Produced by Jana Srna, Peter Simon, Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net [ Anmerkungen zur Transkription: Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _, fett gedruckter Text mit = und Antiqua mit + markiert. ] Die Liebe der Erika Ewald Von =Stefan Zweig= erschienen: =Silberne Saiten.= Gedichte. Mit Schmuck von Hugo Steiner. Berlin 1901. =Gedichte von Paul Verlaine.= Eine Anthologie der besten bertragungen. Berlin 1903. =Ausgewhlte Gedichte von Emile Verhaeren.= Nachdichtungen. Buchschmuck von Tho van Rysselberghe. Berlin 1904. =Paul Verlaine.= Eine Monographie. Berlin 1904. Die Liebe der Erika Ewald Novellen von Stefan Zweig Buchschmuck von Hugo Steiner - Prag Egon Fleischel & Co. Berlin 1904 Alle Rechte vorbehalten Inhalt Seite Die Liebe der Erika Ewald 1 Der Stern ber dem Walde 61 Die Wanderung 77 Die Wunder des Lebens 87 Die Liebe der Erika Ewald Camill Hoffmann in inniger Freundschaft ...... Aber das ist die Geschichte aller jungen Mdchen, dieser sanften Dulderinnen. Sie sagen nie, da sie leiden. Die Frauen sind zum Dulden geschaffen. Es ist gewi so ihr Schicksal, sie erfahren es frh und sind darber so wenig erstaunt, da sie noch immer sagen, das bel sei nicht da, wenn es lngst gekommen...... Barbey d'Aurvilly. Erika Ewald trat langsam ein, mit dem vorsichtig-leisen Gang einer Zusptkommenden. Der Vater und die Schwester saen schon beim Abendessen; beim Gerusch der Tre blickten sie auf, um der Eintretenden flchtig zuzunicken, dann klang nur wieder das Klingen der Teller und das Klappern der Messer durch den matterhellten Raum. Gesprochen wurde selten, nur hie und da fiel ein Wort, und das flatterte wie ein aufgeworfenes Blatt haltlos in der Luft, um dann ermattet zu Boden zu sinken. Sie hatten sich alle wenig zu sagen. Die Schwester war unscheinbar und hlich; eine jahrelange Erfahrung, stets berhrt oder bespttelt zu werden, hatte ihr jene altjngferliche stumpfe Resignation gegeben, die jeden Tag mit einem Lcheln scheiden sieht. Den Vater hatte eine langjhrige gleichfarbige Bureauttigkeit der Welt entfremdet, und insbesondere seit dem Tode seiner Frau umfing ihn jene harte Verstimmung und trotzige Schweigsamkeit, mit der alte Leute gerne ihre physischen Leiden verbergen. Auch Erika schwieg meistens an diesen eintnigen Abenden. Sie fhlte es, da sich gegen die graue Stimmung, die sich wie dicke drohende Wetterwolken ber diese Stunden legte, nicht ankmpfen lasse. Und dann war sie zu mde dazu. Die qulende Tagesarbeit, die sie von Stunde zu Stunde hetzte und sie zwang, Disharmonieen, tastende Akkorde, unmusikalische Brutalitten mit rastloser Sanftmut zu ertragen, lste in ihr ein dumpfes Ruhebedrfnis aus, ein wortloses Verstrmen aller Empfindungen, die die Gewalt des Tages berwuchert hatte. Sie liebte es, in diesen wachen Trumen sich selbst anzuvertrauen, weil ihr eine fast berreizte Schamhaftigkeit nie gestattete, anderen nur eine Andeutung ihrer seelischen Erlebnisse zu geben, ob auch ihre Seele unter dem Drucke ihrer ungesprochenen Worte bebte, wie ein berreifer Obstbaumzweig unter der Last seiner Frchte schwankt. Und nur ein leichter, ganz unmerklich feiner Zug um die schmalen blassen Lippen verriet, da Kampf und Ringen in ihr war und eine unbndige Sehnsucht, die sich nicht von Worten tragen lassen wollte und nur manchmal ein wildes Beben um den festgeschlossenen Mund legte wie von jhem Schluchzen. Das Abendessen war bald zu Ende. Der Vater erhob sich, sagte kurz einen Gutenachtgru und ging in sein Zimmer, um sich die Pfeife anzuznden. Das war so jeden Tag in diesem Hause, wo auch die gleichgltigste Ttigkeit zu starrer Gewohnheit versteinerte. Und auch Jeanette, ihre Schwester holte sich wie immer ihr Nhzeug her und begann beim Lampenlicht, stark vorgebeugt wegen ihrer Kurzsichtigkeit, mechanisch zu sticken. Erika ging in ihr Zimmer und begann sich langsam zu entkleiden. Es war diesmal noch sehr frh. Sonst pflegte sie bis tief in die Nacht hinein zu lesen, oder sie lehnte in einem sen Gefhle am Fenster und blickte hoch von oben ber die hellen mondscheinbeleuchteten Dcher, die sich in lichter Silberflut badeten. Sie hatte da nie klare, zielstrebende Gedanken, nur das unbestimmte Gefhl einer Liebe fr das Schimmernde, Blitzende und doch so sanft Verstrmende des Mondlichtes, das die Tausende von Scheiben blank spiegelte, hinter denen sich die Geheimnisse des Lebens bargen. Aber heute empfand sie eine sanfte Mattigkeit, eine selige Schwere, die sich sehnt von milden, warm anschmiegenden Decken getragen zu werden. Eine Schlfrigkeit, die nichts anderes ist als Sehnsucht nach sen, seligen Trumen, rann durch alle Glieder wie ein sacht erkaltendes, betubendes Gift. Sie raffte sich auf, warf beinahe mit Hast die letzten Kleidungsstcke von sich, verlschte die Kerze. Einen Augenblick noch -- und dann dehnte sie sich im Bette.... Wie ein hurtiges Schattenspiel tanzten noch einmal die seligen Erinnerungen des Tages vorbei. Sie war heute bei ihm gewesen..... Gemeinsam hatten sie wieder geprobt zu ihrem Konzert, wo ihr Spiel seine Geige begleiten sollte. Und dann spielte er ihr vor -- Chopin, die Ballade ohne Worte. Und dann die sanften lieben Worte, die er ihr sagte, die vielen lieben Worte! Die Bilder eilten immer rascher vorbei, sie fhrten sie wieder nach Hause zu sich selbst, um rasch wieder hinwegzuirren in die Vergangenheit, zu dem Tag, da sie ihn zuerst kennen gelernt hatte. Und bald strmten sie heraus ber die Enge der Zeit und des Erlebens und wurden immer wilder und bunter. Noch hrte Erika, wie ihre Schwester nebenan zu Bette ging. Und ein toller merkwrdiger Gedanke kam ihr, ob er sie wohl auch zu sich gebeten htte. Ein frohes bermtiges Lcheln wollte sich noch matt auf ihre Lippen schleichen, aber sie war schon zu schlaftrunken. Und einige Minuten spter trug sie ein sicherer Schlaf zu seligen Trumen. * * * * * Beim Erwachen fand sie eine Ansichtskarte auf dem Bette. Nur ein paar Worte waren darauf, mit fester energischer Schrift hingeworfen, Worte, wie man sie auch an Fremde verschenkt. Aber Erika empfand sie als Gabe und Glck, weil er sie geschrieben hatte; ihr war es gegeben, aus dem Geringfgigen und Unscheinbaren die Ahnungen der wirklichen Flle sich zu erschlieen. Und so sollte ihr diese Liebe nicht nur wie ein milder Glanz werden, der jedes Wesen umleuchtet und erhellt, sondern so tief sollte dieses verklrende Gefhl sich verlieren, da es wie ein Schimmer wurde, der in innigem Durchglhen von innen emporzuwachsen schien aus allem Leblosen und Unbeseelten. Schon von frher Jugend auf hatte das dunkle Gefhl ihres ngstlichseins und ihrer zurckhaltenden Einsamkeit sie gelehrt, die Dinge nicht als kalt und leblos zu betrachten, sondern als verschwiegene Freunde, die Geheimnisse und Zrtlichkeiten dem anvertrauen, der auf sie hrt. Bcher und Bilder, Landschaften und Musikstcke sprachen zu ihr, der das dichterhafte Vermgen des Kindes geblieben war, in bemalten Krpern, unbeseelten Dingen frohbewegte bunte Wirklichkeit zu sehen. Und das waren ihre einsamen Feste und Seligkeiten, ehe die Liebe zu ihr gekommen war. So wurden ihr auch die wenigen schwarzen Schriftzge auf dem Blatte Ereignis. Sie las die Worte so wie er sie zu sprechen pflegte, mit der weichen und musikalischen Betonung seiner Stimme, sie suchte in ihren Namen den heimlich-sen Reiz zu legen, den nur die Sprache der Zrtlichkeit geben kann. Und sie horchte in den wenigen Stzen, die ihrer Angehrigen wegen in khler, fast respektvoller Form gehalten waren, den verborgen klingenden Unterton der Liebe und buchstabierte sich so langsam und traumverloren durch die Zeilen, da sie beinahe ihren Inhalt wieder vergessen htte. Und der war nicht so unwichtig. Sie mchte ihm doch mitteilen, ob ihr geplanter Sonntagsausflug zustande kme. Und noch ein paar unwichtige Worte wegen ihres gemeinsamen Auftretens in einem lngst besprochenen Konzert. Dann ein freundlicher Gru und eine hastige Unterschrift. Aber sie las die Zeilen immer wieder und wieder, weil sie in ihnen die starke und drngende Empfindung zu hren glaubte, die doch nur der Widerklang ihrer eigenen war. * * * * * Es war noch nicht lange her, da diese Liebe zu Erika Ewald gekommen war und den ersten Glanz in ihr blasses gleichgltiges Mdchenleben getragen hatte. Und ihre Geschichte war still und alltglich. In einer Gesellschaft hatten sie sich kennen gelernt. Sie gab dort Klavierstunden, aber ihre diskrete und feine Art gewann ihr so sehr die Liebe des ganzen Hauses, da sie nur mehr als Freundin betrachtet wurde. Und er war dort zu einer Veranstaltung geladen, sozusagen als +pice de rsistance+, denn sein Ruf als Geigenvirtuose war trotz seiner Jugend ein ganz ungewhnlicher. Die Umstnde erwiesen sich selbst als bereitwillig, um ihre Verstndigung zu untersttzen. Er wurde gebeten zu spielen, und es ergab sich als fast selbstverstndlich, da sie die Begleitung bernehmen sollte. Und da wurde er zuerst auf sie aufmerksam, denn sie ging mit soviel Verstndnis auf seine Intentionen ein, da er sogleich die Feinheit und Innigkeit ihres Wesens ahnte. Und noch mitten im strmischen Applaus, der ihrem Vortrag folgte, machte er ihr den Vorschlag, ein bichen zusammen zu plaudern. Sie nickte leise, ganz unmerklich leise. Aber es kam nicht dazu. Man gab sie beide nicht so rasch frei, er konnte nur ab und zu mit einem verstohlenen Blicke ihre berschlanke biegsame Gestalt messen und einen schchtern-staunenden Gru ihrer dunklen Augen auffangen. Ihre Worte gingen unter in Gewhnlichkeiten und Hflichkeiten, mit denen man sie berhufte. Dann kamen wieder neue Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, da sie beinahe die Verabredung verga. Aber als alles vorber war und sie sich empfahl, stand er pltzlich neben ihr und fragte sie mit seiner sanften zurckhaltenden Stimme, ob er sie nach Hause geleiten drfe. Einen Augenblick war sie hilflos; dann lehnte sie mit so ungeschickten Worten seine Mhe ab, da er seinen Willen schlielich leicht durchsetzen konnte. Sie wohnte ziemlich weit drauen in der Vorstadt, und es war ein langer Weg in der mondhellen kalten Winternacht. Eine Zeitlang blieb ein Stillschweigen zwischen ihnen; es war dies keine Unbehilflichkeit, sondern nur die unbestimmte Furcht, die feiner durchbildete Leute haben, eine Unterhaltung mit Banalitten zu beginnen. Dann begann er zu sprechen. Von dem Musikstck, das sie gemeinsam gespielt hatten, und von der Kunst berhaupt. Aber das war nur ein Anfang. Nur ein Weg zu ihrer Seele. Denn er wute, da alle, die in der Kunst ihre letzten Schtze so kniglich verschwendeten, die ihr volles Gefhl in die musikalische Schnheit legten, im Leben ernst und verschlossen waren und sich nur dem Verstehenden offenbarten. Und sie gab ihm auch wirklich in ihren Ansichten ber Schaffen und Reproduzieren viel von ihren geheimen psychischen Erlebnissen, vieles, das sie noch keinem anvertraute und manches, das ihr selbst bisher noch nicht zum Bewutsein gekommen war. Spter konnte sie es selbst nicht begreifen, wieso sie ihre stete, fast ngstliche Zurckhaltung damals berwunden hatte, spter, als er ihr nher getreten war, ihr Freund und Vertrauter wurde. Denn an jenem Abend erschien ihr ein Knstler, ein Schaffender noch wie ein Gewaltiger, der nie in das Leben tritt, sondern in Fernen lebt, unnahbar und berragend, ein Verstehender und Gtiger, dem man nichts verschweigen darf. Bisher waren nur schlichte Leute in ihren Kreis getreten, Menschen, die sich zerlegen und berechnen lieen, wie eine Schulaufgabe, vorurteilsvolle und konservative Ketzerrichter, denen sie sich fremd fhlte, und die sie beinahe frchtete. Und dann: es war eine stille und helle Nacht gewesen. Und wenn man in solchen schweigenden Nchten zu zweit geht, von niemandem gehrt und gestrt, und sich die dunklen Schatten der Huser ber die Worte senken und die Stimmen ohne Nachhall in der Stille verwehen, da ist man so vertrauensvoll, als ob man zu sich selbst sprche. Da wachen Gedanken aus den Tiefen auf, die in der bunten Unrast des Tages ungehrt untergehen und denen erst die Stille des Abends sanfte Schwingen gibt; und die Gedanken werden zu Worten fast ohne da man es will. Der lange Gang in der einsamen Winternacht hatte sie einander nahe gebracht. Als sie sich zum Abschied die Hnde reichten, blieben ihre blassen khlen Finger lange hilflos in seiner starken Hand liegen wie vergessen. Und sie gingen wie alte Freunde voneinander. * * * * * Sie begegneten sich noch oft in diesem Winter. Zuerst war es ein gnstiger Zufall, der aber bald Verabredung wurde. Ihn reizte dieses interessante Mdchen mit allen ihren Eigenarten und Seltsamkeiten, er bewunderte die vornehme Zurckhaltung ihrer Seele, die sich nur ihm offenbarte und sich zagend zu seinen Fen warf wie ein erschrecktes Kind. Er liebte ihre tausendfachen Feinheiten, die schlichte Gewalt des Empfindens, die jeder Schnheit willenlos entgegenpulste und doch vor fremden Augen sich bergen wollte, um sich die reine Innigkeit des Genusses nicht zu stren. Aber diese zarten und innigen Empfindungen, die er so voll und hinreiend bei jemandem mitempfinden konnte, waren ihm selbst fremd. Schon von Jugend auf, noch ein halbes Kind, war er zu sehr von Frauen als Knstler verhtschelt und verfhrt worden, um in einer vergeistigten Liebe Befriedigung zu finden; er empfand zu wenig feminin, zu wenig jnglinghaft, weil die ganze unverstndige wunschlose Se der Gymnasiastenliebe sich nie in sein frhreifes Leben eingeschlichen hatte. Temperamentvoll und blasiert zugleich liebte er mit jenem schroffen Begehren, das der letzten sinnlichen Erfllung zustrebt, um dort zu verbluten. Und er kannte sich selbst und verachtete sich wegen jeder Schwche, die ihn berwltigte, er empfand jede dieser raschen Befriedigungen mit Ekel, ohne sich wehren zu knnen, denn Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit durchbebten sein Leben wie seine Kunst. Auch die Meisterschaft seines Spieles wurzelte in dieser festen, temperamentvollen Mnnlichkeit; die letzten verhauchenden Nuancen, die wie leise Atemzge einer schlummernden Melancholie sind, muten seiner energischen und doch zigeunerhaft-sen Bogenfhrung entgehen. Eine leise Furcht stand immer versteckt hinter der packenden Gewalt, mit der er zu berwltigen wute. Und so furchtsam und ergeben war auch ihre Liebe zu ihm. Sie liebte in seiner Person alle ihre Traumgestalten, die in den langen Jahren des Alleinseins eine gewisse Wirklichkeit gewonnen hatten, sie verehrte den Knstler, der sich in seinem Wesen verkrperte, weil sie den mdchenhaften Glauben hatte, da ein Knstler auch in seiner Lebensfhrung die priesterliche Wrde verwirklichen msse. Manchmal sah sie ihn mit einem fremden und unsinnlichen Blick an wie ein seltsames Bild, in dem man vertraute Zge empfinden will, und ihr Anvertrauen war wie zu einem Beichtiger. Sie dachte nicht an das Leben, weil sie es nie gekannt hatte, sondern es erlebt hatte wie einen haltlosen Traum. Darum fehlte ihr auch jede Angst und jedes Bangen vor der Zukunft, sie glaubte an ein sanftes und seliges Weiterklingen dieser unsinnlichen verehrenden Liebe, die sie zuversichtlich machte mit ihrer knstlerischen Schnheit und innigen Reinheit. Manchmal berraschte sie sich dabei, da sie gar nicht das Bedrfnis hatte zu sprechen, wenn sie bei ihm war. Er spielte oder schwieg, und sie sa und trumte und fhlte nur, wie ihre Trume immer heller und lichter wurden, wenn er sprach oder sie anblickte. Das war alles verklungen, kein irrer Lrm drang mehr vom Tage herber, nur Stille, Schweigen und silberne Feiertagsglocken tief im Herzen. Und ein sehnschtiges Zrtlichkeitsbedrfnis, ein Erwarten von lieben und leisen Worten, die sie doch eigentlich frchtete, bebte dann in ihr. Sie ahnte, wie sie ganz in seinem Banne stand, wie er sie mit seiner Kunst beherrschen konnte, Schmerzen und Jubel geben mit seinen lockenden Tnen; sie fhlte sich wehrlos seinem Spiel gegenber, und so unsglich arm, weil sie nichts geben konnte und nur empfing, mit offenen zitternden Hnden bei ihm bettelte. Es war eine unabnderliche Gewohnheit geworden, da sie mehrmals in der Woche zu ihm kam. Zuerst waren es Proben zu einem gemeinsamen Konzert, aber bald konnten sie die wenigen Stunden gar nicht mehr entbehren. Sie ahnte gar nicht die Gefahr, die in der wachsenden Intimitt ihrer Freundschaft lag, sondern lie die letzte Zurckhaltung ihrer Seele vor ihm fallen und offenbarte ihm ihre verborgensten Geheimnisse als ihrem einzigen Freunde. Sie merkte es oft gar nicht in ihrem heien, fast visionren Erzhlen, wie er ihre Hnde in wachsender Erregung umspannte und manchmal die Lippen brennend zu ihren Fingern herabsenkte, whrend er ihr zu Fen lag und zuhrte. Und sie erkannte auch nicht, wie er manchmal in den drngendsten und verlangendsten Tnen seiner Geige nur zu ihr sprach, weil sie in der Musik immer sich selbst suchte und ihre Trume. Ein Verstehen und eine Erlsung war ihr diese Zeit fr das viele, das sie bisher nicht laut zu sagen wagte, und noch nicht mehr. Sie wute nur, da eine solche stille Stunde viel Glanz hineinbrachte in ihren den, arbeitsvollen Tag und einen lichten Schein in ihre Nchte. Und mehr wollte sie nicht als still sein und selig sein; sie verlangte nur einen reichen Frieden in den sie flchten konnte, wie zu einem Altar. Aber sie htete sich wohl, ihr Glck offen zu zeigen; ihre Lippen bargen oft ein Lcheln reinster Seligkeit mit so herbverschlossener Gewalt vor den Leuten und vor ihrer Familie, als sei es ein aufquellendes Weinen. Denn sie wollte ihre Erlebnisse bewahren vor fremden Blicken wie ein Kunstwerk mit hunderterlei flchtigen Zusammenhngen, das in plumpen Fingern mit einem bangen Aufschrei zerbricht. Und sie baute khle und abgenutzte Alltagsworte um ihr Glck und um ihr Leben, so da es durch viele Hnde gehen konnte, ohne verkannt zu werden und in wertlose Scherben zu zerbrechen. * * * * * Am Samstag abend vor dem Ausfluge besuchte sie ihn wieder. Als sie anklopfte, fhlte sie wieder jene merkwrdige Bangigkeit wie immer, wenn sie zu ihm ging, und die sich immer mehr steigerte, bis er selbst mit ihr war. Aber sie mute nicht lange warten. Er ffnete rasch, geleitete sie in sein Studienzimmer, nahm ihr mit vorsichtiger Galanterie die Frhlingsjacke ab und streifte respektvoll mit den Lippen ihre schne feingederte Hand. Und dann setzten sie sich zusammen auf ein kleines dunkles Samtsofa, das bei seinem Schreibtisch stand. Es war schon dster im Zimmer. Drauen am Himmel verfolgten sich graue Wolken hastig im Abendwind, und ihre Schatten trbten unruhig das matte Dmmerlicht. Er fragte, ob er anznden solle. Sie verneinte. Das matte se Licht, das nicht mehr erkennen und nur ahnen lt, war ihr so lieb mit seiner sanften Melancholie. Sie sa ganz still. Man konnte noch die geschmackvolle Einrichtung des Zimmers deutlich wahrnehmen, den prchtigen Schreibtisch mit einer Bronzestatue, rechts einen geschnitzten Geigenstnder, dessen Silhouette sich scharf von dem grauen Stck Himmel abhob, das durch die Scheiben gleichgltig hereinblickte. Irgendwo tickte eine Uhr mit schwerem abgemessenem Schlag, als sei es der harte Schritt der mitleidslosen Zeit. Sonst war es still. Nur ein paar bluliche Rauchstreifen von seiner vergessenen Zigarette stiegen ebenmig in das Dunkel. Und durch das geffnete Fenster kam ein lauer Frhlingswind zu ihnen herein. Sie plauderten. Zuerst war es ein Lcheln und Erzhlen, aber ihre Worte wurden immer schwerer im drohenden Dunkel. Er sprach von einer neuen Komposition, einem Liebeslied, das sich an ein paar schlichte wehmtige Volksliedstrophen anschmiegte, die er einmal in einem Dorfe gehrt hatte. Ein paar Mdchen waren es gewesen, die von der Arbeit kamen, ihre Stimmen klangen weit von ferne, da er die Worte nicht mehr verstand und nur die leise, schweratmende Sehnsucht der Weise hrte. Und gestern war die Melodie wieder in ihm erwacht, spt am Abend und war ihm ein Lied geworden. Sie sagte nichts, sondern sah ihn nur an. Und er verstand ihre Bitte. Schweigend trat er zum Fenster hin und nahm seine Geige. Ganz leise begann sein Lied. Hinter ihm ward es langsam wieder hell. Die Abendwolken waren in Brand geraten und glhten in purpurnem Glanz. Das Zimmer begann widerzuleuchten von dem hellen Schein, der allmhlich dsterer und gesttigter wurde. Er spielte das einsame Lied mit wundervoller Gewalt, er verlor sich selbst in seinen Tnen. Und er verlor sein Lied und behielt nur die unendlich sehnschtige fremde Volksmelodie, die in allen seinen Variationen immer wieder dasselbe stammelte, weinte und jauchzte. Er dachte an nichts mehr, seine Gedanken waren fern und verwirrt, nur das strmende Gefhl seiner Seele formte mehr die Tne und gab sich ihnen zu eigen. Das enge dunkle Zimmer berflutete von Schnheit..... Die roten Wolken waren schon schwere, schwarze Schatten geworden, und er spielte noch immer. Lngst hatte er schon vergessen, da er dieses Lied nur ihr als Huldigung spielte; seine ganze Leidenschaft, die Liebe zu allen Frauen der Welt, zum Inbegriff des Schnen wachte in den Saiten auf, die in seliger Inbrunst erschauerten. Immer wieder fand er eine neue Steigerung und eine wildere Gewalt, aber nie die verklrende Erfllung, es blieb auch im rasendsten Aufschwung immer nur Sehnsucht, sthnende und jauchzende Sehnsucht. Und er spielte immer weiter, wie einem bestimmten Akkord zu, einer abschlieenden Auflsung entgegen, die er nicht finden konnte. Pltzlich brach er jhlings ab.... Erika war mit einem dumpfen hysterischen Schluchzen auf dem Sofa zusammengebrochen, von dem sie sich in ihrer Ekstase erhoben hatte, wie angelockt von den Tnen. Ihre schwachen reizbaren Nerven unterlagen stets dem Zauber einer Gefhlsmusik; sie konnte weinen bei wehmtigen Melodieen. Und dieses Lied mit seiner drngenden, aufpeitschenden Erwartung hatte in ihr alle Gefhle erregt, ihre Nerven in eine furchtbare atemlose Spannung versetzt. Wie einen Schmerz empfand sie die Wucht dieser niedergehaltenen Sehnsucht, sie hatte ein Gefhl, als ob sie aufschreien mte unter dieser engenden Qual, aber sie vermochte es nicht. Nur in einem jhen Weinkrampfe lste sich ihre gesteigerte physische Erregung. Er kniete bei ihr nieder und suchte sie zu beruhigen. Er kte ihr leise die Hand. Aber sie bebte noch immer, und manchmal lief ein Zucken ber ihre Finger wie von einem elektrischen Schlage. Er sprach ihr freundlich zu. Sie hrte nicht. Da wurde er immer inniger und kte mit heien Worten ihre Finger, ihre Hand und kte ihren bebenden Mund, der unbewut unter seinen Lippen erschauerte. Seine Ksse wurden immer drngender, dazwischen stie er zrtliche Liebesworte hervor und umfate sie immer strmischer und verlangender. Mit einem Male fuhr sie aus ihrem Halbtraum und stie ihn beinahe mit Heftigkeit zurck. Er stand erschrocken und unsicher auf. Einen Augenblick blieb sie noch stumm, wie um sich an alles zu besinnen; dann stammelte sie mit unruhigem Blick und gebrochener Stimme, er mge ihr verzeihen, sie habe fters so nervse Anflle, und die Musik habe sie erregt. Einen Augenblick blieb ein peinliches Schweigen. Er wagte nichts zu antworten, weil er frchtete, eine niedrige Rolle gespielt zu haben. Sie fgte noch hinzu, sie msse jetzt gehen, es sei schon hchste Zeit, man wrde sie zu Hause schon lngst erwarten. Und zugleich nahm sie ihre Jacke. Ihre Stimme schien ihm khl und fast frostig. Er wollte etwas sprechen, aber es kam ihm alles so lcherlich vor nach den Worten, die er ihr noch eben in seiner leidenschaftlichen Trunkenheit gesagt hatte. Stumm und respektvoll geleitete er sie zur Tre. Erst wie er ihr die Hand zum Abschied kte, fragte er zgernd: Und morgen? Wie wir verabredet haben. Ich denke doch? Selbstverstndlich. Er war freudig berhrt, da sie ber sein Benehmen ohne ein Wort hinwegging, und bewunderte ihre feine Zurckhaltung, die ihm vergab, ohne es merken zu lassen. Ein flchtiges Abschiedswort sagten sie sich noch, dann fiel die Tre dumpf ins Schlo. * * * * * Der Sonntagmorgen war ein wenig trbe und melancholisch gewesen. Ein schwerer Frhnebel legte sein dichtmaschiges graues Netz ber die Stadt und lie wie durch feine Ritzen ein leises Regenstieben auf die Strae niederzittern. Aber bald begann es in dem dunklen Netz zu funkeln, als ob sich eine schwere goldene Knigskrone darin gefangen htte, die immer schimmernder und heller wurde. Und schlielich zerri das trbe Gewebe unter der lichten Last, und eine frische Frhlingssonne leuchtete herab und spiegelte tausendfltig ihr junges Antlitz in den blanken Scheiben und nassen Dchern, in den glitzernden Wassertmpeln, den sanft erglhenden Kirchturmkuppeln und in den heiteren Blicken der auslugenden Leute. Nachmittags war schon helles Sonntagstreiben in den Straen. Die vorberrasselnden Wagen klapperten eine frohe Melodie, aber die Spatzen wollten noch lauter sein und schrieen um die Wette von den Telegraphendrhten herab, und dazwischen schrillten die Signale der Straenbahn in hellem Durcheinander. Eine breite Menschenflut drngte sich auf den Hauptstraen gegen die Peripherie zu wie ein dunkles Meer, aber ein lichtes schimmerndes Blitzen war darin von weien Frhlingskleidern und hellen Farben, die sich zum ersten Male wieder ins Freie wagten. Und ber dem allen lag Sonne, eine warme, lichtflutende Frhlingssonne mit einem blinkenden Leuchten. Erika freute sich im Dahinschreiten, wie leicht und beseligt sie an seinem Arm ging. Am liebsten htte sie getanzt oder getollt wie ein Kind. Und ganz kindlich und mdchenhaft war sie in ihrem einfachen glatten Kleide und dem aufgesteckten Haar, das sonst tief und schwer wie eine wetterschwere Wolke ber der Stirne drohte. Und ihr bermut war so berquellend und echt, da er auch seinen Ernst bald ins Wanken brachte. Sie hatten ihren ursprnglichen Beschlu, in den Prater zu gehen, bald aufgegeben, denn sie frchteten den grellen stimmenlauten Sonntagstrubel, der in die feierliche Stille des prchtigen Parkes bricht. Ihr Prater, das waren die breiten wohlgepflegten Alleen mit den uralten Kastanienbumen, die weiten schweifenden Auen, die in dunklen Waldungen enden und die hellen Wiesen, die sich in sattem Glanze sonnen und nichts mehr von der Millionenstadt wissen, die in unmittelbarer Nhe atmet und sthnt. Aber am Feiertag verliert sich dieser Zauber und verbirgt sich vor den berstrmenden Scharen. Er schlug vor, gegen Dbling zu zugehen, aber weit hinter den eigentlichen netten Ort mit seinen freundlichen weien Huschen, die so kokett aus der dunklen Umhllung schmucker Grten herausblitzen. Er wute dort ein paar stille und stimmungsvolle Wege, die durch schmale akazienbltenbeschneite Alleen sanft in die weiten Felder hinberfhren. Und die gingen sie auch heute. Sie kamen in den stillen Ort mit seinem fast lndlichen Sonntagsfrieden, der sie auf ihrem ganzen Spaziergange wie ein milder unfabarer Duft begleitete. Manchmal sahen sie sich an und fhlten, wie reich ihr Schweigen war, wie es die ganze selige Empfindung des vollstrmenden Frhlings trug und mehrte. Die Felder waren noch niedrig und grn. Aber der segensschwere Duft der warmen spendenden Erde kam zu ihnen wie ein verheiungsvoller Gru. Ferne lag der Kahlenberg und der Leopoldsberg mit seinem uralten Kirchlein, von dem die Wand steil abfiel bis zur Donau hinab. Und dazwischen viel reiches Land, meist noch braun und unbestellt und voll gewrtiger Saat. Aber dazwischen schon viereckige Flchen mit gelber werdender Frucht, die sich eckig und unvermittelt vom dunklen Erdreich abhoben, wie abgerissene und zerschlissene Fetzen auf dem gebrunten kraftvollen Krper eines arbeitsharten Werkmannes. Und wie ein blauer Bogen darber ein heiterer Frhlingshimmel gespannt, in den die flinken Schwalben mit zwitscherndem Jubel hineinsegelten. Als sie durch eine alte breite Akazienallee kamen, erzhlte er ihr, da dies Beethovens Lieblingsgang gewesen sei, auf dem er im Spazierengehen viele seiner tiefsten Schpfungen zuerst empfunden habe. Der Name stimmte sie beide ernst und feierlich. Sie dachten an seine Musik, die ihnen ihr Leben in vielen begnadeten Stunden reicher und inniger gemacht hatte. Alles schien ihnen bedeutender und grer, da sie an ihn dachten: sie empfanden die Majestt der Landschaft, deren frhliche Heiterkeit sie nur vorher geschaut, und der schwere satte Duft der sonneglhenden fruchtschwellenden Erde gab ihnen das geheimste Symbol des Frhlings. Ihr Weg ging weiter durch die Felder. Erika lie im Vorbergehen das unreife Korn durch ihre Finger rauschen, aber sie fhlte es gar nicht, wenn ab und zu ein Halm unter ihrer Hand zerknickte. Das Schweigen zwischen ihnen gab ihr seltsame und tiefe Gedanken, in die sie sich trumend verlor. Es waren milde und heimliche Liebesgefhle in ihr erwacht, aber sie dachte nicht an ihn, der ihr zur Seite ging, sondern an alles, das um sie war und lebte, an das Korn, das sich leise im Winde wiegte und an die Menschen, denen es Arbeit und Glck schenkte; sie dachte an die Schwalben, die sich am Himmel hoch verfolgten und an die Stadt, die fern unten in einer grauen Dunstkapuze eingehllt herberschaute, sie fhlte wieder die allumfassende Gewalt des Frhlings in sich wie ein Kind, das mit frohen Sprngen zum ersten Male jubelnd in das mildstrmende Sonnenlicht hinausstrmt. Sie gingen lange in den Wiesen und Feldern. Inzwischen neigte sich der Nachmittag seinem Ende zu. Es war noch nicht Abend, aber das scharfe Licht ging allmhlich in eine weiche verhauchende Mattigkeit ber, die sein Nahen verkndigte, und in der Luft zitterte ein leiser blarosa Ton. Erika war ein wenig mde geworden und, um sich auszurasten und ein wenig auch aus Neugier gingen sie in ein kleines Wirtshaus am Wege, aus dem ihnen frhliche Stimmen in buntem Durcheinander entgegen klangen. Im Garten setzten sie sich nieder; an den Nachbartischen saen Familien aus der Vorstadt, bessere Leute mit gemtlichen Mienen und lauten ungezwungenen Stimmen, die den Sonntag nach Wiener Art mit einem Ausflug feierten. Rckwrts in einer Laube waren ein paar Musikanten, drei oder vier Leute, die am Wochentag in der Stadt bettelnd herumzogen und nur des Sonntags ein Dach ber sich hatten. Aber sie spielten die alten abgeleierten Volksweisen recht gut, und wenn sie einen besonders flotten und populren >Schlager< begannen, so fielen bald alle Stimmen ein und sangen die Melodie aus voller Kehle mit. Auch die Frauen stimmten ein, niemand genierte sich, alles war hier Gemtlichkeit und behbige Zufriedenheit. Erika lchelte ihm ber den Tisch zu, aber ganz verstohlen, da sich niemand beleidigt fhlte. Ihr gefielen diese schlichten unkomplizierten Leute mit den einfachen Empfindungen und Trieben, die sich nicht verbergen konnten. Und ihr gefiel die behaglich-lndliche Stimmung, die kein fremder Einschlag trbte. Der Wirt, ein breiter, gutmtiger Mann kam mit jovialem Lcheln zum Tisch her. Er hatte in seinem Gast einen vornehmeren Mann bemerkt, den er selbst bedienen wollte. Er fragte, ob er ihm Wein bringen drfe, und als das bejaht wurde, erkundigte er sich, ob das Frulein Braut auch etwas wnsche. Erika wurde blutrot und wute ihm im ersten Augenblicke nichts zu antworten. Dann nickte sie nur verwirrt mit dem Kopf. Ihr >Brutigam< sa gegenber, und obwohl sie ihn nicht ansah, fhlte sie seinen lchelnden Blick, der sich an ihrer Verwirrung weidete. Sie schmte sich eigentlich, wie ungeschickt sie sich benahm einer naturgemen Verwechslung halber, aber sie wurde das peinliche Gefhl nicht mehr los. Und mit einem Male war ihr die Stimmung verdorben, jetzt fhlte sie erst, wie abgehackt und maschinenmig die Leute ihre Lieder abdudelten, jetzt erst hrte sie das hliche Brllen und Poltern der Bierbsse, die in toller Freude mitjohlten. Am liebsten wre sie weggegangen. Aber da begann der Geiger ein paar seltsame Takte. Mit weichen sen Strichen spielte er einen alten Walzer von Johann Strau, und die andern stimmten schmiegsam in die weiche, liebe Melodie ein. Erika fhlte wieder erstaunt, was fr zwingende Macht die Musik ber ihre Seele habe, denn mit einem Male war eine Leichtigkeit in ihr und ein Wiegen und Schweben. Und die Sigkeit der Melodie lie sie fremde Versworte mitsingen, ganz leise mitsummen, ohne da sie es recht wute. Sie sprte nur, da wieder alles gut und froh sei, und das Blhen des Frhlings fhlte sie wieder und ihr eigenes tanzendes Herz. Als der Walzer zu Ende war, stand er auf und ging. Sie folgte ihm gern, denn sie verstand sofort seine Absicht, sich die packende Gewalt der Melodie und ihre sonnige Innigkeit nicht durch einen den Gassenhauer zerstren zu lassen. Und sie gingen den schnen Weg gegen die Stadt zu wieder zurck. Die Sonne war schon gesunken, nur hinter den Kanten der Berge, durch die goldumglhten Bume sickerten feine Lichtbche von seltsam rosiger Frbung hinab ins Tal. Es war ein wundersamer Anblick. Ein rtliches Leuchten stand am Himmel wie von einem fernen Brande, und tief unten ber der Stadt wlbte sich der Dunst in der intensiven Strahlenfrbung wie ein purpurner Ball. Und alle Gerusche verklangen im Abend in sanfter Harmonie: der ferne Gesang von heimkehrenden Ausflglern, begleitet von einer Harmonika, das immer lauter werdende helle Gezirp der Grillen und das unbestimmte Sausen und Rauschen und Raunen, das in allen Blttern lebte, in allen sten wisperte und selbst in der Luft zu surren schien. Pltzlich, ganz unvermittelt, fielen ein paar Worte von ihm in ihr feierliches, fast andchtiges Schweigen hinein: Erika, das war doch komisch, wie Sie der Wirt meine Braut nannte. Und dann ein Lachen, ein mhseliges gezwungenes Lachen. Erika fuhr aus ihrer Trumerei. Was wollte er damit? Sie fhlte, da er ein Gesprch beginnen, erzwingen wollte. Sie hatte Furcht, eine dumme, sinnlose dunkle Angst. Sie gab keine Antwort. Nicht, das war doch komisch? Und wie Sie rot geworden sind! Sie sah hinber, um seinen Gesichtsausdruck zu betrachten. Wollte er sie verspotten? -- Nein! Er war ganz ernst und sah sie gar nicht an. Er hatte es absichtslos gesagt. Aber er wollte eine Antwort haben. Jetzt fhlte sie erst, wie gezwungen er das gesagt hatte; wie um einen Anfang zu machen. Es war ihr so bange, und sie wute nicht, warum. Aber etwas mute sie sagen, er wartete ja darauf. Mir war es weniger komisch als peinlich. Ich bin nun einmal so, da ich Scherze nicht recht verstehen kann. Sie sagte es hart und abschlieend, fast wie gereizt. Dann stellte sich wieder ein Schweigen zwischen beide. Aber es war keine selige Stille vereinten Genieens mehr, wie frher, kein sympathetisches Ahnen und Erfassen der ungeborenen Empfindung, sondern ein schweres und dunkles Schweigen, das ein Verschweigen war von irgend etwas Drohendem und Drngendem. Und