Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Frank Wedekind Erdgeist Tragdie in vier Aufzgen Mich schuf aus grberm Stoffe die Natur, Und zu der Erde zieht mich die Begierde. Dem bsen Geist gehrt die Erde, nicht Dem guten. Was die Gttlichen uns senden Von oben, sind nur allgemeine Gter; Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich, In ihrem Staat erringt sich kein Besitz. Den Edelstein, das allgeschtzte Gold Mu man den falschen Mchten abgewinnen, Die unterm Tage schlimmgeartet hausen. Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt, Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst Die Seele htte rein zurckgezogen. Georg Mller Verlag Mnchen und Leipzig bersetzungs- und Auffhrungsrecht vorbehalten. Nachdruck verboten. Den Bhnen und Vereinen gegenber Manuskript. Das Auffhrungsrecht ist ausschlielich zu erwerben durch den Verlag Georg Mller, Mnchen. Willy Grtor gewidmet Personen Medizinalrat Dr. _Goll_. Dr. _Schn_, Chefredakteur. _Alwa_, sein Sohn. _Schwarz_, Kunstmaler. _Prinz Escerny_, Afrikareisender. _Schigolch._ _Rodrigo_, Artist. _Hugenberg_, Gymnasiast. _Escherich_, Reporter. _Lulu._ _Grfin Geschwitz_, Malerin. _Ferdinand_, Kutscher. _Henriette_, Zimmermdchen. Ein _Bedienter_. Die Rolle _Hugenberg_ wird von einem Mdchen gespielt. Rechts und links vom Schauspieler. Prolog Ein Tierbndiger tritt, nachdem der aufgezogene Vorhang einen Zelteingang hat sichtbar werden lassen, in zinnoberrotem Frack, weier Krawatte, langen schwarzen Locken, weien Beinkleidern und Stulpstiefeln, in der Linken eine Hetzpeitsche, in der Rechten einen geladenen Revolver, unter Zimbelklngen und Paukenschlgen aus dem Zelt: Hereinspaziert in die Menagerie, Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslust'gen Frauen, Mit heier Wollust und mit kaltem Grauen Die unbeseelte Kreatur zu schauen, Gebndigt durch das menschliche Genie. Hereinspaziert, die Vorstellung beginnt! -- Auf zwei Personen kommt umsonst ein Kind. Hier kmpfen Tier und Mensch im engen Gitter, Wo jener hhnend seine Peitsche schwingt Und dieses, mit Gebrll wie Ungewitter, Dem Menschen mrderisch an die Kehle springt; Wo bald der Kluge, bald der Starke siegt, Bald Mensch, bald Tier geduckt am Estrich liegt; Das Tier bumt sich, der Mensch auf allen Vieren! Ein eisig kalter Herrscherblick -- Die Bestie beugt entartet das Genick Und lt sich fromm die Ferse drauf postieren. Schlecht sind die Zeiten! -- All die Herrn und Damen, Die einst vor meinem Kfig sich geschart, Beehren Possen, Ibsen, Opern, Dramen Mit ihrer hochgeschtzten Gegenwart. An Futter fehlt es meinen Pensionren, So da sie gegenseitig sich verzehren. Wie gut hat's am Theater ein Akteur! Des Fleischs auf seinen Rippen ist er sicher, Sei auch der Hunger ein ganz frchterlicher Und des Kollegen Magen noch so leer. -- Doch will man Groes in der Kunst erreichen, Darf man Verdienst nicht mit dem Lohn vergleichen. Was seht ihr in den Lust- und Trauerspielen?! -- _Haustiere_, die so wohlgesittet fhlen, An blaer Pflanzenkost ihr Mtchen khlen Und schwelgen in behaglichem Geplrr, Wie jene Andern -- unten im Parterre: Der eine Held kann keinen Schnaps vertragen, Der andre zweifelt, ob er richtig liebt, Den dritten hrt ihr an der Welt verzagen, Fnf Akte lang hrt ihr ihn sich beklagen, Und niemand, der den Gnadensto ihm gibt. -- Das _wahre_ Tier, das _wilde, schne_ Tier, Das -- meine Damen! -- sehn Sie nur bei mir. Sie sehen den _Tiger_, der gewohnheitsmig, Was in den Sprung ihm luft, hinunterschlingt; Den _Bren_, der, von Anbeginn gefrig, Beim spten Nachtmahl tot zu Boden sinkt; Sie sehn den kleinen amsanten _Affen_ Aus Langeweile seine Kraft verpaffen; Er hat Talent, doch fehlt ihm jede Gre, Drum kokettiert er frech mit seiner Ble; Sie sehn in meinem Zelte, meiner Seel', Sogar gleich hinterm Vorhang ein _Kameel_! -- Und sanft schmiegt das Getier sich mir zu Fen, Wenn -- (er schiet ins Publikum) -- donnernd mein Revolver knallt. Rings bebt die Kreatur; ich bleibe kalt -- Der _Mensch_ bleibt kalt! -- Sie ehrfurchtsvoll zu gren. Hereinspaziert! -- Sie traun sich nicht herein? -- Wohlan, Sie mgen selber Richter sein! Sie sehn auch das Gewrm aus allen Zonen: Chamleone, Schlangen, Krokodile, Drachen und Molche, die in Klften wohnen. Gewi, ich wei, Sie lcheln in der Stille Und glauben mir nicht eine Silbe mehr -- (er lftet den Trvorhang und ruft in das Zelt:) He, Aujust! Bring mir unsre _Schlange_ her! (Ein schmerbuchiger Arbeiter trgt die Darstellerin der Lulu in ihrem Pierrotkostm aus dem Zelt und setzt sie vor dem Tierbndiger nieder) Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften, Zu locken, zu verfhren, zu vergiften -- Zu morden, ohne da es einer sprt. (Lulu am Kinn krauend:) Mein ses Tier, sei ja nur nicht _geziert_! Nicht _albern_, nicht _geknstelt_, nicht _verschroben_, Auch wenn die Kritiker dich weniger loben. Du hast kein Recht, uns durch Miaun und Fauchen Die _Urgestalt_ des _Weibes_ zu verstauchen, Durch Faxenmachen uns und Fratzenschneiden Des _Lasters Kindereinfalt_ zu verleiden! Du sollst -- drum sprech ich heute sehr ausfhrlich -- _Natrlich_ sprechen und nicht unnatrlich! Denn erstes Grundgesetz seit frhster Zeit In jeder Kunst war _Selbstverstndlichkeit_! (Zum Publikum) Es ist jetzt nichts Besondres dran zu sehen, Doch warten Sie, was spter wird geschehen: Mit starkem Druck umringelt sie den Tiger; Er heult und sthnt! -- Wer bleibt am Ende Sieger?! -- -- Hopp, Aujust! Marsch! Trag sie an ihren Platz -- (Der Arbeiter nimmt Lulu quer auf die Arme; der Tierbndiger ttschelt ihr die Hften.) Die se Unschuld -- meinen grten Schatz! (Der Arbeiter trgt Lulu ins Zelt zurck.) Und nun bleibt noch das Beste zu erwhnen: Mein Schdel zwischen eines Raubtiers Zhnen. Hereinspaziert! Das Schauspiel ist nicht neu, Doch seine Freude hat man stets dabei. Ich wag' es, ihm den Rachen aufzureien, Und dieses Raubtier wagt nicht zuzubeien. So _schn_ es ist, so _wild_ und _buntgefleckt_, Vor meinem Schdel hat das Tier Respekt! Getrost leg' ich mein Haupt ihm in den Rachen; Ein _Witz_ -- und meine beiden Schlfen krachen! Dabei verzicht' ich auf des Auges Blitz; Mein _Leben_ setz' ich gegen _einen Witz_; Die Peitsche werf' ich fort und diese Waffen Und geb' mich _harmlos_, wie mich Gott geschaffen. -- Wit ihr den Namen, den dies Raubtier fhrt? -- -- Verehrtes Publikum -- -- Hereinspaziert!! Der Tierbndiger tritt unter Zimbelklngen und Paukenschlgen in das Zelt zurck. Erster Aufzug (Gerumiges Atelier. -- Rechts hinten Entreetr, rechts vorn Seitentr zum Schlafkabinett. In der Mitte ein Podium. Hinter dem Podium eine spanische Wand. Vor dem Podium ein Smyrnateppich. Links vorn zwei Staffeleien. Auf der hinteren das Brustbild eines jungen Mdchens. Gegen die vordere lehnt eine umgekehrte Leinwand. Vor den Staffeleien, etwas gegen die Mitte vorn, eine Ottomane. Darber ein Tigerfell. Rechts an der Wand zwei Sessel. Im Hintergrund eine Trittleiter.) Erster Auftritt Schwarz und Schn Schn (auf dem Fuende der Ottomane sitzend, mustert das Brustbild auf der hinteren Staffelei) Wissen Sie, da ich die Dame von einer ganz neuen Seite kennen lerne? Schwarz (Pinsel und Palette in der Hand, steht hinter der Ottomane) Ich habe noch niemanden gemalt, bei dem der Gesichtsausdruck so ununterbrochen wechselte. -- Es war mir kaum mglich, einen einzigen Zug dauernd festzuhalten. Schn (auf das Bild deutend, ihn ansehend) Finden Sie das darin? Schwarz Ich habe das Erdenklichste getan, um durch meine Unterhaltung whrend der Sitzungen wenigstens etwas Ruhe in der Stimmung hervorzurufen. Schn Dann verstehe ich den Unterschied. Schwarz (taucht den Pinsel ins lnpfchen und berstreicht die Gesichtszge) Schn Glauben Sie, es wird dadurch hnlicher? Schwarz Man kann nicht mehr tun, als es mit der Kunst so gewissenhaft wie mglich nehmen. Schn Sagen Sie mal ... Schwarz (zurcktretend) Die Farbe ist auch wieder etwas eingeschlagen. Schn (ihn ansehend) Haben Sie jemals in Ihrem Leben ein Weib geliebt? Schwarz (geht auf die Staffelei zu, setzt eine Farbe auf und tritt auf der anderen Seite zurck) Der Stoff ist noch nicht gengend abgehoben. Man sieht noch nicht recht, da ein lebender Krper darunter ist. Schn Ich zweifle nicht daran, da die Arbeit gut ist. Schwarz Wenn Sie hierher treten wollen. Schn (sich erhebend) Sie mssen ihr wahre Schauergeschichten erzhlt haben. Schwarz So weit wie mglich zurck. Schn (zurcktretend, stt die an die vordere Staffelei gelehnte Leinwand um) Pardon ... Schwarz (den Rahmen aufhebend) O bitte ... Schn (betroffen) Was ist das ... Schwarz Kennen Sie sie? Schn Nein. Schwarz (setzt das Bild auf die Staffelei. Man sieht eine Dame als Pierrot gekleidet mit einem hohen Schferstab in der Hand) Ein Kostmbild. Schn Die ist Ihnen aber gelungen. Schwarz Sie kennen sie? Schn Nein. Und in dem Kostm? Schwarz Es fehlt noch die ganze Ausfhrung. Schn Na ja. Schwarz Was wollen Sie. Whrend sie mir steht, habe ich das Vergngen, ihren Mann zu unterhalten. Schn Sagen Sie ... Schwarz ber Kunst natrlich, um mein Glck zu vervollstndigen. Schn Wie kommen Sie denn zu der reizenden Bekanntschaft? Schwarz Wie man dazu kommt. Ein steinalter, wackliger Knirps fllt mir hier herein, ob ich seine Frau malen knne. Nun natrlich, und wenn sie runzlich wie Mutter Erde ist. Andern Tags Punkt zehn fliegen die Tren auf, und der Schmerbauch treibt dies Engelskind vor sich her. Ich fhle jetzt noch, wie mir die Kniee schwankten. Ein stocksteifer, saftgrner Lakai mit einem Paket unter dem Arm. Wo die Garderobe sei. Denken Sie sich meine Lage. Ich ffne die Tr da (nach rechts deutend). Nur ein Glck, da schon alles in Ordnung war. Das se Geschpf huscht hinein, und der Alte postiert sich als Schanzkorb davor. Zwei Minuten darauf tritt sie in diesem Pierrot heraus. (Den Kopf schttelnd) Ich habe nie so was gesehen. (Geht nach rechts und starrt an die Schlafzimmertr hin.) Schn (der ihm mit dem Blick gefolgt) Und der Schmerbauch steht Schildwache? Schwarz (sich umwendend) Der ganze Krper im Einklang mit dem unmglichen Kostm, als wre er darin zur Welt gekommen. Ihre Art, die Ellbogen in die Taschen zu vergraben, die Fchen vom Teppich zu heben -- mir schiet oft das Blut zu Kopf ... Schn Das sieht man dem Bild an. Schwarz (kopfschttelnd) Unsereiner, wissen Sie ... Schn Hier fhrt das Modell die Konversation. Schwarz Sie hat den Mund noch nicht aufgetan. Schn Ist's mglich! Schwarz Erlauben Sie, da ich Ihnen das Kostm zeige. (Nach rechts ab.) Schn (allein, vor dem Pierrot) Eine Teufelsschnheit. (Vor dem Brustbild) Hier ist mehr Fond. (Nach vorn kommend) Er ist noch etwas jung fr sein Alter. Schwarz (kommt mit einem weien Atlaskostm zurck) Was das fr Stoff sein mag? Schn (den Stoff befhlend) Atlas. Schwarz Und alles in einem Stck. Schn Wie kommt man denn da hinein? Schwarz Das kann ich Ihnen nicht sagen. Schn (das Kostm bei den Beinen nehmend) Diese riesigen Hosenpfeifen! Schwarz Die linke rafft sie hinauf. Schn (auf das Bild sehend) Bis bers Knie! Schwarz Sie macht das zum Entzcken. Schn Und transparente Strmpfe? Schwarz Die wollen nmlich gemalt sein. Schn O, das knnen Sie. Schwarz Dabei von einer Koketterie! Schn Wie kommen Sie auf den entsetzlichen Verdacht? Schwarz Es gibt Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts trumen lt. (Trgt das Kostm in sein Schlafzimmer.) Schn (allein). Wenn man schlft .... Schwarz (kommt zurck, sieht nach der Uhr) Wenn Sie brigens ihre Bekanntschaft machen wollen ... Schn Nein. Schwarz Sie mssen im Augenblicke hier sein. Schn Wie oft wird denn die Dame noch sitzen mssen? Schwarz Ich werde die Tantalusqual wohl noch ein Vierteljahr zu erdulden haben. Schn Ich meine die Andere. Schwarz Entschuldigen Sie. Dreimal hchstens. (Ihn zur Tr geleitend) Wenn mir die Dame dann nur ihre Taille dalassen will. Schn Mit Vergngen. Lassen Sie sich bald wieder bei mir sehen. (Stt in der Tr auf Dr. Goll und Lulu) In Gottes Namen. Zweiter Auftritt Dr. Goll. Lulu. Die Vorigen. Schwarz Darf ich vorstellen ... Goll (zu Schn) Was treiben denn Sie hier? Schn (Lulu die Hand kssend) Frau Medizinalrat. Lulu Sie wollen doch nicht schon gehen? Goll Welcher Wind fhrt denn Sie hierher? Schn Ich habe mir das Bild meiner Braut angesehen. Lulu (nach vorn kommend) Ihre Braut ist hier? Goll Sie lassen hier also auch arbeiten? Lulu (vor dem Brustbild) Sieh da! Bezaubernd! Entzckend! Goll (sich umsehend) Sie halten sie wohl hier irgendwo versteckt? Lulu Das ist also das se Wunderkind, das Sie zu einem neuen Menschen gemacht ... Schn Sie sitzt meistens am Nachmittag. Goll Und davon erzhlen Sie einem nichts? Lulu (sich umwendend) Ist sie denn wirklich so ernst? Schn Wohl noch die Nachwirkung der Pensionszeit, gndige Frau. Goll (vor dem Brustbild) Man sieht, da Sie eine tiefgehende Wandlung durchgemacht haben. Lulu Nun drfen Sie sie aber auch nicht mehr lnger warten lassen. Schn In vierzehn Tagen denke ich unsere Verlobung bekannt zu machen. Goll (zu Lulu) La uns keine Zeit verlieren. Hopp! Lulu (zu Schn) Denken Sie, wir fuhren im Trab ber die neue Quaibrcke. Ich habe selber kutschiert. Schn (will sich verabschieden) Goll Nein, nein. Wir Beide sprechen nachher weiter. Geh, Nellie. Hopp! Lulu Jetzt kommt's an mich! Goll Unser Apelles leckt sich schon die Pinsel ab. Lulu Ich hatte mir das viel amsanter vorgestellt. Schn Sie haben dabei immerhin die Genugtuung, uns den seltensten Genu zu bereiten. Lulu (nach rechts gehend) Na, warten Sie nur. Schwarz (vor der Schlafzimmertr) Wenn Frau Obermedizinalrat so freundlich sein wollen. (Schliet die Tr hinter ihr und bleibt davor stehen.) Goll Ich habe sie in unserm Ehekontrakt nmlich Nellie getauft. Schn So? -- Ja. Goll Was halten Sie davon? Schn Warum nennen Sie sie nicht lieber Mignon? Goll Das wre auch was. Daran habe ich nicht gedacht. Schn Glauben Sie, da der Name soviel dabei ausmacht? Goll Hm -- Sie wissen, ich habe keine Kinder. Schn (sein Zigarettenetui aus der Tasche nehmend) Sie sind doch aber auch erst ein paar Monate verheiratet. Goll Danke. Ich wnsche mir keine. Schn Rauchen Sie eine Zigarette? Goll (sich bedienend) Ich habe an dem einen vollkommen genug. (Zu Schwarz) Sagen Sie mal, was macht denn eigentlich Ihre kleine Tnzerin? Schn (sich nach Schwarz umwendend) Sie und eine Tnzerin? Schwarz Die Dame sa mir damals nur aus Geflligkeit. Ich kenne die Dame von einem Ausflug des Ccilienvereins her. Goll (zu Schn) Hm -- ich glaube, wir kriegen anderes Wetter. Schn Das geht wohl nicht so rasch mit der Toilette? Goll Das geht wie der Blitz! Die Frau mu Virtuosin in ihrem Fach sein. Das mu jeder von uns in seinem Fach, wenn das Leben nicht zur Bettelei werden soll. (Ruft) Hopp, Nellie! Schwarz (an der Tr) Frau Obermedizinalrat! Lulu (von innen) Gleich, gleich. Goll (zu Schn) Ich begreife solche Stockfische nicht. Schn Ich beneide sie. Diese Stockfische kennen nichts Heiligeres als ihr Hungertuch. Sie fhlen sich reicher als Unsereiner mit 30000 Mark Renten. Sie knnen brigens nicht ber einen Menschen urteilen, der von Kindesbeinen an von der Palette in den Mund gelebt hat. Nehmen Sie es auf sich, ihn zu finanzieren. Es ist ein Rechenexempel. Mir fehlt der moralische Mut. Man verbrennt sich auch leicht die Finger ... Lulu (als Pierrot aus dem Schlafzimmer tretend) Da bin ich. Schn (wendet sich um, nach einer Pause) Superb! Lulu (tritt nher) Nun? Schn Sie beschmen die khnste Phantasie. Lulu Wie gefall' ich Ihnen? Schn Ein Bild, vor dem die Kunst verzweifeln mu. Goll Finden Sie nicht auch? Schn (zu Lulu) Sie wissen doch wohl nicht recht, was Sie tun. Lulu Ich bin mir meiner vollkommen bewut! Schn Dann drften Sie etwas besonnener sein. Lulu Ich tue ja doch nur meine Schuldigkeit. Schn Sie sind gepudert? Lulu Was fllt Ihnen ein! Goll Sie hat eine weie Haut, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Ich habe unserem Raffael auch gesagt, er mge sich mit dem Fleisch nur ja so wenig wie mglich abgeben. Ich kann mich einmal fr die moderne Klexerei nicht begeistern. Schwarz (an den Staffeleien, seine Farben prparierend) Dem Impressionismus dankt es die heutige Kunst jedenfalls, da sie sich alten Meistern ohne Errten an die Seite stellen darf. Goll Fr ein Stck Schlachtvieh mag sie ja ganz angebracht sein. Schn Nur um Gotteswillen