man hatte jetzt gespeist. Herr Tobler reichte sein Zigarrenetui herum, die Herren rauchten. Diese Sonne, diese wundervolle Berg- und See- und Wiesenumgebung. Und dann diese schmale, vorsichtbende Unterhaltung von diesem Huflein Menschen. Ja, man mu schonen, andere sind auch Menschen! Der Gesichtsausdruck der Herrin des Hauses sagte das lebhaft. Aber gerade dieses stumme Zuverstehengeben, da man schonen wolle, war schonungslos. Es war vernichtend. Die beiden Frauen sprachen dann ber die Kinder Tobler; sie schienen beide erfreut zu sein, einen, jeglichen Ton der Verletzung entfernenden, Gesprchsstoff gefunden zu haben. Auch fand sich das ganz von selber. Man verga sich eben ein bichen. Von Zeit zu Zeit ruhte das Auge der alten Frau auf Josephs Gestalt, Gesicht und Benehmen, wie um die Vorzge und Schwchen desselben herauszustudieren und sie in Gedanken mit der Sohnes-Erscheinung zu vergleichen. Die Knaben sprangen bald von ihren Pltzen weg und spielten im Garten, die Mdchen folgten ihnen, so da die erwachsenen Herrschaften allein am Tisch sitzen blieben. Inzwischen kam die Magd mit einem hlzernen Tablett in der Hand, um den Tisch abzurumen. Man erhob sich. Tobler trug Joseph auf, die Glaskugel hinaus zu tragen, letzterer schickte sich an, den Befehl auszufhren. Die Glaskugel war der Stolz der ganzen Villa Tobler. Sie hing an kleinen Ketten und Angeln in einem zierlichen, eisernen Gestell, und war verschiedenfarbig, so da sich die umliegenden Weltbilder in runder, gleichsam aufeinandergetrmter Perspektive grn, blau, braun, gelb und rot darin abspiegelten. Sie war ungefhr so gro wie ein berlebensgroer Menschenkopf, aber zusammen mit dem Fugestell wog sie sicherlich ihre achtzig oder neunzig Pfund und war schwer zu tragen. Bei Regenwetter durfte sie nie drauen im Freien stehen bleiben. Man trug sie immer hinaus und hinein, hinein und hinaus. Wurde sie einmal na, so schimpfte Herr Tobler sehr heftig. Die nasse Kugel tat ihm direkt weh, wie es denn Menschen gibt, die mit gewissen, toten Besitztmern wie mit etwas durchaus Lebendigem umgehen und umgegangen wissen wollen. Joseph sprang daher sehr rasch nach der schnen, farbigen Glaskugel, weil er die Vorliebe Toblers zu derselben bereits Gelegenheit gehabt hatte kennen zu lernen. Nachdem er den Wunsch und die Schnwetterlaune und -Freude seines Meisters erfllt hatte, entwischte er flink den Augen der brigen, trieb sich die Treppen empor und verschwand in sein Turmgemach. Wie ruhig und still es hier oben war. Hier fhlte er sich befreit, von was, das wute er eigentlich gar nicht einmal. Aber es gengte, dieses Gefhl zu haben; die wahre Ursache sei, dachte er, ja sicherlich irgendwie und wo versteckt da, aber was bekmmerten ihn jetzt Ursachen. Etwas Goldenes schien um ihn herum zu schweben. Er besah sich einen Moment lang im Spiegel: O er sah noch ganz jung aus, gar nicht so wie Wirsich. Er mute unwillkrlich lachen. Es trieb ihn, die Photographie seiner verstorbenen Mutter zur Hand zu nehmen. Sie stand da so auf dem Tische. Warum sie also nicht nehmen und betrachten? Er schaute sie ziemlich lange, wie ihn deuchte, an, und legte sie dann wieder an ihren Platz zurck. Dann zog er ein anderes, jngeres Bild aus der Tasche seines Rockes, es war das Portrt einer Tanzschlerin, eines Mdchens, das er in der Grostadt kennen gelernt hatte. Diese ganze, ferne, menschenerfllte Grostadt. Dieses belebte, hohe Bild, wie entschwunden schien es ihm, wie lang schon entschwunden. Er mute in diesen Gedanken hinein wieder unwillkrlich lachen. Er machte gewichtige Schritte im Zimmer auf und ab, rauchend natrlich. Ob es denn eigentlich durchaus immer ntig sei, so einen Stengel im Mund zu tragen? Wie herrlich die frische Berg- und Seeluft durch seine erhhten vier Wnde strich. Und hier hatte Wirsich gehaust? Der Mann mit dem Leidensantlitz? Joseph bog seinen atmenden Kopf zum Fenster hinaus, an die sonntgliche und mittgliche Welt-Freiheit. Und ich habe fnf Mark Taschengeld, und kann den Kopf zu solch einem frstlich gebauten und gelegenen Fenster hinausstrecken?-- Unten im Bureau ging es indessen mehr gedmpft als frstlich zu. Der Ton, in dem Herr Tobler und sein ehemaliger Angestellter, Herr Wirsich, sich dort unterhielten, war ein sehr, sehr gedmpfter, ja, beinahe ein dumpfer. Das mssen Sie selbst zugeben, sagte Tobler, da von einer Wiederaufnahme unserer frheren, gegenseitigen Beziehungen vorlufig die Rede nicht mehr sein kann. Den Bruch haben Sie herbeigefhrt, nicht ich, ich wrde Sie gerne behalten haben. Nichts veranlat mich, den Marti wegzuschicken, er macht seine Sache auch ganz ordentlich. Es tut mir leid, Wirsich, glauben Sie mir das nur, aber Sie sind selbst schuld. Es hat Ihnen niemand befohlen, mich, Ihren Brotherrn, wie einen dummen Jungen zu behandeln. Machen Sie nun alles Weitere mit sich selber ab. Was ich anstandshalber tun kann, Ihnen zu einem anderweitigen Posten zu verhelfen, will ich gern tun. Hier ist noch eine Zigarre. Da. Nehmen Sie. Ob sich denn wirklich jetzt nichts mehr ndern liee? Nein, nein, jetzt nicht mehr. Entsinnen Sie sich brigens nur, was Sie mir in jener saubern Nacht zugebrllt haben, und Sie werden begreifen, da es zwischen uns keine Anknpfungen mehr geben kann. Aber Herr Tobler, das war doch alles die Trunkenheit, nicht ich selber. Ach was Trunkenheit und nicht Sie selber! Das ist es ja gerade. Ich habe zu fnf oder sechs oder mehr Malen gedacht: Das ist nicht er selber! Freilich sind Sie das alles selber gewesen. Der Mensch besteht nicht aus zweierlei Dingen, sonst wre wahrhaftig das ganze Erdenleben eine zu bequemliche Sache. Wenn da jeder kommen knnte mit: 'das bin nicht ich selber gewesen', wenn er einen Bock geschossen hat, was wrden dann noch Ordnung und Unordnung zu bedeuten haben? Nein, nein, man sei in Gottesnamen der, der man ist. Ich habe Sie auf zweierlei Art kennen gelernt. Glauben Sie, die Welt sei verpflichtet, Sie als ein Kind, als ein Schohndchen zu betrachten? Sie sind ein erwachsener Mann, und man verlangt von Ihnen, da Sie wissen, was man zu tun hat. Mit verborgenen Leidenschaften, oder wie die Dinger heien mgen, von denen die Philosophen reden, sehe ich mich nicht zu rechnen gentigt. Ich bin Geschftsmann und Familienvater und mu mich verpflichtet fhlen, der Torheit und dem Unanstand den Eingang in mein Haus zu verbieten. Sie waren so weit immer fleiig, warum sind Sie mir mit Unfltigkeiten gekommen? Sie wrden mich ja auslachen. Einfach auslachen wrden Sie mich, und htten auch ein Recht dazu, wenn ich dumm genug wre, Sie wieder anzunehmen. Ich habe Ihnen meine Meinung jetzt gesagt, lassen Sie uns Schlu machen. Es ist also aus zwischen uns? Vorlufig, ja! Mit diesem Wort trat Tobler zur Bureautre hinaus, ging in den Garten, wo er seiner Frau einen bedeutenden Blick zuwarf, und stellte sich dann neben seiner geliebten Glaskugel auf. Die Zigarre zwischen den Zhnen schaute er abwrts sein Besitztum behaglich an und ergab auf diese Weise unbewut das vollendete Bild herrschaftlicher Mittagsruhe. Zu Wirsich, der noch immer im Bureau unbeweglich festwurzelte, da, wo er zufllig stehen geblieben war, kam unversehens Joseph hinein. Beide maen sich einen Moment mit den offenen Augen. Danach aber hielten sie es fr am passendsten, sich ber die Fortentwicklung der Toblerschen technischen Unternehmungen zu unterhalten, welches Gesprch aber sehr rasch in ein unausstehliches Stocken und Brechen geriet, bis es vollstndig abbrach. Wirsich bemhte sich, den oberhalb ber den Tatsachen Stehenden zu spielen und erteilte seinem Nachfolger allerhand Ratschlge und praktische Winke, die jedoch nicht besonders lebhaft anschlugen. Und nun nach dem Nachmittagskaffee. Es hie jetzt fr die beiden Besucher, sich zu entschlieen und Abschied zu nehmen. Da gab man sich denn die Hnde, und nachher sah man, insofern man oben auf dem Hgel zurckblieb, zwei unsicher gehende und auftretende Personen lngs des brillanten, auf je einen Meter Abstand mit je einem vergoldeten Stern gezierten Gartengitters der Landstrae zusteuern. Ein wehmtiger Anblick war das. Frau Tobler seufzte wieder einmal. Gleich darauf aber brach sie ber irgend etwas in ein Gelchter aus, und da war es deutlich zu hren, wie der Seufzer und das Gelchter ein und dieselbe Klangfarbe, ein und denselben Ton hatten. Joseph stand etwas abseits und dachte: Da gehen sie, der Mann und die alte Frau. Man sieht sie schon nicht mehr, und hier oben sind sie bereits halb vergessen. Wie rasch vergit man das Benehmen und Gebrden und Tun der Menschen. Da laufen sie nun, was sie knnen, die staubige Landstrae entlang, um zur rechten Zeit auf dem Bahnhof zu sein oder an der Schiffshaltestelle. Sie werden beide auf dem langen Weg, zehn Minuten zu gehen ist lang fr zwei Geschlagene und Sorgenvolle, kaum ein Wort reden, und doch werden sie reden, eine sehr verstndnisvolle Sprache, eine stumme, eine nur zu wohlverstndliche. Das Leid hat seine ganz eigene Manier zu reden. Und nun lsen sie die Billetts, oder sie haben sie vielleicht schon, es gibt ja bekanntlich Retourbilletts, und der Zug braust heran, und die Armut und die Ungewiheit steigen zusammen in den Eisenbahnwagen. Die Armut ist eine alte Frau mit verkncherten, begehrlichen Hnden. Sie hat heute versucht, bei Tisch Unterhaltung zu machen, wie eine Dame, aber es ist ihr nicht recht gelungen. Nun fhrt sie dahin, an der Seite der Ungewiheit, in welcher sie, wenn sie recht genau schaut, ihren eigenen Sohn erkennen mu. Und der Wagen ist voller vergnglicher Leute, voller Sonntagsausflgler, die singen, johlen, plaudern und lachen. Ein junger Bursch hlt sein Mdchen im Arm, um sie ein ums andere Mal auf den ppigen Mund zu kssen. Wie furchtbar weh kann die fremde Freude einer unmutigen Seele tun! Aber die arme, alte Frau fhlt sich an Hals und Herz geschnitten. Sie mchte vielleicht jetzt laut um Hlfe schreien. Weiter geht es. O, dieses ewige Gerassel der Rder. Die Frau nimmt ihr rtliches Taschentuch aus der Rocktasche, um die gar zu dummen und aufflligen Trnen zu verbergen, die strmisch aus ihren alten Augen flieen. Wer so alt ist, wie diese Frau, nein, der sollte nicht mehr weinen mssen. Aber was kmmern sich die Dinge dieser sonderbaren Erde um die Gebote der edlen Schicklichkeit? Die Hmmer fallen ganz blind drauflos, manchmal auf ein arm' Kind, manchmal, merke dir das, Frau, auf eine Greisin. Und jetzt sind Mutter und Sohn an Ort und Stelle und werden aussteigen. Wie wird es jetzt bei ihnen zu Hause aussehen? Er wurde aus seinen Gedanken durch Toblers wohltnende Stimme aufgeweckt. Was er da so allein mache? Er solle kommen und ihm helfen, den Rest Rotwein noch auszutrinken. Ein wenig spter sagte der Hausherr zu ihm: Ja, ja. Der Wirsich ist nun endgltig verabschiedet. Ich hoffe, da ein gewisser Anderer besser zu schtzen wei, was einer hat, wenn er hier oben leben darf. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wen ich unter diesem 'gewissen Andern' verstehe. Sie lachen. Ja, lachen Sie meinetwegen. Das aber sage ich Ihnen im voraus, wenn Sie irgendwelche Gelste haben, ich meine, so Sonntags, was ja auch keinem jungen gesunden Menschen zu verargen ist, so machen Sie, da Sie in die Stadt kommen, dort ist gesorgt fr so was, mehr wie genug. In meinem Hause, haben Sie verstanden, dulde ich nichts Derartiges. Der Wirsich hat sich gerade dadurch hier ein fr allemal unmglich gemacht. Hier mu Anstand herrschen. Dann wurde ber Geschftliches gesprochen. Vor allen Dingen, meinte Herr Tobler, msse jetzt Geld flssig gemacht werden, das sei die Hauptsache. Es komme darauf an, einen Kapitalisten fr die technischen Erfindungen zu gewinnen, womglich einen Fabrikherrn, damit mit der Massenanfertigung der patentierten Artikel gleich begonnen werden knne. Immerhin, wer nur Geld ins Haus bringe, der sei ihm willkommen. Seinetwegen mge es ein Schneidermeister sein, zu verstehen von der ganzen Sache brauche solch ein Geldgeber gar nichts, dazu sei er da, er, Tobler. Setzen Sie folgendes Inserat auf. Joseph zog einen Bleistift und ein Notizbuch aus der Tasche. Es wurde ihm folgendes diktiert: Fr Kapitalisten! Ingenieur sucht Anschlu an Kapitalisten zwecks Finanzierung seiner Patente. Gewinnbringendes, absolut risikofreies Unternehmen. Offerten unter... Und dann knnen Sie morgen frh, wenn Sie ins Dorf gehen, ein neues Paket Stumpen zu fnfhundert Stck nach Hause bringen. Man mu doch etwas zu rauchen hier haben. Es wurde allmhlich Abend. Im Gartenhaus tauchten zwei Frauen auf, eine Parketteriebesitzerin und deren Tochter, ein langgewachsenes, sommersprossiges Mdchen, beide aus der nchsten Nachbarschaft. Mit diesen Frauen und seiner eigenen fing Tobler ein im ganzen Lande verbreitetes und beliebtes Kartenspiel an. Sonst spielen dieses Spiel nur Mnner, aber es wurde nach und nach auch bei den Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten besseren, nmlich bei solchen, die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag ber, und das gerade sind ja die Besseren. Diese drei Frauen, Frau Tobler, die Fabrikbesitzerin und die Tochter derselben, spielten ausgezeichnet Karten, am besten und schneidigsten das Frulein, Frau Tobler noch am wenigsten gut. Wenn das Frulein einen Trumpf ausspielte, so kam sie jedesmal in gehrige Aufregung, ganz so, wie es sich fr Spielratzen ziemte, auch klatschte sie mit ihrer weiblichen Faust wie der lteste und verbohrteste Spieler auf die Tischplatte und schrie hinwiederum echt mdchenhaft auf, sobald die Sache zu ihren Gunsten sich zeigte. Ihre Figur war eckig und ihr Gesicht recht unschn. Ihre Mutter betrug sich klug und gesittet. Wie wre es mglich, eine ltere gutsituierte Frau zu sein und ein unleidliches Betragen zu offenbaren? Joseph dachte bei sich, indem er dem Kartenspiel, das er noch nicht einmal Gelegenheit gehabt hatte zu lernen, zusah: es ist interessant, diese drei Frauengesichter beim Spielen zu beobachten. Die eine tut es gelassen, sie lchelt dabei, das ist die lteste. Meine Frau Tobler da aber ist vollstndig weg. Ganz reit der Zauber des Spiels sie hin. Ihr Gesicht drckt die echte, leidenschaftliche Spielerlust aus. Dies verschnt ihr Gesicht gewissermaen. brigens ist sie die Herrin, und mir steht es in keinerlei Weise zu, an ihr etwas auszusetzen. Sie ist wie ein aufpassendes Kind dieser Unterhaltung gegenber. Aber die dritte, dieses Mnnerfrulein da, behte, ist das eine! Die verdreht die Augen, whrend sie setzt und spielt, denkt gewi Wunder was fr fremde Dinge und hlt sich unbedingt fr die Schnste, Beste und Gescheiteste. Nicht auf zwei Meter Entfernung, in Gedanken, mchte man der einen Ku geben. Ein verdorbenes Mdchen. Sieh da, was fr eine spitzige Nase sie hat. Da erfrre einer bei der kleinsten Berhrung. Und in wie falschen Tonarten sie redet, lacht, sich beklagt und aufschreit. Ich halte sie fr eine schlechte, teuflische Person, neben ihr aber meine Frau da fr einen Engel. Er wrde weiter so rsoniert haben, wenn nicht Frau Tobler pltzlich auf den Gedanken gekommen wre, den sie auch sogleich aussprach, heute abend einmal auf dem See Gondel zu fahren. Es sei so schn heute abend, und das bichen Geld, was es koste, das sei doch gar nicht gro der Rede wert. Da das Kartenspiel eben beendet worden war, so hatte niemand etwas wider den Plan einzuwenden, nicht einmal Tobler selber, der brummend beistimmte. Joseph wurde, als ein richtiger Mann fr alles, ins Dorf geschickt, um mit einem dreisitzigen, breiten Boot lngs des Ufers, ohne sich irgendwie aufhalten zu lassen, denn es msse jetzt, da es beginne, Nacht zu werden, flink geschehen, in die Nhe der Villa zu fahren. Unten in einer Art Hafen wrde man dann einsteigen. Der Angestellte hatte sich schon auf den Weg gemacht. Tobler seinerseits verschmhte es, die Partie mitzumachen. Ebenso konnte man die alte Fabrikdame nicht mitnehmen, dagegen beschlo Frau Tobler, die Kinder mitzunehmen. Das Frulein erklrte sich bereit, nicht nur mitfahren, sondern sogar tchtig mitrudern zu wollen, worauf die Hausfrau sich fr die Lustfahrt in Bereitschaft setzen ging. Man wartete schon an der Landungsstelle unterhalb der Villa Tobler auf den breiten Steinplatten eines alten, auer Gebrauch gestellten Dammes, als endlich das Schiff, von Joseph gerudert, anlangte. Alle begannen einzusteigen, Frau Tobler zuerst, damit man ihr die Kleinen, eins ums andere, reichen konnte. Die beiden Knaben gebrdeten sich sehr unmanierlich, man machte sie auf die Gefahr ihres wilden, unachtsamen Wesens aufmerksam, worauf sie sich stiller verhielten. Die Mdchen waren ganz ruhig, sie hielten sich mit ihren kleinen Hnden fest an den Rndern des Bootes. Zuletzt stieg Joseph ein, indem er bis zuletzt das Fahrzeug an einer rasselnden Kette strammgehalten hatte. Und dann ging es auf einmal los, Joseph ruderte, er verstand es ganz gut, aber es ging langsam vorwrts, doch verlangte niemand, da es schneller vorwrtsgehen sollte. Wie khl auf einmal die Welt wurde. Frau Tobler sah auf die Kinder, ermahnte sie, artig zu sein, sich in keiner Weise heftig zu bewegen, da sonst ein groes Unglck geschhe und sie alle zusammen ohne Erbarmen ertrinken mten. Alle vier Kinder horchten auf diese seltsamen Worte, hielten sich still, auch die Knaben, denn es war ihnen jetzt, so mitten drauen in der Nacht und mitten im murmelnden Wasser, in diesem leise dahingleitenden Boot doch etwas ngstlich zumute. Frau Tobler sagte leise, wie schn es sei, hier, und welch guten Gedanken sie, wie es ihr scheine, gehabt habe, solches vorzuschlagen. Da geniee man doch einmal wieder etwas, und ihr Mann wrde besser getan haben, mitzukommen. Aber, setzte sie hinzu, fr so etwas habe er keinen Sinn. -- Wie khl, wie schn! Einen gewissen Abstand vom Nachen beschreibend schwamm im dunkelglitzernden Wasser Leo, der groe Hund, nach. Man rief ihn. Namentlich riefen ihm die Kinder Koseworte zu. Neben Frau Tobler lag deren seidenes Schirmchen. Ein befederter Hut schmckte ihren lnglich geschnittenen Kopf. Ihre Hnde und Arme waren von langen, weien Handschuhen umschlossen. Das Frulein schwatzte in einem fort. Aber Frau Tobler, die sonst dergleichen auch nicht gerade verachtete, gab nur zerstreute und einsilbige Antworten. Etwas wie eine schne, glckliche Naturtrumerei schien ihr die gewhnlichen Tagesdinge und deren umfangreiches Gerede unwichtig und unwert gemacht zu haben. Ihre groen Augen leuchteten ruhig und schn mit dem Gleiten des Schiffes dahin. Ob Joseph nicht mde werde vom Rudern, fragte sie. O nein, was sie denke, antwortete er. Das Frulein wollte sich in die Ruderbank setzen, Frau Tobler aber gab es nicht zu, da das Boot sonst in zu starke Bewegung gerate. Es brauche ja gar nicht so rasch zu gehen, je langsamer gerudert werde, um so lnger dauere die ohnehin kurze Fahrt, und das sei ihr lieb, denn das sei schn. Diese Frau kommt aus echt bourgeoisen Kreisen her. Sie ist in der Ntzlichkeit und Reinlichkeit aufgewachsen, in Gegenden, wo die Brauchbarkeit und die Besonnenheit als das Hchste gelten. Sie hat wenig romantische Gensse in ihrem Leben gehabt, aber eben deshalb liebt sie sie, denn sie schtzt sie in der Tiefe ihrer Seele. Was man vor dem Mann und der Welt sorgsam verbergen mu, weil man keine berspannte Gans sein will, ist deswegen nicht tot, sondern lebt sein eigentmliches Leben in der Enge und Stille weiter. Eines Tages kommt eine kleine mit groen Augen grende und bittende Gelegenheit, und da darf dann das Halbvergessene einmal erwrmen und lebendig werden, aber das wiederum nur fr kurze Zeit. Wer mit seiner Genufreude und Gier vor die ffentlichkeit treten darf, wem solches die Lebensverhltnisse leicht und gefllig erlauben, der stumpft in der Seele und im Herzen nur zu bald, alles, was darin gebrannt hat, auslschend, ab. Nein, diese Frau hat keinerlei Farbensinn oder dergleichen, sie versteht nichts von den Gesetzen der Schnheit, aber gerade deshalb fhlt sie, was schn ist. Sie hat nie Zeit gehabt, ein Buch voller hoher Gedanken zu lesen, ja, sie hat noch kein einziges Mal auch nur daran gedacht, was hoch und was niedrig sei, aber der hohe Gedanke selber besucht sie jetzt, und das tiefere Gefhl selber, angezogen von ihrer Unwissenheit, netzt ihr mit dem nassen Flgel das Bewutsein. Ja khl war's und dunkel um das langsam fahrende Schiff herum. Der See war ganz ruhig. Das Stille und Ruhige verband sich mit dem menschlichen Empfinden und mit der undurchdringlichen Schwrze der Nacht. Vom Ufer her blitzten die zerstreuten Lichter und kamen ein paar Gerusche her, darunter eine helltnende Mnnerstimme, und jetzt hrte man vom jenseitigen Strand her eine warme Handharfe ertnen. Die Tne dieser Musik schlangen sich wie etwas Blumenartiges oder Efeuartiges um den dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille. Alles schien eine sonderbare Genugtuung, Befriedigung und Bedeutung bekommen zu haben. Das Tiefe setzte sich an das unergrndlich Nasse an. Die Frau hielt ihre Hand leicht in das Wasser, sie sagte etwas, aber sie schien es in das Wasser hinabgesprochen zu haben. Wie das trug, das schne, tiefe Wasser. Einmal fuhr ein anderes Boot, von einem einzelnen Mann besetzt, an dem Toblerschen hart vorbei. Frau Tobler stie einen leisen berraschungs-, ja beinahe Schreckensschrei aus. Niemand hatte das Schiff kommen sehen, es schien sich pltzlich in ihre Nhe geworfen zu haben, aus weiter unbekannter Ferne her, oder aus der Tiefe heraus. Der Himmel war ber und ber mit Sternen bedeckt. Wie das hob und trug und umdrehte. Die Frau sagte, sie frstele jetzt beinahe ein wenig, und sie warf sich ein Tuch, das sie mitgenommen hatte, ber die Achsel. Joseph schien es, indem er sie anschaute, als lchle sie da so im Dunkel, genau wrde er es nicht haben unterscheiden knnen. Wo ist unser Leo, fragte sie. Dort, dort. Er schwimmt nach, rief Walter, der Knabe. Steige, hebe dich, Tiefe! Ja, sie steigt aus der Wasserflche singend empor und macht einen neuen, groen See aus dem Raum zwischen Himmel und See. Sie hat keine Gestalt, und dafr, was sie darstellt, gibt es kein Auge. Auch singt sie, aber in Tnen, die kein Ohr zu hren vermag. Sie streckt ihre feuchten, langen Hnde aus, aber es gibt keine Hand, die ihr die Hand zu reichen vermchte. Zu beiden Seiten des nchtlichen Schiffes strubt sie sich hoch empor, aber kein irgendwie vorhandenes Wissen wei das. Kein Auge sieht in das Auge der Tiefe. Das Wasser verliert sich, der glserne Abgrund tut sich auf, und das Schiff scheint jetzt unter dem Wasser ruhig und musizierend und sicher fortzuschwimmen.-- Es mu zugegeben werden, da Joseph sich ein wenig zu sehr seinen Einbildungen berlassen hatte. Er merkte kaum, da die Fahrt zu Ende war, als man auch schon ans Land anstie, das heit an einen dicken Pfahl, der in der Nhe des Aussteigedammes aus dem Wasser ragte. Tobler, der dicht daneben stand, rief seinem Untergebenen zu, er knne auch besser aufpassen. Es nehme ihn wirklich Wunder, in welchen Landesteilen Joseph rudern und steuern gelernt habe. Aber es war durchaus kein Unheil entstanden, alle stiegen wohlbehalten aus. Den Rest der Nacht verbrachte man in einem hbschen, menschenbesetzten Biergarten, wo Tobler Bekannte antraf, einen Eisenbahnwagenkontrolleur mit seiner Frau, mit denen er sich in grozgigen Gesprchen zu schaffen machte. Die kleine, lustige Beamtenfrau erzhlte von ihren Hhnern und Eiern und von dem schwungvollen Handel mit diesen beiden ergiebigen Artikeln. Man lachte viel. Joseph wurde von Tobler in seiner Eigenschaft als mein Angestellter den Leuten vorgestellt. Ein junges, franzsisches Mdchen, eine Warenhausverkuferin, trippelte an der Gesellschaft vorber. _Une jolie petite franaise_, sagte die Kontrolleursfrau, offenkundig voller Vergngen, ein paar franzsische Worte aus dem Gedchtnis frei hersagen zu drfen. Das ist immer so in deutschen Landen, da die Leute sich freuen, zeigen zu knnen, da sie Franzsisch verstehen. Meine Herrin, dachte Joseph, versteht kein Wort Franzsisch. Die Arme! Spter ging man gemeinschaftlich nach Hause. * * * * * Als Joseph in seinem Zimmer angelangt war und eine Kerze angezndet hatte, hielt er, anstatt sich sogleich ins Bett zu legen, halbausgezogen, und am Fenster stehend, folgendes Selbstgesprch: Was leiste ich eigentlich? Ich kann mich da, wenn ich will, sogleich ungestrt zu Bett legen, um in einen sehr wahrscheinlich gesunden und tiefen Schlaf zu versinken. Ich bekomme in Biergrten Bier zu trinken. Ich kann mit Frau und Kindern Gondel fahren, ich habe zu essen. Die Luft hier oben ist eine ausgezeichnete, und was die Behandlung betrifft, so wre ich ein Lgner, wenn ich sie tadelte. Licht und Luft und Gesundheit. Aber was gebe nun ich dafr? Ist das etwas Reelles und Gewichtiges, was ich zu bieten vermag? Bin ich klug und gebe ich das Ma meiner Klugheit auch wirklich voll her? Was sind das fr Dienste, die ich bis zum heutigen Tage Herrn Tobler bereits geleistet habe? Alles was recht und gut ist, aber ich bin felsenfest davon berzeugt, da mein Herr und Meister noch wenig Nutzen durch mich davongetragen hat. Sollten mir der Schneid, die Initiative, die Begeisterungsfhigkeit fehlen? Das ist mglich, denn in der Tat, ich bin mit einer merkwrdig umfangreichen Portion Ruhe ausstaffiert zur Welt gekommen. Aber schadet denn das etwas? Freilich schadet es, denn die Unternehmungen Toblers verlangen leidenschaftliche Anteilnahme, und die Ruhe der Seele hnelt bisweilen der trockenen Gleichgltigkeit. Das Schicksal der Reklame-Uhr zum Beispiel, hat es mich wirklich auch an allen Fasern meines Ichs angepackt? Bin ich davon erfllt? Ich mu gestehen, ich denke nur allzu oft an ganz andere Dinge. Das aber, mein bester Herr Gehlfe, ist Verrat. Tauche jetzt endlich mal stramm unter in die Angelegenheiten Fremder, du it ja auch Fremder ihr Brot, gehst mit Fremder ihren Frauen und Kindern auf dem See schiffahren, liegst in Fremder Kissen und Betten und trinkst Fremder Rotwein aus. Kopf hoch jetzt, und vor allen Dingen den Kopf sauber gehalten. Ich meine, wir sind hier bei Toblers nicht deshalb, da wir es nur schn haben. Es ist eine Ehre, es sich auch ein bichen sauer zu machen. Hopp! Joseph hatte sich inzwischen ausgezogen, er lschte die Kerze und warf sich ins Bett. Aber noch eine ganze Weile plagten ihn die Vorwrfe seiner Kopflosigkeit. Im Traum sah er sich mit einem Mal in die Wohnstube der Frau Wirsich versetzt. Er wute, wo er war und wute es doch nicht recht, es war ziemlich hell in der Stube, aber sie erschien ihm ganz voll Seewasser. Waren die Wirsichs Fische geworden? Verwunderlicherweise rauchte er eine Pfeife, es war Toblers Pfeife, diejenige, aus der er mit Vorliebe zu rauchen pflegte. Auch Tobler selber schien ganz in der Nhe zu sein, man hrte seine metallene Mnnerstimme, die reine Vorgesetztenstimme. Diese Stimme schien das Wohnzimmer umrahmt oder umarmt zu haben. Da ging die Tre auf und Wirsich erschien, noch blasser im Gesicht als sonst, und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, das fortwhrend zitterte unter der starken Umschlossenheit jener Stimme. Jawohl, die Wohnstube zitterte, sie hatte Angst, auch die Fensterscheiben zitterten. Und wie hell es dazu immer war. Es war aber kein Taglicht, auch kein Mondlicht, sondern ein wsseriges, glsernes Licht. Nun ja, man befand sich eben unter Wasser. Frau Wirsich war mit einer weiblichen Handarbeit beschftigt, aber pltzlich zerflo ihr die ganze Arbeit in etwas Glitzernd-Schneidendes, und Joseph sagte dazu: sieh da, Trnen! Warum er das wohl gesagt hatte? In diesem Augenblick donnerte und krachte Toblers Stimme wie ein Ungewitter um die Wohnung der Armut herum. Aber die alte Frau lchelte nur dazu, und wie man das Lcheln nher betrachtete, war es der Hund Leo, noch ganz na von der eben unternommenen Schwimmpartie. Die furchtbare Stimme ging langsam in ein Suseln ber, wie Bltter im heien, leisen Sommermittagswinde etwa zu lispeln und zu suseln pflegen. Da erschien Frau Tobler in tiefschwarzem Seidenkleide, warum sie das trug, konnte man nicht erraten. Sie trat auf Frau Wirsich mit vornehmer Wohltterinnengebrde langsam zu, aber pltzlich schienen ihre Gefhle eine andere Richtung angenommen zu haben, denn sie fiel der Frau um den Hals und kte sie. Toblers Stimme brummte dazu etwas, was, das konnte man nicht verstehen. Wahrscheinlich, dachte Joseph, findet er die Herzensberwallung seiner Frau ziemlich berflssig. Da verwandelte sich auf einmal die Wirsichsche Wohnung in den Laden jenes hlich frisierten und geschminkten Zigarrenweibes, bei dem Joseph frher tglich auf einem Stuhl gesessen hatte, um Geschichten aus ihrem Mund anzuhren. Auch jetzt erzhlte sie eine Geschichte, eine lange und eintnige und traurige, und merkwrdig, trotzdem sie lang war, dauerte ihre Erzhlung kaum einen Moment. Trume ich das nur, oder erlebe ich's wirklich, dachte Joseph, und was hat ein Zigarrenweib mit einer Frau Wirsich zu schaffen? Da drang ein kstlich gebautes und geschweiftes, goldenes Boot in den Laden hinein, das Weib stieg ein, und fort ging es mit ihr, weit fort, bis sie sich in einem schwarzen, grellen, scharfen Luftraum verlor, aber ein Pnktchen von ihr blieb in der hohen Luft hngen. Wieder machte der Traum einen Sprung und zwar ins Toblersche Kontor hinunter, dort sah sich Joseph im bloen Hemd schreibend an seinem Schreibtisch sitzen, und alles schaute ihn fragend an, durchdringend und fragend. Was das alles war, was ihn beobachtete, konnte er nicht genau sehen, aber es war eben alles, es war scheinbar die ganze, lebendige Welt. berall waren Augen, die sich boshaft an seiner sonderbaren Ble erfreuten. Das Bureau war ganz grn vor Schadenfreude, stechend grn. Da suchte er sich zu erheben, um von diesem Punkte der Scham fortzukommen, aber er blieb fest daran kleben, es war ihm entsetzlich zumut und er erwachte.-- Er empfand einen brennenden Durst, stand auf und trank ein Glas Wasser. Darauf trat er ans Fenster, atmete und horchte hinaus, es war alles ganz still, das weiliche Mondlicht umzauberte und umflsterte die Gegend. Und so warm war es. Die kleinen, alten Arbeiterhuser dicht unterhalb des Hgels schienen in ihrer Form zu schlafen. Kein einziges kleines Menschen- und Lampenlicht mehr! Die Seeflche war von Dunst umwoben, man sah sie nicht. Der zaghafte Schrei eines Vogels unterbrach kurz die Stille der Nacht. Solch ein Mondlicht, wie das noch den Schlaf versinnbildlichen konnte. Das war eine Stille, das. Joseph erinnerte sich nicht, je so etwas gesehen zu haben. Er wre beinahe am offenen Fenster selber eingeschlafen. Am Morgen versptete er sich. Das liebe er nicht, meinte Tobler grollend. Joseph hatte die Unverschmtheit, zu sagen, es werde ja doch wohl auf ein paar Minuten nicht ankommen. Da aber kam er schn an. Erstens bekam er ein bses Gesicht anzuschauen, zweitens wurde ihm folgendes gesagt: Sie haben pnktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Mein Haus und mein Geschft sind kein Hhnerstall. Schaffen Sie sich einen Wecker an, wenn Sie nicht erwachen knnen. brigens, wollen Sie oder wollen Sie nicht? Wenn Sie den guten Willen nicht haben, so sagen Sie's, dann machen wir kurzen Proze mit Ihnen. In der Stadt gibt es genug Leute, die froh ber eine solche Stelle sind. Man kann nur den Zug nehmen und hinfahren. Man kann sie heutzutage ja auf der Strae auflesen. Von Ihnen aber erwarte ich Pnktlichkeit, verstanden, sonst -- ich will das jetzt nicht mehr aussprechen. Joseph schwieg wohlberdachtermaen. Eine halbe Stunde spter war Herr Tobler der gtigste Herr und freundlichste Mann seinem Gehlfen gegenber. Er htte ihn beinahe aus berlaufender Gutherzigkeit geduzt, er sagte Marti zu ihm. Bis jetzt hatte er immer Herr Marti gesagt. Der Grund dieser Freundlichkeit war eigentlich ein auenstehender, er war in der Idee der Vaterlandsliebe zu suchen. Der folgende Tag war nmlich der 1. August, und an diesem Tage feierte man allgemein im Land das alljhrlich wiederkehrende Jubelfest zur Erinnerung an eine hochherzige und wackere Tat der Vorfahren. Joseph mute ins Dorf laufen, um fr den morgigen Tag allerhand Lampen, Lampions, kleine Fahnen und Flaggen, sowie Kerzen und Brennmaterialien zu Feuerwerkzwecken einzukaufen. Auerdem hatte er so rasch wie mglich, wunderbarerweise beim Dorfbuchbinder, der dergleichen anzufertigen verstand, einen hlzernen, zwei Meter hohen und breiten Rahmen zu bestellen, sowie zwei Fahnentcher, ein dunkelrotes und ein weies. Das Tuch wrde dann ber den Rahmen gespannt, und das Ganze ergbe das Wappen des Landes, nmlich ein groes rotes Feld mit dem weien Kreuz in der Mitte, alles zum Aufstellen in der kommenden Nacht vor die Fassade der Villa Tobler. Hinter den Rahmen und das Bild wrde man brennende Lampen stellen, damit das Licht durch das Tuch schimmere und jedermann aus der weiteren und weitesten Entfernung die zwei Landesfarben leuchten she. Nach Verlauf von anderthalb Stunden kamen alle die notwendigen Gegenstnde an. Leute stellten sich pltzlich ein, um an der Dekorierung des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so begann man, berall an Gesimsen und Nischen, an Borden und Fenstern und Gittern Fhnchen zu befestigen und Lampen anzubringen. Sogar in die Bsche und festeren Gewchse des Gartens legte und hing und stellte und klemmte man die Beleuchtungsapparate an, so da in der ganzen Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum bevorstehenden Feuerwerk vorbereitete Stelle mehr zu finden war. Wie glcklich sah Tobler aus. Das war etwas fr ihn. Fr Feste und deren schne Inszenierung schien er wie kaum ein zweiter geschaffen zu sein. Bestndig trat er vors Haus hinaus, um da oder dort noch etwas anzuordnen oder selber einen Draht mit der Zange zu krmmen, eine schief hngende, elektrische Lampe gerade zu drehen oder um blo dem Ding zuzuschauen. Seine Reklame-Uhr schien er vergessen oder wenigstens verschoben zu haben. Natrlich war diese ganze Veranstaltung etwas Freudiges, Feierliches und Geheimnisvolles fr die Kinder, die sich nicht genug wundern konnten und fragen konnten und denken konnten, was das eigentlich nun zu bedeuten habe. Joseph hatte an diesem Tage genug fr den Festtag zu tun, so da ihm gar keine Zeit blieb, darber nachzusinnen, ob die Dienste, die er Tobler leistete, wirklich auch wahre Dienste seien. Frau Tobler schien den ganzen Tag zu lcheln, und das Wetter--. Davon sagte Tobler, da, wenn das so anhaltend prachtvoll schn sei, man ruhig etwas Besonderes in Szene setzen knne. Auch brauche man bei einer solchen Gelegenheit das bichen Kosten nicht zu scheuen. Das sei schlielich fr das Vaterland, und traurig msse es um den Mann und Menschen stehen, der nicht auch ein bichen Vaterlandsliebe im Leibe habe. Man mache ja da absolut nicht mehr als wie anstndig sei, zu bertreiben brauche man die Sache auch nicht. Aber wer gar keinen Sinn mehr fr derartiges habe, wer nur noch die ganze Zeitlang auf seinem Beruf und Geldschrank hocke, der sei wirklich nicht wert, ein schnes Heimatland zu haben, der knne jeden Tag nach Amerika oder nach Australien abdampfen, das komme solch einem doch ganz genau auf ein und dasselbe heraus. brigens sei das zuletzt noch Geschmackssache. Er, Tobler, mge es nun einmal eben gern so, und damit drfe es gut sein. Von Josephs Turm herab flatterte eine schne, groe Fahne. Je nachdem der Wind wehte, machte sie mit ihrem leichten Leib einen khnen, stolzen Schwung, oder sie bog sich beschmt und mde zusammen, oder sie kruselte und schwang sich kokett um die Stange, wobei sie sich in ihren eigenen, grazisen Bewegungen zu sonnen und zu spiegeln schien. Und dann auf einmal wieder wehte sie hoch und breit und weit empor, einer Siegerin und starken Beschtzerin hnlich, um allmhlich von neuem rhrend und liebkosend in sich selber zusammenzusinken. Dieses prachtvolle Blau am Himmel. Geschftlich vieles zu erledigen, das erschien beinahe unmglich. Die Post (es wunderte einen, da sie heute berhaupt kam) brachte eine ziemlich hohe Rechnung betreffend die krzlich erst stattgefundene Ausfhrung des kupfernen Turmdaches, desselben Daches, auf welches man eine so schne Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung prgte sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers Gesicht aus, und zwar deutlich, beinahe mathematisch genau, als htte man der Stirn den genauen Zahlenbetrag mssen ablesen knnen. Als Beigabe zur patriotischen Feier war solches nicht gerade besonders erbaulich. Der kann warten, sagte der Chef, indem er die Faktura Joseph dicht neben den aufs Pult herabgebeugten, denkenden und korrespondierenden Kopf warf. Joseph sprach durch die Nase: natrlich! als sei er bereits jahrelang im Geschft ttig gewesen, als kenne er mehr als zur Genge schon die Verhltnisse, Gewohnheiten, Qualen, Freuden und Hoffnungen seines Herrn. berdies fand er es heute fr passend, gutmtige Tne und Gebrden an den Tag zu legen. Bei so schnem Wetter-- Wie eilig es die Leute haben, wenn es gilt, Rechnungen zu prsentieren, bemerkte Tobler. Er war gerade mit Zeichnen beschftigt, und zwar mit der Skizzierung der Tiefbohrmaschine. Wenn die Reklame-Uhr nicht geht, dann geht wenigstens die Bohrmaschine, murmelte er zu Joseph hinber, und von dem Korrespondenztisch her klang zur Antwort wieder ein: Natrlich! Im schlimmsten Fall habe ich ja noch den 'Schtzenautomaten', der reit alles heraus, redete der Skizziertisch, worauf die Abteilung fr kaufmnnisches Wesen antwortete: Selbstverstndlich! Glaube ich eigentlich an das, was ich da sage? dachte Joseph. Nicht zu vergessen der patentierte Krankenstuhl, rief Tobler. Aha! machte der Gehlfe. Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaen klaren Begriff von diesen Sachen habe. Ach ja, glaubte der Schreiber erwidern zu drfen. Ob er den Brief an das staatliche Patentamt aufgesetzt habe? Nein, noch nicht. Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden. So machen Sie doch, zum Kuckuck! Als Joseph den Brief zur Unterschrift vorlegte, ergab es sich, da das Schreiben falsch war, es wurde zerrissen und mute noch einmal geschrieben werden. Nichtsdestoweniger behagte ihm die Nachmittagskaffeestunde ausgezeichnet. Auerdem erhielt er von seiner Frau Wei aus der Stadt eine Antwort auf seine letzte Benachrichtigung. Sie schrieb, er brauche mit Schuldenabzahlen gar nicht zu eilen, das habe gute Zeit. Der Brief war im brigen ziemlich hausbacken, ja sogar langweilig. Aber hatte er denn etwas anderes erwartet? Nicht im geringsten. Er hielt gottlob diese gute Frau nie fr geistreich. Er bemerkte heute zum ersten Mal eine vernarbte Wunde unter den Ohren am Hals der Frau Tobler. Woher sie das habe? Sie erzhlte ihm, es komme von einer Operation her, und sie werde sich wahrscheinlich ein zweites Mal an derselben Stelle mssen operieren lassen, da die Krankheit noch nicht geheilt sei. Sie klagte: da werfe man fr so eine Sache viel Geld aus, in den Rachen der allezeit kostspieligen Arzneikunst, und von einer wirklichen Heilung sei dann doch nicht die Rede. Ja, diese Menschen, die rzte und Professoren, sagte sie, nehmen fr den kleinsten, dem Auge des gewhnlichen Sterblichen kaum bemerkbaren Schnitt mit der Lanzette ein kleines, halbes Vermgen in Empfang, und wofr? Dafr, da sie irgend einen Fehler begehen, damit man nach kurzer Zeit wieder zu ihnen laufen, und sich von neuem kurieren lassen knne. Ob es denn schmerze? So! Bisweilen! sagte die Frau. Dann erzhlte sie Joseph den Hergang der Operation. Wie man sie aufgefordert habe, in einen groen, leeren Saal zu treten, in welchem nichts anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett oder Gestell und vier gleichmig angezogene Krankenschwestern. Diese Schwestern htten eine wie die andere ausgeschaut, so leer und fhllos. Ihre Gesichter seien einander so hnlich gewesen wie vier gleich groe und gleichfarbige Steine. Alsdann habe man ihr befohlen, und zwar in sonderbar barschem Ton, das Gestell zu besteigen. Sie wolle nicht bertreiben, aber sie msse schon sagen, da ihr entsetzlich zumute geworden sei. Nicht ein Zug, nicht ein Fingernagel voll Freundlichkeit sei um sie herum gewesen, sondern es habe ihr alles den Eindruck der Hrte und der Herzensverlassenheit gemacht. Nicht ein Schein einer milden Miene, nicht die Spur eines trstenden oder beruhigenden Wortes. Als ob ein bichen gtiges Wesen sie htte vergiften, anstecken oder gar tten knnen. Sie meine, das heie die Vorsicht und die Korrektheit denn doch gar zu weit treiben. Dann habe man sie eingeschlfert, und von da an habe sie natrlich nichts mehr empfunden und nichts mehr gewut, bis es vorbei war. Und vielleicht, schlo sie ihren Bericht, msse ja das alles so sein. Man empfinde es nur als berflssig herzlos. Der wahre Arzt drfe aber vielleicht gar kein Herz haben, wer knne das beurteilen. Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch das Haar. Der Gedanke, fuhr sie fort, sich ein zweites Mal dort -- hinlegen zu mssen, sei ihr abscheulich und peinlich. Und auch noch wegen etwas anderem. Joseph knne das leicht erraten. Es sei ihr schwer, ihrem Mann mit so etwas zu kommen, wo die ganze finanzielle Lage, Joseph msse das ja wissen, sich immer mehr zuspitze. Da sei eine Frau froh, wenn sie keine Ursache zu auergewhnlichen Ausgaben habe. Dieses dumme Geld; wie schnde doch eigentlich die bestndige Sorge um so etwas sei. Nein, da msse sie, und sie lchelte, zuerst das neue Kleid haben, das sie sich schon lngst wnschte, ehe sie den rzten wieder etwas gebe. Das knne ihretwegen noch eine Zeitlang warten. Joseph dachte: Der Herr will die Schlosserwerksttten warten lassen und die Frau die rzte.-- Der 1. August! Ein Abend, eine Nacht und ein Tag sind ohne besondere Dinge vorbergegangen. Der Abend ist wieder da, es ist der Festabend. Schon fngt man an, Kerzen in Brand zu stecken. Aus der Ferne dringen die dumpfen Schlge der Bllerschsse zu den Ohren der um das Haus Versammelten. Tobler hat fr einige Flaschen guten Weines gesorgt. Der Mechaniker, der den Schtzenautomaten in Arbeit hat, ist vom Nachbardorf zu der festlichen Veranstaltung zu Toblers herbergekommen. Auch die beiden Parketteriefrauen sind da. Man sitzt im Gartenhaus und hat die Weine bereits angestochen. Tobler glnzt vor Festnachtfreude, schon jetzt, und je dunkler es am Himmel und auf der Erde wird, um so feuriger drckt sich dieser eigentmliche Glanz auf seinem rtlichen Gesicht ab. Joseph zndet Kerzen und Lampen an, er mu sich unter jeden Busch hinabducken, um Beleuchtungsstellen zu suchen. Vom Dorf her hrt man ein murmelndes Singen und Lrmen, als msse dort, in der Entfernung eines schwachen Kilometers, eine rauschende Freude herrschen. Neue Schsse! Diesmal donnern sie vom andern Seeufer herber. Tobler ruft: Ah, die da drben machen auch schon Ernst! Er ruft Joseph zu sich heran, um ihm etwas zu trinken, und neue ergiebige Winke bezglich der elektrischen Beleuchtung des groen Wappenschildes zu geben. Der Angestellte ist heute nacht ein Angestellter im Namen des groen, heiligen Vaterlandes. Wie tnte doch da die sonore Stimme des Herrn Tobler, an diesem groen Abend. Bald flogen die knisternden und zischenden Raketen in die Hhe, oder es platzte ein Feuerteufel. Auch ganze Glutschlangen sprangen, von der Hand des eifrigen Gehlfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf, wahrhaftig, es konnte bald einem Mrchen aus Tausendundeine Nacht gleichen. Wiederum, pum, ein Schu aus der Ferne. Die im Dorf schossen jetzt auch. Tobler rief: Nun? Kommt ihr auch bald einmal? Ihr seid doch immer die Sptesten. Das gleicht euch halt, ihr Wirtstischhocker! -- Er lachte aus vollem Halse, ein geflltes Glas schimmernden, hellgoldenen Weines in der Hand schwenkend. Seine verhltnismig kleinen Augen sprhten, als htten sie Feuerwerk abgeben mgen. Immer eine Rakete nach der andern, eine Glutgarbe und -schlange nach der andern. Joseph glich einem heldenmtigen Kanonier in der heien Schlacht, so, wie er dastand. Er hatte die romantisch-edle Stellung und Haltung eines Kmpfers angenommen, der scheinbar entschlossen war, sein letztes bichen Blut fr die Ehre herzugeben. Das machte sich ohne eigenes Wollen, nein, ganz von allein. In solchen Momenten glauben ja die Menschen Wunder was zu sein, die Vorstellung von etwas Gutem und Hohem und Eigenartigem ist von selbst da. Es bedarf nur des Weines und des Gewehrdonners, und der Wahn des Auergewhnlichen ist zusammengewoben, fest genug, eine ganze, lange, ruhige, bescheidene Nacht zu durchschwrmen. Auch Joseph war, wie sein Herr, vom Herzensfeuer der Festnacht ergriffen worden. Schiet, ihr Ftzel! Solches rief Tobler aus, und zwar in die Dorfrichtung, und er meinte damit jene paar Leute, die sich immer einen gewissen spttischen Ton herausnahmen, wenn er angefangen hatte, am Biertisch von seinen technischen Erfindungen zu reden. Durch seinen Ausdruck und Ausruf zeigte er diesen Schlappschwnzen, wie seine abermalige, kurze Ansprache lautete, deutlich seine Verachtung. Aber Karl! Frau Tobler mute hell auflachen. Berauschend schn war's, als jetzt von den fernen, unsichtbaren Bergen herab, gleichsam im hohen Raum bodenlos schwebend, Freudenfeuer zndeten und brannten. Auch Hornrufe, gro und wuchtig tnende, kamen aus weiter Hhe und Ferne herabgeklungen, langsam den metallenen Atem ausstoend und ihn lange anhaltend. Das war schn, und alles, was Ohren hatte, horchte. Ja, wenn die Berge selber zu tnen und zu reden anfangen, mu wohl bald das kleine Gezische und Geknatter der hastigen Raketen schweigen. Bergfeuer brennen still aber lang, whrend der Sprhregen der Nhe emporprasselt, mit recht vielem augenblicklichen Erfolg und Gerusch, aber auch gleich wieder ins Nichts zusammensinkt. Mit dem Eindruck, den das groe, erleuchtete Wappenschild mit der roten und weien Farbe machte, war Tobler ausnehmend zufrieden. Er lie daher noch ein paar Flaschen bringen und konnte sich mit Einschenken in die verschiedenen Glser gar nicht genug tun. Ei was, sprach er laut, heute msse eins ber den Durst genommen werden. Und so klangen denn die Glser eifrig aneinander, der Glserklang vermischte sich mit dem Gelchter, das ber allerhand rasch ersonnenen und ausgefhrten Torheiten erschallte. Die Wangen waren so hei wie der Ausdruck der Augen. Die Kinder hatte Frau Tobler natrlich schon lngst in die Betten schaffen lassen. Ein Flaschenpfropfen wurde heimlicherweise mit roter Lackfarbe bestrichen und pltzlich der alten Dame aus der Parkettfabrik auf die Nase gesetzt, da er kleben blieb. Tobler lief auf diesen Anblick hin Gefahr, sich halb krank zu lachen, er mute sich die Backen festhalten, da diese zu zerspritzen drohten. Schlielich klingelte und lchelte das Fest mit dem letzten Glas Wein an den Lippen der Teilnehmer aus. Die Lust am Spetreiben erlahmte und sank jeden Augenblick, hintenber taumelnd, in Schlaf. Die Frauen standen auf und gingen nach Hause, wogegen die Mnner sich noch eine halbe Stunde, allmhlich wieder ernsthaft werdend, im Gartenhaus aufhielten. * * * * * Das Dorf Brensweil, die Gemeinde, in deren Bezirk sich die Toblersche Ansiedelung befindet, liegt eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt von der groen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist, wie fast alle Drfer in dieser Gegend, reizend gelegen und zeichnet sich durch eine ganze Anzahl, teilweise aus der Rokokozeit herrhrender, stattlicher, herrschaftlicher oder ffentlicher Bauten aus. Auch sind viele angesehene Fabriken hier, so Seidenfabriken, Bandwebereien, die ebenfalls schon ein ziemliches Alter haben. Die Industrie und der Handel haben hier vor ungefhr hundertfnfzig Jahren zum ersten Mal ihre mehr oder minder primitiven Rder und Gurten geschwungen, und sie haben sich bis zum heutigen Tag eines fortgesetzt guten Rufes nicht nur im Inland, sondern auch in der brigen, weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die Kaufleute und Fabrikanten sind aber nicht blo im Gelderwerb hngen und stecken geblieben, nein, sie haben im Laufe der Jahre und der Geschmacksnderungen auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch heute sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben gewut. Sie lieen sich in den verschiedenen Zeiten und Baustilen allerhand reizende, villenartige Gebude aufrichten, deren unaufdringliche aber grazise Form der zufllige Beschauer noch heute bewundern und im stillen beneiden kann. Jene reichgewordenen Leute haben sicher ihre Schlchen und Huser mit Geschmack und Gewicht zu bewohnen verstanden, derart, da, wie man ahnen kann, damals ein schnes, solides husliches Leben regiert und bestanden haben mu. Nun bauen aber die Nachkommen dieser alten vornehmen Handelsfamilien auch heute noch in einem gemessenen Stil. Sie verstecken ihre Huser gern in ltere, bereits durch ein tchtiges Wachstum ausgezeichnete Grten, denn ihnen ist der Sinn fr die Besonderheit und Schlichtheit durch die bertragungen des gleichen Blutes geschenkt und gegeben worden. Auf der andern Seite sehen wir in Brenswil oder Brensweil viele armtige und elendigliche Bauwerke, und in diesen wohnen die Arbeiter, und auch diese dem Reichtum und der zierlichen Schnheit entgegengesetzte Seite hat schon ihre lange natrliche berlieferung. Das armselige Haus kann eben ganz genau so fest und so lang und so gutbegrndet weiterbestehen wie das wohlhabende und ausgesuchte; das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht und das feinere Weltleben fortexistieren. Ja, Brensweil ist ein hbsches und nachdenkliches Dorf. Seine Gassen und Straen gleichen Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl stdtisches als drfliches und lndliches Wesen und Treiben. Wenn man hier eine stolze Frau nebst Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so mu man nicht vor lauter dummer Verwunderung vor den Kopf geschlagen sein, sondern man mu sich nur die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird eben Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich alles. Auch Kaleschen mit streng uniformierter Dienerschaft sind hier keine gar so sehr fabelhafte Seltenheit. Sie brauchen nicht Grfinnen oder Baroninnen zu gehren, solches kann auch hie und da einer Fabrikbesitzersfrau gebhren, um so mehr, als in diesen Gegenden der stolze Gewerbeflei wirklich zum alten Land- und Stadtadel zu zhlen ist. Ein reizendes Nest, wrde ein gebildeter Fremder von Brensweil sagen. Herr Tobler aber sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft sogar auf das Drecknest, und zwar nur deshalb, weil einige Brensweiler, mit denen er am Stammtisch des Segelschiffes zu sitzen pflegt, an die gesunde Basis seiner technischen Unternehmungen nicht so recht glauben wollen. Denen wolle er es schon zeigen. Die mchten ihre Augen eines Tages schn aufreien, sagt er in letzter Zeit fters. Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich hierher gezogen? Was hat ihn veranlat, zum Aufenthaltsort diese Gegend zu whlen? Darber herrscht folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler ist vor noch drei Jahren ein einfacher Angestellter, Hilfsingenieur in einer groen Maschinenfabrik gewesen. Da hat er eines Tages eine grere Summe Geldes geerbt und dadurch den Plan genhrt, sich selbstndig zu machen. Ein noch verhltnismig so junger und heibltiger Mann ist in allen Dingen, so auch in der Ausfhrung von heimlichen Plnen, stets etwas rasch, und das ist ja ganz in der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts oder Tages eine Zeitungsannonce, wonach die Villa zum Abendstern, denn so nennt sie sich, zum Verkauf ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend, schner, hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen mit der nicht allzu weitentfernten Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas fr ihn! Er macht kurzen Proze und kauft sich das Grundstck. Er kann als freier unabhngiger Erfinder und Geschftsmann wohnen, wo es ihm beliebt, er ist an keinerlei Scholle gebunden. Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige treibende Gedanke gewesen, der Tobler nach Brensweil gefhrt hat. Das Heim kann stehen, wo es will, wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein freiverfgender und -bestimmender Herr sein, und er ist es. * * * * * Am frhen Morgen nach der Festnacht schaute sich Joseph unten im Bureau ein wenig den Schtzenautomaten an, der schlielich auch studiert sein wollte. Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur Hand, auf welchem die ausfhrliche Beschreibung dieser Maschine nebst zeichnerischen Wegleitungen zu lesen und zu sehen war. Was war es nun mit dieser Nummer zwei der Toblerschen Artikel? Die Nummer eins kannte man ja bereits beinahe auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit, sich mit Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte sich, wie rasch es ihm gelang, sich mit dem innern und uern Wesen dieser Nummer zwei vertraut zu machen. Der Schtzenautomat erwies sich als ein Ding, hnlich den Schokoladenautomaten, die die reisenden Menschen auf Bahnhfen und in allerlei ffentlichen Lokalen antreffen, nur entsprang dem Schtzenautomaten nicht eine Platte Sigkeit, Pfefferminz oder dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen. Die Idee als solche war also keine gerade neue, sondern nur eine verfeinerte und verschrfte, auf ein anderes Lebensgebiet geschickt bertragene. Auch war der Toblersche Automat bedeutend grer, er war ein dickes, hohes Gestell von einem Meter und achtzig Hhe und dreiviertel Meter Breite. Der Leibesumfang des Apparates war der eines vielleicht hundertjhrigen Baumstammes. Am Automaten war in ungefhrer Manneshhe ein Schlitz angebracht, zum Hineinwerfen oder -fgen des Geldstckes oder der Mnze, die fr Geld erhltlich war. Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu warten, dann an einem bequem zu erfassenden Hebel zu ziehen und das nun in eine offene Schale strzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu nehmen. Die ganze Sache war praktisch und einfach. Die innere Konstruktion beruhte auf drei sich gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie auf einem abwrts gleitenden Kanal zur Befrderung der Patronen, die sich in gleichmigen, der staatlichen Verpackung entsprechenden Paketen in einer Art von Kamin zu dreiigen von Stcken aufeinandergetrmt befanden; zog man nun an dem Hebel mit dem bequem zu erreichenden Griff, so fiel eben eines der im Kamin befindlichen Stcke uerst elegant heraus, und der Apparat funktionierte weiter, das heit er blieb still, bis ein zweiter oder ein dritter Schtze des Weges daherkam und ihn von neuem zu der eben beschriebenen Bettigung reizte. Aber noch mehr! Der Automat hatte den Vorzug, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem eine kreisrunde ffnung am oberen Teil desselben jeweilen bei Einwurf der Mnze und Ziehen am Griff des Hebels eine schnbemalte Reklamescheibe zeigte. Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach aus einem Reifen verschiedenartig gefrbten Papieres, der mit der ganzen Hebelvorrichtung in engster und zweckentsprechendster Verbindung stand, derart, da der Sturz eines Patronenpckchens jeweilen eine erneute Reklame unmittelbar und exakt an die kreisrunde ffnung schob, indem sich der Papierreifen stckweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen war in Felder abgeteilt, die Besetzung und Bentzung der einzelnen Felder kostete Geld, und dieses Geld mute die Kosten der Anfertigung des Automaten brillant herausschlagen: Aufzustellen ist der Schtzenautomat auf Schtzenwiesen gelegentlich der zahlreich stattfindenden Schtzenfeste. Was die Reklamen betrifft, so hat man sich zur Erlangung von Bestellungen und Auftrgen wiederum, wie bei der Reklame-Uhr, an nur erste Firmen zu wenden. Wenn man annehmen darf, da smtliche Felder mit Reklamen besetzt werden, und man darf das wohl annehmen, so verdient da Tobler (Joseph war mit seinen Gedanken so sehr beschftigt, da er anfing, mit sich selbst zu reden) wieder einen schnen Haufen Geld, denn was die Inserate einbringen, das bersteigt bei weitem die Kosten der Fabrizierung. Bei der Besetzung je eines Feldes in mehreren, sagen wir zehn Automaten, tritt natrlich eine wesentliche Preisermigung ein. Der Kassenbote der Brensweiler Sparbank trat ein. Natrlich ein Wechsel, dachte Joseph. Er stand von seinem Platz auf, nahm das Formular in die Hand, besah es von allen Seiten, schttelte es hin und her, prfte es auf das Genaueste, machte ein zugleich nachdenkliches und wichtiges Gesicht und sagte dann zu dem Boten, es sei gut, man werde vorbeikommen. Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich und ging. Joseph nahm sogleich die Feder zur Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben. Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank mute gleich telephoniert werden. In diesen Dingen hatte man nun hoffentlich bald ein wenig Routine. Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen fest auf den zu zahlenden Betrag gerichtet, und dann hatte er einfach den Boten ruhig, ja sogar etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt bekam! Leute, die Geld von Tobler haben wollten, muten in Zukunft noch ganz anders, noch viel krftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht, das gebot das Zartgefhl Herrn Tobler gegenber. Der Chef durfte jetzt unter keinen Umstnden an diese widerwrtigen Bagatellen erinnert werden. Der hatte gerade jetzt ganz anderes zu tun, den konnten jetzt nur die groen Sorgen beschftigen. Dafr hatte ja Tobler einen Angestellten, damit dieser womglich intelligente und geistreiche Kerl ihm die kleinlichen Unannehmlichkeiten abnahm, sich dicht an der Tr aufstellte, um ungerufene, steife Akzeptwechselmenschen energisch weiterzubefrdern. Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafr rauchte er jetzt auch wieder einmal einen von den eben aus dem Dorf herspedierten, neuen Zigarrenstumpen. Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler war den Geschften nachgegangen und blieb wahrscheinlich heute den ganzen Tag von zu Hause weg. Wenn da jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes Fischer ankam, das wrde fatal sein. Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce Fr Kapitalisten hin sich schriftlich gemeldet und schrieb, er werde sehr wahrscheinlich schon in allernchster Zeit einmal in Brensweil zwecks Besichtigung der betreffenden Erfindungen vorsprechen. Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der Mann besa. Dagegen war die Schrift Toblers wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank- und feinschreibenden Menschen machten einen schon zum voraus groe Reichtmer ahnen. So wie dieser Mann schrieben beinahe alle Kapitalisten: exakt und zugleich etwas nachlssig. Diese Handschrift entsprach ganz und gar einer vornehmen und leichten Krperhaltung, einem unmerklichen Kopfnicken, einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. Sie war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse Klte strmte sie aus, sicher war er das Gegenteil eines heibltigen Gesellen, der so schrieb. Diese paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Hflichkeit und Bndigkeit erstreckten sich sogar auf das intime Format des blitzsauberen Briefpapieres. Auch noch parfmiert trat dieser Herr Johannes Fischer unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht kam. Tobler wrde das lebhaft bedauern, ja, es konnte geschehen, da er, toll vor rger, ganz auer sich kme. brigens hatte er den Befehl zurckgelassen, dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich zu zeigen und auseinanderzusetzen, und ganz besonders eingeschrft hatte er Joseph, diesen Herrn Fischer unter keinen Umstnden wegziehen zu lassen, sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis Tobler wieder zu Hause wre. Womglich lie sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch lange nicht gesagt, da der zu nobel fr so etwas sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers eins hatten, durfte fr jedermann, auch fr die hchstgestellte und erhobene Person, ein Gegenstand ruhigen Betrachtens und Genusses sein. Dieser Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben kommen, es war, glaubte Joseph, gengend gesorgt fr ihn. Aber Joseph war es doch ein wenig bange. Wie nett es sich brigens fr ihn hier lebte, wenn der Herr Prinzipal sich auerhalb befand. So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache zum fortwhrenden Aufpassen. War er guter Laune, so hatte man bestndig Angst, etwas knnte kommen und die frhliche Gebieterlaune ins gerade Gegenteil umschlagen. War er gehssig und bissig, so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich selber fr einen struben Gauner zu halten, weil man sich unwillkrlich als der elende Veranlasser der schlechten Stimmung ansah. War er gleichmtig und gesetzt, so blieb die Aufgabe vor, diesem gleichmigen Wesen keinen auch nur fadenscheinig dnnen Schaden anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem Ritzchen und Spltchen verletzt fhle. War der Herr spaig aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich in einen Pudel, da es doch galt, dieses lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten behend aufzuschnappen. War er gtig, so kam man sich wie ein Elender vor, war er grob, so fhlte man sich verpflichtet zu lcheln. Das ganze Haus war ein anderes, wenn der Hausherr nicht da war. Die Frau schien auch eine ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich die beiden Knaben, denen sah man das Vergngen ber des strengen Vaters Abwesenheit von weitem an. Es war etwas ngstliches fort, wenn Tobler weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges. Bin ich eine solche duckmuserische Angestelltenseele? dachte Joseph. Da kam Silvi, das ltere der kleinen Mdchen, und rief zum Mittagessen. Nachmittags, Joseph sa gerade beim Kaffee und plauderte mit Frau Tobler, schritt ein Herr den Garten zum Haus hinauf. Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand, sagte die Frau zum Gehlfen. Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur Bureau-Eingangstre gelangen, als ihm auch schon der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre habe, Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit angenehmer Stimme der Ankmmling. Nein, sagte Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei leider gerade verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber er bitte, eintreten zu wollen. Der Herr sagte seinen Namen. Ah Herr Fischer! rief Joseph aus. Er verneigte sich etwas zu frhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler, den er gemacht hatte. Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das Zeichenbureau ein, wo derselbe sogleich nach den technischen Dingen sich zu erkundigen begann, whrend er sich mit einer gewissen berlegenheit nach allen Seiten umschaute. Joseph erklrte ihm die Reklame-Uhr. Er holte ein Exemplar derselben in Natura herbei, legte sie vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur Besichtigung, und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem aufmerksam alles, was ihn umgab, beobachtenden Mann die Gewinnchancen des Werkes auseinanderzusetzen. Der Fremde, der mit Interesse zuzuhren schien, fragte, indem er die Adlerflgel der Uhr betrachtete, ob man sich in der Hhe der angenommenen Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem solchen Falle leicht mglich sei, ein wenig verrechne? Und ob bereits Reklame-Auftrge eingelaufen seien? Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und ein bichen nachdenklich schien er geworden zu sein, was sich Joseph, vielleicht etwas frh, zu seinen Gunsten auslegte. Dieser erwiderte, die Summe drfte wohl kaum als zu hoch gegriffen betrachtet werden, im Gegenteil, und Auftrge seien bereits in ganz erfreulicher Anzahl da. Und die Uhr kostet? Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer klar zu machen, wobei er ein ganz klein wenig, er wute selbst nicht warum, stotterte. In der Ungewiheit, wie er sich zu benehmen habe, wollte er sich einen gemtlichen Stumpen anznden, verwarf aber dieses pltzliche Gelste als nicht ganz schicklich. Er errtete. Wie ich sehe, sprach Herr Fischer, handelt es sich hier um ein scheinbar ganz vortrefflich geplantes und auch, wie mir scheint, bereits ganz gut vorbereitetes Unternehmen. Drfte ich mir erlauben, einige kleine Notizen zu machen? Aber bitte! Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht sehr. Aber Stimme und Lippe wollten ihm den erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War er aufgeregt? Jedenfalls, das sprte er deutlich, war er schon darauf vorbereitet, zu sagen, dem Herrn drfte es vielleicht angenehm sein, im Garten eine Tasse Kaffee zu trinken. Meine Frau wartet unten, bemerkte leicht der andere. Er schrieb einiges mit Bleistift in ein elegantes Notizbuch. Pltzlich war er fertig. Joseph hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist mit seinen verstndnis-erleichternden Notizen nicht ernst genommen. Er wollte den Mund auftun, um zu sagen, er knne ja rasch hinunterspringen und die Dame, die unten wartete, heraufholen. Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler persnlich nicht angetroffen zu haben. Dies sei schade, aber er hoffe, dieses Vergngen werde ihm nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst fr die erhaltene, liebenswrdige Auskunft. Joseph versuchte zu reden. Schade, nahm wieder der andere das Wort, ich wrde mich uerst wahrscheinlich gleich zu etwas Definitivem haben entschlieen knnen. Die Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin der Ansicht, da sie sich rentieren wird. Wollen Sie die Gte haben, und Ihrem Herrn Chef eine hfliche Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke Ihnen. Man kann ja -- War das Joseph, der nicht besser sprechen konnte? Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt und war gegangen. Sollte man ihm nachspringen? Was ist man in diesem Augenblick? Mu Joseph sich nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint, er mu nun ins Gartenhaus gehen, zu einer gespannt und besorgt wartenden Frau, um derselben zu sagen, wie unverantwortlich kopflos er sich benommen hat. Das ist dumm, sehr dumm, dachte er. Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte, war Frau Tobler eben damit beschftigt, dem Knaben Walter eine Tracht Prgel zu verabreichen. Sie weinte und sagte, es sei nicht schn, was sie fr Unholde von Kindern habe. Dadurch wurde es dem Angestellten recht eigentlich trbe ums Herz: Auf der einen Seite eine weinende und erzrnte Frau, auf der andern Seite ein ironisch winkender und grender Kapitalist, und im Hintergrund die Ahnung von der Mibilligung Toblers. Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig verlassenen Platz und go sich noch eine Tasse Kaffee ein. Er dachte: Warum nicht nehmen, wenn es doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch nicht imstande, das herankommende Ungewitter von meinem Kopf abzulenken.-- War das dieser Herr Fischer? fragte die Frau. Sie hatte die Augen getrocknet und schaute nach der Landstrae hinunter. Dort unten stand in der Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich am Anblick des Toblerschen Besitztums zu ergtzen. Ja, antwortete Joseph, ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es war unmglich, er sagte, er msse absolut gehen. brigens hat man ja fr alle Flle seine Adresse. Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig zum Mund herauskamen. Nein, er hatte nicht sein Mglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine freche, frivole Lge. Frau Tobler sagte bekmmert, das werde ihnen beiden ihr Mann sehr bel nehmen, sie kenne ihn genau in diesen Stcken. Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das Mdchen, sa auf einem Gartenstein und sang in leisen, dummen Tnen. Frau Tobler befahl ihr zu schweigen. Wie das hei war, sonnig, gelblich und blulich. Der Geldmann war jetzt nicht mehr zu sehen. Sie haben wohl ein wenig Angst? sagte die Frau und lchelte. O wegen der Angst, entgegnete Joseph trotzig, das ist das wenigste. brigens kann Herr Tobler mich fortjagen, wenn er will. Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder klug noch recht und msse eigentlich ein recht schlimmes Licht auf seinen Charakter werfen. Natrlich habe er jetzt ein wenig Angst, man knne ihm das ja ganz schn ansehen. Aber er solle sich nur beruhigen, auffressen werde ihn Karl nicht knnen. Es werde heute abend eben ein gelindes Donnerwetter absetzen, auf das drfe Joseph immerhin sich gefat machen. Sie lachte hell und schn auf und fuhr fort zu sprechen. Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt begriffen, den ihr Mann andern Menschen einzuflen verstehe. Fr Fernerstehende habe er beinahe etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie spreche jetzt ernsthaft, und sie verstehe das ausgezeichnet. Nur sie selber habe nicht die geringste Angst vor Tobler. Wirklich? machte Joseph. Er war ruhiger geworden. Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie msse nicht hell von Verstand sein, wenn sie sich in dieser Beziehung einer Tuschung hingeben knne. Sie empfinde die schrecklichsten Wutausbrche ihres Mannes eher als ein Lustspiel, als wie eine Tragdie, sie msse jedesmal, sie wisse selbst nicht ganz recht warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. Ihr sei das nie merkwrdig, sondern immer natrlich an ihr erschienen, aber sie wisse wohl, da es Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen und den Mund vor Verwunderung aufreien, darber, da es eine anscheinend so unselbstndige Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen des Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie finde es manchmal gar nicht so komisch, wenn Tobler heimkomme und an ihr alle aufgesammelten schlechten Eindrcke, die ihm die Welt hinterlassen habe, auslasse, in solchen Fllen habe sie ntig, Gott zu bitten, ihr die Kraft zu einem Gelchter zu geben. Man gewhne sich brigens nach und nach ans Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch wenn man nur eine unselbstndige Frau sei. Auch eine solche Frau denke hin und wieder ernsthaft ber die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel denke sie jetzt, der Tumult, der ihnen beiden heute abend bevorstehe, werde kein andauernder, sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt sei, nur ein vorbergehender sein knnen. Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick etwas Gelassen-Ironisches an sich. Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. Er hatte das Bedrfnis, einen Augenblick allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile ein wenig zurechtdenken, aber er fand die passenden und beruhigenden Gedanken nicht. So trieb es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch dort wurde er dieses beschmende Gefhl des Unheimlichen nicht los. Um es endgltig zu bewltigen, lief er schnurstracks zur Post, obgleich es noch nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den Beinen beruhigte und trstete ihn, und der Anblick der freundlichen, landschaftlichen Welt erinnerte ihn an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. Im Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor in den Ton seiner Stimme zu bekommen, er wrde eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut brauchen knnen, dachte er. Wieder zu Hause angekommen, machte er sich sogleich dahinter, vermittels eines langen Gummischlauches den Garten zu spritzen. Das dnne Wasser beschrieb in der Abendluft einen schnen, hohen Bogen und fiel klatschend auf die Blumen und Grser und Bume herab. Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das Spritzen, denn man empfand whrend dieser Arbeit eine eigentmlich gemtliche und fest geschlossene Zugehrigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch kurz vorher so viel Eifer bewies, den Garten zu pflegen, den konnte man sicherlich nicht allzuwst anschimpfen. Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es war doch einfach unmglich, kurz vorher noch gebackene Fische zu essen und dann gleich nachher der Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich nicht recht zusammen. Wie schn wieder der Abend war. Konnte man an solch einem herrlichen Abend den Unternehmungen Toblers Verluste beigebracht haben? Die Magd setzte eine brennende Lampe ins Gartenhaus. Nein, im Licht einer so hbschen, traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, da er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer nicht allzu heftig zu Herzen nhme. Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph in der Schaukelbahn geschaukelt zu werden. Sie setzte sich auf das Brett und er zog die Seile an, und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. Das war so schn anzusehen, da der Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und alle diese Bilder stren, leichtsinnig abgewiesen wurde. Gegen zehn Uhr hrten Frau Tobler und Joseph Schritte im Kies den Garten heraufkommen, es waren die seinen. Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten hrt, ist dieser Nherkommende auch bereits leibhaftig da, sein wirkliches Erscheinen ist dann nie eine berraschung mehr, mag er dann ausschauen wie er will. Tobler war mde und gereizt, aber das war nichts berraschendes, denn so pflegte er immer nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hrbar auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm das Erklimmen des Hgels Mhe verursacht, und verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen ins Haus hinein, um sogleich das Gewnschte herbeizuholen, glcklich darber, seinem Vorgesetzten fr eine halbe Minute wenigstens aus dem Wege zu gehen. Als er mit den Rauchutensilien zurckkam, hatte sich die Lage der Dinge bereits verndert. Tobler sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm rasch alles gesagt. Sie stand jetzt da, unerhrt khn, wie es Joseph erschien, den Mann ruhig anschauend. Dieser sah aus, wie einer, der nicht fluchen kann, weil er fhlt, da er es zu unmig tte. Also Herr Fischer war da, wie ich hre, sagte er, wie haben ihm die Dinger gefallen? Sehr gut! Die Reklame-Uhr? Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er sagte, sie scheine ihm ein ganz ausgezeichnetes Unternehmen zu sein. Haben Sie ihn auch auf den Schtzenautomaten aufmerksam gemacht? Nein. Warum nicht? Herr Fischer hatte so groe Eile, seiner Frau wegen, die unten am Gartentor wartete. Und Sie haben sie warten lassen? Joseph schwieg. Und ich mu einen solchen Tropf von Angestellten haben, schrie Tobler, auerstande, die Wut und den geschftlichen Jammer, die ihn verzehrten, lnger zurckzuhalten, ich mu das Unglck haben, von der eigenen Frau und einem nichtsnutzigen Gehlfen betrogen zu werden. Da soll der Teufel Geschfte machen. Er wrde die Petroleumlampe mit der Faust zerschlagen haben, wenn Frau Tobler sie nicht glcklicherweise in diesem Moment, bevor die Hand niedersauste, etwas weiter gerckt htte. Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen, rief die Frau, und zu sagen, ich betrge dich, das verbiete ich dir. Sonst wei ich dann auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch der Joseph verdient nicht, da er mit Ausdrcken solcher Art beschimpft werde. Schick ihn ganz fort, wenn du dich durch ihn geschdigt glaubst, aber mach keine solche Szenen. Sie hatte das als unselbstndige Frau natrlich weinend gesprochen, aber was sie sprach, das hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt, Tobler war sofort ruhig geworden, das Gewitter war am Vorbergehen. Er fing an, mit Joseph zu ratschlagen, was man tun knne, um sich die Kapitalien des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen zu lassen. Morgen frh msse sogleich telefoniert werden. Im Leben gewisser Handelsleute spielt das Telephon eine groe Rolle. Die kaufmnnischen Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch begonnen werden. Schon der bloe Gedanke, da man ja diesem Herrn Fischer morgen frh telephonieren knne, machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen wieder aufleben. Wie war es denn mglich, da, wenn man derartige Hilfsmittel zur Verfgung hatte, das Geschft zu Schanden gehen konnte? Und Tobler wrde sich unmittelbar nach der drahtlichen Ankndigung in den Zug setzen und nach der Residenz fahren, um diesem entflohenen Vogel einen persnlichen Besuch abzustatten. Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als er schon lngst wieder heiter und vergngt geworden war, als habe die Aufregung innerlich weitergebrannt. Alle drei spielten noch bis in die spte Nacht hinein Karten. Joseph msse das Kartenspiel auch lernen, hie es, es sei einer kein rechter Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe. Am nchsten Morgen wurde, wie verabredet, telephoniert. Tobler warf sich in den Eisenbahnwagen, mit welch zuversichtlicher Miene! Abends war die Miene eine gedrckte, zornige und traurige. Das Geschft war nicht zustande gekommen. Statt der flssigen Gelder gab es eine neue, bittere Szene im nchtlichen Gartenhaus. Tobler sa da wie das verhaltene Ungewitter selber und gefiel sich in unschnen, gotteslsterlichen Verwnschungen. So sagte er unter anderem, seinetwegen mchte die ganze Erde in Morast versinken, das kme jetzt alles auf ein und dasselbe heraus. Er selber wate so wie so in nichts anderem mehr als in einer Unmasse von Schlamm. Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles, was ihn umgebe, zum Teufel in die Hlle zu wnschen, gebot ihm Frau Tobler Migung. Er aber fuhr sie so grausam hart an, da es sie, den Kopf voran, auf die Tischplatte niederstreckte, worauf sie sich hoch aufrichtete und mit sanft gesetzten Schritten davonging. Sie haben Ihrer Frau wehgetan, wagte Joseph in einem Anflug von weltmnnischer Ritterlichkeit zu sagen. Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt verletzt, erwiderte Tobler. Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue Annonce fr die tglich erscheinenden Weltbltter. In dem Inserat kamen Worte vor wie: Glnzendes Unternehmen, Hchster Gewinn bei absoluter Risikolosigkeit. Das wrde man gleich andern Tages in die Annoncenexpedition schicken. * * * * * Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam wieder fnf Mark in die Tasche. Er geno wieder den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer antreten zu drfen. Gerade das hatte entschieden etwas Poetisches. Heute wrde es wieder ein feines Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schn gelblich und brunlich, mit Blumenkohl aus dem Garten, und dann vielleicht Apfelmus, das hier oben so wundervoll schmeckte. Auch die bessere Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler fr eine Manier besa, zu lachen und einen spttisch von oben herab anzusehen, sobald es sich darum handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade, als ob Joseph ein Schlossermeister gewesen wre, zu dem man sagt: Da. Nehmen Sie. Sie rauchen gewi auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre. Als ob Joseph soeben mit Gitteranstreichen oder Trschloausbessern fertig geworden wre, oder als ob er soeben einen Baum gestutzt htte. Das war die Art, wie man einem tchtigen Grtner eine Zigarre gibt. War denn etwa Joseph nicht Toblers rechte Hand, und durfte man glauben, man zeichnete eine solche rechte Hand gebhrend aus, indem man ihr Sonntags etwas Besseres zu rauchen darbot? Er blieb etwas lnger im Bett heute, er ffnete die Fenster und lie sich im Bett von der weilichen Morgensonne anscheinen und anblenden, was eben auch genossen sein wollte, so gut wie verschiedenes anderes auch, wie zum Beispiel der Gedanke an das Frhstck. Wie war heute alles sonnig und sonntglich. Das Sonnige und das Sonntgliche schienen von weit her schon Brderschaft miteinander geschlossen zu haben, und der innige Gedanke ans ruhige Frhstck, ja, der war auch aus so etwas Sonnigem und Sonntglichem gewoben, das sprte man jetzt deutlich. Wie wre es mglich gewesen, heute etwa verdrielich zu sein, oder gar migestimmt, oder gar melancholisch. Es war etwas Geheimnisvolles in allem, in jedem Gedanken, an den eigenen Beinen, an den Kleidern auf dem Stuhl, am Schrank, zwischen den blendend sauber gewaschenen Gardinen, an der Waschkommode, aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend, im Gegenteil, es ruhete und lchelte und friedelte einen frmlich an. Eigentlich war man gedankenlos, und man wute gar nicht warum, aber man schien zwingende Ursache dazu zu haben. In und an der Gedankenlosigkeit lag so viel Sonne, und wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkrlich an kstlich gedeckte Frhstckstische. Ja, mit dem einfachen Gedanken fing dieses dumme aber beinahe se Sonntgliche schon an. Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als sonst an und trat auf die viereckige Plattform, die ihm zur Verfgung stand, hinaus. Von hier sah man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen Bume hinber. Wie ruhig und blendend sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd, deckte den Morgentisch drauen an der freien Luft. Diesem Anblick konnte der Gehlfe nicht lnger widerstehen, es ri ihn hinunter zu Kaffee, Brot, Butter und Eingemachtem. Spter ging er ins Bureau hinunter. Es war ja nicht viel zu machen da unten, aber er setzte sich trotzdem, angezogen von einem beinahe lieblichen Gewohnheitsgefhl, an den Schreibtisch, der wie ein Kchentisch aussah, und korrespondierte. Ach, es war heute das reine Tndeln mit der sonst so ernsthaften Feder. Das Wort telephonische Unterredung erschien ihm ebenso sonntglich geputzt wie das Wetter und die Welt drauen. Die Redewendung und gestatte ich mir war blau wie der See zu Fen der Villa Tobler, und das hochachtungsvoll am Schlu des Schreibens schien nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu duften. Er trat zur Bureautr in den Garten hinaus. Das war ja auch sonntglich, da man sich gestatten durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu unterbrechen, um rasch den Garten ein bichen inspizieren zu gehen. Wie das duftete, wie hei es schon war, trotz der noch frhen Morgenstunde. Da wrde man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen, so genau kam es sicher nicht darauf an. Ja heute durfte man diese Worte Tobler ruhig ins Gesicht hineinsagen, er wrde ganz derselben Meinung wie Joseph sein. Das Nichtdaraufankommen, das war schlielich der ganze Unterschied zwischen einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze Garten verzaubert dalag, verzaubert von Hitze, Bienensummen und Blumenduften. Heute abend wrde man den Garten auch wieder einmal recht tchtig spritzen mssen. Joseph kam sich wie das Ideal eines Angestellten vor, indem er das dachte. Er trug jetzt die Glaskugel ans Freie hinaus. Da kam ihm Tobler, mit einem wahrhaft noblen neuen Anzug bekleidet, entgegen und erklrte ihm, da er heute mit Frau und Kindern ausreisen wolle. Man knne nicht immer zu Hause sitzen, und der Frau msse man auch einmal eine Freude gnnen. Was Joseph betrfe, so werde der wahrscheinlich, wie Tobler denke, nach der Stadt fahren, um seine dortigen Freunde aufzusuchen. Das la du nur einstweilen meine Sache sein, das mit den Freunden, gab Joseph dem Herrn im stillen als stumme Antwort zurck. Laut sagte er, nein, er wolle heute da bleiben, es passe ihm besser so. Das knnen Sie meinetwegen halten, wie Sie wollen, sprach Herr Tobler. Ungefhr nach einer halben Stunde stand die kleine Ausflugsgesellschaft, bestehend aus den beiden Ehehlften Tobler, den beiden Knaben, dem Frulein aus der Nachbarschaft und der kleinen Dora, reisefertig vor dem Haus, um dem an einem ziemlich weit entfernten Ort stattfindenden kantonalen Sngerfest einen halbtgigen Besuch abzustatten. Frau Tobler hatte ein schwarzseidenes Kleid an und sah beinahe imponierend darin aus. Sie empfahl Pauline Obacht ber das Haus an, und zu Joseph sagte sie in gemtlichem Ton, er mge ebenfalls ein bichen aufpassen auf alles, was um das Haus herum vorgehe, da er doch, wie sie gehrt habe, zu Hause bleiben wolle. Endlich begab man sich fort unter dem Geheul des an der Kette festgebundenen Hundes, den es bitter zu verdrieen schien, allein zurckbleiben zu mssen. Neben Joseph kauerte die Silvi, das Schwesterchen der Dora, am Boden. Dieses Mdchen schien sich nicht im geringsten ber die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, zu grmen. Darin, da allein sie von den vier Kindern dagelassen wurde, erblickte sie etwas Alltgliches. In der Tat war sie lngst an allerlei Zurcksetzungen gewhnt, derart, da ihr beinahe schon alles Empfinden dafr abhanden gekommen war. Viel Vergngen zu Hause, Marti, hatte Tobler zu Joseph noch gesagt. Ja viel Vergngen! Sorgen Sie geflligst fr Ihr Vergngen, Herr Ingenieur Tobler, dachte Joseph ein wenig bitter, als er es sich, mit einem Buch in der Hand, auf dem Bett, das er halb abdeckte, oben in seinem Lustgemach, bequem gemacht hatte: Da gehen sie, diese merkwrdigen Herrschaften Tobler, mitsamt dem sauren Engel aus der Parkettfabrik, auf vergngliche Sngerfahrten, und die kleine Silvi lassen sie zu Hause wie ein widerwrtiges Huflein Unrat. Diese Silvi ist nur so ein kleines Hudelchen, fr das das schne Sonntagswetter zu schade ist. Die schne Frau Tobler mag das Mdchen nicht ausstehen, es ist ihr zu wenig schn, da mu es eben zu Hause sitzen. Und dieser Herr Unternehmer! Vor drei Tagen noch haben ihn die Wut und das Gefhl der Enttuschung von links nach rechts und im Kreis herum geschttelt, da es ein Jammer gewesen ist, und heute sagt er zu mir, er wnsche mir viel Vergngen, und ich solle in die Stadt zu Bekannten und Freunden fahren. Er frchtet, ich wrde mit Pauline, seiner Dienstmagd, anbandeln, das ist alles. Er gestand sich, da er zu bitter sei und zwang sich zur Lektre des Buches. Da ihm aber dies nicht gelingen wollte, legte er das Buch beiseite, trat an den Tisch heran, nahm seine private Feder zur Hand und einen Streifen Papier und schrieb folgendes darauf: Memoiren. Ich habe soeben gehssige Gedanken hegen wollen, aber ich verbiete mir das. Dann habe ich lesen wollen, aber ich bin dazu nicht imstande gewesen, der Inhalt des Buches hat mich nicht ergriffen, da habe ich das Buch weggelegt, denn es ist mir unmglich zu lesen, ohne begeistert von der Lektre zu sein. So sitze ich nun an diesem Tisch und beschftige mich mit der eigenen Person, da ich niemanden auf der Welt besitze, der begehrt, von mir irgendwelche Nachrichten zu erhalten. Wie lange habe ich nun schon keinen warmen Brief geschrieben? Jener Brief an die Frau Wei gibt mir deutlich zu verstehen, wie es mich aus dem Kreis nahestehender und teilnehmender Menschen herausgeschttelt und -gerttelt hat, wie sehr mir Menschen fehlen, die aus natrlichen Grnden ein billiges Recht haben, von mir Auskunft ber mein Wesen und Treiben zu fordern. Jener Brief ist mit einem ersonnenen und erdichteten Gefhl geschrieben worden, er ist wahr, aber er ist zugleich eine Erfindung gewesen, herauserfunden aus einem Geist, der erschreckt ist, darber, da ihm einfachere und nherliegende Beziehungen vollstndig mangeln. Bin ich ruhig jetzt? Ja. Und ich sage zu der mittglichen Stille, was ich jetzt sage. Rund um mich herrscht sonntgliche Ruhe, schade, da ich das nicht irgend einem Menschen von Gewicht mitteilen kann, denn das wre ein ganz hbscher Briefanfang. Doch jetzt will ich mein Wesen ein bichen beschreiben. Joseph hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort zu schreiben: Ich komme aus gutem Hause, aber ich glaube, ich habe eine etwas zu flchtige Erziehung genossen. Ich will mit diesen Worten keineswegs meinen Vater oder meine Mutter anklagen, behte Gott im Himmel, sondern ich will nur versuchen, ob ich mir klar darber werden kann, was mit meiner Person eigentlich los ist und mit dem Umkreis von Welt, der die Mhe gehabt hat, mich zu ertragen. Die Verhltnisse, in denen ein Kind aufwchst, erziehen dasselbe groenteils. Die ganze Gegend und Gemeinde helfen mit, es zu erziehen. Das elterliche Wort und die Schule sind freilich die Hauptsache, aber was ist das fr eine Art und Weise, mich hier mit meiner eigenen, werten Person zu befassen, ich gehe lieber baden. Der zum Tagebuchschreiben so wenig taugliche Gehlfe legte die Feder beiseite, zerri das Geschriebene und verlie das Zimmer. Nach dem Bad gab es ein Mittagessen mit Pauline und Silvi. Die ziemlich roh fhlende Magd suchte unter bestndigem Gelchter, das bei Joseph bezglich ihres Betragens Zustimmung voraussetzte, dem Kind Manieren beizubringen, whrend sie doch selber kaum solche besa. Das eitle und herzlose Bemhen gipfelte in dem mehrere Male wiederholten Vormachen und Einexerzieren der Fhrung von Messer und Gabel, wobei irgendwelcher Erfolg des Unterrichtes gar nicht erwartet, ja nicht einmal gewnscht wurde, da ja sonst das Vergngen des barschen und belustigenden Einstudierens vorbei gewesen wre. Das Kind sa da und schaute mit groen, tatschlich dummen Augen bald seine Lehrmeisterin, bald den gleichmtig zuschauenden Joseph an und verschttete in ziemlich garstiger Weise ihr Essen, worber sich Pauline in einem erneuten und bertriebenen Entrstungswortesturm berauschte, der fr Silvi ernst, aber fr Joseph komisch wirken sollte, gleichsam, um zwei entgegengesetzte Welt- und Lebensanschauungen mit einem Streich zu befriedigen. Silvi benahm sich so lppisch, da es die Dienstmagd, der seitens der Mutter des Kindes beinahe unbeschrnkte Herrschaft ber das kleine Wesen zuerteilt worden war, fr passend fand oder fr ntig erachtete, den Tunichtgut ohne Umstnde zu ohrfeigen und an den Haaren zu schtteln, so da Silvi laut aufschrie, nicht vielleicht so sehr des krperlichen Schmerzes wegen, der brigens gar so geringfgig auch nicht war, als wegen eines letzten Stmpchen Stolzes, verletzten, erniedrigten Kinderstolzes, sich derart von einer fremden Person, wie die Pauline eine war, maltrtieren lassen zu mssen. Joseph schwieg dazu. Angesichts des kindlichen Zornes und Schmerzes spielte die Magd handkehrum die ernstlich Gekrnkte und Beleidigte; das kam daher, weil Joseph gar nicht lachen wollte, was sie ganz unbegreiflich fand, und auch daher, weil Silvi nicht ruhig sich hatte schlagen lassen, was sie in ihrer Gedankenlosigkeit und Roheit als selbstverstndlich vorausgesetzt hatte. Ich will dich schreien lehren, du Unflat, rief sie, oder krchzte sie vielmehr, und nahm das Kind, das von seinem Platz weggelaufen war, und stellte es wieder auf seinen Stuhl, wobei das Geschpfchen hart an die Rcklehne desselben anprallte. Silvi mute Gabel und Messer von neuem, und zwar ordentlich, wie ihr die Lehrerin und Erzieherin durch einen strengen und spitzen Zuruf befahl, in das Hndchen nehmen, um die wehmtige und appetitlose Mahlzeit gezwungenermaen zu beenden. Sie sah infolge der verweinten Augen fr Pauline noch viel dmmer und ungerader als vorher aus, und da lachte denn das Muster aller Erziehungsmethoden der Welt laut auf. Der Anblick der traurig essenden Silvi mute auf ihre Lachmuskeln geradezu erschtternd wirken. Der Humor war also wieder da. Ein schamloses Mundwerk ist nie zu verachten, und so frug denn mit breiter Stirn, auf der sich buerlich-beschrnktes Erstaunen deutlich abmalte, Pauline den still dasitzenden Joseph, ob er etwa bse sei, oder was er sonst habe, da er gar kein Wort rede? Die Dreistigkeit und Stiernackigkeit dieser mutwilligen Frage machten, zu einem unertrglichen Eindruck vereint, denselben heftig errten. Er htte seine Tischnachbarin ttlich angreifen mssen, wenn er es htte unternehmen wollen, sie von dem Gefhl, das ihn beherrschte, zu berzeugen. So murmelte er nur etwas und stand vom Tisch auf, welches Benehmen die Magd in dem Instinkt bestrkte, der ihr weis machte, Joseph sei in allem ein sehr wenig vertrglicher und vertraulicher Mensch, der es sicherlich darauf msse abgesehen haben, sie zu krnken und unwirsch zu machen. Diese neue boshafte Empfindung bekam Silvi sogleich zu kosten, indem ihr befohlen wurde, den Tisch abzurumen, eine Arbeit, der sich Pauline eigentlich selber zu unterziehen gehabt htte. Das Kind, eifrig bemht, dem Befehl der Tyrannin und Unterdrckerin nachzukommen, stellte sich jeweilen, wenn es etwas vom Tisch herunter zu nehmen hatte, auf die Zehen der kleinen Fe, erfate mit beiden Hnden je eine Schssel, einen Teller oder ein paar Bestecke und trug so Stck fr Stck demtig und sorgsam, und den Kchenwterich stets anschauend, an den Platz hinaus, wo die Sachen gereinigt werden muten. Es tat dies so, als trge es in den rmchen und Hndchen jedesmal eine kleine, dornige, feuchte Krone, die von den eigenen Augen schimmernd na geweinte Krone des frhen und unabnderlichen Kinderleides. Joseph ging in den Wald hinauf. Der Weg dahin war sehr hbsch und sehr still. Natrlich war er, whrend er so ging, von Gedanken an die kleine, verhutzelte und verschuggte Silvi in Anspruch genommen. Pauline kam ihm wie ein gefriger Raubvogel vor und Silvi wie die Maus, die sich unter den Krallen des grausamen Tieres befand. Wie konnte Frau Tobler ihr zartes Tchterchen diesem Drachen von Dienstmagd ausliefern? Aber war denn Silvi so zart und die Magd so sehr ein Drache? Vielleicht war alles das gar nicht so schlimm. Man wrde da leicht zu bertreibungen neigen, wollte man von der einen Seite sofort das Teuflischste, was es in der Welt gab, annehmen, und vom andern Teil das Lieblichste und Beste. Der Unflat Silvi war ja schon ein wenig ein solcher, aber Pauline war Pauline. Joseph erschien es undenkbar, im stillen etwas Gnstiges von Pauline aussagen zu drfen, als hchstens etwa, da ihr Vater ein ehrlicher Bahnwrter und Landmann sei. Aber was hatte das Bahnwrterhaus mit dem brutalen Vergngen an der Kindermihandlung zu tun? Mglich war es ja, da der Vater der Pauline ein halber, wtender Stier sein konnte, was wute man denn Genaues! Aber diese feine, beinahe aristokratische Toblerdame, diese Mutter, diese aus echt brgerlichen Kreisen herstammende Frau, die das zarte Empfinden mit der Muttermilch einsog, diese Kluge, in mancher Hinsicht sogar Schne, was war es mit der? Was hatte die fr Ursache, das Kind zu verstoen und zu verschuggen? Joseph freute sich an diesem kuriosen Wort: verschuggen, er fand es fr die Eigentmlichkeit, die es benannte, so kennzeichnend. Verstoen, das erinnerte ein wenig an die Mrchenbcher, aber verschuggen konnte man heute noch so gut arme, kleine, wehrlose Kinder wie vor aberhunderten von Jahren. Solches gelang ja sogar in einer Villa Tobler, dem Ort, wo zwei Feen sich so gern aufhielten, nach Toblers eigener Redensart, der Anstand (es mu anstndig zugehen bei mir) und die Suberlichkeit (potz tausend, mehr Ordnung, haben Sie gehrt). Konnten zwei so reizende Feen etwas so Unsauberes und in der Tat Unanstndiges, wie es die fortwhrende Demtigung eines kindlichen Gemtes war, in ihrem Beisein dulden, war das mglich? Wie es schien, ja! Es war eben allerlei mglich, in dieser Welt, wenn man sich die Mhe und Liebe nahm, auf einem Wiesenspaziergang ein bichen darber nachzudenken. Joseph begegnete fast gar keinen Leuten. Ein paar Bauern standen am Weg. Zu beiden Seiten desselben streckten sich ppige Wiesen aus, von hunderten von Fruchtbumen besetzt. Es war alles so eng und zugleich so weit und so grn. Bald langte er im Wald an, er entdeckte nach kurzer Zeit des Umherlaufens eine kleine, enge, von einem Wasser durchzogene Waldschlucht und machte es sich im Moos bequem, indem er sich einfach auf den weichen Boden hinfallen lie. Der Bach murmelte so artig, durch die Bltter der hohen Buchen blitzte die Sonne, so bekannt, so wohlig, und das saftige Grn umwob die Schlucht wie mit feinen, sen Schleiern. Hier wre fr eine romantische Geschichte ein schner, passender Schauplatz gewesen. Von irgend woher aus den umliegenden Hochebenen ertnten Schsse, da war wohl in ziemlicher Nhe ein Schiestand. Wie still sonst! Kein Lftchen konnte in diese grne, verborgene Welt hineindringen. Die Bume htten vorher umfallen mssen, aber es waren hohe und alte, die hielten einem Unwetter, ja zehn Unwettern stand, und heute sah es da oberhalb der Schlucht nicht nach Winden und Wettern aus. Irgend ein Ritterfrulein in Samtrock und ledernen Handschuhen, das weie Ro an der Leine fhrend, das reiche, goldene Haar ungebunden tragend, htte jetzt daherkommen knnen, Joseph wrde sich nicht allzusehr ber den Auftritt gewundert haben. So sah es hier aus, ganz nach ritterlichen und frauenhaften Begebenheiten. Aber was konnte viel Schnes und Ritterliches in der Nhe der Villa Tobler vorkommen? Etwa gar die Pauline, oder Tobler selber als abenteuerlustiger und ebenso gekleideter Unternehmer? Unternehmungen, ja, die gab es in Hlle und Flle, kein Zweifel, aber was fr welche? Was hatten technische Unternehmungen mit grnen Waldschluchten, weien Rssern, edlen, lieben Frauengestalten und mit mutigen Taten zu tun? Ritten in frheren Jahrhunderten die Ritter und Unternehmer auch auf der Reklame-Uhr und auf dem Schtzenautomaten, oder auf hnlichen Gulen herum? Gab es damals auch schon verschuggte Kinder, Ecepecen Silvi? O ja, aber eben, man nannte sie Verstoene, und heute nannte sie da so einer, der zwischen dem herrlichsten Grn im Moose lag, Verschuggte. Er lachte. O es war so schn hier. Im Wald ist die Stille eine doppelte. Ein weiter Ring von Bumen und Gestruchen bildet die erste Stille, und die zweite, noch schnere, ist der eigene erwhlte Platz. So wie der Bach murmelte, glaubte man sich schon in lange, khle Trumereien verstrickt, und so wie man ins Grn hinaufschaute, befand man sich mitten in silbernen und goldenen und guten Weltanschauungen. Die selber erdachten, einem fernen und nahen Bekanntenkreis entnommenen Personen flsterten leise, sie sagten etwas, oder sie machten blo Mienen, whrend die Augen eine tief innerliche Sprache fr sich redeten. Die Gefhle traten nackt und mutig auf, und das Feinstempfundene traf ein verborgenes, sehnsuchtsvolles Verstndnis an. Die Lippen und Gedanken, ohne der Zeitrume und Lebensstraen zu bedrfen, kten sich, wenn sie sich erkannt hatten; auf den Lippen sah man die Freude hochaufbrennen, und aus den Gedanken heraus sang eine zu Bach, Busch und Waldstille passende, freundliche Wehmut. Man brauchte nur zu denken, es werde bald Abend werden, und so schienen auch schon alle bekannten und unbekannten Landschaften im Abendlicht zu schwimmen. Der Wald ber dem Kopf des Trumers hob und senkte und wiegte sich leise und tanzte in dem hinaufgerichteten Auge, und fr das Auge war das Mittanzen keine Frage. Wie schn ist es hier, sagte Joseph mehrmals still fr sich. Pltzlich hatte er eine lebhafte Erinnerung aus dem Kindheitleben. Damals, in der Jugendzeit, gab es auch so eine Art Schlucht, aber eigentlich war es mehr eine Sandsteingrube, aber eine so seltsame und zierliche, wie er spter nie wieder eine gesehen hatte. Diese rundliche Grube befand sich am Rand eines ausgedehnten Buchen- und Tannen- und Eichenwaldes, er und seine Geschwister entdeckten sie eines Tages auf einem hin und herstreifenden Nachmittagsspaziergang. Es war auch an einem Sommersonntag, vielleicht war es auch schon ein wenig gegen den Herbst zu. Die Kinder waren vorausgesprungen, Spiele erfindend und betreibend, hinterher kamen die Eltern. Die neuaufgefundene Grube erwies sich als der herrlichste Spielplatz, man beschlo, dazubleiben und die Eltern hier zu erwarten. Diese kamen an, und auch sie fanden den Ort reizend, es gibt Naturpunkte, die einfach bercken, so dieser. Die Rnder der Grube waren von einem wahren, kaum durchdringbaren Baumdickicht bewachsen, so da es eigentlich nur neugierigen Kindern aufbewahrt bleiben konnte, den Ort ausfindig zu machen. Freilich befand sich an einer Stelle eine breitere ffnung zum bequemen Durchschreiten. Mutter setzte sich auf ein Rasenbord und lehnte sich mit dem Rcken an eine Tanne an. Es gab da mitten in der Grube eine kleine Erhhung natrlichen Ursprunges, die, da sie so hbsch mit jungen Bumen besetzt war, von selbst zum Sitzen und Liegen einlud. Wem htte das nicht gefallen mssen? Der Ort, wie er dalag, schien von einer sinnigen Naturschwrmerhand geschaffen worden zu sein, aber nein, die Natur selber, so unbekmmert sie sonst ist, war hier gleichsam so zartfhlend gewesen, indem sie die Traulichkeit und Geschlossenheit selber erschuf. Rund um die kleine Erhhung streckte und rundete sich eine Spielbahn, eine Waldwiese, bewachsen von den wunderlichsten Grsern, Krutern und wilden Blumen, die einen berauschenden, romantischen Duft verbreiteten. Von der brigen Welt sah man nichts als ein Stck Himmel, das die hohen Bume am Rand der Grube gesetzmig den Blicken abschnitten. Das Ganze glich einem Pltzchen in einem weitlufigen, herrschaftlichen Garten, nicht einer zuflligen Waldstelle. Die Eltern schauten schweigsam dem Treiben der Kinder zu, die sich, eines das andere, die steilansteigende Sandwelle der Grube hinauf und hinabjagten, wobei gelacht und geschrieen wurde. Diese frhen Stimmen. Wie man nur so wild sein konnte. Die Kinder waren alle darber erfreut, da es der Mutter hier gefiel, da sie ruhig sitzen bleiben durfte, umweht von den Annehmlichkeiten eines so hbschen Ruheplatzes. Sie kannten die Wnsche und Bedrfnisse des Muttergemtes. Bald schien denn auch der ganze Ort erfllt zu sein von diesem freundlichen, gedankenvollen Gefallen und von dem kindlichen Meinen, Glauben und Hoffen, das Richtige getroffen zu haben. Ein sonderbarer Gemtszauber machte die lebhaften Spiele noch um ein Bedeutendes beliebter und strmischer. Man durfte sich jetzt, da die Mutter zufrieden zu sein schien, schon ein wenig Ausgelassenheit ber das gewhnliche Ma erlauben. Wie es in fast jedem brgerlichen Familienhaus irgend eine bedrckende Misere gibt: hier war sie vollstndig neben die Seite gestellt worden, ja, die Welt schien man vergessen zu haben. Die Kinder schauten von Zeit zu Zeit auf die Mutter, ob sie bse war oder nicht, nein, sie schaute gtig und im brigen gemessen gradaus. Das war ein gutes Zeichen, und der kleine Grashgel selbst schien von da an Empfindung bekommen zu haben. Sie ist gut aufgelegt, flsterten den Kindern die Bltter der rauschenden Bume zu. Wenn die Mutter lcheln konnte, was eine so groe Seltenheit war, dann lchelte ihnen die ganze umliegende Welt zu. Mutter war schon damals krank, sie litt an bergroer Empfindlichkeit. Wie s kam nun den Kindern das ruhige Daliegen der Frau vor, an der das Unglck herumnagte. Das Unglck schien von diesem traulichen Winkel verbannt zu sein, und so lispelte und flsterte denn eine Freude in jedem Grashalm der kleinen, weltentrckten Waldwiese und ein freundlicher Glauben in jeder Tannennadel. Im Scho der Mutter lagen ein paar Feldblumen, und der Sonnenschirm lag neben ihr, den Hnden war irgend ein Buch entglitten. Das Gesicht, das die Kinder frchteten, sah so friedlich aus. Da durfte man schon toben und schreien und bermtigkeiten einfdeln. Jeder Zug des Gesichtes sagte: Ja tobt nur, es geht jetzt. Tobt euch nur aus, es macht nichts. Und der ganze liebliche Ort schien sich gesellig und strmisch mit im Kreise des Spieles zu drehen. -- Das war eine Grube gewesen, und hier ist nur eine Waldschlucht, und das Haus Tobler ist in der Nhe, und es ist eine unverzeihliche Snde, zu trumen, wenn der Mensch das dreiundzwanzigste Jahr berschritten hat. Joseph machte sich auf den Heimweg. * * * * * Das Haus Tobler, wie steht es da, fest und zugleich zierlich, als werde es von lauter Anmut und Lebensgengsamkeit bewohnt! Solch ein Haus ist nicht leicht umzuwerfen; fleiige, geschickte Hnde haben es dauerhaft zusammengefgt, mit Mrtel, Balken und Ziegelsteinen. Ein Seewind weht es nicht um, selbst ein Orkan nicht einmal. Was knnen ein paar geschftliche Verfehlungen solch einem Haus schaden? Nun besteht ja allerdings ein Haus aus zwei Seiten, aus einer sichtbaren und einer unsichtbaren, aus einem ueren Gefge und aus einem inneren Halt, und der innere Bau ist vielleicht ebenso wichtig, ja, manchmal vielleicht noch wichtiger zum Tragen und Sttzen des Ganzen, wie der uere. Was ntzt es, wenn ein Haus schmuck und gefllig steht, wenn die Menschen, die es bewohnen, es nicht zu sttzen und zu ertragen vermgen? Da sind allerdings die geschftlichen und konomischen Fehler von groer Bedeutung. Item, das Haus Tobler besteht noch, trotzdem Herr Johannes Fischer seine geldspendende Hand jhlings zurckgezogen hat. Gibt es nur einen einzigen darlehnfhigen Menschen auf der Welt? Wenn so, dann mute ja Tobler den Mut wirklich verlieren. Wie kommt er aber dann gerade jetzt dazu, sich im Garten eine Grotte bauen zu lassen? Es scheint halt doch, der Mann hat noch nicht das mindeste verloren, sonst dchte er wohl kaum an solche Bauereien. Unten auf der Landstrae stehen fters Menschen still, biegen den Kopf zur Hhe und schauen sich die Villa gemchlich an, und man gewinnt, wenn man von oben herabschaut, den Eindruck, da diese zuflligen Beobachter ber den Anblick erfreut sind. Wer sollte auch nicht erfreut sein beim Anschauen eines so reizend gelegenen Hauses? Schon allein der kupferne Turm ist ja allen Interesses wert. Der Turm hat ja auch genug Geld gekostet. Auf die Idee, da die diesbezgliche Rechnung oben im Bureau im Fach der unbezahlten Rechnungen liegt, wird nicht so leicht jemand, der in den Anblick des Hauses versunken ist, verfallen, dazu machen Haus und Garten einen viel zu wohlhabenden Eindruck. Der Verwalter der Bank von Brenswil ist ja gewi schon ein wenig nachdenklich geworden, darber, da es im Hause Tobler Sitte sei, die zur Zahlung prsentierten Wechsel unter dem Gesuch, dieselben prolongieren zu lassen, zurckzuweisen. Aber er htet sich, die Gedanken des Mitrauens und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen hat, laut zu uern. Es kann alles nur eine vorbergehende Krisis sein, und ein Bankverwalter ist in der Regel kein Waschweib, sondern ein mit sich selbst strenger Mann, der wei, was vorlaute Bemerkungen einem strebenden und mit der Existenz ringenden Geschftsmann fr Unheil anrichten knnen. Man ist ein wenig stutzig geworden, runzelt in seinem Direktionszimmer leicht die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste, aber man schweigt, denn man dient dem Handel und dem industriellen Verkehr der aufblhenden Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu, obschon es, wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf dem Hgel zum Abendstern ein bichen bergab geht. Die Banken und Sparkassen haben gewhnlich einen feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen reden erst dann, wenn die Gewiheit der endgltigen Zahlungsunfhigkeit buchstblich vorhanden ist. Da kann Tobler also noch ins Fustchen lachen und froh sein. Das Geheimnis seiner schwierigen Lage ruht in der Sparbank von Brenswil wie in einem wohlverschlossenen Grabe. Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern rauschende Snger- oder Turnerfestlichkeiten mitzumachen, der wird wohl noch im geheimen irgend eine Kreditquelle liegen und flieen haben, die er eben nur deshalb noch nicht auftut, weil er diese letzte aller Hlfsbewegungen bis jetzt noch nicht ntig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau hat, die, wenn sie durchs Dorf geht, von allen Seiten frhlich gegrt wird, mit dem wird es sicher noch nicht so schlimm stehen. Und es stand ja auch gar nicht so schlimm. Geld konnte ber Nacht in das technische Bureau hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte vorlufig nur Geduld zu haben, die Erfolge muten sich ja einstellen. Welcher reiche und unternehmende Mann konnte einer Annonce widerstehen, die mit den Worten begann: Glnzendes Unternehmen? Und wenn einer einmal so weit gekommen war und angebissen hatte, wrde man ihn schon zu halten verstehen. Man wrde es nicht so machen wie mit dem Herrn Fischer, der ja brigens, wenn man sich die Sache recht berlegte, vielleicht gar nicht gesonnen gewesen war, Ernst zu machen, und der daher eigentlich auch gar nicht verdient habe, da man ihn so ernst nahm. War die Reklame-Uhr etwa pltzlich ins Wasser gefallen? I woher. Im Gegenteil, heller und schimmernder als je prangten die eleganten Flgel ihrer Reklamefelder, und der Schtzenautomat? War man nicht mit der Herstellung eines ersten Exemplares desselben schon seit Wochen beschftigt? Kam nicht der tchtigste und dienstfertigste aller Mechaniker fast tglich in die Villa, um mit Tobler Karten zu spielen? Andere Leute spielten auch Karten und tranken ihr Glas Wein, und prosperierten trotzdem, warum Tobler nicht? Das war nicht einzusehen. Dazu, um voreilig kleinmtig zu werden, war Herr Tobler nicht nach diesem Lumpen-Brenswil gekommen, das konnte er sich anderswo, wenn es durchaus sein mute, auch noch leisten, und zur Genge. Nein, es galt gerade jetzt, diesen Hechten und Heringen ein Beispiel zu geben, rund um die neugierigen, spttischen Nasen herum, was ein lebendiger und arbeitsfroher Mensch und Mann zu leisten imstande war, selbst noch in dem Augenblick, wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschftshauses auseinanderzugehen drohten. Und deshalb lie Tobler, unbekmmert um das, was man sich im Dorf in den Wirtshusern in die Ohren flstern wrde, den Garten umbauen, um eine Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen Heuwagen voll Geld kosten. Diese Brenswiler muten nicht triumphieren drfen, das wre noch besser gewesen! Denen mute man mit aller verfgbaren Gewalt die Freude versalzen, die diese Menschen empfinden wrden, wenn es so weit kme, da Tobler wie ein Hampelmann im Kasperletheater abzotteln mte. Nein, so weit war man noch nicht. Und zum Trotz wrde Tobler gelegentlich der Einweihung seiner Grotte, sobald sie nur einigermaen fertig hergestellt wre, an die angesehensten Brger des Dorfes, an solche, die es mit ihm etwa noch ein bichen aufrichtig meinten, Einladungskarten schicken, damit sie shen, wie fest und wie berlegen er das Leben betrachtete und anpackte. Wer sich fr seine Familie, wie Tobler, verantwortlich fhlte, wer Frau und vier Kinder sein eigen nannte, den stie man noch nicht so rasch von einem einmal erworbenen und bewohnten Platz und Punkt herunter. Da sollten nur ihrer ein paar herankommen, er wrde sie davonjagen mit Hieben, geblitzt und gestrahlt aus den bloen, zornigen Augen. Und wenn sie dann noch nicht genug htten, die Speck- und Wurstesser, nun, so wrde es ihm eben einfallen knnen, den einen oder den andern von ihnen handlich anzupacken und ber den Gartenzaun hinberzuwerfen, Umstnde wrde er in einem solchen Fall nicht machen. Aber so weit war es noch lange nicht. Noch hatte die Firma C.Tobler, technisches Bureau, berall uneingeschrnkten Kredit bei den Handwerks- und Geschftsleuten von Brenswil. Tapezierer und Schreiner, Schlosser und Zimmermann, Fleischer und Weinhndler, Buchbinder und Buchdrucker, Grtner und Krschner lieferten ihre Arbeiten und Waren, ohne sofortige Zahlung zu fordern, in vollem Vertrauen auf eine sptere, gelegentliche Regulierung, in die Villa zum Abendstern. Von einem Getuschel und Gezischel in den ffentlichen Lokalen des Dorfes war keine Rede, Tobler schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog, blo auf diesen Fall und fr diese Lage zum voraus einzuben, und das auch nur dann, wenn ihn ein Mensch oder eine geschftliche Sache gergert hatten. Noch duftet das Haus Tobler von Sauberkeit und Wohlanstndigkeit rings in die schne Umgebung hinein, und wie! Umblitzt von der strahlenden Sonne, erhoben von einem grnen, wundervoll zum See und zur Ebene herablachenden Hgel, umgeben und umarmt von einem wahrhaft herrschaftlichen Garten, steht es da, die reine bescheidene und besonnene Freude. Nicht vergebens wird es von zufllig vorbergehenden Spaziergngern lange angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum Anschauen. Hell glnzen seine Fensterscheiben und seine weien Gesimse, brunlich winkt der schne Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest her da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majesttischen Bewegungen, in Zuckungen, Windungen und flammenartigem Gerll um die schlanke, feste Stange. Dieses Haus drckt in seiner Bauart und an seinem Bauplatz zweierlei Gefhle aus, das der Lebendigkeit, und das der Ruhe. Ein ganz klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als die tief in den lieben, alten Grten versteckten Herrenhuser lteren Ursprungs, aber es ist lieblich, und wer darin wohnt und dabei denken mu, es knne sein, da er es unehrenhafterweise verlassen msse, dem darf bel zumut sein, er hat Ursache. Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr Tobler. * * * * * Si-vi, Si-vi! Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet es nicht einmal recht. Ein grobes, seit Jahren nicht mehr geschliffenes Kchenmesser kann ebenso gut Sivi rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers das l nicht zu artikulieren vermag. Aber zu befehlen wei diese Magd ausgezeichnet, wenn es die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die Befehlshaberstimme zu einem Suseln und Lispeln herab. Zu der Dora sagt die Pauline immer: Do-li, denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge auf das r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich genug ist, da sie es bei Si-vi doch stets weglt. Aber Si-vi klingt eben spitz, und die Silvi will man verwunden, man will ihr schon mit dem bloen Zuruf wehtun, zu diesem kleinen Mdchen spricht niemand liebevoll. Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen, da geht es wohl mit ganz natrlichen Dingen zu, da alle ein wenig es verabscheuen. Dora dagegen besteht aus Zucker, wenigstens meint man das eine Zeitlang, denn aus allen Ecken tnt und fltet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus, da man glaubt, es msse eine schneeweie Konditorei in unmittelbarer Nhe sein. Dora ist beinahe nicht Fleisch und Bein, sondern es sind Mandeln, Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens, so voll ist die Luft um das Mdchen herum von Artigkeiten, Sigkeiten, Knixen und Liebkosungen. Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit selber. Sie liegt dann, in Kissen gebettet, auf dem Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der Hand und ein Engelslcheln auf den Lippen. Jedermann geht hin und schmeichelt ihr, auch Joseph tut das, er mu es beinahe tun, es zwingt ihn, denn die Kleine ist wirklich schn. Sie ist ganz der Vater, dieselben dunklen Augen, dieselbe Flle des Gesichts, ein und dieselbe Nase, berhaupt ganz Herr Tobler. Silvi dagegen ist ein nicht recht gelungenes Abbild der Mutter, eine zugleich verkleinerte, aber auch ziemlich miratene Photographie derselben. Armes Kind! Was kann sie dafr, da man sie schlecht photographiert hat? Sie ist dnn und doch plump. Sie scheint von Charakter, wenn man bei einem Kind von einem solchen sprechen darf, mitrauisch, und in der Seele scheint sie falsch und verlogen zu sein. Wie ist dagegen Dorli entzckend aufrichtig im ganzen Wesen. Deshalb hat man sie ja auch im ganzen Haus und in der Nachbarschaft so gern. Man macht ihr Geschenke und man gehorcht ihr. Joseph trgt die Dora im Garten herum, auf den Achseln, sie braucht nur zu sagen: tu's, und so tut er's. Sie bittet so schn. Der Himmel selber scheint ihr auf den Lippen zu liegen, wenn sie bittet. Weie, kleine Wolken scheinen diesem Kinderhimmel alsdann zu entschweben, und irgendwo, meint man, msse jemand pltzlich angefangen haben Harfe zu spielen. Sie bittet und befiehlt zugleich. Eine Art unwiderstehlicher Befehl ist immer mit einer tatschlich schnen Bitte verbunden. Silvi kann nicht bitten, sie ist zu schchtern, zu verschlagen dazu, sie getraut sich nicht recht, es zu tun, aber um bitten zu knnen, mu man ein unbndiges, krftiges Vertrauen zu sich und zu andern haben. Wenn man den schnen Mut zu einer flehentlichen Bitte finden soll, mu eines zum voraus von der Erfllung derselben fest, ja felsenfest berzeugt sein, aber Silvi ist von niemands Gte berzeugt, da man sie nur zu rasch und zu unvorsichtig an ganz anderes gewhnt hat. Ein verprgeltes Hudelgeschpfchen wie Silvi wird leicht von Tag zu Tag unliebenswrdiger und hlicher zum Anschauen und Ertragen, weil sich ein solch kleiner Mensch nicht nur nicht mehr in Acht und Zucht nimmt, sondern sogar, aus einem geheimen, schmerzlichen Trotz, den nur niemand einem unentwickelten Kind zutraut, bemht, durch ein immer schlechteres Betragen den Abscheu und den Ekel der Nebenmenschen stets hher zu reizen. Es ist berhaupt mit der Silvi ganz eigentmlich, es ist einem fast unmglich, sie lieb zu haben, wenn man sie sieht. Die Augen beurteilen sie sogleich schlecht, nur das Herz, wenn man eines hat, sagt hinterher: Arme, kleine Silvi! Von den Knaben ist Walter der Bevorzugte, Edi, der Jngere, der Vernachlssigte. Aber in gewissen Familien sind Knaben hher im allgemeinen geschtzt als Mdchen, so da es nicht mglich ist, da einem weniger geliebten Knaben in einem solchen Ma alle gtige, warme Zuneigung verloren geht, wie es beim verschuggten Mdchen der Fall sein kann. Auch in der Familie Tobler ist das so: Walter und Edi sind, zusammengerechnet, ein hherer Wert als das weibliche Doppelgebild Dora und Silvi. Walter und Edi sind ganz verschiedene Naturen, der erste ist ein wilder, zu Streichen aufgelegter, aber offenherziger Bursche, whrend Edi gern in den Winkeln der Wohnung kauern bleibt, ganz wie Silvi, sein Schwesterchen, und sehr wenig spricht, ebenso wie diese. Edi macht sich auch nie ber Silvis Benehmen lustig, es herrscht zwischen den beiden ein unausgesprochenes, aber vielleicht um so natrlicher empfundenes Einverstndnis. Ja, sie spielen sogar zusammen. Walter wrde nie mit Silvi Ernsthaftes zu tun haben. Er macht sich ber sie lustig und mihandelt sie oft, weil man den Knaben daran gewhnt hat, nichts dabei zu empfinden. Von Silvi mu noch erwhnt werden, da sie fast jede Nacht ihr Bettchen vernt, trotzdem sie von Pauline regelmig aus dem Schlaf geweckt wird, um auf das Nachttpfchen gesetzt zu werden. Diesem krperlichen Makel hat die Kleine hauptschlich die strenge Behandlung, welcher man sie aussetzt, zu verdanken, denn man ist allgemein des festen Glaubens, sie sei zu faul zu erwachen und vom Bett aufzustehen. Pauline hat Auftrag von Frau Tobler, das Kind zu hauen, wenn das Bettlaken unsauber sei, und zwar jedesmal, und wenn Ohrfeigen nichts ntzen, so solle die Magd nur den Mbelausklopfer nehmen, dann fruchte es vielleicht eher etwas, und Pauline gehorcht der Herrin. So hrt man denn oft mitten in der Nacht ein jmmerliches Geschrei aus dem Kinderschlafzimmer dringen, vermischt mit den Scheltworten und laut ausgerufenen Schimpfnamen, die Pauline der Snderin glaubt anhngen zu mssen. Morgens mu Silvi das Hfchen, das sie whrend der Nacht benutzt hat, selber nach unten tragen. Es ist dies auch eine Verordnung der Mama, die der Ansicht ist, da es sich fr eine Bettverunreinigerin zieme, dies mit eigenen Hnden zu besorgen, die Pauline habe auch sonst noch genug zu tun. Da sitzt dann das Hutzel- und Hudelkind mit dem bewuten Gegenstand, den sie in kurioser Weise neben sich hinstellt, auf einem der Treppenabstze und scheint, wenn man sie so betrachtet, von allen guten Schutzengeln, die sonst den Ruf haben, sich um arme, schutzlose Kinder zu bekmmern, verlassen zu sein. Wenn sie sich zum berfluß« noch widerspenstig zeigt, sperrt man sie in den Keller, und dann ist des Geschreies und Polterns gegen die zugeschlossene Kellertre kein Ende, so da sogar Nachbarn, schlichte Arbeiterleute, auf den Jammer, der aus der Villa tnt, aufmerksam werden. Tobler wei von alledem wenig, er ist ja so selten zu Hause, jetzt geht er berhaupt immer mehr auf Reisen. Er ist von Geschftssorgen erfllt und kann sich der Erziehung und berwachung seiner Kinder in nur ganz geringem Grade widmen. So ein Mann, wie Tobler einer ist, berlt gern die huslichen Dinge seiner Frau, denn er selber reist und kmpft in Dingen der Reklame-Uhr und des Schtzenautomaten. Der Mann trgt die Verantwortung, da mte man hoffen drfen, die Frau trage die Liebe und die Mhe. Der Mann kmpft mit der Existenz, und die Frau sorgt fr die Haltung und fr das friedliche Benehmen zu Hause. Inwiefern das Frau Tobler tut, wird es sich zeigen? Vielleicht. Wo Kinder sind, da wird es ja immer Ungerechtigkeiten geben. Die Kinder Tobler bilden ein sehr ungleichmiges Viereck. An den vier Spitzen des Quadrates stehen Walter, Dora, Silvi und Edi. Walter spreizt seine Beine und zerreit seinen frechen Mund zu einem gesunden Lachen. Dora saugt am Finger und lchelt und schaut auf die sie bedienende Silvi herab, die der Prinzessin die Schuhe binden mu. Edi schnitzt an einem Holzstck herum, das er irgendwo im Garten aufgelesen hat, ganz in die Arbeit, die das Taschenmesser, dessen er sich bedient, leistet, versunken. Wo ist da Regelmigkeit? Wie kann man jedem kleinen Sinn und Herzen gerecht sein? Pauline schaut zum Kchenfenster heraus. Diese Person aus den weiteren Volksschichten hat verwunderlicherweise keinen Sinn fr Gerechtigkeit, oder sie versteht sie eben falsch. Nun verschiebt sich das unregelmige Viereck, die Kinder zerstreuen sich, jedes in seine Art und Weise hinein, in die Stunden und Tage und in die geheimen Kinderempfindungen, und in den Weltraum rund um das Haus Tobler herum, in die Schmerzen und Freuden hinein, in die Demtigungen und in die kosenden Worte, in die Stube und in den tglichen Kreis, in die Schlafnchte und in den Fortgang der kindlichen Erfahrungen. Vielleicht ben sie sogar einen gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das Steuerruder des Toblerschen Unternehmungenschiffes aus. Wer kann's wissen.-- * * * * * Im Laufe der Woche, die im brigen ruhig verlief, waren eines Abends zwei Leute, Herr und Frau Doktor Specker, in die Villa zum Abendstern zu Besuch gekommen. Es war recht gemtlich gewesen, wie man sich auszudrcken pflegt. Man holte wieder einmal ein Spiel Karten und jate. Der Jaß«, so hie in der weiten und breiten Landesgegend ein beliebtes, ja sogar national gefrbtes und angehauchtes Kartenspiel. Frau Tobler, die es in diesem Spiel, wie bereits angedeutet worden ist, bis zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, unterrichtete Frau Doktor Specker in den zahlreichen Kniffen, die dasselbe enthielt, letztere Dame war darin noch nicht so sehr beschlagen. Es war an diesem Abend viel gelacht und gescherzt worden. Joseph wurde das Amt eines Kellermeisters bertragen, er hatte Wein aus dem Keller zu holen und den Inhalt der Flaschen dann in die Glser zu gieen, und es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, da er einen gewissen Stolz besa, der Tobler dumm vorkam, aber als Gegengewicht einigen gesellschaftlichen Takt, so da sich sein Chef nicht zu genieren brauchte, ihn mit den herrschaftlichen Gsten nher bekannt zu machen. Dies ist mein Angestellter, hatte Tobler laut gesagt, auf welche Worte sich Joseph vor der Dame und dem Herrn aus dem Dorf verneigte. Was waren es denn eigentlich fr Leute gewesen? Er war Arzt und dazu ein noch blutjunger Mann, und was sie betraf, so stellte sie gar nichts weiteres vor, als die Besttigung in Weibesgestalt, die Frau des Arztes zu sein, weiter gar nichts. Sie war die Frau ihres Mannes und fhrte sich als solche den ganzen Abend still und schchtern auf. So war Frau Tobler nicht ganz, der sah man denn doch, namentlich wenn man beide Frauen miteinander verglich, etwas Geheimes an, obschon wenig, aber an der Frau Doktor Specker war gar nichts Geheimes. Man a ses Gebck zum Wein, und die Herren rauchten. Welch ein junger, glcklich aussehender Mensch, dieser Herr Arzt, dachte Joseph, indem er sich bemhte, so klug und so knifflig wie mglich zu spielen. Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt richtete an den Gehlfen mehrfach Fragen, woher er sei, seit wie lange er in Brenswil und bei Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle usw., und Joseph erstattete Antwort, so ausfhrlich, als ihm die Zurckhaltung, die Menschen von unstetem Lebenswandel in solchen Fllen immer eigen ist, erlaubte. Inzwischen hatte er ziemlich unklug gespielt, und es wurden ihm nun in der Spielregel von allen vier Seiten des Tisches die glnzendsten Reden gehalten, als wrde es gegolten haben, einen verbohrten, schwerflligen Ketzer zu bekehren. Gesprochen war im brigen das Alltgliche worden, und das war ja schlielich das Gemtliche gewesen. Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner Zwischenfall sittlichen und kulturellen Charakters vor, in welchem die Gestalt des Vorgngers Wirsich eine Rolle spielte, dermaen, da von diesem aus dem Hause Tobler befrderten Menschen einige Tage lang wieder die ziemlich bestndige Rede war. Die Sache war folgende: Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen auch die Dienstmagd aus der Villa Tobler hinausgejagt worden, die Vorluferin von Pauline, ein nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes und schelmisch, d.h. diebisch veranlagtes junges Weibsbild, das der Herrin, nach deren Behauptungen, denen man wohl glauben durfte, ganze Wschestcke und anderes gestohlen hatte. Entlassen war sie worden wegen ihres gierigsinnlichen Wesens und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in ziemlich kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten war, die der Herrschaft nicht verborgen bleiben konnten, da sie zu augenfllig und in der Tat unanstndig unterhalten wurden. Auerdem war die betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und das erschien als eine Gefahr fr die Kinder. Sie hatte sich fters pltzlich im bloen Hemd auf der Treppe und in der Kche gezeigt, indem sie dann steif und fest und hoch und teuer, und unter Trnen und Krmpfen ihres fetten Leibes, auf die Vorwrfe, die man ihr machte, behauptete, sie habe es nicht mehr ausgehalten in den Kleidern, und msse sterben, und was des zynischen und lppischen Geschwtzes mehr sein mochte. Da die Herrschaften Tobler genau um die nchtlichen Besuche wuten, die die lsterne Person dem Wirsich im Turmzimmer abstattete, so fanden sie es kluger- und billigerweise geraten, das Dienstverhltnis zu dem ungesunden und verderblichen Mdchen aufzulsen und ihr den Abschied zu geben. Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser Person, adressiert an Frau Tobler, im Abendstern an, in welchem die ehemalige Magd in einem unangenehm vertraulichen Ton schrieb, es seien ber Frau Tobler in der Gegend, wo sie wohne, Gerchte verstreut worden, dahin deutend, ihre frhere Herrin habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem Wirsich, ein Liebesverhltnis unterhalten, woran sie, die Magd, in keinerlei Weise glaube, da sie zum voraus berzeugt sei, da nur lsterliche und lgenhafte Zungen es seien, die so etwas htten sagen knnen. Aber verpflichtet habe sie sich gefhlt, der Frau, bei der sie so lange Zeit gedient htte, von den abscheulichen Lsterreden Mitteilung zu machen, um sie zu warnen usw. Dieser Brief, der natrlich weder orthographisch richtig noch auch nur vernnftig geschrieben war, versetzte die Empfngerin in die hellste Entrstung, denn die darin enthaltene Anhnglichkeit eines Dienstboten an die frhere Herrschaft war ebenso sehr erlogen, wie das Vorhandensein eines schlimmen Gerchtes betreffs das Betragen der Frau Tobler. Diese zeigte den Brief Joseph, es war um die Mittagsstunde, man sa drauen im Gartenhaus, und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte ihn, nachdem sie ihn das Schreiben hatte durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer energischen Antwort, die sie der frechen Lgnerin schulde, behlflich zu sein. Warum nicht? gern! gab Joseph der erregten und ungehaltenen Frau zur Antwort. Da er dies in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn der Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affre hineinwickelte, beinahe krnkte, so glaubte Frau Tobler, er tue ihr nicht gern den erbetenen Gefallen und sagte, wenn er es nicht gern tue, so knne sie es ja wohl auch noch allein zustande bringen. Zwingen wolle sie ihn durchaus nicht. Es scheine ihm eben kein Vergngen zu bereiten, ihr zu dienen, und hflich sei sein Benehmen ihr gegenber heute auch nicht gerade. Wieso kein Vergngen? entgegnete Joseph beinahe zornig, erteilen Sie mir einen strikten Befehl. Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefat haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in ein paar Minuten ist die Sache erledigt. Es braucht gar kein besonderes Vergngen dabei zu sein. Das war ungezogen. Frau Tobler fhlte das und wandte ihm, indem sie ihn mit einem erstaunten Blick ma, den Rcken. Joseph kehrte stillschweigend zu seiner Arbeit zurck. Nach ein paar Minuten erschien auch Frau Tobler, noch ganz ereifert, im Bureau, bat sich von dem Gehlfen eine Feder, sowie einen Briefbogen aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte einen Augenblick nach und fing an zu schreiben. Da dies etwas Ungewohntes fr sie war, hielt sie mehrmals whrend der bung inne, wobei sie hochaufseufzte und laut ber die Schlechtigkeit des niederen Volkes klagte. Endlich war sie fertig geworden, und da konnte sie sich des Bedrfnisses doch nicht erwehren, die vollendete Arbeit dem Korrespondenten zu zeigen, um dessen Meinung zu hren. Der Brief war an die Mutter der heimtckischen Magd gerichtet und lautete: Geachtete Frau! Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer Tochter, meiner ehemaligen Dienstmagd, und da ich es nur gleich sage, ein unverschmtes und nichtswrdiges Schreiben. Es werden darin, unter dem Schein der Treue und Anhnglichkeit an die Herrschaft, Beleidigungen der grbsten Art gegen eine Frau ausgestoen, die, weil sie gtig und nachsichtig gewesen ist, nun dafr bestraft wird, da sie nicht hart und mitleidlos hat sein knnen. Wit, geachtete Frau, da Eure Schande von Tochter mich, whrenddem sie hier im Dienst war, bestohlen hat, und da ich sie dem Gericht berliefern knnte, wenn ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich zu vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget, geachtete Frau, dafr, da dieser Nichtsnutz seinen Schnabel halte. Ich wei, wer es ist, und wer die Gerchte sind, die ber mich Schlechtigkeiten und Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes als dieselbe freche Person, die sich selber bei mir im Haus der Verletzungen guter Sitte und zchtigen Lebenswandels schuldig gemacht hat, und zwar, wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit dem die lgnerische Schwtzerin nun mich, ihre Herrin von ehemals, in eine schmutzige Verbindung setzen will. Der empfangene Brief hat mich in die hchste Aufregung versetzt, da Ihr es wisset, Frau! Und nun habt acht auf die Bswillige, ich rate es Euch im freundlichen und schwesterlichen Sinne hiermit an, weil Ihr, wie ich gern annehme, achtenswert seid und nichts dafr knnt, da Euer ausgeschmtes Mdchen ein Rf ist. Andernfalls wrde ich mich zu keinen so langen und gutmtigen Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch vorstellen knnt, zu strafrechtlichen Maregeln veranlat sehen. Die Hochachtung, die die Welt einer Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn es ntig ist, nicht hindern, vor die Schranken der ffentlichen Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer Ehre bestraft zu sehen. Somit achtungsvoll, Eure Euch grende Frau Carl Tobler. Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen hatte, er finde denselben gut, nur scheine er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil, wie Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher ins Mittelalter als in die gegenwrtige Welt, die daran sei, die bestehenden gesellschaftlichen Rang- und Geburtsunterschiede allmhlich, wenn auch nur nach auen, zu verwischen und aufzulsen. So schroff drfe schlielich eine brgerlich geborene Frau einer andern brgerlich Geborenen nicht schreiben, das knne nur bses Blut erregen und den Wunsch und Zweck des ganzen Schreibens verfehlen. Die Wohlhabenheit tue im brigen gut, sich gegenber der Armut nicht allzuhoch aufzurichten, sondern es dnke ihn nichts wie recht und billig, zu der Mutter der Magd ganz einfach Sie, und Sehr geehrte Frau zu sagen, damit ein etwas herzlicherer und zugleich hflicherer Ton da sei, was sicher nicht schaden knne, wie er glaube. Frau Tobler sei eben nicht ans Briefeschreiben gewhnt, wie er sehe. Dies erhelle sich schon aus dem Vorhandensein der zahlreichen Schreibfehler, die er whrend des Lesens bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er sich gern dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz korrigieren. Er lachte und bemerkte des weitern, er wrde auch die Behauptung, da das Mdchen eine Diebin sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er seinerseits keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen, was Frau Tobler sage, zweifle, aber es knnten, sagte er, dumme Geschichten daraus entstehen, die mehr Verdru als Genugtuung einbrchten. Ob sie Beweise habe? Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich, dann sagte sie, sie wolle einen zweiten Brief schreiben. Ihre Erregung habe jetzt ein wenig nachgelassen, und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder schreiben knnen. Aber der ganze Brief msse doch in einem energischen Ton abgefat sein, sonst habe er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie lieber schon gar nicht. Whrend sie schrieb, wurde sie, ohne da sie es merkte, von Joseph beobachtet, der ihren Rcken und Hals betrachtete. Das schne, frauliche Haar betupfte und berhrte in kleinen, geringelten Lckchen den schlanken Hals. Wie schlank berhaupt diese ganze Frauenerscheinung war. Da sa sie nun und bemhte sich, dem Sinn und Verstand gem, und der Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend, an eine Frau zu schreiben, die vielleicht kaum lesen konnte. Joseph bedauerte jetzt unwillkrlich, indem er sie so anschaute, ihr bezglich ihres gutbrgerlichen Hochmutes, den er im Grunde genommen reizend fand, Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn rhrte etwas am Aussehen dieses Frauenrckens, dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten verzog, wenn der darunter befindliche Leib sich ein bichen bewegte. War diese Frau schn? Im landlufigen Begriff sicher nicht, im Gegenteil. Aber auch das Gegenteil entsprach nicht den landlufigen Begriffen. Joseph wrde noch ruhig weitere Betrachtungen angestellt haben, wenn sich die schreibende Frau nicht umgedreht htte. Beider Augen begegneten sich. Diejenigen des Gehlfen wichen denjenigen der Frau aus, das schickte sich beinahe so. Joseph empfand und mute empfinden, da es fast frech gewesen wre, den Blicken der Frau stand zu halten, die wieder einmal voll jenes Erstaunens waren, das so vortrefflich den Hochmut widerspiegelte, der der Frau, man konnte es nicht leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu waren denn berhaupt Gehlfenaugen gut, als zum Ausweichen und Niederschlagen, und welcher andere Ausdruck war diesem andern Augenpaar natrlicher als der Ausdruck des Erstaunt- und Verwundertseins? Er bckte sich demzufolge wieder auf seine Arbeit herab, obschon es ihm um das Arbeiten jetzt gar nicht so besonders zu tun war. Eine halbe Stunde spter gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen etwas unfeinen Auftritt. Frau Tobler, die nun wieder gnzlich beruhigt schien, fing pltzlich an, lebhaft den Wirsich zu rhmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in allem Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen, wie er sich in jeden kleinen Dienst und in jede Aufgabe sogleich, ohne viel Wesens zu machen, hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei sie Joseph mehrmals spttisch, wie er es empfinden mute, anschaute, was ihn beleidigte. Er rief deshalb aus: Dieser ewige Wirsich. Man mchte bald meinen, er sei ein einzig dastehendes Genie gewesen. Warum befindet er sich denn eigentlich nicht mehr hier, da man doch bestndig von seinen geradezu himmlischen Eigenschaften redet? Weil er betrunken gewesen ist? Und glaubt man denn, man habe ein Recht, alles und jedes Gute von der Person eines Angestellten zu verlangen, und einen Menschen wegzujagen, in die offene, schwierige Welt hinaus, nur weil eine seiner Eigenschaften, eine einzige, die brigen ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist wahrhaftig ein bichen zu viel verlangt. Da haben wir Treue und Klugheit, Wissen und Dienstfertigkeit, Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle diese Eigenschaften, und noch einige feine andere dazu, stecken wir in unsere Dienste, nehmen wir gleichmtig und frhlich hin, weil sich das so schickt, und weil wir ja dem Inhaber eines solchen Sackes voll Auszeichnungen fr die Hingabe derselben Gehalt, Kost und Logis geben. Und nun bemerken wir eines Tages den dunklen Fleck am schnen Krper, und weg ist die ganze, bequemliche Zufriedenheit, und wir lassen den Mann sein Bndelchen schnren und fortziehen, wohin er will, aber wir reden nachher noch einen halben oder ganzen Meter und ein ganzes Jahr lang und breit von ihm und seinen 'guten Eigenschaften'. Man mu zugeben, da das kein so gar besonders korrektes Verhalten ist, insbesondere dann nicht, wenn man alle diese kstlichen und kniglichen Dinge dem Nachfolger, wahrscheinlich, um ihn zu treffen, auf die Nase bindet, wie Sie, gndige Frau Tobler, mir, dem Nachfolger Ihres Wirsich.-- Er lachte laut auf, und zwar absichtlich, um den aufrhrerischen Eindruck seiner etwas langen Rede zu besnftigen und zu zerstreuen. Er hatte ein bichen Angst, jetzt, da er wieder zu sich gekommen war, und um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu geben, lachte er, aber es war ein gezwungenes Entschuldigungslachen. Joseph habe nicht ntig, sagte Frau Tobler nach einigem Stillschweigen, so zu ihr zu reden, einen solchen Ton verbitte sie sich, und sie sei erstaunt, ihn ein solches Betragen annehmen zu sehen. Wenn er so stolz und empfindlich sei, da er seinen Vorgnger nicht rhmen hren knne, so sei es fr ihn besser, sich eine Einsiedlerhtte oben im Wald zu bauen und da zu hausen, wo nur Wildkatzen und Fchse leben, unter die Menschen msse er dann lieber nicht gehen wollen. In der Welt drfe einer nicht alles auf eine so scharfe Wage nehmen. Sie werde im brigen nicht umhin knnen, ihrem Mann von dem Inhalt seiner sehr sonderbaren Rede Kenntnis zu geben, damit Tobler wisse, woran er mit seinem Angestellten sei. Sie wollte aufstehen und weggehen. In diesem Augenblick rief Joseph aus: Sagen Sie nichts. Ich bitte alles ab. Ich bitte um Verzeihung! Frau Tobler streifte den jungen Mann mit einem Blick der Verachtung, sie sagte: Das ist schon gescheiter und ging weg. Ich habe die hchste Zeit gehabt. Dort unten kommt Tobler! dachte Joseph, und in der Tat kam eben der Chef, heute unerwarteterweise frher als sonst, nach Hause. Nach einer Viertelstunde schon, von allem, was geschehen war, peinlich genau unterrichtet, sagte Herr Tobler zu Joseph: Sie fangen wohl an, meine Frau schlecht zu behandeln? Was? Weiter sagte er nichts. Seiner Frau hatte er, als deren Klagen nicht aufhren wollten, zugerufen, sie solle ihm weggehn mit so dummen Sachen. Tatschlich hatte der Ingenieur jetzt wichtigere Dinge zu bedenken. * * * * * Am Abend dieses Tages war das Turmzimmer wieder einmal der stille, von einer Lampe erleuchtete Schauplatz eines laut vor sich hergesprochenen Selbstgesprches. Joseph, indem er sich Rock und Weste auszog, sagte folgendes zu sich: Ich mu mich besser zusammennehmen, das geht nicht mehr so. Was hat mich nur antreiben knnen, dieser Frau Tobler Grobheiten zu sagen? Achte und nehme ich so sehr wichtig, was aus dem Mund einer solchen Dame herauskommt? Und inzwischen mu sich der arme Herr Tobler auf Geschftsreisen abplagen, und sein Herr Angestellter treibt in Gartenhusern, neben einer Tasse Kaffee, solchen Gefhlsunsinn. Solche Frauengeschichten! Was geht es mich denn an, wenn Frau Tobler an diesem Wirsich manches Gute zu rhmen wei? Das ist doch so einfach. Dieser bleiche Ritter mit der Armesndermiene hat ihrem Weibergemt Eindruck gemacht. Mu mich das aufregen? Wieso denn? Statt stndlich und halbstndlich an die technischen Unternehmungen zu denken, lasse ich es mir angelegen sein, eine Frau von meinem Charakter zu berzeugen. Von was? Aha, Charakter! Als ob es ntig wre, da ein Ingenieur-Angestellter Charakter hat. Ich habe eben immer nur die dmmsten Dinge in einem Kopf, der sich zu einem wirklich nutzbringenden und geschftefrdernden Nachdenken verpflichtet finden sollte. Habe ich so wenig Pflichtgefhl? Ich esse hier Brot und trinke Kaffee und verbinde mit diesen hbschen Vorteilen und Nutznieungen eine in der Tat unpassende Sehnsucht nach schdlicher Gedankenlosigkeit. Und dann halte ich halbstndige Reden vor einer erschrockenen und verwunderten Frau, um ihr zu zeigen, da sie mich erbost hat. Was ntzt das Herrn Tobler? Wird dadurch seine finanziell schwierige Lage leichter? Haben sich dadurch die an den Mann zu bringenden Geschfte von der Lhmung, die gegenwrtig an ihnen haftet, erholt? Ich bewohne hier eines der aussichtsfreisten und schnstgelegenen Zimmer der Welt. See und Gebirge und Wiesenlandschaft sind mir als Gratiszulage vor die Blicke und Fe gelegt worden, und womit rechtfertige ich ein solches verschwenderisches Entgegenkommen? Durch Kopflosigkeit! Was geht mich der Wirsich an samt seinen nchtlichen Weiberbesuchen? Etwas viel Wichtigeres geht mich viel nher an, und das ist die Firma, deren Schild ich auf meiner Stirne trage, deren Interessen ich im Kopf und im Herzen tragen sollte. Im Herzen? Warum nicht? Das Herz mu bei einer Sache sein, wenn die Finger und die Gedanken richtig sollen arbeiten knnen. Am Herzen liegen! Nicht umsonst sagen die Leute so. Er zergrbelte sich lange darber den Kopf, was man wohl jetzt noch tun knnte, um der Reklame-Uhr stramm auf die Beine zu helfen, ber welchem geschftlichen Nachdenken er endlich einschlief. Mitten in der Nacht erwachte er pltzlich. Er richtete sich in den Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Tre, ffnete sie und horchte, und da hrte er die Tne einer widerwrtigen Szene. Es war Paulines Stimme, die jetzt rief: Bist wieder zu faul gewesen, aufzustehen und dich aufs Tpfchen zu setzen, du wstes Geschpf? Silvi wimmerte und suchte sich mit abgebrochenen Worten zu rechtfertigen, was ihr aber nicht gelingen mochte, denn zur Antwort auf ihre jmmerlichen Entgegnungen gab ihr die Magd Hiebe, da es klatschte wie nasse Wsche. Joseph kleidete sich an, ging die Treppe hinunter, in das Schlafzimmer der Kleinen, und machte Pauline milde Vorwrfe. Diese aber rief, er habe sich gar nicht einzumischen, sie wisse, was sie zu tun habe, und er solle nur machen, da er fortkomme, worauf sie die Silvi, wie um zu zeigen, welche Autoritt sie im Kinderzimmer habe, an den Haaren ri und ihr befahl, sich wieder ins Bett zu legen, und zwar, zur Strafe, in das durchnte. Der Gehlfe entfernte sich wieder, scheinbar demtig das Regiment der Zuchtmeisterin anerkennend. Morgen oder bermorgen oder wann es sei, dachte er, indem er sich von neuem schlafen legte, mu ich der Frau Tobler eine zweite Rede halten. Mag es lcherlich sein. Es nimmt mich doch wunder, ob sie ein Herz hat. Als Angestellter des Hauses Tobler bin ich verpflichtet, ein Wort fr die Silvi einzulegen, denn Silvi ist auch ein Glied dieses Hauses, dessen Interessen ich zu vertreten habe. Am nchsten Sonntag eilte er per Bahn nach der Hauptstadt, nachdem er ein Fnfmarkstck wie gewohnt in Empfang genommen hatte. Es war schnes, heies Wetter, und die Eisenbahnfahrt ging den blauleuchtenden See entlang. Schon beim Aussteigen aus dem Wagen kam ihm die frher so wohlbekannte Stadt ganz fremdartig vor. Wie doch eine verhltnismig nur kurze Abwesenheit einen Ort umgestalten und ganz anders frben konnte; er htte das nie fr mglich gehalten. Es kam ihm alles so klein vor. Am Quai, lngs des Seeufers spazierten im grellen Mittagssonnenschein eine Menge Menschen. Was fr ganz fremde Gesichter! Und so arm erschienen Joseph alle diese Menschen. Freilich waren es ja Leute aus dem drftigen, arbeitenden Volk, keine Herren und Damen, aber etwas Kmmerliches, das nichts mit der Drftigkeit der wirtschaftlichen Armut zu tun hatte, wob sich um dieses ganze, helle Spaziergngerbild. Es war nichts anderes als die Fremdheit, die Ungewohntheit, die ihm entgegenblendete, und er fhlte es auch und sagte sich, da, wenn einer bereits seit Wochen in der Toblerschen Villa lebe, er nicht ntig habe, sich ber den Anblick eines Stdtebildes und dessen Entfremdung zu verwundern. Bei Toblers gbe es eben dickere, rtere Gesichter und festere Hnde und ein gewichtigeres Auftreten, als wie man es hier in der leichten Stadt she, wo die Menschen nur zu bald mager und unscheinbar von Aussehen werden. Das Kleine und Enge sei immer eine ziemlich groe und bedeutende Welt fr sich, sobald man eine Zeitlang in nichts anderes mehr hineingeschaut habe, whrend gerade umgekehrt das Weite und wirklich Bedeutende anfangs klein und unansehnlich erscheine, weil es gar zu verbreitet, ausgedehnt und luftig sei. Im Toblerschen Haus herrsche eben von Anfang an eine gewisse kleine Dicke und Flle, und die habe stets viel auf sich und bestricke sogleich, wogegen die Freiheit und die Weitschweifigkeit mit ihren breiten und auseinandergezogenen Rundsichten scheinbar erklten, weil sie nach nichts Festem ausschauen. Das wirklich Wohltuende sei immer so bescheiden von Ansehen, whrend wiederum das Toblersche oder Tyrannische manches Gemtliche und Herzliche an sich habe, das einem aus Turmzimmern und dergleichen verlockend und vielversprechend entgegenkomme. Das irgendwo Gefesselt- und Gebundensein sei zuweilen wrmer und reicher voll zrtlicher Heimlichkeiten als die offene, Tr und Fenster der ganzen Welt offenstehen-lassende Freiheit, in deren hellen Rumen den Menschen oft nur zu bald grimmige Klte oder drckende Hitze anfahre, aber die Freiheit, die er, Joseph, meine, du liebe Zeit, das sei doch am Ende das Schicklichste und Schnste und enthalte unsterblichen Zauber.-- Bald kam ihm denn auch das Bild stdtischen Sonntaglebens nicht mehr so fremdartig und flchtig und rauhbeinig vor, und je weiter er ging, um so vertrauter den Augen und dem Herzen wurde ihm alles. Er lie seine Augen mitten unter die vielen Spaziergnger spazieren gehen, mit seiner an die Toblersche Kche gewhnten Nase zog er wieder die Dfte der Stadt und des Stadttreibens ein, seine Beine marschierten wieder ganz munter auf stdtischem Boden, als ob sie nie auf Landerde getreten wren. Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden die Menschen sich hin- und herbewegten. Wie hbsch das war, da man sich unter das Treiben, Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren konnte. Wie hoch der Himmel war, und wie das Sonnenlicht es sich auf allen Gegenstnden, Krpern und Bewegungen bequem machte, und wie leicht und frhlich der Schatten dazwischenhuschte. Die Wellen des Sees schlugen gar nicht strmisch an die steinernen Dmme an. Es war alles so mild, so bedeckt, so leicht und hbsch, es war ebenso gro wie klein geworden, ebenso nah wie fern, ebenso weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend. Es schien bald alles, was Joseph sah, ein natrlicher, stiller, gtiger Traum geworden zu sein, nicht ein gar so sehr schner, nein, ein bescheidener, und doch ein so schner.-- Unter den Bumen eines kleinen Parkes oder Anlage ruhten Menschen auf Bnken. Wie oft hatte Joseph die eine oder die andere von diesen Bnken in Anspruch genommen, damals, als er in der Stadt gewohnt hatte. Er setzte sich auch jetzt, und zwar neben ein hbsch aussehendes Mdchen. Es ergab sich in einem durch den Gehlfen eingeleiteten Gesprch, da sie Mnchnerin sei, die hier in der ihr gnzlich fremden Stadt auf Arbeit lauere. Sie erschien arm und unglcklich, aber schon so manches Mal hatte er arme und wehmtige Menschen auf diesen Bnken angetroffen und angeredet. Die beiden sprachen einiges, dann erhob sich die Mnchnerin pltzlich, um davonzugehen. Ob Joseph ihr mit einer Kleinigkeit an Geld helfen knne? Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber doch etwas an und verabschiedete sich. Was saen auf solchen ffentlichen Ruhebnken nicht fr verschiedenartige Menschen. Joseph fing an, sie der Reihe nach im Kreis herum zu betrachten. Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete, was konnte er sein, was in aller Welt, wenn nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht tuschte man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen Warenhauskommis, die Sonntags jeweilen irgend etwas vor haben. Und dieses Mdchen da _vis--vis_, war sie eine Kokotte oder eine Anstandsdame oder ein artiges, zimperliches, den Erfahrungen, die die Welt mit beiden, reichen, warmen Armen den Menschen, einem wundervollen Blumenstrau hnlich, darbietet, abholdes Zierpflnzchen und -Pppchen? Oder konnte sie zweierlei oder gar dreierlei Gattung auf einmal sein? Mglich, denn das war ja auch schon vorgekommen. Das Leben lie sich nicht so leicht in Kasten und Ordnungen abteilen. Und dort der alte, zerfallene Mann mit dem zerzausten Bart, was war er, woher kam er gerade, welchen Berufes und Zeichens durfte man annehmen, da er etwa sei? War er ein Bettler? Gehrte er zu den undefinierbaren Gesellen, die whrend der Woche in der famosen Schreibstube fr Stellenlose sitzen, wo sie ein paar Mark im Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war er frher gewesen? Trug er einen eleganten Anzug einst nebst dito Stock und Handschuhen? Ah, das Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und innig demtig machen, und dankbar frs Wenige, fr das bichen se, freie Luft zum Einatmen. -- Und was war das dort links fr ein feines, ja sogar, wie es schien, vornehmes Liebes- oder Brautpaar? Waren es reisende und alle vorhandene Welt im Flug genieende Englnder oder Amerikaner? Die Dame trug eine zierliche Feder auf dem kleinen, ihr wie von irgendher angeflogenen Hut, und der Herr lachte, er schien sehr glcklich, nein, beide! Da sie doch nur immer lachten, es war ja so schn, zu lachen und sich zu freuen. Dieser schne, liebe, lange Sommer! Joseph erhob sich und ging langsam weiter, durch eine reiche, elegante, aber stille Strae. An Sonntagen, ja, da saen eben die reichen Leute zu Hause, die lieen sich heute recht sprlich sehen; auf die Strae zu gehen, das mochte an diesem Tage nicht fein genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes, verstreutes Volk pendelte und wackelte daher, oft recht unschn anzuschauende Mnner und Frauen. Welche Demut in solch einem verzettelten Spaziergngerbildnis war. Wie bitterlich arm ein Menschensonntag auftreten konnte. Demtig werden, dachte der Gehlfe, wie ist das fr so Manchen der letzte Lebenszufluchtsort.-- Und er kam allmhlich durch neue und andere Straen. Wie viele Straen! Das dehnte sich in die Ebene hinaus, Haus an Haus, und die Hgel hinauf, und den Kanlen entlang, lauter grere und kleinere Steinblcke, ausgehauen mit Wohnungen fr reichere und rmere Menschen. Hin und wieder kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue, oder eine eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am zerbrckelnden Gemuer. Joseph ging an einem Polizeigebude vorber, aus dessen Lokalen einem ihm eines Tages vor Jahren der Schrei eines gemihandelten Menschen entgegentnte, den man geknebelt hielt und mit Stockschlgen zu bndigen versucht hatte. Es ging jetzt ber eine Brcke, die Straen erschienen nach und nach unregelmiger und loser, die Gegend, durch die er ging, bekam etwas Drfliches. Katzen lagen vor den Haustren, und die Huser waren von kleinen Grten umsumt. Die Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die hohen Hauswnde und auf die Bume in den Grten und auf die Gesichter und Hnde der Menschen. Man war in der Vorstadt. Joseph trat in eines der neuen Huser, die dieser noch beinahe lndlichen Gegend ein so merkwrdiges Aussehen gaben, stieg die Treppen empor, in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete sich anstandshalber aus, putzte sich ein wenig den Staub ab und klingelte dann. Die Tre wurde aufgetan, und die Frau, die in der ffnung erschien, stie, wie sie den Gehlfen erblickte, einen leisen berraschungsschrei aus: Sie sind es, Joseph? Sie sind es? -- Kommen Sie. Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog Joseph in ihr Zimmer hinein. Dort schaute sie ihm ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lchelte und sagte: Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Setzen Sie sich. Einen Augenblick spter sagte sie: Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans Fenster. Und dann erzhle mir. Du mut mir sagen, wie du so lange hast leben knnen, ohne mir ein einziges Sterbenswrtchen zu schreiben, und ohne mich ein einziges Mal aufzusuchen. Trinkst du? Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest Wein in der Flasche. Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der Elastiquefabrik, von den englischen Pfund, von der Militrdienstzeit und von der Firma Tobler zu erzhlen. Unten auf der vorstdtischen Wiese spielten und lrmten eine Anzahl Kinder im Abendsonnenschein. Ein oder das andere Mal pfiff eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen Betrunkenen singen und johlen hren, einer von jenen Gesellen, die den Sonntagabend mit wsten, sozusagen brandroten Tnen zu heulen und zu charakterisieren pflegen. Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem jungen Bekannten zuhrte, sind sehr einfach. Sie hie Klara und war die Tochter eines Zimmermanns. Zuflligerweise stammte sie aus derselben Gegend wie Tobler und kannte daher dessen Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch erzogen worden, aber von der Zeit an, da sie in's Leben trat, vernderten sich ihre Weltanschauungen vllig, sie ergab sich der Lektre freisinniger Schriftsteller, wie Heine und Brne. Sie arbeitete in einem Photographengeschft, zuerst als Retoucheuse, dann als Empfangsdame und Buchfhrerin; der Chef des Geschftes verliebte sich in sie, und sie gab sich ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen zwanglosen Hingebung zu denken, ja dieselben mit fester und freier Stirn gewrtigend, hin und war sehr glcklich. Sie bewohnte noch immer das vterliche Haus, eine jngere Schwester von ihr war inzwischen an der Auszehrung gestorben. Nach dem Geschft fuhr sie tglich hin, und zurck in ihr Haus, mit der Eisenbahn, ein und eine Viertelstunde lang. Zu jener Zeit empfing sie zum ersten Mal Josephs Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen, damals kaum zwanzig Jahre alten Menschen und liebte es, seine Ergsse, die von jugendlich-unreifer Art waren, anzuhren. Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit gewesen. Unter dem Namen Sozialismus hatte sich, einer ppigen Schlingpflanze hnlich, eine zugleich befremdende und anheimelnde Idee in die Kpfe und um die Krper der Menschen, alte und erfahrene nicht ausgenommen, geworfen, dermaen, da, was nur Dichter und Schriftsteller hie, und was nur jung und rasch bei der Hand und beim Entschlu war, sich mit dieser Idee beschftigte. Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen wie brennendfarbige, mit Dften hinreiende Blumen aus dem Dunkel der Unternehmungsgeister heraus an die erstaunte und erfreute ffentlichkeit. Die Arbeiter und ihre Interessen nahm man damals allgemein mehr geruschvoll als ernst. Es wurden hufig Umzge veranstaltet, an deren Spitze auch Frauen schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen hoch in der Luft daherschwenkend. Was nur immer mit den Verhltnissen und Ordnungen der Welt unzufrieden war, schlo sich dieser leidenschaftlichen Gedanken- und Gefhlsbewegung hoffnungsvoll und zufrieden an, und was die Abenteuerlust einer gewissen Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und Schwtzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch hochzuheben und anderteils in die Gemeinheit des Tages herabzuziehen, das bemerkten die Feinde dieses Gedankens mit einer Art vergnglichem Hohnlcheln. Die ganze Welt, Europa und die brigen Erdteile, so hie es damals unter den jungen und halbreifen Geistern, verbnde und vereinige diese Idee zu einer frhlichen Menschenversammlung, aber nur wer arbeite, sei berechtigt, usw. Joseph und Klara waren damals ganz und gar von diesem vielleicht edlen und schnen Feuer ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen Meinung kein Wasserstrahl und keine ble Nachrede auszulschen vermochte, und das sich, einem rtlichen Himmel hnlich, ber die ganze runde rollende Erde erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode war, die Menschheit. Sie saen oft stundenlang, bis in die spteste Nacht hinein, in der Stube, die Klara in dem kleinen Hause ihres Vaters bewohnte, und unterhielten sich ber die Wissenschaften und ber herzliche Dinge, wobei Joseph, so schchtern er sonst auch im Umgang mit Menschen war, immer das meiste redete, wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin wie eine erhabene Lehrerin vorkam, der gegenber er seine Gedanken wie mehr oder weniger gut einstudierte Schulaufgaben zu uern und aufzuzhlen hatte. Wie schn waren diese Abende. Jedesmal, wenn er dann nach Hause ging, leuchtete ihm die Frau, die damals noch Mdchen war, mit einem Licht die Treppe hinunter und sagte ihm mit ihrer sanften Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er sich zurckbog, um sie zu guter Letzt noch einmal anzuschauen. Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine freie Frau, das heit, sie fhlte sich sehr bald in der hrtesten Weise durch ihren Freund, den Photographen, verraten und infolgedessen aufs tiefste degoutiert, so da sie ihm eines Abends, sie selber lebte in den rmlichsten Umstnden, einfach die Tre zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende Wort sagte: Geh! -- Er war ihrer unwrdig! Sie mute sich das tapfer sagen, oder sie mute verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht mehr die Menschheit, sondern sie betete ihr Kind an. Sie schlug sich durch, sie war mutig und war von jeher ans Zugreifen in die Arbeit gewhnt gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen Photographenapparaten angeschafft und eine Dunkelkammer eingerichtet, und whrend sie die Herrlichkeiten der Erziehung und Pflege eines kleinen Kindes, die Mhen derselben, die Freuden, die Sorgen um dies alles empfand, photographierte sie auf Postkarten und verkehrte mit Hndlern und Grossisten wie der geriebenste Geschftemacher. Sie schlo sich einer Freundin aus der Jugendzeit, die ein hnliches Geschick wie sie selber zu kosten bekommen hatte, huslich an und lebte mit ihr in ein und derselben Wohnung. Es war eine Frau Wenger, eine intelligente aber ungebildete Frau, ein guter Kerl, wie Klara von ihr sagte. Der Mann dieser Frau war Mitglied oder Soldat der Heilsarmee, obgleich er ein durchaus an Verstand und Gemt geradegebauter Mensch, und durchaus kein religiser Schwrmer war. Zu den Schwrmern war er einfach aus praktischen Grnden bergetreten. Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du verlernst dort am besten das Trinken, hatte die eigene Frau zu ihm gesagt. Ihr Hans trank nmlich. In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph als ein gerngelittener Gast hufig ein. Etwas zu essen und zu trinken mochte es da immer geben, eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel, wenn auch in den Schranken der Zartheit, die immer um Frauen von Lebenserfahrung gezogen sind, ging es zu. Man lachte und meinte, jetzt drfe man lachen, da man ein Stck Welt hinter sich habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften wurden besprochen. O man hatte nun schon vielerlei erfahren. Auch Joseph sprach kein Wort mehr von der Menschheit. Das war lngst vorber. Je schwerer es einem wurde, ein rechter Mensch zu werden, desto weniger mochte man groe Worte in den Mund nehmen, und schwer war es, recht zu bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher. Nach und nach kam Joseph sprlicher, und dann geschah es, da er sich ein ganzes Jahr nicht mehr blicken lie. Ein Tages erhielt Klara dann pltzlich einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen drfe? Sie hie ihn willkommen, und so ein paar Male, nach wiederholten, langen Absenzen, immer wieder. Und nun sa er da am Fenster, und sie lauschte dem, was er erzhlte. Auch Klara erzhlte, unter anderem, da sie sich bald ehelich verheiraten werde. Das Kind msse einen Vater haben, und sie selber bedrfe einer Mannessttze, sie sei jetzt fters unwohl und unfhig, das Erwerbsleben, das sie so lange gefhrt habe, zu ertragen. Sie sei zu schwach geworden, so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich darnach, die Mdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche, von einer Hand und von einem guten, offenen Willen gestreichelt und geliebkost zu sehen. Sie sei nur eine Frau, und nur eine hoffende Frau. Der Mann, den sie erwhlt habe, habe sich einfach von ihr bereden, rhren und erwhlen lassen, das Ganze sei eine zu einfache Geschichte, als da sie lange erzhlt zu werden brauche. Er liebe sie und begehre, begehre und begehre nur, sie glcklich zu machen. Ob das nicht das Einfachste von der Welt sei? Und was Joseph, den sie nun schon so lange kenne, zu dem allem sage? Er solle schweigen, denn sie wisse, da er jetzt nur eine Artigkeit habe auf die Lippen legen wollen, sie kenne ihn, das genge. Sie gab ihm lchelnd die Hand. All das Vergangene, sprach sie weiter, all das schne Vergangene! Wie gut es gewesen sei, all das Vorbergegangene, und wie recht. Und die mannigfaltigen Irrtmer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig! Jung sein, das irre, das msse ohne Gedankentiefe reden und handeln, damit es ein Vorwrts gebe. Nach den Erfahrungen kmen immer noch Gedanken und Empfindungen genug, und ein langes Leben erdrcke nachher das Jugendleben. Und sie sprachen beide von der Vergangenheit, indem sie einander die Worte und Ausrufe aus dem Mund wegnahmen, um sie gutzuheien und nachzusagen. Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine Widersprche, es will keine geben. Eines sagt dem andern die Erinnerungen nachdenklich und freundlich nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen Worte finden nur Beifall und Widerhall, keine Einwendungen; und Auseinandersetzungen finden, man mchte sagen, nur im musikalischen Sinne statt. Ja, das Vergangene kam ber sie, und rauschte um sie herum, und machte sie die Welt rckwrts, gleichsam treppab, berschauen. Sie brauchten ihre Gedchtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen von selber ihre feinen Arme und Schlingen nach den Gegenden des Erinnernswerten, um es sprbar nher zu bringen und zu tragen. Wie oft bin ich launisch und ungroherzig gewesen, sagte Joseph bedauernd. Und Klara erwiderte, er sei doch der einzige, der immer wieder zu ihr komme: Du machst lange Pausen, aber du kommst immer wieder. Du liebst es, dich selten zu machen, aber man hat whrend der Pause das Gefhl, du denkest an einen. Und eines Tages bist du dann da, und man wundert sich darber, wie wenig du dich verndert, wie vortrefflich du es verstanden hast, der Alte zu bleiben. Und man spricht mit dir, als seiest du blo in den nchstbesten Bckerladen getreten, habest kein jahrelanges Loch in die Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir Flchtling der Fall ist, seiest immer um einen herum gewesen. Andere Mnner, Joseph, wissen fr immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue Richtungen, und sie kehren nie wieder an den alten Freundschaftsplatz zurck. Dich vernachlssigt ein bichen das Leben, hrst du, und deshalb kannst du so schn deinen eigenen Neigungen treu bleiben. Ich will dich weder verletzen noch preisen, beides wre unwahr, und wir beide, nicht wahr, sind bis jetzt immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren. Was du mir bist und was ich dir bin, bleiben wir uns! Es war Nacht geworden ber den Gesprchen. Sie verabschiedeten sich. Kommst du bald wieder? Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es sei ja, da er doch, wie sie sage, immer der Alte bleibe, gleichgltig, ob er in Jahrzehnten oder in vier Tagen wiederkomme. Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander. * * * * * Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du sonst gern genannt sein willst, wieder in der Villa Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr schiet dir als ein flgelschlagender Vogel ber den etwas poetisch, wie es scheint, veranlagten Kopf. Der weichliche Sonntag ist vorber, und der harte, robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt, und da wirst du dich in die Brust werfen mssen, wenn du seinem kraftvollen Willen einigermaen Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der Alte, wie deine Freundin Klara sich ausdrckte, das wird weniger schaden, als wenn du dir pltzlich einreden wolltest, ein vollkommen Neuer zu werden. So von einem Tag auf den andern wird man kein Neuer, auch das schreibe dir, wenn es dir beliebt, nur gleich hinter die Ohren. Wenn aber einen das Leben vernachlssigt, auch so ein Frauensprchlein, und wie es scheint, ein zutreffendes, so mu man gegen diese in der Tat unwrdige Vernachlssigung ankmpfen, hrst du, und nicht am heiterhellen Tag und an Abenden voll wehmtigen Sonnenuntergangscheines mit alten Freundinnen ber das Vergangene reden. Man wird so etwas jetzt geflligst bleiben lassen mssen. Dagegen wird man sich seiner Pflichten zu erinnern haben, da Sonntage und Sonntagsausflge zuflligerweise nicht ewig andauern, und wird mssen zugeben, da diese Pflichten bislang von einem gewissen Gehlfen auch so ein wenig vernachlssigt worden sind, gerade wie das Leben es mit diesem Herrn selber bis jetzt getan hat. Und die Kopflosigkeit? Ist sie nun endgltig beseitigt worden? So schnell fllen sich Kpfe nicht an, das mu erarbeitet werden. Dulde du nur keine Trgheit in dir, und so wird, meint man, nach und nach schon etwas in deinen Kopf kommen. Die Reklame-Uhr liegt am Boden und jammert nach flssigen Kapitalien. Nun also, gehe auf sie zu, sttze sie, damit sie sich wieder langsam, Glied fr Glied, erheben und sich in der Meinung und im Urteil der Menschen ein fr allemal befestigen kann. Eine deines Geistes, wenn du willst, wrdige und nutzbringende Aufgabe. Sorge du nur auch dafr, da aus dem Schtzenautomaten bald Patronen herausfallen, zaudere nicht so lange, zieh energisch am Hebel, die Maschine, die von Herrn Tobler, deinem Herrn und Meister, so ingenis erdacht und ausgefhrt worden ist, wird sich dann schon in Bewegung setzen. Keine Gefhle jetzt. Man spaziert nicht immer, man leistet auch einmal etwas, und man wird sich auch gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern so rasch wie mglich, die Bohrmaschine nher ansehen mssen, damit man mit allem, was das Geschft Tobler betrifft, Bescheid wei. Eine nur zu bescheidene Pflicht fr denselben jungen Mann, der der Frau Tobler, was er so sehr schtzt, helfen darf, im Garten Wsche aufzuhngen. Man mu auch die verborgenen Dinge bedenken, auf die kommt es an in einem Ingenieurbureau. Zum Waschseilspannen, mein Herr Gartenbespritzer und -Bewsserer, hat man Sie nicht hier hinauf auf den grnen Hgel berufen. Sie spritzen mit Vorliebe den Garten, nicht wahr? Schmen Sie sich! Und haben Sie auch schon nur ein einziges Mal an den patentierten Krankenstuhl gedacht? Nicht? Gott im Himmel, ein solcher Angestellter. Sie verdienen, vom Leben vernachlssigt zu werden.-- Das ungefhr waren Josephs eigene Gedanken, als er am Montag Morgen frh im Bett erwachte. Er stund auf, schickte sich an, das Nachthemd mit dem Taghemd zu wechseln, wobei er aber eine gute Minute im Anblick seiner Beine versunken blieb. Nachdem die Beine studiert waren, wurden die nackten Arme einer Prfung unterworfen. Joseph stellte sich vor den Spiegel und fand es sehr interessant, sich hin und her zu drehen und seinen Krper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher Krper, und gesund, fhig, Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem solchen Leib ausgestattet mute es eine wahre Snde sein, lnger als fr das Ruhen notwendig im Bett liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte keine gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog sich an. Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit, und auf ein paar Minuten konnte es nicht ankommen. Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer Meinung, wie Joseph bereits tchtig erfahren hatte, aber Tobler selber, der montagete heute. Unter montagen verstund man das lnger als sonst ausgestreckt im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bichen mehr als alle andern Wochentage Wohlseinlassen und Gehenlassen, und gerade Tobler, der war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der wrde heute sowieso erst um halb elf Uhr unten im Bereiche der technischen Lsungen und Probleme erscheinen. Die Haare schienen heute frh auerordentlich schwer zu brsten und zu kmmen zu sein. Die Zahnbrste erinnerte an vergangene Zeiten. Die Seife, womit man die Hnde waschen sollte, glitt aus, fuhr unters Bett, und man mute sich bcken und sie aus dem hintersten Winkel hervorziehen. Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er doch gestern prchtig gepat hatte. Welche wunderbaren Dinge. Und wie langweilig das alles war. An einem andern Ort und zu einer andern Stunde wre das alles vielleicht niedlich, belehrend, nett, fein, amsant, ja entzckend gewesen. Joseph erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo ihn der Ankauf einer neuen Krawatte oder eines steifen, englischen Hutes in seelische Aufregung versetzen konnte. Vor einem halben Jahr hatte er eine solche Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher, ganz guter, normaler Hut, wie ihn die bessern Herren zu tragen pflegten. Er aber traute dem Hut nichts Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal auf den Kopf, vor dem Spiegel, um ihn dann endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei Schritte weg von dem niedlichen Ungetm und beobachtete ihn, wie ein Vorposten den Feind beobachtet. Es war nichts an ihm auszusetzen. Hierauf hngte er ihn an den Nagel, auch da erschien er ganz harmlos. Er versuchte es wieder mit dem Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten bis oben zerspalten zu wollen. Er hatte das Gefhl, als ob seine Persnlichkeit eine benebelte, gesalzene, halbierte geworden sei. Er trat auf die Strae: er schwankte wie ein schnder Betrunkener, er fhlte sich wie verloren. Er trat in eine Erfrischungshalle, legte den Hut ab: gerettet! -- Ja, das war eine Hutgeschichte gewesen. Auch Kragengeschichten, Mntelgeschichten und Schuhgeschichten kamen in seinem Leben vor. Er verfgte sich ins Wohnzimmer hinunter, um zu frhstcken. Er a unbndig, geradezu unanstndig. Es befand sich brigens niemand am Tisch, aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim Essen brauchte man ja auch so nicht auer acht zu lassen. Woher er nur einen solchen Hunger hatte? Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben der Charakter, das war es. Er hatte eine solche kindische Freude beim Brotabschneiden, und doch war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand er ein solches Vergngen beim Herauslffeln der Bratkartoffeln, und wessen Bratkartoffeln waren es wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schn vor, noch etwas ber den Appetit hinaus zu essen, und wem schadete er dadurch? Nachdem er so weit fertig war, htte er eigentlich aufstehen knnen, um hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen, wenn es einem festhielt am Platz, wenn man sich nicht zu trennen vermochte vom Etisch? Da kam Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen Erscheinung. Im Bureau! Erst ein bichen auf und ab gehen, das gehrte doch schlielich zur Sache, so fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich vornahm. Gehrte Joseph zu den Menschen, die mit Ausschnaufen ein Geschft beginnen und erst nach Beendigung desselben, das heit, nach halber Beendigung energisch werden, das heit wiederum, nur dazu energisch, um sich ber irgend einen billigen Genu herzumachen? Er zndete langsam einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen den Gedanken an die beginnende Arbeit so sehr versten, und rauchte drauf los wie das Mitglied eines Rauchklubs. Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen Schreibtisch, und fing an, sich ntzlich zu erweisen. Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgerumt, wie Joseph sogleich bemerkte. Man durfte daher etwas Leichtigkeit in das Guten Morgen, Herr Tobler legen und den Stumpen von neuem anznden. In der Tat ging von der Figur des Vorgesetzten und Chefs der Firma eine auerordentliche Frhlichkeit aus. Er schien den Abend vorher tapfer gezecht zu haben. Jede seiner gegenwrtigen Gesten sagte: Nun, jetzt wei ich, wo der Haken liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner Geschfte eine neue Wendung eintreten. Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise nach der Richtung, die Josephs sonntgliche Vergngungen eingeschlagen htten und rief, als derselbe ihm sagte, wo er gewesen sei, aus: Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen? Und wie hat es Ihnen denn dort nach der lngern Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was? Jawohl, die Stdte vermgen manches zu bieten, aber man kommt schlielich doch auch gern wieder zurck. Habe ich recht oder nicht? Aber was ich sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe, entschuldigen Sie, ha, ha, keine gar sehr guten Kleider mehr am Leib. Da gehen Sie heute nur zu meiner Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie neu aussehenden Anzug von mir geben. Sagen Sie nur, den grauen Anzug, dann wird sie schon verstehen, welchen. Sie brauchen sich nicht im mindesten zu genieren, ich trage doch so wie so diesen Anzug nicht mehr. Und ein paar farbige Hemden mit dazugehrigen Brsten und Manschetten, fr Sie sicher ganz ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in der Villa Tobler geben. Meinen Sie etwa nicht? Ich habe alle diese Sachen gar nicht ntig, sagte Joseph. Warum nicht ntig? Sie sehen ja selber, wie bitter ntig Sie's haben. Machen Sie keine Umstnde, wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's, fertig. Tobler war ungehalten. Pltzlich dachte er an etwas. Er setzte sich unter die Mechanik des Probe-Schtzenautomaten auf einen dort stehenden Stuhl und sagte nach einer halben Minute: Ich wei wohl, was Sie denken, Marti. Es ist wahr, Sie haben noch keinen Gehalt bekommen, und Sie werden denken, es werde auch keinen geben. Gedulden Sie sich. Andere mssen jetzt eben auch Geduld haben. Im brigen will ich nicht hoffen, da Sie's fr ntig finden, mir deswegen eine bittere Miene zu machen. So etwas wrde ich keineswegs in meiner Umgebung dulden. Wer so it, wie Sie essen und eine solche Luft geniet, wie diejenige ist, die Sie hier oben bei mir einatmen, der hat noch eine lange Strecke zu laufen bis zur Klage. Sie leben! Denken Sie nur immer ein bichen daran, in welcher Verfassung Sie dagestanden sind, als ich Sie dort in der Stadt engagiert habe. Sie sehen wie ein Frst aus. Dafr werden Sie mir denn auch ein wenig Dank wissen mssen. Joseph sagte, und es war ihm spter unbegreiflich, wo er die Frechheit dazu hernahm: Schon gut, Herr Tobler! Aber erlauben Sie Ihrem Untergebenen, Ihnen zu sagen, da es mir recht peinlich ist, bestndig an das gute Essen, an die prachtvolle Luft und an die Betten und Kissen, in denen ich schlafe, erinnert zu werden. So etwas kann einem die Luft, den Schlaf und das Essen beinahe vollstndig verderben. Was muten Sie mir zu, wenn Sie glauben, Ursache zu haben, mir den natrlichen Aufenthalt und Genu, den ich hier oben bei Ihnen habe, in einem fort vorwerfen zu mssen? Bin ich ein Bettler oder ein Arbeiter? Ruhig, Herr Tobler. Bitte, ich mache hier keine Szene, ich setze ganz einfach etwas fr unser gegenseitig notwendiges Verstndnis auseinander. Ich mchte festgestellt haben dreierlei. Erstens wei ich Ihnen fr alles, was Sie mir 'bieten', Dank, zweitens wissen Sie das, denn Sie konnten das meinem bisherigen Betragen ruhig entnehmen, und drittens leiste ich etwas, ein Beweis fr dieses Letztere ist die Tatsache, da mein Gewissen und Ihre Klugheit mich immer noch hier beschftigt sehen. Was die Kleidergeschenke, die Sie mir gtigst machen wollen, betrifft, so habe ich mich in diesem Moment eines Bessern besonnen: ich nehme sie mit geziemendem Dank an, ich kann Wsche und Kleider brauchen, wenn ich mich aufrichtig frage. Den Ton dieser Sprache werden Sie mir verzeihen mssen, oder -- Sie werden gezwungen sein, mich aus dem Hause zu werfen. Es bedurfte dieser Sprache und dieses Tones, denn ich habe das aufrichtige Bedrfnis gefhlt, Ihnen zu zeigen, da ich mich unter Umstnden gegen -- wie soll ich sagen -- Grobheiten wehren kann. Donnerwetter noch einmal! Wo haben Sie dieses Mundwerk her? Es ist ja zum Lachen, das. Sind Sie eigentlich nrrisch geworden, Joseph Marti? Tobler fand es fr das Vernnftigste, laut zu lachen. Aber schon im nchsten Augenblick zog sich seine Stirne in grimmige Falten: So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, da Sie imstande sind, etwas zu leisten. Bis jetzt habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein groes Maul macht noch keine nennenswerte Leistung, haben Sie das verstanden? Wo sind die Briefe, die noch beantwortet werden sollen? Joseph sagte kleinmtig: Hier! Er war wieder vllig befangen. Die Briefe lagen am falschen Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und schleuderte ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu Boden. Er schrie: Und das will noch immer aufbegehren. Passen Sie lieber besser auf und seien Sie weniger empfindlich. -- Schreiben Sie! Und er diktierte folgendes: An Herrn Martin Grnen in Frauenberg. Ihren Brief, worin Sie mir das mir seinerzeit zwecks Realisierung meiner Reklame-Uhr bewilligte Darlehn von fnftausend Mark auf den Ersten des kommenden Monates aufkndigen, habe ich erhalten und gestatte mir -- haben Sie das? -- Ihnen folgendes zu erwidern: 1. ist meine derzeitige finanzielle Lage derart, da es mir eine reine Unmglichkeit ist, Ihnen auf den angegebenen Termin den fraglichen Darlehnsbetrag zurckzuerstatten; 2. befinden Sie sich in einem groben Irrtum, wenn Sie ein gesetzliches Recht zu haben glauben, auf so unerwartet rasche Zurckzahlung zu dringen, indem 3. zwischen uns bei Abschlu des Darlehens, so viel ich mich erinnere, und wie ich, wenn ntig, schwarz auf wei beweisen kann, die Vereinbarung getroffen worden ist, -- sind Sie so weit? -- da eine Zurckerstattung der Schuldsumme erst dann zu erfolgen hat, sobald die Geschfte der Reklame-Uhr ein gewisses, gewinnbringendes Ziel gefunden haben. 4. Dies ist noch nicht der Fall. 5. Das gemachte Darlehen ist nicht auer Verbindung speziell dieses Reklame-Uhr-Unternehmens zu setzen, sowie die Abzahlung des ersteren nicht zu trennen ist vom Gelingen des letzteren. 6. Wrde es sich fragen, ob eine so kurzfristige Zahlungsforderung in einem Falle, wie dem unsrigen, berhaupt gestattet wre. Hauptsache: das geliehene Geld liegt im obengenannten Unternehmen und verfllt dem Risiko desselben. -- Sehr geehrter Herr, Sie werden sich nun hoffentlich, nachdem ich Ihnen meinen Standpunkt erklrt habe, die Sache noch einmal ernstlich berlegen. Bedenken Sie, bitte, in welcher Lage ich mich befinde, und Sie werden kaum den Mut finden, einen Geschftsmann ruinieren zu wollen, der sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft dagegen stemmt und wehrt, in die ihm drohende Tiefe zu sinken. Wenn Sie Ihr Geld wieder haben wollen, so drngen Sie mich nicht. Die Reklame-Uhr wird sich bewhren! Ich hoffe Sie gengend berzeugt zu haben und zeichne hochachtungsvoll---- Geben Sie her! Und Tobler unterzeichnete, indem er eine volle Minute lang, scheinbar gedankenabwesend, in den Anblick des Schreibens versunken blieb. Inzwischen gab sich auch der Angestellte seinen privaten Gedanken hin. Er dachte: So ist er, dieser Herr Tobler. Zuerst nimmt er eine hochmtige und drohende Stellung ein, dann duckt er pltzlich klein zusammen und bittet, zu bedenken usw. Der Herr Grnen werde nicht den Mut finden, meint mein Herr Tobler. Wie aber, wenn er ihn findet? So wie dieser Brief abgefat ist, so pflegen Verzweifelte zu reden. Zuerst klingt es hochtrabend, dann bedeutend, dann wichtig, dann prahlerisch, dann beiend spttisch, dann auf einmal kleinmtig, dann zornig, dann flehentlich, dann pltzlich grob, dann Brust hoch und noch ein letztes Mal in hochmtigem Ton: die Uhr =wird= sich bewhren! Wer beweist das? O ein solcher pfiffiger Darlehngeber, wie dieser Grnen aus Frauenberg einer ist, der wird hohnlcheln, wenn er diesen gefhlvollen Brief liest.-- Ihm scheine der Ton des Briefes kein ganz richtiger, wagte er halblaut zu seinem Chef zu sagen. Das war ein Funke ins Pulverfa. Tobler sprang jhlings auf: Was Joseph da Dummheiten zu schwatzen habe. Wenn er Bemerkungen machen msse, so solle er sie nicht erst eine halbe Stunde nach Erledigung der Sache vom Mund ablaufen lassen, und dann solle er sehen, da es keine so lppischen seien, wie die, die er sich soeben erlaubt habe. Unsinn! schrie er, ergriff seinen Hut und ging davon. Joseph kopierte das Schreiben mit der Kopierpresse, faltete es zusammen, steckte es in einen vorher schon adressierten Briefumschlag, klebte zu und frankierte. Es waren ein paar hundert Zirkulare aus der Buchdruckerei angekommen. Joseph fing an, diese Zirkulare exakt zusammenzufalten, und zwar zu jeweiliger Briefkuvertgre, damit sie in alle Welt hinaus verschickt werden konnten. Das Rundschreiben enthielt in hbscher Druckschrift, und mit Klischee-Abbildungen versehen, die genaue Beschreibung nebst Preistabelle eines kleinen Dampfapparaten, auch einer Toblerschen Erfindung. Vor allen Dingen galt es, diesen Dampfbehlter den zahlreichen, in der Umgebung von Brenswil und weiter im Land herum verstreuten Fabriken und mechanischen Werksttten anzupreisen, womit man einen ganz hbschen Gewinn zu erzielen hoffte. Der Gehlfe faltete bis zur Mittagsessenszeit diese Papiere zusammen, welche Arbeit fr ihn etwas geradezu Frhliches und Gedankenfrderndes enthielt, und ging dann zu Tisch. Man schwieg whrend des Essens, abgesehen von Dora, die ihren reizenden Mund nicht zu halten vermochte. Die Knaben erwiesen sich unartig. Frau Tobler klagte die langen Schul-Ferien als die Ursache der allgemeinen Jugendverwilderung an, indem sie sagte, sie sei wahrhaftig froh ber den baldigen Wiederbeginn der Schulzeit, es werde nun gottlob bald wieder eine andere Zeit fr die Schlingel herantreten. Die Autoritt und das Meerrohr des Lehrers wrden dann vielleicht erreichen, was der Mutter nicht mglich sei: artiges und aufmerksames Benehmen ihren Buben anzugewhnen. Es sei ganz gut, wenn es allmhlich Herbst werde. Whrend dieser langen, schnen Sommertage wisse das kleine Volk vor lauter Langeweile gar nicht mehr, wo noch irgend eine Gelegenheit sei, bles und Dummes anzustellen. Bei dem Wort Herbst fhlte sich Joseph in der Seele betroffen. Der schne Herbst! dachte er. Einen Augenblick spter war er mit Essen fertig geworden, er stand auf und sagte zu Frau Tobler, es fehle ihm Geld, um Briefmarken kaufen zu knnen. Die dadurch unangenehm berhrte Frau sagte, so solle sie auch noch fr solche Dinge sorgen, seufzte und hndigte dem Angestellten das Gewnschte schmollend, aber zugleich ein wenig geschmeichelt, ein. Man mute also zu ihr, der Frau, kommen, um Markengeld zu erwischen und zu ergattern. Joseph spielte wiederum ein wenig den Beleidigten. Schlielich war er ein Mannesuntergebener, nicht ein Frauengehlfe. Wie lstig das war, jedes Zweimarkstck einem Frauenrock abbetteln zu mssen. Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begngte sich, ihn von oben herab halb anzuschauen. Er begab sich zur Post. Im Garten waren mehrere Arbeiter und Handlanger damit beschftigt, Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu einem mchtigen Haufen zu trmen. Die Erde war na, es hatte kurz vorher geregnet. Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu allem. Was denkt Tobler? brummte Joseph und erreichte die Landstrae. Aus dem Wirtshaus zur Rose, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur offenen Tr ein schneidender Schnapsgeruch heraus. Hier war es, wo der Wirsich seine ersparten Gehlter und Lhne vertrank. Von hier aus pflegte er in eine andere Welt hinber zu taumeln, indem er seinen bessern Teil in der Rose unter dem Tisch liegen lie. Im Dorf angekommen, trat der Gehlfe, einer seit kurzem erst angenommenen Gewohnheit gem, in das Restaurant zum Segelschiff ein, und wer sa dort am runden Stammtisch? Tobler! Da hatte man sie also beide, den Herrn und den Knecht, und wo? In der Kneipe. Gewi mu man in den Zorn gewhnlich rasch eins hinabtrinken, um das Hitzige, was man in der Brust fhlt, abzukhlen und zu verlschen, und ebenso natrlich ist der Durst eines Untergebenen, der soeben erst Markengeld hat betteln mssen und infolgedessen ziemlich unwirsch aufgelegt ist. Der Unmut kann, indem man eins zu sich nimmt, zerstreut werden. Gewi mu und kann man auch das, aber -- es war doch fr einen Moment den beiden etwas kurios zumut, sich im Segelschiff pltzlich bei Trinkgedanken zu ertappen, und beide schauten sich kurz aber bedeutend an. So? -- Sie scheinen ja auch Durst zu haben, sagte Herr Tobler gewichtig aber freundschaftlich zu dem Eingetretenen. Dieser sagte: Ja! Mu auch sein. Herr Tobler erwartete im Segelschiff immer die anfahrenden und abfahrenden Zge, auch jetzt pate er nur auf seinen Zug auf. Das Restaurant lag in unmittelbarer Nhe des Bahnhofes. Aber wie oft verpate trotzdem Tobler seine Zge; man konnte, wenn man Wirt hie, manchmal beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In solchen Fllen pflegte er jedesmal zu brummen: Jetzt ist mir das cheibe Zglein schon wieder an der Nase vorbeigefahren. Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief ihm nach, so da die andern Wirtsgste es hren konnten: Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heit er schnell, er solle mit der Montierung der Uhren fr die Utzwil-Stfener-Bahn unverzglich beginnen. Der Brief mu noch heute abgehen. Das brige werden Sie wohl wissen. Joseph schmte sich ein wenig seines redeseligen Prinzipals, wie er ihn im stillen nannte, er nickte und drckte sich zur Tre hinaus. Er ging zum Buchbinder und Papierwarenhndler und lie sich eine ganze Reihe Gebrauchsgegenstnde fr Bureau und Zeichentisch geben, indem er's ins Buch aufschreiben ließ«. Solch ein niedliches Rechnungsbchlein, was ging da nicht alles Mgliche hinein. Man nahm einfach die Waren und lie munter aufschreiben. Der Inhaber des Papierladens erlaubte sich die Frage, wann und ob er einen gewissen Betrag einkassieren lassen drfe. O gelegentlich etwa, entgegnete obenhin Joseph. Ich handle sehr richtig, dachte er, man mu zu den Leuten in oberflchlichem Ton sprechen, dann haben sie absolut festes Vertrauen. Wo man keinen Ernst zeigt, da scheint auch noch keiner erforderlich zu sein. Htte ich die Frage dieses Mannes wichtig genommen, so wrde er jetzt Verdacht haben und schon morgen frh mit der quittierten Note im Bureau erscheinen. Ich diene meinem Herrn, wenn ich fortfahre, leise sich rhrende Verdchtigungen von ihm abzulenken. Whrend dieses Gedankenganges hatte er sich scheinbar aufs Gemtlichste eine Sammlung Ansichtspostkarten angeschaut. Indem er jetzt den Laden verlie, lchelte er freundlich, und er wurde ebenso freundlich vom Besitzer desselben angelchelt. Zu Hause angelangt machte er sich wieder mit dem Falzen der Zirkulare zu schaffen. Fr je ein Zirkular verwendete er vier Hndebewegungen. Er trumte dabei. Diese Arbeit forderte das gemtvolle Herumsinnen um irgend etwas geradezu heraus. Von Zeit zu Zeit wurde ein berauschender Zug aus dem Stumpenstengel getan. Dicht vor dem Schreibtisch und Bureaufenster sa auf einer dort plazierten Gartenbank Frau Tobler, sie nhte und unterhielt sich in singender Sprechweise mit ihrem Dorchen. Was dieses Kind es gut hat! dachte Joseph. Wollen Sie diese ganze Masse Zirkulare fortschicken? fragte Frau Tobler. Sie setzte hinzu: brigens ist es Kaffeetrinkenszeit. Kommen Sie. Der Kaffee steht schon. Im Gartenhaus, whrend des Imbisses, fhlte sich der Angestellte durch die Freundlichkeit, mit der ihn die Frau behandelte, gezwungen, zu sagen, er bereue, sich so keck gegen Frau Tobler benommen zu haben. Was er damit meine? Sie verstehe nicht. Nun, wegen dem Wirsich! Sie sagte, das habe sie lngst vergessen. Fr solche Sachen habe sie kein haarscharfes Gedchtnis. Gottlob. Was denn das auch weiter gewesen sei? Gar nichts von Bedeutung. Aber es freue sie, Joseph bekennen zu hren, da es ihm leid sei, sie gekrnkt zu haben. Er drfe ruhig sein, und er solle sich in allem, was das Geschft ihres Mannes anbelange, nur immer Mhe geben, das sei die Hauptsache. Ach sie wnsche manchmal, und besonders in letzter Zeit, ein geschftstchtiger Mensch zu sein, um Tobler helfen zu knnen. Wenn sie daran denke, von hier fortziehen, das Haus, das sie so lieb gewonnen habe, verlassen -- zu -- m--ssen---- Trnen standen ihr in den Augen. Ich will mir Mhe geben! Er schrie es beinahe. Dann sei es recht, sagte sie und versuchte zu lcheln. Sie drfen nicht gleich verzagen. Das tue sie auch nicht. Sie sei gleichmtig genug all diesen sorgenvollen Dingen gegenber. Gestern habe ihr Tobler bittere, und wie ihr scheine, ungerechte Vorwrfe gemacht, deswegen, da sie seine ganze schwere Lage zu leichtsinnig nehme; sie habe es fr ntig befunden, zu schweigen dazu. Was denn in einem solchen Fall eine schwache und ungebte Frau machen knne? Ob sie gar etwa den ganzen, guten Tag lang jammern, und eine wehklagende Miene zur Schau tragen solle? Und was das ntze? Das wrde doch einer einigermaen vernnftigen Frau weder einfallen, noch auch nur anstehen knnen, so etwas wrde sie eher fr gefhrlich als ziemlich halten. Sie sei im Gegenteil immer ganz guten Mutes, und sie wage es, sich im stillen fr diese Haltung zu loben. Ja, das tue sie, und wenn es auch sonst auf der ganzen Welt ihr kein einziges Wesen anerkennen wolle. -- Sie wisse im brigen, wer sie sei, und sie fhle sich schon aus diesem Grunde verpflichtet, den frhlichen und gemessenen Lebensmut nicht so bald sinken zu lassen. Daneben fhle sie wohl, wie schwer es ihr Mann zurzeit habe. Sie war wieder heiter geworden. Und was Sie betrifft, Joseph, fuhr sie fort, indem sie den Gehlfen mit ihren groen Augen anschaute, so wei ich ja, da Sie ernst bei Ihren Aufgaben sind. Und von einem einzelnen Mann wird man nicht alle Lsungen und trefflichen Leistungen aufs Mal verlangen wollen. Sie fahren einen nur manchmal ein bichen grob an. Ja, ja! Sie demtigen mich, aber ich verdiene es, sagte Joseph. Beide lachten. Sie sind ein kurioser Mensch, bemerkte Frau Tobler, das Gesprch beendend. Sie stund auf. Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob sie die Gte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler soeben geschenkt habe, herauszusuchen und auf sein Zimmer legen zu lassen, er wnsche dieselben heute noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die betreffenden Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen. Nach ungefhr einer Stunde spritzte er den Garten. Er fand das zu nett, so den dnnen, silbernen Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu sehen und das Aufklatschen des Wassers auf den Blttern der Bume anzuhren. Die Erdarbeiter warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und machten Feierabend. Ein kurioser Mensch, dachte der mit den Schluchen Beschftigte, und es wollte ihm beinahe trbe zumut werden: Wieso ein kurioser Mensch?-- Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch Tobler kam an, ungehalten, unfreiwillig. Er hatte es sich eben im Segelschiff gemtlich machen wollen, als er telephonisch angerufen, und davon in Kenntnis gesetzt worden war, wer in der Villa zu Besuch gekommen sei. Mssen die schon wieder kommen? hatte er durchs Telephon zu seiner Frau gesagt, konnte aber nicht gut absagen, und so verzichtete er eben auf den Wirtshausja, um dafr zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack ein wenig kindelig war. In der Tat ging es beim Ja unter Berufsjassern eben viel ernsthafter und mnnlicher zu, vor allem viel schweigsamer, und Tobler hatte nachgerade diese husliche, plaudernde, unschuldige Jasserei ziemlich verachten gelernt. Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er mchte noch ein wenig in der frischen Luft spazieren gehen. So, der entzieht sich der Pflicht, und ich, ich mu dahocken, schien Toblers Gesicht zu sagen, als er Joseph sich ausreden hrte. Dieser flchtete an die Natur hinaus. Der Mond beleuchtete zart und gro die ganze Umgegend. Irgendwo pltscherte ein Wasser. Er ging den Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen hindurch. Die groen Wegsteine waren wei vom Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte und zischelte und flsterte es. Es war alles in einen duftenden, trumerischen Dunst getaucht. Vom nahen Wald her hrte er Kuzchengeschrei. Einige zerstreute Huser, ein paar zaghafte Gerusche, und pltzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes, das irgend ein spter Wanderer in der Hand trug, oder ein ruhendes, ein Licht hinter einem halbverdeckten Fenster. Welche Stille im Dunkel, und welche Weite im Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph berlie sich vollstndig seinen Empfindungen. Pltzlich dachte er wieder an den kuriosen Menschen, der er sei. Was er denn eigentlich so Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht umherzuspazieren, das war allerdings seltsam genug, dieses Vergngen durfte man schon als kurios bezeichnen. Aber was weiter? War das alles? Nein, die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes Leben, das bisher gefhrte und das vorauszuahnende zuknftige, das, das war kurios, und Frau Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte ---- Diese Frauen, wie sie es verstunden, in den Herzen und Charakteren zu lesen. Wie talentiert sie waren, einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und Treffende in die erstaunte Seele hinein zu sagen. Ein kurioser Kerl. Spahaft war das, nicht wahr?-- Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach Hause. * * * * * Die Brenswiler oder Brensweiler sind ein gutmtiger, aber zugleich etwas heimtckischer, oder, wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet, heimlichfeier Menschenschlag. Sie haben es alle mehr oder weniger dick hinter den Ohren, sie besitzen alle, der eine mehr, der andere weniger, irgend etwas Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle ein bichen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus. Sie sind ehrlich und moralisch und nicht ohne Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine gesunde brgerliche und politische Freiheit gewhnt gewesen. Aber sie verbinden mit der Ehrlichkeit gern einen gewissen Schein von Schlauheit und Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz Klugem und noch Klgerem aus. Sie schmen sich alle ein wenig ihrer kernigen, natrlichen Gradheit, und jeder von ihnen allen will lieber ein schlechter Hund sein als ein Tropf von Esel, den man leicht bers Ohr hauen kann. Die Brenswiler sind nicht leicht bers Ohr zu hauen, davor kann sich jeder, der das probieren will, tchtig gewarnt sein lassen. Sie sind herzensgut, wenn man sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im Leib, denn sie sind seit Jahrhunderten usw. Aber sie schmen sich auch ihrer Gte, wie fast jeglicher Gefhlsuerung. Sie lachen mit den Stockzhnen, wo andere Menschen und Nationen mit den Lippen lachen, sie plaudern mehr mit den gespitzten Ohren als mit dem ungenierten Mund, sie schweigen gerne, aber manchmal fangen sie an zu prahlen wie die leibhaftigen Matrosen, als ob sie alle mit einem Wirtshaustischmaul zur Welt gekommen wren. Spter schweigen sie wieder volle vier Wochen lang. Im allgemeinen kennen sie sich ausgezeichnet, sie rechnen nach, wo sie Vorzge, wo Fehler besitzen, und sie sind immer eher geneigt, ihre Mngel als ihre guten Eigenschaften ffentlich strahlen zu lassen, damit ja niemand Bescheid wisse, wie tchtig sie sind. Um so bessere Handelsgeschfte machen sie dann. Sie seien grob wie die Teufel, sagt man in der rundum liegenden Welt, und nicht ganz ohne Ursache, aber es sind ihrer immer nur ein paar unter ihnen, die grobe Laster sind, und um dieser paar Ausnahmen willen mssen die Brenswiler manches kecke und ungerechte Wrtlein hren. Sie haben viel Einbildungskraft, und Lust, diese Krfte zu ben; die Geschmacklosen unter ihnen prahlen deshalb fters mehr als gut und recht ist und sind verschrieen im brigen Land. Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie trocken und nchtern, ein Schlag Menschen, wie geschaffen dazu, bescheidene aber sichere Geschfte zu machen und dito Erfolge zu erzielen. Die Huser, die sie bewohnen, sind sauber wie sie selber, die Straen, die sie bauen, sind ein bichen holperig, genau wie sie selber, und das elektrische Licht, das ihre Dorfstraen Abends beleuchtet, ist praktisch, wiederum exakt wie sie selber. Und unter solch ein Volk mute Herr Tobler geraten. Herr Ingenieur Tobler! * * * * * Die Zeit machte einen unsichtbaren Schritt vorwrts. Auch in der Gegend von Brenswil blieben die Jahreszeiten nicht stehen, sondern sie hatten natrlicherweise zu tun, was sie anderorts auch tun mssen, sie vernderten sich, trotz des Herrn Tobler, der vielleicht wnschen mochte, die Zeit stillstehen zu sehen. Ein Mann wie er, dessen Geschfte nicht gingen, war der unbewute Feind alles dessen, was ruhig und gleichmig vorwrtsschritt. Der Tag oder die Woche ist solch einem Menschen stets entweder zu kurz oder zu lang, zu kurz, weil man die Krisis herankommen sieht, zu lang, weil man sich langweilt am Anblick des lahmen Geschftsganges. Ging die Zeit scheinbar schnell dahin, so murmelte Tobler, man komme zu gar nichts Gescheitem mehr seit einigen Tagen, und machte sie scheinbar langsame und bequemliche Schritte, so wnschte er sich ber die Berge in ein spteres Jahrzehnt versetzt, um alle diese ihn umgebenden Dinge nicht mehr anschauen zu mssen. Es fing an zu herbsteln, sich zu setzen, es stund irgendwo etwas still, die Natur schien sich manchmal die Augen reiben zu mssen. Die Winde wehten anders als bisher, wenigstens schien das oft so, Schatten huschten an den Fenstern vorbei, und die Sonne war eine andere Sonne geworden. Wenn es warm war drauen, so sagten ein paar Menschen, echte Brenswiler, sieh da, wie warm es immer noch ist. Man dankte fr die Milde, weil man einen Tag vorher, unter der Haustre stehend, gesagt hatte: Potz blitz, es fngt zu rumoren an! Hin und wieder runzelte der Himmel seine schne, reine Stirne, oder er zog sie sogar in Gramesfalten und -schleiern zusammen. Alsdann war die ganze Hgel- und Seegegend von grauen, nassen Tchern umhllt. Der Regen fiel schwer auf die Bume, was nicht hinderte, da man zur Post lief, wenn man zufllig ein Angestellter des Hauses Tobler war. Herr Martin Grnen schien sich um die schnen, sanften Wechsel der Jahreszeiten auch nicht viel zu kmmern, sonst wrde er kaum haben schreiben knnen, alles, was Tobler an Zahlungsverweigerungsgrnden ihm angebe, das berhre ihn gar nicht, und er beharre auf seiner Kndigung. Und wenn dann das schne Wetter wieder kam, wie glcklich konnte das einen berhren. Es waren vornehmlich drei Farben in der Natur zu sehen, ein Wei, ein Blau und ein Gold, Nebel, Sonne und Himmelsblue, drei sehr, sehr feine, ja sogar vornehme Farben. Man konnte dann fortfahren, drauen im Garten zu essen, man stund dann da so, lehnte sich gegen das Gitter und dachte darber nach, ob man das schon einmal, irgendwo in der Jugend vielleicht, knne gesehen haben. Die Wrme und Farbe waren eines geworden. Ja, sagte man, solche Farben ergeben eine solche Wrme! Die Gegend schien zu lcheln, der Himmel schien selber glcklich ber sein Aussehen geworden zu sein, er schien der Duft und der Inhalt und die liebe Bedeutung dieses Land- und Seelchelns zu sein. Wie das alles nur so liegen, stillsein und strahlen konnte. Wenn man ber die Seeflche hinaus schaute, fhlte man sich, man brauchte nicht einmal Gehlfe zu sein, von freundlichen, wohltuenden Worten angesprochen. Schaute man in die gelbliche Baumwelt hinein, so regte sich eine zarte Melancholie in einem. Sah man das Haus an, so mute man lachen, obschon die herrische Pauline gerade am Kchenfenster Teppiche brstete. Die Welt schien voller Musik zu sein. ber den Kronen der Bume erschienen wie ferne, verhallende Tne die blendend-leichten-weien Umrisse der Alpen. Man sah hin und empfand mit einem Mal das alles als unwirklich. Dann war's wieder anders. Andere Aussichten, andere Empfindungen! Auch die Gegend schien zu empfinden und ihre Empfindungen zu ndern. Das Empfundene verlor sich jedesmal in das allesbeherrschende Blau. Ja, alles war blau angefrbt und angehaucht. Und dazu diese Frische, dieses Rauschen von den Bumen her, in denen immer eine leise, khle Bewegung war. Konnte man da arbeiten, sich ntzlich erweisen? Ja, man spannte das Waschseil auf und half der Waschfrau einen Korb nasser Wsche aus dem Keller hinauf an das golden-blaue Licht der Erde tragen. So etwas zu tun ziemte sich an einem so schnen, bis in die letzten Winkel von Farben und Tnen durchzuckten, gleichsam hellgeschliffenen Tage. Und es gab eine ganze Reihe solcher Tage, wo man nur vom Bett aufstehen, sich zum Fenster hinauslehnen und mehrere Male hintereinander sagen mute: wie wundervoll! Ja, aus dem Sommerland war ein Herbstland geworden. Aber im Marschtempo der Toblerschen Geschfte war keine neue Wendung, keinerlei Umschwung, nicht einmal ein Seitensprung eingetreten. Die Sorge und die Enttuschungen gingen wie ermdete, aber an Zucht gewhnte Soldaten im Schritt vorwrts, sie erlaubten sich keine Abweichungen. Sie bildeten, Mierfolge und Aussichtslosigkeiten mithinzugerechnet, einen wohlgeordneten Marschzug, der sich langsam aber stetig vorwrtsbewegte, gradaus in das Kommende schauend. Tobler ging jetzt immer mehr auf Geschftsreisen, als wrde ihn der Anblick seines reizenden Hauses schmerzlich und vorwurfsvoll berhrt haben. Er besa ein Generalabonnement fr smtliche Bahnen auf ein volles Vierteljahr gltig, das er schlielich, da er es sich einmal angeschafft hatte, auch ausntzen mute. Wo wre denn da die gesunde Vernunft gewesen? Das Reisen als solches schien ihm berhaupt Vergngen zu bereiten. Dazu war er der Mann. Im Segelschiff auf den Zug zu passen, denselben womglich frs erste einmal zu verpassen, dann in den nchsten einzusteigen, eine gewichtige Geschftsmappe unter dem Arm, dann so zu fahren, in alle Welt hinaus, mit den Fahrgsten ein Gesprch zu beginnen, dem einen oder dem andern derselben eine Zigarre oder einen guten Stumpen zu offerieren, in einer fremden Gegend schlielich auszusteigen, mit flotten, lebenslustigen Leuten zu verkehren, bis in alle Nchte hinein in feineren Restaurants Unterhandlungen zu pflegen usw.: das war etwas fr ihn, das glich ihm und seinem Wesen, das lenkte ihn ab von unwrdigen Gedanken, das half ihm, sich wieder ein bichen er selber zu fhlen, das war wie sein Anzug, der ihm so prachtvoll sa. Was hatte er ntig, zu Hause zu sitzen, wo er doch einen Angestellten hatte, den er fttern mute? Kme ihm gerade noch recht! Da versauerte er noch gnzlich das bichen Unternehmungsgeist, das er noch hatte. Wrde dann nicht mehr viel fehlen und er konnte endgltig die Bude zuschlieen. Das fehlte noch: zu Hause sitzen und sich von den Brenswilergesichtern hhnisch anglotzen lassen. Nein, lieber dann gleich eine Kugel vor den Kopf. Das war dann noch vorzuziehen. Und so reiste er eben. Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die tglichen Lebensbedrfnisse angefangen, leise an die Fensterscheiben zu klopfen, eine Gardine hochzuheben, um gemtlich in das Interieur der Toblerschen Familie blicken zu knnen, an der Tr zu stehen, um jemand, der vorberging, an das Gefhl der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge interessierte sich jetzt schon ein bichen mehr als im Sommer. Sie stund einstweilen da und prfte das Terrain, im brigen verhielt sie sich still. Es gengte ihr, da man manchmal ihre Anwesenheit empfand, sie war hflich und vorsichtig. Eine Trschwelle, ein Fenstergesims, ein Pltzchen auf dem Dach oder unter dem Etisch, diese Orte schienen ihr vollkommen zu passen. Sie machte sich in keiner Weise wichtig, sie streifte mit ihrem kalten Hauch von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau Tobler, so da diese sich manchmal am heiter hellen Tag umdrehte, als ob jemand hinter ihr sei, als ob sie htte fragen sollen: wer hlt sich denn da hinter mir auf?-- Die paar Gelder, die dem technischen Geschft zuflossen, wurden sogleich, auf Anraten ihres Mannes, von der Hausfrau in Empfang genommen. Brot, Milch und Fleisch wollten doch tglich bezahlt sein. Man lebte und a wie immer, man sparte in keiner Weise an diesen Dingen. Lieber gar nicht leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn regelmig ausbezahlt, dagegen setzte man beim Gehlfen Verstndnis und Takt genug voraus, die Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe zu schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares Kind aus dem Volk. Einem Mann durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus den niederen Schichten des Volkes niemals, und der Angestellte begriff das. Die Knaben gingen wieder zur Schule, was fr die Mutter eine groe Erleichterung war, die sich nun fters an die milde, herbstliche Sonne auf die kleine Veranda begeben, und dort in einem sanft schaukelnden Stuhl liegen konnte. Der Traum besuchte sie da zuweilen und spiegelte ihr in angenehmen Farben vor, sie sei eine Herrin und eine von den freiesten und besten, welcher schnen Gaukelei sie jeweilen ein kurzes Viertelstndchen, nicht ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den Aufenthalt gestatten mute. Eines Tages rief sie den Gehlfen zu sich in die Veranda hinaus, sie mchte ihn gern etwas fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mdchen spielten im Wohnzimmer. Was das heute wieder fr schnes Wetter sei, bemerkte Joseph beim Betreten des Balkons. Die Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz anderes. An was denn? So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke sie seit ein paar Tagen bestndig daran, ob es nicht viel gescheiter wre, das Haus, wie es da sei, jetzt schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn die Schande des Zwanges, es zu verlassen, das fhle sie, komme ja doch langsam heran. Mit den Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts, sie glaube das jetzt bestimmt zu wissen. Wieso jetzt gerade? Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte Joseph, ihr frank und frei seine Meinung bezglich der Reklame-Uhr herauszusagen. Ich bin fest davon berzeugt, sagte er, da sie sich auf guten Wegen befindet. Man mu nur jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknpfungen mit weiteren Kapitalisten---- Ach, sagte sie eifrig, er solle doch schweigen. Sie sehe es ihm ja deutlich an, da er sich verstelle und ihr da Dinge sage, an die er selber nicht glaube. Das sei wenig schn von ihm. Was ihn denn veranlasse, zu glauben, sie knne den harten Ausdruck der Wahrheit nicht aushalten? Wenn er lgen wolle, so sei er ein ungetreuer und unanhnglicher Angestellter, dann glaube sie wirklich, es habe keinen weiteren Zweck, ihn noch lnger dazubehalten. Sie habe zu wissen verlangt, wie und was er denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine Meinung herauszusagen. Vor allem wnsche sie zu erfahren, ob der kaufmnnische Gehlfe ihres Mannes berhaupt fhig eines eigenen Gedankens sei. Er solle nur ruhig sitzen bleiben und ihr Red' und Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre kein ganz unbekanntes Ding sei. Joseph schwieg. Was das fr ein Betragen sei? Sie glaube auch noch das Recht zu haben, ihm einen Befehl erteilen zu drfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen hinuntergefallen sei? Platz wrde dort schon sein, Lcher seien genug darin. Was fr ein Stolz das sei bei so wenig uerer Ehre? Toblers Kleider stnden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle verschwinden, wohin er wolle, da sie ihn ja nur nicht mehr zu sehen brauche. Joseph war bereits weggegangen. Er ging um das Haus herum, sagte ein paar Worte zu Leo, dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich an den Schreibtisch. Den Stumpen anzuznden verga er beinahe, er erinnerte sich jedoch sehr bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen von diesen immer vorrtigen Rauchstengeln an. Das behagete ihn seltsam an und er konnte arbeiten. Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautre und sagte ruhig: Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber es war gut. Vergessen Sie was eben geschehen ist. Kommen Sie bald zum Kaffee. Sie schlo die Tr leise und ging wieder. Der Angestellte zitterte heftig. Es war ihm eine Unmglichkeit, die Feder in der Hand zu halten. Das Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster, Tische und Sthle schienen lebendige Wesen geworden zu sein. Er setzte den Hut auf und ging baden. Rasch noch vor dem Kaffeetrinken, dachte er. Und dieser Frau hatte er eine Strafrede Silvis wegen halten wollen. Welche Torheit! Das Glck und die Gesundheit selber baden nicht mit mehr Genu in den Wellen des Lebens, wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte auf seiner stillen, aber schon kalten Oberflche, die wie l dalag, so ruhig, so fest. Die Frische des Elementes lie den nackten Krper sich krftiger und lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm der Wrter laut zu: Nicht so weit hinausschwimmen, Sie da drauen. He! Hren Sie nicht? Joseph aber schwamm ruhig weiter, er frchtete nicht im geringsten, den Gliederkrampf zu bekommen. Er zerteilte und zerschnitt mit weiten Armbewegungen die nasse, schne Bahn. Aus der Tiefe des Sees hauchten ihn eiskalte Strme an: um so schner, und er legte sich auf den Rcken, die Augen zum wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er zurckschwamm, hatte er vor den Augen das von den Herbstfarben trunkene Land, das Ufer, die Huser. Alles lag da, eingehllt in einen seligen Farben- und Dfterausch. Er stieg aus dem Wasser und kleidete sich an. Beim Weggehen aus der Anstalt sagte ihm der ngstlich gewordene Wrter, er htte ihm wohl gehorchen, und auf seinen Mahnruf zurckschwimmen knnen; wenn ein Unglck passiere, sei er es, den man verantwortlich mache. Joseph lachte. Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr sagte, es htte ihn zu sehr gelockt, er habe halt dieses Jahr noch ein letztes Mal baden mssen. Sie saen im Gartenhaus. Unvergleichlich schmeckte Joseph das braune Getrnk nach dem Bad. Man msse wirklich jetzt die paar warmen Tage noch profitieren, sagte Frau Tobler. Sie fing an zu plaudern von ihrer Verheiratung, von ihrer frheren Wohnung. So ein eigenes Haus, wo man ein- und ausgehen knne, wie es einem beliebe, das sei doch etwas Reizendes und Ruhiges. Das fnde man vielleicht nicht so bald wieder---- Joseph unterbrach sie. Er sagte hflich: Frau Tobler, Sie werden sich wieder ereifern. Warum denken Sie immer an das? Ich mchte Sie darauf aufmerksam machen, da ich Ihr gehorsamer Diener bin. Doch wozu diese Reibereien? Hier stehe ich vom Tisch auf und gewrtige die Erlaubnis, mich wieder setzen zu drfen. Er war aufgestanden. Sie sagte, er solle sich setzen. Er tat es. Sie schwiegen eine Weile, dann kam ihr pltzlich die Laune, sich in die Reitschule zu setzen, und sie bat den Gehlfen, sie zu stoen und die Seile anzuziehen. Indem sie mit ihrem Brett hoch in die Luft flog und wieder hinuntersauste, rief sie, das gefalle ihr, und man msse jetzt noch ein wenig vom Garten profitieren. Bald kme der Winter und dann heie es nur zu herrisch: Zu Hause sitzen! Er mute sie jedoch bald aufhalten, da es ihr schwindlig zu werden drohte. Indem er das tat, atmete er gezwungenermaen den Duft ihres Krpers, den er einen Augenblick mit dem Arm umfassen mute, ein. Ihre Haare berhrten sein Gesicht. Diese vollen, langen Arme! Er ntigte sich, wegzusehen. Der Gedanke, ihren Hals zu kssen, durchzuckte ihn augenblicklich, aber er tat es nicht. Eine Minute spter dachte er mit Schaudern an diese einfache Mglichkeit, und er war sehr froh, dieselbe vernachlssigt zu haben. Sie saen wieder einander gegenber. Sie plauderte ausgelassen: Wie da in dem Haus, welches ihr Mann und sie frher bewohnt htten, ein junger Mensch ihr den Hof gemacht habe, ein so nrrisch verliebter Kerl -- nein, sie msse schon laut lachen, daran nur zu denken, geschweige denn, davon zu sprechen. Eines Nachts sei dieser junge, brigens besseren Kreisen angehrige Mann in ihr Schlafzimmer eingedrungen und habe sich, sie sei schon im Bett gelegen, davor niedergestrzt und ihr seine heie Sehnsucht gestanden. Sie habe ihm vergeblich entrstet zugerufen und ihm befohlen, sich sogleich zu entfernen. Der Mensch sei aufgestanden, aber nicht, um sich fortzumachen, sondern um sie zu umarmen. Noch jetzt, wenn sie sich in jenen frchterlichen Moment versetze, spre sie den Druck der Hnde, die sich um sie spannten. Sie habe natrlich um Hilfe gerufen, und da sei zuflligerweise -- und jetzt komme der lustige Teil der Geschichte -- ihr Mann gerade die Treppe hinaufgekommen. Er hrt nur die Schreie, strzt sich ins Zimmer, und da habe er den jungen Mann wirklich wst hergenommen. Den Stock, und der sei dick gewesen, habe er ihm auf Kopf und Schultern entzweigeschlagen, so da sie, die Ursache der Prgel, Tobler habe anflehen mssen, den Gegner, der ja auch gar kein solcher war, doch zu schonen. Ihr Mann habe denselben dann die Treppe hinuntergeworfen. Ich mu mich also in acht nehmen, sagte Joseph. Sie? Es hat nie ein verstndnisloseres Gesicht in der Welt gegeben, wie das, das Frau Tobler dem Gehlfen zeigte, als sie das sagte. Sie fing an, sich mit Dora zu beschftigen. Ob Joseph ihr einen Gefallen tun mge, wandte sie sich pltzlich an diesen. Auf der Post liege das etwas groe Paket, das ihr neues Kleid enthalte. Sie mchte es gar zu gern heute noch anprobieren. Ob es von dem Angestellten nicht zu viel verlangt sei, zu wnschen, er mchte das Paket herbeiholen? Es sei vielleicht zu mhsam, und Joseph habe womglich Wichtigeres zu tun. Nein, nein, er werde sofort gehen und es holen, sagte er, ganz glcklich darber, eine Ursache gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen zu knnen. Er lief sogleich weg und brachte nach einer halben Stunde den Karton ins Wohnzimmer der Villa Tobler. Die Frau war das vllige Selbstvergessen im ffnen der langersehnten Postsendung. Sie ging in ihr Schlafzimmer hinauf, um das Kleid anzuziehen, Pauline mute ihr behilflich sein. Gut, da der Herr nicht da war. Wie wrde der ber ihre freudige, frauliche Erregung gehhnt und geschimpft haben. Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das Wohnzimmer, angetan mit dem hochmodern zugeschnittenen Kostm. Es stand ihr prachtvoll. Sie wnschte von Joseph zu wissen, wie sie aussehe. Silvi, die kleine Botenluferin, mute den Gehlfen aus dem Bureau heraufholen. Dieser war erstaunt, Frau Tobler so schn zu finden. Akkurat wie eine Baronin, sagte er lachend. Nein, sagte sie, im Ernst, wie sehe ich aus? Vorzglich sehe sie aus, gestand er, und er erlaubte sich hinzuzufgen: Ihre Figur tritt sehr gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich gar nicht mehr wie Frau Tobler aus, sondern wie eine seeentstiegene Nixe. Fr Brenswiler-Augen drfte das Kleid beinahe zu schn sein. Aber schlielich verdienen diese Leute auch, da sie erfahren und sehen knnen, was hauptstdtische Schneiderinnen zu leisten vermgen. Stoff und Form dieses Kostms sind derart, da man meinen mchte, der Stoff selber habe zu der Form den Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die Form selber diesen schnen Stoff erwhlt zu haben. ber diese Rede war Frau Tobler ganz glcklich. Sie mochte in Geschmackssachen ein wenig unsicher sein. Sie sagte lchelnd, sie getraue sich nicht, in diesem Aufzug ber die Gassen von Brenswil zu gehen, sie wolle daher das Kleid nur tragen, wenn sie gelegentlich in die Stadt fahre. * * * * * Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank stutzte immer mehr. Der Ton, in welchem die Kassenbeamten der Brenswiler Bank mit Joseph etwas besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drckte nicht mehr nur Erstaunen, sondern auch herablassendes Mitleid aus. Schlimm steht es bei euch da oben auf eurem Hgel, sagte dieser Ton. Erinnerungen und Ermahnungen, nun doch endlich zu zahlen, liefen tglich per Post im Abendstern ein. Nichts war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die fortlaufend geraucht wurden. Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden, bis auf einige Kleinigkeiten, die Tobler spter machen lassen wollte, sobald es mit ihm wieder einigermaen besser stnde. Die Bauunternehmer reichten ihre Rechnung ein, sie belief sich auf ungefhr tausendfnfhundert Mark, eine Summe, wie man sie in der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht mehr beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus der Erde graben? Den Leo nchtlich auf einen lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab es im zwanzigsten Jahrhundert leider nicht mehr. Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens wieder ein kleines Fest feiern konnte. Es wurden Karten versandt an sieben angesehene Mnner des Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nchtlichen Grottenfest an, die brigen vier waren, wie man sich zu entschuldigen pflegt, verhindert. Das tat brigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer erschienen, desto mehr bekam jeder dieser Wenigen zu trinken. Es befanden sich noch einige Flaschen ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der sollte jetzt verknallt werden. Eine wrdigere Gelegenheit wrde sich nicht so rasch wieder bieten. Die drei Mnner, ein Spezereihndler, der Segelschiffwirt und ein Versicherungsagent, kamen eines Abends bei strmischem Wetter, zu der festgesetzten Zeit, an. Alsogleich begab man sich in die Feengrotte, ein hhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes und tapeziertes Ding, lnglich wie ein greres Ofenloch, etwas zu niedrig, so da die Besucher mehr als einmal die Kpfe anstieen. Ein Tisch wurde in diese Grotte gestellt nebst ein paar Sthlen, die der Gehlfe und Pauline herbeischleppten. Eine Lampe war die Beleuchtung. Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles, feuriges Getrnk in die Glser ergo, worauf er ber die kostenden und schmeckenden und schnalzenden Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So lange noch ein solches Weinlein im Hause sei, so ---- Tobler hielt in seiner Ansprache inne, zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen blitzenden Blick aus seiner Frau Augen. Ja, da hatte er vor drei heimlichfeien Brenswilern eine Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes Gemt von einem Mann. Die Unterhaltung wurde immer frhlicher und ungezwungener. Recht unfeine Witze, die in Gegenwart dreier Damen (die Parketteriedamen waren auch da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von Mund zu Mund, aufgefangen von laut lachendem Verstndnis. Nur Joseph lachte nicht viel. Ob er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn. Er solle nur trinken, dann werde er schon munter werden. Die Sorgen lgen auf dem Grund der Glser, und man msse kurzen Proze machen und sie austrinken. Wo Pauline sei? Die solle den Neuenburger auch zu versuchen bekommen. Frau Tobler sagte, das sei nicht ntig, aber der Ingenieur bestand darauf. Geschichten von der anzglichsten Sorte wurden zum besten gegeben. Die drei Brenswiler erwiesen sich als Meister in der komischen Wiedergabe derselben. Wrde Tobler fr jedes Lachen, das an diesem Abend erschallte, einen Hundertmarkschein bekommen haben, so wre er ber Nacht ein wahrhaft frstlich reicher Mann geworden, hundertmal wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen Schlag zu tilgen. Aber das Gelchter trug nichts ein, es verhallte an den Wnden der kleinen Grotte, es belustigte blo, aber bereicherte nicht. Auf das Gelingen deiner Unternehmungen, Tobler! sprach der Segelschiffwirt, indem er ein volles Glas hochhob. Hierdurch gerhrt und verletzt schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede auf: Das will ich auch hoffen! Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine Ideen setzt, so gibt es immer im weiten Umkreis der Menschen Geschwtze, die dieses Mannes Werke verleumden und herabsetzen. Dieser Mann aber steht hoch ber diesen Verdchtigungen. Er ist ein Unternehmer und als solcher verpflichtet, nicht nur etwas, sondern alles zu wagen. Das Wagnis, meine Herren, sieht khn, aber es sieht auch oft prahlerisch und lcherlich aus, weil es die einzig dastehende und bestndige Aufgabe hat, niemandes Urteil zu scheuen. Was will das Wagnis in der Dachstube, im Laboratorium, im Heft, auf dem Zeichentisch tun? Es entsteht an diesen Orten, aber wollte es da bleiben, wo es entstanden ist, so wre es eine bloe, genuschtige Trumerei. Hinaus an das Licht der Welt mu es. Es mu sich zeigen, es mu die Gefahr, lcherlich und unbrauchbar befunden zu werden, besiegen, oder es mu von dieser Gefahr erdrckt werden. Was ntzen der Welt die klugen Kpfe, wenn sie im Verborgenen dahinleben, was ntzen die bloen Erfindungen? Eine Erfindung ist eine Arbeit aber kein Wagnis, ein bloer hoher Gedanke rttelt nicht das Kleinste am bestehenden Bau der Welt. Die Ideen mssen sich verwirklichen, die Gedanken streben nach der Verkrperung. Hierzu braucht es des khnen und unerschrockenen Mannes, des gesunden und starken Armes, der festen und treuen Hand. Eines Fues, der, wenn es ihm endlich, nach vielen Widerwrtigkeiten, gelingt, Boden zu fassen, diesen Boden nicht bald wieder verlassen wird. Eines Herzens, das Strme ertrgt, einer, mit einem Wort, mnnlichen Seele. Es ist nicht gesagt, da dieser Mann glcklich ist, sobald er seine Unternehmungen vom duftenden und rauschenden Erfolg gekrnt sieht, er erstrebt keine persnliche Macht, er hat nur erreicht, was ihn, wenn er es nicht erreicht htte, wrde erstickt haben. Seine Idee will etwas erreichen, nicht er, seine Idee will aber dafr auch alles erreichen. Eine Idee stirbt oder sie siegt. Mehr habe ich nicht zu sagen. Auf diese ziemlich romantisch gefrbte Rede lchelten die stillen, schlauen Brenswilerherren mit erzwungen zugepreten Lippen. Frau Tobler war im hchsten Grad ngstlich geworden. Das Frulein aus der Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende, lauschende Umgegend zu verkrpern, so sehr mit offenem Mund sa sie da. Die alte Dame verstund kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen seiner Herrin, und er war zugleich mit ihr froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues volles Glas Neuenburger herunterzustrzen. Seine Rede hatte ihn beinahe strker mithergenommen als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder alle. Der flchtig sich in die Grotte verlorne Ernst verflog wieder. Es wurde ein Jaß« beschlossen. Toblers Augen glnzten wieder ganz genau so fiebrig wie in jener vergangenen Sommernacht, in der die Raketen zu Dutzenden aufgeflogen waren. Ja, fr Feste jeglicher Sorte pat er prachtvoll, dachte Joseph. Am nchsten Morgen schwammen etliche Pfropfen im Teich herum, nebst ein paar gelber, vom gestrigen Sturm hier herber gewehter Bltter. Es regnete. Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus. Joseph stand im Garten: welch ein Anblick! Aber er verbot sich die Stimmung, die ihn ergreifen wollte und zwang seinen Gedanken eine alltglich-praktische Richtungnahme auf. Geschfte im bejahenden und erwerbenden Sinne gab es immer weniger zu erledigen. Das Hauptgeschft bestund nur noch im Abwehren der Glubiger, die anfingen, von allen Seiten her, und in immer schrofferer Weise, zu drngen, und im Verzgern und Verschieben der Notwendigkeit, mit Geld herausrcken zu mssen. Geld, Geld, das mute herbeigeschafft werden mit allen noch zur Verfgung stehenden Mitteln, aber der Mittel und Wege, dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend wenige, und die paar wenigen Wege waren durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines dieser noch mglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem gemeinen und schamhaften und heimlich betriebenen Anpumpen privaten Charakters. Auf seinen Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder einen Bekannten an, dem gestand er entweder die nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er schwindelte ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und verstund es auf diese Weise, hie und da Geld, Summen geringen Umfanges, herauszuerwischen. Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat- oder auf Haushaltungskonto zu buchen. Grundstzlich hatte Joseph seine Bureaustunden inne zu halten, aber in Wahrheit gab es im Bureau kaum noch etwas Reelles und Vorwrtsfhrendes zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch berhaupt da zu sein. Eines Morgens lie der Gehlfe aus Vergelichkeit die Bureautre offen stehen beim Weggehen nach der Post. Als er zurckkam, gab es eine Szene: Tobler sagte heftig, Unordnung brauche deswegen, da kein Geld da sei, noch lange nicht einzureien. Das verbitte er sich. Wenn auch keine Barschaften zu entwenden seien, so knne doch jemand, sei es der Briefbote, sei es ein anderer, durch die offene Tre, unangemeldet, ohne da ein Mensch im Hause es merke, eintreten und in den Bchern und Papieren herumstbern. Joseph gab zur Antwort, es werde wohl Pauline gewesen sein, die die Tre habe offen stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets streng auf Ordnung. Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja diejenige, die ihn wegen dessen verklagt habe, was er, erstaunlich unverschmterweise, nun auf sie schieben wolle. Er schiebe berhaupt immer alles auf Pauline. Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul, sagte der in der Schlinge Gefangene. Tobler gebot ihm zu schweigen. Das waren Tage, das, nasse und strmische, und doch war ein eigener Zauber dabei. Das Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmtig-gemtlich. Die Nsse und Klte drauen machten die Zimmer freundlicher. Man heizte jetzt schon. Durch das neblige Grau der Landschaft brannten und leuchteten fiebrig die gelben und roten Bltter. Das Rot der Kirschbaumbltter hatte etwas Glhendes und Wundes und Wehes, aber es war schn, das vershnte und erheiterte wiederum. Oft erschien das ganze Wiesen- und Baumland in Schleier und nasse Tcher eingehllt, oben und unten und in der Ferne und Nhe alles grau und na. Wie durch einen trben Traum schritt man durch das alles hindurch. Und doch drckte auch dieses Wetter und diese Art Welt eine geheime Heiterkeit aus. Man roch die Bume, unter denen man ging, man hrte reifes Obst in die Wiese und auf den Weg fallen. Es schien alles doppelt und dreifach still geworden zu sein. Die Gerusche schienen zu schlafen oder sich zu frchten, zu tnen. An den frhen Morgen und spten Abenden drang ber den See der langdahingeatmete Ton der Nebelhrner, die einander da drauen, Schiffe ankndigend, das warnende Signal gaben. Sie erklangen wie Klagelaute von hlflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug. Dazwischen gab es einmal wieder einen schnen Tag. Und Tage gab es, echt herbstliche, weder schne noch wste, weder besonders freundliche, noch besonders trbe, weder sonnige, noch dunkle Tage, sondern solche, die ganz gleichmig licht und dunkel blieben von Morgens bis Abends, wo vier Uhr nachmittags dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags, wo alles ruhig und mattgolden und ein bichen betrbt da lag, wo die Farben still in sich selber zurcktraten, gleichsam fr sich sorgenvoll trumend. Solche Tage, wie liebte sie Joseph. Alles kam ihm dann schn, leicht und vertraut vor. Diese leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos, beinahe gedankenlos. Es war dann vieles nicht schlimm, vieles nicht mehr schwer, was ihm vorher schlimm und schwerfllig erschienen war. Eine angenehme Vergelichkeit trieb ihn an solchen Tagen die hbschen Dorfstraen entlang. Die Welt war ruhig, gelassen und gut und gedankenvoll anzusehen. Man konnte berall hingehen, es blieb immer dasselbe blasse und volle Bild, dasselbe Gesicht, und das Gesicht blickte einen ernst und zart an. Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen Aufruf: Geld her! ein neues Inserat Fabrikbeteiligung gesucht in die Zeitungen gedruckt. Die kleinen Geschftsleute des Dorfes hatten Geld haben wollen, waren aber abgewiesen, und auf sptere Zeiten vertrstet worden. Im Dorf wurde infolgedessen laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die Frau wagte sich kaum noch recht in die innere Ortschaft, sie frchtete, beleidigt zu werden. Die hauptstdtische Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung des Preises fr das angefertigte Kleid. Der Betrag belief sich auf rund hundert Mark, eine dem Frauengedchtnis nur zu gut sich einprgende Summe. Schreiben Sie ihr, sagte Frau Tobler zum Gehlfen. Es war eben ein Fa jungen Weines oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal wurde auch jetzt noch nicht im Hause gelebt, das verbot der natrliche Frohsinn, der sich gerade jetzt wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor Speckers, die seit drei Wochen ihre Besuche aufgegeben hatten. Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau Berta Gindroz, einer Franzsin: sie solle geflligst noch ein wenig Geduld haben. Momentan sei eine Berichtigung nicht gut mglich. Frau Tobler sei brigens mit der Arbeit nicht ganz so zufrieden wie frhere Male, indem das Jpon zu eng geraten sei, dasselbe drcke sie unter den Armen. Auf alle Flle mchte Frau Gindroz betreffs der Zahlung nur ruhig sein. Man knne zurzeit nur nicht gut den Herrn wegen dieser Sache angehen, Herr Tobler sei mit Geschften und Sorgen zu sehr berladen. Ob das Kleid nicht wohl erst noch msse gendert werden? Man erwarte hierber Bescheid und man bitte, davon berzeugt zu sein, usw. Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein Geschftsherr seine zahlreichen Korrespondenzen zu unterschreiben pflegt. Der ganze Garten lag voller abgefallener und zugewehter Bltter, da machte sich der Angestellte eines Nachmittags dahinter und fing an aufzulesen, zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen, was er vermochte. Der Tag war kalt und finster. Groe, unbestimmbare Wolken lagerten dster am Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und sich nach dem edlen, heiteren Sommer zurckzusehnen. Die Bume in der Umgebung waren jetzt ganz kahl geworden, ihre ste waren schwarz und na. Der Bahnwrter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nhe, er war ein freundlicher, bescheidener, zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er kam nun heran und half Joseph Bltter auflesen, indem er sagte, was in guten und bessern Tagen recht gewesen sei, das sei nun wohl in schlimmen Zeiten nichts als nur billig. Er habe manches Gute von Herrn Tobler genossen. Derselbe habe ihm etwa manche Zigarre gegeben und manches hbsche Trinkgeld, so she er nicht ein, weshalb das immer so andauern mte, und er sei jedenfalls einer von denjenigen Brenswilern, die es gut mit dem allezeit freigebig gewesenen Ingenieur meinen. Bald war der ganze Garten gesubert. Auch schon wieder eine Arbeit erledigt, sagte lachend der Bahnwrter. Ja junger Herr, es gibt mancherlei Sorten Beschftigungen, und in allem, was man mit aufrichtigem Bemhen tut, kann ein Stck Ehre liegen. Wenn Sie mir jetzt ein paar von Herrn Toblers Stumpen zum Rauchen geben wollen, so ist mir das nicht unwillkommen. Bei dieser Witterung kann man einen glhenden Stengel schon vertragen. Frau Tobler lie dem Mann einen halben Liter Sauser geben. * * * * * Der Aktienbierbrauerei Brenswil wurde betreffs Besetzung einer Anzahl Felder oder Flgel der Reklame-Uhr Offerte gemacht. Die Firma schlug ab, spter vielleicht! Das war ein neuer, peinlicher Mierfolg, der Tobler veranlate, den Briefbeschwerlwen zu Boden zu schmettern, wo er in Stcke flog, die der Gehlfe aufhob. Gleichzeitig wurde auf das technische Bureau ein neues Zahlungsforderungsgeschtz gerichtet. Die Kanonenkugel verletzte zwar niemanden, aber sie reizte, rgerte und vermehrte die Unruhe. Das war niemand anderes als der frhere Agent und Reisende Toblers, ein gewisser Herr Sutter, der jetzt per eingeschriebenen Briefen daherzutraben kam, um die rckstndigen Gehlter und Provisionen, die sich auf die Konzessionserwerbungen fr die Reklame-Uhr bezogen, einzufordern. Tobler wrde diesem Menschen am liebsten zurckgeantwortet haben: Du kannst mir in der Gegend von Genua in die Schuhe hineinblasen, du Narr, was du bist, aber er mute vernnftigerweise auch diese neue, unangenehme Schuldforderung anerkennen und schrieb dem Mann: ich kann nicht bezahlen! Geduld! Herr Tobler sah sich gentigt, von allen seinen Mitarbeitern, Lieferanten und Mitmenschen Geduld zu verlangen, gleichsam so: Habt Geduld, ich, Tobler, meine es ehrlich und aufrichtig. Ich bin so unvorsichtig gewesen und habe mein gesamtes Barvermgen in meine Unternehmungen geworfen. Treibt mich nicht bis zum uersten. Ich ordne meine Verpflichtungen, ich kann noch erben, ich besitze noch Ansprche auf ein mtterliches Erbteil. Auch habe ich ein neues Inserat, Kapitalien gesucht, in die Zeitungen, die die Welt bedeuten, rcken lassen. Der Kopf schwindelt mir zwar ein wenig, aber usw.-- Wegen des zu erwartenden Erbteiles unterhandelte jetzt Tobler mit seinem Advokaten, an welchen man jeden Tag Briefe und Postkarten schrieb. Das erste Schtzenautomaten-Exemplar war inzwischen fertig geworden, es funktionierte in der Tat glnzend und erweckte frhliche Hoffnungen. Diesem Automaten, meinte sein Erfinder, bleibe es womglich noch vorbehalten, die Reklame-Uhr und das darin geworfene Vermgen zu retten. Der Hilfsmechaniker lud Joseph eines Tages ein, das fertige Werk zu besichtigen, und dieser folgte der Aufforderung gerne, umsomehr als der Herbsttag schn und mild war. Er machte sich zu Fu auf und spazierte gemchlich gegen das eine gute Stunde weit entlegene Nachbardorf zu, rechts zur Begleitung der in die Hhe schieende Wald, links der ruhige See, so lie es sich ganz gut in Geschften die Landstrae entlang gehen. In der Ortschaft angekommen, erkundigte er sich nach der mechanischen Werksttte, fand sie nach vielem Suchen in den durcheinander gekneteten und gebauten Dorfgassen und stand nun vor dem elegant mit Dekorationsfarben angemalten Schtzenautomaten. Der Hersteller desselben, indem er Joseph dartat, wie glatt und geruschlos das Ding lief, brummte, nun erwarte man aber auch von Herrn Tobler eine angemessene Entlhnung, oder man drfe, meine man, eine solche gewrtigen, nachdem man doch, was aber Tobler nur nicht anerkennen wolle, die Hauptsache am Werk getan habe. Mit Springen, Befehle erteilen und Umherreisen sei eine Sache eben noch lange nicht in Wirklichkeit im Gang. Dazu bedrfe es der Hnde, die auch tatschlich arbeiten. Ja, Joseph solle nur seinen Chef davon unterrichten, wie man hierorts die Sachlage auffasse, es knne nicht schaden, wenn Tobler es wisse. Joseph schwieg zu allen diesen unzufriedenen Auslassungen und trat bald den Heimweg wieder an. Zu Hause rief man ihm schon von Weitem entgegen, es warte ein Herr unten im Bureau auf Herrn Joseph Marti. Es war der Verwalter des hauptstdtischen Stellenvermittlungsbureaus, der Mann, dem der Gehlfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar verwilderter Herr, der aber, wie es schien, die demtigsten und sanftesten Manieren hatte. Die Herren begrten sich gegenseitig freundschaftlich, beinahe brderlich, obschon ein bedeutender Altersunterschied sie trennte. Das gleichsam zerzauste und zerfetzte Gesicht des Verwalters lie Joseph an lngst berstandene Dinge denken. Eine armselige Schreibstube tauchte vor seinen inneren Augen auf, sich selber sah er dort an einem Pult sitzen, dann sah er den Herrn Tobler zur Tr eintreten, den Verwalter vom Platz aufstehen, wie er sich umguckte nach dem passenden Menschen, der diesem Herrn Tobler dienen konnte. Wie weit das alles schon zurcklag. Was denn den Herrn Verwalter nach Brenswil hinaufgefhrt habe? Der ltliche Mann, indem er sich im Bureau nach allen Seiten umschaute, sagte, er komme vor allen Dingen lediglich aus bloem Interesse, damit er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es, wie es scheine, Joseph gefalle. Es sei heute in der Schreibstube gerade ein schlfriger Tag gewesen, keinerlei Auftrge, da habe er sich eben in den Zug gesetzt und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber ganz nur neugierdehalber komme er auch nicht, er verbinde gerne mit dem Genuvollen das Ntzliche und Notwendige, und so mchte er sich denn die Frage erlauben, warum ihm bis heute noch nicht einmal, trotzdem er wiederholt Mahnbriefe geschrieben habe, der Betrag, den die bliche Vermittlungsgebhr ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine Briefe und Mahnungen nicht eingetroffen seien? Ja, die sind angekommen, aber es ist kein Geld da, Herr Verwalter, antwortete Joseph. Wie? Und nicht einmal fr einen so geringen Betrag? Nein! Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche Augen und frug, ob Herr Tobler zu sprechen sei. Joseph sagte: Herr Tobler ist whrend all dieser Tage fr Menschen, die Geld von ihm haben wollen, unter keinen Umstnden zu sprechen. Hiefr bin ich da, sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen Moment, bitte, setzen, Herr Verwalter. Sie werden sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder gehen. Bei aller Hochschtzung vor Ihnen bin ich gezwungen, Ihnen zu sagen, da man hier im Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau wie Herr Tobler haben mir den bestimmten Befehl erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gesprche einzulassen, sondern sie khl abzuweisen. Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals, als ich Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der Schreibstube adieu sagte, um mich nach Brenswil zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen und fleiigen Mann zu erweisen, damit man mich brauchen knne und mich nicht nach einem halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder fortjagen msse. Sie sehen, ich bin heute noch da, ich scheine mich also zu bewhren. Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhltnisse hineingefunden, und ich glaube, ich passe in diese Verhltnisse. Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt? fragte der Verwalter. Der Gehlfe sagte: Nein, und das gehrt allerdings zu den Punkten, die mir nicht recht gefallen. Ich habe hierber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe auftun wollen, um meinen Vorgesetzten an diese, wie ich wohl habe empfinden mssen, fr ihn nicht gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der Mut, zu reden, vergangen, und ich habe dann jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es! Und ich lebe ja, auch ohne Gehalt, heute noch. Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie gut zu essen? Ausgezeichnet! Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter, nach allem was gesprochen worden sei, nichts anderes brig, als Herrn Tobler auf gerichtlichem Wege zu betreiben. Tun Sie das, sagte Joseph. Der Verwalter griff nach dem abgeschabten Hut, schaute den Gehlfen vterlich an, gab ihm die Hand und ging. Joseph nahm ein Stck Papier zur Hand und schrieb, da er sich weiter mit nichts Wichtigerem beschftigt sah, folgendes darauf: Schlechte Gewohnheit. Eine solche ist das Bedrfnis, gleich alles zu bedenken, was mir Lebendiges vorgekommen ist. Das kleinste Begegnis erregt in mir eine sonderbare Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen, der mir um der Erinnerungen willen, die mit seiner alten, armen Gestalt verbunden sind, lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas vergessen, verloren, oder nur liegen gelassen zu haben, als ich in sein Gesicht schaute. Ein Verlust prgte sich sogleich meinem Herzen ein und ein altes Bild meinen Augen. Ich bin vielleicht ein etwas berspannter, aber ich bin auch ein genauer Mensch. Ich empfinde die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen Dingen peinlich gewissenhaft, und nur ab und zu mu ich mir wohl oder bel gebieten: Vergi das! Ein einziges Wort kann mich in die ungeheuerste und strmischste Verlegenheit setzen, ich bin dann von dem Gedanken an dieses scheinbar Winzige und Nichtige erfllt, durch und durch, whrend die Gegenwart, wie sie treibt und lebt, fr mich unerklrlich geworden ist. Diese Momente sind eine schlechte Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte Gewohnheit, das was ich da mache, Gedankenaufnotieren. Ich gehe jetzt zu Frau Tobler. Vielleicht hat sie eine Arbeit huslichen Charakters fr mich.-- Er warf das Geschriebene in den Papierkorb und verlie das Bureau. In der Tat harrte seiner eine husliche Arbeit, die darin bestand, die fr den Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer hinunter in den Keller zu tragen, wo sie geputzt und gewaschen werden muten. So zog er denn gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster hinunter. Frau Tobler war erstaunt ber seinen feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die inzwischen putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den man ein bichen zu allem brauchen knne. Sie hngte dem Lob eine Lehre an und bemerkte mit ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die Welt immer unsicherer und vernderlicher werde, beinahe notwendig, da junge Leute lernten, sich in alles zu schicken. Ein Schaden sei es fr einen jungen Mann jedenfalls nicht, wenn er auch mit den verachteten und geringen Dingen umzugehen wisse. Nachdem die Fenster gewaschen waren, muten sie in die Zimmer getragen, und in die richtigen Fensterffnungen ordentlich hineingehngt werden. Frau Tobler ermahnte den Gehlfen zur Vorsicht, stund dabei und sah ein wenig ngstlich seinen Aushnge-Bewegungen zu, die ihr manchmal zu khn vorkamen. Wie gut dieser Frau der Ausdruck des Bangens steht, dachte der Fensterarbeiter und war sehr zufrieden mit sich. Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit von ihm, da er zufrieden, ja glcklich war, sobald es ihm vergnnt wurde, krperlich zu arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist, die bessere Menschenhlfte, so ungern an? War er zum Holzhauer oder zum Kutscher geboren? Htte er in Urwldern oder auf Meerschiffen als Matrose leben sollen? Schade, da es in der Nhe von Brenswil keine Blockhuser zu bauen gab. Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das ist brigens nicht so rasch irgend ein gesundgeborener Mensch. Aber er hatte so etwas Krperbevorzugendes an sich. In der Schule, er erinnerte sich fters lebhaft daran, war er ein guter Turner. Er liebte das Gehen ber Land, das Steigen auf Berge, das Abwaschen von Kchengeschirr. Er hatte letzteres zu Hause als Knabe getan und dabei seiner Mutter Geschichten erzhlt. Arme- und Beinbewegungen empfand er als etwas Kstliches. Das Baden in kaltem Wasser war ihm lieber als das Nachdenken ber hohe Dinge. Er schwitzte gern, das lie unter Umstnden tief blicken. War er der geborne Ziegelsteintrger? Htte man ihn an einen Karren spannen sollen? Herkules war er jedenfalls nicht. Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte, aber er machte zu gern Pausen im Denken. Als er eines Tages mitten im Dorf Brenswil einen Mann sah, der Scke schleppte, dachte er sogleich, das tue er auch, sobald Tobler ihn fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und jetzt ist es Herbstende und man hngt Vorfenster an. Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen Wein zu trinken. Auch war es schon Nacht und Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war sehr lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon lngst mit Essen fertig geworden waren. Der Mann der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter, fand sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas Sauser ein, er setzte sich mit an den Tisch, und bald gab er ein frhliches Lied zum besten. Es wurde ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die andern tranken viel. Zu Bett mit euch, Kinder! rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline trug Dora auf dem Arm von einem zum andern, um gute Nacht zu sagen. Die Waschfrau bewies, da sie ein drolliges, schnelllufiges Mundwerk hatte, sie erzhlte in einem fort Dorfgeschichten, Liebes- und Schauergeschichten. Der Mann fing wieder an zu singen. Seine Frau wollte es ihm verbieten, denn was er sang, war sehr frei, aber Frau Tobler sagte, er solle nur singen, was ihm einfalle, die Kinder seien ja jetzt fort, und ihnen andern allen knne ein ausgelassenes Wort nicht viel schaden, sie selber hre so etwas auch gern einmal an. Der Zauber des Weines legte dem schwrzlich anzuschauenden, einugigen Gesellen tolle Reimereien auf die Lippen. Es wurde unbndig gelacht, am meisten von Frau Tobler, die profitieren zu wollen schien, da sie in den letzten Wochen zu ihrem Kummer fast gar keine Geselligkeiten genossen hatte. Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute abend Gesellschaft leisteten, so waren es doch fidele. Arme Leute, aber aufrichtig fhlende. Auerdem empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus welchem Grunde, das Bedrfnis, einmal recht ausgelassen zu sein, derart, da sie Vergngen fand, die Glser immer wieder neu zu fllen, bis es Mitternacht wurde. Joseph war betrunken, er lallte und war nahe daran, unter den Tisch zu sinken. Die andern hielten sich besser. Frau Tobler hatte sich berhaupt mehr dem Genu des Gesprches und des Lachens hingegeben als dem des Trinkens. Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel vertragen zu knnen. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf, um in sein Zimmer zu gelangen, als Tobler erschien mit der rgerlichen Frage, warum wieder einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im Garten drauen sei es stockdunkel, da knne einer ja Arm und Beine brechen. Er sah, was im Wohnzimmer vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft waren aufgestanden. Ein wenig spter sagten die Leute schchtern gute Nacht und gingen. Was das fr eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler seine Frau. Diese konnte nur noch lachen und deutete mit dem Finger auf den Angestellten, der mit der einfachen Schwierigkeit kmpfte, die Treppe emporzugelangen. Der Herr war mde, so sagte er nicht viel. Gesausert war worden, es war ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen. Am andern Morgen stand Joseph etwas frher auf und arbeitete extra fleiig, er empfand Gewissensbisse und frchtete sich vor der Begegnung seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein Ohr abgerissen noch flog etwas um seinen Kopf herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher als je, ja, er machte sogar Witze. Im Laufe des Tages gestand der Gehlfe Frau Tobler, da er sich gefrchtet habe. Sie schaute ihn gro an, als begreife sie irgend etwas an ihm nicht und sagte: Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit und Khnheit, Joseph. Auf die schmalen Gesimse zu treten und mitten im Sptherbst in den See hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten Furchtgedanken. Auch eine Frau knnen Sie beleidigen, ohne stutzig zu werden. Wenn es aber gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz unschuldigen Fehler zu vertreten, so frchten Sie sich. Da ist man ja wahrhaftig gezwungen, anzunehmen, entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder aber, Sie hassen ihn heimlich. Was soll man glauben? Was soll ein so scharfausgeprgter Respekt eines Mannes vor einem andern Mann bedeuten? Gerade jetzt, wo es um die uere Weltlage Toblers schlecht steht, mu es einen wundern, Sie diesen Mann in so zarter Weise hochachten zu sehen. Ich bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind Sie groherzig? Sind Sie ein Niedriger? Gehen Sie arbeiten. Ich soll nicht heftig werden und bin es doch Ihnen gegenber. Und frchten Sie sich in Zukunft nicht mehr vor meinem Mann, er hat noch keinem Menschen den Kopf abgebissen. Das war im Wohnzimmer gesprochen worden. Etwas spter berraschte Joseph die Frau oben an der Tre ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe zufllig offen stehen lassen, im Neglig. Sie stand, ohne an etwas zu denken, mit entblten Armen neben dem Waschtisch und war mit dem Ordnen der Haare beschftigt. Als sie Joseph hrte und sah, stie sie einen Schrei aus und warf die Tre zu. Welche herrlichen Arme! dachte der Gehlfe und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben auf dem Boden etwas aus altem Germpel hervorzusuchen. Statt das was er suchte, fand er ein Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich nicht mehr benutzt wurden. Er schaute diese hohen Stiefel unverhltnismig lange an, bis er in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit. Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug Wsche in der Hand, die sie hier oben abzulegen hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete ihn, als ob sie ihn berhaupt noch nie gesehen htte. Was fr ein Kind! Dann legte sie ihre Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stberte sie, und zwar scheinbar ohne viel Vernunft, in einer offenen Kiste herum und richtete an den ihr zuschauenden jungen Mann allerhand unverstndliche Fragen. Silvis Anblick wurde demselben rasch unertrglich und er ging hinunter. Im Bureau: Frau Tobler wundert sich ber mein Betragen. Dagegen mchte ich mich fast ber das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu, solche Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbstndige Frau, die Mutter Silvis? Gleich werde ich gehen und es ihr ins Gesicht hineinsagen, was fr eine Rabenmutter sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte des Hauses Tobler. Dieses Haus aber wankt, mag denn auch meine Lebensstellung wanken. Neben der Wohnzimmertre stand Frau Tobler und sprach mit groer Erregung ins Telephon hinein. Offenbar handelte es sich wieder einmal um eine unangenehme Sache. Ihr Rcken zitterte und die Schultern hoben und senkten sich strmisch. Sie sprach streng und gebieterisch. Sollte der andere Sprecher ein unverschmter Glubiger sein? Ihre Stimme klang so hoch, da sie in den eigenen Tnen und Bndern zu zerreien drohte. Endlich war sie fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie schmerzvolles Gesicht. Sie hatte whrend des Sprechens geweint. Wer war das? fragte er. O, sagte sie, der Bauunternehmer, der, der die Grotte gemacht hat. Er will Geld. Ich habe ihn aber, wie Sie soeben werden gehrt haben, in die Schranken zurckgewiesen. Sie sagte nicht, in was fr Schranken. Aber ob sie es nun gesagt oder nicht gesagt hatte, jedenfalls hatte der Gehlfe nicht mehr den Mut, sie eine Rabenmutter zu schelten. Er htte auch ebenso gut ans Telephon gehen knnen. Ob er es denn nicht klingeln gehrt habe? Nein? Dann solle er doch immer die Bureautre ein wenig offen stehen lassen, dann werde er es schon hren. Joseph hatte es ganz gut klingeln gehrt, aber er war zu trge gewesen und er hatte gedacht: Die kann jetzt auch einmal telephonieren. Das schadet dem Hochmutston nichts. Walter kam und erzhlte, wie Edi, sein Bruder, einem Brenswiler Herrn die Zunge ausgestreckt, und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in des Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen, er sei aber berrascht worden und habe eine Ohrfeige gekriegt. Aus der Ferne habe dann Edi dem Mann allerhand Schimpfwrter nachgerufen. Das msse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau Tobler. An Ihrer Stelle, Frau Tobler, warf Joseph ein, wrde ich selber den Knaben bestrafen, meinetwegen hart, aber ich wrde es niemals 'meinem Mann' sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie ja Sie am besten wissen, mit anderweitigen Dingen genug beschftigt, und zweitens sind Sie doch Edis Mutter und knnen gewi ebenso gut wie Ihr Mann die Strenge, womit der Schlingel bestraft werden soll, messen. Hrt Herr Tobler heute abend wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus Ihrem Munde, so drfte er leicht auer sich geraten, und die Strafe wird nur zu leicht eine grausame, aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gndige Frau, in welche Wutstimmung Sie Ihren Mann versetzen, wenn Sie ihn mit derartigen, in der Tat nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment belstigen, den er dazu benutzen will, wieder ein wenig im Kreise seiner Familie von seinen Geschften und Gelderwerbsplnen auszuruhen, und Sie werden mir, so sehr Sie auch geneigt sind, mich fr Ihren Krnker zu halten, recht geben. Verzeihen Sie mir. Ich habe im Interesse des Hauses Tobler gesprochen, ich liebe dieses Haus, ich habe den Wunsch, hier nur ntzlich zu sein. Sind Sie mir bse, Frau Tobler? Sie lchelte und schwieg, indem sie es scheinbar fr berflssig fand, ein Wort zu erwidern. Sie ging in die Kche hinaus, er ins Bureau hinunter. Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause, was selten geschah. Wie es gehe zu Hause, fragte er mit dunkler, gepreter Stimme, er befand sich in bler Laune. Joseph fhlte sich sogleich unbehaglich beim Klang dieser Stimme. Diese Stimme, welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mute denn Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren, wie sein Gehlfe es sich wohl schmecken lie? Der Appetit verging ihm beinahe, und er nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur Post ins Dorf zu springen. Tobler hatte seinen berzieher mhsam abgelegt. Joseph dachte bei sich, vielleicht wre es gut getan gewesen, wenn er vom Platz aufgesprungen wre und dem Herrn geholfen htte, aus dem Mantel herauszukommen. Das wrde womglich Toblers schlechte Laune, die man ihm anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum nur so wenig zuvorkommend? Ob ihm das an der Mannesehre geschadet htte? Schne Ehre, dazusitzen und ngstlich zu hoffen, es werde keine Szene geben. Toblers Auftreten lie Joseph immer Szenen befrchten. Ja, dieser Mann hatte etwas so Zurckgebndigtes an sich, etwas dick und rot Aufgehuftes, etwas innerlich Knatterndes und leise Krachendes. Das sah aus, als ob es jeden Moment losbrechen mchte. Und da war es denn wirklich nicht angebracht, an Ehrverletzung zu denken, da tat man einfach das Gute, das Notwendige und das Zornesausbruch-Verhtende. Man zog einen berzieher aus, und der ganze Familienabend konnte gerettet sein. Tobler konnte ja so entzckend kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war. Geradezu freigebig. Aber Joseph hatte sich geschmt, artig zu sein, und noch etwas, die Frau tat jetzt, als ob er an einem Schnrchen mechanisch wre aufgezogen worden, den Mund auf und erzhlte in aufreizendem Tone die Geschichte und Snde Edis. Der Vater trat zu dem Sohn hin und versetzte demselben einen Schlag an den kleinen Kopf, der einen starken Mann htte umwerfen knnen, wie mehr ein derartiges Brschchen, wie der Edi eins war. Alle im Zimmer zitterten. Frau Tobler senkte ihre Augen schamhaft. Es tat ihr jetzt leid, gesprochen zu haben. Tobler jagte Edi mit Hieben und Sten in die dunkle Nebenkammer hinein. Walter, der kleine Angeber, war totenbleich geworden. Dora umklammerte den Arm der Mutter. Diese wagte zu sagen, es sei genug, Tobler solle sich beruhigen. Dieser sthnte. Eine unbegreifliche Frau, murmelte Joseph fr sich. Das msse noch sein, zu der Zeit, da sowieso im ganzen Dorf alles, was eine Stimme und ein Maul habe, wider ihn rede, sagte Tobler, indem er sich an den Tisch setzte. Solche Rangen! Damit jeder Beliebige bald mit Fingern auf ihn, den Erzieher und Vater, deuten drfe und sagen drfe, die Jungen machen's halt wie der Alte. So wie man nur einen Fu ins Haus setze, springe einem eine Widerwrtigkeit entgegen. Da solle einer noch den Mut haben, zu hoffen, es sei irgend eine Wendung zu Besserem mglich. Mit den eigenen Kindern sei man gestraft. Das komme, weil man sich verpflichtet glaube, sie ordentlich zu halten, zu kleiden und zu ernhren. Der Teufel auch. Barfu muten sie ihm nchstens zur Schule gehen, die Spitzbuben, und trockenes Brot zu essen haben statt Fleisch. Er werde einen andern Takt einfhren. Aber das sei gar nicht ntig, es mache sich bald von selber. Wenn bald nichts mehr werde zu essen da sein, wolle er sehen, da diese seine Brut ganz anders sich auffhre. Er versndige sich, und es genge jetzt, sagte Frau Tobler. * * * * * Tobler fhrte kein anderes Regiment in seinem Hause ein, Taktstock und Tonart blieben dieselben im Abendstern. Der Dirigent hatte zu viel anderes im Kopf, und der Hlfsdirigent war eine zu bescheidene, zu zufriedene Natur. Dem brauchte man ja nicht einmal die lngst verfallenen Gehlter auszubezahlen. Der nahm mit der Idylle vorlieb, mit dem, was da war. Wolken und Winde flogen auch um das Haus Tobler noch herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es den Gehlfen auch nicht ans Fortgehen mahnen. Eines Tages schneite es. Erster Schnee im Jahr, wie bist du nur so erinnerungsreich anzuschauen. Altes Erlebtes fliegt mit dir strmisch dem Erdboden zu. Die Gesichter von Vater und Mutter und Geschwistern lsen sich deutlich und vielsagend von deinen nassen, weien Schleiern ab. Es wird einem so ernst und so lustig zumut, wenn du daherkommst, mit deinen unzhligen Flocken. Man glaubt, du seiest ein Kind, ein Bruder oder eine liebe, zaghafte Schwester. Man hlt die Hand hin, um dich aufzufangen, nicht dich ganz, sondern nur kleine Stcke von dir. Der Kbel, der dich auffangen wollte, mte breit und gro sein, wie die Erde. Lieber, erster Schnee, schneie! Es macht sich ganz prachtvoll, das weiche Ding, das du da ber Toblers Haus und Garten in aller Stille breitest. Frau Tobler ruft erstaunt aus: Es schneit! Die Kinder kommen mit Geschrei und mit Flocken in den gerteten Gesichtern und mit Schneestcken in den Haaren in die warme Stube hinein. Da wird Pauline im Garten bald Wege in den Schnee hineinscharren und fegen mssen, damit Herrn Toblers Fe und Schuhe nicht allzu na werden. Tobler schickte auch seine Buben noch nicht barfu zur Schule. Solch eine Verordnung hatte ihre guten Wege. Auch zu essen gab es noch immer in der netten Villa trotz des wilden Schneegestbers und trotz Klte und Nsse. Joseph zog seinen berzieher an, wenn er zur Post lief, es war ein geschenkt bekommener, aber er gab trotzdem warm und kleidete hbsch. Frau Tobler bat den Gehlfen, ihr aus dem Dorf etwas zum Lesen mitzubringen, das Lesen fange an in die langen Nchte ganz gut zu passen. Jassen knne man auch nicht jedesmal nach dem Abendessen. Joseph ging in die Gemeindebibliothek und holte und brachte Lesestoffe. Die Mdchen gingen in kleinen, roten, dicken berkleidern in den Schnee hinaus, mit Schlitten, um den Hgel hinunterzufahren, aber es ging noch nicht recht, der junge Schnee war zu na und sa nicht fest genug auf der steinigen Erde. Leo, der Hund, half mit sich umherzutummeln. Wie doch alle vier Jahreszeiten ihren besonderen Geruch und Ton haben. Den Frhling meint man, wenn man ihn sieht, nie so gesehen zu haben, nie so besonders. Im Sommer ist einem die Sommerppigkeit jedes neue Jahr neu und zauberhaft. Den Herbst hat man sich frher nie recht angeschaut, erst dieses Jahr, und im Winter ist wieder der Winter ganz neu, ganz, ganz anders wie vor einem oder vor drei Jahren. Ja, auch die Jahre haben ihre eigene Note und ihren eigenen Duft. Das Jahr da und da zugebracht zu haben, heit es erlebt und gesehen haben. Orte und Jahre sind eng miteinander verbunden, und erst Ereignisse und Jahre? Die Erlebnisse knnen ein Jahrzehnt ganz neu frben, wie mehr und wie rascher ein kurzes Jahr. Ein kurzes Jahr? Joseph ist mit diesem Ausspruch keineswegs zufrieden. Soeben ist er vor der Villa gestanden und hat, in Gedanken verloren, gesagt: Solch ein Jahr, wie lang und wie voll ist es doch.