sie hatte pltzlich Angst vor ihrer Liebe, da sie auch so schmerzhaft und verzehrend werden sollte wie jedes Glck, das ihr begegnet war, wie die wehmtigen und leisen Bcher, ber denen sie weinte, und die doch ihr liebstes waren und wie die brennenden Wellen der Tonfluten in Tristan und Isolde, die ihr hchste Seligkeit bedeuteten und sie doch qulten wie ein Schmerz. Das Schweigen drckte sie immer mehr und mehr und wurde wie ein dunkler, schwerer Nebel, der sich schmerzhaft auf ihre Augen legte. Allmhlich befreite sie sich erst aus ihrer Bangigkeit. Sie wollte ein Ende machen, ihn klar und offen fragen. Mir ist so, als wollten Sie mir etwas verschweigen. Was ist Ihnen? Einen Moment blieb er ruhig. Dann sah er sie an mit dunklen, unbeweglichen Augensternen. Er berlegte und sah sie nochmals an, tiefer und sicherer, und seine Stimme klang seltsam voll und melodisch. Ich habe es lange nicht gewut. Seit kurzem wei ich es erst. Ich -- sehne mich nach Ihnen. Erika erbebte. Sie hatte die Augen zu Boden gerichtet, aber sie sprte, da er sie ansehe, tief, fragend, durchdringend. Sie dachte nun an das letzte Mal, wie sie bei ihm war und er sie gekt hatte. Sie hatte ihm damals nichts gesagt, aber ihr Herz war ungestm erwacht, sie wute nicht, ob in Zorn oder Scham. Und das Bangen hatte sie erfat, das sie sonst sprte, wenn er so glhende und leidenschaftliche Lieder spielte, jenes selige Grauen mit Abgrnden und Seligkeiten ohne Ende. Was sollte jetzt kommen? O Gott, o Gott!.... Sie fhlte, da er weitersprechen wrde und sehnte sich danach und frchtete sich doch. Sie wollte es nicht hren. Sie wollte die Felder sehen, ja, den Abend, den herrlichen Abend. Nur nichts hren, nichts hren. Nur die Stadt ansehen mit ihrem dunklen Nebel, die Stadt und die Felder. Und die Wolken da oben.... Die Wolken, wie sie rasch am Himmel segelten! Ganz wenige waren noch oben. Eins ... zwei ... drei ... vier ... fnf ... ja fnf Wolken.... Nein! Nur vier waren es! ..... Vier..... Aber da begann er zu sprechen. Ich habe lange Angst gehabt vor meiner Leidenschaft, Erika! Ich habe immer geahnt, da sie kommen werde und habe es nie glauben wollen. Nun ist sie da. Ich wei es, seitdem Sie das letzte Mal bei mir waren, seit gestern. Einen Moment schwieg er und holte Atem aus tiefster Brust. Und -- das macht mich traurig, unendlich traurig. Ich wei, da ich Sie nicht heiraten kann, ich wei, es wrde mich meine Kunst kosten. Das kann kein Fremder verstehen -- Sie werden es verstehen, meine liebe, liebe Erika. Nur ein Knstler kann das verstehen, und Sie haben eine reiche, unendlich reiche Knstlerseele. Und Sie sind auch klug. Wir knnen nicht mehr weiter so zusammen verkehren .... es mu ein Ende gemacht werden... Er hielt inne. Erika fhlte, da er noch nicht zu Ende war. Am liebsten wre sie vor ihm bettelnd hingesunken und htte ihn gebeten, jetzt nicht weiter zu sprechen. -- Sie wollte jetzt nichts hren, nichts verstehen. -- Nein, sie wollte nicht.... Und angstvoll begann sie wieder die Wolken zu zhlen.... Aber die waren schon weg.... Nein, dort war noch eine.... Eine, die letzte, rosig berhaucht wie ein stolzer Schwan, der den dunklen Strom hinabsegelt.... Wieso fiel ihr das Bild ein? Sie wute es nicht.... Ihre Gedanken wurden immer wirrer. Sie fhlte nur, da sie blo an die Wolke denken wollte.... Die zog jetzt fort, ja sie zog fort ber den Berg hin.... Sie sprte, wie ihr ganzes Herz an ihr hing, wie sie sie am liebsten mit ausgestreckten Hnden gehalten htte, aber sie ging ... sie lief, lief schneller, immer schneller.... Und jetzt -- jetzt war sie verschwunden.... Und Erika hrte nun wieder klar und unabnderlich seine Worte, unter denen ihr Herz in blinder Angst erbebte. Ich wei nicht, ob du mich so ganz kennst. Ich glaube nicht, ich meine immer, da du mich berschtzt. Ich bin kein groer Mensch, ich bin keiner von denen, die .... die ber dem Leben stehen in ihrer sicheren Selbstgengsamkeit. Ich wollte, ich wre so, aber ich bin es nicht. Ich klebe am Leben, ich bin nicht eben viel mehr als einer, der das begehrt, was er liebt. Ich bin nur so, wie alle Mnner sind, ich verehre nicht nur die Frau, wenn ich sie liebe, ich .... verlange sie auch..... Und .... mit Fremden will ich dich nicht betrgen. Ich will nicht, da du mich verachtest. Du bist mir zu lieb dazu... Erika war bla geworden. Nun erst verstand sie, was er meinte, und sie wunderte sich, da sie nicht frher daran gedacht. Mit einem Male war sie wieder ruhig geworden. Es war alles gekommen, wie es kommen mute. Sie wollte ablehnend sprechen, aber sie vermochte es nicht. Das sanfte >du< seiner Rede hatte sie eigentmlich berwltigt mit seiner liebevollen Innigkeit. Sie versprte wieder, wie sie ihn liebte; das Bewutsein kam ihr pltzlich, wie ein vergessenes Wort, das wiederkehrt. Und sie fhlte auch, wie schwer sie ihn verlieren knnte, wie viel geheime Krfte sie mit ihm verbanden. Wie ein Traum war ihr alles.... Er sprach weiter, und seine Stimme wurde mild wie eine Liebkosung. Sie fhlte seine Hand in ihren zrtlichen Fingern. Ich wei nicht, ob du mich geliebt hast, ob du mich so geliebt hast, wie ich dich jetzt. Mit der letzten Hingabe und mit dem grenzenlosen Vergessen an alle Kleinlichkeiten, mit jener heiligsten Liebe, die nur schenken und nichts verweigern kann. Und ich glaube nur an die Liebe, die Opfer bringt um ihrer selbst willen.... Aber nun ist alles zu Ende. Und ich habe dich darum nicht minder lieb... Erika war wie von einem Rausch befangen. Ein sanfter Schauer berlief sie. Sie wute nur, da sie ihn verlieren sollte und nicht konnte. Und da sie hoch ber dem Leben stand. Alles war so fern, so weit. Abendstille lag ber den Tlern und sanfte Feierlichkeit, die Stadt war fern und ihr Gebrause und alles, was an Wirklichkeit erinnerte. Sie fhlte sich in sonnigen Hhen, weit, weit oben ber alle Hlichkeit und Kleinlichkeit mit ihrer opferfreudigen, freien und spendenden Liebe, mit ihrer seligen Macht des Glckverschenkens. Keine Gedanken, kein kluges, rechnendes Besinnen war mehr in ihr, nur Gefhle, jauchzende, berstrmende Gefhle, wie sie sie nie gesprt. Die Stimmung berwltigte sie und ihr eigenstes Wollen. Und so sagte sie leise und schlicht: Ich habe niemanden auf der Welt als dich. Und dich will ich glcklich machen. Alle Scham war von ihr gewichen, wie sie zu ihm sprach. Sie wute nur, da sie mit einem Worte viel, viel Glck verschenken konnte und sah nur seine leuchtenden Augen und ihren dankbaren Glanz. Und er beugte sich nieder und kte mit stiller Ehrfurcht ihren Mund. Ich habe nie an dir gezweifelt. Und dann gingen sie den Weg hinab, der Stadt, nach Hause zu. * * * * * Langsam kamen sie wieder in die dunkle, tagesmde Stadt, und es war Erika, als stiege sie von den leuchtenden Firnen eines seligen Traumes ins harte, kalte und unerbittliche Leben nieder. Mit fremden und ngstlichen Blicken trat sie in die nebelfeuchten Vorstadtgassen, die vom hlichen und aufdringlichen Lrm und Dunst erfllt waren; und ein Gefhl schmerzhafter de senkte sich auf sie herab. Sie fhlte sich bedrckt von den rauchigen Husern, die sich dunkel ber ihr zueinander drngten, ein finsteres Symbol des Alltagslebens, das sich mit rcksichtsloser, drohender Gewalt in ihr Schicksal prete, um es zu zermalmen. Sie erschrak beinahe, als er sie pltzlich mit einem Liebeswort ansprach, und sie erstaunte, da sie die zrtlichen Minuten und ihr Versprechen beinahe vergessen hatte. Wie fremd ihr alles hier pltzlich geworden war in dieser dumpfen, beengenden Umgebung, was ihr frher die jhe Impulsivkraft einer Rauschstimmung entlockt hatte. Sie sah ihn an, ganz vorsichtig von der Seite. Seine Stirne war kraftvoll gefaltet, und um den Mund lag die Ruhe eines Selbstsicheren, alles war unbeugsame und selbstgefllige Mnnlichkeit in seinem Gesichtsausdruck. Nirgends die sanfte Melancholie, die sonst seine Krfte in eine schne Harmonie bannte, nur triumphierende Hrte, die vielleicht eine lauernde Sinnlichkeit war. Langsam wandte Erika den Blick. -- Noch nie war er ihr so fremd und so ferne gewesen wie in diesem Augenblick. Und pltzlich hatte sie Angst, tolle, unbndige Angst! Mit einem Male wachten tausend erschreckte Stimmen in ihr auf, die warnten und lrmten und sich selbst berschrieen. Was sollte jetzt kommen? Sie fhlte es nur dunkel, denn sie wagte es nicht auszudenken. Alles emprte sich in ihr gegen das Versprechen, das ihr eine Minute der Schwche entrissen hatte, und ihre heie Scham brannte wie eine Wunde. Sie war nie sinnlich gewesen, das sprte sie nun in allen Tiefen ihres Herzens, sie hatte kein Begehren nach einem Manne, nur Abscheu vor der brutalen, zwingenden Macht. Nur Ekel empfand sie in diesem Augenblick, und alles verfinsterte sich vor ihren Blicken und bekam eine hliche und niedrige Bedeutung; der leise Armdruck, den sie fhlte, die Liebespaare, die im Nebel auftauchten und sich wieder verloren, jeder zufllige Blick, der sie im Vorbergehen traf. Deutlich und zornig klopfte ihr Blut an den schmerzenden Schlfen. Mit einem Male ward ihr die tiefe Schmerzlichkeit ihrer Liebe bewut, die unter den Enttuschungen bebte, wie unter zchtigenden Schlgen. Was immer geschehen war, mute wieder Erlebnis werden. Die Sinnlichkeit des Mannes mordete die sanfte Liebe des Mdchens und ihre heiligsten Schauer. Das Glck, das wie schimmernde Abendwolken ber dem Dunkel gehangen, war nun zerbrochen, und die Nacht begann aufzusteigen schwarz und schwer mit drohender, leidvoller Stille und unbarmherzigem Schweigen.... Ihre Fe wollten kaum weiter. Sie merkte, da er den Weg gegen seine Wohnung nahm, und dieses Bewutsein betubte sie. Sie wollte ihm alles sagen: wie ihre Liebe ganz anders sei als die seine, wie sie nur das Versprechen gegeben im Banne einer Stimmung, der ihr nervses Empfinden unterlegen, und wie sich alles in ihr aufbume gegen diese vorbesprochene Liebesszene. Aber die Worte fanden keine Laute, nur finstere und drngende Empfindungen, die ihre Seele qulten und marterten, ohne sie zu befreien. Dunkle und bange Erinnerungen streiften sie wie mit schwarzschattenden Schwingen. Und eine kam immer wieder, eine seltsame und doch so alltgliche Geschichte von einem Mdchen, die mit ihr zur Schule gegangen war. Die hatte sich einem Manne hingegeben, und als er sie verlie, aus Rache und Zorn einem andern und dann wiederum andern -- sie wute selbst nicht mehr, warum. Und Erika erschauerte immer, wenn sie an dieses Mdchen dachte, durch deren Leben die Liebe gegangen war wie ein dunkler Wettersturm; und das gewaltsame Widerstreben in ihr war mehr als die erste Scham eines unbefleckten Mdchens, das vor dem unbekannten Geschehen bangt, es war die schne Schwche einer zarten und schwchlich-scheuen Seele, die das laute Leben frchtet und seine brutale Hlichkeit. Aber das Schweigen blieb kalt und scheidend zwischen den beiden, die nebeneinander hergingen, Arm in Arm. Gern wollte Erika den ihren losmachen, aber es war, als htten ihre Glieder jede Bewegungsfhigkeit verloren, nur die Fe schoben sich in traumhafter Gleichfrmigkeit nach vorwrts. Und ihre Gedanken wurden immer wirrer und schossen durcheinander wie glhende Pfeile, die sich mit feinen brennenden Widerhaken in ihrem Gehirn festbohrten. Und darber legte sich immer dichter die schwarze Wolke der kraftlosen Furcht und der verzweifelten Ergebung. Ein Gebet wagte sich immer wieder auf ihre Lippen, da jetzt pltzlich alles vorbei sein sollte, ein groes, dunkles, schmerzloses Nichts, ein Nichtfhlen und Nichtmehrdenkenmssen, ein Aufhren, jh und unvermittelt, wie das Erwachen, das aus einem bsen Traum befreit..... Pltzlich blieb er stehen. Sie fuhr auf und erschrak. Sie waren vor dem Hause, in dem er wohnte. Eine Minute blieb ihr Herz ohne Schlag, ruhig, ganz unbeweglich. Aber dann begann es wieder zu pochen, hastig und wild, mit hmmernder Angst und steigender Schnelligkeit. Er sagte ihr ein paar Worte, liebe se Worte. Sie hatte ihn beinahe wieder gern in diesem Augenblick, so herzlich und feinfhlig sprach er zu ihr. Aber als er ihren Arm fester erfate und ihren widerstandslosen Krper mit sanfter Zrtlichkeit drngte, da kam wieder die alte dunkle Angst, und sie war betubender und furchtbarer denn je. Es war ihr so, als mte pltzlich in ihr die Stimme freigebunden werden und laut ihn betteln und bitten, da er sie freigebe, aber ihre Kehle blieb stumm und verschlossen. Halb bewutlos ging sie an seinem Arm durch das groe, dstere Tor, jenen Schmerz des Unabwendbaren in der Seele, der so tief ist, da man ihn nicht mehr als Leid empfindet. Eine dunkle Wendeltreppe gingen sie hinauf. Sie fhlte die kalte, muffige Kellerluft und sah die gelben, zitternden Gaslichter, die im khlen Hauche bebten. Jede Stufe sprte sie, alle diese Bilder glitten an ihr vorber, wie die Vorstellungen knapp vor dem Einschlafen, flchtig und doch scharf, tief eindringend und doch wieder verfliegend im nchsten Augenblicke. Nun standen sie in einem Gang. Sie wute es, vor seiner Tr.... Er ging voraus und lie ihren Arm. Einen Augenblick, Erika, ich will nur Licht machen. Sie hrte seine Stimme von innen, wie er hineinging und dort ein Licht anzndete. Der Augenblick gab ihr Mut und Erwachen. Die Furcht kam pltzlich ber sie wie ein Fieberschauer, der die krampfhafte Starre lste. Und blitzschnell strmte sie wieder die Treppe hinab, ohne in ihrer wahnsinnigen Eile auf die Stufen zu achten, rasch, nur rasch vorwrts. Ihr war noch, als ob sie seine Stimme von oben hrte, aber sie wollte gar nicht mehr zur Besinnung kommen, sondern lief und lief, ohne innezuhalten, immer vorwrts. Eine wilde Angst war in ihr erwacht, da er ihr nachfolgen knne und eine Angst vor ihr selbst, sie mchte zu ihm zurckkehren. Und erst, als sie mehrere Straen weit war und pltzlich sich in einer fremden Gegend sah, blieb sie mit einem tiefen Seufzer stehen, um dann langsam der Richtung ihrer Wohnung zuzuschreiten. * * * * * Es gibt leere, inhaltslose Stunden, die Schicksal in sich bergen. Sie steigen auf wie dunkle gleichgltige Wolken, die kommen, um sich wieder zu verlieren, aber sie bleiben hartnckig und trotzig. Und wie ein schwarzer, steigender Rauch lsen sie sich auf, werden ferner und breiter, bis sie schlielich mit mattem, schwermtigem Grau unbeweglich ber dem Leben schweben, ein Schatten, der sich unabwendbar und eiferschtig an die Minute heftet und immer wieder seine drohende Faust erhebt. Erika lag auf dem Sofa in ihrem dunkel heimlichen Zimmer, den Kopf in die Kissen gepret und weinte. Sie fand keine Trnen, aber sie sprte sie in sich verflieen, hei, quellend und anklagend, und manchmal lief der jhe Schauer eines Schluchzens ber ihren Krper. Sie fhlte, wie ihr diese schmerzvollen Minuten Erlebnis wurden, wie mit der ersten groen Enttuschung sich das Leid tief in ihre Seele einsog, die sich ihm ahnungslos erschlo. Eigentlich bebte der Triumph in ihrem Herzen, da ihr die Flucht gelungen war, noch im letzten entscheidenden Augenblicke, aber es wollte keine helle, blinkende Freude und kein Jubel werden, sondern blieb stumm wie ein Schmerz. Denn es gibt Naturen, in denen alle groen Ereignisse und alle berragenden Geschehnisse mit der allgemeinen Erschtterung der Seele auch die vorklingende dumpfe Saite einer verborgenen Schmerzlichkeit und innigen Melancholie anschlagen, deren Klingen so laut und drngend wird, da alle anderen Stimmungen sich selbstlos in ihr auflsen. Und so war die Erika Ewald. Sie trauerte um ihre Liebe, die jung und schn gewesen war, wie ein spielendes Kind, das sich im Leben verliert. Und Scham war in ihr, heie brennende Scham, da sie entflohen war wie ein stummes hilfloses Wesen, statt ehrlich zu sein und zu ihm zu sprechen, khl und mit herbem Stolz, dem er sich htte fgen mssen. Und sie dachte an ihn und ihre Liebe mit einem seligen Schmerz und einer heien ngstlichkeit, und alle Bilder kamen wieder und wirrten durcheinander, aber sie waren nicht mehr hell und froh, sondern dunkel beschattet von der Wehmut der Erinnerung. Drauen ging eine Tre. Sie erschrak jh und unvermittelt. ngstlich horchte sie jedem Gerusch und suchte sich jede leise Klangerregung zu deuten in einem unbestimmten Gedanken, den sie nicht recht zu denken wagte. Da trat ihre Schwester ein. Erika war verwirrt. Sie erstaunte, da sie nicht daran, nicht an das Nchstliegende gedacht hatte, da ihre Schwester kommen msse, und sie sprte wieder mit einem merkwrdigen Gefhle, wie fremd, wie ungeheuer fern ihr doch alle diese Leute waren mit denen sie lebte. Die Schwester begann sie ber den Nachmittag zu fragen. Erika antwortete ungeschickt, und wie sie merkte, da sie unsicher sei, wurde sie hart und ungerecht. Man sollte sie nicht immer mit Fragen belstigen, sie kmmere sich auch um niemanden. Und auerdem habe sie jetzt Kopfschmerzen und wolle Ruhe haben. Die Schwester erwiderte nichts, sondern ging aus dem Zimmer. Mit einem Male fhlte Erika, wie ungerecht sie gewesen war. Und Mitleid empfand sie mit diesem stillen, schicksalsergebenen Wesen, das nichts erlebte und auch nicht bat darum, das nichts besa vom Leben, nicht einmal einen reichen, adelnden Schmerz, wie sie selbst. Das brachte sie wieder zu ihren Gedanken zurck. Und die zogen heran und verloren sich wieder in der Ferne, schwere, schwarzbeschwingte Boote, die sich durch die dunkle Flut gerungen ohne Lrm und Rauschen, ohne Frbung und tiefeinschneidende Spur, nur von unbekannten und unsichtbaren treibenden Gewalten gesendet und gelenkt. Aber ihre trbe Stimmung zitterte in Erikas Seele fortschwingend dahin und lste sich nach dunkelschweren Stunden in einer Mdigkeit, der sie sich willenlos ergab. * * * * * Die nchsten Tage brachten fr Erika nur Harren und Bangen. Im geheimen wartete sie auf einen Brief, eine Nachricht von seiner Hand; sie sehnte sich selbst nach einem Schreiben mit harten, unbarmherzigen Vorwrfen und zornigen Worten. Denn sie wollte einen Abschlu haben, ein Ende, das sich ber die Vergangenheit legte und ihr das geheime Hinbertreten in ihre kommenden Tage verwehren sollte. Oder es sollte ein Brief sein mit milden, verstehenden Worten, die zu ihrer Seele gingen und sie wieder zurckfhrten in den Reigen der seligen Stunden, aus dem sie geschieden. Aber keine Botschaft kam, kein Zeichen stellte sich zwischen sie und die qulende Ungewiheit. Denn Erika war noch viel zu sehr im Banne ihrer Empfindungen und Erregungen, um zu wissen, ob ihre Liebe zu ihm noch lebte oder ob sie schon gestorben war oder sich am Ende im Umwandlungzustande neuer Phasen befand, von denen sie noch nichts ahnte. Sie sprte nur die Unruhe und Verworrenheit in sich, die fortwhrende Spannung, die sich nicht lsen wollte und in ihr gereizte und hliche Stimmungen erweckte. Nervs und mit Kopfschmerzen ging sie in die Stunden, die ihr furchtbarer wurden als je, weil sie alles Falsche und Unharmonische viel schrfer sprte. Und jedes Gerusch irritierte sie, die Auenwelt wurde ihr unertrglich in ihrem lauten Hasten und Drngen, und selbst die eigenen Gedanken verloren ihre sanfte, wohltuende Traumhaftigkeit und bekamen harte einschneidende Spitzen. In jedem Dinge verbarg sich ihr eine geheime Feindseligkeit und eine trotzige Absicht, die sie verletzen wollte. Die ganze Welt, die sie umschlo, schien ihr nur mehr ein groes, dunkles Gefngnis mit tausend verborgenen Marterwerkzeugen und erblindeten Scheiben, die dem Lichte den Eingang verwehrten. Und diese Tage waren ihr unertrglich lang und wollten kein Ende nehmen. Erika sa beim Fenster und wartete auf den Abend, der ihr ein wenig Frieden brachte mit der sanften Milderung aller Kontraste. Wenn die Sonne sich langsam hinter den Dchern zu senken begann, und immer matter und mehr abgedunkelt die Widerscheine nachzitterten, wurde alles in ihr stiller und ruhiger. Dann fhlte sie auch, da ihr ganzes Denken und Fhlen jetzt anders und fremder werden wollte, da neue Geschehnisse und neue Gefhle vor der Pforte ihres Lebens standen und lrmten und Einla begehrten. Aber sie achtete ihrer nicht, denn sie glaubte, die Regungen, die in ihr wuchsen und sich formten, seien nur die letzten verscheidenden Zuckungen ihrer sterbenden Liebe....... * * * * * So gingen zwei Wochen dahin, ohne da Erika eine Nachricht von ihm empfangen htte. Alles schien vorber zu sein und vergessen. Ihre Traurigkeit und Unbestndigkeit verlor sich noch nicht, aber sie befreite sich von ihrer hlichen, gereizten Form und fand verfeinerten und durchgeistigten Ausdruck. Die schmerzlichen Empfindungen lsten sich leise und lind in schwermtigen Liedern, Melodieen mit tiefen, verhaltenen Mollklngen und melancholisch wehklingenden Akkorden. Manche Abende spielte sie so ohne Gedanken, sich in sanfter Abirrung vom eigentlichen Motive zu selbstgeschaffenen Verbindungen hinwendend, immer leiser und leiser werdend wie die Geschichte ihrer so leidvollen Liebe, die nun langsam in Vergangenheit verrinnen wollte. Auch begann sie wieder zu lesen. Jene herrlichen Bcher wurden ihr wieder nahe, denen die Schwermut entstrmt wie ein schwerer betubender Duft aus seltsam dunklen und melancholischen Blten. Die Maria Grubbe kam ihr wieder zur Hand, der das harte Leben eine heilige und tiefinnige Liebe zerstrt, und die unglckliche Madame Bovary, die nicht entsagen wollte und ihr schlichtes Glck verstie. Und das unsglich rhrende Tagebuch der Maria Bashkirceff las sie, zu der die groe Liebe nie gekommen war, ob ihr auch ein reiches und sehnsuchtsvolles Knstlerherz erwartungsvoll die Hnde entgegenhielt. Und ihre gequlte Seele tauchte in diesem fremden Schmerze unter, um den eigenen zu verlieren und zu vergessen, aber manchmal kam ein Erschrecken ber sie, in dem Furcht sich dem Stolze verschwisterte; denn Worte kamen ihren Blicken entgegen, die auch in ihrem eigenen Leben standen, und deren schicksalsschweren Sinn sie verstand. Und nun fhlte sie, wie ihre Geschichte nicht Ungerechtigkeit und Ha des Lebens verkndigte, sondern nur schmerzlich war, weil ihr der frohe Tnzerschritt eines lachenden unbedeutenden Temperamentes fehlte, der rasch vergessend die dunklen, aber geheimnisreichen Abgrnde des Schmerzes berspringt. Nur ihre Einsamkeit senkte sich noch drckend auf sie herab. Niemand stand ihr nahe. Eine sonderbare Scham, sich mit ihren Tiefen und geheimen Schnheiten einem Fremden zu geben, hatte sie von allen Freundinnen abgewandt; und ihr fehlte auch der seligvertrauende Glaube der Frommen, der zu einem Gotte spricht und ihm die verschwiegensten Gestndnisse zu eigen gibt. Der Schmerz, der von ihr ausging, flo wieder in ihre Seele zurck, und dieses unaufhrliche Sichselbstanvertrauen und Zergliedern gab ihr schlielich eine dumpfe Mdigkeit und hoffnungslose Trgheit, die nicht mehr mit dem Schicksal ringen wollte und mit seinen verborgenen Gewalten. Sonderbare Gedanken berkamen sie, wenn sie vom Fenster auf die Gasse herabsah. Sie sah Leute in wildem Durcheinander, Liebespaare, die in seliger Versunkenheit vorbergingen, dann wieder hastende Burschen, vorbeischieende Radfahrer, rasch dahinrollende Wagen mit schwirrenden Rdern, Bilder des Tages und der Gewhnlichkeit. Aber ihr war alles das so fremd. Wie von ferne, aus einer anderen Welt schaute sie zu, als knnte sie nicht verstehen, warum diese Wesen so eilten und drngten und vorbeistrmten, wenn alle Ziele so klein und verchtlich waren. Als ob es etwas Reicheres und Seligeres geben knne als den groen Frieden, in dessen Bann alle Leidenschaften schlafen und alle Sehnschte; der doch wie eine wunderwirkende Quelle war, in deren milder und geheimkrftiger Flut sich alles Kranke und Hliche ablste, wie eine lstige Schicht. Und wozu dann alle die Kmpfe und berwindungen? Und wozu die heie nimmermde Sehnsucht, die niemanden zurckweichen lt? So dachte die Erika Ewald manchmal und lchelte ber das Leben. Denn sie wute nicht, da auch der Glaube an diesen groen Frieden nur eine Sehnsucht ist, das innigste und unvergnglichste Begehren, das uns nicht zu uns selbst gelangen lt. Sie glaubte ihre Liebe berwunden zu haben und dachte ihrer, wie man eines Toten gedenkt. Die Erinnerungen bekamen milde, vershnliche Farben, vergessene Episoden tauchten wieder auf, und zwischen Wirklichkeit und sanfter Trumerei liefen geheime, verbindende Fden hin und her, bis sie sich unlslich verwirrt hatten. Denn sie trumte von ihrem Erlebnis wie von einem eigenartigen und schnen Roman, den man vor langem gelesen; seine Gestalten treten langsam wieder heran und sprechen die Worte, die bekannt sind und doch so ferne, alle Rume werden wieder sichtbar, wie erleuchtet von einem pltzlichen aufblitzenden Licht, alles ist wieder wie einst. Und Erika dichtete sich in ihren Gedanken, die sich im Abend berauschten, immer wieder neue Abschlsse dazu, aber sie fand keinen rechten, denn sie wollte ein mildes und vershnliches Ende voll Hoheit und reifer Entsagung, mit khlem freundschaftlichem Hndereichen und tiefem Verstehen. Langsam gaben ihr diese romantischen Trume den innigen Glauben, da auch er jetzt ihrer harre und in tausend seligen Schmerzen gedenke, und diese Idee, die sich in ihr allmhlich zu einer unbeugsamen Tatsache verdichtete, lie das Vertrauen immer sicherer sich entfalten, da alles noch gut werden msse und da eine vershnende, abschlieende Konsonanz die seltsam bewegte Melodie ihrer Liebe erlsen msse. Nach langen, langen Tagen wagte sich jetzt manchmal ein Lcheln ber ihre Lippen, wenn sie ihrer Liebe gedachte mit all ihren bitteren Wunden, die nun vernarben wollten. Denn sie wute noch nicht, da ein tiefer Schmerz wie ein finsterer Gebirgsbach ist, der sich unterirdisch, mit unruhvollem Schweigen durch das Gestein whlt und in ohnmchtigem Zorne lange an ungebahnten Pforten pocht und pocht. Aber einmal zersprengt er die Wand und strmt mit haltlosem Jubel vernichtend und kraftvergeudend in die blhenden Tale hinab, die sich in heiterem, ahnungslosem Vertrauen gewiegt......... * * * * * Es sollte alles anders kommen, als es Erika getrumt. Noch einmal trat die Liebe in ihr Leben, aber sie war anders geworden; nicht mehr so still und mdchenhaft nahte sie mit milden, segnenden Geschenken, sondern wie ein Frhlingssturm, wie eine heie, begehrende Frau, die brennende Lippen hat und die tiefrote Rose der Leidenschaft im dunklen Haare trgt. Denn die Sinnlichkeit der Mnner ist nicht wie die der Frauen; bei jenen glht sie vom Anbeginne, von den Jahren der ersten Reife, aber zu manchen Mdchen kommt sie vorerst in tausend Verhllungen und Gestalten. Sie schleicht sich als Schwrmerei ein und als selige Trumerei, als Eitelkeit und sthetisches Genieen, aber einmal kommt ein Tag, da wirft sie alle Masken von sich und zerreit die bergenden Hllen. Eines Tages war Erika alles bewut geworden. Kein lautes Ereignis hatte ihr die Erkenntnis abgezwungen und auch kein Zufall. Vielleicht war es ein Traum gewesen mit verwirrenden Lockungen oder ein Buch mit heimlich verfhrender Gewalt, vielleicht eine ferne Melodie, die sie pltzlich verstanden oder ein fremdes, blhendes Glck -- es war ihr nie klar geworden. Sie wute nur pltzlich, da sie sich wieder nach ihm sehnte, aber nicht nach gtigen Worten und schweigenden Stunden, sondern nach seinen kraftvollen Armen und nach den heien Lippen, die einstmals verlangend auf den ihren gebrannt, ohne da diese ihre stummen, bettelnden Worte verstanden. Vergebens widerstrebte ihre mdchenhafte Scham diesem Bewutsein; sie suchte der frheren Tage zu gedenken, die nie auch nur ein schwacher Hauch schwler Sinnlichkeit durchzittert, sie suchte sich vorzulgen, da diese Liebe schon lngst tot und begraben sei, indem sie jenes Abends gedachte, da sie aus seinem Hause mit innerlichem Abscheu geflchtet. Aber dann kamen Nchte, da sie ihr Blut brennen fhlte von glhendem Begehren und ihre Lippen in die khlen Kissen sich einknirschen muten, damit sie nicht sthnten und seinen Namen hinausschrieen in die stumme, mitleidslose Nacht. Und da wagte sie sich nicht lnger zu tuschen, und die Erkenntnis machte sie erbeben. Nun wute sie auch, da die dumpfen Wallungen, die sie in allen diesen Tagen empfunden, nicht das Absterben ihrer schnen und hellen Liebe bedeutet hatten, sondern das langsame Keimen dieser drngenden Gewalten, die nun ihre Seele durchwhlten. Und mit sonderbarer Scheu dachte sie dieser Neigung, die so schlicht und alltglich gewesen war, und der doch unablssig neue Schmerzen entsprossen, die feindlichen Kinder eines dunklen Geschickes. In dieser Leidenschaft, welche wie ein spter Herbst gekommen war, der seine Frchte in die leeren, frstelnden Felder wirft, einte sich die Kraft der Unberhrtheit mit der Flle der unverbrauchten Jugendtage, die nie unter den drngenden Krisen des Blutes gelitten. Eine strmische, siegende Gewalt war in ihr, gegen die es kein Widerstreben gab und kein Verweigern, weil sie ber alle Schranken sprang und die letzte berlegung erttete. Erika ahnte noch nicht, wie schwach sie gegen diese jhe Leidenschaft war. Sie fhlte nur das Verlangen in sich siegreich werden, da sie ihn wieder sehen msse, sei es auch nur von der Ferne, ganz von fern, ohne bemerkt zu werden, ohne da auch eine Ahnung ihn berkommen knne, da sie ihn sehe und ersehne. Sie holte sich wieder seine Photographie hervor, die in einer versteckten Lade beinahe verstaubt war und brachte ihr eine sonderbare Verehrung entgegen. Sie kte in glhender Leidenschaft seinen Mund, dann stellte sie sie wieder vor sich hin und begann wirre und heftige Worte zu sprechen, die sie ihm selbst sagen wollte, da er ihr verzeihen mge, weil sie damals kindisch und erschreckt gehandelt habe. Und dann erzhlte sie ihm in sich bereilenden Stzen von ihrer Sehnsucht, und wie sie ihn wieder unendlich liebe, mehr, als er es jemals werde verstehen knnen. Aber alle diese Ekstasen befriedigten sie nicht, denn sie wollte ihn selbst wiedersehen. Mehrere Tage lang wartete sie an den Ecken der Straen, die er zu passieren pflegte, doch vergebens. Und so sehr steigerte sich ihre Ungeduld, da manchmal, aber ganz furchtsam und unbestimmt, der Gedanke in ihr erwachte, sie sollte zu ihm in die Wohnung gehen und sich fr ihr Benehmen von damals entschuldigen. Aber da fand sie in den Tagesblttern die Notiz, da er nchstens in einem eigenen Konzerte auftreten wolle, eine Nachricht, die Erika wie mit einem seligen Rausche erfllte, denn nun ergab sich die beste Mglichkeit, ihn zu sehen, ohne da er es ahnte. Und langsam, furchtbar langsam verflossen ihr die Tage, welche sie von dem festgesetzten, sehnlichst herbeigewnschten Abende trennten. * * * * * Erika war eine der ersten im groen, mit tausend Lichtern flimmernden Konzertsaale. Eine sehnschtige Unruhe, die Minuten zu Stunden dehnte, hatte sie seit Tagesanbruch erfllt und durchschauert, seit jener Stunde, da der Gedanke, da sich heute alles begeben msse, ihr den Schlaf von den Lidern ri. Und dann war sie alle die Stunden durch Traumland gegangen, ob auch die einzelnen Forderungen ihres Berufes sie immer wieder aufschrecken lieen aus ihren sinnenden Erwartungen und ihrer sanftruhenden Sehnsucht. Und als der Abend kam, nahm sie ihr bestes Gewand und legte es mit einer gewissen feierlichen Sorgfalt an, die nur Frauen haben, wenn sie den Blick des Geliebten erwarten. Eine Stunde zu frh begab sie sich zum Konzertsaal. Wohl hatte sie zuerst einen Spaziergang geplant, ein kurzes Rasten fr ihre Nerven, die zu fiebern schienen, aber kaum da sie die Strae betrat, fhlte sie eine dunkle Gewalt, die sie magnetisch einer Richtung zudrngte. Ihre anfangs bedchtigen Schritte wurden unruhiger und beschleunigter. Und mit einem Male stand sie, fast selbst berrascht, vor den breiten Stufen des Konzertgebudes und schmte sich ihrer Unrast. Gedankenlos ging sie noch ein wenig dort auf und ab. Und als die ersten Wagen behbig vorrasselten, mhte sie sich nicht mehr lnger, sich zu bezwingen und ging mit beherzter Miene in den eben erleuchteten Saal. Nicht lange blieb drinnen dieses breite und leere Schweigen, das zu frchtigen Trumen lud. Dichter und dichter drngten sich die Leute. Erika sah nicht die einzelnen, sondern fhlte nur die hereinstrmende Masse, fhlte vor ihren Augen die wandernden Streifen der farbigen Toiletten, das dunkle Durcheinanderschieben und die vielen wechselnden Gesichter, die ihr wie Masken schienen. Alles in ihr war Unrast und Erwartung. In ihren Augen stand nur ein Name, ein Wunsch, ein Wort. Und dann pltzlich begann das jhaufrauschende Murmeln und Bewegen, die vorbereitende Unruhe vor dem Schweigen, das leise Knacken der geffneten Opernglser, das Klappern der Lorgnons, das Regen und Bewegen, jenes vieltnige Gerusch, das sich in strmischen Beifall lste. Sie fhlte, da er eingetreten war, jetzt eingetreten war. Und schlo die Augen. Sie wute sich zu schwach, ihn in dieser stolzen Minute schweigend zu sehen. Sie htte ja jubeln mssen oder ihn rufen, aufspringen oder ihm zuwinken, aber jedesfalls etwas Trichtes, Unberlegtes, Lcherliches tun. Ihr Herz fhlte sie bis an die Kehle schlagen. Sie wartete. Sie wartete, mit geschlossenen Augen alles sehend, wie er hinaufschritt, wie er sich verneigte und jetzt, -- jetzt mute es ja sein -- zum Bogen griff. Sie harrte, bis endlich die ersten Tne seiner Geige sich singend erhoben wie langsam steigende Lerchen, die aus den Feldern zum Himmel aufjubeln. Dann schaute sie empor, leise, ganz vorsichtig, wie man in ein sehr grelles blendendes Licht sieht. Und sie fhlte eine warme Blutwelle, wie sie ihn sah, gleichsam emporgetragen von diesem dunklen, schweigenden Meer, das die funkelnden Glser und suchenden Blicke wie zitternde Schaumkmme durchglnzten. Und sie fhlte sein Spiel und wieder die ganze zauberische Gewalt von einst. Und wie die Tne wuchsen und anschwollen, so fllte sich auch ihr Herz. Lachen und Weinen war in ihr, ein Fluten der Erregung, warme zitternde Wellen. Sie fhlte Jubel, Jubel aus tausend sonndurchglnzten Springstrahlen in ihr Herz sprudeln, sie fhlte es selbst aufschumen zu ihrer Kehle wie den jauchzenden Strahl einer aufzuckenden Fontne. Wieder verfhrte sie die Stimmung der Musik wie eine Blinde, die keinen Weg wei und sich willig der fremden und lieblichen Hand vertraut. Und als dann der Jubel losbrach und dieses dunkle Meer im Saale, das gleichsam in bezaubertem Schlafe gelegen war, pltzlich in wilder, tosender Brandung aufschumte, als von allen Seiten ein berwltigender Beifall drhnte, da rauschte ein jher Stolz in ihr empor. Ihre Seele jubelte bei dem Gedanken, von ihm begehrt worden zu sein. Alle Hlichkeit und Herbe jener Minuten war zerronnen in diesem stolzen Bewutsein, in dieser siegenden Stunde seines Knstlertums. So ward dieser Abend ein lauteres und tiefes Fest fr ihre suchende und unruhige Seele. Nur eine Frage drngte sie, ob er ihrer