E-text prepared by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by Judaica-Sammlung der Universittsbibliothek Frankfurt am Main (http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaica/nav/index/all) Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this file which includes the original illustration. See 45488-h.htm or 45488-h.zip: (http://www.gutenberg.org/files/45488/45488-h/45488-h.htm) or (http://www.gutenberg.org/files/45488/45488-h.zip) Images of the original pages are available through Judaica-Sammlung der Universittsbibliothek Frankfurt am Main. See http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/932435 Notizen des Bearbeiters: Gesperrter Text markiert durch _= ... =_ [Illustration: Pauline Wengeroff.] MEMOIREN EINER GROSSMUTTER von PAULINE WENGEROFF Memoiren einer Grossmutter Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert BAND I Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles [Illustration] BERLIN Verlag von M. Poppelauer 1908 Alle Rechte, besonders das der Uebersetzung in fremde Sprachen vorbehalten. Geleitwort. Die jdische Literatur besitzt leider nur sehr wenige Memoirenwerke. Aus dem jdischen Leben in Russland kenne ich nur ein einzige, die Zapiski Jewreja von Gregor Isaakowitsch Bogrow. Diesem Werke, das uns einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben der Juden in Russland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts erffnet hat, schliessen sich die Memoiren der Pauline _=Wengeroff=_ ebenbrtig an. Mit inniger Liebe und groer Piett, mit seltener Treue und aufrichtiger Wahrhaftigkeit, mit einem milden verklrenden Humor und mit feinem psychologischem Takt erzhlt sie uns wichtige Episoden aus einer grossen bergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklrung unter den Juden in Russland die Nebel, die bis dahin ber dem russischen Judentum lagerten, zu durchbrechen begann, aus einer vielbewegten, interessanten, merkwrdigen Periode, deren Geschichte noch nicht geschrieben ist, sondern erst dann geschrieben werden kann, wenn wir noch eine ganze Reihe _=solcher=_ Memoiren besitzen werden. Die russischen Juden haben in den letzten Jahren im Vordergrund des ffentlichen Interesses gestanden. Ihre Schicksale und Leiden haben die Teilnahme der ganzen Kulturwelt gefunden. Natrlich hat man sich auch viel mit ihren Charaktereigenschaften, mit ihrer Geschichte und mit ihrer Literatur beschftigt. Erst dadurch kam weiteren Kreisen die Erkenntnis, welch ein reicher Schatz von Phantasie und Bildung, von Poesie und Begabung in diesen Judenstdten und Judengassen des weiten Zarenreiches aufgespeichert liegt und dort der grossen Schilderer und Dichter harrt, die diesen Schatz zu heben verstehen. Unwillkrlich wird man bei Betrachtung der Kulturarbeit, die uns die Memoiren von Frau Pauline Wengeroff so anschaulich schildern, an ein Wort von Nikolaj Gogol in seinem klassischen Roman Tote Seelen erinnert. Die Kibitka des Helden jagt mir rasender Eile ber die weite unbersehbare Ebene dahin und verliert sich schliesslich in die graue Ferne. Und jagst nicht auch Du, mein Russland, vorwrts wie eine nicht einzuholende Troika? Der Weg hinter dir dampft, die Brcken krachen, alles lsst du hinter dir. Die Zuschauer bleiben berrascht stehen und fragen: War es ein Blitz? Was bedeutet die schauererweckende Eile, welche geheimnisvolle Kraft beseelt diese Pferde? Was fr Pferde sind das? Habt ihr Wirbelwind in euren Mhnen?.... Habt ihr von oben bekannte Tne gehrt und strengt ihr nun eure Eisenkrper an, ohne die Erde mit euren Hufen zu berhren, durch die Lfte zu fliegen, als wret ihr von einem Gotte begeistert? Russland, wohin jagst du? Antworte! Da kommt keine Antwort. Man hrt die Glckchen der Pferde wundersam klingen; es sthnt in der Luft und wchst, wie zum Sturme an und Russland setzt seine khne Jagd fort. Feine Ohren werden vielleicht aus den Blttern dieser Memoiren einen Teil der Antwort heraus hren, und aufmerksame Beobachter werden die rapide Entwickelung der Juden Russlands von finsterem Aberglauben und der Erstarrung zum hellen Lichte der Aufklrung und innerer Freiheit verstehen lernen. Dann ist aber auch der Zweck dieses liebenswrdigen Buches erfllt, das meine besten Wnsche auf seinem Wege in die ffentlichkeit geleiten mgen. _=Gustav Karpeles=_. Inhaltsverzeichnis. Seite 1. Geleitwort von Dr. Karpeles. V 2. Vorbemerkung 1 3. Ein Jahr im Elternhaus I. Teil 5 II. Teil 85 4. Der Beginn der Aufklrungsperiode I. Lilienthal 118 II. Jeschiwa Bochurim 137 5. In der Neustadt I. Es war ein schnes Bild 147 II. Ein Sabbath 161 III. Evas Hochzeit 171 6. Die Vernderung der Tracht 185 Vorbemerkung. Ich war ein stilles Kind, auf das jedes freudige und traurige Ereignis in meiner Umgebung tief einwirkte. Viele Vorgnge prgten sich meinem Gedchtnis gleich einem Abdruck in Wachs ein, so da ich mich ihrer noch jetzt ganz deutlich erinnere. Die Begebenheiten stehen frisch und lebendig vor mir, als wren sie von gestern. Mit jedem Jahr wuchs das Bedrfnis, meine Erlebnisse und Beobachtungen niederzuschreiben und nun gibt mir das reiche Material, das ich gesammelt habe, die schnsten und trostreichsten Stunden meines im Alter so einsam gewordenen Lebens. Es sind Feierstunden fr mich, wenn ich die Aufzeichnungen zur Hand nehme und oft mit einer stillen Trne oder einem verhaltenen Lcheln darin blttere. Dann bin ich nicht mehr allein, sondern in guter und lieber Gesellschaft. Vor meinem geistigen Auge ziehen sieben Dezennien voll Sturm und Drang vorbei, wie in einem Kaleidoskop, und die Vergangenheit wird lebendige Gegenwart: die heitere, sorglose Kindheit im Elternhause, in spteren Jahren ernstere Bilder, Trbsal und Freude aus dem Leben der Juden von damals und so manche Szene aus meinem eigenen Hause. Diese Erinnerungen helfen mir ber einsame, schwere Stunden, ber die Bitterkeit der Enttuschungen des Lebens hinweg, die wohl keinem Menschen erspart bleiben. In solchen Stunden schleicht sich auch die Hoffnung in das alte Herz, da es vielleicht auch fr andere keine vergebene Arbeit ist, wenn ich vergilbte Bltter ber die wichtigeren Ereignisse, die gewaltigen Vernderungen im kulturellen Leben der jdischen Gesellschaft in Litauen der 40-50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, von denen auch ich betroffen wurde, sorgfltig gesammelt habe. Vielleicht interessiert es die Jugend von heute, zu erfahren, wie es einmal war. Und wenn ich auch nur einem meiner Leser etwas gegeben habe, bin ich reichlich belohnt. Ich bin im Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts in der litauischen Stadt Bobruisk geboren. Von streng religisen Eltern, klugen, geistig vornehmen Menschen erzogen, knnte ich die Wandlung verfolgen, die das jdische Familienleben durch die europische Bildung erfahren hat, und mich berzeugen, wie leicht unsern Eltern die Erziehung der Kinder wurde, und wie schwer diese Aufgabe uns, der zweiten Generation, war. Wir machten uns mit der deutschen und polnischen Literatur bekannt, studierten mit groem Eifer die Bibel und Propheten, die uns mit Stolz auf unsere Religion und Tradition erfllten und mit unserem Volk innig verbanden. Ihre Poesie prgte sich dem unberhrten Kindergemt tief ein und gab der Seele fr die kommenden Tage Keuschheit und Reinheit, Schwung und Begeisterung. Aber wie schwer erging es uns nun in der groen bergangszeit der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts! Wir hatten uns wohl einen gewissen Grad der europischen Bildung angeeignet; aber wir fhlten berall die klaffenden Lcken. Wir ahnten, da noch hhere Stufen zu ersteigen wren, und suchten mit Anspannung unserer Krfte, das Fehlende und an uns Versumte bei unsern Kindern nachzuholen. Aber wir verloren leider in dem bergroen Eifer das letzte Ziel und vergaen die Weisheit des Mahaltens. So tragen wir selbst Schuld an der Kluft, die zwischen uns und unsren Kindern entstand, an ihrer Entfremdung vom Elternhause, die folgen mute. Whrend uns der Gehorsam, den wir nach den Geboten unseren Eltern schuldig sind, heilig und unverletzbar war, muten wir jetzt unseren Kindern gehorchen, uns vollstndig _=ihrem=_ Willen unterordnen. Wie einst unseren Eltern gegenber, hie jetzt die Parole unsern Kindern gegenber: schweigen, still sein, fein den Mund halten, und wenn es noch so schwer, vielleicht noch schwerer wurde, als einst! Wenn wir andchtig und voll Ehrfurcht zuhrten, da unsere Eltern von ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzhlten, schweigen und lauschen wir jetzt voll Freude und Stolz, wenn unsere Kinder von ihrem Leben und ihrem Ideale sprechen. Diese Unterwrfigkeit, die Bewunderung, die wir fr unsere Kinder haben, macht sie zu Egoisten, zu unseren Tyrannen -- das ist die Kehrseite der Medaille der europischen Kultur bei uns Juden in Ruland, wo sonst kein anderer Stamm so rasch und unwiderruflich mit der Annahme der westeuropischen Zivilisation alles aufgab und alle Erinnerungen an die Vergangenheit, seine Religion verlie, und alle Tradition von sich abschttelte. Unsere Kinder hatten es leichter als wir, eine hohe Bildungsstufe zu erreichen, und wir sahen das mit Freude und Genugtuung, denn wir haben ihnen oft mit schweren Opfern die Wege geebnet und Hindernisse beseitigt. Sie fanden alles bereit: Erzieherinnen, Kindergarten, Jugendbibliotheken, Kindertheater, Feste und angemessene Spiele, indes uns der Hof des Elternhauses alles ersetzen mute, wo wir uns wahllos mit den armen Nachbarskindern herumtummelten und, die Rckchen ber die Kpfe gezogen, hpften und sangen: Gott, Gott, gib Regen -- Der kleinen Kinder wegen! Welcher Unterschied! Alle diese Wandlungen habe ich hier zu schildern versucht. Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und mag auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese Aufzeichnungen als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in der Dmmerung ihres stillen Lebensabends schlicht erzhlt, was sie in einer ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren. Ich wei, da meine Familienchronik ohne Zweifel der Jugend in unseren Tagen wie mit dichtem Schimmel oder mit einer dicken Staubschicht bedeckt erscheinen wird. Und doch hoffe ich, da die Kenntnis des damaligen Lebens der Juden, das von dem der heutigen so himmelweit verschieden ist, fr so manchen von einigem Interesse sein wird, der sich gern in vergangene Zeiten versenkt, um zu prfen und zu vergleichen. So fand ich den Mut zu meiner Publikation! Ich kann dieses Werkchen -- das geistige Kind einer Greisin, Bensekunim, wie die Hebrer sagen, -- nicht in die Welt schicken, ohne meiner Freundin Louise Flachs-Fockschaneanu fr ihre gtige Frderung zu danken. -- Ein Jahr im Elternhause. I. Teil. Mein Vater pflegte Sommer und Winter um 4 Uhr morgens aufzustehen. Er achtete streng darauf, da er sich nicht vier Ellen von seinem Bette entfernte, ohne sich die Hnde zu waschen. Ehe er den ersten Bissen zum Munde fhrte, verrichtete er in behaglicher Stimmung die Frh-Morgengebete, und begab sich dann in sein Arbeitszimmer. Es hatte an den Wnden viele Fcher, in denen zahlreiche Talmudfolianten aller Arten und Zeiten aneinander gereiht standen, in guter Gemeinschaft mit sonstigen talmudischen und hebrischen Werken der jdischen Literatur. Darunter gab es alte, seltene Drucke, auf die mein Vater stolz war. Auer einem Schreibtisch stand in diesem Raum noch ein hoher, schmaler Tisch, Stnder genannt, davor ein bequemer Lehnstuhl und eine Fubank. Mein Vater begab sich also in sein Zimmer, lie sich gemchlich im Stuhl nieder, schob die von dem Diener bereits angezndeten Kerzen nher und schlug den groen Folianten auf, der noch von gestern abend wie wartend dalag und begann in dem bekannten Singsang zu lernen. So gingen die Stunden bis sieben Uhr morgens hin. Dann trank er seinen Tee und ging in die Synagoge zum Morgengebet. In meinem Elternhause wurde die Tageszeit nach den drei tglichen Gottesdiensten eingeteilt und benannt: so sagte man vor oder nach dem Dawenen, (Beten), fr die vorgercktere Zeit vor oder nach Minche (Vorabendgebet); die Zeit der Abenddmmerung wurde mit zwischen Minche und Maariw bezeichnet. In hnlicher Weise wurden die Jahreszeiten nach den Feiertagen benannt; so hie es vor oder nach Chanuka, vor oder nach Purim usw. Mein Vater kam um zehn Uhr vom Bethause zurck. Erst dann begannen die geschftlichen Arbeiten. Es kamen und gingen viele Menschen, Juden und Christen, die Geschftsfhrer, die Kommis, Geschftsfreunde usw., die er bis zur Mittagszeit -- es wurde um ein Uhr gegessen -- abfertigte. Nach Tisch ein kurzes Schlfchen, hierauf nahm er seinen Tee. Dann fanden sich auch schon Freunde ein, mit denen er ber den Talmud, literarische Fragen und ber Tagesereignisse sprach. So schrieb mein Vater im Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einen Beitrag zu den Eyen Jankow, den er Kuntres (Kunom Beissim) benannte, und im Anfang der fnfziger Jahre hat er eine umfangreiche Sammlung seiner Kommentare zu dem ganzen Talmud herausgegeben unter dem Namen Minchas Jehuda. Beide Werke hat er keinem Verleger zum Verkauf berlassen, und nur an seine Freunde, Bekannte, seine Kinder und hauptschlich an viele Bote midraschim, (Lehrhuser) in Ruland verteilt. Das jdische Schrifttum und die meisten seiner Verfasser von damals und noch viele Jahrhunderte zuvor, auch der Talmud, haben den groen Fehler begangen, da sie die Daten oft auer acht lieen und sie nicht genau angaben. So hat beispielsweise mein Vater in seinem letzten Werke seinen Stammbaum gegeben, der sehr viel Rabbiner und Gaonim, angefangen von seinem Grovater bis zehn Generationen weiter hinauf zhlte, aber bei keinem das Jahr seines Lebens und Todes verzeichnet. Was galt das Leben des Einzelnen, wenn nur das Talmudstudium eine Pflanzsttte hatte! So empfand mein Vater, der getreu wie seine Ahnen der Lehre und dem Gottesdienst sich weihte ... Das Minche gdole (Vorabendgebet) verrichtete er gewhnlich zu Hause und sehr frh. Zu Maariw ging er wieder in die Synagoge, von der er gegen neun Uhr nach Hause kam zum Abendbrot. Er blieb gleich beim Tisch sitzen, unterhielt sich mit uns ber dies und jenes. Er interessierte sich fr alles, was im Hause vorging, was uns Kinder betraf, manchmal fr den Fortgang unseres Unterrichts. (Den jdischen Lehrer, Melamed und Schreiber, wie auch den Lehrer der polnischen und russischen Sprache pflegte meine Mutter zu besorgen.) Meinem Vater wurden da alle Haus- und Stadtereignisse mitgeteilt, whrend er seinerseits uns alles erzhlte, was er in der Synagoge gehrt hatte und was dort errtert worden war. Dies war fr uns die beste Unterhaltung und was er erzhlte, die interessanteste Zeitung. Man nannte diese mndlichen Ueberlieferungen pantoflowe gazeta. Zeitungen, wie wir sie heute besitzen, gab es damals nur wenige, und sie waren nicht fr jedermann erreichbar. Meines Vaters impulsive Natur nahm alle Ereignisse mit starker Ergriffenheit auf, die sich auch seiner Umgebung mitteilte. Wir Kinder lauschten bei Tisch gespannt seinen klugen Reden. Er erzhlte uns von berhmten Mnnern, von ihren Taten, von ihrer religisen Lebensweise, den jdischen Gesetzen, und wir liebten und schtzten ihn und stellten ihn hher als alle Menschen, die wir damals kannten. An zwei Namen, die er uns genannt, erinnere ich mich noch. Der eine hie Reb Selmele, der andere Reb Heschele. Reb Selmele beschftigte sich so eifrig mit dem Talmudstudium, da er oft zu essen, zu trinken und zu schlafen verga. Er wurde schwach, mager und bleich, und seine besorgte Mutter flehte ihn an, seine Mahlzeiten einzunehmen. Aber es half nichts. Da gebrauchte die Mutter ihre Autoritt: sie erschien eines Tages in seinem Studierzimmerchen mit einem Stck Kuchen in der Hand und _=befahl=_ ihm, zu essen; zugleich sagte sie ihm, da er jeden Tag um diese Stunde von ihr ein Stck Kuchen bekommen wrde, das er essen mte. Der junge Mann fgte sich in den Willen der Mutter; ehe er aber zu essen begann, rezitierte er den Talmudabschnitt: Kabed ow weem, die Gebote von der Verehrung von Vater und Mutter. Der zweite, Reb Heschele, war schon als Kind sehr klug und witzig, Eigenschaften, die ihm auch bei all seiner groen Gelehrsamkeit bis in die spteren Lebensjahre verblieben. Ihm war das Cheder ein Greuel mitsamt dem Rebben und dem Behelfer, der ihn tglich gewaltsam fortfhrte, obwohl er sich mit Hnden und Fen strubte; denn er war ein sehr lebhaftes Kind und liebte die Freiheit. Eines Tages fragte ihn sein Vater ohne jede Strenge, warum er denn so ungern ins Cheder ginge. Ich fhle mich beleidigt, erwiderte er, da der Behelfer mich so ohne jede Achtung mitschleppt. Warum schickt man dir, wenn man dich haben will, einen Boten, der dich _=hflich=_ bittet, der Einladung zu folgen? Und du antwortest manchmal: Gut, ich komme! oder manchmal auch: Ich danke, gleich wie gewesen (d. h. wenn du willst, gehst du, sonst eben nicht). Der Vater versprach ihm, ihn auch einladen zu lassen und teilte das dem Behelfer mit. Als dieser nun anderen Tages den Kleinen freundlich einlud, antwortete er: Gleich wie gewesen! -- Ein andermal zog er beide Strmpfe auf denselben Fu, um den Behelfer recht lange nach dem zweiten suchen zu lassen. Meine Eltern waren biedere, gottesfrchtige, tief religise, menschenfreundliche Leute von vornehmem Charakter. So war berhaupt der vorherrschende Typus unter den damaligen Juden, deren Lebensaufgabe vor allem die Gottes- und die Nchstenliebe war. Der grere Teil des Tages verging mit dem Talmudstudium. Den Geschften widmete man nur bestimmte Stunden, obgleich die Geschfte meines Vaters oft hundert tausende Rubel betrafen. Er gehrte, wie auch mein Grovater, der Klasse der Podraziki (Unternehmer) an, die in der ersten Hlfte des vorigen Jahrhunderts in Ruland eine groe Rolle spielten, da sie groe Geschfte mit der russischen Regierung machten, wie die bernahme von Festungs-, Chaussee- und Kanalbauten und die Lieferungen fr die Armee. Mein Vater und mein Grovater gehrten zu den angesehensten dieser Unternehmer, da sie sich durch absolute Ehrlichkeit auszeichneten.[A] Wir bewohnten in der Stadt Brest ein groes Haus mit vielen, reich ausgestatteten Rumen; wir hatten Equipage und teure Pferde. Meine Mutter und die lteren Schwestern besaen auch viel Schmuck und schne, kostbare Kleider. Unser Haus lag abseits von der Stadt. Man mute erst eine lange Brcke, die die Flsse Bug und Muchawiez berspannte, passieren und kam dann an vielen kleinen Husern vorbei. Dann mute man sich nach rechts wenden, eine Strecke von etwa 100 Faden geradeaus gehen -- und man stand vor unserem Haus. Das Haus war gelb angestrichen und hatte grne Fensterladen. In der Fassade besa es ein groes, venetianisches Fenster, neben dem zu jeder Seite noch zwei Fenster waren. Davor lag ein schmaler, von einem Holzstacket umgebener Blumengarten. Das Haus trug ein hohes Schindeldach. Das ganze Anwesen samt Gemsegarten war von einer Reihe hoher Silberpappeln eingeschlossen, was dem Hause das Aussehen eines litauischen Herrensitzes gab. Das jdische Familienleben in der ersten Hlfte des vorigen Jahrhunderts war in meinem Elternhaus, wie bei anderen, sehr friedlich, angenehm, ernst und klug. Es prgte sich mir und meinen Zeitgenossen tief und unvergelich ein. Es war kein Chaos von Sitten, Gebruchen und Systemen, wie jetzt in den jdischen Husern. Das jdische Leben von damals hatte einen ausgeglichenen Stil, trug einen ernsten, den einzig wrdigen jdischen Stempel. Darum sind uns die Traditionen des elterlichen Hauses so heilig und teuer bis auf den heutigen Tag geblieben! Wir aber muten viel Leid erdulden, bis wir notgedrungen uns in unserem eigenen Hause einer ganz anderen Lebensweise unterwarfen, die unseren Kindern wohl wenig erbauliche und noch weniger angenehme Erinnerungen aus ihrem elterlichen Hause hinterlassen wird! Liebe, Milde und doch Bestimmtheit waren die Erziehungsmittel der Eltern. Und ein gut Wrtchen half ber manche Schwierigkeit hinweg. Eine Episode: Eines Morgens fand mich mein Vater, der von der Stadt zurckkehrte, allein und weinend auf der Strae. Ich glaube, eine Gespielin hatte mir die Puppe fortgenommen. Er wurde bse, da ich ohne Begleitung umherlief und fragte rgerlich, warum ich weinte. Ich war aber von meinem groen Schmerz so erfllt, da ich keine Antwort zu geben vermochte und noch heftiger zu schluchzen begann. Da wurde mein Vater erst recht zornig und rief: Warte nur, die Rute wird dich antworten lehren! Er ergriff meine Hand und zog mich rasch ins Haus. Der Vater lie sich eine Rute geben und machte Anstalten, mich zu prgeln. Ich war ganz still geworden und sah verblfft zum Vater hinauf -- ich wurde nie mit der Rute bestraft -- und sagte berrascht: Ich bin ja Pessele! Ich war der festen berzeugung, da mein Vater mich nicht erkannt und sich geirrt hatte. Und diesem selbstbewuten Verhalten hatte ich es zu verdanken, da ich von der Rute verschont blieb. Alle Umstehenden lachten und baten fr mich um Nachsicht. Ich beschftigte mich mit Vorliebe im Gemsegarten beim Ausgraben der Kartoffeln und anderer Gemse; ich bat mir von den halberfrorenen Weibern bald den Spaten, bald die Harke aus und hantierte damit flink, bis die scharfe, kalte Herbstluft mich mahnte, geschwind ins Haus zu laufen. Nachdem alles Gemse aus unserem Garten eingekellert war, wurde noch viel auf dem Markt eingekauft. Dann ging's an die sehr wichtige Arbeit -- an das Einlegen von Sauerkohl, womit in jedem Herbst viele arme Frauen volle acht Tage beschftigt waren. Nach den jdischen Vorschriften ist es streng geboten, die Wrmchen, die im Gemse und in den Frchten, besonders aber im Kohl nisten, sorgsam zu entfernen; und so wurde von jedem Kohlkopf Blatt um Blatt abgenommen, gegen das Licht gehalten und genau untersucht. Meine fromme Mutter war in der Erfllung der Vorschriften sehr peinlich und pflegte, wenn der Kohl besonders geraten und von der besten Sorte war und wenig Wrmer hatte, den Frauen eine besondere Belohnung fr jeden gefundenen Wurm zu geben, denn sie war immer in Sorge, da die Frauen bei der Arbeit nicht gengend aufmerksam waren. Ich sah auch hier gern zu wie bei der Arbeit im Gemsegarten, weil die Frauen dabei allerlei Volkslieder sangen, die mich tief ergriffen und mich schmerzlich weinen, aber auch hufig herzlich lachen machten. Viele dieser Lieder sind mir bis jetzt im Gedchtnis geblieben und sind mir teuer! Es war ein geruhiges Leben! Wir leben jetzt in dem Zeitalter von Dampf und Elektrizitt viel schneller, so will es mir scheinen. Das hastige Treiben der Maschinen hat auch auf den menschlichen Geist eingewirkt. Wir erfassen manches viel rascher und begreifen ohne Mhe so viele komplizierte Dinge, indes man frher die einfachste Tatsache nicht begreifen konnte. Ich entsinne mich eines Beispiels, das mir im Gedchtnis geblieben ist und das ich hier anfhren will. In den vierziger Jahren baute mein Grovater fr die Regierung die Chaussee von Brest nach Bobruisk. Auf der Strecke befanden sich Berge, Tler und Smpfe, so da eine Wagenreise volle zwei Tage dauerte, whrend man dieselbe Tour auf der Chaussee bequem in einem Tage sollte zurcklegen knnen. Alles sprach natrlich von dem fr jene Zeit groen Unternehmen, aber es fanden sich selbst in den hheren Gesellschaftskreisen Skeptiker, die ihre Zweifel uerten und sagten: Solange sich die Menschen erinnern, waren zwei Tage ntig, um den Weg, von Brest in Lithauen nach Bobruisk zurckzulegen, und da kommt Reb Zimel Epstein und erzhlt uns, er wird ihn auf eine Tagereise verkrzen. Wer ist er? Gott? Wird er die brige Strecke Wegs in seine Tasche stecken? In der zweiten Hlfte des 17. Jahrhunderts waren die Wege in Litauen und in manchen Teilen Rulands berhaupt noch wst. Endlose Steppen, Smpfe, teilweise noch Urwald dehnten sich meilenweit, bis die groe Kaiserin Catharina II. auf beiden Seiten mit Birkenbumen bepflanzte Landstraen anlegen lie. Die Seitenwege waren aber sowohl fr die Fugnger, die man als Boten von Ort zu Ort sandte, sowie fr die in Schlitten und Wagen Reisenden noch sehr gefhrlich, besonders im Winter durch den tiefen Schnee. Zur berwindung dieser Gefahren wurde die Pferdepost eingefhrt. Dazu gehrte die _=Troika=_, das _=Dreigespann=_, der Postkutscher, Jamschezik genannt, ein halbwilder, schwerflliger, immer betrunkener Bauer, der bei seinem Pferde lebte und starb. Viel gebraucht wurde auch die _=Kibitka=_, ein plumpes Wgelchen, dessen vier schwere Rder zwei breite Holzstangen verbanden, auf denen ein aus Brettern zusammengesetzter, halb berdeckter Korb ruhte, oder die _=Telega=_, ein ebenso plumpes Wgelchen ohne Verdeck. Das Geschirr der Pferde bestand aus grobem Leder, das mit Messingblech reich verziert war. Das mittlere Pferd hatte ber dem Kopfe ein Krummholz, in dessen Mitte eine mchtige Glocke hing. Einen ebenso schwerflligen, echt russischen Charakter wie das Gefhrt hatten die etwa 20-25 Werst von, einander entfernt liegenden Poststationen. Eine groe Stube mit weigetnchten Wnden, ein gromchtiger, mit schwarzem Wachstuch bezogener Divan, der lange, hlzerne, auch mit Wachstuch benagelte Tisch, darauf der hohe, schmale, schmutzige, mit grnem Schimmel berzogene Samowar und ein schwarzes, verruchertes Teebrett mit blinden, unsauberen Glsern. Der hohe magere, immer, selbst am Mittag, schlaftrunkene, ungewaschene und ungekmmte Stationschef in seiner unsauberen Vizeuniform mit den blinden Messingknpfen vervollkommnete das typische Bild, das mir heute nach 65 Jahren noch lebhaft vor Augen steht. -- Von dieser Einrichtung konnten indes nur die reicheren Leute Gebrauch frischen, namentlich die hheren Militrs und Kouriere, die zu Pferde Botschaften von den Hauptstdten nach einer Gouvernementsstadt bermittelten, wozu man sich jetzt des Telephons und Telegraphen bedient. Das gewhnliche Publikum bediente sich eines einfachen, mit Leinwand bespannten Wagens, der von zwei oder drei Pferden gezogen wurde. Das bessere Publikum benutzte den. _=Tarantass=_, eine _=halb=_bedeckte Kutsche, die auf zwei dicken Holzstangen ruhte, oder den _=Frgon=_, eine ganz mit Leder berdeckte Kutsche mit einer Tr in der Mitte. Nicht selten wurden diese Fuhrwerke samt den Passagieren auf freiem Felde vom Schneesturm verschttet. -- Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde durch den Bau der Chausseen diesen belstnden abgeholfen. Nun hemmte kein Berg, kein Sumpf, kein Wald das schnelle Vorwrtskommen, und auf gradlinigem, ebenen Wege gingen die Fuhrwerke dahin. Die Sicherheit wurde dadurch erhht, da auer den Poststationen in regelmigen Abstnden Wachhuschen mit Wchtern eingerichtet wurden. Das nun schon bequemere Reisen machte das Volk beweglicher. Handel und Verkehr entwickelten sich erstaunlich rasch und schon am Anfang der vierziger Jahre zeigte sich das Bedrfnis nach einem schnelleren Verkehrsmittel. Da wurde dann die Einrichtung der sogenannten Diligence getroffen, ein bequemer Wagen mit zwei Abteilungen, der zwlf bis fnfzehn Personen zu einem migen Preis tglich von Ort zu Ort fhrte. Er war mit drei Pferden bespannt und wurde von dem Postillon gelenkt, der eine eigenartige Uniform trug und auf seiner Trompete eine traditionelle Weise blies. In Russisch-Polen nannte man dieses Verkehrsmittel nach dem Unternehmer Stenkelerke, in Ostpreuen Journalire. Man war im allgemeinen sehr mit dieser Einrichtung zufrieden und glaubte, nie etwas Besseres finden zu knnen. Gleichwohl wusste man schon um die Mitte der fnfziger Jahre auch in Ruland von der Erfindung der Eisenbahn, und anfangs der 60er Jahre konnte man auch schon im Zarenreich weite Strecken per Dampf zurcklegen. In den vierziger Jahren brauchte man mit Postpferden sieben Tage, um eine Entfernung von 800 Werst zu berwinden, wofr in den sechziger Jahren mit der Eisenbahn dreiig Stunden ausreichten. Nicht minder bedeutsam war die Entwicklung des Verkehrswesens _=innerhalb der Stdte=_: im Anfang ein elendes Korbwgelchen auf hlzernen Rdern, von einem mit Stricken angeschirrten Pferde langsam gezogen, fr das Volk, und zwar nur fr zwei Personen; fr das bessere Publikum die sogenannte Droschke oder Lineika, die heute noch existiert: ein Lederkorb auf hngenden Ressorts, zwei Deichselstangen, zwischen die ein Pferd mit einem Krummholz ber dem Kopfe eingespannt war. In der Lineika war fr acht Personen Platz, auf einem langen Sitze saen auf jeder Seite vier Personen, Rcken an Rcken. Diese Gefhrte schttelten und rttelten auf dem holprigen Pflaster die Passagiere lange Zeit, und wurden erst allmhlich so weit verbessert, da die Droschke auf liegenden, niederen Ressorts angebracht und der Sitz mit Federkissen versehen wurde, bis schlielich die Gummireifen um die Rder dem Schtteln ein Ende machten und anstelle der Kissen bequeme, breite Sofasitze traten. Ende der siebziger Jahre wurde die Straen-Pferdebahn eingefhrt und die ersten Velocipede tauchten auf, bis in den neunziger Jahren die elektrische Tramway eine weitere Vervollkommnung brachte, die dann nur wieder durch das Automobil bertrumpft wurde. Der Wegebau -- der ja erst die Vervollkommnung der Verkehrsmittel ermglichte, wurde in Form von Submissionen vergeben. Jeden Sptherbst, veranstaltete die russische Regierung in Brest die Torgy, d. h. die Vergebung der Bauarbeiten und Lieferungen. Aus diesem Anla kam gewhnlich mein Grovater aus Warschau zu uns. Auch aus anderen: Stdten trafen viele Padradziki ein. Zu des Grovaters Empfang wurden groe Anstalten getroffen; mein Vater wurde, durch Estafette, reitende Eilboten, die auf jeder Poststation das Pferd wechselten, von dem Tag seines Eintreffens vorher genau benachrichtigt. Schon am Morgen des betreffenden Tages waren alle im Hause und besonders wir Kinder voller Ungeduld und Erwartung. Zur bestimmten Stunde begaben wir uns auf den Paradebalkon oder auch auf den Korridor, um da zwischen den Sulen eine geeignete Stelle zu finden, damit uns der Grovater zu allererst bemerke. Aller Augen waren auf die nahe Brcke gerichtet. Die Erwartung hatte den hchsten Grad der Spannung erreicht. Endlich rasselte es auf der Brcke, und wir sahen die groe, viersitzige Equipage des Grovaters, von vier Postpferden gezogen. (Aber auch von unseren Blicken mchtig angezogen.) Jeder von uns streckte sich kerzengrade und strich sich das Haar von der Stirn und die Herzen pochten ... Der Wagen hielt nun endlich vor dem Balkon. Ein hoher, hagerer, blonder Diener, in einem Lakaienmantel, mit einigen aufeinander folgenden Kragen, sprang vom Bock, ffnete den Wagenschlag und half dem Grovater heraus. Er war ein ehrwrdiger, stattlicher Greis, dem Aussehen nach noch ziemlich rstig, mit langem, grauen Bart, hoher breiter Stirn, groen ausdrucksvollen Augen von strengem Blick. Doch sein vterliches Auge ruhte mit Stolz und Zrtlichkeit auf seinem Sohne. Es erfreute das Herz des alten Mannes vollends, da unser Vater trotz seiner vielfachen Geschfte noch immer Zeit genug fand, fleiig den Talmud zu studieren. Wie oft pflegte der Greis zu sagen, er beneide meinen Vater um sein groes, talmudisches Wissen und um die Mue, die er fr das Studium finde. Meine Mutter wurde vom Grovater zuerst begrt, aber ohne Hndedruck. Meinen Vater, meinen lteren Bruder und meine Schwger umarmte er; zu meinen lteren Schwestern und zu uns Kindern wandte er sich mit den Worten: Was macht Ihr, Kinderchen? Aber diese wenigen Worte waren hinreichend, uns vor Freude hpfen zu machen. Von dem ganzen Schwarm, der sich auf dem Balkon befand, begleitet, begab sich dann der Grovater ins Haus. Wir kleinen Kinder durften nicht gleich in die festlich geschmckten Rume eintreten. Wir nahmen daher unseren Rckweg durch die Tr links und gelangten durch den Hauptkorridor in unser Zimmer. Meine lteren Schwestern hatten schon das Recht, die ersten Stunden mit dem Grovater und den Eltern zusammen zu bleiben und sich an der Besprechung der Geschftsangelegenheiten zu beteiligen. Wir Kleinen wurden erst am darauffolgenden Morgen von der Mutter zum Grovater gefhrt, der uns zrtlich Haar und Wange streichelte. Doch kam es selten zu einem Ku. Er lie uns durch seinen Diener die guten Warschauer Bonbons und Apfelsinen, die er uns mitgebracht hatte, geben. Unsere Audienz whrte jedoch nur wenige Minuten. Wir kten die weie, krftige Hand, die er uns reichte, wnschten dem von uns so geliebten und hochgeschtzten Manne einen guten Morgen, verbeugten uns und entfernten uns, ohne ein berflssiges Wort an ihn zu richten. So lange der Grovater bei uns weilte, war im Hause ein Hin- und Herlaufen, ein Lrmen, ein Kommen und Gehen von Gsten und Geschftsfreunden, im Hofe ein Ein- und Ausfahren von Equipagen und Droschken. Das Mittagbrot wurde spter als sonst genommen. Man deckte im gelben Salon den groen Tisch aus dem Ezimmer; das ganze Silber-, Kristall- und Porzellangeschirr wurde verwendet, und die Gnge und die Lnge der Tafel hatten eine ungewhnliche Ausdehnung, da viele Gste geladen waren. Von meiner lteren Schwester bis zur jngsten fand niemand an dem langen Tische Platz. Es wurde fr uns zu unserer grten Freude im Ezimmer ein besonderer Tisch hergerichtet, wo unsere Njanja (Kinderwrterin) Marjascha bediente -- ein dralles, rotwangiges Mdchen mit schwarzen, dicken Zpfen und einem roten Tuch, das sie turbanartig um den Kopf gewickelt hatte. Meine ltere Schwester Chasche Feige brachte uns selbst schmackhafte Gerichte, Kuchen usw. von der groen Tafel herber. Wir waren von der strengen Disziplin, die drben herrschte, befreit und genossen, auf uns selbst angewiesen, die vollkommenste Freiheit. Am Abend fanden sich noch andere Gste ein, darunter viele Christen, hochgestellte Mnner vom Militr, Ingenieure, Baukommissre, mit denen der Grovater Preference spielte. Ein reiches Dessert wurde aufgetragen, wovon wir Kinder wieder unseren gerechten Anteil erhielten; und wenn wir von der Mutter noch die Erlaubnis bekamen, damit auf den Ofen im Ezimmer zu klettern und dort Licht anzuznden, verlangten wir vom Schicksal nichts mehr. Denn auf dem Ofen war es so traulich, so gemtlich, dort, wo selbst am Tage ein Halbdunkel herrschte, wo sich in einem Winkel unsere Puppen mit ihren Bettchen, Kleidern und allerlei Blechtpfe, Schsseln und dergleichen befanden. Marjascha leistete uns immer Gesellschaft, und sie wute so interessante Mrchen zu erzhlen. Ach, das war der Ort, wo wir Kinder die Welt umher vergaen, mochte es unten in den prchtigen Rumen noch so munter zugehen: wir waren hier wunschlos-glcklich. Meine Mutter gestattete aber nur ungern den Auszug auf den Ofen; denn der Weg hinauf war unsicher: man mute den einen Fu in eine eigens dazu gemachte Vertiefung setzen und sich mit dem zweiten in der Luft rasch hinaufschwingen, wobei man oft das Gleichgewicht verlor und kopfabwrts auf die Diele strzte. Auch oben fehlte es nicht an Gefahren; neugierig auf das Treiben im Ezimmer, streckten wir die Kpfe ber den Ofenrand hinaus, der andere Teil des Krpers schwebte fast in der Luft. Erst wenn eine auf die Diele strzte, wurden wir uns bewut, in welcher Gefahr wir schwebten. Dennoch erwirkten wir oft die Erlaubnis, uns fr einen ganzen Abend auf dem ersehnten Pltzchen niederzulassen. Der Ofen bildete dort oben ein gerumiges Viereck, in dem man nicht stehend, sondern blo sitzend oder liegend Platz hatte. Denn die Decke war sehr niedrig. In den Zimmern unten ging es ziemlich lebhaft zu. Nachdem man den Tee und das Dessert eingenommen hatte, wurde noch viel von Geschften gesprochen. Es war ein reges Treiben, und die Ruhe kehrte erst wieder bei uns ein, wenn der Grovater alle Geschfte geordnet hatte. Der Grovater hatte die Ausfhrung der Festungsbauten in Brest bernommen, fr die mein Vater viele, viele Millionen mit seinen Initialen J. E. gestempelter Ziegel liefern mute. Wir bekamen zum Abschied schne Gold- und Silbermnzen. Der Grovater reiste ab. Im Hause wurde es wieder still wie nach einer Hochzeit in den vierziger Jahren (nicht etwa wie nach einer in den achtziger Jahren!). Kurze Zeit darauf nahte ein neuer, lieber Gast -- das Makkaberfest (Chanuka) mit all seinen munteren und aufregenden Ereignissen. Schon am Sonnabend vorher mute die Chanukalampe geputzt bereit stehen. Beim Putzen waren wir Kinder zugegen, beschauten jedes einzelne Teilchen und ergtzten uns daran. Die Lampe war aus Silberdraht geflochten und hatte die Form eines Sofas. Die Lehne trug einen Adler, ber welchem ein Vgelchen in natrlicher Gre mit einer Miniaturkrone auf dem Kpfchen sa. An beiden Seiten des Sofas befanden sich kleine Rhren, in denen Wachskerzchen staken, whrend auf dem Sitze acht Miniaturkrgchen standen, die l enthielten -- zur Erinnerung an den kleinen lkrug, den man einst, wie die Sage erzhlt, im Tempel zu Jerusalem nach der Vertreibung der Feinde durch die Makkaber gefunden und der fr volle acht Tage zur Beleuchtung des Tempels hingereicht hatte. Zur Erinnerung an dieses Wunder feiern die Juden alljhrlich auch durch Anznden von Lichtern und llampen das Makkaberfest, das in erster Reihe ein Siegesfest ist. -- Der erste Chanuka-Abend wurde von uns Kindern mit Herzklopfen erwartet. Der Vater verrichtete sein Abendgebet, whrend unsere Mutter in das erste Krgchen l eingo, den Docht in die Rhrchen einzog, zwei Wachskerzen in die zu beiden Seiten befindlichen kleinen Leuchter und einen in die Krone des Vgelchens steckte. Wir Kinder standen um sie herum und verfolgten jede ihrer Bewegungen mit Andacht! Der Vater vollzog die rituelle Handlung: das Anznden des ersten Lichtes an der Chanukalampe. Er sprach das vorgeschriebene Gebet, steckte dabei ein dnnes Wachskerzchen an, womit er im ersten lkrgchen den Docht anzndete. Jetzt begann der Feierabend, denn arbeiten durfte man nicht, so lange das l im Krgchen brannte. War das ein Jubel bei uns Kindern! Denn auch wir durften an diesem Abend Karten spielen. Wir holten unsere paar Kupfermnzen hervor und hielten uns fr Millionre. Wir setzten uns um den Tisch, und unsere kleinen Cousinen gesellten sich auch zu uns. Indes bildeten unsere Eltern, die erwachsenen Geschwister und einige Bekannte, die zu Besuch gekommen waren, einen greren Kreis. Am fnften Abend dieser Woche sandte meine Mutter Einladungen an alle unsere Verwandten und Bekannten. An diesem Abend erhielten wir Kinder auch von der Mutter das so sehnlich erwartete Chanukageld, das gewhnlich in neun glnzenden Kupfermnzen bestand. Man blieb an diesem Abend spter auf als gewhnlich, spielte auch lnger Karten, und es wurde ein reiches Abendbrot geboten, bei dem die sogenannten Latkes[B] das Hauptgericht bildete. Latkes sind eine Art Flinsen aus _=Buch=_weizenmehl mit Gnsefett und Honig; sie werden aber auch aus _=Weizen=_mehl mit Hefe, eingemachten Frchten und Zucker zubereitet und sind sehr schmackhaft. Als Getrnk gab es eine Art Kaltschale, aus Bier, l und ein wenig Zucker bestehend. Dazu kam Schwarzbrot, klein geschnitten, mit Zucker und Ingwer bestreuter Zwieback. Gnsebraten wurde gereicht mit allen mglichen Beilagen, gesalzenen und sauren, unter denen der Sauerkohl und die Gurken nicht fehlen durften. Endlich ein reiches Dessert von Konfitren und Frchten, wobei Keller und Vorratskammer viel einbten. Die Gste musterten, beurteilten und lobten die Speisen. Das Ergebnis des Kartenspielens konnte man auf unseren Gesichtern lesen; mancher verlor sein ganzes Chanukageld und bemhte sich, die Trnen zu verbergen. Es blieb nur ein Trost: die Hoffnung, da solche Spielabende sich wiederholen werden. Dann wandte sich das Glck und fllte wieder die leere Brse. An solchen Abenden stellte mein Vater sogar das Lernen im Talmud ein und gesellte sich zu den Spielenden, obgleich er, wie meine Mutter, keine Idee vom Kartenspiel hatte. Sehr beliebt war auch das Dreidlspiel, auch goor genannt. Das Dreidl wurde eigens aus Blei gegossen. Es hat eine wrfelhnliche Form. Unten war eine Spitze, so da der Apparat wie ein Kreisel gedreht werden konnte. Auf jeder der Seitenflchen war ein Buchstabe markiert. Fiel das Dreidl auf [Hebrischer Buchstabe: GIMEL], so hatte der Spieler verloren. Bei [Hebrischer Buchstabe: SCHIN] blieb der Einsatz stehen. Fiel es auf [Hebrischer Buchstabe: HE], so konnte er die Hlfte des Einsatzes nehmen. Wenn des Dreidl aber auf [Hebrischer Buchstabe: NUN] fiel, so war goor; der Wrfler konnte den ganzen Einsatz einstreichen. Nach der Chanuka-Woche kam das Leben in unserem Hause wieder ins alte Geleise. Es sei denn, da Einquartierung die Ruhe wieder strte: Besuch eines hochgestellten Militr- oder Zivilbeamten. Die Festung in Brest besa damals noch keinen Palast, und das Haus meiner Eltern war reich und bequem eingerichtet. Der damalige Kommandant Piatkin, der mit meinem Vater befreundet war, pflegte hohe Gste in unserem Hause einzulogieren. Mancher kann ich mich noch sehr gut erinnern, z. B. des Frsten Bebutow aus Grusinien im Kaukasus, der spter in Warschau einen hohen Posten bekleidete. Er wohnte sehr lange bei uns, war zu uns Kindern freundlich und gegen alle sehr zuvorkommend. Oft brachte er uns, whrend wir im Blumengarten vor den Fenstern spielten, Bonbons und Honigkuchen, und unterhielt sich mit uns gemtlich in russischer Sprache. Er hatte einen Diener, der Johann hie. Er war lang und hager, hatte eine Habichtsnase und mandelfrmig geschnittene, schwarze, glhende Augen, kletterte wie eine Katze bis zur uersten Spitze der hchsten Pappel, machte kunstvoll die Dschigetowka burduk, indem er sich von seinem im raschesten Lauf hinstrmenden, feurigen Pferde bis zur Erde herabneigte, um eine kleine Mnze aufzuheben. Er war recht jhzornig; man durfte ihn nicht reizen oder ihm in den Weg kommen, wenn er aufgeregt war, denn er fhrte immer einen Dolch bei sich. So hat er einen Hund, der ihm einmal vor den Fen lief, mit dem Dolch entzwei gehauen. Ein anderes Mal hat er einen Hahn im Fluge aufgefangen und ihm mit den Hnden den Kopf vom Rumpfe heruntergerissen. Wir Kinder frchteten ihn sehr. Der zweite Gast, dessen ich mich noch entsinnen kann, war der damalige Gouverneur von Grodno, Doppelmeyer, der oft nach Brest kam und stets bei uns wohnte. Er war ein sehr leutseliger, starker, blonder Herr, der bei uns als guter Freund aufgenommen