-- Und das Lange war ihm nicht rasch vorbergegangen, erst als er an dasselbe dachte, schien es ihm Flgel, Federn und Flaumesleichtigkeit gehabt zu haben. Es war nun Mitte November, aber wenn er es sich recht berlegte, so hatte er schon im Mai der Welt diese Miene und diese Manieren und diese Gedanken gezeigt. Er hatte sich, wie seine Freundin Klara sagte, wenig verndert. Und die Welt, verndert sie sich? Nein. Das Winterbild kann sich ber die Sommerwelt werfen, aus dem Winter kann Frhling werden, aber das Gesicht der Erde ist dasselbe geblieben. Es legt Masken an und ab, es runzelt und lichtet die groe, schne Stirne, es lchelt oder es zrnt, aber bleibt immer dasselbe. Es liebt die Schminke, es frbt sich bald bunter, bald matt, bald ist es glhend und bald bla, es ist nie ganz dasselbe, es verndert sich immer ein wenig und bleibt doch immer lebendig und ruhelos gleich. Es blitzt mit den Augen Blitze und donnert mit seiner gewaltigen Stimme den Donner, es weint den Regen in Strmen herab und lt den saubern, glitzernden Schnee zu seinem Mund herauslcheln, aber an den Zgen und Linien des Gesichtes verndert sich spurwenig. Manchmal nur fhrt ihm ein schauderndes Erdbeben, ein Hagelsturz, eine Fluten-berschwemmung oder ein Vulkanfeuer ber die ruhige Oberflche dahin, oder es erbebt und erschaudert innerlich von Welt- und Erdempfindungen und -Zuckungen, aber es bleibt dasselbe. Die Gegenden bleiben dieselben, Stdteansichten allerdings weiten und runden sich aus, aber wegfliegen und sich einen andern Ort aussuchen, von einer Stunde auf die andere, das knnen Stdte auch nicht. Die Strme und Flsse flieen dieselbe Bahn wie seit Jahrtausenden, sie knnen versanden, aber sie strzen nicht pltzlich ber ihre Strombetten an die offene leichte Luft hinaus. Das Wasser mu sich durch Kanle und Hhlen hindurcharbeiten. Das Strmen und Whlen ist sein uraltes Gesetz. Und die Seen liegen, wo sie seit langer, langer Zeit liegen. Sie springen nicht zur Sonne hinauf und spielen nicht Ball wie Kinder. Sie sind manchmal emprt und schlagen ihre Wasser und Wellen zornig zischend zusammen, aber sie verwandeln sich weder eines Tages in Wolken noch eines Nachts in wilde Pferde. Alles in und auf der Erde gehorcht schnen, strengen Gesetzen, wie die Menschen. Es war also jetzt Winter geworden um Toblers Haus herum. * * * * * Einen Sonntag gab es zu dieser Zeit, an dem Joseph geglaubt hatte, in die Hauptstadt fahren, und sich wieder einmal amsieren zu sollen. In der Stadt hatte er Nebel in den Straen gefunden, nasse Bltter am Boden, Bnke in den Anlagen, auf die man sich jetzt nicht mehr setzen konnte noch mochte, in den innern Gassen Lrm und am Abend vor den zahlreichen Kneipen grhlende Betrunkene. Eine halbe Stunde lang war er bei seiner Frau Wei gewesen, um ihr zu erklren, wer Tobler und Frau Tobler seien, aber eine innere Scham und Ungeduld hatte ihn bei der ruhigen und gelassenen Frau nicht lange gelitten, er war wieder in die Gassen der Sonntagnacht hinuntergegangen und hatte ein paar Lokale zweifelhaften Genres aufgesucht, um sich zu amsieren. War er der Mensch dazu gewesen? Jedenfalls hatte er viel Bier getrunken, und im Wintergarten hatte er mit jungen, gigerlhaften Italienern am Bffet Hndel angefangen. Ebendaselbst stieg er auf die kleine Varitbhne, vor aller Anwesenden Augen, und zum grten Gaudium derselben, und fing an, den Gaukler, der sich dort produzierte, in den Gesetzen des Geschmackes und der krperlichen Geschicklichkeit zu unterrichten, bis er schlielich von einer Handvoll Kellner zum Lokal hinausgewiesen wurde. In der Klte der Nacht setzte er sich in den Anlagen auf eine Bank, um sich den Rausch von der herrschenden, rauhen Witterung aus Kopf und Gliedern hinausblasen zu lassen. Ein wahrer Sturmwind sauste und rttelte in den sten der Parkanlagebume. Das aber schien einem zweiten, nchtlich hier, wie es schien, ebenfalls ausruhenden Menschen, der sich auf die Bank _vis--vis_ von Joseph gelagert hatte, gnzlich gleichgltig zu sein. Was konnte das fr ein Mensch sein, und was hatte ihn veranlat, sich hier, gleich Joseph, in die offene, rcksichtslose Sturmnacht zu setzen? Tat man solches? Der Gehlfe, irgend ein Unglck oder einen Schmerz ahnend, trat auf die ruhende, dunkle Gestalt zu und erkannte -- Wirsich. Sie hier? Wie geht's Ihnen denn, Wirsich? frug er erstaunt. Sein Rausch war mit einmal verflogen. Wirsich gab lange keine Antwort. Dann sagte er: Wie es mir geht? Schlecht. Wer lge sonst hier im Regen und in der Klte? Ich bin ohne Stellung und ohne jeden Halt. Ich werde stehlen, ich werde ins Gefngnis kommen. Er brach in lautes, elendes Weinen aus. Joseph bot seinem Vorgnger in Toblers Amt ein Goldstck an. Dieser nahm es, lie es aber zu Boden fallen. Der Gehlfe schrie ihn an: Seien Sie doch nicht so borniert, Mensch. Nehmen Sie das Geld. Tobler selber hat es mir heute zaudernd genug gegeben. Wir dort oben im Abendstern haben jetzt auch sozusagen kein Geld mehr, aber wir lassen den Mut keineswegs sinken. Sie, Wirsich, brauchen durchaus nicht zu sagen, Sie mssen stehlen gehen. Da schlgt man sich lieber mit der Hand eins auf den Mund, bevor man so etwas sagt. Warum stehlen gehen? Gibt es nicht eine Schreibstube fr Arbeitslose? Aber Sie schmen sich wohl, dorthin zu gehen, zu dem Herrn Verwalter, der ein sehr, sehr lieber, mildedenkender, erfahrener Mensch ist. Wir im Abendstern, wir sind eines Tages freidenkend genug gewesen und haben uns aus dieser Schreibstube einen jungen und in der Tat vielleicht nicht ganz tchtigen, wohl aber brauchbaren und schmiegsamen Menschen, namens Joseph Marti, geholt, weil Herr Wirsich nicht mehr hat gut tun wollen. Gehen Sie und arbeiten Sie, fragen Sie morgen frh berall, wo Sie auch mit dem Fu hintreten, nach Arbeit, und sein Sie berzeugt, man gibt Ihnen irgendwie und wo welche. Was fr Manieren! Sie werden an manchen Orten sicherlich schnde und kalt abgefertigt werden, aber dann gehen Sie eben weiters, bis Sie gefunden haben, was Sie in die Lebenslage versetzt, aus welcher heraus man langsam wieder ein Mitmensch wird. Man soll sich verbieten, ans Stehlen zu denken. Der gesunde Kopf soll der Gebieter sein und bleiben, man soll ihn nicht reizen und reizen, bis er zum Narren und Schurken wird. Doch jetzt wrde ich an Ihrer Stelle mit dem Gelde da, das nicht ich, sondern Tobler Ihnen jetzt gegeben hat, irgend ein vernnftiges Nachtlager fr den vorbereitenden Schlaf aufsuchen gehen. Sagen Sie, was macht Ihre Mutter? Krank! machte Wirsich mehr mit der Hand als mit dem Mund. Joseph rief aus: Und wegen Ihnen, nicht wahr? Entgegnen Sie mir nichts, ich wei es, als ob ich der stndige Zeuge dieser Krankheit und dieses Verfalles gewesen wre. Welche Mutter verzweifelt nicht, wo der Sohn aus jeder Art schlgt, derart, da er dem fleiigen Zigarrenstummelaufleser nicht mehr gerade in die Augen zu blicken wagt? Da ist sie jahrelang stolz auf den Herrn Sohn gewesen, hat stets zu ihm hinauf mit den Augen der Liebe und Bewunderung geschaut, hat ihn gesorgt und gepflegt, lebt noch, ist krank, aber knnte gesund sein in den alten und ausglimmenden Tagen, wenn der Gegenstand der Pflege und Liebe recht und tchtig und nur ein strohhalmdnn wacker tun wollte. Es brauchte ganz wenig, und die alte Frau wre zufrieden, und sie wrde versuchen, ihrem alten, zerbrochenen Stolz neue Flammen anzuhauchen. Ihr Kind wrde sie schon um der Versuche willen, honett und stark zu bleiben, beinahe anbeten. Und der Vergeliche und Entartete ist dazu noch der einzige Sohn, die erste und letzte Mglichkeit des mtterlichen Gefhlsfeuers, und er ist plump und grausam genug, auf die Liebe und tage- und jahrelange Freude tppisch zu treten. Hren Sie, Wirsich, ich mchte Sie am liebsten durchprgeln. Sie gingen zusammen, um eine Schlafsttte ausfindig zu machen. Im Gasthaus zum Roten Haus war noch Licht, sie traten in die Gaststube. Allerhand Handwerks- und Wandersmenschen saen um einen Tisch herum, einer gab Schelmenstreiche, die er scheinbar vielfach verbt hatte, zum besten, die brigen horchten zu. Joseph bestellte ein Nachtessen und etwas zu trinken. Er wrde, dachte er, morgen frh mit dem allerersten Zug zurck nach Brenswil fahren. Es war nur noch ein einziges Zimmer im ganzen Gasthof frei. Wirsich und Marti schliefen daher beide in ein und demselben Bett. Bevor sie einschliefen, plauderten sie noch eine ganze halbe Stunde lang zusammen. Wirsich war nach und nach munter geworden. Joseph sagte ihm, er solle nur von morgen ab ruhig in diesem Gasthauszimmer wohnen bleiben und hier fleiig Offertbriefe schreiben, die er, in Kuverts suberlich gesteckt, selber an Ort und Stelle hintragen knne. Man msse sich unter keinen Umstnden schmen, Armut und Not an den heiteren Tag zu legen, drfe aber dabei keine gar zu wehleidige Jammermiene machen, sonst widere das die Leute, auf deren Wohlwollen es ankomme, nur zu bald an. Eine Trauermiene sei berdies geschmacklos. Das Persnlich-Hingehen zu den Geschftsleuten habe das Gute, da diese meist gebildeten und vernunftvollen Menschen einem etwa ein Fnfmarkstck in die Hand drckten, da sie den Beweis vor Augen htten, da der Stellensuchende sich ehrlich Mhe gbe. So htten es etliche und andere, die er, Joseph, sehr gut kenne, gemacht, und sie htten dabei immer gewisse bescheidene Erfolge zu erzielen gewut. Namen und Schicksal von Hlfeflehenden seien den Reichen meist ganz schnuppe, aber diese Herren gben eben etwas, das sei in guten, alten Firmen und Familien von alters her gutmtiger und vornehmer Brauch gewesen. Wirklich armes msse zu wirklich vornehmem Wesen hingehen, in aller Ruhe, dort sei es immer noch am wenigsten am Halse geschnrt und knne atmen und knne sich zeigen, wie es beschaffen sei und so, wie es eben einmal leide. Man msse, wenn man schon nun einmal am Boden liege und Not erdulde, lernen, mit Anstand und Freiheit zu zeigen, da man bitte, das entschuldige und verstehe man, das erweiche ein wenig die Herzen und knne niemals die gute und geschmeidige Sitte verletzen. Voll Haltung msse aber einer dabei sein, drfe nicht zu greinen anfangen wie ein halbjhriges Wickelkind, sondern solle zeigen durch sein Benehmen, da er von etwas Groem und Mchtigem, vom Unglck, darniedergeworfen worden sei. Das ehre wiederum ein wenig und veranlasse den Hrtesten zur flchtigen, sen, edlen, anstandsvollen Milde. So, jetzt habe er ihm da eine lange Rede gehalten, und gehrig schwungvoll obendrein, jetzt aber, wie er zu tun gedenke, wolle er schlafen, denn er msse frh wieder aufstehen. Sie sind, glaube ich, ein guter Kerl, Marti, sagte der andere. Dann schliefen sie ein. Es war schon halb vier Uhr morgens. Um acht Uhr, nach drei Stunden Schlaf und einer dmmernden Eisenbahnfahrt, stand der Gehlfe wieder im technischen Bureau, zwischen Zeichen- und Schreibtisch. Jetzt ging er ins Wohnzimmer frhstcken. * * * * * Acht Tage darauf hatte er sich wieder, und zwar als Arrestant, nach der Stadt zu begeben. Einen zweitgigen Arrest hatte er dafr abzusitzen, da er die herbstliche Wiederholungsbung versumte. Er meldete sich zur bestimmten Stunde in der Kaserne an, man nahm ihm die Militrpapiere ab und fhrte ihn in den Karzer. Dort lagerten auf Pritschen und untergelegten Mnteln an die fnfzehn jngere und ltere Mnner, die alle den Neuankmmling musterten. Es roch nach allem mglichen Schlechten in dem Raum, dessen vergittertes Fenster direkt an den Straenboden anstie. Ich habe wenigstens zu rauchen, dachte Joseph und begann, es sich auf einer der Pritschen nach Mglichkeit bequem zu machen. Bald hatten ihn alle Insassen der bunten Reihe nach angesprochen. Es waren aller Art Menschen, die hnliche Strafen wie der Gehlfe zu verben hatten. Einer wie der andere schimpfte. Entweder war es ein hherer Offizier, der irgend etwas Ungeheuerliches begangen haben sollte, oder es wurde irgend einem Staats- oder Zivilbeamten heimgezndet. Die Gesichter aller dieser fnfzehn oder sechzehn Menschen drckten Langeweile, Appetit nach Bewegungsfreiheit und Unzufriedenheit mit der Stumpfheit, die im Raume herrschte, aus. Es lagen welche Burschen da, die schon wochenlang saen, einer sogar, ein Melker, monatelang. Neben dem Hoteliersohn und Amerikareisenden lag hier der Tapezierer, neben dem Maurer und Handlanger der Kommis, neben dem Kuhmelker und Schweizer der reiche, jdische Handelsmann, neben dem Schlossergesellen der Bckermeister. Keiner von den fnfzehn Leuten glich dem andern, aber alle glichen sich in der Art, wie sie schimpften und Kurzweil trieben. Da auch wohlhabende und gebildete Leute da waren, hatte seinen Grund in der gesetzlichen Unmglichkeit, Arreststrafen in Geldstrafen umzugestalten, so da hier eine Gleichheit der Behandlung herrschte, wie man sie im ungebndigten, offenen Leben lange suchen konnte. Pltzlich wurde ein, wie es Joseph schien, regelmig an der Tagesordnung stehendes Spiel arrangiert. Es hie das Schinkenklopfen und bestand in einem ziemlich brutalen Draufloshauen mit der gestreckt flachen Hand auf den Podex desjenigen, der verdammt war, denselben den unbarmherzigen Hieben darzuhalten. Einer der Nichtmitspieler mute dem Dulder die Augen zudecken, damit er sich nicht die Herkunft der Hiebe und Schlge merken konnte. Erriet er nun aber trotzdem die Person dessen, der ihn gehauen hatte, so war er frei, und der Ertappte hatte sich, willig oder nicht, an die unangenehme Stelle des Erlsten herabzubcken, bis auch ihm das rasch- oder langsam-erkmpfte Glck des richtigen Erratens zufiel. Dieses Spiel wurde eine gute Stunde aufs eifrigste betrieben, bis die Hnde vom Schlagen ermdet waren. Nach einiger Zeit kam das Essen, du liebe Zeit, es war eben eine Karzerkost, keine Bohnen, Rben oder Blumenkohl, nicht einmal ein kleines Schweinefilet, sondern Suppe und ein Stck Brot, langweiliges, trockenes Brot, nebst einem Schluck Wasser. Die Suppe war auch eine Art Wasser, und die Lffel waren auerdem noch in ziemlich degoutierender Art und Weise an die Suppentpfe angekettet, wie wenn einer das Blei htte stehlen wollen, wozu doch sicherlich kein Grund da war. Aber es war praktisch, dieses Anketten, und militrisch und beleidigend, und Karzerinsassen waren begreiflicherweise nicht dazu da, um geschmeichelt, liebkost und flattiert zu werden. Der verchtlichen Handlungsweise die verchtliche Strafe: das stund scheinbar auf dem Egeschirr deutlich und ankltend geschrieben. Langweilige, de zwei Tage! Der Schweizer oder Melker war von allen noch der Lustigste. Diesen wahrhaft schn anzuschauenden Burschen hatten sie gefesselt dahergebracht, weil er sich herausgenommen hatte, den Polizeiunteroffizier, der ihn arretierte, um den Kopf zu schlagen, da demselben das Blut zu Mund und Nase hervorspritzte. Fr diese Tat wurde natrlich dem Melker dann ein ganzer Monat oder mehr zu der anfnglichen Strafe hinzudiktiert, was aber diesen scheinbar unerschrockenen und in Dingen der schnen Ehre vollstndig gleichgltigen Menschen gar nicht weiter beunruhigte. Im Gegenteil, er schuf sich aus dem stumpfsinnigen, gezwungenen Daliegen einen possierlichen und fidelen, monatelang anhaltenden Witz, er verstund es vortrefflich, sich und alle andern zu unterhalten, und nie wollte in diesem Kellerraum das Lachen ganz verhallen und erlahmen. Dieser Melker sprach von Staats- oder Militrpersonen nie anders als im Tone kindlich-krftiger berlegenheit und bermutes. Nie kam etwas Giftiges und Wtend-Zurckgehaltenes ber seine Lippen. Tausend Anekdoten, die er, erfunden oder wahrhaft erlebt, erzhlte, hatten alle mehr oder weniger zum Inhalt die Betlpelung und Nasefhrung irgend welcher Standesmenschen, mit denen dieser schne, verdorbene Mensch wie mit lcherlichen und hlzernen Puppen umzugehen gewohnt schien. Kraftvoll und geschmeidig wie er war, durfte man der Hlfte seiner Erzhlungen ruhig, und ohne die gesunde Vernunft zu verletzen, Glauben schenken, denn das schien in der Tat solch ein Mensch zu sein, herkommend direkt noch von den stolzen und unbndigen Ahnen des Landes, ausgestattet mit lngst aus den Generationen entschwundenen Spiel- und Raufkrften, und mit dem Mute begabt, der eben die Gesetze und Gebote der weiten ffentlichkeit fast notwendigerweise verachtete. Sonderbarerweise trug er, um den Unfug, den er mit Vorgesetzten aller Art trieb, noch zu schrfen, auf dem Lockenkopf eine Militrmtze, die er Gott wei wo noch von einem Dienst her aufbewahrt hatte. Neben all seinen Vagabondiergewohnheiten schien er indessen durchaus den einfachen, weicheren Empfindungen nicht abhold zu sein, wenigstens hrte man ihn von Zeit zu Zeit jodeln und singen, was er sehr schn und voll Taktgefhl tat. Auch erzhlte er nicht ohne Sehnsucht von seinen vielen und weitlufigen Wanderschaften, die ihn durch das ganze, groe Deutschland, von Landgut zu Landgut, getrieben hatten. Wie er da mit den Herren und Rittergutsbesitzern umgegangen war, das war, ob es nun teilweise aus Schwindel oder aus fortreiender Erzhlerphantasie bestehen mochte, hchst possierlich und angenehm, ja sogar romantisch anzuhren. Dieser Bursche hatte einen wahrhaft schn geschwungenen und geformten Mund, eine edle und freie und ruhige Gesichtsbildung, und er wrde vielleicht, mute man, wenn man ihn betrachtete, denken, unter kriegerischen und khnangelegten Lebensverhltnissen dem Land auerordentliche Dienste haben erweisen knnen. Alles an ihm sprach von untergegangenen Lebens- und Weltformen; namentlich wenn er sang, was er zu der Zeit, die Joseph im Loch zubrachte, einmal pltzlich mitten in der Nacht tat, glaubte man, die Tne und den Zauber der alten, starken Zeit vernehmen zu sollen. Eine wundervolle, abendliche Landschaft stieg mit dem Lied wehmtig empor, und man bedauerte den Snger und das Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des Melkers Veranlagung derart kleinlich und miverstndlich zu verfahren, wie es tatschlich der Fall war. Whrend diesen zwei Karzertagen htte der Gehlfe die schnste Gelegenheit gehabt, ber Verschiedenes nachzudenken, ber sein bisheriges Leben zum Beispiel, oder ber Toblers schwierige Weltlage, oder ber die Zukunft, oder ber das Allgemeine Obligationenrecht, aber er tat es wiederum nicht, er versumte auch diese kostbare Gelegenheit und begngte sich, den Spen und Liedern und Zoten des Schweizers zuzuhorchen, die ihm interessanter erschienen als smtliche Nachdenklichkeit der neuen und alten Welt. berdies wurde beinahe alle zwei Stunden das Schinkenklopfen wiederholt, auch eine Ablenkung vom Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwrter trat zur rasselnden Tre herein, um einen der Arrestanten, der fertig war, abzuberufen, was auch wiederum die geistige Aufmerksamkeit von hheren Dingen den niedrigen und gemeinen Interessen zuzog. Wozu aber auch denken? War denn nicht das Erleben und Mitleben der Gedanke, auf dessen Pflege es am allermeisten ankam? Und wenn auch die achtundvierzig Stunden des Absitzens achtundvierzig Gedanken ergaben, gengte denn nicht ein einziger, allgemeiner Gedanke, um im Leben auf guter, glatter Bahn zu bleiben? Diese reizenden, achtunggebietenden, mhsam zusammenerdachten achtundvierzig Gedanken, was konnten sie dem jungen Menschen nutzen, da es doch vorauszusehen war, da er sie morgen verga? Ein einzelner richtungangebender Gedanke war da gewi viel besser, aber dieser Gedanke war nicht zu denken, dieser Gedanke zerflo in die Empfindungen. Einmal hrte Joseph den Melker sagen, das Vaterlndli knne ihm in seiner ganzen Gre, wenn es wolle, den Buckel hinaufsteigen. Wie war das natrlich und unrecht gesprochen. Freilich, das Vaterland, oder der gesetzliche Begriff desselben, schikanierte den Melker, hemmte ihn, fesselte ihn, diktierte ihm de und gliederzerbrechende Freiheitsstrafen, langweilte ihn, bereitete ihm Verdrielichkeiten, Kosten und Schdigungen an der krperlichen Gesundheit. Und so wie der Melker sprach, dachten Tausende. Tausende vom Leben nicht ganz so gleichmig behandelte und vorwrtsgeschobene Menschen, wie es das militrische Gebot blind und trocken voraussetzte. Die Diensterfllungen kamen nicht einem jeden so glatt gelegen, wie vielen andern, die aus den Diensterfllungen sogar ein Lebens- und Weltgeschftchen zu machen wuten, indem sie sich auf Staatskosten unterhalten und bekstigen lieen. Manchem ri der Dienst ein unangenehmes Loch in die Laufbahn, ja manchen konnte er sogar in die bitterste und brutalste Verlegenheit setzen, indem die paar mhsam ersparten Rappen, Centimes oder Pfennige in das anspruchsvolle Militrtreiben flossen, wovon am Ende der Dienstpflicht kein Hauch mehr brig blieb. Nicht ein jeder konnte dann zu Vater und Mutter gehen und um Untersttzung bitten, nicht einen jeden nahmen dann Kontor, Fabrik oder Werksttte sogleich wieder auf, sondern er mute oft lange warten, bis er wieder zu dem Kreis arbeitender, lernender, erwerbender und zielbewuter Menschen gehrte. Konnte man da gro zhlen auf dieses Einzelnen Vaterlandsliebe? Welch eine Idee! Und trotzdem! Mit dem erwrmenden Gefhl, das in diesem gedachten trotzdem lag, sprang der Gehlfe von seiner Pritsche auf, um sich am Schinkenklopfen zu beteiligen. Er hatte Glck, er mute nie lange darhalten. Er erriet die Hand, die ihn schlug, jeweilen sofort. Den Schlossergesellen erkannte er jedesmal an der Wucht des Drauflosschlagens, den Tapezierer an der Ungeschicktheit des Schlages, den Juden an den Fehlschlgen, den Amerikaner an der Zimperlichkeit und Geniertheit, womit derselbe sich am Spiel beteiligte und den Melker an der absichtlich gemilderten und gedmpften Schwungkraft. Der Melker hatte fr Joseph von Anfang an eine gewisse Zrtlichkeit empfunden. Er wandte sich jedesmal, wenn er zu erzhlen begann, an diesen, weil er sah, da der Gehlfe sein aufmerksamster Zuhrer war. Zu rauchen war den Gefangenen verboten, aber Schulkinder kamen an das Gitterfenster heran und vermittelten den zierlichsten und schnsten Tabakschmuggel. Einer der Insassen kletterte auf die Achseln eines zweiten hinauf und pickte vermittels eines an einen geheimnisvollen Stock befestigten Nagels die Tabak- und Zigarrenpakete behend und geschickt auf und warf dafr die Groschen oder Rappen den kleinen Verkuferinnen und Schmugglerinnen durchs Fenster zu, derart, da das Loch immer voller Rauch war. Der Gefangenenwrter, ein anscheinend gutmtiger Mann, schwieg dazu. Die zwei Karzernchte waren fr Joseph kalt, frstelnd und schlaflos. In der zweiten Nacht konnte er ein wenig schlafen, aber ein unruhiger Schlaf war es. Er trumte fieberhaft. Das Vaterlndli des Melkers lag ihm groausgestreckt mit allen seinen Bezirken und Kantonen vor den leidenschaftlich schauenden Augen. Aus einer Schicht Nebel hervor tauchten die geisterhaften, blendenden Alpen. Zu ihren Fen erstreckten sich himmlisch grne und schne Matten, umhallt von Kuhglockentnen. Ein blauer Flu beschrieb ein leuchtendes und friedlich gezeichnetes Band durch die Gegenden, Drfer und Stdte und Ritterburgen zart berhrend. Das ganze Land glich einem Gemlde, aber dieses Gemlde lebte; Menschen, Geschehnisse und Gefhle bewegten sich darin auf und ab wie hbsche und bedeutende Muster auf einem groen Teppich. Handel und Industrie schienen wunderbar zu gedeihen, und die ernsten, schnen Knste lagen in brunnenrauschenden Winkeln und trumten. Man sah die Dichtkunst am einsamen Schreibtisch sitzen und sinnen und die Malerei an der Staffelei siegreich arbeiten. Die zahlreichen Fabrikarbeiter kehrten still und schn und ermdet von ihren Schaffenswerksttten heim. Man sah den Wegen am Abendlicht an, da es Heimwege waren. Weite und schallende und ergreifende Glocken tnten. Dieses hohe Tnen schien alles, was da war, zu umschallen, zu umdonnern und zu umarmen. Daraufhin hrte man das feine, silberne Klingen eines Geienglckchens, und es war einem, als stnde man auf einer hochgelegenen Bergweide, umschlossen von Nachbarbergen. Von weit unten her, aus den Ebenen, drangen die Pfiffe der Eisenbahnen herauf und das Lrmen der menschlichen Arbeit. Mit einem Male aber zerschnitten sich diese Bilder von selber, als wren sie auseinandergeblasen worden, und eine Kaserne hob sich in ihren Fronten deutlich und stolz empor. Vor der Kaserne stand eine Kompagnie Soldaten in geradeausgerichteter und unbeweglicher Achtungstellung. Der Oberst oder Hauptmann sa zu Pferd und ordnete die Bildung eines Quadrates an, worauf die Soldaten, geleitet von den Offizieren, diese Bewegung ausfhrten. Wunderbarerweise war aber dieser Oberst kein anderer als der Melker. Joseph erkannte ihn deutlich am Mund und an der weithinschallenden Stimme. Der Melker hielt nun eine kurze, aber feurige Rede, worin er der militrischen Jugend das Vaterland ans Herz legte. Trotz allem! dachte Joseph und lchelte. Sie waren ja in der Ruhestellung, und da durfte sich einer schon zu lcheln erlauben. Der Tag war ein Sonntag. Ein junger, hbscher Leutnant trat auf den Soldaten Joseph zu und sagte freundlich: Nicht rasiert, Marti. He? Worauf er sbelklirrend die Front weiterschritt. Joseph griff sich verlegen unter das Kinn: Noch nicht einmal rasiert bin ich heute! -- Wie die Sonne strahlte. Wie hei es war! Pltzlich gab es im Traum einen Sto, und ein freies Feld tat sich auf mit einer liegenden, auseinandergezogenen, halbrunden Schtzenlinie. Die Gewehrschsse widerhallten in den nahen Waldbergen, die Signale ertnten. Sie sind tot, strzen Sie um, Marti! rief der auf seinem Pferd das Bild des Gefechtes berschauende Melker-Oberst. Aha, dachte Joseph, er ist nett zu mir. Er lt mich hier auf dem reizenden Grasboden ausruhen. Er blieb am Boden liegen, bis das Gefecht aus war, indem er sich die Zeit damit vertrieb, Grashalme durch den durstigen Mund zu ziehen. Welch eine Welt, welche Sonne! Welch eine Sorglosigkeit, so dazuliegen! Aber er sollte jetzt wieder aufspringen und in Reih und Glied treten. Er konnte nicht, es hielt ihn fest am Boden. Der Grashalm wollte nicht aus dem Mund herausgehen, er arbeitete daran, Schwei trat ihm auf die Stirn, Angst in die Seele, und er erwachte und befand sich wieder auf der Pritsche, dicht neben dem schnarchenden Schlossergesellen. Nach drei Stunden rief ihn der Wrter. Er war fertig. Er nahm Abschied von allen. Dem armen Melker, der noch sechs Wochen zu sitzen hatte, drckte er herzlich die Hand. Er bekam seine Papiere wieder zurck und konnte die Strae betreten. Die Glieder waren kalt und steif, im Kopf summte und lutete und scho noch der Traum. Eine Stunde spter stand er wieder inmitten der realen, Toblerschen Geschfte. Reklame-Uhr und Schtzenautomat winkten ihm rgerlich und zugleich hilfeflehend entgegen, und Joseph schrieb wieder an seinem Schreibtisch. * * * * * Sie haben jetzt da eine tchtige Erholungspause gemacht, sprach der Ingenieur, zwei volle Tage sprt man in einem Geschft wie dem meinigen. Es heit jetzt doppelt hinter der Arbeit her sein. Hoffentlich merken Sie sich das, was ich sage. Dazu habe ich natrlich einen Gehlfen nicht ntig, um ihn alle Wochen etwa Arreste absitzen zu lassen. Es wird niemand von mir verlangen drfen, da ich Gehlter aus---- Er hatte sagen wollen: auszahle, schnitt aber pltzlich seiner Rede, nachdenklich werdend, den Atem ab. Joseph glaubte nicht ntig zu haben, auch nur ein Wort zu erwidern. Der Krankenstuhl war fertig geworden. Ein bildhbsches, kleines Modell stand auf Toblers Zeichentisch und wurde alle Augenblicke von einer neuen Seite betrachtet, indem es der Ingenieur, scheinbar voller Entzcken, hin und her drehte, um den Genu des Anschauens von berall her zu haben. Sogleich mute sich der Gehlfe dahinter setzen und Offertbriefe schreiben an verschiedene in- und auslndische, grere Krankenmbelgeschfte. Tobler legte das feine Gert durch einfache Schraubendrehung und Hebelverschiebung glatt zusammen, lie sich das Ding in gutes Papier einpacken, nahm seinen Hut und ging ins Dorf, um diesen Unglubigen, den sarkastischen Brenswilern, zu zeigen, welch eine Erfindung da wieder komplett und gangbar gemacht worden sei. Joseph hatte inzwischen dem Friedensrichter des Ortes zu schreiben, Tobler knne der morgen frh um neun Uhr stattfindenden Besprechung bezglich der Streitsache Martin Grnen persnlich nicht beiwohnen, da ihn dringende Geschfte abhielten. Er erlaube sich daher, dem Herrn Friedensrichter die ntigen Aufklrungen und Zahlenaufstellungen schriftlich zu geben, woraus er ersehen knne, da usw. Da mein Herr Tobler ein Engel ist, lchelte innerlich, nicht ohne flchtige Bosheit, der Gehlfe. Nachdem dieses Schreiben erledigt war, galt es ein hnliches, in beinahe noch brskerem Ton gehaltenes Erklrungsschreiben an das lbliche Bezirksgericht abzufassen. Joseph wunderte sich wieder einmal ber die Prgnanz seines Briefstiles, sowie ber die Hflichkeitswendungen, die er pltzlich dem energischen Ton hie und da einzuflechten wute. Man darf nie zu grob sein, dachte er bei solchen Seitensprngen in die Gegenden der Artigkeit und des bescheidenen Wesens. Er erledigte auch diesen Brief ziemlich rasch, denn er hatte die Sache jetzt ja schon so sehr los, ber welchem zufriedenen Bewutsein er wieder einmal einen der wohlbekannten, unfehlbaren Stumpen anzndete. Mochten sie kommen, die Friedensrichtermter und Bezirksgerichte, und die ebenso zahlreichen wie tckischen amtlichen Zahlungsaufforderungen, er und Tobler, sie wrden deswegen noch lange fortfahren, und zwar ganz ruhig und seelengemtlich, ihre duftenden Stengel und Rauchzinken herunterzudampfen. Im Dorf war man allmhlich, zuerst einander es zuflsternd, jetzt aber es laut auf der Strae erzhlend, einer immer hher steigenden Welle, aus Einsicht bestehend, hnlich, zu der berzeugung gekommen, da da oben im Abendstern nichts mehr zu retten sei, wenn man nicht die ntigen Schritte, wenigstens etwas noch herauszufischen, an Hand der Betreibungsgesetze einleite. Und so war es denn dahin gekommen, da Herr Tobler, sowohl was die Firma als was die Haushaltung betreffen mochte, von allen Himmelsrichtungen her wechselrechtlich bestrahlt, beschattet und betrieben wurde. Es glich einem festtglichen Speerewerfen, wie es da von links und rechts, von daher und dorther auf das Haus Tobler, Lcher und Verstimmungen einschlagend, niederprasselte. Der Gerichts- oder Betreibungsbote schlich den ganzen Tag hmisch und zugleich gemtlich ums Haus und rund um den ganzen Garten herum, als htte er hier besonders guter Weile gehabt, als wrde es ihm gerade hier oben ganz besonders wohl gefallen haben. Es sah aus, als ob der Mann ein stiller Gartenkunst- und Naturbewunderer gewesen wre. Oder war die hagere, spitze Gestalt von einem Baukonsortium oder gar von einer geographischen Gesellschaft beauftragt, mit den Augen und mit dem Gedchtnis die Gegend abzumessen? Kaum! Aber so sah der Kerl aus. Frau Tobler hate und frchtete ihn und floh, sobald sie ihn sah, eilig von den Fenstern weg, als wre dieser Mann die personifizierte trbe Ahnung und Stimmung gewesen. Die Frau hatte recht, denn wenn man sich erkhnte, dieses Menschen zugeklemmtes und zugenageltes Antlitz zu betrachten, so fror einen, und man fhlte sich unwillkrlich von der eiskalten Hand des Unheiles berhrt und gestrichen. Mit Joseph verkehrte dieser Mann in der ausgesucht eigentmlichsten Art und Weise. Er verstand es, pltzlich, als htte ihn die dunkle Erde selber ausgespien, vor dem Bureau, Licht und Luft gleichsam weghauchend, zu erscheinen. Dann blieb er eine gute, volle Minute stehen, nicht, um etwas zu tun oder vorzubereiten, sondern zu seiner, wie es schien, persnlichen Lust und Freude. Dann ffnete er die Tre, trat aber noch nicht ein, wrde ihm noch lange nicht eingefallen sein, sondern blieb stehen, anscheinend, um zu prfen, welchen Eindruck sein unheimliches Benehmen machte. Seine kalten Augen fest auf den unangenehm berhrten Gehlfen gerichtet, kam er jetzt in das Bureau hinein, um vorlufig abermals eine Pause zu machen. Nie sagte er guten Tag oder guten Abend. Fr ihn schien die Tagesstunde gar nicht zu existieren, ja nicht einmal die Gottesluft, denn dieser Mann schaute in die Welt hinaus, als ob er nicht ntig htte, zu atmen. Sein knochiges Gesicht fest ineinanderklemmend nahm er jetzt ein oder zwei Formulare aus einer schwarzledernen Tragtasche, hob sie absurd hoch in die Luft und lie sie auf den Schreibtisch des Gehlfen fallen, schweigend, spitz und hackig, wie Krallen eines Raubvogels hacken. Dies abgetan schien er sich an dem Bewutsein zu weiden, das ihm sagen mochte, seine Erscheinung sei eine trostlose und herzbeklemmende gewesen, denn er dachte in keinerlei Weise daran, sich zu entfernen, sondern probierte minutenlang, ob es ihm gelinge, die Brieftasche wieder in seine Rocktasche zu befrdern. Dann sagte er -- beinahe -- adieu und ging. Dieses Adieu des Mannes war viel frostiger, als wenn er gar nichts gesagt htte, es klang geistesabwesend und zugleich bewut kurz und hart. Der Mann schien dann gehen zu wollen, nein, jetzt tat er jedesmal erst das Schreckliche, er ma mit seinen Augen die Umgebung, das Haus und den Garten. Dann ging die andere Tre auf, Frau Tobler erschien aufgeregt im Bureau, mit groen Augen und mit den angstvollen Worten: Jetzt steht er wieder im Garten! Sehen Sie, sehen Sie!-- An den Tagen, wo dieser Mann erschien, war das Wetter meist ein graues, kaltes, schweigendes Mittelding zwischen Schnee und Regen. Die Mauern des Hauses waren an den Sockeln na, ein scharfer Seewind blies, neue Schneegestber oder Regenstrze versprechend, und der See lag da so bleiern und farblos und traurig. Wo waren jetzt seine schnen Abend- und Morgenfarben? Versunken in der Tiefe des Wassers? An solchen Tagen gab es weder einen Morgen noch einen Abend mehr, die Stunden zeigten alle dasselbe trbe Aussehen, die Zeiten schienen ihrer Bezeichnungen und der lieben, wohlbekannten Lichtunterschiede berdrssig geworden zu sein. Zeigte sich in solch einer Naturtrbheit und -Entstelltheit noch der Mann mit der schwarzledernen Mappe, so meinten Frau Tobler und der Angestellte, das Erdbild sei pltzlich umgedreht worden, und man erblicke die Schattenseite alles Tatschlichen und Gewohnten, nicht mehr das Natrliche. Etwas Gespenstisches schien sich um das schne Haus Tobler aufzuhalten, und das Glck und die Zierlichkeit dieses Hauses, ja selbst seine Berechtigung, schienen sich in einen fahlen, mden, glanzlosen und bodenlosen Traum verloren zu haben. Wenn dann Frau Tobler durchs Fenster schaute und ihren Sommersee ansah, der jetzt ein Winter- und Nebelsee geworden war, die Melancholie erblickte und empfand, die sich auf allem Sichtbaren breit machte, mute sie ihr Tuch an die Augen halten und hineinweinen. Als einer der wildesten Glubiger und Schuldenforderer erwies sich der Grtner, der bis dahin stets die Gartenarbeiten besorgt, und die Gewchse geliefert und gepflegt hatte. Dieser Mann schimpfte wie ein ganzes Bataillon von Schimpfern auf Tobler und dessen ganze Familie und sagte, er wolle sich keine einzige ruhige Stunde mehr gnnen, bis der Tag da sei und er die Genugtuung habe, diese hochmtige Gesellschaft gepfndet und aus dem Abendstern hinausgeworfen zu sehen. Man hinterbrachte Herrn Tobler, halb, um ihm zu schmeicheln, halb, um ihn im geheimen zu krnken, diese rohen Worte, und sofort befahl dieser, die Pflanzen, die ihm gehrten, und die sich in den Gewchshusern der Grtnerei befanden, von dort ohne weiteres abholen, und sie nach dem Keller des befreundeten Versicherungsagenten, des Mannes, der die Grottennacht mitgemacht hatte, fhren zu lassen. Joseph war mit der schleunigen Erledigung dieses Befehles betraut, und er hatte keine Ursache, zu zgern. So wurde mit einem einpferdigen Wagen nach der Grtnerei gefahren, und dort wurden dann auch die Pflanzen, darunter ein bereits ziemlich hochgewachsenes Edeltnnchen, aufgeladen. Der zum Garten verwandelte Wagen fuhr ab, durch die Straen, neben den augenaufreienden Leuten vorbei, und hielt vor der Wohnung des dem Fuhrmann bezeichneten Hauses und Mannes. Der Versicherungsagent selber half mit abladen und in den Keller tragen, was immer hineingehen mochte. Das junge edle Tnnchen mute an Schnren befestigt werden, damit es in den fr sein schlankes und stolzes Wachstum zu niedern Gewlben wenigstens schrg stehen konnte. Es tat dem Gehlfen weh, den Baum derart untergebracht zu schauen, aber, was war da zu machen? Tobler wollte es so, und der Wille Toblers blieb alleinige und unbedingte Richtschnur fr das Tun des ersteren. Dieser Versicherungsagent war in der Tat Tobler treu geblieben. Es war dies ein einfacher aber aufgeklrter Mensch, dem es nicht einfiel, wegen Schwierigkeiten rein ueren Geprges einem Manne Freundschaft und Vertrautheit aufzuknden, den er einmal schtzen gelernt hatte. Er war nun noch beinahe der einzige, der etwa Sonntags herber in die Villa kam, um einen Ja inszenieren zu helfen. Etwas zu trinken gab es bei Toblers immer noch, behte! Da war ja erst noch in den letzten Tagen ein kleines Fa voll prchtigen Rheinweines aus Mainz angekommen, eine versptete, aber deshalb nur um so mehr willkommene Lieferung, die einer Bestellung aus frheren, besseren Tagen entsprechen mochte. Tobler schaute gro auf dieses Fa herab, er wute sich gar nicht mehr an den einmal der Firma gegebenen Auftrag, ihm solchen teuren Wein zu senden, zu erinnern. Joseph hatte nun wieder eine Nebenaufgabe, die darin bestand, den Wein in Flaschen abzuziehen und dann dieselben gehrig mit Korken zu verschlieen, zu welcher Arbeit er eine ganz erstaunliche Geschicklichkeit an den Tag legte, so da Frau Tobler, die dem behenden Ding zusah, scherzweise fragte, ob er denn frher schon einmal in Kellereien gearbeitet habe. Auf solche Art gab es im Haus manche muntere und selbstvergessene Stunde, die vortrefflich dazu beitrug, ber die zahlreich vorkommenden, schweren Stunden hinberzuhelfen, was fr alle ntig genug und eine nicht zu unterschtzende Wohltat war. Da aber wurde eines Tages Frau Tobler pltzlich krank. Sie mute sich, so ungern sie das gerade jetzt tat, zu Bett legen, und man war gezwungen, den Arzt zu holen, denselben Doktor Specker, der es seit vielen Wochen zu vermeiden gewut hatte, den Fu weiter ber die Schwelle eines Hauses zu setzen, um dessen innere Grundpfeiler es so schlimm stund. Er leistete dem Ruf Folge, trotzdem er frchten mute, da er fr die rztliche Arbeit und fr die Mhe des mitternchtlichen Ganges durch eine stockdunkle Gegend nicht honoriert werden wrde. Er trat an das Bett der Frau still heran und tat in Manier und Sprache so, als wenn er seine freundschaftlichen Besuche nie eingestellt htte, sondern fortwhrend in bester Verbindung mit der Familie geblieben wre. Er fragte teilnahmevoll nach den Schmerzen, und danach, seit wann Frau Tobler sie habe usw. und bte die ernsten Pflichten seines Berufes so angenehm, als er es vermochte, aus. Tobler zeigte dem Doktor spter, trotzdem es schon bald ein Uhr war, noch den Krankenstuhl, dessen erstes naturgroes Modell am selben Tag angekommen war. Jetzt knne er ja das Mbel gleich an seiner Frau praktisch erproben, sagte der Erfinder und versuchte einen lustigen Ton anzuschlagen, was aber nicht recht gelingen wollte. Nicht noch rasch ein Glas Wein trinken, Herr Doktor? -- Nein. Der Arzt ging. So msse sie nun auch noch zu allem unschnen brigen im Bett liegen, klagte die Frau zu jedem, der zu ihr an das Bett trat. Nicht genug, wehklagte sie weiter, da im Haus und im Geschft bald alles zusammenstrze, mge nun nicht einmal die nackte Gesundheit mehr bleiben. Krank msse man sein, wo eine Hand zum Arbeiten und ein Auge zum berwachen mehr als ntig geworden sei. Und Geld werde das wieder kosten, und wo es hernehmen? Sie sei so matt, und sie mchte so gern munter sein, mchte gern das Schlimmste ertragen. Wo Dora sei? Dora solle zu ihr kommen.-- Joseph hatte keinen Zutritt in das Krankenzimmer. Da es aber tagelang so dauerte und er ihr einmal etwas, das unbedingt sein mute, zu sagen hatte, so wagte er es, das Zimmer zu betreten. Er tat es mit der Zaghaftigkeit des Menschen von sonst rauhen Gewohnheiten. Sie schaute ihn lchelnd an und gab ihm die Hand, und er brachte es zustande, ihr gute Besserung zu wnschen. Wie gro ihre Augen waren. Und diese Hand. Was fr eine Blsse. War das eine Rabenmutter? Sie fragte, wie es unten im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benhmen und sagte schwach, nun msse einstweilen er ein bichen den Erzieher spielen, bis sie wieder aufstehen knne. Sie sehne sich darnach. Ob auch Pauline noch recht koche. Und was die Geschfte machten? Er gab ihr Auskunft und war sehr glcklich ber diesen Moment. Und dieser Frau, die sogar im Bett eine vollendete Dame zu bleiben verstand, der die Krankheit eher Schnheit zutrug als wegnahm, hatte er eine Moralrede halten wollen? Wie unrecht und unreif. Und doch, wie wahrscheinlich! Denn Silvi wurde auch zu dieser Stunde noch um kein Haar besser als wie immer behandelt. Wenn Silvi whrend dieser Tage ein Geschrei ausstoen wollte, zischte ihr Pauline in die Ohren: Bist still! Die Kranke mute geschont werden. Bei der nchsten passenden Gelegenheit geschah es sodann, da Tobler dazu kam, den patentierten Krankenstuhl an der Frau zu probieren. Sie war wenig zufrieden mit den Eigenschaften dieser Erfindung und wagte es, die Fehler, die diesem Mbel anhafteten, zu rgen. Vor allen Dingen, sagte sie, sei der Stuhl zu schwer, er drcke, und dann msse er breiter gebaut sein, er enge zu sehr ein. Das war unangenehmer Bescheid von der eigenen Frau. Tobler, der einsah, da er gewisse Dinge auer acht gelassen hatte, ging sofort daran, die ntigen nderungen zu treffen, indem er am Zeichentisch ein paar neue Bestandteile rasch entwarf, um die Muster alsobald an die Schreinerei senden zu lassen. Es bedurfte nur ganz weniger Umnderungen, und der Stuhl konnte dann um so energischer in Fabrikation genommen werden. Bereits schrieben ja eine Anzahl Verkaufs- und Vertriebsgeschfte, sie seien gespannt auf die Zusendung eines ersten, kompletten Exemplares. Und die Reklame-Uhr, wie ging sie? Man stund mit einer ganz neubegrndeten Unternehmungsgesellschaft in Verbindung, man hatte ausfhrlich Offerte eingereicht, sogar nebst kurzer Lebensbeschreibung des Geschftsherrn, da dies gewnscht worden war. Man hoffte! Inzwischen war das elektrische Licht im ganzen Hause vom Werk aus abgestellt worden, aus Grnden, die auch allen andern Lieferanten verboten, weiterhin auf gutes Vertrauen Waren und Werte in den Abendstern flieen zu lassen. Die Nachricht von der pltzlichen Ausschaltung des elektrischen Stromes machte Tobler beinahe krank vor Wut und veranlate ihn, den Herren vom Elektrizittswerk einen ebenso ohnmchtig zornigen wie berflssig groben Brief zu schreiben, bei dessen Empfang und Lektre diese Leute, allen voran der Direktor der Anstalt, in gutmtig-verchtliches Lachen ausbrachen. Zwangshalber mute man sich nun im Hause Tobler wieder einmal der bescheidenen Petroleumlampen bedienen, an welches Licht sich alle, auer Tobler, auch rasch gewhnen konnten. Dieser aber vermite zu sehr, wenn er nachts spt nach Hause kam, den Anblick seiner geliebten elektrischen Verandalampe, die ihm jeweilen als das schnleuchtende Wahrzeichen und als der hellschimmernde Beweis der sicheren Fortexistenz seines Hauses vorgekommen war. Der Schmerz um das hellere Licht verband sich in seiner Brust mit der groen brigen Wunde und trug dazu bei, seine Gemtsstimmung noch mehr zu verdunkeln, derart, da der jhe Wechsel seiner Laune fr alle Mitwohner das tglich zu kostende Brot wurde. Jetzt aber mute in allererster Linie eine Summe Geldes beschafft werden, koste es was es wolle. Die dringendsten Verpflichtungen wenigstens muten beseitigt werden, so galt es eines Morgens, der Mutter Toblers, einer vermgenden, aber hartnckigen und in ihren Grundstzen als unerschtterlich bekannten Frau, einen Brief zu schreiben, und zwar folgenden: Liebe Mutter! Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu Ohren gekommen sein, in welch elender Lage ich mich zurzeit befinde. Ich sitze in meinem Haus wie der gefangene Vogel unter den stechenden und zum voraus schon ttenden Blicken der Schlange. Ich bin von Glubigern derart umgeben, da, wenn das Freunde und Gnner wren, ich zu den reichen und allbeliebten Menschen zhlen mte; aber leider sind es die unbarmherzigsten Leute und ich der Bedrngteste der Menschen. Du hast mir, liebe Mutter, frher auch schon mehr als einmal aus der Klemme geholfen, ich wei es, und ich bin Dir allezeit im stillen dankbar dafr gewesen, so bitte ich Dich denn, und zwar dringendst, und so, wie Menschen bitten, denen das Messer der ffentlichen Schande am Halse sitzt, hilf mir auch dieses Mal noch aus der Verlegenheit und sende mir umgehend, wenn es Dir irgendwie mglich ist, wenigstens einen vorlufigen Teil der Gelder, die ich nach allem, was Recht heit, heute noch zu beanspruchen habe. Mutter, versteh mich, ich drohe nicht, ich sehe ein, da ich vollkommen von Deinem guten Willen abhngig bin, ich sehe auch ein, da Du mich ins Verderben strzen kannst, wenn Du willst, aber warum solltest Du das wollen knnen? Gegenwrtig ist auch noch meine Frau krank, Deine Tochter. Sie liegt im Bett und wird es so rasch nicht wieder verlassen drfen, ja, ich darf noch froh sein, wenn sie es berhaupt eines Tages wird verlassen knnen. Du siehst, auch das noch! Was soll ein Geschftsmann, der dermaen von Schlgen und Sten getroffen worden ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer einigermaen gewut mich ber dem Wasser zu halten, jetzt aber bin ich in der Tat am Rande der absoluten Unmglichkeit, mich ferner zu halten, angekommen. Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal, eines schnen Morgens oder Abends, in der Zeitung steht, Dein Sohn habe sich das Le ------ doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz auszusprechen, denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke mir unverzglich das Geld. Auch das ist keine Drohung, nur eine Mahnung, aber eine sehr ernste. Auch in der Haushaltung ist fast kein Geld mehr, und an den Gedanken, da die Kinder ber kurz oder lang nichts mehr werden zu essen haben, bin sowohl ich wie meine Frau lngst gewhnt. Ich schildere Dir meine Zustnde nicht wie sie sind, sondern so, wie ich sie sehen will, um den Anstand der Sprache zu bewahren. Meine Frau grt Dich herzlich und umarmt Dich, ebenso Dein Sohn Karl Tobler. Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom endlichen Gelingen meiner Unternehmungen felsenfest berzeugt. Die Reklame-Uhr bewhrt sich, verla Dich darauf. Und noch etwas: Mein Gehlfe verlt mich, wenn er seinen rckstndigen Gehalt jetzt nicht ausbezahlt erhlt. Der Obige. Whrend Tobler diesen Brief an seinem Pult aufsetzte, richtete der Angestellte an seinem Schreibtisch die Mndung des Korrespondenzgeschtzes auf einen Bruder von Tobler, einen in angesehener Weltstellung in einem entfernteren Landesteil lebenden Regierungsbaumeister, indem er demselben, gem den von seinem Chef soeben erhaltenen Instruktionen, ans Herz legte, wie miserabel es im Abendstern hergehe und da es allerhchste Zeit sei usw. Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich werde unterzeichnen, oder nein, halt, der Brief mu so abgefat sein, als wrden Sie ihn aus eigenem Antrieb und Interesse fr Ihren Prinzipal geschrieben haben. Schreiben Sie ihn anders und unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als schrieben Sie ohne mein Wissen, haben Sie gehrt? Ich stehe mit meinem Bruder nicht gut, Sie aber sind ihm ein vollstndig Fremder. Machen Sie rasch. Ich mu berlesen, was Sie da aufsetzen. Und dann mu ich zum Bahnhof.-- Tobler lachte und sagte: Das sind Kunststcke, mein lieber Marti, aber man mu sich in Gottesnamen zu helfen wissen. Schreiben Sie das nur auch gleich meinem noblen Herrn Bruder, das von Ihrem rckstndigen Gehalt. Und dann wollen wir beide jetzt sehen, ob die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine Mutter wird schon mssen. Andernfalls ---- und vergessen Sie nicht, die ganze Reklame-Uhr-Geschichte noch einmal mit sauberer Schrift bersichtlich zusammenzustellen. Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens noch da. Nun holt uns entweder der Teufel oder wir brechen durch. Wie diesen Mann die Hoffnungen und 'Kunststcke' hinreien, dachte Joseph. * * * * * Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler wieder aufstehen. Es war auch gut, denn die Pauline bedurfte einer regierenden Hand in der Tat. Sie hatte angefangen, nachlssig zu werden. Die Frau erschien wieder, mit einem dunkelblauen Hauskleid lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing leise an, sich den huslichen Geschften und Sorgen wieder zu widmen. Sie trat leise und schn auf, und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt still zu lcheln. Ihre Stimme war dnner geworden, ihre Bewegungen krzer und furchtsamer, und ihre Augen schauten nach allen Seiten umher wie neugierige Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schne Sanftheit ber ihr ganzes Betragen geworfen, sie sah aus, als htte sie sich von nun an nie mehr ereifern, als htte sie niemals mehr fr irgend etwas Partei ergreifen knnen. Mit ihrer Dora verfuhr sie natrlicher, nicht mehr gar so zuckerig, die Konditorei hrte ein bichen auf zu blhen, und die Silvi konnte sie anschauen, ohne da ihr der offenbare Zorn ins Gesicht scho, was vorher beinahe jedesmal der Fall gewesen war. Sie schien im allgemeinen eine gewisse Kompliziertheit des Herzens abgeworfen zu haben, sie sah nach etwas Edlerem und Schlichterem als sonst aus, man schaute sie an und empfand so, und sie selber glaubte auch so empfinden zu mssen. Das Gesicht drckte Kummer aus, aber auch Freundlichkeit und Gelassenheit und etwas beinahe hoheitsvoll Mtterliches. Ich bin wieder einigermaen gesund, Gott sei Dank! schienen alle ihre kleinen Gebrden zu sagen, und diese Sprache mute eine tiefe und wahrhaftige sein, denn Bewegungen und Manieren knnen nicht gut lgen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als lge auf ihm noch das erregte Zucken frherer unschner Aufregungen, aber im groen ruhigen Auge lag es und leuchtete es klar geschrieben: Ich bin ein wenig besser, feiner und berlegener geworden. Seht mich an. Nicht wahr, ihr merkt es? -- Ihre Hnde griffen behutsam nach den Handarbeiten oder Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob diese Hnde die Gabe des Nachdenkens bekommen htten. Sie schienen auch Lippen zu haben und zu sagen: Wir denken jetzt ber manches, manches viel ruhiger und offener nach. Wir sind zarter geworden. -- Ja, die ganze Frau Tobler war ein wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden. Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das war tchtig geheizt worden. Sie schaute durch die Fensterscheiben hinaus. Drauen lag alles im undurchsichtbaren Nebel. Wie schn das war, da man gar nichts sehen konnte. Wie gemtlich es hier drinnen war. Einen Augenblick lang flatterte ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen Augen, sie sah es in Gedanken ganz ruhig an mit einem: Nun ja! und es verschwand wieder. Dann dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstdtische Schneiderin, Frau Bertha Gindroz, und sie mute leise lachen. Sie wischte ein bichen den Staub von den Mbeln, aber sie rhrte die Mbel eigentlich mehr nur so an, als wrde sie dieselben haben liebkosen und gren wollen. Wie ihr alles lieb und neu war. Diese paar Tage! Und diese paar Tage, diese eine kurze Woche, hatte ihr alles in eine fremdartige, wohltuende Neuheit geworfen. Es lag alles in einem eigentmlichen, verkleinernden, verzierlichenden Schimmer, es schwindelte ihr ein wenig, sie setzte sich. Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer. Es war lngst zu kalt im Hundehaus geworden. Nur whrend der Nacht mute er drauen liegen. Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht heizen konnte, fing es an unleidlich kalt zu werden, so verbrachte Joseph die Abende und manchmal halben Nchte unten in der Wohnstube, meistens allein mit der Frau, die jetzt kaum noch jemanden zu Besuch empfing. Die Parketteriefrauen, die alte Dame und das Frulein, waren mit Toblers infolge eines Meinungs- und Rechtsstreites bse geworden. Es handelte sich um einen kleinen, an beide Nachbargter anstoenden Grundstcksecken, den jeder von beiden Parteien beanspruchte. Die Sache war zu geringfgig, um vor Gericht getragen zu werden, aber sie machte bses Blut, es entstanden Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige freundnachbarliche Verkehr hrte eben auf. Die alte Gluckhenne solle ihm nur nie wieder ber den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler gesagt. Die Freundschaft war damit bndig gebrochen. berhaupt, von welchen Personen hatte nicht Tobler hnliches gesagt? Fast die meisten sollten es nur noch einmal wagen, den Fu auf Toblersches Terrain zu setzen, dann wrden sie schn ankommen!-- So sa man an den langen Abenden allein. Die Lampe beleuchtete meistens zwei Kpfe, den der Frau und den des Gehlfen, der ihr Gesellschaft leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch, das aufgeschlagen auf dem Etisch lag. Es vergingen einige Tage. Sie wurden in allen ihren Stunden empfunden, diese Tage. Man zhlte sie, man rechnete mit ihnen, denn es war nicht gleichgltig, ob sie rasch oder langsam dahingingen, hing doch das Bestehen des Hauses Tobler nur noch von Tagen ab. Man verlernte es, an Monate oder Jahre zu denken, oder man verkrzte die Gedanken-Monate und -Jahre und veranlate die Erinnerungen zu einem rascheren Erfassen, und man lebte so und wartete auf die Zeichen, die die Tage gaben. Ein Gerusch war wichtig, denn es konnte der Briefbote sein, der eine neue, sorgenvolle Unannehmlichkeit brieflich oder in Form eines Postzahlungsbegehrens daherbrachte. Irgend Tne waren wichtig, denn es konnten die Tne der Haustrklingel sein, und es konnte jemand kommen, der Betrbliches im Sinn hatte. Ein Ruf war wichtig, denn er konnte bedeutend sein: Heda, Herr Tobler und Frau, konnte diese Stimme rufen, rasch mit euch jetzt hinaus aus dieser lieblichsten und gewohntesten aller Menschensttten. Sputet euch, denn es ist Zeit. Ihr habt's lange genug schn gehabt. -- Solchen schrecklichen Inhaltes konnte irgend ein Ruf sein. Aber auch die Farben waren wichtig, das Gesicht des Tages, die Zge und Gebrden dieser, wie es schien, letzten Tage, denn sie sprachen von den letzten Hoffnungen und letzten Anstrengungen und von der Art, wie man es machen mute, um auch jetzt noch guter Hoffnung voll zu sein. Sie redeten so leise, diese Tage. Sie waren keineswegs zornig auf das Haus Tobler, im Gegenteil, sie schienen es von hoch und von fern, in Gestalt von Wolken und Genien, beschirmen, ihm zulcheln und es trsten zu wollen. Diese Tage glichen der Frau Tobler beinahe ein wenig. Auch die Tage schienen krank gewesen zu sein, und jetzt hatten sie ein ebenso blasses und weiches Aussehen wie die Frau, um die herum sie sich in der unabnderlichen Reihenfolge ablsten. Aber Frau Tobler war nach und nach wieder die frhere Frau Tobler geworden. Je mehr sie gesundete, desto mehr glich sie wieder sich selbst. Es wre ja auch gar zu sonderbar zugegangen, wenn sie pltzlich eine andere htte werden knnen. Nein, so rasch sprang eine lebendige Menschennatur nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus. Dafr war gesorgt, da das nicht geschehen konnte, und wie! Da die Frau milder ausschaute, das war nur, weil sie sich noch schwach fhlte. * * * * * Eines Abends whrend dieser Zeit saen die Beiden, die Frau und der Gehlfe, bei der Lampe, im Wohnzimmer. Der Herr war auf der Reise. Wann war er denn berhaupt nicht auf der Reise? Auf dem Tisch, neben jeder der zwei Personen stand ein halb geflltes Glas Rotwein. Sie spielten Karten. Frau Tobler war am Gewinnen, der Ausdruck ihres Gesichtes war infolgedessen heiter. Sie pflegte immer zu lachen, wenn sie beim Kartenspielen gewann, und so tat sie auch jetzt. Sie lie ein naiv-schadenfrohes Lachen aus ihrem Mund springen, das vielleicht zu einer andern Zeit den Partner gergert htte. Aber Joseph trank einen Schluck Wein auf den Verlust hinab, und beide setzten das Spiel fort, indem Frau Tobler die Karten von neuem zu mischen begann. Nach ungefhr einer Stunde sagte sie, sie wolle gern noch etwas lesen, in dem Buch, das ihr der Gehlfe heute aus dem Dorf gebracht habe. Das Spiel wurde unterbrochen, die Frau begann gleich zu lesen, whrend Joseph sich, unlustig, eine Zeitung oder ein Buch zur Hand zu nehmen, auf das Ruhebett setzte und anfing, die lesende Frau zu betrachten. Diese schien sich ganz und gar in die Geschichte, die das Buch enthielt, versenkt zu haben. Mit der einen Hand strich sie sich von Zeit zu Zeit sorgfltig ber die scheinbar tief nachdenkende Stirne, whrend ihr Mund sich still aber unruhig zu bewegen begann, als habe er etwas zu den Geschehnissen der Lektre mitzusagen gehabt. Einmal stie sie sogar einen leisen aber kummervollen Seufzer aus und atmete hrbar mit der Brust auf und ab. Wie das still und sonderbar anzuschauen war! Joseph versank immer mehr in die Betrachtung der Leserin, und es war ihm, als lese auch er in einem groen, geheimnisvoll-spannenden Buch, ja es war ihm, als lese er geradezu im selben Buch wie Frau Tobler, deren Stirne, die er aufmerksam ansah, ihm den Inhalt desselben auf merkwrdige Weise zu vermitteln und zu erklren schien. Wie still sie liest, dachte er, sie noch immer betrachtend. Pltzlich schaute sie vom Buch auf, groen Auges zu dem Gehlfen hinberschauend, als sei sie mit ihren Gedanken-Augen in einer weitentfernten Welt gewesen, und als habe das Auge Mhe gehabt, sich zu entsinnen, was das sei, was es jetzt sah. Sie sagte: Sie schauen mich scheinbar die ganze Zeit ber, whrend ich gelesen habe, an, und ich merke nicht einmal etwas davon. Behagt Ihnen denn das? Ist es Ihnen nicht zu langweilig? Nein gar nicht, erwiderte er. Wie doch so ein Buch fesselt, bemerkte sie und las weiter. Nach einer Weile schien sie mde geworden zu sein. Die Augen mochten ihr ein bichen weh tun. Jedenfalls hielt sie inne mit Lesen, sie schlo aber das Buch noch nicht, als berlege sie, ob sie noch fortfahren solle oder nicht. Frau Tobler! sagte Joseph ruhig. Was? fragte sie. Sie schlo ihr Buch und schaute nach dem Angestellten hinber, der ihr, wie es schien, etwas Besonderes zu sagen hatte. Aber es verging eine halbe Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph zgernd, er sei unvorsichtig. Da habe er ihr etwas ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe bemerkt, da sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden sei, und da sie, wie er noch jetzt sehe, einen gutmtigen Gesichtsausdruck zur Schau trage. Pltzlich sei ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die er schon lang gesucht habe, zu ergreifen, und sie anzusprechen, und nun fehle ihm wieder einmal der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund nehmen wollen. Nun sehe er selber ein, was Frau Tobler schon vor Wochen einmal zu ihm gesagt habe, nmlich, da er ein komischer Mensch sei. Das was er habe sagen wollen, sei dumm und gar nicht des Anhrens wert. Sie solle ihm erlauben, schweigen zu drfen. Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den Gehlfen, sich nher zu ihr zu setzen und zu reden. Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen. Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen an, um sie auf Dinge neugierig zu machen, die dann nicht kmen. So etwas sei feig oder gedankenlos. Sie hre. Joseph hatte sich auf ihr Gehei an den Tisch gesetzt und sagte, das, was er zu berichten habe, handle von der Silvi. Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er fuhr fort: Erlauben Sie mir, gndige Frau, Ihnen rund herauszusagen, wie abscheulich mir die Behandlungsweise vorkommt, die man fr dieses Kind brig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als einen Wink, den mir Ihre Gte erteilt, fortzufahren. Sie begehen ein groes Unrecht an dem kleinen Wesen. Was soll aus diesem Geschpfchen spter werden? Wird es je den Mut und die gehrige Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches Betragen zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern mu, da man es in seiner Jugend unmenschlich erzogen hat? Was ist das fr eine Erziehung, ein Kind einer rohen und dummen Magd, einer Person, einer Pauline auszuliefern? So etwas mte die Klugheit verbieten, auch dann noch, wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil ich darber nachgedacht habe, weil ich so manchen Tag gesehen habe, was mir aufrichtig weh getan hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau Tobler, zu dienen, so viel ich vermag, verspre. Ich bin grob, nicht wahr? So sind eben zuweilen komische Menschen. Doch nein. Ich mchte ganz anders zu Ihnen reden. Es pat sich nicht so. Ich habe schon zu viel gesagt, und es kommt heute kein Wort mehr ber meine Lippen. Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer, endlich sagte Frau Tobler, ihr sei schon lange auch der Gedanke gekommen, man habe Ursache, sich wegen Silvi Vorwrfe zu machen. Das alles komme ihr brigens jetzt so sonderbar vor. Der Gehlfe aber brauche keine Angst zu haben, sie verzeihe ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe ja, er meine es gut. Sie schwieg wiederum. Spter bemerkte sie, sie liebe eben das Kind nicht. Warum nicht? fragte Joseph. Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme, unberlegte Frage vor. Sie liebe eben Silvi nun einmal nicht und mge sie nicht ausstehen. Ob man sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen knne, und was das fr ein Gefhl sei, solch ein erzwngtes und hervorgewrgtes? Was sie dafr knne, wenn es sie mit eisernen Schlgen und Hmmern von der Silvi fortjage, sobald sie sie nur von weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr so s sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar nicht zu erfahren, und wenn auch; wrden ihr die treffenden Antworten auf solche, wie ihr scheine, berflssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen knnen? Das sei schwer. Ja, sie wisse wohl, da sie Unrecht begehe. Schon als ganz kleines Kind habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen angefangen. Ja, hassen, das sei das richtige Wort, es bezeichne das Gefhl, das sie mit dem Kind verbinde, ausgezeichnet. Sie wolle probieren, in den nchsten Tagen, ob sie sich ihm wieder ein wenig mit dem Herzen anschlieen knne, aber sie hoffe wenig von solchen Versuchen, Liebe lasse sich nicht erlernen, die habe man und empfinde man, oder man habe und empfinde sie nicht. Sie nicht haben, das heie, glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben. Aber sie wolle versuchen, und nun wnsche sie, zu Bett zu gehen, sie fhle sich recht mde. Sie stund auf und ging zur Tre. An der Schwelle drehte sie sich um und sagte: Ich htte es bald vergessen -- gute Nacht, Joseph. Wie zerstreut ich bin. Lschen Sie die Lampe, bevor Sie hinauf in Ihr Zimmer gehen. Tobler wird wohl noch lange nicht kommen. Sie haben mir heute abend das Herz ein wenig erschwert, aber ich bin Ihnen nicht bse. Ich wollte, ich htte geschwiegen, sagte Joseph. Machen Sie sich keine Gedanken. Mit diesen Worten ging sie die Treppe hinauf. Der Gehlfe blieb mitten im Zimmer stehen. Nach kurzer Zeit erschien Tobler. Der andere sagte: Guten Abend, Herr Tobler, hm, was ich da mir zu sagen erlauben wollte: ich habe vor einer halben Stunde die Unvorsichtigkeit begangen, Ihrer Frau wieder einmal Grobheiten zu sagen. Ich will Ihnen das zum voraus bekennen. Ihre Frau Gemahlin wird sich veranlat fhlen, sich ber mich zu beklagen. Ich beteure, es sind nur Dummheiten, Dinge letzten und allerletzten Gewichtes. Ich bitte Sie hflichst, keine so groen Augen machen zu wollen, ich glaube, weder Ihre Augen sind ein Mund noch ich etwas Verzehrbares, es gibt nichts zu essen an meiner Person. Was den Ton dieser Sprache betrifft, so erklrt sich dieser daraus, da er von einem wtenden Gemt diktiert wird. Wre es nicht besser, Sie jagten Ihren kuriosen Herrn Angestellten jetzt endlich einmal zum Haus hinaus? Ihre Frau mihandelt das ganze Jahr lang ungestrt die Silvi. Wo haben Sie Ihre Augen? Sind Sie ein Vater oder nur ein Unternehmer? Gute Nacht, gute Nacht, ich glaube, ich habe es nicht mehr ntig, zu warten und zu hren, was Sie auf eine so sonderbare Auffhrung erwidern. Ich darf annehmen, ich bin entlassen. Sind Sie betrunken? He! Tobler rief umsonst. Der Gehlfe war bereits die Treppen hinaufgestiegen. Vor der Tre des Turmzimmers blieb er pltzlich stehen: Bin ich ganz toll? Und er lief so schnell er vermochte wieder die Stufen hinunter. Herr Tobler sa noch im Wohnzimmer. Joseph blieb, wie vorhin die Frau, auf der Schwelle stehen und sagte, es tte ihm leid, sich in unziemlicher und unsinniger Art und Weise benommen zu haben, er bereue, aber er bemerke, da er -- noch nicht entlassen sei. Wenn Herr Tobler noch Geschftliches zu besprechen habe: Joseph stehe zur Verfgung. Tobler schrie so laut er konnte: Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein verrckter Kerl. Diese verdammten Bcher! Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmi es zu Boden. Er suchte nach beleidigenden Worten in seinem Gedchtnis, fand sie aber nicht. Teils sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils wieder zu viel. Ruber schwebte ihm auf der Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar nicht beleidigen. Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung keine Grenzen. Er htte sagen mgen Hund, aber dieses Wort machte dann wieder alle Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich auerstande sah, seinen Gegner in anstndiger Weise niederzuwerfen. Schlielich lachte er. Nein, er brllte. Machen Sie, da Sie sofort hinauf in Ihr Nest kommen. Joseph hielt es fr das Geratenste, sich zu entfernen. Oben angelangt, blieb er im Zimmer stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu knnen. Nur der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht vor dem Bewutsein: Er hatte seinen Gehalt noch nicht und gestattete sich -- solche Torheiten. -- Wie wrde das morgen werden? Er nahm sich vor, sich der Frau zu Fen zu werfen. Wie unsinnig! Von der Unmglichkeit, denken zu knnen, gepeinigt, trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine trockene, kalte Nacht. Der Himmel strahlte und glitzerte und fror voller Sterne. Es war, als ob die Sterne alle Klte, die herrschte, auf die Erde hinunterstrahlten. Auf der dunklen Landstrae ging noch ein Mensch. Die Schuhe klapperten metallen auf den Steinen. Alles da drauen schien von Stahl oder Stein zu sein. Die Stille der Nacht selber schien zu tnen, zu klirren. Joseph dachte an Schlittschuhe, dann an Erz, dann pltzlich an Wirsich. Wie mochte es jetzt dem ergehen? Er hatte das Gefhl von einem leisen Freundschaftsempfinden fr diesen Menschen. Dem begegnete er sicher noch wieder irgend einmal. Aber wo? Er trat in sein Zimmer zurck und zog sich aus. In diesem Augenblick ertnte ein Schrei Silvis. Da wird die Kleine wieder aus dem Bett gezogen. Hu, wie kalt, dachte er. Er horchte noch eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hrte nichts mehr und schlief ein. * * * * * Am Morgen schlich er zitternd und mutlos ins Bureau hinunter. Er dachte: Wird man mich fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen? Ja, er fhlte, wie lieb es ihm geworden war, und er dachte weiter: Wie ist es mir mglich, zu leben, ohne Dummheiten zu begehen? Und in diesem Haus konnte ich so hbsch Dummheiten begehen. Wie wird es anderwrts hiermit bestellt sein? Und wie kann ich daran denken, zu existieren, ohne von Toblers Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo satt zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig? An andern Orten ist das Essen so langweilig, so ganz und gar das Gegenteil von ppig! Und in wessen sauber zu- und aufgedeckten Betten will ich mich nachher schlafen legen? Unter einen behaglichen Brckenbogen wohl! Gemach! Ach Gott, sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich fortfahren zu atmen ohne die Gegenwart dieser auch im Winter reizenden, landschaftlichen Gegend? Und wie will ich mich dann abends unterhalten, wie jetzt mit der lieben, prchtigen Frau Tobler? Wem Grobheiten sagen? Nicht alle Menschen nehmen sie so besonders, so eigen, so schn in Empfang. Wie traurig. Wie liebe ich dieses Haus! Und wo wird eine Lampe brennen, so zrtlich, und wo ein Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie Toblers Lampen und Wohnzimmer sind? Wie macht mich das mutlos. Und wie knnen meine Gedanken, ohne alltgliche Gegenstnde wie Reklame-Uhr, Schtzenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine zu haben, ferner auskommen? Ja, das wird mich unglcklich machen, ich wei es. Ich bin hier gebunden, ich lebe hier. Wie sonderbar anhnglich ich bin! Und Toblers tiefe, grollende Stimme, wie bitter werde ich ihren Klang entbehren. Warum kommt er noch nicht? Ich mchte wissen, woran ich bin. Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch ein Sommer mich in die ppigen, grnen Arme und an die blhende und duftende Brust drcken, wie der war, den ich hier oben habe erleben und genieen drfen? Wo, in welcher Gegend der Welt, gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline? Obschon ich mich mit ihr des ftern gezankt habe, gehrt auch sie schlielich mit zu dem Schnen. Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte ich 'kopflos' sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Ich mchte wissen, an welchen Orten der zivilisierten Welt das sonst noch gestattet wre? Und der Garten, den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo gibt man mir das? Menschen wie ich genieen sonst nirgends die Annehmlichkeit und den Zauber von Grten. Bin ich verloren? Mir ist elend zumut, ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen rauchen mssen. Auch das wird mir fehlen. Sei es.-- Als er auch noch an die Fahne im Sommer dachte, sah er sich gentigt, zu grinsen, um nicht pltzlich wie ein Schwchling weinen zu mssen. Dann trat Herr Tobler ins Bureau, wie jedesmal, ordentlich guten Morgen sagend. Nichts von Zum-Haus-hinaus-jagen. Nichts dergleichen! Joseph setzte seine demtigste und dienstfertigste Miene auf, er war unbeschreiblich froh, da es noch nicht so weit war. Er setzte sich geradezu leidenschaftlich hinter die Erledigung der heute bestehenden geschftlichen Aufgaben, und er drehte sich alle Augenblicke auf seinem Stuhl um, damit er sehe, was Tobler an seinem Pult machte. Tobler tat das Gewhnliche. Was er da gestern fr einen Anfall gehabt habe? frug der Chef in unglaublich freundlichem Tone. Ja, das war dumm, sagte der Gehlfe, bescheiden und beschmt lchelnd. Er brauche nicht zu ngsten. Seinen Gehalt kriege er schon, brummte Tobler. O, ich will gar keinen Gehalt. Ich verdiene ihn nicht. Dummheiten, sagte Tobler, ich bin, einige Kopflosigkeiten, die Sie sich haben zuschulden kommen lassen, ausgenommen, zufrieden mit Ihnen. Und wenn ich die Fabrik bekomme, um deren Beteiligung ich mich beworben habe, so bleiben wir hoffentlich auch dann noch zusammen. Man wird in diesem Fall auch einen Buchhalter brauchen knnen. Spter ging der Chef. Dora war an diesem Tage krank geworden, nicht ernstlich. Es war nur eine kleine Erkltung, aber diese gengte, um das Mdchen zu pflegen, als wre ihr letzter Tag herangekommen. Dora lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, und als Joseph zufllig sagte, er wolle zur Post gehen, es war gegen Abend, mute er Dora versprechen, ihr ein paar Orangen oder Apfelsinen aus einer Spezereihandlung mitzubringen, was er denn auch tat. Whrend des Nachtessens redete Frau Tobler bestndig zu der kleinen, reizenden Unplichen hinber, in der Richtung nach dem Ruhbett. Silvi machte groe Augen und hielt den Mund sperrangelweit offen, als dchte sie darber nach, wie es zugehe, da man so reizend krank sein knne. Warum war denn eigentlich Silvi nie krank? War das nichts fr sie? Mute die Natur ihr diesen hbschen Zustand vorenthalten? War sie zu gering, eine kleine Erkltung bekommen zu drfen? Sie wre so gern einmal zrtlicher als sonst, ja nur einmal ein bichen wrmer und milder als sonst behandelt worden. Die Dora! Nein! Silvi schaute ihr Schwesterchen betrbt und erstaunt an, als wre sie nicht imstande gewesen, es sich zu erklren, wie die da so schn krank daliegen konnte. Tu den Lffel aus dem Mund, Silvi. Ich kann das nicht ausstehen! sagte Frau Tobler. Ihr Gesicht schien in diesem Augenblick zwei Mienen bekommen zu haben, eine liebliche und glatte fr Dora, und eine darunter liegende gerunzelte und strenge fr Silvi. Gleichzeitig schaute die Frau kurz den Angestellten an, als forsche sie auf dessen Gesicht nach dem, was er dazu etwa denken oder sagen mochte. Aber Josephs Gesicht lchelte zu Dora hinber. Es war dies durchaus kein Wunder: die Menschen richten eben ihre Augen mit Vorliebe dorthin, wo das Schne und Wohlgestaltete zu sehen ist, nicht dahin, wo in unappetitlicher Weise mit einem Kaffeelffel in einem ausdruckslosen Mund herumgerhrt wird. Doras volles Gesicht guckte anmutig zu den schneeweien Bettkissen heraus, auf denen verstreut, und Hhlen in den Flaum eindrckend, die mitgebrachten Apfelsinen herumlagen. Dieser reizende, ppige Kindermund. Diese kleinen, aber beinahe schon bewut schnen und grazisen Bewegungen. Diese bittende, liebe, leichte Stimme, dieses Vertrauen! Ja, Dora, du durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht Gte dir entgegenstrahlen. Wie arm war da Silvi. Wrde dieses Mdchen je auf den Gedanken gekommen sein, zu wnschen, man solle ihr Orangen aus den Delikatewarengeschften mit nach Hause bringen? Unter keinen Umstnden. Dazu wute sie viel zu gut, wie sehr jedermann geneigt war, ihre Bitten abzuschlagen. Ihre Bitten waren auch gar keine Bitten, sondern nur gestammelter Neid. Sie bat erst, wenn Dora lngst ihr gewnschtes hatte. Nie kam sie auf einen ersten Wunsch. Die Wnsche Silvis waren alle Wunschkopien, ihre Einflle waren keine Einflle, sondern nur Nachahmungen von solchen, die Dora zuerst gehabt hatte. Ein echtes Kinderherz nur kommt auf frische Einflle, ein verprgeltes und verachtetes niemals. Die wahre Bitte ist immer ersten, nie zweiten Ranges, gerade wie das wahre Kunstwerk. Silvi war eben nun einmal zweiten, dritten, vielleicht sogar siebenten Ranges. Alles was sie sagte, war aus falschem Tone geschmiedet und gebacken, und alles was sie tat, war altbacken. Wie alt Silvi bei ihren bltenjungen Jahren schon war. Welches Unrecht!-- Joseph hatte das einen Moment berdacht, whrend er Dora anschaute. Wenn man die anschaute, konnte man sich ein klares Bild von ihrem Gegenstck machen, und man hatte dann gar nicht ntig, die prfenden und vergleichenden Augen erst noch lange auf Silvi zu werfen. Wie das traurig war. Diese zwei ungleichen Kinder! Joseph htte aus dem Grund seines Denkens heraus hrbar seufzen mgen. Als Dora jetzt in ihr richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden sollte, trat er zu ihr hin und war so betroffen von dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, da er nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu kssen. Mit diesem Huldigungsku wollte er gleichsam die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art und auch die Silvi-Art. Aber wie htte er der zweiten Art tatschlich huldigen knnen? Unmglich! So versuchte er, wenigstens in Gedanken der jungen Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Trstendes und Achtungsvolles zu sagen, indem er das Unausgesprochene mit seinem Mund auf die Hand der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drckte. Frau Tobler sah es. Sein Betragen fand ihren Beifall. Ein kurioser Mensch, dieser Marti! dachte sie, da hat er mich gestern der Silvi wegen ausgescholten, und nun ist er mir selber hier halb verliebt in die Dora. -- Sie lchelte gndig und sagte zu Dora, da msse sie aber in Zukunft ihre Hnde suberlicher halten, wenn sie ferner solche Ksse darauf bekommen wolle und lachte. Zur Silvi sagte sie, indem sie ihr mit verzogenem Gesicht gute Nacht sagte, sie solle sich besser zusammennehmen und ihr keine Ursache mehr geben, streng mit ihr zu sein, dann sei man auch gut zu ihr. Es sei ein Jammer, wie man sie behandeln und immer wieder strafen msse. Sie erwarte jetzt einmal gehrig Besserung. Silvi werde auch lter. Marsch. Sie solle gehen. Zuerst hatte der Ton dieser kurzen Ansprache liebreich klingen wollen, dann aber, als sei ihm die Milde unpassend und unmglich vorgekommen, war er in die Hrte hinbergesprungen, in Abstufungen, bis er zuletzt selber in einem gebieterischen Marsch sich abbrach. Als die vier Kinder fort waren, wurde ein Jaß« angefangen. Der Gehlfe hatte jetzt schon eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der bung dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann fast fortwhrend, was ihn veranlate, ganz besonders vorsichtig seine Worte zu whlen, da er die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten hervorzubrechen pflegte, genau kannte. Sie spielten eine Stunde lang, von Zeit zu Zeit wieder an den Rotweinglsern nippend, wie am Vorabend. Pltzlich sagte Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach: Wissen Sie es schon, Marti, da mein Mann mich zu meiner Schwiegermutter schickt? Ja, es ist so, und ich werde mich morgen frh auf die Bahn begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir mssen ja jetzt das Geld haben, sonst sind wir verloren, und sie schickt nichts. Sie ist sehr geizig, wenigstens hlt sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie werden sich denken knnen, wie unangenehm mir eine solche Fahrt jetzt ist, aber es mu sein. Diese Frau, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe, die ich kaum recht kenne, werde ich bitten mssen, ja Marti! Und sie wird kalt zu mir sein, von oben herab, das fhle ich nur zu deutlich. Es wird so leicht fr sie sein, mich zu krnken, mir weh zu tun, denn schlielich behandelt man ja eine Bettlerin nicht, wie man mit Glachandschuhen jemanden anrhrt. Sie hat mich brigens von jeher ein wenig 'auf dem Zug' gehabt, ich habe das immer empfunden. Als ob ich von jeher ihrem Sohn, meinem Mann, nur Unheil gebracht htte. Und so wird sie mir jetzt natrlich entgegentreten: wie einer Snderin. Sie wird mir die Kleider, die ich am Leib trage, vorwerfen, die unntige Eleganz derselben, den unglaublich berflssigen guten Schnitt. Nein, das neue Kleid werde ich schon nicht anziehen drfen. Das hat auch keinen Zweck. Eine, die daherkommt, um zu heischen, soll schwarz gehen, ich werde das alte, schwarze Seidenkleid anziehen, das macht einen sehr unterwrfigen Eindruck. Ja ja, Joseph, Sie sehen, andere mssen sich auch zwingen und dulden und herabwinden zur Bescheidenheit. Es geht eben so, man wei gar nicht, woher und wie und wieso so rasch. Diese Welt!-- Wir wollen hoffen, da Sie Erfolg haben, bemerkte der Gehlfe. Sie fuhr fort: Dafr schickt mich ja auch Tobler, weil er der Ansicht ist, da seiner Mutter meine Erscheinung zu einem solchen schwierigen und heiklen Zeitpunkt angenehmer sein werde als die seinige. Sonst sehe ich allerdings nicht ein, warum er selber nicht hinfahren knnte. Ein Stck Bequemlichkeit seinerseits mag ja dabei sein. Die Mnner nehmen gern die gemtlosen und trockenen Geschfte auf sich. Wo es sich aber um ein persnlich-innerliches Opfer handelt, um eine Pflicht und Arbeit herzlichen Charakters, um rein seelische berwindungen, da schieben sie lieber ihre Frauen vor die Front und sagen gewhnlich: 'Geh du! Du machst das besser als ich!' was man dann noch als eine Art Gnade und Liebkosung aufzufassen beinahe gezwungen ist. Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das Wort: Ja, Sie lachen! brigens verbiete ich Ihnen das nicht. Lachen Sie nur. Ich habe ja auch gelacht, obschon es uns beiden eigentlich ernster zu Mut sein sollte. Ja, hoffen wir, da ich Erfolg haben werde. Im brigen, was rede ich da! Ich meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug auf Toblers Geschfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln, lngst aufgegeben. Es ist jetzt einmal so: das Vertrauen in meines Mannes Geschftstchtigkeit ist in mir grndlich ins Schwanken geraten. Ich glaube jetzt berzeugt zu sein, da er nicht gengend Raffiniertheit, nicht gengend Herzlosigkeit besitzt, um rentable Geschfte machen zu knnen. Er hat in all dieser Zeit meines Erachtens nach nur den Ton dieser pfiffigen und schlauen Leute angenommen, das uere Betragen, die Manieren, nicht aber zugleich die Fhigkeiten. Gewi, es mu einer, der gute Geschfte macht, deswegen kein Blutsauger und schlechter Kerl sein. Das ist noch lange nicht gesagt. Aber mein Mann ist zu temperamentvoll, zu rasch, zu gut und zu natrlich empfindend. Auch zu leichtglubig ist er. Nicht wahr, Sie wundern sich, mich dermaen reden zu hren, aber glauben Sie mir, wir Frauen, bestndig an die Enge und an die Beschrnktheit des Hauses gebunden, wir denken ber mancherlei nach, und wir sehen auch manches und fhlen manches. Es ist uns gegeben, die Dinge ein bichen zu erraten, da einmal die korrekten Wissenschaften unsere geschwornen Feindinnen sind. Wir verstehen es, in den Blicken und im Betragen zu lesen. Wir sagen seltsamerweise nie etwas, wir schweigen, denn wir drcken uns ja in der Regel so schlecht und immer so unpassend aus. Unsere Worte regen meistens die geschftsberladenen Mnner nur auf, aber berzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklren uns mit dem allermeisten, was um uns her und mit uns selber geschieht, einverstanden, reden nebenschliche Dinge, die uns immer strker der Vermutung, da wir kleine und untergeordnete Geister sind, aussetzen und sind immer zufrieden, ich glaube es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit seinen Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen, der kleine Finger, der Schuh am Fu, meine eigene Nase sagen es mir. Er lebt zu gern gut, und das drfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er ist zu wild, das schadet. Er liebt zu sehr seine eigenen Plne, das untergrbt dieselben. Er ist ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles zu gerade, zu pltzlich, deshalb viel zu einfach. Er ist eine schne, volle Natur, und solche Naturen ressieren mit solchen Unternehmungen nie, oder fast nie. Nicht wahr, Marti, wie ich heute rede. Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches Lcheln. Sie hatte schon wieder mit Reden angefangen: Meinen Karl frchten die Menschen und hintergehen ihn zugleich und lachen ihn hinter seinem Rcken aus, denn sie gnnen gerade ihm merkwrdigerweise allen nur erdenklichen Schaden, und ich glaube deshalb, weil er seinen Wohlstand und sein Besitztum zu offen und zu ungeniert gezeigt hat, dermaen, da es ihnen in die Augen hat stechen mssen. Er ist immer naiv genug gewesen, vorauszusetzen, andere Leute htten Freude an seiner Lebensfreude und Lust an der seinigen, was offenbar ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter Standpunkt war. Er hat immer mit vollen Hnden gegeben, das ist eine Schwche gewesen, verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber unverzeihlich im Urteil derjenigen Menschen, die von ihm eben diese verschwenderischen Wohltaten genossen, mit einem Wort, die von ihm profitiert haben. Er hat seine besondere Art, ein bichen barsch und laut zu sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglck, Prahlerei. Wre er erfolgreich, so wrde man zu derselben Gewohnheit sagen: Schneid! Ja. Nein, mein Mann wrde viel besser getan haben, wenn er sich nie selbstndig gemacht, sich nie auf eigene Fe gestellt, sondern sich in seiner bescheidenen Stellung als technischer Angestellter still gehalten htte. Wir waren alle so wohl damals. Freilich hatten wir kein eigenes Haus, aber was bedarf es dessen, da doch nur Sorgen in solch ein eigenes Haus kommen? Nach Feierabend machten wir unsern stillen, hbschen Spaziergang rund um den Hgel. Es war zu schn, um es derart eigensinnig von sich wegzuwerfen, aber eines Tages wurde es eben weggeworfen. Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler, sagte Joseph. Diese Worte schlugen wie mit Flammen in ihr Gesicht. Sie rief: Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich. So redet man nicht zu der Frau des Geschftsmannes, in dessen Bcher man tagtglich hineinblicken kann. Auf diese Art soll man nicht schonen wollen und einer schwachen Frau das Herz mit Gewichten beladen. Wieso kann noch alles gut kommen? Gehen Sie zu den Bedrngern meines Mannes mit dieser fluchwrdigen Redensart. Sie haben mich wieder einmal unglcklich gemacht. Ich will gehen und versuchen, dies zu vergessen. Sie lief aus dem Zimmer. Der Gehlfe dachte: Was ist nun da wieder? Mu es bald jeden Abend eine heftige Szene geben? Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide, und bald kracht es wieder aus Toblers Gemt heraus. Bald schreit die Silvi, bald bellt der Leo, bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, da wir alle zusammen eines Tages, Mittags oder Abends vollstndig hinten hinber schnappten. Dann gute Nacht schnes Haus Tobler! Aber soweit sind wir noch nicht. Wollen jetzt erst einmal die mtterlichen Gelder abwarten, und dann teilweise unsere Schulden bezahlen. So viel wie in diesem Hause ist mir in meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht gewaschen worden. Aber auch das mag gut sein. brigens! Habe ich etwa wieder einmal Angst? Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler hat wohl heute wieder im Sinn, im 'Segelschiff' zu bernachten. Das gehrt scheinbar auch zu meinen Berufspflichten, da ich inzwischen hier seiner Frau Gesellschaft leiste. Die Arme! Warum hat sie keinen bessern Gesellschafter? Er lschte die Lampe und ging zu Bett. * * * * * Andern Tages, es war wieder mehr nasses als kaltes Wetter, und die Luft hing schwer herunter, sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den Gartenhgel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben. Tobler begleitete sie ein Stck hinunter, sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich nicht etwa wieder zu erklten in der Eisenbahnwagenzugluft und dergleichen. Man sah von oben herab ein Lcheln im Gesicht der Frau, und ein Winken mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der Mutter ebenfalls nachwinkte. Wie na alles war. Zu dieser Winterzeit htte es eigentlich trockener und klter sein knnen, dachte man, und dann verschwand Frau Tobler den Augen, die ihre Bewegungen bis zuletzt verfolgten. Es waren dies Josephs, Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben und Leos Augen gewesen. Der Hund bellte traurig, wie er die Herrin fortgehen gesehen hatte. Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische Einbildungskraft htte versteifen wollen, dem Weggang einer Knigin. Joseph, der Vasalle, htte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten zu uns modernen Menschen hinbergrenden getreuen Untertanen gewesen wre, bitterlich weinen mssen, whrend die Kammerfrau Pauline ein Wehgeschrei ausgestoen haben wrde, wenn sie eine von denjenigen gewesen wre, die in alten Zeiten schne und hohe Kniginnen, wie die Geschichten lehren, bedient haben. Und der Hund wre vielleicht ein Drache gewesen, und die Kinder Knigskinder und Herr Tobler der wuchtigen Rittergestalten eine, die frher immer dabei waren, wenn es solche traurige Abschiede fr immer gab, als es noch Schlsser, Burgen, Stadtmauern und Trnen der Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz anders. Hier handelte es sich nicht um eine immerwhrende Verbannung auf eine de Felseninsel, sondern nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch. Auch eine Knigin kam hier nicht vor, es sei denn, man htte Frau Tobler als die sorgenvolle Knigin des Hauses zum Abendstern empfunden, was so ganz apart und wunderlich nicht htte sein knnen. Auch keine dstere Heldengestalt, sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener Herr Ingenieur Tobler gab der Dame ein Stck weit das Geleite, um ihr, auch nicht gerade Trost, sondern nur einige vernnftige Worte zuzusprechen. Und von einem besonders betrbten Knecht und Vasallen war hier ebensowenig die Frage und Rede als von einer noch fassungsloseren Kammerfrau. Joseph und Pauline, diese beiden Personen standen da, weiter niemand, auer den Kindern, und das waren weder Knigs- noch Frstenkinder, sondern schlichte, brgerliche, wie sie jedes bessere Haus haben kann. Leo war kein Drache. Er wrde eine solche mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar bissig bel genommen haben. Alles in allem war es ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts. Es werde sich nun bald zeigen, wessen man sich zu gewrtigen habe, meinte Herr Tobler, als er wieder ins Bureau zurckkehrte. Was ihn betreffe, er werde und msse durchdringen. Jeder andere Gedanke sei lcherlich. Was er immer behauptet habe, das behaupte er auch heute, und heute erst recht. Und er beschftigte sich mit der Tiefbohrmaschine. Die Handelsabteilung schrieb einen Brief an den Tiefbauingenieur Jol, der sich, wie es schien, gewaltig fr dieses Werk interessierte. Die Kinder spielten und rauften sich im Bureau. Tobler jagte sie hinaus. Spter verlie er das technische Bureau selber und ging ins Dorf, des Automaten wegen. Ein wenig spter ging auch der Gehlfe weg und zwar zur Post. Auf dem Wege dahin wurden ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte nachgeschrien. Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten nach, was sie dem Chef wrden nachgebrllt haben, wenn sie den Mut dazu gehabt htten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins Dorf, auf die breitere Strae, und hier begegnete ihm der, den er eher im Gasthaus zum Roten Haus vermutet htte, Wirsich. Sie sind wieder hier? Sie schttelten sich die Hnde. Wirsich schaute ganz vergngt drein, er sah aus, als wenn ihm eben etwas sehr Entgegenkmmliches passiert wre. Er sagte zu Joseph, eben sei er neuangestellt worden und zwar in der Kolonialwarenhandlung Bachmann & Co. Er sei, wie der Gehlfe ihm angeraten habe, mit fertig geschriebenen und kuvertierten Offertbriefen in der Tasche, auf die Wanderung, von Geschftshaus zu Geschftshaus gezogen, und in der Tat habe man ihn fast berall menschenfreundlich behandelt, aber man habe nirgends eine Stellung fr ihn frei gehabt, bis er schlielich zu den Herren Bachmann & Co. hineingegangen sei, und dort sei dann die Sache zu seinem Glck komplett geworden. Und nun glaube er sich nach langer Zeit endlich wieder als ein gehobener Mensch fhlen zu drfen. Jedenfalls knne er sagen: Guten Tag, Freund, du siehst, mir geht es gut. Ob es nun nicht ganz nett sei, zusammen in die nchstbeste Wirtschaft zu treten und eins auf den Durst hinauf zu nehmen? Aber gewi. Sehr gern. Aber hren Sie, Wirsich, sagen Sie, knnen Sie's vertragen? sagte Joseph. Der andere beteuerte: Natrlich! -- So gingen sie in das zunchst liegende Restaurant Central, wo sie sich jeder einen Schoppen Bier geben lieen. Denn sonst lieber nicht. Es wre schade um die neue Position, glaubte Joseph gut zu tun, nachzufgen. Wirsich winkte belustigt mit der Hand ab. Es fiele ihm nicht ein, sagte er, etwa gar wieder so unvernnftig zu trinken, wie frher. Er habe sich das jetzt, glaube er, ein fr allemal abgewhnt, so verkommen sei er denn doch noch lange nicht. Wie es bei Toblers stehe? Nicht gut, sagte der Gehlfe, und er erzhlte in kurzen Umrissen den Verfall des Hauses. Wirsich solle sich aber hten, zu plaudern, das seien Geschftsgeheimnisse und die gingen niemand etwas an. Wirsich sagte: So habe ich es dem Grohans, diesem Tobler, doch noch prophezeien knnen, da er noch einmal zu seinem prahlerischen Haus und Garten hinausfliegt. In jener Nacht hat er's von mir gehrt, und jetzt gehen die Worte in Erfllung. Was er andern getan hat, das geschieht ihm nun selber, und recht geschieht ihm. Ist unsereins kein Mensch? Sind wir Angestellten ohne die Spur von Empfindung auf diese Welt gekommen? Wir werden eines Abends einfach zum Haus und zur Lebensexistenz herausgeworfen, und man glaubt noch, recht und milde getan zu haben. Pardon, Marti, Sie sind mein Nachfolger und genieen infolge meines Sturzes einen, wie Sie selber sagen, angenehmen Lebensaufenthalt. Sie knnen natrlich nichts dafr, da Sie mich vom Posten verdrngt haben. Was rede ich: durch Sie habe ich ja die neue Stellung gefunden. Also Entschuldigung. Ich meine nur, der Zorn kann einen fortreien, sich eine so lange Zeit in der elendesten Verlegenheit und Erniedrigung geschaut zu haben. Wegen was? Wegen eines Fehlers? Donnerwetter, jetzt trinke ich grade extra noch eins. Heda, Herr Wirt, oder Sie lieber, Frau Gastwirtin, bringen Sie mir noch solch einen Schoppen. Sie Marti werden doch wohl auch noch einen trinken. Nur bitte ich, sagte Joseph, meinen Chef nicht angreifen zu wollen. Und dann auch nicht gar so laut, wenn ich bitten darf. Mein gegenwrtiger Prinzipal ist kein Grohans. Sie werden diesen unvorsichtigen, und ich gebe gern zu, im Zorn gesprochenen Ausdruck zurcknehmen. Tun Sie's alsogleich, sonst sind wir geschieden. Ich habe Ihnen nicht vertrauliche Aufklrungen ber Toblers Lage gegeben, um diesen Mann hinterher beleidigen zu hren. Im brigen: Prost! Es freut mich, da es Ihnen gut geht. Ich sag' ja: im Zorn! entschuldigte sich Wirsich. Der Streit sei erledigt, bemerkte Joseph. Beide tranken je noch ein Glas, auf welche Lage eine vierte folgte. Sie wrden so fortgefahren haben, wenn nicht jetzt die Tre aufgegangen, und Herr Tobler selber ins Restaurant getreten wre. Er berflog beide Zecher und Angestellten mit einem zndenden Blick, der den Mnnern genug sagte. Joseph hatte beim Eintritt des Herrn sofort den Hut abgezogen, den er vorher ziemlich burschikos auf dem Kopf behalten hatte. Das gebot die Hflichkeit, und der Toblersche Blick gebot es nicht minder. Er stand brigens bald auf, da das Gesprch mit Wirsich ohnehin verstummte, rief, er mchte bezahlen und bewegte sich gegen den Ausgang zu. Ein Wink des Ingenieurs veranlate ihn jedoch, in dessen Nhe zu treten. Dieser fragte: Was will dieser Ungut hier, der Wirsich? Joseph antwortete: O, er hat eine Stelle gefunden. Hier dicht nebenan, bei Bachmann & Co. Seit heute. Er freut sich sehr darber. So? Und er trinkt wohl noch immer gern, was? Der wird sicherlich lange in der neuen Stellung verbleiben, der! Es ist gut. Waren Sie auf der Post? Nein, ich gehe jetzt. Sie werden entschuldigen. Mein Vorgnger hat mich aufgehalten. Ich werde gleich gehen, und wenn Sie wnschen, da ich Ihnen die Briefe hieherbringe---- Tobler verneinte, und der Gehlfe entfernte sich. Auch Wirsich war jetzt aufgestanden, er bezahlte, marschierte unsicher vorwrts, wute nicht, ob er seinen ehemaligen Vorgesetzten gren sollte oder nicht, tat es, und sogar tief und demtig, und stie zum berflu noch an einen Tisch an, bei welcher Gelegenheit er beinahe umgestrzt wre. Sein Achtungsgru wurde mit keinem Zug einer Miene erwidert. Tobler wollte nichts mehr mit diesem Menschen zu tun haben. An der Tr stolperte Wirsich zum zweiten Mal. War das eine schlimme Vorbedeutung? * * * * * Frau Tobler kam mit dem Nachtschnellzug nach Hause gefahren. Herr Tobler, Pauline und Joseph erwarteten sie am Bahnhof. Der Zug kam schnaubend und rasselnd an. Allerlei Menschen drngten sich in die Nhe des langen, schwarzen, prachtvoll-dastehenden Ungetmes heran. Die Frau stieg aus, Joseph und Pauline sprangen hinzu, um Krbe und Pakete in Empfang zu nehmen. Mutter Tobler hatte der Sohnesfrau Verschiedenes mitgegeben, das konnte man ungefhr zum Voraus wissen, deshalb war man zu dritt am Bahnhof erschienen. In zwei Krben befanden sich teils pfel, teils Nsse. Die Pakete enthielten Sachen fr die Frau selber und fr die Kinder. Dem Gesicht der Ausgestiegenen war abzulesen, da die ganze Sache weder ganz gut noch auch ganz schlecht abgelaufen war. Es drckte Mdigkeit und Gelassenheit aus. Es schien, als ob eine Hlfte des Gesichtes ein bichen gelchelt htte. Im ganzen schien sie ihrem Mann, der sie neugierig darum befragte, eine gengende und zufriedenstellende Auskunft gegeben zu haben, denn Tobler schien nicht bel Lust zu haben, rasch jetzt noch fr eine Weile ins Segelschiff zu gehen. Seine Frau sagte, sie merke ihm wohl an, wohin er zu gehen wnsche, mit welchen paar Worten denn auch die bezgliche Erlaubnis erteilt war. Er rief den Davongehenden noch nach, er sei in mindestens einer Stunde wieder im Abendstern und verschwand in seiner Stammkneipe. Die brigen gingen nach Hause. Dem Gehlfen war es eine angenehme Pflicht, die Krbe, so schwer sie waren, zu tragen. Das war doch wenigstens wieder einmal etwas Krperliches. Er schritt hinter den beiden Frauen, hinter der Magd und der Frau, leicht daher, gnzlich gedankenlos. Ja, das kam von den Krben her. Ich bin zum Laufburschen geboren, dachte er. Zu Hause angelangt, gab es einen Schwarm von Fragen, aus der kindlichen Wibegierde heraus ertnend. Und eine Belagerung der Pakete und Obstkrbe. Was Gromutter sagen liee, wollten die drei Kinder wissen. Nur das Vierte nicht. Silvi blieb schlfrig und gleichgltig. Auch die Geschenke lieen dieses Mdchen gleichgltig. Mich betrifft das nicht, sagte ihre Miene. Um so mehr muten die Sachen die brigen drei betreffen. Sie wurden jedoch bald alle samt ihren Forderungen, Fragen und Neugierden in die Betten geschickt. Wie bin ich mde, sagte Frau Tobler. Pauline kniete vor ihr am Boden und zog ihr die Schuhe aus. Sie sa auf dem Sofa. Joseph, der daneben stand, dachte: Ich mu gestehen, da es mir nicht unangenehm gewesen wre, wenn sie zu mir gesagt htte: zieh mir die Schuhe aus! Ich glaube, ich htte mich mit Vergngen gebckt.-- Ein Handschuh entglitt ihr, sofort sprang er hinzu und hob ihn ihr auf. Sie lchelte matt und dankte und sagte: Wie sind Sie dienstfertig! So sind Sie nicht immer gewesen. Kommt wohl mein Mann bald nach Hause? Wie geht es Ihnen, Joseph? Sehr, sehr gut, gab er zur Antwort. Pauline hatte das Zimmer verlassen. Er sei eben noch jung, da spreche er so und msse wohl auch so sprechen, sagte die Frau. Ihr sei es so schwer zumut. Haben Sie Verdru gehabt? Auch! Aber dieser kleine Verdru berhre sie wenig. Sie fhle sich heute zu allerhand Gedanken hingezogen. Ob Joseph noch jassen mge? Ja? Das sei nett. Sie habe gerade jetzt eine unglaubliche Lust, Karten zu spielen. Sie glaube, das helfe ihr. Sie setzten sich an den Tisch und spielten Karten. Pauline trug etwas zu essen auf fr Frau Tobler und ging dann wieder. Vielleicht ist diese Frau zugleich leichtsinnig und schwermtig veranlagt. So kann es sein. brigens bin ich ein Dummkopf! dachte der Gehlfe. Sie will mir nicht gern geben, die alte Frau, sagte mitten im Spiel Frau Tobler. Wer? Ach so! Die Mutter Tobler! Das kann man sich denken. Aber sie wird mssen! Ja eben! machte sie. Sie lachten beide. Wie das wieder leichtsinnig ist, dachte der Buchhalter und Korrespondent des technischen Bureau C.Tobler. Die Firma! Schlielich war man denn doch ein gesetzter Mann. Da saen sie beide wieder zusammen, sie, die unbegreifliche Frau und er, der kuriose Mensch. Joseph mute laut auflachen. Was er habe?-- O nichts. Dummheiten. Sie sagte, ernster werdend, er werde sich etwa ihr gegenber keine Scherze erlauben. Er erwiderte auf diese Bemerkung, er sei der kaufmnnische Angestellte des Hauses Tobler, worauf sie sagte, sie hoffe, da er das bestimmte Gefhl habe, er sei das. Er warf die Karten, die er in der Hand hielt, auf den Tisch, erbebte und erklrte, ein ernsthafter und solider Angestellter sei's nicht gewohnt, bis in alle Nchte hinein Karten zu spielen. Er war aufgestanden und ging, indem er erwartete, sie werde ihn zurckrufen, nach der Tre hin. Sie lie ihn gehen. Statt nach oben in sein Zimmer zu gehen, stieg er ins Bureau hinunter, zndete die dort befindliche Lampe an, setzte sich an seinen Tisch und schrieb an den Verwalter des Tit. Stellenvermittlungsbureau folgendes: Sehr geehrter Herr! Ich bitte Sie hflichst, mich als Bewerber um eine gelegentlich frei werdende, passende Stelle gtigst vormerken zu wollen. Ich finde mich nicht veranlat, es darauf ankommen zu lassen, eventuell wieder auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier oben, Herr Verwalter, spitzen sich immer schrfer zu. Ich sage: fr alle Flle! und empfehle mich Ihnen Hochachtungsvoll Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti. Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und Adressieren dieses Schreibens fertig geworden, als er vom Garten her Schritte hrte. Eine halbe Minute spter traten Herr Tobler und zwei andere Herren, offenbar Stammgste aus dem Segelschiff, ins Bureau ein, laut redend und lachend, und wie es schien, voll trunkenen bermutes. Was Joseph noch so spt in der Nacht zu arbeiten habe? fragte mit unsicherer Stimme Tobler. Er habe wenigstens noch einen wahrhaft fleiigen und aufopfernden Gehlfen, wie es scheine, bemerkte er weiter, indem er sich lachend seinen Jakollegen zuwandte. Jetzt aber solle er nur ruhig Feierabend machen, denn morgen frh sei es auch wieder Tag. Dann ging er zur Tre, die ins Innere des Hauses fhrte und rief, so laut er konnte: Pauline! Herr Tobler? kam die Antwort von oben herab. Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen von dem Rheinwein. Aber es mu rasch geschehen. Joseph hatte kaum ntig, sich von den Herren zu verabschieden, er sagte kurz gute Nacht und ging weg. Die andern hrten und bemerkten ihn gar nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes zu tun. Die lagen halb am Boden, halb auf dem Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie saen. Die Sthle wurden als Fuschemel benutzt, und mit den zeichnerischen Entwrfen Toblers kamen die schlfrigen und lustigen Kpfe in engste Berhrung. Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte er sich mit vieler Mhe und Ungeschicktheit an das Geschft des Glserfllens, worauf dann ein Trinken begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufghnen verbunden und vermischt war. Das bichen gute Vernunft, das der Ingenieur noch zur Verfgung hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden zu sollen, den Herren und Kameraden die Toblerschen Erfindungen zu erklren, er stie aber nur auf ein Gelchter und sonst auf keinerlei Verstndnis. Der Ernst der mnnlichen Weltanschauung lag in einem fallen gelassenen und zerbrochenen und seinen Inhalt ausgeschtteten Glas Wein am Boden. Der mnnliche und menschliche Verstand grhlte und johlte und lallte, da die Wnde des Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu allem, was er eben inszeniert hatte, jetzt noch die wenig rcksichtsvolle Idee, seine Frau mit lauter Stimme in das Bureau hinunterzurufen, um ihr, wie er sagte, seine guten Freunde aus dem Dorf vorzustellen. Sie kam, steckte aber nur den Kopf durch die Tre, die sie schchtern geffnet hatte, und verschwand wieder, zurckgeworfen von dem, wie sie selber andern Tags zu ihrem Mann sagte, widerlichen und unfltigen Bilde, das sich ihren Augen darbot, und welches ein hollndischer Trunkenboldszenenmaler nicht berzeugender und abschreckender htte malen knnen, als wie es hier in Wahrheit und Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei hatte mit dem Verschwinden der Frau noch lange nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil, sie flammte und kochte und brannte bis zum frhen Morgen und bis zu der Ermattung, jener vollstndigen, die den strksten Zechern schlielich ber die Nacken herfllt, um sie zu beugen und der Lnge und Breite nach unter Tische und Sthle zu strecken. So geschah's auch, und die ausgelassene Gesellschaft bernachtete unter grlichem Schnarchen im technischen Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen. Es war Tag. Die Gesellen erwachten. Die zwei Brenswiler zottelten in ihre Dorfschaft und engere Heimat zurck, whrend Herr Tobler nach oben ging, in sein und seiner Frau Zimmer, um den Rausch und Sturm auszuschlafen. Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten, das verwstete und entstellte Bureau wieder einigermaen in Ordnung zu bringen. Als Joseph um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich schlimm darin aus, so da er sich entschlo, sogleich auf die Post zu gehen. Alles lag durcheinander, Sthle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstnde, Glser und Pfropfen. Tinte war verschttet, rote und schwarze. Wein schwamm am Boden. Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden. Es schienen Bren, nicht nur Brenswiler in dem Raum gewirtschaftet zu haben, den ein Geruch erfllte, da es schien, als mte man zehn Tage hintereinander die Fenster offen stehen behalten, um es hier wieder sauber, gemtlich und wohnlich zu bekommen. Auf der Post warf Joseph den Brief an den Verwalter in den Kasten. Fr alle Flle, dachte er. * * * * * Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler aus dem elterlichen Vermgen viertausend Mark zu. Das war wenig, aber es war wenigstens etwas, es gengte gerade, um die allerungeduldigsten und am schrfsten vorgehenden Drnger zufriedenzustellen. Joseph hatte lngst eine Glubigerliste zusammengestellt, und so wurden nun aus dieser bunten Wiese die am heftigsten duftenden Blumen ausgesucht, um wenigstens vorlufig diese zu betuben. Unter diesen wtenden und augenblendenden Gewchsen befanden sich unter andern der Grtner, der gesagt hatte, er wolle nicht eher ruhen, bis er Tobler gepfndet und vom Ort verjagt she, das Elektrizittswerk, das so hhnisch mit den Schultern gezuckt, und die schne Beleuchtung abgestellt hatte, der Schlosser aus der Nachbarschaft, dieser undankbare Hund, wie Tobler ihn nannte, dem man, wie man sich vorgenommen hatte, das Geld vor die Fe schmeien wrde, der Fleischer, und aber von jetzt an keinen Bissen Fleisch mehr aus dieser Metzgerei! Der Buchbinder, das alte Kamel, der froh sein drfte usw., die Uhrenfabrikanten, denen man allerdings ihr Drngen nicht sehr verbeln konnte, der Metallwarenfabrikant, der den kupfernen Turm gebaut und verrechnet hatte, und einige, die ihr Geld wohl verdienten. Ein halber Tag gengte, um diesen lautesten und unverschmtesten Forderungen den Mund zu verstopfen, aber auch das Geld war damit verschwunden. Was bedeuteten viertausend Mark fr ein ber und ber verschuldetes Haus? Ein kleiner Rest dieser Summe wurde der Haushaltung gegeben, und einen noch winzigeren erhielt Joseph als Gehalt-Anzahlung. Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen, mit blauem Himmel und Winden und mit Schneensse an der Erde, als der Gehlfe von Haus zu Haus gegangen war, um Betrge auszubezahlen. Auch beim Betreibungsbeamten war er vorbeigegangen. Und wie rasch das Geld schwand, das merkte er an der leichter werdenden Rocktasche. Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben des Advokaten Bintsch an, worin derselbe erklrte, es sei von der Mutter nichts mehr zu gewrtigen. Er habe sein Mglichstes versucht, die Frau zu berzeugen; seine Bemhungen seien aber zu seinem Leidwesen ohne Erfolg geblieben. Er rate daher Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit zu ertragen. Tobler verzog, whrend er diesen Brief las, sein Gesicht zu einer schmerzhaft anzusehenden Grimasse. Er schien einen namenlosen Zorn zu bemeistern. Dann brach es aus ihm los und warf ihn auf einen Stuhl nieder, als ob Zentnerlasten ihn niedergeschmettert htten. Er keuchte mit seiner starken Brust, die zu zersprengen drohte, hnlich einem zu straff angespannten Bogen. Sein Gesicht schaute von unten herauf, als sei es von oben herab von Fusten niedergepret worden. Auf seinem Nacken schienen jhzornig wiegende und sausende und stemmende Gewichte zu liegen, lebendige Gewichte. Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot. Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden zu sein, und eine unsichtbar-sichtbare Gestalt schien sich jetzt dicht neben Tobler zu erheben, um ihm gemtlich aber kalt auf die zusammenzuckende Achsel zu klopfen. Die eiserne Notwendigkeit selber schien ihm zugeflstert zu haben. Mann! Versuche dein Letztes! Tobler ffnete schwerfllig sein amerikanisches Rollschreibpult, nahm unter chzen und Rckenbiegungen, als ob er Schmerzen gehabt htte, eine Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner Mutter einen Brief zu schreiben. Aber die Buchstaben, die er aufsetzte, tanzten ihm vor den Augen. Das Pult flog an seiner wild gewordenen Empfindung hoch auf, das Bureau drehte sich, er mute aufhren. Er sagte mit rchelnder Stimme zu Joseph: Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie ihn, Ihnen zu sagen, wann er zu einer Besprechung mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es htte die grte Eile. Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge zu leisten. Er war aufgeregt, sprach vielleicht etwas undeutlich, es war mglich, da man ihn nicht recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte ziemlich lange, ehe er mit Doktor Bintsch reden konnte. Hinter ihm her war Tobler die Treppe hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehlfen, den die Gegenwart eines so krankhaft erregten Herrn und Meisters noch mehr verwirrte, derart, da, als nunmehr die gewnschte Verbindung hergestellt war, er sich mit dem Rechtsanwalt in stammelnden Gesprchen herumschlug, ohne sich verstndlich machen zu knnen. Das war zu viel fr Tobler. Mit einem hlich tnenden Wutschrei warf er den ungeschickten Sprecher zur Seite, da derselbe an den Trrahmen des Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den telephonischen Hrer, um das verunglckte Gesprch zu Ende zu fhren und sich den erforderlichen Bescheid selbst sagen zu lassen. Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am ganzen Leib heftig. Er bekam Fieber und mute sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. Ist Vater krank? frug diese jetzt. Frau Tobler, die besorgt neben dem liegenden und sthnenden Manne stand, sagte zu dem Mdchen: Ja Kind, Vater ist krank. Joseph hat ihn gergert, wobei sie den Gehlfen mit einem erstaunten und verchtlichen Blick streifte, der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem Schreibtisch angelangt, versuchte er, als ob nichts geschehen wre, zu arbeiten, aber es war keine Arbeit, was er tat, sondern ein Tappen und Tasten mit zitternden, zerstreuten Fingern, ein Bemhen, gleichmtig zu sein, ein Nichtknnen, ein Anderes, ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Spter wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler war inzwischen in sein Schlafzimmer hinaufgegangen. Die Besprechung mit dem Advokaten konnte erst andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es fr den Ingenieur ja in der weiten Welt, scheinbar und offenbar, vorlufig nichts mehr zu tun. Welches Bemhen konnte noch einen reellen Zweck haben? Welche Plne waren nicht lcherlich? Und krank! Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu denken, er liege im Bett und knne bis am andern Tag ungestrt liegen bleiben. Er lie sagen, wenn Joseph zur Post gehe, so mchte er ihm ein paar gute Zigarren mit nach Hause bringen. Und fr Dora ein paar Orangen, Joseph, fgte Frau Tobler hinzu. Dieser fhrte die Auftrge aus. Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits zu Bett gebracht worden, sagte der Gehlfe zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, lnger in einem Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn, nachdem er ihn oft genug schon mit Worten beleidigt habe, nun auch ttlich und krperlich zu beschimpfen. Das sei zu viel, und er glaube, er tte am besten, gleich jetzt zu Tobler hinaufzugehen, und es diesem Mann zu sagen, wie roh und dumm seine Handlungen seien. Er knne nicht mehr arbeiten, das fhle er deutlich. Einer, den man herumstoe und gegen Tren heranwerfe, der sei wohl auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer msse ein Esel und Taugenichts sein, sonst sei es ja gar nicht mglich, ihn derart, wie es geschehen sei, zu behandeln. Dies drcke ihm den Atem ab. Er meine, auch wenn er nichts wie Schindluder all die Zeit her, die er nun hier oben zugebracht habe, getrieben htte, so knne das krperliche Schmach und Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und er? Ob er nicht sich immer ein wenig Mhe gegeben habe? Er wenigstens wisse es, da er hin und wieder mit Liebe und Lust und mit allen seinen Krften gearbeitet habe, wenn auch die Krfte nicht immer den, er gestehe es, gerechten Anforderungen htten entsprechen knnen. Ob man so, wie es geschehen sei, die Versuche, tchtig und aufrichtig zu sein und zu bleiben, behandle? Er weinte. Frau Tobler sagte kalt: Mein Mann ist krank, wie Sie wissen, und eine Strung wird ihm nicht gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust haben, und wenn Sie glauben, es hier oben bei uns nun so pltzlich nicht mehr aushalten zu knnen, so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie ihm, was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke, Sie werden den Ihnen und Ihrem Betragen geziemenden, kurz und bndigen Bescheid erhalten. Der Gehlfe blieb sitzen. Dann erhob er sich und sagte: Ich gehe noch rasch auf die Post. Sie wollen also nicht zu meinem Manne hinaufgehen? Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man drfe ihn nicht stren. Er dagegen habe jetzt noch Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen. Drauen empfing ihn eine klare, kalte Welt. Etwas Hohes und Gewlbtes von einer Welt. Es war kalt geworden. Die Fe schlugen gegen Steine und Eisstcke. Ein eiskalter Wind wehte durch die Bume. Durch die ste derselben schimmerten die Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie besessen. Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst, Frau Tobler wrde inzwischen ihrem Mann alles ausplaudern gehen. Infolge dieses Gedankens beschleunigte und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt hatte er berdies auch noch nicht endgltig ausbezahlt erhalten. Item. Die Hauptsache war: im Haus bleiben. Wie unanstndig, mich derart beklagt zu haben, rief er in die Winternacht hinaus. Er nahm sich vor, Frau Tobler kniefllig die Hnde zu kssen. Sie sa noch im Wohnzimmer, als er es wieder betrat. Er fing schon in der Tre, welche er aber vorsichtig zuschlo, zu reden an: Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie gut, da Sie noch hier sitzen, da ich mich vollstndig im Unrecht fhle, darum, da ich gegen meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu voreilig gewesen, und ich bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe mich lppisch benommen, und Herr Tobler, in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief geworfen. Waren Sie schon bei Ihrem Mann? Haben Sie es ihm schon sagen mssen? Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt, antwortete die Frau. Ich bin froh! sagte der Gehlfe, und er setzte sich. Er fuhr fort: Und ich bin hieher zu springen gekommen, in der hellen Angst, da Sie es ihm schon htten knnen gesagt haben. Es tut mir alles leid, was ich gesagt habe. Man sagt im Sturm der Gefhle, gndige Frau, gar so manches, was man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh, da Sie noch nichts gesagt haben. Das sei vernnftig gesprochen, sagte Frau Tobler. Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Fen zu strzen und kniend Abbitte zu tun, stammelte der Gehlfe. So etwas sei gar nicht ntig, pfui, entgegnete sie. Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten so schn im Zimmer vor. Das war etwas, das glich einem Heim. Und wie oft war er in frheren Zeiten durch die bewegten und menschenleeren Gassen gegangen mit dem kalten und bsen und niederwerfenden Verlassenheitsgefhl im Herzen. Er war so alt gewesen in seiner Jugend. Wie hatte ihn das Bewutsein, nirgends zu Hause zu sein, lhmen und innerlich wrgen knnen. Wie schn war es, jemandem anzugehren, in Ha oder in Ungeduld, in Mimut oder in Ergebenheit, in Liebe oder in Wehmut. Dieser Menschenzauber in solchen Heimsttten, wie war Joseph immer davon traurig entzckt gewesen, wenn er ihn aus irgend einem offen stehen gelassenen Fenster zu sich, dem Einsamen und Umhergeworfenen und Heimatlosen, herabwiderspiegeln sah, zu dem auf der kalten Strae Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern, Weihnachten oder Pfingsten oder das Neujahr zu solchen Fenstern heraus, und wie arm mutete der Gedanke an, von diesem Goldenen und Uraltschnen nur den kargen, kaum empfindbaren Widerschein mitgenieen zu drfen. Dieses schne Vorrecht der Brgerlichen. Diese Gte in den Gesichtern. Dieses friedliche Weben und Lassen und Leben! Er sagte: Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu glauben. Er habe recht, wenn er das sage, meinte die Frau, indem sie ruhig fortfuhr, an einem Unterjckchen fr Dora zu stricken oder zu hkeln. Sie setzte hinzu: Und mu ich, seine Frau, nicht auch allerhand von ihm dulden und ertragen? Er ist nun eben einmal der Herr im Hause, und das ist eine verantwortliche Position, die von den brigen Bewohnern und Gliedern Duldung und Achtung herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen, aber kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er seinem Zorn sagen: sei vernnftig? Der Zorn und die Gereiztheit sind halt nicht vernnftig. Und wir andern, die den unbersehbaren Vorteil haben, seinen Anordnungen, deren Entwurf und Plan ihn anstrengen, gehorchen zu drfen, seine Winke, deren Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir sollen ihm in Zeiten der Unruhe und der Emprtheit eben ein wenig aus dem Wege zu gehen verstehen. Wir sollen es gelernt haben, ihn zu behandeln, denn ein Herr und Gebieter will auch auf eine ganz bestimmte Art und Weise behandelt werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig sein in Momenten, wo er seiner Gelassenheit und sicheren Krfte nicht mehr, wie sonst immer, bewut ist, in denen wir ihn unfhig, sich noch, wie bisher, zu beherrschen, erblicken. Und wenn wir plump, und, nach unsern Verhltnissen gerechnet, voll Fehler gewesen sind, so mssen wir nicht allzusehr gekrnkt sein, wenn seine Stimme und das Unma seiner Sorgen und Qualen uns andonnern. Marti! Glauben Sie mir, auch ich bin oft voll Wut ber denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht getan hat, der Sie soll beleidigt und in der unwrdigsten Weise soll gekrnkt haben. Nun, so setzt man selber eben diese seine Wrde ein bichen herab und verzeiht, denn -- man mu seinem Herrn und Vorgesetzten verzeihen. Was sollte aus Unternehmungen, aus Haushalten, aus Geschften aller Art, aus Husern, ja, was sollte aus der Welt selber werden, wenn die Gesetze mit einem Mal nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und stoen und verletzen drften? Hat man das ganze Jahr lang deshalb die Wohltat des Gehorchens und Nachahmens genossen, da man dann eines Tages oder Abends auftreten durfte und sich in die stolze Brust werfen durfte und sagen durfte: beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden ist man ja allerdings nicht da, aber auch nicht zum Zorn-Anla-Geben. Wenn die Verwirrtheit nichts dafr kann, da sie sich dumm benimmt, so ist auch die Wut nicht so rasch fr ihr Schnauben und Toben verantwortlich zu machen. Und es ist immer die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin jetzt ja zufrieden mit Ihnen, Joseph. Geben Sie mir die Hand. Man kann reden mit Ihnen, und gehen wir jetzt zu Bett. * * * * * Weihnachten nherten sich. Auch ins Haus Tobler mute die festliche Zeit ja kommen, die Festzeit, das war etwas Unentrinnbares, das war etwas Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich allen Menschen mitteilte, der alle Empfindungen durchdrang, warum htte er, dieser Gedanke, um die Villa zum Abendstern herum einen Umweg machen sollen? Wie wre das mglich gewesen? Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so hbsch, so auffllig, wie das Toblersche, in der Welt stund, so gab es ja auch keine vernnftige oder natrliche Ursache, warum es von irgend etwas, das in dieser Welt voll Ansehen und Duft bestund, htte sollen verschont bleiben. Und dann war auch noch die Frage: htten Toblers gern mgen verschont bleiben? Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte, wenn es schon schlimm mit ihm stehe, so meine er doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa gar ungefeiert an und in seinem Haus vorberzuziehen. So etwas mchte ihm noch gefehlt haben. Die umliegende Gegend selber schien sich ja sogar in ihrer Art auf das schne Fest zu freuen. Sie lie sich ruhig und wohlig mit dicht herabfallendem Schnee bedecken und hielt so still gleichsam die groe, breite, alte und weite Hand dar, um aufzunehmen, was da fleiig herunterstrzte, da alle Menschen beinahe sagten: Seht! Es wird wei, es weielt in der Welt. Das ist recht, denn das schickt sich fr Weihnachten. Bald lag auch das ganze See- und Bergland in einem dicken, festen Schneeschleier. Die rasch sich etwas einbildenden Kpfe hrten schon das Klingeln von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch gar keine herumfuhren. Die Weihnachtstische waren auch schon gedeckt, denn das ganze Land glich einem suberlich wei berzogenen Weihnachtstisch. Und die Stille und Gedmpftheit und Wrme solch einer Landschaft! Man hrte alle Gerusche nur halb, als ob die Schlosser ihre Hmmer, und die Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikrder ihre Schaufeln, und die Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe mit Watte oder mit wollenen Tchern eingewickelt htten. Man sah nur das Nchste, das, was man mit zehn Schritten abmessen konnte, die Ferne war ein undurchdringliches Geschneie und ein fleiiges bermalen mit grauer und weier Farbe. Auch die Menschen kamen wei dahergestampft, und man konnte unter fnf Menschen immer einen sehen, der sich den Schnee von den Kleidern abschttelte. Es war ein Friede da drauen, da man unwillkrlich alle Weltdinge als befriedigt und erledigt und beruhigt annehmen mute. Und da mute nun Tobler hinfahren, durch solchen Schneezauber hindurch, per Eisenbahn nach der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem Herrn Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner Seite sa wenigstens seine Frau, die mitfuhr, um einige Geschenksachen im hauptstdtischen Warenhaus fr das nahe bevorstehende Fest einzukaufen. Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene, aber diesmal eine verschneite und deshalb ein wenig frhlichere. Paulinens Gelchter und Leos freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere Ton-Flecken, obschon sonst ein Gelchter und ein Gebell hell zu frben pflegten, aber was kam gegen die glitzernde Schneeweie an Helligkeit und Schimmer auf? Man nahm wieder Pakete in Empfang, und eine Dame in Pelzen war ausgestiegen und sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gtige Weihnachtsfrau selber, und doch war es nur Frau Tobler, die Frau eines Geschftsmannes, und noch dazu eines ruinierten. Aber sie lchelte, und solch ein Lcheln kann aus der rmsten und bedrngtesten Frau eine halbe Frstin machen, denn ein Lcheln erinnert immer an etwas Hochachtbares und Wohlanstndiges. Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen Tage, sauber und fest, denn es gab kalte Nchte, die die weie Decke knirschend zufrieren machten. Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den bekannten Berg hinauf. Die kleinen Wege schlngelten sich hellgelb durch die schimmernd weien Wiesen, die ste der tausend Bume waren mit Reif berglitzert: ein zu ses Schauspiel! Die Bauernhuser stunden in dieser feinen, weien, verzweigten Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhuser, fr den Anblick und fr das unschuldige Verstndnis eines Kindes geschaffen. Die ganze Gegend schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich und sauber angezogen sah sie aus. Sie schien ein Mdchen zu sein, ein schchternes und ein bichen krnkliches, ein unendlich zart veranlagtes. Joseph schritt hher hinauf, und da hoben sich mit einem Mal die grauen Schleier, die die untere Erde belegten, zerfasernd auf, durchstochen von dem feurigsten Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie im Sommer, machte den Spaziergnger an ein eitles Mrchen glauben. Hohe Tannen standen da, in stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen, der in der Sonne zerflo und von den groen sten herabfiel. Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht nach Hause kam, brannte schon im Gastzimmer, einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der Weihnachtsbaum. Frau Tobler fhrte die Kinder zu demselben hinein und zeigte ihnen die Geschenke. Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph erhielt eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, da das zwar wenig aber dafr von Herzen sei. Tobler war bemht, dem Fest einen gemtlichen, wirtshuselnden Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte Pfeife und blinzelte mit seinen Augen den Tannenbaum an, der lieblich umherstrahlte. Frau Tobler lchelte und sagte ein paar schickliche Worte, zum Beispiel, wie schn doch so ein Bumchen sei. Aber es mochte ihr nicht so recht zum Mund herauskommen. berhaupt stockte alles ein bichen, und es verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht um die paar dastehenden Menschen, sondern es legte sich Wehmut um alles. Auch war es kalt im Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude htte herrschen sollen, da durfte es nicht kalt sein. Man ging daher immer ins Wohnzimmer hinber, um sich dort ein wenig Wrme zu holen, und kam dann wieder zum Baum. Jeder Weihnachtsbaum ist schn und jeder hat noch Rhrung erzwungen. Auch der Toblersche war schn, nur die Menschen, die um ihn herumstanden, konnten sich zu keiner lngeren und tieferen Rhrung und Freude aufschwingen. Da htten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen sein, das waren noch Weihnachten! Kommen Sie. Trinken Sie ein Glas Wein, sagte Tobler zum Gehlfen und veranlate ihn, ins Wohnzimmer an die Wrme zu treten. Letzterer machte ein unzufriedenes Gesicht, als wre er der Zigarren wegen verstimmt gewesen, was er selber nicht genau wute. Man sei halt dieses Jahr, sagte und seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung fr so etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen Jaß« zu machen. Habe man es das ganze Jahr lang getan, so knne man auch einmal am Weihnachtsabend zu den Karten greifen, vielleicht werde es dann ein bichen lustiger im Zimmer. So nahm man zu den Spielkarten Zuflucht. Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos geworden. Die Kinder lie man noch eine halbe Stunde sich mit den Geschenken beschftigen, worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach und nach verwirtshuselte die Luft im weihnachtlichen Wohnzimmer gnzlich. Das Lachen und Benehmen der drei einsamen Menschen, die da Wein tranken, teils Zigarren rauchten, teils Bonbons aen und miteinander Karten spielten, verlor alle besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch htten an einen Festhauch erinnern knnen. Es war das gewhnliche Benehmen und das allerunfeierlichste Lachen. Die Stimmung, die nun diese Spieler beherrschte, war aber nicht einmal die gewohnt-gemtliche, denn -- es war halt doch Weihnachten, und der feinere und schnere Gedanke, der hie und da aufblitzen mochte, mahnte vorberhuschend an die Snde, das Fest und den Inhalt desselben derart, wie es geschah, verdorben und entwertet zu haben. Ja, einsam waren diese drei Menschen, am einsamsten der Gehlfe, weil er fhlte, da er als ein hinzugeflogenes Glied einem Haus angehrte, das langsam aufhrte, ein solches zu sein; weil er sich nicht, wie Herr Tobler, sagen durfte, er habe das Recht, in diesem Hause zu tun und zu verhindern oder zu umgehen, was ihm beliebe, da es nicht sein eigenes war; weil er htte Weihnachten haben und begehen wollen, da er sich doch einmal in solch einem Hause und in solch einer brgerlichen Familie befand; weil er des Glaubens gewesen war in den letzten Jahren, er entbehre viel, solches vermissen zu mssen, und weil er am migestimmtesten von allen dreien Kartenspielern war und dies als ein groes Unrecht empfinden mute. Ist dieses nun heiliger Abend? dachte er. Die Frau sagte unter anderem auf einmal, es sei doch nicht ganz recht, an Weihnachten Karten zu spielen. Bei ihnen im Elternhaus wrde es so etwas nie gegeben haben. Es habe doch eigentlich gar keine Art, wie man da heute Nacht wieder wirtshusele. Dadurch in Unlaune versetzt, erwiderte Tobler: So hren wir eben auf! Er warf die Karten auf den Tisch und rief aus: Jawohl ist es nicht recht, so etwas am Weihnachtsabend zu tun. Aber was ist das fr ein Kreis, wir hier? Was sind wir? Uns kann der Wind morgen zum Haus hinausfegen. Ja, da wo Geld ist, da ist noch Lust, Feste, und noch dazu heilige, zu feiern. Wo Wohlstand ist, wo Glck, Erfolg und allgemeine, husliche Freude ist. Wer hat sich drei oder mehr Monate hindurch unnatrlich um das Gelingen der Lebensgeschfte abplagen mssen, erfolglos, und will dann mit einem Mal frhliche Feste feiern? Ist so etwas berhaupt denkbar? Habe ich recht oder nicht, Marti? He? Nicht ganz, Herr Tobler, sagte der Gehlfe. Es gab ein langanhaltendes Schweigen, das, je lnger es dauerte, niemand zu unterbrechen wagte. Tobler wollte etwas von der Reklame-Uhr, die Frau etwas von Dora, und Joseph etwas von Weihnachten sagen, aber alle unterdrckten ihre Gedanken. Es war, als ob allen der Mund zugenht gewesen wre. Pltzlich schrie Tobler: So tut doch bald eure Schnbel auf und saget etwas. Das ist zu langweilig, da geht man ja gescheiter ins Wirtshaus. Ich gehe ins Bett, sagte Joseph und verabschiedete sich. Auch die andern gingen bald nach oben, und das war Weihnacht gewesen. * * * * * Die Neujahrswoche verlief still und eigentmlich gemtvoll, die Geschfte lagen am Boden, es gab wenig zu tun, auer, um einen seltsamen Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im Kontor von Zeit zu Zeit zu empfangen. Dieser halb buerlich, halb weltstdtisch angehauchte Kauz besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast tglich, indem er den Chef desselben antrieb, er mchte fr das Geniewerk, dessen Entwrfe er im Bureau liegen lie, ttig sein. Man lachte ber den Mann, dessen Sache man nicht ernst nehmen konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen zu den brigen: Lacht doch nicht so. Der Mann ist gar nicht dumm. Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschpfer das Kind seines Geistes verfocht und in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab viel zu reden und sorgte in gar nicht bler Weise fr die Unterhaltung in der still und trge dahingehenden Woche. Der seltsame Mensch besa keinerlei exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils wie ein junger Trumer und Bauer, und andersteils htte man ihn fr einen Schwindler oder Jahrmarktbudenbesitzer halten knnen, denn eines Tages schlug er Herrn Tobler die ffentliche und unter Bezahlung von Eintrittsgeld zu besichtigende Schaustellung der Selbstkrafterzeugmaschine in Stdten und Grostdten vor, an Orten, wo recht viel Volk sich zu tummeln pflege, ber welche Idee man gar nicht genug glaubte lachen zu sollen. Da sollte nun Tobler schon wieder einmal einem anscheinend ganz begabten Menschen auf die Beine helfen, damit derselbe nicht in einer Schlosserwerksttte als Arbeiter geistig zu vertrgen und zu erlahmen brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging es denn ihm, und wo waren die hlfsbereiten Menschen, die dann auch ihm halfen? Alle kommen zu ihm, sagte Frau Tobler, alle denken sie an ihn, wenn sie auf der Suche nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust, ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er hilft jedem. So ist er. Der Gehlfe machte in dieser Woche krzere und weitere Spaziergnge in die kalten aber schnen Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein. Da gab es Wagenfurchen auf der Landstrae, an die die Fe anschlugen. Da gab es steifgefrorene Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote Hnde, die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen. Dickbemntelte Menschen begegneten ihm, und Nchte berraschten ihn in unbekannten Gegenden. Oder es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende Menschen jeden Alters und beiderlei Geschlechtes darauf, mit den Geruschen, die solche Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen pflegen. Und dann stand er pltzlich wieder vor dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte, whrend die halbdunklen Nachtwolken um dasselbe herumflogen, groen, trauernden, aber lieblichen Frauen hnlich, um es scheinbar in die Hhe zu ziehen, damit es sich auflse in schner Weise. Zu Hause war dann alles so sonderbar still, nicht einmal die Silvi mehr konnte man hren. Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler schienen sich beiderseits zufrieden gegeben und sich stumm verbrdert zu haben. In der Wohnstube sa etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete etwas oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem Scho und tat gar nichts. Wie Sie mich im Sommer drauen im Garten gereitschaukelt haben, Marti! sagte sie einmal. Sie sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht wie. Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei jetzt ein halbes Jahr hier, und ihr sei es, als sei er schon so viel lnger um sie herum. Wie doch so etwas derart ins Gefhl komme. Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit sie das tat, schien zu seufzen. Sie sagte: Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel besser als mein Mann und als ich, aber von mir will ich gar nicht reden. Sie knnen von hier weggehen, Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen sich in die Eisenbahn und fahren nach wohin Sie wollen. Sie finden berall Stellung, denn Sie sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor sich sieht, Sie seien tchtig, und Sie sind es ja auch. Sie haben mit niemandem auf der Welt, mit niemandes Eigenheit und Bedrfnis, zu rechnen, es zieht niemand Sie ab, in die Weite und in die Ungewiheit hinauszuschweifen. Das ist vielleicht oft bitter, aber wie schn und wie frei kann es sein. Wenn es Ihnen pat, und wenn es Ihnen die paar kleinen, nicht gar sehr genierenden Verhltnisse erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu drfen glauben, ruhen Sie an irgend einem festen Punkt und Ort wieder aus, und wer wollte, und was wollte und knnte Sie daran verhindern? Sie sind vielleicht manchmal unglcklich, aber wer ist es nicht, manchmal verzweifelt, aber wessen Seele schonen die Schwierigkeiten? An nichts Dauerndes sind Sie gebunden, an nichts Hemmendes gefangen und an nichts Allzuliebevolles gefesselt und angekettet. Es mu Ihnen manchmal unerhrt luferisch und luftspringerisch zumute sein, da Sie sich dermaen voller Bewegungs-Erlaubnis erblicken drfen. Und gesund sind Sie auch, und Ihr Herz mag schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es mir denken, trotzdem Sie sich fters so zaghaft benommen haben. Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe mich nun all die Zeit her mit Ihnen nett und lang und ruhig unterhalten knnen, und es hat sich vielleicht gut getroffen, da Sie ins Haus zu fliegen gekommen sind, und ich habe Sie oft schlecht behandelt-- Frau Tobler! bat Joseph. Sie schnitt ihm das Wort ab und fuhr fort: Unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen zu raten, wenn Sie einmal von uns fort sind---- Aber ich gehe ja gar nicht fort!-- Sie fuhr weiter: ----fort sind, und gedenken, sich selbstndig zu machen, es anders anzustellen als mein Mann, ganz anders. Pfiffiger vor allen Dingen. Ich bin nicht pfiffig, sagte der Gehlfe. Wollen Sie denn Ihr Lebtag lang Angestellter bleiben? Er sagte, das wisse er nicht. Er bekmmere sich um Zukunftsfragen nicht viel. Sie nahm wieder das Wort auf und sagte: Jedenfalls haben Sie hier oben etwas sehen und sich etwas einprgen knnen, auch gelernt haben Sie mancherlei, wenn Sie es der Mhe wert gehalten haben, die Augen zu ffnen, und das werden Sie, so wie ich Sie einigermaen schon kenne, getan haben. Sie sind ein bichen an Erfahrung, an Wissen und an Gesetzen reicher geworden, und Sie werden das alles womglich eines Tages brauchen knnen. Nicht wahr, manches Mal ist man Ihnen ber den Mund gefahren, und getragen und ertragen haben Sie manches. Sie muten! Wenn ich so denke -- ach was, ich habe, mit einem Wort, das Gefhl, Joseph, da Sie uns jetzt bald, bald verlassen. Nein, sagen Sie nichts. Sagen Sie lieber nichts. Einige Tage werden wir ja doch wohl schon noch zusammen bleiben, oder nicht? Was meinen Sie? Ja, sagte er. Es war ihm unmglich, mehr zu sagen. Am nchsten Tag schickte er die zu Weihnachten geschenkt bekommene Kiste Zigarren per Post seinem Vater, folgendes Schreiben der Sendung beifgend: Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines Neujahrsgeschenk. Die Zigarren sind mir von meinem gegenwrtigen Herrn zu Weihnachten gegeben worden. Du wirst sie gewi gern rauchen, es sind gute, zwei davon habe ich probiert, wie Du siehst, denn zwei fehlen. Wenn ich mit meinen heutigen sprunghaften Gedanken diese zwei fehlenden Stcke mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen Eigenschaften anhaften, so kommt mir so recht zum Bewutsein, erstens, da ich Dir niemals schreibe, zweitens, da ich arm bin, derart, da ich Dir nie Geld schicken kann, zwei Mngel, die ich beweinen wrde, wenn ich mir das erlauben drfte. Wie geht es Dir? Ich bin berzeugt, da ich ein schlechter Sohn bin, aber ich bin ebenso vollkommen von der Gewiheit durchdrungen, da ich ein guter Kerl von Sohn wre, wenn es einen Sinn htte, Briefe zu schreiben ohne erfreulichen Inhalt. Das Leben, mit dem man ehrlich glaubt kmpfen zu sollen, gestattete mir bis jetzt nicht, Dir zu gefallen. Adieu lieber Papa. Bleibe gesund und lasse Dir das Essen immer wohlschmecken und fange das neue Jahr gut an. Ich will's auch versuchen. Dein Sohn Joseph. Er ist ein Greis und geht immer noch den Geschften nach, dachte er. * * * * * Die mndlichen Verhandlungen Toblers mit seinem Rechtsbeistand bewirkten, da derselbe der Mutter Tobler einen in energischen Tnen gehaltenen Brief schrieb, den aber die festbewute alte Dame dahin beantwortete, da der Rest der Sohnesansprche bei weitem erschpft sei, ja, da sie selber, eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen msse, wie sie sich in ihren alten Tagen durchschlage, und da von weiteren Auszahlungen an Karl Tobler die Rede berhaupt nicht mehr sein knne. Derselbe Mann, fast mchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe nichts anderes zu tun, als die notwendigen Folgen seiner Unvorsichtigkeiten und Unberlegtheiten zu tragen. In der Art der Geschfte, in die er sein Vermgen geworfen habe, knne sie nichts Gewinn- und Existenzversprechendes begrndet erblicken. Das Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden, es sei allerhchste Zeit, da Tobler sich wieder in bescheidenere Lebensverhltnisse fgen lerne, die ihn zwngen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls tun mssen, zu arbeiten. Fr ihn sei es das Beste, wenn man ihn in der selbsteingebrockten Suppe belasse, damit er aus den Verlegenheiten, in die er sich gestrzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der Mutter, sei nichts mehr zu erwarten. Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des mtterlichen Bescheides bermittelte, wurde rasend, als er dieselbe durchgelesen hatte. Er gebrdete sich wie ein wildes Tier, stie unnatrliche Schimpfworte gegen seine Mutter aus, in der direkten Anrede, als wenn sie zugegen gewesen wre, und brach dann, wie schon einmal, erschpft zusammen. Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im technischen Bureau, das nun so oft schon der Schauplatz ungehriger und unbeherrschter Szenen hatte sein mssen. Auch Joseph hatte alles Wrdelose und Fassungslose wieder mit angesehen und angehrt. In diesem Moment wre er am liebsten gleich auf und davon gegangen, aber wozu es herbeiziehen, dachte er, es kommt schon von selber. Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und er frchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei sehr hliche Empfindungen, eine wie die andere natrlich, aber auch ungerecht. Was veranlate ihn, nun noch lnger der Angestellte dieses Mannes zu bleiben? Der Gehalt-Rckstand? Ja, das auch. Aber es war noch etwas ganz anderes, etwas Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens diesen Menschen. Die reine Farbe dieser einen Empfindung machte die Flecken der drei andern vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung waren auch die drei andern immer, beinahe von Anfang an, dagewesen, und um so lebhafter. Denn was einer gern hatte, an was einer sich gebunden und geschlossen fhlte, das machte ihm eben zu schaffen, mit dem stritt er sich, an dem pate ihm vieles nicht, das hate er gelegentlich, weil er sich mchtig von ihm immer angezogen gefhlt hatte. Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag mit einmal wunderbar mild geworden. Die winterliche Natur schien gleichsam zu schmelzen und stille Freudentrnen zu weinen, denn was Eis und Schnee sein mochte, das lief als munteres, warmes Wasser die Hnge und Hgel hinunter, dem Seewasser zu. Es rauschte und dampfte, als wenn sich ein Frhlingstag mitten in den Winter hinein verloren htte. Eine solche Sonne! Der reine Maitag. Die beiderlei Sorten Gefhle, die schnen und die schmerzlichen, die sich heute besonders lebhaft in der Brust des Gehlfen bewegten, reizte das herrliche Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte sie zugleich, so da es ihm, als er zur Post lief, war, als laufe er nun da zum letzten Mal den schnen Weg entlang, unter diesen bekannten, guten Bumen, an all den Dingen und Gesichtern vorbei, die Winters und Sommers immer gleich angenehm anzuschauen gewesen waren. Er trat bei Bachmann & Co. ein und fragte nach Wirsich, den er schon an die zehn Tage nicht mehr gesehen hatte, und mit dem er sich fr den Silvesterabend zu einer gemtlichen Zusammenkunft zu verabreden gedachte. Der Wirsich? Der sei lngst abgegangen. Das sei ja eine pure Unmglichkeit gewesen, den zu behalten. Der sei ja den halben und ganzen Tag betrunken gewesen. Joseph entschuldigte sich und verlie den Laden. Ist das mglich, dachte er und ging langsamen Schrittes nach dem Postgebude. Im Postfach lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Wei, auf welcher diese gute Frau ihm Glck und Gedeihen wnschte. Er lchelte, schlo das Fach zu und machte sich auf den Heimweg, indem er die Richtung der Landstrae einschlug. Das Wirtshaus zur Rose streifend, das an der Strae lag, erblickte er in demselben Wirsich, der an einem Tisch sa und den Kopf schrecklich verzweifelt in die hohle Hand sttzte. Das Gesicht des unglcklichen Menschen war bla wie der Tod, seine Kleider waren schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren. Joseph trat nher und setzte sich zu seinem Vorgnger. Viel wurde zwischen den beiden nicht gesprochen. Das Bewutsein des Unheils findet in der Regel keine Worte. Der Gehlfe trank ziemlich stark, gleichsam, um dem Kameraden um eine Seelenstufe und um ein Stck Verstndnis nher zu rcken, indem er fhlte, da hier der nchterne Sinn und Verstand beinahe unpassend gewesen wre. Die Zeit verging, indem er sich erzhlen lie, wie es gekommen war, da der andere aus dem guten Lebensposten wieder verjagt werden mute. Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig spazieren gehen, sagte dann Joseph. Sie bezahlten, der Festere nahm den Schwankenden und Trostlosen unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden, und so gingen sie zusammen, erst ein Stck gradaus, dann bergauf, ber die freundlichen Wiesen. Wie milde alles war. Wie man da htte plaudern und scherzen knnen, wenn man in Begleitung eines Kindes, eines Mdchens oder einer schnen Dame gegangen wre. Wie man sich, wenn es halb erlaubt gewesen wre, htte kssen knnen. Auf einer Bank in Bergeshhe vielleicht. Oder wie man gesprochen htte, etwa mit einem Bruder, oder wie es da htte sein knnen, wenn Wirsich ein gesetzter, welterfahrener und gutmtiger lterer Herr gewesen wre. Gelacht wrde man haben, und ein ernstes, aber ruhiges Wort wrde man schn vor sich hingesprochen haben. Wenn man aber Wirsich betrachtete, mute man mit den Verhltnissen und Geschicken der Welt heimlich zrnen und grollen, denn Wirsich bot keinen schnen Anblick dar. Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug ihm leise. Wie kam er dazu, den ganzen halben Tag von Geschft und Haus fern zu bleiben, ohne um Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich unbehagliche Vorwrfe. Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut. Die ganze Landschaft schien ihm zu beten, so freundlich, mit all den leisen, gedmpften Erdfarben. Das Grn der Matten lchelte aus dem Schnee, dieser war von der Sonne zu weien Flecken und Inseln zerteilt worden. Jetzt fing es an, Abend zu werden, und nun htte er doch nicht wnschen mgen, er wre besser nicht mit Wirsich spazieren gegangen. Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das fhlte er lebhaft. Dieser verunglckte Mensch durfte nicht gnzlich allein gelassen werden. Und jetzt pate die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll in die Gegend und in die Dmmerungen des Abends. Schon zndeten Menschen in Husern Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr, nur noch die weicheren und breiteren Umrisse, und sie gingen heim, und sonderbar, sie schlugen beide den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche Verabredung getroffen zu haben. Tobler war nicht zu Hause. Die Frau sa im Wohnzimmer, in der Dunkelheit, ganz allein, die Lampe hatte sie noch nicht angezndet, und Pauline und die Kinder waren noch irgendwo drauen in der Umgebung. Sie erschrak ber die unvermutete Ankunft zweier solcher abendlichen Gesellen, aber sie fate sich rasch, machte Licht und frug Joseph, warum er denn heute nicht zum Essen erschienen sei, Tobler habe sich darber aufgeregt, er sei bse, und sie frchte, es werde nun wieder etwas Unangenehmes geben. Guten Abend, Wirsich, sagte sie zu dem andern und reichte die Hand, wie geht es Ihnen? So! Es geht so, machte der. Joseph ergriff das Wort: Frau Tobler, wrden Sie mir erlauben, fr heute nacht meinen Kameraden bei mir oben im Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke, befindet er sich in Verlegenheit, wo er bernachten soll, es sei denn in der 'Rose' da unten, aber ich will mein Mglichstes getan haben, zu versuchen, da man ihn verhindert, dort zu nchtigen. Wirsich hat soeben seine neue Lebensstellung verloren, durch eigene Schuld, das wei er selber. Sein Geld hat er vertrunken. Wenn er sich nun in den See strzt, so begeht er ein Ding, worber wohlsituierte Leute leicht die Achseln zucken knnen, das aber schrecklich und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Sufer und ein kaum noch zu rettender Mensch, ich spreche das hier, auch vor Ihnen selber, Wirsich, laut aus, denn es gibt vor Naturen, wie er eine ist, keinerlei Takt zu bewahren, weil berhaupt keine Haltung mehr da ist. Aber er mu nicht heute zugrunde gehen, und was mich betrifft, so nehme ich ihn als meinen besten Freund und Kameraden ungeniert in ein Haus mit, in dem ich als Arbeiter ttig, und als Bewohner vertraut bin. Ich werde jetzt noch ein wenig mit ihm ausgehen, denn es hat heute am Silvesterabend keinen Sinn, sich in ein Zimmer einzusperren, trocken und lustlos; ich gedenke im Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgnger, da ich es nur sage, ruhig und anstndig zu durchzechen, denn so machen es heute ja alle Menschen, die glauben, es sich erlauben zu drfen. Ich werde dann mit Wirsich hieher zurckkehren, um ihn bei mir oben bernachten zu lassen, mag Herr Tobler das nun bel nehmen oder nicht. Ich wollte Ihnen das, gndige Frau, im voraus sagen. Vieles, was mich diese ganze Zeit ber in Erregung hat versetzen knnen, begegnet in meinem Herzen hier jetzt, nachdem ich das Unglck meines Kameraden angeschaut habe, der gleichmtigsten und allerschnsten Ruhe. Ich wage es, dem kommenden Leben tief und sorglos und warm ins Auge zu blicken. Ich vertraue meinem bichen Kraft aufrichtig, und das ist mehr, als wenn einer Wagenladungen voller Krfte und Heuschober voll Fhigkeiten htte, aber denselben nicht traute oder sie gar nicht kennte. Gute Nacht, Frau Tobler, Ihnen danke ich, da Sie die Gte hatten, mich anzuhren. Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die Kinder kamen gerade in diesem Augenblick zurck. Der Wirsich ist da, riefen sie in heller, lustiger Freude aus. Er mute allen die Hand geben, und alle, die dabeistanden, hatten das seltsame Gefhl, als habe jetzt Wirsich angefangen, wieder ein Glied des Hauses Tobler zu werden, oder als sei er whrend all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben, als wre er nur in ein anderes Zimmer gegangen und htte dort ein etwas ausschweifendes, berspanntes Buch gelesen, als htte seine Abschweifung nur eine Stunde oder zwei gedauert, so sehr sprach jetzt die Wiedersehensfrhlichkeit der Kinder fr ihn. Da wurde auch die Frau, die ein strenges und kaltes Gesicht hatte aufsetzen wollen, wieder leutselig und gewohnt-heiter, und sie sagte den beiden, die schon in den Garten hinaus getreten waren, sie sollten aber etwa auch ein bichen aufs Ma schauen und mit Trinken und Feten nicht allzu hoch ber die Schnur hauen. Da Wirsich hier bei Toblers, wo er doch frher wie zur Familie gehrt habe, bernachten knne, das verstehe sich von selber. Und sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden, damit es keine Szene gebe. Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu Walter! scholl es aus Josephs Mund nach dem Haus zurck. Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwrter ein Lied. Die warme Mnnerstimme wollte, wie es schien, ausgezeichnet in die milde Nacht hineinpassen. Das Lied klang so gleichmig und gleichtnend, da man ihm, als man es hrte, zutraute, es werde noch ber das alte Jahr hinaus ins neue hinein und hinber tnen wollen. Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf der Landstrae langsam gegen das Dorf zu. * * * * * Was diese zwei Neujahrskameraden in der Ortschaft und whrend der Nacht betrieben und taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele Glser sie tranken, welche Art von Gesprchen sie zusammen fhrten, das zu beschreiben wrde das Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und Unbedeutende hinberschieben. Sie sprachen, was Kollegen zu sprechen pflegen, und sie handelten, wie man in der Silvesternacht etwa zu handeln pflegt, das heit, sie gaben sich einem langsamen, aber desto vergnglicheren und desto zielbewuteren Rausch hin. In einem der zahlreichen Brenswiler Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch mit Freunden sa und merkwrdigerweise ber Religion sprach. Joseph hrte, so gut er noch hren konnte, wie sein Chef ausrief, er erziehe seine Kinder gem den Prinzipien der Religion, er selber aber glaube an nichts, so etwas hre auf, wenn einer Mann werde. Den beiden Angestellten, dem gegenwrtigen und dem frheren, schenkte der Ingenieur infolge seiner heftigen Gesprchsanteilnahme keine Beachtung. Um zwlf Uhr fingen die Glocken an zu tnen und zu erschallen, um den Beginn des neuen Jahres lutend und donnernd anzuzeigen. Am Hafenplatz spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelst von den Chren des Mnnergesangvereines. Viele Leute umstanden, die Gesichter von Fackeln beleuchtet, das nchtliche Konzert. Joseph bemerkte den Versicherungsagenten, der mit Tobler gut stand, aber auch den wtenden Handelsgrtner, den rgsten Feind der technischen Unternehmungen, unter den Zuschauern und Zuhrern. Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschfte, bessere, als sonst in Wochen. Manch einer trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher gnnte sich etwas, das er sich sonst nicht wohl htte erlauben drfen; das ergab schne, fette Rechnungen, und diese wurden gleich bar bezahlt. Frau Tobler war in Begleitung Paulinens zu der Mitternachtsmusik gekommen, still und verschmt, im Gegensatz zu den unverschmten Augen, die sie unter ihren Mitbrgerinnen antraf, die es sich zur Wonne machten, die Frau in Verlegenheit zu bringen. Sie war heute eine einsame, wenig geachtete, wenig beliebte Frau, aber sie ertrug es. Am spten Morgen erwachten im Turmzimmer zwei noch nicht ausgeschlafene Kpfe. Es war heller Tag und bereits elf, halb zwlf Uhr, also schon beinahe Mittag. Schnell kleideten sich Marti und Wirsich an, um hinunter zu gehen. Im Bureau stund schon Herr Tobler. Sein Zorn, als er den Sptling und den unberufenen Eindringling erblickte, kannte keine Grenzen. Er war nahe daran, Joseph zu schlagen. Nicht nur, rief er aus, da Sie den ganzen vorigen Tag, ohne auch nur ein Wort der Entschuldigung oder der Benachrichtigung zu sagen, weggeblieben sind und die Nacht durchgelungert haben, besitzen Sie auch noch die Frechheit, einen neuen halben Tag zu versumen und zu verschlafen. Unerhrt ist das. Es gibt ja vielleicht hier unten heute gar nichts Wesentliches zu tun, zugegeben, aber es kann jemand Geschfte halber daherkommen, und welchen Eindruck macht dann das, wenn die Magd dem Ankmmling sagen mu, der Lump von Angestellter liege noch oben in seinem Nest. Schweigen Sie. Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht links und rechts, wie Sie's verdienen, ohrfeige. Und hat auch noch die Stirne, in Gesellschaft eines Menschen anzulangen, der, wenn er sich nicht augenblicklich jetzt aus dem Staube macht, auf Niewiedersehen, wie ich ihm befehle, anderes und deutlicheres zu gewrtigen hat. Und kommt an, mit einer Gelassenheit, die dem erstbesten Galgenvogel, aber nicht dem schuldbewut sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses Haus ist noch immer ein Haus und mein Haus, und wegen der Unsicherheit, in der es sich befindet, darf niemand mich zum Narren und Buben machen, am allerletzten mein Angestellter, dem ich Lohn ausbezahle, damit er zu leben hat. Setzen Sie sich ans Pult und arbeiten Sie. Schreiben Sie. Es gilt einen letzten Versuch mit der Reklame-Uhr zu machen. Nehmen Sie die Feder zur Hand. Der Gehlfe sagte mit einer endgltig verletzenden Ruhe: Zahlen Sie mir den Rest des versprochenen Lohnes aus. Er wute kaum, was er sagte, er hatte nur das bestimmte Schlu-Bewutsein. Es wre ihm unmglich gewesen, die Feder in die Hand zu nehmen, so stark erzitterte er, deshalb sagte er unwillkrlich dasjenige, was die strkste Mglichkeit darbot, zu Ende mit all diesen Dingen zu gelangen. Tobler war denn auch auer aller Fassung. Machen Sie, da Sie sofort zum Haus hinauskommen. Fort! Zu meinen Feinden! Ich brauche Sie nicht mehr. Er berhufte Joseph mit Beleidigungen, zuerst heftigen, dann immer schwcheren, bis der Ton der Wut gnzlich in Klage und Schmerz bergegangen war. Joseph stand immer noch da. Es dnkte ihn, mit der ganzen Welt Mitleiden haben zu sollen, ein wenig auch mit sich, aber stark und nachdenklich mit allem ihn Umgebenden. Wirsich war lngst vorlufig in den Garten hinausgetreten. Der Hund wedelte seinen alten Bekannten an. Frau Tobler aber stand unterdessen am Fenster des Wohnzimmers und hrte mit gespanntem Ohr durch die Wnde und Mauern, was von unten her zu ihr durchdringen mochte. Gleichzeitig beobachtete sie die Bewegungen des im Garten stehenden, frheren Gehlfen. Ich erledige noch diese paar Briefe, Herr Tobler, dann gehe ich, sprach's vom Schreibtisch aus. Ob er ohne Lohn fortgehen wolle? fragte Tobler. Der andere erwiderte, es sei ihm nicht mehr mglich, zu bleiben, worauf Tobler sagte, das sei doch wohl nicht so bluternst aufzufassen. Der Chef nahm seinen Hut und entfernte sich. Nach einer Stunde begab sich der Gehlfe, so unauffllig er konnte, in sein Turmzimmer hinauf und begann dort, seine paar Sachen einzupacken. Da nahm er der Reihe nach wieder diese kleinen, nichts- und fr ihn vielbedeutenden Gegenstnde in die Hand, um sie suberlich aber rasch in den bereitgehaltenen Koffer zu stecken. Als er mit Packen fertig war, stellte er sich fr zwei Minuten an das offene Fenster und schaute noch einmal so recht mit dem dankbaren Herzen die Gegend an. Dem groen See da unten warf er sogar eine Kuhand zu, ohne zu berlegen, was er tat, sondern einfach in dem Gefhl des pltzlich notwendig gewordenen Abschiednehmens. Von der Plattform aus, auf die er jetzt trat, rief er Wirsich zu: Warten Sie. Ich komme im Moment. -- Dann ging er die Treppe hinunter, das Kfferchen in der Hand tragend. Wie ihm das Herz klopfte! Ich mu nun Adieu sagen, ich mu nun gehen, sagte er zu Frau Tobler. Diese fragte: Was hat's denn gegeben? Mssen Sie gehen? Ja, antwortete der Gehlfe. Denken Sie ein bichen an mich, wenn Sie fort sind? Er bckte sich und kte ihr beide Hnde. Sie sagte: Ja, Joseph, denken Sie ein wenig an Frau Tobler, es wird Ihnen nicht schaden. Das ist eine Frau, wie viele, keine bedeutende Frau. Lassen Sie! Kssen Sie mir jetzt nicht mehr die Hand. Sagen Sie meinen Kindern adieu. Walter! Komm doch. Joseph will uns verlassen. Komm Dora, gib Joseph die Hand. Kommt. Ja.-- Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort: Es wird Ihnen sicherlich gut gehen, ich hoffe es und wnsche es, und ich wei es beinahe. Seien Sie immer ein bichen demtig, nicht zu viel, Ihren Mann werden Sie immer stellen mssen. Aber brausen Sie nie auf, lassen Sie die ersten Worte des belwollens immer unbeantwortet; auf ein heftiges erstes Wort folgt ja so schnell ein zchtiges, sanftes. Gewhnen Sie sich daran, Empfindlichkeiten in der Stille zu besiegen. Was Frauen jeden Tag tun mssen das soll auch der Mann nicht wollen ganz auer acht lassen. Das Weltleben unterliegt ja denselben Gesetzen wie das husliche Leben, nur greren und breiteren. Nur nie strmisch! Haben Sie auch alles, was Ihnen gehrt, eingepackt? Gehen Sie jetzt mit Wirsich? Hren Sie, Marti, nur nie zwangsweise, immer ein bichen artig. Dann werden Sie schon vorwrtskommen. Ich, ich werde auch bald fortgehen. Dieses Haus ist verloren. Wir werden, ich und mein Mann und meine Kinder, irgendwo dann in der Stadt wohnen, wahrscheinlich in einem billigen Quartier. Man gewhnt sich an alles, und nicht wahr, ein ganz klein wenig gern sind Sie doch hier bei uns gewesen. Nicht wahr? Es war doch vieles hbsch. Wollen Sie Tobler nicht auch adieu sagen lassen? Von Herzen! sagte der Gehlfe. Sie ergriff zum letzten Mal das Wort: Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn freuen. Er hat es um Sie verdient, da Sie ihm nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir alle. Sie sind unser Angestellter gewesen -- nein, gehen Sie jetzt. Viel Glck, Joseph. Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann zu ihren Kindern, als sei gar nichts weiter geschehen. Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und ging. Und dann verlieen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern. Unten auf der Landstrae angekommen, machte Joseph halt, zog einen Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zndete sich denselben an und drehte sich noch einmal nach dem Haus um. Er grte es in Gedanken, dann gingen sie weiter. [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile steht. gehen kann. Er gelobte sich im stillen, sich Mhe zu geben, indem er gehen kann. Er gelobte sich im stillen, sich Mhe zu geben, indem er zur nutzbringenden Insertion bedienen. Solch ein Feld kostet Geld; zur nutzbringenden Insertion bedienen. Solch ein Feld kostet Geld; Reklame-Uhr geworfen. Ein sonderbarer Spa, zehn- bis zwanzigtausend 'Reklame-Uhr geworfen'. Ein sonderbarer Spa, zehn- bis zwanzigtausend Mark in Uhren zu werfen. Gut, da ich mir dieses Wort werfen gemerkt Mark in Uhren zu werfen. Gut, da ich mir dieses Wort 'werfen' gemerkt Rang- und Bildungsunterschiede fallen umbarmherzig in einen groen, bis Rang- und Bildungsunterschiede fallen unbarmherzig in einen groen, bis hei wurde und sie ihm verzeihten, ohne da sie sich Rechenschaft gaben, hei wurde und sie ihm verziehen, ohne da sie sich Rechenschaft gaben, einums andere Mal auf den ppigen Mund zu kssen. Wie furchtbar weh ein ums andere Mal auf den ppigen Mund zu kssen. Wie furchtbar weh Tiefe setzte sich an das unergndlich Nasse an. Die Frau hielt ihre Tiefe setzte sich an das unergrndlich Nasse an. Die Frau hielt ihre Meine Herrin, dachte Josef, versteht kein Wort Franzsisch. Die Meine Herrin, dachte Joseph, versteht kein Wort Franzsisch. Die des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal dawaren, und so des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum Aha! machte der Gehilfe. Aha! machte der Gehlfe. Tobler frug Josef, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaen Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaen Nein, noch nicht. Josef habe heute noch keine Zeit dazu gefunden. Nein, noch nicht. Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden. der Hand des eifrigen Gehilfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf, der Hand des eifrigen Gehlfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf, aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es jetzt einfach eine aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine absetzen, auf das drfe Joseph immer sich gefat machen. absetzen, auf das drfe Joseph immerhin sich gefat machen. ganz fort, wenn du dich durch ihn geschdigt glaubst, aber mach' keine ganz fort, wenn du dich durch ihn geschdigt glaubst, aber mach keine seinem Luftgemach, bequem gemacht hatte: seinem Lustgemach, bequem gemacht hatte: Eine halbe Stunde spter gab es im Gartenhaus beim Kaffetrinken einen Eine halbe Stunde spter gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen um dem Empfindlichen von seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu Kissen auf! Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Tre, Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Tre, Es ergab sich in einem durch den Gehlfen eingeleitenen Gesprch, da Es ergab sich in einem durch den Gehlfen eingeleiteten Gesprch, da Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr vonder Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten wenn er Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er manigfaltigen Irrtmer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig! mannigfaltigen Irrtmer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig! na. Der Bahnwter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nhe, er war na. Der Bahnwrter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nhe, er war nichts Wichtigerem beschftigt sich, folgendes darauf: nichts Wichtigerem beschftigt sah, folgendes darauf: herum, und so lange die Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es teilweise aus Schwindel oder aus fortreiender Erzhlungsphantasie teilweise aus Schwindel oder aus fortreiender Erzhlerphantasie Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenwrter trat zur rasselnden Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwrter trat zur rasselnden Loch immer voller Rauch war. Der Gefangenwrter, ein anscheinend Loch immer voller Rauch war. Der Gefangenenwrter, ein anscheinend im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benehmen und sagte im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benhmen und sagte den Etisch lag. dem Etisch lag. sah, seinen Gegner in anstniger Weise niederzuwerfen. Schlielich sah, seinen Gegner in anstndiger Weise niederzuwerfen. Schlielich durftest vertrauen, da sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht gedankenlos Ja, das kam von den Krben her. Ich bin zum Laufburschen gedankenlos. Ja, das kam von den Krben her. Ich bin zum Laufburschen Winden und mit Schneensse an der Erde, als der Gehlfe von Haus zu zu Haus Winden und mit Schneensse an der Erde, als der Gehlfe von Haus zu Haus desselben antrieb, er er mchte fr das Geniewerk, dessen Entwrfe er im desselben antrieb, er mchte fr das Geniewerk, dessen Entwrfe er im schuldbewut voll sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses schuldbewut sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses ] End of the Project Gutenberg EBook of Der Gehlfe, by Robert Walser License: Share Alike