keine Aufregung! Lulu (fllt Goll um den Hals und kt ihn) Goll Man sieht dein Neglig. Du mut es herunter ziehen. Lulu Ich htte es am liebsten weggelassen. Es geniert nur. Goll Er wre imstande und malte es hin. Lulu (nimmt den Schferstab, der an der spanischen Wand lehnt, auf das Podium steigend, zu Schn) Was wrden Sie jetzt sagen, wenn Sie zwei Stunden Parade stehen mten? Schn Meine Seele verschriebe ich dem Teufel, um mit Ihnen tauschen zu drfen. Goll (sich rechts setzend) Kommen Sie hierher. Hier ist nmlich mein Beobachtungsposten. Lulu (das linke Beinkleid bis zum Knie hinaufraffend, zu Schwarz) So? Schwarz Ja ... Lulu (es um eine Idee hher raffend) So? Schwarz Ja, ja ... Goll (zu Schn, der auf dem Sessel neben ihm Platz genommen hat, mit einer Handbewegung) Ich finde sie nmlich von hier aus noch vorteilhafter. Lulu (ohne sich zu rhren) Ich bitte sehr! Ich bin von allen Seiten gleich vorteilhaft. Schwarz (zu Lulu) Das rechte Knie weiter vor, bitte. Schn (mit einer Geste) Der Krper zeigt vielleicht feinere Linien ... Schwarz Die Beleuchtung ist heute zum mindesten halbwegs ertrglich. Goll Sie mssen sie flott hinwerfen! Fassen Sie Ihren Pinsel etwas lnger! Schwarz Gewi, Herr Medizinalrat. Schn Behandeln Sie sie als Stillleben! Schwarz Gewi, Herr Doktor. (Zu Lulu) Sie pflegten den Kopf um eine Idee hher zu halten, Frau Medizinalrat. Lulu (den Kopf hebend) Malen Sie mir die Lippen etwas geffnet. Schn Malen Sie Schnee auf Eis. Wenn Sie sich dabei erwrmen, dann wird Ihre Kunst sofort unknstlerisch. Schwarz Gewi, Herr Doktor! Goll Die Kunst, wissen Sie, mu die Natur so wiedergeben, da man wenigstens _geistig_ dabei genieen kann! Lulu (den Mund etwas ffnend, zu Schwarz) So -- sehen Sie. So halte ich sie halb geffnet. Schwarz Sobald die Sonne kommt, wirft die Mauer von gegenber warme Reflexe herein. Goll (zu Lulu) Du mut dich in deiner Stellung berhaupt so verhalten, als ob unser Velasquez hier gar nicht vorhanden wre. Lulu Ein Maler ist doch auch eigentlich gar kein Mann. Schn Ich glaube nicht, da Sie von einer rhmlichen Ausnahme so ohne Weiteres auf die ganze Zunft schlieen drfen. Schwarz (von der Staffelei zurcktretend) Ich htte mir im vergangenen Herbst doch lieber ein anderes Atelier mieten mssen. Schn (zu Goll) Was ich fragen wollte -- haben Sie die kleine O'Morphi schon als peruanische Perlenfischerin gesehen? Goll Morgen sehe ich sie mir zum viertenmal an. Der Frst Polossow fhrte mich hin. Sein Haar ist vor Entzcken schon wieder dunkelblond geworden. Schn Sie finden sie also auch so fabelhaft? Goll Wer will das je im Voraus beurteilen! Lulu Ich glaube, es hat geklopft. Schwarz Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. (Geht zur Tre und ffnet) Goll Du darfst ihn getrost etwas unbefangener anlcheln. Schn Dem macht das gar nichts. Goll Und wenn! -- Wozu sitzen wir Beide denn hier! Dritter Auftritt Alwa Schn. Die Vorigen. Alwa (noch hinter der spanischen Wand) Darf man eintreten? Schn Mein Sohn. Lulu Das ist ja Herr Alwa! Goll Kommen Sie nur ungeniert herein! Alwa (vortretend, reicht Schn und Goll die Hand) Herr Medizinalrat ... (sich nach Lulu umwendend) Seh ich recht? -- Wenn ich Sie doch nur fr meine Hauptrolle engagieren knnte! Lulu Ich wrde fr Ihr Stck wohl kaum gut genug tanzen. Alwa Aber Sie haben doch einen Tanzlehrer, wie man ihn an keiner Bhne Europas findet! Schn Was fhrt dich denn hierher? Goll Sie lassen hier wohl auch insgeheim irgend Jemanden portrtieren? Alwa (zu Schn) Ich wollte dich zur Generalprobe abholen. Schn (erhebt sich) Goll Lassen Sie denn heute schon in vollem Kostm tanzen? Alwa Versteht sich. Kommen Sie mit. In fnf Minuten mu ich auf der Bhne sein. (Zu Lulu) Ich Unglcklicher! Goll Ich habe ganz vergessen -- wie nennt sich doch Ihr Ballett? Alwa Dalailama. Goll Ich glaubte, der wre im Irrenhaus. Schn Sie meinen Nietzsche, Herr Sanittsrat. Goll Sie haben recht. Ich verwechsle die Beiden. Alwa Ich habe dem Buddhismus auf die Beine geholfen. Goll An den Beinen erkennt man den Bhnendichter. Alwa Die Corticelli tanzt den jugendlichen Buddah als htte sie am Ganges das Licht der Welt erblickt. Schn Solang die Mutter noch lebte, tanzte sie mit den Beinen ... Alwa Als sie dann frei wurde, tanzte sie mit dem Verstande ... Goll Jetzt tanzt sie mit dem Herzen! Alwa Wenn Sie sie sehen wollen? Goll Danke. Alwa Kommen Sie doch mit! Goll Unmglich! Schn Wir haben brigens keine Zeit zu verlieren. Alwa Kommen Sie mit, Herr Medizinalrat. Im dritten Akt sehen Sie Dalailama in seinem Kloster, mit seinen Mnchen. Goll Mir wre es lediglich um den jugendlichen Buddah zu tun. Alwa Was hindert Sie denn? Goll Es geht nicht. Es geht nicht. Alwa Wir gehen nachher zu Peters. Da knnen Sie Ihrer Bewunderung Ausdruck geben. Goll Dringen Sie nicht weiter in mich. Ich bitte Sie. Alwa Sie sehen die zahmen Affen, die beiden Bramanen, die kleinen Mdchen ... Goll Bleiben Sie mir nur um Gottes Willen mit den kleinen Mdchen vom Halse! Lulu Reservieren Sie uns eine Proszeniumsloge auf Montag, Herr Alwa! Alwa Wie konnten gndige Frau daran zweifeln. Goll Wenn ich zurckkomme, hat mir der Hllenbreugel das ganze Bild verpatzt! Alwa Das wre doch kein Unglck. Das lt sich bermalen. Goll Wenn man dem Caravacci nicht jeden Pinselstrich expliziert ... Schn Ich halte Ihre Befrchtungen brigens fr unbegrndet. Goll Das nchste Mal, meine Herren! Alwa Die Bramanen werden ungeduldig! Die Tchter Nirvanas schlottern in ihren Trikots! Goll Verdammte Klexerei!! Schn Man wird uns auszanken, da wir Sie nicht mitbringen. Goll In fnf Minuten bin ich zurck. (Stellt sich links vorn hinter Schwarz und vergleicht das Bild mit Lulu.) Alwa (zu Lulu) Mich ruft leider die Pflicht, gndige Frau. Goll (zu Schwarz) Sie mssen hier ein wenig mehr modellieren. Das Haar ist schlecht. Sie sind nicht genug bei der Sache ... Alwa Kommen Sie. Goll Nun nur Hopp! Zu Peters bringen mich keine zehn Pferde. Schn (Alwa und Goll folgend) Wir nehmen meinen Wagen, der unten steht. Vierter Auftritt Schwarz. Lulu. Schwarz (beugt sich nach links, spuckt aus) Pack! -- Wre doch das Leben zu Ende! -- Der Brotkorb! -- Brotkorb und Maulkorb! -- Jetzt bumt sich mein Knstlerstolz. (Nach einem Blick auf Lulu) Diese Gesellschaft! -- (Erhebt sich, geht nach rechts hinten, betrachtet Lulu von allen Seiten, setzt sich wieder an die Staffelei) Die Wahl wrde einem schwer. -- -- Wenn ich Frau Obermedizinalrat ersuchen darf, die rechte Hand etwas hher. Lulu (nimmt den Schferstab so hoch sie reichen kann, fr sich) Wer htte das fr mglich gehalten! Schwarz Ich bin wohl recht lcherlich? Lulu Er kommt gleich zurck. Schwarz Ich kann nicht mehr tun als malen. Lulu Da ist er. Schwarz (sich erhebend) Nun? Lulu Hren Sie nicht? Schwarz Es kommt jemand ... Lulu Ich wute es ja. Schwarz Es ist der Hausmeister. Er fegt die Treppe. Lulu Gott sei Dank. Schwarz Sie begleiten Herrn Obermedizinalrat wohl auf seine Praxis? Lulu Das fehlte mir noch! Schwarz Weil Sie es nicht gewohnt sind, allein zu sein. Lulu Wir haben zu Hause eine Haushlterin. Schwarz Die Ihnen Gesellschaft leistet? Lulu Sie hat viel Geschmack. Schwarz Wofr? Lulu Sie zieht mich an. Schwarz Sie gehen wohl viel auf Blle? Lulu Nie. Schwarz Wozu brauchen Sie denn dann die Toiletten? Lulu Zum Tanzen. Schwarz Sie tanzen wirklich? Lulu Csardas -- Samaqueca -- Skirtdance ... Schwarz Widert Sie denn das nicht an? Lulu Sie finden mich hlich? Schwarz Sie verstehen mich nicht. -- Wer gibt Ihnen denn den Unterricht? Lulu Er. Schwarz Wer? Lulu Er. Schwarz Er? Lulu Er spielt Violine. -- -- -- Schwarz Man lernt jeden Tag ein neues Stck Welt kennen. Lulu Ich habe in Paris gelernt. Ich nahm Stunden bei Eugenie Fougre. Sie hat mich auch ihre Kostme kopieren lassen. Schwarz Wie sind denn die? Lulu Grnes Spitzenrckchen bis zum Knie, ganz in Volants, dekolletiert natrlich, sehr dekolletiert und frchterlich geschnrt. Hellgrner Unterrock, dann immer heller. Schneeweie Dessous mit handbreiten Spitzen ... Schwarz Ich kann nicht mehr ... Lulu Malen Sie doch! Schwarz (mit dem Spachtel schabend) Ist Ihnen denn nicht kalt? Lulu Gott bewahre! Nein. Wie kommen Sie auf die Frage? Ist Ihnen denn so kalt? Schwarz Heute nicht. Nein. Lulu Gottlob kann man atmen! Schwarz Wieso ... Lulu (atmet tief ein) Schwarz Lassen Sie das bitte! -- (Springt auf, wirft Pinsel und Palette weg, geht auf und nieder) Der Stiefelputzer hat es wenigstens nur mit ihren Fen zu tun. Seine Farbe frit ihm auch nicht ins Geld. Wenn mir morgen das Abendbrot fehlt, fragt mich kein Weltdmchen danach, ob ich mich aufs Austernschlecken verstehe. Lulu Ist das ein Unhold! Schwarz (nimmt die Arbeit wieder auf) Was jagt den Kerl auch in diese Probe! Lulu Mir wre es auch lieber, er wre dageblieben. Schwarz Wir sind wirklich die Mrtyrer unseres Berufes! Lulu Ich wollte Ihnen nicht weh tun. Schwarz (zgernd, zu Lulu) Wenn Sie links -- das Beinkleid -- ein wenig hher .. Lulu Hier? Schwarz (tritt zum Podium) Erlauben Sie ... Lulu Was wollen Sie? Schwarz Ich zeige es Ihnen. Lulu Es geht nicht. Schwarz Sie sind nervs ... (Will ihre Hand fassen) Lulu (wirft ihm den Schferstab ins Gesicht) Lassen Sie mich in Ruhe! (Eilt zur Entreetr) Sie bekommen mich noch lange nicht. Schwarz Sie verstehen keinen Scherz. Lulu Doch, ich verstehe alles. Lassen Sie mich nur frei. Mit Gewalt erreichen Sie gar nichts bei mir. Gehen Sie an Ihre Arbeit. Sie haben kein Recht mich zu belstigen. (Flchtet hinter die Ottomane) Setzen Sie sich hinter Ihre Staffelei. Schwarz (will um die Ottomane) Sobald ich Sie fr Ihre Launenhaftigkeit bestraft habe. Lulu (ausweichend) Dazu mssen Sie mich aber erst haben. Gehen Sie. Sie erwischen mich doch nicht. -- In langen Kleidern wre ich Ihnen lngst in die Hnde gefallen. -- Aber in dem Pierrot! Schwarz (sich der Lnge nach ber die Ottomane werfend) Habe ich dich! Lulu (schlgt ihm das Tigerfell ber den Kopf) Gute Nacht! (Springt ber das Podium, klettert auf die Trittleiter) Ich sehe ber alle Stdte der Erde weg ... Schwarz (sich aus der Decke wickelnd) Dieser Balg! Lulu Ich greife in den Himmel und stecke mir die Sterne ins Haar. Schwarz (ihr nachkletternd) Ich schttle, bis Sie herunterfallen. Lulu (hher steigend) Wenn Sie nicht aufhren, werfe ich die Leiter um. Werden Sie meine Beine loslassen. -- Gott schtze Polen! (Bringt die Leiter zu Fall, springt auf das Podium und wirft Schwarz, wie er sich vom Boden aufrafft, die spanische Wand an den Kopf. Nach vorn eilend, an den Staffeleien) Ich habe Ihnen ja gesagt, da Sie mich nicht bekommen. Schwarz (nach vorn kommend) Lassen Sie uns Frieden schlieen. (Will sie umfassen) Lulu Bleiben Sie mir vom Leib, oder ... (Sie wirft ihm die Staffelei mit dem Brustbild entgegen, da beides krachend zu Boden strzt) Schwarz (schreit auf) Barmherziger Gott! Lulu (links hinten) Das Loch haben Sie selber hineingeschlagen. Schwarz Ich bin ruiniert! Zehn Wochen Arbeit, meine Reise, meine Ausstellung. -- Jetzt ist nichts mehr zu verlieren. (Strzt ihr nach) Lulu (springt ber die Ottomane, ber die umgestrzte Trittleiter, kommt ber das Podium nach vorn) Ein Graben! -- Fallen Sie nicht hinein! (Stapft durch das Brustbild) Sie hat einen neuen Menschen aus ihm gemacht! (Fllt vornber) Schwarz (ber die spanische Wand stolpernd) Ich kenne kein Erbarmen mehr. Lulu (im Hintergrund) Lassen Sie mich jetzt in Ruhe. -- Mir wird schwindlich. -- -- O Gott, o Gott ... (Kommt nach vorn und sinkt auf die Ottomane) Schwarz (verriegelt die Tr. Darauf setzt er sich neben sie, ergreift ihre Hand und bedeckt sie mit Kssen, hlt inne; man sieht ihm an, da er einen inneren Kampf kmpft) Lulu (schlgt die Augen auf) Er kann zurckkommen. Schwarz Wie ist dir? Lulu Als wre ich ins Wasser gefallen ... Schwarz Ich liebe dich. Lulu Ich liebte einmal einen Studenten. Schwarz Nellie ... Lulu Mit vierundzwanzig Schmissen ... Schwarz Ich liebe dich, Nellie. Lulu Ich heie nicht Nellie. Schwarz (kt sie) Lulu Ich heie Lulu. Schwarz Ich wrde dich Eva nennen. Lulu Wissen Sie, wieviel Uhr es ist? Schwarz (nach der Uhr sehend) Halb elf. Lulu (nimmt die Uhr und ffnet das Gehuse) Schwarz Du liebst mich nicht. Lulu Doch ... Es ist fnf Minuten nach halb elf. Schwarz Gib mir einen Ku, Eva! Lulu (nimmt ihn am Kinn und kt ihn, wirft die Uhr in die Luft und fngt sie auf) Sie riechen nach Tabak. Schwarz Warum sagst du nicht Du? Lulu Es wrde unbehaglich. Schwarz Du verstellst dich! Lulu Sie verstellen sich selber, wie mir scheint. -- Ich mich verstellen? Wie kommen Sie nur darauf? -- _Das hatte ich niemals ntig._ Schwarz (erhebt sich, fassungslos, sich mit der Hand ber die Stirn fahrend) Allmchtiger! Ich kenne die Welt nicht ... Lulu (schreit) Bringen Sie mich nur nicht um! Schwarz (sich rasch umwendend) _Du hast noch nie geliebt ...!_ Lulu (sich halb aufrichtend) _Sie haben noch nie geliebt ...!_ Goll (von auen) Machen Sie auf! Lulu (ist aufgesprungen) Verstecken Sie mich! O Gott, verstecken Sie mich! Goll (gegen die Tr polternd) Machen Sie auf! Schwarz (will zur Tr). Lulu (hlt ihn zurck) Er schlgt mich tot. Goll (gegen die Tr polternd) Machen Sie auf! Lulu (vor Schwarz niedergesunken, umfat seine Knie) Er schlgt mich tot. Er schlgt mich tot. Schwarz Stehen Sie auf ... (Die Tr fllt krachend ins Atelier.) Fnfter Auftritt Goll. Die Vorigen. Goll (mit blutunterlaufenen Augen strzt mit erhobenem Stock auf Schwarz und Lulu los) Ihr Hunde! -- Ihr ... (keucht, ringt einige Sekunden nach Atem und schlgt vornber auf die Diele) Schwarz (wankt in den Knieen) Lulu (hat sich zur Tr geflchtet) -- (Pause.) Schwarz (tritt an Goll heran) Herr -- Herr Medi -- Herr Medizi -- Herr Medizinal -- Herr Medizinalrat. Lulu (in der Tr) Bringen Sie doch bitte erst das Atelier in Ordnung. Schwarz Herr Obermedizinalrat. (Beugt sich nieder) Herr ... (Tritt zurck) Er hat sich die Stirne geritzt. Helfen Sie mir, ihn auf die Ottomane legen. Lulu (bebt scheu zurck) Nein, nein ... Schwarz (sucht ihn umzukehren) Herr Medizinalrat. Lulu Er hrt nicht. Schwarz Helfen Sie mir doch nur. Lulu Wir heben ihn zu zweit auch nicht. Schwarz (sich emporrichtend) Man mu zum Arzt schicken. Lulu Er ist furchtbar schwer. Schwarz (seinen Hut nehmend) Seien Sie doch bitte so freundlich und richten Sie, bis ich zurck bin, die Stellagen ein wenig zurecht. (Ab) Sechster Auftritt Lulu. Goll. Lulu Auf einmal springt er auf. -- (Eindringlich) Bussi! -- -- Er lt sich nichts merken. -- (Kommt in weitem Bogen nach vorn) Er sieht mir auf die Fe und beobachtet jeden Schritt, den ich tue. Er hat mich berall im Auge. -- (Sie berhrt ihn mit der Fuspitze) Bussi! -- (Zurckweichend) Es ist ihm ernst. -- -- Der Tanz ist aus. -- -- Er lt mich sitzen. -- -- Was fang' ich an? -- -- (Beugt sich zur Erde) Ein wildfremdes Gesicht! -- (Sich aufrichtend) Und niemand, der ihm den letzten Dienst erweist. -- Ist das trostlos ... Siebenter Auftritt Schwarz. Die Vorigen. Schwarz Noch nicht wieder zur Besinnung gekommen? Lulu (links vorn) Was fang' ich an ... Schwarz (ber Goll gebeugt) Herr Medizinalrat. Lulu Ich glaube beinah, es ist ihm ernst. Schwarz Reden Sie doch anstndig! Lulu Er wrde mir das nicht sagen. Er lt sich von mir vortanzen, wenn er sich nicht wohl fhlt. Schwarz Der Arzt mu im Augenblick hier sein. Lulu Arznei hilft ihm nicht. Schwarz Aber man tut doch in solchem Falle, was man kann. Lulu Er glaubt nicht daran. Schwarz Wollen Sie sich denn nicht wenigstens umziehen? Lulu Ja. -- Gleich. Schwarz Worauf warten Sie denn noch? Lulu Ich bitte Sie ... Schwarz Was denn ...? Lulu Schlieen Sie ihm die Augen. Schwarz Sie sind entsetzlich. Lulu Noch lange nicht so entsetzlich wie Sie! Schwarz Wie ich? Lulu Sie sind eine Verbrechernatur. Schwarz Rhrt Sie denn dieser Moment gar nicht? Lulu Mich trifft es auch mal. Schwarz Ich bitte Sie, jetzt schweigen Sie endlich mal! Lulu Sie trifft es auch mal. Schwarz Das brauchten Sie Einem in einem solchen Augenblick wirklich nicht noch zu sagen. Lulu Ich bitte Sie ... Schwarz Tun Sie was Ihnen ntig scheint. Ich kenne das nicht. Lulu (rechts von Goll) Er sieht mich an. Schwarz (links von Goll) Mich auch ... Lulu Sie sind ein Feigling! Schwarz (schliet Goll mit dem Taschentuch die Augen) Es ist das erste Mal in meinem Leben, da ich dazu verurteilt bin. Lulu Haben Sie es denn Ihrer Mutter