wurde. Er hielt es fr seine Pflicht, meinen Eltern, so oft er kam, eine Visite zu machen. Geschah dies an einem Freitag Abend, so wurde er mit einem Stck Pfefferfisch regaliert, den er mit groem Appetit verzehrte. Auch dem schnen geflochtenen Schabbes-(Sabbat) Strietzel lie er volle Gerechtigkeit widerfahren. Es mu ein wohlgeflliges Bild gewesen sein, wenn alle meine Geschwister mit ihren jungen, blhenden Gesichtern und meine Eltern um den Tisch saen. Denn der Gouverneur sagte viel Schmeichelhaftes darber und beglckwnschte meine Eltern. Er unterhielt sich mit meinem Vater ber mancherlei ernste Angelegenheiten und blieb plaudernd bis zum Ende der Mahlzeit: Der Verkehr zwischen Juden und Christen war damals noch nicht durch den Antisemitismus vergiftet ... Unter den Gsten meines Vaterhauses war auch ein kleines, jdisches Mnnchen, das alljhrlich im Hochsommer zu uns kam und einige Wochen bei uns weilte. Er gehrte der Sekte Dower min hachai an, d, h. die nichts vom Lebendigen Genieenden; die man jetzt Vegetarier nennt. Er hielt diese Vorschriften aber so strenge inne, da er nicht einmal von dem Geschirr a, das auch nur einmal zu Fleischspeisen benutzt worden war. Meine fromme Mutter pflegte selbst fr ihn die Speisen zuzubereiten, eine Suppe aus sauren, roten Rben oder Sauerampfer, Grtzbrei ohne jeden Fettzusatz, nur mit etwas Bauml zubereitet; ferner Nsse in Honig, oder Rettig in Honig mit Ingwer gekocht, Tee und schwarzen Kaffee. -- Er war ein stiller, hchst bescheidener Mann und wurde von uns allen sehr verehrt, insbesondere auch von meinem Vater, der mit ihm in seinem Kabinett ber die Folianten gebeugt zu sitzen und zu disputieren pflegte. Das Leben im Winter hatte fr mich einen besonderen Reiz. Gerade wenn es tchtig schneite, liebte ich es, drauen herum zu spazieren. In der Dmmerstunde, wenn ich zu frieren anfing, schlich ich mich in den Flgel, so hie das Seitengebude im Hofe, wo meine verheirateten Schwestern mit ihren Mnnern und Kindern lebten. Mein Besuch dort galt der Njanja (Kinderwrterin) des kleinen Sohnes meiner Schwester. Die Njanja erzhlte mir oft sehr interessante Mrchen und sang sehr schne Liedchen. Ich fand sie gewhnlich an der Wiege sitzend, die sie mit einem Fu in Bewegung hielt, whrend ihre gerunzelten, blau-gelben Hnde an einem dunkelgrauen, groben Wollstrumpf strickten. Ich kroch mit Hnden und Fen auf das Bett, auf dem sie sa, und bat mit allerlei Schmeichelworten, sie solle mir den Strumpf zum Stricken geben. Nein, grinste sie, du wirst wie gestern nur wieder die Maschen fallen lassen. Geh weg von mir! Chainke, Jubinke, begann ich aufs Neue, wenn Ihr mir nicht den Strumpf gebt, so singt mir von den Liedelach, die Ihr singt, wenn Ihr Berele einschlfert. Grmlich antwortete sie: Mir ist nicht zum Singen. Seid Ihr krank, Chainke? fragte ich sie besorgt. La mich in Ruh, schrie sie aufspringend. Aber ich lie mich von dieser ihr eigenen Laune nicht abschrecken und wiederholte meine Bitte, die ich durch Ksse ihrer faltigen Wangen und Streicheln ihres runzeligen Halses untersttzte. Mischelaches! (Gottesplage) schrie sie auf, um von dir poter zi weren (um dich los zu werden), werd' ich dir schon singen. Ich setzte mich zurecht, als ob sie ohne meine Vorbereitung nicht singen knnte und lauschte. Und sie sang: Patschen, patschen Kchalach, Kaufen, kaufen Schichalach, Schichalach kaufen, In Cheider (_Schule_) wet das Kind laufen, Laufen wet es in den Cheider, Lernen wet es gur Kiseider (_der Reihe nach_) Wet es oblernen etliche Schures (_einige Zeilen_) Wet man heren gute Bsures (_gute Nachrichten hren_) Bsures toiwes (_gute_) zu zuheren Abi dem Oilom (_Publikum_) a Eize zu geben (_Rat zu geben_), Eine Eize zu geben mit viel Mailes (_gute Eigenschaften_) Wet das Kind paskenen Scheiles (_Fragen ber koscher und treife und andere talmudische Fragen entscheiden_) Scheiles wet es paskenen. Drosches wet es darschenen (_talmudische Reden halten_) Wet men ihm schicken die gildene Pischkele, (_wird man ihm schicken eine goldene Dose_) Un a Streimele (_Festtagspelzmtze_) Ach, wie schn, wie schn, rief ich, Beifall klatschend, Aber Ihr werdet mir noch, Chainke, ein zweites Liedele singen. Was is dus heint far a Mischelaches (_Gottesplage_) auf mir gekummen! Sie sprang schreiend auf vom Sitz, so da eine Stricknadel in die Wiege fiel und die Maschen von ihr herabglitten. Nun zweifelte ich nicht, da ich heute nichts mehr zu hren bekommen wrde. Ich blieb still sitzen, bis sie brummend und grimmig den Strumpf in Ordnung gebracht hatte; sie sah mich mit wtenden Blicken von der Seite her an, als verstnde es sich von selbst, da ich Schuld an dem Unfall hatte. Ich regte mich nicht. Und da sie in meinen Mienen das Bekenntnis meiner Schuld fand, wurde sie wieder vershnt. -- Freilich trug auch mein Versprechen, ihr etwas von meinem Vesperbrot zu bringen, zur Besserung ihrer Laune bei. Um mich los zu werden, sang sie mir noch ein zweites Lied: Schlaf mein Kind in Ruh, Mach deine koschere (_reine_) ugelach zu. Unter dem Kinds Wiegele Steht a weie Ziegele, Die Ziegele is gefohren handeln, Rosinkes (_Rosinen_) mit Mandeln. Das is die beste S'choire (_Ware_) Berele wird lernen Toire Toire, Toire im Kepele (_Kpfchen_) Kasche (_Brei_) Kasche im Tepele (_Tpfchen_) Broit (_Brot_) mit Butter schmieren Der Tate (_Vater_) mit der Mame (_Mutter_) Berele zu der Chupe (_Trauung_) fhren. Es ist bezeichnend, da der Jude damals selbst in den Wiegenliedern nur vom Thoralernen, Cheidergehen phantasierte -- und nicht von Jagd, Hunden, Pferden, Dolchen, Krieg. Chainke begeisterte sich an ihrem Gesange selbst recht sehr und sang mir noch mehrere Liedchen. Eins mchte ich hier noch anfhren: Zigele, migele Wachsen im Krigele Roite Brenselie As der Tate schlugt die Mamme Reissen die Kinderlach Krie -- Zigele, migele Wachsen im Krigele Roite Pomeranzen As der Tate kuscht die Mamme, Gehen die Kinderlach tanzen. Sicher animierte sie zu dieser Zugabe die Aussicht auf mein Vesperbrot. Inzwischen war es recht dunkel geworden. Ich lief eilig ber den Hof ins Hauptgebude zurck, wo meine Geschwister schon tchtig dem Vesperbrot zusprachen. Unser Kindermdchen Marjascha konnte mit dem Brotschneiden und dem Aufstreichen von eingemachten Stachelbeeren -- unserem Lieblingsgericht -- gar nicht fertig werden. Ich bekam meinen Teil und husch! war ich schon wieder auf dem Wege zum Flgelgebude, wo ich von der mir jetzt geneigten Sngerin viel freundlicher als zuvor behandelt wurde. Und wir verzehrten gemeinschaftlich mit Behagen den Leckerbissen..... -- .... Die grere Hlfte des Winters war vorber, und das Purimfest mit seinen aufregenden Freuden, mit den vielen Beschenkungen stand vor der Tr. Damals war es unerllich, fr unsere Cousinen und Nichten Handarbeiten zum Scholachmones (gesandte Geschenke) anzufertigen. Wir arbeiteten Tage und Nchte mit groem Eifer, und als nun alles fertig war, ergtzten wir uns bei dem Gedanken, wie die Beschenkten vor Bewunderung beinahe neidisch auf unsere Geschicklichkeit sein wrden. Der ersehnte Purimtag rckte immer nher. Am Vortag war Esthertanes (der Knigin Esther Fasttag), an dem alle lteren Familienmitglieder fasteten. Schmackhafte Purimbckereien wurden von meinen Schwestern im Hause bereitet. Die Hauptrolle spielten die Hamantaschen (dreieckige Mohnkuchen) und die Monelach (in Honig gekochter Mohn). Gerieten sie gut, so versprach man sich ein gutes Jahr. Wir Kinder durften auch bei dieser Arbeit helfen, konnten wir doch bei dieser Gelegenheit nach Herzenslust naschen. Der ganze Tag verging ohne die blichen Mahlzeiten. Aber wie gro war die Lust, sich am Abend unter die groen mischen zu drfen und die gebackenen, gebratenen und gekochten Herrlichkeiten verzehren zu knnen! Und erst die freudige Aussicht auf den nchsten Tag! Am Abend wurde zu Hause gebetet. Nachher fand sich eine zahlreiche Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein. Hierauf wurde die M'gilla Esther (das Buch Esther) vorgelesen. Und so oft der verhate Name Haman vorkam, stampften die Mnner mit den Fen, und die Jugend lrmte mit den schrillen Gragers (Schnarren). Mein Vater rgerte sich darber und verbot es. Aber es half nichts: jedes Jahr tat man es wieder. Erst nach dem Ablesen der M'gilla, das oft bis acht oder neun Uhr abends dauerte, begab man sich ins Ezimmer, und lie sich die appetitlichen Speisen, die in reicher Flle auf dem Tisch standen, gut schmecken. Jeder bediente sich, so rasch er konnte, um den laut protestierenden Magen, der doch mehr als 20 Stunden keine Nahrung erhalten hatte, zu befriedigen. Am frhen Morgen des darauffolgenden Tages konnten wir Kinder vor Aufregung nicht mehr schlafen und riefen einander noch in den Betten zu: Was ist heute? -- Purim! lautete die frohlockende Antwort. Und nun kleidete man sich so rasch wie mglich an. Die freudige Erwartung verwandelte sich in Ungeduld. Wir wnschten, der Morgen mge doch endlich schon zum Nachmittag werden, da wurden ja die Scholachmones abgeschickt und empfangen. Mein Vater und die jungen Leute kamen aus dem Bethause, wo ein Halbfeiertagsgottesdienst abgehalten und wieder die M'gilla vorgelesen worden war. Das Mittagmahl wurde zu frher Stunde genommen (es bestand aus den vier traditionellen Gngen: Fische, Suppe mit den unvermeidlichen Haman-Ohren, d. h. dreieckige Kreppchen, Truthahn und Gemse), um die zweite Mahlzeit, die Sude (Festmahl), die eigentlich am Purimfest die Hauptrolle spielte, noch vor Abend beginnen zu knnen. Dabei gibt sich der Jude, -- so will es der Gebrauch -- der wahren oder der vermeintlichen Freude hin und darf sich einen kleinen Rausch antrinken. So viel ich mich zu erinnern wei, ist jeder Jude an diesem Tage munter und frhlich, er gnnt sich gutes Essen und Trinken und bemht sich schon Tage vorher, fr den Schmaus viel Geld aufzutreiben. Uns Kinder beschftigte nur der Gedanke an das Abschicken und Empfangen des Scholachmones. Endlich kam die wichtige Stunde, da alle fertigen Geschenke auf ein Teebrett gelegt wurden. Dem Dienstmdchen wurde eingeschrft, welches Geschenk fr den und jenen bestimmt sei. Mit besorgter, vor Aufregung bebender Stimme wurde ihr verboten, sich unterwegs aufzuhalten oder mit jemand zu sprechen, nicht einmal im Vorbergehen. Sie sollte direkt zu unseren Tanten gehen. Selbst die Art, wie sie das Teebrett mit den Geschenken auf den Tisch setzen msse, und wie sie jedem sein Geschenk auszuhndigen habe, wurde ihr genau angegeben. Dabei stellten wir uns lebhaft die Ausrufe des Entzckens vor, die unsere Arbeiten hervorlocken wrden. Und wir zeigten wiederholt dem Mdchen jedes Stck. Endlich ging das Mdchen fort und gelangte glcklich an Ort und Stelle. Bist du von den Kindern der Muhme geschickt? eilten dem Mdchen dort die Kinder, hastig fragend, entgegen -- denn ebenso wie bei uns, war man auch dort aufgeregt und ungeduldig gewesen. Ja! stammelte das bestrmte Mdchen, das kaum die Wohnstube erreichen konnte, da ihr alle lrmend und fragend folgten. Sie bemchtigten sich endlich des Tablettes, strzten sich auf die Geschenke, um alles zu besichtigen, zu beurteilen und zu bewundern. Das unbeholfene Mdchen tat nicht so, wie wir befohlen hatten, da sich die Beschenkten die Sachen, ohne zu fragen, selber nahmen. Dann machten sich die Kinder daran, die fr uns bestimmten Geschenke abzusenden. Das geschah in der nchsten Viertelstunde. Die arme Botin aber, welche mit solchem Jubel empfangen worden war, ging fast unbemerkt, ganz still fort und wurde von uns dann mit der gleichen Ungeduld und Spannung ausgefragt, ob man drben sehr erstaunt gewesen, und welche Meinung ber unsere Geschenke geuert worden sei. Nun empfingen wir von unseren Cousinen die Gegengeschenke, welche unsere Erwartungen weit bertrafen oder -- auch nicht. Bei ihrer Entgegennahme muten wir an uns halten, ruhig zu bleiben. Wir durften uns vor der Botin nicht so ungeduldig und so neugierig zeigen, wie wir es tatschlich waren; denn die Mutter hatte uns streng befohlen, ein ruhiges, wrdiges Benehmen an den Tag zu legen. Inzwischen wurden allerhand Purimspiele (Szenen aus der biblischen Geschichte, hauptschlich aber mit einem Motiv aus dem Buch Esther) vorgefhrt. Die erste Szene brachte das Achaschweros (Knig Artaxerxes)-Spiel nach der Migilla, diejenige, in der der Knig, Haman, Mardechai und die Knigin Esther die Hauptrollen hatten. Gewhnlich gab ein junger Bursche in Damenkleidern die Knigin Esther, die von uns mit neugierig erregten Augen verfolgt und angestaunt wurde. Die Kleidung der anderen Darsteller zeichnete sich nicht durch besondere Reinlichkeit und Eleganz aus. Der dreieckige Hut mit dem Federbusch, die Epauletten und das Portepee waren aus dunkelblauem und weigelbem Pappendeckel verfertigt. Die Auffhrung dauerte lnger als eine Stunde, und wir folgten ihr mit dem grten Interesse. Dann kam das Josefsspiel, dessen interessanteste Szenen der Bibel entlehnt sind. Bei allen Stcken wurde viel gesungen. Ich erinnere mich genau der Melodieen -- und des komischen Tanzes, den Zirele Waans, eine Frau aus dem Volke, und ein armer Mann, Lemele Futt, auffhrten. Sie tanzten und sangen dazu im Jargon. Wir kicherten heimlich ber die grotesken Gestalten und ihre eckigen Bewegungen. Am amsantesten fr uns Kinder war das sogenannte Lied von der Kose (Ziege). Ein Fell mit einem Ziegenkopf wurde von einem Mann, der darin stak, auf zwei Stcken gehalten. Der Ziegenhals war mit allerlei bunten Glasperlen und Korallen, Silber- und Messingmnzen, Schellen und noch vielem anderen schimmernden, blinkenden Zeug behangen. Auf den beiden Hrnern waren zwei grere Glckchen befestigt, die bei jeder Kopfwendung schrill erklangen und sich mit dem anderen bimmelnden Tand zu einer seltsamen Musik vereinigten. Der gute Mann im Ziegenfell machte allerhand Bewegungen, er tanzte, sprang hoch und nieder. Das Singen besorgte mit lustiger, heiserer Stimme der Fhrer der Kose (Ziege). Das Liedchen lautet: Afen hoichen Barg, afen grnem grus, (_gras_) Stehn a por Deutschen mit die lange Beitschen. Hoiche manen seinen mir Krze kleider gehen mir. Owinu Meilach (_Unser Vater, Knig_) Dus Harz is ns freilach. (_frhlich_) Freilach wellen mir sein Trinken wellen mir Wein. Wein wellen mir trinken Kreplach wellen mir essen Un Gott wellen mir nit vergessen. Der Snger war ein hagerer, langer, blonder Bursche, der das ganze Jahr in unserer Ziegelfabrik Lehm transportierte und den Spitznamen die Kose trug. Fr uns kleine Kinder war das Schauspiel voller Ergtzlichkeiten. Aber wir konnten uns dennoch eines gewissen Angstgefhles nicht ganz erwehren und flchteten uns auch bald, nachdem sie erschienen, auf den Ofen im Ezimmer, von dem aus wir die Vorgnge mit mehr Sicherheit berschauen konnten. Und da sahen wir mit Interesse, wie die Kose ein Glas Branntwein hinuntergo, das unsere Mutter ihr an den Mund gebracht hatte, dann steckte die Mutter ihr einen groen Purim-Mohnkuchen in den Mund, welchen die Kose, wie uns schien, im Nu verschluckte. Zu einer festen Ansicht, ob es denn wirklich eine Ziege war, oder ob ein Mensch darin stak, kamen wir nicht. Die Sache erschien uns durchaus rtselhaft.... Der Scherz wurde laut belacht, und der Lehmfhrer wurde mit einem guten Trinkgelde verabschiedet, wofr er mit komischen Gebrden dankte und alle segnete. Die vorgefhrten Szenen fanden im Speisezimmer statt und wurden durch die vielen Boten, die Scholachmones brachten, oft unterbrochen. Die Boten harrten der Auftrge meiner Mutter, welche fr die Abschickung der Gegengeschenke Anordnungen traf. Auf dem langen Tisch befanden sich verschiedene Sorten teuren Weines, englisches Porter, die besten Likre, Rum, Kognak, Bonbons, Apfelsinen, Zitronen, marinierter Lachs. Diese edlen Dinge verteilte meine Mutter und meine lteren Schwestern unaufhrlich auf Teller, Schsseln und Tablette. Es gab kein bestimmtes Ma, keine bestimmte Zahl. Eine Sendung bestand gewhnlich aus einer Flasche Wein oder englischem Porter und einem Stck Lachs, aus Fischen und einigen Apfelsinen oder Zitronen. Ein so zusammengestelltes Geschenk war zumeist einem Herrn zugedacht. Die Geschenke fr Frauen bildeten Kuchen, Frchte und Bonbons. Die Leute niederen Standes erhielten Honigkuchen, Nsse, pfel auf einem Teller, der mit einem roten Taschentuch berdeckt war, dessen Enden nach unten zusammengeknotet wurden. Ich erinnere mich lebhaft eines aufregenden Vorfalles am Purim. Meine Mutter hatte vergessen, einem Hausfreunde Scholachmones zurckzuschicken.[C] Das fiel ihr erst spt nachts ein, und sie konnte vor rger darber nicht einschlafen. Am frhen Morgen kleidete sie sich rasch an und begab sich zu dem Freunde, um ihn um Verzeihung zu bitten und zu beteuern, da der Irrtum nicht aus Geringschtzung, sondern aus Vergelichkeit geschehen wre. Die Versicherung war ntig, denn der Freund hatte sich tatschlich zurckgesetzt und verletzt gefhlt. Von solcher Wichtigkeit und Bedeutung war damals jeder jdische Gebrauch! Die Boten kamen und gingen, und so verflossen die Nachmittagsstunden von eins bis sechs Uhr, die uns Kindern lauter Naschwerk und Leckerbissen brachten. Diese Zeit pflegte der Vater fr sein Nachmittagsschlfchen zu verwenden. Als er aufstand, erwartete ihn bereits der dampfende Samowar mit dem duftenden Tee auf dem Tisch. Sodann verrichtete er das Vorabendgebet. Denn die Sude (Festmahl) stand nahe bevor. (Nach der Vorschrift mu diese noch vor Abend beginnen.) Der groe Kronleuchter im gelben Salon wurde angesteckt. Alle Wachskerzen in den Wandleuchtern brannten. Auch die brigen Zimmer waren hell erleuchtet. Die Tafel wurde aufs neue mit allen erdenklichen kalten, schmackhaften Speisen besetzt. Besondere Sorgfalt wurde an diesem Abend auf die Getrnke verwendet, was in unserem Hause sonst nicht blich war. Fast schien es, als she es unser Vater als gutes und gottgeflliges Werk an, wenn sich jemand am Purim ein Ruschchen antrank. Wir Kinder fhrten an diesem Abend eine Posse auf, in der meine ltere Schwester und ich die Kleider der Njanja und der Kchin bentzten. Sie waren natrlich zu lang und zu breit und schleppten nach. Meine Schwester stellte eine Mutter dar, ich ihre Tochter, deren Gatte sie mit einem Kinde in Armut verlassen hatte. Gute Menschen sollten uns nun helfen, den Mann aufzusuchen, denn sonst mute ich eine _=Agune=_ bleiben (d. h. ich durfte nicht mehr heiraten) und mute seine Rckkehr abwarten. Auf die Frage, woher wir kmen, hatten wir mit verstellter Stimme geantwortet: Aus Krupziki. Unser Benehmen und unsere Haltung waren so ruhig und ernst, da selbst unsere Mutter uns im ersten Augenblick nicht erkannte, geschweige die Gste. Der Vater rief aus: Wie hat sich der Diener unterstanden, diese Leute ins Speisezimmer hereinzulassen, worin Gste sind? Was ist das fr eine Belstigung? Wir baten um Almosen in Geld oder in Speisen, wir wren hungrig und htten heute noch nichts gegessen -- das alles sprachen wir im echtesten Jargon. Unsere Bitte um Speise und Trank wurde bald erfllt, man lud uns ein, am Tisch Platz zu nehmen. Wir taten es mit gespielter Befangenheit, und wir begafften und bewunderten alles, was man uns vorsetzte und sparten nicht mit Seufzern, was die Tischgenossen zum Kichern brachte. Wir waren so gut vermummt, der abenteuerliche Kopfputz war so tief in die Stirn gerckt, da wir den Scherz unerkannt bis zu Ende fhren konnten. Wie ich mich seit meiner zartesten Jugend bis in die spteste Zeit erinnern kann, wurde am Purimfest bei uns zu Hause immer bis zum Tagesanbruch viel gegessen, getrunken und gelacht. Es herrschte Heiterkeit bis zur Ausgelassenheit. Alle sonst verbotenen Streiche und Possen waren gestattet. Jede Disziplin bei Tische war aufgehoben. Das Fest lie die beste Erinnerung zurck und auch greifbare Andenken: eine hbsche Halsbinde, ein kleines Parfum-Flacon, das man immer wieder in den Hnden hin- und herwandte, um das Etikett, das man schon auswendig kannte, wieder mit erneutem Vergngen zu lesen. Lange wurde das Flschchen in der Kommode verwahrt, bis es bei einer wichtigen und passenden Gelegenheit zur Benutzung kam. Schon am darauffolgenden Tage, am Schuschan-Purim, hielt meine Mutter mit der Kchin langen Rat ber die groen Vorbereitungen zum Pesach (Osterfest). Die wichtigste Speise, rote Rben zum Einlegen fr den Borscht in einem gekascherten Fa, wurde schon an diesem Tag angesetzt. Nach einigen Tagen erschien auch schon Wichne, die Mehlverkuferin, in ihrem unvermeidlichen Pelz und brachte allerlei Mehlproben fr die Mazzes. Meine Mutter beriet sich mit meiner lteren Schwester beim Prfen des Mehles, man knetete aus den Proben einen Teig und buk kleine dnne Pltzchen, bis die Wahl auf eine erprobte Mehlgattung fiel. Einen Tag vor Rosch-Chodesch (Neumond) Nissan mute meine ltere Schwester einen Sack nhen (denn die Mutter traute der Kchin nicht, da sie das auch gengend sauber machen wrde) und das mute vorsichtig in einer gewissen Entfernung von Brot oder Grtze geschehen: Meine Mutter war in allen diesen Vorbereitungen zum Osterfest so peinlich, da die Kchin darob oft auer sich geriet und grob wurde. Meine lteren Schwestern bereiteten fr die Feiertage moderne, hbsche Putzsachen vor. Schneider, Schuster und Putzmacherinnen fingen an, hufige Besucher in unserem Hause zu werden, mit denen die Saisonangelegenheiten gar oft berlaut errtert wurden. Rosch-Chodesch Nissan rckte heran, und nun begann man mit dem Backen der Mazzes. Diese Arbeit bildete eine Aufgabe in der huslichen Wirtschaft, mit der sich alle Hausgenossen, selbst Vater und Mutter, beschftigten. Schon am Vortage, ganz frh am Morgen, erschien Wichne, die Mehlfrau, mit dem Sckel Mehl unter dem Pelz, der diesmal vorn mit einer langen, bis an den Hals reichenden Schrze bedeckt war. Den weien, aus dnner Leinwand verfertigten Sack brachte meine Schwester ins Speisezimmer, wohin auch Wichne mit dem Mehl folgte. Wir Kinder durften natrlich auch da nicht fehlen, um andchtig die abgemessenen Tpfe Mehl mitzhlen zu helfen. So und so viel Tpfe wurden gezhlt; der Sack wurde verbunden, in einen Winkel des Ezimmers gestellt, und sehr sorgfltig mit einem weien Leintuch bedeckt. Uns Kindern wurde streng verboten, mit Brot oder sonstigen Speisen in die Nhe zu kommen, was wir ganz begreiflich fanden. Am nchsten Morgen erschien das unentbehrliche Faktotum, die Aufwartefrau, die den Spitznamen Meschia Cheziche fhrte, dieselbe, die schon zu Beginn des Herbstes als Aufseherin bei allen huslichen Arbeiten fungierte. Ihr ganzes praktisches Wissen bewhrte sich hauptschlich beim Einlegen von Kohl und beim Einkellern von Gemse. Sie lebte mit ihrem Mann in einer Lehmhtte bei unserer Ziegelfabrik, fr die er Lehm transportierte, hielt sich aber die meiste Zeit bei uns auf. Sie war wirklich eine treue Seele, die sich fr jedes von uns Kindern aufgeopfert htte. Ich sah sie nie anders als in einem zerlumpten, blaugestreiften Kattunkleid und in einem Paar sehr groer Schuhe, die ihr bei jedem Schritt von den auch im Sommer beinahe erfrorenen Fen herabfielen. Das braun-blau erfrorene Gesicht, war mit einem ehemals weien Kattuntuch umwickelt, ein schmaler roter Wollstreifen um die Stirn gebunden und zwei Enden eines Schleiers hingen wie Flgel im Nacken. Die kleinen, tief in den Kopf gesunkenen matten Augen drckten immer Wohlwollen und Dankbarkeit aus. Der ungeheuer breite Mund mit den schmalen Lippen schien nur die Worte sprechen zu knnen: Gute Leut', erwrmt mich und gebt mir etwas zu essen. Meine Schwestern lieen jeden Herbst einen wattierten Rock und andere warme Kleidungsstcke fr sie anfertigen. Es scheiterte aber jeder Versuch, dieses gnzlich durchfrorene Wesen zu erwrmen. Also Meschia Cheziche kam; zuerst erhielt sie in der Kche einen Teller voll heier Grtzsuppe, und nachdem sie gesttigt war und sich etwas erwrmt hatte, schlich sie zur Tr des Speisezimmers, streckte den Kopf zur halbgeffneten Tr herein und meldete sich. Meine Mutter befahl ihr, sich ordentlich zu waschen; dann zog man der hageren Gestalt ein langes, weies Hemd ber ihre Kleider und der Kopfputz wurde mit einem weien Leinentuch, das auch den breiten Mund bedeckte, umwunden. In diesem Aufzug, der ihr ein gespensterhaftes Aussehen verlieh, mute sie nun das Mehl fr die Mazzes durchsieben. Nachdem sie meine Mutter mit den Worten gesegnet hatte: Derlebts ber a Juhr (knftiges Jahr) mit Eurem Mann und Kinderlach in groen Freuden! begann sie ein Sieb nach dem anderen auf den vorbereiteten Tisch zu schtten. Welch ein ergtzlicher Anblick, diese Erscheinung bei der Arbeit zu sehen! Wir Kinder standen in gemessener Entfernung und sahen aufmerksam zu. Meschia Cheziche war das Sprechen streng untersagt, damit kein Trpfchen aus ihrem Munde in das Mehl falle. Nach beendigter Arbeit blieb sie die Nacht in der Kche, und am frhen Morgen scheuerte sie die groen roten Kisten, in denen das ganze Jahr reine Wsche aufbewahrt wurde, und, obgleich sie nie mit Speisen in Berhrung kamen, fate sie mit krftigen Hnden an und wusch sie grndlich, damit sie in tadelloser Reinheit die Mazzes aufnhmen. Dann kamen die Holztische und die Bnke an die Reihe, die ebenfalls die Kraft des von Meschia Cheziche gefhrten Scheuerbesens zu fhlen bekamen. Auch die vielen Dutzende Rollhlzer, Blechplatten, die ebenso grndlich gereinigt wurden, wurden nicht verschont. Erbarmungslos rieb und scheuerte man auch zwei groe Messingbecken, legte rotglhende Eisenstbe darein und schttete erst kochendes, dann kaltes Wasser so lange darauf, -- ein solches Reinigen nennen die Juden. Kaschern -- bis das Wasser berlief; spter wurden sie noch einmal gescheuert und dann blank geputzt, da sie funkelten. Das Wichtigste beim Mazzesbacken ist das Wasserholen vom Brunnen oder Flu, was als groe Mizwe (gottgefllige Handlung) gilt. Das Geschirr zum Mazzeswasser besteht aus zwei groen Holzschaffeln, die mit grauer Leinwand berspannt waren, einem Eimer mit einem groen Schpfer und zwei groen Stangen. Das fehlende Geschirr wurde natrlich neu ergnzt. Nachdem noch die groe Kche im Hof gereinigt, die Ziegel des Backofens durchglht und gekaschert waren, wurde viel trockenes, harziges Holz, das unser bewhrter alter Wchter Feiwele den ganzen Winter ber zu diesem Zweck gesammelt hatte, in die Kche gebracht. Am Vorabend vor Rosch-Chodesch Nissan gab es im Hof vor dem Brunnen oder am nahen Flu ein seltsames Schauspiel: Mein Vater, meine Schwger begaben sich in eigener Person, die Wasserschaffeln auf den langen Stangen tragend, zum Brunnen oder Flu, um Wasser zu holen und es nach der groen Kche zu bringen, wo die Schaffeln auf eine mit Heu bedeckte Bank gestellt wurden. Die Mutter und wir Kinder liefen dem seltsamen Zuge bald voran; bald hinterdrein. Die jungen Mnner waren dabei vergngt und munter. Mein Vater hingegen war ernst, denn diese Bruche waren ihm als eine gottgefllige Handlung heilig. Meine Schwger brachten auch den wohlverwahrten, verhllten Sack Mehl in die groe Kche. Meschia Cheziche blieb die Nacht da, um rechtzeitig am nchsten Morgen den Ofen zu heizen. Alle gingen zeitig zu Bette, um beim Beginn des Mazzebackens frh zugegen sein zu knnen. Ich drngte mich am nchsten Morgen gleich an den Ofen und sah mit groem Interesse zu, wie gewandt eine alte Frau die runden, dnnen Mazzen in den Ofen schob, die halbgebackenen zur Seite rckte, die ganz fertigen mit beiden Hnden sammelte und in einen Korb auf der nahe bei stehenden Bank warf, ohne da auch nur eine einzige zerbrach, trotzdem sie so dnn und zerbrechlich waren. Mir wurde bald eine Beschftigung zugewiesen: ich sollte die geschnittenen Stcke Teig den mit Rollhlzern bewaffneten Weibern reichen, die um den langen, mit Blechplatten bedeckten Tisch standen. Meine ltere Schwester hatte mich immer im Frhaufstehen bertroffen; auch jetzt erzhlte sie mir mit Stolz, da sie schon viele Mazzen aufgerollt habe, die sogar schon gebacken seien. Ich war mit mir sehr unzufrieden, schalt mich selber eine Langschlferin und suchte mich nun um so ntzlicher zu machen. Ich beruhigte mich erst dann ber das spte Aufstehen, als mich das viele Umherlaufen und Herumstehen tchtig ermdet hatte. Ich wusch mir die Hnde und ging in die zweite Kammer, wo der Teig geknetet wurde. Da stand eine Frau ber ein funkelndes Messingbecken gebeugt und knetete, ohne einen Laut von sich zu geben, ein Stck Teig nach dem andern aus abgemessenem Mehl und Wasser. Ich machte mich auch da ntzlich, indem ich mir von dem kleinen Jungen, der das Wasser in das Mehl zu gieen hatte, den groen Schpfer ausbat und seine Arbeit bedchtig und still ausfhrte, hie und da die knetende Frau ansehend, die ber den Kleidern gleich Meschia Cheziche ein langes, weies Hemd trug und eine Schrze, die in der Taille nicht eingeschnrt war. Kopf und Mund waren mit weien Tchern verbunden, ebenso wie bei Meschia Cheziche. Ich half mit, bis mich die Mdigkeit bermannte. Das Backen der Mazzen dauerte fast zwei Tage. Meine Mutter ging unermdlich umher und besah von Zeit zu Zeit die Rollhlzer, mit denen die Frauen die Mazzes rollten, um den angeklebten Teig abzukratzen; bei dieser Arbeit halfen meine Schwger und mein Bruder, die mit kleinen Stckchen Glasscherben bewaffnet waren. Die Teilchen muten entfernt werden, weil der angeklebte Teig bereits Chomez (d. h. _=gesuerter=_ Teig ist), und somit in den Mazzenteig (der _=ungesuert=_ ist), nicht eingeknetet werden darf. Auch beim Rdeln der Mazzen halfen die jungen Mnner mit; und es fiel keinem ein, eine solche Arbeit fr unpassend zu halten, da alles, was Pesach und besonders die Mazzen betraf, als eine religise Handlung betrachtet wurde. Am darauffolgenden Tage untersuchte meine Mutter alle Mazzen, deren es oft mehrere Tausend gab, ob sich nicht etwa darunter eine verbogene oder nicht ganz ausgebackene befand. Denn eine solche war schon Chomez und mute beseitigt werden. In strenger Ordnung legte man nun die tadellosen Mazzen reihenweise in die groen roten Kisten, die mit einem weien Tuch bedeckt wurden. Meine Mutter hatte unter dem Tuche eine Mazze vorgenommen und ohne sie anzusehen, sogar mit geschlossenen Augen, die Hlfte abgebrochen, indem sie ein frommes, eigens fr diese Handlung festgesetztes Gebet leise hersagte. Dann warf sie dieses Stck Mazze wieder, ohne es anzusehen, in die Flammen. Diesen Gebrauch nannte man Challe nehmen; er soll wahrscheinlich an das Brandopfer der biblischen Zeiten erinnern. Die nchste Zeit bis Pesach verging in endlosen Vorbereitungen fr die Wirtschaft, fr Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag des Erew-Pesach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Hhepunkt! Am Abend vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das Bedike-Chomez, d. h. das Fortschaffen des gesuerten Brotteiges aus dem Hause. Da begab sich meine Mutter in die Kche, lie sich von der Kchin einen hlzernen Lffel und einige Gnsefedern geben, wickelte um beides einen weien Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem Bindfaden fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf das Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstnde sollten Abends bei einer religisen Handlung verwendet werden. Mein Vater nahm, nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bndel, steckte das Wachskerzchen an und bergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als Leuchter dienen sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chomez durch das ganze Haus. Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen vermutete, wurde von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit dem Wachskerzchen erleuchtet. Die aufgefundenen Krmel wurden mit den Federn in den Lffel gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte Gebet gesprochen hatte. Wir Kinder machten uns manchmal den Spa, vorher berall Krmelchen anzuhufen, worber sich der Vater wunderte, da doch an diesem Tage die Fensterbrettchen gewhnlich mit besonderer Aufmerksamkeit gereinigt wurden. So untersuchte er nun grndlich die Fenster, und die Mutter mute sich beeilen, das noch vorhandene Brot aus dem Hause zu schaffen, denn das Gesetz gebot, da alles Brot, das auf der Suche durchs Haus vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt werde. Nachdem diese Handlung vollbracht war, speiste man etwas frher zu Abend als sonst. Das inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf den Tisch kommen, die gesammelten Brotkrmel im Lffel aber wurden mit dem Wachskerzchen und den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem Hngeleuchter im Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus erreiche, welche die Krmel sonst wieder zerstreuen knnte. Man ging zeitig schlafen, um am nchsten Morgen recht frh aufzustehen, denn um 9 Uhr morgens darf sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chomez im Hause eines religisen Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr frh geweckt und sollten Frhstck und Mittagessen auf einmal verzehren. Das Nationalgericht fr diesen Morgen ist hei gesottene Milch mit Weibrot. Doch war selbst zu dieser frhen Stunde schon ein Braten fertig, an dem sich mancher Hausgenosse gtlich tat. Und nun rasch, rasch!, trieb meine Mutter alle im Hause an, auch die Dienerschaft a doppelt so viel als sonst, denn es durfte ja nichts vom Chomez zurckbleiben. Wir Kinder machten allerhand Spe und verabschiedeten uns dann fr volle acht Tage vom Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und die Mutter befahl dem Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von dem teuren Porzellanservice an bis zur letzten Kupferkasserole wurden alle Stcke bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster gestellt und dann mute alles in groe Kisten gepackt und auf den Boden gebracht werden, woher sodann die gefllten Kisten mit dem Pesachgeschirr herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder grndlich gereinigt, die Fensterbrettchen mit weiem Papier bedeckt. Der groe Speisetisch wurde auseinandergezogen, mit einem weien Tuch oder mit Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Lnge ausgezogene Tisch mit dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand bedeckt, die mit kleinen Ngeln befestigt wurde. Nach dieser Prozedur durfte erst das Pesachgeschirr ausgepackt werden, das wir Kinder mit so groer Neugierde erwarteten, weil jedes von uns darunter seine bestimmte Kaus (kleiner Becher von hbscher Form) hatte. Aber damit nicht genug! Es gab um diese Zeit auch an allen Orten und in allen Zimmern viel Interessantes fr uns zu sehen, besonders im Hof, wo alle Holztische und -bnke zum Kaschern aufgestellt waren. Man bego den Tisch oder die Bank mit siedendem Wasser, strich mit einem zum Glhen gebrachten Eisen darber hin und her und schttete dann gleich kaltes Wasser auf die Gegenstnde. Auer diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Groartigeres: der Vater erschien nmlich in der Kchentr mit dem Chomez von gestern in der Rechten und lie Feiwele, den alten Wchter, Ziegelsteine und trockene Holzstcke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete aus den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstcke darauf. Mein Vater legte den Lffel mit den darin befindlichen Krmeln auf den Scheiterhaufen und lie das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen hin und her, um uns, wenn irgend mglich, dabei ntzlich zu machen. Das trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flmmchen nach dem anderen zngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrieen: Seht, seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon ... Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Lffel, und es dauerte nicht lnger als 10 Minuten, so war das Autodaf des Chomez vollzogen. Mein Vater verlie nicht eher den Schauplatz, als bis alle berbleibsel des Scheiterhaufens weggerumt waren, denn nach der Vorschrift darf man selbst auf die Asche nicht treten, auch wenn es Nutzen oder Vergngen brchte. Wir Kinder sprangen von da in das Ezimmer, wo Schimen, der Meschores (der Diener) mit dem Auspacken des Pesachgeschirrs beschftigt war. Wir wollten auch hier helfen und von unseren Kausses (Weinbecherchen) Besitz ergreifen, da schmunzelte der Bocher (Junge) schalkhaft und meinte, da wir dazu noch nicht gehrig vorbereitet seien. Wir waren verblfft und sahen ihn fragend und bestrzt an. Mit gleichgiltiger Miene erklrte er, da wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. Wieso gekaschert? fragten wir. Ja, ja, versetzte unser Peiniger, Ihr mt heie, glhende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort herumkollern, hernach mit kaltem Wasser aussplen, ausspucken, dann erst drft Ihr dieses Geschirr anrhren. Wir fanden keine Antwort und strzten weinend in die Kche, wo meine Mutter in voller Arbeit war. Sie beriet eben mit der Kchin die Bereitung des Indian-Vogels, eines riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt, gesalzen und dreimal mit Wasser abgesplt war. Jetzt lag er auf dem Brett, und die Kchin hielt ihn mit beiden Hnden fest, als wenn er davonfliegen wollte, whrend die Mutter, mit einem groen Kchenmesser bewaffnet, den Hauptschnitt ausfhrte. Unweit von diesem Schauplatz, rechts von der Bank, lag auf einem neu abgehobelten Brett in seiner ganzen Lnge ein silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der kunstgerechten Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der sauber gescheuerte Kchentisch, auf dem sich verschiedene Schsseln, Teller, Gabeln, Lffel befanden, ferner ein groer Korb Eier, ein Topf Mazzesmehl, das meine Schwester eben siebte und aus dem spter die schmackhaften Torten, Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten nun die Mutter fragen, ob Simon Recht htte. Aber wir blieben, von der Mutter reger Arbeit gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von den glhenden Steindlach im Mund erprete uns ein leises Schluchzen und meine jngere Schwester berredete mich, die Mutter doch zu interpellieren. Allein die Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flstern lngst aufgefallen und, halb verwundert, halb rgerlich, fragte sie uns, weshalb wir so ungestm in die Kche gestrzt wren. Da erzhlten wir mit klglicher Stimme, in halben Stzen, was der bse Schimen uns gesagt hatte. Sie verstand nicht recht und ward ungeduldig. Dann schrie sie pltzlich auf: Was fr glhende Steindelach? Wer hat sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit heiem Wasser begossen? Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie endlich die eigentliche Ursache unserer Besorgnis: Sie lie Schimen sofort kommen und verbot ihm energisch, uns so dummes Zeug vorzuschwtzen. Uns sagte sie, wir sollten uns waschen und reine Kattunkleidchen anlegen, dann wren wir wrdig, unsere Kausses in Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir angekleidet. Mit triumphierenden Mienen sprangen wir ins Ezimmer und halfen nun das Geschirr abwischen. Unter diesen und hnlichen Arbeiten verging der halbe Tag, bis unsere gesunden Magen daran erinnerten, da wir seit 9 Uhr morgens nichts gegessen hatten. Wir wuten im voraus, was man uns geben wrde. Man brachte den groen Gonscher (eine sehr breite Flasche) mit sem Meth, den meine Mutter so meisterhaft zu kochen verstand, und ein volles Sieb mit Mazzes: bis zu diesem Tage waren sie in strenger Verwahrung gewesen, da vor den Feiertagen Mazzes zu essen bei frommen Juden nicht erlaubt ist. Man fllte also unsere Kausses mit Meth und wir machten uns an die Mazzes. Ein Stck nach dem andern wurde in Meth getaucht und verschwand rasch, von unseren gesunden Zhnen wie zwischen Mhlsteinen zermalmt. Die Mutter kam endlich aus der Kche herein. Auch mein lterer Bruder erschien und brachte pfel, Wallnsse und Zimt. Aus diesen Materialien bereitete er, indem er alles in einem Mrser zerstie, Charauses, d. i. eine Masse, welche wie Tonlehm aussieht und abends auf den Sedertisch kommt. Der Lehm soll daran erinnern, da unsere Vorfahren in Egypten fr den Pharao Ziegelsteine kneteten. Nachdem mein Bruder mit dieser Arbeit fertig war, lie die Mutter den Etisch in den gelben Salon tragen und in seiner ganzen Lnge vor dem Sopha aufstellen. Sie bedeckte ihn dann mit einem weien Damasttischtuch, das nach beiden Seiten bis zur Diele reichte. Dann lie sie den Diener das Porzellan- und Kristallgeschirr bringen, ordnete es und ging selbst an den Schrank, der das ganze Silbergeschirr enthielt. Der Diener stellte auf das groe silberne Tablet die Becher und Kannen, die sehr schn gearbeitet waren. Namentlich eine Kanne war besonders kunstvoll durch Intarsien aus Elfenbein, die mythologische Figuren darstellten. Der Deckel und das Gef waren aus massivem Golde. Mein Vater hatte einige hundert Rubel fr das Kunstwerk bezahlt. Eine andere ziemlich groe Kanne war aus getriebenem Silber. Daneben standen groe und kleine Becher, deren Boden franzsische Mnzen bildeten. Bald kam auch die Obsthndlerin (Gereziche) mit dem frischen grnen Salat, der an diesem Abend, dem Seder-Abend, eine wichtige Rolle spielte. Der Diener brachte aus der Kche eine Schssel voll hartgesottener Eier, einen Teller frisch geriebenen Meerrettig (Moraur genannt), -- ein Symbol, das an die Bitterkeit der Verhltnisse erinnern sollte, unter denen unsere Vorfahren in Egypten gelebt hatten. Dann einige gebratene Stckchen Fleisch, die sogenannte Seroa, zur Erinnerung an die Pesach Korben, d. h. Osteropfer im Tempel zu Jerusalem; ferner einen Teller mit Salzwasser und einige Schmure-Mazze (gehtete Mazzes[D]). Alle diese Speisen bedeckte meine Mutter mit einem weien Tuch. Nur den Salat lie sie unbedeckt, als sollte er das eintnige Wei des Tischtuches beleben, whrend der rote, funkelnde Wein in der Kristallkaraffe sich in den glnzend geputzten Silberleuchtern und in jedem Kristallglas vielfltig wiederspiegelte. Whrend meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der verschiedenen kleinen Symbole fr die Abendfeier beschftigt war, kam der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur Krnung des Werkes lie die Mutter noch einige Daunenkissen und eine weie Piqudecke holen und bereitete fr den Vater zur linken einen Ruhesitz, das sogenannte Hessebett[E], ein hnliches wurde auf zwei Sthlen fr die jungen Mnner neben ihren Sitzpltzen hergerichtet. Jeder Winkel atmete Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche Stimmung, die im Hause herrschte, teilte sich jedem mit. Die Abenddmmer stiegen langsam hernieder. Die Theestunde nahte. Wir tranken und schlrften das duftende Getrnk mit besonderem Behagen, denn er schmeckte in der festlichen Umgebung ganz besonders gut. Alles blitzte und funkelte. Selbst fr das Trinkwasser waren neue Gefe in Verwendung. Nun gings an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuznden. Sie war zur Zeit, die ich schildere, jung und hbsch. Ihre Haltung war bescheiden und doch selbstbewut. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drckten wahre, tiefe Religiositt, Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schpfer fr die Gnade, da er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adelige Abkunft. Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort adelige Abkunft spttisch lcheln, als gbe es keinen jdischen Adel! Freilich hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus Knigspalsten fr Heldentaten auf der groen Landstrae erworben. Den jdischen Adel gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, da zu diesen Tugenden auch uerer Reichtum und Wrden kamen. Nachdem meine Mutter die Kerzen angezndet hatte, verrichtete sie ein kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen mit beiden Hnden. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren Ringe an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir in Erinnerung, der einen groen, gelben Brillanten in der Mitte hatte, den in lnglicher Form drei Reihen weier Brillanten umschlossen. Nun erschienen meine lteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz. Man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch Turnre besa, die den jugendlichen Krper verunstalteten.[F] Auch meine vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck. Wir Mdchen hatten schon im Alter von zwlf Jahren die Pflicht, am Vorabend der Festtage und des Sabbaths Kerzen anzuznden. So versammelten wir uns alle um den Tisch. Wir glhten in freudiger Erwartung des Sederabends. Alle Kerzen brannten. Vor dem Sitze des Vaters brannten zwei Spirmazet-Kerzen, die man Manischtane-Kerzen nannte nach den sogenannten vier Fragen, die das jngste Kind am Tisch stellt. Denn Lampen kannte man zu jener Zeit berhaupt noch nicht. Ich sa noch in den vierziger Jahren an den langen Winterabenden mit meinen Schwestern bei einer Talgkerze, und wir haben, ohne die geringste Unbequemlichkeit zu empfinden, dabei unsere Schulaufgaben gemacht oder bis in die spte Nacht die spannende Erzhlung von dem Prinzen Bowe mit seinem treuen, gefleckten Hund gelesen. Die Beschaffenheit der Talgkerze mit ihrem dicken Docht machte den hufigen Gebrauch der Lichtputzschere ntig, die heute als archologische Seltenheit zu betrachten ist. -- Eine bessere Beleuchtung erreichte man durch Spirmazet-Kerzen oder llampen. Aber beide waren nur fr die Reichen. Der Brger erlaubte sich solchen Luxus nicht. Gegen Ende der vierziger Jahre kam die Stearinkerze auf, die schon ein etwas helleres Licht gab und die Talgkerze in den Hintergrund drngte. In den sechziger Jahren kam mit der geistigen Erleuchtung auch die hellbrennende Petroleumlampe. Das war ein Jubel, den das ganze Volk im Land aus Freude darber anstimmte. Alles glaubte, da damit, wie bei den Fuhrwerken, das letzte Wort fr die Bequemlichkeit der Menschen gesprochen sei. Alle Welt schaffte sich Lampen an und lie sich unterrichten, wie sie zu behandeln seien, wieviel Petroleum hineinzugieen sei, wie breit, lang und dick der Docht sein msse. Auch dazu gab es eine Schere, die aber der Kerzenputzschere nicht gleich war. In den ersten paar Jahren nach Einfhrung der Lampen wurden selbst die Leuchter ganz abgeschafft. -- Auch die Bauern, denen bisher der Pechspahn[G] oder Kahanez[H] als Beleuchtung gedient hatte, schafften sich jetzt Lampen an. Zwar war das Licht der damaligen Petroleumlampe mit der gelbrtlichen Flamme grell und dem Auge unangenehm, nichtsdestoweniger arbeiteten die Lampenfabriken unaufhrlich. Unzhlige Millionen Pud Petroleum flossen in das russische Reich. Und die Herrschaft der Petroleumlampe bestand bis zu den achtziger Jahren, gegen deren Ende sie schon durch das Gas verdrngt wurde: eine neue Aufregung unter der Bevlkerung! Freilich diente diese Erfindung nur der Stadt fr die Straenbeleuchtung und den Reichen fr ihre Huser. Mit prahlerischem Lcheln drehte der grostdtische Hausherr den Hahn zur Gasbeleuchtung in seinem Kabinet auf, um seinen Gast aus der Provinz mit der pltzlichen Helle zu berfluten. In der ersten Zeit kostete die neue Erfindung auch noch viele Menschenleben; die Rhren der Straenbeleuchtung platzten und waren undicht und in den Husern erstickten viele durch ausstrmendes Gas, wenn die Gashhne whrend der Nacht nicht fest geschlossen waren. Erst viel spter hielt dann die Elektrizitt ihren Einzug und berstrahlte mit ihrer Helle und Bequemlichkeit die bisherige knstliche Beleuchtung. Die Sedertafel glnzte und strahlte. Der Meschores (Diener) hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete feierliches Selbstbewutsein, als bediente er an diesem Abend aus Liebenswrdigkeit, Geflligkeit, nicht aus Pflicht, als fhlte er sich den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken mit der Kanne und viele Handtcher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fhlten wir an dem Ton, mit dem er laut Gut Jom-Tow (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse Feierlichkeit, eine wohltuende Vergngtheit. Er lie meinen Bruder smtliche Hagadas[I] bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hierauf nahmen wir am Tische Platz und zwar in der Reihenfolge des Alters. Heute durfte auch Schimen, der Meschores, an einer Ecke des Tisches sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, da an diesem Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters war wrdevoll; seine groen, klugen Augen, die edlen Gesichtszge drckten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die mchtige, breite Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut gepflegte Bart vervollstndigte das ehrwrdige, patriarchalische Aussehen, und sein Verhalten den Kindern, sowie allen anderen gegenber, flte, obwohl er erst vierzig Jahre zhlte, Ehrfurcht ein, als wre er ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater war auf sein ueres sehr bedacht, ohne eitel zu sein. Der Ernst der jdischen Erziehung schtzte gegen solchen Leichtsinn. Seine Festtagskleidung bestand aus einem schwarzen langen Atlaskaftan. Er war der Lnge nach von beiden Seiten mit zwei Samtstreifen besetzt, neben denen eine Reihe kleiner schwarzer Knpfe angebracht war. Die Kleidung vervollstndigte eine teure pelzverbrmte Mtze (Streimel genannt) und ein breiter Atlasgrtel um die Lenden. Von dem feinen weien Leinenhemd war blo der Kragen sichtbar, der vorteilhaft den schwarzen luxurisen Anzug hervorhob. Auch das rote Foulard-Taschentuch fehlte nicht. Meine lteren Schwger kleideten sich wie der Vater; bei meinem jngeren machte sich schon die europische Mode geltend, indem er eine schwarze Sammetweste mit einer goldenen Uhrkette trug. Auch mein ltester Bruder, ein kluges, aufgewecktes Kind mit groen, grauen, schwrmerischen Augen, wiewohl erst zwlf Jahre alt, kleidete sich wie die lteren Herren. Bei der Anfertigung der Kleider war besonders wegen des Schatnes Bedacht zu nehmen. Es ist nach dem jdischen Gesetze verboten, Wollstoffe zu tragen, die mit Zwirn genht waren, ferner auf gepolsterte Mbel, Equipagensitze sich zu setzen, die mit Tuch bedeckt waren und mit Fden genht. Ein Pelz, der mit Zwirn genht, war, durfte nicht mit Tuch bedeckt sein. Meines Vaters Pelze waren mit Seide zusammengenht. Einmal ertappte man den Schneider, da er Zwirn verwendet hatte, und er mute Stck fr Stck auftrennen und alles wieder mit Cordonetseide zusammennhen. Mein Vater lie sich gemtlich auf seinen Sitz nieder, legte seine prchtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagade zu lesen. Er bat die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, auch die jngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann fllte die Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. Die verheirateten Schwestern fllten hierauf auch ihren Mnnern die Becher, whrend unsere ltere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverstndlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei Schmure-Mazzes, zwischen denen sich bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettig, ein wenig Salat, Charausses, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden. Das alles war mit einer weien Serviette bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in seine rechte Hand und sagte das Kiduschgebet[J] und leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. Meine Mutter fllte von neuem den Becher, die anderen Frauen taten es wieder fr ihre Mnner, whrend die Becher der anderen Tischgenossen mit sem Rosinenwein gefllt wurden. Dann nahm der Vater sein Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die Hhe und sprach dabei laut das Kapitel Ho lachmo anjo. Die mnnlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel Mah-nischtano, den sogenannten vier Fragen, welche das jngste Kind bei Tische zu fragen hat. Diese lauten: Warum essen wir an allen Abenden des Jahres gesuertes und ungesuertes Brot, heute aber blo ungesuertes? usw. (siehe Hagade). Der Vater beantwortete, mit bewegter Stimme aus der Hagade lesend: Awodim hojinu. ... Knechte waren wir bei Pharao in Mizraim und htte uns damals Gott der Allgtige in seiner Allmacht nicht erlst, und wren wir nicht von dort ausgezogen, wren wir, unsere Kinder und Kindeskinder bis jetzt noch Sklaven gewesen, und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wren, so ist es dennoch unsere Pflicht, vom Auszug aus gypten zu erzhlen. Bei diesen Worten brach der Vater immer in Trnen aus -- er konnte und durfte seinem Schpfer gewi aus vollem Herzen danken, wenn er seinen Blick ber die schne Tafelrunde schweifen lie und die junge, hbsche Frau mit den blhenden Kindern, die kostbar geschmckt dasaen, sah! Er durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen Frsten betrachten. Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefat sind, dann nach oftmaligem Hndewaschen die Erklrung, warum wir an diesem Abend die vielen bitteren Kruter essen. Es ist zur Erinnerung daran, da unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und da sie, durch die Wste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kruter. Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzen entzwei, legten die eine Hlfte unter das Polster zum Aphikomon (Nachspeise) und die andere Hlfte verteilten sie in kleinen Stcken unter die Tischgenossen als Mauze (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder Mahlzeit). Dann a man vom Meerrettig: erstens zu Moraur, der in Charausses getunkt so rasch als mglich verschluckt wird, da dies ohne Mazzen geschehen mu. Dann der Kaurach, wieder eine Portion Meerrettig zwischen zwei Mazzesstckchen gelegt. Fr jeden Brauch wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend den Meerrettig gehrig zu spren; und wir muten mit Trnen in den Augen zugeben, da das Leben unserer Vorfahren in gypten bitter war. Spter wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brhe mit Mazzemehlklchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemse endete. Dann bekam jeder Tischgenosse ein Stck von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefllt. Man go sich Wasser ber die Hnde, was man Majim Acheraunim nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines Gebet verrichtet wurde; und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu sagen, womit gewhnlich einer der Herren bei Tische als Vorbeter beehrt wurde. Am Schlu des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem lauten Amen ein; und nachdem jeder fr sich leise das Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der zweite Teil der Hagade. Zum vierten Male fllte man die Becher. Diesmal wurde auch die groe silberne Kanne gefllt, die in der Mitte der Tafel aufgestellt und fr den Propheten Elia bestimmt war. Dieser Brauch findet in den kabbalistischen Schriften seine Erklrung. Nach der kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl it oder trinkt (sogenannte kabbalistische Suges) schdlich oder es kann zum mindesten schdlich wirken. Daher mu bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch ein fnfter gefllt werden. Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, da der Prophet Elia ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher unverwandt nach der Kanne und wenn sich die uerste Schicht an der Oberflche leise bewegte, waren wir berzeugt, da der Prophet anwesend war und uns berrieselte es kalt und hei. Smtliche Becher wurden gefllt, und der Vater befahl dem Diener, die Tr zu ffnen. Nun begann man das Kapitel sch'fauch chamos'cho zu rezitieren; hierauf folgten die Schlukapitel des Hallel. Und zum Schlu das allegorische Liedchen chadgadjo, chadgadjo, Ein Zicklein, ein Zicklein. Mit diesen und hnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschlu. Jeder hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten Weingenusses. Meine lteren und jngeren Schwestern verlieen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurck, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tnen und Worten wirkte auf das Kindergemt berauschend; ich lauschte entzckt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tnen gesungen, wobei sich mein lterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unvergelich meiner Seele eingeprgt, da ich den Anfang noch heute, an meinem spten Lebensabend, auswendig kann. Was gbe ich darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schn singen hren zu knnen! Auch meine Mutter pflegte gewhnlich noch bei Tische zu bleiben. Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bette zu gehen. Ich aber bat, noch bleiben zu drfen, was sie mir fr ein Weilchen auch gestattete. Als sie aber bemerkte, wie md und abgespannt ich war, erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frhere Bitte noch instndiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, da ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mhe, nicht mde zu scheinen und kroch auf einen im Winkel stehenden groen Armstuhl und hrte mit wahrem Seelengenu dem Gesange zu. Bis zum Schlu hielt ich es aber nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der gleichen frohen und vergngten Laune. Alles im Hause war festlich geschmckt; berall feierliche, herrliche Osterstimmung! Drauen strahlte der Frhlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause, wie schn bist du! -------- Zum Tee bekam ich Mazzen und Butter. Man zog mir ein neues Kleidchen an, und ich lief hinaus zu den Nachbarkindern, die mich auf der Wiese bereits erwarteten. Wir hpften und tanzten und sangen: Der Frhling ist da, der Sommer ist gekommen, huha! huha! huha! huha! Die Frauen und Mnner des Hauses waren bereits seit dem frhen Morgen in der Synagoge zum Gottesdienste, wo das Gebet um Tau heute gesprochen wurde, ein Gebet, welches das konservative, jdische Volk noch immer inbrnstig betet, wiewohl es seit fast 2000 Jahren auer dem Bereich seiner nchsten Interessen liegt, da das Korn auf dem Felde durch den Himmelstau gedeihen mge, das Gras durch das reiche Tropfen des Taues saftig werde, der Most gerate und nicht sauer werde. Dieses Gebet wird nach der alten Tradition also weiter gebetet, und zwar wie die meisten jdischen Gebete, halb singend, wobei die Frauen mit den Trnen nicht sparen. Ein Volk, behauptete Lord Beaconsfield, das zweimal jhrlich den Himmel um Tau und Regen fr die Felder anfleht, wird gewi noch einmal sein eigenes Land besitzen. Das zeigt, wie tief die Liebe zum Ackerbau und zur Scholle den Juden im Blute sitzt, gebietet doch das jdische Gesetz, erst einen Weingarten zu pflanzen; sein Feld zu bestellen, dann ein Haus zu bauen und dann erst zu heiraten! Gegen ein Uhr kamen alle Synagogenbesucher nach Hause. Da fanden sich auch schon Gste ein, welche ihre Jomtow -- (Feiertags-) Besuche machten und mit allerlei Sigkeiten und mit Wein bewirtet wurden. Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen Gngen: dem obligaten, gefllten Indian-Hals, den schmackhaftesten und besten Gemsearten, welche die Osterzeit bot, und wovon ein armer Jude an diesem Feiertage blo trumen kann. Diese fetten, sen Gerichte, wozu noch die Pfefferfische und die ppigen Kndel (Klchen) kamen, steigerten den Durst auf das hchste. Es wurde reichlich darauf guter, alter Schnaps, Rotwein, endlich auch Apfelkwas getrunken. Nach Tisch gab es ein allgemeines Schnarchen in allen Schlafzimmern, Kchen, auf dem Heuboden, whrend wir Kinder uns auf den Wiesen und Feldern, die bei unserem Hause lagen, in vlliger Freiheit tummelten und mit den Nachbarkindern um Nsse spielten. Diese absolute Ruhe im Hause dauerte bis sechs oder sieben Uhr. Um diese Stunde wird Tee getrunken. Nach dem Tee gingen die Herren ohne ihre Frauen spazieren, die Frauen gingen ebenfalls mit ihren Freundinnen in die frische Luft, und dann begab man sich in die Synagoge zum Abendgebet, doch heut begann das Sphirezhlen.[K] Meine Mutter ging nicht in die Synagoge, da, wie gestern am Vorabend, der Sedertisch hergerichtet werden mute. Dieser zweite Abend hatte fr uns Kinder auch sein besonderes Interesse. Es war blich, die Kinder auf jede Art wach zu halten, vor allem, damit das jngste Mitglied der Familie nach der Vorschrift die vier Kasches (Fragen: warum essen wir heute ungesuertes Brot usw.) noch stellen konnte, und dann, um an diesem Abend das Geschichtsdrama des Auszuges der Juden aus gypten ausfhrlicher als es die Hagade tut, mit den lteren und jngeren Hausgenossen zu besprechen. Man gab uns pfel und Nsse zum Spielen. Wir waren sehr vergngt und blieben bis zum Schlusse des Seders wach. Die Tafel war wie gestern reich besetzt. Aber manche Speise -- besonders der Salat -- trug den Charakter des Mden, Verwelkten. Blo der frisch geriebene Meerrettig verbreitete seinen scharfen Duft. An dieser zweiten Sederfeier wartete man nicht mehr mit Ungeduld, wie an der ersten, auf das Abendessen, weil alle noch satt waren von dem ppigen Mittagsmahl. Das Nachtmahl wurde erst gegen zehn Uhr abends fertig, da am Tage nichts gekocht werden durfte und erst mit Eintritt der Dunkelheit, wenn Sterne am Himmel zu sehen sind, mit der Bereitung des Abendessens begonnen wurde. Es bestand lediglich aus einer Brhe oder aus einem Borscht (Suppe aus roten Rben) und gekochtem Geflgel. Braten gab es nicht, weil die Seroa, das Symbol des Brandopfers, auf dem Tische stand. Der Vater fragte an diesem Abend gewhnlich mit Ungeduld nach dem Essen, da noch vor Mitternacht der Aphikomon gegessen und die Sederfeier beendet sein mu. Die Einzelheiten waren die gleichen wie am vorigen Abend, wenn sie auch weniger feierlich und schneller aufeinander folgten; und es gelang auch in diesem Tempo, das Aphikomon noch vor der Mitternachtsstunde zu verspeisen. Nach Schlu der zweiten Hlfte des Seders wurde wieder das Hohelied bis weit ber Mitternacht hinaus gesungen, das ich aufrecht sitzend bis zum Schlu anhrte. Die folgenden vier Tage heien Chaulhamaued (Werktage, Halbfeiertage, an denen das Leben fast wie an einem gewhnlichen Tage hinfliet und fast alles gestattet ist). In unserem Hause freilich glich das Leben dem an gewhnlichen Feiertagen: es kamen viele Gste zum Tee, zum Mittag- und Abendessen. Viele Mhe machte das Bewachen der Schmure, der Mazzes und Gefe. Mehr als einmal gab es rger mit den Bediensteten, die oft die Geschirre verwechselten. Ich erinnere mich eines Falles: es war am Erew-Jomtow (Vor-Feiertag) der letzten zwei Festtage des Pesachfestes. Eine stattliche Anzahl von Hhnern und Indians (Puten) lagen koscher gemacht, d. h. nach ritueller Vorschrift gewssert und gesalzen, da erschien meine Mutter in der Kche, nahm ein groes Messer und untersuchte, ob nicht etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn, womit das Geflgel gemstet wurde, irgendwo stecken geblieben war als Chomez, so da das Geflgel fr Passah unbrauchbar wre. Und richtig! Sie fand ein Haferkorn in der Kehle eines Indianvogels, womit nun alle seine Leidensgefhrten gerichtet, d. h. also Chomez waren und nicht mehr verwendet werden durften. Meine Mutter war deswegen sehr rgerlich, sah die Kchin mit vorwurfsvollen Blicken und triumphierender Miene an und rief: Da hast du die Bescheerung, du ungeschicktes Ding! Wo hattest du deine Augen? Du warst wahrscheinlich blind beim Koschermachen des Geflgels? Du httest es auch jetzt nicht bemerkt. Ich danke Gott fr die Gnade, da ich das Haferkrnchen gefunden habe, sonst httest du uns alle mit Chomez gefttert! Mhe und Kosten waren nun umsonst gewesen, das ganze Geflgel wurde beseitigt und anderes mute geschlachtet, geputzt und koscher gemacht werden! Man denke sich den rger der Mutter und Hausfrau! Der Tag war vorgerckt, die Speisestunde nah! Nichtsdestoweniger milderte ihren rger ein Gefhl freudiger Befriedigung, weil Gott sie vor einer Snde bewahrt hatte. Ist doch die strenge Beobachtung aller Pesachvorschriften fr den frommen Juden um so bedeutungsvoller, als ihre Verletzung mit frhzeitigem Tod bestraft werden soll. So wurde denn das Todesurteil an ebensoviel Hhnern und Indianvgeln vollzogen, obwohl sie im Hofe laut dagegen protestierten! Es geschah auch einmal in diesen Tagen, da der Diener der Kchin eine gewhnliche Mazze statt der Schmure-Mazze zum Fischkochen gab. Eine Viertelstunde vor Tische ordnete die Mutter die schmackhaft gekochten Fische auf der Schssel und erkannte das Versehen. Meine Mutter geriet in Zorn und rger, und der Diener bekam seine wohlverdienten Vorwrfe zu hren. Der Vorfall erfllte das ganze Haus mit Lrm und gerechter Wut; und weder die Eltern, noch der Melamed haben die so appetitlichen Fische berhrt! Der Vater, die Mutter, der Melamed aen blo von den Schmure-Mazzes, hatten auch besonderes Geschirr, whrend die brigen Hausgenossen die gewhnlichen Mazzes verzehrten. Nun kam der letzte Tag des Osterfestes. Die achttgige Qulerei mit dem Essen, den Speisezubereitungen, die man in unserem Elternhause so geduldig und piettvoll ertragen hatte, war zu Ende. In der Dmmerstunde des letzten Tages machten sich die Jungen im Hofe der Synagoge den Spa und schrien: Kommt zum chomezigen _=Borchu=_! (Das erste Wort des Abendgebetes.) Mein Vater kam von der Synagoge heim und machte, am Etisch stehend, Awdole, d. h. er weihte die kommenden Werktage mit einem Becher Wein ein und dankte Gott dafr, da er Fest- und Werktag, Licht und Finsternis von einander geschieden hat. Am Schlu des Gebetes leerte er den Becher, go den Rest auf den Tisch, nachdem er an der mit Nelken gefllten wohlriechenden Dose gerochen, die Finger gegen das geflochtene, brennende kleine Wachslicht gehalten hatte und durchleuchten lie und lschte dann im Rest des Weines das Licht aus. Nun war man von allem Zwang, den das Pesachfest trotz aller Herrlichkeiten auferlegte, befreit, und der Frhling mit seinen Freuden, den lustigen Spielen im Freien nahm fr uns Kinder seinen Anfang. Im Hause gab es noch lange Zeit Arbeit, ehe das Pesachgeschirr bis auf den letzten Topf und die letzte Schssel aus allen Ecken und Winkeln zusammengetragen und wieder fortgestellt war. Schimen, der Meschores, holte abends die groen Kisten vom Boden herunter und packte alles ein, so da am folgenden Tage keine Spur mehr von dem mit soviel Mhe veranstalteten Pesach zu sehen war. Selbst die briggebliebenen Mazzes durften nach der Vorschrift nicht gegessen werden; in manchen jdischen Husern pflegte man eine einzige, groe, runde Mazze an einem Schnrchen an die Wand zu befestigen, die zur Erinnerung das ganze Jahr bis zum nchsten Pesach hngen blieb. Gleich nach dem Feste wurden die verschiedenen Arten von Grtzen untersucht, ob sich nicht in der achttgigen Schonzeit etwa Milben entwickelt htten, da es um diese Zeit in unserer Gegend schon sehr hei war. Bei uns freilich wurde die vorjhrige Grtze nicht mehr gegessen. Wir warteten, bis es wieder frische Grtze gab -- sich chodisch-essen war fr diesen Brauch der terminus technicus. Die ersten Frhlingswochen verliefen in unserem Hause in der gedrckten Stimmung der Sphirezeit (von Ostern bis Pfingsten), whrend der jede Freude, jedes Spiel verboten ist. Konzerte und Theater zu besuchen, eine Hochzeit zu feiern oder auch nur ein neues Kleid oder neue Schuhe anzulegen, selbst bei drckender Hitze ein Flubad zu nehmen, war in meinem Elternhause streng verpnt. Nur am Freitag durfte man, nachdem der halbe Tag vorbei war, ein warmes Reinigungsbad nehmen. Alle Schmucksachen, wie Perlenschnre und die gestickte Stirnbinde wurden beiseite gelegt. Man trug einfache, alte, abgentzte Kleider. Meine Eltern und meine Geschwister enthielten sich whrend der Sphirezeit im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit aller Spe, und sie lachten und scherzten fast nie. Meine Mutter versprach uns oft viel Nsse, wenn wir sie erinnern wollten, jeden Abend Sphire zu zhlen. Das Erinnern war berflssig, denn sie verga nie zu zhlen, wie viele Tage und Wochen in der Sphire abgelaufen sind. -------- Der Frhling hatte fr mich einen besonderen Reiz. Die Wiesen, die in der Nhe unseres Hauses lagen, lockten. Den ganzen Morgen sprang ich in der heitersten Laune umher und pflckte eine Butterblume nach der anderen und freute mich ber jede junge Blte. Ich wand mit Hilfe meiner steten Begleiterin Chaie, der Klempnerstochter, aus diesen Wiesenblumen Krnze, fr die ich noch vom Ufer des nahen Flusses viele zarte Vergimeinnicht holte. Wir bekrnzten uns die Kpfe und gingen so geschmckt nach Hause. Oft unternahm ich in Gesellschaft armer Nachbarskinder Streifzge in die Gebsche, welche den hohen Berg neben unserem Hause umgaben und zahllose hochrote, wilde Beeren bargen. Aus diesen machten wir lange Schnre und schmckten uns damit. Bei diesen Streifzgen verga ich oft, nach Hause zurckzukehren, und meine Mutter geriet in Unruhe und Sorge um mich. Alle waren bereits bei Tisch, und ich war immer noch nicht heimgekehrt, und man mute mich suchen. Zu meinen Lieblingspltzchen gehrte der einsame Heuboden, wo das duftende junge Heu in Massen aufgehuft lag. Ich grub mir da eine Art Hhle und setzte mich hinein. Hier spielte ich mit meinem Lieblingsktzchen, lehrte es auf den Hinterbeinen stehen und sitzen, wickelte es in meine Schrze, zog es am Ohr und schrie hinein: Ktzele, willst du Kasche? (Brei). Und das gemarterte Tierchen ri sein Ohr aus meiner Hand los, schttelte sich, was ich als Nein deutete; dann nahm ich das zweite Ohr und schrie hinein: Willst du vielleicht Kugel? (ein fettes Sabbathgericht). Und das Ktzchen stie ein lautes Miauen aus, welches ich als ein Ja deutete. Aber bei diesem Spiel hielts mich nicht lange, ich beugte mich ber die Bretter vor, und warf den Pferden durch die groen ffnungen in den Stall Haufen Heu gerade vor ihren Kpfen herunter, das sie gierig verschlangen. Um meinem Schlendrian und dem freien Herumwandern in den Bergen, durch Feld und Gebsch und dem gefhrlichen Hocken auf dem Heuboden ein Ende zu setzen, beschlo meine Mutter, mich in den Cheder zu geben (Volksschule), und mich dem Melamed (Volksschullehrer) anzuvertrauen, bei dem meine ltere Schwester hebrischen Unterricht hatte. An einem schnen Nachmittag mitten im eifrigsten Spielen wurde ich pltzlich von meiner Mutter, die am Fenster stand, ins Ezimmer gerufen. Da sa bereits, meiner harrend, Reb Leser, der Melamed, und meine Mutter sagte, sich zu ihm wendend: Das ist meine Pessele, morgen kommt sie mit Chaweleben (meine Schwester) zu euch in den Cheder. In meiner Schchternheit wagte ich es kaum, meine Augen zu ihm zu erheben. Aber dein Ktzele darfst du in den Cheder nicht mitbringen, sagte Reb Leser zu mir. Diese Worte waren gerade nicht dazu angetan, mich fr ihn einzunehmen. Der Reiz des Neuen, der in dem Chederbesuch lag, war mir damit zur Hlfte genommen. Ich blieb verstimmt sitzen und dachte, was wohl jetzt mit meinem Ktzchen und den anderen Herrlichkeiten werden solle. Ich hrte, wie Reb Leser zur Mutter sagte: Also Dienstag wird sie der Behelfer in den Cheder abholen. Er wnschte gute Nacht und verschwand in der Dmmerung. Und nun hie es Abschied nehmen von den lustigen Spielen mit Chaie, des Klempners Tchterlein, das so hbsche Tpfchen mitzubringen pflegte, mit Peyke, die im Puppenspiel so erfinderisch war und Jentke -- wie oft saen wir dort, am Ende des groen Gartenzaunes auf dem groen Holzklotz so traulich beisammen und erzhlten uns traurige und heitere Mrchen, da wir bitter weinen oder herzlich lachen muten! Es schnitt mir ins Herz, das alles aufgeben zu mssen. Allein meine Neugierde, den Schauplatz meines neuen Lebens zu sehen, trstete mich ein wenig. Die Mutter riet mir, bald nach dem Abendessen schlafen zu gehen, um zu gleicher Zeit mit meiner Schwester am frhen Morgen aufzustehen und zusammen in den Cheder zu gehen. Mein Schlaf war diese Nacht nicht so ruhig wie sonst! Ich war sogar frher auf den Beinen, als meine Schwester. Die Njanja mute mich zuerst waschen und ankleiden, ich mute sogar auf meine Schwester warten. Der erste Schultag!.... Der Unterbehelfer erschien, um uns abzuholen. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit zwei langen, dnnen, blonden Locken vor den groen Eselsohren und einem ungeheuer breiten Mund. Seine Augen konnte man nur selten sehen, er trug nmlich seine wattierte Kutschme[L], die er selbst bei der grten Hitze in die Stirn gedrckt hatte, als wre sie fr alle Ewigkeit auf seinem Kopfe festgewachsen. Seine brige Kleidung konnte man auch nicht gerade luxuris nennen. Von der Fubekleidung war der eine Schuh so gro, da er ihn bei jedem Schritt verlor, whrend der andere so knapp sa, da er das zweite Bein hinkend nachschleppen mute; offenbar gehrten die zwei Schuhe zwei verschiedenen Paaren an. Er war aus der Kehile (Gemeinde) Sabludewe (hier im Sinne von Krhwinkel) und hie Welwel. Das alles erfuhr ich, als er in die Kche trat, zu deren halb offener Tr ich neugierig den Kopf hineinsteckte. Er sollte gerade sein Frhstck bekommen; er a nmlich bei uns Tge, wie man es damals hie, d. i. an jedem Tag in der Woche a er bei den Eltern eines anderen Schlers. Zu uns kam er jeden Dienstag. Ich mute lachen ber ihn. Er war aber auch zu drollig, wenn sich dieser lange Mensch just auf die uerste Kante der Kchenbank plump hinsetzte, so da sich das andere Ende in die Hhe hob und er, der Bocher, in seiner ganzen Lnge ungeschickt auf die Diele purzelte. Selbst unsere mrrische Kchin mute da lachen. Der Unfall hinderte jedoch den Behelfer nicht, sein Essen mit einem wahren Wolfsappetit zu verschlingen. Dann segnete unser Begleiter unseren ersten Chedergang, indem er ausrief: Nun mit dem rechten Fu! Unterwegs bildete er meist die Arriregarde, wahrscheinlich infolge seines ungleichen Schuhwerks. Bald aber sollte er sich als unser tapferer Beschtzer bewhren. Die Gelegenheit dazu bot ein wtender Hund, der uns anfiel und verfolgte. Hilfesuchend sahen wir uns nach unserem Beschtzer um -- aber der erste, der jmmerlich aufschrie, war er. Trotz seiner Schuhe lief er, was er nur konnte, immer schneller, wir versuchten ihm nachzukommen, aber er war der bessere Renner -- wir erreichten ihn nicht. Meine Schwester ergriff meine Hand und in atemloser Angst wiederholten wir das Sprchlein, wie ein Gebet: Hintale (Hndchen) Hintale, willst mich beissen? Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen), Werden dich zerreien. Hintale, Hintale, willst mich beien? Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerreien. Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau, Ich bin Jankow, du bist Esau! Der Spruch mute rasch, in einem Atem und ohne da man sich von der Stelle rhrte, hergesagt werden. Wir waren fest berzeugt, da der Hund still werden und uns passieren lassen wrde.... Unser bewhrter Fhrer wartete auf seinem Platze, wo er sich in Sicherheit fhlte, so lange, bis wir zu ihm kamen. Und nun bewegte sich der Zug weiter. Meine Schwester zeigte und erklrte mir auf dem Wege alles, was mir neu und merkwrdig schien. Wir sahen viele Buden, Krmergestelle und muten uns durch die Menschenmassen hindurchdrngen, bis wir gegen acht Uhr den Cheder erreichten. Das Huschen war wohl einst, vor langer, langer Zeit, gelb angestrichen. Nun stand es tief in die Erde gesunken mit kleinen Fensterscheiben, die nur sprlich das Tageslicht einlieen. Das Huschen war von einer Prisbe (Erdbank) umgeben, auf der ich meine knftigen Mitschlerinnen, die ungefhr in meinem und meiner lteren Schwester Alter standen, bei verschiedenen Spielen sah. Sie gafften mich mit groen Augen an. Wir blieben vor der Eingangstr stehen. So leicht konnte der Uneingeweihte hier seinen Weg nicht finden! Meine Schwester ging voran; sie ffnete die Tr, sprang in den Flur und streckte mir die Hand entgegen. Ich erfate sie und streckte das eine Bein vor, um Boden zu finden. Diesen bildete ein halb verfaultes Stck Holz, das ganz tief eingesunken in dem Lehmboden lag. Ich mute das Bein weit von mir strecken, um das Holz zu fhlen. Nun setzte ich auch das zweite Bein hinunter und tat mutig einen Schritt vorwrts. Meine Schwester ermahnte mich, da ich nicht ber die zum Boden fhrende Leiter stolpere. Einen Schritt weiter stand schon ein Wasserfa, an dessen Rand der groe hlzerne Wasserschpfer lag, der uns Kinder spter immer zum Trinken animierte. Ferner befand sich hier noch ein Eimer und ein Besen. Links erblickte ich eine Tr, die statt der Klinke einen hlzernen Stock hatte, der vom vielen Gebrauch so glatt wie eine Glasur war. Meine Schwester ffnete die Tr, sie trat in den Schulraum, und ich folgte ihr. Wir konnten beide nicht bequem gerade stehen. Beim ersten Schritt stieen wir auf eine Bank, die mit einem langen Holztisch fast wie verbunden war, auf dem allerlei Lehr- und Gebetbcher lagen. An der anderen Seite des Tisches stand eine hnliche Bank, die bis an die Wand reichte. Ich berlasse es der Phantasie des Lesers, die Breite dieses Gemaches zu ermessen! Reb Leser, der Melamed, thronte oben an der Spitze des Tisches, von da aus konnte er mit Herrscherblicken das ganze Gebiet bersehen. Reb Leser war krftig gebaut, breitschulterig, mit seiner wuchtigen Gestalt verdeckte er das Fenster, neben dem er sa, in seiner ganzen Breite und Hhe. Seine wasserblauen, groen, hervorstehenden Augen, vor denen sich fortwhrend ein paar kleine graue Pees (Ohrlckchen) bewegten, und sein langes Gesicht mit dem spitzen, grauen Bart verrieten Selbstbewutsein und Stolz. Die Stirn mit den starken, geschwollenen Adern zeugte von Energie. Seine Tracht war zeit- und standesgem: kurze, an den Knien gebundene Beinkleider, graue dicke Strmpfe, gigantische Schuhe; seine Hemdrmel waren von zweifelhafter Reinlichkeit; ein langer bunter, dunkler Arbakanfos[M] aus Kattun ersetzte den Rock im Sommer (im Winter trug er einen wattierten Rock). Das schwarze kleine Sammetkppchen auf dem groen Kopf vervollstndigte die damalige Tracht seines Standes. Am anderen Ende des Tisches sa, stets in gebckter Haltung, der Ober-Behelfer. Er hielt einen langen schmalen Holzstift in den Hnden (das Deitelholz genannt), womit er den Kindern beim Lesen Buchstaben fr Buchstaben, Zeile fr Zeile zeigte. Er hatte die Aufgabe, das vom Rebben Vorgetragene mit den Schlerinnen zu wiederholen. Er war immer ernst, hatte eine Nase von der Form eines Spatens, kleine, melancholische Augen und vor den Ohren zwei lange, schwarze Pees, die in steter Bewegung waren. Wir blieben also stehen, wir _=muten=_ auf demselben Fleck stehen bleiben. Der Rebbe erhob sich, als er mich erblickte mit dem Ausruf: Ah! Dann fate er mich unter die Arme, hob mich auf die Bank und setzte mich neben sich hin. Die Schlerinnen kamen inzwischen hereingelaufen, um mich, das neuangekommene Wundertier, zu sehen und Bemerkungen auszutauschen. Meine Schwester, die bereits heimisch war, suchte ihren Platz auf, blickte aber wie schtzend zu mir hin. Angst, Befangenheit, die vielen fremden Gesichter, die dumpfe Luft in der Stube, die niedrige Decke, zu der ich fortwhrend ngstlich hinaufsah, das alles und wahrscheinlich noch die Nachwirkung des Schreckens durch den wtenden Hund, schnrten mir die Kehle zu, und ich wute nichts Besseres anzufangen, als pltzlich heftig und bitterlich zu weinen. Ich schmte mich und machte mir im stillen Vorwrfe, allein ich konnte mich nicht beherrschen. Reb Leser suchte mich zu beruhigen, indem er mir versprach, da heute noch nicht mit dem Unterricht begonnen wurde. Ich knne mit den Schlerinnen in der Ruhepause spielen. Aber je mehr er mir zusprach, desto reichlicher flossen meine Trnen. Der Rebbe erriet endlich, da es die vielen neugierigen Augen waren, die mich schreckten, und er stampfte mit seinen groen Fen auf, da alles erbebte und er schrie: Hinaus, auf die Gasse, Schickses![N] Was gafft Ihr, habt Ihr so etwas noch nicht gesehen? Auf diesen Befehl zerstoben sie nach allen Richtungen und nahmen schlielich ihre Spiele auf der Prisbe auf. Ich ward ruhiger, wagte aber nicht, mich von der Stelle zu rhren. Meine Schwester nahm einen Absatz mit dem Rebben durch, wiederholte ihn mit dem Ober-Behelfer und wollte dann auch zum Spiel hinausgehen und mich mitnehmen. Ich aber lie mich dazu nicht bereden. Nach einer Weile hrte ich, da unser ritterlicher Begleiter Welwel vermit und mit Ungeduld erwartet wurde, da er fr fast alle Schlerinnen das Mittagessen holte. Ich war zu sehr mit mir und der neuen Sphre beschftigt und hatte gar nicht daran gedacht, wo und wann wir zu Mittag essen wrden. Der sehnlichst Erwartete kam endlich und ein seltenes Bild bot sich mir: Welwel trug Krge, Tpfe, Schsselchen, Glser, Lffel verschiedener Gattungen und Gren, Brot und Speisen in folgender Anordnung: die Tpfe und Krge waren an seinem langen breiten Grtel, fest um den Leib gebunden und reichten bis weit ber die Hfte. Das Brot plazierte der erfinderische Bocher auf der Brust zwischen dem Hemd und dem Kaftan, die gefllten Schsselchen hatte er bereinander gestellt, drckte sie auf dem Arm gegen die Brust recht fest und hielt sie mit der anderen freien Hand. Das Dessert, das aus Nssen, pfeln, gekochten Bohnen und Erbsen bestand, verwahrte er in seinen langen Diebstaschen. So ausgerstet, bewegte sich das Schiff der Stadt langsam seinem Ziele, dem Cheder, entgegen. Es war ihm tatschlich nicht mglich, sich irgendwo hinzusetzen. Endlich war er da! Der Rebbe schalt ihn wegen seiner Saumseligkeit, worauf er klagend erzhlte, wo und wie lange er auf das Essen hatte warten mssen. Gib geschwind die zinnernen Schsseln und die Blechlffel her, befahl nun der Rebbe und schleunigst wurde der Befehl ausgefhrt. Der Rebbe schttete unser Mittagsessen in eine Schssel, und ich bekam einen Blechlffel, der am Ende des Stieles ein kleines Loch hatte, was bedeuten sollte, da er milchig war, d. h. nur fr Milchspeisen gebraucht werden durfte. Ich drehte den Lffel mehrere Male in den Hnden hin und her und konnte mich nicht entschlieen, damit aus der Schssel zu schpfen. Ich dachte bei mir: Wie, nicht aus meinem weien Porzellanteller und mit diesem blechernen Lffel soll ich essen? Wieder kamen mir die Trnen in die Augen, und der Hals war mir wie zugeschnrt. Der Rebbe sah mich verwundert an und konnte sich diesmal den Grund meiner Trnen nicht erklren! Meine Schwester aber war praktischer als ich (und diesen Vorzug mir gegenber behielt sie durch das ganze Leben). Sie griff tchtig zu, fhrte einen Lffel nach dem andern zum Mund und lie sichs gut schmecken. Als sie einigermaen satt war, fragte sie mich verwundert, warum ich nicht esse. Ich blieb ihr die Antwort schuldig, denn ich fhlte, da mir bei den ersten Worten die Trnen noch wilder aus den Augen strzen muten. Ich bezwang mich aber und schpfte einen Lffel voll, dessen Inhalt ich zusammen mit meinen Trnen verschluckte. Nach beendeter Mahlzeit hob mich der Rebbe von der Bank, und ich begann, wiewohl der Verlauf des Mittagessens mich gekrnkt hatte, in meinem kindlichen Sinn alle Vorzge des Essens im Cheder, im Vergleich zu dem Mittagbrot zu Hause, herauszusuchen. Hier durften wir whrend der Mahlzeit nach Belieben sprechen und trinken, was zu Hause erst nach dem Braten gestattet war. Hier durften wir uns vom Tisch erheben, wann wir wollten, zu Hause erst, nachdem der Vater aufgestanden war. Als ich nach dem Essen wieder trinken wollte, machte man mich auf den groen Holzschpfer auf dem Wasserfa aufmerksam, den ich benutzen sollte. Dann nahm mich meine Schwester an der einen Hand, eine Schlerin an der zweiten und in ihrer Mitte erschien ich endlich auf der Gasse und beteiligte mich an den Spielen. Das dauerte bis sieben Uhr abends. Da wurden wir in das Cheder-Lokal zusammenberufen, um das Abendgebet zu verrichten. Der Behelfer stand in der Mitte. Wir um ihn geschart. Unsere Augen auf ihn gerichtet, sagten wir ihm jedes vorgesprochene Wort nach, dann ging es rasch nach Hause. Ich kehrte von den Erlebnissen des Tages so abgespannt heim, da ich meiner Njanja nur wenig erzhlen konnte. Ich trank meinen Tee und schlief ohne Abendbrot ein. Doch erwachte ich am nchsten Morgen mit einer gewissen Ungeduld und voll des lebhaften Verlangens, da der Cheder-Behelfer mglichst rasch kommen mge, damit ich nur die Gesichter, die mir gestern noch so peinlich waren, wiedersehen knnte. Aber noch mehr sehnte ich mich danach, die unterbrochenen Spiele fortzusetzen. Welwel, der tapfere Wegweiser, erschien auch pnktlich, und wir kamen diesmal ohne Zwischenfall in den Cheder. Und nun benahm ich mich auch schon anders. Ich lernte zum erstenmal mit meinem Rebben, spter spielte ich mit den anderen Schlerinnen. Es verging kaum eine Woche, da fhlte ich mich schon sehr behaglich und kannte jeden Schlupfwinkel in