E-text prepared by Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by the Google Books Library Project (https://books.google.com) Note: Images of the original pages are available through the Google Books Library Project. See https://books.google.com/books?id=EnDHAAAAMAAJ&hl=en DER WEG OHNE HEIMKEHR Zweite Auflage ARMIN T. WEGNER DER WEG OHNE HEIMKEHR Ein Martyrium in Briefen Im Sibyllen-Verlag zu Dresden Alle Rechte, besonders das der bersetzung, vorbehalten. Copyright 1920 by Sibyllen-Verlag, G. m. b. H., Dresden. Fr ein greises geliebtes Haupt Die groe Palme und der kleine Schling sind dahingegangen. Ich blieb allein zurck. Aus einem arabischen Liede. Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote gerichtet. Als ich sie schrieb, wute ich nicht, da ich sie einmal zu einem Buche vereinen wrde. Aber im Angesicht der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont einer ausgebrannten Steppe, wurde unwillkrlich der Wunsch in mir wach, in diesen vielleicht letzten uerungen des Daseins ber die persnlichen Freunde hinaus einer greren, unsichtbaren Gemeinde etwas von dem zu sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch dann nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den Mauern einer auf viele Meilen in die Einsamkeit verbannten Stadt jenen letzten Abschiedsbrief schrieb und nach menschlichen berzeugungen mit dem Tode rechnen mute. Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland gedruckt, wo sie leidenschaftliche Erregung erweckten; einer, den die Zensur aufgriff, verursachte spter meine Rckberufung aus der Trkei. Dies, sowie die emprte Anteilnahme, die mich zu jenem unglcklichen Volke zog, dessen furchtbaren Untergang ich erleben mute, waren der Grund, da man mir nach meiner Rckkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in diesem Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit seiner heroischen Landschaft, die Flle der erfahrenen Leiden liebgewonnen hatte, versagte. Als sich meine Abreise von Konstantinopel durch die Schwierigkeiten der Behrden verzgerte, wurde ich durch Soldaten der deutschen Militrmission verhaftet und bis zu meiner zwangsweisen Abfahrt auf einem Dampfer im Goldenen Horn interniert. So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit der Wenigen, fr die sie bestimmt waren, sondern wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen erfllten Weges, bemht, einen Ausdruck zu finden fr die Kmpfe des Menschen dieser Zeit, als noch der Glaube einsamer Seelen war, was viele jetzt laut auf den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen Strae, auf der ein unbekanntes Schicksal mich verschont hatte, nicht wieder zurckkehren. Ist es das eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der Atem der getteten Heimat, die mich vergeblich nach Menschen, Gedanken, Zustnden suchen lt, die ich verlassen habe, um sie nie mehr zu finden? _Berlin_, Januar 1919. A. T. W. Der Weg ohne Heimkehr An die Gromutter Konstantinopel, den 24. Oktober 1915. In einem Hotelzimmer. Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder hinter mir, ich kann seine Kste nicht mehr schauen. Ich wei nicht, war ich der Schwimmer, der sich mit einem jhen Ruck von seinem Strande losri, oder war es das Land selbst, das sich ablste von mir, das eine unendliche Weite zwischen uns stie, whrend ich, die geliebte Kste vor Augen, hinter der Brandung kmpfe, die mich immer weiter hinaustrgt. Noch sehe ich das Haar Deiner Schlfe, das sanfte, melancholische Blau Deines Auges. Aber hier ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr unterscheiden. Mein alter Kamerad! Denn so darf ich wohl sagen, nun wir zehn Jahre und mehr miteinander geschritten sind. Du freilich schon lnger mit mir. Aber erst in spteren Tagen fingst Du an, mir jene tiefe Liebe entgegenzubringen, hinter der mein Dank nur immer zu weit zurckbleibt, vor der alle Hoffnungen und Ergebnisse meines Lebens nur die Frchte Deiner Mhen und Zrtlichkeiten sind. Diese Liebe, die es dazu gebracht hat, da eine alte Frau, mit den unendlichsten Augen, die ich kenne, weihaarig und schon einmal vom Tode umfangen, immer das Glck und die Weisheit meiner Jugend gewesen ist. Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand ihn, eine alternde Ruine, dem Umfallen nahe. Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden ehe ich reiste, der Wagen war bestellt und wir saen beim Nachtmahl, schwankte der Vater, von einer pltzlichen belkeit befallen, gegen den Tisch. Eine Leichenblsse stieg ihm mit schreckhafter Geschwindigkeit in das Gesicht. Mutter und ich sahen ihn an. Wir saen ganz ruhig. In der Tiefe meines Herzens war ein Gerusch, als hmmerte jemand unten im Keller. Wir dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie Grovater gestorben ist. Ich fhlte eine grauenhafte Leere durch meinen Krper gehen. Aber es war nur ein Augenblick, dann ging es vorber, noch einmal vorber. Wir legten den Vater auf das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber wir hatten alles in dieser einen Sekunde gefhlt. Mutter begann unter der Last dieses Schreckens zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt? Ich aber fhlte, was ich immer gewut habe, da dieser Tod nur ein Schrecken, kein reiner Schmerz fr mich sein wird. Sollte ich die Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte ich die Ursache meines Daseins nicht hassen? Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte, und eine furchtbare Angst ergriff mich. Der Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte, und blickte wie ein Abwesender an ihm vorber. Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert atmete ich auf. Welch eine furchtbare Marter wre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters willen zu bleiben. Wie gerne htte ich um eine Stunde an der Seite dieser schmerzzerrissenen Mutter gebettelt. Aller Besinnung beraubt rannte ich durch die Wohnung wie durch die Rume eines brennenden Hauses und schaute mich voll Verzweiflung um, was ich noch aufraffen und mitnehmen knnte. Mein Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber dies war kein Bild, das ich in die Hand nehmen und forttragen konnte. Jetzt lste es sich ab von mir, schwankte, ein trnenbeladener Kahn, in den Abgrund hinunter. Mein Vater stand neben mir, aber es war nicht, als stnde ein Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht, ein wankender Torbogen, durch dessen ffnung ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir kein Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und ich ging doch hinaus, um bei dem Tode zu wohnen. Ich streichelte ber seine runzlige Wange, wie man ber die Risse eines alten Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten knne, und fhlte, wie unfhig ich war, diesem alternden Manne noch jemals eine Freude zu bereiten. Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in die Nacht hinaus, die grauenvolle Ruine dieses Gesichtes im Gedchtnis und das trnenberstrmte Antlitz meiner Mutter (o du ber alles geliebte Landschaft im Regentag!), die in diesem Augenblick zwei Menschen zu verlieren frchtete. Ich legte meinen Kopf zwischen die Soldaten auf die Holzbank, froh, Deutschland wieder hinter mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges, der mich sonst noch in den traurigsten Stunden, das Rollen der Rder und die wandernde Landschaft unter mir, mit Freude erfllt hatte, konnte mir keine Erlsung bringen. Auch in meiner Seele war nichts als Lrm und Rderrollen. Ich war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit um seine eigene Achse gedreht, und in diesem trostreichen Bewutsein ging alles Denken unter. Die Reise, durch Mhsal und Hlichkeiten auseinander gezerrt, dehnte sich ber viele Tage, und je lnger sie whrte, um so mehr wuchs der Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland stellte. Erst heute habe ich das Buch geffnet, das du mir mitgegeben hast, habe die Bezge fr das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen. Heute nacht werde ich darauf schlafen. Wieder sehe ich Deine gromtterliche Stirn sich auf mich neigen. Wie das Gaslicht auf der schwarzen Seide Deines Kleides glnzt. Fhle die weiche Blte Deines Mundes an meinem Kinn. Mein alter Kamerad, warum wurdest Du, fnfundsiebzigjhrig, nicht nach mir geboren, um an meiner Seite, meine Gefhrtin, noch lange ber diese Lnder zu schreiten? Einmal wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir sein. Einmal werde ich sterben und Du wirst nicht bei mir sein. Ach, der Krieg hat alle Brcken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte Freude geblieben, aber auch diese noch ist nicht ungetrbt. Der erste meiner Freunde hat die Stufe des Todes betreten, der zweite den Fu auf seine Schwelle gesetzt. Ich fhle, wie sich die Wage mit Toten fllt. Werde ich Leben genug in mir haben, um allein in der anderen Schale das Gleichgewicht zu halten? Doch ob ich auch hier an der alten Strae der Glckseligkeit zwischen trojanischen Mnzen und trkischen Soldatengrbern verfaulen sollte, ein betrogener Liebhaber des Lebens, glaube nicht, da ich Dir verloren ginge, bin ich doch nur, Du Gtigste ber der Erde, ein Enkel, ein Teilchen, das Ende eines Knchelchens von Dir. Dein junger Kamerad. An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten Pera, den 7. November 1915. Mit dem Blick auf das Goldene Horn. Wenn du diesen Schlssel wieder in Hnden hltst, meine Liebe, so denke daran, da ich ihn an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, als ich mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, um auf einer kalten Diele die Wrme Deines Leibes zu finden. Durch so viele Lnder, durch so viele verschiedenartige Stunden des Tages habe ich ihn bei mir getragen, das Letzte, was ich von Dir besa, und jedesmal, wenn ich ihn zufllig in meiner Tasche fhlte, weckte er alle heien, o so greifbar nahen Bilder von neuem in mir auf, da ich ihn lieb gewonnen habe und mich nur ungern von ihm trenne, als wre dies nicht nur der Schlssel zu Deinem Hause, sondern auch Deines Herzens und der Pfrtner aller Glckseligkeit. Das erste Mal fhlte ich ihn bei mir, als ich in Budapest in einem Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame gegenber sa, die mit ihrem Schohund spielte: _O mon Joujou, que veux tu donc? As tu faim?_ Denn Sie mssen wissen, mein Herr, er ist ein kleiner Franzose. Er ist aus Paris geflohen und hat Lttich mitgemacht. _Ah mon petit, donne moi un baiser ...!_ Und sie reichte ihm ein Stckchen gerstetes, mit Butter bestrichenes Brot. In Bukarest aber legte ich den Schlssel wie eine Waffe vor mir auf den Nachttisch, ngstlich auf jeden Schritt in den weiten Hotelgngen lauschend, erschrocken wie ein Spion, verhaftet zu werden, aufgespiet von den Blicken der Vorbergehenden, und nach einer Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhren mit gehssigem Lachen das Bild unseres Kaisers in den Schmutz zog. _Ah, le Kaiser, le fou_, sagte er, sich den Schnurrbart streichend, fett und widerwrtig wie ein Flaubertscher Landpchter. Schlielich lie ich den Schlssel auf der Galatabrcke in der hellen Sonne funkeln, als ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von Dir in der Hand hielt. Nun, hier ist er, Erinnerung, Glcksbringer, Waffe und Reisebegleiter, ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, das liebebeladen in den Hafen zurckschwimmt, das Dir Gre und Dank bringt fr jene von Dir so rhrend mit eigener Hand gebundenen portugiesischen Briefe, die ich so sehr liebe und die mich immer von neuem in Erstaunen setzen, da es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu lieben wuten. Ach, ich knnte mir vorstellen, da Du, des Schlssels beraubt, die ganze Zeit ber gefangen in Deinem Hause gesessen hast, nur mit meinem Schatten lebend, und dieser Gedanke knnte mich fast bewegen, ihn auch jetzt bei mir zu behalten und weiter mit in die Wste zu nehmen, wohin ich in diesen Tagen reise. ber das schimmernde Wasser blickend, neige ich mich in der heien Sonne ber die Brstung, und nachdem ich so viele kostbare und unwiderbringliche Schtze in den grundlosen Brunnen des Frauenherzens hinabgeworfen habe, berkommt mich eine warme Verlockung, in stiller Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von Dir zu empfangen. An die Eltern Konstantinopel, den 2. Nov. 1915. Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes. Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, werde ich schon weit von diesem Lande sein. Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die Militrmission eingetreten, man hat mich all meiner Chargen beraubt, und ich bin nichts als ein einfacher Sanittssoldat, mit einer so niedrigen Lhnung, da ich nicht wei, wie ich leben soll. Ich werde zwischen trkischen Soldaten schlafen und mich von Abfllen nhren wie eine Ratte. Dennoch habe ich Glck gehabt. Ich bin dem Stabe des Feldmarschalles von der Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr habe ich mich um diese Stelle bemht. Fnf Tage lang suchte ich meinen beschleunigten Puls durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen, um tropentauglich befunden zu werden. Dabei jagte ihn meine innere Erregung, die fieberhafte Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens fr mich stets aus eigener Kraft und nun wieder neu zu gestalten, jedesmal ber achtzig Schlge hinauf, sobald ich die Treppe des Kriegsministeriums betrat. Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte ich das Ruder meines Lebens in der Hand. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen. Ich bin mir wohl bewut, welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehrt, ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat geworden wie andere, meine Seele ist vogelfrei, man kann mich nach Deutschland und in die Grben von Soissons schicken, man kann tun mit mir, was man will. Schlielich kann in einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem dunklen Lasso entgehen, der stndig um unser Haupt schwirrt. Denn niemand kann die Wechselflle des Lebens voraussehen, die mich immer gerstet finden, wenn es sein mu auch zum Tode. Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe fr mich, nicht fr das Vaterland. Wie unsagbar traurig bin ich, da ich es nicht um der Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich diesen Schritt getan, habe mein Leben eingesetzt fr die Schtze meiner Seele. Wie glcklich ich bin. In einer Woche werden wir reisen. Seht ihr jene Kavalkade von Reitern, mit fliegendem Kalpak, mit klirrendem Sbel, schaukelnden Epauletten und goldenen Schnren ber der Brust? Wie sie am Rande der Wste hinreiten, jetzt durch Wasser, jetzt einen Hgel hinan. Unter ihnen ist einer von schlanker Gestalt, gro, den Kopf ein wenig vornbergebeugt. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der Offiziere? Nein, er trgt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Es ist Euer Sohn. Er ist glcklich, auch hier das Leben als ein Untergebener kennenzulernen; denn nie sehen wir die guten und schlechten Seiten der Menschen so scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind. Mit zitternd geffneten Augen folgt er ihnen, immer gewillt zu verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, und immer bereit, sich vor dem Leben zu beugen. Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. Noch eben in dieser Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Strae. Wo heute? Wo morgen? Deutsche Militrmission, Sanittssoldat. An eine Schwester von Gl-Hane Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917 in der Treskaschlucht. In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain, den 26. November 1915. Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen im Rosenhaus! Noch sehe ich Sie in weien Hauben durch die Sle schreiten wie durch einen leuchtenden Garten. Aber die Rosen, die unter Ihren Hnden aufblhen, sind blutende Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das, von einer immer gut gelaunten, lustig zerzausten und hchst garstigen Diestel? Man reichte ihn mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah ich Ihre etwas bestrzten Gesichter vor mir, mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten. Heute sind wir ber den Amanus gefahren, vor zwei Tagen ber den Taurus. Nur von sprlichen Kiefernwldern bewachsen, erhob sich seine steinerne Masse wie die unter zu kurzer Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit eines sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto bis zur Seekrankheit hin und her geschttelt, bei fast vollem Mond in die geisterhafte zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif der Landstrae hinter uns herziehend, deutete jemand ber den Rauch nchtlicher Zeltdcher, die einsam in der Ebene standen, auf einen hellen Streifen in der Ferne, wo die Flammen verbrannter Baumwollstauden in die Finsternis leuchteten. Dort mute das Meer liegen. Und wie ich Abschied nehmend zum letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte, da schickte ich Ihnen so viele Gre in Ihr meerumgrtetes Haus und dachte wieder: Sie haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie wirklich schlecht gehen! Wie schn, wenn am Abend die schwarzen Winterstrme heraufkommen und die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herberbellen. Sich dann in dieser dunklen Stunde eine Kerze anzuznden (liebe Kerze, liebe kleine Seele ...), bedarf es mehr, um glcklich zu sein? Sie sagen, wenn gute Wnsche etwas vermchten, knnte mir nie ein Unglck zustoen, und fast will ich glauben, da Sie recht haben. Ich fhle, da ich lange nicht so lebendig gewesen bin, wie in diesen Tagen, trotz alles Elends, das mich umgibt. Denn die Rnder aller Straen sind mit den jammernden und hungernden Gestalten armenischer Flchtlinge besetzt, durch deren wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der sich tausend flehende Hnde recken, unsere Seelen ein schmerzliches Spierutenlaufen beginnen. Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von einem Gang durch das Lager zurckgekehrt. Von allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit, Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot und Verwesung stieg auf. Aus einem Zelte klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine Mutter, die an den dunkelvioletten Aufschlgen meiner Uniform meine Zugehrigkeit zur Sanittstruppe erkannte, eilte mit erhobenen Hnden auf mich zu. Mich fr einen Arzt haltend, klammerte sie sich mit letzter Kraft an mich rmsten, der ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir trug und dem es verboten war, ihr zu helfen. Dies alles aber wurde bertroffen durch den furchtbaren Anblick der tglich wachsenden Schar verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt hatte man ihnen eine Reihe von Lchern in die Erde gegraben, die mit alten Lappen bedeckt waren. Darunter saen sie, Kopf an Kopf, Knaben und Mdchen in jedem Alter, verwahrlost, vertiert, verhungert, ohne Nahrung und Brot, der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und vor der Nachtklte schaudernd aneinander gedrngt, ein kleines Stckchen glimmende Holzasche in der erstarrten Hand haltend, an dem sie vergeblich versuchten, sich zu wrmen. Einige weinten unaufhrlich. Ihr gelbes Haar hing ungeschnitten ber die Stirn, ihre Gesichter waren von Schmutz und Trnen verklebt. Andere lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen waren unergrndlich und von Leiden ausgegraben, und obwohl sie stumm vor sich hinblickten, schienen sie doch den bittersten Vorwurf gegen die Welt im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als htte das Schicksal alle Schrecken der Erde an den Eingang dieser Wste gestellt, uns noch einmal zu zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich, da ich klopfenden Herzens aus dem Lager eilte, und obwohl ich auf flacher Erde dahinschritt, erfate mich Schwindel, als brche der Boden zu beiden Seiten in einen Abgrund zusammen. Die Tler aller Berge, die Ufer aller Flsse sind von diesen Lagern des Elends erfllt. ber die Psse des Taurus und Amanus zieht sich dieser gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes, jener Hunderttausende von Verfluchten, der um den Fu der Berge brandet, um, schmler und schmler werdend, in unabsehbaren Zgen in die Ebene hinabzugleiten und in der Wste zu versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein Weg, von dem es keine Heimkehr gibt. Und ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich selber beschreiten werde, und denke mit einer mir ungewohnten und merkwrdigen Hrte des Gefhls: diese erfllen ihr Schicksal, erflle du das deine! So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke, vor der langhaarige Kinder mit wilder Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns verzehrten Orangen verschlingen, sitze die langen Abende auf den kleinen Bahnhfen ohne Licht in den Eisenbahnzgen und fhre mit den Kameraden die heitersten Gesprche ber den Tod. Da sind alte Farmer aus Sdwest unter uns, der Gesandte fr Persien, ein Stabsoffizier aus Chile. Mnner, die ihr halbes Leben in China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche Kaufleute aus Basra und Teheran. Die Nachricht, da die Schamas die Euphratlinie gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune versetzt; sie erzhlen denen, die zum ersten Male dieses Land betreten, von seinen vielen und mancherlei merkwrdigen Gefahren. Die reichhaltigste Speisekarte