Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project Gutenberg (This file was produced from images generously made available by The Internet Archive/American Libraries.) ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS. ENTWURF EINES SYSTEMS IDEALER WELTANSICHT AUF REALISTISCHER GRUNDLAGE VON ROBERT ZIMMERMANN. WIEN, 1882. WILHELM BRAUMLLER K. K. HOF- UND UNIVERSITTSBUCHHNDLER. "Den Zufall gibt die Vorsehung; zum Zwecke "Muss ihn der Mensch gestalten. -- --" Schiller. AN HARRIET. Du warst es, als sich Nacht ber mein Auge zu lagern drohte, deren Seelenstrke mir den Entschlu eingab, die lange unfreiwillige Mue der Dunkelkammer zum ordnenden Abschlu lngst zerstreut gereifter Gedankenreihen zu bentzen, zu deren Niederschrift eine gefllige Hand willig sich herlieh. So entstand dies Buch, dessen Ideengehalt also Niemand abzustreiten im Stande sein wird, da er, wie das Licht, im Dunkeln geboren sei. Wem anders als Dir drfte dasselbe zu eigen sein? Waldvilla am Attersee, den 4. September 1881. R. VORREDE. Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten, was in das letztere selbst gehrt, so bleibt ihr nur brig, sich mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschftigen. Ueber beide werden wenige Worte gengen. Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche denselben whlt, will damit angedeutet haben, dass es weder ihr Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr genge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu sein. Wenn derselben -- nicht zu ihrem Leidwesen -- die speculativen Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, ber die Schranken und Widersprche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt in sich trgt, das kritische Auge zuzudrcken. Ihr Wunsch geht dahin, anthropocentrisch d. i. "Menschenwissen" und doch Philosophie d. h. von der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken erfordert, ber dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein. Dasselbe bezeichnet sich als "Entwurf eines Systems" und zwar "einer idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage". Ersterer Charakter wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter Polemik rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewrtig sein, so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen "Philosophirens auf eigene Hand", welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert Jahren herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst nach dem ihrigen findet. Dagegen mchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit dem schulmssigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin, wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant's und der Sittenlehre Fichte's, an die Verwirklichung der Ideen durch Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber ist nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische Realismus, wie er auf Kant's kritischer Basis von dessen realistischen Nachfolgern dem metaphysischen Idealismus der Gegenseite entgegengesetzt worden ist. Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart's als geistesverwandt erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht unerheblichen Punkten ber denselben hinausgehend genannt werden. Dass deren Abweichungen von der ursprnglich Herbart'schen Fassung nicht neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhltniss zur Theorie der Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der Annahme der sogenannten "einfachen Empfindungen", in der Denkweise des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an vorhanden gewesen seien, haben frhere Schriften desselben, wie dessen 1847 und 1849 erschienene Monographieen: "Leibnitz's Monadologie" und "Leibnitz und Herbart, eine gekrnte Preisschrift" bezglich der Selbsterhaltungen, dessen 1865 verffentlichte: "Aesthetik als Formwissenschaft" bezglich der einfachen Empfindungen hinlnglich an den Tag gelegt. Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im Jahre 1828 erschienenen "allgemeinen Metaphysik" einen "Kantianer vom Jahre 1828" genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant's (dem gerade vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart's (dem scharfsinnigen Kritiker der Hegel'schen Psychologie, Exner) verdankt, heute, wo seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein volles, seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen ist, sich "einen Herbartianer vom Jahre 1881" zu nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhltniss zu Kant wie zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit Beiden verbirgt sich nicht; ber die Abweichungen, zustimmend oder ablehnend, mgen Kundige urtheilen. Geschrieben im Scularjahr der "Kritik der reinen Vernunft". Wien, den 21. Mai 1881. Der Verfasser. INHALT. Seite Einleitung 1 I. Buch: Die Ideen. 1. Capitel: Die logischen Ideen 11 2. Capitel: Die sthetischen Ideen 40 3. Capitel: Die ethischen Ideen 77 II. Buch: Das Wirkliche. 1. Capitel: Das Nicht-Ich 141 2. Capitel: Das Ich 207 3. Capitel: Das Social-Ich 250 III. Buch: Die Kunst. 1. Capitel: Die Bildungskunst 269 2. Capitel: Die Bildekunst 283 3. Capitel: Die bildende Kunst 294 Schluss 307 ANTHROPOSOPHIE. ZUR EINLEITUNG. 1. Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge nicht blos die Aufgabe, zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum Wissen, da man dasjenige, was man liebt, zu verkrpern bemht ist, das Gewusste in die Wirklichkeit einzufhren. Erstere fllt der Philosophie als Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere derselben als Praxis d. i. als Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft entsteht durch Bearbeitung von Begriffen, whrend die Philosophie als Kunst das Wirkliche bearbeitet; erstere hat zum Zweck, durch Bearbeitung der, sei es durch Erfahrung gewonnenen, sei es durch Gewhnung und Ueberlieferung berkommenen Begriffe von dem, was wirklich und wahr ist, zu wirklichen Begriffen d. i. zu solchen, welche die Probe der Kritik, sowohl der logischen, als der erfahrungsmssigen, aushalten, zu gelangen; diese hat den Zweck, durch Bearbeitung des gegebenen, als Material dienenden, sei es in blossen Gedanken, sei es in Sachen bestehenden Wirklichen zu einem den Anforderungen des Begriffs entsprechenden d. i. zu einem begriffsgemssen Wirklichen zu gelangen. Gegenstand der ersteren sind daher Begriffe, welche als solche von den Sachen, Gegenstand der letzteren Sachen, welche als solche von den Begriffen unterschieden sind. Philosophie als Wissenschaft ist daher im buchstblichen Sinne nicht von dieser Welt, whrend Philosophie als Kunst von dieser Welt ist. 2. Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe, nicht nur selbst musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche Begriffe herzustellen, welche der Philosophie als Kunst bei ihrem Verfahren gegenber den Sachen als Muster dienen knnen (Musterbegriffe). Jene bedrfen eines Musters, dem sie als musterhaft zu entsprechen haben; diese dagegen sind selbst Muster, denen die Sachen entsprechen sollen. Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft, zu musterhaften Begriffen zu gelangen, wird es daher vor allem sein, das Muster herzustellen, dem die Begriffe, um fr musterhaft gelten zu drfen, gengen mssen. Aufgabe der Philosophie als Kunst, Musterbegriffe zu verwirklichen, wird es neben der Verpflichtung, die von der Philosophie als Wissenschaft als musterhaft anerkannten Begriffe zu ihren Musterbegriffen zu machen, vor allem sein, die Beschaffenheit des Wirklichen als des allein ihr zu Gebote stehenden Materials zu studiren, in welchem dieselben verwirklicht werden knnen. 3. Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an sich tragen muss, was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes, was ihn zu diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das Muster, dem jeder Begriff zu gleichen hat, um fr musterhaft gelten zu drfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder vielleicht beides zugleich betreffen knnen, ja mssen. In ersterer Hinsicht wird es daher eine Musterform geben, welcher als Norm jeder Begriff ohne Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff anerkannt zu werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben, welcher jeder Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um als musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden; jene stellt daher die massgebende Norm fr smmtliche Begriffe ohne Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm fr Begriffe irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. fr alle diejenigen dar, die sich auf Seiendes (Existirendes) oder fr alle diejenigen, die sich auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes) beziehen. 4. Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne Unterschied des Inhalts, welche fr musterhaft gelten sollen, erstrecken, machen den Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf Begriffe eines gewissen gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb dessen fr musterhaft gelten sollen, beschrnken, machen den Inhalt der andern philosophischen Wissenschaften aus. Jene stellt das Muster fr jeden Begriff ohne Unterschied, diese stellen die Muster fr diejenigen Begriffe dar, welche in den Bereich des von ihnen beherrschten Inhalts gehren. Da nun jeder Begriff seinem Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches d. h. auf ein Object bezogen wird, das als seiend gedacht wird, oder auf ein nicht Wirkliches d. i. auf ein Object, das entweder, wie die mathematischen, berhaupt als nichtseiend, oder, wie z. B. ein Kunstwerk, nur als noch nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in der Zukunft seiend gedacht wird, so lassen sich die philosophischen Wissenschaften in zwei Gebiete zerfllen. Das eine derselben umfasst die Musterbegriffe fr alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf Wirkliches bezogen werden. Das andere dagegen enthlt die Musterbegriffe, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es berhaupt nicht, oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden. Begriffe der erstern Art (deren Inhalt als wirklich gedacht wird) knnen physische, Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht wirklich gedacht wird) mssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt man bei den letzteren Rcksicht darauf, ob der Inhalt derselben es unmglich macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den mathematischen der Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen Moment nichtseiend gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber keineswegs als unmglich vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in Gedanken entworfenen Plane eines knftigen Bauwerks der Fall ist, so tritt eine weitere Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren Inhalt die Wirklichkeit ausschliesst, knnen als solche den obengenannten physischen in dem Sinne zugerechnet werden, als der Inhalt der einen wie der andern einen Zusatz ber dessen Wirklichkeit enthlt, der Inhalt der einen dieselbe bejaht, jener der andern dieselbe verneint; dieselben knnen daher in diesem erweiterten Sinne beide physisch heissen. Jene Begriffe dagegen, welche weder ber die Wirklichkeit, noch ber die Unwirklichkeit ihres Inhaltes eine Aussage in sich schliessen, ja nicht einmal ber die zuknftige Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit desselben, deren Inhalt sonach, was seine Wirklichkeit betrifft, in keiner Weise das Interesse in Anspruch zu nehmen vermag, knnen nichtsdestoweniger ein solches erwecken, inwiefern dieser Inhalt nicht als wirklich oder unwirklich, sondern ausschliesslich als Gedanke d. i. als gedachter Inhalt einen Zusatz im Gemthe des Denkenden mit sich fhrt, durch welchen er von letzterem entweder als angenehm oder unangenehm, ntzlich oder schdlich, schn oder hsslich -- im Allgemeinen entweder beifllig oder missfllig beurtheilt wird. Begriffe dieser Art knnen, weil es sich bei denselben nicht, wie bei den sogenannten physischen, um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage ber Wirklichkeit oder (zufllige oder nothwendige) Unwirklichkeit desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zufllig oder nothwendig) begleitenden Gefhlsausdruck handelt -- sthetische heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die Musterbegriffe fr die physischen Begriffe enthlt, ist die philosophische Physik (oder Metaphysik); jene, welche die Musterbegriffe fr die sthetischen umfasst, die philosophische Aesthetik. 5. Logik, (philosophische) Physik und (philosophische) Aesthetik machen zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft aus. Der Zusatz: philosophisch bei den beiden letztgenannten Disciplinen ist deshalb nicht berflssig, weil diejenigen Wissenschaften, welche die auf dem reinen Erfahrungswege gewonnenen, keineswegs musterhaften Begriffe von Wirklichem einer- und die von keineswegs allgemeinen und nothwendigen, sondern zuflligen und individuellen oder hchstens particulren Zustzen des Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe umfassen, andererseits, die empirische Natur- und die empirische Geschmackslehre gleichfalls Physik und Aesthetik genannt werden. Die Bezeichnung Metaphysik fr die erste derselben hat, von dem bekannten zuflligen historischen Ursprung des Wortes abgesehen, insofern einen zulssigen Sinn, als die durch kritische Sichtung herbeigefhrte systematische Zusammenstellung musterhafter physischer Begriffe, welche die mit diesem Namen bezeichnete Wissenschaft ausmacht, das Vorhandensein eines ursprnglich durch Erfahrung gegebenen, logisch noch unbearbeiteten, also im philosophischen Sinne des Wortes rohen Vorrathsmateriales physischer Begriffe voraussetzt, philosophische (Meta-) Physik also der Zeit nach erst nach (meta) der vor- oder unphilosophischen (empirischen) Physik zu Stande kommen kann. 6. Unter denselben, die als philosophische Wissenschaften smmtlich musterhafte (d. i. im philosophischen Sinne vollendete) Begriffe umfassen, stehen Logik und Aesthetik insofern in engerer Verwandtschaft unter einander, als ihre musterhaften Begriffe zugleich Musterbegriffe fr Anderes sind d. h. diesem zur Nachahmung vorgestellt werden, whrend die metaphysischen Begriffe keine andere Bestimmung haben, als den Inhalt des Wirklichen musterhaft d. i. wie er wirklich ist, darzustellen. Und zwar enthlt die erstere die Musterbegriffe fr das Denken sowohl berhaupt, als in Bezug auf einen bestimmten Inhalt, durch deren Nachahmung dasselbe zum Wissen d. i. wahrem Denken erhoben wird, sowohl im Allgemeinen, als in Bezug auf irgend einen besonderen Gegenstand; die Aesthetik dagegen enthlt die Musterbegriffe fr jede beliebige producirende, sei es geistige, sei es physische Thtigkeit, insofern durch dieselbe etwas Beifallswrdiges oder Tadelnswerthes (Ntzliches oder Schdliches, Angenehmes oder Unangenehmes, Schnes oder Hssliches) hervorgebracht wird. 7. Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche fr das Denken oder fr jede andere (geistige oder physische) nachahmende Thtigkeit, werden Ideen genannt, und zwar als Vorbilder (Normen) fr das Denken, das zum Wissen werden soll, logische Ideen; als Vorbilder dagegen fr irgend eine andere, auf Hervorbringung eines Beifallswerthen gerichtete schaffende Thtigkeit, sthetische Ideen. Erstere machen daher den Inhalt der Logik, letztere den der Aesthetik aus. 8. Unter den geistigen Thtigkeiten, deren Producte Beifall oder Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art, dass sie auf keine Weise, weder willkrlich noch unwillkrlich, unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wre ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentmlichkeit, dass von dem Urtheil ber dessen Beschaffenheit das Urtheil ber den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhngt und, da, wie oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhren kann zu wollen, diesem Urtheil niemals entgangen werden kann. Whrend daher zu jeder andern sthetisch producirenden Thtigkeit ein besonderes sthetisches Talent erforderlich ist, ist nicht nur die Fhigkeit, sondern die Nthigung zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und whrend, um der Kritik jeder andern sthetisch producirenden Thtigkeit zu entgehen, der Producirende nichts weiter nthig hat, als dieselbe zu unterlassen, so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethtigung des Wollens niemals Verzicht geleistet werden. Aus beiden angefhrten Grnden verdienen diejenigen sthetischen Ideen, welche als Vorbilder fr das Wollen dienen, aus dem Kreise der brigen als ein besonders ausgezeichnetes Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den brigen, welche sodann im engeren Sinne des Wortes sthetische heissen mgen, mit einem besonderen Namen bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich, da von dem Urtheil ber das Wollen jenes ber den sittlichen Werth, das Ethos, des Wollenden abhngt, der Ausdruck ethische, oder, da das Wollen zunchst zum Handeln berfhrt, praktische Ideen. 9. Logische, sthetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie Wissenschaft von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich der Inhalt ihrer Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knpft an die Erfahrung, durch welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen wird, an, indem sie die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom Wirklichen entweder behlt wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem Forum des wissenschaftlich d. i. logisch geschulten Denkens behaltbar, oder verwirft, wenn sie nach dem Urtheil des letzteren unhaltbar, oder umbildet, wenn sie zwar nach dem Urtheil der Logik verwerflich, aber vermge des durch unabweisliche Erfahrung ausgebten Zwanges unvermeidlich sind. Die logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verrth sich dadurch, dass in denselben Widersprche bemerkbar werden, welche demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmssig Gegebenen ohne Schdigung der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken geschpfte Zustze so lange und in der Weise ergnzt werden, bis und dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational (widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe. 10. Logische, sthetische und ethische Ideen knpfen nicht an das Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe, dass das Gegebene an sie anknpfe. So wenig nach Kant aus dem Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen "geklaubt" werden. Dieselben sind, wie das a priori Kant's, zwar nicht vor, aber unabhngig von dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre Geltung nicht, wie die des letzteren, eine beschrnkte (comparative) und nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zufllige), sondern, wie die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie die Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik es ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche theoretische heissen knnen, praktische Wissenschaften genannt zu werden pflegen. 11. Mit Rcksicht auf letztere Bezeichnung zerfllt Philosophie als Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft (Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die verbindende Brcke bildet. Die Lsung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst berhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne Kenntniss der darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des gegebenen Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits mglich. Erstere macht den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des zweiten, die Lehre von der die logischen, sthetischen und ethischen Ideen im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst jenen des dritten Buches aus. ERSTES BUCH. DIE IDEEN. ERSTES CAPITEL. DIE LOGISCHEN IDEEN. 12. Logische Ideen (Musterbegriffe) sind die normalen Formen (Begriffsnormen), welchen das Denken sich zu fgen hat, wenn es als wahres Denken d. i. Wissen anerkannt werden will. Dieselben sind weder eins mit den psychologischen Erscheinungsformen des Denkens, vermge welcher dasselbe ein Entstehen und Vergehen, ein Heller- und Dunklerwerden im Bewusstsein besitzt, noch mit den sogenannten logischen Denkformen, nach welchen dasselbe in Begriffe, Urtheile und Schlsse zerfllt. Jenes nicht, weil psychologisch betrachtet die Entstehung unwahrer Gedanken (Irrthmer) ebenso nach Naturgesetzen erfolgt, wie jene von Erkenntnissen (wahren Gedanken) -- dieses nicht, weil unrichtige und ungiltige Gedanken ebensogut in der Begriffs-, Urtheils- und Schlussform gedacht, gefllt und gefolgert werden, wie richtige und giltige. Das Kriterium, durch welches Denken zum Wissen sich erhebt, muss daher anderswo gesucht werden. 13. Dasselbe kann, da jedes Denken einen gewissen Grad von Intensitt (Strke, Lebhaftigkeit), mit welchem dasselbe, und einen gewissen Inhalt besitzt, welcher in demselben gedacht wird, entweder in diesem oder in jenem liegen. Lge es in jenem, so wrde daraus folgen, dass jedes Denken, welches einen gewissen hohen Grad von Lebhaftigkeit besitzt, um dieser seiner Energie willen fr Erkenntniss gelten msse, whrend es offenbar ist, dass auch einleuchtende Irrthmer, wie Hallucinationen Geistesgestrter, eine hohe, ja fr diese unberwindliche Strke besitzen knnen. Liegt es dagegen in diesem, so kann das Kennzeichen des Inhalts als eines wahren entweder in dessen Verhltniss zu einem vom Denken als solchem unterschiedenen Andern, oder es muss in der Beschaffenheit des Denkinhalts selbst gefunden werden. 14. Das Andere, zu welchem das Denken als Denkinhalt betrachtet, ein gewisses Verhltniss haben soll, um fr wahr gelten zu drfen, und das als Anderes des Denkens nicht selbst wieder Denken sein kann, ist das Sein. Das Verhltniss, in welchem das Denken zum Sein stehen muss, um fr Wahrheit zu gelten, aber kann kein anderes sein als das der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein. Das Kriterium der Wahrheit lautet daher von diesem Gesichtspunkt aus: Wissen ist mit dem Sein bereinstimmendes Denken. 15. Dasselbe setzt, um mglich zu sein, daher einerseits die Mglichkeit der Uebereinstimmung, andererseits die Mglichkeit der Erkenntniss jener Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein von Seite des Denkens voraus. Wre die erstere unmglich, so wre damit auch das Wissen d. i. die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein, an sich unmglich; wre das letztere unmglich, so wre damit das Wissen um jene an sich vorhandene Uebereinstimmung fr uns unmglich. Im ersteren Falle wre die Wahrheit berhaupt nicht, im letzteren Falle so gut als nicht vorhanden. 16. Soll Uebereinstimmung zwischen beiden von einander verschieden gedachten Elementen -- dem Denken einer-, dem Sein andererseits -- bestehen, so muss entweder das eine vom andern, das Denken vom Sein oder das Sein vom Denken, abhngig gedacht, oder die Verschiedenheit beider kann nur als eine scheinbare gedacht werden, so dass entweder nur das eine von beiden ist, whrend das andere nicht ist, oder dass beide nur die unterschiedenen Seiten eines dritten Ununterschiedenen sind. Im ersten Falle wird entweder das Denken vom Sein (das Logische vom Alogischen) oder das Sein vom Denken (das Alogische vom Logischen) beherrscht; im zweiten Falle besteht entweder nur das Sein, so dass das Denken nur ein verhlltes Sein -- oder nur das Denken, so dass das Sein nur ein verhlltes Denken ist; whrend im dritten Falle Denken und Sein nur das unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtete unbekannte X eines Dritten darstellen. 17. Gegen die Abhngigkeit eines der beiden qualitativ von einander unterschiedenen Elemente, des Denkens und des unter der Form der dem Denken qualitativ entgegengesetzten ausgedehnten Materie gedachten Seins, hat sich unter den Neuern zuerst bekanntlich Cartesius ausgesprochen. Denken (Geist) und Sein (Materie) sind fr einander schlechterdings unzugnglich, und da, wenn weder der Geist die Materie, noch diese jenen zu beeinflussen vermag, eine Uebereinstimmung zwischen den beiden undenkbar ist, so bleibt, um Wissen d. i. Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt zu ermglichen, nichts brig, als die Brgschaft des gemeinschaftlichen Schpfers beider, welcher als hchstes wissendes und wahrhaftiges Wesen das Denken nicht kann tuschen wollen. Das eigentliche Kriterium des Wissens liegt sodann nicht sowohl in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, von der das Denken durch sich selbst nichts zu wissen vermag, sondern in der Brgschaftsleistung eines andern hhern Wesens fr die Wahrheit unseres Denkens; dasselbe ist sonach kein logisches, sondern ein blos autoritatives. 18. Weder die mit dem Schleier der gttlichen Allmacht, hinter welchem auch das Unmgliche mglich wird, sich deckende unbegreifliche gttliche Assistenz, noch die anscheinende Verbesserung derselben durch das System der sogenannten gelegenheitlichen Ursachen (Occasionalismus), durch welches letztere die Gottheit aus dem erhabenen Dunkel des Nichtwissens herabgezogen und zu einem das Denken mit dem Sein vermittelnden "deus ex machina" (Leibnitz) erniedrigt wird, beseitigt die Schwierigkeit. Dieselbe hrt dagegen auf, wenn deren Ursache, die qualitative Verschiedenheit des Denkens und seines Andern (der Materie) aufgehoben und entweder, wie Leibnitz und der Spiritualismus thaten, die Materie in Geist verwandelt (spiritualisirt), oder, wie Hobbes und die Materialisten lehrten, der Geist in Materie verwandelt (materialisirt) wird. Jene machen die Materie zu einem zwar "bene fundatum", aber doch nur zu einem "phnomenon" des Geistes, so dass der Geist -- diese den Geist zu einem "Hirngespinnst" d. i. zu einem blossen Phnomen der Materie, so dass diese allein das wahrhaft existirende ist. Zwischen dem Denken und einem Sein, das selbst wieder Denken (Idealismus) -- und dem Sein und einem Denken, das selbst wieder Sein ist (Realismus) -- aber ist Uebereinstimmung mglich. 19. Allerdings nur, wenn zwischen Denkendem und Denkendem einer-, wie zwischen Seiendem und Seiendem andererseits Causalittsverband denkbar ist. Wenn das Denken, wie die Materialisten wollen, selbst materiell, der Geist nichts anderes als ein feinerer Krper ist, liegt nichts Widersprechendes darin, dass zwischen Geist und Materie in demselben Sinn Wechselwirkung stattfinde, wie zwischen den Corpuskeln oder krperlichen Elementen der Materie selbst; wenn dagegen, wie die Spiritualisten wollen, zwischen dem immateriellen Denkenden und den gleichfalls immateriellen, folglich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach vom Denken nicht verschiedenen, also selbst als "denkend" gedachten Elementen der Materie (unkrperlichen Atomen, Monaden, "Seelen") gegenseitiger Einfluss (influxus physicus) herrschen sollte, so wre dies nur unter der Voraussetzung mglich, dass sich dieselben von dem einen Theile ablsten und von dem andern aufgenommen wrden. Beides aber ist unmglich, da von einem Immateriellen, also Theillosen, kein Theil sich abscheiden lsst und an dem Ort eines anderen Immateriellen, der als Sitz eines Theillosen selbst ohne Theile (ein einfacher Punkt) sein muss, fr einen neu hinzutretenden kein Platz vorrthig ist, das heisst, weil, wie Leibnitz sagte, die Monaden keine Fenster haben. Soll dessen ungeachtet zwischen dem Geiste und dem Rest des aus Monaden bestehenden Universums Uebereinstimmung d. i. Harmonie bestehen, so muss diese letztere von aussen, also wie bei Descartes durch die Gottheit, nur weder auf unbegreifliche (durch schlechthinige Allmacht), noch auf unwrdige ("deus ex machina") Weise, sondern, wie es der Gottheit allein wrdig ist, auf einem von Ewigkeit her erkannten, gewollten und geschaffenen Wege als prstabilirte Harmonie hergestellt werden. 20. Allein gesetzt auch, es bestnde einerseits zwischen Denken und Denken (Idealismus), andererseits zwischen Sein und Sein (Materialismus) je wirklicher Causalverband, so wre die dadurch ermglichte Uebereinstimmung, in welcher das Wissen bestehen soll, doch nur im ersten Fall eine Uebereinstimmung des Denkens mit Denken, also mit sich selbst, im zweiten Fall eine Uebereinstimmung des Seins mit Sein, also wieder mit sich selbst, in keinem von beiden aber jene Uebereinstimmung des Denkens mit Sein, in welcher der Annahme zufolge das Kriterium der Wahrheit gelegen sein soll. 21. Weder die Unabhngigkeit beider, noch die nur scheinbare Verschiedenheit eines der beiden Elemente des Wissens (Denken und Sein) macht deren Uebereinstimmung mit und unter einander mglich; als dritter Fall ist zu untersuchen, ob die Einerleiheit beider dieselbe gestatte. Wenn Denken und Sein zwar der Art nach unterschieden, aber weder, wie im Idealismus, nur das Denken, noch, wie im Materialismus, nur das ausgedehnte (materielle) Sein ist, sondern beide, wie der Spinozismus will, Seiten eines Dritten ihnen gemeinsam zugrundeliegenden (der alleinen Substanz) sind, so sind Denken und Sein dem Wesen nach substantiell identisch d. h. das Denken ist dasselbe was das Sein, und dieses was jenes. Es findet jedoch ebendeshalb zwischen beiden keine "Harmonie" (Uebereinstimmung) statt, denn eine solche setzt Verschiedenheit der Uebereinstimmenden (Gegensatz in der Einheit), nicht Einerleiheit der Aufeinanderbezogenen (Einheit ohne Gegensatz) voraus. 22. Weder Uebereinstimmung mit sich selbst (wie im Idealismus und Materialismus), noch Identitt (wie im Spinozismus) ist Harmonie; Leibnitz ist nicht, wie Moses Mendelssohn behauptete, durch Spinoza auf die Idee der prstabilirten Harmonie gefhrt worden. Jene ist blos formale, diese ist keine Uebereinstimmung. Das materiale, in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein bestehende Kriterium des Wissens ist weder auf dem Standpunkt des (metaphysischen) Dualismus, noch des (idealistischen oder materialistischen) Monismus, noch der (pantheistischen oder atheistischen) Identittslehre brauchbar. 23. Dasselbe ist jedoch auch berhaupt unbrauchbar. Denn gesetzt, es fnde zwischen Denken und Sein wirklich und thatschlich Uebereinstimmung statt, so wrde, um sich ber dieselbe Gewissheit zu verschaffen, eine Vergleichung zwischen dem Inhalt des Denkens mit jenem des Seins erforderlich sein. Da nun, um letztere zu bewerkstelligen, der Inhalt des Seins selbst gedacht, als gedachter Inhalt aber selbst Gedanke (Denken) sein msste, so wrde in obiger Vergleichung nicht, wie es verlangt ist, Denken mit Sein, sondern Denken mit Denken (gedachtem Sein) verglichen, d. h. das Sein selbst (als ungedachtes, Nichtdenken) bliebe unverglichen. Das materiale Kriterium des Wissens, die Uebereinstimmung zwischen Denken und Sein wre unerkennbar. 24. Dasselbe ist daher, logisch betrachtet, weder an sich noch fr uns mglich. Kann aber das Kriterium des Wissens nicht material in der Uebereinstimmung des Denkinhalts mit dem Seinsinhalt gefunden, so muss es ausschliesslich in ersterem (als formales) gesucht werden. Die Entscheidung, ob ein Denken Wissen d. i. wahres Denken sei, kann nur auf Grund der Beschaffenheit des Inhalts desselben, rein als solcher betrachtet, gefllt werden. Dass damit der Bestand eines von demselben unterschiedenen Sein weder verneint, noch, was schon Aristoteles und Kant verboten, das Denken fr das einzige Sein erklrt werde, ist selbstverstndlich. 25. Mit der Behauptung, dass das Kriterium der Wahrheit des Denkinhalts in diesem selbst enthalten sei, ist weder ausgesprochen, dass jeder beliebige Inhalt des Denkens eo ipso als Denkinhalt wahr, wie der Panlogismus, noch dass jeder Denkinhalt falsch sei, wie der absolute Skepticismus behauptet. Ersterer, welchem das Denken mit dem Wissen, das thatschliche mit dem vernnftigen Denken in Eins zusammenfllt, ist logischer Optimismus; der letztere, dem jegliches (wirkliche und vernnftige, gleichviel) Denken als Denkillusion (Scheinwissen) erscheint, ist logischer Pessimismus; beide insofern sie von einem gnstigen oder ungnstigen Vorurtheil bezglich des Denkens als Wissens ausgehen, sind unkritischer (positiver oder negativer) Dogmatismus. 26. Dass wenigstens einige Denkinhalte falsch seien, folgt nothwendigerweise daraus, weil es dergleichen gibt (a, non-a), die sich untereinander selbst aufheben d. h. von denen der eine mit dem andern im Denken unvertrglich ist; dass es wenigstens einigen Denkinhalt gibt, der wahr d. h. wenigstens einiges Denken, das Wissen ist, folgt daraus, weil das Gegentheil dieser Behauptung, das Wissen, dass es kein Wissen gebe, sich selbst aufhebt. Aufgabe der Logik bleibt es nun, diejenigen Merkmale, durch welche derjenige Denkinhalt, der Wissen (Erkenntniss), von demjenigen, der Scheinwissen (Irrthum) ist, sich unterscheide, aufzustellen. 27. An jedem Denkinhalt ohne Ausnahme lsst sich zweierlei unterscheiden: die Art, wie er dem Denken, und das Was, welches in demselben dem Denken gegeben ist. In ersterer Hinsicht unterscheiden wir unwillkrliches (ohne, ja wider den Willen des Denkenden demselben aufgezwungenes) und willkrliches (aus dem eigenen Wollen des Denkenden entsprungenes) Gegebensein; im ersteren Sinne vermittelter Denkinhalt kann (in engerer Bedeutung) gegebener, im letzteren Sinne entstandener wird dann gemachter heissen. Im Hinblick auf das Was unterscheiden wir verwandten und nicht verwandten, aber vertrglichen Denkinhalt; unter dem verwandten weiters ganz oder theilweise identischen und unvertrglichen (sich contrr oder contradictorisch ausschliessenden) Denkinhalt. 28. In Bezug auf das Wie des Gegebenseins gilt, dass der unwillkrlich gegebene (also unabweisliche) Denkinhalt, desgleichen derjenige ist, den wir als Thatsache zu bezeichnen pflegen -- was den Anspruch betrifft, fr Wissen zu gelten -- (alles Uebrige gleichgesetzt), vor dem willkrlich gemachten den Vorzug hat. Ersterer kann als nothwendige Bildung (Reprsentation), letzterer darf als Einbildung (Imagination) bezeichnet werden. Dass daraus, dass ein gewisser Denkinhalt unwillkrlich gegeben ist, zwar geschlossen werden drfe, die Entstehung desselben sei durch eine von dem Willen des Denkenden verschiedene Ursache, keineswegs aber voreilig gefolgert werden drfe, sie sei durch eine von ihm gnzlich verschiedene, nicht nur ausserhalb seines Intellects, sondern auch ausserhalb seines Leibes gelegene, also durch eine sogenannte ussere Ursache erzeugt, braucht kaum erst erwhnt zu werden. Ebensowenig, dass aus dem Umstand, dass die Unwillkrlichkeit des Gegebenseins auf eine vom Willen des Denkenden verschiedene Ursache zu schliessen erlaubt, keineswegs zu folgern gestattet sei, dass diese selbst der Beschaffenheit jenes Denkinhalts hnlich beschaffen sein msse, da sich, wie oben bemerkt, ohne (unmgliche) Vergleichung des Denkinhalts mit dem jenseits desselben gelegenen Seinsinhalt ber das wechselseitige qualitative Verhltniss beider nichts ausmachen lsst. 29. Der Vorzug des gegebenen vor dem gemachten Denkinhalt wird desto begrndeter sein, je energischer, je hufiger und in je vollkommenerer Anordnung derselbe gegeben ist. In ersterer Hinsicht wird unter gleichen Verhltnissen der lebhaftere vor dem minder lebhaft, der klare und deutliche vor dem dunkel, der dauerhafte und sich behauptende vor dem augenblicklich und flchtig gegebenen Denkinhalt -- in zweiter Hinsicht der wiederholt vor dem nur einmal, der hufig vor dem selten, der auch Anderen in gleicher Weise vor dem nur dem Einen gegebenen Denkinhalt -- in dritter Hinsicht der in regelmssiger Folge ursprnglich gegebene vor dem zerstreuten und sprunghaft gegebenen, der in gleich regelmssiger Folge wiederkehrende vor dem in seiner an sich regelmssigen Reihenfolge unregelmssig wiederkehrenden, der auch in Andern in der nmlichen Anordnung wiederkehrende vor dem bei jedem in anderer Reihenfolge gegebenen Denkinhalt in Bezug auf den Anspruch, als Wissen gelten zu drfen, den Vorrang haben. 30. Das Was des Gegebenen macht dabei keinen Unterschied, ebensowenig ob das ohne oder wider den Willen des Denkenden dem Denken Aufgedrungene demselben durch einen von aussen (Sinnen-) oder durch einen von innen kommenden (Bewusstseins-) Zwang aufgenthigt ist. Ersteres ist bei den Thatsachen der sogenannten usseren, dieses bei jenen der sogenannten inneren Erfahrung der Fall. Unter die ersteren gehrt, dass wir unter bestimmten Umstnden keine anderen als gewisse Sinnesempfindungen haben (Augenschein), zu den letzteren, dass wir mit oder nach einander in das Bewusstsein eingetretene Empfindungen unter einander verbinden mssen (Ideenassociation), sowie dass wir Denkinhalte, die ein gewisses Verhltniss unter einander haben, entweder (wenn sie gleich oder hnlich sind) zugleich denken mssen, oder (wenn sie entgegengesetzt sind), nicht zugleich denken knnen (Denkgesetz der Identitt und des Widerspruchs). Im ersteren Fall wird der Zwang durch die Sinne, im zweiten und dritten durch die Natur des Bewusstseins, und zwar der Zwang zur Verknpfung gleichzeitiger oder successiver Vorgnge durch die sogenannte "Enge des Bewusstseins" -- dagegen der Zwang, gewisse Gedanken zugleich denken zu mssen oder nicht zugleich denken zu knnen, durch deren Inhalt (logischer oder Denkzwang) ausgebt. In diesem Sinne sind nicht nur die einzelnen Sinnesthatsachen, sondern ist die (im Sinne Kant's) transcendentale Thatsache der Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit und sind nicht blos die einzelnen Bewusstseinsthatsachen, sondern ist die (gleichfalls transcendentale) Thatsache unserer Bewusstseins- und Denkorganisation (die thatschlichen Naturgesetze des Bewusstseins, die Denkgesetze) ein dem Denken unwillkrlich d. h. unabhngig vom Willen des Denkenden Gegebenes (Zuflliges), so dass an sich auch eine andere Organisation der Sinne wie des Bewusstseins d. h. ein anders geartetes Erkenntnissvermgen (als gleichfalls transcendentale Thatsache) sich denken liesse. 31. Wie bei der Frage nach dem Gegebensein des Denkinhalts von dessen Was, so wird bei jener nach dem Was des Denkinhalts von dessen Gegebensein abgesehen. Da nun in Bezug auf den Umstand, dass sie Denkinhalt sind, smmtliche Denkinhalte einander gleichen, so lsst sich daraus allein, dass ein gewisses Was Inhalt des Denkens ist, kein Schluss auf dessen Wahrheit oder Falschheit machen. Die Betrachtung der Besonderheit des Was der einzelnen Denkinhalte aber gehrt nicht mehr in die Logik, sondern in die besonderen Wissenschaften, deren Inhalt sie ausmachen (z. B. der Begriff des Seienden in die Metaphysik, der des Guten in die Ethik etc.). Dagegen lsst sich aus dem Verhltniss, in welchem verschiedene Denkinhalte ihrem Was nach unter einander stehen (z. B. aus dem Verhltniss ihrer Congruenz oder Incongruenz) sehr wohl eine Folgerung machen, was, wenn der eine derselben als wahr oder falsch angenommen oder erwiesen wird, mit dem anderen in Bezug auf Wahrheit oder Falschheit vor sich gehen msse. Die auf letzterem Wege mglichen Folgerungen mssen aus einer vollstndigen Aufzhlung der zwischen Denkinhalten ihrem Was nach mglichen Verhltnisse sich vollstndig ergeben. 32. Da nun die einzelnen Denkinhalte ihrem Was nach unter einander nur entweder verwandt oder nicht verwandt (disparat), die verwandten aber nur entweder ganz oder theilweise identisch oder entgegengesetzt sein knnen, so ergibt sich als Uebersicht der zwischen verschiedenen Denkinhalten ihrem Was nach mglichen Verhltnisse folgendes Schema: (ganze oder theilweise) Identitt, Gegensatz, Disparatheit. 33. Ganz oder theilweise identische Denkinhalte haben das Eigenthmliche, dass sie einander bedingen, so dass, sobald der eine (a oder a b) gedacht wird, ebendadurch auch der andere (a ist a; a b ist a) ganz oder theilweise gedacht wird. Entgegengesetzte Denkinhalte haben das Eigenthmliche, dass sie einander ausschliessen d. h. dass entweder nur, wenn der eine gedacht wird, der andere nicht gedacht werden kann (contrrer Gegensatz: a ist nicht b), oder so, dass zugleich, wenn der eine nicht gedacht wird, der andere gedacht werden muss (contradictorischer Gegensatz: wenn nicht a ist, so ist non-a). Disparate Denkinhalte haben das Eigenthmliche, dass sie einander im Denken weder bedingen noch ausschliessen, so dass, wenn der eine gedacht wird, auch der andere gedacht werden kann, aber weder der andere noch sein Gegentheil gedacht werden muss (z. B. diese Rose ist roth -- sie knnte aber auch weiss sein). Ganz oder theilweise identische, sowie disparate Denkinhalte sind daher unter einander vertrglich -- entgegengesetzte dagegen unvertrglich. Zwischen ganz oder theilweise identischen Denkinhalten findet fr das Denken eine vom Inhalt derselben ausgehende Nthigung statt, vom Denken des einen zu jenem des andern berzugehen. Bei entgegengesetzten Denkinhalten findet fr das Denken eine vom Inhalt derselben ausgehende Nthigung statt, vom Denken des einen zum Denken des Gegentheils des anderen berzugehen. Bei disparaten Denkinhalten findet eine vom Inhalte derselben ausgehende Nthigung fr das Denken von einem zum andern berzugehen, berhaupt nicht statt, sondern wenn eine solche eintreten soll, so muss sie durch etwas vom Inhalt derselben Verschiedenes, also entweder durch eine ussere, vom Willen des Denkenden unabhngige Ursache (z. B. den Augenschein) oder durch eine innere, vom Intellect unabhngige Ursache (z. B. die Willkr des Denkenden) herbeigefhrt werden. Erstere heissen daher einhellig (consonirend), entgegengesetzte misshellig (dissonirend), disparate blos einstimmig. 34. Gnzlich identische Denkinhalte knnen, da es nach dem principium identitatis indiscernibilium zwei mit einander vllig bereinkommende Dinge berhaupt nicht geben kann, auch nicht zwei sondern mssen nothwendig ein und derselbe d. h. als Denkinhalt einzig sein; solche knnen daher auch kein Verhltniss unter einander haben. Dagegen kann es sehr wohl Denkinhalte geben, welche, obgleich dem Was ihres Inhalts nach nicht identisch, doch ihrem Umfang nach identisch sind; in welchem Fall dieselben quipollent heissen (z. B. Wechselbegriffe). Theilweise identische Denkinhalte knnen entweder in der Weise identisch sein, dass der eine ganz in dem andern, aber nicht umgekehrt dieser in jenem enthalten ist, in welchem Fall derjenige, welcher den andern in sich enthlt, der bergeordnete, derjenige, welcher in dem andern enthalten ist, der untergeordnete heisst; oder dieselben sind so beschaffen, dass jeder ausser dem ihm mit dem anderen Gemeinsamen noch etwas Besonderes enthlt, so dass beide diesem Gemeinsamen untergeordnet, unter einander aber beigeordnet sind. Im ersteren Fall ist der im anderen enthaltene Denkinhalt unter diesem subsumirt, im zweiten Falle jeder der beiden dem ihnen gemeinsamen subordinirt; von den quipollenten wird der eine dem anderen substituirt. 35. Von unter einander subsumirten Denkinhalten gilt, dass wenn der subsumirende Denkinhalt wahr oder falsch, auch der darunter subsumirte entsprechend eines von beiden sei. Der subsumirende heisst in Bezug auf den subsumirten der weitere, dieser dagegen der engere Denkinhalt und es gilt der Satz, dass das von dem weiteren Behauptete oder Ausgeschlossene ebendarum auch von dem engeren behauptet oder ausgeschlossen, keineswegs aber das von dem engeren Behauptete und Ausgeschlossene auch von dem weiteren behauptet und ausgeschlossen sei. Durch die Fortsetzung dieses Verhltnisses, indem jeder einen anderen subsumirende Denkinhalt seinerseits selbst wieder unter einen anderen subsumirt erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die weiteste -- durch die Fortsetzung desselben in umgekehrter Richtung, indem jeder subsumirte Denkinhalt seinerseits einen anderen als unter sich subsumirend erscheint, gelangt man zu Denkinhalten, welche die engste Geltung besitzen. Jenes Verfahren selbst kann als Subsumtions-, und zwar entweder als analytische (Generalisations-) Methode, welche von -- dem Inhalt nach reicheren, aber dem Umfang nach engeren -- Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach rmeren, aber dem Umfang nach weiteren -- Denkinhalt hinaufsteigt, oder als synthetische (Restrictions-) Methode, wenn sie von -- dem Inhalt nach rmeren, aber dem Umfange nach weiteren -- Denkinhalt zu -- dem Inhalt nach reicheren, aber dem Umfang nach engeren -- Denkinhalt hinabsteigt, bezeichnet werden. 36. Von einander coordinirten (beigeordneten), einem gemeinsamen dritten subordinirten Denkinhalten gilt, dass der Inhalt des bergeordneten in dem Inhalt jedes der beiden oder mehreren untergeordneten, aber nicht umgekehrt, enthalten und der Umfang des bergeordneten der Summe der Umfnge smmtlicher demselben untergeordneten Denkinhalte congruent sein msse. Der bergeordnete Denkinhalt heisst in diesem Sinne der hhere, die demselben unter-, zugleich aber unter sich einander beigeordneten Denkinhalte heissen die niederen. Durch die Fortsetzung dieses Verhltnisses, indem der subordinirende hhere Denkinhalt seinerseits einem hheren subordinirt erscheint, gelangt man zum hchsten -- durch dessen Fortsetzung in entgegengesetzter Richtung: indem die subordinirten niederen Denkinhalte je wieder anderen als unter sich subordinirend erscheinen, gelangt man zum niedersten Denkinhalt. Von dem hheren Denkinhalt gilt der Satz, dass, was von demselben behauptet oder ausgeschlossen, auch von dessen niederen behauptet oder ausgeschlossen, keineswegs zwar, was von nur einem oder mehreren der niederen behauptet, auch von dem hheren behauptet, wohl aber, dass dasjenige, was von smmtlichen niederen ausgeschlossen, auch von dem hheren ausgeschlossen sei. Das Verfahren, das auf die Fortsetzung jenes Verhltnisses sich grndet, heisst die Subordinations-, und zwar die Abstractions- (Inductions-) Methode, wenn sie von niederen zu hheren Denkinhalten hinauf-, die Determinations- (Deductions-) Methode, wenn sie von hheren zu niederen Denkinhalten hinabsteigt. 37. Von einander quipollenten, substituirbaren Denkinhalten gilt, wenn der eine wahr oder falsch, dass es auch der andere sei (z. B. was vom gleichseitigen Dreieck gilt, gilt auch vom gleichwinkeligen). Durch die Fortsetzung dieses Verhltnisses, so dass der einem andern quipollente Denkinhalt seinerseits einem dritten quipollent ist, entsteht die Substitutions-, wenn wir die sich gleichbleibende Identitt des Umfanges, oder die Transmutationsmethode, wenn wir die von einem zum andern eintretende Aenderung des Inhalts im Auge haben. Dieselbe findet ihre Verwendung zumeist in den mathematischen Wissenschaften, in welchen z. B. [m-te Wurzel aus n-te Wurzel aus a] = [(m n)-te Wurzel aus a] gesetzt, also bei verndertem Inhalt derselbe Umfang behalten wird. Whrend das Subsumtions- und Subordinationsverfahren auf wahrer und vollstndiger Identitt beruht, indem die Identitt des Inhalts die des Umfangs nach sich zieht, beruht das Substitutionsverfahren zwar auf wirklicher, aber unvollstndiger Identitt, indem bei Einerleiheit des Umfangs Verschiedenheit des Inhalts herrscht. Dasselbe bildet daher bereits den Uebergang von dem Verhltniss der Identitt zu jenem der Nichtidentitt d. i. der Disparatheit der Denkinhalte. 38. Disparate Denkinhalte haben mit quipollenten das gemein, dass sie verschiedenen Inhalt, gehen aber dadurch ber dieselben hinaus, dass sie auch verschiedenen Umfang haben. Daraus folgt, dass whrend bei den quipollenten der Uebergang von einem zum andern zwar nicht, wie bei den identischen, mittels des Inhalts, aber doch mittels des beiderseitigen Umfanges, also immer noch durch reines Denken erfolgt -- bei den disparaten derselbe weder aus der Betrachtung des Inhalts, noch aus jener des Umfangs, also auch nicht aus dem reinen Denken geschpft, sondern allein durch etwas von diesem Unterschiedenes, z. B. durch eine Anschauung, welche beide Denkinhalte verbunden aufweist, vermittelt werden kann. Whrend daher die Verknpfung zwischen identischen und quipollenten Denkinhalten analytisch d. i. so erfolgt, dass und weil der mit dem andern verknpfte Denkinhalt, sei es seinem Inhalt (wie bei den identischen), sei es seinem Umfange nach (wie bei den quipollenten) bereits in diesem enthalten ist, erfolgt dieselbe bei disparaten Denkinhalten synthetisch d. i. so, dass der eine zu dem andern als (ein dem Inhalt und Umfang nach) vllig neuer hinzugefgt wird. Grund der Verbindung ist bei jenen ein innerer, der so lange besteht, als Inhalt oder Umfang der mit einander verknpften Denkinhalte derselbe bleiben; Grund der Verbindung ist bei diesen ein usserer und die Verbindung besteht nur so lange, als dieser Grund besteht. Verbindungen ersterer Art sind daher nicht nur nothwendig, weil und so lange die Denkinhalte dieselben bleiben, sondern auch allgemein, weil der Denkinhalt, von so Vielen und so oft er gedacht werden mag, immer derselbe bleibt. Verbindungen letzterer Art dagegen sind nicht nur zufllig, weil der Grund derselben ein usserer, sondern auch individuell oder hchstens particulr, weil der ussere Grund derselben jederzeit nur fr den einzelnen Denkenden, und zwar in diesem bestimmten Fall, bestenfalls fr mehrere Denkende und mehrere Einzelflle als der gleiche vorhanden ist, keineswegs aber fr alle Denkenden und ebensowenig in allen Einzelfllen derselbe sein muss. Jene, zu welchen noch die spter zu betrachtenden, auf dem Verhltniss des Gegensatzes beruhenden Trennungen und Verknpfungen von Denkinhalten hinzukommen, knnen mit dem fr allgemeine und nothwendige Denkverbindungen seit Lambert und Kant gebruchlich gewordenen Ausdruck apriorische, letztere (z. B. die durch sinnliche Anschauung herbeigefhrten) Verbindungen knnen, da dieselben nicht mit den Denkinhalten ursprnglich gegeben, sondern zwischen denselben erst nachtrglich (z. B. durch Erfahrung) entstanden sind, aposteriorische genannt werden. 39. Apriorische Denkverbindungen sind daher stets analytisch oder (wie die mathematischen) quipollent; synthetische dagegen weder smmtlich (wie der rationale Dogmatismus lehrte), noch wenigstens zum Theile (wie der zum Kriticismus herabgedmpfte ursprnglich radicale Skepticismus Kant's einrumte) apriorisch, sondern smmtlich aposteriorisch. Das (mathematische) Vorurtheil Kant's, welches darin bestand, dass er smmtliche mathematische Urtheile fr synthetisch hielt, hat denselben im Zusammenhang mit dessen unbegrenzter Verehrung fr die Mathematik als Wissenschaft dahin gefhrt, ihr zu Liebe, da die mathematischen Stze seiner Ansicht nach synthetisch waren und dennoch allgemein und nothwendig wahr sein sollten, apriorische Synthesen zuzulassen und, da dieselben durch Anschauung vermittelt sein mussten, durch sinnliche Anschauung aber keine apriorische d. i. allgemeine und nothwendige Verbindung hergestellt werden kann, gleichfalls ihr zu Liebe eine besondere, psychologisch nicht nachweisbare Art von Anschauung, die von ihm sogenannte "reine Anschauung", zu erfinden. Dieselbe sollte einerseits, wie die sinnliche Wahrnehmung, Anschauung, andererseits, wie die sinnliche Wahrnehmung nicht, allgemein und nothwendig d. h. sie sollte a und non-a, Thesis und Antithesis zugleich (ein logisches Wunder) sein; als thatschliche Erscheinungen einer solchen bezeichnete er die Vorstellungen des Raumes und der Zeit, die er beide der Einzigkeit ihrer beziehungsweisen Gegenstnde halber fr Anschauungen, und zwar der sinnlich unwahrnehmbaren Beschaffenheit dieser wegen fr "reine Anschauungen" erklrte. Die Anschauung des Raumes legte er als vermittelnde den geometrischen, jene der Zeit den arithmetischen Synthesen zu Grunde. 40. Den Beweis fr die synthetische Natur des mathematischen Urtheils schpft Kant aus dem Umstand, dass sowol das Prdicat des arithmetischen Urtheils: 5 + 7 = 12, wie das des geometrischen Urtheils: die Gerade ist die krzeste zwischen zwei Punkten, etwas vom Subjecte derselben Verschiedenes enthalte: das Prdicat 12 sei nmlich weder mit 5, noch mit 7, das Prdicat "krzeste Linie zwischen zwei Punkten" nicht mit "die Gerade" identisch. Das Urtheil 5 + 7 = 12 sagt aber weder, dass 5, noch, dass 7 jedes fr sich gleich 12, sondern besagt, dass die Summe beider 5 + 7 = 12 sei d. h. dass die Vorstellung (5 + 7) der Vorstellung 12 zwar nicht (dem Inhalt nach) gleich sei, aber (dem Umfang nach) gleich gelte d. h. wie jeder Mathematiker weiss, die eine fr die andere substituirt werden knne. Dasselbe ist bei dem geometrischen Urtheil der Fall; es ist richtig, dass die Vorstellung "Gerade" nicht dem Inhalt nach eins mit der Vorstellung "krzeste Linie zwischen zwei Punkten" ist; unrichtig aber ist, dass sie derselben nicht quipollent d. h. dass nicht jede Linie, die eine Gerade, auch die zwischen zwei Punkten -- ihrem Anfangs- und Endpunkt -- gelegene krzeste sei. Der Uebergang vom Subject zum Prdicat wird daher wirklich in beiden Fllen nicht, wie Kant meinte, synthetisch durch eine von aussen hinzutretende (weder durch eine reine, noch, wie die heutige "inductive Mathematik" whnt, sinnliche) Anschauung, sondern ausschliesslich analytisch durch die Betrachtung des Umfanges beider im reinen Denken vermittelt. 41. Der Irrthum Kant's entsprang daher, dass er quipollente Urtheile nicht fr identisch und folglich jedes seiner Ansicht nach nicht (ganz oder theilweise) identische Urtheil fr synthetisch hielt. Mathematische Urtheile, in welchen Subject und Prdicat wie bei den zu beiden Seiten des Gleichheitszeichens stehenden Ausdrcken dem Worte nach verschieden lauten, dem Werthe nach ohne Schdigung untereinander vertauscht werden knnen, galten ihm fr apriorische Synthesen, whrend sie, wie oben gezeigt, zwar apriorisch, aber analytisch sind. Da ihm, wie er sich ausdrckte, smmtliche analytische Urtheile zwar richtig, aber nicht wichtig, die mathematischen dagegen nicht nur richtig, sondern auch wichtig erschienen, so htte er, indem er die letzteren fr analytische erklrte, dieselben in ihrer wissenschaftlichen Wrde herabzusetzen geglaubt; dieselben mussten daher um jeden Preis von den analytischen getrennt bleiben. 42. Die Unwichtigkeit analytischer Denkverbindungen hatte fr Kant darin ihren Grund, dass dieselben zu dem schon bekannten nichts neues hinzufgten. Dieselbe bezog sich daher nicht sowohl auf die Haltbarkeit der durch analytische Betrachtung vermittelten Verbindungen gewisser Denkinhalte, als vielmehr auf den durch dieselben zu bewerkstelligenden Erkenntnissfortschritt des Denkenden von Bekanntem zu Unbekanntem. Weil in letzterer Hinsicht das analytische Urtheil in seinem Prdicat das Subject nur ganz oder theilweise zu wiederholen schien, wurde dasselbe von ihm im besten Falle als eine unntze Tautologie, in allen anderen Fllen als ein Herabsteigen von einer hheren auf eine niedere, bereits berwundene Erkenntnissstufe angesehen. Regressives Subsumtions- und inductives Subordinationsverfahren waren ihm zufolge nichts weiter als Auslsen eines Theiles aus einem schon bekannten Inhalt, durch welchen derselbe zwar "erlutert", unsere Erkenntniss selbst jedoch keineswegs "erweitert" werde. Des Substitutions- als eines Verfahrens, durch welches ein bestndiges idem per idem erzeugt werde, hielt Kant in seinem Bemhen um Ausdehnung der Grenzen der Erkenntniss es nicht einmal der Mhe fr werth, Erwhnung zu thun. 43. Von diesem Standpunkt aus allerdings mit Recht, wenn es wahr wre, dass das Substitutions- d. i. das Verfahren, einen gegebenen Denkinhalt durch einen demselben quipollenten zu ersetzen d. h. den gegebenen zu transmutiren, in der That fr das Erkennen keinen Fortschritt bedeutete. Whrend aber derjenige, der an der Stelle des subsumirenden den jeweilig subsumirten oder an der Stelle des concreten (subordinirten) nur den abstracten (subordinirenden) Denkinhalt besitzt, in der That sozusagen "der Masse nach" weniger besitzt als er vorher besass, und nichts, was er nicht schon vorher besass, besitzt derjenige, der an der Stelle des ursprnglich gegebenen Denkinhalts einen demselben quipollenten, aber transmutirten Denkinhalt gewonnen hat -- zwar "der Masse nach" (wenigstens was den Umfang betrifft) nicht mehr, als er besass, er besitzt aber etwas, was er vorher entschieden nicht besass, anstatt des ursprnglichen alten den durch Transmutation an dessen Stelle getretenen neuen Denkinhalt. Dasselbe stellt, zwar nicht dem Umfang, aber der Qualitt des Gedachten nach, wirklich eine Bereicherung des Denkenden dar. 44. Subsumtions- und Subordinationsverfahren machen daher, wie Kant's analytische Urtheile, in der That blosse Erluterung, Substitutions- und synthetisch-aposteriorisches d. i. empirisches Verfahren machen, wie Kant's synthetische Urtheile, eine wirkliche Erweiterung unserer Erkenntniss, und zwar das erstere mit allgemeiner und nothwendiger, das letztere allerdings nur mit mehr oder weniger beschrnkter und mehr oder weniger zuverlssiger, auch im besten Fall nur wahrscheinlicher, niemals ausnahmsloser (unbedingter) Giltigkeit mglich. Erstere beiden eignen daher vorzglich den deducirenden, aus dem Allgemeinen das Besondere ableitenden und classificirenden, das Allgemeine aus dem Besonderen abstrahlenden Wissenschaften, whrend das Substitutionsverfahren in den rein mathematischen, das empirische dagegen in den Erfahrungswissenschaften zu Hause ist. Die erstgenannten gehen von einem bereits erreichten Erkenntnissvorrath an Allgemeinem aus, um durch Analyse desselben das darin eingeschlossene Besondere sich zum Bewusstsein zu bringen. Die zweitgenannten gehen von einem bereits gewonnenen Erkenntnissvorrath an Besonderem aus, um durch Ausscheidung des Abweichenden und Zusammenfassung des Gemeinsamen das in demselben gleichsam schlummernde Allgemeine an's Licht zu ziehen. Die Wissenschaften, welche, wie die Lehre von den Gleichungen in der Mathematik und die Theorie von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes in der Physik und Physiologie den seinem Werthe und Umfang nach sich gleichbleibenden Denk-, wie den seiner Quantitt und Qualitt nach sich gleichbleibenden Stoffinhalt, in stets neue Formen sich umgiessen lassen, suchen dadurch das im ewigen Wechsel Beharrende und das im ewigen Beharren stets Fliessende zu gewinnen. Die Erfahrungswissenschaften aber sind darauf aus, durch natrliche und knstliche Beobachtung (Experiment) zwischen bis dahin wenn nicht fr unverknpfbar gehaltenem, doch unverknpft gebliebenem Denkinhalt neue, bisher unerhrte Verbindungen in mehr oder weniger weitreichender und dauerhafter Weise festzustellen. 45. Letztere werden naturgemss um desto mehr sich befestigen, je fter dieselben wiederholt worden; sei es, dass diese Wiederholung durch eine unwillkrliche d. i. vom Willen des dieselben verknpfenden Denkenden unabhngige, also auch ohne ja wider denselben sich erneuernde, oder eine willkrliche d. i. vom Willen des Denkenden entweder abhngige, oder mit demselben identische, also auch mit und durch denselben sich erneuernde Ursache verursacht sei. Dieselbe ist im ersteren Fall eine gegebene, und so auch der Grund ihrer Erneuerung ein gegebener; im letzteren Fall eine gemachte, und so auch der Grund ihrer Erneuerung ein solcher. Im ersteren Fall wird die Verbindung der disparaten Denkinhalte durch das Denken so lange bestehen und so oft sich wiederholen, als die gegebene Ursache besteht und sich erneuert, im letzteren Fall dagegen so lange und so hufig, als der Wille, sie zu verbinden, im Denkenden entsteht und sich erneuert. In beiden Fllen wird im Denkenden in Folge der zunehmenden Wiederholung eine wachsende Disposition zur Verknpfung jener an sich durch nichts auf einander hinweisenden Denkinhalte zu Stande kommen. Dieselbe wird jedoch im ersten Fall ihren Grund in einem Gegebenen (also Objectivem), im letzteren Falle in einem Wollen (Subjectivem) haben, und daher dort als (objective) Gewohnheit, die dem Denkenden von aussen angewhnt wird, hier als (subjective) Gewhnung, zu welcher der Denkende sich selbst verwhnt hat, sich festsetzen. 46. Denkverbindungen disparater Denkinhalte, die auf Gewohnheit beruhen, gestatten darum einen Rckschluss auf jenen Grund, dessen Folge dieselbe ist, als einen objectiven d. h. unabhngig vom Willen des Denkenden bestehenden. Solche dagegen, welche nur auf einer Verwhnung des Denkenden beruhen, gestatten hchstens einen Rckschluss auf die subjective Beschaffenheit des Willens des Denkenden. Ungeachtet der Grund der Verbindung in beiden Fllen kein logischer (aus dem Inhalt des zu Verbindenden entspringender Denk-), sondern ein blos psychologischer Zwang ist, welcher in dem einen Fall durch das Gegebensein des Objects auf den Willen, in dem andern Fall von dem Willen auf das Gegebenwerden des Objects ausgebt wird, so ist der Grad wie der Grund der Festigkeit in jedem der beiden Flle ein verschiedener. Derselbe beruht im ersten Fall auf dem Natur- und Fundamentalgesetz des Bewusstseins, durch welches dasselbe genthigt wird, zugleich oder nach einander Gegebenes, sei es (dem Inhalte nach) Homogenes oder Heterogenes, unter einander dergestalt zu verknpfen, dass mit dem Einen das Andere gedacht oder nach dem Eintreten des Einen das Eintreten des Anderen erwartet wird (Ideen-Associationsgesetz der Coxistenz und der Succession). Da die Wirksamkeit desselben unabnderlich ist, so muss, sobald irgend etwas dem Denkenden als zugleich oder nach einander Seiendes gegeben ist, das Denken des Einen mit dem Andern, oder das Erwarten des Einen nach dem Andern ebenso unabnderlich erfolgen, so dass selbst der Wille des Denkenden demselben keinen Einhalt zu thun vermchte. Diese Unabnderlichkeit des psychischen Vorganges des Verbindens gewisser Denkinhalte in einem und des Erwartens gewisser Denkinhalte nach einander im andern Falle lsst in Folge einer (logisch zwar ungerechtfertigten, aber psychologisch sehr erklrlichen) unwillkrlichen Erschleichung die Sachlage so erscheinen, als ob die vom Denken notwendigerweise mit oder nach einander verknpften Denkinhalte an sich mit oder nach einander nothwendigerweise verknpft wren d. h. die Naturgesetzlichkeit des Bewusstseinsvorganges (der Association nach Coxistenz und Succession) wird auf das Verknpfte (Objective) selbst als dessen naturgesetzliches Mit- oder Nacheinandersein bertragen. Da nun beispielsweise Eigenschaften (Accidentien) nicht ohne Trger derselben (Substanz) und Wirkungen nicht ohne vorangehende Ursachen gedacht werden knnen, so liegt darin der Grund, warum Gegebenes, welches dem Denkenden entweder mit oder nach einander gegeben wird, von diesem als im Verhltniss -- wenn es zugleich gegeben ist -- der Inhrenz d. i. des Accidens zur Substanz -- wenn es nach einander gegeben ist -- der Causalitt d. i. der Wirkung zur Ursache stehend gedacht wird. Hume's Behauptung, dass das Causalgesetz aus der Gewohnheit entspringe und daher nichts anderes als die -- durch das ursprnglich beobachtete und zu wiederholtenmalen erneuerte Nacheinanderauftreten gewisser Phnomene -- motivirte Erwartung des Wiedereintretens des einen derselben sei, wenn das andere vorangegangen ist, hat daher insofern, als dieselben untereinander vllig disparater Natur sind, berechtigte Geltung. 47. Dagegen beruht in dem Falle, als die Verbindung disparater Denkinhalte nicht durch objectives (gleichzeitiges oder successives) Gegebensein, sondern durch den Willen des Denkenden erfolgt, der Grad und die Dauer ihrer Festigkeit lediglich auf der Energie und der Dauerhaftigkeit dieses Willens. Da nun der letztere, insofern er durch nichts von ihm Unabhngiges beeinflusst (motivirt), sondern lediglich grundlos sich selbst bestimmend (transcendentalfrei, reine Willkr), also im buchstblichen Sinn des Wortes Eigenwille (Laune, Eigensinn) ist, und als solcher ebenso grundlos vergeht als entsteht, also seiner Natur nach vernderlich (wetterwendisch, launenhaft) ist, so knnen auch die durch denselben allein herbeigefhrten Denkverbindungen nicht anders als vernderlich (Denklaunen, Capricen) sein, welche, so scheinbare Festigkeit dieselben auch besitzen mgen, so lange die sie festhaltende Willensmarotte Bestand hat, dieselbe nicht blos in den Augen Anderer, sondern des Denkenden selbst nothwendig sogleich einbssen, sobald dessen Eigenwille eine andere Richtung eingeschlagen hat. 48. Auf der durch Gegebenes entstandenen (objectiven) Gewohnheit beruht die unabweisliche (wirkliche), auf der durch Willkr herbeigefhrten (subjectiven) Gewhnung beruht die angebliche (scheinbare) Erfahrung. Jene beansprucht, weil die Naturgesetze des Bewusstseins fr alle bewusstseinsfhigen Wesen derselben Gattung dieselben sind, sobald die Bedingungen des Gegebenseins fr das Bewusstsein (z. B. die Simultaneitt oder Succession) die nmlichen bleiben, auch fr alle bewusstseinsfhigen Wesen derselben Gattung die gleiche uneingeschrnkte Geltung. Diese kann eine solche hchstens innerhalb des Kreises der Herrschaft desjenigen Willens, auf welchem die ursprngliche Verknpfung des Denkinhaltes und deren Bestand beruht, ber sich selbst und eventuell ber den Willen anderer Denkenden, welche dem seinigen gegenber als Dienende (Autorittsglubige, Willensknechte) sich verhalten, behaupten. Das Verfahren, nach welchem allgemein giltige Erfahrung zu Stande kommt, kann daher allein als erfahrungswissenschaftliche (empirische) Methode, dasjenige dagegen, nach welchem nur individuell oder hchstens in beschrnktem Kreise als solche anerkannte d. i. Scheinerfahrung erreicht wird, muss als den Schein erfahrungswissenschaftlicher Methode affectirender, an sich unwissenschaftlicher Erfahrungstrug bezeichnet werden. Beispiele der ersten liefern alle wirklichen Erfahrungswissenschaften; das aufflligste Beispiel des letzteren bietet die auf angeblichen uncontrolirbaren und nur innerhalb des Kreises glubiger Jnger als solche anerkannten Erfahrungen einzelner Auserwhlter (z. B. Medien, Geisterseher) -- angeblich unter genauer Beobachtung des methodischen Verfahrens wirklicher Erfahrungswissenschaft -- aufgebaute vermeintliche Erfahrungswissenschaft von der Geisterwelt (Spiritismus). 49. Wie disparate Denkinhalte mit quipollenten darin bereinkamen, dass beiderseits die Denkinhalte ihrem Inhalt nach nicht identisch waren, so unterscheiden sich dieselben von ihrem Inhalte nach entgegengesetzten Denkinhalten dadurch, dass die ersteren ihrem Umfange nach mit einander vertrglich, die letzteren dagegen in Bezug auf diesen unter einander unvertrglich sind. Dieselben schliessen einander entweder in der Weise aus, dass, was in den Umfang des einen, nicht in den Umfang des andern fllt, in welchem Fall sie contrr, oder in der Weise, dass zugleich dasjenige, was nicht in den Umfang des einen, eo ipso in den Umfang des andern fllt, in welchem Fall sie contradictorisch entgegengesetzt heissen. Sie knnen einander aber auch in der Weise ausschliessen, dass, was in den Umfang des einen, nicht in den Umfang des andern, was nicht in den Umfang des einen, in den Umfang des andern fllt, die Umfnge beider aber zugleich den Umfang eines dritten, beiden bergeordneten Denkinhaltes ausmachen, in welchem Fall sie subcontrr entgegengesetzt genannt werden. Von contrr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, wenn der eine wahr ist, der andere falsch, von contradictorisch entgegengesetzten berdies, dass, wenn der eine falsch ist, der andere wahr sein muss; von subcontrr entgegengesetzten dagegen gilt, dass, weil beider Umfnge in den Umfang eines dritten fallen und denselben erschpfen, dasjenige, was in dem Umfang des einen liegt, nicht in dem Umfang des andern liegen kann (wie bei den contrren), aber auch, dass, was nicht in dem Umfang des einen liegt, in dem Umfang des andern liegen muss (wie bei den contradictorischen Gegenstzen), dass also, wo a ist, nicht b, dagegen b ist, wo a nicht ist, und weiter, dass, wo das eine von beiden, auch das beiden bergeordnete dritte ist, dass also beide subcontrr entgegengesetzte zugleich keines das andere und (in Bezug auf das dritte als "ihre hhere Einheit") eins und dasselbe sind. Ist der einem andern contrr entgegengesetzte Denkinhalt seinerseits einem dritten contrr entgegengesetzt, so dass, wenn a wahr ist, b falsch sein muss, so lsst sich aus der Wahrheit von a nicht schliessen, dass nun auch der dem b contrr entgegengesetzte Denkinhalt c wahr sein msse, wol aber, dass derselbe wahr sein knne, indem aus der Wahrheit von a zwar die Falschheit von b, aus der Falschheit von b aber keineswegs die Wahrheit von c folgt. Lsst sich der einem Denkinhalt a contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalt non-a seinerseits wieder in zwei contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalte b und non-b spalten, so gilt nicht nur, dass, wenn a wahr ist, sowol b als non-a nothwendig falsch sein msse, sondern auch, dass, wenn a falsch ist, eines von beiden, b oder non-b nothwendig wahr sein muss. Von subcontrr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, sobald auch nur einer von beiden wahr ist, ein dritter, der beiden bergeordnete, wahr und daher, wenn dieser selbst einem vierten subcontrr entgegengesetzt, auch der ihm und diesem bergeordnete fnfte Denkinhalt wahr sei. Auf die Fortsetzung des ersten Verhltnisses grndet sich das Verfahren, zu einer Reihe contrrer Gegenstze zu gelangen, die alle zugleich wahr, also copulativ verbunden werden knnen (z. B. die Farbenreihe). Auf die Fortsetzung des zweiten Verhltnisses grndet sich das Verfahren, durch Zerfllung des contradictorisch entgegengesetzten Gliedes in weitere Gegenstze zu einer vollstndigen Eintheilung zu gelangen, deren Glieder untereinander disjunctiv getrennt werden knnen. Auf die Fortsetzung des dritten Verhltnisses grndet sich das construirende oder sogenannte dialektische Verfahren, mittels dessen mit Hilfe stets neu eingefhrter subcontrrer Gegenstze zu immer neuen sich bereinander aufthrmenden "hheren Einheiten" gelangt wird, deren jede die vorhergehende (nach dem bekannten Hegel'schen Doppelsinn) zugleich aufhebt und "aufhebt" (tollit et servat). 50. Mit dem Verhltniss des Gegensatzes ist die Reihe derjenigen, welche das "was" des Denkinhaltes angehen, erschpft. Mit dem ersten, auf das "wie" des Gegebenseins sich sttzenden, der unwillkrlichen Nthigung, einen gewissen Denkinhalt zu denken, ergeben sich fr die Beurtheilung des Anspruches eines gewissen Denkens, fr Wissen gelten zu drfen, im Ganzen fnf Gesichtspunkte, von denen der erste quantitativ, die brigen qualitativ heissen knnen, weil jener sich auf das Quantum des Gegebenseins, diese sich auf das Quale des Gegebenen beziehen, und an deren jeden sich entsprechende methodische Verfahren zum Wissen zu gelangen anschliessen. 51. Der erste derselben ist der Gesichtspunkt der Denknothwendigkeit. Der unwillkrlich gegebene erscheint als der nicht nicht zu denkende d. i. nothwendig zu denkende oder denknothwendige Denkinhalt; und zwar in desto hherem Grade, je besser die Unwillkrlichkeit seines Gegebenseins d. i. dessen Gegebensein ohne, ja wider den Willen des Denkenden bezeugt ist. Letzteres ist aber in desto hherem Grade der Fall: 1. je unwiderstehlicher derselbe sich aufdrngt und gegen alle mit Wissen und Willen angestellten Versuche, sich desselben zu erwehren, behauptet. In diesem Sinne gilt der Satz: facta loquuntur, und dass es nichts fruchte, gegen "Thatsachen" die Augen zu verschliessen; denn da die Ursache dieses ohne, ja wider Willen Gegebenseins nicht im Willen des Denkenden liegen soll, so kann dieselbe nur entweder in einem von diesem Willen Verschiedenen gelegen, oder das Gegebene msste ohne Ursache (grundlos) gegeben sein. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, als der sogenannte Satz vom zureichenden Grunde (principium rationis sufficientis), welcher besagt, dass nichts ohne Grund erfolge, selbst wahrscheinlicher ist; denn auch dieser ist, als Denkinhalt betrachtet, kein willkrlich gemachter (erfundener), sondern selbst ein unwillkrlich gegebener (evidenter), dessen das Denken sich nicht zu erwehren vermag und der bei jedem sich bietenden Anlass sich wieder -- und was das Gewicht seines Gegebenseins verstrkt, Jedermann in gleicher Weise aufdrngt. Je unwahrscheinlicher es aber ist, dass das Gegebensein eines gewissen Denkinhalts ein blosser Zufall sei, desto mehr steigert sich dieselbe, wenn und in dem Masse, als derselbe Denkinhalt in zahlreicheren Fllen mit gleicher Unabweislichkeit wiederkehrt, und damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache seines Gegebenseins wie seiner Wiederholung in einer usseren, und zwar beharrenden (objectiven, nicht subjectiven) Ursache, z. B. die sich aufdrngende Empfindung der rothen Farbe nicht in einer subjectiven Affection des Gesichtsorganes (Rothsehen), sondern in einem objectiven, von aussen kommenden Reize desselben ihren Grund habe. 52. Die Unwillkrlichkeit des Gegebenseins wird aber 2. in noch hherem Grade besttigt, wenn es sich zeigt, dass dieser beharrende und objective Grund nicht blos fr den einzelnen Denkenden, sondern fr alle Seinesgleichen in gleicher Weise besteht. Dies aber ist der Fall, wenn die Persnlichkeit des Denkenden als vernderlich angenommen und innerhalb derselben Gattung denkender Wesen jede beliebige andere Persnlichkeit an dessen Stelle gesetzt, der Erfolg ceteris paribus immer derselbe bleibt d. h. der dem Einzelnen als unwillkrlich gegeben erscheinende Denkinhalt auch jedem Anderen mit gleicher Unwiderstehlichkeit als ein solcher sich aufnthigt, z. B. dieselbe dem Wahrnehmenden als Empfindung sich aufdrngende Gesichtsvorstellung auch von jedem Anderen an seiner Statt als solche empfunden wird. Ist es nmlich an sich schon hchst unwahrscheinlich, dass das unwillkrlich scheinende Gegebensein bei dem einen Denkenden blosser Zufall sei, so ist es noch unverhltnissmssig unwahrscheinlicher, dass derselbe Zufall sich bei jedem beliebigen an dessen Stelle tretenden Anderen wiederholen werde. 53. Der hchste Grad der Besttigung der Unwillkrlichkeit des Gegebenseins aber wird dann erreicht, wenn 3. derselbe Denkinhalt, der sich dem Einzelnen einmal oder zu wiederholtenmalen, ferner jedem Anderen an dessen Statt in gleicher Weise sich aufgenthigt hat, von jedem Anderen nicht nur einmal, sondern in jedem beliebigen wiederkehrenden Fall als solcher erfahren wird d. h. wenn derselbe Denkinhalt fr Jedermann und unter beliebig vernderten Umstnden stets mit gleicher Unabweislichkeit als unwillkrlich gegeben empfunden wird. Das sich auf diese Thatsache grndende Verfahren kann als Constatirungs- oder mit Rcksicht auf die demselben zu Grunde liegende Zhlung der Flle, in welchen die Thatsache des unwillkrlich Gegebenseins beobachtet worden ist, als das statistische Verfahren bezeichnet werden. Durch die Fortsetzung desselben gelangt man mit der Zunahme der Zahl der Besttigungen zu einem immer wachsenden Grade von Wahrscheinlichkeit, welche, wenn die Zahl der erfahrenen Besttigungen jener der an sich mglichen Wiederholungen gleicht, zur vlligen, wenn sie derselben sich nhert, ohne einen einzigen Fall des Gegentheils (negative Instanz) erlitten zu haben, zur moralischen Gewissheit wird. 54. Der Grad dieser Wahrscheinlichkeit lsst sich, jedoch nur in dem Fall, wenn die Zahl der an sich mglichen Flle bekannt ist, der Rechnung unterwerfen. Derselbe wird durch einen Bruch ausgedrckt, dessen Nenner die Zahl der berhaupt mglichen (m + n), dessen Zhler die Anzahl der beobachteten einander besttigenden Flle (m) ausdrckt. Erreicht die Anzahl der beobachteten die der an sich mglichen Flle, so wird der Bruch m/(m + n) = (m + n)/(m + n) = 1 und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in Gewissheit. Erreicht sie dagegen nur die Hlfte der Zahl der an sich mglichen Flle, so dass m = n ist, so wird der Bruch m/(m + n) = 1/2 und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in halbe Gewissheit d. i. Zweifel. Geht die Zahl der beobachteten ber die Hlfte der an sich mglichen Flle hinaus, oder bleibt sie hinter derselben zurck, so wird der Bruch m/(m + n) im ersten Fall > 1/2, im zweiten Fall < 1/2 d. h. es tritt in jenem Fall Wahrscheinlichkeit, in diesem Unwahrscheinlichkeit ein. 55. Der ussere Grund des unwillkrlich Gegebenseins kann, da er nicht im Willen des Denkenden liegt, nur entweder trotzdem im Denkenden selbst, und zwar entweder in dessen psychischer oder somatischer Beschaffenheit, oder ausserhalb desselben in der sogenannten Aussenwelt gelegen sein. Im letzteren Falle heisst das unwillkrlich Gegebene eine ussere, in beiden anderen Fllen drfte es mit Rcksicht auf die innerhalb des Denkenden zu suchende Ortslage der Ursache eine innere Thatsache heissen; gewhnlich wird aber nur die in der psychischen Beschaffenheit des Denkenden (in dessen Intellect oder Gefhlsleben) gelegene Ursache als eine innere bezeichnet; die in der somatischen Natur des Denkenden (z. B. in der anormalen Natur seiner Sinnesorgane) gelegene pflegt zu den usseren Ursachen gerechnet zu werden. Innere Thatsachen werden daher nur solche genannt, welche Bewusstseinsthatsachen, sei es des Intellects, sei es des Gefhlslebens, sind, whrend alle brigen, ihr Grund mag innerhalb oder ausserhalb der somatischen Natur des Denkenden liegen, ussere Thatsachen heissen; erstere bilden die Grundlage der inneren, letztere die Basis der usseren Erfahrung. 56. Zu den inneren Thatsachen, und zwar des Intellects, gehren unwiderstehlich sich aufdrngende und deshalb von gewissen Denkern als "angeboren" bezeichnete Begriffe und Urtheile (wenn es dergleichen gibt); zu den inneren Thatsachen des Gefhlslebens die unwiderstehlich sich aufdrngenden Aussprche der Mahnung und Abmahnung, die von gewissen Denkern auf die Quelle einer unfehlbaren inneren Stimme (des moralischen oder sthetischen Gefhls; das daimonion des Sokrates, der "deus in nobis") zurckgefhrt worden sind (wenn es eine dergleichen gibt); alle brigen Thatsachen, die ihren Grund in einer inner- oder ausserhalb des Leibes des Denkenden gelegenen Ursache haben, gehren im weiteren, diejenigen, welche ihren Grund in einer vom Leibe verschiedenen Ursache haben, wie die sogenannten "objectiven" Sinnesempfindungen, deren Grund "objective" d. h. von aussen kommende Sinnesreize sind, im engeren Sinne der usseren Erfahrung an. 57. Zur Constatirung, dass ein gewisser Denkinhalt Thatsache des Intellects d. h. unabweislich sei, sowie, dass ein solcher Thatsache des Gefhlslebens d. h. als Gefhl unwiderstehlich sei, gibt es demnach keinen von dem zur Constatirung, dass ein gewisser Denk- (z. B. Empfindungs-) Inhalt Thatsache der Erfahrung sei d. h. unvermeidlich empfunden werde, einzuschlagenden verschiedenen Weg. In jedem der genannten Flle muss der Versuch, denselben mit Wissen und Willen nicht zu denken so oft und unter so vielfach wiederholten Umstnden und von so Vielen wiederholt werden, bis sich die Aussichtslosigkeit, sich desselben erwehren zu knnen, zur moralischen Gewissheit erhoben hat. Denkinhalte, welche diese Probe bestanden haben, knnen als evidente d. i. einleuchtende, wenn auch weiter durch nichts begrndungsfhige d. h. als unwiderlegliche, sei es Bewusstseins-, sei es Sinnesthatsachen, gelten. 58. Bei den Intellects- und Gefhlsthatsachen, wie bei den Sinnesthatsachen bleibt dabei die von Moment zu Moment vernderliche Individualitt des einzelnen, wie die von Individuum zu Individuum abweichende Individualitt der mehreren Denkenden zu berwinden. Weder ist der Einzelne in verschiedenen Momenten seines Daseins sich selbst, noch sind die Einzelnen sich untereinander gleich. Der Intellect wird zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen eben berwiegenden Vorstellungskreisen, das Gemth von eben vorhandenen Stimmungen beherrscht, welche dem gegebenen Denkinhalt ihre d. h. eine momentane oder temporre subjective Frbung ertheilen. Das ussere Sinnesorgan des Beobachtenden unterliegt von Fall zu Fall oder von Beobachter zu Beobachter individuellen, sei es augenblicklichen, sei es habituell gewordenen Strungen, welche (wie z. B. die Farbenblindheit, die Kurz- oder Weitsichtigkeit) dem gegebenen Inhalt der Beobachtung eine sei es augenblickliche, sei es dauernde subjective Entstellung (z. B. Farbenflschung, Entfernungsflschung) aufprgen. Letztere Gefahr hat bei astronomischen Observationen zur Aufstellung der sogenannten Bessel'schen Augengleichung gefhrt, durch welche der habituelle Beobachtungsfehler jedes Beobachters ein- fr allemal eruirt und sodann, wie der habituelle Gangfehler einer Uhr durch die sogenannte Zeitgleichung, bei jeder von demselben angestellten Beobachtung dieselbe corrigirend ebenso in Anschlag gebracht wird, wie durch Kenntniss der tglichen Acceleration oder Retardation des Pendels auch mittels einer fehlerhaften Uhr richtige Zeitbestimmungen erreicht werden knnen. Wie hier von der individuellen Natur des Beobachters, so muss bei Beurtheilung desjenigen, was als Bewusstseins-, sei es Intellects- oder Gefhlsthatsache, gelten soll, von der individuellen Natur wie der augenblicklichen Gemthsstimmung abgesehen d. h. das Urtheil, dass ein gewisser Denkinhalt unwillkrlich gegeben sei, muss, um mit Kant zu reden, "mit Vermeidung aller Privatgefhle" gefllt werden. 59. Der auf diesem Wege als denknothwendig nachgewiesene Denkinhalt gilt dem Denken als wahrer Denkinhalt. Die Idee der Denknothwendigkeit ist die erste logische d. h. die erste derjenigen Ideen, von welchen das Denken in seinem Streben, Wissen zu werden, sich leiten lsst. Da dieselbe auf dem Nachweise des unwillkrlich Gegebenseins des Denkinhalts, dieser Nachweis selbst aber auf einem Constatirungsverfahren beruht, dessen usserste Grenze die zwar dem Bedrfniss gengende, aber die Sache selbst niemals erschpfende moralische Gewissheit bildet, so folgt aus dem Erweise, dass ein gewisser Denkinhalt denknothwendig, allerdings nicht mit Nothwendigkeit, dass derselbe wahr sei, aber es folgt mit Nothwendigkeit, dass derselbe dem Denkenden wahr scheine. 60. Die zweite logische Idee, die wie die folgenden auf dem Was des Denkinhalts, statt wie die erste auf dessen Wie, und zwar auf dem Verhltniss der einseitigen oder gegenseitigen Inhaltsidentitt zweier Denkinhalte ruht, ist die der Analyse d. i. der Versuch, durch Auflsung des Inhalts in seine nheren und entfernteren Bestandteile zu einem Urtheil ber dessen Wahrheit oder Falschheit zu gelangen. Dieselbe tritt, wie oben angefhrt, wenn die Inhaltsidentitt einseitig ist, als Subsumtion, wenn sie gegenseitig ist, als Subordination des einen unter den andern Denkinhalt auf, an welche die betreffenden Verfahrungsweisen, und zwar an die erstere die analytische (regressive) und synthetische (progressive), an die letztere die Abstractions- und die Determinationsmethode sich anschliessen. 61. Die dritte logische Idee, die auf der Identitt des Umfangs (Aequipollenz) beruht, ist die Gleichgeltung d. i. der Versuch, durch Substituirung eines dem Gegebenen gleichgeltenden Denkinhalts zu einem, wenigstens dem Inhalte nach von dem ersten verschiedenen, neuen auf einem Wege zu gelangen, auf welchem die Wahrheit oder Falschheit des letzteren aus jener des gegebenen sich folgern lsst. Auf dieselbe grndet sich das, wenn man die Identitt des Umfangs im Auge hat, Substitutionsmethode, wenn man die Verschiedenheit des Inhalts in Betracht zieht, Transmutationsmethode genannte Verfahren, in welchem die Wahrheit des ursprnglich gegebenen Denkinhalts durch allen nicht blos scheinbaren, sondern wirklichen Wechsel des Inhalts hindurch und trotz desselben sich forterhlt. 62. Die vierte logische Idee ist die der Synthese d. i. die Verknpfung disparater Denkinhalte in Folge eines nicht aus der Betrachtung des Inhalts desselben abgeleiteten, diesem fremden, aber zur Begrndung jener zureichenden Grundes. Je nachdem derselbe entweder eine ussere (Sinnes-, aposteriorische) oder (wie bei Kant's mathematischen Urtheilen) eine reine (Intellectual-, apriorische) Anschauung ist, ist die Synthesis selbst entweder empirisch (zufllig, particulr), welche blosse Wahrscheinlichkeit, oder apriorisch (allgemein, nothwendig), welche (wenn es deren berhaupt gibt) ausnahmslose Gewissheit gewhrt. Auf dieselbe grndet sich das empirisch- (wenn die Synthese eine empirische) oder apriorisch- (wenn die Synthese eine reine ist) synthetische Verfahren, welches im ersten Falle zu empirischen (mehr oder weniger wahrscheinlichen), dagegen im letzteren Falle zu apriorischen (mit dem Anspruch auf Allgemeinheit und Nothwendigkeit ausgesprochenen) Ergebnissen fhrt. 63. Die fnfte logische Idee ist die der Ausschliessung, welche auf dem Verhltniss des Gegensatzes, und zwar als Widerstreit auf dem des contrren, als Widerspruch auf dem des contradictorischen, dagegen als sogenannte "Einheit der Gegenstze" (Synthese des Ausgeschlossenen) auf dem des subcontrren Gegensatzes beruht. Whrend die ersten beiden blos trennend (disjunctiv), verhlt sich der letzte zugleich verbindend (copulativ). An jene schliesst sich ein negatives, Denkinhalte scheidendes, an dieses ein affirmatives, Geschiedenes wieder vereinigendes Verfahren an, daher jenes vorzugsweise als die Methode des scharfsinnigen, verborgene Unterschiede des Aehnlichen streng sondernden Verstandes, dieses als die einer tiefsinnigen, verborgene Aehnlichkeit des Geschiedenen aufsprenden, Entgegengesetztes als Eins schauenden (speculativen) Vernunft angesehen wird. 64. Keine der fnf angefhrten logischen Ideen ist der Schlssel zum ganzen Wahren, aber jede derselben ist ein Schlssel zu Wahrem. Weder dasjenige Verfahren im Denken, welches sich ausschliesslich auf das unwillkrliche Gegebensein (Positivitt) des Denkinhalts sttzt und daher Positivismus oder, weil das Gegebene als Thatsache gilt, auf Thatsachen gegrndetes Denken d. i. Empirismus heisst, noch das ebenso ausschliesslich auf das Was des Denkinhalts (Rationalitt) gegrndete Verfahren, welches auf die Beziehungen (rationes) der Denkinhalte zu und unter einander sich sttzt und deshalb Rationalismus heisst, erschpft die Totalitt des dem Denken zugnglichen Erkenntnissgehalts; beide sind, indem der Positivismus des rationalen Verfahrens bedarf, um von den gegebenen Thatsachen aus, der Rationalismus der positiven Grundlage bedarf, um von derselben aus weiter fortzuschreiten, dazu bestimmt, einander gegenseitig zu ergnzen. 