der Schule. Auer der langen, schmalen Lehrstube gab es noch ein langes, finsteres Durchgangsloch, -- jede andere Bezeichnung dafr wre unrichtig -- in welchem sich das Bettgestell des Rabbi und das seiner Rebbezin befanden. Vor den Betten hing auf zwei dicken Stricken, die ber einen Balken gespannt waren, die Wiege, in der ihr einziges Tchterchen Altinke lag; jeder, der nach dem dritten Raum wollte, stie unvermeidlich gegen diese Wiege, die dann noch lange in Bewegung blieb. Dieser Raum, ebenso die Bett- und Wiegenwsche waren keineswegs sauber zu nennen. Aber man mu mit allem zufrieden sein, heit es, und die Bewohner dieser verfallenen Htte waren es im vollsten Sinne des Wortes. Sie verlangten nicht mehr. Ihre einzige Sorge war nur, da ihre Altinke (wiewohl schon 2 Jahre alt, konnte das Kind noch nicht aufrecht stehen) als die einzige von vier Kindern am Leben blieb. Man behtete und pflegte sie und schtzte sie wie den Augapfel. Am Halse trug es verschiedene Amulette: Ein M'susele[O] und ein Heele (auch eine Art von Amulett, welches aus Blei gegossen, mit einer mystischen Aufschrift versehen war). Das Bndchen, an dem diese Dinge und auch ein Wolfszahn hingen, klebte infolge der bestndigen Nsse vom Mundspeichel und des Schmutzes an dem wattierten Leibchen des Kindes. Dieses kleine, unglckliche Geschpf lag meist in der Wiege, da Feige, so hie die Rebbezin, allerlei Geschfte auf eigene Faust fhren mute, wie Honigkuchen mit warmem Kraut backen, Erbsen und Bohnen kochen, Leckerbissen, die ihr die Schlerinnen tglich abkauften. Besonders waren es die Gluckhenne mit ihren Kchlein, die ihr viel zu schaffen machten. Freilich blieb bei dieser Arbeit wenig Zeit, das Kind auf dem Arm herumzutragen. Tglich whlte sie eine andere der Schlerinnen, die ihr in allen huslichen Angelegenheiten behilflich war; so entdeckte sie auch in mir eine gehorsame, willige Helferin. Bald wiegte ich ihr Kind (was ich brigens mit groem Vergngen tat), bald half ich ihr, den Spaten mit Mehl zu bestreuen, wenn sie das Brot in den Ofen schieben mute; bald sah ich unter die Siebe nach frisch gelegten Eiern (mit denen ich mir, wenn sie noch ganz warm waren, gern ber die Augen strich). Die Gestalt der Rebbezin erinnerte an eine Hopfenstange; sie hatte ungewhnlich lange Arme, einen langen, dnnen Hals, der einen Pferdekopf trug, kleine, umherirrende Augen, knochige Wangen und blaue, dnne Lippen, die sich seit der Kindheit wohl nicht mehr zu einem Lcheln verzogen hatten. Die lange Habichtsnase verdeckte zur Hlfte den Mund und gab dem Gesicht den Ausdruck eines Raubvogels. Die langen Pferdezhne und vor allem die Zahnlcken bewirkten, da die Worte aus ihrem Munde nicht sehr schn klangen. Aber das hinderte sie weiter nicht, ihre ganze Umgebung vom frhen Morgen bis zum spten Abend von dem Vorhandensein ihres ungeschwchten Sprechorgans zu berzeugen. Auch ich sollte bald erfahren, da mit der Rebbezin nicht zu spaen war, und ein Handgriff von ihr nicht auf ein sehr sanftes Wesen schlieen lie. Mein Ktzchen hatte ich zu Hause lassen mssen, ich verschmerzte es zu Beginn, weil ich an den Hhnern der Rebbezin Ersatz fand. Ich ging oft zum Pripoczok (Ofen, unterer Teil), zur brtenden Henne und sah zu, wie sie mit ausgebreiteten Flgeln behutsam auf den Eiern sa. Ihr Auge drckte whrend dieser Zeit fast eine menschliche Zrtlichkeit aus. Das Tier sa geduldig ohne Nahrung und wartete, bis man sie herunternahm und sie ftterte. So geschah es einmal, da ich mich zur Gluckhenne beugte, um sie wegzutragen und zu fttern. Die Rebbezin erblickte mich dabei von ihrem Sitz aus und erschrak ber die Mglichkeit, da ich die Henne aufscheuchen und da sie am Ende wegfliegen knnte. Die Eier wrden kalt und nicht mehr ausgebrtet werden knnen. Behende sprang Feige zu mir, erfate mich etwas unsanft an der Schulter und schrie aus Leibeskrften: Was tust du? Was willst do hoben? Meschuggene, a weg! (fort von hier). Ich sah zu der vor Zorn keuchenden Rebbezin auf. Die Henne entri sich tatschlich meinen Hnden und wandte ihren raschen Flug nach der Richtung, wo Reb Leser thronte; daneben befand sich im Winkel ein dreieckiges Fcherchen, darauf lie sich die Henne nieder, sah mit lautem Gegacker umher, als gefiele es ihr hier, begab sich hierauf auf Reb Lesers Kopf, duckte sich nieder und lie ein Andenken an ihren kurzen Aufenthalt zurck; dann flog sie, mit den Flgeln schlagend, auf das Fach, wo die Zinnteller und Schsseln standen, warf alles um, was natrlich viel Lrm machte und suchte ihr Loch unter dem Pripoczok auf, wo sie sich endlich beruhigte. Dagegen konnte sich Reb Leser nicht so bald beruhigen, der, als die um den Tisch sitzenden Schler mit lautem Lachen nach seinem Kopf zeigten, nach seiner Kopfbedeckung fate, und da er voll Wut das hinterlassene Andenken wegwischen mute, schalt und fluchte er mit lauter Stimme. Seiner Ehehlfte schwur er hoch und teuer, er werde alle ihre Hhner schlachten. Das sollte sogar schon morgen geschehen. Aber unsere unerschrockene Rebbezin dachte anders darber und verteidigte bei offener Tr ihre Schtzlinge. Sie brachte Argumente vor, die mich als die Hauptschuldige an dem Unfall erkennen lieen. Schlielich meinte sie, ihr Mann htte berhaupt kein Recht, die Hhner zum Tode zu verurteilen. Ihre glnzende Verteidigungsrede war wohl hinreichend energisch gewesen, da Reb Leser den krzeren zog und zum Schweigen gebracht wurde. So verwandelte er das Todesurteil in eine Begnadigung. Diese Begebenheit gab viel Stoff zu Gesprchen im Cheder und im sogenannten Schmolen Gssel (schmalen Gchen). Es hatten sich viele Zuschauer eingefunden, die zu den Fenstern hineinsahen und beinahe in den Kampf mit hineingezogen wurden. Diesen Abend hatte ich meiner Njanja viel zu erzhlen.... Wenn Reb Leser schlielich die Bemerkungen seiner Frau unbeantwortet gelassen hatte, so tat er es mit dem Selbstbewutsein eines Mannes, dessen Wrde trotz alledem unbestreitbar war. Er hatte auch allen Grund dazu, denn er war nicht nur in seinem Hause, in der Schulgasse und im schmolen Gssel, sondern auch weiterhin auf der Insel Kempe, jenseits des Teiches, sehr populr! Zu Reb Leser, dem Melamed, kam man, wenn ein Kind erkrankte, fieberte. Er verstand zu heilen und ein Ajin hora (bses Auge, Blick) zu besprechen. Er nahm zu diesem Zwecke ein Kleidungsstck des Befallenen, etwa ein Strmpfchen oder ein Leibchen, flsterte einen geheimnisvollen Spruch und spuckte dreimal darauf. Das gengte, um das Kind genesen zu machen, ohne da er es persnlich gesehen htte. Dem berbringer wurden die Gegenstnde mit den Worten zurckgegeben: Es wird schon gesund werden. Hatte jemand Zahnschmerzen, so stellte ihn Reb Leser bei Mondenschein Punkt zwlf Uhr nachts gegen den Mond und streichelte ihm bald die rechte, bald die linke Backe, wobei er mystische Worte murmelte. Und Reb Leser war dann sicher, da der Schmerz aufhren wrde -- eventuell freilich erst nach langer Zeit oder nachdem der Zahn gezogen war. Wer an heftigen Rckenschmerzen litt, mute sich auf der Diele hinstrecken; Reb Leser, der B'hor (Erstgeborene), stellte sich mit einem Fu auf den Rcken des Kranken fr einen Augenblick und der Kranke war genesen! Wollte jemand eine Kuh kaufen, so war er fest berzeugt, da sie viel Milch geben wrde, wenn Reb Leser den Kaufpreis zum Scheine nach lngerem Feilschen festgesetzt hatte. Ein Wort von Reb Lesers Lippen vermochte vieles zu bewirken. Das waren die kleinen Quellen seines Einkommens; dagegen brachte ihm das Schadchengeschft viel mehr Geld ein. Diese Ttigkeit warf ihm beinahe so viel ab wie seine Schule und hatte dabei auch den Vorzug, da sie gewhnlich bei einem Glschen Schnaps vor sich ging. Je nach dem Gelingen einer Partie mehrten sich seine Freunde und -- Feinde. Von den letzteren gab es mehr!.. Reb Leser lie sich darob keine grauen Haare wachsen. Ihm galten alle Partien gleich gut. Er betrieb dieses Geschft in seinen Muestunden zwischen Minche und Marew am Sonnabend Abend, da der Jude von damals, nachdem er vierundzwanzig Stunden geruht hatte, in der richtigen Stimmung war, von derartigen Dingen zu sprechen. Es war vielleicht gut, da Reb Leser so wenig Zeit auf diese Sache verwenden konnte.... Der denkwrdige Vorfall mit der Henne war hinreichend, mir das Innere des Cheders zu verleiden und mich strker fr die Spiele drauen zu interessieren. Ich erreichte in manchem eine groe Fertigkeit -- so im Zeichenspiel, wobei man sich einer Art aus Knochen primitiv gefertigter Wrfel bediente; im Nsse-Spiel und im Stecknadelspiel paar und unpaar. Eine meiner Freundinnen war im Stecknadelspiel sehr geschickt und erregte meinen Neid: sie konnte eine Menge von Stecknadeln unterhalb der Zunge im Munde halten und dabei ungehindert sprechen. Es wurde so viel gespielt, da wir Kinder gar oft den eigentlichen Zweck unseres Schulbesuches vergaen. Ich machte mich bald mit der ganzen Umgebung des Chederlokals vertraut und stand mit der Nachbarschaft auf gutem Fu. Mein besonderer Liebling war der kleine Schulklopfer, ein mageres, gebeugtes Mnnchen mit einem grngelben Ziegengesicht und blden Ziegenaugen, die den Zug des Gequlten hatten. Sein ganzes Leben schien er an Keuchhusten zu leiden. Wenn wir Kinder ihn in der Gasse erblickten, liefen wir ihm entgegen und schrieen bermtig: In schaul! In schaul! und begleiteten ihn eine Strecke. Er erschien nmlich vor dem Morgen- und Abendgebet in der Schulgasse und rief, mit seiner ganzen noch brig gebliebenen Lungenkraft schreiend: In schaul! In schaul!, die Gemeinde zusammen. Dann stemmte er die Hnde in die Seiten und konnte lange vor Husten nicht zu Atem kommen. brigens hatte er noch eine andere Beschftigung; an jedem Freitag lief er kurz vor Beginn des Sabbathfestes zu den jdischen Krmern und ermahnte sie, die Lden rasch zu schlieen. Und vor Neujahr weckte er mit Tagesanbruch die Gemeinde zu Sliches (Frhgebet whrend der ganzen Woche vor dem Neujahrsfest). Der kleine, niedere Cheder-Raum konnte alle Schlerinnen nicht fassen und drauen vor der Tr verjagte uns oft die sengende Sonnenglut; so muten wir uns mit unseren Wrfel- und Nssespielen in eines der vielen Vorhuschen in der gegenber dem Cheder befindlichen groen Synagoge flchten, wo es immer khl und gerumig war. Ich entsinne mich, da ich nie weiter als ins Vorhaus zu gehen wagte und welchen gewaltigen Eindruck ich hatte, als mich die Gespielinnen einmal zwangen, die Abteilung zu betreten, in der die Mnner zu beten pflegten. Der groe Raum mit den vielen Bnken und Tischen war imposant. In der Mitte der Synagoge befand sich ein viereckiger erhhter Platz, der von einem niederen, geschnitzten Gelnder umgeben war; auf dieser Erhhung stand ein schmaler, hoher Tisch, auf dem die Thorarollen beim Leienen lagen. Im Hintergrund war eine hohe Pforte, deren zwei Tren zum Oren-hakodesch fhrten. Diese heilige Lade war mit einem roten Sammetvorhang verhngt, in dessen Mitte das Mogendavidzeichen eingewirkt war. Zu beiden Seiten dieses jdischen Paniers standen in Lebensgre zwei Lwen aus Bronzemetall in aufrechter Stellung, wie Wache haltend. An der stlichen Wand, der Misrachwand, waren die Ehrenpltze fr die ltesten und angesehensten Juden der Stadt Brest. Dort befand sich auch die Matan b'sseisser Puschke, d.h. die Bchse der geheimen Gaben. Wenn jemand ein Lieblingswunsch in Erfllung gegangen oder ein besonderes Glck widerfahren war, wovon er zu niemand sprechen mochte, spendete er ganz im geheimen etwas in diese Bchse. Auen war nur ein kleiner Spalt in einer Nische der Mauer zu sehen. In diese ffnung warfen die Spender ihre geheime Gabe, nicht ohne sich vorher ngstlich zu vergewissern, da auch niemand sie beobachte. Von der himmelblau mit silbernen Sternen bemalten Decke der Synagoge hingen an Ketten zahlreiche Leuchter herab. All diese seltsame Pracht erfllte das Kindergemt mit Ehrfurcht und Scheu. Meine Begleiterinnen erzhlten mir, geheimnisvoll flsternd, da sich hinter den hohen Tren des Oron hakodesch ein Schrank mit vielen Sefer thaures (heilige Rollen) befinde und da von da ein unterirdischer Gang nach Jerusalem fhre. Freitag Abend versammeln sich die vom Gehinom (Hlle) befreiten R'schoim (Snder), um allerlei Schabernack zu treiben. Noch andere, hnliche Mrchen erhhten meine angstvolle Scheu. Ganz besonders wirkte auf mich das Mrchen vom lehmenen Goilem (Ton-Figur) ein: auf dem Oren kaudesch in der Synagoge da liegt eine groe Figur aus Ton, die einst alle Handlungen eines lebenden Menschen verrichten konnte. Die alten Kabbalisten bedienten sich solcher Tonfiguren, die sie mit Amuletten, Hieroglyphen und sonstigen, niemand bekannten Zeichen versahen und flsterten den Lehmfiguren Zauberformeln ins Ohr, da sie anfingen sich zu regen und allerhand Dienste leisten konnten wie ein Mensch. Alles, was diese Figur tun sollte, mute man ihr bis ins einzelne genau und bestimmt angeben, z.B.: Geh zur Tr, ergreife die Klinke, drcke sie nieder, mach die Tr auf, mach sie zu, geh in das Haus in jener Strae, drcke die Klinke nieder, mach die Tr auf, mach sie zu, begib dich ins erste Zimmer, geh an den Tisch, an dem mein Freund sitzt, sag ihm, er soll heute mit dem Buch zu mir kommen. Auch der Rckweg mute der Figur Schritt fr Schritt genau beschrieben werden, sonst war der Goilem (die Tonfigur) imstande, das ganze Haus, in dem der Freund wohnte, auf seinen Schultern zu bringen. Er war eben ein Trottel; und noch heute ist im jdischen Volke die Bezeichnung: Du bist ein lehmener Goilem ein Schimpfwort. Ein einziges Mal wagte ich es noch, allein den groen Raum zu betreten, aber ich lief, von einem unheimlichen Schauer erfat, weinend und schreiend fort, und Reb Leser verbot mir, ohne Begleitung wieder hinzugehen. Ich sehe noch jetzt im Geiste den schnen, majesttischen Bau im altmaurischen Stil mit dem runden Glasturm, durch dessen Scheiben das Tageslicht fiel und das Innere der Synagoge erhellte. Als die Stadt Brest demoliert und 1836 zu einer Festung umgewandelt wurde, mute auch die Synagoge niedergerissen werden und der Grundstein, den man fand, wies auf frhere Jahrhunderte zurck, auf die Tage Saul Wahls, der fr eine Nacht von den streitenden polnischen Parteien zum Knig gewhlt worden war. Wahl hatte die Synagoge zum Andenken an seine verstorbene Frau Deborah erbaut. II. Teil. Dem Rosch-Chodesch (Neumond) Sivan (etwa Mai) folgte sechs Tage spter das Schewuaus-Fest (Pfingsten), das schne und angenehme Fest, von dem die Juden sagen, da man _=alles=_ und _=berall=_ essen darf, whrend man am Osterfest nicht alles und am Laubhttenfest nicht berall, d. h. nur in der Laube essen soll. Daher dauert Sch'wuaus nur zwei Tage.... Auch fr dieses Fest wurden natrlich in unserem Hause mancherlei Vorbereitungen getroffen. Uns Kindern wurde im Cheder die Bedeutung des Festes erklrt als Gedenkfeier an den Tag, an dem Moses auf dem Berge Sinai die heiligen Gesetzestafeln empfangen hatte. Drei Tage vor Pfingsten (Schlauscho jemei hagbole wird diese Periode genannt), endet die Trauer der Sfirezeit und die Freude lebt wieder auf. Man sucht sich fr die sechswchentlichen Entsagungen schadlos zu halten. Die Kinder blieben nur einen halben Tag im Cheder und tummelten sich ungebunden im Freien und im Hause herum. Und in den Husern wurde wieder gebraten und gebacken, namentlich viel Butterkuchen! An diesen Festtagen it man hauptschlich Milch- und Buttergerichte. Die traditionellen Kse-Blintschki mit saurer Sahne, eine Art Flinsen, drfen nicht fehlen. Am Erew-Jomtow, am Vorabend des Festes, gab es wieder viel eilige Arbeit im Hause. Alle Zimmer wurden mit Grn geschmckt und festlich beleuchtet: Wir Kinder wurden festlich gekleidet und der Tisch zum Abendessen gedeckt; die Fenster der mit Kerzen erleuchteten Rume standen weit offen, und die warme, frische Frhlingsluft strmte herein, ohne die Flammen der vielen Kerzen auch nur leise zu bewegen. Sie brannten ruhig und feierlich. Die Mnner kamen vom Bethaus zurck und man begab sich zu Tische. Schon nach dem ersten Gang wurde ein Abschnitt aus dem Tiken-Schwuaus-Gesetze von den Mnnern vorgelesen und nach dem zweiten Gericht wieder ein Abschnitt. Nach dem Essen zogen sich meine Schwger mit ihrem Melamed in ihr Studierzimmer zurck, um dort bis zum frhen Morgen den Tiken-Schwuaus zu Ende zu lesen. Mein lterer Schwager unterzog sich ohne Murren diesem Gebot. Aber der jngere htte wahrscheinlich eine andere Beschftigung vorgezogen. Aber es half nichts, die Disziplin und die religise Tendenz unseres Hauses galten mehr als persnliche Wnsche und Neigungen. Auch dann noch, als der Geist Lilienthals in den Kpfen der jungen Leute schon schwirrte. Am frhen Morgen ging es in die Synagoge, wo ein Festgottesdienst abgehalten, die Akdamess (Anfnge) gesagt, die M'gile (Ruth) vorgelesen wurde, was oft bis 12 Uhr Mittags whrte. Im Hause herrschte frohe Laune: man trank vortrefflich duftenden Kaffee und a Butterkuchen und Blintschikes und ging hierauf im Freien spazieren. Bald kam auch der Sommer mit seinen Herrlichkeiten, die wir Kinder nach Herzenslust genossen. Die Zeit von Pfingsten bis zum siebzehnten Tag im Tamus (Monat Juli) war fr den Juden der ersten Hlfte des vorigen Jahrhunderts die genureichste und schnste des ganzen Sommers. Aber zu lang darf die Reihe von schnen Tagen fr ihn nicht sein, sonst knnte er in seinem bermut Gott vergessen und darum, glaube ich, ist ihm nach einer kurzen Erholungszeit immer wieder ein Fasttag auferlegt. Und so ist schon der Schiwo osser betamus (siebzehnte Tag im Tamus) ein Fasttag, dem die sogenannten drei Wochen folgen, die mit einem Trauertag, dem neunten Tag des Monats Ab (Tischeb'aw) endigen. Und wieder ist es untersagt, Vergngungen nachzugehen, Hochzeit zu halten, im Flusse zu baden, Schmuck zu tragen und in den letzten neun Tagen darf man auch kein Fleisch genieen; am neunten Tage, am Erew-Tischeb'aw, wird in der Synagoge und im Hause eine Trauergedenkfeier an die Zerstrung Jerusalems abgehalten. Am Freitag vor Schabbes-chason (Sonnabend vor Tischeb'aw) erschien einmal unsere Mutter, whrend wir am Frhstckstisch saen, erregt und ernst, in der einen Hand ein mit einer schwarzen Masse geflltes Holzgef, in der andern Hand einen Pinsel haltend. Wir waren gespannt, was die Mutter damit beginnen wollte. Sie stieg auf das Sopha und machte mit dem Pinsel auf die schne rote Tapete einen viereckigen, schwarzen Fleck. Auf unsere Frage, was dies zu bedeuten habe, erhielten wir zur Antwort, dieser Fleck, den sie seicher l'churben nannte, soll uns erinnern, da wir Juden im Golus, d. h. unterjocht sind. Ich entsinne mich noch, wie mein Vater und die jungen Mnner am Erew-Tischeb'aw, d. h. am Vorabend des neunten Tages im Monat Ab die Schuhe ablegten und auf niederen Schemeln Platz nahmen. Der Bediente stellte eine niedrige Holzbank vor sie hin und setzte darauf das Fasten-Abendbrot, das aus hartgesottenen Eiern bestand, die in Asche gewlzt und dann mit harten Kringeln gegessen wurden. Bewegt, mit dem Ausdruck aufrichtiger Trauer in den Zgen, saen sie da, als htten sie die Zerstrung des Tempels zu Jerusalem selbst miterlebt, mit eigenen Augen seinen Glanz, seine Gre untergehen sehen. So gegenwrtig war ihnen die Vergangenheit, so tief empfindet der fromme Jude noch heute den Schmerz um den Verlust der alten Heimat. Dann gingen die Mnner in Strmpfen ohne Stiefel in die Synagoge. Meine Mutter blieb mit den lteren Schwestern zu Hause. Es wurden mehrere Fubnke in ein Zimmer gebracht und Kerzen auf niedrige Tische und Sthle gestellt. Wir alle setzten uns um die Mutter herum auf die Fubnke und nun begann man mit der Verlesung der Zerstrung von Jerusalem. Die Mutter weinte und wir Kinder weinten leise mit. Dann wurde noch die M'gile Echo -- die Klagelieder -- vorgelesen und unsere Trnen flossen reichlich. Die Buben freilich hatten ihr eigenes Treiben. Runde, grne Kletten, wie kleine Kartoffeln, mit Stacheln wie Stecknadeln bewachsen, die an jeden Gegenstand sich anheften, pflegten die kundesim (Gassenjungen) am erew tischeb'aw den ernst trauernden, alten Mnnern in die Haare und an die Strmpfe zu werfen, um diese zu rgern. Am folgenden Tage herrschte noch tiefe Trauer und die schwere Stimmung lag noch auf allen. Des Morgens durften wir uns nicht einmal waschen; auch wir Kinder fasteten manchmal etliche Stunden und die Eltern lobten unsere Standhaftigkeit. Mit desto grerem Appetit fielen wir ber das Essen her, als der halbe Tag vergangen war. Im Hause begann es auch wieder lebhafter zu werden, man rumte die Zimmer auf und in der Kche regte sich's wieder. Wir Kinder nahmen Spiel und Vergngen auf. Eines dieser Spiele an einem Tischeb'aw blieb mir besonders in Erinnerung: Mein Bruder hatte schon einige Tage vorher mit einem Freunde gleichen Alters, dem jetzigen Doktor H. S. Neumark, verabredet, da er an diesem Tage einige hundert Knaben aus der Stadt Chedunim zu meinem Bruder nach der Vorstadt Zamuchawicz bringen solle, mit denen die beiden diesen Tag entsprechend und wrdig verbringen wollten. Sie beabsichtigten nmlich, zur Erinnerung an jene Schlacht, die vor ungefhr 2000 Jahren bei der Zerstrung des Tempels zu Jerusalem stattgefunden, einen Kampf zu veranstalten. Die Jungen muten ihre rotgefrbten Holzschwerter, wie sie an diesem Tage jeder jdische Knabe besa, mitbringen. Als Waffen dienten auch Pfeil und Bogen, ein Knttel, selbst eine Bauernpeitsche. Doch galt hier hauptschlich die persnliche Tapferkeit mit der Faust. Mein Bruder und sein Freund whlten einen freien Platz, neben unserem Hause, auf dem die Schlacht stattfinden sollte. Die Soldaten kamen einzeln und in Scharen. Die Kampflustigen waren verschieden an Gre, Alter und Stand; doch wurden in diesem Heer derartige Kleinigkeiten nicht beachtet! Es wurden Generle, Oberste und Offiziere eingesetzt, und die anderen bildeten sodann die Mannschaft -- das Fuvolk; mein Bruder und sein Freund wurden zu Knigen ernannt. Die Generle erhielten Sternchen aus Papier und Eichenlaubblttern; ber die Schulter quer fielen Schrpen aus blauem, rotem oder weiem Glanzpapier. Die Dreispitzhte wurden aus dunkelblauem Zuckerhutpapier hergestellt, die von den Knaben Krepchen (Kreplach) genannt und mit Bschen aus Hahnenfedern geschmckt wurden. Der Oberste trug als Abzeichen Schnre aus roten Beeren um die Schulter, und den Offizieren steckte man als Kokarde eine groe, gelbe Kamille an den Schirm der Mtze. Die ganze Armee wurde in zwei gleiche Abteilungen geteilt und jeder Knig bernahm sein Heer und stellte die Soldaten in Reih' und Glied auf. Die Kleidung der Knige unterschied sich in aufflliger Weise von der der anderen Krieger; der eine Knig hatte ein grosses Handtuch, der zweite ein Laken quer ber der Brust und beide trugen zahllose Orden, die auf dem Felde und auf den Wiesen gepflckt waren: Sonnenblumen, weie, gelbe und rote Blten in allen Gren. Und um die kniglichen Hupter waren groe Krnze aus Hanfzweigen gewunden. Zwischen beiden Armeen wurde ein Kordon gezogen, und nun sollte das Zeichen zum Angriff gegeben werden. Doch wer sollte mit dem Angriff beginnen? So schrie man denn von der einen Seite herber: Scheli, scheli, scheloch! (Schick' Dein Volk heraus!) Darauf erwiderte man: Mein Volk ist krank. Nun nherte sich aus diesem Heere ein Krieger dem Knig des ersten Heeres, ergriff dessen Hand und sagte, den Zeigefinger erhebend: Der Malach (Engel) hat dir drei Pltze geschickt -- siehst du Feuer? Siehst du Wasser? Siehst du den Himmel? Der Knig mute bei der letzten Frage zum Himmel hinaufsehen, inde der Bote entfliehen und den Kordon berschreiten mute, wenn er nicht gefangen genommen werden sollte. War es ihm aber geglckt, den Kordon rechtzeitig zu berschreiten, so hatte sein Volk den Vorzug, den Kampf zuerst beginnen zu drfen. Nun fing man mit Schwert und Pfeil und Bogen an; da diese Waffen aber bei dem ersten Zusammenprall zerbrachen, waren die Soldaten auf ihre Fuste angewiesen. Eine Viertelstunde mochte der Kampf bereits gedauert haben, aber noch war der Sieg nicht entschieden. Das Heulen und Schreien jedoch wuchs entsetzlich an. Da schwenkte einer der Knige ein weies Taschentuch auf einem weien Stock und schrie laut: Genug! Stillstehen! Nicht mehr schlagen! Die zgellosen Jungen hrten aber nicht darauf und fuhren fort, die Schdel und Rcken der Schwcheren zu bearbeiten, bis sie durch Hiebe ermahnt werden muten, das fast zum Ernst gewordene Spiel abzubrechen. Die meisten zogen mit Ehrenzeichen, wie blaugeschlagene Augen, blutende Nasen, verwundete Beine, vom Kriegsschauplatz ab. Die Knige trsteten die braven Helden, und wir Mdchen, die der Schlacht zusahen, brachten von Hause frisches Wasser, Handtcher, Tischtcher und erfllten das Amt der barmherzigen Schwestern, indem wir den Verwundeten die blutenden Stellen wuschen und trockneten. Nachdem die Ruhe einigermaen hergestellt war, fingen die Heerfhrer an, den Triumphzug vorzubereiten. Wir wurden aufs Neue ins Haus geschickt, um die ntigen Requisiten zu holen, wie ein groes Messingbecken, das Messingtablett des Samowars und einige Kupferkasserollen. Die Soldaten hatten mit Papier berzogene Kmme, die als Blasinstrumente verwendet werden sollten und hlzerne kleine Pfeifen. Die ganze Armee wurde wieder auf dem Platz gesammelt und geordnet. Zwar konnte sich mancher Soldat nur mit Mhe auf den Beinen halten, allein an dem feierlichen Akt, der nun folgen sollte, wollte jeder teilnehmen. Nun whlte man unter den Soldaten einige aus, welche die von uns zusammengetragenen Gerte als Musikinstrumente zu behandeln verstanden. Die Knige nahmen eine wrdevolle Haltung an, als sie mit berlautem Hurrah! begrt wurden und mit ihren bekrnzten Huptern den Dank nickten. Der Zug setzte sich in Bewegung. Das Messingbecken, von einer mchtigen Faust geschlagen, machte betubenden Lrm. Die beiden krftig aneinandergeschlagenen Kasserollen drhnten. Die schrillen Tne der Pfeifen klangen wie ein schwacher Protest gegen diesen Lrm und das Getute auf den mit Papier berzogenen Kmmen ergnzte diese seltsame Musik. Auch die Stimmen der Soldaten taten ihr Mglichstes: Sie sangen einen Zapfenstreichmarsch mit wilder Kraft. Unter diesen Musikklngen bewegte sich der Triumphzug langsam vorwrts. In der Haltung der Knige lag etwas Imposantes, das sie mit Recht zu Herrschern unter diesen Knaben machte. Wir Mdchen begleiteten den Zug mit Hndeklatschen und waren von dem ganzen Schauspiel entzckt. Man marschierte an dem Garten entlang, bei unserem Hause vorbei. Dann lsten sich die Truppen auf, und ein jeder Krieger ging mit Stolz von dannen. Auch die Knige verabschiedeten sich mit huldreichen Worten, zufrieden mit dem Gelingen des Unternehmens, das lange das Gesprch in der ganzen Stadt bildete. Trotz der blutigen Kpfe freuten sich unsere Eltern ber die Sitte der kriegerischen Spiele sehr. Die jdische Sitte hat, wie es scheint, das Bestreben, jeden Trauer- oder Fasttag durch einen darauffolgenden Freudentag auszugleichen. So folgt auf Tischeb'aw bald Schabbes-Nachmu, d. i. der trostreiche Sabbath: Gott trstet sein Volk und verspricht ihm durch den Mund des Propheten die Wiederaufrichtung des Tempels, der sich noch herrlicher als zuvor erheben soll und verjngt wird die Mutterstadt Jerusalem aus ihren Trmmern erstehen. An diese Verheiung glaubten meine Eltern unerschtterlich fest. Sie hatten noch ihre Illusionen und Hoffnungen, die sie vor Verzweiflung schtzten und ihnen die Kraft verliehen, die Leiden der Gegenwart zu tragen. Gehrte doch zu jener Zeit ein Selbstmord unter den Juden zu den grten Seltenheiten, weil sie in dem Glauben an Gottes Wort und an das Jenseits Trost fr alles irdische Leiden fanden. Dieser starke Glaube lebt auch in einem kleinen Liede, das uns unsere fromme, kluge, gtige Mutter lehrte. Es lautete ungefhr: Der Jude, der Jude, ein wunderbares Ding, Betrachtet ihn mit Ehrfurcht, achtet ihn nicht gering! Dem winzigsten Volke gehrt er ja an, Doch hben und drben man treffen ihn kann. Steig' immer zur Hhe, du stoest auf ihn, Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn! Schlie dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah, Verkrieche dich in Htten, du findest ihn auch da! Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut, Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut! Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt, Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt! Eins aber sagt ihm immer sein Herz: Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz! Ein ander Liedchen, das sie uns lehrte, ist eine Allegorie, ein Gemisch in polnischer und althebrischer Sprache. Nach der neuesten Meinung der jdischen Forscher in Ruland haben die Juden in Ruland nur Russisch mit Hebrisch vermengt gesprochen, so auch in Polen. Diese Meinung sttzt sich auf eine Menge Volkslieder, die in der neuesten Sammlung von Saul Gnzburg in Petersburg herausgegeben wurden. Immer kehrt derselbe Gedanke wieder; immer ist die allegorische Anspielung klar, da die Juden fr die Snden ihrer Vorfahren leiden, aber von Gott die Verheiung erhalten haben, da er sie wieder aufrichten wird. Meine Mutter sang diese Liedchen mit leuchtenden Augen und versicherte uns Kinder im seligsten Vertrauen, da sich diese Verheiung auch gewi einst erfllen msse. Erst im reiferen Alter begriff ich ihre Inbrunst beim Gebet, diese echte Religiositt und die aufrichtende Kraft eines reinen Gottesglaubens. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit geschlossenen Augen und herabhngenden Armen versonnen dastand, und wie sie, entrckt, allen kleinen, irdischen Dingen, das leise Gebet Schemoneessere betete. Die Lippen bewegten sich kaum, aber in ihren Zgen lag ihre betende Seele! Fromme Ergebung, das Bewutsein der Sndhaftigkeit, ein Flehen auf Vergebung und Hoffnung auf die Gnade des Herrn. Der Schabbes-Menachem brachte Frohsinn in das jdische Leben, und man beeilte sich, die Entbehrungen der Trauerzeit, da Eheschlieungen und sonstige Vergngungen verboten waren, wettzumachen, und die Tchter oder die Shne so rasch wie mglich in goldene Ketten zu legen! Lange durfte man nicht zgern, denn dem Monat der Frhlichkeit folgte schon Rosch Chodesch Elul (Neumond September) und mit dem Wehen und Blasen der Herbstwinde und dem Fallen des gelb gewordenen Laubes begann auch die Zeit des Schofars, der den ganzen Monat hindurch tglich nach dem Frhmorgengebet geblasen wurde. Er rief wieder zur Selbsteinkehr und Sammlung, regte die Selbstanklage an, die Reue wegen der im ganzen Jahr begangenen Snden. Fasten, Kasteiungen und die heien Gebete zum Schpfer sollten die Vergebung vorbereiten. Und viele fromme Werke wurden gebt. In den meisten jdischen Husern waren damals an irgendeiner Zimmerwand, meist in der Nhe der M'susaus im Ezimmer, Sammelbchsen aus Blech mit Deckelverschlu angebracht. Die eine dieser Bchsen hie die Erez Jisroel Puschke. Die darin gesammelten Mnzen waren fr die talmudischen Schulen in Palstina und fr alte Leute in Jerusalem bestimmt, die meist dorthin ausgewandert waren, um auf dem heiligen Boden zu sterben und in palstinensischer Erde begraben zu werden. Schrieb man doch dieser die Kraft zu, die in ihr ruhenden Toten vor der Verwesung zu bewahren, so da sie sich bei der Ankunft des Messias in voller Frische aus ihren Grbern erheben wrden. Im Vertrauen auf die der palstinensischen Erde innewohnende Kraft lieen sich in Europa lebende fromme Juden Sckchen dieser Erde kommen, um sie in ihre Grber streuen zu lassen. -- Pflicht der jdischen Gemeinden war es jedenfalls, diese in Jerusalem ihren Tod Erwartenden bis zum Ende ihres Lebens zu erhalten, und dazu diente noch der Inhalt dieser Bchse, der alljhrlich von dem Erez-Israel-Meschulach (Bote) in Empfang genommen wurde. Dieser reiste im ganzen Lande umher und pflegte, wenn er nach Brest kam, bei uns zu logieren. Er war ein rstiger Mann mit dunklem, sonnengebruntem Gesicht und klugen Augen. Bei Tisch pflegte er uns viel von Palstina zu erzhlen, und wir lauschten diesen fremdartigen Erzhlungen wie einem Mrchen. Die zweite Bchse war die Reb Meier Balhaness-(Wundertter) Puschke. Wenn jemand ein Unglck drohte, bei Krankheitsfllen oder sonstigen Gefahren, spendete man in diese Bchse eine Summe in Hhe von 18 Kopeken, 18 Rubeln oder 18 Dukaten, je nach Vermgen und Anla; jedenfalls mute die Wertangabe der Zahl 18 entsprechen, weil diese in hebrischen Buchstaben das Wort chaj gleich Leben bedeutet. Uns Kindern gingen die schweren Tage der Bue nicht sehr nah, im Gegenteil, wir freuten uns der schnen Herbstzeit mit dem reifen Obst, das wir in groen Mengen vertilgten. Eine Schrze voller Frchte bekamen wir fr einen Kupfergroschen, den uns die Mutter an jedem Tag schenkte, und der junge Magen nahm die Gaben des Herbstes geduldig auf. Auch bei uns im Garten waren die Frchte gereift und harrten hier der pflckenden Hand, der naschenden Muler. Die Baumzweige hingen zum Brechen voll und das Gemse stand hoch in prchtigen Farben. Der Kohl wurde reif. Meine lteste Schwester verstand es trefflich, aus dem Strunk ein wie aus Talg gerolltes Lichtchen herzustellen. Sie putzte den Strunk, rundete ihn ab und steckte einen etwas in Ru geschwrzten Holzsplitter an die Spitze, so da es wie ein Licht aussah. Spt vor Abend gab sie dieses Lichtchen zum Anznden bald der Kchin, bald dem Diener. Der Holzsplitter fing fr einen Moment zwar Feuer, verlosch jedoch bald, worber die besagte Person sich rgerte. Wir Kinder sahen von der Ferne zu, kicherten und freuten uns ber den gelungenen Spa. Das wurden nun unsere Freuden, denn wir konnten uns nicht mehr solange im Freien aufhalten, es war bereits empfindlich khl. Die Tage wurden krzer und trbe. Wir gingen nicht mehr so frhzeitig in den Cheder. Wir muten oft im Chederraum spielen, weil uns hufig der Herbstregen von der Strae scheuchte. Im Hause wurde es stiller und stiller, die Eltern und die erwachsenen Geschwister wurden immer ernster, je nher der Monat Elul seinem Ende kam. Die Sorgen der Slichauszeit nahten. Schon ehe der Tag graute, wurden die Bugebete verrichtet. Die Gebete sind oft so umfangreich, da man z. B. am letzten Tage vor Rausch-Haschone (Neujahr) schon um Mitternacht beginnen mu, um berhaupt zu Ende zu kommen. Dieses Gebet nennt sich Sechor bris. Das Neujahrsfest selbst gilt zwar als sehr ernst und heilig, wird aber als freudiger Feiertag betrachtet. Bei uns wurden allerhand Fladen gebacken, Konfitren in Honig und Zucker vorbereitet, das Weibrot wurde in Form von Kringeln gebacken, was symbolisch das runde Jahr darstellen soll. Die Frauen hatten zumeist weie Kleider, die nur am Neujahrsfest und am Vershnungstage angelegt wurden. Am Vorabend wurden viele Kerzen angezndet, ber die die Frauen den Segen sprachen; die Stimmung ist zwar eine festliche, aber noch immer liegt etwas Trauriges, ein gewisser Ernst ber den Gemtern. Beim Abendgebet in der Synagoge wird viel geweint. Ich entsinne mich, da unser guter Vater vom Weinen heiser nach Hause zu kommen pflegte. Doch gewann die Festtagsstimmung bald die Oberhand, und mein Vater gab uns frohgemut den Segen und machte Kidusch (Segnen des Weines) in freundlicher Stimmung. Wir alle schtteten uns zuerst reichlich Wasser ber die Hnde, trockneten sie sodann ab, setzten uns stumm zu Tische und beteten still mit, whrend der Vater ber die beiden groen Brote, die vor ihm bedeckt lagen, einen Spruch sagte; er schnitt eines von ihnen in zwei Teile, von dem einen Teil schnitt er eine Scheibe, die er in Honig tauchte und murmelte leise ein Gebet. Ehe er den ersten Bissen gegessen hatte, durfte weder er, noch ein anderer bei Tische sprechen. Nun bekamen auch die Kinder die Mauzes (die ersten Bissen Brot) mit Honig und dann wurde das reiche Abendmahl genommen. Obgleich es erst um neun Uhr abends begann, ging man doch gleich darauf zur Ruhe, um am nchsten Tage in aller Frhe ins Bethaus gehen zu knnen. Ich erinnere mich nicht, die Mutter oder die anderen Synagogenbesucher an diesem Morgen je gesehen zu haben, wenn ich auch noch so frh aufstand. Alle waren bereits beim Beten und sie kehrten erst um ein oder zwei Uhr mittags heim, erschpft, aber in gehobener Stimmung -- das war die Wirkung der fr diesen Tag bestimmten Gebete -- die erhabene Piutim-Poesie, die philosophischen Betrachtungen ber das irdische, vergngliche Leben, der Gerechtigkeit und der gnadenvollen Nachsicht unseres einzigen Gottes, der auf seinem Richterstuhl sitzt, wie es in den Sprchen heit, und Gerechtigkeit bt. Er ffnet dem das Tor, der daran mit aufrichtiger Reue pocht, der im Gericht seinen Zorn unterdrckt, mit Huld und Milde sich als Richter schmckt. Er, der Shnung aller Schuld gewhrt, der seine Huld lsset walten. Er zrnt nur kurze Zeit und ist gro an Langmut. Er ist gtig dem Bsen wie dem Guten. Er, der ausharrt, bis sich der Frevler fromm bekehrt. Mein Vater pflegte bei Tische mit den jungen Leuten diese Stellen des Gebetes singend zu wiederholen; und sie weinten dabei ... Das Nachmittagsschlfchen am ersten Neujahrstag unterlie man, denn an diesem Feiertag sollte mehr gebetet als gegessen und geschlafen werden. Man ging zum sogenannten Taschlich, d. h. man begab sich zum Flu, wo man ein kurzes Gebet verrichtete und die Snden gleichsam von sich abschttelte und ins Wasser warf. Dieser Gebrauch wurde von meinem Vater nicht ernst genommen und deshalb beteiligte er sich nicht daran. Vom Flusse begab man sich wieder in die Synagoge, wo das Vorabend- und Abendgebet verrichtet wurde. Zu Hause zndeten die Frauen wieder die Kerzen an, der Vater kam aus der Synagoge, erteilte uns wieder den Segen und machte ber den Becher Wein Kidusch und Schechejone ber eine Frucht (Segenspruch ber eine Frucht, die man im Laufe des Sommers noch nicht gegessen hat). Meine Mutter kaufte gewhnlich hierzu eine Wasser- oder Zuckermelone oder eine Ananas. (Diese Frchte waren in unserer Gegend sehr selten). Nach dem Abendbrot, das ebenfalls sehr frh genommen wurde, begaben sich alle zur Ruhe, um am nchsten Morgen frhzeitig in der Synagoge mit dem Beten beginnen zu knnen, das wieder bis nach ein Uhr whrte. Der nchste Tag ist ein Fasttag, der Zaum Gdalja heit. Alle fasteten. Niemand fiel es ein, zu murren und so qulte man sich auch den dritten Tag. Darauf folgten die zehn Butage (Asseres jemei Tschuwe), die zwischen Rosch-Haschono und Jom-Kippur (Vershnungstag) fallen, und mit dem heiligen Vershnungstag ihren Hhepunkt und ihr Ende erreichen. Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur (des Vorabends des Vershnungstages) in unserem vterlichen Hause, da unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaen und nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dmmerte, rstete man sich, um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine Henne, man hielt dieselben bei den Fen, man betete ein eigens dazu bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflgel um seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflgel wird geschlachtet und gegessen. Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht. Schon ganz frh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete nannte man alte Frauen, deren selbstgestellte Lebensaufgabe es ist, fromme Werke zu unternehmen fr Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit einem ganzen Packet Tchines -- kleine Gebetbcher nur fr Frauen in jdisch-deutsch geschrieben -- und einem ungeheuer groen Knuel Dochtfaden und einem groen Stck Wachs. Meine Mutter pflegte vorher nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nchternem Magen ist jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemt ist weicher. Meine Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, da sie viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst nahm man den Knuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schrze, stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter ungefhr, gab das Ende des Fadens vom Knuel meiner Mutter und zog ihn auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit weinender Stimme an, die Namen aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte dabei an ihre guten Taten, und fr jeden wurde ein Faden vom Dochtfadenknuel weiter gezogen, bis alle erwhnt waren und ein gehrig dicker Docht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr gefhrlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht fr Wachskerzen zum Jom-Kippur zu gebrauchen. Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher Stimmung; man a nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches (Segenssprche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich in wei, um gleichsam rein und wrdig vor den ewigen Richter zu treten. Beim Vorabendgebet (Minche) mu man sich schon 35mal an die Brust schlagen, wobei die Trnen reichlich flieen. Die Mnner lieen sich noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rcken schlagen. Ich erinnere mich, da sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfllt von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas Unsagbarem und Schwerem. Beim Tischgebet rannen die Trnen, deren sich keiner erwehren konnte. Nach Tisch legten alle die Schuhe ab, und die Mnner zogen ihre langen weien Kittel ber die Kleider. (Dieser weie Kittel ist beim Juden das Totenhemd, in welchem er begraben wird.) Ein Silberstoffgrtel und ein Silberstoffkppchen vervollstndigten die Tracht, und nun ging man, einen Mantel um die Schulter, in die Synagoge; das drittemal an diesem Tage. Ehe man fort ging, segnete, der Vater jedes Kind und Enkelkind, selbst das kleinste, das noch in der Wiege lag, mit Worten voll Innigkeit und Inbrunst, und ihm, sowie den Kindern, denen er die Hnde aufs Haupt legte, flossen die Trnen reichlich die Wangen herunter. Selbst das Dienstpersonal kam herbei und blieb an der Schwelle stehen -- alle weinten und baten einander Mauchel sein, d. h. um Verzeihung. Auch meine Mutter bat mit bewegter Stimme um Nachsicht, wenn sie im Laufe des Jahres ihre Untergebenen beleidigt oder gekrnkt haben sollte. Dieses Hervorsprudeln der edlen Gefhle adelte die Seelen und gab ihnen Weihe und Frieden. Und das Bewutsein, da Gott die Snden vergeben werde, strkte den Willen, nun ein neues, gelutertes Leben zu beginnen. Alle Seelen der Groen, die sich in die Synagoge zu Kolnidre begaben, und der Kleinen, die zu Hause blieben, waren himmelwrts gerichtet. Der eine Gedanke hielt alle im Bann, dass an diesem Abend die groe Abrechnung mit den sndigen Menschen beginne. In der Synagoge, die von vielen Kerzen hell erleuchtet war, bei dem feierlichen Kolnidregebet vor offenem Oren kodesch (heilige Bundeslade) mit den Seferthoras (heiligen Rollen) wurde mit tief bewegtem Herzen in der einmtig reuevollen Stimmung der betenden Gemeinde jede Beleidigung, die man einander whrend des ganzen Jahres angetan, zurckgenommen, jede Krnkung verziehen; auch den Andersglubigen vergab man jede Beleidigung und Unbill. Jeder Jude wollte sich von der Snde befreien und erkannte an diesem Abend eindringlicher als sonst seine Ohnmacht, die Ohnmacht des Menschen in dem groen Weltall und dem Schpfer gegenber mit den Worten: Wir Menschen sind in Gottes Hnden wie Ton in des Tpfers Hand.... wie der Stein in des Bildhauers Hand.... wie das Silber in des Goldschmieds Hand.... er formt nach seinem Willen alles. Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns um die lteste Schwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schtzerin und Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andchtig neben ihr und wichen nicht von der Stelle. Ich hrte sie schluchzen und mir wurde so bange zumute. Das ganze Haus lag in tiefer Stille und die Wachskerzen knisterten geheimnisvoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade flehten, und selbst die Engel in Furcht und Schrecken vor dem Allerhchsten dastanden. Aber der Herr prfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Snden bereuten. Um neun Uhr hie sie uns schlafen gehen. Uns war aber so schwer ums Herz, da wir sie baten, sich zu uns zu setzen. Und sie sa solange, bis wir einschliefen. Am folgenden Tag war die Stimmung der Synagogenbesucher noch ernster, den weltlichen Dingen vollends entrckt; am Tage des Gerichts, am groen, heiligen Jom-Kippur, sind die Gebete von einem feierlichen Ernst. Gott der Herr sitzt selbst zu Gericht ber die Snden der Menschen, die in einem Buch mit des Tters Hand verzeichnet sind. Hier aber, in der Synagoge, wird mit zerknirschtem Herzen unter Trnen der so bedeutungsvolle Unessane-taukeff keduschas hajom gelesen. Die Engel zittern und rufen: Das ist der Tag des Gerichts! Die groe Posaune wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im knftigen Jahr leben soll oder eines natrlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer verarmen oder reich, erhht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue, Gebet und Wohltaten befreien von bsen Geschicken. Was ist der Mensch? Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurck. Einem zerbrochenen Scherben gleicht er, dem Staubfaden einer Blume, die verwelkt; dem Gras, das verdorrt, dem Rauch, der spurlos dahinfliegt, einem Traum, der entschwindet..... Im Hause sah es bei uns trbe aus; die Fensterlden waren geschlossen, die Zimmer nicht gerumt, die irdenen mit Sand gefllten Tpfe standen noch da, in denen die Stmpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfllten. Erst gegen zwlf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frhstck, das aus Kapores (kaltem Huhn) und Weibrot bestand und zugleich unser Mittagsmahl bildete. Dann fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und die schwere Trauer wich von uns Kindern allmhlich. Mit der Dmmerung regte es sich wieder im Hause. Die Zimmer wurden wieder in Ordnung gebracht, man deckte den Teetisch, zndete viele Kerzen an und bereitete einen Becher Wein und ein geflochtenes Wachslicht zur Awdole vor. Je dunkler es drauen wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samowar (Teemaschine) brodelte bereits einladend auf dem Tisch, als die Synagogenbesucher um sieben Uhr nach Hause kamen. Sie waren alle erschpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man wartete geduldig, bis der Vater und die anderen sich gewaschen und gekmmt hatten, da dies am Morgen zu tun, verboten war. Dann machte unser Vater Awdole, d. h. er betete ber den Becher Wein, und da erst setzten sich alle an den Tisch, der mit kalten Speisen und Kuchen reich besetzt war. Ohne Rcksicht darauf, da der Magen whrend 24 Stunden nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommen hatte, fllte man ihn jetzt mit sen, saueren, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm Speise und Trank geduldig auf. Jede Spur von Erschpfung oder Mdigkeit war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und Zufriedenheit. Nun hatte man diesen schweren Tag fr ein ganzes Jahr hinter sich. Auch wir Kinder empfanden den Unterschied zwischen dem gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar bermtig und liebte die Einsamkeit, aber die drckende Stimmung des Erew-Jomkippur und des Erew-Tischeb'eaw marterten mich arg. Nachdem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter, und unser Vater, an der Spitze der Tafel in den groen Armstuhl gelehnt, begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor sich hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der Synagoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewhnlich bei uns ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesngen aufs neue. Man blieb nicht selten bis lange nach Mitternacht in heiterer, gehobener Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen des Tages sich zur Ruhe zu begeben, wiewohl man sich am nchsten Morgen schon mit dem ersten Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mute, um, wie es heit, die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhchsten zu vernichten. Der Satan knnte sonst zu Gott, dem Schpfer sagen: Sieh, Herr, du hast deinem Volk gestern die Snden vergeben, und heute hat sich kein einziger eingefunden, dein Haus ist leer! Aber der Satan soll ber das auserwhlte Volk nicht triumphieren. Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde im Gotteshaus ein[P], wenn auch nur fr kurze Zeit, da blo ein Alltagsgottesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge fort, um einen Essrog (Citronenhnliche Frucht) und einen Lulow (Palmenblatt) zu kaufen; und froh gelaunt kehrte er heim, wenn es ihm gelang, einen vllig fehlerfreien Essrog -- einen sogenannten Mibuder zu finden. Ein solches Stck kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu jener Zeit der Transport der Frchte aus Palstina, wo sie nur in geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Mnner unseres Hauses je einen Essrog fr sich. Eine jede dieser wohlriechenden, prchtigen Frchte wurde sorgfltig in weichen Hanf gebettet und in einem Silbergef aufbewahrt. Diese Frchte werden im Verlaufe der acht Feiertage des Laubhttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet bentzt. Die Palmenbltter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gem dazu gehren, standen in einem groen, mit Wasser gefllten, irdenen Krug. Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man a, trank, lachte, plauderte nach Herzenslust. Ich hrte oft sagen, da in den vier Tagen vom Jom-Kippur bis Sukkoth die Snden des Juden nicht unter Kontrolle stehen, und von Gott nicht angerechnet werden. Viele der Scherze galten den Sogerkes. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gehrte es noch zu den Seltenheiten, da im einfachen Volke eine jede Frau hebrisch zu beten verstand. Das Bedrfnis jedoch, am Samstag und besonders an den heiligen Feiertagen zu beten, war gro. Aber es gab auch lesekundige Frauen, die ihre Kenntnisse industrialisierten. Fr eine kleine Belohnung beteten sie an den erwhnten Tagen in der Synagoge den Frauen die Gebete vor. In Ermangelung einer solchen Frau mute jedoch in den kleineren, jdischen Stdtchen ein Mann in der Mitte der Frauenabteilung der Synagoge in ein Fa kriechen und von diesem Schutzwall aus -- von den Weibern umgeben -- die Gebete vorlesen. Wie man sich denken kann, gab es dabei oft komische Szenen, und fr die Anekdotenbildung war das Fa ein unerschpflicher Born.... Die Vorleserin nannte man sogerke und den Mann soger. Diese beiden muten mit _=weinerlicher=_ Stimme die Gebete vorsprechen, um das umstehende Weibervolk zum Weinen anzuspornen. Unter den Zuhrerinnen befand sich in unserer Gemeinde die Frau eines Fleischers, die schwerhrig war. Sie bat die Vorleserin, sie mchte etwas lauter sprechen, dafr wrde sie von ihr eine groe Leber bekommen. Jene aber gab ihr mit trnender, weinerlicher Stimme im Gebetsingsang zur Antwort: Wie mit der Leber, so ohne die Leber. Das umstehende, unwissende Weibervolk aber glaubte, da diese Worte zum Gebet gehrten und alle riefen mit weinerlicher Stimme: Wie mit der Leber, so ohne die Leber. Nach einem bestimmten Abschnitt begab sich eins dieser Weiber nach Hause und traf unterwegs eine zweite Frau, die in die Synagoge zurckkehrte. Diese fragte, welches Gebet jetzt dort gesagt werde. Nu ... das Gebet von der _=Leber=_. Die eine: Im vorigen Jahre hat man doch so etwas nicht gesagt. Die andere: heint efscher, weil ein Schaltjahr ist! ... Uns Kindern bot sich in den nchsten Tagen eine Reihe schner Aussichten. Mein Herz pochte freudig in Erwartung der kommenden Dinge. Gleich nach dem Frhstck wurde die Laubhtte besichtigt, eine gerumige, lngliche, hohe Laube mit groen Fenstern, die das ganze Jahr unbentzt blieb. Sie mute daher erst gewaschen, geschmckt und wohnlich gemacht werden, und der Diener ging sogleich ans Werk. Whrend der nchsten drei Tage bis Sukkoth hatten wir frei; man lernte, studierte nicht, und selbst das tgliche Beten wurde, wie mir scheint, zum groen Teil von den jungen Herren etwas vernachlssigt. Unseren Chederbesuch hatten wir schon seit Rausch haschono ganz eingestellt, da die Ferien fr die jdische Jugend bis zum Monat Cheschwan (von September bis Oktober) dauerten. Am Tage des Erew-Jomtows wurden alle im Hause befindlichen Teppiche in die Laubhtte zusammengetragen, mit denen die jungen Leute unter des Vaters Leitung die Wnde behngten. Man holte Spiegel, brachte die Mbel aus dem Ezimmer und selbst der Kronleuchter durfte nicht fehlen. Am Vorabend vor dem ersten Festtag legten alle festliche Gewnder an. Die Kerzen der groen silbernen Leuchter wurden von unserer Mutter und den jungen Frauen angezndet, und sie verrichteten ihr stilles, frommes Gebet, worauf wir uns alle mit groem Behagen auf die Sthle um den Tisch setzten und die geschmckte Sukke (Laubhtte) bewunderten. Ihre bewegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige ersetzt worden. Es sah wundervoll seltsam aus. Die vielen brennenden Kerzen, die bunten Teppiche, die hohen Kristallspiegel, die grne Tannendecke und der nchtlich blaue Himmel, der mit seinen silbernen, funkelnden Sternen so freundlich durch die Zweige hereinblickte, verliehen dem Raum eine mrchenhafte Pracht. Die Mutter, festlich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, sa mitten unter ihren verheirateten und unverheirateten Tchtern, die alle reich geschmckt waren. Dann kamen die Mnner aus der Synagoge heim und es gab das kstliche, patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der Tafelrunde. In ihren langen, schwarzen Atlasrcken (Kaftans), den breiten Atlasgrteln, den kostbaren, hohen Zobelmtzen und ihren strahlenden, jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besser aus, als die Jugend von heute im Frack und weisser Binde mit den blasierten, gelangweilten Mienen. Der Vater erteilte uns den Segen; alle wuschen sich die Hnde, beteten und nahmen ein Stck Barches, die in Honig getaucht wurde. Das Abendbrot, das mit Pfefferfischen erffnet und mit Gemse beschlossen wurde, war beendet. Viele, denen die herbstliche Abendluft zu khl wurde, verlieen die Sukke; einige blieben noch plaudernd sitzen. Am darauffolgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, und es war wieder ein imposanter Anblick, als die Mnner, Reihe an Reihe auf ihren Pltzen stehend, mit dem grnen, schlanken Palmenblatt in der rechten und der duftenden, goldgelben Ethrogfrucht in der linken Hand, den Lobgesang Hallel sangen und dann den Rundgang Hakofes, der Kantor voran, in der Synagoge machten. Gegen ein Uhr kehrten alle nach Hause zurck, und nun kamen zum Festtag viele Gste, denen man Wein und Sigkeiten vorsetzte. Den Nachmittag verbrachte jeder nach eigenem Belieben. Die einen schliefen, die anderen gingen spazieren. Aber keiner verga, da man sich schon um fnf Uhr in der Synagoge zum Vorabendgebet einfinden mute. Der zweite Tag unterschied sich fast gar nicht von dem ersten. Die folgenden vier Tage sind die sogenannten Chaulhamauedtage (Halbfeiertage), an denen zu fahren, zu handeln und zu kaufen gestattet ist. Doch machten die Juden von damals von dieser Freiheit keinen Gebrauch, und selbst sehr arme Handwerker hielten ihre Werksttte geschlossen und gaben sich der Lust, der Ruhe und den guten Bissen hin. Am fnften Tage, Hauschano rabbo, wird aufs neue die ganze Nacht mit dem Lesen gewisser Abschnitte aus der Mischna verbracht. Nach einer Volkssage sieht man an diesem Abend den kopflosen Schatten desjenigen, dem in diesem Jahr zu sterben bestimmt ist. In dieser Nacht soll sich der Himmel teilen und ffnen, und der fromme, gottesfrchtige Jude kann seine Pracht sehen! Nur mu man schnell Koll tow! (Alles Gute!) ausrufen und jeder Wunsch geht dann in Erfllung. -- In dieser Nacht bereitet auch der Schames (Synagogendiener) die Hauschanes vor (drei kleine Weidenzweige zu einem kleinen Bndel vereinigt), die ein jeder whrend des Gebetes ergreift, und sie whrend der ganzen Betzeit in der Hand behlt. Das hierfr bestimmte Hauschanegebet wird mit groer Andacht und unter Trnen verrichtet. Am Schlusse werden die Bltter der Weidenzweige abgeschlagen. Das Weibrot wird fr diesen Tag in Form eines Vogels gebacken. Die Volkssage erzhlt, da an diesem Tage im Himmel endgltig beschlossen wird, wer in diesem Jahre leben oder sterben soll, und da dieser Vogel zum Himmel fliegt und auf einem Zettel die Bestimmung zurckbringt. Den siebenten Feiertag des Laubhttenfestes nennt man Sch'mini hoazeres. Am Vorabend sind alle wieder festlich geschmckt. Am nchsten Morgen beginnt der Gottesdienst in der Synagoge sehr frh. Man fleht den Himmel um Regen an in dem sogenannten Regengebet (geschem), einer gedankenreichen, phantasievollen Dichtung. Dieses Gebet verlngert den Gottesdienst um mehr als eine Stunde und wirkt erhebend auf die Synagogenbesucher. Sch'mini hoazeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag. Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen vernderlich, oft schon empfindlich kalt war (manchmal schneite es sogar und man mute Pelze anlegen) hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee, in der Laubhtte bis zum letzten Tag. Alt und Jung, selbst wir Kinder, hielten streng die religisen Vorschriften ein, so gut verstanden es unsere Eltern, ihre Wnsche und ihren Willen im Hause aufrecht zu halten. Nachdem das Gebet verrichtet wurde, das nach der letzten Mahlzeit beim Verlassen der Sukko vorgeschrieben ist, wurden die Mbel, Stck fr Stck, in die Wohnung zurckgebracht, und die vor kurzem noch so herrlich geschmckte Laubhtte stand wieder leer und verlassen, ein treues Bild aller Herrlichkeiten unserer Welt. -- Jetzt kam der letzte Tag des Laubhttenfestes Simchas-Thaure (Freude ber die Thora) heran. Warum die Freude? Im Volke erzhlte man: Als die Juden auf dem Berge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie von ihrem Inhalt nur wenig; als sie aber die heilige Schrift ganz in sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glck und ihre Freude. Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschatz geworden fr alle Zeiten, trotz der Unterdrckung, der Verfolgungen und Demtigungen, die sie erdulden muten. Am Simchas-Thora reit diese Freude alle Schranken nieder. Wozu man sonst nur sehr selten Gelegenheit hat: man sieht an diesem Tage betrunkene Juden in den Straen. Auch in unserem Hause ging es ziemlich bunt zu. Allerlei Getrnke wurden bereitet, die besten Speisen mute die gute jdische Kche herhalten. Viele Gste wurden zu Mittag geladen, die Kinder, auch das Gesinde erhielten volle Freiheit und die strenge Disziplin war aufgehoben. Mein Vater sah es ebenso wie alle Gste fr eine Mizwe (eine religise Handlung) an, sich bei Tische ein Ruschchen anzutrinken. Meine Eltern hinderten die jungen Mnner nicht, wenn sie bermtig, ja ausgelassen tanzten und sangen; der Vater sang sogar munter mit. Es fehlten nur die Klnge einer Fiedel, da der Jude an den Feiertagen ein Musikinstrument nicht einmal berhren darf. Es wurden auch viele religise Tafellieder, die sich auf diesen frohen Tag bezogen, im Chor gesungen. Fr meinen Vater hatte der Simchas-Thora-Tag noch eine besondere Bedeutung. Wie ich bereits erwhnt habe, war die Hauptbeschftigung meines Vaters das Talmudstudium, das er um so eifriger betrieb, wenn er groe Verluste in seinen Unternehmungen erlitten hatte. Er pflegte dann der Welt den Rcken zu kehren, flchtete sich in ein Studierzimmer und lebte nur al hathauro und al hoawaudo wie der Jude sich kurz und bndig ausdrckt, d. h. nur in der Lehre der Gesetze und im Gottesdienst, was der Hauptzweck seines Lebens wurde. So machte er von Zeit zu Zeit ein Ssium (d. h. ein Werk vollenden); ein solches Ereignis wird im jdischen Volke freudig gefeiert und bringt Ansehen und Ehre, besonders wenn es ein Ssium auf ganz Schass, d. i. ein Durchstudieren des ganzen Talmuds und aller Kommentare ist. Mein Vater pflegte seinen Ssium auf einen Simchas-Thora zu verlegen. Das bunte Treiben an diesem Tage dauerte bis zum Abend, beim Vorabendgebet aber waren alle schon wieder ernst. Der Vater machte wieder Awdolo und jetzt hie es S'miraus, d. h. fromme Lieder singen. Der groe Samowar brodelte und dampfte bereits auf dem Teetisch, und bis spt in die Nacht saen die fleiigen Trinker gemtlich beisammen. Mit Simchas-Thora sind die sogenannten Jomim nauroim, d. h. die ernsten Tage zu Ende, wenn auch schon der nchste Schabbes Bereischis vor einem gewhnlichen Sabbath ausgezeichnet ist, da jetzt der Anfang der Bibel wieder, der erste Abschnitt Bereischis vorgelesen wird. Der nchste Tag nach Simches-Thora ist Isserchag und gilt auch noch als Feiertag. Der Tisch, der volle acht Tage festlich geschmckt war, blieb auch heute bedeckt, was am Werktage sonst nach dem rituellen Gebrauch nicht geschieht. Das Mittagbrot wurde zu frher Stunde eingenommen und bestand aus kalten Speisen, die vom Vortag zurckgeblieben waren, eine Menge von guten, schmackhaften Sachen: kalte Pfefferfische, kalter Putenbraten usw. Nur der Borscht (eine Suppe aus gesuerten roten Rben) wurde frisch bereitet. Die Zeit der Feste war vorber. Langsam kam das Leben wieder ins alte Gleise. Eine Abwechslung brachte der Rausch chaudesch. Am zehnten oder zwlften Tag jeden Monats wird der Mond, wenn er am Abendhimmel glnzt, nach jdischem Gesetz bewillkommnet. Als Kind liebte ich es, durchs Fenster zuzusehen, wenn mein Vater sich in Begleitung von noch zehn Juden in den hellen Mondschein stellte und betete. Mit munteren Worten und die Augen gen Himmel gerichtet pries er den milden Mond. Dies geschah gewhnlich Samstags abend. Den erew rausch chaudesch, d. h. den Tag vor Rausch chaudesch (Neumond) pflegte man in meinem elterlichen Hause in eigener Weise zu begehen. Unter den damaligen Juden gab es viele, die an diesem Tage fasteten und besondere Gebete verrichteten. Viele Bettler, alte, kranke, in Lumpen gehllte, halbnackte Mnner und Weiber mit verzerrten Gesichtern, junge Leute, Mdchen und Kinder, kamen scharenweise an diesem Tage, ihr Rausch chaudesch-geld zu holen, da jeder Butag bei den Juden durch Almosen seine Weihe erhalten mute. War es doch blich, da auer an diesem Tag viele im Volke in jeder Woche am Montag und Donnerstag zu fasten pflegten und an Arme Almosen verteilten. An diesen Tagen konnte man auch die sogenannten Gabbettes in Aktion sehen. Gabbettes sind fromme Seelen, gute, selbstlose Frauen, wahre religise Patronessen des armen jdischen Volkes, deren Lebensaufgabe es war und in Litauen noch bis heute ist, sobald sie in ihrem eigenen Hause alles besorgt haben, mit einer zweiten Gabbette von Haus zu Haus in die Armenviertel zu gehen, um dort das Elend und die Not zu lindern. Paarweise laufen sie durch die Gassen, erbetteln von Krmern und Kaufleuten in den Buden Lebensmittel; und in alle Privathuser kommen sie, um ein Almosen zu erbitten, Geld oder Speisen, alte Kleider usw. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft einer solchen Gabbette, die oft zu uns kam. Sie war ein Engel an Gte und Seelengre. Ihr Name war Itke, die Hefterke. Sie pflegte meiner Mutter von all dem Elend und der Armut in der Stadt zu erzhlen. Mit zerknirschtem Herzen und Trauer in den Zgen behauptete sie symbolisch, Perlen und Brillanten lgen in den Gassen herum, aber nur sehr wenige bemhten sich, die aufzunehmen. Sie meinte damit: Man knnte so viele Wohltaten an den Armen ben, und die wenigsten mhten sich darum. Nur diese Juwelen behauptete Itke, die Hefterke, kann man nach dem Tode mit ins Jenseits nehmen. Meine Mutter pflegte an Rausch chaudesch eine ansehnliche Summe Geld zu verteilen. Alte Mnner und Frauen bekamen eine Mnze von drei polnischen Groschen, d. h. eineundeinehalbe russische Kopeke. Je jnger der Arme war, um so weniger, bis auf einen Groschen herunter, bekam er. Den Kindern gab man nur eine Prute. Diese Mnze war der dritte Teil eines polnischen Groschens, folglich ein Sechsteil einer Kopeke. Diese Mnze pflegte in Brest-Litauen von dem jdischen Gemeinderat mit Erlaubnis der Regierung verfertigt zu werden. Ich erinnere mich, da diese Prute nur an Arme gegeben wurde, whrend sie im Geschftsleben nicht gangbar war. Zuerst wurde sie in Blei gegossen mit der hebrischen Aufschrift Prute achas, d. h. eine Prute. Als aber damit Mibrauch getrieben wurde, schaffte man sie ab, und stellte die Prute aus Pergament her. Sie trug dieselbe Aufschrift. Diese Prute hatte ungefhr die Gre eines Zolls in der Lnge und eines halben Zolls in der Breite. Auch dieses Pergamentgeld wurde bald abgeschafft; und an ihre Stelle trat die Prute in Form eines mittelmigen, runden Knopfes aus Holz mit einer kleinen Vertiefung, die mit rotem Siegellack gefllt war, worin das Wort Prute und der Petschaft des Gemeinderats eingedrckt waren. Das Verteilen der Almosen war eigentlich die einzige Form, in der in unserer Familie der Erew Rausch-Chaudesch begangen wurde. Den darauf folgenden Tag aber, den Rausch chaudesch selbst betrachteten wir als einen halben Feiertag. In der Synagoge wurde das Gebet halel usw. gesagt, zu Hause gabs gute Speisen zu Mittag; den ganzen Tag ber durfte brigens keine Handarbeit verrichtet werden. Der Rausch-Chaudesch spielte berhaupt eine wichtige Rolle im Leben der Juden. So war es blich, an diesem Termine Wohnungen und Dienstboten zu mieten und wichtige hauswirtschaftliche Arbeiten auf diesen Tag zu verlegen -- besonders aber das Gnse setzen, wie es damals hie. Man pflegte 30-40 Gnse in einem engen Kfig zusammenzupferchen, so da sie sich kaum bewegen konnten, gab ihnen sehr viel zu fressen, aber sehr wenig zu trinken. Bei dieser Kur wurden sie sehr fett. Genau einundzwanzig Tage mstete man das Geflgelvieh, damit ihr Fett sich mehre und die Leber im Leibe grer wrde, dann wurden sie geschlachtet; wartete man mit dieser Prozedur nur einen Tag, so war -- wie man glaubte -- die ganze Msterei vergeblich. Rausch-Chaudesch kislew wurden die Gnse eingekerkert. Am einundzwanzigsten Tage kam mit Tagesanbruch der Schlchter mit seinem Gehilfen. Er zog das groe Schlchtermesser aus der ledernen Scheide, machte es unheimlich scharf, prfte die Schrfe an seinem Nagel, und ging dann in Begleitung der Kchin und des Nachtwchters mit einer Laterne in den Gnsestall, um das Todesurteil an den Gnsen zu vollziehen. Natrlich sagte er, bevor er die erste Gans schlachtete, das vorgeschriebene Gebet. Nach einer Stunde war das Werk vollbracht. Man schleppte die geschlachteten Gnse in die Kche, wo sie ein paar arme Weiber rupften, sengten, reinigten und salzten und eine volle Stunde im Salze liegen lieen. Dann bego man sie dreimal mit kaltem Wasser, und sie waren koscher. Der Lrm in der Kche und im ganzen Hause war gro! Eile war ntig; denn zu Chanuka brauchte man viel Schmalz, Gnseleber und besonders die schmackhaften Grieben! Da gab es schmackhafte Leber- und Griebenpasteten und das herrliche Gericht des gedmpften Gnsekleins. Nach einem Aberglauben oder einer mystischen Tradition mute der Schlchter von Rausch-Chaudesch kislew an bis Rausch-Chaudesch adar, also drei Monate lang, von dem von ihm geschlachteten Federvieh ein Glied, einen Fu oder Kopf und dergleichen essen, sonst mte er jeden Augenblick frchten, gelhmt zu werden. Wir pflegten ihm immer das linke Fchen jeder Gans zu berlassen. Da er jedoch diese Flle nicht vertilgen konnte, so bereitete man aus den vielen Fchen eine Brhe, die er verzehren mute! -- Groe Bedeutung hatte auch das Ausbraten des Gnseschmalzes. Es mute in aller Stille geschehen, entweder noch vor Tagesanbruch oder spt am Abend, damit kein bser Blick darauf fiele -- sonst liefe das ganze Schmalz aus dem Topfe! War aber beim Ausbraten nur eine stille Person ttig, dann kam -- so glaubte man -- der gute Hausgeist in Gestalt eines Zwerges und machte, da das Schmalz ber den Brattopf quillt; und schpfte man es in ein anderes Gef ab, so mehrte es sich ohne Unterla, bis alle leeren Geschirre, selbst das groe Wasserfa, im Hause mit dem Schmalz gefllt wren; dann erst verschwindet der Zwerg. Aus meiner Schilderung knnte die heutige Jugend schliessen, da das Leben in einem jdischen Hause der alten Zeit durch seine Sitten und die Strenge seiner Gebruche unertrglich schwer war. O nein! Die damaligen Juden hatten ihre groen Freuden, genossen viel Vergngen, Ruhe, Behagen; aber alles nur im Kreise der Familien im eigenen Hause; kein Herumstreifen in den Ballsalons, auf Reisen, in den Bdern, ber Berge, und Meere. Er lebte ruhig, gut und lange. Er gab seinem Gotte, was ihm gebhrt und nahm vom Leben das, was ihm behagte. Es lag Weihe und tiefes Symbol in den Formen des Lebens, was man von den Zeremonien und Bruchen der jetzigen Gesellschaft nicht gerade behaupten kann. Gewi haben auch sie die Bedeutung, die Menschen aneinanderzufgen und auch den Individuen die hhere Form einer Gemeinschaft zu schaffen. Allein wer kann leugnen, dass diese Bindung armselig erscheint gegenber jener festen, sozialen Verknpfung, die das jdische Gesetz vorschrieb und die das einstige jdische Leben erreichte. Einer war fr den anderen orew, d. h. Brge, und die Formeln Kol Jsroel chawerim (Ganz Israel Brder) und Achenu benei Jsroel hatten einen Inhalt! Es war nur konsequent, wenn damals ein Jude vor dem anderen nicht den Hut zog. Aus dem gleichen Grunde wurden jdische Freidenker, wenn sie ffentlich ein religises Gebot verletzten, vom Volke mit Vorwrfen verfolgt. Wenn beispielsweise solch ein Freidenker am Sonnabend Abend, an dem man nur eine bestimmte kurze Strecke gehen und Stock, Schirm, Taschentuch ohne Erew nicht tragen darf, sich mit diesen Lasten auf der Strae zeigte, empfing man ihn mit feindlichen Blicken, weil er gegen den Grundgedanken des mosaischen Gesetzes -- dem der Gemeinbrgschaft und der Verantwortlichkeit des Einzelnen gegen die Gesamtheit -- verstie. Die Snde des Einzelnen mu eben das ganze Volk ben. Der Beginn der Aufklrungsperiode. I. Lilienthal. Von der hohen Altersstufe aus, die ein gtiges Geschick mich hat erreichen lassen, will ich einen Rckblick auf die fr die Juden Litauens kulturell bedeutsame Epoche gegen Ende der dreiiger Jahre des vorigen Jahrhunderts werfen. Ich sehe es als ein Glck an, jene Periode miterlebt zu haben, in der die grozgigen Reformen unter der Regierung Kaiser Nikolaus I. die geistige, ja sogar die physische Regeneration der Juden in Litauen herbeifhrten. Wer, wie ich, die Zeit von 1838 bis heute durchlebt, all die religisen Kmpfe im Familienleben der litauischen Juden mitgemacht und schlielich den groen Fortschritt beobachtet hat, der darf und mu seiner Bewunderung fr die Idee jener Reformgesetze Ausdruck verleihen und sie segnen. Ja, man darf sogar mit Begeisterung von ihr sprechen, wenn man die _=zumeist=_ unkultivierten, armseligen Juden der vierziger Jahre mit den litauischen Juden der sechziger und siebziger Jahre vergleicht, unter denen es heute so viele vollkommen europisch gebildete Mnner gibt, die auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, Wissenschaft und der Kunst Hervorragendes leisten und denen es an ueren Ehren und Titeln nicht fehlt. Die Menge ahnt oft instinktiv das Eintreten eines groen Ereignisses vorher. Im ganzen litauischen Gebiete verbreitete sich pltzlich das Gercht, den Chedarim (jdischen Volksschulen) stehe eine grndliche Umwandlung bevor; von den Melamdim (Volksschullehrer), die bisher im jdischen Jargon Unterricht erteilten, werde knftighin die Kenntnis des Russischen gefordert werden, damit sie die Bibel den Schulkindern in diese Sprache bersetzen knnten. Dieses Gercht brachte den lteren Mnnern schwere Sorge. Sie dachten voll Schrecken daran, da das Hebrische, das Wort Gottes, wohl allmhlich vernachlssigt werden sollte. Die Jngeren aber, darunter meine beiden lteren Schwager, nahmen die neue Kunde mit gespannter Erwartung auf. Aber sie wagten es nur flsternd ber die kommende Neugestaltung zu sprechen. Die Melamdim waren einfach verzweifelt ... Eines Tages brachte mein Vater, vom Vorabendgebet zurckkehrend, aus der Synagoge die hochinteressante Mitteilung, da das unlngst aufgetauchte Gercht sich bewahrheite, ein Doktor der Philologie, namens Lilienthal, sei vom Ministerium fr Volksbildung (an dessen Spitze der gebildete und humane Minister Uwaroff stand) beauftragt worden, ganz Ruland zu bereisen, um das Bildungsniveau der Juden im ganzen Lande zu prfen, sich ber die Melamdim zu informieren, in deren Hnden der Unterricht der jdischen Jugend lag; in Petersburg sei ein groartiger Reformplan entworfen worden und mit den Rabbinerschulen in Wilna und Schitomir sollte innerhalb eines gewissen Zeitraums auch begonnen werden. Meinen Vater, der strengglubig war, betrbte jedoch eine bevorstehende Reform nicht zu sehr, denn er selbst klagte stets ber die schlechte Unterrichtsweise in den jdischen Schulen von Brest und wnschte mancherlei Verbesserungen auf diesem Gebiete. In der Tat war mit der Aufgabe, westeuropische Bildung unter den Juden zu verbreiten, der Inspektor der Rigaer Volksschulen, Dr. phil. Lilienthal, betraut worden, weil er europisch gebildeter Jude und zugleich mit der hebrischen Sprache vertraut war und einiges talmudische Wissen besa. Lilienthal hatte sein Werk damit begonnen, da er sich zunchst mit den angesehensten, jdischen Gelehrten in Verbindung setzte, die whrend ihres ganzen Lebens in engster Fhlung mit dem Volke standen. So wandte er sich an den berhmten Rabbi Reb Mendele Libawitzer, das Haupt der Chassidim-Sekte, die mehr als 100 000 Anhnger in Litauen und Kleinruland zhlte. Er hoffte, diese Autoritt fr seine kulturellen Reformen gewinnen zu knnen. Ebenso eindringlich bemhte er sich um Reb Chaim Woloshiner, den Leiter der dortigen Jeschiwa. Beide Mnner berief der Minister nach Petersburg zur Beratung. Einen Erfolg hatte Lilienthal damit nicht, denn die groe Menge der Anhnger des Libawitzer Rabbi lieen aus Furcht ihren vergtterten Rabbi diesem Rufe nicht folgen, da sie erfahren hatten, da es sich um groe Reformen im Talmud- und Bibelunterricht handelte. Die Libawitzer fingen an, mit allen Mitteln gegen die Reformen zu eifern, unbekmmert um die Folgen (cf. Zeitschrift Woschod 1903). In Petersburg war man entrstet, aber Reb Mendele wurde nur mit einem kurzen Hausarrest bestraft. Reb Chaim Woloshiner weigerte sich auch, dem Rufe des Ministers nachzukommen. Er entschuldigte sich mit seinem hohen Alter: die Reise nach Petersburg sei fr ihn zu beschwerlich. Er empfahl an seiner Stelle Reb David Bichewere. Dieser Vorschlag wurde aber nicht angenommen; und so trat Dr. Lilienthal die Reise nach dem Niederlassungsgebiete der Juden an. -- Einige Tage waren seither verstrichen, als mein Vater die Kunde brachte, Dr. Lilienthal sei bereits in Brest, unserem damaligen Wohnort, eingetroffen, und er wolle zusammen mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, dem Doktor einen Besuch abstatten. Meine Mutter uerte ihr nicht geringes Erstaunen ber diese Absicht; der Vater erklrte ihr kurz und bndig: Wenn er selbst die jungen Leute nicht zu Dr. Lilienthal fhren werde, so fnden sie schon selbst den Weg. Ich glaube aber, das war blo eine Ausrede: mein Vater war selbst sehr gespannt, die Bekanntschaft des Dr. Lilienthal zu machen, um so rasch wie mglich Genaueres ber die bevorstehende Umwlzung im Schulwesen zu erfahren. Meiner Mutter geistiges Auge sah aber in dieser ganzen Angelegenheit tiefer und schrfer als das meines Vaters, was sich in der Folge auch besttigt hat. Den Jubel der jungen Mnner zu schildern, da sie bald den interessanten Dr. Lilienthal besuchen sollten, ist unmglich. Besonders glcklich war mein lterer Schwager, der neben hervorragender Begabung und ungewhnlichen talmudischen Kenntnissen einen unermdlichen Flei besa. Im Alter von vierzehn Jahren hatte er fast das gesamte Wissen eines Rabbiners inne. -------- Der Besuch bei Dr. Lilienthal war vorber. Mein Vater hat viel, sehr viel erfahren: Erstens: Kein Chasid darf Melamed sein, zweitens: Jeder Melamed ist verpflichtet, die russische Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen und deutsch lesen zu knnen; ferner ist der Melamed verpflichtet, die Bibel und alle Propheten ohne Ausnahme genau zu kennen und endlich darf der Melamed mit den Schlern, die bereits im Talmud Unterricht erhalten, die folgenden Abschnitte nicht durchnehmen: Baba Mezia (Feldschaden), Baba Kama (Wechselrecht), Baba Basra (Baugesetze). Dr. Lilienthal hielt sich einige Zeit in Brest auf und besuchte auch seinem Auftrag gem viele Chedarim. Er war entsetzt und niedergedrckt von dem verwilderten Aussehen der Melamdim, aber berrascht und entzckt von der semitischen Rassenreinheit der Zglinge, insbesondere von ihren schwarzen, klugen Augen. Er war auch Zeuge einer Szene, die ihn tief bewegt hat, denn er berzeugte sich, von welch groer Wichtigkeit fr jeden Juden, selbst fr die rmsten, der Unterricht der Kinder ist. Dr. Lilienthal besuchte eines Tages ein Stadt-Cheder und bemerkte, da sowohl der Melamed, als auch die Schler aufgeregt ein unbestimmtes Etwas erwarteten. Bald darauf trat in das Cheder ein rmlich gekleideter Jude ein, der seinen Knaben im Alter von etwa sechs Jahren, in einen groen Talles[Q] ganz eingewickelt, auf dem Arm trug. Dem Vater folgte die Mutter auf den Fersen. Beide weinten vor Freude und aufrichtiger Dankbarkeit gegen Gott, da er sie diesen schnen, bedeutungsvollen Augenblick hatte erleben lassen, ihren Sohn zum erstenmal in das Cheder bringen zu knnen. Die Schar der Schler strmte von drauen herein, um dem Vorgang gaffend beizuwohnen. Der Melamed rief den Fremden ein lautes Scholem aleichem (Friede mit euch!) entgegen, stand von seinem Sitz auf und nahm den Helden dieser Szene in seine Arme, seinen neuen Schler. Nun wurde der Kleine auf den Tisch gestellt, und er weinte beinahe vor berraschung und Aufregung. Hierauf setzte man ihn auf die nchste Bank, und da erhielt er vor allem Kuchen, Nsse, Rosinen und Naschwerk, wovon die glckliche Mutter eine Schrze voll mitgebracht hatte. Alle Zuschauer gratulierten den glckseligen Eltern zum ersten Schulgang ihres Sohnes. Der Melamed setzte sich zu dem Kleinen, ergriff das auf eine Kartontafel aufgeklebte gedruckte Alef-Beis (Alphabet), legte es vor den Kleinen hin, nahm sodann das groe Deitelholz zur Hand, und nun segnete er den Anfang des Unterrichts mit dem Wunsche ein: Der Junge mge zu Thora-Lernen (d. h. Gelehrsamkeit), zu Chupe (Trauung) und zu Maassim-towim (guten Taten) erzogen werden. Amen sagten die Eltern und alle Umstehenden. Hierauf zeigte der Melamed dem angehenden Schler zum ersten Male das Alef (A), und nachdem der Junge das wie ein Papagei einige Male nachgesagt hatte, auch das Beis (B) und dann auch das Gimel (G). Die freudestrahlende Mutter hatte alle Anwesenden vergessen. Sie fhlte sich in den Himmel versetzt. Mit vollen Hnden verteilte sie die mitgebrachten Leckerbissen, wobei ein Malach (Engel) dem knftigen Gelehrten fr jeden Buchstaben das Beste und Schmackhafteste von der Hhe herab, gerade vor seine Nase warf. In solcher Weise begann der Knabe mit seinem sechsten Lebensjahr seine Schulpflicht zu erfllen..... Whrend seines Brester Aufenthaltes versammelte Dr. Lilienthal tglich viele junge Leute um sich, denen er von der Notwendigkeit sprach, sich westeuropische Bildung anzueignen. Er gab ihnen ntzliche Ratschlge, schilderte ihnen in schnen Bildern ihre eigene Zukunft als Mnner der Bildung und gewann sich damit die Herzen der empfnglichen Jugend, die wohl auf religisem Gebiete den Bruchen der Eltern treu blieb, sonst aber neue Bahnen einschlug und sich immer mehr von den kulturellen Anschauungen der lteren Generation entfernte -- das charakteristische Merkmal der Lilienthalschen Epoche! Von Brest reiste Dr. Lilienthal sodann nach Wilna, um auch dort seine Mission zu erfllen. Eine Deputation der Gouvernementsstadt Minsk begrte ihn und lud ihn zu sich ein. Dr. Lilienthal leistete der Einladung Folge und ging nach Minsk, wo er von den angesehensten Juden mit den grten Ehren empfangen wurde. Gleich nach seiner Ankunft wurde eine Assiphe (allgemeine Versammlung) einberufen, in der er wichtige Fragen beantworten sollte. Die Herren S. Rapaport und O. Lurie fhrten in der Versammlung das Wort. Die wichtigste Frage war: Was beabsichtigt der Minister fr Volksbildung eigentlich mit der Reform? Sollten am Ende alle Juden Rulands lediglich zur Taufe vorbereitet werden? Dann wrden sich alle Juden wie ein Mann gegen diese Reformen auflehnen und sie zum Scheitern bringen. Denn nhme man dem Juden seine Religion, so wankte der feste Boden unter seinen Fen und er sei verloren. Seine eigenen Kinder wrden sich gegen ihn empren. Dr. Lilienthal war entsetzt. Er schwur bei einer Sepher-Thora (heiligen Rolle), da er den Juden Volkstum und Religion erhalten wolle und die Taufe verabscheue. Vor Aufregung weinend, versicherte er immer wieder, da er nur das Beste fr die Juden anstrebe. Schlielich gelang es ihm, die Versammelten zu beruhigen. Auch nach der Stadt Woloschin, in der damals die Jeschiba (Talmudische Hochschule) in hchster Blte stand, kam er in Erfllung des ministeriellen Auftrages. Jeschiba ist eine Lehranstalt fr erwachsene Jnglinge, die in dem Talmudwissen bald zur hchsten Stufe gelangt und zur Rabbinerstelle reif sind. Solche Talmudlehranstalten gab es damals drei, in Woloschin, in Mir und in Minsk. Fr diese Anstalten wird noch bis jetzt von der gesamten Judenschaft gesammelt. In einer jeden dieser Anstalten bekamen dann mehr als 200 Jnglinge ihren Unterricht. Ein besonders groes Gebude mit einigen groen, gerumigen Zimmern! Ein Haupt, eine Art Direktor, ein groer Talmudist, ein religiser, kluger, sehr ehrlicher Mann leitet diese Anstalt, whrend viele Melamdim -- erprobte Talmudisten -- den jungen Leuten Unterricht erteilen. Das Kontingent der Schler besteht aus allen Klassen des jdischen Volks, meistens aus der mittleren Klasse, deren bares Kapital das geistige Vermchtnis ausmacht. Diese leben meistenteils auf Kosten der Anstalt. Junge Leute aus reichen Kreisen sind hier auch zahlreich vertreten, meist sind es schon verheiratete Mnner, die, Vter einiger Kinder, auf eigene Kosten hier leben. Mein Vater selbst hatte schon drei Kinder, whrend er in der Woloschiner Jeschiba das ganze Jahr lernte. Nur zu den Feiertagen kam er nach Hause. In Woloschin musste Lilienthal, um die Gemter zu besnftigen, wiederholt beschwren, da er allen Bestrebungen, die Juden der Taufe nher zu fhren, fern stnde. -------- In aller Stille nahm unter den Juden Rulands die Kulturbewegung ihren Anfang. Die Jugend regte sich energisch; die geistige Arbeit begann. Es kostete wenig Zeit und verhltnismig geringe Mhe, die angedeuteten Reformen durchzufhren. Eine erfrischende Luft wehte durch die jdische Gesellschaft der Stadt Brest, wie aller anderen russisch-jdischen Orte. Ich habe schon erzhlt, wie gro der Jubel meiner Schwager ber die bevorstehenden Reformen war. Aber sie muten an sich halten, um sich nicht zu verraten und meine Mutter nicht zu verletzen, die ihr prophetisches Urteil ber diese Wandlung hatte. Indessen waren meine Schwager nicht die einzigen in Brest, die sich fr die westeuropische Kultur begeisterten. Es gab auch eine Gruppe von mehr als 20 jungen Mnnern, welche die Lilienthalsche Bewegung sehr ernst nahmen und in ihrem Kreise eifrig fr die Sache wirkten -- stieen sie auf einen beschrnkten Menschen, so waren sie der Ansicht, da es schlielich auch gengen wrde, wenn dieser wenigstens eine Adresse in russischer Sprache schreiben knnte. Man darf nicht vergessen, da die Kenntnisse meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen in den europischen Sprachen jener Zeit sehr begrenzt waren und in Lesen, Schreiben, ein wenig Russisch und Polnisch bestanden. Die deutsche Sprache war ihnen gelufiger. Sie hatten eine Ahnung von der klassischen Literatur dieser Sprachen und mancher Wissenschaften. Die niedere, jdische Klasse aber verstand weder zu schreiben, noch zu lesen oder eine europische Sprache zu sprechen; sie sprachen ein drftiges Polnisch, und ein Kauderwelsch von Deutsch und Russisch wurde von der jdischen Kaufmannschaft notgedrungen gebraucht; whrend der Pbel ein Gemisch von Polnisch, Russisch, Lettisch sprach, dessen sie sich auf den Mrkten mit den Dorfbewohnern bedienten. Tiefgreifend konnten die Umwlzungen erst werden durch die Begrndung in neuem Geiste geleiteter Rabbinerschulen. So entstanden die Schulen in Wilna und Schitomir. Die