nicht getan? Schwarz (nervs) Nein. Lulu Sie waren wohl auswrts? Schwarz Nein! Lulu Oder Sie frchteten sich? Schwarz (heftig) Nein. Lulu (bebt zurck) Ich wollte Sie nicht beleidigen. Schwarz -- Sie lebt noch. Lulu Dann haben Sie doch noch Jemanden. Schwarz Sie ist bettelarm. Lulu Das kenne ich. Schwarz Spotten Sie meiner nicht! Lulu Jetzt bin ich reich ... Schwarz Es ist grauenerregend. (Geht nach links) Was kann sie dafr! Lulu (fr sich) Was fang' ich an. Schwarz (fr sich) Vollkommen verwildert! (Schwarz links, Lulu rechts, sehen einander mitrauisch an) Schwarz (geht auf sie zu, ergreift ihre Hand) Sieh mir ins Auge! Lulu (ngstlich) Was wollen Sie ... Schwarz (fhrt sie zur Ottomane, ntigt sie neben ihm Platz zu nehmen) Sieh mir in die Augen! Lulu Ich sehe mich als Pierrot darin. Schwarz (stt sie von sich) Verwnschte Tanzerei! Lulu Ich mu mich umziehen ... Schwarz (hlt sie zurck) Eine Frage ... Lulu Ich darf ja nicht antworten. Schwarz (wieder an der Ottomane) Kannst du die Wahrheit sagen? Lulu Ich wei es nicht. Schwarz Glaubst du an einen Schpfer? Lulu Ich wei es nicht. Schwarz Kannst du bei etwas schwren? Lulu Ich wei es nicht. Lassen Sie mich! Sie sind verrckt! Schwarz Woran glaubst du denn? Lulu Ich wei es nicht. Schwarz Hast du denn keine Seele? Lulu Ich wei es nicht. Schwarz Hast du schon einmal geliebt --? Lulu Ich wei es nicht. Schwarz (erhebt sich, geht nach links, fr sich) Sie wei es nicht! Lulu (ohne sich zu rhren) Ich wei es nicht. Schwarz (mit einem Blick auf Goll) Er wei es ... Lulu (sich ihm nhernd) Was wollen Sie wissen? Schwarz (emprt) Geh, zieh dich an! Lulu (geht ins Schlafkabinett) Achter Auftritt Schwarz. Goll. Schwarz Ich mchte tauschen mit dir, du Toter! Ich gebe sie dir zurck. Ich gebe dir meine Jugend dazu. Mir fehlt der Mut und der Glaube. Ich habe mich zu lange gedulden mssen. Es ist zu spt fr mich. Ich bin dem Glck nicht gewachsen. Ich habe eine hllische Angst davor. Wach auf. Ich habe sie nicht angerhrt. Er ffnet den Mund. -- Mund auf und Augen zu, wie die Kinder. Bei mir ist es umgekehrt. Wach auf! Wach auf! (Kniet nieder und bindet ihm sein Taschentuch um den Kopf) Hier flehe ich zum Himmel, er mge mich befhigen, glcklich zu sein. Er mge mir die Kraft geben und die seelische Freiheit, nur ein klein wenig glcklich zu sein. _Um ihretwillen, einzig um ihretwillen._ Neunter Auftritt Lulu. Die Vorigen. Lulu (tritt aus dem Schlafkabinett, vollstndig angekleidet, den Hut auf, die rechte Hand unter der linken Achsel; zu Schwarz, den linken Arm hebend) Wrden Sie mich hier zuhaken. Meine Hand zittert. Zweiter Aufzug (Sehr eleganter Salon. Rechts hinten Entreetr. Vorne rechts und links Portieren. Zu der links fhren einige Stufen hinan. An der Hinterwand ber dem Kamin in prachtvollem Brokatrahmen Lulus Bild als Pierrot. Links ein hoher Spiegel. Davor eine Chaiselongue. Rechts ein Schreibtisch in Ebenholz. In der Mitte einige Sessel um ein chinesisches Tischchen.) Erster Auftritt Lulu. Schwarz. Dann Henriette. Lulu (in grnseidenem Morgenkleid steht regungslos vor dem Spiegel, runzelt die Stirn, fhrt mit der Hand darber, befhlt ihre Wangen, trennt sich vom Spiegel mit einem mimutigen, halb zornigen Blick, geht nach rechts, sich mehrmals umwendend, ffnet auf dem Schreibtisch eine Schatulle, zndet sich eine Zigarette an, sucht unter den Bchern, die auf dem Tisch liegen, nimmt eines zur Hand, legt sich auf die Chaiselongue, dem Spiegel gegenber, lt, nachdem sie einen Moment gelesen, das Buch sinken, nickt sich ernsthaft zu, nimmt die Lektre wieder auf.) Schwarz (Pinsel und Palette in der Hand, tritt von rechts ein, beugt sich ber Lulu, kt sie auf die Stirn, geht nach links die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um) Eva! Lulu (lchelnd) Befehlen? Schwarz Ich finde, du siehst heute auerordentlich reizend aus. Lulu (mit einem Blick in den Spiegel) Es kommt auf die Ansprche an. Schwarz Dein Haar atmet eine Morgenfrische ... Lulu Ich komme aus dem Wasser. Schwarz (sich ihr nhernd) Ich habe heute furchtbar zu tun. Lulu Das redest du dir ein. Schwarz (legt Pinsel und Palette auf den Teppich und setzt sich auf den Rand der Chaiselongue) Was liest du denn da? Lulu (liest) Pltzlich hrte sie einen Rettungsanker die Treppe heraufwinken. Schwarz Wer in aller Welt schreibt denn so ergreifend? Lulu (liest) Es war der Geldbrieftrger. Henriette (durch die Entree, eine Hutschachtel am Arm, setzt eine Tablette mit Briefen auf den Tisch) Die Post. -- Ich gehe der Putzmacherin den Hut bringen. Haben gndige Frau noch etwas zu befehlen? Lulu Nichts. Schwarz (winkt ihr, sich zu entfernen) Henriette (verschmitzt lchelnd ab) Schwarz Was hast du vergangene Nacht denn alles getrumt? Lulu Das hast du mich heute doch schon zweimal gefragt. Schwarz (erhebt sich, nimmt die Briefe von der Tablette) Ich zittere vor Neuigkeiten. Ich frchte jeden Tag, die Welt knnte untergehen. (Zur Chaiselongue zurckgekehrt, Lulu einen Brief gebend) An dich. Lulu (fhrt das Billet zur Nase) Die Corticelli. (Birgt es in ihrem Busen) Schwarz (einen Brief durchfliegend) Meine Samaquecatnzerin verkauft -- fr 50000 Mark! Lulu Wer schreibt denn das? Schwarz Sedelmeier in Paris. Das ist das dritte Bild seit unserer Verheiratung. Ich wei mich vor meinem Glck kaum zu retten. Lulu (auf die Briefe deutend) Da kommt noch mehr. Schwarz (eine Verlobungsanzeige ffnend) Sieh da! (Gibt sie Lulu.) Lulu (liest) Herr Regierungsrat Heinrich Ritter von Zarnikow beehrt sich, Ihnen von der Verlobung seiner Tochter Charlotte Marie Adelaide mit Herrn Dr. Ludwig Schn ergebenste Mitteilung zu machen. Schwarz (einen anderen Brief ffnend) Endlich! Es ist ja eine Ewigkeit, da er darauf lossteuert, sich vor der Welt zu verloben. Ich begreife nicht, ein Gewaltmensch von seinem Einflu. Was steht denn seiner Heirat eigentlich im Wege!! Lulu Was ist das, was du da liest? Schwarz Eine Einladung, mich an der internationalen Ausstellung in Petersburg zu beteiligen. -- Ich wei gar nicht, was ich malen soll. Lulu Irgend ein entzckendes Mdchen natrlich. Schwarz Wenn du mir dazu Modell stehen willst? Lulu Es gibt doch, wei Gott, auch andere hbsche Mdchen genug. Schwarz Ich gelange aber einem andern Modell gegenber, und wenn es pikant wie die Hlle ist, nicht zu dieser vollen Ausbeutung meines Knnens. Lulu Dann mu ich ja wohl. -- Ginge es denn nicht vielleicht auch liegend? Schwarz Am liebsten mchte ich das Arrangement wirklich deinem Geschmack berlassen. (Die Briefe zusammenfaltend) Da wir nicht vergessen, Schn jedenfalls heute noch zu gratulieren. (Geht nach rechts und schliet die Briefe in den Schreibtisch) Lulu Das haben wir doch lngst getan. Schwarz Seiner Braut wegen. Lulu Du kannst es ihm ja noch einmal schreiben. Schwarz Und jetzt zur Arbeit. (Nimmt Pinsel und Palette auf, kt Lulu, geht links die Stufen hinan, wendet sich in der Portiere um) Eva! Lulu (lt ihr Buch sinken, lchelnd) Befehlen? Schwarz (sich ihr nhernd) Mir ist tglich, als she ich dich zum allererstenmal. Lulu Du bist schrecklich. Schwarz (sinkt vor der Chaiselongue in die Knie, liebkost ihre Hand) Du trgst die Schuld. Lulu (ihm die Locken streichelnd) Du vergeudest mich. Schwarz Du bist ja mein. Du bist auch nie bestrickender, als wenn du nur um Gottes willen einmal ein paar Stunden recht hlich sein solltest! Ich habe nichts mehr, seit ich dich habe. -- Ich bin mir vollstndig abhanden gekommen ... Lulu Nicht so aufgeregt! (Es lutet auf dem Korridor) Schwarz (zusammenfahrend) Verwnscht. Lulu Niemand zu Hause! Schwarz Vielleicht ist es der Kunsthndler ... Lulu Und wenn es der Kaiser von China ist. Schwarz Einen Moment. (Ab) Lulu (visionr) -- Du? -- du? -- (Schliet die Augen) Schwarz (zurckkommend) Ein Bettler, der den Feldzug mitgemacht haben will. Ich habe kein klein Geld bei mir. (Pinsel und Palette aufnehmend) Es ist auch die hchste Zeit, da ich endlich an die Arbeit gehe. (Nach links ab) Lulu (ordnet vor dem Spiegel ihre Toilette, streicht sich das Haar zurck und geht hinaus) Zweiter Auftritt Lulu. Schigolch. Schigolch (von Lulu hereingefhrt) Ich hatte ihn mir etwas chevaleresker gedacht; ein wenig mehr Nimbus. Er ist etwas verlegen. Er brach ein wenig in die Knie, als er _mich_ vor sich sah. Lulu (rckt ihm einen Sessel zurecht) Wie kannst du ihn auch anbetteln? Schigolch Deswegen habe ich meine siebenundsiebzig Lenze nmlich hergeschleppt. Du sagtest mir, er halte sich morgens an seine Malerei. Lulu Er hatte noch nicht ausgeschlafen. Wieviel brauchst du? Schigolch Zweihundert, wenn du so viel flssig hast; meinetwegen dreihundert. Es sind mir einige Klienten verduftet. Lulu (geht an den Schreibtisch und kramt in den Schubladen) Bin ich mde! Schigolch (sich umsehend) Das hat mich nmlich auch bewogen. Ich htte lange gerne gesehen, wie es jetzt so bei dir zu Hause aussieht. Lulu Nun? Schigolch Es berluft einen. (Emporblickend) Wie bei mir vor fnfzig Jahren. Statt der Bummelagen hatte man damals noch alte verrostete Sbel. Den Teufel noch mal, du hast es weit gebracht. (Scharrend) Die Teppiche ... Lulu (gibt ihm zwei Billets) Ich gehe am liebsten barfu darauf. Schigolch (Lulus Portrt betrachtend) Das bist du? Lulu (zwinkernd) Fein? Schigolch Wenn das alles Gutes ist. Lulu Einen Sen? Schigolch Was denn? Lulu (erhebt sich) Elixir de Spaa. Schigolch Hilft nichts! -- Trinkt er? Lulu (nimmt aus einem Schrnkchen neben dem Kamin Karaffe und Glser) Noch nicht. (Nach vorn kommend) Das Labsal wirkt so verschieden! Schigolch Er schlgt aus? Lulu (zwei Glser fllend) Er schlft ein. Schigolch Wenn er betrunken ist, kannst du ihm in die Eingeweide sehen. Lulu Lieber nicht. (Setzt sich Schigolch gegenber) Erzhl' mir. Schigolch Die Straen werden immer lnger, und die Beine immer krzer. Lulu Und deine Harmonika? Schigolch Hat falsche Luft, wie ich mit meinem Asthma. Ich denke nur immer, das Ausbessern ist nicht mehr der Mhe wert. (Stt mit ihr an) Lulu (leerte ihr Glas) Ich glaubte schon, du wrest am Ende ... Schigolch ... am Ende schon auf und davon? -- Das glaubte ich auch schon. Aber wenn so erst die Sonne hinunter ist, dann lt es einen doch noch nicht ruhen. Ich hoffe auf den Winter. Da wird (hustend) mein -- mein -- mein Asthma wohl eine Fahrgelegenheit ausfindig zu machen wissen. Lulu (die Glser fllend) Du meinst, man knnte dich drben vergessen haben? Schigolch Wr schon mglich, weil es ja nicht der Reihe nach geht. (Ihr das Knie streichelnd) Nun erzhl' du mal -- lange nicht gesehen -- meine kleine Lulu. Lulu (zurckrckend, lchelnd) Das Leben ist doch unfalich! Schigolch Was weit du! Du bist noch so jung. Lulu Da du mich Lulu nennst. Schigolch Lulu, nicht? Habe ich dich jemals anders genannt? Lulu Ich heie seit Menschengedenken nicht mehr Lulu. Schigolch Eine andere Benennungsweise? Lulu Lulu klingt mir ganz vorsndflutlich. Schigolch Kinder! Kinder! Lulu Ich heie jetzt ... Schigolch Als bliebe das Prinzip nicht immer das gleiche! Lulu Du meinst? Schigolch Wie heit es jetzt? Lulu Eva. Schigolch Gehupft wie gesprungen! Lulu Ich hre darauf. Schigolch (sieht sich um) So habe ich es fr dich getrumt. Du bist darauf angelegt. Was soll denn das? Lulu (sich mit einem Parfmflacon besprengend) Heliotrop. Schigolch Riecht das besser als du? Lulu (ihn besprengend) Das braucht dich wohl nicht mehr zu kmmern. Schigolch Wer htte den kniglichen Luxus vorausgeahnt! Lulu Wenn ich zurckdenke -- -- Hu! Schigolch (ihr das Knie streichelnd) Wie geht's dir denn? Treibst du immer noch Franzsisch? Lulu Ich liege und schlafe. Schigolch Das ist vornehm. Das sieht immer nach so was aus. Und weiter? Lulu Und strecke mich -- bis es knackt. Schigolch Und wenn es geknackt hat? Lulu Was interessiert dich das! Schigolch Was mich das interessiert? Was mich das interessiert? Ich wollte lieber bis zur jngsten Posaune leben und auf alle himmlischen Freuden Verzicht leisten, als meine Lulu hienieden in Entbehrung zurcklassen. Was mich das interessiert? Es ist mein Mitgefhl. Ich bin ja mit meinem besseren Ich schon verklrt. Aber ich habe noch das Verstndnis fr diese Welt. Lulu Ich nicht. Schigolch Dir ist zu wohl. Lulu (schaudernd) Bldsinnig ... Schigolch Wohler als bei dem alten Tanzbr? Lulu (wehmtig) Ich tanze nicht mehr ... Schigolch Fr den war es auch Zeit. Lulu Jetzt bin ich ... (Stockt) Schigolch Sprich, wie es dir ums Herz ist, mein Kind! Ich hatte Vertrauen in dich, als noch nichts an dir zu sehen war als deine zwei groen Augen. Was bist du jetzt? Lulu Ein Tier ... Schigolch Da dich der! -- Und was fr ein Tier! -- Ein feines Tier! -- Ein elegantes Tier -- Ein Prachtstier! -- -- -- Dann will ich mich man beisetzen lassen. -- Mit den Vorurteilen sind wir fertig. Auch mit dem gegen die Leichenwscherin. Lulu Du hast nicht zu frchten, da du noch mal gewaschen wirst! Schigolch Macht auch nichts. Man wird doch wieder schmutzig. Lulu (ihn besprengend) Es wrde dich noch mal ins Leben zurckrufen. Schigolch Wir sind Moder. Lulu Bitte recht schn! Ich reibe mich tglich mit Kammfett ein und dann kommt Puder darauf. Schigolch Auch wohl der Mhe wert, der Zierbengel wegen. Lulu Das macht die Haut wie Satin. Schigolch Als wre es deswegen nicht auch nur Dreck. Lulu Danke schn. Ich will zum Anbeien sein. Schigolch Sind wir auch. Geben da unten nchstens ein groes Diner. Halten offene Tafel. Lulu Deine Gste werden sich dabei kaum beressen. Schigolch Geduld, Mdchen! Dich setzen deine Verehrer auch nicht in Weingeist. Das heit schne Melusine, solang es seine Schwungkraft behlt. Nachher? Man nimmt's im zoologischen Garten nicht. (Sich erhebend) Die holden Bestien bekmen Magenkrmpfe. Lulu (sich erhebend) Hast du auch genug? Schigolch Es bleibt noch genug brig, um mir eine Terebinthe aufs Grab zu pflanzen. -- Ich finde selber hinaus. (Ab) Lulu (begleitet ihn und kommt mit Dr. Schn zurck) Dritter Auftritt Lulu. Schn. Schn Was tut denn Ihr Vater hier? Lulu Was haben Sie? Schn Wenn ich Ihr Mann wre, kme mir dieser Mensch nicht ber die Schwelle. Lulu Sie knnen getrost Du sagen; er ist nicht hier. Schn Ich danke fr die Ehre. Lulu Ich verstehe nicht. Schn Das wei ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darber mchte ich nmlich gerne mit Ihnen sprechen. Lulu (sich unsicher setzend) Warum haben Sie mir denn das nicht gestern gesagt? Schn Bitte, jetzt nichts von gestern. Ich habe es Ihnen vor zwei Jahren schon gesagt. Lulu (nervs) Ach so. Hm. Schn Ich bitte dich, deine Besuche bei mir einzustellen. Lulu Darf ich Ihnen ein Elixir ... Schn Danke. Kein Elixir. Haben Sie mich verstanden? Lulu (schttelt den Kopf) Schn Gut. Sie haben die Wahl. -- Sie zwingen mich zu den uersten Mitteln -- entweder sich Ihrer Stellung angemessen zu benehmen ... Lulu Oder? Schn Oder -- Sie zwingen mich -- ich mte mich an diejenige Persnlichkeit wenden, die fr Ihre Auffhrung verantwortlich ist. Lulu Wie stellen Sie sich das vor? Schn Ich ersuche Ihren Mann, Ihre Wege selber zu berwachen. Lulu (erhebt sich, geht links die Stufen hinan) Schn Wo wollen Sie denn hin? Lulu (ruft unter der Portiere) Walter! Schn (aufspringend) Bist du verrckt?! Lulu (sich zurckwendend) Aha! Schn Ich mache die bermenschlichsten Anstrengungen, um dich in der Gesellschaft zu erhhen. Auf deinen Namen kannst du zehnmal stolzer sein, als auf meine Vertraulichkeit ... Lulu (kommt die Stufen herunter, legt Schn den Arm um den Hals) Was frchten Sie denn jetzt noch, wo Sie am Ziel Ihrer Wnsche sind? Schn Keine Komdie! Am Ziel meiner Wnsche? Ich habe mich verlobt, endlich! Ich habe jetzt den Wunsch, meine Braut unter ein reines Dach zu fhren. Lulu (sich setzend) Sie ist zum Entzcken aufgeblht in den zwei Jahren. Schn Sie sieht einem nicht mehr so ernsthaft durch den Kopf. Lulu Sie ist jetzt erst ganz Weib. Wir knnen einander treffen, wo es Ihnen angemessen scheint. Schn Wir werden einander nirgends treffen, es sei denn in Gesellschaft Ihres Mannes! Lulu Sie glauben selber nicht an das, was Sie sagen. Schn Dann mu doch Er daran glauben. Ruf' ihn nur! Durch seine Verheiratung mit dir, durch das, was ich fr ihn getan, ist er mein Freund geworden. Lulu (sich erhebend) Meiner auch. Schn Dann werde ich mir das Schwert ber dem Kopf herunterschneiden. Lulu Sie haben mich ja an die Kette gelegt. Ihnen verdanke ich doch mein Glck. Sie bekommen Freunde