65. Der Positivismus oder das lediglich von Thatsachen ausgehende Denken ist, je nachdem diese letzteren innere oder ussere (Bewusstseins- oder Sinnesthatsachen), die ersteren entweder Thatsachen des Intellects, oder des Gefhls, oder des Willens, die letzteren entweder durch krankhafte von innen kommende oder durch normale von aussen kommende Sinnesreize erzeugte Sinnesthatsachen, blosse Hallucinationen (visiones) oder Wahrnehmungen des usseren Sinnes (visus et auditus) sind, nach der Reihe entweder intellectualer (wie der auf angeborne Ideen sich berufende Cartesianismus) oder sensualer (wie die Gefhlsphilosophie Jacobi's, die schottische Moral- und sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstandes), oder theletischer (wie die Willensphilosophie Schopenhauer's), oder visionrer (wie Swedenborg's Mysticismus und Spiritismus), oder sensualistischer Positivismus (wie die philosophie positive Comte's, welche seit Diesem im engeren und eminenten Sinne diesen Namen fhrt). Nimmt derselbe hierbei seinen Ausgangspunkt lediglich von den Thatsachen der, sei es inneren, sei es usseren Erfahrung, so ist er gemeiner, unkritischer Positivismus (Dogmatismus); betrachtet er dagegen die Erfahrung selbst (sei es die innere, sei es die ussere) als Thatsache, neben und ausser welcher noch andere thatschliche Erfahrungen (aussermenschliche oder bermenschliche) mglich sind, so ist er transcendentaler, kritischer Positivismus (Kriticismus). 66. Der Rationalismus oder das lediglich auf die ein- oder gegenseitigen Beziehungen (rationes) des Denkinhalts sich sttzende Denkverfahren ist entweder analytischer, wenn er lediglich durch die logischen Ideen der Analyse, der Gleichgeltung und der contrren oder contradictorischen Ausschliessung, dagegen synthetischer, wenn er berdies durch jene der Synthese sich leiten lsst. Letzterer heisst empirischer, wenn die Synthese ausschliesslich aposteriorisch, dagegen reiner, wenn dieselbe (wie etwa in Kant's mathematischen Urtheilen) apriorisch verstanden wird. Tritt zu den logischen Ideen des empirischen Rationalismus jene des Widerstreits und des Widerspruchs in der Weise gesetzgebend hinzu, dass, was durch empirische Synthese gegeben ist, trotzdem ohne Umbildung (Berichtigung oder Ergnzung) nicht behalten werden darf, sobald es Widersprche einschliesst, so geht derselbe in rationalen Empirismus ber, whrend er im Gegenfall empirischer Irrationalismus (Empiristik) wird. Tritt zu den logischen Ideen, welche den reinen Rationalismus leiten, jene der "Einheit der Gegenstze" in der Weise hinzu, dass das durch den Verstand Getrennte (Reflexions- oder Verstandesphilosophie) in einer "hheren" Vernunft- (intellectualen) Anschauung wieder als Eins geschaut wird, so geht der reine in speculativen Rationalismus (rationale Dialektik, speculative oder Vernunftphilosophie) ber. 67. Wenn die logischen Ideen als Vorbilder des Denkens dasselbe zum Wissen (Erkenntniss), so fhren die Gegentheile derselben dasselbe zum Nicht- oder Scheinwissen (Irrthum). Gegentheil der Denknothwendigkeit ist die Denkzuflligkeit, des unwillkrlich Gegeben- das willkrlich Gemachtsein des Denkinhalts, in Folge dessen derselbe im Gegensatz zum erfahrenen (Erlebniss) als erfundener (Fiction) erscheint. Das Gegentheil der Analyse d. i. der Zerlegung des Denkinhalts in seine Bestandtheile, wodurch derselbe deutlich wird, ist die Confusion d. i. die Vermengung der verschiedenen Bestandtheile des Denkinhalts, wodurch derselbe verworren und dunkel wird. Das Gegentheil der Gleich- ist die Ungleichgeltung des Denkinhalts, wodurch beliebige Denkinhalte, welche nichts weder dem Inhalt noch dem Umfang nach mit einander gemein haben, fr einander gesetzt werden. Das Gegentheil der berechtigten oder doch fr berechtigt gehaltenen, sei es auf wirklicher Gewhnung beruhenden empirischen oder auf, wenn auch blos vermeintlicher, reiner Anschauung beruhenden apriorischen Synthese bildet die, sei es in einem, sei es im andern Sinn unberechtigte, entweder, statt auf wirklicher Gewhnung, auf blosser Angewhnung oder Verwhnung beruhende empirische, oder nicht einmal auf vermeintlicher, sondern willkrlich behaupteter (stat pro ratione voluntas) reiner Anschauung beruhende, flschlich fr apriorisch ausgegebene Synthese. Das Gegentheil der Idee der Ausschliessung bildet die Duldung der Gegenstze, und zwar nicht blos des contrren und contradictorischen, sondern auch die des subcontrren, welche letztere sich durch die Annahme der "Einheit der Gegenstze" von blosser Toleranz bis zur durch die logische Idee der Ausschliessung verbotenen positiven Anerkennung des Widerspruchs steigert und in diesem die Wahrheit findet. Wie die logischen Ideen als Schlssel zum Wahren, kann jedes dieser ihrer Afterbilder als ein solcher zum Falschen dienen. 68. Wie die Summe der logischen Ideen zusammengenommen das Muster darstellt, dem das Wahre, so stellt die Summe der Gegentheile derselben das Schema dar, welchem ganz oder theilweise das Unwahre gleichen muss. Mit der Aufstellung beider, des Einen zur Nachahmung, des Andern zur Abschreckung fr jedes Denken, das Wissen (Erkenntniss) werden will, ist das Geschft der Logik als allgemeiner Wissenschaft von den normalen und anormalen Formen des Denkens (Denknormen) vollendet. ZWEITES CAPITEL. DIE STHETISCHEN IDEEN. 69. Wie die logischen Ideen die (formalen) Normen enthalten, unter welchen beliebiger Denkinhalt zum wahren d. i. zum unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solcher anerkannten Denkinhalt wird, so stellen die sthetischen Ideen die Bedingungen dar, unter welchen beliebiger Vorstellungsinhalt zu schnem d. i. zum unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solches anerkanntem Wohlgeflligen wird. Whrend dagegen die logischen Ideen auf ein jenseits des Denkinhalts Gelegenes d. i. auf ein Object hinweisen, auf welches derselbe bezogen wird, weisen die sthetischen von dem dem Denkenden vorschwebenden Vorstellungsinhalte auf diesen als das Subject zurck, von welchem derselbe sei es mit Beifall oder mit Missfallen aufgenommen wird. Jenen, die auf ein Gewusstes d. h. einen dem Sein entsprechenden Denkinhalt ausgehen, ist es daher keineswegs, diesen dagegen, die blos auf ein Wohlgeflliges d. h. einen dem Denkenden genehmen Vorstellungsinhalt aus sind, aber vllig gleichgiltig, ob ein diesem Denk- oder Vorstellungsinhalt entsprechender Gegenstand jenseits oder nebst demselben thatschlich vorhanden sei. 70. Der Unterschied beider Auffassungsweisen lsst sich durch das Verhltniss des Denkers und des Dichters zu ihren beiderseitigen Stoffen erlutern. Der Denker, er sei nun Philosoph oder Empiriker, hat ein Interesse daran, dass der Inhalt seiner, sei es philosophischen, sei es fr Erfahrung gehaltenen Gedanken mit dem Inhalt, sei es der philosophischen, sei es der Erfahrungs- (naturgeschichtlichen oder historischen) Wahrheit sich decke, z. B. dass der Held seiner Gedanken dem Helden der Geschichte congruent sei. Der Dichter, er sei nun ein solcher in Farben, Tnen oder Worten, hat nur ein Interesse daran, dass der Inhalt seiner Vorstellungs- (Farben-, Ton- oder poetischen) Welt wohlgefllig d. h. seiner eigenen, sowie den Anforderungen seiner Zuschauer-, Zuhrer- oder Lesewelt an ein sthetisches Kunstwerk angemessen sei. Der Held seiner Tragdie braucht darum keineswegs mit dem (wenn auch gleichnamigen) Helden der Geschichte sich zu decken. Jener nimmt als Historiker an Richard III., Egmont, Wallenstein ein historisches, dieser als Dramatiker an denselben Persnlichkeiten nur ein dramatisches (sthetisches) Interesse. Ersterem kommt es darauf an, seinen Helden zu schildern, wie er wirklich war, aus keinem anderen Grunde, als weil er so war; dieser begngt sich denselben darzustellen, wie er seiner Charakteranlage nach nicht nur htte sein knnen, sondern bei ungehemmter Entfaltung derselben unter den gegebenen Verhltnissen htte sein mssen, aus keinem anderen Grunde, als weil die wirkliche Entfaltung eines Charakters nur die naturgesetzlich-nothwendige Folge seiner ursprnglichen psychischen Naturell- und Temperamentsanlage sein kann. 71. Verglichen mit dem wissenschaftlichen (theoretischen) Interesse an der Wahrheit und Wirklichkeit des Gedachten ist das sthetische an der blossen Wohlgeflligkeit und Mglichkeit des Vorgestellten streng genommen kein Interesse. Der Poet oder berhaupt der Knstler scheint dem Forscher und Gelehrten interesselos, gleichgiltig, wie seinerseits wieder dieser gegen die knstlerische Abrundung und innere Geschlossenheit eines dem Reiche des blossen Scheins angehrigen Phantasiebildes kalt und theilnahmslos bleibt. Der sthetisch Gestimmte nennt den um Wahrheit und Wirklichkeit seiner Gedanken besorgten Denker und Gelehrten einen Realisten und Prosamenschen; dieser den nur auf Schnheit und innere Vollendung bedachten Knstler einen Idealisten und phantastischen Schwrmer. Die Gedankenwelten beider sind durch eine tiefe Kluft getrennt, ber welche gleichwohl die Unverbrchlichkeit der logischen Ideen, ohne welche auch die wohlgefllige Gedankenwelt nicht mglich, durch welche allein aber weder die wirkliche noch irgend eine mgliche Welt wohlgefllig wird, eine ausgleichende Brcke spannt. 72. Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass das Schne (die sthetische Vorstellungswelt) Schein, keineswegs aber folgt daraus, dass jeder Schein schn sei. So wenig zur Wahrheit eines beliebigen Denkinhalts gengt, dass derselbe Inhalt eines Denkens, so wenig reicht es zur Schnheit eines beliebigen Vorstellungsinhalts hin, dass derselbe Inhalt eines Vorstellens sei. Wie vom logischen Gesichtspunkt aus weder kein noch jeder Denkinhalt wahr, so ist vom sthetischen Gesichtspunkt aus weder kein noch jeder Schein schn; sthetischer Dogmatismus und Skepticismus sind wie logischer Dogmatismus und Skepticismus gleichmssig abzuweisen. Und wie fr die Logik daraus die Aufgabe erwchst, die Merkmale anzugeben, durch welche wahrer von falschem Denkinhalt, so erwchst fr die Aesthetik die ihrige, die Kennzeichen festzustellen, durch welche schner von unschnem (hsslichem) Schein sich unterscheidet. 73. Wie von derjenigen Logik, welche die Wahrheit in der Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, also in einem materialen Kriterium findet, das Kennzeichen des wahren im Unterschied zum falschen Denkinhalt darin gefunden wird, dass durch denselben ein anderer, der Seinsinhalt, gedacht und zwar so gedacht wird, wie er wahrhaft ist: so wird von derjenigen Aesthetik, welche die Schnheit in der Uebereinstimmung der Idee mit der sinnlichen Erscheinung, also in einem materialen Kriterium findet, das Kennzeichen des schnen vor hsslichem Schein darin gefunden, dass durch jenen ein Anderes, nmlich die Idee hindurchscheint und zwar so hindurchscheint, wie sie wahrhaft ist. Dieselbe, die eben darum Gehaltssthetik heisst, geht davon aus, dass das Schne nicht sowohl Schein, als vielmehr Erscheinung eines hinter demselben befindlichen idealen Gehalts und daher nicht an sich und um seiner selbst willen, sondern mittelbar und um eines andern, des in demselben zur sinnlichen Erscheinung kommenden Gehalts willen schn sei. Dasselbe verhlt sich dieser Auffassung zufolge zu dem in demselben erscheinenden um seiner selbst willen werthvollen Gehalt wie der Mond, der sein Licht von der Sonne empfngt, whrend diese im ureignen Lichte strahlt. 74. Das Schne als sinnlicher Schein ist von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet nichts weiter als die sinnliche Hlle eines an sich unsinnlichen oder, wenn man will, bersinnlichen, sei es persnlich (wie in der theistischen Aesthetik: Carrire), sei es unpersnlich (wie in der pantheistischen Aesthetik: Vischer) gedachten Wesens, also im ersten Falle die sinnliche Erscheinung Gottes, im zweiten die sinnliche Erscheinung der logischen oder ethischen Idee. Ersterer Auffassung zufolge wre sonach Schnheit berall dort, wo Gott, aber auch nur dort, wo dieser erscheint, letzterer Auffassung zufolge berall dort, wo die (sei es theoretische oder praktische) Vernunft, aber auch nur dort, wo diese erscheint. Wie das Schne mit dem sinnlich erscheinenden Gttlichen, so fiele dessen Gegentheil, das Hssliche, mit dem gleichfalls sinnlich erscheinenden Un- oder Widergttlichen (dem Dmonischen oder Satanischen: Weisse) -- zusammen; wie das Schne mit der sinnlich erscheinenden Vernunft (dem Wahren und Guten), so fiele dessen Gegentheil mit der gleichfalls sinnlich erscheinenden Un- oder Widervernunft (dem A- oder Antilogischen, Unwahren, dem Un- oder Widersittlichen, dem Bsen) zusammen. Im ersten Falle erhielte das Schne wesentlich religisen, im letzteren dagegen einen im Wesen lehrhaften (didaktischen und moralischen) Charakter. 75. Folge des ersteren ist, dass die (religise) Gehalts-Aesthetik die Kunst der Religion unter-, Folge des letzteren ist, dass die (nichtreligise aber philosophische) Gehalts-Aesthetik die Philosophie der Kunst berordnet. Jene macht dieselbe zur Dienerin der Theologie, diese weist ihr den Beruf zu, die "Wahrheit im Bilde" (das Allgemeine im Besonderen: Allegorie, oder im Individuellen: Symbol) darzustellen. 76. Demzufolge htte die Kunst keinen andern Zweck, als sich selbst berflssig zu machen d. h. sich entweder in Religion oder in Philosophie, der schne Schein keine andere Bestimmung, als sich, sobald irgend mglich, in bersinnliches Sein, sei es in das gttliche, sei es in das der Idee, aufzulsen. Die Sinnlichkeit, die nach Leibnitz nur eine "dunkle Vernunft" d. i. eine verworrene Erkenntniss (notio confusa) des Wahren ist, bildet nur die untergeordnete Vorstufe zur reinen Vernunft, welche als solche "klare" d. i. deutliche Erkenntniss (notio clara atque distincta) der Wahrheit ist. Die Vollkommenheit der ersteren, durch welche schon das niedere Erkenntnissvermgen in den Stand gesetzt wird, das Wahre und Gute, wenngleich nur sinnlich zu erkennen, bietet der schwachen, mit der irdischen Mangelhaftigkeit sinnlicher Leiblichkeit behafteten Menschennatur einen drftigen Ersatz fr die mangelnde Vollkommenheit reiner Vernunfterkenntniss, deren bermenschliche Wesen in hherem Grade, und die Gottheit, die aller Sinnlichkeit ledig ist, im hchsten Grade sich erfreuen. Dieselbe macht, wie die Sinnlichkeit den Unterschied des Menschen vom reinen Geistwesen, so gewissermassen einen Vorzug desselben vor diesem aus, indem der Mensch, der allein Sinnlichkeit besitzt, allein auch der Vollkommenheit derselben d. i. der Schnheit, fhig ist. Derselbe theilt, um mit Schiller zu reden, "sein Wissen" (die reine Vernunfterkenntniss) zwar "mit hheren Geistern", die Kunst aber hat derselbe "allein". 77. Wie das Schne nach dieser Auffassung nur eine dem Wissen parallele Auffassung des Wahren und Guten, die Kunst nur eine der Wissenschaft parallele Darstellung von beiden, so ist die Aesthetik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntniss nach dieser zuerst von Baumgarten aufgebrachten, von den platonisirenden Aesthetikern des nachkantischen Idealismus (Schelling, Hegel und ihren Schulen) adoptirten Auffassung eine Paralleldisciplin der Logik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der reinen Vernunft- und Verstandeserkenntniss. Indem sich dieselbe zur Aufgabe setzt, das niedere Erkenntnissvermgen, den Sinn, als Erkenntnissorgan zur Vollkommenheit zu bringen, steckt sich dieselbe ein Ziel, welches nachher die von Mill und Anderen sogenannte inductive Logik mit ungleich grsserem Recht und Erfolg sich vorgesetzt hat. Indem dieselbe das Schne als sinnliche d. i. zugleich ver- und entschleiernde Hlle desselben Wahren und Guten betrachtet, von welchem die Wissenschaft durch Vernunft (Philosophie) die nackte und schleierlose Erkenntniss ist, setzt sie dasselbe zu einem Nothbehelf, zu einer Staarbrille herab, da das operirte Auge des Sehendgewordenen den selbst leuchtenden Glanz der Idee nicht aushlt. 78. Weder Beliebigkeit des Gehalts, noch dessen an sich vorhandene Trefflichkeit, also berhaupt nicht Beschaffenheit des Gehalts macht den Schein zum Schnen. Ersteres nicht, weil sonst jeder Schein schn, das Zweite nicht, weil der Schein, um schn zu sein, aufhren msste zu scheinen, das Dritte nicht, weil der Schein, wenn er Gehalt bessse, nicht Schein sondern Erscheinung wre. Sehen wir aber beim Schein (Bild) von der Forderung eines hinter demselben verborgenen Gehaltes (Sinn) ab, so dass nur jener (das vorschwebende Bild) und der, dem er scheint (das Subject, dem das Bild vorschwebt), brig bleibt, so kann, da nicht jeder Schein schn ist, der Grund, um deswillen einiger Schein schn ist, anderer nicht, nur entweder in der Beschaffenheit des Scheins als Schein, oder in der Desjenigen, dem er scheint (des sthetischen Subjects) gefunden werden. 79. Ersterer Fall schliesst in sich, dass der schne Schein als Schein gewisse Eigenschaften besitze, die dem nichtschnen abgehen; letzterer Fall erheischt, dass das sthetische Subject, dem nur schner Schein scheint, von demjenigen, dem auch unschner vorschwebt, der Art nach verschieden, beziehungsweise das erstere vor dem letzteren bevorzugt, sozusagen ein sthetisches "Sonntagskind" sei. Aus dem ersteren folgt, dass der Aesthetik die Aufgabe erwachse, die dem Schein als Schein nothwendigen Eigenschaften, um schn zu sein, aufzuspren; aus dem letzteren folgt, dass es ein Mittel geben msse, das wirkliche von dem vermeintlichen, entweder sich selbst betrogener- oder betrgerischerweise dafr ausgebenden oder von Anderen flschlicherweise dafr gehaltenen "Sonntagskind" d. h. das echte, geborene Genie (den knstlerischen Edelstein) von dem unechten, nachgemachten oder sich selbst dazu machenden Aftergenie (dem pierre-de-Strass der Kunst) zu unterscheiden. 80. Letzteres kann in nichts anderem bestehen, als in dem Nachweis, dass das einem gewissen Subject schn Scheinende wirklich schn d. h. dass das fr ein sthetisches Genie sich ausgebende oder dafr gehaltene Subject wirklich ein solches sei. Dieser Nachweis kann aber nicht dadurch gefhrt werden, dass der Ursprung des fraglichen Scheins aus diesem fraglichen Subject erwiesen wird, denn eben, ob dieses Subject als solches Genie sei, ist die Frage. Die Schnheit des dem genannten Subject vorschwebenden Scheins muss daher unabhngig von dessen Ursprung aus jenem Subject d. h. dieselbe kann nicht (historisch) durch den Hinweis auf den Ursprung, sondern sie muss (philosophisch) durch den Hinweis auf die Beschaffenheit des Scheins dargethan werden. 81. Nicht die Person des Gesetzgebers rechtfertigt das Gesetz; die Gte des Gesetzes bewhrt vielmehr den Gesetzgeber. Ist diejenige Beschaffenheit, welche den Schein zum Schnen macht, an sich erkannt, so ist damit auch der Massstab zur Beurtheilung des Anspruchs des Subjects, dem er scheint, gegeben, fr ein aesthetisches zu gelten: nicht umgekehrt. Wie diejenige Aesthetik, die den durch die sinnliche Hlle hindurchscheinenden Gehalt zum Massstab der Schnheit nimmt, didaktischen, so nimmt diejenige Form derselben, welche die Offenbarungen des wahren oder blos vermeintlichen Genius zur Norm fr die Nachahmung erhebt, positiven (historischen) Charakter an. Jene bewundert das Schne, weil es wahr oder gut, diese, weil es Product dieses oder jenes (mit Recht oder Unrecht) bewunderten Geistes ist. Der wahre Grund der Bewunderung des Schnen kann aber weder in dem Umstand, dass es Erscheinung eines Gehalts, noch in dem, dass es Schpfung eines gewissen (Einzel-, Volks-, Zeit-) Geistes ist, sondern muss in dem Besitz derjenigen Eigenschaften gesucht werden, die es zum Schnen machen. 82. Weder die theologisirende, noch die metaphysicirende, am wenigsten die moralisirende Aesthetik, welche einen der Kunst fremden, und ebensowenig der sthetische Positivismus oder Historismus, welcher eine einzelne positive oder geschichtlich gegebene Erscheinung der Kunst (z. B. die Antike oder die mittelalterliche Kunst) zum allgemein giltigen Massstab des Schnen erheben will, stellt die wahre Form dieser Wissenschaft dar. Diese kann nur von der Betrachtung derjenigen Eigenschaften, welche das Schne als Schein -- abgesehen ebenso von dessen mglicher oder wirklicher Bedeutung fr einen ausserhalb desselben gelegenen Gehalt, wie von dessen Ursprung aus einem schpferischen Subject -- an sich (objectiv) besitzt, ihren streng wissenschaftlichen Ausgang nehmen. 83. Aesthetik als Wissenschaft ist daher weder materiale, den Schein auf ein Sein beziehende, noch historische, den Schein seinem Ursprung nach erklrende, sondern wesentlich formale, den Schein als Schein behandelnde Wissenschaft. Da sich nun, wenn, wie gefordert, sowol von der Bedeutung, wie von dem Ursprung des Scheins abgesehen wird, an diesem nichts weiteres unterscheiden lsst, als wie derselbe und was an demselben scheint, so kann die dem Schein als Schein zugewandte Betrachtung wesentlich keine anderen als diese zwei Gesichtspunkte umfassen. 84. Ersterer, welcher das Wie d. i. die Lebendigkeit, Kraft, Energie, Reichthum, Flle und Mannigfaltigkeit des Scheins oder deren Gegentheile ins Auge fasst, kann der Gesichtspunkt der Quantitt, letzterer, welcher die Einheitlichkeit oder Gegenstzlichkeit, innere Uebereinstimmung oder Widerstreit des Scheins zum Objecte hat, der qualitative heissen. Jener umfasst das Verhltniss, in welchem das Quantum des vorschwebenden Scheins zu der aufnahmsfhigen Capacitt des sthetischen Subjects steht, letzterer begreift die Verhltnisse, in welchen entweder der vorschwebende Schein seinem Was nach zu einem ausserhalb desselben gelegenen Sein steht, oder, da nach dem Obigen von einem solchen hier abgesehen werden muss, diejenigen, in welchen die Theile des Scheins ihrem Was nach zu- und untereinander stehen. Nach dem ersteren wird der starke vom schwachen, der reiche vom drftigen, der geordnete vom ordnungslosen Schein, nach diesem werden im Inhalt des Scheins gleiche und ungleiche, vertrgliche und unvertrgliche, harmonische und disharmonische Theile unterschieden. 85. In Bezug auf das Wie steht der starke d. i. mit einem hohen Grad von Lebhaftigkeit dem sthetischen Subject vorschwebende Schein dem schwachen d. i. nur mit einem geringen Grad von Lebhaftigkeit im Bewusstsein vorhandenen; der reiche, einen grssern Raum im Bewusstsein mit mannigfaltigem Inhalt ausfllende Schein dem drftigen, mit einfrmigem Inhalt erfllten; der in sich zusammenhngende und geordnete dem zusammenhangslosem und in sich ordnungslosem Schein gegenber: so dass je der erstere, wenn von dem Was des Vorschwebenden abgesehen und nur das Wie des Vorschwebens im Auge behalten wird, vor dem letzteren -- was den die Vorstellung des Scheins im Gemth begleitenden Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens betrifft -- den Vorzug hat. Wird lebhafterer Vorstellungsinhalt mit minder lebhaftem nur in Bezug auf den Grad der Lebhaftigkeit beider verglichen, so gefllt der erstere neben dem letzteren, missfllt der letztere neben dem ersteren unbedingt, welches auch immer der Inhalt des Vorschwebenden selbst oder die sonstige, individuelle Gemths- und Geistesbeschaffenheit des Subjectes sei, dem er vorschwebt. Aus diesem Grunde gefllt die sinnliche Vorstellung mehr als die unsinnliche, das Bild mehr als der Begriff, die anschauliche Vorstellung mehr als die abgezogene, die concrete mehr als die abstracte; aber auch dasjenige, was "in krzester Zeit die grsste Menge von Vorstellungen anregt" (worin Hemsterhuis und Goethe das Wesen des Schnen fanden) mehr als dasjenige, das in verhltnissmssig langem Zeitraum verhltnissmssig wenig Vorstellungen erzeugt, dasjenige, welches das Vorstellen in gesetzlicher und geregelter Weise beschftigt, mehr als dasjenige, durch welche dasselbe in sprunghafte und verworrene Thtigkeit gerth. 86. Der Grund des Gefallens in dem einen, des Missfallens in dem anderen Falle liegt in der naturgesetzlichen Beschaffenheit des Bewusstseins. Wird das Vorstellen in eine seiner Natur angemessene Bethtigung versetzt, so entsteht ein Lust-, findet das Gegentheil statt, ein Unlustgefhl. Da nun die lebhafte d. i. mit einem hheren Grade von Intensitt vorgestellte Vorstellung das Vorstellen in einem hheren Grade beschftigt als dies bei der minder lebhaften d. i. mit einem geringeren Grade von Intensitt vorgestellten Vorstellung der Fall ist, so dass die Differenz der Intensittsgrade beider auf der Bewusstseinsscala sich wie die Differenz der Wrme-Intensitten auf der Thermometerscala ablesen lsst, so folgt, dass das Vorstellen der lebhafteren von einem hheren, jenes der minderen Intensitt von einem geringeren Lustgefhl begleitet sein muss, welches letztere, nur mit dem ersteren verglichen, als relatives Unlustgefhl sich herausstellt. Dasselbe muss bei dem reicheren und mannigfaltigeren verglichen mit dem drftigeren und einfrmigeren Vorgestellten der Fall sein, indem das erstere das Vorstellen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ mehr beschftigt als das letztere; und eben dies bei dem in sich zusammenhngenden und gesetzmssigen Vorgestellten im Gegensatze zu dem in sich zerrissenen und lckenhaft Vorgestellten, indem das erstere das Vorstellen in einem naturgemssen und sich aus sich selbst entwickelnden Gange erhlt, das letztere dasselbe durch seine Zusammenhanglosigkeit nthigt, seinen Gang zu unterbrechen, sowie durch seine Sprunghaftigkeit, seine bisherige Richtung pltzlich und gewaltsam abzubrechen und eine neue durch nichts vorbereitete und vermittelte Richtung einzuschlagen. Von der Unlust, die das Bewusstsein durch den Mangel oder die Monotonie des Vorstellungsinhalts erleidet, gibt das Gefhl der Langenweile -- von der Unlust, welche die gezwungene Unterbrechung oder das gewaltsame Abbrechen der bisherigen Vorstellungsreihe mit sich fhrt, gibt der Widerwille Zeugniss, den das Anhren eines zusammengewrfelten Vortrags oder das Auffassen einer regellosen Krpergestalt dem Vorstellenden einflsst. 87. Aus der Natur des Bewusstseins folgt es auch, dass weder der Intensittsgrad, noch die Flle des dem Vorstellen Dargebotenen eine gewisse usserste Grenze der Leistungsfhigkeit desselben berschreiten darf. Das "nicht zu gross" und "nicht zu klein", worin Aristoteles in seinem bekannten Beispiel von dem hundert Stadien langen Thiere das Wesen des Schnen findet, hat seine Geltung nicht sowol in Bezug auf die Grenzen des vorzustellenden Objects, als vielmehr auf jene des vorstellenden Bewusstseins. Was diese berschreitet, kann nicht mehr vorgestellt werden, so dass an die Stelle der wachsenden Lust, welche die steigende Bethtigung des Vorstellens nach sich zieht, die wachsende Qual des Bewusstseins tritt, welche das mit jedem neuen Ansatz sich steigernde Gefhl des Unvermgens vorzustellen, hervorruft. Auf der letzteren beruht das niederdrckende Gefhl, welches den Eindruck des Erhabenen d. i. eines solchen begleitet, dessen Vorstellung eine Entwicklung von vorstellender Kraft erheischt, welche weit ber die Schranken jedes endlichen, also auch unseres eigenen Vorstellens, hinausreicht. 88. Wie das Vorstellen des Erhabenen, weil es den Vorstellenden an die Grenze seines Vermgens vorzustellen mahnt, von einem Unlust-, so ist die Vorstellung des Grossen, weil sie denselben seiner weitreichenden Fhigkeit vorzustellen innewerden lsst, von einem Lustgefhl begleitet. Denn da eine Grsse als Summe von Einheiten nicht anders vorgestellt werden kann, als indem diese Summe d. h. indem diese Einheiten nach einander vorgestellt werden, so ist bei jeder Vorstellung einer solchen die Bethtigung des Vorstellens, folglich die aus derselben folgende Lust um so grsser, je grsser jene Summe d. h. je zahlreicher die nach einander vorgestellten Einheiten sind. Aus diesem Grunde gefllt das Grssere neben dem Kleineren, weil es dem Vorstellen mehr, missfllt das Kleinere neben dem Grsseren, weil es dem Vorstellen weniger Beschftigung, jenes dem Vorstellenden mehr, dieses ihm minder Lust gewhrt. Weil aber die Fhigkeit des Vorstellens in quantitativer Beziehung ihre Grenze, so hat auch das Grosse nach der einen, das Kleine nach der entgegengesetzten Richtung eine solche, jenseits welcher es vorstellbar zu sein, und folglich das eine zu gefallen, das andere zu missfallen aufhrt. Das in schnen Verhltnissen gebaute Thier des Aristoteles hrt, obgleich alle seine Proportionen dieselben bleiben, sobald es zu einer Lnge von hundert Stadien ausgedehnt und zur Hhe eines Gebirges erwachsen vorgestellt werden soll, auf, bersehbar und folglich auch, schn zu sein. 89. Vom quantitativen Gesichtspunkt aus gilt daher fr eine sthetische d. i. eine unbedingt wohlgefllige Welt der Satz, dass (innerhalb der dem Bewusstsein gesteckten Grenzen des Vorstellens) das Grosse ohne Unterschied des Stoffs, in welchem, wie des Objects, an welchem dasselbe sich findet, unbedingt d. h. Jedermann und jederzeit gefalle, das Kleine (unter der gleichen Einschrnkung) ebenso missfalle. Beides, das Lustgefhl, welches die Betrachtung des Grossen, wie das Unlustgefhl, welches die des Kleinen erweckt, sind reine Gefhle; das Gefhl, welches den Eindruck des Erhabenen begleitet, ist ein gemischtes Gefhl, indem es einerseits in Folge der oben geschilderten Unvorstellbarkeit des erhabenen Objects ein Unlust-, andererseits eben der jener Unvorstellbarkeit wegen vermutheten unendlichen d. i. jedes Mass berschreitenden Grsse des erhabenen Gegenstandes halber ein Lustgefhl enthlt. Aus diesem Grunde bewundern wir das Erhabene, aus jenem Grunde verzweifeln wir an uns selbst; das Erhabene gefllt, indem wir selbst uns missfallen; jenes erscheint ber jedes uns erreichbare Mass hinaus gross, whrend wir selbst ihm gegenber uns ber jedes denkbare Mass hinaus klein erscheinen. 90. Was den qualitativen Gesichtspunkt betrifft, so gilt der Satz, dass das Was des Scheins, da dasselbe ein sthetisches sein soll, von einem beiflligen oder missflligen Zusatz im Vorstellenden, da dasselbe ein schnes sein soll, von dem gleichen Zusatz in jedem Vorstellenden begleitet sein muss. Ohne das erste wre das Vorgestellte dem Vorstellenden gleichgiltig; ohne das letztere wre der Zusatz von einem Vorstellenden zum andern, ja in demselben Vorstellenden von Zeitpunkt zu Zeitpunkt vernderlich. Gleichgiltiger Vorstellungsinhalt aber ist nicht sthetisch; vernderliches d. i. vom Vorstellenden zum Vorstellenden oder im Vorstellenden selbst wechselndes Wohlgefallen oder Missfallen aber ist nicht unbedingtes d. h. allgemeines und nothwendiges Wohlgefallen oder Missfallen. Bei vllig gleichgiltigem Vorstellen wre berhaupt keine Aesthetik, bei dem Mangel eines allgemeinen und nothwendigen Gefallens oder Missfallens d. h. bei der Abwesenheit einer allgemeinen und nothwendigen Norm fr Gefallen und Missfallen aber doch keine Aesthetik als Wissenschaft mglich. 91. Das Was des sthetisch Vorgestellten darf daher, da dessen begleitender Zusatz im Vorstellenden berall (d. h. in jedem Vorstellenden) und jederzeit (d. h. bei jeder Wiederholung seines Vorgestelltwerdens) derselbe sein soll, nicht als Ziel und Inhalt eines Begehrens (Begierde, Wunsch, Wollen) vorgestellt werden. Denn da alles, was berhaupt begehrt wird, sobald dieses Begehren Befriedigung erlangt, ein Lustgefhl nach sich zieht, so wrde, wenn der Zusatz des Gefallens eines gewissen Vorstellungsinhalts blos von dem Umstnde abhinge, dass dessen Vorgestelltes begehrt wird, berhaupt jeder beliebige Vorstellungsinhalt ohne Unterschied gefallen, weil und so lange, sowie demjenigen, von dem er begehrt wird. Und da sich in keiner Weise vorhersagen lsst, was unter gewissen Umstnden Object eines gewissen Begehrens werden knne, da berhaupt jede gegen Hemmnisse im Bewusstsein aufstrebende Vorstellung Sitz eines (bisweilen sehr heftigen) Begehrens werden kann, so wre es ebenso unmglich, vorherzusagen, ob und welcher Vorstellungsinhalt, sowie wem er unter Umstnden gefallen werde, woraus der Spruch, dass sich ber den Geschmack nicht streiten lasse, entstanden ist. 92. Nicht alles Gefallende wird begehrt, aber alles, wodurch ein Begehren befriedigt wird, gefllt. Das hchste und reinste Gefallen ist dasjenige, welches durch keinerlei Beisatz eines (sinnlichen oder idealen) Begehrens getrbt, verunreinigt oder auch nur von einem solchen begleitet wird; "die Sterne, die begehrt man nicht". Das Gefallen, das nur unter Voraussetzung eines Begehrtwerdens entspringt, bleibt dagegen aus, wenn das letztere mangelt. Ein allgemeiner und nothwendiger Zusatz von Gefallen oder Missfallen kann aus dem zuflligen und individuellen (bestenfalls particulren) Umstand des Begehrt- oder Verabscheutwerdens nicht abgeleitet werden. Das nur bedingt d. h. unter Voraussetzung einer Begierde Wohlgefllige d. h. das nur subjectiv Angenehme, oder, da alles, was als Gegenstand einer Begierde oder als Mittel zu deren Befriedigung gilt, dem Begehrenden ntzlich, dessen Gegentheil schdlich scheint, das Ntzliche ist kein Gegenstand der Aesthetik. 93. Aber auch das nicht subjectiv sondern objectiv d. h. ohne Voraussetzung eines Begehrtwerdens Angenehme ist als solches noch nicht ein Gegenstand der Aesthetik. Denn zu dieser, damit sie Wissenschaft sei, ist erforderlich, dass sich das Aesthetische d. h. das von einem beiflligen oder missflligen Zusatz unbedingt (bei Allen und in allen Fllen) Begleitete nicht blos fhlen (d. h. dunkel), sondern wissen (d. h. klar und deutlich vorstellen und in Worten aussprechen) lasse. Das Angenehme aber hat die Eigenschaft, dass dessen Inhalt mit dem begleitenden Zusatz (dem Lustgefhl) ununterscheidbar zusammenrinnt, wie das Gleiche auch bei dessen Gegentheil, dem Unangenehmen mit der dieses begleitenden Unlust (dem Schmerzgefhl) der Fall ist. Das Angenehme der einzelnen Ton- oder Lichtempfindung lsst sich nicht definiren, der Sitz und der Grund des Schmerzgefhls (Kopf-, Zahnschmerz) sich aus diesem nicht herauslesen. Der Inhalt des objectiv d. h. aus dem Vorgestellten selbst, nicht aus der subjectiven Gemthslage des Vorstellenden entspringenden Lust- oder Schmerzgefhls ist zwar unbedingt, aber nicht wissbar, also kein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntniss. 94. Whrend sonach das einzelne Angenehme oder Unangenehme zwar Gegenstand eines Lust- oder Unlustgefhls, von diesem selbst gesondert aber nicht vorstellbar ist, sind die zwei oder mehreren Vorstellungen, aus deren gegenseitiger Beziehung oder Verhalten (ratio) ein auf dieses bezgliches und die Beschaffenheit desselben zum Ausdruck bringendes Lust- oder Unlustgefhl entspringt, sehr wol jede fr sich und von jenem Gefhl abgesondert angebbar. In jenem Fall ist das Gefhl ein solches, das aus der Beziehung eines gewissen Vorstellungsinhalts (z. B. einer Ton- oder Farbenempfindung) zum vorstellenden Subject, in diesem Fall ein solches, das aus der Beziehung zweier oder mehrerer Vorstellungen (z. B. Ton- oder Farbenempfindungen) zu und auf einander im Vorstellenden entspringt. Dass jener einzelne Ton oder die einzelne Farbe gefalle oder missfalle, hngt daher wesentlich von der augenblicklichen oder habituellen Beschaffenheit des vorstellenden Subjects, dass das Verhltniss der zwei oder mehreren Tne oder Farben gefalle oder missfalle, dagegen ausschliesslich von der an sich unvernderlichen und immer sich gleich bleibenden Inhaltsbeschaffenheit dieser letzteren selbst ab. Da die Beschaffenheit des Subjects nun von Individuum zu Individuum eine andere ist, so kann folgerichtig das mit von derselben abhngige Gefhl von Einem zum Andern ein anderes d. h. derselbe Ton, dieselbe Farbe kann dem Einen angenehm, dem Anderen unangenehm sein. Den Beleg dafr bieten die sogenannten Idiosynkrasien (z. B. Mozart's Abneigung gegen den Trompetenton, Csar's und Wallenstein's Widerwillen gegen den Hahnschrei, die Vorliebe gewisser Individuen oder ganzer Vlker fr gewisse Klangfarben, Tonlagen, Farbentne und Beleuchtungseffecte). Wirkungen dieser und hnlicher Art, die oft zu den strksten gehren (Klang- und Lichteffecte) sind daher wesentlich pathologischer, durch die physische und psychische Beschaffenheit des vorstellenden Subjects bedingter, keineswegs sthetischer, von der Beschaffenheit des Vorgestellten (dem Inhalt der Vorstellungen als Object des Vorstellens) abhngiger Natur. Die durch dieselben hervorgerufenen Gefhle knnen, insofern die sie verursachenden Vorstellungen nicht in Beziehung stehend zu anderen d. i. nicht als Glieder eines Verhltnisses gedacht werden, wol aber an sich in ein Verhltniss zu anderen treten d. h. als Stoff (Material) zu einem solchen dienen knnen, materiale oder Stoffgefhle; diejenigen Gefhle, welche sich auf das Verhltniss zweier oder mehrerer Vorstellungen d. i. auf die Verbindung derselben zu und unter einander, also auf deren Form beziehen, mssen dann formelle oder Formgefhle heissen. 95. Nur die letzteren bilden die Grundlage der Aesthetik als Wissenschaft. Da die Verhltnisse zweier oder mehrerer Vorstellungen zu einander, insofern sie nur von deren Inhalt abhngen, so lange dieser Inhalt derselbe bleibt, immer dieselben sein mssen; da ferner die oben bezeichneten Formgefhle nichts anderes als die sich mit ihren Ursachen deckenden Effecte jener Verhltnisse im Bewusstsein sind, so folgt, dass dieselben Verhltnisse auch allezeit und in Jedermann dieselben Gefhle zur Folge haben werden d. h. dass die zwischen gewissen Vorstellungen ein fr allemal ihrem Inhalt nach bestehenden Beziehungen allezeit und bei Jedermann von demselben Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens begleitet d. h. objective d. i. unbedingt wohlgefllige oder missfllige Formen sein werden. Von dieser Art ist z. B. das nur von dem Inhalt der beiden Tne, des Grundtons und der Quinte, abhngige und als solches unbedingt wohlgefllige Quintenintervall; ein solches die nur von der Beschaffenheit der beiden Farben, Roth und Grn, abhngige harmonische Farbenterz; ein solches endlich der nur von dem Verhltniss der beiden verglichenen Gedanken, des unbildlichen und des bildlichen, abhngige Gedankenaccord der Metapher. 96. Verbindungen derartiger beharrender Verhltnisse zwischen Vorstellungen mit den aus denselben entspringenden und daher ihrer Entstehung nach an deren Vorhandensein im Bewusstsein gebundenen (fixen) Formgefhlen werden, da sich die ersteren (die Verhltnisse) abgesondert von den letzteren (den Formgefhlen) fr sich vorstellen lassen, also das Gefhlte mit dem Gefhl nicht in Eins zusammenfliesst, nicht mehr blos sthetische Gefhle, sondern sthetische Urtheile genannt. Das Subject derselben wird durch das zwischen den Vorstellungen herrschende Verhltniss (z. B. die Harmonie), das Prdicat derselben durch das darauf bezgliche Gefhl (z. B. die Wohlgeflligkeit) gebildet. Das Urtheil lautet in diesem Fall: die Harmonie zwischen a und b (d. i. den beiden im Verhltniss der Harmonie stehenden Tnen) gefllt. Die logische Natur dieser Urtheile besteht darin, dass der Umfang des Subjects und der Umfang des Prdicats unter einander congruent d. h. dass, so oft das Verhltniss der Harmonie, eben so oft auch das Wohlgefallen vorhanden ist. Dieselben sind daher, da ihre Subjects- und ihre Prdicatsvorstellung verschiedenen Inhalt, aber denselben Umfang haben, nach der logischen Idee der Aequipollenz identische, also unfehlbare Urtheile, und ihre Geltung d. h. die Behauptung, dass ein gewisses Verhltniss (z. B. die Harmonie) gefalle, unbedingt d. i. eben so allgemein als nothwendig. 97. Das Was des sthetischen Scheins, wenn derselbe schn d. h. unbedingt wohlgefllig sein soll, kann daher niemals weder der Inhalt einer blossen Begierde, noch eine vereinzelte Vorstellung, sondern muss immer ein Verhltniss zwischen mehreren d. h. dasselbe muss stets ein zusammengesetztes aus einer Mannigfaltigkeit von Theilen, welche selbst wieder Vorstellungen sind, bestehendes Ganze sein. Da nun zwischen Vorstellungen, welche nicht verwandten, d. i. disparaten Inhalts sind, zwar ein Verhltniss, eben das der Disparatheit, stattfindet, dieses aber, da die beiden Vorstellungen keine innere Beziehung auf einander haben, im Bewusstsein keinerlei auf sich bezgliches Gefhl erzeugt (weder Lust noch Schmerz erweckt), also sthetisch indifferent d. h. dem Vorstellenden gleichgiltig ist, so kann das Was des schnen Scheins nur ein Verhltniss zwischen verwandten d. h. entweder ganz oder theilweise identischen, oder entgegengesetzten Vorstellungen d. h. es muss selbst entweder die (ganze oder theilweise) Identitt oder der Gegensatz der Vorstellungen sein. 98. In qualitativer Hinsicht ergeben sich daher fr das Was des schnen Scheins folgende Mglichkeiten: entweder das Verhltniss zwischen den Theilen des Scheins, die selbst wieder Vorstellungen sind, ist das der vlligen Identitt, so dass beide dem Inhalte nach nicht, und da an dieser Stelle von der Intensitt des Vorgestelltwerdens abgesehen wird, auch nicht durch dessen grssere oder geringere Lebhaftigkeit sich von einander unterscheiden, folglich eins und dasselbe und daher nach dem principium identitatis indiscernibilium eine und dieselbe Vorstellung sind. In diesem Falle findet zwar im strengsten Sinn Identitt, aber kein Verhltniss zwischen den beiden statt, da zu jedem solchen zwei Glieder gehren, jene beiden Vorstellungen aber nur ein einziges ausmachen. Das Verhltniss der Identitt kann daher, wenn sthetisch, nur eines der theilweisen Identitt sein. 99. Letztere, da sie darin besteht, dass beide Theile einen Theil ihres Inhalts mit einander gemein haben, whrend der Ueberrest, da beide Theile inhaltsverwandt sind, gegenseitig nicht im Verhltniss der blossen Disparatheit stehen kann, sondern in jenem des Gegensatzes d. h. der gegenseitigen Ausschliessung bestehen muss, kann nun entweder so beschaffen sein, dass das Gemeinsame das Gegenstzliche oder dieses jenes berwiegt, oder dass beides sich gegenseitig gleichschwebend erhlt. Letzterer Fall bringt, da das Identische sowie das Gegenstzliche in beiden das nmliche, also abermals kein Verhltniss zwischen mehreren, sondern nur eins und das nmliche (nicht zweimal, sondern ein einzigesmal) vorhanden ist, eben so wenig wie die strenge Identitt ein wirkliches Verhltniss, sondern nur den Schein eines solchen hervor und muss daher ebenso wie jene aus der Betrachtung gelassen werden. 100. Die berwiegende Identitt kann nun entweder eine einseitige oder eine gegenseitige sein. Im ersten Falle findet der Inhalt des einen Gliedes sich ganz im Inhalt des zweiten, aber nicht umgekehrt dieser in jenem wieder. Im zweiten Fall enthlt der Inhalt jedes der beiden Glieder etwas, das ihm mit dem Inhalt des andern gemeinsam, whrend der Rest des einen dem Reste des andern entgegengesetzt ist. Beide Glieder des Verhltnisses verhalten sich so, dass im ersten Fall eines das andere, aber nicht umgekehrt, im zweiten Fall dagegen jedes das andere abbildet. Und zwar verhlt sich im ersten Fall dasjenige Glied, welches im andern ganz, in welchem aber das andere nur zum Theile enthalten ist, zu diesem anderen wie das Nachbild zum Vorbild, die Copie zum Original, wie denn auch das getreueste Portrt selbst dann, wenn es alle Zge der Individualitt auf das genaueste ausprgt, hinter dieser noch um das Merkmal der wirklichen Belebtheit zurcksteht. Im zweiten Fall dagegen stellen beide Glieder dem Inhalt nach Unterarten eines dritten, des beide verknpfenden Gemeinsamen (tertium comparationis) dar, zu welchem jedes derselben im Verhltnisse des Vorbildes zum Nachbilde steht. 101. Ausdruck der berwiegenden, sei es einseitigen, sei es gegenseitigen Identitt im Bewusstsein ist ein Lust-, wie jener des berwiegenden Gegensatzes ein Unlustgefhl. Ersteres entsteht, indem die gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen des in ihnen enthaltenen Identischen halber mit einander zu verschmelzen, letzteres, indem dieselben des in ihnen enthaltenen Gegensatzes halber sich von einander gesondert zu halten streben. Jenes wie dieses Streben ist der Ausdruck eines psychischen Naturgesetzes, kraft dessen ihrem Inhalt nach hnliche Vorstellungen einander zu verstrken, ihrem Inhalt nach entgegengesetzte einander gegenseitig zu hemmen gezwungen sind. Wenn daher in dem Inhalt zweier im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen Vorstellungen das Identische das Gegenstzliche berwiegt, so gewinnt auch das Streben nach Vereinigung beider durch Verschmelzung naturgemss die Oberhand ber das Streben nach Trennung beider durch Hemmung d. h. die Verschmelzung wird erleichtert; berwiegt dagegen das Gegenstzliche das Identische, so gewinnt das Streben nach Auseinanderhaltung Oberwasser, die Verschmelzung wird erschwert oder gnzlich gehindert. Ausdruck der Erleichterung wird das Lust-, jener der Erschwerung das Unlustgefhl. 102. Den empirischen Beweis fr die vorstehende Erklrung liefert die Thatsache der Wohlgeflligkeit harmonischer d. i. solcher Ton- und Farbenverhltnisse, deren Glieder berwiegend identisch, sowie der Missflligkeit solcher, deren Glieder berwiegend entgegengesetzt sind. Seitdem durch die physiologischen Theorien des Sehens wie des Hrens (von Helmholtz, Young u. A.) erwiesen ist, dass die frher (z. B. von Herbart) sogenannten einfachen Sinnesempfindungen als Elemente des Bewusstseins keineswegs einfach, sondern selbst aus einer Summe gleichzeitig vernommener elementarer Sinneseindrcke zusammengesetzt sind, handelt es sich bei dem Verhltniss zwischen solchen, wie es die Ton- und Farbenintervalle sind, nicht mehr um eine Beziehung zwischen einfachen (theillosen), sondern zwischen zusammengesetzten (aus Theilen bestehenden) Gliedern. Whrend es, wenn die Glieder eines (harmonischen oder disharmonischen) Ton- oder Farbenverhltnisses einfache sind, schlechthin unerklrlich bleibt, warum dieselben gefallen oder missfallen, wird die Begrndung dieser empirischen Thatsache unter der Voraussetzung, dass jene Glieder aus Theilen bestehen, dadurch ermglicht, dass gewisse (mehr oder minder zahlreiche) dieser Theile in beiden Gliedern dieselben seien. Ueberwiegt die Anzahl der beiden gemeinsamen Bestandtheile jene der in beiden einander entgegengesetzten, so muss ein wohlgeflliges, findet das Gegentheil statt, ein missfallendes Verhltniss sich ergeben. 103. Die Theorie der Obertne in der Musik (Helmholtz), jene der gleichzeitigen Erregung der complementren Farben in der Optik (Young, Hering u. A.) gibt das Beispiel her. Da jeder Ton, der gehrt, d. i. mittels des Ohres empfunden wird, kein abstracter, sondern ein concreter d. i. mittels eines gewissen Instruments, als welches auch das menschliche Stimmorgan gelten muss, hervorgebrachter ist und als solcher eine charakteristische, von der Beschaffenheit der Tonquelle herrhrende Frbung, die sogenannte Klangfarbe, besitzen muss, so wird mit jedem empfundenen Ton nothwendig zugleich dessen Klangfarbe d. i. die denselben begleitende Wirkung der specifischen Natur des ihn erzeugenden Organs vernommen. Helmholtz nun hat gezeigt, dass die Wirkung, die wir Klangfarbe nennen, nichts anderes sei, als die Summe gewisser, jeden durch irgend eine Tonquelle erzeugten abstracten Ton (Grundton) begleitenden secundren Tne (Obertne), deren akustischer Werth und numerische Menge je nach der Art der Tonquelle verschieden, z. B. bei dem Geigenton eine andere als bei dem Clavierton, bei der Alt- eine andere als bei der Sopranstimme u. s. w. ist. Werden daher gleichzeitig verschiedene Tne, deren jeder seine Klangfarbe besitzt, vernommen d. h. werden statt zweier abstracter Tonempfindungen zwei Summen von Tonempfindungen vernommen, deren jede aus der Empfindung des Grundtons und den Empfindungen seiner Obertne zusammengesetzt ist, so kann nur zweierlei stattfinden: entweder beide Summen der Empfindungen haben nicht nur gemeinschaftliche, sondern so viele gemeinschaftliche Bestandtheile, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen Tonempfindungen jenen der entgegengesetzten Tonempfindungen berwiegt, oder dieselben haben gar keine oder so wenig Tonempfindungen gemein, dass im Gesammteindruck der Eindruck der identischen gegen den der nicht-identischen Tonempfindungen (d. i. solcher, deren Tne nicht zusammenfallen, Schwebungen) verschwindet. Im ersten Fall consoniren, im zweiten dissoniren die Tne. 104. Consonanz (Harmonie) und Dissonanz (Disharmonie) der Tonempfindungen hngt demzufolge von deren berwiegender Identitt oder dem Gegensatz des Inhalts derselben ab. Da nun bei den Farbenempfindungen das Analoge stattfindet, indem eben so wenig wie der abstracte Ton, die abstracte Farbe empfunden wird, so lsst sich vermuthen, dass auch zwischen der Begrndung der Farben- und jener der Tonharmonie Analogie sich einstellen werde. Jede empfundene Farbe ist eine concrete, die unter dem Einfluss einer specifischen dieselbe bedingenden Lichtquelle (z. B. des Sonnenlichts, des Mondlichts, des Kerzen- oder Lampenlichts) entstanden ist und die Spur dieser letzteren in einer charakteristischen Eigenthmlichkeit, dem sogenannten Farbenton, errathen lsst. Jede Farbenempfindung aber ist zugleich, physiologisch betrachtet, keine vereinzelte, sondern das gleichzeitige Resultat der gleichzeitigen Erregungen des Sehorgans durch das dieses letztere berhrende Licht, so dass gleichzeitig alle in dem letzteren enthaltenen Farben des Spectrums in jenem angeregt und in Folge dessen empfunden werden. Ist z. B. das auffallende Licht Sonnenlicht, in welchem als Grundfarben Roth, Gelb und Blau (oder nach Andern Grn, Roth und Violet) enthalten sind, so werden im Auge jedesmal die jenen dreierlei Lichtreizen entsprechenden Vorgnge zugleich erregt und daher auch in Folge dessen alle drei Farben zugleich empfunden. Der Unterschied, dass in dem einen Fall die Empfindung als Roth, in dem andern als Blau bezeichnet wird, obgleich in dem ersteren neben dem Roth nothwendig auch Blau und Gelb, also Grn -- in dem letzteren Falle neben dem Blau auch Roth und Gelb, also Orange empfunden worden sein musste, liegt nur darin, dass in dem einen Fall der rothe Lichtreiz den blauen und gelben, in dem andern Fall der blaue Lichtreiz den rothen und gelben, und folglich sowol der Erregungszustand des Auges, in welchen dasselbe durch rothes und blaues Licht versetzt ward, die anderen gleichzeitigen Erregungszustnde, wie die Empfindung Roth und Blau, welche durch jenen Erregungszustand hervorgerufen ward, die anderen mit ihr gleichzeitigen Empfindungen an Intensitt bertraf, letztere also durch jene in latenten Zustand versetzt, d. i. fr das Bewusstsein verdunkelt wurden. Dass dieselben ihrer Latenz ungeachtet thatschlich vorhanden waren, beweisen die von Goethe und Purkyne sogenannten subjectiven Farbenerscheinungen d. i. das Hervortreten des complementren Farbenbildes, nachdem durch lngeres Anhalten des ursprnglichen das Auge fr den bezglichen Farbenreiz abgestumpft worden ist. Die strkste unter den gleichzeitigen Farbenempfindungen, nach welcher a potiori die Benennung derselben erfolgt, z. B. in obigen Fllen die Empfindung Roth und die Empfindung Blau, knnen nach Analogie der Grundtne als Grundfarben, die der gleichzeitigen, aber durch sie in den Hintergrund gedrngten Lichtreize knnen nach Analogie der Obertne als Oberfarben (Nebenfarben) bezeichnet werden. Letztere machen zusammen, wie obige Beispiele zeigen, stets die Empfindung der complementren Farbe aus (Grn, wenn als Grundfarbe Roth, Orange, wenn als Grundfarbe Blau empfunden wird) und die Nuance, welche die Empfindung des Rothen dadurch empfngt, dass mit ihr zugleich mehr oder weniger latent nothwendig Grn empfunden werden muss, kann, wenn die Beimischung einen erheblichen Grad erreicht, als Farbenstich, und zwar des Rothen entweder in's Grne als ganze, oder in's Blaue oder Gelbe als Bestandtheile der grnen Mischfarbe charakterisirt werden. 105. Treten daher unter Voraussetzung derselben Lichtquelle zwei Farbenempfindungen gleichzeitig oder nach einander in's Bewusstsein, so ist jede derselben nicht einfach, sondern zusammengesetzt, und zwar aus der Empfindung der Grundfarbe und jener der Oberfarbe; trifft es sich nun, dass diejenige Farbe, die in der einen derselben Grundfarbe, in der anderen Oberfarbe ist, so sind beide Farbenempfindungen ihrem Inhalt nach berwiegend identisch, wie dies bei der Farbenverbindung Roth (dessen Nebenfarbe Grn) und Grn (dessen Nebenfarbe Roth ist) und ebenso bei der Verbindung Blau (dessen Nebenfarbe Orange) und Orange (dessen Nebenfarbe Blau ist), dagegen nicht bei der Verbindung Roth (dessen Nebenfarbe Grn) und Blau (dessen Nebenfarbe Orange ist) thatschlich der Fall ist. Verbindungen ersterer Art knnen daher harmonische (Farbenconsonanzen), Verbindungen nicht complementrer Farben mssen disharmonische (Farbendissonanzen) heissen. 106. Die Analogien zwischen harmonischen Ton- und dergleichen Farbenverbindungen sind unter Anderen von Unger weiter ausgefhrt worden. Wie unter den ersteren Terz, Quint und Octave als Consonanzen, Secunde, verminderte Quart und Septime als Dissonanzen, so werden von ihm unter den letzteren die Terz als harmonische, die Secunde als disharmonische Farbenintervalle unterschieden. Dem musikalischen Accord als harmonischer Verbindung dreier Tne (Dreiklang) wird der Farbenaccord als harmonische Verbindung dreier Farben (Dreischein), der Vervielfltigung der Tonscala durch Erhhung und Vertiefung der Tne eine ebensolche der Farbenleiter durch Erhhung und Verminderung der Lichtstrke, der Unterscheidung von Klangfarben und Tongeschlechtern nach Ton- eine ebensolche von Farbentnen und Farbengeschlechtern nach Lichtquellen etc. zur Seite gesetzt. 107. Wie die Consonanz auf berwiegender Identitt, so beruht deren Gegentheil auf berwiegendem Gegensatz. Wie die leicht und anstandslos vor sich gehende oder allen Hemmnissen zum Trotz durchgesetzte Verschmelzung berwiegend identischer Vorstellungen ein in dem letztgenannten Fall noch betrchtlich gesteigertes Lustgefhl, so lsst der alles Bemhens, Entgegengesetztes zu vereinigen, ungeachtet immer wiederkehrende Misserfolg, der durch den als unberwindliches Hemmniss sich herausstellenden Gegensatz herbeigefhrt wird, ein nachgerade bis zur Unertrglichkeit sich steigerndes Gefhl der Unbefriedigung zurck. Die theilweise gleichen, aber berwiegend entgegengesetzten Vorstellungen werden durch das in ihnen enthaltene Gleiche immer wieder zu einander gezogen, durch das gleichfalls in ihnen enthaltene Entgegengesetzte, welches letztere berwiegt, aber unaufhrlich aus einander gehalten. Dieses bewirkt, dass sie nicht eins werden, jenes verursacht, dass sie trotzdem nicht von einander loskommen knnen. Dieses gleichzeitige sich Suchen und sich Fliehen, sich Festhalten und sich Verdrngen der Gegenstze bringt im Gemth eine Ixionsartige Unruhe hervor, deren Bestand auf die Dauer fr den Vorstellenden unhaltbar wird. 108. Folge davon ist, dass derselbe obigen Zustand zu beseitigen sich entschliesst. Da dieser aber auf der gegenstzlichen Beschaffenheit des Inhalts und der in Folge dessen sich schlechterdings unter einander ausschliessenden Natur der gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen beruht, folglich so lange fortwhren muss, als jener Inhalt derselbe bleibt, so kann obige Qual auf keine andere Weise beschwichtigt werden, als indem an die Stelle der gegenwrtig im Bewusstsein vorhandenen und demselben als mit einander unvertrgliche gleichzeitig vorschwebenden Vorstellungen andere unter einander vertrgliche entweder zufllig (etwa durch Versetzung in eine andere Umgebung, welche andere Vorstellungen bringt) treten, oder absichtlich (etwa durch freiwilligen Entschluss, den gegenwrtigen durch einen beliebigen anderen knstlich festgehaltenen Vorstellungsinhalt zu ersetzen) an deren Stelle geschoben werden. In beiden Fllen wird die Qual, die aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unvertrglicher Gedanken entsteht, allerdings beseitigt, aber im ersten Fall, da nur ein Zufall das Verschwinden der unvertrglichen Vorstellungen aus dem Bewusstsein veranlasst hat, nur auf so lange, als nicht ein neuerlicher Zufall die Rckkehr derselben in das Bewusstsein herbeifhrt, im zweiten Fall nur fr den, der jenen Entschluss gefasst, sein inneres Auge gewaltsam gegen die wirklich im Bewusstsein gegenwrtigen Vorstellungen verschlossen und an die Stelle derselben knstlich andere eingefhrt hat, und nur auf so lange, als er diesen Willen selbst oder die Kraft hat, denselben ins Werk zu setzen. Die auf solchem Wege herbeigefhrte Beseitigung der Qual ist daher keine natrliche und, weil aus der innern Natur der im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen entsprungen, Dauer verheissende, sondern dieselbe findet gleichsam "auf Kndigung" statt d. h. mit dem Vorbehalt, dass, sobald die durch den Zufall oder durch den Willen des Vorstellenden gezogene knstliche Schranke einmal, wie immer, aufhre, die ursprnglichen, nicht vernichteten, sondern nur in Latenz versetzten unvertrglichen Vorstellungen wieder emportauchen und dadurch die alten Wunden von neuem bluten werden. 109. Ein Beispiel einer solchen, und zwar durch den Zufall beseitigten Qual innerlich vorhandener Gegenstze bietet die Heilung eines zerrissenen Gemths durch die Abwechslung, Zerstreuung und den berwltigenden Eindruck, welchen Reisen, Geselligkeit und erhabene Gebirgsnatur in diesem herbeifhren. Ein Beispiel einer durch freiwilligen Entschluss "auf Zeit" bewirkten Unterdrckung der Unruhe, die das Bewusstsein eines widerspruchsvollen Verhltnisses erzeugt, bietet die Resignation, mit welcher der in einer sogenannten "Vernunftheirat" Befangene den Gegensatz zwischen der ersehnten und der thatschlichen Beschaffenheit seiner Beziehungen zum anderen Theil ertrgt. In beiden Fllen findet Beschwichtigung wirklich statt, aber im ersteren nur auf zufllige Weise, so dass mit der Rckkehr in die frhere Umgebung auch das frhere Gefhl des Unglcks wiederkehrt; in dem letztern nur auf knstliche Weise, so dass mit dem Schwach- oder Schwankendwerden des Entschlusses auch das volle Gefhl des lastenden Widerspruchs erneuert wird. Das gefundene Gleichgewicht ist labil, nicht stabil. 110. Ein unertrglicher Zustand, das gleichzeitige Vorhandensein sich unter einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein, ist beseitigt; aber ein anderer, gleich unertrglicher, ist an dessen Stelle getreten. War der frhere Zustand Unruhe, so ist der jetzige vergleichsweise allerdings Ruhe; diese selbst aber ist nichts weiter als verhllte Unruhe. Nicht wirkliche Ruhe, sondern der Schein der Ruhe ist an die Stelle der, obgleich latent, immer noch whrenden Unruhe getreten; der ursprngliche Zustand schlummert gleichsam unter dem knstlich geschaffenen Boden fort und harrt des Moments, wo er wieder hervorbrechen, den knstlich bergeworfenen Schleier zerreissen, den ursprnglich dagewesenen, niemals vernichteten, sondern nur usserlich niedergehaltenen Zustand wieder herstellen kann. 111. Von dieser Sachlage gilt, dass Schein, der sich fr Sein gibt, auf die Dauer unhaltbar sei, und zwar gleichviel, ob der wirklich vorhandene Zustand im Bewusstsein, an dessen Stelle knstlich ein anderer gesetzt worden ist, ein an sich missflliger oder ein beiflliger, das Zugleichsein einander ausschliessender oder ein solches mit einander bereinstimmender Vorstellungen sei. Denn nicht darin besteht die Unertrglichkeit, dass an die Stelle eines unertrglichen Zustandes ein ertrglicher getreten ist, sondern darin, dass an die Stelle des wirklich, wenngleich latent, vorhandenen, ein scheinbar d. i. nur zum Scheine, vorhandener gesetzt worden ist. Das Unlustgefhl, das sich an das Vorhandensein zweier einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein knpft, ist verschieden von demjenigen, welches dem Umstande gilt, dass Schein fr Sein, ein unwahrer an die Stelle des wahren, ein gemachter an jene des gegebenen Zustandes eingetreten ist. Wenn das erstere aufhrt, sobald die einander ausschliessenden Vorstellungen entweder aufhren einander auszuschliessen, oder gnzlich aus dem Bewusstsein geschwunden sind, so schwindet das letztere nicht eher, als bis der widernatrlicherweise hergestellte Trug, durch welchen Schein an die Stelle des Seins gesetzt ward, aufgelst, der knstlich erzeugte Zustand aufgehoben und der ursprngliche, widerrechtlich aus dem Bewusstsein verdrngte, wieder in dasselbe zurckgekehrt ist. Ausdruck dieses Verhltnisses ist der Satz: Schein, der sich fr Sein gibt, missfllt, und zwar in gleichem Grade, das ursprngliche Sein, welches durch Schein ersetzt worden ist, mge an sich beifllig oder missfllig d. i. der Schein, der durch einen andern verdrngt wurde, mge an sich schn oder hsslich gewesen sein. In dem einen Fall wird durch die Herstellung des ursprnglichen Zustandes ein wohlgeflliger, im andern Fall ein missflliger Zustand erneuert; aber das Missfallen, welches sich an den Fortbestand eines erlogenen anstatt des wirklichen Zustandes heftet, wird in beiden Fllen vermieden. Alles, was sich sagen lsst, beschrnkt sich darauf, dass durch die Wiederherstellung eines ursprnglichen missflligen Zustandes zwar das Missfallen, das diesem gilt, nicht vermieden, aber doch ein anderes, das dem Trugbild gilt, beseitigt wird, whrend im Gegenfalle durch die Wiederherstellung eines ursprnglichen beiflligen Zustandes nicht blos das Missfallen an der Geltung blossen Scheins fr Sein von Grund aus vernichtet, sondern zum Ueberfluss ein Beiflliges in das Bewusstsein zurckgefhrt wird. 112. War der ursprngliche Zustand Dissonanz, so wird durch dessen Wiederherstellung ein dissonirender, war er Consonanz, ein consonirender erneuert; die inzwischen vorhanden gewesene Verhllung des wirklich vorhandenen durch einen flschlicherweise an dessen Stelle getretenen aber wird in beiden Fllen schwinden gemacht. Im ersteren Fall wird eine Wunde blossgelegt, die nur scheinbar geschlossen, aber nicht wirklich geheilt war; im letzteren Fall wird eine Heilung wieder als Heilung anerkannt, die flschlicherweise fr eine Erkrankung ausgegeben worden war. In jenem Fall ist der Schlusszustand allerdings Krankheit, aber der Irrthum, welcher dieselbe fr Gesundheit hielt, wenigstens ist beseitigt. In diesem Fall hat nicht blos der Irrthum, welcher Heilung fr Erkrankung nahm, seine Geltung eingebsst, sondern der Schlusszustand ist die wirkliche Gesundheit. 113. Eine Bewegung geht vor sich, die in drei Abschnitten verluft. Ausgangspunkt derselben bildet der ursprnglich vorhandene, deren Mitte der trgerischerweise an dessen Stelle getretene, ihren Schluss der dem ursprnglichen gleiche, aus dessen Verdunkelung durch den inzwischen waltend gewesenen Druck wieder hergestellte Zustand. Dieselbe vollzieht sich, weil der verdunkelnde Zustand knstlich durch eine ussere Ursache an die Stelle des ursprnglich vorhandenen geschoben worden ist, nicht durch, sondern gleichsam im Kampfe wider die letztere, und gewinnt dadurch den Anschein, Selbstbewegung d. i. Resultat eines ihr selbst innewohnenden und sie bestimmenden Bewegungsimpulses, eines sie belebenden Lebenskeims, einer sie bewegenden Seele zu sein d. h. die Bewegung erscheint als lebendige, beseelte Bewegung. 114. Ist das in obiger Bewegung Begriffene sthetischer d. h. dem Vorstellenden vorschwebender, beiflliger oder missflliger (schner oder hsslicher) Schein, so gewinnt derselbe durch obigen Process selbst den Schein der Beseelung. Der im Bewusstsein ursprnglich vorhanden gewesene Schein, der von dem Vorstellenden knstlich mit Wissen und Willen aus demselben verdrngt und durch einen andern, der sich an seiner Stelle fr den wahren ausgibt, ersetzt worden ist, aber ohne, ja wider Willen des Vorstellenden sich behauptet, seinerseits den ihn zu verdrngen bestimmt gewesenen Schein verdrngt und in's Bewusstsein wieder zurckkehrt, nimmt dadurch selbst den Anschein selbststndigen Lebens, inwohnender Beseelung an, lst sich, indem er sich gegen den Vorstellenden auflehnt, vom Willen desselben, also vom vorstellenden Subject ab und erscheint (nicht als subjectiver, sondern) als objectiver, (nicht als beherrschter, sondern) das Subject beherrschender, in sich selbst abgeschlossener und von innen heraus belebter d. i. als (scheinbar) lebendiger Schein oder als sthetisches Object. 115. Dasselbe ist harmonisches, wenn der mit dem Schein des Lebens auftretende Schein ursprnglich schner Schein, dagegen ein disharmonisches, wenn derselbe ein hsslicher Schein war. Der sthetische Schein, den wir als Vorstellung des Engels, ist als sthetisches Object nicht mehr und nicht weniger beseelt, als der sthetische Schein, den wir als Bild eines Satans bezeichnen; weder der eine noch der andere muss darum wirkliches Object d. i. beseelte Wirklichkeit und reale Geistigkeit sein. Diese, die lebendige Existenz, wenn sie mehr sein soll als ein Geschpf der Einbildungskraft, gehrt vor das Forum der Metaphysik, jene, die Existenz des Scheins der Lebendigkeit, die nicht mehr sein will als ein Product der Phantasie, fllt als solches allein unter die Jurisdiction der Aesthetik. 116. In dem nothwendigen Entwicklungsgang der dramatischen Handlung kommt jener Schein nothwendiger Selbstbewegung des Scheins zur sthetischen Erscheinung. Wie der ursprngliche Schein aus seiner Verdunklung durch Ueberwindung der letztern wieder zum Vorschein, so kommt der ursprngliche Thatbestand aus dessen eingetretener Verdunklung durch deren Ueberwindung wieder zur Klarheit. Oedipus, der seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat, aber in Folge seines Irrthums, dass er der Sohn des korinthischen Knigspaares sei, weder das eine noch das andere Verbrechen verbt zu haben whnt, wird durch die Macht der den trgerischen Wahn zerreissenden Verhltnisse zur Klarheit ber sich selbst und zum Bewusstsein der thatschlichen Lage d. i. der auf ihm lastenden tragischen Schuld gebracht. Der Brudermord im dnischen Knigshause, welchen der ehebrecherische und kronenruberische Mrder durch die schlaueste und knstlichste Veranstaltung in den Schleier des tiefsten Geheimnisses zu hllen verstanden hat, wird durch den berlegenen Scharfsinn des Prinzen, der sich mit speculativem Tiefsinn paart und, um verborgen zu bleiben, sich in die Maske des Wahnsinns steckt, mit langsamer, aber durch ihre Ausdauer unwiderstehlicher Zhigkeit an's Licht und in der Schlinge, die er im Andern sich selbst gelegt, zur Bestrafung gezogen. Der ursprngliche Thatbestand bildet den Anfang, die Exposition -- die eingetretene Verdunkelung den Wendepunkt, die Peripetie -- die Lichtung derselben und die Wiederherstellung des ursprnglichen Zustandes den Schluss, die Katastrophe der dramatischen Bewegung. 117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder zufllig, noch willkrlich d. i. durch die Laune oder das Belieben des dichtenden Subjects, sondern nothwendig und naturgesetzlich d. i. wie ohne und unabhngig vom Willen des Dichters durch die Beschaffenheit des Inhalts der darzustellenden Handlung selbst, und zwar jeder folgende Moment durch den vorhergehenden, wie die unabnderliche Wirkung aus den gegebenen Ursachen herbeigefhrt. Die dramatische Handlung (und zwar nicht blos, wie Schiller an Goethe schrieb, "die tragische") steht unter der Herrschaft des Causalittsgesetzes, nach welchem bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen unausbleiblich ihre nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen mssen. Dieselbe gewinnt dadurch als sthetisches (d. i. Scheins-) Object den Schein eines beseelten d. i. von innen heraus bewegten Naturobjects; wie das Thier, das Geschpf der Mutter Erde, von ihr losgelst, Leben und selbststndige Bewegung an den Tag legt, so scheint das dramatische Kunstwerk, Geschpf der dichterischen Einbildungskraft, von dieser und deren Trger, dem Dichter, losgelst, inneres Leben und selbststndige, von innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen. 118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk jeder anderen Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger, wie der Ton- und bildenden Kunst) als sthetischem Object gelten. Jedes derselben, wenn es fr ein solches gehalten werden will, muss den Schein der Objectivitt d. i. der beseelten Lebendigkeit und lebendigen Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird durch die Schnheit des beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur, keineswegs ersetzt (seelenlose Schnheit), durch die Abwesenheit solcher keineswegs aufgehoben (seelenvolle Hsslichkeit; "la belle laidron"). Das wirklich Beseelte hat daher vor dem sthetischen nur scheinbar Beseelten zwar das Merkmal der Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese, die ihrerseits fr den Beschauer nur als Erscheinung in Betracht kommt, sondern der blosse Schein der Wirklichkeit sthetisch ist, so bedeutet jener Vorzug, sthetisch genommen, nichts und der schne wirkliche Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder schn als der blosse Schein schner Wirklichkeit. Es wre denn, man rechnete die materielle Wirklichkeit des wirklichen Schnen zu dessen sthetischer statt zu dessen physischer Natur und verstnde unter sthetischem d. i. dem Genuss des schnen Scheins (wie der platte Realismus und sthetische Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der schnen Materie (z. B. den physischen Genuss der weiblichen Schnheit). 119. Mit der Betrachtung des berwiegend Identischen, so wie des berwiegend Gegenstzlichen im theilweise Identischen ist die Aufzhlung der sthetisch in Betracht kommenden mglichen Flle zwischen dem Was des Scheins statthabender Beziehungen erschpft. Ein ausschliessend Gegenstzliches, das nicht zugleich bis zu einem gewissen Grade identisch wre, kann es, da nur verwandte Vorstellungen, also solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff fllt, Bestandtheile der sthetischen Vorstellungswelt ausmachen knnen, in dieser nicht geben. Auch die am strksten entgegengesetzten Elemente der letzteren, die sogenannten contrastirenden oder einander contraponirten (Contrast und Contrapost) Vorstellungen (wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten, forte und piano etc.) sind nicht blos dadurch mit einander verwandt, dass ihre Objecte zu der nmlichen Gattung gehren, sondern sie werden einander berdies noch durch das auszeichnende Merkmal nahegerckt, dass diese beiderseits Ausnahmen von der Regel, obgleich in entgegengesetzten Richtungen (der Riese eine Abweichung von der gewhnlichen Menschengrsse nach oben, der Zwerg eine solche nach unten, das Licht das Maximum, die Finsterniss das Minimum der gewhnlichen Helligkeit; das Fortissimo den hchsten, das Pianissimo den geringsten Grad der Intensitt des Tones) darstellen. Obige Flle machen daher zusammengenommen mit derjenigen, welche aus der Grsse oder Kleinheit des vorgestellten Objects abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter welchen sthetischer Schein, er enthalte sonst welchen stofflichen Inhalt immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig gefllt oder missfllt. 120. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt entspringt die sthetische Idee der (sthetischen) Vollkommenheit. Dieselbe besteht darin, dass der sthetische Schein, sowol was dessen Vorgestelltwerden, als was dessen Vorgestelltes betrifft, zum "Vollen kmmt" d. h. sowol das erstere zu dem hchstmglichen Grade von Intensitt als das letztere zu dem hchsten mit Rcksicht auf die Grenzen der Vorstellungsfhigkeit des vorstellenden Subjects erreichbaren Masse von Grsse erhoben wird. Ersteres geschieht, indem nicht nur jedes einzelne Vorstellen mit dem hchst erreichbaren Grade von Lebhaftigkeit erfolgt, sondern mglichst viel Vorstellen in krzester Zeit bethtigt wird, aber auch, indem das Vorstellen selbst auf mglichst gesetzmssige und normale Weise sich vollzieht. Letzteres geschieht, indem das Vorgestellte, soweit dessen Natur es erheischt oder doch gestattet, in mglichster Grsse, Reichthum, Flle und Wohlordnung vorgestellt und dadurch zwar nicht ber (wie dies beim Erhabenen der Fall ist) aber bis an die erlaubten Grenzen des Vorstellenden erweitert wird. An dieselbe schliesst sich ein Verfahren an, dessen Tendenz dahin gerichtet ist, im ganzen Umkreis des das Bewusstsein ausfllenden Vorstellens schwaches Vorstellen durch energisches, daher, da jede sinnliche Vorstellung die unsinnliche, jede concrete die abstracte, jede bildliche die unbildliche an Lebhaftigkeit bertrifft, unsinnliche durch sinnliche Vorstellungen, Begriffe durch Anschauungen, den eigentlichen Gedanken durch einen uneigentlichen (Tropus, Metapher), im Allgemeinen Begriffe durch Bilder (Symbole, Allegorien, Gleichnisse) zu ersetzen, die Energie des Vorstellens durch associirte, auf das Gemth wirkende Nebenvorstellungen zu erhhen, mit einem Wort die gesammte Vorstellungswelt des Bewusstseins entsprechend zu tonisiren. Resultat dieses Verfahrens ist ein im Ganzen und in jedem seiner Bestandtheile lebhaftes, reiches und wohlgeordnetes Vorstellungsleben, vollkommener sthetischer Schein, welcher nicht mit dem Schein des Vollkommenen d. i. eines einem gewissen Zwecke oder einem gewissen Begriffe Entsprechenden, Zweck- oder Begriffsmssigen zu verwechseln ist. Jener gehrt dem Vorstellen, dieser dem Vorgestellten an; jener drckt aus, dass vollkommen vorgestellt, dieser wrde ausdrcken, dass Vollkommenes vorgestellt werde. 121. In Bezug auf das Vorgestellte drckt die Idee der Vollkommenheit aus, dass caeteris paribus dasselbe wohlgeflliger sei, wenn es als gross, als wenn es als klein vorgestellt wird. Der einschrnkende Zusatz besagt, dass ein Vorgestelltes, das seiner Natur nach eine gewisse Grsse ausschliesst, auch nicht unter dieser vorgestellt werden drfe, weil es sonst eben nicht dies, sondern ein anderes Vorgestelltes wre. Das Niedliche, Zarte, Milde kann daher nicht als gross, darum aber darf es auch nicht kleiner vorgestellt werden, als seine Natur es gestattet. Dagegen bekundet sich die Wirkung des Grossen unwiderleglich in der Neigung der spielenden Einbildungskraft, die Grsse vorgestellter Objecte (Rume, Zeiten, Naturgegenstnde, Helden und Gttergestalten) ber das Mass des Erfahrenen und Wahrgenommenen, so wie des Natrlichen ins Unbestimmte, Schranken- und Grenzenlose, Un-, Ueber-, ja Widernatrliche zu erhhen und sich ohne Rcksicht auf Mglichkeit oder gar Wirklichkeit an der Steigerung, Hufung und Vervielfltigung von Raum-, Zeit- und Naturgrssen zu ergtzen. Beispiele derselben finden sich vor allem in der Mrchen- d. i. in der Lieblingswelt der Kinder- und Kindheitsvlkerphantasie, z. B. bei den Indern, deren Imagination sich in der endlosen Anreihung von Tausenden und aber Tausenden von Jahren und Meilen, sowie in der Ausmalung der bernatrlichen Grsse ihrer Gtter- und Bssergestalten, deren Haupt in die Wolken reicht, whrend ihr Fuss auf der Erde wurzelt, durch deren Locken sich der Gangesstrom vom Himmel herab ergiesst, die hunderttausende von Jahren auf einem Beine stehen etc., gefllt, oder bei den baltischen Letten, deren Volkssage die Ewigkeit dadurch zu schildern sucht, dass, wenn der Diamantberg im Norden, an dessen Gipfel alle hundert Jahre ein winziges Vgelchen dreimal sein Schnbelchen wetzt, in Folge dessen in Staub verwandelt sein, die erste Minute der Ewigkeit verflossen sein wird. In allen Gtter- und Heldensagen kehrt die Vergrsserung der Leibesgestalt wieder, aber auch der irdische Held sucht durch Helm und wallenden Helmbusch und dessen Scheindarsteller, der Heldenspieler, durch den Kothurn seine natrliche Grsse wenigstens scheinbar zu vermehren. 122. Aus dem qualitativen Gesichtspunkte der theilweisen, aber berwiegenden und zwar derjenigen Identitt, bei welcher Einseitigkeit der Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhalts herrscht, ergibt sich die sthetische Idee des Charakteristischen. Dieselbe besteht darin, dass derjenige Theil des sthetischen Scheins, der als charakteristisch bezeichnet wird, zu jenem, als dessen Charakteristik er angesehen sein will, in dem Verhltnisse des Nachbildes zum Vorbilde, der Nachahmung zum Nachgeahmten, der Copie zum Originale steht, so dass alle wesentlichen Zge des letzteren sich an der ersteren wiederfinden und beide einander ihrer Inhaltsbestimmtheit nach so hnlich werden, als es, ohne dass beide aufhren zwei, und dahin gelangen ein einziges zu sein, nur immer mglich ist. Das Wesen dieses sthetisch Charakteristischen ist daher von jenem des in wissenschaftlichem Sinne Charakteristischen dadurch verschieden, dass in dem letzteren Fall das Charakterisirte stets ein wirkliches oder ein wahres oder doch ein fr eins von beiden gehaltenes ist, whrend bei dem ersteren das Vorbild eben so gut ein erfundenes (als wahr oder wirklich nur fingirtes) sein kann. Dasselbe ahmt daher weder, wie die Kunst dem Aristoteles zufolge soll, die Natur -- noch, wie Winkelmann lehrte, ausschliesslich die schne Natur nach; das Wohlgefllige der charakteristischen Nachahmung ist sowol von der Wahrheit und Wirklichkeit wie von der Schnheit des Nachgeahmten unabhngig und beruht einzig und allein auf der Treue der Nachahmung. Dieselbe gestattet daher nicht nur die Nachahmung des Hsslichen, sondern diejenige Kunst, welche vornehmlich die Idee des Charakteristischen zum Leitstern nimmt, whlt sogar dasselbe mit Vorliebe, weil dadurch der Verdacht, als sei es ihr mehr darum zu thun, Schnes, als schn darzustellen, am gewissesten abgelenkt und das Streben nach Treue der Darstellung, worin ihr eigentliches Verdienst besteht, am energischesten hervorgehoben wird. Grosse Charakteristiker, auf allen knstlerischen Gebieten, pflegen daher lieber das von Goethe treffend als solches bezeichnete "Bedeutende" als das makellose Schne, Charakterdarsteller vorzugsweise "Charaktere" d. i. mit hervorstechenden, die Kunst der Nachahmung herausfordernden Zgen ausgestattete Individuen (Richard III., Carl und Franz Moor, Hamlet, Othello, Mephistopheles u. A.) zum Gegenstande der Darstellung zu whlen; unter den Helden Homers hat auch der Thersites nicht gefehlt. 123. An die Idee des Charakteristischen schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe nicht blos in einem einzelnen vorschwebenden Theile, sondern im ganzen Umfange der sthetischen Vorstellungswelt (des Scheins) zur Geltung zu bringen d. h. welches, wo und was immer vorgestellt werde, charakteristisch vorzustellen trachtet. Wenn die Uebereinstimmung des Vorzustellenden mit der wirklichen Vorstellung im Allgemeinen als Wahrheit, wenn dieselbe in dem besonderen Falle, da das Vorzustellende ein usseres, ein Object der Aussenwelt ist, als ussere (geschichtliche oder naturgeschichtliche) Wahrheit bezeichnet wird, so kann jene Tendenz, in der gesammten Welt des Scheins Uebereinstimmung zwischen Vorbild und Nachbild herrschen zu machen, Streben nach innerer d. h. da das Vorbild auch ein erdichtetes sein kann, poetische Wahrheit heissen. Dasselbe geht sonach nicht darauf aus, im Sinne der usseren Wahrheit wahr zu sein d. h. einen usseren Gegenstand treu wiederzugeben, wohl aber darauf, im Sinne derselben wahr zu scheinen d. h. einen (gleichviel ob erfundenen oder erfahrenen) Gegenstand so treu nachzubilden, dass diese Nachahmung, wenn jener Gegenstand ein usserer wre, im Sinne der usseren Wahrheit wahr genannt werden msste. In diesem Sinne der inneren, nicht in jenem der usseren Wahrheit hat Aristoteles' Poetik die Tragdie philosophischer als die Geschichte genannt, weil jene das Geschehende als Mgliches und daher aus innerlichen Grnden Begreifliches, diese dagegen dasselbe lediglich als Geschehenes, seinen inneren Grnden nach erst zu Errathendes darstellt; jene sonach ihren Werth in der Uebereinstimmung der Wirkungen mit ihren Ursachen d. h. in der Abspiegelung der letzteren durch die ersteren, die Geschichte dagegen lediglich in der Uebereinstimmung ihrer Darstellung mit der usseren Wirklichkeit sucht. 124. Der qualitative Gesichtspunkt der theilweisen, aber berwiegenden, und zwar derjenigen Identitt, welche in der gegenseitigen Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhaltes sich offenbart, ergibt die sthetische Idee des Harmonischen oder des (sthetischen) Einklangs. Dieselbe besteht darin, dass jedes Glied des Verhltnisses, indem es das andere in sich abbildet, seinerseits ebenso von dem anderen abgebildet wird. Das Wesen des sthetischen Einklanges unterscheidet sich daher von jenem des Charakteristischen dadurch, dass, whrend bei dem letzteren das Abbild zwar ganz im Vorbilde, nicht aber umgekehrt dieses in jenem enthalten ist, hier jedes Glied zugleich Nachbild und Vorbild des anderen ist. Beide Glieder enthalten einen gemeinsamen Bestandtheil, durch den sie verknpft, und ausserdem einen entgegengesetzten, durch welchen sie aus einander gehalten werden. Je wichtiger der erste im Gegensatz zum zweiten, um desto bedeutender der Einklang, um desto nachdrucksvoller das Lustgefhl. Jenes dritte Gemeinsame stellt gleichsam den Exponenten des harmonischen Verhltnisses dar und wird, wenn die im Einklang befindlichen Glieder beide Gedanken z. B. das eine die Vorstellung der Sache, mit welcher eine andere, das andere die Vorstellung des Anderen, das mit jener verglichen werden soll, ausmacht, der Vergleichungspunkt (tertium comparationis) genannt. So bildet in der Metapher, die das Kameel als Schiff der Wste bezeichnet, das Merkmal, dass beide, Kameel wie Schiff, als Transportmittel durch eine unwirthbare Wste benutzbar sind, das verknpfende -- dagegen das Merkmal, dass diese Wste bei dem einen wasserlose Sand-, bei dem anderen eine uferlose Wasserwste ist, das trennende Element beider Gedanken. Je nachdem die harmonirenden Glieder des Einklanges Ton-, Farben-, Formen- oder eigentliche Gedankenvorstellungen sind, welche letzteren allein sich in Worten ausdrcken lassen, wird der Einklang selbst als musikalische, Farben-, Formen- oder Gedankenharmonie, je nachdem die vorhandene, aber verborgene Aehnlichkeit des Verschiedenen leicht, blitzhnlich, oder in gleichsam visionrer Intuition an den Tag tritt, als Witz oder als Tiefsinn (die sonach beide ebensowol innerhalb der Ton-, Farben- und Formen-, wie der Gedankenwelt vorkommen knnen) bezeichnet. 125. Geht die beiderseitige Identitt der Verhltnissglieder so weit, dass beide sich nur durch die entgegengesetzte Lage im Raume unterscheiden d. h. dass das eine rechts und links gleichweit entfernt von einem idealen Mittelpunkt, oder nach oben gleichweit ber, wie nach unten gleichweit unter einer idealen Ebene gedacht wird, so geht der Einklang in die Symmetrie oder den blos rumlichen Contrast (Contrapost) -- wenn dagegen der Gegensatz zwischen den Verhltnissgliedern so gross, dass nur das Mass ihrer rumlichen Entfernung von einem gemeinsamen Mittelpunkt oder einer gemeinsamen Ebene dasselbe, ihre beiderseitige Richtung im Raume aber gleichfalls entgegengesetzt ist, so geht dieselbe in den nicht blos rumlichen, sondern eigentlichen (stofflichen) Contrast ber. Unter die erstere fllt zum Beispiele die Anordnung gleicher Thrme in gleicher Entfernung von der Mittelaxe der Kirche nach entgegengesetzten Weltgegenden (wie z. B. beim Klner- oder beim Stephansdom). Unter den letzteren fllt die Anordnung eines noch unverwundeten und eines schon verschiedenen Sohnes in gleicher Entfernung von der Mittelaxe der Gruppe nach entgegengesetzten Richtungen bei der Darstellung des Laokoon. Beide knnen wie in rumlicher, so auch in zeitlicher Anordnung, wenn an die Stelle des idealen Mittelpunktes im Raume ein eben solcher in der Zeit, und statt der rumlichen Richtung nach rechts und links, oben und unten, die zeitliche nach der Vergangenheit und nach der Zukunft hin eingefhrt wird, Anwendung finden. So kehrt in der Tanzmusik nach der Coda die ursprngliche Melodie, im Ritornell und Strophenlied der Refrain wieder und baut sich im Fortschritte der dramatischen Handlung Schrzung und Lsung vor und nach dem Knoten symmetrisch auf. 126. An die sthetische Idee des Einklanges schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe im ganzen Umfange des dem Bewusstsein vorschwebenden Scheins durchzufhren d. h. welches nur solche Bestandtheile in demselben zuzulassen bemht ist, die unter einander nicht nur verwandt (homogen), sondern berwiegend identisch sind. Das Resultat dieses Verfahrens ist die sthetische Einheit, welche je nach der specifischen Natur des die sthetische Vorstellungswelt ausmachenden Scheins bald als musikalische (d. i. als Einheit der Tonwelt, des Tongeschlechts, der Tonleiter), bald als malerische (d. i. als Einheit der Licht- und Farbenwelt, der Beleuchtungsquelle, des Farbengeschlechtes u. dgl.), bald als bildnerische (d. i. Einheit der Formenwelt: der schlanken, aufstrebenden und im Spitzbogen sich wlbenden in der germanischen; der Quader, des Halbrund und der flachgewlbten Kuppel in der rmischen; des horizontalen Architravs, der Sule und des Giebels in der griechischen Baukunst etc.), in der poetischen Welt bald als lyrische (d. i. als Einheit der Gemthsstimmung), epische (d. i. als Einheit der Zeitlinie, an welcher die Begebenheiten aufgereiht werden), bald als dramatische (d. i. als Einheit der Handlung) sich kundgibt. 127. Der qualitative Gesichtspunkt der Ausschliessung des Gegensatzes ergibt die Idee der sthetischen Correctheit. Dieselbe besteht darin, dass keine mit einander unvertrglichen Vorstellungen gleichzeitig im Bewusstsein vorhanden, oder, wenn vorhanden, aus demselben beseitigt sind. Jenes kann als natrliche, dieses als knstliche, also nur auf Zeit und nur fr denjenigen, welcher den Gegensatz beseitigt hat, bestehende Correctheit bezeichnet werden. Da die Abwesenheit unvertrglicher Vorstellungen im Bewusstsein zwar Missfallen verhindert, selbst aber keinerlei Wohlgefallen hervorruft, so ist die Correctheit im Gegensatze zu den Ideen der Vollkommenheit, des Charakteristischen und des Einklanges, welche als solche positiv beifllig sind, nur eine negative sthetische Idee, deren Verletzung missfllt, deren Beobachtung jedoch gleichgiltig lsst. Dieselbe stellt daher zwar die conditio sine qua non des unbedingt Beiflligen, fr sich allein aber weder als natrliche, noch (und zwar noch weniger) als knstliche ein Wohlgeflliges dar. Beispiel der natrlichen Correctheit ist der natrliche, Beispiel der knstlichen dagegen der sogenannte knstliche Anstand, von welchen der erstere auf der Einhaltung der durch das natrliche Schicklichkeitsgefhl gebotenen Grenzen, der letztere dagegen auf der ngstlichen Beobachtung der conventionellen, durch gesellschaftliche Uebereinkunft festgesetzten Formen und Gebruche des geselligen Umganges beruht. Ein Beispiel aus der Kunstwelt liefert im Gegensatze zu der natrlichen Correctheit, welche im Drama Einheit der Handlung fordert, die dem franzsischen Nationalgeschmack entsprungene knstliche Correctheit des classischen Dramas der Franzosen, welche noch berdies die sogenannte Einheit der Zeit und des Ortes erheischt. Whrend daher die natrliche Correctheit eine allgemeine und nothwendige, drckt die knstliche eine zufllige, auf den Umkreis einer Nation oder eines Zeitalters beschrnkte Eigenschaft des sthetischen Scheines aus. 128. An die Idee der Correctheit schliesst sich ein Verfahren an, welches bestimmt ist, die Ausschliessung mit und unter einander unvertrglicher Bestandtheile durch den ganzen Umkreis der sthetischen Vorstellungswelt durchzufhren. Ergebniss desselben ist die sthetische Reinheit d. i. die Abwesenheit alles Strenden in der sthetischen Vorstellungswelt, welche, wenn die durchzufhrende Correctheit eine natrliche ist, selbst als solche, ist sie dagegen eine knstliche, als knstliche Reinheit bezeichnet wird. Dieselbe ist, wie die Correctheit, nur eine negative Eigenschaft des schnen Scheins, durch welche, wenn sie eine natrliche ist, das Missfallen fr Alle, berall und auf immer, wenn sie dagegen blos eine knstliche ist, nur fr diejenigen nur an jenen Orten und nur fr so lange vermieden wird, fr welche, an welchen und so lange das conventionelle Uebereinkommen, auf das sie begrndet ist, besteht. Beispiele der natrlichen Reinheit bietet der natrliche, der knstlichen dagegen der knstlich festgesetzte Sprachgebrauch in Regel und Schrift, wie der erste zum Beispiele in der deutschen, der letztere dagegen in Folge der Herrschaft des Dictionnaire de l'Acadmie in der franzsischen Literatur stattfindet. 