ersten Schler waren zumeist junge Leute, die sich alle Mhe gegeben hatten, bei Erffnung der Schulen aufgenommen zu werden. Nur selten war ihnen der Eintritt in diese Schulen ohne Kmpfe in der Familie mglich. Wem es nicht leicht wurde, der ri sich von Weib und Kind los und flchtete sich nach Deutschland, wo er oft mit harter Not Medizin, Pharmacie, Philologie oder anderes mit glnzendem Resultate studierte. Die Stadt Rossieni in Kurland kann mehr als 10 solcher Ritter vom Geiste nennen, rzte, Juristen, Apotheker, Philosophen und Dichter, die teils in Ruland, teils im Auslande studiert hatten. Noch jetzt lebt und wirkt in Ruland ein Professor der orientalischen Sprachen, der seine Jugend beim Talmudfolianten verbracht hat und sich spter in dieser Weise ausgebildet hat. Freilich er und seine Kinder sind getauft. Auch den jdischen Astronomen Ch. S. Slonimsky haben seine bedeutenden, talmudischen Kenntnisse nicht gehindert -- vielleicht haben sie sogar dazu beigetragen, in der Mathematik berhmt zu werden. -- Die Mehrzahl der Zglinge in den neuen Rabbinerschulen waren frher Talmudisten. Sie lernten leicht, und die meisten erhielten beim Abgang von der Schule die goldene Medaille, ebenso diejenigen, die spter die Universitt besuchten! Das Studium des Talmuds ist eben eine in jeder Hinsicht gute, geistige bung, wozu noch die Wibegier, der temperamentvolle Charakter und der geistige Schwung des damaligen Juden kamen. -------- Einen Tag nach dem Besuch bei Dr. Lilienthal finden wir die jungen Leute, meine Schwager, in ihrem Studierzimmer nachdenklich beieinander sitzend. Die Bcher werden schon zu finden sein, sagte mein wibegieriger, lterer Schwager. Wir mssen nur darauf bedacht sein, vom Talmudlernen Zeit fr unser neues Studium zu erbrigen, ohne die Aufmerksamkeit der Eltern zu erregen ..., worauf der andere in seiner phlegmatischen Weise antwortete: Ja, gewi! Wenn du zu studieren beginnst, halte ich auch mit. Dr. Lilienthal hatte ihnen in erster Linie das Studium der russischen Sprache empfohlen; dann, als gleichfalls sehr wichtig, Naturgeschichte, sowie die deutsche Literatur. Einige Zeit darauf gab es mehrere strende Zwischenflle, die der Komik nicht entbehrten. Meine Mutter war seit dem Besuche der jungen Leute bei Dr. Lilienthal fest berzeugt, da ein neues, fremdes Element in ihr Haus, ebenso wie bei den anderen Juden in Ruland, eingezogen sei, wobei das Wort Gottes wirklich hintenangesetzt werden sollte. Und sie ward sehr traurig. Unauffllig, aber scharf beobachtete sie das Verhalten und die Handlungen der jungen Leute. Die Schwager hatten sich die ntigen Lehrbcher verschafft und zu studieren begonnen, was natrlich auf Kosten des Talmudstudiums geschehen mute. uerlich blieben sie ruhig und schienen sich wie gewohnt, mit dem Talmud zu beschftigen. Doch konnte ein aufmerksamer Beobachter unter den groen Talmudsfolianten nicht selten einen Band von Schillers oder Zschokke-Werken entdecken; im letzteren erfllte besonders die idyllische Lebensweise Engelberts die jdische Jugend mit Begeisterung, whrend die Prinzessin von Wolfenbttel -- zumal bei den jdischen Frauen -- Sympathie und Mitleid erregte. Und Schillers Marquis Posa galt allen jngeren Mnnern als Vorbild. Die nchterne, russische Grammatik war auch zur Hand, und in der Bchersammlung fehlte auch eine Naturgeschichte nicht. Mein Vater lie seit dem Besuche bei Dr. Lilienthal keine Gelegenheit unbentzt vorbergehen, von ihm und seiner wichtigen und groen Aufgabe zu sprechen. Es tat ihm ordentlich wohl, mit jedem Gast und besonders mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, die groartigen Reformen zu errtern. Er geriet in Eifer bei solchen Gesprchen, lobte, da endlich auf dem Gebiete des Unterrichts der jdischen Jugend Ordnung geschaffen werden sollte, grollte aber doch, da Dr. Lilienthal so gottlos gesprochen habe, da man die frher erwhnten Talmudabschnitte der jdischen Jugend entziehen msse, und man sich gegebenenfalls nicht nach den Talmudgesetzen richten solle. ... Es war eines Morgens in dem denkwrdigen Sommer des Jahres 1842, als meine Schwager, ohne zu ahnen, da jemand sie hren knnte, die neuen Bcher aus ihrem Versteck holten, auf den offenen Talmudfolianten legten und im Vereine mit dem dritten, Reb Herschel, einem Melamed aus der Kehila Orlo, der genial war und groe talmudische Kenntnisse besa, laut schreiend ber einen Satz im Don Carlos disputierten. Um einer immerhin mglichen berraschung vorzubeugen, lasen und sprachen sie genau in derselben singenden Weise, in der sie sonst den Talmud zu lernen pflegten. Meine Mutter schien seit dem Erscheinen Dr. Lilienthals wie von einem Gespenst verfolgt, und nun wollte sie in das Studierzimmer der jungen Leute gehen in der Hoffnung, sich berzeugen zu knnen, da ihre qulenden Gedanken doch unbegrndet seien, und da der Teufel in Gestalt Dr. Lilienthals sich doch noch nicht vllig ihrer Schwiegershne bemchtigt htte. Sie blieb unten an der Treppe, die zum Studierzimmer fhrte, lauschend stehen. Dann stieg sie die Treppe hinan, blieb wieder stehen, lauschte und hrte mit Freude, wie fleiig drin gelernt wurde. Als sie aber das Ohr der geschlossenen Tr nherte und aufmerksamer horchte, erfate sie Schreck und Erstaunen. Ein furchtbarer Ausdruck von Enttuschung und rger verstrte ihre Gesichtszge. Von Omar abaje, mit welchen Worten viele Traktate des Talmud beginnen, hrte sie nichts. Blo Marquis Posa, Herzog Alba usw. Sind es also wirklich nur die sndigen Bchlech, mit denen sich die jungen Leute befassen? dachte sie mit einem groen Weh im Herzen. Es verstrich eine geraume Zeit, ehe meine Mutter sich fassen konnte. Dann ergriff sie mit zitternder Hand die Klinke, ffnete die Tr und blieb wortlos vor rger auf der Schwelle stehen. Beim Gerusche der sich ffnenden Tre wandten die drei berraschten die Kpfe um, und sie htten sicherlich aufgeschrieen, wenn ihnen der Atem nicht versagt htte. Ihre erste Bewegung war, da sie smtliche Bcher unter den Tisch gleiten lieen; sie wollten ja der Mutter nicht trotzen. Es tat ihnen sogar weh, da diese Bchlech ihr soviel Kummer bereiteten. Allein der Reiz des Neuen, das Anziehende im Studium der fremden Sprachen und der Wissenschaften nach dem Einerlei des Talmudlernens war von einem unwiderstehlichen Zwange. Meine Mutter gewann zuerst wieder die Herrschaft ber sich und rief laut: O Himmel, ich soll in meinem eigenen Hause das Wort Gottes so verhhnt sehen! In demselben Nigen (Tonfall), in dem ihr den Talmud lernt, verhhnt ihr ihn jetzt durch das Lesen dieser apikorssischen (abtrnnigen) Bchlech!! Und auch Ihr, Reb Herschel, Ihr habt es auch ntig?! Was wollt Ihr damit in Eurer Kehile Orlo machen! Ihr wollt auch ein Apikaures (Abtrnniger) werden, wie meine jungen Leute? Sie war bei dieser Rede so aufgeregt, da ihre Fe ihr schier den Dienst versagten. Die jungen Mnner blieben stumm; ihre nach links dem Fenster zugewendeten Kpfe waren unbeweglich. Da keine Antwort, folglich auch kein Widerspruch kam, beruhigte sich die Mutter einigermaen, und sie entfernte sich schweigend. Es verging nicht lange Zeit, da berraschte sie meinen lteren Schwager allein bei dem neuen Studium. Es war am frhen Morgen desselben Sommers. Der Berg in der Nhe unseres Hauses stand noch in dsterem Nebel. Ich befand mich zufllig im Hof und sah meine Mutter aus dem Hause kommen. Sie ging zum groen Tor hinaus. Ich folgte ihr. Sie machte einige Schritte an dem Gitter des Blumengartens entlang, der sich an dem Hause befand und blieb erstaunt stehen. Wer steht dort? sprach sie wie zu sich selbst -- oder war es an mich gerichtet? Sie machte noch ein paar Schritte und sagte mit lauter Stimme: Doch, doch, ich glaube David (mein lterer Schwager) ist es! Was tut er dort?, rief sie aus und nherte sich rasch dem Winkel des Gartens, wo eine groe alte Pappel stand. Sie hatte sich nicht geirrt: es war David. Mein Schwager hatte nur einen leichten Chalat (Schlafrock) an, dessen Grtelenden lose bereinander geworfen waren, statt zu einer Schleife gebunden zu sein; seine Brust war entblt, das Haar zerzaust, eine Peje (Ohrlocke) war ganz hinter das Ohr geraten, whrend die andere sich auf der Wange wie eine kleine Schlange bewegte; das schwarze Sammetkppchen zeigte reichliche Spuren der Daunenkissen, die nackten Fe staken in den Pantoffeln. Der Morgennebel lag auf der vor Klte und Nsse zitternden Gestalt. Die rechte Hand arbeitete krftig, sie beseitigte die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager nicht ohne Ekel in ein Kstchen mit einem Glasdeckel warf. Der Anblick mu recht komisch gewesen sein, denn meine Mutter rief halb verwundert, halb belustigt: Wos tust du do? Gur nischt (gar nichts), gab er lakonisch zur Antwort, ohne sich in seiner Arbeit stren zu lassen. Wos is do im Kstchen auf der Erd? fragte die Mutter weiter. Gur nischt! meinte der berraschte Naturforscher. Warum biste so frh do? forschte meine Mutter. Frh! S'es gur nischt frh! antwortete der junge Mann in der Hoffnung, sich so aus der Affaire zu ziehen. Aber das ntzte nichts, denn die Mutter beugte sich ber das Gitter und entdeckte nicht ohne rger auch ein Buch neben dem Kstchen. Nun begriff sie, da beides einem und demselben Zwecke diente, und sie verwnschte im Stillen Dr. Lilienthal. Ein verzweifelter, vielsagender Seufzer entrang sich dem tiefbetrbten Herzen meiner armen Mutter. Sie blieb eine Weile starr, die Dinge vor sich anblickend. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in den Garten. Der halbnackte Naturforscher erriet ihre Absichten und suchte rasch das Weite, indem er alles als Beute zurcklie. Bei der Flucht verlor er einen Schuh, die anderen notwendigen Kleidungsstcke hielt er mit beiden Hnden fest. Meine Mutter nherte sich rasch der Pappel, blickte in das Kstchen und entdeckte darin zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen eine gewhnliche Fliege, einen Maikfer, ein Marienkferchen (Gottes Khele), eine Ameise, einen Holzwurm und noch viele andere Insekten auf Stecknadeln gespiet. Sie traute ihren Augen nicht, und ihr Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es htten tun knnen, auf die Frage hin: Wozu braucht ein Mensch solches Gewrm? Sie erschrak aber frmlich, als sie das Buch in die Hnde nahm und darin neben den Erklrungen auch die Abbildungen von einigen Insekten erblickte. Der Zufall wollte es, da ihr Blick auf einem huslichen Insekt haften blieb, das gemtlich hingestreckt dalag -- sie schttelte sich vor Ekel. -- Da die jungen Leute Deutsch und Russisch lernen wollten, leuchtete ihr am Ende ein. Sie begriff schlielich das Vergngen an Lektre, sie selbst war in der hebrischen Literatur sehr belesen; allein, da sich jemand und gar ihre Schwiegershne dafr interessierten, wie sich die Ameise fortbewegt, oder wieviele Fe der Maikfer oder welche Augen ein grner Wurm hat, das konnte sie nicht verstehen! Sie ergriff die Trophen des am frhen Morgen gewonnenen Treffens und kehrte auf demselben Wege ins Haus zurck, den wenige Minuten vorher der flchtige Held genommen und auf dem er den einen Schuh als Zeichen seiner Niederlage zurckgelassen hatte. Sie nahm auch den Schuh mit, brachte alles ins Speisezimmer und plazierte alles auf dem Fensterbrett. Inzwischen war mein Vater aufgestanden; als er von der Sache erfuhr, lachte er herzlich. -- Solche Szenen spielten sich nicht blo in unserem Hause ab: alle anderen Genossen meiner Schwager hatten hnliche oder noch grere Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten zu erdulden. -- Meinem Schwager David waren solche Verfolgungen doch zu bunt geworden. Als man ihn einmal zum Mittagessen rief, meldete er sich krank, und er reiste noch an demselben Abend, ohne irgend jemand, selbst seiner Frau, etwas zu sagen, zu seinem Vater, der Rabbiner war, nach Semjatitcz, einem Stdtchen in Polen. Dort hielt er sich einige Zeit auf; darber freuten sich im Anfang meine Schwestern und meine Eltern, denn sie wuten ihn nun fern von der stetig anwachsenden Lilienthalschen Bewegung. Spter hatte man groe Mhe, ihn zur Rckkehr nach Brest zu bewegen. Meine Schwager suchten nun nach Mitteln, solchen Szenen, wie ich sie oben geschildert habe, vorzubeugen, und sie whlten sich ein stilles Pltzchen, das zwischen den Hgeln, unserem Hause gengend fern, lag. Dort versammelten sich die Gesinnungsgenossen, um ber manches Buch zu debattieren, Beschlsse ber die brennende Frage der Bildungsbestrebungen zu fassen. Trotz alles fleiigen Bemhens und einer ungewhnlichen Wibegierde unter dieser Jugend ging in der ersten Periode aus Brest doch keine einzige hervorragende Persnlichkeit hervor, obgleich wir den groen Verdiensten meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie als Pioniere, die manche Wege ebneten, bezeichnen mssen: Hierdurch wurde der kommenden Generation die Mglichkeit zu studieren bedeutend erleichtert und manches Vorurteil beseitigt. Die erwhnten drei jungen Leute waren wohl die ersten in Brest, welche ihre jugendkrftigen Hnde nach dem Apfel der Erkenntnis, den ihnen Lilienthal reichte, ausstreckten und ihn mit Lust ergriffen. Mein lterer Schwager bemhte sich trotz seines groen Fleies und aller Fhigkeiten vergeblich, die Stelle, wo er in den Apfel beien sollte, zu finden -- an seiner asiatischen Erziehung scheiterten alle europischen Versuche. Er htte mit seinen talmudischen Kenntnissen viel Hheres fr sich und die Gesellschaft leisten knnen. Mein jngerer Schwager konnte vom Apfel genieen und ward in kurzer Zeit ein nach damaligen Begriffen gebildeter Mann, whrend Reb Herschel, der Melamed, nach dem erwhnten Apfel der Erkenntnis seine plebejischen Hnde ausstreckte, ihn ergriff und einen tiefen Bi tat.... Es dauerte nicht lange, so verwandelte er sich aus einem Orler Menschen in einen interessanten, gebildeten Herrn Hermann Blumberg. Mit einem Worte: die jdische Jugend von Brest geno von dem Apfel der Erkenntnis mehr oder weniger; aber ein jeder hat doch davon gekostet, und der Samen, den Dr. Lilienthal in Brest ausgestreut, hat je nach der Beschaffenheit des Bodens ansehnliche Frchte getragen. Die ersten Bildungspioniere in Brest beherrschten nur das erste Dezennium jener Epoche und waren zur kulturellen Unfruchtbarkeit verdammt, da sie leider, wie ich mich erinnern kann, sich als Muster unter den Weisen des alten Griechenlands Epikur und seine Ethik erwhlt hatten.... Wenn aber Dr. Lilienthal so reiche Erfolge hatte, so geschah es nur, weil der geistige Boden in Ruland sehr gut vorbereitet war: Das jdische Kind mnnlichen Geschlechtes (nicht aber die Mdchen) wurde damals von frhester Jugend an zum Lernen angehalten und spter, im Knabenalter schon, mit scholastischem Gespinst, mit vielen talmudischen Spitzfindigkeiten und ernster Lebensanschauung bekannt gemacht. Da kein anderes Studium ablenkte, so konnte der jugendliche Schler sich tglich dem Studium des Talmuds ganz hingeben. Unterhaltung fand er auch nur zu Hause im Familienkreise (daher auch die Anhnglichkeit), sowie in dem bescheidenen Familienleben seiner Kameraden. Die zahllosen Vergngungen von heute kannte die damalige Jugend nicht. Und so war damals der Jude schon in seinem Jnglingsalter in geistiger Hinsicht ein ganzer, wenn auch einseitiger Mensch. Mit Leib und Seele hing er an seiner Tradition und seiner Religion, die fr ihn die Moral, die Ethik -- die ganze Welt in sich schlossen. Seine Bibel bot ihm hinreichendes Wissen in der Weltgeschichte bis zum grauen Altertum hinauf und bis zu der christlichen Aera herunter; seine Propheten adelten seinen Geist, ergtzten seine Seele, verliehen ihr Schwung, erfllten sie mit Begeisterung, und der Stolz des Kindes und so auch des jdischen Mannes, das Selbstbewutsein, fate schon in seiner Jugend Wurzel -- was die Andersglubigen mit Dnkel und Frechheit zu bezeichnen pflegen. Die Ethik der jdischen Weisen, ihre kernige und zugleich erhabene Lebensanschauung machten den damaligen Juden frhzeitig zum Denker und Philosophen, der auch die Schnheit in seiner Religion fand. Das jdische Volk lebte damals wie auf einer Insel, fern von der brigen Welt, aber nicht _=wild=_ wie die Insulaner. Es war hier auf der Insel glcklich, wo es fr sich allein die Welt des Geistigen besa: seinen Glauben, seine Tradition, die ihm allen Genu im zeitlichen Leben gewhrte. Und die Hoffnung auf ein knftiges Leben lie ihn die Leiden des gegenwrtigen ertragen. Aus diesem geistigen Reich konnte ihn keine menschliche Macht verjagen. Hier war er Herr und Meister. Die Sturm- und Drangperiode des damaligen jdischen Jnglings vollzog sich auf der Schulbank. Keine Revolution, keine Liebesabenteuer rissen ihn von seinem beschaulichen Wege fort; auch das Geschft nicht, denn es galt den Eltern als heilige Pflicht, fr den Sohn bis weit ber die Jnglingsjahre, selbst nachdem er schon Ehemann und Familienvater war, zu sorgen, da es hchstes Glck war, wenn der junge Ehemann ununterbrochen den Talmud studierte. Unter diesem Gesichtspunkte whlten wohlhabende Leute fr ihre Tchter und ihre Shne: die Braut mute vor allem hbsch von Gestalt, klug und gesittet sein. In erster Reihe aber eine Bas towim, d. h. die Tochter eines gelehrten und religisen Mannes. Ich kann beteuern, da die Wahl der Eltern, die nicht von dem Gott Mammon beirrt war, selten ein Fehlgriff war. Im groen und ganzen gab es damals, wie ich mich zu entsinnen wei, viele sehr glckliche Ehen, in denen die Sittlichkeit der jungen Eheleute dem Bunde Weihe verlieh und fr immer die Treue sicherte. Keine Enttuschungen, keine bersttigung, kein Hasten nach Vernderung strten die Eintracht des Paares, und der wahre gttliche Funke der Liebe nhrte die heilige Flamme auf dem huslichen Herd, _=die Flamme=_, die kein Sturm im Leben auszulschen vermochte. Und in den trben Tagen des Herbstes oder gar in den kalten, kurzen, einsamen Wintertagen -- im hohen Alter, wenn das Feuer lngst ausgebrannt ist, wrmt und erhlt dieser unter der Asche noch glimmende Funke die oft frierende Seele. Wenn an diesem geheiligten Eheleben die Aufklrung rttelte und manches kostbare Gut zerbrach, so vergesse man nicht, da das zu starke Licht der europischen Bildung zu schnell ohne die milde Vermittlung der Dmmerung hereinbrach und die verblffte Jugend blendete. Waren doch die ersten Adepten der Bildung schon gereifte Mnner, die bis zu diesem Augenblick ein fast asketisches Leben gefhrt hatten. -- II. Jeschiwa Bochurim.[R] Die Jeschiwa-Bochurim bildeten gegen Ende der dreiiger Jahre das lernende Proletariat in Brest, wie in ganz Litauen. Ihre religise und geistige Erziehung war systematisch geregelt. Die jdische Gesellschaft trug unter Aufwand von vielen Kosten dafr Sorge. Dagegen blieb ihre krperliche Pflege ganz problematisch, weshalb schwchliches, verkmmertes Aussehen fr den Jeschiwa-Bocher charakteristisch war. Sie waren in ihrer tglichen Nahrung, ihrer Kleidung und ihrem Obdach ganz auf den glcklichen Zufall und auf die Gnade der Mitbrger angewiesen. Es wurde ihnen im besten Falle Mittagessen verabreicht, aber auch das nicht an jedem Tag der Woche. Fr die anderen Mahlzeiten sorgte der, welcher den Sperlingen in der Luft die Nahrung spendet. Ihr Obdach fanden sie in den Bothemidroschim, die Lehrhuser und Synagogen zugleich waren. Auf den harten Holzbnken, die Fuste unter dem Kopf, schliefen sie im Sommer und in der Nhe des geheizten Ofens im Winter den Schlaf des Gerechten. Ihre Kleidung erhielten sie von mildttigen Brgern stets zu unrechter Zeit: zu Beginn des Sommers wattierte Winterkleider, im Sptherbst sommerliche Kleider und Stiefel. So froren sie im Winter und schwitzten doppelt soviel wie die Reichen im Sommer. Auf diese Weise fristeten sie ihr Dasein jahrein, jahraus, mit Eifer und Ausdauer ihren Talmud studierend, bis zu ihrem 20. Lebensjahr. Dann heirateten sie, mitunter sehr gnstig, denn sie wurden von den reichen Brgern geehrt und begehrt, da sie im Volke als gute Talmudisten und ehrenwerte, fromme Menschen galten. Diese Bochurim pflegte man ihren rabbinischen Kenntnissen nach in drei Klassen einzuteilen. In meinem Elternhause erhielt jeden Tag ein anderer Angehriger dieser drei Klassen das Mittagmahl. Der lteste von ihnen hie mit dem Eigennamen Schamele, er gehrte schon als tchtiger Talmudist zu den Jeschiwa-Bochurim, der hchsten dritten Klasse. Das war ein ruhiger, pfiffiger, aber schwerflliger, blonder Junge mit gutmtigen, blauen Augen. Er trug Sommer und Winter ein und denselben langschigen, an den Ellbogen zerrissenen Kaftan. Der zweite Bocher zhlte zu den Orem-Bocherim, da er den Unterricht in der Bibel und in den leichteren Talmudteilen von den stdtischen Melamdonim, und zum Teil von den gesetzkundigen, jungen und alten Talmudisten in den Bothemidroschim erhielt. Er hie Fischele und bildete den leibhaftigen Gegensatz zu dem Schamele, denn er war beweglich, schwarzugig, und schien immer aufgeregt und somit den Spitznamen Fischele zu rechtfertigen. Der dritte hie Motele, er gehrte der jngsten, niedersten Klasse an und war Wanderbocher. Das war ein von Natur stiller, bedachter, ruhig rsonnierender Jngling, der richtige Typus des Wanderbochers. Die meisten dieser Jnglinge kamen aus den Stdtchen und Drfern der Umgebung nach Brest, um dort zu lernen. Sie besaen viel Mutterwitz, waren ruhig und verrichteten jeden Dienst in den Husern, in denen sie ihr Mittagbrot bekamen. Sie waren vorzglich geeignet, in der geistigen Grungsperiode der Lilienthalschen Bewegung die Korrespondenz und die aufklrerischen (apikurssischen) Bcher zu den jungen Leuten in die Stadt zu bringen. Man konnte oft den einen oder anderen von ihnen in der Dmmerstunde, wie eine Katze sphend, sich leise in unseren Hof mit einem Packet dieser geistigen Kontrebande schleichen und direkt auf der zum Studierzimmer meiner Schwager fhrenden Treppe in der Dunkelheit des Vorabends verschwinden sehen. Htte das wachsame Auge meiner Mutter sie erblickt, so wre es ihnen bse ergangen; an _=dem=_ Tage wren sie bei uns sicher nicht satt geworden. Fischele hatte sich allmhlich als Autodidakt zu einem sehr guten Pdagogen ausgebildet. Er pflegte halb scherzhaft, halb im Ernst zu bitten, man soll ihm helfen: aus einem Orembocher ein Oremmann (armer Mann) zu werden. Bald heiratete er ein braves Mdchen und fand als gebildeter Mann in der hheren, jdischen Gesellschaft eine gute Aufnahme. Dagegen hat Schamele, wie wir spter erfahren haben, sein Leben nicht an groen Talmudfolianten beschlossen. Die Lilienthalsche Bewegung hatte eben selbst in den orthodoxen Kreisen des niederen, jdischen Volkes tiefe Spuren hinterlassen, und die Jugend auf neue Bahnen gelenkt. Schon nach einem Dezennium sah man die meisten Kinder des niederen Volkes, wie auch der Handwerker auf den Schulbnken, und die europische Bildung wurde Gemeingut der jdischen Bevlkerung. Die gemeinsame Bildung bewirkte eine Verschmelzung, eine Gleichstellung von Patriziern und niederen Leuten. Der Fachmann, der Arzt, der Advokat usw. trat an die Stelle des traditionellen Mijuches (Aristokratie). Indes hrte das althergebrachte Studium des Talmuds nicht auf, es wurde nur in ganz anderer Weise hochgeschtzt; und Ende der sechziger Jahre fand ich in demselben Lande die frher geschilderten drei Bochurim von ganz anderem Aussehen. Ihr Aeueres lie Ende der sechziger Jahre wenig zu wnschen brig. Ein jeder dieser Bochurim konnte bereits russisch lesen und schreiben, hatte einen Begriff von der Weltgeschichte. Aber er blieb seiner alten Religion treu und hatte volles Vertrauen zu Gott, da eine bessere Zeit fr sein Volk kommen werde. Aus der Mitte dieses lernenden Proletariats wuchsen die Rabbiner fr die kleinen litauischen Stdtchen heraus, sowie die Dajanim (Volksrichter) und die More horoes (Gesetzeskundigen), welche ber Trefe und Koscher und rituell-hygienische Fragen zu entscheiden hatten, ferner die Magidim (Volksprediger), die Schochtim (Vieh- und Geflgelschchter), die Chasonim (Kantoren) und endlich die Batlonim, arme Talmudisten jeden Alters, welche man bei frohen oder traurigen Ereignissen Psalmen, Hymnen oder Mischnajis aus dem Talmud rezitieren oder bei einem Toten Tag und Nacht lesen lsst. Aus einem Orembocher wurde zumeist ein Melamed, der aber vorher noch als Oberbehelfer in einem Cheder (Schule fr kleine Kinder) einige Jahre als Repetitor fungieren mute. Von allen diesen Funktionren sonderte sich ein kleiner Bruchteil, der sich Pruschim (Abgesonderte) nannte, junge und alte Mnner, deren einziger Lebenszweck war, sich ungestrt mit Leib und Seele den Talmudstudien hinzugeben. Sie verbrachten, getrennt von Weib und Kind -- ihrer Heimat und der Welt fern -- ihr ganzes Leben damit, alle Feinheiten dieser Lehre, alle Spitzfindigkeiten der Scholastik zu ergrnden und mit anderen ber die verschiedenen Auslegungen zu diskutieren. Diese Asketen lebten im Krhwinkel Eschischok im Wilnaer Gouvernement lediglich von der Mildttigkeit der Brger, vornehmlich von der Gte der braven Frauen, die ihnen Speis und Trank in die Lehrhuser schickten, was sie als heilige Pflicht und als gottgeflliges Werk betrachteten. Eine solche Frau besa kaum 50 Rubel im Vermgen, womit sie Handel trieb, und ihre Kinder wie ihren Mann ernhrte, der gleichfalls Tag und Nacht dem Talmudstudium als dem einzigen Zwecke seines Lebens opferte. Das mchtige Wort Talmud-Thora, d. h. die Lehre des Talmuds befrdern, lernen, stand damals bei dem ganzen jdischen Volke, wie heute leider nur noch bei einem sehr, sehr geringen Teil, auf der gleichen Stufe mit den eigenen, wirtschaftlichen Sorgen. Der Typus des Wanderbochers bot freilich das strkste Interesse. Er hatte das Geblt des Famulus Wagner: stets drstete er danach, Neues zu lernen. Solch ein Wanderbocher pflegte, notdrftig bekleidet, zu Fu von einer Kartzma (Herberge) zur anderen auf der groen Landstrae zu gehen, in jener guten alten Zeit der 40er und 50er Jahre, ehe es Eisenbahnen in Ruland gab. Manchmal gelang es ihm, sich auf eine Baued (ein- oder zweispnniges Fuhrwerk, das von einer ber Reifen gespannten Leinwand bedeckt war) heraufzuchappen, wo der jdische Fuhrmann ihm willig auf dem Bock die Hlfte seines Platzes einrumte. In der Baued selbst, unter der Leinwanddecke, befand sich ein sehr gemtliches Publikum jeglichen Alters, Standes und Stammes. Das Fuhrwerk bewegte sich langsam vorwrts, da die hungrigen, bermdeten Pferde nur schwach ziehen konnten. Die Passagiere hatten daher Zeit, gemtlich zu plaudern, und der halberfrorene Wanderbocher hrte diese wahren und erdichteten Erzhlungen mit gespannter Aufmerksamkeit an und nahm alles in sich auf. Wieviel Romantik schlo eine solche Reise fr ein junges, empfngliches Gemt in sich! Sie machte grblerisch und versonnen. Aus einem solchen Wanderbocher pflegte sich in der Regel ein Maggid zu entwickeln. In seinen Kinderjahren hatte er in seiner einheimischen Talmud-Thora gelernt, einer jdischen Volksschule, wie sie von jeder greren Gemeinde unterhalten wurde. Arme Kinder und hauptschlich Waisen wurden dort schon mit acht Jahren aufgenommen, um Unterricht in der hebrischen Sprache, im Beten und in der heiligen Schrift zu erhalten. Aus dieser Schule entsprangen die oben geschilderten drei Arten Bocherim. In seinen Jnglingsjahren begann so mancher das Wanderleben. Nachdem er als Orembocher den Unterricht schon im Talmudstudium erhalten hatte, zog er in die nchste Jeschiwa, wo fr seine weitere Ausbildung, fr Wohnung und Kleidung unentgeltlich gesorgt war. Denn auch fr diese Anstalten spendeten die Juden aus allen Gegenden viel Geld. Er blieb solange da, als er wollte. Niemand hinderte ihn aber, eine zweite Lehranstalt aufzusuchen, wenn es ihn drngte, noch andere Lehrer zu hren, andere Satzungen und Kommentare kennen zu lernen, denn unerforschlich wie der Meeresgrund ist die talmudische Wissenschaft, meinte der Jude von damals. An dem neuen Orte lernte er andere Menschen, Sitten und Gebruche kennen. Der Weg dahin war weder sehr weit, noch sehr beschwerlich, whrend des Sommers konnte er ja notdrftig bekleidet und barfu gehen, wenn ihm nicht manchmal ein glcklicher Zufall in Gestalt eines Fuhrmanns zu Hilfe kam und ihn zu einer Herberge brachte. Da erholte er sich bei dem jdischen Arendar (Pchter) im Dorfe einige Zeit, hrte von den verschiedenen Besuchern der Schnke abenteuerliche Geschichten, Wahrheit und Dichtung, erzhlen und zog, um manche Erfahrung reicher, von dannen. Diese drei Arten von Bochurim kann man mit Recht als die Ritter vom Geiste betrachten. Ihr Lebelang hatten sie mit Not, Hunger zu kmpfen und -- sie unterlagen nicht. Die tiefe Kenntnis des Volkslebens, seiner Not und seiner Freuden, seiner Sitten und Gewohnheiten, vor allem seines Vorstellungskreises praedestinierten den Wanderbocher gerade zu einem Maggid, und sie erklrt auch, weshalb der Volksprediger von dem niederen, jdischen Volk verehrt, ja geliebt wird, und so machtvollen Einflu ausben kann. Unter ihnen gab es hervorragende Erscheinungen, wie z. B. Ende der 40er Jahre der Minsker Magid R. N. K., und der 70er Jahre der Kelmener Magid R. N. Der erstere war ein hervorragender Talmudist und von strengstem Charakter und hielt jedem die Wahrheit vor; der letztere war milder, weltlicher. Aber sie blieben Wandersleute, die jeden Sabbath in einer anderen Stadt predigten. Sie waren nicht reich und meist auf die Gastfreundschaft angewiesen. Not brauchten sie da nicht zu leiden, ist es doch eines der wichtigsten Grundstze, da jeder wohlhabende Balhabajis (Hausherr) an einem Sabbathtisch einen Gast zu sich lade. Diese Gste fanden sich gewhnlich Freitag, am Vorabend des Sabbathfestes ein, an dem alle Arbeit und auch das Wandern ruht. Die Migkeit im Essen und Trinken whrend der ganzen Woche weicht ppigem Geniessen. Da ein solcher Gast eilig und spt abends in einem Ort, wo Juden wohnen, eintrifft und keine Zeit hat, nach einer Herberge zu suchen, so richtet er seine ersten Schritte zur Synagoge, um zu beten. Die Pflicht des Schammes (Synagogendieners) ist es, diese wegen ihrer Neuigkeiten gern gesehenen Fremdlinge fr den Sabbath den Brgern der Stadt zuzuteilen. Nun geschah es einmal, da der erwhnte Minsker Magid in ein Stdtchen kam, um da am Sonnabend zu darschenen (predigen). Er traf am Vorabend, Freitag spt ein, nahm den Weg zur Synagoge, wo die jdische Gemeinde bereits sabbathlich ruhig und reinlich -- manche noch mit nassem Haar von der Badestube her -- zum Beten versammelt war. Der Magid betete mit und war fest berzeugt, da nach Beendigung des Gottesdienstes auch er ein Plt[S] (Einladung) erhalten wrde. Aber wie gro war sein Erstaunen, ja sein Schreck, als er bemerkte, da alle anderen Fremdlinge unter die Brger verteilt wurden und nur er bersehen worden war. Alle Brger standen bereits eng aneinander gedrckt wie Schafe an der kleinen, schmalen Ausgangstr. Er sah sich bald ganz allein im Bethaus, ohne Nahrung und ohne Kidusch. Seine verzweifelte Lage flte ihm Mut ein. Er sprang hurtig auf die Bieme (die in der Synagoge befindliche Erhhung), klopfte energisch mit der Faust auf ein groes Gebetbuch und rief laut: Raboissai (Meine Herrschaften)! Wartet, bleibt, ich will euch etwas Interessantes erzhlen! Im Nu wandten sich die Kpfe dem Sprecher zu -- sie hatten ihn frher nicht bemerkt. Ich bin ein Oirach (Gast), fing er an, vor Abend hier eingetroffen und wie ich sehe, sind die hiesigen Hunde gastfreundlicher als die hiesigen Balbatim (Hausherren)! Diese Worte hatten natrlich die gewnschte Wirkung. Alle waren im ersten Augenblick stumm vor Erstaunen. Und er fuhr fort: Ich werde euch erzhlen, hret: Als ich mich spt vor Abend dem Stdtchen nherte, empfingen mich viele Hunde mit lebhaftem Gebell. Jeder ri mich zu sich, jeder wollte mich fr sich allein haben. Hier aber sind viel mehr Menschen als dort Hunde versammelt, und niemand fllt es ein, mich zu sich zu laden, geschweige, sich um mich zu reien. Diese Worte brachten die Menge in Wut, und einer von der Versammlung trat hervor und schrie: Wer ist dieser Mensch, da er sich untersteht, uns mit Hunden zu vergleichen? Woher bist du gekommen, Elender? Ein reich geflltes Ma an nicht gerade duftigen Liebesworten ergo sich ber den Magid. Der aber blieb die Antwort auch nicht schuldig, er rief: Wartet, wartet nur ein wenig, hrt nur bis zu Ende, ich bitte sehr. Alle wurden wieder still. Ich bin noch nicht zu Ende. Als die Zudringlichkeit der Hunde mir ein wenig unbequem wurde, beugte ich mich zur Erde, griff nach einem Stein und schleuderte ihn mitten unter die Meute, das wirkte im ersten Augenblick sehr gut. Der Eifer, mich zu besitzen, wich, und die Hunde suchten das Weite. Nur wute ich anfangs nicht, welche von ihnen mein Stein getroffen htte, bald aber sah und hrte ich, wie ein Hund rasch, aber auf einem Fu hinkend und jmmerlich heulend, mit der brigen Gesellschaft die Flucht ergriff. Nun begriff ich, da mein Stein ihn getroffen hatte. Diese Worte regten die Gemeinde noch mehr auf. Man drang in den Redner, seinen Namen zu nennen, und die Versammelten waren nicht wenig beschmt, in ihm den berhmten Magid zu erkennen und suchten durch freundliche, ehrerbietige Behandlung alles gut zu machen. Am Sonnabend nachmittag predigte er in der Synagoge vor der ganzen, versammelten Gemeinde, welche mit Vergngen und Andacht der Rede dieses frommen Mannes lauschte. Er tadelte so manches, verkndete fr manche Snde die Hlle, und das Volk weinte. Zugleich versprach er fr die guten Taten das Paradies in dieser Welt, wie im knftigen Leben, und das Volk jubelte, da er mit so groem Wissen die Herzen rhrte und die edelsten Regungen hervorzurufen verstand. Er mahnte auch in freundlicher Absicht zur Ehrlichkeit im Handel, riet, gutes Ma und Gewicht zu geben, empfahl den Handwerkern Flei, tadelte dagegen Faulheit und Hochmut, wobei er sehr gute Volkswitze erzhlte, und forderte das Volk auf, den Sabbath zu ehren, Gott fr diese Gabe zu danken, da an diesem Tage jeder Jude frei von Sorge ausruhen, sich dem geistigen Genu ergeben, sich Gott, seinem Schpfer, nhern knne, was er die ganze Woche ber durch Arbeit und Sorge zu tun verhindert sei.... Sonntag verreiste dieser verehrte, populre Prediger, von vielen Bewohnern des Stdtchens ein Stck Weges begleitet. In der Neustadt. I. Es war ein schnes Bild ... Es war ein schnes Bild, als Kaiser Nicolaus I. inmitten einer glnzenden Suite stand. Seine von Gesundheit strotzende, hohe Figur ragte ber seine Umgebung hoch hervor. Seine militrische Paradeuniform, der fest anliegende Frack mit hochrotem Tuchbesatz und Manschetten, die Brust mit vielen Ordenssternen dekoriert, die massiven Epaulettes, die blaue, breite Schrpe quer ber der Brust, das Portepee mit dem Degen an der linken Seite, der quer auf dem Kopf sitzende Dreispitzhut mit dem wuchtigen, weien Federbusch verlieh der martialischen Gestalt ein ganz auergewhnliches Aussehen. Sein Gesicht mit den regelmigen Zgen, dem glattrasierten Doppelkinn, mit dem vollen, blonden Backenbart drckte eine wohlwollende, ja eine freudige Erregung aus, auch die energisch blitzenden, grauen Augen leuchteten, whrend die stramme militrische Haltung das hohe Selbstbewutsein ausdrckte. Zu seiner Rechten stand der Kronprinz Alexander II., der damals, im Jahre 1835, noch ein junger Mann war. Er war von hohem, massigen Krperbau und hatte im Gegensatz zu Kaiser Nicolaus I., der lichtblondes Kopf- und Barthaar hatte, rabenschwarzes Haar, einen schmalen schwarzen Lippenbart und Augen von gleicher Farbe. Sein ganzes Wesen umleuchteten Milde und Freundlichkeit; keine Spur von dem Selbstbewutsein seines kaiserlichen Vaters! -- Der Kronprinz hatte schon damals, wie ich mich noch jetzt gut erinnern kann, alle Herzen der umstehenden Menschenmenge fr sich gewonnen. Und diese Sympathie rechtfertigte er 1861 als Befreier der Leibeigenen. Umgeben von zahlreichen Generlen, Adjutanten, Ingenieuren, standen die Frsten auf dem sogenannten Tatarischen Berge. Der glatte, grne Rasen lag wie ein Samtteppich vor ihren Fen; und die dunkelblaue Himmelskuppel berwlbte dieses imposante Bild. Die Sonne bergo es mit einem Meer von Licht, das sich in den Brillantenorden der goldgestickten Beamtenuniformen in tausend Regenbogenfarben brach. Dieses glnzende Schauspiel erschien uns Kindern wie ein Luftgebilde, da wir neben unserem elterlichen Hause, etwa hundert Faden von dem obengenannten Berge entfernt, standen. -- Der Kaiser Nikolaus I. zeigte mit seiner rechten Hand nach verschiedenen Richtungen. Aus den eifrigen Debatten der Herrschaften konnte die umstehende Menge ahnen, da eine wichtige Frage besprochen wurde: bald wurde ein General, bald ein Adjutant vom Berge heruntergeschickt, der unser Haus beschaute und musterte, die grne Wiese, die um Haus und Garten lag, mit einem Saschen (russisches Ma = 1 Faden) ma und dann zum Rapport auf den Berg zurckeilte. Die gaffende Volksmenge erschpfte sich in tausend Vermutungen und gab jeder Handbewegung des Kaisers tausend Bedeutungen, -- nur nicht die richtige. Endlich erfuhr man, da das ganze Terrain der alten Stadt Brest fr eine Festung erster Klasse von Kaiser Nicolaus I. bestimmt worden war! Die ganze Tragweite dieses Projektes sollte jedem Stadtbrger bald klar werden. Wenige Monate nach der oben geschilderten Begebenheit wurden die Hausbesitzer der Stadt Brest-Litauen durch einen kaiserlichen Ukas benachrichtigt, da alle durch eine eigens zu diesem Zwecke eingesetzte Kommission ihre Huser abschtzen lassen sollten. Die Regierung wrde eine Abstandsumme zahlen und auerdem ein Terrain vier Werst, das ist 1,5-2 englische Meilen, von der Altstadt entfernt zur Verfgung stellen. Die Nachricht wurde mit Schrecken aufgenommen. Eine gewisse Ahnung schlich sich in die Gemter der Brger, da ihr Ruin bevorstand! -- Fr meine Eltern wurde dieses Projekt zur Katastrophe!... Denn nicht nur unser prchtiges Haus, sondern auch die groe Ziegelfabrik, die zwei Werst hinter der Stadt stand, sollte niedergerissen werden. Diese Ziegelei warf jeden Sommer groe Summen ab, da mein Vater die Lieferung vieler Millionen Ziegelsteine fr die schon begonnenen, groen Kasernenbauten bernommen hatte. -- Nur schwer konnte mein Vater den ersten Schreck ber den neuen Befehl verwinden. Aber er beruhigte sich wie die brigen Hausbesitzer der Stadt bei der kaiserlichen Versicherung, da die Regierung fr alle Schden aufkommen wrde. -- Die Abschtzungskommission, welche die Regierung einsetzte, sollte den Wert aller Huser der Stadt Brest-Litowsk bestimmen, und die Regierung versprach sehr ehrlich und gut zu bezahlen. -- Da schickte der Teufel einen seiner Hllenboten in Gestalt eines Winkeladvokaten. Jude von Geburt, war er sehr befhigt, Prozesse zu fhren, Bittschriften in _=russischer=_ Sprache abzufassen, was in den dreiiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in dem noch vorwiegend polnischen Litauen nur wenige Begnadete vermochten. Bei diesen guten Eigenschaften aber war dieser Mensch ein Ausbund der gemeinsten Gewissenlosigkeit. Dieses Subjekt wute bald das Vertrauen der gesamten Hausbesitzer, wie auch der Schatzkommission zu gewinnen, und alle beeilten sich, ihr Hab und Gut, das zumeist in dem Besitz ihres Hauses bestand, in seine Hnde zu legen, damit er ihre Interessen vor der Kommission vertreten sollte. -- Es dauerte jedoch nicht lange, so entzweite er sich mit beiden Parteien und denunzierte bei einer hheren Instanz, da alle Schtzungen der Kommission falsch seien! Da in dieser Denunziation ein Kern Wahrheit lag, bezweifle ich nicht. Die Interessen meiner armen Eltern aber wurden durch diesen Racheakt unschuldigerweise schwer getroffen. Da mein Vater seine Sache vor der Abschtzungskommission _=selbst=_ vertrat, und der Winkeladvokat nicht auf seine Kosten kam, so wurde auch mein Vater ein Opfer der Angebereien. Es dauerte nicht mehr lange, als von einer hheren Regierungsinstanz der Befehl erging, die Abschtzung der Huser einzustellen, bis eine neue Untersuchungskommission kommen wrde! Da erhob sich ein allgemeines Jammern! Ein jeder Hausbesitzer wute nun schon, da er seine Besitzung verlieren wrde. Und jetzt hrten wir Kinder kein anderes Gesprch mehr im Hause, sei es unter den Familienmitgliedern oder mit Gsten, als ber das bevorstehende Niederreien unseres prchtigen Hauses und der Ziegelei. Und jedes Wort war getrnkt mit der Wut ber den verruchten Winkeladvokaten David, den Schwarzen, der ber die Stadt Brest-Litauen so schwere Not heraufbeschworen hatte. Infolge der Denunziation von Rosenbaum (das war sein Familienname) kam nach kurzer Zeit ein zweiter Befehl, da jeder Hausbesitzer sein eigenes Haus auf eigene Kosten demolieren sollte, um noch schneller Platz zu schaffen, andernfalls wrde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Man setzte einen sehr nahen Termin an, bis zu dem die Huser niedergerissen sein muten. Die Zeit reichte kaum aus, eine Wohnung in der Neustadt zu beschaffen. Von Neubauten konnte natrlich nicht mehr die Rede sein. Die Reichen waren nicht weniger ratlos als die Armen. Wer bares Geld auftreiben konnte, beeilte sich und zahlte das Dreifache, um sich eine neue Wohnung zu mieten. Aber ihrer waren nur ein Vierteil der groen Zahl Einwohner der alten Stadt Brest-Litauen; die groe Masse blieb tatschlich ohne Obdach! Die Beratungen ber den Kauf eines Hauses in der Neustadt Brest-Litauen und der bevorstehende Umzug gaben uns Kindern viele Anregungen und Beschftigung. Mich fror bei dem Gedanken, da ich mich bald von meinen getreuen Gespielinnen im Cheder und in unserer Nachbarschaft aus der Vorstadt (Samuchawicz) trennen msse, mit denen wir so traulich gespielt, und da ich nun die trauten Winkel in ihren Husern und dem unsrigen verlassen sollte. Ich hatte so stark wie jeder Erwachsene in unserem Hause das Gefhl, da das ganze Leben meiner geliebten Eltern eine totale Umwlzung erfahren msse. Wir hofften jedoch, da, wenn die Untersuchung die Verlogenheit der Denunziation erwiese, alle Schden ersetzt wrden. Allein diese Untersuchung dauerte nicht mehr und nicht weniger als fnfzehn Jahre!... Zeit genug, einen Teil der Hausbesitzer aus ihren eigenen Wohnungen zu verjagen, zu berauben und ins grte