die Menge, wenn Sie erst wieder eine hbsche junge Frau haben. Schn Du beurteilst die Frauen nach dir! -- Er ist ein Kindergemt. Er wre deinen Seitensprngen sonst lngst auf die Spur gekommen. Lulu Ich wnsche nicht mehr! Er wrde seine Kinderschuhe dann endlich ausziehen. Er pocht darauf, da er den Heiratskontrakt in der Tasche hat. Die Mhe ist berstanden. Jetzt kann man sich geben und sich gehen lassen, wie zu Hause. Er ist kein Kindergemt! Er ist banal. Er hat keine Erziehung. Er sieht nichts. Er sieht mich nicht und sich nicht. Er ist blind, blind, blind ... Schn (halb fr sich) Wenn dem die Augen aufgehen!! Lulu ffnen Sie ihm die Augen! Ich verkomme. Ich vernachlssige mich. Er kennt mich gar nicht. Was bin ich ihm. Er nennt mich Schtzchen und kleines Teufelchen. Er wrde jeder Klavierlehrerin das gleiche sagen. Er erhebt keine Pretensionen. Alles ist ihm recht. Das kommt, weil er nie in seinem Leben das Bedrfnis gefhlt hat, mit Frauen zu verkehren. Schn Ob das wahr ist! Lulu Er gesteht es ja ganz offen ein. Schn Jemand, der seit seinem vierzehnten Jahr Kreti und Pleti portrtiert. Lulu Er hat Angst vor Frauen. Er bebt fr sein Wohlbefinden. -- Mich frchtet er nicht! Schn Wie manches Mdchen wrde sich in deinem Fall Gott wei wie selig preisen. Lulu (zrtlich bittend) Verfhren Sie ihn. Sie verstehen sich darauf. Bringen Sie ihn in schlechte Gesellschaft. Sie haben die Bekanntschaften. Ich bin ihm nichts als Weib und wieder Weib. Ich fhle mich so blamiert. Er wird stolzer auf mich sein. Er kennt keine Unterschiede. Ich denke mir das Hirn aus, Tag und Nacht, um ihn aufzurtteln. In meiner Verzweiflung tanze ich Cancan. Er ghnt und faselt etwas von Obscnitt. Schn Unsinn. Er ist doch Knstler. Lulu Er glaubt es wenigstens zu sein. Schn Das ist schon die Hauptsache! Lulu Wenn ich mich als Modell hinstelle. Er glaubt auch, er sei ein berhmter Mann. Schn Dazu haben wir ihn auch gemacht! Lulu Er glaubt alles! Er ist mitrauisch, wie ein Dieb und lt sich anlgen, da man jeden Respekt verliert. Als wir uns kennen lernten, machte ich ihm weis, ich htte noch nie geliebt ... Schn (fllt in einen Lehnsessel) Lulu Er htte mich ja sonst fr ein verworfenes Geschpf gehalten! Schn -- Du stellst wei Gott was fr exorbitante Anforderungen an _legitime_ Verhltnisse! Lulu Ich stelle keine exorbitanten Anforderungen. Oft trumt mir sogar noch von Goll. Schn Der war allerdings nicht banal. Lulu Er ist da, als wr' er nie fortgewesen. Nur geht er wie auf Socken. Er ist mir nicht bse. Er ist furchtbar traurig. Und dann ist er furchtsam, als wre er ohne polizeiliche Erlaubnis da. Sonst fhlt er sich behaglich mit uns. Nur kommt er nicht darber hinweg, da ich seither so viel Geld zum Fenster hinausgeworfen habe ... Schn Du sehnst dich nach der Peitsche zurck! Lulu Mag sein. Ich tanze nicht mehr. Schn Erzieh' ihn dir dazu. Lulu Das wre verlorne Mh'! Schn Unter hundert Frauen sind neunzig, die sich ihre Mnner erziehen. Lulu Er liebt mich. Schn Das ist freilich fatal. Lulu Er liebt mich ... Schn Das ist eine unberbrckbare Kluft. Lulu Er kennt mich nicht, aber er liebt mich! Htte er nur eine annhernd richtige Vorstellung von mir, er wrde mir einen Stein an den Hals binden und mich im Meer versenken, wo es am tiefsten ist! Schn (sich erhebend) Kommen wir zu Ende! Lulu Wie Ihnen beliebt. Schn Ich habe dich verheiratet. Ich habe dich zweimal verheiratet. Du lebst im Luxus. Ich habe deinem Mann eine Position geschaffen. Wenn dir das nicht gengt und er sich dazu ins Fustchen lacht, ich trage mich nicht mit idealen Forderungen, aber -- la mich dabei aus dem Spiel! Lulu (mit entschlossenem Ton) Wenn ich einem Menschen auf dieser Welt angehre, gehre ich Ihnen. Ohne Sie wre ich -- ich will nicht sagen wo. Sie haben mich bei der Hand genommen, mir zu essen gegeben, mich kleiden lassen, als ich Ihnen die Uhr stehlen wollte. Glauben Sie, das vergit sich? Jeder andere htte den Schutzmann gerufen. Sie haben mich zur Schule geschickt und mich Lebensart lernen lassen. Wer auer Ihnen auf der ganzen Welt hat je etwas fr mich brig gehabt? Ich habe getanzt und Modell gestanden und war froh, meinen Lebensunterhalt damit verdienen zu knnen. Aber auf Kommando _lieben_, das kann ich nicht! Schn (die Stimme hebend) La _mich_ aus dem Spiel! Tu' was du willst. Ich komme nicht, um Skandal zu machen. Ich komme, um mir den Skandal vom Halse zu schaffen. Meine Verbindung kostet mich Opfer genug! Ich hatte vorausgesetzt, mit einem gesunden jungen Mann, wie ihn sich eine Frau in deinem Alter nicht besser wnschen kann, wrdest du dich endlich zufrieden geben. Wenn du mir verpflichtet bist, dann wirf dich mir nicht zum drittenmal in den Weg! Soll ich denn noch lnger warten, bis ich mein Teil in Sicherheit bringe? Soll ich riskieren, da mir der ganze Erfolg meiner Konzessionen nach zwei Jahren wieder ins Wasser fllt? Was hilft mir dein Verheiratetsein, wenn man dich zu jeder Stunde des Tages bei mir ein- und ausgehen sieht? -- Warum zum Teufel ist Dr. Goll nicht auch wenigstens ein Jahr noch am Leben geblieben! Bei dem warst du in Verwahrung. Dann htte ich meine Frau lngst unter Dach! Lulu Was htten Sie dann! Das Kind fllt Ihnen auf die Nerven. Das Kind ist zu unverdorben fr Sie. Das Kind ist viel zu sorgfltig erzogen. Was sollte ich gegen Ihre Verheiratung haben! Aber Sie tuschen sich ber sich selber, wenn Sie glauben, mir Ihrer bevorstehenden Verheiratung wegen Ihre Verachtung zum Ausdruck geben zu drfen! Schn Verachtung?! -- Ich werde dem Kind schon die richtige Faon geben! Wenn etwas verachtenswert ist, so sind es deine Intriguen! Lulu (lachend) Bin ich auf das Kind eiferschtig? -- Das kann mir doch gar nicht einfallen ... Schn Wieso denn das Kind! Das Kind ist nicht einmal ein ganzes Jahr jnger als du. La mir meine Freiheit, zu leben, was ich noch zu leben habe! Sei das Kind erzogen, wie es will, das Kind hat gerade so wie du seine fnf Sinne ... Vierter Auftritt Schwarz. Die Vorigen Schwarz (einen Pinsel in der Hand, links unter der Portiere) Was ist denn los? Lulu (zu Schn) Nun? Reden Sie doch. Schwarz Was habt ihr denn? Lulu Nichts was dich betrifft ... Schn (rasch) Ruhig! Lulu Man hat mich satt. Schwarz (fhrt Lulu nach links ab) Schn (blttert in einem der Bcher, die auf dem Tisch liegen) Es mute zur Sprache kommen. -- -- Ich mu endlich die Hnde frei haben. Schwarz (zurckkommend) Ist denn das eine Art zu scherzen? Schn (auf einen Sessel deutend) Bitte. Schwarz Was ist denn? Schn Bitte. Schwarz (sich setzend) Nun? Schn (sich setzend) Du hast eine halbe Million geheiratet ... Schwarz Ist sie weg? Schn Nicht ein Pfennig. Schwarz Erklr' mir den eigentmlichen Auftritt. Schn Du hast eine halbe Million geheiratet ... Schwarz Daraus kann man mir kein Verbrechen machen. Schn Du hast dir einen Namen geschaffen. Du kannst unbehelligt arbeiten. Du brauchst dir keinen Wunsch zu versagen ... Schwarz Was habt ihr beide denn gegen mich? Schn Seit sechs Monaten schwelgst du in allen Himmeln. Du hast eine Frau, um deren Vorzge die Welt dich beneidet und die einen Mann verdient, den sie achten kann ... Schwarz Achtet sie mich nicht? Schn Nein. Schwarz (beklommen) -- Ich komme aus den dstren Tiefen der Gesellschaft. Sie ist von oben her. Ich hege keinen heieren Wunsch, als ihr ebenbrtig zu werden. (Schn die Hand reichend) Ich danke dir. Schn (halb verlegen seine Hand drckend) Bitte, bitte. Schwarz (mit Entschlossenheit) Sprich! Schn Nimm sie etwas mehr unter Aufsicht. Schwarz Ich -- sie? Schn Wir sind keine Kinder! Wir tndeln nicht. Wir leben. -- Sie fordert ernst genommen zu werden. Ihr Wert gibt ihr das volle Recht dazu. Schwarz Was tut sie denn? Schn -- Du hast eine halbe Million geheiratet! Schwarz (erhebt sich, auer sich) Sie ... Schn (nimmt ihn bei der Schulter) Nein, das ist der Weg nicht! (Ntigt ihn sich zu setzen) Wir haben hier sehr ernst mit einander zu sprechen. Schwarz Was tut sie?! Schn Rechne dir erst genau an den Fingern nach, was du ihr zu verdanken hast, und dann ... Schwarz Was tut sie -- Mensch!! Schn Und dann mach' dich fr deine Fehler verantwortlich und nicht sonst jemand. Schwarz Mit wem? Mit wem? Schn Wenn wir uns schieen sollen ... Schwarz Seit wann denn?! Schn (ausweichend) -- Ich komme nicht hierher, um Skandal zu machen. Ich komme, um dich vor dem Skandal zu retten. Schwarz (kopfschttelnd) -- Du hast sie miverstanden. Schn (verlegen) Damit ist mir nicht gedient. Ich kann dich in deiner Blindheit nicht so weiterleben sehen. Das Mdchen verdient eine anstndige Frau zu sein. Sie hat sich, seit ich sie kenne, zu ihrem Besseren entwickelt. Schwarz Seit du sie kennst? -- Seit wann kennst du sie denn? Schn Etwa seit ihrem zwlften Jahr. Schwarz (verwirrt) Davon hat sie mir nichts gesagt. Schn Sie verkaufte Blumen vor dem Alhambra-Caf. Sie drckte sich barfu zwischen den Gsten durch, jeden Abend zwischen zwlf und zwei. Schwarz Davon hat sie mir nichts gesagt. Schn Daran hat sie recht getan! Ich sage es dir, damit du siehst, da du es nicht mit moralischer Verworfenheit zu tun hast. Das Mdchen ist im Gegenteil auergewhnlich gut veranlagt. Schwarz Sie sagte, sie sei bei einer Tante aufgewachsen. Schn Das war die Frau, der ich sie bergab. Sie war die beste Schlerin. Die Mtter stellten sie ihren Kindern als Vorbild hin. Sie besitzt Pflichtgefhl. Es ist einzig und allein dein Versehen, wenn du bis jetzt versumt hast, sie bei ihren besten Seiten zu nehmen. Schwarz (schluchzend) O Gott ...! Schn (mit Nachdruck) Kein o Gott!! An dem Glck, das du gekostet, kann nichts etwas ndern. Geschehen ist geschehen. Du berschtzest dich gegen besseres Wissen, wenn du dir einredest, zu verlieren. Es gilt zu gewinnen. Mit dem O Gott ist nichts gewonnen. Einen greren Freundschaftsdienst habe ich dir noch nicht erwiesen. Ich spreche offen und biete dir meine Hilfe. Zeig' dich dessen nicht unwrdig! Schwarz (von jetzt an mehr und mehr in sich zusammenbrechend) Als ich sie kennen lernte, sagte sie mir, sie habe noch nie geliebt. Schn Wenn eine Witwe das sagt! Ihr gereicht es zur Ehre, da sie dich zum Manne gewhlt. Stelle die nmliche Anforderung an dich, und dein Glck ist makellos. Schwarz Er habe sie kurze Kleider tragen lassen. Schn Er hat sie doch geheiratet! -- Das war ihr Meisterstreich. Wie sie den Mann dazu gebracht, ist mir unfalich. Du mut es jetzt ja wissen. Du geniet die Frchte ihrer Diplomatie. Schwarz Woher kannte Dr. Goll sie denn? Schn Durch mich! -- Es war nach dem Tode meiner Frau, als ich die ersten Beziehungen zu meiner gegenwrtigen Verlobten anknpfte. Sie stellte sich dazwischen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, meine Frau zu werden. Schwarz (wie von einer entsetzlichen Ahnung befallen) Und als ihr Mann dann starb? Schn -- Du hast eine halbe Million geheiratet!! Schwarz (jammernd) Wr' ich geblieben, wo ich war! Wr' ich Hungers gestorben! Schn (mit berlegenheit) Glaubst du denn, ich mache keine Zugestndnisse? Wer macht keine Zugestndnisse? Du hast eine halbe Million geheiratet. Du bist heute einer der ersten Knstler. Dazu kommt man nicht ohne Geld. Du bist nicht derjenige, um ber sie zu Gericht zu sitzen. Bei einer Herkunft, wie sie Mignon hat, kannst du unmglich mit den Begriffen der brgerlichen Gesellschaft rechnen. Schwarz (ganz wirr) Von wem sprichst du denn? Schn Ich spreche von ihrem Vater. Du bist Knstler, sag' ich. Deine Ideale liegen auf einem andern Gebiete, als die eines Lohnarbeiters. Schwarz Ich verstehe von alledem kein Wort. Schn Ich spreche von den menschenunwrdigen Verhltnissen, aus denen sich das Mdchen dank seiner Fhrung zu dem entwickelt hat, was sie ist! Schwarz Wer denn? Schn Wer denn? -- Deine Frau. Schwarz _Eva??_ Schn Ich nannte sie Mignon. Schwarz Ich meinte, sie hiee Nellie? Schn So nannte sie Dr. Goll. Schwarz Ich nannte sie Eva ... Schn Wie sie eigentlich hie, wei ich nicht. Schwarz (geistesabwesend) Sie wei es vielleicht. Schn Bei einem Vater, wie sie ihn hat, ist sie ja bei allen Fehlern, das helle Wunder. Ich verstehe dich nicht ... Schwarz Er ist im Irrenhause gestorben ...? Schn Er war ja eben hier! Schwarz Wer war da? Schn Ihr Vater. Schwarz Hier -- bei mir? Schn Er drckte sich, als ich kam. Da stehen ja noch die Glser. Schwarz Sie sagt, er sei im Irrenhause gestorben. Schn (ermutigend) La sie Autoritt fhlen! Sie verlangt nicht mehr, als unbedingt Gehorsam leisten zu drfen. Bei Dr. Goll war sie wie im Himmel, und mit dem war nicht scherzen. Schwarz (kopfschttelnd) Sie sagte, sie habe noch nie geliebt ... Schn Aber mach' mit dir selber den Anfang. Raff' dich zusammen. Schwarz Geschworen hat sie! Schn Du kannst kein Pflichtgefhl fordern, bevor du nicht deine eigene Aufgabe kennst. Schwarz Bei dem Grabe ihrer Mutter!! Schn Sie hat ihre Mutter nie gekannt. Geschweige das Grab. -- Ihre Mutter hat gar kein Grab. Schwarz (verzweifelt) Ich passe nicht hinein in die Gesellschaft. Schn Was hast du? Schwarz Einen grauenhaften Schmerz. Schn (erhebt sich, tritt zurck, nach einer Pause) Wahr' sie dir, weil sie dein ist. -- Der Moment ist entscheidend. Sie kann morgen fr dich verloren sein. Schwarz (auf die Brust deutend) Hier, hier. Schn Du hast eine halbe ... (sich besinnend) Sie ist dir verloren, wenn du den Augenblick versumst! Schwarz Wenn ich weinen knnte! -- Oh, wenn ich schreien knnte! Schn (legt ihm die Hand auf die Schulter) Dir ist elend ... Schwarz (sich erhebend, anscheinend ruhig) Du hast recht, ganz recht. Schn (seine Hand ergreifend) Wo willst du hin? Schwarz Mit ihr sprechen. Schn Recht so. (Begleitet ihn zur Tre rechts) Fnfter Auftritt Schn. Gleich darauf Lulu. Schn (zurckkommend) Das war ein Stck Arbeit. (Nach einer Pause, nach links sehend) Er hatte sie doch vorher ins Atelier gebracht ..? (Frchterliches Sthnen von rechts) Schn (eilt an die Tr rechts, findet sie verschlossen) Mach' auf! Mach' auf! Lulu (links aus der Portiere tretend) Was ist ... Schn Mach' auf! Lulu (kommt die Stufen herab) Das ist grauenvoll. Schn Hast du kein Beil in der Kche? Lulu Er wird schon aufmachen ... Schn Ich mag sie nicht eintreten. Lulu Wenn er sich ausgeweint hat. Schn (gegen die Tr stampfend) Mach' auf! (Zu Lulu) Hol' mir ein Beil. Lulu Zum Arzt schicken ... Schn Du bist nicht bei Trost. Lulu Das geschieht Ihnen recht. (Es lutet auf dem Korridor. Schn und Lulu starren einander an.) Schn (schleicht nach hinten, bleibt in der Tr stehen) Ich darf mich jetzt hier nicht sehen lassen. Lulu Vielleicht der Kunsthndler. (Es lutet) Schn Aber wenn wir nicht antworten ... Lulu (schleicht nach der Tre) Schn (hlt sie auf) Bleib. Man ist sonst auch nicht immer gleich bei der Hand. (Geht auf den Fuspitzen hinaus) Lulu (kehrt zu der verschlossenen Tr zurck und horcht) Sechster Auftritt Alwa. Schn. Die Vorigen. Spter Henriette Schn (Alwa hereinfhrend) Sei bitte ruhig. Alwa (sehr aufgeregt) In Paris ist Revolution ausgebrochen. Schn Sei ruhig. Alwa (zu Lulu) Sie sind totenbleich. Schn (an der Tr rttelnd) Walter! -- Walter! (Man hrt rcheln) Lulu Gott erbarm dich ... Schn Hast du kein Beil geholt? Lulu Wenn eines da ist ... (Zgernd nach rechts hinten ab) Alwa Er mystifiziert uns. Schn In Paris ist Revolution ausgebrochen? Alwa Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand. Keiner wei, was er schreiben soll. (Es lutet auf dem Korridor) Schn (gegen die Tr stampfend) Walter! Alwa Soll ich sie einrennen? Schn Das kann ich auch. Wer da noch kommen mag! (Sich emporrichtend) Das freut sich des Lebens und lt es andere verantworten! Lulu (kommt mit einem Kchenbeil zurck) Henriette ist nach Hause gekommen. Schn Schlie' die Tr hinter dir. Alwa Geben Sie her. (Nimmt das Beil und stt es zwischen Pfosten und Trschlo) Schn Du mut es krftiger fassen. Alwa Es kracht schon. (Die Tr springt aus dem Schlo. Er lt das Beil fallen und taumelt zurck) -- -- (Pause) Lulu (auf die Tr deutend, zu Schn) Nach Ihnen. Schn (weicht zurck). Lulu Ihnen wird -- schwindelig ...? Schn (wischt sich den Schwei von der Stirn und tritt ein) Alwa (auf der Chaiselongue) Grlich! Lulu (sich am Trpfosten haltend, die Finger zum Mund erhoben, schreit jh auf) Oh! -- Oh! (Eilt zu Alwa) Ich kann nicht hier bleiben. Alwa Grauenhaft! Lulu (ihn bei der Hand nehmend) Kommen Sie. Alwa Wohin? Lulu Ich kann nicht allein