129. Der qualitative Gesichtspunkt der Wiederherstellung des Seins aus dem an dessen Stelle getretenen und dasselbe verdunkelt habenden Schein ergibt die sthetische Idee der Ausgleichung. Dieselbe besteht darin, dass die wirklich im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen, welche, sei es durch Zufall, sei es durch Absicht, aus dem Bewusstsein verdrngt und durch andere, denselben entgegengesetzte ersetzt worden sind, ohne, ja wider den Willen des Vorstellenden in das Bewusstsein zurckkehren und ihrerseits diejenigen, die ihre Stelle eingenommen haben, verscheuchen. Der durch die Unwillkrlichkeit ihres Wiederauftauchens erzeugte Schein der Unabhngigkeit der Vorstellungen vom Vorstellenden wirft auf deren Vorgestelltes selbst den gleichen Anschein der Selbststndigkeit, inneren Lebens und Beseeltseins, so dass die Bewegung der wieder auftauchenden Vorstellungen im Bewusstsein nicht als eine durch den Vorstellenden hervorgerufene, sondern als eine den Vorstellungen selbst innewohnende, als Selbstbewegung des Vorgestellten, als lebendiger Schein erscheint d. h. das Geschpf des Bewusstseins sich in Selbstbewusstsein verwandelt. Je nachdem die aus ihrer Verdunklung wieder hergestellten Vorstellungen entgegengesetzt oder harmonische waren, wird das Product des vollzogenen Ausgleiches entweder das Dasein entgegengesetzter oder harmonischer Vorstellungen d. h. der Ausgleich selbst entweder ein solcher mit disharmonischem oder harmonischem Ausgang sein. Ersterer schliesst zwar mit einer offenen Dissonanz (wie ein Heine'sches Lied oder eine Chopin'sche Phantasie), aber das Missfallen, welches der Geltung blossen Scheins fr Sein anklebt, wenigstens ist vermieden. In letzterem Falle wird nicht blos letzteres Missfallen unmglich gemacht, sondern die wieder hergestellte ursprngliche Consonanz lsst den Process der Ausgleichung in einen volltnenden Accord ausklingen. 130. Wie die Idee der Correctheit, so ist jene der Ausgleichung keine positive, unbedingten Beifall begrndende, sondern blos negative, unbedingtes Missfallen verhtende Idee. Weder die Vermeidung des Strenden, noch die Wiederherstellung des Ursprnglichen ist an und fr sich beifalls-, aber die Gegenwart des Unertrglichen und der Bestand der Lge fr Wahrheit sind an und fr sich verwerfenswerth. Beide Ideen bilden daher zwar Bedingungen, ohne welche kein Schnes sein, durch welche allein aber nichts zum Schnen werden kann. 131. An die sthetische Idee des Ausgleichs schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe durch den ganzen Umkreis des sthetischen Scheins durchzufhren, allenthalben das Sein an die Stelle des Scheins zu setzen und die ursprnglich gegebenen anstatt der fr dieselben eingeschobenen Elemente der sthetischen Vorstellungswelt wieder herzustellen bemht ist. Ergebniss desselben ist der durch die gesammte Welt des sthetischen Scheins verbreitete Anschein selbststndiger Lebendigkeit, inwohnender Beseelung und Bewegung, Ablsung des Vorgestellten vom vorstellenden Subjecte d. i. die sthetische Idee der Objectivitt als Beseeltheit und Seelenhaftigkeit des sthetischen Objectes. Dieselbe geht darauf aus, die Geschpfe des vorstellenden Subjects als Geschpfe ihrer selbst d. i. als sich selbst den Leib ihrer usseren Erscheinung, Bewegung und Handlung bauende und bestimmende seelenhafte Subjecte, die gesammte Welt des sthetischen Scheins als beseelte Welt, das Kunstwerk der Phantasie wie ein Naturwerk erscheinen zu lassen. Ausdruck dieses Strebens ist die dramatische, nach der natrlichen Verkettung von Ursachen und Wirkungen aus den gegebenen Charakteren und der gegebenen Situation mit innerer Nothwendigkeit hervorspringende, scheinbar ohne Wissen und Willkr des Dichters, wie "auf eigenen Fssen" einherschreitende dramatische Handlung. Die aus dem Hirn des Dichters entsprungenen scheinbar lebendig wandelnden Gestalten gleichen den Steinen Deukalion's, welche zu Menschen geworden sind. 132. Keine der angefhrten sthetischen Ideen ist das ganze Schne, aber jede derselben bezeichnet ein Element des Schnen. Weder das Grosse, noch das Charakteristische oder Harmonische, noch weniger das Correcte oder das Ausgeglichene fr sich erschpft das Gebiet des unbedingt Wohlgeflligen, aber jedes der drei ersten, die eben darum die positiven Merkmale des Schnen ausmachen, stellt ein solches dar; die beiden letzteren dienen demselben wenigstens als negative Kriterien. Unter einander verglichen lassen die Eigenschaften der Vollkommenheit, Wahrheit, Einheit und Reinheit als ruhendes, lsst sich dagegen die Beseelung, Bewegung und Objectivitt als bewegtes Schnes bezeichnen. Die Gesammtheit smmtlicher sthetischer Ideen zu einem Totalbilde vereinigt prgt dem sthetischen Schein, wenn derselbe von geringerem, ja von dem geringsten denkbaren Umfang ist, den Stempel der Schnheit, wenn derselbe von grsserem, ja von dem grssten denkbaren Umfang ist, durch die Erweiterung der einfachen sthetischen Ideen mittels des sich an dieselben anschliessenden Verfahrens: der Grsse zur Vollkommenheit, des Charakteristischen zur Wahrheit, des Einklangs zur Einheit, der Correctheit zur Reinheit und der Ausgleichung zur Objectivitt, die nie und nirgends erlschende Marke der Classicitt auf. 133. Wie jeder der logischen Ideen, so steht jeder der sthetischen Ideen ihr Gegenbild zur Seite. Der sthetischen Idee der Vollkommenheit steht die der Unvollkommenheit, der des Grossen die des Kleinen, jener des Charakteristischen die des Charakterlosen, jener des Einklangs die des Missklangs gegenber. Wie das Grosse, Reiche und Wohlgeordnete gefllt, so missfllt das Kleine, Drftige und Zusammenhangslose. Wie das sein Vorbild in bezeichnenden und wesentlichen Zgen wiedergebende Nachbild Wohlgefallen erregt, so folgt der unbestimmten, verblasenen und verschwommenen, kaum kenntlichen Nachahmung das Missfallen auf dem Fusse. Wie das Harmonische, wo und an wem es sich findet, unbedingt Lob, so zieht das Disharmonische, wenn es nicht als Vorbereitung zu einem Harmonischen um dieser seiner dem Schnen dienenden Stellung willen geduldet wird, unbedingt Tadel nach sich. Die Gegenstze des Correcten und Ausgeglichenen sind durch die Missflligkeit des gleichzeitig vorhandenen Unvertrglichen und der Geltung des Scheins fr Sein selbst als unbedingt missfllig gekennzeichnet: Incorrectheit und Trug erscheinen als unbedingt verwerflich. 134. Eine Ausnahme macht die Stellung des an sich unbedingt Missflligen, Unvertrglichen, in der Idee der Ausgleichung mit harmonischem Ausgang. Weil in diesem Fall das Ursprngliche und am Schluss des Processes Wiederhergestellte ein Harmonisches ist und der Eindruck dieses letzteren durch die vorangegangene Verdunklung, durch dessen disharmonisches Gegentheil, wie die Erfahrung zeigt, der auflsenden Consonanz durch die vorangegangene Dissonanz, des neugeborenen Lichtes durch die vorhergegangene Finsterniss, auf das vorstellende Subject, den Beschauer und Hrer, erhht und bestrkt wird, so tritt in diesem Fall das an sich, wenn es als Zweck gedacht wird, unbedingt auszuschliessende Missfllige (die Dissonanz, das Nachtdunkel) in die Rolle eines die Erscheinung des Harmonischen, welches als Selbstzweck nicht nur mglich, sondern gefordert ist, vorbereitenden und frdernden Mittels zurck und wird um dieser seiner dem Harmonischen ntzlichen Beschaffenheit willen nicht nur zugelassen, sondern, um den schliesslichen Effect des Harmonischen auf jede mgliche Weise und zu jedem erreichbaren Grade zu steigern, mit Wissen und Willen als Hilfsmittel verwendet. Von dieser Art ist der Gebrauch der Dissonanzen in der Musik, des Licht- und Schattencontrastes, so wie der Farbengegenstze in der Malerei, des tragischen d. i. das Gerechtigkeitsgefhl beleidigenden Schicksalsverhngnisses in der Tragdie, die Einfhrung sittlich verwerflicher Charaktere (moralischer Schlagschatten, Bsewichter, Intriguanten) in die dramatische oder epische Handlung etc. 135. Wie die Zusammenfassung der sthetischen Ideen das Schne, jede derselben fr sich ein Schnes, so stellen die Gegenbilder der einzelnen sthetischen Ideen jedes fr sich ein Hssliches, die Zusammenfassung aller in einem Totalbilde das Hssliche dar. Werden die Gegenbilder der einzelnen sthetischen Ideen durch ein dem Verfahren bei den ersteren entgegengesetztes auf den ganzen Umkreis der sthetischen Vorstellungswelt ausgedehnt, so dass in demselben durchgngig statt der Vollkommenheit Unvollkommenheit, statt der Grsse Kleinlichkeit, statt der Wahrheit Unwahrscheinlichkeit, statt der Einheit Verwirrung, statt der Reinheit Rohheit und statt der sich selbst beseelenden und tragenden Objectivitt gesetzlose Willkr und genial scheinen wollender Subjectivismus herrscht, so wird, wie durch jene dem Totalbild der Stempel der Classicitt, so durch diese demselben das Geprge der ungebundenen Individualitt d. i. des romantischen Subjects, die formlose Form der Romantik aufgeprgt. 136. Mit der Aufstellung der sthetischen Ideen und ihrer Gegenbilder, der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung fr jedes Schaffen, das Schnes d. i. unbedingt Wohlgeflliges hervorbringen, unbedingt Missflliges vermeiden will d. h. mit der Aufzhlung der normalen und anormalen Formen, welche Normen des sthetischen Vorstellens und knstlerischen Producirens sind, ist das Geschft der Aesthetik als allgemeiner Wissenschaft vom Schnen vollendet. DRITTES CAPITEL. DIE ETHISCHEN IDEEN. 137. Wie die logischen Ideen die Normen, unter welchen Denken zum Wissen, die sthetischen die Normen, unter welchen sthetischer Schein zum Schnen, so stellen die ethischen Ideen die Bedingungen dar, unter welchen Wollen zum Guten wird. Von Kant stammt der Ausspruch, dass das einzige, was wahrhaft und in jeder Hinsicht gut genannt zu werden verdiene, der gute Wille sei; welcher aber der gute d. h. unter allen denkbaren Willen derjenige sei, der unbedingt d. h. allgemein und nothwendig gefllt, sollen nachstehende Betrachtungen entwickeln. 138. Wie bei dem schnen wirklichen Gegenstande dasjenige, was ihn zum schnen macht, nicht darin besteht, dass er Wirklichkeit, sondern darin, dass er Schnheit besitzt, so kann bei dem guten wirklichen Wollen der Grund, der es zum guten macht, nicht darin liegen, dass es wirklich, sondern darin, dass es gut ist. Da nun der wirkliche schne Gegenstand vor dem blos gedachten (d. i. dem Schein eines solchen) nichts weiter voraus hat als eben die Wirklichkeit, und folglich der Grund seiner Schnheit nicht in demjenigen gefunden werden kann, was ihn vom Schein unterscheidet, sondern nur in demjenigen, was auch diesem eigen ist, so kann auch die Ursache, um deren willen der gute wirkliche Wille gelobt und dessen Gegentheil getadelt wird, keine andere als eine solche sein, welche der wirkliche mit dem blos gedachten (d. i. mit dem blossen Schein-) Willen gemein hat. Wie aber dasjenige, was das schne Wirkliche mit dem schnen gedachten Gegenstande gemein hat, nur beider Form, so kann auch dasjenige, was dem guten Wirklichen mit dem blos gedachten guten Willen gemeinsam ist, nur deren gemeinschaftliche Form, und der einzige wahre Grund, um deswillen gutes wirkliches Wollen gut genannt zu werden verdient, kann daher nicht in dessen Realitt, sondern nur in dessen (unbedingt wohlgeflliger d. i. den Normen des unbedingt Wohlgeflligen entsprechender) Form gefunden werden. 139. Wre das Gegentheil der Fall d. h. lge der Grund, warum gutes wirkliches Wollen unbedingt gefllt, in Eigenschaften, welche von dessen Wirklichkeit abhngen, so ergbe sich Folgendes: Jedes wirkliche Wollen bringt einerseits als Wirkendes Wirkungen d. i. Folgen hervor und ist andererseits entweder als Bewirktes die Wirkung eines anderen Willens, oder als Selbstbewirktes die Wirkung seiner selbst, als des eigenen Willens. Im ersten Falle ist es selbst als Wirkliches die Ursache eines anderen Wirklichen; im zweiten Falle ist seine Ursache der entweder gebietende oder der als Muster zur Nachahmung reizende Wille eines Anderen; im letzten Falle ist es selbst seine eigene Ursache. 140. Da jedes wirkliche Wollen ein Streben, ein solches aber nichts anderes ist als das Aufstreben der Vorstellung des Erstrebten im Bewusstsein gegen die Hemmnisse, welche bisher auf derselben lasteten, so erzeugt jedes Wollen, welches etwas bewirkt d. h. eine wirkliche Vernderung seiner bisherigen Lage hervorbringt, ebenso unausbleiblicher Weise ein Lust- als im entgegengesetzten Fall, wenn es nichts bewirkt, ein Unlustgefhl. Indem sich das erstere mit der Vorstellung des im Wollen Erstrebten d. i. des Objectes des Wollens verknpft, erscheint dieses letztere als ein Gut; indem das letztere das gleiche thut, erscheint das Erstrebte als ein Uebel; jenes, weil an dessen Vorstellung sich ein Lustgefhl geheftet, wird von da an als ein Begehrens-, dieses, weil dessen Vorstellung fortan von einem Unlustgefhl begleitet wird, als ein Verabscheuungswerthes angesehen, die Gte des Wollens von dessen Richtung auf Gter, deren Gegentheil, die Bosheit, von dessen Richtung auf Uebel abhngig gemacht. Die Ethik als Wissenschaft von den Bedingungen des Guten nimmt die Gestalt einer Gterlehre an. 141. Die Eigenschaft eines Objectes als eines Gutes oder Uebels hngt ab von den die Vorstellung desselben begleitenden Lust- oder Unlustgefhlen. Je nachdem diese letztern strker oder geringer, werden hhere und niedere Gter und Uebel unterschieden. Durch den Umstand, dass die Vorstellung des einen von dem hchsten Lust-, die Vorstellung des anderen von dem hchsten Unlustgefhl unzertrennlich ist, wird das hchste Gut vor dem grssten Uebel gekennzeichnet. Dass sich dabei an die Vorstellung der Lust als solcher das hchste Lustgefhl, an jene der Unlust das hchste Unlustgefhl und zwar nicht blos in diesem und jenem, sondern in jedem Fall heften muss, in welchem von Lust und Unlust als Ziel des Wollens die Rede ist, und dass in Folge dessen kein Gegenstand geeigneter erscheint, als hchstes Gut aufgestellt zu werden, als die Lust (Glckseligkeit, eudaimonia) und keiner nher liegt, um als hchstes Uebel zu erscheinen, als die Unlust (Unseligkeit, kakodaimonia) scheint eben so wenig befremdlich, als es unbestimmt bleibt, ob unter jener Lust, die als Gut, und jener Unlust, die als Uebel bezeichnet wird, jede beliebige ohne Unterschied, oder irgend eine bestimmte, z. B. nur sinnliche oder nur geistige Lust, nur eigene (Egoismus) oder nur fremde Glckseligkeit (Altruismus), die Glckseligkeit eines Theiles oder die des Ganzen (allgemeines Wohl, salus publica) verstanden werden solle. 142. Letzterem Mangel soll dadurch abgeholfen werden, dass diejenige Lust, welche mit keinerlei Unlust gemischt, also rein erscheint, der gemischten -- also diejenige, deren Folgen nicht einer solchen vorgezogen wird, deren nachtrgliche Wirkungen von Unlust begleitet sind. Aus diesem Grunde wurde von den Hedonikern und Epikurern die sinnliche Lust als vorbergehende und flchtige der geistigen als der dauer- und standhaften nachgesetzt, von Aristoteles das beschauliche Leben des Denkers als das einzige wahren Genuss gewhrende hoch ber das banausische Treiben der Sinnlichkeit erhoben. Dem Streben nach eigener, selbstschtiger Glckseligkeit, in welchem die Einen (die Encyklopdisten, Helvetius) das Ziel des Wollens erblickten, wird von Anderen (Hume, Smith, Comte) das Streben nach fremder d. i. nach der Glckseligkeit des Andern (autrui, Altruismus) entgegengestellt d. h. das selbstlose und selbstverleugnende uneigenntzige dem selbstschtigen eigenntzigen Wollen -- mit Recht, aber grundlos d. h. ohne Angabe eines Grundes, warum das eine besser als das andere sein solle -- vorgezogen. Eben so richtig, aber auch eben so wenig motivirt ist der von Leibnitz u. A. hervorgehobene Vorrang der allgemeinen vor der besondern oder gar individuellen Glckseligkeit, in Folge dessen das Wohl des Ganzen jenem des Theiles, dieses jenem des Einzelnen zwar (mit Recht) vorzuziehen, der Grund aber, durch welchen diese Bevorzugung gerechtfertigt (und welcher, wie spter gezeigt werden soll, ausschliesslich in der ursprnglichen unbedingten Wohlgeflligkeit wohlwollender Gesinnung gelegen) ist, eben so wenig anzutreffen ist. 143. Der andere Mangel, an dem jede Ethik als Gterlehre leidet, aber kann auf keine Weise beseitigt werden. Dieselbe geht davon aus, dass es Gter d. h. Objecte gebe, die begehrens-, und solche, die verabscheuungswerth sind, und will durch die Angabe der ersteren, wie durch die Ausscheidung der zweiten das gute d. h. auf Gter, von dem bsen d. h. auf Uebel sich richtenden Wollen unterscheiden. Wenn aber nach Obigem an jede Befriedigung des Wollens, gleichviel welches dessen Object sei, ein Lustgefhl sich knpft und jedes Object, dessen Vorstellung ein Lustgefhl begleitet, ein Gut darstellt, so folgt, dass das Object jedes Wollens, gleichviel welches es sei, ein Gut -- und daher jedes Wollen ohne Unterschied, weil auf ein Gut gerichtet, ein gutes, folglich der Unterschied zwischen gutem und nicht gutem Wollen illusorisch sei. Folge der Ethik als Gterlehre wre daher, entweder, dass jedes Wollen als Wollen gut (ethischer Optimismus), oder dass kein Wollen besser als das andere (ethischer Indifferentismus), oder dass kein Wollen gut (ethischer Pessimismus und Nihilismus), oder, da jedes wirkliche Wollen aus dem Gefhl des Nichtbesitzes des Gewollten d. i. aus einem Unlustgefhl hervorgeht, dass Nichtwollen am besten sei (ethischer Quietismus). In keinem dieser Flle ist Ethik als Wissenschaft mglich. 144. Wie das wirkliche Wollen als Wirkendes Ursache, so ist es als Bewirktes Wirkung eines Wirklichen. Kann nun dasjenige, wodurch ein Wollen bewirkt wird, nur wieder ein Wille sein, so ist nur zweierlei mglich: entweder ist der bewirkende Wille ein fremder d. h. der eines von jenem, der will, unterschiedenen, oder der eigene d. i. der eines mit demjenigen, welcher will, identischen Individuums. In beiden Fllen kann der Wille entweder als befehlender, das eigene Wollen als Wirkung jenes Willens als gehorchendes, oder als vorbildender, das eigene Wollen als nachahmendes auftreten. Im ersten Fall nimmt das gute Wollen die Form des pflichtmssigen, die Ethik als Wissenschaft die Gestalt einer Pflichtenlehre, im zweiten Fall das vorbildende Wollen die Rolle eines Tugendmusters, die Ethik als Wissenschaft die Form einer Tugendlehre an. 145. Grund der Gte des Wollens ist in der ersten die Beschaffenheit des befehlenden Willens. Ist dieser selbst gut, so ist es auch sein Gebot (die Pflicht) und folglich auch das diesem gemsse d. i. pflichtgemsse Wollen. Ist er dagegen das Gegentheil, so ist es auch sein Gebot und folglich das Wollen desto schlechter, je pflichtgemsser es ist. Soll daher die Ethik die Form einer Pflichtenlehre annehmen drfen, so muss zuerst ausgemacht sein, dass der gesetzgebende Wille in der That der gute d. h. dass das von ihm Gebotene niemals etwas anderes sein knne, als was des Gebotenwerdens werth ist. Dieses aber kann weder einfach dadurch erwiesen werden, dass dargethan wird, der gebietende Wille sei der strkste, noch dadurch, dass zu erweisen versucht wird, er sei entweder der gttliche oder berhaupt ein hherer (bermenschlicher, bersinnlicher, berempirischer), sondern allein dadurch, dass dargethan wird, er sei der gute d. h. sein Inhalt stimme mit demjenigen berein, was den Inhalt des Guten d. h. des am Wollen unbedingt Wohlgeflligen ausmacht. Erweis der Gte des Gebots durch den Nachweis, dass der gebietende Wille der strkste d. h. strker als der gehorchende und folglich denselben zu zwingen vermgend sei, wrde das Faustrecht d. h. das angebliche Recht des Strkeren bedeuten d. i. den Grundsatz: dass dasjenige, was die Macht will, gut, nicht aber, dass nur die Macht, die das Gute will, diejenige sei, der man zum Gehorsam verpflichtet ist. Das zweite wrde das Vorangehen des Beweises erfordern, dass der Gesetzgeber, als dessen Gesetz das gebotene Wollen sich kundgibt, wirklich Gott d. h. nicht blos ein angeblicher, sondern der wirkliche Gott d. h. ein solcher sei, zu dessen Eigenschaften es naturnothwendig gehrt, nur das Gute d. i. das sein Sollende, zu wollen. Da nun dieser Beweis nicht erbracht werden kann, ohne das Gute d. i. das unbedingt Wohlgefllige am Wollen zu kennen, auf dessen Uebereinstimmung mit dem angeblich gttlichen Gebot eben die Anerkennung des letzteren als eines gttlichen beruht, so setzt die Ethik als theologische d. i. das Gute auf das Gebot Gottes zurckfhrende Wissenschaft, die Kenntniss des Guten als gewonnen voraus, statt dieselbe zu gewhren. Wird jedoch der gesetzgebende Wille statt in einen Andern, in das Innere des Wollenden selbst, gleichsam als ein hherer, berempirischer in das menschliche, empirische Individuum verlegt, so dass der Mensch gleichsam als ein aus zwei Elementen, einem berempirischen und einem empirischen, zusammengesetztes Doppelwesen erscheint, deren eines zum Befehlen, das andere zum Gehorchen bestimmt ist, so kehrt dieselbe Schwierigkeit wieder d. h. es muss neuerdings dargethan werden, dass der sich im Menschen als der hhere geberdende Wille ("der Gott in uns") wirklich den Anspruch besitze und nicht blos mache, als solcher anerkannt, und dessen Gesetz die Berechtigung habe, nicht blos, weil es sein, sondern weil es ein gutes Gesetz ist, Gehorsam zu fordern. 146. Selbst Kant's souverner kategorischer Imperativ hat der Verpflichtung, als gutes d. i. Gehorsam zu fordern berechtigtes Gebot sich zu legitimiren, sich nicht zu entziehen vermocht. Freilich thut er dasselbe nicht durch den Erweis, dass der Inhalt seines Gebotes der gute, sondern dadurch, dass das Gegentheil desselben in sich widersprechend sei. Der von ihm aufgestellte Satz: Handle so, dass die Maxime deines Wollens fhig sei, als allgemeines Gesetz zu dienen, soll nicht den Inhalt des Guten, sondern ein Kennzeichen darbieten, denselben zu erkennen. Die Fhigkeit einer Maxime, allgemein als Gesetz aufgestellt zu werden, verrth sich darin, dass das Gegentheil derselben, als allgemeines Gesetz gedacht, sich selbst widerspricht. Kant's Kriterium des Guten ist logisch, nicht ethisch. 147. Aber das Beispiel, das er gibt, fhrt nicht einmal zum Widerspruch. Kant erweist die Pflicht, anvertraute Gter zurckzugeben, auf die Weise, dass er bemerkt, im entgegengesetzten Fall wrde es keine anvertrauten Gter mehr geben. Allein die der Maxime, anvertraute Gter zurckzustellen, entgegengesetzte Maxime, anvertraute Gter nicht zurckzustellen, wrde nur dann auf einen Widerspruch fhren, wenn sie verlangte, obgleich keine anvertrauten Gter vorhanden seien, dennoch dergleichen zurckzustellen. Dieselbe fhrt jedoch auf keinen Widerspruch, wenn sie, wie sie es wirklich thut, verlangt, anvertraute Gter, wenn dergleichen vorhanden sind, nicht zurckzustellen. 148. Kant geht von dem richtigen Satze aus, dass jedes gute Gebot allgemein giltig und schliesst daraus umgekehrt, dass jedes allgemein giltige Gebot nothwendig gut sei. Er erweist daher statt, wie er sollte, die Folge aus dem Grund, umgekehrt, wie er nicht durfte, den Grund aus der Folge. Allgemein giltige Gebote sind nothwendig gute, aber nicht alles, was allgemein gilt d. h. dessen Gegentheil auf einen Widerspruch fhrt (wie z. B. mathematische Wahrheiten) ist ein ethisches Gebot. In der krzeren Form, welche Kant seinem obersten Sittengesetze gibt: folge der praktischen Vernunft d. i. thue, was du sollst, wird die leere Tautologie, in die sich der kategorische Imperativ verwickelt, noch aufflliger. Denn da die Vernunft nichts anderes ist als die Stimme des Sollens, so bedeutet jenes Gebot: du sollst, was du sollst -- einen identischen Satz. 149. Der kategorische Imperativ oder die sogenannte praktische Vernunft im Wollenden nimmt in Bezug auf den Inhalt ihres Gebots dem an sich Guten gegenber keine andere Stellung ein, als Gott und die sogenannte gttliche Gesetzgebung ausserhalb des Wollenden. Wie die letztere, um den angeblichen von dem wahren (d. i. eines Gottes wrdigen) Willen Gottes unterscheiden zu knnen, nach den Worten des Thomas von Aquin: non ideo bonum est, quia deus prcepit, sed ideo deus prcepit, quia bonum est, der Rechtfertigung durch Uebereinstimmung ihres Inhalts mit jenem des an sich Guten (d. i. des unbedingt Wohlgeflligen am Wollen) bedarf, so muss, um den Ausspruch der wahren von dem einer blos vermeintlichen gebietenden Vernunft unterscheiden zu knnen, der Inhalt desselben an dem Massstab einer andern, der ber Werth und Unwerth des Wollens unbedingt entscheidenden urtheilenden Vernunft geprft und durch diese entweder besttigt oder verworfen werden. 150. Wie in der Pflichtenlehre der Grund der Gte des gehorchenden in jener des befehlenden Willens, so liegt in der Ethik als Tugendlehre der Grund der Gte des nachahmenden in jener des nachgeahmten Willens. Dieselbe stellt, wie die stoische Moral in der Person des stoischen Weisen, wie Aristoteles in seinem "gerechten Mann" (orthos anr) ein ethisches Ideal, das Bild einer vollendeten oder doch fr vollendet ausgegebenen idealen Persnlichkeit als Tugendmuster d. i. als nachahmungswerthes Vorbild auf, durch dessen Nachahmung das Wollen des Nachahmenden selbst tugendhaft, Mustertugend wird, aus keinem andern Grunde, als weil und insofern es dem Wollen des Tugendmusters gleicht. Ethik als Tugendlehre ist daher zwar vorschreibend, insofern sie ein Vorbild zur Nachahmung aufstellt, aber zugleich blos beschreibend, indem sie das Wesen des Tugendmusters ausmalt. Die stoische Moral begngte sich nicht damit, auf das Ideal des Weisen als Muster hinzudeuten, sondern entwarf ein Charaktergemlde desselben und seines Verhaltens in allen denkbaren Lebenslagen als musterhaft. Die Ethik als Tugendlehre verfhrt weder imperativ, noch deducirend, sondern demonstrirend d. i. auf ein gegebenes, sei es historisch in der Wirklichkeit, sei es poetisch in der idealen Welt, Vorhandenes hinweisend und dasselbe ein- fr allemal als ethische Autoritt d. i. als den schlechthinigen Ausdruck des an sich Guten proclamirend. Wie Max von Wallenstein sagt: "Auf ihn nur braucht' ich zu schau'n und war des rechten Pfad's gewiss" -- so zeigt die Ethik als Tugendlehre auf jede Frage nach dem Guten, statt aller Antwort auf den Guten hin, in dessen jeweiligem Wollen dasselbe verkrpert sei. 151. Soll dessen ethische Autoritt nicht blos "auf Autoritt" hin, das Ideal des stoischen Weisen nicht blos auf das Zeugniss der Stoiker, der orthos anr nicht blos auf jenes des Aristoteles hin als Tugendmuster gelten, so muss die Berechtigung derselben, ideal d. i. absolut wohlgeflliges Vorbild zu sein, wissenschaftlich d. i. durch Uebereinstimmung ihres Wollens mit dem an sich Guten (d. i. dem unbedingt Wohlgeflligen am Wollen) vorher erwiesen werden. Weil aber dieser Erweis die Kenntniss des Guten bedingt, das gute Wollen nicht deshalb gut, weil es das Wollen des Guten (Mannes), sondern der Gute deshalb gut ist, weil er das Gute will, so setzt Ethik als Tugendlehre, statt selbst Wissenschaft des Guten zu sein, vielmehr diese d. i. die Wissenschaft der Normen, nach welchen das Wollen unbedingt gefllt oder missfllt, die sthetische Wissenschaft vom Wollen, die Willenssthetik voraus. 152. Gter-, Pflichten- und Tugendlehre als Formen der Ethik sind damit gleichmssig abgelehnt. Die Eigenschaften des Wollens, welche dasselbe zum guten machen, gehren nicht, wie bei jenen, dem wirklichen, sondern ausschliesslich dem gedachten Wollen d. i. der blossen Vorstellung eines solchen, dem Schein eines Wollens an. Wie sthetischer Schein berhaupt weder dadurch, dass etwas durch denselben hindurchscheint, noch dadurch gefllt, dass er einem gewissen Subjecte scheint, sondern allein dadurch, dass er gewisse unbedingt wohlgefllige Formen an sich trgt, so gefllt das Bild eines Wollens weder dadurch, dass dieses bestimmte Folgen nach sich zieht (wie in der Gterlehre), noch dadurch, dass dieses das, sei es gebietende oder als Muster vorgestellte Wollen eines Andern nachahmt (wie in der Pflichten- und Tugendlehre), sondern allein dadurch, dass das Wollen gewisse unbedingt wohlgefllige Formen an sich trgt. Die Aufstellung dieser letzteren ist die Aufgabe der Ethik als Aesthetik des Wollens. 153. Zieht man von dem guten wirklichen Wollen die ussere Hlle der Wirklichkeit ab, so bleibt der Gedanke, das Bild oder die Vorstellung dieses Wollens allein brig. Dieses Bild wird als Vorgestelltes nicht nur mit einem gewissen Grade von Intensitt vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird in diesem als Wollen von einem bestimmten hheren oder niederen Intensittsgrad vorgestellt. Dasselbe wird ferner nicht blos in Beziehungen und Verhltnissen (der Gleichheit, Ungleichheit, der Identitt oder des Gegensatzes) zu anderen hnlichen oder unhnlichen Willensbildern vorgestellt, sondern das Wollen, dessen Bild es ist, wird selbst als in Beziehungen und Verhltnissen (der Uebereinstimmung oder des Widerstreits) zu anderem, sei es Wollen, sei es Vorstellen, stehend vorgestellt. Jenes ergibt einen quantitativen, dieses einen qualitativen Gesichtspunkt zur Beurtheilung des Wollens. 154. Ersterer betrifft das Wie, letzterer das Was des vorgestellten Wollens. Dasselbe wird von jenem aus entweder als stark, oder als schwach, als reich und mannigfaltig, oder als drftig und einfrmig, als wohlgeordnet und in sich zusammenhngend, oder als ordnungslos und in sich zerrissen vorgestellt, und nach der sthetischen Idee der Vollkommenheit dem starken, reichen, zusammenhngenden vor dem schwachen, armen und zusammenhanglosen Wollen der Vorzug gegeben. Von diesem aus wird dasselbe entweder als mit einem anderen Wollen (z. B. dem eines Andern) ganz oder theilweise identisch oder demselben entgegengesetzt vorgestellt und nach der sthetischen Idee des Einklangs im ersteren Falle mit Lob, in letzterem mit Tadel begleitet. Die Entwicklung und Aufzhlung aller sowol vom quantitativen als vom qualitativen Gesichtspunkt aus mglichen Flle ergibt die ethischen Ideen. 155. Diese Flle sind folgende. Jedes Wollen als solches besitzt eine Energie, mit welcher, und einen Inhalt, welcher gewollt wird. Wird die erstere d. i. das Quantum des Wollens, ohne Rcksicht auf den letzteren, das Quale des Wollens, allein ins Auge gefasst, so ergibt sich der quantitative, findet das Gegentheil statt, der qualitative Gesichtspunkt seiner Beurtheilung. Weil jede Bethtigung des Wollens als eines Ueberwindens entgegenstehender Hemmnisse von Lustgefhl begleitet ist und sich dasselbe in gleichem Grade steigert, als das aufgewendete Quantum der Wollensbethtigung wchst, so muss mit der Vorstellung des grsseren Quantums von Wollensbethtigung nothwendig ein grsseres, mit der Vorstellung eines mit dem ersteren verglichen kleineren Wollensquantums eben so nothwendig ein geringerer Grad von Lustgefhl verbunden sein d. h. das strkere Wollen gefllt neben dem schwcheren, das schwchere missfllt neben dem strkeren. Dieser Erfolg besteht so lange, als das proportionale Verhltniss zwischen den beiden unter einander verglichenen Wollensquantitten dasselbe bleibt. Ob die beiden unter einander ihrer relativen Strke nach verglichenen Wollen als einem und demselben oder als verschiedenen wollenden Wesen angehrig gedacht werden, macht dann keinen Unterschied. Wchst das kleinere Wollensquantum, oder nimmt das grssere ab, so dass schliesslich beide den gleichen Grad von Strke besitzen, oder bei fortwhrendem Wachsen des kleineren oder Abnehmen des grsseren das schwchere zum strkeren, das strkere zum schwcheren Wollen wird, so hrt in dem einen Fall, da beide gleich stark geworden sind, jeder Vorzug des einen vor dem andern auf, in dem andern Fall, da das schwchere zum strkeren geworden ist, kehrt sich das Verhltniss um, das vorher wohlgefllige missfllt, das vorher missfllige wird wohlgefllig. In beiden Fllen stellt das strkere den Massstab des schwcheren, jenes gleichsam das "Volle" dar, zu welchem dieses erst "kommen" soll. 156. Wird das Quantum des Wollens hierbei als ber jedes erreichbare Mass hinaus fortschreitend vorgestellt, so geht die Vorstellung des starken in die des durch seine Strke erhabenen Wollens d. i. eines solchen ber, im Vergleich mit welchem jede dem Vorstellenden selbst als Wollendem erreichbare Strke seines Wollens in nichts verschwindet. Das in diesem Fall vorgestellte Wollen erscheint mit dem des Vorstellenden selbst verglichen unendlich (d. h. ber jede diesem vorstellbare Grenze hinaus) gross; das eigene Wollen des Vorstellenden diesem mit jenem verglichen unendlich (d. h. ber jede von diesem vorstellbare Grenze hinaus) klein. Letzterer Umstand ruft in dem Vorstellenden das unangenehme Gefhl seiner Schwche als wollendes, dagegen das Bewusstsein, einen dem seinen unendlich berlegenen Willen zwar nicht im Wollen erreichen, aber doch wenigstens mit seiner vorstellenden Kraft vorstellen zu knnen, das angenehme Gefhl der eigenen Strke als vorstellendes Wesen hervor, so dass beide, dieses Lust- und jenes Unlustgefhl zusammen, jenem ber alles Mass hinaus gesteigerten Wollen gegenber wieder das gemischte Gefhl des Erhabenen erzeugen. Letzteres mag, da es ein Wollen ist, zum Unterschied von dem im Vorangehenden erwhnten, welches nur auf der Ueberschreitung der Grenze des Vorstellbaren beruhte, mit einem Kant'schen Ausdruck das dynamisch Erhabene heissen. 157. Wird, wie oben vom Quale, so vom Quantum des vorgestellten Wollens ab und nur auf das Was desselben gesehen, so ergeben sich, da in Bezug auf den Umstand, dass berhaupt etwas gewollt wird, ein Wollen dem andern gleicht, in Bezug auf dasjenige, welches gewollt wird, aber, weil jede beliebige Vorstellung Sitz eines Wollens werden kann, eine so unendliche Mannigfaltigkeit stattfindet, dass von einer Aufzhlung oder Vergleichung derselben unter einander keine Rede sein kann, nur nachstehende Flle. Das vorgestellte Wollen wird entweder auf den Wollenden selbst oder auf einen anderen Wollenden bezogen, letzterer aber entweder als blos in der Vorstellung des ersten vorhanden, oder als wirklich vorhanden vorgestellt. Findet das erste statt d. h. wird das Wollen des Wollenden auf den Wollenden selbst bezogen, so muss etwas in diesem als vorhanden vorgestellt werden, was sich mit dessen Wollen vergleichen lsst. Wird dagegen das Wollen auf einen Anderen bezogen, so muss in diesem etwas vorhanden gedacht werden, das sich mit dem Wollen jenes ersten vergleichen lsst. Dasjenige im Wollenden, mit dem sich sein Wollen vergleichen lsst, kann nun nichts anderes sein, als das Bild dieses Wollens d. h. die Vorstellung, die er sich selbst von seinem Wollen macht. Dasjenige im Andern, womit das Wollen des ersten verglichen wird, seinerseits kann wieder nur ein Wollen, und zwar entweder als blos gedachtes d. i. nur in der Vorstellung des ersten vorhandenes, oder als wirkliches, thatschlich existirendes im zweiten sein. 158. Das Bild, das sich der Wollende von seinem eigenen Wollen macht, gehrt dessen Vorstellen (dem Intellect), das Wollen selbst, von dem er ein Bild sich macht, dessen mit der Vorstellung der Erreichbarkeit des Angestrebten verbundenem Streben (dem Willen) an: beide, das Bild des Wollens im Intellect und das wirkliche Wollen des Willens des Wollenden verhalten sich zu einander, wie Vorbild und Nachbild, Original und Copie; der Intellect entwirft das Bild eines gewissen mglichen Wollens (Willensproject), der Wille fhrt es aus oder auch nicht im wirklichen Wollen (Willensact). Im ersten Fall trgt das wirkliche Wollen die Zge des gedachten d. h. dasselbe ahmt das letztere nach; im letzteren Fall fallen Willensproject und Willensact, auf ihren Inhalt hin angesehen, gnzlich aus einander, gedachtes und wirkliches Wollen decken einander nicht. Beide Flle, die auf der einseitigen Identitt des gedachten und des wirklichen Wollens beruhen, wiederholen die sthetische Idee des Charakteristischen auf dem Gebiete des Wollens. 159. Wie jene allgemein darin besteht, dass sich der gesammte Inhalt des Nachbildes am Vorbilde, dagegen nicht alles, was letzterem eigen ist, an dem ersten findet, so besteht das Verhltniss zwischen gedachtem und wirklichem Wollen darin, dass der gesammte Inhalt des wirklichen sich in dem Inhalt des gedachten, nur mit dem Unterschied vorfindet, dass er das einemal nur als Gedanke (Vorstellung, Bild, ideal), das anderemal als Wollen (wirklich, real) vorhanden ist. Wie unter der Herrschaft der Idee des Charakteristischen Original und Portrait einander so nahe kommen, dass nur der Umstand, dass das eine ein wirklich, das andere ein nur scheinbar belebtes ist, sie von einander scheidet, so kommen im vorliegenden Verhltniss gedachtes und wirkliches Wollen mit einander so vollkommen berein, dass nur der Umstand, dass das eine als wirklich nur gedachtes, das andere ein Gedachtes verwirklichendes Wollen ist, sie trennt. Der unbedingte Beifall, welcher die erstere, die Harmonie zwischen Vorbild und Nachbild, begleitet, kann daher auch dem letzteren, welches die Harmonie zwischen gedachtem und wirklichem Wollen des Wollenden ausdrckt, eben so wenig fehlen, wie dessen Gegentheil, der Disharmonie zwischen beiden, das unbedingte Missfallen. 160. Wie die Beziehung zwischen gedachtem und wirklichem Wollen im Wollenden selbst auf der einseitigen, so beruht jene zwischen dem wirklichen Wollen des Wollenden und seiner Vorstellung vom Wollen eines Andern auf jenem der gegenseitigen Identitt. Beide Flle haben das mit einander gemein, dass beide Glieder, deren Beziehung unter einander das Verhltniss ausmacht, dem Bewusstsein eines und des nmlichen Individuums (des Wollenden) angehren; ferner, dass diese Glieder jedesmal je ein gedachtes und ein wirkliches Wollen sind; der Gegensatz beider Flle aber besteht darin, dass das gedachte Wollen, auf welches das wirkliche Wollen sich bezieht, in dem einen Fall als das eigene des Wollenden, in dem anderen als das eines Anderen gedacht wird. Wie nun im ersten Fall das gedachte eigene zum Vorbild des eigenen wirklichen Wollens, so wird in dem hier vorliegenden Falle das gedachte fremde zum Vorbild des eigenen wirklichen Wollens. In jenem Fall wird das Bild des eigenen Wollens, in diesem das Bild des fremden Wollens vom Wollenden nachgeahmt, so dass in jenem Harmonie zwischen gedachtem eigenem und eigenem wirklichem, in diesem dagegen Harmonie zwischen gedachtem fremdem und wirklichem eigenem Wollen stattfindet. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches Wollen werden dabei ihrem Inhalt nach congruent, dem Umstand nach, dass das eine blos gedacht, das andere wirklich, das eine eigenes, das andere fremdes Wollen ist, als gegenstzlich vorausgesetzt; jedes der beiden Verhltnissglieder hat durch die Identitt des Inhalts etwas, und zwar ein Ueberwiegendes mit dem andern gemein und jedes etwas, wenngleich nichts berwiegendes, das eine die Eigenschaft, dass es eigenes und wirkliches, das andere die entgegengesetzte, dass es gedachtes und fremdes Wollen ist, vor dem anderen voraus. 161. Dass in diesem Willensverhltniss die sthetische Idee des Einklangs auf ethischem Felde wiederkehrt, braucht kaum erst hervorgehoben zu werden. Gedachtes fremdes und eigenes wirkliches Wollen verhalten sich zu einander wie die berwiegend identischen, obgleich jedes dem andern theilweise entgegengesetzten Glieder einer Ton-, Farben- oder Gedankenharmonie. Wie dieser auf sthetischem, so kann jenem Willensverhltniss auf ethischem Gebiet das unbedingte Lob eben so wenig ausbleiben, wie seinem Gegentheil, der Disharmonie zwischen gedachtem fremdem und eigenem wirklichem Wollen der unbedingte Tadel. 162. Schon hier mag erwhnt sein, dass der Einklang des eigenen wirklichen mit dem gedachten fremden Wollen nicht mit der inhaltlichen Uebereinstimmung des eigenen mit fremdem Lust- oder Unlustgefhl, wie sie in den bekannten psychischen Phnomen des sogenannten Mitgefhls zu Tage tritt, verwechselt werden drfe. Jener drckt eine Beziehung eigenen Wollens auf fremdes, dieses zwar gleichfalls eine Beziehung eigener auf fremde Gemthszustnde, jedoch nicht eine solche des Wollens, sondern des Fhlens aus. Das sympathetische Gefhl ist die Wiederholung eines fremden oder die Entstehung eines jenem entgegengesetzten Gefhls im eigenen Gemth, obiges Willensverhltniss dagegen die Wiederholung eines dem fremden gleichen oder die Entstehung eines jenem entgegengesetzten Wollens im eigenen Willen. Jenes ist bei dem Mitleid und der Mitfreude, wo das Leid des Andern Leid, die Lust des Andern Lust in uns hervorruft, einerseits -- bei Neid und Schadenfreude, wo die Lust des Andern Leid und das Leid des Andern Lust in uns nach sich zieht, andererseits der Fall. Dieses ereignet sich, wenn ein (wirklich oder vermeintlich) vorhandener Wunsch oder Wille eines Andern Veranlassung wird, unsererseits dasselbe, oder zum Grund fr uns wird, das ihm Entgegengesetzte zu wollen. 163. Das sympathetische Gefhl, welches durch Nachahmung der Gefhle eines Andern und obiges Willensverhltniss, welches durch Nachahmung der Wnsche eines Andern von unserer Seite entsteht, haben nichts weiter mit einander gemein, als dass in beiden Fllen der Andere durch seine inneren Vorgnge Ursache wird gewisser Vorgnge in uns, mit dem bedeutsamen Unterschied, dass bei dem sympathetischen Gefhl, auch wenn die nachgeahmten Gemthszustnde nicht wirklich vorhanden sind, doch gewisse Zeichen, welche als Aeusserungen derselben gelten knnen (z. B. Thrnen als Zeichen des Leides, Lachen als solches der Freude) wirklich wahrgenommen (also wenn jener Gemthszustand nicht wirklich vorhanden ist, knstlich, wie es beim Schauspieler der Fall ist, erzeugt) werden mssen, dass also der Andere jedenfalls wirklich vorhanden sein muss; whrend bei obigem Willensverhltniss das Wollen des Andern blos gedacht, daher eben so wie dieser Andere selbst nur in der Vorstellung des Wollenden als dessen Gedanke (Imagination) zu existiren nthig hat. 164. Ein neues Willensverhltniss entsteht, wenn das Wollen des Andern, auf welches das des Wollenden bezogen wird, nicht blos gedacht d. h. nur als Gedanke im Wollenden vorhanden, sondern wirklich d. h. unabhngig von dessen Gedacht- oder Nichtgedachtwerden neben und ausser dem Wollenden vorhanden ist. In diesem Fall muss, da wirkliches Wollen nicht ohne wollendes Subject als Trger desselben gedacht werden kann, jener Andere selbst als Wollender neben und ausser dem ersten Wollenden als wollendes Du neben dem wollenden Ich als existirend gedacht werden. Das Willensverhltniss, welches bisher nur in einer Beziehung, sei es des eigenen gedachten zum eigenen wirklichen, sei es des wirklichen eigenen zum fremden gedachten Wollen, sonach innerhalb des Bewusstseins eines einzigen Wollenden bestand, erweitert sich durch die Beziehung des wirklichen eigenen zu fremdem wirklichem Wollen ber die Sphre des individuellen Bewusstseins hinaus zu einer Beziehung, welche zwischen zwei verschiedenen Wollenden angehrigen Wollen d. i. zu einem solchen, welches zwischen zwei verschiedenen Individuen besteht und daher nicht ohne Hinaustreten des einen wie des andern der beiden auf einander zu beziehenden wirklichen Wollen ber die Grenze der Innen- in die Atmosphre der Aussenwelt gedacht werden kann. Dass diese letztere hiebei fr beide eine gemeinsame sein muss, leuchtet von selbst ein. Wre sie es nicht d. h. wre die Welt, in welche das Wollen des einen, von der Welt, in welche das des andern hinaustritt d. i. sich ussert, in der Weise verschieden, dass, was in der einen geschieht, in keiner Weise zu jenem, was in der andern vor sich geht, eine Beziehung zu haben vermchte, so knnte auch zwischen dem Wollen des einen (des Ich) und jenem des andern (des Du) als gnzlich ausser einander gelegenen Welten angehrig, keine solche bestehen, und das Willensverhltniss, von dem hier die Rede, wre einfach unmglich. 165. Dadurch, dass die Aeusserungen beider wirklicher Wollen in eine beiden gemeinsame Aussenwelt fallen, ist nur die Mglichkeit, keineswegs die Wirklichkeit einer Beziehung zwischen denselben hergestellt. So lange die beiderseitigen Willensusserungen neben, aber auch ausser einander herlaufen knnen, ohne dass eine der andern auf ihrem Wege begegnet, mgen sie beide zwar ihrem Inhalt nach d. h. in Gedanken und als gedachte Willensbestrebungen mit einander verglichen werden; zwischen beiden als wirklichen d. i. als wirkenden Wollen besteht, so lange keiner derselben auf den andern wirkt, kein wirkliches Verhltniss. 166. Letzteres tritt erst ein, wenn die eine Willensusserung auf die andere trifft, und zwar in der Weise, dass dieselbe weder durch die andere, noch diese durch jene hindurchgehen kann, ohne einander zu stren, sondern dass die eine die andere und diese jene in ihrem Fortschreiten hemmt d. h. dass beide, als gleichzeitig bestehend gedacht, mit einander unvertrglich sind. Beide Willensusserungen stehen sodann unter einander in einem Verhltniss, welches dem der gegenseitigen Ausschliessung des seinem Inhalt nach berwiegend Entgegengesetzten entspricht und, wie dieses einen Conflict zwischen mit einander unvertrglichen Vorstellungen im Denken, so einen solchen zwischen mit einander unvertrglichen Wirklichen im Sein darstellt. Jene als einander ausschliessende Gedanken knnen nicht mit einander zugleich gedacht, diese als einander ausschliessende Krfte knnen nicht als mit einander zugleich bestehend ertragen werden. Ausdruck dieses Conflicts ist der Streit beider Wollenden. 167. Willensacte (volitiones) sind "Gedanken, die leicht bei einander wohnen"; Willensusserungen (actiones) sind "Sachen, die sich hart im Raume stossen". Jene, auch wenn sie dem Inhalt nach einander ausschliessen, berschreiten die Grenze des Bewusstseins ihres Trgers nicht; diese, auch wenn sie dem Inhalt nach mit einander vertrglich sind, gehen ber dieses hinaus und treten als Vernderungen in der Aussenwelt d. i. als Verschiebungen der bisherigen Lage der Dinge in der letzteren auf. Auch wenn die Willensusserung in nichts anderem besteht als in einem Ausruf, einem gesprochenen Wort, einer Miene, einer Gliederbewegung des eigenen Leibes des Wollenden, so wird durch dieselbe eine Aenderung der bisherigen Sachlage, durch den Ruf, das Wort eine Erschtterung der den Raum erfllenden atmosphrischen Luft, durch die Geberde, die Handbewegung eine Umstellung der Masse des eigenen organischen Leibes herbeigefhrt, welche bei der stetigen Erfllung des Raumes mit Nothwendigkeit eine Ortsvernderung der angrenzenden Luft- oder Stofftheile herbeifhren und so als nhere oder entferntere Wirkung des durch den Willen gegebenen Impulses durch den Raum und die Materie sich fortpflanzen muss. Da sonach jede Willensusserung als solche einen gewissen Theil des den Raum erfllenden dnneren oder dichteren Stoffes fr sich in Anspruch nimmt, so kommt es ganz auf die Natur dieses letzteren an, ob derselbe fhig sei, zweien oder mehreren Willensusserungen als Werkzeug der Aeusserung zugleich zu dienen. Ist der Stoff, welchen der Wille zu seiner Aeusserung gebraucht, von der Art, dass er zugleich von einem andern, von jenem verschiedenen Wollen zu dessen Aeusserung verwendet werden kann d. h. ist derselbe fr beide Wollen durchdringlich (permeabel), so entsteht kein Streit: die Aeusserung des einen geht durch die Aeusserung des anderen Willens hindurch, ohne dieselbe zu hindern oder durch sie gehindert zu werden. So gehen die Schallwellen, die das gesprochene Wort des einen erzeugt, durch jene, die das des andern hervorruft, dem Anscheine nach ohne einander zu stren, hindurch, indem beiden dieselbe den Raum erfllende atmosphrische Luft zum Schallorgan dient. Ist dagegen jener Stoff von solcher Beschaffenheit, dass derjenige Theil desselben, welcher von einem Willen als Instrument seiner Aeusserung in Beschlag genommen ist, nicht zugleich von einem andern zu gleichem Zweck in Besitz genommen werden kann d. h. ist der von einem Wollen erfllte Stoff undurchdringlich (unpermeabel) fr ein anderes Wollen, so stellt er den Stein des Anstosses dar, an dem beide Wollen und in dem sie beide an einander prallen; es entsteht ein Zustand, der so, wie er ist, nicht dauern und so lange beide Wollen dieselben bleiben, die sie sind, nicht anders werden kann. Eine unhaltbare und doch thatschliche Sachlage -- ein realer d. i. real gewordener Widerspruch. 168. Von dieser Art war die Situation, von welcher Carl V. sagte, "dasselbe, was mein Bruder Franz will, will ich auch, nmlich Mailand." Indem das Object beider Wollen ein solches ist, dass es nur einem oder keinem von beiden dienen kann und doch beide Wollen solche sind, dass sie nicht aufhren, eben dieses Object zu begehren, wird eine Sachlage geschaffen, welche, obgleich factisch, doch irrational und obgleich irrational, doch factisch ist, als unabweislich zugleich und undenkbar sich aufdrngt. 169. Ausdruck dieses Eindrucks im Zuschauer ist der unbedingte Tadel, der dem Streite folgt. Derselbe kann, da der Grund des Streites einerseits in dem Umstand, dass beide dasselbe Object wollen, andererseits in dem Umstand, dass dieses seiner Natur nach nicht beiden zugleich nachzugeben vermag, gelegen ist, nicht der Natur des Objects, die als solche unvernderlich durch Naturgesetze gegeben ist, sondern nur den beiden Wollenden gelten, deren Wille der Natur des Wollens nach vernderlich und von der Selbstbestimmung der Wollenden abhngig ist. Da nun obiger Tadel so lange sich erneuert, als obige Sachlage unverndert fortbesteht, letztere aber nur eine Aenderung erfahren kann, wenn, da die Natur des Objects unvernderlich ist, eines der beiden streitenden Wollen, oder wenn beide eine Abnderung erleiden, so folgt, dass, um dem Tadel zu entgehen, kein anderer Ausweg mglich ist, als dass das streitende Paar, oder wenigstens einer der Streitenden vom Streite ablsst d. i. sein bisheriges Wollen ndert, auf das Object desselben verzichtet, dasselbe freilsst. 170. Durch diese Aenderung des Wollens erlischt der Streit, es wird Friede. Das Object, das den Anlass zum Streite bot, ist dasselbe geblieben, das es war, nur der nach seiner Beschaffenheit usserliche, zufllige Umstand, dass es zugleich Gegenstand zweier Wollen und dadurch Grund geworden war, dass diese sich als unvertrglich mit einander an den Tag legten, ist geschwunden. Dasselbe kann nunmehr entweder, wenn beide verzichtet haben, ruhig an seinem Ort beharren oder wenn nur einer verzichtet hat, ohne Anstand dem Wollen des Anderen Raum geben. Der unertrgliche, weil in sich widersprechende Zustand besteht nicht mehr, weil die mit einander unvertrglichen Wollen nicht mehr bestehen d. h. weil die Wollenden, die bisher sich unter einander ausschlossen, sich jetzt entweder, weil keiner mehr, oder, weil nur mehr einer will, was er wollte, sich unter einander vertragen. 171. Je nachdem dieses nunmehrige Sichvertragen der Wollenden stillschweigend erfolgt oder ausdrcklich durch eine, wie immer geartete Kundgebung von Seite der Wollenden (Vertrag, pactum) bekrftigt wird, nimmt der hergestellte Friede selbst natrlichen oder positiven, vertragsmssigen Charakter an. Je nachdem die Aenderung des Wollens, auf deren Grund hin der Streit erlischt, sei es bei einem, sei es bei jedem der Streitenden entweder nur aus dem Grunde erfolgt, weil derselbe oder dieselben zur Einsicht gelangt sind wegen gnzlicher Erschpfung an physischer Kraft nicht mehr streiten zu knnen, oder weil einer oder beide die Ueberzeugung gewonnen haben, es bringe grsseren Vortheil Frieden zu schliessen als weiter zu streiten, oder endlich weil derselbe oder dieselben ausser Stande sich fhlen, den, so lange der Streit fortwhrt, stets sich erneuernden Tadel, welcher die Streitenden trifft, weiter zu tragen, nimmt der Friede selbst entweder den Charakter eines blossen "Nothfriedens" oder den eines "Schacherfriedens", oder im letzten Falle den eines sittlichen d. h. eines um keines andern Motives willen, als um dem ethischen Tadel des Streites zu entgehen, geschlossenen Friedens an. 172. Nur der letztgenannte ist dauerhafter, beide vorher angefhrten sind lediglich vorbergehender Natur. Der aus keinem anderen Grunde entstandene Friede, als weil die streitenden Parteien sich erschpft fhlen, whrend der Wille zu streiten, wenn die Krfte zureichten, nach wie vor vorhanden bleibt, besteht nur so lange, als das Kraftgefhl mangelt; mit dem Erwachen des letzteren hebt der Streit wieder an. Der um des materiellen Vortheiles willen geschlossene Friede aber whrt nur so lange, als die Aussicht auf Erlangung grsserer Vortheile durch den Frieden, als durch den Streit besteht; von dem Augenblicke an, als diese Aussicht schwindet, oder die ihr entgegengesetzte sich erffnet, hrt auch der Wille Frieden zu halten auf und schlgt in den entgegengesetzten, von neuem Streit zu beginnen, um. Bestand und Dauer des Friedens hngen sonach in beiden Fllen nicht von dem an sich unwandelbaren Urtheil ber den unbedingten Unwerth des Streites, sondern von usseren Umstnden ab: in dem einen Fall von denjenigen Verhltnissen, welche den Wiederersatz der verlorenen Krfte beschleunigen oder verzgern, in dem andern Falle von den Umstnden, welche die Erlangung materieller Vortheile durch den Frieden oder durch den Streit begnstigen oder verhindern. Nur derjenige Friede, der auf der Macht der Einsicht in die Verwerflichkeit des Streites ber Gemther und Wollen der im Streit begriffen Gewesenen beruht, trgt die Brgschaft unvernderten Fortbestandes, so lange jene Macht unverndert sich forterhlt, in sich. Die Erhaltung letzterer Macht aber ist so lange gesichert, als das ethische Urtheil des Wollenden ungetrbt, seine Beurtheilung des Streites von dessen den Widerspruch in sich tragender Natur ausschliesslich bestimmt und dadurch die Wiedererneuerung unbedingter Verwerfung desselben in jedem gegebenen Falle unvermeidlich ist. 173. Wie die natrliche Correctheit d. i. die Abwesenheit einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein zur knstlichen d. i. zu der sei es zufllig, sei es willkrlich "auf Zeit" hervorgebrachten Verdrngung der unvertrglichen aus dem und Ersatz derselben durch mit einander vertrgliche Vorstellungen in dem Bewusstsein, so verhlt sich der natrliche d. i. der Friede von Natur aus, innerhalb dessen unter einander ausschliessende Willensusserungen berhaupt nicht vorkommen, zum knstlichen d. i. zu demjenigen Friedenszustande, innerhalb dessen thatschlich vorhanden gewesene mit und unter einander unvertrgliche Willensusserungen, sei es in Folge physischer Ursachen (z. B. Erschpfung der Krfte) zufllig oder in Folge den Willen bestimmender Motive (z. B. der Schdlichkeit oder der Verwerflichkeit des Streites) willkrlich "auf Zeit und Kndigung" beseitigt und durch mit einander vertrgliche Willensusserungen ersetzt worden sind. Derselbe verheisst desto grssere Festigkeit, je dauerhafter die Grnde sind, welche die Ausschliessung der mit einander unvertrglich gewesenen Willensusserungen bewirkt haben; dagegen desto geringere, je wandelbarer und von der Laune des Geschickes abhngiger die Motive waren, welche die ursprnglich Streitenden zur Ablassung von jenem ihren Streit erregenden Wollen bewogen haben. Jenes ist, wie oben gezeigt, bei demjenigen Beweggrund vom Streite abzustehen, der aus der Einsicht von dessen Verwerflichkeit entspringt, dieses dagegen bei denjenigen Friedensgrnden der Fall, welche nur durch die Noth oder den usseren Nutzen dictirt sind. 174. Der knstliche Friede erstickt den Streit, aber nur fr so lange, als der Wille nicht zu streiten, die Oberhand behlt. Mit dem Verschwinden oder dem Nachlassen der Macht des letzteren taucht der Streit wieder empor; dessen "schlangenhaariges Scheusal" schlummert nur gebndigt aber nicht vernichtet unter der knstlichen Decke des Friedens. Der hergestellte Friede ist auf sein Wesen hin angesehen scheinbarer, nicht wirklicher; die wirklich vorhandenen, nur knstlich beseitigten sind die einander ausschliessenden Willensusserungen ("bellum omnium contra omnes"), der Unfriede. Letztere sind nicht absichtlich mit Wissen durch das Wollen der Streitenden, sondern sie sind unabsichtlich, ohne Wissen, ja voraussichtlicher Weise gegen den Willen der durch dieselben mit einander in Streit Gerathenden herbeigefhrt. Das Wollen, dessen Aeusserung an einem bestimmten Punkte der Aussenwelt mit der eines Anderen feindselig zusammentrifft, hat weder vor dem Zusammentreffen von dem Vorhandensein des Du noch von dessen auf jenes Object sich richtendem Wollen, also auch nicht von der Mglichkeit, noch weniger von der Unausweichlichkeit des Streites eine Vorstellung gehabt, dasselbe hat folglich diesen weder gewollt noch wollen gekonnt und wrde mglicher Weise, wenn es desselben Bevorstehen gekannt htte, die streitdrohende Aeusserung seines Willens nicht gewollt haben. Das Wollen der Streitenden ist an der Entstehung des Streites keineswegs ohne Schuld, aber jeder der Streitenden ist am Streite unschuldig; jener wre nicht entstanden, wenn keiner von beiden das Streitobject gewollt htte; aber keiner von beiden hat das Object als Streitobject und eben so wenig einer von beiden den Streit gewollt. Der Tadel, der dem Streit gilt, trifft darum jeden der Streitenden nur insofern, als ohne das Wollen desselben kein Streit entstanden wre; derselbe trifft beide Streitende in gleichem Grade, weil beide an dem Zustandegekommensein des Streites im gleichen Grade in einem Sinn betheiligt, im anderen unbetheiligt sind. 175. Die gleiche Vertheilung des Tadels auf beide Wollende hrt auf, wenn die gleiche Betheiligung beider Willenssubjecte an dem zwischen denselben stattfindenden Verhltniss ein Ende nimmt. Dieser Fall tritt ein, wenn das Zusammentreffen beider Wollenden nicht zufllig, ohne Wissen und Absicht beider, sondern absichtlich, mit Wissen und durch das Wollen des einen von beiden, dagegen ohne Wissen und wider den Willen des anderen herbeigefhrt wird. Jener, dessen gewusstes und gewolltes Object nicht, wie im vorhin geschilderten Falle des Streites ein beliebiges, sondern ein Anderer und zwar der Andere, das Du, und dessen jeweiliger Zustand ist, heisst insofern der Thtige (agens), dieser, der ohne Wissen und Willen, ja selbst wider Willen, mit seinem jeweiligen Zustand Object fr die Willensusserung des ersten ist, heisst insofern der Leidende (patiens). Letzteres nicht in dem Sinn, als msse die Folge seines Objectseins fr den Anderen eben ein eigentliches Leid d. i. ein Schmerzgefhl sein, sondern in dem Sinn, dass die Vernderung seines gegenwrtigen Zustandes, sei es zum Schlechteren oder zum Besseren, eben die Folge der ihn zum Object whlenden Willensusserung des Thtigen sei. An der Verursachung dieser Folge d. i. an der Vernderung des bisherigen Zustandes, welche der eine erzeugt, der andere nur duldet, sind beide ungleich betheiligt. 176. Wie Hammer und Ambos verhalten sich Thtiger und Leidender. Das geschmiedete Eisen ist Wohl oder Wehe des Leidenden. Das Schmieden des Eisens erfolgt durch den Hammer, aber auf dem Ambos; die Vernderung der bisherigen Sachlage nicht ohne den Leidenden, an dem, aber durch den Thtigen, von dem sie vollzogen wird. Jene selbst, mit dem bisherigen Zustande verglichen, stellt eine Strung desselben dar; der Urheber derselben, der Thtige, erscheint als Strenfried. Ausdruck dieser Strung d. i. derjenige von dem bisherigen verschiedene Zustand, welcher durch den Thtigen verursacht ist, ist die That. Dieselbe als Zustand, der jetzt ist und vorher nicht war, ist ein Wirkliches und als solches die Wirkung eines Wirkenden (des Thters). Diese Wirkung selbst aber ist in dem Geiste des Wirkenden vorgebildet als Vorsatz (Absicht) und in dem Zustande des durch dieselbe betroffenen Leidenden abgebildet als Folge (Erfolg). Nur wo beide, Vorsatz im Thtigen, Erfolg im Leidenden, einander decken, ist wirklich That; wo der Erfolg mangelt, ist, wenn das Wollen nicht zur Aeusserung gelangt ist, Intention ohne Action, wenn das Wollen zu nur unvollkommener Aeusserung gelangt ist, Versuch ohne Gelingen, wenn dagegen zwar der Erfolg, aber weder Versuch noch Absicht voranging, blosses Ereigniss vorhanden. 177. Da, wo keine That, auch kein Thter vorhanden ist, so kann fr das nackte Ereigniss, das sich an dem einen der beiden Wollenden, dem Leidenden, vollzieht, der andere der beiden, der sogenannte Thtige, zwar vielleicht als eine der mitbedingenden Ursachen, niemals aber kann das Wollen desselben als Ursache jenes Ereignisses angesehen werden. Da ferner, wo kein Erfolg, keine That, aber doch Absicht, ja Versuch einer solchen vorhanden ist, so kann fr das Nichteintreten des Erfolges am Leidenden zwar die geistige oder krperliche Beschaffenheit des sogenannten Thtigen (dessen Unverstand oder Ungeschick) als eine der Mitursachen des Ausbleibens des Erfolges, niemals aber kann dessen Wollen als die Ursache des Nichtgelingens betrachtet werden. Wird daher, wie es auf ethischem Gebiete der Fall ist, nur das Wollen beurtheilt, so fllt in dem ersten der beiden angefhrten Flle der sogenannte Thtige ganz ausserhalb des Kreises ethischer Beurtheilung, in dem zweiten dagegen zwar in denselben hinein, aber da dessen anderweitige psychische und physische Mngel, welche das Misslingen des Erfolges herbeigefhrt haben, den Schluss auf eine hnliche Mangelhaftigkeit in Bezug auf Beherrschung und Regelung seines Wollens gestatten, unter mildernden Umstnden. 178. Durch die That als Strung des bisherigen Zustandes ist etwas geschehen; aber so lange dieselbe als That d. i. als Strung nicht anerkannt ist, scheint es, als sei nichts geschehen. Oedipus hat seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet, aber nach aussen scheint es, als habe er weder das eine noch das andere gethan. Gegen scheltende Knechte eines unbekannten Reisenden hat er als ungerecht angegriffener Wanderer sich zur Wehre gesetzt: die zum Preise der Befreiung der Stadt von der Pest und Sphinx ausgesetzte Witwe des verstorbenen Knigs hat er durch Lsung des Rthsels auf rechtmssigem Wege zur Gattin erworben. Ein Verbrechen ist geschehen, aber es scheint, als sei keines geschehen; Schein gibt sich fr Sein, ein nur scheinbar vorhandener fr den wirklich vorhandenen Zustand aus. Die anscheinende Sachlage steht mit der thatschlichen in einem Widerspruch, der sich auf eine Zeit lang, aber nicht auf die Dauer verheimlichen lsst, und dessen klaffender Spalt um so unertrglicher erscheint, als der Inhalt des scheinbar zu dem Inhalt des wirklich Geschehenen im einander ausschliessendem Gegensatze steht. 179. Wie das Missfallen am Streit auf dem gleichzeitigen Bestand zweier einander ausschliessenden Willensusserungen, so beruht das Missfallen an der Strung durch die That in dem gleichzeitigen Fortbestand zweier einander ausschliessender Sachlagen, der scheinbaren, die vor der That bestand und dem Anschein nach trotz der That fortbesteht, und der wirklichen, welche durch die That erzeugt worden ist und dem Anschein nach noch nicht besteht. Wie es unmglich ist, dass zwei mit einander unvertrgliche Willensusserungen zugleich existiren, so ist es unmglich, dass zwei mit einander unvertrgliche Sachlagen zugleich als bestehend und wirklich anerkannt werden: dass Oedipus zugleich schuldig und schuldlos sei. Wie der Bestand unvertrglicher Willensusserungen, so ist der Bestand unvertrglicher Sachlagen ein irrationaler; aber, wie der Bestand jener Willensusserungen, so lange das Object und die Willen der Streitenden dieselben bleiben, ein factischer, so ist der Bestand der einander ausschliessenden Sachlagen, deren eine, die scheinbare, fr wirklich, deren andere, die wirkliche, fr Schein gehalten wird, ein thatschlicher: wie dort, so ist hier das Irrationale factisch, und ist das Factische irrational; in jenem wie in diesem Falle existirt der Widerspruch. 180. Derselbe besteht so lange, als der Schein besteht, dass die scheinbare Sachlage wirklich und die wirkliche Sachlage Schein sei. Soll derselbe verschwinden, so muss dieser Schein verschwinden, die scheinbare Sachlage muss als Schein, die wirkliche sich als wirklich offenbaren. Dies geschieht, wenn die todtgeschwiegene Strung als solche anerkannt d. h. durch entsprechende Gegenstrung ausgeglichen und auf diese Weise zwar nicht der ursprngliche Zustand, der als zeitlich vergangener nicht wiederkehren kann, aber doch ein demselben gleicher wieder hergestellt wird. 181. Die sthetische Idee des Ausgleichs ist es, die hier auf ethischem Gebiete wieder zum Vorschein kommt. Die wirkliche Sachlage, die durch die That herbeigefhrt, aber durch den anscheinenden Fortbestand des vorherigen Zustandes gleichsam mit einem Schleier bedeckt worden ist, tritt aus der Verdunkelung wieder ans Tageslicht. Oedipus, der zum Verbrecher geworden ist, aber keiner scheint, wird durch die Aufhellung der That als solcher erkannt und durch die an ihm verbte Vergeltung die durch den Schein seiner Schuldlosigkeit entstandene Verrckung des wirklichen Thatbestandes wieder zurechtgerckt. So weit die Sachlage durch den Anschein des Gegentheils nach einer Richtung hin verschoben worden ist, so weit muss sie zum Zwecke der Aufhebung dieses Anscheins nach der entgegengesetzten Richtung hin zurckgeschoben werden. So viel (quantum) Ablenkung vom wirklichen Thatbestand nach der einen Seite hin stattgefunden hat, so viel (tantum) Einlenkung zum wirklichen Thatbestande hin muss von der andern Seite stattfinden. Strung und Gegenstrung heben einander auf; wie jene in der That, findet diese ihren Ausdruck in der Vergeltung. Das Mass der Gegenstrung ist durch das Mass der Strung, die Ausdehnung der Vergeltung durch jene der That gegeben. Ausdruck dieses gegenseitigen Verhltnisses ist die Billigkeit (quitas). 182. Da, so lange der Widerspruch beider Sachlagen, der wirklichen und der scheinbaren, bestand, Missflliges bestand, so lange die Strung als todtgeschwiegene, die That als unvergoltene whrte, aber auch der Widerspruch whrte, so hrt mit der Aufhebung der Strung durch Gegenstrung d. i. mit der Vergeltung der That, zwar der Widerspruch und damit das Missfllige auf, wie mit der Aenderung der streitenden Willensusserungen der Streit aufhrt, aber ein unbedingt Beiflliges ist dadurch nicht hergestellt. Weder, wenn, vom Gesichtspunkt des Leidenden angesehen, die That eine Weh- noch wenn sie eine Wohlthat ist; denn die Beschaffenheit des Erfolges, den der Leidende erfhrt, ist fr die Qualifikation der That, insofern sie dem Thter angehrt, gleichgiltig. Nicht die Wohlthat als Wohl- noch die Wehethat als Wehe-, sondern beide als Thaten bedrfen der Vergeltung. Wenn es von einem andern, z. B. vom politischen oder gesellschaftlichen Gesichtspunkt aus nthiger scheint, dass Wehthaten, als dass Wohlthaten Vergeltung erfahren, weil die letzteren die Summe des schon vorhandenen Wohlbefindens nur vermehren, die ersteren dagegen die vorhandene Summe nur vermindern knnen und deshalb die Gesetzgebung der Staaten frher und eifriger fr die Bestrafung der einen als fr die Belohnung der andern Sorge zu tragen pflegt, so stellt dieser Unterschied sich vom ethischen Gesichtspunkt aus als unzulssig dar, da nicht die That in ihrer specifischen Qualitt als Wohl- oder Wehe-, sondern als That berhaupt zur Vergeltung auffordert. Whrend das sogenannte jus talionis mit seinem Ausspruch: Aug um Aug, Zahn um Zahn, sich an das quale der That, dem ein tale der Vergeltung, hlt sich die Billigkeit an das quantum der That, welchem das tantum der Vergeltung entspricht. Jenes betrachtet die Zufgung eines andern als des erlittenen Leides, diese nur die Zufgung eines grsseren, aber auch die eines geringeren Leides als das erfahrene war, als Verletzung der Norm. Das eine, die Rckgabe eines geringeren Masses von Weh, liesse einen unvergoltenen Ueberrest der That zurck; das andere, die Rckgabe eines grsseren, wre als Ueberschuss ber das zu vergeltende seinerseits selbst That, die Vergeltung erheischte. 183. Mit der Betrachtung des absichtlich von Seite des einen der Wollenden herbeigefhrten Zusammentreffens zweier wirklicher Wollenden ist die Reihe der mglichen Willensverhltnisse, die Gegenstand unbedingten Lobes oder eben solchen Tadels werden knnen, erschpft. Dieselbe ist durch eine Folge einander dichotomisch ergnzender Eintheilungen entstanden, zwischen deren einzelne Glieder sich weder ein weiteres einschieben, noch an deren Schluss ein weiteres sich anfgen lsst. Die zu vergleichenden Wollen wurden entweder ohne, oder mit Rcksicht auf den Umstand, ob sie einem und demselben, oder verschiedenen Wollenden angehren, angesehen; jene, welche in den Umfang des letzteren Gliedes der Eintheilung fielen, abermals in solche, welche einem und demselben oder welche verschiedenen Wollenden (und zwar der geringsten Anzahl derselben, dem Ich und dem Du) angehrten, unterschieden. Erstere, da sie, um als Glieder eines Willensverhltnisses innerhalb desselben Wollenden auftreten zu knnen, sich zu einander nur wie gedachtes zu wirklichem Wollen verhalten konnten, boten nur eine Gelegenheit zu weiterer Unterabtheilung dar -- je nachdem das gedachte Wollen, als dessen Nachbild das wirkliche auftrat, entweder das eigene (Vorstellung des eigenen Wollens), oder ein fremdes (Vorstellung des Wollens eines Andern) war. Letztere, welche als solche verschiedenen Wollenden angehren und nur dadurch, dass sie mit einander irgendwie und irgendwo in Berhrung gebracht wurden, in ein Verhltniss zu einander treten konnten, vermochten in Contact nur entweder durch Zufall oder durch Absicht (eines der Wollenden) versetzt zu werden. Weder ein Wollen, das weder eigenes, noch fremdes, noch ein Zusammentreffen Wollender, das weder absichtslos, noch absichtlich wre, ist denkbar. Die Glieder obiger Eintheilung schliessen einander daher vollstndig aus und ergnzen einander zum Umfang des einzutheilenden Ganzen: die Eintheilung ist vollstndig. 184. Auch in dem Sinn, dass ein weiteres Glied am Schlusse sich nicht hinzufgen lsst. Denn ein solches knnte nur durch die Vermehrung der zu einander in Beziehung zu setzenden wirklichen Wollen ber die kleinstmgliche Anzahl hinaus gesucht werden; eine solche aber ergibt kein neues, sondern nur eine Wiederholung vorheriger Willensverhltnisse. Auch die drei, vier, n wirklichen Wollen verschiedener wollender Wesen mssen, um zu einander ein Verhltniss einzugehen, irgendwie und irgendwo zusammengefhrt und dadurch die mehreren Wollenden mit einander in Berhrung gebracht werden. Da nun von selbst einleuchtet, dass jenes Zusammentreffen nur entweder durch Zufall oder durch Absicht verursacht werden knnte, so wrde im ersteren Falle Streit, im letzteren Falle wrden Wohl- oder Wehethaten die Folge sein d. h. die zwei letztgenannten obiger Willensverhltnisse wrden, nur vervielfltigt, wiederkehren. 185. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt der Beurtheilung des Wollens ergibt sich die ethische Idee der (ethischen) Vollkommenheit. Dieselbe unterscheidet sich von der sthetischen Vollkommenheit dadurch, dass der letzteren entsprechend das Grosse berall, wo es sich findet, neben dem Kleineren -- der ersteren zufolge das Grosse am Wollen neben dem Kleinen an diesem insbesondere gefllt. Da nun die Grsse des Wollens als eines wirklichen und wirkenden d. i. als einer Kraft, in der Intensitt d. i. in der Strke desselben besteht, so nimmt das allgemein sthetische Urtheil: das Grosse gefllt neben dem Kleinen, das Kleine missfllt neben dem Grossen, auf ethischem Boden die Gestalt an: das starke Wollen gefllt neben dem schwachen, das schwache missfllt neben dem starken. Indem hiedurch das strkere Wollen zum Massstab des schwcheren wird, stellt der Grad seiner Strke dem schwachen gegenber jene Grenze dar, zu welcher dieses gelangen, das "Volle", zu dem dieses "kommen" muss, wenn seine Missflligkeit ein Ende nehmen soll. Mit der Erreichung jener Grenze hrt, wie schon oben bemerkt, das Missfallen am schwcheren, weil dessen Schwche selbst, auf, aber auch das Verhltniss; mit der Ueberschreitung derselben kehrt sich, wie gleichfalls oben bemerkt, dasselbe um: das jetzt strkere Wollen gefllt, das jetzt schwchere Wollen missfllt von nun an. Da das Gefallen an der Strke des Wollens von jeder sonstigen Beschaffenheit desselben abstrahirt, so folgt, dass ein nach der Idee der ethischen Vollkommenheit wohlgeflliger Willensact in anderer Hinsicht missfllig, ja unbedingt verwerflich sich darstellen kann, ohne den Anspruch auf Beifall, ja auf Bewunderung nach jener Richtung hin einzubssen. In diesem Sinn bleibt auch dem Bsewicht, ja dem verkrpert gedachten Bsen, dem satanischen Ideal ethisches Lob nicht aus, wenn sich derselbe oder dieses letztere in gewaltiger, das gewhnliche, ja selbst alles menschliche Mass bersteigender Energie der Willenskraft offenbart. Richard III., Jago, Carl Moor, Milton's Satan, Klopstock's Abadonna, "der Geist, der stets verneint", regen von diesem ethischen Einzelgesichtspunkt aus "schaudernde Bewunderung" an. In Heroenzeitaltern und bei Naturvlkern macht die Verehrung fr die ins Ungemessene gesteigerte Willensenergie fast allein den Inhalt des moralischen Codex aus; die Achtung des schwcheren fr das strkere Geschlecht ist vorwiegend auf das Gefhl berlegener Willensmacht des letzteren begrndet. Wie die intensive Grsse des einzelnen Willensactes, so erweckt die extensive Grsse der Vervielfltigung des Willens in zahlreichen, sei es dem Inhalt nach gleichen, oder mannigfaltigen Willensacten und die Geschlossenheit und innere Systematik dieser letzteren, verglichen mit Armuth und Einfrmigkeit des Wollens, so wie mit dessen Halt- und Systemlosigkeit, unbedingtes Lob, whrend dem letzteren Tadel folgt. 186. An die ethische Idee der Vollkommenheit schliesst sich ein Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung der Strke, der Mannigfaltigkeit und des inneren Zusammenhangs des Wollens einerseits auf den gesammten Umkreis der Willensbethtigung des Wollenden d. h. auf dessen Gesammtwollen, andererseits ber den einzelnen Wollenden hinaus, auf jede Vereinigung mehrerer, ja aller berhaupt Wollenden d. i. auf alle durch ein gemeinsames Band unter sich verknpften Glieder einer Gesellschaft d. i. auf deren gesammtes, innerhalb ihres Umkreises vorhandenes Wollen ausdehnt. Dasselbe besteht darin, dass sowol in jedem einzelnen Individuum als solchem wie in der Gesellschaft jedes vorhandene Wollen zur hchstmglichen Energie gesteigert, nicht vorhandenes Wollen in jeder erreichbaren Vielheit und Mannigfaltigkeit geweckt, ferner das gesammte auf diese Weise gegebene oder entwickelte Wollen in inneren Zusammenhang und gesetzliche Anordnung gebracht und in beiden erhalten werde. In ersterer Hinsicht begnstigt jenes Verfahren die Einseitigkeit, in Bezug auf die Menge dagegen die Vielseitigkeit des Wollens, davon die erste weniges, aber starkes, die letztere, wenngleich schwaches, doch vieles und mannigfaltiges Wollen frdert, whrend durch die Bercksichtigung des Verhltnisses des gesammten Wollens zu jedem der dasselbe ausmachenden Willensacte das Vorwiegen der einseitigen auf Kosten der vielseitigen, aber auch umgekehrt das Uebergewicht der vielseitigen ber die einseitige Willensentwicklung vermieden und dadurch das Gleichgewicht zwischen beiden entgegengesetzten Richtungen der Vervollkommnung des Wollens erhalten wird. In letzterer Hinsicht geht jenes Verfahren darauf, dass innerhalb des Umkreises der Gesellschaft jedes in irgend einem ihrer Glieder vorhandene Wollen zu dem hchsten erreichbaren Grade von Energie gesteigert, aber auch dass innerhalb desselben jedes nicht vorhandene Wollen, sei es in einem einzelnen, sei es in smmtlichen Gliedern, geweckt und auf diese Weise die Mannigfaltigkeit des Wollens innerhalb der Gesellschaft zum hchsten erreichbaren Grade entwickelt werde. Durch ersteres wird innerhalb der Gesellschaft die Einseitigkeit, durch letzteres die Vielseitigkeit des Wollens gefrdert, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen beiden entgegengesetzten Richtungen der innerhalb der Gesellschaft vorhandenen Willensentwicklung aber sowol die Ueberhebung einer einzelnen, als die Verseichtigung der vielen vorhandenen Willensrichtungen verhtet. 187. Steigerung wirklicher oder doch als Anlage vorhandener Krfte in quantitativer Hinsicht ohne Rcksichtnahme auf deren anderweitige qualitative Beschaffenheit ist es, was im Allgemeinen Cultur heisst. Die ethische Idee der Vollkommenheit enthlt die Forderung der Cultur des Wollens in jedem einzelnen Wollenden, wie in jeder Gesellschaft von solchen. Jedes obiger Forderung entsprechende Individuum stellt ein ethisches Culturideal d. h. das Ideal eines ethisch cultivirten Gesammtwollens dar; jede Gesellschaft, welche das gleiche thut, reprsentirt ein ethisches Cultursystem d. i. das Ideal einer die Cultur des Wollens in ihrem gesammten Umfang und nach jeder mglichen Richtung hin verwirklichenden Gesellschaft. Ersteres schliesst in sich, dass innerhalb des Wollenden keine Richtung des Wollens unvertreten, aber auch keine ber das mit der gleichzeitigen Pflege aller brigen vertrgliche Mass hinaus getrieben sei. Letzteres schliesst in sich, dass innerhalb des Umkreises der Gesellschaft jede vorhandene Willensrichtung stark, nicht nur in jedem einzelnen Gliede, in dem sie sich findet, sondern durch mglichst viele Glieder der Gesellschaft, in welcher sie sich findet, vertreten, aber auch, dass keine innerhalb des Umfangs der Gesellschaft unvertreten d. h. nicht wenigstens in einigen oder in einem ihrer Glieder in gengender Strke entwickelt sei. Jene Glieder der Gesellschaft, in welchen die nmliche Willensrichtung vorhanden ist, machen dadurch in ethischer Hinsicht eine Gesellschaftsclasse fr sich, die Mannigfaltigkeit der innerhalb der Gesellschaft vorhandenen einzelnen, mehreren oder vielen Gliedern derselben gemeinsamen Willensrichtungen macht in Bezug auf die Gesellschaftsclassen die Buntheit und Mannigfaltigkeit der (ethisch) cultivirten Gesellschaft aus. Stellen unter den mannigfaltigen in der Gesellschaft durch Classen vertretenen Willensrichtungen die ihrem Inhalt nach lobenswerthen das Licht, die ihrem Inhalt nach verwerflichen den Schatten (in ethischer Hinsicht) dar, so kommt durch die Vielfltigkeit der Gesellschaftsclassen Licht und Schatten, berhaupt ethische Frbung in die Gesellschaft, innerhalb welcher je nach dem Uebergewicht der vorhandenen guten ber die schlechten, oder der vorhandenen schlechten ber die guten Willensrichtungen in der Gesellschaft, das Urtheil ber die (im ethischen Sinne) helle oder dunkle Natur dieser selbst erfolgt und diese je nach der Proportion, die zwischen der Summe der guten und jener der verwerflichen in ihr vorhandenen Willensrichtungen (wie sie z. B. die Statistik der stationren Anzahl innerhalb der Gesellschaft vorkommenden Verbrechen ausweist) herrscht, als (a potiori) eine relativ gute oder relativ verdorbene bezeichnet wird. 188. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt der Uebereinstimmung des eigenen gedachten mit dem eigenen wirklichen Wollen ergibt sich die ethische Idee der inneren Freiheit. Dieselbe entsteht dadurch, dass die sthetische Idee des Charakteristischen auf das ethische Gebiet bertragen, das gedachte eigene Wollen als Vor-, das eigene wirkliche Wollen als dessen Nachbild angesehen wird. Insofern jenes als Bild eines noch nicht vorhandenen, aber dem Wollenden mglichen Wollens in dessen Geiste vorangeht, dieses als wirklich vorhandenes, jenem Bilde entweder entsprechendes oder nicht entsprechendes, demselben in der Zeit nachfolgt, lsst sich das erste als Project, das letztere als getreue oder ungetreue Ausfhrung desselben betrachten. Jede sogenannte Maxime oder praktischer Grundsatz des Handelns stellt, da sie nicht vorhandenes Wollen beschreibt, sondern eine Regel fr nicht vorhandenes, also knftiges Wollen formulirt, das Bild eines mglichen Wollens, ein Willensproject dar, welches sich zu der Gesammtheit aller Maximen d. i. zu der sogenannten praktischen Einsicht des Wollenden verhlt, wie dessen einzelner Willensact zu der Totalitt seines wirklichen Wollens. Dasselbe Verhltniss, welches zwischen dem einzelnen Willensproject und dem einzelnen Willensact herrscht, kann daher auch zwischen der gesammten praktischen Einsicht und dem gesammten wirklichen Wollen des Wollenden stattfinden, so dass das letztere entweder als getreue oder als ungetreue Nachahmung der ersteren sich darstellt. Fasst man blos das Verhltniss zwischen einem einzelnen Willensproject und dem darauf seinem Inhalt nach bezglichen Willensact ins Auge, so findet, im Fall der letztere seinem Inhalt nach dem Willensproject entspricht, zwischen beiden unbedingt wohlgefllige Harmonie, im Gegenfall, wenn der einzelne Willensact durch seinen Inhalt dem des Willensprojects entgegengesetzt ist, unbedingt missfllige Disharmonie statt. Wird an die Stelle obiger Verhltnissglieder dagegen einerseits die praktische Einsicht, anderseits die Gesammtheit des wirklichen Wollens des Wollenden gesetzt, so tritt, wenn zwischen beiden Uebereinstimmung herrscht, gleichfalls unbedingtes Lob, herrscht aber Zwietracht zwischen beiden, unbedingte Verwerfung ein. 189. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen Willensproject und Willensact bietet ein (im psychologischen Sinne) freies, das missfllige Zerrbild machtlosen Widerstreits zwischen Willensproject und Willensact bietet ein (im selben Sinne) unfreies Wollen. Im psychologischen Sinne frei heisst dasjenige Wollen, das durch Motive, die aus der praktischen Einsicht (diese sei, wie sie wolle) genommen sind, bestimmt, unfrei dagegen dasjenige, welches, obgleich wie das vorhergehende motivirt, durch Beweggrnde bestimmt ist, die anderswoher (z. B. von den Antrieben der Sinnlichkeit, von Affecten und Leidenschaften) genommen sind. Ein in diesem Sinne freies (obgleich nicht "transcendental freies", sondern determinirtes) Wollen wird mit dem praktischen Grundsatz, der sein Motiv ausmacht, sich stets, ein in diesem Sinne unfreies d. i. anderswoher (z. B. durch eine Leidenschaft) beherrschtes Wollen wird sich dagegen zwar mit diesem seinem dasselbe besitzenden Motiv, niemals aber mit einem der praktischen Einsicht entlehnten Grundsatz in Uebereinstimmung, sonach mit einem solchen sich stets in Widerspruch befinden. Im psychologischen Sinne freies Wollen ist daher nicht blos usserlich d. h. in dem ohnehin selbstverstndlichen Sinn des Wortes "frei", in welchem zwar das Handeln, aber niemals das Wollen durch eine usserliche Macht erzwungen oder verhindert zu werden vermag, sondern ein solches ist zugleich innerlich frei d. h. in dem Sinne, dass auf dasselbe Beweggrnde, die nicht aus der praktischen Einsicht, also aus dem Intellect genommen sind, keinen bestimmenden Einfluss auszuben vermgen. Insofern das nmliche Verhltniss nicht blos zwischen einem einzelnen Grundsatz und einem einzelnen Willensact, sondern zwischen dem Ganzen der praktischen Einsicht und dem Ganzen des Willens besteht, heisst nicht blos, wie oben, das einzelne Wollen (volitio), sondern der ganze Wille (voluntas) im psychologischen Sinne und zwar innerlich frei, und der Wollende selbst, dessen Wille diese Eigenschaft besitzt, ein Charakter. Im entgegengesetzten Falle, wenn der Wille unfrei ist, heisst derselbe charakterlos. 