Elend zu strzen! Viele wurden zu Bettlern, viele wanderten aus! Noch jetzt steht mir eine herzzerreiende Szene jener traurigen Zeiten vor Augen, die mich mit Schauder erfllt! Es war an einem Herbsttage jenes schrecklichen Jahres 1836, als der bewlkte Himmel wie zerschmolzenes Blei ber der Erde und ber den Seelen der Stadtbrger von Brest-Litauen hing. Der Nordwind blies kalt und jagte den Straenstaub, der die gelben, abgefallenen Bltter der Bume wirbelnd vor sich her trieb, den Fugngern in die Augen. Ich befand mich gerade mit meiner Mutter auf dem Heimwege nach der Vorstadt (Samuchawicz). Wir muten die kleinen, armseligen Huschen der Nachbarschaft passieren. Da hrten wir ein Durcheinandersprechen von Jdisch und Russisch, ein Zanken in Russisch, ein Schimpfen in jdischem Jargon und ein lautes Weinen. Meine Mutter trat, mich an der Hand fhrend, nher. Es war eine ergreifende Tragdie, die sich vor uns abspielte. Der festgesetzte Termin fr die Rumung war abgelaufen. Da aber die Einwohner des Hauses noch kein Obdach gefunden hatten, so glaubten die Unglcklichen, da sie noch in ihrem alten Heim wrden bleiben knnen. Aber sie irrten sich. Die Polizei schickte ihre Beamten mit dem Befehl, auf die Rumung zu drngen und im Falle des Widerstandes die Hausbesitzer buchstblich aus ihren Husern zu verjagen! Dieser harte Befehl wurde gerade ausgefhrt, als wir in das Huschen eintraten. Die Wirtin, eine kranke, abgehrmte, magere Frau mit verzerrtem Gesicht packte ihr Hab und Gut in einen alten, grn angestrichenen Kasten. Ihr hochbetagter Mann hielt das kleinste Kind auf seinem Arm. Neben ihm standen noch zwei Kinder, ein Junge von etwa neun Jahren und ein Mdchen von sechs Jahren, deren Hndchen und nackte Fe blaurot gefroren zitterten, denn die drren Leiber waren nur mit Lumpen bedeckt. Auf dem Tische lag ein halber Laib Brot. Im Ofen brannten, vielmehr rucherten, einige Holzscheite, auf denen das armselige Mahl kochte. Die Familie wollte gerade essen, da erschien der Hllenbote und erklrte, da hier fr die Einwohner kein Raum mehr sei. Ja selbst diesen einen Tag sollten sie nicht wagen, hier zu bleiben. Da war keine Zeit mehr fr das Mahl, und rasch ging es an das Zusammenpacken und Zusammenraffen! Selbst in der rmsten Wirtschaft haben so manche Stcke, so lange sie von ihrem Fleckchen nicht entfernt werden, noch ihren Wert. Wenn man sie aber von ihrem Orte rckt, zerfllt, zerbricht das abgenutzte Zeug. Und wohin sollten diese Armen ihre armselige Habe bringen, wenn sie noch kein Obdach hatten? Waren sie doch jetzt kaum imstande, eine kleine Komerne (Schlafstelle) zu mieten. Die Frau fllte unter Seufzern, Klagen, Schreien und Fluchen ihren Kasten zur Hlfte mit ihren Armseligkeiten und nahm dann die Kleine vom Arm ihres Mannes. Der Alte aber begann nun, seine Schtze einzupacken -- die groen und kleinen Folianten des Talmuds, die Gebetbcher, die damals jeder Jude, mochte er noch so arm sein, besa -- und dieser Mann war ein Hausbesitzer! Bald kam die Chanukalampe an die Reihe, die vier messingnen Sabbathleuchter der Frau, der Hngeleuchter, die Schabbeskleider, der lange Kaftan, der seidene Grtel und der Streimel (Pelzmtze). Das brige Hausgert, das Wasserfa, der wurmstichige Etisch, hlzerne Bnke, mehrere Holzstangen usw. wurden auf die Diele geworfen, und die Armen stolperten einmal ber das andere darber. Es war furchtbar! -- Meine Mutter stand mit mir an der Tr und sprach diesen Unglcklichen Mut und Gottvertrauen zu und suchte auch die Wut des Polizisten zu dmpfen, der dann auch bald fortging. Meine Mutter erinnerte an die Bilder, die, im Trubel vergessen, an der Wand hingen. Da waren Moses mit den heiligen Tafeln auf dem Berge Sinai, Jacob mit seinen zwlf Shnen, die zwlf Stmme des jdischen Volkes, und ein Bild der Menorah, jenes siebenarmigen Leuchters, der im Tempel zu Jerusalem stand. Misrach war dem Bilde aufgedruckt (auf deutsch Osten), denn nach Osten gerichtet stand jeder Jude beim Gebet. In hnlichen Bildern suchte der damalige Jude seine Tradition, seine einstige Glanzperiode seiner Nachkommenschaft zu erhalten! -- Der Wirt erhob bei dieser Ermahnung seine Augen, wollte die Bilder herunternehmen, aber die Wirtin schrie mit trnenerstickter Stimme zu ihm hinber: Sollen sie hier bleiben, diese Bilder!! Wozu haben wir sie schon ntig in der Komerne? Es ist aus mit uns! Ich bin nicht mehr Wirtin; du nicht mehr Wirt; wir haben kein eigenes Winkelchen mehr; sollen auch diese Bilder zum Teufel gehen, wie unser Hab und Gut! O Gott, warum hast du mich diesen Churben (Zerstrung) erleben lassen! Der Alte packte geduldig weiter. Und als er seine traurige Arbeit zu Ende gebracht hatte, holte er einen Bauernwagen und lud seine Habe auf: den grngestrichenen Kasten, der das wichtigste Gert in sich barg, die langen hlzernen Stangen und das Bettzeug, worin man die drei vor Klte zitternden Kinder bettete. Eine zerlumpte, wattierte Decke wurde ber den Plunder geworfen. -- Der Mann, als der strkere Teil, hatte noch den Mut, sich in den wsten Rumen umzuschauen, fand aber nichts mehr, das fortzubringen sich gelohnt htte; dann hob er mit Fassung und beherzt die Fenster, die Tren und Fensterlden aus den Angeln und trug sie auf den Wagen. Dafr werde ich doch einiges Geld bekommen, sagte er. Verlassen stand das Haus ohne Tren, ohne Fenster da -- wie eine Witwe. Ein Anblick, noch viel packender als der einer Brandsttte. Die Wolken schauen hoch hinein, und der Herbstwind jagt heulend durch die toten Rume. Und langsam fhrte ber die ungepflasterte Landstrae das bis zu den Rdern in den Kot eingesunkene Gefhrt die gebrochenen, verzweifelten Insassen in eine hoffnungslose Zukunft nach der Neustadt. Meine Mutter rief den Armen ein inniges Gotthelf auf den Weg. Die Wirtin gab ein Seid gesund zurck. Der Mann weinte. Die Kinder aber begleiteten mit lautem Geschrei diese Szene, keiner dachte daran, sie zu beruhigen, denn die Trauer dieses Momentes umschnrte alles Sinnen. Auch ich fhlte, da hier sich ein furchtbares Geschick vollzog, und Trne um Trne quoll mir aus den Augen. Daheim erzhlte meine Mutter die eben erlebte Szene, und Schwermut legte sich auf alle Hausgenossen. Ein jeder hatte das schmerzhafte Empfinden, da uns bald, vielleicht schon morgen, ein hnliches Schicksal kommen knnte. Meine verheirateten Schwestern wuten wohl, da sie fernerhin nicht mit den Eltern zusammen wohnen konnten, da der Vater sein ganzes Vermgen mit den liegenden Gtern verlieren wrde. Sie muten daran denken, sich selbst Wohnungen einzurichten. Eine neue Aufgabe, die ihnen bis jetzt fremd und unbekannt war, trotzdem eine jede schon eine Familie, einige Kinder hatte. So sorgenlos, so gemtlich war hier im Elternhause das Leben mit Mann und Kinderchen. Und nun sollte alles anders werden! -- Die Sorge legte sich wie zentnerschwerer Stein auf aller Herzen, obwohl die Behrde im Vergleich zu den anderen Stadtbrgern meinen Vater in dieser schrecklichen Zeit ohne jede Strenge behandelte. Von Zeit zu Zeit nur fragte man ihn, wann er nach der Neustadt ziehen wrde, worauf er nur sagen konnte, da er noch kein Haus gekauft htte. Aber auf die Dauer konnten uns die Beamten selbst beim besten Willen nicht in der Altstadt wohnen lassen. Eines Morgens kam mein Vater aus der Neustadt und erklrte, er wolle vorlufig nur eine Wohnung mieten. Er hatte auch eine gefunden; die Mutter solle sie sich ansehen. Wenn sie ihr gefiele, so knnten wir schon in kurzer Zeit nach der Neustadt bersiedeln. Ich hrte mit grtem Interesse zu. Trotz der traurigen Szenen bei der bersiedelung unserer Nachbarn empfand ich doch eine gewisse, frohe Erregung bei dem Gedanken an die groen, bevorstehenden Vernderungen. Wo die Erwachsenen schaudernd an die Mhe und Unbequemlichkeit eines Umzuges denken, hat es fr Kinder besonderen Reiz und Behagen, in eine neue Wohnung zu ziehen. Vor den leeren Rumen mchte der Groe fliehen, indessen jedes Kind mit Lust darin umherspringt und lustig auf das Echo seiner lauten Worte lauscht. Meine Mutter begab sich mit einer der lteren Tchter auf die Neustadt und besah die Wohnung. Sie _=mute=_ ihr gefallen. Und bald ging es ans Packen und Zusammenrumen. Viele Stcke unseres reichen Mobiliars muten verkauft werden, da die kleinen Rume in der Neustadt sie nicht alle htten aufnehmen knnen. An einem Dienstag sollte der Umzug nach der Neustadt vor sich gehen. Zuerst sollten meine verheirateten Schwestern mit ihren Familien bersiedeln. Der festgesetzte Tag kam heran. Wir frhstckten noch alle beisammen -- zum letzten Male! -- am elterlichen Familientische. Alle schwiegen beredt, bermannt von Gefhlen, die sich durch Worte schwer ausdrcken lassen! Die Trauer dieses Momentes war inhaltsreich. Die neue Situation war schwerer als ein Feuerschaden zu ertragen. Hier waltet die Wucht der Elemente -- die Hand, die wir anbeten, auch wenn sie zerstrt! Aber Haus und Hof in dem besten Zustande zu verlassen und aus trauter Heimlichkeit der Ungewiheit einer dunkeln Zukunft entgegen zu gehen, ist die Qual aller Qualen!... Nach dem Frhstck wurden die Wagen aufgeladen mit den Mbeln meiner Schwestern. Meine ltere Schwester, Chenje Malke Gnzburg, wurde behutsam auf die Strae gefhrt, da sie erst vor kurzem ein Tchterchen geboren hatte. Das kleine, zarte Wesen wurde in Polsterchen, Deckchen eingebettet und in den Wagen gebracht, wo noch die zwei lteren Kinderchen saen. Als wre es gestern gewesen, steht mir das Bild vor Augen, wie die alte Kinderwrterin Raschke das Kindchen in den leeren Zimmern aus der Wiege hob, um es meiner Schwester in den Wagen zu bringen; viele heie Trnen liefen ihr die gerunzelten Wangen herunter.... Von diesem Tage an hrte das patriarchalische Leben im Hause meiner geliebten Eltern auf! Es lste sich ein Glied des Hauses nach dem anderen ab.... Es kamen weit andere Zeiten, als wir bis jetzt gelebt hatten und niemals wieder kamen wir Kinder so alle unter des Vaters unumschrnkter Leitung zusammen. * * * * * In jenen Tagen war es auch, da der jdische Friedhof nach der Neustadt berfhrt wurde. Mit Bestrzung und Entsetzen vernahm die jdische Gemeinde in Brest, da die Erde, in der viele Tausend Menschengebeine seit Jahrhunderten ruhten, fr die projektierten Festungsbauten verwendet und da der alte Gottesacker mit seinen uralten Gedenksteinen demoliert werden sollte. War die Zerstrung der Altstadt von Brest ein finanzieller Ruin, so wirkte diese Kunde von der Entweihung der Grber geradezu vernichtend auf die Gemter. Vergebens waren alle Bemhungen, Bittschriften, das Flehen, man mge die Toten ruhen lassen. Umsonst, die Behrde blieb unerbittlich wie das Schicksal und befahl die Rumung des Friedhofes. Und es geschah. Die ganze jdische Bevlkerung mit dem Rabbiner, Reb L. Katzenellenbogen an der Spitze, vermehrte ihre Gebete und die Fasttage. Es half alles nichts. Man mute sich schlielich dem grausamen Befehl fgen. Es wurde ein Tag festgesetzt, an dem dieses noch nie erlebte Leichenbegngnis von vielen Tausenden vorsichgehen sollte. Die ganze Judengemeinde, jung und alt, reich und arm, fastete an diesem Tage. Jeder wollte an der schweren Arbeit teilnehmen. Nachdem die Mnner, auch viele Frauen, in der Synagoge in der frhen Morgenstunde -- es war an einem Montag, wie ich mich entsinne -- mit zerknirschtem Herzen gebetet hatten und der Abschnitt in der heiligen Rolle vorgelesen war, begab sich die Gemeinde auf den alten Gottesacker und verrichtete auch da Gebete. Man las Psalmen, bat die Toten um Vergebung, wie es sonst bei Bestattungen blich und ging an das traurige Werk. Einer der schrecklichsten Flche bei den Juden lautete: Die Erde soll deine Gebeine herauswerfen! Und so sah man den furchtbaren Fluch an diesen Gebeinen sich vollziehen!... Schon einige Tage vorher hatte man Sckchen aus grauer Leinwand angefertigt, die dazu bestimmt waren, die berreste der Toten aufzunehmen. Und diese kleinen Sckchen gengten vollkommen, den ganzen Menschen zu bergen, der einst im Leben so stolz, so selbstbewut, so unersttlich, so unermdlich im Wnschen und Begehren war -- das alles wurde nun zu einem Huflein Staub, kaum eine Last fr _=eine=_ Hand. Die ganze Gemeinde beteiligte sich daran, den Inhalt der aufgeschaufelten Grber in die Sckchen zu schtten, mit einem dicken Bindfaden zu verschnren und dieselben auf die bereitstehenden Wagen zu schichten. Hier gab es keinen Unterschied, Rang und gesellschaftliche Stellung kamen nicht in Betracht. Alle waren gleich. Die ganze Volksmenge war bei dieser Handlung tief ergriffen. Hier trauerte nicht eine Familie um einen Angehrigen, sondern eine ganze Bevlkerung um ihre geschndeten Toten. Endlich waren alle Grber ausgehoben, viele Wagen mit dem leichten und doch zentnerschweren Inhalt beladen und mit schwarzen Tchern bedeckt. Der Kantor stimmte ein Gebet an, sagte Kadisch (das bliche Totengebet), und der groe Kondukt setzte sich in Bewegung. Viele folgten dem Zuge den langen Weg von der Altstadt in die Neustadt barfu. Ein solches Leichenbegngnis war noch nicht dagewesen. Die Regierung hatte Militr gestellt als Ehreneskorte, zum Teil vielleicht auch darum, weil unter den ausgegrabenen Leichen sich viele Opfer einer groen Epidemie befanden. Die Soldaten schritten mit geschultertem Gewehr dicht neben den Wagen; die Brgerscharen folgten in tiefem Schweigen. Auf dem neuangelegten Friedhof, bei dem Dorf Bereswke -- sechs Werst von der Altstadt -- wurden die Sckchen mit den Gebeinen derjenigen, auf deren Grbern man keine Leichensteine vorgefunden hatte, in Massengrber versenkt, whrend die berreste der anderen in einzelnen Grbern beerdigt wurden, auf die man die alten Steine wieder setzte. Da kann man noch heute die hebrischen Inschriften lesen, die einige Jahrhunderte zurckfhren. Der Grabstein des Rabbiners Abraham Katzenellenbogen lautet in der bersetzung: Hier ruht der groe Rabbi, unser Gaon und Lehrer Abraham ben David des gewesenen Rabbiners in Brest, Litauen, gestorben 1742. Auf einem anderen Leichenstein liest man: ffnet die Tore und lasset den Gerechten eintreten! Hier ruht der berhmte Gaon, der heimgegangene Josef ben Abraham, sein Andenken sei gesegnet. Mge seine Seele im Reiche des Ewig-Lebenden aufgenommen sein! Die Jahreszahl ist verwischt. Auf einem anderen Steine steht: Hier ruht der auerordentlich tugendhafte Rabbi und Prediger, unser Lehrer und Leiter, Kiwe's Sohn Moses, verschieden Montag, am Vorabend des Vershnungstages 5591 nach Erschaffung der Welt. Er ist hingegangen, wo das Licht seiner Weisheit ewig leuchten wird.... Er spricht zu uns in seinen Werken und lebt nach seinem Tode fort.... Der Duft seiner blumenreichen Sprache ist unvergnglich.[T] Es dunkelte bereits, als die Massen-Beerdigung auf dem neuen Friedhof zu Ende war. Nach dem vollbrachten Werk zerstreute sich die Menge wieder lautlos. An diesem Abend herrschte in unserem Hause groe Trauer. Meine Eltern standen unter dem tiefen Eindruck dieses schweren Tages. Im Innersten bewegt, waren sie stumm und in sich gekehrt. Es wurde nicht gesprochen, man hrte keinen Laut. Alle waren mit ihren Gedanken ber den Tod und die Vergnglichkeit des irdischen Lebens beschftigt. Die Stadt Brest konnte an diesem Tage viele Heilige aufzhlen, die alles Irdische vergaen und dessen Vergnglichkeit erkannten. Vielleicht, da dieser schwere Tag sich lhmend auf die Schwungkraft meines teuren Vaters legte. Er hat sich eigentlich von dem schweren Schlage, der ihn von seiner Scholle ri, nie recht erholt. Nach fnfzehn Jahren vieler schwerer Prozesse bekam mein Vater von der Regierung eine ansehnliche Summe Geldes fr seine liegenden Gter. Aber er war ein alter Mann, seinen Geschften entfremdet und ein rechter Bankdrcker geworden -- ein Gelehrter, dessen Ttigkeit nur in seinem Studierzimmer an Talmudfolianten fruchtbar werden konnte. Es gab wohl noch mancherlei Auftrge fr den Festungsbau. Aber es war, als wre der Vater aus seiner Wurzelerde herausgerissen -- es wollten keine Frchte mehr reifen. II. Ein Sabbath. Mit der bersiedlung von der alten Stadt Brest in Litauen nach der Neustadt nahm das Leben in meinem Elternhause eine ganz andere Form an. Whrend das alte Heim, vom Gastzimmer bis zur Wagenscheune, vornehm eingerichtet war, waren hier die kleinen Rume rmlich. Zwar waren es noch die alten, mit Goldbronze imprgnierten Mahagoniholzmbel, die diese kleinen Rume erfllten, aber ach, in welchem Zustande! Verblichen, schbig. Von mancher Garnitur fehlten schon Stcke, mancher Tisch hinkte auf einem Fu, die Lehnen der Sthle boten keinen sicheren Halt mehr, von den Rahmen der groen Spiegel war das Gold abgeritzt. Aber die Wohnung ist immer ein Spiegelbild ihrer Bewohner! Beiden sah man an, da sie einst freundliche Tage gesehen. Das Material war im Kerne solid und hatte seine guten Dienste geleistet; und htte jetzt noch das Schicksal einen gtigen Blick auf Menschen und Mbel geworfen, so htten sie noch den alten Glanz annehmen knnen! Aber das Schicksal war unhold fr lange, lange Zeit. Jedoch war jene Periode fr meinen Vater eine der inhaltsreichsten. Sie brachte den Adel seiner Individualitt zum Vorschein. Er hatte mehr als frher Zeit und Gelegenheit, seinen Nchsten mit Rat und Tat beizustehen, sich durch seine groen, talmudischen und sonstigen Kenntnisse in der hebrischen Literatur Liebe und Verehrung in der jdischen Gesellschaft zu erwerben. Nachdem er alle seine Geschfte liquidiert hatte, widmete er sich dem Talmudstudium vollends und lebte Al hatauro w'al hoawaudo (der Lehre und dem Gottesdienst)! Der Tag war in unserem Hause so eingeteilt, da fr Talmudstudien so viel Zeit wie fr Essen und Schlafen gelassen wurde. Auch hier in der kleinen Wohnung war sein Kabinet mit vielen Fchern versehen, wo zur frheren Bibliothek noch viele Bcher hinzugekommen waren, und dort schrieb er im Anfange der vierziger Jahre die beiden Werke, von denen ich schon vorher berichtet habe. Auch in dem neuen Heim pflegte mein Vater um 4 Uhr frh, im Sommer wie im Winter, aufzustehen und seine Morgengebete singend zu verrichten. Diese Gebete hatten keine zusammenhngenden Weisen. Es waren mehr Rezitative; aber meinem liebenden Kinderherzen schmeichelten sie sich wie die schnsten Melodien ein. Unter diesen Tnen pflegte ich aufzuwachen und in einer tiefen, religisen Stimmung bis zum Tagesanbruch zu trumen. Man knnte aber glauben, da die Lebensweise meinen Vater von uns Kindern entfernte und von ernster Erziehung abhielt. Dem ist jedoch nicht so. Er hatte immer noch Zeit und Lust, den Gemeindeangelegenheiten sein grtes Interesse entgegenzubringen und mit seinen zrtlichen, vterlichen Augen, seinem weisen Worte Sitten und Gehaben der Kinder zu berwachen. Wohl war unter den neuen Verhltnissen vieles anders geworden, aber unser Betragen, unser gemessenes Selbstbewutsein aller Welt gegenber vernderten sich nicht, wenn auch mit dem Verlust des groen Vermgens in der Altstadt, d. h. mit dem Niederreien unseres Hauses und der Ziegelei der Wohlstand meiner Eltern schwer erschttert worden war. Viele der kostbaren Sachen verschwanden aus dem Hause, aber die kostbarere Persnlichkeit aller im Hause blieb erhalten. Unser Haus blieb auch jetzt der Sammelpunkt der intelligenten Gesellschaft. Jeder vornehme Gast, der in die Stadt Brest kam, kam zuerst zu uns, wo er sicher war, herzlich willkommen zu sein. -- Unsere Kleidung war unter den gegenwrtigen Umstnden einfach, jedoch war keines der Kinder auf die teuren Kostme der Freundinnen neidisch. Das Leben im Hause flo auch jetzt regelmig, gemtlich dahin. Die sechs Wochentage vergingen ohne Sonderheit. Der Freitag jedoch zeigte ein anderes Gesicht, wurden doch schon vor Tagesanbruch in der Kche die Vorbereitungen zum Sabbat getroffen, die herrlichen, groen Strietzeln und mancherlei Kuchen gebacken, wobei ich der Kchin bereitwillig half und dafr das erste Se zu essen bekam. Ich zhlte damals schon 14 Jahre. -- Schon frh am Tage standen die Hausgenossen auf. Wir frhstckten warmes Weibrot mit Butter und Kaffee. Ich schrieb einen Zettel, auf dem alle Besorgungen fr den Sabbat, alle Einkufe auf dem Markte verzeichnet waren, bewaffnete mich mit einem Handkorb und Serviette, und begab mich auf den Marktplatz, wo meine vornehmlichste Aufmerksamkeit der ersten Besorgung, den Fischen, galt, den Fundamenten eines richtigen Sabbats! Auf gute Fische legte mein Vater groen Wert. Ich kaufte den allerfrischesten Hecht, der bei uns Juden in besonderer Gunst steht, machte mich dann an die Obstgestelle und ging raschen Schrittes nach Hause, wo ich meine Mutter, den Sabbatabschnitt lesend, fand. Bei meinem Erscheinen jedoch legte sie die Bibel zur Seite und betrachtete meine Einkufe. Mein Vater kam auch aus seinem Kabinet, besichtigte den Fisch, blieb meistenteils zufrieden, ermahnte mich, viel Pfeffer beim Kochen zu geben, versprach sich guten Appetit dabei; und nachdem ich den Fisch der Kchin zum Reinigen bergeben, band ich mir eine lange Schrze um, machte mich rasch an die kleine Wsche der Taschentcher des Vaters, der Kragen und Musselinrmelchen, welche noch bis vor Abend zur Sabbattoilette der Eltern getrocknet und geplttet werden muten. Dann kam der Fisch an die Reihe. Mein Vater liebte es, der Prozedur zuzuschauen, und schmunzelnd lobte er meine Fertigkeit, kostete von der Sauce, und mahnte nochmals, noch mehr Pfeffer zu zugeben. Nach vielem Probieren und Schmecken wurde der Fisch fertig. Ich legte diesen auf die Schssel, stellte sie auf einen Topf heien Wassers, damit die Sauce nicht eintrockne. Noch einmal wurde das Gemse gekostet, das Fehlende zugegeben, und dann der Kchin der Platz am Herde gerumt. Von da ging ich zum Teetisch, wo ich fr die Eltern und meine Geschwister den Tee bereitete und einschenkte. Am Freitag wurde er frher als gewhnlich eingenommen und in aller Eile getrunken. Hernach ging ich durch alle Zimmer, um die letzte Hand an das Reinigungswerk zu legen, bald eins, bald das andere von den Mbeln zurechtzustellen, den Staub in den Winkeln zu entfernen usw. Unterdessen war die kleine Wsche getrocknet. Ich machte mich ans Pltten. Hernach verteilte ich an die Eltern und Geschwister die groe Wsche. Alle im Hause machten Sabbattoilette. Die meine bestand im Winter in einem wollenen Kleidchen blauer Farbe, meiner Lieblingsfarbe; im Sommer in einem steif gepltteten Kattunkleidchen. Die Jugend mute mir Samt und Seide ersetzen. Meine Eltern begaben sich in den nur fr den Sabbat bestimmten Kleidern in die Synagoge, meine Mutter freilich erst, nachdem sie mit einem weien Tischtuch den Tisch bedeckt, auf den oberen Sitz die zwei Sabbatbrote gelegt, die sie mit eigens dazu hbsch gesticktem Deckchen verhllte, dann wurden die Kerzen mit einem Segensspruch angezndet, wobei sie der brigen zwei Gebote fr jede jdische Frau gedachte. Sie dankte in diesem Gebete Gott, da es ihr bestimmt ist, die Gemcher zum Sabbatfest zu beleuchten. Whrend sie in der Synagoge war, hatten wir drei Mdchen auch die Pflicht, jede zwei weitere Kerzen am Freitag Abend im Kronleuchter des Ezimmers anzuznden. Auch in den brigen Zimmern wurden die Kerzen in den Wandleuchtern angesteckt. Und bald strahlte das ganze Haus im Kerzenglanze. Wir Mdchen in frischer Sabbattoilette fhlten uns in den geputzten Rumen in jener Stimmung, von der die Chassidim sagen, da der Himmel fr Sabbat die Neschome Jessaire, die zweite Seele verleihe. Diese Zeit war die einzige in der Woche, wo wir Mdchen, ohne gestrt zu werden, unsere russischen, polnischen, deutschen und jdischen Lieder mit ganzer, voller Stimme singen konnten. Ein anderes Mal wurde getanzt, wozu sich unsere Nachbarskinder einfanden. Auch das Beten wurde nicht vergessen! Unterdessen deckte der Bediente den Tisch zum Abendessen. Auf Vaters Platz stellte ich den groen, silbernen Becher mit der Karaffe Wein. Wir erwarteten die Eltern von der Synagoge. Der Vater kam, und schon wenn er mit seiner krftigen Stimme gut Sabbat rief, kehrte die ganze Sabbatgemtlichkeit bei uns ein. Er breitete seine Hnde aus, und wir Kinder empfingen, die lteren zuerst, den Segen. Des Vaters Gesicht strahlte in glcklicher Sabbatruhe, in seinen lachenden Mienen ruhte der Frieden der Seele. Sorgen und Kummer, von denen er die letzte Zeit so reich geplagt war, waren verjagt, vergessen -- von ihm und seinem Hause. Er betete ber unser vor Liebe und Verehrung gebeugtes Haupt, whrend er es oft in seine Hnde drckte und streichelte. Zu einem Ku jedoch und hnlichen, zrtlichen uerungen durfte es nie kommen, da Religiositt und sittliche Anschauungen sie nach damaligem Begriff als Leichtfertigkeiten verpnten. Nachdem wir alle des Vaters Segen erhalten, wurden vom Vater und den brigen Herren Verse, die man Scholem Alechem -- Friede mit euch -- nennt, gesungen, mit denen jeder Jude seinen Sabbatfriedensengel empfngt. Darauf folgt der Lobgesang auf die arbeitsame Hausfrau (Psalm 18), die Esches Chajil, die Heldenfrau. Der Frau, die aufsteht, wenn es noch Nacht ist, und die Speise fr ihren Mann und Kinder und Gesinde bereitet, ihren Handarbeiten und rot gewebten Grteln gilt das Lob in den Stadttoren. Sie ist eine Krone fr ihren Mann. Doch Schnheit und Anmut ist eitel Tand, vergnglich, und nur der gottesfrchtigen Frau gilt alles Lob. Diese Gesnge pflegten die Mnner, im Zimmer auf- und abgehend, in einer schnen Weise zu singen. Ich war damals Backfisch und pflegte mich bei diesen Gesngen, da ich sie zur Hlfte verstand, ordentlich stolz zu fhlen, und nahm mir vor, des Lobes selbst wrdig zu werden. -- Mein Vater machte Kidusch, trank zur Hlfte den Inhalt des Bechers und gab ihn der Mutter, die davon nippte, und ihn uns Kindern der Reihe nach reichte. Dann ging es, ohne ein Wort zu sprechen, ans Hndewaschen; und ein Gebet beim Abtrocknen wurde gesprochen. Diese Handlung, die trotz der vielen Anwesenden, doch so still verrichtet wurde, reizte uns Kinder oft zu leisem Flstern, noch fter zu einem ganz verfhrerischen Kichern. Aber ein strenger Blick des Vaters verjagte allen Mutwillen. Der Vater sagte ein Gebet ber die zwei Brote, die man Lechem Mischne nennt, schnitt das eine in zwei Teile, a davon einen Bissen und sprach, bis er ihn verzehrt hatte, kein Wort. Wir alle am Tisch bekamen auch eine Scheibe. Der Fisch wurde aufgetragen, eine fromme Sabbathymne mit lieblichen Melodien gesungen. Dann folgte die fette, schmackhafte Nudelsuppe; dann ein zweites Lied, bei dem wir Mdchen leise mitsummten. Laut durften wir es nicht tun, da es als eine Snde fr die Mnner galt, weibliche Stimmen singen zu hren! Mit einem Gemse endete die Mahlzeit. Zum Schlu wurde ein Dessert gereicht das aus pfeln, gersteten Nssen, abgekochten Erbsen bestand. Die Mtzen wurden aufs Neue aufgesetzt, Wasser ber die Finger gegossen, das Majim Acharaunim, d. h. das letzte Wasser genannt wird. Mit der Rezitation des Tischgebetes wurde einer der Herren der Tischgesellschaft beehrt, dem ein Becher mit Wein gefllt wurde, und alle fielen mit einem Amen an bestimmter Stelle ein. Nach dem Abendbrot blieb man nicht mehr lange beisammen; schon um zehn Uhr lag das ganze Haus in tiefem Schlaf. Mein Vater, seiner Gewohnheit treu, wachte um 4 Uhr frh auf, da er jedoch des Sabbats wegen, selbst kein Licht anznden konnte, rief er den Bedienten und befahl, da er dem christlichen Nachtwchter auftragen solle, Licht ins Haus zu bringen. Der Bediente brachte auch bald Michalka, den bewhrten Nachtwchter, der die Kerze in Vaters Kabinet und in der Kche fr den Bedienten anzndete. Vater sang seine Morgengebete, bltterte ein wenig in dem groen Talmudfolianten, trank seinen Tee, der, gestern zubereitet, auf dem groen Kchenofen im heien Sand bis zum Morgen hei geblieben war. (Der Samowar wurde in meinem elterlichen Hause nie am Samstag aufgestellt, auch kein Kaffee oder sonst eine Speise gekocht oder gewrmt.) Und nun begab sich mein Vater, in finsterer Nacht, im Winter des tiefen Schnees, des Frostes nicht achtend, nach dem sogenannten Chewra-thillim-bethamidrasch, die ihren Namen herleitet von der bung, jede Woche alle Psalmen von Anfang bis zu Ende zu sagen. Jeden Tag wurde ein Teil im Chor gesungen, wobei einer von der Gemeinde mit dem ersten Satze im Kapitel anfing und die Gemeinde ihm folgte. Mein Vater gehrte zu diesem Verein, beteiligte sich jedoch an dem Gesange nur am Samstag. Die Mitglieder dieses Vereins bestanden grtenteils aus Handwerkern, denen es die ganze Woche unmglich ist, sich in frher Morgenstunde diesen seelischen Genu zu gnnen. Heute aber ist der heilige Sabbatruhetag, der schon von gestern vor Abend begonnen hat. Jeder Jude hat schon um 9 Uhr abends gestern in tiefem Schlaf geruht, ist um 4 Uhr nach Mitternacht physisch und geistig gestrkt erwacht und hat mit Wonne seiner Gemeinde im bethamidrasch gedacht, wohin er unverzglich sich begab, und wo er im hell beleuchteten, gut durchwrmten, gerumigen Bethause seine Kameraden traf. Es ist keine bestimmte Weise zu diesen Psalmen vorgeschrieben, aber ein jeder Jude gibt den Worten der Psalmen, die er ganz versteht und tief empfindet, und in denen er seine eigenen Erlebnisse findet, die passende Melodie selbst, weil sie ihm aus innerster Seele kommt; und mit diesen individuellen Tnen preist er und singt seinem Schpfer Hallelujah. So ging es bis Tagesanbruch, wo dann das Morgengebet Schachariß«, das Mittagsgebet Musaph gebetet wurden, und dazwischen der Wochenabschnitt aus der Thora gelesen ward. Gegen 11 Uhr vormittags ging dann jedes Mitglied der Gemeinde in der besten Stimmung nach Hause, nicht zuletzt, weil es wute, da seiner schon von gestern her ein schmackhaftes Mittagessen harrte. Jeder ergtzte sich an Schalet und Kugel, den der Sabbatengel so prchtig abgekocht hat. Dieser Schalet, von dem Heinrich Heine behauptet, da die Bewohner des Olymp Griechenlands nur deswegen Ambrosia speisten, derweil sie von Schalet nichts wten! -- Wir Kinder waren schon in vollem Sabbatputz. Der Vater segnete uns und machte Kidusch ber einen Becher Wein. Wir muten auch davon nippen. Darauf wurde mit Honigkuchen und Konfitren in Honig und Zucker angebissen. Unterdessen trug der Bediente gesalzene, kalte Fische auf, hartgekochte Eier mit Zwiebelsalat, Gnseleber, Gnsefett, Rettig, Kalbsfe mit Eiern und Knoblauch; die bitteren, pikanten Kruter, an denen sich unsere Vorfahren schon in der Wste erlabten, ergtzen noch bis heute die Nachkommen Jacobs. Nachdem die Tischgesellschaft den ersten Hunger gestillt hatte, wurde der Schalet aufgetragen. Er schmeckte vortrefflich! Obwohl die Speisen mehr als 20 Stunden im Ofen gestanden hatten, bekamen sie jedem gut. Die damaligen, jdischen Magen waren gut. Je fetter der Kugel, das Symbol des Sabbatmittagmahles war, um so schmackhafter erschien er den Tischgenossen und er fand Gnade! Auch heute wurden fromme Lieder, Hymnen auf die Sabbatruhe, mit munteren Weisen im Chor gesungen. Am Sabbat nach Tisch zu schlafen, ist eine Mitzwa und -- wir waren fromm! Nur wir Kinder konnten uns jetzt austoben, im Ezimmer whrend des Winters, auf Wiese, Berg und Tal im Sommer. Am Sptnachmittag gingen die Mnner wieder ins Bethaus zum Vorabendgebet. Es war in der Dmmerung. Daheim mute dann die dritte Sabbatmahlzeit gegessen werden. Auch die Kinder hatten nach ihrem Umhertollen Wolfsappetit. Bei dieser Schalssude im Halbdunkel vor Abend muten Fisch und Fleisch nach Vorschrift gegessen werden. Auch jetzt wurden schne Hymnen gesungen und dann das Tischgebet verrichtet. Darauf ging alles wieder in die Synagoge zum Abendgebet, und es war schon dunkel, als die Mnner zurckkehrten. Alsdann betete mein Vater bei einem Becher Wein Awdole. Dann wurden weiter wohlklingende Smiraus gesungen d. h. Verse, die sich auf die kommende Woche (Werkeltage), auf Sonne, Mond und Sterne beziehen. -- Der Abend war noch ein halber Feierabend, an dem nichts gearbeitet wurde. Gegen 11 Uhr wurde aufs neue eine Mahlzeit eingenommen, die sich reb Chidkes Ssude -- Melawe Malke -- Abschiedsgebet fr die Knigin Sabbat nannte. Fr dieses Mahl wurde ein Borscht, eine aus Geflgel und roten Rben bestehende Brhe, gekocht, die erst um 11 Uhr fertig wurde, da man Feuer erst dann anmachen durfte, wenn es vollstndig Nacht war. Alle, selbst wir kleinen Kinder, muten zu dieser spten Mahlzeit zu Tisch kommen. Mit dieser spten Mahlzeit endete erst die Sabbatfeier. III. Evas Hochzeit. Ich war 15 Jahre alt, als meine zwei Jahre ltere Schwester verlobt _=wurde=_. Ja, sie _=wurde=_ verlobt und nicht (wie es jetzt bei den Mdchen heit) sie haben sich verlobt. Unsere Eltern und die des Brutigams unterhandelten durch den Heiratsvermittler schadchen miteinander und besprachen, wieviel Mitgift, Kleider und Schmuck von beiden Teilen der Heiratspartei gegeben werden solle. Meine Schwester bekam ihren Brutigam, ihren Lebensgefhrten, vorerst berhaupt nicht zu Gesicht und konnte sich nicht berzeugen, ob sie ihn lieben knnte, und ob er ihrem Geschmack und den Idealen entsprche, die sich ein Mdchen von ihrem Zuknftigen heimlich bildet. Unsere Eltern teilten ihr nur mit, da ein gewisser Herr F. aus der Stadt S. um sie werbe. Und da er aus gutem Hause, reich, nicht hlich, und schon ein selbstndiger Kaufmann (zwar schon einmal geschieden) wre, fanden unsere Eltern diese Partie zweckmig und gaben ihre Zustimmung. Nun sollte es auch meine Schwester tun. Weit entfernt, den mindesten Zweifel in die Worte der Eltern zu setzen, machte meine Schwester keinerlei Einwendungen. Mit dem, was die Eltern bestimmten, war man eben einverstanden! Da sie mit der Wahl zufrieden war, war selbstverstndlich; war es doch blich, in dieser Form die Tchter zu verheiraten und -- sie waren in der Ehe glcklich. Die Mdchen von anno damals wuten, da der Mann, den ihnen die _=Eltern=_ bestimmten, von _=Gott=_ bestimmt war. Gott wollte, da er ihr Lebensgefhrte wurde, und so fgte man sich vom ersten Augenblick in alle Schicksale des Ehelebens mit Geduld und Ergebung, richtete danach Sinn und Tun ein. So wurde die damalige Ehe von Frau und Mann als ein _=heiliges=_ Band betrachtet, das nur der Tod trennen kann, und nicht wie jetzt, wo die Ehe lediglich auf dem guten _=Willen=_ der Ehegatten basiert ist. Bei einer auf die alte Weise geschlossenen Ehe kamen selten Zwist oder Uneinigkeit unter den Gatten vor; meistenteils haben sie ein glckliches, zufriedenes Leben bis zum hohen Alter gefhrt, und ein solches war auch meiner Schwester vom lieben Gott beschieden. Meine Schwester wurde also Braut, bekam von ihrem Brutigam hbsche Brillanten zum Geschenk geschickt und sehr oft Briefe, auf die sie sofort antwortete. Der Briefwechsel war zwar nicht ohne gewisse innere Anteilnahme, Anhnglichkeit und Liebe, aber durchaus nicht schwrmerisch. Immerhin kam doch darin zum Ausdruck, da man sich nacheinander sehnte und mit Herzenslust einen Brief erwartete und empfing. So vergingen fnf Monate. Eines Morgens, da meine Mutter mit uns allen beim Frhstckstisch sa, sagte sie zu meiner Schwester: Ich hoffe, da deine Hochzeit nach drei Monaten stattfinden wird. Meine Schwester wurde bei den Worten der Mutter bla. Die Mutter fing an, sie mit einschmeichelnden Worten zu beruhigen. Mit lchelnden Mienen, aber doch ganz ernst, sagte sie: Es ist schon Zeit, du bist bereits achtzehn Jahr! Meine Schwester aber antwortete nichts, stand rasch vom Stuhl auf, ging in ihr Zimmer, wo sie heftig zu schluchzen anfing. Welche Gefhle ihr diesen Trnenstrom erpret haben, konnte man wohl erraten. Unsere Mutter legte jedenfalls weiter kein Gewicht darauf. Meine Schwester selbst konnte sich ber ihre Trnen wohl keine Rechenschaft geben. Vielleicht hat verletzter Stolz sie erpret; sie kannte nicht einmal ihren Brutigam persnlich und sollte ihn erst zur Hochzeit zu sehen bekommen. Nun fingen die Vorbereitungen zur Hochzeit an. Zuerst Garderobe! Es wurden von den Geschften Stoffe, Zeuge, Leinwand usw. gebracht. Meine Schwester aber kmmerte sich scheinbar nur wenig darum. Sie wurde nachdenklich, still, und ging in sich gekehrt herum. Meine Mutter und die lteren Schwestern bestellten die Nharbeit. Die Braut aber schrieb jetzt fter an ihren Brutigam, wohl um ihre erschtterte Ruhe wiederzufinden. Die Antworten waren sehr liebenswrdig. Unsere Eltern und die des Brutigams setzten bei der Verlobung als den Tag der Hochzeit einen Donnerstag im Septembermonat des Jahres 1848 fest. (Es war ein Rausch Chaudesch.) Ich sollte schon ein langes Kleid zu dieser Hochzeit bekommen -- als lteres Mdchen im Hause, folglich auch Kandidatin der Ehe. Die Wirtschaft und Vorbereitung zur Hochzeit nahm mich sehr in Anspruch. Tagelang hatte ich in der Kche mit Backen, Braten, Kochen zu tun. Aber ich liebte diese Beschftigung, whrend meine Schwester das Lesen und Nhen vorzog. Meine lteren Schwestern besorgten den Hausrat und die Kleidungsstcke fr die Braut. Sie bekam ein hell-lila Seidenkleid, mit weien Blendenspitzen besetzt, zum Brautkleid, einen Myrtenkranz und langen Schleier dazu. (Der Anzug war im Vergleich mit den damaligen Sitten auffllig modern!) Sonnabend vor dem festgesetzten Termin war Polterabend, damals nannte man ihn smires. Alle Freundinnen und Bekannten kamen, und wir waren lustig und tanzten uns mde, da wir Mdchen auch die Kavaliere vorstellen muten. Mit einem Mann zu tanzen, verbot unsere religise Erziehung. Vater und die bekannten Herren sahen zu und ergtzten sich an dem schnen Anblick des Solotanzes der russischen Kasatzke, der so reich ist an knstlerischen Tanzfiguren, an grazisen Bewegungen und Schwenkungen. Bald war die im raschen Tempo getanzte Galoppade an der Reihe, die zu zweien in der Runde des Salons getanzt und wobei in jeder der vier Zimmerecken fr einen Moment Halt gemacht wurde. Dazwischen kam auch das lustige Tnzel Bgele, eine Art Rundtanz, dann chosidl, zu dem eine hchst muntere Weise mit Fanfarenmusik und Tamburin gespielt wurde. Endlich wurde auch der Contredanse gar zierlich-manierlich getanzt. Der Walzer aber war nicht sonderlich beliebt. Die Tage von Sonnabend bis Donnerstag waren unruhig und reich an Arbeit. Aber an jedem Abend dieser Tage kam die Musik, um der Braut einen guten Abend aufzuspielen, einen dobri weczer und an jedem Morgen hrten wir ein Guten-Morgen-Stndchen, dobri dsen, wobei wir Mdchen ein lustiges Tnzchen machten. Es herrschte ganz die patriarchalische Sitte, die fordert, da die jdische Hochzeit vier Wochen dauern soll. Meine Schwester hoffte, da ihr Brutigam wenigstens zwei Tage vor der Hochzeit kommen wrde und war in den letzten Tagen munterer geworden. Als jedoch schon der Mittwoch der letzten Woche nahte, und ihre Hoffnung sich nicht erfllte, wurde sie verstimmt und weinte im Geheimen oft, und ihr ganzes Wesen sprach von Ungeduld. Die Vorbereitungen zur Hochzeit nahmen ihren Fortgang, und der festgesetzte Hochzeitstag, ein Donnerstag, lie sich mit prchtigem Wetter und Sonnenschein an -- ohne jedoch den Brutigam in unsere Stadt zu fhren. Doch kaum war es 11 Uhr geworden, als eine Estafette die ungeduldig erwartete, frohe Nachricht brachte, da der Brutigam und seine Begleitung auf der letzten Poststation angelangt seien und weiterreisten. Eilig kleideten wir uns an; das Frhstck wurde bereitet. Ich mute helfen und wurde darum nur zur Hlfte mit der Festtoilette fertig. Die Braut aber wollte sich nicht eher ankleiden, bis sie erst ihren Brutigam gesprochen htte -- ein Verlangen, das uns heute nur recht und billig klingt. Allein ein strenger Blick unserer Mutter und ein Wort der Schwestern waren hinreichend, diese Forderung aufzugeben. Bald erschien die Schwester brutlich gekleidet; in den Spiegel freilich hatte sie kaum geschaut! Ihre Seufzer lieen den Sturm ihrer Gefhle ahnen! Es lag in der Wucht der Sitten jener Zeit, da sie ruhiger wurde und sich damit abfand, erst im Trauungskleide zum ersten Male ihren Lebensgefhrten zu Gesicht zu bekommen. Es war 12 Uhr geworden. Die Einladungen zur Trauung an die Freunde und Bekannten waren in der Frhe desselben Tages verschickt worden, und einige Gste fanden sich schon ein. Musik erklang und unsere Eltern traten mit ernsten Gesichtern, bewegten Herzens und trnenvollen Augen in den Hochzeitssaal, in ihrer Mitte die jugendliche, hbsch geschmckte, erregte Braut am Arm haltend. Meine Schwester war keine ausgesprochene Schnheit, aber ihre hohe Statur, ihr stolzes, hochragendes Haupt, die hohe Stirn und klugen Augen lieen auf ihren Verstand schlieen. Der Ernst dieser Stunde war bei ihr, wie es schien, von einem romantischen Glanz umleuchtet und go ber ihre strengen Gesichtszge die milde Hingebung und Ergebung, die wir in der letzten Zeit bei ihr vermiten. -- Mein Vater hatte inzwischen den Brutigam in seinem Logis begrt, und er konnte meine Schwester mit berzeugung versichern, da der junge Mann ein liebenswrdiger Mensch sei. Unter den Klngen einer zu Trnen rhrenden Musik, wie es bei hnlichen Gelegenheiten blich und passend ist, fhrten unsere Eltern die Braut bis in die Mitte des Hochzeitssaales, wo auf einem Teppich ein Armstuhl mit einer Fubank stand, und mit trnenerfllten Augen lieen sie die Braut aus ihren Armen darauf nieder. Sie blieb nachdenkend, in sich gekehrt, sitzen. Bange Erwartung, freudige Erregung, der Gedanke, sich frs ganze Leben zu fesseln, durchtobten sie..... Ach! Ein Frauenleben!... Wieviel sagt doch dieses eine Wort ... Der Vater entfernte sich, die Mutter aber und wir alle, reich geschmckt, blieben in ihrer Nhe. Es dauerte auch nur kurze Zeit, als wir aus dem Vorzimmer den Bedienten melden hrten, da der Brutigam vorgefahren sei. Meine Mutter erhob sich und warf einen unruhigen, aber von mtterlichem Stolz erfllten Blick auf die Braut, die bla und starr vor sich hinsah. Sie sprach ihr nochmals mit zrtlichen Worten Mut zu und begab sich dann in den zweiten Salon, um die willkommenen Gste zu empfangen. Der Vater trat ihnen schon im Vorzimmer entgegen, umarmte und kte den Brutigam und fhrte ihn ins zweite Zimmer zur Mutter, die nach damaliger Sitte weder durch einen Hndedruck noch durch einen Ku ihre Freude oder Zufriedenheit uern durfte. Aber ihre Augen und ihre hastigen Worte sagten, da sie zufrieden war. Der Brutigam schien der zrtlichen Umarmung des Vaters und der freundlichen