sein. (Mit Alwa nach links ab.) Schn (kommt von rechts zurck, ein Schlsselbund in der Hand; die Hand zeigt Blut; zieht die Tr hinter sich zu, geht zum Schreibtisch, schliet auf und schreibt zwei Billets) Alwa (von links zurckkommend) Sie zieht sich um. Schn Sie ist fort? Alwa Auf ihr Zimmer. Sie zieht sich um. Schn (klingelt). Henriette (tritt ein). Schn Sie wissen, wo der Doktor Bernstein wohnt. Henriette Gewi, Herr Doktor. Gleich nebenan. Schn (ihr ein Billet gebend) Bringen Sie das hinber. Henriette Im Falle, da der Herr Doktor nicht zu Hause sind? Schn Er ist zu Hause. (Ihr das andere Billet gebend) Und das bringen Sie auf die Polizeidirektion. Nehmen Sie eine Droschke. Henriette (ab) Schn Ich bin gerichtet. Alwa Mir erstarrt das Blut. Schn (nach rechts) Der Narr! Alwa Es ist ihm wohl ein Licht aufgegangen? Schn Er hat sich zuviel mit sich selbst beschftigt. Lulu (auf den Stufen links in Staubmantel und Spitzenhut). Alwa Wo wollen Sie denn jetzt hin? Lulu Hinaus. Ich sehe es an allen Wnden. Schn Wo hat er seine Papiere? Lulu Im Schreibtisch. Schn (am Schreibtisch) Wo? Lulu Rechts unten. (Kniet vor dem Schreibtisch nieder, ffnet eine Schublade und leert die Papiere auf den Boden) Hier. Es ist nichts zu frchten. Er hatte keine Geheimnisse. Schn Jetzt kann ich mich von der Welt zurckziehen. Lulu (knieend) Schreiben Sie ein Feuilleton. Nennen Sie ihn Michel Angelo. Schn Was hilft das -- (nach rechts deutend) Da liegt meine Verlobung. Alwa Das ist der Fluch deines Spiels! Schn Schrei es durch die Straen!! Alwa (auf Lulu deutend) Httest du, als meine Mutter starb, an dem Mdchen gehandelt, wie es recht und billig gewesen wre. Schn (nach rechts) Da verblutet meine Verlobung! Lulu (sich erhebend) Ich bleibe nicht lnger hier. Schn In einer Stunde verkauft man die Extrabltter. Ich darf mich nicht ber die Strae wagen. Lulu Was knnen Sie denn dafr? Schn Deshalb gerade! Mich steinigt man dafr! Alwa Du mut verreisen. Schn Um dem Skandal freies Feld zu lassen! Lulu (an der Chaiselongue) Vor zehn Minuten noch lag er hier. Schn Das ist der Dank, fr das, was ich fr ihn getan habe! Wirft mir in einer Sekunde mein ganzes Leben in Trmmer! Alwa Mige dich, bitte! Lulu (auf der Chaiselongue) Wir sind unter uns. Alwa Und wie! Schn (zu Lulu) Was willst du der Polizei sagen? Lulu Nichts. Alwa Er wollte seinem Geschick nichts schuldig bleiben. Lulu Er hatte immer gleich Mordgedanken. Schn Er hatte, was sich ein Mensch nur ertrumen kann! Lulu Er hat es teuer bezahlt. Alwa Er hatte, was _wir_ nicht haben! Schn (jh aufbrausend) Ich kenne deine Grnde. Ich habe nicht Ursache, Rcksicht auf dich zu nehmen! Wenn du alles in Bewegung setzst, um keine Geschwister neben dir zu haben, so ist das fr mich ein Grund mehr, mir andere Kinder zu erziehen. Alwa Du bist ein schlechter Menschenkenner. Lulu Geben Sie doch selber ein Extrablatt aus. Schn (im Ton der heftigsten Emprung) Er hatte kein moralisches Gewissen! (indem er pltzlich seine Fassung wiedergewinnt) Paris revolutioniert --? Alwa Unsere Redakteure sind wie vom Schlag getroffen. Alles stockt. Schn Das mu mir darber hinweghelfen! -- -- Wenn nun nur die Polizei kme. Die Minuten sind nicht mit Gold zu bezahlen. (Es lutet auf dem Korridor) Alwa Da sind sie ... Schn (will zur Tre) Lulu (aufspringend) Warten Sie, Sie haben Blut. Schn Wo ...? Lulu Warten Sie, ich wische es weg. (Besprengt ihr Taschentuch mit Heliotrop und wischt Schn das Blut von der Hand) Schn Es ist deines Gatten Blut. Lulu Es lt keine Flecken. Schn Ungeheuer! Lulu Sie heiraten mich ja doch. (Es lutet auf dem Korridor) Lulu Nur Geduld, Kinder. Schn (rechts hinten ab) Siebenter Auftritt Escherich. Die Vorigen. Escherich (von Schn hereingeleitet, atemlos) Erlauben Sie, da ich -- da ich mich Ihnen -- Ihnen vorstelle ... Schn Sie sind gelaufen? Escherich (seine Karte berreichend) Von der Polizeidirektion her. Ein Selbstmord, hr' ich. Schn (liest) Fritz Escherich, Korrespondent der Kleinen Neuigkeiten. -- Kommen Sie. Escherich Einen Moment. (Nimmt Notizbuch und Bleistift vor, sieht sich im Salon um, schreibt einige Worte, verbeugt sich gegen Lulu, schreibt, wendet sich zu der erbrochenen Tr, schreibt) Ein Kchenbeil ... (Will es aufheben). Schn (ihn zurckhaltend) Bitte. Escherich (schreibt) Tr aufgebrochen mit Kchenbeil. (Untersucht das Schlo.) Schn (die Hand an der Tr) Sehen Sie sich vor, mein Lieber. Escherich Wenn Sie jetzt die Liebenswrdigkeit haben wollen, die Tr zu ffnen. Schn (ffnet die Tre). Escherich (lt Buch und Bleistift fallen, fhrt sich in die Haare) O du barmherziger Himmel noch mal ...! Schn Sehen Sie sich alles genau an! Escherich Ich kann nicht hinsehen. Schn (ihn hhnisch anschnauzend) Wozu sind Sie denn hergekommen!! Escherich Sich mit dem -- Ra -- Rasiermesser -- den Ha -- Hals abschneiden ... Schn Haben Sie alles gesehen? Escherich Das mu ein Gefhl sein! Schn (zieht die Tr zu, tritt zum Schreibtisch) Setzen Sie sich. Hier ist Papier und Feder. Schreiben Sie. Escherich (der mechanisch Platz genommen) Ich kann nicht schreiben ... Schn (hinter seinem Stuhl stehend) Schreiben Sie! -- Verfolgungswahn ... Escherich (schreibt) Ver--fol--gungs--wahn. (Es lutet auf dem Korridor) Dritter Aufzug Garderobe im Theater, mit rotem Tuch ausgeschlagen. Links hinten die Tr. Rechts hinten eine spanische Wand. In der Mitte, mit der Schmalseite gegen den Zuschauer, ein langer Tisch, auf dem Tanzkostme liegen. Rechts und links vom Tisch je ein Sessel. Links vorn Tischchen mit Sessel. Rechts vorn ein hoher Spiegel, daneben ein hoher, sehr breiter, altmodischer Armsessel. Vor dem Spiegel ein Puff, Schminkschatulle etc. etc. Erster Auftritt. Lulu. Alwa, gleich darauf Schn. Alwa (links vorn, fllt zwei Glser mit Champagner und Rotwein) Seit ich fr die Bhne arbeite, habe ich kein Publikum so auer Rand und Band gesehen. Lulu (unsichtbar, hinter der spanischen Wand) Geben Sie mir nicht zuviel Rotwein. -- Sieht er mich heute? Alwa Mein Vater? Lulu Ja. Alwa Ich wei nicht, ob er im Theater ist. Lulu Er will mich wohl gar nicht sehen? Alwa Er hat so wenig Zeit. Lulu Seine _Braut_ nimmt ihn in Anspruch. Alwa Spekulationen. Er gnnt sich keine Ruhe. -- (Da Schn eintritt) Du? Eben sprechen wir von dir. Lulu Ist er da? Schn Du ziehst dich um? Lulu (ber die spanische Wand wegsehend, zu Schn) Sie schreiben in allen Zeitungen, ich sei die geistvollste Tnzerin, die je die Bhne betreten, ich sei eine zweite Taglioni und was wei ich, und Sie finden mich nicht einmal geistvoll genug, um sich davon zu berzeugen! Schn Ich habe soviel zu schreiben. Du siehst, da ich recht hatte. Es waren kaum mehr Pltze zu haben. -- Du mut dich etwas mehr im Proszenium halten! Lulu Ich mu mich erst an das Licht gewhnen. Alwa Sie hat sich strikte an ihre Rolle gehalten. Schn (zu Alwa) Du mut deine Darsteller besser ausntzen! Du verstehst dich noch nicht genug auf die Technik. (Zu Lulu) Als was kommst du jetzt? Lulu Als Blumenmdchen ... Schn (zu Alwa) In Trikots? Alwa Nein. In fufreiem Kleid. Schn Du httest dich lieber nicht mit dem Symbolismus einlassen sollen! Alwa Ich sehe der Tnzerin auf die Fe. Schn Es kommt darauf an, worauf das Publikum sieht! Eine Erscheinung wie _sie_ hat deine symbolistischen Hanswurstiaden gottlob nicht ntig. Alwa Das Publikum sieht nicht danach aus, als ob es sich langweilte! Schn Natrlich! Weil ich in der Presse seit sechs Monaten auf ihren Erfolg hingearbeitet habe. -- War der _Prinz_ hier? Alwa Es war niemand hier. Schn Wer wird eine Tnzerin zwei Akte hindurch in Regenmnteln auftreten lassen! Alwa Wer ist denn der Prinz? Schn -- Wir sehen uns noch? Alwa Bist du allein? Schn Mit Bekannten. -- Bei Peters? Alwa Um Zwlf? Schn Um Zwlf. (Ab) Lulu Ich hatte schon daran verzweifelt, da er je kommen werde! Alwa Lassen Sie sich durch seine griesgrmigen Nrgeleien nicht beirren. Wenn Sie nur ja darauf achten wollen, da Sie Ihre Krfte nicht vor Beginn der letzten Nummer vergeuden. Lulu (tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fufreiem rmellosem weiem Kleid mit rotem Saum, einen bunten Kranz im Haar, einen Korb voll Blumen in den Hnden) Lulu Er scheint es gar nicht gemerkt zu haben, wie geschickt Sie ihre Darsteller ausntzen! Alwa Ich werde doch im ersten Akt nicht Sonne, Mond und Sterne verpaffen. Lulu (das Glas an den Lippen) Sie enthllen mich gradatim. Alwa Ich wute doch, da Sie sich darauf verstehen, Kostme zu wechseln. Lulu Htte ich meine Blumen so vor dem Alhambracaf verkaufen wollen, man htte mich schon gleich in der ersten Nacht hinter Schlo und Riegel gesetzt. Alwa Warum denn! Sie waren ein Kind! Lulu Wissen Sie noch, wie ich zum erstenmal in Ihr Zimmer trat? Alwa (nickt) Sie trugen ein dunkelblaues Kleid mit schwarzem Sammet. Lulu Man mute mich verstecken und wute nicht wo. Alwa Meine Mutter lag damals schon seit zwei Jahren auf dem Krankenbett ... Lulu Sie spielten Theater und fragten mich, ob ich mitspielen wolle. Alwa Gewi! Wir spielten Theater! Lulu Ich sehe Sie noch, wie Sie die Figuren hin und herschoben. Alwa Es war mir noch lange die entsetzlichste Erinnerung, wie ich mit einem mal klar in die Verhltnisse sah. Lulu Da wurden Sie eisig gemessen gegen mich. Alwa Ach Gott -- ich sah etwas so unendlich hoch ber mir stehendes in Ihnen. Ich hegte vielleicht eine hhere Verehrung fr Sie, als fr meine Mutter. Denken Sie, als meine Mutter starb, -- ich war siebzehn Jahre alt -- da trat ich vor meinen Vater und forderte ihn auf, da er Sie augenblicklich zu seiner Frau mache, sonst mten wir uns duellieren. Lulu Das hat er mir damals erzhlt. Alwa Seit ich lter bin, kann ich ihn nur noch bemitleiden. Er wird mich nie begreifen. Da phantasiert er sich eine kleine Diplomatie zusammen, die mich dazu bestimmen soll, seiner Verheiratung mit der Komtesse entgegenzuarbeiten. Lulu Blickt sie denn immer noch so unschuldig in die Welt hinaus? Alwa Sie liebt ihn; das ist meine berzeugung. Ihre Familie hat alles in Bewegung gesetzt, um sie zum Rcktritt zu veranlassen. Ich glaube nicht, da ihr ein Opfer auf dieser Welt zu gro wre um seinetwillen. Lulu (hlt ihm ihr Glas hin) Noch etwas, bitte. Alwa (ihr einschenkend) Sie trinken zu viel. Lulu Er soll an meinen Erfolg glauben lernen! Er glaubt an keine Kunst. Er glaubt nur an Zeitungen. Alwa Er glaubt an nichts. Lulu Er hat mich ans Theater gebracht, damit sich eventuell jemand findet, der reich genug ist, um mich zu heiraten. Alwa Nun ja! Was braucht uns das zu kmmern! Lulu Mich soll es freuen, wenn ich mich in das Herz eines Millionrs hineintanzen kann. Alwa Gott verhte, da man Sie uns entfhrt! Lulu Sie haben doch die Musik dazu komponiert. Alwa Sie wissen, da es immer mein Wunsch war, ein Stck fr Sie zu schreiben. Lulu Ich bin aber gar nicht fr die Bhne geschaffen. Alwa Sie sind als Tnzerin auf die Welt gekommen. Lulu Warum schreiben Sie Ihre Stcke denn nicht wenigstens so interessant, wie das Leben ist? Alwa Weil uns das kein Mensch glauben wrde. Lulu Wenn ich mich nicht besser aufs Theaterspielen verstnde, als man auf der Bhne spielt, was htte aus mir werden wollen! Alwa Ich habe Ihre Rolle doch mit allen erdenklichen Unmglichkeiten ausgestattet. Lulu Mit solchem Hokuspokus lockt man in der Wirklichkeit noch keinen Hund vom Ofen. Alwa Mir ist es genug, da sich das Publikum in die wahnsinnigste Aufregung versetzt sieht. Lulu Ich mchte mich aber gern selbst in die wahnsinnigste Aufregung versetzt sehen! (Trinkt) Alwa Dazu scheint Ihnen auch nicht viel mehr zu fehlen. Lulu Wie knnen Sie sich darber wundern, da mein Auftreten doch einen hheren Zweck hat! Es gehen schon Einige da unten ganz ernstlich mit sich zu Rate. -- Ich fhle das, ohne da ich hinsehe. Alwa Wie fhlen Sie denn das? Lulu Keiner ahnt was vom Andern. Jeder meint, er sei allein das unglckliche Opfer. Alwa Wie knnen Sie denn das fhlen? Lulu Es luft einem so ein eisiger Schauer am Krper herauf. Alwa Sie sind unglaublich ... (Eine elektrische Klingel tnt ber der Tr) Lulu Mein Tuch ... Ich werde mich im Proscenium halten! Alwa (ihr einen breiten Shawl ber die Schultern legend) Hier ist Ihr Tuch. Lulu Er soll nichts mehr fr seine schamlose Reklame zu frchten haben. Alwa Wahren Sie Ihre Selbstbeherrschung! Lulu Gebe Gott, da ich einem den letzten Funken Verstand zum Kopf hinaus tanze. (Ab) Zweiter Auftritt Alwa (allein) ber die liee sich freilich ein interessanteres Stck schreiben. (Setzt sich links, nimmt sein Notizbuch vor und notiert. Aufblickend) Erster Akt: Dr. Goll. Schon faul! Ich kann den Dr. Goll aus dem Fegefeuer zitieren, oder wo er seine Orgien bt, man wird mich fr seine Snden verantwortlich machen. -- (Langanhaltendes, stark gedmpftes Klatschen und Bravorufen wird von auen hrbar) -- Das tobt, wie in der Menagerie, wenn das Futter vor dem Kfig erscheint. -- Zweiter Akt: Walter Schwarz. Noch unmglicher! Wie die Seelen die letzte Hlle abstreifen im Licht solcher Blitzschlge! -- Dritter Akt? -- Sollte es wirklich so fort gehen?! -- (Die Garderobiere ffnet von auen und lt Escerny eintreten) Dritter Auftritt Escerny. Alwa. Escerny (tut als ob er zu Hause wre und nimmt, ohne Alwa zu beachten rechts neben dem Spiegel Platz) Alwa (links sitzend, ohne auf Escerny zu achten) Es kann im dritten Akt nicht so fortgehen! Escerny Bis zur Mitte des dritten Aktes schien es heute nicht so gut zu gehen, wie sonst. Alwa Ich war nicht auf der Bhne. Escerny Jetzt ist sie wieder in vollem Zug. Alwa -- Sie zieht die Nummer in die Lnge. Escerny Ich hatte bei Herrn Dr. Schn einmal das Vergngen, der Knstlerin zu begegnen. Alwa Mein Vater hat sie durch einige Besprechungen in seiner Zeitung beim Publikum eingefhrt. Escerny (sich leicht verneigend) Ich konferierte mit Herrn Dr. Schn der Herausgabe meiner Forschungen am Tanganjika-See wegen. Alwa (sich leicht verneigend) Seine uerungen lassen keinen Zweifel darber, da er das lebhafteste Interesse an Ihrem Werk nimmt. Escerny Wohltuend berhrt es an der Knstlerin, da das Publikum fr sie gar nicht vorhanden ist. Alwa Das Sichumkleiden hat sie schon als Kind gelernt. Aber ich war berrascht, eine so bedeutende Tnzerin in ihr zu entdecken. Escerny Wenn sie ihr Solo tanzt, berauscht sie sich an ihrer eigenen Schnheit -- in die sie selber zum Sterben verliebt zu sein scheint. Alwa Da kommt sie. (Erhebt sich, ffnet die Tr) Vierter Auftritt Lulu. Die Vorigen. Lulu (ohne Kranz und Blumenkorb, zu Alwa) Sie werden herausgerufen. Ich war dreimal vor dem Vorhang. (Zu Escerny) Herr Dr. Schn ist nicht in Ihrer Loge? Escerny In meiner Loge nicht. Alwa (zu Lulu) Haben Sie ihn nicht gesehen? Lulu Er wird wieder fort sein. Escerny Er hat die letzte Parquetloge links. Lulu Er scheint sich meiner zu schmen! Alwa Er hat keinen guten Platz mehr bekommen. Lulu (zu Alwa) Fragen Sie ihn doch, ob ich ihm jetzt besser gefallen habe. Alwa Ich werde ihn heraufschicken. Escerny Er hat applaudiert. Lulu Hat er das wirklich? Alwa Gnnen Sie sich etwas Ruhe. (Ab) Fnfter Auftritt Lulu. Escerny. Lulu Ich mu mich ja wieder umziehen. Escerny Aber Ihre Garderobiere ist ja nicht hier? Lulu Ich kann das rascher allein. Wo sagten Sie, da Dr. Schn sitzt? Escerny Ich sah ihn in der hintersten Parquetloge links. Lulu Jetzt habe ich noch fnf Kostme vor mir: Dancinggirl, Ballerina, Knigin der Nacht, Ariel und Lascaris ... (Tritt hinter die spanische Wand zurck.) Escerny Wrden Sie es fr mglich halten, da ich bei unserem ersten Rencontre nicht anders gewrtig war, als mit einer jungen Dame aus der literarischen Welt bekannt zu werden? -- -- -- (Setzt sich rechts neben den Mitteltisch, wo er bis zum Schlu der Szene sitzen bleibt) Sollte ich mich in der Beurteilung Ihrer Natur irren, oder habe ich das Lcheln, das die drhnenden Beifallsstrme auf Ihren Lippen hervorrufen, richtig gedeutet? -- --: da Sie unter der Notwendigkeit, Ihre Kunst vor Leuten von zweifelhaften Interessen entwrdigen zu mssen, innerlich leiden? -- -- -- (Da Lulu nicht antwortet) Da Sie den Schimmer der ffentlichkeit jeden Augenblick fr ein ruhiges, sonniges Glck in vornehmer Abgeschlossenheit eintauschen wrden? -- (Da Lulu nicht antwortet) Da Sie Hoheit und Wrde genug in sich fhlen, einen Mann zu Ihren Fen zu fesseln -- um sich an seiner vollkommenen Hilflosigkeit zu erfreuen? -- -- -- (Da Lulu nicht