wohl noch gedachte. Und sie war ganz Demut in jener Stunde, eine Sehnschtige, die nur begehrt, sich verschenken zu drfen. Sie dachte nicht mehr an sich und nur mehr an ihn, sah nur sein Verlangen und seine Inbrunst in dem lockenden Geigenspiel und nicht mehr Tne und Melodieen. Und da kam ihr eine seltsame und unendlich beseligende Antwort. Nach langen Beifallsstrmen hatte er sich noch zu einer Zugabe entschlossen. Und nur ein paar schlichte, langsame Takte hatte er gespielt, als Erika erblate. Sie lauschte und lauschte wie gebannt. In herbem Erschrecken hatte sie das Lied erkannt, das Lied jenes ersten seltsamen Abends, da er es ihr zuliebe in die Dmmerung gestammelt. Und sie trumte von einer Huldigung. Sie fhlte, da es ihr gesungen sei, zu ihr gesungen sei. Sie hrte es nur als Frage, die ber alle andern zu ihr hinabtastete in den Saal, sie sah eine Liedseele, die in den dunklen Saal flog, um sie zu finden. Eine rasche Gewiheit schaukelte sie in selige Trume. Sie verstand ein Gestndnis, da er ihrer, nur ihrer mehr gedachte. Und Seligkeiten brausten auf sie nieder. Wieder war es die Musik, die sie betrte und ber alle Wirklichkeiten hob. Sie fhlte einen Flug nach oben, menschenhoch und erdenfrei. Fast so wie damals in jener Stunde, als sie hoch ber der fernen, brausenden Stadt zusammen standen. Nur hher noch, viel hher ber Schicksal und Welt, ber allen Kleinlichkeiten und Bedenken. In den wenigen Minuten dieses Spieles berflog sie in seligem Traume alle Schranken und Wirklichkeiten. Der unerhrte Jubel, der seinem Spiele folgte, erweckte Erika erst wieder aus ihren weltentrckten Trumen. Und in drngender Hast eilte sie dem Ausgange zu, um ihn zu erwarten. Denn nun wute sie auch die helle und sonnige Antwort auf ihre letzte Frage, die sie bengstigt und sie zurckgehalten, sich ihm zu schenken -- nun war es ihr offenbar, da er sie noch immer liebte und glhender wie einst, mit einer viel schneren, wilderen und greren Liebe. Sonst htte er nicht all diesen Menschen den leuchtenden Hymnus gesungen, den er ihr zur Feier und aus ihrer Liebe geschaffen, dieses herrliche Lied, dessen Macht sie damals berwltigt und besiegt hatte, ohne da sie es geahnt. Aber heute wollte sie ihm die sorglich gehteten Frchte ihrer schenkenden Neigung zu Fen legen, da er sie selig erhhe..... Mit Mhe drngte sie sich bis zum Ausgange durch, wo die Knstler herabzukommen pflegten. Wenige Flammen erhellten das matte Dunkel; dort drngten die Menschen nicht in so wilder Hast, und sie konnte sich ungestrt wieder ihren Trumen hingeben, die sich in seliger Sicherheit wiegten. Sie htte es doch schon lange, so lange wissen knnen, da er sie nicht vergessen knnte -- dieser Gedanke kehrte immer wieder und einte sich mit frhlichen Verheiungen fr die kommenden Tage. Mit bermtigem Lcheln dachte sie an seine berraschung, wenn er ahnungslos die Treppen herabkme und sich pltzlich der Wunsch verwirklichte, von dem er vielleicht eben getrumt. Und wenn...... Aber da kamen wahrhaftig schon Schritte, die immer lauter und nher tnten. Unwillkrlich zog sich Erika mehr ins Dunkel zurck. Lachend und plaudernd stieg er die Treppe hinab -- zrtlich hinabgebeugt zu einer Dame in spitzenbesetztem Kleide, einer kleinen, netten Sngerin von der Oper, die irgend eine alte Operettenmelodie trllerte. Erika zuckte zusammen. Da bemerkte er sie. Instinktiv griff er nach dem Hut, aber lie die Hand auf halbem Wege mig sinken. Ein bses, beleidigtes und hhnisches Lcheln schien auf seinen Lippen zu lauern, aber er wandte den Kopf zur Seite. Und dann fhrte er die kleine Dame im Spitzenkleid zu seinem Wagen, half ihr hinein und stieg selbst ein, ohne den Blick noch einmal zurckzuwenden zur Erika Ewald, die dort einsam stand mit ihrer verratenen Liebe. * * * * * Solche Erlebnisse erwecken oft mit ihrer jhen Gewalt ein Leid, das so furchtbar und tiefeinschneidend ist, da man es nicht mehr als Schmerz empfindet, weil man die Fhigkeit des Begreifens und des bewuten Fhlens in seinem wilden Anpralle verliert. Man fhlt sich nur sinken, aus schwindelnden Hhen atemlos, willenlos und widerstandsunfhig herabsausen, einem Abgrunde zu, den man noch nicht kennt, den man aber ahnt, nher, nher und immer nher kommen fhlt mit jeder Sekunde, mit jeder verschwindend kleinen Zeiteinheit, die im wirbelnden Sturze verfliegt, jenem furchtbaren Ende zu, von dem man wei, da es zerschmettern und zerbrechen wird. Erika Ewald hatte schon zu viel kleine Leiden ertragen, um einem groen Ereignis ruhig ins Auge sehen zu knnen. Jene kleinen Schmerzlichkeiten hatten ihr Leben erfllt, die ein seltsames Glckseligkeitsgefhl in sich tragen, weil sie zu melancholischen, trumerischen Stunden leiten, zu sanften Verzagtheiten und zu jenen sen Traurigkeiten, aus denen die Dichter ihre innigsten und wehmtigsten Verse schaffen. Aber sie hatte in jenen Stunden schon die mchtige Pranke des Schicksals zu verspren geglaubt, und es war doch nur ein verrinnender Schatten seiner drohend ausgereckten Hand. Sie hatte gemeint, die finstere Gewalt des Lebens schon getragen zu haben und auf dieses Bewutsein baute sie ihre starke Sicherheit, die jetzt zusammenbrach unter der Wirklichkeit wie ein Kinderspielzeug in einer nervigen Faust. Und darum verlor ihre Seele so ganz ihre bindenden Krfte. Das Leben kam zu ihr wie ein Hagelschauer, der Saaten und Blten zerbricht. Nur mehr de war vor ihren Blicken und Finsternis, weite undurchdringliche Finsternis, die alle Wege versteckte, alle Blicke erblindete und die hallenden Angstrufe mitleidslos verschlang. Nur mehr Schweigen war in ihr, ein dumpfes, atemloses Schweigen, die Stille des Todes. Denn viel war in ihr gestorben in einem einzigen Augenblick: ein helles heiteres Lachen, das noch nicht geboren war, aber in ihr Leben wollte, wie ein Kind, das zum Lichte strebt. Und viel Jugend, jenes sehnschtige Empfangenwollen, das der Zukunft vertraut und Freude und Glanz hinter allen verschlossenen Pforten ahnt, die ihr Verlangen sich erffnen soll. Und viel lautere und weltvertrauende Empfindungen, das Sichhingeben an alle Menschen und an die groe Natur, die nur Feste und Wunder ihren glubigen Schlern offenbart. Und endlich eine Liebe, die unendlich reich gewesen war, weil sie in den dunklen Quellen des Schmerzes sich gebadet hat und durch wechselnde Gestalten gegangen ist, um die Vollkommenheit zu finden. Aber auch eine neue Saat war in dieser Enttuschung, ein bitterer Ha gegen alles, was sie umgab und ein heies Rachebedrfnis, das noch nicht wute, wie es sich Bahn brechen sollte. In ihren Wangen brannte die Schmach, und ihre Hnde bebten, als mten sie jeden Augenblick losfahren in zorniger Gewalt gegen irgend etwas. Die Schwchlichkeit und Scham war von ihr gewichen, die drngende Macht des Handelns wurde immer deutlicher und unruhiger in ihr; ein Wesen, das sich vom Schicksal immer hatte formen und lenken lassen, wollte ihm nun entgegengehen und mit ihm ringen. Und dieser ziellose ungebrdige Trieb lie sie in den Gassen irren, ohne einen Entschlu. Die Wirklichkeit lag in weiter, weiter Ferne. Sie wute nicht, wohin sie ging, in ihren Fen war bleierne Mdigkeit, aber auch eine irre Bewegung, die sie weiter stie. Immer mehr hllte sie sich in ihre Gedanken, um den Schmerz, der jetzt wach werden wollte, wegzudenken und ihn im raschen Gehen zu vergessen; doch sie sprte einen Druck von Trnen, die noch nicht hervorbrechen konnten, aber innen brannten und tropften....... Auf einmal stand sie vor einer Brcke. Unten der Flu, schwarz und langsam gleitend, mit vielen hellen, glitzernden Punkten. Sterne waren das und Reflexe von den Brckenlaternen, die hinaufstarrten wie aufgerissene Augen. Und von irgendwo ein leises unaufhrliches Pltschern, die Strmung, die sich an einem Pfeiler bricht. Einen Todesgedanken barg dieser Anblick, das fhlte sie. Ein Beben berlief ihren Krper. Sie wandte sich um. Es war niemand in der Nhe, hie und da schwarze Schatten, die vorberhuschten. Manchmal ein Lachen aus der Ferne oder das Rollen eines Wagens. Aber in der Nhe niemand, keiner, der sie hindern knnte. Wie leicht, wie rasch das war; ein Griff, ein Schwung ber die Rampe, dann noch ein paar hliche ringende Minuten unten, dort unten in dieser schweigsamen Dunkelheit und dann Friede .... reicher, ewiger Friede, fern von allen Wirklichkeiten, der beruhigende Trost des Nichtwiedererwachens.... Aber dann ein anderer Gedanke! Eine verunstaltete Leiche, die man aus dem Wasser zieht, Neugierige, die sich belustigen, Gerede und Geschwtz -- es tat ja nicht mehr weh! Aber einer war, der knnte es erfahren und dann vielleicht selbstbewut lcheln, im Bewutsein eines Siegers..... Nein -- das durfte nicht sein! Das Leben war noch nicht erschpft, das fhlte sie, denn es konnte noch Rache bergen, den letzten tastenden Versuch einer Verzweiflung. Und vielleicht war es sogar schn, und sie hatte nur falsch gelebt, sie war gut und vertrauend gewesen, mild und zurckhaltend, whrend man rcksichtslos, gierig und verschlagen sein sollte, wie ein Raubtier, das sich von fremdem Leben nhrt. Ein Lachen rang sich ihr aus der Brust, wie sie sich von der Brcke abwendete, ein Lachen, vor dem sie erschrak. Denn sie fhlte, wie sie sich selbst nicht ihre ungesprochenen Worte glaubte. Nur der Schmerz war wahr, und der glhende brennende Ha, die blinde Sucht nach Rache. Wie fremd sie sich doch geworden war, da sie sich nicht einmal selbst mehr erkannte, wie schlecht und wie wertlos! Ihr frstelte. Sie wollte an nichts mehr denken. Sie ging wieder tiefer in die Stadt hinein ... irgend wohin .... nach Hause zu...... Nein -- nicht nach Hause! Mit Furcht dachte sie daran. Dort war alles so finster und eng und dumpf, dort lauerten in allen Ecken Erinnerungen, die mit hmischen Fingern auf sie deuteten, dort war sie dann ganz allein mit ihrem groen Schmerz, dort konnte er seine schwarzen Flgel dicht ausbreiten, sie umfassen und eng, ganz eng an sie pressen, da ihr der Atem verginge. Aber wohin? Wohin? Die Frage zermarterte ihr das Hirn. Sie wute nichts anderes mehr, ihr ganzes Denken konzentrierte sich in dieses eine Wort. -- Neben ihr lief ein Schatten. Sie achtete nicht darauf. Sie merkte es auch nicht, als er sich hart gegen den ihren neigte und mit ihm eine Zeitlang parallel lief. Jemand ging neben ihr, ein Freiwilliger, und betrachtete ihr Gesicht angelegentlich in dem Momente, als sie vor einer Laterne vorbeikamen. Erst wie er sie hflich ansprach, fuhr sie jh aus ihren Gedanken auf. Sie brauchte einige Momente, um die Situation, in der sie sich befand, erst recht zu erfassen und antwortete nicht. Der Freiwillige, ein Kavallerist, sehr jung noch und ein bichen ungeschickt, lie sich durch ihr Schweigen nicht einschchtern, sondern redete in einem halb vertraulichen Ton, aber mit einer gewissen Reserve weiter. Offenbar war er mit sich nicht recht im klaren, mit wem er es eigentlich zu tun htte; sie hatte ihm nicht geantwortet und war doch so vornehm -- solid gekleidet. Und andererseits wieder dieses einsame langsame Spazierengehen spt in der Nacht -- ganz recht bekam er's nicht heraus. Aber er redete unbekmmert weiter. Erika schwieg. Instinktiv hatte sie ihn abweisen wollen, aber alle Dinge von frher hatten sie auf seltsame Gedanken gebracht. Sie wollte doch jetzt ein anderes Leben beginnen, nicht mehr dieses traumvolle Dahindmmern und mige Sichsehnen, das ihr tausend Leiden geboren, es sollte ja fr sie ein neues Leben beginnen, hei verwegen und voll wilder Gewalt. Und dann dachte sie wieder an ihn -- eine Rache wollte sie nehmen, eine furchtbare Schmach. Dem ersten besten, der gekommen, wollte sie sich verschenken; weil er sie verschmht, die Erniedrigung auskosten bis zum letzten bittersten und vielleicht tdlichen Tropfen. Alles wurde rasch in ihr Plan und Entschlu, eine grausame Selbstpeinigung, die eine neue Schmach whlt, um die alte brennende zu vergessen .... wie sie zurecht kam, die Gelegenheit .... ein junger Mensch, ganz jung, der nichts davon verstand, nichts wute, der sollte es sein, der erste beste..... Und pltzlich antwortete sie ihm mit so hastiger Liebenswrdigkeit, er drfe sie begleiten, da er beinahe wieder schwankend wurde, mit wem er es zu tun htte. Aber ein paar Fragen, das Opernglas, das sie vom Konzert mitbrachte und ihr vornehmes Benehmen, vernderten seine oberflchliche Haltung zu ihr. Er blieb recht befangen. Eigentlich war er noch ein halbes Kind, das in einer Uniform sich so seltsam ausnahm, wie in einem kriegerischen Maskenkostm; und seine bisherigen Abenteuer waren so simpler Natur gewesen, da sie keine Abenteuer mehr waren. Zum ersten Mal sah er sich einem wirklichen Rtsel gegenber. Denn manchmal blieb sie Minuten still und unbeweglich, berhrte alle Fragen und ging wie im Traum, bis sie dann pltzlich wie mit einer provozierten Zrtlichkeit, die sie im Augenblick vergessen htte, mit ihm lachte und scherzte; aber manchmal wollte es selbst ihm so erscheinen, als sei im Lachen ein falscher Ton. Und in der Tat kostete es Erika nicht geringe Mhe, die Rolle einer Entgegenkommenden und Leichtsinnigen zu spielen, whrend ihr die tollsten Gedankenreihen durch den Kopf schwirrten. Sie wute, was das Ende sein wrde, und sie wollte es, aber eine geheime Angst beschlich sie immer wieder, da sie gegen sich selbst frevle. Aber das Bedrfnis nach Rache, das sich positiv nicht bettigen konnte, hatte hier ein Mittel gefunden, sich zu entfalten, wenn auch in einer falschen Richtung, die die Spitze gegen sich selbst kehrte, aber es war so berstrmend und machtvoll, da sich ihre frauenhaften Empfindungen vergebens dagegen aufbumten. Mochte geschehen, was da wolle, sollte eine Reue kommen ..... nur nichts wissen von jener Schmach ..... nur vergessen, wenn auch in einem Rausch, einem knstlichen und einem verderblichen .... aber nur nicht mehr daran denken mssen..... So nahm sie auch gern den Vorschlag des Freiwilligen an, mit ihr in ein Restaurant in ein separiertes Zimmer zu gehen, obwohl sie dumpf ahnte, was das bedeutete. Aber sie wollte nicht daran denken ..... nur nicht sich immer besinnen mssen..... Zuerst kam ein kleines Souper, dem sie aber nicht zusprach. Aber Wein trank sie, in gieriger Hast, Glas auf Glas, um sich zu betuben. Ganz gelang ihr es noch nicht. Manchmal bersah sie die ganze Situation mit furchtbarer Klarheit. Sie betrachtete ihr Gegenber. Das war eigentlich der Rechte, besser htte sie sich ihn nicht wnschen knnen: ein guter Kerl, von einer gesunden rotwangigen Derbheit, ein bichen eitel und nicht zu klug .... der wrde nie ahnen, was in dieser Nacht geschehen sei, was fr eine Rolle er gespielt in einem armen gequlten Menschenleben ..... der wrde sie bermorgen vergessen haben. Und das wollte sie..... In solchen Augenblicken der berlegung bekamen ihre Augen einen trumerischen Ausdruck, und in ihrem Gesichte zeichnete sich der dstere Schatten eines inneren Schmerzes. Dann kam sie langsam ins Trumen hinein .... ihre Finger zitterten leise .... sie hatte alles vergessen, und die fernen versunkenen Bilder wollten langsam, ganz langsam wieder auftauchen..... Dann erweckte sie wieder pltzlich ein Wort oder eine Berhrung. Eine Sekunde brauchte sie immer, um sich wieder recht in alles hineinzufinden, aber dann fate sie wieder ein Weinglas und leerte es auf einen Zug. Und dann noch eines und noch eines, bis sie sprte, wie ihr der Arm schwer herabsank..... Der Freiwillige hatte sich inzwischen herbergesetzt und ziemlich dicht an sie angedrckt. Sie merkte es noch, aber scherzte ruhig weiter........ Allmhlich aber begann sie die Wirkung des Weins zu fhlen. Ihr Blick wurde unsicher und sah wie durch trbe Wolken eines schweren breitverstrmenden Dunstes; und die zrtlichen und berredenden Worte, die sie vernahm, schienen irgendwo von weiter, weiter Ferne herzukommen, ganz verschwommen und verloren. Ihre Zunge begann zu lallen, und sie merkte, wie trotz aller Bestrebungen ihr Gedankengang sich verwirrte und ein Blitzen und Surren vor ihren Augen funkelte, gegen das sie sich nicht zu wehren wute. Aber mit der Mdigkeit, die sie immer enger und zrtlicher umfate, kam auch jene Schwermut wieder, halb die lallende unmotivierte Melancholie der Trunkenen, und halb der Schmerz, der schon den ganzen Abend ihre Brust durchstrmte und sich noch immer nicht Bahn gebrochen hatte. Sie war ganz in ihr Leid verloren, stumpf und gefhllos gegen die Auenwelt, taub gegen alle Worte und sanften Liebkosungen. Der junge Bursch verstand ihr Verhalten nicht ganz und eine Unsicherheit berkam ihn, was er mit ihr beginnen sollte; er hielt sie fr betrunken, wollte sie jedoch bewegen, wach zu werden, weil er sich schmte, ihre Trunkenheit sich zunutze zu machen. Aber ihre Apathie war nicht durch Zureden, noch durch schmeichelnde Ksse zu lsen; er fchelte ihr Khlung zu; als er aber versuchte, ihr Kleid zu ffnen, geschah etwas Unerwartetes, das ihn erschreckte. Denn im Augenblicke, da er sie umfate, fiel sie ihm pltzlich in die Arme und begann furchtbar zu weinen. Es war ein unendlich schreckvolles und leidvolles Schluchzen, nicht das wehmtige Duseln eines Trunkenen, sondern in ihrem Weinen war eine elementare Gewalt; wie ein Raubtier war es, das jahrelang im Kfig gefesselt war und mit einem Male in wilder Gewalt die Schranken durchbricht, es war ihr ganzer heiliger und tiefer Schmerz, der ihr nur dunkel bewut gewesen war und sich jetzt in bebenden Schauern erlste. Erika weinte aus tiefster Brust, alles, alles schien jetzt gut zu werden, da diese glhende Last der Trnen und die drckende Brde der nichtentladenen Erregungen sich wie in mchtigen Gewittersten von ihr losrang; sie weinte und weinte, jhe Schauer liefen ber ihren hilflos angeschmiegten Krper, aber die heien Quellen ihrer Augen schienen nicht versiegen zu wollen; es war, als splten sie all das bittere Leid mit sich hinweg, das sich langsam angesetzt hatte wie wachsende Kristalle, die sich verhrten und nicht weichen wollen. Nicht ihre Augen weinten, ihr ganzer schmaler und biegsamer Leib erbebte unter den harten Sten, und ihr Herz erbebte mit. Der junge Mann war diesem jhen und peinlichen Ausbruche gegenber gnzlich hilflos. Er suchte sie zu beruhigen, strich ihr leise und zrtlich ber die dunklen Flechten; wie aber ihre Anstrengungen sich immer verdoppelten, kam ein sonderbares Gefhl mitleidsvoller Zuneigung ber ihn. Er hatte noch nie so weinen gehrt, und dieses unerhrte Leid, von dem er nichts wute, dessen Gre er aber ahnen mute, flte ihm eine achtungsvolle Furcht vor dieser Frau ein, die willenlos in seinen Armen lag. Wie ein Verbrechen erschien es ihm, ihren Krper zu berhren, der zu schwach war, den mindesten Widerstand leisten zu knnen; nach und nach kam ihm dann auch zu Bewutsein, da er sehr groartig dabei handle, und diese kindliche Freude an einem seltsamen Erlebnis strkte seine Willenskraft. Er lie einen Wagen holen und begleitete sie, nachdem er von ihr die Adresse erfahren hatte, bis zum Hause hin, wo er sich mit freundlichen und beruhigenden Worten verabschiedete. * * * * * Als Erika sich wieder in ihrem Zimmer befand, war auch der letzte Rest des Rausches verflogen. Nur das Geschehene der letzten Stunden war ihr unklar und verschwommen, aber sie dachte nicht mit scheuer ngstlichkeit zurck, sondern mit friedevoller Ruhe. In diesen glhenden Trnen war ihre ganze junge Seele gewesen mit all ihrem Schmerz: mit der groen drckenden Liebe, mit der wilden und brennenden Schmach und der letzten, beinahe vollbrachten Erniedrigung. Langsam kleidete sie sich aus. Alles hatte so kommen mssen; denn es gibt Menschen, die nicht zur Liebe geboren sind, denen nur die heiligen Schauer der Erwartung blhen, weil sie zu schwach sind, die schmerzhaften Seligkeiten der Erfllungen zu tragen. Erika dachte ber ihr Leben nach. Sie wute nun, da die Liebe nicht mehr zu ihr kommen wrde, und da sie ihr nicht entgegengehen drfe; die Bitterkeit des Entsagens nahte ihr zum letzten Male. Einen Augenblick zgerte sie noch in geheimer unverstndlicher Scham; doch dann lste sie die letzten Hllen vor dem Spiegel. Sie war noch jung und schn. In ihrem bltenweien Krper lag noch die hellschimmernde Frische frher Jahre, in sanfter, fast kindlicher Rundung bebten ihre Brste, die in wilder innerer Erregung sich hoben und senkten, leise und zart in rhythmisch verflieendem Linienspiel. Strke und Geschmeidigkeit prunkte in den Gliedern, alles war geschaffen und bereit, eine schenkende Liebe kraftvoll zu empfangen und zu erhhen, Seligkeiten zu geben und zu nehmen im wechselnden Spiel, dem heiligsten Ziele entgegen zu schaffen und das verklrte Wunder der Schpfung in sich zu erleben. Und das alles sollte ungentzt und unfruchtbar vergehen, wie die Schnheit einer Blume, die ein Wind verweht, ein taubes Korn im unbersehbaren Garbenfelde der Menschheit? Eine milde vershnliche Resignation kam ber sie, die Hoheit der Menschen, die durch den grten Schmerz gegangen. Und auch den Gedanken, da diese blhende Jugend einem, einem einzigen bestimmt gewesen sei, der sie begehrt und verachtet habe, auch diese letzte schwerste Prfung fand keinen Groll mehr bei ihr. Wehmtig lschte sie das Licht und sehnte sich nur mehr nach dem leisen Glck milder Trume. * * * * * Diese wenigen Wochen umgrenzten das Leben der Erika Ewald. In ihnen lag alles beschlossen, was sie erlebte, und die vielen spteren Tage gingen an ihr vorber, gleichgltig wie Fremde. Ihr Vater starb, die Schwester heiratete einen Beamten, Verwandte und Freunde trugen Glck und Unglck, nur in ihre einsamen Stunden lie sie das Schicksal nicht mehr ein. Ihr konnte das Leben nichts mehr anhaben mit seiner strmischen Gewalt; die tiefe Wahrheit war ihr bewut geworden, da der groe heilige Friede, um den sie gerungen, nicht anders errungen wird, als durch einen tiefen luternden Schmerz, da es kein Glck gebe fr den, der nicht den Weg der Leiden gegangen ist. Aber diese Weisheit, die sie dem Leben abgezwungen, blieb nicht kalt und unfruchtbar; die Fhigkeit zur spendenden Liebe, die einst ihr Wesen in heien Konvulsionen erschttert, zog sie nun zu den Kindern hin, die sie Musik lehrte und denen sie vom Schicksal und seinen Tcken erzhlte, wie von einem Menschen, vor dem man sich hten mu. Und so gingen ihre Monate, Tag fr Tag dahin. Und wenn der Frhling ins Land kam und warmer segnender Sommer, dann berstrmten auch ihre Abende von inniger Schnheit.... Sie sa dann am Klavier beim offenen Fenster. Von auen zitterte ein feiner wrziger Duft herein, wie ihn der erste Frhling bringt, und das Brausen der Grostadt war fern wie ein Meer, das seine strmischen Fluten gegen die weien Gestade wirft. Im Zimmer trllerte der Kanarienvogel die lustigsten Lufe, und drauen vom Gang hrte man die Knaben des Nachbars mit ihren tollen, bermtigen Spielen. Wenn sie aber zu spielen begann, dann wurde es drauen still; leise, ganz leise ging dann die Tr auf, und ein Knabenkopf nach dem anderen schob sich herein, um andchtig zu horchen. Und Erika fand wehmtige Melodieen mit ihren weien schmalen Fingern, die immer heller und durchleuchtender zu werden schienen, dazwischen leise Phantasieen, bei denen verhallte Erinnerungen anklangen. Und einmal, als sie so spielte, kam ihr ein Motiv, dessen sie sich nicht entsinnen konnte. Und sie spielte es immer wieder, bis sie es jhlings erkannte; das Volkslied, die wehmtige Liebesweise, mit der er sein Liebeslied begonnen..... Da lie sie die Finger sinken und trumte wieder von der Vergangenheit. Ganz ohne Groll und Neid waren ihre Gedanken. Wer wei, ob es nicht das Beste gewesen, da sie sich damals nicht gefunden.... Und ob sie sich vertragen? Wer kann es wissen?....... Aber ..... -- sie schmte sich beinahe des Gedankens -- ein Kind htte sie gerne von ihm gehabt, ein schnes goldlockiges Kind, das sie htte wiegen und warten knnen, wenn sie allein war, ganz einsam war....... Sie lchelte. Was fr dumme Trumereien das doch waren! Und tastend suchten ihre Finger wieder das vergessene Liebesmotiv....... Der Stern ber dem Walde Franz Carl Ginzkey in herzlicher Gesinnung Einmal, als sich der schlanke und sehr soignierte Kellner Franois beim Servieren ber die Schulter der schnen polnischen Grfin Ostrowska herabneigte, geschah etwas Seltsames. Nur eine Sekunde whrte es und war kein Zucken und kein Erschrecken, keine Regung und Bewegung. Und doch war es eine jener Sekunden, in die tausende Stunden und Tage voll Jubel und Qual gebannt sind, gleichwie der groen dunkelrauschenden Eichen wilde Wucht mit all ihren wiegenden Zweigen und schaukelnden Kronen in einem einzigen verflatternden Samenstubchen geborgen ist. Nichts uerliches geschah in dieser Sekunde. Franois, der geschmeidige Kellner des groen Rivierahotels beugte sich tiefer hinab, um die Platte dem suchenden Messer der Grfin besser zurecht zu legen. Doch sein Gesicht ruhte diesen Moment knapp ber der weichgelockten duftenden Welle ihres Hauptes, und als er instinktiv das devot gesenkte Auge aufschlug, sah sein taumelnder Blick, in wie milder und weileuchtender Linie ihr Nacken sich aus dieser dunklen Flut in das dunkelrote bauschende Kleid verlor. Wie Purpurflammen schlug es in ihm auf. Und leise klirrte das Messer an die unmerklich erzitternde Platte. Obzwar er aber in dieser Sekunde alle Folgenschwere dieser jhen Bezauberung ahnte, meisterte er gewandt seine Erregung und bediente mit der khlen und ein wenig galanten Verve eines geschmackvollen Garons weiter. Er reichte die Platte mit geruhigem Gange dem steten Tischgenossen der Grfin, einem lteren, mit ruhiger Grazie begabten Aristokraten, der mit fein akzentuierter Betonung und einem kristallenen Franzsisch gleichgltige Dinge erzhlte. Dann trat er ohne Blick und Gebrde von dem Tisch zurck. Diese Minuten waren der Beginn eines sehr seltsamen und hingebungsvollen Verlorenseins, einer so taumelnden und trunkenen Empfindung, da ihr das gewichtige und stolze Worte Liebe beinahe bel ansteht. Es war jene hndisch treue und begehrungslose Liebe, wie sie die Menschen sonst inmitten ihres Lebens gar nicht kennen, wie sie nur ganz junge und ganz alte Leute haben. Eine Liebe ohne Besonnensein, die nicht denkt, sondern nur trumt. Er verga ganz jene ungerechte und doch unauslschliche Miachtung, die selbst kluge und bedchtige Leute gegen Menschen im Kellnerfracke bezeugen, er sann nicht nach Mglichkeiten und Zufllen, sondern nhrte in seinem Blute diese seltsame Neigung, bis ihre geheime Innigkeit sich aller Bespottung und Bemnglung entrang. Seine Zrtlichkeit war nicht die der heimlich zwinkernden und lauernden Blicke, die jh losbrechende Khnheit verwegener Gebrden, die sinnlose Brnstigkeit lechzender Lippen und zitternder Hnde, sie war ein stilles Mhen, ein Walten jener kleinen Dienste, die um so erhabener und heiliger in ihrer Demut sind, als sie wissend unbemerkt bleiben. Er strich nach dem Souper ber die zerknllten Tischtuchfalten vor ihrem Platze mit so zrtlichen und kosenden Fingern, wie man wohl liebe und weichruhende Frauenhnde streichelt; er rckte alle Dinge ihrer Nhe mit hingebungsvoller Symmetrie zusammen, als ob er sie zu einem Feste bereite. Die Glser, die ihre Lippen berhrt hatten, trug er sich sorgsam in sein enges dumpfes Dachlukenzimmer und lie sie im perlenden Mondlicht nchtlich auffunkeln wie kstliches Geschmeide. Stets war er aus irgend einem Winkel der geheime Behorcher ihres Schreitens und Wandelns. Er trank ihre Sprache so wie man einen sen und duftberauschenden Wein wollstig auf der Zunge wiegt, und fing die einzelnen Worte und Befehle gierig wie Kinder den fliegenden Spielball. So trug seine trunkene Seele in sein armes und gleichgltiges Leben einen wechselnden und reichen Glanz. Nie kam ihm die weise Torheit, das ganze Ereignis in die kalten, vernichtenden Worte der Tatschlichkeit zu kleiden, da der armselige Kellner Franois eine exotische, ewig unerreichbare Grfin liebte. Denn er empfand sie gar nicht als Wirklichkeit, sondern als etwas sehr Hohes, sehr Fernes, das nur mehr mit seinem Abglanz des Lebens reichte. Er liebte den herrischen Stolz ihrer Befehle, den gebietenden Winkel ihrer schwarzen, sich fast berhrenden Augenbrauen, die wilde Falte um den schmalen Mund, die sichere Grazie ihrer Gebrden. Unterwrfigkeit schien ihm Selbstverstndlichkeit, und die demtigende Nhe niederen Dienstes empfand er als Glck, weil er ihr zu danke so oft in den zauberischen Kreis treten durfte, der sie umfing. So ward in dem Leben eines einfachen Menschen pltzlich ein Traum wach, gleich einer edlen und sorgfltig gezchteten Gartenblte, die an einer Strae blht, wo sonst der Wanderstaub alle Keime zertritt. Es war der Taumel eines schlichten Menschen, ein zauberischer und narkotischer Traum inmitten eines kalten, gleichtnigen Lebens. Und Trume solcher Menschen sind wie die ruderlosen Boote, die ziellos in schaukelnder Wollust auf stillen, spiegelnden Wassern treiben, bis pltzlich ihr Kiel mit jhem Ruck an ein unbekanntes Ufer stt. * * * * * Die Wirklichkeit ist aber strker und robuster als alle Trume. Eines Abends sagte ihm der feiste Waadtlnder Portier im Vorbergehn: Die Ostrowska fhrt morgen mit dem Acht-Uhr-Zug. Und dann noch ein paar andre gleichgltige Namen, die er berhrte. Denn ein wirres Brausen und Wirbeln war aus diesen Worten in seinem Hirne geworden. Ein paar Mal fuhr er sich mechanisch mit den Fingern ber die geprete Stirn, als wollte er eine drckende Schicht wegschieben, die dort lagerte und das Verstndnis umdmmerte. Er machte ein paar Schritte; es war ein Taumeln. Unsicher und erschreckt glitt er an einem hohen goldgerahmten Spiegel vorbei, aus dem ihm ein fahles und fremdes Gesicht kreidig entgegenstarrte. Die Gedanken wollten nicht kommen, sie waren gleichsam festgemauert hinter einer dunklen nebligen Wand. Fast unbewut tastete er am Gelnder die breite Treppe in den umdmmerten Garten hinab, wo die hohen Pinien-Bume einsam standen wie finstere Gedanken. Noch ein paar Schritte wankte seine unruhige Gestalt, gleich dem niederen und taumelnden Flug eines groen dunklen Nachtvogels, dann sank er auf eine Bank, den Kopf an die khle Lehne gepret. Es war ganz still dort. Rckwrts zwischen den runden Struchern funkelte das Meer. Weiche und zitternde Lichter glhten dort leise, und in der Stille verlor sich der eintnig murmelnde Singsang fernpltschernder Brandungsquellen. Und pltzlich war alles klar, ganz klar. So schmerzklar, da er fast ein Lcheln fand. Es war einfach alles zu Ende. Die Grfin Ostrowska fhrt nach Hause, und der Kellner Franois bleibt auf seinem Posten. War dies denn so seltsam? Gingen nicht alle die Fremden fort, die kamen, nach zwei, nach drei, nach vier Wochen? Wie tricht, das nicht berdacht zu haben. Es war ja alles so klar, zum Lachen, zum Weinen klar. Er lachte ganz laut in seinem jhen ingrimmigen Schmerz. Und die Gedanken schwirrten und schwirrten. Morgen abend, mit dem Acht-Uhr-Zug nach Warschau. Nach Warschau -- Stunden und Stunden durch Wlder und Tler, ber Hgel und Berge, ber Steppen und Flsse und durch brausende Stdte. Warschau! Wie weit das war! Er konnte es sich gar nicht ausdenken, aber im tiefsten fhlen, dieses stolze und drohende, harte und ferne Wort: Warschau. Und er..... Eine Sekunde flatterte noch eine kleine trumerische Hoffnung auf. Er konnte ja nachfahren. Und dort sich verdingen als Diener, als Schreiber, als Fuhrknecht, als Sklave; als frierender Bettler dort auf der Strae stehn, aber nur nicht so furchtbar ferne sein, den Atem derselben Stadt nur atmen, sie manchmal vielleicht vorberbrausen sehen, nur ihren Schatten sehen, ihr Kleid und ihr dunkles Haar. Schon zuckten eilfertige Trumereien empor. Aber die Stunde war hart und unerbittlich. Er sah das Unerreichbare nackt und klar. Er rechnete: hundert oder zweihundert Francs Ersparnisse im besten Falle. Das reichte kaum die Hlfte des Weges. Und was dann? Wie durch einen zerrissenen Schleier sah er auf einmal sein Leben, fhlte, wie arm, wie klglich, wie hlich es jetzt werden mute. de leere Kellnerjahre, zermartert von trichter Sehnsucht, diese Lcherlichkeit sollte seine Zukunft sein. Wie ein Schauder kam es ber ihn. Und pltzlich liefen alle Gedankenketten strmisch und unabwendbar zusammen. Es gab nur eine Mglichkeit. -- Leise schwankten die Wipfel in einer unmerklichen Brise. Eine finstere schwarze Nacht stand drohend vor ihm. Da erhob er sich sicher und gelassen von seiner Bank und schritt ber den knirschenden Kies zu dem groen, in weiem Schweigen schlafenden Hause empor. Bei ihren Fenstern blieb er stehen. Sie waren blind und ohne ein funkelndes Lichterzeichen, daran sich trumerische Sehnsucht htte entznden knnen. Nun ging sein Blut in ruhigen Schlgen, und er schritt wie einer, den nichts mehr verwirrt und betrgt. In seinem Zimmer warf er sich ohne jede Erregung auf das Bett und schlief dumpfen traumlosen Schlaf bis zum rufenden Morgenzeichen. * * * * * Am nchsten Tage war sein Gebaren gnzlich in den Grenzen sorgfltig gezirkelter berlegung und erzwungener Ruhe. Mit khler Gleichgltigkeit erledigte er seine Pflichten, und seine Gebrden hatten eine so sichere und sorglose Gewalt, da niemand hinter der trgerischen Maske den herben Entschlu htte ahnen knnen. Kurz vor der Stunde des Diners eilte er mit seinen kleinen Ersparnissen in das vornehmste Blumengeschft und kaufte erlesene Blumen, die ihn in ihrer farbigen Pracht wie Worte anmuteten: feuergolden glhende Tulpen, die wie eine Leidenschaft waren, weie breitgekrnzte Chrysanthemen, die wie lichte und exotische Trume anmuteten, schmale Orchideen, die schlanken Bilder der Sehnsucht und ein paar stolze betrende Rosen. Und dann erstand er eine prchtige Vase aus opalisierendem funkelndem Glase. Die paar Francs, die ihm noch blieben, schenkte er im Vorbergehen einem Bettelkinde mit rascher und sorgloser Gebrde. Und eilte zurck. Die Vase mit den Blumen stellte er mit wehmtiger Feierlichkeit vor das Kuvert der Grfin, das er nun zum letzten Male mit einer voluptusen und langsamen Peinlichkeit bereitete. Dann kam das Diner. Er servierte wie immer: khl, lautlos und geschickt, ohne aufzuschauen. Nur zum Ende umfing er ihre ganze biegsame, stolze Gestalt mit einem unendlichen Blicke, von dem sie nie wute. Und nie erschien sie ihm so schn, wie in diesem letzten wunschlosen Blick. Dann trat er ruhig, ohne Abschied und Gebrde vom Tische zurck und ging aus dem Saal. Wie ein Gast, vor dem sich die Bedienten beugen und neigen, schritt er durch die Gnge und ber die vornehme Empfangstreppe hinab der Strae zu: man htte fhlen mssen, da er mit diesem Augenblick seine Vergangenheit verlie. Vor dem Hotel blieb er eine Sekunde unschlssig stehen: dann wandte er sich den blinkenden Villen und breiten