190. Aus diesem Grunde, weil der Einklang zwischen gedachtem und wirklichem Wollen der Freiheit des Wollens bedarf, um zur Erscheinung zu gelangen, wird der auf jenem beruhenden ethischen Idee der inneren Freiheit letzterer Name beigelegt. Dieselbe ist als Idee d. h. als Musterbild fr das wirkliche Wollen weder eins mit der Freiheit des Willens, welche als solche ein Wirkliches, der freie wirkliche Wille, noch mit dem Charakter, welcher als solcher gleichfalls ein Wirkliches d. h. der in einem wirklichen Individuum verwirklichte freie Wille ist. Jene gehrt als Idee dem ethischen, beide letzteren gehren als Wirkliche dem Gebiete des Wirklichen und zwar des Psychischen, dem psychologischen Gebiete an; jene, gleichviel ob ein ihr entsprechendes Wirkliches vorhanden sei, drckt eine allgemein giltige Forderung (ein Postulat), letztere beiden drcken, wenn und wo sie existiren, die verkrperte Erfllung dieser Forderung selbst aus. 191. An die Idee der inneren Freiheit schliesst sich ein Verfahren an, welches bestimmt ist, die Uebereinstimmung zwischen gedachtem und wirklichem Wollen nicht blos ber die Gesammtheit des Wollens des einzelnen Individuums, sondern ber die Gesammtheit der innerhalb des Umkreises einer durch ein gemeinsames Band verknpften Mehrheit von Individuen (einer Gesellschaft) vorhandenen praktischen Einsicht und wirklichen Wollens auszudehnen. Dasselbe geht darauf aus, dass nicht nur innerhalb eines einzelnen Individuums das gesammte Wollen frei d. i. der Wollende ein Charakter sei, sondern auch, dass innerhalb der Gesellschaft der Wille jedes einzelnen Mitgliedes derselben frei d. i. dass die Gesellschaft selbst eine Vereinigung von charaktervollen Individuen sei. Erstere Forderung drckt aus, dass die jeweilige praktische Einsicht d. i. die Gesinnung des Wollenden die Seele seines gesammten Willens und Handelns, letztere Forderung drckt aus, dass die Gesellschaft eine Vereinigung in diesem Sinne gesinnungsvoller d. i. durch ihre jeweilige praktische Einsicht, welchen Inhalts dieselbe auch sein mge, in ihrem gesammten Wollen und Thun beseelter Individuen darstelle. Die Erfllung der erstgenannten macht das Ideal eines (im ethischen Sinne) beseelten Wollenden, die Erfllung der letztgenannten das Ideal einer (im ethischen Sinne) beseelten Gesellschaft aus. Wie innerhalb der praktischen Einsicht des Individuums die verschiedenen in derselben enthaltenen praktischen Grundstze jeder fr sich ein Gebiet des Gesammtwollens des Wollenden beherrschen, so werden innerhalb der Gesellschaft durch die dem Inhalt nach unter einander abweichenden Gesinnungsweisen, deren jede einem Bruchtheil der dieselbe ausmachenden Mitglieder gemeinsam ist (im ethischen Sinne) Gesinnungsgenossenschaften als gesellschaftliche Fractionen d. i. Parteien gebildet, deren jede fr sich als Vereinigung von derselben Gesinnung in ihrem Thun und Lassen geleiteter Individuen eine beseelte Gesellschaft im Kleinen reprsentirt. Die Mannigfaltigkeit der in den verschiedenen Parteien als herrschende auftretenden Sinnesarten gibt der Gesellschaft selbst, innerhalb deren dieselben sich bewegen, den Charakter der Buntheit und ertheilt ihr zugleich je nach dem Uebergewicht gewisser Parteirichtungen ber die denselben entgegengesetzten ihre (im ethischen Sinne) vorstechende Frbung. Wie dem charaktervollen Individuum eine Vielheit von Maximen, die sich dem Anschein nach nicht selten unter einander aufzuheben trachten, in Wahrheit aber, wie es die Einheit der Gesinnung verlangt, schliesslich einem obersten praktischen Grundsatz als Kern und Seele der gesammten praktischen Einsicht sich unter- und einordnen, unentbehrlich ist, so bedarf eine im wahren Sinne des Wortes beseelte Gesellschaft innerhalb ihres Umkreises eines rege bewegten Parteilebens, dessen jeweilige Richtungen nicht selten einander zu widerstreiten, ja gegenseitig einander aufzuheben scheinen, schliesslich jedoch, je nach dem Uebergewicht einer oder einiger ber die brigen, einer obersten die Richtung der Gesellschaft selbst ihrem grsseren oder doch mchtigeren Theile nach (a potiori) ausdrckenden Tendenz mit oder gegen ihren Willen zu dienen gezwungen sind. In diesem Sinne stehen die Fortschritts- den Rckschrittsmnnern, die Reformer den Conservativen, standen einst die liberales, die nach einem bekannten Witzwort "lieber alles", den serviles, die "sehr vieles" wollten, stehen noch heute "Culturkmpfer" den Clerikalen, die Schwarzen den Rothen, die Tories den Whigs u. s. w. gegenber. 192. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt des Einklanges des eigenen wirklichen mit dem nur gedachten fremden Wollen ergibt sich die ethische Idee des Wohlwollens. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der sthetischen Idee des Einklanges, welche auf dem Verhltniss berwiegender gegenseitiger Identitt beruht, auf das Gebiet des Wollens. Beide Glieder, das gedachte fremde und das eigene wirkliche Wollen, gehren einem und demselben Wollenden an; das fremde Wollen ist in demselben als Vorstellung, das eigene Wollen dagegen als Wille wirklich. Ob das seiner Vorstellung entsprechende Wollen des Anderen in diesem und somit dieser Andere selbst auch wirklich existire, ist dabei gleichgiltig. Da der Einklang nur zwischen der Vorstellung des fremden Wollens und dem wirklichen eigenen stattfinden soll, so kann jene erstere eben so gut eine blosse Einbildung (Fiction) als eine Abbildung (Reflex) eines anderen Wollens sein. In keinem Falle leidet die Wohlgeflligkeit der Uebereinstimmung des eigenen mit dem vorgestellten fremden Wollen dadurch einen Abbruch, dass dieses letztere und dessen Trger nur in der Vorstellung des ersten besteht. Zeugniss dafr gibt der Verkehr des Kindes mit seiner Puppe, deren ihr angedichtete Wnsche dasselbe mit Eifer zu erfllen sich bemht, wie jener des Dichters mit der nur in seiner Phantasie beseelten leblosen Natur und mit der oft nur als Ideal seiner Einbildungskraft lebendigen Geliebten. 193. Eben so wenig als die Schnheit der Harmonie des gedachten fremden und des eigenen wirklichen Wollens von der mehr als blossen Gedankenexistenz, ist dieselbe von der Inhaltsbeschaffenheit des fremden Wollens abhngig. Nicht darin hat der unbedingte Beifall, welcher obigen Einklang begleitet, seinen Grund, dass das gedachte Wollen des Anderen ein an sich gutes, sondern darin, dass das wirkliche eigene Wollen mit dem wie immer beschaffenen Inhalt des fremden Wollens identisch ist. Die Gesinnung, aus welcher die Erfllung wenn auch thrichter Wnsche des Andern entspringt (Affenliebe), ist als wohlwollender Ausdruck der Unterordnung des eigenen unter die Vorstellung eines fremden Wollens nicht weniger schn als diejenige, die sich als werkthtige Theilnahme an berechtigten Strebungen und Absichten des Andern kund thut. Wie bei der sthetischen Idee des Einklanges ist das Lob des Wohlwollens nur durch die Harmonie, keineswegs durch die anderweitige stoffliche Qualitt der Verhltnissglieder bedingt. 194. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen gedachtem fremden und eigenem wirklichen Wollen bietet das psychische Phnomen des selbstlosen oder uneigenntzigen d. i. nicht durch die Rcksicht auf das eigene Selbst, oder den Vortheil des Wollenden begrndeten Wollens. Dasselbe ist so wenig, wie irgend ein wirkliches Wollen, ohne Grund d. h. dasselbe ist, wie jedes wirkliche Wollen, durch ein Motiv (Beweggrund) bewegt (motivirt); aber dieses Motiv ist im Unterschied von andern, die aus den Folgen des Wollens fr den Wollenden selbst d. i. aus der mglichen Vermehrung oder Verminderung des eigenen Wohles des Wollenden (Eudmonie) hergenommen sind, aus dem einzigen Umstand entlehnt, dass das vorgestellte Wollen wirklich Wollen eines Andern sei d. h. dessen Gegenstand von einem Andern angestrebt und der Besitz desselben von einem Andern werde als Lust d. i. als Vermehrung seines (des Andern) Wohles empfunden werden. Das uneigenntzige Wollen ist daher keineswegs motivlos, sondern dasselbe hat nur kein eigenntziges (eudmonistisches), nicht die Rcksicht auf das eigene, wol aber eine solche auf das fremde Wohl zum Motiv. Wie das Beherrschtsein des Wollens durch selbstschtige Beweggrnde, wo es als habituelle Willensbeschaffenheit auftritt, Egoismus (Selbstliebe, Selbstsucht), so heisst im entgegengesetzten Sinne das Freisein des Wollens von eudmonistischen Beweggrnden und der willige Gehorsam desselben gegen von der Rcksicht auf das Wohl des Andern dictirte Motive, wenn er zu habitueller Willensbeschaffenheit geworden ist, Nchstenliebe (Altruismus). Wo die letztere lebt, wird die Vorstellung, dass ein gewisses Wollen von dem Andern gehegt werde, hinreichen, ein demselben conformes im Vorstellenden zu erzeugen; wo der erstere waltet, wird dieselbe Vorstellung gengen, nicht blos, um jedes dem Wollen des Andern conforme eigene Wollen zu hemmen, sondern, wenn die Selbstsucht so weit gesteigert ist, dass sie das Phlegma ihrer natrlichen Trgheit zu berwinden und zur Action berzugehen vermag, ein den Wnschen des Andern widerstrebendes Wollen im Wollenden hervorzurufen. 195. Ausfluss der Nchstenliebe wird ein wirkliches Wollen sein, das nach der Idee des Wohlwollens gefllt, Wirkung der Selbstliebe ein solches, das nach derselben Idee unbedingt missfllt. Jenes, das uneigenntzig nur auf das Wohl des Andern bedachte, wird darum als gtiges, dieses, das selbstschtig nur auf das eigene Wohl oder gar auf dem Wohl des Andern Entgegengesetztes bedachte Wollen wird deshalb im ersten Fall ein herzloses, im andern Fall ein boshaftes, das Wohlwollen selbst Gte, sein Gegentheil, das Uebelwollen, Bosheit genannt. Von der ersteren wie von der letzteren, insofern jede von beiden, die Gte grundlos liebt, die Bosheit grundlos hasst, gilt des Dichters Wort: Ich glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund (Immermann). 196. Verschieden von der ethischen Idee des Wohlwollenden, wie von dem psychischen Phnomen der Gte und deren Gegentheil, ist das gleichfalls psychische Phnomen der sogenannten sympathetischen Gefhle. Zwar bietet sowol die psychische Erscheinung des Mitleids wie der Mitfreude das Bild eines harmonischen Einklangs, die Erscheinung des Neides wie der Schadenfreude das Bild einer missflligen Disharmonie dar, aber weder zwischen Wollen, noch zwischen einem blos gedachten und einem wirklichen Verhltnissgliede, wie beides beim Wohl- oder Uebelwollen der Fall ist. Das sympathetische Gefhl wiederholt das Gefhl eines Andern entweder durch ein demselben gleiches, oder durch ein demselben entgegengesetztes Gefhl. Ursache dieser Wiederholung ist jedoch keineswegs die bewusste Reflexion, dass das eigene Gefhl Nachahmung eines fremden Gefhls, sondern der unwillkrliche und folglich auch unbewusste Reflex des fremden Gefhls durch das eigene Gefhlsleben. Das fremde Gefhl wirkt auf das eigene gleichsam durch Ansteckung, wie es im Gebiete der Muskelbewegungen bei der Entstehung solcher mit gewissen Vorstellungen durch Association verbundener Bewegungen durch die zufllige oder absichtliche Erregung jener Vorstellungen der Fall zu sein pflegt. Das Bewusstsein des Unterschieds der fremden von der eigenen Persnlichkeit wird dabei gar nicht geweckt, oder geht im Mechanismus des nachahmenden Gefhlsprocesses verloren. Auf diese Weise setzt ein Komiker die Lachmuskeln, ein Tragde die Thrnenfisteln der Zuschauer in unwillkrliche und dem Bewusstsein entrckte Bewegung, so dass die letzteren gleichsam wie aus einem Zustand der Verzcktheit erwachen und sich hinterdrein wundern, gelacht und geweint zu haben. So wenig fhlt sich der nachahmende Theil als Nachahmer eines Andern, dass nicht selten das Mitgefhl, sei es Mitfreude oder Mitleid, sofort aufhrt, wenn der Mitfhlende sich darauf besinnt, dass es nicht eigenes, sondern das Leid eines Andern, und nicht eigene, sondern fremde Freuden sind, die ihn bewegen. In solchem Fall hlt das Mitgefhl nur so lange und nur darum vor, als und weil der Mitfhlende sich nur bewusst ist, dass er fhle, keineswegs aber bewusst ist, dass er nur mitfhle. Ohne daher geradezu egoistisch zu sein, weil weder das Bewusstsein vorhanden ist, dass das Gefhlte uns, noch der Gedanke, dass es einen Andern angehe, ist das Mitgefhl doch sicher nicht altruistisch, weil es im Augenblick schwinden kann, sobald wir des letzteren innewerden. 197. Dasselbe wird jedoch vollkommen selbstschtig, wenn, wie Schopenhauer behauptet hat, der Grund des Mitleids einzig darin gelegen sein soll, dass der Mitleidige sich in demselben seiner metaphysischen Einerleiheit mit dem Andern bewusst und auf diesem Wege innewerde, dass weder der Andere von ihm verschieden, noch des Andern Leid mehr als sein eigenes Leid sei. Unter dieser Voraussetzung knnte das Mitgefhl nicht nur, wie oben bemerkt, sondern es msste nothwendiger Weise, also jedesmal aufhren, sobald der Einzelne ber seine persnliche Unterschiedenheit vom Andern und folglich ber den Umstand, dass das gefhlte Leid nicht sein eigenes sei, zur Besinnung kme. Die wesentliche und unentbehrliche Eigenschaft, wenn auf das Mitgefhl ein Theil des Glanzes fallen soll, den das Wohlwollen ausstrahlt, die individuelle Sonderung beider Fhlenden, wre durch obige Annahme grundstzlich beseitigt. 198. So wenig Mitleid und Mitfreude sich mit dem Wohlwollen, eben so wenig decken sich Neid und Schadenfreude mit dessen Gegentheil, dem Uebelwollen. Gleichwol tritt bei den letzteren die unleugbare Aehnlichkeit beider, obgleich gattungsmssig verschiedener Gemthszustnde strker hervor als bei den ersteren. Whrend Mitleid und Mitfreude zu ihrer Entstehung des Bewusstseins des individuellen Unterschieds des Mitfhlenden vom Fhlenden nicht bedrfen, setzt die Entstehung sowol des Neides, als einer durch fremde Lust geweckten Unlust, wie der Schadenfreude, als einer durch fremde Unlust erregten Lust, dieses Bewusstsein in gewissem Grade voraus, da es sich nicht um eine Wiederholung des fremden Gefhls durch ein gleiches, sondern um die Beantwortung eines solchen durch ein entgegengesetztes eigenes handelt, fremdes und eigenes Gefhl also schon um deswillen als verschiedenen Individuen angehrig empfunden werden mssen, weil beide verschiedene, und zwar, da sie entgegengesetzter Natur sind, sehr merklich verschiedene Qualitt besitzen. Beide kommen daher nicht nur in ihren Wirkungen, die sowol bei dem Neid als bei der Schadenfreude, bei dem blossen Gefhl nicht stehen zu bleiben, sondern zu demselben entsprechenden Wnschen, Entschlssen, ja selbst Aeusserungen fortzuschreiten pflegen, dem Uebelwollen so nahe, als berhaupt Phnomene verschiedener Gattungen sich einander zu nhern vermgen, sondern auch das Urtheil, das ber dieselben, wo sie zu Tage treten, ergeht, fllt von der unbedingten Verwerfung, welche das Uebelwollen begleitet, nichts weniger als verschieden aus. Von dem "Neide" der Gtter redet die Mythologie, wenn sie deren dem Menschengeschlecht belwollende Gesinnung, und vom "Neidhart" die Volkssage, wenn sie den Bsen bezeichnen will. 199. Die selbstlose Freiwilligkeit der Unterordnung des eigenen unter das fremde Wollen tritt um so anschaulicher hervor, je grsser die Ueberlegenheit der eigenen ber die fremde Kraft und je weniger der Verdacht, dass jene Unterordnung eine durch Furcht erzwungene sein knnte, zulssig erscheint. Dieselbe offenbart sich dort am aufflligsten, wo die Ueberlegenheit die denkbar hchste d. h. wo der dem Andern freiwillig sich unterordnende Wille, mit diesem verglichen, unendlich stark, derjenige, dem er sich unterordnet, mit jenem verglichen, unendlich schwach ist. Beides ereignet sich im Verhltniss der Gottheit zum Menschen, deren Gte gegen diesen eben darum als unendlich gross und der gttliche Wille selbst als Ideal des Gtigen sich kundgibt. 200. An die ethische Idee des Wohlwollens schliesst sich ein Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht blos auf das gesammte Wohl und Wehe Anderer berhrende (sociale) Wollen des einzelnen Wollenden, sondern auf die Gesammtheit des innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft vorkommenden, auf deren gegenseitiges Verhltniss zu einander bezglichen Wollens der Mitglieder ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass jedes sociale Wollen des einzelnen, so wie dass das sociale Wollen jedes Mitgliedes der Gesellschaft Wohlwollen sei; sociales Uebelwollen sowohl im Einzelnen wie in der Gesellschaft gemieden werde. Da nun das Wohlwollen (bene velle) darin besteht, des Andern Wohl zu wollen (bonum velle), so geht jene Forderung dahin, dass jedes sociale Wollen im Einzelnen wie in der Gesellschaft die Tendenz habe, in jenem des Andern, in dieser aller Andern (d. i. das allgemeine) Wohl zu frdern. Und da die Befriedigung jedes -- stofflich wie immer beschaffenen -- Wollens Lustgefhl, also Wohlbefinden zur Folge hat, so kann unter dem, was jeder sein Wohl und folglich auch die Gesellschaft das ihre, d. i. das allgemeine Wohl nennt, nicht wol etwas anderes sein als die Befriedigung dort smmtlicher Wnsche und Willensbestrebungen des Andern, hier die Erfllung smmtlicher im Umkreise der Gesellschaft vorhandenen oder doch zur Aeusserung gelangenden Wnsche und Willensbestrebungen Aller. Die Erreichung beider Ziele, die Befriedigung smmtlicher Wnsche des Andern (die Glckseligkeit des Andern), und die Befriedigung smmtlicher Wnsche Aller (die allgemeine Glckseligkeit) mssen daher in der wohlwollenden Gesinnung, das erste in der jedes Einzelnen gegen jeden Andern, das zweite in der jedes Mitgliedes der Gesellschaft gegen alle brigen d. i. gegen die Gesellschaft selbst gelegen und die Erreichung derselben muss der Zweck aller socialen Bestrebungen sein. 201. Diese selbst d. i. die Befriedigung der vorhandenen Wnsche aber ist nicht blos durch die auf sie gerichtete dauernde Gesinnung des Einzelnen und jedes Einzelnen, sondern zugleich, da es sich um die Realisirung wirklich vorhandener Wnsche in der wirklich vorhandenen Aussenwelt handelt, durch die Existenz der und die Mglichkeit der Verfgung ber die zu jenem Endzweck unentbehrlichen oder doch frderlichen Mittel d. i. der und ber die realen Objecte, welche, insofern sie jenem Zweck dienstbar gemacht werden, Gter heissen sollen, bedingt. Dieselben knnen sowol materieller als geistiger Natur, Gegenstnde der Krper- wie der geistigen Welt sein; wesentlich ist ihnen nur, dass dieselben zur Befriedigung vorhandener Wnsche dienen und in Anspruch genommen werden knnen. Von dieser Art ist der Grund und Boden mit seinem Ertrag, sowol dem inneren (Erz- und Gesteinsschtzen), wie dem usseren (Nahrungspflanzen und verarbeitungsfhigen Gewchsen), aber auch der vorhandene Fond an geistiger Kraft und Intelligenz mit seinem Ertrag, dem inneren: den Gefhls- und Gedankenschtzen des einzelnen, dem usseren: den Literatur- und Kunsterzeugnissen des Gesellschaftsgeistes. 202. Diese, sei es materiellen, sei es geistigen Gter zur Befriedigung vorhandener Wnsche in der Art zu verwenden, dass die mit den gegebenen Mitteln erreichbare hchste Befriedigung der gegebenen Wnsche erzielt werde, ist die Aufgabe einer besondern auf dieses Endziel hin arbeitenden Kunst, die, insofern es dabei auf die bestmgliche Verwendung der Mittel zum Zwecke d. i. auf die Verwaltung ankommt, Haushaltungs- oder Verwaltungskunst (Oekonomik) und zwar entweder private, wenn es sich blos um den klugen Gebrauch der dem einzelnen Individuum zum Besten des Anderen verfgbaren Gter handelt, oder ffentliche (Oekonomik der Gesellschaft; Nationalkonomik, Staats- und Volkswirthschaftskunst), wenn das Ziel die grsstmgliche Frderung des allgemeinen Wohls durch geschickte Bentzung der innerhalb der Gesellschaft disponibeln materiellen und geistigen Vermgen ist. Die Erfllung derselben von Seite des einzelnen Wollenden macht das Ideal eines Menschenfreundes (Philanthropen), d. i. eines solchen aus, der sein gesammtes geistiges wie materielles Vermgen in selbstverleugnender Gesinnung dem Besten Anderer opfert; ihre Erfllung von Seite einer Gesellschaft dagegen stellt (im ethischen Sinne) das Ideal eines Verwaltungssystems dar d. i. einer derartigen Organisation des Gebrauchs und der Verwendung smmtlicher innerhalb des Umkreises der Gesellschaft vorhandenen und verfgbaren materiellen wie geistigen Gter, dass dadurch die grsstmgliche Befriedigung vorhandener Wnsche und Bedrfnisse smmtlicher Gesellschaftsmitglieder, die unter den gegebenen Umstnden hchstmgliche Summe des allgemeinen Wohls oder der allgemeinen Glckseligkeit (salus publica) verwirklicht wird. 203. Von selbst leuchtet ein, dass auch bei der sorgfltigsten und wohlwollendsten Verwaltung die erreichbare Gesammtsumme der Wnschebefriedigung hinter der jeweiligen Summe der vorhandenen Wnsche zurckbleiben muss. Denn whrend die letztere eine ins Unbegrenzte wachsende, ist der Vorrath gegebener Gter und der aus demselben zum Besten des Ganzen zu schpfende Vortheil auch bei der umsichtigsten Benutzung nur einer begrenzten Steigerung fhig. Das Ziel des Philanthropen, wie das der philanthropischen Gesellschaft ist als erreicht anzusehen, wenn die Summe des allgemeinen Wohls die unter den gegebenen Bedingungen erreichbare hchste Grenze gewonnen hat. Je nachdem in den wohlwollenden Bestrebungen des Einzelnen zum Besten des Andern, der Gesellschaft zum Besten Aller, vorzugsweise die mittels materieller oder die mittels geistiger Gter realisirbaren Wnsche d. i. die materiellen oder die geistigen Interessen bercksichtigt werden, nimmt die Philanthropie dort, das Verwaltungssystem hier selbst einen vorwiegend materialistischen, der Pflege der materiellen, oder idealistischen, der Pflege der idealen Interessen gewidmeten Charakter an. Innerhalb der menschenfreundlichen Bestrebungen des Einzelnen lassen sich je nach der Beschaffenheit der Gter verschiedene Zweige des Philanthropismus, innerhalb des wohlwollenden Verwaltungssystems lassen sich je nach den Zwecken, welche, und den Gtern, mittels welcher dieselben verwirklicht werden sollen, verschiedene Zweige der Verwaltung unterscheiden. Die Mannigfaltigkeit derselben, deren einige auf die Hebung der materiellen Zwecke und Gter, z. B. auf die Cultivirung, Bebauung und Ausnutzung der Bodenschtze und des Grundertrags, andere auf die Hebung ideeller Zwecke durch Frderung und Pflege wissenschaftlicher und literarischer Bildung und Schpfungen abzielen, bringt in die Verwaltung selbst jene Vielheit und Buntheit gleichzeitiger auf das Wohl, sei es einzelner Classen von Gesellschaftsmitgliedern, in deren Besitz eben jene Gter sich befinden oder zu deren Beruf jene Zwecke gehren d. i. gewisser Stnde -- sei es des Ganzen, abzweckender Bestrebungen hervor, die sich nicht selten unter einander zu widerstreiten scheinen, zusammengenommen aber je nach dem Ueberwiegen der einen ber die andern dem Verwaltungssystem seine bestimmte individuelle Frbung ertheilen. Dieselbe zeigt je nach dem Uebergewicht der materiellen ber die geistigen, oder dieser ber die materiellen Interessen einen bestimmten hervorstechenden mehr realistischen oder mehr spiritualistischen Ton, zwischen welchen Gegenstzen ein weises, die Harmonie aller Interessen im Auge behaltendes Administrationssystem eine gleichschwebende Temperatur herzustellen und zu erhalten bemht sein wird. 204. Der qualitative Gesichtspunkt des missflligen Streits einander ausschliessender Willensusserungen ergibt die ethische Idee des Rechts. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der sthetischen Idee der Correctheit auf das ethische Gebiet. Wie correcte Vorstellungen solche sind, die als gleichzeitige im Bewusstsein sich unter einander vertragen, so sind rechtmssige (d. i. dem Recht gemsse) Willensusserungen solche, die gleichzeitig vorhanden einander nicht ausschliessen. Wie die Correctheit eine natrliche oder knstliche, je nachdem die Vertrglichkeit jener Vorstellungen eine ursprngliche d. i. aus dem Inhalt derselben selbst fliessende, oder eine (sei es durch Zufall oder durch Willen) herbeigefhrte ist, indem der ursprngliche Inhalt so lange abgendert oder durch einen anderen ersetzt wurde, bis die anfnglich unvertrglichen zu vertrglichen Vorstellungen wurden, so ist die Rechtsgemssheit (oder, was eben so viel ist, die Erlaubtheit gewisser Willensusserungen) eine natrliche oder knstliche, je nachdem dieselben schon ursprnglich ihrem Inhalt nach vertrglich sind, oder erst in Folge einer gemeinsamen Uebereinkunft (Vertrag) der Wollenden eine solche Abnderung, beziehungsweise Ersetzung durch anders beschaffene erfuhren, dass die bisher unter einander unvertrglichen fortan fr vertrglich gelten knnen. Heissen daher Willensusserungen, die sich unter einander nicht ausschliessen d. h. ohne missflligen Streit hervorzurufen gleichzeitig mit und neben einander bestehen knnen, im Allgemeinen (im ethischen Sinn) erlaubte, so sind solche, deren Vertrglichkeit eine ursprngliche, aus ihrem Inhalt selbst fliessende ist, natrlich erlaubte, solche dagegen, deren Vertrglichkeit erst aus einem zwischen den Wollenden stattgehabten Vertrage stammt, vertragsmssig erlaubte Willensusserungen. Erstere, da ihre Erlaubtheit durch den Inhalt der Willensusserungen selbst begrndet ist, sind jedesmal und jedermann erlaubt, sobald dieser Inhalt der nmliche ist; diese dagegen, deren Vertrglichkeit nur aus dem durch Vertrag festgesetzten Inhalt fliesst, sind nur so lange und nur denjenigen erlaubt, so lange und fr welche jener Vertrag besteht. Erlaubte Willensusserungen der ersteren Art werden daher auch wol als natrliche (sogenannte angeborene), erlaubte Willensusserungen der letzteren Art dagegen als erworbene (sogenannte positive) Rechte bezeichnet. Die Summe der (angeborenen und erworbenen) Rechte d. i. der Inbegriff smmtlicher dem Wollenden erlaubter, oder solcher Willensusserungen, durch deren Vornahme derselbe keinen Streit erhebt, macht das Recht des Wollenden aus. 205. Wie der als correct bezeichnete Vorstellungsinhalt eine Grenze fr die unbeschrnkte Freiheit des Vorstellens bezeichnet, jenseits welcher dasselbe aufhrt, sthetisch geduldet, und anfngt, unbedingt missfllig zu werden, so stellt der Inhalt der ("angeborenen und erworbenen") Rechte d. i. des Rechts des Wollenden, eine (natrliche oder vertragsmssige) Schranke fr die grenzenlose Freiheit der Willensusserung desselben dar, jenseits welcher diese aufhrt, ethisch geduldet, und anfngt, unbedingt missfllig zu werden. Der Doppelsinn des Begriffs der Grenze, welcher zugleich die Ausdehnung des einen und dessen Ausschliessung von dem Nachbarlande bedeutet, kehrt im Begriff des Rechts insofern wieder, als durch dasselbe sowol die Ausdehnung der erlaubten Willensusserung einer-, wie deren Ausschliessung von der gleichfalls erlaubten Willensusserung des nachbarlichen Wollenden andererseits bezeichnet wird. Jenes, die Summe der Rechte des Wollenden, macht das Recht im subjectiven, dieses, die Summe der (natrlichen oder vertragsmssig festgesetzten) Schranken der Willensusserung, das Recht im objectiven Sinne des Wortes aus. 206. Wie die Rechtfertigung des Correcten nur in dem Umstand liegt, dass ein von demselben abweichender Inhalt des Vorstellens Ausschliessung unter dem gleichzeitig Vorgestellten d. i. Widerstreit im Vorstellen, und dadurch Missfallen erzeugt, so liegt der Grund des Rechtmssigen (Erlaubten) ausschliesslich in dem Umstand, dass eine von dem Inhalt desselben abweichende Willensusserung mit einander unvertrgliche Willensusserungen im Umfang des zur Aeusserung gelangenden Wollens d. i. Streit hervorruft und dadurch Missfallen erzeugt. So wenig dort ein Unterschied dadurch begrndet wird, dass die Correctheit eine natrliche oder knstliche, so wenig geschieht dies hier durch den Umstand, dass die Rechtmssigkeit eine natrliche oder vertragsmssige ist; wie bei dem Incorrecten das Missfallen nur denjenigen, aber jeden trifft, dessen Vorstellen vom Correcten abweicht, so geschieht es hier mit dem Missfallen, das nur jenem, aber auch jedem gilt, dessen Willensusserung das Erlaubte berschreitet. Wie es aber beim Correcten sich ereignen kann, dass der Inhalt des knstlich mit dem des von Natur aus Correcten in der Weise in Collision gerth, dass von Natur aus Correctes durch conventionelle Uebereinkunft knstlich als incorrect, dagegen durch letztere ein Vorstellungsinhalt knstlich als correct festgesetzt werden kann, welchen das unbefangene Vorstellen als incorrect empfindet, so kann es geschehen, dass natrlich Erlaubtes vertragsmssig als unerlaubt und solches durch Vertrag als erlaubt hingestellt werden kann, was dem unbefangenen sthetischen Urtheil als unerlaubt erscheinen muss. Was in solchem Fall auf sthetischem Gebiete gilt, dass der Umfang des natrlich Correcten ein unbeschrnkter, weil nur von dem sich immer gleich bleibenden Inhalt des Vorgestellten abhngiger, jener des knstlich Correcten aber ein auf den Umkreis eingeschrnkter sei, innerhalb dessen, sei es Herkommen, Ueberlieferung, Sitte und Gebrauch oder positive Convention dasselbe fixirt haben, wird anstandslos auf das ethische angewendet werden drfen, dass das natrlich Erlaubte unbeschrnkte, weil nur aus dem Inhalt der Willensusserungen fliessende, das vertragsmssig Erlaubte jedoch nur auf denjenigen Umkreis beschrnkte Geltung besitze, innerhalb dessen stillschweigender d. h. blos durch Zulassung, oder ausdrcklicher d. i. mit mehr oder weniger Frmlichkeit kundgegebener Vertrag dasselbe fr die Vertrag Schliessenden (aber auch nur fr diese) als erlaubt festgestellt haben. 207. Indem die sthetische Idee der Correctheit jeden Vorstellungsinhalt verbietet, durch welchen Unvertrglichkeit zwischen dem gleichzeitig Vorgestellten, so verwehrt die Idee des Rechts jede Willensusserung, durch welche Streit zwischen den Wollenden hervorgerufen wird. So wenig die erstere hiebei einen Unterschied zwischen den beiden Vorstellungen, eben so wenig macht diese einen solchen zwischen den beiden Wollenden. Die Aufforderung, Streit zu meiden d. i. sich innerhalb der durch das (sei es natrliche oder vertragsmssige) Recht gezogenen Willensgrenze zu halten, ergeht an beide Wollende in ganz gleicher Weise, ganz abgesehen von dem Umstnde, ob durch diese letztere die Freiheit der Willensusserung des Einen eine Erweiterung, jene des Anderen eine Verengerung erfahren hat d. h. ob durch dieselbe dem ersten eine Befugniss (ein Recht gegen den zweiten) eingerumt, dem zweiten eine solche zu Gunsten des ersten entzogen (demselben eine Pflicht gegen den ersten auferlegt) worden sei. Da nun eben so wol Streit entsteht, wenn die eingerumte Befugniss berschritten, als wenn die entzogene Befugniss wieder in Anspruch genommen wird, so bedeutet jene Aufforderung fr denjenigen, dem das Recht jene Befugniss gibt, so viel, dass er dieselbe nicht missbrauchen, dagegen fr denjenigen, dem das Recht jene Befugniss nimmt, so viel, dass er dieselbe nicht mehr als sein Recht gebrauchen drfe, beides aus keinem andern Grunde, als weil jede obiger beider Handlungsweisen Streit erzeugt. 208. Mehr als diese Aufforderung, um der Vermeidung des Streites willen einerseits seine Berechtigung nicht zu berschreiten, andererseits seine Verpflichtung zu erfllen, kann aus der Idee des Rechts nicht abgeleitet werden. Dieselbe enthlt weder die Ermchtigung fr den Berechtigten, im Falle unterlassener Pflichterfllung von Seite des Verpflichteten dieselbe mit Gewalt d. i. durch Anwendung von Zwangsmassregeln durchzusetzen, noch schliesst dieselbe fr den Verpflichteten die Befugniss ein, sich im Falle gemissbrauchten oder mit Zwang durchgesetzten Rechts von Seite des Berechtigten demselben mit Gewalt d. i. mittels Anwendung von Gegenzwangsmassregeln zu widersetzen. Ersteres nicht, weil jeder Zwang einen Eingriff in die erlaubten Willensusserungen des Verpflichteten, somit von Seite des Berechtigten diesem gegenber selbst eine Streiterhebung darstellt. Letzteres nicht, weil jeder Gegenzwang von Seite des Verpflichteten einen Eingriff in die erlaubten Willensusserungen des Berechtigten, also seinerseits eine Streiterhebung einschliesst. Weder kann der Zwang, welcher von Seite des Berechtigten zur Durchsetzung seiner Berechtigung, noch kann der Gegenzwang, welcher von Seite des Verpflichteten gegen den Berechtigten ausgebt wird, sich auf diejenige Willensusserung einschrnken, welche im ersten Fall ausschliesslich das Recht, im letzteren eben so ausschliesslich die Pflicht ausmacht. Beide, Berechtigter und Verpflichteter, werden in solchem Falle sich in gleicher Lage befinden wie der Jude Shylock, dem das Gesetz die Befugniss einrumt, zur Durchsetzung seines Rechts gegenber dem Kaufmann von Venedig Gewalt anzuwenden d. i. das contractlich zugestandene Pfund Fleisch nahe dem Herzen demselben wirklich aus lebendigem Leibe zu schneiden, jedoch unter der von dem "klugen" Richter hinzugefgten Bedingung, dass er bei Ausbung dieses seines Rechts nicht selbst seinerseits ein Unrecht begehe d. h. nicht eine ihm contractlich nicht zugestandene Handlung ausfhre, daher keinen einzigen Tropfen Blutes vergiessen drfe. Wie durch letzteren Zusatz die ihm zugestandene Zwangsbefugniss illusorisch, weil der Natur der Sache nach unausfhrbar, so wird die angeblich in der Idee des Rechtes enthaltene Zwangsbefugniss in ethisch geschrften Augen dadurch zunichte gemacht, dass die Ausbung einer solchen ohne neue Streiterhebung, also seinerseits Rechtsverletzung, dem Berechtigten durch die Natur der Sache unmglich gemacht wird. 209. Ist nun in der Idee des Rechts wirklich nichts mehr als die Aufforderung, beim Rechte zu bleiben, keineswegs aber die Erlaubniss enthalten, Unrecht mit Gewalt zu hintertreiben, so ist allerdings zu erwarten, dass, wenn nicht auf anderem Wege Vorsorge getroffen wird, Missbrauch des Rechtes unmglich, Unterlassung der Pflicht unthunlich zu machen, sowol das eine wie das andere in einem Grade berwuchern werde, dass der thatschliche Zustand der durch die Idee des Rechts gestellten Forderung Hohn sprechen wird. Weder lsst sich hoffen, dass die Scheu, vor der Idee des Rechts durch Streiterhebung missfllig zu werden, in dem Gemthe des Berechtigten hufiger als es bei solchen, die einer Aufforderung zur Rechtlichkeit berhaupt nicht bedrfen, ohnehin der Fall zu sein pflegt, eine solche Macht besitzen werde, um ihm die Anwendung von Zwang zur Durchsetzung seines Rechts unmglich zu machen, noch knnte es Wunder nehmen, wenn die Furcht, durch gewaltsamen Widerstand vor der Idee des Rechts missliebig zu erscheinen, bei dem Verpflichteten, der sich durch Missbrauch des Rechtes bedroht und durch Anwendung von Zwang in unbestrittenen Rechten beeintrchtigt sieht, zu schwach wre, ihn von dem Versuch gewaltsamer Gegenwehr zurckzuhalten. Vielmehr ist vorauszusehen, dass in den bei weitem meisten Fllen der Berechtigte der Verlockung, sein verweigertes Recht auf Kosten des Verpflichteten durchzusetzen, der Verpflichtete dem Drange, sein angegriffenes Recht gegen den Uebermuth oder die Uebermacht des Berechtigten sicherzustellen, nicht werde widerstehen und dadurch an die Stelle des Friedenszustandes, wie ihn die Idee des Rechtes fordert, ein Kriegszustand, wie ihn der Kampf des Berechtigten um sein Recht gegen den Verpflichteten und der Kampf des Verpflichteten fr sein Recht wider den Berechtigten darstellt, treten werde. Soll letzteres verhtet und die Herstellung des Rechts- d. i. eines solchen Zustandes, in welchem der Berechtigte sein Recht, aber nicht mehr als dieses fordert, der Verpflichtete seine Pflicht und nie weniger als diese leistet, nicht auf jene mrchenhaften Zeiten verschoben werden, in welchen die Idee des Rechts durch Erziehung und Gewhnung Macht genug ber die Gemther gewonnen haben wird, um die Sicherstellung des Rechts durch andere Mittel berflssig zu machen, so muss ein Ausweg ausfindig gemacht werden, dem Berechtigten seine Leistung, dem Verpflichteten seinen Schutz vor Uebergriffen zu verbrgen, ohne von Seite des ersten wie des letzteren durch unrechtmssige Streiterhebung missfllig zu werden. Derselbe besteht darin, dass die Befugniss im Falle der Pflichtverweigerung Zwang, im Falle des Missbrauchs der Berechtigung Widerstand ausben zu drfen, ihrerseits ausdrcklich vertragsmssig stipulirt und dadurch selbst zum Recht d. i. zu einem Zwangsrecht erhoben werde. Der Unterschied desselben von der oben errterten Sachlage besteht darin, dass in der letzteren das Recht zu zwingen als eine mit jedem Rechte unmittelbar nicht nur verbundene, sondern demselben innewohnende und folglich aus demselben ohne weiteres fliessende Befugniss angesehen, dagegen nun als ein zweites neben und ausser dem Recht, zu dessen Schutze es bestimmt ist, ausdrcklich errichtetes und mit diesem nicht innerlich (deductiv), sondern nur usserlich (copulativ) verbundenes Recht betrachtet wird. Durch dasselbe verwandelt sich der zur gewaltsamen Zurckeroberung der verweigerten Leistung ausgebte Zwang und der zum Schutz gegen Ueberschreitung gebte gewaltsame Widerstand aus unrechtmssigen (unerlaubten) in rechtmssige Handlungen, indem beide Theile eingewilligt haben, der eine die zur Durchsetzung der Pflicht, der andere die zum Schutz gegen Missbrauch nothwendigen Gewaltmassregeln sich gefallen lassen zu wollen. 210. Da die Idee des Rechts nichts weiter verlangt, als dass Streit gemieden d. h. gegenwrtiger Streit geschlichtet, zuknftiger verhtet werde, so ist dasselbe in dem Grade als vollkommener anzusehen, als obiger Zweck erreicht d. h. als durch dasselbe Streit beseitigt oder unmglich gemacht wird. Welcherlei Inhalt dazu in jedem gegebenen Falle der zweckdienlichste d. h. welcherlei Recht in jedem gegebenen Falle das zweckentsprechendste sein werde, lsst sich nicht im Allgemeinen festsetzen, sondern hngt von dem jeweiligen Inhalt derjenigen Willensusserungen ab, deren Vertrglichkeit unter einander durch dasselbe gesichert werden soll. Schon von Natur aus mit einander vertrgliche Willensusserungen (sogenannte angeborene Rechte), sobald es deren berhaupt gibt, bedrfen, da zwischen ihnen kein Streit herrscht, auch nicht besonderer Festsetzungen, denselben zu vermeiden; es wre denn, es trten Flle ein, in welchen auch diese sonst vertrglichen Willensusserungen zu einander ausschliessenden werden und Streit verursachen. Von dieser Art sind z. B. diejenigen Willensusserungen, die im Gebrauch der Athmungsorgane zum Einschlrfen der zum Lebensunterhalt unentbehrlichen Quantitt atmosphrischer Luft bestehen. Dieselben gelten unter normalen Verhltnissen als vertrglich unter einander, indem jederzeit Luft genug existirt, um dem gleichzeitigen Athmungsbedrfniss Mehrerer zu gengen. Das Recht, sich derselben zum Athmen zu bedienen, kann daher im obigen Sinne als ein natrliches (sogenanntes angeborenes) angesehen werden. Tritt jedoch der Fall ein, dass (wie z. B. in Holwell's "schwarzer Hhle" oder unter der Taucherglocke) das vorhandene Quantum athembarer Luft ein beschrnktes, wol gar fr das vorhandene Bedrfniss der Mehreren nicht ausreichendes wird, so werden die sonst vertrglich gewesenen Aeusserungen des Willens, zu athmen, sofort zu unvertrglichen: es entsteht Streit und damit nicht nur die Mglichkeit, sondern der Idee des Rechts zufolge die Aufforderung, ein Recht d. i. eine Bestimmung zu treffen, durch welche (wie es z. B. unter der Taucherglocke thatschlich der Fall ist) der Verbrauch der Luft bezglich der Einzelnen geregelt und deren erlaubter vom unerlaubten gesondert wird. Sind dagegen die Willensusserungen von Haus aus unvertrgliche, so wird jenes Recht das beste sein, welches die darin liegende Ursache des Streits am schnellsten, grndlichsten und dadurch am dauerhaftesten behebt, wobei indess immer der Grundsatz gilt, dass auch das schlechte Recht, weil es den Streit, wenn auch nur oberflchlich und vorbergehend, beseitigt, immer noch besser sei als der Streit selbst. 211. Lsst sich aber auch ber den Inhalt mglicher Rechte ohne Bercksichtigung des Inhaltes mglicher Willensusserungen nichts allgemeines aussagen, so lassen sich doch in Bezug auf die Form, durch welche das Recht seiner Idee in mehr oder minder vollkommener Weise gengt, Bestimmungen treffen. Hier gilt, dass das Recht (es sei natrliches oder vertragsmssiges) seinem Inhalt nach, er sei, welcher er wolle, nicht zweifelhaft sein d. h. dass derselbe entweder (wie es bei den natrlichen Rechten der Fall zu sein pflegt) an sich evident sein, oder (wie es bei den vertragsmssigen Rechten durch besondere die Festsetzung derselben begleitende Frmlichkeiten: Gebrauch bestimmter Worte oder usserer Zeichen, Handschlag, Stabbruch u. dgl. zu geschehen pflegt) evident gemacht werden muss. Zweifel in ersterer Hinsicht, durch welche entweder der Inhalt wirklicher natrlicher Rechte ungebhrlich ausgedehnt, oder ein seinem Inhalte nach keineswegs natrliches Recht als angeborenes in Anspruch genommen wird, sind daher (im ethischen Sinne) nicht weniger schdlich als Zweifel der letzteren Art, durch welche der vertragsmssige Inhalt eines positiven Rechtes seinem ursprnglichen Sinne entgegen umgedeutet oder ein anderes als das vertragsmssige Recht als vertragsmssig behauptet wird. Doppelsinn, Halbheit oder Zweideutigkeit des Ausdruckes, Ausserachtlassen von Bedingungen, die auf die knftige Geltung des Rechtes von Einfluss sein knnen, sind daher Mngel des Rechtes, denen gegenber die, wenn auch an Pedanterie streifende Deutlichkeit und Umstndlichkeit der Formulirung, so wie der vorschriftsmssige Gebrauch feststehender Formeln und Symbole (wie im rmischen, im deutschen Recht) im Recht am Platze ist. 212. Ist schon das zweifelhafte Recht von Uebel, weil es die Bestreitung des Rechtes seinem Inhalte nach mglich macht, ja erleichtert, so ist das "naturwidrige" Recht d. i. ein solches, dessen Bestimmungen mit Gesetzen, sei es der leblosen, sei es der lebendigen Natur im Widerspruch stehen, also ohne jene, was unmglich ist, zu umgehen, nicht in Vollziehung gesetzt werden knnen, in noch hherem Grade fehlerhaft, weil es anstatt den Streit zu verhten, zu demselben reizt und dessen Bestand permanent macht. In Bezug auf dasjenige Recht, dessen Bestimmungen den Naturgesetzen der leblosen Natur zuwiderlaufen, versteht diese Mangelhaftigkeit und damit die Nichtigkeit desselben der Idee des Rechtes gegenber sich von selbst, und das Mrchen wie die Mythe haben von derartigen, physisch unerfllbaren Pflichtleistungen, die den Hrer rhren und die Hilfe bernatrlicher Mchte herausfordern sollen, reichlich Gebrauch gemacht. In Bezug auf solche dagegen, deren Bestimmungen die lebendige Natur z. B. die Bewegung und den Gebrauch der Glieder des eigenen Leibes als Werkzeug der Willensusserung betreffen, offenbart sich die Widernatrlichkeit einer Verpflichtung, durch welche auf jene verzichtet werden soll, dadurch, dass in Folge der unzerreissbaren Association zwischen Bewusstseinsvorgngen und Willensimpulsen auf der einen und Muskelbewegungen, die zur Vernderung der Stellung des Leibes und der Glieder fhren, auf der anderen Seite jener Verzicht unaufhrlich nicht durch, sondern ohne, ja wider den Willen des Verpflichteten zurckgenommen, das Recht gebrochen werden wird, obige Bestimmung daher, weit entfernt, den Streit dauernd hintanzuhalten, vielmehr unaufhrlich dazu beitrgt, denselben zu erneuern. Die streng genommen zwar nicht Unrechtmssigkeit, aber der Idee des Rechtes gegenber Zweckwidrigkeit derartiger Rechte (Leibeigenschaft, Hrigkeit, Sclaverei) hat dazu gefhrt, z. B. das Recht auf den Gebrauch der eigenen Glieder und die freie Bewegung des Leibes als ein sogenanntes "angeborenes" anzusehen, was es im strengen Sinne des Wortes nicht ist, da die physische Unmglichkeit, auf dieselben zu verzichten, nicht behauptet, sondern nur der in einem solchen Verzicht enthaltene, unaufhrlich wiederkehrende Reiz zur Verletzung des eingegangenen Rechtes tadelnd hervorgehoben werden kann. 213. Ein der Idee des Rechtes entsprechendes Bild eines Zustandes, in welchem kein Streit herrscht, liefert der Friede, sei es der natrliche, innerhalb dessen entweder (wie "im Paradiese" und im "goldenen Zeitalter") nur unter einander vertrgliche Willensusserungen stattfinden, oder (so wie im sogenannten Nothfrieden) mit einander unvertrgliche Willensusserungen nur deshalb nicht stattfinden, weil die Streitenden, oder doch einer von ihnen, obgleich der Wille zu streiten nach wie vor besteht, in Folge physischer Erschpfung ausser Stande sind ihren Willen zu ussern, sei es der vertragsmssige, innerhalb dessen entweder aus Furcht oder um des Vortheiles willen (Schacherfrieden) in dem einen, oder aus Respect vor der Idee des Rechtes in dem anderen Falle vertragswidrige d. h. unter einander unvertrgliche Willensusserungen unterlassen werden. Letztgenannter entspricht, da der Respect vor der Rechtsidee, wie diese selbst, sich immer gleich bleibt, dem Ideal eines Rechts- d. i. eines Zustandes, in welchem der Streit dauernd vermieden wird, unter den smmtlichen angefhrten in vollkommenster Weise. 214. An die ethische Idee des Rechtes schliesst sich ein Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht blos auf die gesammten Willensusserungen des Wollenden, sondern auf die Gesammtheit der innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft an den Tag tretenden Willensusserungen der Mitglieder derselben ausdehnt. Dasselbe besteht darin, dass smmtliche Willensusserungen des Individuums zum mindesten erlaubt d. i. rechtmssig, so wie dass keine der innerhalb des Umkreises der Gesellschaft an den Tag tretenden Willensusserungen eines ihrer Mitglieder unerlaubt d. i. unrechtmssig sei; oder, was dasselbe ist, dass weder der Wollende noch irgend ein Mitglied der Gesellschaft durch irgend eine seiner Willensusserungen Streit erhebe. Die Tendenz desselben ist, nicht nur jede unrechtmssige Handlung zu unterlassen, sondern wo Streit entstanden ist denselben auf rechtmssige Weise zu schlichten, nicht nur von Seite des Wollenden in Bezug auf jede seiner Handlungen, sondern von Seite der Gesellschaft in Bezug auf jede innerhalb ihres Umkreises vorfallende Handlung ihrer Mitglieder. Die Erfllung derselben von Seite des einzelnen Wollenden ergibt das Ideal des rechtlichen Mannes d. i. eines solchen, der nicht nur fr seine Person jeder unerlaubten Handlungsweise sich jederzeit enthlt, sondern wenn ohne, ja wider seinen Willen Streit dennoch entstanden ist, denselben auf keine andere als auf erlaubte Weise (also nicht durch Selbsthilfe, Duell u. s. w.) schlichtet; die Erfllung derselben von Seite einer Gesellschaft dagegen ergibt das Ideal einer Rechtsgesellschaft d. i. einer solchen, die nicht nur innerhalb ihres Umkreises diejenigen Anstalten trifft, um Streit zwischen ihren Mitgliedern zu verhten (Rechtsgesetzgebung), sondern auch alle diejenigen anordnet, deren Zweck es ist, entstandenen Streit auf rechtmssige Weise zu schlichten (Gerichtsverfahren). Jenes bildet sowol beim einzelnen Wollenden wie bei der Rechtsgesellschaft den prventiven, den Ausbruch des Streites beseitigenden, dieses bei beiden den repressiven, ausgebrochenen Streit beschwichtigenden Theil der Erfllung der Rechtsidee. 215. Je nach den verschiedenen Gattungen unerlaubter Handlungen und Achtung heischender Rechte, welche der Einzelne sich zu unterlassen und zu respectiren gebietet, wie je nach der Mannigfaltigkeit der Veranlassungen, welche zum Streitausbruch, und der Verfahrungsweisen, welche zum Streitaustrag fhren knnen, kommt in die rechtliche Gesinnung des Einzelnen wie in die Rechtsgesetzgebung und das Rechtsverfahren der Gesellschaft eine Buntheit und Vielartigkeit, welche je nach der vorherrschenden Bercksichtigung einer bestimmten Classe von Rechten vor und im Gegensatz zu den brigen (z. B. der privaten vor den ffentlichen, oder umgekehrt der ffentlichen vor dem privaten, des Hausrechts vor dem Landrecht und dessen vor dem Reichs- und Staatsrecht, des kirchlichen vor dem weltlichen Recht, oder umgekehrt u. s. w.) der Rechtsgesinnung des Einzelnen so wie der Gesellschaft eine bestimmte Frbung (z. B. die privatrechtliche im germanischen, die ffentlich rechtliche im antiken Recht, die clericale im mittelalterlichen, die profane im modernen Staate) ertheilt und in den verschiedenen Zweigen sowol der Rechtsgesetzgebung wie des Rechtsverfahrens sich, sei es zu Gunsten, sei es zu Ungunsten einer oder der anderen Classe von Rechten, geltend macht. Letztere beiden zerfallen je nach den verschiedenen Classen der Rechte, die zu errichten und zu schtzen sind, sich unter einander aber eben so wol zu widerstreiten scheinen, als zu ergnzen bestimmt sein knnen, in eben so viele Zweige sowol der Gesetzgebung als des gerichtlichen Verfahrens, zwischen welchen ihres scheinbar ausschliessenden Charakters ungeachtet (z. B. geistliche und weltliche Gesetzgebung, canonisches, militrisches und Civilgerichtsverfahren u. dgl.) eine weise Rechtsorganisation das Gleichgewicht nicht nur, wo es gestrt zu werden droht, herzustellen, sondern dauernd zu erhalten und zu befestigen bemht sein wird. 216. Der qualitative Gesichtspunkt der missflligen Strung durch absichtliche Willensusserung ergibt die ethische Idee der (billigen) Vergeltung. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung der sthetischen Idee des Ausgleichs auf das ethische Gebiet. Wie Schein, der sich fr Sein gibt, um deswillen unbedingt missfllt und, so weit sich derselbe vor das Sein hervorgedrngt hat, so weit wieder zurckgedrngt d. i. das ursprngliche Sein aus seiner Verdunkelung wieder hergestellt werden muss, damit das Missfallen verschwinde, so missfllt absichtlich herbeigefhrte Strung, die sich fr Nichtstrung ausgibt und daher durch entsprechende Gegenstrung ausgeglichen d. i. der ursprngliche oder doch ein diesem gleicher Zustand wieder hergestellt werden muss, damit das Missfallen aufhre. Da die Ursache der eingetretenen Strung weder eine leblose (ein blosses Naturereigniss), noch eine absichts- (also bewusst-) lose Willensusserung (im Affect, in der Leidenschaft), sondern eine absichtliche (also bei klarem Bewusstsein beabsichtigte) Willensusserung ist, so fllt, da die entsprechende Gegenstrung nichts anderes als die Wirkung der Strung und folglich, da diese selbst die Wirkung jener Ursache, zugleich die (nur entferntere) Wirkung jener absichtlichen Willensusserung ist, dieselbe mit ganzer Gewalt und in ihrem ganzen Umfange auf den Trger der absichtlichen Willensusserung d. i. den Thter als den "Strenfried" zurck. Derselbe erscheint daher einerseits als verantwortlich fr die Strung, andererseits als Gegenstand der Gegenstrung. In ersterer Hinsicht hngt der Grad seiner Verantwortlichkeit ab von dem Grad seiner Urheberschaft; in letzterer Hinsicht wird das Mass der an ihm zu verwirklichenden Gegenstrung durch dasjenige der von ihm ausgegangenen Strung vorgezeichnet. 217. Der Grad der Urheberschaft wird gemessen durch die Erwgung, inwiefern und inwieweit eine gewisse Strung als Wirkung absichtlicher Willensusserung eines gewissen Wollenden angesehen werden knne. Dieselbe hat zunchst zu erforschen, ob und dass die stattgehabte Strung Wirkung eines Willens (d. i. ob und dass sie Willensusserung), hierauf, ob und dass diese Willensusserung absichtlich d. i. unter Umstnden erfolgt sei, unter welchen allein von Wollen einer- und Absichtlichkeit andererseits die Rede sein knne. Erstere Untersuchung, da sie den Zusammenhang einer in der Aussenwelt eingetretenen Vernderung eines bisherigen Zustandes und die Verursachung dieser durch einen wirksam gewordenen Willen betrifft, hngt von der Rcksicht auf die Naturgesetze der usseren (physischen) Welt ab; letztere Untersuchung, da sie den Zusammenhang eines bestimmten Wollens mit einem bestimmten Vorsatz d. i. die Verursachung einer im Innern des Bewusstseins vor sich gegangenen Vernderung im Wollen durch einen gleichfalls im Bewusstsein vorgegangenen Act des Intellects betrifft, hngt von der Rcksicht auf die Naturgesetze der inneren (psychischen) Welt ab. Jene hat zu constatiren, dass es bei der Verursachung der Strung durch ein Wollen, diese, dass es bei der Verursachung des Wollens durch den Intellect "mit rechten Dingen" zugegangen d. h. dass nicht nur zwischen der Strung und dem angeblichen Strenfried ein Causalzusammenhang bestehend, sondern dass derselbe an keiner Stelle unterbrochen, kein Ring der Kette ausgefallen sei. Das Ergebniss der ersteren ist der Grad der physischen, jenes der letztern Betrachtung der Grad der psychischen Urheberschaft des Thters. 218. Letzterer hngt ab von der Zurechnungsfhigkeit des Thters. Eine solche ist nicht vorhanden, wenn die psychischen Bedingungen mangeln, von welchen nach psychischen Naturgesetzen das Zustandekommen eines wirklichen Wollens, so wie dessen Beeinflussung durch den Intellect abhngig ist. Da nun wirkliches Wollen nur dort existirt, wo weder, wie beim Begehren, zwar eine Vorstellung des Begehrten, aber keine von dessen Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, noch, wie beim Wnschen, nebst der Vorstellung des Gewnschten auch noch die Vorstellung von dessen Unerreichbarkeit, sondern nur dort, wo ausser der Vorstellung des Gewollten auch noch die Ueberzeugung von dessen Erreichbarkeit vorhanden ist, so hngt die Entscheidung ber die Zurechnungsfhigkeit in erster Reihe davon ab, ob der Zustand des Bewusstseins ein solcher gewesen sei, in welchem die Mglichkeit vorhanden war, ber Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit des Begehrten Erwgungen anzustellen, Urtheile zu fllen und sein Begehren durch dieselben bestimmen zu lassen d. h. ob der angebliche Thter in einem Gemthszustande sich befunden habe, der es ihm psychisch mglich machte, verstndige Ueberlegungen ber sein Begehren anzustellen. Da ferner von einer Absicht in Bezug auf den Andern nur insofern die Rede sein kann, als eine Vorstellung davon vorausgesetzt wird, was die Folge einer gewissen Willensusserung in dem Zustande des Anderen sein d. h. ob derselbe dadurch verbessert oder verschlechtert werden werde, so hngt die Entscheidung ber die Zurechnungsfhigkeit in zweiter Reihe davon ab, ob der Zustand des Bewusstseins ein solcher gewesen sei, um eine Vorstellung von den unausbleiblichen oder doch mglichen Folgen einer gewissen Handlung fr den Leidenden wirklich oder auch nur mglich zu machen d. i. ob der angebliche Thter sich in einem Geisteszustande befunden habe, der ihm erlaubte, eine vernnftige Ueberlegung anzustellen. 219. Der Unterschied beider Ueberlegungen ist dieser: erstere, die sogenannte verstndige, hat es, nachdem das Begehren einmal vorhanden ist, lediglich mit der Frage zu thun, ob das Begehrte auch mglich sei. Letztere, die sogenannte vernnftige, hat es, bevor noch ein Begehren wirklich vorhanden ist, mit der Frage zu thun, ob ein solches erlaubt sei. Die Antwort auf jene Frage hngt lediglich von Erwgungen ab, deren Gegenstnde aus dem Bereiche der physischen, die Antwort auf diese dagegen von solchen, die aus dem Bereiche der sogenannten moralischen Welt entnommen sind. Ueber Erreichbarkeit oder Unerreichbarkeit entscheidet richtig oder unrichtig die Kenntniss oder Unkenntniss der Naturgesetze; ber die Erlaubtheit oder Unerlaubtheit entscheidet wahr oder falsch das Bewusstsein oder das Nichtbewusstsein der Moralgesetze. In einem Zustand, in welchem das "Weltbewusstsein" d. i. die Fhigkeit, nach der vorhandenen Kenntniss der Naturgesetze zu verfahren, aus was immer fr einem Grunde (augenblickliche oder dauernde Unwissenheit) nicht vorhanden oder abhanden gekommen ist, kann keine verstndige, in einem solchen, in welchem "das ethische Bewusstsein" d. i. die Stimme des Gewissens, die Kenntniss des Gebotenen und Verbotenen, sei es aus was immer fr einem Grunde (ethische Blindheit oder ethische Verblendung) unterdrckt ist, keine vernnftige Ueberlegung stattfinden. Der angebliche Thter ist in solchem Falle entweder schon in erster oder doch in zweiter Reihe im psychologischen Sinne des Wortes unzurechnungsfhig. 220. Der Umstand, ob die dem Strenfried zur Last fallende Strung seinerseits durch die absichtliche Herbeifhrung oder die eben so absichtliche Unterlassung einer gewissen Willensusserung verursacht wird, macht in der Beurtheilung seiner Urheberschaft keinen wesentlichen Unterschied. Ersterer Fall, welcher, wenn die verursachte Strung ein Wehe des von derselben Betroffenen darstellt, als dolus bezeichnet wird, kommt mit dem letzteren, welcher unter derselben Voraussetzung den Namen culpa fhrt, darin berein, dass beide Ursache der Strung sind, und unterscheidet sich von diesem nur dadurch, dass der Thter das einemal etwas thut, von dem er weiss, dass dessen Thun, das anderemal etwas nicht thut, von dem er weiss, dass dessen Nichtthun eine gewisse Folge nach sich ziehen msse und werde. Letzteres Wissen wird nothwendig erfordert, wenn von einer durch Unterlassung auf sich geladenen Schuld des Unterlassenden die Rede sein soll; wo dasselbe mangelt, aber durch die Unterlassung Strung entsteht, kann der Unterlassende hchstens in dem Falle fr dieselbe zur Verantwortung gezogen werden, als ihm die Nichtunterlassung ausdrcklich zur Pflicht gemacht war. Dessen Vergehen besteht jedoch in einem solchen Fall nicht sowol in der Herbeifhrung der Strung, von deren Mglichkeit er nichts wusste, als vielmehr in der Vernachlssigung der ihm aufgetragenen Pflicht. Fand weder Wissen um die Folgen, noch ausdrckliches Gebot der Nichtunterlassung statt, so kann von einer absichtlichen Unterlassung nicht gesprochen und die Folge der Strung dem "unfreiwilligen" Strenfried nicht aufgebrdet werden. 221. Mit dem Erweis der Thterschaft ist das Object der Vergeltung, mit dem Mass der Thterschaft das Mass dieser letzteren gegeben. Jede wirkliche Strung kann, um nicht missfllig zu werden, nur am wirklichen Thter und nur in dem Masse, aber auch nicht unter demselben vergolten werden, in welchem er Thter ist. Inwiefern die von ihm ausgegangene That selbst Wohl- oder Wehethat, der Thter wirklicher Wohl- oder Wehethter ist, nimmt die Vergeltung die Gestalt der Belohnung d. i. des Rckgangs eines dem zugefgten gleichen Quantums von Wohl an den Wohlthter, oder der Bestrafung d. i. des Rckgangs eines gleichen Quantums von Wehe an den Wehethter an. 222. Ueber das Subject der Vergeltung d. i. den zur Vergeltung Berufenen, wird durch die Idee der Vergeltung nichts ausgesagt. Die Forderung derselben lautet dahin, dass vergolten werde, aber sie lsst dahingestellt, durch wen vergolten werde. Dieselbe ist erfllt und das Missfallen geschwunden, wenn die Strung ausgeglichen, auch dann, wenn durch die Ausgleichung dieser Strung der Ausgleichende (der Vergelter) aus irgend einem Grunde selbst tadelnswerth geworden ist. Die Vergeltung kann eben so gut durch einen unpersnlichen Vorgang (auf dem Naturwege), wie durch einen persnlichen Act (auf dem Gerichtswege) erfolgen. In ersterem Fall zieht die eingetretene Strung die entsprechende Gegenstrung (die That das Loos) wie die Ursache ihre Wirkung nach sich; im letzteren Fall wird die Vergeltung, welche sonst ausgeblieben wre, ber den Thter in Folge des Rathschlusses einer persnlichen Vergeltungsmacht (sei es gttlicher oder menschlicher) verhngt und ausgebt. In ersterem Fall herrscht Nemesis, im letzteren Dike. 223. Die vergeltende Persnlichkeit kann tadelnswerth erscheinen, nicht weil sie vergilt, sondern weil sie vergilt. Die Vergeltung von Wohlthaten durch ein entsprechendes Quantum Wohl an dem Wohlthter lsst nicht nur die Idee der Vergeltung, sondern auch die Person des Vergelters in verklrendem Lichte erscheinen, weil bei dem Wohlspendenden nicht blos billige, sondern (mit Recht oder Unrecht) auch wohlwollende Gesinnung vorausgesetzt wird. Die Vergeltung der Wehethat durch ein entsprechendes Quantum Wehe an dem Wehethter dagegen lsst die Person des Vergelters in einem ungnstigen Lichte sich darstellen, weil an derselben zwar die billige Gesinnung allenfalls anerkannt, aber der Verdacht belwollender Gesinnung d. i. einer Freude am Wehethun rege gemacht wird. Der Strafrichter, der das Urtheil fllt, noch mehr der Nachrichter, der es vollzieht, hat die Wirkung dieses unwillkrlichen Nebenverdachtes an seiner Person zu erfahren; der Henker, der Hand anlegt an den, wenn auch gerechterweise, Verurtheilten, wird von der Volksmeinung fr unehrlich erklrt und wurde nicht selten in der Ausbung seiner Pflicht vom Volke gehindert und gesteinigt. Wie es in feiner empfindenden Zeitaltern einst dahin kommen mag, dass die Anwendung der Todesstrafe von selbst aufhren muss, weil sich niemand mehr finden wird, der das verrufene Amt des Scharfrichters auf sich nimmt, so liesse sich denken, dass die Fllung von, wenn auch gerechten, Strafurtheilen bei empfindlichen Seelen Widerstand erfhrt, weil sich dieselben weder vor Anderen noch vor sich selbst dem Verdacht aussetzen mgen, mehr der Freude, Anderen weh thun zu knnen, nachgegeben, als der Idee billiger Vergeltung ausschliesslich gehorcht zu haben. 224. Dieser Verdacht wird gesteigert, wenn die Person des Vergelters mit dem Beleidigten, schwindet beinahe vllig, wenn dieselbe mit dem Beleidiger identisch ist. Ersteres enthlt den Grund, um deswillen Vergeltung von Rache verschieden, letzteres den Grund, warum unter allen Formen der strafenden Vergeltung die der Selbstvergeltung die am mindesten anstssige ist. Bei demjenigen, der durch den Andern absichtliches Weh erlitten hat, liegt die Voraussetzung, dass er die sich darbietende Gelegenheit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, nicht sowol mit der persnlichen Khle des unbetheiligten Richters, sondern mit der schadenfrohen Hitze des gereizten Rachgierigen ergreifen werde, am nchsten; die Hoffnung, dass derselbe es bei dem billigen Masse der Vergeltung bewenden lassen werde, ist bei ihm die geringste; die Aussicht, dass er dasselbe in ungebhrlicher Weise berschreiten werde, die wahrscheinlichste. Unter allen als passende Werkzeuge der Vergeltung denkbaren Persnlichkeiten ist daher die des Beleidigten die unpassendste und sonach durch die Idee der Billigkeit vom Vergelteramt (z. B. im Zweikampf, Duell) ausgeschlossen. Dagegen, da bei jedem Einzelnen die Neigung, sich selbst Wehe zu thun, nicht, der Entschluss, sich selbst ein derartiges zuzufgen, nur als Wirkung eines ber die Schranken eudmonistischer Motive hinausreichenden, idealen d. i. nur von ethischen Ideen beherrschten Wollens vorausgesetzt werden kann, ist die Selbstvergeltung d. i. die Zufgung eines dem von ihm ausgegangenen gleichen Quantums von Wehe an seine eigene Person von der Hand des Wehethters ber jeden Verdacht anderer als rein ethischer Vergeltungsgesinnung erhaben und zugleich die Annahme, dass sich der Vergelter mit dem billigen Masse der Vergeltung begngen werde, gerechtfertigt, so dass durch dieselbe der Idee der Vergeltung zugleich in der reinsten und in der angemessensten Weise Genge gethan wird. Dieselbe ist daher nicht nur des Nimbus halber, mit dem sie die Person des Vergelters umgibt, sondern auch um der Krze und Anschaulichkeit des Vergeltungsverfahrens willen (z. B. als vergeltender Selbstmord) im Drama (Othello, Don Caesar, Guido von Tarent u. A.) besonders beliebt. 225. Wie die Nothwendigkeit zu strafen, um Missfallen zu vermeiden, von der Idee der Vergeltung, so hngt die Mglichkeit zu strafen, ohne missfllig zu werden, von dem Motiv des Strafenden ab. Fordert die erste: fiat justitia pereat mundus, so erlaubt die letztere nur: fiat justitia, ne pereat mundus. Das Motiv der Strafe kann kein anderes sein, als damit die geschehene Wehethat nicht unvergolten, der Wehethter nicht straflos bleibe. Der Beweggrund des Strafenden kann kein anderer sein, als die wohlwollende Gesinnung, dass durch den Vollzug der Strafe nicht sowol Anderen Leid zugefgt, als vielmehr Anderer Leid verhtet, oder Anderer Wohl gefrdert werde. Je nachdem dieser Andere der Wehethter selbst, oder ein Anderer als dieser ist d. h. durch das Wehe, das dem Wehethter zugefgt wird, entweder dessen eigenes Weh verhtet oder gemildert, dessen eigenes Wohl gewahrt und gemehrt werden soll, oder das gleiche bei einem Andern dadurch herbeigefhrt werden soll, zerfllt vom Gesichtspunkt des Strafenden aus die Strafe in Besserungs- und Abschreckungsstrafe. Jene geht darauf aus, den Wehethter selbst, diese den Anderen seiner ethischen Beschaffenheit nach durch das dem ersteren zugefgte Leid zu verndern d. h. die Strafe als ein Motiv in das Bewusstsein des einen wie der anderen zu dem Zwecke einzufhren, damit in der Folge eine der strafbaren Handlung gleiche Handlungsweise, sei es von dem Gestraften selbst, sei es von den Zeugen seiner Bestrafung unterlassen werde. Die durch die Strafe herbeizufhrende Aenderung der ethischen Qualitt besteht bei dem Gestraften in einer wirklichen Aenderung seines bisherigen (strflichen) Wollens, so dass an die Stelle desselben knftig ein seinem Inhalt nach entgegengesetztes (unstrfliches) Wollen trete, sein Wollen demnach ein besseres werde. Bei Anderen dagegen kann dieselbe nur darin bestehen, dass ein gewisses bisher nicht wirklich vorhandenes d. h. noch niemals in Handlung bergegangenes, wenngleich vielleicht als Neigung, Hang, Vorsatz lngst bestandenes Wollen auch knftig nicht wirklich d. i. wirksam werde. Whrend daher die Abschreckungsstrafe ihren Zweck erfllt, wenn sie berhaupt Andere, also auch den Gestraften selbst zur Enthaltung von der strafbaren Handlung bewegt, hat die Besserungsstrafe denselben erst dann erreicht, wenn sie in den Anderen und darunter vor allem in dem Gestraften ein neues, dem Inhalt der strflichen Handlung entgegengesetztes Wollen erzeugt. Da die Strafe ein Wehe zufgt, so wird der Grund, durch welchen dieselbe sowol zum Motiv der Enthaltung vom strflichen, wie zur Erzeugung eines demselben entgegengesetzten Wollens wird, zunchst kein anderer sein, als Furcht vor dem Wehe, das sie mit sich bringt: Furcht vor dessen Wiederkehr bei dem Gestraften, vor dessen drohendem Eintreten bei dem Zeugen der Strafe. Hat dieselbe zur Folge, dass sowol bei dem Gestraften als bei den Zeugen der Strafe, das strfliche Wollen, bei dem Gestraften nicht mehr, bei den Anderen berhaupt nicht eintritt, so sind die letzteren nicht schlechter geworden, als sie waren, so ist das Wollen des Gestraften besser geworden, als es war; der Gestrafte selbst aber, so lange nur Furcht vor der Strafe ihn von der Wiederbegehung der strflichen Handlung abhlt, ist nicht gebessert. Letzteres ist erst dann der Fall, wenn nicht nur das Wollen ein anderes, sondern auch das Motiv des anders Wollens ein anderes als das eudmonistische der Furcht d. h. wenn es das ethische, die Ueberzeugung von der Verwerflichkeit der strafbaren Handlung als solcher geworden ist. Diesen ussersten Schritt, welcher nicht blos eine Aenderung des Wollens, sondern eine solche der Gesinnung bedeutet, in dem Gestraften herbeizufhren, reicht die blosse Strafe, welche als solche zwar auf das Gemth d. i. auf die Empfnglichkeit fr die angenehmen oder unangenehmen Folgen einer gewissen Handlungsweise, und auf die Klugheit, unangenehmen Folgen auszuweichen, keineswegs aber auf die praktische Weisheit d. i. auf die Einsicht in den unbedingten Werth oder Unwerth einer Handlungsweise Einfluss zu ben vermag, fr sich so wenig aus, dass zur Erreichung dieses Zweckes vielmehr andere Mittel (Belehrung, Erziehung) zu Hilfe genommen werden mssen, das Beste aber von dem im Gemth des Gestraften selbst zum Durchbruch gelangten Erwachen der unwiderstehlichen Stimme und Macht des Gewissens erwartet werden muss. 226. Letztgenannter Grund ist es, welcher bewirkt, dass die Formen der Strafe, je nachdem dieselbe als Besserungs- oder als Abschreckungsstrafe betrachtet wird, unter einander abweichende, nicht selten sogar entgegengesetzte Gestalt annehmen. So fordert die Strafe, die abschreckend wirken soll, volle, ja verstrkte Oeffentlichkeit, whrend die Besserung des Gestraften, wenn sie den Zweck der Strafe abgeben soll, durch Geheimhaltung derselben, um diesem die Beschmung zu ersparen, begnstigt wird. Whrend die Oeffentlichkeit des Strafvollzuges die Furcht vor der Strafe steigert, erleichtert deren Geheimhaltung dem Gestraften die Aenderung sowol seines bisherigen Wollens wie seiner bisherigen Gesinnung. Jene erschwert dem Gestraften auch nach eingetretener Besserung den Rcktritt in die Gesellschaft, die Zeuge seiner Bestrafung gewesen ist; diese, indem sie Bestrafung und Gesinnungsnderung in der Stille sich vollziehen lsst, macht durch weise Schonung des Ehrgefhles dem Gestraften nicht sowol die Wiederaufnahme als vielmehr das dem Anschein nach wenigstens ungestrte Fortleben unter Anderen mglich. Entmenschte Rohheit und gedankenlose Neugier haben den ffentlichen Strafvollzug lngst mehr zur Befriedigung brutaler Schaulust und barbarischer Gefhllosigkeit erniedrigt, als zum wirksamen Drohmittel erhabener Gerechtigkeitspflege erhht; die Verlegung desselben in abgelegene und der Menge verschlossene Rume, so wie die Ersetzung der die sittliche Pest durch Ansteckung mehrenden gemeinsamen durch der Einkehr in sich selbst und dem Wachwerden ethischer Gesinnung vortheilhafte Einzelhaft stehen in der Gegenwart als sichtbare Zeichen des Uebergewichtes des Besserungs- ber das blosse Abschreckungsmotiv und verfeinerten ethischen Zartgefhles aufrecht. 227. An die Idee der billigen Vergeltung schliesst sich ein Verfahren an, welches dieselbe nicht blos ber die gesammte Willenssphre des Einzelnen, so weit nicht andere Motive es verhindern, einer-, so wie auf smmtliche innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft zu Tage tretende mittels absichtlicher Willensusserung hervorgerufene Strungen andererseits ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass nicht nur jede vom Einzelnen verbte, wie jede am Einzelnen gebte That vergolten, sondern dass jede innerhalb des Umkreises der Gesellschaft ans Licht getretene Wohl- oder Wehethat in entsprechender Weise vergolten werde. In ersterer Hinsicht schliesst die Idee der Vergeltung die Forderung ein, dass jeder, der Gegenstand einer Wohl- oder Wehethat gewesen ist, deren Vergeltung (entweder durch ihn selbst oder durch Andere) suche, und jeder, der Urheber einer Wohl- oder Wehethat geworden ist, deren Vergeltung (durch Andere oder durch sich selbst) dulde. In letzterer Hinsicht drckt dieselbe aus, dass innerhalb des Umkreises der Gesellschaft keine wie immer geartete wirklich vollzogene That verborgen, so wie dass keine durch Zufall oder durch absichtliche Veranstaltung ans Licht gezogene That ohne Vergeltung bleibe. Die Erfllung ersterer Forderung stellt das Ideal des gerechten Mannes, der sein Recht fordert, aber auch nimmt, die Erfllung der letzteren das Ideal eines Lohnsystems d. i. einer Gesellschaft dar, innerhalb welcher jeder That ihr Lohn, der Wohlthat die ihr gebhrende Belohnung, der Wehethat die verdiente Bestrafung zu Theil wird. Jenem entspricht es, wie Heinrich von Kleist's Michael Kohlhaas darauf zu bestehen, dass die ihm widerrechtlich geraubten Rosse, von dem junkerlichen Ruber mit eigener Hand dick gefttert, ihm zurckgestellt werden, aber zugleich die ber ihn selbst rechtmssig verhngte Strafe gesetzloser Willkr und widergesetzlicher Selbsthilfe sich willig gefallen zu lassen. Wie in ersterer Handlung des Gerechten berechtigter "Kampf ums Recht", so tritt in der letzteren des Gerechten bereitwillige Anerkennung des "Sieges des Rechtes" ans Tageslicht. Dem Ideal eines Lohnsystems wrde eine Gesellschaft gengen, in welcher nicht nur alle zweckdienlichen Anstalten getroffen werden, nicht blos wie die heutigen "Detectives" verborgen gebliebene Missethaten aufzudecken und wie die heutigen "ffentlichen Anklger" der Strafgewalt zu denunciren, sondern in gleicher Weise geheime oder (zufllig oder absichtlich) vergessene Wohlthaten aufzuspren und als ffentliche Lobredner der Macht, welche die Pflicht und die Mittel zur Belohnung besitzt, zur Kenntniss zu bringen. In letzterem Sinn hat schon Sokrates den ihm gebhrenden Lohn dahin definirt, dass er verdient habe, auf ffentliche Kosten im Prytaneum erhalten zu werden. Whrend die heutige Gesellschaft fr den Zweck der Entdeckung und Kundmachung geschehener Wehethaten ein zahlreiches Heer besonders geschulter und instruirter Organe besitzt, zieht sie es vor, ohne Zweifel um den Zartsinn der Wohlthter zu schonen, das Bekanntwerden geschehener Wohlthaten dem Zufall, oder dem seltenen guten Willen der Empfnger so wie der Neider anheimzustellen. Dieselbe hat ebenso es lngst als ihre Aufgabe angesehen, zur Bestrafung innerhalb ihres Umkreises kundgewordener Vergehen zweckdienliche Anstalten (Strafgerichte) und Verfahrungsweisen (Strafverfahren) zu errichten und zu ersinnen, hat es jedoch in Bezug auf den zweiten, nicht minder wichtigen Theil des Lohnsystems, die Belohnung auch der ihr bekannt gewordenen Wohlthaten, bei den drftigsten Einrichtungen (Preisgerichte) und den armseligsten Verfahrungsweisen (Brgerkronen, Ehrenzeichen, Monthyon'sche Tugendpreise) bewenden lassen. Nicht Keppler allein ist ein Beispiel, dass die moderne Gesellschaft Wohlthtern der Menschheit "ffentliche Steine" statt Brot gegeben hat. Wie in der gerechten Gesinnung des Einzelnen zwischen der Geneigtheit, sein Recht zu fordern, und der Bereitwilligkeit, dasselbe zu nehmen, so kann innerhalb des Lohnsystems zwischen der Sorgfalt Strafen zu verhngen und der Lssigkeit Wohlthaten zu belohnen ein empfindliches Missverhltniss herrschen, in Folge dessen die gerechte Gesinnung in Vergeltungssucht einer- und Widersetzlichkeit andererseits, die Gerechtigkeit der Gesellschaft in drakonische Strenge einer- und athenische Undankbarkeit andererseits ausartet. Das Ueberwiegen der Recht fordernden ber die rechtsduldsame, der Straffrohen ber die belohnungseifrige Gesinnung oder das Gegentheil gibt dem Einzelnen wie der Gesellschaft hinsichtlich der Idee der Vergeltung ihre eigenthmliche Frbung und ruft jenen Gegensatz einander bekmpfender Willensrichtungen, deren eine auf die Zufgung wenn auch verdienten Weh's, die andere auf die Schenkung wohlverdienten Wohls gerichtet ist, hervor, zwischen welchen eine weise Organisation sowol des Strafs- wie des Belohnungssystems das vershnende Mass herzustellen und festzuhalten bemht sein wird. 228. Mit der Idee der billigen Vergeltung ist die Reihe der ethischen d. i. der Uebertragungen sthetischer Ideen auf das ethische Gebiet erschpft. Keine derselben ist das ganze Gute, aber jeder derselben entspricht ein Element des Guten. Wie das vollkommene, so ist das innerlich freie und das wohlwollende Wollen ein gutes; sind die Gegentheile des Streits: der Friede unter den Wollenden, und der unvergoltenen That: die billige und willige Vergeltung seitens der Wollenden, kein schlechtes Wollen. Aber nur alle zusammengenommen als Eigenschaften des Wollens d. i. dasjenige Wollen, das zugleich in quantitativer Hinsicht stark, in qualitativer Hinsicht charaktervoll, gtig, rechtlich und gerecht ist, ist das gute Wollen. Die Erweiterung der ethischen Ideen auf die Gesellschaft, welche derselben nach einander den Charakter eines Cultursystems, einer beseelten Gesellschaft, eines Verwaltungssystems, einer Rechtsgesellschaft und eines Lohnsystems verleiht, bringt nicht nur durch jede der genannten Eigenschaften eine von dem Gesichtspunkt einer vereinzelten ethischen Idee aus verehrungs- oder doch wenigstens achtungswrdige Gesellschaft, sondern durch die Vereinigung aller genannten Eigenschaften das Ideal desjenigen hervor, was in besserem als in dem banal-herkmmlichen Sinne der "guten Gesellschaft" eine wahrhaft gute Gesellschaft d. i. eine solche heissen darf, in welcher, wie in dem guten Wollen die einfachen, so die gesellschaftlichen ethischen Ideen zur Verwirklichung gelangt sind. 229. Wie jeder der logischen und sthetischen Ideen, so steht jeder der ethischen Ideen ein Gegenbild zur Seite; jener der (ethischen) Vollkommenheit das der (ethischen) Unvollkommenheit, jener der inneren Freiheit das der inneren Unfreiheit (Willensknechtschaft), jener des Wohlwollens das des Uebelwollens, whrend Streit und unvergoltene That die natrlichen Gegenstze des durch die Ideen des Rechts und der billigen Vergeltung Geforderten ausmachen. Wie jedes einer ethischen Idee entsprechende Wollen ein gutes (lobenswerthes, im ethischen Sinn schnes), so stellt jedes einem ihrer Gegenbilder gleichende Wollen ein schlechtes (tadelnswerthes, im ethischen Sinne hssliches) Wollen dar. Wie jene zusammengenommen den Inhalt des Guten, so erschpfen diese zusammengenommen den Inhalt des ethisch verwerflichen Wollens. Wird dabei durch ein dem bei den ethischen Ideen angewendeten hnliches Verfahren die in dem Gegenbilde enthaltene Forderung nicht blos auf das Gesammtwollen des einzelnen Wollenden, sondern auf jenes einer ganzen Gesellschaft ausgedehnt, so entstehen nach der Reihe die den oben genannten entgegengesetzten Einzel- und Gesellschaftsideale. Dem Ideale des Willensstarken tritt gegenber die Willensschwche, dem Ideal des Cultursystems das Zerrbild eines solchen in der innerlich schwchlichen, drftigen und zerfahrenen Willensbeschaffenheit ihrer smmtlichen Mitglieder. Dem Ideal des Charakters und der beseelten Gesellschaft stellt sich das Extrem innerer Haltlosigkeit im Einzelnen, so wie der seelenlose Mechanismus und Formalismus in der Gesellschaft entgegen. Die Kehrseite des Ideals der Gte und eines wohlwollenden Verwaltungssystems offenbart sich in dem satanischen Ideal der Bosheit (dem Bsen), wie in dem wsten, auf Raubbau und nutzlose Vergeudung der Gter gegrndeten Haushalt innerlich und usserlich verlotterter Wirthschaftsgesellschaften. Das Widerspiel, sei es auf natrliche, sei es vertragsmssige Basis gestellter Rechts- und Friedenszustnde tritt in dem rcksichtslosen Walten der Macht des Strkern, in dem Kriege Aller gegen Alle und dem auf gegenseitige Vernichtung abzielenden "Kampf ums Dasein" zu Tage, whrend das Gegenstck zu dem in der Forderung billiger Vergeltung enthaltenen Gemlde das Bild eines Zustandes darbietet, in welchem der Wohlthter darbt und das vergossene Blut vergebens zum Himmel schreit. Wie die Zusammenfassung ethischer Gegenbilder im Wollen eines einzelnen Individuums dieses zum Ideal der Schlechtigkeit stempelt, so drckt die Zusammenfassung smmtlicher Gegenbilder ethischer Gesellschaftsideale im Wesen einer einzigen Gesellschaft dieser in einem andern als in dem herkmmlich alltglichen Sinn der sogenannten "schlechten Gesellschaft" das Geprge einer schlechten Gesellschaft auf. 230. Mit der Aufstellung der ethischen Ideen und ihrer Gegenbilder, der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung fr jedes Wollen, das auf Hervorbringung des guten d. h. unbedingt wohlgeflligen Wollens gerichtet ist d. i. mit der Aufzhlung der normalen und anormalen Formen, welche Normen des Wollens und Handelns sind, ist das Geschft der Ethik als allgemeiner Wissenschaft vom Guten vollendet. ZWEITES BUCH. DAS WIRKLICHE. ERSTES CAPITEL. DAS NICHT-ICH. 231. Was berhaupt Wirkliches, dass irgendwie Wirkliches, und was oder welcher Art das Wirkliche sei, ist weder so ausgemacht, noch so leicht auszumachen, als diejenigen, welche es lieben, die Wissenschaft vom Wirklichen als allein wirkliche Wissenschaft den "hohlen Trumen der Speculation" entgegenzusetzen, zu glauben sich anstellen oder Andere gern berreden mchten. Sofern und so lange es gewiss ist, dass der Weg zum Wirklichen fr das wirkliche Vorstellen nur durch das wirklich Scheinende d. i. durch den Schein des Wirklichen fhrt, der Schein der Wirklichkeit fr das Bewusstsein frher gegeben ist und demselben nher steht als die, wenn berhaupt vorhandene, hinter demselben stehende Wirklichkeit selbst: so lange bleibt es unbestreitbar, dass die Wissenschaft vom Wirklichen zunchst und vor allem mit dem anscheinend Wirklichen sich aus einander zu setzen hat, wenn sie nicht in Gefahr gerathen soll, blos scheinbar Wirkliches fr das Wirkliche selbst, oder, was in den Ohren der Freunde der Wirklichkeit noch befremdender klingen msste, den Schein fr das einzige Wirkliche zu halten. 232. Ersteres ist die Ansicht des (gemeinen empirischen) Realismus, letzteres jene des (gleichfalls empirischen, obgleich nicht eben gemeinen) Idealismus. Jener geht davon aus, dass das wirklich Scheinende das Wirkliche, dieser davon, dass der Schein eines Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Vom Gesichtspunkt des Realismus aus sind die Dinge nicht nur, wenn, sondern sie sind auch das, was sie zu sein scheinen; von dem Gesichtspunkt des Idealismus aus sind die Dinge, die scheinen, die einzigen, welche sind. Jener schliesst jede Mglichkeit eines Zwiespaltes zwischen Schein und Wirklichkeit aus dem Grunde aus, weil das scheinbar Wirkliche mit dem Wirklichen identisch, dieser dagegen aus dem Grund, weil ausser dem Schein kein Wirkliches vorhanden ist. 233. Ersterem steht die Thatsache im Wege, dass es wirklich Scheinendes gibt, dem doch keine Wirklichkeit entspricht, letzterem der Umstand, dass, wenn dem Schein kein Wirkliches gegenbersteht, es auch keinen Schein geben kann. Der Mond, der am Horizont emporsteigt, scheint wirklich grsser als derselbe Mond, wenn er im Zenith steht, ohne dass daraus folgte, dass er wirklich grsser sei. Der wirklich vorhandene Schein ist in diesem Fall eine nothwendige Tuschung, welche dadurch, dass sie nothwendig ist, nicht aufhrt, Tuschung zu sein. Die scheinbare Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, welche der wirklichen Bewegung der Erde um ihre Axe gerade entgegengesetzt ist, ist der Schein einer Wirklichkeit, aber nicht diese selbst. Wie in den angefhrten Fllen vertreten in allen sogenannten Sinnestuschungen, denen entweder ein Anderes als das scheinbare Wirkliche (Illusionen), oder berhaupt kein Wirkliches entspricht (Hallucinationen), anscheinende die Stelle der wirklichen Dinge, whrend in den sogenannten Sinnesqualitten (Frbung, Klang, Geruch, Geschmack, Hrte, Weichheit u. dgl.) anscheinende Eigenschaften, die ihren Grund nur in der Beschaffenheit des wahrnehmenden Sinnesorgans, die Stelle wirklicher Eigenschaften vertreten, die ihren Grund in der Zusammensetzung, inneren und usseren Structur, oder in der Beschaffenheit der Oberflche der Krper selbst haben. So ist die Farbe, die dem gemeinen Realismus als eine wirkliche Eigenschaft der Krper gilt, in Wahrheit nur eine scheinbare Eigenschaft derselben, weil sie denselben nur insofern und nur unter der Voraussetzung zukommt, inwiefern und dass ein sehendes Auge vorhanden sei, welches den Eindruck des von der Oberflche des Krpers reflectirten Lichts auf der empfindlichen Netzhaut empfngt und in Empfindung der Farbe verwandelt. So ist der Klang, der nach derselben Anschauungsweise zu den realen Eigenschaften des tnenden Krpers gehrt, nichts weiter, als die in Folge innerer oder usserer Erschtterung der kleinsten Theile desselben hervorgebrachte periodische Wellenbewegung der atmosphrischen Luft, welche dem Hrnerven sich mittheilt und im Centralorgan des empfindlichen Nervensystems in die Sprache des Bewusstseins, in dem Reiz heterogene aber correspondirende Empfindung, aus Gehrreiz in Gehrsempfindung sich umsetzt. Ohne Augen, lsst sich sagen, wre das All der Dinge dunkel, ohne Gehrsorgan stumm. Smmtliche sogenannte wirkliche Eigenschaften, welche der Krperwelt Sinnlichkeit, sichtbare Gestalt fr das Auge, hrbaren Reiz fr das Ohr und entsprechende Wahrnehmbarkeit fr die brigen Sinnesorgane verleihen, werden denselben viel mehr von dem aufnehmenden mit Sinnesorganen ausgersteten Trger des Bewusstseins aufgeprgt, als diesem von jenem bermittelt, und verdienen daher mit weit grsserem Recht anscheinende d. h. den Dingen nur scheinbar anhaftende, in Wirklichkeit denselben nur angedichtete Eigenschaften zu heissen. 234. Folgt aus obiger Betrachtung, dass nicht alles wirklich Scheinende wirklich, so folgt daraus doch nicht, dass der Schein des Wirklichen das einzige Wirkliche sei. Jene Erwgung begrndet den Unterschied eines scheinbar Wirklichen, dem Wirkliches, und eines ebensolchen, dem kein Wirkliches entspricht; letztere Behauptung mchte denselben verwischen und alles wirklich Scheinende in blossen Schein eines Wirklichen, somit das Wirkliche selbst in ein Unwirkliches verwandeln. Dieselbe geht von der Ansicht aus, dass, was nicht im Bewusstsein gegenwrtig, auch nicht fr dasselbe vorhanden sei; dass aber, weil das im Bewusstsein vorhandene nichts anderes sein kann als Bewusstseinsvorgang, auch das fr dasselbe Vorhandene ausschliesslich Bewusstseinsvorgnge sein knnen. Da nun, was im Bewusstsein (also als Vorstellung) vorhanden sein kann, nicht das Wirkliche selbst (die von der Vorstellung der Sache verschiedene Sache), sondern nur der Schein eines solchen (die als wirklich gedachte Sache d. i. der Gedanke der Sache) zu sein vermag, so knne alles fr das Bewusstsein Vorhandene unmglich das Wirkliche selbst, sondern nur dessen Schein, somit fr dasselbe das einzige Wirkliche ausschliesslich der Schein eines Wirklichen sein. Statt daher hinter dem Schein ein imaginres Wirkliches zu suchen, trachtet der Idealismus den Schein als nur scheinbar Unwirkliches, in Wahrheit als einziges Wirkliches festzuhalten, so dass, mit dem Realismus verglichen, das Verhltniss des Scheinbaren zum Wirklichen sich umkehrt, das in den Augen des Realismus Unwirkliche (der Schein, die Vorstellung, idea) fr wirklich, dagegen das in dessen Augen Wirkliche (die Sache, dasjenige, was mehr als blosse Vorstellung ist, res) fr unwirklich erklrt wird. 235. Die Widerlegung des Realismus bestand darin, dass in dem scheinbar Wirklichen, welches derselbe seinem Grundsatz gemss, dass zwischen dem Inhalt des wirklich Scheinenden und jenem des Wirklichen kein Unterschied bestehe, fr wirklich erklrt, Flle aufgezeigt wurden, in welchen das anscheinend Wirkliche unmglich fr wirklich genommen werden konnte. Die Widerlegung des Idealismus, wenn sie denselben Weg einschlge und in dem Inhalt des Scheins, den der letztere fr das einzig Wirkliche erklrt, Widersprche nachwiese, htte damit nur dargethan, dass sich im Schein, also im Unwirklichen, keineswegs aber, dass sich im Wirklichen, also in dem, was mehr ist als Schein, Widersprche vorfinden. Die bekannten Antinomien, welche Kant in Bezug auf die Mglichkeit aufstellt, dass die Welt Grenzen im Raum und einen Anfang in der Zeit, aber auch, dass sie keine Grenzen im Raume und keinen Anfang in der Zeit habe, stammen daher, weil die eine wie die andere beider einander ausschliessender Behauptungen einem Gegenstande gilt, welcher als solcher nicht der realen, sondern der Scheinwelt angehrt, von einem solchen aber sich gleichzeitig einander Ausschliessendes behaupten lsst, ohne dadurch mit der Natur des Scheines, der ja als solcher ein Unwirkliches ist, also das Widersprechende ertrgt, in Widerstreit zu gerathen. 236. Die Widerlegung des Idealismus, wenn berhaupt mglich, muss auf anderem Wege gesucht werden. Kann dieselbe nicht aus dem Umstande geschpft werden, dass der Inhalt des Scheines in seinen Bestandtheilen sich unter sich selbst, so kann sie vielleicht ihren Ausgangspunkt nehmen von der Betrachtung, dass der Begriff eines Scheines, der neben sich selbst kein Wirkliches zulsst, sich selbst widerspricht. Da nun ein Scheinen undenkbar ist ohne ein Etwas, welches scheint (objectiver Schein) oder ein Etwas, welchem es scheint (subjectiver Schein) vorauszusetzen, so muss entweder dasjenige, welches scheint (das Object) und dasjenige, welchem scheint (das Subject) abermals Schein und als solcher eines weiteren, sei es Objects, sei es Subjects des Scheinens bedrftig sein, welcher Regressus sich sofort in infinitum wiederholt, oder es muss, sei es das Object, sei es das Subject, nher oder entfernter etwas anderes als Schein d. i. ein Wirkliches sein, womit die Behauptung des Idealismus, dass Schein das einzige Wirkliche sei, sich von selbst aufhebt. 