Worten der Mutter nur wenig zu achten; seine Augen suchten gierig und gespannt die, nach der sein Herz sich sehnte. Er sah ber alle, die neben ihm standen, hinweg in den zweiten Salon, von wo ihm der Stern seines knftigen Lebens entgegenleuchtete. Die Festgenossen, geleitet von unserm Vater, gingen nun in das Hochzeitzimmer. Meine Schwester hatte sich von ihrem Stuhl erhoben und stand in ihrer ganzen Wrde dem Brutigam gegenber, das Auge beharrlich auf ihn gerichtet, vor dessen Blick er die seinigen, wie ich denke, senken mute, da sein Charakter nachgiebig, mild und friedfertig war und der ihrige zwar nur wenig Sentimentalitt besa, aber kernig gesund, kalt, hell wie der Wintertag war. Auch zwischen Braut und Brutigam durfte selbst bei dieser feierlichen Gelegenheit kein Hndedruck gewechselt werden. Ihre ganze Erscheinung jedoch wirkte auf ihn elektrisierend; er konnte sich kaum fassen und murmelte einige unverstndliche Worte, worauf meine Schwester eine mavolle Antwort gab. Es wurde dem Brautpaar gestattet, sich ins zweite Zimmer zu begeben, zunchst in Begleitung der beiderseitigen Eltern, die sich brigens bald entfernten, damit die jungen Leute endlich _=ohne Zeugen=_ miteinander sprechen knnten. Wenn das Dictum: Gekommen, gesehen, gesiegt irgendwo berechtigt ist, so hier! Es verging kaum eine halbe Stunde, da traten die jungen Leute freudestrahlend in den Hochzeitssaal zurck. Man beeilte sich zu frhstcken; es geschah in groer Gesellschaft und in sehr munterer Weise. Schon sammelte sich die Menge der geladenen Gste; und da es im spten Herbst war und der Tag kurz, so mute man eilen. Unterdessen war es drei Uhr geworden. Im Hochzeitssaal wurde getanzt, und die Braut auch in den Wirbel hineingezogen, was nach den damaligen Begriffen ganz in der Ordnung war. Der Brutigam bat sich die Erlaubnis aus, im Tanzsaal zu bleiben; es wurde erlaubt, aber nicht fr lange! Unsere Mutter zeigte sich bei hnlichen Gelegenheiten viel milder als der Vater. Sie setzte sich in einen Winkel des Hochzeitssaales und bat ihren knftigen Schwiegersohn, neben ihr Platz zu nehmen. Eine Stunde mochte in Tanz und Lust vergangen sein, da mahnte meine Mutter den Brutigam, da es Zeit sei, zu gehen. Er tat es mit einer sehr langen Verbeugung und einem Lcheln gegen die Braut. Und nun fing die Zeremonie des sogenannten Besetzens und Bedeckens an, die darin besteht, da man Brautkranz und Schleier vom Kopfe der Braut herunternahm, und die Frauen und die Freundinnen die Haare der Braut, die eigens heute zu kleinen Zpfchen geflochten waren, auflsten und ber Hals und Nacken breiteten, wobei die Musik nur stille Tne anschlgt. Die noch vor einer kleinen Weile so lustig tanzende Hochzeitsgesellschaft wurde still. Eine traurige Stimmung umhllte alle. Der Batchen oder Marschalik -- wie man diese Kasualienredner damals nannte -- erinnerte die Braut, da der heutige Tag fr sie einen Lebensabschnitt markiere; sie trete in ein neues Stadium und dieser Tag solle ihr heilig wie der Vershnungstag sein. Sie sollte Gott anflehen, ihr die Snden zu vergeben. Der damalige Jude glaubte, da die Eltern die Snden eines jeden Kindes bis zu seiner Vermhlung vor Gott zu verantworten haben. Nach der Hochzeit ist aber jedes Kind selbst fr sich verantwortlich. Bei meiner Schwester bedurfte es keiner Ermahnung! Ihre Trnen flossen reichlich und innig. Nach dieser Rede kam, in Begleitung der Eltern und Gste, gefhrt von dem Ortsrabbiner, der Brutigam in den Hochzeitssaal, nahm von der vorbereiteten, mit Hopfen und Blumen gefllten Platte den Schleier, und auf die Aufforderung des Rabbiners bedeckte er damit das Haupt der tiefbewegten Braut. Bei dieser Handlung bestreuten ihn alle Umstehenden mit Hopfen und Blumen, und unter lauten Glckwnschen, Umarmungen und munterer Musik verging noch eine gute halbe Stunde, in welcher man die Braut von der schweren Brauttoilette befreite, ihr ein leichtes, lichtes Kleid anlegte, eine leichte Mantille berwarf und den Schleier auf dem Kopf zurechtlegte und befestigte. Nun ging es in die Synagoge, jedoch nicht wie jetzt in Equipagen, sondern zu Fu durch die oft sehr schmutzigen Gassen. -- Die Trauung wird von den Juden als ffentlicher Akt betrachtet und mu daher unter freiem Himmel vollzogen werden. Das Volk soll Braut und Brutigam sehen knnen, vielleicht wei jemand, da einer der Brautleute schon verheiratet ist! Der Brutigam wurde bald nach dem Bedecken mit Musik -- ein Marsch wurde gespielt -- vor die Synagoge gefhrt, wo er unter den dort aufgestellten Baldachin gestellt wurde. Und die Musikanten begleiteten nun auch die Braut unter die Chuppe mit demselben Marsch. Die Braut wurde von den Unterfhrerinnen (Brautschwestern) an die linke Seite des Brutigams gestellt; die Musik schwieg. Die Zeremonie der Einweihung des Brautpaares begann. Der Schammes (Synagogendiener) fllte ein Glas mit Wein, ber den den Segen zu sprechen, ein geachteter Mann beehrt wurde. Bei einem bestimmten Satze hielt er inne. Der Synagogendiener bergab dem Brutigam den Trauring, den dieser in die Hhe hielt, und mit den gesetzlichen Worten in bestimmtem Rhythmus: Hare ad mekudesches li betabas sukedas Mausche w' Isroel steckte er den Ring auf den Zeigefinger der rechten Hand der Braut. Dann rezitierte der den Wein segnende Mann die sogenannten schiwo broches -- die 7 Segenssprche -- auf die schnsten Tugenden und edelsten Regungen des Menschenherzens, wie Liebe, Freundschaft, Treue, Bruderschaft des Ehepaares. Dann wurde die ksube (Heiratsurkunde) vorgelesen. Diese lautete wie folgt: Dieser Herr N. heiratet dieses Frauenzimmer N. Er verpflichtet sich, ihr Mann zu sein, sie zu ernhren, standesgem zu kleiden und sie zu beschtzen. Sie bekommt von dem Herrn N. dreiig Goldmnzen. Die ksube wird der Braut hier unter der chuppe berreicht. Nachdem das Gebet ber den Wein zu Ende gesprochen war, muten Brutigam und Braut aus dem Glase trinken. Das Glas aber legte man auf die Erde, und der Brutigam mute es mit dem Fue zerstampfen! Die Hochzeitgesellschaft rief Masel tow (Gut Glck), und das Brautpaar trat Arm in Arm den Heimweg an, von der rauschenden, betubenden Fanfarenmusik und dem gesamten Publikum begleitet, wobei besonders die lteren Weiber einen Reigen dicht vor dem Brautpaar tanzten, denn als grte Mizwe (d. h. gottgefllige Tat) galt: M'ssameach chosen wekalo (d. h. Braut und Brutigam belustigen!). Sie tanzten bis zu unserem Hause. Dort schwieg die Musik und nun galt es, zu sehen und zum Teil zu bewirken, da die Braut zuerst ber die Schwelle trete. Ein alter Aberglauben lehrte nmlich, da, wer von dem Ehepaare zuerst ber die Schwelle tritt, durchs ganze Leben die Oberhand im Eheleben behalten wrde. Smtliche Frauen nahmen ihren Schmuck ab und legten ihn hier auf die Schwelle; darber sollte das neuvermhlte Ehepaar schreiten. Hier bei uns vollzogen sich alle diese Bruche in gemtlicher Ordnung, whrend es bei dem einfachen Volk bei dieser Gelegenheit sehr oft zu einem Handgemenge kam, in dem bald die Verwandten der Braut ihrem Schtzling den Vortritt zu erkmpfen suchten, whrend ihrerseits die Verwandten des Brutigams dasselbe Manver bten. Man denke sich diesen ganzen Chuppegang (Trauungszug) mit allen oben geschilderten Szenen bei Regenwetter unter freiem Himmel, wo wenige von den Tanzenden Schirme besaen. Da gab es schlumpige Weiberrcke und Pantoffeln, und die arme Braut mute laut die bittersten Vorwrfe hren, da sie, wenn es zu ihrer chuppe regnete, wohl naschhaft gewesen sein und aus den Kasserollen geleckt haben mute. -- In groem Gedrnge kamen die Brautleute zu Hause an, wo das junge Paar in sein Zimmer gefhrt wurde und bei Tee, Bouillon und Leckerbissen sich von den Strapazen des Chuppeganges erholte. Es war auch hohe Zeit! Denn das Brautpaar fastete bis nach der Trauung. Man nannte die erste Bouillon, die man dem Brautpaar gab, die goldene Suppe. Nur die intimeren Freundinnen und die Brautschwestern wurden in das Zimmer der Brautleute hineingelassen. Die brigen Gste verabschiedeten sich, um sich zwei Stunden spter zum Abendbrot, das sich chuppewetschere nannte, einzufinden. Bei diesem Mahle fhrte die Gesellschaft allerlei leichtsinnige Gesprche, die nicht der Frivolitt entbehrten. Nach der luxurisen Mahlzeit, die mit einer grossen Zecherei endete, blieb die Gesellschaft noch bei Tisch sitzen. Es war Brauch, dass der Brutigam das Mahl durch eine talmudische Rede (Drosche) wrzen musste. Nun wurden die Droschegeschenke, d. h. Hochzeitsgeschenke, von den Verwandten, Eltern und Freunden den Neuvermhlten dargebracht. -- Der batchen trat wieder in Aktion. Aber er zeigte sich jetzt von einer gemtlicheren Seite. Er mute das Publikum mit allen mglichen Possen und improvisierten Anekdoten in Versen unterhalten, auf jeden Gast, je nach der Spende, ein launiges Wrtchen sagen, und endlich auch dem Brautpaar Scherze, aber auch bittere Wahrheiten in humoristischer Form erzhlen. Unter diesen Batchonim gab es oft geniale Leute. Einer, Sender (Alexander) Fiedelmann, hat eine kstliche Sammlung seiner launigen Verse hinterlassen. Fiedelmann hat in Minsk gewirkt, whrend in Wilna ein gewisser Motche Chabad und Elijokum Batchen beliebt waren. Der batchen stellte sich auf einen Stuhl und rief mit lauter Stimme, das ihm eingehndigte Hochzeitsgeschenk in die Hhe haltend, den Namen des Gebers und pries mit vielen bertreibungen den Wert und die besonderen Qualitten des Geschenkes. Seine Chochmes brachte er in singenden Rezitativen vor, wobei die angeheiterte Tischgesellschaft herzlich lachte. Diese Possen dauerten bis spt in der Nacht. Das Tischgebet wurde gesagt, das mit den schiwo broches ber einem Becher Wein endigte, von dem man dem Brautpaar zu nippen gab. Dann kam der sogenannte Koschertanz an die Reihe. Die Braut unter ihrem Schleier setzte man in die Mitte der Brautschwestern, von denen eine ein seidenes, viereckiges Taschentuch in der Hand hatte. Der batchen forderte einen der Herren auf, mit der Braut zu tanzen, wobei die Brautschwester einen Zipfel des Tuches der Braut in die Hand gab und den zweiten Zipfel dem Tnzer reichte. Auf diese Weise machten sie zweimal die Runde und der Batchen rief: Schon getanzt! und die Braut setzte sich wieder zwischen die Brautschwestern. Auf solche Weise tanzte die Braut mit allen anwesenden Herren. Das dauerte bis spt nach Mitternacht. Die arme Braut aber durfte den Schleier nicht lpfen.... Endlich, vor Tagesanbruch, mahnte die groe Mdigkeit zur Ruhe. Ein jeder suchte sich irgend ein Pltzchen und nickte selig ein. Am nchsten Morgen wurde es spt Tag. Die Braut blieb in ihrem Zimmer, bis meine Mutter und die lteren Schwestern in Begleitung einer einfachen Frau, der sogenannten Gollerke, kamen. Diese Frau war mit einer groen Schere bewaffnet und nahm auf der Mutter Gehei dreist den armen Kopf meiner Schwester in Besitz, lehnte ihn gegen ihre Brust, und unter ihrer mrderischen Schere fiel bald eine Strhne des schnen Haares nach der andern vom Kopf meiner Schwester -- wie das Gesetz es befiehlt! Nach kaum 10 Minuten war das Lamm geschoren. Man lie ihr nur ein wenig Haar ber der Stirn, um es besser nach hinten streichen zu knnen. Denn es durfte keine Spur von ihrem eigenen Haar zum Vorschein kommen. Dann bekam sie eine glatt anliegende seidene Haube, an der sich vorn ein breites, seidenes Stirnband in der Farbe des Haares befand, wodurch nach damaligen Begriffen das Haar sehr gut imitiert wurde. In den frommen jdischen Husern, wie dem meiner Eltern, hat man die altjdischen Bruche, die mit der Zeit als Gesetz betrachtet wurden, mglichst streng beobachtet. Der Braut wurde ein hbsches, kokettes Hubchen aufgesetzt, wenn auch darunter das jugendliche Gesicht bedeutend lter erschien. Man fhrte sie in den Salon, wo bereits alle Herren des Hauses und viele Gste versammelt waren. Die Brautschwestern bedeckten ihr Gesicht mit einem weien, seidenen Tuch, und wer ihr Gesicht zum ersten Male unter der Haube sehen wollte, mute ein Almosen fr die Armen geben; auch der Brutigam und die beiderseitigen Eltern muten es tun. Da gab es verschiedene Meinungen ber ihr verndertes Aussehen, und bald war ein gemtlicher Streit im Gange. -- Meine Schwester blieb auf Kosten der Eltern mit ihrem Manne bei uns wohnen. Seine Eltern reisten, nachdem sie ihr viele hbsche Prsente zurckgelassen hatten, nach ihrer Heimatsstadt Salaw zurck. Und ein junges Paar lebte das alte Leben.... Nur noch diese Schwester wurde in der hier geschilderten Weise verlobt und verheiratet. Schon meine Verlobung, zwei Jahre spter hatte ein wesentlich verschiedenes Geprge, hatte doch die Reform unter der Regierung Nicolaus I. die jdische Lebensweise stark beeinflut. Die Vernderung der Tracht. Es will mir scheinen, da es kein Zufall sein kann, wenn heute das Wort Tracht fast ganz aus dem Wortschatze verschwunden ist. Es ist eigentlich nur noch in der Schriftsprache blich. In der Umgangssprache ist es kaum noch zu hren. Es hat dem Worte Mode weichen mssen. Darin scheint mir aber mehr zu liegen als ein nur rein uerlicher Ersatz des einen Wortes durch ein anderes. Es liegt Psychologie, Zeitpsychologie in diesem Wandel. Sollte es wirklich nur ein Zufall sein, da das Wort Mode zumeist in einem ganz prgnanten Sinne gebraucht wird? Bezeichnet es ursprnglich nur, da irgendein Etwas -- ein Kleidungsstck, ein Buch, ein Kunstwerk zu einer bestimmten Zeit besonders beliebt ist, so hat es jetzt seinen Hauptsinn in der Vorherrschaft einer besonderen Kleidung! Die Frhjahrsmode schlechtweg bezeichnet die neue Form, die die Kleidung im Frhjahr hat. Und wenn wieder eine neue Mode herauskommt, so denkt man lediglich an eine neue Tracht. Mit dem Begriff Mode ist uns wie durch eine feste Ideenverbindung der Begriff des schnellen Wechsels verknpft. Was modern ist, will nur den Erfolg eines Tages haben. Mode und Tracht stehen zueinander wie hastige Abwechslung und Dauer. In einem Punkte freilich finden die Begriffe Mode und Tracht eine gewisse Einigung! Sie haben beide einen imperatorischen Charakter. Sie zwingen unter ein Joch. Und wenn auch dem einzelnen Menschen ein Spielraum fr die Bettigung seines individuellen Geschmacks bleibt, so fordert das Gesetz der Tracht doch Einheitlichkeit und Uniformiertheit. In frheren Zeiten hatte die Tracht freilich auch die Aufgabe, bestimmte Gruppen von Menschen voneinander zu differenzieren. Die Pariser Mode hatte noch nicht alle feineren und grberen Nuancen verwischt. Jeder Volksstamm, jede scharf abgesonderte Klasse von Menschen hatte ihre eigene Tracht; man wollte nicht in den groen Menschheitsbrei untertauchen, sondern sofort erkannt werden als das, was man ist. So bekam die Tracht den Charakter des Zhen, Stabilen, Traditionellen, und die Gloriole der Ehrwrdigkeit umleuchtete sie. Nur so kann man verstehen, wie der im Jahre 1845 verffentlichte Ukas der russischen Regierung auf die russischen Juden wirkte, welcher die Juden zwang, ihre alte Tracht abzulegen und sich der modernen zu fgen. Die Wirkung auf die groe Masse war so furchtbar wie die einer Katastrophe. Eine wilde Erbitterung war die Folge. Und nur das Gefhl der eigenen Ohnmacht, der Wehrlosigkeit, die Golusangst lie diese Erbitterung nicht zu rasender Wut sich steigern. Wren die Juden damals stark, organisiert, mchtig gewesen, so htte die Vernderung der Tracht zu Aufstnden und Revolutionen gefhrt. So aber blieb es bei schmerzhafter Resignation. Man trauerte um die eigene Tracht wie um einen lieben Toten. Und tiefer blickende Geister begriffen bald, da die Anpassung an die modische Kleidung nur der erste Schritt sei auf dem Wege tiefer greifender Assimilationen, die nicht nur die Lebenshaltung, sondern auch Kulturanschauungen und die berlieferten Lehren einer spezifischen Religion, Sitte, Gewohnheit und der Bruche des jdischen Volksstammes wrden ummodeln mssen. Der Ukas wurde als Gesere bezeichnet; nicht als eine von den vielen Geseraus, die das jdische Volk berfielen, sondern als die Gesere schlechtweg. Viele waren der Ansicht, da das jdische Gesetz -- Jehorek wal ja'wor (man mu sich opfern) -- unter diesen Umstnden erfllt werden msse. Allein die russische Regierung kmmerte sich wenig um jdische Gesetze, um die erregten Debatten in den Gemeinden, um die Trauer und das Wehklagen der Frommen, sondern setzte kurzerhand eine Frist fest, nach deren Ablauf alle Juden in Ruland, Mnner und Frauen, sich nur in europisch-russischer Tracht durften sehen lassen. Und diese Frist war natrlich sehr kurz bemessen. So mute denn die jdische Bevlkerung von ihrer liebgewordenen Tracht lassen. Und wer wie ich den hastigen Wandel der Moden durch viele Jahrzehnte miterlebt hat, und wie ich oft hat erkennen mssen, da die Tyrannin Mode nicht immer gerade die sthetik als Genossin hat, der mu gestehen, da das Opfer der alten Tracht in manchem Belange die Aufgabe einer nicht nur hygienischen, sondern auch recht kleidsamen Tracht war. Die Mnner trugen ein weies Hemd, dessen rmel durch Bndchen geschlossen wurden. Am Halse lief das Hemd in eine Art Umlegekragen aus, der aber nicht gesteift und gestrkt wurde. Auch am Halse war das Hemd durch weie Bndchen geschlossen und es wurde in der Art der Schleifenbindung besondere Sorgfalt aufgewandt, wie auch ein gewisser Luxus bei der Auswahl des Stoffes fr diese Krawatten hnlichen Bndchen entfaltet wurde. Selbst ltere Herren aus vornehmen Husern lieen eine leise Koketterie bei dem Schlingen dieser Schleifen hufig erkennen. Erst spter kamen breite, schwarze Halstcher auf. Aber in den Familien, die Gewicht auf die Tradition legten, waren diese Binden verfehmt, und da sie als goijisch bezeichnet wurden, zeigt schon die starke Empfindlichkeit an, mit der selbst so kleine und doch eigentlich recht harmlose Abweichungen von der blichen Tracht aufgenommen wurden. Die Beinkleider reichten nur bis zum Knie und waren gleichfalls durch Bnder unten verschnrt. Die Strmpfe waren von weier Farbe und ziemlich lang. Den Fu bekleideten niedrige Lederschuhe, die aber keine Abstze hatten. Die Stelle des Rockes vertrat der lange Chalat -- der aus kostbaren Wollstoffen bestand. Die niedere Klasse trug an Werktagen Kleider aus Demi-cotton, an Festtagen aus Rissel -- einem billigen Wollstoff --, whrend sich die Armen im Sommer mit Nanking, einem Baumwollstoff mit schmalen, dunkelblauen Streifen, im Winter mit grauem, dickem Tuch bekleideten. Dieser Chalat war sehr lang und reichte fast bis auf die Erde. Allein der Anzug wre nur unvollstndig gewesen, wenn nicht ber die Hften ein Grtel herumgeschlungen wre. Auf diesen Grtel wurde besondere Sorgfalt verwandt; galt er doch fr die Erfllung eines religionsgesetzlichen Gebotes. Er sollte sinnfllig den reinen Oberkrper von dem mehr unreinliche Funktionen ausbenden Unterkrper scheiden. Besonders am Sabbath und an den Feiertagen wurde mit dem Grtel ein besonderer Luxus getrieben. Selbst Mnner niedrigen Standes pflegten zur Weihe der Feste einen seidenen Grtel zu whlen. Die Kopfbedeckung der Armen war an Wochentagen eine Mtze, die an beiden Seiten Klappen hatte, die meistens aufgeschlagen waren, im Winter aber ber die Ohren heruntergezogen werden konnten. An der Stirnpartie hatten diese Mtzen ebenso wie an den Seitenflchen dreieckige Pelzflecke. Diese Mtze nannte man Lappenmtze. Ich wei nicht, woher dieser Name stammt; vielleicht gaben die Ohrenklappen diese Bezeichnung, vielleicht aber hat auch die hnlichkeit mit der Kopfbedeckung der Lapplnder diesen Namen gezeitigt. Unter dieser Mtze trug jeder Jude, welchen Standes oder Berufes er auch sein mochte, ein Sammetkppchen, das eigentlich niemals vom Haupte verschwand, galt es doch fast als ein schweres Vergehen, b'kalaus rosch, mit entbltem Haupte umherzugehen. Natrlich wurde dieses Kppchen vom Kopfe auch nicht entfernt, wenn man bei Nachbarn zu Gaste war. Sommer und Winter trugen die Wohlhabenden eine Zobelmtze, die Streimel hie. Sie war hoch, lief spitz aus und war eine, wenn nicht immer mit Zobel, so doch mit teuren Pelzstreifen besetzte Sammetmtze. Unter diesen Mtzen lugten die Pejes hervor, breite Haarstrhnen, die sich fast bis unters Kinn hinschlngelten. Als besonders schn galten gekruselte Pejes und es war ein edler Ehrgeiz, nicht nur der glcklichen Besitzer von lockigem Haar, sondern auch der Straffhaarigen, lieblich geringelte Pejes zu besitzen. Die Pejes waren direkt ein Requisit des denkenden Menschen. Eine ernsthafte Diskussion war gar nicht mglich, ohne da die Mnner mit dem Zeigefinger die Pejes drehten. Und nun gar beim Lernen des Talmuds war dieses Spiel eine fast automatische Beschftigung. Man zog die besten Gedanken gewissermaen aus den Pejes. Und ich habe so manches Mal die Empfindung gehabt, als habe das Talmudstudieren seine Intensitt, seine logische Schrfe deswegen verloren, weil die Pejes dem grbelnden Forscher nicht mehr zur -- Hand sind. Es gab Leute, die mit besonderem Wohlgefallen sich mglichst lange, bis auf die Schultern reichende Pejes wachsen lieen. In unserer Stadt gab es einen groen Gelehrten, einen Iluj, der den ganzen Tag die T'fillim schel rosch trug, freilich bedeckt von den darber gestrichenen langen Pejes. So hnlich trgt auch Reb Jankew Meyer aus Minsk die Pejes ber den T'fillim schel rosch, dieser fromme Mann, der fast wie ein Heiliger verehrt wird und dessen Gesprche nie enden, ohne da er mahne: Kinder, gibt Geld far orme Leut. Der lange Rock aus Seide, der Grtel, die Pelzmtze und die berhmten Pejes muten nun entfernt werden. Schwer fanden die Mnner sich in ihr Schicksal. Sie htten es vielleicht leichter getragen, wenn man ihnen wenigstens die Schlfenlocken gelassen htte. Sie erst gaben den Juden -- in der damaligen Auffassung -- die Gotthnlichkeit. Nun war das Zelem elohim dem jdischen Volk genommen. An die Stelle der alten Tracht trat nun eine modische. Die Mnner muten einen schwarzen Rock tragen, der aber nur bis zu den Knien reichen durfte. An die Stelle der kurzen Kniehosen traten lange Beinkleider, die bis ber die Stiefel fielen. Im Sommer muten die Mnner einen Hut tragen, im Winter eine Mtze. Sie war aus schwarzem Tuche plump gefertigt und hatte vorne einen Schirm. Man nannte sie Kartus. Die strengen Befehle der russischen Regierung galten freilich nur den Straenkleidern. Bis ins Haus drang das Kleider-Reglement nicht. Und man wird ohne weiteres begreifen, da sich es sehr, sehr viele Juden nicht nehmen lieen, daheim die Kleidung zu tragen, die ihnen allein gefiel -- die alte Tracht. Auch wenn es dunkel war, sah man oft Juden umherlaufen wie einst. Dagegen wurden, scheints, von den russischen Behrden keine Einwendungen erhoben. Bei der elenden Beleuchtung, die in jenen Zeiten die relativ kleinen Stdtchen abends und nachts hatten, konnte ja die Tracht ohnehin nicht auffallen. Da Ausnahmen von den allgemeinen Bestimmungen mglich waren, kann bei der damaligen Verwaltungstechnik durchaus nicht Wunder nehmen; konnte man sich doch durch eine bestimmte Abgabe fr die Dauer von zwei Jahren die Beibehaltung der alten Tracht erkaufen! Ebenso tiefgreifende nderungen wie die Tracht der Mnner erfuhr die Kleidung der Frauen. Und man kann wohl behaupten, ohne da man dem Vorwurfe eines Lobredners der alten Zeit zu verfallen braucht, da der Tausch nicht gerade ein gnstiger war. Die Tracht der jdischen Frauen in litauisch Ruland wies bis dahin bis in viele Einzelheiten hinein orientalischen Charakter auf. Sie war bunt und bei den Reichen sehr kostbar, es wurden recht groe Summen auf kostbare Stoffe und knstlerisches Geschmeide verwandt. Das sehr lange Hemd war hoch geschlossen und aus feinstem Linnen gefertigt. Unterrcke und Beinkleider waren selbst den Frauen der vornehmsten Familien unbekannt. Die langen Strmpfe der heutigen Mode waren damals nicht blich. Sie reichten nur bis zum Knie herauf. Ihre Farbe war immer wei und bei den Damen der reicheren Familien waren durchbrochene Strmpfe beliebt. -- Gummiband war damals noch garnicht im Gebrauch. Und so hielt man denn die Strmpfe durch breite Atlasbnder, die sich oft an mit Kreuzstichen bestickten Strumpfbndern befanden. Auch gestrickte und gehkelte Strumpfbnder wurden vorn mit solchen Schleifen geschlossen. Mechanische Verschlsse aus bronziertem Blech oder anderm Metall stellte die damals noch kaum entwickelte Eisenkurzwarenindustrie den Damen nicht zur Verfgung. -- Die Schuhe hatten eine groe hnlichkeit mit Sandalen. Sie waren sehr niedrig und hatten keine Abstze. Am Fu wurden sie durch schmale, schwarze Bndchen festgehalten, die kreuzweis verschlungen, oft bis zu den Waden hinaufgefhrt wurden. Diese Schuhe waren aus schwarzem Wollstoff oder Saffianleder gefertigt und wurden zu allen Jahreszeiten getragen. Von hohen Stiefelchen und Galoschen hatte damals niemand eine Ahnung. So sehr auch bis in alle Einzelheiten die Fubekleidung der alten Zeit verschieden war von den Formen, die man in den nchsten achtzig Jahren im Gebrauch sah, so hatten sie doch eine prinzipielle bereinstimmung. Die weibliche Natur konnte sich auch damals nicht verleugnen und, dem Charakter jener Tracht entsprechend, die mit ihrem Goldschmuck die Eitelkeit besonders betonte, whlte man die Sandalen sehr klein und sehr eng und manche Frauen hatten einen etwas trippelnden Gang. ber dem Hemd trugen die Frauen ein Mieder aus Seide. Rosa und rot waren hierfr als Farben besonders beliebt. Vorne war das Mieder zum Schlieen. Durch groe silberne sen wurde ein breites, seidenes Band gefhrt mit Hilfe einer oft bis 8 cm langen silbernen Nadel, in die das Band endigte. Die Obertaille war sehr kurz. An ihrem unteren Rande waren drei Rollen angenht, die aus Watte bestanden, welche mit steifem Kattun berzogen war. Auf diesen Rollen ruhte der Rock. Ruhte ist eigentlich falsch gesagt: er war vielmehr von einer bsartigen Unruhe und hatte die natrliche Tendenz, von diesen Rollen herabzugleiten. Und so wie bei der heutigen Mode die Frauen vielfach gezwungen sind, an ihren Blusen herumzunesteln, so mhten sich die damaligen Jdinnen ab, den Rock auf die Rollen zu ziehen. Und es war nichts seltenes, da die Geplagten sich bei dem ununterbrochenen Zurechtschieben des Rockes die Finger wund rieben. Die rmel waren sehr eng und so lang, da sie oft bis an die Finger reichten. Die ganze Obertaille war ringsum mit Pelzwerk eingefat und es war natrlich, da mit diesem Pelzwerk ein besonderer Luxus getrieben wurde. Vornehme Frauen whlten immer Zobel. Die Halspartie war abgeschlossen durch einen Stehkragen, der auch im Sommer niemals fehlen durfte. Diese Obertaille hatte ungefhr die Form der heutigen Figaro- oder Bolero-Jckchen. Sie war vorn offen, so da das Mieder so weit zu sehen war, als es nicht von dem Brusttuch verdeckt war. Als Stoff fr diese Obertaille diente das Karpo-Voluska (Karpfenschuppen). Dieser Name war durchaus zutreffend. Es waren silberne, mattvergoldete Schppchen so dicht nebeneinander befestigt, da das Wollgewebe fast garnicht mehr zu sehen war. Heut sieht man derartige Stoffe eigentlich nur noch an Maskenkostmen. Auf das Brusttuch wurde ganz besondere Sorgfalt verwandt. Man whlte dazu silber- und goldgestickte Stoffe, die eine echt orientalische Zeichnung hatten. Halbmonde waren eigentlich am beliebtesten. Die obere Partie war mit weien Spitzen bedeckt, die aus Frankreich bezogen wurden. Diese Blonden waren meist aus Flock- und Cordon-Seide und wiesen auerordentlich knstlerische Muster auf. Einen ganz besonderen Schnitt hatte der Rock. Er war auerordentlich eng, kaum einen Schritt weit und natrlich immer fufrei. Am meisten bevorzugt fr diesen Rock wurde der Atlas. In Zwischenrumen von etwa zwei Querfingern zogen sich Lngsstreifen den Rock herab aus feinsten, golddurchwirkten Stoffen. Ich entsinne mich noch ganz genau des Kleides meiner Mutter. Da waren die Muster dieser Borte bereinandergereihte Ellipsen, die ein feines Blttchen einschlossen. Nur die vorderen Teile des Rockes waren nicht mit diesen kostbaren Goldborten versehen, soweit sie von der Schrze berdeckt waren. Die Schrze war ein unbedingtes Erfordernis fr ein vollstndiges Kostm. Sie wurde auch auf der Strae und selbstverstndlich bei allen Festlichkeiten getragen. Sie war lang und reichte bis zum Saum des Rockes. Die wohlhabenden Frauen verwandten bunten Seidenstoff oder einen weien, kostbaren Battist, der mit Samtblumen und knstlerisch feinen Mustern und Goldfden bestickt war. (Die rmeren begngten sich mit Wollstoffen oder farbigen Kattunen.) Den Stoff des Rockes mit seiner Abwechslung zwischen bestickten Lngsstreifen und Atlasstreifen nannte man ganz allgemein in Littauen Gldengestick. ber diesem Anzug wurde eine Art Mantel getragen, die Katinka. Die rmel dieses Kleidungsstckes hatten eine weite Glockenform. Sie waren oben bauschig und unten schmal. Diese Katinka war sehr lang und hatte vorn ganz glatte Breiten. Der Rcken war in der Taille anschlieend. Als Stoff wurde meistens Atlas verwandt, und da es sich bei der Katinka meist um ein Kleidungsstck fr die kltere Jahreszeit handelte, war sie wattiert und mit Wollstoff gefttert. Reichere Damen lieen sie mit Atlas fttern. Und ich entsinne mich noch, da meine Mutter, die besonderen Wert auf sorgsame Kleidung legte, eine mit blauem Atlas geftterte Katinka trug. Dieser Mantel wurde aber nur selten wie ein berzieher getragen. Wahrscheinlich, weil er den besonders kostbaren Anzug verdeckte und nicht zur Geltung brachte. So war es blich, den Mantel einfach ber die Schultern zu werfen, so da die rmel auf dem Rcken herunterhingen. Manche Frauen, besonders die Gabbetes, diese Helferinnen der Armen, pflegten nur einen rmel berzuziehen, den andern aber ber die Schulter fallen zu lassen. Wir wrden das heute als recht leger und einer vornehmen Dame unwrdig bezeichnen. Damals galt es aber als standesgem. So ndern sich eben die Zeiten und so wandelt sich der Geschmack. Weitaus die grte Aufmerksamkeit verwandten Reiche und Arme auf den Kopfputz. Bei den Reichen stellte er sogar eines der wesentlichsten Vermgensstcke dar. Dieser Kopfputz bestand aus einer schwarzen Sammetbinde, die dem Kokoschnik der Russinnen sehr hnlich sah. Der Rand war in grotesken Formen ausgezackt und mit groen Perlen und Brillantsteinen reich besetzt. Dieser Kopfputz wurde oberhalb der Stirn getragen. Den Hinterkopf bedeckte eine glatt anliegende Haube, die man Kopke hie. In der Mitte dieser Kopke war eine Schleife aus Tllband und Blumen befestigt. ber den Nacken zog sich von einem Ohre bis zum andern eine Spitzenkrause, an der in der Nhe der Augen, an den Schlfen kleine Brillantohrringe angebracht waren. Natrlich fehlten auch Ohrringe nicht, und es war bei den vornehmen Frauen blich, sehr groe Brillanten in den Ohren zu tragen. Die hbschen Frauen sahen auerordentlich vorteilhaft in diesem Schmuck aus, aber man mu auch gestehen, da die -- sagen wir: weniger hbschen durch den Kopfputz recht schmuck erschienen. Diese kostbare Binde bildete einen Hauptbestandteil der Ausstattung einer Frau. Und man konnte niemals eine Frau ohne diesen Zierrat sehen. Am Halse wurden Ketten aus groen Perlen getragen, die oft einen wundersamen, silbergrauen Schimmer hatten. Da die Finger mit Brillantringen geziert waren, versteht sich nach alledem von selbst. Ja, man kann sagen, da oft des Guten und Schnen beinah zu viel war: die Finger verschwanden ganz unter dem glitzernden, kunstvoll gearbeiteten Geschmeide. Man wird sich vielleicht ber dieses Prunken mit Edelsteinen, Perlen und kostbaren Metallen wundern und die jdische Frau jener Zeit als geschmacklos eitel und unertrglich putzschtig bezeichnen. Gewi, sie verstanden sich zu kleiden und zu schmcken. Aber die berladenheit war gewissermaen aus geschftlichen Grnden geboten. Da die ungewisse Lage jener Zeit, dieses bohrende Gefhl der Unsicherheit und weiterhin die unsicheren Rechtsverhltnisse den Besitz von Immobilien fast ausschlossen, so wurde ein groer Teil des beweglichen Kapitals in leicht transportablen Wertstcken angelegt. Nach dem Reichtum an Schmuck, den die Frau trug, wurde die Kreditfhigkeit des Mannes eingeschtzt. Festliche Gelegenheiten gaben den Anla, diesen ganzen Reichtum zu entfalten: Die hohen Feiertage und Hochzeiten. Am Lag b'omer, dem 33. Tage der S'fire-Zeit zwischen Pesach und Sch'wuaus, an dem die strenge Trauer der S'fire-Zeit unterbrochen werden konnte und an dem immer eine grere Anzahl sommerlicher Hochzeitsfeste begangen wurde, konnte man so recht die ganze Pracht bewundern. Und man kann vielleicht sagen, da die Frauen den ganzen, leicht transportablen Reichtum des Hauses mit sich herumtrugen. Ich betone: die Frauen, denn bei den Mnnern war jeder Schmuck arg verpnt, war doch auch damals die Sitte im allgemeinen nicht in bung, da die Mnner auch nur Trauringe trugen. Der Kopfputz der jungen Frauen (Schleier) war natrlich ungleich bescheidener, aber auch recht bunt und fast abenteuerlich: Eine gelbe, grne oder rote Haube aus Wollenstoff oder Kattun mit einem Tll- oder Mousselin-Schleier bedeckt, der im Nacken zu einer Schleife gebunden war und dessen Enden lang herabhingen. Man nannte diese Enden Foches. Viele alte Frauen trugen groe rote Wolltcher wie einen Turban um den Kopf gewunden. Dieses turbanartige Tuch hie Knup. Die Ohrenkrause fehlte am Schleier niemals. Gerade in der Mitte ber der Stirn war mit Stecknadeln ein zu einer Spitze zusammengelegtes Seidenbndchen befestigt. Auf dem Scheitel waren Tllspitzen in Form eines Krbchens festgesteckt, die man Koischel nannte. Auch bei den Armen fehlte weder ein haarfarbenes Band an der Stirngrenze, noch die beiden in der Nhe der Augen angebrachten Ringe. Die Kopfbekleidung der Mdchen war nur unwesentlich von der Frauentracht verschieden, nur da sich die Mdchen ihres schnen Haarschmuckes noch erfreuten. Auch sie trugen eine Art Binde aus schmalem, rotem Wollstoff mit einer Schleife aus dem gleichen Stoffe, den man Tezub nannte. Der Schnitt der Kleider und der Schrzen war ebenso wie bei den Frauen. Sie trugen auch die niedrigen Sandalen. Aber das Brustltzchen und die Halsspitze, das sogenannte Kreindel schmckten sie nicht. Bei den reichen Mdchen war die Kopfbinde aus schwarzem Seidentll, in den mit roter, blauer oder rosenfarbener Seide schne Knospen eingestickt waren. In der Form unterschieden sich die Binden der Reichen und Armen nicht. Die einfachen nannte man Greischel, die Seidentllbinden Wilnaer Knipel. Die armen Frauen hingen an ihrer Tracht mit auerordentlicher Liebe, und selbst in der grten Not legte man sich bei allen Bedrfnissen Zwang an, die Kleidung wurde aber nie verndert. Ich hatte gerade in einem Hungerjahre Gelegenheit, diese Zhigkeit zu beobachten. Viele Leute kamen da in unser Haus, um sich dort Brot zu holen. Man verteilte damals in sehr decenter Form milde Gaben. Meine gute Mutter lie tglich 5-6 Pfund schwere Laibe Brot backen, die in einem Flurschrank, dessen Tr absichtlich offen gelassen wurde, fr die armen Leute niedergelegt waren. Ebenso stand damals bei uns im Ezimmer immer die Bffettr offen, damit der eine oder der andere unserer Besucher, die in der schweren Zeit verarmt waren, sich an den dort aufbewahrten Schtzen: Brot, Butter, Schnaps, Kse gtlich tun knnten. Uns Kindern war zwar streng untersagt worden, nachzusehen, wer da kme. Aber wer kann kindliche Neugier ganz niederhalten? Von unseren sicheren Verstecken aus sahen wir die Leute kommen, an deren Haltung, Geberde und Aussehen die bittere Not so manches verndert hatte, nicht aber an deren Tracht..... Was fr oft so tragikomische Szenen haben sich damals doch abgespielt! Noch in der Erinnerung wandelt mich ein Lachen an, aber es ist untermischt mit tiefem Weh, Emprung und Wut ber die Entwrdigung des Menschen. So ereignete sich an einem Freitag Vormittag im Sommer des Jahres 1845 folgendes: Ich befand mich auf dem Marktplatz der Stadt Brest, wo viele jdische Weiber zum Einkauf fr den bevorstehenden Sabbath sich versammelt hatten, als pltzlich ein groer Tumult entstand. Alles lief durcheinander und strmte dabei doch einem und demselben Punkt zu. Natrlich beeilte ich mich, auch dahin zu gelangen, um die Ursache des Aufruhrs zu erfahren. Aus der Menge hrte man bald Gelchter, bald Seufzen. Endlich erreichte ich den Schauplatz und ein emprender Anblick bot sich mir dar. Ich sah eine jdische Frau mit (im buchstblichen Sinne des Wortes) entbltem Kopfe, da ihr Haar, nach der talmudischen Vorschrift fr verheiratete Frauen, abrasiert war. Dies unglckliche Opfer stand so umringt von der Volksmenge, ganz entsetzt da, einerseits wegen der Snde, barhuptig unter freiem Himmel zu sein (was nach jdischer Anschauung ein groes Vergehen war), andrerseits voll Scham vor den gaffenden Menschen, und flehte mit vor Trnen erstickter Stimme den neben ihr stehenden Polizeimann um Gnade an, der ihr mit nicht allzu zarter Hand den Kopfputz abgerissen hatte und ihn jetzt als Trophe hoch empor hielt und schttelte, was das Publikum zu unaufhrlichem Gelchter anregte. Die bedauernswerte Frau suchte mit der einen Hand den kahlen Kopf mit dem Zipfel ihrer Schrze zuzudecken, whrend die zweite Hand in der Tasche herumstberte, um die dort aufbewahrte Haube nach der neuen, russischen Vorschrift herauszuholen. Dabei schrie die Unglckliche unaufhrlich im jmmerlichsten Ton: Panotzik Panotzik! Hier, da hab ich, da ist ja in der Tasche der Lappen! Sie hatte endlich die Haube auf den nackten Kopf gesetzt, was sie entsetzlich verunstaltete. Da erst beruhigte sich der Scherge und ging fort. Bald fhrte ihm das Schicksal ein zweites Opfer zu. Diesmal war es ein armer Jude, der in einem langschigen Kaftan auf den Marktplatz kam. Der Polizeimann empfing ihn mit nicht sehr schmeichelhaften Ausdrcken. Indem er einen zweiten Polizisten herbeirief, hie er den vor Angst zitternden Juden stehen bleiben, griff nach einer groen Schere, die er stets bei sich trug, und nun schnitt er, untersttzt von seinem zweiten Amtskollegen, dem Juden die langen Sche des Kaftans nach Art eines Fracks ab, wodurch die (Unter-) Beinkleider zum Vorschein kamen. Dann ri er dem Bedauernswerten die Kopfbedeckung ab und schnitt ihm die Pejes so nahe am Ohr ab, da der Arme vor Schmerz aufschrie. Alsdann gab er sein Opfer frei, und das Marktvolk gab dem so zugerichteten Juden unter lautem Gejohle das Geleit. Derartige Exekutionen kamen auch auf der groen Landstrae vor. Begegnete ein Polizist da einem Juden in alter Tracht und hatte er gerade keine Schere bei sich, so war er der Ansicht, da er sich durch diesen Umstand von der Ausbung seiner Pflicht nicht zurckhalten lassen drfe. Statt der Schere bediente er sich zweier Steine und zwar so, da er den Juden seitlich zur Erde legte, die Peje ber einen Stein spannte, der dicht neben der Wange zu liegen kam, und mit einem zweiten Stein so lang auf die Peje losrieb, bis sie durchgewetzt war. Der arme Jude litt dabei natrlich schreckliche Qualen. Diese Vorgnge klingen heute unglaublich. Aber diese uerlichen Leiden und Tragdien waren doch nur im kleinen ein Bild der groen Umwlzungen, die sich vorbereiteten. [Illustration: Signet] Druck: Beyer & Boehme, Berlin S. 42, Wasserthorstr. 50. FUSSNOTEN: [A] Dokumentarisch ist es, da mein Grovater, dem auch der Ehrenbrger-Titel verliehen wurde, von General Deen, dem Chef der Arbeiten bei dem Bau der Festung in Medlin bei Warschau, Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, aus der Provinzstadt Bobrujisk nach Warschau berufen wurde, um Arbeiten an den grossen Festungsbauten zu bernehmen. Die Uebernahme solcher Arbeiten hat meinen Vater auch zur Uebersiedlung nach Brest veranlasst. [B] Die Einladung lautete Zu Latkes geladen. [C] Die damaligen Sittenregeln forderten, dass der jngere Mann oder die jngere Frau den lteren zuerst Scholachmones schicken musste. [D] Der dazu verwandte Weizen wird auf dem Felde in Gegenwart des Rabbiners und mehrerer Juden geschnitten, gedroschen und gemahlen. Er wird also unter Obhut verarbeitet, daher gehtete Mazzes. [E] Wahrscheinlich ein Zeichen der Befreiung von der Sklaverei -- als freier Herr den Ruhesitz zu bentzen, oder erhielt sich in dieser Form die orientalische Sitte, Festmahle berhaupt halb liegend auf gepolsterten Sitzen abzuhalten? [F] Ueber die Trachten und ihre Vernderung bringt das Schlusskapitel dieser Memoiren nhere Angaben. [G] dnne, breite Spne aus sehr harzigem Holz, die in ein eigens dazu im Schornstein gemachtes Loch hineingesteckt wurden. Ein erstickender Qualm verdunkelte zur Hlfte dieses flackernde Licht. [H] ein Schsselchen mit flssigem Schweinefett mit einem, dnnen Holzsplitterchen, das als Docht angezndet wurde. [I] die Gebetbcher, welche die Geschichte des Auszuges der Juden aus Mizraim enthalten. [J] Jeder Jude muss am Freitag Abend, am Sonnabend und anderen Festtagen mit einem Becher Wein das Fest einweihen, das Gebet heit Kidusch. Der Becher muss ein bestimmtes Ma enthalten und nennt sich Row-Ko. [K] Sphirezhlen: Es werden die Tage von Pesach bis Schewuaus gezhlt. Die Zeit gilt als Trauerzeit zur Erinnerung an die Belagerung Jerusalems durch Titus. Eine Volkssage erzhlt, dass in derselben Zeit an der Talmudhochschule jeden Tag ein hervorragender Schler starb, weil eine Seuche in der Stadt herrschte. [L] Eine lange, spitz zulaufende Pelzmtze. [M] Ein viereckiges Stck Zeug, an dessen Enden die Zizes (Wollfden) angebracht sind. [N] Ein verchtliches Benennen, das so viel wie Gassenjungen fr Mdchen bedeutet. [O] M'susele, ein Amulett, das bei frommen Juden als Schutz wohl gegen bse Geister an jedem Trpfosten angebracht ist. [P] Diese Frhandacht in der Synagoge nennt der Jude Zu Gotts Name. [Q] Ein viereckiges, weisses Wolltuch mit dunkelblauen Streifen an den zwei Enden und an allen vier Ecken mit Zizis, den heiligen Fden, versehen. Dieses Tuch legen sich die Juden beim Beten um die Schultern. [R] Bocher, Jngling; unverheirateter. [S] Wohl aus Billet entstanden. [T] Die Inschriften der Grabsteine sind dem Werke von Mayer Jechiel Halter: Die berhmte Stadt Brest entnommen. * * * * * * Notizen des Bearbeiters: Nicht konsistente Schreibweisen wurden so belassen, wie sie gedruckt wurden (Bsp.: Zizes und Zizis) License: Share Alike