Grten entlang einem Wege zu, weiter, immer weiter wandelnd in seinem nachdenklichen Promenadeschritt, ohne zu wissen, wohin. * * * * * Bis zum Abend irrte er so unstet in trumerischem Verlorensein. Er sann ber nichts mehr nach. Nicht ber Vergangenes und nicht ber das Unabwendbare. Er spielte nicht mehr mit dem Todesgedanken, so wie man wohl noch in den letzten Augenblicken den funkelnden, mit tiefem Auge drohenden Revolver prfend in der wgenden Hand hebt und wieder senkt. Lngst hatte er sich das Urteil gesprochen. Nur Bilder kamen noch, in flchtigem Fluge, gleich ziehenden Schwalben. Zuerst die Jugendtage bis zu einer verhngnisvollen Schulstunde, da ihn ein trichtes Abenteuer aus einer verfhrerisch winkenden Zukunft jhlings in das Gewirre der Welt stie. Dann die rastlosen Fahrten, Mhen um den Taglohn, Versuche, die immer wieder miglckten, bis die groe finstere Welle, die man Schicksal nennt, seinen Stolz zerbrach und ihn an einen unwrdigen Posten warf. Viele farbige Erinnerungen wirbelten vorber. Und schlielich glnzte noch die sanfte Spiegelung dieser letzten Tage aus den wachen Trumen; und jhlings stieen sie wieder das dunkle Tor der Wirklichkeit auf, das er durchschreiten mute. Er besann sich, da er noch heute sterben wollte. Eine Weile sann er ber die vielen Wege, die zum Tode fhren, und wgte ihre Bitterkeit und Behendigkeit gegeneinander ab. Bis ihn pltzlich ein Gedanke durchzuckte. Aus trben Sinnen fiel ihm jh ein finsteres Symbol ein: so wie sie unwissend und vernichtend ber sein Schicksal hinweggebraust war, so sollte sie auch seinen Krper zermalmen. Sie selbst sollte es vollbringen. Sie selbst ihr Werk vollenden. Und nun hasteten die Gedanken mit unheimlicher Sicherheit. In einer knappen Stunde, um acht Uhr ging der Expre ab, der sie ihm entfhrte. Dem wollte er sich unter die Rder werfen, sich zerstampfen lassen von der gleichen strmenden Gewalt, die ihm die Frau seiner Trume entri. Unter ihren Fen wollte er verbluten. Die Gedanken strmten und strmten gleichsam jubelnd einander nach. Er wute auch den Ort. Weiter oben am Waldhang, wo die rauschenden Wipfel den letzten Blick auf die nahe Bucht verdunkelten. Er sah auf die Uhr: fast schlugen die Sekunden und sein hmmerndes Blut den gleichen Takt. Es war schon Zeit, sich auf den Weg zu machen. Nun kam mit einem Male Elastizitt und Zielsicherheit in seine schlaffen Schritte, jener harte eilige Takt, der das Trumen im Vorwrtswandeln erttet. Unruhig strmte er in die dmmernde Pracht des sdlichen Abends der Stelle zu, wo zwischen den fernen bewaldeten Hgeln der Himmel eingebettet war als purpurner Streif. Und er eilte vorwrts, bis er an das Geleise kam, das mit seinen beiden silbernen Linien vor ihm aufglnzte und seinen Weg geleitete. Und sie fhrten ihn in gewundenem Zuge aufwrts durch die tiefen duftenden Tale, deren dunstige Schleier das matte Mondlicht durchsilberte, sie lenkten ihn im steigenden Gange in das Hgelland, wo man sah, wie ferne das weite nachtschwarze Meer mit seinen funkelnden Strandlichtern aufglnzte. Und sie zeigten ihm endlich den tiefen, unruhig rauschenden Wald, der das Geleise in seinen sinkenden Schatten begrub. Es war schon spt, als er nun schweratmend am dunklen Hange des Waldes stand. Schauerlich und schwarz reihten sich die Bume um ihn. Nur hoch oben in den durchschimmernden Kronen spann ein fahles zitterndes Mondlicht in den Zweigen, die sthnten, wenn sie die leise Nachtbrise in die Arme nahm. Manchmal zuckten seltsame Rufe ferner Nachtvgel in diese dumpfe Stille. Die Gedanken erstarrten ihm ganz in dieser bangenden Einsamkeit. Er wartete nur, wartete und starrte, ob nicht unten an der Kurve der ersten ansteigenden Serpentine das rote Licht des Zuges auftauchten wollte. Manchmal sah er wieder nervs auf die Uhr und zhlte die Sekunden. Dann horchte er wieder nach dem fernen Schrei der Lokomotive. Aber es war eine Tuschung. Ganz still wurde es wieder. Die Zeit schien erstarrt zu sein. Endlich glnzte fern unten das Licht. Er fhlte in dieser Sekunde einen Sto im Herzen, wute aber nicht, ob es Furcht oder Jubel war. Mit jher Gebrde warf er sich hin auf die Schienen. Zuerst fhlte er einen Augenblick nur die wohlige Khle der Eisenstreifen an seiner Schlfe. Dann horchte er. Der Zug war noch weit. Minuten mochte es wohl dauern. Noch hrte man nichts auer dem flsternden Rauschen der Bume im Wind. Wirr sprangen die Gedanken. Und pltzlich einer, der blieb und sich wie ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: da er um ihretwillen starb und sie es nie ahnen wrde. Da nicht eine einzige leise Welle seines aufschumenden Lebens die ihre berhrt hatte. Da sie nie wissen wrde, da ein fremdes Leben an ihrem gehangen, an ihrem zerschmettert sei. Ganz leise keuchte von ferne durch die atemstille Luft der rhythmische Gang der steigenden Maschine. Aber der Gedanke brannte unvermindert und folterte die letzten Minuten des Sterbenden. Nher und nher ratterte der Zug. Und da schlug er noch einmal die Augen auf. ber ihm war ein schweigender blauschwarzer Himmel und ein paar rauschende Kronen. Und ber dem Walde ein weier blinkender Stern. Ein einsamer Stern ber dem Walde.... Schon begannen die Schienen unter seinem Kopfe leise zu schwingen und zu singen. Aber der Gedanke brannte wie Feuer in seinem Herzen und in dem Blicke, der alle Glut und Verzweiflung seiner Liebe fate. Alle Sehnsucht und diese letzte schmerzliche Frage fluteten ber in den weien leuchtenden Stern, der mild auf ihn niedersah. Nher und nher schmetterte der Zug. Und der Sterbende umfing noch einmal mit einem letzten unsagbaren Blick den funkelnden Stern, den Stern ber dem Walde. Dann schlo er die Augen. Die Schienen zitterten und wankten, nher und nher stampfte der ratternde Gang des fliegenden Zuges, da der Wald drhnte wie von groen hmmernden Glocken. Die Erde schien zu taumeln. Noch ein betubendes sausendes Schwirren, ein wirbelndes Getse, dann ein schriller Pfiff, der ngstliche tierische Schrei der Dampfpfeife und das gelle Sthnen einer vergeblichen Bremse..... * * * * * Die schne Grfin Ostrowska hatte im Zuge ein eigenes reserviertes Coup. Seit der Abfahrt las sie einen franzsischen Roman, sanft gewiegt von der schaukelnden Bewegung des Wagens. Die Luft des engen Raumes war schwl und getrnkt von dem drckenden Dufte vieler welkender Blumen. Schon nickten von den prchtigen Abschiedskrben die weien Fliedertrauben mde herab wie berreife Frchte, erschlafft hingen die Blten an den Stengeln, und die schweren und breiten Kelche der Rosen schienen zu welken in der heien Wolke der berauschenden Dfte. Erstickende Schwle wrmte diese schweren Duftwellen, die trge niederdrckten, selbst in der sausenden Eile des Zuges. Pltzlich lie sie mit matten Fingern das Buch sinken. Sie wute selbst nicht, warum. Ein geheimes Gefhl war es, das sie aufri. Sie fhlte einen dumpfen schmerzlichen Druck. Ein jher, unverstndlicher beklemmender Schmerz umprete ihr Herz. Sie glaubte ersticken zu mssen in dem schwlen betubenden Dunst der Blumen. Und dieser ngstigende Schmerz wich nicht, sie fhlte jede Schwingung der sausenden Rder, das blinde Vorwrtsstampfen marterte sie unsglich. Eine pltzliche Sehnsucht packte sie, den eilenden Schwung des Zuges hemmen zu knnen, ihn zurckzureien von dem dunklen Schmerz, dem er entgegenstrmte. Nie hatte sie in ihrem Leben eine hnliche Angst vor etwas Furchtbarem, Unsichtbarem, Grausamem ihr Herz umklemmen gefhlt, als in diesen Sekunden unverstndlichen Schmerzes und unbegreiflicher Angst. Und immer wilder wurde dieses unsagbare Gefhl, immer enger der Druck um die Kehle. Wie ein Gebet sthnte in ihr der Gedanke, da der Zug anhalten mge. Da pltzlich ein schriller Signalpfiff, der wilde warnende Schrei der Lokomotive und das klgliche knirschende Sthnen der Bremse. Und verlangsamt der Rhythmus der fliegenden Rder, langsamer und langsamer, dann ein ratterndes Stammeln und ein stockender Sto.... Mhsam tappt sie zum Fenster, um die khle Luft zu trinken. Die Scheibe rasselt nieder. Drauen schwarze, strmende Gestalten .... fliegende Worte von wechselnden Stimmen: ein Selbstmrder.... Unter den Rdern.... Tot.... Auf freiem Feld.... Sie zuckt zusammen. Instinktiv trifft ihr Blick den hohen schweigenden Himmel und drben die schwarzen rauschenden Bume. Und ber ihnen ein einsamer Stern ber dem Walde. Sie fhlt seinen Blick wie eine funkelnde Trne. Sie sieht ihn an und sprt jhlings eine Traurigkeit, wie sie sie nie gekannt. Eine Traurigkeit voll Glut und Sehnsucht, wie sie in ihrem eigenen Leben nie war... Langsam rattert der Zug wieder weiter. Sie lehnt in der Ecke und sprt leise Trnen ber die Wangen tropfen. Die dumpfe Angst ist gewichen, sie fhlt nur noch einen tiefen seltsamen Schmerz, dessen Spur sie vergebens nachsinnt. Einen Schmerz, wie ihn verschreckte Kinder haben, wenn sie in finstrer undurchdringlicher Nacht pltzlich erwachen und fhlen, da sie ganz einsam sind.... Die Wanderung E. M. Lilien dem Knstler und dem Freunde Dunkle Gerchte waren durch das Land gezogen und seltsame Worte, als sollte die Zeit sich erfllt haben und der Messias nahe sein. Immer hufiger kamen Mnner von Jerusalem zu den kleineren Orten Judas und erzhlten von Zeichen und Wundern, die sich ereignet hatten. Und wenn sie zu wenigen beisammen waren, dann senkten sie ihre Stimmen geheimnisschwer, um von dem seltsamen Manne zu knden, den sie Meister nannten. Allerorts hrte man sie dann gerne und glaubte ihnen mit banger Zuversicht, denn die Sehnsucht nach dem Erlser war drngend und reif geworden im Volke, wie eine Blte, die ihren Kelch zersprengt. Und wenn man der Verheiungen in den heiligen Bchern gedachte, so nannte man seinen Namen, und ein hoffnungsfrohes Leuchten flammte in den Blicken. Damals lebte auch ein Jngling im Lande, dessen Herz glubig war und erwartungsvoll. Die armen Pilger, die des Weges von Jerusalem kamen, lud er in sein Haus, da sie ihm vom Heilande berichteten, und wenn sie von ihm sprachen und von seinen wunderseligen Taten und Worten, da fhlte er einen dumpfen Schmerz im Herzen, denn sein Verlangen wurde jh und ungestm, das Angesicht des Erlsers zu schauen. Tag und Nacht trumte er von ihm, und seine rastlose Sehnsucht formte tausend Bilder seines Antlitzes voll Gte und Milde, er aber fhlte, da sie doch nur stammelnde Abbilder einer groen Vollendung seien. Und ihm war, als mte alle Unrast und Schmerzlichkeit seiner jungen Seele schwinden, drfte er nur einmal den leuchtenden Glanz tragen, der von dem Herrn ausging. Noch aber wagte er es nicht, Heimat und Arbeit zu verlassen, die ihn ernhrten, und dorthin zu gehen, wohin ihn seine Sehnsucht wies. Einmal aber erwachte er pltzlich in tiefer Nacht aus einem Traum. Er vermochte sich seiner nicht mehr zu besinnen, nicht einmal, ob er ihm Glck gegeben oder einen Schmerz; er fhlte nur so, als ob ihn jemand von ferne gerufen htte. Und da wute er, da der Heiland ihn zu sich entboten. Im schwersten Dunkel erwuchs ihm noch der jhe Entschlu, da er nun nicht mehr zaudern drfe, seines Herrn Angesicht zu schauen, und der sehnschtige Drang ward so siegreich und mchtig in ihm, da er sich sogleich ankleidete, einen starken Wanderstab nahm und, ohne jemandem ein Wort zu sagen, aus dem schlummernden Hause ging, den Weg gegen Jerusalem zu. Helles Mondlicht lag auf der Strae, und der Schatten seiner hastenden Gestalt eilte vor ihm her. Denn sein Schritt war beschleunigt und beinahe ngstlich; es schien, als wollte er das monatelange Versumnis in dieser einen Nacht wett machen. In ihm bangte ein Gedanke, den er sich kaum zu sagen wagte: es knnte zu spt sein, und er wrde den Heiland nicht mehr finden. Und manchmal berkam ihn auch die bange Furcht, er knnte den Weg verfehlen. Aber dann gedachte er des innigen Wunders, das er vernommen von drei Knigen aus fernem Lande, die ein leuchtender Stern durch das Dunkel gefhrt. Und da verlie wieder die lstige Schwere seine Seele, und der eilende Wanderschritt hallte sicher und fest auf dem harten Pfade. Einige Stunden eilte er so dahin, dann ward es Morgen. Langsam hob sich der Nebel und zeigte das farbensatte Hgelland mit seinen fernen Bergen und hellen Gehften, die zur Rast einluden. Er aber hielt nicht inne auf seiner Wanderung, sondern strebte unablssig weiter. Langsam stieg die Sonne hher und hher. Und es ward ein heier Tag, der sich schwer ber das Land legte. Bald wurde sein Schritt langsamer. Lichte Schweiperlen tropften von seinem Krper, und das schwere Feiertagsgewand begann ihn zu drcken. Zuerst legte er es ber die Schulter, um es zu bewahren, und ging in rmlicher Gewandung dahin. Bald aber begann er die Schwere der Last zu fhlen und wute nicht mehr, was er mit dem Kleide beginnen sollte. Er wollte es nicht weggeben, denn er war arm und hatte kein anderes Feiertagsgewand, so da er schon daran dachte, es im nchsten Dorfe zu verkaufen oder als Pfand fr Geld zu geben. Aber als ein Bettler mhselig des Weges daherkam, dachte er seines fernen Meisters und schenkte das Gewand dem Armen. Eine kurze Zeit ging er wieder rstiger, doch dann verlangsamte sich von neuem sein Gang. Die Sonne stand schon hoch und hei, und die Schatten der Bume fielen nur als schmale Streifen ber den staubigen Weg. Sehr selten kam ein schwacher Wind durch die stockende Mittagsschwle, der aber trieb den breitkrnigen und schweren Staub der Strae mit sich, der sich an den schweiberstrmten Krper klebte. Und er fhlte ihn auch auf den vertrockneten Lippen brennen, die lange nach einem Trunke lechzten. Aber die Gegend war gebirgig und de, nirgends war ein frischer Quell zu sehen oder ein gastliches Haus. Manchmal kam ihm der Gedanke, er sollte umkehren oder doch wenigstens im Schatten einige Stunden rasten. Aber eine immer wachsende Unruhe trieb ihn weiter mit schwankenden Knieen und lechzenden Lippen seinem Ziele entgegen. Inzwischen war es Mittag geworden. Die Sonne brannte hei und stechend vom wolkenlosen Himmel herab, und die Strae glhte unter den Sandalen des Wanderers wie flssiges Erz. Seine Augen waren rot und geschwollen vom Staube, der Gang wurde immer unsicherer, und die ausgetrocknete Zunge vermochte nicht mehr den seltenen Vorberwandernden den frommen Willkommengru zu erwidern. Lngst htten alle Krfte versagt, aber es war, als triebe der Wille allein ihn noch vorwrts und die furchtbare Angst, er knnte sich verspten und mchte das leuchtende Antlitz nicht mehr schauen, das seine Trume erhellte. Und der hhnische Gedanke, da er ihm schon nahe sei, nur mehr zwei armselige Stunden von der heiligen Stadt, drohte ihm das Gehirn zu zersprengen. Bis zu einem Hause am Wege schleppte er sich noch fort. Mit letzter Kraft warf er den knorrigen Wanderstab gegen die Tr und bat die ffnende Frau mit trockener und fast unhrbarer Stimme um einen Trunk. Dann brach er ohnmchtig ber der Schwelle zusammen. Als er wieder zur Besinnung erwachte, fhlte er wieder sichere und frische Kraft in seinen Gliedern. Er fand sich in einem kleinen Raum von wohltuender Khle auf einem Ruhebette ausgestreckt. Und berall die Spuren einer mildttig-sorglichen Hand; sein glhender Krper war mit Essig gewaschen worden und sorgfltig gesalbt, und neben seinem Lager stand noch das Gef, aus dem man ihn gelabt. Sein erster Gedanke galt der Zeit, und er sprang rasch vom Lager, um nach der Sonne zu sehen. Die stand noch hoch, denn es war erst frher Nachmittag, so da er wenig Zeit versumt hatte. In diesem Augenblicke trat die Frau ins Zimmer, die ihm frher das Tor geffnet. Sie war noch jung und dem Aussehen nach eine Syrierin; wenigstens hatten ihre Augen jenen dunklen raubtierartigen Glanz der Frauen dieses Volkes, und ihre Hnde und Ohrgehnge verrieten die kindliche Freude am Schmuck, die allen diesen Frauen eigen ist. Ihr Mund lchelte leise, als sie ihm Willkommen in ihrem Hause bot. Er sagte ihr warmen Dank fr ihre Gastfreundschaft, wagte es aber nicht, gleich vom Abschied zu sprechen, so sehr ihn auch sein Herz auf den Weg drngte. Und nur ungern folgte er ihr in das Speisegemach, wo sie ihm eine Mahlzeit vorbereitet. Dort hie sie ihn mit einer Gebrde sich niederzulassen, fragte ihn dann nach seinem Namen und um das Ziel seiner Reise. Und bald kamen sie ins Gesprch. Sie begann von sich zu erzhlen, da sie die Frau eines rmischen Centurio sei, der sie aus ihrem Heimatlande entfhrt hatte und hierhergebracht, wo ihr das Leben in seiner Eintnigkeit, fern von ihren Stammesgenossen, wenig behage. Heute bliebe er den ganzen Tag in der Stadt, denn Pontius Pilatus, der Statthalter, habe die Hinrichtung dreier Verbrecher angeordnet. Und so sprach sie noch allerlei gleichgltige Dinge mit viel Geschftigkeit, ohne auf seine unruhige und ungeduldige Miene zu achten. Und manchmal sah sie ihn mit einem eigentmlich lchelnden Blick an, denn er war ein schner Jngling. Zuerst bemerkte er von alldem nichts, denn er achtete nicht auf sie und lie ihre Worte wie ein sinnloses Gerusch an sich vorbeistrmen. Sein ganzes Denken verlor sich immer wieder in dem einzigen Gedanken, da er weiterwandern msse, um noch heute den Heiland zu sehen. Aber der schwere Wein, den er achtlos trank, gab seinen Gliedern Mdigkeit und Schwere, und mit der Sttigung berkam ihn auch das sanfte Gefhl einer trgen Behaglichkeit. Und als die sinkende Willenskraft ihn nach dem Mahle zu einem matten Versuche zwang, Abschied zu nehmen, hielt sie ihn mit Hinblick auf die drckende Hitze des Nachmittags ohne viel Mhe zurck. Und lchelnd verwies sie ihm seine Hast, die mit wenigen Stunden geize. Wenn er schon Monate gezgert, drfe er doch nicht mit einem einzigen Tage rechnen. Und mit ihrem seltsamen Lcheln kam sie immer wieder darauf zurck, da sie allein zu Hause sei, ganz allein. Dabei bohrte sich ihr Blick verlangend in den seinen. Und auch ber ihn war eine seltsame Unruhe gekommen. Der Wein hatte in ihm dumpfe Begierden geweckt, und sein Blut, das in dem kochenden, verzehrenden Brande der Sonne geglht, pochte in seinen Adern mit einer seltsamen Schwle, die sein Denken immer mehr berwltigte. Und als sie ihr Antlitz einmal nah zu dem seinen neigte und er den verlockenden Duft ihrer Haare einsog, ri er sie zu sich und kte sie in strmischem berschwang. Und sie wehrte ihm nicht... Und er verga seiner heiligen Sehnsucht und dachte nur derer, die er in seinen fiebernden Armen hielt, einen langen schwlen Sommernachmittag lang. Erst die Dmmerung erweckte ihn wieder aus seinem Taumel. Jh, fast feindselig ri er sich aus ihren Armen los, denn der Gedanke, er knnte den Messias versumt haben um eines Weibes willen, machte ihn furchterfllt und wild. In Hast nahm er seine Kleider, ergriff den Stab und verlie das Haus nur mit einer stummen Gebrde des Abschieds. Denn wie eine Ahnung war es in ihm, da er dieser Frau nicht Dank sagen drfe. In unaufhrlicher Hast strebte er Jerusalem zu. Der Abend war schon gesunken, und in allen sten und Zweigen bebte ein Rauschen wie von einem dunklen Geheimnis, das die Welt erfllte. Und ferne in der Richtung gegen die Stadt zu lagen ein paar dunkelschwere Wolken, die langsam im Abendrote zu glhen begannen. Und sein Herz erschrak in jher und unverstndlicher Angst, wie er dieses grelle Zeichen am Himmel erkannte. Atemlos legte er den Rest des Weges zurck, und schon lag das Ziel vor seinen Augen. Er aber dachte immer wieder, da er seiner Berufung untreu geworden sei, um einer flchtigen Wollust willen, und die dumpfe Schwere in seinem Herzen wollte nicht leichter werden, ob er auch die hellen Mauern und blanken Trme der heiligen Stadt erblickte und die leuchtenden Zinnen des Tempels. Nur einmal hielt er inne auf seiner Wanderung. Nahe der Stadt, auf einem niederen Hgel, sah er eine gewaltige Menge Menschen, die sich wirr durcheinander drngte und so laut lrmte, da er die Stimmen selbst aus der Ferne vernahm. Und ber ihnen sah er drei Kreuze ragen, die sich schwarz und scharf von der Himmelswand abhoben. Diese aber war berflutet von heller Glut, als sei die ganze Welt mit leuchtendem Flammenschein bergossen und in drohenden Glanz getaucht. Und die blanken Speere der Sldner glhten, als seien sie mit Blut befleckt.... Ein Mann kam auf dem menschenleeren Weg daher, mit ziellosem, unruhigem Gang. Den fragte er, was hier geschehe, um im nchsten Augenblick malos zu erstaunen. Denn das Antlitz, das der Fremde vom Boden erhob, war so schreckverzerrt und erstarrt, wie von einem jhen Schlage gerhrt, und ehe sich der Fragende fassen konnte, strmte er in wilder Verzweiflung davon, wie von Dmonen verfolgt. Verwundert rief er ihm nach. Der Fremde wendete sich nicht um, sondern lief fort und fort, aber dem Weiterwandernden dnkte es, als htte er in ihm einen Mann aus Kerijoth, namens Judas Ischariot, erkannt. Doch er verstand nicht sein seltsames Gebaren. Den Nchsten, der des Weges vorberzog, befragte er ebenfalls. Der aber war eilig und sagte nur, es seien drei Verbrecher gekreuzigt worden, die Pontius Pilatus verurteilt habe. Und ehe er ihn weiter fragen konnte, war er vorber. Und da ging er selbst weiter gegen Jerusalem zu. Einmal warf er noch einen Blick zurck auf den Hgel, der wie mit Blut umwlkt war, und sah zu den drei Gekreuzigten hin. Zum Rechten, zum Linken und zuletzt zu dem in der Mitte. Aber er konnte sein Angesicht nicht mehr erkennen. Und er schritt achtlos vorber und wanderte zur Stadt, um das Antlitz des Erlsers zu schauen.... Die Wunder des Lebens Hans Mller dem lieben Freunde Die graue Nebelfahne hatte sich tief ber Antwerpen gesenkt und hllte die Stadt ganz in ihr dichtes, drckendes Tuch. Die Huser verflossen bald in einem feinen Rauch, und die Straen fhrten ins Ungewisse: ber ihnen aber ging wie ein Wort Gottes aus den Wolken ein drhnendes Klingen und ein surrender Ruf, denn die Kirchtrme, aus denen die Glocken mit gedmpfter Stimme klagten und baten, waren zerronnen in diesem groen wilden Nebelmeer, das Stadt wie Land erfllte und ferne im Hafen die unruhigen, leise grollenden Fluten des Ozeans umschlang. Hie und da kmpfte ein matter Lichtschein mit dem feuchten Rauche und suchte ein grelles Schild zu beleuchten, aber nur das verschwommene Lrmen und Lachen harter Kehlen verriet die Schenke, in der sich die Frierenden und die des Wetters Unlustigen zusammengefunden hatten. Die Gassen waren leer, und wenn Gestalten vorbeikamen, so war es nur wie ein flchtiger Streif, der rasch in Nebel zerrann. Trostlos und mde war dieser Sonntagmorgen. Nur die Glocken riefen und riefen ohne Unterla, wie verzweifelt, da der Nebel ihren Schrei erstickte. Denn die Andchtigen waren sprlich; die fremde Ketzerei hatte Fu gefat im Lande, und wer nicht abtrnnig geworden, war lssiger und matter im Dienst des Herrn, so da eine morgendliche Nebelwolke gengte, um viele ihrer Pflicht zu entfremden. Alte, verhutzelte Frauen, die ihre Rosenkrnze emsig surrten, arme Leute in schlichtem Sonntagsgewand standen wie verloren in den tiefen dunklen Hallen der Kirche, aus denen das schimmernde Gold der Altre und Kapellen und das leuchtende Megewand wie eine milde und sanfte Flamme entgegenstrahlte. Wie durchgesickert durch die hohen Wnde war der Nebel, denn auch hier wohnte die traurig-frstelnde Stimmung der verlassenen, versponnenen Straen. Und kalt, herbe, ohne den sonnigen Strahl war auch die Morgenpredigt: sie galt den Protestanten und war von wildem Zorn getragen, in dem sich Ha mit starkem Kraftbewutsein vermhlte, denn die Zeiten der Milde schienen vorbei, und von Spanien her kam den Klerikern die frohe Kunde, da der neue Knig mit lobenswerter Strenge dem Werk der Kirche diene. Und mit den schildernden Drohungen des letzten Gerichtes vereinten sich dunkle Worte der Mahnung fr die nchste Zeit, die vielleicht unter einer zahlreichen Hrerschar durch das raunende Gesthle weitergerauscht wren, so aber, in der dunklen Leere drhnend und hohl zu Boden fielen, wie erfroren in der nakalten schauernden Luft. Whrend der Predigt waren zwei Mnner rasch beim Hauptportal eingetreten, fr den ersten Augenblick unkenntlich durch den hoch aufgeschlagenen hllenden Mantel und das tief ins Antlitz verstrmte Haar. Der grere lste sich mit einem jhen Ruck aus der nassen Hlle: ein klares, nicht aber ungewhnliches Gesicht, zu dessen wohlbehbigem, brgerlichen Schnitt die reiche Kaufherrntracht wohl pate. Der andere war absonderlicher, wenn auch nicht phantastisch gekleidet: seine sanften und ruhigen Bewegungen harmonierten mit seinem etwas grobknochig-buerlichen, aber gutherzigen Gesicht, dem die weie Wucht der herabwallenden Haare die Milde eines Evangelisten verliehen. Sie verrichteten beide eine kurze Andacht; dann winkte der Kaufherr seinem lteren Begleiter zu, ihm zu folgen, und sie gingen langsam und mit behutsamen Schritten in das Seitenschiff, das fast ganz im Dunkel lag, weil die Kerzen unruhig im feuchten Raume zitterten und vor den farbigen Scheiben die schwere Wolke lag, die sich noch immer nicht erhellen wollte. Vor einer der kleinen Seitenkapellen, die meist Stiftungen und Gelbnisse der erbgesessenen Familien enthielten, blieb der Kaufherr stehen, und mit der Hand gegen einen der kleinen Altare hindeutend, sagte er kurz: Hier ist es. Der andere trat nher und legte die Hand ber das Auge, um die Dmmerung besser zu durchdringen. Der eine Altarflgel trug ein lichtes Bild, das im Dunkel nur noch weicher und milder in seiner Tnung zu werden schien und den Blick des Malers sogleich fesselte. Es war die Muttergottes mit dem vom Schwert durchbohrten Herzen, ein Bild, ganz sanft und vershnungsvoll trotz seines Schmerzes und seiner Traurigkeit. Ein seltsam ser Kopf war die Maria, nicht so sehr Mutter Gottes wie trumerische blhende Jungfrau, der ein leiser schmerzlicher Gedanke die lchelnde Anmut spielender Sorglosigkeit nimmt. Schwarze, dicht herabflieende Haare umschlossen zrtlich angepret ein schmales, blaleuchtendes Gesicht, aus dem die Lippen rot entgegenbrannten, wie eine purpurne Wunde. Wundersam fein waren die Zge, und manche Linie, wie der schmale und sichere Schwung der Augenbrauen legten einen fast begehrlichen Schein und eine spielerische Schnheit ber das zarte Antlitz, aus dem die dunklen Augen versonnen trumten, wie aus einer andern vielfarbigeren und seren Welt, der sie ein banger Schmerz entfhrt. Die Hnde waren sanft ergebungsvoll gefaltet, und die Brust schien noch leicht schreckhaft zu erbeben vor der kalten Berhrung des Schwertes, dem entlang die blutende Spur ihrer Wunde verstrmte. All dies war in wundersamen Glanz getaucht, der ihr Haupt golden berflammte, und selbst ihr Herz glhte nicht wie warmes rauschendes Blut, sondern wie das mystische Licht des Kelches im farbigen Scheine der sonnedurchleuchteten Kirchenscheiben. Und die flieende Dmmerung nahm noch den letzten Schein der Weltlichkeit dieses Bildes, so da der Heiligenschein ber diesem sen Mdchenhaupte so lebendig glhte wie wahrhaftiges Schimmern der Verklrung. Beinahe ungestm raffte sich der Maler aus seiner nachhaltigen und bewundernden Betrachtung auf. Das hat keiner von den Unsrigen gemalt. Der Kaufherr nickte zustimmend mit dem Kopf. Ein Italiener war es. Ein junger Maler. Aber das ist eine ganze Geschichte. Ich will sie Euch von Anfang an beginnen, und Ihr selbst sollt es sein, wie Ihr wit, der Ihr den Schlustein setzt. Doch seht: die Predigt ist zu Ende, wir wollen fr Historien andern Platz suchen als die Kirche, wiewohl ihr unser Bemhen und gemeinsam Werk gelten wird. Lat uns gehn! Der Maler blieb noch zgernd einige Augenblicke stehen, ehe er sich vom Bilde abwandte, das immer leuchtender zu werden schien, in dem Mae, als die rauchige Finsternis sich zu erhellen strebte und der Dunst immer goldener um die Fenster sich wlbte. Und es war ihm fast, als wrde, wenn er andchtig betrachtend zurckbliebe, die sanft-schmerzliche Falte dieser Kinderlippen sich in ein Lcheln verlieren und neue Holdseligkeit ihm offenbaren. Doch sein Begleiter war schon vorausgegangen, und er mute seinen Schritt beschleunigen, um ihn noch beim Portale zu erreichen. Gemeinsam, wie sie gekommen waren, traten sie aus der Kirche. Aus dem schweren Nebelmantel, den der Vorfrhlingsmorgen der Stadt umgehngt hatte, war ein matter, silberner Flor geworden, der wie ein Spitzengewebe sich an den gegiebelten Dchern verfangen. Das enggesteinte Pflaster glnzte feucht-atmend wie Stahl, und schon begann sich das erste Sonnenflimmern goldig darin zu spiegeln. Der Weg der beiden ging durch die schmalen verwinkelten Gassen dem hellen Hafen zu, wo der Kaufherr wohnte. Und da sie langsam dahinschritten, in Gedanken und Erinnerung verloren, fhrte des Kaufherrn Geschichte schneller hin zum Ziele als ihrer Schritte trumerischer Gang. Ich hab Euch schon erzhlt, begann er, da ich in jungen Jahren in Venezia war. Und um nicht lang zu zgern: ich trieb es nicht sehr christlich. Statt meines Vaters Contor zu verwalten, sa ich in Schenken mit dem jungen Volk, das dort den lieben Tag in Saus und Braus verbringt, trank, spielte, wute auch schon manches freche Lied und manchen bittern Fluch ber den Tisch zu donnern, wie die andern. An Heimkehr dacht' ich nicht. Das Leben war mir leicht, wie meines Vaters Worte, die er mir dringender und drohender von Hause schrieb: man kannte mich und hatte ihn gewarnt, da mich das Luderleben noch verschlingen wrde. Ich lachte nur, manchmal mit rgernis: ein rascher Schluck von diesem dunkelsen Wein schwemmte mir alle Bitterkeiten weg, und tat's nicht er, so tat's ein Dirnenku. Die Briefe ri ich auf und bald entzwei: mich hatte ganz der bse Rausch gefat, ich dachte nie mehr loszukommen. Doch eines Abends ward ich alles frei. Sehr seltsam war's, und manchmal fhl' ich's heute noch so, als htte sichtbarlich ein Wunder meinen Weg gebahnt. Ich sa in meiner Schenke: heut noch seh' ich sie mit ihrem Qualm und Dunst und meinen Kneipgesellen. Auch Dirnen waren mit, und eine war sehr schn; wir trieben's selten toller als in dieser Nacht, die strmisch war und sehr unheimlich. Pltzlich, als eben eine unzchtige Historie drhnendes Lachen weckte, trat mein Diener ein und gab mir einen Brief, den der Kurier von Flandern gebracht hatte. Ich war sehr rgerlich, weil ich die Briefe meines Vaters ungern sah, denn sie mahnten mich unablssig an meine Pflicht und an ein christlich Tun, zwei Dinge, die ich lngst im Wein ersuft hatte. Ich wollt' ihn nehmen: da sprang der eine meiner Kneipgesellen auf, ein schner Bursch, geschickt und aller ritterlichen Knste Meister. La doch den Unkenschrei! Was geht's dich an! rief er und warf den Brief hoch, ri seinen Degen rasch heraus und stie geschickt das niederflatternde Blatt tief in die Wand, da die blaue geschmeidige Klinge zitterte. Er zog sie vorsichtig zurck -- der geschlossene Brief blieb an seiner Stelle. Da klebt die Fledermaus, lachte er. Die andern schlugen in die Hnde, die Dirnen sprangen freudig zu ihm auf, man trank ihm zu. Ich lachte selbst, trank mit, zwang mich zu toller Frhlichkeit, in der ich Brief und Vater, Gott und mich verga. Wir gingen fort, ohne da ich noch des Briefes dachte, zu einer andern Schenke, wo unsre Frhlichkeit zur Torheit wurde. Ich war berauscht wie nie, und eine der Dirnen war schn wie die Snde. -- Der Kaufherr blieb unwillkrlich stehen und strich sich mit der Hand mehrmals ber die Stirne, gleichsam, als wollte er ein unerfreuliches Bild von sich abstreifen. Der Maler merkte rasch die Peinlichkeit der Erinnerung und sah ihn nicht an, sondern lie seinen Blick wie neugierig auf einer raschsegelnden Galeone ruhen, die sich mit vollen Segeln dem Hafen nherte, in dessen farbigem Gewirre die beiden langsam angelangt waren. Das Schweigen dauerte nicht lange, und der Erzhler fuhr mit Hastigkeit fort. -- Ihr knnt Euch denken, wie es wurde. Ich war jung und verwirrt, sie frech und schn. Wir gingen zusammen, und ich war voll Unrast und Begierde. Aber ein Sonderbares geschah. Als ich in ihren buhlerischen Armen lag und sich ihr Mund an meinen prete, da ward diese Zrtlichkeit mir nicht wilder, gern erwiderter Genu, sondern in wunderbarer Weise mahnten mich diese Lippen an den sanften Abendgru im Elternhause. Mit einem Male, wundersam und kaum glaublich, fiel mir in den Armen der Dirne meines Vaters zerknllter, zerstoener, ungelesener Brief ein und mir war, als fhlte ich den Sto des Gesellen in meiner blutenden Brust. Ich fuhr auf, so unvermittelt und bla, da mich die Dirne erschreckten Blickes befragte, was mir zugestoen sei. Aber ich schmte mich meiner trichten Angst, und ich schmte mich dieses fremden Weibes, in dessen Bett ich gelegen und deren Schnheit ich genossen, ohne ihr den trichten Gedanken eines Augenblickes anvertrauen zu wollen. Aber in dieser Minute hat sich mein ganzes Leben gewandelt, und heut wie damals fhle ich, da nur Gottes Gnade solches wirken kann. Ich warf ihr Geld hin, das sie widerwillig nahm, weil sie frchtete, da ich sie verachte, und nannte mich einen deutschen Narren. Ich aber hrte nicht mehr, sondern strmte fort in die kalte Regennacht und schrie wie ein Verzweifelter in die dunklen Kanle hinaus nach einer Gondel. Endlich kam eine, die sich ihre Fahrt mit Gold aufwiegen lie, aber mein Herz pochte in einer so jhen, unbarmherzigen und unbegreiflichen Angst, da ich an nichts anderes dachte als an den Brief, den mir ein Wunder so jhlings wieder in Erinnerung gebracht. Als ich bei der Schenke angelangte, brach die Begierde nach diesen Zeilen aus wie ein zehrendes Fieber; ein Rasender strmte ich jh in die Schenke, ohne der freudig-erstaunten Rufe meiner Genossen zu achten, sprang auf einen glserklirrenden Tisch, ri den Brief von der Wand und rannte weiter, ohne das tolle Hohnlachen und zornige Fluchen hinter mir zu beachten. An der nchsten Ecke entfaltete ich den Brief mit zitternden Hnden. Der Regen strmte nieder vom verwlkten Himmel, und der Wind ri an dem Blatt in meiner Hand. Ich lie aber nicht frher ab, als bis ich mit berquellenden Augen alles entziffert hatte. Es waren nicht viel der Worte: meine Mutter sei zum Sterben krank, und ich mchte nach Hause kommen. Kein Wort des Tadels und Vorwurfs wie sonst. Aber wie brannte mein Herz in tiefster Scham, als ich sah, da des Degens Klinge mitten durch meiner Mutter Namen gestoen war..... Ein Wunder, ein offenbarliches Wunderzeichen, nicht allem Volke verstndlich, aber wohl dem, fr den es erstanden, murmelte der Maler, als der Erzhler tiefbewegt in Schweigen versunken war. Eine Zeitlang gingen sie wieder wortlos nebeneinander her. Fernber leuchtete schon das prchtige Haus des Kaufherrn ihnen entgegen. Als der Kaufherr aufblickend es bemerkte, fuhr er hastig fort. Lat mich kurz sein, lat mich Euch verschweigen, in welchem Schmerz und reuevollem Wahnsinn ich diese Nacht