237. Allerdings nur unter der Annahme, dass das nach den Gesetzen des Denkens Undenkbare unmglich d. h. dass das nach den Gesetzen des Denkens nicht als wirklich Denkbare auch nicht wirklich sei. Folgt aus der Natur des Denkens zwar, dass der Denkende einen gewissen Denkinhalt mit Nothwendigkeit denken msse, so folgt daraus keineswegs, dass der Seinsinhalt mit diesem nothwendigen Inhalt des Denkens eins sein msse. So lange es kein Mittel gibt, den Inhalt des Seins mit dem Inhalt des Denkens zu vergleichen, um denjenigen Denkinhalt, der mit dem Seinsinhalt als congruent sich herausstellt, als Wissen zu fixiren (und dass es kein solches gibt, hat die Betrachtung der logischen Ideen zur Evidenz gebracht), so lange bleibt die Mglichkeit offen, dass die Dinge in der Wirklichkeit sich anders verhalten, als die Gesetze des Denkens letzteres nthigen, das Verhalten derselben mit Nothwendigkeit zu denken d. h. dass der unvermeidliche und durch die Gesetze des Denkens demselben aufgenthigte Denkinhalt des Denkens und der um seiner Unzugnglichkeit willen stets unbekannt bleibende Inhalt des Seins unter einander nicht bereinstimmen, ja vielleicht, was weder wahrscheinlich, noch unwahrscheinlich, sondern eben nur mglich ist, sich unter einander sogar widersprechen. 238. Erst ein spterer Anlass wird Gelegenheit bieten, von der aus obiger Betrachtung fliessenden Einschrnkung Gebrauch zu machen. Aus der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der "Traum der Speculation", wenn er aufhren soll, "Traum" zu sein, zu dem Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei es im subjectiven Sinne, als Trger des Scheins, sei es im objectiven Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufgen muss. Erstere Operation, durch welche im wirklich Scheinenden der Schein des Wirklichen vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch welche zu dem ursprnglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergnzende. Jene fhrt in das wirklich Scheinende neben der Betrachtung des Wirklichen, welches scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein, welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des ihrer ursprnglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen Erklrung, sei es aus einem Wirklichen (dem Subject) oder durch ein Wirkliches (Object) fort. 239. Die Einfhrung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinende als deren Product begreiflich zu machen, bedeutet die Einfgung eines idealistischen Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufgung eines Wirklichen, sei es als Trger (Subject), sei es als Ursache (Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen, sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu machen, bedeutet die Einfhrung eines realistischen Elements in die idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmlige Ausbreitung des ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmlige Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus nher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen, der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergnzenden d. i. philosophisch erklrenden Behandlung realistischen Charakter an. 240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als "Idole" (Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten "Idola tribus", dem auffassenden (menschlichen) Subject vermge dessen Gattungscharakter angehren und daher bei smmtlichen Individuen derselben Gattung (also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen mssen, kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrcklich hervorgehobenen Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren, eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem zufolge "die Welt der Erscheinung" d. i. das wirklich Scheinende zwar der "Materie" d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint, der "Form" nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt (der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der "Idola tribus"). 241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese subjective Hinzuthat im wirklich Scheinenden als eine Verunreinigung der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe so bald und so grndlich als mglich befreit werden msse, um die Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, whrend der andere, der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine fr alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gnzlich aus demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht sowol Schein eines Wirklichen, als Schein des Wirklichen ist, fr Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat gezeigt, dass die sogenannten secundren Eigenschaften der Krper, wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten liess, nur als Schein eines Wirklichen gelten drfen d. h. nicht, wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare Eigenschaften den Krpern angedichtet seien. Werden dieselben, als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur mehr die sogenannten primren Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung, Grsse) und als Kern alles wirklich Scheinenden und kat' exochn Wirkliches das (brigens unbekannte) Substrat des Scheins und Trger der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen brig. Das von Bacon vergebens zu verdrngen gesuchte idealistische Element hat seine Stelle im Realismus mit Gewinn zurck erobert. 242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund getreten. Wenn die sogenannten secundren Eigenschaften nur den Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als Schein des Wirklichen zeigt, eine trgerische, den Schein an die Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Tuschung ber die Wirklichkeit. Die nchste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein, als dem Sinnenschein, welcher die Basis aller sinnlichen Erfahrung ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen. 243. Dasselbe muss sich naturgemss in demselben Grade steigern, als sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben hat zuerst Locke's idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigefhrt durch die Behauptung, dass die sogenannten primren Eigenschaften der Krper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar als die sogenannten secundren Eigenschaften, und, ebenso wie diese, Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den hchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufgte, dass der Krper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Trger der Eigenschaften eine an sich vllig berflssige, von dem vorstellenden Subject, wenn auch nicht willkrlich, aber doch unwillkrlich gemachte grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol wie die sogenannten primren und secundren Eigenschaften zwar der Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Krper fortan nichts weiter als die Summe seiner (primren und secundren) Eigenschaften, diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich wirklichen Krper in blossen Schein eines Krpers, die sogenannte Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und lste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug, und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die leere Vorspiegelung einer solchen auf. 244. Diese usserste mgliche Ausdehnung des idealistischen Elementes im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge haben. Hatte der Idealismus smmtliches wirklich Scheinende in innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf dem Wege der Erfahrung sich in die trostlose Einsicht in die Unmglichkeit einer solchen, auf Grund vlligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknpfung derselben unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden Subject in die Welt der Phnomene hineingelegter, keineswegs (wie die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen. 245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgnger gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm die subjective Gewhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird, in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phnomene jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache, letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass zwar, wenn der eine jener Vorgnge der reale Grund, der andere die reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise das (vielleicht ganz zufllige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen der andern Erscheinung als gengender Beweis dafr gelten darf, dass die erste die Ursache der zweiten sei. Whrend die Auseinanderfolge zweier Phnomene deren Aufeinanderfolge nothwendig, macht deren Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur mglich; die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge einer durch fter beobachtete Succession beider Erscheinungen im Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung stehend zu denken, kann daher niemals vllige (apodiktische), sondern hchstens sogenannte moralische (problematische) Gewissheit d. i. mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen. 246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt, "aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat", nicht aus dem des Wolf'schen Rationalismus, ber welchen er lngst hinaus, sondern aus dem des Locke-Newton'schen Empirismus, in welchem er damals (1770) noch vllig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen Wege, der auch ihm als die natrliche Fortsetzung der Bahn seiner Vorgnger galt, schliesslich dahin kommen msse, dass auch die allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbssen und sich in blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren mssen, erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber fr ein auf Erkenntniss des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unertrglich, dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch nur particulr giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen und nothwendigen Erfahrung berging. 247. Wie die bisherige Betrachtung das allmlige Eindringen des idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmlige, schliesslich denselben berfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit nicht entgangen, die fr denjenigen, der die gesammte wirklich scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwchst, dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter denselben Uebereinstimmung und Mittheilung mglich sein soll, diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt in smmtlichen Vorstellenden die nmliche, nach Inhalt und Form unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage beantworten liesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht, diese Welt in allen als die gleiche entstehen msse. Leibnitz hat diese Frage, die sich auch ihm aufdrngen musste, weil jede "fensterlose" Monas in ihrem Innern eine "Welt als Vorstellung" enthlt, mit der Berufung auf die durch Gott prstabilirte Harmonie aller Monaden und somit auch ihrer smmtlichen, obgleich von einander unabhngigen inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne, von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht die Lsung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden knnen, gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt d. i. dem er scheint, sondern berdies seinen Urheber, Gott, durch den er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen, berhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), whrend der Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind. 248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein, als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprnglichste Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint (der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das Wirkliche auf als Trger, von dieser aus angesehen, als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins. Whrend aber in dieser Gestalt des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Trger des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein thtig (spontan) sich verhlt, sind daneben Auffassungen denkbar, nach welchen entweder der Trger sich gleichfalls wie die Ursache thtig, oder der Trger sich thtig, aber zugleich als einzige Ursache sich verhlt, whrend eine dritte von jener ursprnglichen nur dadurch sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheins nicht ein geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualitt nach beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Trger des Scheins vllig unabhngig ist. 249. Wird der Trger des Scheins d. i. das vorstellende Subject ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als thtig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet, so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen, die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phnomenon), ein Product aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhngen muss. In dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phnomenalen Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen, auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen, auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an. 250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen der phnomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe als Wirkliches durch seine Thtigkeit nichts weiter bewirkt, als dass berhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phnomenalen Welt durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger Darstellung spielt, ist die nmliche, die Kant seinem "Ding an sich" zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung, als die Existenz, keineswegs aber die Qualitt des im Bewusstsein schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen. Dass ein Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein unzweifelhaft gemacht. Was das Wirkliche, das nebst und ausser dem vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualitt nach sei, dagegen kann aus der Qualitt des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualitt des vorstellenden Subjects abhngig ist. Das reale Object, "das Ding an sich", ist der Grund, dass berhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen (wie Gesichts-, Gehrs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen) vorhanden sind; die Qualitt des realen vorstellenden Subjects dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein gerade Empfindungen (wie Farben, Tne, Wohlgerche, Wohlgeschmcke, Hrte, Weichheit) vorhanden sind. Wre das erste nicht, so entstnde berhaupt kein Schein, wre das letztere ein anderes, als es ist, so entstnde anderer Schein. Wie die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hngt die Qualitt des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche Schein in seiner qualitativen Eigenthmlichkeit ist daher nur durch das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der alten Terminologie seiner Wolf'schen Schulung sich ausdrckte) "des Erkenntnissvermgens" erklrlich. 251. Erklrlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen thatschlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermgens an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phnomenalen Welt der Lwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst, sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die phnomenale Welt aufgebaut werden soll, berhaupt im Bewusstsein vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher derselbe zum Baue verwendet wird, gnzlich in dem subjectiven Factor d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener seines sogenannten Erkenntnissvermgens gesucht werden. Letzteres, als Baumeister der phnomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand, nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material; das "Ding an sich" als Bauherr ist nur die Ursache, dass berhaupt gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind. 252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermgens ist es, welchen Kant seiner "Kritik der reinen Vernunft" zu Grunde gelegt und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor der phnomenalen Welt reprsentirt, hat Kant seine Philosophie als Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gesttzt sind, als Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus beschrnkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied, sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden Subjectes, welches den idealistischen Factor der phnomenalen Welt ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject, oder, nach Kant's Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject ist. Folge davon ist, dass die Form der phnomenalen Welt, insofern dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt, im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufllige, fr die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige, die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einfhrung der Form als einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zuflligen und singulren berwindet Kant den Hume'schen Skepticismus, der sich an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt die phnomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur fr den Einzelnen giltigen und nur zufllig (durch dessen individuelle Gewhnung) entstandenen in eine fr Alle identische und nothwendig (d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation des Erkenntnissvermgens) entstehende Erfahrung. 253. Die beziehungsweisen Antheile des idealistischen Factors d. i. des in Allen identischen transcendentalen Subjectes einer- und des realistischen Factors d. i. des fr Alle identischen (als seiner Qualitt nach unbekanntes x hinter der phnomenalen Welt stehenden) Dings an sich an dem Zustandekommen einer allgemein giltigen Erfahrung sind es, welche Kant als das a priori und das a posteriori der Erfahrung bezeichnet. Zu dem letzteren gehrt nach der Auffassung Kant's nichts weiter als der sinnliche Stoff, zu welchem das "Ding an sich" den usseren Anstoss gegeben hat; zu dem ersteren gehren smmtliche Formen, welche demselben in aufsteigender Reihe durch die (im Sinne der alten Wolf'schen psychologischen Theorie) einander bergeordneten Stufen des sogenannten Erkenntnissvermgens, des Sinnes, des Verstandes und der Vernunft zu Theil werden sollen. Als solche betrachtete Kant bekanntlich die zwei von ihm sogenannten "reinen Anschauungsformen", welche dem Sinn, die (zwlf) von ihm construirten "Urtheilsformen", welche dem Verstande, und die (drei) von ihm anerkannten (Schlussformen), welche der Vernunft erb und eigen seien. Durch die Anwendung der erstgenannten, und zwar der reinen Anschauungsform des Raumes d. i. des Nebeneinander auf den durch die usseren Sinne, der reinen Anschauungsform der Zeit d. i. des Nacheinander auf den durch den sogenannten inneren Sinn gegebenen Stoff entsteht der Schein rumlich und zeitlich verschieden angeordneter Gruppen sinnlichen Vorstellungsmaterials, welche durch die Anwendung der reinen Urtheilsformen und der daraus deducirten Stammbegriffe (Kategorien) des Verstandes den Schein wirklicher Einzeldinge, und zwar solcher erhalten, die als Substanzen Trger von Eigenschaften, und entweder als Ursachen Urheber von anderen ihresgleichen als Wirkungen, oder selbst als Wirkungen durch andere ihresgleichen als Ursachen hervorgebracht sind. Durch die Anwendung endlich der reinen Schlussformen und der daraus abgeleiteten Ideen der Vernunft entsteht der Schein solcher Wirklicher, die entweder (wie die Seele) das einheitliche Subject zu allen mglichen Prdicaten, oder (wie die Welt) die Totalitt aller Ursachen und Wirkungen, oder (wie die Gottheit) als ens realissimum die Summe aller mglichen Prdicate darstellen. 254. In dem Nachweis der Nothwendigkeit der Entstehung obiger Gattungen des wirklich Scheinenden besteht das positive, in dem gleichzeitigen Erweis, dass obige Gattungen des wirklich Scheinenden nur eben so viele Gattungen vom Schein eines Wirklichen seien, das negative Resultat des Transcendentalidealismus. Hauptschlich um des letzteren willen ist Kant der "alles Zermalmer" genannt worden. Es ist aber nicht zu bersehen, dass von anderer Seite aus angesehen Kant's Philosophie dem negativen Ergebniss des Idealismus, der alles sogenannte Wirkliche in Schein auflst, gegenber ein sehr positives Ergebniss durch die nachdrckliche Betonung der Unentbehrlichkeit einer realen Unterlage der phnomenalen Welt in der Existenz des "Dings an sich" bietet, durch welche sich, wie Schopenhauer richtig gesehen hat, die zweite Auflage der "Kritik der reinen Vernunft" sehr merklich von der ersten, welche fast ausschliesslich der Hervorkehrung des idealistischen Factors gewidmet ist, unterscheidet. Nachdem diejenigen Wirklichen, welche Kant selbst als die eigentlichen Gegenstnde der alten Metaphysik bezeichnet hat, Seele, Welt und Gott, sich unter dem Prisma der Kritik in blosse Scheinwirkliche aufgelst haben, bleibt als Rest des Wirklichen das Ding an sich allein brig, welches man mit Recht als den Rest der alten Metaphysik in Kant's Philosophie, und dessen zu einem Minimum zusammengeschrumpfte Beschreibung man als den Inhalt dessen betrachten kann, was im eigentlichen Sinne des Wortes Kant's Metaphysik heissen darf. 255. Dieselbe setzt sich mit Ausnahme der Behauptung der leeren Existenz durchaus aus negativen Prdicaten zusammen. Dem Ding an sich knnen weder quantitative noch qualitative Bestimmungen beigelegt werden. Dasselbe kann in ersterer Hinsicht weder als Eins, noch als Vieles, in letzterer Hinsicht weder als raumlos, noch als rumlich (also auch weder als unendlich, noch als endlich, weder als ausgedehnt, noch als unausgedehnt), noch als zeitlos, oder zeitlich (also auch weder als in der Zeit entstanden, noch als ewig), noch als geistig (immateriell) oder krperlich (materiell) bezeichnet werden. Alles, was der transcendentale Idealismus von demselben weiss und auszusagen berechtigt ist, beschrnkt sich darauf, zu behaupten, dass es sei, aber nicht, was es sei. 256. Aber auch dies nur aus dem Grunde, weil der sinnliche Stoff als wirklicher Schein eine im Bewusstsein vorhandene Wirkung ist und daher als solche zur Ursache ein Wirkliches haben muss. Die Voraussetzung, dass jede Wirkung ihre zureichende Ursache haben msse (das von Leibnitz sogenannte principium rationis sufficientis) gehrt zu den fundamentalen Axiomen des Denkens, nach Kant insbesondere zu den dem Organismus des Erkenntnissvermgens wesentlichen Urtheilsformen des Verstandes. Aus ersterem folgt, dass sich ein Denken, fr welches obiger Satz fundamentale Geltung besitzt, von einem in dieser Hinsicht anders geartet sein sollenden Denken d. i. einem solchen, fr welches derselbe jene Giltigkeit nicht bessse, schlechterdings keine Vorstellung zu machen im Stande sei. Aus letzterem folgt, dass ein im Kantschen Sinn organisirtes Erkenntnissvermgen der Folgerung, dass jeder angeblichen Wirkung eine derselben gengende Ursache entsprechen msse, schlechterdings nicht zu entrathen vermag, ohne sich selbst aufzuheben. Beides zusammen macht einleuchtend, dass die auch vom Idealismus unbestrittene Thatsache der Existenz wirklichen Scheins zu dem Schlusse fhren muss, dass auch als Ursache desselben irgend ein Wirkliches existire. 257. "Wie der Rauch auf die Flamme, deutet Schein auf Sein"; in diesen Worten Herbart's ist obiger Schluss am prgnantesten ausgesprochen. Allerdings mit dem Seitenblick, dass dieses angedeutete Sein nicht inner-, sondern ausserhalb desjenigen Wirklichen, welches den Trger des Scheins darstellt, d. i. des vorstellenden Subjects zu suchen sein mchte. Hier ist der Punkt, wo die Nachfolger Kant's, die, wie er, auf dem Boden des Transcendentalidealismus stehen, in die einander entgegengesetzten Richtungen eines Idealismus, der sich auf das Subject des Scheins (den idealistischen Factor) d. i. eines idealistischen, und eines solchen, der sich auf das Object des Scheins (den realistischen Factor) sttzt, d. i. eines realistischen Idealismus (der im Vergleiche mit jenem auch Realismus heissen kann) aus einander gehen. Aber auch die Stelle, wo diejenigen, die nicht wie Kant auf dem Boden des transcendentalen Idealismus beharren, sondern mit Umgehung des idealistischen Factors das Wirkliche unmittelbar, weder durch einen Schluss von der Wirkung auf die Ursache, noch berhaupt durch einen Act eines wie immer gearteten Denkens, sondern auf einem von diesem gnzlich verschiedenen Wege (etwa durch das Gefhl wie Jacobi, oder durch den Willen wie Schopenhauer) ergreifen zu knnen glauben, sich von jenen trennen und zu einem das Denken transcendirenden (deshalb flschlich transcendental genannten) Realismus gelangt sind. 258. Darin stimmen beide, der idealistische und der realistische Idealismus, mit einander berein, dass der Schein als wirklicher eine Ursache und zwar ein Wirkliches zur Ursache haben msse; aber darin gehen sie beide aus einander, dass der erstere diese Ursache innerhalb, der andere dieselbe ausserhalb des Bewusstseins sucht. Der "Jude Kant's", Salomon Maimon, war es, der zuerst die Bemerkung machte, dass die Annahme des Dings an sich von Seite Kant's auf einem Fehlschluss beruhe. Wenn der Satz, dass jede Wirkung eine Ursache haben msse, wie die kritische Organisation des Erkenntnissvermgens lehrt, nichts anderes ist als eine dem vorstellenden Subject, und zwar dessen Verstande innewohnende Urtheilsform, so folgt, dass das Subject zwar niemals umhin kann, wo es eine Erscheinung als Wirkung betrachtet, eine Ursache derselben vorauszusetzen, dass aber daraus, dass das Subject durch die Natur seines Erkenntnissvermgens zu diesem Vorgang gezwungen ist, auf keine Weise gefolgert werden darf, dass eine derartige Ursache auch wirklich vorhanden sei. Wenn daher Kant aus der Existenz der Empfindungen auf die nothwendige Existenz des Dings an sich als deren Ursache schliesse, so begehe derselbe eine mit seinen eigenen Principien im Widerspruch stehende Erschleichung, indem aus den letzteren keineswegs die Existenz des Objects, sondern hchstens fr das Subject die Nothwendigkeit sich ableiten lasse, ein solches vorauszusetzen. Als Fichte's Wissenschaftslehre mit der Behauptung hervortrat, dass Kant durch die Zulassung des Dings an sich als Ursache des Stoffs der phnomenalen Welt mit sich selbst in unhaltbaren Widerspruch gerathe, war ihm jener mit der gleichen schon vorangegangen. Fichte aber war es, welcher aus obigem Selbstwiderspruch zuerst die Folgerung zog, dass die Annahme der Existenz eines Dings an sich als eines vom Trger des im Bewusstsein wirklichen Scheins unterschiedenen Wirklichen gnzlich fallen gelassen d. h. dass der realistische Factor des Transcendentalidealismus, das Object, welches scheint, entfernt werden msse. 259. Nach dem Verschwinden des realistischen bleibt von den beiden Factoren, durch deren Zusammenwirken die phnomenale Welt des transcendentalen Idealismus entsteht, nur der idealistische Factor, nach der Entfernung des Objects, welches scheint, von den beiden Wirklichen, deren gemeinsames Product die Welt des Bewusstseins ist, nur das Subject, welchem scheint, brig, geht der transcendentale Idealismus in einen solchen des Subjects (subjectiver Idealismus) ber. Statt zweier Wirklicher, welche die Basis des transcendentalen Idealismus bilden, hat der subjective Idealismus zu seinem Substrat ein einziges Wirkliches, welches zugleich die Rolle des idealistischen und des realistischen Factors der phnomenalen Welt bernimmt d. h. der phnomenalen Welt nicht nur (wie der erste) die Form gibt, sondern auch (wie der letztere) den erforderlichen Stoff (das sinnliche Empfindungsmaterial) selbst erzeugt. Whrend daher im transcendentalen Idealismus der Trger des Scheins, das wirkliche Subject, gegen die Ursache desselben, das wirkliche Object, sich leidend, letzteres gegen ersteres sich thtig verhlt, stellt derselbe im subjectiven Idealismus als Trger (Subject) zugleich die Ursache (Object) des Scheins in einem identischen Wirklichen dar, verhlt sich das nmliche Wirkliche zugleich als Subject leidend gegen sich selbst als Object und thtig als Object gegen sich selbst als Subject d. h. als Subject-Object. Den Anstoss, welchen im transcendentalen Idealismus das Subject vom Object empfing, um Empfindung d. i. Material der phnomenalen Welt im Bewusstsein hervortreten zu lassen, empfngt dasselbe nunmehr nicht von einem von ihm unterschiedenen Andern, sondern von sich selbst. Das von ihm unterschiedene Andere (Object), welches der transcendentale Idealismus noch als ein wirklich Anderes (d. i. als ein anderes Wirkliches) ansah, ist in den Augen des subjectiven Idealismus nur mehr ein scheinbar Anderes, in Wirklichkeit kein Anderes als das Subject, welches das erste und einzige Wirkliche zugleich ist. Dasselbe, insofern es die Rolle des wirklichen realistischen Factors, des Objects, spielt, producirt nicht blos smmtlichen Stoff der phnomenalen Welt, sondern es schafft auch den Schein, als sei dieser Stoff durch ein Anderes als es selbst d. h. es schafft den Schein eines realen Objects, welches den Stoff der phnomenalen Welt producirt. Letzterer, als vom Subject geschaffener Schein eines von diesem unterschiedenen Objects und daher dieses selbst, ist sonach in der That nichts weiter als eine Schpfung d. i. eine durch einen Setzungsact des Subjects entstandene und daher von diesem abhngige Setzung desselben, eine Fiction, aber nichts Wirkliches. Wird diese seine fictive Natur vorbergehend verkannt, der Schein eines Objects fr dessen Wirklichkeit genommen, das scheinbare Object, als ob es ein Wirkliches wre, dem Subject entgegengesetzt, so muss diese Tuschung, welche, weil das Subject das einzige Wirkliche ist, nur eine Selbsttuschung des Subjects sein kann, einmal ein Ende nehmen, das scheinbare Object als blosser Schein eines Objects erkannt und das vermeintlich vom Subject unterschiedene, als von ihm unabhngig wirklich bestehendes gedachte Object als von ihm abhngiges und nur durch dessen eigene Setzung entstandenes vom Subjecte zurckgenommen werden. 260. Setzung des Objects durch das Subject, Verkennung des scheinbaren Objects, indem dasselbe fr wirklich gehalten wird, und Wiedererkennung des flschlich fr wirklich gehaltenen Objects als eines nur scheinbar vom Subject Verschiedenen sind die drei Momente, in welchen die innere Entwickelungsgeschichte des einzigen Wirklichen, welches der subjective Idealismus stehen gelassen hat, des Trgers des Scheins im Bewusstsein sich vollzieht. Dieselbe stellt gleichsam den Fortschritt einer dramatischen Handlung dar, in welcher das ursprnglich Geschehene durch den Schein des Gegentheils vorbergehend verdunkelt und am Schlusse aus der Verdunkelung wieder hergestellt wird. Wie in der letzteren das wirklich Geschehene vor dem Beginn d. i. ausserhalb der sichtbaren Handlung gelegen, also der Kenntniss des Zuschauers anfnglich entzogen ist, so liegt im obigen Process innerhalb des Bewusstseins das wirklich Geschehene, die Setzung des scheinbaren Objects durch das Subject, vor dem Beginn d. i. ausserhalb des erwachten Bewusstseins und bleibt auf diese Weise der Kenntniss des Subjects d. i. dessen eigenem Bewusstsein ber sich selbst verborgen. Aus ersterem folgt, dass beim Beginne des Dramas die sichtbare Handlung das Gegentheil dessen zeigt, was wirklich geschehen ist; aus dem letzteren folgt, dass beim Erwachen des Bewusstseins der Inhalt desselben das Gegentheil dessen aufweist, was wirklich der Fall ist; jene stellt das Geschehene als nicht geschehen, diese stellt das vom Subject gesetzte Object als nicht gesetzt durch das Subject dar. Die schliessliche Lsung erfolgt, wie in der dramatischen Handlung durch die Aufhellung des Geschehenen, so in obigem Bewusstseinsprocess durch die Selbstaufhellung d. i. durch das Bewusstwerden des Subjects ber sich selbst und seine eigene Setzung des Objects, d. i. durch das Selbstbewusstsein. 261. Dieses Subject, das einzige Wirkliche und folglich Wirkende ist es, welches der Urheber der Wissenschaftslehre das "Ich" genannt und dessen in den drei auf einander folgenden Stufen der Thesis, Antithesis und Synthesis sich entwickelnde Natur derselbe als niemals rastendes Thun (d. i. unablssiges Wirken) bezeichnet hat. Dasselbe setzt im Lauf seiner Entwickelung sein eigenes Gegentheil, das Nicht-Ich, und nimmt es im Verfolge derselben als von ihm selbst gesetztes d. h. als Ich in sich wieder zurck. Der erste Theil dieses Processes, welcher sich vor dem Bewusstwerden vollzieht, stellt die bewusstlose d. i. die Naturseite (Nachtseite) der Entwickelung des Ich, der zweite Theil desselben, weil er sich bei Bewusstsein vollzieht, stellt die bewusste d. i. die Geistesseite (Tagseite) derselben und, da das Ich das einzige Wirkliche ist, jener Abschnitt zugleich die Entwickelung des Wirklichen als eines bewusstlosen d. i. als Natur, dieser jene des nmlichen Wirklichen als eines bewussten d. i. als Geist dar. Die Gliederung der gesammten Wissenschaft vom Wirklichen vom Standpunkt des subjectiven Idealismus aus in eine solche vom Ich als Natur (Naturphilosophie) und vom Ich als Geist (Geistesphilosophie), aber auch die Mglichkeit einer solchen, welche beide Seiten der Entwickelung des Ich als Entwickelungsseiten eines und des nmlichen Ich, als identisch betrachtet (Identittsphilosophie), so wie einer weitern, welche die Betrachtung des Entwickelungsgesetzes des Ich als eines nicht nur selbst innerlich nothwendigen, sondern diese Entwickelung nothwendig fordernden, der Betrachtung des wirklichen Entwickelungsganges desselben als Natur und Geist voranstellt (Dialektik, metaphysische Logik) ist dadurch vorgezeichnet. 262. Je nachdem das Ich als Wirkliches (agens), oder als blosser Infinitiv, als Wirken (agere) bestimmt, das erstere entweder als endliches oder als unendliches (absolutes) Ich aufgefasst wird, gliedert sich der Idealismus des Subjects in die drei Stufen des (im engeren Sinn sogenannten) subjectiven Idealismus (Fichte), absoluten Idealismus (Schelling) und Panlogismus (Hegel). Jener besteht darin, dass als einziges Wirkliches ein endliches Ich (das transcendentale Subject); der zweite darin, dass als einziges Wirkliches ein absolutes Ich (die Gottheit, das absolute Subject); der dritte darin, dass als einziges Wirkliches das unpersnliche Wirken und zwar, da das einzige Wirkliche des Idealismus das vorstellende (denkende) Subject ist, das unpersnliche Denken, die Vernunft angesehen wird. Die Entwickelungsgeschichte des ersten d. i. der Inhalt der gesammten Wissenschaft stellt den Bewusstseinsprocess dar, mittels dessen das endliche Ich zum Bewusstsein seiner selbst, zum Selbstbewusstsein gelangt d. i. Geist wird. Jene des zweiten macht den immanenten Entwickelungsprocess aus, mittels dessen das absolute Subject durch die vorlufigen Phasen der Natur- und der Weltgeschichte hindurch zum Bewusstsein seiner selbst d. i. zum Bewusstsein seiner Gttlichkeit, zum absoluten Bewusstsein gelangt d. i. absoluter Geist, Gott wird. ("Am Ende der Weltgeschichte", sagte Schelling, "wird Gott sein".) Der Panlogismus endlich reprsentirt den dialektischen Process, mittels dessen die unpersnliche (objective) Vernunft (die logische Idee) durch ihr Gegentheil, das vernunftlose Sein (die Natur), hindurch zur persnlichen (subjectiven) Vernunft (zum absoluten Geiste) wird. ("Aufgabe der Philosophie ist", sagte Hegel, "die Substanz zum Subjecte zu machen".) 263. Alle drei Formen des Idealismus des Subjects kommen darin berein, das Wirkliche sei, aber auch, dass nur ein Einziges wirklich sei. Wird daher dieses als einziges Wirkliches von einem Widerspruch betroffen, welcher entweder verhindert, dasselbe berhaupt anzunehmen, oder doch hindert, dasselbe als wirklich gelten zu lassen, so werden smmtliche Formen jenes Idealismus von demselben zugleich betroffen. Derselbe ging von dem Satze aus, dass der Schluss des transcendentalen Idealismus von dem Schein als Wirkung auf ein Object als Ursache desselben ein Selbstwiderspruch sei, aus dem Grunde, weil die Folgerung von der Wirkung auf die Ursache nur eine Urtheilsform des Verstandes, und daher die Consequenz, dass der Schein im Bewusstsein eine Ursache haben msse, zwar fr den Verstand unvermeidlich, aber darum nichts weniger als (objectiv) giltig sei. Gleichwol hat diese Einsicht, wenn sie den Namen verdient, den Idealismus nicht gehindert, von der Thatsache des im Bewusstsein schwebenden Scheins auf eine erzeugende Ursache desselben zurckzuschliessen, nur mit dem Unterschied, dass er dieselbe nicht ausserhalb des Bewusstseins (in ein Object), sondern in den Trger des Bewusstseins (in das Subject) verlegt d. h. dieses selbst zur Ursache des Scheines macht. Wenn nun, wie der Idealismus behauptet, der Schluss von der Wirkung auf eine Ursache als blosse Verstandesform berhaupt unberechtigt ist, so ist der Schluss von der Wirkung auf eine innerhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte innere Ursache mindestens ebenso unberechtigt, wie jener von der Wirkung auf eine ausserhalb des Bewusstseins gelegene, sogenannte ussere Ursache. Der subjective Idealismus hat daher von diesem Gesichtspunkt aus ebensowenig das Recht, das Subject als Wirkliches, wie der objective Idealismus seiner Meinung nach ein solches besitzt, ein vom Subject unterschiedenes Object als Wirkliches anzunehmen. 264. Wie man sieht, hat der Idealismus des Subjects, der gewhnlich kurzweg mit dem Namen Idealismus bezeichnet wird, in diesem Punkt dem Idealismus des Objects, kurzweg Realismus genannt, nichts vorzuwerfen. Derselbe hat nicht nur nicht mehr und nicht weniger ein Recht, als erzeugende Ursache des Scheins ein Wirkliches, er hat berdies, was bedenklicher ist, kein Recht, das von ihm angenommene Wirkliche als wirklich anzunehmen. Letztere Annahme fllt, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, mit einer Eigenschaft behaftet ist, welche verhindert, dasselbe als wirklich zu denken. Dieser Fall tritt aber ein, wenn dasjenige, was als wirklich gedacht werden soll, in sich einen Widerspruch einschliesst. So gewiss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes keinen Widerspruch einschliesst, nur geschlossen werden kann, dass es mglich, keineswegs, dass es wirklich sei, so gewiss muss aus dem Umstand, dass ein als wirklich zu Denkendes in sich einen Widerspruch enthlt, die Folgerung gezogen werden, dass dasselbe unmglich d. i. auf keine Weise je wirklich sei. Das einzige Wirkliche des Idealismus, das Ich, nun soll in der Weise gedacht werden, dass dasselbe zugleich sein eigenes Object und sein eigenes Subject sei, den Stoff seiner phnomenalen Welt zugleich empfange und erzeuge, also zugleich gegen sich selbst als Leidendes und auf sich selbst als Thtiges sich verhalte d. h. es soll so gedacht werden, dass es zugleich seine eigene Ursache und seine eigene Wirkung (causa sui), also dass es im strengsten logischen Sinn des Wortes Entgegengesetztes d. i. sich unter einander Ausschliessendes zugleich und als jedes von beiden sein eigenes Gegentheil, um es mit einem Wort zu sagen, der lebendige Widerspruch sei. Ein solcher aber kann nicht als wirklich gedacht werden. 265. Auch dann nicht, wenn die Erfahrung ihn zu besttigen scheint. Die Thatsache, welche der Idealismus anzufhren liebt, um durch dieselbe zu erweisen, dass ein sich zugleich als Thtiges und Leidendes Verhaltendes, eine causa sui, wirklich, und daher, was auch die Logik dagegen einwenden mge, mglich sei, ist das Phnomen des Selbstbewusstseins. Dasselbe, so schliesst der Idealismus, als factisches Bewusstsein des Selbst von sich selbst, ist thatschlich Subject und Object, Leidendes und Thtiges, Ursache und Wirkung zugleich: das Ich stellt sich vor und das Ich stellt sich vor. Als jenes ist es das Vorstellende (Subject), als dieses das Vorgestellte (Object), als beider Identitt ist das Ich Vorstellendes und Vorgestelltes zugleich (Subject-Object). Durch diese unbestreitbar scheinende psychologische Thatsache, d. i. durch die Wirklichkeit eines im logischen Sinn mit einem inneren Widerspruch Behafteten ist nach der Meinung des Idealismus die Mglichkeit, ein in sich Widersprechendes als wirklich zu denken, erwiesen; der Einspruch der Logik, dass Widersprechendes nicht als wirklich gedacht werden knne, abgewiesen. 266. Gegenber dem Canon: a non posse valet conclusio ad non esse, geht der Idealismus von dem entgegengesetzten aus: ab esse valet conclusio ad posse. Die Richtigkeit seiner Folgerung hngt von dem Umstande ab, ob und dass die angebliche Thatsache des Selbstbewusstseins wirklich eine Thatsache, oder, was eben so viel ist, ob und dass die Behauptung, das Ich stelle sich vor, auf einer wirklichen Erfahrung oder auf einer blossen Einbildung beruhe. Die Thatsache, welche den Widerspruch zu strzen bestimmt ist, darf nicht selbst wieder auf einen Widerspruch sich sttzen. Dieselbe muss, um gegen die Einrede der Logik Stand zu halten, eine selbst widerspruchsfreie, evidente, nicht nichtanzuerkennende Thatsache sein. 267. Es fehlt viel, dass die sogenannte Thatsache des Selbstbewusstseins dieser Forderung gengte. Wenn, wie der Idealismus einrumt, das Phnomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich schliesst als das "Sich sich Vorstellen" (se sibi repraesentare) des Ichs, so enthlt das Sich (se) abermals nichts anderes als das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem aber das nmliche "Sich sich Vorstellen" zum dritten, und das sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f., d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen, behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die keine sein kann, gegenber steht der Einwand der Logik, dass in sich Widersprechendes niemals wirklich sein knne, aufrecht. 268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst, liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt, das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem der Idealismus des Objects, der Realismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut; indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes, sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich gedacht werden kann, thut er wirklich anderes und besseres, als jener that. Derselbe begngt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen, noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlsslichkeit der Annahme eines brigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblssten "Dings an sich", zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort, dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklrung des thatschlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei. 269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt worden. Von dem "Rauche" des Scheins gilt der Schluss auf die "Flamme" des Seins. Wo nichts Wirkliches wre, knnte auch keines scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz, dass, wo kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn es lsst sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes, also unbedingtes. Dasselbe wird gesetzt, weil der Schein gesetzt ist; aber es wre gesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wre. Die Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der von seinem Gedachtwerden unabhngige Denkinhalt, auch ohne Subject, welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject (im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fllt auch das Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eine absolute; dieselbe hrt nicht auf, auch wenn das Subject aufhrt. 270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject); die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach, sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch das Subject unabhngig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist, auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein Subject, noch berhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je wirklich vorhanden ist. 271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhngig. Dasselbe ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der franzsischen Republik sagte: "wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!" Dem Denken bleibt nichts brig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte, "vor" dem Denken, aber es bestnde auch ohne das Denken. 272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von ihm unabhngig gesetzt dchte, htte dasselbe nicht als Sein, sondern als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nthigt, ein Wirkliches zu denken, nthigt es auch, dieses letztere als unbedingt gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der fr das Denken die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. das -- nicht willkrlich durch den Willen des Denkenden, sondern unwillkrlich, ohne, ja selbst wider den Willen des Denkenden -- Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch die Erfahrung bedingten Setzung ist das unbedingt Gesetzte. 273. Dass das Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt, nicht aber, was das Wirkliche, wenn gesetzt, seinem Was nach sei, ist damit ausgesprochen. Nur so viel lsst sich folgern, dass, wie auch das Was des Wirklichen gedacht werden mge, dasselbe nicht so gedacht werden drfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmglich gemacht wre. Dies aber wrde der Fall sein, nicht nur wenn das Was des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe Setzenden abhngig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht wrde. Dasselbe darf in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses letztere vorstellt, oder als fhlend, oder wollend, weil dieses letztere fhlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wre. Aus ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden erschlossen werden knne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht aus Theilen bestehend sein drfe, sondern streng einfach sein msse. 274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar, sondern wirklich "atom" d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder fr den gegebenen Zweck nicht mehr weiter getheilt zu werden braucht, sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst seiner Einfachheit halber zwar nicht jede Vielheit, aber doch jede Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe ist weder ein Bndel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch eine Summe ebensolcher sogenannter Krfte oder Vermgen. Es kann sein Was weder verlieren noch verndern, ohne (was unmglich ist bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhren. Dasselbe kann daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist, sowol ewig als unvernderlich; weder dessen (unbedingtes, also von jeder Bedingung unabhngiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches, jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder Abnahme unfhiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist die Erhaltung des wandellosen Selbst jedes Wirklichen. 275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualitt von dessen Wirken d. i. sich Bethtigen unabtrennlich ist. Weder ein Wirkliches, das nicht wre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wre ein wahrhaft Wirkliches; jenes wre nur der Schein eines Wirklichen, dieses wre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehrigkeit beider darf nicht so gedacht werden, als wre das Sein und die Qualitt das Substrat des Wirkens d. h. als bessse das Wirkliche als seiende, aber nicht wirkende Qualitt seine besondere, als seiende, aber wirksame Qualitt wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als stellte die seiende Qualitt nach Abzug des Wirkens gleichsam das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt gesetzte einfache Qualitt und das Wirken sind nicht nur im Begriffe des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne zu wirken. 276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten Bedingung abhngig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch dessen Aufhren an einen Zeitpunkt geknpft werden, vor welchem und nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes, sondern als Wirkungsloses bestnde, noch darf dasselbe so verstanden werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm, dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu bewhren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualitt unauflslich und unablsbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist dessen Wirklichkeit. 277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg htte nichts bewirkt d. h. wre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der Einfachheit und Unvernderlichkeit der Qualitt des Wirklichen ist, dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative, sei es qualitative Abnderung der Qualitt eines Wirklichen, weder der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich geschieht, weder die Qualitt, noch das Gesetztsein des Wirklichen, sondern nur das mit demselben unablslich verschmolzene Wirken des Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Frderung oder Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern Richtung bedeuten kann. 278. Dass berhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt, macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches, eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache, dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Whrend der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lsst unerklrt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor, die Ursache der Empfindung, das nmliche ist, die Wirkung derselben, die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das "Ding an sich", von welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald eine Gehrsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen, ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst als Ursache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualitt substituirt, so erhht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere, welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ unterschiedener Empfindungen werden knne; dieselbe fhrt daher mit Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren. 279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser, er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein (Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche (es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer'scher Allwille) entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder (wie das Hartmann'sche "Unbewusste") zu dem Zwecke sich vorgaukelt, um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung oder durch werkthtigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu gelangen. Whrend der erstere begreiflich zu machen unterlsst, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen knne, setzt der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen knne, vorsichtiges Stillschweigen entgegen. 280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein -- lautet der Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbe begngt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er enthlt sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen, welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt werden msse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale des Wirklichen anders als durch die schon oben angefhrte, aus dem Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben. 281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit des Wirklichen ist die denkbar grsste, wenn dessen Verschiedenheit nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer sogenannten usseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, berhaupt keinerlei Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei brigens vllig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind die rumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines Wirklichen, welche sich ndern knnen, ohne dass dieses letztere selbst dadurch eine Aenderung erfhrt, obgleich andere Wirkliche dadurch eine solche erfahren mgen. Der in seiner Umlaufsbahn und Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Vernderungen, whrend die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausbt (z. B. die sogenannten Strungen) wesentlich durch die Stellung d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem jeweiligen Zeitpunkt im Verhltniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben so wenig erleidet der Weltkrper, wenn nicht andere Ursachen in und an demselben Vernderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurcklegt, eine Vernderung, obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar ist, dass seine Beschaffenheit vor und seine Beschaffenheit nach obiger Vernderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentitt ihrer rumlichen und zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander (d. h. der rumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden, dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf die Zeit sind smmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder zeitlichen Bedingung unabhngig ist; dagegen knnen sie als Wirkende insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ndert, whrend sie selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme mglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken dagegen zu einer andern Zeit stattfindet. 282. Wirkliche, die sich durch rumliche und zeitliche Bestimmungen unterscheiden, knnen im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitten, Atome d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben mssen als rumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander, beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll, kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abnderungen seines Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der Unbestimmbarkeit der Zahl mglicher Abnderungen des Wirkens eines und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die Erfahrung gegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lsst sich die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden Orte, so wie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen Abnderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je nach Bedrfniss ins Unbestimmte erweitern. 283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff smmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von smmtlichen Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff smmtlicher Orte den Raum, und jener smmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss, wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen aber ber dasselbe keine andere Bestimmung mglich ist, als dass das Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf Grund der gegebenen Erfahrung ber das Quantum des anzunehmenden Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein verhltnissmssiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen Scheins fr das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abnderung seines Gesetztseins fhig ist, ein unvernderliches sein muss. 284. Wie das Quantum des Stoffs, so ist das Quantum der Kraft zugleich als vernderlich d. i. der Zunahme fhig, und als unvernderlich, einer solchen unfhig anzusehen. Ersteres, insofern die Annahme wirklichen Wirkens nur auf Grund des durch die Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirkens und sonach die Bestimmung des Quantums des ersteren nur im Verhltniss zu dem erfahrungsmssig gegebenen Quantum des letzteren statthat, letzteres, insofern das Wirken nichts anderes als die Verwirklichung der im Wirklichen unbedingt gesetzten einfachen Qualitt und folglich, da diese letztere unvernderlich ist, die Summe der Verwirklichungen smmtlicher einfacher Qualitten des Wirklichen eben so wie die Summe dieser selbst immer dieselbe bleiben muss. Das Gesetz der Unvernderlichkeit des Quantums wirklichen Wirkens d. i. der Erhaltung der Kraft ist nur die unvermeidliche Folge des Gesetzes der Unvernderlichkeit des Quantums des Wirklichen d. i. der Erhaltung des Stoffs. Dagegen ist das Quantum der aus dem jeweilig durch Erfahrung gegebenen scheinbaren Wirken erschlossenen Kraft eben so wie das Quantum des auf Grund des durch die jeweilige Erfahrung dargebotenen scheinbaren Wirklichen erschlossenen Stoffs der Vernderung, und zwar eines im richtigen Verhltniss zu der allmlig anwachsenden Erfahrung zunehmenden Wachsthums bedrftig und fhig. 285. Der Grund, weswegen letzteres, das jeweilige Quantum des scheinbaren mit dem des wirklichen Wirkens weder jemals identisch ist, noch werden kann, liegt in der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatz der individuellen Wirklichen und der daraus fliessenden Verschiedenheit, beziehungsweise des Widerstreits ihres Wirkens. In der Natur der Sache liegt es, dass verschiedene, ganz oder theilweise der Qualitt nach entgegengesetzte Wirkliche auch in ihrem Wirken ganz oder theilweise einander entgegengesetzt sind d. h. dass ihr Wirken sich gegenseitig ganz oder theilweise zwar nicht vernichtet, weil die unbedingt gesetzte und selbst unvernderliche Qualitt des Wirklichen der Vernichtung unfhig ist, aber ganz oder theilweise hemmt, so dass der Schein entsteht, als werde nichts oder als werde weniger gewirkt, whrend thatschlich gewirkt, und zwar mehr gewirkt wird als gewirkt zu werden scheint. Das auf diese Weise gehemmte, also scheinbar nicht wirklich, in der That aber wirklich, jedoch im -- durch entgegengesetztes Wirken -- gebundenen Zustande vorhandene Wirken ist gleichsam latentes, schlummerndes, dagegen das ungehemmte, durch ganz oder theilweise Entgegengesetztes nicht gebundene, also freie Wirken offenbares, lebendiges Wirken. Die Summe des letzteren muss, da unter der Summe des Wirkenden jedesmal ein bestimmter Bruchtheil unter sich entgegengesetzten Wirkens vorhanden sein muss, nothwendig kleiner ausfallen als die Summe des berhaupt (im gehemmten und ungehemmten Zustande) vorhandenen Wirkens und zwar desto kleiner, je grsser die Summe des unter sich entgegengesetzten, also sich hemmenden Wirkens im Verhltniss zur Summe des Wirkens berhaupt ist. Die Wirklichen selbst, deren Wirken gehemmt ist, die also, um dieses Gehemmtseins willen, nicht zu wirken, also nicht wirklich zu sein scheinen, whrend sie doch wirkend, also wirklich sind, stellen zusammengenommen den Inbegriff desjenigen Wirklichen dar, welches zwar wirklich, dem Scheine nach aber nicht wirklich d. h. fr die aus dem Scheine des Wirklichen auf die Wirklichkeit folgernde Beobachtung so gut wie nicht vorhanden ist d. h. den Inbegriff des latenten, jeweilig nicht nur seiner Qualitt nach unbekannten, sondern auch seiner Existenz nach ungekannten Wirklichen. 286. Letzterer liefert den Vorrath sowol zur Vermehrung des sichtbaren, wie zur Erweiterung des Umfanges des aus gegebenem scheinbaren erschlossenen wirklichen Wirkens. Indem bisher gebundenes Wirken aus irgend einem Anlass frei d. h. ungehemmtes Wirken wird, tritt es aus dem latenten in den Zustand offenbaren Wirkens d. h. es tritt selbst, wenigstens scheinbar, als neues, bisher nicht wahrgenommenes Wirken zu der Summe des bisher sichtbar gewesenen Wirkens hinzu; indem es als offenbar gewordenes, also den Schein des Wirkens erzeugendes Wirken vor das Bewusstsein tritt, ruft es in diesem den unvermeidlichen Schluss auf wirkliches Wirken d. i. eine Erweiterung des bisherigen Umfanges bekannten Wirkens hervor. Wie durch den ersteren Umstand die Summe des sichtbaren Wirkens, so wird durch den letzteren die Kenntniss wirklichen Wirkens vermehrt, durch jenen die Summe der in der Totalitt des Wirklichen lebendig thtigen, im Verhltniss zur Summe der in derselben leblos schlummernden Krfte, durch diesen die Summe des auf Grund erweiterter Erfahrung erschlossenen Wirklichen gegenber dem auf Grund der bisherigen Erfahrung als wirklich gekannten, ebenmssig vergrssert. 287. Da das Quantum des berhaupt vorhandenen Wirkens nach Obigem unvernderlich, die Summe des jeweilig ungehemmten Wirkens aber vernderlich ist, so folgt, dass jede Zunahme der Summe des sichtbaren von einer entsprechenden Abnahme der Summe des gebundenen Wirkens und umgekehrt jede Zunahme dieser von einer Verminderung jener begleitet sein muss. Knnte die Abnahme sichtbaren Wirkens je so weit sich erstrecken, dass jedes ungehemmte Wirken sich in gehemmtes, also jedes wirkliche Wirken in scheinbares Nichtwirken verkehrte, so msste an Stelle des Scheins eines Wirklichen vielmehr der entgegengesetzte Schein der Abwesenheit irgend eines Wirklichen d. h. es msste der Schein der Wirklichkeit des Nichts (Nihilismus) entstehen, welches sich selbst widerspricht. Sollte dagegen in umgekehrter Weise die Zunahme des sichtbaren Wirkens so weit fortschreiten, dass smmtliches gebundenes sich in freies Wirken verwandelte, also jeder Schein eines Nichtwirkens sich in den entgegengesetzten Schein des Wirkens auflste, so msste, da jede Hemmung eines Wirkens nur aus der Verschiedenheit, beziehungsweise dem Gegensatze der Wirkenden entspringt, der Schein entstehen, als sei zwischen den Wirkenden berhaupt keine Verschiedenheit d. h. als seien berhaupt nicht unterschiedene Wirkliche (Pluralismus, Individualismus), sondern nur ein einziges, schlechterdings unterschiedloses Wirkliches (Monismus, All-Eins-Lehre) vorhanden; welcher Schein, da, wie oben gezeigt, die Annahme eines einzigen Wirklichen auch nicht einmal die Entstehung des Scheins einer Vielheit ermglicht, sich selbst widerspricht. Da sonach von diesen beiden Fllen keiner als jemals mglicher Weise eintretend gedacht werden darf, ohne etwas sich selbst Widersprechendes zu denken, so folgt, dass weder die Abnahme des sichtbaren Wirkens jemals so weit gehen kann, dass vllige Ruhe (Leblosigkeit), noch die Zunahme desselben je so hoch sich steigern kann, dass durchgngige Lebendigkeit (Bewegung) im ganzen Umkreis des Wirklichen herrsche, sondern dass immer Ruhe und Bewegung, Leblosigkeit und Lebendigkeit zugleich, jedes in einem mehr oder weniger weit reichenden Theile des Wirklichen vorhanden sei. 288. Wie den Quantis des Stoffs und der Kraft, kommt den Quantis des Raumes und der Zeit Wandelbarkeit zugleich und Wandellosigkeit zu. Wenn der erstere nichts anderes ist als der Inbegriff der Orte des Wirklichen, so folgt, dass dessen Quantum weder grsser noch kleiner sein kann als das Quantum des Wirklichen. Da nun das letztere, wie gezeigt, in einer Hinsicht vernderlich, in einer andern dagegen unvernderlich ist, so folgt, dass in Bezug auf das Quantum des Raumes dasselbe stattfinden muss. Jede Erweiterung des bisher bekannten Umfanges des Wirklichen durch die Annahme neuer Wirklicher macht die Annahme neuer Orte und damit die Vermehrung des bisherigen Quantums des Raums nthig. Die Erhaltung des Quantums des Stoffs d. i. des Inbegriffs aller Wirklichen, deren jedes seines von dem jedes andern unterschiedenen Orts bedarf, macht die Erhaltung des Quantums des Raums unvermeidlich. Wenn die Zeit nichts anderes ist als der Inbegriff der Zeitpunkte d. i. derjenigen Bedingungen, unter welchen allein das Wirken eines Wirklichen jeweilig ein anderes geworden, das Wirkliche selbst aber dasselbe geblieben sein kann, so folgt, dass jedes Anderswerden der Wirkung mindestens zwei Zeitpunkte, denjenigen, in welchen das unvernderte, und denjenigen, in welchen das vernderte Wirken fllt, fordere, und daher das Quantum der Zeitpunkte nicht kleiner sein knne als das Quantum der eingetretenen Vernderungen des Wirkens. Da nun das Quantum des Wirkens berhaupt, also auch das Quantum der in demselben enthaltenen Abnderungen des Wirkens einerseits, wie aus der Erhaltung des Stoffs folgt, immer dasselbe, andererseits, wie aus der Vernderlichkeit des scheinbaren Wirkens folgt, vernderlich ist, so folgt, dass auch das Quantum der Zeit einerseits, so weit dasselbe durch das Quantum der berhaupt wirklichen Abnderungen des Wirkens bedingt ist, immer dasselbe, dagegen, so weit dasselbe von dem jeweilig im Bewusstsein schwebenden Quantum scheinbaren Wirkens abhngig ist, vernderlich sein muss. 289. Aus dem Begriff des Raumes folgt, dass er erfllter Raum sei d. h. dass es einen sogenannten leeren Raum nicht geben knne. Da derselbe nichts anderes ist, als der Inbegriff der Orte, die Setzung eines Orts aber nur auf Veranlassung und im Gefolge der Setzung eines Wirklichen, dessen Ort er ist, erfolgt, so kann es weder Orte geben, in welchen kein Wirkliches, noch Wirkliche, fr welche kein Ort gesetzt ist. Die an verschiedenen Orten befindlichen Wirklichen knnen daher zwar nicht nur ausser einander, sondern es knnen auch zwischen ihren Orten andere Orte gelegen d. h. sie mssen nicht an einander sein; keineswegs aber drfen die zwischen ihren Orten gelegenen Orte als leer d. h. als solche gedacht werden, in welchen kein Wirkliches befindlich ist. Folge davon ist, dass eine sogenannte actio in distans d. h. ein Wirken durch den leeren Raum hindurch schon aus dem Grunde unmglich wird, weil die Voraussetzung derselben, der leere d. h. mit Wirklichen nicht erfllte Raum eine in sich widersprechende, folglich im Umfang des auf Grundlage des Wirklichen gesetzten Raums niemals zutreffende Annahme ist. 290. Da der Ort jedes Wirklichen, so lange deren individuelle Unterschiedenheit von ihren rumlichen und zeitlichen Bestimmungen abhngig gedacht wird, nur ein einziger sein kann, so bleibt derselbe so lange unbestimmt, als sich auch nur ein einziger Ort angeben lsst, welcher demselben Wirklichen mit gleichem Recht zugesprochen werden kann. Dieses aber ist der Fall, wenn das Wirken des Wirklichen als eine Function seines Aussereinander mit anderen Wirklichen gedacht und sonach der Ort desselben als lediglich durch die Entfernung von dem Ort eines anderen Wirklichen bestimmt vorgestellt wird. Denn sodann findet sich nicht nur ein einziger Ort, sondern es finden sich unzhlige Orte, welche mit gleichem Recht als Ort jenes Wirklichen angenommen werden knnen, da sie alle von dem zweiten die gleiche Entfernung haben, nmlich alle diejenigen, welche die Oberflche einer Kugel bilden, deren Mittelpunkt das zweite Wirkliche und deren Radius der Abstand des ersten vom zweiten ist. Soll daher aus diesen unzhligen ein einzelner als Ort des Wirklichen ausgeschieden werden, so mssen zu der Angabe der Entfernung weitere Angaben hinzukommen, deren eine darin besteht, in welcher der unzhligen Kreisebenen, welche durch den Mittelpunkt jener Kugel gelegt werden knnen, deren zweite dahin lautet, in welchem der in jener Kreisebene vom Mittelpunkt an die Peripherie gezogenen Radien der Ort jenes Wirklichen zu suchen sei. Erst durch die letztgenannte dieser Angaben ist der Ort des Wirklichen vllig und dergestalt bestimmt, dass schlechterdings kein zweiter angebbar ist, welcher mit ihm die nmlichen rumlichen Bestimmungen theilte. Dieselben sind daher fr jeden unter obigen Bedingungen gesetzten Ort eines Wirklichen dreifach und zwar durch dessen Beziehungen zu drei auf einander in demselben Punkte senkrechten Richtungen (den sogenannten Coordinaten) fixirt, der auf solche Weise gedachte Raum daher als ein dreidimensionaler, nach den Richtungen der Lnge, Breite und Tiefe ausgedehnter, vorgestellt. 291. Da letztere Vorstellung nur unter der Annahme erfolgt, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung desselben von einem anderen Wirklichen sei, so leuchtet ein, dass deren Nothwendigkeit schwindet, sobald an die Stelle obiger Annahme eine andere gesetzt, das Wirken des Wirklichen z. B. statt von der Entfernung desselben von einem andern Wirklichen, von dessen Nichtentferntsein von letzterem d. h. statt von dem rumlichen Aussereinander von dem rtlichen Ineinander beider Wirklichen abhngig gedacht wird. In diesem Falle wre nmlich der Ort des Wirklichen auch durch die Angabe seiner Lage im Raume nach allen drei Dimensionen desselben noch nicht bestimmt, da sich noch immer ein zweiter Ort angeben liesse, welcher ganz die nmliche Lage im Raume bessse, nmlich jener des zweiten Wirklichen, von welchem das erste der Annahme zufolge "nicht entfernt", sondern mit welchem dasselbe "in einander" sein soll. Es msste also, wenn die Wirklichen dennoch verschieden sein sollten, entweder der Raum eine weitere, sogenannte vierte Dimension besitzen, nach welcher Orte desselben, deren Lage nach Lnge, Breite und Tiefe identisch ist, dennoch verschieden sein knnten, oder die Verschiedenheit der Wirklichen drfte nicht mehr blos in deren rumlichen (oder zeitlichen) Bestimmungen, sondern sie msste in deren sogenannter innerer Beschaffenheit gelegen sein. Obige Annahme, dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung, um so mehr die fernere enger begrenzte, dass dieselbe in einer Abnahme der Wirkung mit der Entfernung, so wie die engste, dass diese Abnahme im Quadrat der Entfernung erfolge, hat schon Kant in seinen "Gedanken von der wahren Schtzung lebendiger Krfte" (Werke Hart. VIII. 26) fr eine "willkrliche" erklrt, an deren statt an sich eben so gut eine andere, z. B. dass mit der Entfernung eine Zunahme des Wirkens eintrete, oder die Abnahme im Cubus der Entfernung erfolge etc. htte gedacht werden knnen. Dieselbe wird eben nur deshalb gedacht, weil wir uns von einem Raume, der unter einer anderen Annahme entsteht, z. B. von einem vierdimensionalen, eben, wie Kant gleichfalls p. 27 bemerkt, keine Vorstellung zu machen im Stande sind, und die gegebene Erfahrung des scheinbar Wirklichen mit der Annahme des dreidimensionalen Raums und der Abnahme der Wirkung im Quadrate der Entfernung am vollkommensten bereinstimmt. 292. Wie der Raum unter der Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung sei, eine dreidimensionale, so hat die Zeit unter der Annahme dass das Wirkende vor und nach der Abnderung seines Wirkens dasselbe sei, nur eine eindimensionale Ausdehnung. Wie jeder Ort im Raum durch sein Verhltniss zu einem andern nach drei in demselben auf einander senkrechten Richtungen, so ist jeder Punkt in der Zeit durch sein Verhltniss zu zwei andern mit ihm in derselben Richtung gelegenen, deren einer vor, der andere hinter ihm liegt, so lange vollkommen bestimmt, als nicht an die Stelle des ersten ein zweites Wirkliches getreten ist. Denn nur unter der letztern Voraussetzung, dass es sich nicht mehr um eine Abnderung des Wirkens desselben, sondern eines anderen Wirklichen handelt, ist es mglich, dass es noch einen zweiten Zeitpunkt gibt, welcher in der nmlichen Richtung von einem vor und einem hinter ihm gelegenen Punkte die nmliche Entfernung besitzt wie jener erste. 293. Mit der Annahme, dass das Wirken berhaupt keine Function der Entfernung, also von dieser unabhngig, jedes Mass der Entfernung fr das Mass der Wirkung gleichgiltig sei, hat sich der Mysticismus, der an die "Wirkung in die Ferne" glaubt, mit der Voraussetzung, dass der Raum eine vierte Dimension besitze, der moderne in ein exactes Gewand sich drapirende Spiritismus, mit der Hypothese endlich, dass die Verschiedenheit der individuellen Wirklichen nicht sowol in deren rumlicher und zeitlicher Bestimmtheit, als vielmehr in deren innerer qualitativer Unterschiedenheit zu suchen sei, der (im Unterschied vom quantitativen sogenannte) qualitative Atomismus (Leibnitz, Herbart, Lotze) zu schaffen gemacht. Der erste geht von dem Grundsatz aus, dass zwar die Orte der Wirklichen verschieden, also die Wirklichen ausser einander, das eine z. B. wie Ennemosers magnetisirte Frau in St. Petersburg, das andere, der Magnetiseur, in Mnchen seien, die Entfernung beider Orte jedoch fr die Wirkung gleichgiltig d. h. diese auch bei der grssten Entfernung ungeschwcht und die nmliche sei. Der zweite lsst, und darin besteht seine Uebereinstimmung mit der einmal angenommenen Basis der exacten Naturwissenschaft, welche bewirkt, dass derselbe auch fr Naturforscher verlockende Kraft besitzt -- der zweite lsst die Annahme, dass das Wirken eine Function der Entfernung d. h. der Verschiedenheit der Orte der Wirklichen sei, gelten, besteht aber darauf, dass die Orte zweier Wirklichen, deren rumliche Lage nach allen drei bekannten Abmessungen des Raumes identisch ist, dennoch verschiedene seien d. h. dass der Raum eben noch eine, die vierte Dimension, besitze. Der qualitative Atomismus aber, welcher die rumliche und zeitliche Verschiedenheit der Wirklichen nur als eine Folge der qualitativen Verschiedenheit derselben ansieht d. h. deren rumliches Ausser- und zeitliches Nacheinander nicht als die Bedingung, sondern als die Folge der Wechselwirkung der letzteren betrachtet, daher statt die Wirkung als eine Function der Entfernung zu definiren, dieselbe vielmehr (wie der Mysticismus) nur unter Voraussetzung vlligen "Ineinanders" der Wirklichen fr mglich hlt, kommt dadurch dahin, die rumliche und zeitliche Ausdehnung fr blossen (wenngleich objectiven) Schein, die Totalitt smmtlicher individueller Wirklichen fr rumlich und zeitlich ungeschieden, sonach (in rumlicher und zeitlicher, also quantitativer Hinsicht) als eins und doch ihrer Beschaffenheit nach als geschieden: d. h. (in qualitativer Hinsicht) als vieles zu setzen. 294. Mit der Entwickelung der Dreidimensionalitt des Raums aus der "willkrlichen Annahme", dass das Wirken Function der Entfernung sei, hat die Wissenschaft vom Wirklichen die Grenze desjenigen, was sich aus der Thatsache des Scheins des Vielen und Vielfachen auf philosophische d. i. auf nothwendige Weise, oder so aussagen lsst, dass eine gegentheilige Behauptung das Denken selbst aufheben wrde, berschritten. Dass Wirkliches, und zwar Vieles und Vielfaches, demnach, wenn nicht anders, doch wenigstens als durch seine rumliche und zeitliche Bestimmtheit Unterschiedenes gedacht werden msse und nicht nicht gedacht werden knne, ohne das Denken mit sich selbst d. i. mit seinen eigenen Normen in Widerspruch zu versetzen, folgert der Realismus aus der Thatsache des Scheins vieler und vielfacher Wirklichen mit Nothwendigkeit; dass das Wirken des Wirklichen eine Function der Entfernung der Orte des Wirklichen, zu der Erklrung des ersteren demnach die Annahme der Dreidimensionalitt des Raumes erforderlich sei, folgert derselbe aber nur als Mglichkeit, neben welcher andere Mglichkeiten, und auf Grund der gegebenen Erfahrung als eine Wahrscheinlichkeit, neben welcher diese anderen als Unwahrscheinlichkeiten bestehen. Weder die Annahme des Mysticismus, dass das Wirken keine Function der Entfernung, noch jene des Spiritismus, dass der Raum vierdimensional sei, hat, so lange nicht zahlreichere und besser als die bisherigen beglaubigte Thatsachen deren Mglichkeit erweisen, die Wahrscheinlichkeit fr sich; der qualitative Atomismus, welcher dahin gelangt, die Vielen (quantitativ) als eins und (qualitativ) als viele zu setzen, hat den Widerspruch, dass eins = vieles und vieles = eins sein soll, und damit die Mglichkeit gegen sich. 295. Aber auch der Versuch, das Denken selbst zu verleugnen und mit dessen Umgehung auf einem anderen Wege des Wirklichen sich zu bemchtigen, wie ihn der das Denken transcendirende und darum wol auch (obgleich, wie oben bemerkt, flschlich) sogenannte transcendentale Realismus wagt, fhrt zu keinem andern Ziel. Derselbe sttzt sich entweder, um der Nothwendigkeit zu entgehen, dasjenige, was vom Denken als seiend anzunehmen verboten wird, ablehnen, oder, was von diesem als wirklich anzunehmen geboten wird, annehmen zu mssen, auf den trivialen Satz, dass dasjenige, was durch das Zeugniss der Sinne besttigt, wahr, was durch dasselbe verworfen werde, falsch sei, gleichviel ob das erstere den Normen des Denkens entgegen, das letztere durch dieselben zu denken geboten sei, und fllt dadurch auf den lngst kritisch berwundenen Standpunkt des gemeinen empirischen Realismus zurck. Oder er beruft sich, um den Forderungen des Denkens auszuweichen, auf ein vom Vorstellen (dem Intellect) wesentlich und der Art nach verschiedenes Organ, ber welches die Gesetze des logischen Vorstellens (die Normen des Intellects) keine Gewalt haben, dem sie daher auch weder zu gebieten, noch zu verbieten berechtigt sein sollen. Als ein solches wird von der einen Schule des transcendenten Realismus (Gefhlsphilosophie: Jacobi) das Gefhl, von der andern (Willensphilosophie: Schopenhauer) das Wollen bezeichnet. Jener zufolge ergreift im Gefhl der Fhlende das Wirkliche (bersinnlich Reale) unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich zwar ohne die Hilfe, aber auch ohne die Mngel des Intellects; dieser zufolge weiss das Subject, indem es sich selbst als wollendes weiss, damit zugleich das einzige wahrhaft Wirkliche, den Willen, unmittelbar, ohne Dazwischenkunft und folglich auch ohne das Trgerische der Vorstellung. Von der ersteren gilt, dass, da im Gefhl Gefhltes und Fhlen ununterscheidbar zusammenrinnt, derjenige, der blos fhlt, eben darum nicht weiss, und daher blosses Fhlen eben so wenig wie blosses "Ahnen" (Fries) Princip und Grundlage einer Wissenschaft werden kann. Von der letzteren gilt, dass, wie schon Herbart treffend bemerkt hat, unmittelbares Wissen wie seiner selbst als Wollenden, so des Wirklichen als Willen, ein Wissen, folglich die Mglichkeit zu wissen, und schliesslich, da Wissen eben nichts anderes als eine Art des Denkens d. i. wahres Denken ist, das angeblich mit Umgehung des Denkens erfolgte Ergreifen des Wirklichen, um berhaupt mglich zu sein, das Denken voraussetzt. 296. Letzterer Einwand, welcher die Mglichkeit, mit Umgehung des Denkens zu dem transcendenten Sein, dem Wirklichen selbst zu gelangen, berhaupt trifft, wird nicht widerlegt, sondern nur umgangen durch die Behauptung, dass die Natur des Wirklichen auf dem Erfahrungswege zwar nicht der gemeinen, sinnenflligen, aber einer nicht gemeinen, mystischen Empirie erkannt d. h. dass das "speculative Resultat" die Erkenntniss des Wirklichen seinem Wesen nach, "auf inductivem Wege" d. i. an der Hand exacter Thatsachen erreicht werde. Ersteres wre nur dann der Fall, wenn entweder der "Erfahrungsweg" das Denken aus- oder der angeblich "inductive Weg" exacte Thatsachen einschlsse. Jenes findet so wenig statt, dass vielmehr die Kritik des sogenannten empirischen Realismus eben nichts anderes betrifft als das Verbot, sich des sogenannten Erfahrungsweges ohne vorlufige Sichtung nach den Normen des logischen Denkens zu bedienen, dieses aber bleibt wenigstens so lange und fr alle diejenigen zweifelhaft, als und fr welche die angeblichen Erscheinungen der Naturheilkraft des Hellsehens, des Instincts u. s. w. den Werth unbestrittener Erfahrungsthatsache entweder noch nicht erreicht haben, oder, was eben so mglich, ja vielleicht wahrscheinlicher ist, niemals erreichen werden. 297. Mit obiger Grenzberschreitung ist aber auch der Punkt erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene, die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener Nthigung ber dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar fr einander, aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Hhlung desselben zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die erfahrungsmssig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit nach vorwrts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche Voraussetzungen nach rckwrts. Wenn beider methodische Grundstze giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide frher oder spter irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen, andererseits des Erfahrbaren einander begegnen mssen. 298. Einen thatschlichen Beweis fr die Richtigkeit dieser Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits als philosophische ber die philosophische, andererseits als physikalische ber die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und pluralistische Grundlegung der phnomenalen Welt an die Stelle der sowol idealistischen als monistischen einstigen "Naturphilosophie", in der letzteren ist sie, wie Fechner eben so grndlich als scharfsinnig ausgefhrt hat, lngst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant begnstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig, wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren vertrglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen Anknpfungspunkt dar fr die Zurckfhrung der gesammten Phnomene der krperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer und daher gleichfalls "einfach" genannter, mit rastlos thtigen Krften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten Einfachheit ungeachtet von Fechner als "krperliche" bezeichnet werden, ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus ber dieselben hinaus fhrt, zwar stetig sich nhert, aber sie noch nicht berhrt. 299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der krperlichen, auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinstrger eine reale und pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher Wirklicher den haltbaren Boden fr den aus einer eben so unbestimmten Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetzten Stoff der physischen Welt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer Bewusstseinsvorgnge bestehende Stoff der psychischen Welt im Phnomen der Einheit des Ich's wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art, deren jedes fr sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band unter einander verknpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfhiger Individuen den Stoff der Gesellschaft und der Entwickelung derselben in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der Geschichte ausmacht. 300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der krperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert, aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen, sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen, die unausgefllte Kluft, welche zwischen den ussersten erlaubten Consequenzen des Denknothwendigen und den ussersten Grenzen des Erfahrbaren brig bleibt, durch Conjecturen ausfllen, oder den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens, noch schon in der Mglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollstndig dnkt, dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemss der ersten nach zu berichtigen, dem zweiten nach deren Ergnzung abzuwarten, aber sie hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals die Anmassung, die Erfahrung berflssig machen zu wollen. Indem sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschpfte Eintheilung des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten usseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen Kenntniss aus der ussern und innern Erfahrung zugleich stammt (Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begngt sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen ber dieselbe als denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht des erfahrbaren Wirklichen in der Krper-, in der Geistes- und in der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt, oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur Einheit verknpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus. 301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten, was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen Sprung, der ber die wirkliche Erfahrung hinausfhrt, erreichbar ist, des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampre, Moigno u. A.) zwar einfach aber doch "krperlich" (Fechner); jenes bedeutet, dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens fr jetzt nicht weiter als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto weniger als materiell d. i. dem krperlichen Stoff (Materie), dessen letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere Eigenschaft nhert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn des Wortes seiner Qualitt nach als einfach, dessen Qualitt selbst aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass smmtliche Atome unter einander der Qualitt nach gleich, oder einige derselben ursprnglich und unvernderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Krper, sondern auch smmtliche Erscheinungen der krperlichen Welt aus den Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualitt nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der Krper, so wie die Grundlage krperlicher Erscheinungen ausmachender, unter einander heterogener Atome abzuleiten bemht ist. 302. Die erfahrungsmssig gegebenen Verschiedenheiten der Krper d. i. der rumlich und zeitlich begrenzten zusammengehrigen Gruppen von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen) oder leblosen (unorganischen) Krpers, ferner die Unterschiede der letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualitt nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflsen lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative Verschiedenheit der den Stoff der Krper ausmachenden letzten Elemente zurckgefhrt, so dass dieselben bei den organischen Krpern andere als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Krper, welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der zusammengesetzten abgeben, andere als bei den brigen seien. Dieselbe betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Krper als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten Zellen, whrend der leblose Krper bis in seine letzten Elemente hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur den zusammengesetzten Krper, z. B. das Wasser, fr bestehend aus qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an, davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon jene mit diesen nach einem bestimmten Verhltniss, so dass auf je zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem sogenannten stchiometrischen Verhltniss), unter einander verbunden sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Krper ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen gedacht werden, welche unter andern Verhltnissen die Bestandtheile unorganischer Krper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und hauptschlich Stickstoff, so schwindet zwar der qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Krpern, aber derjenige zwischen den einfachen Krpern bleibt bestehen d. h. die Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons u. s. w. Zeigen nun Krper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile derselben die nmlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften (die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit der Elemente sich erklren lsst, quantitative Verschiedenheiten der (qualitativ gleichen) Krper und zwar solche, welche entweder aus dem arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen der (rumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklrung herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsure, welche auf die Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausbt, bei der Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter brigens ganz gleichen Verhltnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsure eine Lagerung nach rechts, jene der letzteren eine solche nach links besitzen.) 