antwortet) Da Sie sich an einem wrdigeren Platz als hier in einer mit reichlichem Komfort ausgestatteten Villa fhlen wrden -- bei unbegrenzten Mitteln -- um durchaus als Ihre _eigene Herrin_ zu leben? Lulu (in kurzem hellen Pliss-Unterrock und weiem Atlaskorset, schwarze Schuhe und Strmpfe, Schellensporen unter den Abstzen, tritt hinter der spanischen Wand vor, mit dem Schnren ihres Korsets beschftigt) Wenn ich nur einen Abend mal nicht auftrete, dann trume ich die ganze Nacht hindurch, da ich tanze, und fhle mich am folgenden Tag wie gerdert ... Escerny Aber was knnte es Ihnen dabei ausmachen, statt dieses Pbels nur _einen_ Zuschauer, einen Auserwhlten, vor sich zu sehen? Lulu Das knnte mir gleichgltig sein. Ich sehe ja doch niemanden. Escerny Ein erleuchteter Gartensaal -- das Pltschern vom See herauf ... Ich bin auf meinen Forschungsreisen nmlich zur Ausbung eines ganz unmenschlichen Despotismus gezwungen ... Lulu (vor dem Spiegel, sich eine Perlenkette um den Hals legend) Eine gute Schule! Escerny Wenn ich mich jetzt darnach sehne, mich ohne irgendwelchen Vorbehalt der Gewalt einer Frau zu berliefern, so ist das ein natrliches Bedrfnis nach Abspannung ... Knnen Sie sich ein hheres Lebensglck fr eine Frau denken, als einen Mann vollkommen in ihrer Gewalt zu haben? Lulu (mit den Abstzen klirrend) O ja! Escerny (verwirrt) Unter gebildeten Menschen finden Sie nicht Einen, der Ihnen gegenber nicht den Kopf verliert. Lulu Ihre Wnsche erfllt Ihnen aber niemand, ohne Sie dabei zu hintergehen. Escerny Von einem Mdchen wie Sie betrogen zu werden, mu noch zehnmal beglckender sein, als von jemand anders aufrichtig geliebt zu werden. Lulu Sie sind in Ihrem Leben noch von keinem Mdchen aufrichtig geliebt worden! (sich rcklings gegen ihn stellend, auf ihr Korset deutend) Wrden Sie mir den Knoten auflsen. Ich habe mich zu fest geschnrt. Ich bin immer so aufgeregt beim Ankleiden. Escerny (nach wiederholtem Versuch) Ich bedaure; ich kann es nicht. Lulu Dann lassen Sie. Vielleicht kann ich es. (Geht nach rechts) Escerny Ich gestehe ein, da es mir an Geschicklichkeit gebricht. Ich war vielleicht im Verkehr mit Frauen nicht gelehrig genug. Lulu Dazu haben Sie in Afrika wohl auch nicht viel Gelegenheit? Escerny (ernst) Lassen Sie mich Ihnen offen gestehen, da mir meine Vereinsamung in der Welt manche Stunde verbittert. Lulu Gleich ist der Knoten auf ... Escerny Was mich zu Ihnen hinzieht, ist nicht Ihr Tanz. Es ist Ihre krperliche und seelische Vornehmheit, wie sie sich in jeder Ihrer Bewegungen offenbart. Wer sich so sehr wie ich fr Kunstwerke interessiert, kann sich darin nicht tuschen. Ich habe whrend zehn Abenden Ihr Seelenleben aus Ihrem Tanze studiert, bis ich heute, als Sie als Blumenmdchen auftraten, vollkommen mit mir ins Klare kam. Sie sind eine groangelegte Natur -- uneigenntzig. Sie knnen niemanden leiden sehen. Sie sind das verkrperte Lebensglck. Als Gattin werden Sie einen Mann ber alles glcklich machen ... Ihr ganzes Wesen ist Offenherzigkeit. -- Sie wren eine schlechte Schauspielerin ... (Die elektrische Klingel tnt ber der Tr) Lulu (hat die Schnre ihres Korsets etwas gelockert, holt tief Atem, mit den Abstzen klirrend) Jetzt kann ich wieder atmen. Der Vorhang geht auf. (Sie nimmt vom Mitteltisch ein Skirtdancekostm -- Pliss, hellgelbe Seide, ohne Taille, am Hals geschlossen, bis zu den Kncheln reichend, weite Blousenrmel, -- und wirft es sich ber) Ich mu tanzen. Escerny (erhebt sich und kt ihr die Hand) Erlauben Sie mir, noch ein wenig hierzubleiben. Lulu Bitte, bleiben Sie. Escerny Ich bedarf etwas der Einsamkeit. (Lulu ab) Sechster Auftritt Escerny (allein) Was ist Noblesse? -- Ist es Verschrobenheit, wie bei mir? -- Oder ist es leibliche und geistige Vervollkommnung, wie bei diesem Mdchen? -- (Klatschen und Bravorufen wird hrbar) Wer mir den Glauben an die Menschen zurckgibt, gibt mir mein Leben zurck. -- Sollten Kinder dieser Frau nicht frstlicher sein an Leib und Seele, als Kinder, deren Mutter nicht mehr Lebensfhigkeit in sich hat, als ich bis heute in mir fhlte? (Er setzt sich links vorn, schwrmerisch) Der Tanz hat ihren Krper geadelt ... Siebenter Auftritt Alwa. Escerny. Alwa Man ist keinen Moment sicher, da nicht ein armseliger Zufall der Vorstellung den Garaus macht! (Er wirft sich rechts neben dem Spiegel in den Armsessel, so da die beiden Herren gerade umgekehrt wie vorher placiert sind. Beide fhren die Unterhaltung etwas blasiert und apathisch) Escerny So dankbar hat sich das Publikum aber noch nie gezeigt. Alwa Sie hat den Skirtdance beendet. Escerny -- Ich hre sie kommen ... Alwa Sie kommt nicht. -- Sie hat keine Zeit. -- Sie wechselt das Kostm hinter der Kulisse. Escerny Sie hat zwei Ballerinakostme, wenn ich nicht irre? Alwa Ich finde, da ihr das weie besser steht, als das in Rosa. Escerny Finden Sie? Alwa Sie nicht? Escerny Ich finde, sie sieht in dem weien Tll zu krperlos aus. Alwa Ich finde, sie sieht in dem Rosatll zu animalisch aus. Escerny Ich finde das nicht. Alwa Der weie Tll bringt mehr das Kindliche ihrer Natur zum Ausdruck! Escerny Der Rosatll bringt mehr das Weibliche ihrer Natur zum Ausdruck! (Die elektrische Klingel tnt ber der Tr) Alwa (aufspringend) Um Gottes willen, was ist da los! Escerny (sich gleichfalls erhebend) Was ist mit Ihnen? (Die elektrische Klingel tnt fort bis zum Schlusse der Szene) Alwa Da ist was passiert ... Escerny Wie knnen Sie gleich so erschrecken? Alwa Das mu eine hllische Verwirrung sein. (Ab) Escerny (folgt ihm) (Die Tr bleibt offen. Man hrt gedmpfte Walzerklnge) (Pause) Achter Auftritt Lulu (in langem Theatermantel, tritt ein und zieht die Tr hinter sich zu. Sie trgt ein Rosa-Ballettkostm mit Blumenguirlanden, geht quer ber die Bhne und nimmt in dem Armsessel neben dem Spiegel Platz. -- Pause) Neunter Auftritt Alwa. Lulu. -- Gleich darauf Schn. Alwa Sie hatten einen Ohnmachtsanfall? Lulu Ich bitte Sie, schlieen Sie zu. Alwa Kommen Sie wenigstens auf die Bhne. Lulu Haben Sie ihn gesehen? Alwa Wen gesehen? Lulu Mit seiner Braut?? Alwa Mit seiner ... (Zu Schn, der eintritt) Den Scherz httest du dir sparen knnen! Schn Was ist mit ihr? (Zu Lulu) Wie kannst du die Szene gegen mich ausspielen!! Lulu Ich fhle mich wie geprgelt. Schn (nachdem er die Tr verriegelt) Du wirst tanzen -- so wahr ich mir die Verantwortung fr dich aufgeladen! Lulu Vor Ihrer Braut? Schn Hast du ein Recht, dich darum zu kmmern, vor wem? -- Du bist hier engagiert. Du erhltst deine Gage ... Lulu Ist das Ihre Sache? Schn Du tanzt vor Jedem, der sein Billet lst. Mit wem ich in meiner Loge sitze, hat keine Beziehung zu deiner Ttigkeit! Alwa Wrest du in deiner Loge sitzen geblieben! (Zu Lulu) Sagen Sie mir bitte, was ich tun soll. (Von auen wird gepocht) Da ist der Direktor. (Ruft) Gleich, gleich. Einen Augenblick. (Zu Lulu) Sie werden uns nicht zwingen wollen, die Vorstellung abzubrechen! Schn (zu Lulu) Auf die Bhne mit dir! Lulu Lassen Sie mir nur einen Augenblick. Ich kann jetzt nicht. Mir ist sterbenselend. Alwa Hol' der Henker den ganzen Kulissenkram! Lulu Schalten Sie die nchste Nummer ein. Das merkt kein Mensch, ob ich jetzt tanze oder in fnf Minuten. Ich habe keine Kraft in den Fen. Alwa Aber dann tanzen Sie? Lulu So gut ich kann ... Alwa So schlecht Sie wollen. (Da von auen gepocht wird) Ich komme. (Ab) Zehnter Auftritt Schn. Lulu. Lulu Sie haben recht, da Sie mir zeigen, wo ich hingehre. Das konnten Sie nicht besser, als wenn Sie mich vor Ihrer Braut den Skirtdance tanzen lassen ... Sie tun mir den grten Gefallen, wenn Sie mich darauf hinweisen, was meine Stellung ist. Schn (hhnisch) Bei deiner Herkunft ist es ein Glck sondergleichen fr dich, da du noch Gelegenheit hast, vor anstndigen Leuten aufzutreten! Lulu Auch wenn Sie ber meiner Schamlosigkeit nicht wissen, wohinsehen. Schn Albernes Geschwtz! -- Schamlosigkeit? -- Mach' aus der Tugend keine Not! -- Deine Schamlosigkeit ist das, was man dir fr jeden Schritt mit Gold aufwiegt. Der eine schreit Bravo, der andere schreit Pfui -- das heit fr dich das Gleiche! -- Kannst du dir einen glnzenderen Triumph wnschen, als wenn sich ein anstndiges Mdchen kaum in der Loge zurckhalten lt?!! Hat dein Leben denn ein anderes Ziel?! -- So lang du noch einen Funken Achtung vor dir selber hast, bist du keine perfekte Tnzerin! Je frchterlicher es den Menschen vor dir graut, um so grer stehst du in deinem Beruf da!! Lulu Es ist mir ja auch vollkommen gleichgltig, was man von mir denkt. Ich mchte um alles nicht besser sein, als ich bin. Mir ist wohl dabei. Schn (in moralischer Emprung) Das ist deine wahre Natur! Das nenne ich aufrichtig. -- Eine Korruption!! Lulu Ich wte nicht, da ich je einen Funken Achtung vor mir gehabt htte. Schn (wird pltzlich mitrauisch) Keine Harlequinaden ... Lulu O Gott -- ich wei sehr wohl, was aus mir geworden wre, wenn Sie mich nicht davor bewahrt htten. Schn Bist du denn heute vielleicht etwas anderes?? Lulu Gott sei dank, nein! Schn Das ist echt! Lulu (lacht) Und wie berglcklich ich dabei bin! Schn (spuckt aus) Wirst du jetzt tanzen? Lulu Wie und vor wem es ist! Schn Also dann auf die Bhne!! Lulu (kindlich bittend) Nur eine Minute noch. Ich bitte Sie. Ich kann mich noch nicht aufrecht halten. -- Man wird klingeln. Schn Du bist dazu geworden, trotz allem, was ich fr deine Erziehung und dein Wohl geopfert habe! Lulu (ironisch) Sie hatten Ihren veredelnden Einflu berschtzt? Schn Verschone mich mit deinen Witzen. Lulu -- Der Prinz war hier. Schn So? Lulu Er nimmt mich mit nach Afrika. Schn Nach Afrika? Lulu Warum denn nicht? Sie haben mich ja zur Tnzerin gemacht, damit Einer kommt und mich mitnimmt. Schn Aber doch nicht nach Afrika! Lulu Warum haben Sie mich denn nicht ruhig in Ohnmacht fallen lassen, und im stillen dem Himmel dafr gedankt? Schn Weil ich leider keinen Grund hatte, an deine Ohnmacht zu glauben! Lulu (spttisch) Sie hielten es unten nicht aus ...? Schn Weil ich dir zum Bewutsein bringen mu, was du bist und zu wem du nicht aufzublicken hast! Lulu Sie frchteten, meine Glieder knnten doch vielleicht ernstlich Schaden genommen haben? Schn Ich wei zu gut, da du unverwstlich bist. Lulu Das wissen Sie also doch? Schn (aufbrausend) Sieh mich nicht so unverschmt an!! Lulu Es hlt Sie niemand hier. Schn Ich gehe, sobald es klingelt. Lulu Sobald Sie die Energie dazu haben! -- Wo ist Ihre Energie? -- Sie sind seit drei Jahren verlobt. Warum heiraten Sie nicht? -- Sie kennen keine Hindernisse. Warum wollen Sie mir die Schuld geben? -- Sie haben mir befohlen, Dr. Goll zu heiraten. Ich habe Dr. Goll gezwungen, mich zu heiraten. Sie haben mir befohlen, den Maler zu heiraten. Ich habe gute Miene zum bsen Spiel gemacht. -- Sie kreieren Knstler, Sie protegieren Prinzen. Warum heiraten Sie nicht? Schn (wtend) Glaubst du denn vielleicht, da du mir im Weg stehst?! Lulu (von jetzt an bis zum Schlu triumphierend) Wten Sie, wie Ihre Wut mich glcklich macht! Wie stolz ich darauf bin, da Sie mich mit allen Mitteln demtigen! Sie erniedrigen mich so tief -- so tief, wie man ein Weib erniedrigen kann, weil Sie hoffen, Sie knnten sich dann eher ber mich hinwegsetzen. Aber Sie haben sich selber unsglich weh getan durch alles, was Sie mir eben sagten. Ich sehe es Ihnen an. Sie sind schon beinahe am Ende Ihrer Fassung. Gehen Sie! Um Ihrer schuldlosen Braut willen, lassen Sie mich allein! Eine Minute noch, dann schlgt Ihre Stimmung um, und Sie machen mir eine andere Szene, die Sie jetzt nicht verantworten knnen! Schn Ich frchte dich nicht mehr. Lulu Mich? -- Frchten Sie sich selber! -- Ich bedarf Ihrer nicht. -- Ich bitte Sie, gehen Sie! Geben Sie nicht mir die Schuld. Sie wissen, da ich nicht ohnmchtig zu werden brauchte, um Ihre Zukunft zu zerstren. Sie haben ein unbegrenztes Vertrauen in meine Ehrenhaftigkeit! Sie glauben nicht nur, da ich ein bestrickendes Menschenkind bin; Sie glauben auch, da ich ein herzensgutes Geschpf bin. Ich bin weder das eine, noch das andere. Das Unglck fr Sie ist nur, da Sie mich dafr halten. Schn (verzweifelt) La meine Gedanken gehen! Du hast zwei Mnner unter der Erde. Nimm den Prinzen, tanz' ihn in Grund und Boden! Ich bin fertig mit dir. Ich wei, wo der Engel bei dir zu Ende ist und der Teufel beginnt. Wenn ich die Welt nehme, wie sie geschaffen ist, so trgt der Schpfer die Verantwortung, nicht ich! Mir ist das Leben keine Belustigung. Lulu Dafr stellen Sie auch Ansprche an das Leben, wie sie hher niemand stellen kann ... Sagen Sie mir, wer von uns beiden ist wohl anspruchsvoller, Sie oder ich?! Schn Schweig! Ich wei nicht, wie und was ich denke. Wenn ich dich hre, denke ich nicht mehr. In acht Tagen bin ich verheiratet. Ich beschwre dich -- bei dem Engel, der in dir ist, komm mir derweil nicht mehr zu Gesicht! Lulu Ich will meine Tre verschlieen. Schn Prahl' noch mit dir! -- Ich habe, Gott ist mein Zeuge, seit ich mit der Welt und dem Leben ringe, noch niemandem so geflucht! Lulu Das kommt von meiner niederen Herkunft. Schn Von deiner Verworfenheit!! Lulu Mit tausend Freuden nehme ich die Schuld auf mich! Sie mssen sich jetzt rein fhlen. Sie mssen sich jetzt fr den sittenstrengen Mustermenschen, fr den Tugendbold von unerschtterlichen Grundstzen halten -- sonst knnen Sie das Kind in seiner bodenlosen Unerfahrenheit gar nicht heiraten ... Schn Willst du, da ich mich an dir vergreife! Lulu (rasch) Ja! Ja! Was mu ich sagen, damit Sie es tun? Um kein Knigreich mchte ich jetzt mit dem unschuldigen Kinde tauschen! Dabei liebt das Mdchen Sie, wie noch kein Weib Sie je geliebt hat!! Schn Schweig, Bestie! Schweig! Lulu Heiraten Sie sie -- dann tanzt sie in ihrem kindlichen Jammer vor _meinen_ Augen statt ich vor ihr! Schn (hebt die Faust) Verzeih' mir Gott ... Lulu Schlagen Sie mich! Wo haben Sie Ihre Reitpeitsche! Schlagen Sie mich an die Beine ... Schn (greift sich an die Schlfen) Fort, fort ...! (Strzt zur Tre, besinnt sich, wendet sich um) Kann ich jetzt so vor das Kind hintreten? -- Nach Hause! -- Wenn ich zur Welt hinaus knnte! Lulu Sein Sie doch ein Mann. -- Blicken Sie sich einmal ins Gesicht. -- Sie haben keine Spur von Gewissen. -- Sie schrecken vor keiner Schandtat zurck. -- Sie wollen das Mdchen, das Sie liebt, mit der grten Kaltbltigkeit unglcklich machen. -- Sie erobern die halbe Welt. -- Sie tun, was Sie wollen -- und Sie wissen so gut wie ich -- da ... Schn (ist vllig erschpft auf dem Sessel links neben dem Mitteltisch zusammengesunken) Schweig! Lulu Da Sie zu schwach sind -- um sich von mir loszureien ... Schn (sthnend) Oh! Oh! du tust mir weh! Lulu Mir tut dieser Augenblick wohl -- ich kann nicht sagen wie! Schn Mein Alter! Meine Welt! Lulu -- Er weint wie ein Kind -- der furchtbare Gewaltmensch! -- Jetzt gehen Sie so zu Ihrer Braut und erzhlen Sie ihr, was ich fr eine Seele von einem Mdchen bin -- keine Spur eiferschtig! Schn (schluchzend) Das Kind! Das schuldlose Kind! Lulu Wie kann der eingefleischte Teufel pltzlich so weich werden. -- -- Jetzt gehen Sie aber bitte. Jetzt sind Sie nichts mehr fr mich. Schn Ich kann nicht zu ihr. Lulu Hinaus mit Ihnen! Kommen Sie zu mir zurck, wenn Sie wieder zu Krften gelangt sind. Schn Sag' mir um Gottes Willen, was ich tun soll. Lulu (erhebt sich; ihr Mantel bleibt auf dem Sessel. Auf dem Mitteltisch die Kostme beiseite schiebend) Hier ist Briefpapier ... Schn Ich kann nicht schreiben ... Lulu (aufrecht hinter ihm stehend, auf die Lehne seines Sessels gesttzt) Schreiben Sie! -- Sehr geehrtes Frulein .. Schn (zgernd) Ich nenne sie Adelheid ... Lulu (mit Nachdruck) Sehr geehrtes Frulein ... Schn (schreibend) -- Mein Todesurteil! Lulu Nehmen Sie Ihr Wort zurck. Ich kann es mit meinem Gewissen -- (da Schn die Feder absetzt und ihr einen flehentlichen Blick zuwirft) Schreiben Sie Gewissen! -- nicht vereinbaren, Sie an mein unseliges Los zu fesseln ... Schn (schreibend) Du hast recht. -- Du hast recht. Lulu Ich gebe Ihnen mein Wort, da ich Ihrer Liebe -- (da sich Schn wieder zurckwendet) Schreiben Sie Liebe! -- unwrdig bin. Diese Zeilen sind Ihnen der Beweis. Seit drei Jahren versuche ich mich loszureien; ich habe die Kraft nicht. Ich schreibe Ihnen an der Seite der Frau, die mich beherrscht. -- Vergessen Sie mich. -- Doktor Ludwig Schn. Schn (aufchzend) O Gott! Lulu (halb erschrocken) Ja kein O Gott! -- (mit Nachdruck) Doktor Ludwig Schn. -- Postskriptum: Versuchen Sie nicht mich zu retten. Schn (nachdem er zu Ende geschrieben, in sich zusammenbrechend) Jetzt -- kommt die -- Hinrichtung ... Vierter Aufzug Prachtvoller Saal in deutscher Renaissance mit schwerem Plafond in geschnitztem Eichenholz. Die Wnde bis zur halben Hhe in dunklen Holzskulpturen. Darber an beiden Seiten verblate Gobelins. Nach hinten oben ist der Saal durch eine verhngte Galerie abgeschlossen, von der links eine monumentale Treppe bis zur halben Tiefe der Bhne herabfhrt. In der Mitte unter der Galerie die Eingangstr mit gewundenen Sulen und Frontespice. An der rechten Seitenwand ein gerumiger hoher Kamin. Weiter vorn ein Balkonfenster mit geschlossenen schweren Gardinen. An der linken Seitenwand vor dem Treppenfue eine geschlossene Portiere in genueser Sammet. Vor dem Kamin steht als Schirm eine chinesische Klappwand. Vor dem Fupfeiler des freien Treppengelnders auf einer dekorativen Staffelei Lulus Bild als Pierrot in antiquisiertem Goldrahmen. Links vorn eine breite Ottomane, rechts davor ein Fauteuil. In der Mitte des Saales ein vierkantiger Tisch mit schwerer Decke, um den drei hochlehnige Polstersessel stehen. Auf dem Tisch steht ein weies Bouquet. Erster Auftritt Schn. Lulu. Grfin Geschwitz. Geschwitz (auf der Ottomane, in pelzbesetzter Husaren-Taille, hoher Stehkragen, riesige Manschettenknpfe, Schleier vor dem Gesicht, die Hnde krampfhaft im Muff; zu Lulu) Sie glauben nicht, wie ich mich darauf freue, Sie auf unserem Knstlerinnenball zu sehen. Schn (links vorn) Sollte denn fr Unsereinen gar keine Mglichkeit bestehen, sich einzuschmuggeln? Geschwitz Es wre Hochverrat, wenn jemand von uns einer solchen Intrigue Vorschub leistete. Schn (geht hinter der Ottomane durch zum Mitteltisch) Die prachtvollen Blumen. Lulu (im Fauteuil, in groblumigem Morgenkleid, das Haar in schlichtem Knoten, in goldener Spange) Die hat mir Frulein von Geschwitz gebracht. Geschwitz O bitte. -- Sie werden sich doch jedenfalls als Herr kostmieren? Lulu Glauben Sie denn, da mich das kleidet? Geschwitz (auf das Bild deutend) Hier sind Sie wie ein Mrchen. Lulu Mein Mann mag es nicht. Geschwitz Ist es von einem hiesigen? Lulu Sie werden ihn kaum gekannt haben. Geschwitz Er lebt nicht mehr? Schn (rechts vorn, mit tiefer Stimme) Er hatte genug. Lulu Du bist verstimmt. Schn (beherrscht sich) Geschwitz (sich erhebend) Ich mu gehen, Frau Doktor. Ich kann nicht lnger bleiben. Wir haben heute abend Aktzeichnen, und ich habe noch so viel fr den Ball vorzubereiten. -- (Grend) Herr Doktor. (Von Lulu geleitet, durch die Mitte ab.) Zweiter Auftritt Schn (allein, sich umsehend) Der reine Augiasstall. Das mein Lebensabend. Man soll mir einen Winkel zeigen, der noch rein ist. Die Pest im Haus. Der rmste Tagelhner hat sein sauberes Nest. Dreiig Jahre Arbeit, und das mein Familienkreis, der Kreis der Meinen ... (sich umsehend) Gott wei, wer mich jetzt wieder belauscht! (Zieht einen Revolver aus der Brusttasche) Man ist ja seines Lebens nicht sicher! (Er geht, den gespannten Revolver in der Rechten haltend, nach rechts und spricht an die geschlossene Fenstergardine hin) Das mein Familienkreis! Der Kerl hat noch Mut! -- Soll ich mich denn nicht lieber selber vor den Kopf schieen? -- Gegen Todfeinde kmpft man, aber der ... (er schlgt die Gardine in die Hhe; da er niemand dahinter versteckt findet:) Der Schmutz -- der Schmutz ... (er schttelt den Kopf und geht nach links hinber) der Irrsinn hat sich meiner Vernunft schon bemchtigt, oder -- Ausnahmen besttigen die Regel! (Er steckt, da er Lulu kommen hrt, den Revolver ein) Dritter Auftritt Lulu. Schn (Beide links vorn) Lulu Knntest du dich fr heute nachmittag nicht frei machen? Schn Was wollte diese Grfin eigentlich? Lulu Ich wei nicht. Sie will mich malen. Schn Das Unglck in Menschengestalt, das einem seine Aufwartung macht. Lulu Knntest du dich denn nicht frei machen? Ich wrde so gerne mit dir durch die Anlagen fahren. Schn Gerade der Tag, an dem ich auf der Brse sein mu. Du weit, da ich heute nicht frei bin. Meine ganze Habe treibt auf den Wellen. Lulu Lieber wollte ich schon beerdigt sein, als mir mein ganzes Leben so durch meine Habe verbittern lassen. Schn Wem das Leben leicht wird, dem fllt das Sterben nicht schwer. Lulu Als Kind hatte ich auch immer die entsetzlichste Angst vor dem Tod. Schn Deswegen habe ich dich ja geheiratet. Lulu (an seinem Hals) Du bist schlecht gelaunt. Du machst dir zu viel Sorgen. Seit Wochen und Monaten habe ich nichts mehr von dir. Schn (ihr Haar streichelnd) Dein Frohsinn sollte meine alten Tage erheitern. Lulu Du hast mich ja gar nicht geheiratet. Schn Wen htte ich denn sonst geheiratet? Lulu Ich habe dich geheiratet! Schn Was ndert denn das daran? Lulu Ich frchtete immer, es werde vieles ndern. Schn Es hat auch viel unter die Fe gestampft. Lulu Nur Gottlob eines nicht! Schn Darauf wre ich begierig. Lulu Deine Liebe zu mir. Schn (zuckt mit dem Gesicht, winkt ihr voranzugehen. Beide nach links vorn ab). Vierter Auftritt Grfin Geschwitz (ffnet vorsichtig die Mitteltr, wagt sich nach vorn und lauscht; schrickt zusammen, da Stimmen auf der Galerie laut werden) O Gott, da ist jemand ... (Versteckt sich hinter dem Kaminschirm). Fnfter Auftritt Schigolch. Rodrigo. Hugenberg. Schigolch (tritt ber der Treppe aus den Gardinen, wendet sich zurck) Der Junge hat sein Herz wohl im Caf Nachtlicht zurckgelassen?! Rodrigo (zwischen den Gardinen) Er ist noch zu klein fr die groe Welt und kann noch nicht so weit zu Fu gehen. (verschwindet) Schigolch (kommt die Treppe herunter) Gott sei Dank, da wir endlich wieder zu Hause sind! Welcher Stinkpeter wohl wieder die Treppe gewichst hat! Wenn ich mir meine Knochen vor der Heimrufung noch mal in Gips gieen lassen mu, dann kann sie mich zwischen den Palmen hier ihren Relationen als medizeische Venus vorstellen. Nichts als Klippen. Nichts als Fallstricke. Rodrigo (kommt, Hugenberg auf den Armen tragend, die Treppe herunter) Das hat einen kniglichen Polizeidirektor zum Vater und nicht soviel Courage im Leib wie der abgerissenste Landstreicher! Hugenberg Wenn es auf nichts als auf Tod und Leben ginge, dann solltet ihr mich kennen lernen! Rodrigo Das Brderchen wiegt samt seinem Liebeskummer nicht mehr als sechzig Kilo. Darauf will ich mich jede Minute hngen lassen. Schigolch Wirf ihn an den Plafond hinauf und fang ihn mit den Fen auf. Das peitscht ihm sein junges Blut gleich von vornherein in die richtige Wallung. Hugenberg (mit den Beinen strampelnd) O je, o je, ich werde von der Schule gejagt! Rodrigo (ihn am Treppenfu niedersetzend) Du bist noch auf gar keiner vernnftigen Schule gewesen! Schigolch Hier hat sich schon mancher die ersten Sporen verdient. Nur ja keine Schchternheit! Zuerst werde ich euch einen Tropfen vorsetzen, wie er fr Geld nirgends zu haben ist. (Er ffnet ein Schrnkchen unter der Treppe) Hugenberg Wenn sie jetzt aber nicht unverzglich angetanzt kommt, dann verhaue ich euch beide, da ihr euch noch im Jenseits den Buckel reibt. Rodrigo (hat sich rechts an den Tisch gesetzt) Den strksten Mann der Welt will das Brderchen verhaun! (Zu Hugenberg) La dir von Mutterchen erst lange Hosen anziehen. Hugenberg (sich links an den Tisch setzend) Ich wnschte lieber, du borgtest mir deinen Schnurrbart. Rodrigo Willst du vielleicht, da sie dich gleich zur Tre hinauswirft? Hugenberg Zum Henker noch mal, wenn ich nur schon wte, was ich ihr sagen soll! Rodrigo Das wei sie schon selber am besten. Schigolch (setzt zwei Flaschen und drei Glser auf den Tisch) Die eine habe ich gestern schon angebrochen. (Er fllt die Glser) Rodrigo (Hugenbergs Glas schtzend) Gib ihm nicht zu viel, sonst mssen wir beide es ausbaden. Schigolch (sich mit beiden Hnden auf die Tischplatte sttzend) Rauchen die Herren? Hugenberg (sein Zigarrenetui ffnend) Da sind Habanna-Importen! Rodrigo (sich bedienend) Von Papa Polizeidirektor? Schigolch (sich setzend) Ich habe alles im Hause. Braucht nur zu befehlen. Hugenberg -- Ich habe ihr gestern ein Gedicht gemacht. Rodrigo Was hast du ihr gemacht? Schigolch Was hat er ihr gemacht? Hugenberg Ein Gedicht. Rodrigo (zu Schigolch) Ein Gedicht. Schigolch Einen Taler hat er mir versprochen, wenn ich auskundschafte, wo er mit ihr allein zusammentreffen kann. Hugenberg Wer wohnt denn eigentlich hier? Rodrigo Hier wohnen wir! Schigolch Jour fix -- jeden Brsentag! -- Zum Wohl! (Sie stoen an) Hugenberg -- Soll ich es ihr vielleicht zuerst vorlesen? Schigolch (zu Rodrigo) Was meint er? Rodrigo Sein Gedicht. Er will sie gerne zuerst ein wenig auf die Folter spannen. Schigolch (Hugenberg fixierend) Die Augen! Die Augen! Rodrigo Die Augen, ja! Die haben sie seit acht Tagen um ihren Schlaf gebracht. Schigolch (zu Rodrigo) Du kannst dich einpkeln lassen. Rodrigo Wir beide knnen uns einpkeln lassen! Zum Wohl, Gevatter Tod. Schigolch (anstoend) Zum Wohl, Springfritze! Wenn es spter noch besser kommt, dann bin ich jeden Augenblick zum Aufbruch bereit; aber ... aber ... Sechster Auftritt Lulu. Die Vorigen. Spter Ferdinand. Lulu (von links, in eleganter Pariser Balltoilette, weit dekolletiert, mit Blumen vor der Brust und im Haar) Aber Kinder, Kinder, ich erwarte Besuch! Schigolch Aber das kann ich euch sagen, die mssen es sich da drben was kosten lassen! Hugenberg (hat sich erhoben) Lulu (sich auf die Armlehne seines Sessels setzend) Sie sind in eine nette Gesellschaft geraten. Ich erwarte Besuch, Kinder. Schigolch Da mu ich mir wohl auch was vorstecken. (Sucht in dem Bouquet, das auf dem Tisch steht) Lulu Sehe ich gut aus? Schigolch Was sind das, was du da vorhast? Lulu Orchideen. (Sich mit der Brust ber Hugenberg neigend) Riechen Sie. Rodrigo Sie erwarten wohl den Prinzen Escerny? Lulu (schttelt den Kopf) Gott bewahre! Rodrigo Also wieder jemand anders! Lulu Der Prinz ist verreist. Rodrigo Sein Knigreich auf Auktion bringen? Lulu Er kundschaftet eine frische Vlkerschaft in der Gegend von Afrika aus. (Erhebt sich, eilt die Treppe hinauf und tritt in die Galerie ein) Rodrigo (zu Schigolch) -- Er habe sie nmlich ursprnglich heiraten wollen. Schigolch (sich eine Lilie vorsteckend) Ich habe sie ursprnglich auch heiraten wollen. Rodrigo Du hast sie ursprnglich heiraten wollen? Schigolch Hast du sie nicht auch ursprnglich heiraten wollen? Rodrigo Jawohl habe ich sie ursprnglich heiraten wollen! Schigolch Wer hat sie nicht ursprnglich heiraten wollen!! Rodrigo -- So gut htte ich's nie gekriegt! Schigolch Sie hat es keinen bereuen lassen, da er sie nicht geheiratet hat. Rodrigo -- Sie ist also nicht dein Kind? Schigolch Fllt ihr nicht ein. Hugenberg Wie heit denn ihr Vater? Schigolch Sie hat mit mir renommiert! Hugenberg Wie heit denn ihr Vater? Schigolch Was meint er? Rodrigo Wie ihr Vater heit. Schigolch Sie hat nie einen gehabt. Lulu (kommt von der Galerie herunter und setzt sich wieder zu Hugenberg auf die Armlehne) Was habe ich nie gehabt? Alle drei Einen Vater. Lulu Ja gewi, ich bin ein Wunderkind. (Zu Hugenberg) Wie sind Sie denn mit Ihrem Vater zufrieden? Rodrigo Er raucht wenigstens eine anstndige Zigarre, der Herr Polizeidirektor. Schigolch Hast oben zugeschlossen? Lulu Da ist der Schlssel. Schigolch Httest ihn lieber stecken lassen. Lulu Warum denn? Schigolch Damit man von auen nicht aufschlieen kann. Rodrigo Ist er denn nicht auf der Brse? Lulu O doch, aber er leidet an Verfolgungswahn. Rodrigo Ich nehme ihn auf die Fe und jupp -- da er oben an der Decke kleben bleibt. Lulu Sie jagt er mit einem Viertelsseitenblick durch ein Mausloch. Rodrigo Was jagt er? Wen jagt er? (Seinen Arm entblend) Sehen Sie sich bitte den Biceps an. Lulu Zeigen Sie. (Geht nach rechts) Rodrigo (sich auf den Arm schlagend) Granit. -- Schmiedeeisen. Lulu (befhlt abwechselnd Rodrigos Oberarm und ihren eigenen) Wenn Sie nur nicht so lange Ohren htten ... Ferdinand (durch die Mitte eintretend) Herr Doktor Schn. Rodrigo (aufspringend) Der Lumpenkerl. (Will hinter den Kaminschirm, fhrt zurck) Gott behte einen! (Versteckt sich rechts vorn hinter den Gardinen.) Schigolch Gib mir den Schlssel her! (Nimmt Lulu den Schlssel ab und schleppt sich die Treppe zur Galerie hinauf.) Hugenberg (ist vom Sessel unter den Tisch geglitten). Lulu Ich lasse bitten. Ferdinand (ab) Hugenberg (lauscht vorn unter dem Saum der Tischdecke vor, fr sich) Er bleibt hoffentlich nicht -- dann sind wir allein ... Lulu (berhrt ihn mit der Fuspitze) St! Hugenberg (verschwindet) Siebenter Auftritt Alwa Schn. Die Vorigen. Ferdinand (lt Alwa eintreten. Ab) Alwa (in Soireetoilette) Die Matinee wird, wie ich mir denke, bei brennenden Lampen stattfinden. Ich habe ... (Schigolch bemerkend, der sich mhsam die Treppe hinaufschleppt) Was ist denn das? Lulu Ein alter Freund deines Vaters. Alwa Mir vllig unbekannt. Lulu Sie haben den Feldzug zusammen mitgemacht. Es geht ihm entsetzlich ... Alwa Ist denn mein Vater hier? Lulu Er hat ein Glas mit ihm getrunken. Er mute auf die Brse. -- Wir dejeunieren aber doch vorher? Alwa Wann geht es denn an? Lulu Nach zwei. (Da Alwa Schigolch mit dem Blick folgt) Wie findest du mich ...? Schigolch (ber die Galerie ab) Alwa Sollte ich dir das nicht lieber verschweigen? Lulu Ich meine ja nur die Toilette. Alwa Deine Schneiderin kennt dich offenbar besser als ich -- mir erlauben darf, dich zu kennen. Lulu Als ich mich im Spiegel sah, htte ich ein Mann sein wollen ... (Sich unterbrechend) mein Mann! -- Alwa Du scheinst deinen Mann um das Glck zu beneiden, das du ihm bietest. (Lulu links, Alwa rechts vom Mitteltisch. Er betrachtet sie mit scheuem Wohlgefallen.) Ferdinand (durch die Mitte mit Service, deckt den Tisch und legt zwei Kuverts auf; Flasche Pommery, Hors d'Oeuvres). Alwa Haben Sie Zahnschmerzen? Lulu (zu Alwa hinber) Nicht. Ferdinand Herr Doktor ...? Alwa Er scheint mir heute so weinerlich. Ferdinand (durch die Zhne) Man ist auch nur ein Mensch. -- -- (Ab) (Beide setzen sich zu Tisch) Lulu -- Was ich immer am hchsten an dir schtzte, ist deine Charakterfestigkeit. Du bist deiner so vollkommen sicher! Wenn du auch frchten mutest, dich deshalb mit deinem Vater zu berwerfen, du bist trotzdem immer wie ein Bruder fr mich eingetreten. Alwa Lassen wir das. Es ist nun einmal mein Los ... (Er will vorne die Tischdecke heben.) Lulu (rasch) Das war ich. Alwa Nicht mglich! -- Es ist nun einmal mein Los, bei den leichtsinnigsten Gedanken immer das allerbeste zu erzielen. Lulu Du redest dir etwas ein, wenn du dich vor dir selber schlecht machst. Alwa Warum schmeichelst du mir so? -- Es ist wahr, es lebt vielleicht kein so schlechter Mensch wie ich -- der so viel Gutes zuwege gebracht htte. Lulu Auf jedenfall bist du der einzige Mann auf dieser Welt, der mich beschtzt hat, ohne mich vor mir selbst zu erniedrigen! Alwa Hltst du das fr so leicht ...? Achter Auftritt Schn. Die Vorigen. Schn (erscheint auf der Galerie zwischen den beiden mittleren Sulen, indem er vorsichtig den Vorhang teilt. ber die Bhne wegsprechend) Mein eigener Sohn! Alwa ... Mit deinen Gottesgaben macht man seine Umgebung zu Verbrechern, ohne sich's trumen zu lassen. -- Ich bin auch nur Fleisch und Blut, und wenn wir nicht wie Geschwister nebeneinander aufgewachsen wren ... Lulu Deshalb gebe ich mich auch nur dir allein ganz ohne Rckhalt. Von dir habe ich nichts zu frchten. Alwa Ich versichere dir, es gibt Augenblicke, wo man gewrtig ist, sein ganzes Innere einstrzen zu sehen. -- Je mehr Selbstberwindung ein Mann sich aufbrdet, um so leichter bricht er zusammen. Darber hilft nichts hinweg als ... (er will unter den Tisch sehen) Lulu (rasch) Was suchst du denn?! Alwa Ich beschwre dich, la mich mein Glaubensbekenntnis fr mich behalten! Als unantastbares Heiligtum warst du mir mehr, als du in deinem Leben mit all deinen Gaben irgend sonst jemandem sein konntest! Lulu Wie denkst du darin doch so ganz anders als dein Vater! Ferdinand (kommt durch die Mitte, wechselt die Teller und serviert Brathhnchen mit Salat). Alwa (zu Ferdinand) Sind Sie krank? Lulu (zu Alwa) La ihn doch! Alwa Er zittert wie im Fieber. Ferdinand Ich bin das Servieren noch nicht so gewohnt. Alwa Sie mssen sich was verschreiben lassen. Ferdinand (durch