verlebte. Lat Euch nur sagen, da mich der nchste Morgen knieend auf den Stufen der Markuskirche fand, wo ich in brnstigem Gebete der Muttergottes einen Altar gelobte, wenn sie mir vergnnen wollte, meiner Mutter Gru und Verzeihung zu erlangen. Am selben Tage reiste ich ab, reiste Stunden und Tage der Verzweiflung und Angst nach Antwerpen, strmte wild und verzweifelt zu meiner Eltern Haus. Vor dem Tore stand meine Mutter, gealtert und bla, doch wohlauf. Als sie mich sah, breitete sie mir jubelnd die Arme entgegen, und ich weinte vieler Tage Sorge und vieler vergeudeter Nchte Schmach an ihrem Herzen aus. Mein Leben ist seitdem ein anderes geworden, ich darf beinah sagen ein gutes. Das Liebste, das ich hatte, jenen Brief, habe ich eingesargt in den Grundstein dieses Hauses, das meiner Hnde Arbeit geschaffen hat, und mein Gelbde habe ich zu lsen gesucht. Bald nach meiner Ankunft lie ich den Altar errichten, den Ihr gesehn habt, und bot alle Mhe auf, ihn wrdig zu schmcken. Da ich aber unbekannt war in den Geheimnissen, nach denen ihr Eure Kunst zu werten wit und der Muttergottes ein wrdiges Bild weihen wollte, so wie sie mir ihr Wunder geoffenbart, schrieb ich an einen treuen Freund nach Venedig, er mge mir den Tchtigsten der Maler senden, den er kenne, da er mir das Werk meines Herzens wrdig vollende. Monate vergingen. Eines Tages stand ein junger Mann vor meiner Tr, berief sich seiner Sendung und entbot mir Gru und Brief meines Freundes. Der italienische Maler, dessen wunderbaren und seltsam traurigen Gesichtes ich mich noch wohl besinne, glich durchaus nicht den lrmenden und grosprecherischen Kumpanen meiner Venezianer Zechgelage. Eher htte man ihn als Mnch empfangen, denn als Maler, weil sein Habitus schwarz und lang war, seine Haare schlicht gereiht und sein Antlitz von jener vergeistigten Blsse der Nachtwachen und Askesen. Der Brief besttigte nur jenen gnstigen Eindruck und zerstreute meine Bedenken ob der Jugend des Meisters; die alten Maler, schrieb mir mein Freund, seien in Italien stolzer als Frsten, und es hielte schwer, sie auch mit dem verlockendsten Angebot aus ihrer Heimat zu entfernen, wo sie umringt seien von Freunden und Frauen, von Frsten und Volk. Diesen jungen Meister habe nur der Zufall bestimmt: die Sehnsucht, wegen eines ihm unbekannten Grundes Italien zu verlassen, sei ihm dringender gewesen als alles Geldes Angebot, denn man kenne auch daheim des jungen Malers Wert und wisse ihn zu ehren. Es war ein stiller verschlossener Mann, den mir mein Freund gesandt. Nie habe ich von seinem Leben etwas erfahren, nur dunklen Andeutungen entnahm ich, da eine schne Frau schmerzlichen Anteil an seinem Geschicke habe und er um ihretwillen die Heimat verlassen. Und, wiewohl ich keinen Beweis dafr habe und mich solches Tun ketzerisch und unchristlich anmutet, so meine ich, da jenes Bild, das Ihr gesehn und das er im Verlauf weniger Wochen ohne Vorbild und mhsame Bereitung aus der Erinnerung gemalt, jener Frau Zge erhalte, die er geliebt. Denn immer, wenn ich zu ihm kam, fand ich ihn, wie er das gleiche se Antlitz, das ihr gesehen, von neuem versuchte oder trumend in seiner Betrachtung verweilte. Und als ich nach des Bildes Vollendung in heimlicher Angst ob der Gottlosigkeit, eine Dirne als Gottesmutter zu malen, ihm anbefahl, fr das zweite Bild eine andere Gestalt zu whlen, da blieb er stumm. Und des nchsten Tages, als ich zu ihm ging, war er ohne ein Wort des Abschieds von hinnen gereist. Ich trug Bedenken mit diesem Bilde den Altar zu schmcken, doch der Priester, den ich befragte, verstattete es ohne jegliches Besinnen..... Und er hat recht getan, fiel der Maler beinahe erregt ein. Denn woher sollten wir die holde Schnheit unserer lieben Frauen zu schildern wissen, wenn nicht von der Schnheit jeder Frau, die uns begegnet. Sind wir nicht nach Gottes Bilde geschaffen und mu nicht, um das Vollkommenste darzubieten, das Vollendetste unter den Menschen eine, wenngleich nur matte Folie des Unsichtbaren sein! Seht! Ich, den ihr bestimmt, das zweite Bild zu schaffen, ich bin einer der Armen, die nicht zu malen wissen ohne die Natur, denen es nicht gegeben ist, von innen zu bilden, sondern die in mhsamer Nachzeichnung des Wahrhaftigen ihr Werk erschaffen. Nicht meine Liebste wrde ich whlen, um die Mutter Gottes wrdig zu bilden, denn es wre sndhaft, die Unbefleckte durch einer Snderin Antlitz zu sehen, aber ich wrde nach Schnheit spren und diejenige malen, deren Antlitz mir am meisten unserer Gottesmutter Zge zeigte, wie ich sie in meinen frommen Trumen erschaut. Und glaubt, obgleich eines sndigen Menschen Antlitz, wenn ihr in frommer Hingebung es schafft, bleibt nichts von Schlacken der Begehrlichkeit und Sndhaftigkeit in diesen Zgen, ja dieser wunderbaren Reinheit Zauber wirkt oft weiter als ein Zeichen in der irdischen Frauen Angesicht. Dies Wunder meint' ich oftmals selbst zu sehn. In jedem Fall -- Euch traue ich. Ihr seid ein reifer Mann, der viel geduldet und gelebt, und so Ihr keine Snde darin findet... Im Gegenteil! Ich find' es lobenswert, und nur die Protestanten wie andere Sektierer eifern gegen den Schmuck des Gotteshauses! Da habt ihr recht. Doch bitt' ich Euch, beginnt bald mit dem Bild, denn wie eine Snde brennt dies ungelste Gelbde auf mir. Durch zwanzig Jahre verga ich an das zweite Bild: erst jngst, als ich meines Weibes gramvolles Angesicht sah, wie sie am Krankenbette meines Kindes weinte, fhlte ich diese Schuld und erneute mein Gelbde. Und Ihr wit, auch diesmal hat die Muttergottes ein Wunder der Genesung dort gewirkt, wo alle rzte sich mit Verzweiflung abgewandt hatten. Ich bitte Euch, zgert nicht lange mit dem Werk. Ich tue, was ich kann, doch frei herausgesagt, fast nie in meiner langen Schaffenszeit ist mir ein Werk so schwer erschienen, denn wenn es nicht als eines Stmpers leichtfertiges Gefge neben dieses jungen Meisters Bild erscheinen soll -- von dessen Wirken ich mehr zu wissen begehre -- mu Gottes Hand mit meinem Werke sein. Der fehlt seinen Treuen nie. Lebt wohl! Und schreitet wohlgemut zum Werk. Ich hoffe, Ihr bringt mir bald frohe Kunde ins Haus. Der Kaufherr schttelte ihm vor seiner Pforte noch einmal innig die Hand und sah vertrauensvoll in die klaren Augen des Malers, die wie ein helleuchtender Gebirgssee, den verwitterte Zacken und Schroffen umgrenzen, aus dem derbdeutschen, kantigen Gesichte entgegenblauten. Der hatte noch ein entgegnendes Wort auf den Lippen, verschluckte es aber mutig und fate mit festem Drucke die dargebotene Hand. In innig verstehenden Gefhlen schieden die beiden. Der Maler ging langsam den Hafen entlang, wie es stets seine Gewohnheit war, wenn ihn nicht die Arbeit an seine Stube fesselte. Er liebte dieses wilde farbenreiche Bild, darin die Arbeit ungebrochen pulste, und manchmal setzte er sich auf einen Taupflock nieder, um irgend eines Schaffenden seltsame Krperbiegung nachzubilden und der schwierigen Kunst der Verkrzungen ein fubreit Weges abzuringen. Ihn strte nicht der laute Ruf der Schiffer, das Rasseln der Wagen und das Meer, das sich mit seinem gleichtnigen lallenden Geschwtze an die Ufer warf, ihm waren jene Blicke gegeben, die zwar nicht leuchten vom Abglanz innerer selbstgeschauter Bilder, die aber in allem Lebenden, so gleichgltig es auch sich gebrden mag, jenen Strahl erkennen, der ein Kunstwerk zu erleuchten vermag. Darum ging er auch immer ins Leben, wo es sich am farbigsten ausstrahlte und verwirrende Flle wechselnder Reize ausatmete; zwischen dem Matrosenvolk streifte er mit langsamen Schritten und suchendem Auge, ohne da ihn jemand zu verlachen wagte, denn unter dem vielen lrmenden unntzen Volk, das ein Hafen ansammelt, so wie der Strand die tauben Muscheln und zerbrckelndes Gestein, fiel er durch sein stilles Gebaren und die Ehrwrdigkeit seiner Mienen auf. Diesmal aber stand er bald von seiner Suche ab. Des Kaufherrn Geschichte hatte ihn im Tiefsten berhrt, weil sie leise auch an ein eigenes Schicksal gestreift, und selbst der Kunst sonst so hingebender Zauber versagte heute seinen Dienst. ber allen Frauenantlitzen, und ob sie auch nur plumpe Fischergestalten waren, leuchtete der milde Glanz des Muttergottesbildes von des jungen Meisters Hand. Unschlssig wandelte er in trumerischen Gedanken eine Zeitlang dem sonntglich geputzten Getriebe entlang; dann aber mhte er sich nicht mehr, dem sehnschtigen Drange zu widerstehen, und durch das dunkle Netz der winkeligen Gassen suchte er wieder zur Kirche zurck zu jener milden Frau wundersamem Konterfei. * * * * * Einige Wochen gingen seit jener Unterredung dahin, in welcher der Maler seinem Freunde die Vollendung des Bildes fr den Altar der Gottesmutter zugesagt hatte, und noch immer blickte die unberhrte Leinwand vorwurfsvoll den alten Meister an, der sie beinahe zu frchten begann und die Stunden immer lieber auf der Strae zubrachte, um nicht die grausame Mahnung und den schweigenden Vorwurf seiner Mutlosigkeit fhlen zu mssen. In diesem Leben regsamer Arbeit, das vielleicht sogar zu viel gewirkt hatte, um prfend in sich selbst zu schauen, war seit jenem Tag, da der Maler des jungen Meisters Bild erblickt, eine Wendung geschehen; Zukunft und Vergangenheit waren jhlings aufgerissen und blickten ihn an, wie ein leerer Spiegel, in den nur Dunkelheit und Schatten strmen. Und nichts Furchtbareres gibt es, als den Schauer eines Lebens, das schon auf dem letzten Grat seines Aufstieges aufblickt, vom mutvollen Schreiten und dann von sinnender Angst befallen, es habe den Fehlweg eingeschlagen, die Kraft verliert, die letzten leichtesten Futapfen nach vorwrts zu machen. Mit einem Mal schien dem Maler, der in seinem Leben schon hundert und aberhundert frommer Darbildungen gemalt, die Fhigkeit zerronnen, eines Menschen Angesicht wrdig zu gestalten, da es ihm selbst so schiene, als sei es gttlichen Wesens wrdig. Er hatte Frauen gesucht, solche, die ihr Antlitz verkauften fr die Stunde der Nachbildung, solche, die ihren Leib verkauften, Brgersfrauen und sanfte Mdchen, deren Gesicht berleuchtet war vom durchglhenden Schimmer innerer Reinheit; aber stets, wenn sie nahe vor ihm standen und er den Pinsel ansetzen wollte zum ersten Strich, da fhlte er ihre Menschlichkeit. Er sah die blonde gefrige Behbigkeit in der einen, die wilde verhaltene Gier, sich im Liebeskampfe auszutoben, in der andern, er fhlte die leere Gltte hinter den kurzen glnzenden Mdchenstirnen und erschrak beim plumpen Schritt und bei der verbuhlten Hftenbiegung der Dirnen. Und die Welt ward ihm mit einem Male so de, alle diese Menschen, die er um sich sah: der Atem der Gttlichkeit schien ihm ausgelscht, berwuchert von dem blhenden Fleische dieser begehrlichen Frauen, die nichts mehr wuten von dem mystischen Magdtum und den sanften Schauern unbefleckter Hingebung an die Trume einer andern Welt. Er schmte sich, die Mappen aufzuschlagen, die sein eigenes Werk enthielten, denn ihm schien, als htte er sich selbst wie von der Erde entfernt und sei sndig gewesen, indem er plumpe Bauern zu Blutzeugen des Heilands und grasse Weiber zu seinen Dienerinnen erwhlt. Dumpfer und drckender wlkte sich diese Stimmung ber ihn herab. Er sah sich als jungen Knecht hinter seines Vaters hartem Pfluge gehen, lange bevor er zur Kunst entlief, mit harten Bauernhnden die Egge in die schwarze Erde stoen und fragte sich, ob er nicht besser getan, gelbes Korn zu sen und Kindern wohlgehteten Bestand zu wahren, als mit plumpen Fingern an Geheimnissen und Wunderzeichen zu rtteln, die nicht fr ihn geschaffen. Sein ganzes Leben schien ihm in den Fugen zu wanken, emporgekeilt durch die flchtige Erkenntnis einer Stunde, durch ein Bild, das seine Trume durchschwebte und seiner wachen Minuten Folter und Seligkeit war. Denn es war ihm nicht mehr mglich, die Muttergottes in seinen Gebeten anders zu empfinden, als sie auf jenem Bilde war, welches so holdseliges Konterfei bot und doch so abgewandt war von der Schnheit aller irdischen Frauen, die ihm begegnet, so verklrt in dem Scheine fraulicher Demut mit gttlicher Ahnung. Aller Frauen Bild, die er geliebt, verflo in dem trgerischen Dmmer der Erinnerung in die wundersame Hlle dieser Gestalt. Und als er sich mhte, zum ersten Male, nicht dem Wirklichen abzulauschen, sondern eine Muttergottes nach dem Phantasiebilde zu schaffen, das ihn durchschwebte, Maria mit dem Kinde, sanft lchelnd und in froher ungetrbter Seligkeit, da sanken seine Finger, die den Pinsel fhren wollten, kraftlos nieder, wie vom Krampf gelhmt. Denn der Strom versiegte, die Fertigkeit der Finger, des Auges Worte zu sprechen schien hilflos gegenber jenem hellen Traum, den er mit seinem inneren Blick so deutlich sah, als sei er aufgemalt auf einer starren Wand. Wie ein Feuer brannte dieser Schmerz der Unfhigkeit, den schnsten und treuesten seiner Trume in die Wirklichkeit tragen zu knnen, wenn die Wirklichkeit nicht selbst aus ihrer Flle eine Brcke bot. Und er stellte sich die bange Frage, ob er sich selbst noch Knstler nennen drfe, da ihm solches geschah und ob er sein Leben lang nicht nur ein mhsam bildender Handwerker gewesen sei, der nur Farben nebeneinander gefgt, wie ein Krrner die Steine zu einem Bau. Solche selbstqulerische Betrachtung lie ihn keinen Tag ruhen und trieb ihn mit zwingender Gewalt aus seiner Stube, wo ihn die leere Leinwand und die sorgsam bereiteten Utensilien wie hhnische Stimmen verfolgten. Mehrmals wollte er dem Kaufherrn seine Not beichten, aber er frchtete, da dieser zwar fromme und auch wohlgesinnte Mann ihn nie ganz verstehen knnte und eher an eine ungeschickte Ausflucht werde glauben wollen, als seine Unfhigkeit, ein solches Werk zu beginnen, wie er sie schon in groer Zahl und zum allgemeinen Beifall der Meister und Laien vollendet hatte. Und so irrte er gewhnlich ratlos und rastlos in den Straen umher, geheim erschreckend, wie ihn der Zufall oder eine verborgene Magie aus seinen wandelnden Trumen immer wieder vor jener Kirche erwachen lie, gleichsam als binde ihn ein unsichtbares Band an dieses Bild oder eine gttliche Kraft, die seine Seele selbst im Traume regiere. Manchmal trat er ein, mit der geheimen Hoffnung, da er Makel und Fehl entdecken knne und so der zwingende Zauber gebrochen sei; vor dem Bilde aber verga er gnzlich des jungen Meisters Schpfung neidlich nach Kunst und Handwerk zu messen, sondern er fhlte es wie Schwingen um sich rauschen, die ihn auftrugen in Sphren sanfteren und verklrteren Genieens und Anschauens. Und erst wenn er die Kirche verlie und begann, seiner selbst und eigenen Bemhens zu gedenken, fhlte er den alten Schmerz mit doppelter Gewalt. Eines Nachmittags war er wieder durch die hellerleuchteten Straen geirrt, und diesmal fhlte er seine qulerischen Zweifel milder werden. Von Sden her war der erste Frhlingswind gekommen und trug, wenn auch nicht die Wrme, so doch die Helle vieler heranblhender Lenztage in sich. Zum ersten Male schien dem Maler jener graue stumpfe Glanz, den sein eigener Gram ber die Welt gelegt, sich zu lsen und Gottes Gnade in sein Herz zu rauschen, wie immer, wenn das groe Auferstehungswunder in flchtigen Zeichen sich verkndete. Eine klare Mrzsonne wusch alle Dcher und Straen blank, die Wimpel wehten bunt im Hafen, der zwischen den sanft sich wiegenden Schiffen hervorblaute und im steten Lrmen der Stadt brauste es wie jubelndes Singen. Ein Pikett spanischer Reiter trabte ber den Platz; man sah sie heute nicht mit feindlichen Blicken, wie sonst, sondern freute sich des sonnigen Widerspiels ihrer Rstungen und der blinkenden Helme. Die weien Hauben der Frauen, die der Wind mutwillig zurckschlug, wiesen frische und farbige Gesichter; ber das Pflaster aber trappte flink der holzschuhklappernde Tanz der Kinder, die sich bei den Hnden faten und singend in Ringelreihn sich drehten. Auch in den sonst so dunklen Hafengassen, denen sich nun der immer froher werdende Wandler zuwandte, flackerte ein leichter Schimmer, wie ein sinkender Regen des Lichts. Die Sonne konnte nicht ganz ihr leuchtendes Angesicht zwischen diese vorgeneigten Giebeldcher blicken lassen, denn die neigten sich dicht zusammen, schwarz und verknittert, wie uralte Hauben zweier Mtterchen, die in stetem geschwtzigem Gesprche stehen. Aber von Fenster zu Fenster gab sich das spiegelnde Leuchten weiter, wie wenn funkelnde Hnde flirrend hinabgriffen und es hin- und herschnellten in bermtigem Spiel. Und manchen Fleck gab es, da das Leuchten still und mild blieb, wie ein trumendes Auge in der ersten Dmmerung des Abends. Denn unten, auf der Strae, lag das Dunkel, unbeweglich und seit Jahren, nur selten im Winter unter schneeigem Mantel geborgen. Und die da wohnten, trugen in ihren Augen die Unlust und Traurigkeit steter Dmmerung; nur die Kinder, denen die Seele brannte vor Sehnsucht nach Licht und Helle, lieen sich von diesem ersten Strahl des Frhlings vertrauensvoll verfhren und spielten in leichter Gewandung auf dem schmutzigen, holprigen Pflaster, in ihrer Unbewutheit tief beglckt durch den schmalen, blauen Streif, der zwischen den Dchern lugte und durch den goldenen Tanz der Sonnenkringel. Der Maler ging und ging, ohne ein Mdewerden zu fhlen. Es war ihm, als sei auch ihm ein geheimer Jubel beschieden und als sei jedes Sonnenfunkens flchtiger Schein Gottes leuchtender Gnadenstrahl, der zu seinem Herzen ginge. Alle Bitternis war verloschen in seinem Angesicht, das so milde und begtigend durchleuchtet war, da die spielenden Kinder aufstaunten und ihn frchtig grten, weil sie einen Priester in ihm zu sehen meinten. Er ging und ging, ohne an Ziel und Ende zu denken, denn in seinen Gliedern drngte der neue Frhlingstrieb, wie in alten verknisterten Bumen die Blten bittend an den haltenden Bast klopfen, da er ihre junge Kraft aufschieen lasse ins Licht. Sein Schritt war froh und leicht wie der eines Jnglings; frischer und lebendiger schien er zu werden, obgleich der Weg schon Stunden whrte, und rascher geschmeidiger Takt ma die rasch zurckgelegten Strecken. Pltzlich hielt der Maler wie versteinert inne und fuhr sich mit der Hand schtzend ber die Augen, wie einer, den ein blitzender Strahl verletzt oder ein schrecksames und unglaubliches Ereignis. Aufschauend zum sonneberleuchteten Schein eines Fensters hatte er den vollen Strahl des zurckspiegelnden Lichtes schmerzhaft in den Augen gefhlt, aber durch jenen Nebel von Purpur und Gold war eine seltsame Erscheinung, ein wunderbares Trugbild auf dem wirrenden Scharlachschleier erschienen: die Madonna jenes jungen Meisters, trumerisch und leise schmerzlich zurckgelehnt, wie auf jenem Bild. Ein Schauer berlief ihn, die grausame Angst der Enttuschung vereint mit jenem selig zitternden Rausch eines Begnadeten, dem die wundersame Vision der Gottesmutter nicht im Dunkel eines Traumes, sondern in Tageshelle erschienen, ein Wunder, das viele bezeugten und wenige wirklich erschaut hatten. Noch wagte er den Blick nicht zu erheben, weil er sich nicht stark genug fhlte, um den niederschmetternden Augenblick unseliger Entscheidung auf seinen zitternden Schultern tragen zu knnen, weil er frchtete, da diese eine Sekunde sein Leben noch grimmiger zerstampfen knnte, als die unerbittliche Selbstqual seines verzagten Herzens. Erst als seine Pulse langsamer und ruhiger gingen und er nicht mehr schmerzvoll ihren Hammerschlag in der Kehle sprte, raffte er sich auf und sah langsam, unter der berschattenden, zitternden Hand zu jenem Fenster auf, in dessen Rahmen er das verfhrerische Bild gesehn. Er hatte sich getuscht. Es war nicht das Mdchen von des jungen Meisters Marienbild. Aber die erhobene Hand sank darum nicht verzagend herab. Denn auch das, was er erschaute, schien ihm ein Wunder zu sein, wenn auch ein viel lieblicheres, milderes und menschlicheres, als eines Gottes Erscheinung, die im glhenden Strahl einer begnadeten Stunde erscheint. Nur eine ferne und verlorene hnlichkeit hatte jenes Mdchen, das sich nachdenklich ber die leuchtende Brstung des Fensters lehnte, mit jenem Altarbild: auch ihr Gesicht war von schwarzen Locken umfaltet, und auch sie blhte in jener geheimnisvollen und phantastischen Blsse, aber ihre Zge waren hrter, geschrfter, fast zornig, und um den Mund legte sich ein verweinter und trotziger Zorn, den nicht einmal der verlorene Ausdruck ihrer trumerischen Augen migen konnte, aus denen eine alte und tiefe Trauer empordmmerte. Kindischer Mutwille und vererbtes vergrabenes Leid funkelten zusammen in dieser mhsam gebndigten Unrast. Eine Stille war in ihrem Ruhen, die sich jeden Augenblick in einer jhzornigen Bewegung lsen konnte, etwas Phantastisches und Abenteuerliches, ber das kein sanftes Trumen hinwegtuschen konnte; und der Maler fhlte an einem gewissen gespannten Ausdruck ihrer Zge, da in diesem Kinde schon eine jener Frauen zu wirken beginne, die ihre Trume leben und mit ihren Sehnschten verwachsen, deren Seele sich an die Dinge klammert, die sie lieben, mit allen ihren Fibern und Fasern, und die sterben, wenn sie Gewalt von ihnen lst. Mehr aber als alle diese Sonderbarkeit und Fremdheit in ihrem Gesichte erstaunte ihn das Wunderspiel der Natur, das hinter ihrem Haupte im bespiegelten Fenster die sonnige Glut aufstrahlen lie wie einen Heiligenschein, der sich um ihre Locken sammelte und sie funkeln lie, wie schwarzen Stahl. Und in diesem Spiel meinte er deutlich die Hand Gottes zu spren, die ihm den Weg wies, sein Werk wohlgefllig und wrdig zu vollenden. Ein Karrenfhrer stie derb an den in Schauen versunkenen Maler an, der verloren inmitten der Strae stand. Gottes Zorn! Knnt ihr nicht achtgeben oder hat es Euch alten Kerl die schne Jdin da angetan, da ihr gafft wie ein Lmmel und den Weg versperrt? Der Maler fuhr auf, erschreckt, aber nicht verletzt durch den groben Ton, den er berhrt hatte ber der Kunde, die ihm dieser belgekleidete und ruppige Genosse brachte. Und ganz erstaunt richtete er das Wort an ihn. Das ist eine Jdin? Ich wei nicht, aber man sagt es. Jedenfalls ist es nicht der Leute Kind, sie haben es wo gefunden oder bekommen. Was schert's mich, meine Neugierde hat's nie geplagt und wird's auch nicht sobald. Fragt den Meister selbst, wenn ihr's wissen wollt, der wei sicherlich besser als ich, wieso er dazu gekommen ist. Der >Meister<, auf den er wies, war ein Wirt, der Besitzer einer jener dumpfen, verrauchten Schenken, in denen nie ganz das Leben und Lrmen erstirbt, weil Spieler und Matrosen, Soldaten und Miggnger sich dort einquartieren, um sie nur selten wieder zu verlassen. Breit, mit aufgequollenem, aber gutmtigem Gesicht stand er in der schmalen Tre, wie ein einladendes Schild. Ohne viel Besinnen trat der Maler auf ihn zu. Sie traten ein in die Schenke; der Maler setzte sich in eine Ecke an einen der beschmierten Holztische, ein wenig unruhig und erregt, und als der Wirt ihm das geforderte Glas vorsetzte, bat er ihn, einen Augenblick mit ihm den Platz zu teilen. Und leise, um ein paar Matrosen, die am Nebentische, schon ein wenig betrunken, vor sich hingrhlten, nicht aufmerksam zu machen, sprach er sein Anliegen aus. Er erzhlte ihm in fliegenden, aber innerlich bewegten Worten von dem Wunderzeichen, das ihm erschienen und bat schlielich den Wirt, der erstaunt zuhrte und sich anscheinend bemhte, mit seinem langsamen, vom Wein verqualmten Fassungsvermgen dem Maler zu folgen, -- er mge gestatten, da ihm seine Tochter als Folie eines Marienbildes diene. Er verga nicht zu erwhnen, da durch die gegebene Verstattung auch der Vater teilhaftig werde an dem gottesfrchtigen Werk und merkte wiederholt an, da er bereit sei, den Dienst in barem Gelde zu vergten. Der Wirt antwortete nicht gleich, aber er whlte mit seinem dicken Finger unablssig in den breiten, aufgeblhten Nasenlchern. Endlich begann er. Ihr mt mich nicht fr einen schlechten Christen halten, bei Gott nicht, aber das Ding ist nicht so einfach, wie ihr denkt. Denn wre ich der Vater und knnte zu meinem Kind sagen, geh hin und tu so, wie ich dir's befehle, ich sag' Euch, unser Handel wre schon erledigt. Mit diesem Kind ist's aber eine eigene Sache..... Donnerwetter, was gibt's denn dort! Er war aufgesprungen, in hellem Zorn, denn er lie sich ungern in der Rede stren. Am andern Tische hmmerte einer wie toll mit dem leeren Krug auf der Bank und begehrte neue Fllung. Unwirsch ri ihm der Wirt den Humpen aus der Hand und besorgte mit unterdrcktem Fluch die frische Ladung. Gleichzeitig nahm er auch ein Glas und die Flasche mit, stellte sie zum Tisch des Gastes und schenkte beide Glser voll. Mit einem Ruck war das seine hinabgesplt, und wie erfrischt wischte er sich den struppigen Schnauzbart ab und begann. Ich will Euch sagen, wie ich zu der Judendirne kam. Ich war Soldat, in Italien drunten und dann in Deutschland. Ein schlechtes Handwerk sag' ich Euch, nie schlechter als heute und damals. Ich hatt's auch ber und wollt' eben durch Deutschland nach Hause ziehn und ein ehrbares Handwerk ergreifen, denn geblieben war mir just nicht viel; Beutegeld rinnt zwischen den Fingern durch, und Knauser war ich nie gewesen. Da kam's in einer deutschen Stadt; ich war just dort, als sich eines Abends ein groes Getse erhob. Warum, wei ich nicht mehr, doch das Volk hatte sich zusammengerottet, die Juden zu erschlagen, und ich zog mit, verlockt von der Hoffnung, etwas zu erhaschen, auch aus Neugierde, was geschehen mchte. Es ging toll zu, man strmte, mordete, raubte, schndete, und die Kerle brllten vor Lust und Begierde. Bald hatt' ich's satt und ri mich aus dem Haufen, denn mein ehrliches Kampfschwert mocht' ich nicht mit Weiberblut besudeln und mit Dirnen nicht um Beute streiten. Da, in einer Nebengasse, durch die ich heim will, springt ein alter Jude mit langem, zitterndem Bart und verstrtem Gesicht, im Arm ein kleines vom Schlaf aufgeschrecktes Kind, auf mich zu und stottert eine Flut kauderwelscher Worte. Alles, was ich von seinem Judendeutsch verstand, war, da er mir viel Geld bot, wenn ich sie beide retten wollte. Mir tat das Kind recht leid, das mich erschreckt mit seinen groen Augen anstarrte, der Handel schien nicht bel, so warf ich ihm meinen Mantel ber und fhrte sie in mein Quartier. Ein paar blieben stehn auf den Gassen und zeigten nicht bel Lust, auf den Alten loszugehen, aber ich hatte mein Schwert blank und so lieen sie die beiden ungeschoren. Ich brachte sie zu mir, und weil mich der Alte auf den Knieen beschwor, verlie ich noch am selben Abend die Stadt, in der Brand und Mord bis spt in die Nacht wtete. Weit am Wege sahen wir noch den Feuerschein, in den der Alte verzweifelt starrte, whrend das Kind ruhig weiter schlief. Lang blieben wir drei nicht zusammen: der Alte wurde nach wenigen Tagen auf den Tod krank und starb auf der Reise. Zuvor gab er mir noch alles Geld, das er bei seiner Flucht zusammengerafft hatte und ein beschriebenes Blatt in seltsamen Lettern, das ich in Antwerpen bei einem Makler abgeben sollte, dessen Namen er mir nannte. Sein Enkelkind befahl er mir noch sterbend an. Ich zog hierher und wies die Schriftzeichen vor, die seltsam wirkten: der Makler gab mir eine stattliche Summe Geldes, mehr als ich erwartet hatte. Ich war dessen froh, denn meines Wanderlebens wurde ich so frei, kaufte mir das Haus und diese Schenke, und der tollen Kriegszeit hab' ich bald vergessen. Das Kind behielt ich: es tat mir leid, dann hofft' ich auch, sie wrde, wenn sie heranwachse, mir altem Hagestolz das Haus besorgen. Doch das kam anders. Wie Ihr sie jetzt gesehn, so ist ihr ganzer Tag. Sie gafft zum Fenster in die Luft hinaus, spricht niemand an und gibt nur scheue Antwort, gleichsam geduckt, als ob sie einer schlagen wollte. Mit Mnnern spricht sie nie. Anfangs dacht' ich, sie wrde hier in meiner Schenke helfen und so mir manchen Gast anlocken, wie es drben des Wirten junge Tochter tut, die mit den Gsten scherzt und sie anfeuert, da sich ein Glas nach dem andern leert. Doch die ist zimperlich: fat sie mal einer an, so schreit sie auf und saust zur Tr hinaus wie ein Wirbelwind. Und suche ich sie dann, so sitzt sie sicherlich irgendwo in einem Winkel zusammengeknult und heult, da einem das Herz brechen knnte und man dchte, es sei ihr, wei Gott was fr Leid geschehn. Ein sonderbares Volk! Und sagt, unterbrach der Maler den Erzhlenden, der immer nachdenklicher in seiner Rede zu werden schien, ist sie noch Jdin oder schon zum Glauben bekehrt? Der Wirt kratzte sich verlegen den Kopf. Wit Ihr, hub er dann an, ich war ein Soldat und wei von meinem Christentum selber nicht viel. Selten war ich in der Kirche und bin's auch jetzt nicht, so sehr mich's reut; und um das Kind da zu bekehren, schien ich mir immer zu tricht. Ich hab's nie recht versucht, weil mir so schien, als sei's bei diesem trotzigen Ding verlorne Liebesmh. Einmal hat man mir schon die Priester auf den Hals gehetzt und mir die Hlle hei gemacht; ich habe sie vertrstet, bis das Ding vernnftig werde. Doch damit hat's wohl noch lange Zeit, obwohl sie heute schon ihre fnfzehn Jahre hinter sich hat, denn sie ist ganz versponnen und trotzig. Wer kennt sich aus mit diesem Judenvolk, es sind so seltsame Menschen; der Alte schien mir gut, und die ist auch kein bles Ding, so schwer man auch an sie herankommt. Und was dann Eure Sache anlangt, die mir nicht bel gefllt, weil ich meine, da ein ehrlicher Christ nie genug fr sein Seelenheil tun kann und jedes Bemhn dereinst gewogen wird .... ich sage Euch offen, ich habe keine rechte Gewalt ber das Kind, denn wenn sie einen mit ihren groen schwarzen Augen anschaut, hat man nicht rechten Mut, ihr was zuleide zu tun. Doch Ihr werdet ja sehn. Ich will sie rufen. Er stand breitspurig auf, schenkte sich noch ein Glas voll, das er stehend hinuntergo und stapfte dann durch die Schenke, in die eben wieder einige Matrosen eingetreten waren, die einen undurchdringlichen Qualm aus ihren kurzen weien Tonpfeifen emporstieen. Vertraulich schttelte er ihnen die Hnde, fllte ihre Glser und scherzte derb mit ihnen. Dann erinnerte er sich seiner Absicht, und der Maler hrte ihn langsam und mit schweren wuchtigen Schritten die Treppe emporstampfen. Ihm war sehr seltsam zumute. Das selige Vertrauen, mit dem ihn diese glckliche Bewegung beschenkt hatte, begann sich zu trben in dem schwellenden Lichte dieser Schenke. Straenstaub und dunkler Qualm legte sich ber das schimmernde Bild seiner Erinnerung. Und immer und immer wieder die dunkle Angst vor der Snde, diese feiste und viehische Menschheit, die sich berall mit den Gestalten der irdischen Trgerinnen so erlauchter Gedanken vermengte, emporzutragen zu dem Thron seiner frommen Trume. Ihm schauderte, aus welchen Hnden er die Gabe empfangen sollte, zu der ihm geheime und offenbare Wunderzeichen den Weg gewiesen. Der Wirt trat wieder ein in die Stube, und in seinem schweren breiten schwarzen Schatten zeichnete sich die Gestalt des Mdchens ab, das unschlssig und wie erschreckt von dem grhlenden Qualm an der Schwelle stehen geblieben war und sich mit den schmalen Hnden wie hilfesuchend an den Trpfosten festhielt. Ein derbes Wort des Wirtes, das sie eintreten hie, scheuchte ihren flchtigen Schatten eher noch mehr in das Dunkel des Treppenganges zurck, doch schon war der Maler aufgestanden und auf sie zugetreten. Mit seinen beiden alten, derben, aber doch so milden Hnden fate er die ihren und fragte sie leise und vertraulich, indem er ihr voll in die Augen schaute: Willst du dich nicht einen Augenblick zu mir setzen. Das Mdchen sah ihn erstaunt an, im tiefsten berrascht durch diesen tiefen Glockenton der Milde und geklrten Liebe, der ihr zum ersten Mal aus dem verrucherten Dunkel der Schenke entgegenschlug. Und sie fhlte die Milde seiner Hnde und die zrtliche Gte seiner Augen mit dem sschauernden Erschrecken derer, die Wochen und Jahre nach Zrtlichkeit hungern und sie eines Tages mit staunender Seele empfangen. Ihres toten Grovaters Bild erstand jh in ihrem inneren Blick, als sie die schneeige Milde dieses Hauptes umfate, und vergessene Glocken schlugen an in ihrem Herzen und schlugen so laut und jubelnd durch alle Adern und bis in die Kehle hinauf, da sie kein Wort der Antwort wute. Sie errtete nur und nickte heftig, fast wie im Zorn, so eckig und hart in der pltzlichen Bewegung. Bangend und erwartend folgte sie ihm an seinen Platz und setzte sich halb an seine Seite, ohne die Bank recht zu berhren. Der Maler beugte sich zrtlich zu ihr nieder, ohne zu sprechen. Vor dem klaren Blick des alten Mannes glhte jh die Tragdie der Einsamkeit und stolzen Fremdheit auf, die so frh schon in diesem Kinde kmpfte. Am liebsten htte er sie an sich gezogen und ihr einen segnenden, beruhigenden Ku auf die Stirne gedrckt, aber er frchtete sie zu erschrecken und frchtete die Augen der andern, die einander lachend die seltsame Gruppe zeigten. Er verstand dieses Kind so ganz, ohne ein Wort von seinen Lippen zu wissen, und ein brennendes Mitleid stieg in ihm empor, wie eine heie strmende Flut, denn er kannte die Schmerzlichkeit jenes Trotzes, die nur so hart und jhzornig und drohend ist, weil er Liebe ist, eine groe und unfabare Flle der Liebe, die sich verschenken will und sich verstoen fhlt. Sanft fragte er sie: Wie heit du, Kind? Sie sah vertrauend, aber verwirrt zu ihm auf. Noch war ihr alles zu seltsam, zu fremd. Und ein schchternes Zittern lag in ihrer Stimme, als sie leise und sich halb abwendend sagte Esther. Der alte Mann aber fhlte dennoch, da sie Vertrauen zu ihm hege, es nur noch nicht zu zeigen wage. Und sanft begann er: Ich bin ein Maler, Esther, und ich will dich malen. Es wird dir nichts bles geschehen, und du wirst manches Schne bei mir sehen und manchmal werden wir vielleicht zusammen sprechen, wie gute Freunde. Nur eine oder zwei Stunden wird es jeden Tag dauern, so lange, als es dir behagt. Willst du zu mir kommen, Esther? Das Mdchen wurde noch rter und wute nicht zu antworten. Dunkle Rtsel taten sich pltzlich vor ihr auf, zu denen sie keine Wege fand. Schlielich sah sie mit einem unruhig fragenden Blick den Wirt an, der neugierig daneben stand. Dein Vater erlaubt es und sieht es sogar gerne, beeilte sich der Maler zu sagen. Von dir allein hngt die Entscheidung ab, denn zwingen mchte und kann ich dich nicht. Willst du also, Esther? Er hielt ihr seine groe gebrunte Bauernhand einladend entgegen. Sie zgerte einen Augenblick, dann legte sie verschmt und wortlos ihre kleine weie Hand zustimmend in die des Malers, die sich eine Sekunde lang darum schlo, wie um eine gefangene Beute. Dann gab er sie mit freundlichem Blick frei. Der Wirt staunte ber den so rasch abgeschlossenen Handel und rief einige Matrosen von den Tischen herbei, um ihnen das seltsame Geschehnis