303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in Ausnahmsfllen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft, der gesammten Erklrung der Krperwelt als alleinige zu Grunde legt. Whrend dieser zufolge die Verschiedenheit der Krper in der Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf der Verschiedenheit ihres Stoffes und nur in einigen Fllen auf der Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer brigens gleichen Elemente d. i. auf jener der Form beruht, macht jene letztere Ausnahme zur Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Krper und leitet smmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus brigens gleichen Elementen d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente des belebten nicht von jenen des unbelebten Krpers, sondern auch die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nchsten -- durch die Analyse organischer Krper erreichbaren -- Bestandtheile von den -- durch Analyse sogenannter unorganischer Krper darstellbaren -- Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Protens, des Caffens, Thens u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der verschiedenen Art der Verbindung ursprnglich durchaus homogener Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Krper zwar in seinen nchsten und nheren, keineswegs aber in seinen entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergnzende Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung, die der stofflichen Identitt der lebendigen und leblosen Krper, hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, der Alchymie, von der Transformationsfhigkeit der verschiedenen Krper in einander erneuert, hat in der sogenannten "Philosophie der Chemie" (J. B. Dumas) ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenannten Typentheorie und die Entdeckung der sogenannten typischen Krper, durch welche von Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine empirische, wenigstens annhernde Besttigung erhalten. 304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs kann es nicht sein, ber die Geltung der einen oder der andern beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, ber welche nur Thatsachen zu entscheiden vermgen, einen Ausspruch zu thun. Die logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen Grundlage der phnomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist, die quantitative Atomistik in hherem Grade als die qualitative fr sich. Ist es berhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche in deren rumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrckt, so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Krperwelt ausmachen, der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger Elementarbestandtheile der Krper zu betrachten. Das elementare Atom, dessen Qualitt eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist, wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom, das Gold-Atom u. s. w.) auftreten wrden, deren jedes fr sich durch eine eigenthmliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wren, reprsentirt wrde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die bliche Zerlegung organischer und unorganischer Krper in deren sogenannte einfache Bestandtheile ber die Grenze der bis zu diesem Augenblicke als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt, wrde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen. 305. Wie der quantitativen Atomistik fr die stoffliche Beschaffenheit smmtlicher Elemente der Krperwelt eine einzige Qualitt, so gengt ihr fr die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz; die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ unterschiedener Classen krperlicher Bestandtheile zulsst, bedarf fr die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente organischer Krper selbst als organisch, die unorganischer Krper dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so wenig wie das Wirken jener "lebendigen" Elemente (die Lebenskraft) mit jenem der "leblosen" Elemente (der todten Naturkraft) identisch sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der qualitativen Verwandtschaft (Affinitt) der Krper hat (chemische Anziehung) das nmliche sein mit demjenigen, das auch bei vlliger Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneitt) der Krper erfolgt (mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches jenes (Affinittsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen, welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung qualitativer Verschiedenheit der Krper tritt der umgekehrte Fall ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Krper bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der Elemente unorganischer Krper abhngt, eben so wenig verschieden zu sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der Krper hat, als das Wirken der ursprnglichen Elemente d. h. als dasjenige betrachtet werden kann, fr welches Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen Gegensatz der Krper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und unbelebter Krper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprnglichen Elemente, so ist auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren, und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Krper sind, nicht mit jenem der wahren Krperelemente identisch. Wird daher, wie die quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile der Krperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter unterschiedenen Atome zurckgegangen, so muss das Gesetz, welches das Wirken dieser letzteren regelt, das nmliche und einzige fr das Wirken der gesammten Krperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes, welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen Krper bis zur Auflsung der ersteren in die berall in gleicher Weise erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Krpern qualitativ identischen Elemente der Krperwelt verfolgt und dadurch die gesammte phnomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes, dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhlt, stehend erweist, msste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen. 306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das Gravitationsgesetz Newton's an. Die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine Function ihres rumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht ber diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere nher als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grssten Abstnden der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt, dass die Atome auch in den relativ weitesten Abstnden von einander noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden smmtliche durch dieselbe an einander geknpfte Atome ein nicht nur in Gedanken, sondern durch ein physisches Band zusammenhngendes Ganzes; in Folge der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annherung der Atome an einander ber das Mass einer gewissen (kleinsten) Entfernung hinaus unmglich macht, ein discretes Ganzes. Whrend der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge, demnach stetig mit "philosophischen" Atomen d. i. im strengsten Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfllt gedacht werden muss, erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur in der Weise mit "physikalischen" Atomen d. i. mit im physikalischen Sinn letzten Elementen der Krperwelt erfllt, dass zwischen je zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in dem keine weiteren "physikalischen" Atome sich befinden. Dass mit der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine "philosophische" ist, der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten. 307. Dagegen hat sich dieselbe auf Grund der sogenannten "Imponderabilien" veranlasst gesehen, durch die Einfhrung eines weiteren gleichfalls krperlichen, jedoch, mit den physikalischen Atomen verglichen, relativ "unkrperlichen" Stoffs, des sogenannten "Aethers", in die leer gelassenen Zwischenrume der physikalischen Atome, welche letzteren in demselben gleichsam, wie die Sterne am Firmament, zerstreut zu schweben, oder, wie die Fische im Wasser, in unregelmssigen Abstnden zu schwimmen scheinen, der Ansicht der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen von dem stetigen Erflltsein des Raumes durch einfache Wirkliche, um einen betrchtlichen Schritt nher zu kommen. Die Elemente desselben, die sogenannten Aetheratome, verhalten sich zu den physikalischen gleichsam wie Atome zweiter zu solchen erster Ordnung. Dieselben werden zwar eben so wenig wie diese ohne leere Zwischenrume, letztere selbst aber werden im Verhltniss zu diesen als "unendlich klein" und das von den Aetheratomen ausgehende Wirken wird zwar gleichfalls wie das der Krperatome als Anziehung und Abstossung, jedoch als nur in der kleinsten Entfernung wirksam vorgestellt. Jedes Krperatom erscheint wie von Aetheratomen eingehllt, welche dasselbe in Gestalt einer Sphre von allen Seiten umgeben und mit jenem zusammen unter der Form winziger Kgelchen, deren vergleichsweise dichten Kern das Krperatom, deren dnnere Peripherie die Aetheratome ausmachen, die reale durch den Raum discret vertheilte Grundlage der sogenannten Materie bilden. 308. Je nachdem die erfahrungsmssig gegebenen Phnomene der krperlichen Welt auf die Krperatome allein ohne Bercksichtigung des deren Zwischenrume ausfllenden Aethers, oder auf die Aetheratome allein als Bestandtheile des die Zwischenrume der physikalischen Atome ausfllenden Stoffs zurckgefhrt werden, ergeben sich zwei Hauptclassen physischer Phnomene, deren eine das Wirken und die Zustnde des im engern Sinn sogenannten krperlichen Stoffs, die andere das Wirken und die Zustnde des Zwischenstoffs d. i. des Aethers umfasst. Jene begreift, je nach der Grsse der Abstnde der Krperatome unter einander und der davon abhngigen Menge dieser letzteren selbst innerhalb bestimmter rumlicher Grenzen (Volumen), dreierlei Gattungen von Krpern, deren eine bei einem gewissen Volumen die relativ grsste, deren dritte bei demselben Volumen die relativ kleinste Menge von Krperatomen enthlt, whrend die zweite eine im Verhltniss zu jenem Volumen mittlere Menge von Atomen einschliesst. Folge davon ist, dass in den Krpern der ersten Gattung die Abstnde der einzelnen Atome von einander relativ die kleinsten, dagegen bei Krpern der dritten Gattung relativ die grssten sein mssen, whrend bei den Krpern der Mittelgattung die Distanz der Atome eine mittlere ist. Die Atome von Krpern der ersten Gattung werden daher, da die anziehende Kraft je kleiner die Entfernung desto strker wirkt, am festesten, die Atome von Krpern der dritten Gattung werden, da die Anziehung mit der Entfernung abnimmt, am lockersten unter einander zusammenhngen; die Atome der Krper der Mittelgattung werden, da die Entfernung und folglich die Anziehung eine mittlere ist, einen mittleren Grad des Zusammenhangs darstellen. Bei Krpern der ersten Art wird daher nicht nur das Verhltniss der Menge der Atome (der Masse) zu der rumlich begrenzten Grsse des Inhalts (dem Volumen) d. i. die relative Dichtigkeit die grsste, sondern auch der Widerstand, welchen dieselben der Trennung der Atome entgegensetzen, in Folge der starken Anziehung der Theile unter einander (der Cohsion) der relativ bedeutendste, bei Krpern der dritten Art dagegen aus demselben Grunde die Dichtigkeit die geringste und der Widerstand gegen die Trennung der mindestbedeutende sein, whrend den Krpern der zweiten Art mit einer mittleren Dichtigkeit auch ein mittlerer Widerstand d. h. ein solcher, welcher die Trennung der Atome weder erschwert noch erleichtert, also gegen dieselbe sich gleichgiltig verhlt, eigen ist. Krper der ersten Art, als deren Reprsentant die Erde angesehen wird, werden als feste, Krper der dritten Art, als deren Reprsentant die atmosphrische Luft gilt, als luft- oder gasfrmige, Krper der mittleren Art, deren Typus das Wasser darstellt, werden als flssige bezeichnet. 309. Weder die Grsse des rumlichen Volumens, noch jene der Masse, oder der Abstnde der Atome von einander, absolut betrachtet, macht hiebei einen Unterschied. Das Gesetz, welches die Atome der grossen Weltkrper, der Nebelflecke und Sternhaufen zusammenhlt, ist genau das nmliche, welches auch die Atome des kleinsten Bruchtheils eines festen Krpers auf der Erde an einander bindet; die Atome des Weltmeeres hngen in keiner andern Weise zusammen, als jene des Wassertropfens; und die Atmosphre, welche entfernte Weltkrper umhllt, ja die ganze durch den Weltraum ausgebreitete, verdnnte Luftmasse zeigt mit jener der irdischen Lufthlle verglichen nur graduell verschiedene Structur. Zwischen den drei genannten Gattungen von Krpern aber herrscht dabei das Verhltniss, dass einerseits der luftfrmige Krper durch Verminderung der Abstnde seiner Atome unter einander zuerst, wenn dieselbe den mittleren Grad der Entfernung erreicht, in flssigen, wenn sie denselben berschreitet, allmlig in festen Zustand bergehen d. h. sich verdichten, umgekehrt der feste Krper durch Vergrsserung jener Abstnde seinerseits in flssigen und allmlig in luftfrmigen Zustand bergehen d. h. sich verdnnen kann. Je nachdem hiebei die zeitliche Aufeinanderfolge der genannten Zustnde verschieden, also entweder der feste, oder der luftfrmige, oder der flssige als der (zeitlich) erste gedacht wird, aus welchem die andern sich entwickelt haben, so dass im ersten Fall aus der Verdichtung allmlig die Verdnnung, im zweiten aus der Verdnnung allmlig (durch Niederschlag) die Verdichtung, im dritten aus einer mittleren Dichtigkeit durch Verdichtung einerseits das Feste, durch Verdnnung andererseits das Luftfrmige hervorgeht, gliedern sich die verschiedenen physikalischen Kosmogonien, als deren Reprsentanten schon im Alterthum erscheinen: die Atomistiker, welche das Feste (die krperlichen Atome), die jonischen Naturphilosophen Anaximenes und Diogenes von Apollonia, welche das Luftartige, und Thales, welcher das Flssige fr das der Zeit nach Erste erklrten, aus dem alles Uebrige entstanden sei. 310. In allen genannten Fllen ist die Verbindung der Atome unter einander eine mechanische, durch ein und dasselbe allgemeine Gesetz der Anziehung nach dem umgekehrten Quadrate der Entfernung beherrschte, welche so lange besteht, als dieses seine Geltung behauptet, und daher jeder willkrlichen Aufhebung, sie komme von welcher Seite immer, entzogen ist. Die zum Krper vereinten Atome erscheinen unter der Pression dieses Gesetzes selbst zu einem mehr oder minder lockern Gefge comprimirt, also gleichsam einem von aussen kommenden Drucke unterworfen. Die Elemente der Krper selbst stellen zusammengenommen einen durch Vereinigung (Association) entstandenen rumlich begrenzten Haufen, eine Menge gemengter (nicht gemischter) Bestandtheile dar, deren jeder undurchdrungen von dem andern und undurchdringlich fr die andern fr sich und zugleich im Verbande mit den andern als Glied eines physischen Ganzen besteht. Auf qualitative Verschiedenheit der zum Ganzen des Krpers verbundenen Theile konnte bisher schon aus dem Grunde keine Rcksicht genommen werden, weil die quantitative Atomistik eine solche bei den ursprnglichen Elementen der Krperwelt, den primitiven Krperatomen, nicht kennt. Soll daher dennoch von qualitativ unterschiedenen Elementen der Krper die Rede sein, so knnen diese nicht selbst primitiv, sondern sie mssen aus der allerdings primren Verbindung primitiver Atome gleichsam als Atome hherer Ordnung entstanden sein. Von dieser Art wren, wenn die Ansicht der quantitativen Atomistik die richtige und die darauf fussende Behauptung der "philosophischen" Chemie, dass alle scheinbar heterogenen Stoffe Umbildungen eines Grundstoffs seien, giltig sein sollte, die bisher sogenannten einfachen Stoffe d. i. Krper wie Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff u. s. w. aufzufassen, deren jeder demzufolge aus Atomen bestehend gedacht wrde, welche selbst eine eigenartige Gruppirung der primitiven Atome in sich schlssen. Das sogenannte Sauerstoffatom wre sonach zwar im Verhltniss zu dem sogenannten Kohlenstoffatom, keineswegs aber im Verhltniss zu den primitiven Atomen als wirklich atom d. i. als theillos zu bezeichnen, da dasselbe zwar eben so wenig aus weiteren Sauerstoffatomen wie das Kohlenstoffatom aus weiteren Kohlenstoffatomen, keineswegs aber, wie es im Begriff des primitiven Atoms liegt, berhaupt nicht aus weiteren Atomen bestehend gedacht wird. Wie das primitive einfaches, so wre demnach das Sauerstoffatom zusammengesetztes d. i. aus zu einem Ganzen verbundenen primitiven Atomen bestehendes Atom (Molecul) und der (feste, flssige oder luftfrmige) Krper, bei dessen Zusammensetzung die qualitative Beschaffenheit seiner Bestandtheile in Frage kommt, ist sonach als ein in seinen nchsten Bestandtheilen nicht aus einfachen, sondern aus zusammengesetzten Atomen bestehender anzusehen. 311. Wie die Verbindung der Atome im mechanisch zusammengesetzten Krper eine mechanische, so ist sie in dem chemisch zusammengesetzten Krper, derselbe bestehe nun aus einander homogenen oder heterogenen Elementen, eine chemische, auf der Anziehung derselben in Folge ihrer qualitativen Verwandtschaft (Affinitt) beruhende. Dieselben stehen wie die Bestandtheile des mechanischen Krpers unter der Herrschaft eines allgemeinen Gesetzes, nur dass dieselbe nicht sowol, wie dort, einem von aussen ausgebten Drucke, als vielmehr einem von innen aus der Beschaffenheit der Atome stammenden Zuge sich vergleichen lsst, vermge dessen die Atome wie Glieder einer und derselben Familie sich zu einander hingezogen, oder wie Glieder heterogener Rassen (z. B. Weisse und Farbige) sich von einander abgestossen fhlen. Wie die Verbindung blutsverwandter Familienglieder eine innigere ist als die blos gesellige Zusammenkunft einander gleichgiltiger Genossen, so ist die chemische Vereinigung qualitativ Verwandter inniger, als jene blos mechanische indifferenter Atome und wird deshalb als Verschmelzung im Gegensatz zur blossen Summation, als "Mischung" im Gegensatz zur blossen Mengung bezeichnet. Letzterer Ausdruck ist insofern ungenau, als er zu dem Irrthum verleiten kann, eine vllige "Durchdringung" der einzelnen Atome als mglich anzunehmen, whrend doch nur eine "Durchdringung" der sich unter einander verschmelzenden Krper (z. B. Kohlenstoff und Sauerstoff zu Kohlensure) in der Weise stattfindet, dass mit jedem Atom des ersteren zwei Atome des letzteren sich verbinden, also ein neues Gemenge gleichsam hherer Art entsteht, dessen Atome je eine binre Verbindung zwischen O und C darstellen, die einzelnen, sowol Kohlenstoff- als Sauerstoffatome, dagegen fr einander undurchdringlich bleiben. 312. Sowol der mechanisch wie der chemisch zusammengesetzte Krper hat die Eigenschaft, dass, sobald der dessen Bestandtheile zusammenhaltende Druck oder Zug aus was immer fr einem Grunde erlischt, derselbe in seine Elemente zerfallen oder sich auflsen muss. Wird statt dessen auf Grund einer im Krper selbst enthaltenen Veranlassung jene zusammenhaltende Kraft ununterbrochen erneuert, entweder indem berhaupt neuer Stoff, welchem dieselbe Anziehung, oder neuer qualitativ verwandter Stoff, welchem derselbe Zug innewohnt, von neuem herbeigeschafft wird, so entsteht im Gegensatz zu jenem aus Mangel an Erneuerung abgestorbenen leblosen (unorganischen) der belebte (organische) Krper. Die Eigenthmlichkeit, welche denselben von dem mechanischen Krper unterscheidet, besteht darin, dass der letztere, sobald die Bestandtheile desselben durch andere ersetzt werden, nicht mehr derselbe, sondern ein neuer, wenngleich dem vorigen gleicher, der organische Krper dagegen auch nach dem Ersatz derjenigen seiner Bestandtheile, deren Anziehung unter einander erloschen ist, durch andere, noch immer derselbe wie frher d. h. ein blos erneuerter ist. Die Eigenthmlichkeit, welche denselben vom chemischen Krper unterscheidet, dagegen besteht darin, dass der organische Krper niemals, wie der einfache chemische homogen, sondern stets heterogen d. h. aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt sein muss, aber nicht, wie andere chemische Krper, aus beliebigen (z. B. Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff, atmosphrische Luft aus Sauerstoff und Stickstoff, Kalk aus Calcium und Sauerstoff, Kochsalz aus Chlor und Natrium), sondern jedesmal nur aus gewissen Stoffen zusammengesetzt sein darf. Folge der ersteren Eigenschaft ist, dass ein Theil des organischen Krpers, nmlich derjenige, in dem die Veranlassung liegt, dass sich der brige Theil ohne Schdigung des Ganzen zu erneuern vermag, diesem letzteren gegenber eine ausgezeichnete Stellung behauptet, insofern er den bleibenden, dieser dagegen den wechselnden Bestandtheil des Krpers ausmacht, jener also denjenigen, durch welchen der Krper immer derselbe bleibt, dieser denjenigen, durch welchen derselbe unaufhrlich ein anderer wird. Folge der letzteren Eigenschaft ist, dass, wo gewisse einfache chemische Krper mangeln, als welche die Erfahrung bisher Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und hauptschlich Kohlenstoff hervorzuheben gelehrt hat, die Entstehung organischer Krper, auch wenn alle brigen Bedingungen und die grsste Flle anderweitiger chemischer Krper vorhanden wre, unmglich ist. Finden beide Bedingungen vereinigt bei der kleinstmglichen Anzahl krperlicher Atome Erfllung, so entsteht der denkbar kleinste belebte Krper, das organische Atom, die sogenannte Zelle, whrend aus der Verbindung von solchen, sei es mit, sei es ohne Zuhilfenahme unorganischer Bestandtheile, der Zellenorganismus d. i. der -- wie der mechanische Krper aus mechanisch verbundenen mechanischen, wie der chemische Krper aus chemisch verbundenen chemischen, so aus organisch verbundenen organischen Elementen bestehende -- organische Krper hervorgeht. 313. Die ausgezeichnete Stellung des beharrenden Theils gegenber dem wechselnden im belebten Krper ussert sich nicht blos darin, dass er selbst (er sei nun ein einzelnes Atom oder eine Gruppe von solchen) whrend der ganzen Dauer des organischen Krpers (Lebensdauer) immer derselbe bleibt, sondern auch darin, dass in ihm die Ursache enthalten ist, um welcher willen und durch welche nicht nur stets neuer und zwar zu seiner Erhaltung passender Stoff (Leibesnahrung) herbeigeschafft, sondern auch der Neuheit des Materiales zum Trotz die ursprngliche Form (Leibesform) im Wesentlichen unverndert erhalten wird. Derselbe stellt daher gleichsam den beherrschenden Mittelpunkt ("die Seele") dar, zu welchem die Gesammtheit des brigen den Krper jeweilig ausmachenden Stoffs sich als beherrschtes, zur Erhaltung des Ganzen verbrauchbares Material ("als Leib") verhlt. Da derselbe beherrschend nur im Verhltniss zu dem von ihm Beherrschten, mit dem Aufhren der Herrschaft aber zwar Beherrschendes wie Beherrschtes nach wie vor vorhanden, aber nicht mehr als Herrscher und Beherrschtes vorhanden sind, so hrt mit dem Erlschen des organischen Bandes zwischen der "Seele" und dem "Leibe" des belebten Krpers d. i. mit dem Tode auch der bisher herrschend gewesene Bestandtheil desselben auf, Seele eines Leibes, wie der bisher beherrscht gewesene Bestandtheil desselben aufhrt, Leib einer Seele zu sein; das Atom oder die Atome, welche bisher den bleibenden, so wie diejenigen, welche bisher den jeweiligen vernderlichen Bestandtheil des organischen Krpers ausgemacht haben, hren jedoch dadurch keineswegs auf, als Atome d. i. zwar aus ihrer bisherigen Verbindung ausgelst, aber fhig und bereit, neue Verbindungen einzugehen, sei es wieder als "Seele" eines Leibes (Metempsychose) oder als Leibtheil einer Seele (Palingenesie), zu existiren. 314. Je nachdem der organische Krper als am Orte haftend, oder mit der Fhigkeit begabt, denselben beliebig zu wechseln, so wie, je nachdem derselbe als sich oder anderes vorstellend oder berhaupt nicht als vorstellend gedacht wird, wird derselbe im ersten Falle, da die Erfahrung an der sogenannten Pflanze weder freie Bewegung, noch Zeichen vorstellender Thtigkeit aufweist, als pflanzenartiger, im zweiten Fall, da die Erfahrung am sogenannten Thiere zwar freie Beweglichkeit, aber (wenigstens bei den niedersten Thiergattungen) keine Spur von vorstellender Thtigkeit zeigt, als thierartiger, im dritten Fall, wenn sich nicht nur die Fhigkeit, anderes, sondern (wie schon bei den hheren Thiergattungen) sogar die Fhigkeit ussert, bis zu einem gewissen Grade sich selbst vorzustellen, da die Erfahrung letztere Eigenschaft (die Vorstellung des Ich) hauptschlich am Menschen kennt, als menschenhnlicher bezeichnet werden. Mit dem Erwachen des Ich d. i. derjenigen Vorstellung, durch welche der belebte Krper andere, sei es belebte oder leblose Krper, von sich unterscheidet d. h. als Anderes als er selbst, als Nicht-Ich sich gegenberstellt und dadurch sich zu diesem und dieses zu sich in ein Verhltniss bringt, welches je nach dem Mass seiner im Vergleich zu der Kraft jenes Andern und nach der Beschaffenheit seiner Bedrfnisse im Vergleich zu den Bedrfnissen jenes Andern zu einem berlegenen oder unterliegenden, zu einem freundlichen oder feindseligen, zu friedlichem Genuss oder zum Kampfe ums Dasein werden kann, ist das Reich des Bewusstlosen, des Nicht-Ich, abgeschlossen. 315. Wie die Atome, so ben auch die Krper eine Wirksamkeit auf einander aus, welche je nach der Beschaffenheit derselben entweder mechanischer, chemischer oder organischer Art ist. Erstere ussert sich als Schwere, indem ein Krper den andern vermge seiner berlegenen Masse, die zweite als Wahlverwandtschaft, indem ein Krper den andern vermge seiner innigeren Verwandtschaft, die dritte als Geschlechtsneigung, indem ein Krper den andern in Folge des geschlechtlichen Gegensatzes an sich zieht. Wie durch die erstere eine Ablenkung des angezogenen Krpers, wenn derselbe bewegt ist, von seiner ursprnglichen Richtung, wenn er unbewegt ist, eine Annherung an den Ort des anziehenden Krpers, in beiden Fllen jedoch, wenn kein anderweitiges Hinderniss, z. B. die widerstrebende Eigenbewegung des angezogenen Krpers, dazwischen tritt, eine Vereinigung des angezogenen mit dem anziehenden und dadurch eine Vergrsserung der Masse des letzteren herbeigefhrt wird, so wird durch die zweite eine Auflsung der bisherigen Verbindung des angezogenen Krpers und die Entstehung einer neuen Verbindung durch die Verschmelzung desselben mit dem anziehenden veranlasst, auf dem dritten Wege aber durch die organische Vereinigung zweier geschlechtlich entgegengesetzten belebten Krper ein neues organisches Individuum auf Kosten und aus dem Stoffe der Zeugenden erzeugt. Jene, die mechanische Anziehung associirt bisher getrennte Krper zu einem neuen, welcher dieselben in sich begreift; die zweite trennt nicht zusammengehrige Krper, die vereinigt, und fhrt zusammengehrige zusammen, die getrennt waren; die dritte leitet aus bisher vereinzelt gestandenen organischen Individuen durch Zusammenschluss derselben ein neues, in keinem derselben fr sich allein, aber in beiden zusammengenommen wol- und vollbegrndetes Individuum ab. Das Wirken der ersten wie der zweiten Art bringt als producirende Thtigkeit zwar nicht dem Stoff, aber der Form nach neue Krper, die letztgenannte als reproducirende weder dem Stoff, noch der Form nach neue, sondern denjenigen, aus welchen sie entstanden sind, gleiche Krper d. h. sie bringt das in der Zeugung untergegangene in einem neuen Individuum wieder hervor. Whrend durch die erstere, die schaffende ("die Phantasie der physischen Welt") Thtigkeit der gegebene Stoff in vorher nicht gegebener Gestalt umgebildet, wird durch die letztere, die fortpflanzende ("das Gedchtniss der Materie") Thtigkeit die Spur des einmal vorhanden Gewesenen in allem Folgenden mehr oder minder getreu aufbewahrt und dessen Andenken durch dasselbe erneuert. Auf ersterem Wege bilden sich aus dem im Weltraum gleichmssig vertheilten Stoffe durch locale Verdichtung frei schwebende, sogenannte "kosmische Wolken", durch Anhufung desselben um einen dichtern Kern sogenannte "Nebelflecke" und "schweifende Kometen"; wachsen durch Vereinigung kleinerer Weltkrper allmlig jene im Weltraum zerstreuten Massenkugeln heran, die andern als Central- und, wie es das Niederstrzen von Sternschnuppen und Meteorsteinen auf deren Oberflche beweist, zum Sammelpunkte dienen. Auf dem zweiten Wege bildet sich jener wirthschaftliche Haushalt in der Natur, durch welchen die von den pflanzlichen Organismen aufgenommene Kohlensure im Inneren derselben zersetzt, der Kohlenstoff zurckbehalten und der Sauerstoff durch die Lungen der Pflanze, die Bltter, ausgeathmet, von den thierischen Organismen dagegen eingeathmet und in den Lungen zur Oxydirung des Blutes verwendet wird. Auf dem letztgenannten Wege endlich werden wenigstens in den hheren pflanzlichen und thierischen Gattungen die unzhligen Nachkommen gezeugt, whrend auf den niederen Stufen der vegetabilischen Organismen die Fortpflanzung durch Keimzellen (Sporen) und Sprossen, bei den animalischen durch Theilung und Zerfllung der ursprnglich zu einem einzigen vereinigt gewesenen in mehrere selbststndige Individuen die Stelle der sexualen Generation vertritt. 316. Wie die Atome, so sind die Krper in verschiedenen regelmssigen oder unregelmssigen Abstnden durch den Weltraum ausgestreut, so dass einzelne derselben unter einander, wie die Atome zu Krpern, so die Krper zu Systemen und weiter diese selbst wieder zu ihrerseits unter sich zu einem Ganzen verknpften Aggregaten von Systemen gehren, whrend andere keinem in sich geschlossenen Krperverband einverleibt, sei es aus dem Gebiet eines in das eines anderen Krpersystems hinberstreifen, theils frei durch den Weltraum irren. Zu den ersteren gehren die Systeme einzelner Centralkrper mit ihren in ihren Bewegungen von ihnen abhngigen Begleitern, welche ihrerseits wieder von solchen begleitet sein knnen. Dieselben bilden im Weltmeer des mit Krpern erfllten Raumes gleichsam "Weltinseln" und knnen ihrerseits mit anderen ihresgleichen zu einem "Inselmeer" d. i. zu einem Archipelagos von Weltsystemen vereinigt sein. Ein solches bildet allem Anschein nach der selbst um einen, sei es idealen, sei es realen (nach Mdler Alpha Herculis) Mittelpunkt gravitirende Weltring der sogenannten Milchstrasse, von welchem unser Sonnensystem mit seiner Centralsonne, seinen Planeten und Planetoiden, deren Trabanten und Ringen, sowie mit den theils gleichfalls ringfrmig angeordneten, theils zerstreut rotirenden Asteroiden, Sternschnuppen und Meteormassen einen Bestandtheil ausmacht. Der Inbegriff smmtlicher Weltkrper bildet das sichtbare Universum, das mechanisch durch das Gesetz der Gravitation beherrscht und chemisch, wie die Spectralanalyse gezeigt hat, durchgngig aus solchen Stoffen zusammengesetzt ist, welche auch auf oder innerhalb der Erde vorkommen. Flssige und luftartige Bildungen (Meere und Atmosphren) sind auch auf von der Erde verschiedenen Weltkrpern beobachtet, dagegen Spuren organischen Lebens bisher nur auf dieser wahrgenommen worden, daher von vegetabilischen und animalischen, so wie von menschenhnlichen Bewohnern erfahrungsgem bisher nur auf dieser die Rede sein kann. 317. Sowol die Zwischenrume zwischen den Welt-, so wie jene zwischen den festen und flssigen Krpern auf der Erde sind von luftartigen Krpern (auf der Erde von einem aus Sauerstoff und Stickstoff, so wie einigem Ozon bestehenden Luftkrper, der sogenannten atmosphrischen Luft) ausgefllt, deren Gegenwart auch in den scheinbar leeren Theilen des Weltraums durch die Widerstnde, welche bewegte Weltkrper mittels derselben erlitten haben (z. B. durch die allmlige Verengung der Bahn des Enke'schen Kometen), erwiesen ist. Die Zwischenrume der physikalischen Atome werden, wie oben bemerkt, durch Atome des sogenannten Weltthers erfllt gedacht, auf dessen Zustnde diejenigen Phnomene, welche sonst je specifisch verschiedenen sogenannten "unwgbaren" Stoffen (Imponderabilien), z. B. die Lichterscheinungen einem Lichtstoff, die magnetischen einem magnetischen Fluidum u. s. w. zugeschrieben wurden, nunmehr als auf deren gemeinsamen Trger zurckgefhrt zu werden pflegen. Dieselben zerfallen in solche, bei welchen die qualitative Beschaffenheit der Krperatome gleichgltig, und solche fr welche dieselbe bestimmend ist. Zu den ersteren gehren die Licht- und Wrmeerscheinungen, die sich deshalb (wenngleich in unzhligen Graden der Abstufung) zwischen und in allen Krpern des Weltalls vorfinden; zu den letzteren lassen sich die sogenannten, magnetischen und elektrischen Erscheinungen zhlen, deren erstere an die Gegenwart eines bestimmten chemischen Stoffs (des Eisens), deren letztere an die Gegenwart und gegenseitige Berhrung mindestens zweier qualitativ heterogener Stoffe (z. B. Zink und Kupfer) gebunden ist. Der Zustand des Aethers selbst wird als kleinste periodische Bewegung der Aetheratome (Schwingung) in verschiedener Menge und Richtung vorgestellt, wobei der Unterschied stattfindet, dass diejenigen, welche als Trger des Lichtphnomens angesehen werden, an der Oberflche der Krper (mit Ausnahme der durchsichtigen oder durchscheinenden) stattfinden und diese daher im Inneren dunkel erscheinen, whrend diejenigen, welche die Trger des Wrmephnomens sind, auch im Inneren der Krper statthaben, diese daher je nach dem Grade derselben innerlich erhitzt oder erkltet erscheinen. Bei den magnetischen und elektrischen Erscheinungen lsst sich die Betheiligung des Aethers in der Weise verschieden denken, dass derselbe in dem Krper, welcher den erforderlichen Stoff, das Eisen enthlt, an zwei entgegengesetzten Enden, den Polen, angehuft erscheint, wobei die Erfahrung zeigt, dass gleichnamige Pole einander abstossen, whrend bei den elektrischen Erscheinungen an den zu ihrer Entstehung erforderlichen heterogenen Krpern der Aether an zwei einander der Richtung nach entgegengesetzten Enden (+ und -) sich anhuft, wobei die Erfahrung zeigt, dass entgegengesetzte Pole sich anziehen. Inwieweit bei den elektrischen Strmen, von welchen Muskelcontractionen begleitet zu werden pflegen, sowie bei den Erscheinungen des sogenannten thierischen Magnetismus und der thierischen Elektricitt eben so wie bei jenen der sogenannten animalischen Wrme die Betheiligung des Aethers eine Rolle bernehme, muss um so mehr dahingestellt bleiben, als mit Ausnahme der elektrischen Muskelstrme und der thierischen Wrme die brigen sogenannten Thatsachen noch allzu sehr der empirischen Besttigung bedrfen. Insofern jene dem Weltther zugeschriebenen Phnomene, mit den auf die physikalischen Atome zurckgefhrten Erscheinungen verglichen, dem der groben Masse der letzteren gegenber verfeinerten Charakter ihrer materiellen Grundlage entsprechend selbst einen gleichsam "vergeistigten" Stempel tragen, sind sie es, welche durch ihre Gegenstze der Helligkeit und der Finsterniss, der Hitze und der Klte, der magnetischen und elektrischen Spannung und Lsung der Physiognomie der physischen Krperwelt ein an die wechselnden Stimmungsgegenstze des menschlichen Gemthes mahnendes Geprge aufdrcken und daher als Bilder und Gleichnisse fr die letzteren mit Vorliebe pflegen verwendet zu werden. Steigern sich dieselben so weit, dass sie namhafte Vernderungen in der Welt der physischen Krper verursachen, die Lichterscheinung als Brand, die Wrmeerscheinung als Explosion oder Eruption, der Magnetismus als magnetisches, der elektrische Strom als atmosphrisches Ungewitter auftritt, so nimmt deren Wesen eine an die pltzliche, aber auch vorbergehende Natur der von unwillkrlichen Krperbewegungen begleiteten Gemthserschtterungen, der sogenannten Affecte, an und liefert fr diese ("flammender Zorn", "leidenschaftlicher Ausbruch") das treffendste Gleichniss. 318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung gegebene Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch gegebene Wirken gegenber. Die Vorstellung des letzteren unterliegt um so mehr logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff eines Wirkens durch den leeren Raum, wie er durch die discrete Vertheilung der Atome im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines Dinges, welches eins und zugleich der Trger vielfach sich ndernden Wirkens, noch endlich jener der Vernderung d. h. eines Dinges, welches anders geworden und doch dasselbe geblieben sein soll, und jener der unter den letztgenannten fallenden Bewegung als Ortsvernderung ohne schwerwiegende kritische Bedenken bleibt. Erstgenannter ficht durch die Einsicht in die Unmglichkeit, dass von dem angeblich Einfachen Theile sich loslsen und durch einen Sprung ber das Leere hinber einem andern eben so Einfachen einverleibt werden knnten, streng genommen die Mglichkeit so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die Basis des physischen Zusammenhangs unter den Elementen der Krperwelt an. Die Einheit des Dinges, whrend dessen Wirken ein vielartiges sein soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden knne, die Identitt des Dinges, nachdem es ein anderes geworden, ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht dasselbe sein knne, wider sich hervor und nthigt, dem ersteren durch die Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product nicht eines einzigen Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe mehrerer Atome sei und demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe verschiedene seien, sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein knne, sondern sein msse, dem zweiten dagegen durch die Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes sogenannte "Ding" nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei, dasselbe durch das Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer, whrend der Rest derselbe geblieben ist, sehr wol eine Vernderung erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine Identitt aufrecht erhalten haben knne. Bezglich der Bewegung als Ortsvernderung aber gilt, dass dieselbe nur dann einen Widerspruch einschliesse, wenn dieselbe in dem Sinn verstanden wird, dass das Bewegliche im selben Zeitpunkt an einem und demselben Orte befindlich und nicht befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so aufgefasst wird, dass das Bewegliche in jedem stetig auf einander folgenden Zeitpunkt in einem anderen Orte befindlich sei. Dieselbe setzt daher eben so nothwendig die Zeit als den Raum voraus und wird durch das Verhltniss des in einem gewissen Zeitabschnitt zurckgelegten Raumes d. i. durch die Geschwindigkeit gemessen. 319. Das in der Zeit vor sich gehende erfahrungsmssig gegebene Geschehen, die Vernderung des Zustandes der Krperwelt, ist eine dreifache, und zwar tritt dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort des Krpers, wobei dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben, oder nur die Form des Krpers, whrend der Stoff unberhrt bleibt, oder schliesslich auch dieser eine Vernderung erleidet, als Orts-, Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung der Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss und Wurf, oder eine in sich zurckkehrende, wie bei den rotirenden Weltkrpern und den Blutkrperchen im Blutkreislauf, oder eine zugleich fortschreitende und in sich zurckkehrende Bewegung, wie bei dem um die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die Sonne bewegten Monde sein. Der Qualitt nach kann dieselbe entweder eine in gleichen Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich wiederholende (gleichfrmige) oder in gleichen Zeitrumen abnehmende (retardirende) oder zunehmende (accelerirende) Bewegung, in ersterer Hinsicht berdies entweder eine am selben Ort sich gleichfrmig wiederholende (schwingende), oder dabei zugleich im Raume fortschreitende, entweder nach der nmlichen, oder abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von der Fortschrittslinie gleichfrmig ausschlagende Bewegung sein: jene ergibt die periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich des Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen Krper ein Uebergang des festen in den flssigen und luftartigen Zustand, oder des flssigen in den festen und luftfrmigen, oder des letztgenannten in den festen und flssigen statt, whrend beim organischen die sogenannte Transformationslehre (Darwinismus) im Gegensatz gegen die Theorie von der Constanz der Arten und Gattungen es mehr als wahrscheinlich gemacht hat, dass nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten und Gattungen der Organismen durch allmlige Umbildung einer oder weniger ursprnglichen Pflanzentypen ("Urpflanze", "Metamorphose der Pflanze": Goethe), sondern auch in der animalischen Welt die Arten und Gattungen des Thierreichs durch allmlige Umbildung eines oder einiger ursprnglicher Thiertypen ("Bathybios", "Gastraea": Haeckel), sei es auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem natrlicher Zuchtwahl (Darwin), oder unwillkrlicher, reflexartiger Nachahmung ("Mimicry": Wallace) in einander bergehen. Was den Stoffwechsel betrifft, so hat die Erfahrung bis heute zwar die Vermuthung, dass der unorganische chemische Stoff nur eine Umbildung des primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die chemische Typentheorie wahrscheinlich zu machen, fr die Behauptung aber, dass der organische Stoff nur eine Umbildung des unorganischen, der belebte Naturkrper aus leblosen, etwa durch Urzeugung (generatio quivoca), entstanden sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden Beweis durch Thatsachen zu fhren vermocht, wie fr die weitere, dass das "Phnomen der Empfindung", durch welches der (anderes und sich selbst) vorstellende Organismus sich von dem nicht vorstellenden, obgleich ebenfalls organischen Krper unterscheidet, nichts anderes als eine Umbildung des derselben entsprechenden "Nervenreizes" und demnach als psychischer oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem d. i. Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang von den unorganischen Vorgngen der mechanisch-chemischen Krper dem Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer von neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft, haben ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus, einer der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches: ignorabimus ausgesprochen. 320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten (unorganischen und der auf einem oder dem andern derselben anzutreffenden organischen) Krper in ihrer gegenseitigen physischen Zusammengehrigkeit mit und in ihrer Abhngigkeit von einander, so weit dieselben unserer Erfahrung zugnglich sind, das physische Weltall, den Kosmos, so macht die Gesammtheit des in und zwischen denselben in der Zeit vor sich gehenden Geschehens, deren periodischer und nichtperiodischer Orts-, Formen- und Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation des Aethers bis zu den Umlufen der Weltkrper und dem schwankenden Gleichgewicht einander quilibrirender Weltsysteme, von der Zerlegung des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine Elemente bis zu den ein System von Weltkrpern erleuchtenden und erwrmenden Verbrennungsprocessen gasfrmiger Centralsonnen, von der molecularen Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis zu den verwickelten mechanisch-chemischen Processen, welche die Erscheinung des Lebens und das Erwachen des Bewusstseins bedingen, herauf, so weit dasselbe unserer Erfahrung zugnglich ist, die Naturgeschichte der physischen Welt, die Geschichte des Weltalls aus. ZWEITES CAPITEL. DAS ICH. 321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische, chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische d. h. dass es Phnomene des Empfindens und Vorstellens, des Fhlens, Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass physische und psychische Vorgnge identisch, noch dass sie nicht identisch seien. Was die Erfahrung als ussere an der Hand der sinnlichen Beobachtung und des durch knstliche Werkzeuge verschrften Experiments ber die Phnomene des als vorstellend bezeichneten belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, knstlich angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer (Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung, elementares Lust- oder Schmerzgefhl, elementares Streben oder Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand) Bewegung sei, ist jede fr sich ein unerlaubter Schritt auf Grund angeblicher ber die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet, wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag. 322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen dem usseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer Krper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen Krper, auch physische und psychische Phnomene dem Wesen nach als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemhen sich auf das angebliche wissenschaftliche Bedrfniss sttzt, in der Gesammtheit der erfahrungsmssig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit nachzuweisen, wrde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wre, mehr ein sthetisches, also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct wissenschaftliches Bedrfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit (langweilige Monotonie, abwechselungslose Einfrmigkeit), wie es wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedrfniss befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der Phnomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identitt des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat, widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen msse. Das Gleichniss Fechner's, dass Physisches und Psychisches wie die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhren, ein und dasselbe zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhltniss zwischen Physischem und Psychischem aus dem Grunde unmglich, weil der Umkreis des Psychischen d. i. der Bewusstseinsphnomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung und sinnliche Wahrnehmung gehrt, auch von demjenigen Beobachter, der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in keiner Weise berschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das Wesen des optischen oder des akustischen Phnomens erblickt, von der Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen, was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehrsempfindung ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts Gleichartiges anzutreffen, noch lsst sich die Anzahl von mehr als vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hrbaren C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen, als Phnomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar. 323. Dennoch wre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut, aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet, auf eine zwiespltige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen ein verschiedenartiges sein msse, hat nur dann Gewalt, wenn sie dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von mehreren Wirklichen zu Grunde liegen msse. Keineswegs aber folgt daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen angehren mssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse Verschiedenheit usserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage, Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht, im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter Voraussetzung durchgngig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich durch verschiedene Zahl und rumliche Anordnung derselben verschiedene, ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phnomene (wie z. B. das nach rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklren lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege, auch physische und psychische Phnomene auf qualitativ gleichartiges Wirkliches zurckzufhren. 324. Letzteres wrde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualitt eines, mehrerer, oder aller zum erklrenden Phnomen einer-, und jene des denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in der Weise widersprchen, dass die durch die Erfahrung gewhrleistete Thatschlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer fr einem Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen wird. Dieser Fall wrde eintreten, wenn zum Beispiel unter den thatschlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfnde, die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner Qualitt nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, whrend dagegen von anderer Seite behauptet wrde, nicht nur, dass alles, was berhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden knnen, eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein msse, sondern auch, insofern dasselbe als Trger einer Erscheinung gelten soll, seiner Qualitt nach zusammengesetzt sein msse. In diesem Fall wrde entweder die Thatschlichkeit jenes Phnomens verleugnet, oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenber als unausfhrbar sich herausstellt, angenommen werden mssen, dass dasselbe, obgleich wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe. 325. Obiger Fall tritt ein bei dem Phnomen der sogenannten Einheit des Bewusstseins, der Theorie der sogenannten "Psychologie ohne Seele" und der Psychologie des sogenannten "Materialismus" gegenber. Jene geht davon aus, dass die Natur des Phnomens der Einheit des Bewusstseins mit der Qualitt des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft Wirklichen unvertrglich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht bestritten werden knne, dasselbe thatschlich ohne reales Substrat sei. Letztere rumt ein, nicht nur dass obiges Phnomen thatschlich, sondern auch, dass kein irgendwie wirklich vorhandenes Phnomen ohne irgendwie beschaffenes Wirkliches als Substrat desselben denkbar, behauptet aber, dass die Natur obiger Erscheinung auch mit der Annahme eines aus Theilen bestehenden Substrates vertrglich sei. Die Widerlegung der ersteren msste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur, dass dasjenige Substrat, welches die "Psychologie ohne Seele" fr das ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich mgliche ausgibt, weder das einzig Wirkliche, noch berhaupt ohne Selbstwiderspruch ein mgliches sei, sondern auch, dass eine als wirklich zugestandene Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als Substrat, noch berhaupt ohne Substrat gedacht werden knne. Die Widerlegung der letzteren msste dahin gerichtet sein, zu erweisen, dass der Versuch, die Natur obigen als thatschlich anerkannten Phnomens mit der materiellen d. i. aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als vertrglich darzustellen, illusorisch, und daher die einzige Mglichkeit, dessen Thatschlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme eines "atomistischen" d. i. theillosen Trgers fr dasselbe gelegen sei. 320. Den Beweis zu fhren, dass das wahrhaft Wirkliche seiner Qualitt nach einfach d. i. nicht aus Theilen bestehend, dass sonach dasjenige Wirkliche, welches die "Psychologie ohne Seele" nicht nur, obgleich dasselbe, sondern wol gar, weil es zusammengesetzter Natur (materiell) ist, fr das wahrhaft Wirkliche hlt, weder ein solches sei noch sein knne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte, hat im Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von der Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Grnden ber dieselbe hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen bernommen. Derselbe hat aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht, wie aus dem Vorigen sich ergibt, selbst die "Psychologie des Materialismus" ihm als Bundesgenossin zur Seite, dass auch der Schein eines Wirklichen, wenn er ein wirklicher d. i. thatschlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches als dessen Substrat gedacht werden knne und daher die Annahme der "Psychologie ohne Seele", dass der von ihr als thatschlich anerkannte Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also buchstblich ein Luftphantom sei, auf einer argen Selbsttuschung beruhe. 327. Zum Beweise fr die andere d. i. fr diejenige Behauptung, welche den thatschlichen Schein der Einheit des Bewusstseins mit der aus Theilen bestehenden Natur des Trgers derselben fr vereinbar hlt, haben sich deren Vertheidiger, die Psychologen des Materialismus, auf ein ihrer Meinung nach zutreffendes Beispiel aus der exacten Naturwissenschaft, auf die in der Mechanik der Zusammensetzung der Krfte fundamentale Thatsache der Resultante berufen. Dieselbe stellt in der That ein Wirkliches dar, welches als solches nur durch das Zusammenwirken anderer Wirklichen, der sogenannten Componenten zu Stande kommt, zugleich aber auch ein solches, das mit der Wirklichkeit dieser letzteren verglichen nur ein scheinbares ist d. h. nur den Schein selbststndiger Wirklichkeit hat, whrend die eigentlich Wirklichen, weil die eigentlich Wirkenden, die Componenten sind. Werden die letzteren, also ein Vielfaches, als das Substrat der Resultirenden, welche als solche ein Einfaches ist, vorgestellt, so scheint obige Thatsache anschaulich zu machen, wie die zusammengesetzte Natur der Grundlage eines Phnomens die einheitliche, ja sogar einfache Beschaffenheit des letztern nicht ausschliesse, und sonach auch die Mglichkeit, dass das seiner Natur nach einfache Phnomen der Einheit des Bewusstseins in einem zusammengesetzten, aus einer Mehrheit von Theilen bestehenden Substrate vor sich gehe, plausibel zu machen. 328. Trifft obiges Gleichniss zu, so beweist es nichts; beweist es aber etwas, so beweist es das Gegentheil von dem, was nach dem Wunsche seiner Urheber dadurch bewiesen werden soll. Die Beweiskraft desselben hngt davon ab, dass dasjenige, was unter dem Namen der Resultirenden mit dem Phnomen der Einheit des Bewusstseins verglichen wird, wirklich im Sinn der Mechanik eine solche sei. Aber schon Lotze hat bemerkt, dass dieser sogenannten Resultanten das wichtigste Merkmal einer solchen, nmlich nichts geringeres fehle als der gemeinschaftliche Angriffspunkt, der ihr mit ihren Componenten gemeinsam sein muss. Die Resultirende ohne einen solchen wre wie Schiller's Glocke, welcher, wie Schlegel witzig bemerkt hat, der Schwengel fehlt. Ist aber die Resultante eine wirkliche Resultirende d. h. hat sie mit ihren Componenten den Punkt des Angriffs wirklich gemein, dann stellt dieser Punkt eben dasjenige dar, was fr das Phnomen der Einheit des Bewusstseins der atomistische Trger desselben darstellen soll d. h. obiges Gleichniss beweist, statt gegen, im Gegentheil fr die Unentbehrlichkeit eines einfachen Wirklichen als Substrat des Phnomens der Einheit des Bewusstseins. 329. Aus der Thatsache der Einheit des Bewusstseins folgt, dass es Phnomene gibt, welche als Substrats nur eines einzigen theillosen und untheilbaren Wirklichen bedrfen und daher mit allen denjenigen Phnomenen, welche zu ihrer realen Unterlage ein Aggregat von solchen d. i. (im physikalischen Sinne) einen (mehr oder weniger verfeinerten oder vergrberten) Krper voraussetzen, qualitativ schlechterdings unvergleichbar sind. Umgekehrt wird es erlaubt sein, anzunehmen, dass alle diejenigen Phnomene, welche mit letzteren unvergleichbar, ihrerseits dagegen mit dem Phnomen der Einheit des Selbstbewusstseins insofern vergleichbar seien, als sie ebenso wie dieses jedes irgendwie zusammengesetzte Substrat ausschliessen und im Gegensatz zu den mit diesem unvergleichbaren Erscheinungen einen atomistischen Trger als reale Unterlage bedingen. Da nun das Phnomen der Einheit des Bewusstseins ein psychisches ist, alle diejenigen Phnomene aber, welche als ihr Substrat eine materielle Grundlage erfordern, als physische bezeichnet werden, so folgt, dass alle mit letzteren unvergleichbaren Phnomene (wie Vorstellen, Fhlen, Streben und Wollen) als psychische dem Phnomen der Einheit des Bewusstseins gleichartig sein und daher ebenso wie dieses an einem theillosen Trger haften werden. Wird dabei vorzugsweise die Eigenthmlichkeit ins Auge gefasst, dass jedes zusammengesetzte d. h. aus Theilen bestehende Substrat ein Aussereinander der Orte dieser letzteren d. h. eine rumliche Ausdehnung (extensum) erheischt, whrend das einfache theillose Wirkliche eine solche ausschliesst und nur den einfachen Ort (mathematischen Punkt) eines einfachen Wirklichen (eines dynamischen Punkts oder einer punktuellen Kraft; "Monade", "Dynamide") ausfllt, so knnen die physischen Phnomene auch extensive und mssen die psychischen sodann im Gegensatz dazu intensive genannt werden. Jene schliessen die Ausdehnung und damit die Rumlichkeit ein, diese dagegen zwar die Ausdehnung, keineswegs aber die Rumlichkeit aus; jene erfolgen als Vorgnge innerhalb eines rumlich ausgedehnten Substrats selbst in rumlich ausgedehnter Weise (Bewegung als Ortsvernderung, Anziehung, Schwingung u. s. w.), diese erfolgen als Vorgnge innerhalb eines zwar an einem Orte im Raume befindlichen (also nicht raumlosen oder unrumlichen), aber nur einen einfachen (ausdehnungslosen) Ort im Raume einnehmenden (also selbst ausdehnungslosen) Wirklichen zwar im Raume, knnen aber selbst eben so wenig wie das Wirkliche, dessen Vorgnge sie sind, rumlich ausgedehnt sein (Empfindung als Intensittsvernderung, Hemmungsgefhl, Streben u. s. w.). Wie der Inbegriff der extensiven Phnomene die Grundlage der Physik, so bildet jener der intensiven die Grundlage der Psychik oder Psychologie; jener umfasst alle materiellen d. h. an einem materiellen Substrat haftenden und durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen der Materie, den physikalischen Atomen, hervorgebrachten, dieser dagegen alle an einem atomistischen Substrat haftenden und aus der Wechselwirkung der elementaren Vorgnge innerhalb desselben entspringenden Erscheinungen. 330. Da das einzige atomistische Substrat erfahrungsmssig gegebener Erscheinungen dasjenige ist, welches auf Grund des thatschlichen Phnomens der Einheit des Bewusstseins als Trger nicht nur dieses, sondern smmtlicher ihm gleichartiger Phnomene vorausgesetzt wird, so folgt, dass wie es voreilig schien, aus der qualitativen Verschiedenheit der physischen und psychischen Erscheinungen auf qualitativ verschiedene Beschaffenheit ihrer beziehungsweisen Substrate zu schliessen, es eben so voreilig wre, aus den erfahrungsmssig gegebenen Zustnden eines atomistischen Wirklichen auf das Vorhandensein gleicher oder doch hnlicher Zustnde im Innern anderer oder gar aller atomistischen Wirklichen zu schliessen. Aus der denknothwendigen Folgerung, dass, was immer in einem atomistischen Wirklichen vor sich gehe, nur intensive und insofern den erfahrungsgemss gegebenen Vorgngen des Vorstellens, Fhlens und Strebens hnliche Zustnde sein knnen, folgt keineswegs, dass, weil dergleichen in demjenigen Atome, welches als Trger des Phnomens der Einheit des Bewusstseins gilt, durch die Erfahrung gegeben sind, hnliche auch in allen brigen einfachen Wirklichen, also z. B. auch in denjenigen, welche als letzte reale Grundlage der physikalischen Materie angesehen werden, gegeben sein mssten oder thatschlich seien. Jene einfachen Wirklichen, welche auf Grund thatschlich erfahrener intensiver Zustnde d. i. erfahrungsmssig gegebener psychischer Phnomene (selbst erlebter oder an Anderen beobachteter Vorstellungen, Gefhle, Begehrungen und Willensentschliessungen) als deren unentbehrliche atomistische Trger denknothwendig vorausgesetzt werden mssen, mgen als solche "Seelen" d. h. reale Atome heissen, deren eigenthmliches Wirken in der gegebenen Erfahrung unter der Form des Vorstellens, Fhlens, Strebens und anderer aus diesen letzteren abgeleiteten Zustnde erscheint, deren specifische Qualitt aber eben so wie jene aller brigen einfachen Wirklichen, welche den Boden des erfahrungsmssig gegebenen Scheins der Wirklichkeit ausmachen, der Erkenntniss entzogen bleibt. Wie die Farbe, der Klang, die Hrte oder Weichheit, ja wie die Krperlichkeit selbst nicht das Wesen des Wirklichen, sondern die Form ausmacht, unter welcher dasselbe fr die ussere Erfahrung, so stellt die vorstellende, fhlende, strebende Thtigkeit, ja die Seelenhaftigkeit selbst diejenige Gestalt dar, unter welcher das Innere des Wirklichen fr die innere Erfahrung erscheint; was das Wirkliche selbst, von der Erfahrung, usserer wie innerer, abgesehen, an sich seiner Natur nach sei, bleibt hier wie dort unbekannt. 331. Wie aus der einfachen Qualitt des atomistischen Wirklichen, welches als Trger der erfahrungsmssig gegebenen psychischen Zustnde vorausgesetzt werden muss, dessen Unvernderlichkeit, so folgt aus der Vielheit und Mannigfaltigkeit der zugleich und nach einander durch die Erfahrung gegebenen psychischen Zustnde, als deren Trger es gilt, dessen Vernderlichkeit. Whrend der ersteren zufolge die Qualitt desselben und dadurch das Wirkliche immer dasselbe bleibt d. h. als dasjenige Selbst, das es ist, sich erhlt, scheint es der letzteren zufolge nicht nur im nmlichen Zeitaugenblick mehreres und verschiedenes zugleich, sondern in auf einander folgenden Zeitmomenten jeweilig ein anderes zu sein. Da jener Schein der Vielheit und Mannigfaltigkeit nicht entstehen knnte, wenn in der Einheit und Einfachheit des Wirklichen nicht dessen Anlage gegeben wre, so entsteht die Frage, wie sich die letztere mit der ersteren, die Einheit und Einfachheit des Wirklichen mit der Vielheit und Mannigfaltigkeit des Scheines im Wirklichen, also die Annahme, dass viele und vielerlei Zustnde im Wirklichen zugleich oder nach einander gegeben seien, mit der denknothwendigen Voraussetzung seiner Einheit und Einfachheit vertrage. Die Beantwortung derselben wird zwar erleichtert, aber nicht berflssig gemacht durch die Bemerkung, dass diese mehreren zugleich gegebenen Zustnde vorbergehende, also nicht etwa bleibende Eigenschaften des einfachen Wirklichen, sogenannte dauernde "Seelenvermgen" oder Seelenkrfte sein sollen, welche schon Herbart treffend der alten Psychologie gegenber als "mythologische Wesen" bezeichnet hat; die Schwierigkeit besteht fort, wenn auch nur in einem einzigen Zeitmoment eine Vielheit unter einander verschiedener Zustnde in dem einfachen Wirklichen als zugleich vorhanden vorgestellt und dasselbe dadurch gleichsam in vieles gespalten gedacht werden soll. 332. Ein Blick auf die gegebene Erfahrung lehrt, dass dies thatschlich der Fall sei. Qualitativ verschiedene Empfindungen, wie die einer bestimmten Farbe, eines bestimmten Wohlgeruchs u. s. w. sind in der sinnlichen Wahrnehmung der Rose dem Bewusstsein gleichzeitig gegeben und mssen sonach in dem realen atomistischen Trger desselben als gleichzeitig vorhandene, aber qualitativ unterschiedene Zustnde angesehen werden. Dasselbe soll daher nicht blos wirklich, sondern es soll als einfache Qualitt zugleich in so vielen verschiedenen Qualitten wirklich sein, als qualitativ verschiedene Zustnde in demselben als zugleich vorhanden gedacht werden sollen. Wie die qualitative Atomistik die Gesammtheit der krperlichen Erscheinungen auf eine Anzahl einfacher qualitativ unter einander verschiedener Stoffe zurckfhrt, so leitet eine derselben entsprechende empirische Psychologie die Gesammtheit der psychischen Erscheinungen von einer Anzahl einfacher, qualitativ verschiedener Elementarzustnde ab, als dergleichen sie die sinnlichen Empfindungen, wie sie durch die verschiedenen Sinnesorgane gegeben sind (Gesichts-, Gehrs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen, ferner die Temperatur-, die Muskelempfindungen etc.) betrachtet. Werden die letztern als wirklich einfach und zugleich als unter einander specifisch verschieden angesehen, so muss obige Schwierigkeit, wie in dem qualitativ einfachen Trger qualitativ verschiedene Zustnde zugleich gegenwrtig sein knnen, in ganzer Schrfe hervortreten. 333. Um dieselbe zu heben, hat Herbart den Ausweg der sogenannten "zuflligen Ansichten" ergriffen. Indem das Reale a, dessen einfache Qualitt a sein soll, mit dem Realen b, dessen Qualitt durch b ausgedrckt werden soll, der Qualitt nach verglichen wird, zeigt sich, dass jede der beiden Qualitten Bestandtheile enthalte, die sich unter einander wie plus und minus verhalten und daher, wenn die beiden Realen zusammengedacht werden, sich unter einander aufheben mssen. Da jedoch die einfache Qualitt, als einfach, keine Theile enthalten, also auch keine solchen, die sich, mit einer andern Qualitt verglichen, wie plus und minus verhalten, in sich schliessen kann, so stellt jene Auffassung derselben in Gedanken, laut welcher dieselbe nicht nur Theile, sondern einer andern Qualitt entgegengesetzte Theile umfassen soll, nicht den wahren Inhalt der Qualitt, sondern blos eine zufllige Ansicht derselben dar, kraft welcher gewisse Bestandtheile der Qualitt des Realen in ihrem Zusammen mit andern aufgehoben werden sollten, aber nicht knnen, die Qualitt zwar verndert werden sollte, aber nicht kann, weil jene aufzuhebenden Theile eben keine Theile, sondern nur in der zuflligen Ansicht der Qualitt als solche angedichtet sind. Diese durch das Zusammen eines Realen mit anderen Realen demselben in Folge des gegenstzlichen Verhaltens seiner Qualitt zu deren Qualitten, von dem dieselben zusammenfassenden Denken zugemutheten, aber da jede einfache Qualitt unvernderlich ist, niemals wirklich eintretenden Strungen sind es, welche Herbart "Selbsterhaltungen" des Realen genannt und als die einzige mit der strengen Einfachheit der Qualitt desselben vertrgliche Art des wirklichen Geschehens, den erfahrungsmssig gegebenen psychischen Vorgngen als metaphysische Grundlage untergebreitet hat. Dieselben sollen je nach der Qualitt desjenigen Realen, welches mit dem gegebenen, um dessen Zustand es sich handelt, in einer zuflligen Ansicht zusammengefasst wird, selbst qualitativ verschieden (z. B. einmal eine Gesichts-, das andere Mal eine Gehrsempfindung u. dgl.), nichts desto weniger aber die Qualitt des Realen, dessen Zustnde sie sind, qualitativ immer dieselbe und ungespalten sein. Sie sollen ferner wirklich und doch als Strungen der Qualitt des Realen, die zwar eintreten sollten, aber, weil sonst letztere und damit das Reale selbst aufgehoben wrde, niemals eintreten knnen, zwar zugemuthete, aber niemals wirklich gewordene, also im Grunde blosse Forderungen sein, die an das Reale um seines Zusammen mit anderen willen vom zusammenfassenden Denken gestellt, aber von jenem niemals erfllt werden. Ob Zustnde der Art berhaupt das Recht gewhren, dieselben als wirkliches Geschehen und zugleich als den einzigen Anknpfungspunkt zu bezeichnen, welchen das streng einfache Reale fr die erfahrungsmssig gegebene vielfache Mannigfaltigkeit psychischer Phnomene zu bieten vermge, ist von der Seite der Erfahrungspsychologie eben so vielfach bestritten, als von der Seite der Schule ohne durchschlagenden Erfolg vielfach vertheidigt worden. Angriff und Abwehr gehen von der Alternative aus, dass entweder das wirkliche Geschehen im Realen nicht wirklich, oder die Qualitt des Realen nicht einfach sein knne. Jenes, weil Einfachheit der Qualitt die Wirklichkeit qualitativer Verschiedenheit des Geschehens, dieses, weil die qualitative Verschiedenheit des Geschehens die Einfachheit der Qualitt ausschliesse. 334. Allerdings nur, weil und so lange das wirkliche Geschehen als qualitativ wirklich verschieden gedacht wird. Findet das Gegentheil statt d. h. wird das wirkliche Geschehen als qualitativ nicht verschieden d. h. seiner Qualitt nach unter einander homogen und der Qualitt des Wirklichen, dessen Geschehen es ausmacht, entsprechend vorgestellt, so entfllt der nicht abzustreitende Widerspruch zwischen der Qualitt des Wirklichen, die einfach, und jener des Geschehens, die mannigfaltig sein soll, und damit auch der Grund, welcher die Wirklichkeit qualitativ verschiedenen Geschehens mit der Einfachheit der Qualitt des Wirklichen selbst unvertrglich zu machen droht. Nicht die Vielheit des Wirkens, sondern die gleichzeitige Vielartigkeit des Wirkens widerspricht der qualitativ einfachen Natur des Wirklichen; letztere schliesst nicht aus, dass das einfache Wirkliche zu anderen einfachen Wirklichen gleichzeitig anders sich verhlt, wol aber schliesst sie aus, dass sich dasselbe zu jedem der andern als ein Anderes verhlt. 335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der qualitativen, an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ gleichartige Atome entgegensetzt, so fhrt dieselbe in der Psychologie, den qualitativ unterschiedenen psychischen Elementarzustnden gegenber, qualitativ ununterschiedene primitive psychische Vorgnge in die Betrachtung ein. Jene geht von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten einfachen Stoffe in der Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme berechtigt, dass die sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein nicht die ursprnglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern, aus weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich gleichartigen primitiven Krper-, diese aus gleichfalls unter einander homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt seien. Wie die quantitative Atomistik in der Krperwelt, so strebt sie in der Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative Unterschiede zurckzufhren; wie in der Chemie das Sauerstoffatom als eine Gruppe primitiver Atome und dadurch als verschieden vom Kohlenstoffatom, als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Atome, so geht sie darauf aus, in der Psychologie z. B. die Empfindung des Blauen als eine Gruppe primitiver Bewusstseinselemente und dadurch als verschieden von der Empfindung des Rothen, als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das qualitativ specifische Atom (z. B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer Auffassung zufolge eine rumlich, die qualitativ specifische Empfindung (z. B. die Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine zeitlich geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser einander im Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines Wrfels oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben fr die Empfindung des Roth, 32 derselben fr den Ton des tiefen C). 336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die Entdeckung der typischen Krper und die chemische Typentheorie, so hat dieselbe in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz, dass unsere vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter Natur seien, eine Bestrkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich gemacht, dass die bis jetzt fr einfach gehaltenen chemischen Stoffe sich in weitere zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich zu der Annahme eines Grundstoffs fhren werden; diese lsst die Vermuthung zu, dass, wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer Sinnesorgane sich als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative Combinationen einer und derselben Grundempfindung erweisen werden. Mehr als jene Wahrscheinlichkeit und diese Vermuthung auszusprechen, lsst weder der gegenwrtige Stand der ussern noch jener der innern Erfahrung zu, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative Atomistik, wie sie der Erfahrung ber die Krperwelt sich am bequemsten anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt Vortheile in Aussicht stellt. 337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin, dass durch die Zurckfhrung der vermeintlich specifisch verschiedenen elementaren Bewusstseinsvorgnge auf ursprnglich gleichartige die schwer empfundene Unvergleichbarkeit physischer Vorgnge, wie es die Nervenreize, und psychischer, wie es die unmittelbar durch dieselben ausgelsten und auf dieselben bezglichen Empfindungen sind, auf das geringste denkbare Mass herabgesetzt wird. Werden, wie lngst in der physischen, so nun auch in der psychischen Welt die Verschiedenheiten smmtlicher Phnomene auf rein quantitative Bestimmungen zurckgefhrt, so steht nichts im Wege, die quantitativen Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen Vorgnge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner'sche Gesetz in einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie proportional zu denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf die allerdings durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des ursprnglichen physischen (der als solcher ein extensiver) und des gleichfalls ursprnglichen psychischen Vorgangs (der als solcher ein intensiver ist) zu beschrnken. Stellt der Gehirn- oder Nervenvorgang, welcher die nchste Voraussetzung der Empfindung bildet, in der Reihe der sich stufenfrmig ber einander erhebenden physischen Vorgnge des mechanischen, chemischen und organischen Geschehens das oberste, so stellt die unmittelbar, obgleich unvergleichbar an jene sich anschliessende, primitive Empfindung in der Reihe der sich stufenweise ber einander erhebenden Formen des psychischen Geschehens das unterste oder Anfangsglied dar, aus welchem, wie dort aus der Wechselwirkung der kleinsten Krpertheilchen (physikalische Atome, Molecle) alle hheren physischen, so durch Umbildung und Wechselwirkung alle hheren psychischen Bildungen sich entwickeln. 338. Fr die primitive Empfindung d. i. fr den dem elementaren Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren Vorgang im Bewusstsein hat Lotze den Ausdruck "ictus" geprgt. Derselbe macht anschaulich, dass die Wirkung eines kleinsten extensiven Vorgangs, z. B. einer einzelnen Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer solchen entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende Empfindung sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang, die Aetherschwingung, im ussern sich wiederholt. Wie die Empfindung selbst von der veranlassenden Schwingung, so hngt die Zahl der sich wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich wiederholender gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in den Augen des Physikers der specifische Charakter des physischen Phnomens (z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in der Secunde jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der sich wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter des psychischen Phnomens (in obigem Fall der Empfindung des Rothen) in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit drckt fr den Physiker das Quale, die Grsse der Schwingung (amplitude) die dynamische Intensitt des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben so stellt in den Augen des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben Zeiteinheit sich wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die Strke des einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische Intensitt des psychischen Phnomens (z. B. der Gesichtsempfindung des Rothen) dar. Die quantitative Bestimmung dort (das Vielfache der Schwingungen) und die quantitative Bestimmung hier (das Vielfache der primitiven Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass die Zeiteinheit dieselbe sei (z. B. die Secunde), der Unvergleichbarkeit der beiderseitigen Quales (der Schwingung einer- und des ictus anderseits) ungeachtet, eine Vergleichung der beiderseitigen Quanta zu und gestatten die eine durch die andre zu messen. 339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch mglich, nicht nur das Verhltniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phnomene, hnlich wie das Verhalten der krperlichen Elemente und aller daraus abgeleiteten physischen Phnomene, mit Rcksicht auf die in denselben enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der Krperwelt sich als Krfte betrachten lassen, die im Verhltniss ihrer Strke anziehend oder abstossend auf einander wirken, so lassen die primitiven Empfindungen mit Rcksicht auf den Grad ihnen eigener Intensitt als Krfte sich ansehen, welche sich unter Voraussetzung gleichartiger Richtung verstrken, unter Voraussetzung entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der krperlichen Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen, nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annherungen und Entfernungen der kleinsten Theilchen der krperlichen Masse (der Molecle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen Gesetzen zurckzufhren; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel, die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige Verstrkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen ("Bewusstseins-Atome") nach statischen und mechanischen Gesetzen vor Augen haben. 340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der Krper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgnge den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene erfahrungsgemss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation die Elemente der Materie zusammenhlt, so ist die Menge des psychischen Materiales erfahrungsgemss fr jedes individuelle Bewusstsein eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden (Geburt), deren Ende mit jenem des erlschenden Bewusstseins (Tod) des Individuums zusammenfllt. Jene wie diese stellt ein Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lsst, dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen Stoffs whrend der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven Bewusstseinsmaterials whrend der Dauer des psychischen Individuums, Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die Erfahrung, die ussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein des Individuums, zeigt, thatschlich erfhrt. So wenig jemals dem Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein d. h. Realitt hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische Trger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen (eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt, aber niemals ungeschehen gemacht werden. 341. Wie die Totalitt des krperlichen Stoffs und aller daraus nher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des rumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit des Bewusstseinsmaterials und aller nher oder entfernter daraus abgeleiteten Bewusstseinsphnomene den Inhalt des nicht rumlich, wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander, sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander, in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein knnen. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen Zustnde sie sind, keinen Raum darbietet fr eine gleichzeitige "itio in partes". So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des krperlichen Stoffs ihres rumlichen Aussereinander ungeachtet durch das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres gemeinsamen Trgers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein Weltkrper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren Universum und seinem Verband mit anderen Weltkrpern sich entfernen, so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berhrung mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder bel, gezwungen, sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact zu setzen. 342. Letztere Nthigung enthlt den Grund der sogenannten Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig in demselben Bewusstsein vorhandenen Phnomene. Derselbe ist ein "mechanischer", demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Krper ausgebt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen Beschaffenheit der Krper, zu der qualitativen Beschaffenheit der associirten Phnomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem Inhalt nach hnlich oder unhnlich, sondern allein die Thatsache, dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind, knpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus, welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklrlich, warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen, vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor die gegenwrtigen gnzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfllt, alle einander succedirenden Bewusstseinsphnomene sich unter einander associiren. 343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphnomene (z. B. primitive Empfindungen) thatschlich zugleich oder in der Weise nach einander ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn die folgende schon eintritt, so mssen sich dieselben unter einander verbinden, und zwar desto inniger, je fter das gleichzeitige oder successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Grnde vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phnomene niemals anders als gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein eintreten knnen, so muss diese Nthigung, sich unter einander zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene Phnomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass dieselben nur als ein zusammengehriges Ganzes d. i. als Aggregat von Bewusstseinsphnomenen gedacht werden knnen, dessen Theile zwar eben so wenig wie die des mechanischen Krpers durch Gleichartigkeit oder Gegensatz unter einander verwandt sein mssen, aber eben so wie diese durch mechanischen Druck und Cohsion, so durch den Zwang der Simultaneitt oder Succession mit einander verbunden sind. 344. Aggregate dieser Art sind von Herbart "Complicationen" genannt worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge des Verknpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so gut verwandte, als gnzlich disparate Bewusstseinsphnomene zur Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen) Ganzen zusammengewrfelt und durch den Zwang der Ideenassociation zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch zusammengesetzte physische Krper aus qualitativ gleichartigen Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen; so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der chemisch einfache Krper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann, weil bei dessen Zusammensetzung die Qualitt seiner Bestandtheile noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein, als eine Complication, weil bei derselben von einer Rcksicht auf qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den mglichen Gruppirungen, welche physikalische Atome berhaupt einnehmen knnen, eine solche dar, welche thatschlich gegeben und von der usseren Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist; eben so mchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrcken, welche unter den zahllosen mglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente thatschlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist. 345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen wie Roth, Blau, Grn; Tonempfindungen wie Violinton g, h; Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.), welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom, Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprnglicher Molecle zu diesen letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven Bewusstseinsacten nchste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins, wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen Atomen nchste Stufe unter den Krperbildungen des Naturlebens ein und knnen, wie diese letzteren zu "Gemengen" einfacher Stoffe (wie die atmosphrische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung chemisch gleichartiger Atome ein homogener Krper, so entsteht aus der Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknpfung heterogener Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen, von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass vermge der flchenfrmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf der Oberflche des kugelfrmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen, sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine durch Gleichzeitigkeit verknpfte Complication unter einander homogener Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und die gelbe Farbe des Goldes, der Hrnerv durch dessen Metallklang, der Tastnerv durch dessen Gltte und Klte u. s. w. in Erregung versetzt werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die unter einander durch Gleichzeitigkeit verknpft und als Complication mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden. 346. Wie chemisch disparate Krperbestandtheile, die zu einander keinerlei Affinitt besitzen und lediglich durch mechanischen Druck zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so lange beharren, als jener whrt, chemisch verwandte Krperbestandtheile aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge strkerer Verwandtschaft mit einem anderen Krper gelst werden kann: so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer durch blosse Gleichzeitigkeit verknpften Complication nicht stehen, sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneitt unter einander allmlig eine viel innigere Verbindung ein, whrend die gemischten Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend "Verschmelzung" genannt und dadurch von der blossen Complication in hnlicher Weise wie die chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgnge, aber nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen knnten, wenn sie nicht gleichzeitig wren, jedoch nicht verschmelzen, weil sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind. 347. Wie mit der Einfhrung des qualitativen Unterschieds der krperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung der physischen Welt erffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Bercksichtigung des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu, unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen Identitt oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst, in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact treten mssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter ist, wird die Berhrung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen Vorgnge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit ihres gemeinsamen Trgers nicht auszuweichen vermgen, freundlich oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter einander verstrken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall unter einander schwchen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Krpern, von welchen der eine Bestandtheile enthlt, welche zu dem andern eine grssere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der Verschmelzung der gleichen Krper, so fhrt dieser zur Ausscheidung des Entgegengesetzten, worauf die zurckgebliebenen, nunmehr nicht mehr gegenstzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen. 348. Wie bei der Nichtbercksichtigung der qualitativen Beschaffenheit des zu Verknpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit oder Succession, so findet bei Bercksichtigung derselben zwar gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des Gegensatzes des zu Verknpfenden statt. Zwar lsst sich die letztere auf die erstere zurckfhren, insofern Bewusstseinsphnomene, die ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in diesem Fall als der nmliche gegeben ist, welcher in allen folgenden Fllen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts nichts desto weniger ein von der ursprnglichen Vorstellung desselben verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues Bewusstseinsphnomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist, so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren (nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder theilweisen) Identitt ihres Inhalts gesucht werden. Die Association durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam "mechanische", und die Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam "chemische" Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgngen zu Stande kommen, ist daher wesentlich verschieden. 