schner Todesarten wird aufgetischt: Beduinen werden dich, an ihren Roschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen. Nichtsahnend wirst du zu einem Bartscherer gehen und dich mit tdlicher Seuche anstecken. Die schnen Weintrauben, die du verzehrst, lassen dich an Cholera erkranken. Aus der Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfler und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein Gesicht zerfressen, sie entstellen dir Nase, Stirn und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt und zerfleischt flchtest du todkrank nach Bagdad oder dein Leichnam bleibt an der Strae liegen, den Schakalen zum Fra. Und das alles erzhlt man dir mit lchelndem Auge, als wre der Tod das heiterste Schaustck der Welt. Und auch du lchelst, gehst schlafen und beschliet im stillen bei dir achtsam zu sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um im nchsten Augenblick zu entdecken, da man dein Kochgeschirr in einer belriechenden Lache reinigt, die die Flchtlinge mit ihren Exkrementen beschmutzt haben. Ja, liebe Schwester, man mu an das Glck seines Schicksals glauben! Darum frchten Sie nicht fr mich, wenn ich jetzt so fremden und ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen Sie das ein wenig durchscheinende Gesicht, mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern Sie sich stets daran, da es Pflanzen mit blassen Blttern gibt, die, wenn sie auch oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische Krfte haben. Zu diesen gehre ich. Da Sie hier wren! Den Tag ber mit mir im Sattel zu sitzen und in die Steppe hinauszureiten, das wre ein Leben so recht nach Ihrer Lust und ein Gedenken Ihrer nordischen Heide. Ja, htten Sie es wahrgemacht und wren ein Junge geworden. Aber nun ist es zu spt, und wenn ich Ihnen auch ein paar Mnnerhosen schickte, so lang, da sie selbst fr eine hagere und ausgewachsene Diestel reichten ... es wre doch zu nichts ntze. 8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch. Traum auf dem Kelek Auf dem Tigris, den 10. Dezember 1915. Was meinen Sie nun, da ich hier bin, an einem so sagenhaft schimmernden Brunnen aller Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom hinab. Unter Schilfdchern, auf dem bewegten Boden luftgefllter Schluche, Htten und Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen Hhnern, Kisten und Wachtsoldaten liege ich auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt durch die Wste schmerzend, noch frstelnd von der Klte der eisigen Nchte, die das Wasser in unsern Schsseln gefrieren lie. Und das Flo dreht sich, ein lose auf den Wellen treibendes Blatt, bald hier, bald dort das Ufer berhrend, um langsam weiter den Strom hinabzugleiten. Hier also sprang die Welt aus dem Mutterscho. Aber die Brste sind lange versiegt, die so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch mu diese Erde getroffen haben, da sie so voller Erbarmen um Wasser bettelt. Und dennoch: _ex oriente lux_. Denn hier bin ich und meine Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit gleitet die Landschaft vorber. Weite Steinhalden, ausgetrocknete Flubetten, die Luft mit Schwefel erfllend, Urweltbilder, Sonnenuntergnge, schwarz, schwarz, blaurot, Berge wie Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird dieses Land seine Lippen ffnen, die der Staub verklebt hat, die welk wurden von Jahrhunderte altem Schweigen, um zu mir zu reden? Wenn es dunkelt, binden wir das Flo an einen Stein am Ufer, stolpern ein paar Schritte in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um ein Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit. Und wieder lege ich den Kopf zum Schlafe nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen Haus die Gedanken, treten aus der Tr und beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen ber das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe meinen Vater (die Vorhnge der Fenster sind herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten, sie gibt sich mir hin, zitternd besteige ich ihr Lager. Doch welche pltzliche Erregung ergreift mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald bin ich in einer Stadt, die vom Feinde erobert wird. Ich werde gefangen genommen, erschossen als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner Gromutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem Sarge her. Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt dieses Haus der Gedanken; Staub liegt auf der Schwelle seiner Tr. Ich fhle, wie ich mde geworden bin, so endlose Fernen liegen hinter mir. Lautlos gleitet das Flo weiter den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich nicht jetzt erst zu schlafen beginnen? An Carl Hauptmann Bagdad, den 25. Januar 1916. Diesseits des Tigris. Glauben Sie mir, mein verehrter vterlicher Freund, da ich es gewi nicht weniger bedauert habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem geliebten Hause verzichten zu mssen und wieder in die Wste zu ziehen, ohne in Mekka zu beten. Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese trge der Mund nchtlicher Gesprche in diese fremden und durchaus nicht eintnigen Tage! Ach, ich hre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr Gesicht im Schein der hohen Lampe nach vorne beugen, mir aus einem neuen Werke vorzulesen, sehe, wie Sie die Augen schlieen, mir zuzuhren, wenn ich selber erzhle. Aber statt dessen floh ich, von dunklen Bedrckungen verfolgt, aus Deutschland. War ich nach Hause gekommen, um neue Schmerzen zu den alten zu tragen? Man will es mir zum Vorwurf machen, da ich die Gte verkenne, die mir aus so vielen Herzen daheim liebend entgegenkam. Aber vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter uns die Heimat verwunden kann als die Fremde. Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie ist bei mir in meiner alten Wohnung gewesen, die nun, zusammengewrfelt, bunte Dinge in einem Spielzeugkasten, hinter der verbotenen Tr verschlossen liegt. Ein hchst ernsthaftes, tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn Frau Maria das stumme Mrchen der Mbel zu deuten wei, hat sie auch Ihnen davon erzhlt. Aber welche Schicksale liegen zwischen gestern und heute! Welche himmlische Heiterkeit erfllt meine Seele! Jede Krankheit ist eine Brcke, die am Tode vorbergeht. Und so schritt ich durch diese letzte (ich war an Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel das Fegefeuer teilend, griff unter mir in die Flammen hinab, um auch noch fremde Seelen mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren die seltsamsten Fiebernchte, deren ich mich erinnern kann, und verwundert betrachte ich die Schtze, die sie mir zurcklieen, ein Schwammtaucher und Perlenfischer, der erst an der Oberflche erkennt, was ihm die Tiefe gebracht hat. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten Winters in Polen erlebte. Daneben eine Anzahl Gedichte, die nun schon alle der Strae mit den tausend Zielen angehren. Da ich ein Buch Erlebnisse aus der Trkei in Arbeit nahm, erzhlte ich Ihnen schon, eine Sammlung von Tragik, Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser Krankheit. Aber das sind kleine Anfnge gegenber weitliegenden Plnen, die ich nur flchtig aufzeichnen konnte, Arbeiten fr sptere Jahre. Glauben Sie brigens nicht, da diese Dinge alle mit dem Kriege zusammenhngen; was wir stndig vor Augen haben, steht unserm Herzen oft am fernsten. Und wie will ich dann, wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren Flei zum Vorbild nehmen! Wie will ich mir stndig jene Unermdlichkeit und Strenge vor Augen halten, jenen grausamen Flei, der das Glck der Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der Winternacht Ihres Gartens, hinter der Ihr Haar grau wurde, auf da das Werk sich gestalte, zu dem wir berufen sind. Und nur ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ... wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen Ihrer gedenken mssen. brigens ertappte ich mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren Wldern stehen. Auf da ich immer den Atem Ihrer Emsigkeit fhle! Wie in all den andern Jahren, haben Sie auch in diesem blutigen Herbste Europas die friedliche Kelle nicht aus der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, mit bunten Bndern geschmckt, ber dem neuen Hause, und gewi ist das Dach inzwischen lange vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! Ich habe nach Deutschland geschrieben, da man mir Ihre Bcher schicken soll, und wenn ich schlielich all die papiernen und weisheitsvollen Freunde, die sich auch hier in meiner Kiste sammeln, nicht mehr mit mir schleppen knnte, nirgends gbe es so gute Gelegenheit, sie fremden Menschen zu Gefhrten zu geben, als hier. Oder meinen Sie nicht, da des Tobias Seele auch aus der Bibliothek der deutschen Schule in Bagdad zu denen sprechen knnte, die Ohren haben zu hren? Glauben Sie nicht, da dieses de und ausgehungerte Land leer sei an edlen und empfngnisreichen Herzen! So begegnete ich eines Abends in Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns der wundersamsten Frau, die ich seit Jahren getroffen. Geistreich, liebenswrdig und bestrickend, eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie weit ber die Grenzen ihrer Stadt bekannt und hielt selbst die trkischen Behrden in ihrem Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den kostbarsten alten Teppichen ausgeschmckten Salons, deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte trank, sa Professor Koldewey, der Entdecker des wiederentstandenen Babylon, und der alte Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns hier versammelt sah, htte glauben mgen, da drauen vor den Toren der Stadt armenische Leichen lagen und da wir in Asien saen. Mhsam erhob sich der Feldmarschall aus dem tiefen Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie rhrte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglckte mich der Wohllaut seiner Stimme, und oft denke ich, so mte mein Grovater sein, wenn er noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes Glied der Verwandtschaft, mir durch Blut und Gebrde vertraut, nur da ich ihm nicht frher begegnet bin? Immer ergreift Verehrung mein Herz, wenn ich einen Menschen schaue und fhle, da eine starke Seele in diesem Gebude wohnt. So wei ich mich auch ihm insgeheim verbunden, durch eine Sprache, die jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, immer rstige und von allen verehrte Feldmarschall ist und ich nur ein einfacher Unterleutnant bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die strker als alle Bande des Blutes in unserm Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung Lgen gestraft, weil die Wahl des Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich immer wieder beglckt. Wie gut ist es brigens, da ich in Ihrem Hause es so vortrefflich gelernt habe, Orangen zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte des Zimmers das Messer schrfen und mit mir ber die Apfelsinen-Seele plaudern. Unter einem halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse ich nicht mehr mit mir rechten, und da ich bei jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken bei Ihnen bin, knnen Sie leicht an den zehn Fingern Ihrer Hnde zhlen, wie oft ich am Tage an Sie denke. An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten Bagdad, den 18. Januar 16. Diesseits des Flusses. Wie glcklich ich bin, geliebte Frau. Die Post hat mir gestern so gute Briefe gebracht. Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand nhme, so wte ich nicht, welcher mir schwerer wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich meine Kerze entznde, die in einer kleinen, mit Erde gefllten Bchse steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt mit einem alten Federmesser langsam die Umschlge aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen auseinander, ein weies Gesicht. Aber hier ist einer, auf dem laufen die Zeilen Sturm, und wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, lasse ich mich zum neunzigsten Mal erobern, obwohl ich doch eine lngst eingenommene Festung bin. Drauen ist eine groe Unruhe in der Natur. Die hohen Rizinusstauden vor meinem Fenster rascheln mit ihrem drren Bltterhemd, der Regen rast mit eisernen Hufen auf das Dach, und die Schakale heulen und kmpfen mit den Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris kommen, um Wasser zu trinken. Mein Gesicht aber ist ganz berstrmt von Liebe, und ich bin so berwltigt, als httet Ihr alle zugleich Euer Herz auf meine Brust gelegt. Ich bin richtig ein wenig mde, da ich mich zurck auf das Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts sagen, nichts reden, dann will ich Dir auch gestehen, da ich wieder krank gewesen bin. Du wirst nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um Verzeihung bitten dafr, da ich krank war? Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo ist mein heies, unzufriedenes Herz geblieben? Und doch wei ich nicht, weshalb die Gifte immer von neuem kommen, um in meinem gemarterten Leibe zu wohnen. Oft scheint es mir, als wre dies eine stille Rache, welche die stumme und leidende Natur an uns nimmt. Es ist die Pflanze, die den Menschen besiegt. Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in der Rohrhtte auf dem Kelek und fieberte. Das Flo drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, zwei Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte ich durch die offene Tr in der hellen Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. Am Abend waren wir in Bagdad. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter Palmen. Palmen -- dachte ich und da das Paradies im Schatten ihrer Schwerter ruhte. So elend ich war und obwohl eine kalte Nacht vom Flusse wehte, empfand ich es doch wie eine tiefe Erquickung, als mte aus ihrem blauen Schatten Khlung auch auf meine fiebernde Stirne regnen. Ich trat in das Haus des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand eine deutsche Mutter mit ihren Kindern um die Lampe versammelt. War das nicht genug, um allen Schmerz zu vergessen? Wre ich nicht noch einmal zwanzig Tage durch die Wste gereist, um das Wunder blonder Haare und blauer Augen zu schauen? Am nchsten Morgen wurde ich in das Krankenhaus der Bahn gebracht. Ich fand ein bereitetes Bett und einen weigedeckten Tisch mit blhenden Astern. Es war der siebenzehnte Dezember und die Sonne schien durch die offene Tr. Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, das Fieber hatte nachgelassen, und man sandte mir gebratene Pute, Fisch und blhende Rosen ans Bett. Hier war ein kleines Bumchen aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine Flasche Champagner. Jemand hatte mir eine alte Kaschmirdecke geschenkt, die ich auf mein Bett ber die Fe breitete, um sie liebevoll immer wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich in den Farben ihrer verschlungenen Muster wie in den Wegen des lieblichsten Gartens. Die Kerzen flammten, ihre kleinen weien Seelen zitterten mir entgegen, nun entfalteten sie ihre Schmetterlingsflgel, und der Duft verbrannter Tannenzweige fhrte mich ber so viel Jahre in die Zeiten zurck, da noch das Wunder dieser Nacht fr mich nicht erloschen war. Dazu a ich die kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest und die ich so lange Wochen mit mir durch die Wste trug. So viel Liebe! So viel Liebe! dachte ich, und wieder berstrmte es mich. Wie viel hatte doch diese arme und geschndete Erde noch an Gte zu geben, wie reich war ich! Ja, einen Augenblick schien es mir, als wre die Erde nur darum des Grauens und Blutes voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im eiferschtigen Herzen verschlossen hielte. Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste Mal auf. Mit zitternden Fen ging ich um das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht berkam mich ein neuer Anfall. Gleich einem abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der Geist aus diesem schmerzenden, von tausend glhenden Hmmern geschlagenen Kopfe davon. Und whrend nasse Tcher meine Stirn khlten, whrend ich von helfenden Hnden in das Badewasser gehoben wurde, zog aus meinem Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie die Wolke der ungeborenen Geister, die ausbrechend das Haus der Schpfung verlassen. Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Nie habe ich mich so reich an Gestalten gefhlt, nie so viel Plne zugleich leibhaftig in Hnden gewogen, wie in den Tagen dieser Krankheit. Ich habe mein Bett das Fieberschiff getauft und ber Meere und Lnder die abenteuerlichsten Reisen in ihm gefhrt. Hat schon jemand das Mrchen des fliegenden Bettes gedichtet? Dann mte ich es tun. Wie merkwrdig war dieser Silvesterabend, die seltsamste Fiebernacht stieg herauf. Whrend vierzig Grade meinen Krper siedeten, tanzte der Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und in aller Klarheit stiegen die blutigen Erinnerungen Polens herauf, begann ich ruhig und unberhrt Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in dieser Nacht das Martyrium des Dichters verwnscht! Der Sklave seiner eigenen Gedanken zu sein, die uns zertreten! Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles ungeboren vorbergehen? In einer Nacht erschaut und wieder erloschen? Ich zndete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das mir gegenber auf dem Tische lag. Aber die Krfte verlieen mich, und die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mute den Wrter rufen, der mich zurck in die Kissen trug. Frost schttelte mich, von neuem erbrach sich mein Magen, diese Mllgrube verdorbenen Fleisches und faulender Pflanzen. Ich lie mir Tee kochen. Dies ist mein Neujahrs-Punsch, sagte ich zu meinem Wrter. Es war zwei Uhr morgens, und ich wurde der Schmerzen mde. Dennoch gelang es mir, im Grauen des Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. Wachsend hob sich die Gestalt, die Nacht hatte es nicht behalten. Und so blieb es durch alle Tage einer langen und langsamen Genesung. Es arbeitete in mir am Tag und in den Nchten, ich lag von einer wohligen Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, begann es von neuem, stellte sich als ein fertiges Gebude vor mich hin. Sollte man eine Krankheit nicht segnen, die so reiche Schtze in unsern Hnden zurcklie? Wie wunderbar sie waren, diese tropischen Trume; hier ist der Vorhof des Todes. Aus ungeahnten Tiefen steigt die geluterte Seele empor, eine se Strke erfllt uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung. Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken bltternd wie in einem schnen Buch, ehe man es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den langen Abenden, die uns Regen und Strme bringen, eingehllt in das warme Gewand Deiner Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenber der gelobten Kste, im Angesicht von Bagdad, das ich bisher nicht betreten habe, und freue mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den Strom und die weien Huser und auf die tausend Palmen, unter denen ich wandern werde. Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich in Ruhe und Schlummer eingesponnen, da ich erneut das Wunder der Wiedergeburt schaue, um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt zu empfangen, da nicht ein Krnchen Staubes und nicht die feinste gederte Zeichnung auf der Wange einer alten arabischen Muhme ihrem gereinigten Spiegel entgeht. Noch wei ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. Wie viel jene nchtliche Saat der Trume mir an Frchten zurcklie, wenn ich erst wieder mit blassem Gesicht durch die Lazarette wandern werde, um von Bett zu Bett abgehauene Gliedmaen und blutige Verbnde in meinen Eimer zu sammeln. In diesen Tagen vulkanischer Vernderungen, in denen uns die Aussicht zur nchsten Stunde verhngt bleibt und wir immer mehr der Bestimmung unseres eigenen Willens entzogen werden, bin auch ich zu einem kindlichen Glauben an das Schicksal zurckgekehrt. So sehr ich auch fhle, wie mir das Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde ich, da ich aufgehrt habe, selbst der Lenker meiner Tage zu sein. Wie oft mu ich an einen Abend in Tekrit denken, als ich zwei Tage vor unserer Ankunft in den nchtlichen Straen der Stadt einem lahmen Esel begegnete, dessen linker Hinterfu gebrochen war und auf dessen schiefgeheiltem Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. Hoch oben hing der Mond, eine khle Lampe, whrend aus einem Hause leise Musik erklang, wo Araber um die Flamme versammelt saen, ihre Gebete sagend. Ich wandte mich um und sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen Erde vergeblich nach Grsern suchend. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem Geschpf. Immer klingt aus einer verschlossenen Tr ser Gesang. Aber der Weg ist dunkel und niemand wei, wohin die Strae sich ffnet. An die Gromutter Bagdad, den 20. Januar 16. Im Hause zu den elf Fenstern. Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rcken, Du liebes altes Gesicht. So dicht, da die gromtterlichen Ohren, die so lange in die Welt gehorcht haben, sich gar nicht zu bemhen brauchen, mich zu verstehen. Nun fhle ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie leuchten mir und wrmen mich auch hier, in diesen Tagen, in denen so bittere Klte heraufsteigt, da ich verwundert in die heimatlich verwandelte Welt schaue, durch die der Schnee in schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine weie Vgel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken. Palmen in Schnee. Wie lange hat das die Stadt nicht mehr gesehen. Die hohen Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren Wurzeln aus der Erde. Der Tigris wirft Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist ausgestorben; hin und wieder schleicht in langen Rcken, mit den bloen Fen in der aufgeweichten Strae versinkend, ein Araber an der Mauer entlang, das Kopftuch um Hals und Wange geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der Markt steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln, Lebensmittel feil zu bieten, wenn es regnet? An solchen Tagen mut du zufrieden sein, wenn du so viel hast, da du nicht hungerst. Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze auch ich, in einem Hause, dessen Wnde mich mit Klte anhauchen (oh, wie will ich seine Khle loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem Zimmer, in dem elf hohe Fenster mir mit stets gleichem Erfolg die Tuschung vorspiegeln, ich se im Freien. Neben mir steht ein kupfernes Kohlenbecken, in dem glimmende Holzasche dampft und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein arabischer Reitsattel, auf dem ich durch die Wste nach Mossul geritten bin. Ich habe meine kleine Lampe bei mir, die mir schon in Polen den Unterstand erhellte, und freue mich, da sie nun zuweilen des Abends wieder meiner Arbeit leuchtet. So sitze ich in Decken und Mntel gehllt ber dieses Papier gebeugt, whrend hinter den Scheiben mein arabischer Diener wartet, mir die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgert und vielen Teppichen und Schilfmatten unter den Fen. Denn das Kaufen von Teppichen ist gewi eine ansteckende Krankheit. Aber schlielich sind wir allein, und der Teppich ist unser einziger Freund: der Tisch, von dem wir speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und das Gedicht, das wir nicht mde werden immer von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern erheben Palmen ihre stachligen Schpfe, aus denen sich gegen Abend eine Schar von Krhen erhebt, die mde und satt von den Schlachtfeldern von Kut el Amara heimkehrten, um jenseits des Tigris ber den breiten Palmenwldern, rasselnd, mit den Flgeln gegen die glasharten Bltter stoend, Licht und Sonne verschttend, eine schwarze Wolke, zusammenzuschlagen. Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen Spaziergngen heimzukehren pflegte in Dein Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein Tisch mit Schinkenbrtchen und Eiern? Heute Mittag war ich traurig, da keine Briefe da waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du bist in mir. Langsam fhle ich, wie Du in meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne zu streicheln, und neige meinen Kopf ber Dich, wie in den Abgrund aller Zrtlichkeit. Ein Vermchtnis in der Wste An Hugo Marcus. Bagdad, den 1. Febr. 1916. Im Jenseits. Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht haben, lieber Freund, in diesen Tagen, wo Regen tglich sein kummervolles Haupt ber die Stadt neigt, endlos in die zerfallenen Mauern verlassener Huser zu weinen. Sie haben mir so hohe Worte der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach den Tagen des Zweifelns und der Bedenken, die nur ungern aus Ihrer khlen Stirne aufstiegen, wei ich, da es mehr ist als die Anerkennung der Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich mir Ihr Urteil geworden ist, als wre jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht in Ihnen seinen Widerhall fnde. Wie glcklich ich bin, nichts konnte mich freudiger stimmen, als was Sie mir ber meine Briefe sagen. Sie wissen, da ich darin immer einen Ausdruck der Seele gesucht habe, da sie mir als die schnste Offenbarung tiefer Menschlichkeit gelten und da mir dies nicht immer gelang. Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um Erfolge des Augenblicks zu tun sein kann, wenn ich andere Arbeiten um ihretwillen beiseitelege. Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben Geistes zu sein, nicht weniger wahr und heilig, als irgendein knstlerisches Gebilde, das unter anderem Namen vor die Augen der Welt geht. Die brgerliche Seele, stets eiferschtig ihre Rechte wahrend, immer voll Furcht, da ihr eigenes kleines Dasein blogelegt werden knnte, wird es freilich niemals begreifen, da unser innerstes Wesen in andern Werken nicht minder nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern Briefen. Aber warum sollten wir nicht stets das Beste geben, da es denen, die unsere Liebe verdienen, zum Trost und zum Danke wird? Und sollte es einmal dahin kommen, da ich selbst dazu nicht mehr imstande bin, so mchte ich Sie bitten, dieses fr mich zu tun. Dieser Brief ist ein Vermchtnis. Denn so unglaublich es mir auch selber erscheinen mag, nun, da ich zum zweiten Mal in diesem Lande mich von tdlicher Krankheit erhebe, von den Erniedrigungen der Gefangenschaft und einer Summe undenkbarer Zuflle bedroht, tglich in der Luft gifterfllter Lazarette von unsichtbaren Gefahren umgeben, inmitten einer Wste, die auf endlose Meilen den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von gefallenem Vieh und menschliche Leichen bis vor die Tore der Stadt werfend, mu auch ich daran denken, da das Schicksal von tausend Hoffnungen immer nur eine zum Ziele fhrt. Ich habe den Tod eines Schaffenden immer als ein Verbrechen gegen das keimende Leben empfunden, und so oft ich in diesem Kriege davon hrte, ergriff mich jenes widerwrtige Gefhl, das uns stets berhrt, wenn wir von der Ermordung schwangerer Frauen hren. Wie? fragte ich mich, als man mir in den Tagen der Wiedergenesung erzhlte, da ich in Gefahr geschwebt htte, dieses lebendigste Leben wre das Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie habe ich mich dem Tode so ferne gefhlt, und noch in diesen Wochen, als ich in der Wste durch die Lager armenischer Flchtlinge ging und sie ihre Toten begraben sah, war mir, als ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer anderen Welt, um heimgekehrt aus der Hlle des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu verknden. Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende Ungeheuer, an dessen knochenbedecktem Tische ich nun so lange Monate sa, zurckschrecken vor einem Geheimnis, vor dem selbst noch die franzsische Revolution gezgert hat? Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frhlingstages sich auf die Bahn setzen, um in jene wlderumrauschte Stadt zu fahren, aus der noch einen Monat vor dem Kriege so viele Bltter auf den Schreibtisch Ihres Zimmers regneten. Und Sie werden in das Haus dieser alten Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzhlte und deren Augen verklrt sind von dem zartesten Blau, das ich kenne, das auch Sie vielleicht einmal fr Sekunden erblickten, wenn im Sden am Abend nach dem Regen eine Wolke sich teilte und das Herz des Himmels uns offen lag. Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten, an dem ich gearbeitet habe und der unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten Landes. Solche Tische haben ihre Geschichte. Auf diesem wurden einst Windeln gelegt und Wsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf gelegen. Aber wann war es doch? Habe ich nicht schon damals aus einem Winkel dieses Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran sa, um geqult von tausend feurigen Zweifeln und Begierden des Herzens das Unsagbare in Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, da dieses der Tisch ist, dessen Schublade eine eiferschtige Gromutter mit einem Nagel verschlo, um das Geheimnis ihres Enkels zu wahren, weil sein eigener Vater zwei Nchte in diesem Raume schlief. Und man wird Sie in das Schlafzimmer meiner Gromutter fhren, wo neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste steht, in der meine Papiere versammelt liegen, und die ich noch selber beim Tischler bestellt habe, ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen all den Zeitungen und liegen gebliebenen Schriftstcken sitzen, in jenem Zimmer, das in die zerflossenen Bltter eichener Bume sieht und bei denen die geliebte Frau jeden Tag eine Stunde der Erinnerung verbrachte, sich mit den Resten meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend, sie glttend, ordnend, berdenkend immer von neuem beiseite zu legen, jeden Abend, seit ich fortging in die Fremde. Sie werden darin meine Tagebcher, eigene und fremde Briefe seit meinen Knabenjahren, franzsische Zeitungen und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der Levante und Sizilien und kleine Andenken aus russischen Schtzengrben finden, denn ich bin Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und habe immer gesammelt und gesammelt, weil ich nie genug zu haben glaubte fr das Werk, dessen weite Linien ich vor mir sah, als eine Arbeit fr sptere Jahre. Dieser Haufen Papier, mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben, ist alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden Willkr vermache ich, was Sie immer damit tun wollen, mgen Sie das Beste und Wahrhaftigste der Gunst und dem Hasse der Menge preisgeben und geschhe es auch nur Ihnen zuliebe. Sind doch schlielich in diesen Seiten die Dokumente eines Dichters enthalten, wenn ich mir auch bewut bin, da selbst Ihnen viele davon Noten bleiben mssen, die Sie nicht spielen knnen, weil ich allein den Schlssel besitze (o wie bedaure ich jetzt das gute Gedchtnis), und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln im Sande des Tigris finden. Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin immer ein Schuldner der andern gewesen, und jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter fr mich mit rhrender Geduld seit meiner Kindheit gesammelt hat, sind eine Opfergabe, die ich mich immer gescheut habe, aus ihren Hnden zu nehmen. Schlielich bleibt meine Wohnung, dieser Tempel kindlicher Glckseligkeit, die am Rande Berlins wie in einer Totenkammer aufgespeichert liegt und die an meine Eltern und Brder zurckfallen soll. Nur mein Schlafzimmer, dieser zwiefache Schmuckkasten, mge in die Hnde jener ruhelosen Schauspielerin wandern, die wie ein Raffael ohne Arme geboren wurde und deren Namen an dieser Stelle auszusprechen ich mich scheue. Aber wer wird je diese Mbel so lieben und anbeten wie ich? Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und ihre Mrchen kennen wie ich? Nicht einmal jene kleine dmonische Seele, fr die ich sie unter Mhsal und Entbehrungen zusammensuchte und die ich nach so bitteren Erkenntnissen der Einsamkeit und dem Begehren fremder Mnner preisgab. Von meinen zahlreichen Bchern endlich sollen Sie, lieber Freund, sich die Werke Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr geliebt habe. Den Rest aber mchte ich so verteilt sehen, da jeder meiner Freunde etwas davon erhlt. Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge aus ihrer Verborgenheit heben, werde ich freilich nicht mehr dabei sein, und ich mchte wohl, da man mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, denn diese Bcher sind mir allezeit gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, auf denen ich in das Land unerfllter Hoffnungen ritt, und diese Mbel, heroische Schicksalsgenossen, verdienten es wohl, da man sie wie treue Frauen am Holzsto der gefallenen Helden an meinem Sarge verbrennt. Es wre meinem Leben gewi nicht unangemessen, so auf der Wanderung zu verscheiden, und ich mchte wohl, da man meine Asche in alle Winde streute, da sie ruhe auf den vier Straen des Lebens, auf denen ich so viele Jahre meiner Jugend verbrachte. Nur mein Herz mge man in eine Kapsel schlieen, es noch einmal in Eure Nhe zu bringen, die ich so sehr geliebt habe. Dieses Herz, das immer der Kompa meines Geistes gewesen ist, vielleicht, da es in Euren Hnden noch einmal zu schlagen begnne, wie zuweilen der erstarrte Vogel in der Hand des Grtners warm wird und zu singen anhebt. brigens glauben Sie nicht, da ich aus Ihrer Mitte verschwinden werde. Eines Tages, wenn Sie sich die Schnrsenkel binden, will ich aus der Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich auf dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem verlorenen Hausschlssel wieder, der zwischen Pferdedung und von den Rdern der Wagen verbogen auf die Steine fiel. In einem Warenhause werde ich aus dem Wassersturze der Dinge ber Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen in zehn Jahren aus den Augen eines Jnglings wider, der in irgendeinem Saale dieser malosen Stadt ewige Verse in eine unberhrte Menge hinabwirft; denn wie knnte ich je glauben, da das Werk, fr das ich glhte, um dessentwillen ich Heimat und Geliebte verlie, unvollendet verloren ginge -- oh, dann lieben Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie knnte ich glauben, da ich, ein kosmopolitisches Knguruh, in der Wste mit dem vollen Beutel verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und kostbare Schtze hufte, da die Sendung unerfllt bliebe, fr die auch ich nur ein Sendling war und die der Zufall nur in eine ebenso herrische wie demtige Seele warf. Denn ich habe immer die tiefe berzeugung gefhlt, da der Tod, so oft und gern ich ihm Freund und Gefhrte war, mich erst treffen wrde, wenn das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir gelst hat, wenn ich nach so langen Jahren des drohnenhaften Umherirrens, am Glcke und am Elend des Menschen saugend, endlich das Fegefeuer dieser brennenden Zeit durchflogen htte, sei es auch, um aus dem Taumel seligster Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf die Erde zu strzen, nachdem ich den Keim in die ewige Seele der Menschheit gelegt htte, die das kostbare Gut in ihrem Innern bergend aus den Kampflften der Geister heimkehrte in das Haus des Fleies, zu den fiebernden Brcken der Begierde, in den schwermtigen Gesang der Arbeit. Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch brennt die Sonne, noch breiten vor meinem Fenster Palmen ihre stachligen Schpfe, die, wie grne Raketen auseinanderfallend, in der blauen Luft erstarrt sind. Noch zieht, von Frhlingswassern umsplt, die Wste einen blhenden Teppich um ihre alternden Fe. Noch lebe ich, am Nabel der Welt, in die Rtsel buntester Vlker geworfen, grt unendliche Auferstehung den gemarterten Leib, noch hre ich Ihre Stimme an meinem Ohr, fhle, von heiterstem Glcke durchstrmt, Ihre Hnde auf meinem Herzen. Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Knigin. An eine Freundin Bagdad, Abdul Achad, den 25. Februar 1916. Man merkt kaum, da die Zeit weitergeht, meine Liebe, so lautlos streicht jedes Gesicht an uns vorber. Gestern erhielt ich Deinen Brief vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn damals schon gelebt? Ich begann ihn zu lesen, als ich in das Boot stieg, um ber den Tigris zu fahren, wenn ich im Kahn nicht damit fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu Ende lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des Stromes erreicht, da war der Brief aus, und ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz (es hatte doch sechs Seiten), war der Tigris so breit, oder hatte ich zu schnell gelesen? ... So verhungert sind wir hier drauen. Dabei lchelt der Himmel warm durch die Glaswnde meines Hauses. Ich blicke ber den Zaun in die Palmen und auf den Hof einer arabischen Wagenhalterei. Auf den Dchern der Pferdestlle wird jeden Tag der frische Dung ausgebreitet, um in der Sonne gedrrt als Brennstoff verkauft zu werden. Ein junger Araber hat den Tag ber nichts zu tun, als mit den nackten Fen langsam durch diese Materie zu laufen und sie umzuwenden. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner Arbeit zu. An den Ufern des Flusses liegen die Hospitler, Konsulate, Hotels, in denen man die hlzernen Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige Terrassen, auf deren weien Fhnchen der rote Halbmond, ein blutiger Fleck, leuchtet. Hier kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, ihre traurige Last an das Ufer zu werfen. Glitzernd hebt sich der Strom, eine weie Strae des Todes. Hier liegt Abdul Achad, das Lazarett, in dem wir arbeiten, ein arabisches Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten. Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber und Lasttrger der Strae. In unserem Operationssaal fanden wir nicht mehr als eine rostige Schere, zwei Klemmen und eine Sonde. Die durchgeeiterten Binden mssen stets von neuem verwandt werden, und wir sind glcklich, genug ungereinigte Baumwolle zu haben, die im Lande wchst. Die Wunden sind fast alle verschmutzt oder vernachlssigt, und viele sterben an Blutvergiftung dahin. Der Dienst ist anstrengend; aber unser Stabsarzt ist der liebenswerteste Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe darin ein so groes Glck gehabt. Die Luft ist milde, und es wird tglich wrmer, doch jedermann spricht mit Schrecken vom Sommer, den wir hier an einem der heiesten Teile der Erde am Tag in den Kellern und des Nachts auf den Dchern verleben werden. Fast immer finde ich am Abend eine Stunde Zeit, in der Dmmerung in das bunte Gewhl arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. Stets erfllen heitere Plne meine Seele, fremde Geheimnisse verfhren und reizen mich. Dazu verdanke ich der Gte des Feldmarschalls ein hheres Abzeichen der Uniform; ich trage den Rang eines Sanittsunterleutnants und bin dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du solltest mich nur sehen in meinem moosgrnen Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und Silberborten, wenn ich mit einem Gr Gott, Soldat am Morgen in das Lazarett trete. Leb wohl -- mte ich nicht tglich zehn Liter Eiter riechen und den Pestgeruch der bis zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten, so wre das Leben fast vollkommen zu nennen. Frhling, ach wie du mich rhrst .... Brief an die Mtter Bagdad, am Nabel der Welt, den 29. Mrz 1916. Da ich noch bin, Ihr geliebten Mtter, da diese Erde noch unter mir ist und meinen Fen nicht nachgibt, da diese Zeilen den Herzschlag meines Atmens zu Euch hinbertragen, wie kann ich es ausdrcken, da es mich so stark bewegt! Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine Stille, sein kaltes Lcheln so vernehmbar gefhlt wie in diesen Tagen, und oft frage ich mich: darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht zu atmen, Plne zu tragen fr ferne, fabelhaft unwirkliche Jahre, wenn so viele tote Augen um mich wie ein Abgrund gestellt sind? Am 10. Mrz starb unser Stabsarzt pltzlich am Fleckfieber, und noch jetzt, Wochen spter, erfllt mich oft eine minutenlange Erregung, die mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzhlen. Seit vielen Monaten durchzieht eine verheerende Krankheit dieses malose, selbstvergessene Land. Die trkischen Soldaten haben sie aus den Stdten Syriens und Kleinasiens durch die Steppe herbergetragen, und die Rache des armenischen Volkes, dessen faulende Leiber jeden Weg der Wste bedecken, streckt ihre wrgende Hand immer tiefer in die Huser, in die Hospitler, in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch sehe ich diesen vllig mit kleinen blauroten Punkten bedeckten Krper vor mir, den der Stabsarzt nichts ahnend wegen einer ungefhrlichen Verwundung an meiner Seite entkleidete, um kurze Zeit darauf selber an einer eitrigen Halsentzndung zu erkranken. Schon nach wenigen Tagen fand ich ihn abgemagert und durch eine hinzugetretene Ruhr so entkrftet, da er nicht mehr fhig war, alleine den Kopf zu heben. Ich lie mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen, und nun begannen jene ruhelosen Tage und Nchte, die mich bis zu seinem Tode nicht mehr von seiner Seite lieen. Nie werde ich diese einsamen Nchte vergessen, in denen alle Sehnsucht des sdlichen Frhlings mit den Schmerzen des Todes und der Bitterkeit der Fremde gemischt war. Vor mir zu Fen des Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen schwachen Lichtkreis ber die Steinfliesen verbreitend, der sich leise in dem knstlichen Himmel der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit ausgelegt war und deren Achtecke sich glitzernd ineinander verschoben. Ich starrte auf den niedrig geschraubten Docht und hrte auf das rchelnde Atmen des Kranken, der einen Schleimklo im Munde wlzte, von dem er vergeblich versuchte, sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten ber mir durch die hlzerne Tfelung der Decke. Dann stand ich auf, um den Kranken aus dem Bett zu heben, der infolge einer nervsen Strung nicht fhig war, im Liegen Wasser zu lassen. Und in der einen Hand das Geschirr haltend, in der andern seinen schweren, vllig willenlosen Krper, schwankte ich atemlos, bis wir beide vllig erschpft waren und auf unsern Stirnen der Schwei ausbrach. Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich einen Augenblick auf die Terrasse des Hofes, in dem ein weitstiger Baum seine ersten Knospen entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener Zimmer lag, die einst die Frauengemcher eines reichen Muhammedaners gewesen waren. Der Sternenhimmel blickte durch den viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich stieg auf das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius und den Mars zu betrachten, der einen rtlichen Schimmer trug. Pltzlich trat ich auf etwas Weiches, ich bckte mich und sah ein paar dunkle, von den Sternen schwach beleuchtete Grasbschel, und merkwrdig, ich dachte: von allen Erlebnissen dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine Grasnarbe auf dem lehmgehrteten Dach des zerfallenen Frauenhauses greifbar in deinem Gedchtnis zurckbleiben, aber dieser eine Blick wird auch alle bittere Wehmut der Stunden enthalten. Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem Kranken, der mich rufen wollte, die kleine Kamelglocke aus den Fingern geglitten, und mit schwacher Stimme versuchte er mir zu erzhlen, da eine Ratte von der Decke ins Zimmer gefallen wre. Wieder setzte ich mich an seine Seite. Eine Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als sie mich erblickte, ging wieder hinaus. So kam der Morgen, der das Abbild der Nchte war. Ich wute nicht mehr, da drauen ein Tag und die Geschftigkeit fremden Lebens war. Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschlge erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe reichend, die der Kranke mit dem Gerusch der Erstickung ber die Kissen ausbrach, waschend, die Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als entfernte sich dieses Bett mit immer grerer Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem Laufe anspornend. Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas vorzulesen. Ich hatte Hauffs Mrchen mitgebracht, die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte vom Kalifen Storch vor; aber bald war er so schwach, da er die Lippen kaum noch bewegen konnte. Am vierten Tage traten an den Weichen die kleinen blauroten Flecken auf. Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder, etwas zu sagen; es war nicht mehr mglich, ihn zu verstehen. Die trockenen, schorfbedeckten Lippen blieben tonlos, whrend er verzweiflungsvoll den Kopf zur Seite schttelte, und nur seine schnen blauen Augen glnzten noch zu mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls pltzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit, whrend wir im Nebenzimmer zu Mittag speisten, mit einer solchen Geschwindigkeit, da es den rzten, die ihm noch eine Einspritzung in die Venen geben wollten, nicht mehr mglich war, diese zu finden. Drei Stunden spter fuhr der letzte Atem mit einem widerlichen Gerusch, glucksend wie Splwasser, aus dem Munde des Sterbenden aus. Die rzte standen schweigend. Schmerz wrgte mich an der Kehle. Ich hatte ihn geliebt, der mir mehr Freund als Gebieter gewesen, glcklich, einem Berater zur Seite zu stehen, dessen geistige Sehweite, dessen knstlerisches und wissenschaftliches Vermgen das der anderen Offiziere so weit bertraf. Ich drckte ihm die Augen zu, zog ihm das Laken ber das Gesicht. Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine prchtige Stute, die mit dem Fu in ein Loch der Wasserleitung getreten war und sich verletzt hatte. Das schne Pferd! sagte der Stabsarzt der Marine, rgerlich mit dem Fue aufstampfend; aber wie merkwrdig erschien mir in diesem Augenblick sein Wort, das doch gewi nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes Wesen erfllt war. Die bunte Menge des Basars umdrngte uns. Der herrlichste Frhlingsnachmittag stand ber der Stadt. Hatte ich je gelebt? Wieviel Jahre hatte ich im Gefngnis gesessen? Wir nahmen ein Boot und fuhren den Tigris hinunter, um dem Konsul den Tod des Arztes zu melden. Helle Sonne traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer. Mitten auf der Strae blieb ich stehen, betubt von Licht und dem Gefhl des Lebens: da ich noch bin! da die Erde noch mein ist! Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der pltzlichen Dunkelheit des Zimmers, in dem jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit trostbedrftigen Seelen, an die Hrte eines unerbittlichen Daseins gewhnt, leerten wir die Flasche Wein, die ich noch am Morgen fr den Kranken geffnet hatte. Spt in der Nacht kamen die Juden, alte Mnner mit weien Brten, um in einer hlzernen Kiste den Leichnam zu holen, der nach dem Ritus begraben werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne begleitet, den Sarg auf dem Rcken, verschwanden sie in der finsteren Gasse. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweibedeckt, bis zum uersten erregt, wlzte ich mich in den heien Decken, whrend widerwillig ohne Aufhren die Frage an mein Ohr brandete: wann du? wann du? Am nchsten Morgen ging ich in die israelitische Schule. In einem Kellergewlbe, vllig entkleidet, lag auf der bloen Erde der Leichnam. Ein Schweituch war um die Stirn gebunden, und zwei Steine lagen zu beiden Seiten des Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber, die mit einem langen Leinentuch bedeckt war, hatte man zur Wegzehrung ein abgebrochenes Stck arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter Jude, in die Fetzen seines Gewandes gehllt, kauerte die Wache haltend neben dem Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein zusammengekehrtes Hufchen Schmutz. Rhrung ergriff mich vor der erschtternden Schlichtheit des Bildes, und immer wieder blickte ich auf diesen kmmerlichen Bissen Brot, der mir das Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends zu sein schien. Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Begrbnis. Im Hof der Synagoge stand der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden sangen mit klagender Stimme einen hebrischen Psalm. Dahinter standen die deutschen Offiziere, Rabbiner und Wrdentrger der Stadt, brennende Kerzen in der Hand haltend. Die Kawassen erffneten den Zug, ihnen folgten die Schulen und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner. Der Sarg wurde von den Schultern jdischer Brger getragen, dahinter schritten der Grorabbiner, die Vertreter des Stabes des Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und weltlichen muhammedanischen Behrden, deutsche und trkische Offiziere und Soldaten mit zur Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden begleiteten den Zug, whrend hochgeschwungene Fackeln die Finsternis erleuchteten, von denen der Wind Funken und brennendes Werg ber die Kpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt ich selber, das Kissen mit den Orden des Toten tragend, und ich dachte die ganze Strecke des Weges: wenn Ihr mich so schauen knntet, wie ich, bernchtigt, die hohe Lammfellmtze auf dem Kopf und von dem gelben Licht der Fackeln beleuchtet, hinter dem Sarge hinschreite, welchen Trost wrde der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten! Die Fenster aller Huser waren von Menschen erfllt, in den Seitenstraen und auf den Dchern drngte sich die Menge. Sobald der Sarg vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures Klagen die Luft. Die Mnner schlugen sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die Frauen begannen jammernd und heulend an ihren Haaren zu raufen, schlugen sich gegen die Brste, zerfetzten die Kleider, und von den Dchern wogte ihr Klagegesang in die Nacht hinab. Dicht vor meinen Fen aber ri, bis zum Wahnsinn erregt, sich die wtende Menge unter den Kolbenschlgen der Soldaten darum, ein Stck des Weges den Sarg zu tragen, der, von dem Lichte der Fackeln umflossen, hoch ber den Huptern des Volkes erhoben die unendlich schmale Gasse dahinschwebte. Endlich ffnete sich das Feld, die Menge flutete auseinander, und ein khler Wind strich aus der Wste her. Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel ber Hgel und Grben. In Grabtcher gehllt, versank der Leichnam, von den verlschenden Lichtern beleuchtet, und whrend ich an der offenen Grube dem Toten einige Worte nachrief, wurde er in der Tiefe mit gebrannten Tonziegeln bermauert. Sturm wehte und ein heftiger Regen begann zu strzen, als wir endlich im Dunkel aus der Wste nach Hause tappten. -- Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich wei es nicht mehr. Ich ging in einem Traume dahin. Denn mag es auch nicht unrhmlicher sein, wie ein kranker Baum an Hnden und Fen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel fiebererfllter Hospitler von Ungeziefer gebissen zu werden und daran zu sterben, als an der Wut unvernnftigen Eisens zu verbluten, so wrde es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und whrend der widerliche se Geruch der Medikamente und faulenden Wunden alle Rume des Lazarettes erfllt, whrend ich auf dem Dampfer den Tigris von Kut el Amara hinauffahre, um zu sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an das Ufer gebracht werden, whrend ich immer wieder erlebe, wie an meiner Seite die Sterbenden die Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen, berkommt mich zuweilen eine stumme und wilde Verzweiflung: genug! genug! einmal auch etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und Wunden! Lohnt es denn zu leben in einer Welt, die von nichts als dem Atem der Verwesung erfllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben in einer Zeit, wo selbst der Tod unwichtig oder billig geworden ist wie eine geringe Mnze? Drauen steht der Frhling und hat noch den Staub der Wste mit einem grnen Mantel bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren Operationssaal, so dicht ber unseren Kpfen, da ihr Flgel zuweilen den entblten Leib der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat alle Palmengrten mit pltschernden Bchen erfllt. Zitronen und Mandarinen duften schwermtig und berauschend, Wiesenschaumkraut und Sumpfdotter blhen. Und zuweilen, wenn der Sdsturm ber die Palmengrten fhrt, die langen Bltter der Schpfe wie aufgelstes Frauenhaar ber ihren Nacken werfend, setze ich mich an den Fu der alten Lehmmauern und schliee die Augen. Dann ist mir, als hrte ich das Rauschen der deutschen Wlder wieder und sehe das Laub der Eichenbume in der Sonne erzittern. Die Frsche quaken, und das Heimchen zirpt in der Wste, und mir ist, als she ich Euch, Ihr geliebten Mtter, den Weg heraufkommen, ein altes und ein alterndes Gesicht. Ich ksse das weie Haar Eurer Schlfen und schaue in die blaue Gte Eurer Augen, die mich beschtzt hat in allem Unheil dieser Tage, und die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen, das mir alleine zu schwer ist. Letzter Brief an die Eltern, Brder, Freunde, Mitmenschen und Geliebten[1] Bagdad, den 18. April 1916. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, Ihr Geliebten, fragte ich mich erstaunt: wie? du lebst noch? Und ich fhlte es stndlich, da auch ber meinem Wege eine gefllte Palme lag. Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an Fleckfieber erkrankt. Eine Woche pflegte ich ihn, fhlte seine zitternden Arme in den meinen, sah in jenem kartenbehngten Zimmer, in dem sie sein Bett aufgeschlagen haben, aus den Kissen die rhrenden Blicke seiner Geduld und Gte leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen und alter Liebe zu umfangen schienen. Am siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in meiner Wsche jenes kleine blutgefllte Tier, das nun seit Monaten schon fr uns das Sinnbild des Todes bedeutet, und das der bekannte bertrger des Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage wute ich, wie es um mich stand, und whrend mich noch die Angst um dieses greise Leben mit Bangen erfllte, sah ich die eigene Jugend an den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen Ufern Fischer eine Seffineh stromaufwrts treidelten, immer dachte ich: wie schn ist es, ihren Gesang noch einmal zu hren! Und ich sah den Arabern zu, die in einer Kuffe ber den Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht -- so setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, so wirbelt die Flut hinter ihnen her. Gestern stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den Mond zu betrachten, und zu jeder Stunde sagte ich mir: nimm noch zwei Augen voll Schnheit mit in die Dunkelheit. [Funote 1: Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung geschrieben, als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen mute, nicht wieder zu gesunden.] Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen und grauenvollem Kopfschmerz zubrachte, trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell zu steigen beginnt. Seitdem kann fr mich kein Zweifel mehr gelten, mein durch so viele Krankheiten geschwchter Krper, mein allzu beflgeltes Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. Aber seitdem ich diese feste Gewiheit habe, nach all den nchtelangen Zweifeln der vergangenen Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit ber mich. Auch der Tod ist nur eine Gedankenberlegung, eine andere Art zu leben. Wer ihn erst geistig berwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat fr mich immer darin bestanden, da es einmal mit dem Tode endet. Nicht an dieser Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier soll er willkommen sein. Hinter mir steht mein arabischer Diener, er hat Blumen in mein Zimmer gestellt und erwartet ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn und seinen schchternen Versuch, mir Gutes zu tun, so sehr bin ich von dem Gedanken des Sterbens erfllt. Es ist vier Uhr nachmittags, drauen blhen die Palmen in gelben Dolden, der hellste Sommer steht ber dem Land, und ich beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch klar bin, Abschied von Euch zu nehmen. Denn bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele gesehen habe, meiner selbst nicht mchtig, von furchtbaren Zuckungen erschttert, der Sprache beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre Welt nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele durch alle Rume der Erde flattern, als triebe ich im Sdsturm, der die Wellen des Tigris auftrmt, auf einer fhrerlosen Kuffe, inmitten des wtenden Stromes ganz alleine durch die unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrt. Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch einmal aus den Tiefen meiner Seele das Bild Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde verschtteter Stdte die Reste alter Tempelmauern und Wohnsttten emporhebt. Und ich frage mich: seid Ihr das wirklich? In welchen fabelhaften Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, die Ihr durch mein Leben schrittet, fremd und liebend zugleich? Wie knnte ich Euch beim Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde nicht alle gleich nah, Eltern, Brder, Freunde, Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben, mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Ihr weichen Wangen der Mdchen, bla und hinreiend schn wie der Glanz des aufgehenden Mondes. Und Du, alterndes Gesicht einer schneeweien Frau, weise und mit rtselhaften Falten bedeckt -- wenn es einen Schmerz fr mich in dieser Stunde gibt, so ist es der, Dich verlassen zu mssen, Dir Leid zu bereiten. O nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir in dieser Minute fern. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zrtlichkeit weh tat. Und doch, wann war es, da ich durch Eure Mitte ging? In so verschttete Tiefen sankt Ihr hinab, da ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch haften? Ach, wenn ich eines bedaure, so ist es, ohne Kinder sterben zu mssen, ohne Sohn, ohne Mdchen, das die Mutter kommender Geschlechter wrde. Wie schn, wie unsagbar reich war dieses Leben, das ich mir baute, und doch soviel Samen der Liebe vergeblich verschwendet. Wie fremd war Euch meine Bitte -- ach, ich begreife, da Ihr es hher schtzen mutet, frei zu sein, als die namenlose Mutter meiner Kinder zu werden! Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken nicht Euch gewidmet sind, wenn sie sich auf jene dmmernde Zukunft der Menschheit richten, fr die ich die Verpflichtung fhlte, zu sein, der mein knftiges Leben geopfert wurde. Und vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds dieser Stunde, da ich der Erde den Dank nicht zeigen kann, den ich ihr schulde. Jener tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht mehr beweisen zu knnen, was wir vermochten. Fr Dich, Du vielgestaltete unendliche Masse der Vlker, die Du, im Elend und im Glcke leidend, an Deinen Herrschern zugrunde gehst, Dich in Deinen Kriegen verblutest. Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. Aber auch in mir stirbt die Menschheit ihren traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt fr sie, auch ich konnte sie nicht erlsen, so inbrnstig dieser Wille in mir war. Vielleicht bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an den Mhen gestorben zu sein, schmerzleidenden Menschen Linderung zu bereiten, wenn ich mir auch in keiner Stunde verhehlt habe, da die Sehnsucht, die mich in diese Lnder trieb, die Erde in allen Weiten und Tiefen zu erschpfen, nicht geringer in mir gewesen ist. Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! Zum letzten Male grt Euch Euer Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch Armin Wegner, im Dienste der Menschheit sterbend an der Unersttlichkeit des Lebens. Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten! An eine Freundin Bagdad, den 25. Mai 16. Am Tage der Auferstehung. Nach so viel stummen und verschwiegenen Gren, so viel liebend gefalteten Bchern und Pckchen mit Sigkeiten, halte ich endlich den Brief meiner teuren Freundin in der Hand. Es ist seltsam mit diesen Briefen in der Fremde. Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit einer zrtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende sagen: K mich noch einmal! So, Dein Gesicht an meine Seite. Und obwohl wir sie siebenmal gelesen haben und lange auswendig wissen, werden wir doch nicht mde, immer von neuem ihre Zge zu betrachten. Nun aber blickt ein Auferstandener in diese Augen, einer, der von zwiefachem Tode heraufkommt und, aus ohnmchtigem Schlaf erwachend, sich mit der Hand ber die Stirn streicht: ja, es ist die Erde, es ist das Wort geliebter Seelen, das an dein Ohr tnt. Noch schwankt der Boden unter meinen Fen, noch begreife ich nicht, da diese Flle des Glckes mir geschenkt war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde der Heimkehr, der langen, mhseligen Reise durch eine lieblose und sonnendurchglhte Wste gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die Wendung jener rasenden Laufbahn erreicht, die bestimmt scheint, mich durch alle Schrecken und Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt, wie ist es mglich, da das Leben in dir noch neben dem Tode Raum hat? Und mu ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich Wiedergewonnenen so immer von neuem liebend an ihre Brust reit? Mu ich nicht heiter sein, obwohl ein Leben bitterster Enttuschungen mich im Mutterlande erwartet? Ich rste zur Heimkehr. Kein Wort, kein Gefhl klammert sich an mich, das stark genug wre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt schaue ich mich unter der Schar dieser Mnner um, unter denen ich fast alleine zurckblieb. Die Herzen haben mich verlassen, um derentwillen ich durch diese Wste reiste, und mir blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen das Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich die Augen des greisen Feldmarschalls auf mich gerichtet, hre das Wunder seiner Stimme, die, schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem Dunkel ferner Schlachten umherging, und zur selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf die Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke von Musik gehllt, seinem letzten Hause unter den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte, trug mich selber das Boot ber den Khle atmenden Flu, schwankte ich fieberdurchglht dem Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten. An dem Gelnder des Hospitals stand ein anatolischer Soldat, den ich vor Monaten in schwerer Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung dachte ich: du hast deine Gesundheit aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht mich selber hinab. Aber die Wage stieg von neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich: also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne des Sommers ffnet ihren weien Himmel. Ich habe meine Toten begraben. Der Weg ist frei. Das Band ist zerrissen, das mich an ihre Tage gefesselt hat, das mich glcklich machte, in ihrem Schatten zu leben. Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da unter meinen Fen die Meile des Weges wieder kleiner wird, um so strker erkenne ich, wie von Tag zu Tag die Mhe unsglicher wurde, die meinem geschwchten Leibe bereitet ist. Und schon ruft eine sieche Steppe, rufen die Bltter verbrannter Palmen mir entgegen: es ist zu spt! Die gelbe Glut einer bse blickenden Sonne hat eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen. Das Thermometer in unseren Brusttaschen steigt auf einundvierzig Grade, als wollte es sagen: sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber. Wir leben in den Kellern. Vor unseren Fenstern hngen breite Rahmen aus Palmblttern, die mit Kameldorn gefllt sind und mit Wasser begossen werden. Die Hunde vor unsern Tren liegen in einer Pftze von Schwei. Wir warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir aus unseren Verstecken, steigen auf die Dcher, wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen schlaflos und warten auf den Nachtwind. ber uns wachsen die Sterne, die goldenen Frchte eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte nur die Hand auszustrecken, so griffe ich in ihre Krone und pflckte sie alle in Deinen Scho. Zuweilen erhebt sich urpltzlich aus der Ebene ein Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus der Tiefe herauf, der feine Sand fllt ber Gesicht und Hnde, das Mckennetz blht sich, ein geflltes Segel, und pltzlich rollt unser ganzes Bett ber das flache Dach dahin. Die Leinentcher flattern nach allen Seiten, die Schlafschuhe wandern, und der mit Wasser gefllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag und Nacht verdurstend hngen, bricht in Scherben. Wenn aber der Mond scheint, fllt sich die Ebene mit einem zarten Licht. Blaue Dmmerung steigt aus den Palmenhainen, zerfliet weich in die Steppe. Wie klein wird die Erde unter uns. Dann ist mir, als wchse mein Leib unendlich in die nchtliche Landschaft hinaus. Mein Haupt ruht in Mossul, meine Fe rhren an die Trmmer von Babylon. Meine rechte Hand liegt auf den Dchern von Damaskus, und mit der linken greife ich in die Schneeberge von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche Ader, der Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten, die Kranken, die Gefangenen, die Sterbenden, Wasser zu schpfen. Bin ich ein Strom, an dessen Ufern die Regimenter des Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein Blut mehr in mir. Dies Land hat mich zu seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die Flut versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wste geworden, von verdorrenden Grsern bedeckt und von heien Winden geschlagen. An die Mutter[2] Bagdad, im Mai 16. Auch Du, meine Mutter, hast Deine Shne der Vernichtung geboren. Auch Du hast gedarbt, um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten, da Deine Kinder reif wrden fr die Stunde des Todes. Und auch Deinem alternden Leib ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebre noch einmal. Werde noch einmal Mutter, da neues Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und in den Laufgrben fliee! O die groe Lge, die wir niemals vergessen werden, die falsche Sonne, die ber der vorgeschichtlichen Zeit unserer Kindheit leuchtete. Denn wofr haben wir gekmpft? Wofr trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele Jahre hindurch? Wofr bauten wir Eisenbahnen und Dampfschiffe, errichteten Schulen, Fabriken und Krankenhuser, lehrten unsere Kinder weise, krftig und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich, da wir die Menschen nher aneinander rckten, Vlker an Vlker, Herzen an Herzen zu binden, die Gter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer Mangel wre, und die Armut zu tten? O die groe Lge, die groe Lge! So viel Wunder des Geistes und der Hnde, nur da wir Mittel htten, Soldaten schneller dorthin zu werfen, wo sie Menschen fnden, zu tten; bewaffnete Mrder noch ber die weitesten Meere zu tragen, Mnner, weise und klug und tapfer fr die Geschfte des Mordens, und Werkzeuge und Folterkammern des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die Sehnsucht in uns getragen, in die Lfte zu steigen, und da sie endlich in Erfllung ging und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in die Lfte und warfen den Tod vom Himmel auf die Erde herab. [Funote 2: Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und veranlate die Rckberufung des Verfassers aus der Trkei.] So viele Reisen ber Gebirge und fremde Lnder, so viele Wanderungen durch Stdte, durch blhende Ortschaften, wir vollfhrten sie nicht, da wir die Erde lieben lernten. Wir suchten nur nach den Schwchen unserer Brder, da wir besser wten, wo ihre Wunde schmerzhaft ist. Und immer noch wird jeder Tag zum Laufbrett einer neuen schndlichen Handlung, immer noch rollt diese Kugel, deren knchernes Klappern uns aus halbem Schlummer emporweckt. Glaubten wir nicht, erblindet zu sein vor dem Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen die Gefhle in unserer Brust? Ach, es gibt Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich so unauslschbar einprgen, da wir sie niemals vergessen werden. Gestern kamen die gefangenen Englnder aus Kut-el-Amara an. In langen, staubigen Zgen trieb man sie durch die Gnge des Basars, durch die gaffende Menge der Hndler und Straenverkufer, da sie unter dem Hohn der Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler doppelt empfnden, wie tief sie gedemtigt sind. An ihrem Ende erhob sich eine unbersehbare Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken ihrer Halfter aneinandergefesselt, auf ihrem Rcken die traurige Last jener Gestalten schleppend, die, von Hunger und Krankheit geschwcht, ihre Fe nicht mehr tragen konnten, die fast aufgehrt hatten zu atmen und in leblosen Bndeln an den hlzernen Lastsattel der Kamele geklammert hingen. Aus ihren lehmfarbenen Hosen ragten die von der Sonne gerteten und geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen zu schlen begann, und mit langen, drren Fingern griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hnde ihnen reichten, und bissen gierig in das grne Fleisch. Hier wankten Gestalten, die, barfu und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre Stiefel fr ein Stck Brot, fr eine Handvoll Datteln gegeben hatten. Auf ihren spitzen Schultern hing, wie ber einen Stock gezogen, das am Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt ihre Scham entblend, und zitternd erhob sich aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes, noch immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt, das auf dem langen Hals wie der klappernde Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten mit Wasser gefllte Tonkrge vor die Haustren gestellt, aber die trkischen Soldaten drngten die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu blieb eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten das nachfolgende an seiner Leine mit einem jhen Ruck aus der Ruhe zu reien, da die schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer noch atmenden Last schmerzhaft zusammenschlugen. Zuweilen schien es, als mten, durcheinandergeschttelt, diese Augen aus ihren vertrockneten Hhlen fallen, um im Staub unter den Fen der Tiere zu sterben, die wiederkuend mit schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rckwrts gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus dem Dunkel des Basars von neuem in die glhende Sonne der Wste tauchten. Am Abend ging ich durch das Lager der Gefangenen. In der grauen Asche des Staubes lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen umher. Kleine schlitzugige Gurkhas und die zarten Glieder der Sikhs, deren fremdartige Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren Tiefe die Flamme uralter Gottesverehrung brach. Dazwischen blonde Gestalten, noch knabenhaft und kaum der Mutter entwachsen, mit einem unsagbaren Ausdruck des Nicht-dafr-Knnens, armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich sie so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelst, ganz der steigenden Khle des Nachtwindes hingegeben, da mute ich mir unwillkrlich sagen: wie merkwrdig, da es noch eine Erde unter den Fen dieser Verdammten gibt, um darauf zu schlafen, da nicht auch unter ihnen eine Sonne glht, da ihre Fe nicht auf zwei spitzen Pfhlen stehen oder auf einem brennenden Rost, statt auf sonnendurchglhter Wste ... ja, die Erde ist barmherziger als wir. Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer Stunde, der millionste Teil des Elends, das von allen Seiten der Erde aufbrllt und um Erlsung schreit. Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen, so finde ich eine endlose Liste versunkener Schiffe, die die Ernte dieses einen Monats bedeutet. Den ersten Mai ein bewaffneter englischer Bewachungsdampfer, zwei franzsische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein franzsischer Kreuzer La Provence mit 4000 Mann wovon 3300 ertranken .... Das sind die bluttriefenden Trophen, die ein ber alles geliebtes Deutschland gleich den zahllosen Kopfhuten eines skalpierenden Indianers triumphierend an die Schnalle seines Grtels hngt! Hat je ein Mensch so viel Kraft der Vorstellung besessen, da er sich ausmalte, wie Tausende von Mnnern in wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines sinkenden Schiffes durcheinanderrennen in einem einzigen tierhaften Schrei der Emprung, hat je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not menschlicher Arme durch einen Brei von Blut und zerstckelten Leibern zu schwimmen begann -- und ging nicht hin und ri sich das Haupt von den Schultern, dies nicht zu Ende zu denken? O meine Mutter, wie arm und schwach sind wir geworden. Wir sterben vor Scham, in einer Welt leben zu mssen, die so wenig dem Abbild unseres Herzens gleicht. Auch Du mutest einem Gotte opfern, den Du nicht verehrst. Auch Deine Shne hngen in den Speichen eines Rades, das sie zu zerreien droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu sein? Hatten unsere Seelen nicht in dem Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet? Aber Mitleid und Liebe ngstigt und foltert uns. Auch uns blieb wie Siegfried eine verwundbare Stelle in der Hornhaut der Seelen, und durch die schmale ffnung zittert der grausame Speer, uns bis in die letzten Tiefen zerfleischend. Dein gefesselter Sohn. An die Mutter Babel, den 18. Juni 1916. Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal schrieb, wute ich noch nichts von dem Tode unseres Bruders, und doch ist mir, als mte eine Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu mir gesprochen haben, da ich Dir dieses sagte: auch Du hast Deine Shne der Vernichtung geboren. Als knnte ich Dir heute nur all jene Worte wiederholen, die ich Dir damals schrieb. Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando, um einen Urlaub nach Babylon zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten Brief in die Hand, ich lief die Treppe zum Flu hinunter, um das Boot zu besteigen, und im Hinabschreiten ffnete ich den Umschlag. Als ich den schwarzen Rand erblickte, dachte ich gleich: es ist der Vater. Dann las ich von dem Tode unseres armen Ikarus, der so frh seine Flgel gebrochen hat. Eine Weile spter stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers und hrte, wie eine Stimme zu mir sagte: Was machen Sie fr ein Gesicht? ... Da fhlte ich, von Krankheit und Hitze geschwcht, wie mir die Trnen aufstiegen, und konnte nicht sprechen. Ich fuhr den Flu zurck ber das opalfarbene Wasser, badende Knaben scherzten am Ufer, der volle Mond erblhte am Himmel. In dieser Nacht schlief ich wenig. Immer sah ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah eine unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der sich die blauen Adern abzeichnen, wie sie inmitten fremder Menschen und der kalten Geschftigkeit eines ungerhrten Soldatenlebens an dem Sarge ihres Kindes stand, mit einer schchternen Bewegung ihrer weien Finger ber seine blonde Stirne streichend, als wollte sie noch einmal sagen: mein Junge. Und ich sehe uns ltere Brder mit einem bunten schottischen Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres Hauses rennen, da uns die kleinen Beine kaum folgen knnen, blonde Hrchen, ber denen eine weie Pudelmtze hing mit einem Ponpon daran. Und ich sehe unsern Bruder nach Hause kommen mit seinem zerbrochenen rmchen, dem der Knochen aus dem Gelenk gerissen war, weil er schon so frh seine Seiltnzer- und Fliegerknste auf den regenglatten Barrieren des Viehmarktes bte, und ich denke, da er eigentlich immer unglcklich in seinen Unternehmungen gewesen ist. Armer Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend zwei braungewichste Schuhe in einem Winkel des Zimmers, blank wie eine Kastanie, einen seidenen Schlips, auf den er stolz war, und ich bin nicht bei ihr, ihr die Trnen von den Wangen zu kssen. Im Dunkel gehe ich noch einmal an den Flu hinab. Unter den Palmen haben trkische Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen, ihrer Uniform ledig, in ihren zerrissenen Hemden auf der bloen, noch warmen Erde, ihre Lmmer, die sie morgen schlachten werden, in ihrem weien, wolligen Fell am Boden ruhend, zwischen sich; und ich denke, da auch sie alle nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich die Gestalt meiner Mutter von neuem zwischen den Zelten auftauchen, bla vom Mondlicht beleuchtet, und wieder sehe ich diese schmale, blaugederte Hand vor mir, die zrtlich nach der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf das Dach unseres Hauses und werfe mich auf die Decken. Aber ich kann nicht schlafen. Ruhelos liege ich, bis der Mond untergeht. Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir reisten die Nacht durch. Ich sa mit Arabern in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von Gendarmen begleitet, durch die Wste. Einmal an einer Wasserstelle traten einige hinaus, breiteten ihren Teppich auf den Boden und standen zwischen Sonne und Mond ber dem ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht gegen den Himmel gerichtet. Wie nahe empfand ich sie mir in dieser Stunde, als sie niederknieten, voll Anbetung diese ewige Erde mit der Stirn zu berhren, und als ich den Wagen bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand in den Staub greifend, erschttert von der Erhabenheit dieser Natur. Um Mitternacht hielten wir an einer Karawanserei. Ich lie mein Bett auf dem Dache des Hauses ausbreiten, a etwas Brot und Kse und ffnete meine Kleider dem Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch im Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte Buttermilch aus einem Ziegenschlauch. Libben, Libben, sagte seine schlfrige Stimme. Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. Wieder rasten wir im Galopp durch die Wste, und wie glcklich war ich, die Erde von neuem unter mir gleiten zu fhlen. Kamel- und Ziegenkarawanen schwammen im Zwielicht mit wunderlichen Kpfen an uns vorbei. In der hellen Sonne hob sich die Staubkrone von Babylon aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt auf mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhtten und Ziegelruinen versunkener Riesenpalste fhle ich zwischen den vielen Unbegreiflichkeiten, die mich unter einem heien Himmel in ausgebrannter Seele bewegen, auch diese, da mein Bruder gestorben ist. Vielleicht empfinde ich weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde, von den Gesichtern fremder Menschen und Landschaften umstellt, den Schmerz, der vielfach gestaltet in den Straen der Heimat auf mich wartet, um in der Stunde der Heimkehr ber mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden mich mde gemacht, in jenen Stunden, da auch ich abgeschlossen hatte mit meinem Leben, dessen Tagebuchbltter mit vielfachen Zungen zu mir reden, auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit ich nichts geschrieben finde als die Worte: Meine arme Mutter. Wann werden meine Augen, die so viel Blut getrunken haben, noch einmal die Tage der Schnheit und des Friedens schauen? Wann werde ich wieder den Duft blhender Veilchen riechen? Fortzugehen aus dieser Welt des Jammers und der Verbrechen, nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am Wege, eine Blume im Wind ... o meine Mutter, wer das knnte! Aber glaube mir, da auch auf Deine Lippen noch einmal ein Lcheln treten wird, wenn aus den Hnden Deiner Shne die starken Frchte erwachsen, die Du ersehntest. Sieh, noch aus den tiefsten Abgrnden der Erde wollen wir das Glck der Kommenden in die Hhe bauen, da Sonne auch um Deine alternde Schlfe spielt, die ich mich zrtlich neige zu kssen. Ach, mchtest Du im Elend so glcklich sein, wie Dein trotz aller Leiden des Krpers und der Seele von tausend starken, unerschpflichen Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe bei Dir sein wird immer, immer. An einen Freund Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote in rumnischer Gefangenschaft. Babel, den 24. Juni 16. Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine unsagbare Macht mich abhlt, meinen Freunden zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es mir mit Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute ich mein langes Schweigen zu spt. Was ist es, das mir die Brcken zerbricht, die zu jenen hinberfhren? Ist es die Unmglichkeit der Vorstellung, da Menschen, die das Leben meiner Gemeinschaft fhrten, in das Rad einer Maschine gespannt sind, die Bettigung eines Handwerks verrichten, das meinem innersten Gefhl so sehr widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz aller Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen, trotz aller Gleichartigkeit der Gesinnung irdische und seelische Weiten zwischen sich zu fhlen, die zur Stunde noch unberbrckbar sind? Ich habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen. Nein, Du bist Dir treu geblieben. Noch zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der Schsse sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in Laufgrben und Unterstnden sind se Frauen an Deine Seite gebettet. Vielleicht schmerzt es mich, da Du meine letzten Worte so wenig verstanden hast, da Du Gefhle an Dich gerichtet empfinden konntest, die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich will jenes Briefes, auf Krankenbetten, in Bitternissen geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende sind. Nur zu lieben, zu schaffen ist meine Seele bereit, zwei Berufe, fr die diese Zeit sie schwach und untchtig gemacht hat. Was soll ich Dir sagen? Wenn ich ein Land wte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle oder die Schroffe eines Berges, noch seinem leisesten Echo fern zu sein oder dem unberwindlichen Geruch des Blutes, den der Wind ber die Erde hintrgt, wrde ich, ein Soldat, mit den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu heilen und Trost zu sprechen, nicht diese Sttten des Unheils und der vermodernden Schdel verlassen, wortbrchig, aber treu der heiligsten Pflicht der Seele? Wrde ich nicht schwach genug sein, dem Drange nicht lnger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit der Fremde, sollte ich auch Mutter, Freunde und Geliebte fr immer verlassen, fr mich, ein Einzelner, das Gebude des Friedens und der Arbeit neu zu errichten? Und wenn es dennoch einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine Sttte, an der ich glcklich wurde, so war es unter dem Dache dieses Hauses, das aus den Trmmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut ist, bei dem melancholischen Gesang der Wasserheber, im Schatten uralter Palmen und Maulbeerbume, den vergessenen Resten des Paradieses, in der Gemeinschaft einfacher und sinnhafter Menschen, Tagediebe und ruberischer Seelen (ja, auch diese noch wage ich zu lieben). Freilich erschien mir auch hier das Rtsel das gleiche, von dem wir umlauert sind, und nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde auf die Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so stark, wie auf den zerbrochenen Mauern dieser aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn ich im Abendschatten auf der Hhe dunkelgebreiteter Schutthgel wie auf den Spitzen verlassener Berge zu stehen glaubte und aus den Spalten der silberne Ton einer Blaurake sich hob. Denn auch wir waren bestrebt, hher zu bauen als unsere Vter. Auch wir bauten an einem Turme zu Babel. Auch wir Vlker dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden uns nicht. Und auch unsere Kinder werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen See voll Wasser, ber den der klagende Ton einsamer Vgel hinstreicht, wo wir einst gewaltige Mauern errichteten, ragende Trme und unendliche Treppen, in den Himmel zu steigen. Ach, da wir nicht reif wurden, einen andern Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum hat, uns Erlsung zu bringen. Wo bist Du? In welchem Winkel der Schlachten soll ich Dich suchen, geliebter Gefhrte so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll ich auch Dich unter den Toten wiederfinden? Ich fhle, wie es einsam um mich wird. Einsam, da ich noch immer von jugendlichem Strmen erfllt bin, da ich erst angefangen habe, zu leben, da ich endlich die Strae fand, nach der ich so lange suchte. Mchte mir die schmerzliche Stunde erspart bleiben, als letzter der Freunde zu sterben. Vor meinem Fenster, im Uferrasen des Euphrat, gehen junge Araberfrauen, Schlinge von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten der Dorfmauer hinschreiten, gleichen sie sanftfigen Boten des Friedens. Mchten die zartfingrigen Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel schlagen, seine ersten Tage beschatten. Doch nun sehe ich Dich im Staube der Landstrae dahinziehen, von Sonne und der frhlichen Schar der Kameraden umgeben, das furchtbare Mordgewehr auf dem Rcken, ein Lied singend. Der Sohn des Leichtsinns ist immer glcklich! -- rief mir gestern ein arabischer Eseltreiber zu, der sich lachend auf das mit blutigen Striemen bedeckte Tier schwang, und wenn Kummer und Not und die pedantische Hand des Todes um Dein Haupt sein sollten: bleib mir erhalten, alter Junge! Brief an die Eltern Im Palmengarten der Karmelitermnche. Bagdad, den 21. August 1916. Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz, Ihr einsamen Seelen, wird Euch erfat haben, als Ihr saht, da ich fast zwei Monate geschwiegen habe. Da ich von Zwiespltigkeiten, Demtigungen und einer Menge nur halb gelebter Stunden umhergeworfen, mich fast selber verga, seit ich Bagdad, dieses verlogene Gebude von Schmutz, Staub, glhenden Backsteinen, schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton von neuem betrat. Denn wir waren kaum aus der Pfanne von Babel heraus, als uns schon auf der Strae nach Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn in den Staub warf. Als unser Wagen pltzlich zusammenknickte wie ein Kamel, das sich in die Knie wirft, whrend die zerlumpten Kutscher unter den Kolbensten der Gendarmen mit einem arabischen das tut nichts die verbogenen Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten. Ja, ich glaube, ich verdanke es nur der Gte des Bruders gidius, wenn ich im Schatten seiner Feigenbume noch einmal dazu kam, mich auf mich selbst zu besinnen, wenn ich fr Augenblicke zurckschauen kann auf Leiden, Hindernisse und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, berspringen mute, um endlich zur Ruhe zu kommen. Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um aufgescheucht, atemlos von neuem durch Gestrpp und ber Abgrnde zu strzen. Denn whrend ich halb krank durch die Straen von Bagdad irrte, wie ein persischer Bettelmnch in einem hauslosen Stande lebend, whrend ich jeden Morgen meine Wohnung wechselte, mit der Last meiner Teppiche und dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepck, whrend ich in halbzerfallenen Husern nchtigte, jeden Tag der Stunde der Heimkehr gedenkend, erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl vom 26. Juli 1916: Der Sanittssoldat Wegner wird in die Cholerabaracken kommandiert. Da stand ich im Schein meiner Handlaterne in der Finsternis unseres kleinen Hofes, faltete das Papier zusammen, und mir war, als hielte ich mein Todesurteil in der Hand. Von Fieber und innerem Leiden geschwcht, soeben von den rzten eines dreimonatlichen Urlaubs versichert, dennoch von tglichen Verlockungen bewegt und noch gestern bereit, nach Persien oder gypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift dieses Befehls, da alle Plne, die ich in den letzten Tagen erwog, mir fr immer zerbrochen waren. Niedertracht und Verleumdung, die mit gespreizten Beinen auf den Dchern der Stadt reiten, hatten sich an die Spuren meines Weges geheftet. Der bse Wille eines preuischen Offiziers, der es nicht duldete, da meine geringe Verachtung vor seiner nur mit einer Schlafhose bekleideten Krperlichkeit sich zu verneigen wagte, statt stramm zu stehen. Denn nach meiner Rckkehr aus Babylon hatte man mich fr kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert, dessen Rume ich kaum betreten hatte, als ein mir unbekannter Deutscher im Trrahmen des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang gewhnt, machte ich eine leichte Verbeugung, da er auf seinen nackten, von Schwei gerteten Schulterblttern die Abzeichen seines Hauptmannsranges in der Tat nicht einttowiert trug. Wer sind Sie? Ich nannte meinen Namen. Er fragte nach meinem militrischen Rang. Ich wrde mich schmen, Euch die Worte zu wiederholen, die darauf folgten. Am Abend fand ich das Feldbett, das mein Diener auf dem obersten Dach aufgeschlagen hatte, eine Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige Tage darauf wollte es das Unglck, da ich, noch immer auf die Ausfertigung meines Urlaubsscheines wartend, mit einer schnen Frau durch den ffentlichen Palmengarten von Bagdad ging, whrend der deutsche Etappenmajor vor der Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nchsten Abend hielt ich diesen Befehl in Hnden, der geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr fr immer in mir zu tten. Mit wie bitteren Gefhlen, wie schmerzlicher Sehnsucht ging ich in dieser Nacht auf der Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph, mit dem ich das einsame Haus teilte, sich neben mir auf das von Palmenzweigen geflochtene Bett warf. Schlafen Sie ruhig, sprach seine Stimme durch das Dunkel, ich habe es immer gefhlt, da ber Ihnen eine schtzende Hand schwebt. Ich aber blickte in den nchtlichen Himmel, an dem violett schimmernde Sterne ihr ewiges Spiel begannen. Ich konnte mich nicht losreien davon, da dies nicht der Wille der Notwendigkeit war, der mich von neuem auf die Strae des Verderbens strzte und meinen kaum wiederhergestellten Krper, den ich nicht ohne Mhe auf den Beinen hielt, bald wieder auf das Lager werfen mute. Mein immer bereiter Wunsch, den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine Mauer haerfllter Blicke gestellt, die gerstet schienen, mich zu vernichten. Aus den weien Laken der Betten sah ich von neuem die Gebrde der Hilflosigkeit gegen mich Hilflosen gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht, wie ich sie so oft in diesen Jahren gesehen. Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die bei mir war, Ihr einsamen Seelen. Zum ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren, sah ich Euch beide vereint wie in den Tagen der Kindheit. Eure Augen trugen den alten Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure Gesichter gezeichnet. Und von Sehnsucht berwltigt, griff ich zum zehnten Male nach Euren Briefen, aber es waren die alten, trnenbeladenen Seiten, die von dem Tode unseres Bruders kndeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend vor mir stehen, wie Ihr die vterliche und mtterliche Rechte zum letztenmal dem Sohn auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein alterndes Zwiegespann, mde an dem verwaisten Herde zurckbliebt. Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in diesen Tagen von neuem an die Arbeit, bereit, das Letzte zu geben, das in mir war, bemht um die Schmerzen neuer Menschen, als htte es irgendwo dort hinten nie ein anderes Dasein gegeben als dieses, das mit bolus alber und trockenem Brot zwischen den Betten umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der Schreibstube zwischen den Papieren einen geheimen Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes, der den Vermerk trug: W. ist so zu beschftigen, da ihm jede Lust, in Bagdad spazieren zu gehen, vergeht. Man stellte mir also nach dem Leben, beraubte mich des hheren Ranges, den mir der Feldmarschall verliehen hatte, zwang mich zu einer Ttigkeit, der ich bei meinem Zustand nicht mehr gewachsen war, und bertrug mir in schndlicher Absicht bei tglich zwlfstndigem Dienst noch drei Nachtwachen in einer Woche. Nur einem Wunder verdanke ich es, da die Cholera in diesen Tagen nachlie. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich in den gedeckten Kellern dahin, lief mit arabischen Handwerkern durch die heie Sonne, einen Leichnam in seinen Sarg zu lten, oder stahl mich im Dunkel zwischen den Palmen hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in die Grube zu werfen, mit dem ich noch gestern bei Tische sa. In diesen Tagen lernte ich den Schlaf ber alles lieben. Wenn es zuweilen geschah, da ich des Nachts emporfuhr, schlo ich erschreckt von neuem die Augen: nicht einen Gedanken lnger in einer Welt leben zu mssen, die schamlos die Wurzeln aller Taten entblte, eine Welt zu schauen, die so sehr das Abbild der Selbstsucht und der Zwistigkeit war, von harten Herzen gesteinigt, unter dem niederen Himmel bse blickender Augen, die nicht gewillt schienen, mich mit Liebe zu lohnen. Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich mit dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und dem erfahrenen Herzoge von Mecklenburg zu Tische gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des Tigris vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte ihrer Freundschaft, der liebenden Geste, mit der sie mir die Hand reichten. Es war weder Ehrgeiz noch Beschmung, die mich erfaten, da ich mich pltzlich so herabgesetzt sah und in den Kreis der Enttuschung gefhrt (bin ich nicht immer der Gast der Armut gewesen?), aber es schmerzte mich, Verleumdung und niedriger Vergeltung zu begegnen, wo ich zu halbem Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis fand. Der Strom der Bosheit hatte auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer weitere Kreise zog, mich immer weiter hinwegfhrte von meinen Freunden. Ach, ich wute es wohl, die mich liebten, lagen unter den Toten drauen oder kehrten enttuscht und unglubig in die Heimat zurck. Und eines Mittags, nachdem ich die Nacht Wache gehalten, lief ich in die Wste hinaus, das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber ich irrte vergeblich in glhenden Winden zwischen Aas und zerfallenen Hgeln umher, bis ich im Staube kauernd den blinden Wrter des Friedhofes fand, der, mit greisen Hnden ber den Buckel der Grber tastend, lange zwischen den zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor eine kahle Stelle zu fhren. Enttuscht blickte ich auf die entblte Sttte dessen, den ich geliebt hatte, die so Unvergeliches fr mich barg, von denen betrogen, die mir whrend meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben, dafr Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der Erinnerung war mir geblieben, als der traurige Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser zurcklief in die Stadt. Und ich ging durch den schlafenden Bazar, dessen hundert Augen geschlossen lagen, denn es war Feiertag, und dessen schmale Gnge sich in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall mich in eine verlassene Karawanserei fhrte, wo alte Teppiche, Mbel und Waffen vergangener Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich mich so einsam und bekmmert zwischen ihnen stehen sah, von Krankheit und Heimweh geschwcht, in meinem abgerissenen Waffenrock und meinen staubigen Soldatenstiefeln, da fhlte ich, da auch ich nichts anderes war, als ein wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als Hemmschuh fr das gleitende Rad des Todes zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig Piaster verhandelt. Euer Sohn, der Freund der Toten. Der Triumph der Mutter Bagdad, Mesnil Schah Bender, den 30. August 1916. Am vergangenen Sonntag ging ich in die lateinische Kirche. Sie feierten das Fest der heiligen Jungfrau Maria. Chaldische Christinnen in ihren weiten seidenen Gewndern fllten das Schiff, arabische Kaufleute, ber denen der Priester, schwarzbrtig, die weihrauchgefllte Kugel schwang. Ich setzte mich unter sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen geschmckte Bild der Gottesmutter, die auf ihren Armen den Sohn trug, und mir war, als schaute ich in Deine Zge, Mutter, die in unendlicher Liebe auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die Worte gesprochen worden: _Beatus venter, qui te portavit, et ubera quae suxisti?_ Ging nicht von diesem Lcheln aller Friede der Erde aus, stand es nicht wie die aufgehende Sonne ber den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle hinausgetrieben werden, verirrte Tiere? War nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest Du nicht die sieben Schmerzen Marias getragen, den Sohn in Kummer geboren, mit ihm die Kmpfe und Enttuschungen einer langen Jugend erlitten, ihn dargebracht auf dem Opfersteine der Menschheit, da verblute, was mit soviel Mhen Deinem Leibe, Deinem Herzen entwachsen war? Als Du ihn wiederfandest in seinem zerrissenen Fliegerrock, von dem Schmutz dieser Erde bespritzt, gekreuzigt an die zerbrochenen Flgel seiner Maschine, waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen Tiefen der Finsternis die Worte gesprochen worden: Siehe da, Deinen Sohn! Glitt nicht in jener Stunde vervielfacht und gelutert die namenlose Liebe auf uns Brder herab, die von unendlicher Trauer verklrt vor uns die Flamme Deines Hauptes emporhob? _Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit orbis in tua se clausit viscera, factus homo._ Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der Trennung und dieser schmerzlichen Zeit im aufgewhlten Herzen bewegend, und dachte: Ich kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, Mutter, so viele Jahre liegen zwischen gestern und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die ich beschreite, blickt Deine Gte, aus jedem Sturme spricht Deine Stimme zu mir. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet sich in das Tal Deiner Wangen, sie wandert in den Falten Deines Gesichtes einher wie der Wanderer, der in den Schluchten der Berge verirrt ist, und findet nie ein Ende. Ich bin ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle ber den Schlummernden am Grunde der Wasser, so gleitet ber mich Deiner Liebe Lcheln. Arabische Knaben erhoben die helle Stimme zum Gesang. Die Seele, des schwebenden Schrittes entwhnt, strzte in sich zusammen. Neben mir knieten zwei gefangene Englnder in ihrem lehmfarbenen, sauber gebrsteten Waffenrock; ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite sah, die Kette des Skapuliers ber die Schultern gehngt, die sie beschtzt hatte vor Krankheit und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in dunkler Gefangenschaft, wie sie fern von der Heimat, die liebliche Heiterkeit englischer Drfer vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums so laut in mir, da es mir Mhe machte, die Trnen zurckzuhalten. _Laudemus omnes in Domino diem festum celebrantes sub honore beatae Mariae Virginis._ Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmckten Bilde, fand ich ihr Gesicht zum zweitenmale verndert, als blickten alle, die in dieser Kirche versammelt waren, arabische, armenische und chaldische Christen, griechische Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke und gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und Greise mit mir empor zu der Mutter des Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht ihres Leibes umklammert hielt, sie liebevoll hinter dem schtzenden Mantel zu bergen. Und ich sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in den Lichtern ihrer Augen stehen, zwei spitze, schwertheie Flammen. Da erkannte ich die Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und fluchbeladen mit mir in diesem Raume kniete, eine stumme, untrstliche Gemeinde, die gekommen war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten. _Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!_ Dumpf tnte das Aufschlagen der Hnde gegen die Brust. Da aber klang in unendlicher Vershnung ihre erlsende Stimme aus der Hhe herab: Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, ich gab von mir sen Geruch. Ich bin die Mutter der schnen Liebe, der Furcht, der Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges, jeglicher Wahrheit. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an meinen Brsten werdet ihr gesttigt werden. Mein Geist ist ser denn Honig, meine Erbschaft kstlicher denn Honig und Honigseim. Mein Andenken bleibt in ewige Geschlechter. Die mich essen, werden noch hungern, und die mich trinken, werden nach mir durstig sein. _Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, nobis est vita perdita data: quae de coelo suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. Alleluia._ Die silbernen Schellen erklangen, der Priester kte das goldgeschmckte Buch, Weihrauchwolken erhoben sich zum Gewlbe der Kirche. Eine se Wehmut stieg auf in meiner Brust, und aus ewigen Grnden hrte ich eine Stimme sagen: Lege von Dir den Rock, der mit Schmutz und Eiter bedeckt ist. La liegen den Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre den Verwundeten, den Sterbenden in seinem Blut. Auch Du bist berufen, ein Jnger zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter aufzurichten, ein Baumeister der Liebe unter den Vlkern und eine leise Stimme der Zukunft. Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der Liebe gelegt, die Gewalt der Rede, die ich Dir geschenkt hatte? Httest Du nicht aufstehen sollen, Deine Hnde gegen den Mund zu legen, sei es auch gegen eine Welt kalter Gerechtigkeit, um zu sterben unter dem Hasse der Menge, ein Narr des Edelmutes, eine Heldenstimme der Unvernunft? Du aber gingst hin, verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, weigertest Speise und Trank Deinen Worten, die hinter dem Gehege Deiner Zhne dahinstarben wie gefangene Tiere. Du Knecht der Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens! Du Dieb der Wahrhaftigkeit! _Regina mundi dignissima et mater perpetua intercede pro nostra pace et salute._ Aber zum dritten Male aufschauend erblickte ich hinter dem palmengeschmckten Bilde den Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt, die Hnde von Ngeln zerschlagen, und erkannte in ihm das Bild dieser Erde, die, in Kriegen verstmmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt, sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer hchsten Verehrung gemacht hat. Sie drngten hinzu mit gierig geffneten Lippen, ich sah, da ihre Seele ein reiendes Tier war, die verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du geboren hast, die trank von dem heiligen Blute des Bruders und wurde trunken davon. Ihre Nahrung war der Leib eines Toten. _Accipite et manducate, hoc est enim corpus meum, quod pro vobis tradetur._ Und von grenzenlosem Schmerze erfat, drngte ich hinaus, ein Betubter, den ein Stein vor den Kopf getroffen. Noch auf der Strae, inmitten der Menge, die um die Tische der Bazare war, unter Handwerkern, Kaufleuten, unter Juden und Mohammedanern, Christen, Bettlern und Soldaten, whrend durch die offene Tr die Orgel in den Lrm des Marktes klang, schrie es auf in mir: O Du erhabene Mutter des Menschengeschlechts -- sie beten Dich an, aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll uns erlsen, wenn Du es nicht bist, Mutter? Aus Deinem Schoe wachsen die Kinder der Welt. Stehe auf aus den tausend Mttern der Erde, erhebe Dich aus den Millionen Herzen, die gelitten haben! Verschliee den Scho, der so viele Leben geboren hat, la versiegen den Quell Deiner Brste! Stehe auf aus den volkreichen Stdten Deutschlands; aus den Kathedralen von Frankreich, aus der Finsternis englischer Fabriken erhebe Deine Stimme! Aus den Wldern Indiens, aus den Zelten arabischer Wsten, den verschneiten Htten russischer Drfer beginne den Klagegesang. Aus der toten Verlassenheit anatolischer Felsenhhlen, aus dem traurigen Wohnzimmer der Witwe, die in ihrem hlzernen Kfig dahinsiecht, aus der steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, wo die Stimme des Meeres in das Singen der Wiege klingt, la Deinen Ruf laut werden, halte nicht lnger zurck das Gewitter Deines Zorns und der Verzweiflung! Hebe Dich auf aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, lege Deine Hnde vor das Antlitz des Todes, und la den Lrm der Schlachten verstummen, da die Welt rein werde von den Greueln des Blutes. Denn Deine Kinder sind schwach und untreu ihres Gelbdes. Sie lernten es wohl, das eiserne Rohr zu fhren, aus dem die teuflische Kugel fliegt, aber untchtig sind sie und feige fr die Arbeit des Brudertums. Sie achteten Deiner nicht, gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und Speise denen, die hungern, gib einen Vater den Kindern wieder, nicht lnger la einsam sein den Schlaf des Weibes. Aus ihren weien Betten steigen die Gebete der Kinder zu Dir auf, und aus den Grbern noch blhen die Hnde der Toten. Denn Dir gehrt alle Herrlichkeit der Erde, Mutter, alle Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit! _Qui audit te non confitetur et qui operantur in te non peccabunt. Qui elucidant te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!_ An Carl Hauptmann Kriegslazarett Kasim Pascha, den 3. September 1916. Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine Wunden getan! Wohl wei ich, da jeder Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, von dem wir nicht ahnen, in welchem Lande, zu welcher Stunde er niederfllt; der Ihre aber traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte ich fr Augenblicke aus tiefem Schlaf. Da es noch eine lichtere Landschaft gibt, als die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen Tisch zwischen die Betten gestellt habe, und die flackernde Kerze, die von dem Atem der Kranken bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich im Schlafkleid unter dem hellen Mond seltsame Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden Tag mit weiem Gesicht glhend am Himmel heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-, Pferde- und Stierleichen, die aufgelsten Leiber toter Soldaten mitten durch den Strom der Stadt treibt, da wir nie vergessen, da wir auch hier in den Laufgrben des Krieges schlafen. Wenn ich zurckdenke an das Leben, das ich einstmals gefhrt habe, an die stille Tafelrunde der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von ihrer Mahlzeit scheuchte, so befllt mich oft eine stille Angst, da dies alles nur ein merkwrdiger Traum war, der niemals Wahrheit besessen. Da ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als diesen einugigen Raum, dessen Scheiben mit Papier verklebt sind, in dessen Winkel an einer aufgespannten Schnur meine Wsche und meine Kleider hngen, in der die Koffer geschlossen und die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als gelte es, jede Stunde des Aufbruchs gewrtig zu sein. Hat es auch fr mich Wandernden einmal Heimat gegeben? Wann geschah es, da ich auf etwas anderes blickte als gleiende Backsteinbauten oder in das sandige Auge der Wste? Der stille Gleichmut des Landes hat seine trstende Hand auch auf mich gelegt. Die Flamme des Zornes ist herabgebrannt, ich habe lcheln gelernt, was mich noch gestern in Emprung versetzte, begreife ich mit ergebener Anmut. Wie oft mu ich an meinen arabischen Diener denken, der jede Frage mit einem Warum beantwortet. Ist das Essen fertig? -- Warum soll es nicht fertig sein? -- Hast du meine Stiefel geputzt? Ist Reis, sind Tomaten da? -- Warum nicht, Sahib? Und wenn ich ihn darnach fragte, wrde er nicht antworten: Warum sollst du in Deutschland sein? Kannst du mir sagen, weshalb diese Erde besser sein sollte, als sie es ist? ... Aluan wird 17 Jahre alt, ist zum zweiten Male verheiratet und hat zwei Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich in den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen Unbegreifen so oft in hilflose Verzweiflung geriet, hatte ich nie geglaubt, da wir einander menschlich so nahe kmen. Wir beide haben manches von einander gelernt. Einmal besuchte ich ihn im Hause seines Schwiegervaters in Kazimen, lag die heien Stunden des Mittags in seiner lndlichen Htte auf der besten buntgedruckten Matratze, die er auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und deren Muster ich noch immer auf der Rckseite meines Hemdes trage. An der Wand hingen die kostbaren Frauenkleider aus grner und roter Seide, und whrend ich schlief, kamen Klber und Eselinnen, mit kauenden Mulern, und berochen mit groen Augen den Gast. Bei dieser Gelegenheit sah ich auch Aluans starke und wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht eine Stunde weit von Bagdad nach Kazimen luft, um erst im Morgengrauen wiederzukehren. Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. Hinter der Stadt bildet der Strom eine breite Sandbank, auf der Fellachen ihr Gemse bauen. In meinem zeltberdachten Boote versteckt, die persische Mtze auf dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn ich bin ein scheuer Fremdling unter den Leuten des eigenen Volkes geworden. Dann breite ich meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe mein baumwollenes arabisches berkleid an, lese im Homer, im Herodot, im Goethe oder der Bibel, die meine nie versagenden Trster sind; denn ich bin nun ganz zurckgekehrt zu den ewigen Menschheitswerken, die jenseits alles Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben mir, auf den Fersen sitzend, hockt Aluan, und nachdem er lange geschwiegen hat, lchelt er nachdenklich. Ja, siehst du, Sahib, sagt er zu mir, das ist der Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und keine Frau. Auch hier spricht die Stimme des Menschlichen zu mir, und mit leiser Rhrung betrachte ich die sanfte Neigung seines Kopfes, wenn er mir zuhrt, oder die zrtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu drcken und mir fr eine Kupfermnze zu danken. Aber ich habe noch andere Brder, die heimkehrend in den Stunden des Abends auf mich warten. Hinter der Brcke am Wasser liegt die kleine Moschee. In den Nchten des Ramadan bin ich der Gast der alten Mollahs. Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu seinen Fen und lausche auf seine Stimme. Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. Ich sage ihnen, wie ich heie; seitdem rufen sie mich Tarik. Wir lesen einander Gedichte in arabischer und deutscher Sprache vor, und obwohl keiner des anderen Worte versteht, hren wir doch einander zu und sind voll Andacht. Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten im Schatten der Moschee und Pater Joseph, mit dem ich das Dach meines Hauses teile, sind nun meine einzigen Freunde geblieben, vielleicht noch ein sterbender Hund, den ich am Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen dem Lrm der Bootsfhrer und Wassertrger ganz in sich versunken, die geheimnisvolle Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die Stunden sind selten, da ich in ihrer Mitte bin. Ich habe aufgehrt, mir selbst zu gehren, in eine Reihe inhaltsloser Tage gedrngt, ein bodenloses Gef, das leer wurde, noch ehe wir es zu fllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit trage ich diese Stunden und die Demtigungen, die mit meiner Arbeit verbunden sind; denn auch hier gilt nur, wer zu tten berufen ist, und ein liebender Menschenpfleger ist im Grunde eine verchtliche Gestalt. Mchte mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen ich, meiner selbst kaum mchtig, die letzte Kraft meiner Hnde reiche. Whrend ich diese Zeilen schreibe, blicke ich vom Dach in den Hof auf die lange Reihe ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblt, nebeneinander liegen, das eine Knie in die Hhe gezogen, als stiegen sie noch im Schlaf eine unendlich mhsame Treppe hinauf. Und ich hre wieder die Stimmen der deutschen Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wste, mir von den bitteren Mhen ihres Lebens erzhlen, wie sie hier, am Hintern der Erde, von Hunger, Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten Hilfe, des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, die sie ohne Grund in der Glut der Mittagsstunden in der sommerlichen Wste Schanzen werfen lieen, in einer trkischen Fremdenlegion dienten. Noch gestern sa ich an dem Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten Trumen das bittere Gefhl versagter Freundschaft umging, die Scham und der Vorwurf gegen die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz und Niedertracht, ihren Untergebenen die Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. Nun tnt aus dem Schatten der Mauer die Stimme eines jungen Soldaten, der seinen trkischen Wrter ruft: Mustapha, Musta -- pha! leise und klglich, als riefe er seine Mutter. Ich blicke auf und schaue den schwarzen Strom hinunter, in dem die letzten Lichter der Stadt sich spiegeln, blicke in das Wunder der fallenden Sterne, die wie glhende Geieln ber den nchtlichen Himmel peitschen, die herabsickern, langsam fallende Schneeflocken, silberne Trnen. Jetzt blitzen sie auf, gewaltige lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand ber die Erde hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg noch immer nicht das verwstete Lager entweihter Unschuld verlie. Sie verlschen, und wieder wird Nacht. Aus dem Dunkel des Flusses aber tnt die leise Stimme eines arabischen Fischers, der in seinem Boote schlafend den Strom hinabtreibt: Die groe Palme und der kleine Schling sind dahingegangen, Ich blieb allein zurck. Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein Schlafwandelnder. Freude! Freude! Aber auch Kummer erfat mich. Ich sehe die frischgelschte Tinte Ihres Namens darunter, als wre ich eben in der Winterstille durch den Schnee der Berge herabgekommen, trete in das abendliche Zimmer und sehe, wie Sie vom Tische aufstehen und aufhren zu schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich verwundert, da ich selber es bin, an den diese Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich noch einmal diese Stube schauen? Wann wird der Tag kommen, da mir und Euch allen die Worte geschenkt sind: Hier gebe ich Dir Armin Wegner zurck. Wie anders wird die Gestalt sein und die Seele, die wieder unter die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die ersten weien Haare auf dem Haupte der Jugend schauen. Denn es ist ein Weg ohne Heimkehr, den wir beschreiten, an dem wir wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und die von ihm zurckkehren, tun es nicht ungestraft. Andere Augen sind es, mit denen sie schauen; sie bleiben gezeichnet fr den kommenden Tag. Dennoch glhen unter der Asche dieser Tage purpurne Flammen, die zuweilen urpltzlich hervorbrechen, vor deren geheimer Gewalt ich erschrecke, als wenn sie mich selber vernichten mten! Ein unbndiges Verlangen ergreift mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche Hhen und Abgrnde sie auch fhren mgen, fort! fort! verkleidet in das Gewand eines Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und sei es auch, um in der Wste zu sterben. Aber schon hre ich die Schritte der Hscher im Hof, die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. Wohin? Wohin? ... Einst sagte mir ein arabischer Wahrsager, den ich im Staub der Strae um meine Zukunft befragte, indem er die Wrfel auf eine messingne Schale legte, in die das Zeichen des Widders und des Steinbocks gegraben war: Was du im Herzen trgst, wird in Erfllung gehen. Aber was ist es, das ich im Herzen trage: Tod, Leben, Ruhm oder Untergang, Glck oder Verbrechen? Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; hinter den hrtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren wie eine Lerche. Nur eines wei ich, da mit mir die Liebe ist, da sie mich weiter begleiten wird, und sei es auch zu den Abenteuern und Lndern, die jenseits dieses Lebens liegen. Friede sei mit Dir! rufen mir die Araber zu, denen ich des Nachts in den dunklen Gassen begegne; mit mir aber geht der Unfriede, mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die mich durch alle Schmerzen der Erde von der Hlle bis zu den Sternen treibt, immer duldend und immer voll Neugier. Ihr Armin, genannt Tarik, das ist der des Weges Schreitende. Die vierzig Tage und Nchte der Heimkehr An Pater Joseph Hadit, den 30. September. Frh 7, im Schatten eines alten Wasserrades. Bester Pater! Ihnen den ersten Gru. Da es weiter geht. Da die Erde sich wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise baten, Ihnen zu schreiben, schien mir dies freilich ein Wunsch, dessen Erfllung fern in einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun ich die ersten Tage durch die Wste gereist bin, sehe ich, wie sehr meine Gefhle bei Ihnen blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist. Dabei denke ich nicht ohne Genugtuung daran, da ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die mich nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen zum drittenmal auf das Lager warf, den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch in der Stunde des Abschieds an dem Mangel an Wagen gescheitert wre. Dieser Heimkehr, die keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete Seele liegt bei den Toten in der Steppe begraben und wird nie wieder in das Land zurckkehren, das ich vor kaum zwei Jahren verlie. Wie oft mu ich mich unserer erregten Gesprche in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah Bender erinnern und jener trstlichen Worte, die ich Ihnen zurcklie: Meine Irrtmer sind mir lieber als Ihre Wahrheiten. Aber ich fhle auch, da hinter allen Widersprchen etwas Menschliches lag, das wieder zu zittern anhebt. Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied wurde, seit das letzte Wahrzeichen der Stadt verschwand, jene einsame Grabpyramide, die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wste steht. Zwei Tage sahen wir sie in der Sonne leuchten, dann lste sie sich in Rauch auf. Heute werden wir zum erstenmal einen Tag rasten. Die Kutscher haben die Splinte aus den Wagen gezogen und sind in das Dorf gegangen; so habe ich Zeit, in Geduld zu warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich auch hier auf allen Drfern und Wegen der Wste begleitet! Jener oft wiederholte Gru der Fellachen, jenes Bruder, Bruder, mit dem uns die Beduinen die Frchte ihrer Felder reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt, scheint mir ein tgliches Gleichnis meiner Gedanken. Oft, wenn ich in die Gasse ihrer lehmgehrteten Htten trete, gesellt sich ein arabischer Junge zu mir. Eier! Eier! ertnt unsere Stimme vor den Tren, dann kommen die Mdchen und Frauen aus den Hfen heraus. Ich bleibe bei den Mnnern an ihren Websthlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie hocken in einem Loch in der Erde). Zutraulich legen sie mir die Hand auf die Schulter. Ich sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie verschleiern sich nicht. Whrend aus den tnernen Schaufeln des Wasserrades ein feiner Sprhregen ber mich herabfllt, blicke ich nach der schmalen Insel des Euphrat hinber, auf der zwischen Palmen die Htten aneinandergedrngt stehen, eine graue Feste. Bronzene Gestalten treten zgernd in das Wasser, das Bndel ihrer Kleider wie einen wunderlichen Turban um den Kopf geschlungen. Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue, die sich schwer gegen die Strmung beugen, wie sie, ihre Kinder auf dem Rcken tragend, das Ufer hinaufklettern, ber das die warme Morgensonne streicht, fhle ich wieder, wie ich trotz Tod und Trnen in dieses Land verliebt gewesen bin. Tglich streifen wir viele Stunden weit durch seine hungrige Weite. Schon vor Sonnenaufgang, wenn die Pferde noch ungeschirrt an den Wagen stehen, wandere ich zu Fu hinter der Karawane her. Bla hebt sich die Staubwolke unter den Tritten der keuchenden Tiere, bis der Tag kommt, und der Schatten ihrer spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei bin ich von einer so berquellenden Heiterkeit und Flle der Gesichte bewegt, da es mir kaum gelingt, im Weiterschreiten auf ein zerflattertes Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen. Welche Vernderung ist mit mir vorgegangen! Selbst meine Uhr, die seit Monaten still stand, begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder zu gehen. Oder ich lehne in den heien Mittagstunden im Winkel unseres schaukelnden Pilgerwagens und trume zwischen Wachen und Dmmern von einem groen Manifest des Friedens. Ist es Europa, dem ich mich nhere, das mich so froh macht? Ich glaube, wenn es nach Indien oder gypten ginge, ich knnte nicht glcklicher sein. Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren den ganzen Tag durch lchrigen Boden gefahren, blieb unser Wagen allein in der Steppe zurck. Ich war auf den Bock gestiegen und hatte selbst die Zgel unserer vier Pferde in die Hand genommen, aber die hartgewordene Krume einer ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte unter unseren Rdern wie Glas. Die Pferde zogen an, zerrissen die Strnge, zitterten und blieben stehen. Und whrend der Kutscher mit trnenverzerrtem Gesicht und einem Hilf Allah immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug, ging ich im offenen Hemd und meinen weichen Schlafschuhen allein eine Stunde weit unter dem sternenbeglnzten Himmel, das nchste Dorf zu suchen. Wie nahe wart Ihr mir alle, whrend ich still vor mich hinschritt, einsame Worte mit Euch tauschend. Ich htte nur die Hand auszustrecken brauchen, um das Schlagen Eurer Herzen zu fhlen. O beglckende Mdigkeit, als endlich auch unser Wagen in den finsteren Hof der Karawanserei rollte, spt unter dem offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeruschen der Tiere, die zwischen unsern Lagern umhergehen. Dann tnt das Donnern der Wasserrder lauter vom Flu, und die Glocke des Leithengstes klingt noch lange in unsern Traum ... Gren Sie Aluan, Dschafar und Achmed und die andern kleinen Bootsjungen, mit denen wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken Sie der Lebendigen und der Toten. Und wenn Sie durch jene trmmerbeste Strae gehen, durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen Sie nicht, da ich auch diesen Staub unter Ihren Fen noch liebte. Die vierzig Tage und Nchte der Heimkehr Aus dem Tagebuche Rahije, den 2. Oktober, abends 6. Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. Die ersten strkeren Wolkenzge treten auf und beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind verschwunden. Vor Ana habe ich mir fr zehn Piaster ein schwarzes Lmmchen gekauft. Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und habe die grte Freude, es whrend der Fahrt auf dem Scho zu halten und zu streicheln. Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und Karawane, in enggeschlossenem Zug, uns vor berfllen der Beduinen zu schtzen (am Vorabend waren deutsche Schahturs berfallen worden, und es gab acht tote Araber), ein wenig schweigsam, denn es war spt geworden, stand pltzlich in der Abenddmmerung ein seltsames Zeichen am Himmel. Ein langer, geschwnzter Strich wie die helle Schnur einer Peitsche. War es der rauchende Schweif einer Sternschnuppe oder spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf den blassen Himmel gerichtet, wo es unverndert fast zehn Minuten verweilte. Das ist ein Zeichen des Friedens, sagte eine Stimme. Mir aber schien es eine feurige Geiel, die ber der Erde stand. Unwillkrlich neigte ich den Kopf, als mte ihr sausender Schlag auch ber mich und unsere kleine Karawane herabfallen, die mhsam und gedrckt ber den steinigen Grund dahinzog. Abu Kemal. Dreizehnter Tag. Abends 5 Uhr. Heute nur acht Kilometer zurckgelegt. Kahle, steinige Uferhhen, die wir nur langsam hinaufklimmen, verwahrloste Wege. Weite violettschimmernde Hochebene, durch die der Flu stahlgrau dahinzieht. berall liegen lose Brocken zerstreut, als wre ein ungeheurer Steinregen herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der Fhrer der Kutscher, mit seinem Wagen in das ausgetrocknete Bett eines Flusses. Alle Pferde bluteten. Zwei Rder waren vllig zerbrochen, und der Wagen schleppte sich, auf den Speichen rumpelnd, mhsam bis in den Chan. Gestern ging ein Maultier mit allem Gepck in den Flu, konnte aber gerettet werden. Ein Pferd, das beim Trnken ber die Uferbschung strzte, wurde abgetrieben. So gibt es tglich Verzgerungen. Wir werden zwei Tage hierbleiben. El Gahsim, den 6. Oktober. Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer weidengeflochtenen Htte. Neben mir vor einem Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber. ber mir an den Zweigen hngt in einem leinenen Beutel der Koran. Ein ungeheurer Staubsturm hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel bedeckt. Wir hatten eben abgekocht, als die Wolke pltzlich ber den Horizont sprang, Blitze wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen des Euphrat wurde der Schaum so weit durch die Luft gewirbelt, da wir glaubten, es begnne zu regnen. Zu meinen Fen liegt alles durcheinander, das noch fettige Geschirr, die Beutel mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit einer Schicht von grauem Staub bedeckt. Ich fhle ihn zwischen Lippen und Zhnen. Heute wurde unser Lmmchen geschlachtet. Ich hatte es Mona Lisa getauft, und es sprang und meckerte lustig auf unsern Haltepltzen umher. In meinen Mantel gehllt, versuche ich auf einer Reihe von Kisten zu schlafen. Als ich wieder aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber steht drauen im Mondschein auf seiner Matte und betet. Die toten Augen sind in das geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als schaute er in eine wunderbare Landschaft. Nun sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und fllt in die Kniee. Salichie, den 7. Oktober. Nachts 12 Uhr. Einsame Herberge in der Wste. Ich lehne, die Wache haltend, am Tor der verlassenen Karawanserei. Drauen dmmert die endlose Ebene. Der volle Mond steht am Himmel. Es ist so hell, da ich ohne Mhe schreiben kann. Vom Hof tnt das Husten der brustkranken Pferde, nur unterbrochen von dem Heulen Hassans. Sie haben ihm den Rcken und die Sohlen blutig geschlagen, weil er im Basar von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen verkauft hat, die die trkische Kommandantur fr uns requiriert hatte. Von Futritten verfolgt, schleppt er sich von einem Winkel in den andern. Ich trete in einen fensterlosen Raum der Karawanserei. Als ich Licht mache, leuchten mir von der beruten Gipswand in groen deutschen Buchstaben die Worte entgegen: Wo waren wir gestern? Betroffen bleibe ich stehen, leuchte mit dem Streichholz die Wand ab. Ich zhle acht verschiedene Sprachen. Hier ist eine Trommel mit gekreuzten Schlgern an die Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter und das Datum: den 28. August 1914. Daneben: Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den 2. Januar 1915. Reise von Teheran nach Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg, 77. Reg. Lemberg. Marga Imre, _5 Magyarka, honvd 13. IV. 16_. Marie Stirting, Erna Erickson de Bender Abas _le 23. Julliet 15 en route pour Beirut_. Dann die Inschrift eines englischen Gefangenen: _Happy he, who return. London, Holting-street._ Die Unterschrift ist nicht zu entziffern. Namen, Namen. Deutsche, englische, franzsische, ungarische, trkische, arabische, hebrische, schwedische Inschriften. Es nimmt kein Ende. Wie seltsam berhrt es mich, viele Tagereisen weit in der Wste all jene mit zahlreichen Zungen zu mir reden zu hren, die gleich mir diese tote Stille durchwandert haben, die vom Golf oder aus russischer Gefangenschaft die endlose Reise ber die persischen Berge und durch die Wste machten, von Hitze und Klte gepeinigt, eine Nacht in diesem fensterlosen Raume zu schlafen. Wo sind sie, die mit verrostetem Nagel dieses in den Mrtel der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus, von Bumen beschattet, an die Wand gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden haben es hinzugesetzt, dreimal sind sie den Weg durch die Wste gezogen. An der gegenberliegenden Wand steht eine arabische Inschrift: O Ali, Sohn des Hassan, ich habe Wasserrinnen nach dir vollgeweint. Darunter auf Trkisch: In Bagdad und Umgegend habe ich drei Monate im Elend gelebt. O Allah, gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman Hakki Tefik, Hauptmann im Generalstab. Salichie, den 4. Tamus 1333[3]. Als ich wieder hinaustrete, schlgt mir die Nacht kalt entgegen. Ich gehe vorsichtig zwischen den schlafenden Menschen und Tieren hindurch, die zusammengekauert am Boden liegen. Ermdet setze ich mich auf den Leib des toten Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis hierher schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, aber als die Maultiere, von ihrer Traglast befreit, den wunden Rcken im Staube wlzten, erhob er sich nicht wieder. Und ich denke an den Weg zurck, den wir alle gewandert sind, denke an meine Toten und wie sie mich stndig begleiten. Wenn ich am Tage in der hellen Sonne hinter der Karawane herschreite, winkt mir ihr Gepck vom Rcken der Maultiere herab. Dunkel leuchtet ihr Name auf den hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, den ich mit mir zurck in die Heimat trage, als ginge ich wie der Glubige hinter dem Leichnam her, den er in heiliger Erde bestatten will, ihren geliebten Schatten in Deutschland zu begraben. Des Abends am Feuerloch ist mir, als mte ich wie in frheren Tagen mit ihnen die Mahlzeit teilen. Ich blicke in ihr Gesicht: Bist du es, alter Freund und Wstengefhrte? Willst du Brot? Magst du Tee? ... Ich fhle ihre Nhe, die mich umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir nicht mehr weh tun knnen. Ich schlafe in ihrem Schatten. [Funote 3: der Hedschra.] Frstelnd lehne ich mich ber den aufgetriebenen Leib des toten Tieres, mit der Hand seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte Wrme trgt. Wieder steigt jener freundliche Gedanke des Friedens vor mir herauf, und whrend ich einsam in der unergrndlichen Weite sitze, ist mir, als knnte ich deutlich auf das knftige Europa hinabsehen, wie auf ein heiteres Gebude, das sich mit freundlichen Zimmern und Grten vor mir ausbreitet. -- Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. Ich reie den Kutschern die Mntel fort, die sich zitternd zwischen ihren Futterscken erheben. Nun habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber die Fledermuse, die im Geblk flattern, lassen mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter der Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare Ebene. Und wieder denke ich: o sie liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, alle, die ihren flchtigen Namen an die zerbrckelnde Wand dieser Herberge schrieben. Sie dachten: Deutschland, oder England, oder Schweden ... irgendwo dort hinten an eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen vorber und fluchten dir. Ich aber fhle deine grenzenlose Weite in meinem Herzen. Fhle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Fhle, wie mit jedem Schritt meine Seele lebendiger und froher wird, als wanderte ich vom Tode zurck in das Leben. Abu Herera, den 11. Oktober. Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene Karawanserei treten, die von Unrat und blen Gerchen erfllt ist, liegt er in der offenen Tr. Die ausgehungerte Gestalt eines zwlfjhrigen armenischen Knaben. Mit strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hnde und Fe wie Keulen. Nur der linke Arm steckt noch in Lumpen. Als ich an den Flu trete, finde ich viele Grber, zahllose alte Feuerstellen. Ist dieses das Ende einer furchtbaren und grausamen Jagd? Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen Volkes vor meine Augen, durch dessen schmerzliche Lager ich im vergangenen Jahr mit erschrockener Seele geirrt bin. Bald begegnen wir den ersten Flchtlingen. Die Rnder aller Wege sind mit ihren Knochen best, die grell in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir das erste Lager. Kinder und Frauen umdrngen unsern Wagen, schlagen sich wund um ein Stck Brot oder eine leere Melonenschale. In Tibini haben sie einen kleinen Basar errichtet. Bcker, Fleischer und Schuster sitzen in der grellen Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen Tuches auf dem nackten Steinboden und bieten ihre Ware aus. Einen trkischen Offizier sah ich beim Garkoch ein gebratenes Stck Fleisch kaufen, und nicht ohne Bewunderung dachte ich: sie haben dich in den Tod getrieben, du aber bietest deinem Mrder fr einen Metalik noch in der Wste ein Stck Fleisch an! Bei Rakka, in einem vllig verwahrlosten schmutzigen Lager, traf ich einen dreizehnjhrigen Knaben. Er hatte seine Mutter und seinen Bruder verloren, nur sein Vater lebte. Er hie Manuel. Einen weien Lappen gegen die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf auf einem Kuhhorn blasend, lachend zwischen den Haufen der Hungernden, Kranken und Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, dem Wahnsinn nahe, ihren Kot als Speise verzehrten. Seine wohlgebaute, noch krftige Gestalt, sein offenes Gesicht gefielen mir. Ich wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine geraden Augen leuchteten dunkel zu mir auf. (Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich will dir einen neuen Sohn schenken!) Ich lie mich zu seinem Vater fhren, einem Hndler aus Alexandrette, den sie zum Wchter des Lagers gemacht hatten, weil er lesen und schreiben konnte. Aber obwohl sein Gesicht sich vor Freude verklrte, war er so mde und abgestumpft, und seine Angst vor den Gendarmen, die Furcht um das eigene Leben waren so gro, da er keinen Ausweg finden konnte. Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. Ich sa zwei Stunden auf seiner Matte und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. Aber sie wollten ihn nicht freigeben. Ich versprach, in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter der Ansiedlungen, fr ihn zu bitten. Wieder und wieder drckte ich ihre Hnde, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Manuel begleitete mich bis an den Ausgang des Lagers. Er wollte versuchen, in der kommenden Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich glaube nicht, da es ihm gelingen wird, unter den Flintenschssen der Gendarmen zu entfliehen. Mes kene, den 15. Oktober. Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester Pre Arslan Dadschad in der offenen Tr seines Zeltes, und sie erzhlen mir von ihren Leiden. Von den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, von den vielen Tausenden, die er in der Wste begraben hat, darunter dreiundzwanzig Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien mich an. Du bist doch ein Deutscher, sagen sie, und mit den Trken verbndet ... so ist es also wahr, da ihr selbst es gewollt habt! Ich schlage die Augen herab. Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lgen zu strafen? Aus einer Tasche seines Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehllt, holt der Priester sein Christuskreuz, und als er es andchtig mit Kssen bedeckt, kann ich, von Rhrung ergriffen, mich nicht enthalten, es gleichfalls an die Lippen zu fhren, dieses Kreuz, das der Zeuge so vielen menschlichen Kummers und Leidens gewesen ist. Ich sehe nach den abendlich rauchenden Zelten und dem hellen Mond, der ber der dmmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so anheimelnd, da ich mir einen Augenblick ein friedliches Bild vortuschen knnte. Frauen in geschrzten Unterrcken und offenen Blusen machen einen kleinen Abendspaziergang. Das Geschrei spielender Kinder tnt herber. Da hre ich wieder ihre ngstlich forschende Stimme: ob ich Armenier in den Stdten am Euphrat getroffen habe? ... Wir werden sterben, wir wissen es. Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: _Une fois j'tais un prtre, maintenant je suis un mouton, qui va mourir._ Ich gehe im Dunkel an den Flu hinunter. In einer Schlucht finde ich einen Haufen bereinandergetrmter Menschengerippe. Weie Schdel, die noch mit Haaren bedeckt sind, ein Becken, die Brustrippe eines Kindes, zierlich gebogen wie eine Spange. Einen Augenblick berkommt mich eine dumpfe Verzweiflung, die mir die Trnen in die Augen treibt, als mte ich alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, die mich je an das Lebendige banden. Unendlich mrchenhaft aber fliet der Flu in die weite Einsamkeit hinaus, in den untersplte Erdschollen zuweilen donnernd hinabfallen, und an dessen Ufern ich verlassen dahinschreite, als wre ich der letzte Mensch. Der Hafir, den 16. Oktober. Eine grne Oase, Weide mit Lmmerherden. Ich liege, o Wunder, unter einem Baum und sehe das Licht durch die schmalen Bltter scheinen. Heute ist mein dreiigster Geburtstag. Zum dritten Male, seit ich von Hause fortzog, sehe ich diesen Tag sich wenden. Seit dem frhen Morgen wandere ich in der hellen Sonne dahin, den Blick nach dem hohen Himmel gerichtet, dort hinten, wo die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so lange Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der starken Hoffnung des kommenden Lebens. Mit welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen jedes neuen Gegenstandes. Ein pltscherndes Wasser, eine Blume, einen Regentropfen. Schwarzblaue Wolken beschatten den Himmel, und wieder bricht die Sonne hindurch. Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe entgegen -- die weien Haare Europas, das in Gram und Elend frh gealtert ist. Aleppo, den 19. Oktober. Bei den deutschen Schwestern. Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich hinter den sanften Erdwellen aufreckt, geraten die Pferde in schnellere Bewegung. Lchelnd neigen die Kranken sich aus den Wagen, deren hlzerne Ksten mit zerrissenen Planen klappernd in die steinernen Straen rollen, windbrchige Schiffe, die den letzten Sturm berstanden. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns wieder mit Stambul verbindet. Mein erster Gang fhrt mich zu den Schwestern. Sie haben fr die armenischen Flchtlinge zwei Huser eingerichtet, die mit Waisenkindern berfllt sind, die an der Strae liegen blieben. Die meisten kommen aus Van oder Erzerum und waren lnger als sechs Monate unterwegs. In den ersten Wochen war der Hof so dicht von dem nackten Gestrpp ihrer Scharen berwuchert, da sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. Als man das Haus reinigte, fand man im Brunnenschacht die Leiche eines Kleinen, der zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend verschwunden war. Auch Frauen und Mnner halten sich unter ihnen versteckt. Ich habe angefangen, ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. Nur mhsam beginnen sie aus Schwche und Angst vor neuen Leiden zu reden, bis die Flle ihres Elends sie fortreit und sie in Trnen ausbrechen. In den letzten Tagen habe ich zahlreiche fotografische Aufnahmen gemacht. Man erzhlt mir, da Dschemal Pascha, der Henker von Syrien, bei Todesstrafe verboten hat, in den Flchtlingslagern zu fotografieren. Zusammengerollt trage ich diese Bilder des Entsetzens und der Anklage unter meiner Bauchbinde versteckt. In den Lagern von Meskene und Aleppo sammelte ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister verborgen habe, um sie an die amerikanische Botschaft in Konstantinopel zu bringen, da die Post sie nicht befrdern wrde. Ich zweifle keinen Augenblick, damit eine hochverrterische Handlung zu begehen, und doch erfllt mich das Bewutsein, diesen rmsten wenigstens in einer schwachen Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefhl greren Glckes als jede andere Tat es vermchte. Konia, den 28. Oktober. Im Bade. Heute ist der neununddreiigste Tag, seit wir Bagdad verlieen. Da der Zug ber Mittag liegen bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die herbstliche Stadt. Mde setze ich mich in die verlassene Moschee, hocke mich in einer Nische auf den Boden, lege den Daumen hinter die Ohrlppchen und fange zu grbeln an. Bald kommen die Leute und Soldaten von der Strae herein. Ein paar Vgel zwitschern in der Kuppel, die Stimme des Vorbeters klingt, von tiefem Schweigen unterbrochen, durch den Raum. Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel der Gefhle erfat: Gott, wo bist du? So schlafe ich ein und erwache erst, als das Bethaus leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose de durch den Raum. In weie Tcher gehllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur gedmpft klingt der Lrm der Stadt herber, ein blaues Licht fllt durch die Decke herab. Noch brennt mir die Haut von dem heien Seifenwasser, und verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes Gesicht im Spiegel, den langen Bart, der mir in der Wste gewachsen ist. Zuweilen aber sinke ich in Trume, dann steigt gewaltsam und furchtbar ein Werk vor mir auf, von dem ich glaube, da es zu dem Grausamsten gehren mu, was je ber menschliches Elend geschrieben wurde. Ehe ich Aleppo verlie, ging ich in das Polizeigebude, um bei dem Leiter der Ansiedlungen fr Manuel zu bitten. Aber obgleich er drben in seinem Amtszimmer sa und ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte, lie er mir durch den Diener sagen, er wre verreist. In allen Gesichtern, die aus den Tren sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich lie mich bei seinem Vertreter melden. Alle waren sehr hflich, und wie immer bot man mir eine Schale Kaffee an. Doch whrend ihm Angst und Lge deutlich in die Augenwinkel geschrieben stand, wagte er doch zu behaupten, mit der Frage der Ansiedlungen htten sie nichts zu schaffen. So trat ich, ohne ein Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten vorbei, die mit falschen Gesichtern in den Winkeln standen. Von Neuem breitet der Badewrter ein frisches Laken ber mich. Ein wohliges Gefhl entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf sehe ich noch einmal die bloen braungebrannten Fe des armenischen Knaben vor mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert sind. Seine dunklen Augen blicken fragend zu mir auf ... Manuel wird in der Wste sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. An die Gromutter Kospoli, den 12. November 1916. An Bord des Corcovado, Goldenes Horn. Nur diesen Gru, mein greises geliebtes Haupt, nur dieses Wort, da ich da bin, tausend Stunden nher an Deinem Herzen! Nichts mehr von Undank und Bitterkeit! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser Stunde nur Freude! Da ich zurckgekehrt bin mit unerhrten Reichtmern des Geistes und Herzens, mit unersetzbaren, mrchenhaften Schtzen des Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, um das Martyrium dieses Weges, fr mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer von neuem zu durchleben, fhle ich, wie hinter mir die Wste zu wachsen beginnt, Meilen und Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. Nun erst erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. Aber ich fhle auch, wie in mir das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend Stricke mich rufen: Spanne dich ein, den Schatz zur Hhe zu winden, den zu entdecken du in so weite Tiefen hinab mutest! Sollte es mich dem gegenber bedrcken, da dieser Krieg noch immer nicht in sich selber zusammenbrach? Da ich, zwischen unberbrckbare Widersprche und Welten gesetzt, mich zweifelnd umschaue, wohin ich die Schritte bewegen soll, vor mir die Hlle der Somme, in meinem Rcken die Wste? In dem Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen Kajten man die deutschen Soldaten einquartiert hat und das rostig, von Seemuscheln bedeckt, im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich zuweilen an die Reeling. Und zwischen abgetakelten Seegelbooten, zwischen schwarzbauchigen Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von Seetang bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, Brckenpfeilern und Speichern sehe ich die grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, vielleicht werde ich morgen, von denen fortgeschickt, denen ich so lange gedient habe, dort ber das Fallreep treten, die Hnde an der Naht und die Fe zusammengeschlagen, mit der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in Knabentagen eine Matrosenbluse und einen Schifferknoten zu tragen, von Seewind umjubelt. Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die Hand auf das Geschtz oder die Fahne gelegt, inmitten des grauen Kasernenhofes einer herbstlichen Stadt, hre ich mich mit anderen die Worte sprechen: Ich, Armin Wegner, schwre zu Gott dem Allmchtigen und Allwissenden einen leiblichen Eid, da ich seiner Majestt dem Knige von Preuen zu Lande und zu Wasser ... hier aber wird es pltzlich still um mich, und umgeben von einem kalten Schweigen hre ich einsam, als wren sie etwas Fremdes, Losgelstes, von meiner Lippe die Worte fallen: Da ich niemals einen Menschen tten werde, an welchen Orten der Erde es immer sei! Niemals das Geschtz oder Gewehr gegen meine fremden Brder zu richten. So wahr mir Gott helfe! Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich sehe, wie die dunkle Welle, in die mein Blick noch eben trumend versenkt war, blauleuchtend zu blitzen und zu schumen anhebt. Und ich begreife aus den Erfahrungen einer langen Jugend heraus, da ich nicht mehr traurig sein darf, da nie wieder etwas aufstehen kann, mich zu beugen oder zu brechen, so fratzenhaft Rtsel auch immer vor mich hintreten mgen, die zu lsen fast bermenschlich scheint und deren Ungelstheit doch den Tod bedeutet. Sind wir nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die Kste nicht stets von Nebel verhllt? Wenn ich des Nachts in meiner engen Schiffskabine liege, und mein Blick trifft aufwachend auf die Matratze des darberliegenden Kameraden und die engen hlzernen Wnde dieses vermodernden Kastens, in dem es nach Schwefel und Wanzen riecht, dann ist mir, als wre ich, wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner abenteuerlichen Fahrt begriffen, als mte ich beim ersten Schlagen der Glocke auf Deck und an die Brstung eilen, eine fremde, mrchenhafte Kste zu schauen oder ein grnes Ufer der Heimat, an dem auch Dein weies Haar wehte wie eine seidene Fahne des Friedens. Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden vergehen? O, ich begreife, da ich ein Recht habe, glcklich zu werden ... Freude! In dieser Stunde nur Freude! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! War nicht jede See, die wir durchschwammen, nur der Vorbote eines greren Meeres, in das wir uns strzten, des geretteten Lebens froh und der neugewonnenen strkeren Krfte? O schpferische Tat des Geistes, Kraft der Seele, die aus gemartertem Dasein gelutert emporsteigt, und du, gewaltigste Pflicht, die ich mich freudig bereite zu erfllen, beglnzt von der Sonne des dreiigsten Jahres, zu schaffen, zu leben fr Dich, mich, uns alle! Inhalt Seite An die Gromutter 1 An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten 8 An die Eltern 12 An eine Schwester von Gl-Hane 16 Traum auf dem Kelek 24 An Carl Hauptmann 27 An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten 34 An die Gromutter 44 Ein Vermchtnis in der Wste 48 An eine Freundin 60 Brief an die Mutter 64 Letzter Brief an die Eltern, Brder, Freunde, Mitmenschen und 78 Geliebten An eine Freundin 85 An die Mutter 91 An die Mutter 99 An einen Freund 106 Brief an die Eltern 112 Der Triumph der Mutter 123 An Carl Hauptmann 133 Die vierzig Tage und Nchte der Heimkehr (an Pater Joseph) 145 Die vierzig Tage und Nchte der Heimkehr (aus dem Tagebuche) 152 An die Gromutter 173 Werke von Armin T. Wegner Im Verlage von _Egon Fleischel & Co._ erschienen Zwischen zwei Stdten 1909 Gedichte in Prosa 1910 Hre mich reden, Anna-Maria 1912 Das Antlitz der Stdte 1917 Der Weg ohne Heimkehr 1919 _In Vorbereitung befinden sich:_ Im Hause der Glckseligkeit Trkische Novellen Das Antlitz der Stdte Preis geh. M. 3,--; geb. M. 5,50 _Carl Maria Weber_ in der _Bonner Zeitung_: Unter unsern zeitgenssischen Lyrikern hat kaum einer das Erleben des geistigen Grostdters, das benervte Schauen, das wollstig-grausame Verfallensein an dieses Gerll von Lebendigem und Seelenlosem mit solcher Intensitt gestaltet wie _Armin T. Wegner_. Visionen sind hier geballt von bedrckenden Schattendimensionen. Glserne Dichte haben fr ihn Mauern und Wnde, kochende Lust und sieches Elend zudeckende Gewnder. Denn dieses Buch der Stdte ist kein Bilderbuch (und keine ist irgend genannt; er meint _die_ Stadt als dmonisches Wesen, Irrgarten der Leidenschaften, Denkmal menschlicher Kraft und Unnatur); er sagt auch -- und zumeist vom Menschen aus, der sie schuf, der in ihr gefangen ist, an tausend Ketten zerrend, ihrem Mittelpunkt -- wie er der Mittelpunkt der Welt berhaupt ist (oder doch sein sollte). Gesunde, unschwle und unsentimentale (also unverlogene) Sinnlichkeit strahlt allenthalben auf -- was Wunder, da selbsthasserische, puritanische Schnffelbolde zum Staatsanwalt liefen, der im Interesse der ffentlichen Moral auch (kurz vor der Revolution) gleich bei der Hand war, die Konfiskation des inkriminierten Buches zu veranlassen. _Hans Franck_ in der _Frankfurter Zeitung_: Es gibt kein deutsches Versbuch, in dem das Gesicht der groen Stadt mit gleicher Wucht und Wahrhaftigkeit durch das Wort nachgestaltet wurde. _Richard Dehmel_: Und alle Lebensgluten sind mit der Ehrfurcht betrachtet, die das Hliche wie das Schne als gottgewollt liebt und das irdische Grauen himmlisch verklrt. _Nord und Sd_: Ein ethischer Wanderer ist er, groen Stils. _Josef Winkler_ in der _Rheinisch-Westflischen Zeitung_: Er ist der erste Snger der modernen Grostadt, wie sie wirklich ist. Man behauptete mal, wenn nur eine Grostadt bestehen bliebe, knne diese mit ihren Menschen und Mitteln aus einem Weltuntergang unsere ganze Kultur neubauen. An diesen Ausspruch mu man denken vor dem Reichtum, den Wegner in seinem Buch aufdeckt: vom titanischen Rhythmus des ungeheuren Schaffens der zusammengeballten Millionen .... Ich begre ihn als einen wahrhaft schpferischen, visionr begnadeten Dichter. * * * * * * Anmerkungen zur Transkription Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher): [S. 79]: ... des Todes bedeutet, nnd das der bekannte ... ... des Todes bedeutet, und das der bekannte ... [S. 99]: ... geboren. Als knnte ich dir heute nur all jene ... ... geboren. Als knnte ich Dir heute nur all jene ... [S. 176]: ... wie in vergangenen Jahren auf irgendeiner ... ... wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner ... License: Share Alike