zu zeigen. Aber das Mdchen, das sich verschmt im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit fhlte, sprang pltzlich auf und scho wie der Blitz zur Tre hinaus. berrascht schauten ihr alle nach. Donnerwetter, sagte der Wirt ganz verwundert, Ihr habt da ein Meisterstck gemacht. Nie htte ich gedacht, da das scheue Ding einwilligen wrde! Und wie zur Bekrftigung go er wieder ein Glas hinab. Der Maler, dem es unbehaglich zu werden begann in dieser Gesellschaft, die langsam vertraulich wurde, warf Geld auf den Tisch, besprach mit dem Wirte alles nhere und schttelte ihm dankbar die Hand, beeilte sich aber aus der Schenke zu treten, deren Dunst und Lrm ihn anwiderte, und deren saufende und grhlende Insassen ihn mit Ekel erfllten. Als er auf die Strae trat, war die Sonne schon gesunken, und nur mattrosa Dmmerung umhllte noch den Himmel. Der Abend war mild und rein. Mit langsamem Schritt ging der alte Mann heimwrts und dachte der Ereignisse, die ihm so seltsam und so begtigend dnkten wie ein Traum. Und gottesfrchtige Stimmung umfing sein Herz, das selig zu erzittern begann, wie nun von einem Turme die erste Glocke zum Gebete rief und Glockenstimmen von allen Trmen der Runde einfielen, mit hellen und tiefen, dumpfen und freudigen, klingenden und murrenden Stimmen, wie Menschen in Freude und Sorge und Schmerz. Unglaublich dnkte es ihm zwar, da ber ein Herz, das ein Leben lang schlicht im Dunkel geraden Weges gegangen, noch spt die milden Leuchten gttlicher Wunder sich entzndeten, aber er wagte nicht mehr zu zweifeln; und diesen Glanz ertrumter Gnade trug er durch das Dunkel der verdmmernden Straen heimwrts in ein seliges Wachen und einen wundersamen Traum.... * * * * * Tage waren verflossen, und noch immer stand die Leinwand unberhrt auf des Malers Staffelei. Nun war es aber nicht Verzagtheit mehr, die seine Hnde fesselte, sondern ein sicheres inneres Vertrauen, das nicht mehr mit Tagen rechnet und zhlt, das nicht hastet, sondern sich wiegt in seliger Stille und verhaltener Kraft. Esther war gekommen, scheu zwar und verwirrt, aber bald hingebender, sanfter und schlichter werdend in dem wrmenden Lichte der vterlichen Gte, das der Seele dieses schlichten und frchtigen Menschen zu entstrahlen schien. Sie hatten diese Tage nur zusammen verplaudert, wie Freunde, die einander nach langen Jahren begegnen und sich gleichsam wieder erkennen wollen, ehe sie die alten herzlichen Worte wieder mit innigem Empfinden durchtrnken und den Wert der alten Stunden erneuern. Und bald verband ein geheimes Bedrfnis diese zwei Menschen, die sich so ferne waren und doch so hnlich in einer gewissen Einfachheit und Einfalt ihrer Empfindung: der eine ein Mensch, den das Leben gelehrt, da es in seinem tiefsten Grunde nur Klarheit und Stille ist, ein Erfahrener, den lange Tage und Jahre schlicht gemacht. Und die andre eine, die das Leben noch nicht empfand, weil sie wie in einer Dunkelheit versponnen sich vertrumt hatte und den ersten Strahl, der aus der lichten Welt zu ihr kam, im Innersten auffing und in einfarbigem stillen Leuchten zurckspiegelte. Und beide waren sie allein zwischen den Menschen; so wurden sie sich ganz nahe. Der Geschlechter Unterschied sprach nicht zwischen beiden; bei dem einen war der Gedanke erloschen und warf nur noch den Abendschein klrender Erinnerung herber in sein Leben, und dem Mdchen war das dunkle Empfinden ihrer Weiblichkeit noch nicht bewut geworden und wirkte nur als milde, sehr unsichere und unruhige Sehnsucht, die sich noch kein Ziel wei. Eine leise und schon erzitternde Wand stand noch zwischen ihnen: die der Fremdheit des Volkes und der Religionen, die Zucht des Blutes, sich immer fremd sehen zu mssen und feindlich, ein Mitrauen zu hegen, das erst ein Augenblick groer Liebe berwindet. Ohne diesen unbewuten Halt htte sich lngst das Mdchen, in der Liebe, versparte und edelste Liebe nach vorwrts drngte, weinend an die Brust des alten Mannes geworfen und ihm ihre heimlichen Schauer und werdende Sehnsucht, den Schmerz und Jubel ihrer einsamen Tage gestanden; so aber verriet sie das Geheimste ihrer Seele nur in Blicken und Verschweigungen, in unruhigen Gebrden und Andeutungen, denn immer, wenn sie fhlte, wie alles in ihr zum Lichte strmen wollte und sich in den klaren und berstrmenden Worten innigster Empfindung verraten, da fate sie wie eine dunkle unsichtbare Hand die geheime Kraft und prete die Worte zusammen. Und auch der alte Mann verga nicht, da er in seinem Leben an den Juden, wenn nicht auch gehssig, so doch mit dem Gefhl der Fremdheit vorbeigegangen sei. Ein Zgern hielt ihn zurck, mit dem Bilde zu beginnen, weil er hoffte, da ihm dieses Mdchen nur in den Weg gewiesen worden sei, um zum wahren Glauben bekehrt zu werden. Nicht an ihm sollte das Wunder gewirkt werden, sondern er sollte es wirken. Er wollte in ihrem Blicke die tiefe Heilandssehnsucht sehen, die die Gottesmutter selbst getragen haben mute, als sie mit seligem Erwarten seiner Erscheinung entgegenbangte. Er wnschte ihr Wesen erst mit Glubigkeit zu erfllen, um eine Madonna schaffen zu knnen, in der noch die Schauer der Verkndigung beben, aber schon vereint mit dem sen Vertrauen der Erfllung. Und rings dachte er sich eine milde Landschaft in Vorfrhlingsstimmung, weie Wolken, die wie Schwne durch die Luft wanderten, als zgen sie an unsichtbaren Fden den warmen Frhling hinter sich, ein erstes zartes Grn, das der Auferstehung entgegendrngte und schchterne Blumen, die wie mit dnnen Kinderstimmen die groe Seligkeit verkndeten. Aber des Kindes Augen waren ihm noch zu verschchtert und zu demutsvoll; die mystische Flamme der Verkndigung und der Hingebung an eine dunkle Verheiung wollte sich noch nicht in diesen unruhigen Blicken entznden, in denen noch der tiefe verschleierte Schmerz des Volkes lastete und manchmal der flackernde Trotz der Auserwhlten, die mit ihrem Gotte gehadert. Noch kannten sie die Demut nicht und nicht die sanfte unirdische Liebe. Er suchte sorgfltige und vorsichtige Wege, um den Glauben ihrem Herzen nher zu tragen; denn er wute, wenn er ihn ihr hell und in seiner ganzen Flle erglhend entgegentrge wie eine Monstranz, in der die Sonne tausendfarbig funkelt, da sie nicht erschauernd niedersinken wrde, sondern sich schroff und hart abwenden, um das feindliche Zeichen nicht zu sehen. In seinen Mappen ruhten viele Bilder aus der heiligen Geschichte; eigene und viele groer Meister, die er in seiner Lehrzeit und auch spter noch manchesmal, von lebhafter Bewunderung berwltigt, nachgezeichnet hatte. Die suchte er nun heraus, und sie betrachteten gemeinsam, Schulter an Schulter die Bilder; bald fhlte er den tiefen Eindruck, den manches der Bltter in ihrer Seele erzeugte, an der Unruhe ihrer bltternden Hnde und den raschen Atemzgen, die warm an seine Wangen wellten. Eine farbige Welt von Schnheit tauchte pltzlich vor diesem einsamen Mdchen auf, das seit Jahren nur mehr die verquollenen Gestalten der Schenke, die verrunzelten Gesichter alter schwarzgekleideter Frauen und die schmutzige Plumpheit der schreienden und sich balgenden Straenkinder gesehn hatte. Und hier waren sanfte, in wunderbare Gewande gehllte Frauen von bezaubernder Schnheit, traurige und stolze, begehrliche und vertrumte, Ritter in Rstungen und langen Prunkgewanden, die mit diesen Frauen scherzten oder sprachen, Knige mit langwallenden weien Locken, auf denen goldene Kronen schimmerten, schne Jnglinge, deren Leib von Pfeilen durchbohrt sich am Marterstamm niedersenkte oder unter Qualen verblutete. Und ein fremdes Land, das sie nicht kannte und dessen Anblick sie s, wie eine unbewute Heimatserinnerung berhrte, tat sich auf mit grnen Palmen und hohen Zypressen, mit einem leuchtenden blauen Himmel, der ber Wsten und Berge, Stdte und Fernen in gleichem tiefen Glanze lag und viel leichter und freudiger zu sein schien, als dieser nrdliche, der selbst wie eine einzige graue ewige Wolke war. Nach und nach fgte er ihr kleine Erzhlungen bei. Er erklrte ihr die Bilder mit den einfachen und so dichterischen Legenden des Testamentes und sprach von den Wundern und Zeichen der heiligen Tage mit solcher Glut, da er die eigene Absicht verga und das glubige Vertrauen, welches ihm die ertrumte Gnade der letzten Tage verliehen, in ekstatischen Farben verkndete. Und dieses alten Mannes begeisterter Glaube erschtterte tief das Herz dieses Mdchens, die selbst sich nun fhlte wie in einem erschlossenen Wunderlande, das sich jhlings aus dem Dunkeln mit umfangenden Pforten geffnet. Strker und strker begann ihr Leben zu wanken, das aus tiefster Nacht pltzlich in purpurner Dmmerung erwachte. Nichts schien ihr unglaublich, seitdem sie selbst so seltsames erlebt, nicht jene Legende von dem silbernen Sterne, hinter dem drei Knige aus fernem Lande gingen, mit Pferden und Kamelen, auf denen eine schimmernde Flut von Kostbarkeiten ruhte, -- nicht da ein Toter von einer segnenden Hand berhrt, wieder zum Leben erstand, denn an sich selbst schien sie hnliche Wundergewalt zu verspren. Bald blieben die Bilder unbeachtet beiseite. Der alte Mann erzhlte aus seinem Leben, manches Gotteszeichen mit den Legenden der Bcher vermhlend; vieles, das er in den stummen Tagen seines Alters in sich versponnen und vertrumt, hoben jetzt seine Worte ins Licht, ihn selbst erstaunend, wie etwas Fremdartiges, das man prfend von eines andern Hand bernimmt; gleich einem Prediger war er, der in der Kirche mit einem Gotteswort begonnen, um es zu erlutern und zu durchleuchten; mit einem Male aber vergit er Hrer und Ziel und gibt sich nur der dunklen Wollust hin, alle die rauschenden Quellen seines Herzens in ein tiefes Wort strmen zu lassen, wie in einen Kelch, in dem alle Se und Heiligkeit des Lebens ist. Und ber das niedere Volk seiner betroffenen Hrer, die nicht mehr reichen bis zu seiner Welt und murren und sich bestarren, fliegt sein Wort hher und hher und ist selbst allen Himmeln nahe in seinem verwegenen Traum der vergessenen Erdenschwere, die sich pltzlich wieder bleiern an seine Schwingen hngt.... Der Maler schaute pltzlich um sich, wie noch umrauscht von dem purpurnen Nebel seiner ekstatischen Worte; die Wirklichkeit wies ihm wieder ihr geordnetes kaltes Gefge. Aber was er sah, war schn wie ein Traum. Zu seinen Fen sa Esther und schaute zu ihm auf. Sanft an seinen Arm gelehnt und in diese stillen, blauen, geklrten Augen blickend, in denen sich pltzlich so viel Licht gesammelt, war sie nach und nach an ihm herabgeglitten, ohne da er es in seiner gottnahen Aufwallung bemerkte, und kauerte an seinen Knieen, den Blick zu ihm erhoben. Alte Worte aus eigener Kinderzeit rauschten wirr in ihrem Kopfe, Worte, die der Vater an manchen Tagen im langen schwarzen Feiergewand, umhangen von weien zerfaserten Binden, aus einem alten und ehrwrdigen Buche vorgelesen hatte, und die auch so voll drhnender Feierlichkeit waren und voll inbrnstiger Andacht. Eine Welt, die sie verloren und von der sie wenig mehr wute, ward in dmmernden Farben wieder wach und erfllte sie mit weher Sehnsucht, die Trnenglanz in ihren Augen erschimmern lie. Und als der alte Mann sich zu diesen schmerzlichen Blicken niederbeugte und ihre Stirne kte, fhlte er, wie ein Schluchzen ihre zarten kindlichen Glieder in wildem Fieber schttelte. Und er miverstand sie. Denn er meinte, da das Wunder sich vollendet habe und Gott in einem groen Augenblicke seiner sonst schlichten und wortkargen Sprache die glhenden Feuerzungen der Beredsamkeit geschenkt habe, wie einst den Propheten, da sie zu dem Volke gingen. Und er meinte, dieses Schauern sei die bange und noch frchtige Seligkeit einer, die den Heimweg zu dem wahren und aller Seligkeiten Flle tragenden Glauben gefunden habe und die zittert und schwankt, wie einer Fackel jh entflammte Flamme, die noch unsicher hoch in die Luft tastet und wieder in sich zusammensinkt, ehe sie sich klrt zu stillem geruhigem Leuchten. Dieser Irrtum umfing mit jubelnder Freude sein Herz, das sich mit einem Male seinen fernsten Zielen nahe whnte. Eine Weihe berkam seine Worte. Ich habe dir von Wundern erzhlt, Esther! Viele sagen, da sie vor Zeiten waren, ich aber fhle und sage, da sie noch heute sind, nur da sie stiller geworden sind und nur in den Seelen derer erstehen, die sie erwarten. Was zwischen uns war, ist ein Wunder, meine Worte und deine Trnen, sie sind eines in einer unsichtbaren Hand, die sie aus unserem blinden Innern gestoen, ein Wunder der Erleuchtung. Da du mich verstanden, gehrst du schon zu uns; in diesem Augenblicke, da dir Gott diese Trnen geschenkt, bist du schon Christin.... Er hielt erstaunt inne. Denn bei diesem Wort war Esther von seinen Fen mit abwehrenden Hnden emporgefahren, wie um diesen Gedanken zurckzustoen. Erschrecken flackerte in ihren Augen und der unbndige zornige Trotz, von dem man dem Maler gesprochen. Sie war schn in diesem Augenblick, da die Herbe ihrer Zge Trotz und Zorn wurde, die Linien um ihren Mund wie Messerschnitte so scharf, und in ihren zitternden Gliedern eine katzenhaft zur Verteidigung bereite Gebrde. Die ganze Glut, die in ihr schumte, brach in einer Sekunde wildester Verteidigung empor.... Dann ward wieder alles ruhiger. Sie schmte sich der Gewaltttigkeit dieser wortlosen Abwehr. Aber die Wand, die schon ganz durchleuchtet gewesen war von den Strahlen einer bersinnlichen Liebe, starrte wieder schwarz und hoch zwischen beiden. In ihren Blicken war Klte, Unrast und Beschmung, nicht Zorn mehr und nicht mehr Vertrauen, nur Wirklichkeit und nicht mehr mystisch erschauernde Sehnsucht. Und schlaff fielen die Hnde an ihrem schmalen Krper herab, wie Schwingen, die auf hochrauschendem Fluge zerbrochen. Noch immer war ihr das Leben ein Rtsel von Schnheit und Seltsamkeit, aber sie wagte nicht mehr den Traum zu lieben, aus dem sie so niederschmetternd erwacht war. Auch der alte Maler fhlte, da ihn ein voreiliges Vertrauen betrogen hatte, aber es war nicht die erste Enttuschung seines langen suchenden Lebens, das nur Treue und Vertrauen war. So kam ihn kein Schmerz an, sondern nur Erstaunen und dann wieder fast Freude ber ihre rasche Beschmung. Sanft fate er ihre beiden schmalen Kinderhnde, in denen noch das Fieber glhte. Esther, du hast mich beinahe erschreckt mit deiner jhen Aufwallung. Ich meine es doch nicht schlecht mit dir. Oder denkst du das? Sie schttelte beschmt ihren Kopf, um sich im nchsten Momente wieder aufzurichten. Und ihre Worte wurden beinah wieder trotzig: Aber ich will keine Christin sein. Ich will nicht. Ich -- sie wrgte an dem Worte lange, ehe sie es mit gedmpfter Stimme sagte -- Ich.... Ich hasse die Christen. Ich kenne sie nicht, aber ich hasse sie. Was Ihr mir gesagt habt von der Liebe, die alle umfat, ist schner, als jedes Wort, das ich in meinem Leben je erhrt. Aber die Menschen um mich sagen auch, da sie Christen sind, aber sie sind roh und gewaltttig. Und .... ich wei nicht mehr alles klar, es ist schon zu lange her .... aber wenn wir zu Hause von den Christen sprachen, so war eine Angst und ein Ha in den Worten.... Alle haten sie.... Und ich auch..... Denn wenn ich mit meinem Vater ging, so schrieen sie uns nach und einmal warfen sie Steine nach uns..... Mich selbst hat einer getroffen, da ich blutete und weinte, aber mein Vater zog mich ngstlich fort, als ich nach Hilfe schrie.... Mehr wei ich nicht von ihnen.... Doch, ich wei noch.... Unsere Gassen waren dunkel und eng, wie die hier, wo ich wohne. Und nur Juden wohnten darin.... Aber drben die Stadt war schn. Ich habe sie einmal hoch von einem Hause gesehn.... Ein Flu war darin, der so blau und klar vorberflo und drben eine breite Brcke, auf der Menschen in hellen Gewandungen gingen, wie ihr mir sie auf den Bildern gezeigt habt. Und die Huser waren mit knstlichen Figuren geschmckt und mit Gold und Giebeln verziert. Dazwischen standen hohe, ach, so hohe Trme, in denen die Glocken sangen, und die Sonne kam herab bis in die Straen. Es war alles so schn.... Als ich aber meinem Vater sagte, er mge hinbergehn mit mir in die helle Stadt, da wurde er ernst und sagte: >Nein, Esther, die Christen wrden uns tten<.... Ich erschrak bei dem Wort..... Und seitdem hate ich die Christen.... Sie hielt inne in ihren Trumen, denn es ward wieder alles licht in ihr. Was sie lngst vergessen hatte, was verstaubt und verschleiert in ihrer Seele gelegen, funkelte wieder auf. Sie ging wieder die dunklen Ghettogassen entlang bis zu dem Hause. Und mit einem Male waren Zusammenhnge da, alles wurde so klar, und sie erfate, da was sie manchmal fr einen Traum hielt, Wirklichkeit und vergangenes Leben war. Mhsam hasteten die Worte den klaren vorbereilenden Bildern nach. Und damals dieser Abend.... Pltzlich ri man mich aus dem Bett .... ich erkannte meinen Grovater, der mich in den Armen hielt, mit bleichem zitternden Gesicht .... das ganze Haus brauste und zitterte, die Luft war voll Schreien und Lrmen.... Aber jetzt dmmert es mir auf, ich hre wieder, was sie schrieen: die Fremden, die Christen.... Mein Vater schrie es oder meine Mutter.... Ich wei nicht mehr.... Mein Grovater trug mich hinab in die Dunkelheit durch schwarze Gassen und Straen.... Und immer das Lrmen und derselbe Schrei: die Fremden, die Christen.... Wie hab' ich das vergessen knnen!?... Und dann ein Mann, mit dem wir gehen.... Ich wei nicht mehr, ich glaube, ich schlief.... Als ich erwachte, waren wir tief im Land, mein Grovater und der Mann, bei dem ich lebe.... Die Stadt sah ich nicht mehr, aber der Himmel war sehr rot, dort, von wo wir gekommen.... Und wir reisten weiter... Wieder hielt sie inne. Die Bilder schienen sich zu verlieren, langsamer dunkler zu werden. Ich hatte drei Schwestern.... Sie waren sehr schn, und jeden Abend kamen sie an mein Bett und kten mich.... Und mein Vater war gro, ich reichte nicht hinauf zu ihm, und so trug er mich oft in seinen Armen.... Und meine Mutter.... Ich habe sie nie mehr gesehen.... Ich wei nicht, was mit ihnen ist, denn mein Grovater sah weg, wenn ich ihn fragte und schwieg.... Und als er starb, wagte ich niemanden zu fragen... Und wieder hielt sie inne. Ein Schluchzen brach aus ihrer Kehle mit weher Gewalt. Ganz leise fgte sie bei: Jetzt wei ich alles.... Wie konnte das alles so dunkel sein fr mich? Mir ist, als stnde mein Vater neben mir und sprche das Wort, das er damals mir zur Antwort gesagt -- so deutlich klingt es in meinen Ohren.... Nun frage ich niemanden mehr... Ihre Worte wurden Schluchzen, stummes trostloses Weinen, das in ein tiefes trauriges Schweigen verklang. Das Leben, dessen helles Bild sie noch vor wenigen Minuten verfhrt, ghnte ihr nun wieder dumpf und dunkel entgegen. Und der alte Mann hatte lngst Absicht und Ziel vergessen ber der hingegebenen Betrachtung dieses Schmerzes. Stumm stand er vor ihr, und ihm war so weh, als mte er sich zu ihr setzen, um mit ihr zu weinen, was er nicht in Worten sagen konnte: da seine groe Menschenliebe diesen Schmerz in ihr, den er unbewut erweckt, fhlte als eine Schuld. Erschauernd sprte er die Flle von Segen und lastender Schwere, die in einer Stunde sich die Hnde reichten, und die schweren Wogen, die sich auf und nieder senkten, und von denen er nicht wute, ob sie sein Leben erheben wollten oder in die drohenden Tiefen ziehen. Aber er fhlte sich matt und stumpf gegen Furcht wie Hoffnung; nur Mitleid fr dieses junge Leben erfllte ihn, vor dem noch so viel Wege und Ziele sich breiteten. Vergebens suchte er nach Worten: sie waren alle so schwer wie Blei und klangen wie falsches Metall. Was wog ihre Flle gegen den Schmerz einer einzigen Erinnerung? Traurig strich seine Hand ber ihr zitterndes Haar. Sie schaute auf, verwirrt und zerfahren; mit mechanischer Gebrde ordnete sie sich ihre Haare und erhob sich mit umherirrenden Augen, als mte sie sich wieder zurechtfinden in der Wirklichkeit. Schlaffer und mder wurden ihre Zge und nur in den Augen flackerte noch der dunkle Schein. Brsk raffte sie sich zusammen und stie die Worte rasch hervor, um zu verbergen, da noch das Schluchzen in ihnen vibrierte. Ich mu jetzt gehn. Es ist spt. Und mein Vater erwartet mich. Mit harter Gebrde schttelte sie grend den Kopf, raffte ihre Sachen zusammen und wandte sich zum Gehen. Aber der alte Mann, der sie mit seinen sicheren verstehenden Blicken beobachtet hatte, rief sie noch einmal zurck. Mhsam wandte sie sich um, denn in den Augen leuchtete ein feuchter Schimmer von Trnen. Und wieder fate der alte Mann mit seiner bezwingenden innigen Gebrde ihre beiden Hnde und sah sie an. Esther, ich wei, du willst jetzt gehen und nicht mehr wiederkommen. Du glaubst mir und glaubst mir nicht, denn eine geheime Angst betrgt dich. Er fhlte, wie ihre Hnde sich sanfter und vertrauender in den seinen lsten. Und er fuhr zuversichtlicher fort. Komm aber wieder, Esther! Wir wollen alle Dinge ruhen lassen, die hellen und die traurigen. Morgen werden wir mit dem Bilde beginnen und mir ist, als wollte es gelingen. Und sei nicht traurig mehr, la das Vergangene schlafen und rttle nicht daran. Morgen wollen wir mit neuer Arbeit beginnen und mit neuer Hoffnung. Nicht wahr, Esther? Sie nickte unter Trnen. Und sie trug die Ungewiheit und Bangigkeit vor ihrem Leben wieder nach Hause zurck, wie vordem, nur mit dem Bewutsein tieferer Flle und vielfacheren Inhalts, als sie bisher gemeint. Der alte Mann blieb in tiefem Sinnen zurck. Der Glaube an das Wunder war ihm nicht fremd geworden, aber das Wunder war ihm viel feierlicher und gttlicher erschienen, da es ihm nur ein Spiel des Lebens von gttlicher Hand dnkte. Und er entsagte dem Gedanken, Glauben an mystische Verheiungen in einem Antlitz aufleuchten zu lassen, dessen Seele vielleicht schon zu verzagt war, um noch zu glauben. Nicht mehr berheben wollte er sich und Mittler Gottes sein, sondern nur schlichter Diener, der ein Bild nach bestem Mhen schafft und es demtig am Altare niederlegt, sowie ein andrer eine Gabe. Er fhlte den Fehler, den Zeichen nachzugehen und sie zu suchen, statt zu warten, bis ihre Stunde kme und sie sich ihm offenbarten.... Tiefer und tiefer neigte sich sein demtiges Herz. Warum hatte er Wunder wirken wollen an diesem Kinde, die ihm niemand geheien? War es nicht genug Gnade, da in sein Leben, das schon leer und kahl wurzelte wie ein alter Stamm, der nur noch mit den sten sehnschtig ins Blau aufgriff, ein andres junges Leben getreten war, das sich ngstlich und vertrauensvoll an ihn schmiegte? Ein Wunder des Lebens war ihm geschehen, das fhlte er; die Gnade war ihm geworden, die Liebe, die seine spten Tage noch berflammte, geben und lehren zu drfen, sie einzusenken wie einen Samen, der noch wundersam entblhen kann. Hatte ihm das Leben nicht genug damit gegeben? Und hatte ihm nicht Gott den Weg gewiesen, auf welchem er ihm dienen sollte? Eine Gestalt hatte er seinem Bilde ersehnt und, sie war ihm begegnet; war dies nicht Gottes Wille, da er sie zum Bildnis schfe, und nicht, da er ihre Seele einem Glauben zufhrte, den sie vielleicht nie wrde verstehen knnen? Tiefer und tiefer neigte sich sein demtiges Herz. Der Abend kam in sein Zimmer und die Dunkelheit. Der alte Mann stand auf; er fhlte eine Unrast und ein Bangen in sich, wie selten in seinen spten Tagen, die sonst so lind waren wie khle klrende Herbstsonne. Langsam entzndete er das Licht. Dann ging er hin zum Schrank und suchte ein altes Buch. Sein Herz war aller Unrast mde. Er nahm die Bibel, kte sie mit bebender Inbrunst; dann schlug er sie auf und las bis in die spte Nacht.... * * * * * Das Bild wurde begonnen. Esther sa nachdenklich zurckgelehnt in einem weichen, wohligen Lehnstuhle und hrte bald den erzhlenden Worten des alten Malers zu, der ihr mit allerhand Geschichten aus seinem und anderer Leben die eintnigen Stunden gleichmigen Sitzens zu vertreiben suchte, bald trumte sie gelassen in die tiefe Stube hinein, deren Wnde mit Gobelins, Bildern und Zeichnungen geschmckt immer wieder ihren Blick anzogen. Die Arbeit ging nicht rasch vonstatten. Der Maler fhlte, da alle diese Studien, die er machte, nur Versuche seien und noch nicht die endgltige berzeugende Stimmung. Es fehlte ihm noch etwas in dem Gedanken seiner Skizzen, das er in Worten und Begriffen sich nicht klren konnte, tiefinnerlich jedoch mit solcher Deutlichkeit empfand, da ihn oft eine fieberhafte Eile von Blatt zu Blatt trieb, die er dann genau miteinander verglich, immer aber unzufrieden, so getreulich seine Schpfungen auch sein mochten. Zu Esther sprach er nicht davon. Aber es war ihm, als lge in ihrem harten Zuge, der sich selbst in den Augenblicken sanfter Trumerei nie ganz von ihren Lippen ablste, ein Widerspruch gegen die milde Erwartung, die seine Madonna verklren sollte, als sei noch zuviel kindhafter Trotz in ihr, der noch nicht reif sei, die se Schwere des Muttergedankens zu tragen. Er fhlte, da Worte ihr nicht recht die Dsterkeit wrden abringen knnen, da sich nur von innen diese Hrte wrde mildern knnen. Aber diese weiche, frauliche Regung blieb ihrem Antlitz fern, wenn auch die ersten Frhlingstage ihr rotes Sonnengold durch alle Fensterritzen ins Zimmer warfen und die schpferische Regung einer ganzen Welt verkndeten, wenn alle Farben auch weicher und tiefer zu werden schienen so wie die Luft, die warm durch die Gassen wallte. Schlielich ermattete der Maler. Der alte Mann war erfahren und kannte die Grenzen seiner Kunst, deren berschreitung er nicht erzwingen konnte. Er gab den Plan auf, so wie er ihn gefat hatte, rasch und der lauten Stimme einer pltzlichen Intuition gehorchend. Und nachdem er die Mglichkeiten gegeneinander abgewogen hatte, entschlo er sich, in Esther nicht den Gedanken der Verkndigung zu malen, da ihr Antlitz nicht die Schauer der ersten Zeichen der glubig erwachenden Weiblichkeit trug, sondern sie als Madonna mit dem Kinde zu schaffen, dem schlichtesten und tiefsten Symbole seiner Glubigkeit. Und er wollte sogleich damit beginnen, denn die Verzagtheit begann sich wieder in seiner Seele einzufinden, da der Glanz der ertrumten Wunder mhlich und mhlich mehr verblat war, ja schon fast in die schwere, lastende Dunkelheit gesunken. Und ohne Esther zu verstndigen, lste er die Leinwand, die einige flchtige Spuren voreiliger Versuche trug ab und setzte eine neue an ihre Stelle, wie er sich berhaupt mhte, dieser neuen Vorstellung in sich freien Weg zu bahnen. Als Esther am nchsten Tage sich in gewohnter Weise niedergelassen hatte und sanft zurckgelehnt auf den Beginn der Arbeit wartete, die ihr gar nicht unwillkommen war, sondern in die Armut ihres einsamen Tages reiche Worte und freudige Minuten ste, hrte sie zu ihrer berraschung die Stimme des Malers nebenan in freundlicher Wechselrede mit einer derben, buerlichen Frauenstimme, die sie nicht kannte. Neugierig horchte sie hin, ohne aber deutliches vernehmen zu knnen. Bald verstummte die Frauenstimme, eine Tr fiel ins Schlo und schon trat der alte Mann herein und auf sie zu, etwas Helles in den Armen tragend, das sie beim ersten Anblick nicht erkannte. Und vorsorglich legte er ihr ein kleines, nacktes, derbes Kind von mehreren Monaten in den Scho, das sich anfnglich unruhig bewegte, dann aber unbeweglich blieb. Esther sah mit erstarrten Augen den alten Mann an, von dem sie so sonderbaren Scherz nicht erwartet hatte. Doch dieser lchelte nur und schwieg. Und als er sah, da sich ihre ngstlich fragenden Blicke nicht von ihm abwenden wollten, erklrte er ihr ruhig und mit bittendem Tone seine Absicht, sie mit dem Kinde auf dem Schoe zu malen. Die ganze Herzlichkeit und Gte seiner Augen legte er in diese Bitte. Die tiefe vterliche Liebe, die er zu diesem fremden Mdchen gefat hatte und das innige Vertrauen auf ihr unruhiges und glubiges Herz durchleuchteten seine Worte und noch sein beredtes Schweigen. Esthers Gesicht war blutig berloht. Eine unbndige innere Scham zerqulte sie. Kaum wagte sie mit einem ngstlichen Seitenblick das kleine, blhende, nackte Kind zu betrachten, das sie auf ihren erzitternden Knieen widerwillig hielt. Die Strenge des ganzen Volkes, in dessen Abscheu der Nacktheit sie erzogen war, lieen sie dieses gesundfrhliche und jetzt ruhig schlummernde Kind mit Ekel und geheimer Furcht betrachten; sie, die unbewut vor sich selbst ihre Nacktheit verhllte, schauerte zurck vor der Berhrung dieses weichen, rtlichen Fleisches wie vor einer Snde. Eine Angst war in ihr, und sie wute nicht, warum. Alle Stimmen in ihr streckten ngstlich ihre rufenden Arme aus, aber das harte, kurze Nein wollte nicht den milden begtigenden Worten dieses alten Mannes entgegen, den sie mit wachsender Liebe verehrte. Sie fhlte, da sie ihm nichts verweigern konnte. Und sein Schweigen und die Frage seiner gespannt wartenden Blicke lasteten so schwer auf ihr, da sie htte aufschreien mgen, blind, tierisch, ohne Zweck und ohne Worte. Wahnsinnig packte sie der Ha gegen dieses ruhig schlummernde Kind, das in den Frieden ihrer einzig stillen Stunde hereingebrochen war und ihre trumerische Traulichkeit zerstrte. Aber sie fhlte sich schwach und wehrlos gegen die gtige Weise dieses alten geruhigen Mannes, der wie ein weier, einsamer Stern ber ihrem dunklen, tiefen Leben stand. Und wieder, wie zu jeder seiner Bitten, neigte sie demtig und verwirrt das Haupt. Da sprach er nicht weiter, sondern machte sich daran das Bild zu beginnen. Zunchst zeichnete er nur den Umri. Denn, um den inneren Gedanken seines Werkes darzustellen, war Esther noch viel zu unruhig und zu verwirrt. Der trumerische Ausdruck war gnzlich gewichen. In ihren Blicken lag etwas Krampfhaftes und Gezwungenes, weil sie es unausgesetzt vermied, dem Anblick des nackten schlafenden Kindes auf ihrem Schoe zu begegnen und in endloser stumpfer Wiederholung die Wandhhe mit den ihr innerlich gleichgltigen Bildern und Zierraten fixierte. Auch in ihren Hnden war dieser Ausdruck der Gezwungenheit und Steifheit von der Furcht aufgezwungen, sie mchte den Krper berhren mssen. Dazu fhlte sie die Last schwer auf den Knieen, ohne eine Regung zu wagen. Nur ein gespannter Zug in ihrem Gesichte verriet strker und strker die qualvolle Anstrengung, so da der Maler schlielich selbst, obwohl er nicht ihren ererbten Abscheu, sondern nur mdchenhafte Scheu voraussetzte, ihr Unbehagen zu ahnen begann und die Sitzung unterbrach. Das Kind schlief ruhig weiter, wie ein sattes Tier, und merkte nichts, wie es der Maler mit sorgfltigen Hnden von dem Schoe des Mdchens abhob und es im Nebenzimmer auf das Bett legte, wo es blieb, bis seine Mutter, eine derbe hollndische Schiffersfrau, die fr einige Zeit nach Antwerpen verschlagen war, es wieder abholte. Aber, ob man sie auch von der krperlichen Last befreit, fhlte sich Esther doch noch von dem Gedanken schwer bedrckt, da Tag fr Tag sie gleiche Bangigkeit erfllen sollte. Unruhig ging sie und unruhig kam sie wieder in den nchsten Tagen. Im geheimen hegte sie die Hoffnung, da der Maler auch diesen Plan aufgeben wrde und der Entschlu wurde drngender und berquellender, ihn mit einem ruhigen Worte darum zu bitten. Aber nie vermochte sie es; ein innerer Stolz oder eine geheime Scham hielten die Worte zurck, die schon auf ihren Lippen zuckten, so wie schwungbereite Vgel, die prfend ihre Schwingen flattern lassen, bereit, sich im nchsten Augenblicke frei emporzustoen in die Luft. Aber whrend sie Tag fr Tag kam und ihre Unruhe gewissermaen schon mit sich trug, wurde diese Scham nach und nach eine unbewute Lge, denn sie hatte sich schon damit vertraut gemacht, wie mit einer lstigen Selbstverstndlichkeit. Es fehlte nur noch der Augenblick der Erkenntnis. Das Bild schritt inzwischen wenig fort, obwohl der Maler ihr es mit vorsichtigen Worten andeutete. In Wirklichkeit umfate sein Rahmen nur die leeren und unwichtigen Linien der Gestalten und ein paar flchtige versuchende Tnungen. Denn der alte Mann wartete, bis Esther sich mit dem Gedanken ausgeshnt htte und suchte nicht zu beschleunigen, was er mit Sicherheit erhoffte. Vorlufig krzte er nur die Stunden der Sitzungen und sprach viel von allerlei gleichgltigen Dingen, die Anwesenheit des Kindes und Esthers unruhige Erregung mit Absicht bersehend. Er schien heiterer und sicherer als je. Und sein Vertrauen betrog ihn diesmal nicht. Denn einer dieser Vormittage war hell und warm, das Fenster umschnitt mit seinen Kanten eine lichte und durchsichtige Landschaft: Trme, die ferne waren und doch ihren goldglnzenden Schein wie von nahe schimmern lieen, Dcher, von denen der Rauch leise und sanftgekruselt sich in das tiefe und wie damastene Himmelsblau verlor, weie Wolken, die ganz nahe standen, als wollten sie sich niedersenken wie ein flaumiger flatternder Vogel in dieses dunkelflutende Meer der Dcher. Und mit vollen Hnden warf die Sonne ihr Gold herein, Strahlen und tanzende Funken, rollende Kreise wie kleine klirrende Mnzen, schmale schneidende Streifen wie glnzende Dolche, flatternde Formen ohne Deutung und Sinn, die mit springender Behendigung wie kleine schimmernde Tiere ber die Bohlen sprangen. Und dieses flirrende und prickelnde Spiel hatte das Kind aus dem Schlafe geweckt, indem es wie mit seinen spitzigen Fingern an die geschlossenen Augenlider pochte, bis sie sich auftaten und blinzelten und starrten. Unruhig begann es sich auf dem Schoe des Mdchens zu bewegen, das es mit unwilliger Gebrde behtete. Aber es strebte nicht von ihr weg, sondern haschte nur ungeschickt mit seinen kleinen tppischen Hnden nach diesen Funken, die es umtanzten und umspielten, ohne da es sie fassen konnte und dieser Mierfolg steigerte nur seine Aufmerksamkeit. Immer eiliger suchte es die kleinen dicken Finger zu bewegen, die vom sonnigen Lichte rtlich durchleuchtet die warme Flut des Blutes durchdmmern lieen, und dieses naive Spiel erfllte die ganze kleine unfertige Gestalt mit wundersamem Liebreiz, der auch Esther unbewut bezwang. Lchelnd und innerlich das vergebliche Bemhen berlegen bemitleidend, sah sie diesem endlosen Spiele zu, ohne zu ermden oder sich ihres Widerwillens gegen dieses unschuldige hilflose Wesen zu erinnern. Zum ersten Mal webte ein menschliches und innig menschliches Leben fr sie in diesem kleinen glatten Krper, dessen fleischige Nacktheit und stumpfe Sttigung sie bisher nur empfunden; und mit kindlicher Neugier folgte sie jeder Regung. Der alte Mann sah zu und schwieg. Mit Worten frchtete er den Trotz und die vergessene Scham in ihr wieder wachzurufen, aber ein befriedigtes Lcheln eines, der die Welt und ihre Wesen kennt, wollte nicht weg von seinen milden Lippen. Nichts Sonderbares sah er in diesem Wechsel, sondern nur ein Berechnetes und Erwartetes, ein Vertrauen auf jene tiefrauschenden Gesetze der Natur, die nie versagen und vergessen, Wahrheit