die Zhne) Ich kutschiere gewhnlich. -- -- (Ab) Schn (auf der Galerie, ber die Bhne wegsprechend) Der also auch. (Nimmt hinter der Brstung Platz, sich nach Erfordernis mit dem Vorhang deckend.) Lulu Was sind das fr Augenblicke, von denen du sprachst, wo man gewrtig ist, sein ganzes Innere zusammenstrzen zu sehen? Alwa Ich _wollte_ nicht davon sprechen. -- Ich mchte nicht gern ber einem Glas Champagner verscherzen, was mir whrend zehn Jahren mein hchstes Lebensglck gewesen. Lulu Ich habe dir weh getan. Ich will nicht wieder davon anfangen. Alwa Versprichst du mir das fr immer? Lulu Meine Hand darauf. (Reicht ihm ihre Hand ber den Tisch) Alwa (ergreift sie zgernd, pret sie in der seinigen, drckt sie lang und innig an seine Lippen) Lulu Was tust du ... Rodrigo (steckt rechts den Kopf aus den Gardinen) Lulu (wirft ihm ber Alwa hinweg einen wtenden Blick zu) Rodrigo (zieht sich zurck) Schn (auf der Galerie, ber die Bhne wegsprechend) Und da ist noch einer! Alwa (ihre Hand haltend) Eine Seele -- die sich im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt ... O diese Hand ... Lulu (harmlos) Was findest du daran ... Alwa Einen Arm ... Lulu Was findest du daran ... Alwa Einen Krper ... Lulu (unschuldig) Was findest du daran ... Alwa (erregt) Mignon! Lulu (vllig verstndnislos) Was findest du daran ... Alwa (leidenschaftlich) Mignon! Mignon! Lulu (wirft sich auf die Ottomane) Sieh mich nicht so an -- um Gottes willen! La uns lieber gehen, ehe es zu spt ist. Du bist ein verworfener Mensch! Alwa Ich sagte dir ja, ich bin der niedertrchtigste Schurke ... Lulu Das sehe ich!! Alwa Ich habe kein Ehrgefhl -- keinen Stolz ... Lulu Du hltst mich fr deinesgleichen! Alwa Du? -- du stehst so himmelhoch ber mir wie -- wie die Sonne ber dem Abgrund ... (Kniend) Richte mich zu Grunde! -- Ich bitte dich, mach' ein Ende mit mir! -- Mach' ein Ende mit mir! Lulu _Liebst_ du mich denn? Alwa Ich bezahle dich mit allem, was mein war! Lulu Liebst du mich?! Alwa Liebst du mich -- Mignon ...? Lulu Ich? -- Keine Seele. Alwa Ich _liebe_ dich. (Birgt seinen Kopf in ihrem Scho) Lulu (beide Hnde in seinen Locken) -- Ich habe deine Mutter vergiftet ... Rodrigo (steckt rechts den Kopf aus den Gardinen, sieht Schn auf der Galerie sitzen und macht ihn durch Zeichen auf Lulu und Alwa aufmerksam) Schn (richtet seinen Revolver gegen Rodrigo) Rodrigo (bedeutet ihn, den Revolver auf Alwa zu richten) Schn (spannt den Revolver und zielt auf Rodrigo) Rodrigo (fhrt hinter die Gardinen zurck) Lulu (sieht Rodrigo zurckfahren, sieht Schn auf der Galerie sitzen, erhebt sich) Sein Vater! Schn (erhebt sich, lt den Vorhang vor sich nieder) Alwa (bleibt regungslos auf den Knieen) (Pause) Schn (eine Zeitung in der Hand, nimmt Alwa bei der Schulter) Alwa! Alwa (erhebt sich wie schlaftrunken) Schn In Paris ist Revolution ausgebrochen. Alwa Nach Paris ... la mich nach Paris ... Schn Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand. Keiner wei, was er schreiben soll ... (Entfaltet das Zeitungsblatt, geleitet Alwa durch die Mitte hinaus) Rodrigo (strzt rechts aus den Gardinen, will die Treppe hinan) Lulu (vertritt ihm den Weg) Sie knnen hier nicht hinaus. Rodrigo Lassen Sie mich durch! Lulu Sie rennen ihm in die Arme. Rodrigo Er jagt mir sein Pistol durch den Kopf. Lulu Er kommt. Rodrigo (zurcktaumelnd) Himmel, Tod und Wolkenbruch! (Hebt die Tischdecke) Hugenberg Kein Platz! Rodrigo Verdammt und zugenht! (Sieht sich um, verbirgt sich links hinter der Portiere) Schn (durch die Mitte, verschliet die Tr, geht, den Revolver in der Hand, auf das Fenster rechts vorn zu, schlgt die Gardine in die Hhe) -- Wo ist denn _der_ hin? Lulu (auf den untersten Treppenstufen) Hinaus. Schn ber den Balkon hinunter?? Lulu Er ist Kunstturner. Schn Das war nicht vorauszusehen. -- (sich gegen Lulu wendend) Du Kreatur, die mich durch den Straenkot zum Martertode schleift! Lulu Warum hast du mich nicht besser erzogen? Schn Du Wrgengel! Du unabwendbares Verhngnis! Mrder werden oder im Schmutz ertrinken; mich einschiffen wie ein entlassener Strfling, oder mich ber dem Morast aufhngen. Du Freude meines Alters! Du Henkerstrick! Lulu (kaltbltig) Schweig doch und bring mich um! Schn Ich habe dir Hab und Gut verschrieben und nichts gefordert, als die Achtung, die meinem Haus jeder Dienstbote zollt. Dein Kredit ist erschpft! Lulu Ich kann noch auf Jahre fr meine Rechnung einstehen. (Von der Treppe nach vorn kommend) Wie gefllt dir mein neues Kleid? Schn Weg mit dir, sonst schlgt's mir morgen ber den Kopf, und mein Sohn schwimmt in seinem Blute. Du haftest mir als unheilbare Seuche an, an der ich bis in mein Grab meine Lebenszge verchzen soll. Ich will mich heilen. Begreifst du mich? (Ihr den Revolver aufdrngend) Das ist dein Specificum. -- Brich nicht in die Knie! -- Du sollst es dir selbst applizieren. Du oder ich, wir messen uns. Lulu (hat sich, da die Krfte sie zu verlassen drohen, auf den Diwan niedergelassen; den Revolver hin und herdrehend) Das geht ja nicht los. Schn Weit du noch, wie ich dich der Korrektionspolizei aus den Krallen ri? Lulu Du hast viel Zutrauen ... Schn Weil ich eine Dirne nicht frchte? Soll ich dir die Hand fhren? Hast du selbst kein Erbarmen mit dir? (Da Lulu den Revolver gegen ihn richtet) Keinen blinden Lrm! Lulu (knallt einen Schu gegen den Plafond) Rodrigo (springt aus der Portiere, die Treppe hinauf, ber die Galerie ab). Schn Was war das ...? Lulu (harmlos) Nichts. Schn (die Portiere hebend) Was kam da herausgeflattert? Lulu Du leidest an Verfolgungswahn. Schn -- Hltst du noch mehr Mnner hier versteckt? (Ihr den Revolver entreiend) Ist sonst noch ein Mann bei dir zu Besuch? (Nach rechts gehend) Ich will deine Mnner regalieren! (Schlgt die Fenstergardinen in die Hhe, wirft den Kaminschirm zurck, packt die Geschwitz am Kragen und schleppt sie nach vorn) Kommen Sie durch den Rauchfang herunter? Geschwitz (in Todesangst zu Lulu) Retten Sie mich vor ihm. Schn (sie schttelnd) Oder sind Sie auch Kunstturner? Geschwitz (wimmernd) Sie tun mir weh. Schn (sie schttelnd) Jetzt mssen Sie notwendig noch zum Diner bleiben. (Schleppt sie nach links, stt sie ins Nebenzimmer, verschliet die Tr hinter ihr) Wir wollen keine Ausrufer. (Setzt sich neben Lulu, drngt ihr den Revolver auf) Es ist noch genug fr dich drin. -- Sieh mich an! Ich kann in meinem Haus meinem Kutscher nicht helfen, mir die Stirn zu verzieren. Sieh mich an! Ich bezahle meinen Kutscher. Sieh mich an! Vergnne ich meinem Kutscher was, wenn ich den infamen Stallgeruch nicht verschnupfen kann? Lulu La anspannen. Bitte. Wir fahren in die Oper. Schn Wir fahren zum Teufel! Jetzt kutschiere ich. (Den Revolver in ihrer Hand von sich ab und auf Lulus Brust wendend) Glaubst du, man lt sich mihandeln, wie du mich mihandelst, und besinnt sich zwischen einer Galeerenschande von Lebensabend und dem Verdienst, die Welt von _dir_ zu befreien? (Hlt sie am Arm nieder) Komm zu Ende. Es soll mir die glcklichste Erinnerung meines Lebens sein. Drck' los! Lulu -- Du kannst dich scheiden lassen. Schn (sich erhebend) Das war noch brig. Damit morgen ein Nchster seinen Zeitvertreib findet, wo ich von Abgrund zu Abgrund geschaudert, den Selbstmord im Nacken und _dich_ vor mir. Das wagt sich dir ber die Lippen? Was ich von meinem Leben in dich hineingelebt, soll ich wilden Tieren vorgeworfen sehen? Siehst du dein Bett mit dem Schlachtopfer darauf? Der Junge hat Heimweh nach dir. -- Hast du dich scheiden lassen? Du hast ihn unter die Fe getreten, ihm das Gehirn ausgeschlagen, sein Blut in Goldstcken aufgefangen. Ich mich scheiden lassen! Lt man sich scheiden, wenn die Menschen ineinander hineingewachsen und der halbe Mensch mitgeht? (Nach dem Revolver langend) Gib her. Lulu Erbarmen! Schn Ich will dir die Mhe abnehmen. Lulu (reit sich von ihm los, den Revolver niederhaltend, in entschiedenem selbstbewuten Ton) -- Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben, so setzt das meinen Wert nicht herab. -- Du hast so gut gewut, weswegen du mich zur Frau nimmst, wie ich gewut habe, weswegen ich dich zum Mann nehme. -- Du hattest deine besten Freunde mit mir betrogen, du konntest nicht gut auch noch dich selber mit mir betrgen. -- Wenn du mir deinen Lebensabend zum Opfer bringst, so hast du meine ganze Jugend dafr gehabt. Du verstehst dich zehnmal besser als ich darauf, was hher im Wert steht. Ich habe nie in der Welt etwas anderes scheinen wollen, als wofr man mich genommen hat, und man hat mich nie in der Welt fr etwas anderes genommen, als was ich bin. -- Du willst mich dazu zwingen, mir eine Kugel ins Herz zu jagen. Ich bin keine sechzehn Jahre mehr; aber um mir eine Kugel ins Herz zu jagen, dafr bin ich mir doch noch zu jung! Schn (auf sie eindringend) Nieder, Mrderin! Nieder mit dir! In die Knie, Mrderin! (Er drngt sie bis vor die Treppe. Die Hand erhebend) Nieder -- und wage nicht wieder aufzustehn! Lulu (ist in die Knie gesunken). Schn Bete zu Gott, Mrderin, da er dir Kraft gibt! Flehe zum Himmel, da er dir die Kraft dazu verleiht! Hugenberg (unter dem Tisch aufspringend, den Sessel beiseite stoend) Hilfe! Schn (wendet sich gegen Hugenberg, Lulu den Rcken kehrend). Lulu (feuert fnf Schsse gegen Schn und hrt nicht auf, den Revolver abzudrcken). Schn (vornberstrzend, von Hugenberg aufgefangen, der ihn in den Sessel niederlt) Und -- da -- ist -- noch -- einer ... Lulu (auf Schn zustrzend) Allbarmherziger ... Schn Aus meinen Augen! -- -- -- Alwa! Lulu (auf den Knien) Der Einzige, den ich geliebt! Schn Dirne! Mrderin! -- Alwa! Alwa! -- Wasser! Lulu Wasser; er verdurstet. (Fllt ein Glas mit Champagner und setzt es Schn an die Lippen) Alwa (kommt ber die Galerie, die Treppe herunter) Mein Vater! Um Gottes willen, mein Vater! Lulu Ich habe ihn erschossen. Hugenberg Sie ist unschuldig! Schn (zu Alwa) Du bist es. Es ist miglckt. Alwa (will ihn aufheben) Du mut zu Bett. Komm. Schn Fa mich nicht so an. -- Ich verdorre ... Lulu (kommt mit dem Champagnerkelch). Schn (zu Lulu) Du bleibst dir gleich. (Nachdem er getrunken, zu Alwa) La sie nicht entkommen. -- Du bist der Nchste ... Alwa (zu Hugenberg) Helfen Sie mir, ihn aufs Bett bringen. Schn Nein, nein, bitte, nein. Sekt, Mrderin ... Alwa (zu Hugenberg) Fassen Sie mit an. (nach links deutend) Ins Schlafzimmer. (Beide richten Schn empor und fhren ihn nach rechts. Lulu bleibt neben dem Tisch, das Glas in der Hand) Schn (sthnend) O Gott, o Gott, o Gott ... Alwa (findet die Tr verschlossen, dreht den Schlssel und ffnet) Grfin Geschwitz (tritt heraus) Schn (sich bei ihrem Anblick steif emporrichtend) Der Teufel! -- (schlgt rcklings auf den Teppich) Lulu (wirft sich neben ihn, nimmt seinen Kopf auf den Scho, kt ihn) Er hat es berstanden. -- (Richtet sich auf, will die Treppe hinan) Alwa Nicht von der Stelle! -- Geschwitz (zu Lulu) Ich glaubte, du wrest es. Lulu (sich vor Alwa niederwerfend) Du kannst mich nicht dem Gericht ausliefern. Es ist _mein_ Kopf, den man mir abschlgt. Ich habe ihn erschossen, weil er mich erschieen wollte. Ich habe keinen Menschen auf der Welt geliebt, als _ihn_. Alwa, verlang, was du willst. La mich nicht der Gerechtigkeit in die Hnde fallen. Es ist schade um mich! Ich bin noch jung. Ich will dir treu sein mein Leben lang. Ich will nur dir allein gehren. Sieh mich an, Alwa. -- Mensch, sieh mich an! Sieh mich an! (Von auen wird an die Tre gepoltert) Alwa Die Polizei. (Geht um zu ffnen) Hugenberg Ich werde von der Schule gejagt. Georg Mller Verlag Mnchen Frank Wedekind Die junge Welt. Komdie in drei Aufzgen. 2. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M. Frhlings Erwachen. Eine Kindertragdie. 25. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M. Der Liebestrank. Schwank in drei Aufzgen. 2. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M. Erdgeist. (Lulu, I. Teil.) Eine Tragdie. 3. Auflage. 2.50 M., gebunden 3.50 M. Die vier Jahreszeiten. Gedichte. 4. Auflage. 3.-- M., gebunden 4.-- M. Feuerwerk. Erzhlungen. 4. und 5. Auflage. 3.-- M., gebunden 4.-- M. Der Kammersnger. Drei Szenen. 4. Auflage. 1.50 M., gebunden 2.50 M. Der Marquis von Keith. Schauspiel in fnf Aufzgen. 2. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M. Die Bchse der Pandora. (Lulu, II. Teil.) Tragdie in drei Aufzgen. Neu bearbeitet und mit einem Vorwort versehen. 5. und 6. Auflage. 3.-- M., gebunden 4.-- M. 7. neubearbeitete Bhnenausgabe geheftet 2.-- M., gebunden 3.-- M. So ist das Leben. Schauspiel in fnf Akten. 2. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M. Knig Nicolo oder So ist das Leben. Schauspiel in drei Aufzgen. 3. Auflage. geheftet 2.-- M., gebunden 3.-- M. Tod und Teufel. (Totentanz.) Drei Szenen. 3. und 4. Auflage. 1.50 M., gebunden 2.50 M. Musik. Sittengemlde in vier Bildern. 3. und 4. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M. Karl Hetmann, der Zwergriese (Hidalla). Schauspiel in fnf Akten. 5. Auflage. 2.-- M., gebunden 3.-- M. Die Zensur. Theodizee in einem Akt. 2.20 M., gebunden 3.20 M. Oaha. Schauspiel in fnf Aufzgen. 2. Auflage. 3.-- M., gebunden 4.-- M. In allen Stteln gerecht. Komdie in einem Aufzug. 2. Auflage. 1.50 M., gebunden 2.50 M. Mit allen Hunden gehetzt. Schauspiel in einem Aufzug. 2. Auflage. 1.50 M., gebunden 2.50 M. In allen Wassern gewaschen. Tragdie in einem Aufzug. 2. Auflage. 1.50 M., gebunden 2.50 M. Schauspielkunst. Ein Glossarium. 2. Auflage. Geh. 1.-- M. Franziska. Ein modernes Mysterium in fnf Akten. 1. bis 3. Auflage. 3.-- M., gebunden 4.50 M., Luxusausgabe 20.-- M. In Vorbereitung befinden sich: Frank Wedekinds Gesammelte Werke in 6 Bnden, der Band geheftet 4.-- M., gebunden 5.50 M. Luxusausgabe (150 Exemplare) auf Btten in Ganzleder 20.-- M. In allen Buchhandlungen erhltlich oder direkt vom Verlag. Anmerkungen zur Transkription Der Text folgt der Ausgabe im Georg Mller Verlag, Mnchen und Leipzig, 1912. Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben, korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 35]: ... Wer will das je im Vorraus beurteilen! ... ... Wer will das je im Voraus beurteilen! ... [S. 37]: ... doch Ihr Ballet? ... ... doch Ihr Ballett? ... [S. 42]: ... Hren sie nicht? ... ... Hren Sie nicht? ... [S. 78]: ... Posaune leben und auf alle himmlichen Freuden ... ... Posaune leben und auf alle himmlischen Freuden ... [S. 79]: ... beisetzen lassen. -- Mit den Vorturteilen sind wir ... ... beisetzen lassen. -- Mit den Vorurteilen sind wir ... [S. 82]: ... Da wei ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darber ... ... Das wei ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darber ... [S. 109]: ... Bringen sie das hinber. ... ... Bringen Sie das hinber. ... [S. 112]: ... ganzen Leben in Trmmer! ... ... ganzes Leben in Trmmer! ... [S. 123]: ... (tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fufreien ... ... (tritt hinter der spanischen Wand vor, in antikem fufreiem ... [S. 123]: ... rmellosen weien Kleid mit rotem Saum, einen ... ... rmellosem weiem Kleid mit rotem Saum, einen ... [S. 127]: ... Warum schreiben Sie ihre Stcke denn nicht ... ... Warum schreiben Sie Ihre Stcke denn nicht ... [S. 128]: ... Ich habe ihre Rolle doch mit allen erdenklichen ... ... Ich habe Ihre Rolle doch mit allen erdenklichen ... [S. 139]: ... (Klatschen und Bravorufe wird hrbar) Wer mir den ... ... (Klatschen und Bravorufen wird hrbar) Wer mir den ... [S. 144]: ... So schlecht sie wollen. (Da von auen gepocht ... ... So schlecht Sie wollen. (Da von auen gepocht ... [S. 145]: ... Auch wenn sie ber meiner Schamlosigkeit ... ... Auch wenn Sie ber meiner Schamlosigkeit ... [S. 149]: ... Miene zum bsen Spiel gemacht. -- Sie kreiren ... ... Miene zum bsen Spiel gemacht. -- Sie kreieren ... [S. 155]: ... und ihr einen flehendlichen Blick zuwirft) Schreiben ... ... und ihr einen flehentlichen Blick zuwirft) Schreiben ... [S. 156]: ... Ich gebe ihnen mein Wort, da ich Ihrer ... ... Ich gebe Ihnen mein Wort, da ich Ihrer ... [S. 172]: ... Wie heit den ihr Vater? ... ... Wie heit denn ihr Vater? ... [S. 191]: ... Lt man sich scheiden, wenn die Menschen ineineinder ... ... Lt man sich scheiden, wenn die Menschen ineinander ... End of the Project Gutenberg EBook of Erdgeist, by Frank Wedekind License: Share Alike