349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstrken sie einander, so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensitt die Intensitten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen allmlig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte Anschauungsunterricht durch knstliche Veranstaltungen, welche die wiederholte Vorfhrung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung des nmlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von bedeutender Intensitt zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen berlegen gewordene Intensitt jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe sofort, denselben neuerdings verstrkend, verschmolzen wird. Da die Strke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein ausmachen, sich fortwhrend steigert, so erklrt es sich, dass solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat), also aus den natrlicher Weise hufigsten entstanden sind, die relativ grsste Strke besitzen mssen und daher im Bewusstsein am lngsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer fr einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den grssten Einfluss ben mssen. 350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander heterogen sein mssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander entweder gnzlich disparat, oder ihrer Heterogeneitt ungeachtet mehr oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen, zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication hherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile im Gegensatz zu den frher erwhnten niederer Gattung weder blosse primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen, sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde hherer Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begnstigen, die entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen, in welchem ein Theil vllig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen ist. Jener setzt sich aus den in smmtlichen sinnlichen Vorstellungen, aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen aus den in smmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander abweichenden d. h. sich unter einander ausschlieenden Bestandtheilen zusammen; jener, der die Intensitt smmtlicher jenen sinnlichen Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt eine vergleichsweise berlegene, die widerstrebenden Bestandtheile gleichsam "wider Willen" festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen mchten, aber nicht knnen, weil sie mit den identischen zu einem Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter, einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ schwacher Krfte dar, welche gegenber der gesammelten Intensitt der in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das zu seinem Inhalt die smmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile, zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen Sinne der Begriff. 351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten Naturkrper als physischem Gebilde insofern berein, als er, wie dieser, einen bleibenden unvernderlichen und einen vernderlichen, wechselnden Bestandtheil in sich schliesst. Vermge des ersteren bleibt das Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, whrend die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthmlich sind, beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verndern knnen. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam "die Seele" dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwchst, keine andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, whrend die sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwchst, neben den homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff Baum enthlt, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten, in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lsst, ob nicht knftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche Vorstellungen herbeifhren werden, welche zwar unter denselben bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes als die Verschmelzung smmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhlt. Je nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben, dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige der letzteren (mit Ausschluss der brigen) vorgestellt wrden, whrend im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist, dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische Gebilde in eine niedere und eine hhere Ordnung, welche zugleich an die entsprechende der organischen Krperwelt erinnern. Im ersten Fall, so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der Baum nur als belaubt, whrend es doch auch Coniferen gibt, oder nur als stig, whrend es doch auch astlose Bume wie die Palmen gibt), erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet, die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der "Scholle" losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen) ber die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat, erheben zu knnen. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen, eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines ebenen oder sphrischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto) vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlpften Kchlein des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen Entwickelung gleichsam noch auf dem Rcken an. Dasselbe erhlt sich um so lnger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssfte zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter einander d. h. je geringer an Zahl und Intensitt die unter einander entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der Zusammenhang zwischen den identischen und den particulren Merkmalen d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Frbung (in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grssere Gegenstze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr lschen die einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander vllig aus, um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger tritt eine Nthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen auch noch eines oder einige nur particulre Merkmale vorzustellen, um desto mehr lst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr verwachsenes Gebilde frei ber der Sphre concreter Vorstellungen. Erst das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann, statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des brigen zu haften, ber alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her sich bewegen. Das so geluterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn es begreift smmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses "Ideal", dem sich das wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nhern, welches dasselbe jedoch niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen, den sinnlichen Vorstellungen angehrigen Merkmalen zwar vermindert, aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatschliche Begriff eine, wenn auch noch so leichte Frbung auf Grund seines Ursprungs immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern, als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet, dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur hchst allmlig durch Acclimatisation einverleibt. 352. Die hchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser seiner Homogeneitt als gleichartig erkennt, vermge seiner berlegenen Intensitt an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thtige), spielt dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen wird, das leidende, die unterthnige Rolle. Jenes erscheint als das berlegene, das sich des anderen bemchtigt; gleichsam als der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung) sich assimilirt, so wird von dem mchtigeren psychischen Gebilde das ihm homogene schwchere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehrig erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst derselbe jede spter in dasselbe eintretende homogene Erscheinung d. i. jede knftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als ihm zugehrig an sich und fgt sie als ihm Gleichartiges zu sich als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch naturgemss zu immer grsserer Strke und dem entsprechender Macht im Bewusstsein anwachsen muss. 353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder zunchst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven Bewusstseinsacte durch extensive (ussere) veranlasste intensive (innere) Zustnde oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen, niederen und hheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere ihresgleichen beherrschende Phnomene sind, lassen sich als im Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht derselben ber andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen berlegenen Intensitt abhngt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr hnliche desto leichter sich aneignen wird, je strker sie selbst und je schwcher die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige, welche durch die Umstnde begnstigt, nothwendig von allen die strkste werden, zugleich die strkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich die brigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden d. i. auf den Trger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb als "Ich" bezeichnet wird. Whrend z. B. die Vorstellung des Baumes nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen, aus welchen dieselbe erwchst, wirklich in das Bewusstsein jemals eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben die Tne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezgliche Vorstellung dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren Grund dieselbe erwchst (zunchst die Empfindungen des eigenen Leibes) demselben nie fehlen knnen; und dieselbe muss nothwendig unter allen brigen die relativ hchste Intensitt erreichen, weil die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen verglichen die hufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein beinahe ununterbrochen gegenwrtig sind. Zwar durchluft dieselbe als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von berflssigen d. h. zur reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunchst aus den Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht, allmlig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein hinauf lutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge ihre appercipirende Macht ber die brigen Bildungen im Bewusstsein bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden, durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist. 354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung ber die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausbt, liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild "Ich-hnliche" Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann, whrend er fr die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem Kreise gehrig appercipirt werden. Jeder derselben lsst sich mit einem jener kleineren Centralkrper, im Weltraum vergleichen, welcher seinerseits wieder einem grsseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden Centralkrper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig die Abhngigkeit von diesem die relative Selbststndigkeit jenes ersten anderen gegenber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fhigkeit des ersteren aus, seinerseits zu seinem Kreise gehrige Vorstellungen als die seinigen zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff im Grossen, so stellt jeder fr sich ein Ich im Kleinen dar und ffnet dadurch die Mglichkeit, unabhngig vom Ich als ein solches fr sich d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen. 355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben Weltsystem zwei Centralkrper, so in einem und demselben Bewusstsein zweierlei Ich sich in die Herrschaft ber dasselbe getheilt zu haben scheinen, lassen sich auf die bermchtig gewordene Apperception solcher "Neben-Iche" zurckfhren. In dem Geisteskranken, der sich in seinem Delirium fr Gott Vater hlt und als solcher betrgt, whrend er in den sogenannten lichten Zwischenrumen bei gutem Verstande ist und seinem eigentlichen Ich gemss denkt, will und handelt, ist jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich krystallisirt, whrend der mit ihm disharmonirende von demselben abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke whrend seiner gesunden Momente von dem, was er whrend seines "Aussersichseins" geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden Bewusstseinsphnomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden, wenngleich innerhalb desselben "Bewusstseinsraums" befindlichen, ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker von der Haltlosigkeit seiner Selbsttuschung niemals berzeugt werden kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgrnden zugnglich ist, mit demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Trger zu Grunde liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgnge nach aber von demselben gnzlich verschieden ist. 356. Mit dem Erwachen und allmligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung, welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem Auftauchen psychischer Vorgnge zu verwechseln ist, tritt in der Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in der Krperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar gesetzmssig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhltniss stehend auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und regelmssig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer auf den Trger des Bewusstseins bezglichen Vorstellungsmasse als die ihrigen angeeignet zu werden. Whrend der leblose Naturkrper den ihn bewegenden Impulsen der Naturkrfte Widerstand und bewusstlos Folge leistet, ist es fr den belebten Naturkrper, sobald er sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das Vorgestellte, die ihn umgebende Krperwelt, in ein Verhltniss zu sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und fr ihn daseiend d. h. als sein "Eigenthum" betrachtet, Sonne und Mond als bestimmt, ihm zu leuchten, Frchte und Thiere als bestimmt, ihn zu nhren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mchtigwerden der Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche (wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche) Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphnomene verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefhle, Begierden und Wnsche) bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden, als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehrig angesehen und dadurch aus "unbewussten" d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu "bewussten" d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phnomene im Bewusstsein vor sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb dessen nach dem Erwachen und Mchtigwerden der Ich-Vorstellung auch bewusste psychische Zustnde, und zwar in immer steigender Menge auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann durch vorbergehendes Erlschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im Schlafe stattfindet) eben so vorbergehende Unterbrechungen (gleichsam Rckflle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem bleibenden Aufhren der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren. 357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so ben die durch Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen Bewusstseinsgebilde hherer Ordnung, durch die Einheit des atomistischen Trgers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet, gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zgernd und erst nach vorausgegangenem Sichstruben, wenn dieselben dem Inhalt nach entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstrken, im zweiten Falle schwchen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander, indem in jenem Fall die Intensitt des einen zu der Intensitt des mit ihm identischen andern einfach hinzugefgt, dagegen im zweiten Fall ein Theil der Intensitt des einen durch einen Theil der Intensitt des andern "gebunden" und dadurch sowol der gebundene Theil der Intensitt des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensitt des anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprngliche Intensitt beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf diese Weise an Intensitt gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensitt abgenommen hat, sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung so weit d. h. hat die Intensitt eines Bewusstseinsactes so sehr abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich wird (in hnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz fr die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz fr den Gehrsnerv unmerklich werden kann), so hat der Act die usserste Grenze im Bewusstsein, die sogenannte "Schwelle des Bewusstseins" (wie der Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch tiefer herab, letztere berschritten. Das sogenannte Vergessene ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe, da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann, zwar ("als Spur") nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter gnstigen Umstnden wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der frhere "latent" gewordene Zustand ist, welcher neuerdings "patent" d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden im Gegensatz zu den ursprnglichen auf Veranlassung usserer Reize erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und, je nachdem sie den ursprnglichen ganz oder nur zum Theile gleichen, als unverndert (Gedchtnissacte) oder als verndert reproducirte (Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung (z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts ausgebte Druck) aufgehrt hat zu wirken; in ersterem Falle wird der unter die Schwelle herabgedrckte Bewusstseinsact durch einen andern ber derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte Vorstellungen, welche nach Herbart "freisteigende" heissen, machen, wenn sie whrend des Schlafes auftreten, als Trume, wenn sie mitten unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als sogenannte Einflle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach als besonders berraschend oder glcklich erscheinen, wol auch fr "Eingebungen" (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich unverndert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedchtniss und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn sie zugleich zum Theil verndert reproducirte sind, das wirksamste Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch eine Flle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die gesammte Vorstellungsthtigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens. 358. Wie die Wirksamkeit der Krper im physischen, so ist die Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen Krpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rcksicht auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer usseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen Krpern, wenn dieselben mit Rcksicht und in Folge der Beschaffenheit ihres Inhalts mit einander verknpft oder getrennt werden, endlich nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Krpern, wenn durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rcksicht auf deren Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prdicatsbegriff zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prmissen und Schlusssatz zu Schlssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu Verknpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass das zu Verknpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des Grundes der Verknpfung halber die vollzogene Verknpfung selbst eine empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen Begriffe, Urtheile und Schlsse deshalb empirische genannt. Die zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneitt bewirkten Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei der mit Rcksicht auf den Inhalt herbeigefhrten Vereinigung bisher getrennt gewesener, aber zusammengehriger Begriffe als Subjects- und Prdicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden gewesener, aber nicht zusammengehriger Begriffe im verneinenden Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich, wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus, aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vorderstze fr sich, aber mit allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgrnde) identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit Rcksicht, die erste dagegen ohne Rcksicht auf den Inhalt erfolgt, um der logischen Natur des Grundes der Verknpfung willen logische und die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische Begriffe, logische Urtheile und logische Schlsse genannt. Whrend die erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknpft, welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine durch Wiederholung sich stets vermehrende Hufung einzelner Erfahrungen ausmacht, verfhrt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenber kritisch (sichtend), indem sie dasselbe mit Rcksicht auf dessen Inhalt prft, das Verwandte verbindet, das Vertrgliche duldet, das Unvertrgliche ausscheidet, die dritte Art der Wirksamkeit aber begrndend (constructiv), indem sie auf Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres, das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte "Praxis" im Leben und der "Empirismus" in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch als "Juxtaposition" d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen, das zweite als "Analyse", aus der die sogenannte Verstandesthtigkeit im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht, die dritte als "Synthese", auf welcher die sogenannte Vernnftigkeit im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht, bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern das individuelle Bewusstseinsleben als berwiegend empirisches (mechanisches), verstndiges (auflsendes) oder vernnftiges (organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der frheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten Urtheile; der auf vollstndiger Induction ruhende Schlusssatz als Summe der vollstndig aufgezhlten Prmissen), so kommen durch die Verbindung des Zusammengehrigen aber Getrenntgewesenen, und durch die Trennung des Nichtzusammengehrigen aber Verknpftgewesenen neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den frheren nicht dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil: die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflsung des frheren Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fllen bestehen diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist, neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind, im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im obigen Beispiel von dem Verhltniss der Erde zur Sonne, das frhere Subject zum Prdicat, das frhere Prdicat zum Subjecte geworden ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthtigkeit die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle der alten (der Prmissen); letztere werden durch die neu entstandene Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergnzt, sondern im vollen Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten durch deren Nachfolger abgelst. Wie die Summe nicht mehr enthlt als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthlt auch das neue auf Grund seiner Vorgnger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde, die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Grnde) zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der Summe, die Factoren im Product unverndert fortbestehen, whrend die Theilgrnde in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende Kette von Grnden und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen Kette vergleichen lsst, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so erhlt sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die Spur aller Stammgrnde. Und wie jene durch die organische Umbildung smmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen Theilgrnde begrndet. 359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgnge waren entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen, von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden abgesehen, abgesondert fr sich im Bewusstsein sich geltend, so entsteht eine neue Classe von psychischen Phnomenen, die von der ersteren zwar insoweit abhngig ist, als sie ohne Vorhandensein jener berhaupt nicht entstnde, sich aber zugleich dadurch von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die relative Unterdrckung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung, welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgnge, welche durch solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung, die Lust bei der Erlsung eines Bewusstseinsgebildes durch andere, werden Gefhle genannt. Whrend alle primitiven Bewusstseinsacte und in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem Gegenstand ein usseres Object haben, ist das Object der Gefhle, das relative Verhltniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) durchaus unhnlich. Dieselben lassen sich als psychische Phnomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den physikalischen Atomen und deren Verknpfung zu Krpern, sondern in dem die Zwischenrume der physikalischen Atome ausfllenden Weltther und dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht, Wrme, Magnetismus und Elektricitt stellen Erscheinungen dar, deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt; Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phnomene, deren Grund nicht oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem Unlustgefhl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner Abwesenheit gedrckt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefhls auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der Vorstellung seiner Abwesenheit erlst. Dieselben zerfallen (wie die Aetherphnomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem die Entstehung des Gefhls von der Beschaffenheit des Inhalts der Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des Aetherphnomens von der Qualitt der Krper, deren Zwischenrume er ausfllt) unabhngig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphnomen durch die specifische Natur der Krper) bedingt ist. Gefhle ersterer Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst werden knnen, werden (von Herbart) treffend als "vage", solche, die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als "fixe" bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und Wrme-, diese den magnetischen und elektrischen Phnomenen. Jene, da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit Bewusstsein ausgersteten Individuen immer wieder andere sein knnen (indem nicht nur Demselben dasselbe bald sss bald bitter, sondern auch Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem Sprichwort, dass sich ber den Geschmack (eigentlich das Gefhl) nicht streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer "Subjectivitt" halber auch wohl "subjective Gefhle" genannt worden. Diese, die fixen Gefhle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefhlen "objectiv" (allgemein d. i. allen gemein) sind; dafr tritt bei ihnen, wenn nicht besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefhls, dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf jenes also "dunkel" ist, nicht weiss, was es fhlt) so sehr in den Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu grnden, ausgeschlossen zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefhlte (die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefhl in eins zusammenrinnt, sondern, wie es bei dem Schnen und Hsslichen der Fall ist, von dem Gefhl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefhlt, sondern auch gewusst und als Subject eines sthetischen Urtheils d. i. eines solchen, dessen Prdicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrckt, im Verhltniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise Identischen oder Gegenstzlichen) seiner Uebereinstimmung oder Nichtbereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefhle (der vagen wie der fixen) berhaupt das Gemth, so wird der Inbegriff der sthetischen Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object des sthetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt. 360. Wie die Aetherphnomene zeigen auch die Gemthserscheinungen Gegenstze und Intensittsunterschiede, die bei jenen durch die Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Klte andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-, Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits ausgedrckt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen, als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen Krpers bedrfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen wird, so spielen unter den Gefhlen diejenigen, welche zu ihrem Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedrfen, in welchem hnliche oder entgegengesetzte Gefhle entweder wirklich vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten sympathetischen oder Mitgefhle, eine eigenthmliche Rolle. Dieselben stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefhles des fremden im eigenen Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefhles im andern durch ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefhl im eigenen Bewusstsein dar. Fremdes und eigenes Gefhl sind im ersten Fall gleich-, im letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches Gefhl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkrlich, ja wider Willen von einem zum andern fort. Sympathetische Gefhle haben daher, auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und Veranlassung zu wohlthtigen wie zu feindseligen Handlungen werden knnen, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedrfen, so weisen dieselben ber den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen zwischen diesem und dem andern eine zunchst blos ideelle d. h. nur im Bewusstsein des Mitfhlenden vorhandene Verbindung her, die aber, wenn das Gefhl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden (sympathische Annherung) oder von sich entfernenden (antipathische Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen entweder befrdern oder hemmen kann, daher die sympathetischen Gefhle auch als sociale oder gesellige Gefhle bezeichnet und die aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen wirksamer Anziehungs- und Abstossungskrfte verglichen werden. 361. Wie pltzlich zu grosser Intensitt gesteigerte und ber einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphnomene als (magnetisches, elektrisches) "Ungewitter", so werden pltzlich hochgesteigerte Gefhle, wenn dieselben sich ber den grssten Theil des Bewusstseins oder ber das ganze Bewusstsein in der Weise ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrckt und die von dieser ausgehende, beherrschende Macht vorbergehend aufgehoben wird, als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten, aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund, doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen des regelmssigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie jene als elementare, so als psychische Zuflle betrachtet zu werden pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrckung der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und die durch das aussergewhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben, Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen knnen eben so wenig den (vorbergehend ausser Wirksamkeit gesetzt zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verbten unerlaubten oder gemeinschdlichen Handlungen dem (vorbergehend seiner Herrschaft ber das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen zur Last gelegt werden. Folge der pltzlichen Lsung des Bandes zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen zwischen inneren Gemths- und usseren Krperbewegungen widerstandslos zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemthszustand z. B. des Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes gehemmt oder doch gezgelt wrde, sich rcksichtslos in masslose Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrckt wird, darin besteht, dass pltzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten vermag, oder dass Umstnde eintreten, welche bewusstes Vorstellen (also auch das der Ich-Vorstellung) berhaupt unmglich machen, werden die Affecte in sthenische (Affecte der Strke) und asthenische (Affecte der Schwche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung gehemmt, whrend die durch den Affect herbeigefhrten Vorstellungen einander gegenseitig untersttzen; in diesen werden die letzteren sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn, welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht. 362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Krperwelt darin besteht, dass der Krper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin, dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwrtigen in einen anderen, also zuknftigen Zustand berzugehen strebt d. h. seinen "Ort" im Bewusstsein verndert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins gedrckten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden Widerstnde. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist, dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grsser die Zahl und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel an Nahrung) in gedrcktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich in deren Genuss begriffen, so hrt die Begierde auf. Die Befriedigung ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur "imaginirte" zur "geschmeckten" Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen Wahrnehmung bewegt, also ihren "Ort" im Bewusstsein wirklich verndert. 363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je nachdem dasselbe von einer Vorstellung ber Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten nicht nur begleitet, sondern von dieser abhngig gemacht wird oder nicht, wird es verstndiges oder verstandloses, vernnftiges oder vernunftloses Begehren heissen. Das verstndige Begehren ist Wollen, wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar scheint. Das vernnftige Begehren ist vernnftiges Wollen, wenn es begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten, dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt, erlaubt, vernunftwidriges (bses) Wollen, wenn es begehrt, was und obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb desselben eingeschlossenen verstndigen und vernnftigen oder verstand- und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts) Charaktermssigkeit oder Charakterlosigkeit aus. 364. Wie in der physischen, so auch in der psychischen Welt ist die zweite Art der wirklich vor sich gehenden Vernderung ein Formwechsel. Wie der feste Krper in flssigen und luftfrmigen, so kann das Bewusstseinsgebilde aus dem lockeren Zustand blosser Complication in den inniger Verschmelzung homogener Elemente bergehen. Wie der chemische Krper in Folge der Anziehung wahlverwandter Elemente Bestandtheile abgibt und andere an sich zieht, so wird durch die Verschmelzung identischer und die Ausstossung sich unter einander ausschliessender Bestandtheile einer-, durch die Verbindung bis dahin unverbundener Bestandtheile andererseits die Form der Bewusstseinsgebilde verndert, werden im ersteren Fall aus sinnlichen Vorstellungen durch Abstraction der gemeinsamen Bestandtheile Gemeinbilder (Begriffe), im letzteren Fall durch Combination bisher getrennter, obgleich mit einander vertrglicher Bestandtheile durch die Erfahrung gegebener sinnlicher Vorstellungen neue durch die Erfahrung nicht gegebene sinnliche Bilder (Phantasievorstellungen) hervorgebracht. Wie endlich die Formen der Organismen durch organische Transmutation der Arten und Gattungen im Pflanzen- wie im Thierreich in einander bergehen, so werden aus den ursprnglich auf Grund von Anschauungen entstandenen Begriffen durch fortgesetzte Abstraction hchste und allgemeinste Begriffe (Kategorien) und wird durch fortgesetzte Combinationen sinnlicher Erfahrungselemente eine neue erfundene Welt voll sinnlich anschaulicher Lebendigkeit (Phantasiewelt) gewonnen. Whrend aber in der physischen Welt die Erfahrung den Beweis fr den Uebergang der unorganischen in die organische und dieser in die bewusste Form bisher schuldig geblieben ist, tritt im Bewusstseinsleben die Abhngigkeit der beiden scheinbar fundamental verschiedenen Classen von Bewusstseinsphnomenen, der Gefhle und der Bestrebungen, von jener der Vorstellungen offen an den Tag, indem sowol die Gefhle wie die Strebungen sich nicht als gattungsmssig verschiedene Vorgnge, sondern als blosse Zustnde der Vorstellungen herausgestellt haben. 365. Die dritte Art des wirklichen Geschehens ist der Stoffwechsel. Derselbe bildet den Abschluss der physischen Welt, indem der Reiz (der extensive physische) sich in Empfindung (den intensiven psychischen Zustand) umsetzt d. h. der reale sich in einen Bewusstseinsvorgang verwandelt. Derselbe bildet den Abschluss der psychischen Welt, indem der intensive psychische (Vorstellung, Gefhl, Wollen) sich in einen extensiven physischen Zustand (Lautsprache, Geberdensprache, Handlung) umsetzt und so der Bewusstseinsvorgang in einen realen Vorgang sich verwandelt. Wie dort die Bewegung der Moleculartheilchen des Nervensystems als Empfindung in das Bewusstsein, so wird hier der Gedanke durch den tnenden Laut des Worts, das Gefhl durch den sichtbaren Ausdruck der Miene, der Wille durch die von ihm veranlasste Bewegung des eigenen und dadurch mittelbar eines oder mehrerer fremder Krper wieder in die materielle d. i. in die Krperwelt aufgenommen, indem die durch das Stimmorgan schallend bewegte atmosphrische Luft als Verkrperung des Gedankens, die unwillkrlich vernderte oder (im Affect) verzogene Physiognomie als Verleiblichung des Gemths, die durch Muskelbewegung der eigenen Leibesglieder bewegte Verschiebung der anstossenden Nachbarkrper als sich bethtigende Aeusserung des eigenen Willens erscheint. Die erste als hrbares Zeichen fr die Vorstellung liefert das Werkzeug fr die Bewahrung und Mittheilung der Gedankenwelt und als solche die Grundlage der Sprache. Die zweite als sichtbares Zeichen fr das im Innern lebendige Gefhl liefert das Material zur Veranschaulichung des Anderen (Hheren, Niederen oder Gleichen) gegenber vorhandenen oder doch vorhanden zu sein scheinenden Gefhls und bildet als solches die Grundlage der Sitte. Die dritte als physischer Ausdruck des entweder wirklich oder doch dem Anschein nach vorhandenen Wollens liefert den greifbaren Stoff zur Beurtheilung des gegen Andere beobachteten streitschtigen oder friedlichen Verhaltens und bildet als solcher die Grundlage des Rechts. Indem das individuelle Ich auf diese Weise sein Inneres nach aussen kehrt, die Vorgnge seines Bewusstseins in Reden, Geberden und Thaten umsetzt und dadurch fr andere seinesgleichen hrbar, sichtbar und greifbar macht, wird dasselbe aus einem vereinzelten zum sociabeln d. i. des geselligen Zusammenseins mit Anderen fhigen und dadurch in Vereinigung mit diesen zur Grundlage eines Mehreren gemeinsamen d. i. des Social-Ichs. 366. Wie die Gesammtheit der Weltkrper und ihrer "Parasiten" den physischen Kosmos, so macht die Gesammtheit der im individuellen Bewusstsein whrend der gesammten Fortdauer desselben vertheilten Bewusstseinsgebilde (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, Gefhle, Begehrungen und Willensacte), soweit dieselben der innern Erfahrung zugnglich sind, in ihren gegenseitigen Beziehungen zu und ihrer relativen Abhngigkeit von einander, von den primitiven, namenlosen Bewusstseinsacten, deren jedem ein ebenso anonymer Nervenreiz oder eine unmerkliche Transversalschwingung des Weltthers entspricht, bis zu den hchsten und ausgearbeiteten des abstracten Allgemeinbegriffs, des verfeinerten Geschmacksurtheils und des der empfindlichsten Gewissensstimme willig gehorchenden Willensentschlusses herauf die Seelenwelt des Individuums aus. Wie dort die Totalitt des physischen Geschehens die Naturgeschichte des Weltalls, so stellt hier der Inbegriff des im individuellen Bewusstsein nach unvernderlichen Naturgesetzen sich vollziehenden Geschehens, von der Wechselwirkung zwischen den primitiven Bewusstseinsacten bis zu der logischen Verbindung von Anschauungen zu Begriffen, Begriffen zu Urtheilen, Urtheilen zu Schlssen, Schlssen zu Gedankensystemen und dieser, wenn ihr Inhalt es gestattet, zu einem sie alle umfassenden Universalsystem einer-, von den leisesten Regungen der Lust und Unlust bis zu Entzcken und Jammer und den verheerenden Strmen affectvoller Gemthserschtterung, von sinnlichen Gelsten und kindischen Wnschen bis zu sittlichen Entschliessungen und mnnlichen Thaten andererseits herauf, soweit dasselbe der innern Erfahrung zugnglich ist, den Entwickelungsprocess des Bewusstseins, die Naturgeschichte der Seele dar. DRITTES CAPITEL. DAS SOCIAL-ICH. 367. Wie mit der Einkehr des anziehend oder abstossend nach aussen gewandten einfachen Wirklichen in sich selbst die Mglichkeit des individuellen, so ist mit der Auskehr des Innern in Rede, Geberde und Handlung die Mglichkeit eines Mehreren gemeinsamen Bewusstseins gegeben. Letzteres kann nicht bedeuten, dass in Mehreren dasselbe, sondern nur dass in Mehreren ein gleiches Bewusstsein oder, was dasselbe ist, dass der Inhalt des jeweiligen individuellen Bewusstseins Mehrerer das gleiche, dieses Bewusstsein selbst aber nichts desto weniger bei jedem das eigene sei. Identitt des Bewusstseins in dem Sinne, dass dasselbe Bewusstsein in Allen sei, wrde die Individualitt der Einzelnen in den blossen Schein einer solchen verwandeln, das Bewusstsein des Einzelnen in einen Bewusstseinsact des in Allen identischen Allgemeinbewusstseins auflsen. Letzteres darf daher nicht als Substanz, zu welcher die Einzelbewusstsein wie vorbergehende modi sich verhalten, sondern muss als Summe der in Mehreren gleichen d. i. dem Inhalt, nicht der Zahl nach eins seienden Bewusstseinsacte gedacht werden. Die Einzelbewusstsein, welche zusammengenommen die Voraussetzung eines ihnen allen gemeinsamen Bewusstseins ausmachen, sind ihrer realen Basis nach so wenig eins, dass derselbe Bewusstseinsinhalt in dem einen mit grsserer, in dem andern mit geringerer Lebhaftigkeit, dort mit vlliger Klarheit, hier im ungewissen Dunkel vorhanden sein kann, ohne dass derselbe aufhrt, jenem mit diesem gemein und dadurch ein integrirender Bestandtheil des gemeinsamen Bewusstseins, der "Volksseele" zu sein. 368. Niemals darf die letztgenannte als eine von den "Seelen" der Angehrigen des Volks real unterschiedene, gleichsam als eine Seele vor, neben oder ber den ihrigen gedacht werden. Dieselbe stellt nichts weiter als den mit einem Namen bezeichneten Inbegriff dessen dar, worin alle Volksangehrigen als vorstellende, fhlende und strebende Wesen mit einander dauernd bereinstimmen d. h. was abgesehen von den Privat- und individuellen Meinungen, Geschmcken und Gelsten jedes Einzelnen den bleibenden und Allen gemeinsamen Bestandtheil ihres Frwahrhaltens, Werthhaltens und Anstrebens ausmacht. 369. Weil nun jeder Versuch, ber die Gemeinsamkeit des Inhaltes individuell verschiedener Einzelbewusstsein ein Urtheil zu fllen, nicht nur voraussetzt, dass dieser Inhalt selbst usserlich wahrnehmbar, sondern auch dass er Anderen verstndlich sei, so folgt, dass die Entstehung einer auf das Bewusstsein gemeinsamen Bewusstseinsinhaltes gegrndeten Vereinigung Mehrerer zur Einheit die Mglichkeit gegenseitig verstndlicher Mittheilung durch Allen gemeinsame ussere Zeichen der inneren Vorgnge bedingt. Letztere werden, insofern sie bestimmt sind, das Innere Anderen sinnlich wahrnehmbar zu machen, je nach der Verschiedenheit der Sinne verschiedenartige (hrbare, sichtbare, tastbare etc.) sein knnen, da die Gemthsvorgnge, zu deren Versinnlichung fr Andere sie dienen sollen, verschiedene (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe, aber auch Gefhle und Willensacte) sind, je nach der Art dieser letzteren andere sein mssen. Jener Umstand erzeugt die Laut- und Tonsprache, die zur Bezeichnung hrbare, die Schrift- und Geberdensprache, die zur Bezeichnung sichtbare, die monumentale oder Gedenksprache, die zur Bezeichnung tastbare Zeichen verwendet. Von diesem Gesichtspunkt aus lsst sich die Sprache des Gedankens von jener des Gefhls und des Willens unterscheiden. Von den drei letztgenannten verwendet die Sprache der Vorstellung meist hrbare, als (chinesische und mexikanische) Bilderschrift aber auch sichtbare Zeichen, wobei auf die Beschaffenheit der zu verkrpernden Vorstellungen Rcksicht genommen wird. Sind dieselben z. B. Empfindungen (Farben- oder Tonempfindungen), so knnen dieselben nur dadurch Anderen mitgetheilt werden, dass man die ihnen entsprechenden Sinnesreize erzeugt d. h. durch Tne (Musik) und Farben (Colorit). Sind dieselben sinnliche Vorstellungen, deren Objecte in der Erfahrung gegeben sind, so knnen dieselben Anderen mitgetheilt werden, entweder indem jene Objecte ihnen selbst vor Augen gefhrt (demonstrirt) oder statt der Gegenstnde selbst deren Bild zur Anschauung gebracht wird (Bilderschrift, Anschauungsunterricht). Sind sie dagegen Begriffe, also solche Vorstellungen, deren Objecte in der Erfahrung nicht angetroffen werden, die also auch nicht durch die letzteren oder deren Bilder sichtbar gemacht werden knnen, so bleibt nur brig, entweder jene Begriffe durch sinnliche Vorstellungen (Symbole) zu ersetzen und sodann diese durch ihre Gegenstnde oder deren Bilder sichtbar zu machen, oder zu deren Bezeichnung hrbare Zeichen zu whlen (Lautsprache). Letztere selbst werden entweder so gewhlt, dass sie mit dem Gegenstand der zu bezeichnenden Vorstellung eine Aehnlichkeit haben oder doch an diesen erinnern (Onomatopen, natrliche Lautsprache) oder, wenn dies nicht der Fall ist, willkrlich festgesetzt (conventionelle Lautsprache). Die Sprache des Gefhls verwendet sowol hrbare als sichtbare Zeichen; unter jenen nehmen die Freuden- und Schmerzenslaute (Interjectionen), so wie die Anwendung gewisser Rede- und Begrssungsformeln, um bestimmte Gefhle (Ehrfurcht oder Verachtung, Liebe oder Hass etc.) auszudrcken, unter diesen Lachen und Weinen als Zeichen der Freude und der Trauer, aber auch Geberden und Stellungen, welche bestimmt sind, gewisse Gefhle (der Anbetung, der Unterwerfung, der Freundschaft oder deren Gegentheile) zu veranschaulichen, ihre Stelle ein. Auch diese zerfallen, je nachdem dieselben ohne Erklrung jedermann verstndlich, oder nur innerhalb eines bestimmten Kreises blich sind, in natrliche (Natursprache des Gefhls) und knstliche (conventionelle Gefhlssprache). Die Sprache des Willens endlich, die Handlung bedient sich als Materials ihrer Aeusserungen des eigenen Leibes und der Organe desselben, entweder des tnenden (Stimmorgan), um sich hrbar (Befehl), oder der Gliedmassen, um sich sichtbar (Armschwenkung als Commandozeichen), oder dessen physischer Kraft, um sich tastbar (Schub, Stoss, Schlag) vernehmlich zu machen, wobei auch diese Zeichen in natrliche (Erhebung der Stimme, des Stockes) und knstliche (Handschlag als Einwilligungszeichen, Anstecken des Ringes als Vermhlungszeichen etc.) sich sondern. 370. Mittheilbarkeit und Verstndlichkeit der Zeichen wrden nicht ausreichen, wenn die rumlichen und zeitlichen Verhltnisse nicht derart beschaffen wren, dass deren Gebrauch zu gegenseitiger Verstndigung sein Ziel zu erreichen vermag. Zu diesem Zweck drfen diejenigen, durch deren Verstndigung unter einander ein allen gemeinsames Bewusstsein zu Stande kommen soll, weder rumlich noch zeitlich so durchgreifend von einander geschieden, noch so weit von einander entfernt sein, dass die Mittheilung durch (hrbare, sichtbare, tastbare) Zeichen unmglich wird. Dieselben drfen daher weder durchaus verschiedenen Welten (z. B. die einen der erfahrungsmssigen dreidimensionalen, die andern einer vorgeblichen vierdimensionalen Raumwelt) angehren, noch innerhalb derselben Welt rumlich und zeitlich so weit aus einander liegen, dass eine, sei es rumliche Berhrung, sei es zeitliche Ueberlieferung, wo nicht aufgehoben, doch in usserstem Grade erschwert und dadurch ihrem Gehalte nach bis zum Unmerklichen herabgeschwcht wird. In ersterer Hinsicht wird die Entstehung eines Vielen gemeinsamen Bewusstseins erleichtert durch deren Anwesenheit innerhalb eines Allen gemeinsamen Raumes und vermittelt durch ein Generationen berdauerndes und von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpflanzendes, sei es mndlich (Tradition), sei es schriftlich (Literatur) aufbewahrtes Gedankencapital. Wie durch die Gemeinsamkeit des Bodens, auf dem die Vereinigung Mehrerer zur Einheit erwchst (z. B. der gemeinsamen Heimat) die Genesis eines gemeinsamen Bewusstseinsinhalts durch den Umstand begnstigt wird, dass die Umgebung fr alle dieselbe, also auch der aus dieser stammende Anschauungskreis, welcher die Grundlage aller sptern Vorstellungs- und Begriffsbildung ausmacht, bei allen der nmliche ist, so wird den Nachkommen durch stillschweigendes Herkommen und unwillkrliche Gewhnung ein von Geschlecht zu Geschlecht sich ansammelnder Vorrath von Begriffen, Gebruchen und Gesetzen von den Eltern her gleichsam angeerbt und von ihnen ihrerseits den Enkeln hinterlassen. Folge davon ist, dass sich der Besonderheit der rumlichen und zeitlichen Verhltnisse, so wie der Verstndigungsmittel, unter welchen das Mehreren gemeinsame Bewusstsein sich entwickelt, entsprechend, letzteres selbst und damit die Vereinigung Mehrerer, innerhalb welcher es heimisch ist, eine besondere, nur dieser Vereinigung von Individuen eigenthmliche Frbung annimmt, und dadurch nicht nur selbst, mit dem Allgemeinbewusstsein einer andern "Gesellschaft" verglichen, einen individuellen Charakter trgt, sondern auch der Gesellschaft selbst, deren Eigenthum es ist, das Geprge einer (gesellschaftlichen) Individualitt verleiht. 371. Was die physikalischen Atome fr die physischen, die primitiven Bewusstseinsacte fr die psychischen, das sind die "sociabeln" Individuen fr die socialen Gebilde. Wie jene zusammengenommen den Stoff aller krperlichen, die primitiven Empfindungen das Material aller Bewusstseinsphnomene, so machen die mit Bewusstsein ausgersteten Individuen die Basis aller gesellschaftlichen Vereinigungen aus. Als solche werden dieselben dem Gesichtspunkt der quantitativen Atomistik entsprechend als unter einander ursprnglich eben so gleichartig gedacht wie die Atome in der Physik, die primitiven Empfindungen in der Psychologie. So wenig die beiden letztgenannten selbst ein Gegenstand weder der ussern noch der innern Erfahrung sind, sondern auf Grund der letztern durch einen Sprung ber dieselbe hinaus als deren unentbehrliche Grundlage vorausgesetzt werden, eben so wenig werden bewusste Individuen vollkommen gleicher Beschaffenheit in der (geschichtlichen) Erfahrung angetroffen, sondern wie jene als Annahme der thatschlich vorhandenen Ungleichheit der Individuen hypothetisch untergelegt. Letztere macht es mglich, wie es die Physik mit den Krpern, die Psychologie mit den Gebilden des Bewusstseins thut, auch die verschiedenen "Gesellschaftskrper" (Corporationen) aus dem Gesichtspunkt ihrer Zusammensetzung aus primitiven Elementen ("Atomen der Gesellschaft") zu betrachten und je nach der Beschaffenheit des dieselben mehr oder minder innig, mehr oder minder dauerhaft zusammenhaltenden Bandes als eben so viele verschiedene Ordnungen socialen Zusammenseins anzusehen. 372. Die erste und unterste derselben ist diejenige, bei welcher die qualitative Gleichheit oder Verschiedenheit der zu einem Ganzen verbundenen Individuen gleichgiltig, das sie verknpfende Band von derselben unabhngig ist, der Grund der Vereinigung daher eben so gut innerhalb der allen gemeinsamen Beschaffenheit ihrer Natur, wie gnzlich ausserhalb der Natur derselben in einem dieser zuflligen Umstnde gelegen sein kann. Ersterer Art sind alle aus der allen Menschen ohne Unterschied eigenen physischen und psychischen Beschaffenheit (z. B. dem Bedrfniss nach Nahrung, nach Schutz, nach geselliger Unterhaltung etc.) entspringenden Anlsse zur Vereinigung, um deren willen schon Aristoteles den Menschen als "das gesellige Thier" bezeichnet, und aus welchen Hugo Grotius den von ihm sogenannten "Geselligkeitstrieb", so wie Hobbes das im "Kriege Aller gegen Alle" erwachende Schutzbedrfniss der Schwchern als Motiv gesellschaftlicher Vereinigung besonders hervorgehoben hat. Letzterer Art ist das absichtslos, ja selbst wider die Absicht herbeigefhrte Zusammensein Mehrerer an demselben Orte und zu derselben Zeit (z. B. Schiffbrchiger auf einer einsamen Insel, welche sie nthigt, oder ihnen Gelegenheit gibt, sei es wider, sei es mit ihrem Willen unter einander in gesellige Verbindung zu treten). Verbindungen der Art, welche entweder, wie die letztgenannten zuflligen, kein oder, wie berall dort, wo es sich um die blos vorbergehende Befriedigung eines (wenngleich in der allgemeinen Menschennatur gegrndeten, also in anderer Form stets wiederkehrenden) Bedrfnisses handelt, ein gleichfalls nur augenblickliches Interesse der Einzelnen zur Ursache haben, sind dieser ihrer Natur nach die hufigsten, weil sie immer wieder von neuem durch Zufall oder durch die Wiederkehr desselben Bedrfnisses entstehen, aber eben so zufllig wie nach eingetretener Befriedigung sofort wieder vergehen knnen und werden. Das zunchst liegende Beispiel liefern die sogenannten geselligen Zusammenknfte, deren Beweggrund lediglich in dem augenblicklichen Bedrfniss des Zeitvertreibs, oder die ebenso zahlreichen als mannigfaltigen Associationen, deren Ziel auf gemeinsam durchzusetzende Zwecke der Ersparung, des Erwerbes, des Gewinns, der Sicherung und Versicherung des Lebens und Eigenthums u. s. w. gerichtet ist. Insofern dieselben nichts weiter sind als vorbergehende, durch das Band eines usseren Zwecks, aber auch nur durch dieses zusammengehaltene Aggregate einander im brigen persnlich durchaus gleichgiltiger Individuen, lassen sie sich mit nur mechanisch zusammengesetzten Krpern vergleichen, deren zeitweiliger Cohsionszustand von der geringeren oder grsseren Anziehung zwischen den Atomen und deren Dauer von jener des sie zusammenhaltenden usseren Druckes bedingt ist. Wie die letztern desto schwerer beweglich sind, je ungleichartiger, dagegen desto leichter, je gleichartiger ihre Bestandtheile sind, so erscheinen gesellige Vereinigungen "schwerflssig", wenn sie aus ungleichartigen Individuen zusammengewrfelt, dagegen "leicht in Fluss zu bringen", wenn ihre Mitglieder der Stimmung, dem Stande und dem Streben nach gleichgeartet sind. Sogenannte Actiengesellschaften, deren Theilnehmerschaft weder an persnliche Mitwirkung, noch an ein Andere bertreffendes Mass der Betheiligung, sondern lediglich an den Besitz einer mit jeder andern gleichwerthigen, gleichgiltig von Hand zu Hand wandernden Actie geknpft ist, stellen die loseste, gleichsam "luft- oder gasfrmige" Form der Gesellschaft zur Schau, deren Mitglieder einander eben so fremd und fern wie die in weiten Distanzen von einander befindlichen, in steter Abstossung gegen einander begriffenen ruhelos beweglichen Molecle eines Gases stehen. 373. Wird die qualitative Beschaffenheit der Gesellschaftsatome bercksichtigt, so entsteht jene zweite Ordnung geselliger Corporationen, die man dem chemisch zusammengesetzten Krper vergleichen kann. Wie durch die Verschmelzung homogener Atome der chemisch einfache, durch die Complication qualitativ verschiedener Stoffe der chemisch zusammengesetzte Krper, so entstehen auf Grund der Beschaffenheit der Gesellschaftselemente zwei Arten von Corporationen, deren eine Verbindungen qualitativ gleichartiger, die andere ungleichartiger Individuen umfasst. Zu jenen gehrt, wenn dieselbe blos gesellige Zwecke verfolgt, die sogenannte "Mnner-" oder "Frauen-", zu diesen die "gemischte Gesellschaft", ferner, wenn jene aus Personen desselben Alters, Berufs, Standes besteht, die Alters-, Berufs-, Zunft- und Standesgenossenschaft: zu diesen, wenn sie aus Personen verschiedener Berufe und Stnde gemengt ist, die sogenannte brgerliche Gesellschaft, wenn sie auf dem Grunde der geschlechtlichen Beschaffenheit beruht, die Freundschaft zwischen Personen desselben (mnnlichen oder weiblichen), die Liebe zwischen Personen entgegengesetzten Geschlechts. Findet dieselbe ihren Halt im Bewusstsein gegenseitiger Bluts- oder Gesinnungsgemeinschaft, so bildet sich diejenige Gruppe gesellschaftlicher Zusammengehrigkeit, welche als physische (Bluts-) Einheit, da sie im Gegensatz zur Familie aus einander dem Grade nach gleichstehenden Gliedern besteht, Verwandtschaft (Sippe), als psychische (Geistes-) Einheit im Gegensatz zur Schule, da sie einander dem geistigen Range nach gleich hoch stehende Mitglieder begreift, Jngerschaft (Wissens- oder Glaubensgemeinde) heisst. Da der Grund der Vereinigung in den genannten Fllen nicht in einem vorbergehenden Zweck, sondern in der bleibenden, sei es leiblichen, sei es geistigen Beschaffenheit der Gesellschaftsglieder gelegen ist, so kann nicht nur, sondern muss dieselbe (Ausnahmsflle abgerechnet) so lange bestehen, als jene Beschaffenheit unverndert bleibt, also z. B. die geschlechtliche Basis der Liebe sich nicht durch Naturvorgnge in eine geschlechtlose verkehrt oder das geistige Band des Jngerthums durch den Abfall vom Glauben zerschnitten wird. 374. Wie der beseelte Krper vom leblosen sich dadurch unterscheidet, dass ein Theil desselben ("die Seele") beharrt, whrend der andere ("der Leib") sich im Laufe des Lebens fortwhrend erneuert, ohne dass der Krper selbst ein anderer wird, so liegt das Charakteristische der dritten Ordnung gesellschaftlicher Vereinigungen darin, dass dieselben "ewige Dauer" besitzen, indem ein Theil derselben ("der herrschende") immer derselbe bleibt ("le roi est mort, vive le roi"), whrend der andere (der "beherrschte") sich unaufhrlich erneuert, ohne dass die Gesellschaft selbst eine andere wird. Je nachdem das Band, welches den bleibenden Bestandtheil mit dem vernderlichen verbindet, ein reales (Blutsband) oder blos ideales (Gesinnungsverband) ist, erfolgt die Erneuerung entweder durch Geburt jngerer aus den lteren (Generation) oder durch Aufnahme spterer Mitglieder durch die frhern (Adoption). Ersteres ist in der Familiengemeinschaft zwischen Eltern und Kindern (Ascendenten und Descendenten, Vorfahren und Nachkommen), letzteres in der Gesinnungs- oder Glaubensgemeinschaft (Schule, Kirche, politische Partei) der Fall. Jene erweitert sich durch die Aufnahme der Seitenverwandten zur Stammesgemeinschaft, durch die Zurckfhrung blutsverwandter Stmme auf einen gemeinsamen Stammvater zum Stammvolk (Nation), durch die Ableitung mehrerer Stammvlker von einem gemeinsamen Urvolk (Indogermanen, Arier) zur Racengemeinschaft und mittels der mythischen Abstammung der gesammten Menschheit von einem gemeinsamen Stammvater zur Gemeinschaft aller Menschen (Weltbruderschaft). Diese dehnt sich von der an Umfang kleinsten Gesinnungs- und Glaubensgenossenschaft, die, wie z. B. die erste Christengemeinde, nur den Stifter und zwlf Genossen umfasst, bis zu der rumlich Millionen und zeitlich Jahrtausende einschliessenden Bildungs- oder Glaubensgemeinschaft aus, welche, wie z. B. die europische Civilisation, das Christen- oder Buddhistenthum Theilnehmer und Bekenner im Laufe der Zeit nach hunderttausenden von Millionen zhlen. Wie die durch Geburt der Gemeinschaft einverleibten Mitglieder von Natur aus den Aeltern hnlich, so werden durch Aufnahme gewonnene den ursprnglich vorhandenen knstlich verhnlicht (assimilirt), indem entweder, wenn die Aufnahme durch Wahl erfolgt, nur hnliche gewhlt (z. B. in eine Akademie der Wissenschaften nur Gelehrte, in eine politische Partei nur politische Gesinnungsverwandte) oder, wenn sie durch freiwilligen Anschluss geschieht, die Aufgenommenen im Sinn der bestehenden Gemeinschaft (z. B. der gyptische Neophyt durch die Priesterschule, der knftige Soldat durch das Cadetteninstitut) erzogen werden. 375. Die so entstandene Gesellschaft bildet einen organischen Krper, welcher entweder wie der vegetabilische Organismus an dem Boden haftet, auf dem er erwachsen und mit dem er verwachsen ist, oder wie der animalische Organismus von demselben usserlich und innerlich abgelst, frei ber ihn hinstreifend, obgleich innerhalb durch die Schranken der Acclimatisationsfhigkeit gezogener Grenzen den Ort seiner vorbergehenden Niederlassung wechselt. Jener ergibt die autochthone, dieser die nomadische Gemeinschaft (Familie, Stamm, Volk). Jene tritt vorzugsweise als sesshafte und in Folge dessen, da die von der Natur freiwillig dargebotene Nahrung allmlig versiegt, zur knstlichen Erzeugung derselben, so wie der brigen Lebensbedrfnisse d. i. zum Ackerbau und zur Industrie gedrngte Bevlkerung auf. Diese, da sie die an einem Orte mangelnden Bedrfnisse nicht selbst erzeugt, sondern dort nimmt, wo sie dieselben findet, erscheint in den mannigfaltigsten Formen als Jger-, Handels- und Ruber- oder Eroberervolk. Wie der belebte Organismus durch die Entwickelung eines Centralorgans (Gehirn und Nervensystem), innerhalb dessen der physische Reiz sich in bewusste Empfindung umsetzt, zum vorstellenden, Ich-hnlichen und als solcher durch die allmlige Vorstellung seiner selbst (Ich-Vorstellung) selbst zum Ich d. i. zum sein selbst bewussten Individuum wird, so gestaltet sich die organische Gesellschaft dadurch, dass innerhalb ihres Umkreises ein Centralorgan (Regent und Regierung) entsteht, in welchem das allen gemeinsame Denken, Fhlen und Streben sich in bestimmte Vorstellung d. i. in deutlich vorschwebenden Zweck, Erwgung und Herbeischaffung der Mittel und verwirklichende That umsetzt, zu einer (nach Haupt und Gliedern) organisirten staathnlichen Gesellschaft, welche durch die allmlig fortschreitende Verkrperung der Vorstellung der Gesellschaft (der Gesellschaftsidee) selbst zum Staat d. i. zu der ihrer selbst als Gesellschaft bewussten, die Verwirklichung der Gesellschaftsidee sich zum Zweck und dieselbe mittels der zu ihrer Realisirung erforderlichen Mittel in Vollzug setzenden individuellen Gesellschaft wird. 376. Organisirte Gesellschaften der Art, wenn sie reale d. h. ihre Mitglieder unter einander blutsverwandt sind, treten je nach dem Umfang und dem Grade der Verwandtschaft als Familie im engeren, nur Eltern und Kinder, oder weiteren, auch die nchsten Seitenverwandten begreifenden Sinne als Verband der Familienglieder unter dem Familienhaupt, oder als Stamm (Clan) unter dem Stammeshaupt (Huptling, Scheik), oder als Volk unter dem (angestammten) Volkshaupt (Knig) auf. Dagegen, wenn ihre Glieder zwar geistes-, glaubens-, oder gesinnungs-, aber nicht blutsverwandt sind, erscheint die organisirte Gesellschaft, je nachdem der Inhalt der allen gemeinsamen Ueberzeugung entweder ein wissenschaftlicher, oder ein religiser, oder ein politischer ist, in Gestalt entweder der (philosophischen oder knstlerischen) Schule unter einem (philosophischen oder knstlerischen) Schulhaupt (Meister), oder als (Landes-, National-, Welt-) Kirche unter einem (Landes-, National-, Universal-) Kirchenhaupt (Landesbischof, Papst, Dalai Lama), oder als (theokratischer, nach gttlichen, oder militrischer, nach mit Gewalt aufgedrungenen fremden Gesetzen beherrschter, oder autonomer, Verfassungs- d. i. nach eigenen Gesetzen sich selbst beherrschender) Staat unter einem (theokratischen, von Gott eingesetzten, oder kriegerischen, durch Unterjochung aufgedrungenen, oder verfassungsmssigen) Staatsoberhaupt (Frst "von Gottes Gnaden", Eroberer, constitutioneller Herrscher). Je nachdem das Centralorgan, in welchem das allen gemeinsame Bewusstsein der Gesellschaft sich verkrpert, dessen Bewusstsein also gleichsam die Stelle des allen gemeinsamen Bewusstseins vertritt, selbst aus einem einzigen oder mehreren unter einander coordinirten oder aus einem und mehreren diesem zusammengenommen coordinirten Individuen besteht, nimmt derselbe monarchische, oder collegiale, oder parlamentarische Form an, indem im ersten Fall das Gesammtbewusstsein im Monarchen (Josef II. und Friedrich II. als "erste Diener des Staates") im zweiten Fall im Regierungscollegium (Directorium, Bundesrath), im dritten Fall im Herrscher und den Stellvertretern des Gesammtbewusstseins (Abgeordnete, Parlament, Kammer, Reichstag) zusammengenommen incarnirt erscheint. Die monarchische Gestalt entartet zur Tyrannis, wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins das Einzelbewusstsein des Herrschers (l'tat c'est moi), die collegiale Regierung zur Oligarchie, wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins jenes einer Minderheit (einer Kaste in der Priester-, Adels- oder Geschlechter-, eines Standes in der Militr- oder Znfte-, des Geldes in der Finanz- und Bankiersherrschaft: Theokratie, Aristokratie, Martokratie, Plutokratie), dagegen zur Ochlokratie, wenn an die Stelle des Gesammtbewusstseins die bewusstseinslose Menge als herrschende Macht tritt. Die parlamentarische Regierung kann je nach dem Uebergewicht des Einen ber die Vielen, oder der Vielen ber den Einen in Scheinparlamentarismus (wie unter dem Juliknigthum) oder in Scheinmonarchismus (wie in England) ausarten. In der monarchisch organisirten Gesellschaft wird nicht nur die Einheit des Gesammtbewusstseins, sondern werden auch die in demselben, wie in jedem Bewusstsein vorhandenen und einander bestreitenden Gegenstze in das stellvertretende Bewusstsein des Alleinherrschers verlegt und damit demselben die gesammte Verantwortlichkeit fr die aus dem Zwiespalt der letzteren entspringenden Folgen aufgebrdet. In der collegialen Form der Regierung prgen die im Gesammtbewusstsein einander bekmpfenden Extreme (Radicalismus und Conservatismus) innerhalb des hchsten Regierungsorgans selbst als solche sich aus, whrend die Einheit des Bewusstseins durch die mangelnde Spitze nur collectiv und daher nur unvollkommen (Prsident) vertreten erscheint. Die parlamentarische Form hat den Vorzug, dass in derselben die Einheit des Gesammtbewusstseins, wie die in demselben vorhandenen Gegenstze gleichzeitig, die eine in der monarchischen Spitze und durch deren ewige Dauer in der festgesetzten Erbfolgeordnung am dauerhaftesten, die andere in den innerhalb der Volksvertretung einander bekmpfenden politischen Parteien (Fortschritts- und Stillstandsmnner, Whigs und Tories) am vollkommensten reprsentirt erscheint und daher das Ganze der Regierung, Monarch und Parlament, vereinigt das treueste Spiegelbild des gesellschaftlichen Gesammtbewusstseins darstellt. 377. Wie die andere ihresgleichen appercipirenden d. h. sich anschmelzenden Vorstellungsmassen im individuellen Bewusstsein, so stellen die einzelnen, jede fr sich organisirten Gesellschaften (Familie, Stamm, Schule, Kirche etc.) innerhalb der rumlich, zeitlich und organisch zu einem Ganzen geeinigten Gesellschaft Mittelpunkte dar, welche vermge ihrer bereits erlangten und befestigten Macht ihren Einfluss und Umfang durch die Heranziehung und Assimilirung gesinnungs- oder stammesverwandter Individuen zu vergrssern und zu erweitern bemht sind. In diesem Sinne bildet sich um die durch Geburt, Ansehen oder Reichthum hervorragende Familie ein Familienanhang, um den durch Zahl, Macht oder Intelligenz zur Prponderanz gelangten Stamm ein Stammesgefolge, zieht die zu Gewicht und Nachdruck gelangte Schule (Staatsphilosophie Hegel's unter Altenstein) stets neue Anhnger, wie eine durch den Besitz himmlischer und irdischer Gter reich gewordene, mit Privilegien fr jenseits und diesseits ausgestattete Kirche (Staatskirche, englische Hochkirche) stets neue Bekenner an sich und droht, indem sie aus einer staathnlichen zu einer dem Staat ebenbrtigen oder demselben berlegenen Macht innerhalb der Gesellschaft heranwchst und die besonderen Familien- oder Stammes- (Nationalitts-), Schul- oder Kircheninteressen allmlig im Allgemeinbewusstsein einen berwiegenden Einfluss gewinnen, zu einem Staat im Staate und dadurch fr diesen selbst zu einer hnlichen Gefahr, wie das im individuellen Bewusstsein bermchtig gewordene Neben- oder zweite Ich fr die Ich-Vorstellung zu werden. 378. Wie die Ich-Vorstellung ber das gesammte, oder doch den grssten Theil des Bewusstseins seine Herrschaft auszudehnen, so strebt der Staat ber alle innerhalb seiner Raum-, Zeit- und Volksgrenzen vorhandenen organisirten Gesellschaften die Oberhoheit auszuben d. h. sie aus unabhngigen in von ihm abhngige Corporationen, als seine Familien und Stmme, seine Schule, seine Kirche u. s. w. zu verwandeln. Derselbe duldet demgemss innerhalb seines Umkreises weder sich souvern geberdende Feudalherren, noch von der Staatseinheit sich emancipirende Nationalitten- oder Lndergelste (Kantnligeist), eben so wenig von derselben unabhngige Unterrichts- (die "freie Schule"), oder religise Krperschaften (die "freie Kirche"), whrend diese ihrerseits gegen den "Racker von Staat" (Friedrich Wilhelm IV.) sich zu behaupten bemht sind (Kampf der Reichsfrsten gegen den Kaiser, der Vasallen gegen den Landesherrn, der Provinzen und Stmme gegen das Reich, der "freien" d. i. katholischen Universitten in Belgien gegen die Staatsuniversitt, der Kirche gegen den Staat; "Culturkampf"). 379. Wie die physischen, so ben die Gesellschaftskrper gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Wie die mechanisch zusammengesetzten Krper durch Hufung, so vergrssern sich die auf Association zu einem gemeinsamen Zwecke beruhenden Corporationen durch Vermehrung ihrer Mitgliederzahl in Folge der Fusion derjenigen, welche gleiche Zwecke verfolgen. Dieselbe wird berall dort, wo die gegebenen Umstnde das gleichzeitige Bestehen mehrerer denselben Zweck verfolgenden Gesellschaften nicht erlauben, durch den daraus entspringenden "Kampf ums Dasein" d. i. durch die sogenannte "freie Concurrenz" herbeigefhrt, dessen Devise das "te toi, que je m'y mette", und dessen Ursache das "da-" d. i. das "an dem Orte sein wollen" ist, den ein Anderer einnimmt. Dagegen stehen die auf der qualitativen Gleichheit oder Ungleichheit ihrer Mitglieder ruhenden Gesellschaften unter einander wie die chemischen Krper in wahlverwandtschaftlichen Beziehungen, vermge deren bestehende Verbindungen in Folge strkerer Anziehung gelst und bisher nicht bestandene aus demselben Grunde geschlossen werden. Wechsel der Berufs-, der Standesgenossenschaft auf der einen, des Gegenstandes der Freundschaft, der Liebe auf der anderen Seite sind die Folgen derselben. Jene werden durch Abneigung gegen den gegenwrtigen, durch Vorliebe fr den knftigen Beruf oder Stand, diese durch Antipathie gegen den bisherigen, Sympathie fr den knftigen Gegenstand der Freundschaft oder der Liebe verursacht. Organische Gesellschaftskrper verschmelzen unter einander entweder auf realem z. B. dem geschlechtlichen Wege, indem durch Heirat verschiedenen Familien angehriger Familienglieder (Familienheirat) eine neue Familie, durch Heiraten aus verschiedenen Stmmen ein neuer Stamm (Rmer: aus Latinern und Sabinern), durch Ineinanderaufgehen zweier oder mehrerer Nationalitten eine neue Nationalitt (die englische: aus Sachsen und Normannen; die lateinische: aus Celten und Germanen; die amerikanische: aus Briten, Iren, Deutschen) entsteht, oder auf idealem Wege, indem aus der Vereinigung zweier oder mehrerer Wissens-, Glaubens-, oder politischer Genossenschaften eine neue Schule (z. B. die neuere Akademie aus Platonismus und Stoicismus), eine neue Kirche (z. B. die anglicanische aus Katholicismus und Lutherthum), eine neue politische Partei (z. B. Disraeli's Reformtories aus Tories und Peeliten) hervorgehen. 380. Autochthone Gesellschaften, die ihre "Scholle" behaupten, werden auf diesem Wege von nomadischen, welche dieselbe vorbergehend occupiren, letztere von staatbildenden, welche daselbst sich bleibend niederlassen wollen, im "Kampf ums Dasein" bedrngt und verdrngt. Wie jene nach einander, so treten gleichzeitige nachbarliche organisirte Gesellschaften (Familien, Stmme, Schulen, Kirchen und Staaten) im Kampf ums Dasein (Familienfehde, Stammesfehde, Schulzwist, Sectenhass, Krieg) in feindliche oder freundliche Berhrung (Familienbund, Stammesbndniss, Schulen- und Kircheneinigung, Staatenbndniss.) Je nachdem die Folge derselben die gegenseitig anerkannte Unabhngigkeit oder die auf gewaltsamem oder friedlichem Wege herbeigefhrte Abhngigkeit des einen von dem andern Gesellschaftskrper ist, geht im ersten Falle ein statisches Gleichgewicht zwischen denselben (Oesterreichs und Preussens Aequilibrium im deutschen Bunde; das "europische Gleichgewicht") oder das Uebergewicht eines ber die brigen (Preussens im deutschen Reich; Russlands whrend der Zeiten der heiligen Allianz in Europa; der Nord- ber die Sdstaaten in Amerika), in beiden Fllen ein System von Gesellschaftskrpern (Staatensystem) aus demselben hervor, in welchem entweder die einzelnen sich zu einander wie Gegensonnen oder wie um eine Centralsonne rotirende Planeten verhalten. Ersteres kann, wenn die einzelnen Glieder (Staaten) ihrer Unabhngigkeit von einander ungeachtet zu einem Ganzen sich vereinigen, zu einer Gesellschaftsfderation (Staatenbund), letzteres, wenn die Abhngigkeit der vielen vom Centralkrper sich vermindert, zu einem Fderativkrper (Bundesstaat) fhren. 381. Wie der die Zwischenrume der physikalischen Atome fllende Aether und die zwischen den festen Krpern befindliche Luftmasse, jener gleichsam die immaterielle, diese die materielle Atmosphre der Krperwelt ausmacht, wie die auf die Beziehungen zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden bezglichen Phnomene des Bewusstseins (die Gefhle) gleichsam die gemthliche Temperatur der Bewusstseinswelt, deren Wrme oder Klte ausdrcken, so stellt das innerhalb einer Gesellschaft vorhandene gemeinsame Bewusstsein mit seinen allen gemeinsamen Vorstellungen, Gefhlen und Strebungen gleichsam das psychische Innere der Gesellschaft, die ersten deren Geist, die zweiten deren Gemth, die letzten deren Charakter dar. Erstere, der Inbegriff des im Bewusstsein der Gesellschaft lebenden Meinens, Glaubens und Wissens, macht dabei gleichsam die Licht-, die Summe der innerhalb derselben vorhandenen Lust- und Unlustgefhle, insbesondere aber jene der im gemeinsamen Bewusstsein wirksamen Mit- oder socialen Gefhle gleichsam die Wrme-, die magnetischen und elektrischen Phnomene innerhalb der gesellschaftlichen Atmosphre aus, whrend die Zahl und Beschaffenheit der innerhalb der Gesellschaft begangenen Thaten, wenn dieselben als unvorstzliche im Rausche der Leidenschaft begangene Handlungen angesehen werden drfen, den Grad der innerhalb der Gesellschaftsatmosphre vorhandenen, der Gewitterschwle vergleichbaren, affectvollen Spannung, wenn sie dagegen als vorstzliche, im zurechnungsfhigen Zustand zur Aeusserung gelangte Willensacte betrachtet werden mssen, das der mittleren Witterung hnliche Niveau des innerhalb der Gesellschaft gegebenen Sittlichkeitszustandes bezeichnen. Licht und Finsterniss in der physischen kehren innerhalb der gesellschaftlichen Welt als die Gegenstze der Aufklrung und des Wahn- und Aberglaubens, Hitze und Klte jener als Gemthsflle und Gemthlosigkeit, Anziehung und Abstossung gleichnamiger und ungleichnamiger Pole als menschenfreundliches Mitgefhl und erkltende Selbstsucht, verheerende Sturmfluten, magnetische und elektrische Ungewitter, aber auch luftreinigende Gewitterstrme und befruchtende Frhlingsregen als zerstrende Ausbrche entfesselter Leidenschaft, aber auch als heroische Thaten enthusiastischer Aufopferung, endlich der durchschnittliche Zustand der Licht- und Wrmevertheilung in dem durchschnittlichen Verhltniss begangener Ausschreitungen und Verbrechen (wie es die sogenannte moralische Statistik aufweist) zu der Zahl und dem Bildungszustand der Gesellschaft wieder. 382. Wie die Krper im Raume, die Vorstellungen im Bewusstsein, so wechseln die Gesellschaftsglieder ihren Ort innerhalb der Gesellschaft, die Gesellschaften selbst den ihrigen im Raume neben, in der Zeit nach und vor andern Gesellschaften. In dem "Kampf ums Dasein", welchen die Krper in der physischen, die Vorstellungen der Bewusstseinswelt, wie die Mitglieder der Gesellschaft um ihre Stellung in dieser mit einander fhren, werden die einen, die herrschenden, von oben nach unten, andere, beherrschte, von unten nach oben gedrngt, und wie die Hindernisse, die dem im Raume bewegten Krper, und die Hemmungen, die der zur Klarheit aufstrebenden Vorstellung im Wege stehen, so die gesellschaftlichen Widerstnde, welche den innerhalb der Gesellschaft Emporstrebenden begegnen, durch Glck oder Klugheit berwunden. Wandervlker und Auswanderer verndern den Ort ihres geselligen Zusammenlebens, whrend bis dahin blhende Gesellschaften durch Zerfall und innere Erschlaffung von ihrer Hhe herabsinken oder durch andere von derselben gestrzt werden. Wie aber der physische Krper gleich dem Bewusstseinsgebilde nicht blos den Ort, sondern auch Form und Stoff zu wechseln vermag, so geht der Gesellschaftskrper nicht nur aus der lockeren in engere Association (Actiengesellschaft in Handelscompagnie), sondern aus der qualittslosen in die qualitative Genossenschaft (aus blosser Geselligkeit zur Freundschaft) und endlich in organische Verschmelzung (aus dem Liebesverhltniss zur Heirat und Familie) und organisirte Gesellschaft, diese aus der pflanzenartigen Form des Autochthonenthums aber selbst in die freibewegliche der Wandergesellschaft, nach dieser in die hhere Form der staathnlichen Organisation und schliesslich in deren hchste und vollkommenste Gestaltung, den Staat ber. 383. Wie der Stoff des Bewusstseins die primitiven Bewusstseinsacte, so ist der Stoff der Gesellschaft der Inbegriff jener Bewusstsseinsindividualitten, welche unter einander durch die Congruenz ihres individuellen Bewusstseinsgehalts zu einem Alle umfassenden gemeinsamen Bewusstsein verbunden werden. Hrt eines dieser Einzelbewusstsein auf, seinem Inhalt nach mit jenem der brigen zu harmoniren, so gehrt dasselbe nicht mehr dem Allgemeinbewusstsein an und hat der Einzelne, dessen Bewusstsein auf diese Weise sich von dem allgemeinen geschieden hat, innerlich lngst aufgehrt Gesellschaftsmitglied zu sein, auch wenn nach aussen hin dessen bisheriger Verband dem Anschein nach unverndert fortbesteht. So kann der innerlich von dem Glaubensbekenntniss einer Glaubensgenossenschaft Abgefallene usserlich in dem gesellschaftlichen Verbande seiner Kirche fortleben, also lngst "confessionslos" geworden sein, ehe er sich usserlich als solchen bekennt. Mit der Auflsung des gemeinschaftlichen Bewusstseins lst die Gesellschaft sich selbst auf, mit der Selbstauflsung aller unter eine gemeinsame Kategorie (z. B. unter jene der Familie, der Schule, der Kirche etc.) gehrigen Gesellschaften tritt fr jede jener Kategorien socialer Nihilismus (der Familie als Auflsung jedes Familien-, der Schule oder Kirche als solche jedes wissenschaftlichen und Bekenntnissverbandes) ein. Mit der Selbstauflsung des Staats als der gesellschaftlichen Verwirklichung der Gesellschaftsidee erfolgt die Verneinung dieser selbst, die Annihilisation eines gesellschaftlichen Verbandes berhaupt und damit die Rckkehr zum ursprnglichen Zustand ungesellter Individuen, des Zerfalls des socialen, wie oben des physischen Stoffs, in seine Atome. 384. Wie die Gesammtheit der physischen Krper den Kosmos, die Gesammtheit der Bildungen des individuellen Bewusstseins die Seelenwelt des Individuums, so macht die Gesammtheit gesellschaftlicher Krper von den gleichgiltigsten und flchtigsten Associationen bis zu dauerhaften, sei es durch Bluts-, sei es durch Ueberzeugungsbande verschmolzenen organischen und organisirten Corporationen und zu der ausdauerndsten und umfassendsten von allen, dem Staate und den Staaten in ihren gegenseitigen, sei es auf Ebenbrtigkeit, sei es auf Abhngigkeit gegrndeten Beziehungen, als Staatensystem, so weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die Welt der Geschichte aus. Wie die Totalitt des physischen und jene des im individuellen Bewusstsein sich vollziehenden psychischen Geschehens die Naturgeschichte des Kosmos und die Geschichte der Seelennatur, so stellt die Gesammtheit des innerhalb der Gesellschaft wie innerhalb der Gesellschaften von den unscheinbarsten Regungen eines gemeinschaftlichen Bewusstseins im Umkreis locker verknpfter bis zu der reichsten Entfaltung gemeinsamen Denkens, Fhlens und Wollens unter einander physisch oder psychisch eng verwandter Individuen, von dem einfrmigen Dahinleben der Natur- bis zu den wechselvollen Schicksalen hochcivilisirter Culturvlker, von den seltenen und zuflligen feindseligen und freundlichen Berhrungen zerstreuter Horden, Familien und Stmme bis zu den eng verflochtenen materiellen und geistigen Interessen und dem Raum und Zeit berwindenden Handels-, literarischen und persnlichen Verkehr einer zu stets sich steigernder Gleichartigkeit der Bildung, der Sitten und der staatlichen Formen entwickelten Menschheit herauf, so weit die geschichtliche Erfahrung reicht, die nach unvernderlichen Gesetzen sich vollziehende Entwickelungsgeschichte der Gesellschaft, die Weltgeschichte dar. DRITTES BUCH. DIE KUNST. ERSTES CAPITEL. DIE BILDUNGSKUNST. 385. Wie es die Aufgabe des ersten Buches war, die Ideen als Musterbegriffe ohne Rcksicht auf eine denselben entsprechende oder nicht entsprechende Wirklichkeit, jene des zweiten dagegen, das Wirkliche ohne Rcksicht auf dessen vorhandene oder nicht vorhandene Uebereinstimmung mit den Ideen, jedes der beiden genannten Gebiete rein, ohne Beeinflussung oder Frbung durch das andre fr sich darzustellen, so ist es die Aufgabe des dritten, durch dessen Gegenstand, die Kunst, welche weder, wie der Inhalt des ersten vorschreibende, noch wie jener des zweiten Buches beschreibende Betrachtung, sondern reale Bethtigung ist, die Ideen in die Wirklichkeit einzufhren d. h. das mit den Ideen nicht in Einklang stehende Wirkliche diesen, so weit dessen Natur es gestattet, harmonisch zu gestalten. 386. Aus dem Gesagten folgt, dass der Begriff der Kunst, insofern unter demselben Darstellung von Ideen im wirklichen Stoffe verstanden wird, weder mit jenem der schnen Kunst, welche die Darstellung sthetischer Ideen, noch mit jenem der Technik, welche die kunstfertige Ueberwindung der Ideendarstellung durch das wirkliche Material in den Weg gestellter Widerstnde in sich begreift, identisch, sondern weiter als beide ist und als auf Wissen sich sttzendes Knnen berall dort zur Anwendung kommt, wo von Darstellung gleichviel was fr welcher Ideen in wirklichem, gleichviel ob willigem oder sprdem Stoffe die Rede ist. Jenes, das Merkmal der Ideendarstellung, unterscheidet die Kunst von der ideenlosen Virtuositt, die sich in Ueberwindung im Material nicht gegebener, sondern in demselben ausdrcklich hervorgesuchter, also selbstgemachter Schwierigkeiten gefllt. Dieses, das Merkmal der Realitt des Materials, durch welche die Idee selbst solche gewinnt, unterscheidet die Kunst von dem traumhaft dahinfliessenden Bewusstseinsgespinnst, welches weder durch die Verarbeitung nach logischen Ideen logischen Halt, noch durch solche nach sthetischen Ideen sthetische Form, noch durch gleiche nach ethischen Ideen ethischen Gehalt, noch endlich durch Verkrperung in lebendigem, eigenem oder fremdem, oder in leblosem Stoff reale Gestalt annimmt. Wie jene Knnen ohne Wissen (entweder nicht Kennen oder nicht Kennenwollen der Ideen, die sich gar wol mit umfassender Kenntniss des sonst zur Ideendarstellung bestimmten Stoffs vertrgt), so stellt dieses, auch wenn es wie der hellseherische Traum des Genius das Wahre trifft, ein Wissen ohne Knnen dar (nicht Verarbeiten, oder nicht Verarbeitenwollen der Idee im Stoff, welches sich gar wohl wo mit umfassendem Vermgen knstlerischer Darstellung vertragen, aber auch aus Mangel technischer Anlage oder aus "gttlicher Trgheit" entspringen kann). 