zu werden. Er fhlte sich wieder so ganz nahe einem jener ewigen, sich immer wieder erneuernden Wunder des Lebens, das aus den Kindern die hingebende Gte der Frauen mit einem Male erstehen lt, die wieder hin zu den Kindern geht, von Werden zu Werden, und so eigene Kindheit nie verliert, sondern zweimal lebt, in sich und in denen, der sie begegnen. Und war dies nicht das Gotteswunder Marias, die Kind war, um nie Frau zu werden, sondern weiterzuleben in ihrem Kinde? Hatte nicht jedes Wunder seinen Spiegel in der Wirklichkeit und jeder erschaute Augenblick eines werdenden Lebens einen Glanz des Unnahbaren und ein Brausen des Ewig-Unverstndlichen? Der alte Mann fhlte wieder tief jene Wundernhe, deren gttlicher oder irdischer Gedanke ihn nun seit Wochen umprete, ohne ihn freizugeben. Aber er wute, da dies eine dunkle und verschlossene Pforte war, vor der sich alles Sinnen demtig wieder wenden msse, ohne mehr zu erringen, als einen ehrfrchtigen Ku auf die versagte Schwelle. Und so griff er zum Pinsel, um mit Arbeit die Gedanken zu verjagen, die sich schon in dstre Wolkentiefen verloren. Wie er aber hinblickte, um der Wirklichkeit das Nachbild abzulauschen, blieb er fr einen Augenblick gebannt. Denn ihm war, als sei er bisher mit seinem Suchen in einer Welt gegangen, die von Schleiern umhangen war, ohne da er es wute, und nun erst glhte sie ihm in ihrer unmittelbaren Kraft und Verschwendung entgegen. Vor seinen Augen lebte das Bild, das er gesucht. Mit leuchtenden Augen und haschenden Hnden wandte sich das blhende gesunde Kind dem Lichte entgegen, das seinen nackten Krper mit einem mattschimmernden weichen Glanz bergo und ihm so seraphischen Schein verlieh. Und ber diesem spielenden Haupte ein zweites, das sich zrtlich betrachtend niederneigt und selbst gleichsam von dem Glanze erfllt ist, den dieser helle lichterfllte Krper ausstrahlt. Und schmale kindhafte Hnde, die behtend zu beiden Seiten warten, um alles Unheil und Verderben von diesem Kinde abzuwehren. Und ber dem Haupte ein flchtiger Glanz, der sich in den Haaren verfangen hat und gleichsam von ihnen auszustrahlen scheint wie ein inneres Licht. Sanfte Bewegung, vereint mit tndelndem Licht, Unbewutheit mit noch trumender Erinnerung, alles rann zusammen in ein flchtiges und schnes Bild, das nur hingehaucht schien und aus glsernen Farben geschaffen, die ein Augenblick jher Bewegung zerschmettern kann. Wie eine Vision sah der alte Mann dieses Paar, das ein flchtiges Spiel des Lichtes so verschwistert hatte und gleichsam aus fernem Traume fiel ihm des italienischen Malers fast vergessenes Bild ein und seine Gottesmilde. Und wieder schien es ihm, als hrte er gttlichen Ruf. Aber diesmal verlor er sich nicht an Trume, sondern schenkte seine ganze Kraft dem Augenblick. Mit heftigen Zgen hielt er dies Bewegungsspiel dieser kindischen Hnde und die sanfte Neigung dieses sonst so harten Mdchenhauptes fest, als wollte er sie der Vergnglichkeit des Momentes fr immer entraffen, der sie zusammengefgt. Er fhlte Schpferkraft in sich wie heies junges Blut. Sein ganzes Leben war ein Rinnen und Rauschen, ein Einschlrfen des Lichtes und der Farbe in dieser Minute, ein Formen und Umfassen seiner zeichnenden Hand. Und in dieser Minute, da er dem Geheimnis gttlicher Krfte und unbegrenzter Lebensflle so nahe stand wie noch nie, da sann er nicht ihren Wundern und Zeichen nach, sondern lebte sie, indem er sie selbst erschuf. Dieses Spiel whrte nicht allzu lange. Das Kind ermdete endlich bei dem unablssigen Haschen, und auch Esther war befremdet, wie sie den alten Mann pltzlich mit fieberhafter Glut und gerteten Wangen arbeiten sah; wieder war in seinem Antlitz die gleiche visionre Helle, wie an dem Tage, da er von Gott und seinen tausendfltigen Wundern zu ihr gesprochen hatte, und wieder fhlte sie begeistertes Erschauern fr die Gre, die sich so ganz in die schpferischen Welten verlieren konnte. Und in dieses umfassende Gefhl verlor sich ganz die kleine Beschmung, da sie der Maler in dem Augenblicke berrascht hatte, da sie ganz von dem Anblick des Kindes erfllt war. Sie sah nur eine Flle des Lebens; und die Vielfltigkeit und Gre solcher Momente lieen sie immer jenes Erstaunen wiederempfinden, das sie zuerst gefhlt, als ihr der Maler die Bilder ferner und unbekannter Menschen, traumhaft schner Stdte und ppiger Landschaften gezeigt hatte. Und die Armut ihrer eigenen Tage und der monotone Gleichklang ihrer seelischen Erlebnisse frbten sich am Rausche des Fremden und von der Pracht des Fernen. Aber eigene Schpfersehnsucht brannte tiefinnerst in ihrer Seele, wie ein verborgenes Licht im Dunkeln, von dem niemand wei. Dieser Tag war eine Wende in Esthers und des Bildes Schicksal. Der Schatten war gesunken. Nun ging sie mit hellen und hastenden Schritten zu jenen Stunden, die ihr so flchtig schienen, weil sie eine wechselnde Reihe kleiner Erlebnisse aneinander ketteten, deren jedes ihr bedeutsam war, da sie den Wert des Lebens nicht kannte und sich reich glaubte mit den kleinen kupfernen Mnzen unwertiger Begebnisse. Unmerklich trat die Gestalt des alten Mannes in den Hintergrund gegen den unbehilflichen kleinen rosigen Krper des Kindes. Ihr Ha war jhlings in eine wilde und fast gierige Zrtlichkeit umgeschlagen, wie sie Mdchen oft gegen Kinder und kleine Tiere haben. Ihr ganzes Wesen erschpfte sich in Beobachtung und Liebkosung, unbewut lebte sie den erhabensten Gedanken der Frau, die Mutterschaft, in einem hingebenden leidenschaftlichen Spiel. Der Zweck ihres Besuches entglitt ihr. Sie kam, setzte sich mit dem kleinen blhenden Kinde, das sie bald erkannte und das ihr drollig entgegenlachte, in den breiten Lehnstuhl und begann ihre innigen Tndeleien, ganz vergessend, da sie um des Bildes willen gekommen und da sie einst dieses nackte Kind wie einen Druck und eine Last empfunden hatte. Das schien ihr so ferne, wie einer ihrer unzhligen falschen und verlogenen Trume, die sie frher in der dunklen traurigen Gasse in langen Stunden emsig aneinander gesponnen hatte, und deren Gewebe zerflatterte beim ersten vorsichtigen Atemzuge der Wirklichkeit. Und nur in diesen Stunden glaubte sie auch jetzt noch zu leben; ihr Verweilen zu Hause war ihr eine Fremde, wie die Nacht, in die man schlafend hinabtaucht. Wenn sie mit ihren Fingern die dicken fleischigen Hndchen des Kindes umfate, fhlte sie, da dies kein blutloser Traum war. Und das Lcheln war keine Lge, das ihr aus diesen blauen groen Augen entgegenblinzelte. Das war alles Leben, und sie verzehrte sich in einer inneren Gier nach Verschwendung an die Welt, die ein reiches und unbewutes Erbteil ihres Stammes war und nach Hingebung, der fraulichen Sehnsucht, ehe sie noch Weib war. In diesem Spiel barg sich schon der Keim tieferen Verlangens und tieferer Lust. Aber noch war alles ein tndelnder Reigen zrtlicher Einflle und inniger Bewunderung, spielender Anmut und trichten Traums. Wie Kinder die Puppen schaukeln, so wiegte sie dieses Kind, aber sie trumte dabei, wie Frauen und Mtter trumen, -- in eine se zrtliche grenzenlose Ferne. Der alte Mann fhlte die Wandlung mit der ganzen Flle seines wissenden Herzens. Er sprte, da er ihr ferner wurde, nicht fremder, und da er nicht mehr in ihrem Wunsche stand, sondern schon abseits, wie eine milde Erinnerung. Und er freute sich dieses Umschwungs, so sehr er auch Esther liebte, denn er sah junge starke und gtige Triebe in ihr, von denen er hoffte, da sie schneller die Trotzigkeit und Verschlossenheit ihrer ererbten Art zerbrechen wrden als sein Bemhen. Und er wute, da ihre Liebe an ihn, den Alten, Absterbenden Verschwendung war, whrend sie in junges Leben Segnung und Verheiung tragen konnte. Wunderbare Stunden verdankte er dieser erwachten Zrtlichkeit Esthers zu dem Kinde. Viele Bilder von bezwingender Schnheit formten sich vor ihm, alle Paraphrasen eines einzigen Gedankens und doch alle verschieden. Bald war es ein zrtliches Spiel: Esther mit dem Kinde tndelnd, selbst ganz Kind in ihrer unbndigen Mitfreude, geschmeidige Bewegungen ohne Hrte und Leidenschaft, milde Farben in sanfter Vereinung, zrtliches Zusammenflieen zarter Formen. Und dann wieder Augenblicke der Stille, wenn das Kind trge auf dem weichen Schoe eingeschlafen war und die schmalen Hnde Esthers ber ihm wachten wie zwei Engel, wenn in ihren Augen jene zrtliche Freude seligen Besitzes aufglnzte und die verschwiegene Leidenschaft, das schlafende Antlitz mit Zrtlichkeiten zu erwecken. Dann wieder Sekunden, da sich die vier Augen ineinander einsenkten, unwissend, unbewut und suchend die einen, innig hingebend und selig leuchtend die andern. Dann waren wieder Momente entzckender Verwirrungen, wenn das Kind mit seinen unbehilflichen Hnden an der Brust des Mdchens emportastete, von der es die mtterliche Spende erwartete; dann rtete wieder die Scham Esthers Wangen wie rosiges Licht, aber es war keine Angst mehr, die sie erfllte, und kein Unwille, sondern nur eine verlegene Aufwallung, die in ein beglcktes Lcheln zerrann. Und diese Tage wurden die Schpferstunden des Bildes. Aus tausend Zrtlichkeiten schuf er eine, aus tausend tndelnden, beseligten, ngstlichen, glcklichen, innigen Blicken einen Mutterblick. Ein stilles groes Werk wuchs empor. Ganz schlicht war es. Ein spielendes Kind und eines Mdchens sanft sich niederneigendes Haupt. Aber die Farben waren mild und klar, wie er sie nie gefunden, und die Formen standen so scharf und klar, wie dunkle Bume gegen die heilige Glut des Abends. Es war, als mte irgend ein inneres Licht verborgen sein, von dem sich jene geheime Helle entznde, eine Luft in ihm weben, die weicher, umschmeichelnder und klarer sei als die aller irdischen Welt. Nichts berirdisches war darin und doch eine heimliche Mystik des Lebens, das es geschaffen. Denn zum ersten Mal fhlte der alte Mann, der in seiner langen emsigen Schaffenszeit stets sorglich Strich an Strich gesetzt, ein inneres Wachsen und Werden an seinem Bilde, von dem er nichts wute. Wie in der alten Volksmre die zauberischen Geister ihre Werke erschufen, verborgen und doch mit so schaffender Eile, da des Morgens die Menschen mit staunenden Augen die nchtige Vollendung schauten, so fhlte der Maler, wenn er nach Minuten schpferischen Rausches vom Bilde zurcktrat und es mit prfendem Auge betrachtete. Wieder pochte der Gedanke des Wunders an sein Herz, das kaum noch zgerte, ihm Einla zu gewhren. Denn dieses Werk schien ihm nicht nur seines ganzen Ringens leuchtende Blte, sondern etwas viel Ferneres und Hheres, das sein niederes Werk nicht wrdig sei zu tragen, wenn auch als seine Krnung. Und seines Schaffens Heiterkeit senkte sich tiefer und wurde frchtige Stimmung, ein Bangen vor diesem eigenen Werk, in dem er sich nicht mehr wieder zu erkennen wagte. So wurde auch er Esther ferner, denn sie schien ihm nur die Mittlerin des irdischen Wunders, das er vollbracht. Mit alter Gte behtete er sie, aber seine Seele erfllte sich wieder mit den frommen Trumen, die er schon ferne geglaubt. Die schlichte Kraft des Lebens ward ihm mit einem Male so wunderbar. Wer konnte ihm Antwort geben? Die Bibel war alt und heilig, sein Herz aber irdisch und stand noch tief im Leben. Durfte er da fragen, ob die Schwingen Gottes hinabrauschten bis in diese Welt? Gingen noch heute Zeichen Gottes durch die Welt, oder waren es nur schlichte Wunder des Lebens? Der alte Mann berhob sich nicht, da Antwort wissen zu wollen, so Seltsames auch in seinem Leben geschah. Aber er war seiner selbst nicht mehr so sicher wie einst, da er an das Leben glaubte und an Gott und nicht nachsann, wer die Wahrheit war. Und jeden Abend umhllte er sorglich das Bild. Denn einmal in diesen Tagen, als er heimgekehrt war und der silberne Schein des Mondes segnend ber dem Bilde hing, da war es ihm, als htte die Gottesmutter ihm ihr Antlitz enthllt. Und wenig fehlte, da er sich betend hingeworfen htte vor seinem eigenen Werk..... * * * * * In diesen Tagen aber geschah noch ein anderes im Leben Esthers, das nichts Seltsames und Unwahrscheinliches war, aber doch wie ein aufwirbelnder Sturm bis in die Tiefen ihres Lebens hinabgriff, da sie erschauerten in wildem und unverstndlichem Schmerz. Sie fhlte die ersten Mysterien der Reife und ward Weib aus einem Kinde. Viel ratlose Verwirrung erfllte ihre Seele, die niemand fhrte und unterwies, die einsam einen wundersamen Weg zwischen tiefen Dunkelheiten und mystischem Leuchten ging. Und viel Sehnsucht ward wach, die keinen Weg wute. Ihr unbndiger Trotz, der frher allen Gespielen abweisend ausgewichen war und jedes unntige Wort mit ihrer Umgebung vermieden hatte, brannte wie ein Fluch in diesen Tagen dunkler Verlorenheit. Denn so fhlte sie nicht die heimliche Se, die in diesem Werden sich birgt, wie eine Saat, deren Flle noch ferne ist, und nur der dumpfe, irre und so einsame Schmerz blieb zurck. Und in diese Unwissenheit glnzten die Legenden und Wunder, von denen der alte Mann ihr erzhlt, wie verfhrerische Lichter, denen ihre Trume in die unsinnigsten Mglichkeiten gierig folgten. Die Erzhlung von der milden Frau, deren Bild sie gesehen, die Mutter ward nach wundersamer Verkndigung, durchbebte sie mit einer jhen und fast freudigen Angst. Und doch wagte sie nicht zu glauben, denn noch von anderem war da gesprochen worden, das sie nicht verstand. Aber sie meinte, da in ihr selbst irgend ein Wunder wirke, weil sie sich so verndert fhlte in ihrem ganzen Empfinden, weil die Welt und alle Menschen um sie mit einem Male anders zu sein schienen, tiefer, seltsamer und voll geheimer Triebe. Alle Dinge schienen zusammen zu gehren und ein inneres Leben zu haben, das sich entgegendrngte und wieder zurckstie, eine Gemeinsamkeit, von der sie nicht wute, wo sie sich berge; ihr schien alles zusammenzuhalten, was so vereinzelt stand. Und sie selbst fhlte diese innere Kraft, die sie hineinzog in das Leben und zu den Menschen, aber sie war unsinnig und wute nicht, wohin sie sich wenden sollte und hinterlie nur diesen gleichen drngenden, pressenden und qulenden Schmerz unverbrauchter Sehnsucht und unterbundener Kraft. Was Esther bisher unmglich erschienen, versuchte sie jetzt in verzweifelten Stunden, wenn ihre Verlorenheit sich erkannte und die Sehnsucht nach einem Dinge, an das sie sich anklammern knnte, ihr Herz berwltigte. Sie sprach mit ihrem Ziehvater. Bisher war sie ihm ausgewichen, instinktiv, weil sie die Ferne fhlte, die zwischen ihnen war. Aber nun stie sie dieser blinde Drang ber die Schwelle. Sie sprach mit ihm von allen Dingen, erzhlte ihm von dem Bilde, griff tief in sich hinein, um aus diesen Stunden etwas emporraffen zu knnen, was ihm von Wert sein knnte. Und der Wirt, sichtlich erfreut ber diese Wandlung klopfte ihr derb begtigend auf die Wangen und hrte zu. Manchmal warf er ein Wort drein, aber es war so lssig und unpersnlich wie die Gebrde, mit der er den zerkauten Tabak zur Erde spuckte. Schlielich erzhlte er selbst in seiner ungeschickten Weise, was gerade vorgegangen war, aber Esther horchte vergebens. Er wute ihr nichts zu sagen, er versuchte es gar nicht. Alle Dinge schienen nur bis an seinen Krper heranzukommen und nichts nach innen zu flieen, eine Gleichgltigkeit gegen alles schlug ihr aus seinen Worten entgegen, die sie mit Ekel erfllte. Was sie frher nur dumpf geahnt, wute sie jetzt: es gab keinen Weg von solchen Menschen zu ihr und ihrer Seele. Es gab ein Nebeneinandersein, aber kein Erkennen, eine de und kein Verstndnis. Und er schien ihr noch der beste von all den Menschen, die in dieser traurigen Kneipe aus und ein gingen, weil eine gewisse biedere Derbheit in ihm war, die in manchen Augenblicken sogar Herzlichkeit werden konnte. Diese Enttuschung aber konnte die drngende Kraft dieser unbndigen Sehnsucht nicht zerbrechen und die ganze Wucht strmte wieder zu den beiden Wesen zurck, die Aufgang und Niedergang ihres Tages umspannten. Sie zhlte die einsamen Stunden der Nacht, die sie noch vom Morgen entfernten, mit Inbrunst und die Stunden des Tages, die vor ihrem Besuche bei dem Maler lagen, mit fiebernder Glut, die sich auf ihrem Antlitz verriet. Und einmal auf der Gasse warf sie sich ganz in den Arm ihrer Leidenschaft, wie ein Schwimmer in eine aufschumende Flut, und strmte wie verzweifelt durch die ruhig vorwrtsstrebenden Menschen, um erst Halt zu machen, wenn sie mit gertetem Gesicht und verwirrten Haaren vor dem Tore des ersehnten Hauses stand. Eine Unbndigkeit und Lust an freier leidenschaftlicher Gebrde hatte in dieser Zeit der Umformung Gewalt ber sie gewonnen und gab ihr eine wilde begehrliche Schnheit. Und diese gierige, fast verzweiflungsvolle Art ihrer Zrtlichkeit lie sie das Kind vor dem alten Manne bevorzugen, in dessen freundlicher inniger Milde etwas Ablehnendes, Abgeklrtes gegenber aller strmischen Leidenschaft lag. Er wute nichts von der fraulichen Wandlung Esthers, aber er ahnte sie aus ihrem ganzen Wesen, dessen so jh erwachte Ekstatik ihn befremdete. Ihr Schranken zu setzen, versuchte er nicht, weil er die elementare Kraft sprte, die sie vorwrts trieb in diese zhe Leidenschaft. Und er verlor darum nicht die vterliche Liebe zu diesem einsamen Kinde, wenngleich auch sein Sinn sich ganz wieder dem fernen Spiel der geheimen Lebenskrfte zugewandt hatte. Er freute sich ihrer Gegenwart und suchte sie sich zu bewahren. Das Bild war schon vollendet, er sagte es aber Esther nicht, weil er sie nicht trennen wollte von dem Kinde, das sie mit Zrtlichkeit gleichsam berflutete. Ab und zu tat er noch einen Pinselstrich, aber es waren immer nur unwichtige uerlichkeiten, ein Faltenwurf, eine leichte Schattierung des Hintergrundes oder eine flchtige Nuance im Spiel des Lichtes. Dem eigentlichen Gedanken des Bildes und seiner innerlichen Empfindung wagte er nicht mehr zu nahen, denn der Zauber der Wirklichkeit war langsam gewichen und das Doppelantlitz des Bildes schien ihm das vergeistigte Wesen jenes wundervollen Schpfertraumes, der ihm immer weniger Vollfhrung irdischer Kraft schien, je weiter zeitlich die Erinnerung jenes Augenblickes zu verdmmern begann. Jeder Versuch der Verbesserung schien ihm nicht nur Torheit, sondern Snde. Und im Innersten beschlo er, nach diesem Werke, da seine Hand offenbarlich geleitet war, nicht weiteres Stmperwerk zu schaffen, sondern seine Tage in tieferer Frmmigkeit und in Ersphung der Pfade zu verbringen, die sein Leben emporfhren knnten in jene Hhen, deren goldenes Abendleuchten er in diesen spten Lebensstunden noch versprt hatte. Esther sprte mit dem feinen Instinkte, den die Verwaisten und Zurckgestoenen in ihren Seelen wie ein geheimes Netzwerk empfindsamer Fden haben, das alle Worte und auch die verschwiegenen umspannt, die leichte Entfernung des alten und ihr so lieben Mannes, und sie litt beinahe unter seiner gleichen milden Zrtlichkeit; sie fhlte, da sie gerade jetzt seines ganzen Wesens und der befreiten Flle seiner Liebe bedurft htte, um ihre Seele mit ihren wachsenden Schmerzlichkeiten offenbaren zu knnen und Antwort zu verlangen von den Rtseln, die sie umringten. Sie horchte auf den Augenblick, da sie die Worte aus sich befreien konnte, die in ihr drngten und berschumten, aber das Erwarten ward endlos und machte sie mde. Und da wandte sie ihre ganze Zrtlichkeit dem Kinde zu. Ihr ganzes Empfinden formte sie in diesen kleinen unbeholfenen Krper, den sie mit heier Gewalt umfing und kte, so ungestm und vergessend, da das Kind oft nur den Schmerz der Umarmung sprte und zu klagen begann. Dann wurde sie zurckhaltend, behtend, beruhigend, aber auch diese ngstlichkeit war Ekstase, sowie ihr Empfinden kein mtterliches war, sondern ein ngstlich-suchendes Emporwallen erotischer und dumpf sehnschtiger Triebe. Eine Kraft in ihr drngte empor, und ihre Unwissenheit lie sie an diesem Kinde verschumen. Es war ein Traum, den sie lebte, und eine schmerzliche Betubung; sie hielt sich nur krampfhaft an dieses Wesen, weil es ein warmes Herz hatte, das pochte, so wie das ihre, weil sie alle Zrtlichkeiten, die in ihr glhten, an diese stummen Lippen verschenken konnte, weil ihre Arme, in denen eine unbewute Sehnsucht war, ein Lebendes umklammern konnten, ohne den Augenblick der Beschmung frchten zu mssen, der sie berfiel, wenn sie sich nur mit einem einzigen Worte einem Fremden anvertraut htte. Stunden und Stunden verbrachte sie so, ohne zu ermden und ohne zu fhlen, wie sie sich selbst betrog. Dieses Kind umschlo nun fr sie den Begriff des Lebens, nach dem sie sich so wild gesehnt. Rings um sie verwlkten sich die Zeiten, sie merkte es nicht. Abends standen die Brger zusammen und sprachen von der alten Freiheit und dem guten Knig Karl, der sein Flandern so sehr geliebt, mit Bedauern und heimlichem Zorn. Unruhe whlte in der Stadt. Die Protestanten einten sich insgeheim, lichtscheues Gesindel rottete sich zusammen, kleine Aufstnde und Zusammenste mit den Soldaten huften sich, getragen von drohenden Botschaften aus Spanien; und in diesem unruhigen Geznke wetterleuchteten schon die ersten Flammen von Krieg und Rebellion. Die Vorsichtigen begannen schon jetzt ihren Blick gegen das Ausland zu richten, die andern trsteten und beruhigten sich, aber das ganze Land war mitgerissen in eine frstelnde Erwartung, die sich in jedem einzelnen spiegelte. In der Schenke setzten sich die Mnner in den Ecken zusammen und sprachen mit gedmpfter Stimme, und zwischen ihnen durch scherzte der Wirt in seiner derben Weise von Krieg und seinen Schrecknissen, doch das Lachen wollte allen nicht recht aus der Kehle. Die sorglose Frhlichkeit der ppigen Menschen verlosch in Angst und unruhiger Erwartung. Esther fhlte nichts von dieser Welt, nicht ihre gedmpfte und furchtsame Art und nicht ihr geheimes Fieber. Das Kind war still wie immer und lachte sie in seiner unbeholfenen Weise an, -- so merkte sie keine Vernderung in ihrer Umgebung. Ihr Leben trieb einer einzigen Strmung nach in eine unselige Verwirrung; die Dunkelheit um sie lie die phantastischen Trume ihrer leeren Stunden ihr als Wirklichkeit erscheinen, so ferne und fremd, da sie fr immer verloren war fr die khle besonnene Verstndigkeit der Welt. Ihre erwachte Weiblichkeit schrie nach einem Kinde, aber dieses bange Mysterium wute sie nicht, sondern sie ertrumte es sich in tausend Formen, in der schlichten Wunderbarkeit der biblischen Legende, wie in der zauberischen Mglichkeit einsamer Phantasieen. Htte ihr jemand dieses Rtsel des Alltags in einfachen Worten erklrt, so htte sie vielleicht mit jenem verschmt betrachtenden Blicke wie sie Mdchen in dieser Zeit haben, die Mnner gemustert, die an ihr vorbeigingen. So aber dachte sie ihrer nicht, sondern sah nur die Kinder auf den Straen spielen und dachte trumerisch jenes seltsamen Wunders, das ihr vielleicht auch eines Tages ein solches rosiges spielendes Kind schenken knne, ein Kind, das ganz ihr gehrte und ganz ihre Seligkeit wre. Und so unbndig war der Wunsch in ihr, da sie sich vielleicht dem ersten besten hingegeben htte, alle Scham und ngstlichkeit vernichtend, nur um dieses ersehnten Glckes willen; aber sie wute nichts von dieser schpferischen Einung, und ihre Sehnsucht ging blinde und nutzlose Pfade in die Irre. Und so kehrte sie immer und immer wieder zu diesem fremden Kinde zurck, das ihr schon wie ein eigenes schien, so innig war ihre Zrtlichkeit geworden. So kam sie eines Tages zu dem Maler, der mit geheimer Unruhe ihre bertriebene und fast krankhafte Leidenschaft zu dem Kinde bemerkt hatte, mit ihrem leuchtenden Gesicht und der funkelnden Unrast in den Augen. Das Kind war nicht, wie gewohnterweise, zur Stelle. Das beunruhigte sie, aber um es nicht einzugestehen, trat sie auf den alten Mann zu und fragte ihn nach dem Fortgang des Bildes. Das Blut stieg ihr in die Wangen bei dieser Frage, denn mit einem Male fhlte sie die stumme Beleidigung aller dieser Stunden, in denen sie nie Aufmerksamkeit weder ihm noch seinem Werke geschenkt. Die Vernachlssigung dieses so gtigen Menschen drckte sie wie eine Schuld. Aber er schien nichts zu bemerken. Es ist fertig, Esther, sagte er mit einem leisen Lcheln, und sogar schon lange. Nchster Tage werde ich es bergeben. Sie wurde bla. Eine bse Ahnung befiel sie, die sie nicht auszudenken wagte. Ganz leise und verschchtert fragte sie. Und ich darf dann nicht mehr zu Euch kommen? Er streckte ihr beide Hnde entgegen. Es war die alte milde bezwingende Gebrde, die sie immer wieder gefangen nahm. So oft du willst, mein Kind. Und je fter, desto lieber. Du siehst ja, da ich hier einsam bin in meiner alten Stube und, wenn du da bist, dann ist es allein frhlich und hell den ganzen Tag. Komm oft, recht oft, Esther. Ihre ganze alte Liebe zu diesem Manne flutete auf, wie wenn sie nun alle Dmme berrauschen wollte und sich in Worten ergieen. Wie gro und gut war er! War seine Seele nicht wahr und die des Kindes nur ihr eigener Traum? Ihr Vertrauen war wieder gro in diesem Augenblick, aber der Gedanke ihres Lebens hing noch lastend ber dieser reifenden Saat wie eine Gewitterwolke. Der Gedanke an das Kind peinigte sie. Sie wollte diese Qual unterdrcken, sie prete das Wort immer hinab und hinab, aber es quoll auf, ein wilder verzweifelter Schrei. Und das Kind. Der alte Mann schwieg. Aber seine Zge wurden hrter, beinahe unbarmherzig. Da sie in diesem Augenblicke, da er ganz ihre Seele sein Eigen hoffte, seiner verga, das stie ihn zurck wie ein zorniger Arm. Kalt und gleichgltig sagte er: Das Kind ist fort. Er fhlte ihre Blicke gierig und in einer rasenden Verzweiflung an seinem Munde hangen. Aber die finstere Gewalt in ihm zwang ihn, trotzig und grausam zu sein. Er fgte nichts hinzu. In diesem Augenblicke hate er dieses Mdchen, das so undankbar die viele Liebe verga, die sie von ihm empfangen, und der gtige und so milde Mensch empfand die Wollust einer Sekunde, sie zu qulen. Doch es war nur ein flchtiger Moment der Schwche und eigenen Verneinung, der wie eine einsame Welle in diesem unendlichen Meere der sanften Klrung verrann. Und, von dem Bangen ihres Blickes mit Mitleid erfllt, wandte er sich ab. Aber sie ertrug nicht dieses Schweigen. Mit wilder Gebrde strzte sie an seine Brust und umklammerte ihn schluchzend und sthnend. Nie brannte grere Qual in ihr, als in den verzweifelten Worten, die sie weinte und schrie. Ich mu es wieder haben, das Kind, mein Kind. Ich kann nicht anders leben, es ist ja das einzige kleine Glck, das man mir stiehlt. Warum wollt Ihr mir es nehmen?.... Ich war schlecht gegen Euch, aber verzeiht und lat mir das Kind. Wo ist es? Sagt es mir! Sagt es mir! Ich mu es wieder haben..... Ihre Worte verschlugen sich in ein tonloses Schluchzen. Tieferschttert beugte sich der alte Mann ber sie herab, die in langsam erschlaffendem Krampfe weinend seine Brust umklammerte und tiefer und tiefer herabsank wie eine ersterbende Blte. Sanft strich er ber dieses lange, dunkle, gelste Haar. Sei klug, Esther! Und weine nicht. Das Kind ist fort, aber.... Es ist nicht wahr, nein, es ist nicht wahr, fuhr sie empor. Es ist wahr, Esther. Seine Mutter hat das Land verlassen. Die Zeiten sind schwer fr die Fremden und die Ketzer, aber auch fr die Frchtigen und Treuen. Nach Frankreich sind sie oder nach England. Aber warum willst du verzagen .... sei doch klug, Esther ..... warte ein paar Tage .... es wird alles wieder gut werden... Ich kann nicht, ich kann nicht, rchelte ihr irres Weinen. Warum hat man mir das Kind genommen.... Ich hatte doch sonst nichts .... ich mu es wieder haben .... ich mu, ich mu..... Es hatte mich gern, es war das einzige Wesen, das mir, das ganz zu mir gehrte .... wie soll ich jetzt leben.... Sagt mir doch, wo es ist, sagt mir.... Klagen und Schluchzen flossen zusammen in ein wirres und verzweifeltes Reden, das immer leiser und sinnloser wurde und schlielich in ein stumpfes Weinen verquoll. Wie wirre Blitze zuckten die Gedanken durch dieses zermarterte Gehirn, das nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte; alle Empfindung und Betrachtung schwang in wahnsinnig kreisender Drehung um diese eine schmerzhafte Idee, die nicht loszureien war aus ihren Reden, sondern mitschwang und mitkreiste, rastlos mit unbarmherziger wirbelnder Kraft. Das unendliche stumme Meer ihrer suchenden Liebe rauschte empor als verzweifelter und lauter Schmerz. Und die Worte strmten wirr und hei nieder, wie tropfendes und quellendes Blut aus einer Wunde, die sich nicht schlieen will. Verzagt schwieg der alte Mann, der versucht hatte, diesen Schmerz mit sanften Worten zu stillen. Die elementare Gewalt dieser Leidenschaft und ihre finstere Glut schienen ihm strker, als alle Kraft der Begtigung. Er wartete und wartete. Manchmal schien der aufschumende Strom zu stocken und die Erregung sich zu mildern, aber immer und immer stie ein Schluchzen verlorene Worte empor, die halb Schrei und halb Weinen waren. Eine reiche und blhende Seele verblutete in diesem Schmerz. Endlich konnte er zu ihr sprechen. Aber Esther hrte ihn nicht. In ihren feuchten und starren Augen stand ein einziges Bild, und ein Gedanke erfllte ihr Empfinden. Wie aus Fieberphantasieen stammelte sie fort. Wie lieb es lachte... Mir gehrte es ja nur, mir ganz allein..... Diese vielen schnen Tage.... Ich war seine Mutter... Und ich soll es nicht mehr haben... Wenn ich es nur sehen knnte, nur noch einmal sehen..... Nur sehen, nur einmal..... Und wieder verlosch die Stimme in hilfloses Schluchzen. Langsam war sie von der Brust des alten Mannes herabgesunken und umklammerte mit den matten, durchschauerten Hnden nur noch seine Kniee, ganz zusammengekauert in die flieende Flut ihrer schwarzen Strhnen. Ihr zerknickter zuckender Krper mit dem berwallten und versteckten Antlitz schien wie zerschmettert von zornigem Schmerz. Und monoton, mit verlorenen erschlafften Gedanken lallte sie das Wort immer wieder. Nur sehen ... nur einmal sehen ... nur einmal ..... nur sehen. Tief beugte sich der alte Mann zu ihr herab. Esther! Sie rhrte nicht ein Glied. Die Lippen lallten noch die Worte weiter ohne Sinn und Betonung. Er wollte sie emporheben; ihr Arm, den er fate, war kraftlos und ohne Regung wie ein abgebrochner Ast; schlaff fiel er wieder zurck. Nur die Lippen stammelten eintnig und unbewut ihren traurigen Spruch weiter. Nur einmal .... nur sehen ... nur einmal sehen... Da berkam ihn ein seltsamer Gedanke in seiner suchenden Ratlosigkeit. Er neigte sich zu ihrem Ohre. Esther! Du sollst es sehen, einmal und so oft du willst! Sie fuhr auf, wie aus einem Traum gerttelt. Durch alle Glieder schienen diese Worte zu flieen, denn jhe Bewegung erfate ihren Krper, und sie richtete sich auf. Langsam schien die Klarheit wiederkehren zu wollen. Noch war ihr der Gedanke nicht ganz klar, denn instinktiv glaubte sie nicht an ein so groes Glck, das sich aus dem Schmerze wieder erschlieen sollte. Unsicher sah sie den alten Mann an, wie mit schwankenden Sinnen. Sie begriff ihn nicht ganz und wartete auf seine Worte. Alles war ihr so unklar. Aber er sprach nicht, er sah sie nur mit gtiger Verheiung an und nickte ihr zu. Lind umfate er sie mit seinem Arm, als htte er Angst, ihr wehe zu tun. Es war also kein Traum und nicht die Lge eines Augenblicks. Ihr Herz schlug und schlug in wirrer Erwartung. Willig wie ein Kind ging sie an ihn gelehnt, ohne ein Ziel zu wissen. Aber er fhrte sie nur ein paar Schritte bis zur Staffelei. Und mit rascher Bewegung lste er das hllende Tuch von dem Bilde. Im ersten Augenblicke blieb Esther reglos. Ihr Herz stand still wie erstarrt. Aber dann strzte sie gierig auf das Bild zu, als wollte sie dieses liebe lchelnde rosige Kind aus dem Rahmen reien, wieder zurck ins Leben, um es zu wiegen und zu umschmeicheln, um die Zartheit seiner unbeholfenen Glieder zu spren und das Lachen um diesen kleinen trichten Mund zu erwecken. Sie dachte nicht, da dies nur ein Bild war, ein Stck bemalter Wand, das nur der Traum des Lebens war, sie berlegte nicht, sondern fhlte nur, und ihre Blicke flatterten in seligem Rausche. Reglos blieb sie knapp vor dem Bilde stehen. Ein Zittern und Reien war in ihren Fingern, die sich sehnten, die blhende Weiche dieses Kindes wieder erschauernd fhlen zu knnen, ein Brennen in ihren Lippen, den ertrumten Krper mit zrtlichen Kssen bedecken zu knnen. Ein seliges Fieber durchlief ihren Leib. Und dann brachen die warmen Trnen empor. Aber sie waren nicht mehr zornig und anklagend, sondern wehmtig und beglckt, sie waren nur ein Quellen und berquellen von vielen seltsamen Gefhlen, die pltzlich ihre Seele erfllten und empordrngten. Leise lste sich der Krampf, der sie mit seinen harten Hnden umklammert, und eine unsichere, aber milde und vershnliche Stimmung hielt sie umschlungen und wiegte sie sanft und s in einen wachen, wunderbaren Traum, der ferne war von allen Wirklichkeiten. Der alte Mann fhlte wieder jenes fragende Bangen in seiner Freude. Wie wundersam war dieses Werk, da es selbst diejenigen, die es geschaffen und gelebt, so mystisch beseelte, wie unirdisch war diese sanfte Erhebung, die ihm entstrahlte! War dies nicht wie die Bilder und Zeichen der Heiligen, die man verehrte, und bei denen die Beladenen und Bedrckten jhlings ihren Schmerz vergaen und heimgingen, von einem Wunder gelutert und befreit? Und waren dies nicht heilige Flammen in den Blicken dieses Mdchens, das ihr eigenes Bild besah, ohne Neugierde und ohne Scham, sondern hingegeben und gottverloren? Er fhlte, es msse ein Ziel geben, zu dem so sonderbare Wege fhrten, es msse ein Wille da walten, der nicht blind sei, wie der seine, sondern hellsichtig und aller seiner Wnsche Meister. Und wie fromme Glocken jubelten diese Gedanken durch sein Herz, das sich erwhlt dnkte fr aller Himmel leuchtende Gnade. Vorsichtig nahm er Esther bei der Hand und fhrte sie weg vom Bilde. Er sprach nicht, denn auch er fhlte das warme Quellen von Trnen, die er nicht zeigen wollte. Ihm war, als ruhte auf ihrem Haupte noch ein warmer flieender Glanz, wie im Madonnenbilde, und als sei in dem Zimmer bei ihnen noch etwas Groes und Unsagbares, das mit unsichtbaren Schwingen vorberrauschte. Er sah in Esthers Augen. Sie waren nicht mehr verweint und trotzig; nur ein sanfter spiegelnder Flor schien sie noch zu berschatten. Alles schien ihm heller, milder und verklrter ringsum. Wundernhe und Heiligkeit wollte sich ihm in allen Dingen offenbaren. Lange blieben sie noch beide zusammen. Sie begannen wieder zu sprechen, wie in alter Zeit, aber ruhiger und geklrter, wie zwei Menschen, die sich nicht mehr suchen mssen, sondern sich ganz verstehen. Esther war still geworden. Der Anblick dieses Bildes hatte sie seltsam berhrt und sie so selig gemacht, weil er ihr das Glck ihrer schnsten Erinnerung wieder schenkte, weil sie ihr Kind wieder besa, aber nun viel heiliger, viel tiefer und mtterlicher als in der Wirklichkeit. Denn nun war es nur ganz mehr Hlle ihres Traumes, ganz eigen und ganz ihre Seele. Nun konnte es niemand mehr nehmen. Dies Bild gehrte ihr allein, wenn sie es sah, und sie durfte es ja immer sehen. Gerne hatte der alte, von mystischen Ahnungen durchschauerte Mann ihr die zage Bitte verstattet. Nun hatte sie Tag fr Tag gleiche Seligkeit und Lebensflle, ihre Sehnsucht mute nicht mehr bangen und begehren; und diese kleine blhende Gestalt, die den andern der Heiland der Welt war, war auch dem einsamen Judenkinde unbewut ein Gott der Liebe und des Lebens. So kam sie noch einige Tage. Doch der Maler besann sich seines Auftrags, den er beinahe vergessen hatte. Der Kaufherr kam, das Bild zu betrachten, und auch ihn, der nichts von den heimlichen Wundern dieser Schpfung wute, berwltigte die milde Form der Muttergte und die schlichte Weihe des ewigen Symboles in diesem Bilde. Begeistert drckte er seinem Freunde die Hand, der alle Lobsprche mit bescheidener und frommer Gebrde zurckwies, als sei es nicht sein eigen Werk, vor dem er stand. Und sie beschlossen nicht lnger dem Altare seinen Schmuck vorzuenthalten. Am folgenden Tage schon schmckte das Bild den andern Altarflgel, der verwaist gewesen. Und seltsam war nun dieses fremde Paar der beiden Madonnen mit ihrer leichten hnlichkeit und so verschiedener Gebrde. Wie zwei Schwestern schienen sie, von denen die eine noch der Se des Lebens sich vertrauend hingibt, whrend die andere schon die dunkle Frucht des Schmerzes verkostet hat und die Schauer ferner Zeiten kennt. Aber ber beider Haupt leuchtete ein gleicher Schein, als ob ber ihnen Sterne der Liebe glhen wrden, unter denen ihr Weg ein Leben lang ginge durch Freude und durch Schmerzlichkeit..... Und auch in die Kirche folgte Esther dem Bilde, als sei es ihr eigen Kind, das sie hier finde. Langsam verrauschte die Erinnerung in ihr, da ihr das Wesen fremd war, und ein Mutterglaube erwachte, der einen Traum zur Wahrheit werden lie. Stundenlang lag sie hingestreckt vor dem Bilde, wie eine Glubige vor des Heilands Bild. Um sie lebte ein andrer Glaube; die Glocken riefen mit ihren donnernden Zungen zu einer Andacht, die sie nicht kannte, Priester, deren Worte sie nicht verstand, sangen tiefe brausende Chre, die wie dunkle Wellen die Kirche durchrauschten und aufflogen in die mystische Dmmerung, die wie eine duftende Wolke hoch, hoch ber dem Gesthle hing. Und Frauen und Mnner, deren Glauben sie hate, waren rings um sie, und ihre murmelnden Gebete berraunten die leisen Zrtlichkeiten, die sie zu ihrem Kinde sprach. Aber sie fhlte alles nicht, ihr Herz war zu verwirrt, um sich zu suchen und zu ersphen; sie gab sich nur blind an diesen einen Wunsch hin, tagtglich ihr Kind zu sehen und dachte nicht mehr an die Welt. Die Strme ihres reifenden Blutes hatten sich geklrt, alle Sehnschte waren verloren oder verstrmt in diesen einzigen Gedanken, der sie immer und immer wieder hin zu dem Bilde trieb, wie ein magnetischer Zauber, den keine Kraft zu lsen vermag. Nie war sie so selig gewesen, wie in diesen langen Stunden in der Kirche, deren erhabene Feierlichkeit und geheime Wollust sie fhlte, ohne sie zu verstehen. Und ihr einziger Schmerz war, da ab und zu ein Fremder vor dem Bilde kniete und glubig aufblickte zu diesem Kinde, das doch nur ihr, ihr allein gehrte. Dann flackerte der alte unbndige eiferschtige Trotz wild in ihr auf, eine Wut brannte in ihrer Seele, die sie zum Schlagen und zum Weinen treiben wollte; ihr Sinn verwirrte sich mehr und mehr in solchen Augenblicken, sie wute nicht mehr zu scheiden zwischen dieser Welt und der ihres Traumes. Und erst, wenn sie vor dem Bilde hingestreckt ruhte, kam wieder die groe Stille in ihr Herz. -- So war der Frhling mild und gtig gegangen, in dem sich die Schpfung vollendet hatte, und es schien, als wollte nun der Sommer nach all den Strmen und Blten ihr die groe, feierliche Mutterstille schenken. Die Nchte wurden warm und hell, aber das Fieber war gewichen, und sanfte zrtliche Trume neigten sich nieder auf Esthers Haupt. Nun schien ihr Leben geklrt zu sein, ein gleiches Wiegen zwischen gleichen Stunden im Rhythmus friedlicher Leidenschaft, und alle Ziele, die im Dunkel sich verloren, wollte ihre hellen Wege deuten weit, weit in die Zukunft hinein. * * * * * Die Sommertage brachten endlich ihre leuchtendste Blte, das Marienfest, Flanderns schnsten Tag. ber die goldenen Felder, die sonst emsige Arbeitsmhe erfllt, schreiten die langen geschmckten Prozessionen mit wehenden Wimpeln und sich bauschenden Fahnen. Wie eine Sonne leuchtet die Monstranz ber die Saaten, welche des Priesters erhobene Hnde segnen, und von betenden Stimmen ist so sanftes Gebrause, da die Garben erzittern und sich demtig neigen und neigen. Hoch aber in den Lften rufen die hellen Glocken unaufhrlich in die Ferne, und von weitherberleuchtenden Kirchentrmen antworten die freudigen Freundesstimmen, und ihr jubelndes Schwingen ist gewaltig, als ob die Erde selbst singen wrde und die trotzigen Wlder und das rauschende Meer. Und dieser Glanz strmt aus dem blhenden Lande in die Stadt und bersplt die drohenden Mauern. Das trostlose Gelrme der Handwerker verstummt, die keuchenden Stimmen des Tagwerks schweigen; nur Spielleute ziehen mit Pfeife und Dudelsack von Gasse zu Gasse und in ihr frhlich Musizieren jauchzen die hellsilbernen Stimmen der tanzenden Kinder. Die seidenen Gewande, die in den bergenden Spinden das ganze Jahr vertrumen mssen, leuchten mit ihrem vergilbten Putz der Sonne entgegen; feiertglich geschmckt einen sich plaudernde Gruppen zum Kirchgange. In dem Dome aber, dessen ladende Pforten mit blauen Weihrauchwellen und duftender Khle die Frommen empfangen, blht ein Frhling von gestreuten Blumen und ppigen Guirlanden, die sorgsame Hnde um Bilder und Altre gebreitet. Tausende von Kerzen durchleuchten mit magischem Licht dieses duftende Dunkel voll Orgelbrausen und Gesang, aus Tiefen und Hhen zittert geheimnisvolles Leuchten und mystische Dmmerung. Und dann scheint pltzlich diese fromme und frchtige Stimmung sich auf die Straen zu ergieen. Ein Zug Andchtiger formt sich, die Priester heben das vielberhmte Marienbildnis des Hauptaltars, das gleichsam umrauscht ist von den Gerchten vieler vollbrachter Wunder, auf ihre Schultern und eine feierliche Prozession beginnt. Und mit dem Bilde tragen sie gleichsam die Stille unter die lrmenden Gestalten der Strae, denn ein Schweigen und Neigen geht durch die Menge. Und so zieht eine breite Furche der Andacht hinter dem Bildnis her, bis es wieder zurckgelangt in die tiefe und khle Kirche, die es in ihr duftendes Grab aufnimmt. In diesem Jahre aber berschatteten trbe Wolken die fromme Feier. Seit Wochen lastete ein dumpfer Druck ber dem Lande, dunkle und unbesttigte Nachrichten mehrten sich, da die alten Privilegien fr null und nichtig erklrt werden sollten. Die Geusen und Protestanten begannen sich zu regen. Bse Gerchte kamen aus dem Lande: von den protestantischen Predigern, die vor Tausenden auf freien Pltzen vor den Stdten predigten und den bewaffneten Brgern das Abendmahl reichten. Spanische Soldaten waren berfallen worden, und beim Sange der Genfer Psalmen sollten Kirchen gestrmt worden sein. Noch war alles dies unverbrgt, aber man fhlte das heimliche Flackern eines werdenden Brandes, und der bewaffnete Widerstand, den die Besonnenen in ihren Stuben bei heimlicher Beratung planten, artete in jhen Trotz und Unbotmigkeit aus bei den vielen, die nichts zu verlieren hatten. Der Festtag hatte jene erste schmutzige Welle nach Antwerpen gesplt, jenen heillosen Pbel, der nie geeint ist und sich nur bei Revolten pltzlich zusammenrottet. Finstere Gestalten, die niemand kannte, tauchten mit einem Male in den Schenken auf, fluchten und drohten wild den Spaniern und den Pfaffen. Aus den Winkeln und verrufenen Gchen quoll seltsames tagscheues Volk mit trotzigem und gereiztem Gebaren. Die Hndel mehrten sich. Ab und zu gab es kleine Zusammenste, aber sie griffen nicht ber in die allgemeine Erregung, sondern erloschen wie einsam aufzischende Funken. Noch hielt der Prinz von Oranien strenge Zucht und berwachte dieses habgierige zankschtige und bswillige Gesindel, das nur um des Gewinnes willen mit den Protestanten gleiche Sache machte. Die groe und prunkvolle Feierlichkeit der Prozession reizte nur den Grimm der unterdrckten Instinkte. Zum ersten Mal mischten sich derbe Scherzworte in den Sang der Glubigen, blinde Drohungen flatterten auf und hhnisches Lachen. Manche sangen den Text des Geusenliedes auf die fromme Melodie, ein junger Bursch ahmte zum Gaudium seiner Genossen mit qukender Stimme den Prediger nach, andere grten das Bildnis mit koketter Hutschwenkung, wie eine geminnte Dame. Die Soldaten und die wenigen Glubigen, die sich zur Feier gewagt hatten, waren machtlos und muten mit verbissenen Zhnen den Spott ertragen, der immer bermtiger wurde. Und immer ungebrdiger wurde das ungezgelte Volk, seitdem das Bewutsein seiner trotzigen Kraft erwacht war. Fast alle schon gingen in Waffen. Und der finstere Wille, der sich jetzt nur in Flchen und wuchtigen Drohungen Bahn brach, begehrte nach Taten. Wie eine Gewitterwolke lastete diese drohende Unruhe am festlichen Tage und an den folgenden ber der Stadt. Die Frauen und die Besorgteren unter den Mnnern hteten seit den rgerlichen und gefahrdrohenden Szenen bei der Prozession das Haus. Dem Pbel und den Protestanten gehrte die Strae nunmehr allein. Auch Esther war daheim geblieben in den letzten Tagen. Aber sie wute von all diesen Strmen und Geschehnissen nichts. Sie merkte dumpf, da sich mehr und mehr in der Schenke die Menschen drngten, da sich kreischende Dirnenstimmen in den erregten Chor der streitenden und fluchenden Mnner mischten, sie sah rings verstrte Frauengesichter und heimlich tuschelnde Gestalten, aber eine dumpfe Lssigkeit allen Dingen gegenber erfllte sie dermaen, da sie nicht einmal ihren Ziehvater darum fragte. Sie dachte nur mehr an das Kind, an jenes Kind, das lngst in ihren Trumen das ihre geworden war; alle Erinnerung verdmmerte in diesem einen Bilde. Nicht mehr fremd schien ihr die Welt, sondern wertlos, weil sie ihr nichts zu geben hatte; in dem Kindesgedanken verlor sich ihre liebende Hingebung und das glhende Gottesbedrfnis ihrer Jahre. Nur die eine Stunde, da sie sich zu dem Bilde, das ihr Gott und Kind zugleich war, hinschlich, atmete sie wirkliches Leben, sonst war ihr Tun und Treiben nur das sehnschtige Irren einer Vertrumten, die an den Dingen wie eine Mondschtige vorbergeht. Tag fr Tag und einmal auch eine lange und von heien Dften schwere Sommernacht, da sie verstohlen aus dem Hause geflchtet war und sich in die Kirche hatte einschlieen lassen, lag sie auf den Knieen vor diesem Bilde, das ihre unwissende Seele sich zum Gott gekrnt. Und diese Tage lasteten schwer auf ihr, denn sie versperrten ihr den Weg zu ihrem Kinde. Whrend des Marienfestes erfllten festliche Mengen die hohen Gnge und das orgelbrausende Kirchenschiff; gekrnkt und demtig wie eine Bettlerin mute sie sich aus dem Gewirre der Frommen wieder zum Ausgange wenden, denn Glubige umstanden unablssig an diesem Tage die Marienbilder, und sie mute frchten erkannt zu werden. Traurig und fast verzweifelt ging sie zurck und fhlte all die schwere Sonnenhelle des Tages nicht, weil ihr der Anblick des Kindes versagt war. Neid und Zorn packte sie beim Anblicke der unablssig heranpilgernden Scharen, die in frommer Wallfahrt durch die hohe Pforte der Kathedrale in das blaue duftende Dunkel traten. Und trauriger wurde ihr noch der nchste Tag, da man es ihr versagte, auf die mit gefhrlichen Gestalten durchzogene Strae zu gehn. Ihre Stube, zu der der Lrm der Schenke aufbrauste wie ein dicker hlicher Qualm, wurde ihr unertrglich. Ihrem verwirrten Herzen war ein Tag, da sie das Kind auf dem Bilde nicht sehen durfte, wie eine dunkle finstere Nacht ohne Schlaf und ohne Trume, eine Nacht nur mit Qual, Dunkel und Sehnsucht angefllt. Noch war sie nicht stark genug, eine Entbehrung zu tragen. Spt abends, als ihr Ziehvater in der Schenke mit seinen Gsten sa, stieg sie ganz leise und behutsam die Treppen hinunter. Sie tastete an die Pforte und atmete auf: sie war offen. Leise und schon mit einem linden Gefhle lang entbehrter Lust schlpfte sie durch die Tre und eilte der Kathedrale zu. Die Straen, die sie im Laufen durchma, waren dunkel und voll dumpfen Gedrhnes. Allerorts hatten sich einzelne Scharen zusammengerottet, und die Nachricht von der Abreise des Prinzen von Oranien hatte alle zgellosen Gewalten entfesselt. Die drohenden Worte, die tagsber nur einzeln und unberlegt aufgezuckt waren, klangen jetzt wie Kommandorufe. Dazwischen heulten die Trunkenen und sangen die Begeisterten die Rebellionslieder, da die Fenster drhnten. Die Waffen wurden nicht mehr versteckt, Beile und Haken, Schwerter und Pflcke blitzten im unruhigen Fackelschein; wie eine gierige Flut, die nur noch minutenlang zgert, alle Dmme mit Schaum und Wogen zu berspringen, so ballten sich diese finsteren Massen zusammen, denen niemand zu wehren wagte. Esther hatte nicht acht auf diese ungebrdige Schar, ob sie auch im Vorbeischlpfen einmal einen rohen Arm zurckstoen mute, der nach ihrem hllenden Kopftuche neugierig und begehrlich griff. Sie fragte gar nicht, warum solche Raserei pltzlich die Rotten erfllte, deren Treiben und Rufen sie nicht verstand; nur Ekel und Angst berkam sie, und ihr Schritt beschleunigte sich mehr und mehr, bis sie endlich atemlos vor der hohen, mit weien Mondschleiern berwebten Kathedrale stand, die tief in die Schatten der Huser gebettet schlief. Beruhigt und mit einem leise erschauernden Beben trat sie bei einer Seitenpforte ein. Es war ganz dunkel in den hohen lichtlosen Gngen, nur um die mattfarbigen Scheiben zitterte ein mystisches mondsilbernes Licht. Menschenverlassen war das Gesthle. Kein Schatten schwankte in den weiten atemstillen Rumen, und die Heiligengestalten standen vor den Altren in schwarzem reglosen Erz. Und wie leise aufzuckendes Glhwurmblinken flackerte aus der Tiefe, die endlos schien, das schwankende Leuchten des ewigen Lichtes ber den Kapellen. Alles war heilig und still in dieser unbewegten Ruhe, so da sie, erfllt von der schweigsamen Majestt des Raumes, ihre tappenden Schritte frchtig dmpfte. Mhsam tastete sie sich so zum Seitengange durch und lie sich erschauernd, mit einem unendlichen und doch mystisch gedmpften Jubel vor dem Bilde nieder, das in dem flieenden Dunkel aus dichten und duftenden Wolken herabzublicken schien, unendlich nah und unendlich ferne. Und nun dachte sie nicht mehr. Es war wie immer: das ganze wirr-sehnschtige Fhlen ihrer werdenden Mdchenseele zerspann sich in phantastische se Trume, die Inbrunst schien allen ihren Fibern zu entstrmen und sich als berauschende Wolke ihrer Stirn zu umschmiegen. Wie ein ses und sanft betubendes Gift waren diese langen Stunden vereinter unbewuter Glubigkeit und unbewuter Liebessehnsucht, sie waren eine dunkle Quelle, die selige Hesperidenfrucht, die alles gttliche Leben erhlt und nhrt. Denn in diesen sen, haltlosen und wollustdurchschauerten Trumen war alle Seligkeit. Einsam pochte ihr erregtes Herz in die groe Stille der leeren Kirche. Vom Bilde kam ein ganz leichter, heller, gleichsam silberdunstiger Glanz, wie von einem tief innen strahlenden Lichte, aber sie erkannte ihr Kind in den ekstatischen Trumen, die sie von den frierenden kalten Stufen emportrugen in eine milde warme Sphre ertrumten Lichtes. Lngst wute sie nicht mehr, da dies ein fremdes Kind gewesen sei, das sie nur gekannt. Sie trumte den Gott in ihm und den Gott einer jeden Frau, das eigene blutwarme Wesen ihres Leibes; dumpfe Gottessehnsucht, sucherische Ekstatik und werdende Muttersehnsucht spannen zusammen das lgnerische Netz ihres Lebenstraumes. Fr sie war nun Helle in dieser lastenden breiten Dunkelheit, ein zartes Tnen harfte auf in der schauernden Stille, die nichts wute von Menschenwort und Uhrenschlag. ber ihren hingestreckten Krper ging die Zeit mit unhrbaren Schritten... Ein jher Sto erschtterte mit einem Male die Pforte. Und ein zweiter und dritter, da sie entsetzt auffuhr und in das furchtbare Dunkel starrte. Und neue donnernde Ste, da das ganze hohe stolze Gebude erzitterte und die einsamen Lampen wie feurige Augen durch das Dunkel rollten. Wie hilfloses Schreien gellte das Feilen des gesprengten Trriegels durch den leeren Raum, dessen Wnde sich die schaurigen Gerusche wirr und heftig zuwarfen. Gieriger Zorn vieler Menschen hmmerte an der Pforte, und ein Brausen erregter Stimmen drhnte in die hohle Einsamkeit, als htte das Meer donnernd alle Dmme zerrissen und stnde mit seinen anprallenden Wogen vor den chzenden Tren des schlafenden Gotteshauses. Esther horchte verstrt, wie aus einem Traume geschreckt. Aber da schmetterte endlich das Tor nieder. Ein dunkler Strom Menschen quoll heftig herein und fllte mit jhem Johlen und Toben die gewaltige Halle. Und mehr, immer mehr. Tausende schienen drauen noch zu warten und sie anzufeuern. Und trunkene Fackeln funkelten pltzlich hoch auf wie gierige Hnde, und ihr irrer blutiger Schein fiel auf wilde, von blindem Eifer verzerrte Gesichter, aus denen die Augen hei quollen wie sndige Begierden. Nun ahnte Esther erst dumpf die Absicht der finsteren Rotten, denen sie unterwegs begegnet war. Und schon knatterten die ersten Axtschlge nieder in das Holz der Kanzel, Bilder sausten zu Boden, Statuen knickten um, Flche und Hohnworte wirbelten auf aus diesem dunklen Schwall, ber dem die Fackeln unruhig tanzten, wie erschreckt von dem wahnwitzigen Gebaren. Wirr ergo sich die Flut gegen den Hauptaltar, plndernd und vernichtend, schndend und entweihend. Hostien flatterten zu Boden nieder wie weie Blten, eine ewige Lampe sauste von wilder Faust geschleudert wie ein Meteor durch das Dunkel. Und immer mehr Gestalten drngten nach, die Fackeln flackerten hufiger und hufiger. Ein Bild fing Feuer und die Flamme leckte hoch auf wie eine zngelnde Schlange. Irgend einer hatte die Orgel gepackt; die irren Tne ihrer zerschmetterten Pfeifen schrieen gell und hilfesuchend durch das Dunkel. Und Gestalten tauchten auf wie aus wirren und wahnsinnigen Trumen. Ein toller Geselle mit einem blutigen Gesicht schmierte sich unter dem tierischen Jubel der andern die Stiefel mit dem heiligen le, zerlumpte Schelme stolzierten in reichbestickten Bischofstogen, eine kreischende Dirne trug in ihrem wirren schmutzigen Haar einer Statue goldenen Heiligenreif. Diebe tranken sich Wein zu aus den heiligen Gefen, und am groen Altar kmpften zwei mit blinkenden Messern um eine edelsteingeschmckte Monstranze. Dirnen tanzten geile und trunkene Tnze vor den Heiligtmern, Trunkene spieen in die Weihebecken, Zornige zerschmetterten mit ihren blinkenden xten, gleichgltig, was es traf, vor sich hin. Das Lrmen schwoll in ein Chaos polternder Laute und kreischender Stimmen; wie ein ekler und dichter Pestdunst qualmte das Toben empor zu den schwarzen Hhen, die finster auf das springende Leuchten der Fackeln herabblickten und unbeweglich, unerreichbar schienen fr diesen verzweifelten Menschenhohn. Esther hatte sich halb ohnmchtig in den Schatten des Altars versteckt. Ihr war, als msse dies alles getrumt sein und pltzlich verschwinden, wie ein trgerischer Spuk. Aber schon strmten die ersten Fackeln in die Seitengnge. Gestalten, die in fanatischer Leidenschaft bebten, wie im Rausche, sprangen ber die Gitter oder zerhieben sie mit drhnenden Streichen, strzten die Statuen und rissen die Bilder von den Schreinen. Dolche blitzten wie feurige Schlangen im zuckenden Fackellicht und zerbissen zornig Schrnke und Bilder, die mit zerschmetterten Rahmen zu Boden sausten. Nher und nher taumelte die Schar mit ihren qualmenden, zuckenden Leuchten. Esther blieb atemlos und prete sich tiefer ins Dunkel. Ihr Herz hrte auf zu schlagen vor Angst und qulender Erwartung. Noch wute sie nicht recht, die Geschehnisse zu deuten und fhlte nur Furcht, jhe unbndige Furcht. Ein paar Schritte kamen heran. Und ein stmmiger wster Kerl zerhieb mit einem Schlage das Gitter. Schon glaubte sie sich entdeckt. Aber erst im nchsten Augenblicke erkannte sie die Absicht der Eingedrungenen, als am Nebenaltare eine Statue der Madonna mit gellem Todesschrei zersplittert zu Boden sank. Die Angst wurde in ihr wach, man wolle auch ihr Bild, ihr Kind vernichten, und sie wurde Gewiheit, als Bild um Bild, im unsichern Fackelschein unter Jubel und Hohn herabgezerrt, zerstoen und zertreten wurde. Ihr ganzes Denken strmte brausend zusammen in die furchtbare blitzartig aufzuckende Idee, man wolle das Bild ermorden, das in ihren wirren Trumen lngst eines war mit ihrem eigenen lebendigen Kinde. In einer Sekunde flammte alles auf wie in blendendes Licht getaucht. Ein Gedanke, der Gedanke all ihrer Tage, tausendfach gedacht in diesem einen Augenblicke, entzndete ihr Herz: Das Kind zu retten, _ihr_ Kind. Und in dieser Sekunde umfingen sich in ihr Traum und Wirklichkeit mit verzweifelter Inbrunst. Schon strmten die zelotischen Zerstrer auf den Altar zu. Eine Axt flog hoch auf in der Luft -- und in diesem Augenblicke verlor sie alles wache Besinnen und sprang schtzend mit ausgebreiteten Armen vor das Bild.... Und wie ein Zauber war es. Dumpf schmetterte die Axt aus der kraftlos niedersinkenden Hand zu Boden. Und aus des andern erstarrenden Faust zischte die Fackel verlschend nieder. Wie ein Blitz fuhr es unter diese berauschten lrmenden Menschen. Alles war verstummt, nur einem erstarb in der Kehle der gurgelnde Ruf: Die Madonna ... die Madonna. Kreidefahl und zitternd standen sie alle. Ein paar fielen betend in die schlotternden Kniee. Keiner war, der nicht ins tiefste erschauert wre. berwltigend war die wundersame Tuschung. Denn fr sie gab es keinen Zweifel, da sich hier ein oft beglaubigtes und erzhltes Wunder ereignet hatte, da die Madonna, die offenbarlich des Bildes Zge trug, ihr Bild beschtzt hatte. Ihr aufgepeitschtes Gewissen ri sie mit, als sie die Zge des Mdchens sahen, die ihnen nicht anderes schien als das verlebendigte Bild. Und nie waren sie glubiger, als in diesem raschen und flchtigen Augenblick. Aber da strmten schon andere herbei. Fackeln erhellten die erstarrte Gruppe und das Mdchen, das sich halberstarrt an den Altar prete. Lrm berflutete das Schweigen. Rckwrts kreischte eine Dirnenstimme: Vorwrts ... das ist ja nur das Judenmdel des Wirts. Und jhlings war der Zauber gebrochen. In Scham und Wut strmten die Gedemtigten hinauf. Eine rauhe Faust stie Esther zur Seite, da sie taumelte. Aber sie raffte sich auf; sie kmpfte fr das Bild, als gelte es wirklich eigenes blutwarmes Leben. Blindwtend und in altem Trotze schlug sie mit einem schweren silbernen Leuchter gegen die Bilderstrmer; einer strzte auffluchend hin, aber einer sprang erbittert vor. Ein Dolch zuckte wie ein kurzer roter Blitz und Esther taumelte nieder. Und schon regneten die Splitter und Stcke des Altars auf sie herab, die keinen Schmerz mehr fhlte. Das Bild der Madonna mit dem Kinde und das der Madonna mit dem wunden Herzen, beide fielen sie unter einem einzigen wtenden Axthieb. Und weiter strmte das Rasen; von Kirche zu Kirche eilten die Plnderer, die Straen mit heillosem Lrm erfllend. Eine furchtbare Nacht sank auf Antwerpen herab. Schrecken und Beben schlich in die Huser mit der Kunde, hinter den verriegelten Toren schlugen ngstliche Herzen. Aber die Flamme des Aufruhrs flaggte wie eine Fahne ber das ganze Land. -- Auch der alte Maler erschauerte in dieser Nacht in unbndiger Angst, als er die Nachricht vom Bildersturm vernahm. Seine Kniee zitterten, und er fate mit flehenden Hnden ein Kruzifix, um die Rettung des Bildes zu beschwren, das ihm doch Gottes offenbare Gnade geschenkt. Eine wilde und finstere Nacht qulte ihn der frchterliche Gedanke. Und im frhesten Morgengrauen hielt es ihn nicht lnger zu Hause. Vor der Kirche schlug seine letzte Hoffnung nieder, wie eine gefllte Gestalt. Die Tore waren zerbrochen, Fetzen und Splitter, wie blutige Spuren deuteten den mitleidslosen Weg der Bilderstrmer. Mhsam tappte er durch das Dunkel zu seinem Bilde. Seine Hnde griffen nach dem Schrein. Aber sie irrten, irrten ins Leere. Und sanken mde herab. Das Vertrauen in seiner Brust, das viele Jahre sein frommes Lied zu Gottes Dank und Gnade gesungen, verflog jh, wie eine gescheuchte Schwalbe. Endlich fate er sich und schlug ein Licht an. Ein flchtiger Schein zuckte vom Zndsteine auf und hellte ihm einen Anblick, der ihn taumelnd zurckfahren lie. Auf dem Boden zwischen Trmmern lag des italienischen Meisters traurig-ses Madonnenbild, die Madonna mit dem blutenden Herzen, vom Schwertsto durchdrungen. Aber nicht das Bild, sondern die Gestalt, die Madonna selbst.... Kalter Schwei stand auf seiner Stirne, als das schnelle Aufleuchten wieder erlosch. Er glaubte einen bsen Traum zu leben. Aber als er wiederum das Licht entflammte, erkannte er Esther, die mit tdlicher Wunde hingestreckt war. Und durch ein seltsames Mirakel offenbarte sie, die sein Madonnenbild im Leben verkrpert, des fremden Meisters Madonnenzge und ihr blutendes Schicksal im Tode..... Es war dies ein Wunder, ein offenbares Wunder. Aber der alte Mann wollte an keine Wunder mehr glauben. In dieser Stunde, da er sie, seiner letzten Lebenstage mildleuchtende Blte tot sah, neben seinem zerschmetterten Bilde war die glubig klingende Saite seiner Seele zerbrochen. Er verleugnete den Gott seiner siebzig Jahre in einer Minute. Konnte dies denn des weisen und milden Gottes Hand sein, die so viel Schpferseligkeit und werdende Pracht nur schenkte, um sie wieder zwecklos ins Dunkel zu reien. Dies konnte kein Wille sein, nur das Spiel eines tndelnden Willens! Nur ein Wunder des Lebens und nicht Gottes, ein Zufall, wie Tausende durch den Tag rauschen, sich verschlingend und sich wieder lsend. Nicht mehr! Knnten denn Gott die guten und lauteren Seelen so wenig sein, da er sie hinwarf im lssigen Spiel? Zum ersten Male stand er in einer Kirche und verzweifelte an Gott, weil er ihn gro und gtig geglaubt hatte und nun seine Wege nicht mehr verstand. Lange sah er nieder zu der jungen Toten, die so viel frommes Abendlicht ber seine letzten Jahre gegossen. Und er ward milder und gerechter, als er die verhaltene Seligkeit um ihre gebrochenen Lippen sah. Demut kam wieder ber sein gtiges Herz. Durfte er denn wirklich fragen, wer dies seltsame Wunder vollbracht, da dieses einsame Judenmdchen fr der Madonna Ehre in den Tod gegangen war? Durfte er rechten, ob Gott, ob das Leben dies gefgt? Durfte er die Liebe mit Worten umkleiden, die er nicht wute, durfte er sich gegen Gott auflehnen, weil er sein Wesen nicht verstand? Der alte Mann erschauerte. Er fhlte sich sehr arm in dieser einsamen Stunde. Er fhlte, da er in den langen Jahren einsam geirrt war zwischen Gott und dem Leben, da er zwiefach hatte begreifen wollen, was einfach und doch undeutbar war. Waren es denn nicht gleiche wundersam wirkende Sterne gewesen ber dem tastenden Wege dieser aufknospenden Frauenseele -- waren sie denn nicht in ihr und in allem Eines gewesen, Gott und die Liebe?... ber den Fenstern glhte leise das erste Morgenrot. Aber es erhellte ihn nicht, denn er hatte keine Sehnsucht mehr nach neuen werdenden Tagen, nach dem Leben, das er in so langen Jahren durchschritten, berhrt von seinen Wundern und nie doch ganz durchleuchtet. Und ohne Bangen fhlte er sich nun jenem letzten Wunderbaren nahe, das nicht mehr Tuschung und Traum ist, sondern die ewige dunkle Wahrheit. * * * * * [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile steht. Gedichte von Paul Verlaine. Eine Antologie der besten Gedichte von Paul Verlaine. Eine Anthologie der besten so wenig erstaunt, das sie noch immer so wenig erstaunt, da sie noch immer Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, da sie beinahe an Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, da sie beinahe einem jhen Weinkampfe lste sich ihre gesteigerte physische Erregung. einem jhen Weinkrampfe lste sich ihre gesteigerte physische Erregung. abgeleierten Volksweisen recht gut, und wenn sie einen besondres flotten abgeleierten Volksweisen recht gut, und wenn sie einen besonders flotten Laute mit den einfachen Empfindungen und Trieben, die sich nicht Leute mit den einfachen Empfindungen und Trieben, die sich nicht wrde und sehnte sich darnach und frchtete sich doch. Sie wollte es wrde und sehnte sich danach und frchtete sich doch. Sie wollte es dunkeln Nebel, die Stadt und die Felder. Und die Wolken da oben.... dunklen Nebel, die Stadt und die Felder. Und die Wolken da oben.... wute nicht, da auch der Glaube an diesem groen Frieden nur eine wute nicht, da auch der Glaube an diesen groen Frieden nur eine Sehnsucht ist, das innigste und unvergnglichste Begehren, da uns nicht Sehnsucht ist, das innigste und unvergnglichste Begehren, das uns nicht griff. Sie harrte, bis endlich die erste Tne seiner Geige sich singend griff. Sie harrte, bis endlich die ersten Tne seiner Geige sich singend finden. Ein rasche Gewiheit schaukelte sie in selige Trume. Sie finden. Eine rasche Gewiheit schaukelte sie in selige Trume. Sie aus schwindelnden Hhen atemlos, willenslos und widerstandsunfhig aus schwindelnden Hhen atemlos, willenlos und widerstandsunfhig auskosten bis zum letzten bittersten und vielleicht ttlichen Tropfen. auskosten bis zum letzten bittersten und vielleicht tdlichen Tropfen. ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: da er um ihrerwillen starb ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: da er um ihretwillen starb beiden ging durch die schmalen verwinckelten Gassen dem hellen Hafen zu, beiden ging durch die schmalen verwinkelten Gassen dem hellen Hafen zu, Heimkehr dacht ich nicht. Das Leben war mir leicht, wie meines Vaters Heimkehr dacht' ich nicht. Das Leben war mir leicht, wie meines Vaters war's, und manchmal fhl ich's heute noch so, als htte sichtbarlich war's, und manchmal fhl' ich's heute noch so, als htte sichtbarlich klebt die Fledermaus lachte er. Die andern schlugen in die Hnde, die klebt die Fledermaus, lachte er. Die andern schlugen in die Hnde, die sondern strmte fort in die kalten Regennacht und schrie wie ein sondern strmte fort in die kalte Regennacht und schrie wie ein Dies Wunder meint ich oftmals selbst zu sehn. Dies Wunder meint' ich oftmals selbst zu sehn. anderen Sektierer eifern gegen den Schmuck des Gotteshauses! andere Sektierer eifern gegen den Schmuck des Gotteshauses! begehrte -- mu Gottes Hand mit meinem Werke sein. begehre -- mu Gottes Hand mit meinem Werke sein. hatte ihn im tiefsten berhrt, weil sie leise auch an ein eigenes hatte ihn im Tiefsten berhrt, weil sie leise auch an ein eigenes Laien vollendet htte. Und so irrte er gewhnlich ratlos und rastlos in Laien vollendet hatte. Und so irrte er gewhnlich ratlos und rastlos in Wunder, das viele bezeugten und wenige wirklich erschaut hatte. Noch Wunder, das viele bezeugten und wenige wirklich erschaut hatten. Noch dessen Rahmen ihn das verfhrerische Bild gesehn. dessen Rahmen er das verfhrerische Bild gesehn. den nicht einmal der verlorene Ausdruck ihren trumerischen Augen den nicht einmal der verlorene Ausdruck ihrer trumerischen Augen eine Flut kauderwlscher Worte. Alles, was ich von seinem Judendeutsch eine Flut kauderwelscher Worte. Alles, was ich von seinem Judendeutsch vergessen. Das Kind behielt ich: es tat mir leid, dann hofft ich auch, vergessen. Das Kind behielt ich: es tat mir leid, dann hofft' ich auch, Der Wirt kratzte sich verlegen den Kopf. Wit ihr, hub er dann an Der Wirt kratzte sich verlegen den Kopf. Wit Ihr, hub er dann an, schneiige Milde dieses Hauptes umfate, und vergessene Glocken schlugen schneeige Milde dieses Hauptes umfate, und vergessene Glocken schlugen und kann ich dich nicht. Willst du also, Esther? und kann ich dich nicht. Willst du also, Esther? und den Wert der alten Stunden erneuen. Und bald verband ein geheimes und den Wert der alten Stunden erneuern. Und bald verband ein geheimes mehr wute, ward in dmmernden Farben wieder wach und erfllten sie mit mehr wute, ward in dmmernden Farben wieder wach und erfllte sie mit unfertige Gestalt mit wundersamen Liebreiz, der auch Esther unbewut unfertige Gestalt mit wundersamem Liebreiz, der auch Esther unbewut werdenden Lebens eines Glanz des Unnahbaren und ein Brausen des werdenden Lebens einen Glanz des Unnahbaren und ein Brausen des des Lichtes so verschwistert hatte und gleichsam aus fernen Traume fiel des Lichtes so verschwistert hatte und gleichsam aus fernem Traume fiel erschauerten in wildem und unverstndlichen Schmerz. Sie fhlte die erschauerten in wildem und unverstndlichem Schmerz. Sie fhlte die geliebt, mit Bedauern und heimlichen Zorn. Unruhe whlte in der Stadt. geliebt, mit Bedauern und heimlichem Zorn. Unruhe whlte in der Stadt. benerken. bemerken. vorrberrauschte. Er sah in Esthers Augen. Sie waren nicht mehr verweint vorberrauschte. Er sah in Esthers Augen. Sie waren nicht mehr verweint umrauscht ist von den Gerchten vieler vollbrachten Wunder, auf ihre umrauscht ist von den Gerchten vieler vollbrachter Wunder, auf ihre qukender Stimme den Prediger nach, anderen grten das Bildnis mit qukender Stimme den Prediger nach, andere grten das Bildnis mit Seitenpforte ein! Es war ganz dunkel in den hohen lichtlosen Gngen, Seitenpforte ein. Es war ganz dunkel in den hohen lichtlosen Gngen, Ekstatik und werdende Muttersehnsucht spannnen zusammen das lgnerische Ekstatik und werdende Muttersehnsucht spannen zusammen das lgnerische ersten Axtschlge schon nieder in das Holz der Kanzel, Bilder sausten zu ersten Axtschlge nieder in das Holz der Kanzel, Bilder sausten zu zerlumpte Schelme stolzierten in reichgeflickten Bischofstogen, eine zerlumpte Schelme stolzierten in reichbestickten Bischofstogen, eine Dolche blitzen wie feurige Schlangen im zuckenden Fackellicht und Dolche blitzten wie feurige Schlangen im zuckenden Fackellicht und in der Kehle der gurgelnde Ruf: Die Madonna ... die Madonna. in der Kehle der gurgelnde Ruf: Die Madonna ... die Madonna. ihr Bild beschtzt hatte. Ihr aufgepeitschte Gewissen ri sie mit, als ihr Bild beschtzt hatte. Ihr aufgepeitschtes Gewissen ri sie mit, als zurckfahren lie. Auf dem Boden zwischen Trmmern lag das italienischen zurckfahren lie. Auf dem Boden zwischen Trmmern lag des italienischen ] End of Project Gutenberg's Die Liebe der Erika Ewald, by Stefan Zweig License: Share Alike