387. Kunst in diesem Sinn ist einerseits so vielfach, als berhaupt zur Darstellung geeignete Ideen, und so mannigfaltig, als zur Aufnahme derselben empfngliche Stoffe vorhanden sind. Dieselbe erscheint in ersterer Hinsicht als Darstellerin logischer, sthetischer und ethischer d. i. der Ideen des Wahren, Schnen und Guten. In letzterer Hinsicht wird es darauf ankommen, ob das Material, dessen die Kunst sich bedient, psychischer (Bewusstseins-) oder physischer (materieller) Natur, und im ersteren Fall, ob der Bewusstseinsstoff Inhalt des eigenen oder eines fremden Bewusstseins sei. Dieselbe gliedert sich in dieser Hinsicht in die dreifache Kunst der Bildung der Vorgnge des eigenen Bewusstseins (Vorstellen, Fhlen, Wollen), so wie jener eines fremden Bewusstseins, endlich der Krper und Processe der physischen (leblosen und lebendigen) Natur nach (logischen, sthetischen, ethischen) Ideen. Die erste als Kunst der Ideendarstellung im eigenen Vorstellen, Fhlen und Wollen d. i. der Bildung des eigenen Vorstellens nach logischen, sthetischen und ethischen, des eigenen Fhlens nach sthetischen und des eigenen Wollens nach ethischen Normen ergibt die Kunst der Selbstbildung oder die Bildungskunst. Die zweite als Kunst, das Vorstellen, Fhlen und Wollen eines Andern, das erste nach logischen, sthetischen und ethischen, das zweite nach sthetischen, das dritte nach ethischen Normen zu bilden, ergibt die Kunst der Bildung Anderer oder die Bildekunst. Die dritte als die Kunst, die Processe und Krper der materiellen, lebendigen und leblosen Natur nach Ideen zu behandeln d. i. durch die Wahrheit als Wissenschaft zu beherrschen, durch die Schnheit als Kunst zu verschnern und durch die Gte als wohlwollende und menschenwrdige Behandlung zu veredeln, ergibt als Kunst die Natur zu bilden, die bildende Kunst. 388. Bildungskunst als Ideendarstellung im eigenen Vorstellen ist als Darstellung logischer Ideen in demselben zunchst logische Kunst. Insofern die logischen Ideen den Inbegriff der Bedingungen ausmachen, unter welchen Denken zum Wissen wird, besteht deren Aufgabe darin, das eigene Vorstellen in Wissen, den Inhalt desselben in Wissenschaft zu verwandeln. Der Denkende wird zum Wissenden, wenn ihm alles dasjenige, aber auch nur dasjenige als wahr d. i. als richtig und giltig erscheint, was ihm in Folge der Anwendung logischer Normen auf sein Denken als solches erscheinen muss. Andernfalls weiss er nicht, sondern meint, ahnt oder glaubt nur. Ersteres, wenn er berhaupt keine Grnde, letzteres, wenn er andere als logische d. i. aus dem Inhalt des Gedachten stammende Grnde hat, dasselbe fr wahr zu halten. Je nachdem diese letzteren entweder aus dem Gefhl, oder aus dem Begehren, Wnschen und Wollen genommen sind, so dass der Vorstellende dasjenige fr wahr oder falsch hlt, was seinen Gefhlen, oder dasjenige, was seinen Wnschen entspricht oder entgegen ist, tritt das von ihm fr wahr Gehaltene in der Form eines Vorausgefhlten (Geahnten) oder Vorauserwarteten (Geglaubten) auf, auch dann, wenn dasselbe nach logischen Regeln aus der Beschaffenheit des Gedachten weder vorhergesehen, noch berhaupt gewusst werden kann. 389. Insofern und weil das Wissen vom Meinen, Ahnen und Glauben verschieden, die Form des Gewussten auch dann, wenn der Inhalt derselbe ist, von der Form des blos Gemeinten, Geahnten oder Geglaubten verschieden sein muss, so folgt, dass die logische Kunst als Bearbeitung des eigenen Vorstellens nach logischen Regeln zunchst darauf ausgehen muss, das zu bearbeitende Material d. i. das eigene Vorstellen von allen ihm fremdartigen Bestandtheilen und Zustzen zu reinigen d. h. alles dasjenige auszuscheiden, was nicht selbst Vorstellung, sondern Gefhl oder Streben (Begierde, Wunsch, Wille) ist. Dieselbe trachtet daher vor allem den Vorstellenden von jeder Rcksicht auf dasjenige frei zu machen, wodurch der Inhalt des Gedachten zu dessen Gefhlen, Begierden, Wnschen und Willensbestrebungen in frderlicher oder hemmender Beziehung steht d. h. entweder ein sthetisches oder ein praktisches Interesse fr denselben hat. Denn, wo das erstere herrscht, wird der Vorstellende eine eben so begreifliche Neigung zeigen, dasjenige, was ihm aus irgend einem Grunde ntzlich, angenehm oder schn erscheint d. h. gefllt, fr wahr oder wirklich, wie dasjenige, was ihm missfllt, fr falsch oder Fiction zu halten; wo das letztere herrscht, wird er bereit sein, dasjenige, was er aus irgend einem Grunde begehrt, wnscht oder will, fr begehrenswerth, mglich und erlaubt, so wie dessen Gegenstze d. i. alles dasjenige, was er verabscheut, weder wnscht noch will, fr das Gegentheil zu halten. Aus dem ersteren entspringt, wenn das fr wahr Gehaltene deshalb dafr gehalten wird, weil dasselbe uns ntzlich, dagegen fr falsch, wenn es uns schdlich scheint, die sogenannte gute oder schlimme Ahnung, -- wird es dagegen fr wahr oder falsch gehalten, je nachdem es uns angenehm und schn oder unangenehm und hsslich dnkt, der poetische Optimismus oder Pessimismus, poetischer Glaube oder Unglaube (Wahnglaube). Aus dem letzteren entspringt, je nachdem das praktische Interesse an dem Inhalt des Gedachten den Vorstellenden nur gestimmt macht, Ungewisses, ja selbst Unwahrscheinliches, aber doch Mgliches und bis zu einem gewissen Grad Wahrscheinliches ber diesen hinaus fr wahrscheinlich, ja selbst fr gewiss zu halten, oder dermassen verblendet, dass er nicht blos Unwahrscheinliches fr wahrscheinlich, sondern Unmgliches fr mglich, ja selbst fr wirklich hlt, im ersten Fall Leichtglubigkeit, im zweiten Fall Aberglaube. Beide sind verzeihlich, wenn die Begierden, Wnsche und Willensbestrebungen, durch die sie veranlasst werden, entweder an sich lblich oder doch erlaubt, dagegen unentschuldbar, wenn dieselben nicht blos thricht, sondern unerlaubt und verwerflich sind. 390. Die Bearbeitung des eigenen Vorstellungsmaterials erfolgt, wenn das letztere von fremdartigen, sthetischen und praktischen Zustzen gereinigt ist, "sine ira", aber erst, wenn dieselbe nicht blos auf Grund des psychischen Mechanismus, sondern nach logischen Normen geschieht, "cum studio". Jene dient nur dazu, den Vorstellenden von den Einflssen des sthetischen und praktischen Interesses auf sein Denken frei d. h. das rein wissenschaftliche Interesse an dem Inhalt des Gedachten zu dessen einzigem zu machen: diese geht darauf aus, die durch den psychischen Mechanismus des Bewusstseins thatschlich in demselben entstandenen Gedanken vom Gesichtspunkt der logischen Ideen einer kritischen Prfung zu unterziehen d. h. das specifisch logische oder im weiteren Sinn philosophische Interesse zu befriedigen. Die Aufgabe der ersteren ist erfllt, wenn es derselben gelungen ist, auf rein wissenschaftlichem d. i. weder durch sthetische, noch praktische Interessen beeinflusstem Wege inhaltsvolle Gedanken (Begriffe, Urtheile, Schlsse, Systeme), jene der letzteren aber erst, wenn sie es dahin gebracht hat, den Forderungen logischen Denkens gegenber haltbare d. i. logisch denkbare Gedanken (denknothwendige oder doch logisch erlaubte Begriffe, Urtheile, Schlsse und Systeme) herzustellen. Frucht der ersteren ist die naive d. i. empiristische und im philosophischen Sinn kritiklose, die der letzteren dagegen die bewusste d. i. philosophische, weil durch logische Kritik gesichtete Wissenschaft. 391. Die naive Wissenschaft fhrt ihren Namen daher, weil sie einerseits zwar Wissenschaft d. h. von den Einflssen des Gefhls und des Willens frei, andererseits aber naiv ist d. i. um die Frage, ob der psychische Mechanismus von Haus aus derart beschaffen sei, dass die durch denselben im Bewusstsein zum Vorschein kommenden Gebilde (Begriffe, Urtheile, Schlsse, Schlussketten und Systeme) wahre d. i. richtige und giltige Begriffe, Urtheile u. s. w. sein mssen oder doch sein knnen, sich unbekmmert zeigt. Letztere aber d. i. die eigentlich kritische Frage, weil sie nichts geringeres als das gesammte erkenntnisstheoretische Problem d. i. die Wrdigung der gesammten auf dem Wege des psychischen Mechanismus entstandenen Vorstellungen in Bezug auf deren Erkenntnisswerth enthlt, ist um so unabweislicher, je weniger es sich bestreiten lsst, dass gewisse auf obigem Wege mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit im Bewusstsein sich einstellende Vorstellungsgebilde in Hinsicht auf deren Bedeutung fr die Erkenntniss keinen oder sogar einen negativen Werth besitzen d. h. nicht blos Hohl-, sondern Wahngebilde sind. Zu diesen gehren die sogenannten Sinnestuschungen (Illusionen und Hallucinationen), aber auch der Schein der tglichen Bewegung des gestirnten Himmels um die Erde, oder des am Horizont vergrsserten Durchmessers des Mondes, deren sich der Astronom, der sie als Trug erkennt, eben so wenig wie der Laie, der sie fr Wirklichkeit nimmt, zu erwehren vermag. Ebendahin aber auch gewisse Begriffe, welche, wie jener Schein, auf Grund des psychischen Mechanismus im Bewusstsein mit naturgesetzlicher Nothwendigkeit entstehen und daher unabweislich, aber nichts desto weniger von einer Inhaltsbeschaffenheit sind, welche nicht ohne weiteres gestattet, deren Inhalt fr mglich, geschweige denn fr wirklich, also auch nicht sie selbst fr richtige und giltige Begriffe zu halten. Von dieser Art sind Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen und folglich, da dieselben thatschlich im Bewusstsein gegeben sind, als wirklich gesetzt wird, zugleich aber in sich widersprechend ist, so dass die Forderung, denselben als wirklich zu setzen, nichts geringeres bedeutet als ein Widersprechendes, also ein solches, was nach logischen Ideen als wirklich nicht gedacht werden darf, denselben zum Trotz als solches zu denken. Zeigt sich nun, dass zu diesen Begriffen gerade diejenigen gehren, von welchen die sogenannten Erfahrungswissenschaften, Natur- und Geschichtswissenschaft, den umfassendsten Gebrauch und die freigebigste Anwendung machen, ja solche, ohne welche das von obigen Wissenschaften errichtete Wissenschaftsgebude, die sogenannte Natur- und Geschichtserfahrung, weder Grundlage noch Zusammenhang, berhaupt keinerlei Halt bessse, so erscheint das in die Zuverlssigkeit und Glaubwrdigkeit jener Wissenschaften gesetzte Vertrauen so lange als unberechtigt, die Wissenschaft selbst als naiv, so lange nicht entweder jene Begriffe beseitigt oder, da dies, ohne das Werk jener Wissenschaften selbst zu zerstren, unmglich ist, wenigstens die Widersprche aus deren Inhalt verschwunden sind. 392. Der geschilderte Fall ereignet sich bei den sogenannten metaphysischen oder, wenn alle Begriffe, deren Inhalt auf Wirkliches bezogen wird, ontologische (Seinsbegriffe) heissen sollen, bei den allgemeinsten ontologischen Begriffen, als welche (von Herbart) namentlich jene des Dings mit mehreren Merkmalen, der Vernderung (incl. der Bewegung) der Materie und des Ichs angefhrt worden sind. Dieselben sind smmtlich "Thatsachen des Bewusstseins" d. h. sie finden sich in Folge und auf Grund des psychischen Mechanismus in jedem normal naturgesetzlich entwickelten Bewusstsein in gleicher Weise, als aus den ursprnglichen Bewusstseinsacten gesetzmssig abgeleitete psychische Gebilde vor; der Inhalt derselben ist daher weder selbst gemacht, sondern gegeben, noch willkrlich anders gemacht, als er gegeben ist, sonach unabweislich. Derselbe ist aber zugleich so beschaffen, dass er einander gegenseitig ausschliessende, weil widersprechende Bestimmungen enthlt, sonach unhaltbar. Bei dem Begriff des Dings mit mehreren Merkmalen besteht dieser Widerspruch darin, dass dasselbe zugleich als eins und als vieles, bei dem Begriff der Vernderung darin, dass das Vernderte zugleich als dasselbe und nicht dasselbe, bei der Materie darin, dass dieselbe ins Unendliche getheilt und doch aus Theilen entstanden, bei dem Begriff des Ich endlich darin, dass dasselbe als sich sich vorstellend d. i. einen regressus in infinitum einschliessend und doch als finitum d. i. als vollendet gedacht werden soll. Dieselben sind aber zugleich von der Art, dass das gesammte Gebude der Erfahrung und sonach der Erfahrungswissenschaft auf der Voraussetzung ihrer Giltigkeit ruht; weder die Krper-, noch die geschichtliche Welt, wie sie erfahrungsmssig gegeben sind, wren ohne Voraussetzung der Wirklichkeit von Dingen als Trgern zahlreicher Eigenschaften, von Bewegung in Raum und Zeit, so wie qualitativer Vernderung von Stoff in der einen und bewussten Individuen in der anderen mglich. Letztere und damit die gesammte auf Erfahrung beruhende vorgebliche Wissenschaft vom Wirklichen msste sonach so lange fr bodenlos, diese Wissenschaft selbst fr naiv gelten, als jene vor dem Forum der Logik unhaltbaren Begriffe deren Grundlage ausmachen. 393. Da die Bearbeitung der im Bewusstsein auf normalem Wege entstandenen Vorstellungen vom Gesichtspunkt jener erkenntnisstheoretischen Frage nicht durch den Inhalt der Vorstellungen selbst, sondern durch das Verhltniss der Naturgesetze des Denkens (des psychischen Mechanismus) zu dessen Normalgesetzen (den logischen Ideen) bedingt ist, so erstreckt sich die Bezeichnung der Naivett ber das ganze Gebiet der unkritisch (d. i. ohne Rcksicht auf obige Frage) verfahrenden Wissenschaft d. h. auf die Gebiete aller besonderen Wissenschaften, gleichviel welchen Gegenstand dieselben betreffen mgen, sonach auf die formalen, wie Mathematik und Grammatik, nicht weniger, wie auf die realen, und unter diesen ebenso auf die theoretischen, welche, wie Geschichte und Naturwissenschaft, von Wirklichem, wie auf die praktischen, welche wie Kunst- und Sitten-, Rechts-, Staats- und Erziehungslehre von erst zu Verwirklichendem handeln; endlich auf das von der Erfahrung nicht blos ausgehende, sondern ausschliesslich auf dieselbe sich sttzende d. i. empirische Denken (empirischer Dogmatismus) nicht weniger als auf jedes den Ursprung seiner Begriffe aus dem psychischen Mechanismus und damit die Zweifelhaftigkeit ihres erkenntnisstheoretischen Werths entweder nicht kennende oder vornehm ignorirende, um dieser seiner begrifflichen Form willen im eminenten Sinn "philosophisch" (rational, speculativ, dialektisch) sich nennende Denken (dogmatische Philosophie). 394. Wie jeder Dogmatismus, auch der in der Philosophie, vor, so liegt die bewusste d. i. durch Bearbeitung der im psychischen Mechanismus gewordenen Begriffe nach logischen Normen entstandene und ihrer Uebereinstimmung mit den letztern innegewordene Wissenschaft nach der Beantwortung der kritischen Frage d. i. dem Kriticismus. Wie dieser selbst aus der Skepsis, so geht die wahre d. h. kritisch gesichtete Wissenschaft aus der Kritik hervor. Insofern die letztere auf alle thatschlich im Bewusstsein vorfindlichen Begriffe, gleichviel welchem wissenschaftlichen Gebiete dieselben angehren mgen, sich ausdehnt, unterscheidet sie sich von jener Gattung von Kritiken, deren jede sich nur auf ein begrenztes Gebiet fr richtig und giltig gehaltener Begriffe, Urtheile oder Schlsse erstreckt d. i. wie die sogenannte historische Kritik angeblich historische Thatsachen, wie die sogenannte philologische Kritik vermeintlich echte Textesberlieferungen, wie die sthetische Kritik unverdienter Weise als mustergiltig gepriesene Kunstleistungen u. s. w. auf ihre wahre Gestalt und wirklichen Gehalt zurckzufhren sich zur Aufgabe macht. Wie durch letzteren Umstand dem Umfange nach, so sondert sie sich von den angefhrten Arten der Kritik berdies durch die Beschaffenheit des der Beurtheilung zu Grunde liegenden Massstabs ab, welcher fr sie weder in der Uebereinstimmung oder im Widerspruch des angeblich Geschichtlichen mit als solches Anerkanntem (wie bei der historischen Kritik), noch in dem Einklang oder der Abweichung der vermeintlich echten mit oder von der als solche beglaubigten Textesberlieferung (wie bei der philologischen Kritik), noch in der Harmonie oder Disharmonie der jeweilig gelobten oder getadelten Leistung mit den sthetischen Normen (wie bei der Kunstkritik) u. s. w., sondern einzig und allein in der Denkbarkeit oder Undenkbarkeit, so wie in der Denknothwendigkeit der Begriffe nach logischen Normen gelegen ist. 395. Die auf diesem Wege durch Bearbeitung der Begriffe entstandene Wissenschaft ist Philosophie. Der Unterschied derselben von den besonderen Wissenschaften liegt, da die Bearbeitung, aus der sie entspringt, sich auf die Gebiete aller Wissenschaften ausdehnt, nicht darin, dass sie anderes, sondern darin, das sie anders weiss. Wenn der Name der Wissenschaft nicht nach dem Grade der Wissenschaftlichkeit ertheilt, sondern je nach der Besonderheit des Gegenstandes vertheilt werden soll, so ist die Philosophie, wie der Poet bei der Theilung der Erde, so bei der Theilung des (Bacon'schen) "Globus intellectualis" zu spt gekommen. Wenn dagegen jener allein entscheidet, so ist die bewusste aus kritischer Sichtung des Gewussten hervorgegangene allein wahre (Normal- und zugleich Universal-) Wissenschaft. Dieselbe zerfllt, je nachdem die Bearbeitung gegebener Begriffe nach logischen Normen der formalen oder der realen Seite derselben gilt, selbst in eine philosophische Formal- und in philosophische Realwissenschaften. Jene behandelt die gegebenen Begriffe lediglich als Begriffe, wobei von der Beschaffenheit des Inhalts derselben abgesehen wird, und erstreckt sich daher auf alle gegebenen Begriffe ohne Unterschied. Diese unterscheiden sich von jener gemeinsam durch den Umstand, dass der Inhalt der Begriffe bercksichtigt, unterscheiden sich aber unter einander selbst wieder durch den Umstand, dass die eine derselben alle diejenigen Begriffe umfasst, deren Inhalt als wirklich gedacht, die andere dagegen alle diejenigen, deren Inhalt allgemein und nothwendig wohlgefllig oder missfllig gefunden werden soll. Erstere, die philosophische Formalwissenschaft fllt mit der (formalen) Logik, letztere beiden als theoretische und praktische philosophische Realwissenschaft fallen mit der Metaphysik (philosophische Wissenschaft vom Wirklichen, Ontologie) und Aesthetik (philosophische Wissenschaft vom Gefallenden und Missfallenden, welche auch als Ethik das unbedingt Gefallende am Wollen in sich schliesst) zusammen. 396. Wie die Darstellung logischer Ideen im eigenen Vorstellen logische, so ist jene, sthetischer Ideen in demselben schne Kunst. Insofern in den letztgenannten die Summe der Bedingungen enthalten ist, unter welchen wie immer beschaffener realer Stoff unbedingt gefllt oder missfllt, geht die sthetische Ideendarstellung darauf aus, das eigene ohne Rcksicht auf sthetische Zwecke durch psychischen Mechanismus entstandene in schnes d. i. den sthetischen Normen angemessenes Vorstellen zu verwandeln. Da nun dasjenige, wodurch Vorgestelltes gefllt oder missfllt, nicht das Was (der Gehalt), sondern das Wie (die Gestalt) desselben ist, so muss, um das gegebene Vorstellen in sthetisches zu verwandeln, zunchst von dem Inhalt desselben und der Frage, ob derselbe wahr oder ein demselben entsprechendes Object wirklich oder nicht wirklich sei, vllig abgesehen und das wissenschaftliche (prosaische) Interesse an der Wahrheit oder Wirklichkeit durch das sthetische (poetische) Interesse an der Schnheit des Gedachten ersetzt werden. Whrend die logische Kunst Denken in Wissen, muss die schne Kunst auch wahre in nur wahr scheinende Gedanken verkehren, wenn dieselben sthetisch d. i. als schner Schein, statt didaktisch d. i. als theoretische, oder moralisch d. i. als bessernde Belehrung wirken sollen. Sogenannte didaktische oder moralische Kunst ("moralisch Lied") ist daher nicht sowol Kunst als vielmehr Wissenschaft (Gedankenprosa) in Kunstform (Lehrgedicht, Fabel). 397. Das auf diesem Wege in Schein umgewandelte Vorstellen (die "Welt der Phantasie") bildet das Material der sthetischen Ideendarstellung. Dasselbe ist so vielfach und mannigfaltig als das Vorstellen selbst und zerfllt, wie dieses, je nach der Beschaffenheit seines Inhalts in verschiedene Classen. Die erste derselben ist jene der sogenannten einfachen Empfindungen (des Gesichts oder Gehrs oder des Tastsinns, whrend Geruchs- und Geschmacksempfindungen ihrer Unbestimmtheit wegen als sthetisches Material keine Verwendung finden, ausser etwa in der Gastronomie, in welcher durch Abwechslung verschiedener Geschmcke, oder in der Garten- und Toilettenkunst, wo durch Abwechslung verschiedener Wohlgerche ein dem sthetischen verwandter Eindruck hervorgebracht werden soll). Die Gesichtsempfindungen, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Helligkeits- und Dunkelheitsgrade (Licht und Schatten) wie die der qualitativ unterschiedenen Lichteindrcke (Farben) liefern den Stoff fr die Kunst des Colorits (Helldunkel und Farbengebung). Die Empfindungen des Gehrssinns, und zwar sowol jene der quantitativ verschiedenen Intensittsgrade des Schalls (forte piano), wie jene der qualitativ verschiedenen periodischen Klangreize (Tne) liefern den Stoff fr die phonetische Kunst (Modulation, Klangfarbe). Die Tastempfindungen, und zwar sowol jene des quantitativ verschiedenen Drucks und der demselben Widerstand leistenden Kraft, die "statischen" Empfindungen, wie jene der qualitativ verschiedenen (ebenen oder gekrmmten) Krperoberflchen (Ebene, Kugeloberflche, gewellte Oberflche u. s. w.), die "plastischen" Empfindungen, liefern das Material, jene fr die bauende, diese fr die bildende Kunst (Architektur und Sculptur). Die zweite Art der Vorstellungen begreift diejenigen, deren Inhalt leere Reihen und deren Grssenverhltnisse, und zwar sowol Zeit- und Zahlen- als Raumverhltnisse ausmachen, welche letzteren selbst einander entweder quantitativ gleich (wie bei den symmetrisch angeordneten Gegenstnden im Raum), oder proportional (wie bei der regelmssigen Aufeinanderfolge gleicher und ungleicher Abschnitte in der Zeit), oder qualitativ gleichartig (z. B. als Raumformen entweder durchaus lineare, oder ebene, oder gekrmmte Flchenformen, als Zeitabschnitte durchaus lineare Formen) oder ungleichartig (als Raumformen aus geraden und krummen Linien, ebenen und gekrmmten Flchen, als Zeitformen aus Eintheilungsgliedern nach verschiedenen Zeiteinheiten gemischt) sein knnen. Dieselben liefern den Stoff, wenn sie Raumformen und deren Verhltnisse zum Inhalt haben, fr die zeichnende (raummessende und raumbildende), wenn Zeitformen und deren Verhltnisse ihren Inhalt ausmachen, fr die rhythmische (zeitmessende und zeitraumbildende Kunst). Die dritte Classe von Vorstellungen umfasst die sinnlichen Vorstellungen und die aus denselben entwickelten Gemeinbilder (Begriffe), welche als solche einen bestimmten aus der Erfahrung entweder unmittelbar, oder durch inzwischen eingetretene Vernderungen mittelbar geschpften Inhalt besitzen d. i. Gegenstnde darstellen, welche entweder ganz oder deren Bestandtheile in der sogenannten wirklichen d. h. in der phnomenalen Welt der Erfahrung vorfindlich sind, liefert den Stoff zur Ideendarstellung in der Vorstellungswelt der gegebenen Erfahrung d. i. zur Dicht- oder poetischen Kunst. Durch die Vereinigung zweier oder mehrerer dieser sogenannten einfachen Knste zu einer einzigen Kunst kann eine zusammengesetzte Kunst d. h. Ideendarstellung in einem Material entstehen, welches die Summe der Materiale der zum Ganzen verbundenen Knste ist. So ergibt sich durch die Verbindung der zeichnenden und der coloristischen Kunst die malerische, durch jene der rhythmischen und phonetischen Kunst die musikalische, durch jene der zeichnenden und bauenden die architektonische, und durch jene der zeichnenden und bildenden die plastische Kunst. Nur drfen die Materialien, die mit einander verbunden werden sollen, nicht ungleichartig d. i. nicht z. B. das eine Raumform, das andre Zeitform sein, daher sich Rhythmik als Zeitkunst wol mit phonetischer Kunst, deren Empfindungen (die Tonempfindungen) nach einander (successiv), nicht aber mit der coloristischen Kunst, deren Material (die Licht und Farbenempfindungen) zugleich (simultan) auftritt, verbinden lsst. 398. Aus dem Umstande, dass die sthetische Ideendarstellung je nach der Verschiedenheit des Vorstellungsmaterials zwar immer schne Kunst, aber stets eine andere ergibt, fliesst, dass wo das erforderliche Material im Bewusstsein gar nicht oder in ungengendem Masse vorhanden ist, die bezgliche schne Kunst durch keine Art knstlicher Bildung erworben zu werden vermag (poeta nascitur). Derjenige, welchem aus was immer fr einem Grunde (z. B. durch die mangelhafte Lichtreizempfindlichkeit seines Gesichts-, oder Gehrsreizempfindlichkeit seines Gehrsorgans) die Unterscheidungsgabe fr die feinen Nuancen der Farben- oder Tonempfindungen und deren Intensitten versagt ist, ist weder zum Coloristen noch zum Musiker geschaffen; demjenigen, welcher fr die sinnlichen Eindrcke seiner Umgebung entweder, wie der trumerische Denker in Folge seines Insichgekehrtseins, oder wie der oberflchliche Weltling in Folge unaufhrlichen Zerstreutseins weder Auge noch Ohr besitzt, geht die Bedingung des Dichters ab. 399. Wie die logische Kunst, wo sie nicht die Wissenschaft, sondern die Virtuositt in der Handhabung logischer Kunstgriffe zum Ziel hat, in Sophistik, so artet die schne Kunst, wenn sie nicht die Darstellung sthetischer Ideen, sondern die Darlegung unumschrnkter Herrschaft ber das sthetische Material d. i. blosse Kunstfertigkeit sich zum Zweck setzt, in Knstelei aus. Jene wie diese wird dadurch abgeschnitten, dass sowol die logische wie die schne Kunst unter die Herrschaft der ethischen Ideen gestellt d. h. dass sowol die Ausbung der logischen Pflicht, nur Logisches zu denken, wie jene der sthetischen Pflicht, nur Schnes zu schaffen, von der ethischen Pflicht, nur das Gute zu wollen, abhngig gemacht d. h. weder alles, was berhaupt gewusst werden kann, zu wissen gestrebt, noch alles, was Schnes berhaupt geschaffen werden kann, zu schaffen unternommen wird. Ausdruck dieser Mssigung, welche vor allem einerseits das zur Erfllung des sittlichen Berufs Unentbehrliche ("das Reich Gottes") im Wissen sucht und das der Erreichung desselben im Wege Stehende seiner lockenden Schnheit ungeachtet im Schaffen unterlsst d. h. nur Wissenschaft, aber nicht jede Wissenschaft, und nur Schnes, aber nicht jedes Schne duldet, ist als Darstellung der ethischen Ideen im eigenen, sei es Forscher-, sei es Knstlerbewusstsein, die Weisheit. 400. Wenn die Bildungskunst des eigenen Vorstellens nach logischen, sthetischen und ethischen Ideen zusammengenommen die Kunst der Geistesbildung, so macht jene des eigenen Fhlens nach sthetischen Ideen die Kunst der Gemthsbildung aus. Dieselbe geht, um Kunst d. h. um Darstellung in einem dem Darzustellenden homogenen Material zu sein, darauf aus, ihren Stoff, die Gefhle, in ihrer Reinheit herzustellen d. h. von jedem Zusatz, der etwas anderes als Gefhl (z. B. Begierde) und jeder Form, die eine andere als die Form des Gefhls (z. B. bewusste Vorstellung; wissenschaftliche Einsicht) wre, freizumachen. Dieselbe scheidet daher einerseits alle diejenigen Gefhle aus, die nur durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung eines eben vorhandenen zuflligen und ausschliesslich individuellen Begehrens, Wnschens oder Wollens veranlasst sind (die sogenannten "vagen" oder subjectiven Gefhle, Erregungen), andrerseits aber auch alle diejenigen sogenannten kritischen d. h. ein Gefallen oder Missfallen ausdrckenden Urtheile, welche mit Bewusstsein aus anderen Urtheilen als ihren Grnden abgeleitet, also nicht in der Gefhlsform d. h. als unwillkrlicher (bewusstloser), unvermittelter Vorgang im Bewusstsein gegeben sind. Folge des ersteren ist, dass als Material fr sthetische Ideendarstellung nur allgemeine und nothwendige (sogenannte "fixe" oder objective) Gefhle, Folge des letzteren, dass nur sogenannte sthetische (d. i. an sich evidente, eines Beweises weder fhige noch bedrftige) Werthurtheile als solches zugelassen werden. Jene wie diese, da es zu beider Beschaffenheit gehrt, allgemein und nothwendig d. h. unbedingter Ausdruck eines Wohlgefallens oder Missfallens zu sein, die sthetischen Ideen aber selbst nichts anderes sind als das an sich unbedingt Wohlgefllige und Missfllige, machen von Haus aus die Darstellung der letzteren als deren "Stimme" im Bewusstsein (die Idee in uns; das "Daimonion des Sokrates") aus. Je nachdem diese letztere sich richtend d. i. lobend oder tadelnd ber eigenes Verhalten (Schaffen oder Wollen), oder als harmonischer oder disharmonischer Nachklang fremder Gefhle vernehmen lsst, wird sie im ersteren Fall, wenn sie das eigene Schaffen seinem Werthe nach beurtheilt, Geschmack (sthetisches Gewissen), wenn sie das eigene Wollen billigt oder missbilligt, Gewissen (sittlicher Geschmack), in letzterem Falle sympathetisches Gefhl und zwar als harmonisches Sympathie (Mitgefhl, Mitleid, Mitfreude), wenn es disharmonisch ist, Antipathie (Neid, Schadenfreude) genannt. 401. Frucht der Gemthsbildung ist die Lebendigkeit des Geschmacks (der "Stimme des Gottes") im Knstler, des Gewissens (der "Stimme Gottes") im Einzel- und des Mitgefhls (socialen Gefhls) im geselliglebenden (socialen) Menschen. Wie die erste der schnen Kunst, so arbeitet die zweite der Bildungskunst des eigenen Wollens nach ethischen Normen vor; jene, indem durch die Lebendigkeit der eigenen Kunsteinsicht und des eigenen Kunsturtheils das eigene Schaffen des Knstlers gehoben und geregelt, diese indem durch die Regsamkeit der eigenen ethischen Einsicht und des Gewissensurtheils das eigene Wollen und Thun geweckt, beaufsichtigt und beeinflusst wird. Wie das Geschmacksurtheil die sthetische Norm fr den Schaffenden, so bietet das Gewissensurtheil die sittliche Norm fr den Wollenden dar, und deren Anwendung auf den gegebenen Fall erfolgt um so leichter, aber auch von Seite des im Bewusstsein vorhandenen Materials zur Darstellung der sittlichen Ideen d. i. von Seite des eigenen Begehrens, Wnschens und Wollens um so widerstandsloser, je reiner d. h. je freier von fremdartigen Zustzen und Einmischungen das letztere gehalten wird. Dasselbe darf daher weder in der Form blosser Vorstellung eines Wollens, noch in jener eines bewusstlosen Begehrens oder einsichtslosen Wnschens, sondern es muss in jener des wirklichen Wollens zur Beurtheilung vorliegen, um an der ethischen Norm mit Bewusstsein gemessen und von der Stimme des Gewissens zugelassen oder verworfen werden zu knnen. Indem auf diese Weise die ethische Idee im Willens- wie auf hnlichem Wege die sthetische Idee im Schaffensact zur Darstellung gelangt, verkrpert sich durch deren Ausdehnung einerseits auf das gesammte Wollen, andrerseits auf das gesammte Schaffen die ethische Idee, der Inhalt der Gewissensstimme, im sittlichen, wie die sthetische Idee, der Inhalt der Geschmacksstimme, im knstlerischen Charakter und tritt, wie die Ideendarstellung im eigenen Vorstellen als Geistes-, jene im eigenen Fhlen als Gemths-, so jene im eigenen Wollen als Kunst der Charakterbildung auf. ZWEITES CAPITEL. DIE BILDEKUNST. 402. Wie die Bildungskunst darauf ausgeht, das eigene, so ist die Bildekunst bemht, fremdes Vorstellen, Fhlen und Wollen ideengemss zu gestalten. Dieselbe setzt daher nicht nur Bewusstsein der Ideen im eigenen und Empfnglichkeit fr dieselben im fremden Bewusstsein, sondern sie setzt berdies, wie jede fr Andere bestimmte Mittheilung, eine beiden gemeinsame Welt und ein beiden verstndliches Verstndigungsmittel voraus. Ersteres, wie letzteres, bedingt eine innerhalb bestimmter Grenzen sich bewegende Gleichartigkeit des sich mittheilenden und des zur Aufnahme der Mittheilung bestimmten Bewusstseins, welche weder so weit gehen darf, dass die Verschiedenheit zwischen beiden zu einer blossen Wiederholung des einen im andern herabsinkt, noch so sehr abgeschwcht werden darf, dass die Verschiedenheit beider bis zu vlligem Gegensatz sich steigert. Jenes wre der Fall, wenn das sich mittheilende Bewusstsein weder quantitativ noch qualitativ verschiedenen Inhalt von dem des empfangenden bessse, letzteres dagegen, wenn das empfangende Bewusstsein dem sich mittheilenden nicht nur quantitativ berlegen, sondern qualitativ demselben etwa in der Weise, dass das eine endliches (menschliches), das andere schlechthin unendliches (gttliches) Bewusstsein darstellte, entgegengesetzt wre. Whrend qualitativ homogene, obgleich quantitativ weit von einander abstehende Bewusstseinsindividualitten immerhin der nmlichen Welt angehren und eines gemeinsamen Verstndigungsmittels sich bedienen knnen, fallen die Welten qualitativ entgegengesetzter Bewusstseinsindividualitten, wie diese selbst, als qualitative Gegenstze aus einander und ist zwischen denselben eine Verstndigung nur unter der Voraussetzung mglich, dass entweder die eine (niedere, endliche) in die Sphre der andern ("der Mensch zum Gotte") emporgehoben, oder die andere (die hhere, unendliche) in jene der niederen "der Gott zum Menschen" herabgezogen wird. In jenem Fall nimmt das endliche Bewusstsein Inhalt und Form des unendlichen (der Mensch Gttergestalt: Apotheose) und damit nicht nur die Erkenntniss- (Intuition, absolutes Wissen), sondern auch die Ausdrucksweise (visionre, prophetische Sprache) des absoluten Bewusstseins an. In letzterem Falle steigt das gttliche Bewusstsein nicht nur zu den Formen und Gesetzen des menschlichen, sondern auch zur Menschengestalt (Menschwerdung: Incarnation) und menschlichen Sprache (Unterredung, Belehrung durch Rede und Beispiel) herab. 403. Wie bei der Kunst der Ideendarstellung im eigenen, besteht die Vorbedingung bei jener im fremden Bewusstsein darin, dieses letztere als dargebotenes Material rein d. h. je nach der verschiedenen Classe von Bewusstseinsindividualitten, zu der es gehrt, von fremdartigen Zustzen und Vermengungen frei zu erhalten. Je nachdem das fremde Bewusstsein Einzelbewusstsein, oder einer Gesellschaft gleichartiger Individuen gemeinsames (Gesellschafts-) Bewusstsein, ersteres selbst entweder dem Bildner qualitativ gleichartiges und nur quantitativ untergeordnetes (werdendes) oder demselben ungleichartiges, quantitativ entweder ebenbrtiges oder berlegenes, in beiden Fllen fertiges Bewusstsein ist, werden drei Classen der Bildekunst, je nachdem die Thtigkeit des Bildners auf die Bildung des fremden Vorstellens oder des fremden Fhlens oder des fremden Wollens gerichtet ist, in jeder derselben drei besondere Formen der Bildekunst unterschieden. Jene drei ergeben nach einander a. die Kunst der Ideendarstellungen im jugendlichen Bewusstsein (Jugendbildung), b. die Kunst der Ideendarstellung im schon geformten, gereiften Bewusstsein (Regiment), c. die Kunst der Ideendarstellung im ffentlichen Bewusstsein (Staatskunst); diese ebenso nach einander a. die Kunst der Ideendarstellung im fremden Vorstellen (Unterricht), b. die Kunst der Darstellung der sthetischen Ideen im fremden Fhlen (Zucht), c. die Darstellung ethischer Ideen im fremden Wollen (Regierung). 404. Wie die Kunst der Selbstbildung jene der Geistes-, Gemths- und Charakterbildung, so begreift die der Jugendbildung (Erziehungskunst, Pdagogik) die des Unterrichts (Didaktik), der Zucht und der Regierung der Jugend in sich. Dieselbe setzt, wie jede Kunst, die Kenntniss der darzustellenden Ideen einer-, des Materials, in welchem dieselben zur Darstellung gelangen sollen d. i. nicht nur jene des menschlichen Bewusstseins berhaupt (Psychologie des Menschen), sondern die des jugendlichen Bewusstseins (Psychologie der Jugend) insbesondere andrerseits voraus. Insofern das letztere von dem des erwachsenen Menschen nicht qualitativ, sondern nur quantitativ, nicht den Gesetzen seiner Entwickelung, sondern nur dem bisher eingesammelten Vorrath des Bewusstseinsinhalts nach verschieden, in Anbetracht des letzteren drftiger als jenes ist, geht die Aufgabe der Jugendbildung dahin, einerseits den mangelnden Bewusstseinsinhalt in das Bewusstsein einzufhren, andererseits fr die normale Entwickelung der aus dem Wechselverkehr der Vorstellungen entspringenden Gefhle, Begehrungen, Wnsche, Willensacte und Handlungen Sorge zu tragen. Jenes, die Zufhrung des erforderlichen Bewusstseinsinhalts (Bildung der Vorstellungen und Vorstellungsmassen) macht den Zweck des Unterrichts; dieses, und zwar die Regelung der aus der wechselseitigen Hemmung und Frderung der Vorstellungsmassen entspringenden Gefhle macht die Aufgabe der Zucht, dagegen die Bndigung des aus den aufstrebenden Vorstellungen und Vorstellungsmassen aufbrausenden Begehrens, Wnschens und Wollens, insbesondere aber der das Zusammenleben mit Andern strenden Aeusserungen der Gefhle und Begierden in Handlungen die Aufgabe der Regierung der Jugend aus. 405. Welcherlei Material an Vorstellungen dem Bewusstsein zugefhrt werden soll, hngt von der Natur der in demselben darzustellenden Ideen ab. Dasselbe und folglich auch der Charakter des vermittelnden Unterrichts wird naturgemss ein anderes sein, wenn Ideen aller Art, als wenn Ideen nur einer besonderen Gattung (z. B. nur die sthetischen oder nur die ethischen oder nur die logischen) in demselben zur Darstellung kommen sollen. In jenem Fall werden alle Vorstellungen dem Bewusstsein zugefhrt werden mssen, an deren Vorhandensein berhaupt eine Classe der Ideen, in letzterem Fall nur solche, an welchen gerade eine bestimmte Classe von Ideen Interesse nimmt. Erstere Form des Unterrichts umfasst daher alle Vorstellungen und Vorstellungsmassen, an deren Herbeifhrung der Erziehungs- d. i. der Kunst der Darstellung aller, der logischen nicht weniger wie der moralischen und sthetischen Ideen im Jugendbewusstsein gelegen ist, und wird deshalb als erziehender, im Gegensatze dazu jene Form des Unterrichts, welche an der Darstellung nur einer Classe von Ideen und zwar der logischen im jugendlichen Vorstellen Interesse hat, als wissenschaftlicher Unterricht bezeichnet. Letztere Form zerfllt, je nachdem es sich lediglich darum handelt, dem jugendlichen Bewusstsein wissenschaftliche d. i. den logischen Normen gemsse Vorstellungen und Vorstellungsmassen zu berliefern oder dasselbe nicht blos anzuregen, sondern anzuleiten und zu befhigen, dergleichen ohne vorhergegangene Mittheilung (nicht reproductiv), durch eigene, den logischen Normen entsprechende Thtigkeit aus sich (productiv) zu erzeugen, in eine niedere und hhere Stufe, deren erste nur darauf ausgeht, Gelehrte, deren letztere darauf hinzielt, Forscher zu bilden. Die Aufgabe der Bildung durch erziehenden Unterricht fllt, wenn der Unterricht weder gelegentlich, noch einem oder wenigen (wie in der Familie), sondern vielen zugleich und in einer seinem Zwecke besonders gewidmeten Anstalt (Unterrichtsanstalt, Schule) ertheilt wird, der untersten, fr alle ohne Unterschied bestimmten Stufe derselben, der Volksschule; die Gelehrtenbildung der mittleren, zur Ausbildung einer Gelehrtenclasse und zugleich zur Vorbereitung fr die Selbstforschung gewidmeten Gelehrtenschule (Gymnasium, Realschule); die dritte der zur Bildung knftiger wissenschaftlicher Selbstforscher bestimmten obersten Stufe, der Hochschule (Universitt, Polytechnicum) zu. 406. Durch die Wahrnehmung des moralischen und des sthetischen Interesses mit und neben dem wissenschaftlichen arbeitet der erziehende Unterricht sowol der Zucht wie der Regierung vor. Der ersteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen, durch welche die Entstehung (sei es der Intensitt wie der Qualitt nach) bedenklicher Gefhle entweder gnzlich verhindert oder doch beschrnkt, dagegen jene (sowol der Strke als dem Inhalt nach) wnschenswerther Erregungen geweckt und gefrdert wird, bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials die Regelung der im Bewusstsein vorhandenen Gefhle nach Qualitt und Energie erleichtert, das jugendliche Gemth in Freud und Leid "in Zchten", in seinen Mitgefhlen fr und gegen Andere keusch, schamhaft und "zchtig" gehalten wird; der letzteren, indem durch die Beachtung solcher Vorstellungen und Vorstellungsmassen bei der Auswahl des Unterrichtsmaterials, durch welche einerseits die Furcht vor den Folgen unbndiger Ausschreitungen in Affects- und Willensusserung erweckt und erhht, andererseits die Aussicht auf die wohlthtigen Wirkungen gemssigten Verhaltens nach aussen, so wie in Beziehung auf Andere wirksam belebt und gesteigert, der Uebermuth der im Bewusstsein auftauchenden blinden Triebe, Affecte und Leidenschaften gezgelt, der Strungs- und Zerstrungseifer der Jugend durch Lohn und Strafe eingedmmt wird. 407. Wie der Unterricht, so hat die Zucht und die Regierung, also die gesammte Jugenderziehung zum letzten Zweck, mit der Erreichung ihres Ziels, der Geistes-, Gemths- und Charakterreife, sich selbst berflssig zu machen. Jenes geschieht, wenn der Schler zum Selbstforscher, dieses, wenn das strmisch bewegte und erregte Gemth zur ruhig prfenden Stimme des Innern und das halt- und ziellos zerfahrende Trachten und Treiben zum zielbewussten Wollen und in sich gefesteten Charakter geworden ist. 408. Wie die Erziehung an das werdende, so wendet sich die zweite Art der Bildekunst an ein bereits ("im Strom der Welt") gewordenes Bewusstsein. Soll dasselbe nicht blos einfrmiger Wiederholung, sondern lebendiger Wechselwirkung zugnglich und fhig sein, so muss zwischen demjenigen Theil, welcher den andern nach sich zu bilden trachtet, und jenem, welcher sich das vom Andern "nach seinem Bilde" Gebildetwerden gefallen lsst, zwar Verwandtschaft, aber nicht Gleichheit, darf zwar Ungleichheit, aber nicht Gegensatz herrschen. Dieser Fall findet statt bei der gegenseitigen, Geist, Gemth und Charakter beeinflussenden Wechselwirkung zwischen dem Geschlecht nach entgegengesetzten (Mann und Weib), oder dem Range, Stande, Beruf, der Lebensstellung nach verschiedenen, insbesondere einander ber- und untergeordneten Individuen (Vornehmen und Geringen, Herren und Dienern), am entschiedensten und folgereichsten aber zwischen dem Glubigen und dem "nach seinem Ebenbilde" gedachten d. i. vom Menschen menschenhnlich erschaffenen Gott (homo homini deus). 409. Dieselbe tritt, da es sich um Ideendarstellung in dem Bewusstsein eines fremden Erwachsenen handelt, nicht als (ja bereits vollendete) Erziehung, sondern als "Regiment" (des Mannes ber das Weib oder umgekehrt; des Herrn ber den Knecht oder "des Kammerdieners ber den Frsten"; des Glubigen ber seinen Gott oder umgekehrt der Gtter ber den Menschen) auf. Dasselbe setzt von Seite des Bildenden zwar Ueberlegenheit, aber nicht, wie bei der Erziehung, an Bildung berhaupt, sondern in einer bestimmten Art und Richtung der Bildung voraus. Daher ist der Unterricht innerhalb dieser Classe der Bildungskunst nicht wie bei der Jugendbildung allgemein bildender, sondern fachmnnischer (Fachunterricht), der Lehrer dem Schler nicht an Bildung im Allgemeinen, sondern nur an Bildung in dem besondern Fache berlegen (Fachlehrer, Fachstudium). An die Stelle des erziehenden tritt daher hier der fr ein bestimmtes Fach vorbereitende Unterricht (Proseminar fr Philologen; pharmaceutischer Vorbereitungscurs fr Apotheker), whrend der Fachunterricht selbst in zwei Stufen, die niedere und hhere zerfllt, auf deren erster das Fach wissenschaftlich gelehrt, auf deren zweiter die Ausbung desselben praktisch zur Fertigkeit erhoben wird. Als Schule gliedert sich der Fachunterricht nach obigen Stufen in die Vorbereitungs-, gelehrte Fach- und fachliche Hochschule (Zeichenschule, Kunstschule, Meisterschule d. i. Atelier). Wird der Charakter des Unterrichts nicht durch das Fach, fr welches, sondern durch die Beschaffenheit des Schlers, fr welchen er ertheilt wird, bestimmt, so entsteht, wenn das Geschlecht massgebend ist, der sogenannte "weibliche Unterricht" (Tchterschule, Frauenlyceum), wenn der gesellschaftliche Rang den Ausschlag gibt, der privilegirte Unterricht (Ritterakademie, Adelsconvict), wenn das Glaubensbekenntniss entscheidet, der confessionelle Unterricht (confessionelle Schule, katholische Universitt) u. s. w. 410. Einen besonderen Charakter nimmt der Unterricht an, wenn der zu Unterrichtende in den Augen des Unterrichtenden selbst als der besser Unterrichtete gilt. Dieser Fall, welcher eigentlich die Ironie des Unterrichts darstellt, ereignet sich dort, wo dem Klger ein Richter, dem Glubigen sein Gott gegenbersteht. Jener wie dieser wird von demjenigen, der sich an einen von beiden wendet, fr ihn selbst an Einsicht berlegen und doch von dem besonderen Fall, um den es sich handelt, fr nicht unterrichtet gehalten, zugleich aber vorausgesetzt, dass es dem Richter gegenber nur einer "Vorstellung", dem Gotte gegenber nur eines "Gebets" bedrfe, um als Klger von jenem die Gewhrung seines Rechts, als Glubiger von diesem die Erhrung seiner Bitte zu erlangen. Der geschilderte Fall ist gleichsam die Umkehrung der sogenannten sokratischen Ironie; denn whrend bei dieser der Wissende sich unwissend stellt und zum Schein Belehrung heischt, wird der Wissende hier als unwissend vorgestellt, welcher der Belehrung bedarf. 411. Wie das Regiment dem Unterricht das Geprge des Fachs, Standes, Geschlechts, Glaubensbekenntnisses u. s. w., so verleiht dasselbe der Zucht wie der Regierung den Charakter desjenigen Gefhls- und Willensmaterials, in welchem die Darstellung der sthetischen oder der ethischen Ideen statthaben soll. Dieses Material sind, wenn der zu bildende Erwachsene einem bestimmten Geschlecht oder Stande, Range, Glaubensbekenntniss oder Nationalitt angehrt, die entsprechenden, jenem Geschlecht, Stande, religisen Bekenntniss u. s. w. angehrigen besonderen Gefhle (mnnliches Ehr-, weibliches Schamgefhl; militrischer esprit de corps; Adels-, confessionelles, Nationalittsbewusstsein), welche als Ausdruck der sthetischen Idee im Gemthsleben die sogenannte (militrische, religise, sexuale u. s. w.) Disciplin (Standeszucht, Kirchenzucht, Keuschheit) im Gefolge haben. In gleicher Weise machen die einem gewissen Geschlechte, Stande, Glaubensbekenntniss u. s. w. gestatteten oder versagten Willensusserungen und Handlungen dasjenige aus, was als Ausdruck der ethischen Ideen innerhalb jenes Geschlechts, Hauses, Standes, Glaubensbekenntnisses u. s. w., dessen Reglement (Standesordnung; Haus- und Dienstordnung; religises Ceremoniell; Fasten- und Kleiderordnung etc.) darstellt. Wie auf der Herrschaft des Vornehmen ber den Geringen der Herrn-, so beruht auf der Minneherrschaft der Frau ber den Mann der Minne-, oder (Ulrich von Lichtenstein's) Frauendienst. Wie auf der Herrschaft des Gottes ber den Glubigen der Gottes-, so ruht auf der romantischen Anbetung der jungfrulichen Mutter der Mariendienst. 412. Wie die Erziehungskunst das jugendliche, das Regiment das erwachsene Einzel-, so geht die Politik (Staatskunst) das den Mitgliedern einer organisirten Gesellschaft (Schule, Partei, Kirche, Staat) gemeinsame, daher als solches ffentliche Bewusstsein an. Dieselbe hat als Ideendarstellung im ffentlichen Bewusstsein dieselben sowol in dessen Vorstellen d. i. im ffentlichen Geiste, wie in dessen Fhlen d. i. in der ffentlichen Meinung, und dessen Wollen d. i. im ffentlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Jede organisirte Gesellschaft trachtet demnach als Ausfluss ihrer Politik ihre eigene Schule zu grnden, ihren eigenen Anstand zu behaupten und ihre eigene Regierung zu fhren. Je nachdem die Gesellschaft selbst als philosophische oder wissenschaftliche Secte unter einem Schul- oder Sectenhaupt (Stoa unter Zeno), oder als politische Partei unter einem Parteihaupt (Conservative unter Pitt, Liberale unter Fox in England), als eine Kirche unter ihrem Kirchenhaupt (die katholische Kirche unter dem Papst), als Staat unter seinem Staatshaupt (Oesterreich unter Josef II., Preussen unter Friedrich dem Grossen) organisirt ist, bedarf sie einer Schule (Sectenschule, Parteischule, confessionell kirchliche Schule, Staatsschule) als Werkzeug zur Bildung des ihrem Geiste entsprechenden ffentlichen Geistes, deren und der von ihr aus verbreiteten Wissenschaft Frbung demnach eine politische, die Farbe der Politik der sie stiftenden und erhaltenden Gesellschaft (der Secte, Partei, Confession oder des Staates) sein wird. Dieselbe wird nicht sowol darauf bedacht sein, gebildete, als vielmehr im Sinn ihrer eigenen Politik politisch gebildete Anhnger ihrer Secte, Parteigenossen, confessionelle Bekenner oder "gute" Staatsbrger zu bilden; die wissenschaftliche wird unter ihren Hnden in eine Schul-, Partei-, Kirchen- oder staatspolitische Lehrkanzel umgewandelt. 413. Wie die Politik als Anwendung der logischen Ideen auf den ffentlichen Geist als Staatsklugheit, so erscheint sie in der Anwendung der sthetischen Ideen auf denselben als politischer Anstand, in jener der ethischen Ideen dagegen als politische Weisheit. Jene verbietet, den ffentlichen Geist verstandeswidrig, z. B. durch die Berufung auf den sogenannten "beschrnkten Unterthanenverstand", der zweite, denselben anstandswidrig z. B. durch Verletzung des ffentlichen Schicklichkeitsgefhls, die dritte, denselben vernunftswidrig z. B. durch Festhalten an dem lngst im ffentlichen Bewusstsein Abgestorbenen zu beeinflussen. Dagegen gebietet die Politik als ffentliche Zucht nicht nur den Ausschreitungen des ffentlichen Gemthslebens nach der Seite des Lust- wie des Unlustgefhls, Rohheit und Ausgelassenheit einer-, Jammer- und Wehklagen andererseits Einhalt zu thun, sondern auch die dem geselligen Zusammenleben hinderlichen antisocialen Gefhle nach Mglichkeit zu hemmen und deren entgegengesetzte, die socialen Gefhle (Mitgefhle) eben so zu wecken und zu frdern, so wie auch direct (durch Belehrung), oder indirect (durch Anschauung) die sthetischen Gefhle zu beleben, die sittlichen Gefhle zu wecken und auf diese Weise zur Hebung des ffentlichen Humanittsgefhls, Gewissens und Geschmacks wirksam beizutragen. Von selbst leuchtet ein, dass je nach dem Charakter der Gesellschaft von welcher und innerhalb welcher auf das ffentliche Gemthsleben Einfluss genommen wird, dieses selbst und sonach auch die innerhalb ihrer herrschende ffentliche Zucht einen der Politik dieser Gesellschaft entsprechenden Charakter tragen, also nicht nur innerhalb einer philosophischen oder wissenschaftlichen Secte anders als innerhalb einer politischen Partei, innerhalb einer Kirche anders als innerhalb eines Staates gehandhabt werden, sondern auch je nach dem verschiedenen Charakter der Schule, Partei, Kirche oder des Staats in der einen Schule (z. B. in jener der Stoiker) anders als in einer anderen (z. B. in jener der Epikurer), unter Radicalen und Socialdemokraten anders als unter Legitimisten und Hochconservativen, unter Christen anders als unter Mohamedanern und in einem freien anders als in einem sdstaatlichen Sclavenstaate ausfallen wird. Nicht nur die Anstands- und Schicklichkeitsbegriffe werden verschiedene, auch die Schnheits- und sittlichen Gefhle werden je nach dem Gesichtspunkt und der Beschaffenheit des Gesellschaftsbewusstseins verschiedene sein. Wie die Staatskunst beim Unterricht der Schule, so wird sie sich bei ihrer Einwirkung auf die ffentliche Meinung aller derjenigen Organe bedienen, welche durch eine lebhafte und mit sich fortreissende Erregung der Gefhle auf dasjenige, was sie fr lblich oder schndlich, erlaubt oder unerlaubt, schn oder hsslich, anstndig oder anstandswidrig angesehen wissen will, einer-, wie auf die Erregung, sei es des ffentlichen Mitgefhls oder des ffentlichen Hasses, anderseits vorbergehend oder bleibend thtigen Einfluss zu ben vermgen. Wie sie zum Zwecke der Bildung des ffentlichen Geistes der Wissenschaft, so bedient sie sich behufs der Bildung des ffentlichen Geschmacks, Gewissens und Mitgefhls der schnen Kunst und zwar der sthetischen Beredsamkeit in Wort und Bild, sei es (wie die Kirche) von der Kanzel (Predigt, Erbauungsrede), sei es, wie in der profanen Gesellschaft (Schule, Partei, Staat), von der "moralischen" Schaubhne herab (Schulkomdie, politisches Tendenzstck, Nationaltheater). Wie die Kirche durch die schne Kunst (Tempel und Kirchenbau, geistliche Musik, priesterlicher Festschmuck, Altardienst) den ffentlichen Gottesdienst zu verherrlichen, so trachtet der Staat durch ffentliche Feste ("Circenses") das ffentliche Vergngen zu frdern, durch Veranstaltung ffentlicher Schauspiele (wie in Athen durch Aussetzung von Preisen), durch Kunstsammlungen, Monumentalbau- und Bildwerke (Akropolis, Stoa poikile) den ffentlichen Geschmack zu erziehen, durch Auffhrung von Tragdien, welche "Mitleid und Furcht", von Komdien, welche durch Darstellung "unschdlicher Thorheit" Heiterkeit erregen, wohlthtige "Entladung" (Katharsis: Aristoteles-Bernays) des ffentlichen Gemths von "diesen und derlei Leidenschaften" zu bewirken. Wie die Predigt und die Bhnenrede vom Munde, so dringt die (periodische und nicht periodische) sthetische Presse vom lesenden Auge aus zum Herzen und wird um ihrer mchtigen Wirkung willen auf das ffentliche Gemthsleben (Romanliteratur) von der organisirten Gesellschaft mit Vorliebe als ein Gegenstand der ffentlichen Zucht angesehen und je nach ihrer den Zwecken derselben nachtheiligen oder vorteilhaft scheinenden Richtung zu hemmen (Censuredicte, index librorum prohibitorum) oder (durch Subventionen, Preise) zu frdern gesucht. 414. Wie durch den Unterricht auf den ffentlichen Geist, durch die Zucht auf die ffentliche Meinung, so sucht die Staatskunst durch die Regierung auf den ffentlichen Willen zu wirken. Wie jenes zur wissenschaftlichen Erziehung im Geist einer philosophischen oder wissenschaftlichen Schule oder Secte, politischen Partei, der Kirche oder des Staates, das zweite zur sthetischen Erziehung ebenso im Geiste einer der genannten Gesellschaften, so fhrt das letzte zur Regierung der Gesellschaft entweder vom Schul- oder vom Partei-, vom kirchlichen oder vom staatlichen Standpunkt aus. Wie die darzustellenden Ideen die ethischen, so ist das zur Darstellung bestimmte Material das innerhalb der Schule, Partei, Kirche oder Staatsgesellschaft existirende gemeinsame Wollen, welches jenen gemss zu gestalten das Ziel der Regierung jeder der genannten Gesellschaften ausmacht. Mittel und Werkzeug zur Erreichung desselben ist daher alles, was einerseits den Ausartungen des ffentlichen Willens zuvorzukommen (prventive), andererseits stattgehabte Ueberschreitungen zurckzudrngen (repressive Massregeln) im Stande ist. Zu jenen gehrt in erster Reihe die (politische) Belehrung, welche den ffentlichen Willen in die von dem Geiste der Gesellschaft demselben angewiesenen Schranken, sei es durch Ueberzeugung, sei es durch Ueberredung zu leiten und in denselben aller Verlockungen zum Gegentheil ungeachtet zu erhalten vermag. Zu den letzteren gehrt die (politische) Bestrafung, welche nicht nur die Folgen der eingetretenen Ueberschreitung auszugleichen, sondern die Wiederkehr hnlicher durch Abschreckung zu verhindern trachtet. Wie der Unterricht der Katheder, die ffentliche Zucht der Kanzel oder der Schaubhne, so bedient sich die Regierung zu jenem Zwecke der Redner-, zu diesem der Gerichtsbhne. Von jener herab wird auf den ffentlichen Willen im Geiste der Schule, Partei, Kirche oder staatlichen Gesellschaft durch ffentliche Rede bestimmend, also in der Richtung jeder der obengenannten mit sich fortreissend, von dieser herab auf denselben durch das Schauspiel ffentlichen Gerichtsverfahrens d. i. ffentlicher Klage und Vertheidigung einer- und ebensolcher Urtheilsvollstreckung andererseits im Geiste derjenigen Gesellschaft, welche Gericht hlt, abschreckend eingewirkt. Wie der politische Redner fr die Schule, so wirbt der Parteiredner (mndlich oder als Parteischriftsteller schriftlich) fr die Partei, der kirchliche Redner fr seine Kirche, der staatliche fr den Staat; wie die Schule Schulstrafen z. B. Ausschliessung aus der Schule, die Partei Parteistrafen, so verhngt die Kirche fr den Abfall von ihrem gemeinsamen Bekenntniss Kirchenstrafen (Excommunication) und veranstaltet ffentliche kirchliche Gerichtsvollziehungen (Kirchenbusse, Autos da f), und bt der Staat in seinem Namen Gerichtspflege und setzt deren Urtheile ffentlich in Vollzug (Hinrichtungen, ffentliche Gefngnisse). Whrend die letzteren auf das Auge, so sind die Parteiergiessungen und Parteiargumente der politischen Eloquenz auf das Ohr der Oeffentlichkeit berechnet und werden weit ber den Gehrskreis der letzteren hinaus durch die politische (periodische und nichtperiodische) Presse ("die sechste Grossmacht"), die Rednerbhne durch den Leitartikel, das ffentliche Gericht durch die (politische) Caricatur und den ffentlichen politischen Witz in harmloser, durch die ffentliche Brandmarkung mittels der Schrift in um so drastischerer Weise vollzogen, als die unter einander widerstreitenden Schul-, Partei-, kirchlichen und staatlichen Gesichtspunkte unter einander so widerstreitende Urtheile zur Folge haben, dass die Wunden, welche die Presse nach einer Seite schlgt, von derselben Presse wie von der goldenen Lanze des Achilleus nach der andern wieder geheilt werden. 415. Wie die Kunst als Ideendarstellung ihr Zerrbild in der ideenlosen Virtuositt, die logische Kunst insbesondere das ihre in der grundsatzlosen Sophistik, so findet der Jugendunterricht, dessen Wesen in der Anpassung an das jugendliche Bewusstsein liegt, das seine in der von diesem sich freimachenden Emancipation (vorzeitigen Reife, Prcocitt), das Regiment als Bildung des Andern nach sich seine Entartung im Despotismus (Tyrannei), welcher die qualitative Beschaffenheit des Andern, sei es den geschlechtlichen Gegensatz (Sclaverei des Weibes), sei es die allgemein menschliche Verwandtschaft (Leibeigenschaft des Knechtes) ausser Acht lsst, endlich die Staatskunst als Erziehung des ffentlichen Bewusstseins ihr Afterbild in der sogenannten Staatsraison, welche der ersteren als Kunst der Ideendarstellung die ideenlose Praktik (politische Routine) in der willkrlichen Beeinflussung des ffentlichen Geistes nach Schul-, Partei-, Kirchen- und Staatszwecken, der ffentlichen Meinung nach persnlichen Stimmungen und des ffentlichen Willens nach Opportunittsgelsten unterschiebt. DRITTES CAPITEL. DIE BILDENDE KUNST. 416. Wie die Bildungskunst Ideendarstellung im eigenen, die Bildekunst im fremden Bewusstsein, so ist die bildende Kunst Ideendarstellung in unbewusstem, sei es leblosem, sei es belebtem Stoff. Dieselbe setzt daher nicht nur, wie jede Kunst, die Kenntniss der (logischen, sthetischen und ethischen) Ideen, sondern als solche berdies die Kenntniss des gesammten ihr zu Gebote stehenden (leblosen und belebten) Materials d. i. die Naturwissenschaft und zwar sowol jene der leblosen (Physik) wie der belebten Natur (Physiologie, Biologie) in ihrem ganzen Umfange voraus. Whrend jedoch letztere sich mit der Kenntniss der Natur, ihrer Erscheinungen und ihrer Gesetze begngt d. h. die Natur nur beschreibt, geht jene darauf aus, den Gehalt der Natur mit der Forderung der Ideen zu vergleichen und die Gestalt der Natur, soweit es thunlich ist, nach dieser zu verndern. 417. Da jeder Abnderungsversuch der der Natur natrlichen Gestalt, Herrschaft ber die Natur, letztere aber vor allem Macht ber dieselbe d. h. die in derselben gegebenen wirksamen Krfte bedingt, letztere aber nur durch die Wissenschaft ("Wissenschaft ist Macht") erlangt werden kann, so folgt, dass die Bedingung der bildenden Kunst in dem Gewinn echter d. i. den logischen Ideen entsprechender Wissenschaft zu suchen und nur von einer solchen die zur Gewinnung einer vollstndigen Herrschaft ber die Natur unentbehrliche Macht zu erwarten ist. 418. Insofern die Kunst dieser durch die Naturwissenschaft ihr zu Gebote gestellten Macht ber die Natur sich bedient, um berhaupt Vernderungen an derselben hervorzubringen, ist dieselbe technische, inwiefern sie dies thut, um Ideen in derselben zur Darstellung zu bringen, jedoch allein bildende Kunst. Jene fllt als nur um ihrer selbst willen ins Werk gesetzte Ueberwindung durch die Natur ihrer Beherrschung in den Weg gestellter Widerstnde mit der Virtuositt, als Unterschiebung persnlicher, der Ideendarstellung fremder Zwecke bei der Beherrschung der Natur (z. B. Ausbeutung derselben zu persnlichem Gewinn) mit der politischen Willkrherrschaft in Eins zusammen, whrend die letztere einerseits mit der Bildungs- und Bilde-, andererseits mit der echten Staatskunst (Staatsweisheit) gleichlaufende Richtungen verfolgt. 419. Dieselbe geht zunchst darauf aus, die Gestalt der Natur logischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Widersprechendes thatschlich, aber den Widerspruch aus demselben zu entfernen mglich ist, diesen zu beseitigen, wo dagegen Gleichartiges, mit dem Gegebenen Vertrgliches oder durch dasselbe sogar Gefordertes thatschlich nicht gegeben, aber dessen Herbeifhrung mglich ist, dasselbe heranzuziehen d. h. im ganzen Umfang der Natur das nicht Zusammengehrige, aber Vereinigte zu sondern, das Zusammengehrige, aber Getrennte zu verbinden und auf diese Weise nicht nur fr die Erhaltung, beziehungsweise Wiedererzeugung bestehender oder lngst bestandener innerlich zusammengehriger, sondern auch fr das knftige Bestehen bisher nicht bestandener, innerlich zusammengehriger Verbindungen durch Erzeugung neuer Sorge zu tragen. Wie die Erfllung der ersten Aufgabe mit der kritischen Sichtung durch die Erfahrung gegebener Begriffe, in Folge deren bestehende Urtheile aufgehoben (negirt), nicht bestehende neu gebildet (affirmirt) werden, so zeigt jene der letzteren einerseits mit dem Ersatz durch die Erfahrung gegebener Begriffe durch denselben an Umfang gleiche, an Inhalt ungleiche (quipollente), andererseits mit der Erzeugung neuer Urtheile als Schlussstze aus durch die Erfahrung gegebenen Prmissen (Vorderstzen) und deren Fortsetzung zu Schlussketten und Begriffssystemen Verwandtschaft. Jene fasst die Naturproducte nicht nur mit Rcksicht auf den Ort, an welchem, und die Zeit, zu welcher, sondern auch auf die begleitenden Umstnde und die Umgebung, unter welcher sie gegeben sind d. h. in Beziehung auf- und zu einander, folglich, da unter denselben der Mensch selbst erscheint, auch in Beziehung zu diesem und auf diesen d. h. als fr ihn ntzlich oder schdlich ins Auge; diese bercksichtigt bei der Betrachtung der im Raume gegebenen Erscheinungen und Naturkrper vornehmlich deren Vergnglichkeit in der Zeit und bemht sich, einerseits durch die Frsorge fr die Erzeugung neuer Individuen die Gattungen, wie durch die Verschwisterung verschiedenen Gattungen angehriger Individuen neue Gattungen zu erhalten. Je nachdem die bildende Kunst sich auf die blosse Vernderung des Ortes und Zeitpunkts, so wie des Quantums der Naturproducte beschrnkt oder an deren qualitative Zusammensetzung, so wie deren stoffliche Vernderung Hand anlegt, zerfllt dieselbe in drei verschiedene Classen, die sich als Handel und Verkehr, Gewerbe und Industrie, Bodenbebauung und Thierzucht bezeichnen lassen. 420. Handel und Verkehr sind bestimmt, Naturproducte nach ihrem eigenen und des Menschen Bedrfniss von Orten, welche fr sie nicht passen, weil sie zu eng fr dieselben geworden sind (Ueberproduction im Pflanzen- und Thierreich; Uebervlkerung), zu entfernen (Export; Auswanderung) und an Orten, wo sie mangeln oder Raum zur Ausbreitung finden (productionsarme Flchen; unbewohnte Gegenden), abzusetzen (Import; Colonisation). Beide suchen daher vor allem die Schranken, welche einerseits der freien, andrerseits der raschen Beweglichkeit im Wege stehen, aufzuheben (Zoll- und Handelsfreiheit; "Time is money"), andrerseits alle Mittel anzuwenden, die den Erwerb und Vertrieb der Producte erleichtern (Geld statt Tausch), die Geschwindigkeit der Bewegung erhhen (Eisenbahnen, Dampfschiffe), den Zeitverbrauch zum (schriftlichen und mndlichen) Verkehr krzen (Post, Telegraph, Telephon) und die Sicherheit desselben gewhrleisten (Handelsschutz, Handelsbndniss, Handelsversicherung, Monopol). Gewerbe und Industrie gehen darauf aus, unzusammengehrige Stoffverbindungen, wenn sie Gemenge sind, mechanisch von einander zu trennen (Bergbau), wenn sie Mischungen sind, chemisch von einander zu lsen (Erzschmelze), zusammengehrige durch Anhufung (Baukunst) oder durch Verschmelzung (Legirung) zu stiften. Je nachdem dies bei unorganischen oder organischen, in letzterer Hinsicht bei Stoffen aus dem vegetabilischen oder aus dem animalischen Reiche geschieht, nehmen beide stofflich, je nachdem es durch Hndearbeit, oder mit einfachen, oder fast ohne diese mittels verwickelter bis zur scheinbaren Selbststndigkeit gesteigerter Werkzeuge (Maschinen) geschieht, formell verschiedenen Charakter an (Handwerk, Maschinenarbeit). Nach dem Quantum der Production und der zu derselben erforderlichen Kosten werden Klein- und Grossgewerbe, Klein- und Grossindustrie unterschieden. Wie der Handel und der Verkehr eine Tendenz, in die Ferne zu streben, so zeigen Gewerbe und Industrie eine solche, am Orte zu beharren d. h. die Naturproducte dort, wo sie zu finden sind, ihrer Form nach zu verndern, (rtliche Vereinigung von Bergbau und Erzschmelzen; Verwendung des localen Steinbruchs als Baumaterial: Schieferdcher am Rhein, Holzbau im Gebirge; Tracht aus Thierhuten und einheimischer Wolle). Dieselben suchen daher einerseits alle Schranken, welche der Freiheit des Gewerbes berhaupt (Zunftzwang), wie an dem Orte des betreffenden Materials (Bodeneigenthum) im Wege stehen, zu entfernen (Gewerbefreiheit, Freischurf), andrerseits alle Mittel zu entdecken und zu verwenden, welche die, sei es mechanische, sei es chemische Formnderung der Naturstoffe ermglichen (Mechanik, Maschinentechnik, Ingenieurkunst) oder erleichtern (technische Chemie, Technologie, Scheidekunst), zugleich aber das auf diesem Wege geschaffene industrielle Product gegen Verdrngung oder Ersatz durch seinesgleichen im Verbrauche sichern (Gewerbeschutz durch Marken und Zlle, industrielle Privilegien). Bodenbebauung und Thierzucht sind bestrebt, einerseits jene durch knstliche Anpflanzung von Gewchsen dieselben vor der allmligen Entartung (Degeneration) und schliesslichem Untergang, diese durch knstliche Zchtung von Thieren letztere vor gleichem Schicksal zu bewahren, andererseits durch Veredelung (z. B. Pfropfung) auf knstlichem Wege neue Varietten von Pflanzen wie durch Kreuzung neue Schlge von Thieren zu erzeugen. Beide gehen darauf aus, nicht nur das vorhandene Quantum organischer Naturproducte sich nicht vermindern, sondern dasselbe sich stets vermehren zu lassen (natrliche Fruchtbarkeit), aber auch die Qualitt derselben den Beziehungen der Naturorganismen unter einander gemss zu ndern, Futterpflanzen fr Thiere, Gemse fr die Menschen zu schaffen, oder wucherndes Unkraut (Gramineen) in Nutzpflanzen (Getreide) umzubilden (Agricultur), so wie durch Zhmung und Pflege wild lebende Thiere in Hausthiere (Civilisation bei Thieren und Menschen) und durch Kreuzung schwcherer mit strkeren, oder Ersatz ersterer durch letztere Racen brauchbare Nutzthiere hervorzubringen (veredelnde Schaf-, Rinder-, Pferde-, Geflgelzucht etc.). Da die Bodenbebauung nicht blos, wie Gewerbe und Industrie, eine natrliche Tendenz am Orte zu bleiben besitzt, sondern am Boden als unbeweglichem haftet, so muss dieselbe, was diesem an natrlicher Fruchtbarkeit abgeht, durch knstliche Steigerung derselben d. i. durch Bodenverbesserung (knstliche Dngung, Bewsserung, Bearbeitung) zu ersetzen, so wie dessen Ertrag durch knstliche Sicherungsanstalten gegen nicht abzuwehrende Strungen von aussen (atmosphrische Einflsse, Drre, Hagelwetter) zu schtzen trachten (Hagel- und Wetterschadenversicherung). Umgekehrt muss die Thierzucht, da sie des freibeweglichen Charakters der Thiernatur wegen eines erweiterten Spielraums bedarf, sich in die Lage versetzt fhlen, den Mngeln des Orts, an dem sie gebt wird, durch Ortsvernderung (Weidepltze, Austrieb des Viehs auf die Alpen, Uebersiedelung je nach dem Wechsel der Jahreszeiten) abhelfen, so wie Leben und Gesundheit ihrer Pfleglinge gegen drohende Strungen von aussen (Thierseuchen) entweder indirect durch knstliche Absperrung (Thiereinfuhrverbote), oder direct durch knstliche Heilung und Wiederherstellung (Thierarzneikunde, Sanittsmassregeln) schtzen zu knnen. Insofern aber weder Bodenanbau noch Thierzucht das natrliche Hinderniss aus dem Wege zu rumen vermgen, welches durch das Aufwachsen von Pflanzen und Thieren unter den klimatologischen und atmosphrischen Einflssen ihrer einheimischen Natur deren Verpflanzung in andere Erd- und unter andere Himmelsstriche entgegensteht, muss dieser letztern die (der Natur der Sache nach nur langsam erfolgende) Acclimatisation und allmlige Einbrgerung derselben vorhergegangen sein, welchem Zweck beide durch besondere Eingewhnungsanstalten (Acclimatisationsgrten fr Pflanzen und Thiere) zu gengen bedacht sein werden. 421. Die hervorragende Stellung, welche der Mensch (wie die Ich-Vorstellung unter den Bewusstseinsbildungen und der Staat unter den organisirten Gesellschaften) unter den organischen Producten der Natur einnimmt, macht es erklrlich, dass die Beziehungen der brigen Naturerzeugnisse auf ihn d. i. deren beziehungsweise Ntzlichkeit oder Schdlichkeit fr den Menschen vom menschlichen Gesichtspunkt aus die Hauptrichtschnur fr die Zwecke des Handels und Verkehrs, der Gewerbe und Industrie, des Ackerbaues und der Thierzucht abgeben. Wie derselbe geneigt ist, mit dem Erwachen seines Bewusstseins sich als den Mittelpunkt des Weltalls (wie das Kind sich als den Mittelpunkt des Hauses) zu betrachten, Sonne Mond und Gestirne als bestimmt anzusehen, ihm zu leuchten, ihn zu wrmen, so sieht er sich als den natrlichen Herrn und Gebieter seiner organischen wie unorganischen Umgebung an und nimmt keinen Anstand, die unterirdischen wie oberirdischen Schtze der Erdrinde (Erz und Gestein, Pflanze und Thier) zu seinem Dienste zu gebrauchen. Die bildende Kunst als Ideendarstellung im belebten wie leblosen Material nimmt dadurch, dass der Mensch anderen Naturproducten gegenber fr sich eine Ausnahmsstellung beansprucht, unwillkrlich einen beschrnkten, im menschlichen Sinn egoistischen, die Beherrschung der Natur zum Nutzen des Menschen gebrauchenden Charakter (Utilitarismus) an, welcher, wenn der ideale, auf Darstellung der logischen, sthetischen, oder ethischen Ideen gerichtete Zweck der Kunst mit des Menschen natrlichen, aber auch, wenn er mit dessen erknstelten (Luxus-) Bedrfnissen, Gelsten und Anmassungen in Widerstreit gerth, denselben rcksichtslos aufopfert. Derselbe steht als despotische Willkrherrschaft ber die Natur der ideenlosen technischen Virtuositt in der Besiegung natrlicher Hindernisse eben so als Entartung bildender Kunst zur Seite, wie andererseits die zu zweck- und nutzlosem Spiel mit den natrlichen Formen und Krften des menschlichen Krpers ausgeartete Athletik, Pantomimik, Akrobatik und andere Schwimm-, Gang-, Ritt- und Forceproben zu der auf durchgreifender Kenntniss des Baues und normalen Lebensprocesses desselben beruhenden Gymnastik, Dit und Gesundheitspflege das Gegenstck darstellen. 422. Wie die bildende Kunst als Darstellung der logischen Ideen in der leblosen und belebten Natur als "Weltverbesserung", so tritt sie als Verwirklichung der sthetischen Ideen in derselben als "Weltverschnerung" auf. Als solche geht dieselbe darauf aus, die Gestalt der Natur sthetischen Normen anzubequemen d. h. wo in derselben Schwchliches, Verkommenes, Krppelhaftes sich zu entfalten droht, dieser Gefahr zuvorzukommen (Orthopdie bei Pflanzen und thierischen Krpern), wo es sich vorfindet, dasselbe zu beseitigen (Durchforstung des Waldes; Aussetzung der Kinder in Sparta und Rom), wo Disharmonisches in der Natur thatschlich gegeben ist oder bevorsteht, nach Mglichkeit Einklang an dessen Stelle zu setzen (Landschaftsgrtnerei, Parkanlagen), auch leblose Natur wie Producte der Menschenhand mit dem Schein der Lebendigkeit und der Beseelung auszustatten (Cascaden als Gartenzier; Kunstgewerbe; Ornamentik). Je nachdem zum Material der Ideendarstellung die leblose oder die lebendige Natur, in der letzteren die vegetabilische oder die thierische, in dieser insbesondere der menschliche Krper gewhlt, die sthetische Idee in demselben minder oder mehr durch die schon vorgefundene Gestalt des natrlichen Stoffes gebunden erscheint, wird die bildende Kunst als sthetische Ideendarstellung (Plastik) in leblose und lebendige, oder in freie (schne), oder decorative (verschnernde) Plastik (ornamentale Kunst), je nach dem Quantum des verwendeten Materials in Gross- und Kleinplastik unterschieden. 423. Zu der im leblosen Material sthetisch bildenden Kunst gehrt die Bildnerkunst, welche entweder unbeweglichem materiellem Stoff, z. B. Felsgestein ("lebendigem Fels") eine bestimmte sthetische Form ertheilt (Hhlentempel, Felsengrber, behauener Fels) oder bewegliches, lebloses Material (natrliches oder knstliches Gestein, Bruchstein, Backstein; Holz, Bein, Metall) entweder (als Block, Stamm, Thierzahn, Erz u. s. w.) einzeln geometrisch (wie der Steinmetz, der Zimmermann etc.) oder sthetisch (wie der Bildhauer, der Bildschnitzer in Holz und Bein, der Bildgiesser in Erz u. s. w.) formt, oder (als Baukunst) in Massen entweder als ungeformtes (Roh-) Material (unbehauenes Holz oder Gestein) oder als schon geformten Stoff (gezimmertes Holz, behauenen Stein) zu sthetischen Formen zusammenhuft und entweder auf natrlichem Wege durch eigene Schwere (Cyklopenmauern) oder durch knstliche Bande (Kitt, Mrtel, Klammern etc.) zu einem sthetischen Ganzen verbindet (Rohbau, Kunstbau, Architektur, Monumente). Zu der lebendigen Plastik gehrt, je nachdem das Material derselben dem Pflanzen- oder dem Thierreich entnommen ist, die Kunstgrtnerei, welche lebendige, sei es wildgewachsene (Feldblumen), sei es veredelte Gewchse (Garten- und Treibhauspflanzen) zu einem sthetischen Ganzen (Blumenstrauss, Beet, Gartenanlage), und die Schauspielkunst, welche thierische und menschliche Krper, sei es in ihren natrlichen (Nacktheit), sei es in knstlichen Bedeckungen (Maske, Costm) zu einem sthetischen Ganzen (lebendigem Gemlde) vereinigt, welches letztere entweder als ruhend (Tableau, lebendes Bild) oder als bewegt und in diesem Fall entweder als episch fliessende (Aufzug, Parade, Makart's "Festzug"), oder als causal sich aus sich selbst entwickelnde dramatische Handlung (Bhnenschauspiel) dargestellt wird. 424. Die Plastik ist frei, wenn die ihr bei der Verwirklichung der sthetischen Idee durch das Material dargebotenen Schranken keine andern sind als solche, die in den Bedingungen der Darstellung in physischem (also schwerem und schwer zu behandelndem) Stoffe (Statik und Mechanik; Schwerpunkt) und in der Beschaffenheit des letzteren selbst liegen (Brchigkeit des Gesteins, Geder des Marmors, Spaltrichtungen und Gest im Holze u. s. w.), dagegen gebunden, wenn ihr dergleichen durch einen ausserhalb der sthetischen Ideendarstellung gelegenen Zweck (des Bedrfnisses oder des Luxus, des Nutzens oder der Laune) auferlegt werden. Nur in jenem Fall ist die Plastik schne, in diesem dagegen nur verschnernde Kunst, welcher die Aufgabe gestellt ist, das Unentbehrliche (Haus, Hausgerth, Kleidung), oder das zwar Entbehrliche, aber Erwnschte (Bequemlichkeit, Reichthum), das Erforderliche im Dienste bestimmter Gesellschaftszwecke (Gotteshuser und Altargerth in der Kirche, ffentliche Gebude und politische Insignien im Staate) oder das Ueberflssige, auf zuflligen Stimmungen und vorbergehenden Einfllen augenblicklich tonangebender Gesellschaftskreise (Mode, "chic") mit sthetischen Formen zu schmcken. Der ersten der genannten Richtungen entspricht die sogenannte "Kunst im Hause", welche das Wohnhaus und die husliche Umgebung, so wie die ussere Erscheinung (Tracht, Zierat, Haartracht), der zweiten die Decorationskunst, welche auch die weiteren und in grsserem Massstabe angelegten Umgebungen (Palast, Park, Staatskleid), der dritten die kirchliche Kunst, welche Ort und Art der gottesdienstlichen Verrichtungen (Tempel, Dom, Altar, kirchliches Ceremoniell), der letzten die patriotische oder Monumentalkunst, welche Ort und Art der staatlichen Vorgnge (Residenzschloss, Parlamentshaus, Thron- und Kroninsignien, Hof- und Staatsceremoniell) sthetisch belebt und veredelt. Zur schnen Plastik gehren Sculptur und Architektur und zwar sowol wenn es sich um die Herstellung in ihren Massen geringer (kleine Plastik z. B. Medailleurkunst) wie grosser Objecte handelt (grosse Plastik: Denkmalkunst, Triumphbogenarchitektur). Zu der verschnernden Kunst gehrt das Kunstgewerbe und die Kunstindustrie, die, wenn es sich um die ornamentale Verzierung beweglicher Gegenstnde handelt, als "Kleinkunst" (Keramik, Kunsttischlerei, Kunstschlosserei, Emaillirkunst u. s. w.), wenn dagegen unbewegliche Gegenstnde (Nutzbauten, Wohnrume, Gesellschafts- und Festsle, Grten, ffentliche Anlagen und Pltze, Brcken, Thore u. s. w.) verschnert werden sollen, als decorative Kunst (Stadtverschnerung, Gartenarchitektur) auftritt. 425. Ausdruck der Verwirklichung der sthetischen Idee in der gesammten Erscheinung des menschlichen Lebens, des Einzelnen wie der Gesellschaft und ihrer nheren und entfernteren Umgebung, ist die Kunst "schn zu leben" ("Kalobiotik": Rahel; W. Bronn). Dieselbe ist als Ideendarstellung so wenig mit der Kunst "gut zu leben" ("rasend" gut zu leben, rhmte sich Gentz) d. i. mit der gesuchten Verfeinerung (Raffinement) des Sinnengenusses (Schlemmerei), als die Kunst (logisch) berzeugender mit der Kunstfertigkeit (sophistisch) berredender Beredsamkeit zu verwechseln. Ihre Tendenz geht dahin, aus der gesammten, psychischen und physischen Beschaffenheit des Individuums wie der Gesellschaft, aus deren Vorstellen, Fhlen und Wollen, aber auch aus deren hrbarer und sichtbarer Selbstdarstellung in Rede, Manier, Haltung und Handlung, so wie selbstgeschaffener oder doch selbstgewhlter naher und ferner Hlle und Begleitung (Kleidung, Schmuck, Hausgerth, Wohnung, Umgang, Sitten und Gebruchen) nicht nur (negativ) alles Strende und Disharmonische auszuscheiden, sondern (positiv) denselben das Geprge edler Freiheit und innerer Uebereinstimmung mit und unter einander und zu einem wohlgefllig abgerundeten Ganzen aufzudrcken d. i. das Leben in jedem gegebenen Zeitmoment und die gesammte Zeitdauer desselben hindurch (wie die Griechen und Goethe) zum "Kunstwerk" zu gestalten. Ergebniss derselben, so weit ein solches durch die sprde Natur der ideenlosen Wirklichkeit gestattet wird, ist eine schne Erscheinungs-, wie jenes der logischen, das gesammte Denken zum Wissen durchluternden Kunst eine wahre Gedankenwelt. 426. Weder nach jenen der logischen, noch nach jenen der sthetischen, sondern ausschliesslich nach den Anforderungen der ethischen Idee ist die dritte Form der bildenden Kunst bemht, die gegebene Gestalt der Erfahrungswelt zu verndern. Dieselbe kann nicht darauf ausgehen, in der Natur (etwa) vorhandenen Willen ("blinden Willen": Schopenhauer) den Anforderungen der ethischen Norm anzubequemen, weil deren Bewusstlosigkeit die Willensform ausschliesst. Die Absicht derselben kann daher einzig darauf gerichtet sein, der Natur, soweit thunlich, diejenige Gestalt zu verleihen, welche sich dieselbe, wenn sie von einem Willen beseelt wre d. h. die Fhigkeit bessse, die Stimme der ethischen Ideen nicht nur zu vernehmen, sondern auch zu befolgen, selbst geben oder gegeben haben msste. Da unter dieser Voraussetzung die Gestalt der Natur die unter den gegebenen Verhltnissen beste d. h. diejenige geworden wre, welche den Normen der ethischen Ideen unter allen berhaupt mglichen Gestaltungen der Natur am meisten entsprochen haben wrde, so folgt, dass das Streben der dritten d. i. der ethischen bildenden Kunst auf nichts anderes als auf die Herstellung der besten unter den berhaupt mglichen Naturen, beziehungsweise auf die Annherung der bestehenden an das Ideal der besten Natur gerichtet sein knnte. 427. Dieses selbst aber kann nichts anderes sein als das Bild einer Natur, deren smmtliche Bestandtheile, leblose wie belebte, zum Ganzen in einer Weise verbunden werden, welche die zweckmssigste d. h. der Summe der innerhalb der gesammten Natur vorhandenen Bedrfnisse, Wnsche und Bestrebungen unter allen berhaupt denkbaren am meisten entsprechend d. h. dem allgemeinen Wohl oder der Glckseligkeit des Ganzen unter allen denkbaren am vollkommensten gengend wre. Da nun die Summe in der Natur gegebener Wnsche eine bestimmte, die Summe der zu deren Verwirklichung zu Gebote stehenden Bedingungen d. i. der Naturproducte, als Gter betrachtet, gleichfalls eine begrenzte ist, so folgt, dass die Aufgabe der ethischen Kunst auf nichts anderes gerichtet sein knne, als durch die unter allen denkbaren beste Verwaltung der gegebenen Natur der grsstmglichen Summe von Glckseligkeit in der gesammten (leblosen wie lebendigen) Natur (den Menschen mit eingeschlossen) zur Verwirklichung zu helfen. 428. Dieselbe geht darauf aus, nicht nur Verwaltungssystem, sondern das unter den gegebenen Verhltnissen beste Verwaltungssystem der Natur, nicht nur, wie die Oekonomik Hauswirthschafts-, wie die Nationalkonomik Volks- oder Staatswirthschaftskunst, sondern als Weltkonomik Weltwirthschaftskunst (bestmglicher Haushalt der Natur) zu sein d. h. weder (wie die gewinnschtigen Ausbeuter der Natur) ausschliesslich im Dienste und zu den Zwecken des Menschen, noch (wie erbarmungslose Naturkrfte) taub gegen Wohl und Wehe gefhlsfhiger Wesen, sondern der bestehenden Proportion zwischen dem empfindungs- und genussfhigen und dem genuss- und empfindungslosen Antheil der gesammten Natur gemss, dem Wohle des ersten und den Hilfsmitteln des zweiten entsprechend zu wirthschaften. Je nachdem es sich dabei entweder um die Hinderung des Missbrauchs durch Zerstrung oder Verminderung gegebener, oder um die Frderung des Verbrauchs durch Vermehrung gegebener und Erzeugung nicht gegebener Gter handelt, nimmt dieselbe negativen (internationaler Schutz der Meere, Gewsser, Wlder, Singvgel; Antisclavenliga; Sanittspflege; vlkerrechtlicher Schutz des Privateigenthums in Kriegszeiten) oder positiven Charakter an (internationale Welt- und Handelsstrassen: Suez-Canal, Durchstich von Panama; Handels- und Schifffahrtsbndnisse, Entdeckungsreisen). Je nachdem dieselbe mehr auf den vorhandenen Wnschen entsprechende Vertheilung der schon vorhandenen, oder auf entsprechende Betheilung der bisher Unbefriedigten durch neu zu schaffende Gter gerichtet ist, nimmt dieselbe mehr den Charakter einer Versorgung (bestehender Wnsche mit vorhandenen Mitteln: Communismus, Gtertheilung) oder Vorsorge (fr knftige Wnsche durch neue Mittel: Socialismus, Organisation der Gesellschaft) an. Die Frucht der auf die gesammte Natur, leblose wie lebendige, ausgedehnten Darstellung der ethischen Ideen durch die bildende Kunst ist die in ethischem Sinn vollendete, dem Zweck grsstmglichen Wohlbefindens aller empfindungsfhigen Wesen entsprechende, unter den gegebenen Umstnden bestmgliche Natur, der ethische Kosmos, die beste Welt (Optimismus). 429. Wie die erste Form der bildenden Kunst die logischen, die zweite die sthetischen, so verkrpert die dritte die ethischen Ideen. Wie die bildende Kunst als Ideendarstellung im Physischen Erziehung der Natur, so ist die Bildungskunst eigene, die Bildekunst Erziehung des Menschengeschlechts. Wie diese im gemeinsamen, die Selbsterziehung im einzelnen Bewusstsein, so stellt die bildende Kunst die Culturentwickelung und den Culturprocess in der gesammten leblosen und lebendigen Natur dar. Die Ideendarstellung im Wirklichen berhaupt, die Kunst, ist der lebendige Culturprocess; die Entwickelungsgeschichte derselben von deren ersten Anfngen im erwachenden Bewusstsein des Einzelnen durch das Jugend-, Mannes- und gesellschaftliche Bewusstsein hindurch bis zu den fernen und fernsten Grenzen des Alls, soweit dieselben unserer Erfahrung zugnglich sind, bildet den Inhalt der Entwickelungsgeschichte der Cultur, der Culturgeschichte des Weltalls. SCHLUSS. 430. Mit der Ideendarstellung in der Geistes- und Krperwelt ist die Philosophie als Kunst, wie mit der Darlegung des Ideeninhalts einer-, des Inhaltes der Wirklichkeit andererseits die Philosophie als Wissenschaft zum Abschluss gebracht. Der philosophische Realismus geht nicht von der Annahme aus, weder dass das Wirkliche als solches vernnftig, noch dass das Vernnftige als solches wirklich sei (Optimismus: Hegel); aber auch nicht von der entgegengesetzten, dass das Wirkliche als solches vernunftlos (Pessimismus: Schopenhauer), oder gar als solches vernunftwidrig (lebendiger Widerspruch; Realdialektik: Bahnsen) sei. Derselbe setzt aber voraus, sowol dass das Vernnftige, welches als solches nicht wirklich ist (die Ideen), wirklich, als dass das Wirkliche, welches als solches nicht nothwendig vernnftig ist (Natur, Geist, Geschichte), vernnftig werden kann, werden soll und werden wird, wenn nach dem bekannten Wort "Jeder seine Schuldigkeit thut". Die Verwirklichung der Ideen ist weder eine Thatsache, die in der Vergangenheit, noch eine solche, die in der Gegenwart, sondern eine Aufgabe, deren Erfllung in der Zukunft und in den Hnden des Menschen liegt. Der Traum eines "goldenen Zeitalters", von welchem ein nchterner Rationalist wie Kant als von jenem des "ewigen Friedens", wie ein extremer Positivist wie Comte als dem "tat positif" schwrmte, wird dann erfllt sein, wenn die gesammte Ideenwelt real geworden und die gesammte Wirklichkeit von den Ideen durchdrungen d. h. wenn dasjenige, was Schiller "das Kunstgeheimniss des Meisters" nannte, die "Vertilgung des Stoffes durch die Form" offenbar, oder, wie Schleiermacher es ausdrckte, "wenn die Ethik Physik und die Physik Ethik" geworden sein wird. Eine Philosophie, welche, wie die vorstehende, sich weder wie die Theosophie auf einen menschlichem Wissen unzugnglichen theocentrischen Standpunkt versetzt, um von ihm aus den "Vernunfttraum" als lngst geschaffene Wirklichkeit, noch wie die Anthropologie auf den zwar anthropocentrischen, aber unkritischen Standpunkt gemeiner Erfahrung stellt, um von ihm aus eine ideenerfllte Wirklichkeit als "Traum der Vernunft" anzusehen, welche sonach zugleich anthropocentrisch d. i. von menschlicher Erfahrung ausgehend und doch Philosophie d. i. an der Hand des logischen Denkens ber dieselbe hinausgehend sein will, ist Anthroposophie. End of Project Gutenberg's Anthroposophie im Umriss, by Robert Zimmermann License: Share Alike